Erstes Turnier
Es ich noch früh am Morgen, als der Himmel sich langsam in sanfte Pastelltöne färbt und die Sonnen über dem Horizont aufgeht. Die Luft ist frisch und kühl, ein vielversprechender Beginn für einen aufregenden Turniertag.
Ich bin bereits im Stall, voller Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis. Ich habe mich früh aus dem Bett geschält, um sicherzustellen, dass alles bereit ist. Die Flügeltüren des Stalls stehen offen und die angenehme ruhige Geräuschkulisse der schnaubenden und wiehernden Pferde erfüllt die Luft.
„Guten Morgen, Finn“, sagt Aiden, als er seinem Kleidersack unter dem Arm angekommen, der bei jedem Schritt sanft an seinen Seiten schlug, auf mich zukommt. Aiden trägt eine abgetragene Jeans und eine grüne Wachsjacke, die ihn warmhielt, während er die letzten Meter zum Stall zurücklegt. Sein Lächeln zeugt von purer Vorfreude.
„Morgen, Aiden, ich habe Don und Gigi schon fertig vorbereitet, beide können verladen werden“, antworte ich und sehe zu wie Aiden seinen Kleidersack in dem Laderaum des LKW bei den Sätteln verstaut.
„Sehr gut, Finn. Dann können wir mit dem Verladen beginnen“, meint Aiden und blickt zum LKW, „Ich will pünktlich aufbrechen.“
Gemeinsam gehen wir zu den Boxen und mit bedacht und einer Selbstverständlichkeit, als wäre es ein normaler Tag, verladen wir zuerst Don in den LKW.
Aiden führt seinen Hengst mit ruhiger Hand, während ich ihm mit Gigi folge.
„Gut gemacht, Don“, meint Aiden, als das Pferd sicher im Transporter steht.
Nachdem auch Gigi vorsichtig in den LKW gebracht worden ist, schließen wir den LKW und atmen durch.
„Jetzt kann es losgehen!“, sagt Aiden euphorisch, während er in den Fahrerbereich des Trucks steigt. Ich nehme neben ihm Platz, wir sind schon jetzt ein eingespieltes Team, obwohl es das erste Turnier ist auf wir fahren. Aber es fühlt sich an, als hätten wir nie was anderes gemacht. Die Vorfreude auf das Turnier lässt meine Müdigkeit der frühen Stunde schnell in den Hintergrund rücken. Die Fahrt über unterhalten wir uns, Aiden erzählt einige Anekdoten über vergangene Turniere, und ich von meiner vorherigen Arbeitsstelle.
***
Durch das frühe Losfahren und wenig Verkehr erreichen wir das Turniergelänge kurz vor Mittag. Aiden lenkt den LKW sicher auf das Gelände und nun warten wir darauf, dass wir zu den Gebäuden mit den Stallgassen fahren können. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, meine Hände nervös auf den Oberschenkeln gefaltet, während ich mich umsehe. Die bunten Zelte der Stände und die Menschen, die geschäftig umhereilen eilten, vermittelte ein Gefühl der Aufregung. Wir bekommen das Okay zur Einfahrt und der LKW setzt sich in Bewegung.
„Nicht nervös sein, Finn. Das wird großartig“, sagt Aiden mit einem selbstsicheren Lächeln, während er das Fahrzeug auf einen der Parkplätze lenkt.
„Ich kann es kaum erwarten, bis wir endlich im Wettbewerb stehen“, setzt Aiden fort und ich spüre seine positive Anspannung, kann aber nur nicken. Ich habe das Gefühl, dass die ganze Atmosphäre mich mehr überwältigte als anspornte.
„Ich versuche es“, antwortet ich, während mein Blick über das Gelände schweift.
Nachdem sie den LKW geparkt und ausgestiegen sind, führt uns der erste Weg zur Anmeldung. Aiden ist ein erfahrener Reiter, der sich mit den Abläufen entsprechen auskennt. Die Pferde dürfen den LKW erst verlassen, wenn sie und wir angemeldet sind.
„Ich würde gern bei den beiden bleiben, wenn das kein Problem ist“, meine ich und sehe zu Aiden, der mir mit einem nicken antwortet und in den Registrierungsbereich geht.
***
Die Anmeldung ist, wie immer, übersichtlich gestaltet. Ein langer Tisch mit einem großen Banner darüber, auf dem die Regeln stehen und mehrere Stühle, auf denen wartende Reiter und Pfleger Platz genommen haben. Da ich schon am Tag vorher die Registrierung vorgenommen habe, trete ich an die Theke und lächele den Mann freundlich an.
„Guten Morgen, Courtenay, Aiden!“, begrüße ich und fahre fort: „Pferde Camerlengo und Gloriana. Pfleger Amberfenn, Finn. Die Registrierungsnummer lautet 248.“
„Einen Moment bitte, Mister Courtenay, ich schaue nach“, bekomme ich Antwort und sehe mich um. Es sind bisher keine Reiter hier, die mir bekannt sind, auch die wartenden sind mir unbekannt.
„Mister Courtenay sind haben die Boxen 311 und 312. Gebäude Oskar, zweiter Gang linke Seite“, spricht mich der Mann an und übergibt mir die Pässe für die nächsten Tage.
„Danke und einen schönen Tag noch“, verabschiede ich mich um zu Finn an den LKW zurückzukehren. Als ich zurück bin, sehe ich Finn, der die Gelegenheit genutzt hat, sich um Don und Gigi zu kümmern.
Die Tür an der Seite des LKW steht offen, Don, schnaubt vernehmlich und streckt seinen Hals, um die frische Luft zu schnuppern. Gigi, scharrt ungeduldig mit den Hufen.
„Ganz ruhig, ihr beiden“, murmelt Finn beruhigend.
„Mache den LKW zu, wir können zu den Boxen“, meine ich und lächle Finn an.
„Okay“, antwortet er nur und schließt die Tür schnell. Kurz darauf öffnet sich die Beifahrertür und Finn sitzt neben mir.
Ich bin jetzt zum dritten Mal auf diesem Gelände, daher finde ich den Weg schnell und ohne große Probleme. Es sind noch keine anderen Transporter oder LKW vor dem Gebäude, was das Ausladen einfacher macht.
„Ich habe dich als Pfleger registriert“, meine ich zu Finn als wir Aussteigen, „Wir können die Pferde hier unterbringen. Boxen 311 und 312.“
Finn wirkt sichtlich erleichtert, jetzt eine Aufgabe, etwas Greifbares, zu haben, auf das er sich konzentrieren kann.
Gemeinsam führen wir Don und Gigi in die vorgesehenen Boxen, die frisch eingestreut sind und angenehm nach Heu duften.
Wir bereiten das Futter sowie das Wasser für die beiden zu und ermöglichen ihnen so zur Ruhe zu kommen. Es dauert nicht lange bis wir alles an dem vorgesehenen Platz untergebracht haben. Finn fühlt sich zusehends wohler und beginnt sich auf die Wettbewerbsatmosphäre einzulassen, während er die Pferde in den anderen Boxen beobachtet, die friedlich in ihren Boxen stehen.
Ich trete neben Finn und lege ihm meine Hand auf seine Schulter.
„Kommt ich zeige dir das Gelände“, meine ich und sehe ihn an. Seine Unruhe ist noch immer nicht zu übersehen.
„Gern“, sagt Finn, während er seine Nervosität ablegt. Jetzt, da alle Aufgaben erledigt sind, machen wir uns auf den Weg zur Arena und die Aufregung des bevorstehenden Wettbewerbs erfüllt die Luft.
Bereits aus der Ferne kann man die geschäftige Atmosphäre des bevorstehenden Turniers spüren. Menschen sind beschäftigt, Zelte aufzubauen, Hindernisse zu platzieren und das Gelände für die bevorstehenden Wettbewerbe vorzubereiten.
„Schau dir das an, Finn!“, meine ich begeistert, als wir das Areal erreichten. „Ich habe gehört, dass sie dieses Jahr einige neue Herausforderungen für die Teilnehmer haben.“
Finn nickt und beobachtet, wie ein Holzgerüst für ein Hindernis aufgestellt wird.
„Das sieht schon ziemlich beeindruckend aus“, antwortet er.
Gemeinsam schlendern wir über den Platz und lassen die Blicke über die verschiedenen Hindernisse schweifen. Überall sind andere Teilnehmer, die sich auf das Turnier vorbereiten, während andere noch mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt sind.
Ich höre das Rauschen der Stimmen, das über das ganze Gelände hinweg schwebt, gemischt mit dem Klang von Werkzeugen, die auf Metall und Holz treffen.
Plötzlich entdecke ich einen alten Bekannten, Lucas, den ich schon seit vielen Jahren kenne. Er kommt mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf Finn und mich zu.
„Hey, Aiden! Bereitest du dich schon auf die großen Sprünge vor?“, ruft Lukas und ich lächle.
„Hallo Lucas“, meine ich in meiner üblichen distanzierten Art, die mein Markenzeichen auf Turnieren ist.
Der unnahbare Aiden Courtenay!
„Ich gebe immer mein Bestes und eine gute Vorbereitung ist ausschlaggebend. Diese neuen Hindernisse sehen wirklich herausfordernd aus, hast du dir schon die Pläne gesehen?“
„Noch nicht, aber ich bin gespannt darauf!“, meint Lucas und schüttelt den Kopf.
Während Lukas und ich uns austauschen, steht Finn einen Moment lang bei uns, dann nutzt er die Gelegenheit, um sich selbst umzusehen.
***
In der Nähe bemerke ich eine Gruppe von Aufbauern, die eifrig an einem besonders großen Hindernis arbeiteten. Neugierig nähere ich mich ohne im Weg zu sehen und lauschte ihrem Gespräch. Da Aiden beschäftigt wirkt, wird es wohl nicht stören und weit weg bin ich ja nicht.
„Wenn wir das hier richtig sichern, wird es ein großartiges Element im Wettbewerb“, sagt ein Mädchen mit geflochtenem Haar, während sie mit einem Seil kämpft. Ein junger Mann neben ihr nickt zustimmend und fügt hinzu: „Ja, wenn der Wind kommt, könnte es sonst umfallen. Sicherheit zuerst!“
Ich kann nicht anders, als ihnen beizupflichten, der Teamgeist und die Leidenschaft, die in der Luft liegen sind, echt ansteckend.
Aiden hat zwischenzeitlich seine Unterhaltung mit Lucas beendet und kommt zurück zu mir. „Was hältst du von der Atmosphäre hier?“, fragt mich Aiden und ich grinse.
„Es ist eine tolle und besondere Energie, alle sind so engagiert. Ich könnte den ganzen Tag hier stehen und zuschauen!“, bestätige ich und meine Nervosität ist dahin.
Aiden blickt über das Gelände und bemerkt einige andere Teilnehmer, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und Strategien diskutieren. Einige von ihnen schienen nervös zu sein, während andere entspannt und gelassen wirken.
Es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich jeder mit dem bevorstehenden Druck umgeht.
„Aiden, schön dich zu sehen, wie geht’s?“, ruft eine junge Frau die Aiden kurz in den Arm nimmt, „Du bist genau rechtzeitig gekommen! Ich habe gehört, dass der Wettkampf in diesem Jahr härter werden soll. Bist du bereit?“
„Hallo Clara“, begrüßt er sie und erwidert die kurze Umarmung, „Man kann nie wirklich vorbereitet sein. Wie läuft dein Training?“
„Es läuft gut, danke! Ich habe an meiner Technik gearbeitet, um schneller durch die Hindernisse zu kommen. Aber ich mache mir Sorgen über die neuen Herausforderungen“, erzählt Sie und Aiden hört aufmerksam zu, während Clara von ihren Trainingsmethoden erzählt. Es ist inspirierend zu sehen, wie viel Mühe jeder in seine Vorbereitung steckt.
„Lass uns zum Hotel gehen, morgen geht es zeitig los“, meint Aiden nachdem sich Clara verabschiedet hat und er sich mir zuwendet. „Mal sehen wie die Zimmer diese mal sind. Bisher konnte ich mich nicht beschweren.“
Ich stimme Aiden zu und gemeinsam gehen wir in Richtung Ausgang des Geländes.
Das Hotel ist direkt gegenüber gelegen und für jeden Teilnehmer und Pfleger wurde dort reserviert.
„Das sieht nach einem richtigen noblen Hotel aus“, bemerke ich, während wir die Stufen zur Rezeption hinaufgehen. Als sie in die Lobby treten, kommt uns der Geruch von frisch gebrühten Kaffees und dem leisen Murmeln anderer Gäste empfangen. Polierte Möbel und ein eleganter Kronleuchter, der das Licht sanft streut, verliehen dem Raum eine warme Atmosphäre. Eine freundliche Frau an der Rezeption lächelt uns entgegen.
„Willkommen im Grand Hotel! Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Courtenay und Amberfenn, wir sind für das Turnier angemeldet“, stellt Aiden sich vor und reicht der Rezeptionistin seinen Ausweis.
Die Rezeptionistin tippt auf der Tastatur und schaut dann auf. „Ich habe hier Ihre Buchung gefunden. Sie sind im Doppelzimmer 207 eingetragen.“
„Doppelzimmer?“, wiederhole ich skeptisch und werfe Aiden einen Seitenblick zu.
Aiden seufzt und wendet sich an die Rezeptionistin: „Entschuldigen Sie, aber können wir auf zwei Einzelzimmer umbuchen?“
Die Rezeptionistin lächelt und blättert durch ihre Unterlagen.
„Leider ist das Hotel komplett ausgebucht, insbesondere für die Teilnehmer des Turniers. Ich kann Ihnen nur dieses Doppelzimmer anbieten“, meint sie freundlich.
„Das ist nicht ideal“, murmelt Aiden und verdreht die Augen. „Wer genau hat bei der Buchung geschlampt?“
Aiden versucht, seine Frustration zu unterdrücken. „Könnte es irgendetwas geben, das Sie für uns tun können? Vielleicht ein Upgrade oder eine Warteliste für ein Einzelzimmer?“, fragt er mit wenig Hoffnung in der Stimme.
„Es tut mir leid, ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ich sehe keine Möglichkeit, das Zimmer zu wechseln. Möchten Sie Ihr Zimmer akzeptieren?“, fragt die Dame und sieht uns beide an. Aiden sieht aus, als ob er eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera treffen müsste, was ich schon schade finde. So schlecht ist die Vorstellung eigentlich gar nicht.
„Wir haben keine Wahl, oder?“, frage ich neutral.
„Offensichtlich nicht“, antwortet Aiden, während er den Schlüssel für das Doppelzimmer entgegennimmt.
Im Aufzug drückt Aiden auf die Taste für den zweiten Stock als er mich ansieht: „Vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Wir werden das Bestes aus dem Zimmer machen.“
„Stimmt schon, mal sehen, wie es aussieht“, sage ich und lächle Aiden an.
Als wir vor unserer Unterkunft stehen, öffnet Aiden die Tür und betritt den Raum zuerst. Ich folge und sehe mich um.
Es ist geschmackvoll eingerichtet, mit zwei getrennten Betten, die durch einen Nachttisch getrennt sind. Die Wände sind in warmen Farben gestrichen und ein großes Fenster lässt viel Tageslicht herein.
„Sieht doch ganz gemütlich aus“, sagt Aiden, der versucht, die Situation positiv zu betrachten. Ich bin jedoch weniger begeistert.
„Lass uns einfach das Beste daraus machen“, schlägt Aiden vor und legt seine Tasche vor einem der Betten ab. Ich lasse mich auf das andere Bett fallen und stöhne.
„Ich hoffe nur, dass wir beide zur Ruhe kommen können. Die Situation ist schon komisch“, gebe ich von mir, während Aiden sich auf dem anderen Bett niederlässt.
Es werden Nächte voller Herausforderungen werden, nach der Sache mit Michael sind wir beide nie wieder in einer ähnlichen Situation gewesen. Die Erinnerung an den Besuch bei Aiden kommt wieder hoch, ebenso die Hoffnung ihm erneut nah kommen zu können. Wir beginnen unsere Taschen auszupacken und alles für die nächsten Tage zu verstauen, als Aiden irgendwann neben mir steht.
„Komm schon, lass uns zum Abendessen gehen und den Tag abschließen“, meint er und betrachtet mich. Es scheint ihn inzwischen nicht mehr wirklich zu stören, dass wir uns das Zimmer teilen. Gefällt es ihn eventuell sogar?
„Ja, lass und essen gehen“, stimme ich zu und schnappe mir die Schlüsselkarte. Wir werden beide das Beste aus der Situation machen und obwohl die Umstände nicht ideal sind, bin ich mir sicher, dass wir das gemeinsam hinbekommen.