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Nur ein Spiel

von

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Die Heilerin

Der beinahe glasige Abendhimmel wurde von der glühenden Sonne in warme rotorange Farben getaucht, als auch der Mond seine unausweichlichen, vertrauten Bahnen drehte. Sein kühles, gleißendes Licht erzeugte Risse am Firmament, bereit die alte Sonne in den Schlaf zu wiegen. Im Hause der Braverys war wieder alles beim Alten, so nahm es den Anschein. Der junge Heroe Link war von seiner abenteuerlichen Reise zurückgekehrt und nach einem langen, aber durchaus unvollständigen Bericht an Sara und seine Eltern in seinem Zimmer verschwunden, genoss die Gemütlichkeit seines eigenen, kleinen Reiches, entspannte hier in seiner eigenen, kleinen Zuflucht und lehnte sich für wenige Minuten im Dunkeln an seine Tür. Wie unwirklich dieses Zimmer mittlerweile für ihn war, wie absurd… Ein Teil von ihm spürte, dass er in seinen früheren Leben die Wildnis bevorzugt hatte… Die geheimnisvollen, zirpenden Geräusche in der Nacht. Die alten Winde der Welt, die seine Ohren gekitzelt hatten. Und der Geruch der Freiheit…

Er ließ sich schließlich erschöpft in sein Bett fallen und realisierte mit einem halbherzigen Grinsen, dass es gut tat wieder zu Hause zu sein, aber sein Zuhause niemals mehr so erfüllend, sicher und sorglos sein würde wie es einmal war. Alles hatte sich gewandelt auf eine beinahe zerstörerische Weise und Link spürte diesen gemeinen Zwang in seinem Herzen, dass seine einstige Unschuld mit der Reife seines Heldendaseins schwand. Gähnend dachte er an die Ereignisse, die er in Irland erlebt hatte, an jene wertvollen Menschen, die er kennen gelernt hatte, und die unverzichtbaren Dinge, die er über sich selbst erfahren hatte… selbst an die Schattenseite der Kämpfe, die Trauer, die Vernichtungswut. Je mehr Wochen vorüber zogen, und es schien nur eine Frage der Zeit, lernte er ein wenig mehr über sich selbst, sein früheres Ich, sein Schicksal und er würde die Dinge - so schmerzhaft und leiderfüllt sie auch waren – annehmen mit aller Stärke, die er besaß. Link musste sich nun endgültig erkennen, sich verstehen, sogar daran glauben, dass die Seele in ihm für den einen Kampf geboren wurde, geboren wurde, immer dann, wenn sich das Böse wie ein schwarzer Schleier über die Welt zu legen drohte…

Und schließlich, so dachte er mit einem leichten, ehrlichen Lächeln auf dem Gesicht, hatte er endlich verstanden, warum er sich zu Zelda so hingezogen fühlte. Warum alles an ihr ihn in ein schier überwältigendes Erstaunen versetzte, warum er nur in ihrer Nähe sich als er selbst und vollständig begreifen konnte und warum er für sie sterben würde…

Verliebt dachte er einmal mehr an den Traum in Irland, als sie so nah war und hoffte sehnlichst, dass es nicht mehr war als nur ein Traum, weil er sonst nicht wüsste, wie er sich ihr gegenüber in nächster Zeit verhalten sollte. Aber andererseits… Mit ihrem Namen auf seinen Lippen zog er sich die Kleidung vom durchtrainierten Körper, krabbelte in der schwülen Sommernacht nur bekleidet mit Boxershort auf die kühlen Laken und genoss seine eigene Nacktheit… Ja, andererseits war allein der Gedanke, er könnte Zelda noch einmal küssen, hier in der Realität, überwältigend schön… nur noch einmal ihre weichen, sinnlichen Lippen spüren… mehr verlangte er doch nicht… mehr traute er sich nicht zu verlangen… Diese Zartheit ihrer pochenden Lippen… Ekstase und Hunderte heimliche Vibrationen, wenn er das Pochen ihres Blutes an seinen Lippen spürte…

Und obwohl er sich nicht traute Zelda in irgendeiner Weise zu bedrängen, war da dieser Strom lustvoller Empfindungen, der ihr süßer, leidenschaftlicher Kuss ausgelöst hatte. Link musste sich eingestehen, dass ihm ein Kuss nicht reichte. Und es war für ihn das erste Mal, dass er diesem Verlangen erlag. Natürlich war er nicht auf den Kopf gefallen, er hatte genauso seine Bedürfnisse wie andere Menschen, aber ihn hatte bisher nicht dieser pulsierende Strom an Empfindungen, die sich in seine Körpermitte bohrten, verfolgt… und es gab nichts außer Zeldas Nähe, das dieses Bedürfnis befriedigte.
 

Link gähnte erneut, überschwemmt mit Endorphinen und nicht enden wollenden inneren Bildern von Zeldas erweckender, betäubender und so süßer Weiblichkeit, und schloss langsam die tiefblauen Augen… und ertrank innerlich an seiner Sehnsucht. Er war so verdammt müde, wollte eigentlich nur schlafen, denn der Tag war anstrengend genug.

Er drehte sich auf seinen Bauch, seufzte verlangend mit einer erregten Stimme, aber wollte doch eigentlich nur schlafen… Er legte seine Arme über seinen Hinterkopf, spürte durchgeschwitztes Haar und seufzte erneut. Der Gedanke an Zelda und ihre weiblichen Reize, ja… diese langen Beine, diese einladende Hüfte, ihr sexy Po… würde ihn noch umbringen… Einmal mehr seufzte er und schlief mit siegender Erschöpfung und Tausenden Schmetterlingen im Bauch ein. Nach einigen Minuten befand er sich in einer Welt fern von dieser.
 

Die Sonne hatte inzwischen vom Tag Abschied genommen und der Mond die Herrschaft über die Welt an sich gerissen, als die Tür in Links Zimmer leise geöffnet wurde. Vorsichtig trat eine schlanke Gestalt in das dunkle Zimmer hinein, bemüht das Knarren der Tür zu unterbinden. Einige Sekunden vergingen, in denen sich das zierliche Wesen nicht rührte. Sie wartete vermutlich, dass sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dass sie sich orientieren und Link in seinem Schlummer erblickten konnte.

Außerhalb fuhr ein Lastwagen auf der Straße vorbei. Das Licht seiner Scheinwerfer erhellte kurzzeitig das Zimmer, hetzend, aufflackernd, wie eine Warnung. Und in dem gleißenden, kurzen Flackern konnte ein Beobachter erkennen, dass ein anmutiges Mädchen in dem Zimmer stand. Ein Mädchen, das in dieser einschneidenden Realität niemals finden konnte, was ihr Herz begehrte. Ein Mädchen mit einer alten, verwundeten Seele…

Mit sanften Schritten tapste sie in Richtung des zerwühlten Bettes, ließ sich an dessen Rand auf ihre nackten Knie sinken, sodass sich ihr Gesicht in etwa auf gleicher Höhe wie das des schlafenden Link befand. Sie blickte ihn verträumt an und ihr huschte ein zierliches Lächeln über das edle Gesicht, als er irgendetwas Unverständliches murmelte und sich langsam in Richtung Wand drehte. Sie flüsterte in einer lieblichen Stimme seinen Namen, leise, fast ungewollt, mit ein wenig ungestillter Sehnsucht, die ihre Stimme verriet. Aber er reagierte nicht, war gefangen in seinen Träumen, den schicksalhaften Träumen eines Helden…

Sie blieb noch ein wenig am Rande des Bettes auf dem Boden sitzen und lehnte sich gegen dessen Kante, und stützte ihren schweren Kopf auf ihren wohlgeformten Armen ab, die sie auf die weiche Matratze des Bettes gelegt hatte. Sie seufzte, ignorierte ein wohlvertrautes Zittern über ihre Haut hinwegdriften. Sie war hier, in einer intimen Nähe ihres Heroen, realisierend welche Grenze sie damit überschritt…

Das Licht des Mondes schien nun durch das große Fenster in das kühle Zimmer und verlor sich mitfühlend auf den beiden auserwählten Menschen, die sich hier befanden. Es war, als hätte er Mitleid mit den alten Seelen, die zueinander finden und doch nur kämpfen mussten…

Link drehte sich wieder zu seinem Gast, ruhend, genüsslich schlafend, und hätte ihr, wenn er wach gewesen wäre, direkt ins wunderschöne Antlitz gesehen. Er flüsterte irgendetwas in die Dunkelheit, dass sie gerne verstanden hätte, aber es war nur ein undeutliches Murmeln, das Link von sich gab. Er träumte vermutlich, träumte einen angenehmen Schatten der Nacht und verlor sich in seinen Wünschen und Hoffnungen…

Auch wenn sie sich nicht wirklich sicher war, sie bildete sich ein, ihren Namen aus seinem Murmeln herausgehört zu haben, wünschte es sich, verzerrte sich danach ihren Namen über seine Lippen gleiten zu spüren… immer und immer wieder… begehrlich… sehnte sich nach dem tiefgehenden Klang seiner Stimme, die sich über Welten hinweg nicht verändert hatte. Link wusste es nicht, aber dies war eines der unsagbar romantischen Dinge, die Zelda erinnerte. Der Klang seiner Stimme, die sie niemals vergessen hatte… genauso sein Gesicht. Auch dieses besaß die gleichen Eigenheiten wie damals, die gleiche Schönheit, seine markanten Züge…

Und sie realisierte, dass sie ihm stundenlang hätte zu schauen können. Er wirkte so unschuldig, wenn er schlief. Niemand würde ahnen, welche Kraft, welcher tosende Mut, sich hinter seinem Erscheinungsbild verbarg, nein, unmöglich. Nicht eine Spur der gefährlichen Kämpfermaskerade, die er in der alternativen Zeit besaß, war erkennbar. Süß, wie er schlief, so friedlich, als würde nichts auf seinen Schultern lasten, wirkte es, als wäre er ein ganz normaler Jugendlicher.

Sie reckte ihren Kopf in die Höhe und blickte an das hellerleuchtete Ziffernblatt des Radioweckers und dachte erfreut über die kaum fortgeschrittene Zeit nach. Kurz nach elf, und die Nacht war noch jung, hier in der Nähe des Helden, der einst mit der Zeit tanzte, schienen die Sekunden langsamer zu ticken. Ja, sie konnte noch ein wenig bleiben, noch ein wenig träumen… Im Grunde genommen, war seine Nähe der einzige Ort, an dem sie sich geborgen fühlte, sicher fühlte. Und egal, was zwischen ihnen passierte, Link würde sie immer verstehen und ihr Glauben schenken, egal wie dumm das, was sie sagte, klang, egal, welche Fehler sie machte… Sie wusste immer, dass sie seine großzügige, edle Seele in ihrer Gegenwart kaum verdient hatte. Auch deshalb war sie oftmals so abweisend, so innerlich kalt, dass sie sich schämte. Ihr kamen bewegende Bilder aus der düsteren Vergangenheit in den Sinn, als sie ihn durch die Dunkelheit der Nacht beobachtete, so viele Überbleibsel alter Geschehnisse, von denen jenes Mädchen nicht mehr wusste, ob sie tatsächlich geschehen waren. Es lag alles so weit zurück, Äonen für sie… geradeso als wäre es nie geschehen und alles, was von dieser Zeit noch blieb, wurde lediglich durch verblassende Erinnerungen preisgegeben… Und immer tat es weh… Jedes Verblassen tat weh, vergessen alter Leben tat einfach nur weh.
 

Links Hand bewegte sich plötzlich, landete neben seinem Gesicht auf ihrem Arm und ruhte dort und noch immer träumte er in wonnevollen nächtlichen Schatten seine Bedürfnisse. Seine Haut war so warm, zärtlich und streichelnd… und diese warme Hand auf ihrer Haut beschwor eine seltsam angenehme Empfindung herauf. Eine Empfindung voller Mitgefühl und heilsam, erinnerte sie an etwas, gegen das sich das hochwohlgeborene Mädchen immer wieder gewehrt hatte. Gekämpft hatte sie gegen ihre Gefühle, unerbittlich und grausam wie in der dunklen Zeit gegen Heere des Bösen…

Mit gläsernen Augen legte sie ihren Kopf ebenfalls auf die Matratze und ruhte ein wenig, träumte und erinnerte, ließ sich in etwas fallen, das ihr Verstand verbot. Sie schloss ihre saphirblauen Augen, traurig lächelnd, wissend, dass in der Vergangenheit viele Fehler gemacht wurden, vor allem von ihr… Und die Grausamkeit ihrer Fehler richtete sich gegen denjenigen, den sie doch brauchte und so sehr begehrte, gegen den Helden der Zeit.

Sie spürte überraschend und aufgeregt, wie Links starke Hand ihren Arm ein wenig fester umfasste, so als wollte er sie nicht mehr gehen lassen, und als wollte er sie in ihren düsteren Visionen auffangen… und er tat dies, obwohl er nicht wirklich wusste, dass sie hier war. Die Schönheit öffnete ihre Augen wieder, bewegte sich aber nicht.

,Mein Held‘, dachte sie und streichelte sein blondes Haar von der Stirn. Er war ein wenig durchgeschwitzt, spürte sie Schweißtropfen unter ihren Fingerspitzen. Eine Empfindung ohne gleichen, die sie sich so oft verboten hatte.

Warum nur, fragte sie sich, musste es soweit kommen? Sie lebten beide nun in einer anderen Welt, sollten beginnen ein völlig neues Leben zu führen und doch… hatten sich ihre Wunden, die sie aus Hyrule davon trug, nicht geschlossen. Und da war einiges, was ihr Gleichgewicht zerstört hatte. Zelda fühlte sich nicht als Opfer, das hatte sie niemals getan, aber es war unleugbar schwer für sie weiterzukommen, zu realisieren, dass ihre Bedürfnisse in Ordnung waren und dass sie sogar einen Anspruch auf Glück hatte. Nur hatte Glück für sie bisher kaum ein Gesicht getragen. ,Es war grausam‘, so dachte sie, da sie kaum erfahren hatte, was Glück überhaupt war. Und ihre Seele ging auf eine Reise, einen Pfad zurück zu ihren Erinnerungen, das Damals, dass sie sich am liebsten aus der Brust reißen würde…

Denn in der alten Welt hatte sie sich immer gegen Gefühle gewehrt, hatte stets Wert darauf gelegt, von niemandem, nicht einmal von Impa, berührt zu werden. Immer wieder hatte sie geglaubt, sie würde Schwäche zeigen, wenn sie sich auf ihre inneren Bedürfnisse einließ, hatte geglaubt zu leiden, würde sie wahre Gefühle der Liebe zulassen. Sie hatte sich damals gewehrt jemanden zu lieben, verhindert, dass ihr jemand zu nahe kam, denn sie glaubte, es würde nicht ewig währen. Irgendwann käme der Tag, an dem man ihr wegnehmen würde, was sie für kostbar und wichtig ansah. Irgendwann kam immer jener Tag, das wusste sie.

Mit der schweren Last der Verantwortung für ein ganzes blühendes Land auf den Schultern, hatte sie stets geleugnet, dass auch sie sich nach Liebe und Zuneigung sehnte. Wie oft hatte sie sich am Abend selbst deswegen angeklagt, sich selbst und ihr eisiges Herz beschuldigt, nicht würdig zu sein, über das Königreich von Hyrule zu herrschen. Sie wünschte sich immer ein anderes Schicksal, beneidete ihre einfältigen Zimmermädchen, die jeden Morgen fröhlich in ihr königliches Gemach gestürmt waren - wohlwissend, dass sie eine Prinzessin vor sich hatten, wissend, dass sie nicht wie gewöhnliche Mädchen mit ihr reden durften.

Manchmal an den Abenden hatte die einsame Königstochter die Zeit verloren und immer häufiger wusste sie am Morgen nicht mehr, wer sie war, brauchte nach dem Aufwachen viele Minuten, um zu begreifen, sich ihrer scheußlichen Bürde zu besinnen.

Als Link dann, auf der Suche nach neuen Abenteuern in fremde Länder zog, war auch dieser Lichtpunkt in ihrem Leben verschwunden. Als er ihr damals Lebewohl sagte, hätte sie sich am liebsten vor ihm niedergekniet, bettelnd, er würde bleiben, nur weil sie es nicht ertrug alleine zu sein, nicht aushielt, die Verantwortung alleine zu tragen. Aber sie ließ ihn gehen - blieb kalt, zeigte keine Emotionen - widersprach einmal mehr ihren Gefühlen und Wünschen…

Sie verkrampfte sich an der Bettkante, schluchzte ohne es zu wollen und konnte ihre Tränen kaum zurückhalten. Aber sie versuchte es mit aller Gewalt, das hatte sie immer. Sie zitterte an dem Gedanken, dass sie unfähig war auf Links Sehnsüchte zu antworten, obwohl sie es gerne täte. Und sie fühlte sich unfähig ihn einfach nur zu lieben… ihm ihre Gefühle zu zeigen…

,Warum nur, bin ich so unfähig, einen Menschen zu lieben‘, dachte sie. ‚Warum, bin ich zu dumm dafür, Gefühle zu zeigen.‘

In dem Augenblick bewegte sich Links andere Hand auf Zeldas makelloses Gesicht zu und er berührte sachte ihre samtige Wange. Sie öffnete wieder überrascht ihre Augen. Zugleich strömte ein wohliges Gefühl von Wärme durch ihren Körper, die Links liebevolle Berührung hervorrief, so unfassbar wärmend, erfüllend, diese Wärme zwang ihr eisiges Herz zum Schmelzen…

Aber noch immer hatte er seine Augen geschlossenen, träumte in seiner Unschuld, träumte von seinem eigenen Licht der Stärke…

Und wahrhaft unbewusst hatte er ihr mit einer simplen Berührung geschenkt, was sie so dringend brauchte. Ein kleines Ufer, ein Halt, wo sie sich festklammern konnte. Sie war ihm dankbar, dass er sie aus ihren Zweifeln gerissen hatte, und das nur mit einer einfachen Berührung. Es lohnte sich nicht wirklich hier über die grausame Vergangenheit nachzudenken.

,Vergangenheit…‘, flüsterte es. ,Lass’ sie endlich ruhen… lass‘ Hyrule endlich ruhen…‘

Das Mädchen rutschte sehnend nach Zuneigung und Sicherheit ein wenig näher und berührte eine seiner warmen, zärtlichen Hände mit ihrer rechten. Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihre eigenen Hände eiskalt waren. Eiskalt, so unnahbar wie ihr Herz…

Link flüsterte nun Worte, die sie sehr deutlich verstehen konnte. Er flüsterte ihren Namen- so ruhig - so zärtlich und feinfühlig wie ein weiches Gewand auf ihrer Haut, das vor dem Sturm schützte. Noch immer beschützte er sie, ohne irgendetwas zu verlangen, noch immer war er da, bereit für sie zu kämpfen… und er lächelte im Schlaf, als sein Flüstern leiser wurde.

Er musste einen schönen Traum haben - entgegen dem, was ihr die Göttin der Träume meistens bescherte… Nichts war schön und einfach in der alten Welt, nichts war rein und friedvoll in dem Land, das zerstört vor ihren Füßen lag. Wenn die vergessene Prinzessin träumte, dann doch nur von dem Zeitkrieg, von Wunden und Feuer… von dem Verblassen ihrer Bestimmung… dem Verblassen ihrer Heimat…

Die einstige Königstochter war an dem Punkt angekommen, wo sie sich entschied, nicht mehr nach Hause zu gehen, zumindest nicht in den nächsten Stunden. Impa ahnte ohnehin, wo sie war und sie wusste alles über sie und ihren Helden, sie hatte schon damals mehr gesehen, als es ihr Recht war. Und das Mädchen, das sich hier in der Dunkelheit versteckte, brauchte seine Nähe, seine Aura und seine tröstenden Berührungen, sie brauchte ihn, nun noch mehr als früher.

Einige Minuten der Stille vergingen und sie blickte erneut auf die Uhr. Und es war vielleicht das Geheimnis, wie man den Zeitbegriff dehnen konnte. Denn wenn sie bei ihm war, ihrem einzigen Freund, schien die Zeit nicht voranzuschreiten, als wäre sie stehen geblieben. Sie gönnte es ihnen. Ja, die Göttin der Zeit empfand Mildtätigkeit gegenüber diesen Kindern des Schicksals, gegenüber diesen Seelenverwandten und gegenüber der Grausamkeit, die auf sie wartete…

Ob Link vielleicht doch noch aufwachen würde, fragte sie sich, damit sie ihn begrüßen konnte, sich für seinen Brief bedanken konnte. Oder sollte sie ihn vielleicht wecken? Grinsend sah sie ihn wieder an, und vergaß den Gedanken mit einem unterdrückten Schmunzeln. Jemanden, der so entspannt und schön aussah, beinahe niedlich, wenn er schlief, konnte sie auf keinem Fall aus den Träumen reißen.

Seine markanten Gesichtszüge, die sich in Momenten der Gefahr zu so viel Zorn verhärten konnten…

Seine dunkelblonden Augenbrauen, die das entscheidende, männliche Detail in seinem bübischen Gesicht waren.

Selbst hier auf der Erde war alles an ihm so perfekt…

Sie bewegte sich nun noch ein wenig näher an sein ansehnliches Gesicht heran, welches sich im dumpfen Licht des Mondes spiegelte, und lächelte leicht. Etwas verlegen, fragte sie sich, ob sie etwas wagen sollte, das sie doch niemals durfte. Sie wurde ein wenig nervös, als sie ihn beobachtete, seine ruhenden Gesichtsmuskeln, die Zufriedenheit und Schönheit, die darin verankert schien. Er war so ansehnlich wie damals, das perfekte Ebenbild des Helden der Zeit und das war es wohl, was ihr ein flaues Gefühl in den Magen schickte… der Gedanke daran, wer er war, der Gedanke daran, was er damals tat, besonders in einigen beinahe gefährlichen Augenblicken am letzten Tag Hyrules, bevor es verblasste.

Eine heftige Aufgeregtheit und Anspannung begann in ihrem Herzen zu arbeiten, erinnernd, sehnsüchtig, und diese Empfindungen waren stärker als alles, was die Prinzessin einst an Macht besaß. Sie konnte kaum dagegen ankämpfen, sich kaum wehren… und mittlerweile wollte sie es auch nicht mehr. Ihr Herz pumpte quälend. Eine wohltuende Gänsehaut lief über ihren Rücken, streichelte ihre Erwartung. Mit jeder Sekunde, die vorüber strich, mit jedem weiterem bebendem Atemzug war ihr klar, was sie brauchte, was sie wollte, begehrte.

Eine wunderbare Hitze schwappte flatterhaft über sie hinweg, ließ sie sich frei und aufgeregt fühlen, erinnerte sie an alte Bedürfnisse, immer unter Verschluss gehalten und nun so zwanghaft, dass sie sich fühlte, als würde sie innerlich zerspringen…

Zunächst zögerlich, dann etwas mutiger bewegte sie sich, geleitet von einem inneren Verlangen, auf ihren schlafenden Helden zu, strich ihr eigenes Haar zurück, dass es nicht auf sein Gesicht fiel und ihn weckte. Sie wollte ihn nicht wecken, sondern zu einem Traum beitragen, ihn in einem Traum erfüllen, so, wie ein sanfter, warmer Regen das Land bedeckte und streichelte.

Und es war dann, dass sie ihre saphirblauen Augen schloss, und die Welt um sie herum versank in dem, was sie geschehen ließ. Es gab kein Richtig oder Falsch, dort wo Liebe hinfand, es gab keine Rechtfertigungen oder Urteile dort, wo Liebe lebte… Und ohne einen aufsaugenden Gedanken der Traurigkeit, ohne Scham und Zögern, ohne zu ahnen, wo dies hinführen würde, berührte sie zärtlich mit ihren blutroten Lippen die seinen, schmolz dahin, spürte ihre Seele tanzen vor Freude und Hingabe. Endlich… endlich… und vielleicht das erste Mal ließ sie ihre Gefühle zu, legte nicht in Fesseln, was sie fühlte.

Sie küsste ihn mit einer Sanftheit, mit einer Milde und Geduld, die kaum zu ertragen war. Aber dies alles geschah so wunscherfüllt, so vorsichtig um den Heroen nicht aus seinen Träumen zu reißen. Sie küsste ihn noch einmal und ein weiteres Mal, lieblich und zart, mit der Wonne, die sie erwählte und mit einem so träumerischem Begehr…

Schließlich endete die süße Berührung und die jugendliche Schönheit ließ von ihm ab, war nun noch zittriger, spürte ein Verlangen in sich brodeln, das ihr befehlen wollte mehr zu wagen, das ihr sagte: ,Weck‘ ihn, zeig‘ ihm, was du brauchst…‘ Aber dies, so ahnte sie, war nur einer jener Schatten der Nacht, die nicht blieben. Ihnen beiden war es nicht bestimmt zu lieben, miteinander glücklich zu werden, das war es nie…

Mit einem leisen Hauchen, seinen Namen murmelnd, legte sie ihren Kopf neben seinen und schloss die glasigen, blauen Augen. Das wohlige Gefühl hielt an und würde es für immer tun, auch, wenn sie wusste, dass es zwischen ihnen kaum gesagt werden konnte. Sie umklammerte liebevoll seine Hände und blieb bis zum frühen Morgen…
 

Ganz leise schob die einstige Prinzessin Hyrules in der kühlenden Frische des Morgens ihren Haustürschlüssel an der großen Pforte zu Ines Villa ins Schloss, versuchte sich so leise wie möglich zu verhalten, sich ungesehen in ihr Zimmer zu stehlen, als aber ihre Erziehungsberechtigte bereits mit tadelndem Blick in der Eingangshalle stand. Gekleidet in ihrem Karateanzug hatte Impa einen Kochlöffel in der Hand und verzog ihr stolzes, schmales Gesicht missbilligend.

„Entschuldige, Impa“, sprach Zelda zögerlich und bekam rote Wangenbäckchen bei dem Gedanken ihrer einstigen Hofdame erklären zu müssen, wo sie war. Sie rechnete mit einer Belehrung, die jedoch ausblieb. Die selbstbewusste Ines Schattener begann lediglich mütterlich zu lächeln. „Ich hoffe, du warst bei Link, für etwas anderes hätte ich kein Verständnis.“

Verträumt blickte Zelda zu Boden, nickte und schlich an ihrer Ziehmutter vorbei.

„Denk‘ daran, Prinzessin, nach wie müssen wir uns unauffällig verhalten“, sprach Ines belehrend. „Ich hoffe, es hat dich kein Vasall Ganondorfs gesehen.“

Erneut kam nur eine kopfschüttelnde Gestik von der schönen Königstochter.

„Du bist wahrlich gesprächig heute“, murmelte Ines missmutig und legte der Adligen eine Hand auf die Schulter. „Zelda, vergiss‘ nicht, du hast nachher noch einen Termin.“

Doch darauf gähnte die Prinzessin nur und nickte abermals. Noch immer schien sie zu träumen. „Leg‘ dich zumindest zwei Stunden schlafen, ich wecke dich nachher.“ Und ohne eine weitere Bemerkung hüpfte Zelda die Treppenstufen hinauf. Mit einem stillen Lächeln, geheimnisvoll und voller Magie, lehnte sich Zelda gegen ihre geschlossene Zimmertür, legte beide Hände an ihr Herz und schien noch immer zu träumen. Es war eines der wenigen Male, da der graue Schatten in ihren kristallblauen Augen schmolz und er schmolz an Liebe…
 

Noch am gleichen Morgen fuhr Ines Schattener mit Zelda auf dem Beifahrersitz ihres perlschwarzen Cabriolets aus dem Städtchen Schicksalshort hinaus, überquerte eine alte Eisenbahnbrücke und fuhr träge über eine holprige Straße inmitten sattgrüner, bergiger Landschaft. Gelangweilt hockte Zelda neben Ines, hatte eine Sonnenbrille auf der hübschen Nase und fragte sich, warum sie eingewilligt hatte, Ines zu begleiten. Die einstige Shiekah hatte eine sonderbare Idee, um ein Problem zu lösen, das wohl nur sie als Problem ansah, Zelda jedoch verstand Ines‘ Besorgnis nicht. Diese missfiel ihr sogar…

„Sag‘ mir, Impa, warum noch mal bist du der Meinung, wir sollten zu dieser Heilerin fahren?“ Lethargisch hing die vergessene Prinzessin in dem schwarzen Beifahrersessel und seufzte.

„Du weißt genau warum“, erwiderte die stolze Direktorin dem Thema überdrüssig.

Ein weiteres Mal seufzte Zelda und ignorierte die Besorgnis in Impas Worten. „Ich bin nicht daran interessiert.“

Und als Reaktion darauf trat Impa so kräftig auf das Bremspedal, dass Zelda beinahe vom Sitz geflogen wäre. „Natürlich nicht“, zischte Impa. „So wie du an dieser ganzen Welt nicht interessiert bist, so wie du für überhaupt nichts mehr Interesse hast. Mir gefällt dein Verhalten nicht, und ich glaube nicht, dass irgendjemand anderes es gut findet, dass du dich so abkapselst. Das ist nicht mehr normal und ich habe kein Verständnis und auch keine Geduld mehr dafür.“

Zelda seufzte und verschränkte trotzig die Arme. „Niemand erwartet Geduld von dir!“, fauchte sie. Sie konnte gefährlich klingen, und besonders dann, wenn sich jemand in ihr Seelenleben einmischte. Sie war immer sehr gut mit ihren bisherigen Strategien gefahren und sie war nicht das kleine hilfsbedürftige Mädchen, das viele in ihr sahen.

„Oh doch, Zelda!“ Wütend hielt Impa ihren Wagen mitten im Nirgendwo, mitten auf der Landstraße. „Ich bin für dich verantwortlich, ich bin hier, um auf dich aufzupassen. Und ja, das erfordert ein sehr großes Maß an Geduld!“

„Dann sei von deiner Pflicht befreit!“, zürnte Zelda, riss sich die Sonnenbrille von der kleinen Nase und zerrte die Wagentür auf. Impas Standpauke war überfällig und die Prinzessin wusste, wie sehr sie ihre damalige Hofdame verletzte. Aber Zelda spürte immer mehr, dass sie kaum aus ihrer Haut konnte. Ja, ein Teil von ihr gab Impa Recht mit ihrer Besorgnis und ein Teil wusste, dass es richtig war zu der Heilerin zu fahren, aber ein anderer Teil wollte sich mit dem Schmerz, der in ihrer Seele schlummerte, mit dem Schmerz aus der Vergangenheit, nicht auseinandersetzen.

Auch Impa stieg aus dem Cabriolet, spürte die brennende Hitze niederdonnern und trat hinüber zu ihrem Schützling. „Ich mache mir verdammt nochmal Sorgen um dich.“ Verzweifelt starrte Impa in Zeldas Antlitz, in ihre mit Schatten unterlegten Augen, wo eine unerfüllte Sehnsucht ruhte. „Erinnere dich an die alte Zeit, an das, was dir wichtig war, als du Freude finden konntest.“

Zelda ballte die Hände zu Fäusten und schluchzte. „Die alte Zeit ist nicht mehr…“

Noch immer bemüht der Prinzessin Mitgefühl zu schenken, hob Ines Schattener Zeldas Kinn nach oben. „Nein, sie ist nicht mehr, aber das bedeutet nicht, dass du dein restliches Leben mit diesem Schmerz zubringen musst.“

„Du hast leicht reden…“

„Vielleicht habe ich das“, meinte sie. „Aber wer hat das nicht… Niemand sonst hat erlebt, was du ertragen musstest. Du unterschätzt dich wie immer… denn niemand hätte den Zeitkrieg und den Untergang Hyrules ausgehalten.“ Und die einstige Hofdame versuchte es mit der Erinnerung an Zeldas uralte Stärke, an ihre wahre Macht. Warum nur konnte Zelda nicht erkennen, dass sie unglaublich stark war…

Melancholisch ließ die junge Adlige ihren Blick über die weiten Wiesen schweifen, verstummte angesichts der Schönheit der Natur, verstummte angesichts der zarten grünen Hügel, die wie smaragdgrüne Wellen die Landschaft formten. Wie lange hatte sie die Welt um sich herum nicht mehr wahrgenommen, die Zartheit der sattgrünen Gräser, die sich summend in Richtung des Sonnenlicht streckten, des Funkeln der gleißenden Lichtstrahlen, die der riesige Feuergott niederschickte, und den Geruch frischen Windes, genährt von Blumen aller Farben… Tränen verankerten sich in dem einst so hoffnungsvollen saphirblau von Zeldas Augen, Tränen mit der Gewissheit, dass sie das erste Mal seit sie hier auf der Erde war, etwas sah, das verglichen mit Hyrule gar nicht so leer war. Der Planet Erde hatte wundervolle Mysterien und magische Orte, genauso wie Hyrule jene besaß. Erst jetzt konnte sie ihre Augen für die Welt öffnen, entdecken, erkennen, selbst wenn der Schmerz erneut siegte. „Jeder hat leicht reden, der in diese Welt geboren wurde…“ Und dort in der Ferne der vielen Hügel, wo sich Gerstengräser im Sonnenlicht badeten, stürzten sich edle Raubtiere mit scharfen Schnäbeln und stolzem Gefieder nieder, tanzten in den Lüften und genossen. Majestätische Falken erhoben sich über den grünen Hügeln, lebten im Einklang mit der Welt, genauso wie einst in Hyrule. „Für euch alle gibt es eine Wahl…“

„Auch für dich, Zelda“, sprach Impa und beobachtete ebenfalls die Falken in den Lüften kreisen. „Auch für dich…“, wiederholte sie.

„Nein!“, sprach die Prinzessin stur. „Ich werde nicht ewig hier leben, mich verbiegen für ein Leben mit blinden Augen, für ein Leben jenseits der Heimat in meinem Herzen. Ich werde diesen Zustand nicht akzeptieren. Hyrule ist immer noch da!“

„Aber ich habe das Leben auf der Erde akzeptieren können, nur deshalb kann ich es gestalten. Und dies wünsche ich mir auch für dich.“ Die Direktorin nahm an Zeldas Ausblick teil, bewunderte die strahlende Welt um sich herum, die Lichtstrahlen, die sowohl ihren Schützling als auch sie selbst erreichten. Eine angenehme Wonne, tröstend und hoffnungsvoll, erreichte sie beide. „Wach‘ auf, Zelda, und lebe…“

Ein überfälliges Schluchzen entwich ihrem Mund. Leben und genießen… ohne Hyrule… Über sattgrüne Wiesen streifen, den rufenden Wind spüren, glücklich werden und ein gemütliches Heim gründen. Wie sollte dies ohne Hyrule funktionieren?

„Okay, fahren wir weiter…“, sprach Zelda gelangweilt, hüpfte ins Auto und hatte nur im Sinn Impa zu beschwichtigen. Diese Diskussion führte zu nichts, und ein großer Teil in ihr war zu verletzt als den Gedanken zu ertragen das Leben in dieser modernen Zeit zu akzeptieren… Sie würde sich den Quatsch der Heilerin zu Gemüte führen, sie würde mitspielen, aber die Hoffnung auf ein Aufleben ihrer Heimat würde niemals erlöschen. Impa seufzte aussagekräftig und startete den Motor.
 

Eine halbe Stunde später parkte Impa ihr Cabrio auf einem abgelegenen Trampelpfad, der tief hinein in dichten, naturbelassenen Laubwald führte. Auch hier atmete die göttliche Schönheit der Erde, eine alte Magie raschelte mit warmen Wind in dürren Zweigen, und glitzerndes Licht kitzelte durchscheinende, hellgrüne Blätter… Zelda hob ihre schlanke Gestalt mit weiterer Verwunderung aus dem Fahrzeug und hielt eine schützende Hand über ihre Augen. Warum führte der Weg zu dieser Heilerin an einen so ruhigen, beinahe märchenhaften Ort?

Impas durchdringende Blicke sendeten der vergessenen Prinzessin eine stille Aufforderung ihr zu folgen. Die Shiekahseele machte deutlich, dass sie an keinem weiteren Wortaustausch interessiert war. Verständlich, dachte Zelda… natürlich war es nicht fair sich wegen Impas Fürsorge zu streiten, natürlich war es ein kaum zu ertragender Zustand. Aber Zelda konnte gerade einfach nicht aus ihrer Haut, sie schaffte es kaum sich zu zügeln und ihre Verzweiflung zu bremsen. Beinahe lachte sie über sich selbst, lachte sich selbst aus für ihren Frust und ihre beschämende Haltung. Wann nur war ihr so unglaublich egal geworden, wie sie auf andere wirkte? Wann nur hatte sie vergessen sich mit Würde und Stolz einem eitlen Vorbildidol anzupassen? Wann nur hatte sie vergessen sich zu verstellen?

Schweigend tapste die Prinzessin ihrer Hofdame hinterher, lauschte der überwältigenden Ruhe und den glücklichen Naturgeräuschen, beobachtete auch hier eine Magie, die sie noch gar nicht wahrgenommen hatte. Die Wälder der Erde, zumindest dieser hier, an diesem unbekannten Ort, waren genauso idyllisch, verspielt, urtümlich wie sie es in Hyrule waren… Link liebte die Wälder, nicht nur in der Vergangenheit, jetzt verstand sie, warum es ihn auch in seiner jetzigen Reinkarnation dahin zog.

Sie liefen nur wenige Meter in die abgeschiedene Welt am Rande der Gegenwart hinein, als inmitten einer Lichtung ein sonderbares Zirkuszeltchen auf sie wartete. Bunt, mit Girlanden, Luftballons, verspielten Lichtern und in grellen Farben leuchtenden Laternen. Die Besinnlichkeit der Wälder schien sich an diesem abstrakten Kunstwerk der Farben zu beißen. Niemand hätte sich eine solche Behausung hier an diesem andächtigen Ort vorstellen können.

„Die Heilerin wartet bereits auf dich“, sprach Impa um Strenge und gleichzeitige Anteilnahme bemüht. Zelda nickte, nahm ihre Sonnenbrille von der Nase und versuchte Müdigkeit und Erschöpfung aus ihrem Körper zu wischen, indem sie ihr brünett gefärbtes Haar zurückband. Mit einem Seufzer, der nach Langeweile und Desinteresse klang, trat Zelda in das bunte Häuschen ein, verschwand mit dem aufrichtigen Wunsch Impa nicht länger mit ihrem Kummer belasten zu müssen…
 

Der Innenraum konnte kaum sonderbarer sein als es das bunte Zirkuszeltchen von außen vermuten ließ. Es war nicht die Praxis, die zu erwarten wäre, wenn man an eine Heilerin dachte. Der Raum wirkte teilweise gespenstisch und wie eine Zurschaustellung eines absurden Geschmacks mit grotesken schamanischen Instrumenten, Holzschnitzereien, Masken der Maia und ausgestopften kleineren Tieren wie Tauben und Falken. Nur eine bunte Lavalampe auf einem einzelnen runden Tisch beleuchtete das Geschehen, diesen obskuren Ort, den Zelda eher mit einer Wahrsagerin in Verbindung gebracht hätte. Sogar ein Stapel Karten ruhte dort auf dem Tisch.

Und ganz nebensächlich, beinahe unsichtbar, hockte eine junge Frau, selbstbewusst und zweifellos in einer unbeleuchteten Ecke, grinste und sog an einer Pfeife. Ein übelriechendes Kraut erfüllte die Luft mit einem fauligen Gestank, bitter, erinnernd an alte Mandeln…

„Seid gegrüßt, Prinzessin der hylianischen Lande“, murmelte die Frau, erhob sich und eine langgezogene Gestalt wurde sichtbar. Zelda versuchte ihre eigene Überraschung zu verbergen und überprüfte sorgfältig, wie viel Gefahr von der angeblichen Heilerin ausgehen könnte. Nicht, ob tatsächlich Gefahr von ihr ausging, aber ob Zelda mit diesem Ausmaß an Gefahr umgehen konnte.

„Oh ja, ich weiß ganz genau, wer Ihr seid“, sagte sie und trat in den Schein der Lampe. Sie war nicht das, was Zelda erwartet hatte, zu jung für diesen merkwürdig exzentrischen Geschmack zusammengewürfelter Dinge, gerade eine erwachsene Frau vom Äußeren her. Aber der Blick in kohlrabenschwarze Augen belehrte durchaus über ein vielschichtiges und altes Wesen. Schwarzes Haar fiel geflochten an ihrem Rücken bis zur Hüfte. Da waren wenige Sommersprossen in ihrem schmalen, kantigen Gesicht, das sie verspielt wirken ließ. Und noch etwas passte so gar nicht ins Bild einer Frau dieses modernen Zeitalters. Diese Frau umhüllte sich mit einem Gewand aus schwarzer Seide, ein spirituelles Gewand, gewebt für alte zeremonielle Anlässe, die eine Prinzessin Hyrules nur zu gut kannte. Es war die Nachbildung eines Gewandes, das nur eine Göttin tragen konnte, die Nachbildung von Hylias Gewand… Offene Schultern, lang bis zum Boden reichend, Trommelärmel… einzig diese düstere Farbe wie gewebtes Pech irritierte.

„Und ich vermute, auch Ihr habt mich erkannt“, entgegnete sie, eine schiefe Stimme, unecht und unwirklich, unpassend für diese Gestalt.

Reserviert erhob Zelda ihre glockenhelle Stimme. „Ihr seid ein Wesen, nicht von der Erde…“ Vorsichtig ging sie mit ihren saphirblauen Augen in den Gesichtszügen der Heilerin auf Wanderschaft. „Ich kann es erkennen, eine Aura, nicht vergleichbar mit derjenigen von Erdenwesen. Wer seid Ihr?“

„Oh ich bitte Euch, ist das denn wirklich von Belang?“

Zelda verengte ihre Augen zu Schlitzen und versuchte es mit einem kritischen Blick. Natürlich war es von Belang! Wie sollte die Prinzessin Hyrules Vertrauen zu einer Gestalt aufbauen, die über Heilfähigkeiten verfügte, wenn sie sich auf diese Weise kaschierte?

Unschlüssig, was sie von der Begegnung mit jenem Wesen halten sollte, schwieg die einstige Königstochter zunächst, versuchte sich auf diese Person einzulassen. Hatte Impa diese Entität tatsächlich nicht erkannt, als sie den Termin arrangierte? Jene Heilerin besaß eine Aura, die nicht nur darüber berichtete, dass sie kein Erdenwesen war, nein, sie umhüllte ein uralter Glanz, den Zelda von mächtigeren Entitäten kannte… ein silbernes Geschick… ein Wurzelwerk gigantischer Lebenszeit…

„Oh, ich versichere Euch, Eure treue Hofdame hat mich erkannt. Aber ich habe ihr einen Vorschlag gemacht, den sie nicht ablehnen konnte.“

Der Schock in Zeldas Augen hätte nicht größer sein können. Wenn Impa mit dem Wissen eine undurchschaubare, geheimnisvolle, vielleicht sogar gefährliche Kreatur vor sich zu haben dennoch davon überzeugt war, Zelda würde hier Hilfe finden, dann grenzte dies an Verrat.

„Prinzessin… gerade Euer Misstrauen in alles und jeden ist vielleicht ein Teil des Problems.“ Und da verstand Zelda, dass jene Gestalt, die sich mit den dunklen Gewändern schmückte, sehr viele versteckte Fähigkeiten besaß und sogar Telepathie benutzte. „Eure Vertraute, die Shiekah, die so sehr bemüht ist, Euch zu Eurem Glück zu verhelfen, hatte tatsächlich keine Wahl als Euch hierher zu schicken. Ihr dürft es Ihr nicht übel nehmen.“

Ablehnend verschränkte die einstige Königstochter ihre Arme. „Erklärt es mir, was habt Ihr Impa versprochen?“ Zeldas Stimme ertönte mit Entschlossenheit, und dennoch unleugbar kränklich. Sie hatte Mühe in ihrem erschöpften Zustand das Wort zu halten und sich auf diese Kreatur zu konzentrieren. Mittlerweile erschreckte es die vergessene Prinzessin, dass die Zeit, als sie sich gemeinsam mit Link gegen Ganon und seine riesige Anhängerschaft behauptet hatte, nicht nur eine Geschichte waren. Es erschreckte sie die festgefahrene Realität jenes Alptraums, in welcher sie im Vollbesitz ihrer Stärke gewesen war… und nun war davon vielleicht nur ein kleiner Tropfen übrig. Ja, sie wusste es ohnehin, sie war schwach geworden. Sie spürte es überall… in jedem Knochen, jeder Sehne, in jeder Hautzelle. Etwas namenloses saugte parasitisch an ihrer Energie.

„Ich versprach ihr etwas, worauf ich keinen Zugriff habe, etwas, das aber auch nicht nötig ist“, sie lachte angeberisch. Ihre pechschwarzen Augen funkelten spöttisch und verschlagen. Sie drehte sich um ihre eigene Achse… und auf eine verbotene, fast verdorbene Weise wirkte ihre dürre, lange Gestalt in dem schwarzen Kostüm von Gottheiten gesegnet und urtümlich.

„Stoppt Eure Heimlichtuerei“, zischte Zelda und verlor mehr und mehr die Geduld. Sie klapperte mit den Schuhen. Sie empfand es als ungehörig, befremdend und veralbernd mit diesem Flechtwerk an verworrenen Aussagen zugeschnürt zu werden.

„Nun seid doch nicht so abwehrend, Blut Hylias.“

Das Blut Hylias. Ihre Erbin. Ihr Vermächtnis.

Dieser Titel fühlte sich noch mehr wie ein Angriff an…. Wie ein abartiger Schlag in die Magengrube. Zelda hatte das Erbe Hylias nie verstehen wollen, natürlich besaß sie einst deren Macht, dennoch… Es erforderte so viel Pflichtgefühl zusätzlich, eine Bürde, größer noch als jene zu regieren. So viel erschreckende Verdammnis, auch diesen Teil zu all den verlorenen Gefühlen und Hoffnungen in sich zu verschließen, das Zelda gelernt hatte es von sich zu spalten.

Was nur sollte diese Begegnung und dieser Wahnwitz hier in diesem Zelt? Es konnte nicht in Impas Sinne sein, dass Zelda hier kaum eine sinnvolle Antwort erhielt.

„Wenn es Euer Begehr ist mich zu verunsichern, dann schätze ich, sollten wir dieses Gespräch beenden“, meinte Zelda gefasst und hob ihr Haupt in die Höhe. So wie damals zierte sie ihr Stand, so wie damals in einer starren Haltung geboren aus den Sitten und Erwartungen am Königshof.

„Das ist schade, denn dabei haben wir ja das Ziel unserer Unterredung erreicht“, sprach die Heilerin. „Heilung geschieht nicht nur mit irgendwelchen Tränken, Rezepten… sondern auch mit einsichtsvollen Momenten. Und Euch ist es nicht klar, wie wichtig Ihr Eure Verbindung zu Hylias Erbe in den Mörser geben müsst.“

Schließlich nahm die Dame Platz und deutete auf den zweiten klapprigen Holzsessel am Tisch. Etwas widerwillig, aber interessiert nahm die Prinzessin Platz. „Ich hoffe, Ihr könnt mir beweisen, dass das Gespräch mit Euch nicht nur Zeitverschwendung ist.“ Stur blickte Zelda mit ihren schönen, himmelblauen Augen in die ihres Gegenübers, sah eine glasige Spiegelung ihres Selbst, eine rhythmische, sich bewegende Realität und Einsicht.

„Ich muss tatsächlich weiter ausholen, damit Ihr versteht. Es gibt da eine wirklich unglückliche Korrelation…“, und die Gestalt lachte, einmal mehr kichernd, spöttisch, kindisch. „Ein unleugbares und doch eher nutzloses Band einer alten Welt und seiner verloren gegangenen Schutzgöttin…“ Zelda versuchte an den Lippen der Heilerin zu hängen und spürte erneut einen Schwall heftiger Müdigkeit über sich hereinbrechen. Konnte es sein, dass der eigenwillige Duft hier in diesem Zelt, so betörend, schwammig, besitzergreifend, sie ebenfalls auslaugte?

„Stirbt Hyrule, stirbt auch jenes altes Blut der Göttin… Wenn man es so will, lebt ein Teil von Hyrule nur wegen Euch, Prinzessin. Deshalb ist es verblasst, aber nicht tot.“

Diese Worte überrannten Zelda wie eine Schar Moblins reitend auf riesigen, gefräßigen Wildschweinen. Was bedeutete das? Hyrules Untergang… Hyrules Verblassen war an Zeldas Lebenswillen geknüpft? Bei Hylia selbst. Dieses Wissen schockierte selbst sie, obwohl es sehr viel Sinn machte. Natürlich war Zelda in Hyrule geblieben, einige Hunderte von Jahren, weil sie die Verknüpfung ihrer eigenen Kraft mit der Seele des Landes gespürt hatte. Das bedeutete für Zelda aber gerade auch, dass es womöglich für Hyrule wirklich noch eine Chance gab. Ein kurzer übernatürlicher Funke erhob sich trotzig in Zeldas Seelenspiegeln. Eine Chance… Hyrule hatte eine Chance, weil sie, Zelda, Prinzessin von Hyrule, es noch immer nährte?

„Und es wird noch besser“, schäkerte die Heilerin. „Deshalb braucht Ihr etwas sehr Machtvolles um Kraft und Erholung zu finden, etwas, dass vielleicht sogar die Macht des Triforce in den Schatten stellt.“

Etwas, das stärker war als das Triforce selbst? Wo sollte es so etwas überhaupt geben? Und wie sollte Zelda so etwas jemals finden können? Die alten Gelehrten in Hyrule hatten im Buch Mudora immer wieder betont, dass es keine Macht mit der des Triforce aufnehmen könnte. Sogar die alten Götter und urältesten Dämonen waren niemals nur ansatzweise so machtvoll wie die legendäre goldene Macht.

„Eine solche Macht gibt es nicht“, erwiderte Zelda spitz. Sie war vollkommen überwältigt von den Aussagen der verschrobenen Gestalt ihr gegenüber. Sie sprach Hoffnungen an, eröffnete neue Wege und bestärkte einen Glauben an etwas, das für Zelda kaum mehr real war. Wo nur sollte dieses Gespräch hinführen?

„Das ist eben die Frage… Und es führt mich zu dem, was ich Impa versprach…“ Ein neuer Schelm blitzte in dem rabenschwarzen Machtwerk ihrer listigen Augen. „Ich versprach ihr einen Funken Leidenschaft, der in Euch zu wachsen beginnt mit jedem weiteren Wort, das ich Euch berichte. Ich versprach ihr Hoffnung, mehr war es nicht. Hoffnung…“

Mit einem Seufzen erhob sich die vergessene Prinzessin, die sich womöglich selbst vergessen hatte. Natürlich war es das… jeder sprach unentwegt von der alten legendären Hoffnung. Ob es für Zelda eine Möglichkeit war den Schatten, der über ihr hing, mit der reinen Hoffnung auf ein Aufblühen ihrer Heimat, zu bekämpfen? Sie drehte sich um ihre Achse, während ihre Gedanken wie wild arbeiteten. Sie neigte ihr Haupt seitlich, schloss dabei sinnierend die Augen.

„Wenn Hyrule eine Chance hat… wenn es leben kann durch mich. Und ihr eine unsterbliche, göttliche Kreatur seid, dann habt Ihr wohl sicherlich auch die Möglichkeit mich zurück nach Hyrule zu bringen, nicht wahr?“ Daraufhin fiel der obskuren, etwas verrückten Heilerin allerdings die Kinnlade herunter. Sie wusste, dass Zelda opferbereit war, aber sie hätte nicht mit dieser Frage gerechnet.

„Oh ja, natürlich könnte ich das.“

Zelda spannte die Fäuste und ließ endlich einen Funken ihrer alten Stärke vermuten, königlich richtete sie sich auf.

„Aber ich werde dies nicht tun“, sprach die Entität und versuchte der Prinzessin den Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Warum nicht?“, entgegnete Zelda forsch. Natürlich hatte auch sie damit gerechnet nicht sofort ihr Ziel erreichen zu können.

„Zunächst müsst Ihr erst einmal Eure Stärke in einer neuen Macht finden, Euch volltanken mit Energie, Kraft finden. Und dann… gibt es eine Hürde… Ihr würdet alles zurücklassen, ohne mit der Wimper zu zucken für Hyrule. Ihr würdet Eure Familie, Freunde erbarmungslos zurücklassen?“

Zelda blickte kühl in die pechschwarzen Augen der Heilerin, beinahe starr, sie blinzelte nicht. Es war ihr Pflichtgefühl und ihre Liebe für Hyrule, die sie alles Erforderliche tun lassen würde. Sie würde den Schmerz aushalten wie vorher auch, den Schmerz allein zu sein… zu lange allein zu sein.

„Ihr würdet…“ Die Dame holte kräftig Luft. „…sogar Euren Heroen zurücklassen…“ Selbst für die Heilerin fühlte es sich erbarmungslos und betäubend an diese Worte zu sagen. „Und deshalb kann ich Euch nicht zurück nach Hyrule bringen.“

Zelda schluckte und verkrampfte sich… es musste ihr jemand erst sagen, ja, es musste erst jemand die Worte aussprechen, ehe sie es innerlich zuließ. Sie würde Link zurücklassen müssen, wenn sie nach Hyrule ging… einmal mehr würde sie ihn wegschicken. Einmal mehr würde sie an dem Lebewohl zerbrechen.

Link…

Und doch war es anders als all die Male vorher. Ihre Gefühle für Link waren mit dem Erwachen auf der Erdenwelt noch intensiver geworden, so heftig, dass sie das erste Mal ein Zögern empfand. Ein kleines, heimliches Zögern, diesmal dem Pflichtgefühl Hyrule gegenüber zu entsagen. Und auch, was Links Inneres betraf, den jungen, heroischen Burschen, der sie vor gefühlten Ewigkeiten einst in den Schlossgärten besuchte, auch er hatte sich verändert. Er hatte sie auf dieser Welt auf eine Weise gerettet, die ihm nicht bewusst war. Sie überflog in Gedanken die letzten Monate bis hin zu der innigen, fast schon intimen Zeit, die sie miteinander verbringen konnten. Sie dachte an die stillen Begegnungen in ihrer beiden Blicken, so entsetzlich nah, dass sie seine Seele beinahe tasten konnte. Sie dachte an die Himbeerpuddingschlacht und die Ausgelassenheit, die sie in Hyrule niemals empfunden hatte… sie dachte daran, dass er sie, obwohl es beinahe bedrohlich unkeusch wirken musste, in der einen Nacht ihrer Zweifel, ohne Scham oder irgendwelche Hintergedanken, einfach gehalten hatte… die gesamte Nacht…

Link… der Zauber seines Namens grub sich mit jeder Sekunde tiefer in ihr Herz.

Link… allein seinen Namen zu denken, überschwemmte sie mit unendlichen Glücksgefühlen und süßer Erinnerung an etwas Uraltes, das seit Jahrmillionen existierte. Die älteste Kraft des Lebens…

Sie konnte ihn nicht mehr verlassen, egal, was noch kam oder auf sie wartete. Selbst wenn sie nach Hyrule ging, dann nur mit ihm.

Entgegen der Erwartung der Heilerin, bildete sich um Zeldas Mundwinkel ein leichtes Lächeln, zaghaft, kaum wirklich, aber es war da. Zelda wusste, dass sie nicht bereit war, ihm ihre Gefühle zu beichten oder darauf zu hoffen, dass er irgendetwas von ihrer Sehnsucht erwidern würde. Sie wusste auch nicht, ob die Nähe, die er ihr geschenkt hatte, sowohl damals als auch heute, mit dem Wunsch geboren war, tatsächlich mit ihr zusammen zu sein, sie zu lieben. Selbst der Kuss in jenem magischen Traum… Zelda wusste nicht, ob dies geschah aus tiefer Zuneigung oder ob er schlichtweg von der Stimmung verzaubert war. Sie traute sich nicht darüber nachzudenken oder es zu hoffen. Aber… aber… Liebte Link sie?

Alles an Zelda schrie in dem Augenblick es wissen zu wollen… und doch… war sie, was ihre Gefühle für Link betraf, immer schon reserviert und irgendwie… feige.
 

„Ich kann und darf euch nicht entzweien“, erklärte die göttliche Kreatur und riss Zelda aus ihrer Herzenssehnsucht. „Dich und den Heroen. Ihr ahnt es ohnehin, Prinzessin. Der große Kampf naht. Und für diesen Kampf müssen die Kinder des Schicksals bereit sein und gemeinsam kämpfen.“ Zelda hatte der Heilerin nur teilweise in ihren Worten folgen können, zu laut war das Trommeln in ihrem Herzen, als sie an Link dachte…

Bemüht um Aufmerksamkeit forschte sie nach weiteren Antworten in den pechschwarzen Augen der Gottheit. „Aber wenn Ihr weitere Antworten wünscht, dann kann ich Euch die Karten legen.“ Einmal mehr war da ein gefährlicher Funke Schelm in ihren düsteren Spiegeln der Seele, ließen einen Blick in ein dunkles Universum zu, eine verruchte Wahrnehmung energetischer, transzendenter Stürme fernab der jetzigen Zivilisation. Sie kicherte schließlich wie ein kleines Kind. Und auch diesmal wirkte sie irgendwie… schräg. Diese Gestalt strahlte Macht und Wissen aus, gleichzeitig stellte sie sich auf eine kindliche, unreife Ebene…

„Verratet mir zunächst eine Sache“, sprach Zelda und sammelte sich immer mehr, bemühte sich ihr verliebtes Herz zu beruhigen. „Was habt Ihr eigentlich davon Euch in diese Geschehnisse einzumischen? Was kümmert Euch der Lauf dieser modernen Welt, wo Ihr doch eine Gottheit seid, die aus dem hylianischen Glaubenssystem herrührt?“

„Ihr habt mich sehr gut beobachtet“, sprach die Entität und mischte bereits den Stapel ihrer Tarotkarten. Und in diesem bedeutungsträchtigen Augenblick funkelten die dunklen Augen jener Göttin abwechselnd in flammendroten, waldgrünen, ozeanblauen Farben, so hell und gewaltig, kaum übersehbar. Und es war diese verruchte Wahrnehmung, die Zelda ahnen ließ, wer vor ihr saß. Zelda hatte ein beinahe gigantisches Wissen über Götter und das Glaubenssystem in Hyrule, verschuldet der Tatsache, dass sie einen strengen Unterricht in Schloss Hyrule erdulden musste… und Bücher wälzen war auch eines der wenigen Dinge, die ein wenig Genuss im Königsschloss bedeuteten. Und dieses Wissen machte sich gerade bezahlt. Es gab schließlich nicht nur Hylia in der alten Welt, das wusste Zelda anhand der Erzählungen. Auch gab es diverse Geschichten über eine Tochter der drei Göttinnen, eine, die von jeder Gottheit Züge und Kräfte verinnerlichte.

„Ihr versucht meinen Fragen auszuweichen“, betonte Zelda deutlich. „Dennoch erhoffe ich mir eine Antwort.“

„Nun gut, ich habe, was meine Absichten angeht, nichts zu verbergen, wenn es Euch zufrieden stellt“, schäkerte sie. Und einmal mehr kicherte die Göttin. „Du und der Heroe… ihr beide tragt Essenzen, die es gilt zu beschützen. Diese Essenzen in Kombination könnten etwas wirklich Grandioses erschaffen. Darum geht es mir…“ Sie sprach in ihrer eigenen Welt der Eigenheiten und Abartigkeiten.

Sie sprach über menschliche Wesen als wären sie ihre Versuchskaninchen. Ja, es wunderte Zelda nicht. Manche Götter waren durchaus experimentierfreudig und unethisch, was ihre Kreationen betraf. Götter aus Hyrule kannten die moralischen Grundsätze der Erdenbürger schließlich nicht und würden sie wohl kaum achten.

„Das ist also der Grund, weshalb Ihr versucht mir zu helfen, wegen einer Lebensessenz?“ Der Gedanke erschien Zelda eher unwichtig. Was sollte an einem Zellhaufen von ihr und Link besonders sein?

„Nicht nur irgendeiner Lebensessenz“, berichtigte die vermeintliche Heilerin. „Mehr kann ich Euch hierzu nicht gestatten zu erfahren.“

Zelda schnaubte, aber gab sich damit zufrieden. Egal, welche Absichten die Gottheit vor ihr damit verfolgte, egal, welcher Plan zum Guten oder Bösen dahinter steckte, Zelda konnte wohl kaum dieses Rätsel für sich lösen oder sich mit einer Göttin anlegen. Aber, und das unterschätzte die Kreatur wohl immens, würde Zelda sich dieses Wissen auf eine Weise einverleiben, das ebenfalls Pläne vorsah. Zelda besaß ihre eigene Schläue, strategisch und ausgefuchst, und würde diese Sätze in Erinnerung behalten.

Allerdings ahnte Zelda nicht im Geringsten, und der Gedanke würde niemals Zutritt in ihre eigene Welt der Sehnsüchte finden, dass eine Kombination ihrer und Links Lebensessenz durchaus die Möglichkeit bedeutete, dass sie einander näher kamen…
 

„Gut“, sprach die vergessene Prinzessin und atmete tief durch. Das Kraut der Pfeife verlor allmählich seinen beißenden Geruch, ein wenig Sauerstoff schien durch die wenigen Öffnungen des Zeltes in den Innenraum zu gelangen und ließ auch Zelda endlich wieder besser atmen. „Ihr hattet noch angeboten mir die Karten zu legen.“ Zelda hielt zwar nicht viel von Wahrsagerei, aber ein Teil von ihr war dieser Kreatur dennoch dankbar. Sie hatte ein wenig Hoffnung geschöpft, ein wenig an ihrem zerrütteten Glauben rütteln können. Und vielleicht keimte in Zelda ein wenig Zuversicht, dass der Kampf gegen Ganondorf hier auf der Erdenwelt doch zugewinnen war. Mit Schrecken und Opfern, so wie immer… aber zugewinnen. Warum sonst sollte diese Entität davon erzählen, dass sie die Kinder des Schicksals, sprich den Helden und die Prinzessin, nicht trennen konnte? Der große Kampf wartete und er würde so wie in früheren Leben Gerechtigkeit finden…

Erneut blitzte Schelm in den rabenschwarzen Augen der Dame auf, Arglist und eine gewisse Verdorbenheit, die Zelda frösteln ließ. Es war ein Leichtes die Göttin hier in diesem Zelt zu unterschätzen, zumal sie sich mit so viel unnötigen Kram umgab und sie immer wieder verspielt wirkte. Diese mächtige Kreatur kämpfte nur mit Verschlagenheit und Arglist…

Zunächst wortlos mischte sie ihre Karten, langsam und andächtig, als gefroren die Sekunden, bis sie drei Karten auf dem Tisch platzierte. Verwundert betrachtete sich Zelda die Motive und die althylianischen Symbole, die in den Rand der Karten eingeritzt waren. Da war ein Wanderstab auf der einen Karte, dann eine blutende Krone, und zwei Elfen, die sich küssten auf dem dritten Bild.

„Das ist sehr spannend“, sprach die Entität und klatschte dreimal in die Hände. „Die Reise. Das Opfer. Die Liebe.“ Selbst in den Augen der Gottheit funkelte Überraschung. Und es war das erste Mal, das Zelda ein Lächeln in den glatten, fahlen Gesichtszügen ihres Gegenübers entdecken konnte. Es ließ sie jünger wirken… nicht kindlich, aber fast jugendlich.

„Was bedeutet das, warum ist es spannend?“

„Tja, wer weiß.“ Sie schäkerte einmal mehr und hüpfte dann auf ihre Beine. „Wenn es diese Karten sind, dann steht eine Reise an und vielleicht…“

„Vielleicht was?“ Ungeduldig betrachtete Zelda die Tarotkarten erneut. Die Opferkarte machte sie nervös… Opfer waren niemals fair und ihr Herz spürte Beklemmung bei dem angstvollen Gedanken, das es erneut Link war, der Opfer brachte. Zelda zitterte innerlich vor Angst… herber, fesselnder Verlustangst…

„Vielleicht kann erst dann Liebe entstehen, wenn Opfer gebracht werden.“ Die Aussage der Heilerin verstärkte Zeldas innere Befürchtungen ohne Unterhalt.

„Sorgt Euch nicht, Prinzessin, das sind nur Karten“, die Heilerin lachte erneut glucksend. Aber der Königstochter war alles andere als zum Lachen. Sie konnte nicht zulassen, dass Link Opfer brachte… und das alles wieder nur wegen Hyrule oder wegen ihr. Vielleicht war auch der Wunsch ihm das bestmöglichste Leben zu lassen der Grund, warum Zelda niemals ihre Gefühle ihm gegenüber erzählt hatte. Sie wollte ihn nicht verunsichern, an sich binden oder ihm noch mehr Bürden auferlegen. Was hatte er davon zu wissen, dass die Prinzessin Hyrules unsterblich in ihn verliebt war? Es würde ihn zu Entscheidungen bewegen, die er womöglich nicht für sich selbst traf…

„Prinzessin Zelda…“, sprach die Heilerin und legte ihre beiden langen, schmalen Hände auf diejenigen der Jugendlichen. Hatte Zelda vorhin bereits ein Frösteln in Gegenwart dieser mächtigen Frau verspürt, so verstärkten ihre eisigen Finger dies mit Nachdruck. Sie wollte ihre Hände aus dem Griff lösen. Aber die sture Gewalt in den Händen der Heilerin war einfach nur überwältigend, heftig, fest und lähmend. „Auch Ihr seid eine Heldin, nicht nur der Heroe bringt Opfer. Auch Ihr könnt dies tun, habt es getan, unzählige Male. Manchmal geht es doch um einen selber.“ Und erst nach diesen Sätzen löste sich Zelda ruckartig aus den Händen der Göttin. Und was war das nun wieder? Bedeutete es für Zelda, dass sie diejenige war, die ein Opfer für ihre Liebe bringen musste?
 

Mit einem Mal hetzte die Heilerin durch den Raum, durchwühlte eine alte Kiste, die vollgestopft war mit Gerümpel, bis sie die Geduld verlor, mit den Fingern schnipste und das erste Mal ihre Macht zur Schau stellte. Die Kiste implodierte und alles, was übrig blieb, war ein kleines Parfümgläschen. Noch ehe Zelda wusste, wie ihr geschah, spritzte die Dame den Duft in ihre Richtung, befeuchtete ihr Gesicht und Dekolleté damit. Zelda hüpfte ebenfalls erschrocken auf ihre Beine, zwinkerte, aber roch absolut nichts. War das bloß Wasser?

„Was habt Ihr getan?“, rief sie erbost, aber konnte wohl kaum einer Göttin drohen.

„Es soll Euer Schaden nicht sein“, erklärte sie. „Das ist mein erstes und letztes Geschenk an Euch, Prinzessin der hylianischen Lande. Dämonen hausen überall, Prinzessin, vor allem in den Erinnerungen… in allem, was Ihr mit Hyrule verbindet und auch, was Euer Held mit Hyrule verbindet… Seid vorsichtig, was Ihr sucht und vorsichtig, was Ihr erschafft… Dieser Duft kann Energien umlenken.“ Einmal sprach sie in Rätseln. Etwas in dem Blick der Heilerin sagte Zelda aber, dass sie diese Worte nicht erklären würde und dass das Gespräch nun das Ziel erreicht hatte. Ein seltsames Unterfangen war es hier bei der Heilerin. Ein wahrhaft seltsames Gespräch… und die seltsamste Göttin hatte sich der Prinzessin offenbart. Zelda dankte der Gottheit innerlich, auch wenn sie ahnte, dass die Absichten dieser Entität nicht so edel waren, wie sie es hier darstellte. Sie tat alles mit einer besonderen Absicht, Götter taten dies immer…

Zelda atmete tief durch, betete innerlich für einen guten Ausgang der Ereignisse und war sich noch nicht sicher, ob sie dieser Frau ein weiteres Mal begegnen wollte. Jene groteske Gottheit hatte mehrfach gezeigt und argumentiert wie viel höher sie stand als Zelda mit ihrem Blute Hylias. Es war Zelda nicht entgangen, dass jene Kreatur Belustigung an der menschlichen Verzweiflung der Prinzessin empfand. Nur stoppte sich Zelda zu viel über ihre eigenen Geheimnisse während des Gesprächs nachzudenken. Die Prinzessin dankte, nickte und ging in schweren Schritten in Richtung Ausgang.

„Ach, und Prinzeschen… Eine Welt aufgeben und ein neues Leben zu akzeptieren sind zwei Paar Schuhe, das weißt du doch, nicht?“ Diese letzte, entehrende Aussage war nicht nur wegen der plötzlichen, persönlichen Anrede, merkwürdig.

Und vielleicht, weil Zelda eben doch ihre edle Herkunft als Erbin Hylias spürte, nahm sie sich das letzte Wort. „Eine Welt aufgeben und ein neues Leben akzeptieren fließt dennoch ineinander, Tochter von Din, Nayru und Farore. Ich danke Euch, Göttin Dinafa…“ Zielstrebig und ohne einen weiteren Blick zurück, trat die vergessene Prinzessin aus dem Zelt…



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Kommentare zu diesem Kapitel (1)

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Von:  Wich
2019-03-30T22:30:36+00:00 30.03.2019 23:30
Unglaublich! Ich folge dieser Fanfic schon seit 2005!!! Und ich bin so froh dass es sie immer noch gibt und sooo toll ist!!! Vielen Dank Faylen dass du immer noch weiter machst! ❤
Antwort von:  Faylen7
14.07.2019 21:26
Vielen Dank auch dafür dass die Fanfiction immer noch gelesen wird... Das ist überwältigend. 😄 Und macht mich echt glücklich.


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