Zum Inhalt der Seite
[English version English version]




Schlagworte
[Alle Einträge]

Top 15

- DManga (72)
- Doujinshi (21)
- Codex Conventionis Daemonum (18)
- DC (17)
- Manga (14)
- tokyopop (14)
- Baito Oh! (12)
- Carlsen (10)
- EMA (9)
- LBM (9)
- ConHon (8)
- Delfinium Prints (8)
- Dämonen (8)
- MCC (8)
- demon lord camio (7)

Germanga LBM 2010 Teil 4: Ninja - Hinter den Schatten Carlsen, DManga, Miyuki Tsuji, Ninja

Autor:  roterKater

"Ninja - Hinter den Schatten, Band 1"

Miyuki Tsuji (Text) / Baron Malte (Zeichnungen)

5,95€

Ninjas sind heiß im Trend bei deutschen Manga-Lesern. Das weiß Carlsen natürlich am besten und schiebt dem Naruto-Hype nun diese heimische Produktion hinterher. Das Konzept von "Ninja" wagt sich da jedoch auf ganz neue Gefilde. Ein Sach-Comic über Ninjas sollte es werden. "Edutainment" heißt das auf Fach-Denglisch. Gemeint ist damit folgendes: ein Comic, der zwar eine narrative Einbettung hat, aber hauptsächlich Fakten vermitteln möchte. Ein bebildertes Sachbuch mit Story-Umrahmung, wenn man so will.

In Japan ist so etwas natürlich weit verbreitet. Manga wird als Medium für alles mögliche verwendet, natürlich auch zu Bildungszwecken. Von denen hat es allerdings noch keiner bis zu uns geschafft, weshalb ich nichts über deren Funktionalität sagen kann, besonders wenn ein eher junges Publikum angesprochen ist. Was man hierzulande kennt, sind ja eher inhaltsschwere Graphic Novels mit dokumentarischen Gestus, sei es als Autobiographie ("Maus") oder als graphisches Doku-Drama ("Die Sache mit Sorge"). Damit hat "Ninja" natürlich rein gar nichts zu tun. Vielmehr haben wir es hier mit dem hierzulande originellen Ansatz zu tun, kindgerechtes Sachbuch mit der Erzählform Manga kurzzuschließen. So richtig rund ist der Hybrid dabei leider nicht geworden, aber schauen wir uns die einzelnen Komponenten dafür etwas näher an.

Miyuki Tsujis Interesse für Ninjas wurde durch ihre Übersetzungsarbeit bei "Naruto" und einen Ninja-Artikel, den sie für die damalige "Banzai" schrieb, geweckt, und sie entschloss sich bereits vor mehreren Jahren, ein ausführlicheres Werk über die historisch wahren Ninja zu verfassen, die sich doch erheblich von den phantasievollen Superkriegern in Manga und Film unterschieden. Das Format Sachbuch erschien ihr zu steif, also sollte ein narrativer Rahmen her. So dürfen wir den deutschen Jugendlichen Ben begleiten, der auf dem Heimweg von der Schule von Schlägern vermöbelt wird und sich, inspiriert durch einen Ninja-verrückten Freund, nach Japan aufmacht, um bei einem echten Ninja-Meister in die Lehre zu gehen. Dieses Set-Up ist natürlich spätestens seit "Karate Kid" die Blaupause sämtlicher jugendlich orientierter Kampfsport-Erzählungen, aber man darf hier natürlich nicht vergessen, dass sich "Ninja" an ein junges und noch relativ Medien-unerfahrenes Publikum richtet, dem die damit verbundenen Stereotypen noch nicht zum Hals raushängen. Pluspunkte für Originalität auf der Story-Ebene sollte also niemand erwarten.

In Japan angekommen, lernt Ben jedoch zu seiner anfänglichen Enttäuschung von seinem Ninja-Meister, dass es sich bei seiner Zunft keineswegs um tapfere Kämpfer, sondern um im Geheimen agierende Spionage-Experten handelt, die Kämpfen nach Möglichkeit aus dem Weg gehen und für die "verletzter Stolz" ein Synonym für Dummheit ist. Geläutert entschließt er sich jedoch trotzdem, seine Ausbildung anzutreten.

Texttafeln mit Erklärungen zu verschiedenen Ninja-Techniken unterbrechen ab der zweiten Hälfte immer wieder die Erzählung und vermitteln aufschlussreiche Fakten über die historischen Hintergründe und die wahre Natur der Ninja. Miyuki Tsuji hat für den Informationsteil ihrer Geschichte lange vor Ort recherchiert und echte Ninja-meister interviewt. Ihre Einsichten dürften für jugendliche Ninja-Freaks also überaus interessant sein, und hätte sie ein einfaches Sachbuch geschrieben, wäre das auchsicherlich eine runde Sache geworden.

Nur leider ist die Story-Einbettung doch ziemlich unglücklich ausgefallen. Können wir der stereotypen Handlungsverlauf noch geradeso verkraften, überträgt sich der didaktische Gestus der Sachbuch-Komponente leider auch auf die Erzählung selbst. Heißt: dem Leser wird, alles, aber auch wirklich alles vorgekaut. Subtext Fehlanzeige. Die Figuren tragen ihr Herz durchweg auf der Zunge, und wenn sie mal nicht herausposaunen, was gerade in ihrem Inneren vorgeht, sorgen Denkblasen für Aufklärung. Das macht die Erzählung insgesamt extrem flach und die Charaktere eindimensional und uninteressant. Anstatt die Geschichte als Gegengewicht zum Informationsanteil zu nutzen, behandelt Tsuji ihre Figuren genau wie ihr Ninja-Thema: als etwas, was man dem Leser erklären muss, möglichst in allen Facetten, damit auch ja keine Fragen offenbleiben. Und dass das mit der jungen Zielgruppe zu rechtfertigen ist, kann mir niemand erzählen. "Naturo" ist tausendmal komplexer und tiefgründiger als dieses Buch, und offensichtlich peilen ja beide dieselbe Zielgruppe an. Kinder mögen vielleicht narrativ unerfahren sein, aber sie sind doch nicht blöd! So erinnert die Erzählung leider an diese schrecklichen Schulbuch- und Verkehrserziehungs-Comics, in denen der Informationsteil an eine aufdringliche moralische Agenda gekoppelt wird.

Zudem haut die Geschichte auch an vielen Punkten einfach nicht hin. Die Nebenfigur Daisuke wird zum Beispiel allen Ernstes so eingeführt: Daisuke (zum Leser): "Hi, ich bin Daisuke! Auch wenn ich vielleicht nicht so aussehe ich bin ein Ninja-Meisterschüler!" Sorry, aber das unterbietet sogar die klischeehaften Selbstvorstellungs-Eröffnungen in diversen amateurhaften Highschool-Soap-Doujinshi... So führt man doch keine Charaktere ein! Zudem beschränkt sich Daisukes narrative Funktion im weiteren Verlauf, verschiedene Schleichtechniken zu illustrieren. Für die Story selbst bleibt er vollkommen ihne Bedeutung. Ich kann mir nicht helfen, aber mit einem Sachbuch wäre Tsuji wohl einfach besser gefahren...

Werfen wir nun noch einen Blick auf die Zeichnungen. Baron Malte ist sicherlich ein technisch sehr guter Zeichner und begnadeter Cartoonist - aber er hat leider wenig Verständnis von der Erzählform Manga, ein Bereich, auf dem er bisher auch keinerlei praktische Erfahrung ausweisen kann. Leider lässt sich der Band aber auch nicht anders verstehen als als Manga, da Carlsen es aus unerfindlichen Gründen für eine gute Idee hielt, den Band in japanischer Lesrichtung zu veröffentlichen - anscheinend um besser an die Naruto-geprägte Zielgruppe andocken zu können. Dass das keine gute Idee war, zeigt sich spätestens an den Stellen, an denen Malte mit der Sprechblasenaufteilung durcheinander kommt. Er wusste nämlich offensichtich nicht, dass im Manga nicht nur von rechts nach links, sondern bevorzugt auch von oben nach unten gelesen wird. Heißt, ein Manga-erfahrener Leser würde zuerst die Sprechblasen auf der rechten Seite lesen und sich dann weiter nach links durcharbeiten. Malte will aber, dass wir zuerst die oberen Blasen lesen, egal ob rechts oder links, und uns dann nach unten durcharbeiten. Das führt zu zahlreichen Verwirrungen beim Lesen, die sicher hätten vermieden werden können, wenn der Band nicht mit aller Gewalt auf Manga getrimmt geworden wäre.

Das gleiche gilt auch für die Zeichnungen selbst. Im direkten Vergleich zu Manga-Ästhetiken fallen die digitalen Graustufen, die unschönen Computer-Speedlines und das starre und wenig dynamische Paneling leider recht unangenehm ins Auge. Auch die Posen und Zeichnungen selbst sind ziemlich steif. Ich weiß nicht, wie Carlsen den Lesern vorgaukeln will, hier einen Manga vor sich zu haben. Allein ein Blick aufs deutlich westliche Chara-Design hätte auch den unerfahrendsten Manga-Leser vom Gegenteil überzeugt. Dabei hat Malte wirklich zeichnerische Stärken, nur sind die eben nicht im Bereich Manga. Das Inking ist sauber und klar, die Perspektivwechsel und Hintergründe stimmig. Besonders herausragend sind die lebendigen und intensiven Gesichtsausdrücke der Figuren. Da könnten sich heranwachsende deutsche Manga-Zeichner in Sachen Ausdrucksstärke sicher noch eine Scheibe von Malte abscheiden. Viele Details in den Zeichnungen sind sehr witzig und gelungen, besonders die Ninja-Chibis zeigen Maltes Talent als Cartoonist.

Unterm Strich kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier ein vielversprechendes Projekt einfach falsch angegangen wurde. Miyuki Tsuji hat eine Menge über Ninja zu erzählen, kommt aber mit der Story-Ebene nicht zurecht. Baron Malte ist ein sehr talentierter Zeichner, der aber eher unglücklich an die Mangaform andockt. Und der Verlag trimmt das Projekt mit aller Gewalt auf die Naruto-Zielgruppe (allen Ernstes mit dem Slogan "Von der Übersetzerin von NARUTO!"), wenn Anliegen und Fähigkeiten der Beteiligten doch in eine völlig andere Richtung gehen.

Für jugendliche Ninja-Enthusiasten also sicherlich einen Blick wert. Alle, die eine interessante Geschichte erwarten oder nur lesen, was auch wie Manga aussieht, werden mit "Ninja" wohl nicht glücklich werden.