Ein Ausritt voller Emotionen
Seit dem Streit mit Aiden sind bereits ein paar Tage vergangen und Finn hat sich entschlossen, Michaels Angebot nach einem Ausritt anzunehmen. Der Himmel ist Blau und nur hier und da mit Wolken gemustert. Ich spüre den Wind im Gesicht, als ich neben Michael in den Sattel steige. Die beiden Pferde, ein Fuchs namens Jasper und ein Schimmel namens Orion, stehen brav und warten darauf, dass es losgeht.
„Bereit?“, fragt Michael, sein Lächeln breit und zuversichtlich.
„Kann losgehen“, meine ich und nicke.
Die beiden Pferde setzen sich in Bewegung und wir ritten in Richtung der Wälder, die die Randlinie der Grafschaft bildeten. Der Weg führt durch eine breite Allee, deren Bäume ein dichtes Blätterdach bilden. Sonnenstrahlen sickern durch das Grün und malen Muster auf das Fell der Pferde. Ich lausche dem Rascheln der Blätter und dem entfernten Ruf eines Vogels.
„Hast du eine bestimmte Route im Kopf?“, frage ich, halte die Zügel locker in der Hand.
„Ja, wir halten uns an den alten Pfad, dann quer durch das Netz der Feldwege zur Chesterton Lane“, erkläre Michael. „Es ist eine ruhige Strecke, perfekt um abzuschalten und zu reden.“
„Klingt idyllisch“, meine ich und sehe zu Michael, „Manchmal vergesse ich, wie schön es hier ist, wenn man einfach nur reitet. Ich schätze diese Momente, in denen man den Kopf frei hat. Es ist, als ob die Welt ein wenig langsamer läuft und man den Blick auf das Wesentliche richtet.“
Michael lächelt mich an und ich spüre das er wieder zu flirten beginnt.
„Genau“, meint er, „Und manchmal merkt man erst, wie viel man schon geschafft hat, wenn man eine Pause einlegt und sich auf das Hier und Jetzt konzentriert.“
Wir passieren eine Wiese, auf der Schafe grasen, Orion hebt den Kopf, schnuppert, bevor er mit einem leichten Schritt die Richtung änderte. Jasper folgt dem Schimmel in einem gleichmäßigen Schritt, als wollten beide Pferde sagen: Wir machen heute keine großen Sprünge, sondern genießen die Reise.
Nach einer Weile biegt der Weg in einen schattigen Waldabschnitt ein, das Licht bricht durch das Blätterdach und der Duft von feuchter Erde und Moos liegt in der Luft.
„Hast du eine Lieblingsstelle hier?“, frage ich, während wir entspannt weiterreiten und Michael überlegt einen Moment.
„Ich kenne ein schönes kleines Restaurant in der Nähe, dass ich mit dir besuchen will“, sagt er und ich muss schlucken.
„Klingt gut“, sagt ich dennoch, „Dann machen wir dort eine kleine Pause.“
Den Waldrand lassen wir hinter uns und reiten die Felder entlang, Jasper und Orion blähen die Nüstern, als würden sie die frische Luft genauso genießen, wie wir.
„Oder starten ein kleines Abenteuer?“, fragte Michael, während er Orion sanft den Hals streichelt. Er ist charmant, mit einem breiten Lächeln, welches mich dazu bringt, seine Gedanken zu hinterfragen und mein Herz schneller schlagen lässt.
„Ich hoffe, du meinst das Ausreiten“, erwidere ich daher mit einem Lächeln. Doch tief in mir weiß ich, was er meint und dass er zu Flirten beginnt.
Aber ich bin mir meinen Gefühlen für Aiden mehr als bewusst.
„Ach komm schon, ein bisschen Flirten schadet nicht, oder sind deine Gedanken bei jemand anderem?“,
„Wie … wie kommst du denn darauf?“, stottere ich doch mein Blick wandert unwillkürlich zu Michael, der mich mit einem herausfordernden Blick mustert.
„Aiden ist ein Langweiler!“, sagt Michael auf einmal überheblich, „Wir könnten ein tolles Paar sein, Finn. Lass es uns doch einfach probieren.“
Finn fühlte sich unwohl und mag es nicht wie er über Aiden spricht.
„Aiden … ist nicht langweilig, er ist anders“, meine ich und sehe auf meine Hände.
Michael seufzt tief, aber sein Blick blieb intensiv: „Du kennst mich nicht richtig, Finn. Ich kann derjenige sein, der dir all die Dinge schenkt, die du suchst. Lass uns einen Schritt weitergehen und sehen, wohin es führt.“
Er kommt näher zu mir geritten und ich spüre dieses Prickeln in der Luft
„Weißt du, ich habe das Gefühl, dass wir mehr miteinander teilen könnten, als nur das kleine Geplänkel hier“, sagt Michael mit einem herausfordernden Grinsen.
Ich fühle wie mein Herz einen Satz macht, doch ich will mich nicht von Michaels Charme beeindrucken lassen. „Ich weiß nicht, Michael, lass uns einfach die Zeit genießen, ohne uns in etwas Kompliziertes hineinziehen zu lassen.“
Michael senkt die Stimme, was die Spannung in der Luft noch verstärkt: „Kompliziert? Ich glaube nicht, dass es kompliziert werden muss, lass uns einfach Spaß haben.“
Meine Gedanken rasen und ich wende meinen Blick ab.
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich nur Spaß will“, antworte ich und spüre, wie sich ein Schauer über meinen Rücken zieht als ich seinen Blick meide.
„Komm schon“, erwidert Michael sanft, seine Stimme noch verführerischer, „Es wird aufregend, du und ich, eine Flucht aus dem Alltag. Was hast du zu verlieren?“
„Ich möchte mich nicht auf so etwas einzulassen“, seufze ich und fühlte mich hin- und hergerissen, „Das liegt nicht an dir, sondern an mir.“
Michael hebt eine Augenbraue, sichtlich enttäuscht, aber er gibt nicht auf.
„Ich finde dich unglaublich anziehend, Finn“, sagt er, „Es fällt mir schwer, nicht zu versuchen, dich näher kennenzulernen.“
Michaels Offenheit, ist beeindruckend dennoch will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich dazu bereit bin, mich darauf einzulassen.
„Ich schätze deine Ehrlichkeit“, sage ich so ruhig wie möglich, „Aber ich will etwas Echtes und nicht nur Spaß.“
Ich weiß, dass ich in diesem Spiel eine Grenze ziehen muss und doch ist es aufregend.
Michael nickt, ein charmantes Lächeln auf seinen Lippen als er mir antwortet: „Das klingt fair, aber ich werde nicht aufhören es zu versuchen!“
Der Weg führt uns weiter, ohne dass wir das Gespräch fortsetzen, bis zu der Reihe alter Eichen. Vor uns taucht ein kleines, gut erhaltenes Restaurant mit weiß verputzten Wänden, dunklen Holzbalken und einem balkenverzierten Schild, das im Wind leicht knarrte: *The Green Gables* auf.
Ein Duft von gebratenem Fleisch und frischem Brot zieht an und vorbei, als wir die Pferde zum Stallbereich, am Rand des Restaurants führen.
Vor dem Restaurant stehen mehrere kleine Tische im Schatten blühender Rosensträucher. Ein Kellner kommt auf uns zu, lächelt höflich, während wir unsere Helme ausziehen.
„Wir nehmen die Ecke dort drüben, solange es frei ist“, sagt Michael und deutet auf eine Ecke die etwas uneinsichtig ist, was mich erneut etwas zögern lässt.
„Wie wäre es mit einem Kaffee? Ich lade dich ein. Vielleicht können wir über deine Bedenken reden?“, sagt Michael in einem Tonfall der war sanft ist und das Flirten unterstricht.
Es ist mir unangenehm, aber ich will die Situation nicht unangenehm werden lassen.
„In Ordnung, ein Kaffee klingt gut“, sage ich daher und setze mich mit ihm an den Tisch.
„Ich finde, wir müssen mehr Zeit miteinander verbringen. Warum nicht öfter ausreiten?“, schlägt Michael vor und lächelt.
„Aber ich hoffe, du verstehst, dass ich wirklich nur einen schönen Ausritt möchte“, stelle ich klar und sehe wie sein Lächeln breiter wird.
„Selbstverständlich“, antwortet Michael leise, „Aber ich gebe dennoch nicht auf. Ich sehe das Potenzial zwischen uns und hoffe, du wirst es eines Tages auch sehen.“
Ich sehe zu Seite weg, ich möchte am liebsten zurück, aber der Höflichkeit halber bleibe ich. Eine Weile ist es still zwischen uns, da jeder mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen beschäftigt ist, bis Michael seinen Kaffee zur Seite stellt und mich ansieht.
„Weißt du, Finn“, beginnt er, „manchmal frage ich mich, ob wir uns selbst zu sehr unter Druck setzen, die richtigen Antworten zu finden. Vielleicht geht es eher darum, gute Fragen zu stellen und ehrlich zuzugeben, was man fühlt.“
Was möchte er denn jetzt damit sagen? Die Aussage irritiert mich, daher nicke ich nur langsam.
„Bei der Arbeit, wie im Leben zählt das Zuhören, zuerst dem Gegenüber, dann sich selbst. Ich merke, ich vergesse manchmal, wie wichtig Pausen sind, um Klarheit zu gewinnen“, meine ich und nehme einen Schluck, hoffe das er mit dem Flirten aufhört und wir bald zurückreiten.
„Pausen sind keine Unterbrechungen“ sagt Michael mit einem Lächeln „Sie sind Brücken. Sie verbinden jetzige Momente mit den nächsten Schritten.“
Durchatmend lehne ich mich zurück und lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen. Wieso klingt er jetzt wie jemand, der nur gute Ratschläge machen will. Ist das ein Versuch Ruhe in die Situation zu bringen und mich in Sicherheit zu wiegen?
„Oder kleine Rituale“ fährt er fort, als ich nicht antworte, „Routinen, die uns daran erinnert, dass es okay ist, langsamer zu machen ohne dabei das Ziel aus den Augen zu verlieren.“
Daher weht der Wind!
Er sagt durch die Blume, dass er mich weiterhin behacken wird, in der Hoffnung das ich doch nachgebe.
„Michael, ich denke für heute sollten wir dabei belassen, dass wir einen schönen Tag zusammen verbracht haben und offen miteinander waren“, sage ich und stelle die leere Tasse auf den Tisch.
„Auf viele weitere Pausen“, meint Michael darauf, „Gute Fragen und ehrliche Antworten.“
„Und auf Vertrauen“, füge ich hinzu, „Dass wir uns sagen, wenn etwas schwer ist, oder wenn es zu viel ist.“
***
Ich sitze vor dem Gebäude der Stallgasse in der Sitzecke, die letzten Sonnenstrahlen werfen lange Schatten, Ace neben mir auf den Polstern und sehe den anderen Reiter zu. Hier und da sind noch Pfleger dabei die letzten Arbeiten zu verrichten, da höre ich den klang von Hufeisen auf Steinboden.
Finn und Michael kommen von ihrem Ausritt zurück und automatisch verhärten sich meine Gesichtszüge. Ich schlage die Beine übereinander und verschränke die Arme vor der Brust. Beide unterhalten sich als sie zum Stapelplatz reiten um dort abzusteigen. Finn Lacht zwar mit ihm, aber ich meine zu sehen das er nicht ganz fein mit der Situation ist. Was auch immer passiert ist, etwas in Finn arbeitet und das gefällt mir nicht.
Ja verdammt, ich bin eifersüchtig!
Aber Michael ist einfach mein rotes Tuch und in mir brodelte es. Mein Herz ist schwer, voller widersprüchlicher Gefühle, während ich Ace streichelte. Gedanken und Erinnerungen an Michael gehen mir durch den Kopf. Dieser Typ, immer noch präsent und immer noch unerträglich, kurz gesagt: Ich kann ihn einfach nicht ausstehen.
Nicht nur, weil er mich damals betrogen hat, sondern weil er in meinen Augen ein manipulativer Blender ist, der nur auf seinen Vorteil aus ist. Seine Art, sich aufzuspielen, sein selbstgefälliges Grinsen, all das macht mich wütend, aber auch verletzlich und es erinnert mich immer wieder an meine Schwäche. Jede Erinnerung an ihn schürt eine Mischung aus Ärger und Enttäuschung.
Ich hasse es, wie er mich damals ausgenutzt hat, wie er mich klein gehalten hat, nur um selbst besser dazustehen. Seine Art, sich immer wieder in mein Leben zu drängen, lässt mich innerlich kochen.
Damals habe ich mir geschworen, dass ich mich nie wieder so behandeln und verletzen lasse. Ich bin stärker geworden und doch ist er wie ein Schatten, der sich nicht vertreiben lässt. Das er so dreist gewesen ist sich nach all dem noch für den gleichen Stall zu entscheiden kommt noch on top. Er hat es mit purer Absicht getan um mich zu verletzen, um zu zeigen das sein Leben weitergeht wie immer.
Ich denke an Michael, an sein Lächeln, das mich damals so verzaubert hat und an die Enttäuschung, die ich gefühlt habe, als ich gemerkt habe, dass er nur auf sich selbst bedacht war. Seine Art, sich immer wieder in mein Leben zu drängen, macht mich wütend. Aber gleichzeitig spüre ich jetzt diese Unsicherheit, wenn ich an Finn denke. Ich will ihn beschützen, weil er wundervoll ist und doch so verletzlich wirkt. Seine Unsicherheiten, seine Sehnsucht nach Anerkennung, das alles liegt mir schwer auf dem Herzen. Ich will nicht, dass er sich von solchen Typen ausnutzen lässt, doch gleichzeitig weiß ich, dass ich ihn nicht kontrollieren kann.
Wieder geht mein Blick zum Stapelplatz wo Finn und Michael die Pferde putzen und für die Nacht fertig machen. Sie reden und lachen miteinander, Michael flirtet eindeutig doch Finn schüttelt jeden Versuch ab. Kann es sein das er nicht auf seine Masche reinfällt, oder wünsche ich mir nur das es so ist? Trotz allem weiß ich was ich tun werde.
Ich werde für Finn da sein, egal was passiert.
Ich will, dass er versteht, dass ich nur das Beste für ihn will, auch wenn meine Art manchmal hart wirkt. Ich will ihn nicht verlieren, nicht an Michael, nicht an irgendetwas anderes.
Der Streit mit Finn hat mich schwer getroffen, nicht nur die Worte, die gefallen sind, es ist als würde eine Kluft zwischen uns entstanden sein, eine Mauer aus verletzten Gefühlen. Ich will ihn, mit allen was dazugehört, auch wenn ich zu stur bin, um es zu zeigen, doch meine Angst, ihn zu verlieren, macht mich taub für Worte. Ich fühle mich hin- und hergerissen.
Einerseits will ich für ihn da sein, andererseits fürchte ich, dass ich ihn weiter wegtreibe.
In die Arme von diesem Mistkerl. Die Wut auf Michael, die Angst um Finn, die Liebe zu ihm, alles vermischt sich zu einem Sturm. Ich will ihn nicht verlieren, sondern ich möchte das er versteht, dass ich für ihn da sein will. Doch ich fühle mich machtlos, gefangen in meinen eigenen Gefühlen.
In diesem Moment spürte ich Ace an meiner Seite, er schnüffelt an meiner Hand, seine Wärme gibt mir einen Moment der Ruhe. Seine Gegenwart hilft mir, meine Gedanken zu sortieren, doch mein Herz ist schwer. Ich spüre die Zerrissenheit in mir, die Gefühle für Finn sind tief, doch sie sind auch von Zweifeln durchdrungen.