Prolog
Feuer und Wasser. Licht und Schatten. Angst und Mut. Lachen und Weinen. Himmel und Hölle.
So gegensätzlich und doch können sie einander nicht entbehren. Feinde, die zusammengehören. Ein Kampf, bei dem es keinen Gewinner geben kann, nur Verlierer.
Wenn du dein Herz schon verloren hast, wenn es jemandem bestimmt ist, dann kannst du es nicht ändern. Du kannst nur verlieren. Doch was ist, wenn du verloren hast? Wie ist es? Manchmal ist es schöner, als das Gewinnen...
Wie Feuer und Eis bekämpfen wir einander, tun uns weh, doch können uns nicht loslassen. Was wir tun ist so dumm. Törichter könnten wir kaum sein. Drum sag mir... Warum tun wir das?
Weil es das Richtige ist. Darum.
Erwachen
Vorsichtig öffne ich die Augen - vielmehr versuche ich es. Es fällt mir ungewöhnlich schwer und ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht hat Blanca, dieses Mistviech, ja meine Augen zugetackert oder so. Zuzutrauen wäre das dieser kleinen Ratte allemal!
Ich blicke in ein helles, geradezu weiß-grelles Licht. Wo bin ich? Seit wann sieht es bei Lovin so aus? Ich blinzle mehrmals angestrengt, dann erkenne ich, dass das hier nicht Lovins Haus ist, es sei denn, er hat über Nacht einen Doktortitel erlangt und praktiziert jetzt in seinem Haus.
Am Bett neben mir stehen Leute. Fremde Leute in weißen Kitteln und sie schienen irre aufgeregt zu sein. Ich vernehme die Stimmen: „Puls steigend, ich erkenne Reaktion der Augen.“ All so'n Arztjargon. Mindestens die Hälfte kann ich gar nicht verstehen. Was zum Teufel soll das alles bedeuten?
Plötzlich dreht sich eine der Gestalten mir zu um. „Hey, hier genauso!“ Ich bin absolut verwirrt. Was wollen die alle nur? Wie die Wilden wuseln sie um mich herum, schließen Kabel hier und da an, drücken Knöpfe, leuchten mir mit kleinen Taschenlampen in die Augen. Am liebsten würde ich um mich schlagen, aber es ist, als hätte ich gar keine Kraft in mir. Ich liege einfach nur da.
Im Bett neben mir ist auf einmal ein leises Wimmern zu vernehmen. Ich drehe langsam den Kopf, aber leider wird mir die Sicht durch die vielen Leute verborgen. Und allmählich geht mir ein Licht auf. Anscheinend befinde ich mich in einem Krankenhaus; auch wenn ich keinen Dunst habe, warum.
Einer der jüngeren Ärzte faselt was von einem Wunder und dass er so etwas bisher noch nicht erlebt oder auch nur davon gehört hatte. Ich stutze erst, dann melde ich mich endlich zu Wort. Es kommt mir schwierig vor, Worte auszusprechen, aber mittlerweile habe ich mich wieder einigermaßen gefangen.
„Was zur Hölle ist hier los?“, fauche ich, setze mich auf und verschränke grimmig die Arme. Dabei löst sich irgendein dämlicher Schlauch von meinem Handgelenk, aber das ist mir wurscht. Ich will Antworten! „Warum bin ich hier?“ Der Arzt von eben reicht mir die Hand.
„Chocola Kato, es freut mich unglaublich. Es grenzt an ein Wunder, dass Sie und Fräulein Aisu wieder erwacht sind.“ Verdutzt erwidere ich den Händedruck. Was geht hier bitte ab? Ist das ein schräger Traum oder so?
Moment. Fräulein Aisu? Das ist doch Vanilla! Ich wende mich ruckartig wieder zum benachbarten Bett und erkenne sie endlich. Zumindest denke ich das zuerst. Aber das Mädchen, das mir mit großen violetten Augen entgegen glubscht, ist gut fünf Jahre älter als Vanilla. Moment! Stopp!
Rasch springe ich aus meinem Bett und sehe in den Spiegel an der Wand - dann bekomme ich einen gehörigen Schrecken! Auch ich sehe nicht aus wie elf Jahre. Langsam wird es wirklich gruselig. Kommt das daher, dass ich vor dem Schlafen immer zuviel Süßkram in mich reinstopfe? Ich hatte mal gehört, dass man davon schlechte Träume bekommen konnte.
Ich drehe mich zu der kleinen Krankenschwester um, die ich mit meinem abrupten Sprung aus dem Bett über den Haufen gerannt hatte. Sie wirkt ein wenig zerzaust, aber nicht wütend. Vermutlich erlebt sie in ihrem Job noch ganz andere Sachen.
„Was ist passiert?“, frage ich leise und bin mittlerweile erheblich blasser geworden. „Sie lagen im Koma, Fräulein Kato. Genau wie ihre Freundin, Fräulein Aisu. Ganze sechs Jahre. Und nun sind Sie beide zeitgleich wieder erwacht. Wir hatten schon alle Hoffnung aufgegeben.“
Ich starre immer noch, als hätte mich gerade ein Blitz getroffen. „W-welchen Tag haben wir?“, frage ich zögerlich, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt glauben konnte oder ob ich hier noch irgendwas hören will.
„Sonntag, 21. April 2013.“, antwortet sie gehorsam und lächelt sanft. „Sie sollten sich nicht zu sehr aufregen. Schließlich wollen wir Sie erst einmal behalten. Nicht, dass sie ein Schock wieder ins Koma zurückversetzt.“
Starr gehe ich zurück in mein Bett und setze mich auf die Bettkante. 2013... Wie konnte das sein? Vanilla, die auch gerade mit einem der Ärzte im Gespräch ist, kullert eine Träne die Wange hinab. Auch mir ist gar nicht wohl, obwohl ich eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen bin.
Doch dann höre ich eine Stimme und ich fühle eine Welle der Begeisterung und Geborgenheit in mir hochsteigen und nie, nie, nie, nie hätte ich auch nur im Traum daran gedacht, dass ausgerechnet Lovin der Grund für derartige Gefühle sein könnte.
Er tritt ins Zimmer, glamourös wie eh und je, und zieht mich mit einer eleganten Bewegung zu Vanilla, wo er uns beide fest in seine Arme schließt. Und mit fest meine ich wirklich sehr fest. Will er uns umarmen oder ersticken? Ich bin mir da echt nicht sicher.
„Meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.“, säuselt er theatralisch. „Ihr weilt wieder unter uns.“
„Gleich nicht mehr.“, gifte ich heiser und stoße ihn von mir. „Was war denn bitte los? Ich weiß ja, dass ich Langschläfer bin, aber sechs Jahre erscheinen mir dann doch ein wenig unrealistisch.“ Ein kleiner Teil von mir hofft immer noch, dass ich einfach aufwache und alles wieder normal war.
Lovin beugt sich dicht zu uns und senkt seine Stimme: „Wisst ihr noch, eurer Ausflug an den Strand? Mit all euren Klassenkameraden und so?“ Synchron nicken Vanilla und ich. „Ja, wir waren am Strand und hatten einen ziemlich spaßigen Tag.“, murre ich nachdenklich.
„Ihr hattet einen Unfall. Vanilla ist zu weit aufs Meer hinausgeschwommen und war so erschöpft, dass sie das Bewusstsein verlor. Du, Chocola, bist ihr mit heldenhaftem Leichtsinn nachgeschwommen und wolltest sie retten, aber das Wetter schlug schlagartig um und ein Sturm trieb euch beide fort.“
Stimmt, diese Worte wecken recht lebhafte Erinnerung in meinem Kopf. Da waren mannshohe Wellen und ein grauer Himmel, Wind, der in den Ohren rauschte, wie ein Orkan.
„Nach einer Woche vergeblicher Suche wurdet ihr von zwei Spaziergängern am Strand entdeckt und ins Krankenhaus eingeliefert. Seitdem lagt ihr hier im Koma.“
Vanilla treten schon wieder Tränen in die Augen, also lege ich tröstend den Arm um sie. Doch dadurch beginnt sie nur lauthals loszuschluchzen. „Oh, Choco, du hast nur meinetwegen dein halbes Leben verpasst. Ich bin mal wieder schuld!“ Noch ehe ich etwas erwidern kann, fällt Lovin auch schon ein: „Ach, papperlapapp, das war ihr freier Wille. Außerdem weiß Chocola doch auch, dass man für Schöneres durchaus Opfer bringen muss.“ Fies zwinkert er mir zu. Typisch, ich bin das freche Rotzgör und Vanilla die wunderschöne und liebenswürdige Königstochter. „Wie dem auch sei“, beginnt er erneut, „ihr werdet jetzt beide nochmal durchgecheckt und wenn alles okay ist, kommt ihr wieder mit nach Hause.“
Die Untersuchung nehme ich kaum wahr. Ich sitze nur da und bin nur froh, als ich die Worte „Nun Fräulein Kato, bei Ihnen ist alles tipptopp, Sie dürfen wieder nachhause. Sollten in den nächsten Tagen etwaige Beschwerden auftreten, kommen Sie bitte wieder her.“ vernehme. Geistesabwesend nicke ich. Dann stapfe ich verwirrt aus dem Raum und in den Flur zu Lovin. Vanilla ist auch schon da. Ich fühle mich immer noch seltsam betäubt. Sechs Jahre... Wir haben soviel verpasst. Ich komme mir vor, wie eine Fremde. Vielleicht ist das ja doch nur ein Traum. Aber wenn ja, dann fühlt er sich verdammt echt an.
Lovins Stimme reißt mich wieder aus meinen Gedanken: „Nun los, meine Lieben. Auf geht's nach Hause!“
Willkommen in diesem Leben
Lovins Villa sieht noch genauso aus, wie ich sie in Erinnerung habe; groß und protzig, für eine einzelne Person viel zu übertrieben. Aber genau das passt zu ihm. Es wurde erst vor Kurzem beschlossen, dass Vanilla und ich bei ihm wohnen sollten. Hm, 'vor Kurzem'. Also eigentlich, ist das jetzt schon ziemlich lange her.
Ich kann immer noch nicht so recht glauben, dass ich sechs Jahre im Koma gelegen haben soll. Das ist doch Irrsinn! Automatisch gehe ich zu meinem Zimmer. Auch hier ist alles unverändert. Das ist zwar beruhigend, aber ganz ehrlich? Lovin hätte doch immerhin mal aufräumen können. Er hat schließlich sechs verdammte Jahre lang Zeit gehabt. Als würde ich mich nicht schon genug über ihn aufregen, klingt jetzt auch schon wieder seine laute Stimme durchs ganze Haus: „Mädels? Ihr könnt gleich wieder runterkommen. Wir gehen jetzt shoppen!“
Ich stöhne genervt. Aber er hat Recht, meine alten Sachen passen kaum noch. Ich sehe an mir herunter. Mein Körper hat sich sehr verändert. Das Kleid, das ich wie ein Shirt trage und die ausgeleierte Hose sehen wirklich merkwürdig aus; als wäre ich ein Riesenbaby. Ich wühle in meinem Schrank. Irgendwas muss ich doch haben, was halbwegs passt. So, wie ich bin, kann ich nicht raus. Ein Kleidungsstück nach dem anderen schmeiße ich achtlos hinter mir ins Zimmer. „Zu klein, zu pink, zu hässlich.“ Plötzlich höre ich einen kleinen Aufschrei: „Chocola! Da bist du gerade zurück und verhältst dich so schrecklich wie eh und je.“ Duke! Ich laufe auf ihn zu und drücke ihn an mich, so gut es halt geht - schließlich ist er ein Frosch. „Oh Duke, ich hab dich so vermisst. Aber ich hab jetzt gar keine Zeit. Lovin stresst schon rum.“
Ich setze meinen kleinen Freund auf das chaotische Bett, ehe ich wieder beginne, im Kleiderschrank herumzuwühlen.
„Zu kurz, zu kindlich, was ist das?“ So geht es weiter, bestimmt zehn Minuten, bis ich plötzlich innehalte.
Das lange, enge, grüne Kleid, das ich nun in den Händen halte, gehörte einst meiner Mutter. Es ist eines der Dinge, die sie mir überlassen hatte, bevor sie starb. Ich lege meine Klamotten ab und ziehe mir das Kleid an. Dabei fühle ich mich seltsam. Das letzte Mal, dass ich dieses Kleid in den Händen hatte, war es viel zu groß. Und jetzt... Hier und da müsste man es noch ein bisschen enger nähen, aber es sieht zugegebenermaßen echt gut aus, besonders zu meinem roten Haar. Lovin würde sicherlich höchst erfreut sein. Jetzt habe ich nur noch das Problem: Ich habe keine Schuhe. Aber als würde sie meine Gedanken lesen, kommt Vanilla mir zur Hilfe. „Hier.“, mit sanfter Stimme legt sie mir ein Paar Ballerinas aufs Bett. Ich sehe sie verwirrt an und schon wieder liest sie meine Gedanken. „Meine Mutter. Beeile dich, Choco. Du siehst sehr hübsch aus.“
Ich lächle und sehe sie dann ernst an. Mir spukt das schon die ganze Zeit im Kopf herum und ich will es endlich klären: „Vanilla, weißt du noch, vor dem Unfall...“, ich zögere einen Moment und sehe sie erwartungsvoll an. „Ja?“, fragt sie, sichtlich irritiert. „Also, diese Ogul-Sache...“, fahre ich zögerlich fort, aber Vanilla scheint kein Licht aufzugehen. Hat sie etwa vergessen, dass Pierre sie irgendwie hypnotisiert hatte oder so und sie die schwarze Prinzessin der Ogul war? Es sieht ganz danach aus. Sie wirkt wieder wie früher. Also lasse ich das Thema auf sich beruhen. „Ich bin sofort unten.“
Kurze Zeit später poltere ich die breite Treppe hinab. „Damenhafter!“, ermahnt Lovin mich forsch. „Blablabla.“, winke ich nur ab und stelle mich zu Vanilla. Ihr Haar ist enorm gewachsen, meines aber auch.
Lovin zückt ein riesiges Bündel mit Geldscheinen. „Erfreulicherweise hatte ich gestern ein Konzert und es war mehr als ausverkauft. Und davon profitiert ihr, meine Lieben. Ihr dürft euch aussuchen, was ihr wollt.“
Vanilla lächelt, aber ich finde shoppen gar nicht mal so spaßig. Oft zieht es sich unglaublich in die Länge und ist anstrengend und ermüdend.
In Lovins schickem Sportwagen fahren wir in die Stadt. Natürlich darf Vanilla vorne sitzen, aber sowas kenne ich ja schon. Ist nix Neues und mir doch eigentlich auch egal. Rasch erreichen wir die sonnige Innenstadt mit ihren unzähligen Geschäften.
Die Zeit vergeht tatsächlich langsam. Vergeht sie überhaupt? Ich sitze im gefühlt hundertsten Schuhgeschäft und Vanilla probiert das hundertste Paar ewig gleicher Ballerinas an.
Ich hänge völlig erschöpft auf einer Sitzbank, umgeben von tausenden Tüten. Ein Blick auf die große Uhr hinter der Kasse verrät mir: Wir sind wirklich schon fünf Stunden unterwegs. Am Anfang war ich auch noch euphorisch und musste unbedingt dieses Paar Stiefel, jenes Kleid und diesen unglaublich geilen Hut haben. Irgendwo war ich ja auch ein Mädchen. Aber langsam reicht es doch ehrlich mal. Wir haben jedes erdenkliche Kleidungsstück in diesen Tüten. Man kann die alle kaum noch tragen.
Ich lasse mich nach hinten fallen, stoße aber auf etwas Hartes und nicht, wie erwartet, auf die weiche Sitzbank. Mit einem lauten Fluchen drehe ich mich ruckartig um und was ich dann sehe, tja, damit hatte ich echt überhaupt nicht gerechnet.
Es ist Pierre! Ausgerechnet dieser Junge sitzt direkt hinter mir. Er starrt mich genauso überrascht an, wie ich ihn. Eine Sekunde vergeht, dann eine weitere. Es muss echt blöd aussehen. Eine schrille Frauenstimme reißt mich aus meinen Gedanken. „Pierre-Schatz? Was hältst du von denen?“ Unsere Blicke lösen sich abrupt und gelten jetzt dieser, mir fremden, Frau. Ihm ist sie anscheinend überhaupt nicht fremd, denn er streicht über ihre Beine, lächelt sie an und sagt: „Nein, die sind zu flach. Die machen dicke Beine.“ Das Mädchen sieht deprimiert aus und Pierre reicht ihr einen Schuhkarton. „Die sind super.“
Wie unhöflich er ist, genau, wie in meiner Erinnerung. Die Treter, die die Fremde dann aus dem Karton holt und sich anzieht, sind zwar wunderschön, aber auch schrecklich hoch. Pierre hat sie extra für sie rausgesucht, will, dass sie toll aussieht. Das ist so... Liebenswert. Bah, nein! Ich schüttele den Gedanken ab, ehe es widerlich werden kann.
Gott sei Dank ruft Vanilla mich in diesem Moment und ich schnappe mir alle Tüten und eile stolpernd auf sie und Lovin zu. Können wir nun endlich nachhause? Denkste! Wir sollen noch zum Friseur. Okay, wenn man uns mal ansieht, konnte man wirklich sagen, dass das nötig war. Im Krankenhaus waren uns zwar notdürftig die Haare geschnitten worden, aber die Leute dort waren schließlich keine Friseure. Hier mussten wirklich mal Profis ran.
So zieht sich der Tag um noch weitere zwei Stunden und ich bin danach so erschöpft, wie vermutlich noch nie. Als wir schließlich wieder zum Auto zurückkommen, fläze ich mich auf die Rückbank und muss mich wahnsinnig zusammenreißen, um nicht einfach einzupennen.
Dann sind wir endlich wieder zuhause angekommen. Was für ein Segen! Meine prallgefüllten Tüten habe ich achtlos unten im Foyer stehen lassen und bin direkt zu meinem Zimmer geeilt. Dieser Tag hat mich geschafft. Meine Füße tun weh und mein Hirn hat immer noch Probleme damit zu begreifen, was passiert war. Von einem Tag auf den anderen hat sich alles verändert; einfach so. Und ausgerechnet Pierre bin ich heute über den Weg gelaufen. Pierre, der soviel älter war und ein fremdes Mädchen an seiner Seite hatte... Ich werfe mich auf mein Bett und ehe ich mich versehe, bin ich schon ins schöne Reich der Träume eingetaucht.
Alltag Ahoi
Am nächsten Morgen werde ich ziemlich unsanft geweckt; und viel zu früh! Lovin patscht mir mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. Ich murre ihn an, aber ehe ich zu Wort kommen konnte, giftet er schon los: „Chocola Meilleur! Was ist an 'Aufstehen, Schule' eigentlich so schwer zu verstehen? Immer das Gleiche mit dir.“ Er soll mich in Ruhe lassen, ich bin müde. Kein Mensch kann von mir erwarten, heute in die Schule zu gehen. Doch Lovin sieht das offenbar anders und reißt mir die Decke weg.
Ich richte mich auf und sehe ihn aus verengten Augen an. Naja, ich sehe ihn weniger an, als dass ich ihn mit meinem Blick töten will. Wenn ich das doch nur könnte, wäre echt praktisch! Ich will meine Ruhe. Aber er lässt nicht von mir ab, seufzt nur ziemlich genervt und schiebt mich hektisch ins Badezimmer. Ich knalle die Tür hinter mir zu und drehe den Schlüssel herum. Argh! Bin ich nicht quasi noch krank? Man muss freundlicher mit mir umgehen! Soviel Stress ist gar nicht gut.
Ich sehe mich verschlafen um. Dann kommt mir eine glänzende Idee: Erstmal noch ein kleines Nickerchen auf dem wundervoll flauschigen Teppich. Der ist so dick und kuschelig, er würde ein wunderbarer Bettersatz sein. Ich knie mich darauf und rolle mich gerade gemütlich zusammen, aber Ruhe scheint mir einfach nicht vergönnt zu sein. „Nicht schlafen, Chocola!“, brüllt mein heißgeliebter (nicht) Lovin und hämmert wie ein wild gewordener Büffel an die Tür. Wie kann er das wissen? Hat er hier Kameras montiert? Oder muss ich mir eingestehen, dass er mich doch besser kennt, als mir lieb sein konnte? „Sonst komme ich rein!“, fügt er hinzu und diese Worte verfehlen ihre Wirkung nicht. Erschrocken springe ich auf meine Füße und schaffe es irgendwie zu duschen, die Zähne zu putzen und mich anzuziehen. Gerade lege ich mir noch ein bisschen von meinem frisch erworbenem Make-Up auf, da höre ich zur Abwechslung mal Vanillas liebliches Stimmlein. „Frühstück ist fertig.“, säuselt sie die Treppe hinauf.
Und wie es fertig ist! Als ich, mehr oder weniger fertig, mein Badezimmer verlasse, weht mir schon der Geruch von frischen, süßen Pfannkuchen entgegen. Es riecht so köstlich, dass mir das Wasser im Mund zusammen läuft. Ich seufze zufrieden und lasse mich von dem zauberhaften Duft in die Küche locken.
Lovin sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen am Esstisch und liest in der Zeitung; seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, über seinen letzten Auftritt. Dann zieht das Geräusch von Schritten meine Aufmerksamkeit auf sich. Eine junge Frau steigt die Treppe herunter, ihre schimmernde Jacke achtlos um den Körper gewickelt. Darunter erkenne ich noch ein knappes Kleidchen. Schnurstracks stolziert sie auf Lovin zu und drückt ihm einen Kuss auf die Lippen. Fast hätte ich brechen müssen. Das ist ja widerlich! Lovin wirkt eher unbeeindruckt. „Meine Nummer hast du ja.“, quiekt die fremde Frau begeistert. „Du meldest dich doch, oder?“ Zugegeben: Hübsch ist sie ja; welliges braunes Haar, lange, dunkle Wimpern und ihre Haut sieht aus, als würde sie sich ganz samtig anfühlen. Aber ich sehe ihr auch an, dass sie nicht wirklich die hellste Kerze im Kronleuchter ist; also ganz Lovins Beuteschema. Er steht auf, legt eine Hand auf ihren unteren Rücken und führt sie zur Haustür. Dabei wechseln sie einige Worte, die ich aber nicht verstehen kann. Kurz sehe ich den beiden noch nach, dann lasse ich mich auf einen Stuhl sinken. Ich bin jetzt schon völlig erschöpft, wie soll ich den Tag denn überstehen?!
Vanilla wuselt in einer hellrosanen, geblümten Schürze um mich herum. Sie hat eine Servierplatte in der Hand und lädt mir einen ihrer wundervoll duftenden Pfannkuchen auf den Teller. Er ist ganz frisch und dampft sogar noch. Ich löse meinen Blick davon und mustere meine Freundin genauer. Sie sieht gar nicht aus, als hätte sie sechs Jahre im Koma gelegen, ganz im Gegensatz zu mir. Während ich aussehe, wie der aufgewärmte Tod, schwebt sie frisch und fit in ihrer glattgebügelten Schuluniform durch die Küche, das kurze hellblonde Haar in den für sie typischen, fluffigen Locken. Ich frage mich immer wieder, wie sie das anstellt.
Missmutig greife ich nach der Schokoladencreme, um meinen Pfannkuchen großzügig damit zu bestreichen, als Lovin zu uns zurückkehrt und seinen Kaffee weiter trinkt. Er wirkt zwar etwas müde, aber voll und ganz zufrieden. Ich werfe ihm ein herausforderndes Grinsen zu. „Seit wann behältst du deine Frauen denn über Nacht hier?“, frage ich stichelnd, „Meinst du nicht, das könnte uns verderben?“ Doch Lovin lacht nur, ohne aufzusehen: „Chocola, sei nicht albern, ihr seid nicht mehr elf.“ Eklig, aber damit hat er Recht. Ich kann das immer noch nicht ganz fassen. Es ist schon merkwürdig, wenn du aufwachst und auf einmal 17 Jahre alt bist. Ich fühle mich noch nicht so, aber rede mir ein, dass ich mich schon daran gewöhnen würde; denn wie elf komme ich mir auch nicht mehr vor. 17... Das ist fast schon erwachsen
Ein wenig Bammel vor meinem ersten Schultag kann ich nicht abschütteln, obwohl mich eigentlich nichts in Furcht versetzen kann. Dabei hat Lovin uns sogar verzaubert, um unser Wissen und unsere Fähigkeiten unserer Klassenstufe anzupassen. Sonst hätten wir uns wohl wirklich blamiert. Es ist echt irre praktisch mit Magie nachhelfen zu können.
„Bummel nicht so, Chocola, ihr müsst gleich los.“, ermahnt Lovin mich und ich werfe ihm nur einen giftigen Blick zu. „Laff miff meine Fannkuffen effen.“, nuschle ich. Nicht mal beim Frühstück habe ich meine Ruhe? Das ist hier ja wie im Knast. Lovin rollt nur die Augen und faltet lautstark seine Zeitung zusammen. Dann erhebt er sich schwungvoll. „Ich fahre euch.“
Vanilla kommt derweil mit zwei prall gefüllten Schultaschen die Treppe herunter und reicht mir eine. „Hier, ich wusste, dass du es wieder vergessen würdest.“, sagt sie. Aber sie klingt nicht vorwurfsvoll. Das tut sie nie. Deshalb ist sie auch meine beste Freundin. Ich greife nach meiner Tasche und werfe sie mir achtlos über die Schulter. Ich hatte wirklich vergessen, meine Schulsachen zusammenzupacken. Aber eines fehlt noch.
„Wo ist Duke?“, frage ich, weniger speziell an Vanilla gerichtet, als einfach so in den Raum gestellt. Suchend sehe ich mich um. „Choco-chan.“ Vanilla klingt amüsiert und legt mir ihre Hand auf den Arm. „Wir sind jetzt Oberstufenschüler, du kannst in deinem Pult keinen Frosch mehr verstecken.“ „Genau.“, piepst Blanca. Wo ist ausgerechnet die denn jetzt wieder hergekommen? Ich blicke mich um und finde die dumme, kleine Maus auf dem Treppengeländer. Genervt strecke ich ihr die Zunge heraus. „Pieps, man sollte meinen, nach sechs Jahren wärst du ein Fünkchen damenhafter.“ Aus ihrer Stimme ist der Vorwurf mehr als deutlich zu vernehmen. So ist das halt mit uns. Ich mag sie nicht und sie mag mich nicht. Das würde sich vermutlich nie ändern, egal, wie viel Zeit verging. „Ich dachte, Ratten würden gar nicht so lange leben.“, erwidere ich trocken und Blanca huscht schimpfend und piepsend die Treppe hoch, vermutlich zurück in Vanillas Zimmer. Die sieht mich jetzt vorwurfsvoll an. „Mensch, Choco, könnt ihr euch nicht einmal jetzt vertragen?“ Dann stolziert sie zur Haustür und ich folge ihr, wo Lovin uns schon in seinem Cabrio erwartet.
Was konnte ich denn dafür, denke ich mürrisch, will mich aber nicht weiter davon nerven lassen. Schließlich hat der Tag gerade erst angefangen.
Kein Kind mehr
Lovin setzt uns vor den Toren unserer neuen Schule ab und verabschiedet sich mit einem Winken und brüllendem Motor. Ein paar Leute, die in Grüppchen an der Straße stehen, blicken ihm interessiert hinterher. Ich würde wetten, dass der eine oder andere ihn erkannt hat, immerhin ist er ein Promi; ein Star in beiden Welten. Und das versteckt er auch nicht gerade. Schon sein Auto ist ja nicht gerade 0815.
Vanilla durchwühlt die vielen Zettelagen, die sie im Arm trägt: Anmeldeformulare, Lagepläne, Hausordnung, ...Wie immer ist sie gut vorbereitet, aber ich merke, wie flach ihr Atem geht.
„Aufgeregt?“, frage ich mitfühlend und lächle ihr zu. Schließlich will ich heute für sie da sein, so wie ich es immer war. Und ohne sie würde ich mich bestimmt verlaufen. Sie nickt nur stumm und wir laufen auf die Eingangstür des Gebäudes zu. „Woah, es ist echt ganz anders als vorher, oder Vanilla?“, frage ich und erwarte eigentlich keine Antwort. Ich hoffe nur, Vanilla mit meinem Gequatsche ein wenig beruhigen zu können. „Kaum zu glauben, dass wir soo lange geschlafen haben.“ Ich hätte bestimmt noch weiter irgendein irrelevantes Zeug erzählen können, aber eine Stimme unterbricht uns. Es ist eine männliche Stimme, aber sie klingt, als wäre der Stimmbruch noch nicht ganz vollzogen. „Vanilla? Chocola?“, fragt sie unsicher und tritt an uns heran. Ein schlaksiger, blasser Junge mit schwarzem, stacheligem Haar sieht uns aus großen ungläubigen Augen heraus an. Dieser Anblick kommt mir doch bekannt vor...
„Akira.“, begrüßt Vanilla ihn, freundlich wie eh und je und damit geht auch mir ein Licht auf. Stimmt, Akira Mikado, der uns damals vehement für Aliens gehalten hatte. Irgendwie ist es beruhigend, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Auch wenn das Gesicht anders aussieht, als noch vor sechs Jahren. Es ist weniger kindlich und viel kantiger. Nur die Augen sehen noch genauso aus, wie früher. „Ja, hi.“, schließe ich mich dem allgemeinen Begrüßen an und füge hinzu: „Akira, altes Haus, wie geht's, wie steht's?“
Er starrt uns noch einen Moment ungläubig an und ich bete innerlich, dass er nicht wieder mit seiner Außerirdischen-Paranoia loslegt. „Ich habe schon nicht mehr geglaubt, dass ihr beiden zurückkommt. Dieser Unfall... Und ihr seid einfach nicht aufgewacht. Ich kann nicht fassen, dass ihr hier seid.“ Ich grinse nur und erwidere: „Doch, schau, wir sind ganz real.“ Wie um es zu beweisen, zupfe und zerre ich an meinen Klamotten und mache einen kleinen Sprung. Vanilla sah mit geröteten Wangen zu Boden und sagt kein Wort mehr.
Es ist merkwürdig, im Klassenraum zu sitzen. Es gibt bekannte Gesichter und gänzlich neue. Wobei das nicht wirklich einen Unterschied macht. Fremd sind sie alle irgendwie. Ich kenne sie nur noch von den Genesungskarten und -präsenten, die wir aus dem Krankenhaus hatten. Manche begrüßen uns auch gar nicht, aber das wundert mich nicht großartig. Für sie ist es schließlich auch seltsam und als einfache Menschen sind sie noch viel weniger außergewöhnliches Zeug gewöhnt, als wir Hexen.
Der Unterricht zieht sich endlos lang hin, genau, wie ich es in Erinnerung habe. Einfach öde. Die Lehrer siezen uns mittlerweile und die Themen sind viel unangenehmer und ernster, als noch in der Grundschule. Als die Klingel ertönt, die das Ende des Schultages verkündet, werfe ich alle meine Sachen in einem Rutsch in meine Tasche und springe vom Stuhl. „Fräulein Kato!“, ermahnt mich die Mathelehrerin, Frau Kanjuji, erbost. „Setzen Sie sich sofort wieder hin. Ich beende den Unterricht. Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule!“ Mürrisch beuge ich mich ihrem Willen. Wenn sie doch nur wüsste, dass ich doch noch ein bisschen in der Grundschule bin. Schließlich wird man nicht von heute auf morgen erwachsen. Vanilla schreibt noch eifrig mit, bis Frau Kanjuji uns in den Nachmittag entlässt.
„Fräulein Kato, Sie noch nicht, Sie kommen bitte noch einmal zu mir.“ Genervt stöhne ich und quäle mich zum Lehrerpult, während meine Mitschüler dem Klassenraum den Rücken kehren können. Frau Kanjuji lässt sich Zeit. Sie deutet auf einen Stuhl neben ihrem Pult und ich setze mich darauf. Dann stapelt sie in aller Ruhe ihre Papiere und räumt Schreibuntensilien zusammen, bis wir schließlich alleine sind. Auch das Gelärme auf den Fluren wird immer leiser.
Sie setzt sich auf ihren Stuhl, verschränkt die Finger ineinander und sieht mir fest in die Augen. „Fräulein Kato, ich habe ja Verständnis für Sie und Fräulein Aisu, aber ich erwarte doch ein Mindestmaß an Benehmen. Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an Fräulein Aisu. Sie zeigt viel mehr Engagement und Manieren, als Sie. Verhalten Sie sich also, wie die fast erwachsene Frau, die Sie sind.“ Sie hat eine ganz ernste, aber bedachte Stimme aufgesetzt, doch ich sage nichts, sondern murre nur leise. Ich will mich erheben, aber sie hält mich zurück. „Ich möchte Ihnen nichts Schlechtes. Beherzigen Sie meinen Rat. Dann wird schon alles werden. Und wann immer Sie Hilfe brauchen, können Sie sich an mich oder meine Kollegen wenden.“ Sie will eine Reaktion von mir, das macht sie mehr als deutlich. Und ich tippe, dass es kein genervtes Augenrollen ist. „Okay.“, entgegne ich ruhig. „Werde ich.“ Sie nickt und dann trotte ich ein wenig niedergeschlagen in den Schulflur und aus dem Gebäude hinaus.
Himmel, es ist wirklich nicht so einfach, wie sich das alle vorstellen; vor Allem nicht für mich. Ich hatte damals schon schnell gemerkt, dass ich in der Menschenwelt sehr oft anecke und das hat sich offenbar nicht geändert. Jetzt ecke ich höchstens noch mehr an, weil ich sechs Jahre meines Lebens verpasst habe. Zeit, in der ich hätte lernen können, mich hier zurecht zu finden. Wie soll denn einfach alles wieder seinen Gang gehen? Das kommt mir vor, wie eine unmögliche Aufgabe.
Der Schulhof ist schon relativ leer; leer und groß. Nur wenige Menschen laufen noch herum und alles ist grau betoniert. Es gibt keine Schaukel, kein Klettergerüst und keine Wippe, wie in meiner vorherigen Schule; nur einige Sitzgelegenheiten. Bänke und Tische reihen sich nebeneinander auf und ich kann auch drei Tischtennisplatten entdecken.
Die massive Größe des Schulhofs wundert mich nicht im Geringsten, immerhin liegen die Oberschule und die Hochschule direkt nebeneinander und teilen sich diesen Platz, der durch zwei Tore, soweit ich das weiß zumindest, zu erreichen ist. Aber vermutlich sind es nicht die einzigen Eingänge zu dem riesigen Schulzentrum.
Es ist keine Menschenseele mehr zu sehen, und ich bin wohl so sehr in meine Gedanken versunken, dass ich nicht zu dem Tor der Oberschule, sondern quer über den Schulhof gewandert bin. Und jetzt stehe ich vor der großen Universität und starre das kahle Gemäuer mit den vielen Fenstern an. Die tief stehende Sonne spiegelt sich in einer Scheibe und ich starre einfach nur. „Das dauert wohl noch ein wenig.“, stellt eine kühle Stimme hinter mir fest und ich wende mich erschrocken um. Ich kenne diese Stimme. Ich kenne sie nur zu gut. Aber das kann doch jetzt nicht wahr sein? Das ist doch nicht etwa...?
Ich hoffe, dass ich mich täusche. Ein kleiner Teil von mir will das zwar nicht, aber der hat nichts zu melden. Doch ich habe mich nicht verhört, das weiß ich ganz genau. Jede Faser meines Körpers weiß es und ich brauche mich gar nicht bemühen, mir etwas anderes einzureden.
Das Universitätsgebäude befindet sich nun hinter mir und mit weit aufgerissenen Augen starre ich völlig entgeistert Pierre an.
Der neue Junker von Eis und Schnee
Als wäre ich zu Eis erstarrt stehe ich bloß da, als Pierre mit geschmeidigen Schritten auf mich zukommt. Ich kann meinen Blick kaum lösen. Er trägt, nicht wie ich eine Uniform, sondern eine dunkle Hose und ein strahlend weißes Hemd. Das steht ihm wahnsinnig gut, aber...
Was zur Hölle soll das eigentlich?! Da bin ich sechs Jahre ohne Bewusstsein im Krankenhaus und kaum komme ich da raus, begegne ich gleich zweimal diesem - diesem - arroganten Chauvi. Er, der Unhold, der damals... Ach, lassen wir das!
„Meiner Meinung nach, dürfte das noch viel länger dauern.", erwidere ich unwirsch und verschränke reflexartig die Arme vor der Brust. Alles in mir ist auf Abwehr geschaltet. Der Kerl hat mich einfach kalt erwischt; zum zweiten Mal.
Ich betrachte Pierre noch einen Moment lang. Zwar habe ich ihn schon gestern gesehen, aber das ist nur kurz gewesen. Daran habe ich schließlich auch gar kein weiteres Interesse gehabt. Das zumindest rede ich mir unaufhörlich ein. Trotzdem fühle ich mich flau, als ich daran denke, wie sich unsere Blicke getroffen haben...
Er sieht immer noch gut aus. Sogar besser als damals. In dieser Hinsicht blicke ich wohl mal nicht durch die Augen einer Elfjährigen. Sein Haar ist noch immer silberblond, perfekt gescheitelt und rahmt sein außergewöhnlich blasses und ausdrucksloses Gesicht ein, aus dem mich seine eisblauen Augen nicht weniger ausdruckslos ansehen. Sie strahlen eine wohlbekannte Kälte aus.
Er ist groß und nicht mehr so schlaksig, wie mit 14. Der Muskulöseste ist er aber auch nicht, eher schlank. Zu viele Muskeln würden ihm vermutlich auch gar nicht stehen. Sein Blick ruht wie eingefroren auf mir und macht mich ehrlich nervös.
„Is' was?", blöke ich ihn an. Dieses Angestarre macht mich noch wahnsinnig; hat es schon immer. Er hat ärgerlicherweise irgendwie die Fähigkeit, meine Coolness und Abgebrühtheit, die mich doch eigentlich so kennzeichnen, einfach verschwinden zu lassen. Puff. Und anscheinend haben auch die sechs Jahre Koma nichts daran geändert. „Schön, dich wieder wach zu sehen.", antwortet er nach einer kleinen Pause in einem Tonfall, den ich nicht einordnen kann.
Moment mal! Wach? Soll das heißen, er ist im Krankenhaus gewesen? Mein Gesicht wird warm. Nun, er hat immerhin sechs Jahre Zeit gehabt und wir hatten damals ja auch dieses Date. Mhh... Tatsächlich hatte das aber wohl nur stattgefunden, weil er geplant hatte, mich auszuschalten. Und trotzdem war ein Date doch ein Date. Und es kann ja wohl niemand leugnen, dass irgendwas zwischen Pierre und mir war...
Ich schüttele die Gedanken rasch von mir und sehe ihn mit feixendem Blick an. „Dabei war ich immer der Meinung, dass du nicht gerade an meinem Wohlergehen interessiert warst!" Mein Tonfall klingt verletzter, als beabsichtigt und ich hoffe, dass Pierre das nicht merken würde. Aber um ehrlich zu sein, hege ich da keine allzu großen Hoffnungen. Pierre ist zu berechnend, als dass ihm sowas entgeht. Vor meinem geistigen Auge erscheint wieder die junge Frau, die ich gestern mit ihm in diesem Schuhladen gesehen habe und mir wird übel. Schon wieder ein Gedanke, den ich loswerden will.
Er starrt mich - wieder - nur an und sagt kein Wort, verzieht nicht die kleinste Miene. Warum glotzen wir ständig nur, das ist doch dämlich. Dann plötzlich lächelt er. Nur ganz leicht, aber es ist ein Lächeln. „Vielleicht" Er setzt zu seiner Antwort an. „könnten wir ja mal wieder ausgehen. Nur als alte Freunde, versteht sich. Wobei man sich mit dir mittlerweile wirklich draußen sehen lassen kann." Die Worte echoen in meinem Kopf; und Pierre verschwindet einfach; marschiert schnurstracks in das Universitätsgebäude und ich bin wieder alleine.
Immer noch ungläubig zücke ich mein Handy und schreibe Vanilla mit zittrigen Fingern eine SMS: 'Hey, ich komm später nachhause, du brauchst nicht warten.' Vermutlich steht sie schon eine ganze Weile am Tor der Oberschule. Sie ist viel zu umsichtig, um ohne mich nach Hause abzuhauen. Aber ich habe gerade wirklich keinen Nerv auf Gesellschaft, nicht einmal auf meine beste Freundin. Ich muss alleine sein und meine Gedanken ordnen.
Ziellos trotte ich durch die Stadt. Ich passiere Straße für Straße und lasse mich schließlich auf einer Bank am Flussufer nieder. Dort ist es schön. Man kann das Treiben der Stadt beobachten, sitzt aber trotzdem irgendwie abseits im Grünen. Ich benutze meine Tasche als Schemel für meine Füße. Was war das nur für ein erster Tag? Ich bin jetzt schon völlig überfordert, dabei habe ich noch nicht einmal erfahren, wie es in der Zauberwelt aussieht. Schließlich konnten weder Vanilla, noch ich den Thron besteigen. Bisher hat Lovin noch kein Wort dazu gesagt und auch sonst war niemand aufgetaucht, um uns mal auf den aktuellen Stand der Dinge zu bringen. Vielleicht herrscht noch Vanillas Mutter Candy? Vielleicht wurde jemand völlig anderes auserkoren? Ich habe gar keine Ahnung. Alles ist so ungewiss. Ach Mann, bei dem Gedanken daran will ich gar nicht mehr nach Hause zurückkehren, obwohl ich meine Heimat immer geliebt habe. Erschöpft lehne ich mich zurück.
Was meinte Pierre eigentlich mit 'mittlerweile kann man sich mit dir wirklich draußen sehen lassen'? War das sein verdammter Ernst?! Ich bin doch kein hässliches Sumpfmonster. Und wieso will er sich überhaupt mit mir sehen lassen? Was haben wir uns noch groß zu sagen? Er kann sich doch wohl mit seiner dickbeinigen Freundin mehr als genug sehen lassen, pah!
Eigentlich ist sie gar nicht dickbeinig. Sie ist generell eher hübsch. Schlank, mit langen, rotblonden Locken, die ihr über die Schultern fallen. Vielleicht nicht die Klügste, aber wie kann man das auch sein, wenn man sich mit Pierre einlässt?
Schon wieder steigen Übelkeit und Trauer in mir hoch. Ich muss gerade reden. Und sogar Vanilla hätte dieser Schuft beinahe verdorben. Wahrscheinlich ist es besser, wie es ist. Durch die sechs Jahre Distanz bin ich eigentlich auch gar nicht mehr an Pierre interessiert. Das rede ich mir nicht nur ein, das ist auch so! Es war halt nur komisch, ihn wiederzusehen. Nach all der Zeit und allem, was passiert ist. Das kann mir echt keiner absprechen. Und überhaupt: Eigentlich habe ich im Moment doch ganz andere Sorgen. Da kann ich ihn mit seinen eisblauen Augen gar nicht gebrauchen. Höchstens als alten Freund, wie er so schön gesagt hatte. Und nicht mal davon bin ich überzeugt.
Ich schließe für einen Moment die Augen und versuche, mich auf die Geräusche um mich herum zu konzentrieren. Was bringt es schon, die Gedanken sinnlos im Kreis rotieren zu lassen? Es führt zu nichts, so komme ich einfach nicht weiter. Ich höre Vögel. Sie zwitschern fröhlich ihre Lieder und künden den Frühling an, genauso, wie die tief stehende Sonne, die ihre Strahlen auf mein Gesicht legt. Die Wärme streichelt meine Haut. Der Fluss plätschert leise und harmonisch vor sich hin, Motoren brummen eine wirre Melodie und Stimmengewirr verfeinert diese. Irgendwie hat all das was Beruhigendes an sich. Es wirkt fast, wie mein persönliches Schlaflied und es gelingt mir doch tatsächlich, all das wirre Zeug, das mir gerade durch den Kopf spukt, einfach mal beiseite zu lassen. Was für eine Wohltat! Ich merke, wie sich eine bleierne Schwere über mich legt, einer massiven Wolldecke gleich, die mich vor allem verbarg und mich gemütlich einlullt. Gerade ist alles schön friedlich. Langsam beginne ich mich zu entspannen und alles tritt in den Hintergrund. Außer, diese Augen, diese unverkennbaren, eisblauen Augen...
Männertipps per Anhalter
Die Sirene eines Krankenwagens zerreißt die angenehme Stille und ich schrecke auf. Lalü, lalü. Ich lungere immer noch auf der Bank am Fluss, aber es dämmert schon stark. Die Sonne steht nicht mehr am Himmel. Bin ich etwa eingeschlafen? Ich habe doch nur einen Moment gedöst. Aber offenbar ist dieser Moment erheblich länger gewesen.
Etwas irritiert erhebe ich mich, greife meine Tasche und stakse die Böschung zur Straße hinauf, wo sich schon die ersten Straßenlaternen einschalten. Ich bin tatsächlich eingenickt. Doch ich kann mich nicht weiter darüber wundern, denn das Handy in meiner Rocktasche vibriert energisch und ich hole es hervor, um auf das Display zu sehen: Zehn entgangene Anrufe von Vanilla, zwölf von Lovin und sechs ungelesene Nachrichten. Ich öffne sie und mir schwant Übles. Alle, bis auf eine, sind von Vanilla. Lovin schrieb: 'Chocola Meilleur, wo bleibst du? Melde dich sofort!!!' Vanillas Nachrichten sind sehr viel netter formuliert. Es sind etwa fünf Versionen von 'Choco, wo bist du denn, wir machen uns Sorgen, bitte komm heim :'(' Vermutlich sitzt sie in dieser Sekunde heulend auf ihrem Bett und kriegt sich gar nicht mehr ein. Vanilla war schon immer nahe am Wasser gebaut. Eilig antworte ich auf ihre letzte SMS, versichere, dass ich nur die Zeit vergessen habe und auf dem Rückweg bin. Lovin schreibe ich nichts. Erstens, weil Vani ihm sowieso sofort Bescheid geben wird und Zweitens, weil er garantiert fuchsteufelswild ist; darauf kann ich gut verzichten.
Ich muss jetzt schnell zurück; quasi sofort! Kurz entschlossen halte ich meinen Daumen raus und schlendere in die Richtung meines Zuhauses. Vielleicht würde ja irgendjemand Freundliches anhalten und mich ein Stück mitnehmen. Ansonsten wäre ich bestimmt noch 'ne gute Stunde unterwegs. Klar, ich könnte Lovin anrufen, damit er mich abholt, aber da würde ich lieber sterben.
Und das Schicksal meint es doch tatsächlich gut mit mir und ich habe mal Glück. Nur wenige Minuten vergingen, bis eine alte Dame neben mir bremst, anhält und mich zu sich ins Auto einlädt. Es ist ein edler, schwarzer Wagen und er ist von außen und innen wie geleckt. Auf der Mittelkonsole sitzt ein kleiner, gescheckter Hund, der mich neugierig begutachtet, als ich auf den Beifahrersitz klettere und meine Tasche in den Fußraum stopfe. Es riecht seltsam, nach einer Mischung aus sterilem Leder und fragwürdigen Parfüms. Hat der Hund auch welches aufgelegt? Ich mustere die hechelnde Kreatur unauffällig.
„Wo soll es denn hingehen, meine Kleine?", krächzt die alte Dame zuvorkommend und fährt langsam wieder an. „Ehm, ich müsste ein gutes Stück die Straße runter, zum Stadtrand.", antworte ich ungewohnt höflich. Mir war gar nicht klar, dass ich zu sowas in der Lage bin. „Ah, wunderbar.", erwidert die Dame und fährt fort: „Ich muss auch aus der Stadt raus. Ich wohne hier nämlich gar nicht. War nur ein paar Besorgungen machen. Diana brauchte dringend neues Futter, das Alte mochte sie nicht mehr." Sie wirft einen raschen Seitenblick auf ihr kleines Hündchen und bewundert es liebevoll. „Tja, nichts ist mir lieber, als mein kleiner Engel. Deshalb sind wir extra nach außerhalb gezogen. Diana liieebt das Land. Dort kann sie viel besser rumtollen, als hier und für meine Gesundheit ist es ja auch viel besser - weniger Smog und mehr Ruhe. Hach."
So plappert sie weiter. Zum Glück erwartet sie keine Antworten oder Kommentare meinerseits. Manchmal nicke ich oder mache ein zustimmendes Geräusch und das scheint ihr voll und ganz zu genügen.
Nach einer Weile - ich habe wirklich keine Ahnung wie viel Zeit vergangen ist - unterbreche ich sie und deute auf eine imposante Auffahrt. „Dort können Sie mich rauslassen." „In Ordnung, mein Kind", krächzt die Alte daraufhin und lenkt ihren Wagen vor das verschlossene Tor. „Wow, ganz schön dekadent.", sie pfeift beeindruckt durch die Zähne. „Mir ist ja das einfache Leben lieber. Diana und ich brauchen nicht viel. Kleine Zwei-Zimmer-Holzhütte. Natürlich in bester Lage und mit großem Grundstück."
„Aha.", erwidere ich nur und stoße die Tür auf. „Danke für's Mitnehmen.", füge ich relativ emotionslos hinzu, da sagt sie noch etwas, was mich aufhorchen lässt. „Ach Kindchen, gerne doch, aber lächle mal wieder. Der Kerl ist es bestimmt nicht wert und in deinem Alter kommt bald der Nächste. Und ob der es dann wert ist, bleibt auch noch abzuwarten." Ich werfe ihr einen sichtlich verwirrten Blick zu, aber sie grinst nur schief, zieht die Beifahrertür von innen zu und braust davon. Einen kurzen Moment bleibe ich noch stehen, dann zwänge ich mich durch das schmiedeeiserne Tor, das die Auffahrt zu Lovins Villa versperrt. Die Eisenstäbe sind weit genug auseinander, sodass ich einfach hindurch steigen kann.
Ich sehe noch Licht in den Fenstern, nicht eines ist dunkel. Das kommt mir bescheuert vor. Warum sollte jeder Raum beleuchtet sein? Es gibt mehr als ein Zimmer, in dem sich im Grunde nur ein Sofa befindet. Als ich einige Schritte getan habe, aktivieren sich auch die Laternen und tauchen die riesige Auffahrt in helles Licht. Ich seufze und wappne mich schon mal gegen einen Schwall von Beschimpfungen von Lovin und eine erleichterte Heulattacke von Vanilla. Und es kommt, wie ich es prophezeite; zumindest fast.
Die Haustür wird aufgestoßen und Vanilla rennt mit hochrotem Gesicht auf mich zu, gefolgt von Lovin, der mich finster mustert. Allerdings kann ich auch bei ihm einen kleinen Hauch Erleichterung erkennen. „Oh, Choco.", jammert Vanilla und fällt mir um den Hals. „Wo warst du denn, ich war soo in Sorge. Ich dachte, man hätte dich entführt, dir was angetan!" Ich drücke sie auch leicht und ziehe sie dann mit mir Richtung Haustür. „Ich hatte einfach nur die Zeit vergessen.", wiederhole ich die halbherzige Entschuldigung aus meiner SMS. Der aufgebrachte Lovin scheucht uns ins Haus und schließt die Tür hinter uns. Vanilla hat sich mittlerweile von mir gelöst und mir dann ganz fürsorglich meine Tasche abgenommen. Anschließend eilt sie in die Küche und kommt mit einer dampfenden Tasse Tee wieder heraus – Schoko-Himbeer, lecker – die sie mir sofort in die Hand drückt. Dankbar nehme ich das Getränk entgegen. Es ist zwar nicht richtig kalt draußen, aber schon noch ein wenig frisch, wenn man nur in Schuluniform auf einer Bank im Freien einnickt.
Wider Erwarten lässt Lovin keine Schimpftirade auf mich los. Anscheinend sehe ich wirklich zerknirscht aus. Die alte Frau eben hatte das ja auch schon bemerkt. Nun gut, wer könnte mir meine Abgeschlagenheit schon verübeln, schließlich hatte ich erst kürzlich sechs Jahre geschlafen und jetzt prasseln so viele neue Dinge auf mich ein; neue und alte. Ich bin wirklich dankbar, dass Lovin nicht auch noch über mich herfällt. Dabei hätte ich alle meine neuen Kleider darauf verwettet, dass er mir die Hölle heiß machen würde. Ich bin fest darauf eingestellt gewesen. Aber heute noch ein Streit? Darauf habe ich gar auch so gar keine Lust.
Zu dritt setzen wir uns auf die Couch im Salon. Lovin will etwas besprechen und bei mir kehrt wieder ein flaues Gefühl in der Magengegend ein. Er wirkt wirklich ernst. Wie so oft schlägt er die Beine übereinander und legt seine Fingerkuppen aneinander. Sein Blick gleitet zwischen Vani und mir hin und her. Er wirkt fast ein wenig lauernd. Vielleicht bin ich ja doch noch nicht aus dem Schneider. Sein Schweigen zieht sich in die Länge und ich habe das dringende Bedürfnis, ihn zu schütteln. Doch bevor ich noch verrückt werden kann, beginnt er mit ruhiger, aber sehr ernster Stimme: „Es gibt nämlich Neuigkeiten für euch, überaus wichtige Neuigkeiten."
Neues Spiel
Lovin hält einen Moment inne. Bestimmt tut er das nur, um uns zu ärgern. Mir ist, als hätte man die Luft greifen können, so schwer und drückend ist sie. Die Zeit schleicht entsetzlich langsam voran, fast gar nicht. Jede Sekunde tickt die große Uhr an der Wand und ist dabei unnatürlich laut. Oder kommt mir das nur so vor? So oder so ist es ziemlich nervtötend. Mindestens genauso so sehr, wie Lovin, der uns unnötig auf die Folter spannt.
„Ihr wisst bestimmt noch, warum ihr hier in der Menschenwelt seid; wie könntet ihr das vergessen. Die nächste Thronfolgerin sollte ermittelt werden. Bedauerlicherweise kam dann dieser Zwischenfall.“ Wieder macht er so eine ätzende Kunstpause. Vielleicht würde ich ihn doch noch anfallen, wenn er nicht aufhört, meine Nerven zu strapazieren. „Und nun sind wir hier. Candy ist immer noch die Königin.“ Den letzten Satz berichtet er vor Allem mir. Vanilla weiß es bestimmt schon. Immerhin hat sie am ersten Tag nach ihrem Erwachen wohl schon Kontakt mit ihrer Mutter gehabt. Dann stutze ich. Warum ist Königin Candy eigentlich noch nicht hergekommen? Zumindest kurz? Immerhin ist ihre Tochter nach sechs Jahren wieder aus dem Koma erwacht. Natürlich gab es die Möglichkeit, dass sie heute Nachmittag hier gewesen war, aber irgendwie halte ich das für unwahrscheinlich. Müsste sie nicht vor Glück völlig wahnsinnig sein und stundenlang mit Vanilla quatschen wollen? Sie umarmen, ihr berichten, was so passiert war; sowas halt. Mein Blick gleitet zu meiner besten Freundin. Und müsste Vani es nicht mindestens genauso gehen?
Lovin fährt fort: „Sie hat sich all die Jahre geweigert, einen anderen Nachfolger auszuwählen. Dabei waren schon andere Kandidaten im Gespräch. Niemand wusste, ob ihr je wieder erwachen würdet und Candy kann ja nicht für immer im Amt sein. Auch sie wird älter. Manche hatten schon Sorge, dass es irgendwann keine Nachfolge mehr geben würde. Sie wollten vorsorgen. Aber Candy blieb bei ihrer Meinung. Es müsse eine von euch sein, hat sie immer gesagt. Deshalb ist sie auf dem Thron geblieben und hat sich nicht beirren lassen. Sie hat die Hoffnung nie aufgegeben.“ Ich falle ihm nicht einmal ins Wort, sondern nicke nur kaum merklich. „Aber jetzt weilt ihr wieder unter uns und es musste beschlossen werden, wie es weitergeht. Wie ihr euch vorstellen könnt, gab es reichlich Diskussionen. Schließlich passiert so etwas nicht jeden Tag. Und ich werde euch nun das Ergebnis verkünden.“
Ich würde ihn umbringen! Er spannt uns doch extra lange auf die Folter. Es ist wirklich nicht zum Aushalten. Dabei muss ich einfach wissen, wie es jetzt weitergehen soll. Was auch passiert war, dieser Wettbewerb ist mir wirklich wichtig. Früher wollte ich auch schon unbedingt Königin werden, hatte mich aber nie ausreichend darum gekümmert, mich nicht genug angestrengt. Stattdessen hab ich immer irgendeinen Unsinn angestellt und mich nach der Zauberwelt zurückgesehnt. Wahrscheinlich bin ich einfach noch zu jung gewesen. Aber jetzt ist das anders. Ich will das erreichen, was meiner Mutter nicht gelungen war. Das war mir nach dem Aufwachen aus dem Koma relativ schnell klar geworden, auch, wenn ich mich bislang noch nicht getraut hatte, diesen Wunsch so deutlich zu formulieren; und sei es nur in meinem Kopf. Ich will Königin werden und so alle stolz machen. Endlich mal beweisen, dass Cinnamons Tochter auch was kann; dass sie sehr wohl nach ihrer Mutter kommt. Ich will es den überheblichen Besserwissern am Hof unter die Nase reiben, Lovin und meinem Großvater; einfach allen! Und wer weiß, vielleicht könnte sich dann ja sogar mein Großvater vielleicht mal ein Lächeln abringen.
„Ihr werdet erneut im Wettkampf gegeneinander antreten. Alle Herzen, die vorher gesammelt wurden, zählen nicht mehr. Ihr startet wieder bei Null. Darüber gab es lange Debatten, aber so wurde es am Ende beschlossen. Also geht es für euch wieder von vorne los. Sammelt die Herzen der Menschen. Bis zu den Sommerferien solltet ihr mindestens 2000 Ecru gesammelt haben, um euch für alles Weitere zu qualifizieren.“ 2000 Ecru... Das wären zwei pinke Herzen. Vermutlich ist es uns jetzt auch möglich, violette zu bekommen. Irgendwie eine erschreckende Vorstellung. Ich denke an Lovin und seine vielen Frauen und schüttele mich kurz. Bääh. Mit meinen Pisseherzen, davon hatte ich beim letzten Mal die meisten, würde ich nicht so weit kommen, die waren jeweils nur fünf Ecru wert. Ich brauche also eine gute Strategie.
„Möge die Bessere gewinnen!“ Mit diesen Worten reißt Lovin mich aus meinen ratternden Gedanken. Einen Moment lang ist es komplett still. Niemand sagt etwas. Dann quiekt Vanilla begeistert los und umarmt mich stürmisch. „Supi. Das ist doch toll, oder Choco?“ Sie sieht mich erwartungsvoll an und ich nicke. Das ist es wirklich. Es ist also noch nicht zu spät. Ich habe noch eine Chance!
Dann reicht Lovin uns unsere Zauberstäbe und ich drücke meinen fest an mich, streiche über die Herzspitze und kann mein Glück kaum fassen. Es ist natürlich ätzend, dass Vanilla und ich wieder Konkurrentinnen sind. Aber wir sind jetzt reifer und ich bin mir sicher, dass wir nicht wieder solche Probleme haben würden, wie früher.
Vani verschwindet, fröhlich mit ihrem Zauberstab wedelnd, und mit den Worten „Ich mache jetzt Abendessen für uns alle.“ in die Küche und lässt Lovin und mich alleine zurück. Er lächelt mich an, viel freundlicher, als sonst immer. Erst stimmt mich das misstrauisch, aber in diesem Moment merkte ich, dass er mich vielleicht doch genauso gern hat wie Vanilla. Auch, wenn ich das verzogene, burschikose Rotzgör bin; zumindest noch. Jetzt habe ich meine zweite Chance bekommen. Und ich würde sie nutzen. Da bin ich mir sicher!
Duke kommt quakend in den Raum gehüpft und springt auf meinen Schoß. „Also, dann ist das Spiel ja von Neuem eröffnet - quak.“ „Ja.“ Ich lache und tätschle seinen kühlen, glatten Körper. Er muss mir unbedingt helfen, einen guten Plan auf die Beine zu stellen. Vielleicht konnten wir ja nachher noch mit unseren Überlegungen anfangen. Lovin sieht streng zu mir herüber. „Ja, Chocola und vielleicht machst du diesmal dem Namen deiner Mutter mehr Ehre.“ Ich strecke ihm die Zunge heraus. So schnell ist alles wieder beim Alten, wieder so vertraut. Das erste Mal fühlt es sich okay an, 17 zu sein. Denn jetzt gerade ist alles, wie es sein muss.
Mein kleiner, glitschiger Duke, den ich streichle, wie eine Katze. Blanca, die mich ständig kritisiert. Lovin, der es ihr ähnlich tut, aber trotzdem auf seine ganz eigene Weise ein guter Mentor ist, Vanilla, die eine bessere beste Freundin als Konkurrentin und immer für mich da ist. Und doch ist auch alles anders.
Ich bin wirklich erleichtert, wie es gekommen ist. Und dass ich noch die Chance habe, das zu erreichen, was meine Mutter der von Vanilla überlassen hatte. Dieses Mal werde ich sie stolz machen. Das nehme ich mir ganz fest vor. Zweimal die gleichen Fehler zu machen, kommt für mich nicht in Frage. Ich bin so entschlossen, wie noch nie!
Lovin erhebt sich und fächert sich mit der Hand Luft zu. „Hach, riecht das gut. Wenn Vanilla genauso gut Herzen sammelt, wie sie kocht, sehe ich schwarz für dich, Chocola.“ Er grinst mich feixend an und ich verenge die Augen zu Schlitzen. Als Antwort fauche ich nur: „Jajaja.“ Jetzt ist also alles wieder beim Alten. Wir haben Klarheit und eine Aufgabe. Mögen die Spiele erneut beginnen!
Plötzlich Pyjamaparty
Nach dem Essen bin ich direkt in mein Zimmer verschwunden. Nicht, ohne mir von Vanilla das Versprechen abnehmen zu lassen, dass wir morgen nach der Schule was unternehmen würden. Das war eine gute Idee. Ich freue mich darauf, Zeit mit ihr zu verbringen. Einfach mal wieder wir beide. Beste Freundinnen, die einen spaßigen Nachmittag miteinander verbringen.
Vani und Lovin bleiben noch unten, aber ich bin froh, als ich mich endlich auf mein Bett werfen und mein Gesicht im Kissen vergraben kann. Was für ein anstrengender Tag! Es gibt so viel zu verarbeiten. Die Begegnung mit Pierre und was das in mir ausgelöst hatte. Aber auch Lovins Neuigkeiten. Das alles reißt mich hin und her zwischen Euphorie und Wut.
So liege ich eine Weile da und fluche hin und wieder leise ins Kissen, bis ich plötzlich ein Klopfen am Fenster vernehme. Bilde ich mir das nur ein oder was kommt jetzt noch? Ehrlich, für einen Tag ist genug passiert! Das Kissen immer noch fest umklammert, richte ich mich mit einer Bewegung auf und starre an die Scheibe. Na, hol mich doch der Teufel, da sind Houx und Saule! Meine bittere Miene weicht einem breiten Grinsen und ich stolpere hastig zum Fenster, um es zu öffnen und meine beiden besten Freunde hereinzulassen. Sie bringen eine Woge kalter Nachtluft mit, aber das kümmert mich nicht und ich falle ihnen beiden gleichzeitig um den Hals. Es endet mit einem Sturz und ungelenkem Gruppenkuscheln auf meinem Teppich. Hoffentlich hat Lovin nichts gehört, sonst würde ich heute doch noch meine Moralpredigt bekommen.
Dann stoße ich die beiden Jungen von mir und grinse frech. „Verdammte Scheiße, hab' ich euch vermisst. Wie ist es euch ergangen?“ Ich verschränke meine Beine zum Schneidersitz und lehne mich nach vorne. Es tut so gut die beiden wiederzusehen, vor Allem wenn man bedenkt, wie der Tag heute gelaufen ist. Auch sie haben sich verändert; sehen viel erwachsener aus. Trotzdem sind es noch ganz eindeutig die Zwillinge, die ich seit meiner frühesten Kindheit kenne.
Saule knufft mich in die Seite und strahlt. „Na, jetzt auf jeden Fall viel besser. Als wir von Lovin gehört haben, dass ihr wieder aufgewacht seid, sind wir sofort in die Menschenwelt gekommen.“ Ich knuffe ihn zurück. „Natürlich haben wir jetzt wieder einen Anlass öfter herzukommen.“, fügt Houx hinzu und ich knuffe auch ihn. Ich bin so glücklich gerade. Die beiden haben mir wahrlich den Abend versüßt; um nicht zu sagen, den Tag gerettet. Also, zusätzlich zu der Nachricht, dass der Wettstreit fortgesetzt werden würde.
Aber warum sind die beiden eigentlich erst heute aufgekreuzt? Haben sie die Nachricht unseres Aufwachens vielleicht gar nicht sofort erhalten? Vielleicht wurde in der Zauberwelt beschlossen, erst zu entscheiden, wie es weitergehen soll, bevor man die Neuigkeiten öffentlich macht. Das kann schon sein, Politik ist manchmal komisch. Ach, aber eigentlich ist mir das doch völlig schnuppe. Sie sind hier, was anderes zählte nicht.
Ich erzähle ihnen von der großen Neuigkeit. Also, dass der Wettbewerb von vorn losgehen würde und dass Vanilla wieder normal ist, keine düstere Ogul-Prinzessin mehr. Wie ungewohnt es ist, auf einmal 17 Jahre alt zu sein. Von meiner scheußlichen Mathelehrerin und der neuen Schule. Pierre verschweige ich. Das geht schließlich nur mich was an. Außerdem will ich mir nicht schon wieder die Laune vermiesen.
Houx und Saule berichten mir von den Tumulten in der Zauberwelt. Was es für ein Drama war, dass die beiden Königin-Anwärterinnen durch einen dubiosen Unfall im Koma lagen. Wie Königin Candy - gütig und klug wie eh und je - darauf beharrte, dass alles ein gutes Ende nehmen würde. Dass mein Großvater noch griesgrämiger geworden ist, als er es vorher war. Dass das möglich sein soll, hätte ich vorher nie geglaubt. Er war doch immer schon so ein alter Murrkopf. Dass es das Gerücht gab, dass meine Familie verflucht sei, weil alle Frauen viel zu früh dahin gerafft wurden und dass bestimmt ein Ogul die Macht an sich reißen würde.
Ein Quaken dringt durch die Tür zu uns und ich rolle mich ungeschickt dorthin, reiße die Tür laut auf und lasse Duke herein. Er sieht uns vorwurfsvoll an. „Müsst ihr nicht schlafen? Morgen ist Schule, Chocola. Du solltest fit sein oder willst du direkt den ersten Tag der Herzenjagd verschwenden?“ Ich hebe ihn auf und besänftige ihn. „Machen wir ja gleich. Gönn' mir doch ein bisschen Freude.“ Behutsam trage ich ihn zu meinem Kleiderschrank und lege meinen kleinen Begleiter hinein. Er sieht mich noch einmal mahnend an und wirft einen Blick auf Houx und Saule, die immer noch hinter mir auf dem Boden hocken. Allerdings sagt er nichts. Das rechne ich ihm hoch an. Er weiß, dass die beiden quasi meine Familie sind und wenn er uns bei Lovin verpetzt, würde der die Jungs hochkant rausschmeißen. „Hier kannst du in aller Ruhe schlafen.“, flüstere ich freundlich und mache dann mit diesen Worten die Schranktür zu; natürlich so, dass mein kleines Fröschlein mit einem kräftigen Sprung immer noch raus kann, wenn er das will. Aber ich hoffe auch, dass die Tür ihn soweit abschirmt, dass er ein wenig Ruhe bekommt. Denn ehrlich gesagt, ist mir gar nicht mehr nach Schlafen zumute, ich bin viel zu aufgekratzt.
Rasch setze ich mich wieder zu Houx und Saule. Wir plaudern und plaudern und als ich das nächste Mal auf den Wecker sehe, blinkten mir vier Zahlen fast schon vorwurfsvoll entgegen: 02:34. Ich schlucke schwer. In knapp vier Stunden muss ich wieder schon aufstehen. Wie soll das denn gehen? Hilfesuchend sehe ich Houx und Saule an. Houx gähnt und streckt sich und auch Saule wirkt nicht mehr so fit wie am Anfang. Dann bin ich ja immerhin nicht die Einzige. Das Gähnen steckt an und ich lehne mich an den Schrank. „Ich bin so müde.“, meine ich und gähne gleich noch einmal. Saule nickt zustimmend. „Frag' mal.“
Etwas wackelig auf den Beinen erhebe ich mich und Houx springt auf, um mich zu halten. „Geh' weg, du Spinner.“, piesacke ich ihn und schiebe ihn von mir. Schließlich bin ich kein gebrechliches, kleines Mädchen. „Wenn ihr wollt, könnt ihr hier schlafen.“, verkünde ich murrend. „Das Bett ist ja groß genug.“ Mit diesen Worten lasse ich mich auf das zwei Meter breite Ungetüm fallen und kicke meine Schuhe von den Füßen.
Houx und Saule stehen auf; fast synchron, das sieht echt ulkig aus, und tun es mir gleich. Jeder der beiden geht an eine Seite des Bettes und legt sich dort hin. „He, warum muss ich in die Mitte?“ Das ist der schlechteste Platz, weil man die wenigste Bewegungsfreiheit hat. „Wir müssen dich doch beschützen, Choco-chan.“ Ach, die Leier wieder. Das ist ja auch damals schon ihr Vorwand gewesen, um überhaupt in die Menschenwelt zu kommen. Houx und Saule, die Beschützer von Chocola Meilleur. Mit einem Seufzer beuge ich mich ihnen. Na gut, so kann ich immerhin nicht aus dem Bett fallen. Das ist doch auch was Gutes.
Es ist ein wahnsinnig vertrautes Gefühl, neben Houx und Saule einzuschlafen. Es ist wie damals, als wir alle noch Kinder waren. Wie oft sind wir bis tief in die Nacht wach geblieben und manchmal an den unmöglichsten Orten eingepennt. Mehr als einmal hatte es dafür gehörigen Tadel gegeben. Aber es ist immer lustig gewesen. Und mit diesen letzten Gedanken entschwand ich ins Reich der Träume.
Der Morgen vertreibt weder Kummer noch Sorgen
Als um sieben Uhr der Wecker das zweite Mal schellt, richte ich mich unbeholfen auf und schlage mit der flachen Hand auf die Schlummerfunktionstaste. Unmöglich, ich kann noch nicht aufstehen, ich fühle mich wie gerädert. Es ist, als wäre ein Lkw mehrmals über mich rüber gerollt. Auch der halbherzige Versuch, mir den Schlaf aus den Augen zu reiben, hilft da nicht viel. Wie gerne würde ich mich einfach wieder in die Laken werfen, aber ich höre schon Schritte die Treppe hochkommen und so energisch, wie sie klingen, kann es sich nur um Lovin handeln, der bereit ist, mich wieder unsanft aus den Federn zu schmeißen.
Ich murre und trete erst Houx und dann Saule mit dem Fuß. Als würde ich die beiden einfach friedlich weiter schnarchen lassen. Wieso sollen die weiterschlafen dürfen, wenn ich es nicht kann? Wir sitzen im selben Boot, was heißt: Gleiches Recht für alle. Mitgefangen, mitgehangen!
Irgendwie rolle ich von der Matratze runter und stakse ins Badezimmer. Bevor ich durch die Tür trete, drehe ich mich noch einmal um, greife mir einen Comic von einem nahegelegenen Regal und werfe das Heft beherzt aufs Bett. „Aufstehen, ihr Kameradenschweine!" Die Schritte, die ich eben auf der Treppe gehört habe, entfernen sich wieder. Immerhin das bleibt mir erspart.
Ein, nein besser zwei Hände Wasser ins Gesicht und es geht mir... Nein, immer noch nicht besser. Vielleicht würde ja ein kleiner Snack helfen.
Im Pyjama quäle ich mich irgendwie die Treppe runter und lasse mich auf einen Stuhl am Küchentisch plumpsen. Vanilla ist natürlich - wie eigentlich immer - schon wach und begrüßt mich fröhlich. „Guten Morgen, Choco. Hast du gutgeschlafen?" Ich sehe sie nur mürbe an. Im Backofen garen Croissants und Brötchen und Vanilla drapiert Butter, Käse und Marmelade auf der Tischplatte und setzt eine Kanne Wasser auf. „Ohje, du siehst ja ziemlich erledigt aus." Ich nicke kraftlos. „Ich bin bestimmt krank. Ich sollte wohl besser zuhause bleiben."
„Nein, solltest du nicht.", kommt prompt die Antwort, aber nicht von Vanilla, sondern von Lovin, der in diesem Moment in die Küche spaziert kommt. „Aber ich bin krank!", jammere ich. Lovin tut das nur mit einer kurzen Handbewegung ab und erwidert: „Unfug, du bist einfach nur viel zu spät ins Bett gegangen." Ich murre, aber er lässt mich gar nicht zu Wort kommen. „Versuch gar nicht erst, dich raus zu reden, ich weiß doch, dass Houx und Saule immer noch in deinem Bett liegen."
Mist, hat er mich also doch ertappt. So kann ich das Zuhausebleiben wohl endgültig knicken. Na, großartig!
Vanilla hält inne und sieht mich an. „Houx und Saule sind wieder hier?", fragt sie und fügt dann flüsternd hinzu: „Und sie sind in deinem Bett?" Aus ihrer Stimme klingt blanke Empörung. Ein schiefes Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. „Ja und ja. Aber so, wie du das sagst, klingt das, wie etwas Schlimmes." Was denkt sie nur? Es geht hier immerhin nur um Houx und Saule.
„Schön, dass sie da sind.", stellt Vani fest und lächelt ein wenig. Fast schon zu viel, wenn man mal bedenkt, dass sie mit Houx und Saule nie so gut befreundet war, wie ich; eigentlich sogar gar nicht. Dafür war Vanilla immer viel zu schüchtern und ängstlich gewesen; und zu behütet. Ich mag ihre Mutter, sie war eine gute Königin und Mutter, aber auch bevormundend. Und das merkt man Vanilla wirklich an. Na ja!
Lovin setzt sich auf einen freien Stuhl und blättert wieder mal in der Zeitung. Seit wann liest er die eigentlich so regelmäßig? Man könnte fast denken, dass er ein vernünftiger Erwachsener ist. Ich beobachte ihn ungläubig und puste auf den Tee, der vor mir stand, um ihn abzukühlen. Am liebsten würde ich einen schnippischen Kommentar fallen lassen, aber ich bin wirklich zu erledigt. Da muss ich meine Kräfte schonen. Schließlich besteht so gut wie keine Chance, dass Lovin mich zuhause lassen wird.
Wir frühstücken, wobei ich mir eher auf Zwang ein Brötchen in den Mund schiebe und es mit dem Kräutertee hinunterspüle. Dann muss ich mich nochmal ins Bad kämpfen. Was Duke gestern gesagt hat, stimmte schon. Ich kann meinen ersten Tag nicht verschwenden, ich muss heute mindestens ein Herz ergattern und am besten kein olles, gelbes.
Schuluniform angezogen, Haare gebürstet, Zähne geputzt. Ich betrachte einen Moment lang meine Schminke, dann lass ich von dem Gedanken ab und lache nur. Ne, das ist heute wirklich nicht drin. Und wenn ich dadurch kränklich aussehe, besteht ja zumindest die Chance, dass ich von den Lehrern früher nach Hause geschickt werde. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt! Ich fasse mein Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und binde es dann zu einem lockeren Dutt.
Ich trage es nicht viel anders, als vor meinem Koma. Darauf habe ich beim Friseur bestanden, sonst hätte ich mich vermutlich gar nicht wiedererkannt. Also fällt mir das rot-orange Haar noch immer in langen, glatten, roten Strähnen bis über die Hüfte. Ich habe nur irgendwie das Gefühl, dass es ein wenig dunkler ist, als damals, aber da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht irre ich mich auch. Ich zucke nur mit den Schultern und verlasse das Badezimmer.
Houx und Saule sitzen immer noch verschlafen auf meinem Bett. Es ist nur ein kleiner Fortschritt, aber immerhin haben sie die Augen offen und sich ein Stückchen aufgerichtet. „Ich muss jetzt los. Vielleicht solltet ihr nicht zu lange bleiben, Lovin weiß, dass ihr hier seid." Sie sehen mich erschrocken an. „Oh Mist.", murmelt Saule und stößt dann seinen Bruder an. Beiden sehe ich deutlich an, dass auch sie keine Lust auf Ärger mit ihm haben. „Okay, wir melden uns später.", sagt Houx matt. „Ja, bis später, Chocola.", ergänzt Saule noch und die beiden raffen sich nun endgültig auf. Ich winke und verlasse dann mein Zimmer.
Vanilla kommt mir entgegen. Sie duftet nach Vanille-Parfüm und sieht viel fitter und gepflegter aus, als ich.
Vor unserem Friseurbesuch waren ihre hellblonden Locken schulterlang gewesen, aber auch sie orientiert sich eher an der Vergangenheit und schnitt es wieder fast so kurz, wie vor dem Koma. Ich habe das Gefühl, wir haben da beide nicht lange überlegt, sondern einfach gehandelt.
Zusammen verlassen wir das Haus und steigen in Lovins Auto. „Mehr Motivation, Mädels.", feuert er uns an und dann verlassen wir den Hof.
Heute ist es bedeutend kälter, als gestern, aber Lovin lässt das Dach trotzdem auf. „Das weckt vielleicht deine Lebensgeister, Chocola.", meint er. Dann spricht er ein anderes Thema an. „Also meine Mädchen, bald könnt ihr ja selber fahren. Wird Zeit, dass wir euch in der Fahrschule anmelden." Ich stöhne ungläubig. „Was bitte? Wir sind Hexen. Wieso sollen wir Menschen-Autos fahren?" Aber Vanilla unterbricht mich - ungewöhnlich für sie.
„Mensch, Choco, wir müssen uns doch hier integrieren. Außerdem können wir doch nicht erwarten, dass Lovin uns immer fährt." „Aber wir könnten doch zum Beispiel fliegen!", schlage ich vor, aber Lovin tut das mit leicht verärgerter Stimme ab. „Chocola, sei nicht immer so widerborstig. Warum kannst du nicht mehr wie Vanilla sein?"
Ich knurre leise und verschränke die Arme. Pff, jetzt bin ich froh, dass ich gleich in der Schule sitzen konnte, wo ich mit keinem reden musste, sondern einfach stumm an meinem Pult hocken konnte. „Ich hol' euch später aus der Stadt ab. Ruft mich an, ja?!" Mit diesen Worten verabschiedet er sich und fährt davon. Mir fällt auf, dass er offenbar nicht nach Hause fährt, sondern in die entgegengesetzte Richtung, weiter in die Stadt. Wahrscheinlich hat er ein Date oder sowas.
Vanilla stupst aufmunternd meinen Arm. „He, Choco-chan, lach doch mal! Nur sechs Schulstunden, dann können wir was Schönes in der Stadt unternehmen."
Aller guten Dinge sind drei? oder: Vanilla legt vor
Die ersten Unterrichtsstunden ziehen sich irre in die Länge. Es fällt mir wahnsinnig schwer, die Augen offen zu halten. Während die Minuten so dahinkriechen, stütze ich meinen Kopf in die Hände und werde immer wieder von Sekundenschlaf durchgeschüttelt. Außerdem ist mir schrecklich kalt. Vermutlich würde ich jetzt echt krank werden und dann ist nur Lovin daran schuld!
Es klingelt zur großen Pause und ich habe wirklich das Gefühl, gleich vom Stuhl zu kippen. Vanilla kommt an mein Pult und mustert mich besorgt. „Hey Choco-chan, alles ok?" Ich nicke nur in dem vollen Bewusstsein, dass hier gar nichts okay ist. Ich muss irgendwas tun, wenn ich den restlichen Schultag überleben will. „Mensch, Vanilla, ich muss kurz zum Kiosk und mir 'nen Energy-Drink oder so holen, sonst penne ich gleich einfach ein. Ich bin sofort wieder da." Und mit diesen Worten pese ich auch schon los und lasse Vani einfach stehen, ohne abzuwarten, ob sie vielleicht noch was zu sagen hat.
Wie automatisch tragen meine Füße mich raus aus dem Schulgebäude und runter vom Schulhof. Ich renne wie eine Irre. Ein kleines Stück rechts die Straße runter, ist eine kleine Tankstelle und durch die gläserne Eingangstür trete ich ein. Zielstrebig stelle ich mich vor das Regal mit den Energy-Getränken und greife mir wahllos vier Halbliter-Dosen. Ich nehme einfach die billigsten. Schließlich will ich keinen speziellen Geschmack, sondern einfach nur nicht mehr so krass durchhängen.
Dankbar nehme ich dem Verkäufer die Dosen ab, als er sie abkassiert hat. Er wirkt noch ziemlich jung, vielleicht 19 oder so. Ich nehme ihn aber nur am Rande wahr, bis mir etwas auffällt: Sein Herz leuchtet orange. Es ist ein helles Orange, aber es ist orange. Ich mustere ihn genauer.
Er lächelt und druckst irgendwie rum, während ich noch immer etwas verdattert vor ihm stehe. Dann fragt er mich, ob ich nicht einmal mit ihm ausgehen wolle. Ich blinzle überrascht. Was soll ich dazu sagen? Ich weiß es nicht so recht und will gerade sein Herz einsacken, da halte ich inne.
Vielleicht sollte ich wirklich mit ihm ausgehen. So könnte vielleicht mehr als ein orangenes Herz für mich rausspringen. Kurzentschlossen lächle ich ihn an und nicke. „Klar doch." Ich greife unbekümmert nach dem Kulli und einem der Lottoscheine, die auf dem Verkaufstresen ausliegen und kritzle meine Handynummer mit meinen Namen darauf. Außerdem male ich wie automatisch ein kleines Herz dahinter. Dann drücke ich dem Verkäufer den Schein in die Hand. „Bis dann.", meine ich noch keck und schreite gelassen zur Tür. Da hat sich dieser kleine Ausflug ja direkt doppelt gelohnt.
Doch, als ich durch die sauberen Scheibe des Eingangs blicke, gerät mir etwas ins Sichtfeld, was mich kurz aus den Latschen reißt. Pierre! Schon wieder! Verfolgt er mich oder warum läuft er mir ständig über den Weg? Das ist doch nicht mehr normal. Will irgendeine höhere Macht mich hier verarschen?
Pierre ist nicht alleine, sondern offensichtlich mit einigen Kommilitonen unterwegs. Darunter auch das Mädchen, mit dem ich ihn beim Schuhekaufen gesehen habe. Sie klammert sich an seinen Arm und lacht schrill, das höre ich sogar durch das Glas. Klingt wirklich bescheuert, total übertrieben. So kann doch kein normaler Mensch lachen.
Sie kommen auf die Tür der Tankstelle zu und wollen offensichtlich rein. Ähmm, wie war das mit dem Verarschen? SOS, SOS! Ich werde panisch und sehe mich um. Scheiße, es gibt nur diesen einen Ein- und Ausgang.
Ich tue so, als müsste ich meinen Schuh zuschnüren und bücke mich auf den Boden, wobei ich mein Gesicht so gut es ging verberge. Die Dosen stelle ich vor mir ab. Der Verkäufer reckt den Hals und mustert mich mit einer Miene irgendwo zwischen Irritation und Sorge. Der soll jetzt bloß keine Aufmerksamkeit auf mich lenken!
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die Glastür sich öffnet. Wenn sie jetzt reinkommen, dann kann ich doch bestimmt unerkannt hinausschlüpfen. Ich richte mich langsam auf, stoße aber aus Versehen eine meiner Dosen weg. Sie rollt über den blanken Boden, bis sie schließlich von einem braunen Schuh gestoppt wird. Mein Blick wandert weiter hoch, über ein Hosenbein und dann erkenne ich einen von den Jungs, die eben mit Pierre über die Straße gelaufen sind.
Mürrisch sehe ich auf und greife danach. „Nimm deine Latschen weg!", motze ich ihn an und runzle verärgert die Stirn, aber vermutlich wwill er mir gar nichts Böses, sondern eigentlich nur nett sein. Pff, kann mir ja egal sein! Pierre, der den Arm um seine Freundin gelegt hat, sieht mich amüsiert an; nicht auf die nette Weise, eher als wäre ich eine erbärmliche Kakerlake zu seinen wortwörtlichen Füßen.
Ich überlege kurz und wäge meine Möglichkeiten ab. Soll ich einfach weglaufen oder stehen bleiben? Mich entschuldigen oder weiter wettern? Ich kann gerade wirklich nicht beurteilen, was das Klügste wäre. Es ist, als wäre mein Hirn im Stand-By-Modus. Aber ich kann hier nicht einfach dämlich rumstehen, das ist eindeutig die bescheuertste Option. Fast automatisch macht mein Mund einfach, was er für das Richtige hält.
„Wenn man was aufheben will, macht man das entweder richtig oder man lässt es.", fahre ich Pierres Kumpel weiter an, schnappe mir die entflohene Dose und schlinge meine Arme fester um meine Getränke. Dann mache ich auf dem Absatz kehrt, ohne von Pierre Notiz zu nehmen und versuche, dabei eher würdevoll, als flüchtend zu wirken. Ob es mir gelingt kann ich wirklich nicht beurteilen. Aber immerhin bin ich jetzt aus dieser Situation raus, muss mich nicht weiter mit Pierre und seinem Gefolge rumärgern, allen voran die grässliche Lacherin. Ich sollte mir eine Strategie überlegen, wie ich den Blödmann in Zukunft besser vermeiden kann.
Ich bin wahnsinnig froh, als ich kurz darauf in den Klassenraum zurückkehre. Vanilla sitzt mit schüchternem Blick auf ihrem Pult und ist von einem Pulk von Jungs umringt. Ich kämpfe mich grob durch die Gruppe hindurch, bis ich vor meiner besten Freundin stehe und meine Dosen auf ihre Tischplatte knalle.
„Abflug.", befehle ich den Jungs barsch. Unzufrieden murrend ziehen sie ab. Ist auch besser für sie, wo ich noch reichlich Aggressionen in mir habe, die ich nur zu gerne rauslassen würde. Vanilla strahlt mich an. „Choco, ich hab schon zwei orangene und ein violettes Herz. Damit hab ich schon die 2000 Ecru-Marke geknackt!" Mist, dann hat sie ja schon 3100 Ecru; und ich noch gar keine!
Ich versuche krampfhaft zu lächeln, schließlich ist es ja schön für Vanilla. Ich freue mich für sie. Sogar ein lilanes Herz, wow. Vor unserem Koma hatten wir das beide noch nie. Bisher habe ich das auch nur bei Lovin gesehen. Das war also tatsächlich ein Vorteil, wenn man 17 und nicht mehr 11 Jahre alt ist. Mit 11 war leidenschaftliches Begehren noch kein Thema, jetzt dagegen schon. Schließlich ist auch Sex allgegenwärtig; besonders in unserem Alter. Ich muss mich unbedingt reinhängen, um nicht wieder meine Qualifizierung zu gefährden. Vielleicht bietet sich ja eine Chance, wenn ich nachher mit Vanilla in die Stadt gehe.
Ich trinke eilig eine Dose Energy leer, dann die zweite. Wie von Sinnen kippe ich mir das Gesöff, das offen gesagt nicht sonderlich gut schmeckt, in die Kehle und hoffe, dass es einfach schnell wirkt.
Gleich haben wir wieder wieder Mathe und gerade bei Frau Kanjuji will ich nicht schon wieder allzu negativ auffallen. Mehr Moralpredigten? Nein, danke.
Déjà-Vu
Auch der Rest der Schulstunden schleicht nur so vor sich hin. Aber die ekligen Dosengetränke helfen mir ein wenig. Nur fühle ich mich irgendwie seltsam zittrig. Ich drehe hektisch Däumchen oder starre angestrengt aus dem Fenster, um vielleicht irgendwas Interessantes zu sehen. Aber da ist nichts. Nicht einmal ein Vogel fliegt vorbei. Das ist doch nicht normal!
Ich will Vanilla mitteilen, wie sehr mir gerade alles auf den Geist geht, aber sie tauscht Zettelchen mit einem der Jungen. Wenn ich mich nicht irre, ist das Yuto. Der verknallt sich etwa dreimal am Tag in Vanilla. Kein Wunder, dass sie soviel Ecru hat. Genervt verdrehe ich die Augen. Wieso nur läuft es bei ihr so gut und bei mir so gar nicht? Ich sehe mich kurz um, erhasche aber nur einen kurzen Blick auf Akira, dem ich die Zunge rausstrecke. Ansonsten nimmt niemand wirklich Notiz von mir.
In der nächsten Pause eile ich aufs Klo. Ich muss echt wahnsinnig doll pinkeln. Daran ist sicher dieser Energy schuld. Meine Blase ist so voll, ich habe das Gefühl, sie würde gleich platzen. Aber nichts dergleichen geschieht. Meine Pipi landet ganz normal im Klo. Erleichtert trete ich dann wieder in den Flur und sehe auf einmal jemanden, mit dem ich hier nicht gerechnet habe; genau genommen zwei Personen: Houx und Saule! Was machen die beiden Spinner denn hier? Oh Gott, ist das hier ein verdammtes Déjà-Vu? Ich mag die beiden ja sehr, aber diese Ritter-Nummer – schon wieder - muss doch wirklich nicht sein.
Ich zurre meinen Haarknoten fest und schreite energisch auf sie zu. „Houx! Saule!", fauche ich die Zwillingsbrüder an und drängle grob die Mädchen beiseite, die sich um sie herum scharen. Es ist doch jedes Mal das Gleiche! „Choco!" Saule fällt mir strahlend um den Hals und ich ziehe eine grimmige Schnute. „Na, weißt du noch? Wir müssen dich beschützen!", flüstert er mir verschwörerisch zu. Ich seufze und löse mich von ihm, ehe ich losmeckere. „Zur Hölle, bin ich nicht mittlerweile alt genug? Ich bin doch quasi erwachsen. Ich dachte ihr liegt noch in meinem Bett und pennt weiter!" Eine kichernde Mädchenstimme unterbricht mich und verkündet laut: „Die Neuen waren heut' Nacht in Chocolas Bett!" Dafür erntet sie soviel albernes Gekicher, dass es mir in den Ohren klingelt. Was soll der Aufruhr? Ist doch nichts Neues? Wir drei haben schon oft nebeneinander geschlafen. Vanilla hatte letzt auch schon so komisch reagiert. Houx tätschelt mir das Haar und lächelt besänftigend. „Die wissen doch alle nicht, dass wir deine Kindergarten-Freunde sind. Die denken jetzt, du wärst 'ne ganz schöne Aufreißerin." Suuuper. Ich rolle wieder mit den Augen. Ja gut, damit muss ich mich jetzt arrangieren. Ändern kann ich es sowieso nicht mehr. Allein schon gegen die gerade herrschende Lautstärke habe ich nicht die geringste Chance.
„Moment, was meinte sie mit 'die Neuen'? Ihr wollt mir doch hoffentlich nicht erzählen, dass ihr euch wieder an meine Schule geschmuggelt habt?" Dieser Gedanke kommt mir jetzt erst. Houx lächelt mich verschmitzt an: „Wir sind 19, wir studieren nebenan. Aber du weißt ja... Wenn man neu ist, verläuft man sich manchmal." Das kann doch einfach nicht wahr sein. Er lächelt weiter sein dämliches Lächeln, während Saule sich zufrieden in der Aufmerksamkeit der kichernden Mädchen sonnt. Typisch! Genervt ziehe ich eine Augenbraue hoch und lehne mich erschöpft gegen Houx. Er lacht nur. Also ist alles wie gehabt.
Ich kehre in die letzten beiden Schulstunden zurück und wie durch Zauberhand, sind sie irgendwann vorbei. Es ist ein Segen, ich habe es geschafft! Ich habe zwar keine Ahnung, was mir in diesen letzten beiden Stunden beigebracht wurde, aber das ist auch ganz egal.
Mein Kopf knallt auf die Tischplatte, was allerdings von der Schulglocke übertönt wird. Der Klang meiner Freiheit! Ich fege die leeren Getränkedosen in meine Tasche. Zwar bin ich jetzt nicht mehr so müde, wie heute früh, aber richtig wohl fühle ich mich auch nicht. Irgendwie aufgedreht und als würde ich neben mir stehen. Es fühlt sich absurd an.
Vanilla holt mich in die Realität zurück und fragt mit sanfter Stimme, wo ich denn am liebsten hingehen wolle. Unschlüssig richte ich mich auf und sehe meiner besten Freundin in die Augen. „Keine Ahnung.", erwidere ich schulterzuckend und lächle entschuldigend. Vanilla fährt fort: „Wir könnten ja erst einmal in die Stadt gehen. Dann sehen wir dort schon, wonach uns ist. Und vielleicht kann ich dir ja bei deiner Herzenjagd helfen." Ach ja, da erinnert sie mich an was. Ich muss wirklich mal die Hacken in den Teer hauen. Aber bei meinem Glück würde ich nicht über die Pisse-Herzen hinaus kommen, wenn ich mich nicht anstrenge. Und die bringen nur 5 Ecru, was heißt, dass ich davon mindestens 400 sammeln müsste. Was für tolle Aussichten! Doch ich erhebe mich und schlendere mit Vanilla los. Trübsal blasen bringt ja auch nichts!
Uns kommen die ersten Geschäfte entgegen und Vani deutet in ein Schaufenster. „Schau, Choco! Das Kleid ist doch süß." Ich nicke. Mein Stil ist es nicht, aber es sieht aus, als sei es für Vanilla gemacht worden: Ganz hellrosa, eng anliegend und mit einem rüschigen Rock. „Probier's doch an.", schlage ich vor und sie nickt dankbar. Ohne weitere Umschweife betreten wir also das Geschäft, wo Vani sich sofort das Kleid schnappt und zur Umkleide rennt. Ich trotte ihr hinterher und sehe mich halbherzig um, ohne so recht was zu finden, was mich voll und ganz anspricht.
Als Vanilla kurz darauf aus der Umkleide kommt, leuchten ihre Augen, wie lilane Sterne. Ich lache laut los. „Ich brauch' gar nichts mehr sagen oder? So wie du strahlst, ist es schon gekauft." Sie nickt begeistert. „Auf jeden Fall, es ist traumhaft schön, oder Choci?" Und schon wirbelt sie wieder wie eine grazile Tänzerin um ihre eigene Achse und der leichte Stoff umweht ihren schlanken Körper. Kein Wunder, dass sie sämtlichen männlichen Geschöpfen das Herz stiehlt.
Sie zieht sich wieder um und trägt das Kleid zur Kasse. Der Kassierer ist schon etwas älter, aber dennoch um kein Kompliment verlegen. „Das steht Ihnen bestimmt ausgezeichnet.", gesteht er mit einem kecken Lächeln. „Bei der Figur." Seine Stimme klingt wie die eines Triebtäters, der sich gleich auf sein Opfer stürzt, aber ich verkneife mir einen Kommentar. Sein Herz leuchtet dunkelviolett und Vanilla sackt es schnell ein. Schon wieder 2500 Ecru für sie. Ich beiße mir auf die Unterlippe. Bloß keinen Neid aufkeimen lassen. Damals war Vani halt auch schon viel engagierter, bei der Herzenjagd, aber ich würde es auch schon irgendwie schaukeln. Je dringlicher es wurde, desto erfolgreicher wurde ich; würde schon werden!
Wir kehren noch in zwei oder drei weitere Geschäfte ein, bis wir schließlich beschließen, in ein Café zu gehen. Meine Füße haben sich auch echt schon eine Pause verdient. Wie vielleicht schon mal durchgeschimmert ist: Shoppen ist wirklich nicht mein allerliebstes Hobby!
Wir bestellen uns Tees - Kaffee tranken wir beide noch nicht, aber vielleicht würde ich es demnächst mal probieren? - und hocken uns auf die gemütlichen Sessel mit Blick auf die Straße. Und wir plaudern einfach. Ganz ungezwungen, so wie damals, als wir noch keine Konkurrentinnen waren. Manchmal vermisse ich diese unbeschwerte Zeit. Aber ich bin schon froh, dass Vanilla wieder normal war und nicht mehr zu den Ogul gehört. Wie Pierre sie damals beeinflusst hatte... Ich mag gar nicht daran denken. Noch ein Grund, nicht einen Gedanken an diesen Idioten zu verschwenden. Essen gehen, von wegen! Ich schiebe den Gedanken sauer beiseite. Nein, heute wirklich nicht mehr! Der heutige Tag gehört nur Vanilla und mir!
Saule dreht durch
Der nächste Tag verstrich ereignislos. Ich fühlte mich wie gerädert. Energy-Drinks ersetzten wirklich keinen gesunden Schlaf. Das kann ich jetzt aus erster Hand bezeugen.
Ich stand auf, schleppte mich irgendwie zur Schule, kehrte nachhause zurück und schlief danach sofort bis zum nächsten Morgen.
Jetzt ist schon Donnerstag. Mein fünfter Tag als Siebzehnjährige und es ist immer noch nicht wirklich normal für mich. Lovin liegt mir schon zu früher Stunde in den Ohren, dass ich mich dringend auf die Herzenjagd konzentrieren muss, genau so wie Vanilla. Ich weiß es doch selber. Die beiden müssen mich wirklich nicht jede Minute des Tages daran erinnern!
Ich stürme gerade nochmal hoch in mein Zimmer, weil ich mein Handy vergessen habe. Als ich zur Tür hereinkomme, sehe ich Duke auf meinem Bett sitzen. Er sieht mich an und es wirkt, als würde er etwas sagen wollen, lässt es aber. Gut so! Ich brauche nicht noch jemanden, der an mir rummäkelt und wenn Duke das getan hätte, hätte ich ihn vielleicht aus dem Fenster geworfen.
Ich schnappe mir mein Handy vom Nachttisch, da ergreift der kleine Frosch doch das Wort: „Lass dich nicht unterkriegen. Du packst das schon. Immerhin hast du mich an deiner Seite.“ Ich sehe ihn schief an, komme aber nicht umhin, zu lächeln. Lieb, dass er das gesagt hat. Auch ein wenig selbstverliebt, aber so ist er halt. Ich tätschle rasch seinen Kopf, dann stürme ich zur Haustür.
„Houx und Saule wohnen jetzt auch bei uns?“, frage ich Lovin, als wir uns zu dritt auf die schmale Rückbank seines Autos quetschen. Er lacht amüsiert und nickt. „Ja, übergangsweise schon. Ich fühl mich schon wie ein Kinderhort.“ Ich runzle nur die Stirn. „Aber wir sind jetzt schon fast erwachsen. Houx und Saule sind es sogar schon tatsächlich.“ „Ja, und deshalb werden die beiden heute Nachmittag zur Fahrschule gehen.“ Die Zwillinge protestieren im Chor. Warum sie das müssten, sie waren doch Zauberer und keine normalen Menschen. Wozu man da 'nen Führerschein bräuchte. Ich grinse. Genauso hatte ich auch argumentiert, aber auch schon vergebens. Ich lache mir ins Fäustchen. Endlich war ich mal nicht die Gelackmeierte.
Lovin lässt auch partout nicht mit sich reden. „Ich habe wirklich keine Lust, euch jeden Tag in aller Herrgottsfrühe in die Schule zu kutschieren. Ich habe ein ausgesprochen reges Privatleben und wirklich Besseres zu tun. Tatsächlich könnt ihr mir auf Knien danken, dass ihr euch keine eigenen Wohnungen suchen müsst.“ Wirklich verübeln kann ich ihm das nicht, aber das lasse ich ihn natürlich nicht wissen. Sonst erwartet er das mit den Knien wirklich noch.
Als wir aus dem Wagen steigen, dackelt Yuto an und begrüßt Vanilla überschwänglich. Ich meine, Houx die Stirn runzeln zu sehen, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Saule dagegen ist ganz aufgedreht. Anscheinend ist er genauso ausgeschlafen wie ich.
Ehe ich mich versehen kann, hat er mich gepackt, hochgehoben und mit einem Mal über seine Schulter geschmissen. Besonders sanft war das nicht. Und vermutlich wäre es auch bequemer, wenn er etwa 80 Kilo mehr wiegen würde. Ich spüre hier jeden Schulterknochen in meinem Bauch. Davon mal abgesehen: Ich mag es überhaupt nicht! Er rennt und springt wie ein Besenkter über den Schulhof und schüttelt mich durch.
„Waaah, Saule, lass den Scheiß!“, befehle ich ihm lautstark, aber er schert sich nicht darum. Ich zapple, kann mich aber nicht befreien. Kein Wunder, Saule ist ja auch viel kräftiger als ich, eine Tatsache, der ich nicht gerne ins Auge sehe.
Ich bin in der Falle und kann nur hilflos auf das schauen, was hinter uns liegt. Houx, Vanilla und Yuto sehen uns teils irritiert, teils belustigt an. Ich zetere noch immer und Saule beginnt, um seine eigene Achse zu springen. Ich fühle mich wie ein Kreisel. Außerdem ist da immer noch die drängende Frage: Was zur Hölle soll das hier werden?
Plötzlich fange ich einen Blick; einen nur allzu bekannten Blick. Pierre. Er steht auf dem Hof, ein gutes Stück von uns entfernt. Und an seiner Hand hängt seine Freundin. Sie plappert auf ihn ein, aber er scheint ihr gar nicht richtig zuzuhören. Stattdessen sieht er mir eindringlich in die Augen und auch ich versinke in seiner eisblauen Tiefe. Es scheint, als würde die Welt anhalten und das Leben setzt aus, nur ein Augenblick, der sich anfühlt, wie eine Ewigkeit. Es gibt nur mich und Pierre, alles andere ist irgendwie verschwommen, wie ausgeblendet. Doch dann ist alles wieder vorbei und die Realität trifft mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Pierre zeigt keine Regung; wirkt eher ein wenig herablassend. Den Ausdruck kenne ich nur zu gut. Genau genommen ist das die Miene, mit der er mich am häufigsten ansieht, mit der er die ganze Welt anzusehen scheint.
Ich winde mich schneller und stärker auf Saules Schulter. Jetzt will ich wirklich runter! Meine Lage ist mir irgendwie peinlich. Warum sind das immer die Momente, in denen ich Pierre über den Weg laufe.
Mit den Fäusten trommle ich wütend auf seinen Rücken und endlich bringt es was. Mit einer raschen Bewegung wirbelt Saule mich wieder herunter und stellte mich endlich auf den Fußboden zurück. Er hält mich noch immer in den Armen und grinst mir frech ins Gesicht. Zuerst nehme ich das kaum wahr. Ich starre immer noch Pierre an; hoffentlich nicht zu auffällig. Doch der wendet sich seiner Freundin zu und sie unterhalten sich. Dann machen sie auf dem Absatz kehrt und laufen Hand in Hand zum Universitätsgebäude.
Saule hält mich, als würden wir einen Paartanz machen und ich würde gerade eine dieser ätzenden "nach-hinten-beug-Bewegungen" machen. Wütend schiebe ich seine Hände weg und bringe mich wieder in eine senkrechte Lage. Saule sieht ein wenig enttäuscht aus und ich ringe mich zu einem Lächeln durch.
Eigentlich - Betonung auf diesem Wort - war's ja lustig. Und er wollte mir ja auch nichts Böses. Der Moment war nur unpassend. Dabei wollte ich mir ja auch eigentlich nicht mehr anmerken lassen, wie nahe mir Pierre immer noch geht. Es sind zwar viele Jahre vergangen, aber für mich war das ja quasi nur ein Wimpernschlag. Ich bin mir sicher, in einem Jahr, wird Pierre mir völlig egal sein.
„Du alter Scharlatan.“ Ich betitle Saule so, meine es aber natürlich nicht böse. So sind wir halt untereinander, auf unsere ganz eigene "beste-Freunde-Art". Die Art, die uns seit Jahren zusammenschweißt. Da drehen wir halt manchmal so durch und vielleicht schlägt auch mal jemand über die Strenge. Das gehört einfach zum Leben dazu und ohne sowas, wäre es auch ziemlich öde.
Außerdem hat so ein Unsinn noch einen netten Nebeneffekt. Dieser Nebeneffekt ist allerdings eine Sache, die ich Saule oder Houx gegenüber nie, nie, niemals erwähnen würde, vielleicht nicht einmal Vanilla. Das ist sowas, was man niemandem erzählt. Wenn ich so darüber nachdenke... Vielleicht würde ich es meiner Mama anvertrauen. Aber da das nicht mehr möglich ist, teile ich das mit niemandem. Wann ich immer Unfug anstelle und meinen Spaß habe, muss ich nicht an Pierre denken. Pierre, der mir immer wieder über den Weg läuft. Pierre, der mich vor vielen Jahren auf irgendeine mir unbekannte Weise in seinen düsteren Bann gezogen hat. Ein Bann, der mich immer noch nicht los lässt. Kurz schaudere ich. Wie eiskalt er mich eben angesehen hat...
Lovins Freundin
Ich habe immer noch einen leichten Drehwurm, als ich im Japanisch-Unterricht sitze. Eins steht fest, das wird Rache geben. Ich sehe aus dem Fenster und fange an, Pläne dafür zu schmieden. Vielleicht was mit Insekten? Vielleicht könnte ich auch ein Kaugummi in seine Flöte stopfen? Oder wäre das zu gemein? Ich will ja kein ewiges Hin und Her provozieren, nur Gleiches mit Gleichem vergelten.
Es ist so öde und Herr Miwa ist noch öder. Ich glaube, er ist der langweiligste Lehrer, den ich kenne. Und dann ist er auch noch so ein Griesgram.
Heimlich linse ich auf mein Handy, um vielleicht unerkannt ein bisschen Snake zu spielen und mir die Zeit zu vertreiben. Die Handys heutzutage sind echt der Wahnsinn! Kein Wunder, dass die Menschen keine Magie brauchen.
Auf dem Display blinkt mir ein weißer Briefumschlag entgegen und ich runzle die Stirn. Hoffentlich ist Lovin nicht in meinem Zimmer gewesen. Da würde er doch 'nen Herzinfarkt kriegen; und mich vermutlich einen Kopf kürzen. Ich bin noch nicht mal seit einer Woche wieder zuhause und schon sieht es wieder aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ordnung liegt mir irgendwie einfach nicht...
Ich öffne die SMS und lese. 'Hi Chocola, ich hoff' du erinnerst dich an mich. Hättest du Lust heute Abend mit mir was trinken zu gehen? Meld dich, Hiroto (der Kioskverkäufer ;)'
Ich grinse. Das kommt mir doch echt gelegen. Ich brauche möglichst ein violettes Herz, damit wäre auf jeden Fall meine Qualifikation gesichert. Und damit würde mir echt ein enormer Stein vom Herz fallen. Außerdem hätte ich dann Ruhe vor den ewigen Moralpredigten von Lovin.
Ich schiele zu unserem Japanischlehrer. Er kritzelt gerade eine Grammatikregel an die Tafel und ich ergreife die Chance und tippe eine rasche Antwort auf dem Display meines Handys.
'Hi, klar. Wo wollen wir uns denn heut' Abend treffen?' Dann stopfe ich das Telefon eilig wieder unter mein Pult und schreibe unsauber den Quatsch von der Tafel ab.
Eine kleine SMS und mein Tag ist auf einen Schlag deutlich besser. Ich kann es gar nicht erwarten, mein erstes Herz zu schnappen.
Zuhause ist der Teufel los. Zwei von Lovins Betthäschen sind einander begegnet und schlagen sich die Köpfe ein, zumindest hört es sich von meinem Zimmer aus so an. Die sind wirklich wie Furien und das schon seit einer ganzen Weile. Wenn ich lernen wollen würde, wäre das hier eine gänzlich ungeeignete Umgebung. Aber auch bei allem anderen ist es sehr störend. Wie lange sitze ich schon vor meinem Kleiderschrank? Die Hälfte des Inhalts liegt schon auf dem Bett und meinem Fußboden. Duke räuspert sich missbilligend hinter mir: „Kannst du vielleicht aufpassen, wo du das Zeug hinfeuerst? Ich bin hier unter Beschuss.“ Ich winke nur ab. „Du bist doch sicherlich in der Lage, dir eine sichere Ecke zu suchen.“ Ich werfe ja nicht absichtlich auf ihn, aber schließlich habe ich hier auch eine Mission zu erfüllen. Ich muss möglichst sexy sein, so absurd das auch klingt. Aber bei dem Geschrei kann ich mich einfach nicht konzentrieren.
In meinem kuscheligen Bademantel schleiche ich auf den Treppenabsatz. Auch Vanilla und Blanca lugen neugierig aus Vanis Zimmertür heraus. Ich zwinkere ihnen zu.
Lovin steht, wie ein kleiner Junge, hilflos, neben den beiden zankenden Frauen. Eine ist groß gewachsen und hat kurzes, rostrotes Haar, die andere ist viel kleiner und hat einen langen, mittelbraunen Zopf. Sie schreien einander hysterisch an und schubsen sich leicht hin und her.
Mal ehrlich, wie soll ich bei dem Lärm denn bitte mein "violettes-Herz-Outfit" für heute Abend zusammensuchen?
Erbost trample ich die Treppe herunter, das erste Mal in der Gewissheit, dass Lovin mich nicht wie ein kleines, ungezügeltes Rotzgör zurechtweisen würde. „Was soll das?“, kreische ich und unterbreche die beiden Streithennen. Lovin glotzt nur irritiert, sagt aber keinen Ton.
Die größere der beiden Frauen dreht sich mir zu und verzieht den Mund zu einer strengen Linie. „Lovin -“, beginnt sie, doch ich unterbreche sie barsch. „Was?! Ihr Flittchen macht euch an MEINEN Kerl ran?“ Ich mache zwei Schritte auf sie zu und brülle hysterisch weiter: „Macht, dass ihr rauskommt, aber sofort!“
Wow, mir war gar nicht klar, wie laut meine Stimme sein kann.
„Und du -“, wende ich mich jetzt Lovin zu und hebe meinen Zeigefinger. Die beiden Frauen rühren sich noch nicht, es ist, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt. Ich sehe sie nochmal an, mit einem Blick, der sie wie Laser durchbohren soll und schiebe sie unsanft in Richtung Haustür.
„Raus jetzt!!!“ Ich lege all meine Kraft in diesen Befehl und tatsächlich beben die Wände leicht - zumindest kommt es mir so vor.
Aber endlich drängen die beiden Frauen sich jetzt zur Haustür und quetschen sich hinaus. Scheint meine Darbietung wohl endlich zu wirken. Ich höre ihre Absätze auf dem Asphalt der Auffahrt klackern und lächle zufrieden. Dann wirble ich herum.
Lovin grinst dankbar zurück. „Alle Achtung.“, sagt er und deutet einen kleinen Applaus an. Ich verneige mich kurz und stelle klar: „Jetzt hab' ich was gut bei dir. Die beiden Irren waren ja nicht auszuhalten.“ Vanilla ist mittlerweile auch am Kopfende der Treppe erschienen und sieht uns mit ihren großen Rehaugen an. „Ja, vielleicht.“, gibt Lovin widerwillig zu. „Hoffentlich verbreiten die beiden Biester jetzt nicht das Gerücht, dass Superstar Rockin' Lovin eine feste Freundin hat. Das würde meinen Ruf ja total ruinieren. Wie soll ich denn dann die ganzen schönen Frauen abschleppen?“
Ich fühle mich angewidert, strecke ihm aber nur die Zunge heraus. „Keine Sorge, ich würde auch öffentlich mit dir Schluss machen, ganz dramatisch. Die Szene gerade hat wirklich Spaß gemacht. Aber vielleicht solltest du zukünftig nur eine zur Zeit hier haben.“ Lovin grinst nur weiter, ehe er mit einem Themenwechsel fortfährt: „Aber sag mal Schätzchen“ Oh, wie ich diese degradierende Art und Weise hasse, mit der er Frauen "Schätzchen" nennt und besonders, wenn er das bei mir tut. „wofür putzt du dich denn so raus?“ Dabei deutet er auf die Lockenwickler in meinen Haaren.
Ich schüttle rasch den Kopf. Beinahe fühle ich mich ertappt. Ich will eigentlich wirklich nicht, dass da jetzt so'n großes Ding draus gemacht wird. Was, wenn das alles nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle? Das wäre dann doch zu peinlich.
„Ich hab' ein Date.“, antworte ich kurz angebunden und füge rasch hinzu: „Ich muss jetzt auch wieder hoch, so kann ich ja nicht raus.“ Lovin nickt nur und ich bin froh, dass er nicht weiter nachbohrt; zugetraut hätte ich ihm das. Fast schon automatisch fauche ich ihn an, dann poltere ich wieder die Treppe hoch.
Vanilla fängt mich ab. „Ein Date? Das ist doch toll, Chocola. Soll ich dir helfen ein Outfit auszusuchen? Wenn du ein violettes Herz bekommst, bist du auch weiter qualifiziert. Ist es ein netter Junge?“ Ich lächle. Sie ist hilfsbereit wie eh und je. Dabei ist das eigentlich ganz widersprüchlich. Immerhin sind wir Konkurrentinnen, wir kämpfen gegeneinander und am Ende kann nur eine von uns gewinnen und die Königin der Zauberwelt werden. Und trotz allem greift sie mir ganz selbstlos unter die Arme.
Also stimme ich kurzentschlossen zu. Immerhin hat sie ganz offensichtlich ein Talent für sowas. Die Männer fliegen nur so auf sie. Und schaden kann mir das sicherlich nicht. Ich bin unfassbar froh, eine so gute Freundin, wie Vanilla zu haben!
Date mit Schokolade
Heimlich bin ich in die Stadt geflogen. Lovin würde vermutlich einen Tobsuchtsanfall bekommen, aber es ist schließlich schon dunkel und ich muss auch nicht gefahren werden, wie ein kleines Kind. Wäre doch peinlich! Zu Dates lässt man sich doch nicht von seinem Vormund, oder welche Rolle auch immer man Lovin in diesem Fall auch immer zuschreiben mag, kutschieren. Außerdem liebe ich es zu Fliegen. Wer soll mich schon sehen, ich passe ja auf.
Ich will mich mit Hiroto vor einer Bar treffen. "Lucky Number Slevin", heißt sie, warum auch immer. Sie liegt in der Innenstadt und aus der Ferne sehe ich schon die Außenbeleuchtung. Sieht eigentlich ganz cool aus.
Hiroto steht freudestrahlend am Bürgersteig davor und winkt mir zu. Ich winke zurück und beschleunige meinen Schritt.
Bei meiner Landung eben wäre ich fast in einem großen Müllcontainer gelandet. Scheint so, als wäre ich wirklich aus der Übung. Ein Glück, dass ich nicht tatsächlich reingefallen bin. Nach Müll riechend hätte ich das violette Herz –oder auch nur irgendein Herz - wohl wirklich vergessen können.
Aber eigentlich stehen meine Chancen ganz gut. Ursprünglich wollte ich das lange, grüne Kleid meiner Mutter anziehen, aber Vanilla riet mir davon ab; es war zu sexy für eine gewöhnliche Bar. Widerwillig hatte ich es wieder in den Schrank gehängt. Vanilla drapierte einige Stücke auf meinem Bett. Aber nichts schien sie so richtig zu überzeugen. Es gestaltete sich schwieriger, als ich gedacht hätte. Ich wollte schon wieder resignieren, da hielt mir Vanilla ein schwarzes Kleid an den Leib.„Mit dem kleinen Schwarzen macht man nie was falsch." Also, sollte Vanilla nicht den Wettbewerb gewinnen, sollte sie auf jeden Fall eine Boutique eröffnen, denke ich und grinse.
Schließlich stand mein Outfit fest: das kleine Schwarze, hohe Stiefelettchen, eine Clutch von Vanilla und mein langes Haar fiel in sanften Wellen über meine Schultern. Als Vanilla mich verabschiedete war ihr Blick ein wenig glasig und ich verschwand eilig, bevor sie wieder in Tränen ausbrechen konnte. Houx und Saule war ich zum Glück nicht mehr begegnet, da sie noch in der Fahrschule waren. Bestimmt hätten sie sich über mich lustig gemacht, weil ich so rausgeputzt bin.
Ich laufe auf Hiroto zu und er ergreift meine Hand. Ich will mich instinktiv losreißen, darf aber meinen Auftrag nicht vergessen. Ich brauche ein violettes Herz! Also lächle ich ihn nur an und er führt mich in die Bar.
Drinnen ist es abgedunkelt und einigermaßen gut besucht. Hiroto lässt meine Hand immer noch nicht los und wir gehen auf einen gemütlichen Tisch in einer Ecke des Lokals zu. Der Tisch sieht irgendwie aus, als wäre er aus einem klassischen amerikanischen Diner.
Ich setze mich und greife nach einer Karte aus dem Ständer in der Tischmitte. Hiroto lässt sich gegenüber von mir nieder. „Schön hier.", sage ich Hiroto mit anerkennender Stimme und lächle. Nicht, dass ich die Qualität einer Bar beurteilen könnte, wo ich doch das erste Mal in einer bin. Aber ein paar nette Worte können ja sicherlich nicht schaden.
Hirotos Herz leuchtet orange. Na, damit komme ich nicht weit. Ich atme tief ein und aus, während es in meinem Kopf rattert. Ich weiß, dass Lovin den Frauen immer auf die Brust schaut, wenn die sich bewegt. Vielleicht könnte das auch mein Trumpf sein. Ich werfe Hiroto einen schnellen Blick aus dem Augenwinkel zu. Nur ein bisschen vorsichtig hin und her wippen, bloß nicht zu auffällig. Ich hoffe wirklich, dass ich nicht so unbeholfen aussehe, wie ich mich fühle.
Offensichtlich sind meine Sorgen aber unbegründet, denn ich merke, wie Hirotos Augen immer wieder kurz zu meinem Ausschnitt huschen und ich grinse triumphal.
Eine Bedienung kommt zu uns und wir geben unsere Bestellung auf. Hiroto nimmt einen Longdrink und ich einen alkoholfreien Cocktail. Es dauert auch gar nicht lange, bis wir unsere Getränke erhalten. Ich ziehe mein Glas zu mir heran und nippe zögerlich durch den knallgelben Strohhalm.
Dafür, dass Hiroto sich sofort meine Nummer gekrallt hatte, ist er jetzt ganz schön schweigsam. Und ich weiß doch als Allerletzte, was man bei einem Date eigentlich genau tut.
Als würde er meine Gedanken lesen, beginnt Hiroto dann das Gespräch: „Also, Chocola. Ungewöhnlicher Name übrigens, sehr exotisch. Bist du denn auch so süß, wie Schokolade?" Ich mustere ihn mit hochgezogener Augenbraue. Ist das sein Ernst? Mein erster Eindruck von ihm war nicht unbedingt, dass er der Typ Junge ist, der solche billigen Sprüche loslässt.
Ich ringe mir ein kleines Lächeln ab und lege den Kopf schief. Das kommt mir am vernünftigsten vor, immerhin will ich, dass er mir möglichst zugetan ist.
So kommen wir allmählich ins Plaudern. Hiroto ist 22 Jahre alt und arbeitet neben seinem Studium in der Tankstelle nahe der Schule. Aber er spielt mit dem Gedanken, sein Studium abzubrechen. Medizin läge ihm doch nicht so, es sei so theoretisch und er würde viel lieber jetzt schon den Menschen helfen. Wie lobenswert.
Ich lache über seine Witze, lausche ihm interessiert und versuche so charmant wie möglich zu sein. Total ungewohnt, aber offenbar schlage ich mich ganz gut!
Irgendwann entschuldige ich mich kurz und gehe auf die Toilette. Es ist wirklich eine Tortur auf den beknackten Absatz- Stiefeletten einigermaßen elegant zu laufen. Warum genau tragen Frauen sowas? Als sich mein Abbild in der großen Fensterscheibe spiegelt, sehe ich zufällig hin und grinse dann selbstbewusst. Ich sehe wirklich unverschämt gut aus, also ist der Fußschmerz die Sache sicher wert.
Als ich pinkelnd auf dem Klo sitze, hole ich mein Handy aus der kleinen Handtasche und lese die SMSen, die in der Zwischenzeit eingetrudelt sind. Vanilla erkundigt sich, wie mein Date so läuft und Saule will wissen, ob ich später abgeholt werden will. Mich abholen? Bin ich etwa ein kleines Kind? Wie sieht das denn aus, wenn ich von zwei älteren Jungs von meinem Date abgeholt werde? Nenene, so würde ich mich wirklich nie wie 17 fühlen. Ich antworte rasch und kehre zu Hiroto zurück.
Wir unterhalten uns noch eine Weile. Später bezahlt Hiroto unsere Getränke und wir verlassen gemeinsam die Bar. Viele Studenten hängen hier rum, fällt mir auf. Wahrscheinlich kennt Hiroto den Laden daher.
In einer Ecke sitzt ein großer blonder Junge, der mich irritiert, als ich den Blick durch den Raum wandern lasse. Ist das etwa Pierre? Ich schaue noch einmal genau hin, doch das bemerkt auch Hiroto. „Alles okay?", fragt er mich verunsichert. Ich wende mich ihm erschrocken zu. Erst schüttle ich den Kopf, dann nicke ich. „Ehm, ja, klar."
Fast schon fluchtartig verlasse ich den Laden, fassungslos darüber, schon wieder meinem Erzfeind begegnet zu sein. Ich bin mir nicht ganz sicher, meine aber aus den Augenwinkeln gesehen zu haben, wie Pierre auch mich erkannt hat. Durch die Scheibe sehe ich ihn und er starrt zurück, direkt zu Hiroto und mir.
Dann ergreift Hiroto meine Hände, dreht mich zu sich und damit auch wieder zurück ins Hier und Jetzt. Er lächelt auf eine ganz liebenswerte Weise und sein Herz leuchtet pink. Nicht ganz, was ich mir erträumt habe, aber doch ein Erfolg. Sanft hebt er mein Kinn an, sodass sich mein Blick von Pierre löst und ich in Hirotos braune Hundeaugen sehe. Ich weiß nicht so recht, was ich tun soll oder was hier passiert. Ein bisschen fühle ich mich, wie eine bloße Zuschauerin.
Dann zieht Hiroto mich ganz vorsichtig zu sich heran, sodass sich unsere Körper ein wenig berühren. Und dann küsst er mich!
Welches Herz?
Hiroto küsst mich und ich stehe wie zur Salzsäule erstarrt einfach nur da. In meinem Kopf fühlt es sich an, als wäre dort gleichzeitig ein gigantisches Tohuwabohu und eine gähnende Leere. Ich kann immer noch nicht recht fassen, wie mir geschieht. Fremde Lippen, auf meinen. Mein erster Kuss.
Ich stehe hier, vor einer Bar in der Dämmerung der Nacht, mit meinem Date. Dieses Date küsst mich und ich starre durch die Fensterscheibe hindurch wieder Pierre an. Er starrt zurück und ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, ein schneidendes Funkeln in seinen Augen zusehen. Er wirkt, als sei er verärgert.
Plötzlich kommt wieder Leben in mich und ich stoße Hiroto energisch von mir. Er stolpert zurück und sieht mich schockiert an. Sein Herz schimmert wieder mehr orange als pink und ich denke panisch, dass ich jetzt wohl alles kaputt gemacht habe. Ich brauche doch sein Herz! Ich habe mir soviel Mühe gegeben!
Plötzlich nehme ich zu meiner Rechten eine Bewegung wahr und höre, wie die gläserne Bartür wieder zufällt. Währenddessen fällt mir die Kinnlade runter.
Pierre ist rausgekommen und funkelt Hiroto vernichtend an. „Hey, was hast du ihr getan?", fährt er ihn an und meine Augen weiten sich noch mehr. Denkt er etwa, Hiroto hätte mich verletzt? Oder mir sonst irgendetwas angetan? Und deshalb zettelt er hier jetzt einen Aufstand an? Was geht ihn das eigentlich an? Ich bin nicht seine Freundin, eher das genaue Gegenteil! Es geht ihn überhaupt nichts an, was ich mit wem mache oder nicht! Das ist absolut nicht seine Angelegenheit!
Hiroto hebt abwehrend die Arme und sieht zwischen mir und Pierre hin und her. „Nein, ich hab ihr gar nichts getan." Pierre scheint ihn echt verunsichert zu haben, denn er stottert ein kleines bisschen.
Ein zweites Mal löse ich mich aus meiner Starre und brülle Pierre, ein wenig zu aufgebracht, an: „Jetzt bleib' mal ruhig, er hat mir gar nichts getan! Und es geht dich auch nichts an!" Ich mache einige Schritte, sodass ich zwischen den beiden Jungen stehe.
„Was läufst du eigentlich in so einem Aufzug draußen rum?", fragt Pierre mich ruhig, aber gereizt, nachdem er mich einen Moment eindringlich gemustert hat. Ich höre ja wohl nicht richtig!
„Das ist viel zu freizügig.", fügt er hinzu und ich denke echt, jetzt platzt mir der Kragen.
„Was fällt dir ein?", gifte ich ihn lautstark an und werde so sauer, dass sich meine Fingernägel in meine Handflächen graben. Meine Hände haben sich ganz automatisch zu Fäusten geballt. „Nichts hier geht dich auch nur irgendwas an, was fällt dir ein, dich in meinen Kram einzumischen?!" „Einer muss es ja tun.", schießt Pierre eiskalt zurück und ich werde noch wütender. „Aber sicherlich nicht du! Mir dir will ich nichts mehr zu tun haben! Ich habe schon einen Aufpasser und der hat immerhin ein echtes Herz!"
Mit meinem Gebrüll errege ich die Aufmerksamkeit einiger Passanten, aber das ist mir vollkommen egal. Ich war noch nie der Typ Mensch, der mit seinen Unzufriedenheiten hinter'm Berg hält. Pierre sieht mich stumm an. Ein Herz. Sein Herz. Mein Herz. Nein, das darf nicht sein!
Ich schüttle mich kurz, löse mich von Pierres fesselndem Blick und deute in die Bar hinein. „Verschwinde einfach.", weise ich ihn mit ruhiger Stimme an und wende mich wieder Hiroto zu, um nach seiner Hand zu greifen. Sie fühlt sich warm an, ganz anders als die von Pierre.
Ohne noch ein Wort zu sagen ziehe ich Hiroto mit mir und entferne mich von der Bar. Pierre bleibt stumm zurück. Ich weiß nicht, ob er uns nachsieht, oder wieder reingeht, aber ich habe auch keine Lust, mich jetzt umzudrehen. Endlich einmal stehe ich nicht als Dumme da, sondern habe das letzte Wort.
Hiroto und ich schlendern eine Weile schweigend durch die dunkle Stadt, als er plötzlich innehält. „Chocola.", sagt er, hält an und stellt sich mir gegenüber. Meine Hand hält er immer noch und jetzt greift er auch nach der zweiten. Ich lasse ihn gewähren.
„Chocola, ich find' dich echt interessant", fährt er fort, „aber was war das eben? War das dein Freund? Oder Ex-Freund oder so? Ich will jetzt nicht in etwas reinpfuschen, was noch nicht beendet ist." Seine Stimme klingt todernst.
Ich ziehe beide Augenbrauen hoch und sehe ihn erstaunt an, ehe ich antworte: „Nein, wir waren nie ein Paar..." Dann gerate ich ins Stocken. Meine Worte sind wahr, aber was waren wir, sind wir? Eine Hexe und ein Ogul, die... Ich breche den Gedanken ab.
„Ich könnte nie mit ihm zusammen sein. Aber er war mal mit meiner besten Freundin zusammen. Daher kennen wir uns. Aber ich konnte ihn noch nie ausstehen. Er ist ein schlechter Mensch.", erkläre ich langsam und was ich sage, ist ja auch nicht ganz falsch. Zwar sind Vanilla und Pierre nicht wirklich zusammen gewesen, aber das war ja nicht so wichtig. Ich konnte hier ja auch keine verworrene Fantasygeschichte zum Besten geben.
Ich lächle und Hiroto tut es mir gleich. „Ach so.", fügt er noch erleichtert hinzu. „Das ist schön. Ich find' dich echt hübsch und witzig. Du bist so aufgedreht. Nicht so, wie andere Mädchen." Ich lache kurz. Er ist einer der Ersten – und vielleicht Einzigen - die meine Art der Vanillas vorziehen; zumindest hier in der Menschenwelt. Und das sogar, nachdem Pierre ihn so angegangen hat.
Ich schaue gespielt verlegen zu Boden und Hirotos Herz leuchtet wieder strahlend pink. Wobei... Bei genauerem Hinsehen, scheint es mir schon fast ein wenig violett zu sein.
Wir stehen an einer kleinen Brücke und er drängt mich vorsichtig an das kühle Geländer. Ich lehne mich dagegen und fröstle leicht. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich eine Jacke vergessen habe. Ganz eilig war ich durch mein Schlafzimmerfenster davongeflogen ohne daran zu denken, dass es später kalt werden könnte.
Hiroto schmunzelt und zieht seine braune Strickjacke aus, um sie mir um die Schultern zu legen. Ich mustere ihn ein wenig skeptisch, bin aber dankbar. Die Jacke ist angenehm warm und ich fühle mich schon ein wenig wohler.
Hiroto steht immer noch dicht vor mir und kommt mit seinem Gesicht näher an meines heran. Ich starre nur zurück, ehe mir dämmert, dass er mich wohl schon wieder küssen will. Ein leichter Anflug von Panik überkommt mich und ich berühre mit meiner Hand seine Brust, um ihn behutsam zu stoppen. „Nimm es mir nicht übel.", sage ich zögerlich und entwinde mich ihm. „Aber das geht mir gerade zu schnell. Ich bin müde und irgendwie -" Er grinst, als er mir das Wort abschneidet: „Kein Problem." Sein Tonfall klingt beruhigend und ich bin froh, dass er mir die Abfuhr nicht übel nimmt. Stattdessen fragt er mich, ob er mich nachhause bringen soll. Ich lehne ab und erkläre, dass ich ein Taxi nehmen werde. Das war anscheinend okay für ihn, unter der Bedingung, dass er es für mich ruft und wartet, bis ich sicher darin saß. Das klingt doch in Ordnung.
Wir reden noch ein wenig über Belanglosigkeiten, der Zwischenfall mit Pierre kommt nicht mehr zu Sprache und genauso wenig kommt Hiroto mir wieder zu nahe, wofür ich sehr dankbar bin, und kurze Zeit später hält das Taxi dann auch neben uns an und ich steige hinein. Dabei bin ich so elegant und verführerisch wie möglich. Ich will noch einmal ordentlich Eindruck hinterlassen. Als Hiroto mir zum Abschied zuwinkt, erwidere ich die Geste. Dann fährt das Taxi davon und Hiroto bleibt alleine und ein wenig verwirrt zurück.
Erstens kommt es anders...
Zum Glück haben wir heute kaum Unterricht. Ich fühle mich scheußlich, als ich am Morgen erwache. Houx und Saule sind mittlerweile ins Gästezimmer gezogen. Gott sei Dank! Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn ich gestern von meinem Date heimgekommen wäre und die beiden sich schon wieder auf meinem Bett getollt hätten. Klar, früher haben wir das oft gemacht... Aber jetzt ist es anders. Wir sind einfach keine Kinder mehr und ich hätte wirklich keine Fragen zu meinem Abend ertragen. Darüber muss ich mir erst einmal selbst klar werden... Und das habe ich die ganze Nacht erfolglos versucht.
Ich habe keine Stunde durch geschlafen, als der Wecker laut und bösartig schellt. Die Haare stehen mir zu Berge und mein Make-Up ist so verwischt, dass ich wie ein verwirrter Panda aussehen muss. Vanilla ist - wie eigentlich immer - schon gut drauf und klopft sacht an meine Tür. „Chocola. Beeil' dich, ja? Ich mach' jetzt Frühstück und dann kannst du mir alles über den gestrigen Abend erzählen." Na, super! Ich höre, wie sie sich wieder entfernt und schwinge meine Füße aus dem Bett.
Ohh, wie gerne würde ich einfach liegen bleiben? Ob ich Lovin erzählen könnte, dass ich krank sei? Letztes Mal hatte das ja nicht funktioniert. Wie ich ihn kenne, würde er mich nur zuhause behalten, wenn ich mit dem Kopf unter'm Arm nach unten marschieren würde. Für ihn zählt einfach nicht, wie ich mich fühle – es geht ihn auch nichts an, aber er kann ja ruhig mal ein wenig Rücksicht nehmen.
Während ich ins Bad trotte, gähne und strecke ich mich immer wieder. Sechs Jahre geschlafen und trotzdem nicht fit. So langsam habe ich das Gefühl, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn ich nicht aus dem Koma erwacht wäre. Zumindest hätte ich dann meine Ruhe. Wirklich, seit ich aus dem Krankenhausraus bin, habe ich kaum Schlaf bekommen; und ich mag doch Schlafen.
In der Küche verbreitet sich schon wieder der wunderbare Geruch von leckerem Frühstück. Vanilla hat haufenweise Spiegeleier gebraten und sie auf Toast gestapelt, die Houx und Saule schon in sich hinein stopfen.
Mit gereizter Miene setze ich mich neben sie. Zum Glück ist Vani taktvoll genug, das Date nicht jetzt vor versammelter Mannschaft anzusprechen. Es ist ein völliger Reinfall gewesen und einfach ein Abend, den ich gerne wieder vergessen würde.
Trotz meiner miesen Laune greife ich nach einem Teller und zerhacke ein Toast darauf. Vielleicht würde es ja ein guter Tag werden, wenn ich ordentlich frühstücke. Wie heißt das noch gleich? Iss deinen Teller auf und der Tag wird toll...Irgendwie so heißt es doch bei den Menschen.
„Wie war's eigentlich in der Fahrschule?", frage ich an Houx und Saule gerichtet, um ja keine Themen aufkommen zu lassen, auf die ich jetzt wirklich null Lust hatte. Und offenbar scheint mein Plan aufzugehen.
Vanilla wendet sich kurz zu uns und kichert. Offenbar weiß sie schon Bescheid, denn Houx sieht ein wenig beschämt zu Boden. Interessiert ziehe ich die Augenbrauen hoch, während ich mir Toast und Ei in den Mund schaufle. Houx ergreift das Wort: „Nun ja...Also... Vielleicht haben wir uns ein wenig dumm angestellt..." Saule fällt ihm ungehalten ins Wort: „Ein wenig? Total! Aber wer kann uns das verübeln? Die Menschen haben komische Regeln. Ich dachte ja, ich wüsste ungefähr, wie so ein Auto funktioniert. Aber das ist dermaßen kompliziert." „Ich bin ja mal gespannt, wie es wird, wenn ihr das erste Mal ein Auto wirklich fahrt, wenn ich schon mit der Theorie so Probleme habt.", erwidere ich.
Vani lädt noch mehr Eier auf einem großen Teller ab und setzt sich dann zu uns. Ehe die Zwillinge ihre Abenteuer in der Fahrschule weiterausführen können, ist ein lautes Piepen zu hören und alle sehen mich an. Es ist mein Handy, dass ich achtlos in die Tasche meines Rocks gesteckt hatte. Mit gerunzelter Stirn ziehe ich es heraus, während die anderen sich wieder unterhalten.
Wieder eine SMS! Als würde ich ahnen, was jetzt kommt, lese ich die Nachricht und verziehe dabei keine Miene. Sie ist von Hiroto: 'Na du :) ich hoffe du hast gut geschlafen. Ich fand's gestern echt schön. Hättest du vielleicht Lust am Wochenende was mit mir zu unternehmen? :* Hiroto' Da scheine ich ja echt Eindruck hinterlassen zu haben. Na, grandios, genau das hat mir noch gefehlt in meinem Gedankenchaos. Eilig stecke ich mein Handy wieder ein, esse und albere mit meinen Freunden herum. Ablenkung ist vermutlich erst einmal das Beste.
In der Schule sind wir heute recht spät dran. Mit dem Klingeln der Schulglocke eilen wir in unsere Klassenräume. Und ehrlich, ich bin ja schon davon genervt, dass hier immer wieder Kerle um Vanilla herumtanzen, aber bei Houx und Saule ist es fast schlimmer. Die Mädchen werden immer knallrot und kichern, wenn die beiden durch die Flure laufen. Manche werfen ihnen auch bedeutungsschwere Blicke zu. Warum nur? Können die sich nicht beherrschen? Die sollen sich mal nicht so täuschen lassen. Niemand weiß besser als ich, dass die beiden manchmal auch ganz schön nerven können.
Bisher habe ich Hiroto noch keine Antwort geschickt. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich hätte mir gestern einfach sein Herz schnappen sollen, dann hätte ich diesen Schlamassel jetzt nicht. Und das ist ja nicht einmal das Schlimmste. Nein, was mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will, ist Pierre. Wie er mich angesehen hat... Wie er rausgestürmt kam, als Hiroto mich küsste... Dieser Ausdruck in seinen Augen... Als wäre... Nein, eilig versuche ich, diese Gedanken beiseite zu schieben. Wieso denke ich überhaupt wieder an Pierre, diesen arroganten Idioten? Nein, dieses Kapitel - das übrigens niemals angefangen hat - ist wirklich vorbei.
Die drei Schulstunden - heute ist zum Glück ein kurzer Tag, warum das so ist, hab ich vergessen und eigentlich ist es mir auch egal - ziehen sich in die Länge wie Kaugummi und als uns die Glocke endlich ins Wochenende entlässt, bin ich wirklich erleichtert.
Endlich kann ich schlafen und essen und wieder schlafen, habe meine Ruhe. Ja, ich würde einfach mal ausspannen.
Vanilla plaudert noch mit einem Jungen. Subaru Akai. Vermutlich würde das ihr nächstes pinkes Herz werden. Und ich? Ich habe noch nichts. Vielleicht sollte ich mich doch noch einmal mit Hiroto treffen, mir sein Herz schnappen und dann schnell verschwinden.
Ich schlendere schon aus der Schule - ganz allein. Wo sind eigentlich Houx und Saule, wenn man mal Gesellschaft will? Schnatternde kleine Schülergrüppchen laufen über den Hof und offenbar haben auch einige Studenten jetzt bereits Schluss. Zumindest strömen Massen von ihnen aus der Universität. Ich trödle ein bisschen, wo ich es ja nicht wirklich eilig habe. Da sehe ich ihn auf einmal: Pierre! An der Hand seine Freundin, die ein breites Lächeln im Gesicht trägt. Pah, und wo war sie gestern, als er sich alleine vergnügt hat? Ja, wenn ich ihr das unter die Nase reiben würde, würde sie sicherlich nicht mehr so dämlich grinsen.
Ich starre die beiden immer noch an und bemerke auf einmal, wie Pierre den Blick hebt und in meine Richtung sieht. Nein, nein, nein! Genau das will ich doch vermeiden.
Hastig grabsche ich nach meinem Handy und halte es mir ans Ohr, als würde ich telefonieren. So habe ich einen Vorwand, Pierre den Rücken zuzukehren. Ich spaziere zu den Tischtennisplatten, während ich ein Gespräch vortäusche. Als ich mich an die steinerne Platte lehne und mich wieder umdrehe, erschrecke ich, denn Pierre steht auf einmal nur wenige Zentimeter vor mir. Was... Wie...? Er sieht mich an. Ich sehe ihn an. Mein geschauspielertes Telefonat habe ich total vergessen. Und dann beginnt Pierre zu sprechen.
...Zweitens als man denkt
Ich kann es noch immer nicht glauben! Reicht es nicht, dass wir fast jeden Tag stundenlang in Gebäuden sitzen, die sich direkt nebeneinander befinden? Müssen wir uns auch noch in Geschäften oder Bars begegnen? Und muss er jetzt tatsächlich auch noch herkommen? Zu mir? Warum? Wieso? Doch bevor ich mir in Gedanken noch mehr unbeantwortbare Fragen stellen kann, öffnet Pierre den Mund.
„Hi, Chocola.", sagt er und seine Stimme klingt so kühl wie eh und je. Ich sammle mich langsam wieder - beziehungsweise versuche es - und tue so, als würde ich meinen Anruf beenden. Pierre entgegne ich nichts. Was habe ich ihm schon zu sagen? Ich sehe nicht einmal zu ihm auf. Stattdessen halte ich lieber nach seiner Freundin Ausschau, kann sie aber nicht erblicken.
„Weißt du... Ich wollte mich nur erkundigen, ob bei dir alles in Ordnung ist. Immerhin... Gestern..." Jetzt muss ich doch aufsehen, vermeide es aber, direkt in seine eisblauen Augen zu schauen. Soll das jetzt eine Entschuldigung werden oder was?
„Es sah halt nicht so aus, als würdest du das wollen und Zivilcourage ist heutzutage ja wichtiger denn je." Ungläubig sehe ich zu diesem blonden Schnösel hoch. Okay, mir käme auch eigentlich nie der Gedanke, dass er sich ernsthaft entschuldigen würde, aber das? Nein, ich kann es einfach nicht glauben und spüre, wie die Wut in mir hochsteigt.
„Wie kommst du darauf? Ich mag Hiroto sehr gerne und wüsste nicht, was dich das anginge!", erwidere ich giftig und krause dabei verärgert die Stirn. „Das Einzige, was ich nicht wollte, warst du! Kannst du nicht andere Leute nerven? Wenn dir deine komische Freundin nicht reicht, dann lass doch deinen Harem wieder aufleben." Während ich die Worte ausspucke, versuche ich, mich seinem durchdringenden Blick zu entziehen. Pierre ist bekannt dafür, dass er die Mädchen damit für sich gewinnen kann, aber mich sicherlich nicht! Ich will nur, dass er mich ein für alle mal in Ruhe lässt.
Er verzieht keine Miene und schweigt. Ich schweige auch. So stehen wir da einige Sekunden, ehe er wieder etwas sagt: „Warum reagierst du immer so über? Was macht dich so fuchsig? Ich kenne dich, Chocola, egal, wie wenig du das wahrhaben willst. Und ich weiß, dass du diesen Hiroto nicht so sehr magst. Ehrlich, das sieht man sofort." Ich balle die Fäuste und funkle ihn an, als auf einmal eine helle, nervtötende Stimme erklingt, die mich innehalten lässt. Seine Freundin kommt angehüpft und drückt Pierre einen Kuss auf die Wange, der immer noch zu mir herab starrt. „Pierre-Schatzi.", flötet sie fröhlich und klettet sich an seinen Arm wie ein Schaubstock. „Wollen wir jetzt noch in die Stadt? Du weißt doch, ich brauch' für morgen noch ein Kleid." Als Pierre nicht reagiert, sieht sie mich an. Bis jetzt hatte sie keinerlei Notiz von mir genommen. Nun scheint sie aber festzustellen, dass sie meine Existenz irgendwie anerkennen muss.
„Oh, hallo.", begrüßt sie mich übertrieben freundlich und streckt mir ihre Hand mit den knallroten Fingernägeln entgegen. Skeptisch löse ich meinen Blick von "Pierre-Schatzi" und schüttle sie. „Hi.", meine ich knapp. Mein Desinteresse scheint das Mädchen nicht zu stören. „Ich bin Sorato. Aber du kannst mich Sora nennen. Klingt doch viel netter, oder? Woher kennst du Pierre? Seid ihr Freunde?" Ich sehe sie verdattert an. Sie ist zwar ganz hübsch, scheint aber wirklich nicht sonderlich helle zu sein. Oder gibt sie sich nur so, damit sie sich nicht wirklich damit auseinandersetzen muss, wer ich eigentlich bin? Keine Ahnung. Sie interessiert mich eigentlich so gar nicht. Und ihre Stimme klingt absolut schrecklich. Wie kann man das auf Dauer nur aushalten? Als wäre man mit Minnie Maus zusammen.
„Chocola.", stelle ich mich vor und bin weiterhin sehr kurz angebunden. „Wir kennen uns durch...", beginne ich und überlege dann, was ich jetzt sagen soll. Ja, wodurch kennen wir uns? Er ist der Prinz der Ogul, der meine beste Freundin mal manipuliert und gegen mich aufgehetzt hat. Ach, und übrigens dachte ich damals, dass ich mich eventuell in ihn verliebt hab? Nein, das war keine Option.
Mein Hirn rattert, um eine passende Antwort zu finden. „Ach, weißt du, wie man sich eben so kennt.", meine ich dann mit möglichst unbekümmerter Miene und offenbar genügt ihr das. Nun wendet sich auch Pierre zu ihr. „Hör mal, mein Schatz." Ich spüre, wie mir die Eingeweide brennen, als hätte ich Benzin und eine Kerze verschluckt. „Ich muss mit Chocola noch was besprechen. Nichts Wichtiges, geh' ruhig schon mal vor. Du könntest mein Notizbuch holen. Ich habe es im Hörsaal liegen lassen." Ein mattes Lächeln huscht über seine Züge und man kann förmlich sehen, wie Sora dahin schmilzt. „Sei so lieb. Und dann kaufen wir dir ein wunderschönes Kleid." Ich sage nichts, sondern bleibe stumm. Am liebsten hätte ich mich einfach in Luft aufgelöst. Warum geht er denn jetzt nicht mit ihr? Was will er noch? Ist nicht alles gesagt? Ich für meinen Teil bin durch damit. Inzwischen bin ich entschlossener denn je, Hiroto zuzusagen. Und wenn es nur ist, um Pierre eins auszuwischen und ihm klar zu machen, wie falsch er liegt.
Sora drückt mich zu meiner Überraschung kurz und säuselt was von: „War schön dich kennenzulernen, hoffentlich sehen wir uns bald wieder." Hoffentlich nicht. Dann eilt sie davon.
Als sie außer Sichtweite ist, wende ich mich zu Gehen, doch Pierre hält mich zurück. Ich kann ein Prickeln an der Stelle spüren, wo seine kalte Hand meinen Arm umfasst und blicke erneut zu ihm hoch; eher erstaunt als erbost. „Was?", murmle ich und sehe rasch zu Boden. Es ist, als hätte er mich einfach so in der Hand und ich könnte nichts dagegen tun.
Pierre zieht mich zu sich, sodass ich wieder ganz nah vor ihm stehe. Der Schulhof ist mittlerweile verlassen und leer. Am Tor kann ich nur noch wenige Schüler stehen sehen und Pierre zieht mich weiter mit sich, sodass wir hinter einer Mauer und aus dem Sichtfeld aller verschwinden. Ich weiß nicht, was ich sagen oder tun soll, also schweige ich. Mein Herz beginnt zu rasen.
Pierre drängt mich leicht an die harte Mauer, als würde er mir ein Geheimnis erzählen wollen, das unter keinen Umständen ein Außenstehender erfahren darf. Meine Verwunderung wird immer größer. Es ist ja allgemein hin bekannt, dass Jungs komisch sind, aber das jetzt?
Seine Hände stützt er rechts und links neben meinem Kopf ab, als würde er mich festnageln wollen, mir jeden Fluchtweg abschneiden. Dann sieht er mir tief in die Augen und ich erwidere diesen Blick. Unwillkürlich wandern meine Augen immer wieder zu seinem Mund. Zu den blassen Lippen, die nie zu lächeln scheinen. Und dann wieder zu seinen wunderschönen eisig blauen Augen mit den langen Wimpern. Sein helles Haar umweht in der sanften Frühlingsbrise sein Gesicht, aber ansonsten scheint die Zeit und alles um uns herum still zu stehen. Ich fühle mich, wie in Trance und habe nicht den leisesten Schimmer, wie mir geschieht. Ich hasse Pierre doch, oder? Langsam werde ich mir dessen immer unsicherer. Immerhin stehe ich noch hier mit ihm, statt ihm eine reinzuhauen und das Weite zu suchen.
Kaum merklich, wie in extremer Zeitlupe, beugt Pierre sich vor; beugt sich hinab zu mir, kommt mir immer näher und näher, während ich ihn mit weit aufgerissenen Augen und heftig hämmerndem Herzen anstarre.
Nicht das eigene Herz
Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so gefühlt habe, wie in diesem Augenblick oder ob ich so etwas je gefühlt habe. Die Welt um uns herum hält an und verschwimmt zu undeutlichen Schemen. Das Einzige, was ich klar sehen kann, ist Pierre. Und er ist mir so nahe, viel zu nah. Seine Gegenwart scheint mir die Luft zu nehmen. Ich rieche sein Parfüm, spüre seine eiskalte Haut, seine Finger neben meinem Gesicht. Mein Herz hämmert und eine ungeahnte Hitze scheint mich von oben bis unten zu durchströmen. Ich kann eindeutig nicht mehr klar denken. In meinem Kopf ist stattdessen ein dröhnendes Rauschen, wie bei einem Fernseher, der kein Signal bekommt. Das eisige Blau von Pierres Augen erscheint mir seltsam warm und lässt mich leicht zittern. Meine Beine spüre ich gar nicht mehr. Es ist so unwirklich, wie in einem Traum. Und dennoch geschieht es; genau jetzt, genau hier und ausgerechnet mit mir. Ich kann es mir partout nicht erklären.
Eigentlich will ich nichts hiervon, aber ich kann mich doch nicht lösen, so als hätte mich jemand mit einem starken Bann gelähmt. Und obwohl es doch so falsch ist, fühlt es sich soo richtig an. Alles andere ist vergessen, einfach ausradiert. Ich sehe nur den Jungen vor mir, der immer näher kommt. Will ich überhaupt, was gleich geschehen könnte?
Spätestens jetzt ist Pierre mir gefährlich nah, geradezu verrucht nah, und als ich endlich beginne, mich zu winden, stockt er. Die Welt fängt langsam wieder an sich zu drehen. Ich löse mich von Pierres Augen. Wir beenden diesen Moment in derselben Sekunde.
Alles um mich herum, wird wieder klarer. Ich sehe hastig zu Boden und Pierre starrt mit undurchsichtiger Miene an die Mauer hinter mir. So verharren wir einige weitere Sekunden. Ich kann nicht sagen, wie viele genau. Noch immer fühle ich mich ein wenig benommen, spüre aber, wie wieder Leben in mich kehrt und ich meine Beine und Füße wieder bewegen kann. Die Stille weicht. Ich kann in der Ferne Stimmen vernehmen und das Rascheln der Bäume, die sanft im Wind wiegen. Dankbar klammere ich mich an jedes bisschen nüchterne Realität, dass ich in die Finger bekomme.
Noch immer sagt von uns beiden keiner was. Dann räuspere ich mich und Pierre sagt: „Ich wollte dir nur noch sagen, dass du auf dich aufpassen solltest. Schließlich willst du doch nicht schon wieder ins Krankenhaus." Seine Stimme klingt merkwürdig tonlos und er wirkte, als hätte er echt fiese Bauchschmerzen. Vielleicht kommt das daher, dass seine Worte mal nicht durch und durch fies, sondern fast ein wenig nett sind. Nur der Teil mit dem Krankenhaus klingt irgendwie bedrohlich, aber für seine Verhältnisse...
Ich gewinne meine Fassung immer weiter zurück, traue mir selbst oder meiner Stimme aber immer noch nicht ganz über den Weg. „Ja.", hauche ich und klinge genauso tonlos wie er eben. „Ja, wie auch immer." Ich schüttle mich und klinge dann endlich wieder normal. So, als kümmere Pierre mich nicht. Tut er auch nicht... Oder? Ich schüttle mich erneut, nur um sicher zu gehen.
„Und ich kann auch wunderbar alleine für mich sorgen, also erspare mir sowas wie gestern in Zukunft bitte." Ich ziehe ein grimmiges Gesicht und vermeide es entschieden, in Pierres Augen zu blicken. Stattdessen stiere ich eisern auf sein Kinn. Sein Parfüm liegt immer noch in der Luft und ich wedle es demonstrativ fort von mir. „Musst du jetzt nicht wieder zu Sora." Das klingt keineswegs wie eine Frage, eher wie eine Aufforderung. Eine, die wehtut.
Pierre nickt und wirkt wieder so kühl, wie eh und je. Scheinbar haben wir beide unsere Fassung wiedergewonnen, nachdem, was gerade passiert ist. Was auch immer das war. Ich meckere nicht, wenn das niemals mehr von irgendwem zur Sprache gebracht werden würde...
„Ich wollte es nur erwähnt haben... Auch, wenn wir uns nie mochten, Chocola... Aber es wäre doch unehrenhaft, wenn Vanilla kampflos die neue Königin werden würde." Dann wendet Pierre sich ab und geht davon. Ich starre ihm nach.
"Auch wenn wir uns nie mochten", dieser Satz hallt in meinem Kopf nach und mir dreht sich der Magen um. Nie mochten? Das hat er tatsächlich gesagt, oder? Wie ging ihm das so leicht von den Lippen. Ich... Mag ihn ja auch nicht, aber... Da gerade... Da war doch irgendetwas, genauso, wie früher schon. Ich weiß nicht was und will da auch nicht drüber nachdenken, aber es war da, seit dem Moment, in dem ich Pierre das erste Mal gesehen hatte. Oder hat er nur seine Spielchen mit mir getrieben? Einfach so zu seinem Vergnügen? Versucht er jetzt, mich ihm zu Willen zu machen, nachdem er Vanilla verloren hat? Will er vielleicht über mich wieder an sie rankommen? Hatte er damals nur mit ihr gespielt oder hatte sie ihm etwas bedeutet? Und was bedeutet diese Sora ihm? Warum hat er eine Freundin und macht mit mir... Was auch immer das eben war?! Sora ist doch Wachs in seinen Händen, das er formen kann, wie er will. Reicht ihm das etwa nicht? Es sollte ihm klar sein, dass ich mich nie in ihn, einen Ogul, verlieben würde, mich überhaupt verlieben... Nein, nein, nein. Ich werde wie meine Mutter werden. Eine Herzensbrecherin, die ihr eigenes Herz nie verliert. Eine andere Option gibt es für mich nicht, niemals, niemals, niemals.
Die Tränen wollen mir in die Augen steigen, aber ich schlucke hart dagegen an und schüttle energisch den Kopf. Schluss jetzt damit! Ein für alle Mal! Ich habe endgültig genug! Ich muss mich auf meine Herzenjagd konzentrieren um Königin zu werden, alles andere ist egal, besonders Pierre! Dieser Blödmann muss aus meinem Leben verschwinden, bis er nicht mehr diese seltsame Macht über mich hat. Und wenn es nach mir geht auch gerne länger, so zum Beispiel für immer und ewig.
Eilig laufe ich über den menschenleeren Schulhof auf das Tor zu. Lovin wartet bestimmt schon ungeduldig, dass ich endlich aufkreuze Und wenn ich jetzt als Letzte das Auto erreiche, muss ich mich wieder auf den unbequemen Mittelplatz zwischen Houx und Saule quetschen. Womöglich ist er auch schon weg, weil er die Schnauze voll hat und mir einen Denkzettel verpassen will. Ich renne fast zur Straße, ohne mich auch nur einmal umzublicken.
Lovin wartet tatsächlich schon und Houx, Saule und Vanilla sitzen auch schon in seinem Cabrio. Ich reiße die Wagentür auf, klettere stumm über Houx und lasse mich in die Mitte plumpsen. Naja, wir fahren eh nicht lange, da würde ich es hier schon aushalten.
Lovin tadelt mich, aber ich nehme das kaum wahr. In meinem Kopf ist immer noch alles durcheinander. Ich nicke und gifte ihn beiläufig an, dann lasse ich mich in das weiche Leder des Sitzes sinken.
Die anderen unterhalten sich und scherzen, aber ich sitze einfach nur da, denke an alles und nichts. Kein Wort bringe ich über mich, so sehr ich das auch möchte. Zuhause werde ich mich in mein Zimmer verkrümeln mit einer leckeren Tafel Schokolade zum Trost. Vielleicht würde ich sogar Duke rauswerfen, um meine Ruhe zu haben. Sollte er sich doch mit Blanca rumärgern oder Houx und Saule vollquaken. Bei mir wäre er da heute an der falschen Adresse.
Während Lovin mit uns nach Hause rast, schließe ich die Augen und atme tief durch. Das kann doch alles nicht wahr sein!. Nein wirklich... Es ist einfach nicht zu fassen...
Jeder hat schon mal geweint
Als Lovin seinen Wagen parkt, springe ich eilig heraus und verschwinde ohne ein Wort in mein Zimmer. Die Tür fällt krachend hinter mir ins Schloss und ich lehne mich daran. Duke ist nirgends zu sehen, was vermutlich besser so ist. Dann kann er mir immerhin nicht mit der Herzenjagd auf die Nerven gehen. Noch immer werden meine Beine ein bisschen wacklig, wenn ich daran denke, wie Pierre eben noch vor mir stand. Wie er mich angesehen hat... Ich dachte, er würde mich küssen wollen. Bei Hiroto ist es ähnlich gewesen und doch ganz anders. Bei dem habe ich mich nicht ansatzweise so gefühlt, wie eben.
Mit einem Seufzer schnappe ich eine großen Tafel Schokolade mit Erdbeerstückchen von meinem Nachttisch und lasse mich aufs Bett fallen, erschöpft von der ersten Woche nach meinem Koma. Soll das jetzt den Rest meines Lebens so weitergehen? Wenn es so sein sollte: Vielen Dank für nichts!
Ich fühle mich so alleine und verlassen und hilflos, wie lange nicht mehr und während ich so an die Decke meines Zimmers starre, fällt mir plötzlich etwas ein.
Stumm gleite ich vom Bett und gehe zu meinem Kleiderschrank, bücke mich und taste den Boden ab. Und plötzlich macht mein Herz einen Satz. Ich sinke auf die Knie und ziehe das schwere Tagebuch meiner Mutter heraus. Es liegt noch genau dort, wo ich es vor Jahren versteckt hatte. Eine merkwürdige Schwere scheint Besitz von mir zu ergreifen. Ich kann es nicht genau beschreiben. Während ich Mamas Buch in den Händen halte, fühle mich gleichzeitig todtraurig und getröstet. Wie sehr wünsche ich mir, dass sie noch bei mir wäre. Das ist doch so unfair! Ich brauche sie an meiner Seite, brauche ihren Rat und ihren Trost.
Die Tränen wollen mich schon wieder übermannen, aber ich konzentriere mich darauf, nicht zu weinen, während ich das Buch an mich drücke, als würde es mir gleich jemand stehlen wollen. Es ist wie mein Anker, das einzige, was mich davon abhält, loszuheulen.
Das laute Gepoltere, das jetzt im Flur zu hören ist, dringt nur gedämpft an meine Ohren. Bitte, bitte, bitte, lass jetzt niemanden hier hereinkommen. Ich bin mir nicht sicher, dass ich mich dann noch beherrschen könnte. Aber das kann man in diesem Haus nur vergeblich hoffen.
Die Tür wird aufgerissen und Saule grinst mich an, als seine dunkelblauen Augen mich vor dem Schrank kauern sehen. „Choco!", dröhnt er gutgelaunt. „Komm runter, Vanilla macht Smoothies." Ich sage nichts. Ich sehe nicht einmal zu ihm auf. Und das scheint auch Saule zu bemerken.
Er starrt mich unschlüssig an und fragt nun leiser: „Choco? Alles okay?" Ich antworte immer noch nicht. Ich brauche all meine Kraft, um nicht in Tränen auszubrechen. Verdammt, eigentlich ist doch Vanilla diejenige, die wegen jeder Kleinigkeit gleich weint und nicht ich. Saule klingt mittlerweile wirklich besorgt, was sehr ungewöhnlich ist, wo er doch gewöhnlich die unsensibelste Person der Welt ist.
Er lehnt die Tür hinter sich an und kommt zu mir herüber und dreht mich an den Schultern herum, sodass ich ihn ansehen muss. Mamas Buch habe ich immer noch fest umklammert.
Saule mustert mich. „Chocola...", flüsterte er und streicht mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Es ist so unfair! Warum muss ich das alles alleine, ohne meine Mutter durchstehen? Kein Wunder, dass ich so verkorkst bin, wie Lovin oder Großvater immer sagen. Alles um mich herum scheint in sich zusammen zu brechen. Wie soll ich es so schaffen, Königin zu werden? Ich bin doch ganz alleine! Und dann rinnen mir schon die Tränen das Gesicht herab und meine Hände beben.
Zuerst wirkt Saule erschrocken, dann schließt er mich fest in die Arme. Jetzt ist es ja auch egal, also lasse ich meinen Kummer einfach raus.
Stumm weine ich und vergrabe mein Gesicht an Saules Schulter, während er versucht, mich zu beruhigen. Immerhin meine besten Freunde sind bei mir, auch wenn sie kein wirklicher Ersatz für meine Mutter sind. Die ist leider unwiederbringlich fort. Trotzdem merke ich in diesem Moment, wie wichtig die beiden Jungs mir sind.
Klar, Vanilla ist meine beste Freundin, aber seit wir in diesem Wettkampf sind, hat sich unser Verhältnis irgendwie ein bisschen verändert. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ihr alles erzählen zu können. Das mit Pierre zum Beispiel fühlte sich nicht so an, als wenn ich es ihr erzählen sollte. Niemand soll davon erfahren.
Eine Weile lang hocken wir einfach nur so da. Saule sagt nichts und von mir ist nur ein ganz leises Wimmern zu vernehmen. Hoffentlich hört das kein anderer im Haus. Schlimm genug, dass Saule mich so sieht.
Irgendwann löse ich mich. Meine Augen sind gerötet, aber ich konnte nicht mehr weinen. Ich schlucke einige Male schwer und löse mich dann von Saule, wobei ich es vermeide, ihm direkt in die Augen zu sehen. Ich schäme mich.
„Was... Hast du denn?", fragt er mit immer noch besorgter Miene. Ich sehe zu Boden und überlege, was ich jetzt sagen soll; was ich sagen will.
Saules Blick liegt auf mir und ich finde einfach keine passenden Worte. Dann antworte ich sehr, sehr leise: „Es ist... Keine Ahnung... Alles irgendwie. Und nichts. Ich weiß es nicht." Ich seufze. Das ist nicht einmal gelogen. Und ehe mich versehen kann, sprudelt einfach alles ungebremst aus mir heraus: „Als ich gestern mit Hiroto aus war, hat sich Pierre eingemischt, als Hiroto mich küsste und vorhin in der Schule hatte ich das Gefühl, dass Pierre mich küssen wollte und ich hab noch keine Herzen und ich vermiss 'meine Mutter und schaff wahrscheinlich meine Qualifikation nicht!" Erschrocken sehe ich ihn an, schlage mir die Hand vor den Mund und nicht minder erschrocken schaut Saule zurück. Er hält kurz inne und scheint zu überlegen. Dann meint er: „Du hast einen Kerl geküsst?" Wirklich? Das ist das, was bei ihm hängengeblieben ist?
„Nein!", erwidere ich schroff. „Er mich. Ich wollte das nicht. Aber ich brauch' ja sein Herz, deshalb kann ich ihn ja auch nicht total vergraulen." „Und Pierre...?"„Ach, vergiss Pierre. Er ist ein Idiot. Ich weiß nicht, was er vorhat, es ist mir eigentlich auch egal!" „Das klang eben aber nicht..." „So ist es aber!", fauche ich mit todbringender Stimme und funkle Saule an. Gerade fühlt sich an, als würde er sich gegen mich wenden, ein krasser Kontrast zu dem Trost, den er mir eben noch gespendet hat.
„Er will bestimmt nur den Wettbewerb manipulieren. So wie damals mit Vanilla." Ich stehe auf und verstaue Mamas Buch wieder im Schrank, möglichst so, dass es Saules Blicken verborgen bleibt. Ich raffe mich zusammen, weil ich diesem Tag gerne noch was Positives abgewinnen würde. „Also, Smoothies?", frage ich grinsend und gebe mich wieder so, wie eh und je, damit wir das Thema ja nicht vertiefen. Schlimm genug, dass ich ihm gerade einfach alles erzählt habe. Das war ehrlich nicht meine Absicht. Allerdings fühle ich mich jetzt auch ein wenig erleichtert, dass es endlich mal raus konnte und mich nicht nur von innen zerfrisst; zumindest nicht mehr so sehr.
Unwirsch packe ich Saules Arm und ziehe ihn ruppig hinter mir her aus meinem Zimmer und hinunter zur Küche. Bis heute Abend würde ich mich mit dem Thema 'Pierre' nicht mehr befassen. Das nehme ich mir fest vor. Und später würde ich mir überlegen, wie es mit Hiroto weitergehen würde. Viel Lust auf ein zweites Date habe ich nicht, aber ich brauche sein Herz unbedingt.
Hilfe, ein Ball!
Die Smoothies sind wirklich richtig lecker und heitern mich sogar ein wenig auf. Ich glaube, am besten finde ich den mit den vielen unterschiedlichen Beeren darin, aber auch der eine mit Banane ist ziemlich cool.
Allerdings ahne ich, dass sich meine Laune ganz schnell wieder ändern wird, als Lovin mit einem verschlagenen Grinsen zu uns in die Küche kommt.
Diesen Ausdruck von ihm kenne ich zur Genüge und dem folgt in der Regel nichts Gutes. Er räuspert sich affektiert und fuchtelt mit den Händen herum, bis wir ihm alle zuhören und unsere Münder halten. Ich kann nicht anders, als noch einmal demonstrativ geräuschvoll an meinem Strohhalm zu saugen und Lovin funkelt mir finster entgegen. „Chocola! Verhalt' dich endlich mal wie eine Dame!", fährt er mich an und ich ziehe eine Grimasse. Dann lehnt er sich auf die Tischplatte, um uns alle eindringlich reihum zu mustern.
„Ich habe eine Überraschung für euch.", beginnt er und genießt unsere fragenden, neugierigen Blicke. Dass er sich auch immer so aufspielen muss! Dann fährt er endlich fort: „Am Samstag, also morgen, gibt es in der Stadt einen Benefiz-Ball. Ich stehe natürlich auf der Gästeliste und habe so davon erfahren. Allerdings kann dort jeder hingehen. Die Einnahmen des Eintritts werden für einen guten Zweck gespendet."
Ich kann ihm nicht so recht folgen. Klar, ich verstehe natürlich, was er sagt, aber ich verstehe nicht, warum er uns das erzählt. Meine Stirn liegt in tiefen Falten, während in Vanillas Augen schon ein leichter Ausdruck der Vorfreude zu sehen ist.
Oh, bitte nicht, denke ich erschrocken und wende mich Lovin zu, der dann auch schon weiterspricht: „Nun ja und da besonders Chocola noch kein Herz ergattern konnte, ist das doch die perfekte Gelegenheit für euch beide. Chocola kann versuchen, das zu ändern - auch, wenn das sicherlich nicht so leicht für sie wird - oder Vanilla könnte ihren Vorsprung weiter ausbauen."
„Was soll das denn heißen?! Nicht so leicht für mich?!", fauche ich Lovin sofort an und kralle mich mit den Fingern an mein Smoothie-Glas, doch er schneidet mir ungeduldig das Wort ab, ohne auf meinen Einwand einzugehen: „Houx und Saule, ihr dürft selbstverständlich auch dorthin gehen, wo ihr im Moment doch unsere Gäste seid. Wenn ihr möchtet - und das gilt für euch alle - könnt ihr euch natürlich ein Date einladen, oder aber euch dort nette Gesellschaft suchen. Und für euch Mädels gilt: Das ist nicht nur ein Vergnügen. Ihr müsst eure Aufgabe im Blick behalten. Ach ja, und wenn ihr euch keine ordentlich Abendgarderobe anzieht, dann bleibt ihr hier. Und dann werde ich sauer, denn die Karten sind schon gekauft."
Schade, kurz habe ich gedacht, ich kann der ganzen Sache vielleicht entgehen, aber Lovin hat ja Recht. Ich brauche wirklich Herzen und das möglichst schnell. Allerdings habe ich keine Abendgarderobe. Und ich habe wirklich keine Lust schon wieder shoppen zu gehen. Das haben wir doch kürzlich erst ausgiebig getan. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich da einfach irgendein Kleid mit eingepackt. Vielleicht geht ja auch das von meiner Mutter...?
Neben mir protestiert auch Houx: „Lovin, Saule und ich haben keinen Anzug oder so etwas." „Jaja, ich weiß ja. Dann geht los und kauft euch was." Er schmeißt eine große Menge Menschengeld auf den Tisch und stolziert dann wieder von dannen. „Ich kann euch leider nicht fahren, ich habe noch zu tun."
Fast schon angewidert sehe ich in die Runde. Von Vanilla mal abgesehen sind wir alle eher mäßig begeistert. Wen wundert's? Bälle sind nicht so mein Ding und das von meinen beiden Chaotenfreunden auch nicht. Vani dagegen strahlt uns unverwandt an und macht Anstalten aufzustehen. Bockig wie ich bin, rühre ich mich keinen Meter. „Ich ruf' uns schon einmal ein Taxi.", sagt Vanilla in die entstandene Stille hinein. Houx, Saule und ich tauschen vielsagende Blicke, dann stehe ich auf und eile meiner Freundin nach. Sie ist schon am Telefon, da bekomme ich sie an der Schulter zufassen. „Was?", fragt sie irritiert und lächelt matt. Ich beuge mich zu ihr und wispere verschwörerisch: „Wir brauchen kein Taxi. Lass uns fliegen." Sie sieht erschrocken aus und schaut sich um, als befürchtet sie, Lovin könnte etwas hören. Ich winke nur ab. „Ach, komm jetzt. Taxi dauert doch viel zu lange. Außerdem kostet uns das was von unserem Kleiderbudget. Mal ganz davon abgesehen, dass Fliegen viieel mehr Spaß macht." Vanilla wirkt immer noch unsicher, aber ich ziehe sie einfach mit mir. Für Diskussionen haben wir eh keine Zeit. Houx und Saule stehen bereits an der Haustür und halten das Geld in den Händen. Ich nicke ihnen entgegen und zu viert laufen wir hinaus. Vorsichtig sehen wir uns noch einmal um, ob Lovin auch nicht zufällig gerade aus einem der vielen Fenster seiner Villa schaut, dann heben Houx und Saule schon ab und ich tue es ihnen gleich. Vanilla wirkt immer noch sehr verunsichert, aber ich schnappe nach ihrer Hand und so muss sie wohl oder übel mitziehen.
Wir lachen und spaßen, während wir so durch die Luft fliegen. Das heitert einen wirklich auf, wobei Vanilla nicht sonderlich begeistert wirkt und immer wieder unruhige Blicke nach unten wirft. Nun ja, sie war schon immer ein bisschen ängstlich und offenbar hat sich das auch nicht nach sechs Jahren Koma geändert. Im Grunde hätte mich das auch sehr gewundert. Woher sollte eine so gravierende Änderung auch auf einmal kommen?
Unter uns können wir mittlerweile die Stadt sehen. Ich deute auf eine schäbige, kleine Gasse, die, in der ich schon gestern Abend gelandet bin. Da hatte das wunderbar geklappt, bis auf den Beinahe-Vorfall mit der Mülltonne. Aber davon mal abgesehen, ist diese Gasse ein guter Landungsplatz, weil sich dorthin normalerweise niemand zu verirren scheint.
Wir landen alle ohne größere Probleme, wenn auch etwas unsanft. Als ich Vanilla aufhelfe, zittert sie ein wenig und man sieht ihr deutlich an, wie froh sie ist, wieder auf festem Boden zu stehen.
Sonderlich Lust Kleider einzukaufen, habe ich immer noch nicht. Trotzdem komme ich ja wohl nicht wirklich darum herum. Irgendwie muss ich also versuchen, das Beste aus der ganzen Sache zu machen. Wir laufen also los. Das einzig Gute ist, dass Lovin nicht dabei ist, um uns auf den Wecker zu gehen...Beziehungsweise mir!
Wir müssen einen kleine Weile gehen, ehe wir ein Geschäft für Braut- und Abendmode erreichen. „Gibt's da auch Anzüge?", fragt Saule und linst durch die Schaufenster, die über und über mit glitzernden langen Roben gefüllt sind. „Keine Ahnung.", murre ich und Vanilla geht uns voran hinein. „Ach wir fragen kurz nach. Und wenn nicht, könnt ihr beiden ja schon einmal weitergehen.", sagt sie sanft und deutet auf Houx und Saule.
Die Türklingel über uns bimmelt und sofort wuselt eine hektisch wirkende Verkäuferin auf uns zu und begrüßt uns überschwänglich. Allerdings komme ich nicht umhin zu bemerken, dass sie uns ein wenig skeptisch, ja fast herablassend mustert. „Hallo – oh – ja, kommen Sie herein. Was kann ich Ihnen Gutes tun? Was auch immer Sie suchen, bei uns werden Sie garantiert fündig werden." Warum ist sie so aufgekratzt? Sie führt uns immer weiter in den großen Laden hinein. Von außen sieht das Geschäft gar nicht so riesig aus, wie es tatsächlich ist. Überall hängen die verschiedensten Kleider und an einer Wand sehe ich auch eine ganze Reihe von Anzügen. Wow. Nun dann kann der Shopping-Wahnsinn ja beginnen.
Unverhofft kommt oft oder: Kleiderschlacht
Die Verkäuferin bleibt beunruhigend aufgekratzt und ich werfe unverhohlen einen skeptischen Blick auf sie. Vanilla dagegen beginnt schon, zu erzählen: „Hallo. Wir suchen Kleider, dürfen wir uns ein wenig umsehen?" Naja, so haben wir immerhin unsere Ruhe. Nur 20 Minuten mit dieser Frau und ich würde vermutlich durchdrehen.
Die Verkäuferin wuselt wieder weg mit den Worten: „Okidoki, wenn Sie was brauchen, rufen Sie mich nur." Na, ganz bestimmt würde ich diese Irre unter keinen Umständen rufen.
Halbherzig schlendere ich zu den Stangen, auf denen Unmengen von verschiedensten Kleidern hängen und beginne, sie mir mit mäßigem Interesse anzusehen. Vanilla tritt dicht zu mir und schaut mich auffordernd an. „Und? Wie war's gestern? Wieso hast du dir nicht dein Herz geholt?Das hast du nicht, oder?" Ich schüttle den Kopf und überlege, ob ich ihr alles erzählen soll. Ich bin mir da wirklich nicht sicher. Aber bestimmt will sie schon seit gestern Abend alles wissen, konnte mich bisher aber kein einziges Mal in Ruhe abpassen. Das ist hier die erste richtige Gelegenheit für sie.
„Nein. Aber es hat violett geleuchtet. Heute hat er mir eine SMS geschrieben, dass er sich nochmal mit mir treffen will. Ich hab' noch nicht geantwortet. Ich war gestern ein bisschen überfordert... Er hat mich geküsst." Das Thema "Pierre" verschweige ich lieber. Das geht auch wirklich niemanden etwas an. Schlimm genug, dass mir das vor Saule rausgerutscht ist. Ich sehe mich um. Wo sind die beiden eigentlich? Im hinteren Teil des Ladens entdecke ich sie dann, wie sie vor der großen Auswahl an Anzügen stehen und sich angeregt unterhalten.
Vanilla hat mittlerweile ganz große Augen bekommen. „Wirklich?", fragt sie ungläubig und ich nicke wieder. „Wow." „Ja."" entgegne ich nur noch.
Vani belädt sich den Arm mit Kleidern. Für meinen Geschmack sind alle von denen ein wenig zu plüschig und kitschig und mädchenhaft und auf einmal denke ich, dass ich hier sicherlich nichts Schönes finden werde. Und dann würde Lovin mich garantiert in eins eben dieser albtraumhaften Kleider stecken. Nein, danke!
„Weißt du, Choco, ich finde es schön, dass wir heute zusammen einkaufen. In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, dass wir uns nicht mehr so oft sehen." Ich sehe sie an und sage erst einmal nichts. Traurigerweise hat sie mit ihren Worten Recht. Das Gefühl habe ich auch schon eine Weile. Unentwegt starrt Vani mich an und ihre Augen werden wieder glasig. „Ach, iwo.", winke ich schnell ab, damit sie nicht hier und jetzt zu weinen beginnt. Und schon wirft sie sich in meine Arme und schluchzt leise. „Ach, Choco, du bist doch meine beste Freundin. Ich will dich einfach nicht verlieren. Meinetwegen lagst du sechs Jahre im Koma, bestimmt bist du sauer auf mich." Ich tätschle ihren Rücken und versuche, sie zu beruhigen: „Was sagst du denn da? Das ist doch gar nicht wahr! Wir sind die besten Freundinnen, seit wir soo klein sind. Und selbstverständlich bleiben wir das. Mach' dir bitte keine Vorwürfe. Dich trifft keine Schuld. Ich konnte doch nicht zulassen, dass dir etwas geschieht." Sie drückt mich enger an sich und ich erwidere die Umarmung. Als sie mich dann wieder ansieht, sind ihre Augen noch ganz wässrig. „Schon gut.", flüstere ich ihr mit lieber Stimme zu und lächle. „Vergiss das jetzt. Lass uns lieber weiter die Kleider ansehen."
Mittlerweile ist Vanillas Arm mit unzähligen Kleidern behängt, während ich noch kein Einziges gefunden habe. Plötzlich keucht Vani und ich schaue erschrocken zu ihr.
„Was?", frage ich und sehe mich, in Alarmbereitschaft versetzt, um. Doch so sehr ich auch alles abscanne, kann ich nicht erkennen, was sie meint. Dann hält sie mir ein Kleid vor die Nase. Es ist lang und dunkelgrün; so dunkel, dass ich im ersten Moment denke, es sei schwarz. Hmm, das könnte mir tatsächlich gefallen. Ich nehme es ihr ab und betrachte den glänzenden Stoff und die schwarzen Perlenstickereien, die das ganze Oberteil und Teile des Rocks verzieren.
Ein kleines Stück weiter entdeckte ich auf einer Stange noch zwei weitere Exemplare, die mir annehmbar erscheinen. Eines ist smaragdgrün, das andere lavendelfarben. Kurzentschlossen schnappe ich mir die beiden und dann stiefeln Vani und ich zu den Umkleidekabinen.
Ich trödle extra beim Umziehen, ganz im Gegensatz zu Vanilla, die alle paar Minuten am Vorhang meiner Kabine wackelt, damit ich rausluge und sie ihr Kleid präsentieren kann. Mir fällt auf, dass die meisten der Kleider, die sie sich ausgesucht hat, recht ähnlich aussehen und fast jedes Mal sage ich etwas wie: „Meins ist es nicht, aber es steht dir." Anlügen will ich sie schließlich nicht und es ist ja nicht schlimm, unterschiedliche Geschmäcker zu haben.
Ich habe mich recht schnell entschieden. Das Grüne, das Vanilla entdeckt hat, würde es werden. Es ist einfach genau meins. Das andere grüne war sogar mir zu schlicht und das helllilane hatte so lange Flügelärmel, dass ich sicher war, dass die mich nerven würden, auch, wenn sie richtig schön aussehen. Und noch andere Kleider möchte ich auch nicht mehr anprobieren. Meine Entscheidung steht fest, Vanilla hat damit einfach wieder einen ihren berüchtigten Glücksgriffe gemacht.
Bei ihrer eigenen Entscheidung tut sie sich heute ein bisschen schwerer. Sie steht vor einer Kleiderstange, auf der sie ihre Favoriten hin und herschiebt, bis sie irgendwann dann endlich ihre finale Entscheidung getroffen hat.
Houx und Saule hatten sich, wie ich, auch nicht ewig lange aufgehalten, sondern sich jeweils einen Anzug passend zu ihren jeweiligen Haarfarben ausgesucht, sich vergewissert, dass er gut passt und fertig waren sie. Als wir endlich alles bezahlen können, sehen sie aus, wie ich mich fühle, erschöpft und hungrig.
Mit vollgepackten Tüten entkommen wir endlich dem Geschäft und der aufgekratzten Verkäuferin, die uns an der Kasse noch einige Accessoires aufgeschwatzt hat. Wie kann ein Mensch in so kurzer Zeit nur so sehr nerven? Die ist ja anstrengender, als Pierres Sora. Und die ist in meinen Augen schon echt schon die Härte.
Erst schlendern wir einfach nur so dahin, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Doch dann erblicke ich eine kleine Konditorei und drücke ungeniert meine Nase an die große Fensterscheibe, um hineinzusehen. Ein wahnsinnig lecker aussehender Schokoladenkuchen erwidert meinen Blick. Ohh, den muss ich einfach haben!
„Hey, lasst uns darein!", rufe ich meinen Freunden zu und reiße schon die Tür zur Konditorei auf, ohne eine Antwort abzuwarten. Doch plötzlich vernehme ich eine bekannte Stimme hinter mir und wirble ungläubig herum.
„Hey, Chocola!", ruft Hiroto auf der anderen Straßenseite und lächelt, als er auf mich zukommt. Oh nein, wie peinlich! Bestimmt fragt er gleich, warum ich ihm noch nicht geantwortet habe. Und - wie ich es schon ahne - tut er genau das.
Ich weiche aus und behaupte, dass ich seine Nachricht ja noch gar nicht gesehen hätte. Ich druckse herum und muss mich beherrschen, um nicht einfach mit der konfusen Wahrheit rauszuplatzen und ihm nebenbei zu erzählen, dass ich eigentlich gar kein wirkliches Interesse an ihm habe.
Völlig untypisch für sie, tritt auf einmal Vanilla zwischen uns und lächelt Hiroto engelsgleich an. „Willst du morgen mit auf den Ball kommen, der hier stattfindet? Du könntest Chocola ja begleiten." Ich sehe sie an, als wäre sie wahnsinnig geworden. Und auch Hiroto schaut etwas belämmert drein. Ich ziehe Vani weg in Richtung der offenen Tür und scheuche sie, Houx und Saule, die mit grimmigen Mienen hinter uns stehen, in die Konditorei. „Ich komme sofort nach.", versichere ich und schließe eilig die Tür, sodass die drei mich nicht mehr hören können. Und dann wende ich mich erneut Hiroto zu.
In Quadratlatschen zu neuer Kraft
Hiroto macht Anstalten mir wieder näher zu kommen und ich fasse endlich meinen Entschluss. Es ist schon längst an der Zeit dafür. „Sugar Sugar Rune, Choco Rune! Jetzt schnapp' ich mir dein Herz!" Ich hebe meinen Stick und sein noch immer violettes Herz wandert in meinen Herzcontainer. Dann ist alles wieder genau so, wie es zuvor war, nur jetzt blinzelt Hiroto etwas irritiert. „Hi, Chocola.", meint er nüchtern, richtet seine Brille und sieht sich verwirrt um. „Nun ja, ich muss dann auch weiter. Wir sehen uns bestimmt." Und mit einem freundlichen, aber flüchtigen Lächeln geht er eilig davon.
Puh, mir fällt ein so großer Stein vom Herzen, das es kaum zu fassen ist. Ich bin Hiroto los und habe zumindest genügend Ecru zusammen, um nicht schon vor der ersten Qualifikation auszuscheiden.
Ich drehe mich erleichtert herum und erschrecke dann! Houx und Saule stehen, die Gesichter an die Scheibe gedrückt, am Schaufenster der Konditorei und glotzen neugierig zu mir herüber. Vanilla steht etwas verlegen hinter ihnen. Fast meine ich, einen entschuldigenden Ausdruck in ihren Augen zu sehen
Mit zu Schlitzen verengten Augen trete ich ein. „Habt ihr alles gesehen? Oder gibt es noch irgendwelche Fragen?" Meine Worte klingen bedrohlich. Ein kleines Grinsen wegen des erlangten Herzen kann ich mir aber trotzdem nicht verkneifen. Vanilla stolpert sofort auf mich zu und umarmt mich stürmisch. „Choco, du hast es geschafft. Das ist so wunderbar. Ich freue mich ja so für dich.", qiuekt sie begeistert und ohne die geringste Spur von Neid oder Missgunst. „Danke.", nuschle ich und pflücke sie sanft von mir. „Aber bring' mich nie wieder in so eine Situation. Was hast du dir dabei gedacht, ihn einfach zum Ball einzuladen? Das war ja oberpeinlich." Sie kichert nur. „Tschuldigung. Ich hatte nur das Gefühl, dass du einen Stups brauchtest." Ein ungläubiges Keuchen huscht über meine Lippen, denn auf einmal wird mir klar, dass sie damit wohl nicht ganz Unrecht hatte. „Ist ja schon gut.", winke ich also ab. „Lasst uns jetzt Kuchen essen. Ich steeeerbe vor Hunger."
Als wir nach Hause zurückkehren, ist mal wieder die Hölle los. Warum kann es hier eigentlich nicht auch mal normale Tage geben? Wäre doch mal eine schöne Abwechslung.
Die Eingangshalle steht voller großer Kisten und ein paar gehetzte Fremde in schlichten Uniformen schieben Sackkarren durch die Gegend.
Lovin wuselt geschäftig dazwischen umher und empfängt uns dann mit theatralischer Stimme: „Ach, ihr Lieben, schön, dass ihr wieder Zuhause seid. Habt ihr alles gefunden? Wunderbar, wunderbar, dann kann der Ball ja kommen." Ohne auch nur eine Antwort von uns abzuwarten, fährt unser sogenannter Mentor unbeirrt fort: „Wie ihr ja wisst, ist der Ball morgen. Und ich habe für das nächste Wochenende einen kleinen Umtrunk hier geplant, der die Spenden des Balls noch weiter aufstocken soll. Ihr wisst ja, ich kümmere mich sehr um solcherlei Belange. Als Prominenter ist es meine Pflicht, mich für die Gesellschaft einzubringen. Und da kam mir diese Idee!" Blablabla. Ich schalte innerlich ab und schleiche mich zur Treppe vor. Nächste Woche Umtrunk... Was genau soll das eigentlich heißen? Uns betrifft das doch wohl auch nicht? Ich bin noch nicht einmal wirklich von diesem ollen Ball überzeugt. Und heute will ich schon gar nichts mehr hören, egal von was. Nein, nun will ich wirklich nur noch meine Ruhe.
Ich sprinte die Treppe hoch und ein markerschütterndes, quietschendes Geräusch dringt mir an die Ohren, als ich die oberste Stufe erreiche.
„Chocola, du Trampel! Pass' doch auf. Du zerquetschst mich noch mit deinen Quadratlatschen!" Blanca! Na, wunderbar! Die hat mir noch zu meinem Glück gefehlt. Sie steht zu meinen Füßen und hat sich zu ihrer vollen, unbeeindruckenden Größe aufgerichtet.
„Du ahnst gar nicht, wie gerne ich dich tatsächlich zerquetschen würde, du kleines Mistvieh!", gebe ich bissig zurück und sehe zu, wie sich Vanillas zickige Begleiterin piepsend und fluchend von dannen macht, hinunter zu den anderen. Pah, Quadratlatschen! Ich habe zwar Schuhgröße 37und nicht wie Vanilla 36, aber von Quadratlatschen kann man da doch wohl noch lange nicht sprechen!
Als ich mein Zimmer betrete, springt Duke mich an. Wie eine kleine, glitschige Kanonenkugel kommt er aus dem Nichts angeschossen. Im letzten Moment fange ich ihn noch auf und verhindere, dass der kleine Frosch an die Wand neben der Tür klatscht.
„Mach sowas doch nicht.", mahne ich, lächle dann aber und streichle seinen nassen, kühlen Körper. Auch, wenn Duke manchmal wirklich nervt... Ich bin froh, ihn bei mir zu haben, weil ich ihn doch einfach lieb habe. Er ist wirklich ein guter Gefährte.
„Ach, Duke, hast du 'ne Idee, wie ich mich morgen vor dem Ball drücken kann?", frage ich resigniert und lasse mich auf mein weiches Bett fallen. Sicher ist Pierre morgen auch da. Und den will ich einfach nicht mehr sehen. Doch mein kleiner Begleiter sieht mich ganz empört an. „Chocola! Du musst wirklich mehr Engagement zeigen. Ich kann mir nichts vorstellen, was Lovin dazu bringen würde, das zuzulassen. Außerdem hast du doch gerade ein nagelneues Kleid gekauft, oder? Warum willst du den Ball überhaupt schwänzen? Du wolltest doch immer deine Mutter stolz machen..." Mit diesen Worten trifft er mich hart. Er hat Recht, aber...
Nein, alles, nur nicht schon wieder heulen. Ich will wirklich nicht so eine Heulsuse werden.
„Du hast ja Recht.", nuschle ich kleinlaut und vergrabe mein Gesicht im Kopfkissen. „Du hast ja Recht...", wiederhole ich, „Ich will sie stolz machen. Ich werde sie stolz machen! Ich gehe morgen auf den Ball. Ich werde das Ding rocken! Und du hilfst mir. Ich werde mir morgen mindestens ein pinkes Herz schnappen!" Damit wäre ich immer noch weit hinter Vanilla, aber jeder Fortschritt zählt.
„Übrigens habe ich heute ein lilanes Herz bekommen. 2500 Ecru! Ich habe auf alle Fälle genug für die Qualifikation! Super, oder?" Und dieses Herz, da bin ich mir hundertprozentig sicher, würde erst der Anfang sein.
Aufgeregt springt Duke neben mir auf und ab. „Das ist ja klasse.", stimmt er zu. „Glückwunsch, Chocola. Ich wusste doch, du schaffst es." „Ach wirklich?", entgegne ich und sehe ihn feixend an. „Du wusstest es? Dann hast du das aber gut versteckt." „Sei nicht albern, Chocola." Er klingt bemüht unbeeindruckt, aber ich sehe eindeutig, dass er ein bisschen nervös ist. Doch ich bin mal gütig und lasse die Sache auf sich beruhen.
Ich kraule Duke beiläufig, während ich an die Decke meines Zimmers starre und wie verbissen meinen Gedanken nachhänge. Mein Ehrgeiz ist jetzt geweckt worden. Scheiß auf Pierre! Ich will Königin werden und damit basta! Draußen, vor den Fenstern, wird es immer dunkler und die ersten Sterne sind zusehen, genauso wie der Mond, der sich an einigen dicken Wolken vorbei zu drängen versucht. Ich bin wie dieser Mond. Ich werde mich nicht unterkriegen lassen, sondern gegen alle Widrigkeiten kämpfen. Und mit diesen Worten im Kopf, fange ich langsam an, in die Dämmerwelt der Träume hinüber zu gleiten.
Mein Schlaf ist unruhig, aber immerhin habe ich wieder ein Ziel und fühle mich als Herrin meiner Gefühle und Taten. Ein bisschen Disziplin und alles wird schon gut gehen. Und Pierre werde ich dann auch irgendwann vergessen haben. Was schert er mich auch, wenn ich auf dem Thron der Zauberwelt sitze und meine Untertanen regiere? Dann ist er nur noch einer von vielen, verbannten Ogul. Mein erbitterter Feind... Und nichts anderes.
Und ehe ich genau sagen, was noch Wach und was schon Schlaf ist, nähert sich der nächste Morgen und damit auch der Ball, immer schneller...
Der Auftakt: Schön, schöner, Chocola & Vanilla
Dafür, dass heute Samstag ist, klingelt mein Wecker eindeutig zu früh! Ich bin doch gerade erst eingeschlafen und soll jetzt schon wieder aufstehen?
Ich stopfe den blöden Wecker nach einem Schlag auf die Schlummertaste unter mein Kopfkissen, um ihn zu ignorieren, aber ich habe mal wieder den menschlichen Wecker vergessen.
Lovin steht im Türrahmen und spielt wie gewohnt den Gefängniswärter. „Jetzt steh' schon auf!", pampt er mich an und ehe ich ihn anschnauzen kann, kommt er schon zu meinem Bett und zieht mir mit einem Ruck die Decke weg. Verdammt, ist das kalt! „Was soll denn das, ich stehe doch gleich auf!", fahre ich ihn an, während er meine Bettdecke in die andere Ecke des Raumes pfeffert.
„Ja genau, als könnte man deinen Worten trauen.", entgegnet er sarkastisch und mit diesen unfreundlichen Worten verlässt er den Raum.
Ich ziehe eine genervte Grimasse und kugele mich zusammen. Aufstehen, von wegen! Darauf habe ich wirklich keine Lust. Es ist doch noch früh am Morgen und dieser dämliche Ball würde erst abends losgehen. Also habe ich noch massig Zeit, viele, viele Stunden. Wieso soll ich da nicht noch einmal für ein halbes Stündchen meine Augen schließen können?
Doch da habe ich die Rechnung ohne Lovin gemacht. Ich hätte wissen müssen, dass er mich nicht weiterschlafen lassen würde. Und so kommt es dann auch. Im nächsten Moment erbebt meine Matratze und mit einem lauten, dumpfen Geräusch lande ich wirklich unsanft auf dem Fußboden. Lovin steht über mir und mustert mich tadelnd; die Matratze noch immer hochgestemmt. Mein Wecker purzelt mir in die Hände und widerwillig fange ich ihn auf, um ihn endgültig auszuschalten. Lovins Gemecker reicht mir schon, da brauche ich nicht noch zusätzlich dieses nervige Piepen.
„Du stehst jetzt sofort und auf und hörst auf, mir auf die Nerven zu gehen.", zischt Lovin und ein diabolisches Funkeln liegt in seinen Augen. „Sonst werde ich dich gleich in den Fluss werfen!" Er reckt sein Kinn zum Fenster. „Los jetzt, husch, husch, husch!" Er stupst mich mit den Füßen in die Seite und ich versuche, aus seiner Reichweite zu robben, aber er kommt mir hinterher, bis ich endlich aufstehe und stinksauer im Badezimmer verschwinde, wo ich die Tür hinter mir zuwerfe.
Dort kehrt langsam Leben in mich. Meine unbeholfene Flucht vor Lovins Füßen hat mich vollends aufgeweckt, sodass ich ein kleines Nickerchen auf dem flauschigen Teppich heute gar nicht mehr in Betracht ziehe.
Duke sitzt auf dem Rand des Waschbeckens und plappert mich voll, wie ich am besten Herzen sammeln kann. Für mich war das jetzt gerade noch nicht so wichtig. Darüber kann ich mir auch noch etwas später Gedanken machen. Erstmal habe ich Kohldampf, also war es Zeit für die Küche und ein fettes Frühstück.
Bis zum frühen Nachmittag wurde ich nicht richtig fit. Ich gebe Lovin die Schuld, der meinen Start in den Tag so unangenehm gemacht hat. Erst als Vanilla mit heißer Schokolade in mein Zimmer kommt, kann ich wieder lächeln.
Sie hat immer noch die Lockenwickler im Haar, die sie sich bereits am frühen Morgen reingedreht hat und auf meinem Bett hat sie gefühlt ihren gesamten Schminktisch ausgebreitet.
Ich linse zu meinem Wecker, der jetzt wieder an seinem üblichen Platz auf dem Nachttisch steht: 14:30 Uhr. Gegen 18 Uhr wollen wir alle gemeinsam losfahren. Aber bis dahin war ja noch Zeit, fast vier Stunden. Theoretisch könnte ich doch ein kleines Mittagsschläfchen halten...
Aber Vanilla, bewaffnet mit einem seltsamen Pinsel und einem weißen Döschen, rutscht auf den Knien über die Matratze auf mich zu und grinst mich an. „Jetzt machen wir uns diese Maske für einen strahlenden Teint drauf und danach schminken wir uns, ja?" Resigniert seufze ich und nicke. Soviel zu meinem Nickerchen. Aber das kann ich mir jetzt wohl definitiv abschminken. Während Vanilla beginnt, mein Gesicht mit ihrer klebrigen, schleimigen Pflegemaske vollzupinseln, die angenehm nach frischem, grünen Tee riecht, sehe ich mich um. Duke döst auf dem Schreibtisch und Blanca liegt auf einem dicken Kissen auf dem Fußboden und tut es ihm gleich. Ich muss schmunzeln. So kann ich diese grässliche Maus tatsächlich fast ertragen - schlafend!
„Wo sind eigentlich Houx und Saule?",frage ich meine beste Freundin, als wir uns entspannt auf den Rücken legen, um die Masken wirken zu lassen. „Die haben wir rausgeschmissen.", kichert sie. „Naja... Die sind ins Wohnzimmerverbannt worden, damit wir uns in Ruhe zurecht machen können." Nun, das erklärt immerhin, warum ich die beiden Chaoten gar nicht mehr zu Gesicht bekommen habe. Dann muss ich eben bis zum Abend warten, um sie wiederzusehen. So kann ich immerhin die Zeit ganz entspannt und ungestört mit Vani verbringen. Das kommt in letzter Zeit wirklich zu kurz. Und das darf bei der besten Freundin eigentlich nicht sein. Ehrlich gesagt, genieße ich es richtig, mit ihr zu quatschen und rumzualbern, auch, wenn ich vom Schminken selbst nicht allzu angetan bin. Nur dank Vanilla finde ich es tatsächlich lustig. Concealer, Puder, Lidschatten, Rouge, Mascara, Lippenstift, Kajal,... Alles ist dabei. Wir probieren uns ein wenig aus und müssen das ein oder andere Mal zum Make-Up-Entferner greifen, aber als wir endlich fertig sind, kann sich das Ergebnis echt sehen lassen kann. Wir schlüpfen in unsere Kleider und legen letzten Schliff an.
Vanilla sieht total süß aus, mit ihren voluminösen Locken und dem rosanen Kleid, das einen langen, plüschigen Rock hat, der mich an leckere Zuckerwatte erinnert. Oben hat es viele kleine Schmetterlinge angenäht, die sich bis auf kleine goldene Highlights nicht von der Farbe des restlichen Kleides unterscheiden.
Auch ich muss zweimal in den großen Spiegel gucken, um mir sicher zu sein, dass die Person, die ich dort sehe, ich bin. Meine Haare sind gelockt und lässig hochgesteckt und ich trage das neue grüne Kleid. Es sieht noch viel besser aus, als das Mal, als ich es im Laden anhatte. Immerhin sind meine Haare und mein Make-Up perfekt und auch die schwarzen Sandaletten passen wunderbar dazu. Noch war ich mir nicht ganz sicher, wie ich auf diesen hohen Hacken laufen sollte, aber beim letzten Mal ging es ja auch irgendwie. Vanilla wirkt in ihren Pumps viel geübter, als wären es die bequemsten Schuhe auf der Welt. Wenn ich mich den ganzen Abend neben ihr bewegen würde, als hätte ich Schmerzen und müsste dringend auf die Toilette, würde sich das sicherlich nicht gerade positiv auf die Herzjagd auswirken.
Von unten ist Lovins Stimme zu hören: „Chocola, Vanilla, seid ihr soweit? Kommt runter, die Herren sind auch fertig."
Wieder seufze ich, auch wenn ich versuche, so glücklich auszusehen, wie Vani es tut. Sie greift nach meiner Hand und Duke und Blanca folgen uns, als wir mein Zimmer verlassen und die breite Treppe betreten, die nach unten führt.
Lovin hat eine Kamera verzaubert, sodass sie um uns herum flattert und aberwitzig viele Fotos aus jedem erdenklichen Winkel schießt.
Lovin trägt einen wallenden Zweiteiler und sieht irgendwie aus, wie ein geschmückter Weihnachtsbaum. Ich muss mir ein Kichern verkneifen.
Houx und Saule tragen ihre Anzüge und die beiden sind wirklich kaum wiederzuerkennen, das muss ich zugeben. Sie sehen in der Tat aus, wie zwei noble, junge Herren. Und wenn ich ihre Gesichtsausdrücke richtig deute, denken die beiden Jungs wohl gerade etwas Ähnliches. Zumindest, wenn der baffen Ausdruck in ihren Gesichtern nicht von irgendwas anderem herrührt.
„Ihr seht bezaubernd aus, sogar du, Chocola; richtig verführerisch.", stellt Lovin zufrieden fest und geht um uns herum, wie um sich jedes Detail anzusehen.
„Also Herrschaften, stellt euch alle zusammen, für die letzten Fotos und dann lassen wir uns zu eurem ersten Ball fahren!"
Wenn der Spendenball beginnt
Die Limousine, die vor dem Haus auf uns wartet, ist riesig und schaukelt ganz schön, als wir losfahren. Keine Ahnung, wie Lovin es schafft, seinen Champagner nicht zu verschütten. Mein Glas ist schon seit der ersten Kurve so gut wie leer, weil es mir ausgekippt ist. Aber das stört mich eigentlich nicht. Das Zeug ist eklig! Ich hatte nach einer Limo gefragt, aber darauf hat Lovin nur verächtlich gelacht.
Als wir endlich den großen Festsaal erreichen, kann ich draußen schon massig Lichter durch die verdunkelten Fensterscheiben sehen. Sogar Spotlights gibt es und ich kann Kameras klicken hören. Vermutlich würden sie sich gleich alle auf Lovin stürzen. Er war hier bei den Menschen ja ein berühmter Sänger, deshalb haben wir auch VIP-Karten.
Unser Wagen hält und Lovin steigt direkt elegant aus der Limousine, während Houx, Saule, Vanilla und ich etwas ungraziler hinterher klettern. Er geht natürlich vor, aber nicht, ohne sich einmal umzudrehen und uns auffordernd anzusehen. Sofort hält Houx Vanilla seinen Arm hin und ich schnappe mir automatisch den von Saule. Niemals hätte ich gedacht, mich irgendwann in so einer Szene wiederzufinden. Früher habe ich mit Houx und Saule im Dreck gespielt und jetzt sind wir hier auf so einem Schicki-Micki-Event.
Ganz durchdacht kommt mir das Ganze auch nicht vor; wie sollen Vanilla und ich Herzen sammeln, wenn wir hier mit zwei Kerlen am Arm aufkreuzen? Aber vielleicht ist das nur jetzt am Anfang so und später würde man uns alleine in die "Schlacht" schicken.
Lovin lächelt strahlend und winkt und verteilt Handküsse und ich wünsche mir wirklich, nicht hier zu sein. Saule stupst mich mit dem Ellbogen und wispert: „Hey, hättest du jemals gedacht, dass wir zusammen auf einen großen Ball gehen?" Ich sehe ihn skeptisch an. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals auf einen Ball gehe.", erwidere ich mit Galgenhumor, aber er lächelt nur. „Du siehst wirklich gut aus." Bilde ich mir das nur ein, oder ist Saule irgendwie komisch? Was weiß ich, von Jungs habe ich doch sowieso keine Ahnung. Das ist das Einzige, was ich sicher weiß.
Der Ballsaal ist riesig und wahnsinnig pompös; ganz Lovins Stil. Überall wird man darauf aufmerksam gemacht, für welchen guten Zweck dieser Ball ausgerichtet wird und es gibt mehrere Kollekten für Spenden. Wahrscheinlich hätte man auch einfach die ganze Deko weglassen können, um dann das gesparte Geld zu spenden. Wäre vermutlich auf das Gleiche hinausgelaufen, nur mit weniger Aufwand.
Wir durchschreiten den Ballsaal und kommen in einen Raum, an dessen Wänden ein riesiges Buffet aufgebaut ist. Daneben unzählige kleine, runde Tische mit aberwitzig viel Besteck und Gläsern. Houx und Saule rücken für Vani und mich die Stühle vor und ich sehe sie irritiert an. Sicher hatten sie mit Lovin noch einen Crash-Kurs für gutes Benehmen gemacht.
Das Essen, das vor dem eigentlich Ball stattfindet, zieht sich hin und immer wieder muss ich mich tadeln lassen, dass ich mich anständig benehmen soll. "Tu dies nicht, tu das nicht, das benutzt man so." Und so weiter. Wirklich ätzend!
Fast zwei Stunden später ist das Essen dann beendet. Die Band spielt fetzigere Nummern und immer mehr Leute erheben sich von den Tischen, um die Tanzfläche zu erobern. Lovin macht sich an seiner Serviette zu schaffen, dann mustert er uns reihum. „So meine Lieben. Ich schlage vor, ihr geht jetzt erst einmal tanzen. Ein, zwei Lieder vielleicht. Und danach sollten Vanilla und Chocola sich auf die Jagd nach Herzen machen." Ich schaue ihn entgeistert an. „Und wie?", fauche ich mit einer Stimme, die meine Überforderung deutlich verrät, doch er rollt nur mit den Augen. „Meine Güte! Flirtet, lernt Leute kennen. Ich kann doch nicht alles für euch machen." Das sagt er so leicht. Ich habe nur mühevoll Hirotos Herz ergattern können, der mir von Anfang an schon zugetan war. Ich habe gar keine Ahnung, wie man eigentlich flirtet. Deshalb hatte ich damals schon reichlich Pisse-Herzen gesammelt. Vanilla fliegt das nur so zu, aber mir? Dabei will ich wirklich das schaffen, was meiner Mutter nicht gelungen war...Allerdings hatte ich keine konkrete Idee, wie...
Wir gehen also zu viert tanzen und ich bin völlig überrascht von meinen beiden Kindergarten-Freunden. Anscheinend haben sie das auch geübt. Ich dagegen habe keine Ahnung, wie man tanzt. Also zumindest nicht, was Paartänze angeht. Ich kann mich auch nur schwer führen lassen, aber irgendwie klappt es trotzdem einigermaßen.
Vanilla und Houx wirbeln neben uns über die Tanzfläche. Ich bin mir sicher, dass ich nicht so anmutig aussehe, wie meine Freundin. Aber was schert mich das. Ich will ja auch nicht Saules Herz... Wieder habe ich das Gefühl, dass er mich so komisch anstarrt. Ich starre zurück und frage: „Ist alles okay?" Er sieht irgendwie ertappt aus. „Ja, klar. Ich denke nur nach. Ist doch eigentlich witzig, dass mein sein eigenes Herz nur an seinesgleichen verlieren sollte." Ich sehe ihn weiter an, ohne eine Ahnung zu haben, worauf dieses Gespräch hinaus laufen soll. „Und meistens verliebt man sich in denjenigen, der einem schon immer nahe stand." Ich stehe total auf dem Schlauch, habe keine Idee, was er meint, aber dennoch breitet sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend aus. „Wie meinst du das?", frage ich unsicher. „Naja", fährt er fort. „Wir sind schon so lange Freunde und wenn ich später mal heirate, will ich eine Frau, die mich kennt und die nicht so... Tussig ist, weißt du? Ich will eine, mit der ich auch lachen kann, scherzen kann..." Als ich jetzt in seine dunkelblauen Augen sehe, wird mir mit Schrecken klar, was er meint.
Ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Fassungslosigkeit macht sich in mir breit und ich löse mich von Saule. Soll das hier in einem Liebesgeständnis enden? Ich bin nicht übermäßig feinfühlig, aber das schnalle sogar ich. Und es erschüttert mich zutiefst.
„Entschuldige mich, ich muss Herzen sammeln.", stammle ich und gehe ohne ein weiteres Wort oder einen Blick davon.
Den ersten klaren Gedanken kann ich erst wieder fassen, als ich an der Bar stehe. Ich weiß nicht, wieso es mich hier hin verschlagen hat. Ich bin nur ohne Nachzudenken möglichst weit weg von Saule und dem unangenehmen Gespräch gegangen. Zum Glück ist er mir nicht gefolgt.
Ich winke den Barkeeper zu mir und bestelle einen Sekt. Der Barkeeper nickt, und als er sich zu dem Regal hinter sich dreht, sehe ich mich ein wenig um. Dann entdecke ich etwas und kann nicht fassen, dass mein Leben wirklich so ein Arschloch ist. Dort, am Rande der Tanzfläche, wiegen Pierre und seine Freundin einander eng umschlungen im Takt der Musik hin und her. Wieso muss ich diesen Kerl überall sehen? Ich verziehe das Gesicht und greife nach dem Stielglas, das nun vor mir auf dem Tresen steht. Kurz entschlossen setze ich an und kippe mehr als die Hälfte mit einem Schluck in mich rein.
„Wow, für eine Dame haust du das Zeug aber ganz schön schnell weg." Ich sehe mich um und suche den Urheber der Stimme, die mich angesprochen hat. Sie gehört zu dem Kerl neben mir. Ich sehe ihn kurz an. Er lächelt freundlich und trägt einen schicken Anzug. Vermutlich ist er so Anfang 20. Ich sehe ihn weiterhin an. „Wenn dein Glas gleich alle ist, lade ich dich gerne auf einen Drink ein. Ich habe da was im Kopf und irgendwie das Gefühl, dass dir das zusagen könnte." Ich nicke und habe mich wieder gefangen. Ich werde einfach die Gunst der Stunde nutzen und ihm sein Herz stehlen. Aber erst einmal werde ich versuchen, ein wenig zu flirten. „Ja, gerne!", nehme ich sein Angebot fröhlich an.
„Trinkst du denn nur das oder auch was Richtiges?" Ich blicke ihn verwirrt an. Der Junge lacht wieder und bestellt dann einfach noch was zu trinken. Kurz darauf reicht er mir ein kleines Gläschen mit einer klaren Flüssigkeit. Sieht aus wie Wasser. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll, aber der Typ neben mir gibt mir das Gefühl, dass ich es eigentlich wissen müsste. Dem Geruch nach zu urteilen ist es kein Wasser. Dennoch lasse ich mir nichts anmerken. Er hebt sein Glas und prostet mir zu. „Und da man ja nicht mit Fremden trinkt... Ich bin Taiki. Und du?" „Chocola.", antworte ich mechanisch. Dann stoßen wir an und trinken.
Huuh, was ist das denn? Nicht gerade lecker, aber irgendwie witzig, auch wenn es ein bisschen brennt. Taiki spendiert noch ein paar davon und schon bald fühle ich mich etwas beduselt. Na, ob das so gut ist? Schon bei klarem Verstand kann ich diesen Abend eigentlich nicht überleben. Aber es wird schon schiefgehen.
Zwischenfälle
Ich sehe Taiki an und dann das Glas vor mir. Mittlerweile trinken wir nicht mehr diese Kurzen. Offenbar war das Tequila. Also, wie man sowas toll finden kann, ist mir nicht ganz klar. Aber wem's gefällt.
Inzwischen sind wir auf Cocktails umgestiegen, die sind um einiges genießbarer. Allerdings wundere ich mich über die Wirkung. Alkohol kann einen echt ganz schön beduseln.
„Und jetzt tanzen wir.", stellt Taiki mehr fest, als das er fragt und nimmt mich bei der Hand, um mich zur Tanzfläche zu ziehen; dorthin, wo ich vorhin Pierre und seine Freundin gesehen hatte. Jetzt kann ich die beiden nicht mehr entdecken, aber um ehrlich zu sein, sehe ich auch nicht mehr alles so klar, wie normalerweise. Liegt vermutlich am Alkohol. Zwar habe ich bisher noch keine eigenen Erfahrungen damit gemacht, habe aber eine ungefähre Vorstellung davon.
Bah, wieso habe ich mich nur auf sowas eingelassen? Dafür gebe ich wieder Pierre die Schuld! Dieser Typ... Er wirbelt bei mir einfach immer noch alles durcheinander. So, wie damals, als wir uns das erste Mal gesehen haben... Und jedes Mal seither...
Und dann auch noch die Sache mit Saule. Wie soll ich mich jetzt angetrunken auf die Herzenjagd konzentrieren?
Taiki fasst an meine Hüften und ich stoße ihn von mir, offenbar ruppiger, als ich beabsichtigt habe. Sein Herz leuchtet... Ja, welche Farbe soll das eigentlich sein? Ich bin mir nicht sicher, es könnte irgendwas hellrötliches sein; vielleicht auch lila? Aber es kommt mir vor, als würde es nun heller werden. Taiki starrt mich einen Augenblick lang an, dann zieht er mich wieder an sich. Es fühlt sich überhaupt nicht richtig an und ist mir noch unangenehmer, als der Tanz mit Saule oder der Kuss mit Hiroto.
Saule, Houx oder Vanilla kann ich nirgendwo mehr entdecken. Aber für mich wird sowieso alles immer mehr ein Brei mit verschwommenen Umrissen. Taiki hat ein beunruhigendes Funkeln in den Augen. Aber ich muss mich jetzt zusammenreißen, immerhin bin ich nicht zum Vergnügen hier; der Wettkampf mit Vanilla ist allgegenwärtig. Er ist meine Priorität. Ich will meine Familie stolz machen; zumindest das, was davon übrig ist. Hörst du, Mama? Ich tue das vor Allem für dich!
Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf Taikis Herz, um es mir möglichst schnell unter den Nagel zu reißen.
„Sugar Sugar Rune, Choco Rune! Jetzt schnapp' ich mir dein Herz!"
Mein Herzcontainer, der sorgsam unter meinem Kleid versteckt ist, klappt auf und wieder bin ich um einige Ecru reicher. Dafür fühle ich mich erschöpft wie nie. Und mir wird ein wenig schlecht; sehr schlecht um genau zu sein!
Taiki blinzelt irritiert und ich nutze diese Chance um von ihm wegzukommen. Was der wohl mit mir angestellt hätte, wenn ich ihm sein Herz nicht gestohlen hätte. In meinem Alter bleibt es meistens nicht beim Küssen, habe ich mir sagen lassen. Und für alles Weitere bin ich absolut nicht bereit. Immerhin... Vor gefühlt ein paar Tagen bin ich noch elf Jahre alt gewesen. Außerdem finde ich, dass man sich für einen besonderen Menschen aufheben sollte.
Aber erst einmal muss ich jetzt hier raus und an die frische Luft, dann würde es mir sicherlich gleich besser gehen. Ich stolpere von der Tanzfläche und suche mir irgendwie meinen Weg nach draußen. Alles um mich herum schwankt ein wenig, aber trotzdem schaffe ich es wie durch ein Wunder, nicht zu stürzen, sondern kann mich zur Außenterrasse durchkämpfen. Mir ist bis eben gar nicht bewusst gewesen, dass es hier so etwas gibt, aber es kommt mir sehr gelegen. Besser, als mich bis zum Haupteingang durch zu kämpfen und dann dort rumzuhängen.
Draußen sind einige Leute unterwegs, aber ich suche mir eine freie Sitzbank etwas abseits und lasse mich dort fallen. Fast wäre ich auf den Boden geplumpst, habe es aber gerade so noch geschafft, auf der Bank zu landen. Für einen Moment schließe ich wieder die Augen und atme tief durch.
Auf einmal spüre ich, dass jemand neben mir steht und sich dann zu mir setzt. Taiki hat sich doch wohl nicht an meine Fersen geheftet?
Erschrocken schlage ich die Augen auf und sehe mich um. Neben mir sitzt ein Typ. Sollte ich den kennen? Sein Gesicht kommt mir nicht bekannt vor. „Hi.", sagt er. Ich nicke und erwidere diese Begrüßung langsam und zögerlich. Plötzlich drückt er mir ein Getränk in die Hand. „Danke.", antworte ich automatisch und nippe hastig und ohne zu überlegen an dem Glas. Puh, was ist denn das jetzt schon wieder? Ein kalter Schluck Wasser wäre jetzt super und was auch immer das hier war. Es verstärkt meine Übelkeit wieder.
Der Fremde neben mir fängt gar nicht groß an, sich mit mir zu unterhalten. Stattdessen legt er seinen Arm um meine Schultern und zieht mich zu sich heran. Das gefällt mir ganz und gar nicht. Zumal mein Schwindelgefühl schon wieder zunimmt. Ich drücke den Kerl von mir weg und sehe ihn finster an. „Was soll das werden?", fauche ich mit lallender Stimme und versuche, Distanz zwischen uns zu schaffen.
„Was ist denn los mit dir?", fragt der Typ und nun klingt auch er ein wenig gereizt. „Du bist ein hübsches Mädel und sitzt hier so alleine, da kann man doch etwas Gesellschaft leisten - und vielleicht auch ein bisschen mehr."
Nun verziehe ich das Gesicht, als hätte ich in ein Zitrone gebissen - sowie vorhin bei diesem Tequila. „Ich bin nur kurz draußen um frische Luft zu schnappen und Gesellschaft - besonders deine - hab' ich gar nicht nötig." Die Wut macht meine Gedanken für einen kurzen Moment klarer. Der dämliche Kerl sieht mich weiterhin verstimmt an und zieht eine Zigarette hervor, die er ansteckt, um mir dann den Rauch ins Gesicht zu blasen. Bäh, widerlich! Ich mag ja angetrunken sein, aber auf solche Typen habe ich wirklich keine Lust.
„Kannst du dich jetzt verziehen und bitte irgendwen anders vollstinken?!", forderte ich ihn angewidert auf und rutsche noch ein Stückchen von ihm weg. „Ansonsten hau ich dir auf's Maul!" Nun bin ich wieder in meinem Element, ganz ich selbst. Als würde ich mir so etwas gefallen lassen - Herzenjagd hin oder her!
Wir sitzen so weit abseits, dass niemand unsere Auseinandersetzung mitbekommt. Mir soll das egal sein, ich kann mich schon alleine zu Wehr setzen.
Der aufdringliche Typ grinst jetzt ganz merkwürdig und packt urplötzlich meinen Arm. „Du willst mir auf's Maul hauen? Dass ich nicht lache. Aber wenn du auf ein bisschen brutaler stehst, können wir das gerne machen." Seine freie Hand tätschelt mein Bein und ich schlage sie weg und löse mich auch aus seinem Griff, aber er lässt nicht locker und versucht, mich auf seinen Schoß zu ziehen. Ich wehre mich heftig, beleidige ihn und drohe ihm, doch zu meinem Entsetzen komme ich nicht so richtig gegen ihn an. Erstmal steigt das Gefühl von Angst in mir auf.
Der eklige Kerl riecht nicht nur nach der ekligen Zigarette, sondern auch ordentlich nach Schnaps. Voll widerlich!
Ich schaffe es, ihm den Absatz meines Schuhs in den Fuß zu bohren und er zuckt zusammen und lässt endlich ein wenig locker. „Verzieh' dich!", wiederhole ich drohend, da ich es trotz allem nicht einsehe, diesen Platz zu räumen. Ich war zuerst hier!
Er will mich wieder packen und sagt mit bedrohlicher Stimme: „Ganz ruhig, du kleines Biest. Dafür bist du mir jetzt was schuldig." Langsam kommt es mir komisch vor, dass niemand uns bemerkt. Ist diese Ecke, in der wir sitzen, wirklich so dunkel?
Irgendwie schaffe ich es, dem aufdringlichen Kerl einen Schlag zu verpassen und meine Faust hinterlässt eine rötliche Stelle in seinem Gesicht. Aber er wird immer wütender. Trotzdem rufe ich nicht um Hilfe, weil, ... Nun ja, einerseits habe ich das nie wirklich gelernt und ich kann doch wohl alleine noch einen Menschen loswerden. Auch, wenn die Situation hier immer unschöner wird.
„Ich glaube, die Dame hatte gesagt, dass sie deine Gesellschaft nicht wünscht.", höre ich eine kalte, schnarrende Stimme neben mir. Verdutzt sehe ich hoch und dort steht... Pierre!
Romeo und Julia
Ungläubig sehe ich zu Pierre hoch. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er zu uns rüber gekommen ist, geschweige denn, dass er überhaupt hier draußen ist. Der Typ - mittlerweile kann ich ihn wohl einfach als meinen Angreifer bezeichnen - hält, genauso wie ich, inne.
Pierre sieht wahnsinnig gut aus in seinem edlen, schwarzen Smoking. Ein wahrer Prinz der Dunkelheit. Ach du Scheiße, das ist mein erster Gedanke!?
Pierres Augen sind hart und kalt wie immer und scheinen meinen Angreifer regelrecht foltern und zermürben zu wollen. „Immerhin willst du ihr doch keine Unannehmlichkeiten bereiten oder dich gar selber in Schwierigkeiten bringen." Anscheinend zeigen Pierres wohlgewählte Worte Wirkung, denn mein Angreifer zieht sich langsam von mir zurück, wobei er mir aber noch die Worte „Du weißt ja nicht, was dir entgeht." zuwirft. Dann zieht er endgültig ab.
Ich fühle immer noch wie vor den Kopf gestoßen und kann nichts anderes tun, als Pierre baff und mit offenem Mund anzusehen. „Dankeschön.", sagt er ernst und ich schaue noch verwirrter drein. „Das ist das, was du sagen solltest."
Nun kommt wieder Leben in mich. Ich erhebe mich - wenn auch schwankend - und entgegne barsch: „Von wegen! Ich hätte das auch alleine geschafft. Du sollst dich nicht in meinen Kram einmischen!"
„Chocola, ich habe dich davor bewahrt, dass dieser Mistkerl... Dir Schlimme Dinge antut." Kalte Wut liegt in seiner Stimme. „Was machst du überhaupt alleine hier? Und wieso bist du betrunken? Du bist noch nicht volljährig." Echt, als würde ich mich mit Opa unterhalten. Was fällt Pierre bitte ein! Nach unserer letzten Begegnung sollte doch klar gewesen sein, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben.
Ich hebe meinen Zeigefinger an sein Gesicht und versuche, so normal und nüchtern wie möglich zu wirken. Ich bin noch nie betrunken gewesen, aber jetzt anscheinend schon. Egal, ihn geht das ja wohl überhaupt nichts an.
„Ich dachte, wir hätten das ausreichend diskutiert: Mein Leben geht dich nichts an. Und nur damit du's weißt: Deine Gesellschaft wünsche ich ebenso wenig!" Pierre sieht mich einfach nur an. Ich will ihn von mir weg schieben, gerate aber ins Wanken und scheine nach hinten zu stürzen. Jetzt falle ich also tatsächlich noch zu Boden, statt einen eleganten Abgang zu haben.
Doch dann kommt es anders, denn plötzlich spüre ich eine Hand am Rücken und scheine auf halbem Weg zur Erde stehen zu bleiben.
Pierre hat mich aufgefangen und wir stehen dicht beieinander. Seine Hände liegen auf meinem Rücken, fast wie bei einer Umarmung – oder wie bei so einer Pose aus einem blöden Tanzfilm.
Ich blinzle kurz und befreie mich dann von ihm. Jetzt bin ich wirklich maximal verunsichert. Seine Berührung hat mir einen Schauer bereitet und sein Duft scheint den letzten funktionierenden Rest meines Gehirn auszuschalten.
„Lass mich los.", keife ich, aber er ignoriert das einfach und rührt sich keinen Millimeter. Stattdessen steht er einfach nur da, starrt mir ins Gesicht und wirkte so gefasst wie immer. „Ich wollte dir nur helfen.", statuiert er trocken und plötzlich schießen mir wie aus dem Nichts Tränen in die Augen. Ach du Elend, das auch noch? Dieser Abend ist nicht nur scheiße, so wie es mir von Anfang an klar war, er wird eine richtige Katastrophe!
„Helfen?", wiederhole ich hysterisch. „Ich glaub', ich muss lachen. Du hast beinahe meine beste Freundin zugrunde gerichtet. Deinetwegen haben wir sechs Jahre unseres Lebens verpasst! Du machst mich..." Ich stocke. Was jetzt kommen wird, will ich wirklich nicht laut aussprechen, aber ich scheine nicht mehr die Kontrolle über mich selber zu haben. „Du hast mir so weh getan! Dabei dachte ich... Dabei dachte ich..." Wieder stocke ich und versuche, meine Worte herunterzuschlucken. Ich will mir jetzt nicht noch die komplette Blöße geben; nicht hier, nicht jetzt, nicht vor Pierre!
Allerdings scheint er einigermaßen zu verstehen, worauf ich hinaus will. Er zögert kurz, ehe er antwortet: „Denkst du für mich war es leicht? Ist es leicht? Denkst du, ich würde mir nicht wünschen, dass alles anders wäre? Aber das ist wohl die grausame Ironie des Schicksals. Falsche Zeit, falscher Ort... Ein bisschen wie bei Romeo und Julia, findest du nicht?" Jetzt bin ich nicht nur ungläubig, sondern regelrecht fassungslos...
„Ich... Ich...", stottere ich. Was soll ich denn dazu sagen? Eigentlich habe ich immer gehofft, dass er genauso fühlt, wie ich. Aber eine Liebe zwischen uns ist so absurd wie gefährlich, um nicht zu sagen unmöglich. Und dennoch... Es gibt nichts, was ich lieber will. Nicht einmal nach sechs Jahren Koma...
Pierre zieht mich an sich heran und lächelt traurig. „Wir sind Todfeinde, Chocola. Es ist ein Wunder, dass wir es schaffen einigermaßen zu koexistieren."
„Das ist nicht fair.", wimmere ich und Tränen laufen mir das Gesicht herunter. Passiert das gerade wirklich?
„Das Leben ist nicht fair, Chocola..." Das ist mir nur zu bewusst! Aber es jetzt noch einmal zu hören tut unheimlich weh. „Ich bringe dich wieder rein, zu deinen Freunden." Vehement schüttle ich den Kopf. „Nein, ich will nicht! Ich will... Ich will..."
Pierre legt mir einen Finger an die Lippen, dann hebt er mein Kinn an, sodass ich mich in seinen eisblauen Augen verliere; aber nicht für lange.
Er kommt mit seinem Gesicht meinem immer näher und in mir herrscht höchste Alarmbereitschaft. Ich mag ja betrunken sein und bis gerade habe ich alles einfach so hingenommen, aber auf einmal scheint meine Welt wieder glasklar zu werden.
Pierres kühle Finger haben sich in meinem zerzausten Haar vergraben und plötzlich liegen seine Lippen auf meinen. Ich habe die Augen weit aufgerissen, das Gesicht noch immer tränennass. Die Welt um mich herum ist mit einem Schlag vergessen. Es scheint, als wäre sie endgültig nicht mehr da. Als gäbe es nur Pierre und mich. Ich bekomme eine Gänsehaut und in meinem Bauch gibt es ein gigantisches Feuerwerk. Ich weiß nicht mehr, wie mir geschieht, aber ein wahnsinniges Glück durchströmt mich. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit.
Als Pierre sich wieder von mir löst bemerke ich, das nur wenige Sekunden vergangen sein können. Ich fühle mich wie gelähmt. Pierres Gesicht hat sich nicht verändert. Immer noch lächelt er mich traurig und bitter an. Seine Finger fahren ganz sanft mein Gesicht entlang, als er einen Schritt nach hinten tut und sich zwischen uns eine Kluft auftut. Es waren vielleicht 30 Zentimeter, aber mir kommt es vor, wie ein unüberwindbarer Abgrund. So überglücklich ich eben war, so tieftraurig bin ich nun. Es war nur ein sanfter Kuss, so wie der Hauch des Windes am Ozean. Und doch war es das Intensivste, was ich jemals gespürt habe.
Pierre greift kurz nach meiner Hand. „Du siehst wunderschön aus. Aber du solltest deine Haare richten." Ich wische mir eine Träne von der Wange. „Deine kleine Auseinandersetzung vorhin hat offenbar deine Frisur zerstört." Einen Moment lang herrscht wieder Stille zwischen uns, dann lässt er meine Hand los und wendet sich zum Gehen.
„Auf Wiedersehen, Chocola.", haucht er noch, kaum hörbar, dann ist er wieder in die Menschenmassen dieses Balls eingetaucht. Ich bleibe alleine zurück. Seine Worten hallen in meinem Kopf. Warum klangen sie so endgültig? Und warum macht mir das so eine Angst? Das ist doch genau das, was ich will.
Alles um mich herum erscheint mir unwirklich und mit zitternden Beinen kehre ich zur Bank zurück. Es sind nur wenige Schritte und doch ist jeder einzelne unheimlich schwer. Mit starrem Blick setze ich mich hin. Wieder rein will ich jetzt wirklich nicht...
Trost und Traurigkeit
Ich kann nicht fassen, was soeben geschehen ist. Es kann einfach nicht wahr sein! Pierre... Pierre hat mich geküsst. So lange habe ich daran denken müssen, es mir heimlich ausgemalt und jetzt ist es passiert. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich das nie wieder fühlen werde. Nie wieder seine Lippen auf meinen spüren...
Langsam versiegen meine Tränen. Meine Beine fühlen sich an, als würden sie nicht mehr ihren Dienst tun und eine schreckliche Leere breitet sich in mir aus.
Ich sitze einfach nur da und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Das ist leichter gesagt, als getan. Das, was gerade in mir vorgeht, habe ich nie zuvor erlebt, nicht einmal ansatzweise. Mein Herz hämmert noch immer. Es ist laut in meinen Ohren.
Zuerst nehme ich die Gestalt vor mir gar nicht wahr und überhöre sogar das Räuspern. Auch als ich irgendwann aufsehe, schalte ich nicht sofort. Was soll denn noch passieren? Eigentlich ist heute doch schon wirklich jedes Horrorszenario eingetreten. Mich kann nichts mehr schocken.
Deshalb zeige ich auch keine Reaktion, so wie es normalerweise typisch für mich gewesen wäre, als ich den violetten Haarschopf erkenne.
Ich sage nichts und Lovin lässt sich neben mich auf die Bank sinken. Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Frau wahr, die ihn ansieht, als würde sie Mist riechen. „Keine Sorge, ich bin gleich wieder bei dir.", verspricht Lovin ihr und zwinkert. Dann macht er mit seiner Hand noch eine rasche Bewegung in ihre Richtung. Mir ist das alles egal und ich reagiere noch immer nicht wirklich auf ihn.
„Was ist passiert, Herzchen?", fragt er und klingt viel weniger spöttisch als üblicherweise. Das wundert mich schon ein wenig. So sehr, dass ich wieder aufsehe, aber immer noch nicht spreche. Lovin sieht mich abwartend an und runzelt besorgt die Stirn. „Wie viel hast du getrunken?", fragt er ernst und ich muss unwillkürlich grinsen. Dieser Umstand ist gerade bei Weitem nicht mein größtes Problem. Doch meine Reaktion scheint Lovin nur noch mehr zu verwirren. Kurz entschlossen dreht er mein Gesicht zu sich, um mich eindringlich zu mustern. Und in diesem Moment platzt wieder einmal etwas aus mir heraus, was eigentlich nie jemand hören sollte: „Pierre... Er hat mich geküsst!", schluchze ich und Lovins Augen weiten sich, als hätte ich seine schlimmsten Erwartungen übertroffen. Doch zu meiner Überraschung fängt er nicht an zu schimpfen, sondern nimmt mich fest in seine Arme. Der Federbehang an seinem Kragen kitzelt mich an der Nase und ich kann nur unter Mühen ein Niesen unterdrücken.
„Schh, schh, schh.", murmelt Lovin und wiegt mich sanft vor und zurück. Ich lasse ihn gewähren. Tatsächlich bin ich unendlich froh, dass ich nicht mehr alleine bin; dass jemand bei mir ist, der sich um mich sorgt. Dankbar schmiege ich mich an ihn.
Es fühlt sich an, als würde mein Brustkorb gleich zerbersten. Der Schmerz in meinem Inneren ist viel zu groß, um ihn auch nur ansatzweise in Worte fassen zu können. Vorsichtig sehe ich auf und versuche mich zu beruhigen. Mein Blick schweift dabei durch die Menge. Ich beginne, mich auf irgendwelche Details zu konzentrieren, die mich von meinem Kummer ablenken könnten. Dabei fallen mir die kunstvoll geschnitzten Fensterrahmen auf, die die großen Scheiben des Ballsaals verzieren. Sie scheinen sehr detailliert gearbeitet worden zu sein. Die Scheiben selber sind so unnatürlich sauber, dass man problemlos in das Gebäude hineinsehen kann. Und plötzlich fühle ich mich, als hätte eine große Hand meine Lungen umfasst und würde unbarmherzig zudrücken.
Ich sehe Pierre, wie er an einem Fenster vorbeigeht, vermutlich auf dem Weg zurück zu der großen Halle, in der sich die Tanzfläche befindet – und vermutlich zurück zu Sora.
Ich werde unsanft geschüttelt und sehe in Lovins entsetztes Gesicht. Er scheint völlig aus der Fassung zu sein, auch wenn ich nicht begreife, was der Grund dafür ist.
„Chocola.", flüstert er atemlos. „Dein Herz." Ich sehe an mir herunter und jetzt verstehe ich Lovins Reaktion. Mein Herz ist deutlich zu sehen und mit Schrecken bemerke ich die Farbe. Voller Angst frage ich: „Es... Ist es rot?"
Wenn das Herz einer Hexe rot ist und sie tiefe, leidenschaftliche Liebe empfindet, dann muss sie es ihrem Geliebten überreichen; auch, wenn er ein Ogul ist. Und das würde ihren Tod bedeuten.
Als ich nochmal an mir heruntersehe, wirkt mein Herz dunkler; viel dunkler. Die Eifersucht zuckt durch mich durch wie ein Blitz und ich verschränke panisch die Arme.
„Lovin.", flehe ich. Ich will nicht sterben. Er schiebt mich auf Armeslänge von sich und mustert mich mit höchster Konzentration. Dadurch werde ich noch unruhiger, als ich sowieso schon bin, bis ich endlich ein Wort vernehme, was mich auf einen Schlag beruhigt: „Pink! Es ist pink! Ein sehr dunkles Pink mit schwarzen Schatten." Also nicht rot! Ich muss mein Herz nicht Pierre übergeben!
Ich werfe mich wieder in Lovins Arme, der offensichtlich verwirrt ist, die Umarmung aber erwidert. „Chocola, das ist sehr schlecht. Wie konntest du es so weit kommen lassen? Wie konntest du Pierre küssen? Er wird dir dein Herz stehlen! Das war doch früher schon einmal wahnsinnig knapp! Du sollst dich von ihm fernhalten und nicht alles verschlimmern." Er schimpft zwar, klingt aber auch ehrlich besorgt, so, als würde ich ihm etwas bedeuten und wäre nicht nur eine Unannehmlichkeit, die ihm vom Palast aufgehalst worden ist.
„Und diese Schatten... Ein schwarzes Herz wäre dein sofortiger Tod. Ist es Eifersucht?" Ich sehe ihn fassungslos an, gestehe mir aber ein, dass es keinen Sinn macht, zu lügen. Nicht nach dem, was ich schon alles preisgegeben habe.
„Pierre hat eine Freundin.", gebe ich kleinlaut zu und Lovins Hand schnellt zu seiner blanken Brust. „Also bist du nicht nur in ihn verliebt, er hat auch noch eine Freundin, auf die du eifersüchtig bist? Oh mon dieu!" Ganz dramatisch schließt er die Augen und lässt einen schweren Seufzer hören. „Ab sofort hältst du dich von dem blonden Schönling fern, das ist ein Befehl. Es grenzt an ein Wunder, dass noch nichts Schlimmeres passiert ist. Oh, Chocola, mein Kind, nicht auszudenken." Er kneift mich auf nervige Weise in die Wange und alles fühlt sich für einen Moment wieder ganz normal an.
Doch Lovin sieht mich erneut ganz ernst an. „Du bist jung und man sucht sich nicht aus, in wen man sich verliebt. Aber du musst dich vor ihm schützen. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir das gleiche Schicksal blüht, wie deiner Mut-" Doch mit einem Mal hält er inne. Seine Augen weiten sich und er beißt fest die Zähne zusammen. Mein Hirn ist immer noch ein wenig langsamer durch den verfluchten Alkohol, aber ich glaube, Lovin ist gerade ein Detail rausgerutscht, das er mir gegenüber nie erwähnen wollte. Seine gesamte Körperhaltung macht das mehr als deutlich.
Ich sehe ihn durchdringend an. „Lovin.", wispere ich bedrohlich. „Was wolltest du da gerade über meine Mutter sagen?" Er wendet fast schon zaghaft den Blick ab. „Sag es mir! Welches Schicksal meinst du? Was ist mit ihr passiert? Was verheimlichst du mir?" Sein Schweigen macht mich noch wahnsinnig!
Plötzlich steht er auf und zieht mich mit sich auf die Füße. „Der Abend war lang genug, wir sollten nach Hause gehen." Sein Tonfall ist so abschließend, dass mein Herz schwer wird. „Was? Ist überhaupt schon Mitternacht? Und lenk' nicht ab, ich will wissen, was du mir verschweigst!" Doch er ignoriert mich weiterhin, umfasst mein Handgelenk und zerrt mich einfach hinter sich her.
Ich zetere, als er uns geschickt durch die vielen Ballgäste manövriert. Jedes meiner Worte ignoriert er, sogar die Schimpfworte, die ich ihm an den Kopf werfe. Und ich bin sicher, dass er mich hört, denn viele Leute drehen sich schockiert zu uns um, so laut wie ich rummotze.
Lovin schiebt mich Richtung Tanzfläche, schenkt mir aber sonst weiterhin keine Beachtung, sondern sieht sich suchend um, bis er Vanilla entdeckt, die gerade mit einem fremden Jungen tanzt. Ohne zu zögern, schnappt er sich auch ihren Arm, zieht sie mit sich und steuert dann zielsicher die Bar an, an der Houx und Saule stehen.
„Mitkommen.", fordert er sie auf und seine Stimme klingt schrecklich herrisch. Offenbar zieht das bei den beiden Jungs, denn sie wirken zwar ziemlich verdattert, folgen aber artig.
Ohne ein weiteres Wort bugsiert er uns alle zum Haupteingang und zur Straße, wo unzählige Limousinen warten. Er lässt sich gar nicht irritieren und auch wenn es mich aufregt, muss ich wohl einsehen, dass er mir nicht erklären wird, was er mit dem Schicksal meiner Mutter meinte.
Die schlimmste Nacht im Leben
Houx, Saule und Vanilla sind ganz verdutzt über Lovins Verhalten. Er sitzt wortlos in der Kabine des luxuriösen Autos und verzieht keine Miene, obwohl ich immer noch alles gebe, um ihn mit meinen Blicken mürbe zu machen.
Nach wenigen Minuten merke ich, wie mir wieder furchtbar übel wird. Vorhin hat mich das Geschaukel bereits gestört, aber jetzt kommt es mir noch viel schlimmer vor. Ich presse die Hand auf den Mund und lege meine Stirn an die Scheibe. Das kühle Glas hilft ein bisschen.
Ich spüre, wie Vanilla neben mir ihre Hand auf meinen Arm legt, zeige aber keine Regung darauf. Dann höre ich ihre Stimme: „Lovin, ist Chocola was passiert?" Ich kann deutlich hören, wie ängstlich sie klingt und es tut mir leid, dass ich ihr immerzu solchen Kummer bereite. Wieder spüre ich eine Träne im Auge und drehe mein Gesicht noch näher zur Fensterscheibe, um es vor den anderen zu verbergen.
Lovin seufzt vernehmbar und es überrascht mich, dass er sich tatsächlich zu einer Antwort herablässt: „Es ist alles in Ordnung. Ich möchte nur heute nichts mehr von euch hören." Seine Stimme klingt so streng, wie ich sie vielleicht noch nie erlebt habe. All das Gekünstle, das ihn sonst so ausmacht, ist verflogen. Ich überlege, ob ich ihn jemals so ernst und schweigsam erlebt habe.
Das Gefühl, dass ich mich übergeben muss, wird immer stärker. Wie lange bin ich noch in dieser schrecklichen Limousine eingepfercht, die mehr schwankt, als jedes klapprige Piratenschiff? Ich schwöre, lange halte ich das nicht mehr aus!
Endlich stoppen wir und ich schicke ein kleines, stummes Dankeschön in den Himmel. Mit zitternden Fingern fummle ich am Türgriff neben mir rum und schaffe es endlich, meinen Weg nach draußen zu öffnen.
Geradezu gierig sauge ich die frische Luft ein, die meine Übelkeit ein wenig lindert. In einiger Entfernung kann ich wieder Lovins strenge Stimme vernehmen. „Geht schlafen. Ich will heute kein Theater mehr." Als ich aufschaue, sehe ich noch, wie Lovin die Haustür öffnet und seine Villa betritt.
Neben mir erscheint wieder Vanillas Gesicht, ehe sie vorsichtig den Arm um mich legt. „Choco, was ist los mit dir?", fragt sie und fängt an, mir sanft über den Rücken zu streichen. Hinter ihr erkenne ich Houx und Saule, die unsicher umher schauen. Die Scheinwerfer der Limousine erleuchten die Auffahrt, als sie wendet und geräuschvoll zur Straße und schließlich davon fährt.
Ich kann nicht antworten. All meine Kraft benötige ich, um weder zu heulen, noch zu kotzen.
Houx und Saule kommen näher, gehen neben uns die Hocke und fangen an mit Vanilla zu tuscheln. Ich sage kein Wort. Einerseits liegt das an meinem momentanen Zustand, andererseits bin ich mir sicher, dass ich niemals wieder über diesen albtraumhaften Abend sprechen werde, mit niemandem!
„Habe ich mich unklar ausgedrückt?", schneidet Lovins erzürnte Stimme durch die Nacht und ich zucke kurz zusammen. Dann sehe ich auch schon seine Stiefel auf dem Boden vor mir und ehe ich mich versehen kann, zieht er mit einem Ruck auf die Beine. Mein Magen fühlt sich an, als wäre er nicht hinterher gekommen und ich muss ein Würgen unterdrücken.
„Was ist mit ihr?", kreischt Vanilla erschrocken und Lovins Tonfall wird sanfter. „Sie ist betrunken, nichts Schlimmes." Wie schön es doch wäre, wenn es wirklich nur das wäre. Nein, vielmehr fühlt es sich an, als läge mein gesamtes Leben in Scherben.
Mit einem Mal verliere ich den Boden unter den Füßen. Jede Orientierung habe ich verloren. Vorsichtig versuche ich die Augen zu öffnen. Meine Lider fühlen sich an wie Blei. Trotzdem erhasche ich einen Blick auf Lovins Gesicht. Er trägt mich in seinen Armen und obwohl ich mich lächerlich fühle, bin ich froh, nicht selber gehen zu müssen. Der Weg zur Haustür und dann die Treppe hoch bis zu meinem Zimmer wären heute unüberwindbar für mich gewesen.
Als ich vorsichtig auf meinem Bett abgelegt werde, kann ich ein aufgeregtes Quaken vernehmen. Duke! Ich höre ihn mit Lovin tuscheln, kann aber nicht verstehen, was sie genau sagen. Dann gibt es Schritte und dann nur noch Stille.
Ich drehe mich auf die Seite und liege einen Moment nur da, dann sehe ich, wie die Tür langsam wieder aufgeht. Jemand flüstert meinen Namen und ich versuche, mich aufzusetzen.
Saule setzt sich neben mich auf die Matratze, stellt einen Eimer zu seinen Füßen und ein großes Glas Wasser auf meinen Nachttisch. Dann drückt er mir eine kleine Pille in die Hand. „Lovin sagt, die sollst du nehmen, damit es dir morgen besser geht." Ich nicke und greife nach dem Wasser. Saule bleibt noch sitzen. Er macht mich unruhig. Wenn er jetzt das seltsame Gespräch von vorhin weiterführen will, stürze ich mich vielleicht einfach aus dem Fenster.
„Es tut mir leid..." Saule stockt.„... wenn ich komisch war. Vergiss' das einfach, okay?" Schon geschehen. Vorsichtig versuche ich zu lächeln. „Ja." Ich spüre, wie er sich ein bisschen entspannt. „Geh' jetzt, ich muss schlafen." Lachend schüttelt Saule den Kopf. „Besser ist das wohl. Wenn du kotzen musst, sollst du das in den Eimer tun, hat Lovin gesagt." Dann streicht er mir noch einmal übers Haar und verlässt das Zimmer.
Ich möchte nur schlafen, aber in meinem Kopf dreht sich alles. Außerdem tun meine Füße weh. Mit einem Satz richte ich mich auf und öffne fahrig die Verschlüsse meiner Sandaletten. Dann feuere ich sie achtlos in den dunklen Raum. Mehr schaffe ich nicht. Das Kleid bleibt also an, genauso wie sämtlicher Schmuck. Ich sinke wieder in mein Kissen.
Ob Mama sich auch je so gefühlt hat? Mir geht nicht aus dem Kopf, was Lovin über sie gesagt hat. Irgendwie macht das Sinn. Ich weiß nicht viel von ihr. Mein Leben lang habe ich das irgendwie einfach so hingenommen. Sie ist viel zu früh gestorben, eine Tragödie, aber viel mehr hat mir nie jemand erzählt. Es war einfach normal, eine Tatsache, die nie groß erklärt oder in Frage gestellt wurde. Doch das lasse ich mir ab jetzt nicht mehr gefallen! Morgen werde ich Lovin noch einmal zur Rede stellen. Ich muss die Wahrheit wissen. Immerhin geht es um meine Mama, ich bin ihr einziges Kind und ich habe das Recht, die Wahrheit zu erfahren; mehr als jeder andere!
Unruhig wälze ich mich auf die andere Seite und starre aus dem Fenster. Es ist eine klare Nacht. Die Sterne funkeln und keine Wolke ist zu sehen. Leider sieht es in mir ganz anders aus. So eine schöne Nacht und trotzdem ist für mich alles schrecklich schief gelaufen.
Pierre hat mich wirklich geküsst. Er hat gesagt, dass es auch für ihn nicht leicht ist, dass wir wie Romeo und Julia seien. Hat er das auch so gemeint? Ist Sora sein Versuch, sich von mir fernzuhalten, sich abzulenken?
Mein Herz macht einen Hüpfer. Selbst, wenn jedes seiner Worte die Wahrheit sein sollte, würde das nichts ändern. Wie hatte er uns genannt? Todfeinde. Das trifft den Nagel wohl auf den Kopf, vielleicht den Nagel zu meinem Sarg.
Wir können niemals zusammen sein. Mein Herz darf sich nicht rot färben. Schon heute dachte ich für einen kleinen Moment, dass es bereits zu spät wäre. Das darf nie wieder passieren!
Lovin hat Recht! Ich werde Pierre ab jetzt um jeden Preis meiden, einfach so tun, als wäre er Luft und mich auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist. Doch jetzt muss ich erst einmal schlafen, ganz, ganz lange, und an nichts mehr denken.
Der gebrochene Kater
Die Sonne scheint unbarmherzig in mein Gesicht. Ihre Strahlen sind unnatürlich hell. Läutet das jetzt den Weltuntergang ein?
Ich kneife die Augen zusammen und rolle ungeschickt vom Bett. Beim Aufstehen stolpere ich sogar über den dämlichen Eimer, den ich nicht einmal gebraucht habe. Dann verheddere ich mich im Saum meines Kleides und stürze auf die Knie.
„Auaaa!", fluche ich wütend und fasse mir dann an den Kopf. Darin dröhnt es unangenehm.
Duke taucht vor mir auf, einen ungläubigen Ausdruck in den Augen. „Chocola, was tust du nur?" Ich sehe ihn genervt an. „Mecker' mich nicht an, ich bin doch kaum richtig wach." Außerdem ist mir ganz flau im Magen. Habe ich etwa tatsächlich einen Kater vom Alkohol? Ist ja furchtbar.
Duke schüttelt altklug den Kopf. „Ach Chocola, was machst du nur für Sachen?" Seine Stimme klingt sanft, fast mitfühlend. Das färbt auf mich ab, auch wenn ich immer noch ein kleines bisschen kratzbürstig klinge, als ich antworte: „Lovin hat dir doch garantiert schon alles erzählt." Zu meiner Überraschung schüttelt Duke aber den Kopf. „Nein, nicht wirklich. Es war schon spät gestern und Lovin nicht sonderlich redselig. Also erzähl' mir schon von deinem Abend. Konntest du ein paar Herzen sammeln?"
Mit einem Schlag wird mir ganz übel, als mir der katastrophale Verlauf des Spendesballs wieder voll bewusst wird und ich vergrabe das Gesicht in den Händen. Das kann doch alles nicht wirklich passiert sein? Pierre, der Kuss, ... Und dann auch noch das, was Lovin über meine Mutter gesagt hat.
Hart schlage ich mit der Faust auf den Fußboden und Duke springt erschrocken auf. Ein hohes Quaken ist von ihm zu hören. Sofort fühle ich mich schlecht. Manchmal kann er zwar wirklich nerven, aber kann das nicht jeder? Ich war ja auch nicht immer einfach.
„Tut mir leid.", murmle ich, bevor ich mir überlege, was ich ihm erzählen soll. Ich kann ihm nicht alles berichten, der bloße Gedanke daran treibt mich schon wieder an Grenze zum Übergeben. „Ich habe ein Herz gesammelt. Ich glaube, es war pink. Ich bin mir nicht ganz sicher." An die genaue Farbe kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber gerade kommt mir das genauso unwichtig vor, wie gestern Abend. Duke antwortet nicht. Er ist zwar ein Frosch, aber ich kann ihm deutlich ansehen, wie er nachdenkt. Was wohl in ihm vorgeht? Sonderlich viele Infos hat er von mir ja nicht unbedingt erhalten. Denkt er sich seinen Teil? Oder hat Lovin doch etwas verraten und Duke versucht nun, die Teile zusammen zu fügen? Ich weiß es nicht, habe jetzt aber den unumstößlichen Wunsch, umgehend duschen zu gehen.
Ich tätschle Dukes Kopf und ringe mir ein Lächeln ab. „Also, es war nicht mega erfolgreich, aber es hätte auch schlechter laufen können." Und dann drehe ich mich um und eile ins Bad.
Mir ist immer noch übel, also ist das Erste, was ich tue, nachdem ich die Tür hinter mir verschlossen habe, mich an die Wand gegenüber des Klos zu setzen. Die kühlen Fliesen am Rücken sind eine Wohltat und ich schließe die Augen, atme durch. Meine Gedanken überschlagen sich, aber ich kann keinen richtig fassen. Der Ball gestern war einfach viel zu viel!
Außerdem nervt mich dieses bescheuerte Kleid, das ich immer noch anhabe. Es macht alles so real und fühlt sich so eng an, wie ein Zwangsjacke. Die könnte ich jetzt vermutlich wirklich gebrauchen!
Fluchend zerre ich an der Rückenschnürung und versuche, sie zu lösen. Meine Finger sind ganz fahrig, aber endlich gelingt es mir. Ich streife das Kleid ab, lasse über die Hüfte gleiten und strample es mir von den Beinen. Endlich kann ich wieder atmen.
Meine Unterwäsche fliegt im hohen Boden in den Wäschekorb, dann steige ich in die Dusche und fühle die nächste Erleichterung, als ich das den Hahn aufdrehe und das warme Wasser spüre, das mir auf den Körper prasselt.
Vielleicht bleibe ich einfach für immer hier, denke ich mir, als ich mich irgendwann umdrehe, um mir das Duschgel vom Regal zu nehmen. Ein süßer, schokoladiger Duft umgibt mich und wirkt wie Balsam auf meine Nerven. Hier drin fühle ich mich sicher, geschützt vor meinen eigenen Gedanken und Befürchtungen. Und dennoch spüre ich den Schmerz, der mir das Herz zerreißt, sobald ich an Pierre denke. Unser Kuss war das Schönste, was ich je erlebt habe, aber es darf nie wieder passieren. Dieses eine Mal war schon zu viel. Ich empfinde... etwas für Pierre, auch wenn ich das nicht zulassen darf. So oder so, er ist mein Untergang. Auf welche Weise auch immer.
In das Wasser aus dem großen Duschkopf mischen sich meine Tränen und ich bin froh, dass niemand sie sieht. Pierre ist alles, was ich will, aber wir werden nie zusammen sein können. Das erste Mal habe ich das Gefühl, Menschen zu verstehen, die aus lauter Liebeskummer zugrunde gehen. Es sind nicht nur die Emotionen, das Innere, was einen kaputt macht, auch der Körper scheint davon nicht befreit zu sein. Mein Brustkorb fühlt sich eng an, das Atmen ist so schwer, als würde man erstickt werden. Und trotzdem muss ich mich an den Gedanken gewöhnen, Pierre nie wieder zu sehen und ihn irgendwann zu vergessen, egal wie stark das Gefühl ist, dann zu sterben.
Wieder vermisse ich meine Mama. Bestimmt hätte sie irgendeinen Rat für mich, einen Hoffnungsschimmer am pechschwarzen Horizont. Ich schließe erneut die Augen und stelle sie mir vor, überlege, was sie wohl sagen würde... Und was mit ihr passiert ist!
Ich reiße die Lider praktisch auseinander und fühle Entschlossenheit in mir aufsteigen. Für einen kurzen Augenblick schafft sie es, alles andere in den Hintergrund zu drängen; deshalb klammere ich mich mit aller Kraft daran.
Ich spüle den Rest Shampoo aus meinem Haar, dann steige ich aus der Dusche und greife nach einem Handtuch. In einem lächerlich schnellen Tempo trockne ich mich ab und werfe mir einen Bademantel über. Dann schlüpfe ich in meine weichen Pantoffeln und verlasse das Bad.
Duke schaut mich von meinem Schreibtisch aus an. „Du hast aber lange gebraucht. Geht's dir denn jetzt besser?" Ich halte inne. Tatsächlich fühle ich mich wohler. Die Übelkeit ist fast ganz weg und ich bin regelrecht erfrischt. „Ja, viel besser.", sage ich wahrheitsgetreu. Dukes Blick wird nun nachdenklich. „Was?", frage ich sofort und gehe zu meinem Kleiderschrank, dessen Türen ich kraftvoll aufreiße. Aber Duke erwidert noch immer nichts, als ich eine weite, lila gestreifte Jogginghose herausziehe. „Duke?", fordere ich nachdringlicher. Seit gestern Abend bin ich etwas empfindlich, wenn man mir nicht alles sagt. Nicht, dass es noch mehr Geheimnisse gibt, die vor mir verborgen werden.
Ich schnappe mir ein schwarzes Shirt, Unterwäsche und wollene Socken, dann wirble ich aufgebracht herum und fixiere den kleinen Frosch, der immer noch in seinem Starren verharrt. Endlich findet er seine Sprache wieder: „Entschuldige, du... Du hast mich an jemanden erinnert." „An wen habe ich dich erinnert?", frage ich forsch. Er zögert, aber ich schaue ihn so durchdringend an, dass er einfach nachgeben muss. Dukes Worte hätten eine schlichte, unbedeutende Feststellung sein können, aber etwas in seinen grünen Knopfaugen sagt mir, dass es das nicht ist; dass es hier um etwas Wichtiges geht, etwas, das ich wissen muss. Und ich war mir sicher, dass ihn mit dem schwersten Buch, das ich finden kann, erschlagen würde, wenn er mir dieses Wissen vorenthielt. Offenbar kommt Duke zu dem gleichen Schluss, als er mir endlich antwortet: „An deine Mutter."
Wachsendes Fragezeichen
Drei kleine Worte, aber sie dröhnen in meinem Kopf, als hätte Duke mir gerade mit einem Megafon ins Ohr gebrüllt. Die Worte echoen noch nach, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es mich aus den Latschen haut. Viel mehr ist es so, als würde man mir neue Kraft verleihen.
„Wie gut kanntest du sie?" Ich weiß ja, dass meine Mutter in der Zauberwelt eine kleine Berühmtheit gewesen ist, nicht zuletzt, weil sie eine Königinanwärterin war, aber Duke verhält sich so merkwürdig, dass ich die Frage einfach stellen musste. Ich weiß nicht, was es genau ist, kann es an nichts konkret festmachen, aber ich bin ähnlich alarmiert wie gestern Nacht, als Lovin sich beinahe verplappert hatte.
Mein Herz macht einen kurzen Hüpfer. „Duke?", frage ich wieder, diesmal ganz ruhig, fast flüsternd. Aber der kleine Frosch kann kaum meinem Blick standhalten. Er sieht zu Boden und wirkt auf einmal unendlich traurig. Ich glaube, so elendig habe ich ihn noch nie gesehen.
„Chocola... Ich kann dir vieles nicht sagen." Ein schweres Schlucken entweicht seiner Kehle. „Das darf ich nicht. Ich... Es tut mir so leid." Seine Stimme klingt aufrichtig und zieht mich in einen Strudel aus widersprüchlichen Gefühlen. Ich bin wütend und möchte mein Vorhaben mit dem schweren Buch in die Tat umsetzen, aber irgendwie regt sich in mir auch Mitgefühl für den kleinen Frosch, der gerade so unendlich unglücklich wirkt. Trotzdem fühle ich mich verraten, erst von Lovin, jetzt von Duke. Aber ich glaube am drängendsten ist dieses massive Unwissen; als würden alle ein gigantisches Geheimnis vor mir hüten.
„Ich muss gehen, bitte sieh' es mir nach." Jetzt klingt Duke beinahe so, als müsste er gleich weinen. Können Frösche überhaupt weinen? Also, normale Frösche meine ich. Ich kann gar nichts mehr erwidern, da springt er schon auf mein gekipptes Fenster zu und aus dem Spalt ins Freie. Zuerst bin ich erschrocken, als ich ihm nachsehe, dann fasse ich mich aber wieder. Duke ist kein normaler Frosch, das war also keine hirnrissige Verzweiflungstat. Trotzdem trete ich an den Sims und blicke nach unten. Gerade so sehe ich noch einen kleinen rot-schwarzen Körper über den Rasen hüpfen, bevor er hinter dem Haus verschwindet.
Doch mir reicht es jetzt! Dukes seltsame Andeutungen haben das Fragezeichen in meinem Kopf so groß werden lassen, dass ich unbedingt Antworten brauche. Ich eile ins Bad um mich anzuziehen, dann rase ich zur Treppe. Ich muss jetzt Lovin zur Rede stellen!
Meine erste Anlaufstelle ist die Küche, aber dort finde ich nur Vanilla, die gerade den Abwasch erledigt. Verwundert sieht sie auf, als sie mein Trampeln bemerkt, doch ich unterbreche sie gleich. „Weißt du, wo Lovin ist?" Sie schüttelt langsam den Kopf, ehe sie antwortet: „Nein, ich habe ihn heute noch gar nicht gesehen. Er war nicht einmal beim Frühstück. Ich habe euch was aufgehoben, falls du Hunger -" Doch wieder schneide ich ihr das Wort ab. „Später vielleicht, danke." Dann hetzte ich wieder hoch und reiße Lovins Schlafzimmertür auf; aber das einzige, was ich sehe, ist ein gigantisches Bett – und es ist leer. Jetzt erst fällt mir auf, dass ich hier sonst was hätte sehen können. Vermutlich sollte ich dankbar sein, dass mir der Anblick von meinem sogenannten Aufpasser, der sich über eine halbnackte Frau beugt, erspart blieb. Kurz muss ich mich schütteln.
Ich eile weiter. Scheinbar bleibt mir nichts anderes übrig, als jedes einzelne Zimmer in dieser verdammten Villa zu überprüfen, um Lovin zu finden. Warum muss es hier nur so viele unnötige Räume geben?
Ich habe die dritte Tür geöffnet, als mir bewusst wird, dass ich Vanilla vor den Kopf gestoßen haben muss – schon wieder. Ich habe sie nicht einmal ausreden lassen, sondern bin ihr einfach ins Wort gefallen und dann direkt wieder verduftet. Immer bin ich nur mit mir und meinen Sorgen beschäftigt. Vani ist die beste Freundin auf der Welt und ich so eine egoistische Kuh! Es ist ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch mit mir abgibt und wenn ich so weitermache, werde ich sie irgendwann verlieren.
Als ich am millionsten Türgriff reiße, habe ich endlich Glück. Ich blicke in ein Zimmer, das ich nie zuvor gesehen habe und am Fenster steht er – Lovin! Ich bin so überrascht, dass gar nicht weiß, was ich jetzt sagen oder tun soll. Lovin hat seinen Kopf gedreht und sieht mich abwartend an. Im Gegensatz zu mir ist er die Ruhe selbst.
„Du hast mich gefunden.", stellt er matt fest, wirkt aber nicht so abweisend, wie am vergangenen Abend. Das macht mir ein wenig Hoffnung. Trotzdem sind seine Worte gleichzeitig das Eingeständnis, dass er sich vor mir versteckt hat, zumindest ein bisschen.
„Lovin, ich muss mit dir reden, ich muss wissen, was du gestern gemeint hast." Meine Stimme klingt so angestrengt, wie nach einem Marathon. Lovin seufzt zwar, widerspricht aber nicht. Stattdessen stimmt er mir zu und ich kann nur ungläubig schauen. „Mach' die Tür zu.", fordert er mich auf und ich gehorche, ohne zu Zögern – dass das mal passiert!
Als ich mich wieder zu Lovin umdrehe, deutet er auf ein Sofa und ich verstehe die Geste. Eilig gehe ich durch den Raum und setze mich neben Lovin auf das weiche Polster. Seine Miene ist undurchdringlich, als er mich nachdenklich mustert, aber als er dann beginnt zu reden, merke ich, dass er sich seine Worte sorgfältig zurecht gelegt hat: „Chocola, was ich gestern gesagt habe, war ein Versehen. Das war nichts, was für deine Ohren bestimmt war." Ich höre ihm zu, habe aber doch das Gefühl, nichts zu erfahren. Ein Teil von mir will ihm am liebsten an die Gurgel gehen, aber ein größerer Teil hält mich zurück.
„Du sollst alles erfahren, irgendwann, wenn du erwachsen bist und wenn eine von euch Königin ist. Das ist nicht meine Entscheidung. Ich befürworte sie stark, aber meine Stimme hat kein großes Gewicht." Spricht er etwa vom Königreich? So ganz verstehe ich noch nicht, was er eigentlich sagen will.
Ich lausche wie gebannt, sauge jedes Wort in mich auf und versuche, daraus schlau zu werden. „Aber jetzt musste umgedacht werden – und das schon zum zweiten Mal. Ich verstehe, dass du alles wissen willst und du bist ja auch schon fast erwachsen. Trotzdem gibt es gewisse Umstände, die berücksichtigt werden müssen." So, wie er redet, konnte man meinen, es ging um absolut geheime und hochpolitische Angelegenheiten. Dabei wollte ich doch nur wissen, was meiner Mutter widerfahren war. Ich verstehe nicht, was es da zu verheimlichen gibt. Sie ist meine Mutter, die Frau, die mich, ihre einzige Tochter, zur Welt brachte.
„Es gab viele Stimmen dafür und viele dagegen, aber schlussendlich kam man zu dem Schluss, dass du wissen solltest, welche Auswirkungen... Die Liebe haben kann." Ich merke auf und denke unwillkürlich an Pierre, konzentriere mich aber rasch wieder auf das Hier und Jetzt.
„Du musst dir übrigens keine unnötigen Sorgen machen, ich habe vom gestrigen Abend nur so viel berichtet, wie unbedingt sein musste." Lovin lässt einen weiteren Seufzer hören. Es wirkt fast so, als käme er jetzt endlich zu dem Teil, der für mich interessant ist und den er um jeden Preis unausgesprochen lassen wollte. Ich bin so gespannt, dass ich nicht mal wissen will, was er offenbar im Palast über meinen Abend der Schande berichten musste. „Ich kann dir keine Details nennen, also frag' gar nicht erst danach, aber deine Mutter... Ihr eigenes Herz wurde ihr zum Verhängnis."