Ausklingen
Der Tag neigt sich dem Ende zu, fast alle Hobbyreiter sind gegangen und nur noch wenige der Pfleger erledigen ihre letzten Arbeiten. Die Hallenbelüftung gibt ein leises Rauschen von sich als ich mit Richard die letzten Sprünge abräume. Es zwar eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber wir arbeiten, in der Regel, selbst mit, was die Ordnung im Stall angeht.
Es ist auch unser Aushängeschild, wenn hier alles gepflegt ist.
„Du weißt doch“, meine ich als ich die oberste Stange abnehme, „Springen ist die Kunst, das Pferd nie zu verlieren, egal wie groß der Sprung ist.“
Richard nickt, tut es mir auf der anderen Seite des Oxers, mit der obersten Stange gleich, als er meint: „Genau genommen ist es Psychologie. Wir arbeiten mit Reaktion, Rhythmus, Timing, und mit dem Vertrauen des Tieres in uns.“
Ich hebe eine Augenbraue, manchmal kann er aber echt schwafeln. Aber auch deswegen schätze ich Richard als meinen Freund. Er ist ehrlich.
„Timing allein reicht nicht“, sage ich locker, „Um einen Parcours sauber zu nehmen. Man braucht Führung, klare Linie und eine Ruhe im Kopf, die sich auf das Pferd überträgt.“
„Du sprichst von der Verbindung. Von der stillen Sprache, die zwischen Reiter und Pferd entsteht, bevor der erste Sprung kommt“, meint Richard mit einem Grinsen. Er macht einen Schritt näher zum Sprung und legt die Arme auf das Holz
„Mal ehrlich, wie schätzt du Finn ein? Du hast gesehen, wie er heute arbeitet hat.“
Ich betrachte die Halle, lasse den Blick schweifen, suche nach einer guten Formulierung.
„Er hat eine ruhige Art, das spürt man sofort. Er baut ein Vertrauen auf, ohne Druck auszuüben. Finn gibt jedem Pferd Zeit, sich zu öffnen.“
Richard legt den Kopf schief. „Siehst du nur den Pfleger oder auch den Mann?“, fragt er vorsichtig.
„Ich sehe das, was wir alle sehen. Finn ist fokussiert auf die Arbeit und auf die Pferde“, sage ich fest. „Mir geht es um das Tierwohl und die Leistung.“
Richard betrachtet mich eingehend, er kennt mich lange genug, um meinen Männergeschmack zu kennen. Finn trifft, optisch voll, eben diesen.
Blonde, nicht zu kurze Haare, blaue Augen und eine schlanke, fast zierliche Statur. Sein, augenscheinlich, freundlicher Charakter macht ihn noch interessanter.
„Und wenn es um uns geht, also dich, Finn und mich, wie sehen die Dinge deiner Meinung nach aus?“, hackt Richard nach. Wir beide benötigen einen neuen Pfleger, der uns auch auf Turniere begleitet. Ich zucke mit den Schultern.
„Ich denke, wir lassen es auf uns zukommen und schauen, wie es funktioniert. Wenn Finn so weitermacht, wird sich auch die Situation klären“, meine ich und sehe Richard in die Augen. „So sehe ich es.“
Richard hebt eine Augenbraue, ein schelmisches Grinsen spielt um seinen Mundwinkel.
„Du schiebst das vor, um Distanz zu wahren, weil du insgeheim hoffst, dass Finn dein Pfleger wird, weil du an Finn, seine Art und wie er arbeitet, glaubst. Aber auch, weil du ein Auge auf ihn geworfen hast.“
„Beides“, antworte ich ehrlich und schnaube. „Ich glaube an seine Fähigkeit, mit dem Pferd zu kommunizieren. Und ich glaube daran, dass er in sich hineinhorcht, bevor er handelt.“
Ich sehe zum Hallendach hinauf und lasse mir die Worte nochmals durch den Kopf gehen. Ich würde mich selbst und andere belügen, würde ich leugnen, dass mir Finn gefällt.
Deswegen lasse ich es.
„Wir wissen beide, wie es läuft, am Ende zählt das Ergebnis, nicht nur die Theorie“, sage ich und beginne wieder damit den Oxer abzubauen. Richard nickt und tut es mir gleich.
„Trotzdem ist es die Theorie, die uns schärft. Wenn Finn wirklich so ruhig bleibt, wie du sagst, dann wird das auch in Zukunft funktionieren und wer weiß schon, was alles passiert“, gibt Richard locker von sich und sieht mich an. „Die Frage ist dann nur, was machst du, wenn Finn das eventuell ebenso sieht wie du? Dass er dich auch als mehr sieht, als nur den Springreiter und Pferdebesitzer?“
Mir fällt beinah die Stange aus den Händen und ich sehe mein Gegenüber ernst an.
„Ich bleibe ehrlich“, brumme ich, „Wenn es so sein sollte, helfen klare Anweisungen. Bleib ruhig, Linie halten, Blick nach vorn.“
Richard legte die Hand erneut aufs Holz der Stange. „Glaubst du, dass Finn sich weiter öffnet? Nicht nur für die Arbeit, sondern auch für das, was jenseits der Boxen ist?“
Ich ziehe die Nase leicht zusammen, „Ich denke, er sucht die Balance zwischen Fokus auf die Arbeit und der Chance auf eine Zusammenarbeit. Ob es klappt? Wer weiß, aber er hat sicherlich die Geduld, das herauszufinden.“
Richard grinst schief. „Dann habe ich einen guten Grund, ihn und dich im Blick zu behalten.“
„Tue, was du nicht lassen kannst“, meine ich und lasse Richard am Hindernis stehen. Wir beobachten, wir analysieren, wir verbessern uns und vielleicht ergibt sich dabei auch eine Gelegenheit.
***
Ich habe mich in der großen Sitzgruppe, vor der Stallgasse niedergelassen, und lasse meinen ersten Arbeitstag ausklingen. Ich bin staubig und geschafft, aber auch froh hier sein zu dürfen. Die anderen Pfleger und Pflegerinnen sind nett, die Reiter ebenso. Die einen mehr die anderen weniger, aber keiner in unhöflich. Ich lehne mich zurück, sehe meine beste Freundin Miriam mit einem warmen Lächeln auf mich zukommen. Wir haben und hier verabredet, sie will meinen neuen Arbeitsplatz kennenlernen.
„Hey Finn, du siehst geschafft und glücklich aus“, sagt sie und setzt sich zu mir. „Erzähl mir alles!“
Ihr lachen reizt mich mit und so beginne ich zu erzählen. „Weißt du, heute war so ein Tag, an dem ich mich richtig wohlgefühlt habe. Ich habe die Pferde versorgt, die Boxen gemacht und es war einfach ruhig und entspannt. Diese Momente, wenn alles seinen Platz hat und die Tiere ruhig sind, die mag ich besonders.“
Miriam lächelt neugierig, „Was hast du denn heute gemacht?“, fragt sie. Für sie ist das alles immer spannend, wenn ich von meinem Arbeitsalltag berichte.
„Ich habe mit Aiden, einem der Reiter und Pferdebesitzer hier, heute Morgen Futter gemacht. Er hat mir gezeigt wie das hier gemacht wird, also die Pläne und so erklärt. Den Rest des Vormittags war ich mit misten beschäftigt“, erkläre ich und nehme einen großen Schluck aus meiner Wasserflasche. „Den Nachmittag dann habe ich mit den anderen mich um die Pferde gekümmert, also geputzt und zu den Koppeln gebracht. Dann ging es um die Ordnung und Sauberkeit der Stallgasse und den anderen Räumen.“
Mit einem Lächeln sehe ich zu Miriam, „Aber das Wichtigste, ich habe gemerkt, wie wichtig es ist, ruhig und respektvoll mit den Pferden umzugehen. Es ist fast so, als ob sie deine Stimmung spüren. Wenn du gelassen bist, sind sie es auch. Das ist für mich das Schönste an diesem Job, dieses Vertrauen, das sich aufbaut.“
„Das klingt schön und nach viel Arbeit“, sagt Miriam nachdenklich. „Und was war mit dem Reiter, den du erwähnt hast?“
Ich sehe meine beste Freundin fragend an. Wieso kommt sie genau auf Aiden?
„Du meinst, Aiden. Er hat sich mit mir über die Pferde und die Art des Umgangs mit ihnen unterhalten. Er weiß, was er tut und ist ein sehr guter Springreiter“, berichte ich und hoffe sie merkt nicht, das ich beginne einen cruch für ihn zu entwickeln.
Miriam schmunzelt, sieht mich an als hätte sie mich bereits durchschaut. „Das klingt, als ob da eine richtige Verbindung zu den Pferden und zu diesem Aiden besteht.“
Zögerlich nicke und sehe auf die Falsche in meiner Hand. Ich kann ihr leider nie etwas vormachen, wenn es um meine Gefühle geht.
„Ich finde, es ist eine Art stilles Band zwischen uns und den Tieren. Man muss nur geduldig sein und ihnen Zeit geben, sich an einen zu gewöhnen. Es ist fast wie eine Sprache, die man lernt, ohne Worte“, sage ich ohne auf Aiden einzugehen.
„Und das Vertrauen?“, fragt Miriam weiter neugierig nach.
Ich zögere kurz, dann sage ich leise: „Das ist das Wichtigste. Aber … weißt du, Miriam, ich muss auch ehrlich sein. Es ist nicht nur die Arbeit, die mich anzieht. Es ist auch Aiden.“
Es hat eh keinen Zweck es ihr zu verheimlichen, dafür kann sie mich lesen wie ein offenes Buch. Miriam sieht mich fragend an. „Wie meinst du das, Finn?“
Meine Wangen werden rot, ich spüre die aufsteigende Hitze deutlich.
„Na ja … ich merke, dass ich mich zu ihm hingezogen fühle. Es ist schwer zu beschreiben … er hat eine Art an sich und ich fühle mich bei ihm sicher, obwohl ein distanziert ist“, gebe ich leise zu und sehe zu ihr, Miriam lächelt verständnisvoll.
„Das ist doch vollkommen in Ordnung, Finn, es ist gut, wenn du solche Gefühle entwickelst“, meint sie. Wir kennen uns seit wir klein sind, Miriam hat alle meine Erfahrungen und Beziehungen miterlebt.
„Ja, aber es ist auch verwirrend“, seufzte ich, „Ich weiß ja nicht mal, ob er auf Männer steht. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er mich beobachtet.“
„Dann rede doch offen mit ihm“, meint Miriam, als wäre es das Einfachste auf der Welt.
Energisch schüttele ich den Kopf. „Nein, noch nicht!“
Ich will mit ihm arbeiten, ihn zu Turnieren begleiten und mich um seine Pferde kümmern. Außerdem ist heute mein erster Tag, das ist viel zu früh.
„Ich weiß nicht, wie ich es machen sollte, heute ist mein erster Tag. Es ist alles neu für mich.“
Miriam lege mir eine Hand auf die Schulter.
„Manchmal ist es besser direkt, ehrlich zu sein. Vielleicht merkt er ja auch, dass du mehr fühlst“, meint sie und betrachtet mich eindringlich. Sie hat schon recht, aber es geht nicht.
„Vielleicht“, murmele ich nachdenklich, „Ich will nur nicht riskieren, dass das, was sich beginnt, aufzubauen zerstört wird.“
Miriam nickt, lässt den Moment eine Weile stehen, dann setzt sie wieder in einem ruhigen, Ton wieder an.
„Ich glaube, es ist normal, sich so etwas zu fragen, besonders wenn man neu ist. Wichtig ist, dass du dir selbst treu bleibst und offen bleibst, egal wie die Sache ausgeht.“
Ich hebe die Schultern, als wolle ich die Anspannung abschütteln.
„Du hast recht!“, stimme ich zu, „Ich muss ehrlich zu mir selbst sein und schauen, wie sich die Dinge entwickeln.“
„Und was planst du als Nächstes?“, hackt sie nach und blickt in Richtung der Reithalle. „Ein Gespräch mit ihm, oder erst mal einfach beobachten?“
Ich folge ihrem Blick und sehe Aiden, der in diesem Moment eben diese Verlässt. Augenblicklich sehe ich weg, spüre ich doch erneut diese Hitze. Auch meiner besten Freundin entgeht es nicht, was ihr wissenden Grinsen deutlich zeigt.
„Ich denke, erst mal beobachten“, antworte ich langsam. „Ich will nicht blind handeln. Vielleicht ergibt sich eine passende Gelegenheit, ohne dass es wie eine große Offenbarung wirkt.“ Nervös zupfe ich an einem Faden am Ärmel. „Manchmal traue ich mich erst, wenn die Situation es wirklich zulässt.“
Miriam legt eine Hand auf meine. „Du bist mutig, Finn. Mut bedeutet auch, das Rauschen der eigenen Gedanken zu hören und trotzdem weiterzugehen.“
Sie blickte hinaus zum Hoftor, wo die letzten Sonnenstrahlen den weg beleuchteten.
„Die Pferde spüren mehr als wir ahnen. Wenn du ruhig bleibst, findest du deinen Weg, vielleicht auch dein Weg zu ihm“, meint sie leise und steht auf.
„Danke, Miriam“, sage ich, „Es tut gut, das so zu hören. Vielleicht ist das genau der Moment, um den nächsten Schritt zu wagen, wenn sich eine ruhige Gelegenheit ergibt.“
Auch ich stehe auf, streckte mich kurz und umarme Miriam. „Danke dir. Ich glaube, ich lasse den Tag so stehen, wie er ist, ruhig, ehrlich und aufmerksam.“
Miriam erwidert die Umarmung: „Genau so und nicht anders! Morgen ist ein neuer Tag, mit neuen Aufgaben und vielleicht mit neuen Worten zwischen dir und Aiden.“
Ich atme tief durch, schließe die Augen und lasse den Moment wirken, bevor ich mich löse und den Staub von meiner Hose abklopfe.
Morgen geht es weiter!