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Auf dem Rücken der Pferde

von

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Telefonate zwischen Freunden

Ich sitze auf der Bank auf dem kleinen Balkon meiner Wohnung, die Sonne ist längst untergegangen. Der Tag war voller Eindrücke gewesen und doch ist mein Kopf noch immer von den Gesprächen und Gefühlen erfüllt. Ich habe mit Aiden gesprochen, bei ihm zu Hause und über so viel mehr als nur die Arbeitsdetails. Es ist, als hätte sich eine Tür geöffnet, die ich vorher nicht einmal bemerkt oder geglaubt habe, dass es sie überhaupt gibt.

Ich muss Lächeln als ich an ihn denke, an sein Lächeln was er mir geschenkt hat, an die Wärme, in seinen Augen. Da ist mehr als nur Freundschaft, das spüre ich tief in mir, nur wie weit würde all das gehen.

Es macht mich glücklich und gleichzeitig ist da diese Unsicherheit, die mich lähmt.

Was, wenn ich zu viel hineininterpretiere?

Was, wenn er nur höflich war, weil er nett sein wollte?

Ich schiebe die Gedanken beiseite und blicke in den Himmel, der jetzt dunkelblau und von Sternen übersät ist. Ich fühle mich irgendwie leicht, aber auch verwirrt.

Ob es Aiden ebenso geht? Spürt er auch diese Anziehung, oder ist es nur eine Einbildung, eine Projektion meiner eigenen Wünsche?

Ich will nicht zu viel hoffen, aber ganz kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass da mehr war. Ich atme tief durch und versucht, die Gedanken zu ordnen und weiß, dass heute ein Wendepunkt sein könnte. Vielleicht würde morgen alles anders sein. Vielleicht würde ich den Mut finden, noch offener zu sein, oder würde weiter im Zweifel verharren, unsicher, was der richtige Weg war.

Doch eins ist sicher, ich will Aiden!

Ich stehe auf und trete in meine Einzimmerwohnung, setze mich auf meinem Bett, das Handy fest in der Hand, während ich tief durchatmete. Die Nummer von Miriam habe ich schon ausgewählt, nun ist der Moment gekommen. Ich drückte auf „Anrufen“ und warte, bis meine beste Freundin abnimmt.

„Hallo, Finn!“ Miriam klingt fröhlich und ich höre die Wärme in ihrer Stimme, „Was gibt’s?“

E einen Moment zögere ich noch, dann beginne ich zu erzählen: „Ich … ich war heute bei Aiden, bei ihm zu Hause.“

„Oh, erzähl mir alles!“, höre ich Miriam, „Wie war’s? Ist was gelaufen?“

„Es ist nichts gelaufen!“, betone ich fest und atme durch. „Es war schön. Wir haben uns erst in der Küche über die Arbeit im Stall unterhalten, dann … auf seinem Sofa gesessen und über privates gesprochen, er kocht und liest gerne. Es war irgendwie … Anders. Zwischen uns hat sich eine Verbindung aufgebaut, wir sind uns auch näher gekommen … unsere Knie haben sich berührt und auch die Schultern … ich … habe mich wirklich in ihn verliebt.“

Es ist still am anderen Ende, dann sagt sie sanft: „Finn, das ist großartig.“

„Ja, das ist es“, murmele ich, meine Stimme wird weicher, als ich. „Ich spüre es so stark, dieses Kribbeln, wenn ich an ihn denke. Und ich hoffe, dass mehr daraus wird. Das wir uns noch näherkommen.“

Ich stocke, dann füge ich leise hinzu: „Ich brauche deinen Rat, Miriam. Was soll ich tun? Soll ich ihm sagen, was ich fühle?“

„Finn, ich habe es dir doch schon gesagt, ich denke, du solltest ehrlich sein. Wenn du dich so fühlst, ist es besser, es ihm zu sagen. Aber sei vorsichtig. Schau, wie er reagiert und gib ihm Zeit. Wichtig ist, dass du dich nicht verstellst, dass du bleibst, wie du bist.“

Auch wenn Miriam es nicht sieht, nicke ich.

„Ich weiß“, schnaube ich, „Es ist nur so schwer, die richtigen Worte zu finden. Ich will nicht riskieren, das zu zerstören, was sich da aufbaut, falls er nicht dasselbe fühlt.“

„Ich bin sicher, dass er deine Gefühle spürt“, sagt Miriam aufmunternd, „Und egal, was passiert, ich bin für dich da.“

„Danke, Miriam“, sage ich aufrichtig, „Es tut gut, das mit dir zu teilen und ich hoffe, dass alles gut wird.“

„Wird es“, versichert Miriam mir, „Vertrau auf dein Herz, Finn und sei ehrlich zu dir selbst.“

Erneut atme ich tief durch, dann sage ich: „Danke, ich rufe dich später wieder, okay?“

„Mach das, bis dann, Finn. Und viel Glück!“

„Danke, bis bald“, damit lege ich auf, mein Herz schwer, aber auch voller Hoffnung.

Ich weiß, dass ich den nächsten Schritt gehen muss, egal, wie schwer es auch sein mag.
 

***
 

Ich öffne die Tür meines Hauses und trete hinaus in die kühle Abendluft, der Himmel ist noch schwach vom Sonnenuntergang erleuchtet, doch die Dunkelheit zieht bereits herauf. Meine Jacke greifend mache ich mich auf den kurzen Weg zu meiner Nachbarin, um Ace abzuholen. Die ältere, aber noch mobile, Dame von der anderen Straßenseite liebt Ace und für ihn ist es immer schon dort den Tag zu verbringen. Vor ihrem Haus angekommen klinge ich und während ich auf die Nachbarin warte, kommen die Gedanken an das Gespräch mit Finn wieder nach vorne.

Was ist das für ein Gefühl? Diese Nähe, diese Blicke, die mehr sagen als Worte.

Es ist ungewohnt, aber auch schön, ich habe gespürt, wie mein Herz schneller schlug, als Finn ihm so nah war und sich ihre Knie berührten. Die Art, wie Finn den Blick hielt, das war mehr als nur Freundschaft.

Doch gleichzeitig war da diese Unsicherheit. Wie viel von dem, was ich empfinde, ist Wunschdenken? Ist das nur eine Projektion meiner eigenen Sehnsucht, weil ich mich nach Nähe sehne? Oder ist da wirklich etwas, das über das Professionelle hinausging?

„Guten Abend“, begrüßt mich die Nachbarin, „Ace, komm dein Herrchen ist hier. Er hat sich, wie immer, sehr gut benommen. Bringen Sie ihn morgen wieder?“

„Guten Abend, vielen Dank für das Aufpassen. Morgen kommt er mit, ich melde mich, wenn ich ihn nochmal bei Ihnen lasse“, sage ich freundlich als mein Hund mich stürmisch begrüß.

„Hey mein Junge“, meine ich und kraule denn um mich herum springenden Boxer.

„Das ist in Ordnung, ich freue mich ja, wenn er hier ist“, erwidert sie mit einem Lächeln.

„Er sich auch“, gebe ich zurück und lasse die Leine am Halsband einschnappen.

Am Himmel über der englischen Landschaft sind inzwischen die ersten Sterne zu sehen, als Ace und ich den schmalen Weg in Richtung Wald einschlagen. Ich beobachte, wie Ace durch das hohe Gras läuft und schnüffelt. Der Boxer hat eine unerschöpfliche Energie, die ihn dazu bringt, gefühlt, jeden Grashalm zu erkunden.

„Komm, Ace!“ meine ich und gemeinsam passieren wir die alten Eichenbäume und den kleinen Flusslauf.

Ace beugt sich vor, um zu trinken, während ich in die Ferne blicke und die sanften Hügel betrachte, die im Abendlicht schimmern. Ich habe immer geglaubt, klare Grenzen zu ziehen, doch jetzt, während ich mit Ace spazieren gehe, frage ich mich, ob ich diese Grenzen überhaupt noch eindeutig ziehen kann.

Normal bin ich kein Mensch, der leicht Risiken einging, Struktur, Ehrlichkeit und Verantwortung sind mir wichtig.

Doch was, wenn das, was zwischen mir und Finn entsteht, echt ist?

Was, wenn es eine Chance gibt, etwas Neues zu wagen?

Wenn ich ehrlich bin, muss ich gestehen, ich will Finn. Aber die Angst vor Verlust ist groß.

Ace schnüffelt am Boden, entdeckt ein paar Spuren eines Wildtiers und zieht mich mit sich. Gemeinsam erreichten wir einen kleinen Aussichtspunkt, von dem aus man weit über das Tal blicken kann. Ich setze sich auf einen großen Stein, Ace legt sich gemütlich neben mich und schnauft zufrieden während ich darüber nachdenke, wie sehr mich die Annäherungen zwischen Finn und mir beschäftigten. Es ist nicht nur das Verlangen nach Nähe, sondern auch die Frage, ob ich bereit bin, mich auf etwas einzulassen, das alles verändern kann.

„Habe ich den Mut, mich auf diese Sache einzulassen?“, flüstere ich und sehe zu Ace, der mich ansieht, als ob er mich versteht.

Ich lasse den Blick über die dunklen Bäume und die Landschaft schweifen. Mit einem tiefen Atemzug lasse ich die Gedanken los und konzentriere mich auf den Moment, fühle eine Dankbarkeit für die einfachen Dinge im Leben, für die Schönheit der Natur und für diese ruhigen Augenblicke.

Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg nach Hause, ich lasse die Leine locker in der Hand. Auch Ace genießt den Spaziergang, während meine Gedanken weiter kreisen. Was, wenn die Gefühle, für Finn mehr sind als nur eine flüchtige Anziehung?

Finns Blicke, seine Worte, die so ruhig und doch so bedeutungsvoll sind, sind wie eine Tür, die ich bisher nur zaghaft geöffnet habe. Und jetzt, während ich mit Ace spazieren gehe, spüre ich, wie diese Tür weiter aufgeht.

Doch gleichzeitig ist da eine Angst. Die Angst vor dem Scheitern, vor dem, was passieren kann, wenn sie ihre Gefühle offen zeigen. Ich bin niemand, der Risiken eingeht und das Unbekannte scheint unüberwindbar.

„Ist das nur eine Phase?“, murmele ich zu mir selbst, „Oder täusche ich mich?“

Ace hebt den Kopf, als hätte er meine Gedanken gespürt und stupst mich sanft mit der Schnauze an. Ich lächele schwach und streichele ihn hinter den Ohren.

„Vielleicht ist es an der Zeit, den Mut zu finden“, sage ich leise.

Ace wedelt mit dem Schwanz und ich fühlte eine Welle der Zuversicht in mir aufsteigen. Langsam drehe ich mich um, schlage den Weg nach Hause ein, doch in meinem Kopf ist und bleibt noch immer diese Unsicherheit, die eine zweite Meinung braucht.
 

Zurück zu Hause sitze ich im Wohnzimmer, Ace auf dem Sofa neben mir, wo vorhin noch Finn gesessen hat und blicke leer auf das Glas Wein auf dem Tischchen.

Mein Verstand ruft nach Vorsicht, mein Herz aber drängt auf Offenheit und ich weiß, dass ich mich entscheiden muss. Aber ist zwischen Finn und mir wirklich Platz für mehr, oder ist es nur eine Illusion.

Mit einem Seufzer schließe ich die Augen und greife dann nach meinem Handy, zögere noch einen Moment, bevor er Richard anrufe. Ich brauche Rat, denn alleine komme ich nicht weiter.

Lange dauert es nicht, da höre ich schon die Stimme meines Freundes.

„Aiden, was gibt es so spät?“, fragt er und ich atmete tief durch.

„Ich … ich brauche deinen Rat, es geht um Finn“, meine ich und lege den Kopf an die Lehne.

„Oh“, meint er und klingt neugierig, aber vorsichtig, „Der Finn, von dem du eigentlich Abstand halten wolltest? Der Pfleger von dem du nicht mehr willst als seine Arbeitsleistung?“

Ich suche nach den richtigen Worten, aber weiß selbst nicht wie ich es formulieren soll.

„Genau der, er war hier bei mir. Wir haben auf dem Sofa gesessen, uns über die zukünftigen Arbeitsabläufe im Stall und bei Turnieren unterhalten und über private Dinge“, berichte ich kurz was gewesen ist, stocke dann bevor ich weiterspreche: „Es hat sich zwischen uns eine Art Spannung aufgebaut und ich befürchte, dass ich dabei bin mich ernsthaft zu verlieben.“

Stille am anderen Ende, nur das Atmen von Richard ist zu hören. Dass er so lange schweigt, macht mich noch unsicherer, als ich es sowieso schon bin.

„Das ist … doch was Gutes, Aiden“, meint er, aber ich höre seinen Zweifel in der Stimme.

„Ist es das wirklich?“, frage ich und zögere, „Ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist. Ich meine, wir kennen uns kaum und ich frage mich, ob ich mich nur von der Vergangenheit und alten Gefühlen leiten lasse.“

„Versteh mich nicht falsch“, sagt Richard nachdenklich, „Gefühle sind schwer zu kontrollieren. Du musst die alte Sache endlich abhacken! Entweder das oder du lässt es bleiben.“

„Ich weiß“, bestätige ich ihn leise, „Ich will ehrlich zu Finn sein, aber gleichzeitig habe ich diese Blockade … diese Angst, dass ich etwas zerstöre.“

„Aiden, manchmal ist Mut gefragt“, spricht Richard mit einem aufmunternden Ton, „Wenn du ehrlich bist, hast du dich doch schon entschieden und willst von mir nur noch eine Bestätigung.“

„Ich weiß nicht, ob ich den Mut dazu habe, ich will nicht riskieren, alles zu verlieren“, gestehe ich und nehme einen Schluck von dem Wein.

Habe ich mich wirklich schon entschieden?

„Manchmal ist es das Risiko es wert!“, meint Richard bestimmt, „Du wirst nie wissen, was hätte sein können, wenn du es nicht versuchst. Vertrau auf dein Herz, Aiden, nicht auf deinen Kopf.“

Ich denke über seine Worte nach, über das, was er angesprochen hat. Die alte Sache mit dem Mann, von dem ich mir auch mehr erhofft habe und für den ich mich gegen meinen Vater und seine Einstellungen aufgelehnt habe. Gegen die Konventionen der Oberschicht.

„Danke, Richard“, meine ich schließlich, „Du hast recht, es tut gut, mit dir darüber zu sprechen.“

„Immer gerne“, antwortet mein bester Freund, „Wenn du Hilfe brauchst, bin ich da.“

„Ich weiß. Gute Nacht, wir sehen uns morgen“, sage ich und lege den Hörer auf als auch er sich verabschiedet hat.

Mit einem Seufzer stehe ich auf, was mir Ace gleichtut, schiebe die Gedanken beiseite und beschließe, morgen einen klaren Kopf zu bewahren.



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