Zum Inhalt der Seite
[English version English version]




Schlagworte
[Alle Einträge]

Top 15

- DManga (72)
- Doujinshi (21)
- Codex Conventionis Daemonum (18)
- DC (17)
- Manga (14)
- tokyopop (14)
- Baito Oh! (12)
- Carlsen (10)
- EMA (9)
- LBM (9)
- ConHon (8)
- Delfinium Prints (8)
- Dämonen (8)
- MCC (8)
- demon lord camio (7)

Storytelling-Workshop #4 - Charaktereigenschaften und -entwicklung ChisaiíCon, Manga, Storytelling, Workshop

Autor:  roterKater


Haben wir uns beim letzten Mal allgemein mit dem Thema Empathie und Sympathie beschäftigt, soll es uns jetzt etwas konkreter um die Ausarbeitung von inneren Charaktereigenschaften gehen. Wir halten uns zunächst wieder an den Protagonisten als Kern der Erzählung.

Wenn man die inneren Eigenschaften ausgestaltet, sollte man, wie bereits im letzten Workshop angesprochen, zwischen positiven und negativen Eigenschaften abwägen. Zum Beispiel:

- positive Charaktereigenschaften (mutig, zuversichtlich, mitfühlend etc...)
- negative Charaktereigenschaften (aufbrausend, überheblich, wenig intelligent ...)

Positive und negative Eigenschaften müssen dabei gleichermaßen vorhanden sein, um einen ausgewogenen und interessanten Protagonisten zu schaffen. Naruto vereint zum Beispiel (unter anderem) alle sechs hier genannten Charaktereigenschaften. Selbst für einen stinknormalen Battle-Manga ist also eine komplexe Ausgestaltung von guten und schlechten Eigenschaften nötig, um einen ausgewogenen Protagonisten zu schaffen. Kleine Macken und Charakterfehler machen eine Figur erst sympathisch, lebendig und glaubwürdig.
 

Charaktertiefe und Lebendigkeit erreicht man durch:

- Kontraste innerhalb einer Figur, zum Beispiel zwischen positiven und negativen Eigenschaften, aber auch zwischen äußeren und inneren Eigenschaften. Zum Beispiel wenn jemand zuversichtlich und selbstbewusst auftritt, im Inneren aber verletzlich und unsicher ist - alter Romance-Klassiker. Für Battle-Manga wäre eine gute Konvention ein äußerlich unscheinbares und schwächliches Auftreten mit einer unerwarteten inneren Stärke.

- Kontraste zwischen Figuren. Wenn man sich eine Liste mit den verschiedenen Eigenschaften seiner Charaktere geordnet nach den jeweiligen Ebenen macht, sollte man am Ende möglichst wenig Gemeinsamkeiten zwischen den einzelnen Charakteren entdecken. Man kann damit quasi auch eine Checkliste machen, ob sich die ganzen erschaffenen Figuren genug voneinander abheben. Auf Figurendynamik werde ich später noch näher eingehen. Im Moment konzentrieren wir uns ja noch weitestgehend auf den Protagonisten.

- Entwicklung. Für Story-Manga essentiell. Für den Protagonisten bedeutet das in der Regel, dass sich die positiven Eigenschaften über die negativen mit der Zeit durchsetzen. Denkt zum Beispiel an Naruto. Man sollte Protagonisten also mit Entwicklungspotential anlegen. Wäre Naturo gleich as perfekter Über-Ninja gestartet, hätte es nichts zu erzählen gegeben. In längeren Geschichten sollte der Protagonist also etwas Zeit zum Reifen haben. Man sollte nur darauf achten, dass der Protagonist dann nicht am Anfang zu unsympathisch wirkt. Wir hatten über das Problem schon beim letzten Workshop im Zusammenhang mit Final Fantasy VIII geredet. Ist der Protagonist zu Anfang zu unsympathisch, besonders die Gattung "muffelig und gleichgültig", fällt es schwer, eine emotionale Verbindung zu ihm aufzubauen und in die Geschichte hinein zu finden.


Auch die gegenseitige Richtung ist natürlich denkbar: ein Protagonist kann positiv, freundlich und optimistisch beginnen und durch Schicksalsschläge immer düsterer, grausamer und schwermütiger werden. Die Geschichte könnte sich dann darum drehen, ob der Protagonist es schafft, aus seiner Krise wieder herauszukommen, oder ob die Geschichte ein schlimmes Ende nimmt. Krisen sind allgemein ein wichtiges Erzählmittel. Irgendwann sollte euer Protagonist einmal in eine Krise rutschen, den Mut verlieren, weil sein Ziel unerreichbar erscheint, die Gegner übermächtig werden, oder es eine Versuchung gibt, die den Protagonisten von seinem Kurs abbringt. Vielleicht fragt er sich irgendwann, warum er sich das eigentlich antut. Ein Held kommt natürlich irgendwie wieder aus der Krise heraus. Das macht ihn ja als Helden aus.


Die Charaktereigenschaften sind sind aber erst die Hälfte eures Protagonisten. Er braucht ja auch so was wie ein Leben, eine Vergangenheit, einen Hintergrund. Ihr solltet euch also auch um die Lebensumstände und die Vergangenheit eines Protagonisten machen. Wo kommt er her? Was hat ihn geprägt? Welche Menschen hatten Einfluss auf seine Entwicklung? So etwas muss letztendlich nicht alles in der Geschichte auftauchen, aber es ist hilfreich, sich dazu einfach einmal Gedanken zu machen, einfach um eine geschlossene Figur überhaupt erst einmal erschaffen zu können. Das fällt mit in den Bereich der Recherche. Wenn man sich über den Hintergrund einer Figur Gedanken macht, kann man sie viel besser und glaubhafter erzählen und vermeidet zudem Klischees, denn alles, was man herausgearbeitet hat, füllt man mit seinen eigenen erarbeiteten Details. Wenn man sich über bestimmte Aspekte einer Figur keine Gedanken gemacht hat, neigt man dagegen instinktiv dazu, diese mit Dingen zu füllen, die man aus anderen Storys im Kopf hat, und schon rutscht man in klischeehafte Figuren ab.

Syd Field hat in seinen Drehbuchlehrbüchern auf eine sehr gute und einfache Methode hingewiesen, wie seinen Figuren eine prägende Vergangenheit geben kann. Er nennt dies "Kreis des Lebens". Im Hinblick auf Comics können wir auch von "Usprungsmythos" reden. Gemeint ist ein prägendes, die Figur definierendes Ereignis, das in ihrer Vergangenheit, meist in der Jugend liegt. In diesem Ereignis liegt eine tief einschneidende Erfahrung, die die Figur ihr ganzen Leben lagt prägt und ihren Charakter vordefiniert. So kann man leicht an einem Ereignis in der Vergangenheit veranschaulichen, warum ein Chara wie tickt, und kann ihm gleichzeitig Tiefe, Hintergrund und Motivation geben. Ein ursprüngliches, figurenbestimmendes Ereignis ist eine sehr einfache und ökonomische Methode, eine komplexe Figurenpsychologie zu erschaffen und einer Figur gleichzeitig Motivation für ihre folgenden Handlungen zu geben. So etwas ist daher für das Erzählen von Geschichten und die Bestimmung und Erklärung der Handlungsweise eines Protagonisten ein sehr günstiges und beliebtes Mittel.

Mal ein paar Beispiele: für Ruffy ist es das erste Treffen mit Shanks, das ihn zutiefst beeindruckt hat. Für Naruto seine Ablehnung der Konoha-Einwohner und Einsamkeit wegen des Fuchsungeheuers. Für seinen ich-bring-dich-um-weil-du-mein-bester-Freund-bist-Kumpel Sasuke ist es natürlich der Mord an seiner Sippe durch seinen Bruder, der ihn offensichtlich auch psychisch ein wenig durch den Wind gewirbelt hat. Überhaupt findet ihr für fast alle Figuren prägende Ereignisse in ihrer Vergangenheit, wenn ihr einmal drauf achtet. Für Moritaka aus Bakuman ist er sein Onkel, der ihn als Mangaka zwar zutiefst beeindruckt, aber durch seinen vorzeitigen Tod auch verunsichert. Ein Ursprungsmythos kann also auch komplexe und widersprüchliche Gefühle zu einem bestimmten Sachverhalt auslösen.

Sehr häufig findet ihr Ursprungsmythen in amerikanischen Superheldencomics. Denkt an Batman: der Mord an seinen Eltern vor seinen Augen macht Bruce Wayne nicht nur stinkreich, sondern auch besessen von dem Gedanken der Verbrechensbekämpfung. Für Peter Parker ist nicht der Biss der Spinne das charakterlich prägende Ereignis, sondern der von ihm mitverschuldete Tod seines Onkels, der ihn davon überzeugt, seine Kräfte zum Wohle der Menschheit einzusetzen. Und so weiter ... Ein prägendes Ereignis in der Vergangenheit kann euch also sehr dabei helfen, euren Protagonisten in eine bestimmte Richtung zu prägen und dem Leser seine wichtigsten Eigenschaften und seine Motivation zu vermitteln. Der Zeitpunkt dieses Ereignisses ist äußerst variabel. Bei Harry Potter liegt er beispielsweise direkt nach seiner Geburt (Ermordung seiner Eltern durch Voldemort).

 

Also zusammengefasst:

- Stattet eure Protagonisten mit einer ausgewogenen Mischung aus guten und schlechten Eigenschaften aus, die sie lebendig, sympathisch und glaubwürdig macht.

- Legt sie so an, dass sie Entwicklungspotential haben. Bei einem Helden werden sich mit der Zeit die positiven über die negativen Eigenschaften durchsetzen.

- Lasst euren Protagonisten auch mal Krisen durchleben. Sonst erscheint es dem Leser, als könnte ihm eh nichts passieren.

- Gebt eurem Protagonisten eine prägende Vergangenheit, die dem Leser verdeutlicht, warum er wie handelt.

 

Das war's für heute!



Übrigens: Die anderen Workshops findet ihr, wenn ihr rechts bei den Tags auf "Workshop" klickt.

Und für Besucher der ChisaiiCon in Hamburg: Ich werde dort am Samstag, den 04.06. auch einen Workshop zu Storytelling geben, voraussichtlich um 17:30. Nähere Infos folgen noch. Also schaut doch mal vorbei!