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Die Ästhetik der Lücke Manga, Theorie, Workshop

Autor:  roterKater
Vielleicht ist euch auch schon aufgefallen. Es gibt etwas, was einen Großteil japanischer Manga und Anime von ihren westlichen Pendanten unterscheidet. Ich nenn das mal "Die Ästhetik der Lücke". Damit meine ich etwas, was die Manga-Forscherin Jacqueline Berndt einmal sinngemäß als kontinuierliche Verknüpfung diskontinuierlicher Einzelelemente beschrieben hat. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich recht einleuchtend. Ich erklär das mal kurz.

In der westlichen Kunst und Kultur (bleiben wir mal hauptsächlich bei Film und Comic) sind die Werke in der Regel auf Homogenität hin ausgerichtet. Das heißt, alles ist mehr oder weniger aus einem Guss. Die einzelnen Elemente passen möglichst nahtlos zusammen. Man versucht einen Eindruck von stilistischer und inhaltlicher Ganzheitlichkeit zu vermitteln. Bei Film wäre ein Beispiel, dass ma CGI-Effekte in Holywoodfilmen versucht, möglichst so aussehen zu lassen wie die fotografischen Filmparts, damit alles gleich echt (oder unecht) wirkt. Es gibt ein ganzes kompliziertes Theoriesystem über Schnitttechnik, das darauf abzielt, dass man die einzelnen Schnitte zwischen den Einstellungen beim Film nicht bemerkt.

Bei Comics heißt das in erster Linie, dass die Zeichnungen einheitlich bleiben. Vorder- und Hintergrund werden in etwa derselben Detailverliebtheit und Zeichentechnik umgesetzt, seien es hpyerdetaillierte moderne Superheldencomics, fotorealistische frankobelgische Abenteuercomics, einfach gehaltene Cartoons oder betont krakelige Kunstcomics. Alles ist möglichst in sich geschlossen und homogen gehalten und soll im besten Fall auch noch dem Inhalt entsprechen. Bei Animationsfilmen sieht man das häufig genauso. Der Stil ist in der Regel sehr einheitlich. Es gibt selten Elemente, die betont verschieden aussehend umgesetzt werden.

Ich denke, in Japan geht man da gerne andere Wege. Ein berühmtes Beispiel ist das Missverhältnis zwischen Hintergrund- und Figurendarstellung in den meisten Manga und Anime. Während die Hintergründe oft extrem detailreich und realistisch gehalten sind, werden die Figuren viel stilisierter und einfacher umgesetzt. Man hält die Figuren auch betont flach, das heißt meist ohne Schattierungen und Schraffuren (besonders in den Gesichtern), während die Hintergründe in den meisten Fällen dann sehr kleinteilig ausgearbeitet werden. Dieses Prinzip ist prägend für die Ästhetik von Manga und Anime und hilft dabei, die Figuren aus ihrem Umfeld quasi "hervorspringen" zu lassen. Sie stechen optisch aus der visuellen Darstellung heraus und sind durch die Verminderung der Details auch viel leichter mental zu verarbeiten, wodurch sie oft auch emotional stärker wirken. Gleichzeitig gibt der Hintergrund dermaßen viel realistische Information, dass es die Glaubwürdigkeit der Handlung stark unterstützt, ein sehr lebendiges "Feeling" für den Handlungsraum gibt und damit eine extrem fesselnde Atmosphäre erzeugt.



(Beispielseite aus "Onward Towards Our Noble Deaths", Shigeru Mizuki 1973, englische Ausgabe bei
Drawn & Quarterly, 2011. Karikierte, einfach gehaltene Figuren stehen in extremem Kontrast zu
hyperdetailliert gezeichneten Landschaften.)


Es gibt also etwas wie ein Lücke in der Darstellung von Figuren und Hintergründen. Beides folgt unterschiedlichen Prinzipien. Zwischen Figuren und Hintergrund besteht eine Diskontinuität. Beides passt eigentlich nicht zusammen. Im westlichen Comics würde man higegen, wenn man beispielsweise den Hintergrund detailliert schraffiert, dasselbe auch mit den Figuren machen, um diese Lücke zu vermeiden. Alles soll einheitlich wirken.

Der Trick bei Manga und Anime besteht nun aber darin, diese Lücke einerseits ästhetisch aufrecht zu erhalten, aber andererseits alles über die Umsetzung und Narration wieder so zusammenzubinden, dass die Diskontinuitäten nicht stören. Das funktioniert über Glaubhaftigkeit. Wenn die detailarmen Figuren mit ihren detaillierten Hintergründen glaubhalt interagieren, wird man dadurch überzeugt, dass das alles so zusammengehört. Die Story ist dafür besonders wichtig. Wenn man einmal in den Erzählfluss, in die narrative Welt eingetaucht ist, geht man beim Lesen oder Anschauen auch die Diskontinuitäten mit. Alles wirkt so, als gehöre es zusammen, und gleichzeitig können die Einzelelemente ihre individuellen Stärken ausspielen.

Es gibt noch mehr Bereiche, in denen diese Lücken auftauchen. Ich zähl mal ein paar auf:

- Körperliche Diskontinuität:
Damit sind zum Beispiel Metamotphosen gemeint. In Disney-Filmen sind Gestaltenveränderungen der Figuren seit Bambi weitestgehend verpöhnt (nennenswerte Ausnahme: der Djinn aus "Aladdin", der das aber auch nur aus einer narrativen Rechtfertigung heraus darf). Und dann schaut euch mal im Vergleich dazu "Das wandelnde Schloss" an, wo wirklich jede handlungstragende Figur irgendwelche Metamorphosen durchmacht. Metamorphosen sind besonders in Anime ein gern gesehenes Stilmittel, aber auch in vielen Manga, von "Homunculus" bis "Naruto" mit seinen unzähligen Verwandlungstechniken.

Zu körperlichen Diskontinuitäten gehören auch die zahlreichen Genderbender-Geschichten, in denen die sozialen Grenzen von Geschlechtern ins Wanken geraten und oftmals überschritten werden, wahrscheinlich am radikalsten in "After School Nightmare" oder auch in vielen Geschichten aus dem Boyslove-Bereich.

Ein weiterer Punkt wären Chibis, als der Wechsel zwischen verschiedenen körperlichen Darstellungsformen von eher realistisch bis extrem verformt und verniedlicht. Anders als bei den Metamorphosen finden diese körperlichen Veränderungen nicht auch auf der Ebene der Narration statt, sondern nur auf der Ebene der Zeichnungen. Dieselbe Figur in verschiedenen Darstellungsformen zu zeichnen, ohne dass sie sich auch in der Handlung verwandelt, ist eine Sache, die in Manga und Anime so alltäglich ist wie Schnee auf dem Berg Fuji, aber ihr findet so was eigentlich nie in westlichem Zeichentrick und Comic.

Neben den Zeichnungen gibt es auch noch diverse narrative Arten von Lücken:

- Diskontinuität der Genres:
Auch ein sehr verbreiteter Punkt - verschiedenste Genres werden für einen Manga wild zusammengewürfelt, in "Vassalord" beispielsweise Vampire, Cyborgs, Boyslove, Horror, Moe, Mystery und weiß der Geier was noch alles. Wilde Genre-Mixe sind sehr typisch für Manga und Anime, auch die Verbinsung von "klassischen" Genres wie Samuraigeschichten mit modernen Genres wie Horror, Fantasy oder Comedy sind sehr beliebt.

- kulturelle Diskontinuität:
Sei es das fiktive Pseudoeuropa in vielen Miyazaki-Filmen oder sinnentleerten Bibelverweise aus "Neon Genesis Evengelion" - viele Manga und Anime suchen sich ihre kulturellen Bezüge auf der ganzen Welt zusammen, ohne diese ihrer Heimatkulturen gemessen authentisch wiederzugeben. Wichtig ist nur, ob es als Story und Setting in sich selbst Sinn macht und nicht, ob es die Wirklichkeit originalgetreu darstellt.

- zeitliche Diskontinuität:
Dazu zählen vor allem die unzähligen Zeitreisegeschichten von "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" über "Das Mädchen mit dem Zauberhaar" zu "Die Melancholie der Haruhi Suzumiya", die längst nicht alle in den Bereich Science Fiction fallen. Aber auch die schamlose Verknüpfung verschiedenster Zeitepochen in einer Geschichte sind ein Punkt. "Gin Tama" zum Beispiel mischt das historische Setting Japans kurz nach der Landesöffnung Mitte der 19. Jahrhunderts mit modernen kulturellen Gegenwartsbezügen und futuristischer Science Fiction, in der Aliens anstelle von Ausländern auftauchen. "Gin Tama" spielt also gleichzeitig in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Hip-Hop-Elemente in "Samurai Champloo", der sich ja auch einen Spaß aus seinen eigentlich unvereinbaren Zeitbezügen macht, sind ein weiteres Beispiel. (An dieser Stelle sollte man auch auf den Potential für äasthetische Lücken in diversen Anime-Soundtracks hinweisen.)

räumliche Diskontinuität:
Hier ist es nicht die zeitliche Verknüpfung, die gestört ist, sondern die räumliche ergibt keinen realweltichen, "logischen" Sinn. Wer mal den "xxxHolic"-Movie gesehen hat, weiß wie das aussieht. Dazu gehören aber auch Traum- und Visionsszenen, zum Beispiel in "Akira" oder die Kampsszenen in "Haruhi Suzumiya" und "X/1999". 

Die Liste lässt sich noch beliebig erweitern, aber ich will euch nicht unnötig langweilen. Der Trick ist in jedem Fall, dass sich diese Lücken in der Erzählung wieder aufheben, ohne dass sie dabei verschwinden, dass die Geschichten als gleichzeitig (visuell oder narrativ) fragmentiert sind, aber dann doch wieder einen einheitlichen Sinn ergeben. Die aberwitzige Konstruktion der Zeitreisestory in "Das Mädchen, das durch die Zeit sprang" ist ein schönes Beispiel, die trotz der ständigen Zeitsprünge eine kontinuierlich spannende Erzählung bildet, oder Mamoru Hosodas neuer Film "Summer Wars", in dem die so verschiedenen Welten der modernen Internetkultur und der traditionellen japanischen Großfamilie immer weiter zusammengeführt werden, bis sie ineinander aufgehen.

Wenn ihr mal auf diese Lücken achtet, werdet ihr sie in Manga und Anime immer wieder finden (und auch japanischen Videospielen - die Final-Fantasy-Reihe ist ja auch sehr Zeitreise-anfällig). Mal noch ein Beispiel zurVerdeutlichung: "Gon". Zeitliche Diskontinuität: Ein seit 65 Millionen Jahren ausgestorbener Dinosaurier trifft auch Tiere und Naturräume der Gegenwart, in denen aber kein menschlicher Einfluss auszumachen ist. Körperliche Diskontinuität: Gon ist ein T-Rex, das größte Raubtier aller Zeiten, aber nich mal einen Meter groß. Zudem ist er irgendwie unzerstörbar. Die Tiere erscheinen allesamt in hyperrealistisch detaillierter Umsetzung, tragen aber deutlich anthropomorphe Gesichtsausdrücke und Handlungsweisen. Räumliche Diskontinuität: Gon taucht in jeder Geschichte auf einem anderen Bereich der Erde auf, ohne dass geklärt wird, wie er eigentlich dahin kommt.

Letztendlich ist das auch ein Punkt, an dem sich westliche Manga immer noch sehr leicht von japanischen unterscheiden lassen. Mal abgesehen von den Chibis finden sich diese Lücken nämlich so gut wie nie in westlichen Eigenproduktionen. Irgendwie sind wir hier kulturell zu sehr in die ästhetische Homogenität hereingewachsen, dass wir uns wirklich trauen, Elemente bewusst miteinander in Kontrast stehen zu lassen und immer wieder nach Einheitlichkeit, sowohl in der visuellen Darstellung, also auch in der Erzählung streben. Vielleicht kann eine Bewusstmachung dieser Lücken ja da neue Perpektiven aufmachen, was man mit Comics eigentlich alles noch so anstellen kann.

Und wenn ihr Lust habt, könnt ihr ja hier noch ein paar Lücken aufzählen, die euch aufgefallen sind. Ich sammel nämlich schon mal vorsorglich für meine BA-Arbeit. ^_^'