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Eindrücke von der Hokusai-Ausstellung in Berlin Baito Oh!, Hokusai, Manga, Ukiyo-e

Autor:  roterKater
Marianna und ich haben heute eine kleine Manga-Club-Exkursion zur Hokusai-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin gemacht. Diese Ausstellung bietet die einmalige Gelegenheit, zahlreiche Holzschnitte und Originalgemälde des wahrscheinlich berühmtesten und wichtigsten japanischen Künstlers zu betrachten.

Der schiere Umfang der Ausstellung ist wirklich beeindruckend. Über 400 Exponate gibt es zu begutachten. Zudem kann man die gesamten Hokusai-Manga-Bände virtuell durchblättern und sich einen Dokumentarfilm über die klassische japanische Holzschnitttechnik anschauen. Die eineinhalb Stunden, die wir in der Ausstellung verbrachten, reichten längst nicht aus, um alles im Detail zu erkundschaften. Ich werde also auf jeden Fall noch mal hinschauen und dann etwas mehr Zeit mitbringen.

Die Ausstellung rollt Hokusais Schaffen chronologisch auf. Hokusai ist ja berüchtigt für seine Selbsteinschätzungen im hohen Alter, nach denen er erst mit Mitte 70 begann, eine ernstzunehmende Kunstfertigkeit zu erlangen und noch auf seinem Sterbebett mit fast 90 Jahren meinte, er bräuchte noch einige Jahre, um seine Kunst zur Vollendung zu bringen. Tatsächlich sind aber Hokusais Frühwerke keineswegs weniger spannend als seine Altersarbeiten, ganz im Gegenteil. Alle ausgestellten Arbeiten aus rund 60 Jahren Entstehungszeit sind absolut faszinierend und einfach nur wunderschön anzusehen. Zudem verzaubert Hokusai Betrachter auch heute noch mit seinem unglaublich charmanten, einfallsreichen und oft auch ziemlich schrägen Humor, der neben karikativen auch durchaus surrealistische Züge trägt.

Hokusai ist natürlich für Manga-Interessierte besonders spannend, wird ihm doch die immense Popularisierung des Begriffes "Manga" anfang des 19. Jahrhunderts zugeschrieben. Dabei handelt es sich bei seiner 14-bändigen Reihe "Hokusai Manga" aber keineswegs um Manga im modernen Sinn. Vielmehr verstand Hokusai die Bände als Skizzen- und Studiensammlungen, sowie Lehrbücher für Zeichentechniken, die unter anderem Bewegungsstudien, technische Zeichnungen, Landschaftsbilder und Karikaturen versammelten. Sehr viel stärkeren Manga-Bezug haben Hokusais kibyôshi. Dabei handelt es sich um kleine Bilderbücher etwa von der Größe heutiger tankobon, die kurze Geschichten in der Verbindung von schwarz-weißen Bilddrucken und ins Bild eingearbeiteten Prosatexten erzählen. Die Ästhetik, Leseerfahrung und Bild-Text-Kombination erinnert durchaus an heutige Manga.

Überhaupt ist Serialität ein wichtiges Element in Hokusais Kunst, wie zum Beispiel in den "36 Ansichten des Bergs Fuji", aus dem ja auch seine berühmte Kanawara-Welle stammt:



Dies ist nur einer der Punkte, der insbesondere die Impressionisten und die Art Nouveau stark beeinflusste (weitere sind seine Bewegungsdarstellung und die betont flächige, linienlastige Darstellung). Hokusai war im Europa des späten 19. Jahrhunders, insbesondere in Frankreich, ein extrem einflussreicher Künstler. Van Gogh soll ein großer Bewunderer seiner Arbeiten gewesen sein und selbst japanische Holzschnittdrucke gesammelt haben.

Weiterhin haben die Aussteller auch allerhand reichlich obskuren Kram ausgegraben, die Hokusais Schaffensbreite anschaulich dokumentieren. Dazu gehören Sammelkartendrucke, die fast ein wenig an heutige KaKAO-Karten erinnern, ein Kartenspiel zum Ausschneiden, diverse sehr detaillierte Landkarten und ein unglaublich aufwendiger Bastelbogen, den man auch in zusammengesetzter Form bestaunen kann.

Umso schmerzlicher ist es allerdings, dass ein besonders markanter Teil aus Hokusais Schaffen kommentarlos ausgeblendet wurde: die Shunga, seine erotischen (man darf durchaus sagen: pornografischen) Darstellungen. Diese waren in der Edo-Zeit sehr verbreitet und es war auch für angesehene Künstler überhaupt kein Problem, mit solchen Darstellungen in Beziehung gebracht zu werden. Erst im Zuge der "Modernisierung" durch die Landesöffnung wurde Japan sehr viel prüder, und auch heute noch tut man sich in Japan schwer mit Abbildungen klassischer Shunga-Drucke. So werden in Bildbänden die Geschlechtsteile in der Regel übermalt. Professorin Jacqueline Berndt, mit der wir die Ausstellung besuchten, vermutet dahinter schon eine beabsichtige Zensur der japanischen Leihgeber. Anscheinend möchte man in der anlässlich der 150 Jahren deutsch-japanischen Beziehungen in die Wege geleiteten Ausstellung Hokusai (und allgemein japanische Kunst) nicht mit derartigem "Schmuddelkram" in Verbindung gebracht sehen.

Dies stellt nun aber leider eine erhebliche Verfälschung in der aus Vollständigkeit ausgerichteten Ausstellung zu Hokusais Schaffen da, und darum, extra für meine werten Blog-Leser, hier als Ausgleich Hokusai berüchtigter "Traum der Fischersfrau", der für viele die Geburtsstunde des Tentakelpornos markiert:


(wer mehr will, kann ja einfach mal nach "hokusai shunga" bildgooglen ...)

Das zweite dicke Manko der Ausstellung ist, dass die Texte in den Bildern leider nicht übersetzt wurden. Wie man an dem Bild hier auch sieht, sind ein Großteil von Hokusais Bildern auch jenseits der kibyôshi eigentlich Bild-Text-Kombinationen, was seine Arbeiten gerade auch für Comicforschende sehr interessant macht. Im Gegensatz zur westlichen Kunst sind in der japanischen nämlich Bild und Text bis ins 19. Jahrhundert nicht auseinandergewachsen. Im Westen wurde die äthetische Trennung durch Gutenbergs bewegliche Lettern vorangetrieben. Bild und Text wurden erst im Druckprozess getrennt und spätestens seit dem Klassizismus auch im Kunstgewerbe. Kombinationen von Bild und Text galten als inakzeptable Gattungsvermischung, was sich auch in akademische Kreise trug und mit erklärt, warum es Comics im Westen so schwer hatten und immer noch haben, als ernstzunehmende Kunstform anerkannt zu werden.

In Japan hingegen druckte man bis zur Landesöffnung von geschnitzten Holzplatten aus. Bewegliche Lettern waren angesichts der unzähligen Schriftzeichen einfach unpraktisch. Demzufolge wurden sie auch lange als ästhetische Einheit angesehen. Der Schritt zur Comicform stellte eigentlich keinen Bruch im Kunstverständnis dar, was ein Grund sein könnte, warum sich Manga im 20. Jahrhundert so leicht verbreiten konnte.

Diesem textlichen Aspekt von Hokusais Kunst trägt die Ausstellung nun leider nicht im Geringsten Rechnung. Die Texte, die auch für heutige Japaner nicht mehr lesbar sind, werden weder in den Bildkommentaren beschrieben noch übersetzt - auch nicht im Katalog, wo dies eigentlich wirklich essenziell gewesen wäre.

Trotz dieser Mankos ist die Ausstellung für alle Japan-, Kunst- und Manga-Interessierten absolutes Pflichtprogramm. Eine derart umfangreiche Hokusai-Bildschau wird man außerhalb Japans wohl nie wieder zu Gesicht bekommen! Hingehen und staunen!


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Goldglöckchen zeigte sich auch total beeindruckt und schlug vor, ein kleines Gewinnspiel zu veranstalten: Der erste, der Mugens Kommentar zu dem Fischersfrau-Bild aus dem Samurai-Champloo-Anime zitieren kann, gewinnt 5 Karotaler!