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So langsam platzt mir der Kragen Comic-Manifest, DManga, GraNo-Lobby, Graphic Novel, Simon Schwartz, Ulli Lust, Vorurteile

Autor:  roterKater

Ulli Lust ist eine der renommiertesten deutschsprachigen Comic-Autorinnen, die hauptsächlich die typischen Graphic-Novel-Themen bearbeitet - Reportage-Comics, autobiographische Comics, Literaturadaptionen. Sie hat für ihre Arbeiten zahlreiche internationale Preise gewonnen. Ihr Hauptwerk Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens wurde in mehrere Sprachen übersetzt und soll jetzt als Film adaptiert werden.

Simon Schwartz ist einer der renommiertesten deutschprachigen Comic-Autoren, der hauptsächlich die typischen Graphic-Novel-Themen bearbeitet - historische, biografische und weltgeschichtliche Stoffe. Er hat für seine Arbeiten zahlreiche nationale Preise gewonnen. Sein Hauptwerk Packeis wird bestimmt bald in irgendwelche Sprachen übersetzt und wurde einmal beinahe als Hörspiel adaptiert.

Was haben diese zwei Menschen gemeinsam? Beide publizierten genannte Werke im Berliner Avant-Verlag, einem der Hauptakteure der Graphic-Novel-Lobby. Beide gehören auch zu den ErstunterzeichnerInnen des Comic-Manifestes, das ja, wie ich schon herausgearbeitet hatte, bewusst oder unbewusst ziemlich deutlich an Manga vorbei konzipiert war. Beide werden widerstandslos im Feuilleton gefeiert. Beide publizieren nicht nur Comics, sondern unterrichten sie auch an diversen Kunsthochschulen. Und beide haben dieses Jahr Interviews im Online-Magazin Comicgate veröffentlicht, in denen sie sich auf ebenso uniformierte wie abfällige Art zu deutschsprachigen Manga-ZeichnerInnen geäußert haben.

Simon Schwartz beantwortet in besagtem Interview die Frage nach dem Vormarsch weiblicher Autorinnen auf dem deutschen Comicsektor mit folgender Dichotomie: Da gibt es auf der einen Seite die guten, tollen Autorinnen. Das sind Leute, die mit ihm im selben Verlag publizieren und/oder mit ihm bei Anke Feuchtenberger in der HAW in Hamburg studiert haben. Erinnert sich noch jemand an die Betonung des Comic-Manifestes auf die Kunsthochschulen als einzig nennenswerten Quell deutscher Nachwuchs-ComiczeichnerInnen? Bingo. Und dann gibt es da eben diese Manga-Mädchen. Im O-Ton heißt es da:

Comics sind eher ein Jungs-Medium. Wir haben alle Batman oder Asterix gelesen. Und das haben die Mädchen nicht unbedingt. Somit fangen sie quasi bei Null an und somit etwas frischer und unbelasteter von Klischees und Stereotypen. Allerdings gibt's auch wieder einen Wechsel. Ich unterrichte ja auch. Da merke ich, dass jetzt viele Mädchen aus dieser Mangaecke kommen. Das ist eine Generation die nochmal um eins jünger ist als ich. Da merke ich dann, wie sehr sie Mega-Scheuklappen haben. Jetzt wiederum kippt es und die Jungs machen die interessanteren Comics, denn in ihrer Kindheit gab es keine Comics, sondern nur Mangas für Mädchen, die sie nicht interessiert haben. [...] diese Sorte Mangas war dominierend, während bei meiner Generation Asterix oder so dominiert hat. Bei diesen Mangazeichnern erinnert mich das an Ikonenmalerei. Es muss immer alles exakt gleich aussehen. In den Handlungen finden sich viele Stereotypen. Weil die Mangas, die sie früher gelesen haben ... das waren die Mädchen, die früher Wendy gelesen haben. Oder die Gartenlaube. Die richtig innovativen Meister haben sie nicht unbedingt gelesen. Was auch hängengeblieben ist: Was zählt, ist eher die Optik und weniger die Handlung. [...] Das meiste, was in Deutschland an Mangas veröffentlicht wird, ist wie eine Daily Soap.


An diesen paar Sätzen ist so viel falsch, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht mit dem Hinweis, dass die meisten und bestverkauften in Deutschland publizierten Manga immer noch shounen manga (also für Jungs) sind, was beweist, dass Schwartz nicht einmal rudimentärste Grundkenntnisse über die deutsche Mangaszene hat, über die er sich Urteile erlaubt. Dass sich hier Frauen und Mädchen ein von Männern besetztes Gebiet zurückerobert haben und mit ihren eigenen Wertungen aufladen, dass die großteils weibliche Manga-Szene und noch größerenteils weibliche Mangaka-Szene eben nicht auf ein fast auschließliches Angebot an "Mangas für Mädchen" zurückführbar sind, hat Schwartz' Betonschädel noch nicht durchdrungen. Dass Schwartz seine Vorurteile gegen Manga gleich auch noch mit chauvinistischen Vorstellungen bündelt - männliche Comiczeichner sind innovativer, weil sie keine Mangas lesen - ist hierbei ja nur die Spitze des Packeisberges.

Die Gleichsetzung von Manga mit Daily Soaps ist zum einen natürlich totaler Blödsinn, zum anderen aber - und das ist viel schlimmer - ein knallharter normativer Abwertungs- und Diskreditierungsversuch einer ganzen Erzählform, die in Deutschland immer noch rund 70% des Comic-Marktes ausmacht. Hier wird wirklich aufs Übelste mit Dreck geworfen, und wenn mir noch mal jemand vorwerfen will, dass ich hier mit meinen Artikeln aufmache, erfundene Gräben zwischen den einzelnen Comicbereichen aufzuziehen (was einer der Mitinitiatoren des Comic-Manifestes letztens getan hat) - Tschuldigung, die Gräben waren schon da, und wenigstens hab ich nicht den Stacheldraht gespannt.

Bevor wir uns dem Rest widmen, schauen wir uns erst einmal an, was Ulli Lust gestern dazu meinte:

Diese gibt sich, nachdem sie uns ausführlich veranschaulicht, dass die Idee hinter der Graphic-Novel-Marketing-Kampagne ja total anarchistisch und kein Stück elitär ist (hauptsächlich, weil sie es so sagt), zuerst etwas diplomatischer: "Mangas finde ich gut", heißt es da. Aber gleich im nächsten Satz: "Ich warte noch auf die richtig geilen deutschen Mangas." - Liebe Ulli! Ich habe einen ganzen Schrank davon! Alles deutschsprachige Eigenproduktionen. Du kannst gerne mal vorbeikommen und sie dir angucken. Wir wohnen ja quasi in benachbarten Kiezen. Ansonsten: Nur weil man etwas nicht sieht oder nicht sehen will, heißt das nicht, dass es nicht existiert.

Aber auch bei Ulli Lust geht es nicht nur um Uninformiertheit. Leider. Damit könnte ich irgendwie noch leben. Wenn man von etwas keine Ahnung hat, sollte man sich dazu vielleicht nicht unbedingt öffentlich äußern. Aber der Interviewer hatte dummerweise danach gefragt. Das zu tun, war anscheinend ungefähr so schlau wie sich bei Marusha nach Empfehlungen zur Bundestagswahl zu erkundigen, aber egal. Das eigentliche Problem ist, dass sie ein paar Zeilen später ähnlich diskreditierende Vorurteile predigt wie Schwartz:

Nicht die großen Augen sind das Problem, sondern das extreme Nachmachen. Wenn einfach nur das nachgezeichnet wird, das woanders bereits erfolgreich wird, dann kann dabei nichts Gutes, oder zumindest nichts Neues herumkommen. Wenn sie dann deutsche Mädchen in einer japanischen Uniform zeichnen und ihnen japanische Namen geben, dann wirkt das so wie das Nachgehechel eines kleinen Kindes, das gut nachahmen kann. Interessant wäre aber die Weiterentwicklung. Wenn daraus eigene Geschichten entstehen, die vielleicht auch auf eigenen Erfahrungen basieren. Oder auf Beobachtungen, die in unserer Realität spielen. Die großen Augen sind dabei überhaupt kein Problem. Diese Ästhetik kann man ja trotzdem mögen. Es geht nur darum: wie platt oder wie vielschichtig ist die Geschichte?


Lust argumentiert hier auf einem Standpunkt von geschätzt 2005. Die Entwicklung, die sie vermisst, hat längst stattgefunden. Wenn man sich mal ernsthaft anschaut, war gegenwärtig an Manga-Eigenproduktionen publiziert wird, ob bei Verlagen oder als Doujinshi, findet man besagte Klischees nur noch sehr selten, und oft auch nur bei nach sehr jungen Nachwuchs-ZeichnerInnen. Im Manga-Sektor wird eben sehr viel jünger angefangen zu publizieren, in der Regel im Schulalter, und das meint nicht die Kunsthochschulen, die das Manifest zu hochhebt.

Schwerwiegender ist allerdings das Vorurteil, dass sowohl bei Schwartz wie auch bei Lust auftaucht, dass Manga-ZeichnerInnen bevorzugt ab- und nachzeichnen würden. Schwartz bläst das sogar zu "Mega-Scheuklappen" auf. Man würde ja nur den japanischen Vorbildern nachhecheln und wäre zu kreativer Eigenleistung nicht fähig, weil am Ende alles gleich aussieht. BULLSHIT!

Die meisten (semi-)professionellen deutschsprachigen Mangaka haben ihren eigenen Stil über Jahr intensiv entwickelt, von denen keiner exakt wie ein bestimmtes japanisches Vorbild aussieht. Die meisten von ihnen kann ich problemlos an ihrem Stil erkennen. Natürlich setzt das voraus, dass man sich einen Blick dafür erarbeitet, die Nuancen erkennen zu können. Und das wiederum setzt voraus, dass man sich damit beschäftigt hat. Was offensichtlich weder Lust noch Schwartz getan haben.

Sicherlich arbeiten sich hiesige Mangaka an japanischen Vorbildern ab und versuchen von den Meistern zu lernen. Das liegt aber nicht daran, dass sie unfähig und unwillens zu kreativer Eigenleistung sind, sondern dass Manga eine zeichentechnisch und erzählerisch hochkomplexe und anspruchsvolle Erzählform ist, bei der das technische Handwerk sehr viel wichtiger ist als bei anderen Comicformen. Perspektive, Dynamik, Strichführung, Anatomie, Figurendesign, Expressivität - als das ist bei Manga von zentraler Bedeutung und bedarf zur Perfektionierung jahrelange intensive Übung. Man muss das nicht mögen, man muss auch nicht unbedingt einen Blick dafür entwickeln - aber man sollte es verdammt noch mal respektieren können, wenn man schon meint, sich Urteile darüber erlauben zu müssen!

Dass viele junge Mangaka recht vehement auf ihre Stile bestehen, was ja die Erfahrungen sind, auf die sich sowohl Lust als auch Schwartz in ihrer Tätigkeit als Comic-Dozenten beziehen, hängt auch damit zusammen, dass Manga als Stilform an den Kunsthochschulen nur selten akzeptiert und mit fast identischen Vorurteilen bedacht wird, wie Lust und Schwartz sie hier aufzeigen. Wir alle kennen die Geschichten von Nachwuchs-Mangaka, die an Kunsthochschulen abgelehnt wurden, weil sie Manga machen - nicht weil sie schlechte Manga machen, sondern einfach weil sie Manga machen. Da kommen dann oft ganz ähnliche Sprüche. Besonders der Vorwurf des Abzeichnens gegenüber Manga scheint an den deutschen Kunstakademien irgendwie zum guten Ton zu gehören. Und aus Unverstandenheit wird dann eben leicht Trotz.

Das Problem an unseren beiden Ansichtsexemplaren hier ist ja auch, dass der eine sich intensiv mit Rassismus, die andere intensiv mit Sexismus beschäftigt hat und beide daher eigentlich wissen sollten, wie normative, generalisierende Vorurteile wirken und was sie anrichten können. Und trotzdem sehen sie sich dazu genötigt, eine gesamte Comicströmung schlecht zu reden, über die sie offensichtlich bei Weitem nicht genug wissen, um sich ein qualitatives Urteil darüber erlauben zu können.

Fazit: Seufz ...

P.S. Die Rosa_Maus hat das sich als Betroffene und (Ex-)Ulli-Lust-Fan dem Thema heute früh auch schon auf Facebook gewidmet. Die Diskussion darunter ist auch sehr lesenswert. [edit:] Ist leider nur mit Darfschein von Herr Zuckerberg UND Frau Schober einsehbar.


Disclaimer: Ich habe sowohl Packeis wie auch Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens tatsächlich gelesen. Aber meine Meinung dazu tut hier nichts zur Sache.