Nebenjob
Ich trete hinter die Theke des kleinen gemütlichen Cafés, das wie ein Wohnzimmer wirkt, und in dem kleinen verschlafenen Städtchen, in dem ich selbst lebe, liegt. Die Wände sind in sanften Pastellfarben gestrichen, Regale aus dunklem Eichenholz sind mit bunten Tassen und Tellern dekoriert und ein altes Sofa in Efeugrün steht vor dem Erkerfenster. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee und Tee liegt in der Luft gemischt dem Geruch von Gebäck. Über dem Kamin häng ein Foto der Königin.
Das kleine Café ist gut besucht, das Klirren von Tellern und Besteck mischt sich mit leisem Gelächter und dem vertrauten Murmeln der Gäste.
Meine Uniform ist schlicht, eine weiße Schürze über einer dunkelblauen Stoffhose und einem weißen Hemd. Ich lächle einer älteren Dame zu, die sich im Sofa niederlässt.
„Guten Tag, Mrs. Hale, darf ich Ihnen unsere heutige Spezialität anbieten, oder möchten Sie den Klassiker?“, wende ich mich ihr zu. Sie ist Stammgast hier und mein Chef legt Wert darauf das seine Stammgäste einen Hauch aufmerksamer behandelt werden. Die Dame sieht mich freundlich an und lächelt.
„Wie immer mein Lieber, für neue Dinge bin ich zu alt“, antwortet Sie mit einem Schmunzeln, welches ich erwidere.
„Sie sind doch nicht alt, Mrs. Hale, Sie haben eine ausgeprägte Erfahrung“, meine ich freundlich und betrachte sie aufmerksam.
„Charmeur“, lacht Sie und legt ihre Hand auf meinen Unterarm.
„Ich bereite alles vor“, meine ich mit einem sanften Lachen bevor ich mich in Richtung der kleinen Küche begebe. An der Theke bereite ich das Tablett mit dem typischen Gebäck der Tea Time vor. Ein kleiner Teller mit zwei Scones mit zwei Schälchen mit Clotted Cream und Konfitüre. Dazu kommt noch eine kleine Etagere, auf der die Savouries, kleine Sandwiches mit Gurken und Lachs, liegen. Dann stelle ich die silberne Teekanne hinzu und gieße das kochende Wasser über die Teeblätter in der Kanne.
Während der Tee etwas zieht, schweift mein Blick durch den Raum, betrachte die einzelnen Tische, jeder eine kleine Insel von Gesprächen und Geschichten.
Ein junges Paar flüsterte über Zukunftspläne, ein Mann mit akustischer Gitarre spielte leise und eine Mutter mit zwei Kindern versuchte, einen Moment der Ruhe zu bewahren, bevor der Trubel erneut begann.
„Einen English Toffee, bitte“, erklingt es neben mir am Tresen und ich wende mich um.
„Guten Tag, Sam“, sage ich und nicke freundlich und nehme das Kaffeeglas aus dem Regal. Sam ist ein junger Mann, der regelmäßig herkommt, um die Zeitung zu lesen und die Welt in kurzen Absätzen zu werten. Ich stelle die Tasse für den Espresso unter die Maschine und bereite mit dem Milchaufschäumer das Getränk vor. Als der Espresso fertig ist lasse ich ihn achtsam in die Milch fließen, darauf achten die Milchschaumkrone nicht zu zerstören. Zum Abschluss streue ich noch kleine gehackte Toffee-Stücke darüber.
„Bitte sehr“, meine ich freundlich als ich Sam sein Getränk gebe. Dann wende ich mich dem Tablett für Mrs. Hale zu und bringe es der Dame an ihren Platz.
Auf dem Weg durch das Café lasse ich den Blick schweifen, schaue, ob ein Gast noch etwas möchte. Ich gehe zu den Fensterbänken, auf denen kleine Töpfe mit Kräutern und Vasen mit Blumen stehen, gieße dort ein wenig Wasser nach.
Die Glocke über der Tür erklingt, eine Gruppe junger Frauen kommt herein, und nimmt an dem großen runden Tisch in der hinteren Ecke Platz. Ich stelle die kleine Gießkanne ab und trete zu den Frauen an den Tisch, um ihre Bestellungen aufzunehmen, als erneut die Glocke das Eintreten weitere Gäste ankündigt. Mit gewohnter Routine drehe mich um und erblicke Aiden und Richard, die gerade durch die Tür kommen. Ich muss schlucken als ich ihn betrachte. Die dunkle Jeans sitzt gut und nimmt dem, eher konservativem, Tweet-Jackett mit dem Hemd und Pullover, die Steifheit. Er wirkt heute noch mehr wie ein adliger als im Stall, aber selbst dort spürte ich schon das er anders ist.
***
Ich trete durch die Tür des Cafés und der Duft von Kaffee und Tee mischt sich sofort mit der Wärme eines Raumes, der mehr Wohnzimmer als Lokal ist. Die Wände in sanften Tönen, der Kamin mit einem Gemälde der Queen und Sofas vor den Fenstern. Alles fühlt sich an wie eine vertraute Einladung, hier zu verweilen.
Richard neben mir grinst, die Schultern entspannt, als hätte er schon längst entschieden, dass wir heute genau hier landen würden.
„Fast wie bei dir zu Hause“, meint er mit einem leichten Lächeln, als suche er in den Details des Raums eine Bestätigung.
„Nicht mal annähernd!“, antworte ich trocken und mache einen Schritt in den Raum.
„Doch ich finde schon, zumindest hat es einen ähnlichen Charme“, widerspricht mir mein Freund und sieht sich nach einem freien Tisch um. Auch ich lasse meinen Blick schweifen und bleibe plötzlich an der Theke hängen.
Das kann nicht sein.
Wusste Richard das er hier sein wird?
Finn gleitet mit einem Tablett durch den kleinen Raum und als er uns bemerkt glaube ich das für einen kurzen Moment die Zeit innehält, als hätte jemand den Takt des Raums geändert, nur damit dieser Blick zwischen uns entsteht.
„Aiden?“, fragt er und in seiner Stimme mischt sich Überraschung mit einer Spur von Freude. Überraschung, weil wir hier aufeinandertreffen, an diesem Ort, an dem er Kellner ist und weil es ebenso eine Freude ist mich hier zu sehen. Richard stößt mich mit dem Ellenbogen an und deutet auf einen Platz, als hätte er es gewusst und genauso geplant.
„Überraschung, aber wenn du es gewusst hättest, wärst du nicht mitgekommen“, flüsterte er. „Stimmt“, brumme ich und sehe zu Finn. Er beginnt Tassen auf ein Tablett zu stellen und kleine Teller vorzubereiten, bevor er damit elegant durch den Raum zu den Gästen gleitet.
Sicher ohne Scheu oder Angst das etwas fallen könnte.
Freundlich stellt er es auf dem Tisch und plaudert noch kurz mit den Frauen am Tisch. Als er sich umdreht, fängt sein Blick den meinen und mit einem Lächeln kommt er zu Richard und mir an den Tisch. Richard hat sich den Platz an dem niedrigen Teetisch mit seinen zwei ledernen Sesseln ausgesucht, der mich wirklich an den bei meinen Eltern erinnert.
„Guten Tag, wisst ihr schon was ihr möchtet?“, fragt Finn, mit einem Blick, der mehr zu fragen scheint als nur das.
„Also ich schon, nur bei ihm bin ich mir nicht sicher“, meint Richard mit einem eindeutigen Grinsen in meine Richtung. Ich sehe ihn an und kann ein Knurren nicht unterdrücken.
„Einen Builder´s Tea ohne Zucker, bitte“, sage ich und sehe Finn mit einem Blick an, der ausdrücken soll. *Er ist immer so* Finn nickt und wartet auf Richards Bestellung.
„Für mich, bitte, einmal den Cream Tea“, bestellt er. Finn nickt und mit einem freundlichen Lächeln wendet er sich ab.
„Was sollte das denn?“, frage ich Richard, mir gegenüber, mit genervtem Blick.
„Ach kommt, sei nicht eingeschnappt“, meint er mit einem Schulterzucken, „Du braucht ab und an den Tritt in den Hintern um zu sehen was gut ist.“
„Er arbeite erst seit zwei Tagen auf dem Hof und wir kennen ihn nicht“, meine ich und schlage die Beine übereinander.
„Deswegen können wir ihn hier Kennenlernen. Sei mal Locker, Aiden“, sagt Richard und lehnt sich entspannt zurück.
„Ich bin entspannt!“, betone ich und sehe auf als ich die Bewegung wahrnehme. Finn kommt mit unseren Getränken zurück und in seinem Blick liegt ein sanfter Ausdruck.
„Ich habe dich gestern im Stall vermisst“, sagt Finn als er das Tablett abstellt und sieht mich an. Richard hebt eine Augenbraue als würde er die Aussage mit mehr Bedeutung bemessen, als sie wirklich mit sich trägt.
„Ich war auf dem Weingut“, meine ich schlicht.
„Seinem Weingut!“, berichtigt mich mein Freund trocken und greift nach seiner Teetasse.
„Deinem Weingut?“, fragt Finn aber bevor ich antworten kann erklingt ein Ruf nach ihm. „Wenn ihr nichts dagegen habt, ich habe in einer halben Stunde Feierabend, dann können wir und Unterhalten“, meint Finn und verschwindet zu dem anderen Tisch.
„Was sollte das? Musst du ihm das so unter die Nase reiben!“, brumme ich und nehme ebenfalls meine Tasse vom Tisch.
***
Ich ziehe mich an die rettende Theke zurück und muss die Worte erstmal sacken lassen, Aiden besitzt ein Weingut. Dass er Geld haben muss, war mir bewusst, sonst wäre er kein Besitzer von drei Pferden. Allein was der Unterhalt der drei Kosten muss ist schon enorm. Hätte Richard es nicht erwähnt, hätte Aiden wohl auch kein Wort darüber verloren. Er ist kein Mann, der sich leicht öffnet.
Aiden ist distanzierter als Richard, aber gerade das reizt mich auch an ihm. Wie ein guter Wein. Erst vernebelt einem die Sinne, dann schärft sich der Eindruck, wenn man ihm Zeit gibt. Ich sehe die leichten Bewegungen von Aiden im Sattel, vor meinem geistigen Auge, höre die Art und Weise, wie seine Stimme sich senkt, wenn er von Dingen spricht, die ihm wichtig sind.
Ein Weingut ist dabei so passend, es ist Stabilität und Verantwortung. Und genau das hatte Aiden mir gezeigt, ohne großes Aufheben, einfach, indem er ist wie er ist.
Wenn ich mich ihm zuwende, sehe ich diese stillen Fragen in Aidens Augen, Fragen, die er nie laut aussprechen würden.
Wie nahe darf ich dir kommen?
Wie viel von mir soll ich dir geben, ohne dich zu überfordern?
Ich mache einen tiefen Atemzug, kontrolliere das sanfte Zittern in meinem Magen, das sich beginnt auszubreiten, wenn ich Aiden betrachte. In seinem Blick liegt eine Mischung aus Scheu und Mut, die mich zugleich berührt und verunsichert. Diese Balance zu halten, zwischen Arbeit und dem, was möglicherweise entstehen könnte, macht ihm Sorgen. Ich würde ihm gerne diese Sorgen nehmen, aber bin ich auch stark genug, es zu ertragen, sollte Aiden anderes empfinden und ich mir hier nur etwas einbilden?
Es gibt nur einen klaren Weg.
Ich weiß, dass ich nicht perfekt bin, aber ich weiß, wer ich bin und was ich kann.
Meine Schicht ist beinah zu Ende, da sehe ich, wie sich Richard erhebt und von Aiden verabschiedet. Aiden wirkt erstaunt, ebenso wie ich es bin, aber er bleibt sitzen. Meine Kollegin ist bereits dabei die nächsten Bestellungen fertig zu machen, als ich meine Schürze ablege und hinter der Theke hervorkomme und zu Aiden sehe.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Dinge langsam anzugehen, kleine Gesten der Nähe und echte Gespräche mit Interesse. Ich will Aiden kennenlernen, ohne Druck, einfach Schritt für Schritt. Also gehe ich auf ihn zu, mit einem Lächeln sehe ich ihn an. „Darf ich mich zu dir setzen?“
Aiden zögert, wägt ab, ob es richtig oder falsch wäre, dann aber nickt er. So setze ich mich auf den Platz, auf dem Richard bis eben sah und betrachte Aidens Teetasse.
Wir sitzen eine Weile schweigend gegenüber, jeder in seinen eigenen Gedanken. Draußen beginnt der Abend seine Schatten über die Straßen zu senken und hier drinnen mischt sich der Duft von Kaffee mit dem süßen Hauch von Gebäck. Aiden lehnt sich zurück, die Augen halb geschlossen, als würde er sich den Moment verinnerlichen, bevor er zu sprechen beginnt.
Aiden nimmt seine Tasse und trinkt langsamen ein Schluck und ich ertappe mich dabei, dass er wirklich erhaben und vornehm dabei wirkt. Ich senke den Blick, versuche so auch meinen aufziehenden Rotschimmer zu verbergen.
„Ich freue mich, dass wir uns mal in Ruhe unterhalten können“, sage ich ruhig und versuche so ein Gespräch zu beginnen.
„Das stimmt wohl“, meint Aiden und nimmt noch einen Schluck. Nach einem Moment der Stille, beginnt Aiden dann zu erzählen. „Das Weingut, hier in der Nähe, gehört seit Generationen meiner Familie. Es ist viel Arbeit, aber ich mag es, es ist nicht nur ein Beruf.“
Ich betrachte ihn und nicke, lege interessiert den Kopf ein wenig schief. Ich höre bereits in seinen ersten Worten, dass ihm der Wein genauso wichtig ist wie es seine Pferde sind.
„Ich kann mir vorstellen, dass das sehr erfüllend ist. Was für Weine macht ihr?“, meine ich daher und Lächle.
„Vor allem Rotweine, Pinot Noir, überwiegend aber auch Dornfelder. Allerding baue ich seit einiger Zeit auch Chardonnay an, als Ausgleich zum Rotwein. Das Weingut ist, neben dem Stall, mein zweites Zuhause.“
Ein dezentes Lächeln umspielt dabei Aidens Lippen, als würden Kindheitserinnerungen vor seinen Augen erscheinen.
„Das klingt großartig. Ich finde Familienunternehmen faszinierend“, meine ich und lehne mich ein wenig vor. „Ich selbst habe nicht viel Erfahrung mit Wein, aber ab und an trinke ich schon mal einen, aber bisher eher Weißwein.“
„Dann könntest du mal einen meiner Weine probieren, gerne auch auf dem Gut“, antwortet Aiden und wirkt etwas von sich selbst überrascht. „Im Sommer veranstaltet das Weingut eine Weinprobe.“
Es wirkt als wolle Aiden so sagen, dass dann viel los sein wird auf dem Gut und es keine persönliche Einladung ist. Aber ich spüre, dass sich eine harmonische Verbindung zwischen uns aufzubauen beginnt.
„Das würde ich sehr gerne. Bis dahin kennen wir uns ja auch besser“, meine ich und sehe zu Aiden, der erneut einen Schluck aus seiner Tasse nimmt.
„Wieso arbeitest du zusätzlich hier?“, fragt Aiden auf einmal und ich muss schmunzeln. Als Pfleger verdient man nun mal nicht das große Geld und meine Wohnung ist, eigentlich für die Gegend, viel zu teuer.
„Ich mag es, wie dieser Ort Geschichten erzählt“, sage ich schließlich, fast zu mir selbst, doch Aiden hört mich. Er lässt seinen Blick durch den Raum gleiten, als würde er meine Worte prüfen. „Jede Tasse, jeder Moment ist eine kleine Geschichte“, erkläre ich leise. „Und manchmal wird aus einer einzigen Begegnung eine längere Erzählung, die beide Seiten verändert.“
Aiden nickt und sieht mich wieder an.
„So wie jetzt?“, meint er schlicht. Seine Stimme ist ruhig, aber darin liegt etwas, was mein Herz schneller schlagen lässt. Bilde ich mir das ein?
Oder meint er es so wie er es ausgesprochen hat?
In Aidens Blick meine ich eine Einladung zu sehen, eine die, die Welt kurz zu verlangsamen, die Lautstärke auszuknipsen und die Dinge beim Namen zu nennen kann.
So neigt sich der Abend dem Ende zu, doch das, was sich zwischen uns zu bilden beginnt, fühlte sich an wie eine Pflanze, die weiterwachsen wird, auch wenn wir uns nicht jeden Tag gießt.
„Ich denke schon“, meine ich daher, „Wir haben beide, glaube ich, viel zu erzählen.“
„Haben wir wohl“, sagt er und legt Geld für den Tee auf den Tisch bevor er aufsteht. „Hast du es weit nach Hause?“
Aiden betrachtet mich, als warte er das auch ich aufstehe. Ich schüttle den Kopf auf seine Frage hin und stehe ebenfalls auf. Wir treten hinaus in die Nacht und spüren, dass die Sympathie zwischen uns langsam wächst. In diesem Moment, gepaart mit dem Duft von Kaffee und Tee und den flüsternden Gesprächen, bahnt sich möglicherweise mehr an als wir bisher zu glauben gewagt haben. Wir verabschieden uns mit dem Wissen, dass wir uns morgen wiedersehen werden. Im Stall, bei den Pferden und mit dieser ganz eigenen Art die sich entwickelt.