Kleines Boot, großer Bruder
Kapitel 3 ~ Kleines Boot, großer Bruder
Gegen fünf Uhr morgens betrat Sanji die Kombüse und begann mit den alltäglichen Frühstücksvorbereitungen um seinen Captain satt zu bekommen. Er wendete gerade die Eier in der Pfanne als er einen lauten Knall vom Deck hörte. Er lugte kurz aus der Tür und sah wie Zorro gerade wieder auf die Beine kam, dann widmete er sich wieder seinem Essen. Zorro kam ein paar Minuten später ebenfalls und ließ sich auf einen der Stühle fallen. Er beobachtete Sanji eine Zeit lang, dann stand er auf, holte sich etwas zu trinken und setzte sich wieder.
"Sei froh, dass du gestern so früh ins Bett gegangen bist." Murmelte Zorro beinahe unverständlich, aber Sanji konnte ihn dennoch perfekt verstehen.
"Was meinst du?"
"Ruffy und Lex waren furchtbar. Ich konnte sie sogar bis ins Krähennest hören. Lex ist vielleicht ein Schleimer, noch schlimmer als du manchmal..."
"Vielen Dank! Sowas nettes am Morgen macht doch gleich bessere Laune..." Mürrisch stocherte Sanji in den fertigen Rühreiern herum und würzte sie.
"So war das nicht gemeint. Sag mal, warum bist du in letzter Zeit so gestresst?"
"Was geht dich das an?" Keifte Sanji den Schwertkämpfer an und knallte ihm die Rühreier auf den Tisch. Mit einem beinahe tödlichen Blick fixierte er Zorro und zündete sich eine Zigarette an.
"Zum Glück gibt es nicht zwei von deiner Sorte!" Meckerte der grünhaarige und begann zu essen. Sanjis Blick wurde plötzlich weich und seine Stimme versagte beinahe als er sprach.
"Wenn du wüsstest..." Flüsterte er und kümmerte sich wieder um das Essen für den Rest.
Als gegen acht Uhr das Früstück beendet war und kümmerte sich Sanji um den Abwasch. Zwar wollte er Zorro fragen ob er helfen könnte, aber der war schon wieder am trainieren und Sanji hatte keine Lust auf Streit, also machte er das eben alleine. Dieses Mal gab es wesentlich weniger als sonst und so war er schon nach zehn Minuten fertig und ging an Deck. Er konnte Nami und Robin entdecken, die sich wie immer bei so perfektem Wetter sonnten, und winkte ihnen zu. Nami lächelte ihn an, doch das blieb ihre einzige Reaktion, was Sanji auch irgendwie erfreute. Er ging zum Heck, wo Zorro sein Training absolvierte und lehnte sich über die Reling. Das Meer glitzerte im Schein der Sonne und ließ die Welt beinahe perfekt erscheinen. Nur ein kleiner, dunkler Flech etwas weiter entfernt wich von dem Glitzern ab und so beschloss Sanji sich Lysops Brille auszuleihen. Als er sie ihm endlich abgeschwatzt hatte setzte er sie auf und starrte auf den dunklen Fleck. Ein Boot, es war ohne jeden Zweifel ein Boot.
"Zorro!" Rief Sanji aufgeregt. "Sieh dir das mal an! Da ist ein Boot!"
Der Angesprochene beendete genervt seine Übung und sah in die Richtung in die Sanji deutete. Tatsächlich, dort trieb ein kleines Boot. "Hol schnell Ruffy, er kann das Boot aufs Schiff holen. Es sieht so aus als würde jemand drinliegen." Zorro war schnell mit dem Captain wieder da, der gleich seine Arme ausstreckte, die Beine um den Mast wickelte und das Boot mit einer irren Geschwindigkeit auf die Lamb zurasen ließ. "Ruffy! Mach langsamer! Du machst noch das Schiff kaputt!!!" Schrie Zorro erboßt und der Strohhutjunge verlangsamte seine Aktion etwas, jedoch nicht genug, denn das Boot knallte gegen ihn und der Flug endete erst am Mast, wo Ruffy beinahe zu Gummibrei zermatscht wurde. Mit einem lauten Knall fiel das Boot zu Boden, doch die Person die sich bis eben noch darin befunden hatte war verschwunden. Sanji sah sich schnell um und entdeckte weit oben auf dem Mast eine Gestalt, deren schwarzer Umhang im Wind wehte. Mit einem Sprung, den Sanji kaum wahrgenommen hatte, verschwand die Person und landete wenige Sekunden mit einer unglaublichen Eleganz auf dem Deck. Sanjis Augen weiteten sich als er diese Bewegungen sah. Noch immer war das Gesicht der Person von einem Hut verdeckt und der Umhang wehte weiterhin im Wind und schlug gegen den Mast. Langsam setzte sich die Person in Bewegung, direkt auf Sanji zu, der noch immer wie erstarrt war. Wenige Zentimeter vor ihm blieb er Mann stehen und beugte sich zu dem Koch nach unten. Sanjis Augen füllten sich mit Tränen als er die Person erkannte. Diese goldenen Augen würde er überall wiedererkennen. Doch nur wenige Sekunden nachdem er dieses Gesicht erkannt hatte spürte er auch schon dessen Lippen auf seinen. Er schloss die Augen und fühlte die angenehme Wärme des anderen, als er ihn umarmte. Er schlang ebenfalls seine Arme um dessen Hüften. Als der Mann sich wieder von ihm löste erkannte er, dass auch er einige Tränen in den Augen hatte.
"Heiji..." Flüsterte Sanji mit tränenerstickten Stimme und fiel ihm vollends in die Arme.
Zorro, der diese ganze Szene mit angesehen hatte, stand vor Schock der Mund offen. Er konnte es einfach nicht fassen. Jetzt fing sogar Sanji mit diesen Schwulitäten an. Fassungslos schüttelte er den Kopf und ging auf Sanji zu, der sich nun wieder aus der Umarmung des Mannes gelöst hatte. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter, doch Sanji reagierte nicht, sondern sah dem Mann weiter in die Augen. Er verstärkte den Druck seiner Hand etwas, sodass Sanji ihn endlich doch bemerkte. Der Koch drehte sich um und sah Zorro mit Tränen in den Augen an.
"Sanji, wer ist das?" fragte Zorro ohne wirklich auf die Tränen zu achten. Sanji drehte sich mit einem Lächeln um, nahm den Mann den Hut ab. Als Zorro das Gesicht des Fremden sah erstarrte er, ebenso wie Sanji vorher. Es war dasselbe Gesicht, dasselbe wie Sanji.
"Das ist Heiji, der tollste Mann der Welt!" Verkündete Sanji glücklich, doch Heiji winkte ab.
"Ach, du übertreibst mal wieder. Ich bin sein großer Bruder Heiji. Freut mich." Seine Stimme ähnelte der von Sanji sehr, aber sie war doch ein wenig tiefer. Man erkannte, dass Heiji älter war als er. Aber er sah ihm so ähnlich, abgesehen von seinen dunkelblauen Haaren und seinen goldenen Augen, die leuchteten, selbst wenn die Sonne ihm in den Rücken schien.
"Das ist Zorro, ein guter Freund von mir." Mischte sich nun Sanji ein. Zorro kannte dieses Verhalten. Es war das Verhalten eines Jungen, der seinen großen Bruder nach langer Zeit wiedersah, genau so hatte Ruffy sich in Alabasta verhalten als Ace plötzlich da war.
Nachdem Sanji Heiji allen anderen vorgestellt hatte verschwanden die beiden im Jungenzimmer und unterhielten sich stundenlang. Erst als Ruffy nach Essen brüllte stand Sanji auf und ging mit Heiji zusammen in die Kombüse.
"Reg dich ab Gummibengel, ich koch ja schon!" Wütend steckte er sich eine Zigarette in den Mund und begann zu kochen. Ruffy wurde von Zorro, der ebenfalls im Raum war, vor die Tür gesetzt. Danach setzte Zorro sich wieder und wendete sich an Sanji.
"Hey, Küchenschabe! Gibst du mir ne Kippe?" fragte er mit gespielter Wut und Sanji warf ihm die Schachtel entgegen. Er zündete sich ebenfalls eine Zigarette an und gab die Schachtel an Heiji weiter, der jedoch ablehnte.
"Nein danke, ich rauche nicht. Das ist etwas, das ich an Sanji schon immer gehasst habe."
"Tja, ich bin jetzt erwachsen. Du musst dir nicht mehr so viele Sorgen machen." Entgegnete Sanji mit einem Zwinkern und wendete die Steaks in der Pfanne. Auch auf Heijis Lippen schlich sich ein lächeln als er seinen kleinen Bruder betrachtete, der seiner Lieblingsbeschäftigung nachging.
"So war er eben schon immer." Sagte er an Zorro gerichtet. "Er ist ein Sturkopf."
"Ja, das stimmt wohl. Aber ich kenne ihn gar nicht anders."
"Sanji, du wirst immer mehr wie Gabrielle." Das Lächeln auf Sanjis Gesicht wich einem wütenden Ausdruck. Blitzschnell drehte er sich um und fixierte seinen Bruder.
"Sprich nie wieder von ihr, verstanden? NIE WIEDER!!!" Schrie er mit zitternder Stimme. Heijis Gesicht verfinsterte sich ebenfalls leicht. "Du bist immernoch nicht drüber weg..."
"Ich war es bis du wieder damit angefangen hast!"
"Wovon redet ihr?" fragte Zorro neugierig.
"Wenn ihr unbedingt drüber reden wollt geht nach draußen! Aber trampelt nicht hier auf meinen Gefühlen rum! Haut ab und kommt nicht wieder, bis ihr das Theme vergessen habt!" Sanji war noch immer außer sich vor Wut, sodass Heiji und Zorro nach draußen gingen und sich an Deck ein ruhiges Plätzchen suchten. Dann beantwortete Heiji Zorros Frage endlich.
"Gabrielle war Sanjis Zwillingsschwester. Sie war das hübscheste Mädchen auf diesem Planeten. Als Sanji und sie fünf waren passierte etwas furchtbares. Ich war damals neun. Sanji und Gabrielle spielten im Garten hinter unserem Haus. Ich war drinnen und kümmerte mich mit unserer Mutter um das Essen, als ich plötzlich Gebrielle schreien hörte. Ich stürmte nach draußen um nachzusehen was los war und sah diesen Mann, der Gabrielle festhielt. Sanji kämpfte verzweifelt gegen ihn, konnte aber nichts ausrichten. Dann stieß der Mann mit seinem Messer zu und verletzte Sanji unter dem linken Auge. Er fiel schreiend zu Boden und konnte nichts mehr tun. Als der Mann mich entdeckte lief er davon, Gabrielle bei sich. Drei Tage später haben wir ihre Leiche am Fluss gefunden. Der Arzt stellte fest, dass der Mann sie wohl mehrere Male vergewaltigt haben musste und sie dann getötet hatte. Seitdem hat Sanji eine Art Träume. Immer wenn er ihren Namen hört erinnert er sich wieder daran. Ich habe geglaubt er wäre drüber weg, aber das ist wohl nicht so." Heiji endete mit einer flüchtigen Handbewegung, mit der er sich die Haare aus dem Gesicht strich.
"Trägt er deswegen die Haare so?" fragte Zoro schließlich.
"Ja, genau aus diesem Grund. Du musst wissen, er war als Kind sehr eitel. Als die Verletzung verheilt war und eine Narbe blieb kämmte er sich immer die Haare über dieses Auge. Gabrielles Tod war sehr schmerzhaft für ihn. Er hatte sie geliebt, mehr als alles andere. Und seitdem versucht er zu verdrängen, dass es sie jemals gab. So wurde ich zu seinem einzigen Bruder an den er sich erinnern kann." Heijis Stimme klang sehr bedrückt, obwohl er versuchte sie stark klingen zu lassen.
"Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich nie gefragt."
"Mach dir nichts drauß, Sanji ist manchmal sehr sensibel musst du wissen."
"Sanji und sensibel?"
"Oh ja, und wie. Kurz bevor Sanji auf einem Schiff als Küchenjunge anfing waren wir mit unserer Mutter am Strand, er war damals sechs. Irgendwann haben wir uns dann gestritten und ich sagte zu ihm er sei ein Blödmann. Naja, er lief weg und ich habe ihn erst zwei Stunden später gefunden. Er hatte sich in unserem Baumhaus versteckt und sah völlig traurig aus. Du denkst vielleicht er wäre eine Heulsuse, aber er ist einfach sensibel."
"Seltsam, mir kommt Sanji immer wie ein totaler Cassanova. Er kommt mir überhaupt nicht sensibel vor, eher wie ein Lackaffe."
"Achja, seine Frauengeschichten... das ist auch so eine Sache. Ich weiß nicht warum er das immer tut, aber ich glaube er sucht unbewusst nach einem Ersatz für Gabrielle."
"Meinst du? Sag mal, hast du ein Foto von ihr?"
Heiji sah Zorro verblüfft an. Dann griff er in seinen Hemdkragen und holte eine Kette heraus. An ihr hing ein Medallion und als er es aufklappte und Zorro zeigte staunte dieser nicht schlecht. Auf beiden Seiten des Medallions war ein Bild. Links war Sanji im Alter von fünf, auf der anderen Seite war ein kleines, wirklich hübsches, blondes Mädchen. Ihre blauen Augen strahlten ihn sogar noch durch das Foto hindurch an.
"Sie wäre eine wunderschöne Frau geworden..." sagte er schließlich und gab es ihm zurück. Nachdem Heiji das Medallion wieder eingesteckt hatte klang seine Stimme wesentlich fester.
"Sanji weiß nichts von den Fotos und bitte sag es ihm nicht. Ich will nicht, dass er sich wieder so genau an sie erinnern muss."
"Kein Problem." Zorro stand auf und ging zurück in die Kombüse, gefolgt von Heiji, der sich ein wenig mehr Zeit ließ als er. Sanji war bereits wieder mit dem Essen beschäftigt und schien den Vorfall schon vollkommen verdrängt zu haben.
"Hey, Brüderchen!" Sagte Heiji lächelnd und klopfte dem Koch auf die Schulter.
"Na du? Kannst du die anderen holen? Das Essen ist fertig." Ohne auf die Reaktion seines Bruders zu warten deckte er den Tisch und füllte die Gläser. Wenige Minuten später kam Ruffy auch schon in den Raum gestürmt und auf den Tisch wuselten seine Gummiarme herum. Heiji musste bei diesem Anblick lachen, ebenso wie Lex. Na klar, sie kanntem Ruffy noch nicht lange genug um dieses Verhalten als normal zu empfinden.