Streit im Stall
Die Sonne steht schon am Himmel, wirft ihre Strahlen warm durch die Fenster des Stalls und tauchte die Holzbalken in ein sanftes Licht. Ich bin damit beschäftigt, das Heu für die Pferde aufzufüllen. Diese ruhigen Morgenstunden, in denen die Welt noch etwas langsamer ist, mag ich am liebsten. Wenn ich in den Stall trete, umhüllt mich der vertraute Geruch nach frischem Heu und der Duft der Pferde. Es ist mein kleines Paradies, abseits des hektischen Lebens.
Gerade als ich das letzte Stück Heu in die Box eines Pferdes lege, höre ich die Schritte von Stiefeln hinter mir und drehe mich um.
Auf mich zukommt ein großer, athletischer, Mann mit einer selbstbewussten Haltung. Er trägt eine schicke Reitjacke und seine glänzenden Stiefel schimmern fast wie neu. Es ist Michael, der Dressurreiter, der in der Region bekannt ist, nicht nur für seine Fähigkeiten im Sattel, sondern auch für seine arrogante Art.
„Ah, der Pferdeflüsterer“, spricht Michael mit einem charmanten Lächeln, das in meinem Bauch ein flaues Gefühl hinterlässt, „Man erzählt sich, dass du hier mehr Zeit mit den Tieren verbringst als mit Menschen. Ist das nicht ein bisschen traurig?“
Ich bin überrumpelt, kenne Michael nur vom Hörensagen und frage mich, wie jemand so selbstbewusst und überheblich sein kann. Nun stand er vor mir und spricht mit mir.
„Ehrlich gesagt, ich bevorzuge das“, antworte ich und versuche, meine Stimme ruhig zu halten, „Pferde sind ehrlich, sie erwarten nichts und geben viel.“
Michael lächelt breit und kommt näher heran, sodass ich den süßlichen Duft seines Aftershaves wahrnehmen kann.
„Vielleicht solltest du es mal mit menschlicher Gesellschaft versuchen“, flüstert er als er mir nah ist, „Wir sind auch ganz unterhaltsam, besonders wenn man sich intensiv kennenlernt.“
Ich spüre, wie meine Wangen heiß werden.
„Ich habe genug Gesellschaft“, murmele ich schnell, während ich mich hastig umwende, um einige Werkzeuge zu greifen, die ich eigentlich nicht wirklich benötige. Es ist eine dumme Ausrede, aber mir fällt gerade nichts Besseres ein.
„Komm schon, lass mich dich einladen, mal mit mir zu reiten“, sage Michael, während er sich locker an die Wand lehnt und mir so die Möglichkeit zum Ausweichen nimmt. „Einfach ein schöner Ausritt zu zweit … und vielleicht gehen wir danach was essen, wenn du magst. Ich könnte dir ein tolles Restaurant zeigen, das liegt ruhig und ungestört.“
Ich zögere, das Reiten bezieht sich nicht nur auf die Pferde, das ist mehr wie offensichtlich. Michael flirtet so offensichtlich und ungeniert mit mir das es mir unangenehm ist, er ist nicht nur ein talentierter Reiter, sondern auch ein Herzensbrecher.
„Ich arbeite hier, nicht um etwas mit jemanden anzufangen“, entgegne ich, obwohl ich eigentlich etwas mit Aiden anfangen möchte. Aber ein Teil von mir ist dennoch geschmeichelt, dass jemand wie Michael an mir interessiert ist.
„Das ist doch kein Problem, das stört hier niemanden“, meint er grinsend, „Du müsstest einfach über deinen Schatten springen, oder willst du die nächsten Monate nur mit Heu und Stroh zu tun haben?“
Michael lehnt sich weiter vor und ich kann die glühenden Augen des Dressurreiters kaum ignorieren, die mich herausforderten. Eine Stille breitet sich zwischen uns aus und ich fühle mich wie gefangen in einem Netz aus Verlegenheit und Anziehung.
„Ich glaube … ich werde darüber nachdenken“, sage ich schüchtern und kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, was Michael triumphierend Lächeln lässt.
„Mach das, ich werde auf deine Antwort warten“, schnurrt er, wendet sich ab und geht zur Box eines seiner beiden Pferde.
Ich beobachtet ihn einen Moment lang, überwältigt von den was hier passiert ist. Kann es wirklich sein, dass dieser arrogante Dressurreiter Interesse an mir hat?
***
Ich lehne an der kühlen Wand des Stalls und beobachte wie Michael mit Finn redet. Dieser scheint die Flirtversuche des Angebers auch noch zu genießen während er mit dem Mistkerl redet. Finn spielt mit dem Feuer ohne zu merken, das dieser Mann ist Gift!
Michael hat eine Art, die Menschen in den Bann zu ziehen, der auch ich erlegen bin, als ich emotional am Boden war. Das aufgesetzte Lachen hallt durch den Stall, während er Finn umgarnt. Ich sehe sofort, dass Michael sich mehr für den Mann interessierte als für den professionellen Pfleger. Er spielt nur mit der naiven Art von Finn und nutzt ihn aus und das gefällt mir überhaupt nicht.
Ich stoße mich von der Wand ab und gehe die Stallgasse entlang.
„Michael“, sage ich und gehe auf beide zu, „Hör auf die Leute vom Arbeiten abzuhalten und kümmere dich um deine Sachen.“
Auch wenn ich Finn kaum kenne, so spüre ich diesen besonderen Funken, den wir teilen. Michael richtet sich auf und gibt so Finn wieder mehr Raum, welcher an die Boxenwand gelehnt steht und zu mir sieht.
„Aiden, lange nicht gesehen, alter Freund“, murmelt Michael mit deutlichem Unmut und versucht seine Stimme neutral zu halten.
„Ich bin nicht dein Freund!“, brumme ich und spüre, wie meine Eifersucht hochkocht.
„Man wird sich ja noch unterhalten dürfen, oder hast du etwas dagegen?“, fragt er mit spitzem Ton und betrachtet mich von oben bis unten.
Meine Gedanken wirbeln und ich sehe zu Finn, der wie ein scheues Reh hinter Michael steht. Warum reagiert er so?
Finn ist wundervoll und ich will nicht das er verletzt wird, doch je mehr Zeit er mit Michael verbringen wird, desto mehr wird genau das passieren. Was, wenn dieser Mistkerl Finn eines Tages für sich gewinnen kann?
Ein Windstoß lässt ein Fenster klappern und holt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe wieder zu Finn, der mich anblickt wie jemanden, der einem nicht gönnt und nicht vertraut. Es ist wie ein Stich, der mir ins Herz geht und ich sehe weg.
„Aiden, ich komme schon zurecht“, sagt Finn und ich schnaube nur.
Vielleicht ist das der Moment, in dem ich lernen muss, locker zu lassen, wie Richard gesagt hat. Aber der Gedanke, meinen Platz in Finns Herzen infrage zu stellen, bringt mich zur Verzweiflung. Ich muss abwarten und beobachten, Finn ist stark und schließlich weiß er, was Richtig und falsch ist.
Mit einem letzten Blick auf Michael und Finn wende ich mich ab, ich muss tief durchatmen und raus hier.
Ich muss mich auch auf das Wesentliche konzentrieren, die bevorstehenden Turniere und anderen Herausforderungen.
***
Die Abendsonne senkt sich langsam hinter den Stallgebäuden, als ich mit schnellen Schritten die Stallgasse entlanggehe. Meine Hände ballen sich zu Fäusten, und mein Gesicht ist verzerrt vor Zorn. Das Bild von Michael, wie er mit einem selbstgefälligen Grinsen über den Hof stolziert und sich an Finn ranmacht, lässt mich nicht los.
Warum ist Finn so naiv auf das Flirten eingegangen?
Als ich schließlich Finn finde, ist er dabei einen Heuballen umschichten und gehe direkt auf ihn zu.
„Wieso hast du dich auf das ganze Spielchen eingelassen, Finn?“, knurre ich und sehe ihn finster an, „Michael nutzt dich nur zum Spaß macht! Er spielt mit dir!“
Finn wirbelte herum, seine Augen funkelten vor Ärger, als er mich ansieht und mir stockt der Atem.
„Halte dich da raus, Aiden!“, meint er, „Vielleicht ist es mehr als ein Spiel! Du bist eifersüchtig und das steht dir nicht!“
Ich fühle mich vor den Kopf gestoßen, was meine Wut nur noch größer werden lässt.
„Eifersüchtig?“, ich schnaube abfällig, „Das hat nichts mit Eifersucht zu tun! Ich kenne Michael! Er hat es immer auf die Schwächeren abgesehen. Und du bist gerade genau in die Falle getappt!“
Finns Ausdruck verwandelt sich in einen schockierten Blick und ich erkenne, was ich da gesagt habe.
„Du hältst mich also für Schwach und naiv, weil ich mich mit ihm unterhalten habe?“, fragt Finn ruhig und sieht mich an. „Ich kann für mich selbst entscheiden, Aiden! Du musst mich nicht beschützen oder versuchen, meine Entscheidungen zu kontrollieren!“
Wir stehen uns gegenüber, unsere Stimmen wurden lauter, während der Streit eskaliert.
„Du denkst wirklich, du kannst ihm vertrauen?“, fahre ich ihn an, „Er wird dich ausnutzen und dann fallenlassen, wenn es ihm passt!“
„Was auch immer zwischen euch nicht stimmt, lass mich da raus! Ich weiß, was ich tue und wenn ich Spaß haben will, dann habe ich Spaß. Aber vielleicht bist du einfach zu blind, oder zu eifersüchtig, um zu sehen, dass ich kein Kind bin!“
Ich merke wie bei mir der, sprichwörtlich, Geduldsfaden reizt und der Zorn in mir hochkocht.
„Ich mache mir Sorgen um dich, verdammt!“, brülle ich und bin gleichzeitig froh, dass kein anderer mehr hier ist, der uns hören kann.
„Das musst du nicht!“, schreit Finn und seine Geduld ist am Ende, er dreht sich abrupt um, und geht, als würde er die Hitze des Streits abstreifen.
In diesem Moment fühle ich wie sich die Stallgasse enger anfühlt als je zuvor und ein Schweigen legt sich über die Szene.
Enttäuscht und verletzt sehe ich Finn nach, der ohne ein weiteres Wort geht. Die Tür zum Stall fällt mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss und ich blieb alleine in der Stallgasse zurück.