Lovins Freundin
Ich habe immer noch einen leichten Drehwurm, als ich im Japanisch-Unterricht sitze. Eins steht fest, das wird Rache geben. Ich sehe aus dem Fenster und fange an, Pläne dafür zu schmieden. Vielleicht was mit Insekten? Vielleicht könnte ich auch ein Kaugummi in seine Flöte stopfen? Oder wäre das zu gemein? Ich will ja kein ewiges Hin und Her provozieren, nur Gleiches mit Gleichem vergelten.
Es ist so öde und Herr Miwa ist noch öder. Ich glaube, er ist der langweiligste Lehrer, den ich kenne. Und dann ist er auch noch so ein Griesgram.
Heimlich linse ich auf mein Handy, um vielleicht unerkannt ein bisschen Snake zu spielen und mir die Zeit zu vertreiben. Die Handys heutzutage sind echt der Wahnsinn! Kein Wunder, dass die Menschen keine Magie brauchen.
Auf dem Display blinkt mir ein weißer Briefumschlag entgegen und ich runzle die Stirn. Hoffentlich ist Lovin nicht in meinem Zimmer gewesen. Da würde er doch 'nen Herzinfarkt kriegen; und mich vermutlich einen Kopf kürzen. Ich bin noch nicht mal seit einer Woche wieder zuhause und schon sieht es wieder aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Ordnung liegt mir irgendwie einfach nicht...
Ich öffne die SMS und lese. 'Hi Chocola, ich hoff' du erinnerst dich an mich. Hättest du Lust heute Abend mit mir was trinken zu gehen? Meld dich, Hiroto (der Kioskverkäufer ;)'
Ich grinse. Das kommt mir doch echt gelegen. Ich brauche möglichst ein violettes Herz, damit wäre auf jeden Fall meine Qualifikation gesichert. Und damit würde mir echt ein enormer Stein vom Herz fallen. Außerdem hätte ich dann Ruhe vor den ewigen Moralpredigten von Lovin.
Ich schiele zu unserem Japanischlehrer. Er kritzelt gerade eine Grammatikregel an die Tafel und ich ergreife die Chance und tippe eine rasche Antwort auf dem Display meines Handys.
'Hi, klar. Wo wollen wir uns denn heut' Abend treffen?' Dann stopfe ich das Telefon eilig wieder unter mein Pult und schreibe unsauber den Quatsch von der Tafel ab.
Eine kleine SMS und mein Tag ist auf einen Schlag deutlich besser. Ich kann es gar nicht erwarten, mein erstes Herz zu schnappen.
Zuhause ist der Teufel los. Zwei von Lovins Betthäschen sind einander begegnet und schlagen sich die Köpfe ein, zumindest hört es sich von meinem Zimmer aus so an. Die sind wirklich wie Furien und das schon seit einer ganzen Weile. Wenn ich lernen wollen würde, wäre das hier eine gänzlich ungeeignete Umgebung. Aber auch bei allem anderen ist es sehr störend. Wie lange sitze ich schon vor meinem Kleiderschrank? Die Hälfte des Inhalts liegt schon auf dem Bett und meinem Fußboden. Duke räuspert sich missbilligend hinter mir: „Kannst du vielleicht aufpassen, wo du das Zeug hinfeuerst? Ich bin hier unter Beschuss.“ Ich winke nur ab. „Du bist doch sicherlich in der Lage, dir eine sichere Ecke zu suchen.“ Ich werfe ja nicht absichtlich auf ihn, aber schließlich habe ich hier auch eine Mission zu erfüllen. Ich muss möglichst sexy sein, so absurd das auch klingt. Aber bei dem Geschrei kann ich mich einfach nicht konzentrieren.
In meinem kuscheligen Bademantel schleiche ich auf den Treppenabsatz. Auch Vanilla und Blanca lugen neugierig aus Vanis Zimmertür heraus. Ich zwinkere ihnen zu.
Lovin steht, wie ein kleiner Junge, hilflos, neben den beiden zankenden Frauen. Eine ist groß gewachsen und hat kurzes, rostrotes Haar, die andere ist viel kleiner und hat einen langen, mittelbraunen Zopf. Sie schreien einander hysterisch an und schubsen sich leicht hin und her.
Mal ehrlich, wie soll ich bei dem Lärm denn bitte mein "violettes-Herz-Outfit" für heute Abend zusammensuchen?
Erbost trample ich die Treppe herunter, das erste Mal in der Gewissheit, dass Lovin mich nicht wie ein kleines, ungezügeltes Rotzgör zurechtweisen würde. „Was soll das?“, kreische ich und unterbreche die beiden Streithennen. Lovin glotzt nur irritiert, sagt aber keinen Ton.
Die größere der beiden Frauen dreht sich mir zu und verzieht den Mund zu einer strengen Linie. „Lovin -“, beginnt sie, doch ich unterbreche sie barsch. „Was?! Ihr Flittchen macht euch an MEINEN Kerl ran?“ Ich mache zwei Schritte auf sie zu und brülle hysterisch weiter: „Macht, dass ihr rauskommt, aber sofort!“
Wow, mir war gar nicht klar, wie laut meine Stimme sein kann.
„Und du -“, wende ich mich jetzt Lovin zu und hebe meinen Zeigefinger. Die beiden Frauen rühren sich noch nicht, es ist, als wären sie zu Salzsäulen erstarrt. Ich sehe sie nochmal an, mit einem Blick, der sie wie Laser durchbohren soll und schiebe sie unsanft in Richtung Haustür.
„Raus jetzt!!!“ Ich lege all meine Kraft in diesen Befehl und tatsächlich beben die Wände leicht - zumindest kommt es mir so vor.
Aber endlich drängen die beiden Frauen sich jetzt zur Haustür und quetschen sich hinaus. Scheint meine Darbietung wohl endlich zu wirken. Ich höre ihre Absätze auf dem Asphalt der Auffahrt klackern und lächle zufrieden. Dann wirble ich herum.
Lovin grinst dankbar zurück. „Alle Achtung.“, sagt er und deutet einen kleinen Applaus an. Ich verneige mich kurz und stelle klar: „Jetzt hab' ich was gut bei dir. Die beiden Irren waren ja nicht auszuhalten.“ Vanilla ist mittlerweile auch am Kopfende der Treppe erschienen und sieht uns mit ihren großen Rehaugen an. „Ja, vielleicht.“, gibt Lovin widerwillig zu. „Hoffentlich verbreiten die beiden Biester jetzt nicht das Gerücht, dass Superstar Rockin' Lovin eine feste Freundin hat. Das würde meinen Ruf ja total ruinieren. Wie soll ich denn dann die ganzen schönen Frauen abschleppen?“
Ich fühle mich angewidert, strecke ihm aber nur die Zunge heraus. „Keine Sorge, ich würde auch öffentlich mit dir Schluss machen, ganz dramatisch. Die Szene gerade hat wirklich Spaß gemacht. Aber vielleicht solltest du zukünftig nur eine zur Zeit hier haben.“ Lovin grinst nur weiter, ehe er mit einem Themenwechsel fortfährt: „Aber sag mal Schätzchen“ Oh, wie ich diese degradierende Art und Weise hasse, mit der er Frauen "Schätzchen" nennt und besonders, wenn er das bei mir tut. „wofür putzt du dich denn so raus?“ Dabei deutet er auf die Lockenwickler in meinen Haaren.
Ich schüttle rasch den Kopf. Beinahe fühle ich mich ertappt. Ich will eigentlich wirklich nicht, dass da jetzt so'n großes Ding draus gemacht wird. Was, wenn das alles nicht so klappt, wie ich mir das vorstelle? Das wäre dann doch zu peinlich.
„Ich hab' ein Date.“, antworte ich kurz angebunden und füge rasch hinzu: „Ich muss jetzt auch wieder hoch, so kann ich ja nicht raus.“ Lovin nickt nur und ich bin froh, dass er nicht weiter nachbohrt; zugetraut hätte ich ihm das. Fast schon automatisch fauche ich ihn an, dann poltere ich wieder die Treppe hoch.
Vanilla fängt mich ab. „Ein Date? Das ist doch toll, Chocola. Soll ich dir helfen ein Outfit auszusuchen? Wenn du ein violettes Herz bekommst, bist du auch weiter qualifiziert. Ist es ein netter Junge?“ Ich lächle. Sie ist hilfsbereit wie eh und je. Dabei ist das eigentlich ganz widersprüchlich. Immerhin sind wir Konkurrentinnen, wir kämpfen gegeneinander und am Ende kann nur eine von uns gewinnen und die Königin der Zauberwelt werden. Und trotz allem greift sie mir ganz selbstlos unter die Arme.
Also stimme ich kurzentschlossen zu. Immerhin hat sie ganz offensichtlich ein Talent für sowas. Die Männer fliegen nur so auf sie. Und schaden kann mir das sicherlich nicht. Ich bin unfassbar froh, eine so gute Freundin, wie Vanilla zu haben!