Turniertag
Frühmorgens komme ich in die Stallgasse, die Luft ist noch kühl und klar. Mein Blick bleibt an Don hängen, der in seiner Box entspannt und ruhig steht. Der Stallkomplex ist noch halb im Dunkeln, nur die vereinzelt bereitstehenden Utensilien zeugen davon, dass heute ein Turniertag ansteht. Aiden und die anderen Reiter werden erst später dazukommen, aktuell sind wir Pfleger unter uns. Die Boxen stehen eng aneinander, doch die Vorbereitungen laufen nach einem immer gleichen Ablauf.
Ich öffne die Boxentür einen Spaltbreit, sodass Don den Kopf hebt und seine Ohren sich neugierig nach vorne richten. Sanft streiche ich über das glatte Fell des Halses, fühle die Muskulatur unter der Haut, die sich bewegt.
„Guten Morgen, Don“, sage ich ruhig zu ihm, welcher mit einem schnauben zu antworten scheint. Der Hengst wirkt entspannt, was auf eine unauffällige Nacht schließen lässt.
Ich lege ihm Trense und Strick an, führe ihn aus der Box, damit ich dieses Misten kann.
In der Stallgasse stehen schon einige anderen Pferde angebunden. Der Stallgeruch mischt sich mit dem Duft von Seife und Metall, ein Geruch, der mir sagt: Wir machen das heute gut.
Ich höre das entfernte Rufen des Stallmeisters, sehe, wie andere Pfleger ähnliche Rituale vollziehen. Es ist, als würden sich alle kleineren Aufgaben zu einem großen Ganzen fügen, das den Tag vorantreibt.
Als ich mit dem misten fertig bin, lege ich Sattel und Zaumzeug bereit bevor ich nach dem Putzkasten greife, wo Striegel, Bürsten und der Hufkratzer bereitliegen. Ich nehme den Striegel und beginne Don abzuziehen, die Borsten gleiten über das Fell, lösen Staub und Dreck.
Don folgt der Bewegung meiner Hand und hebt die Hufe, damit ich diese auskratzen und prüfen kann. Ein paar gezielte Bewegungen, einige wenige Tropfen Öl am Beschlag und die Hufe glänzen.
In der Nähe öffnet sich eine Tür, Don lauscht, doch es bleibt nur ein Hintergrundgeräusch. Der Hengst bleibt ruhig, die Augen gelassen, als würde er wissen, worauf es heute ankommt.
Ich höre Schritte, die auf uns zukommen und drehe mich um, es ist Aiden der mit seiner dunkelgrünen Reitjacke über dem Arm zu uns kommt. Sein weißes Hemd und die Reithose leuchten beinah im Kontrast zu dem geputzten schwarzen Stiefel.
„Guten Morgen, Finn. Wie sieht es aus?“, fragt Aiden als er neben mir stehenbleibt. Er wirft einen Blick auf Don, streicht ihm über den Kopf, als er ihn anspricht: „Morgen, Don, bereit zu glänzen?“
„Guten Morgen, alles in bester Ordnung. Nur noch satteln und ihr zwei könnt zum Aufwärmen auf den Abreitplatz“, berichte ich, während ich den Sattel vorbereitet und die Schutzdecke abnehme.
„Sehr gut, dann kann es losgehen“, meint Aiden und ich hebe den Sattel vom Halter. Die Steigbügel klackern als ich diesen mitsamt der Satteldecke auf den Rücken des Pferdes lege. Ich ziehe den Gurt behutsam fest, nicht zu eng, damit Don frei atmen kann. Dieser tritt einen Schritt nach vorne, die Augen fokussieren das Zaumzeug welches ich dem Hengst überziehe und justiere.
***
°Im Einritt erscheint der nächste Teilnehmer, Aiden Courtenay mit Camerlengo, einem erst achtjährigen Hannoveraner Hengst. Courtenay, auch der unnahbare genannt, ist ein erfahrener Reiter, der bereits einige Siege verbuchen kann°, erklingt die Stimme des Stadionsprechers.
Aiden nimmt die Zügel auf, streicht über den Hals von Camerlengo, was diesen den Kopf heben und spitzt die Ohren lässt, als wisse er, dass es jetzt darauf ankommt alles zu geben.
Er legt die Außenhand an, gibt mit feinen Gesten das Kommando und Camerlengo setzt sich in Bewegung. Der Galopp ist ruhig und kontrolliert, sie wirken wie zwei Tänzer, die sich über eine Bühne bewegen. Finn steht in der Crew-Box neben dem Einritt, immer den Blick auf das Paar auf dem Platz. Sie warten auf die Freigabe und das Läuten der Glocke, umrunden dabei einige der Sprünge.
°Da erklingt die Glocke und Courtenay geht es an, mal sehen wie Sie in den Parcours starten werden. Sprung eins ist ein schmaler Steil-Sprung mit einer Höhe von 1,70 m. Der Hengst bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit, als wisse er, dass es jetzt zählt. °
Aiden greift die Zügel fester, macht die Beine zu und setzt zum Sprung an. Der Sprung kommt und elegant springt Don ab, geht sauber über das Holz und galoppiert locker nach der Landung weiter. Die Kamera bleibt dran, filmt die Reaktion, das kurz aufblitzende Lächeln von Aiden, bevor wieder Konzentration in den Blick tritt. Finn nickt zufrieden, das Handy in den Händen, um alles zu erfassen, damit Sie beide es hinterher analysieren können. Camerlengo wirkt ebenso fokussiert wie Aiden selbst.
°Das zweite Hindernis, ein breiter Oxer, kommt schnell, aber die Distanz sitzt, Camerlengo landet weich. Courtenay korrigiert mit feinen Hilfen und der Hengst reagiert präzise. Die Handbewegungen, kaum sichtbar, zeigen die feine Abstimmung, die dieses Paar hat. Die nächste Kombination aus Steil-Sprung und Oxer nehmen Courtenay und Camerlengo ruhig, mit zwei Galoppsprüngen, wie aus dem Lehrbuch. Weiter geht es auf geschwungener Linie hin zu Sprung fünf. Der großen Trippelbarre, ein dreistufiger Hoch-Weitsprung, mit 1,80 m Höhe und 3,00 m Weite. °
Das größte Hindernis erfordert eine Kombination, die Tempo und Weite verlangt, ebenso Präzision. Camerlengo wird schneller, als Aiden den Galoppsprung verlängert, die Muskeln arbeiten und Aiden sitzt tiefer im Sattel, die Knie eng.
°Die Distanz sitzt, das sieht gut aus, was Courtenay da macht. Der Sprung kommt, der Hengst hebt ab, eine saubere Flugbahn, die mit einem Fehlerfreien passieren belohnt wird! °
Aiden blickt über die Schulter zurück, eine kleine Korrektur mit der Hand, Camerlengo atmet hörbar, die Ohren richten sich nach vorne, als wüssten sie, dass gleich der nächste Impuls kommt.
°Der Rhythmus ist gut und die beiden nehmen Sprung sechs ins Visier. Courtenay bleibt ruhig, arbeitet mit der Hüfte, der Oberkörper hingegen bleibt gelassen, sein Blick ist fokussiert. Camerlengo springt über den Steil-Sprung als wäre der nur halb so groß. Eine Selbstverständlichkeit für diesen stattlichen Hannoveraner-Rappen. °
Der Parcours zieht eine lange Linie zu Sprung sieben und mit einer kleinen Wende, die Präzision verlangt, bringt Aiden Don zum Hindernis. Camerlengo reagiert und Aiden passt die Balance an. Auch dieser Sprung gelingt und die Zuschauer klatschen, wissen Sie doch das hier der nächste fehlerfreie Ritt bevorsteht.
°Die vorletzte Aufgabe naht, die dreifache Kombination aus Oxer und zwei entstehenden Steil-Sprüngen. Der Oxer ist mit seinen 1,75 m und 2,30 m ein mächtiger Einsprung, dann zwei Galoppsprünge zu dem 1,85 m Steil-Sprung. Weiter mit nur einem Galoppsprung über den letzten Steil-Sprung mit seinem 1,80 m. Camerlengo nimmt den Oxer ohne Probleme, aber in der Mitte wird es eng! Courtenay muss ihn ordentlich zurücknehmen damit das gut geht. Mit einem lauten klappern bleibt die Stange liegen und den letzten Sprung nimmt der Hengst ohne Probleme. Da war knapp, aber gut. °
Finn richtet sich auf, den Blick fest auf dem Paar in der Bahn, er drückt die Daumen und betet, dass Aiden fehlerfrei bleibt.
° Jetzt wird es groß, das letzte Hindernis bietet Raum für Sieg oder Niederlage, den Ausritt im Blick ist es eine Ablenkung für die Pferde. Courtenay bleibt weiterhin ruhig, gibt klare Hilfen und unterstützt seinen Hengst tadellos. Camerlengo setzt zum letzten Flug an, die Sprunglinie sieht gut aus, den Absprung treffen die beiden auf den Punkt und die Hufe gehen sauber über das Hindernis. Die Landung ist gut gelungen und Courtenay lässt seinen Rappen frei laufen. Die Zeit ist top und somit übernimmt er erstmal die Führung. °
Camerlengo verlangsamt den Galopp und geht fließenden über in einen lockeren Trab, Aiden löst die Zügel, klopft ihm lobend den Hals und gibt ihm Raum sich zu strecken. Der Jubel der Zuschauer begleitet Aiden und Don vom Platz, der Hengst schnaubt gelassen und auch Aiden wirkt mehr als zufrieden mit dem Parcours. Finn kommt ihnen entgehen als das Paar ein Ausritt erreicht und greift in den Zügel um Don zu führen, dabei streicht er dem Hengst über die Schulter.
***
Nach dem letzten Sprung atme ich durch, die letzten Hindernisse haben die beiden mit Bravour gemeistert und das Gefühl von Stolz und Freude über den gelungenen Ritt durchströmt Aiden sichtlich. Auch ich spüre, wie sich Dons Körper entspannt, während sie einige lockere Runden über den Platz drehten.
„Dass du hast das großartig gemacht“, höre ich Aiden zu Don sagen als er ihm den Hals lobend klopft. Don lässt den Kopf sinken und schnaubt zufrieden, er hat sein Bestes gegeben.
Ich stehe am Rand des Platzes und beobachte die beiden mit einem zufriedenen Lächeln. Oft schon habe ich Aiden und Don bei ihren Trainings zugeschaut und weiß genau, wie harmonisch ihre Verbindung ist. Als Aiden schließlich aus dem Sattel steigt, mache ich mich auf den Weg zu ihnen.
„Das war eine klasse Runde“, sage ich und klopfe Aiden auf die Schulter. „Du und Don, ihr seid wirklich ein eingespieltes Team.“
Aiden grinst, sieht mich vielsagend an und führt Don im Schritt noch weiter über den Platz.
„Danke, ich hatte das Gefühl, dass wir heute besonders gut harmoniert haben. Es war einfach magisch.“
„Don hat gut mitgemacht und du hast ihn gut vorbereitet. Man merkt, dass du Zeit in eure Zusammenarbeit investierst“, sage ich mit einem zustimmenden nicken.
„Ich bin und bleibe Perfektionist“, antwortet Aiden und grinst verschmitzt in meine Richtung.
Ich lächele, während ich gelassen neben Aiden hergehe und wir Don um den Platz führen.
„Ich habe gelernt“, setzt Aiden fort, „Dass das Vertrauen, welches wir aufgebaut haben, uns in den Momenten hilft. Es ist nicht immer einfach, aber das macht es umso erfüllender.“
Mit Respekt sehe ich Aiden an, als ich spreche: „Es braucht Mut und Hingabe, um diese Art von Beziehung zu entwickeln.“
Während wir Don weiterhin führen, reden wir noch eine Weile über die verschiedenen Techniken. Aiden erklärt mir, wie wir weiter zusammenarbeiten und was für Trainingseinheiten dann zukünftig anstehen, um Dons Leistung weiter zu verbessern.
***
°Meine Damen und Herren, gleich beginnt das Stechen im Springparcours. Wir haben hier eine exzellente Runde vor uns, mit einem Athleten, der für Tempo steht und einem Hengst, der Kraft in den Sprüngen und eine Eleganz im Galopp vereint: Camerlengo und Aiden Courtenay, das letzte Paar im Stechen. °, erklingt die Stimme des Kommentators ruhig, aber jeder Satz ist geladen mit Spannung.
°Der Startgong erklingt und das Paar setzt sich mit einem kräftigen Galopp in Bewegung. Courtenay nutzt den Vorwärtsdrang und den großen Galoppsprung seines Hengsts gut aus. Sprung Nummer eins, ein sauberer Auftakt über den 1,75 cm großen Steil-Sprung. Die Distanz stimmt und das Pferd landet mit der geschmeidigen Art und Weise, die ein direktes Weiterreiten möglich macht. °
Das Klatschen des Publikums rollt über den Platz, doch es bleibt eine stille Spannung in der Luft, als der Parcours sich weiter entfaltet.
°Tempo! Es folgt der zweite Sprung, ein Oxer, der eine präzise Balance fordert. Camerlengo schmiegt sich unter seinem Reiter durch die Wendung und der Sprung sitzt perfekt. Hier zeigt sich die Routine, welche dieses tolle Paar hat. Der nächste Abschnitt fordert eine schnelle Richtungsänderung, eine eng gesetzte Innenlinie. °
Aiden lässt Don laufen, im festen Wissen, dass Camerlengo trotzdem den Absprungpunkt treffen wird und dieser springt mit einer Lässigkeit, die nur demjenigen gehört, der die Technik so sicher beherrscht. Die Zuschauer scheinen den Atem anzuhalten und auf die Uhr zu starren.
°Wir sind mitten im Stechen, das Tempo steigt kontinuierlich, doch die Konzentration bleibt konstant. Nun kommt das vierte Hindernis, die dreifache Kombination, aus der ersten Runde, die ein exaktes Treffen der Absprungpunkte erfordert. Courtenay bleibt fokussiert und reitet die Linie sauber durch, die Sprünge nehmen die beiden perfekt und bleiben ohne Abwurf. Die nächste Wendung ist eng, aber die Distanz stimmt, der nächste Steil-Sprung sitz, bis hierhin läuft alles optimal. °
Die Luft knistert vor Erwartung, Aiden gibt Don nochmals die Hilfe zum Beschleunigen, sein Blickt huscht immer wieder zur großen Anzeige, um die Zeit im Blickt zu halten. Don erhöht die Frequenz des Galopps und der letzte Sprung wird zum Höhepunkt des Ritts.
°Die beiden wollen es jetzt wissen, die Zeit ist gut und das sieht nach dem ersten Platz für Courtenay aus. Der letzte Steil-Sprung mit seinen 1,85 cm ist eine echte Hausnummer. Jetzt nur nicht zu viel wollen und zu flach werden. Der schwarze Hengst springt ab, trifft den Absprung aber nicht so exakt, das wird zu flach! °
Der Abwurf, das Klappern des Holzes, schneidet durch die Stille und ein kurzer Ruck geht durch Aiden. War das Tempo doch zu Hoch oder die Hilfe zu früh? Das werden Sie analysieren müssen.
°Camerlengo landet etwas unsauber und Courtenay verliert die Balance, als beide durch die Lichtschranke des Ziels reiten, doch der Hengst fängt sich sofort wieder, als wolle er den Fehler ungeschehen machen. Courtenay pariert in den Trab durch und blickt auf die Anzeige. Ein klasse ritt der beiden, der leider nicht mit dem Sieg belohnt wird. °
Ein Aufatmen geht durch das Publikum, gefolgt von leiser Enttäuschung, doch auch Respekt vor der Leistung und der Courage, die das Paar gezeigt hat.
Zweiter Platz, mit einem Abwurf am letzten Hindernis.
°Ein packendes Stechen, mit Tempo und riskanten Linien, aber am Ende reicht es nicht ganz zum Sieg. Dennoch: Zweiter Platz in einem starken Feld, mit der Demonstration von Mut, Technik und Teamgeist. Courtenay und Camerlengo haben heute gezeigt, warum sie beide zu den Besten gehören. °
Das Publikum spendet anerkennenden Beifall, einige rufen seinen Namen, als die beiden auf mich am Ausritt zukommen. Ich spüre seine Enttäuschung bis hier her, ohne mit ihm zu sprechen. Er hat sich so viel erhofft und ist doch nur so knapp gescheitert. Aiden streicht lobenden über Dons Hals, was diesen schnauben lässt.
„Gut gemacht, mein Freund“, flüstert er als sie mich passieren und ich die Zügel greife.
Gemeinsam kommen wir zum Abreiteplatz, wo der Sieger, von seinem Team und den anderen Reitern, bereits gefeiert wird, aber als Sie uns sehen, kommen alle zu uns. Sie beglückwünschen Aiden zum zweiten Platz spenden aber auch Trost. Er steigt aus dem Sattel, überlässt mir Don, damit ich ihn in Ruhe führen kann und gratuliert dem Gewinner bevor die Reiter in ihre Gespräche verfallen. Der Druck ist weg und nun sind sie alle nur noch Menschen mit der Leidenschaft für die Tiere und den Sport.