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Auf dem Rücken der Pferde

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Hallo, damit es nicht zu verwunderungen kommt, dieses und die nächsten beiden Kapitel, sind nicht aus Sichtweise von Aiden oder Finn geschrieben. Dies habe ich Bewusst gemacht um die Szene, aus meiner Sicht, schöner Gestallten zu können. Komplett anzeigen

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Der neue Stall

Der Tag ist noch ruhig, der Hof des Cambridgeshire-Stalles, einem riesigen Komplex aus rotem Backstein und dunklem Holz, der sich in die Hügellandschaft der ländlichen Grafschaft schmiegt. Zwei große Gebäude prägen das Gelände, die große Reithalle durch deren Fenster die Sonne dringt und der Trackt der Stallungen.

Ich trete durch das große Eingangstor des Hofes und lasse den Blick schweifen. Die Reithalle im Zentrum, imposant und luftig zugleich. Unter dem hohen Dach wirkt der Sandboden wie ein getreues, weiches Meer, das jedes Geräusch dämpft. Die Stallgasse zieht sich wie eine Ader mittig durch das zweite Gebäude, hell erleuchtet von gläsernen Fenstern, die das Tageslicht einlassen. Auf dem Gelände um die Halle herum erstrecken sich weitläufige Koppeln mit ihren weißen Holzzäunen, ein kleines Gerätehaus und ein Teich mit Steg der zum Ausruhen einlädt.

Tief atme ich den Geruch von Heu, Leder und den Pferden ein. Es ist mein erster Arbeitstag, der sich wie ein neuer Anfang anfühlt. Mein Blick geht kurz in die Stallgasse, wo mich einige der Pferde neugierig betrachten, schnauben, als wüssten sie, dass heute jemand Neues hier beginnt. Ich erkenne vor dem Gebäude Heurollen, die ordentlich gestapelt stehen, und weiter hinten öffnen sich die Räume für Futter und die Sattelkammer.

In dem Moment, in dem ich den Gang entlanggeht, hört er Schritte hinter mir und drehe mich diesen zu.

Ein Mann, groß, sportlich schlank, in legere aber teure Stallkleidung gekleidet, mit dunkelbraunen Haaren, die leicht zerzaust schienen, und blauen Augen, kommt aus dem hinteren Stallabschnitt. Mit einem fragenden Ausdruck betrachtet er mich.

„Guten Morgen“, sagt er, seine Stimme angenehm warm und tief, leicht distanziert, aber keineswegs unfreundlich. „Unbefugten ist das Betreten des Geländes untersagt.“

Mit einem freundlichen Lächeln legt sich auf seine Lippen. „Mein ist Finn, ich beginne heute hier als Pferdepfleger.“

Der Mann nickt, seine Augen verraten Interesse aber auch Skepsis. Er lehnt sich an eine der Boxen und verschränkt wartend die Arme vor der Brust: „Interessant. Und wieso gerade dieser Stall?“

„Ich habe Pferdewirt gelernt und bereits einige Zeit in anderen Ställen gearbeitet, aber ich will mehr als nur stumpfe Routine. Hier denke ich, dass man Wert auf Nähe zu den Tieren legt, auf eine Ruhe im Umgang, die man spüren muss, um wirklich gut zu werden. So stand es auf der Website. Und die Anlage hier, die Größe, die Struktur, sie wirkt wie ein Ort, an dem man wachsen kann“, gebe ich als Antwort und hoffe den richtigen Ton zu treffen.

Reiter sind ein spezielles Volk für sich.

Ich werde gemustert, mit einem kurzen, anerkennenden Blick.

„Das klingt, als wärst du nicht auf den Mund gefallen, etwas was du hier brauchen wirst. Wir brauchen jemanden, der bereit ist, anzupacken, statt sich zu verstecken.“

Seine Stimme ist freundlich, aber leise schwingt eine verschmitzte, beinah hochnäsige, Distanz mit. Diesen Mann umgibt eine Aura, welche ich verdammt interessant finde. Kühl und ruhig aber doch aufmerksam und freundlich.

„Ich bin hier, um zu arbeiten“, setze ich fort, „und um zu lernen. Die Pferde hier, die Menschen alles zeugt von Erfahrung und Respekt. Und du? Wer bist du, wenn ich fragen darf.“
 

Er nickt, als ob er meine Antwort bestätigt, und wendet sich in Richtung der Stallgasse ab.

„Mein Name ist Aiden Courtenay“, sagt er mit einem Lächeln, das wieder mehr Distanz als Wärme ausstrahlt. „Ich bin Springreiter, einer der Aushängeschilder des Stalles.“

Er tritt einen Schritt tiefer in die Stallgasse und ich folge ihm. Überheblich klingt er dabei, aber wie gesagt, Reiter sind speziell.

„Meine Pferde stehen im hinteren Bereich“, erzählt Aiden, „Eine kleine, aber ehrliche Gruppe aus zwei Hengste und einer Stute. Die Stute ist die Dunkelbraune, die beiden Jungs sind Rappen.“

Aiden bleibt stehen und blickt den Stallabschnitt hinein, wo die Boxen größer und mit gepflegtem Stroh gefüllt sind. Die Köpfe seiner Pferde drehen sich zu uns. Ich lasse meinen Blick langsam über die drei Tiere schweifen, will jedes Detail in mich aufnehmen.

„Danke für die Beschreibung, so kann ich mir später besser merken, wer wer ist“, meine ich und lächelt. Aiden nickt zufrieden.

„Bei Hannoveranern, wie diesen dreien, zählt der Charakter neben dem Äußeren. Wir werden sehen, ob du heute schon an sie ran kannst, wie sie auf deine Anwesenheit reagieren. Sie akzeptieren nicht jeden“, meint Aiden und deutet auf den Gang bevor er losgeht.
 

Wir gehen weiter und der Duft von Heu und Futter wird stärker. Mittig wird die Stallgasse von einem großen Waschplatz und der Futter- sowie Sattelkammer geteilt. Aiden öffnet die Tür zur Futterkammer und sieht zu mir. Ich sehe mich um und betrachte all die unterschiedlichen Boxen, in denen die diversen Futtermittel untergebracht sind. Eine große Tafel, mit den Futtertabellen, hängt über den Boxen. Seitlich ist ein großes Regal, in dem mehrere Eimer stehen. Daneben hängen die Säcke für Silage. Zwei große Ballen der Silage steht vor der Futterkammer.

„Komm, ich zeige dir schon einmal wie das Futter vorbereitet wird. Das ist der Moment, in dem die Routine beginnt, aber auch einer, in dem man jedem Tier ganz persönlich begegnet“, meint er und nimmt zwei in sich gestellte Eimer aus dem Regal auf dem *Don* geschrieben steht, stellt diese auf den Tisch und greift nach einer kleine Metallschüppe.

„Du wirst schnell merken, hier läuft vieles nach Gewohnheit, aber man nimmt sich immer Zeit für jedes Tier. Jedes Pferd hat seine eigene Futterzusammenstellung, welche an der großen Tabelle hier aufgeschrieben ist“, erklärt Aiden und deutet auf die Tafel.

Er beginnt das Futter in die entsprechenden Portionsgrößen zu teilen, während ich es ihm beim zweiten Eimer gleichtue. Gewissenhaft und aufmerksam verteilt Aiden das Futter.

„Du erwähnst Geduld und Respekt“, sagt Aiden, während er die Portionen in den Eimer schüttet, „In diesem Stall brauchen wir beides. Meine Pferde sind sensibel. Sie reagieren auf den Tonfall, auf die Ruhe, die man ausstrahlt. Wenn du dich ihnen annäherst, geh langsam, sprich leise, zeig, dass du hier bist, um zu helfen, nicht um zu herrschen.“

Ich nicke und begreife sofort, was Aiden mir sagen will.

Benimm dich meinen Tieren gegenüber ordentlich, dann haben wir keine Probleme miteinander.

„Ich will lernen, wie man mit Feingefühl arbeitet. Nicht nur die Technik beherrschen, sondern auch die Stimmungen lesen“, erkläre ich und sehe mein gegenüber an. Ich sage es nicht nur so, ich meine es auch so.

Gemeinsam bereiten wie die anderen Eimer, sowie die Silage Säcke für Aidens Pferde, die anderen beiden heißen Neo und Gigi, vor und machen uns auf den Weg zu den Boxen. Die drei Pferde stehen entspannt in ihren Boxen, als würden sie die vertraute Stimme erkennen, die ihnen Futter bringt.

„Gut“, meint Aiden, als ich die Futtereimer vorsichtig vor den Boxen abstelle. „Du merkst schon, wie wichtig Ruhe ist. Meine Pferde mögen keine Hast. Wenn du am Kopf vorbeigehst, bleib auf gleicher Höhe, halte Blickkontakt, aber vermeide hektische Bewegungen.“

Die drei Pferde strecken die Köpfe aus den Boxentüren, schnuppern kurz und schnauben zufrieden.

„Wieso hast du dir diesen Stall ausgesucht?“, will Aiden wissen und betrachtet mich ruhig.

„Es ist nicht nur ein Stall. Es geht darum, einen Ort zu finden, an dem man sich selbst treu bleiben kann. Und dieser Stall fühlt sich so an, als könnte er mir genau das Geben“, erkläre ich und sehe zu Aiden. „Es fühlt sich richtig an.“

Aiden nickt erneut, ein dezenter Abstand noch immer in seinem Blick, der dennoch von Respekt zeugt. „Gut, dann lass uns später noch ein wenig reden“, meint Aiden und schüttet das Futter in den Trog in der Box der Stute bevor er das gleiche bei den Hengsten macht.

„Ich bin dabei“, sage ich entschlossen. „Ich will lernen, auch von dir, selbst wenn du distanziert wirkst, scheint da mehr zu sein, als man auf den ersten Blick sieht.“

Aiden schmunzelt kaum merklich.

„Vielleicht ist Distanz meine Art, klarer zu sehen. Wir sehen uns später wieder, bis dahin bleib ruhig und aufmerksam“, sagt Aiden, wendet sich ab und lässt mich vor den Boxen zurück.

Er verlässt die Stallgasse und verschwindet in einem der Räume.
 

Ich schließe mich den anderen Pflegern an und erledigte die restlichen Aufgaben in den Ställen. Gemeinsam mit meinen neuen Kollegen und Kolleginnen beginne, ich die Boxen zu missten und das Futter für die restlichen Pferde vorzubereiten.

Die meisten sind nett aber wirklich Zeit um uns kennenzulernen haben wir nicht. Eine junge Frau namens Marie, mit der ich einige Boxen gemacht habe, wirkt sehr nett und als wir fertig sind gehen wir Richtung Reithalle. Dort ist unser Aufenthaltsraum wo wir unsere Pausen verbringen können, mit schönem Blick in die Reithalle. Die Geräusche des Stallbetriebs wurden über die Zeit lauter, als die anderen Reiter eintrafen und sich alles in den alltäglichen Rhythmus begibt. In der Halle herrscht ein geschäftiges Treiben, Pfleger tauschen Anweisungen aus, während Reiter ihre Pferde aufwärmen. Unterm Hallendach sind Hindernisse aufgebaut, verschieden hoch und weit. Draußen vor dem Eingang der Halle treffen Marie und ich auf einen weiteren der Reiter, der sein Pferd am Zügel führte. Der große Schimmel betrachtet mich misstrauisch, doch sein Reiter schenkt mir ein freundliches Lächeln.

„Hi, du bist der neue?“, fragt er ruhig. „Ich bin Richard.“ Er reicht mir die Hand, welche ich ebenso freundlich ergreife und nicke.

„Ja, ich bin Finn, ich helfe aktuell noch beim Misten und lerne, wie alles hier läuft, bevor ich andere Aufgaben übernehmen darf“, berichte ich. Richard nickt anerkennend.

„Neulinge braucht der Stall“, meint er und sieht in die Halle.

In der Halle unterhalten sich einige Reiter über die anstehenden Sprünge, die gestellten Hindernisse sehen schwierig und fast turniermäßig aus.

Ein weiterer Reiter kommt von der Seite in die Reithalle geritten, sein Rappe trägt ihn mit ruhiger Gelassenheit durch die Halle. Ich erkenne Aiden und beobachte gemeinsam mit Richard die feine Harmonie zwischen Reiter und Pferd.

Zuerst bewegt sich das Tier, welches ich als Don erkenne, im Schritt, die Hufe gehen gleichmäßig auf den sandigen Boden, ein ruhiges Klopfen hallt bei jedem Schritt. Der Rappe hat seinen Kopf leicht erhoben, die Ohren aufmerksam nach vorn gerichtet, als lausche er jeder Anweisung. Die Muskeln unter dem glatten Fell ziehen sich rhythmisch zusammen, die Bewegungen wirken entspannt.

Langsam wechselt der Gang zum Trab, die Schultern des Pferdes schwingen gleichmäßig, der Rhythmus wird schneller, wie ein Puls durch das Leder des Sattels. Aiden sitzt ruhig und elegant, der Oberkörper locker, die Hände leicht. Jeder Tritt setzt sauber und präzise auf den Boden, als würden zwei Tänzer eine choreografierte Sequenz üben. Ich kann meinen Blick nicht abwenden, packt mich diese Eleganz auf eine ganz besondere Art. Aiden ist attraktiv und zusammen mit dem eleganten Rappen wirkt er erhaben und adelig. Um die Hindernisse herum gleitet das Paar mit einer fließenden Eleganz, als ob der Parkour in der Halle förmlich darauf gewartet hätte, erobert zu werden.

Der Galopp beginnt, eine erstaunliche Stimmigkeit liegt in der Luft. Der Rappe zieht sich in die Länge, die Schritte werden größer, die Muskeln arbeiten kraftvoll, aber kontrolliert. Aiden setzt die Zügel ruhig, gibt die Richtung vor, seine Beinsprache bleibt ruhig, kein Zucken, kein Zögern. Stille und klare Kommunikation zwischen Reiter und Pferd.

Mit einem kontrollierten Impuls gelangt das Paar zum ersten Sprung. Der Sprung wird mit Leichtigkeit überwunden, der Rappe führt die Sprunglinie sauber aus, hebt sich elegant in die Höhe, ohne Hektik. In der Luft scheint der Sprung beinahe schwerelos, als würde die Zeit einen Moment innehalten. Die Stangen bleiben unberührt, sie schimmern im Licht der Halle, doch kein Ton wird durch eine Kante oder ein Klirren verloren. Don landet sicher und weich, der Rücken schützend abgefedert durch Aiden.

Der Parcours entfaltet sich weiter in gleichmäßiger Moderation: weitere Sprünge, weitere Linien, doch der Schwung bleibt konstant.

Das Paar bewegt sich wie eine Einheit, jeder Sprung wird mit feiner Präzision gesetzt, jeder Wechsel geschieht nahtlos. Der Rappe glänzt, die Muskulatur wölbt sich, während Aiden die Linie hält, den Blick immer auf das nächste Hindernis gerichtet, die Schultern frei von Spannung.

Schlussendlich erreichen beide den letzten Sprung. Ein letzter, sauberer Sprung, dann landet der Rappen, weich und kontrolliert. Der Parkour ist absolviert, eine Vorstellung von Können, Harmonie und Vertrauen zwischen Reiter und Pferd. Ein schöner, präziser Ritt von Aiden, der zeigt, wie viel Ruhe, Timing und Übung in so einer Sequenz stecken.
 

Richard wendet sich mir zu, ein anerkennendes Lächeln auf seine Lippen. Er nickt in Richtung des Reiters, als hätte er eben eine kleine Meisterleistung gesehen.

„Guter Ritt“, bemerkt er leise, „Er kennt sein Pferd und wie man mit ihm spricht. Der alte Angeber!“

Sarkasmus schwingt deutlich mit in Richards Stimme, aber der Ton bleibt freundlich, fast wie ein vertrautes Zwinkern unter Freunden.

„Er hat seine eigene Art“, fügt Richard hinzu, „Und das ist auch gut so. Jeder hier ist auf Erfolg aus.“

Ich spüre, wie zwischen den beiden eine Vertrautheit liegt, eine Freundschaft, die durch gemeinsame Übung und stille Respektsbekundungen gewachsen ist. Es wirkt, als würden Aiden und Richard sich schon lange kennen, als hätten sie unzählige Ritte geteilt und sich gegenseitig ausgetrickst, gelacht und wieder Ernst gemacht, je nach Aufgabe. Ich spüre zudem eine Konkurrenz, als würden hier zwei Alphamännchen um die Vorherrschaft ringen.

Die Szene strahlt eine Vertrautheit aus, als ob die Halle selbst Zeuge ihrer Verbindung ist.

Ob mehr als Freundschaft zwischen Ihnen ist?

Der Gedanke kommt so schnell, dass er mich selbst überrascht. Wie komme ich darauf?

Richard nickt mir zu, streicht seinem Pferd noch über den Hals während er beginnt den Sattelgurt zu lösen. Dann führt er den Schimmel in die Stallgasse.
 

Erneut richtet sich meine Aufmerksamkeit auf das Bild des Parcours und beobachtet Aiden, der den Parcours wieder souverän reitet. Der Ritt wirkt wie zuvor: kontrollierte Impulse, ruhige Körpersprache, klare Kommunikation zwischen Reiter und Pferd.

Ich spüre erneut eine Faszination, eine stille Anerkennung für Timing, Ruhe und Übung. Ich erkenne das ich tatsächlich auf Aiden stehe, von seiner Präsenz angezogen werde.

Wie eine Motte zum Licht.

Ich werde rot, als ich mir die private Seite von Aiden vorstelle, ebenso wie dieser unter der Kleidung aussehen mag, doch ich schiebe die Gedanken beiseite und wende sich ab, beschämt über die eigene Fantasie.

Meine Gedanken beginnen zu kreisen, zu alten Erfahrungen aus der vergangenen Beziehung, zu Verletzungen und Schmerz, an meinen überheblichen Ex und wie er mich verletzt hat.

Ich bin so in Gedanken, dass ich nicht mitbekomme, wie Aiden mich beobachtet. Das Schnauben von Don, der plötzlich vor mir steht, lässt zu erschrocken zusammenfahren.

„Geht’s dir gut? Du bist rot im Gesicht“, meint Aiden und steigt elegant aus dem Sattel und nimmt sein Pferd am Zügel. „Hilfst du mir Don abzusatteln und in die Box zu bringen?“

Sein Blick ruht auf mir, auf der möglichen Zusammenarbeit und dem Vertrauen. Er beobachtet mich, achtet darauf, dass ich die peinliche Situation verbergen kann und gibt mir Raum.

Nickend folge ich Aiden und Don in die Stallgasse. Der Rappe schnaubt gelegentlich entspannt, als er Finns ruhige Präsenz spürt.

„Er wirkt gelassen, ist das normal, wenn Fremde in die Nähe kommen?“, will ich wissen und betrachtet den Rappen. Aiden deutet ja heute früh an, dass seine Pferde speziell sind, was Fremde angeht.

„Nicht direkt, nein“, meint Aiden als er weitergeht, „Er braucht Zeit, Vertrauen und eine ruhige Haltung von außen. Er reagiert gut, wenn man nicht aufdringlich ist. Du strahlst eine Ruhe aus, die er braucht.“

„Warum wird er eigentlich Don gerufen, obwohl er Camerlengo heißt?“, meine ich und hoffe nicht zu direkt zu sein. Immerhin steht der Name nur im Pausenraum der Pfleger auf dem Boxenplan, zusammen mit der Abkürzung Don. Auch Gigi, die Stute, heißt eigentlich Gloriana.

„Don ist der Stallname, der ihn im Alltag begleitet. Camerlengo ist der Zuchtname, der in den Papieren steht, aber er reagiert besser auf den kurzen, klaren Ruf ‚Don‘. Das hilft ihm, sich zu fokussieren“, erklärt Aiden.

Aufmerksam höre ich zu als Aiden weiterspricht: „Er ist sensibel, aber neugierig. Er liest Stimmungen. Wenn er merkt, dass du ruhig bleibst, gibt er dir Zeichen, dass er bereit ist, weiterzugehen. Er mag klare Anweisungen und eine sichere Führung.“

Ich mag die ungezwungene Unterhaltung und es fühlt sich gut an.

„Gibt es spezielle Signale, auf die ich achten sollte?“, möchte ich weiterwissen und sehe Don an.

„Ja. Wenn er sich entspannt, senkt er den Kopf, atmet langsamer und wird weniger schnauben. Wenn er unruhig wird, reißt er den Kopf hoch oder zuckt mit den Ohren. Wir arbeiten daran, dass er sich durch konstante Routine sicher fühlt. Durch ruhige Präsenz, konsistente Aufgaben und Geduld. Immer denselben Ablauf: annähern, Absatteln, Putzen, kurze Checks. Klare, ruhige Kommandos geben. Wenn er merkt, dass du vorhersehbar bist, sinkt seine Stresskurve.“

„Soll ich ihm eher direkt oder eher geduldig begegnen?“, hacke ich nach. Ich möchte mit Aiden und seinen Pferden arbeiten, mich um die drei kümmern und Aiden gefallen.

„Beides in der richtigen Reihenfolge“, meint Aiden locker, „Beginne ruhig, gib ihm Zeit zu reagieren, bestätige jede positive Reaktion mit einer sanften, kurzen Stimme oder einer leichten Berührung an sicheren Stellen. So entwickelt er Vertrauen, ohne sich gedrängt zu fühlen.“

„Das ist gut zu wissen“, meine ich und lächelt, „Ich möchte wirklich, dass er sich sicher fühlt und wir gut zusammenarbeiten.“

„Das merkt man“, gibt Aiden mit einem Schmunzeln zu, „Mit dieser Haltung klappt das sicher.“

„Dann bleibe ich in der Nähe, bis er sich wohl mit meiner Anwesenheit fühlt“, sage ich und öffnet die Putzkiste, die vor der Box steht.

„Gut, wir gehen Schritt für Schritt“, sagt Aiden und nimmt den Sattel vom Rücken seines Pferdes. „Schau vorsichtig, ob er sich striegeln lässt, wenn das klappt, machen wir die Tage mit dem nächsten weiter. Bis du dich vollkommen um ihn und die andern kümmern kannst wird aber noch viel Zeit vergehen. Auch wirst du es nie ohne mich oder Sir Hektor, den bisherigen Pfleger tun.“

Ausklingen

Der Tag neigt sich dem Ende zu, fast alle Hobbyreiter sind gegangen und nur noch wenige der Pfleger erledigen ihre letzten Arbeiten. Die Hallenbelüftung gibt ein leises Rauschen von sich als ich mit Richard die letzten Sprünge abräume. Es zwar eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber wir arbeiten, in der Regel, selbst mit, was die Ordnung im Stall angeht.

Es ist auch unser Aushängeschild, wenn hier alles gepflegt ist.

„Du weißt doch“, meine ich als ich die oberste Stange abnehme, „Springen ist die Kunst, das Pferd nie zu verlieren, egal wie groß der Sprung ist.“

Richard nickt, tut es mir auf der anderen Seite des Oxers, mit der obersten Stange gleich, als er meint: „Genau genommen ist es Psychologie. Wir arbeiten mit Reaktion, Rhythmus, Timing, und mit dem Vertrauen des Tieres in uns.“

Ich hebe eine Augenbraue, manchmal kann er aber echt schwafeln. Aber auch deswegen schätze ich Richard als meinen Freund. Er ist ehrlich.

„Timing allein reicht nicht“, sage ich locker, „Um einen Parcours sauber zu nehmen. Man braucht Führung, klare Linie und eine Ruhe im Kopf, die sich auf das Pferd überträgt.“

„Du sprichst von der Verbindung. Von der stillen Sprache, die zwischen Reiter und Pferd entsteht, bevor der erste Sprung kommt“, meint Richard mit einem Grinsen. Er macht einen Schritt näher zum Sprung und legt die Arme auf das Holz

„Mal ehrlich, wie schätzt du Finn ein? Du hast gesehen, wie er heute arbeitet hat.“

Ich betrachte die Halle, lasse den Blick schweifen, suche nach einer guten Formulierung.

„Er hat eine ruhige Art, das spürt man sofort. Er baut ein Vertrauen auf, ohne Druck auszuüben. Finn gibt jedem Pferd Zeit, sich zu öffnen.“

Richard legt den Kopf schief. „Siehst du nur den Pfleger oder auch den Mann?“, fragt er vorsichtig.

„Ich sehe das, was wir alle sehen. Finn ist fokussiert auf die Arbeit und auf die Pferde“, sage ich fest. „Mir geht es um das Tierwohl und die Leistung.“

Richard betrachtet mich eingehend, er kennt mich lange genug, um meinen Männergeschmack zu kennen. Finn trifft, optisch voll, eben diesen.

Blonde, nicht zu kurze Haare, blaue Augen und eine schlanke, fast zierliche Statur. Sein, augenscheinlich, freundlicher Charakter macht ihn noch interessanter.

„Und wenn es um uns geht, also dich, Finn und mich, wie sehen die Dinge deiner Meinung nach aus?“, hackt Richard nach. Wir beide benötigen einen neuen Pfleger, der uns auch auf Turniere begleitet. Ich zucke mit den Schultern.

„Ich denke, wir lassen es auf uns zukommen und schauen, wie es funktioniert. Wenn Finn so weitermacht, wird sich auch die Situation klären“, meine ich und sehe Richard in die Augen. „So sehe ich es.“

Richard hebt eine Augenbraue, ein schelmisches Grinsen spielt um seinen Mundwinkel.

„Du schiebst das vor, um Distanz zu wahren, weil du insgeheim hoffst, dass Finn dein Pfleger wird, weil du an Finn, seine Art und wie er arbeitet, glaubst. Aber auch, weil du ein Auge auf ihn geworfen hast.“

„Beides“, antworte ich ehrlich und schnaube. „Ich glaube an seine Fähigkeit, mit dem Pferd zu kommunizieren. Und ich glaube daran, dass er in sich hineinhorcht, bevor er handelt.“

Ich sehe zum Hallendach hinauf und lasse mir die Worte nochmals durch den Kopf gehen. Ich würde mich selbst und andere belügen, würde ich leugnen, dass mir Finn gefällt.

Deswegen lasse ich es.

„Wir wissen beide, wie es läuft, am Ende zählt das Ergebnis, nicht nur die Theorie“, sage ich und beginne wieder damit den Oxer abzubauen. Richard nickt und tut es mir gleich.

„Trotzdem ist es die Theorie, die uns schärft. Wenn Finn wirklich so ruhig bleibt, wie du sagst, dann wird das auch in Zukunft funktionieren und wer weiß schon, was alles passiert“, gibt Richard locker von sich und sieht mich an. „Die Frage ist dann nur, was machst du, wenn Finn das eventuell ebenso sieht wie du? Dass er dich auch als mehr sieht, als nur den Springreiter und Pferdebesitzer?“

Mir fällt beinah die Stange aus den Händen und ich sehe mein Gegenüber ernst an.

„Ich bleibe ehrlich“, brumme ich, „Wenn es so sein sollte, helfen klare Anweisungen. Bleib ruhig, Linie halten, Blick nach vorn.“

Richard legte die Hand erneut aufs Holz der Stange. „Glaubst du, dass Finn sich weiter öffnet? Nicht nur für die Arbeit, sondern auch für das, was jenseits der Boxen ist?“

Ich ziehe die Nase leicht zusammen, „Ich denke, er sucht die Balance zwischen Fokus auf die Arbeit und der Chance auf eine Zusammenarbeit. Ob es klappt? Wer weiß, aber er hat sicherlich die Geduld, das herauszufinden.“

Richard grinst schief. „Dann habe ich einen guten Grund, ihn und dich im Blick zu behalten.“

„Tue, was du nicht lassen kannst“, meine ich und lasse Richard am Hindernis stehen. Wir beobachten, wir analysieren, wir verbessern uns und vielleicht ergibt sich dabei auch eine Gelegenheit.
 

***
 

Ich habe mich in der großen Sitzgruppe, vor der Stallgasse niedergelassen, und lasse meinen ersten Arbeitstag ausklingen. Ich bin staubig und geschafft, aber auch froh hier sein zu dürfen. Die anderen Pfleger und Pflegerinnen sind nett, die Reiter ebenso. Die einen mehr die anderen weniger, aber keiner in unhöflich. Ich lehne mich zurück, sehe meine beste Freundin Miriam mit einem warmen Lächeln auf mich zukommen. Wir haben und hier verabredet, sie will meinen neuen Arbeitsplatz kennenlernen.

„Hey Finn, du siehst geschafft und glücklich aus“, sagt sie und setzt sich zu mir. „Erzähl mir alles!“

Ihr lachen reizt mich mit und so beginne ich zu erzählen. „Weißt du, heute war so ein Tag, an dem ich mich richtig wohlgefühlt habe. Ich habe die Pferde versorgt, die Boxen gemacht und es war einfach ruhig und entspannt. Diese Momente, wenn alles seinen Platz hat und die Tiere ruhig sind, die mag ich besonders.“

Miriam lächelt neugierig, „Was hast du denn heute gemacht?“, fragt sie. Für sie ist das alles immer spannend, wenn ich von meinem Arbeitsalltag berichte.

„Ich habe mit Aiden, einem der Reiter und Pferdebesitzer hier, heute Morgen Futter gemacht. Er hat mir gezeigt wie das hier gemacht wird, also die Pläne und so erklärt. Den Rest des Vormittags war ich mit misten beschäftigt“, erkläre ich und nehme einen großen Schluck aus meiner Wasserflasche. „Den Nachmittag dann habe ich mit den anderen mich um die Pferde gekümmert, also geputzt und zu den Koppeln gebracht. Dann ging es um die Ordnung und Sauberkeit der Stallgasse und den anderen Räumen.“

Mit einem Lächeln sehe ich zu Miriam, „Aber das Wichtigste, ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, ruhig und respektvoll mit den Pferden umzugehen. Es ist fast so, als ob sie deine Stimmung spüren. Wenn du gelassen bist, sind sie es auch. Das ist für mich das Schönste an diesem Job, dieses Vertrauen, das sich aufbaut.“

„Das klingt schön und nach viel Arbeit“, sagt Miriam nachdenklich. „Und was war mit dem Reiter, den du erwähnt hast?“

Ich sehe meine beste Freundin fragend an. Wieso kommt sie genau auf Aiden?

„Du meinst, Aiden. Er hat sich mit mir über die Pferde und die Art des Umgangs mit ihnen unterhalten. Er weiß, was er tut und ist ein sehr guter Springreiter“, berichte ich und hoffe sie merkt nicht, das ich beginne einen cruch für ihn zu entwickeln.

Miriam schmunzelt, sieht mich an als hätte sie mich bereits durchschaut. „Das klingt, als ob da eine richtige Verbindung zu den Pferden und zu diesem Aiden besteht.“

Zögerlich nicke und sehe auf die Falsche in meiner Hand. Ich kann ihr leider nie etwas vormachen, wenn es um meine Gefühle geht.

„Ich finde, es ist eine Art stilles Band zwischen uns und den Tieren. Man muss nur geduldig sein und ihnen Zeit geben, sich an einen zu gewöhnen. Es ist fast wie eine Sprache, die man lernt, ohne Worte“, sage ich ohne auf Aiden einzugehen.

„Und das Vertrauen?“, fragt Miriam weiter neugierig nach.

Ich zögere kurz, dann sage ich leise: „Das ist das Wichtigste. Aber … weißt du, Miriam, ich muss auch ehrlich sein. Es ist nicht nur die Arbeit, die mich anzieht. Es ist auch Aiden.“

Es hat eh keinen Zweck es ihr zu verheimlichen, dafür kann sie mich lesen wie ein offenes Buch. Miriam sieht mich fragend an. „Wie meinst du das, Finn?“

Meine Wangen werden rot, ich spüre die aufsteigende Hitze deutlich.

„Na ja … ich merke, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle. Es ist schwer zu beschreiben … er hat eine Art an sich und ich fühle mich bei ihm sicher, obwohl ein distanziert ist“, gebe ich leise zu und sehe zu ihr, Miriam lächelt verständnisvoll.

„Das ist doch vollkommen in Ordnung, Finn, es ist gut, wenn du solche Gefühle entwickelst“, meint sie. Wir kennen uns seit wir klein sind, Miriam hat alle meine Erfahrungen und Beziehungen miterlebt.

„Ja, aber es ist auch verwirrend“, seufzte ich, „Ich weiß ja nicht mal, ob er auf Männer steht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er mich beobachtet.“

„Dann rede doch offen mit ihm“, meint Miriam, als wäre es das Einfachste auf der Welt.

Energisch schüttele ich den Kopf. „Nein, noch nicht!“

Ich will mit ihm arbeiten, ihn zu Turnieren begleiten und mich um seine Pferde kümmern. Außerdem ist heute mein erster Tag, das ist viel zu früh.

„Ich weiß nicht, wie ich es machen sollte, heute ist mein erster Tag. Es ist alles neu für mich.“

Miriam lege mir eine Hand auf die Schulter.

„Manchmal ist es besser direkt, ehrlich zu sein. Vielleicht merkt er ja auch, dass du mehr fühlst“, meint sie und betrachtet mich eindringlich. Sie hat schon recht, aber es geht nicht.

„Vielleicht“, murmele ich nachdenklich, „Ich will nur nicht riskieren, dass das, was sich beginnt, aufzubauen zerstört wird.“

Miriam nickt, lässt den Moment eine Weile stehen, dann setzt sie wieder in einem ruhigen, Ton wieder an.

„Ich glaube, es ist normal, sich so etwas zu fragen, besonders wenn man neu ist. Wichtig ist, dass du dir selbst treu bleibst und offen bleibst, egal wie die Sache ausgeht.“

Ich hebe die Schultern, als wolle ich die Anspannung abschütteln.

„Du hast recht!“, stimme ich zu, „Ich muss ehrlich zu mir selbst sein und schauen, wie sich die Dinge entwickeln.“

„Und was planst du als Nächstes?“, hackt sie nach und blickt in Richtung der Reithalle. „Ein Gespräch mit ihm, oder erst mal einfach beobachten?“

Ich folge ihrem Blick und sehe Aiden, der in diesem Moment eben diese Verlässt. Augenblicklich sehe ich weg, spüre ich doch erneut diese Hitze. Auch meiner besten Freundin entgeht es nicht, was ihr wissenden Grinsen deutlich zeigt.

„Ich denke, erst mal beobachten“, antworte ich langsam. „Ich will nicht blind handeln. Vielleicht ergibt sich eine passende Gelegenheit, ohne dass es wie eine große Offenbarung wirkt.“ Nervös zupfe ich an einem Faden am Ärmel. „Manchmal traue ich mich erst, wenn die Situation es wirklich zulässt.“

Miriam legt eine Hand auf meine. „Du bist mutig, Finn. Mut bedeutet auch, das Rauschen der eigenen Gedanken zu hören und trotzdem weiterzugehen.“

Sie blickte hinaus zum Hoftor, wo die letzten Sonnenstrahlen den weg beleuchteten.

„Die Pferde spüren mehr als wir ahnen. Wenn du ruhig bleibst, findest du deinen Weg, vielleicht auch dein Weg zu ihm“, meint sie leise und steht auf.

„Danke, Miriam“, sage ich, „Es tut gut, das so zu hören. Vielleicht ist das genau der Moment, um den nächsten Schritt zu wagen, wenn sich eine ruhige Gelegenheit ergibt.“

Auch ich stehe auf, streckte mich kurz und umarme Miriam. „Danke dir. Ich glaube, ich lasse den Tag so stehen, wie er ist, ruhig, ehrlich und aufmerksam.“

Miriam erwidert die Umarmung: „Genau so und nicht anders! Morgen ist ein neuer Tag, mit neuen Aufgaben und vielleicht mit neuen Worten zwischen dir und Aiden.“

Ich atme tief durch, schließe die Augen und lasse den Moment wirken, bevor ich mich löse und den Staub von meiner Hose abklopfe.

Morgen geht es weiter!

Tag eines Winzers

Der Tag beginnt, wie immer, früh auf dem *Heritage Wine* Weingut, das sich in die sanfte Hügellandschaft einer Grafschaft, im Süden Englands, schmiegt. Der morgendliche Nebel liegt über den Reben. Die Dächer der Gebäude und der alte Uhrturm brechen den Nebel als ich mit meinem Wagen auf dem Hof zum Stehen komme. Ich steige aus und mein Blick bleibt an der alten Natursteinfassade hängen, an der Efeu die Wände kunstvoll verschlungen hinaufklettert. Ich öffne den Kofferraum und lasse Ace, meinen Deutscher-Boxer, aus dem Range Rover steigen. Sein dunkel gestromtes Fell schimmerte im Morgenschein, die Muskeln unter der Haut gut sichtbar, die Ohren aufmerksam, der Schwanz wedelt vor freudiger Aufregung.

Mein Tag hier beginnt, wie immer, mit einer morgendlichen Inspektion. Ich stecke die Hände tief in die Taschen meiner wettergegerbten, dunkelgrünen Wachsjacke. Der Wind trägt den Geruch von Tau und Holz zu mir, die ersten Sonnenstrahlen lassen die Dächer rötlich leuchten. Der Hof liegt noch im Stillen als ich an den Gebäuden vorbei, hin zu dem Lagerhaus des Gutes gehe. Ich prüfe als Erstes die Thermometer, Feuchtigkeitsanzeigen und die Dichtigkeit der Lagertanks. Bald werden die ersten Lastwagen auf das Gelände rollen um die Tanks und Paletten zu den Weinhändlern der Umgebung zu bringen. Die Luft zieht sanft durch die Gänge, lässt die metallischen Oberflächen kalt und glatt erscheinen.

Ace bewegt sich mit ruhiger Gelassenheit, bei Fuß neben mir, immer aufmerksam auf Bewegung. In der Scheune zwischen dem Hauptgebäude und des Weinberges haben sich meine Angestellten und Arbeiter versammelt.

Die Verlader bereiten alles für die Lastwagen vor, die Feld- und Kellermitarbeiter unterhalten sich leise, jeder mit seinen ganz eigenen, speziellen, Aufgaben, die die Zukunft dieses Guts sichern sollten.

Ich trat vor, tauche in die Gruppe ein, die Luft war von Kaffee, Holzstaub und frischer Erde geprägt.

„Guten Morgen, meine Herren“, begrüße ich die Runde ruhig. „Um zehn Uhr werden die ersten Lastwagen kommen, bis dahin erwarte ich, dass alles für die Verladung fertig ist. Jester, das ist Ihre Aufgabe.“

„Verstanden, Sir, es wird alles fertig sein“, kommt die Bestätigung des Mannes. Ich sehe in die Runde und setze die Einteilung fort: „Conner, sie übernehmen die Koordination für die Sauberkeit der Anlagen und die Überwachung der Klär- und Lagerungssäulen. Samson, Sie gehen mit den Männern in die Reben und kümmern sich um die Vegetationspflege.“

„Jawohl, Sir“, antworten mir beide fast zeitgleich.

Ace liegt entspannt neben mir, den Kopf auf den Pfoten, seine Augen beobachten die Männer um uns herum, als wäre er der stille Bewacher des Hofes.

Wie Bienen aus ihrem Stock verteilen sich meine Angestellten und Arbeiter über das Weingut und beginnen mit den zugeteilten Aufgaben.

„Ace, komm“, sage ich und mache mich auf den Weg in die Weinberge.
 

Der Boden glänzt vom Morgentau, die Blätter tragen die kleinen Wassertropfen, doch sie beginnen langsam zu verdunsten. Ich schlage den Kragen des hellen Hemdes unter dem dünnen, hellbraunen, Pullovers zurecht. Ace läuft gemütlich neben mir her, als wäre er ein kleiner Kapitän, der sein Schiff, durch das Rebenmeere navigiert.

Der Weg am Rand des Weinberges, dort, wo die alten Stützbäume wie Wächter stehen, beginne ich den Aufstieg in den Berg. Die Hände in den Taschen der Jeans vergraben und mit dem wetterfesten Lederstiefel, trete ich meinen Weg an. Ace schnüffelte neugierig an den Stangen, der Reben, als prüfe er, ob irgendetwas Spannendes dazwischen lauern könnte.

Ein sanfter Wind streift durch das Blätterwerk.

Als Erstes prüfe ich die Reben, die nach dem Frühling voll im Saft stehen, doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, wie die letzten Knospen sich langsam zu Traubendolden verwandelten. Ich nehme behutsam eine der kleinen Traube, zerdrücke sie zwischen meinen Fingern und betrachte das Glitzern des Saftes. Mit den Jahren habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wie sich die Trauben anfühlen müssen, diese sind zwar noch lange nicht reif, aber sie entwickeln sich gut.

Ace legt den Kopf auf die Pfoten er spürt, dass dieser Moment wichtig ist, als würde er die Zukunft des Weins riechen. Ich überprüfte jeden Rebstock, suche Anzeichen von Trockenstress, Schädlingen, eben alle diesen Dingen, die das Wachstum und die Qualität beeinflussen könnten. Die Luft ist frisch, die Temperatur in einem feinen Gleichgewicht, das die Trauben in eine ideale Reife führen soll. Langsam gehe ich weiter, tiefer in den Weinberg und mein Hund folgt, als ich einige Meter von ihm entfernt bin.

Der Pfad führt mich so tiefer hinein, wo der Boden sandiger wird, um die Wurzeln zu tragen. Hier prüfe ich die Erde, gehe in die Hocke und mit der Klinge meines kleinen Messers, hebe ich etwas der Erde an, rieche daran, atmete den Hauch von Mineralien und Regen ein. Mit einem speziellen Gerät messe ich die Feuchtigkeit des Bodens und notiere die Werte in meinem alten Lederbuch, ein Relikt alter Zeiten, das schon mein Großvater gehörte und in dem die Geschichte des Berges und des Gutes abzulesen ist.

Ace setzt sich, die Ohren aufgerichtet, als lausche er dem Puls der Natur, verfolgt aufmerksam das Treiben der Arbeiter, als würde er jedes Detail der Ordnung erfassen, die ich so sorgsam pflege.

Ich murmele vor mich hin, als ich die ermittelten Werte zur Struktur der Rebe und der Tiefe der Wurzeln, in das Buch eintrage. Auch die Feuchtigkeit des Bodens, die aktuelle Lufttemperatur und den Wachstumsstand trage ich sorgsam ein.

Weiter gehen Ace und ich zum ersten Terrassengang, der Weg der den Weinberg in den Oberen und unteren Teil trennt. Auch hier prüfe ich die Traubendolden und lasse Ace neben mir Platz machen. Die Winzerei ist eine feine Balance zwischen Geduld und Handwerk, zwischen dem Vertrauen in die Natur und dem Willen, ihr eine klare Richtung zu geben.

Der Weg führe schließlich zu einem kleinen steinernen Wasserbecken, das wie ein stiller Ruhepunkt in der Mitte des Weinbergs liegt. Ich knie mich hin, tauche die Hände ins kühle Wasser, reibe mir die Erde von den Händen und lasse die Gedanken kreisen. Ace legt den Kopf in seinen Schoß und ich lege meine Hand auf seinen Kopf, streiche liebevoll darüber. Meine Gedanken gehen zum Stall, meinen Pferden und auch zu dem neuen Pfleger. Finn ist ein aufgeschlossener Mann, der weiß, was er will und der eine ordentliche Einstellung zu den Tieren und der Arbeit hat. Ein wenig freue ich mich bereits auf die weitere Zusammenarbeit mit ihm und wer weiß, was die Zeit so mit sich bringen wird.
 

Nach einer kurzen Pause kehren wir um, Ace trottete neben mir her, als wären wir beide Teile eines unsichtbaren Plans. Am Rand des unteren Berges bleibe ich nochmals stehen, blicke zurück auf die Linien der Reben, über die langen Reihen, in ihrer bewussten Ordnung, die mir stets eine Ruhe verleihen. Ich zähle die Zeilen mit dem Wissen, dass jedes Detail zählt.

Weiter führen mich meine Schritte über den Hof, mit seinem geschäftigen Treiben, vorbei an den Ladenrampen hin zu dem alten Kellergewölbe des Gutes.

Der Geruch von feuchtem Stein mischt sich mit den Noten von Holz und reifem Wein, als ich die steinernen Stufen hinabsteige. Erneut folgt mir mein treuer Begleiter geduldig, schnüffelt die Luft, als wisse er mehr über die Stimmung der Kellerräume als alle Messergebnisse jemals vermitteln könnten.

Ich trete an eins der großen Holzfässer, dessen Holz vom Alter gezeichnet sind, gleite mit den Fingern darüber und spüre die Feuchtigkeit darauf, ein Zeichen dafür, dass die Luftfeuchtigkeit in den letzten Tagen zu hoch gewesen sein muss. Ich überprüfe die Kellertore, öffnet und schließe gezielt die alten Fenster je nach Bedarf, damit sich kein weiteres Kondenswasser an den Fässern sammeln kann. Die Luftzirkulation in den Abteilen ist entscheidend, denn nur so können Reifung und Entwicklung gut gelingen.

Ace hebt die Ohren und lässt den Blick schweifen, reagiert auf die Geräusche, die die Stimmung des Weinkellers ausmachen.

Das Rascheln von Holzspänen in der Schublade, als ein Arbeiter die Flaschen dort dreht, das Ticken der alten Uhr über dem Eingang und das kaum hörbare Tropfen eines entfernten Wasserhahns.

„Komm, Ace“, murmele ich, als ich eine Notiz zur Luftfeuchtigkeit und der Temperatur in das große lederne Kellerbuch eintrage. Mit behutsamer Hand schlage ich die Seiten um, wie in einer Bibliothek, auf den sich die Erinnerungen der alten Winzer, die vor mir hier gearbeitet haben, befinden. Die Zahlen, in ordentlichen Tabellen geschrieben, sind mehr als nur Messwerte.

Sie sind Wegweiser durch einen ebenso fragilen wie kostbaren Prozess.

Die Temperatur muss stabil sein, der Feuchtigkeitsgrad kann ein wenig, in feinen Nuancen, schwanken. Jede Abweichung kann den Alterungsprozess des Weines. In den Holzfässern, beeinflussen, die in den Tiefen des Gutes ruhen, als stille Zeugen der Zeit.

Ich wende mich den Ganglinien zu, wo die alten Fässer aufgereiht stehen, die wie Adern durch das Gewölbe laufen. Die Kellerluft streicht kühl über meine Haut, als ich die Belüftungskanäle nochmals überprüfe.

Ace legt den Kopf schief, als würde er lauschen, ob irgendwo hinter einem der Fässer eine kleine Störung pfeift. Die weiteren Kellereinrichtungen brauchen keine große Veränderung, nur feinen Details, die geändert werden. Eine sanfte Temperaturverschiebung, das Barometer, der stille zuverlässige Wächter, zeigt genau die Veränderung. Ich prüfe die Dichtungen und justiere eine Abdeckung über einen Ventilator.

Ace legt sich mittig in einen der Gänge, hat so alles im Blick und hebt nur gelegentlich den Kopf, um einen prüfenden Blick auf mich zu werfen.

In einer Ledermappe, neben der großen Messeinrichtung, gibt es einen neuen Eintrag eines meiner Mitarbeiter. *Leichte Zunahme der Feuchtigkeit in Abschnitt D, Linie 7, Temperatur stabil, aber der Luftstrom verminderte sich in den späten Stunden*

Ich betrachte die Daten, atme die kühle Luft ein und sehe den Verläufen der Belüftungskanäle nach, die sich durch das Gewölbe zogen. Ein leises Klacken, von einer der Belüftungsklappen, lässt mich innehalten.

Ich nehme meine Taschenlampe aus der Jackentasche und leuchte die Klappe an. Etwas in der Struktur wirkt als wäre es defekt. Mit geübter Hand löste er den Deckel und schaue, ob innen etwas sichtbar wird. Im Halbdunkel erkenne ich einen Metallclip, der sich zu lösen beginnt.

Ich schnaube und löse den Deckel vollständig und schrieb eine neue Zeile in die Ledermappe: *kleiner Metallclip gefunden. Nicht alarmierend, aber beachtenswert. Abschnitt D, Linie 7. Lüftung offen*

Ich fahre mir mit der Hand durch das Haar, wische eine Staubfahne aus dem Gesicht als ich Ace neben mir erhebt, sich schüttelt und zusammen setzen wir den Rundgang fort, weiter zwischen den Fassreihen. Alles hier unten ist wie in einem tiefen Kosmos. Eine Welt aus Geduld, Temperatur. Jeder Tag in dieser Welt ist eine eigene Geschichte, die Geduld braucht.
 

Am Abend, als der Himmel sich in Rosé- und Blautöne färbte, sitze ich mit Ace an den Rand des Weinbergs, auf der Terrasse des Weingutes. Ich betrachte die stillen Reihen und hören dem Klang der Natur zu. Ein Teller mit Brot und Käse steht auf dem niedrigen Tisch vor mir, daneben ein Glas meines eigenen Weines. Der Weinberg und das Gut sind kein Ort für Hast, sondern ein Versprechen an die Zukunft, dass jeder Tag eine neue Zeile in der Geschichte ihrer Reben sein wird.

Ace schmiegt sich an mich, den Kopf auf meinem Knie, als wolle er sagen: Wir gehören zusammen zu diesem Ort, zu dieser Ruhe. Ich habe das Glas an die Lippen und nehme einen kleinen Schluck, genieße den Geschmack des Weines. Ich denke an morgen, an die Aufgaben, die im Stall auf mich warteten. Gedankenverloren streiche ich Ace über den Rücken.

Ich sehe Finn vor mir, der schon früh dort sein wird.

Finn, dessen Hände so sanft wirkten, wenn er die Tiere streichelte und doch so kräftig anpacken kann, wenn er mistet oder die Futtereimer verteilt.

Morgen werde ich Ace mit in den Stall nehmen, der mit wachem Blick die Bewegungen der Pferde und Finn beobachten wird. Sein Gespür für Menschen in meiner Umgebung ist sehr ausgeprägt und wenn er jemanden nicht mag, ist meist auch ein Grund vorhanden.

Ich senke den Blick vom Glas, sehe Ace an, und stelle es auf den Tisch. Wir beide stehen auf, Ace streckt sich langsam und wir machen uns auf den Weg zu meinem Wagen. Ich öffne den Kofferraum und mit einem eleganten Sprung begibt er sich hinein. Mit einem letzten Blick zum Weinberg schließe ich die Klappe und steige ebenfalls in den Wagen.

Die Ruhe des Abends ist nicht Abwesenheit von Arbeit, sondern eine stille Vorbereitung auf das, was kommen wird.

Nebenjob

Ich trete hinter die Theke des kleinen gemütlichen Cafés, das wie ein Wohnzimmer wirkt, und in dem kleinen verschlafenen Städtchen, in dem ich selbst lebe, liegt. Die Wände sind in sanften Pastellfarben gestrichen, Regale aus dunklem Eichenholz sind mit bunten Tassen und Tellern dekoriert und ein altes Sofa in Efeugrün steht vor dem Erkerfenster. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Tee liegt in der Luft gemischt dem Geruch von Gebäck. Über dem Kamin häng ein Foto der Königin.

Das kleine Café ist gut besucht, das Klirren von Tellern und Besteck mischt sich mit leisem Gelächter und dem vertrauten Murmeln der Gäste.

Meine Uniform ist schlicht, eine weiße Schürze über einer dunkelblauen Stoffhose und einem weißen Hemd. Ich lächle einer älteren Dame zu, die sich im Sofa niederlässt.

„Guten Tag, Mrs. Hale, darf ich Ihnen unsere heutige Spezialität anbieten, oder möchten Sie den Klassiker?“, wende ich mich ihr zu. Sie ist Stammgast hier und mein Chef legt Wert darauf das seine Stammgäste einen Hauch aufmerksamer behandelt werden. Die Dame sieht mich freundlich an und lächelt.

„Wie immer mein Lieber, für neue Dinge bin ich zu alt“, antwortet Sie mit einem Schmunzeln, welches ich erwidere.

„Sie sind doch nicht alt, Mrs. Hale, Sie haben eine ausgeprägte Erfahrung“, meine ich freundlich und betrachte sie aufmerksam.

„Charmeur“, lacht Sie und legt ihre Hand auf meinen Unterarm.

„Ich bereite alles vor“, meine ich mit einem sanften Lachen bevor ich mich in Richtung der kleinen Küche begebe. An der Theke bereite ich das Tablett mit dem typischen Gebäck der Tea Time vor. Ein kleiner Teller mit zwei Scones mit zwei Schälchen mit Clotted Cream und Konfitüre. Dazu kommt noch eine kleine Etagere, auf der die Savouries, kleine Sandwiches mit Gurken und Lachs, liegen. Dann stelle ich die silberne Teekanne hinzu und gieße das kochende Wasser über die Teeblätter in der Kanne.

Während der Tee etwas zieht, schweift mein Blick durch den Raum, betrachte die einzelnen Tische, jeder eine kleine Insel von Gesprächen und Geschichten.

Ein junges Paar flüsterte über Zukunftspläne, ein Mann mit akustischer Gitarre spielte leise und eine Mutter mit zwei Kindern versuchte, einen Moment der Ruhe zu bewahren, bevor der Trubel erneut begann.

„Einen English Toffee, bitte“, erklingt es neben mir am Tresen und ich wende mich um.

„Guten Tag, Sam“, sage ich und nicke freundlich und nehme das Kaffeeglas aus dem Regal. Sam ist ein junger Mann, der regelmäßig herkommt, um die Zeitung zu lesen und die Welt in kurzen Absätzen zu werten. Ich stelle die Tasse für den Espresso unter die Maschine und bereite mit dem Milchaufschäumer das Getränk vor. Als der Espresso fertig ist lasse ich ihn achtsam in die Milch fließen, darauf achten die Milchschaumkrone nicht zu zerstören. Zum Abschluss streue ich noch kleine gehackte Toffee-Stücke darüber.

„Bitte sehr“, meine ich freundlich als ich Sam sein Getränk gebe. Dann wende ich mich dem Tablett für Mrs. Hale zu und bringe es der Dame an ihren Platz.

Auf dem Weg durch das Café lasse ich den Blick schweifen, schaue, ob ein Gast noch etwas möchte. Ich gehe zu den Fensterbänken, auf denen kleine Töpfe mit Kräutern und Vasen mit Blumen stehen, gieße dort ein wenig Wasser nach.

Die Glocke über der Tür erklingt, eine Gruppe junger Frauen kommt herein, und nimmt an dem großen runden Tisch in der hinteren Ecke Platz. Ich stelle die kleine Gießkanne ab und trete zu den Frauen an den Tisch, um ihre Bestellungen aufzunehmen, als erneut die Glocke das Eintreten weitere Gäste ankündigt. Mit gewohnter Routine drehe mich um und erblicke Aiden und Richard, die gerade durch die Tür kommen. Ich muss schlucken als ich ihn betrachte. Die dunkle Jeans sitzt gut und nimmt dem, eher konservativem, Tweet-Jackett mit dem Hemd und Pullover, die Steifheit. Er wirkt heute noch mehr wie ein adliger als im Stall, aber selbst dort spürte ich schon das er anders ist.
 

***
 

Ich trete durch die Tür des Cafés und der Duft von Kaffee und Tee mischt sich sofort mit der Wärme eines Raumes, der mehr Wohnzimmer als Lokal ist. Die Wände in sanften Tönen, der Kamin mit einem Gemälde der Queen und Sofas vor den Fenstern. Alles fühlt sich an wie eine vertraute Einladung, hier zu verweilen.

Richard neben mir grinst, die Schultern entspannt, als hätte er schon längst entschieden, dass wir heute genau hier landen würden.

„Fast wie bei dir zu Hause“, meint er mit einem leichten Lächeln, als suche er in den Details des Raums eine Bestätigung.

„Nicht mal annähernd!“, antworte ich trocken und mache einen Schritt in den Raum.

„Doch ich finde schon, zumindest hat es einen ähnlichen Charme“, widerspricht mir mein Freund und sieht sich nach einem freien Tisch um. Auch ich lasse meinen Blick schweifen und bleibe plötzlich an der Theke hängen.

Das kann nicht sein.

Wusste Richard das er hier sein wird?

Finn gleitet mit einem Tablett durch den kleinen Raum und als er uns bemerkt glaube ich das für einen kurzen Moment die Zeit innehält, als hätte jemand den Takt des Raums geändert, nur damit dieser Blick zwischen uns entsteht.

„Aiden?“, fragt er und in seiner Stimme mischt sich Überraschung mit einer Spur von Freude. Überraschung, weil wir hier aufeinandertreffen, an diesem Ort, an dem er Kellner ist und weil es ebenso eine Freude ist mich hier zu sehen. Richard stößt mich mit dem Ellenbogen an und deutet auf einen Platz, als hätte er es gewusst und genauso geplant.

„Überraschung, aber wenn du es gewusst hättest, wärst du nicht mitgekommen“, flüsterte er. „Stimmt“, brumme ich und sehe zu Finn. Er beginnt Tassen auf ein Tablett zu stellen und kleine Teller vorzubereiten, bevor er damit elegant durch den Raum zu den Gästen gleitet.

Sicher ohne Scheu oder Angst das etwas fallen könnte.

Freundlich stellt er es auf dem Tisch und plaudert noch kurz mit den Frauen am Tisch. Als er sich umdreht, fängt sein Blick den meinen und mit einem Lächeln kommt er zu Richard und mir an den Tisch. Richard hat sich den Platz an dem niedrigen Teetisch mit seinen zwei ledernen Sesseln ausgesucht, der mich wirklich an den bei meinen Eltern erinnert.

„Guten Tag, wisst ihr schon was ihr möchtet?“, fragt Finn, mit einem Blick, der mehr zu fragen scheint als nur das.

„Also ich schon, nur bei ihm bin ich mir nicht sicher“, meint Richard mit einem eindeutigen Grinsen in meine Richtung. Ich sehe ihn an und kann ein Knurren nicht unterdrücken.

„Einen Builder´s Tea ohne Zucker, bitte“, sage ich und sehe Finn mit einem Blick an, der ausdrücken soll. *Er ist immer so* Finn nickt und wartet auf Richards Bestellung.

„Für mich, bitte, einmal den Cream Tea“, bestellt er. Finn nickt und mit einem freundlichen Lächeln wendet er sich ab.

„Was sollte das denn?“, frage ich Richard, mir gegenüber, mit genervtem Blick.

„Ach kommt, sei nicht eingeschnappt“, meint er mit einem Schulterzucken, „Du braucht ab und an den Tritt in den Hintern um zu sehen was gut ist.“

„Er arbeite erst seit zwei Tagen auf dem Hof und wir kennen ihn nicht“, meine ich und schlage die Beine übereinander.

„Deswegen können wir ihn hier Kennenlernen. Sei mal Locker, Aiden“, sagt Richard und lehnt sich entspannt zurück.

„Ich bin entspannt!“, betone ich und sehe auf als ich die Bewegung wahrnehme. Finn kommt mit unseren Getränken zurück und in seinem Blick liegt ein sanfter Ausdruck.

„Ich habe dich gestern im Stall vermisst“, sagt Finn als er das Tablett abstellt und sieht mich an. Richard hebt eine Augenbraue als würde er die Aussage mit mehr Bedeutung bemessen, als sie wirklich mit sich trägt.

„Ich war auf dem Weingut“, meine ich schlicht.

„Seinem Weingut!“, berichtigt mich mein Freund trocken und greift nach seiner Teetasse.

„Deinem Weingut?“, fragt Finn aber bevor ich antworten kann erklingt ein Ruf nach ihm. „Wenn ihr nichts dagegen habt, ich habe in einer halben Stunde Feierabend, dann können wir und Unterhalten“, meint Finn und verschwindet zu dem anderen Tisch.

„Was sollte das? Musst du ihm das so unter die Nase reiben!“, brumme ich und nehme ebenfalls meine Tasse vom Tisch.
 

***
 

Ich ziehe mich an die rettende Theke zurück und muss die Worte erstmal sacken lassen, Aiden besitzt ein Weingut. Dass er Geld haben muss, war mir bewusst, sonst wäre er kein Besitzer von drei Pferden. Allein was der Unterhalt der drei Kosten muss ist schon enorm. Hätte Richard es nicht erwähnt, hätte Aiden wohl auch kein Wort darüber verloren. Er ist kein Mann, der sich leicht öffnet.

Aiden ist distanzierter als Richard, aber gerade das reizt mich auch an ihm. Wie ein guter Wein. Erst vernebelt einem die Sinne, dann schärft sich der Eindruck, wenn man ihm Zeit gibt. Ich sehe die leichten Bewegungen von Aiden im Sattel, vor meinem geistigen Auge, höre die Art und Weise, wie seine Stimme sich senkt, wenn er von Dingen spricht, die ihm wichtig sind.

Ein Weingut ist dabei so passend, es ist Stabilität und Verantwortung. Und genau das hatte Aiden mir gezeigt, ohne großes Aufheben, einfach, indem er ist wie er ist.

Wenn ich mich ihm zuwende, sehe ich diese stillen Fragen in Aidens Augen, Fragen, die er nie laut aussprechen würden.

Wie nahe darf ich dir kommen?

Wie viel von mir soll ich dir geben, ohne dich zu überfordern?

Ich mache einen tiefen Atemzug, kontrolliere das sanfte Zittern in meinem Magen, das sich beginnt auszubreiten, wenn ich Aiden betrachte. In seinem Blick liegt eine Mischung aus Scheu und Mut, die mich zugleich berührt und verunsichert. Diese Balance zu halten, zwischen Arbeit und dem, was möglicherweise entstehen könnte, macht ihm Sorgen. Ich würde ihm gerne diese Sorgen nehmen, aber bin ich auch stark genug, es zu ertragen, sollte Aiden anderes empfinden und ich mir hier nur etwas einbilden?

Es gibt nur einen klaren Weg.

Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, aber ich weiß, wer ich bin und was ich kann.

Meine Schicht ist beinah zu Ende, da sehe ich, wie sich Richard erhebt und von Aiden verabschiedet. Aiden wirkt erstaunt, ebenso wie ich es bin, aber er bleibt sitzen. Meine Kollegin ist bereits dabei die nächsten Bestellungen fertig zu machen, als ich meine Schürze ablege und hinter der Theke hervorkomme und zu Aiden sehe.

Vielleicht ist es an der Zeit, die Dinge langsam anzugehen, kleine Gesten der Nähe und echte Gespräche mit Interesse. Ich will Aiden kennenlernen, ohne Druck, einfach Schritt für Schritt. Also gehe ich auf ihn zu, mit einem Lächeln sehe ich ihn an. „Darf ich mich zu dir setzen?“

Aiden zögert, wägt ab, ob es richtig oder falsch wäre, dann aber nickt er. So setze ich mich auf den Platz, auf dem Richard bis eben sah und betrachte Aidens Teetasse.

Wir sitzen eine Weile schweigend gegenüber, jeder in seinen eigenen Gedanken. Draußen beginnt der Abend seine Schatten über die Straßen zu senken und hier drinnen mischt sich der Duft von Kaffee mit dem süßen Hauch von Gebäck. Aiden lehnt sich zurück, die Augen halb geschlossen, als würde er sich den Moment verinnerlichen, bevor er zu sprechen beginnt.

Aiden nimmt seine Tasse und trinkt langsamen ein Schluck und ich ertappe mich dabei, dass er wirklich erhaben und vornehm dabei wirkt. Ich senke den Blick, versuche so auch meinen aufziehenden Rotschimmer zu verbergen.

„Ich freue mich, dass wir uns mal in Ruhe unterhalten können“, sage ich ruhig und versuche so ein Gespräch zu beginnen.

„Das stimmt wohl“, meint Aiden und nimmt noch einen Schluck. Nach einem Moment der Stille, beginnt Aiden dann zu erzählen. „Das Weingut, hier in der Nähe, gehört seit Generationen meiner Familie. Es ist viel Arbeit, aber ich mag es, es ist nicht nur ein Beruf.“

Ich betrachte ihn und nicke, lege interessiert den Kopf ein wenig schief. Ich höre bereits in seinen ersten Worten, dass ihm der Wein genauso wichtig ist wie es seine Pferde sind.

„Ich kann mir vorstellen, dass das sehr erfüllend ist. Was für Weine macht ihr?“, meine ich daher und Lächle.

„Vor allem Rotweine, Pinot Noir, überwiegend aber auch Dornfelder. Allerding baue ich seit einiger Zeit auch Chardonnay an, als Ausgleich zum Rotwein. Das Weingut ist, neben dem Stall, mein zweites Zuhause.“

Ein dezentes Lächeln umspielt dabei Aidens Lippen, als würden Kindheitserinnerungen vor seinen Augen erscheinen.

„Das klingt großartig. Ich finde Familienunternehmen faszinierend“, meine ich und lehne mich ein wenig vor. „Ich selbst habe nicht viel Erfahrung mit Wein, aber ab und an trinke ich schon mal einen, aber bisher eher Weißwein.“

„Dann könntest du mal einen meiner Weine probieren, gerne auch auf dem Gut“, antwortet Aiden und wirkt etwas von sich selbst überrascht. „Im Sommer veranstaltet das Weingut eine Weinprobe.“

Es wirkt als wolle Aiden so sagen, dass dann viel los sein wird auf dem Gut und es keine persönliche Einladung ist. Aber ich spüre, dass sich eine harmonische Verbindung zwischen uns aufzubauen beginnt.

„Das würde ich sehr gerne. Bis dahin kennen wir uns ja auch besser“, meine ich und sehe zu Aiden, der erneut einen Schluck aus seiner Tasse nimmt.

„Wieso arbeitest du zusätzlich hier?“, fragt Aiden auf einmal und ich muss schmunzeln. Als Pfleger verdient man nun mal nicht das große Geld und meine Wohnung ist, eigentlich für die Gegend, viel zu teuer.

„Ich mag es, wie dieser Ort Geschichten erzählt“, sage ich schließlich, fast zu mir selbst, doch Aiden hört mich. Er lässt seinen Blick durch den Raum gleiten, als würde er meine Worte prüfen. „Jede Tasse, jeder Moment ist eine kleine Geschichte“, erkläre ich leise. „Und manchmal wird aus einer einzigen Begegnung eine längere Erzählung, die beide Seiten verändert.“

Aiden nickt und sieht mich wieder an.

„So wie jetzt?“, meint er schlicht. Seine Stimme ist ruhig, aber darin liegt etwas, was mein Herz schneller schlagen lässt. Bilde ich mir das ein?

Oder meint er es so wie er es ausgesprochen hat?

In Aidens Blick meine ich eine Einladung zu sehen, eine die, die Welt kurz zu verlangsamen, die Lautstärke auszuknipsen und die Dinge beim Namen zu nennen kann.

So neigt sich der Abend dem Ende zu, doch das, was sich zwischen uns zu bilden beginnt, fühlte sich an wie eine Pflanze, die weiterwachsen wird, auch wenn wir uns nicht jeden Tag gießt.

„Ich denke schon“, meine ich daher, „Wir haben beide, glaube ich, viel zu erzählen.“

„Haben wir wohl“, sagt er und legt Geld für den Tee auf den Tisch bevor er aufsteht. „Hast du es weit nach Hause?“

Aiden betrachtet mich, als warte er das auch ich aufstehe. Ich schüttle den Kopf auf seine Frage hin und stehe ebenfalls auf. Wir treten hinaus in die Nacht und spüren, dass die Sympathie zwischen uns langsam wächst. In diesem Moment, gepaart mit dem Duft von Kaffee und Tee und den flüsternden Gesprächen, bahnt sich möglicherweise mehr an als wir bisher zu glauben gewagt haben. Wir verabschieden uns mit dem Wissen, dass wir uns morgen wiedersehen werden. Im Stall, bei den Pferden und mit dieser ganz eigenen Art die sich entwickelt.

Stallaltag

Draußen beginnt der Hofalltag mit ersten Sonnenstrahlen, die sich über das Gelände legen. Als ich durch die bereits offene Stalltür trete, riecht die Luft nach Stroh, Holz und etwas Staub von der Nacht. Ich ziehe meine dünne Arbeitsjacke zu, ist es doch erstaunlich kühl und beginne meine Runde, prüfe die Boxen ob sie sauber und trocken sind. Ich höre dem ruhigen Schnauben zu, das sich wie eine Begrüßung anfühlt, als ich durch die Stallgasse zum Futterraum gehe.

Ruhig bewege ich mich durch den Raum, wo die Tafeln an der Wand in parallelen Reihen hängen. Jede Tafel eine kleine Welt für sich: Futterpläne, Rationen, Beobachtungen zu Haltung und Gesundheit der Tiere. Die Tafeln enthalten auch Sicherheitshinweise wie maximale Futterstärke, bestimmte Ergänzungen nur nach Absprache mit dem Tierarzt, Zeiten, zu denen Futter ausgegeben werden darf. Ich nehme einen kleinen Stift aus der Tasche, notiere flüchtig Notizen in meinem Notizheft, bevor ich mich den Tafeln zuwende.

Zuerst die Ration für Gigi.

Ich lese die täglichen Portionsangaben zu Heu, Kraftfutter und der Menge an Müsli als Zusatz. Die Mengen sind präzise angegeben, oft mit einer Reihe von Abkürzungen, die wohl Aiden hinzugefügt hat. Ich muss ihn fragen wieso seine Stute diese Besondere Mischung erhält und wieso die Angaben so übermäßig sind. Sollte die Stute besondere Bedürfnisse haben, dann würde ich auch gerne verstehen wieso es so ist.

Als Nächstes die Futterrationen für Don und Neo.

Die Zeilen auf der Tafel sind weniger aufwendig und mehr ein Spiegelbild der aktuellen Saison. Kraftfutter, getrocknete Kräuter, eine Handvoll Pellets für die Verdauung, ein Tropfen Öl, all das steht dort, sauber notiert, damit kein Fehler beim Füttern passieren konnte.

Ich prüfte, ob die Pellets frei von Staub sind und mache noch die Säck mit der Silage fertig.

Inzwischen sind auch meine Kollegen angehkommen und beginnen ebenfalls mit der Futterzubereitung für die anderen Pferde im Stall. Sir Hektor, der Chef-Pfleger, ist nun auch anwesend und kontrolliert hier und da die Mischungen auf Korrektheit.

Interessant sind die Sonderlisten für die Jungpferde. Die Tafeln für Sie enthalten andere Anweisungen für das Futter, entsprechend der Wachstumsphasen, Anpassungen für Trainingseinheiten und bei Belastungen.

Für Gigi und Don speziell notiere ich die Rotationen in meinem kleinen Buch. Wie oft pro Woche eine kleine Portion Obst oder Leckerchen als positive Verstärkung, welche Kräuter man in welcher Woche gefüttert werde dürfen, um Allergien zu vermeiden.

Ich gehe die Listen Schritt für Schritt durch, vergleicht die heute geplanten Mengen mit den tatsächlichen Gegebenheiten:

Ist genügend Heu da?

Reicht das Kraftfutter?

Stimmen die Kalorienwerte mit dem Trainingsplan überein?

Zwischendurch entferne ich veraltete und geblasste Zettel von den Tafeln, ersetze sie durch neue, lesbare Notizen. Die Farben der Marker, rot für wichtige Änderungen, blau für Standardwerte, grün für gesundheitsrelevante Hinweise, helfen dabei den Überblick zu behalten. Ich achte darauf, dass jede Änderung sauber dokumentiert ist, damit niemand später beim Füttern Probleme bekommt.

Wenn eine Besonderheit auftaucht, zum Beispiel eine Müdigkeit, eine Unruhe oder ein leichter Gewichtsverlust, wird das sofort neben dem entsprechenden Namen notiert, damit die nächste Fütterung angepasst werden oder der Tierarzt informiert werden kann.

Als alles erledigt ist verlasse ich die Futterkammer um meine nächste Stallarbeit anzugehen, das Verteilen des Futters übernehmen ein Teil meiner Kollegen.
 

Auf zum täglichen Misten, welches strukturiert und ruhig abläuft, damit die Pferde so wenig wie möglich gestresst werden. Ich gehe die Stallgänge entlang, prüfe ob alle Boxen sicher verschlossen sind und ob die Türen frei sind, damit niemand über etwas stolpert.

Ich ziehe mir die Handschuhe an und hole die benötigten Utensilien, also Schubkarre, Mistgabel und Besen und steuere die erste Box für heute an. Ich prüfe die Stallkarte und Notizen an der Tür, um zu wissen, was heute besondere Aufmerksamkeit braucht, zum Beispiel aufgrund von Hautreizungen.

So öffne ich die erste Box und nähere mich langsam dem Innenraum, respektiert den Bewegungsrhythmus des Pferdes. Zuerst sammle ich die Pferdeäpfel, mit dem so genannten Bollensammler, dem Gerät zum aufsammeln ohne sich bücken zu müssen, ein und lasse sie in die Schubkarre fallen. Al das erledigt ist lockere ich mit der Mistgabel ich die Heu- und Strohreste. Mit der Gabel befördere ich nun Schwung um Schwung alles aus der Box und lasse sie in die Schubkarre fallen. Als ich damit Fertig bin stelle ich Mistgabel und Co vor der Box ab und reinige ich die Metallgitter, Fensterrahmen und Boxenwände mit einem feuchten Tuch um Kalk- und Dreckreste zu lösen.

Die ganze Zeit über behalte ich das Pferd im Auge um es nicht zu erschrecken oder mit den Geräten zu verletzen. Der Boxenboden wird von der Einstreu befreit und geprüft. Ich streue neues Stroh- oder Holzfasereinstreu aus, bis der Boden gut gefüllt und komfortabel ist wie zuvor.

Nachdem ich fertig bin und alle Geräte in die Schubkarre gelegt habe, überprüfte ich noch die Tränke. Sind alle Wasserleitungen frei von Lecks, läuft die Tränke sauber und ist sie funktionstüchtig? Auch der Futtertrog wird von mir geprüft und die Futterreste entfernt, damit keine Ungezieferbildung entsteht.

Ebenso kontrolliere ich noch die Wände und Türen, ob Nägel oder Schrauben herausstehen und prüfe die Beschläge auf Sicherheit. Lose Teile werden festgezogen oder notiert, falls Reparaturen nötig sind. Nachdem ich mit allem fertig bin notiere ich in der Stallkarte, dass die Box ausgemistet wurde, inklusive Datum, eventueller Besonderheiten.

So gehe bei allen, mir zugeteilten Boxen vor, Schubkarre um Schubkarre bringen meine Kollegen und ich aus den Boxen hinaus in den Misthaufen. Das Geräusch von Metall auf Beton, mischt sich mit dem Klang der Hufe und den Geräuschen des Stalles.

Ich puste mir eine meiner blonden Strähne aus dem Gesicht, lächele dabei, weil die Arbeit meinen Kopf frei macht.
 

Nach einer kurzen Pause, die ich mit einigen meiner Kollegen auf der Sitzecke vor der Stallgasse gemacht habe, kommt die ersten Trainingseinheit mit einem der Pferde.

Das Longieren.

Mir wurde eine verlässliche, sanfte Stute namens Mira zugeteilt, welche ich aus ihrer Box hole. Mira ist aufmerksam, ein Pferd, das auf kleine Signale reagierte. Mira begrüßt mich mit einem sanften Wiehern, ihre großen, braunen Augen funkeln vor Neugier.

„Guten Morgen, meine schöne“, murmele ich und streicheln sanft ihren Hals. Achtsam lege ich ihr das Halfter an und binde Sie vor ihrer Box an. Ich atme tief ein, während ich ein Leckerchen aus meiner Jackentasche hole und ihr anbiete. Mira nimmt es vorsichtig aus meiner Hand und lässt es sich schmecken.

Ich greife mir den Putzkasten der mit Bürsten, Striegeln, einem groben Handtuch und allem was man so braucht gefüllt ist. Zuerst nehme ich mir den Striegel und beginne mit sanften Bewegungen, das Fell von Mira zu bearbeiten. Die Borsten gleiten über ihr glänzendes Fell und ich genieße es, wie Mira dabei den Kopf senkt. Ein Zeichen von vertrauen.

„So, lass uns sehen, was wir heute alles finden“, meine ich leise, während ich weiter striegle. Ein paar kleine Äste des Strohs und Staubpartikel lösen sich aus dem Fell und fallen zu Boden. Die Stute schnaubt, als ich an ihren Seiten weitermache und ich selbst genieße das zufriedene Schnauben, ebenso wie das Gefühl des sauberen Fells unter meinen Händen. Nachdem ich sorgfältig das gesamte Pferd gestriegelt habe, greife ich zum weicheren Handschuh. Langsame, kreisende Bewegungen sorgen dafür, dass das Fell nun in der Sonne schimmert.

Vorsichtig hebe ich einen Fuß an und klopfe mit dem Hufkratzer gegen den Huf. Mira hebt ihr Bein beinahe von allein, als wüsste sie, was nun folgt. Mit geübtem Blick stelle ich fest, dass der Huf gesund ist und kratze ihn aus. Mit jedem Huf, den ich bearbeite, wächst meine Vorfreude auf das Longieren.

Achtsam lege ich das Longier Geschirrs an und prüfe es auf einen guten sitz. Mira kennt den Ablauf und scharrt ungeduldig mit dem Vorderbein, während ich das Geschirr befestigte.

„Geduld, Mira“, sage ich und hacke die Longe in das Halfter um die Stute zur Halle zu führen. Das Longieren ist mehr als ein einfacher Prozess, es ist ein Ausdruck von Vertrauen und Freundschaft.
 

In der Halle liegt ein Duft von Leder, Seife und frischer Luft als ich mit der Stute in den hinteren Bereich der Halle gehe. Vorne sind bereits einige Reiter unterwegs, die wir nicht behindern wollen. Mira steht geduldig neben mir und schnaubt leise, als ich mich ihr zuwende und sanft über ihren Hals streiche, „Bist du bereit, meine Schöne?“

Der Plan für heute ist im Longieren zu arbeiten, um ihre Muskulatur zu stärken und ihre Konzentration zu fördern, was für die Ausbildung unerlässlich ist.

Ich führe die Leinen der Longe ohne Verheddern durch die Halterungen Geschirr. Ich nehme mir einen Moment, um leise Schnauben von Mira zu hören und atme tief ein.

„Lass uns anfangen,“ meine ich und lasse die Leinen locker um Mira zu animieren, einen Schritt heraus zu machen. Zu Beginn trottet sie langsam, als würde sie nur ihren eigenen Rhythmus finden wollen. Mit der Longier-Gerte gebe ich ihr ein Zeichen das sie den Kreis vergrößern soll und schneller werden soll, ohne sie dabei zu drängen.

Es ist ein Dialog zwischen Reiter und Pferd.

Als sie beginnt regelmäßiger zu laufen, gebe ich mit den Leinen ein Kommando, um sie zu aktivieren und die Stute versteht die Botschaft sofort. Sie beschleunigt ihren Schritt und bewegt sich geschmeidig um mich herum. Ich beobachte jede Bewegung, achte darauf, wie ihre Muskeln spielen und wie sie in einem harmonischen Fluss trabt.

Das Longieren stellte eine Art Verbindung da zwischen Mensch und Tier.

Ich will, dass Mira die Freiheit spürt, aber gleichzeitig die Disziplin lernt, die mit dem Sport verbunden war.

Die Übungen variieren, mal lasse ich sie im Trab laufen, dann wieder in den Schritt wechseln, fordere sie auf, Wendungen zu machen, indem ich mit dem Körper arbeite. Wenn ich mich nach außen drehe, weiß die Stute, dass sie die Richtung ändern muss. Diese bringt nicht nur Abwechslung, sondern es stärkt auch das Vertrauen zueinander.

Nach einer Weile bin ich mit ihrer Leistung zufrieden und beende die Einheit mit einem langsamen Schritt. Mira schnaubt, als sie zum Stehen kommt.

Ausgiebig lobe und streichele ich ihren Hals, als Zeichen der Belohnung und Wertschätzung, als ich die Longe löse, „Du warst großartig.“

Ich klopfe Mira noch einmal sanft am Hals, bevor ich sie sicher zurück in die Box führe.
 

***
 

Aiden tritt durch die Tür des Stallgangs, er hat die Longier-Einheit von Finn und der Stute beobachtet und lässt nun den Blick schweifen. Finn steht in der einer Box, die Hände und Kleidung vom Staub der Arbeit gezeichnet. Die Stute steht in der Box, ihr Atem bildet kleine Wölkchen in der Luft, während Finn das Halfter abnimmt und die Stricke ordnet.

Aiden lehnt sich leise gegen den Rand der Werkbank, beobachte Finns Bewegungen, die ruhig und sicher wirken. Finn redet kaum, doch seine Stimme hat eine beruhigende Wärme, wenn er Mira lobt oder eine sanfte Anweisung gibt.

„Geduld“, hört er Finn flüstern und als Mira ein wenig zuckt, sieht er ihr lange in die Augen und das Pferd entspannt sich sichtlich.

Aiden bemerkt, wie sich Finns Schultern lockeren, sobald er sich auf das Tier konzentriert.

„Ihr saht gut aus zusammen“, sagt Aiden ruhig, ohne Finns Fokus zu unterbrechen.

Dieser hebt den Blick, ein Lächeln bildet sich auf seine Lippen, als er sich Aiden zuwendet.

„Danke“, antwortet er, „Sie ist aufmerksam. Man muss nur die richtigen Signale lesen.“

Er streicht der Stute über den Hals, spürt der Wärme der Stute.

Aiden nickt, beobachtet mehr, als zu reden. In diesem stillen Austausch, in dem jeder Blick und jeder Ton eine ganz eigene Sprache ist.

Aiden kommt näher an Finn heran, nicht zu nah, um zu stören, sondern um Teil des stillen Arbeitens zu werden.

„Ich … wir, könnten heute Abend den Plan für die nächsten Tage besprechen“, meint Aiden über das leise Ticken der Uhr im Stall.

Finn hebt eine Augenbraue, ein kurzes Lächeln spielt um seinen Mund.

„Das wäre toll“, antworte ich und überlege, ob ich es wagen kann. „Wir könnten danach ja noch was trinken, wenn du Zeit hast.“

Aiden nickt nur, das Schweigen ist keine Ablehnung, sondern ein stilles Ja.

„Wir können nach Feierabend gerne zu mir fahren und alles Besprechen“, spricht Aiden plötzlich und Finn schaut ihn erstaunt aber freudig an.

„Sehr gerne, ich würde dann vorbeikommen, wenn ich mich zu Hause frisch gemacht habe“, antwortet Finn und lächelt.
 

Der Tag zieht weiter, Finn und Aiden, arbeiten gemeinsamen, ohne viel zu sagen. Ein Blick hier, ein Nicken dort, ein Blick auf die Stallgasse, in der die Sonne Streifen über den Boden zeichnet.

Sie spüren, dass sie auf einer Wellenlänge liegen, nicht laut, aber deutlich. Als der Tag sich dem späten Nachmittag nähert, tritt Aiden an Finn heran, der gerade seinen Plan für den nächsten Arbeitsschritt neben seinen Spinnt hängt. Aiden betrachtet diesen, „Ich finde es gut, wie du dich hier einbringst“, sagt er leise.

Finn lächelt ehrlich und antwortet: „Danke, das bedeutet mir viel.“

Zwischen Finn und Aiden entsteht immer mehr und, nach und nach, eine Sympathie und eine Gewissheit, dass man Zufriedenheit aus dem Miteinander der Tierwelt und der Arbeit holen kann.

Zu Hause bei Aiden

Ich bin aufgeregt aber ich freue mich auch das Aiden mich tatsächlich zu sich eingeladen hat. Schnell habe ich mich zu Hause fertig gemacht und bin los zu der genannten Adresse. Das Städtchen ist kleine und beinahe hätte ich die Einfahrt übersehen. Als ich in die Einfahrt abbiege zeigt sich ein kleines, einstöckiges rotes Backsteingebäude, das von dichtem, grünem Efeu bewachsen ist. Das Haus, bei dem es sich gut erhaltenes Cottage handelt, wirkt gemütlich und idyllisch, eingebettet in die grüne Landschaft.

Ein Kiesweg, den ich langsam entlangfahre, führt zum Eingang. Der Dachstuhl ist mit dunklen, schieferartigen Dachziegeln bedeckt. Ich parke meinen kleinen Wagen neben dem Range Rover von Aiden und atme nochmal tief durch bevor ich aussteige.

Ich habe mich für eine schlichte Jeans und ein T-Shirt in dunkelgrün entschieden mit weißen Turnschuhen.

Der Eingangsbereich ist durch eine kleine Veranda mit einem weißen Holzdach und einer weißen Holztür versehen. Die Fenster, aus weißem Holz, sind rechteckig mit einem Kreuz in der Mitte, relativ klein und tragen zum gemütlichen Charakter des Gebäudes bei. Links neben dem Cottage ist ein kleiner Anbau, der als Garage oder Werkstatt dient. Der üppige Bewuchs an Efeu und die umgebenden Bäume verleihen dem Haus einen romantischen und natürlichen Charakter. Der Gesamteindruck ist der eines ruhigen, abgeschiedenen und gemütlichen Landhauses in einem ländlichen Umfeld.

Es vermittelt mir sofort das gleiche Gefühl wie es sein Besitzer getan hat, ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit.

An der Tür angekommen atme ich noch einmal tief durch bevor ich klopfe und darauf warte das Aiden mir öffnet. Ich bin nervös wie schon lange nicht mehr und bin gespannt wie er hier wohnt. Ich hätte mehr mit einem großen vornehmen Anwesen gerechnet, nicht aber mit so einem kleinen Cottage.

Die Tür öffnet sich und Aiden steht in blauer Jeans und schwarzem Rollkragenpullover vor mir. Er wirkt locker und lächelt freundlich.

„Hallo Finn, komm rein. Du kannst die Schuhe anlassen“, meint er und tritt zur Seite.

„Hi“, sage ich leise und trete in den Flur ein. Ich bin nervös aber freue mich einfach hier sein zu dürfen.

Der Flur ist geräumig und mit einem hellen Teppichboden ausgelegt, ein Sessel befindet sich in der linken Ecke unter der Treppe die nach oben führt. Die Wand ist mit einem verzierten, antiken Holzpaneel bedeckt, ein zentrales Element was sich durch ihre dunkle, leicht patinierte Farbe auszeichnet. Ein Spiegel und Schild auf der Wand verleihen dem Raum eine zusätzliche persönliche Note.
 

Aiden führt mich in die Küche welche ein rustikaler und charmanter Mix aus alten und neuen Elementen ist. Er deutet auf den Esstisch: „Setz dich, was möchtest du Trinken?“

„Danke“, meine ich und setze mich auf einen der Stühle, „Einen Tee, bitte.“

Ich erhalte ein nicken und Aiden holt einen kleinen Wasserkessel aus einem der Hängeschränke, füllt ihn mit Wasser und stellt ihn auf den Herd. Ich sehe mich neugierig in der Küche um während Aiden die Tassen aus Buffetschrank holt. Die dominierenden Farben sind Weiß und das dunkle Terrakotta, der Fliesen an den Wänden, der Boden besteht aus einem Fliesenboden in Weiß und ebenfalls Terrakotta, der den ländlichen Eindruck verstärkt.

Die Arbeitsplatten sind aus hellem Holz mit einer natürlichen, rustikalen Optik. Die Küchenschränke sind weiß lackiert, wirken jedoch etwas abgenutzt. Die Decke, finde ich am faszinierendsten, sie ist mit dunklen, dicken Holzbalken versehen, was den rustikalen Stil unterstreicht.

Eine Kücheninsel mit einer Holzplatte und weißen Schränken dient als zusätzliche Arbeitsfläche und Ablage. In der Nähe des Esstisches befindet sich ein großer, weißer Buffetschrank im Landhausstil, der Geschirr und Dekoraktionsgegenstände enthält.

Die Küche wirkt gemütlich und einladend, die Kombination aus den weißen Schränken, den Terrakottafliesen und den Holzbalken schafft eine warme und wohnliche Atmosphäre.

Der Essbereich ist gemütlich und im Landhausstil eingerichtet und in hellen, freundlichen Farben gehalten, wobei die Wände in einem hellen Grau gestrichen sind.

Alles wirkt edel wie der Besitzer, der vom abendlichen Licht, das durch das Fenster fällt, angestrahlt wird und sein Gesicht härter wirken, als es war. Er steht am Herd, der Kessel beginnt zu pfeifen und Aiden schüttet das Wasser in die kleine Teekanne.

„Danke, dass du gekommen bist“, meint Aiden und kommt mit Kahne und Tassen zu mir an den Tisch, „Ich will, dass wir darüber reden, wie wir die Zusammenarbeit gestalten. Ich brauche einen Pfleger für Turniere, der gut mit meinen Pferden zurechtkommt. Wir haben ein gutes Team, aber nicht jeder versteht die Dynamik.”

Er stellt das Tablett auf dem ovalen Esstisch aus hellem Holz ab, die Stühle sind robust und bequem und sind aus dem gleichen Material.

„Danke für die Einladung“, sage ich und nicke, streiche mir eine Strähne aus dem Gesicht und betrachte Aiden als er mir einschenkt.

Mein Blick geht durch den Raum, hoch zur Denke mit den dunklen Balken, über die Wände in hellem grau zu dem weißen Wandregal mit seinen verschiedenen Gegenständen darin. Daneben hängt ein Schild mit der Aufschrift „Time to Spread Some Kindness on the Table“, was den gemütlichen und einladenden Charakter des Raumes unterstreicht.

„Also darf ich mich um deine drei kümmern als persönlicher Pfleger?”, frage ich nach, kann ich es doch noch nicht wirklich glauben.

Seine Bereitschaft, Verantwortung zu teilen und klare Strukturen zu schaffen, stärkt das Vertrauen und ich möchte mehr darüber erfahren, wie er denkt, wie er Entscheidungen trifft, besonders in Stresssituationen. Seine Klarheit, die Effizienz und seine Fähigkeit, Dinge anzugehen, beeindrucken mich.

Dazu kommt diese Anziehung in zurückhaltender Form die zwischen uns entsteht. Es gibt eine subtile, persönliche Wärme in Aidens Art, die mich interessiert, ohne dass es die professionelle Ebene beeinträchtigt.

Aiden nahm einen Schluck als er weiterspricht: „Meine Pferde arbeiten am besten, wenn die Kommunikation stimmt. Deine Kommunikation ist erstaunlich und das obwohl du erst kurz im Stall bist. Wenn ich einen Plan erstelle, oder das Training übertreibe, erwarte ich allerdings, dass du mir sagst, wenn es zu viel ist und die Pferde nicht in Ordnung sind. Ich bin Perfektionist und finde ab und an den Endpunkt nicht.”

Wie bitte?

Das heißt, ich soll Aiden in die Schranken weisen, wenn er übertreibt. Es macht mir ein wenig Angst aber das Vertrauen, zusammen mit seinem Verhalten ist motivierend.

Ich nehme mir die Tasse und sehe Aiden mit einem Lächeln an.

Er ist wirklich fokussiert, pragmatisch und kohärent in seiner Vorgehensweise. Das macht Vertrauen in seine Führung möglich. Unsere Kommunikation ist ehrlich und respektvoll, das hilft Missverständnisse zu vermeiden.
 

„Du organisierst die Abläufe im Stall und auf den Turnieren, erstellt die Fütterungs- und Pflegepläne, aber wenn etwas nicht stimmt, sage ich Bescheid, damit es reibungslos klappt”, fasse ich zusammen, was Aiden gesagt hat. Er wird mein Boss.

Aiden nicht bestätigend und lehnt sich im Stuhl zurück, schlag die Beine übereinander und betrachtet mich prüfend. Sein Blick lässt erneut dieses Kribbeln in meinem Magen entstehen, was aber nicht unangenehm ist.

„Genau das, wir brauchen eine geordnete Abfolge, eine gemeinsame Checkliste, wenn du so willst. Welches Futter und die Sauberkeit der Boxen, Weidezeiten und Training und Koordination vor den Turnieren”, erklärt Aiden sachlich.

„Außerdem sollten wir kurze Briefings vor dem Training machen und danach eine Nachbesprechung“, schlage ich vor und umfasse meine Tasse mit beiden Händen. „Und klare Ansprechpartner, falls etwas Unerwartetes passiert.”

Ich möchte Aiden ansehen, schaffe es aber nicht ihm in die Augen zu sehen, zu sehr spüre ich die Röte auf meinen Wangen. Die Spannung zwischen uns lässt sich nicht ignorieren, es ist eine stille, fast elektrische Präsenz.

„Komm, lass uns den Rest drüben Besprechen“, meint Aiden und steht vom Tisch auf, er wählt seine Worte vorsichtig, damit das Gespräch professionell blieb.

Überrascht tue ich es ihm gleich und folge in das Wohnzimmer, welches geräumig und hell ist, die Wände sind grau gestrichen, der Boden ist mit einem hellen, beigefarbenen Teppich bedeckt. Ein cremefarbenes Sofa steht in der Mitte des Raumes. Auf dem Sofa liegen eine dunkle Decke und Kissen.

Rechts neben dem Sofa steht ein kleiner, weißer, eckiger Schrank, davor befindet sich ein weißer Kamin mit einem kleinen runden Spiegel. Ein kleines Bücherregal steht links neben dem Sofa. Aiden setzt sich auf das Sofa und schlägt erneut die Beine übereinander. Ich zögere und setze mich schließlich, mit größtmöglichem Abstand, neben ihn.

Die Accessoires, wie die Laternen und der Spiegel, verstärken das ruhige Ambiente.

„Bezüglich der Turniere“, beginnt Aiden und legt einen Arm auf die Rückenlehen, als er sich mir zuwendet. „Wir müssen sicherstellen, dass jeder weiß, welche Aufgaben am Turniertag anfallen.”

Wie einen rettenden Anker halte ich mich an der Tasse fest, die Stimmung ist nicht unangenehm, nur komme ich mir vor wie ein verknallter Teenage.

„Ich habe mir schon Gedanken gemacht“, sage ich leise und hoffe damit nicht zu vorschnell zu sein. Immerhin gebe ich so zu mir Hoffnungen gemacht zu haben.

„Wir sollten eine Turnier-Checkliste erstellen, also Anreise und Boxenaufbau, Trainingseinheiten sowie Zeitpläne für Übungen, die Anmeldungen und auch einen Notfallplan. Wenn wir das haben, können wir flexibel bleiben.”

Aiden lächelt und ich spüre schlagartig wie meine Wangen sich verfärben, in seinem Ausdruck liegt eine Wärme die mich schlucken lässt. Ich senke meinen Blick, schaue in den Tee und atme tief durch.

„Gern“, höre ich seine tiefe Stimme und sehe wieder auf. „Wenn etwas zu viel ist, sag es mir“, spricht er und ich bin mir nicht sicher was er meint.

Meint er die Pläne oder das hier?

Sicher bemerkt er meine Röte im Gesicht und auch wie ich mich Verhalte muss Bände sprechen.

„Ich … ich schätze wir haben beide den gleichen Fokus“, setze ich an, versuche das Thema zu halten. „Die Art, wie wir das organisieren, wird sich auf die Ergebnisse auswirken.”

Ein Seufzer ging durch Aiden, fast als hätte er eine andere Antwort erwartet, was eine Spur Nervosität erzeugt. Die Spannung zwischen uns ist da.
 

***
 

Ich schließe kurz die Augen, um die Eindrücke des Gesprächs zu sortieren. Die Klarheit der Pläne ist befreiend für mich, aber daneben schwingt diese Spannung zwischen uns, die sich nicht ganz in Worte fassen ließ.

Wir haben eine Basis geschaffen, mit klaren Rollen und eine gemeinsame Linie. Das fühlt sich sicher an, aber seine Art ist es die mich zögern lässt. Da ist eine stille, nicht zu leugnenden Anziehung, die in der Arbeitsatmosphäre mitschwingt. Finn gefällt mir, nicht nur wegen seiner Art, sondern auch Optisch, aber ich möchte das nicht in die Arbeit hineintragen. Wichtig ist, dass wir professionell bleiben und die Grenzen wahren. Seine Bereitschaft, Verantwortung zu teilen und klare Strukturen zu schaffen, stärkt mein Vertrauen in unsere Zusammenarbeit.

Ich will ehrlich zu mir bleiben.

Diese Mischung aus Respekt, Fokus auf Ergebnisse und einer leisen persönlichen Anziehung macht das Arbeitsverhältnis komplex. Es fordert mich, aufmerksam zu bleiben, damit nichts die Professionalität untergräbt. Finn ist kompetent, organisiert und zuverlässig. Seine Art zu kommunizieren wirkt beruhigend und lösungsorientiert. Ich möchte mehr darüber erfahren, wie er denkt, wie er Entscheidungen trifft, aber auch wie er abseits all dessen ist.

Wie er privat ist.

„Dann lass uns da so machen, ich liste dir die Trainingseinheiten auf, damit du schauen kannst, wie wir die Planung mit der Stallroutine verzahnen“, meine ich ruhig zu Finn, welcher nickt, seine Haltung aber nicht verändert.

Ich stelle meine Tasse auf dem kleinen Tisch neben dem Sofa ab und sehe Finn wieder an.

„Ich schlage vor, wir tauschen unsere Nummern aus und erstellen eine Checkliste für jedes Pferd“, meine ich und erhalte einen etwas erschrockenen Blick. „Wenn etwas ist können wir so besser kommunizieren.“

Natürlich habe ich auch den Gedanken daran, dass wir uns so auch besser kennenlernen können, dann das möchte ich wirklich.

„Was hältst du davon, eine Kommunikationsgruppe zu erstellen, in der alle relevanten Infos landen?“, frage Finn und ich spüre das er noch immer unsicher ist, aber nicht abgeneigt ist.

„Das meine ich, wir achten auf wichtige Updates, Änderungen im Plan und Notfälle. Sonst verlieren wir uns in Details“, stimme ich zu. Diese Gruppe ist der professionelle Teil, der sich nicht mit dem privaten vermischt.
 

***
 

Die beiden sitzen auf dem Sofa, die Beleuchtung ist gedämpft und draußen hält der Abend Einzug. Zwischen ihnen eine Distanz, die Respekt und Professionalität spiegelt.

„Weißt du“, beginnt Aiden, „Meine Stärke liegt darin, klare Strukturen zu schaffen. Mir ist wichtig, dass wir inhaltlich ehrlich bleiben, auch wenn es manchmal unbequem wird.“

Aiden lehnt sich näher, ohne sich aufzudrängen, sein Blick ist ruhig, doch es liegt eine ungeklärte Frage zwischen ihnen. Finn spürt die Nähe, spürt das Rascheln von Atem, das langsamer wird, wenn der Abstand kleiner wird.

„Das merke ich“, antwortet Finn und dreht sich mehr in Aidens Richtung, so das sein linkes Bein mehr auf der Sitzfläche des Sofas liegt. „Ich schätze deine Klarheit. Ich will vor allem sicherstellen, dass wir die Balance behalten zwischen Verantwortung übernehmen und Raum geben.“

Ihre Knie berühren einander locker auf dem Sofa, zucken aber kurz zurück, nur um den Kontakt erneut zu suchen, wie zwei Pole, die sich anziehen.

„Wir arbeiten gut zusammen. Aber ich möchte auch wissen, wofür du dich außerhalb der Arbeit begeisterst. Hast du Hobbys, die dir helfen, den Kopf freizubekommen?“, spricht Aiden ehrlich und betrachtet sein Gegenüber. Finn nickt, ein kleines Lächeln, das nicht ganz zu seinem scheuen Blick passt.

„Ich spiele Gitarre“, sagt Finn als wäre es ihm unangenehm, „Und ich höre viel Musik. Wenn ich Stress habe, hilft mir ein gutes Lied. Und du? Was lenkt dich ab, wenn der Tag zu viel wird?“

Aiden macht eine langsame aber bewusste Bewegung, als würde er einen unsichtbaren Faden zwischen ihnen spüren. Er lehnt sich vor, dass die Distanz zwischen ihnen beinahe verschwindet. Die Stimme wird tiefer, persönlicher.

„Ich lese viel, meistens Sachbücher, manchmal gehe ich laufen, um den Kopf freizubekommen. Auch Kochen entspannt mich, obwohl ich selten am Herd stehe“, gibt er zu und hält den Blick aufrecht. Ja, er beginnt ein wenig zu flirten, einfach um zu sehen was passiert.

„Kochen klingt gut“, antwortet Finn und ein lächeln legt sich auf seine Züge. „Was ist dein Lieblingsgericht, wenn du Gäste beeindrucken willst?“

Es gibt Momente, in denen Worte zu viel sind und genau so ein Moment entsteht zwischen ihnen, sie sehen sich an und lesen zwischen den Zeilen.

„Ein einfaches Risotto mit Pilzen und Kräutern. Schnell, aber lecker. Und du? Was isst du gerne?“, möchte Aiden im Gegenzug wissen und übt bewusst ein wenig mehr druck gegen Finns knie aus. Verstärkt die Berührung.

„Meine Großmutter hat immer eine Suppe gekocht, eine Hühnerbrühe, viel Gemüse, sanft gewürzt. Das ist für einfach immer eine Erinnerung, wenn ich sie koche oder esse“, spricht Finn und stock etwas als die Berührung intensiver wird.

Finn atmet ein, als würde er sich auf das Nächste vorbereiten, und seine Augen suchen die von Aiden. Ein kurzer Moment des Schweigens, in dem beide die Möglichkeit einer Veränderung spüren.

„Ich möchte, dass wir ehrlich bleiben“, sagt Finn plötzlich und sein Blick wird ernst, „Zu uns selbst und zueinander. Gibt es zwischen uns Platz für mehr? Für Vertrauen und eine Art, die über den Job hinausgeht, ohne Risiko zu verlieren.“

Aiden lächelt, nicht siegessicher, sondern offen. Die Nähe wechselt von physischer zu emotionaler, die Luft um sie herum wird dichter, als würden sie innehalten, um zu prüfen, ob sie bereit sind, einen neuen Weg zu gehen.

„Lass uns sehen, wohin uns das führt, Schritt für Schritt, mit Respekt und Klarheit. Wir tragen Verantwortung, auch für das, was wir spüren“, spricht Aiden legt seine Hand, die auf der Rückenlehen liegt, näher an Finns Schulter. Eine Berührung entsteht aber nicht.

Ein Lächeln streift Finns Lippen, und für einen Moment scheint die Welt stillzustehen, als er sich in die Richtung der Hand lehnt.

„Ein Anfang, nicht sofort, nicht laut aber klar. Wir beobachten, hören zu, und lassen den Rest sich entwickeln“, kommentiert Aiden seine Handlung mit einem Lächeln.

„Ja und ehrlich“, flüstert Finn, „Wir bleiben professionell, aber es ist okay, zu sehen, was zwischen uns wächst.“

Sie sehen sich einen Moment an, die Distanz sichtlich geringer als zuvor, doch beide wählen bewusst den nächsten Schritt mit Vorsicht.

Der Raum scheint kleiner zu werden, die Geräusche der Außenwelt dringen weniger durch. Es ist, als würden zwei Herzen denselben Takt finden, während sie sich zugleich die Stabilität geben, die sie brauchen.

Telefonate zwischen Freunden

Ich sitze auf der Bank auf dem kleinen Balkon meiner Wohnung, die Sonne ist längst untergegangen. Der Tag war voller Eindrücke gewesen und doch ist mein Kopf noch immer von den Gesprächen und Gefühlen erfüllt. Ich habe mit Aiden gesprochen, bei ihm zu Hause und über so viel mehr als nur die Arbeitsdetails. Es ist, als hätte sich eine Tür geöffnet, die ich vorher nicht einmal bemerkt oder geglaubt habe, dass es sie überhaupt gibt.

Ich muss Lächeln als ich an ihn denke, an sein Lächeln was er mir geschenkt hat, an die Wärme, in seinen Augen. Da ist mehr als nur Freundschaft, das spüre ich tief in mir, nur wie weit würde all das gehen.

Es macht mich glücklich und gleichzeitig ist da diese Unsicherheit, die mich lähmt.

Was, wenn ich zu viel hineininterpretiere?

Was, wenn er nur höflich war, weil er nett sein wollte?

Ich schiebe die Gedanken beiseite und blicke in den Himmel, der jetzt dunkelblau und von Sternen übersät ist. Ich fühle mich irgendwie leicht, aber auch verwirrt.

Ob es Aiden ebenso geht? Spürt er auch diese Anziehung, oder ist es nur eine Einbildung, eine Projektion meiner eigenen Wünsche?

Ich will nicht zu viel hoffen, aber ganz kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass da mehr war. Ich atme tief durch und versucht, die Gedanken zu ordnen und weiß, dass heute ein Wendepunkt sein könnte. Vielleicht würde morgen alles anders sein. Vielleicht würde ich den Mut finden, noch offener zu sein, oder würde weiter im Zweifel verharren, unsicher, was der richtige Weg war.

Doch eins ist sicher, ich will Aiden!

Ich stehe auf und trete in meine Einzimmerwohnung, setze mich auf meinem Bett, das Handy fest in der Hand, während ich tief durchatmete. Die Nummer von Miriam habe ich schon ausgewählt, nun ist der Moment gekommen. Ich drückte auf „Anrufen“ und warte, bis meine beste Freundin abnimmt.

„Hallo, Finn!“ Miriam klingt fröhlich und ich höre die Wärme in ihrer Stimme, „Was gibt’s?“

E einen Moment zögere ich noch, dann beginne ich zu erzählen: „Ich … ich war heute bei Aiden, bei ihm zu Hause.“

„Oh, erzähl mir alles!“, höre ich Miriam, „Wie war’s? Ist was gelaufen?“

„Es ist nichts gelaufen!“, betone ich fest und atme durch. „Es war schön. Wir haben uns erst in der Küche über die Arbeit im Stall unterhalten, dann … auf seinem Sofa gesessen und über privates gesprochen, er kocht und liest gerne. Es war irgendwie … Anders. Zwischen uns hat sich eine Verbindung aufgebaut, wir sind uns auch näher gekommen … unsere Knie haben sich berührt und auch die Schultern … ich … habe mich wirklich in ihn verliebt.“

Es ist still am anderen Ende, dann sagt sie sanft: „Finn, das ist großartig.“

„Ja, das ist es“, murmele ich, meine Stimme wird weicher, als ich. „Ich spüre es so stark, dieses Kribbeln, wenn ich an ihn denke. Und ich hoffe, dass mehr daraus wird. Das wir uns noch näherkommen.“

Ich stocke, dann füge ich leise hinzu: „Ich brauche deinen Rat, Miriam. Was soll ich tun? Soll ich ihm sagen, was ich fühle?“

„Finn, ich habe es dir doch schon gesagt, ich denke, du solltest ehrlich sein. Wenn du dich so fühlst, ist es besser, es ihm zu sagen. Aber sei vorsichtig. Schau, wie er reagiert und gib ihm Zeit. Wichtig ist, dass du dich nicht verstellst, dass du bleibst, wie du bist.“

Auch wenn Miriam es nicht sieht, nicke ich.

„Ich weiß“, schnaube ich, „Es ist nur so schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich will nicht riskieren, das zu zerstören, was sich da aufbaut, falls er nicht dasselbe fühlt.“

„Ich bin sicher, dass er deine Gefühle spürt“, sagt Miriam aufmunternd, „Und egal, was passiert, ich bin für dich da.“

„Danke, Miriam“, sage ich aufrichtig, „Es tut gut, das mit dir zu teilen und ich hoffe, dass alles gut wird.“

„Wird es“, versichert Miriam mir, „Vertrau auf dein Herz, Finn und sei ehrlich zu dir selbst.“

Erneut atme ich tief durch, dann sage ich: „Danke, ich rufe dich später wieder, okay?“

„Mach das, bis dann, Finn. Und viel Glück!“

„Danke, bis bald“, damit lege ich auf, mein Herz schwer, aber auch voller Hoffnung.

Ich weiß, dass ich den nächsten Schritt gehen muss, egal, wie schwer es auch sein mag.
 

***
 

Ich öffne die Tür meines Hauses und trete hinaus in die kühle Abendluft, der Himmel ist noch schwach vom Sonnenuntergang erleuchtet, doch die Dunkelheit zieht bereits herauf. Meine Jacke greifend mache ich mich auf den kurzen Weg zu meiner Nachbarin, um Ace abzuholen. Die ältere, aber noch mobile, Dame von der anderen Straßenseite liebt Ace und für ihn ist es immer schon dort den Tag zu verbringen. Vor ihrem Haus angekommen klinge ich und während ich auf die Nachbarin warte, kommen die Gedanken an das Gespräch mit Finn wieder nach vorne.

Was ist das für ein Gefühl? Diese Nähe, diese Blicke, die mehr sagen als Worte.

Es ist ungewohnt, aber auch schön, ich habe gespürt, wie mein Herz schneller schlug, als Finn ihm so nah war und sich ihre Knie berührten. Die Art, wie Finn den Blick hielt, das war mehr als nur Freundschaft.

Doch gleichzeitig war da diese Unsicherheit. Wie viel von dem, was ich empfinde, ist Wunschdenken? Ist das nur eine Projektion meiner eigenen Sehnsucht, weil ich mich nach Nähe sehne? Oder ist da wirklich etwas, das über das Professionelle hinausging?

„Guten Abend“, begrüßt mich die Nachbarin, „Ace, komm dein Herrchen ist hier. Er hat sich, wie immer, sehr gut benommen. Bringen Sie ihn morgen wieder?“

„Guten Abend, vielen Dank für das Aufpassen. Morgen kommt er mit, ich melde mich, wenn ich ihn nochmal bei Ihnen lasse“, sage ich freundlich als mein Hund mich stürmisch begrüß.

„Hey mein Junge“, meine ich und kraule denn um mich herum springenden Boxer.

„Das ist in Ordnung, ich freue mich ja, wenn er hier ist“, erwidert sie mit einem Lächeln.

„Er sich auch“, gebe ich zurück und lasse die Leine am Halsband einschnappen.

Am Himmel über der englischen Landschaft sind inzwischen die ersten Sterne zu sehen, als Ace und ich den schmalen Weg in Richtung Wald einschlagen. Ich beobachte, wie Ace durch das hohe Gras läuft und schnüffelt. Der Boxer hat eine unerschöpfliche Energie, die ihn dazu bringt, gefühlt, jeden Grashalm zu erkunden.

„Komm, Ace!“ meine ich und gemeinsam passieren wir die alten Eichenbäume und den kleinen Flusslauf.

Ace beugt sich vor, um zu trinken, während ich in die Ferne blicke und die sanften Hügel betrachte, die im Abendlicht schimmern. Ich habe immer geglaubt, klare Grenzen zu ziehen, doch jetzt, während ich mit Ace spazieren gehe, frage ich mich, ob ich diese Grenzen überhaupt noch eindeutig ziehen kann.

Normal bin ich kein Mensch, der leicht Risiken einging, Struktur, Ehrlichkeit und Verantwortung sind mir wichtig.

Doch was, wenn das, was zwischen mir und Finn entsteht, echt ist?

Was, wenn es eine Chance gibt, etwas Neues zu wagen?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, ich will Finn. Aber die Angst vor Verlust ist groß.

Ace schnüffelt am Boden, entdeckt ein paar Spuren eines Wildtiers und zieht mich mit sich. Gemeinsam erreichten wir einen kleinen Aussichtspunkt, von dem aus man weit über das Tal blicken kann. Ich setze sich auf einen großen Stein, Ace legt sich gemütlich neben mich und schnauft zufrieden während ich darüber nachdenke, wie sehr mich die Annäherungen zwischen Finn und mir beschäftigten. Es ist nicht nur das Verlangen nach Nähe, sondern auch die Frage, ob ich bereit bin, mich auf etwas einzulassen, das alles verändern kann.

„Habe ich den Mut, mich auf diese Sache einzulassen?“, flüstere ich und sehe zu Ace, der mich ansieht, als ob er mich versteht.

Ich lasse den Blick über die dunklen Bäume und die Landschaft schweifen. Mit einem tiefen Atemzug lasse ich die Gedanken los und konzentriere mich auf den Moment, fühle eine Dankbarkeit für die einfachen Dinge im Leben, für die Schönheit der Natur und für diese ruhigen Augenblicke.

Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg nach Hause, ich lasse die Leine locker in der Hand. Auch Ace genießt den Spaziergang, während meine Gedanken weiter kreisen. Was, wenn die Gefühle, für Finn mehr sind als nur eine flüchtige Anziehung?

Finns Blicke, seine Worte, die so ruhig und doch so bedeutungsvoll sind, sind wie eine Tür, die ich bisher nur zaghaft geöffnet habe. Und jetzt, während ich mit Ace spazieren gehe, spüre ich, wie diese Tür weiter aufgeht.

Doch gleichzeitig ist da eine Angst. Die Angst vor dem Scheitern, vor dem, was passieren kann, wenn sie ihre Gefühle offen zeigen. Ich bin niemand, der Risiken eingeht und das Unbekannte scheint unüberwindbar.

„Ist das nur eine Phase?“, murmele ich zu mir selbst, „Oder täusche ich mich?“

Ace hebt den Kopf, als hätte er meine Gedanken gespürt und stupst mich sanft mit der Schnauze an. Ich lächele schwach und streichele ihn hinter den Ohren.

„Vielleicht ist es an der Zeit, den Mut zu finden“, sage ich leise.

Ace wedelt mit dem Schwanz und ich fühlte eine Welle der Zuversicht in mir aufsteigen. Langsam drehe ich mich um, schlage den Weg nach Hause ein, doch in meinem Kopf ist und bleibt noch immer diese Unsicherheit, die eine zweite Meinung braucht.
 

Zurück zu Hause sitze ich im Wohnzimmer, Ace auf dem Sofa neben mir, wo vorhin noch Finn gesessen hat und blicke leer auf das Glas Wein auf dem Tischchen.

Mein Verstand ruft nach Vorsicht, mein Herz aber drängt auf Offenheit und ich weiß, dass ich mich entscheiden muss. Aber ist zwischen Finn und mir wirklich Platz für mehr, oder ist es nur eine Illusion.

Mit einem Seufzer schließe ich die Augen und greife dann nach meinem Handy, zögere noch einen Moment, bevor er Richard anrufe. Ich brauche Rat, denn alleine komme ich nicht weiter.

Lange dauert es nicht, da höre ich schon die Stimme meines Freundes.

„Aiden, was gibt es so spät?“, fragt er und ich atmete tief durch.

„Ich … ich brauche deinen Rat, es geht um Finn“, meine ich und lege den Kopf an die Lehne.

„Oh“, meint er und klingt neugierig, aber vorsichtig, „Der Finn, von dem du eigentlich Abstand halten wolltest? Der Pfleger von dem du nicht mehr willst als seine Arbeitsleistung?“

Ich suche nach den richtigen Worten, aber weiß selbst nicht wie ich es formulieren soll.

„Genau der, er war hier bei mir. Wir haben auf dem Sofa gesessen, uns über die zukünftigen Arbeitsabläufe im Stall und bei Turnieren unterhalten und über private Dinge“, berichte ich kurz was gewesen ist, stocke dann bevor ich weiterspreche: „Es hat sich zwischen uns eine Art Spannung aufgebaut und ich befürchte, dass ich dabei bin mich ernsthaft zu verlieben.“

Stille am anderen Ende, nur das Atmen von Richard ist zu hören. Dass er so lange schweigt, macht mich noch unsicherer, als ich es sowieso schon bin.

„Das ist … doch was Gutes, Aiden“, meint er, aber ich höre seinen Zweifel in der Stimme.

„Ist es das wirklich?“, frage ich und zögere, „Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist. Ich meine, wir kennen uns kaum und ich frage mich, ob ich mich nur von der Vergangenheit und alten Gefühlen leiten lasse.“

„Versteh mich nicht falsch“, sagt Richard nachdenklich, „Gefühle sind schwer zu kontrollieren. Du musst die alte Sache endlich abhacken! Entweder das oder du lässt es bleiben.“

„Ich weiß“, bestätige ich ihn leise, „Ich will ehrlich zu Finn sein, aber gleichzeitig habe ich diese Blockade … diese Angst, dass ich etwas zerstöre.“

„Aiden, manchmal ist Mut gefragt“, spricht Richard mit einem aufmunternden Ton, „Wenn du ehrlich bist, hast du dich doch schon entschieden und willst von mir nur noch eine Bestätigung.“

„Ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu habe, ich will nicht riskieren, alles zu verlieren“, gestehe ich und nehme einen Schluck von dem Wein.

Habe ich mich wirklich schon entschieden?

„Manchmal ist es das Risiko es wert!“, meint Richard bestimmt, „Du wirst nie wissen, was hätte sein können, wenn du es nicht versuchst. Vertrau auf dein Herz, Aiden, nicht auf deinen Kopf.“

Ich denke über seine Worte nach, über das, was er angesprochen hat. Die alte Sache mit dem Mann, von dem ich mir auch mehr erhofft habe und für den ich mich gegen meinen Vater und seine Einstellungen aufgelehnt habe. Gegen die Konventionen der Oberschicht.

„Danke, Richard“, meine ich schließlich, „Du hast recht, es tut gut, mit dir darüber zu sprechen.“

„Immer gerne“, antwortet mein bester Freund, „Wenn du Hilfe brauchst, bin ich da.“

„Ich weiß. Gute Nacht, wir sehen uns morgen“, sage ich und lege den Hörer auf als auch er sich verabschiedet hat.

Mit einem Seufzer stehe ich auf, was mir Ace gleichtut, schiebe die Gedanken beiseite und beschließe, morgen einen klaren Kopf zu bewahren.

Streit im Stall

Die Sonne steht schon am Himmel, wirft ihre Strahlen warm durch die Fenster des Stalls und tauchte die Holzbalken in ein sanftes Licht. Ich bin damit beschäftigt, das Heu für die Pferde aufzufüllen. Diese ruhigen Morgenstunden, in denen die Welt noch etwas langsamer ist, mag ich am liebsten. Wenn ich in den Stall trete, umhüllt mich der vertraute Geruch nach frischem Heu und der Duft der Pferde. Es ist mein kleines Paradies, abseits des hektischen Lebens.

Gerade als ich das letzte Stück Heu in die Box eines Pferdes lege, höre ich die Schritte von Stiefeln hinter mir und drehe mich um.

Auf mich zukommt ein großer, athletischer, Mann mit einer selbstbewussten Haltung. Er trägt eine schicke Reitjacke und seine glänzenden Stiefel schimmern fast wie neu. Es ist Michael, der Dressurreiter, der in der Region bekannt ist, nicht nur für seine Fähigkeiten im Sattel, sondern auch für seine arrogante Art.

„Ah, der Pferdeflüsterer“, spricht Michael mit einem charmanten Lächeln, das in meinem Bauch ein flaues Gefühl hinterlässt, „Man erzählt sich, dass du hier mehr Zeit mit den Tieren verbringst als mit Menschen. Ist das nicht ein bisschen traurig?“

Ich bin überrumpelt, kenne Michael nur vom Hörensagen und frage mich, wie jemand so selbstbewusst und überheblich sein kann. Nun stand er vor mir und spricht mit mir.

„Ehrlich gesagt, ich bevorzuge das“, antworte ich und versuche, meine Stimme ruhig zu halten, „Pferde sind ehrlich, sie erwarten nichts und geben viel.“

Michael lächelt breit und kommt näher heran, sodass ich den süßlichen Duft seines Aftershaves wahrnehmen kann.

„Vielleicht solltest du es mal mit menschlicher Gesellschaft versuchen“, flüstert er als er mir nah ist, „Wir sind auch ganz unterhaltsam, besonders wenn man sich intensiv kennenlernt.“

Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden.

„Ich habe genug Gesellschaft“, murmele ich schnell, während ich mich hastig umwende, um einige Werkzeuge zu greifen, die ich eigentlich nicht wirklich benötige. Es ist eine dumme Ausrede, aber mir fällt gerade nichts Besseres ein.

„Komm schon, lass mich dich einladen, mal mit mir zu reiten“, sage Michael, während er sich locker an die Wand lehnt und mir so die Möglichkeit zum Ausweichen nimmt. „Einfach ein schöner Ausritt zu zweit … und vielleicht gehen wir danach was essen, wenn du magst. Ich könnte dir ein tolles Restaurant zeigen, das liegt ruhig und ungestört.“

Ich zögere, das Reiten bezieht sich nicht nur auf die Pferde, das ist mehr wie offensichtlich. Michael flirtet so offensichtlich und ungeniert mit mir das es mir unangenehm ist, er ist nicht nur ein talentierter Reiter, sondern auch ein Herzensbrecher.

„Ich arbeite hier, nicht um etwas mit jemanden anzufangen“, entgegne ich, obwohl ich eigentlich etwas mit Aiden anfangen möchte. Aber ein Teil von mir ist dennoch geschmeichelt, dass jemand wie Michael an mir interessiert ist.

„Das ist doch kein Problem, das stört hier niemanden“, meint er grinsend, „Du müsstest einfach über deinen Schatten springen, oder willst du die nächsten Monate nur mit Heu und Stroh zu tun haben?“

Michael lehnt sich weiter vor und ich kann die glühenden Augen des Dressurreiters kaum ignorieren, die mich herausforderten. Eine Stille breitet sich zwischen uns aus und ich fühle mich wie gefangen in einem Netz aus Verlegenheit und Anziehung.

„Ich glaube … ich werde darüber nachdenken“, sage ich schüchtern und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, was Michael triumphierend Lächeln lässt.

„Mach das, ich werde auf deine Antwort warten“, schnurrt er, wendet sich ab und geht zur Box eines seiner beiden Pferde.

Ich beobachtet ihn einen Moment lang, überwältigt von den was hier passiert ist. Kann es wirklich sein, dass dieser arrogante Dressurreiter Interesse an mir hat?
 

***
 

Ich lehne an der kühlen Wand des Stalls und beobachte wie Michael mit Finn redet. Dieser scheint die Flirtversuche des Angebers auch noch zu genießen während er mit dem Mistkerl redet. Finn spielt mit dem Feuer ohne zu merken, das dieser Mann ist Gift!

Michael hat eine Art, die Menschen in den Bann zu ziehen, der auch ich erlegen bin, als ich emotional am Boden war. Das aufgesetzte Lachen hallt durch den Stall, während er Finn umgarnt. Ich sehe sofort, dass Michael sich mehr für den Mann interessierte als für den professionellen Pfleger. Er spielt nur mit der naiven Art von Finn und nutzt ihn aus und das gefällt mir überhaupt nicht.

Ich stoße mich von der Wand ab und gehe die Stallgasse entlang.

„Michael“, sage ich und gehe auf beide zu, „Hör auf die Leute vom Arbeiten abzuhalten und kümmere dich um deine Sachen.“

Auch wenn ich Finn kaum kenne, so spüre ich diesen besonderen Funken, den wir teilen. Michael richtet sich auf und gibt so Finn wieder mehr Raum, welcher an die Boxenwand gelehnt steht und zu mir sieht.

„Aiden, lange nicht gesehen, alter Freund“, murmelt Michael mit deutlichem Unmut und versucht seine Stimme neutral zu halten.

„Ich bin nicht dein Freund!“, brumme ich und spüre, wie meine Eifersucht hochkocht.

„Man wird sich ja noch unterhalten dürfen, oder hast du etwas dagegen?“, fragt er mit spitzem Ton und betrachtet mich von oben bis unten.

Meine Gedanken wirbeln und ich sehe zu Finn, der wie ein scheues Reh hinter Michael steht. Warum reagiert er so?

Finn ist wundervoll und ich will nicht das er verletzt wird, doch je mehr Zeit er mit Michael verbringen wird, desto mehr wird genau das passieren. Was, wenn dieser Mistkerl Finn eines Tages für sich gewinnen kann?

Ein Windstoß lässt ein Fenster klappern und holt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe wieder zu Finn, der mich anblickt wie jemanden, der einem nicht gönnt und nicht vertraut. Es ist wie ein Stich, der mir ins Herz geht und ich sehe weg.

„Aiden, ich komme schon zurecht“, sagt Finn und ich schnaube nur.

Vielleicht ist das der Moment, in dem ich lernen muss, locker zu lassen, wie Richard gesagt hat. Aber der Gedanke, meinen Platz in Finns Herzen infrage zu stellen, bringt mich zur Verzweiflung. Ich muss abwarten und beobachten, Finn ist stark und schließlich weiß er, was Richtig und falsch ist.

Mit einem letzten Blick auf Michael und Finn wende ich mich ab, ich muss tief durchatmen und raus hier.

Ich muss mich auch auf das Wesentliche konzentrieren, die bevorstehenden Turniere und anderen Herausforderungen.
 

***
 

Die Abendsonne senkt sich langsam hinter den Stallgebäuden, als ich mit schnellen Schritten die Stallgasse entlanggehe. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, und mein Gesicht ist verzerrt vor Zorn. Das Bild von Michael, wie er mit einem selbstgefälligen Grinsen über den Hof stolziert und sich an Finn ranmacht, lässt mich nicht los.

Warum ist Finn so naiv auf das Flirten eingegangen?

Als ich schließlich Finn finde, ist er dabei einen Heuballen umschichten und gehe direkt auf ihn zu.

„Wieso hast du dich auf das ganze Spielchen eingelassen, Finn?“, knurre ich und sehe ihn finster an, „Michael nutzt dich nur zum Spaß macht! Er spielt mit dir!“

Finn wirbelte herum, seine Augen funkelten vor Ärger, als er mich ansieht und mir stockt der Atem.

„Halte dich da raus, Aiden!“, meint er, „Vielleicht ist es mehr als ein Spiel! Du bist eifersüchtig und das steht dir nicht!“

Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen, was meine Wut nur noch größer werden lässt.

„Eifersüchtig?“, ich schnaube abfällig, „Das hat nichts mit Eifersucht zu tun! Ich kenne Michael! Er hat es immer auf die Schwächeren abgesehen. Und du bist gerade genau in die Falle getappt!“

Finns Ausdruck verwandelt sich in einen schockierten Blick und ich erkenne, was ich da gesagt habe.

„Du hältst mich also für Schwach und naiv, weil ich mich mit ihm unterhalten habe?“, fragt Finn ruhig und sieht mich an. „Ich kann für mich selbst entscheiden, Aiden! Du musst mich nicht beschützen oder versuchen, meine Entscheidungen zu kontrollieren!“

Wir stehen uns gegenüber, unsere Stimmen wurden lauter, während der Streit eskaliert.

„Du denkst wirklich, du kannst ihm vertrauen?“, fahre ich ihn an, „Er wird dich ausnutzen und dann fallenlassen, wenn es ihm passt!“

„Was auch immer zwischen euch nicht stimmt, lass mich da raus! Ich weiß, was ich tue und wenn ich Spaß haben will, dann habe ich Spaß. Aber vielleicht bist du einfach zu blind, oder zu eifersüchtig, um zu sehen, dass ich kein Kind bin!“

Ich merke wie bei mir der, sprichwörtlich, Geduldsfaden reizt und der Zorn in mir hochkocht.

„Ich mache mir Sorgen um dich, verdammt!“, brülle ich und bin gleichzeitig froh, dass kein anderer mehr hier ist, der uns hören kann.

„Das musst du nicht!“, schreit Finn und seine Geduld ist am Ende, er dreht sich abrupt um, und geht, als würde er die Hitze des Streits abstreifen.

In diesem Moment fühle ich wie sich die Stallgasse enger anfühlt als je zuvor und ein Schweigen legt sich über die Szene.

Enttäuscht und verletzt sehe ich Finn nach, der ohne ein weiteres Wort geht. Die Tür zum Stall fällt mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss und ich blieb alleine in der Stallgasse zurück.

Ein Ausritt voller Emotionen

Seit dem Streit mit Aiden sind bereits ein paar Tage vergangen und Finn hat sich entschlossen, Michaels Angebot nach einem Ausritt anzunehmen. Der Himmel ist Blau und nur hier und da mit Wolken gemustert. Ich spüre den Wind im Gesicht, als ich neben Michael in den Sattel steige. Die beiden Pferde, ein Fuchs namens Jasper und ein Schimmel namens Orion, stehen brav und warten darauf, dass es losgeht.

„Bereit?“, fragt Michael, sein Lächeln breit und zuversichtlich.

„Kann losgehen“, meine ich und nicke.

Die beiden Pferde setzen sich in Bewegung und wir ritten in Richtung der Wälder, die die Randlinie der Grafschaft bildeten. Der Weg führt durch eine breite Allee, deren Bäume ein dichtes Blätterdach bilden. Sonnenstrahlen sickern durch das Grün und malen Muster auf das Fell der Pferde. Ich lausche dem Rascheln der Blätter und dem entfernten Ruf eines Vogels.

„Hast du eine bestimmte Route im Kopf?“, frage ich, halte die Zügel locker in der Hand.

„Ja, wir halten uns an den alten Pfad, dann quer durch das Netz der Feldwege zur Chesterton Lane“, erkläre Michael. „Es ist eine ruhige Strecke, perfekt um abzuschalten und zu reden.“

„Klingt idyllisch“, meine ich und sehe zu Michael, „Manchmal vergesse ich, wie schön es hier ist, wenn man einfach nur reitet. Ich schätze diese Momente, in denen man den Kopf frei hat. Es ist, als ob die Welt ein wenig langsamer läuft und man den Blick auf das Wesentliche richtet.“

Michael lächelt mich an und ich spüre das er wieder zu flirten beginnt.

„Genau“, meint er, „Und manchmal merkt man erst, wie viel man schon geschafft hat, wenn man eine Pause einlegt und sich auf das Hier und Jetzt konzentriert.“

Wir passieren eine Wiese, auf der Schafe grasen, Orion hebt den Kopf, schnuppert, bevor er mit einem leichten Schritt die Richtung änderte. Jasper folgt dem Schimmel in einem gleichmäßigen Schritt, als wollten beide Pferde sagen: Wir machen heute keine großen Sprünge, sondern genießen die Reise.

Nach einer Weile biegt der Weg in einen schattigen Waldabschnitt ein, das Licht bricht durch das Blätterdach und der Duft von feuchter Erde und Moos liegt in der Luft.

„Hast du eine Lieblingsstelle hier?“, frage ich, während wir entspannt weiterreiten und Michael überlegt einen Moment.

„Ich kenne ein schönes kleines Restaurant in der Nähe, dass ich mit dir besuchen will“, sagt er und ich muss schlucken.

„Klingt gut“, sagt ich dennoch, „Dann machen wir dort eine kleine Pause.“

Den Waldrand lassen wir hinter uns und reiten die Felder entlang, Jasper und Orion blähen die Nüstern, als würden sie die frische Luft genauso genießen, wie wir.

„Oder starten ein kleines Abenteuer?“, fragte Michael, während er Orion sanft den Hals streichelt. Er ist charmant, mit einem breiten Lächeln, welches mich dazu bringt, seine Gedanken zu hinterfragen und mein Herz schneller schlagen lässt.

„Ich hoffe, du meinst das Ausreiten“, erwidere ich daher mit einem Lächeln. Doch tief in mir weiß ich, was er meint und dass er zu Flirten beginnt.

Aber ich bin mir meinen Gefühlen für Aiden mehr als bewusst.

„Ach komm schon, ein bisschen Flirten schadet nicht, oder sind deine Gedanken bei jemand anderem?“,

„Wie … wie kommst du denn darauf?“, stottere ich doch mein Blick wandert unwillkürlich zu Michael, der mich mit einem herausfordernden Blick mustert.

„Aiden ist ein Langweiler!“, sagt Michael auf einmal überheblich, „Wir könnten ein tolles Paar sein, Finn. Lass es uns doch einfach probieren.“

Finn fühlte sich unwohl und mag es nicht wie er über Aiden spricht.

„Aiden … ist nicht langweilig, er ist anders“, meine ich und sehe auf meine Hände.

Michael seufzt tief, aber sein Blick blieb intensiv: „Du kennst mich nicht richtig, Finn. Ich kann derjenige sein, der dir all die Dinge schenkt, die du suchst. Lass uns einen Schritt weitergehen und sehen, wohin es führt.“

Er kommt näher zu mir geritten und ich spüre dieses Prickeln in der Luft

„Weißt du, ich habe das Gefühl, dass wir mehr miteinander teilen könnten, als nur das kleine Geplänkel hier“, sagt Michael mit einem herausfordernden Grinsen.

Ich fühle wie mein Herz einen Satz macht, doch ich will mich nicht von Michaels Charme beeindrucken lassen. „Ich weiß nicht, Michael, lass uns einfach die Zeit genießen, ohne uns in etwas Kompliziertes hineinziehen zu lassen.“

Michael senkt die Stimme, was die Spannung in der Luft noch verstärkt: „Kompliziert? Ich glaube nicht, dass es kompliziert werden muss, lass uns einfach Spaß haben.“

Meine Gedanken rasen und ich wende meinen Blick ab.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur Spaß will“, antworte ich und spüre, wie sich ein Schauer über meinen Rücken zieht als ich seinen Blick meide.

„Komm schon“, erwidert Michael sanft, seine Stimme noch verführerischer, „Es wird aufregend, du und ich, eine Flucht aus dem Alltag. Was hast du zu verlieren?“

„Ich möchte mich nicht auf so etwas einzulassen“, seufze ich und fühlte mich hin- und hergerissen, „Das liegt nicht an dir, sondern an mir.“

Michael hebt eine Augenbraue, sichtlich enttäuscht, aber er gibt nicht auf.

„Ich finde dich unglaublich anziehend, Finn“, sagt er, „Es fällt mir schwer, nicht zu versuchen, dich näher kennenzulernen.“

Michaels Offenheit, ist beeindruckend dennoch will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich dazu bereit bin, mich darauf einzulassen.

„Ich schätze deine Ehrlichkeit“, sage ich so ruhig wie möglich, „Aber ich will etwas Echtes und nicht nur Spaß.“

Ich weiß, dass ich in diesem Spiel eine Grenze ziehen muss und doch ist es aufregend.

Michael nickt, ein charmantes Lächeln auf seinen Lippen als er mir antwortet: „Das klingt fair, aber ich werde nicht aufhören es zu versuchen!“
 

Der Weg führt uns weiter, ohne dass wir das Gespräch fortsetzen, bis zu der Reihe alter Eichen. Vor uns taucht ein kleines, gut erhaltenes Restaurant mit weiß verputzten Wänden, dunklen Holzbalken und einem balkenverzierten Schild, das im Wind leicht knarrte: *The Green Gables* auf.

Ein Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot zieht an und vorbei, als wir die Pferde zum Stallbereich, am Rand des Restaurants führen.

Vor dem Restaurant stehen mehrere kleine Tische im Schatten blühender Rosensträucher. Ein Kellner kommt auf uns zu, lächelt höflich, während wir unsere Helme ausziehen.

„Wir nehmen die Ecke dort drüben, solange es frei ist“, sagt Michael und deutet auf eine Ecke die etwas uneinsichtig ist, was mich erneut etwas zögern lässt.

„Wie wäre es mit einem Kaffee? Ich lade dich ein. Vielleicht können wir über deine Bedenken reden?“, sagt Michael in einem Tonfall der war sanft ist und das Flirten unterstricht.

Es ist mir unangenehm, aber ich will die Situation nicht unangenehm werden lassen.

„In Ordnung, ein Kaffee klingt gut“, sage ich daher und setze mich mit ihm an den Tisch.

„Ich finde, wir müssen mehr Zeit miteinander verbringen. Warum nicht öfter ausreiten?“, schlägt Michael vor und lächelt.

„Aber ich hoffe, du verstehst, dass ich wirklich nur einen schönen Ausritt möchte“, stelle ich klar und sehe wie sein Lächeln breiter wird.

„Selbstverständlich“, antwortet Michael leise, „Aber ich gebe dennoch nicht auf. Ich sehe das Potenzial zwischen uns und hoffe, du wirst es eines Tages auch sehen.“

Ich sehe zu Seite weg, ich möchte am liebsten zurück, aber der Höflichkeit halber bleibe ich. Eine Weile ist es still zwischen uns, da jeder mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt ist, bis Michael seinen Kaffee zur Seite stellt und mich ansieht.

„Weißt du, Finn“, beginnt er, „manchmal frage ich mich, ob wir uns selbst zu sehr unter Druck setzen, die richtigen Antworten zu finden. Vielleicht geht es eher darum, gute Fragen zu stellen und ehrlich zuzugeben, was man fühlt.“

Was möchte er denn jetzt damit sagen? Die Aussage irritiert mich, daher nicke ich nur langsam.

„Bei der Arbeit, wie im Leben zählt das Zuhören, zuerst dem Gegenüber, dann sich selbst. Ich merke, ich vergesse manchmal, wie wichtig Pausen sind, um Klarheit zu gewinnen“, meine ich und nehme einen Schluck, hoffe das er mit dem Flirten aufhört und wir bald zurückreiten.

„Pausen sind keine Unterbrechungen“ sagt Michael mit einem Lächeln „Sie sind Brücken. Sie verbinden jetzige Momente mit den nächsten Schritten.“

Durchatmend lehne ich mich zurück und lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen. Wieso klingt er jetzt wie jemand, der nur gute Ratschläge machen will. Ist das ein Versuch Ruhe in die Situation zu bringen und mich in Sicherheit zu wiegen?

„Oder kleine Rituale“ fährt er fort, als ich nicht antworte, „Routinen, die uns daran erinnert, dass es okay ist, langsamer zu machen ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.“

Daher weht der Wind!

Er sagt durch die Blume, dass er mich weiterhin behacken wird, in der Hoffnung das ich doch nachgebe.

„Michael, ich denke für heute sollten wir dabei belassen, dass wir einen schönen Tag zusammen verbracht haben und offen miteinander waren“, sage ich und stelle die leere Tasse auf den Tisch.

„Auf viele weitere Pausen“, meint Michael darauf, „Gute Fragen und ehrliche Antworten.“

„Und auf Vertrauen“, füge ich hinzu, „Dass wir uns sagen, wenn etwas schwer ist, oder wenn es zu viel ist.“
 

***
 

Ich sitze vor dem Gebäude der Stallgasse in der Sitzecke, die letzten Sonnenstrahlen werfen lange Schatten, Ace neben mir auf den Polstern und sehe den anderen Reiter zu. Hier und da sind noch Pfleger dabei die letzten Arbeiten zu verrichten, da höre ich den klang von Hufeisen auf Steinboden.

Finn und Michael kommen von ihrem Ausritt zurück und automatisch verhärten sich meine Gesichtszüge. Ich schlage die Beine übereinander und verschränke die Arme vor der Brust. Beide unterhalten sich als sie zum Stapelplatz reiten um dort abzusteigen. Finn Lacht zwar mit ihm, aber ich meine zu sehen das er nicht ganz fein mit der Situation ist. Was auch immer passiert ist, etwas in Finn arbeitet und das gefällt mir nicht.

Ja verdammt, ich bin eifersüchtig!

Aber Michael ist einfach mein rotes Tuch und in mir brodelte es. Mein Herz ist schwer, voller widersprüchlicher Gefühle, während ich Ace streichelte. Gedanken und Erinnerungen an Michael gehen mir durch den Kopf. Dieser Typ, immer noch präsent und immer noch unerträglich, kurz gesagt: Ich kann ihn einfach nicht ausstehen.

Nicht nur, weil er mich damals betrogen hat, sondern weil er in meinen Augen ein manipulativer Blender ist, der nur auf seinen Vorteil aus ist. Seine Art, sich aufzuspielen, sein selbstgefälliges Grinsen, all das macht mich wütend, aber auch verletzlich und es erinnert mich immer wieder an meine Schwäche. Jede Erinnerung an ihn schürt eine Mischung aus Ärger und Enttäuschung.

Ich hasse es, wie er mich damals ausgenutzt hat, wie er mich klein gehalten hat, nur um selbst besser dazustehen. Seine Art, sich immer wieder in mein Leben zu drängen, lässt mich innerlich kochen.

Damals habe ich mir geschworen, dass ich mich nie wieder so behandeln und verletzen lasse. Ich bin stärker geworden und doch ist er wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben lässt. Das er so dreist gewesen ist sich nach all dem noch für den gleichen Stall zu entscheiden kommt noch on top. Er hat es mit purer Absicht getan um mich zu verletzen, um zu zeigen das sein Leben weitergeht wie immer.

Ich denke an Michael, an sein Lächeln, das mich damals so verzaubert hat und an die Enttäuschung, die ich gefühlt habe, als ich gemerkt habe, dass er nur auf sich selbst bedacht war. Seine Art, sich immer wieder in mein Leben zu drängen, macht mich wütend. Aber gleichzeitig spüre ich jetzt diese Unsicherheit, wenn ich an Finn denke. Ich will ihn beschützen, weil er wundervoll ist und doch so verletzlich wirkt. Seine Unsicherheiten, seine Sehnsucht nach Anerkennung, das alles liegt mir schwer auf dem Herzen. Ich will nicht, dass er sich von solchen Typen ausnutzen lässt, doch gleichzeitig weiß ich, dass ich ihn nicht kontrollieren kann.

Wieder geht mein Blick zum Stapelplatz wo Finn und Michael die Pferde putzen und für die Nacht fertig machen. Sie reden und lachen miteinander, Michael flirtet eindeutig doch Finn schüttelt jeden Versuch ab. Kann es sein das er nicht auf seine Masche reinfällt, oder wünsche ich mir nur das es so ist? Trotz allem weiß ich was ich tun werde.

Ich werde für Finn da sein, egal was passiert.

Ich will, dass er versteht, dass ich nur das Beste für ihn will, auch wenn meine Art manchmal hart wirkt. Ich will ihn nicht verlieren, nicht an Michael, nicht an irgendetwas anderes.

Der Streit mit Finn hat mich schwer getroffen, nicht nur die Worte, die gefallen sind, es ist als würde eine Kluft zwischen uns entstanden sein, eine Mauer aus verletzten Gefühlen. Ich will ihn, mit allen was dazugehört, auch wenn ich zu stur bin, um es zu zeigen, doch meine Angst, ihn zu verlieren, macht mich taub für Worte. Ich fühle mich hin- und hergerissen.

Einerseits will ich für ihn da sein, andererseits fürchte ich, dass ich ihn weiter wegtreibe.

In die Arme von diesem Mistkerl. Die Wut auf Michael, die Angst um Finn, die Liebe zu ihm, alles vermischt sich zu einem Sturm. Ich will ihn nicht verlieren, sondern ich möchte das er versteht, dass ich für ihn da sein will. Doch ich fühle mich machtlos, gefangen in meinen eigenen Gefühlen.

In diesem Moment spürte ich Ace an meiner Seite, er schnüffelt an meiner Hand, seine Wärme gibt mir einen Moment der Ruhe. Seine Gegenwart hilft mir, meine Gedanken zu sortieren, doch mein Herz ist schwer. Ich spüre die Zerrissenheit in mir, die Gefühle für Finn sind tief, doch sie sind auch von Zweifeln durchdrungen.

Gespräch im Stall

Seit gut einem Monat arbeite ich jetzt im Stall und komme gut zurecht, die Kollegen sind toll, aber auch die Reiter hier sind, mit ein paar Ausnahmen, sehr nett. Heute ist ein ruhiger Tag, und die Stallgeräusche, das Klappern der Bürsten, das Scharren der Hufe auf dem Boden, bilden die vertraute Melodie. Ich bin so in meine Arbeit vertieft, als ich das Gefühl bekomme, dass mich jemand beobachtet. Als ich mich umdrehe, sehe ich Aiden, der langsam auf mich zukommt. Aiden wirkt nachdenklich, seine Miene ernst, was mein Herz schwer werden lässt. Seit dem Streit wegen Michael haben wir nur das Nötigste besprochen, wenn es um die Arbeit ging, daher weiß ich, dass er nicht nur kommt, um Hallo zu sagen.

„Hey“, meint er mir den Händen in den Taschen, „Hast du kurz Zeit? Ich will mit dir reden.“

Ich lege die Bürste beiseite und betrachte Aiden, „Natürlich, was gibt’s?“

Aiden zögert, sucht nach den richtigen Worten. Dann sagte er: „Es geht um Michael.“

Mein Herz zieht sich unangenehm zusammen, da ich weiß, dass Aiden eine klare Meinung zu Michael hat, doch ich verstehe nicht wieso. Diese Art der Abneigung ist nicht nur Konkurrenz im Sattel.

„Ich will ehrlich zu dir sein“, meint Aiden, „Ich kann Michael nicht ausstehen. Und das hat nicht nur mit dir zu tun, es ist nur … ich sehe, wie er sich verhält und mache mir Sorgen um dich.“

Nachdenklich runzele ich die Stirn und lehne mich an die Wand der Box.

„Wieso? Was ist denn an ihm so schlimm?“, frage ich und sehe Aiden neutral an.

Dieser atmet tief durch bevor er zu sprechen beginnt: „Weil er manipulativ ist, er ist ein Blender, Finn. Er tut so, als wäre er dein Freund, aber er ist nur auf seinen Vorteil aus. Wir waren vor einiger Zeit ein Paar und er hat mich betrogen. Er hat mich belogen, mich ausgenutzt und ich weiß, dass er sich nicht geändert hat, dass er immer noch manipulativ und selbstsüchtig ist.“

Erschrocken sehe ich Aiden an, dem es sichtlich nahe geht, und blicke nachdenklich zu Boden. Das, was er mir hier erzählt ist so persönlich, das sagt man nicht einfach so.

„Ihr wart zusammen? Das wusste ich nicht“, antworte ich und kann nur verstehen, wieso er diese Abneigung hat. Aiden nickt langsam.

„Ja, eine Weile“, meint er, „Und ich habe gesehen, wie er sich verhält, auch gegenüber anderen. Er ist nicht der, für den er sich ausgibt. Und ich will nicht, dass du in seine Falle tappst. Du bist ein wunderbarer Mensch, Finn, du verdienst jemanden, der dich wirklich schätzt und nicht jemanden, der nur auf seinen Vorteil aus ist.“

„Ich finde es gut, dass du dir Sorgen machst“, sage ich leise und sehe Aiden in die Augen, „Aber ich kenne ihn nicht, daher will ich ihn Kennenlernen und mir mein eigenes Bild machen, aber ich erkenne, dass er manchmal schwierig ist. Wir müssen irgendwie miteinander auskommen.“

Aiden kommt einen Schritt näher und lehnt sich neben mir an die Wand, schüttelt dabei ein wenig den Kopf als er mich direkt ansieht.

„Ich sehe, wie er dich anmacht, wie er versucht, dich zu umgarnen und ich will nicht, dass du in seine Falle tappst. Du bist wundervoll und verdienst jemanden, der dich wirklich schätzt und nicht jemanden, der nur auf seinen Vorteil aus ist“, erklärt Aiden und seine Stimme wird weicher als er fortsetzt: „Ich möchte nur, dass du auf dich aufpasst und nicht verletzt wirst. Michael hat in der Vergangenheit Dinge getan, die nicht in Ordnung waren. Und ich habe Sorge, dass er versucht, dich zu manipulieren.“

„Ich verstehe deine Bedenken“, seufzte ich, „Ich bin alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, aber ich werde vorsichtig sein.“

Aiden nickt langsam und seine Augen suchen meinen Blick. „Ich wollte nur ehrlich sein und dass du weißt, dass ich für dich da bin. Ich sehe, wie er dich beeinflusst und will nicht, dass du verletzt wirst, egal, was passiert.“

Ich fühle, wie sich eine Mischung aus Dankbarkeit und innerer Unruhe in mir breit macht, da ich weiß, dass Aiden es nur gut meint, aber ich will meinen eigenen Weg gehen und eigene Entscheidungen treffen.

Gute wie Schlechte.

„Danke, Aiden“, sage ich leise. „Ich werde auf mich aufpassen und ich schätze es, dass du dir Sorgen machst.“

Wir schwiegen einen Moment, während die Pferde ruhig in ihren Ställen stehen, da klopft Aiden mir auf die Schulter.

„Egal was ist, ich bin ich da“, meint er mit einem Lächeln, „Komm, wir müssen Don und Gigi fertig machen.“

„Weiß ich doch“, antworte ich und sehe ihn an, „Dann lass und anfangen!“

Ich fühle mich erleichtert, aber auch nachdenklich. Aiden hat seine Bedenken offen ausgesprochen und ich weiß, dass mich die Warnung von Aiden noch lange begleiten wird.
 

Ich stehe noch eine Weile im Schatten der Box, die Worte von Aiden über Michael geistern durch meinen Kopf. Die manipulative und selbstsüchtige Art, den Betrug und die Ausnutzung, all das passt irgendwie zu dem, was ich selbst zum Teil erlebt habe. Die Momente, in denen er sich selbstsicher gibt, charmant und freundlich. Aber das scheint eine Maske zu sein.

Dass Aiden mit Michael eine Beziehung geführt hat, überrascht mich, hätte ich doch geglaubt das er immer schon so selbstsicher war, aber es erklärt auch seine distanzierte Art neuen Menschen gegenüber. Ich kann mir vorstellen, wie tief der Schmerz sein muss, den er durch den Betrug erlitten hat und das macht mich besonders nachdenklich.

Bin ich naiv, weil ich mich auf den ersten Eindruck verlassen habe?

Aber ich will und muss mir meine eigene Meinung bilden. Vielleicht ist es klug und vorsichtig zu sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich selbst herausfinde, was für ein Mensch Michael wirklich ist.

Ich schiebe die Gedanken beiseite und Blicke auf die Pferde, die ruhig in ihren Boxen stehen. Sie sind ehrlich, direkt und zeigen ihre Gefühle offen. Möglicherweise sollte ich das auch tun und auf mein Herz hören, aber auch auf meinen Verstand.

Ich trete zu Aiden in die Stallgasse, sein Blick liegt prüfend auf Don, dessen Mähne im gedämpften Licht schimmert. Er streicht ihm über den Hals, wirkt als führe er ein stummes Gespräch mit seinem Pferd. Ich bleibe gegenüber von ihm stehen, streife mir die wetterfeste Jacke ab, die noch Staub vom Misten trägt, was meinen Schlüsselband, an seinem Band klimpern lässt. Don hebt den Kopf, was mir auch Aidens Aufmerksamkeit einbringt und legt den Kopf dann wieder in eine entspannte Haltung.

„Womit sollen wir anfangen?“, frage ich als ich neben Aiden stehenbleibe.

„Wir beginnen mit der Kontrolle der Sättel und Zaumzeuge“, sag Aiden und sieht mich an. Nicht unfreundlich aber wieder mit dieser Distanz.

„Gut, dann lass uns anfangen“, erwidere ich und mit einem nicken machen wir uns auf dem Weg in die Sattelkammer. Die Sättel von Aiden hängen am Anfang der Sattelkammer und sind, wie alle anderen auch, mit den Namen der Pferde beschriftet. Gleich darunter hängen die Zaumzeuge. Aiden nimmt den Sattel von Don und legt ihn auf den Ständer in der Mitte der Kammer, deckt ihn ab und ich staune.

„Ein Sattel von *Prestige Italia*, wow, so einen habe ich noch nie gesehen“, sage ich und betrachte den sündhaft teuren Springsattel. Diese Marke ist eine der bekanntesten in der Szene und kosten zwischen 5.000 und 6.000 Euro. Auch das Zaumzeug ist von dieser Marke und liegt in etwas bei 1.000 Euro. Aiden nickt, mit einem Schmunzeln über meine Reaktion, und prüft die Gurtbänder des Sattels auf Beschädigungen.

„Es geht nicht nur um den Preis, ich komme am besten mit ihnen zu Recht und auch für Don und Gigi sind sie Bequem. Alle Sättel sind auf die drei angepasst, um sicherzugehen, dass der Rücken in Ordnung bleibt“, erklärt Aiden und packt den Sattel von Don in die Transporttasche. Dass Glaube ich ihm auch, aber selbst ein talentierter Reiter muss das nötige Geld besitzen um sich so eine Ausrüstung leisten zu können.

„Nimm den von Gigi, dann sind wir schneller fertig“, meint Aiden.

„Okay“, sage ich leise und mit einem ordentlichen Respekt hebe ich den Sattel der Stute von der Wandhalterung. So einen Sattel in Händen zu halten ist fantastisch.

Sorgsam prüfen Aiden und ich die gesamte Ausrüstung, packen die Putzkisten für die beiden zusammen und auch die Pferdedecken packen ein.

Der Transport-LKW steht bereits vor der Stallgasse. Das große Gefährt glänzt im Licht der Stalllaternen, seine Tür offen, als wolle es uns einladen mit dem beladen zu beginnen.

Sorgsam bringen wir das Material in dem dafür vorgesehenen Laderaum unter.

„Geh bitte das Futter für die drei Tage fertig machen, ich kümmere mich um die Einstreu und die Ladungssicherung im LKW“, sagt Aiden als er die Tür zum Equipment Raum des Fahrzeuges schließt und einen Schritt zurücktritt, um alles zu betrachten.

„Geht klar“, nicke ich und mache mich auf den Weg in die Futterkammer um alles fertig zu machen. Ich habe bereits eine Liste vorbereitet, um sicherzustellen, dass sie alles haben, was sie brauchen. Mit schnellem Schritt gehe ich zur Lagerrampe, wo die Säcke mit Hafer, Müsli und anderen Leckereien sorgfältig gestapelt sind und beginne die nötigen Mengen abzuwiegen. Mit geübten Händen und einem großen Eimer fülle ich das Futter um. Ich schaufle die Körner in die bereitstehenden Beutel, beschrifte sie sorgfältig mit den Namen der Pferde und dem Datum. Nachdem das Futter für die ersten beiden Tage vorbereitet ist, wende ich mich dem Futter für den dritten Tag zu. Dieses muss so abgestimmt sein, damit beide wieder zu Kräften kommen können nach dem Turnier.

Nach dem Verpacken des Futters widme ich mich den Eimern, welche ich kontrolliere damit alle nötigen Behälter sauber und bereit sind.

Alles alle Vorbereitungen abgeschlossen sind mache ich einen Schritt zurück, um meine Arbeit zu begutachten. Sechs Tüten mit Futter stehen ordentlich nebeneinander und die Eimer stehen gestapelt bereit.

„Jetzt kann nichts mehr schiefgehen“, sage ich zufrieden zu sich selbst und mache mich auf den Weg zu Aiden. Diesen finde ich am LKW wie er dabei ist eine Liste abzuhaken.

„Das Futter ist fertig und kann verladen werden“, sage ich mit einer Spur von Zufriedenheit in der Stimme, als ich neben ihn trete.

„Sehr gut, dann kann das Hektor nachher mir dem Trecker machen“, meint er und hackt den Posten Futter auf seiner Liste ab. Ich werfe einen Blick auf die Liste und bin überrascht wie genau diese ist.
 

„Das sieht aufwendig aus“, meine ich und erhalten ein Nicken von Aiden.

„Allerdings, aber ich bin auch speziell, was das angeht“, gesteht er und hält mir die Liste hin, „Den Zeitplan für die Route und die Pausen liegen bereits vorne. Ich möchte so früh wie möglich los, um nicht im Verkehr stecken zu bleiben.“

„Klar, um Stress zu vermeiden“, erwidere ich „Der letzte Check von Don und Gigi sowie der Ausrüstung sollte nicht hastig durchgeführt werden.“

Zwar ist es das erste Turnier wo ich aktiv als Pfleger dabei bin, allerdings kenne ich die Abläufe von meinem alten Stall.

„Ich möchte spätestens um acht Uhr vom Hof sein“, meint Aiden und sieht mich an, „Beide Pferde müssen rechtzeitig fertig gemacht werden, um entspannt verladen werden zu können.“

Das bedeutet, dass ich so gegen halb sieben hier bin und beginne die beiden zu putzen. Ich schaue auf die Liste, wo die Packliste für die Pferde komplett abgehackt ist.
 

**Sattel und Zaumzeug**: check

**Schutzdecken**: check

**Futter und Eimer**: check

**Putzkisten**: check

**Lederpflege**: check
 

Darunter steht noch eine Liste die Aiden persönlich betrifft. Alles, was er für das Turnier braucht, ist aufgelistet aber noch nicht abgehackt. Seine Reitkleidung wird er sicher morgen früh mitbringen ebenso alle Unterlagen die für das Turnier benötigt werden.

Also Anmeldung, Papiere der Pferde und den Gesundheitsnachweis von ihm selbst wie von Don und Gigi.

„Die Vorbereitung auf ein Springturnier mit zwei Pferden erfordert eine sorgfältige Planung und Organisation“, erklärt Aiden seinen Ablaufplan, „Mit der richtigen Packliste, einem strikten Zeitplan und einem kühlen Kopf kann die Fahrt zum Turnier zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.“

Er faltet die Liste ordentlich zusammen und steckt sie in die Gesäßtasche seiner Hose. Automatisch folge ich der Bewegung und bleibe für einen Moment an dem Anblick hängen.

Verdammt, Aiden hat wirklich einen tollen Hintern.

„Haben wir Notfallmedikamente für die beiden?“, frage ich und sehe Aiden bewusst in die Augen. Hoffentlich hat er nicht gemerkt, dass ich ihn angestarrt haben.

„Ja, unser Hoftierarzt hat eine Box zusammengestellt, mit allen zugelassen Medikamenten. Diese ist schon mit den Putzkisten verladen“, erklärt Aiden und betrachtet mich als hätte er mitbekommen, dass ich geschaut habe.

„Gut“, murmle ich und spüre die Röte in meine Wangen steigen, „Ich besorge uns noch Snacks und Getränke für die Fahrt.“

„Dann haben wir alles“, meint Aiden, „Lass uns für heute Schluss machen. Morgen geht es früh los. Komm gut nach Hause und ruhe dich aus.“

Damit wendet er sich zum Gehen und verlässt den Platz in Richtung seines Wagens.

„Gute Nacht“, sage ich und schaue ihm noch eine Weile nach.

Die nächsten Tage werden sehr aufregend werden, nicht nur wegen des Turnieres, sondern auch unseretwegen. Mal sehen, wie das mit uns funktioniert.

Erstes Turnier

Es ich noch früh am Morgen, als der Himmel sich langsam in sanfte Pastelltöne färbt und die Sonnen über dem Horizont aufgeht. Die Luft ist frisch und kühl, ein vielversprechender Beginn für einen aufregenden Turniertag.

Ich bin bereits im Stall, voller Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis. Ich habe mich früh aus dem Bett geschält, um sicherzustellen, dass alles bereit ist. Die Flügeltüren des Stalls stehen offen und die angenehme ruhige Geräuschkulisse der schnaubenden und wiehernden Pferde erfüllt die Luft.

„Guten Morgen, Finn“, sagt Aiden, als er seinem Kleidersack unter dem Arm angekommen, der bei jedem Schritt sanft an seinen Seiten schlug, auf mich zukommt. Aiden trägt eine abgetragene Jeans und eine grüne Wachsjacke, die ihn warmhielt, während er die letzten Meter zum Stall zurücklegt. Sein Lächeln zeugt von purer Vorfreude.

„Morgen, Aiden, ich habe Don und Gigi schon fertig vorbereitet, beide können verladen werden“, antworte ich und sehe zu wie Aiden seinen Kleidersack in dem Laderaum des LKW bei den Sätteln verstaut.

„Sehr gut, Finn. Dann können wir mit dem Verladen beginnen“, meint Aiden und blickt zum LKW, „Ich will pünktlich aufbrechen.“

Gemeinsam gehen wir zu den Boxen und mit bedacht und einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein normaler Tag, verladen wir zuerst Don in den LKW.

Aiden führt seinen Hengst mit ruhiger Hand, während ich ihm mit Gigi folge.

„Gut gemacht, Don“, meint Aiden, als das Pferd sicher im Transporter steht.

Nachdem auch Gigi vorsichtig in den LKW gebracht worden ist, schließen wir den LKW und atmen durch.

„Jetzt kann es losgehen!“, sagt Aiden euphorisch, während er in den Fahrerbereich des Trucks steigt. Ich nehme neben ihm Platz, wir sind schon jetzt ein eingespieltes Team, obwohl es das erste Turnier ist auf wir fahren. Aber es fühlt sich an, als hätten wir nie was anderes gemacht. Die Vorfreude auf das Turnier lässt meine Müdigkeit der frühen Stunde schnell in den Hintergrund rücken. Die Fahrt über unterhalten wir uns, Aiden erzählt einige Anekdoten über vergangene Turniere, und ich von meiner vorherigen Arbeitsstelle.
 

***
 

Durch das frühe Losfahren und wenig Verkehr erreichen wir das Turniergelänge kurz vor Mittag. Aiden lenkt den LKW sicher auf das Gelände und nun warten wir darauf, dass wir zu den Gebäuden mit den Stallgassen fahren können. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, meine Hände nervös auf den Oberschenkeln gefaltet, während ich mich umsehe. Die bunten Zelte der Stände und die Menschen, die geschäftig umhereilen eilten, vermittelte ein Gefühl der Aufregung. Wir bekommen das Okay zur Einfahrt und der LKW setzt sich in Bewegung.

„Nicht nervös sein, Finn. Das wird großartig“, sagt Aiden mit einem selbstsicheren Lächeln, während er das Fahrzeug auf einen der Parkplätze lenkt.

„Ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich im Wettbewerb stehen“, setzt Aiden fort und ich spüre seine positive Anspannung, kann aber nur nicken. Ich habe das Gefühl, dass die ganze Atmosphäre mich mehr überwältigte als anspornte.

„Ich versuche es“, antwortet ich, während mein Blick über das Gelände schweift.

Nachdem sie den LKW geparkt und ausgestiegen sind, führt uns der erste Weg zur Anmeldung. Aiden ist ein erfahrener Reiter, der sich mit den Abläufen entsprechen auskennt. Die Pferde dürfen den LKW erst verlassen, wenn sie und wir angemeldet sind.

„Ich würde gern bei den beiden bleiben, wenn das kein Problem ist“, meine ich und sehe zu Aiden, der mir mit einem nicken antwortet und in den Registrierungsbereich geht.
 

***
 

Die Anmeldung ist, wie immer, übersichtlich gestaltet. Ein langer Tisch mit einem großen Banner darüber, auf dem die Regeln stehen und mehrere Stühle, auf denen wartende Reiter und Pfleger Platz genommen haben. Da ich schon am Tag vorher die Registrierung vorgenommen habe, trete ich an die Theke und lächele den Mann freundlich an.

„Guten Morgen, Courtenay, Aiden!“, begrüße ich und fahre fort: „Pferde Camerlengo und Gloriana. Pfleger Amberfenn, Finn. Die Registrierungsnummer lautet 248.“

„Einen Moment bitte, Mister Courtenay, ich schaue nach“, bekomme ich Antwort und sehe mich um. Es sind bisher keine Reiter hier, die mir bekannt sind, auch die wartenden sind mir unbekannt.

„Mister Courtenay sind haben die Boxen 311 und 312. Gebäude Oskar, zweiter Gang linke Seite“, spricht mich der Mann an und übergibt mir die Pässe für die nächsten Tage.

„Danke und einen schönen Tag noch“, verabschiede ich mich um zu Finn an den LKW zurückzukehren. Als ich zurück bin, sehe ich Finn, der die Gelegenheit genutzt hat, sich um Don und Gigi zu kümmern.

Die Tür an der Seite des LKW steht offen, Don, schnaubt vernehmlich und streckt seinen Hals, um die frische Luft zu schnuppern. Gigi, scharrt ungeduldig mit den Hufen.

„Ganz ruhig, ihr beiden“, murmelt Finn beruhigend.

„Mache den LKW zu, wir können zu den Boxen“, meine ich und lächle Finn an.

„Okay“, antwortet er nur und schließt die Tür schnell. Kurz darauf öffnet sich die Beifahrertür und Finn sitzt neben mir.

Ich bin jetzt zum dritten Mal auf diesem Gelände, daher finde ich den Weg schnell und ohne große Probleme. Es sind noch keine anderen Transporter oder LKW vor dem Gebäude, was das Ausladen einfacher macht.

„Ich habe dich als Pfleger registriert“, meine ich zu Finn als wir Aussteigen, „Wir können die Pferde hier unterbringen. Boxen 311 und 312.“

Finn wirkt sichtlich erleichtert, jetzt eine Aufgabe, etwas Greifbares, zu haben, auf das er sich konzentrieren kann.

Gemeinsam führen wir Don und Gigi in die vorgesehenen Boxen, die frisch eingestreut sind und angenehm nach Heu duften.

Wir bereiten das Futter sowie das Wasser für die beiden zu und ermöglichen ihnen so zur Ruhe zu kommen. Es dauert nicht lange bis wir alles an dem vorgesehenen Platz untergebracht haben. Finn fühlt sich zusehends wohler und beginnt sich auf die Wettbewerbsatmosphäre einzulassen, während er die Pferde in den anderen Boxen beobachtet, die friedlich in ihren Boxen stehen.
 

Ich trete neben Finn und lege ihm meine Hand auf seine Schulter.

„Kommt ich zeige dir das Gelände“, meine ich und sehe ihn an. Seine Unruhe ist noch immer nicht zu übersehen.

„Gern“, sagt Finn, während er seine Nervosität ablegt. Jetzt, da alle Aufgaben erledigt sind, machen wir uns auf den Weg zur Arena und die Aufregung des bevorstehenden Wettbewerbs erfüllt die Luft.

Bereits aus der Ferne kann man die geschäftige Atmosphäre des bevorstehenden Turniers spüren. Menschen sind beschäftigt, Zelte aufzubauen, Hindernisse zu platzieren und das Gelände für die bevorstehenden Wettbewerbe vorzubereiten.

„Schau dir das an, Finn!“, meine ich begeistert, als wir das Areal erreichten. „Ich habe gehört, dass sie dieses Jahr einige neue Herausforderungen für die Teilnehmer haben.“

Finn nickt und beobachtet, wie ein Holzgerüst für ein Hindernis aufgestellt wird.

„Das sieht schon ziemlich beeindruckend aus“, antwortet er.

Gemeinsam schlendern wir über den Platz und lassen die Blicke über die verschiedenen Hindernisse schweifen. Überall sind andere Teilnehmer, die sich auf das Turnier vorbereiten, während andere noch mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt sind.

Ich höre das Rauschen der Stimmen, das über das ganze Gelände hinweg schwebt, gemischt mit dem Klang von Werkzeugen, die auf Metall und Holz treffen.

Plötzlich entdecke ich einen alten Bekannten, Lucas, den ich schon seit vielen Jahren kenne. Er kommt mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf Finn und mich zu.

„Hey, Aiden! Bereitest du dich schon auf die großen Sprünge vor?“, ruft Lukas und ich lächle.

„Hallo Lucas“, meine ich in meiner üblichen distanzierten Art, die mein Markenzeichen auf Turnieren ist.

Der unnahbare Aiden Courtenay!

„Ich gebe immer mein Bestes und eine gute Vorbereitung ist ausschlaggebend. Diese neuen Hindernisse sehen wirklich herausfordernd aus, hast du dir schon die Pläne gesehen?“

„Noch nicht, aber ich bin gespannt darauf!“, meint Lucas und schüttelt den Kopf.

Während Lukas und ich uns austauschen, steht Finn einen Moment lang bei uns, dann nutzt er die Gelegenheit, um sich selbst umzusehen.
 

***
 

In der Nähe bemerke ich eine Gruppe von Aufbauern, die eifrig an einem besonders großen Hindernis arbeiteten. Neugierig nähere ich mich ohne im Weg zu sehen und lauschte ihrem Gespräch. Da Aiden beschäftigt wirkt, wird es wohl nicht stören und weit weg bin ich ja nicht.

„Wenn wir das hier richtig sichern, wird es ein großartiges Element im Wettbewerb“, sagt ein Mädchen mit geflochtenem Haar, während sie mit einem Seil kämpft. Ein junger Mann neben ihr nickt zustimmend und fügt hinzu: „Ja, wenn der Wind kommt, könnte es sonst umfallen. Sicherheit zuerst!“

Ich kann nicht anders, als ihnen beizupflichten, der Teamgeist und die Leidenschaft, die in der Luft liegen sind, echt ansteckend.

Aiden hat zwischenzeitlich seine Unterhaltung mit Lucas beendet und kommt zurück zu mir. „Was hältst du von der Atmosphäre hier?“, fragt mich Aiden und ich grinse.

„Es ist eine tolle und besondere Energie, alle sind so engagiert. Ich könnte den ganzen Tag hier stehen und zuschauen!“, bestätige ich und meine Nervosität ist dahin.

Aiden blickt über das Gelände und bemerkt einige andere Teilnehmer, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und Strategien diskutieren. Einige von ihnen schienen nervös zu sein, während andere entspannt und gelassen wirken.

Es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich jeder mit dem bevorstehenden Druck umgeht.

„Aiden, schön dich zu sehen, wie geht’s?“, ruft eine junge Frau die Aiden kurz in den Arm nimmt, „Du bist genau rechtzeitig gekommen! Ich habe gehört, dass der Wettkampf in diesem Jahr härter werden soll. Bist du bereit?“

„Hallo Clara“, begrüßt er sie und erwidert die kurze Umarmung, „Man kann nie wirklich vorbereitet sein. Wie läuft dein Training?“

„Es läuft gut, danke! Ich habe an meiner Technik gearbeitet, um schneller durch die Hindernisse zu kommen. Aber ich mache mir Sorgen über die neuen Herausforderungen“, erzählt Sie und Aiden hört aufmerksam zu, während Clara von ihren Trainingsmethoden erzählt. Es ist inspirierend zu sehen, wie viel Mühe jeder in seine Vorbereitung steckt.

„Lass uns zum Hotel gehen, morgen geht es zeitig los“, meint Aiden nachdem sich Clara verabschiedet hat und er sich mir zuwendet. „Mal sehen wie die Zimmer diese mal sind. Bisher konnte ich mich nicht beschweren.“

Ich stimme Aiden zu und gemeinsam gehen wir in Richtung Ausgang des Geländes.
 

Das Hotel ist direkt gegenüber gelegen und für jeden Teilnehmer und Pfleger wurde dort reserviert.

„Das sieht nach einem richtigen noblen Hotel aus“, bemerke ich, während wir die Stufen zur Rezeption hinaufgehen. Als sie in die Lobby treten, kommt uns der Geruch von frisch gebrühten Kaffees und dem leisen Murmeln anderer Gäste empfangen. Polierte Möbel und ein eleganter Kronleuchter, der das Licht sanft streut, verliehen dem Raum eine warme Atmosphäre. Eine freundliche Frau an der Rezeption lächelt uns entgegen.

„Willkommen im Grand Hotel! Wie kann ich Ihnen helfen?“

„Courtenay und Amberfenn, wir sind für das Turnier angemeldet“, stellt Aiden sich vor und reicht der Rezeptionistin seinen Ausweis.

Die Rezeptionistin tippt auf der Tastatur und schaut dann auf. „Ich habe hier Ihre Buchung gefunden. Sie sind im Doppelzimmer 207 eingetragen.“

„Doppelzimmer?“, wiederhole ich skeptisch und werfe Aiden einen Seitenblick zu.

Aiden seufzt und wendet sich an die Rezeptionistin: „Entschuldigen Sie, aber können wir auf zwei Einzelzimmer umbuchen?“

Die Rezeptionistin lächelt und blättert durch ihre Unterlagen.

„Leider ist das Hotel komplett ausgebucht, insbesondere für die Teilnehmer des Turniers. Ich kann Ihnen nur dieses Doppelzimmer anbieten“, meint sie freundlich.

„Das ist nicht ideal“, murmelt Aiden und verdreht die Augen. „Wer genau hat bei der Buchung geschlampt?“

Aiden versucht, seine Frustration zu unterdrücken. „Könnte es irgendetwas geben, das Sie für uns tun können? Vielleicht ein Upgrade oder eine Warteliste für ein Einzelzimmer?“, fragt er mit wenig Hoffnung in der Stimme.

„Es tut mir leid, ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ich sehe keine Möglichkeit, das Zimmer zu wechseln. Möchten Sie Ihr Zimmer akzeptieren?“, fragt die Dame und sieht uns beide an. Aiden sieht aus, als ob er eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera treffen müsste, was ich schon schade finde. So schlecht ist die Vorstellung eigentlich gar nicht.

„Wir haben keine Wahl, oder?“, frage ich neutral.

„Offensichtlich nicht“, antwortet Aiden, während er den Schlüssel für das Doppelzimmer entgegennimmt.
 

Im Aufzug drückt Aiden auf die Taste für den zweiten Stock als er mich ansieht: „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Wir werden das Bestes aus dem Zimmer machen.“

„Stimmt schon, mal sehen, wie es aussieht“, sage ich und lächle Aiden an.

Als wir vor unserer Unterkunft stehen, öffnet Aiden die Tür und betritt den Raum zuerst. Ich folge und sehe mich um.

Es ist geschmackvoll eingerichtet, mit zwei getrennten Betten, die durch einen Nachttisch getrennt sind. Die Wände sind in warmen Farben gestrichen und ein großes Fenster lässt viel Tageslicht herein.

„Sieht doch ganz gemütlich aus“, sagt Aiden, der versucht, die Situation positiv zu betrachten. Ich bin jedoch weniger begeistert.

„Lass uns einfach das Beste daraus machen“, schlägt Aiden vor und legt seine Tasche vor einem der Betten ab. Ich lasse mich auf das andere Bett fallen und stöhne.

„Ich hoffe nur, dass wir beide zur Ruhe kommen können. Die Situation ist schon komisch“, gebe ich von mir, während Aiden sich auf dem anderen Bett niederlässt.

Es werden Nächte voller Herausforderungen werden, nach der Sache mit Michael sind wir beide nie wieder in einer ähnlichen Situation gewesen. Die Erinnerung an den Besuch bei Aiden kommt wieder hoch, ebenso die Hoffnung ihm erneut nah kommen zu können. Wir beginnen unsere Taschen auszupacken und alles für die nächsten Tage zu verstauen, als Aiden irgendwann neben mir steht.

„Komm schon, lass uns zum Abendessen gehen und den Tag abschließen“, meint er und betrachtet mich. Es scheint ihn inzwischen nicht mehr wirklich zu stören, dass wir uns das Zimmer teilen. Gefällt es ihn eventuell sogar?

„Ja, lass und essen gehen“, stimme ich zu und schnappe mir die Schlüsselkarte. Wir werden beide das Beste aus der Situation machen und obwohl die Umstände nicht ideal sind, bin ich mir sicher, dass wir das gemeinsam hinbekommen.

Turniertag

Frühmorgens komme ich in die Stallgasse, die Luft ist noch kühl und klar. Mein Blick bleibt an Don hängen, der in seiner Box entspannt und ruhig steht. Der Stallkomplex ist noch halb im Dunkeln, nur die vereinzelt bereitstehenden Utensilien zeugen davon, dass heute ein Turniertag ansteht. Aiden und die anderen Reiter werden erst später dazukommen, aktuell sind wir Pfleger unter uns. Die Boxen stehen eng aneinander, doch die Vorbereitungen laufen nach einem immer gleichen Ablauf.

Ich öffne die Boxentür einen Spaltbreit, sodass Don den Kopf hebt und seine Ohren sich neugierig nach vorne richten. Sanft streiche ich über das glatte Fell des Halses, fühle die Muskulatur unter der Haut, die sich bewegt.

„Guten Morgen, Don“, sage ich ruhig zu ihm, welcher mit einem schnauben zu antworten scheint. Der Hengst wirkt entspannt, was auf eine unauffällige Nacht schließen lässt.

Ich lege ihm Trense und Strick an, führe ihn aus der Box, damit ich dieses Misten kann.

In der Stallgasse stehen schon einige anderen Pferde angebunden. Der Stallgeruch mischt sich mit dem Duft von Seife und Metall, ein Geruch, der mir sagt: Wir machen das heute gut.

Ich höre das entfernte Rufen des Stallmeisters, sehe, wie andere Pfleger ähnliche Rituale vollziehen. Es ist, als würden sich alle kleineren Aufgaben zu einem großen Ganzen fügen, das den Tag vorantreibt.

Als ich mit dem misten fertig bin, lege ich Sattel und Zaumzeug bereit bevor ich nach dem Putzkasten greife, wo Striegel, Bürsten und der Hufkratzer bereitliegen. Ich nehme den Striegel und beginne Don abzuziehen, die Borsten gleiten über das Fell, lösen Staub und Dreck.

Don folgt der Bewegung meiner Hand und hebt die Hufe, damit ich diese auskratzen und prüfen kann. Ein paar gezielte Bewegungen, einige wenige Tropfen Öl am Beschlag und die Hufe glänzen.

In der Nähe öffnet sich eine Tür, Don lauscht, doch es bleibt nur ein Hintergrundgeräusch. Der Hengst bleibt ruhig, die Augen gelassen, als würde er wissen, worauf es heute ankommt.

Ich höre Schritte, die auf uns zukommen und drehe mich um, es ist Aiden der mit seiner dunkelgrünen Reitjacke über dem Arm zu uns kommt. Sein weißes Hemd und die Reithose leuchten beinah im Kontrast zu dem geputzten schwarzen Stiefel.

„Guten Morgen, Finn. Wie sieht es aus?“, fragt Aiden als er neben mir stehenbleibt. Er wirft einen Blick auf Don, streicht ihm über den Kopf, als er ihn anspricht: „Morgen, Don, bereit zu glänzen?“

„Guten Morgen, alles in bester Ordnung. Nur noch satteln und ihr zwei könnt zum Aufwärmen auf den Abreitplatz“, berichte ich, während ich den Sattel vorbereitet und die Schutzdecke abnehme.

„Sehr gut, dann kann es losgehen“, meint Aiden und ich hebe den Sattel vom Halter. Die Steigbügel klackern als ich diesen mitsamt der Satteldecke auf den Rücken des Pferdes lege. Ich ziehe den Gurt behutsam fest, nicht zu eng, damit Don frei atmen kann. Dieser tritt einen Schritt nach vorne, die Augen fokussieren das Zaumzeug welches ich dem Hengst überziehe und justiere.

 

***

 

°Im Einritt erscheint der nächste Teilnehmer, Aiden Courtenay mit Camerlengo, einem erst achtjährigen Hannoveraner Hengst. Courtenay, auch der unnahbare genannt, ist ein erfahrener Reiter, der bereits einige Siege verbuchen kann°, erklingt die Stimme des Stadionsprechers.

 

Aiden nimmt die Zügel auf, streicht über den Hals von Camerlengo, was diesen den Kopf heben und spitzt die Ohren lässt, als wisse er, dass es jetzt darauf ankommt alles zu geben.

Er legt die Außenhand an, gibt mit feinen Gesten das Kommando und Camerlengo setzt sich in Bewegung. Der Galopp ist ruhig und kontrolliert, sie wirken wie zwei Tänzer, die sich über eine Bühne bewegen. Finn steht in der Crew-Box neben dem Einritt, immer den Blick auf das Paar auf dem Platz. Sie warten auf die Freigabe und das Läuten der Glocke, umrunden dabei einige der Sprünge.

 

°Da erklingt die Glocke und Courtenay geht es an, mal sehen wie Sie in den Parcours starten werden. Sprung eins ist ein schmaler Steil-Sprung mit einer Höhe von 1,70 m. Der Hengst bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit, als wisse er, dass es jetzt zählt. °

 

Aiden greift die Zügel fester, macht die Beine zu und setzt zum Sprung an. Der Sprung kommt und elegant springt Don ab, geht sauber über das Holz und galoppiert locker nach der Landung weiter. Die Kamera bleibt dran, filmt die Reaktion, das kurz aufblitzende Lächeln von Aiden, bevor wieder Konzentration in den Blick tritt. Finn nickt zufrieden, das Handy in den Händen, um alles zu erfassen, damit Sie beide es hinterher analysieren können. Camerlengo wirkt ebenso fokussiert wie Aiden selbst.

 

°Das zweite Hindernis, ein breiter Oxer, kommt schnell, aber die Distanz sitzt, Camerlengo landet weich. Courtenay korrigiert mit feinen Hilfen und der Hengst reagiert präzise. Die Handbewegungen, kaum sichtbar, zeigen die feine Abstimmung, die dieses Paar hat. Die nächste Kombination aus Steil-Sprung und Oxer nehmen Courtenay und Camerlengo ruhig, mit zwei Galoppsprüngen, wie aus dem Lehrbuch. Weiter geht es auf geschwungener Linie hin zu Sprung fünf. Der großen Trippelbarre, ein dreistufiger Hoch-Weitsprung, mit 1,80 m Höhe und 3,00 m Weite. °
 

Das größte Hindernis erfordert eine Kombination, die Tempo und Weite verlangt, ebenso Präzision. Camerlengo wird schneller, als Aiden den Galoppsprung verlängert, die Muskeln arbeiten und Aiden sitzt tiefer im Sattel, die Knie eng.
 

°Die Distanz sitzt, das sieht gut aus, was Courtenay da macht. Der Sprung kommt, der Hengst hebt ab, eine saubere Flugbahn, die mit einem Fehlerfreien passieren belohnt wird! °
 

Aiden blickt über die Schulter zurück, eine kleine Korrektur mit der Hand, Camerlengo atmet hörbar, die Ohren richten sich nach vorne, als wüssten sie, dass gleich der nächste Impuls kommt.
 

°Der Rhythmus ist gut und die beiden nehmen Sprung sechs ins Visier. Courtenay bleibt ruhig, arbeitet mit der Hüfte, der Oberkörper hingegen bleibt gelassen, sein Blick ist fokussiert. Camerlengo springt über den Steil-Sprung als wäre der nur halb so groß. Eine Selbstverständlichkeit für diesen stattlichen Hannoveraner-Rappen. °
 

Der Parcours zieht eine lange Linie zu Sprung sieben und mit einer kleinen Wende, die Präzision verlangt, bringt Aiden Don zum Hindernis. Camerlengo reagiert und Aiden passt die Balance an. Auch dieser Sprung gelingt und die Zuschauer klatschen, wissen Sie doch das hier der nächste fehlerfreie Ritt bevorsteht.
 

°Die vorletzte Aufgabe naht, die dreifache Kombination aus Oxer und zwei entstehenden Steil-Sprüngen. Der Oxer ist mit seinen 1,75 m und 2,30 m ein mächtiger Einsprung, dann zwei Galoppsprünge zu dem 1,85 m Steil-Sprung. Weiter mit nur einem Galoppsprung über den letzten Steil-Sprung mit seinem 1,80 m. Camerlengo nimmt den Oxer ohne Probleme, aber in der Mitte wird es eng! Courtenay muss ihn ordentlich zurücknehmen damit das gut geht. Mit einem lauten klappern bleibt die Stange liegen und den letzten Sprung nimmt der Hengst ohne Probleme. Da war knapp, aber gut. °

 

Finn richtet sich auf, den Blick fest auf dem Paar in der Bahn, er drückt die Daumen und betet, dass Aiden fehlerfrei bleibt.
 

° Jetzt wird es groß, das letzte Hindernis bietet Raum für Sieg oder Niederlage, den Ausritt im Blick ist es eine Ablenkung für die Pferde. Courtenay bleibt weiterhin ruhig, gibt klare Hilfen und unterstützt seinen Hengst tadellos. Camerlengo setzt zum letzten Flug an, die Sprunglinie sieht gut aus, den Absprung treffen die beiden auf den Punkt und die Hufe gehen sauber über das Hindernis. Die Landung ist gut gelungen und Courtenay lässt seinen Rappen frei laufen. Die Zeit ist top und somit übernimmt er erstmal die Führung. °

 

Camerlengo verlangsamt den Galopp und geht fließenden über in einen lockeren Trab, Aiden löst die Zügel, klopft ihm lobend den Hals und gibt ihm Raum sich zu strecken. Der Jubel der Zuschauer begleitet Aiden und Don vom Platz, der Hengst schnaubt gelassen und auch Aiden wirkt mehr als zufrieden mit dem Parcours. Finn kommt ihnen entgehen als das Paar ein Ausritt erreicht und greift in den Zügel um Don zu führen, dabei streicht er dem Hengst über die Schulter.
 

***
 

Nach dem letzten Sprung atme ich durch, die letzten Hindernisse haben die beiden mit Bravour gemeistert und das Gefühl von Stolz und Freude über den gelungenen Ritt durchströmt Aiden sichtlich. Auch ich spüre, wie sich Dons Körper entspannt, während sie einige lockere Runden über den Platz drehten.

„Dass du hast das großartig gemacht“, höre ich Aiden zu Don sagen als er ihm den Hals lobend klopft. Don lässt den Kopf sinken und schnaubt zufrieden, er hat sein Bestes gegeben.

Ich stehe am Rand des Platzes und beobachte die beiden mit einem zufriedenen Lächeln. Oft schon habe ich Aiden und Don bei ihren Trainings zugeschaut und weiß genau, wie harmonisch ihre Verbindung ist. Als Aiden schließlich aus dem Sattel steigt, mache ich mich auf den Weg zu ihnen.

„Das war eine klasse Runde“, sage ich und klopfe Aiden auf die Schulter. „Du und Don, ihr seid wirklich ein eingespieltes Team.“

Aiden grinst, sieht mich vielsagend an und führt Don im Schritt noch weiter über den Platz.

„Danke, ich hatte das Gefühl, dass wir heute besonders gut harmoniert haben. Es war einfach magisch.“

„Don hat gut mitgemacht und du hast ihn gut vorbereitet. Man merkt, dass du Zeit in eure Zusammenarbeit investierst“, sage ich mit einem zustimmenden nicken.

„Ich bin und bleibe Perfektionist“, antwortet Aiden und grinst verschmitzt in meine Richtung.

Ich lächele, während ich gelassen neben Aiden hergehe und wir Don um den Platz führen.

„Ich habe gelernt“, setzt Aiden fort, „Dass das Vertrauen, welches wir aufgebaut haben, uns in den Momenten hilft. Es ist nicht immer einfach, aber das macht es umso erfüllender.“

Mit Respekt sehe ich Aiden an, als ich spreche: „Es braucht Mut und Hingabe, um diese Art von Beziehung zu entwickeln.“

Während wir Don weiterhin führen, reden wir noch eine Weile über die verschiedenen Techniken. Aiden erklärt mir, wie wir weiter zusammenarbeiten und was für Trainingseinheiten dann zukünftig anstehen, um Dons Leistung weiter zu verbessern.
 

***
 

°Meine Damen und Herren, gleich beginnt das Stechen im Springparcours. Wir haben hier eine exzellente Runde vor uns, mit einem Athleten, der für Tempo steht und einem Hengst, der Kraft in den Sprüngen und eine Eleganz im Galopp vereint: Camerlengo und Aiden Courtenay, das letzte Paar im Stechen. °, erklingt die Stimme des Kommentators ruhig, aber jeder Satz ist geladen mit Spannung.
 

°Der Startgong erklingt und das Paar setzt sich mit einem kräftigen Galopp in Bewegung. Courtenay nutzt den Vorwärtsdrang und den großen Galoppsprung seines Hengsts gut aus. Sprung Nummer eins, ein sauberer Auftakt über den 1,75 cm großen Steil-Sprung. Die Distanz stimmt und das Pferd landet mit der geschmeidigen Art und Weise, die ein direktes Weiterreiten möglich macht. °
 

Das Klatschen des Publikums rollt über den Platz, doch es bleibt eine stille Spannung in der Luft, als der Parcours sich weiter entfaltet.
 

°Tempo! Es folgt der zweite Sprung, ein Oxer, der eine präzise Balance fordert. Camerlengo schmiegt sich unter seinem Reiter durch die Wendung und der Sprung sitzt perfekt. Hier zeigt sich die Routine, welche dieses tolle Paar hat. Der nächste Abschnitt fordert eine schnelle Richtungsänderung, eine eng gesetzte Innenlinie. °
 

Aiden lässt Don laufen, im festen Wissen, dass Camerlengo trotzdem den Absprungpunkt treffen wird und dieser springt mit einer Lässigkeit, die nur demjenigen gehört, der die Technik so sicher beherrscht. Die Zuschauer scheinen den Atem anzuhalten und auf die Uhr zu starren.
 

°Wir sind mitten im Stechen, das Tempo steigt kontinuierlich, doch die Konzentration bleibt konstant. Nun kommt das vierte Hindernis, die dreifache Kombination, aus der ersten Runde, die ein exaktes Treffen der Absprungpunkte erfordert. Courtenay bleibt fokussiert und reitet die Linie sauber durch, die Sprünge nehmen die beiden perfekt und bleiben ohne Abwurf. Die nächste Wendung ist eng, aber die Distanz stimmt, der nächste Steil-Sprung sitz, bis hierhin läuft alles optimal. °
 

Die Luft knistert vor Erwartung, Aiden gibt Don nochmals die Hilfe zum Beschleunigen, sein Blickt huscht immer wieder zur großen Anzeige, um die Zeit im Blickt zu halten. Don erhöht die Frequenz des Galopps und der letzte Sprung wird zum Höhepunkt des Ritts.
 

°Die beiden wollen es jetzt wissen, die Zeit ist gut und das sieht nach dem ersten Platz für Courtenay aus. Der letzte Steil-Sprung mit seinen 1,85 cm ist eine echte Hausnummer. Jetzt nur nicht zu viel wollen und zu flach werden. Der schwarze Hengst springt ab, trifft den Absprung aber nicht so exakt, das wird zu flach! °
 

Der Abwurf, das Klappern des Holzes, schneidet durch die Stille und ein kurzer Ruck geht durch Aiden. War das Tempo doch zu Hoch oder die Hilfe zu früh? Das werden Sie analysieren müssen.
 

°Camerlengo landet etwas unsauber und Courtenay verliert die Balance, als beide durch die Lichtschranke des Ziels reiten, doch der Hengst fängt sich sofort wieder, als wolle er den Fehler ungeschehen machen. Courtenay pariert in den Trab durch und blickt auf die Anzeige. Ein klasse ritt der beiden, der leider nicht mit dem Sieg belohnt wird. °
 

Ein Aufatmen geht durch das Publikum, gefolgt von leiser Enttäuschung, doch auch Respekt vor der Leistung und der Courage, die das Paar gezeigt hat.

Zweiter Platz, mit einem Abwurf am letzten Hindernis.
 

°Ein packendes Stechen, mit Tempo und riskanten Linien, aber am Ende reicht es nicht ganz zum Sieg. Dennoch: Zweiter Platz in einem starken Feld, mit der Demonstration von Mut, Technik und Teamgeist. Courtenay und Camerlengo haben heute gezeigt, warum sie beide zu den Besten gehören. °
 

Das Publikum spendet anerkennenden Beifall, einige rufen seinen Namen, als die beiden auf mich am Ausritt zukommen. Ich spüre seine Enttäuschung bis hier her, ohne mit ihm zu sprechen. Er hat sich so viel erhofft und ist doch nur so knapp gescheitert. Aiden streicht lobenden über Dons Hals, was diesen schnauben lässt.

„Gut gemacht, mein Freund“, flüstert er als sie mich passieren und ich die Zügel greife.

Gemeinsam kommen wir zum Abreiteplatz, wo der Sieger, von seinem Team und den anderen Reitern, bereits gefeiert wird, aber als Sie uns sehen, kommen alle zu uns. Sie beglückwünschen Aiden zum zweiten Platz spenden aber auch Trost. Er steigt aus dem Sattel, überlässt mir Don, damit ich ihn in Ruhe führen kann und gratuliert dem Gewinner bevor die Reiter in ihre Gespräche verfallen. Der Druck ist weg und nun sind sie alle nur noch Menschen mit der Leidenschaft für die Tiere und den Sport.

Siegesfeier

Die Stallgasse ist nach dem Turniertag von einem lebhaften Treiben erfüllt, die Pferde schnauben zufrieden, während Reiter und Pfleger sich um das Wohl ihrer Vierbeiner kümmern. Ich habe die letzten Minuten mit dem Sieger des Turniers gesprochen, wir beide kennen und schon länger und sind befreundete Konkurrenten. Als ich in die Stallgasse komme, betrachte ich Finn, wie dieser Don den Sattel abnimmt. Ich lehne mich lässig an die Wand des Stalls und sehe zu, wie Finn konzentriert arbeitet. Seine blauen Augen funkeln im Licht der Stallbeleuchtung.

Ich mache die letzten Schritte auf ihn zu und spüre wie ich nervös werde. Die letzte Zeit ging es nur um diesen Tag und ich habe die Gedanken und Gefühle an Finn zurückgestellt.

Nun kommen sie wieder zurück.

Die Nähe zu Finn lässt mein Herz schneller schlagen.

Während Finn den Sattel an seinen Platz hängt, gleitet mein Blick auf die zierliche aber muskulösen Statur, die beim Heben des Sattels gut zur Geltung kommt.

„Ich finde es beeindruckend, wie eingespielt du mit Don bist. Irgendwie hat man da Gefühl, ihr versteht euch blind“, meint Finn, dreht sich um und lächelt mich an.

„Das liegt daran, dass ich ihn genau kenne“, meine ich und trete neben Finn. „Man sagt doch, je mehr man von seinem Gegenüber kennt, umso intimer werden die Momente.“

Ich schenke meinem Gegenüber einen vielsagenden Blick, der Finn erröten lässt.

Finn hebt eine Augenbraue, eine Mischung aus Scham und Neugier legt sich in seinem Blick, gemischt mit noch etwas anderem, was ich nicht einzuschätzen vermag.

„Ich hätte nichts dagegen, dich besser kennenzulernen“, antwortet Finn und nuschelt noch etwas hinterher, was sich wie, „Und intimer zu werden“, anhört.

„Dann lass uns das doch in Angriff nehmen“, sage ich und beuge mich etwas zu Finn. „Wir können die Stimmung des Turnieres doch dafür nutzen.“

„Das hört sich nach einem Plan an“, antwortet Finn und lächelt mich an. Ich bin mir inzwischen mehr als sicher, dass ich Finn mag.

Es ist nicht nur eine Freundschaft, sondern eine tiefe Spannung zwischen uns, die in der Luft liegt und die wir beide deutlich spüren.

„Weißt du“, beginnt Finn und seine Röte wird stärker, „wenn ich ehrlich bin, dann würde ich dich mehr wie kennenlernen wollen, aber das heißt, dass wir über einfache Kollegen hinausgehen könnten.“

„Das wäre ein Problem, weil?“, frage ich und sehe Finn in die Augen, was diesen schlucken lässt. Ich spüre die Veränderung in der Atmosphäre und mein Herzschlag beschleunigt sich. „Na ja, ich bin immerhin erst seit kurzem im Stall und möchte keine Bevorzugung, oder das andere, das Denken“, meint er und tritt näher, seine Augen halten meinen Blick fest, als wollten sie das zwischen uns aufheben. Ich minimiere die Distanz zwischen und noch weiter, sodass uns nur noch wenige Zentimeter trennen und flüstere: „Ich bin Perfektionist, in allen Belangen, also wirst du dich dennoch anstrengen müssen!“

Finn wird rot und dieser Moment der Stille zwischen uns fühlt sich an wie ein Versprechen. „Anstrengung zählt mehr, als Perfektion. Also sei gründlich, in dem, was du mir beibringen willst“, murmelt er schließlich.

„Ich bin immer gründlich“, erwidere ich, meine Stimme flüsternd als ich ihm tief in die Augen sehe.

Finns Atem wird schneller und ich kann spüren, wie meine eigene Anspannung größer wird. Unsere Lippen trennen nur noch Zentimeter, doch dann erklingen Schritte in der Stallgasse, das Geräusch von Stiefeln auf dem harten Boden. Wir halten inne, sehen uns weiterhin in die Augen und ich bringe wieder mehr Raum zwischen Finn und mich, als der Stallmeister auf den Plan tritt. Sein Blick geht über und, seine Miene undurchdringlich, aber die Art, wie er uns betrachtet, lässt eine Frage in der Luft hängen. Wir stellen uns nebeneinander, stellen so ein normales Bild her, als wären wir uns der, vermeintlichen, Unangemessenheit der Nähe bewusst geworden. Ich trete einen Schritt zurück, meine Haltung wird wieder distanziert, fast aristokratisch, während Finn sich hastig dem Sattel zuwendet, als hätte er die ganze Zeit nur daran gearbeitet.

Der Stallmeister steht da, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben und mustert uns mit einem Blick, der sowohl neugierig als auch misstrauisch ist.

„Alles in Ordnung hier?“, fragt er schließlich, seine Stimme neutral, aber mit einem Unterton, der verrät, dass er mehr gesehen hat und weiß, als er zugibt. Ich nicke nur kurz, meine Miene ist wieder die des distanzierten Springreiters, der er in der Öffentlichkeit bin. „Alles bestens“, sage ich trocken und hoffe, dass er wieder geht. Finn sieht mich an, mit einem Blick in dem eine Mischung aus Verlegenheit und Unsicherheit spiegelt.

Die Spannung zwischen uns ist nicht verschwunden, sie hat sich in den Hintergrund gerückt, bereit, jederzeit wieder aufzuflammen. Der Mann vor uns nickt, als wäre er zufrieden mit der Antwort, aber sein Blick verweilt einen Moment länger auf Finn und mir, prüfend, bevor er sich umdreht und geht. Die Atmosphäre in der Stallgasse bleibt geladen, die Luft elektrisiert von der unerfüllten Nähe zwischen Finn und mir. Meine Haltung ist noch immer die des vornehmen, distanzierten Mannes, aber in meinen Augen liegt dieses Funkeln, das verrät, dass die Anziehung zwischen uns nicht vorbei ist.

Die Schritte verhallen als der Stallmeister seine Runde fortsetzt, da dreht sich Finn erneut mir zu, seine Augen suchen die meinen, eine stumme Frage liegt in den blauen Augen.

Wie geht es jetzt weiter?
 

***
 

Die Feier im geschmückten Hotel ist in vollem Gange, überall sind Lichter, die in den Farben der Siegertrophäen funkeln und andere Dekorationen verteilt. Ich stehe am Rand des großen Saals, ein Glas Sekt in der Hand, während die Musik sanft durch die Luft schwebt, beobachte ich Aiden, der sich mit einer Gruppe von anderen Reitern unterhält. Der Jubel und das Lachen verschmelzen zu einem angenehmen Klangteppich, doch ich fühle mich seltsam distanziert.

Die Erinnerung an den beinahe Kuss in der Stallgasse brennt wie eine Glut in mir. Es war ein Moment gewesen, der so intensiv und zugleich flüchtig war, dass ich es noch immer kaum fassen kann. Nur so wenig hat gefehlt, nur ein paar Zentimeter und wir hätten uns endlich geküsst, aber die Störung durch den Stallmeister hat all das gestoppt. Wir hatten und angesehen, mit mehr Worten im Blick als wir zu sprechen vermochten.

Aiden wollte es ebenso wie ich.

Aber wir haben dann einfach mit der Arbeit weitergemacht, haben Don für die Nacht fertig gemacht und nun sind wir hier, mit dieser unausgesprochenen Spannung zwischen uns.

Aiden unterhält sich mit den anderen Reitern und ich überlege, ob ich mich ihm nähern soll. Ich will das Gespräch nicht stören und wende mich stattdessen den anderen Pflegern zu, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und sich über die neuesten Entwicklungen im Springsport unterhalten.

Die Geschichten von Pferden, die Überraschungen bei Wettbewerben, bis hin zu den lustigen Missgeschicken beim Training, lenken mich ab. Doch immer wieder wandert mein Blick zu Aiden. Seine Art, das adlige Auftreten legt er auch hier an den Tag, ist distanziert zu neuen, aber freundlich zu den bekannten Reitern um sich herum. Ich sehe Lucas uns Clara, die gute Freunde zu sein scheinen und auch den Gewinner bei Aiden stehen.

Nach einer Weile und mit einem letzten Witz, der die anderen zum Lachen bringt, löst sich Aiden aus der Gruppe und kommt zu mir. Ich habe seine Blicke in meine Richtung sehr wohl bemerkt und auch erwidert, nun sehe ich nur noch ihn, alles andere verschwimmt in meinem Blick.

„Hey“, meint Aiden, als er bei mir ist, sein Lächeln warm und anziehend. „Ich habe gehofft, das du dich zu uns gesellst.“

Ich versuche meine Nervosität zu verbergen, als ich antworte: „Es ist interessant, wie andere Pfleger über die Pferde reden. Sie haben diese passionierte Art, die ich bewundere.“

„Verstehe“, nickt Aiden, „Ihr seid das Herz dieses Sports, ohne euch wären wir nichts.“

Er schweigt und ich fürchte, dass Aiden jetzt das Thema wechseln will.

„Ich wäre nichts ohne dich“, setzt er fort und ich stocke. Meint er das ernst?

Ich spüre Hitze in mir aufsteigen, kann aber nicht erwidern. Aiden hingegen scheint die Stille nicht unangenehm zu finden.

„Wir haben wohl ein paar Dinge zu klären“, sagt Aiden schließlich, seine Stimme leise und doch bestimmt. Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt. „Der Moment in der Stallgasse.“

Einen Augenblick zögere ich, dann nehme ich einen tiefen Atemzug.

„Ja, das sollten wir“, antworte ich, Aiden kommt einen Schritt näher, und ich spüre die aufgeladene Atmosphäre zwischen uns.

„Lass uns einen ruhigeren Ort suchen“, schlägt Aiden vor und sieht mich an, als wolle er damit die Geräusche der Feierlichkeit hinter sich lassen.

„Gute Idee, vielleicht in der Lounge?“, meine ich und erhalte eine nicken.

Die Lounge ist schwach beleuchte und es herrscht eine entspannte Atmosphäre, farbige Lichter tanzen über die Wände und nur wenige andere Gäste befinden sich in den Raum. Aiden sucht eine der verwinkelten und eher ruhigen Ecken der Lounge und ich spüre, wie die Luft dicker wird.

„Wir sollten darüber reden, Aiden …“, beginne ich, doch Aiden macht einen Schritt näher, sodass ich seinen, inzwischen, vertrauten Duft wahrnehme.

„Finn“, flüstert er und es war, als würde die Zeit stillstehen, „Ich bekomme es nicht aus dem Kopf, den Moment … dich.“

Ich fühle, wie mein Mut zurückkehrt und die Unsicherheit, die ich gespürt habe, wie ein Schatten verblasst. Wir stehen nur eine Armlänge voneinander entfernt und der Wunsch, diesen Abstand zu überwinden, wächst in mir.

„Ich auch nicht“, gestehe ich leise und bevor ich es mir anders überlegen kann, überwinde ich den letzten Abstand zwischen Aiden und mir. Die Welt um uns herum scheint für einen Moment stillzustehen. Der Kuss, den wir teilten, ist mehr als nur ein Ausdruck der Zuneigung, er wirkt wie Versprechen von etwas Größerem, einer Tiefe, die jenseits des physischen Moments existiert.
 

Als sich unsere Lippen berühren, durchzieht mich ein wohliges Gefühl, beinah so als ob wir in diesem Augenblick alles hinter uns lassen. Aiden zieht mich sanft an sich, seine Hände legen sich an meine Hüfte und auf meinen Rücken. Wir stehen so eng, dass ich seinen Herzschlag unter meiner Hand spüren kann, welche sich auf seine Brust gelegt hat. Jetzt gleiten meine Hände über Aidens Schultern in seinen Nacken, halte den Kontakt noch fester und fahre mit den Fingern in seine weichen Haare.

Mich durchläuft ein Gefühl der Erleichterung.

All die unausgesprochenen Worte und Blicke, die wir uns zuvor zugeworfen haben, scheinen in diesem Kuss zu verschmelzen. Endlich haben wir den Schritt gemacht, den ich mir lange gewünscht habe, seit dem Besuch bei Aiden zu Hause. Es ist, als ob alle Zweifel, die mich geplagt haben von mir abfallen. Gleichzeitig überkommt mich eine tiefe Dankbarkeit und Zufriedenheit.

Der Kuss wird intensiver, zu einem Ausdruck von Sehnsucht und zu dem Beginn von etwas, was ich noch nicht richtig zu greifen vermag. Die Welt scheint stillzustehen, bis Aiden sich langsam löst und mir in die Augen sieht.

„Das wollte ich tun, seit du bei mir warst“, murmelt Aiden leise, als wir uns lösen und sich seine Stirn gegen meine lehnt.

„Ich auch“, entgegne ich, meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, „Und ich glaube, das ist erst der Anfang.“

Die Spannung zwischen uns ist greifbar, ein elektrisches Knistern, das nicht nur unseren Atem beschleunigt, sondern auch die Luft um uns herum aufzuladen schien. Während wir so beieinander stehen, spüre ich, wie sich ein Verlangen aufbaut, das Verlangen nach mehr als nur diesem Kuss.

Ich will Aiden, mit allem, was dazugehört!

„Lass uns gehen“, haucht Aiden, dann zögert er, „Auf unser Zimmer.“

Ich nicke und lächele, beginne, mit meinen Fingern Aiden im Nacken zu kraulen.

„Und was machen wir dann?“, frage ich und spüre deutlich, dass ich rot werde. Wir wissen beide wohin das hier führt und wir wollen es beide.

„Wir nehmen uns die Zeit, die wir verdienen, entdecken alles voneinander und was wir füreinander empfinden. Denn dieser Kuss … der war mehr als nur ein Kuss“, erwidert Aiden mit Überzeugung. Die Idee eines gemeinsamen Abenteuers erweckt ein Gefühl in mir, dass ich lange nicht mehr erlebt habe.

„Lass uns das tun“, sage ich mit Überzeugung, mein Herz hüpft vor Aufregung.

Zweisamkeit

Als sie beide in ihrem Zimmer ankommen, legen sich die großen Hände des Springreiters erstaunlich sanft auf die Wangen von Finn. Keine Sekunde später kann dieser überrascht nur kurz japsend Luft holen, als sich auch schon die Lippen des andern fest auf seine Eigenen pressen. Mit einem leisen Stöhnen öffnet er seinen Mund und erwidert mindestens genauso euphorisch den Kuss, der langsam aber sicher immer leidenschaftlicher wird.

Aidens Hände wandern von Finns Wangen nach unten, streifen dabei über dessen Hals bis hin zu seinem Oberkörper, wobei er kurz zögert, als er über die Brustwarzen des Jüngeren streichelt und durch das Shirt hindurch spüren kann, wie sie härter werden.

Finn erschaudert unter der Berührung des größeren, während er seinen Rücken durchdrückt und sich Aiden mehr entgegen reckt. Schließlich wandern die Hände von Aiden weiter, bis er unter die Arme von Finn greifen kann, um ihn schwungvoll hochzuheben und gegen die Tür zu drücken. Finn dreht auf einmal seinen Kopf mit einem schmerzerfüllten Stöhnen zur Seite und bereitet dem Kuss ein jähes Ende.

Sofort geht der dunkelhaarige ein wenig auf Abstand, ein besorgter Ausdruck in seinen Augen, während er beobachtet wie sich Finn mit seiner rechten Hand an die linke Schulter greift und unter Schmerzenslauten versucht seine verspannten Muskeln zu massieren.

Ein aussichtsloses Unterfangen...

Aiden löst seinen Griff damit Finn sich ordentlich hinstellen kann und ein mildes Lächeln legt sich auf seine Züge.

„Vielleicht sollten wir erstmal die Verspannung beseitigen. Wie lange hast du das schon?“, will Aiden wissen und legt seine Hand sanft auf Finns Schulter. „Leg dich auf das Bett, dann schauen wir mal.“

„Ich habe wohl nur eine falsche Bewegung gemacht, das wird schon wieder“, antwortet Finn kleinlaut als er die Anweisung hört, aber stehen bleibt.

„Hm ...“, brummt Aiden und Finn rechnet damit, dass der Springreiter beleidigt den Rückzug antritt. Allerdings wird er schnell eines Besseren belehrt.

Stattdessen geht Aiden in die Knie und hebt sein Gegenüber umsichtig hoch um diesen zum Bett zu bringen. Finn wird auf die weiche Unterlage gesetzt und auf den Bauch gedreht. Aiden beugt sich vor, sodass er beide Hände auf Finn Schulterblätter legen kann.

Das ist alles andere als ein Rückzug!

„Lass mich dir helfen, ich denke nicht, dass es sonderlich angenehm ist mit einem verspannten Rücken zu arbeiten“, raunt Aiden als vorwitzige Finger über Finn Nacken streifen und den Kragen ein wenig nach unten schieben, sodass Aiden die freigelegte, warme Haut darunter berühren kann.

„A ... Aiden“, japst Finn war überrascht und das liegt nicht mal dem Umstand, dass Aiden ihn berührt, sondern vielmehr daran, dass sich ein erregendes Kribbeln in seinem ganzen Körper ausbreitet und ihn verrückt macht.

Als Finn die Wärme spürt, die von Aidens Fingern ausgeht wird er allerdings unsicher. Er will die Stimmung, welche sich in der Lounge aufgebaut hatte und weswegen sie hier waren, nicht damit kaputt machen.

„Stopp ... Warte!“, sagt er und dreht sich schwungvoll zur Seite und sorgt so dafür, dass Aidens Hände aus seinem Nacken gleiten. Kurz blitzt ein verletzter Ausdruck in den Augen auf, bevor sich der Ältere soweit wieder unter Kontrolle hat, dass nur eine gewisse Irritation zu erkennen ist.

„S ... sorry“, murmelte Finn, da er keineswegs Aiden in irgendeiner Art und Weise verärgern, oder gar verletzen wollte. Aber so wie das aussah, hatte er das leider schon geschafft.

Die Augenbrauen des Springreiters ziehen sich zusammen und auf Finn macht es den Eindruck als würde sich der Ältere zurückziehen wollen. Ganz so als wäre da wieder diese unsichtbare Mauer zwischen ihnen, das distanzierte, was Finn in den letzten Tagen eigentlich erfolgreich abgerissen hatte. Aiden ist dabei sich zu erheben, als er am Handgelenk gepackt und bestimmend zurückgezogen wird.

„Keine Ahnung was in deinem Kopf für Gedanken herumschwirren, aber ich wollte nur helfen“, sagt sich der Reiter schließlich.

„Hey ... das war echt nicht böse gemeint!“, versucht sich Finn zu erklären.

„Hm …“, brummt Aiden und sein Mund verzieht sich bei diesen Worten zu einem kleinen Schmollen.

„Es ist einfach merkwürdig … eigentlich dachte … hoffte ich auf anderes“, stammelt Finn und versucht Aiden in die Augen zu sehen. Auf dessen Züge legt sich ein versöhnliches Lächeln und seine Hände kehren auf die Schultern zurück. Er drückt Finn zurück in die Lacken und schwingt sich über dessen Beine, um sich auf seinen Oberschenkeln niederzulassen. Noch bevor Finn etwas sagen kann, übt Aiden mit seinen Fingern einen sanften Druck aus.

Die Hände streifen angenehm über die verspannten Muskeln in Finn Schultern und nur schwer schafft es der junge Mann ein Stöhnen zu unterdrücken.

Aidens tun sorgt für eine Gänsehaut, die sich von dieser Stelle aus über seinen ganzen Körper ausbreitet. Es wurde von Sekunde zu Sekunde schwerer einen klaren Gedanken zu fassen.
 

Finn hält den Atem an, als sich die, zugegeben verdammt talentierten, Finger über seine Schulterblätter hinweg bis hin zu seinen Hüften vorarbeiten. Das Einzige, was dabei stört, ist das Shirt, das er noch anhat. Der Baumwollstoff macht es Aiden schwer einen gleichmäßigen Druck auszuüben, da seine Finger immer wieder in den Stofffalten hängenbleiben. Schließlich stoppt der Dunkelhaarige vollständig seine Berührungen, was ihm sofort ein protestierendes Murren einbringt.

Mit einem amüsierten Lächeln beugt sich Aiden ein Stück weiter nach unten. Sein Atem streift über Finn Wange ehe seine Lippen hauchzarte Küsse hinterlassen, bis er endlich Finn Mund mit seinen Lippen einfangen kann.

Bevor sie den sanften Kuss intensivieren, lehnt sich Aiden wieder ein Stück zurück.

„Darf ich?“, fragt er leise und Finn kann die Worte eher an seinen Lippen spüren, als dass er sie tatsächlich hört. Erst versteht er nicht worauf der Ältere hinaus will, bis er die warmen Hände an seinem Bauch spürt, die sich unbemerkt unter das Shirt geschoben haben.

Langsam aber sicher wird der Stoff nach oben geschoben und legt immer mehr Haut frei.

Da Finn seiner eigenen Stimme nicht mehr wirklich traut, schafft er lediglich ein Kopfnicken, was Aiden vollkommen ausreicht.

Nachdem er einen erneuten Kuss auf Finn Lippen gehaucht hat, lehnt sich der dunkelhaarige wieder zurück. Vorsichtig streift er das Shirt von Finn ab, bevor er es neben sich auf das Bett fallen lässt. Endlich legen sich seine Hände auf die nackten Schultern von Finn. Die Haut fühlt sich weich an, einzig eine Stelle knapp unter dem linken Schulterblatt ist uneben. Eine Ansammlung von kleinen Muttermalen befindet sich dort, die Aiden deutlich unter seinen Fingern spüren kann.

Behutsam übt er ein mehr Druck aus, als er die verspannten Muskelstränge in Finn Nacken bearbeitet und dafür sorgt, dass sich die einzelnen Knoten lösten. Finn hat bis dato wirklich versucht keine peinlichen Geräusche von sich zu geben, die er später bereuen würde, aber so sehr er sich auch bemüht, es fühlt sich gerade verdammt nochmal an wie der Himmel auf Erden!

So ist es nicht verwunderlich, dass ihm ein Keuchen herausrutscht, gefolgt von einem tiefen Stöhnen. Aidens scheint sich durch die Geräusche bestätigt zu fühlen, da er den Druck noch verstärkt. Er bearbeitet nicht nur seinen Nacken und Schultern, sondern nun gleiten seine Hände auch über seine Seiten, wo sie jede Rippe einzeln ertasten, bis hin zu seinen Hüften.

Je länger die Berührungen andauern, umso mehr entspannt sich Finn. Diese stechenden Schmerzen in seinen Schultern und seinem Rücken ebben immer mehr ab, bis sie schließlich vollends verschwinden. Mittlerweile glaubt Finn, nur noch aus einem kribbelnden Gefühl, einem inneren Zittern und warmen Schauern, die durch seinen Körper jagen, zu bestehen.

Eine wilde Mischung aus Empfindungen, Gefühlen und purer Erregung.

Jedes weitere unterdrückte Stöhnen animiert Aiden zu intensiveren Berührungen. Langsam streifen seine Hände über Finn Oberarme bis hin zu seinen Handgelenken, wobei sich Aiden so weit nach vorne beugt, dass sich sein Oberkörper gegen Finn nackten Rücken presst. Schließlich streichelten seine Finger zart über die Innenfläche von Finn Händen, zurück über seine Unterarme bis er ihn an den Schultern packt. Er braucht nicht viel Kraft, um dafür zu sorgen, dass Finn sich halb zu ihm umdreht. Aiden muss trocken schlucken, als er in das Gesicht des Jüngeren sieht.

Die Augen wirkten viel dunkler als sonst.

Seine Iris ist fast vollkommen von den geweiteten, schwarzen Pupillen verschluckt und spiegelt die Erregung wider, die gerade von Finn Besitz ergreift. Die sonst so blassen Wangen sind gerötet von einem Fieber der anderen Art und der Atem von Finn geht stoßweise.

Langsam gleitet Aidens Blick tiefer, über den spärlich behaarten Oberkörper, den flachen Bauch, bis hin zu der unübersehbaren Beule, die sich in der Hose abzeichnet und sich ihm geradezu auffordernd entgegenstreckt.

Finn ist in der Zwischenzeit näher heran gerutscht, sodass Aiden beinah auf dem Becken sitzt. Seine Hände griffen gierig in den Nacken des Reiters und seine Finger vergraben sich in den dunklen, dichten Haaren. Bestimmend zieht er Aiden zu sich herunter und verwickelt ihn in einen Zungenkuss.

Die Aktion hätte fast gereicht, dass Aiden wie ein verknallter Teenager gekommen wäre, wenn er nicht eine ausreichende Selbstbeherrschung gehabt hätte.

Bei Finn hingegen sah das Ganze etwas anders aus.

Nur allzu deutlich zeichnen sich ersten Lusttropfen auf der hellen Hose ab und färben diese im Schritt in einem dunkleren Ton. Wenn sie so weiter machen, dann ist das Spektakel hier vorbei, bevor es überhaupt begonnen hat.
 

Ein Monat, fünfzehn Tage und geschätzte zwölf Stunden.

Das ist die Zeit ihrer bisherigen Beziehung, einer Beziehung, die bis jetzt mehr auf einem professionellen, beruflichen, als auf einem sexuellen, Fundament aufgebaut war.

Das ist auch der Grund, weshalb Aiden sich von dem Jüngeren löst und eingehend musterte.

„Finn ... bist du …“, Aiden kommt nicht ansatzweise dazu, seine Frage zu formulieren, als er auch schon mit einem weiteren Kuss zum Schweigen gebracht wird.

Das war dann wohl erst einmal Antwort genug ...

Langsam legt Aiden seine Arme um den schmäleren Oberkörper von Finn und lehnt sich nach vorne, sodass sein Partner gezwungen ist zurückzuweichen. Nur widerwillig löst er sich schließlich von den Lippen des jüngeren Mannes und küsst sich stattdessen über seine Wangen bis hin zu seinem Hals. Knapp unterhalb von Finn Ohr stoppt er.

„Vertraust du mir?“, raunt Aiden.

Finn keucht leise und klammert sich an den breiten Schultern seines Gegenübers fest. Er muss einmal trocken schlucken, bevor er ein krächzendes „Natürlich“ über die Lippen bekommt, woraufhin er spüren kann, wie sich Aidens Mund zu einem Grinsen verzieht.

„Gut ...“, brummt Aiden und seine Hände gleiten weiter nach unten diese auf Finn Steißbein zum Liegen kommen und sich seine Fingerspitzen unter den Bund der Hose schieben.

Finn ist der Versuchung nahe sich ein wenig zu strecken nur damit er diese warmen, großen Hände auf seinem Hintern spüren kann. Allerdings hat Aiden etwas anderes im Sinne.

„Dreh dich wieder um ...“, fordert Aiden mit sanfter Stimme, die Finn schaudern lässt.

Überrascht lehnt er sich ein Stück nach hinten um dem Älteren ins Gesicht sehen zu können. Es liegt ein funkelnden in den Augen des anderen. Mit einem sanften Lächeln streichelt Finn über Aidens Wange, er muss zugeben, dass es verlockend ist den Reiter noch ein kleines bisschen hinzuhalten, aber er ist so erregt und vorfreudig, auf das, was noch folgen würde, dass er sich selbst nicht unnötig auf die Folter spannen will. Also dreht sich Finn langsam in den Armen des Mannes um.

Aus dem Augenwinkel kann er kurz die Erleichterung erkennen, die sich auf Aidens Gesicht breit macht. Aiden gibt ihm nämlich durch einen gezielten Händedruck unweigerlich zu verstehen, dass er sich bäuchlings auf das Bett legen soll.
 

Die Arme verschränkt Finn unter seinem Kopf, während er sein Gesicht zur Seite dreht, einen Blick über seine Schulter wirft. Bei dem Anblick, der sich ihm bietet, vergisst er schlichtweg wieder einzuatmen.

Aiden hat nach dem Saum seines Shirts gegriffen und streift es sich mit einer geschmeidigen Bewegung über den Kopf.

Dabei erscheint er Finn wie einer dieser griechischen Götter, deren Schönheit für die Ewigkeit in Stein gemeißelt worden war, nur dass Aiden alles andere als eine Marmorstatue war!

„Entspann dich!“, raunt Aiden leise als er über den Rücken streicht.

Finn hat nicht bemerkt, wie sehr sich seine Muskeln wieder verkrampft haben. Erst als Aiden ihn anspricht, wird es ihm so richtig bewusst. Also atmet er tief ein und wieder aus, während er sein Gesicht weiter in Richtung seiner Arme dreht, sodass ihm jeder weitere Blick auf den Körper verwehrt wird.

Er will sich auf die Berührungen konzentrieren, auf die Finger, die federleicht über seinen Rücken streicheln, ihn fast schon kitzeln, bevor sie mehr Druck aufbauen und somit die Massage von vorher fortsetzen. Aiden rutscht dabei ab und an über Finn Oberschenkel hinweg und rieb somit seine Hüften aufreizend an dessen Hintern. Mit jedem Mal kann Finn dadurch Aidens beginnende Erektion deutlich spüren, was ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass Finn nicht der Einzige ist, der langsam aber sicher von seiner Begierde übermannt wird.

Finn hat keine Ahnung wie viel Zeit vergangen ist. Vielleicht ein paar Minuten, oder eine halbe Stunde, er hat absolut kein Zeitgefühl mehr. Das Einzige, was er fühlt, ist Aidens Präsenz, die ihn vollkommen einnimmt.

Seine Hände haben sich bis hin zu seinen Hüften vorgearbeitet und streifen nun das erste Mal flüchtig über seinen Hintern, so als wäre es nur ein Versehen gewesen.

Jedoch geschieht es ein zweites und ein drittes Mal, bevor sich die Finger unter den Bund der Hose und Shorts wagen und sie ein ganzes Stück nach unten schieben. Finn kann ein lautes Wimmern nicht länger zurückhalten, als Aidens Finger über seinen nackten Hintern streicheln und ihn schließlich kräftig massieren. Sofort schoss ihm die Schamesröte ins Gesicht.
 

Als Aiden ein wenig zu ungeduldig wird und an der restlichen, störenden Bekleidung zerrt, verfängt sich die Hose an Finn Glied, was diesen sein Becken ein wenig anheben lässt, was es deutlich einfacher macht ihm diese mitsamt seiner Shorts von seinen Beinen zu streifen, sodass er jetzt gänzlich nackt vor Aiden auf dem Bett liegt.

Das ist ein wenig befremdlich und Finn will nicht wissen, wie lächerlich er wahrscheinlich in diesem Moment aussieht.

Seine langen schlanken Beine, sein Rücken mit Muttermalen, seine sehnigen Arme und diese roten Flecken, die sich über sein Gesicht, Hals und Oberkörper erstreckten und davon zeugten wie aufgeregt er gerade ist.

Viel Zeit sich weitere Gedanken über sein Äußeres zu machen hat er allerdings nicht, da Aiden seine Massage auf eine ganz besondere Art und Weise fortsetzt. Er hat sich weit nach unten gebeugt, sodass er sich mit einer Hand neben Finn Kopf abstützen muss, um den Jüngeren nicht unter seinem Gewicht zu begraben. Wo vorher noch Finger über Finn Nacken gestreichelt haben, kann er nun den heißen Atem des anderen spüren. Erst küsst er die eine Schulter, dann die andere Schulter.

Finn zuckt verschreckt zusammen und ein erneutes Keuchen, gefolgt von einem langgezogenen Stöhnen hallt durch das Zimmer. Aidens Zunge hinterlässt eine feuchte Spur, als er die Wirbelsäule des Jüngeren entlang leckt bis hin zu seinem Steißbein.

„Oh … fuck ...“, keucht Finn, während er seine Stirn fest gegen seinen Unterarm presst.

Im letzten Moment kann er ein weiteres, viel lauteres Stöhnen aufhalten, indem er sich fest auf die eigene Hand beißt.

Sein Atem geht so schnell, dass er Angst hat jeden Moment zu hyperventilieren, während Aidens Zunge sich Körperregionen nähert, denen sich definitiv noch kein anderer gewidmet hat. Die unterdrückten Laute, die er mit seiner Hand erstickt, klingen in seinen Ohren nach wie vor zu laut und scheinbar ist es auch Aiden zu viel des Guten.

Plötzlich richtet dieser sich wieder auf und lehnt sich nach vorne, sodass er mit Finn auf einer Höhe ist.

„Lass das!“, brummt er. Die Stimme ist so tief, was Finn durch Mark und Bein geht und er seine Lippen noch fester aufeinander presst, um jedes Geräusch zu unterbinden. Als Aiden jedoch sowohl sein Handgelenk, als auch den Ellbogen seines anderen Armes packt und beide nach unten schiebt, öffnet Finn überrascht die Augen auf.

„Ich will dich hören!“, raunt er Finn ins Ohr, „Jedes noch so leise Stöhnen ... jedes Wimmern ... jedes Keuchen ... Ich will alles hören!“

Das Stöhnen, das daraufhin über Finn Lippen kommt, ist genau die Antwort, die sich Aiden erhofft hat. Mit einem Lächeln lehnt er sich wieder zurück, wobei er jedoch die Handgelenke des jüngeren Mannes nach wie vor mit einer Hand festhält. Finn scheint das nichts auszumachen.

Ganz im Gegenteil.

Als sein Atem heiß über Finns Rücken, bis hin zu seinem Hintern streift, krallen sich die schlanken Finger regelrecht an der Hand des Älteren fest. So als seien sie sein einziger Anker und das war gar nicht einmal so weit hergeholt. Finn fürchtet tatsächlich, dass er in diesem Meer aus Empfindungen und Lustgefühlen untergehen wird, wenn er sich nicht irgendwie an etwas oder noch besser jemandem festhalten kann.

Magicfinger

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Vereinigung

[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]

Der Morgen danach

Ich wache langsam auf und spüre die Wärme des anderen Körpers, der sich an meinen Rücken schmiegt. Sein Atem ist ruhig, gleichmäßig und seine Arme sind fest, aber sanft, um mich geschlungen, als wollte er mich schützen und nicht mehr loslassen. Es fühlt sich richtig an, in seinen Armen zu liegen, als wäre das genau der Ort, an den ich gehöre.

Die Erinnerungen an die letzte Nacht kommen wieder hoch, doch im Moment konzentriere ich mich nur auf das Gefühl von Sicherheit, das er mir gibt. Mein Blick wandert über die Schulter nach hinten, während ich die Situation noch versuche, zu ordnen.

Unsere Körper sind dicht aneinandergedrückt, doch es ist kein Druck, kein Zwang, sondern eine wohlige Nähe, die mich tief durchatmen lässt. Ich lasse die Gedanken schweifen, erinnere mich an die Momente, die wir miteinander geteilt haben.

Es war alles so intensiv, so echt.

Aber ich frage mich, wie es nun weitergeht.

Aiden ist so gesehen mein Chef, das weiß ich, er ist der distanzierte Springreiter, den ich seit einem Monat kenne, der mich immer respektvoll, aber auch herzlich behandelt hat. Und doch war da immer diese unausgesprochene Spannung zwischen uns. Spätestens seit dem Besuch bei ihm zu Hause. Jetzt, wo alles so offen und ehrlich ist, spüre ich, dass wir uns nähergekommen sind, als ich jemals erwartet hätte.

Nicht nur körperlich, sondern emotional.

Langsam, ohne ihn zu wecken, bewege ich mich einen Hauch, um einen Blick auf sein ruhiges Gesicht zu werfen. Seine braunen Haare sind zerzaust, die Lippen entspannt, so als könnte nichts die Ruhe in ihm stören, der Bartschatten steht ihm gut und ich frage mich, ob er ähnlich denkt wie ich.

Was jetzt kommt, ist das Unbekannte, ich bin unsicher, ob ich mutig genug bin, um ihn direkt darauf anzusprechen. Aber die Angst vor dem allein sein ist größer, als die vor dem, was kommen könnte. Vielleicht ist es an der Zeit, ehrlich zu sein und das, was wir beide brauchen.

Langsam, vorsichtig, drehe ich mich vollständig in seine Richtung, sodass ich seinen Atem spüren kann. Mein Herz schlägt noch immer laut und schnell, doch in seiner Nähe beruhigt sich jede Nervosität.

Die Idee, diesen Moment zu bewahren, zieht sich wie ein sanfter Schleier durch meinen Kopf. Denn egal, was die Zukunft bringt, ich weiß, dass ich mich in seinen Armen geborgen fühle. Und das ist mehr wert, als Worte es ausdrücken können.

Achtsam, um Aiden nicht zu wecken, wende ich ihm wieder den Rücken zu und schiebe ich die Decke beiseite, setze meine Füße auf den Boden. Der Raum ist still, nur die gleichmäßigen Atemgeräusche begleiten mich, während ich mich aufrichte. Ich blicke auf das zweite unangetastete Bett und erneut muss ich Lächeln. Aiden murrt kurz und rollt sich etwas zusammen, schläft aber weiter, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Für einen Moment sitze ich einfach nur da, spüre die Stille um mich herum und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Dann schließe ich die Augen, atme tief durch und stehe endgültig auf.

Ich schüttele die Gedanken ab, die noch von gestern Abend durch meinen Kopf wirbeln. Jetzt ist nicht die Zeit für irgendwelche Fragen oder Unsicherheiten.

Heute ist der zweite Turniertag und ich will das Beste geben, für Gigi, die heute glänzen muss und für Aiden. Nach dem zweiten Platz gestern will er heute siegen.

Jedes Geräusch, das ich mache, ist so leise wie möglich. Ich möchte Aiden seine Ruhe lassen, noch ein bisschen in diesem Moment verweilen, solange ich kann.

Ich gehe leise ins Badezimmer, das neben dem Schlafzimmer liegt. Während ich unter die Dusche trete und den Wasserhahn aufdrehe, höre ich nur meine eigenen Gedanken, die lautlos in mir toben.

Es ist schwer, nicht ständig an gestern zu denken, an das Gefühl seiner Hände auf und in meinem Körper, an sein Lächeln und seine Blicke, an das, was zwischen uns passiert ist. Doch ich weiß, dass ich den Kopf gerade klar behalten muss. Für den heutigen Tag, für die Tiere, für uns beide.

Ich raschle in der Tasche und hole meinen Rasierer, meine Pflegeprodukte. Eine schnelle Dusche, dann frisch machen, Haare ordnen, die Schuhe checken. Während mir das Wasser über den Körper läuft, spüre ich eine Aufbruchstimmung in mir.

Ich will zeigen, dass ich bereit bin, das alles anzupacken, auch wenn mein Herz noch ein bisschen schwer ist von all den Fragen, die ich mir stelle.

In Gedanken sehe ich noch einmal kurz das Bild von dem Moment, als ich aufstand, bevor ich das Bett verlassen habe.

Das Gefühl seiner Nähe, das Wärme, die mich noch umhüllt, all das will ich behalten. Doch ich weiß, dass es an der Zeit ist, den Tag anzugehen. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wohin uns das führen wird.

Ich bin bereit und egal, was kommt, ich werde es annehmen.
 

***
 

Ich liege im Bett, atme tief ein und versuche, den Moment in Erinnerung zu behalten, das Gefühl der Wärme und Geborgenheit, bevor Finn sich bewegt hat. Er ist leise aufgestanden und für einen kurzen Moment spüre ich die Angst, dass ich so nicht mehr spüren werde. Mein Herzschlag beschleunigt sich und ich halte die Luft an, höre jede noch so kleine Bewegung im Raum, bis sich die Tür zum Bad öffnet und kurz darauf wieder schließt.

Das erleichtert mich, doch die letzte Nacht schwingt noch nach, und ich bin mir unsicher, was das für uns bedeutet.

Ich rolle mich auf die Seite, die Arme hinter den Kopf gelegt, und lasse meine Gedanken schweifen. Meine Muskeln sind noch ganz warm von der Nacht, doch gleichzeitig fühlt sich alles komisch an, als ob etwas zwischen uns steht, das noch nicht erledigt ist.

Wie soll es weitergehen?

Ich bin so gesehen sein Chef, der das Team leitet, Finn ist offiziell der Pfleger, der sich um meine Pferde kümmert, doch was bedeutet all das für die Zukunft?

Ein Moment nur, oder mehr?

Wir haben uns gestanden, dass wir uns lieben, dennoch fühlt es sich brüchig an, zerbrechlich.

Die Geräusche aus dem Bad werden lauter, das Wasser der Dusche läuft, ich höre das Plätschern, gemischt mit leiser Musik aus dem Radio. Meine Gedanken drehen sich weiter.

Soll ich ihn in Ruhe lassen, ihm Zeit geben, oder soll ich zu ihm gehen? Ich will wissen, wie er sich fühlt, ob er sich ähnliche Gedanken über uns macht, oder ob er nicht zweifelt.

Ich schließe für einen Moment die Augen, sende einen stillen Wunsch nach Klarheit. Meine Gedanken schweifen unwillkürlich zurück zu unseren Berührungen, den Blicken, den Worten. Auch wenn mir all das durch den Kopf geht, so ist eines sicher, mehr als alles andere.

Ich will ihn, ganz und vollkommen!
 

Ich trete ins Bad, die Tür schließt hinter mir, der Raum ist erfüllt vom Plätschern des Wassers. Mein Blick wandert zu Finn, der unter der Dusche steht, das Wasser glänzt auf seiner Haut. Für einen Moment zögere ich, überlege, ob ich einfach stehen bleiben soll oder ob ich mich dazu stelle.

Das Letzte, was wir ausgemacht haben, war, dass wir ehrlich zueinander sein wollen. Und ehrlich gesagt, merke ich an meiner Art, dass das hier mehr war als nur eine flüchtige Nacht. Es hat etwas in mir verändert. Ich atme tief durch, dann entscheide ich mich, näherzutreten.

Vorsichtig.

Ich spüre, wie mein Herz schneller schlägt, doch ich will keinen Druck aufbauen, nur Klarheit schaffen. Sein Rücken ist gerade, seine Schultern entspannt, während das Wasser langsam über ihn rinnt. Ich komme näher, bevor ich leise die Kabine öffne und mich auf die Seite stelle, die weniger nass ist.

„Finn“, sage ich leise, fast ein Flüstern. Ich kann ihn kaum ansehen, ohne von diesen Momenten überwältigt zu werden. „Was gestern war, das war ... wunderbar und ich will ehrlich sein. Ich habe keinen Zweifel und hoffe, dass du es ebenso wenig bereust.“

Er dreht den Kopf, seine Gesichtszüge werden weicher, als er mich ansieht.

„Nein, das tue ich nicht“, meint er und lächelt, „Es war schön. Wirklich.“

Er lächelt, das Wasser rinnt sein Gesicht entlang.

„Aber wie geht’s jetzt weiter?“, fragt er und senkt den Blick.

Das ist die große Frage.

„Für mich ist das nicht nur eine Privatsache, ich bin dein Chef“, meine ich und hoffe, dass er versteht. Er nickt, weil er genau weiß, was ich meine. Das ist das Dilemma, das wir beide spüren. Die Vertrautheit, das Gefühl ist da, aber die äußeren Umstände sind es auch.

„Ich weiß“, haucht er, „Und genau das macht er kompliziert. Ich habe auch schon darüber nachgedacht.“

Ich gehe einen Schritt näher, spüre die Wärme seines Körpers und das Wasser, welches nun auch über meinen Körper läuft.

„Ich glaube, das Wichtigste ist, ehrlich zu uns selbst zu sein. Wir beide wollen das hier, egal, was das bedeuten mag. Und solange wir uns dessen sicher sind, dass es keine Probleme bei der Arbeit gibt, können wir eine Lösung finden“, sage ich mit Überzeugung in der Stimme.

Er nickt nachdenklich und schließt kurz die Augen, als würde er einen Moment der Ruhe brauchen.

„Ich fühle mich so, als ob ich zum ersten Mal wieder wirklich atmen kann“, sagt er dann leise und öffnet wieder die Augen. „Egal, was kommt, ich will, dass wir ehrlich bleiben. Weil das hier“, er zeigt auf sich, auf mich, „stellt für mich mehr dar, als nur eine Nacht.“

Ich spüre in diesen Moment, dieses Gefühl, das zwischen uns schwebt.

Es ist nicht nur Leidenschaft, sondern etwas Tieferes, eine Verbindung, die echt ist. Ich lege die Hände auf den Rand der Duschablage, sehe Finn an und weiß, dass wir beide auf einem Weg sind, der der richtige, weil es ehrlich ist.

„Lass uns Schritt für Schritt gehen“, sage ich leise. „Egal, was kommt, wir wissen, was wir wollen und nur das zählt.“
 

Finn dreht sich zu mir, seine Arme schlingen sich um meinen Nacken, als er mich an sich zieht. Seine Haut ist warm, das Wasser läuft über uns hinweg, lässt die Berührung noch weicher erscheinen. Ohne nachzudenken, neige ich mich zu ihm und seine Lippen treffen meine in einem sanften, doch tiefen Kuss. Meine Arme legen sich um die schmale Hüfte des anderen und verstärke den Kuss. Es ist, als ob dieser Moment alles um uns herum auslöscht, nur wir beide, verbunden in diesem Gefühl, das stärker ist als alles andere.

Finn lehnt sich an mich, seine Hände vergraben sich in meinem Haar und ich spüre die sanfte Hitze seiner Haut, das pulsierende Leben in ihm.

Das Wasser läuft weiter, umspielt unsere Körper, während wir den Moment genießen. Die Nähe, die Wärme, das Gefühl, dass alles im Fluss ist. Dieser Kuss ist mehr als nur Leidenschaft, er ist eine tiefe Bestätigung, dass wir es wollen, dass wir zusammengehören.

Irgendwann löst Finn behutsam den Kuss, seine Finger verweilen noch in meinen Haaren, so wie meine auf seinen Hüften, bevor er sich von mir löst. Seine Augen sind von warmem Glühen erfüllt.

„Wir müssen uns fertig machen“, meint er leise, „Frühstücken und dann Gigi vorbereiten ... Das Turnier wartet nicht.“

Ich nicke, spüre wie mein Puls noch immer rast, während Finn das Wasser abstellt. Wir treten aus der Dusche hervor und beginnen mit unseren morgendlichen Routinen, ziehen uns an, um den Tag zu beginnen.

Gemeinsam verlassen wir das Bad, schreiten in den Tag hinein, bereit für alles, was kommen mag. Gemeinsam machen wir uns auf den Weg in den Frühstücksraum des Hotels. Es herrscht reges Treiben und schnell nehmen wir die morgendliche Mahlzeit und Kaffee zu uns, bevor wir uns in Richtung Turniergelände und Stallungen aufmachen. Der Tag ist sonnig und warm.

Andere Pfleger und Reiter sind bereits unterwegs, die uns hier und da grüßen.

Bevor wir in die Stallgasse treten sehe ich mich kurz um, dann greife ich Finns Handgelenk um ihn zu mir zu ziehen. Ich lege ihm einen schnellen aber sanften Kuss auf die Lippen. Er lächelt, als sich der Kuss löst, ein echtes, warmes Lächeln, was ich ebenso erwidere.

Jetzt aber beginnt der Arbeitsalltag und mit diesem der professionelle und distanzierte Teil unsere Beziehung.

Unglück

Ich spüre den Boden unter den Hufen, das satte Aufstampfen, das das rhythmische Pochen in meinem Körper bestätigt. Mein Blick ist aufmerksam, die Konzentration stark, die Nerven aber sind ruhig. Gigi trägt mich sicher an den ersten Sprung, einem schmalen Steil-Sprung, 1,70 Meter hoch.

Wir nehmen ihn mit Leichtigkeit, die Muskeln arbeiten entspannt, der Atem ruhig. Die Landung ist sanft, der Fluss des Reitens läuft wie nach einem langen studierten Drehbuch. Ich sehe kurz zu den Zuschauern, spüre die Spannung, doch in meinem Kopf ist alles fokussiert auf das, was vor uns liegt.

Der zweite Sprung, ein breiter Oxer, folgt in flüssiger Bewegung. Gigi reagiert sofort auf meine feinen Hilfen, ihre Beine fliegen über das Holz, die Gleichmäßigkeit der Bewegung ist beeindruckend. Ich kontrolliere den Sitz, halte die Zügel mit wenig Druck, lasse die Stute frei springen, ohne dagegen zu wirken. Die Distanz stimmt, Gigi landet weich, weiter galoppieren wir zum nächsten Abschnitt. Es läuft alles perfekt und das Gefühl eines guten, sicheren Rittes wächst in mir.

Wir nehmen die Kombination aus Steil-Sprung und Oxer mit ruhiger Präzision, zwei Galoppsprünge dazwischen, richtig getimed, perfekt eingeleitet und sauber gesprungen. Der nächste Sprung, die große Trippelbarre, mit 1,80 Metern Höhe, liegt vor uns und ich reite sie ruhig an. Gigi zeigt ihre Kraft, setzt zum Sprung an, fliegt durch die Luft und landet sicher, ohne Probleme.

Mein Herz pocht, alles passiert so geschmeidig.

Der letzte Abschnitt, die Dreifache-Kombination, die entscheidende Passage liegt vor uns. Ich setze die Zügel, gebe Gigi das Signal, das Tempo zu halten. Wir nähern uns dem ersten Hindernis, einem Oxer, 1,75 Meter hoch, 2,30 Meter breit. Gigi ist schnell, sie spürt den Ernst. Ich sitze tief im Sattel, halte die Balance, während wir an den Absprungpunkt kommen. Gigi hebt ab, ihre Flugbahn ist perfekt, ich spüre den Moment, der alles entscheidet.

Jetzt folgt der zweite Teil der Kombination, ein Steil-Sprung, 1,85 Meter hoch. Gigi zeigt erneut, was sie kann, nimmt den Sprung mit vollem Vertrauen, alles sitzt. Nur ein Galoppsprung zum Aussprung, dem Steil-Sprung mit 1,80 Metern. Ich taxiere die oberste Stange, Gigi ist bereit, will springen.

Ohne Vorwarnung bleibt Gigi abrupt stehen, verweigert den Sprung.

Der Schreck trifft mich einem Moment, meine Hände greifen nach vorne, versuchen noch halt zu finden, doch es ist zu spät.

Ich werde schief nach vorne, über den Kopf der Stute, katapultiert, mein Körper kommt aus dem Gleichgewicht. Der Aufprall ist hart, der Schmerz schießt durch meinen Rücken und meine Hüfte. Ich schlage in das Hindernis ein, reiße die Stangen mit mir und stürze zu Boden. Für einen Moment verliere ich die Orientierung und es ist, als würde alles um mich herum stillstehen.

Ich höre das Schreien der Zuschauer die aufgeregte Stimme des Stadionsprechers und nehme wie Beiläufig Finn wahr, der sofort auf den Platz stürzt. Seine Augen sind groß vor Schock, seine Bewegungen schnell, fast panisch.

Er eilt auf Gigi zu, versucht, das Pferd zu beruhigen, während er gleichzeitig nach mir schaut. Mein Blick ist noch immer verschwommen, mein Herz rast, doch ich sehe sein Gesicht, voller Sorge. Er nimmt Gigi, die zu ihm gelaufen ist, an den Zügeln, spricht ruhig auf sie ein und versucht sie zu halten.

Ich liege da, schwer atmend, die Muskeln schmerzen, der Boden ist kalt, doch ich bemerke, dass ich bei Bewusstsein bin. Der Schmerz ist da, klar und deutlich, doch durch die Mischung aus Schock und Ärger, nehme ich ihn nur nebenbei wahr. Langsam richte ich mich auf, spüre, wie meine Knochen knacken, aber es fühlt sich nichts gebrochen an.

Glück gehabt!
 

***
 

Ich stehe am Rand des Turnierplatzes, mein Herz klopft laut in meiner Brust, während ich Aiden und Gigi beobachte. Das Paar bewegt sich mit einer perfekten Balance über den Platz, das Tempo stimmt, jede Linie sitzt, die Sprünge erfolgen ohne Abwurf. Gigi springt mit einer Eleganz, die nur wahre Meister beherrschen. Aiden sitzt tief, seine Hände sind ruhig, seine Blicke scharf. Es läuft wie am Schnürchen. Das Publikum hält den Atem an, die Spannung ist greifbar, doch alles scheint so ruhig und kontrolliert.

Der Parcours zieht sich logisch und flüssig, Gigi nimmt jeden Sprung mit einer Selbstverständlichkeit, die mich immer wieder aufs Neue beeindruckt. Die Dreifache-Kombination naht, die letzten Hindernisse sind klein, aber anspruchsvoll. Aiden arbeitet konzentriert, seine Bewegungen sind präzise, sein Blick ist fokussiert auf den nächsten Sprung. Gigi folgt ihm brav, als wäre er eins mit ihm verbunden. Sie nehmen die ersten beiden Sprünge der Kombination ohne Probleme. Das erfüllt mich mit Stolz. Es sieht so aus, als könnten sie alles schaffen.

Doch dann, beim letzten Hindernis – dem hohen Steil-Sprung – passiert es. Gigi verweigert, bleibt abrupt stehen. Der Moment dehnt sich in die Länge, als würde die Zeit stillstehen. Aiden reagiert zu spät, er verliert das Gleichgewicht, sein Körper schleudert nach vorne, durch das Hindernis und stürzt schwer auf den Boden.

Für einen Moment bleibt alles still.

Mein Herz setzt einen Schlag aus und wilde Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ich reagiere sofort, schiebe mich so schnell wie möglich nach vorne, vorbei an all den anderen Pflegern und Personal des Platzes und verlasse den Platz neben dem Zaun. Ich laufe auf den Platz, um Gigi zu fangen, bevor sie zu sehr in Panik gerät.

Das Adrenalin treibt mich an.

Ich merke, wie Gigi unruhig hin und her läuft, nicht wissen, wo sie hinsoll. Zum Glück sehe ich, dass Aiden langsam und ohne offensichtliche Verletzungen aufsteht. Er atmet schwer, aber er steht.

Ich atme erleichtert durch, während ich dem flüchtenden Pferd nachrenne. Gigi hat sich allerdings schnell wieder gefangen, scheint sich zu beruhigen und ich schaffe es, sie zu greifen, ihre Zügel zu halten. Sie ist erschreckt, doch irgendwie auch noch bei Verstand. Mein Blick fliegt zurück zu Aiden, der sich langsam aufrappelt. Es scheint zum Glück nicht zu sein. Er steht da, schwer atmend und hebt die Hand in einem stillen Zeichen, dass alles in Ordnung ist und ich atme erleichtert auf.

Aiden nickt mir zu, ein zögerliches Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht. Es ist eine Erleichterung, die alles überstrahlt.
 

***
 

Finn kommt neben mir zum Stehen, Erleichterung und Erschütterung sind aus seinem Gesicht abzulesen. Mehre Ordner und auch zwei Sanitäter sind bereits bei mir, welche ich aber wegschicke.

„Aiden!“, ruft Finn, seine Stimme zittert. Mein Blick schweift zu Gigi, die ruhig neben Finn steht, als wäre nichts geschehen. Ich streiche meiner Stute beruhigend über den Hals, was auch immer gewesen ist, ich gebe ihr keine Schuld.

Sie sind und bleiben Fluchttiere, die sich eben erschrecken können.

Ich schließe die Augen für einen Moment, atme tief durch, damit der Schmerz etwas weicht. Dann öffne ich sie wieder und schaue Finn an.

„Alles okay?“, fragt mich dieser besorgt.

„Bin in Ordnung“, sage ich ruhig, „nur der Schock, sowas passiert einfach auch den erfahrensten Reitern.“

Meine Stimme ist gefasst, aber er wird den Schmerz sicher hören.

„Wichtig ist, dass du nichts gebrochen hast“, murmelt er und ich sehe ihm in die Augen, nicke ein wenig, doch das kleine Lächeln, das sich auf meine Lippen schiebt, verrät, dass ich mir das selbst nicht so sicher bin. Der Turnierarzt wird mich gleich untersuchen und womöglich in ein Krankenhaus bringen lassen, um mich zu röntgen. Langsam lasse ich meinen Blick über den Platz schweifen, während Finn mir die Hand achtsam auf die Schulter legt.

Das Adrenalin in meinem Körper beginnt langsam abzuklingen, doch die Schmerzen bleiben.

„Finn, alles in Ordnung?“, frage ich mit matter Stimme, während ich ihn ebenso besorgt ansehe wie er mich. Er ist Kreideweiß und wirkt so, als würde er gleich umfallen. Mein Rücken schmerzt, ein stechender, kaum auszuhaltender Schmerz. Doch ich beiße die Zähne zusammen, will ihn nicht noch mehr beunruhigen.

„Ja, nur der Schreck“, antwortet er und lächelt schwach, „Du hast alles gegeben, Aiden. Manchmal liegt das Glück einfach nicht auf unserer Seite.“

Finn versucht ruhig zu bleiben, doch die Sorge in seinem Blick ist unverkennbar. Ich nicke, während ich versuche, meinen Atem zu kontrollieren.

„Wir haben alles richtig gemacht. Nur manchmal, liegt das Schicksal eben woanders“, sage ich leise, mit einem Lächeln. Finn lacht leise, versucht die Stimmung aufzulockern.

„Du bist trotzdem mein Champion, egal was passiert“, sagt er und ich sehe ihn seinen Augen, dass es nicht nur so daher gesagt ist.

Ich atme tief durch, schätze die Ruhe, die er ausstrahlt und mir legt sich ein Lächeln auf die Lippen. Er ist schön niedlich, wenn er sich Sorgen macht.

„Das ist mir wichtiger, als jeder Sieg“, sage ich leise und ehrlich.

Ich lege meinen Arm auf seine Schulter, da ich merke, dass mir das Auftreten mit dem linken Fuß unangenehm ist. Automatisch legt sich sein Arm um meine Hüfte, ich höre den Stationssprecher noch etwas sagen, das ich wohl unverletzt bin, aber das tritt in den Hintergrund.

Gigi schnaubt leise, als wisse sie, dass es nicht nur um den Parcours geht, sondern um das Vertrauen, das wir immer wieder neu aufbauen.

„Wir lassen uns nicht unterkriegen“, meine ich, mehr zu mir selbst und Finn nickt zustimmend.

„Genau, du lässt dich jetzt erst mal durchchecken und ich kümmere mich um Gigi. Wichtig ist, dass du dir nichts Ernstes getan hast und zu Hause sehen wir weiter“, sagt Finn als wir langsam den Platz verlassen. Applaus erklingt von den Zuschauern und am Einritt sehe ich schon den nächsten Reiter, der mir mit einem Kopfnicken alles Gute wünscht.

Das Gefühl der Niederlage ist nur eine kleine Narbe in meinem Weg, ich werden wieder aufstehen, und ich werden stärker zurückkehren.

Mein Blick fällt auf Gigi, die neben uns hergeht, unser gemeinsames Band ist stärker zuvor und obwohl er heute ein Rückschlag war, sind wir noch lange nicht am Ende unserer Reise.
 

***
 

Ich sitze im Behandlungszimmer, meine Hände sind feucht und mein Herz schlägt noch immer schnell. Gigi ist in ihrer Box, ein anderer Pfleger kümmert sich um sie, während ich hier warte. Mein Blick wandert immer wieder zu Aiden, der auf der Liege liegt, sein Gesicht ist ruhig und die Augen geschlossen.

Der Arzt ist gerade dabei, Aiden zu untersuchen. Ich höre das leise Klopfen des Reflexhammers, das Rascheln des Stethoskops und spüre, wie die Anspannung in mir wächst. Ich kann kaum glauben, was passiert ist. Es war nur ein Moment, nur ein kleiner Fehler und doch hat es alles verändert.

„Aiden, können sie Augen öffnen?“ Der Arzt spricht ruhig, aber bestimmt. Aiden blinzelt, seine Lider zucken, dann sieht er den Arzt an, seine Augen sind glasig, aber wach.

„Wie stark sind die Schmerzen?“, fragt der Arzt, während er vorsichtig den Kopf des Mannes abtastet. Aiden schüttelt ein wenig den Kopf, doch ich sehe, wie sein Kiefer sich anspannt.

„Nur ein bisschen Kopfschmerzen“, murmelt er. „Der Rücken schmerzt mehr.“

Seine Stimme ist schwach, aber er versucht, ruhig zu bleiben. Der Arzt nickt, schreibt etwas.

„Wir werden eine Röntgenaufnahme machen, um sicherzugehen, dass keine Knochen verletzt sind. Es sieht nach einer starken Prellung aus, aber wir wollen auf Nummer sicher gehen“, spricht der Turnierarzt ruhig und ich spüre, wie mein Magen sich zusammenzieht.

Ich erinnere mich an den Moment, als er durch das Hindernis stürzte, die Bewegung, das Chaos, das Gefühl, dass die Zeit stillstand.

„Aber ich denke, dass nichts gebrochen sein wird“, sagt der Arzt, während er Aiden beim Aufrichten hilft. Beide verlassen den Raum, um die Aufnahmen zu machen, was hier zum Glück sehr schnell geht, sodass ich nicht lange warten muss. Nach ungefähr zehn Minuten sind wieder im Raum und Aiden setzt sich auf die Liege. Ich stehe neben ihm, meine Arme verschränkt und beobachte, wie die Röntgenbilder begutachtet werden. Aidens Hand greift nach meiner und ich spüre die Erleichterung, die sich in mir breitmacht.

Der Arzt kommt wieder zu uns, bringt die Röntgenbilder.

„Hier sehen wir, dass keine Knochenbrüche vorliegen. Nur eine starke Prellung am Rücken und eine leichte Gehirnerschütterung. Ich werde ihnen noch einige Medikamente und eine Salbe aufschreiben und sie sollte sich ausruhen.“

Ich atme tief durch, während ich den Blick auf Aiden richte. Er wirkt erschöpft, aber auch erleichtert und ich weiß, dass er stark ist, dass er das durchstehen wird.

„Danke“, meine ich, als der Arzt den Raum verlässt. Aiden sieht mich an, seine Augen sind müde, aber dankbar.

„Danke, dass du da bist“, sagt er und drückt meine Hand liebevoll. Ich nicke, spüre, wie die Anspannung langsam von mir abfällt und beuge mich zu ihm. Sacht lege ich ihm einen Kuss auf die Lippen und löse mich wieder von ihm. Hier im Zimmer ist nicht der richtige Ort.

Alles in allen ist es gut gegangen.

Es hätte auch viel schlimmer ausgehen können und jetzt zählt nur noch, dass er sich erholt.

Glück im Unglück.



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Kommentare zu dieser Fanfic (6)

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Von:  Gl0rian4
2025-11-05T18:27:24+00:00 05.11.2025 19:27
Hej,
Na das ist wirklich glimpflich ausgegangen..
Allerdings ist der Wettbewerb für ihn wohl dieses Jahr gelaufen.
Hoffentlich hat das Pferd jzt kei Problem. Also, das es jzt Hemmungen hat zu springen, wenn er reitet...vonwegen Bindung und so...
LG Gl0rian4
Antwort von:  Milan1896
05.11.2025 19:29
Hey ^^
ja da steckt mehr der Schreck in den Knochen als alles andere. Ich konnte ihn ja nicht schwer verletzen. Es wird aber noch Turniere geben zu denen es geht. Aber die Arbeit mit der Stute und Finn wird sich etwas ändern, einfach um das Vertrauen zu stärken.
Antwort von:  Gl0rian4
05.11.2025 19:30
Ich bin gespannt u d freu mich drauf..
Von:  Gl0rian4
2025-09-17T16:07:38+00:00 17.09.2025 18:07
Hey,...
Jaaa, endlich.. das hat sich ja aufgestaut..;D
Hoffentlich stehen sie sich nicht mehr selbst so im Wege , sondern haben jetzt.
Aber warum denkt er an Abenteuer? Ich habe vermutet, das sie beide sich auf was ernstes einlassen wollen?

Aber Don und Gigo werden es wohl letztendlich richten...
Antwort von:  Milan1896
18.09.2025 19:55
Ja was lange wert und so ^^
Das die beiden was festes wollen, wird auch bleiben. Das Abenteuer bezieht sich hier mehr auf das erste gemeinsame Abenteuer zwischen den Lacken 😉
Ich bin selbst gespannt wie das alles mit den beiden weitergeht.
Von:  Yasmethy
2025-08-23T12:24:11+00:00 23.08.2025 14:24
Na, die beiden scheinen ziemlich schnell etwas für den anderen zu empfinden.
Es klingt schon fast wie Liebe auf den ersten Blick. Zumindest wenn man dem Gespräch zwischen Finn und Miriam so liest. Wohingegen es bei Aiden eher Interesse ist.
Na, mal sehen wie die Zweit letzten Endes zusammen finden werden und was Ace zu Finn sagen wird.

LG Yasmethy
Antwort von:  Milan1896
23.08.2025 15:37
Also bei Finn kommt das wohl hin mit Liebe auf den erste Blick ^^ Aiden ist da nicht so sicher … das wird noch eine rumeierei mit den beiden werden ☺️

Ich bin ja sowieso gespannt wie sich die Story überhaupt entwickelt
Von:  Yasmethy
2025-08-18T16:18:59+00:00 18.08.2025 18:18
Hi ^^
Es ist echt interessant, vor allem da ich mich mit Pferden nur wenig auskenne.
Aiden kommt mir jedoch bekannt vor aus einer anderen Story von dir.
Na, mal sehen wie Finn sich einreiten... äh ich meine natürlich einarbeiten wird ^^ Aiden hats ihm ja schon mal angetan ^^

LG

Yasmethy
Antwort von:  Milan1896
18.08.2025 22:46
Ja die Charaktere gibt es in anderen Storys von mir bereits^^
Aber ich mag sie uns leider sind ihre Geschichten aktuell einfach still.


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