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Germanga LBM 2010 Teil 5: Das Ich Comicstars, Das Ich, DManga, Rebecca Jeltsch

Autor:  roterKater

Comicstars, die Online-Manga-Plattform des Knaur-Verlags, geht nach einigen Online-Veröffentlichungen nun auch in Druck und fügt somit der Manga-Verlagslandschaft in Deutschland ein neues Gesicht hinzu, das sich zudem hauptsächlich auf heimische Zeichner konzentriert und somit hoffentlich die Lücke füllt, die das nachlassende Interesse der großen Verlage an neuen deutschen Zeichnern hinterlassen hat. Genug talentierte junge Zeichner gibt es hier ja noch, also können wir gespannt sein, was uns der Comicstars-Verlag in Zukunft noch alles bescheren wird. Auf der Leipziger Buchmesse gab es die ersten beiden Druckveröffentlichungen bereits zu begutachten und in limitierter Auflage auch zu erwerben.

Den Anfang macht "Das Ich", eine Hommage an die gleichnamige deutsche Kult-Darkwave-Band, die seit über 20 Jahren die elektronische Seite der hiesigen Gothic-Szene entscheidend mitgeprägt hat. Der Band präsentiert zwei Kurzgeschichten, eine in Manga-Form, die andere als illustrierte Text-Geschichte. Beide wurden gezeichnet von Rebecca abgemeldet Jeltsch, die einige noch von ihrem Carlsen-Chibi "A Demon's Kiss" kennen dürften. Das ganze Buch wurde von "Das Ich"-Frontmann Bruno Kramm mitkonzipiert. Die Band selbst tritt in beiden Storys als ein mysteriöses Dämonentrio in Ärzte-Kitteln auf, das die Protagonisten durch düstere Albtraumwelten hetzt. Für Fans der Band ist das Buch damit sowieso Pflicht und jedes weitere Wort von mir nicht weiter von Belang. Aber schauen wir uns noch etwas näher an, was denn Normalsterbliche von dem Band zu erwarten haben.

"Koma", geschrieben von Anne Delseit, schickt einen jungen Mann (der Umschlagstext nennt ihn Christian, in der Geschichte selbst bleibt sein Name ungenannt) durch diverse albtraumhafte Szenarien, immer auf der Flucht von den drei Horrorgestalten, die ihn grinsend ermahnen: "Du kannst nicht entkommen!" Tja, im wesentlichen kann man viel mehr zum Inhalt gar nicht sagen. So etwas wie eine zusammenhängende Geschichte gibt es nicht, über den Protagonisten wird so gut wie nichts verraten, geschweige denn über seine Verfolger. Jemand mit etwas mehr Hintergrundwissen über die Band kann aus den visuellen Motiven vielleicht noch etwas konkreteres enträtseln. Ansonsten kann man sich eigentlich nur zurücklehnen und den Bilderrausch an sich vorbeiziehen lassen.

Rebecca und Anne schwebte anscheinend so etwas wie ein Musikvideo in Comicform vor (tatsächlich erinnert mich die Bildästhetik an ein bestimmtes Video, nur fällt mir nicht mehr ein, an welches - von Das Ich gibt es jedenfalls meines Wissens bisher keine Clips). Das Problem ist nur, dass sich diese angestrebte rauschhafte Wirkung auf Comics nicht so einfach übertragen lässt, denn im Gegensatz zu Musikvideos sind Comics ein starres Medium und keines, dass sich in einer vorgegebenen Geschwindigkeit entfaltet. Dementsprechend bleibt der Bilderstrom eben doch dem Auge des Lesers unterworfen und nicht andersrum. Geschwindigkeit wird im Comic durch die Anbindung an eine erzählende Handlung erzielt, und eben dies bleibt hier weitestgehend außen vor. Darüber hinaus wird eine Geschichte eben auch nicht bloß dadurch surreal, dass man unzusammenhängende Traumsequenzen übereinander stapelt.

Auch wenn die Story, wenn man sie denn so nennen darf, den Leser weitestgehend unberührt lässt, ist "Koma" doch sehr schön anzusehen. Die Zeichnungen bleiben relativ klar und ohne unnötigen Ballast vollgestopft (eine Falle, in die sonst Zeichner gerne mal stolpern, wenn sie versuchen, surreal zu sein). Alles bleibt wage und ideenhaft, was die traumartige Wirkung noch unterstreichen kann. In Sachen Perspektive, Anatomie uns Strichführung gibt es keine nennenswerten Mängel. Rebecca ist fraglos eine sehr talentierte Zeichnerin, und wer einen hübschen Bishounen gerne einmal 70 Seiten lang durch toll gezeichnete albtraumhafte Welten stolpern sehen mag, ohne sich viel Gedanken über die Wie und Warum machen zu müssen, wird an "Koma" sicherlich sein Vergnügen haben.

Mit "Erwachen" wechselt das Buch im zweiten Teil in die illustrierte Prosa. Markus Heitz, laut Buch-Infotext einer der erfolgreichsten und mehrfach preisgekrönten deutschen Autoren im phantastischen Bereich, schrieb die Geschichte, die von Rebecca reichhaltig illustriert wurde. Aber ganz ehrlich: mit der Geschichte hatte ich wirklich zu kämpfen. Der Anfang stellt sich in etwa so dar: eine junge Frau wird in einem albtraumhaften Szenario grausam und unglaublich sadistisch zu Tode gefoltert. Sie erwacht in dem nächsten albtraumhaften Szenario, wo sie erneut grausam und unglaublich sadistisch zu Tode gefoltert wird. Nach dem dritten Durchgang hätte ich das Buch am liebsten quer durchs Zimmer gepfeffert. Nur dummerweise saß ich in keinem Zimmer, sondern in einem Park, und es wäre in einem Teich gelandet, weshalb ich es dann doch noch mit nach Hause nahm und zu Ende las. Immerhin hat's mich ja 7€ gekostet, war signiert, und um die schönen Zeichnungen wär's auch schade gewesen…

Egal, im weiteren Verlauf wird doch noch so etwas wie eine Geschichte daraus, die den anfänglichen (und auch späteren) Gewaltexzessen noch so was wie eine nachträgliche Motivation nachschiebt, auch wenn der finale Plottwist auf den Anfang bezogen nicht wirklich viel Sinn macht. Brachial-Prosa auf "Hostel 2"-Niveau also, deren einzige Antwort auf die Aufgabe, den Leser zu irgendeiner Gefühlsregung zu bewegen, wohl darin besteht, ihm möglichst brutale Szenarien vorzusetzen. Ich hab ja nun wirklich kein Problem mit medialer Gewalt, und Romeros "Dawn of the Dead" wird wohl bis ans Ende aller Tage mein Lieblings-Horrorfilm bleiben. Mit selbstzweckhaftem Torture-Porn kann ich persönlich jedoch nicht wirklich viel anfangen. Fans des modernen Horror-Sadismus Marke "Hostel", "The Devil's Rejects" oder den späteren "Saw"-Teilen könnten dagegen hier voll in ihrem Element sein. Ich mag das nicht beurteilen, das ist Geschmackssache, aber so meins ist es leider irgendwie nicht. Vielleicht bin ich in Sachen Horror-Geschmack da ein wenig altmodisch, aber für mich sollte irgendwie immer die dargestellte Gewalt die emotionale Wirkung der Story unterstreichen, und nicht die emotionale Wirkung der Story auf die dargestellte Gewalt beschränkt sein…

Glücklicherweise ist Rebecca schlau genug, die Heitz'schen Gewaltexzesse nicht auch noch illustrativ zu unterstreichen. Stattdessen halten sich ihre stilvollen Zeichnungen angenehm zurück und lassen die brutalen Bilder im Kopf der Lesers und nicht auf dem Papier entstehen. Letztendlich haben ihre Manga-Zeichnungen dadurch nicht mehr sonderlich viel mit der Geschichte zu tun, aber das ist vielleicht auch ganz gut so. So ist "Erwachen" wenigstens angenehm im Auge. Rebecca hatmit dem Band bewiesen, dass sie eine sehr talentierte und hoffnungsvolle junge Manga-Zeichnerin ist, die die Szene in Zukunft sicherlich noch bereichern wird. Ich freue mich jedenfalls schon riesig auf weitere Geschichten von ihr (vielleicht gibt's "Sternenstaub", bisher nur digital bei Comicstars, ja auch bald gedruckt) - dann hoffentlich mit einer Story, die mir etwas mehr zusagt.

"Das Ich" bleibt somit eine für Horrorfans sicherlich interessante Veröffentlichung, denn an wirklich erwachsenen Horrorgeschichten hat die deutsche Manga-Szene bisher kaum etwas zu bieten. Aufmachung und Druck sind übrigens tadellos und das Cover wirklich gelungen, ebenso wie die Farbillustrationen im Buch. Die Storys sind zwar nicht mein Fall, aber bei solchen Geschichten scheiden sich nun mal die Geister, und der Band wird sicherlich zu Recht ein paar treue Fans finden. Definitiv einen Blick wert. Treue Anhänger der Band brauchen das Buch eh im Schrank.

Eine Leseprobe gibt's bei Comicstars.