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Wir müssen reden – Über das Problem von zu vielen Frauen bei Wettbewerben Convention, Cosplay, Cosplay Wettbewerbe, Cosplayer, DCM, Moderation, Serious Business, Vom Herzen

Autor:  Raider

Wir müssen reden – Über das Problem von zu vielen Frauen bei Wettbewerben

Kennt ihr das?

Man möchte über ein Thema schon seit Jahren was schreiben, dann kommen Cons, Cosplays, Contests dazwischen und irgendwie war nie der richtige Zeitpunkt da.

Zu den anderen Cs gesellt sich dann noch Covid und das Thema rückt in die hinterste Hirnrinde, da man gerade mal nicht damit konfrontiert wird-

Und dann ist er plötzlich wieder da, dieser Wutball an Genervtheit über Aussagen die ich seit ungelogen 15 Jahren höre, und die ich nicht mehr hören kann und möchte.

Darum: Wir müssen reden liebe Szene.

Und in diesem Fall mal ganz speziell an alle ModeratorInnen von Cosplay Wettbewerben.

 

Ich schwöre und wette bei allen zerbrochenen Nähnadeln und allen Brandblasen meiner gesamten Cosplayzeit, diese Sätze hat jeder schon mal gehört der etwas länger dabei ist und Wettbewerbe gesehen hat:

„Männer, traut euch mitzumachen! Wir brauchen mehr Männer!“

Natürlich meistens abgelassen bei der Siegerehrung.

Und jetzt mal Butter bei die Fisch: Was. Soll. Das.

 

Ich lasse meine persönliche Situation jetzt einmal kurz außen vor, denn hier möchte ich mich erstmal damit beschäftigen, warum dieses Thema anscheinend seit 15 Jahren ein Dauerbrenner auf ModeratorInnen Zungen zu sein scheint.

Vorab: Es zeugt nicht gerade vom guten Stil, die Leistung von den gerade Gewonnenen dadurch zu schmälern, mit der Erwähnung dass ihnen in diesem Moment gerade das fehlt, was wohl eigentlich gesehen werden wollte – ein Penis.

Das es -ganz nebenbei bemerkt- hochproblematisch ist, auch Cis Männer nur auf ihren Penis bzw. Biologie zu reduzieren, sollte in dieser Zeit eigentlich mittlerweile klar sein.

 

Nun gehen wir aber dahin, wo ich eigentlich hin wollte: Warum leisten sich ModeratorInnen immer wieder diesen unnötigen Patzer und was könnte dahinter stecken?

Gehen wir ein wenig zurück in die Wettbewerbsgeschichte- kaum einer wird sich daran erinnern, dass es tatsächlich mal eine Männerdivision des bekanntesten deutschen Wettbewerbs, der Deutschen Cosplay Meisterschaft, gab. Ursprünglich aus dem frommen Wunsch heraus geboren, dass sich mehr (cis)Männer dazu animiert fühlen, sich auch an Cosplay und Wettbewerben zu versuchen. Dass dann der größte Betrugsfalls der DCM mit einem gekauften-als-selbstgemachtes-ausgegebene Kostüm dann bei den Männern war, ist eine recht ironische Randanekdote.

Nachdem die Männerdivision mangels Teilnehmern abgeschafft wurde, ging es zu der quasi üblichen deutschen TeilnehmerInnen Ratio zurück. Ich hab keine genauen Zahlen, aber ich denke wir können von einem sehr überwiegenden weiblich (gelesenen) TeilnehmerInnen Feld und von um einiges weniger -bis nicht vorhandenen- (in diesem Fall cis) männlichen Teilnehmern ausgehen.

Man könnte einige Gründe suchen und finden, warum das so ist. Das Grundhobby im Cosplay ist oft das Nähen und klischeehafter Weise haben weiblich gelesene Personen den schnelleren Zugang zu diesem Handwerk, da Oma, Mama, Tante (wer auch immer) schon mal eine Nähmaschine besitzt. Dafür sieht man das cis männliche Personen oft im „crafting“ Bereich des Hobbys angesiedelt sind oder das sie eben dort starten: basteln, werkeln…stereotyp männlich konnotiert.

Beides sind absolut legitime Wege um in dieses Hobby -und die damit verbundenen Wettbewerbe- einzusteigen. Natürlich kommt man allerdings mit Kleber und Schweißen irgendwann an die Grenzen der Bekleidungsmöglichkeiten und zumindest da haben Nähfähige schnell einen Vorteil bezüglich der Kostümauswahl.

Aber das erklärt ja erstmal nicht das hohe Ungleichgewicht bei der reinen Teilnahme. Denn theoretisch könnten ja auch cis Männer sich trotzdem anmelden und mitmachen.

Nun kommt der große Gag: Das haben sie ganz früher auch gemacht. Es kristallisierte sich allerdings immer weiter heraus, dass weiblich gelesene Personen öfter die Preise gewannen.

Das gilt jetzt natürlich nicht für jeden cis Mann da draußen -klar- aber ich denke, dass war etwas, was vielen männlichen Egos nicht schmeckte. Unsere Gesellschaft ist durchzogen von alltäglichem Sexismus und die Cosplay Szene bildet da keine Ausnahme. Gegen „eine Frau“ zu verlieren trifft viele immer noch auf eine andere Art und Weise und somit wurden es insgesamt immer weniger. Denn ja, mit weniger cis Männern auf Wettbewerbsbühnen fehlt ein wenig die „Vorbild“ Funktion zum nachziehen und nachmachen, aber das Phänomen was daraus entstanden ist – der fast jedem Wettbewerb anhängige Eier-Call- ist einfach nur fehlgeleitet.

Denn betrachtet man mal die gemeinen Wettbewerbe: Viele cis Männer wurden (und werden) da auf den Hosenboden der Tatsachen gesetzt, dass ihr sozialer Vorteil durch angeborene Biologie und Gesellschaftsbild in dem Sinne nichts bringt, da die Konkurrenz schlichtweg besser ist. Da dann vermeintlichen Erfolg („Wenn ihr nur mitmacht, dann-“) mit nutzlosen Aufrufen zu sugerrieren lenkt genau in die falsche Richtung.

Und wer jetzt sagt „Aber Max, man will doch nur animieren! Weil warum machen denn so wenige mit?“, dem entgegne ich: Dann sollte man dieses Pferd auch genau dort aufsatteln.

Es ist ein immenser Unterschied nach dem warum zu fragen – warum macht ihr nicht mit (Auch wenn für diese Frage, die Siegerehrung auf der Cosplaybühne der denkbar ungünstigste Ort ist, da dort offensichtlich niemand eine fundierte Antwort entgegen grölen kann.) – und der stetigen Wiederholung das etwas fehlt.

Denn obwohl es keinen Grund geben sollte (ich gehe darauf gleich ein), scheint es ja für potentielle zukünftige cis-männnliche Teilnehmer irgendeinen Grund zu geben sich gegen eine Teilnahme zu entscheiden. Die Botschaft, dass man ja bei einem Wettbewerb den „Besten“ finden möchte (das Grundprinzip aller Wettbewerbe), dies aber schlicht unmöglich zu sein scheint, denn es „fehlt“ ja etwas. cis-männliche Cosplayer.

Und klar, was das „Beste“ ist, ist von Wettbewerb zu Wettbewerb unterschiedlich, durch Punktegewichtungen, Anforderungen und auch Jurys – aber ich denke es ist klar was ich meine.

Im Sport unterscheidet man oft aufgrund körperlicher Voraussetzungen in den zu erreichbaren Zielen, Zeiten, Leistungen. Dieser Faktor fällt beim Cosplay komplett weg, da alles, was mit Cosplay zu tun hat in die Richtung des Handwerks geht. Nähen, Basteln, Elektronik, auch Perücken schneiden und stylen, Make-Up sind alles Fähigkeiten aus verschiedenen Handwerksdisziplinen. Und richtig, DAS ist geschlechterübergreifend erlernbar. Unabhängig welche Genitalien in der Buchse sitzen.

Und ja, selbst bei Auftritten kann man nicht von einem körperlichen Vorteil oder Nachteil ausgehen – auch da kann alles was man braucht antrainiert, gelernt und ausgeführt werden. Akrobatik ist kein rein „männlicher“ Sport, bei weitem nicht.

Das cis Männer aufgrund der reinen Tatsache, dass sie mit einem Penis geboren worden sind, in unserer Gesellschaft bevorteilt werden, ist eine Wirklichkeit, die man nicht bestreiten kann. Dass weiblich gelesene Personen in der deutschen Cosplayszene aufgrund ihres Könnens mehr Aufmerksamkeit erhalten haben als cis Männer ist ebenfalls richtig. Aber so oft schwingt beim Cosplay der Vergleich mit – egal ob mit der Vorlage oder untereinander – und leider mussten weiblich gelesene Personen gerade bei ‚Crossplaying‘ immer noch einen drauf setzen im Vergleich zu einem cis männlichen Cosplayer. Nur durch das männlich gelesene bekamen diese Cosplayer den Vorteil „wow, ein ECHTER Mann“, was für mich immer noch einer der verwirrendsten Dinge der Cosplayszene ist, die ich mitbekommen habe.

Woher das kommt ist reine psychologisierende Spekulation – von Unsicherheit der eigenen Sexualität, Prägung auf cis Männer-Bewunderung, Misogynie, höherer sozialer Konkurrenzkampf unter der eigenen Geschlechtergruppe- und darum will ich mich damit nun echt nicht aufhalten.

Womit ich mich allerdings aufhalten will, ist dieses:

Liebe ModeratorInnen sämtlicher Cosplaywettbewerbe und Bühnenprogramme,

bitte, lernt endlich, dass es kein „Problem“ ist, dass wir viele weiblich gelesene Personen in unserer Szene haben. Die Teilnahme eines cis Mannes steigert nicht die Qualität des Wettbewerbs und macht ihn dadurch auch nicht vielfältiger, toller oder sonst irgendwas. Das Einzige was passiert, wenn ein cis Mann teilnimmt, ist, dass ein weiterer Penis im Backstagebereich ist. Und wenn es blöd läuft, ist es einer mit zu dicken Eiern.

Cosplay ist ein Hobby, wo das Geschlecht egal ist. Die Fähigkeiten des Teilnehmers sind nur basierend auf ihrer/seiner Erfahrung und Lernbereitschaft. (Außer ich sollte mich irren und Penis-träger können mit eben diesen ein fertiges Kostüm zaubern.)

Es gibt daher keinen Grund, die „armen, schüchternen Männer“ immer und immer und immer wieder dazu zu animieren mitzumachen. Wer mitmachen will, macht mit. Diese Besessenheit auf cis Männer, endlich „echte“ Männer siegen sehen zu wollen, zeugt leider von einem unheimlich sexistischen Bild, dass man ja nur wer ist, wenn noch cis Männer präsent sind und das regeln.

Vielleicht ist es euch nicht bewusst und ihr meint es gut, aber gute Absichten sind leider -und jetzt wird es hart- die kleine Schwester von Scheiße. Leider müsst ihr euch mal an die eigene Hose packen und fragen, warum ihr es sagt.

Denn was bei so einem (unterbewussten) Bild passieren kann, habe ich auch schon am eigenen Leib erlebt. (jap, jetzt wird es doch kurz persönlich)

Bei einer Siegerehrung wo ich mit anderen weiblich gelesenen Personen als Sieger stand, kamen die üblichen Sprüche. „Wir brauchen mehr Männer! Eier wir brauchen Eier!“ Neben dem üblichen Zähneknirschen des Sexismus hatte das Ganze noch das eklige Geschmäckle, das 1. Durchaus cis männliche Teilnehmer da waren (nur nicht gewonnen haben) und 2. Ich da frisch als trans* geoutet war und damit offiziell auch als männlich galt, eben nur nicht die gemeinten Eier sondern „nur“ Eierstöcke aufweisen konnte.

Also gleich zweifach nicht gut: der cis männliche Teilnehmer der da war, war einfach nicht gut genug, man möchte doch gerne GUTE cis männliche Cosplayer, womit man angeben kann, und Männlichkeit einer trans* Person absprechen? Uuuuuff. Sehr ungeschickt. Und das beinhaltet jetzt noch nicht mal die Problematik des gedanklichen Ausschlusses von nicht-binären Personen – die einen eigenen Blog verdienen würde.

Bitte haltet euch auch zurück bei Beschreibungen wie „endlich ein Mann“- Es ist nicht gerade witzig, wenn man eine Transition (ge)macht (hat) und damals zwar als „weiblich“ angetreten ist – aber nun ist es eben anders und sollte nicht als indirektes Zwangsouting funktionieren. Bei trans* Männern passiert dieses krasse hervorheben nämlich nicht – nicht das ich das haben wollen würde, bei allen Göttern da oben, nein, bah, pfui – aber überlegt mal, warum da die Betonung ganz automatisch ausbleibt…

Moderation passiert teilweise in Sekunden, ja, das weiß ich selbst, aber es enttäuscht mich immer wieder, was in diesen wichtigen Sekunden dann rausrutscht bei ModeratorInnen (weiblich gelesen, cis weiblich und cis männlich gleichermaßen). Vielleicht ist es unfair, aber meiner Meinung nach kann man sein unterbewusstes Bild zu gewissen Dingen gerade in diesen spontanen Dingen schlecht verstecken und die Rückschlüsse die ich immer wieder ziehen muss sind ernüchternd oder machen mich zornig.

Bitte, bitte, bitte streicht diese Appelle aus eurer Moderation, allen voran bei Siegerehrungen. Aber auch sonst. Keiner will es hören. Die Message an weiblich gelesene Personen: Ihr seid nicht genug. Egal wie viel ihr lernt, Arbeit hineinsteckt und erfolgreich seid. Es fehlt einfach das gewisse Extra. Und das ist ein Penis. Mit echten Eiern. Weil wenn doch nur ein genauso guter cis Mann dabei wäre- dann hättet ihr keine Chance und das männlich dominierte Gleichgewicht der sonstigen Welt wäre ENDLICH wieder hergestellt und damit alles gut.

Und bei allem guten Willen, Absichten und Kladeratdatsch – ich kann mir nicht vorstellen, dass dann ein cis männlicher Teilnehmer sich gut dabei fühlt, als „bei dir haben all unsere Apelle gefruchtet“-Quote dazustehen. Wer möchte schon die Extrawurst sein, nur weil man eine Extrawurst hat?

TeilnehmerInnen sind TeilnehmerInnen. Und es geht nur um ihre Leistung auf der gegebenen Bühne und nicht um das, was in der Hose ist.

In Hoffnung auf Reflektion, Einsicht und Besserung

 Euer

Max Improving