Welches Herz?
Hiroto küsst mich und ich stehe wie zur Salzsäule erstarrt einfach nur da. In meinem Kopf fühlt es sich an, als wäre dort gleichzeitig ein gigantisches Tohuwabohu und eine gähnende Leere. Ich kann immer noch nicht recht fassen, wie mir geschieht. Fremde Lippen, auf meinen. Mein erster Kuss.
Ich stehe hier, vor einer Bar in der Dämmerung der Nacht, mit meinem Date. Dieses Date küsst mich und ich starre durch die Fensterscheibe hindurch wieder Pierre an. Er starrt zurück und ich bin mir nicht sicher, aber ich meine, ein schneidendes Funkeln in seinen Augen zusehen. Er wirkt, als sei er verärgert.
Plötzlich kommt wieder Leben in mich und ich stoße Hiroto energisch von mir. Er stolpert zurück und sieht mich schockiert an. Sein Herz schimmert wieder mehr orange als pink und ich denke panisch, dass ich jetzt wohl alles kaputt gemacht habe. Ich brauche doch sein Herz! Ich habe mir soviel Mühe gegeben!
Plötzlich nehme ich zu meiner Rechten eine Bewegung wahr und höre, wie die gläserne Bartür wieder zufällt. Währenddessen fällt mir die Kinnlade runter.
Pierre ist rausgekommen und funkelt Hiroto vernichtend an. „Hey, was hast du ihr getan?", fährt er ihn an und meine Augen weiten sich noch mehr. Denkt er etwa, Hiroto hätte mich verletzt? Oder mir sonst irgendetwas angetan? Und deshalb zettelt er hier jetzt einen Aufstand an? Was geht ihn das eigentlich an? Ich bin nicht seine Freundin, eher das genaue Gegenteil! Es geht ihn überhaupt nichts an, was ich mit wem mache oder nicht! Das ist absolut nicht seine Angelegenheit!
Hiroto hebt abwehrend die Arme und sieht zwischen mir und Pierre hin und her. „Nein, ich hab ihr gar nichts getan." Pierre scheint ihn echt verunsichert zu haben, denn er stottert ein kleines bisschen.
Ein zweites Mal löse ich mich aus meiner Starre und brülle Pierre, ein wenig zu aufgebracht, an: „Jetzt bleib' mal ruhig, er hat mir gar nichts getan! Und es geht dich auch nichts an!" Ich mache einige Schritte, sodass ich zwischen den beiden Jungen stehe.
„Was läufst du eigentlich in so einem Aufzug draußen rum?", fragt Pierre mich ruhig, aber gereizt, nachdem er mich einen Moment eindringlich gemustert hat. Ich höre ja wohl nicht richtig!
„Das ist viel zu freizügig.", fügt er hinzu und ich denke echt, jetzt platzt mir der Kragen.
„Was fällt dir ein?", gifte ich ihn lautstark an und werde so sauer, dass sich meine Fingernägel in meine Handflächen graben. Meine Hände haben sich ganz automatisch zu Fäusten geballt. „Nichts hier geht dich auch nur irgendwas an, was fällt dir ein, dich in meinen Kram einzumischen?!" „Einer muss es ja tun.", schießt Pierre eiskalt zurück und ich werde noch wütender. „Aber sicherlich nicht du! Mir dir will ich nichts mehr zu tun haben! Ich habe schon einen Aufpasser und der hat immerhin ein echtes Herz!"
Mit meinem Gebrüll errege ich die Aufmerksamkeit einiger Passanten, aber das ist mir vollkommen egal. Ich war noch nie der Typ Mensch, der mit seinen Unzufriedenheiten hinter'm Berg hält. Pierre sieht mich stumm an. Ein Herz. Sein Herz. Mein Herz. Nein, das darf nicht sein!
Ich schüttle mich kurz, löse mich von Pierres fesselndem Blick und deute in die Bar hinein. „Verschwinde einfach.", weise ich ihn mit ruhiger Stimme an und wende mich wieder Hiroto zu, um nach seiner Hand zu greifen. Sie fühlt sich warm an, ganz anders als die von Pierre.
Ohne noch ein Wort zu sagen ziehe ich Hiroto mit mir und entferne mich von der Bar. Pierre bleibt stumm zurück. Ich weiß nicht, ob er uns nachsieht, oder wieder reingeht, aber ich habe auch keine Lust, mich jetzt umzudrehen. Endlich einmal stehe ich nicht als Dumme da, sondern habe das letzte Wort.
Hiroto und ich schlendern eine Weile schweigend durch die dunkle Stadt, als er plötzlich innehält. „Chocola.", sagt er, hält an und stellt sich mir gegenüber. Meine Hand hält er immer noch und jetzt greift er auch nach der zweiten. Ich lasse ihn gewähren.
„Chocola, ich find' dich echt interessant", fährt er fort, „aber was war das eben? War das dein Freund? Oder Ex-Freund oder so? Ich will jetzt nicht in etwas reinpfuschen, was noch nicht beendet ist." Seine Stimme klingt todernst.
Ich ziehe beide Augenbrauen hoch und sehe ihn erstaunt an, ehe ich antworte: „Nein, wir waren nie ein Paar..." Dann gerate ich ins Stocken. Meine Worte sind wahr, aber was waren wir, sind wir? Eine Hexe und ein Ogul, die... Ich breche den Gedanken ab.
„Ich könnte nie mit ihm zusammen sein. Aber er war mal mit meiner besten Freundin zusammen. Daher kennen wir uns. Aber ich konnte ihn noch nie ausstehen. Er ist ein schlechter Mensch.", erkläre ich langsam und was ich sage, ist ja auch nicht ganz falsch. Zwar sind Vanilla und Pierre nicht wirklich zusammen gewesen, aber das war ja nicht so wichtig. Ich konnte hier ja auch keine verworrene Fantasygeschichte zum Besten geben.
Ich lächle und Hiroto tut es mir gleich. „Ach so.", fügt er noch erleichtert hinzu. „Das ist schön. Ich find' dich echt hübsch und witzig. Du bist so aufgedreht. Nicht so, wie andere Mädchen." Ich lache kurz. Er ist einer der Ersten – und vielleicht Einzigen - die meine Art der Vanillas vorziehen; zumindest hier in der Menschenwelt. Und das sogar, nachdem Pierre ihn so angegangen hat.
Ich schaue gespielt verlegen zu Boden und Hirotos Herz leuchtet wieder strahlend pink. Wobei... Bei genauerem Hinsehen, scheint es mir schon fast ein wenig violett zu sein.
Wir stehen an einer kleinen Brücke und er drängt mich vorsichtig an das kühle Geländer. Ich lehne mich dagegen und fröstle leicht. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich eine Jacke vergessen habe. Ganz eilig war ich durch mein Schlafzimmerfenster davongeflogen ohne daran zu denken, dass es später kalt werden könnte.
Hiroto schmunzelt und zieht seine braune Strickjacke aus, um sie mir um die Schultern zu legen. Ich mustere ihn ein wenig skeptisch, bin aber dankbar. Die Jacke ist angenehm warm und ich fühle mich schon ein wenig wohler.
Hiroto steht immer noch dicht vor mir und kommt mit seinem Gesicht näher an meines heran. Ich starre nur zurück, ehe mir dämmert, dass er mich wohl schon wieder küssen will. Ein leichter Anflug von Panik überkommt mich und ich berühre mit meiner Hand seine Brust, um ihn behutsam zu stoppen. „Nimm es mir nicht übel.", sage ich zögerlich und entwinde mich ihm. „Aber das geht mir gerade zu schnell. Ich bin müde und irgendwie -" Er grinst, als er mir das Wort abschneidet: „Kein Problem." Sein Tonfall klingt beruhigend und ich bin froh, dass er mir die Abfuhr nicht übel nimmt. Stattdessen fragt er mich, ob er mich nachhause bringen soll. Ich lehne ab und erkläre, dass ich ein Taxi nehmen werde. Das war anscheinend okay für ihn, unter der Bedingung, dass er es für mich ruft und wartet, bis ich sicher darin saß. Das klingt doch in Ordnung.
Wir reden noch ein wenig über Belanglosigkeiten, der Zwischenfall mit Pierre kommt nicht mehr zu Sprache und genauso wenig kommt Hiroto mir wieder zu nahe, wofür ich sehr dankbar bin, und kurze Zeit später hält das Taxi dann auch neben uns an und ich steige hinein. Dabei bin ich so elegant und verführerisch wie möglich. Ich will noch einmal ordentlich Eindruck hinterlassen. Als Hiroto mir zum Abschied zuwinkt, erwidere ich die Geste. Dann fährt das Taxi davon und Hiroto bleibt alleine und ein wenig verwirrt zurück.