Erwachen
Vorsichtig öffne ich die Augen - vielmehr versuche ich es. Es fällt mir ungewöhnlich schwer und ich habe keine Ahnung, warum. Vielleicht hat Blanca, dieses Mistviech, ja meine Augen zugetackert oder so. Zuzutrauen wäre das dieser kleinen Ratte allemal!
Ich blicke in ein helles, geradezu weiß-grelles Licht. Wo bin ich? Seit wann sieht es bei Lovin so aus? Ich blinzle mehrmals angestrengt, dann erkenne ich, dass das hier nicht Lovins Haus ist, es sei denn, er hat über Nacht einen Doktortitel erlangt und praktiziert jetzt in seinem Haus.
Am Bett neben mir stehen Leute. Fremde Leute in weißen Kitteln und sie schienen irre aufgeregt zu sein. Ich vernehme die Stimmen: „Puls steigend, ich erkenne Reaktion der Augen.“ All so'n Arztjargon. Mindestens die Hälfte kann ich gar nicht verstehen. Was zum Teufel soll das alles bedeuten?
Plötzlich dreht sich eine der Gestalten mir zu um. „Hey, hier genauso!“ Ich bin absolut verwirrt. Was wollen die alle nur? Wie die Wilden wuseln sie um mich herum, schließen Kabel hier und da an, drücken Knöpfe, leuchten mir mit kleinen Taschenlampen in die Augen. Am liebsten würde ich um mich schlagen, aber es ist, als hätte ich gar keine Kraft in mir. Ich liege einfach nur da.
Im Bett neben mir ist auf einmal ein leises Wimmern zu vernehmen. Ich drehe langsam den Kopf, aber leider wird mir die Sicht durch die vielen Leute verborgen. Und allmählich geht mir ein Licht auf. Anscheinend befinde ich mich in einem Krankenhaus; auch wenn ich keinen Dunst habe, warum.
Einer der jüngeren Ärzte faselt was von einem Wunder und dass er so etwas bisher noch nicht erlebt oder auch nur davon gehört hatte. Ich stutze erst, dann melde ich mich endlich zu Wort. Es kommt mir schwierig vor, Worte auszusprechen, aber mittlerweile habe ich mich wieder einigermaßen gefangen.
„Was zur Hölle ist hier los?“, fauche ich, setze mich auf und verschränke grimmig die Arme. Dabei löst sich irgendein dämlicher Schlauch von meinem Handgelenk, aber das ist mir wurscht. Ich will Antworten! „Warum bin ich hier?“ Der Arzt von eben reicht mir die Hand.
„Chocola Kato, es freut mich unglaublich. Es grenzt an ein Wunder, dass Sie und Fräulein Aisu wieder erwacht sind.“ Verdutzt erwidere ich den Händedruck. Was geht hier bitte ab? Ist das ein schräger Traum oder so?
Moment. Fräulein Aisu? Das ist doch Vanilla! Ich wende mich ruckartig wieder zum benachbarten Bett und erkenne sie endlich. Zumindest denke ich das zuerst. Aber das Mädchen, das mir mit großen violetten Augen entgegen glubscht, ist gut fünf Jahre älter als Vanilla. Moment! Stopp!
Rasch springe ich aus meinem Bett und sehe in den Spiegel an der Wand - dann bekomme ich einen gehörigen Schrecken! Auch ich sehe nicht aus wie elf Jahre. Langsam wird es wirklich gruselig. Kommt das daher, dass ich vor dem Schlafen immer zuviel Süßkram in mich reinstopfe? Ich hatte mal gehört, dass man davon schlechte Träume bekommen konnte.
Ich drehe mich zu der kleinen Krankenschwester um, die ich mit meinem abrupten Sprung aus dem Bett über den Haufen gerannt hatte. Sie wirkt ein wenig zerzaust, aber nicht wütend. Vermutlich erlebt sie in ihrem Job noch ganz andere Sachen.
„Was ist passiert?“, frage ich leise und bin mittlerweile erheblich blasser geworden. „Sie lagen im Koma, Fräulein Kato. Genau wie ihre Freundin, Fräulein Aisu. Ganze sechs Jahre. Und nun sind Sie beide zeitgleich wieder erwacht. Wir hatten schon alle Hoffnung aufgegeben.“
Ich starre immer noch, als hätte mich gerade ein Blitz getroffen. „W-welchen Tag haben wir?“, frage ich zögerlich, denn ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt glauben konnte oder ob ich hier noch irgendwas hören will.
„Sonntag, 21. April 2013.“, antwortet sie gehorsam und lächelt sanft. „Sie sollten sich nicht zu sehr aufregen. Schließlich wollen wir Sie erst einmal behalten. Nicht, dass sie ein Schock wieder ins Koma zurückversetzt.“
Starr gehe ich zurück in mein Bett und setze mich auf die Bettkante. 2013... Wie konnte das sein? Vanilla, die auch gerade mit einem der Ärzte im Gespräch ist, kullert eine Träne die Wange hinab. Auch mir ist gar nicht wohl, obwohl ich eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen bin.
Doch dann höre ich eine Stimme und ich fühle eine Welle der Begeisterung und Geborgenheit in mir hochsteigen und nie, nie, nie, nie hätte ich auch nur im Traum daran gedacht, dass ausgerechnet Lovin der Grund für derartige Gefühle sein könnte.
Er tritt ins Zimmer, glamourös wie eh und je, und zieht mich mit einer eleganten Bewegung zu Vanilla, wo er uns beide fest in seine Arme schließt. Und mit fest meine ich wirklich sehr fest. Will er uns umarmen oder ersticken? Ich bin mir da echt nicht sicher.
„Meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.“, säuselt er theatralisch. „Ihr weilt wieder unter uns.“
„Gleich nicht mehr.“, gifte ich heiser und stoße ihn von mir. „Was war denn bitte los? Ich weiß ja, dass ich Langschläfer bin, aber sechs Jahre erscheinen mir dann doch ein wenig unrealistisch.“ Ein kleiner Teil von mir hofft immer noch, dass ich einfach aufwache und alles wieder normal war.
Lovin beugt sich dicht zu uns und senkt seine Stimme: „Wisst ihr noch, eurer Ausflug an den Strand? Mit all euren Klassenkameraden und so?“ Synchron nicken Vanilla und ich. „Ja, wir waren am Strand und hatten einen ziemlich spaßigen Tag.“, murre ich nachdenklich.
„Ihr hattet einen Unfall. Vanilla ist zu weit aufs Meer hinausgeschwommen und war so erschöpft, dass sie das Bewusstsein verlor. Du, Chocola, bist ihr mit heldenhaftem Leichtsinn nachgeschwommen und wolltest sie retten, aber das Wetter schlug schlagartig um und ein Sturm trieb euch beide fort.“
Stimmt, diese Worte wecken recht lebhafte Erinnerung in meinem Kopf. Da waren mannshohe Wellen und ein grauer Himmel, Wind, der in den Ohren rauschte, wie ein Orkan.
„Nach einer Woche vergeblicher Suche wurdet ihr von zwei Spaziergängern am Strand entdeckt und ins Krankenhaus eingeliefert. Seitdem lagt ihr hier im Koma.“
Vanilla treten schon wieder Tränen in die Augen, also lege ich tröstend den Arm um sie. Doch dadurch beginnt sie nur lauthals loszuschluchzen. „Oh, Choco, du hast nur meinetwegen dein halbes Leben verpasst. Ich bin mal wieder schuld!“ Noch ehe ich etwas erwidern kann, fällt Lovin auch schon ein: „Ach, papperlapapp, das war ihr freier Wille. Außerdem weiß Chocola doch auch, dass man für Schöneres durchaus Opfer bringen muss.“ Fies zwinkert er mir zu. Typisch, ich bin das freche Rotzgör und Vanilla die wunderschöne und liebenswürdige Königstochter. „Wie dem auch sei“, beginnt er erneut, „ihr werdet jetzt beide nochmal durchgecheckt und wenn alles okay ist, kommt ihr wieder mit nach Hause.“
Die Untersuchung nehme ich kaum wahr. Ich sitze nur da und bin nur froh, als ich die Worte „Nun Fräulein Kato, bei Ihnen ist alles tipptopp, Sie dürfen wieder nachhause. Sollten in den nächsten Tagen etwaige Beschwerden auftreten, kommen Sie bitte wieder her.“ vernehme. Geistesabwesend nicke ich. Dann stapfe ich verwirrt aus dem Raum und in den Flur zu Lovin. Vanilla ist auch schon da. Ich fühle mich immer noch seltsam betäubt. Sechs Jahre... Wir haben soviel verpasst. Ich komme mir vor, wie eine Fremde. Vielleicht ist das ja doch nur ein Traum. Aber wenn ja, dann fühlt er sich verdammt echt an.
Lovins Stimme reißt mich wieder aus meinen Gedanken: „Nun los, meine Lieben. Auf geht's nach Hause!“