Tina & Kojiro Prologe l. & ll.
Prolog 1.
Einsam
Ein fernes Land..
Weit weg von der Heimat
Ein Haus
Aber für mich ganz alleine
Ich habe Sehnsucht nach den Eltern
Sehnsucht nach dem Bruder
Aber keiner kehrt je zurück
Ich habe nur eins
Den Sport
Alles andere bewahre ich mir
Im Sinne meiner Familie
Ich träume
Von Familie und Glück
Von Leidenschaft und Liebe
Aber mich quält
Hass
Intrige und Korruption
Doch
Ich suche einfach nur ein Ziel
Mein Ziel
Strebt nach Freundschaft
Beinhaltet Erfolg
Versteckt Schicksale
Und
Ist einfach nur Frieden
Mein Frieden
Bettina Fuchs
Prolog 11.
Erfolg
Ruhm und Erfolg
All das genieße ich
Jubelnde Menschen und ausländische Angebote
Leiten mich
Aber
Ich bin auf der Suche
Eine Suche nach Ruhe
Und
einem Ziel
Ich suche nach
Ehrlichkeit und Glück
Abenteuer
und
Liebe
Ich sehne mich
Nach Wärme
Wärme
Die mich schützt
Wärme
Die ich beschützen kann
Wärme
Die ich gebe und
Wärme
Die mir nie verloren geht
Ich träume
Von Familie und Glück
Von Leidenschaft und Liebe
Aber mich quälen
Intrigen und Korruptionen
Doch
Ich suche einfach nur ein Ziel
Mein Ziel
Ist der unendliche Weg
Ins Glück
Ein Weg zur echten Leidenschaft
Ein Weg
Zur wahren Liebe
Den einzigen Weg in eine blühende Zukunft
Mit Kindern
Haus
Und Garten
Ein Weg in die Ewigkeit
Kojiro Hyuga
Ich hoffe ich mache euch damit eine kleine Vorfreude.....^_^v
Eure Megu
1. Kontakt (bearbeitet 29.4.26)
ÜBERARBEITUNG 2026
Kojiro und Tina - You are not alone -
1. Band - Liebe oder Leidenschaft? -
Kapitel 1
Erster Kontakt
An einem feuchten Nachmittag huscht eine männliche Gestalt durch den warmen Sommerregen. Vor Kurzem schien noch die Sonne und dann fängt es plötzlich an.
‚Man habe ich einen riesigen Durst.‘, bemerkt der Profisportler. Er blickt in eine Seitenstraße und entdeckt ein Restaurant. Ohne sich groß umzusehen und weiter nachzudenken, stürmt er durch die Eingangstür und sieht sich halb durchnässt im Lokal um.
‚Hübsch hier. Europäisch, denke ich. Hm...niemand hier?‘ Er wischt sich das Wasser aus dem Gesicht.
„Einen guten Tag wünsche ich, aber eigentlich haben wir geschlossen.“, vernimmt er eine sanfte und freundliche Frauenstimme. Verdutzt sieht er in ihre Richtung. Dann erblickt er eine junge Blondine, etwa in seinem Alter, welche an einem Tisch Servietten bricht und ihn anlächelt.
„Ähm...Entschuldigung. Das wusste ich nicht. Warum ist um diese Zeit geschlossen?“, kommt er auf sie zu.
‚Die ist ja hübsch. Ich habe noch nie so eine hübsche Blondine gesehen. Und ich bin schon einigen in Europa begegnet‘
‚Wow. Der sieht ja sexy aus. Sehr durchtrainiert und groß für einen Japaner.‘, geht durch ihren Kopf.
„Wir haben dienstags immer Ruhetag. Deswegen ist geschlossen. Was führt dich
überhaupt hier her?“
„Ich habe Durst, aber wenn geschlossen ist, kann man wohl nichts machen.“, antwortet er betrübt und geht wieder auf die Tür zu.
„Hey, warte!“, ruft sie ernst. Verblüfft sieht er zu ihr.
„Ich habe nicht gesagt, dass du deswegen nichts trinken darfst.“ Entschlossen steht sie auf und geht zur Theke.
„Setz dich doch. Was kann ich dir bringen?“
‚Er ist wirklich ein interessanter Mann. Das kommt nicht oft vor, dass sich hier so jemand her verirrt.‘ Erfreut setzt er sich an den Tresen und antwortet freundlich. „Oh. Das ist aber nett. Ich hätte gerne einen Apfelsaft.“ Daraufhin holt sie eine Flasche heraus.
„Für den großen Durst?“
„Ja bitte.“ Schnell füllt sie ein großes Glas und stellt die leere Flasche in einen Korb.
„Bitte sehr.“
„Danke.“ Im Nu hat er das Glas ausgetrunken.
„Wo kommt ein Mann wie du bei so einem Wetter her?“
„Ich war beim Training.“ Ihr Puls steigt plötzlich etwas an und ihr wird wärmer. ‚Was meint sie mit: „Ein Mann wie ich“?‘, wundert er sich nur.
„Oh.“, lenkt sie sich ab. Sie nimmt sein Glas.
„Noch was?“
„Danke reicht.“
„Was trainierst du denn? Aber kein Fußball, oder?“, lächelt sie. Überrascht sieht er in ihre klaren Augen.
„Magst du kein Fußball?“, fällt ihm nur ein.
„Genau.“ Daraufhin nimmt sie sich sein Glas, spült es aus und beginnt es zu polieren.
„Ich hasse Fußballer.“, fügt sie hinzu.
‚Wieso das? Wieso hasst sie Fußballer? Hasst sie mich dann auch, wenn ich sage, dass ich Fußballer bin?‘
„Egal, was trainierst du?“ Noch im Gedanken vertieft beobachtet er sie beim Polieren.
‚Ich wollte sie so gerne näher kennenlernen, aber wenn ich ihr jetzt die Wahrheit sage…was dann? Wenn ich ihr sagen würde, dass ich sogar beruflich Profifußballer bin und meinen Lebensunterhalt damit verdiene. Dann würden sich unsere Wege sicher sofort trennen. Aber…ich bin ein echt schlechter Lügner. Ich bin aber auch so neugierig…neugierig was sie für ein Mensch ist, neugierig was als nächstes passiert und neugierig, warum sie Fußballer nicht mag. Es muss sein!‘, schließt er einen Pakt mit seinem Gewissen.
„Hey, träumst du?“, erinnert sie ihn.
„Wie? Was hast du gesagt?“, reagiert er nachdenklich.
„Du sagtest, du kommst vom Training. Welchen Sport betreibst du denn? Du schaust zwar aus, als würdest du regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, aber ich glaube das ist nicht alles, oder?“, übermittelt sie ihm dadurch auch ein Kompliment und bemerkt, dass ihr Herz etwas schneller schlägt. Gespannt sieht sie ihn an.
‚Hat der einen Blick drauf, Wahnsinn!‘
„Baseball.“, antwortet er schnell. Sie stellt das Glas ins Regal.
„Aha. Ich bin eher der Typ für große Bälle. Ich lebe für den Volleyball. Sag mal, wie heißt du überhaupt?“
„Kojiro. Und du?“, antwortet er schlicht.
„Bettina, aber alle nennen mich nur Tina.“, lächelt sie ihn fröhlich an.
„Bettina, hübscher Name, italienisch, nicht wahr?“, hakt er nach.
„Ja. Hast du das Schild draußen nicht gesehen?“
„Nein. Ich habe nur was von Restaurant gelesen und wollte was trinken.“
„Du bist hier in einem deutschen Restaurant mit internationaler und deutscher Küche. Ich bin in der Hansestadt Rostock geboren, wohnte dann in Hamburg und bin dann mit meinen Eltern nach Tokio gezogen. So hat sich meine Mutter ihren Traum erfüllt: Eine eigene Gaststätte. Hier gab es auf der Ecke noch nicht so viel europäische Küche, da passte das dann. In Hamburg hatten wir nur einen Imbiss.“, sprudelt es aus ihr heraus.
„Warum bist du hier allein, wenn doch Ruhetag ist?“
„Wir haben morgen eine Geburtstagsfeier mit 60 Personen. Da wollte ich schon alles vorbereiten. Dann liegt morgen nicht mehr so viel an. Ich muss noch so einiges erledigen.“
„Verstehe. Vielleicht kann ich dir ja helfen?“, schlägt er vor.
„Oh. Das Angebot nehme ich gerne an. Ich kann tatsächlich ein paar starke Arme gebrauchen.“ Entschlossen steht er auf.
„Und? Was kann ich tun? Kisten tragen, Tische und Stühle umräumen, Getränke auffüllen? Oder gibt es etwas zu reparieren?“, sprudelt es voller Tatandrang aus ihm heraus.
‚Wow, der ist ja lieb und hilfsbereit. Solche Japaner gibt es in unserer Generation nur noch sehr selten.‘, geht durch ihren Kopf.
Somit verbringen die beiden die nächsten zwei Stunden miteinander. Kojiro trägt alle Stühle in den Festsaal, während Tina die Tafel eindeckt. Dann bereiten sie auch schon einiges in der Küche und in der Bäckerei vor, damit es morgen schneller von der Hand geht. Nachdem alles fertig ist, schreibt Tina noch einen Zettel und legt ihn neben das Kassensystem.
„Ich glaube das hier ist genau dein Ding. Du bist mit so viel Begeisterung dabei. Wolltest du das schon immer machen? Oder ist das nur, damit deine Eltern nicht so viel Arbeit haben?“, fragt er neugierig und fühlt sich etwas in seine Kindheit zurückversetzt.
‚Ich sehe es richtig in ihren Augen leuchten, wenn sie hier so mit mir diese Arbeiten erledigt. Sie ist mit Leib und Seele dabei. Als Kind und Jugendlicher war ich auch viel arbeiten. Ich habe unter Anderem in unserer Nachbarschaft die Lokale mit Getränkekisten versorgt, Pfandkisten gesammelt und Gemüse und Obst verteilt für die Lebensmittelläden unseres Nachbarn. So konnte ich ein paar frische Lebensmittel und später mit 15 etwas Verdienst zum Haushaltsgeld beitragen und meine Geschwister hatten wenigstens immer was Ordentliches zum Anziehen. Mir machte das damals nichts aus, wenn meine Kleidung abgetragen war, aber sie sollten es besser haben. Man sollte ihnen unsere Geldnot nicht ansehen. Ich habe es gerne und mit Stolz getan. Während die anderen zum Training oder Musikunterricht gingen, war ich arbeiten und habe sogar früh morgens Zeitung ausgetragen…das war das beste Lauf- und Ausdauertraining bei jedem Wetter.‘
„Ja, kann man so sagen…meine Eltern jedoch sind vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben. Seitdem schmeiße ich das hier alleine. Ich wollte eigentlich mal was anderes machen, aber das war mir dann wichtiger. Ich wollte die Leute nicht entlassen und Mamas Traum aufgeben.“ Sie setzt sich mit einer Tasse Heißer Schokolade mit Sahne neben ihn an den Tresen. Verdutzt blickt er sie an.
„Das tut mir leid. Ich wollte dich nicht traurig stimmen.
Also leitest du dieses Unternehmen alleine. Das kann man nur bewundern.“ „Danke! Genau „De Mecklenburger'“ gehört mir. Ich lebe nun für die Gastronomie.“, antwortet sie stolz.
„Ich kann dich verstehen, mein Vater ist sehr früh gestorben und ich habe als Kind neben Schule und Training gejobbt, damit wir einigermaßen durchkommen konnten. War eine schwere Zeit, aber auch eine unbezahlbare Erfahrung. Und ein Super Training…“, grinst er, hält einen Arm hoch, macht eine Faust und drückt auf seinen Biceps.
‚Das Spezialtraining hat sich gelohnt. Diese Oberarme…aber überhaupt…er ist wirklich attraktiv. Was denke ich da überhaupt?‘, schmunzelt sie zwar kurz, aber es stimmt sie doch etwas traurig.
‚Er musste als Kind arbeiten? Das klingt ja furchtbar. Dann konnte er ja gar kein richtiges Kind sein und mit Freunden rumtollen wie ich. Was hatte ich für eine glückliche Kindheit…‘
„Hast du keine Geschwister, die dir helfen? Bist du Einzelkind? Ich habe drei jüngere Geschwister. Wir sind einige Jahre auseinander. Das älteste von ihnen ist erst 16.“, berichtet er stolz. Noch immer ist ihr Blick gesenkt.
„Mein älterer Bruder starb `98. Kurz bevor wir herzogen.“
‚Mist. Ich fange gleich an zu heulen. Wieso erzähl ich ihm das überhaupt? Ich habe noch nie mit einer fremden Person darüber gesprochen, außer mit meinen besten Freunden. Dieser Mann bringt mich total durcheinander. Er darf mich nicht weinen sehen. Niemand darf mich weinen sehen!‘ Entschlossen geht sie zur Pendeltür.
„Hast du Hunger?“
„Hm irgendwie schon.“
„Dann mache ich uns was, warte hier solange.“
„Mach dir keine Umstände, Tina.“ Daraufhin verschwindet sie durch die Pendeltür in die Küche.
‚Was mache ich uns am schnellsten? Bauernfrühstück. Ich glaube das ist genau das Richtige für einen Mann, der richtig anpacken kann.‘, freut sie sich schon auf sein Gesicht, wenn er es sich schmecken lässt. Somit sucht sie alle Zutaten zusammen, bereitet alles vor und haut es in eine Pfanne. Inzwischen schält sie die Zwiebel. Kaum hat sie die Schale entfernt, schaut sie auf das blasse runde Gemüse. Sie denkt an das Gespräch zuvor.
‚Ach Stephan. Warum musste ich eben nicht weinen? Keine Träne. Die schreckliche Erinnerung an deinen Tod war wie weggeblasen. Liegt das etwa an „IHM“?‘ Sie blickt kurz zur Pendeltür.
‚Hm…wie weggeblasen kann man nicht sagen, aber meist rede ich weder darüber, noch kann ich es ohne eine Träne zu vergießen jemanden erzählen. Jemand Fremden. Aber IHM kann ich das sagen ohne zu weinen? Warum? Warum nur?‘ Gedankenversunken schneidet sie die Zwiebel fachgerecht klein, damit ihr keine Tränen kommen. Aber vergebens. Nicht wegen der Zwiebel, nein. Sie kann den Gedanken nicht ertragen, dass ihr zwei Jahre älterer Bruder vor ihren Augen von drei Männern zusammengeschlagen wurde. Es waren Fußballfans. Verzweifelt hockt sie plötzlich am Boden und weint leise.
Zur selben Zeit sieht sich Kojiro Hyuga neugierig im gesamten Restaurant um.
‚Ist wirklich ein nettes Ambiente hier. Das ist also typisch deutsch. Mit der deutschen Kultur kenne ich mich ja gar nicht aus. Ich habe zwar so einiges gehört,
hauptsächlich über deutschen Fußball, aber eines ist sicher... die Deutschen
haben hübsche Frauen.‘, fällt ihm auf, als er ein Familienfoto betrachtet.
‚Hm der Junge neben ihr scheint sicher ihr Bruder zu sein. Aber Moment mal, der
trägt ja ein Trikot, ein Fußballtrikot. Was hat das zu bedeuten? Wenn ihr
Bruder Fußballspieler war, warum kann sie dann keine Fußballer leiden? Das
verstehe ich nicht.‘
Bald klingelt es in der Küche. Kojiro geht zu ihr.
„Hast du mich gerufen?“, erkundigt er sich.
„Ja, bist du mal so lieb und stellst mir die Teller da oben richtig hin? Die fallen bestimmt bald runter. Ich komme da nicht an.“
„Sicher, gern.“ Sofort macht er sich an die Arbeit und holt einen Hocker. Nachdenklich beobachtet sie ihn dabei.
‚Was für eine Ausstrahlung er hat. Und so eine anmutige Bewegung legt er an den Tag. Wieso macht mich dieser Mann so verlegen? Das kam bisher noch nie vor, dass mich ein Japaner so schnell verlegen macht. Er riecht so angenehm...meine Güte, was denke ich hier überhaupt? Wir kennen uns doch gar nicht wirklich. Seit damals habe ich sonst eher Angst vor fremden, starken oder großen Männern, wenn ich allein mit ihnen bin und doch…kommt er mir so vertraut vor. Wie kann das sein?‘
„Danke dir, irgendein Heini war mal wieder zu faul einen Stuhl zu holen, um die Teller vernünftig hinzustellen.“, äußert sie, um von ihrem Gedanken abzulenken. ‚Mein Gott, was rede ich denn für einen Unsinn...? Das ist gar nicht meine Art. Er macht mich total nervös.‘, schüttelt sie den Kopf.
„Fertig.“, äußert er und schaut auf sie herab.
„Ist es so gut? Oder steht es noch nicht richtig?“, reagiert er auf ihr Kopfschütteln. „Wie? Ähm...nein. Alles richtig. Danke.“, rutscht ihr nur raus und sie versucht zu verbergen, dass ihr Puls schon wieder etwas ansteigt. Er steigt herunter und stellt den Hocker wieder weg.
„Ist das Essen fertig? Das riecht so gut. Ich mag Kartoffeln.“, lächelt er. Tina weicht seinem Blick verlegen aus und antwortet mit einem:
„Ja, gleich.“
‚Was hat sie plötzlich? Irgendwie kommt sie mir auf einmal so schüchtern vor.‘, fällt es ihm auf. Sie schaltet das Gas ab, füllt die beiden Teller auf, nimmt sie in die linke Hand und verlässt die Küche. Kojiro sieht ihr nach.
‚Wie Kellner die Teller tragen, ist mir ein Rätsel.‘
„Kommst du?“, fragt sie ihn im freundlichen Ton, als sie das Besteck aus der Schublade nimmt und die Teller dann auf den Personaltisch stellt. Kojiro folgt ihr und betrachtet seine Mahlzeit.
‚Das duftet wirklich gut. Ich mag das europäische und mediterrane Essen. Kartoffeln sind so vielfältig. Als ich nach Italien zog, hat mich meine Gastfamilie derart verwöhnt.‘ Bettina steht am Tresen und fragt, was er trinken möchte. „Gerne ein stilles Wasser, wenn du hast.“
‚Das kann ich jetzt gebrauchen. Hauptsache nichts, was mir den Geschmack verdirbt.‘ Er setzt sich und wartet auf sie. Bald darauf kommt sie zum Tisch, stellt die Gläser ab und betrachtet ihren Gast.
„Was hast du? Du siehst nachdenklich aus.“
‚Was meint sie? Ist doch alles gut.‘, wundert er sich nur. Dann steht sie plötzlich auf.
„Ach ich Dummerchen. Siehst du, du bringst mich ganz aus dem Konzept. Möchtest du Stäbchen? Ich frage meine Gäste sonst immer danach wie sie speisen wollen.“, reagiert sie verdutzt.
‚Wie konnte ich das vergessen?‘
„Bitte. Bleib sitzen. Es ist alles okay. Ich benutze auch Messer und Gabel. Das passt doch hierzu am besten.“, antwortet er nur beruhigend.
„Ach echt? Wie kommts? Guten Appetit.“
„Ich bin ab und an in Europa, also alles gut.“, entgegnet er lächelnd.
„Wie schön, deswegen magst du auch Kartoffeln?“, ist sie positiv überrascht. ‚Bestimmt ist er wegen des Sports in Europa. Ab und an eine Meisterschaft oder sowas. Kenne mich da bei Baseball gar nicht aus. Ist ja eher eine Randsportart in Europa. Aber hier in Japan neben den USA sehr beliebt.‘
Augenkontakt (29.4.26) (Änderung am Ende des Kapitels)
Kapitel 2
Augenkontakt
Beide genießen in aller Ruhe ihr Gericht und für einen kurzen Moment ist es so leise, dass man hören kann wie es draußen immer noch regnet, obwohl das Lokal kein einziges Fenster hat.
„Schmeckt dir das Bauernfrühstück?“, lenkt sie ein.
„Ja. Phantastisch. Ich hatte jetzt aber auch wirklich Hunger.“, lobt er ehrlich. Er schaut ihr in die Augen.
„Ich…ähm. Darf ich dich etwas persönliches fragen?“, nimmt er bald seinen Mut zusammen.
„Kannst du. Aber ob ich darauf antworte, kann ich noch nicht sagen.“, grinst sie. Er lächelt seicht.
„War es eine Krankheit? Dein Bruder?“, wagt er die schwierige Frage. Es geht ihm nicht aus dem Kopf, dass ihr Bruder Fußballer war und sie keine mag. Das passt nicht zusammen. Sie sieht ihn betrübt an.
„Du hast doch 3 Geschwister und liebst sie, richtig?“ Er nickt nur und schaut ernst. „Dann wirst du verstehen, wenn ich nicht darüber reden mag.“, sagt sie bestimmend und versucht ruhig zu bleiben.
„Entschuldige bitte, wenn ich so direkt gefragt habe.“, sieht er ein und isst weiter.
Lächelnd antwortet sie:
„Ach, Kojiro. Ich glaube, du bist ein Mann, der immer direkt ist. Wir kennen uns zwar kaum, aber ich glaube, du bist und bleibst ein direkter Mensch. Und das ist auch gut so.“ Sie sieht ihm überzeugt von ihrer Menschenkenntnis in die Augen. Erstaunt blickt er sie an. Fragend betrachtet er ihre türkiesblauen Augen.
‚Sie ist wunderschön. Solche schönen Augen habe ich noch nie gesehen.‘
„Wie meinst du das? Die meisten können direkte Menschen nicht leiden. Das sagen mir jedenfalls meine Erfahrungen.“
‚Ach man...ich bin ein Idiot. Was rede ich da überhaupt? Sie bringt mich durcheinander.‘
„Direkte Menschen sind wenigstens ehrlich. Außerdem glaube ich, dass direkte
Menschen einen großen Stolz haben. Solche Leute sind immer stolz auf das, was
sie geleistet haben und wissen genau, dass das was sie getan haben oder tun, auch das Richtige ist. Ich bewundere diese Menschen. Davon gibt es viel zu wenige. Meinst du nicht auch?“, plappert sie wie ein Wasserfall, um sich davon abzulenken.
‚Sie ist aber selbst sehr direkt.‘, stellt er fest.
„Hm. Ich glaube ich muss dir zustimmen. Desto seltener kommt es vor, dass gleich zwei davon an einem Tisch sitzen.“, grinst er plötzlich. Verwirrt lenkt sie sich mit einem Blick ins Essen ab und nimmt einen Happen.
‚Er macht mich verlegen. Peinlich. Das hatte ich ja noch nie. Wir führen eine normale Unterhaltung und er macht mich verlegen.‘
„Sag mal, wie alt bist du eigentlich?“, lenkt sie sich ab.
„Ich bin fast 22 Jahre. Und du?“
„23 Jahre. Komisch...ich hätte dich zwei Jahre älter geschätzt.“, meint sie und genießt den letzten Happen.
„Soll ich das jetzt als Kompliment auffassen?“, kommt er ihr lachend entgegen. Sie möchte gerade etwas sagen, aber plötzlich klingelt das Telefon. Tina steht auf und geht ran.
„De Mecklenburger. Schönen guten Tag. Sie sprechen mit Frau Fuchs. Was kann ich für Sie tun?“
„Hallo Tina. Ich bin es, Makoto.“
„Hallöchen. Was gibt es denn?“
„Ich muss dir leider mitteilen, dass ich ab heute eine Woche krankgeschrieben bin.“
„Oh. Was hast du?“, reagiert sie etwas gereizt.
„Margendarmgrippe. Das ging heute Morgen los. Also bin ich zum Arzt.“
„Wenn du mir spätestens morgen den Krankenschein vorbeibringst oder zukommen lässt. Kann man nichts machen. Kurier dich schnell aus. Bis dann.“ Sie legt nachdenklich den Hörer auf.
‚Mist. Wie soll ich so schnell für morgen einen Ersatz auftreiben? Ich kann kaum vom Chef verlangen, dass er sich an die Spüle stellt. Wir sind eh´ immer so knapp belegt.‘
„Was ist? Jemand krank?“, wirft Hyuga dazwischen. Begeistert blickt sie zu ihm
auf.
„Hey, sag mal. Wie sieht dein Tagesplan die Woche aus?“ Verwundert antwortet
er:
„Ich werde wie immer trainieren.“
„Wann denn?“
„Von 6:00 Uhr bis 13:00 Uhr.“
„Oh, so lange? Du lebst für den Sport, was?“
„Ähm. Ja. Sozusagen. Der Sport ist auch mein Job.“, stammelt er etwas.
„Naja, ich kann dich verstehen, so war ich auch mal. Und ein sehr guter Freund von mir lebt auch nur für den Sport. Ihm gehört ein Fitnessstudio. Egal. Könntest du danach herkommen? Hast du schon mal in einer Küche gearbeitet? Also natürlich, nur wenn du magst. Ist nichts kompliziertes, nur die Abwäsche und hier und da was mit anpacken, was wir Frauen nicht können. Das mag ja nicht jeder machen.“, erklärt sie sachlich und vorsichtig.
„Natürlich. Ich habe früher öfters in einem Lokal gearbeitet. Im Service wie
auch an der Spüle. Möchtest du, dass ich für den Kranken einspringe?“, ist er
überrascht.
‚Wenn ich hier arbeite, kann ich sie sicher besser kennen lernen.‘
„Ja. Unser erstes Lehrjahr in der Küche wäre der zweite Mann zum Anpacken. Wenn du nichts dagegen hast. Wir haben morgen echt viel zu tun. Da können wir jede Hand gebrauchen. Ich habe keine Zeit das selbst zu machen. Ich muss bei den Gästen bleiben. Natürlich bekommst du von mir ein angemessenes Stundengeld. Was hältst du davon? Du kannst doch sicher etwas Knete gebrauchen.“, bittet sie ihn lächelnd und auf liebenswerte Art.
‚Wenn sie wüsste. Als Profifußballer in der italienischen A Liga bekomme ich ein klasse Gehalt. Davon träumt jeder Sportler nur.‘
„Ja, warum nicht? Dann muss ich mich nach dem Training nicht langweilen. Du kannst die Woche mit mir rechnen.“, antwortet er und beugt sich über den Tresen, um ihr die Hand zu reichen, so hat er es in Europa gelernt, wenn man Versprechungen macht oder Geschäfte abschließt.
„Auf gute Zusammenarbeit, Kojiro.“, freut sie sich und lächelt ihn glücklich an. ‚Er wirkt von außen so wild und ungebändigt und trotzdem ist er so derart nett und hilfsbereit. Er scheut sich nicht einmal davor sich die Hände schmutzig zu machen. Er kann nur ein Mann aus der Arbeiterschicht sein, kein verwöhnter Schnösel, der nur für seine Interessen einsteht.
Diese Wärme…und sein kräftiger Händedruck. Die meisten Japaner haben Angst mir die Hand zu geben oder gar ernsthaft kräftig zu drücken. Halt so, wie man es aus meiner Heimat kennt. Aber er…er traut es sich. Oder er denkt nicht darüber nach.‘
„Gerne, ich kann eine Abwechslung gut gebrauchen. Aber ich will nichts dafür haben, ich helfe als Freund.“, registriert sie gar nicht mehr richtig, als sie sich in die Augen sehen. Plötzlich halten beide Inne.
‚Seine Hand fühlt sich so warm an. Komisch. Wenn er Baseballspieler ist, müsste er dann nicht mehr Hornhaut an den Händen haben? Egal. Es fühlt sich gut an. Warum macht er mich so verlegen?‘
Es strömt eine aufregende Wärme durch ihren Körper. Ihr Herz schlägt schneller und lauter. So ein Gefühl hatte sie noch nie. Im Innersten wünscht sie sich, sie könnte diese geborgene Wärme ewig spüren und am liebsten würde sie für immer in seinen geheimnisvollen Augen verharren.
‚Was für schöne klare Augen. Sie sind so geheimnisvoll. Für eine Frau hat sie einen echt kräftigen Griff. Sind die deutschen Frauen alle so?‘
Plötzlich geht die Lokaltür auf und ein älterer Mann kommt mit einigen Briefen und einem Paket herein.
„Oh. Guten Tag Jacky.“, begrüßt Tina ihn und geht auf ihn zu.
„Guten Tag Bettina. Wie läuft das Geschäft?“, entgegnet er fröhlich und gibt ihr das Paket und die Post.
„Alles beim Alten. Wie geht es Ihrer Familie?“
„Eigentlich ganz gut. Danke der Nachfrage. Sagen Sie, ist der Chef gar nicht im
Hause? Sonst ist er doch jeden Dienstag da.“
„Er ist zu Hause...irgendwelche Besprechungen.“
„Verstehe. Ich habe ein Einschreiben für ihn, dann muss er sich das selber abholen. Er kommt aus Deutschland.“ Dann entdeckt er plötzlich Kojiro der
interessiert dem Gespräch folgt.
„Oh, Sie haben einen Gast?“ Tina lächelt fröhlich.
„Ja. Kojiro ist ein Freund. Er hat mir bei den Vorbereitungen geholfen.“ Verwundert steht Hyuga auf und begrüßt den Postboten.
„Guten Tag.“, bleibt er eher bedeckt.
„Pass ja gut auf die Kleine auf. Sie hat genug durchgemacht.“, ermahnt der ältere Herr ihn spaßig und weicht Kojiros nachdenklichem Blick aus.
„Bestellen Sie Herrn Satsujinsha schöne Grüße von mir.“ Tina unterschreibt für das Paket und betrachtet den Absender.
„Super. Ein Traum!“, äußert sie plötzlich und drückt das Paket fest an sich. „Wieso? Was ist das?“, sind beide Herren verwundert.
„Mein neues Kleid.“, antwortet sie.
„Ja aber Sie bekommen doch öfters neue Kleider. Aber diesmal freuen Sie sich
viel mehr.“
„Es ist kein gewöhnliches Trachtenkleid, wie sonst. Ich warte schon seit einem Jahr darauf. Es ist eine Mecklenburgische Tracht. Es wurde nach dem Vorbild des 19. Jahrhunderts angefertigt. Ein Unikat und dazu direkt aus meiner Heimat.“, erklärt sie aufgeregt.
„Ach dieses Kleid ist das.“, ist auch Jacky überrascht.
„Heute muss mein Glückstag sein!“, schmunzelt sie.
Einige Minuten später ist Jacky bereits wieder unterwegs. Kojiro wartet an der Bar auf Tina, die sofort um die Ecke im Bügel- und Wäschezimmer verschwunden ist, um ihr wertvolles Kleid anzuprobieren.
‚Wie es wohl aussehen mag?‘ Da öffnet sich auch schon die Tür. Verblüfft blickt er sie an und betrachtet das in seinen Augen interessanteste Kleid, welches er je gesehen hat, mit den aufregendsten Rundungen, die ihm je aufgefallen sind und dem wunderschönsten und glücklichsten Lächeln, welches ihm je begegnet ist. Vor Erstaunen über Tinas Auftritt, bekommt er plötzlich Herzklopfen. Ein seltsames Gefühl macht sich in ihm breit. Tina blickt ihm fröhlich in die dunklen Augen.
‚Er sieht so überrascht aus. Ob ich ihm gefalle? Sein Blick mustert mich. Hm. Schon komisch. Wieso mache ich mir darüber Gedanken?‘ Instinktiv schüttelt sie den Kopf.
‚Was denke ich da überhaupt? Seit wann mache ich mir überhaupt Gedanken darüber, was Männer über mich denken?‘ Kojiro ist so sehr im Gedanken, dass er ihr Kopfschütteln gar nicht wahrnimmt.
‚So sieht ein Kleid aus ihrer Heimat aus? Also in Hamburg und München habe ich keine Frau mit so einem Kleid gesehen. Nun, es soll ja auch ein Traditionelles Kleid sein, so wie die Trachten in den Niederlanden. Aber sie sieht interessant darin aus. Ihre blauen Augen strahlen wie das Meer, so glücklich und sie hat eine sehr frauliche Figur. Nicht so zierlich wie die meisten Japanerinnen. Das kommt in diesem Kleid richtig gut zur Geltung.‘ Er weicht ihrem Blick aus und starrt auf den Zapfhahn.
‚Was denke ich da überhaupt? Ich bin der Tiger auf dem Rasen. Ich lebe nur für Sport und für meine Ziele. Sie hasst Menschen wie mich. Ob sie mich mögen würde, wenn sie es wüsste?‘ Dann fasst er sich an den Kopf.
‚Wieso mache ich mir überhaupt darüber Gedanken? Ich habe mich nie dafür interessiert, was andere über mich denken. Schon gar nicht die Frauen. Bis jetzt sind die Mädchen immer von alleine auf mich zugekommen. Haben mich überschüttet mit Briefen und Geschenken. Einige wollten sogar eine intime Beziehung mit mir, weil sie mich angeblich liebten oder begehrten, aber ich wich ihnen aus. Natürlich wäre ich jetzt unehrlich, wenn ich behaupten würde ich hätte keines ihrer Angebote angenommen. Ich wollte damals auch meine Erfahrungen sammeln...wie jeder andere Mann auch. Aber wieso mache ich mir ausgerechnet jetzt darüber Gedanken? Warum bei ihr? Wieso möchte ich ausgerechnet bei ihr wissen, wie sie über mich denkt? Ich kenne sie doch gar nicht.‘
„Und? Was sagst du?“, unterbricht sie seine Gedanken. Er blickt sie wieder an. ‚Diese Augen…wie eine Raubkatze. Er macht mich echt verlegen.‘
„Ähm. Ist hübsch.“, fällt ihm nichts anderes ein.
‚Charmant wie ein Panzer.‘ Erstaunt sieht sie ihn an.
„Mehr fällt dir nicht ein? “Hübsch“?“
‚Ich dachte, so wie er mich eben gemustert hat, kommt da mehr als ein einfaches „Hübsch“.‘ Tina macht ein enttäuschtes Gesicht, geht zur Kaffeemaschine und lässt sich einen Kaffee ein.
‚Was bilde ich mir auch ein? Warum sollte ein gutaussehender Japaner wie er mich schön finden? Ein Fremder, der scheinbar nicht einmal weiß wer ich bin. Für ihn bin vermutlich nur eine Ausländerin und nicht so zierlich und fein wie die meisten Frauen hier. Das höre ich nicht zum ersten Mal. Er hat sicher an jedem Finger 10 Verehrerinnen hängen und hat die große Auswahl.‘, zweifelt sie an sich. Er betrachtet sie noch im Gedanken.
‚Ich bin aber auch ein Idiot. Ich kann ihr jetzt gar nicht sagen, was ich wirklich denke.‘ Sein Puls steigt an und er schaut zum Rückbuffet. Die polierten Gläser spiegeln das leichte Licht im Raum wider.
„Tina, ich…“, rutscht ihm plötzlich raus und dann stoppt er seinen Gedanken, den er aussprechen wollte.
‚Tina, ich…würde dich am liebsten in die Arme nehmen, so schön bist du.‘ Das kann er doch nicht sagen. Wie würde das denn klingen?
„Lass, ist schon gut. Du hast ja Recht. Ne wahre Schönheit bin ich wirklich nicht.“, meint sie und gießt sich Milch in die Tasse.
‚Schade Kojiro. Ich weiß doch selber nicht warum ich so emotional auf dich reagiere. Er denkt jetzt sicher schlecht über mich. Wie kann eine Ausländerin nur annehmen, ich würde sie begehren, wenn ich die schönsten Japanerinnen haben kann?‘ Verdutzt blickt er sie wieder an, wie sie nachdenklich in die Tasse starrt. Kojiro steht plötzlich auf und tritt nah an sie heran.
‚Sie ist so schön. Ihr Blick, ihre Haare…dieses Lächeln. Wir kennen uns doch gar nicht, wie soll ich ihr das dann also sagen? Egal wie ich es sagen würde, es klingt sicher viel zu plump. Wie kann sie nur behaupten, nicht hübsch zu sein? Im Gegenteil…sie macht mich total verrückt. So habe ich noch nie empfunden. Ich habe noch nie eine Frau so sehr begehrt, alles vor ihr war nur Neugier. Neugier auf die Liebe und was es damit auf sich hat. Manchmal hat es auch einfach nie gestimmt. Ein kurzes Abenteuer und dann war es das. Aber sowas hier wie heute. So ein Gefühlschaos habe ich noch nie erlebt.‘, geht durch seinen Kopf und dann berührt er plötzlich ihre Hand, welche auf dem Tresen liegt und sieht ihr tief in die strahlenden Augen, als sie aufblickt.
„So habe ich das nicht gemeint, im Gegenteil!“, versucht er sich zu entschuldigen und äußert sich direkt. Ihr Puls steigt plötzlich rasend an und ihr wird ganz warm. ‚Hat er das gerade ernst gemeint? Er findet mich doch hübsch? Seine Hand…es fühlt sich so warm und geborgen an. Nein…nicht nur Das…eher…intensiv.‘, empfindet sie plötzlich. Wie kann sich nur eine so harmlose Berührung so intensiv anfühlen, dass sie eine Erregung spüren kann, an Stellen, wo sie es noch nie zuvor gefühlt hat? Nur diese eine zärtliche Berührung auf ihrer Hand? Sie zuckt zusammen. Statt ihre Hand zurück zuziehen beugt sie ihre seiner entgegen und ihr Daumen umfasst plötzlich den seinen. Beide sehen sich irritiert in die Augen.
‚Sie weicht mir gar nicht aus? Was hat das zu bedeuten? Empfindet sie etwa etwas, wenn ich sie berühre? Ich habe doch noch gar nichts gemacht. Ich könnte in ihren Augen versinken.‘, bemerkt er selbst, dass er mehr spürt als sonst, nur bei diesem kleinen Kontakt.
Änderungen, die mehr als üblich sind, stecken in diesem Absatz:
„Hübsch“.‘ Tina macht ein enttäuschtes Gesicht, geht zur Kaffeemaschine und lässt sich einen Kaffee ein.
‚Was bilde ich mir auch ein? Warum sollte ein gutaussehender Japaner wie er mich schön finden? Ein Fremder, der scheinbar nicht einmal weiß wer ich bin. Für ihn bin vermutlich nur eine Ausländerin und nicht so zierlich und fein wie die meisten Frauen hier. Das höre ich nicht zum ersten Mal. Er hat sicher an jedem Finger 10 Verehrerinnen hängen und hat die große Auswahl.‘, zweifelt sie an sich. Er betrachtet sie noch im Gedanken.
‚Ich bin aber auch ein Idiot. Ich kann ihr jetzt gar nicht sagen, was ich wirklich denke.‘ Sein Puls steigt an und er schaut zum Rückbuffet. Die polierten Gläser spiegeln das leichte Licht im Raum wider.
Hautkontakt 1 - 2026
Kapitel 3
Hautkontakt 1.
‚Wieso reagiere ich so heftig und bin wie gelähmt? Seine Augen…dieser Blick…sein Geruch…so anziehend…diese Wärme und seine kräftige Statur…ich komme mir so hilflos vor, aber ich verspüre keine Angst, im Gegenteil. Er…er…seine Lippen…so sinnlich und fordernd…was ist nur los mit mir?‘, kann sie ihre eigenen Gedanken nicht ordnen. Ihr Herzschlag steigt enorm an. Es ist bis zu den Ohren zu spüren. Sie genießen einfach beide diesen Moment der Stille. Ein stiller Moment der mehr sagt als tausend Worte. Instinktiv nimmt er ihre Hand nun richtig in seine und beugt sich ihr langsam und zögernd entgegen.
‚Ob ich es einfach wagen sollte? Ich habe das Gefühl, dass sie darauf wartet. Sie hätte sich doch sicher sonst längst gewährt oder was gesagt. Ich hoffe ich täusche mich nicht. Ihre Lippen…so sinnlich, diese klaren Augen…so geheimnisvoll, ihr lieblicher Geruch…das macht mich verrückt und neugierig. Wie fühlt sie sich an?‘ Sein Herz rast ebenso. Tina lässt die Tasse los, welche sie noch krampfhaft mit der rechten Hand gehalten hat und berührt zögernd sein schulterlanges schwarzes Haar.
‚Es ist so weich.‘ Sie öffnet den Mund und haucht ein „Kojiro…“ aus. Doch plötzlich spürt sie seine Finger auf den Lippen. Er beugt sich zu ihr runter und ist ihr ganz nah, nur eine Hand breit vor ihrem Gesicht.
„Darf ich?“, rutscht ihm nur raus.
‚Ich will mich nicht irren. Ich darf es nicht vermasseln. Ich muss erst sicher gehen. Du machst mich ganz verrückt mit deinen Reizen…‘, zischt es in ihm.
‚…küss mich…jetzt!‘, geht in ihr vor und der zögerliche Griff in seine Haare antwortet ihm mit einem leichten Ziehen in ihre Richtung darauf. Es liegt eine unglaubliche Spannung in der Luft. Ihre Lippen berühren sich und niemand kann etwas denken. Beide haben zuvor nie so viel Leidenschaft beim Küssen empfunden. Seine Hand greift in ihre langen hellen Haare und fasst ihren Kopf und ein noch zaghafter aber leidenschaftlicher Kuss scheint für beide unendlich zu sein.
‚Sie fühlt sich so aufregend an. So zart und angenehm. Ich kann gar nicht genug bekommen von ihr. Wieso sind wir uns jetzt erst begegnet?‘
‚Kojiro…lass mich nie wieder los. Was ist das nur? Was machst du nur mit mir? Du schmeckst so gut…so angenehm und deine Berührungen sind so verlangend.‘
Sie ist über sich selbst erstaunt. Sich in so kurzer Zeit mit einem wildfremden Mann zu küssen. Sie muss verrückt sein. Seitdem Stephan gestorben ist, weicht sie großen fremden Männern aus. Aber warum nicht vor ihm? Wieso weicht sie ihm nicht aus? Warum hat sie ausgerechnet vor diesem kräftigen durchtrainierten Sportler keine Angst? Dabei hätte er gefühlt die Macht und die Gelegenheit mit ihr alles tun zu können, was er wolle. Was die Situation betrifft; niemand würde sie hören, wenn sie sich wehren wolle. Aber…die Frage ist…Würde sie sich überhaupt wehren wollen?
‚Diese Augen, sie machen mich verrückt. Mich bringt doch sonst Nichts und Niemand aus der Fassung. Warum sie? Warum ausgerechnet bei ihr? Warum verliere ich nur bei ihr meine Beherrschung? Ihre Augen so klar...ihre Lippen so sinnlich, ihre helle Haut so weich, ihr Geruch und ihre Wärme, die ich vernehmen kann. Warum wird mir plötzlich so komisch?‘
‚Seine Augen so feurig glänzend. Sein Kuss so zärtlich und doch verlangend. Seine Haare und seine Statur so wild und ungezähmt. Fast wie ein einsamer Tiger. Diese Oberarme....gar nicht typisch für einen Japaner.‘ Mit einem scheuen aber mutigen Blick schaut sie in seine dunklen Augen, lässt seine Haare los und berührt sanft mit der rechten Hand seinen linken Oberarm. Ein kribbelndes Gefühl kriecht blitzschnell seinen Arm hinauf und verteilt sich im gesamten Körper. Verdutzt auf die Reaktion seines eigenen Körpers, geht ihm einiges durch den Kopf. Er fragt sich, warum ist er bei einer so harmlosen Berührung so sehr erregt, wie noch nie. Schon oft hat ihn eine Frau an dieser Stelle berührt, aber er empfand es eher als lästig, nicht erregend. Aber jetzt ist es anders. Bei ihr hat es solche Auswirkungen, dass er, der Tiger auf dem Fußballfeld, der niemals etwas fürchtet, eine riesige Angst verspürt. Angst vor sich selbst. Angst vor ihr, Angst davor was er denken würde und tun würde, wenn sie ihn nicht losließe.
Andererseits, vielleicht soll es ja ein Hinweis von ihr sein? Vielleicht will sie ihm damit ja sagen, dass er nicht aufhören soll?
Entschlossen lässt er ihre linke Hand los, berührt zärtlich ihren Oberarm. Mehrere kurze Liebkosungen im Gesicht lassen ihr Gleichgewicht etwas verlieren. Ihre Beine werden plötzlich weich und sie versucht sich bei ihm festzuhalten.
‚Sie macht mich wahnsinnig. Ob sie auch mehr will? Es fühlt sich alles so gut an.‘, kann er nur denken, als er ihre linke Hand fester in seiner und die andere mit einem bestimmenden Druck an der Schulter spüren kann. Als würde sie ihn an sich ziehen wollen. Instinktiv wandert seine rechte Hand zu ihrem Rücken und fährt zielgerichtet über ihre Bluse und dem bunten Stoff des Trachtenkleides bis er die Mitte erreicht und sie sachte an sich drückt. Er blickt ihr intensiv in die Augen und sie kann seine linke kräftige warme Hand auf der rechten Wange und ihrem Ohr spüren. Beide Körper schmiegen sich jetzt aneinander und sie erwidert seine Küsse, als ihr Körper anfängt zu kribbeln.
‚Warum kann ich nicht von ihm lassen? Kojiro…du machst mich total verrückt. Ich muss träumen, es muss ein Traum sein. Ich habe noch nie so ein Verlangen verspürt…so ein Verlangen nach Küssen und Berührungen, niemals so schnell wie jetzt. Deine Küsse, dein anziehender Geruch, so besonders. Lass mich nicht los, dieses Gefühl darf nicht enden. Ich will mehr davon.‘ Kojiro ist sehr überrascht, als sie anfängt, ihn leidenschaftlicher und intensiver zu küssen, als er selbst.
‚Tina…was machst du?‘, kribbelt ebenso sein Körper, als ihre Hände seinen Nacken hochstreifen und seinen Hinterkopf fasst, in seine dunkle Mähne greift, ihn noch näher heranführt und sie ihn fordernd küsst.
‚Du nimmst mir fast die Luft. Du bist so fordernd. Was hast du vor? Ich habe mich nicht in dir geirrt. Du spürst ebenso etwas, wenn ich dich berühre. Das ist zu intensiv, viel zu besonders…so besonders und intensiv, dass ich mehr will. Es darf nicht enden und du bist so leidenschaftlich. Dabei kennen wir uns doch noch gar nicht richtig. Soll ich mich wirklich auf sie einlassen? Ist ihr klar, dass sie mich total verrückt nach ihr macht? Nach mehr? Ist ihr klar, dass sie mich wahnsinnig macht?‘ Seine Hände greifen plötzlich in ihre langen weichen Haare und halten ihren Kopf zärtlich fest. Sie zuckt überrascht zusammen, aber genießt es, dass er wieder so bestimmend ist. Seine Blicke schauen sich nebenbei am Tresen um. Sein Puls steigt immer weiter an. Dann unterbricht er plötzlich ihren Kuss, lässt langsam ihren Kopf los und erforscht mit beiden Händen ihre Taille. ‚Der dicke weiche Stoff von diesem Kleid macht es nur interessanter. Trotzdem kann man genau ihre Rundung spüren. Du bist so schön und aufregend.‘ Er drängt sie mit kurzen zarten Küssen nach und nach etwas zurück und schiebt mit der linken Hand das schwere Bestellbuch zur Seite, welches auf der kleinen Spülmaschine liegt und nimmt sie mit festem Griff etwas hoch, um sie auf die Maschine zu setzen. Sie hält sich an seiner Schulter fest und ist verdutzt. Ihr Herz scheint schon wieder schneller zu rasen. Dass er sie hochnimmt ist wie eine Erlösung, weil sie das Gefühl hat den Boden unter den Füßen zu verlieren.
‚Was hast du vor? Kojiro…was wird das?‘, geht nur in ihr vor.
‚Wow, bei ihr muss man richtig zupacken. Ganz nach meinem Geschmack. Ich bin überhaupt kein Typ für zierliche Frauen. Griffig müssen sie sein. Du machst mich verrückt. Jedes Mal entdecke ich was Neues und es macht mich nur noch verrückter nach dir.‘
„Kojiro…ich…was…“, kann sie nur stammeln und schon legt er wieder seine Finger auf ihre sinnlichen Lippen. Er blickt sie durchdringlich an und antwortet ohne weiter nachzudenken:
„Pst. Du…du bist zu schön…zu schön für mich.“ In ihm steigt eine enorme Wärme auf.
‚Du bist zu schön für mich, um mich beherrschen zu können. Und du…du scheinst es zu genießen.‘, denkt er seinen Satz zu ende.
‚Kojiro…was meinst du damit? Schön? Zu schön für dich?‘
„Nein…du…bist…“, sie klammert sich an seinen starken Oberkörper, als er sie auf die Maschine setzen will.
„…zu aufregend.“ Dann küsst sie ihn verlangend und sinnlich. Ihre Körper umschließen sich erneut und es steigt eine ungewohnte und kribbelnde Wärme in beiden auf. Sie kann den kleinen Anstoß gegen die Wand vernehmen, die beim Aufsetzen auf die Maschine gegen den Tresen verursacht.
Plötzlich ist ein lautes Poltern und dann ein Klirren zu hören. Beide halten inne und sehen sich verwirrt an. Sie unterbrechen und Tina schaut verwundert zur Kaffeetasse, welche heruntergefallen ist.
„Was…?! Die Tasse?“, kann sie nur vernebelt äußern. Kojiro ist wie benommen und sieht auf die Scherben auf dem Boden, wie sie sich samt Kaffee hinter dem gesamten Tresen verteilt haben.
‚So was. Der muss ja ungünstig gestanden haben. Jetzt kann man hier gar nicht mehr treten. Das ist wirklich gefährlich. Ich stehe ja mitten drin in den nassen Scherben.‘ Langsam sinkt beider Puls und sie sehen sich etwas bedrückt an. Dann streicht er kurz über ihr Gesicht und lässt sie notgedrungen los.
„Ich befürchte das muss ich erstmal wegmachen.“, murmelt er leise. Tina greift nach ihm.
„Ich habe mich so erschrocken. Ich muss die Tasse echt doof hingestellt haben, als du mich…“ Sie stoppt ihren Satz und schmunzelt ihn verlegen an. Kojiro schaut um sich und sieht den Lappen neben dem Spülboy. Tina richtet sich auf und will aufstehen. Ihre Füße berühren den Boden nicht.
„Warte, ich mach schon. Du trittst nur unnötig rein.“, klärt er ruhig auf. Sie schaut zu Boden und erkennt das Problem. Kojiro nimmt den Lappen, bückt sich und wischt das Gröbste fix zur Seite, damit man wieder treten kann.
‚Oh, man. Was war das denn eben? Sowas habe ich ja noch nie erlebt. Ich habe total meine Beherrschung verloren. Ich muss erstmal wieder einen klaren Gedanken fassen. Wo sollte das denn bitte enden?‘
Kurz darauf klingelt das Telefon.
‚Man, ich muss mich erstmal wieder sammeln. Das eben war so…‘ Sie kann gar nicht richtig denken, aber setzt dann ihre Füße ab und steigt mit einem großen Schritt über die Pfütze hinweg zum Telefon.
„De Mecklenburger“, kann sie nur sagen. Es ist ein Stammgast am Apparat. Während Tina telefoniert, macht Kojiro noch im Gedanken versunken den Tresen sauber. Er sieht zu ihr auf und hört ihr gar nicht richtig zu, wie sie mit dem Kunden redet. Seine Gedanken sind noch in den unglaublichen Momenten von vorhin versunken.
‚Aber sie hat sich ebenso hinreißen lassen. Ich glaube nicht, dass das ihre Art war. Meine Art ist das auch nicht. Seltsam…Ich spüre ihre weichen Haare und ihre zarten Lippen immer noch in den Händen.‘ Als er die nassen Scherben in den Mülleimer befördert und danach seine Hände wäscht, blickt er zu Tina. Er steht nachdenklich vor dem Waschbecken am Spülboy und schaut dann seine Handflächen an.
‚Wie konnte ich so derart meine Fassung verlieren? Wieso?‘ Hyuga schließt sie beide zu Fäusten zusammen.
‚Sie ist so schön und sie duftet so gut. Aber das kann nicht alles sein…‘ Sein Herz beginnt wieder etwas schneller zu schlagen, als ihm der Gedanke an ihre Küsse kommt. Plötzlich vernimmt er ihre sanfte Stimme.
„Danke. Das hättest du nicht machen müssen.“ Er zuckt zusammen.
„Kein Ding. Du…hättest dir nur dein Kleid dabei dreckig gemacht.“, fällt ihm nichts anderes ein und dreht sich langsam zu ihr um. Sie lächelt ihn verschmitzt an.
„Trotzdem danke.“ Er sieht ihr in die Augen und sein Puls steigt erneut an. Wieder überkommt ihn so ein Kribbeln wie zuvor.
‚Wieso nur? Wieso kann ich jetzt nicht mal mehr in ihre Augen sehen?‘ Abrupt weicht er ihr aus.
„Ich sollte gehen, sonst...“, äußert er benommen.
‚Gehen? Er will gehen?‘ Wehmütig schaut sie ihm nach, wie er langsam zur Tür geht und seine Sporttasche nimmt.
‚Tina, ich sollte gehen, sonst…vergesse ich mich womöglich wirklich.‘ „Kojiro…warte…“, beginnt sie ihre schwierige Frage zu formulieren und geht ein paar Schritte zu ihm. Sie muss es doch wissen. Sie muss doch wissen, ob er schon vergeben ist und deswegen lieber ausweicht. Vielleicht ist ihm eben erst bewusst geworden, dass es ein Fehler war. Ein Fehler sie zu berühren. Ein Fehler sie zu küssen und etwas zu empfinden?
„…wirst du es deiner Freundin sagen? War es ein Fehler?“ Verblüfft schaut er sie an.
‚Verstehe. Sie will wissen ob ich vergeben bin.‘ Dann lächelt er ihr beruhigend zu.
„Da gibt es Niemanden. Und NEIN! Das ist kein Fehler.“ Dann dreht er sich um, öffnet die Tür und schaut nochmal kurz zurück.
„Und Danke für das gute Essen. Bis morgen.“, lächelt er und dann verlässt er das Lokal. Verblüfft bleibt Tina noch eine Minute stehen und denkt über seine Antwort nach.
‚Er hat niemanden und es war kein Fehler? Kojiro, deine Wärme. Was waren das für unglaubliche Umarmungen und Küsse? Wieso habe ich dabei so viel empfunden?‘ Im Gedanken an dem Moment, fasst sie sich auf die Lippen.
‚Diese Zärtlichkeit…und trotzdem fühlte es sich so schön und verlangend an.‘ Sie geht zögernd zur Tür und schaut aus dem Fenster.
‚Es gießt noch immer aus Kannen. Er wird sich was wegholen.‘, geht besorgt durch ihren Kopf und ohne zu zögern, schnappt sie sich den Regenschirm aus dem Schirmständer und stürzt hinaus ins Unwetter. Erst auf der Hauptstraße, erkennt sie Kojiros Umrisse und rennt im schnellsten Tempo auf ihn zu.
„Kojiro! Warte bitte!“, ruft sie ihm nach und hält den Schirm fest in der Hand. ‚War das eben Tinas Stimme?‘, schießt ihm durch den Kopf. Abrupt dreht er sich zu ihr um und schaut sie verwundert an.
‚Ist die denn verrückt geworden? Bei dem Wetter?‘ Kurz vor ihm bleibt sie stehen.
Dann blickt sie auf den Boden, atmet tief durch, reicht ihm den Schirm und sagt: „Kojiro, hier für dich.“ Rasch nimmt er ihr den Schirm ab, spannt ihn auf und hält diesen über sie.
„Bist du noch zu retten? Wieso rennst du deswegen in so ein mieses Wetter? Jetzt
bist du klatsch nass.“, antwortet er ernst.
„Wer weiß, wie weit du es noch hast. Du darfst nicht krank werden.“, haucht sie leicht und blickt zu ihm auf. Seine nassen Haare hängen ihm im Gesicht und die Wassertropfen prasseln nur so an ihm herunter.
‚Man, diese Augen, so dunkel und geheimnisvoll und trotzdem so vertraut.‘
‚Ihre Augen sind so klar und schön, sie fesseln mich...Wie konnte ich sie vorhin nur so ohne Abschied stehen lassen? Dieser Moment vorhin war so besonders…so unbeschreiblich intensiv, obwohl wir uns nur geküsst haben.‘ Entschlossen berührt er ihre Schulter und schlägt den Weg zurück ein.
„Danke, aber jetzt ist dein neues wertvolles Kleid auch nass. Es liegt dir doch so am Herzen? Ich bringe dich wieder zurück.“, spricht er beruhigend und fürsorglich. Sie beugt sich seinem Vorschlag.
‚So sanft? Du überraschst mich immer wieder.‘, lächelt sie.
„Ich glaube kaum, dass das Kleid wichtiger ist, als deine Gesundheit.“, wirft sie
ihm vor und genießt es unter dem Regenschirm von ihm begleitet zu werden.
‚So könnte ich ewig durch den Regen laufen. Warum fühle ich mich in seiner Nähe jedes Mal so wohl? Er strahlt so eine vertraute und gleichzeitig geborgene Wärme aus. Wieso? Wir kennen uns doch gar nicht richtig.‘
‚Oje, wieso mache ich mir überhaupt solche Sorgen um sie? Eigentlich sorge ich
mich immer nur um meine Familie...‘ Sie wirkt auf einmal so entspannt. Tinas Atem ist ruhig und trotzdem angespannt.
‚Moment…das war doch eben mindestens ein 300m Lauf. Wieso ist sie gar nicht außer Atem?‘, fällt ihm auf, als er in Richtung Lokal schaut.
‚Ihre Haare sind ganz nass. Wie sie duften…so blumig und betäubend. Sie fühlt sich so warm an, obwohl sie jetzt ganz durchnässt ist. Wieso kann ich nicht von ihr weggehen? Was hält mich nur? Ich habe das Gefühl, dass ich sie nicht mehr loslassen kann. Das kann jetzt auf gar keinen Fall gut gehen.‘, verrät ihm sein Puls, während er sie in den Armen hält und sie sich an ihn schmiegt. In ihrem Kopf ist viel zu viel in Aufregung. Was ist es, dass sie ihm so nah sein will? Sie kennt dieses Gefühl überhaupt nicht. Nie hat sie sich jemanden so derart hingezogen gefühlt, wie diesem Mann. Warum? Sie kennen sich doch gar nicht. Was war das nur vorhin für ein seltsamer Moment?
Am Restaurant angekommen öffnet sie die Tür.
„Na dann mach's gut. Wir sehen uns morgen.“, lächelt er verlegen und reicht ihr den Schirm.
Körperkontakt 2026
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Abschied (mehrere Änderungen: 29.4.26)
5.Kapitel
Abschied
Engumschlungen stehen sie vor der Lokaltür. Sie sehen sich in die Augen.
„Ich habe noch nie so einen Tag erlebt.“, flüstert er leise und lächelt, während er durch ihr langes blondes Haar fährt und sie fest an sich drückt.
„Ich auch nicht.“, antwortet sie noch etwas benommen und lässt sich leidenschaftlich von ihm küssen. Ihre Herzen schlagen höher. Dann weist er sie sanft von sich.
„Ich muss jetzt leider gehen. Meine Familie wartet auf mich.“, erklärt er nachdenklich und verantwortungsbewusst.
„Aber zur Arbeit kommst du morgen?“
„Natürlich. Ich halte meine Versprechen. Ich habe angeboten zu helfen, dabei bleibt es auch.“, antwortet er lächelnd, geht zur Tür und öffnet diese.
‚Die Arbeit morgen wird mich etwas von meinem Stress ablenken. Ich war lange nicht mehr irgendwo aushelfen. In den letzten Jahren lasse ich eher die Leute für mich arbeiten. Ist schon ein seltsames Gefühl auf der anderen Seite zu stehen.‘ „Bis morgen...vergiss...den Schirm nicht.“, stottert sie verlegen und schaut ihm nach. Er schnappt sich entschlossen den Regenschirm, dreht sich zu ihr um und
lächelt.
„Ciao. Wir sehen uns morgen.“
„Aber bring dir bequeme weiße Schuhe, und ne helle Hose und ein weißes T-Shirt mit. Alles andere habe ich da.“, ruft sie ihm zu.
„Okay.“, verabschiedet er sich und schließt hinter sich die Tür.
‚Eigentlich würde ich viel lieber hierbleiben. So einen Tag habe ich noch nie erlebt. Ich war noch nie so ruhig und ausgeglichen nach dem Sex. Am liebsten würde ich sie noch mal zum Abschied in die Arme schließen und küssen. Warum? Das habe ich noch nie danach gefühlt. Was ist das?‘ Kurz nachdem er die Gaststätte verlassen hat, öffnet sie plötzlich hinter ihm die Tür. Mit einem Funkeln in den Augen und einem liebevollen Lächeln auf den Lippen, wird er von ihr angesehen.
‚Bitte geh nicht. Ich wünschte, du würdest mich nochmal berühren. Ich muss wissen ob das jetzt was Ernstes ist. Es gibt viel zu extreme Gefühle in mir. Dieses Verlangen nach deiner Nähe hört trotz dieser unbeschreiblich starken Ereignisse nicht auf. Ich fühlte so viel, ich fühle noch so viel…und doch zu wenig.‘
„Ähm...danke, Kojiro.“, bekommt sie nur über die Lippen. Verblüfft schaut er sie an.
„Wofür?“, reagiert er überrascht. Sie blickt ihn nur sehnsüchtig an.
„Für Deine Hilfe. Danke...für alles.“, spricht sie leise und blickt verlegen zu Boden.
‚Was mache ich hier überhaupt? Ich laufe ihm nach? Warum? Er hält mich sicher für anhänglich.‘, zweifelt sie an ihrem Verhalten. Sie bemerkt nicht, wie er langsam auf sie zugeht. Erst als er ihren Kopf berührt und sie sanft am Kinn fasst, blickt sie zu ihm auf. Sie schaut in die aufregendsten und liebevollsten Augen, die sie je gesehen hat.
„Am liebsten würde ich bei dir bleiben, aber meine Pflicht ruft. Meine Familie macht sich sonst Sorgen.“, erklärt er liebevoll.
‚Danke Tina, danke, dass du mich in die richtige Richtung lenkst. Ich will dich nochmal küssen und umarmen und du…du spürst dasselbe und machst den mutigen Schritt. Du gibst mir im richtigen Moment ein unmissverständliches Signal. Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, dass ein Mensch immer in meiner Nähe sein soll. Was ist das, was mir bei dir solch ein schnelles Herzrasen verursacht? Ist das Liebe?‘ Kojiro beugt sich fest entschlossen zu ihr runter und küsst sie sinnlich und leidenschaftlich. Beide genießen diesen kurzen berauschenden Moment.
‚Oh Kojiro, ich wünschte immer in deinen Armen liegen zu können. Dieser Moment soll nie zu Ende gehen. Kojiro ich glaube ich liebe dich. Du bist plötzlich der wichtigste Mensch in meinem Leben. Warum nur? Warum empfinde ich so viel? Ist das Gefühl nur körperlich oder ist das etwa wirklich Liebe?‘ Er berührt sie mit der rechten Hand am Rücken und drückt sie leidenschaftlich an sich, so dass er ihre Rundungen genau spüren kann, die sich unter dem Shirt und der knappen Jeans befinden.
‚Unglaublich heiß, du bist…so warm. Du gibst mir eine unbeschreibliche Wärme, wenn wir uns berühren.‘, spüren beide und vergessen für einen kurzen Moment wo sie sich befinden. Plötzlich ist alles um sie herum erneut unwichtig. Es stört sie nicht, dass sie auf offener Straße stehen, dass der Regen über ihnen auf den Schirm prasselt und um sie herum wie ein Wasserfall herunterfällt. Das ist alles einfach nur egal, denn in Wirklichkeit sind sie im Augenblick ihrer Gefühle gefangen.
Etwa eine halbe Stunde später kommt er zu Hause an und stellt den Schirm zur Seite.
Es ist 21:00 Uhr und seine jüngeren Geschwister sind bereits im Bett. Er zieht seine Schuhe aus und geht leise durch die Stube, um niemanden zu wecken. In der Küche angekommen, öffnet er den Kühlschrank. Dann nimmt er sich eine Flasche frische Milch heraus und setzt sich an den Tisch. Während er nachdenklich dieses erfrischende Getränk genießt, bemerkt er nicht, dass sich jemand langsam die Treppe herabbewegt.
‚Man schmeckt die gut. Das war vielleicht ein komischer Tag. Hier zu Hause ist
alles wie immer. Alle schlafen schon. Hauptsache es ist hier alles in Ordnung. Hm. Was Tina jetzt wohl macht? Ob sie auch in der Küche ist und Milch trinkt und über die letzten Stunden nachdenkt? Vielleicht liegt sie auch im Bett und schläft. Ach...ich wüsste es zu gerne.
Was mag in ihr vorgegangen sein, dass sie sich so schnell auf mich eingelassen hat? Sie sprach zwar von Liebe auf dem ersten Blick, aber ob das auch gleich so
weit gehen kann? Ach man. Ich weiß nicht mal was mit mir los ist. Wie soll ich dann wissen, was in ihr vor geht? Diese Momente waren auf keinen Fall einseitig. War es wirklich Liebe oder war es nur Leidenschaft, die uns so derart außer Kontrolle gebracht hat?‘, beendet er seine Gedanken, lehnt sich an die Arbeitsplatte, stellt die Flasche starr auf den Tisch und betrachtet seine Hände. ‚Diese zarten Berührungen…ihre Wärme und ihre Bewegungen. Ich habe bisher nie so etwas gespürt. Alles fühlte sich so besonders und unwirklich an.‘
„Wo warst du? Du wolltest doch zum Abendessen da sein?“, wird er aus seinen Gedanken gerissen. Frau Hyuga steht in der Küchentür und hat ihn schon eine kurze Weile beobachtet. Sie machte sich Sorgen, weil er nicht zum Abendessen erschien. Das kennst sie überhaupt nicht von ihrem Großen. Es ist immer Verlass auf ihn und er ist stets pünktlich, wenn es um Absprachen geht.
‚Er sieht so nachdenklich aus. Das kenne ich gar nicht von ihm.‘
„Mutter, Guten Abend.“, entgegnet er überrascht und stellt sich gerade hin.
„Habe ich dich geweckt?“
„Nein. Ich habe auf dich gewartet.“ Sie setzt sich zu ihm.
„Sag, was hat dich aufgehalten? Es muss ja wichtiger als dein Leibgericht gewesen sein. Dein Handy gibt’s scheinbar auch nicht mehr. Du hättest dich wenigstens melden können.“, schmunzelt sie vorahnend.
„Ach Mutter. Tut mir leid. Ich habe jemandem einen kleinen Gefallen getan.“, erklärt er lächelnd und beruhigend.
‚Ob ich es ihr erzähle? Dass ich jemanden kennengelernt habe? Vielleicht ist es gut, früher habe ich ihr auch immer alles erzählt, wenn es mich beschäftigt hat. Alles, tatsächlich alles. Sie war und ist die beste Zuhörerin und Ratgeberin. Ohne ihr offenes Ohr wäre ich niemals so weit gekommen und hätte niemals erreicht was ich nun bin. Manchmal fehlt mir das sogar, seitdem ich so weit weg wohne.‘ „Wem hast du denn geholfen?“, hakt sie neugierig nach.
„Du kennst mich zu gut.“, grinst er.
„Ach Großer. Ich weiß, dass du kein Kind mehr bist. In deinem Alter hat dein Vater damals die Schlosserei übernommen und du hast angefangen zu sprechen. Es ist nur natürlich, wenn du dich mit Frauen verabredest. Du musst mir das nicht verheimlichen.“, grinst sie nur.
„Hm. Verabreden eher weniger…begegnen trifft es eher.“, lächelt er erleichtert, aber etwas zurückhaltend. Seine Mutter schaut verwundert.
„Was meinst du damit? Dann habt ihr euch heute erst kennengelernt?“, hinterfragt sie überrascht.
„Genau. Wir sind uns heute das erst Mal begegnet.“
„Das klingt doch nett. Was ist sie für eine Frau? Wie alt ist sie? Du weißt, du musst hier vorsichtig sein, im Gegensatz zu Italien wo man mit 18 als Erwachsener gilt, ist es hier immer noch erst ab 21. In deinem Alter als Mann ist es gerade schwierig.“ (Kurze Anmerkung: Als ich das damals vor 20 Jahre im Netz recherchiert habe, kam 21 heraus. Leider musste ich die Story dem anpassen und jetzt verschieb sich alles. Nicht wundern. Es war jedoch noch zu diesem Zeitpunkt 2005 offiziell ab 20.)
Er grinst und lacht verlegen.
„Keine Sorge, ich kenne unser Jugendschutzgesetz. Sie ist ein Jahr älter als ich.“
„Du musst meine Besorgnis verstehen. Immerhin bist du hier bei den Damen sehr beliebt. Viele sind deutlich jünger, was auch normal ist bei Mädchen.
Ich habe auch eher für die älteren reiferen Jungs und Männer geschwärmt. Naja. Erzähl weiter. Was macht sie? Wie heißt sie? Wie habt ihr euch kennengelernt? Jetzt bin ich neugierig, du hast mir so gut wie nie von deinen Bekanntschaften erzählt.“, schmunzelt sie, steht auf und geht ebenso an den Kühlschrank.
„Das klingt komisch, Mutter.
Naja. Nach dem Training fing es an zu regnen und ich hatte Durst und bin einfach ins nächste Lokal gegangen. Da landete ich dann bei ihr. Sie hat eine eigene Gaststätte.“
„Oh. Hut ab. Eine Selbständige in dieser schweren Zeit. War viel los bei ihr? In der Mittagszeit sind die Lokale ja immer alle voll.“
„Dienstags ist Ruhetag. Ich kann dir also nicht sagen wie angesagt es ist. Aber morgen ist eine große Privatfeier und daher hat sie schon einiges vorbereitet und ich habe trotzdem was zu Trinken bekommen.“ Er erinnert sich an die ersten Gespräche mit Tina. Wie freundlich sie ihn empfangen und bedient hat. Wie sie ihn anlächelte und ihn sogar dazu brachte zu erzählen wie seine Kindheit war.
Er hat ein smartes Lächeln aufgesetzt, als seine Mutter sich wieder zu ihm umdreht und ihr Glas mit Wasser füllt.
‚Er schaut nachdenklich aber glücklich. Es war wohl nicht nur eine einfache Begegnung. Vom Charakter her ist er wie sein Vater. Ganz genau wie er. Ob das auch für die Liebe gilt? Ist er auch so wie er? Etwas spontan und vorpreschend war er als Kind schon immer, in der Jugend auch.‘
„Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Du hast ihr also geholfen? So habe ich das nun verstanden. Wenn es nur ein kleiner unbedeutender Flirt gewesen wäre, würdest du mir nichts davon erzählen.“
Er ist verblüfft wie neugierig seine Mutter auf einmal ist. Normalerweise erzählt er ihr was und sie hört nur zu.
‚Mama, was ist denn mit dir los? Seit wann fragst du mich aus? Bist du so neugierig?‘, wundert er sich nur.
„Stimmt. Ich habe ihr geholfen.“, meint er nur kurz. Sie setzt sich wieder auf den Stuhl und betrachtet ihren Sohn.
‚Ich muss ihm ja echt alles aus der Nase ziehen. Gut, dann spiel ich das Spiel mal mit. Ich ahne da was.‘
„Und das Helfen hat fünf Stunden lang gedauert?“, fragt sie direkt. Das kennt er gar nicht von ihr. Seit wann stellt sie ihm unangenehme Fragen? Was soll er denn jetzt sagen? Dass sie nach der Arbeit unbeschreibliche Leidenschaften ausgetauscht haben? Wohl kaum.
„Wir haben uns auch gut unterhalten.“, äußert er verlegen.
‚Das klang jetzt aber nicht so überzeugend.‘
„Wie sieht sie aus? Und wie heißt sie? Habt ihr euch etwa über Fußball unterhalten?“, wundert sie sich eher.
„Bettina heißt sie. Aber alle nennen sie Tina. Sie hat lange, blonde, weiche Haare und…türkiesblaue Augen. Ein wunderschönes Lächeln und über Fußball…darüber haben wir gar nicht geredet.“
‚Ach Tina, du bist viel zu hübsch als dass ich dich einfach so kurz beschreiben kann.‘
Frau Hyuga ist erstaunt.
‚Weiche Haare? Interessante Beschreibung.‘
„Oh, keine Japanerin? Das ist interessant.“
„Ja, stimmt.“, grinst er und nimmt einen Schluck aus seinem Glas.
„Sie kam 1998 von Deutschland hier her. Ihre Eltern eröffneten dann das Restaurant, welches sie jetzt alleine weiterführt.“, erzählt er einerseits begeistert und andererseits mit einem trüben Unterton.
„Oh. Was ist mit ihren Eltern? Wieso führt sie das alleine?“, vermutet sie nichts Gutes.
„Das Gleiche wie mit Papa. Sie sind aber erst vor zwei Jahren tödlich mit dem Auto verunglückt.“, erzählt er mitfühlend. Jetzt geht ihr ein Licht auf. Natürlich sind solche Schicksalsschläge guter intensiver Gesprächsstoff, wenn man sich in den anderen hineinversetzen kann.
„Das ist furchtbar. Das ist noch nicht lange her. Und dann gleich beide.“, stimmt es sie jetzt traurig und ihre Neugier hat sich ein wenig gedämpft.
„Das stimmt. Ich habe jedoch das Gefühl, dass sie der Tod ihres älteren Bruders viel mehr mitnimmt. Mir das zu erzählen, fiel ihr deutlich schwerer. Er ist noch in Deutschland gestorben, aber wieso, das wollte sie mir nicht erzählen. Vielleicht später.“, versucht er sachlich zu bleiben und erzählt ihr was er weiß.
‚Kojiro. Das ist ja auch furchtbar. Die Arme.‘
„Und nun ist sie ganz alleine hiergeblieben? Wieso ist sie dann ohne ihre Eltern trotzdem noch hier? Wollte sie nicht zu ihrer Familie zurück?“
‚Hm. Stimmt. Was außer der Gaststätte hält sie hier fest? Will sie hier bleiben für immer? Oder will sie irgendwann zurück in ihre Heimat? Naja, vielleicht ergibt sich das ja noch, dass ich das erfahre. Soviel haben wir uns ja nun auch wieder nicht unterhalten.
Am ersten Tag. Ach Tina, was ist da heute nur mit uns passiert? Was ist mit mir nur passiert? Du hast mich so in deinen Bann gezogen, dass ich dir nicht widerstehen konnte.‘
„Kojiro…hörst du mir zu?“, spricht seine Mutter ihn nochmal an.
‚Er träumt hier vor sich hin. Nanu.‘
„Du schaust so nachdenklich. Was beschäftigt dich so sehr? Das wird es doch nicht sein, oder?“, wiederholt sie ihre Frage.
„Ach, das ist zu dumm.
Sie weiß nicht wer ich bin.“
„Wie kann das sein? Du stehst doch schon recht gut im öffentlichen Leben. Wie kann sie dich da nicht erkennen? Natürlich gehen Sportler unter den ganzen Pop-Diven in den Medien unter, aber deine Werbung läuft sogar noch. Jedes Mal, wenn ich sie sehe genieße ich es, dass wir dieses schöne Traumhaus haben, welches du mit dieser Werbeeinnahme finanziert hast. Du hast damit die Schulden deines Vaters bezahlt und uns dieses Haus nach unseren Wünschen bauen lassen. Das ist noch immer so unwirklich. Aber deswegen wundere ich mich.“
„Das stimmt. Das wundere ich mich auch. Aber…“ Er unterbricht kurz und atmet tief durch.
„…ich habe eine Vermutung. Ihr Bruder war Fußballer. Das habe ich auf dem Familienfoto gesehen. Eventuell vermeidet sie daran erinnert zu werden. Aber warum, keine Ahnung.“
„Hm, das kann sein. Und worin liegt jetzt das Problem? Du scheinst so besorgt.“
„Ich…habe sie belogen.“, spricht er leise aus und seufzt.
„Womit?“, versteht sie gerade nicht.
„Als wir uns zu Beginn unterhalten haben, fragte sie plötzlich wo ich bei so einem Wetter herkomme. Da sagte ich vom Training. Dann fragte sie nach der Sportart. Wenn sie nicht den Nebenbemerk dazu gemacht hätte „Aber nicht Fußball, oder?“ hätte ich sicher die Wahrheit gesagt. Stattdessen fiel mir nur Baseball ein. Sie denkt also, ich sei Baseballspieler.“ Seine Mutter steht auf und legt ihre Hand auf seine.
„Du hattest Angst, sie würde dich abweisen?“ Er nickt.
„Darf ich dich was sehr persönliches fragen?“, versucht sie sanft mehr zu erfahren.
„Ja, klar.“, antwortet er ohne zu ahnen was sie fragen möchte.
„Wie nah seid ihr euch gekommen?“, wirft sie behutsam in den Raum. Kojiro zuckt zusammen. Ihm fällt beinahe das Glas aus der Hand.
„Mama!“, kann er nur verblüfft und überrascht ausstoßen. Er sieht sie verdutzt an. ‚Wieso fragt sie das? Hat sie es bemerkt? Verhalte ich mich so anders?‘
„Ich spüre, dass ihr euch nicht nur unterhalten habt.“, ergänzt sie verständnisvoll.
„Ich will keine Details wissen, aber seid ihr euch sehr nahegekommen? So nahe, wie man sich nur kommen kann?“, umschreibt sie es liebevoll.
‚Sie kennt mich zu gut. Aber wieso hat sie sowas geahnt? Ich bin kein Typ für One-Night-Stands und das weiß sie auch. Ich lasse mich nur mit Frauen ein mit denen ich auch eine gewisse Zeit verbringe bzw. verbracht habe. Sowas wie heute…das gab es noch nie.‘ Er senkt den Blick und bestätigt.
„Du hast Recht. Das ist eigentlich gar nicht meine Art.“ Sie atmet tief durch.
„Hast du das Gefühl, bei ihr ist es auch so? Also nicht ihre Art?“
„So sagte sie, ja. Sie sprach von Liebe auf den ersten Blick, aber…ich weiß es nicht. Es ist einfach passiert. Sie…ist so liebevoll…und…so schön.“, rollt er plötzlich mit den Augen.
„Dann bist du deinem Vater ähnlicher als du denkst. Er war genauso.“, schmunzelt sie verlegen.
Kojiro blickt auf und schaut in ihre Augen.
„Mutter, was meinst du denn damit?“
„Habe ich dir jemals erzählt wie ich deinen Vater kennengelernt habe?“, beginnt sie.
„Nein. Nicht wirklich.“
„Du weißt doch, dass ich vor deiner Geburt professionelle Tänzerin war. Ich bin in Opern und Musicals aufgetreten.“
„Ja, genau. Deine Aufnahmen haben wir als Kinder gerne gesehen. Du warst sehr leidenschaftlich. Und erfolgreich.“
„Naja, ich stand damals tatsächlich vor meinem größten Debut. Dann kam dein Vater ins Spiel. Er war damals noch als Schreiner für das neue Bühnenbild zuständig. Die Schlosserausbildung kam erst später. An seinem ersten Tag musste ich ihn herumführen und alles zeigen und erklären was ich für meinen Auftritt benötige. Wir haben angenehme Gespräche geführt und so nach und nach hatte ich immer mehr ein seltsames Gefühl. Ein Angenehmes Gefühl. Ich wollte nicht, dass er einfach wieder geht und sich dann nur noch in seiner Werkstatt verkriecht. Ihm schien es aber auch so zu gehen. Sogar er brachte tolle kreative Ideen ein. Und dann plötzlich standen wir ganz alleine als Letzte hinter dem Bühnenvorhang. Alle waren schon gegangen.“ Sie hält inne und atmet tief durch. ‚Was erzählt sie mir denn da nur? Das ist ja wirklich wie bei uns‘
„Dann passierte es. Wir konnten uns nicht mehr nur ansehen und …es war das Schönste Gefühl, was ich je empfunden habe. Und es verging auch all die Jahre nie.“
Kojiro ist etwas verunsichert.
„Wieso erzählst du mir das jetzt?“
„Ganz einfach. Wenn diese Frau von heute dasselbe empfunden hat wie ich damals und du das gleiche wie dein Vater, könnte ja sein, dann sieh zu, dass du dein Geheimnis nicht zu lange verbirgst. Dann kann sie dir sicher trotzdem verzeihen.“
„Ich verstehe. Deswegen hast du nie jemand neues gehabt. Du hast so etwas nie wieder erlebt.“, glaubt er. Sie nickt und steht auf.
„Gute Nacht Mutter. Danke für deine Hilfe.“ Er gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und umarmt sie liebevoll.
„Was würde ich nur ohne dich tun?“, flüstert er ihr zu.
‚Komisch. Ich habe Mutter schon Ewigkeiten nicht mehr so umarmt. Sie war immer der wichtigste Mensch in meinem Leben. Als Vater starb nahm ich ihr jegliche Arbeit ab und half ihr wo ich konnte. Ich war auch der Einzige, der sie tröstete, wenn sie plötzlich weinte.
Doch plötzlich ist alles anders. Dass sie mir sowas intimes erzählt. Das hätte ich nicht erwartet. Aber noch weniger, dass meine Eltern so eine Begegnung hatten. Jetzt verstehe ich auch, warum meine Mutter keinerlei Unterstützung von ihren Eltern bekommen hat. Als Kind habe ich das schon irgendwie gespürt. Und dann als Vater starb, fiel es richtig auf. Nicht ein klein Wenig wurde sie unterstützt. Ich kenne niemanden von ihrer Seite, nicht einmal ihre Namen. Sie war noch so jung und dann schon ein Kind und ihre Karriere als Tänzerin war dahin. Die Ausbildung war sehr teuer und ihre Eltern haben es ihr nie verziehen, dass sie einen anderen Weg einschlug, nicht schon so früh. Und minderjährig war sie damals auch. Natürlich hätte sie jobben können, aber nicht auf so vornehmen Bühnen. Und dann 4 Kinder und ohne Mann, welcher ihr ein Haufen Schulden durch das gerade erst geöffnete Geschäft hinterlassen hatte. Das konnte nur in Armut enden.
Aber…so soll es später meiner Familie nicht gehen. Ich lege immer eine passende Summe zur Seite, die ich für irgendwas investiere. So kann auch mal bei einer Pleite oder Krise ausgeglichen werden.‘
Dann folgt er ihr in die obere Etage und geht in sein Schlafzimmer, holt seine Nachtwäsche und geht gegenüber ins Bad duschen.
ERGÄNZUNG zu den Änderungen im Kapitel:
Im Text wurde Folgendes angepasst oder etwas im Inhalt verändert:
1.
‚Bitte geh nicht. Ich wünschte, du würdest mich nochmal berühren. Ich muss wissen ob das jetzt was Ernstes ist. Es gibt viel zu extreme Gefühle in mir. Dieses Verlangen nach deiner Nähe hört trotz dieser unbeschreiblich starken Ereignisse nicht auf.
Ich fühlte so viel, ich fühle noch so viel…und doch zu wenig.‘ (dieser Gedanke kam dazu.)
„Ähm...danke, Kojiro.“, bekommt sie nur über die Lippen. Verblüfft schaut er sie an.
2.
„Das klingt doch nett. Was ist sie für eine Frau? Wie alt ist sie? Du weißt, du musst hier vorsichtig sein, im Gegensatz zu Italien wo man mit 18 als Erwachsener gilt, ist es hier immer noch erst ab 21. In deinem Alter als Mann ist es gerade schwierig.“
(Kurze Anmerkung: Als ich das damals vor 20 Jahre im Netz recherchiert habe, kam 21 heraus. Leider musste ich die Story dem anpassen und jetzt verschieb sich alles. Nicht wundern. Es war jedoch noch zu diesem Zeitpunkt 2005 offiziell ab 20.)
Er grinst und lacht verlegen.
(Neu ist der Hinweis zur Volljährigkeit.)
3.
„Hast du das Gefühl, bei ihr ist es auch so? Also nicht ihre Art?“
„So sagte sie, ja. Sie sprach von Liebe auf den ersten Blick, aber…ich weiß es nicht. Es ist einfach passiert. Sie…ist so liebevoll…und…so schön.“, rollt er plötzlich mit den Augen. (Neu ist sein letzter Gedanke.)
„Dann bist du deinem Vater ähnlicher als du denkst. Er war genauso.“, schmunzelt sie verlegen.
4.
Als Kind habe ich das schon irgendwie gespürt. Und dann als Vater starb, fiel es richtig auf. Nicht ein klein Wenig wurde sie unterstützt. Ich kenne niemanden von ihrer Seite, nicht einmal ihre Namen. Sie war noch so jung und dann schon ein Kind und ihre Karriere als Tänzerin war dahin. Die Ausbildung war sehr teuer und ihre Eltern haben es ihr nie verziehen, dass sie einen anderen Weg einschlug, nicht schon so früh. Und minderjährig war sie damals auch. Natürlich hätte sie jobben können, aber nicht auf so vornehmen Bühnen.
Und dann 4 Kinder und ohne Mann, welcher ihr ein Haufen Schulden durch das gerade erst geöffnete Geschäft hinterlassen hatte. Das konnte nur in Armut enden.
Aber…so soll es später meiner Familie nicht gehen. Ich lege immer eine passende Summe zur Seite, die ich für irgendwas investiere. So kann auch mal bei einer Pleite oder Krise ausgeglichen werden.‘
(Angepasst wurde: Ich kenne niemanden von ihrer Seite....und der letzte Satz.
Tinas Angst 2026 (kleine Anpassungen)
6.Kapitel
Tinas Wut
Nachdenklich sitzt Tina am Tisch und trinkt eine Heiße Schokolade mit Sahne. ‚Nun ist er weg. Wie wird es jetzt weitergehen? Was wird morgen sein? Hm. Morgen. Ich denke schon an morgen, dabei liegt mir der heutige Tag genug im Magen. Wie konnte das alles nur so weit kommen? Kann ich morgen überhaupt richtig arbeiten, wenn er in der Küche steht und ich ihn so oft sehen muss? Ich hätte mir das vielleicht nochmal anders überlegen sollen. Jetzt kann ich auch nicht
mehr zurück. Ich habe so ein komisches Gefühl, wenn ich ihn für Geld arbeiten lasse. Und das nach diesen unglaublichen Stunden.‘ Sie legt ihren Kopf auf den Tisch.
‚Oh mein Gott. Was war nur los? Warum habe ich das getan? Wir kennen uns doch gar nicht richtig. Und ich wollte mich doch nie wieder einfach auf jemanden einlassen? Aber...hm...es war...so...so...anders. Ja...wesentlich anders. Ganz anders...viel schöner. Ich kann es ja jetzt noch fühlen. Warum? Warum vor allem…hatte ich das Gefühl…ihn nicht loslassen zu wollen? Was ist nur in mich gefahren?‘
Bald steht sie auf, räumt den Tisch ab, räumt den Wäscheraum auf und verlässt das Lokal. Sie schließt die Tür und aktiviert die Alarmanlage. Dann steigt sie in die nächste U-Bahn. Mit den Gedanken noch bei Kojiro setzt sie sich zwischen einen alten Mann und einer jungen Frau auf die Bank. Verträumt blickt sie aus dem Fenster ihr gegenüber. Nach der dritten Station steigt ein großer junger Japaner ein. Er trägt ein Basecap und einen Trainingsanzug mit dem Logo der Japanischen Nationalflagge darauf. Ebenfalls im Gedanken versunken stellt er sich direkt ans Fenster, aus dem Tina schaut.
‚Man. Ich bin erledigt. Warum habe ich seine Bälle heute nicht halten können? Das gelingt mir doch sonst so gut. Ich werde doch schon deutlich besser. Das Training mit ihm fehlt mir eindeutig. Irgendetwas liegt in der Luft. Ich wüsste nur zu gerne was das ist.‘
‚Gemein. Muss sich der Kerl ausgerechnet vor mein Fenster stellen? Komisch. Er
erinnert mich an Kojiro. Er hat fast die gleiche Statur, ähnlich groß und so lange Haare.‘ Sie beobachtet ihn, wie er sich an die Wand lehnt und aus dem Fenster sieht.
Nach einer kurzen Weile bemerkt sie zwei Oberschülerinnen, die sich leise aber aufgeregt unterhalten. Sie könnten etwa 18 oder 19 Jahre alt sein.
„Natürlich ist er das. Da bin ich mir sicher.“
„Ach was. Das ist garantiert der Keeper. Auf den stehst du doch am meisten, oder?“
‚Wovon reden die? Um wen geht’s überhaupt? Wer soll Keeper sein?‘, wundert sich Tina und betrachtet die beiden, wie sie jeder eine Federtasche aus der Schulmappe nehmen und einen Filzstift parat halten. Etwas schüchtern gehen sie
auf den jungen Mann mit Basecap zu. Verlegen bleiben sie vor ihm stehen und sehen ihn an.
‚Oh, schon wieder. Ich muss meine U-Bahnlinie umdenken oder doch selbst fahren.‘, geht ihm durch den Kopf.
„Ähm...bist du zufällig der Torwart der Fußballnationalmannschaft, Ken
Wakashimazu?“, beginnt die mutigste der beiden.
„Ja, der bin ich. Wollt ihr ein Autogramm?“, entgegnet er freundlich.
‚Hm...war ich auch mal so in diesem Alter? In ihrem Alter liebte ich Fußball über alles. Und ganz besonders Karl-Heinz Schneider. Na ja, seit Stephans Tod habe ich ihn nicht mehr gesehen. Wie es ihm wohl jetzt gerade geht?‘, geht durch Tinas Kopf. Ken unterschreibt auf den Taschen und verabschiedet die Mädchen wieder.
Nächste Station steigen sie aus, aber vorher stecken sie ihm noch einen Zettel mit ihren Telefonnummern zu.
„Melde dich doch mal, wenn du möchtest.“, meinten sie nur. Noch immer hält er den Zettel in der Hand.
‚Was soll ich damit? Was denken sich diese Mädchen dabei? Einem wildfremden Kerl ihre Nummer geben. Man soll mich mögen wie ich bin, nicht nur wer ich bin. Und zu jung waren sie sowieso für mich.‘, schaut er ernst, zerknüllt den Zettel und wirft ihn in den Papierkorb neben sich.
„Typisch Idiot.“, äußert Tina plötzlich mit dem Blick zum Boden. Erstaunt blickt er sie an.
‚War das die Blondine? Warum beleidigt sie mich? Habe ich ihr was getan?‘ Er geht langsam auf sie zu und bleibt vor ihr stehen.
„Warum sagst du so was?“, spricht er sie ruhig an.
„Weil es stimmt. Warum hast du die Nummern weggeschmissen?“, entgegnet sie ernst und verständnislos.
„Sag mal, wie redest du mit mir?“
‚Wieso ist sie so frech?‘
‚Die ist aber frech. Eine Japanerin würde sich das nicht wagen.‘, geht durch
die Köpfe vieler Männer in der Bahn, die das Schauspiel beobachten.
„Ich habe einen Mund, also kann ich reden wie ich will.“, antwortet sie frech. „Lassen Sie sich das nicht von dieser Ausländerin gefallen, junger Mann!“, meint ein älterer Mann überzeugt zu ihm. Tina steht auf.
„Ist schon gut, geehrter Herr. Das ist nicht gegen Sie gerichtet. Ich hatte nicht die Absicht Sie oder andere Personen hier zu beleidigen. Bitte entschuldigen Sie.“
‚Er hat ja Recht, was mache ich hier überhaupt? Ich hatte so einen tollen Tag und falle trotzdem in alte Muster zurück. Das muss aufhören. Was soll Kojiro von mir halten, wenn ich immer so aggressiv auf manche Leute reagiere, besonders auf Fußballer? Dieser Keeper kann ja auch nichts dafür was passiert ist.‘
Sie verbeugt sich respektvoll vor dem alten Mann und schlägt die Richtung zu einem anderen Platz ein.
„Warum entschuldigen Sie sich bei mir? Das sollten Sie bei dem jungen Mann machen!“, belehrt er sie ernst. Sie wirft Wakashimazu einen respektlosen Blick zu und antwortet ernst aber freundlich.
„Weil ich bis auf eine Hand voll Fußballern keinen Respekt mehr erweise. Tut mir leid. Einen guten Abend noch.“, entgegnet sie und entfernt sich von ihnen. Sie setzt sich ganz nach vorne, diesmal mit dem Rücken zu ihnen.
„Das lassen Sie sich gefallen?“, murrt der Alte weiter.
„Ist nicht so schlimm. Wenn sie sich jetzt besser fühlt? Es muss ja nicht jeder Fußballer mögen.“ Ken blickt in ihre Richtung und betrachtet ihren Hinterkopf. „Komische Frau.“, meint er leise.
‚Was meint sie mit „außer eine Hand voll Fußballern“? Es gibt also welche, die sie mag. Und wieso kommt sie mir etwas bekannt vor?‘, schwirrt ihm durch den Kopf.
‚Vielleicht hätte ich meine Klappe halten sollen. So ein unsinniger Streit aber auch. Ich weiß auch nicht. Jedes Mal, wenn ich einem Fußballer begegne kriege ich Wutanfälle oder muss weggehen. Kann das nicht mal irgendwann aufhören?
Ach Kojiro, könntest du nicht jetzt bei mir sein und mein Temperament zügeln? Wenn es jemand schafft, dann vielleicht du?
Deine Nähe macht mich stark und ich vergesse was passiert ist. Nicht einen einzigen Gedanken hatte ich an damals, seitdem du mich das erste Mal geküsst hast. Warum nur?‘ Plötzlich erscheint ihr gedanklich Kojiros Lächeln, als er aus seiner Kindheit erzählte. Wie stolz er sich für seine Familie aufgeopfert hat. Er hat auf so viel Kindliches verzichtet, damit man seinen Geschwistern ihre Armut nicht ansieht.
Instinktiv berührt sie ihre Lippen und kann seine Küsse spüren, die sie alles Schreckliche vergessen lassen.
‚Er ist so leidenschaftlich und liebevoll, so sanft und geheimnisvoll zugleich. Bitte sei jetzt bei mir!‘, ist sie in Erinnerungen vertieft.
Tina starrt nachdenklich in die Dunkelheit des Abends. Dann schaut sie auf die Uhr, welche Punkt 23:00 Uhr anzeigt. Station für Station bleibt sie nur stumm und reglos auf ihrem Platz sitzen.
‚Ob er noch da ist? Vielleicht sollte ich die Sache bereinigen und mich entschuldigen? Vielleicht ist er ja schon ausgestiegen? Irgendwie tut er mir leid. Aber ich könnte mich niemals bei ihm entschuldigen. Nein. Nicht bei dem Gedanken daran, dass Fußballfans meinen Bruder brutal zusammengeschlagen haben und er dann im Krankenhaus an seinen Verletzungen erlag.‘ Sie kämpft mit ihren Tränen, die zu kommen scheinen.
‚Nein, ich darf jetzt nicht daran denken! Damit muss Schluss sein.‘ Dann schließt sie die Augen, nimmt die Füße achtlos auf die gegenüberliegende Bank und vergräbt ihr Gesicht zwischen Armen und Knien.
‚Ich muss an etwas Schönes denken. Heute, ja an heute. Die Begegnung mit Kojiro. Er ist so nett und hilfsbereit. Seine Augen gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Diese Berührungen, sein Geruch, diese vertraute Geborgenheit, seine Wärme…nichts...aber auch gar nichts davon habe ich je bei einem anderen Mann gleichzeitig gefühlt. Oder vielleicht doch? Bei Charly? War es bei Charly damals auch so? Nein. Bei ihm war es anders. Auch schön, aber ganz anders. Zu jung waren wir sowieso.
Kojiro war so lieb und zärtlich zu mir und trotzdem hatte er dieses Glänzen in den Augen. So ein Glänzen, das mir sagt, er sei ein Mensch, der genau weiß was er will und immer alles tun würde, um sein Ziel zu erreichen. Dieses Glänzen in den Augen habe ich bis jetzt erst ein einziges Mal gesehen. Bei Charly.
Ich frage mich nur, ob das heute eine einmalige Sache war, oder nicht. Was muss er von mir denken? Wenn sich eine Frau nach so kurzer Zeit von ihm verführen lässt? War das überhaupt Verführung? Ist es wirklich Liebe auf den ersten Blick? Mein Herz wäre beinahe zersprungen. War es einfach nur Leidenschaft? Alleine wenn ich mir vorstelle, er würde jetzt bei mir sein und meine Hand halten, es würde mir genauso ergehen wie beim letzten Mal. NEIN! Wie beim ersten Mal! Das ERSTE MAL mit IHM! Mein Herz fängt nur bei diesem Gedanken, er könne mir in die Augen sehen, schneller zu schlagen an.
Was denke ich da überhaupt? Ich fliehe vor der Realität. Das darf ich nicht. Wenn ich vorankommen und ein Restaurant leiten will, darf ich nicht träumen. Aber ich bin jetzt nicht auf Arbeit. Ich fahre nur nach Hause. Warum muss ich auch so weit weg wohnen? Tokio ist so riesig. Man kann es nicht mit Rostock oder Hamburg vergleichen. Ach ja Rostock. Eine schöne Zeit eigentlich.‘
Überarbeitet:
Hier die Textausschnitte, die sich geändert haben. Treue Leser können gerne schauen, aber so groß handlungsrelevant ist es nicht. Eher Kleinigkeiten und auch Korrekturen. (In Klammern steht der geänderte Teil des Ausschnittes.)
1.
Aber...hm...es war...so...so...anders. Ja...wesentlich anders. Ganz anders...(viel schöner). Ich kann es ja jetzt noch fühlen. Warum? (Warum vor allem…hatte ich das Gefühl…ihn nicht loslassen zu wollen? Was ist nur in mich gefahren?)‘
2. Altersbenennung der Mädchen:
Nach einer kurzen Weile bemerkt sie zwei (Oberschülerinnen), die sich leise aber aufgeregt unterhalten. (Sie könnten etwa 18 oder 19 Jahre alt sein.)
3.
‚Was meint sie mit „außer eine Hand voll Fußballern“? Es gibt also welche, die sie mag. (Und wieso kommt sie mir etwas bekannt vor?‘), schwirrt ihm durch den Kopf.
4.
Jedes Mal, wenn ich einem Fußballer begegne kriege ich Wutanfälle (oder muss weggehen. Kann das nicht mal irgendwann aufhören? )
Ach Kojiro, könntest du nicht jetzt bei mir sein und mein Temperament zügeln? Wenn es jemand schafft, dann (vielleicht) du?
Deine Nähe macht mich stark und ich vergesse was passiert ist. (Nicht einen einzigen Gedanken hatte ich an damals, seitdem du mich das erste Mal geküsst hast. Warum nur?‘ )
5.
Nicht bei dem Gedanken daran, dass (Fußballfans) meinen Bruder brutal zusammengeschlagen haben und er dann im Krankenhaus an seinen Verletzungen erlag.‘ Sie kämpft mit ihren Tränen, die zu kommen scheinen.
‚Nein, ich darf jetzt nicht daran denken! (Damit muss Schluss sein.)‘
6.
Ich fliehe vor der Realität. Das darf ich nicht. Wenn ich (vorankommen und )ein Restaurant leiten will, darf ich nicht träumen. Aber ich bin jetzt nicht auf Arbeit.
Erinnerung 1 (06.05.2026 Anpassungen am Ende)
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
5 Uhr in der Früh bei Familie Hyuga (06.05.2026 Änderung am Ende)
Kapitel 8
5 Uhr in der Früh bei Familie Hyuga
Vor ihrem Futon bleibt er stehen und sieht in ihr zufriedenes Gesicht. Er beugt
sich zu ihr runter und berührt sanft ihre Wange.
„Guten Morgen Mutter. Es ist halb sechs, du musst doch aufstehen.“ Sie öffnet ihre Augen.
„Oh, guten Morgen Kojiro. Pünktlich wie immer. Es hat sich nichts geändert.“, entgegnet sie freundlich aber verschlafen.
„Eigentlich nicht.“ Er richtet sich auf und hilft ihr aufzustehen.
„Der Wecker war heut schneller.“, lächelt er, verlässt das Zimmer und geht zu seiner kleinen Schwester gegenüber.
‚Den muss es ganz schön doll erwischt haben. Sonst ist er doch schon um vier Uhr wach und bereits eine Runde gelaufen. Ich möchte zu gerne wissen was das
für eine Frau ist, die es schafft seinen Tagesablauf dermaßen durcheinander zu bringen.‘, grübelt Frau Hyuga. Kojiro schiebt die Gardine zur Seite und öffnet das Fenster. Frische Morgenluft und zwitschernde Vögel lassen das Mädchen wecken.
„Guten Morgen, Naoko. Hast du auch gut geschlafen?“, entgegnet er ihr lächelnd. Gähnend blickt sie ihren großen Bruder an.
„Morgen...ich will noch gar nicht aufstehen. Wir haben frei und ich kann ausschlafen.“, murmelt sie und dreht sich wieder zur anderen Seite.
„Keine Ausrede. Soll Mama alleine frühstücken? Du weißt, ich dulde das nicht.“, wirkt er ernst aber humorvoll. Somit schnappt er sich ihre Decke und zieht sie ihr weg.
„Du bist gemein, Kojiro!!“, faucht sie ihn an und steht auf, um nach der Decke zu greifen.
„Gib sie mir wieder. Ich mag das nicht und ein kleines Kind bin ich auch nicht mehr!“ Kojiro lässt die Decke schmunzelnd los und verschwindet auf den Flur. „Seit Tagen bist du so zickig. Früher hat dich das nie gestört.“, meint er beleidigt und weckt seine Brüder auf die gleiche Weise.
„Früher sind vier Jahre her!“, schnauzt sie zurück. Ken steht ohne zu murren auf. „Kaiichi aufwachen. Die Sonne lacht, das Training ruft.“ Kojiro geht auf sein Bett zu und beginnt ihn zu kitzeln. Lachend und krümmend steht er schweren Herzens auf.
„Du machst immer noch einen auf Vaterrolle. Du wirst dich wohl nie ändern, was großer Bruder?“, mault er spaßig.
„Tja, so etwas steht in den Sternen.“, lacht er nachdenklich.
Als Kaiichi an Kojiro vorbei gehen will, berührt Kojiro plötzlich seinen Kopf. „Weißt du, vieles wird sich ändern. Du hast dich auch verändert seit ich weg bin.“ Verwundert blickt er seinen großen Bruder an.
‚Er war zwar schon immer wie ein Vater zu mir, aber heute ist er komisch.‘, geht dem Jungen durch den Kopf.
„In wie fern habe ich mich verändert?“, hinterfragt dieser.
„Du bist etwas reifer und erwachsener geworden.“, erklärt er dem dreizehnjährigen.
„Dann muss ich ja mit meinen sechzehn Jahren schon ein richtiger Mann sein.“, schmunzelt der Zweitälteste.
„Wie?“, reagiert Kojiro und sieht Ken verdutzt an.
„Hm. Ich glaube das hat noch etwas Zeit.“, antwortet er lachend.
„Wieso? Wann ist man denn ein Mann? Du bist doch schon ein Mann, aber seit
wann?“ Der Kleine schlängelt sich an den beiden vorbei und geht zum Bad. Kojiro geht zu Ken ins Zimmer rüber und sieht nachdenklich aus dem Fenster.
„Ich denke, ein Mann ist man dann, wenn man eine eigene Familie hat. Frau und
Kinder, verstehst du?“
‚Oh man, was rede ich da überhaupt? Ich bin doch sonst nicht so sentimental. Wobei, versteht er überhaupt was ich damit meine?‘
„Ist das echt so? Ich dachte ein Mann wird man dann, wenn man mit einem Mädchen geschlafen hat.“, nimmt Ken kein Blatt vor den Mund. Verdutzt sieht Kojiro in die schwarzen Augen seines Bruders.
„Du redest ja einen Unsinn.“ Er geht zum Fenster, stützt sich auf das Fensterbrett und blickt direkt in die Sonne.
„Du weißt doch überhaupt nicht was das heißt.“, erinnert er sich plötzlich an den gestrigen Abend.
‚Komisch. Tina, was ist das? Plötzlich sieht die Welt so fremd aus. Ich bemerke plötzlich wie sich die Menschen um mich herum verändert haben. Es ist mir vorher gar nicht aufgefallen. Ich bin seit zwei Tagen wieder in Tokio und mir fällt das alles erst jetzt auf. Meine Geschwister sind reifer geworden. Wie kommt das? Ich war doch Weihnachten auch da.‘
„Hey, Kojiro, träumst du?“
„Wie?“, wird er aus seinen Gedanken gerissen.
„Ich habe dich gerade gefragt wie dein Erstes Mal gewesen ist. Du wirst doch wohl schon mal mit einem Mädchen geschlafen haben?“, spricht er ernst aber schelmisch. Kojiro richtet seinen Blick zu seinem Bruder.
„Wie kommst du jetzt auf so eine Frage?“
„Sag’ jetzt nicht du bist noch Jungfrau. Man, du musst doch der totale Weiberheld sein. Was meinst du warum die Mädchen aus meiner Schule alle mit mir gehen wollen...nur weil du mein Bruder bist.“, erklärt er ernst und schmeißt sich aufs Bett.
„Wie bitte?!“, ist er total von den Socken.
„Und stell dir vor, einige sind sogar so naiv und geben mir Liebesbriefe mit, die ich an dich weiterleiten soll.“ Kojiro blickt verdutzt.
„Echt? Ich habe nie so einen Brief gesehen.“
„Ja, weil ich sie gleich in den Müll werfe!“, ist er entschlossen. Jetzt lehnt Kojiro am Fensterbrett und sieht zu Ken.
„Warum machst du das? Wieso gibst du sie mir nicht?“
„Ich würde sie an deiner Stelle nicht lesen.“ Er stützt sich auf seinen Knien auf. „Warum?“, wundert sich der große Bruder.
„Ich würde keine Freundin haben wollen, die mich nur mag, weil ich berühmt und gutaussehend bin. So etwas kann man keine Liebe nennen. Ich möchte eine Freundin haben, die mich so mag wie ich bin und nicht wer ich bin. Und über einen doofen Brief möchte ich ganz sicher keinen Kontakt mit ihr eingehen. Oder siehst du das anders?“ Kojiro schweigt einen Moment.
„Nein. Du hast Recht. Obwohl du noch so jung bist verstehst du solche Dinge bereits. Abgesehen davon, dass deine Schulkameradinnen zu jung sind, hast du Recht. Ich muss dir ehrlich sagen, ich persönlich habe das erst sehr spät begriffen. Begriffen, was ich wirklich möchte und suche. Zumindest, was Frauen betrifft. Abgesehen davon hatte ich in deinem Alter kaum Interesse daran. Ich war nur mit meinem Training und der Arbeit beschäftigt. Die Mädels gingen mir eher auf die Nerven, als dass ich da Interesse an jemanden hatte. Vielleicht war das auch der Fehler, weswegen ich dann später bei Frauen nie ins Schwarze traf. Keine Ahnung.
Abgesehen davon, konnte ich wenigstens meine Erfahrungen sammeln. Das ist auch viel wert. Meinst du nicht?
Aber, betrachte diese Briefe nicht alle als Liebesbriefe, nur weil sie von Frauen kommen. Der größte Teil ist normale Fanpost, worin geschrieben steht, was die Leute an einem mögen. Oft stehen auch Tipps drin, eine Zeichnung oder ganz was anderes. Ich werde auch hin und wieder um Rat gefragt.
Ich habe anfangs genauso gedacht wie du. Bis ich doch mal einen Brief öffnete, von einer Frau die ich nie gesehen hatte. Sie bat mich um Hilfe.“
Ken schaut ihn verwundert an.
„Wie? Um welche Hilfe?“
„Ja. Es war eine Frau von einem Fan. Sie berichtete, dass er sie misshandele und sie zu niemanden gehen könne, um sich Hilfe zu suchen. Mir schreiben sogar Jungs wie du oder Männer, die eigentlich Männer mögen. Auch diese bitten meist nur um Rat. Oder fragen, wie ich mit der Situation umgehe, dass ich Fans habe und wiederum Leute mich absolut nicht mögen und in der Presse schlecht reden. Seitdem werden alle Briefe oder Mails etc. gelesen. Damit die Hilferufe dazwischen gehört werden.“ Ken schaut sehr verwundert.
„Wow. Wie schaffst du das alles? Und was ist mit der Frau dann passiert? Konntest du was tun?“ Kojiro grinst.
„Ich habe keine Zeit für so viel Post. Ich habe seit diesem Vorfall ein Team organisiert, welches sich direkt darum kümmert. Wenn es sehr wichtige Dinge gibt, dann werde ich auch informiert bzw. lese die Briefe mal persönlich, um sie zu beantworten. Aber das meiste machen die.
Und die Frau…ja, da hat sich dann jemand Bekanntes drum gekümmert. Ein Anwalt aus meinem Bekanntenkreis, dem ich vertraue.“
„Und was wollten die Männer von dir? Über die Presse wissen die doch, dass du hetero bist.“ Wieder schmunzelt sein großer Bruder.
„Naja. Du musst wissen, dass auch solche Leute Fragen haben. Die meisten wollten nur wissen ob ich ein Problem mit ihnen hätte. Leider ist es gerade auch in Europa und Italien so, dass Fußball und ihre Fans einige Menschen unter sich haben, die homophob sind. Und wehe ein Kamerad von mir wäre schwul. Das wäre sein Untergang. Ich werde daran nichts ändern können, aber in einem Interview habe ich mal lauten lassen, dass mich das überhaupt nicht interessiert. Ich brauche Leute an meiner Seite, die zuverlässig sind und mit denen man gut spielen kann.
Natürlich wäre es seltsam, wenn man das über jemanden wissen würde, aber letztendlich ist es doch egal.
Tja, und die Mädels wollen nur etwas von dir, weil du mein Bruder bist?“
„Die denken, ich sei ein Casanova, das nervt.“
„Verstehe. Mädchen sind manchmal komisch. Aber so ähnlich haben sie damals
auch über mich getuschelt. Dabei war ich überhaupt nicht der Typ, der sich mit Mädchen eingelassen hat. Das wussten sie alle an meiner Schule genau. Ich wies
jede von mir, wenn sie mich fragten, ob ich mit ihnen gehen wolle oder einfach nur mal ausgehen würde. Ich mochte nur die Mädels, die mich nie ansprachen, oder keine Fragen stellten. Mit allen anderen mied ich jeglichen Kontakt.
Vielleicht solltest du ihnen auch einfach aus dem Weg gehen. Mich haben sie jedenfalls nach einiger Zeit in Ruhe gelassen. Sie haben mich dann zwar teilweise als Streber und Fußballkranker bezeichnet, aber ich hatte meine Ruhe.
Und nach der Geschichte kam es sogar dazu, dass ich mal eine Freundin hatte. Sie
war die Einzige, die noch mit mir sprach und die immer, auch schon am Anfang hinter mir stand, ohne lästig zu sein. Sie hat einfach zugehört, wenn ich von meinem Tag erzählte. Eben eine Freundin. Bei ihr wusste ich wenigstens, dass ich mich immer auf ihr Wort verlassen konnte.“, erklärt der große Bruder.
„Und dann wart ihr zusammen?“
„Na ja, wir waren nur Freunde. Sie war dann kurz mit Takeshi zusammen.“ Kojiro schweigt plötzlich.
„Hm. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, frag ich mich gerade, was aus ihr geworden ist. Sie hatte oft unseretwegen Ärger. Eifersüchtige Weiber sind was Furchtbares, kann ich dir sagen.“
„Was ist passiert?“
„Ganz einfach. Die anderen Mädchen haben angefangen sie zu schikanieren. Und das mit Takeshi ging auseinander, weil sie mit ihren Eltern nach Paris zog. Das war auch schon alles. Na ja, egal. Lang, lang ist’s her.“
Ken steht lächelnd auf und bedankt sich für das dringende Gespräch mit seinem Vorbild. Seit sein Vater gestorben war, nahm dieser mehr und mehr seinen Platz
ein.
„Danke. Ich bin stolz dein Bruder zu sein, echt. Einen besseren Vaterersatz hätte ich nicht haben können.“
„Meinst du das im Ernst?“, ist er etwas skeptisch.
„Ja, Du weißt auf alles eine Antwort, ob für die Schule, fürs Leben oder für die Arbeit. Egal was du anfängst, du bringst es zu ende. Ich bewundere deine Stärke.
Ich hätte niemals meine Schule, Training und Arbeit zugleich gepackt. Du hattest trotzdem immer nur gute Noten, warst beliebt und erfolgreich. In meinem Alter warst du bereits voll im Leben. Du hast Mutter und uns immer unterstützt.“ Kojiro richtet sich auf und bleibt vor seinem Bruder stehen.
„Ihr wart damals zu jung, um zu helfen. Dafür muss ich feststellen, dass du mit deinen sechszehn Jahren wesentlich reifer bist, als ich es damals war. Auch wenn ich schon gearbeitet habe, hast du andere Dinge im Leben schon begriffen. Ich kann genauso stolz auf dich sein.“, lächelt er und will den Raum verlassen.
„Das war damals sehr selbstlos von dir.“
„Was meinst du?“
„Na du hast unseretwegen auf deine Kindheit verzichtet. Wir drei hatten eine tolle Kindheit und konnten mit unseren Freunden spielen wann wir wollten. Du warst stattdessen arbeiten. Du verdienst unseren höchsten Respekt. Das weißt du.“ ‚Wow, kleiner Bruder. Du bist wirklich reifer als ich in dem Alter. Ich hatte vor fast niemanden wirklich Respekt. Nur vor wenigen Spielern und Trainern. Natürlich vor denen, die mich arbeiten ließen. Das waren alles ganz tolle Leute.‘
„Danke, das ist gut zu wissen.“, lächelt er.
„Kojiro!“, ruft er noch.
„Ja?“
„Wie war denn nun dein erstes Mal?“ Kojiro grinst.
„Nicht im Geringsten so wie beim letzten Mal!“
‚Was soll das denn heißen?‘, wundert sich der Junge.
„Ach ja? Und wann war das letzte Mal?“
Grinsend weicht er seinem jüngeren Bruder aus und schlendert den Flur entlang. ‚Wenn der das wüsste.‘
Änderung: Wichtig für Handlungsverlauf:
„Und dann wart ihr zusammen?“
„Na ja, wir waren nur Freunde. Sie war dann kurz mit Takeshi zusammen.“ Kojiro schweigt plötzlich.
„Hm. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, frag ich mich gerade, was aus ihr geworden ist. Sie hatte oft unseretwegen Ärger. Eifersüchtige Weiber sind was Furchtbares, kann ich dir sagen.“
„Was ist passiert?“
„Ganz einfach. Die anderen Mädchen haben angefangen sie zu schikanieren. Und das mit Takeshi ging auseinander, weil sie mit ihren Eltern nach Paris zog. Das war auch schon alles. Na ja, egal. Lang, lang ist’s her.“
Grund: Ursprünglich habe ich dieses Mädchen als Kojiros erste Freundin eingeplant, die Idee wurde bereits verworfen.
Rollentausch (2026)
Kapitel 9
Rollentausch
„Hey Kojiro! Wir haben schon auf dich gewartet. Du bist doch sonst immer der
Erste!“, entgegnet ihn Takeshi, als er umgezogen aus der Kabine kommt.
„Guten Morgen, alle zusammen.“, antwortet Kojiro nur. Cotrainer Mikami kommt auf ihn zu.
„Hyuga, du wirst heute ein Sondertraining machen. Wakashimatzu weiß schon Bescheid. Ihr zwei seid heute mal alleine und tauscht die Rollen.“ Überrascht reagiert der Tiger.
„Okay, Trainer.“, sagt er jedoch ruhig.
„Du wirst damit dein Horizont erweitern, glaub’ mir.“, hatte sich sein Trainer schon ein Argument vorbereitet, da er es eher gewohnt ist auf Gegenwind zu treffen.
‚Nanu. Was war das denn? Kein Widerspruch?‘, wundert sich dieser nur. Er ruft Ken.
„Du weißt Bescheid, Ken! Und ich will Einsatz sehen!“, belehrt er seine Männer.
„Man, hat der schlechte Laune.“, beginnt Kojiro, als sie alleine sind, zieht sich die Handschuhe an, setzt sich ein Base Cape auf und stellt sich ins Tor.
„So ist er eben. Na dann pass mal gut auf!“, schreit er und schnappt sich einen Ball.
„Wie ist er auf so eine dämliche Idee gekommen?“, schimpft Kojiro.
„Ich denke, da muss ich mich für entschuldigen. Das Ganze geht auf meine Kappe. Ich habe ihn darum gebeten.“
„Wieso das denn?“, ist er verwundert und hält gerade noch den Ball.
‚Knapp, ich muss mich konzentrieren. Wenn Kenn Ernst macht, wird es schief gehen.‘
„Ich brauche mal Abwechslung. Gestern war ich nicht gut drauf. Du aber warst
mal wieder in Topform. Wenn die WM stattfindet, will ich nicht wieder hinter Genzo als zweiter dumm dastehen. Verstehst du das?“
„Schon, aber dann solltest du mit Genzo trainieren. Das wäre doch viel effektiver.“, meint er und konzentriert sich auf Kens Schuss.
„Du bist manchmal echt begriffsstutzig. Ich will mit dir trainieren, nicht mit Herrn Genzo!“ Kojiro bemerkt seine eigene Unkonzentriertheit.
‚Er hat Recht. Das ist doch immer so, wenn er mit mir alleine trainieren will. Das war schon immer so, seit unserer Kindheit. Immer wenn jemand den anderen zum Reden brauchte, dann bat man um Sondertraining.‘
„Sorry Ken, habe nicht geschlafen.“, meint er dann nur zu Ken.
„Äußerst seltsam. Du schläfst doch immer tief wie ein Baby. Pass´ jetzt gut auf. Diesmal nehme ich keine Rücksicht!“, schreit er ernst und befördert den Ball in Richtung Tor.
‚Man ist der schnell.‘ Verdutzt reagiert Kojiro und springt dem Ball entgegen. Er bekommt die volle Wucht direkt in den Magen. Krampfhaft hält er das Leder zwischen seinen Händen.
„Man hast du nen Schuss drauf.“, meint er lächelnd.
„Das sagt der Richtige. Deine Bälle sind mindestens 10mal so hart. Das Bisschen wird dir doch nicht etwa zu doll gewesen sein?“, ist er erstaunt. Hyuga betrachtet den Ball in seinen Händen.
„Ich hasse Fußballer.“, schießt ihm plötzlich Tinas Stimme durch den Kopf.
„Sag mal Ken, kann ich dich mal was persönliches fragen?“
„Natürlich, wir sind doch Freunde.“
„Kannst du dir vorstellen, dass jemand Fußballer überhaupt nicht mag? Oder ihnen lieber aus dem Weg geht?“ Verblüfft sieht Ken ihn an.
„Was ist das denn für eine Frage? Du weißt ganz genau, dass ich für Fußball lebe! Genau wie du! Keine Ahnung ob es solche Leute gibt.“
„Hätte doch sein können. Vielleicht kennst du ja einen Grund, aus dem man Fußballer hassen könnte?“, murmelt er und wirft den Ball in die Luft.
„Egal! Machen wir weiter!“, brüllt er, als er zum Schuss ansetzt und den Ball direkt neben Kens Kopf vorbeischießt.
‚Was ist denn mit dem los? Er war noch nie so nachdenklich. Hier liegt was in
der Luft. Aber gewaltig.‘ Kens Karateinstinkt meldet sich. Der Karatemeister in 8. Generation hat ihn noch nie getäuscht. Er fasst sich plötzlich an die linke Wange.
‚Wobei, diese Frau gestern in der U-Bahn. Sie sagte doch sowas. Irgendwas davon, dass sie keinem Fußballer mehr vertraut. Nein, dass sie nur einer Handvoll Fußballern vertraut.‘ Hyuga bemerkt seine Bewegung mit der Hand.
‚Was hat er? Ach ja, das wollte ich vorhin schon fragen.‘
„Hab vergessen…wollte dich fragen was du mit deinem Gesicht angestellt hast? Hast du dich gestern noch geprügelt?“, grinst er.
„Moment.“ Ken holt einen neuen Ball und berichtet.
„Ne, keine Ahnung. Das war ein Missverständnis gestern auf dem Heimweg. Da war eine Frau, etwa mein Alter, in der Bahn und hat mich beleidigt. Nur weil ich Fußballer bin, hat sie mich einen Idioten genannt.“ Dann schießt er den nächsten Ball los und versetzt ihn in die rechte Ecke. Kojiro hat keine Chance. Er ist auch viel zu sehr aufs Gespräch konzentriert.
„Und dann? Dann hat sie dir ihren Stöckelschuh ins Gesicht geschlagen, oder wie?“, wundert er sich, weil die Schmarre und der große blaue Fleck darauf hinweisen. Ken lacht laut los.
„Nein…du Scherzkeks. Sieht das echt so schlimm aus?“, wundert er sich eher. „Hast du dich mal im Spiegel gesehen?“, meint Kojiro nur ernst.
„Naja, nö. Nicht so genau. Ich glaube ich habe den Fehler gemacht ihr zu nahe zu kommen und dann fühlte sie sich vermutlich bedrängt. Plötzlich hatte ich ihre Hand im Gesicht und sie ist aus der Bahn gerannt. Und glaube mir. Das fühlte sich an, als ob ich von dir einen Ball abbekommen hätte, nur im Gesicht eben. So wie früher zu Kindertagen als wir unsere Okinawa Zeit hatten.“, jammert er rum und sieht seinen Fehler aber auch selber ein.
Kojiro kommt zu ihm und schaut sich das genauer an.
‚Oha, das sieht ja echt böse aus.‘
„Du solltest das vom Mannschaftsarzt ansehen lassen.“, spricht er besorgt.
„Und sie hat dich mit der bloßen Hand geschlagen? Für eine Ohrfeige sieht das echt doll aus. Wie sah sie denn überhaupt aus? Und wann war das?“
„Meinst du echt? Soll ich das melden?
Bist du doof?! Was soll ich denn sagen? Dass ich eine Frau bedrängt habe und die mich geschlagen hat? Das Ganze war ja nur ein Missverständnis. Sie wollte sich eigentlich bei mir entschuldigen und deswegen bin ich auf sie zugegangen. Manchmal vergesse ich, dass ich eventuell etwas groß wirke und die falschen Worte benutze.“, regt er sich auf.
„Wenn das an die Presse geht, kann ich einpacken.“, meint Ken.
„Das war erst spät abends in der U-Bahn.“
„Sag einfach, dass ich das war. Hast eben einen meiner Bälle abbekommen. Erstaunlich, dass der Trainer noch nichts gesagt hat.“ Ken beruhigt sich.
„Besser ist das auch. Ich kann eher froh sein, dass sich diese Ausländerin nicht noch meldet und mich anzeigt.“, murmelt er vor sich hin.
„Ausländerin?“, stutzt Kojiro plötzlich.
‚Tina? War sie das? Die Zeit könnte hinhauen. Aber wieso war sie mit der Bahn unterwegs?‘ Er muss sich vergewissern. War sie es oder nicht?
„Ja, sie war eigentlich sehr hübsch. Blond und blaue Augen. Sie sprach aber ausgezeichnet Japanisch.“
„Was genau hat sie denn gesagt, als sie dich beleidigt hat?“, versucht Kojiro näheres zu erfahren.
„Sie sagte wortwörtlich: „Weil ich bis auf eine Hand voll Fußballern keinen Respekt mehr erweise.“ Das habe ich mir so gemerkt. Fand ich komisch.“
‚Ob sie das war? Als Volleyballerin könnte sie ja einen ordentlichen Schlag draufhaben. Sie erwähnte zumindest, dass es ihre Sportart ist.‘ Vor ihm spielt sich eine Szene ab, wo er ihren Oberkörper genau deuten kann. Tinas Gestalt zeichnet sich im dimmenden Licht sehr sportlich und fraulich muskulös ab. Sie ist definitiv keine zarte Person, wie viele Japanerinnen, wo er immer Angst hatte sie könnten in seinen starken Armen zerbrechen. Nein. Das ist sie ganz und gar nicht.
„Das war SIE.“, rutscht ihm leise raus.
‚Tina, das warst du. Es deutet zu viel darauf hin. Was ist denn nur passiert, dass du solche Angst vor jemand so netten wie Ken hattest? Er hätte dir nie etwas angetan. Nur weil du wusstest, dass er Fußballer ist? Was wäre nur passiert, wenn ich mich nicht als Baseballspieler ausgeben würde? Was dann? Hast du dann auch Angst vor mir?‘
„Kojiro! Wer SIE? Was meinst du damit, sie war es?“, ist Ken skeptisch geworden. Genau in diesem Moment brüllt der Trainer belehrend übers Feld. „Hey, ihr Klatschweiber! Ihr sollt trainieren!
Tauscht eure Rezepte später aus!“
Etwa zur selben Zeit, 7 Uhr morgens sitzt Tina bereits im Wohnzimmer und
frühstückt.
„Heute erwartet uns eine dicke Wolkendecke. Es kann vereinzelt zu Schauern kommen, aber im größten Teil der Region bleibt es trocken.“, lässt sie sich die Wettervorhersage berichten.
‚Schauer, das ist das richtige Wort dafür. Wenn ich nur daran denke, dass das alles kein Traum gewesen ist. Traum...hm...irgendetwas ist mir entfallen...aber natürlich!‘
„Ich Dummkopf. Das hätte ich doch gestern noch machen müssen.“, steht sie
auf und greift zum Telefon.
„Hallo, hallo?“, entgegnet ihr eine freundliche weibliche Stimme.
„Einen schönen Guten Morgen, wünsche ich Ihnen, Frau Nakazawa. Hier ist
Tina. Könnte ich bitte Fanechen sprechen?“
„Aber natürlich Tina. Wie geht es dir?“
„Gut, danke der Nachfrage.“
„Ich wecke sie, einen Moment bitte.“
Die Auszubildende Sanae (Fane) ist im 2. Lehrjahr und lernt bei Tina Diätköchin. „Guten Morgen Chefin, was kann ich für dich tun?“
„Hallo meine Liebe, Makoto hat sich mal wieder krankgemeldet. Deswegen wollte ich dich fragen, ob du statt um fünf schon 15 Uhr da sein kannst.“ Entsetzt
reagiert sie auf diese Nachricht.
„Wie bitte? Der lässt uns schon wieder hängen? Der kann was von mir hören! Was ist nur in letzter Zeit mit ihm los? Natürlich bin ich da. Ich lasse dich nicht im Stich! Aber hat Roland ihn nicht extra Frühschicht verpasst, damit er beim Krustenbraten mit anpacken kann? Heidi und ich können doch nicht so schwer heben.“, ist sie besorgt.
„Darüber mache dir keinen Kopf. Ich habe Ersatz gefunden. Vor dem Kaffeegeschäft ist ja nicht viel los, er wird so gegen 14 Uhr auftauchen.“
„Er? Kenne ich ihn?“
„Wohl eher nicht. Außer du interessierst dich plötzlich für Baseball.“, schmunzelt Tina.
„Nein, mir zu langweilig. Also ein Sportler? Cool, bin schon gespannt. Wo hast du den Mann aufgetrieben?“ Tina plaudert unbedacht los.
„Das war zufällig. Er kam gestern mittags rum ins Lokal und dann hat er mir bei den Vorbereitungen bis abends geholfen und…“ Fane unterbricht plötzlich. „Warst du nicht alleine gestern? Warst du etwa mit einem Fremden die ganze Zeit alleine im Lokal?“, ist sie total verblüfft und entsetzt zugleich.
Tina kann plötzlich nichts mehr sagen.
‚Wieso regt sie sich so auf? Aber komisch klingt das wirklich.‘
„Tina! Das ist doch gar nicht deine Art. Du würdest niemals mit einem wildfremden Mann alleine sein wollen. Was um alles in der Welt habt ihr denn die ganze Zeit gemacht?“, wundert sich ihre Freundin über ihr Verhalten.
‚Tina, was war denn da bloß los? Du traust Fremden doch überhaupt nicht über den Weg. Also wenn jemand fremden Männern aus dem Weg geht, dann du. Seltsam. Wieso ist sie dieses Risiko eingegangen mit dem Typen alleine zu sein?‘
„Ich…äh…wir…“, stottert sie sich zurecht und legt dann plötzlich auf.
‚Oh mein Gott ist das peinlich.‘ In dem Moment kommt ihr die Erinnerung wieder und ihr Puls rast vor Aufregung. Kojiros Gesicht ist zu sehen und sie kann plötzlich wieder spüren wie nah sie sich gewesen sind.
‚Sorry Fane. Das musste ich tun. Ich kann dir das doch nicht erzählen. Du musst immerhin nachher mit ihm arbeiten.‘, steht sie mit knallrotem Kopf im Flur.
„Tina? Hallo?“, wundert sich Fane und legt auch auf.
„Einfach aufgelegt. Also das kenne ich ja gar nicht.“
‚Was war das denn? Sie stotterte? Tina stottert nicht. Niemals. Sie ist immer gerade raus.‘
Seit dem Telefonat sind zwei Stunden vergangen und Tina steht in knappem Dress auf dem Volleyballfeld der Damenprofimannschaft Tokios und versucht sich auf das Übungs-Spiel zu konzentrieren.
„Tora-san, träumst du?!“, wird sie von einem Teammitglied ermahnt.
„Ähm...ja, sorry.”
„Du bist heute nicht bei der Sache.“, meint Yako, eine gute Freundin von ihr. ‚Seltsam. Tina war noch nie unkonzentriert. Nicht mal nach dem Tod ihrer Eltern. Im Gegenteil, da spiele sie noch präziser als zuvor.‘ Die beiden kennen sich schon seit der Musashi Oberschule, wo sie bereits den National-Titel nach Hause brachten. Tina geht zum Aufschlag.
„Sorry, ich gebe mir jetzt mehr Mühe.“, meint sie und wartet auf den Pfiff.
Pfiff! In Nu schmettert sie den Ball ins gegnerische Feld. Die Mannschaft nimmt
ihn an und alle reagieren verwirrt.
‚Was war das denn? Normalerweise sind ihre Bälle nicht zu halten. Sie ist echt nicht ganz bei sich.‘, stellen diese fest.
„Du warst schon mal besser drauf.“, spricht sie der Trainer nach dem Spiel an. „Entschuldigen Sie bitte, das kommt nicht wieder vor.“
„Ich hoffe es. Du bist mit deinen Gedanken woanders. Ist bei dir alles in Ordnung? Dein Betrieb läuft?“, sorgt sich Herr Schmitt.
„Ja, alles klar.“, antwortet sie.
„Hast du jemanden kennen gelernt? Oder macht dir etwas Sorgen?“, hinterfragt er seine Lieblingsschülerin, die er schon seit der Oberschule trainiert und sehr gut kennt. Nachdenklich wischt sie sich den Schweiß aus dem Gesicht und antwortet. „Ja, ich habe jemanden kennen gelernt.“, schmunzelt sie und betrachtet das Tuch in ihrer Hand.
„Einen Mann? Hast du dich verliebt?“, fragt er direkt. Verdutzt blickt sie ihn an. Er ist ein attraktiver Japaner, 45 Jahre alt und hat in Deutschland Sport und Wirtschaft studiert. Er ist nicht nur ein guter Trainer, sondern auch wie ein guter Freund zu ihr. Eigentlich bewundert sie diesen Mann, der stets höflich und freundlich ist, aber auch sehr streng sein kann, wenn es darauf ankommt. Ryuga Schmitt war selbst mehrmaliger Nationalspieler. Durch einen unglücklichen Unfall wurde ihm Mitte seiner Karriere der rechte Arm amputiert. Einen möglichen künstlichen Ersatz lehnte er ab. Sie schaut zu Boden.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht.“
„Seit wann kennst du ihn denn?“
„Erst seit gestern. Das ist es ja, was ich nicht begreife. Ich kenne ihn kaum und doch sind wir…“ Er unterbricht sie.
„So genau will ich das nun auch nicht wissen.“, meint er ruhig und legt seinen Arm über ihre Schulter.
„Also wenn ihr euch nach so kurzer Zeit schon so nahe seid, dann ist es vielleicht wirklich Liebe, eben Liebe auf dem ersten Blick.“, erklärt er. Sie blickt auf. „Meinen Sie wirklich?“, zweifelt sie noch immer.
„Liebe, ja, das könnte es durchaus sein. Wenn man plötzlich nur noch an diesen einen Menschen denken kann und alles um sich herum nur halbherzig wahrnimmt, dann ist es Liebe. Außer du machst dir Sorgen, über ihn, bzw. eure Beziehung. Aber auch das kann etwas mit Liebe zu tun haben. Vertrau mir, ich weiß wovon ich rede.“ Sie nickt.
„So war es mit Ai, nicht wahr?“
„Ja, genau. Wir trafen uns zufällig beim Einkaufen und Schwupps war alles zu spät. Habe ich dir doch erzählt.“, schmunzelt er. Tina beginnt zu lachen.
„Stimmt, ich weiß noch, wie Sie am nächsten Tag beim Training erschienen sind. Sie haben sich über gar nichts aufgeregt und jedes Mal, wenn Sie jemand angesprochen hat, wurden Sie knallrot im Gesicht.“, berichtet sie spaßig.
„Genau. Nun zeig du mir, dass du mit solchen Situationen professioneller umgehen kannst als ich. Stell dir vor, er würde hier sitzen und dich anfeuern.“ Tina grinst ihn dankend an und geht wieder zurück zum Feld, um die Baggerannahmen zu üben.
Seitdem läuft alles wieder wie normal. Nach dem Training spricht sie der Trainer erneut an und bittet sie ins Büro.
„Ja? Wollen Sie noch mal darüber reden?“
„Nein. Es geht um etwas anderes. Ich wollte dich fragen, ob du dich bereits
entschlossen hast.“ Tina ist etwas verwirrt.
„Was meinen Sie?“
„Na deine Staatsbürgerschaft, Mädchen. Um für Japan zur WM antreten zu
können, musst du auch japanische Staatsbürgerin sein.“ Sie blickt ihn ganz entsetzt an.
„Und wenn ich gar nicht für Japan antreten will?“, entgegnet sie ernst.
„Willst du mich jetzt veralbern, oder was? Du hast doch selber gesagt, dass du mit deinen Freunden spielen willst, um nicht wieder denselben Fehler zu machen wie damals im HSV.“, wird er plötzlich ärgerlich.
„Ja, das stimmt auch, aber ich werde niemals meine Herkunft verleugnen. Ich will Deutsche bleiben, aber auch für Japan kämpfen. Bitte, vielleicht finden Sie ja einen Weg, ohne meine Nationalität, sowie zur Asia-Meisterschaft. Auf Grund meiner schon 7jährigen Wohnhaft und Schulbesuch hier in Japan. Vielleicht kann man da was drehen. Wenn das natürlich nicht geht, muss ich wohl für Deutschland antreten. Andererseits fühle ich mich wieder schuldig oder wie eine Verräterin, wenn ich Deutschland im Stich lasse. Ich würde vielleicht nicht meine Freunde das zweite Mal im Stich lassen, aber meine Heimat, verstehen Sie?“
„Tina bitte, du hättest doch damals sowieso nicht für Deutschland spielen können, das weißt du doch genau. Du hast Deutschland nicht im Stich gelassen!
Das redest du dir nur ein.“
„Mein Entschluss steht fest, Punkt!“, wirkt sie sehr überzeugt und wendet sich von ihm ab.
„Und noch etwas: Bitte nenne mich nicht mehr „Mädchen“.“, wirft sie noch etwas ruhiger hinterher und verlässt das Büro, um zur Umkleide zu gehen.
‚Dieser Sturkopf! Mit ihr an der Spitze holen wir uns zuerst den Nationalpokal zum dritten Mal und dann den WM-Sieg. Ohne sie und ihre Motivation können wir den Sieg abhaken. Die ganze Mannschaft besteht doch nur, weil sie sich die Truppe mit viel Mühe und Schweiß erarbeitet hat. Die Frauen sind ihr so loyal, dass die meisten nur spielen, weil sie da ist. Fast die Hälfte des Japan-Teams besteht nur aus unserer Mannschaft. Ich habe die Liste der Anwärterinnen schon gesehen. Nur Tina haben wir es zu verdanken, dass wir überhaupt diesen Rang nach so langer Zeit in Weltebene erreicht haben.‘, macht er sich seine Gedanken.
‚Japanische Nationalität. Was denkt der sich dabei? Ich will irgendwann wieder
heim, aber das geht doch nicht, wenn ich Japanerin bin. Ich kann doch nicht ständig meine Herkunft ändern, wie mir gerade lustig ist. Nie im Leben, lieber lebe ich hier als Ausländerin und höre mir weiterhin rassistische Sprüche an, als dass ich leugne, wer ich bin!‘, ist sie außer sich.
Sie zieht sich mit den anderen um.
„Hey, Tora-san. Was war heute mit dir los?“, wird sie von ihrer zweiten Busenfreundin Yoko angesprochen. Die kleine Japanerin begleitet sie seit der Volleyball AG Musashi. Sie folgte ihr auf die Todai und nun sind sie in derselben Berufsschulklasse und wie damals im selben Team. Sie und Fane sind ihr am vertrautesten.
„Ach ich weiß auch nicht.“, stöhnt sie auf und bindet ihre Schuhe auf.
„Ich weiß, du hast wieder einen Typen kennen gelernt.“, kichert sie. Tina grinst.
„Stimmt, aber ob das allein ein Problem ist?“, zweifelt sie wieder.
„Wieso? Seit wann kennt ihr euch? Wir sehen uns jeden Tag und du sagst mir nichts. Ich bin echt beleidigt.“, murrt sie und schlägt die Arme zusammen. Tina grinst wieder.
„Kennenlernen? Hm. Ich weiß nicht, ob man das so nennen kann...nicht in diesem Sinne glaube ich. Wir kennen uns erst seit gestern und...“, flüstert sie verlegen. „Ihr habt euch geküsst? Am ersten Tag schon? Ist ja total romantisch.“, träumt sie neidisch. Tina schmunzelt und vor ihr spielen sich die unvergesslichen Momente von gestern ab.
„Stürmisch…trifft es wohl eher.“, meint sie dann lächelnd. Verblüfft blickt Yoko sie an.
„Wie soll ich das jetzt verstehen? Habt ihrs gestern etwa schon getan?“, ist sie total aufgeregt. Tina schmunzelt, streckt ihr die Zunge raus und wendet ihren Blick von ihr.
„Heute sehe ich ihn wieder.“, murmelt sie noch und verlässt mit ihr den Umkleideraum.
„Wow, Liebe auf dem ersten Blick...wie romantisch. Warum kann ich nicht mal
so ein Glück haben? Du musst mir alles über ihn erzählen.“, plappert sie los.
Das „De Mecklenburger“ (2026)
Kapitel 10
Das „De Mecklenburger“
„Einen schönen Tag meine Lieben. Wie geht es euch?“, begrüßt Tina die zwei Kellner und den Chefkoch Roland Saito. Anja und Carsten stehen am Tresen und polieren Gläser.
„Oh, so vergnügt mal wieder? Hast du einen schönen Tag gehabt?“, entgegnet die Restaurantfachfrau.
„Ja, danke und selbst?“
„Ich war mit meinen Kids im Zoo.“
„Das freut mich. Ist in der Küche alles vorbereitet?“, wendet sie sich Roland zu. „Die Fischplatten müssen noch gemacht werden. Mach dir keine Sorgen, „Chefin“.“, betont er und verschwindet in der Küche.
„Keine Sorgen machen? Der hat gut Reden, er ist doch derjenige, der nicht aus dem Knick kommt.“, stöhnt sie leise, aber wendet sich wieder den Kellnern freundlich zu.
„Ist der Chef schon da?“
„Nein, aber er müsste bald eintrudeln.“, antwortet Carsten, schnappt sich Speisekarten und geht die neuen Gäste begrüßen. Tina blickt zur Uhr.
‚Schon 13 Uhr durch. Dann müsste Kojiro ja bald auftauchen.‘ Sie geht in den Umkleideraum, in dem gestern alles um sie herum vergessen war. Schmunzelnd nimmt sie das neue Kleid vom Kleiderbügel.
‚Na dann. Volle Konzentration, so wie sonst auch. Ich darf mich nicht von ihm ablenken lassen.‘, nimmt sie sich ganz fest vor. Auf diese Privatveranstaltung freut sie sich schon seit Monaten. Wenn das heute alles super läuft, dann spricht sich das bestimmt in der Uni rum.
‚Oje, wo ist bloß dieser doofe Hintereingang? Den hätte sie mir mal noch zeigen sollen. Ob Tina auch schon da ist? Ob der Laden voll ist? Sie sagte ja, dass heute viel zu tun ist. Aha, da ist er ja.‘, entdeckt er eine große Tür mit der Aufschrift „Just Stuff De Mecklenburger“.
Plötzlich öffnet sich die Pendeltür.
„Chefin, die Aushilfe ist da.“, kommt Roland um die Ecke.
„Kojiro? Super, zeig ihm bitte wo er sich umziehen kann.“
„Okay, aber verrat mir mal wo du so schnell so einen kräftigen Kerl aufgetrieben hast.“ Tina schmunzelt.
„Er kam gestern hier vorbei und hat mir geholfen. Da Makoto ja anrief, habe ich ihn gleich gefragt, ob er uns helfen möchte.“, antwortete sie offen und ging zu den Gästen abkassieren. Danach geht sie in die Küche.
„Er zieht sich um. Heidi müsste auch gleich auftauchen.“, berichtet der Chefkoch.
„Wunderbar. Fane ist zu 15 Uhr bestellt.“
Tina geht zum Umkleideraum. Sie klopft an die Tür.
„Kojiro?“, spricht sie durch die Tür und schaut sich dann kurz um, ob jemand in der Nähe ist.
„Oh. Tina. Hi.”, hört sie seine kräftige Stimme.
„Ich freue mich, dass du hierher gefunden hast. Ohne dich wären wir jetzt ganz schön aufgeschmissen.“, spricht sie ganz sanft durch die Tür.
‚Sie klingt heute wieder so lieblich. Will sie jetzt nur durch die Tür mit mir reden? Traut sie sich nicht rein?‘
„Auf mich kann man sich immer verlassen. Du kannst auch reinkommen, ich bin fertig.“, äußert er liebevoll. Sie öffnet zögernd die Tür.
„Ich wollte nur nicht unhöflich sein.“, blickt sie ihn nachdenklich an.
‚Er sieht wieder so umwerfend sexy aus. Ich darf gar nicht erst an gestern denken.‘, schlägt ihr Puls wie zu erwarten etwas höher. Kojiro trägt eine weiße lange Hose mit Bund und ein weißes T-Shirt, auf dem die japanische Flagge als kleines Logo zu sehen ist. Seine Ärmel sind bis zu den Schultergelenken hochgekrempelt.
„Vergiss nicht deine Haare zusammenzubinden. Hygiene, du weißt ja.“, stottert sie sich zusammen und will den Raum wieder verlassen, um ihm lieber auszuweichen. Doch er hält plötzlich ihren Arm fest.
„Warte. Ich wollte...“, beginnt er und dreht sie zu sich. Verwundert sieht sie ihn an.
„Ich…äh, wollte dich noch etwas fragen.“
„Was?“, kann sie nur sagen. Sie sehen sich tief in die Augen. Beiden schlägt das Herz bis zum Anschlag.
„Ich weiß nicht was gestern in mich gefahren ist. Ich weiß weder ob es richtig oder falsch war. Ich weiß auch nicht, was das alles zu bedeuten hat. Ich bin normalerweise nicht so...na ja...“ Er hält inne und atmet tief durch. Sie sehen einander tief in die Augen.
‚Sie ist so schön. Diese türkiesen Augen...so geheimnisvoll...was würde ich geben, alles über sie zu erfahren?‘, geht in ihm vor.
„Ähm...was ich eigentlich fragen wollte...“ Plötzlich wird er von ihr unterbrochen. Sie legt ihre Finger auf seinen Mund und löst ihren Arm von seiner Hand und schmiegt sich an ihn. Dann gibt sie ihm einen überraschenden leidenschaftlichen Kuss.
‚Was ist denn plötzlich in sie gefahren?‘ So schnell wie der Kuss kam, war er auch schon zu ende.
„Nein.“, sagt sie lächelnd.
„Nein? Auf was?!“, blickt er verwundert. Sie lässt ihn los und geht zur Tür.
„Auf deine Frage.“, meint sie leise.
„Du weißt doch gar nicht was ich fragen wollte.“
„Wenn ja, ist die Antwort richtig, wenn nicht, dann kenne ich dich nicht gut genug.“ Danach verlässt sie den Raum. Herzklopfend bleibt sie vor der Tür stehen.
‚Wie peinlich. Was habe ich da überhaupt gesagt? „Nein, es war nicht das einzige Mal. Es war der Anfang“. Ich dumme Kuh. Er wird mich für total bekloppt halten. Aber es muss so sein, sonst wäre er doch heute nicht erschienen. Das kann doch nur bedeuten, dass es so sein muss. Oh mein Gott. Ich bin hier auf Arbeit, da darf ich nicht mit den Gedanken woanders sein.‘
Etwa eine Stunde später hat Kojiro inzwischen die Abwäsche übernommen und wird sowohl von Roland als auch von Tina gelobt, weil er so schnell und gründlich arbeitet. Tina fiel auf, dass er stets seine Ärmel hochgekrempelt trägt. Das ist ihr gestern bereits aufgefallen. Warum, fragt sie.
„Weil sie stören.“, meint er nur.
„Mach sie bitte runter, solange du hier bist.“, bittet sie ihn freundlich.
„Wieso?“
„Weil es mich ablenkt.“, erklärt sie mit etwas rotem Kopf und schmunzelt ihn an. Verdutzt blickt er sie an.
„Es lenkt dich ab?“, äußert er nur unverständlich. Tina schaut sich in dem Moment kurz um, ob sie jemand sehen könnte. Dann geht sie auf ihn zu und berührt ganz zart seinen linken Oberarm. Ihm wird auf einmal ganz warm.
‚Wieso bringt sie mich plötzlich so durcheinander? Sie müsste doch wissen wie ich darauf reagiere.‘
„Genauso wie du hierauf reagierst.“, flüstert sie und dann nimmt sie den Stoff in die Hand und zieht etwas daran, damit der kurze Ärmel sich entfalten kann.
„Hat dir noch nie jemand gesagt, wie du deswegen auf Frauen wirkst?“, erklärt sie liebevoll und ganz leise.
‚Tina…du bist so…ehrlich.‘
„Hallöchen alle zusammen.“, wird Roland freundlich begrüßt. Das Zweitlehrjahr betritt die Hintertür.
„So fröhlich?“, ist er überrascht.
„Ja. Eher neugierig. Bin schon früher hier, weil Makoto mal wieder einen auf krank machen muss.“
‚Hm. Woher kenne ich diese Stimme? Aber ich kenne keine Deutschen. Ich verstehe kein einziges Wort.‘, bemerkt Hyuga und stellt die Tassen auf den Tisch.
„Wo ist die neue Aushilfe?“
„In der Abwäsche, er macht sich echt nicht schlecht. Da hat Tina wirklich einen guten Mann ran organisiert. Wir haben auch schon den Krustenbraten in den Ofen geschoben und die Getränkelieferung verstaut. Der macht das scheinbar nicht zum ersten Mal. Er meinte, er habe als Kind und Jugendlicher schon aufgeholfen.“
„Du lobst jemanden? Na da bin ich ja gespannt wen die Chefin so schnell aufgegabelt hat.“
‚Sie hat so seltsam am Telefon reagiert. Legt einfach auf. Diesen Baseballspieler sehe ich mir mal genauer an.‘ Freudestrahlend geht sie um die Ecke. Neugierig betrachtet sie ihn. Er steht mit dem Rücken zu ihr und spült gerade das Geschirr vor und stellt es in die Maschine. Kräftige Gestalt, breite Kreuz, schulterlange zusammengebundene Haare, schwarzes Basecap.
„Hallo. Du bist also für Makoto eingesprungen?“
‚Er kommt mir bekannt vor.‘
‚Sie spricht Japanisch? Ohne Akzent? Diese Stimme.‘, fällt ihm auf und dreht sich zu ihr. Als sie sich beide anstarren, fällt ihm vor Schreck die Plasteschüssel aus der Hand und Fane die Tasche auf den Boden.
„Fane...“
„Hyuga...“
„Was machst du denn hier?!“, kommt aus beiden Mündern.
„Hier, arbeitest du also. Das wusste ich nicht.“, bringt er nur als Gedanke über die Lippen.
In diesem Moment kommt Tina mit einem vollen Tablett in der Hand um die Ecke.
„Meine liebe Fane, schon da?“ Fane sind vor Schreck die Worte entgangen.
‚Was ist hier los? Wieso ist Hyuga hier? Tina vermeidet jeglichen Kontakt zu Fußballern. Es gibt nur ganz wenige die sie mag und in ihre Nähe lassen würde. Und vor allem wenn sie eine so große und kräftige Statur wie Hyuga haben.‘ Total perplex steht Kojiro da und fühlt sich so hilflos ausgeliefert wie noch nie in seinem Leben. Sein Herz schlägt immer lauter. Machtlos steht er daneben, während die jungen Frauen sich in einer fremden Sprache unterhalten. Benommen hebt er die Schüssel auf. Bereit jede Strafe für seine Lüge aufzunehmen und trotzdem zu hoffen, dass sie ihn nicht abweist. Nur wegen seiner Leidenschaft zum Fußball. „Tina, das ist er? Der Mann mit dem du gestern so viel Zeit verbracht hast?“, hakt sie nochmal in deutscher Sprache nach.
‚Dich lasse ich jetzt zappeln, mein Lieber. Sei froh, dass du mit Tsubasa inzwischen befreundet bist, dass wir Freunde sind. Was hast du nur angestellt?‘ „Ja. Sorry wegen vorhin am Telefon. Ich wollte dich nicht abwürgen. Ich bin nur auf den falschen Knopf gekommen.“
„Und er ist Baseballspieler, sagtest du?“ Tina nickt und schaut etwas verlegen zu Kojiro rüber. Dieser versucht sich in seiner Verzweiflung abzulenken und legt die Schüssel kopfüber in den Korb, schiebt diesen in die Maschine und zieht den Hebel runter, um die Spüle zu schließen und zu starten. Fane fällt langsam auf was hier los ist.
„Verstehe.“, äußert sie sehr leise zu Kojiro.
‚Der wird mir nachher Rede und Antwort stehen, der Gute.‘, geht durch ihren Kopf.
„Zieh dich am besten gleich um und dann hilfst du ihm. Du springst heute etwas zwischen Küche, Abwasch und Bäckerei, je nachdem was zeitlich wichtiger ist. Und zeig´ ihm wo alles hingehört und was sonst noch so ansteht.“, erklärt Tina freundlich auf Japanisch.
„Klaro, Chefin!“, lächelt sie. Erleichtert atmet Kojiro auf, als Tina den Raum verlässt.
‚Noch mal Glück gehabt, anscheinend hat sie mich nicht verraten.‘, ist Kojiro beruhigter.
Etwas später stehen die beiden alleine in der Abwäsche und Fane beginnt das Gespräch.
„So, seit wann spielst du Baseball?“, grinst sie zynisch, drückt es aber ernst aus. „Das hat sich dummerweise so ergeben. Ich wollte nur nicht, dass sie mich auf Grund dessen verachtet.“ Er stockt.
„Sei so lieb und lass mir die Zeit, damit ich es ihr selbst sagen kann.“, sagt er leise, dann drückt er wieder den Hebel runter und ein Rauschen erfüllt den Raum. ‚Hyuga? Ist das wirklich der Hyuga, den ich kenne? Er war und ist immer so stark und stolz, ehrgeizig und bestimmend. Aber sentimental? Vor mir eher selten. Tsubasa kennt ihn vermutlich so.‘
„Fane, danke übrigens, dass du nichts gesagt hast.“, spricht er mit fester Stimme und räumt das dreckige Geschirr ins Spülbecken. Sie betrachtet ihn nachdenklich, wie er es vorwäscht und den nächsten Korb fachgerecht bestückt.
‚Was ist nur plötzlich in ihn gefahren? Ich erkenne ihn gar nicht wieder. Wieso tut er sich das überhaupt an hier so eine Drecksarbeit zu verrichten? Ich hätte eher gedacht, er ist sich solchen Arbeiten viel zu schade geworden? Wenn Tina wüsste wer er ist und was er auf dem Konto haben müsste, würde sie ihn niemals in die Spülküche stellen. Das wäre ihr viel zu peinlich gewesen, ihn dann zu fragen, lieber hätte sie es selbst getan. Was verbindet die beiden nur? Sie wirkte so glücklich, als sie eben hereinkam. Und wie sie ihn eben angesehen hat. Ich habe sie noch nie so fröhlich gesehen. Sie war immer so ernst und auch wenn wir als Mädels unterwegs waren in den Clubs, sogar dort hat sie sich nie richtig ausgelassen. Nur beim Spielen. Nur dann kann sie richtig aufdrehen. Wenn sie auf dem Spielfeld steht, ist sie eine richtige Motivatorin. Eine humorvolle und trotzdem strenge Mannschaftskapitänin. Genauso wie Tsubasa. Ich habe genau gesehen wie sie ihre Mädels antreibt und diese ihr überallhin folgen würden.
Im Sport geht sie richtig auf. Und wenn sie ernste Spiele hat, ist sie eine Kämpferin. Nein, nicht nur das. Eine Kriegerin mit Herzen und Kraft einer Raubkatze. So wie sie mit ihren Gegnern umgeht ähnelt es sogar einer Jägerin. Mit Hilfe ihrer Ausdauer scheucht sie die Leute quasi so sehr, dass sie erschöpft auf dem Boden liegen. Moment…‘, fällt ihr plötzlich auf. Dann nimmt sie den nächsten Teller aus dem sauberen Korb und trocknet ihn ab.
‚…das muss es sein.‘
„Sage mir nur eins. Und sei ehrlich.“, meint sie ernst und entschlossen.
„Liebst du sie oder spielst du nur mit ihr?“, wirft sie ihm an den Kopf. Entsetzt blickt er sie erbost an.
„Ich spiele nie mit Menschen! Merk dir das! Das müsstest du wissen.“
‚Wie kann sie nur sowas denken?‘ Als er das Besteck zurechtlegt, beruhigt er sich ein wenig.
„Ich weiß es ja selber nicht. Es ging alles so schnell. Wir haben uns gestern erst kennengelernt.
Sag’ du es mir. Du liebst doch Tsubasa, woher weißt du das?“ Fane ist erstaunt über seine Reaktion. Einerseits wieder so stürmisch wie sie ihn kennt und dann gefühlvoll.
„Ich weiß jetzt wieso ihr euch anzieht.“, haut sie plötzlich raus. Kojiro unterbricht seine Arbeit und starrt an die Kachelwand.
‚Was meint sie damit?‘ Dann sieht er sie fragend an.
„Zwei Gründe. Erstens: Ihr seid euch charakterlich unwahrscheinlich ähnlich. Wild und ungezähmt. Das wirst du sicher mitbekommen haben, wenn ihr euch sehr nahe wart, was ich denke. Denn Tina hat am Telefon irgendwie dämlich getan.
Und zweitens: Ihr seid euch bereits begegnet, und zwar noch bevor Tina Japan überhaupt betreten hat.“
Dienstschluss 2. Band (2026)
Kapitel 11
Dienstschluss
Durch die dunklen Tunnel der U-Bahn in Tokio zischt eine Bahn leise und mit hohem Tempo. Sie macht nur Halt an den Stationen und nichts kann sie davon abhalten. Menschen steigen aus und andere wieder ein. Türen öffnen oder schließen sich.
An einer Station steigen zwei junge Menschen ein. Die Uhr im Digitalfeld zeigt
dem Lockführer 22:17 Uhr an. Sofort zischt die Bahn los. Auf einer Bank entgegen der Fahrtrichtung nehmen die beiden Platz. Ihnen gegenüber zwei Männer Mitte siebzig. Einer dieser Japaner erkennt die junge Frau wieder, welche ihm gegenübersitzt und sich glücklich an die rechte Schulter des jungen Japaners lehnt und seine Hand hält. Sie hat die Augen geschlossen.
‚Ist das nicht die Ausländerin von gestern? Die, welche den Fußballer so beleidigt hat. Heute sieht sie so glücklich aus. Die beiden scheinen ein Paar zu sein.‘ Er betrachtet ihn genauer, wie er mit seiner schwarzen Trainingsjacke, die Kapuze tief ins Gesicht gehängt, und Blick nach unten gerichtet, um nicht erkannt zu werden, ihm genau gegenübersitzt.
‚Was mag das für ein Mann sein? Japaner auf jeden Fall. Welcher Japaner könnte es mit so einer unangenehmen frechen Person aushalten? Frech und respektlos. Dabei sieht er aber nicht so aus, als würde er sich so eine freche Person gefallen lassen. Er kommt mir bekannt vor.
Anstand haben sie jedenfalls nicht, wie kann man sich so in der Öffentlichkeit zeigen? Sowas gehört hinter die Tür. Die jungen Leute von heute. Haben überhaupt keinen Anstand mehr.‘ Aufmerksam horcht er ihrem leisen Gespräch zu.
„Warum hast du mir gestern nicht gesagt, dass du es so weit hat?“
„Das ist doch unwichtig.“
„Finde ich nicht. Ich hätte dich doch nach Hause gebracht. Ich dachte du wohnst über der Gaststätte. Ich lass dich doch nicht alleine um diese Zeit mit der U-Bahn fahren. Es gibt viele Verrückte in der Stadt.“, erklärt er besorgt. Sie richtet sich auf.
„Ich habe keine Angst. Ich kann mich ganz gut verteidigen. Und einen Mund zum Reden habe ich auch. Also mache dir keine Sorgen.“, ist sie überzeugt.
„Das hat man ja gestern gehört.“, brummt der ältere Japaner, der ihnen gegenübersitzt. Verwundert blickt sie ihn an.
‚Das ist der Mann von gestern.‘
„Wie soll ich das verstehen, Herr?“, ist Kojiro überrascht. Er schaut nicht auf, sondern spricht nur.
„Ihre entzückende Begleitung hat gestern einen jungen Mann grundlos beleidigt.“
‚Ken…das war sie also wirklich.‘, deutet er die Situation richtig.
„Sie sollten sie mal richtig erziehen. Respekt beibringen, sollten Sie ihr. Sie sollte sich unserer Kultur anpassen.“, berichtet er überzeugt. Kojiros Puls steigt an.
‚Wie spricht der über sie? Und wie spricht er mit mir? Was hat das mit Respekt zu tun?‘
„Das hatte überhaupt nichts mit Japan zu tun. Ich hätte dasselbe auch getan, wenn es bei mir in Deutschland passiert wäre.“, erklärt Tina ruhig und hält Hyugas Hand fest, um ihn zu beruhigen, denn seine Aufregung kann sie spüren.
‚Kojiro…regt dich das tatsächlich auf? Bitte beruhige dich wieder. Wir kennen uns doch noch nicht so lange, dass ich weiß, wie du mit solchen Situationen umgehst. Du darfst dich auf keinen Fall provozieren lassen.‘, kann sie ihn schlecht einschätzen.
‚Oh. Er spricht. Ich bin gespannt wo seine Grenze ist.‘
„Oder meinen Sie nicht? Ein Bursche wie Sie, hat es doch gar nicht nötig, mit einer Person zusammen zu sein, die sich nicht anpassen kann.“, versucht er Kojiro zu provozieren. Doch noch immer hat er den Blick gesenkt und hält Tinas Hand. Sein Druck jedoch erhöht sich und seine Hand zuckt etwas.
„Lass dich bloß nicht provozieren.“, spricht Tina ruhig und leise zu ihm.
„Er tut mir damit nicht weh. Einfach ignorieren.“
„Meinen Sie? Haben Sie je im Ausland gelebt?“, entgegnet er mit fester Stimme und noch immer gesenktem Blick.
‚Was erlaubt er sich Tina zu verurteilen? Was weiß er denn schon was es heißt im Ausland zu leben?‘ Vor ihm spielen sich ähnliche Situationen ab, die er in Italien erleben musste. Als er dort ankam, wurde er mit Spott empfangen und wurde belächelt, was wolle der kleine Japaner denn hier schon im Fußball erreichen? Viele alltägliche Diskriminierungen musste er ertragen, auch von Leuten, die nicht wussten wer er ist. Nur durch seinen unbändigen Stolz, Disziplin und hart erarbeiteten Erfolg, konnte er sich den nötigen Respekt in Italien sichern.
Er weiß genau wie sich Tina hier seit vielen Jahren gefühlt haben muss, noch dazu als Frau.
‚Was spielt das für eine Rolle?‘, wundert sich der Alte.
„Nein. Was hat das damit zu tun? Wer nichts für die Gesellschaft leistet und sich nicht anpassen kann, der hat hier nichts verloren.“, antwortet er überzeugt und bringt das Fass zum Überlaufen.
‚Das reicht!‘, lässt Kojiro Tinas Hand los und ballt sie zur Faust.
„Woher wollen Sie wissen, dass sie nichts beiträgt?“, hinterfragt er ernster Stimme.
‚Na das wird ja immer spannender. Ich habe lange niemanden mehr so beherrscht erlebt. Dabei habe ich eher das Gefühl, dass dieser Junge sehr impulsiv ist.‘ Kojiro bäumt sich langsam vor ihm auf.
„Sie erlauben sich ein Urteil über eine Person, die Sie gar nicht kennen. Genau das ist auch respektlos. Und…“, spricht er in sehr bestimmender Tonlage. Tina springt auf und berührt ihn am Arm.
‚Was wird das? Mir ist klar, dass du impulsiv sein kannst. Aber ich dachte du bist beherrschter.‘ Kojiro erhebt seine linke Hand, welche zuvor nur in der Hosentasche steckte. Der alte Mann zuckt etwas zusammen.
‚Wow, er ist echt imposant. Diese Art zu kontern. Solche Leute könnte ich gebrauchen.‘
„Und…“, will Kojiro seinen zweiten Satz beenden, nimmt die Kapuze ab und sieht ihn streng an.
„…Sie haben gar keine Ahnung wie es ist im Ausland zu leben, ohne Familie und Freunde und mit einer anderen Kultur. In einem Land, wo so Leute wie „Sie“ den Aufenthalt unnötig erschweren!“, muss er sich Luft lassen.
„Kojiro…“, stößt sie nur aus. Der stolze Sportler legt seinen Arm um ihre Schultern, fasst sie sanft, aber fordernd und lenkt sie mit ihm zu kommen. Beide gehen zur nächsten Tür und steigen zeitnah aus.
„Wir nehmen ein Taxi. Ab jetzt fährst du nicht mehr um diese Zeit mit der U-Bahn.“, bestimmt er.
‚Zum Glück kann ich mich mittlerweile gut beherrschen. Gut, dass ich heute da bin. Nicht auszumalen was passieren würde, wenn sie alleine unterwegs wäre und das kein alter Mann gewesen wäre. Um diese Zeit ist ja auch nichts mehr los in der Bahn. Kein Wunder, wenn sie da Angst bekommt, wenn ein Kerl wie Ken auf sie zugeht.‘
In der Bahn ist der ältere Japaner immer noch etwas verdutzt. Sein Sitznachbar, der sich rausgehalten hat, spricht ihn an.
„Was war das denn eben? Haben Sie den Mann denn nicht erkannt?“, wundert dieser sich.
„Das war Hyuga, Kojiro Hyuga die Sturmspitze unserer Fußball-Nationalmannschaft.“, erklärt er.
„Hyuga. Etwa dieser Typ aus der Shampoo-Werbung? Deswegen kam er mir bekannt vor. Was für eine imposante Erscheinung. Darum die Kapuze, er wollte nicht erkannt werden.“
„Vermutlich. Aber wer war denn nun diese Frau? Und wie er sie verteidigt hat. So ruhig wie sie geblieben ist, obwohl ich sie wirklich sehr beleidigt habe. Soviel innere Ruhe muss man auch erstmal haben.“
„Hm. Vielleicht ist sie auch wie er als Sportlerin im Ausland. Eventuell hat er deswegen so reagiert. Zerbrechlich sah sie ja nun wirklich nicht aus. Er ist doch seit Jahren in der italienischen Liga und spielt hauptsächlich in Europa. Sein Team ist durch seinen Zuwachs deutlich stärker geworden.“, erklärt er begeistert. „Ach…Moment. Da fällt mir was ein. Ich habe vorhin tatsächlich überlegt ob ich sie bereits wo gesehen habe.“ Er holt die Tageszeitung raus und schlägt den Sportteil auf. Ganz unten links steht ein kleiner Artikel zum Thema Volleyball. Auch ein Foto ist zu sehen.
„Schauen Sie sich das an.“, zeigt er auf den Artikel.
„Volleyball-News vom Feinsten;
Die gelbe Füchsin, auch gerne „gelbe Tigerin“ genannt, Bettina Fuchs wurde ebenso für die Nationalmannschaft nominiert. Eine offizielle Einladung geht heute raus.
Somit wird das japanische Team nicht nur die legendären Größen aus Frankreich und Amerika im Team haben, sondern erneut die deutsche Stärke und Ausdauer ihrer Tigerin, mit der sie vorletztes Jahr den Asientitel holten.
Nun muss sich die Tigerin nur noch entscheiden, ob sie der Einladung von den Deutschen nachgibt oder wieder für uns den Titel erkämpft.“, liest er vor. Beide betrachten ihr Foto. Tina im roten Trikot, ernstem Gesicht und schlägt gerade auf.
„Interessant. Der Name sagt mir tatsächlich was. Asientitel also.
Suchen Sie mir dann im Laufe des Tages alles raus was Sie dazu finden können.“, fordert er seine Begleitung auf.
„Über beide?“ Er nickt nachdenklich.
Das Pärchen verlässt die Station. Am Treppeneingang der U-Bahnstation lässt Kojiro Tina kurz alleine, geht zum Taxistand gegenüber und spricht einen Taxifahrer an. Dann kommt er zu ihr zurück und sie gehen zusammen zum Auto.
Fast schweigend sitzen sie auf dem Rücksitz. Tina lehnt sich gegen seine Schulter. „Kojiro, ich bin richtig froh. Gut, dass du da warst. Du hast genau richtig reagiert. Wie schaffst du das, dich nicht so provozieren zu lassen?“, bewundert sie sehr. „Sagen wir so. Ich musste es lernen. Als Kind war ich selbst so. Wenn man also beide Seiten kennt, kennt man das Spiel und weiß wie man es abblocken kann. Und dann saß da ein alter Mann, was sollte da passieren?“
„Ach so, du meinst, du hast die anderen Sportler provoziert? Quasi um deine Stärke zu demonstrieren?“, deutet sie diese Aussage. Er schaut ihr in die Augen. ‚Ich dachte echt, sie versteht das jetzt falsch. Aber nein. Sie hat es genauso verstanden wie ich es meinte. Nur im Sport.‘
„Ich bin genauso gewesen und bin es auch teilweise jetzt noch.“, schmunzelt sie. „Ach wirklich? Im Sport?“
„Ja genau. Als ich hier in Japan ankam, kannte mich niemand und ich habe erst angefangen Volleyball zu spielen. Für mich war das eine ganz neue Sportart und ich musste mich nicht nur in die Technik einarbeiten, sondern auch an das Trainingsprogramm. Natürlich habe ich immer schon gerne gespielt, aber das war ja nur Schulsport und Freizeit.
Als ich hier auf die Musashi kam, ergab es sich ins Team zu kommen. Von da an konnte ich das Spielen gar nicht mehr sein lassen. Wenn ich spielte, dann konnte ich allen Kummer um mich herum vergessen. Das war und ist wie im Rausch.“, erzählt sie begeistert.
„Wie im Rausch?“, ist er erstaunt. Sie sieht zu ihm auf und nimmt seine Hand zwischen ihren. Beide sehen sich tief in die Augen.
„Ja, so ähnlich wie mit dir.“, flüstert sie ganz leise, in der Annahme der Taxifahrer bekommt es nicht mit.
‚Oha…da läuft heute noch was. Ich wusste gar nicht, dass Hyuga in festen Händen ist. Er tat vorhin so seltsam und ich sollte meine Fußballsachen wegnehmen.‘
Bei Tina zuhause angekommen, bezahlt Kojiro den Fahrer und bedankt sich großzügig für seine Diskretion.
„Danke. Ich gehe davon aus, dass das hier unter uns bleibt?“, lächelt er. „Natürlich Herr Hyuga. Ich bin immer diskret.“, lächelt dieser verständlich zurück und nimmt sein Trinkgeld dankend an.
Nun stehen beide vor dem Eingangstor.
„Ein ganzes Haus mit Garten. Macht das nicht viel Arbeit?“, staunt er nicht schlecht.
„Ach was. Das krieg ich schon hin. Ich habe genug Unterstützung. Fühl dich wie zu Hause.“ Sie öffnet die Tür.
„Danke, ist recht hübsch hier.“, äußert er, als das Licht an geht.
‚Interessanter Schnitt im Eingangsbereich.‘, stellt er fest.
„Danke. Das ist also mein Zuhause. Anfangs habe ich mit meinen Eltern hier gewohnt.“ Beide ziehen die Schuhe aus und sie stellt sie in den Schuhschrank. ‚Alles so europäisch eingerichtet, obwohl ich ja nun so einiges gewohnt bin.‘ Er sieht sich neugierig um.
„Hier geht’s zur Stube.“
‚Irgendwie ist es komisch, dass er jetzt hier bei mir ist…in meinem Haus…nur wir zwei.‘, geht ihr durch den Kopf. Tina versucht aber so normal wie möglich zu wirken. Angst verspürt sie keine, es ist eher eine andere Anspannung.
„Da brennt ja noch Licht.“, wundert er sich.
„Das ist das Aquarium.“, berichtet sie stolz und knipst das Licht an. Kojiro betrachtet die vier kleinen Goldfische. Tina stellt sich neben ihn.
„Darf ich vorstellen? Die Familie Fuchs persönlich. Mama, Papa und Stephan, das ist Kojiro.“, beginnt sie zu lachen.
„Verstehe, da seid ihr alle zusammen.“, schmunzelt er.
„Ja genau. So nun ist aber Schlafenszeit. Gute Nacht.“ Dann schaltet sie das Licht und die Pumpe im Aquarium aus.
„Darf ich dir was zu trinken anbieten? Einen Rotwein vielleicht?“
„Danke dir, aber ich nehme gerne nur ein Glas Wasser und einen Kaffee, wenn du hast.“
„Natürlich gerne. Der Tag war lang.“
‚Ich muss ja wieder früh raus. Das ist mir zu riskant. Nach der vorherigen Nacht.‘ Er blickt zur Uhr. Es ist bereits kurz vor Mitternacht.
Während die Kaffeemaschine für zwei Tassen durchläuft, zeigt sie ihm das Haus im Erdgeschoss.
„Das ist sehr interessant geschnitten.“, äußert er interessiert.
„Das haben meine Eltern damals alles mit einem Architekten geplant.“ Bald sind sie wieder in der Küche und lehnen an der Arbeitsplatte mit ihrem Kaffee.
„Ich bin beruhigt.“, spricht Kojiro ernst.
„Was meinst du? Schmeckt der Kaffee besser als du dachtest?“, lacht sie ihn an. ‚Sie hat viel Humor, dazu fehlt mir irgendwie das Talent. Dieses Lächeln, so bezaubernd.‘, schmunzelt er.
„Der schmeckt, ja. Nein ich meine, dass es dir hier gut geht. Du hast alles was du brauchst. Ich hatte die Befürchtung, dir würde es privat nicht so gut gehen. Ich dachte vorhin sogar du wohnst in einem Apartment, so wie die Studenten.“
‚Er macht sich echt darüber Gedanken? Er hat sich ernsthaft vorgestellt wie ich lebe?‘ Sie sieht ihn verständnisvoll an.
„Ich verstehe. Du dachtest ich hätte nur meine Gaststätte und ich würde nur versuchen diese am Leben zu erhalten, damit ich nicht in die Schulden rutsche? So wie bei euch damals? Wenn der Hauptverdiener fehlt, ist das wirklich extrem.“
„Ja so ähnlich. Mein Vater hat kurz vor seinem Tod eine Schlosserei eröffnet. Sein Lebenstraum. Dafür hat er natürlich einen großen Kredit aufgenommen und das ist quasi ähnlich wie bei euch. Aber es scheint ja besser abgesichert gewesen zu sein.“
„Oh, verstehe. Nein also die Gaststätte ist schon unsere. Ich habe auch keine Pacht oder so zu zahlen, weil uns auch das Grundstück mit den drei anliegenden Gebäuden gehört. Natürlich würde es nicht so gut laufen, wenn ich noch Pacht bezahlen müsste. Aber so kann ich gute Preise machen und die Leute kommen gerne. Das hat mir damals meine Mama schon immer gesagt: Mädchen, ich habe lieber meinen kleinen Imbiss als irgendwas Gemietetes. So fallen nur Nebenkosten und Standgebühren an.“, grinst sie.
„Stimmt. Eine sehr kluge Frau. Ihr hattet einen Imbiss?“
„Ja in Hamburg damals. Fischbrötchen und Salatbar. Das war sehr gefragt und sie hatte viele Kunden.“
„Und dein Job ist es jetzt die Gaststätte zu leiten bzw. du bist die Inhaberin? Du bist quasi mit Herzblut Gastronomin?“, vermutet er und hakt nochmal nach. Tina grinst und stellt die Tasse weg.
„Ja und nein. Ich zeige dir mal was. Hast du ausgetrunken?“, schaut sie zu ihm rüber. Er nickt und stellt die Tasse ab. Sie geht zur Treppe.
„Du kannst dich doch sicher daran erinnern, als ich dich nach deinem Sport fragte, weil du vom Training gekommen bist.“
‚Oh ja, sehr gut sogar. Ich muss unbedingt dieses Missverständnis aus den Weg räumen.‘
„Du sagtest du würdest Baseballer sein und ich sagte, ich möge Volleyball.“, versucht sie zu erklären.
„Ja, du hast ja vorhin auch gesagt, dass du das Spielen sehr liebst.“
„Stimmt. Ich weiß ja noch nicht, ob du jetzt Profisportler bist oder Student und du spielst freizeitlich oder beides, aber ich…“ Sie bleibt vor einer Zimmertür stehen. „…glaube wir haben etwas gemeinsam. Zumindest, wenn du so Sportverrückt bist wie ich.“ Verlegen berührt sie seinen Arm und öffnet gleichzeitig die Tür. Tinas Puls steigt etwas an, als sie ihn berührt und sie ist gespannt, was er zu ihrer wahren Leidenschaft sagt. Wie oft ist sie schon mit unverständlichen Blicken konfrontiert worden, wenn sie einem Mann, mit dem sie flirtete, sagte wer sie ist und dass sie im öffentlichen Leben steht. Selten trifft sie auf Menschen, die ihre Gefühle zum Sport verstehen und es nicht als Hobby abtun, sondern als Beruf. Sie ist extrem angespannt, als Kojiro neugierig ins Zimmer schaut. Sie hat etwas Angst, er würde es genauso sehen, aber im Innersten glaubt sie zu spüren, dass er anders ist, anders als die anderen Japaner, die nur den Sinn eines „richtigen“ Berufs in der Gesellschaft anerkennen.
„Wow.“, kann er nur sagen als er in ihr kleines Fitnessstudio blickt. In dem Raum stehen verschiedene Fitnessgeräte und ein Regal mit Volleybällen. An den Wänden hängen Fotos von ihr als Jugendliche im Trikot der Musashi-Schule und später der Universität Todai. Bilder wie sie auf dem Feld steht und springend den Ball schmettert. Auf einem Poster ist ein Mannschaftsfoto der letzten Nationalmeisterschaft wie sie und ihre Mädels den Gewinnerpokal halten. ‚Wahnsinn. Ich dachte sie arbeitet die ganze Zeit und geht zum Ausgleich spielen, aber nein.‘ Sein Puls steigt an und ihm wird bewusst, dass sie tatsächlich etwas gemeinsam haben.
„Tritt ruhig ein. Schau dich um.“, spricht sie auf einmal etwas schüchtern, lässt ihn sich in die Raummitte stellen und lehnt sich an den Türrahmen. Es herrscht eine unbeschreibliche Spannung in der Luft. Kojiro schaut sich die Fotos von Nahem an und entdeckt eines aus ihrer Jugendzeit mit der Schuluniform der Musashi Oberschule.
‚Musashi-Schule. Hat sie vorhin keinen Scherz gemacht. Ob sie Jun kennt? Oder ist es etwa…seine Freundin, die mit ihm zusammenarbeitet?‘ Neben dem Foto ist eines wie sie nach ihrer Ankunft in Japan vor einem Flugzeug steht.
‚Moment. Ich habe sie als Mädchen tatsächlich schonmal gesehen. Fane hat Recht. Sie sagte nur, wir seien uns bereits begegnet bevor Tina Japan betreten hatte. Aber tatsächlich. Sie ist das Mädchen von damals auf dem Flughafen.‘, fällt ihm auf. Er hatte diese Begegnung eigentlich aus seiner Erinnerung gelöscht, denn es wäre so oder so irrelevant gewesen und er dachte nie daran, dass er dieses Mädchen von damals je nochmal sehen würde. Dann blickt er erstaunt zum Meisterschaftsfoto.
‚Sie hat mit der Unimannschaft den Landestitel geschafft? Wahnsinn.‘
„Kojiro…das hier ist…mein Hauptberuf. Ich bin Profisportlerin. Mit Volleyballspielen verdiene ich mein Geld. Damit zahle ich hier die Nebenkosten und meinen gesamten Lebensunterhalt. Natürlich gibt es noch Sponsoring und weitere Einkünfte, diesbezüglich. Die Gaststätte liebe ich zwar auch, aber ich arbeite derzeit nur, um einen normalen Beruf in der Tasche zu haben. Im Moment bin ich auch nicht die Leiterin, sondern als Lehrling angestellt.
Dieses Zimmer haben damals meine Eltern für mich eingerichtet. Sie waren so stolz und da hat mein Vater sein Arbeitszimmer geopfert, damit ich mich voll und ganz auf den Sport konzentrieren und jederzeit trainieren kann, ohne draußen alleine zu laufen.
Als meine Eltern verunglückten, konnte ich mich nicht mehr aufs Studium konzentrieren und ich verlor meinen Weg aus den Augen.“ Sie unterbricht, kommt auf ihn zu und lehnt sich an seinen Rücken. Ihre Hände fassen sanft seine Schultern.
‚Seine Wärme und sein Duft geben mir Kraft. Kraft ihm fast alles zu erzählen.‘ „Mit Hilfe eines Freundes, den ich zu dieser Zeit kennenlernte, fand ich zurück und konzentrierte mich mehr denn je auf den Sport.
Aber irgendwer musste ja die Gaststätte leiten. Ich brachte es nicht fertig Mamas Traum zu beenden und die Leute zu entlassen. Also brach ich das Studium ab und begann eine Lehre zur Restaurantfachfrau. Seitdem gehe ich zur Berufsschule, zum Training, zur Arbeit und arbeite auch in der Fitnessbranche. Ich hoffe, du verurteilst das nicht?“, er berührt ihre linke Hand und dreht sich zu ihr um.
‚Wie schafft sie das nur alles? Eigentlich geht es ihr doch genauso wie mir damals in meiner Kindheit und Jugend.‘ Ihm wird ganz warm und er verspürt wieder eine enorme Zuneigung.
„Pst.“, sagt er nur leise und legt seine Finger auf ihre roten Lippen. Tina blickt zu ihm auf und beide sehen sich tief in die Augen.
‚Seine Wärme gibt mir Kraft. Seine Stärke macht mir Mut. Mut ihm voll und ganz zu vertrauen.‘
„Bitte lass mich heute Nacht nicht allein, Kojiro.“, flüstert sie leise und lächelt. Ihr Herz rast vor Neugier, Neugier was würde als nächstes passieren.
‚Dieser sinnliche Blick. Ich könnte darin versinken, die Erinnerung an unseren ersten Tag lässt mich erstarren und gleichzeitig nach mehr verlangen.‘, geht durch beide Köpfe. Er berührt ihr weiches Haar und küsst sie liebevoll.
‚Seine Berührungen...sie machen mich verrückt. Er ist so zärtlich. Lass mich nicht los.‘ Sie berührt sein Gesicht und greift mit der rechten Hand verlangend in seine Haare am Hinterkopf, während sie sich leidenschaftlich küssen.
‚Sie ist genauso leidenschaftlich wie ich und gibt nie auf im Leben. Das ist es was uns vereint. Sie macht mich schon wieder so rasend. Dieses Kribbeln…es fährt schon wieder durch meinen ganzen Körper. Ihre Lippen und ihre Augen. Ihre Küsse...Diese Momente mit ihr sollen nie zu Ende gehen. Ich liebe sie, ich fühle sie ...und ich will sie! Jetzt!‘
‚Wenn ich nur wüsste wieso er mich jedes Mal so aus der Fassung bringt. Kojiro…wieso verliere ich mich in dir?‘ Er lässt seine Hände ihren Hals hinabgleiten und dann fasst er ihren Po und greift verlangend ihren Oberschenkel um ihr anzudeuten, dass er sie hochnehmen will.
„Kojiro…“, haucht sie aus und lässt ihn tun, was er tun will. Sie hält sich leidenschaftlich an seiner Schulter fest und drückt sich fest an ihn. Ihr ganzer Körper fühlt sich an, als würde er zittern, zittern vor Anspannung, Anspannung auf das unbekannte Kommende.
Er sieht ihr tief in die Augen und unterbricht kurz seinen leidenschaftlichen Kuss. „Bist du sicher? Bist du sicher, dass du dich auf mich einlassen willst?
Ich bin kein einfacher Mensch.“, warnt er sie vor und hat etwas Schwierigkeiten sich noch zurückzuhalten. Tina blickt ihn verliebt an und nimmt symbolisch ihre goldene Spange aus dem Haar und lässt sie zu Boden fallen.
„Das habe ich bereits. Und einfach…ist langweilig.“, flüstert sie ihm ins Ohr. Wie ein Schauder zieht es sich durch seinen ganzen Körper und langsam schwindet bei beiden jeder Gedanke. Wie im Rausch lassen sie sich nicht mehr los. Er trägt sie zur offenen Schlafzimmertür und lehnt diese hinter sich wieder an.
Niemand weiß welche leidenschaftlichen Momente sich abspielen und wie intensiv ihre Gefühle sind und welche Sehnsüchte sie haben, aber es lässt sie Raum und Zeit die nächsten Stunden vergessen.
Rätsel 2024
Kapitel 12
Rätsel
Als die Uhr auf 4:47 Uhr schlägt liegen sie Arm in Arm im Schlafzimmer. Ihre Augen sind geschlossen und sie schlafen tief und fest.
Plötzlich klopft eine dunkle Gestalt an die Haustür. Tina bekommt es zuerst nicht gleich mit, aber als es dann noch zusätzlich klingelt wird sie wach. Sie schreckt auf.
‚Was war das? Habe ich das geträumt? Ist da jemand?‘ Kojiro schläft so fest, dass er auch das Klingeln nicht bemerkt. Tina dagegen kann seit einigen Jahren
nicht mehr tief schlafen. Heute, wie seltsam, war sie so tief eingeschlafen, dass sie erst das Klingeln wahrnimmt. Dann klopft es ein weiteres Mal. ‚Da ist also doch jemand. Wer mag das um diese Uhrzeit sein?‘
Vorsichtig nimmt sie Kojiros Arm von ihrem Körper und richtet sich auf. Dann
steht sie auf und zieht ihren Morgenmantel über und schleicht zur Haustür nach
unten ins Erdgeschoss. Vor der Haustür angekommen, lauscht sie vorsichtig und greift nach der Blumenvase auf der Kommode. „Hallo? Ist da jemand?“, fragt sie laut und skeptisch.
„Tinachen, ...ich bin’s!“
„Martin!“, reagiert sie erstaunt und öffnet die Tür. ‚Was will er um diese Zeit? Und dann ausgerechnet Heute?‘
Vor ihr steht ein großer kräftiger blonder junger Mann. Es ist ihr treuster Freund aus Rostock, welcher damals mit nach Japan zog. Er ist einige Jahre älter als sie und studierte in Rostock Sportwissenschaften. Damals waren sie nur aus alten Zeiten in Rostock befreundet. Hier in Tokio arbeitete er in einem Fitnessstudio, welches er dann vor einem Jahr übernahm und Inhaber wurde.
Er blickt sie verwundert an. ‚Nanu? Noch in Nachtzeug? Geht sie nicht sonst um diese Zeit schon los?‘
Entsetzt bemerkt sie seine Kopfwunde und den blutigen Arm.
„Martin, um Gottes Willen. Was ist passiert? Ich habe seit einer Woche auch
nichts mehr von dir gehört?“, ist sie sehr besorgt.
„Kann ich erst einmal reinkommen?“, ist er ernst.
„Ähm, ja klar. Passt zwar grade gar nicht, aber wieso gehst du nicht in ein Krankenhaus? Das ist doch gleich um die Ecke?“
Wenig später sitzen beide in der Küche und sie verarztet ihn. „Wer hat dir das angetan?“
„Ich weiß jetzt endlich alles. Ich bin ihnen gefolgt.“, wirkt er sehr ernst
und beobachtet sie. ‚Meine arme Tina...ob ich ihr wirklich alles erzählen
sollte? Sie sieht so glücklich aus. Irgendwie anders als sonst. Ob inzwischen
etwas passiert ist?‘
„Wem bist du gefolgt und was weißt du?“
„Na den Männern, die in deine Gaststätte eingebrochen. Ich weiß jetzt warum sie es auf dich abgesehen haben.“, berichtet er.
„Bist du noch zu retten? Haben die dich etwa so zugerichtet?“, ist Tina erbost.
„Nein. Wenn die mich erwischt hätten würde ich nicht mehr hier sitzen. Das
war so ein blöder Köter. Als ich vor ihm weggelaufen bin habe ich einen
Laternenfahl übersehen und daneben stand ein Briefkasten, an dem ich mir den
Arm aufgerissen habe.“ Tina kichert. „Was ist daran bitte so lustig?“, klingt er zornig. „Typisch Martin, du und Hunde.“, äußert sie belustigt. „Ich lach mich tot. Seit wann hast du so einen schwarzen Humor? Willst du nicht wissen was nun los ist?“ ‚Seltsam, das ist sonst gar nicht ihre Art. Sie ist bei jeder Kleinigkeit immer gleich überbesorgt. Irgendwas liegt in der Luft.‘ Er schaut sich um und betrachtet seine beste Freundin. Die Freundin, in der er sich dann plötzlich verliebte. Und ja, sie waren sogar zusammen. Fast ein Jahr lang waren sie ein Paar. Dies liegt jedoch schon 1½ Jahre zurück.
Er vernimmt wohl, dass sie ihn anders ansieht und auf eine andere Art berührt als er es bisher kennt. Dann entdeckt er die zwei Kaffeetassen auf dem Tresen. ‚Hier stimmt was nicht.‘
Inzwischen wacht Kojiro auf und bemerkt, dass Tina nicht da ist. Also steht er
auf und zieht sein Boxershorts und die Hose an. Er vernimmt das Licht im Erdgeschoss und folgt den Stimmen. ‚Mit wem unterhält sie sich da? Das ist kein Japanisch. Warum um diese Uhrzeit? Eine kräftige Männerstimme, was hat das zu bedeuten?‘
„Jedenfalls verbirgt diese Bande etwas. Sie wollen dich aus diesem Haus vertreiben. Also die Gaststätte meine ich. Soweit ich verstanden habe ist dort ein Diebesgut versteckt. Sie haben Angst, dass du es findest und es für dich behältst. Es muss sehr wertvoll sein. Außerdem sprachen sie von einem Informanten.
Ich habe leider nicht viel verstanden. Du kennst ja mein schlechtes Japanisch.“, lacht er.
In diesem Moment kommt Kojiro zur Küchentür rein und blickt völlig verdutzt auf das Bild, was ihm geboten wird. Mit dem Rücken zu ihm hockt sie vor Martin auf dem Boden. Sie holt die Schere aus dem Verbandskasten.
Martin blickt vorerst zu ihr herab, bis er Kojiro bemerkt und aufschaut.
Skeptisch treffen sich die neugierigen Blicke der Männer, zwei jungen stolzen Männern, die ein und dieselbe Frau lieben und sich nun das erste Mal gegenüberstehen.
„Was hast du plötzlich?“, erkundigt sie sich. „Wer ist dieser ...Japaner?“,
versucht er cool zu bleiben und spricht Deutsch. Verdutzt blickt sie zur Tür.
‚Wer ist dieser Mann? Ein Deutscher? Ihr Freund? Nein, das kann nicht sein. Sonst hätte sie mich nicht auch nach einer Freundin gefragt. Aber was macht der um diese Zeit hier?‘, schwirrt in seinem Kopf. „Guten Morgen!“, kommt nur provozierend aus seinem Mund. „Kojiro? Du bist wach? Entschuldige, wir hätten leiser sein sollen.“, spricht Tina ruhig.
„Warum du mir nicht sagen, dass du hast Besuch?“, versucht sich Martin im
gebrochenem Japanisch. ‚Wer ist dieser Kerl? Was hat dieser halbnackte Typ um diese Zeit bei Tina zu suchen? Sie hat noch nie einen Mann mit ins Elternhaus gebracht. Und überhaupt. Seit wann trifft sie sich wieder mit Männern? Männern, die ihr körperlich überlegen sind? Sie hält sich doch sonst von großen starken Männern fern.‘, ist Martin mehr als nur etwas überrascht und aufgebracht. Der 2m große Mann steht auf, um den Japaner genauer zu betrachten und um seine Überlegenheit zu demonstrieren. Es herrscht eine explosionsähnliche Stimmung zwischen den beiden.
‚Man ist der eingebildet. Der glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass er mir überlegen ist, nur weil ich kleiner bin. Das Spielchen kann ich auch. Was ist das für ein Muskelprotz?‘, setzt Kojiro plötzlich einen ernsten Blick auf. Seine Augen schmälern sich und die Energie eines inneren Tigers lässt die Spannung im Raum kaum zähmen. Er stellt sich provokant mit beiden Händen in den Taschen zwischen den Türrahmen. ‚Wow, der hat ja einen Blick wie eine Raubkatze.‘, bemerkt Martin.
Tina kennt Martins Verhalten ganz genau und geht dazwischen. „Reg dich ab, provozier ihn nicht!“, ermahnt sie ihn auf Deutsch und knufft ihn an die Seite.
„Darf ich vorstellen? Das ist Kojiro. Kojiro, und das ist Martin. Ein sehr vertrauter Freund. Der mit dem Fitnessstudio.“, lächelt sie Kojiro an.
„Verstehe.“, schraubt er langsam seinen Pulsschlag zurück. Martin geht etwas angespannt aber höflich auf ihn zu und reicht ihm die Hand.
„Mir Ehre, dich kennen zu lernen. Seit wann ihr kennen euch?“ Zuerst zögert Hyuga, aber dann schenkt er Tina einen kurzen Blick und gibt ihm die Hand. Beide drücken sich sehr kräftig die Hände. Sie blicken einander in die Augen.
‚Der Kleine hat ganz schön Power für einen Japaner. Er ist sehr durchtrainiert und alle Muskeln sind gleichmäßig an ihm verteilt. Das sieht man selten.
Er ist wie Tina professioneller Sportler, treibt regelmäßig ausdauernden Sport und unterliegt einem professionellen Muskelaufbautraining. Für einen Bürohengst ist er zu selbstsicher und stolz mir gegenüber. Er weiß was er kann und wer er ist. Er weiß genau wie er auf Leute wirkt. Was mag das für ein Mann sein? Irgendwie kommt er mir sogar bekannt vor. Ich glaube ich habe ihn schonmal irgendwo gesehen.‘
‚Also alle Achtung. Seine Muskeln scheinen nicht nur aus Präparaten zu bestehen. Wenn er ein Fitnessstudio hat und Trainer ist, kommt das hin, dass er nur so vor Kraft strotzt. Aber wieso muss er mir gegenüber gleich so eine Platzhirschnummer abziehen? Sind die beiden wirklich nur Freunde?‘, fällt Hyuga auf.
„Hi, nenn mich einfach Kojiro. Tina und ich kennen uns seit Kurzem.“
Martin grinst. „Und ich kenne sie seit über 15 Jahren.“
Tina verbindet Martins Arm zu ende. „Halt doch still.“, murrt sie.
„Warum besuchst du Tina um diese Uhrzeit?“, geht Kojiro in die Offensive,
aber bleibt höflich. „Warum ist ein Fremder um diese Zeit halb nackt bei
ihr?“, grinst er. ‚Will mich der Typ provozieren, oder was?!‘, bemerkt Hyuga.
„Darauf antworte ich nicht.“, entgegnet er und bleibt cool. ‚Ein Kenner genießt und schweigt.‘, denkt er sich nur.
‚Kojiro? Was ist los? Bist du eifersüchtig? Spürst du etwa, dass zwischen Martin und mir mal was war? Ist es das? Oder liegt es an seiner Ausstrahlung? Er neigt dazu Leute zu provozieren, um ihren Charakter zu testen. Das macht er mit allen Menschen, die ich kennenlerne. Wobei, so extrem wie heute habe ich es noch nie bemerkt. Martin verhält sich nicht ganz nach seinem üblichen Muster. Was hat das zu bedeuten? Ob er spürt, dass zwischen Kojiro und mir etwas so Intensives ist wie es zwischen uns nie war?‘
Tina legt den Verbandskasten zur Seite. ‚Ich muss das entschärfen.‘, ist sie fest entschlossen. Dann greift sie herzklopfend nach Kojiros Hand, die noch immer Martins Hand im festen Griff hat. „Gehen wir ins Wohnzimmer.“
Kojiro lässt locker, lässt den Blick sofort von Martin und greift nach ihrer Hand. ‚Danke, Tina. Danke, dass du mich daran erinnerst, wieso ich hier bin. Ich bin hier um dir nah zu sein, um dich weiter kennenzulernen und nicht um vor deinen Augen einen Hahnenkampf auszutragen.‘ Im Wohnzimmer angekommen berührt er plötzlich ihren Arm und blickt ihr in die Augen. „Sorry, ich habe mich hinreißen lassen. Danke, dass du mich daran erinnert hast wieso ich hier bei dir bin.“, äußert er leise und mit fester Stimme. Sie sieht lächelnd zu ihm auf und streicht kurz über seine Wange. „Schon gut. Ich würde genauso reagieren. Du kannst mir vertrauen. Okay?“, spricht sie sanft. Bei beiden geht die Anspannung wieder etwas runter und er berührt ebenso kurz ihr Gesicht. „Das tue ich.“, bestätigt er. Beide würden sich gerne küssen, aber sie halten sich zurück.
‚Oha, das knistert aber gewaltig. Mich hat sie nie so angesehen. Ich glaube die beiden meinen das ernst.‘, bemerkt Martin und fährt seinen Puls ebenso wieder runter. Letztendlich möchte er doch nur, dass sie nicht ausgenutzt wird oder ihr jemand Kummer bereitet.
Kurz darauf sitzen Tina und Kojiro auf dem Sofa und Martin im Sessel gegenüber.
„Ich kann ihn nicht leiden. Wer ist er überhaupt? Sag bloß, er ist jetzt dein neuer Freund. Und was heißt seit Kurzem? Ich habe mich nur eine Woche lang nicht gemeldet.“, meint Martin auf Deutsch. „Ja, wir sind jetzt zusammen. Du musst nicht alles wissen. Das ist hoffentlich kein Problem für dich.
Du sagst, du hast etwas über diese Leute herausgefunden.“, lenkt sie ab.
‚Na gut. Ich beobachte das mal eine Weile.‘, entschließt er für sich.
„Die Typen sprachen von einem Informanten. Ich bin daraufhin ins Stadtarchiv
gegangen, um etwas zu erfahren.“
Plötzlich werden sie unterbrochen. „Entschuldigt, aber könntet ihr euch auf
Japanisch unterhalten? Ich komme mir sonst etwas überflüssig vor.“, klingt
Kojiro freundlich aber ernst. ‚Stimmt, ist ja auch unhöflich. Ich mag das auch nicht.‘, stellt Martin fest. „Sorry, du hast Recht.“, wendet sie sich ihm zu. „Entschuldige bitte, das war keine Absicht. Wir sind das so gewohnt.“ Dann erklärt sie ihm die Lage.
„Es wurde eingebrochen? Und was wollten die? Geld?“, ist er entsetzt. Kojiro beugt sich vor und stützt sich auf seinen Knien auf.
„Ja, aber wir haben den Verdacht, dass es ihnen nicht darum geht.“
„Verstehe ich jetzt nicht. Worum sollte es ihnen dann gehen?“
„Das wir auch nicht wissen.“, antwortet Martin ruhig. ‚Nanu, plötzlich so gelassen? Der Mann ist seltsam.‘, wundert sich Kojiro.
„Nun. Was können wir jetzt tun?“, überlegt nicht nur Tina. ‚Was anderes. Ein Diebesgut. Aber was könnte das sein? Diese Typen tauchten erst auf, als meine Eltern starben. Ich sollte mich mal über die Chronik des Gebäudes genauer informieren. Vielleicht hilft uns das weiter.‘
„Moment mal, mir fällt da was ein...“ Sie steht auf und geht nach oben ins
Arbeitszimmer ihres Vaters.
Kojiro und Martin sehen sich nur neugierig an, in dieser Zeit. Kurz darauf kommt Tina mit einem Aktenordner zurück. Sie hat sich inzwischen auch fix angezogen und Kojiros Shirt mit runtergebracht. Er nimmt es dankend an und während er es überzieht, setzt sie sich auf den Fußboden und fängt an zu blättern. „Mal sehen. Vielleicht finden wir was im Grundriss?“, vermutet Tina.
„Das Gebäude doch war vor Jahren lange leerstehend. Vor Sanierung vielleicht war etwas damit passiert.?“, erklärt Martin.
„Stimmt. Scheint so. Also was auch immer wir herausbekommen und unternommen wird, das bleibt unter uns dreien. Der Informant muss ja dann bei uns arbeiten oder ein und aus gehen. Euch kann ich wenigstens vertrauen.“, schlägt Tina vor.
Sie holt den Grundriss raus und legt ihn auf den Wohnzimmertisch.
„Ich sehe nichts was ich nicht eh schon kenne. Da stimmt jede Wand.“, mein Tina.
„Dem kann ich zustimmen.“, sagt Martin. Kojiro hingegen hat etwas entdeckt.
Hast du auch die Pläne der anliegenden Gebäude da? Du sagtest doch, die drei gehören dazu.“, merkt er an. Martin und Tina sehen ihn nur fraglich an.
Sie blättert und findet sie natürlich auch.
Nun breiten sie alle Pläne auf dem Fußboden aus und schauen erneut.
Tina erklärt Kojiro kurz was in den Gebäuden ist.
„Also das hier ist der Comicladen, nebenan der Blumenladen und auf der Rückseite vom De Mecklenburger liegt die Wäscherei. Dort waschen wir auch unsere Gastrowäsche, wenn es mal sehr viel wird oder uns die Zeit fehlt.“
‚Hier stimmt auf jeden Fall was nicht.‘ „Sind denn bei der Sanierung alle 4 Gebäude gemacht worden? Oder nur die Gaststätte?“, fragt er nachdenklich.
„Alle 4 Häuser. Als damals wir herzogen und Tinas Vater den ganzen Komplex kaufte standen alle mitsamt dem Innenhof leer. Er sanierte durch alle Häuser und dann kamen Mieter neue rein.“, erklärt Martin.
Kojiro steht auf und betrachtet die Pläne nochmal von weitem und zeigt dann auf die Wäscherei.
„Wart ihr da schonmal drin? Wie ist das dort mit den Maschinen und Räumen aufgeteilt?
Die Wände in Verbindung zur Gaststätte und dem Innenhof stimmen nicht ganz. Die Maße gehen nicht auf.“, stellt er fest.
Er erklärt es kurz und zeigt auf die fehlende Lücke von gut 20qm, die sich auf 2 Teile oder Räume verteilen.
„Kojiro, sowas siehst du? Bei dem ganzen Zahlengewusel blickst du nur beim Draufschauen durch?“, ist Tina plötzlich etwas erstaunt.
„Stimmt, ich auch hätte erstmal rechnen müssen mit Taschenrechner.“
Kojiros Geheimnis 2024
Kapitel 13
Kojiros Geheimnis
‚Kojiro…du überraschst mich jetzt wirklich sehr. Mir war klar, dass du klug und intelligent bist, aber ich hatte eher damit gerechnet, dass du etwas Praktisches lernst, was Handwerkliches wie dein Vater es war. Aber dass du mich jetzt mit einem Verständnis von Raum und Zahlen kommst, das ist echt unerwartet.‘
Tina sieht zu ihm auf. „Ich wusste, dass du irgendwas studierst.“, lächelt sie ihn total begeistert an.
Kojiro vernimmt ihre leuchtenden Augen, wie sie ihn stolz ansehen. ‚Tina, wie du mich ansiehst. Schade, dass ich dich jetzt nicht in die Arme schließen kann. Du hast mich nie gefragt was ich außer meinem Sport so mache. Warum eigentlich nicht? War es dir bis jetzt egal oder wolltest du einfach warten bis ich es dir erzähle?‘
Er lächelt zurück. „Ich habe tatsächlich bald einen Bachelor of Science in der Tasche. Neben dem Sport nutze ich die Möglichkeiten des Fernstudiums.“ ‚Hm. Sport…wie spät ist es eigentlich?‘
Hyuga blickt zur Uhr. Es ist halb sechs. Sofort bewegt er sich in Richtung Schlafzimmer. „Entschuldigt mich bitte. Es ist schon spät.“
„Ach ja. Du musst ja zum Training. Schaffst du das denn noch? Und dann habe
ich dir nicht mal was zu essen bemacht.“, sorgt sie sich und steht auf.
„Ich nehme ein Taxi und hole mir was beim Bäcker.“
Er geht ins Schlafzimmer und holt seine restlichen Sachen, schließt hinter sich die Tür und geht die Treppe wieder unter. Als er wieder unten ankommt drückt sie ihm geschmierte Stullen und einen Thermobecher mit Kaffee in die Hände.
„Damit du nicht hungrig bist.“
Tina begleitet ihn zur Tür und schließt die Tür zum Wohnzimmer.
„Danke für das Frühstück.“, lächelt er.
Beide sehen sich zum Abschied tief in die Augen und Kojiro nimmt sie selbstsicher in die Arme. Sein Herz klopft ganz laut. ‚Wieso überkommt mir plötzlich so ein seltsames Gefühl? Ich will gar nicht weg, aber muss es leider doch. Ich will sie irgendwie auch nicht mit diesem Mann alleine lassen, aber ich muss. Ich muss ihr einfach vertrauen. Was ist das nur für ein drängendes Gefühl, das mir sagt, dass ich sie nie wieder loslassen will?‘, geht in ihm unerwartet vor.
‚Es wäre zu schön, wenn wir mal mehr Zeit hätten. Du bist so geheimnisvoll, Kojiro. Und ich kann alles um mich herum vergessen, wenn du bei mir bist. Ich wünschte ich wüsste genau was du empfindest für mich? Ist es am Ende doch nur Leidenschaft, was uns vereint? Oder ist es mehr?
Ich empfinde zu viel, als dass es nur körperlich wäre. Nein…es ist mehr, Kojiro…mehr als alles was ich mir vorstellen kann. Diese Nacht…es war alles zu intensiv mit dir Kojiro…es darf nie zu Ende sein. Diese Momente, wenn du bei mir bist…dürfen nie enden. Ich will mehr…mehr von dir…mehr mit dir…mehr erfahren und mehr erleben…alles andere ist mir egal.‘ Plötzlich berührt er ihr Gesicht ganz zärtlich und streicht über ihre Wange. „Tina…ich glaube…du hast…mir etwas wichtiges beigebracht.“, versucht er sich zu sammeln. Verwundert und erwartungsvoll schauen ihre glasigen Augen in seine. Ihr Herz fängt auch an laut zu schlagen und sie spürt ein Windhauch über ihren Körper huschen, es fühlt sich so an. „Was? Kojiro…was kann ich…dir…schon beibringen?“, stammelt sie verlegen.
„Zu…lieben. Ich …denke, ich habe mich wirklich in dich verliebt.“, sagt er zuerst zurückhaltend und dann ganz schnell mit fester Überzeugung. Daraufhin küsst er sie leidenschaftlich und drückt sie ganz fest an sich. Als wenn er sie nie wieder loslassen wolle.
Jetzt ist es raus.
Jetzt, genau jetzt in diesem Moment.
Aber wieso ausgerechnet jetzt?
Ist es nicht Tina, die ihm was von Liebe auf dem ersten Blick gesagt hat?
Aber was war das schon für eine seltsame Situation? Hätte da nicht jeder Mann gesagt, dass es das wäre? Einfach nur um den Moment zu genießen? Zählt das dann überhaupt?
Aber Kojiro, nein er ist nicht so einer. Er würde einer Frau niemals etwas vormachen. Immer hat er vorher alle Register gezogen, immer. Und bei Tina? Es musste Schicksal gewesen sein, dass sie sich ein zweites Mal begegnet sind, jetzt als Erwachsene, als Mann und Frau.
Fünf unendliche Minuten später steht Tina an der Haustür und blickt ihm nach. „Pass auf dich auf!“, ruft sie ihm noch etwas benommen zu.
„Und du passt auf dich auf.“, entgegnet er winkend.
Sofort läuft Kojiro Richtung Taxistand.
‚Da knistert es aber gewaltig.‘, fällt Martin auf, als er sie beobachtet. ‚Also mich hat sie nie so angesehen. Andrea sieht mich nur so an. So sehnsüchtig.‘
Als Tina zurück in die Stube kommt versucht sie abzulenken und fragt ob Martin Frühstücken möchte. Er lehnt jedoch dankend ab aber fragt nach einem Glas Wasser.
Dann beginnt er das Gespräch.
„Du vertraust ihm?“, ist er skeptisch. „Ja, genauso, wie ich dir vertraue.“
„Seid ihr jetzt fest zusammen? Was heißt denn überhaupt „Seit Kurzen“?“, hinterfragt er neugierig.
„Vermutlich.“, haucht sie leise und lässt sich aufs Sofa fallen. „Wie
soll ich das verstehen? Seid ihr, oder seid ihr nicht?“
„Wir kennen uns erst seit vorgestern. Du kannst ihn nicht leiden, stimmt’s?“, spricht sie leise aber überzeugt.
Martin steht vor dem Aquarium und schaltet das Licht und die Pumpe an.
‚Wirklich erst ein paar Tage? Und dann übernachtet er hier schon? Das ist gar nicht ihre Art. Was hat das zu bedeuten?‘
„Ich habe nichts gegen ihn. Im Gegenteil. Der Junge gefällt mir. Scheint auf
meiner Ebene zu schwimmen. Mich stört es nur, dass ihr euch kaum kennt und
schon läuft er hier halb angezogen durch die Bude, als hättet ihr die ganze
Nacht euer Vergnügen gehabt.
Du solltest wissen, dass ich mich um dich sorge. Ich möchte nicht, dass dich irgendein Typ ausnutzt, weil er ein Abenteuer mit einer Frau wie dir sucht.“
Tina blickt überrascht. „Eine Frau wie mir? Was meinst du damit?“
Er blickt sie verständnislos an. „Tu nicht so doof, du weißt doch genau wie du auf Männer wirkst. Mein Studio hat sich anfangs nicht meinetwegen so gut gefüllt.“
Sie kichert. „Stimmt. Mach dir keine Sorgen, Kojiro ist nicht so. Er kam rein zufällig am Dienstag ins Lokal und wollte nur was trinken.
Du magst ihn also doch? Wieso ist er auf deiner Wellenlänge?“
„Er ist kräftig und könnte dich beschützen, hat eine super Kondition und scheint recht intelligent zu sein. Wenn das stimmt was er gesagt hat, ist er angehender Ingenieur oder was anderes technisches. Das ist ne harte Nummer so nebenbei. Er denkt also an die Zukunft, das ist gut.“
„Verstehe. „Dein Beschützerinstinkt“.“, meint sie grinsend. „Du fasst das falsch auf. Ich bin nicht eifersüchtig. Du weißt, dass wir uns auf eine geschwisterliche Beziehung geeinigt haben. So wie es früher immer gewesen ist.“
„Ich weiß.“, seufzt sie. „...aber ich will dir nicht weh tun. Jetzt, wo ich jemanden habe.“
„Ich verstehe nicht. Macht er dich nicht glücklich?“, wundert er sich.
„Doch, eben drum. Ich war nach Stephans Tod noch nie so glücklich wie jetzt. Deswegen habe ich ein schlechtes Gewissen....dir gegenüber.“, spricht sie
immer leiser und beobachtet die Fische beim Fressen.
‚Ach so ist das.‘, begreift er. Martin nimmt sie liebevoll in die Arme. „Mache dir um mich keinen Kopf. Das mit uns sollte eben nicht sein. Ich möchte nur, dass du glücklich bist. Du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Dafür gibt es keinen Grund.
Außerdem habe ich doch Andrea. Wir sind wirklich sehr glücklich zusammen. “
Einige Minuten später erreicht Kojiro die Umkleide und zieht sein blaues Nationaltrikot an. Der Adler auf der linken Brust verleiht ihm Kraft. Eine unbeschreibliche Kraft mit Schweiß und Tränen für sein Heimatland im nächsten Jahr den Weltmeistertitel zu holen. ‚Ob er wirklich nur ein Freund ist?‘
„Hey Captain. Träumst du?“, wird er angesprochen. Takeshi, sein bester Spielpartner und Freund seit Grundschulzeiten steht neben ihm. Verdutzt sieht er diesen an.
„Hey, was ist los? Du bist so nachdenklich. Das ist doch sonst nicht deine Art.“, versucht er ihn aufzuheitern. „Nichts. Was soll sein?“
„Na hör mal. Du bist später dran als sonst und dann benimmst du dich seit gestern so komisch.“, bemerkt er. „Es ist aber nichts.“, verteidigt er sich.
„Ruhe jetzt! Ich sehe euch in einer Minute auf dem Feld!“, platzt der
Nationaltrainer in den Raum.
„Was ist denn los?“, beginnt Ken bei den Dehnübungen. „Ich möchte nicht
darüber sprechen. Verstehst du?“ Ken grinst. „Alles klar. Wenn ein Mann so
anfängt, kann das nur mit Frauen zu tun haben. Stimmt’ s?“
Verblüfft blickt er zu ihm, betrachtet seine Narbe im Gesicht und kichert. ‚Tina.‘ „Hast Recht. Ich konnte dir noch nie etwas vormachen.“, seufzt er.
„Ist ja stark! Hyuga hat ne feste Freundin!“, äußert Ishizaki erstaunt und lauthals, als er zufällig dem Gespräch folgen kann.
In Nu sind alle um ihn versammelt. Ehe er sich versieht wird er mit Fragen gelöchert. „Echt? Ist das wahr? Du hast dich richtig verliebt?“, erkundigt sich sein Freund Tsubasa als erster. ‚Fane hat mich gebeten mich da ganz rauszuhalten. Ich hoffe nur, das wird kein Fehler sein.‘
„Ist sie hübsch?“, ist Takeshi neugierig.
„Na hört mal! Unser Captain gibt sich nur mit hübschen Frauen ab!“, äußert Ken erbost.
Verdutzt beobachtet der Cotrainer seine Mannschaft, wie sie das Training unterbrechen. „Was ist denn da los?“, erkundigt er sich beim 1. Torwart Genzo Wakabayashi. „Ich weiß nicht. Irgendwas mit Kojiro. Soll mir auch egal sein.“, ist er uninteressiert.
Dann kommt Herr Mikami langsam auf sie zu.
„Wie lange kennt ihr euch?“
„Wie heißt sie?“
„Wie sieht sie aus?“
„Wie alt ist sie?“
„Habt ihr euch schon geküsst?“
„Und habt ihr schon miteinander ...na du weißt schon?“, werfen sie ihm an den Kopf. Seine Teamkollegen des Nationalteams begleiten ihn schon so viele Jahre. Was haben sie schon alles durchgemacht? Ihre schwierige Kennlernphase, ihre Duelle untereinander und miteinander. Wieviel Kraft und Schweiß haben sie verbraucht und vergossen damit sie als Japaner auf dem Weltmarkt des Fußballs endlich anerkannt wurden? Diese eingespielte Truppe ist nicht nur auf dem Rasen eingespielt, auch viele feste und auf Vertrauen basierende Freundschaften haben sich dadurch entwickelt. Natürlich sind die anderen dann mehr als neugierig, wenn sich jemand verliebt oder Liebeskummer hat.
„Mein Liebesleben geht euch überhaupt nichts an! Klar?!“, ist Kojiro
völlig aufgebracht.
„Hey, was ist hier los? Warum macht ihr mit dem Training nicht weiter?“, ist
Herr Mikami wütend. Alle gehen zur Seite und Ishizaki erklärt ihm, dass Kojiro
verliebt sei und alle neugierig waren.
„Nach dem Training kommst du bitte in mein Büro. Jetzt konzentrierst du dich
nur auf den Sport.“, fordert er ihn auf und scheucht die anderen Teammitglieder wieder aufs Feld.
‚Wieso will er mich deswegen sprechen?‘, wundert er sich.
Nach dem Training besucht Kojiro seinen Cotrainer im Büro und schließt die
Tür. „Sie wollten mich sprechen.“
„Setz dich.“
„Eigentlich habe ich es eilig.“
„Ach so. Nun, ich mache es kurz.
Du hast also eine Frau kennen gelernt?“
„Ja, aber ich verstehe nicht, was das mit uns zu tun haben soll, Trainer.“
„Das ist wirklich nicht leicht zu erklären. Wie willst du das alles schaffen?
Dein Studium und die WM steht nächstes Jahr an, das sind nur noch wenige Monate und dann eine Freundin. Das ist selbst für dich zu viel.“
„Sie machen sich deswegen Sorgen? Ich krieg das schon hin. Ich habe immer
alles hinbekommen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe. Das müssten Sie doch
wissen.“
„Bist du dir sicher? Ist es ernst zwischen euch?“ Kojiro blickt nachdenklich
auf das Mannschaftsfoto, auf dem das beste Japanische Team 2002 im Tokioer
Stadion zu sehen ist. „Ich denke schon. Bis jetzt haben die meisten Frauen nur mit mir gespielt. Aber bei ihr ist das anders.“ ‚So ist das. Er hat keine Ahnung von der Liebe. Aber das ist normal in seiner Position. Die Damenwelt ist kompliziert. Oft weiß man nicht wer Fan ist oder wer wirklich Interesse an einem hat.‘
„Du willst also wissen, woran man erkennt, ob man verliebt ist oder nicht?“
„Ja, wenn Sie es so nennen wollen.“
„Das kann ich dir nicht sagen. So etwas fühlt man einfach. Aber wenn du erstmal darüber nachdenkst, dann bist du deiner Antwort schon ein gutes Stück näher.“, erklärt er psychologisch.
„Aber!“, erhebt er stimmlich den Finger. „Bedenke immer, dass ihr euch in Zukunft so gut wie nie sehen werdet. Das ist leider in eurem Beruf als Profisportler ein Dilemma.“
„Tina-san, bitte bring mir einen Kaffee und komme ins Büro, ich muss mal mit
dir reden.“, ertönt eine dunkle Japanische Stimme am Telefon. „Jo, Chef.“
Im Büro setzt sie sich hin und stellt zwei Kaffee auf den Tisch. „Was gibt es
wichtiges?“
„War gestern alles in Ordnung? Die Gäste waren zufrieden?“
„Ja. Es gab auch gutes Trinkgeld.“
„Schön, das haben wir nötig. Du weißt wie schlecht es um die Finanzen steht. Vielleicht hast du ja eine Idee, wie wir etwas schneller wieder zu Geld kommen. Die Unterhaltungskosten steigen schon wieder und die Personalkosten sind mir eindeutig zu hoch.
Eventuell musst du doch mal in die Trickkiste greifen, auch wenn du das nicht willst. Ich weiß ja wie du dazu stehst, aber wenn du als Gelbe Tigerin mal ne Show ablegst kommen sicher genug Leute vorbei.
Apropos. Du hast gestern eine Aushilfe für Makoto besorgt. Wie viel willst du ihm geben?“
„Er will nichts haben. Er hat gesagt, er will mir nur helfen und möchte dafür kein Geld. Ich mag das zwar gar nicht, aber so ist es.“
‚Was ist das für ein Typ, der sich freiwillig an die Spüle stellt? Das klingt verdächtig.‘
„Na gut, aber lass dir etwas einfallen, damit wir mehr Gäste bekommen.“
„Okay.“, antwortet sie und verlässt den Raum.
„Guten Tag, der Herr. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“, begrüßt Tina
einen Gast, der am Tresen auf sie wartet. Es ist ein Japaner, etwa 55
Jahre alt. „Guten Tag. Ich habe gehört, Sie haben die Möglichkeit für
große Feiern?“
„Ja. Wir haben dafür einen separaten Veranstaltungsraum. Um welche
Feierlichkeit handelt es sich?“
„Ein Geburtstag. Es könnte sein, dass ich bereits vorgemeldet bin. Von einem
gewissen Herrn Ohzora. Es soll eine Überraschungsparty werden, meint er. Sie
wüssten bereits Bescheid.“, erklärt dieser.
Tina ist erfreut. „Aber natürlich. Herr Ohzora hat mich vor einer Woche
kontaktiert und mir gesagt, dass er jemanden für die Organisation vorbei
schickt. Wissen Sie denn bereits wie viele Leute Sie werden?“
„Noch nicht genau, aber zwischen 40 und 50 Mann werden wir garantiert.“
„Dann folgen Sie mir am besten und ich zeige Ihnen den Raum. Dann können wir
alles in Ruhe besprechen.“, entgegnet sie freundlich und öffnet die Saaltür neben dem Tresen.
„Hallo Kojiro. Du bist also heute wieder da?“, entgegnet ihm die
stellvertretende Chefköchin, Heidi. „Einen schönen Tag, Heidi. Wo ist
Tina?“
„Bei den Gästen vorne.“ Somit begibt er sich in den Servicebereich, um Tina
zu begrüßen. Suchend schaut er sich um. „Hi Kojiro.“, ist der Lehrling
erfreut. „Hallo Carsten.“
„Du suchst sicherlich die Chefin. Die ist in einer Besprechung, siehst du?“,
zeigt er auf die Personen im Partysaal. ‚Der Typ kommt mir bekannt vor.‘,
fällt ihm auf. Er sieht beide mit dem Rücken zu ihm wie sie sich freundlich
unterhalten.
Plötzlich dreht sich der Gast etwas um und Kojiro erblickt verdutzt sein
Profil. Sein Puls steigt an. ‚Das ist doch der ehemalige Trainer von Nankatsu. Was macht der hier?
Bloß schnell weg hier, sonst erkennt er mich noch.‘
„Dann ziehe ich mich erst einmal um.“, meint er zu Carsten und verschwindet durch die Pendeltür.
‚Ich habe mich also nicht getäuscht. Das ist wirklich Hyuga. Wieso ist er hier? Er hat eindeutig diesen Gast erkannt. Wie kommt es, dass Tina ihn kennt? Ich dachte sie kennt nur Fane und Tsubasa. Sie ist doch sonst ganz weit weg, wenn es um Fußballer handelt.
Auch wenn Heidi sagt, wir sollen uns da total raushalten, ist es seltsam.‘, geht durch Carstens Kopf.
‚Ich frage mich echt, was er hier will? Will er hier etwas feiern?‘
In diesem Moment kommt ihm Fane entgegen. „Hi, bist du heute schon wieder
da?“ ‚Warum muss sie auch ausgerechnet hier lernen?‘
„Hi, hast du was dagegen?“, entgegnet er etwas schroff und geht sich umziehen. ‚Was hat den denn gebissen? Gestern war er noch so ruhig und freundlich. Wieso ist er heute so unhöflich? Ist was passiert?‘, wundert sie sich.
Etwa zehn Minuten später stehen beide in der Abwäsche und schweigen sich an;
bis Tina herein kommt und alle freundlich begrüßt.
„Fane, meine Liebe, wie geht’s?“
„Gut und selbst?“
„Prima. Kojiro, wie war dein Training?“, strotzt Tina nur so vor guter Laune.
„Gut wie immer. Danke der Nachfrage.“, lächelt er sie an.
Tina geht auf ihn zu und schenkt ihm ein Begrüßungslächeln.
„Guten Tag erst einmal. Sorry.“, grinst sie in ihrem Übereifer. ‚Wenn ich ihn nicht begrüße fällt es wohl auf, dass wir uns schon gesehen haben.‘
‚Meine Güte. Was ist denn mit der passiert? Habe ich etwas verpasst? So glücklich habe ich sie noch nie gesehen.‘, wundert sich Fane.
Dann wendet sie sich Kojiro zu. „Wann sind eigentlich deine Prüfungen? Musst du nicht eigentlich lernen?“, fragt sie direkt. Er sieht sie nur verdutzt an und richtet sich auf. ‚Ach Tina. Du hast das vorhin also nicht falsch aufgefasst. Wieso fragst du mich danach?‘
„Wenn du meine Bachelor-Arbeit meinst, die ist fertig und liegt bereits bei den Professoren in der Prüfung.“, äußert er mit Stolz.
„Bachelor-Arbeit?“, stößt Fane erstaunt aus. ‚Was meint er damit? Seit wann studiert er denn? Wieso weiß ich nichts davon?‘
Tina berührt seinen Unterarm und sieht ihm in die Augen. „Dann willst du sicher topp im Thema sein, wenn du sie verteidigen musst.
Du musst nicht weiter hier im Abwasch stehen. Mir ist das eh schon total unangenehm, dass ich dich überhaupt gefragt habe. Das war…eine Kurzschlussreaktion. Ich wollte in dem Moment nur, dass du einen Grund hast wiederzukommen, um dich näher kennenzulernen.“ Sie unterbricht. „Ich danke dir sehr für deine tolle Hilfe. Am ersten Tag gleich so fleißig. Sogar Roland hat dich gelobt und der lobt nie.
Bitte geh dich erstmal wieder umziehen.“, fordert sie ihn lieb auf, dann geht sie erstmal wieder nach vorne.
„Kojiro…wovon redet ihr bitte?“, spricht Fane ihn neugierig an während er die letzte Maschine bestückt, den Hebel wieder runterzieht und dann die Handschuhe auszieht. „Du weißt so einiges nicht über mich, meine Gute. Frag deinen Mann, er nutzt doch auch die Vorteile eines Fernstudiums.“
„Tut er das?“, wundert sie sich. ‚Was meint er damit?‘
„Du verwirrst mich. Was studierst du denn?“
„Ich hänge das nicht wirklich an die große Glocke. Und das muss auch unter uns bleiben. Ich kann gut mit Zahlen umgehen.
Sagen wir so…das Haus was ich meiner Mutter und meinen Geschwistern damals habe bauen lassen, das habe ich selbst entworfen. Du weißt ja, die Tigerschuss-Shampoo-Werbung. Das war meine erste Investition.“, erklärt er sachlich und legt die Handschuhe zur Seite.
„Und was studiert Tsubasa? Und wieso hat er mir davon nichts erzählt?“, wirkt sie ganz traurig.
„Du hast dich damals spontan entschieden wieder herzukommen, statt in Barcelona bei ihm zu bleiben. Wieso eigentlich?“, entgegnet er erstmal mit einer Gegenfrage.
„Na wegen Tina. Als wir uns kennenlernten hatten Tsubasa und ich einige Probleme und sie half mir über diese schwere Zeit hinweg. Ich hatte ja durch das viele Zusammensein mit euch Jungs keine einzige Freundin. Die waren alle nur neidisch oder hielten mich für verrückt. Tina war die erste und einzige Freundin, die ich je hatte.
Dann bot sie an bei ihr in die Lehre zu gehen, weil ich das Kochen so gerne mag und die europäische Küche liebe. Ich will Tsubasa und unsere zukünftigen Kinder immer gut verpflegen und im Notfall habe ich einen Beruf in der Tasche mit dem ich überall auf der Welt arbeiten gehen kann.“ ‚Fane…du hattest nie Freundinnen? Das ist ja furchtbar.‘, stellt er entsetzt fest.
„Ich verstehe.“, sagt er nur verständnisvoll und legt seine Hand auf ihre Schulter. „Das war sicher keine schöne Zeit für dich als Mädchen.
Dein Mann will nur, dass du dir keine Sorgen machen musst, dass er abgelenkt sein könnte. Er studiert Sportwissenschaften und will mit Taro nach der Fußballkarriere einige Projekte umsetzen um die Sportmedizin zu verbessern. So seid ihr also beide gut abgesichert.“
Freundschaften 2024
Kapitel 14
Freundschaften
Es dauert nicht lange, da stehen Tina und Kojiro vor dem Getränkelager an der Hintertür, um sich zu verabschieden.
„Hast du alles? Es ist wirklich besser du nutzt deine knappe Zeit für wichtiges als dreckiges Geschirr.“, grinst sie und berührt seine Hand.
„Das tue ich doch. Ich verbringe sie mit dir.“, flüstert er leise und nimmt sie in die Arme, um sie zu küssen. Ihre Blicke weichen nicht voneinander und er beugt sich ihr entgegen und sie küssen sich innig. ‚Schade, dass ich dich heute loslassen muss. Aber ich will dich nicht von deinen Pflichten fernhalten. Kojiro…diese Wärme…wann kann ich sie wieder spüren?‘
Nicht weit von ihnen entfernt, direkt in der Nebengasse hinter der Personaltür steht ein junger Japaner in einem Trainingsanzug.
Gelangweilt schaut er durch die Wand. ‚Das Training heute war mal wieder
echt klasse. Das Einzige, was mir Sorgen macht ist Hyuga. Er hat noch nie in
unserer Gegenwart etwas über seine Frauen erzählt. Er scheint sich ernsthaft verliebt zu haben. So verlegen habe ich ihn noch nie erlebt. Ob das mit Tina wirklich was Ernstes ist?
Wobei. Es gibt wirklich nichts beruhigenderes als bei Fane zu sein. Sie strahlt immer so eine Harmonie aus, dass ich alles um mich herum vergessen kann.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Kojiro und Tina zusammen sind. Würde sie sich überhaupt auf ihn einlassen?
Weiß sie wirklich nicht wer er ist?‘
Hyuga öffnet plötzlich die Tür und schaut erstaunt in Tsubasas Gesicht.
Beide Herzen fangen laut an zu schlagen. Zwei Freunde, dessen Band eine ungewöhnliche Verbindung hat.
In Grundschulzeiten die größten Rivalen und letztendlich führte sie beide der Sport aus Leidenschaft und Respekt dazu voll und ganz aufeinander zu vertrauen. Und nun? Nun steht plötzlich etwas zwischen ihnen? Seit so vielen Jahren Vertrauen steht erneut etwas zwischen ihnen.
‚Tsubasa! Ach du meine Güte. Was macht der denn hier? Ob er wie Fane dichthält? Er hat sie sicher vorhin zur Arbeit gebracht.‘
Tina steht direkt neben Kojiro und blickt zu Ohzora auf.
„Basa? Das ist ja ein Ding. Was machst du denn hier? Wie geht’s?“, entgegnet sie ihm freundlich und überrascht.
„Mir geht’s gut. Und dir Tienchen? Wie läuft der Betrieb?“, beachtet er Kojiro nicht weiter, aber er beobachtet ihn unauffällig. ‚Sie scheint es wirklich nicht zu wissen, sonst hätte er mich einfach begrüßen können.
Na gut, Kojiro. Ich lass dich schon nicht ins Messer laufen.‘, zwinkert er ihm zu, ohne dass Tina etwas mitbekommt.
‚Er weiß genau über sie Bescheid. Wieso akzeptiert sie ihn, obwohl sie weiß wer er ist? Weil sie Fane vertraut?‘, bemerkt er und versucht sich zu beruhigen.
„Der läuft gut. Was macht dein Sport? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Wie ist die Luft in Barcelona?“
„Alles super wie immer. Ich bin nur für eine Weile hier. Nächstes Jahr ist doch WM und da müssen wir alle mal wieder zusammen trainieren, um uns langsam wieder einzuspielen.“
„Verstehe. Das kenne ich. So ist das gegen Weihnachten nachher mit uns
auch. Du hast Fane sicher eben herbegleitet?“
„Genau. Und nun warte ich noch auf jemanden.
Aber, sag mal, willst du mir deine Begleitung gar nicht vorstellen?“, lenkt er ab
und kommt zum Punkt.
„Oh ja, entschuldigt.
Kojiro, das ist Tsubasa, ich habe ihn bereits erwähnt. Der Freund, weswegen ich wieder Lebensmut fand.
Basa, das ist Kojiro. Wir sind…seit Neustem zusammen.“, schmunzelt sie verlegen.
Tsubasa geht auf ihn zu und reicht ihm die Hand.
Beide sehen sich trotz ihrer tiefen Freundschaft wie Rivalen in die Augen. ‚Liebst du sie tatsächlich und hast Angst es ihr zu sagen? Wie soll das mit euch weitergehen?‘
‚Was spielt er für eine Rolle in ihrem Leben? Was meint sie mit Lebensmut? Wie schlimm erging es ihr denn, als ihre Eltern starben? Heute Nacht erwähnte sie nur etwas davon, dass sie ihren Weg wieder fand.‘
Tina bemerkt die Spannung zwischen diesen Männern.
‚Was haben die beiden? Er schaut wie ein Tiger, der seine Beute im Visier hat. Und Basa macht so ein ernstes Gesicht, als würde er Kojiro herausfordern zu wollen. Komisch. Wieso sehen die sich mit so einer Spannung an?
Das ist eine andere Spannung als heute früh.‘
Sie versucht zu schlichten, um Missverständnisse aus dem Weg zu schaffen. Also berührt sie die angespannten Hände der Rivalen. „Seht euch bitte nicht an wie Rivalen.“
Blitzartig lassen sie sich beide los. „Das macht man so unter Männern, nicht
wahr, Kojiro?“, grinst Tsubasa.
‚Der erst wieder.‘, wundert sich dieser. „Klar. So lernt man sich erst richtig kennen, wenn eine schöne Frau danebensteht.“, grinst dieser und applaudiert auf seine überragende Männlichkeit, Tsubasa gegenüber.
„Das sah eher so aus als ob ihr euch gleich duellieren wollt. So einen Blick kenne ich ja überhaupt nicht von dir, Basa.“, meint sie ernst. ‚Verstehe, sie hat ihn natürlich noch nie spielen sehen. Sie sind befreundet, aber auf reiner privater Basis. Sie kennt nur seine sanftmütige und fröhliche Seite. Das erklärt auf jeden Fall, warum sie mit ihm klarkommt.‘
„Das sieht nur so aus.“, äußert Tsubasa lachend.
„Seit wann kennt ihr euch? Ich muss ja einiges verpasst haben.“, schmunzelt er. „Drei Tage, vorgestern haben wir uns kennengelernt.“, antwortet Tina überzeugt.
„Wow, und schon verliebt? Na das ging ja fix.“, schaut er überrascht und wirft Kojiro einen beeindruckten Blick zu. ‚Wie schafft er das nur? Soweit ich weiß lässt Tina niemanden mehr an sich ran, wenn er ihr vor allem überlegen ist.‘
„Na ja, ist ja nicht jeder so ein Plüschtier wie du. Fane lief dir seit der Grundschule hinterher und du brauchst Jahre, um das zu checken.“
Hyuga kann sein Kichern nicht unterbinden und muss sich den wirklich zusammenreißen, dass er nicht zu laut lacht. ‚Plüschtier, das habe ich auch
noch nicht gehört. Aber sie hat Recht.‘
„Du kannst manchmal echt gemein sein.“, lacht er mit. ‚Wow, Kojiro. Dich sehe ich sehr selten lachen. Wenn Tina dich zum Lachen bringen kann ist das doch ein gutes Zeichen. Wir lachen viel, wenn wir uns mal sehen oder telefonieren.‘
„So jetzt aber. Kann ich euch alleine lassen? Ich muss wieder. Meine Gäste warten.“, beendet Tina abrupt die Unterhaltung. ‚Ich denke mal das Band ist gebrochen. Die kommen auch ohne mich klar, da muss ich mir gar keine Sorgen machen.‘
Kojiro gibt ihr noch einen kurzen sinnlichen Abschiedskuss und lässt sie schweren
Herzens durch die Tür gehen.
Sobald sich die Tür schließt wendet er sich Tsubasa zu. „Wieso hast du mich nicht verpfiffen?“
‚Aha, jetzt ist er so wie ich ihn kenne.‘ „Das liegt ganz an dir. Wieso sollte ich dich auflaufen lassen? Sie ist meine beste Freundin, ich will nicht verantwortlich dafür sein, wenn sie unglücklich ist.“, entgegnet er ernst.
„Wäre es nicht eine Genugtuung, wenn du mit ansiehst, wie ich abserviert werde?“, provoziert Kojiro ihn.
„Merkst du nicht was du für einen Unsinn redest? Warum sollte ich das wollen?
Wir sind Freunde, schon vergessen? Du bekommst gar nicht mit wie du wie in alte Muster verfällst.“, wirft er ihm vor. ‚Stimmt. Er hat Recht. Das war die Anspannung.‘
„Sorry, du hast Recht.“, äußert er überzeugt und angespannt. Dann lehnt er sich an die Wand. ‚Nanu, auf einmal so nachdenklich?‘ Tsubasa stellt sich vor seinen Freund. „Es ist tatsächlich ernst zwischen euch?“, fragt er skeptisch. Kojiro antwortet nicht. Er blickt nur betrübt auf seine eigenen Füße. ‚Sie würde mich hassen. Wer weiß, was Fane schon alles Negatives über mich erzählt hat.‘ Tsubasa greift in seine Sporttasche und holt einen Ball heraus. Er ist mit dem Emblem der WM 2006 bedruckt. Der Ball, mit dem sie seit neustem spielen und trainieren. Tsubasa legt ihm diesem Ball in die Hände. Hyuga fasst ihn nur gedankenverloren an.
„Er ist dein Freund, und er war auch mal ihr Freund. Auch wenn es etwas gibt,
was euch trennt, wirst du das Band reißen und sie wird dich trotzdem lieben.
Wenn es wahre Liebe ist.“, spielt er den Seelenklempner. Kojiro sieht ihn skeptisch an. „Wie soll ich das schaffen, wenn sie vor Fußballern Angst hat?“, klingt er verzweifelt.
„Dafür kannst du nichts, und das weiß sie auch. Wir haben uns kennengelernt, da wusste sie nicht wer ich bin. Wir haben viel geredet und trotzdem habe ich ihr dann gesagt wer ich bin.“
Er fasst seine Schultern und lächelt ihn an. „Hey, du bist der stärkste Mann den ich kenne! Wo ist der Tiger in dir geblieben? Du bist ein Tiger, ein mächtiges Wesen, dass alles schafft, was es mit ganzem Herzen angeht! Glaube mir. Du bist ein wahrer Tiger, der auf Raubzug geht. Und vielleicht weißt du das noch nicht, aber auch Tina ist ein Tiger. Genauso wir du. Es kann kein Zufall sein, dass ihr euch mögt. Wenn du ihr zeigst, dass du sie liebst, wird sie dir dafür dankbar sein.
Glaube mir, ich kenne sie schon etwas länger als du.“, macht er ihm Mut.
Nach der Arbeit ist Tina auf dem Weg nach Hause.
Plötzlich entdeckt sie auf der Brücke einen Schatten. Er lehnt sich über die
Brüstung und beobachtet die Autos, wie sie mit ihren bunten Lichtern die
Straße fröhlich stimmen.
‚Ich frage mich nur, was mit Kojiro heute los war. Nicht dass er jetzt ein Weichling wird, nur weil er verliebt ist. Seit wann überhaupt? Seine Schüsse waren heute so lasch, im Gegensatz zu sonst. Normalerweise kann ich sie kaum
halten.‘
Tina geht nichtsahnend an ihm vorbei, erst im Laternenlicht kann sie ihn
erkennen. ‚Das ist doch dieser Keeper von neulich. In der U-Bahn. Bloß weg
hier, bevor er mich sieht.‘
Sofort wechselt sie die Straßenseite und geht schleunigst weiter.
Doch plötzlich läuft sie gegen eine Blechdose, welche daraufhin die Treppe
neben ihr herunter poltert. Der junge Mann dreht sich zu ihr um. ‚Oh, ist das
nicht diese Ausländerin, die mir eine geknallt hat? Ist die etwa immer um diese
Zeit unterwegs?‘, geht ihm durch den Kopf.
‚Mist. Er hat mich erkannt.‘ Schreckartig rennt sie über die Brücke und versteckt sich in der nächsten Gasse. Tief holt sie Luft und versucht sich zu beruhigen. „Schwein gehabt. Er ist mir nicht gefolgt. Wieso läuft mir der Kerl schon wieder über den Weg? Und dann auch noch, wenn ich alleine bin.“, murmelt sie vor sich hin und schaut vorsichtig um die Ecke zur Brücke. „Er ist weg. Wo mag er hin sein? Der Typ macht mir Angst.“, kann Kojiro jetzt nicht da sein?‘ Sie lehnt sich an die Wand und blickt starr auf die Mauer gegenüber.
„Wieso verstecke ich mich überhaupt? Er hat mir ja eigentlich gar nichts
getan.“, äußert sie.
Plötzlich vernimmt sie eine kräftige Stimme neben sich. „Hi, das würde ich
allerdings auch gerne mal wissen.“
Blitzschnell sieht sie ihn an. Das Licht der Laterne lässt nur seine Silhouette
erkennen, sie ist schwarz und groß. Sein kräftiger Körperbau macht ihr mehr
Angst, als die Tatsache, dass er Fußballer ist. Sie weicht verängstigt zurück. „Verschwinde! Was willst du überhaupt von mir?“, reagiert sie.
„Wieso hast du so eine Angst vor mir? Ich bin doch ein netter Kerl.“ Er geht
auf sie zu. Hinter ihr ist eine Sackgasse.
Plötzlich erscheinen Bilder vor ihr.
Fünf Männer in Fußballtrikots, zwei halten ihren Bruder fest, einer schlägt
auf ihn ein. Sie selbst wird von zwei weiteren festgehalten. „Wenn du uns
gehorchst, wird ihm nichts passieren. Dann lassen wir ihn gehen.“ Hört sie
eine drohende Stimme am Ohr. „Lasst sie los! Macht mit mir was ihr wollt, aber
lasst sie gehen!“, dröhnt Stephans Stimme ebenfalls in ihrem Bewusstsein.
Dann spürt sie plötzlich eine aggressive Hand auf ihrem Busen. „Na komm
schon. Zier dich nicht so.“
Ihre Vergangenheit holt sie ein und panisch fängt sie an auf Wakashimatzu
einzuschlagen.
‚Man, sie reagiert wieder so über. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber diesmal nicht mit mir. Wo hat sie so eine ungewöhnliche Kraft her?‘
Einige Schläge kassiert er ein, bis ihm der Geduldsfaden platzt und er sie mit
einem gekonnten Karate-Schlag auf den Rücken zum Schweigen bringt. ‚Das wollte ich eigentlich nicht, aber sie lässt mir keine Wahl.‘
Etwa eine Stunde später wacht Tina auf. Sie liegt auf einer Couch und befindet
sich in einer fremden Wohnung. ‚Wo bin ich? Was ist passiert?‘ Wieder bei
klarem Verstand richtet sie sich auf und schaut sich um.
Erschrocken zuckt sie zusammen, als sie Ken neben sich in einem Sessel bemerkt,
er sie anstarrt und lächelt. „Na? Endlich wieder wach?“, ist er freundlich.
Zurückweisend verkriecht sie sich unter der Decke und berührt fraglich ihren Körper. Mit einem entsetzten Blick in seine pechschwarzen Augen erstarrt sie vor Angst, was er vielleicht mit ihr gemacht haben könnte.
Er grinst. „Reg dich ab! Wenn ich gewollt hätte, was du denkst, hätte ich es schon getan.“, meint er freundlich und steht auf. „Möchtest du einen Tee? Das beruhigt.“
„Milch...Milch.“, stottert sie. „Milch?“, stutzt er. „Ja, kalte frische Milch, wenn du hast.“, antwortet sie und findet erst dann wieder ihre Ruhe, als sie das Glas ausgetrunken hat.
Ken sitzt wieder im Sessel und beobachtet sie, während er sich ebenfalls ein
Glas Milch gönnt.
„Komisch.“, beginnt er. Sie beobachtet ihn ebenso neugierig.
„Was ist komisch?“, entgegnet sie skeptisch.
„Ich trinke auch viel lieber kalte Milch zur Beruhigung. Es macht den Kopf klar.
Ich heiße Ken Wakashimatzu. Nenn mich einfach Ken. Und wer bist du?“
„Tina, einfach Tina. Wohnst du hier alleine?“ ‚Tina, wieso klingelt es da bei mir?‘
„Ja, ich weiß, sie ist sehr klein, aber ich halte mich nur zum Schlafen hier
auf. Wohnst du auch alleine?“, erkundigt er sich.
Betrübt sieht sie in ihr leeres Glas.
‚Komisch. Ich habe jetzt gar keine Angst mehr vor ihm.‘ „Ja, leider.“
„Möchtest du noch Milch?“
„Gerne.“ Sie gibt ihm das Glas und er geht in die Küche.
„Na ja, eins muss man dir lassen. Du kannst dich gut verteidigen. Ich habe
noch nie eine Frau getroffen, die so kräftig ist und etwas von Karate versteht.“, erwähnt er beim Nachschenken.
„Entschuldige.“, äußert sie schüchtern. ‚Oh. Sie entschuldigt sich also doch noch.‘
Er kommt zurück in die Stube und reicht ihr das Glas.
„Wofür? Ich habe mich zu entschuldigen. Immerhin habe ich dich bewusstlos geschlagen.“, harkt er nach. Sie nimmt einen kleinen Schluck.
„Du kannst ja eigentlich nichts dafür.“, meint sie nachdenklich.
„Was meinst du? Dass du Fußballer hasst, oder was?“
„Ja sozusagen. Ich hasse sie ja gar nicht.“
„Warum kannst du sie dann nicht leiden?“, spricht er ruhig und vertrauensvoll.
‚Er scheint wirklich kein schlechter Mensch zu sein. Er kommt mir jetzt so
vertraut vor. Das erinnert mich an Genzo, wenn ich hier so sitze und mit ihm
rede. Komisch.‘
„Seit mein Bruder gestorben ist habe ich gegenüber größeren und stärkeren
Menschen Angst. In der Regel gehe ich ihnen einfach aus dem Weg. Solange ich mich aber recht sicher fühle habe ich die dumme Angewohnheit sie bei Gelegenheit zu beleidigen und zu beschimpfen. Zumindest wenn sie Fußballer sind.“ Sie holt tief Luft. „Nur deswegen habe ich dich in der Bahn so beleidigt. Weil so viele andere Leute da waren. Aber als wir dann alleine waren habe ich Panik bekommen, weil du Fußballer bist.“
„Hm. Das hört sich so kompliziert an. Aber ich muss mich auch entschuldigen. Ich denke manchmal nicht darüber nach, dass ich etwas angsteinflößend wirke, wenn man mich nicht kennt. Ich hätte dich nicht so bedrängen dürfen.
Aber was hat das alles mit dem Tod deines Bruders zu tun?“, versucht er sachlich aber gefühlvoll zu bleiben.
Tina stellt die Tasse auf den Tisch, ändert ihre Sitzposition und nimmt die
Tasse wieder in die Hände. Leise und langsam beginnt sie über den Vorfall in
Hamburg zu sprechen.
„Mein Bruder, Stephan, war selbst auch Fußballer. Vor einigen Jahren habe
sogar ich selbst mit ihm in einem Team gespielt. Alles begann als Stephan und
ich nach einem erfolgreichen Sieg der HSV-Profis abends nach Hause gingen.
Plötzlich tauchten fünf Männer auf. Sie waren sehr kräftig gebaut und
machten uns blöd an. Wir versuchten vor ihnen zu fliehen, aber vergeblich.
Sie umstellten uns. Dann packten mich plötzlich zweie von hinten und hielten
mich fest. Ich versuchte mich zu befreien, aber sie waren einfach zu stark.
Stephan versuchte mir natürlich zu helfen und ging auf die beiden los, doch es
dauerte nicht lange bis ihn ebenfalls zwei festhielten und der fünfte auf ihn
einschlug.“ Sie hält inne.
‚Das hört sich gar nicht gut an.‘, macht sich Ken Sorgen.
„Ihr habt in Hamburg gelebt? Dann kanntest du bestimmt auch die Jugendmannschaft? Den deutschen Fußballkaiser Karl-Heinz Schneider und meinen Landsmann Genzo Wakabayashi?“, erkundigt er sich. Tina blickt ihn lächelnd an. „Ja, Stephan und ich sind mit den beiden im selben Team gewesen. Genzo ist noch heute einer meiner besten Freunde. Um nicht zu sagen, mein engster und vertrautester Freund.“, berichtet sie und nimmt noch einen Schluck. Der zweite Torwart des japanischen Nationalteams ist sehr erstaunt. „Du willst mir einen Bären aufbinden, oder?“, bleibt er skeptisch. Tinas Gesicht wechselt in einen ernsten Blick.
„Ich lüge nicht! Ich habe mich damals als Jungen ausgegeben und seit 1993 in diesem Team als Keeper gespielt. Genzo kam dann ein paar Jahre später mit Trainer Mikami nach Hamburg. Er brachte ihn hier in Japan an die Spitze und nun war das nächste Ziel Europa. Anfangs war es für die Mannschaft nicht leicht, ihn zu akzeptieren, da sie dachten, ich wäre der Bessere von uns beiden. Ich dagegen mochte Genzo von Anfang an. Ich bewunderte seinen Mut und sein Talent. Wir trainierten beide zusammen mit Karl bis zum Umfallen. Wir drei waren wohl auch die Verrücktesten im ganzen Team.“
„Wow. Da bin ich echt platt. Und Schneider? Warst du auch mit ihm befreundet?“
Tina senkt den Kopf. „Hm, ja, kann man so sagen. Er war damals der Grund,
weswegen ich überhaupt ins Team eingetreten bin. Ich war echt besessen davon
seinen Feuerball zu halten.“
Ken lehnt sich zurück und grinst. „Das kenne ich. Als wir damals das erste Mal gegen ihn angetreten sind habe ich einige Tore kassiert. Der Mann ist einfach kaum zu schlagen. Der Einzige, der seine Bälle halten kann ist Genzo. Das liegt sicher auch daran, dass beide zusammen trainiert haben.“
Tina schmunzelt. „Es gab damals jemand, der schon vor Genzo seine Bälle
halten konnte.“
Ken sieht sie erstaunt an. „Echt? Dieser Dietmar Müller garantiert.“,
glaubt er fest. „Nein, ich.“ Sein Blick wird starr. „Ist nicht wahr. Du? Warst du so gut?“ Sie nickt nur und stellt die Tasse auf den Tisch. „Na ja, genug von meiner Vergangenheit. Das wollte ich dir jedenfalls nicht
erzählen.“, lenkt sie ab.
„Stimmt, aber es ist interessant. Wir waren bei deinem Bruder stehen geblieben. Was ist dann passiert?“, legt er sofort wieder einen traurigen Blick auf und spricht ruhig.
Tina sieht ihm in die Augen. „Die Männer prügelten ihn so sehr, dass er später im Krankenhaus erlag.“, spricht sie ganz schnell, versucht cool zu bleiben und wartet seine Reaktion ab.
„Das tut mir leid. Aber was hat das mit Fußball zu tun?“
„Diese Männer waren Fußballspieler oder Fans, jedenfalls trugen sie Trikots. Sie drohten uns und wollten, dass Stephan nicht mehr im Team spielt.“
Wakashimatzu schaut verblüfft. ‚Ich kann das einfach nicht glauben.‘
„Nun, dann kann ich dich auch verstehen, weshalb du Fußballern aus dem Weg gehst.“, äußert er verständlich. Tina steht auf und blickt auf den Keeper hinab. „Aber nein. Ich habe auch Freunde, die Fußballer sind. Als ich hier in Japan ankam ging ich mit Jun Misugi in eine Klasse, vor wenigen Jahren lernte ich endlich Genzos besten Freund Tsubasa kennen. Auch er ist einer meiner besten Freunde geworden. Jetzt kenne ich sogar dich, also lerne ich doch nach und nach endlich wieder mit Fußball umzugehen. Es ist nur schwer nicht an diese Sache zu denken, wenn mich Fußball umgibt, verstehst du?“ Sie geht zum Fenster und schaut nachdenklich raus. Erstaunt erblickt sie ihr eigenes Haus von der Rückseite aus. ‚Oh, wir sind ja Nachbarn. Dann habe ich es ja nachher nicht weit.‘
„Ja, ich verstehe. Deswegen bin ich auch sehr stolz auf dich, dass du trotz
allem mit mir so darüber redest. So offen meine ich.“
Sie schmunzelt und antwortet: „Ach Ken, das liegt bestimmt daran, dass ich Genzo auf einmal in deiner Nähe spüren kann. Jetzt wo ich weiß, dass ihr euch kennt und aktuell wahrscheinlich zusammen trainiert. Da er mir vertrauter ist als alle anderen Menschen auf der Welt macht es mir Mut mit dir darüber zu reden, weil ich denke, ich würde auch so mit ihm reden.
Und…ich weiß nicht wieso, aber ich kann sogar SEINE Aura spüren. Wieso auch immer.“, wundert sie sich, denn das ist ihr schon in der Bahn aufgefallen. Sie dachte, es liegt daran, dass sie sich etwas ähnlichsehen. Ähnlicher Männertyp. „Genzo und ich sind uns jedoch kein Bisschen ähnlich. Ehrlichgesagt mochten wir uns noch nie wirklich. Das geht aber hauptsächlich von mir aus. Wen meinst du mit SEINE? Du kannst in meiner Nähe noch eine Aura spüren?“, wundert er sich.
Tina grinst verlegen. „Kojiros Aura, meinen Freund. Das ist alles noch so frisch und ich muss ständig an ihn denken und…“ Sie fasst zart an den Stoff vom Vorhang. „…nur bei ihm muss ich nicht mehr an diese schreckliche Sache denken. Ich habe in seiner Nähe nur Gedanken an die schönen Erlebnisse, nie an sowas. Wir kennen uns erst so kurz und trotzdem ist alles so intensiv.“, plaudert sie aus sich heraus als ob sie mit ihrem Vertrauten Genzo reden würde.
Ken fällt vor Schreck das Glas aus der Hand. Sein Puls steigt an und er ist völlig verwirrt. ‚Jetzt begreife ich. “Tina, das war sie“ sagte Kojiro doch. Er kennt sie. Er ist ihr Freund? Aber natürlich. Es passt alles. Deswegen hat er mir auch so blöde Fragen gestellt.‘
Gedanken im Alltag 2024
Kapitel 15
Gedanken im Alltag
„Manche Dinge kann man eben nicht erklären.“, meint Ken nur.
„Stimmt. Ich muss langsam auch los. Danke für die Milch und das nette Gespräch.“
Dann dreht sie sich zu ihm um und schaut zu ihm, wie er das Glas aufhebt, welches auf den Teppich gefallen ist. „Was hast du denn gemacht? Ist dir das Glas umgefallen?“
„Ja leider. Habe ich erstmal zu tun.“
‚Seltsam. Er ist auf einmal so ruhig und schweigsam.‘
„Wenn es lohnt, bring ihn lieber zur Reinigung. Du bekommst die Milch eh nie richtig raus und dann fängt er an zu stinken.“
Sie bemerkt jetzt plötzlich seine Schmarre im Gesicht. ‚Oha, das ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.‘ Sie geht zu ihm und schaut zu ihm auf. „Sag bloß die ist von mir?“ Plötzlich steigt sein Blutdruck etwas an. ‚Wieso kommt sie mir jetzt so nah?‘
Verlegen fasst er seine Wange und kann nur ein: „Ist nicht schlimm, nur ein Kratzer.“ sagen.
„Sorry nochmal. Da habe ich echt überreagiert. Das war etwas doller als sonst. So sollte das hinterher nicht aussehen.“
Sie kramt in ihrer Handtasche und holt eine Visitenkarte raus. „Lass das mal bei diesem Arzt abklären. Sag ihm Tina schickt dich, dann weiß er schon bescheid.“
‚Was meint sie damit? Kommt das etwa öfters vor?‘
Er bringt sie zur Tür. „Soll ich dich nicht lieber nach Hause bringen?“,
bietet er sich an.
„Danke, aber ich habe es nicht weit. Ich wohne gleich gegenüber im Haus.“
„Oh, dann sind wir ja Nachbarn. Warum habe ich dich noch nie gesehen?“ Sie
lächelt ihn verständlich an. „Ich bin meistens im Betrieb oder unterwegs. Ich halte mich so wie du hauptsächlich nur zum Schlafen zu Hause auf.“
„Deine Eltern sind mir aber auch nie aufgefallen.“, bemerkt er. Tinas Blick senkt sich. „Das kann gut sein, da meine Eltern vor gut zwei Jahren gestorben sind. Ein Autounfall.“, äußert sie etwas betrübt und sieht ihn dann aber wieder an.
Kens Augen verschmälern sich. „Tut mir leid, aber wie kannst du dann alleine in diesem großen Haus wohnen?“
Sie lächelt ihn an. „Zerbrich dir mal nicht meinen Kopf. Komm doch mal vorbei
einen Kaffee trinken. Ich freue mich immer über Besuch.“ Sie gibt ihm die
Hand. „Bis dann. Gute Nacht wünsche ich.“
„Ciao, werde ich.“ Schon fast auf dem Weg zur Straße ruft er ihr nach.
„Tina?! Macht ER dich glücklich?“, will er es wissen. Tina bleibt stehen und schaut zum Himmel. ‚Man ist der direkt. Genauso wie Kojiro. Apropos Kojiro, er hat mich nie gefragt, ob ich solo bin. Ob ihm das damals egal war? Oder hat er es einfach gespürt?‘
„Deinen Freund, meine ich.“, ergänzt er, um ein weiteres Mal direkt zu sein.
Entschlossen blickt sie zurück und lächelt glücklich in seine Richtung.
„Ja. Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so glücklich wie jetzt.“,
antwortet sie überzeugt. Dann geht sie über die Straße und betritt ihr
Grundstück.
Ken sieht ihr überrascht nach und schließt dann die Tür, als sie nicht mehr
zu sehen ist. ‚Kojiro du Glückspilz. Ich glaube du hast endlich dein Ziel gefunden. Aber wie soll das mit euch weitergehen?
Wundern muss ich mich jedenfalls nicht mehr, dass sie so eine Abneigung Fußballern gegenüber hat. Wenn es solche Menschen gibt, die auf wehrlose einschlagen bis sie an ihren Verletzungen sterben. Ich kann einfach nicht glauben, dass es Fußballer oder Fans gewesen sein sollen.
Dass Tina sich als Jungen ausgegeben hatte und mit Schneider zusammen in der
selben Mannschaft gespielt hat, kann ich auch nicht glauben. Dass sie seinen
Ball halten konnte, ebenso wenig.‘
Tina schaltet das Aquariumlicht aus und wünscht den Fischen gute Nacht, nachdem sie ihnen von Ken berichtet hat. Im Innersten freut sie sich, dass sie ihre
Angst langsam besiegen könnte, wenn sie weiterhin freundliche Fußballer kennen
lernt.
Obwohl sie alleine ins Bett geht und sich etwas einsam fühlt, kann sie seit
langer Zeit mal richtig durchschlafen ohne von Alpträumen geweckt zu werden.
Ein paar Stunden zuvor:
Etwa gegen15 Uhr schließt Kojiro seine Haustür auf. Seine Mutter sitzt im Sofa und schaut Fern.
„Guten Tag, Mutter.“, begrüßt er sie liebevoll und geht auf sie zu.
„Kojiro, wo warst du die letzte Nacht? Ich habe mir Sorgen gemacht.“, meint sie traurig. „Entschuldige bitte. Ich hätte mich melden müssen. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen, dass ich nicht alleine bin. Es tut mir leid.“
„Ich verstehe das. In Italien wohnst du schon ein paar Jahre alleine. Deine Geschwister freuen sich bestimmt, dass du früher da bist.
Du warst bei ihr, stimmt’s?“, vermutet sie. Er nickt. Im Gedanken geht er zum Fenster und schaut in den Garten.
„Du scheinst sie wirklich sehr zu mögen, sonst würdest du nicht mit mir darüber reden wollen. Du machst dir sicher Gedanken, warum sie keine Fußballer mag, richtig?“, spricht sie einfach weiter und beobachtet ihren erwachsenen Sohn, welcher ihrer Meinung nach viel zu früh erwachsen wurde. Seit sein Vater vor vielen Jahren gestorben war, setzte er sich immer für seine Familie ein.
Schon im Grundschulalter ging er nebenbei arbeiten, war fleißig in der Schule
und trainierte sehr hart, um eines Tages ein Stipendium zu bekommen. Er hat nie
seine Träume aus den Augen verloren. Kojiro wollte immer seiner Familie ein
Haus bauen das so groß ist, dass jeder ein eigenes Zimmer haben kann. Das konnte er aber nur erreichen, wenn er genug Geld verdient. Also strebte er seine Profikarriere an. Er hatte das Glück auf einer der besten privaten Sportschulen Japans zu landen, um dort seinen Abschluss zu machen. Nachdem er mit seiner
Mannschaft für Japan den U16 WM Pokal(Unter 16 Jahre Weltmeisterschaftstitel)
in Frankreich nach Hause brachte begann seine Blütezeit in Japan. Er wurde von
jedem Verein geworben, machte Werbung im TV und nach wenigen Jahren bot Italien ihm auf Wunsch seiner Managerin einen Platz in der Turin-Stammelf an. Seitdem kennt ihn die Welt als einen gewissenhaften, flexiblen und intelligenten
Fußballprofi. Seine Stürmerqualitäten werden überall geschätzt und gefürchtet.
Schon in Japan verdiente er ausreichend Geld durch Werbung, um seiner Familie
den Traum eines eigenen Hauses zu erfüllen.
Nun macht sich seine Mutter Sorgen, da er für die Weltmeisterschaft 2006 extra
zwei Monate vor Saisonbeginn in Italien nach Japan gekommen ist, um mit seinen
Freunden neue Taktiken durchzusprechen und sich einzutrainieren. Natürlich nutzt er die Zeit auch, um sich an den Universitäten einen Namen zu machen. Alle sind nun gespannt auf das Ergebnis seiner Abschlussarbeit. Ob sich all die Mühe die letzten Jahre gelohnt hat.
„Wolltest du ihr nicht heute wieder in der Gaststätte helfen? Du bist so früh da.“, wundert sie sich, obwohl sie es natürlich genießt, dass er da ist.
„Sie hat mich nach Hause geschickt. Ich habe verlauten lassen, dass ich neben dem Sport studiere und gerade meine Arbeit geprüft wird. Da hat sie entschieden ich soll lieber nach Hause gehen und mich auf die Verteidigung konzentrieren.“
„Die Frau ist klug. Sie scheint zu wissen was wichtiger ist und verzichtet auf ihre eigenen Bedürfnisse.
Also wenn du mich fragst, dann würde sie das nicht machen, wenn du ihr nicht wichtig wärst.“, macht sie ihm Mut ihr endlich die Wahrheit zu sagen.
Kojiro sieht sie an. „Du hast Recht. So habe ich das noch gar nicht gesehen. Sie hat auch gemeint, ihr wäre es peinlich mich an die Spüle zu stellen.“
„Du solltest sie mal zu uns zum Essen einladen.“, schlägt die erfahrene Frau vor und freut sich insgeheim schon auf das Kennenlernen.
„Ich denke dafür ist es noch zu früh.“
‚Er ist wirklich von der Rolle. So nachdenklich kenne ich ihn weniger.‘
„Wie heißt ihre Gaststätte eigentlich?“
„De Mecklenburger.“
„Und habt ihr jetzt schon ein paar Gemeinsamkeiten entdeckt? Es kann ja nicht nur das EINE sein, was euch anzieht?“, grinst sie neugierig. Erstaunt blickt er sie an und lächelt.
„Ja, du hast Recht. Wir teilen dieselbe Leidenschaft.“, sagt er trocken und neckt sie ein wenig, weil sie so neugierige Fragen stellt. ‚Kojiro…also wirklich. So genau wollte ich das auch nicht wissen.‘, wundert sie sich über ihren Sohn.
Er lacht. „Jetzt weißt du wie ich mich bei deiner Fragerei fühle.
Scherz beiseite. Ich meine das Ernst. Wir teilen dieselbe Leidenschaft und das beruhigt mich sogar sehr.
Wir teilen die Leidenschaft zum Sport.“, lächelt er und vor ihm spielen sich gedanklich Szenen ab wie Tina sich auf dem Feld bewegen würde. Baggern, Annehmen und Schmettern. Wie sehr würde er sich das einmal live ansehen.
„Oh, sie treibt auch Sport? Das ist doch sicher ein toller Ausgleich neben dem Job. Das freut mich, wenn euch was verbindet. Was macht sie denn?“
Kojiro sieht sie ernst aber liebevoll an.
„Du verstehst das falsch. Ich habe das auch zuerst falsch verstanden und dachte sie spielt nur freizeitlich Volleyball. Aber nein. Sie ist genauso wie ich im Profisport. Sie ist leidenschaftliche Profisportlerin und verdient ihr Geld auf dieselbe Art wie ich.
Sie hat sogar schon die Nationalmeisterschaften mit ihrem Team gewonnen.“
Seine Mutter steht verblüfft auf.
„Im Ernst? Das ist doch super!
Moment mal…da war doch gestern was in der Zeitung.“, fällt ihr gerade auf.
„Hast du nicht gesagt, dass sie Tina heißt.“
„Ja genau, eigentlich aber Bettina, Tina ist ihr Spitzname.“, erklärt er. ‚Was meint sie? Was stand in der Zeitung?‘
Sie geht zum Papiermüll und holt die Zeitung von gestern raus, blättert in den Sportteil und liest sich noch den Artikel durch, den sie gestern bereits entdeckt hatte. Sie fand es so interessant, dass diese deutsche Sportlerin tatsächlich so viel für den japanischen Sport macht und ihr ist schon mal aufgefallen, dass sie ab und an mit ihrem Sohn verglichen wurde. Sie hat sich aber weiter nicht damit beschäftigt.
Sie gibt ihm die Zeitung und zeigt auf das Foto.
„Ist sie das? Ist das deine Tina?“
„Volleyball-News vom Feinsten;
Die gelbe Tigerin Bettina Fuchs wurde ebenso für die Nationalmannschaft nominiert. Eine offizielle Einladung geht heute raus.
Somit wird das japanische Team nicht nur die legendären Größen aus Frankreich und Amerika im Team haben, sondern erneut die deutsche Stärke und Ausdauer ihrer Tigerin, mit der sie vorletztes Jahr den Asientitel holten.
Nun muss sich die Tigerin nur noch entscheiden ob sie der Einladung von den Deutschen nachgibt oder wieder für uns den Titel erkämpft.“
Erstaunt über den Artikel schaut er aufs Foto: Tina im roten Trikot, ernstem Gesicht und schlägt gerade auf.
„Tatsächlich. Asientitel…Wow. Weltmeisterschaften. Ja, das ist sie.
Aber wieso gelbe Tigerin? Wieso haben wir den gleichen Titel?“, wundert er sich sehr.
‚Oha, na da hat er sich wirklich nie informiert was hier derweil im Land los ist seitdem er weg ist.‘
„Ich hebe doch alles über dich auf und da bin ich vor ein paar Jahren auf ihren Namen gestoßen. Aber ich weiß nicht wieso sie so genannt wird. Das musst du deine Schwester fragen. Sie ist Fan von ihr. Sie bewundert diese Frau und hat sie schon ein paar Mal spielen sehen.“
„Ach echt?“
Nach dem Gespräch mit seiner Mutter geht er hoch in sein Arbeitszimmer, setzt sich aufs Sofa und holt den Ausdruck seiner Arbeit raus.
Ihm geht einiges durch den Kopf.
„Und vielleicht weißt du das noch nicht, aber auch Tina ist ein Tiger. Genauso wie du. Es kann kein Zufall sein, dass ihr euch mögt. Wenn du ihr zeigst, dass du sie liebst, wird sie dir dafür dankbar sein.“, schießen ihm Tsubasas Worte ins Gedächtnis.
‚Er hat Recht. Ich sollte diese Tatsache einfach vergessen und mich darauf konzentrieren sie besser kennen zu lernen. Man, dass mir ausgerechtet mein früherer größter Rivale ein Tipp für mein Problem gibt, komisch.
Aber, es ist ein gutes Gefühl, ihn als Freund zu haben. Er trifft mit seinen Ratschlägen in der Regel ins Schwarze.‘
Wenig später ist er in seiner Arbeit vertieft.
Am nächsten Morgen klingelt Tinas Wecker. Es ist fünf Uhr. Sie macht sich
fertig, frühstückt und steigt später in die U-Bahn, um zur Berufsschule zu fahren.
Wie immer steigt Fane etwas später dazu und beide begrüßen sich.
„Na? Gut geschlafen?“
„Danke, ja. Sogar ohne Unterbrechung. Und selbst?“ Sie bestätigt.
„Klaro, Tsubasa war bei mir.“, grinst sie schelmisch. Tina schmunzelt.
„Wie beneidenswert. Kojiro ist diesmal bei seiner Familie geblieben.“ Fane blickt ihre beste Freundin fraglich an.
„Aha. Dann war er die anderen Tage bei dir? Was ist er so für ein Mensch?“, hinterfragt sie.
Tina schaut aus dem Fenster. „Kojiro kann man nicht beschreiben. Wahnsinnig
lieb, gefühlvoll, zärtlich, klug, sexy und unwahrscheinlich geheimnisvoll. Er
ist sehr sensibel und gleichzeitig so direkt und wild wie ein Tiger.“, schwärmt sie nur in höchsten Tönen. Fane blickt sie nur überrascht an. ‚Das sind ja ganz neue Seiten von ihm. Ich stelle gerade fest, dass ich Kojiro kaum kenne. Obwohl er nach außen hin so stark und stolz wirkt, was er ja auch ist, scheint er eine zweite Seite zu haben. Eine ganz normale persönliche Seite.‘
„Du liebst ihn, nicht wahr?“, ist sie plötzlich direkt. Tina blickt zu ihr. Die kleine Japanerin sieht in die klaren hellen Augen ihrer Freundin. Die Freundin, die sie am meisten achtet und liebt. Eine Freundin, welche immer für sie da ist und alles für sie tun würde. Wie oft weinte sie sich bei ihr aus, wenn ihr Liebster weit weg von ihr lebte? Wie oft weinte sich Tina bei ihr aus, weil sie Liebeskummer hatte? Aber wie stolz war diese blonde Freundin aus dem Ausland? Welche unvorstellbare Stärke an Persönlichkeit hat sie bewiesen? Ob es um die Schule oder um den Sport ging, immer wieder rappelte sie sich auf, egal wie schlecht es ihr ging. Es gab sogar eine Zeit, wo sie tagelang bei ihr übernachtete, weil sie es nicht alleine zu Hause aushalten konnte. Seit des Unfalls ihrer Eltern ging es ihr oftmals so schlecht, dass sie sogar Genzos Hilfe brauchte, um sie wieder ins Leben zu holen. Was wäre gewesen, wenn nicht Tsubasa zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen wäre? Nicht auszudenken.
Zuerst kämpfte Fanes neue Freundin gegen ihre Gefühle zu ihrer im Stich gelassenen Jugendliebe. Dann versuchte sie sich von seinem Einfluss zu befreien und ging eine neue Beziehung ein. Doch das Ausmaß dieser Sinnlosen Aktion wurde durch den Tod ihrer Eltern deutlich. Kurz danach trennte sie sich von Martin, um erneut ein neues Leben zu beginnen. Ein ehrliches Leben ohne sinnlose Ideen. Sie setzte ihre Kraft in den Sport und die Gaststätte. Das Lokal ist das Einzige, was ihr von den Eltern geblieben ist.
Und nun? Nun tritt ein neuer Mensch in ihr Leben, der alles auf den Kopf zu stellen scheint. Fane spürt diese Veränderung. Sie kennt Tina wie keine Andere. „Ja, ich glaube schon.“, vernimmt sie nur neben ihren tiefen Gedanken.
„Du bist dir nicht sicher?“, hinterfragt sie skeptisch. „Wir kennen uns doch kaum. Trotzdem habe ich das Gefühl nie wieder von seiner Seite weichen zu können. Ich kann mir plötzlich nicht mehr vorstellen, wie es ohne ihn wäre. Wenn er bei mir ist, kann ich an nichts anderes mehr denken.“, erklärt sie vorsichtig. – Das klingt echt verdächtig. Aber ob sie ihn liebt, bezweifle ich. Aber es gibt eine Möglichkeit das heraus zu finden.‘ denkt sie sich einen Plan aus.
„Und was ist mit Karl-Heinz? Hast du nicht mal gesagt, dass du nie jemand anderen lieben könntest? Als du mit Martin Schluss gemacht hast, sagtest du mal so etwas.“, klopft sie mächtig auf dem Busch. Tinas Augen werden schlagartig feucht. „Karl? Du bist gemein! Ich bin froh, dass ich nicht mehr an ihn denken muss. Bei Kojiro ist er einfach aus meinem Gedächtnis verschwunden, das ist ja gerade das Seltsam. Und das ist nicht nur wenn wir zusammen sind so. Nein auch wenn ich alleine bin oder jetzt. Jeden Tag verschwindet er mehr und mehr aus meinem Kopf.
Als ich mich damals mit Martin eingelassen habe, dachte ich es würde irgendwann so sein, aber nein. Egal wie sehr ich es versucht habe oder verdrängt. Karl war immer da. Wenn wir uns küssten, war es als würde er neben mir stehen. Nichts half, egal wie weit wir gingen.“, beichtet sie ernst in deutscher Sprache und leise. ‚Oje, jetzt ist es amtlich. Wie hat es Hyuga nur geschafft ihr den Kopf so gründlich zu waschen? Alle Achtung, mein Lieber!‘
Sie kramt plötzlich in ihrer Tasche, holt einen Brief heraus und gibt ihn Tina.
„Den soll ich dir von Tsubasa geben. Er ist aus Deutschland.“ Tina schaut erstaunt. „Von wem ist der?“
„Das wollte er mir nicht sagen. Ich hoffe für dich, dass er nur von Genzo kommt.“, meint sie nachdenklich. Die Handschrift verrät es Tina und bestätigt Fanes Vermutung.
„Eigentlich logisch. Von wem sollte er sonst sein? Warum hat er mir den nicht gestern schon gegeben?“, murrt sie etwas rum.
„Er meint, es sei besser ihn nicht in Kojiros Gegenwart zu überbringen. Er war übrigens sehr überrascht, als er deinen neuen Freund gesehen hat.“, berichtet sie. „Das habe ich bemerkt. Ich glaube die beiden können sich nicht leiden. Das ist zwar nicht nachvollziehbar, aber das war eindeutig zu erkennen.
Wenn ich Basa mal wieder treffe, muss ich ihn fragen was er gegen ihn hat.
Schließlich ist er der Letzte, der zu fremden unfreundlich ist.“
Wenig später steigen die jungen Frauen aus und gehen zur Berufsschule.
Tina betritt den Klassenraum. Sie begrüßt alle und setzt sich sofort auf ihren
Platz. Ihre Freundin Yoko liegt mit dem Kopf auf der Bank und genießt ihre
Musik. „Guten Morgen.“ „Hi Tora, alles frisch?“ Sie nickt. „Ich habe dir die CD mitgebracht.“, entgegnet sie. „Super! Dann mal her damit!“, ist Yoko völlig aus dem Häuschen. Erfreut nimmt sie die CD entgegen und legt sie sofort in ihren MP3-Player. „Ich liebe diese Musik. Danke.“
„Haben wir jetzt Mathe?“, fragt Tina, als sie ihre Sachen auspackt. „Nein,
UMG(Umgang mit dem Gast) mit dem alten Tana. Was ist denn nur mit dir los? Du bist doch sonst so vorbereitet. Schon seit Mittwoch benimmst du dich seltsam.“
„Aha, das trifft sich gut. Dann habe ich meine Ruhe. Bei Tana schläft man ja
regelmäßig ein. Und nein, es ist nichts.“, meint sie und setzt sich.
Dann holt sie den Brief heraus. „Oh, du hast Post? Jemand aus Deutschland?“
„Ja, mein bester Freund. Aus Deutschland.“
„Woher weißt du das? Ist doch gar kein Absender drauf.“ „Seine Handschrift.“, murmelt sie und betrachtet den Umschlag, als plötzlich eine Klassenkameradin auf sie zu kommt. „Hi Tina-san. Hast du die Hausaufgaben in Englisch und Französisch?”
Tina weiß genau warum sie fragt. Alle wissen, dass sie in den Sprachen auf
glatte Eins steht. Ohne Worte streckt sie ihr den Hefter entgegen. „Aber bau einige Fehler ein, sonst fällt es auf.“, meint sie dann. ‚Seltsam. Sonst regt sie sich immer
darüber auf, wenn ich abschreiben will. Sie ist heute anders als sonst.‘, fällt der Klassenkameradin auf. Es klingelt zum Unterricht. Der Lehrer kommt herein und stellt seine Tasche auf den Tisch. Alle begrüßen ihn und er beginnt mit der Anwesenheit. Tina hingegen öffnet den Brief und beginnt zu lesen.
Hallo Tinachen!
Ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Bitte sei mir nicht böse,
aber ich hatte viel um die Ohren. Wir werden uns ja bald sehen, wenn in
Deutschland die Weltmeisterschaften stattfinden und ich nach Japan zum
trainieren komme. Wundere Dich also nicht, wenn ich irgendwann plötzlich vor
Deiner Tür stehe. Ich kann es ehrlichgesagt kaum erwarten Dich und meine
Freunde endlich wieder zu sehen. Ich bin gespannt, ob Du noch hübscher geworden bist und wie Du Dich in den letzten zwei Jahren verändert hast. Wir müssen dann unbedingt zusammen trainieren. Wenn ich die Sportzeitungen richtig verfolgt habe stehst du mit auf der Vorschlagsliste des Deutschen und Japanischen Nationalteams. Euer Erfolg in der Asienmeisterschaft ist echt klasse. Ich bin verdammt stolz auf Dich und deine Mädels. Damals hast Du immer von einer Weltmeisterschaft geträumt und jetzt ist es bald so weit. Ich gratuliere Dir somit noch nachträglich zum ersten Platz. Ich bin mir 100%ig sicher, dass Du Deine Mannschaft mit Deinem Einfluss zum Weltmeistertitel führen wirst, egal für wen Du Dich entscheidest.
Ach ja, was ich noch sagen wollte. Ich finde es genial, dass Du Tsubasa kennen
gelernt hast. Ich finde das echt toll, dass ihr euch so gut versteht. Er ist einfach der Beste. Hast Du ihn mal spielen sehen? Er ist und bleibt ein As auf dem Feld.
Was gibt es sonst noch so??? Ach ja. Wenn ich davon schreiben darf; Karl-Heinz
ist doch bei Bayern gelandet, wir haben uns die letzten Jahre wahnsinnig stark
duelliert. Es war echt der Wahnsinn, was wir so alles auf dem Feld fabriziert haben, das kannst Du Dir nicht vorstellen. Ganz Deutschland war stets dabei.
Ich überlege zu wechseln und überdenke derzeit die Angebote der Vereine. Aktuell bin ich auch in anderen europäischen Vereinen gefragt. Ich überlege jedoch noch.
Ich habe schon lange auf ein neues Angebot gewartet. Natürlich hätte
ich auch genauso gut nach Bayern gehen können und mit unserem Freund Schneider zusammenspielen, er unterbreitet mir das Angebot mindestens jedes Jahr aufs Neue, doch genau das war der Verein, in den ich garantiert nie gehen werde. Der lebende Beweis ist er selbst. Karl hat sich sehr verändert. Natürlich ist
er immer noch sehr stark und kaum zu bezwingen, aber seine Spielmoral hat sehr
nachgelassen. Das was wir damals an ihm so gemocht haben, ist kaum noch bei ihm wiederzufinden. Na ja, so ist das dann im Profisport. Es geht nur noch ums
Geld, weniger um den Sport.
So, genug davon. Ich freue mich auf eine Antwort und dann wünsche ich Dir noch
was ....
Dein Freund
Genzo
Lächelnd legt sie den Brief zusammen und schaut erneut in den Umschlag. Das
Foto zeigen Genzo und Kaltz, wie sie gemeinsam am Tor stehen und lachend in die Kamera grinsen. Ganz so, wie zu alten Zeiten. Wie viel haben sie gelacht? Die drei haben immer den schlimmsten Blödsinn angestellt. Yoko ist natürlich neugierig und blickt auf das Bild. ‚Fußballer? Ich denke sie mag keine Fußballer? bis auf Jun natürlich.‘
„Welcher von denen hat dir geschrieben?“, reißt sie Tina aus ihren Gedanken. „Der Japaner hier. Wir waren in Hamburg schon dicke Freunde, als er zu uns kam. Er hat mir mal das Leben gerettet.“, erklärt sie lächelnd und legt das Foto zurück in den Umschlag.
„Ich dachte du hasst Fußballer.“
„Na ja, in der Regel schon, aber nicht alle. Ausnahmen bestätigen die Regel.“, grinst sie.
Die restlichen Stunden vergehen wie im Flug und die letzten zwei Stunden ist
Sport angesagt.
Fußballerinnerungen 2024
Fußballerinnerungen
Kapitel 16
Alle stehen vor der Turnhalle und warten auf den Sportlehrer.
„Wir zwei beide werden wieder etwas trainieren, nicht wahr?“, erkundigt sich Yoko. Tina nickt entschlossen und freut sich bereits. Kurz darauf erscheint der
Lehrer und begrüßt alle. „Hallo alle zusammen. Während ihr euch umzieht könnt ihr euch ja schon Gedanken darüber machen wer auf welcher Position spielt. Ich werde euch endlich mal im Fußball zensieren. Ich brauche noch einige Noten von euch. So könnt ihr euch gleich drei gute Zensuren holen.“, erklärt er motivierend und alle jubeln auf. Vor allem die jungen Männer sind begeistert. Nur eine lässt den Kopf hängen. „Aber, Herr. Muss ich da mitmachen? Ich mag doch kein Fußball. Können wir nicht etwas anderes spielen? Basketball oder Hockey?“, protestiert sie laut. „Nein. Diesmal musst du mitmachen. Du kannst nicht immer eine Extrawurst bekommen.“, erklärt er ruhig aber streng. Bisher hat er sie etwas anderes machen lassen, wenn von Fußball die Rede war. Muffig folgt sie den anderen jungen Frauen in die Umkleide.
„Du hast aber auch Pech.“, meint Yoko. Alle anderen diskutieren welche
Position sie nehmen sollen. „Was willst du machen, Tina-san?“, wird sie
plötzlich gefragt. Sie sieht auf ihre Schuhe und bindet sie zu. „Torwart.“,
antwortet sie entschlossen, aber etwas unsicher. ‚Wieso muss er mir das
antun? Ich habe ihm doch erklärt wieso ich das nicht möchte.
Na ja, da muss ich wohl durch. Ich muss endlich mal lernen mit meiner Angst
umzugehen. Ich muss mich ihr stellen. Ich denke am besten nur an die Zeit im
HSV, dann wird das schon gehen. Das waren so schöne Zeiten.‘, lächelt sie Plötzlich, richtet sich auf und blickt ihre Klassenkameradinnen an. „Na dann mal los. Die Jungs stecken wir doch in die Tasche!“, versucht sie ihnen Mut zu machen und will sich dadurch selber auch Mut machen. „Keeper, ja? Bist du dir sicher, dass du das auch kannst? Das ist der wichtigste Posten.“, zweifelt jemand. Tina grinst und fasst sie an der Schulter. „Keine Sorge, ich spiele doch auch Volleyball. An mir kommt kein Ball vorbei.“, versucht sie diese zu beruhigen.
„Stimmt auch wieder, aber die Jungs werden dich nicht verschonen.“ Wieder lächelt Tina.
„Das hoffe ich doch. Ich sehe das als Trainingseinheit der besonderen Art.“
Somit verlassen die Mädels die Umkleide und treffen die Jungs auf dem Gang zur
Halle. Motiviert betreten sie alle zusammen den Platz. Der Lehrer drückt den Keepern Handschuhe entgegen. Daniel nimmt sie dankend an, aber Tina verzichtet.
„Danke, aber dafür brauch ich die nicht.“, meint sie sicher. „Das glaubst du. Wir spielen hier kein Volleyball. Außerdem ist Shinichi im Team. Er spielt professionell in der Profi-Liga.“, erklärt Daniel. „Na und? Das wird schon werden.“, strotzt sie nur vor Selbstsicherheit und geht auf ihre Position. ‚Also wenn sie im Volleyball auch so feurig ist, na dann prost Mahlzeit.‘, fällt Shinichi erstaunt auf.
Alle nehmen dann ihre Posten ein. Die Mädchen dürfen beginnen. Tina checkt
kurz die Größe des Tores und die Entfernung des Strafraums. ‚Alles klar. Müsste ein Kinderspiel werden.‘, ist sie sicher und stellt sich bereit. Aufmerksam betrachtet sie ihre Mannschaft. „Hey! Wo steht ihr denn?! Ist keiner in der Verteidigung?!“, wirft sie vorwurfsvoll in die Halle. Alle sehen sie verblüfft an. „Hm. Sie hat recht. Zwei Mädels nach hinten, kommandiert der Lehrer. ‚Guter Beobachtungssinn.‘
Anpfiff! Los geht’s.
Die Mädels spielen ab und stürmen sofort nach vorne. Ohne Probleme ergibt sich
eine Torchance und ein Schuss fällt. Aber Daniel hält und wirft den Ball zu Shinichi ins Mittelfeld. Er springt hoch und nimmt ihn mit der Brust an.
Augenblicklich stürmt er zum gegnerischen Tor. Außerhalb des Strafraumes wagt
er einen Schuss. Ohne zu zögern wirft sich Tina diesem entgegen, fängt ihn ohne Probleme auf und schießt ihn sofort in die gegnerische Hälfte zu Yoko.
Shinichi ist erstaunt. „Wie konntest du ihn halten?“
„Was spielt das für ne Rolle?!“, grinst sie nur.
Inzwischen sind die Mädels im Sturm, aber lassen sich bald den Ball abjagen. Shinichi wird angespielt und wagt es erneut. „Hey, zeig den Mädels mal wie man Fußball spielt!“, wird er angefeuert. Wieder außerhalb des Strafraumes versucht er sein Glück. Er visiert die linke Ecke an und schießt. Diesmal mit viel mehr Kraft. Doch auch diesem Ball hält sie. Mühelos hält sie ihn in den Händen. Verärgert schreit sie ihrer Mannschaft zu. „Hey!! Ich will den Ball nicht mehr sehen! Schießt endlich ein paar Tore! Zeigt den Männern mal was wir draufhaben, sonst tu ich das!“, motiviert sie die Mädels und wirft den Ball ins Mittelfeld.
Alle sehen sie erstaunt an. Auch der Lehrer traut seinen Augen nicht. ‚Die steht doch nicht zum ersten Mal im Tor. Wieso kann sie Shinichis Bälle halten? Selbst die Keeper in der Liga haben damit Probleme.‘
Bis zur Halbzeit gelingt es den Jungs nicht ein einziges Tor zu schießen.
Leider den Mädels ebenso nicht, dabei geben sich beide Geschlechter große Mühe. Alle gehen für die Pause zu den Bänken und erfrischen sich mit Getränken. Tina bedient sich ihrer Wasserflasche und wischt sich mit einem Handtuch den Schweiß von der Stirn. ‚Wenn wir nicht langsam ein Tor reinsemmeln, bleibt es beim 0:0. Da muss sich doch was machen lassen. Unsere Angriffe sind zu zaghaft und unvorbereitet.
Oje, ich denke wie ein Fußballer. Woran liegt das nur? Shinichis Bälle sind
kein Problem. Er scheint sich etwas zurückzuhalten, zum Glück. Aber zum Sieg fehlt uns ein Tor.‘ Entsetzt hält sie die Flasche fest und starrt sie an. ‚Ich denke ja schon wieder so.‘
Plötzlich wird sie von Shinichi angesprochen: „Sag mal, wie kann es sein, dass du meine Bälle halten kannst? Ich dachte immer du magst kein Fußball.“
„Das Eine hat ja nichts mit dem Anderem zu tun. Das heißt ja nicht, dass ich noch nie gespielt habe, oder? Außerdem, solange du versuchst außerhalb des Strafraumes zu schießen, wird es dir nie gelingen.“, gibt sie ihm provozierend einen Tipp.
„Wie bist du dir da so sicher? Erstens ist das hier ein Hallenspiel und die Abstände sind sehr gering. Und zweitens, wenn jemand behaupten kann, dass kein Schuss außerhalb des Strafraumes durch geht, dann ist das unser Nationalkeeper, Genzo Wakabayashi und ganz sicher nicht du.“, versucht er ruhig zu bleiben und blickt ihr in die Augen. ‚Wieso ist sie heute so überheblich? Das kenne ich gar nicht von ihr. Normalerweise weicht sie mir zwar aus, aber unfreundlich ist sie nie. Sogar bei Projetarbeiten im Unterricht ist sie genauso dran wie wir und man kommt gut miteinander aus. Sie verhält sich heute total anders als sonst.‘
Sie kann sich das Grinsen nicht verkneifen, berührt seine Schulter und sieht ihm in die schwarzen Augen. „Dreimal darfst du raten, wer mir das beigebracht hat. Und…“ Sie macht kurz eine Pause und spricht dann ganz leise zu ihm: „…danke, dass du dich den Mädels gegenüber zurückhältst.‘, äußert sie überraschend glücklich und geht zu ihrer Mannschaft, um den weiteren Verlauf zu besprechen.
Der junge Fußballer ist etwas verwirrt. ‚Was meint sie damit? Von ihm gelernt? Kennt sie Wakabayashi etwa? Und wieso weiß sie, dass ich nicht mit vollem Einsatz spiele? Sie spielt doch nur Volleyball, woher will sie das beurteilen können?‘
Nach zehn Minuten stehen wieder alle auf dem Feld. ‚Ich bin ja mal gespannt was sich die Mädels einfallen lassen, um zu punkten.‘, ist nicht nur der Lehrer neugierig, hebt seine Hand und pfeift.
Die Männer haben Anstoß. Sofort wird an Shinichi gespielt und er stürmt zum
Tor. Doch plötzlich stellen ihm sich zwei Mädels in den Weg. Eine grätscht ihm entgegen und die andere verstellt ihm den Weg zur Seite. Doch er findet schnell eine Lücke und spielt links zum Klassensprecher ab. Dieser fängt den Ball ab und stürmt weiter. Shinichi befreit sich und wird angespielt. ‚Gute Taktik, Shinichi.‘, fällt Tina verblüffend auf und hält sich bereit. Nun befindet sich der Stürmer innerhalb des Strafraumes und setzt zum Schuss an. Seine Augen haben die linke Ecke im Visier. Aber der Ball wird direkt in die rechte Ecke geschossen. ‚Den kann sie nicht halten.‘, ist er sich sicher.
Doch ohne zu zögern wirft sich Tina dem Ball entgegen und wehrt ihn mit der
Faust ab. Das Leder fliegt einen weiten Bogen über Shinichi hinweg und mutig
springt Yoko ihm entgegen und fängt ihn mit der Brust auf. Kaoru schnappt ihn
sich sofort und stürmt zum Tor. Alle männlichen Wesen sind noch total geplättet von Tinas traumhaften Parade und reagieren nicht rechtzeitig genug.
Keine zehn Sekunden vergehen bis Kaoru Yoko den Ball zuspielt und diese das
Leder im Tor versenkt.
Vor Erstaunen über die Teamarbeit der Frauen, versäumt der Lehrer fast es anzupfeifen. Alle Mädels schreien vor Freude und umarmen sich. Nun ist der Sieg
sicher; mit Tina im Tor.
Noch nie in Tinas Leben hat ihr Herz bei dem Fall eines Tores so sehr geschmerzt
wie in diesem Augenblick. Sie liegt betroffen am Boden und beobachtet ihr Team.
Shinichi sieht entsetzt zu ihr herab. ‚Wie konnte sie wissen wo ich hin schieße? Du bist echt eine Herausforderung, gelbe Tigerin. Du hast deine Mädels im Griff.‘ „Läuft das bei dir auf dem Volleyballfeld auch so ab?“ Er beugt sich zu ihr runter und reicht ihr die Hand. Sie schaut nur auf den Boden.
„Alle Achtung. Das hat dir also Wakabayashi in Hamburg beigebracht?“
Sie sieht zu ihm auf. Über ihr rosiges Gesicht huschen Tränen, Tränen der Verzweiflung. Tränen, die selbst nicht wissen ob es richtig ist Fußball zu meiden und zu ignorieren. Wie kann es dann sein, dass man am Ende dabei so viel Freude empfindet, wenn man selber spielt und das Gefühl des Sieges spüren kann und genießt? Damals hatte ihr das Spielen schon immer sehr viel Spaß gemacht.
Es war nicht nur ein Spiel für sie. Es war die Sportart, die sie am meisten liebte bevor sie als Alternative den Volleyball wählte. Der Nervenkitzel beim Spielen, die Teamarbeit, die bittere Freundschaft und der konkurrierende Antrieb unter allen Mannschaftskameraden, das glückliche Gefühl Tore geschossen zu haben und Tore verhindert zu haben. All ihre schönsten Erinnerungen kommen in diesem Moment wieder hoch. War sie nicht damals als “Tino“ der beste Keeper im Juniorenteam des Hamburger Sportvereins? War es nicht damals genau dieser Tino, der auch abends bis spät in die Nacht mit Karl-Heinz wie ein Besessener trainierte? War es nicht Tina, welche sich als Junge ausgab und des Öfteren mit blutigen Händen und Knien nach Hause kam und erschöpft ins Bett fiel?
Ja, genau. Genau so war es damals doch. Damals, als sie noch an die Magie des
Fußballsports glaubte.
Am folgenden Nachmittag schaut Tina kurz im Betrieb vorbei. Kojiro holt sie wie abgesprochen bereits 19 Uhr ab.
Nun sitzen sie in der U-Bahn und fahren ohne weitere Zwischenfälle zu Tina.
Kojiro berichtet ihr von seiner großen Familie, dass sie heute Nachmittag im Museum waren und eine schöne Zeit hatten.
Das Paar verlässt kurz vor der Endhaltestelle die U-Bahn und geht über die Brücke. Tina schließt die Tür auf und sie betreten den Flur. Das Aquarium beleuchtet die Stube. „Möchtest du etwas trinken und eine Kleinigkeit essen?“, ist sie noch immer im Gedanken und spürt eine seltsame Spannung zwischen ihnen. Schon die ganze Fahrt über ist sie deutlich ruhiger als sonst. Er hatte bereits das seltsame Gefühl, dass sie nur halbherzig zuhörte, dabei dachte er, sie würde sich dafür interessieren.
„Sehr gerne.“, antwortet er etwas angespannt und hockt sich vors Aquarium und beobachtet die Goldfische. ‚Wieso ist sie heute so ruhig? So kenne ich sie gar nicht.‘ Er berührt sachte die Scheibe hinter der sich das Wasser mit den Goldfischen befindet. ‚Ich kann einfach Kens Worte nicht vergessen;
„Es gäbe Menschen, die einen guten Grund hätten Fußballer zu hassen oder vor
ihnen Angst zu haben.“ Wie soll ich das verstehen? Das klingt als wenn er Tina kennen würde. Ich muss unbedingt heraus finden wieso Tina Fußballer verachtet. Das kann ja nicht immer so gewesen sein.‘
Tina geht in die Küche und holt zwei Gläser aus dem Schrank. Dann öffnet sie den Kühlschrank und holt eine Saftflasche, eine Milchflasche und den Nudelsalat heraus, welchen sie den Abend zuvor noch mit Liebe zubereitet hat, damit heute etwas Schnelles und Gesundes auf dem Tisch steht.
Plötzlich hält sie inne und hält sich krampfhaft an der Kühlschranktür fest und starrt auf die Joghurtbecher. ‚Wieso? Wieso muss ich jetzt an meine Zeit in Hamburg denken? Sonst sind die Gedanken daran völlig weg, wenn Kojiro bei mir ist. Was hat das zu bedeuten? Soll ich es ihm erzählen? Jetzt schon? Ist es überhaupt wichtig für uns beide, dass er es weiß?‘
Kojiro vernimmt wohl, dass die Kühlschranktür nicht zu geht, steht auf und schaut zu ihr. ‚Was hat sie nur? Irgendwas muss heute passiert sein.‘, deutet er richtig.
Dann schaut sie zu ihm. Zwischen ihnen sind ca. 4 Meter Abstand.
‚Er ist so aufmerksam, so lieb. Ob er es verstehen würde, wenn ich es ihm erzähle? Er ist doch auch Sportler mit Leib und Seele. Und wenn ich überlege wie begeistert er vorhin darüber geredet hat mit seiner Familie nach langer Zeit einen kleinen Ausflug gemacht zu haben…dann ist er ein richtiger Familienmensch. Er wird es bestimmt verstehen.‘
„Du bist so ruhig, war heute was?“, stellt er plötzlich mit sanfter Stimme in den Raum. Sie schreckt zusammen. Ihr huscht eine Träne über die Wange. ‚Das hatte ich noch nie. Nie ist mir vor einem Mann eine Träne gekommen. Ich konnte es immer unterdrücken und wollte keine Schwäche zeigen. Das kenne ich gar nicht. Niemals…niemals hat mich jemand sentimental erlebt. Nur meine drei engsten Freunde kennen das, wenn auch nur für eine kurze Zeit wie Basa.
Auch die Mädels in meinem Team nicht. Keine von ihnen wird mich je weinen sehen. Das würde uns schwächen. Wem sollen sie vertrauen, wenn ihre Motivation aus meiner Standhaftigkeit besteht? Das ist es doch was sie antreibt. Ihr Vertrauen baut sich nur auf meine Stärke auf und weil sie wissen, dass ich immer hinter ihnen stehe.
Aber…aber bei Kojiro. Seine Anwesenheit fühlt sich so vertraut an, dass ich das Gefühl habe ihm alles erzählen zu können, ihm mehr zu vertrauen als jedem anderen Menschen.‘
Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, dann schließt sie die Kühlschranktür und stellt alles auf den kleinen Küchentisch neben dem Tresen.
„Ich habe uns gestern Abend noch Salat gemacht und der ist jetzt sicher gut durchgezogen. Ich hoffe du magst es mediterran?“
‚Oh. Sie redet wieder normal. Vielleicht erzählt sie mir was passiert ist.
Dieses Lächeln.‘
„Das klingt gut. Ich mag die mediterrane Küche besonders gerne.“, lächelt er ehrlich zurück.
Während sie den Tisch deckt beginnt sie zu erzählen. Sie glaubt es ist der richtige Moment gekommen ihm nicht nur von heute zu erzählen.
„Setz dich.“, bietet sie ihm den Stuhl ihr gegenüber an.
„Ich glaube, dass ich dir etwas erzählen muss.
Ich hatte bisher Angst, es könnte unser Zusammensein negativ beeinflussen.“
Sie atmet tief durch und konzentriert sich darauf den Salat auf den Tellern anzurichten. Kurz schaut sie zu ihm und nimmt seinen neugierigen Blick wahr. ‚Er sieht so lieb aus und wirkt so fürsorglich. Etwas anders als die letzten Tage, da kam er mir auch so abenteuerlustig vor. Jetzt strahlen seine Augen so eine Wärme aus. Das gibt mir Kraft.‘
„Tina, du kannst mir alles erzählen. Es wird nichts daran ändern was ich für dich empfinde.“, spricht er überzeugt und sehr ruhig.
‚Ach Kojiro, das sagst du jetzt so einfach. Um dir zu beschreiben was ich heute erlebt und empfunden habe muss ich dir alles erzählen.‘
Tina weicht seinem Blick aus und lenkt sich ab indem sie zum Küchenfenster geht, ein paar Blättchen von der frischen Petersilie und dem Basilikum abzupft. Dann geht sie diese abspülen und lässt sie abtropfen.
„Ach Kojiro, du sagst das so einfach. Damit du verstehst was ich heute erlebt und dabei empfunden habe muss ich dir zu viele Sachen erzählen. Zu viele Geheimnisse, die ich mit mir rumschleppe.“, beginnt sie leise.
„Geheimnisse?“, ist er plötzlich verwundert. Er dachte sie möchte ihm von ihrem Bruder erzählen, aber nein. Sie hat Geheimnisse?
„Ja, es gibt nur zwei Personen die es noch wissen. Das ist ein alter sehr vertrauter Freund in Hamburg und Fane. Die kennst du ja bereits. Nur die beiden wissen es.“, berichtet sie leise weiter.
Dann kommt sie zum Tisch zurück und legt die Garnitur auf den Salat und lächelt Kojiro an. „Nicht einmal Martin kennt meine ganze Geschichte und ja, vielleicht hast du es geahnt, wir waren mal für eine Weile zusammen. Das ist jedoch über ein Jahr her.“, versucht sie ihn schonend beizubringen.
„Ich habe mir das schon gedacht. So wie er mich gemustert hat. Die Situation war ja auch wirklich komisch, für alle Seiten.“, beruhigt er sie etwas und greift zum Besteck.
„Hm, Farfalle, es sieht sehr lecker aus. Den hast du sicher mit viel Liebe gemacht.“ Im Innersten ist er beruhigt, dass sie es ihm gesagt hat. Nun muss er sich darüber keine Gedanken mehr machen. Es ist raus. Wie eine Erleichterung fällt es ihm von den Schultern, aber wieso? Wieso beruhigt es ihn?
Als er diesem Mann gegenüberstand und die Spannung im Raum unerträglich war, fragte er sich warum sie ihn so vertraut? Es kratzte an seinem Selbstwertgefühl, dass ein Typ wie er, ein großer deutscher Adonis-Verschnitt so vertraut mit ihr umging.
Und nun? Nun weiß er es und kann sich auf die Schulter klopfen. Sein Stolz ist beruhigter, eine außergewöhnliche Frau wie Tina kennengelernt und erobert zu haben, was ein Martin scheinbar nicht geschafft hat. Ihm huscht ein Grinsen übers Gesicht, ohne, dass er es merkt.
‚Ich wusste, dass ihm der Gedanke gefällt. Es gibt Momente, da sind doch alle Männer gleich.‘, grinst sie ebenso. Sie setzt sich ihm gegenüber.
„Guten Appetit, lass es dir schmecken. Du hast sicher auch etwas Hunger.“, lächelt sie ihn an und sieht ihm in die Augen.
„Stimmt, danke.“ Er nimmt den ersten Happen und ist mehr als positiv überrascht. ‚Wow, wenn ich jetzt die Augen schließen würde wäre ich in Italien, bei meiner damaligen Gastfamilie. Mama Anna konnte derart gut kochen und ich liebte ihre Salate.‘
„Ich muss mir keine Sorgen machen, bei dir jemals zu verhungern. Es ist hervorragend.“, macht er ihr ein ehrliches Kompliment.
„Das freut mich sehr. Du sagtest, du magst europäische Küche.“
Die nächsten 5 Minuten stillen sie ihre Mägen und genießen den bunten Salat.
Dann beginnt Tina mit ihrer Geschichte.
„Ich wollte dir was erzählen.
Iss einfach in Ruhe weiter.
Bevor ich anfange musst du nur einige Dinge wissen, sonst verstehst du eventuell etwas falsch oder es könnte dich aufregen. Ich weiß es noch nicht.“, erklärt sie ruhig.
‚Sie macht es aber auch spannend.‘ „Okay, ich höre dir einfach zu.“, meint er beruhigend.
Tina holt erneut tief Luft.
„Heute hatte ich ein seltsames Erlebnis.
Ich war ganz normal in der Berufsschule, alles lief normal bis wir am Ende Sport hatten. In der Regel dürfen wir immer machen was wir wollen, weil es nur der Bewegung dient. Jeder macht also was er will und ab und an wird mal ein Schüler rausgezogen und macht ein paar Disziplinen und wird benotet.
Aber heute war seit Langem wieder die Benotung von Sportarten dran. Dabei geht es um das Verhalten innerhalb eines Teams.
Das ist an sich auch kein Problem. Mir ist es egal ob wir dann mal Basketball oder Hockey oder sowas spielen, aber heute wollte der Lehrer unbedingt, dass wir Fußball spielen. Wir Frauen gegen die Männer.“ Sie unterbricht kurz, nimmt einen Happen und schaut beim Kauen auf ihren Teller.
„Hast du mitgemacht?“, ist er neugierig und freut sich, dass dieses Thema angesprochen wird.
„Ja, und weißt du wieso? Normalerweise kassiere ich in so einer Situation doch mal die schlechten Noten. Ich gleiche das eh wieder aus. Aber nicht heute.“, sieht sie zu ihm auf. ‚Oh, nanu? Sie kassiert absichtlich schlechte Noten, nur damit sie nicht mit Fußball in Kontakt kommt?‘
„Nein, warum?“, fragt er wunderlich.
„Okay, dann noch eine Situation in den letzten Tagen.
Du kannst dich sicher an den alten Mann in der Bahn erinnern? Er sagte doch, ich hätte einen Mann grundlos beleidigt?“ Kojiro nickt und legt einen ernsten Blick auf. ‚Das war eine seltsame Situation und ich musste mich bei der Aktion zu erkennen geben. Das war echt riskant, aber für Tina, für ihre Ehre war es mir das Risiko wert.‘
„Naja, er hatte nicht gerade Unrecht. Am Abend nach unserem Kennenlernen fuhr ich heim und da stieg dieser Mann ein. Ein paar Mädels erkannten ihn, er ist der 2. Keeper des japanischen Nationalteams. Naja, sie gaben ihm nach den Autogrammen ihre Nummern, welche er dann aber einfach wegwarf. Daraufhin habe ich ihn als Idioten bezeichnet.
Nun ja…dazu muss ich sagen…du kennst vermutlich nur meine guten Eigenschaften. Denn wenn ich mich anfange unwohl zu fühlen kann ich echt unangenehm werden.
Die Situation eskalierte etwas später dann als dieser Keeper und ich dann alleine in der Bahn waren. Als er mir etwas zu nah kam fühlte ich mich derart bedrängt, dass mir alte Erinnerungen hochkamen und aus dieser heraus knallte ich ihm eine so heftige Ohrfeige als würde ich einen meiner Spezialbälle schlagen und keinen Menschen.“
‚Ken, das erklärt natürlich einiges. Diese Verletzung kommt nicht von einer normalen Ohrfeige. Aber was für eine Erinnerung meint sie?‘
„Wenn er dir zu nahekommt, muss er sich aber auch nicht wundern. Du hast dich nur verteidigt.“, versucht er außenstehend und neutral zu beurteilen.
„Ja schon, aber er dachte sicher, dass ich mich bei ihm entschuldigen wolle für meine Beleidigung. Naja, ich weiß nun, dass er eigentlich ein netter Mensch ist. Wir sind uns gestern Abend erneut begegnet.“ Kojiro macht große Augen.
„Ach was?“ ‚Davon hat er heute aber gar nichts erwähnt. Etwas durch den Wind war er aber trotzdem.‘
„Wir haben uns ausgesprochen und er ist mir nicht böse, dass ich so heftig reagiert habe. Im Gegenteil. Er hat sich auch bei mir entschuldigt.“ Sie hält wieder inne.
„Das war nur das was mir die Tage passiert ist.
Heute jedoch im Sport…da war nicht nur der Mut, dass ich mitgemacht habe. Nein…ich hatte…Spaß daran.“, sagt sie plötzlich schnell. Kojiro schaut überrascht. ‚Sie hatte Spaß beim Fußballspielen?‘
„Worauf ich hinaus will…“, beginnt sie. Dann schaut sie auf zu ihm. Ihre Blicke treffen sich neugierig und etwas angespannt. „…ich habe die Vermutung, dass ich seit unserer ersten Begegnung ganz langsam weniger Angst verspüre.
Weniger Furcht vor dem Anblick oder der Anwesenheit von Fußballern.“, versucht sie ihm ihre Selbstbeobachtung zu erklären.
„Kojiro…das muss an DIR liegen.“
Sie legt ihre Hand auf den Tisch, als wolle sie, dass er seine darauflegt. Er deutet es richtig und natürlich berührt er sie liebevoll. „An mir?“, wundert er sich.
„Ja. Genau. Ich weiß nicht wieso das so ist, aber du verleihst mir Kraft und Mut. Ich kann das nicht erklären. Wir kennen uns erst seit vier Tagen und bevor wir uns wieder in…in unbeschreiblichen Momenten verlieren, möchte ich, dass du weißt auf wen du dich hier einlässt.“ Sie schließt die Augen. „Danach kannst du dann entscheiden ob du hierbleibst oder wir das hier beenden bevor es zu spät ist.“ Sie stellt ihren Teller zur Seite und greift mit der zweiten Hand nach seiner.
‚Tina, was um alles in der Welt musst du mir denn nur sagen? Das klingt alles so verwirrend.‘
„Okay. Bleib ganz ruhig. Ich werde nicht gehen.“, sagt er mit sicherer Stimme.
25. Juli 1998 2024
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Frühstück bei Tina 2024
Frühstück bei Tina
Kapitel 18
Vor dem Haus gegenüber öffnet sich eine Tür und ein junger Mann atmet tief
ein und aus. Ken betritt nach seinem allabendlichen Lauftraining sein Apartment.
Geschafft springt er unter die Dusche und seift sich ein. ‚Das tut gut. Es geht nichts über eine kalte Dusche.‘
Dann steht er abgetrocknet vor dem Waschbecken und sieht beim Zähneputzen in den Spiegel. Dabei bemerkt er, dass im Haus gegenüber in der ersten Etage Licht angeht. ‚Ist das nicht Tinas Haus? Ist sie etwa schon zu Hause?‘ Er dreht sich um und schaut aus dem Fenster. ‚So ein großes Haus. Sie muss sich sehr einsam fühlen. Ob ich sie besuche und sie etwas aufheitere?‘
Doch plötzlich sind zwei Schatten zu deuten. Sie umarmen sich.
‚Verstehe. Sie ist nicht allein. Sie sagte ja, dass sie einen Freund hat. Ob es wirklich Kojiro ist? Das wäre wirklich ein seltsamer Zufall.‘, denkt er bei sich und berührt das Rollo.
Die Gestalten bewegen sich in die linke Ecke des Zimmers und verschwinden
unterhalb des Fensters.
Ken zieht das Rollo runter und lässt es einrasten.
„Ich will besser nicht wissen, was die jetzt machen.“, grinst er vor sich hin und zieht seinen Schlafanzug über. Sein Blick schweift kurz zur Dusche.
‚Ob ich auch mal jemanden kennen lerne, die es ernst meint und mich so liebt wie ich bin?‘
„Das Duschen ist nur die zweitschönste Sache, wenn man heimkommt.“, murmelt er und geht in die Küche, um sich ein Glas Milch zu gönnen.
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 5 Uhr früh. Zusammengekuschelt
wachen sie auf. Tina schaltet den Lärm aus und legt ihren Kopf wieder müde an
seine Brust. „Hast du gut geschlafen, Süße?“ „Ja, aber viel zu kurz. Und du?“, antwortet sie als er durch ihr weiches Haar streichelt.
Dann steht er auf und zieht sein Short und das Shirt an. „Bleib ruhig liegen. Ich mache uns heute Frühstück.“ Kojiro hat diese Nacht kein Auge zu gemacht. Ihm ging es einfach nicht aus dem Kopf, was mit ihrem Bruder passiert ist. „Findest du dich in der Küche überhaupt zurecht?“
„Bestimmt. Ich finde schon was ich brauche.“ Also geht er in den Flur und die Treppe herunter in die Küche.
Tina liegt währenddessen im Bett und träumt etwas vor sich hin.
‚Hm. Ich habe echt Hunger. Viel haben wir gestern Abend nicht gegessen. Ich bin schon gespannt, was er macht. Das letzte Mal als mir jemand Frühstück ans Bett brachte, war es meine Mama.‘ Liebevoll kuschelt sie sich unter die warme Decke. ‚Es riecht alles nach ihm. Ich bin so froh, dass du bei mir bist. Kojiro, ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn du nicht bei mir bist. Wenn ich dich verlieren würde, würde ich dann wieder in ein tiefes Loch fallen wie damals?
Als meine Eltern starben fühlte ich mich so allein. Zuerst verlor ich Stephan, dann meine Jugendliebe und dann meine Heimat und plötzlich stand ich ganz alleine da, mitten in einem fremden fernen Land. Wenn ich damals nicht zufällig von Basa gerettet worden wäre, könnte ich niemals hier liegen und deine Nähe und deine Wärme und Liebe spüren.
Nur Basas Lebensfreude und sein unbändiger Optimismus und seine unbezahlbare Hilfe holte mich in ein schönes Leben zurück. Er gab mir zu erkennen, dass mein Leben nicht sinnlos ist. Er motivierte mich meine Energie in den Sport zu legen. Den Sport kann mir kein Schicksal nehmen.
Hm. Ob ihr befreundet seid? Oder herrscht in eurem Team genauso eine Rivalität wie bei anderen Profimannschaften?‘
Entschlossen steht sie auf und zieht ihr Nachthemd an, dann wirft sie sich den
Morgenmantel ihrer Mutter über und schlüpft in die Pantoffeln. Langsam geht
sie die Treppe herab.
Nun steht sie angelehnt in der Küchentür und beobachtet den jungen Japaner, der ihr jedes Mal wieder die Sinne raubt. Leicht bekleidet steht er vor dem Herd und rührt in der Pfanne das Rührei zurecht.
‚Er ist so lieb und ehrlich. Habe ich überhaupt so einen lieben Menschen verdient? Bis jetzt habe ich jeden Mann nur unglücklich gemacht. Habe ich eigentlich einen guten Einfluss auf ihn oder einen schlechten? Ich halte ihn vom Training und vom Lernen ab.
Wenn du mit Tsubasa und den anderen jeden Tag zusammen bist, wie läuft das dann? Habe ich deswegen bei Ken deine Aura gespürt? Als ich ihm von dir erzählt habe fiel ihm die Tasse runter. Er hat sicher gespürt, dass ich von dir rede. Ist er nur ein Kollege für dich oder hat er so reagiert, weil ihr befreundet seid?‘
Sie geht leise auf ihn zu. „Du bist ein Schatz. Das sieht echt phantastisch aus.“, spricht sie liebevoll. „Das liegt nur daran, dass alles im Hause ist, was man zum Frühstück braucht.“, schmunzelt er und sieht sie an. ‚Hübscher Morgenmantel. Sie ist so hübsch wie immer, aber sie sieht so nachdenklich aus. Naja, nach diesem Abend und unserer Nacht, ich bin ja selbst noch etwas durcheinander.
Es ist auf einmal ein seltsames Gefühl bei ihr zu sein, jetzt wo sie es weiß.‘
„Kojiro? Was hältst du davon, wenn wir das Frühstück ins Wohnzimmer verlegen?“, schlägt sie fröhlich vor und geht eine Tischdecke holen und legt diese auf den Tisch. Dann deckt Kojiro den Tisch.
Gemütlich genießen beide in aller Ruhe das Frühstück.
„Ich muss dich loben, Kojiro.“ Er schaut erstaunt. „Warum?“
„Du hast auch an den Salat gedacht, es wäre zu schade ihn nicht aufzubrauchen.“, lächelt sie.
Er lächelt zurück. „Du sagst es, bei mir wird alles verbraucht.“
Als Kojiro den Tisch abräumt klingelt das Telefon. Tina bittet ihn ran zu
gehen, da sie grade beim Abwaschen ist.
„Konnichiwa, bei Fuchs.“, meldet er sich höflich auf Japanisch. „Bist du
das Kojiro, mein Freund? Ich bin’s, Tsubasa.“
„Ach du bist das. Was gibt’s?“, antwortet er besonnen.
„Eigentlich wollte ich Tina sprechen, aber wenn du grade dran bist. Wie
geht’s? In so früher Morgenstunde schon bei ihr?“, schmunzelt er.
„Das geht dich wohl kaum etwas an. Mir geht’s gut. Und selbst? Wie läuft’ s mit
Fane?“, neckt er ihn zurück.
„Was meinst du wohl, von wo aus ich anrufe? Nun, gut, Spaß bei Seite. Kommst du heute zum Training?“
„Sicherlich. Warum sollte ich nicht?“, antwortet er.
„Dann gib mir mal Tina. Ich muss was mit ihn beschwatzen.“
„Ja, warte.“
„Wer ist denn dran?“, erkundigt sich diese.
„Tsubasa.“ Er gibt ihr den Hörer. „Hi Basa-chan, was gibt’s?“, spricht sie freundlich.
„Tagchen, Tora. Ich wollte nur wissen, ob du den Brief schon gelesen hast.“
„Aber natürlich.“ Sie geht in die Stube und holt den Brief aus ihrem
Rucksack. „Hat er dir das gleiche Bild geschickt wie mir?“, erkundigt sie
sich. Dann setzt sie sich mit dem Brief in der Hand auf das Sofa.
‚Was mag er ihr erzählen? Was hat sie da für einen Brief? Von wem mag der
sein?‘
„Ja, ein Bild mit Kaltz zusammen. Ich wollte dich aber um einen Rat fragen, um nicht zu sagen um einen Gefallen bitten.“, beginnt er.
„Worum geht’s, schieß los.“, ist sie ganz Ohr für ihren zweitbesten Freund. „Gerne, aber spring ja nicht gleich an die Decke. Es geht um Fußball. Ich weiß, dass ich nicht mit dir drüber reden soll, aber du bist die Einzige, die mir helfen kann.“
Betrübt legt sie den Brief auf den Tisch. „Na gut, weil du es bist. Was willst du wissen?“
„Du hast doch mit Schneider in einer Mannschaft gespielt.“ Erschrocken zuckt sie zusammen.
Kojiro horcht neugierig zu, während er die Küche aufräumt.
„Sicherlich, Genzo, Stephan und ich waren seine besten Freunde. Aber was hat
Karl jetzt mit deiner Bitte zu tun?“
„Genzo schrieb mir, dass er dir mal seine Tricks beigebracht hat. Ich wollte dich fragen ob du sie mir erläutern könntest.“
Entsetzt schreit sie in den Hörer: „Ich soll was? Du spinnst ja wohl! Hast du
sie noch alle? Für wen hältst du mich?“ Kojiro blickt erstaunt auf.
„Sorry, so war das nicht gemeint. Ich dachte nur, du möchtest, dass wir die
WM gewinnen.“, klingt er betrübt. Tina stutzt plötzlich.
Dann grinst sie. „Steht Fane neben dir?“, wundert sie sich. ‚Mist, sie hats bemerkt.‘, denkt ihre Freundin. Sie geht ans Telefon. „Hi Tina. Was ist?“
„Das Ganze ist doch auf deinen Mist gewachsen, oder?“
„Ähm, naja. Er hat um Rat gefragt.“
„Fane Mausi, die Info kann nur von dir kommen. Genzo würde so eine Info nie weitergeben. Stell mal auf Freisprecher bitte.“
Tina tut dies ebenso, damit Kojiro zuhören kann. Sie winkt ihn heran und zeigt ihm an, dass er erstmal leise sein soll. Er nickt und hört aufmerksam zu.
„Außerdem habt ihr es gar nicht nötig zu solchen Mitteln zu greifen. Ihr seid doch eine starke Mannschaft. Ihr seid 2002 Vizemeister geworden, was willst du mehr?“
„Naja, es wird diesmal nicht leicht.“
Tina hält kurz das Mikro zu und spricht zu Kojiro. „Wollen wir die beiden etwas veralbern? Die wollten dich teste…wir drehen das Spiel jetzt um?“
Kojiro ist etwas verwundert. Er versteht zwar nicht ganz was sie meint, aber die Vorstellung Tsubasa mal ne Runde zu verschaukeln lässt ihn lächeln. Mit Scherzen hat er es ja nicht so, aber wenn Tina eine Idee hat, warum denn nicht? Er nickt.
„Also Basa, ich habe gehört ihr seid gut aufgestellt. Mit Genzo und Jun und dieser Stürmer…wie heißt er nochmal? Und der Typ aus Frankreich…wie heißt der noch?“
„Du meinst Taro und Hyuga?“, ist er etwas verwundert. Vor allem weil sie tatsächlich mal mit ihm über seine Freunde spricht. In der Regel dreht es sich in ihren Gesprächen nur um die Kultur Spaniens, wie das Wetter ist und um Genzo.
„Genau. Mit solchen Leuten an deiner Seite könnt ihr doch alles schaffen.
Denkt euch eine neue Taktik aus und dann passt das.
Dir jetzt die alten überholten Tricks von damals zu zeigen würde nicht mal was bringen. Ihr entwickelt euch doch alle weiter, nicht wahr Kojiro?“, blickt sie ihn zwinkernd an.
„Richtig.“ Stimmt er nur unwissend zu.
‚Sie muss mir das nachher nochmal erklären. Ich verstehe das Spielchen grade gar nicht. Ich weiß nicht mal wieso sie sich vorhin so aufgeregt hat.‘, wundert er sich nur weiter.
„Du hast Recht. War eine dumme Idee.“, meint Tsubasa ins Telefon.
„Ach ihr zwei seit schon lustig. Wollt mich zum Ausrasten bringen um Kojiro auf die Probe zu stellen. Meint ihr im Ernst, dass ich das nicht merke? Fane müsste es besser wissen. Zwei Jahre Psychologiestudium reichen dafür grad so aus.“, meint Tina plötzlich ernst.
‚Wie jetzt? Das sollte eine Probe werden? Er wollte mich auf ihre Kosten auf die Probe stellen? Eine Provokation auf Tinas Kosten? Was soll das Theater? Welches Psychologiestudium?‘, denkt Kojiro nicht richtig gehört zu haben. Sein Puls steigt vor Wut etwas an. Er ist enttäuscht von einem Freund, der er sehr respektiert. Ihre Rivalität findet gewöhnlich nur auf dem Rasen statt. Immer dann, wenn sie sich gegenüberstehen müssen. Diese Spannung immer wieder aufs Neue festigt ihre Bindung und nun? Nun stellt dieser Mann seine Persönlichkeit in Frage und will ihn testen, nur um herauszufinden ob er es mit Tina ernst meint.
Angesäuert stellt er sich direkt neben Tina, nimmt ihr den Hörer aus der Hand und äußert deutlich seine Meinung.
„Was sollte das werden, Tsubasa?! Seit wann spielst du solche Psychospielchen?! Wenn ihr was wissen wollt dann fragt einfach oder lasst es!“
„Wieso? Hat doch am Ende geklappt. Du bist ans Telefon gegangen.“, meint dieser nur selbstsicher.
„Du bist ein Idiot! Ich habe Fane bereits gesagt, dass ich keine Spielchen spiele! Ich habe andere Ding zu tun, als mir euren Kinderkram reinzuziehen!
Und…sag dem Trainer, ich komme heute später.“, ertönt Kojiros ernste und feste Stimme.
Tina sieht ihn verblüfft an. Nur selten hat sie ihn wütend erlebt. Erst einmal, damals in der U-Bahn. Der strenge Glanz in seinen dunklen Augen verrät ihr, dass dieser Mann nicht immer nur ruhig und besonnen sein kann. Er scheint Tsubasa sehr nahe zu stehen, sonst wäre er nicht so enttäuscht von seinem Handeln.
‚Er kann ja auch wütend werden. Seine Augen glänzen so feurig, wenn er so ernst schaut.‘
„Ko...Kojiro.“, äußert sie verblüfft, als er den Hörer aufgelegt hat und sie nachdenklich ansieht.
„Du kannst ja richtig böse werden. Das sind ja ganz neue Seiten an dir.“, spricht sie ernst und blickt ihn dankend an. Verdutzt blickt er ihr in den Augen. „Entschuldige bitte, aber ich konnte das nicht länger mit anhören.
Wenn er dein Freund ist, wieso wollte er dich dann zum Weinen bringen? Nur damit ich dazwischen gehe? Ihr pflegt eine seltsame Freundschaft.
Worum ging es überhaupt? Ich habe nur etwas von irgendwelchen Tricks verstanden.“, spricht er wieder leise und ruhig.
„Er meint das sicher nicht böse. Basa würde mir niemals weh tun. Ich weiß nicht wieso er mich das überhaupt gefragt hat. Er hat mich gebeten ihm einige Tricks von Karl-Heinz zu verraten, mit dem ich ja damals in Deutschland befreundet war.“, erklärt sie erleichtert, als seine warme Hand ihre Schulter berührt. ‚Seltsam, ich kann über Karl reden.‘, fällt ihr auf.
„Verstehe, weil ihr im selben Team wart?“ Sie dreht sich zu ihm und sieht ihm tief in die Augen.
„Ja. Genau deswegen.“
Deutschland oder Japan? 2024
Deutschland oder Japan?
19. Kapitel
„Ich habe seit Jahren nicht mehr aus dieser Zeit erzählt. Ich hatte immer Angst,
dass es mich an Stephan erinnert. Aber wenn du bei mir bist, wenn ich deine Nähe spüre oder wir uns berühren ist jede Angst wie weggeblasen.“, lächelt sie glücklich und küsst ihn sinnlich.
Etwa eine Stunde später steht Tina, nachdem sie zusammen geduscht haben, alleine unter der Dusche und wäscht sich die Haare.
Kojiro trocknet sich ab und will sich bereits anziehen. Er Legt das nasse Handtuch auf den Trockner und geht ins Wohnzimmer, wo seine Tasche steht, legt seine frischen Sachen raus und legt die alten hinein. Während er sein frisches Short anzieht wirft er einen Blick durch den Raum und entdeckt den Brief auf dem Tisch. Er überlegt einen Moment, dann geht er nachdenklich und zögernd auf ihn zu. ‚Der Brief von Genzo? Sind die beiden wirklich so gut miteinander befreundet?‘ Mit einem schlechten Gewissen greift er danach und kurz davor zieht er die Hand wieder zurück.
‚Bin ich doof? Was soll da schon drinstehen? Und vor allem. Nein. Ich kann doch nicht die Briefe von ihr lesen. Ich kann froh sein, dass wir grade dabei sind uns endlich wirklich kennenzulernen. Sie vertraut mir so sehr, dass es unwirklich ist.‘
„Die Versuchung ist groß, oder?“, schmunzelt sie. Er bemerkte nicht, dass sie derweil in der Wohnzimmertür steht und ihn beobachtet hat. Er richtet sich auf und blickt sie ernst an.
„Stimmt, aber es wäre falsch.“
„Kannst ihn dir ansehen. Nimm ihn ruhig. Du kannst ihn sowieso nicht lesen. Und wenn, da stehen keine geheimen Liebesschwüre drin, oder sowas. Alles belangloses Zeug.“, lacht sie und trocknet sich weiter die Haare ab.
‚Also stimmt es, wenn er ihr einen Brief schreibt, muss sie ihm wohl wichtig sein.‘
Sie geht auf ihn zu und bleibt vor ihm stehen.
„Kojiro…ich muss mich auch erstmal an den Gedanken gewöhnen.“ Dann sieht sie zu ihm auf. „Ich weiß, dass ich Freunde habe, die vermutlich…deine Rivalen sind. Aber das…kann ich nicht…ablegen.“, erklärt sie ehrlich und hält ihr Handtuch fest, welches um sie gewickelt ist.
‚Das ist wirklich komisch. Mit Tsubasa komme ich klar, weil wir selbst Freunde sind, aber Genzo? Wenn es einen Keeper auf der Welt gibt, den ich am wenigsten ausstehen kann, dann er. Seine Überheblichkeit und Arroganz machen mich jedes Mal wütend.‘, geht in ihm vor. Sein Blick ist ernst und dann lächelt er plötzlich und blickt in die aufregendsten Augen, die er je gesehen hat.
„Ist mir egal, solange wir uns haben!
Du bist bei mir und alles andere ist egal!“, äußert seine kräftige Stimme liebevoll und voller Überzeugung. Sein Entschluss steht fest. Seine Gefühle zu ihr sind ihm wichtiger als irgendeine Rivalität. Dann nimmt er sie in die Arme und küsst sie leidenschaftlich.
Ihr fährt ein Schauder über den Rücken. Es ist aber ein angenehmes Gefühl, als wenn bei einem heißen Sommer plötzlich ein frischer Windhauch kommt.
‚Kojiro? Kojiro Hyuga? Ein Mann wie du…du verzichtest für mich auf deinen Stolz? So ernst ist es dir?‘
Sie genießt seinen sinnlichen Kuss, löst ihre Hände vom Handtuch und berührt zögerlich seine muskulösen Oberarme.
‚Deine Berührungen sind so intensiv, dass ich an nichts anderes mehr denken kann. Ich kann mir sehr gut vorstellen wie ihr euch gegenübersteht, wenn ihr gegeneinander spielt. Er hat damals so viel von deinem Können geschwärmt, dass er sich sehr auf euer Wiedersehen gefreut hat. Eure Rivalität hat euch beide stark gemacht.
Und nun? Nun bist du hier bei mir. Und statt uns damals auf dem Feld zu begegnen stehen wir hier und besiegen uns auf andere Art immer wieder aufs Neue. Ich verstehe es immer noch nicht genau, warum wir uns so anziehen und ich dir nicht ausweichen kann, aber…eins weiß ich…‘
Sie unterbricht plötzlich seinen sinnlichen Kuss und sieht ihn verliebt an. ‚Nanu? Tina, was ist los? Du willst mir was sagen?‘, wundert er sich. Ihre rechte Hand fährt langsam von seinem Arm aus hoch über seinen Hals zu seinem Gesicht und legt sich quer über seine linke Seite. Genau in dem Moment löst sich ihr Handtuch und rutscht herunter.
„Kojiro…Kojiro Hyuga, du bist…der unglaublichste Mann, dem ich je begegnet bin. Ich weiß nun wieso ich mich in dich verliebt habe…ich muss es gespürt haben. Du bist so zärtlich, so liebevoll, führsorglich, klug, leidenschaftlich, stark und …“ Ihre zweite Hand gleitet bestimmend zu seinem Rücken und fasst fest an seine Schulterblätter. Ihre erregten Brüste pressen sich fest an seinen warmen Körper. „…stolz.“, kommt aus ihrem Mund kurz bevor sie ihn noch fester an sich drückt und ihn verlangend und sinnlich küsst. ‚So siehst du mich? Unglaublich diese Frau. Wie soll ich jemals klare Gedanken fassen, wenn du mich jedes Mal so aus der Spur wirfst? Du weißt doch genau, dass ich dir nicht ausweichen kann und du mich so rasend machst.‘ Erneut verlieren sich beide am heutigen Tag in ihren Gefühlen.
Später verlässt Tina die Dusche und trocknet sich ab. Kojiro ist inzwischen fertig und geht in die Küche, um beiden Kaffee zu machen.
Plötzlich klingelt das Telefon. „Gehst du bitte mal ran? Wenn es wieder Basa ist, sag ihm er soll sich kalt duschen!“, ruft Tina aus dem Bad. „Wieso?“,
wundert er sich. „Zum Nachdenken.“ ‚Humor hat sie ja.‘, grinst er und hebt den Hörer ab.
„Konnichiwa, bei Fuchs.“
„Hä? Wer ist da dran? Wo ist Tina? Wer sind Sie?“
‚Wie? Ein Mann?‘
„Ich bin Tinas Freund, Kojiro. Wer ist bitte dran? Sie kann grade nicht ans Telefon.“
„Ach so ist das. Verstehe, hier ist euer Chef, deswegen hat sie sich so für
dich eingesetzt. Sage ihr bitte, dass Herr Satsujinsha sie sprechen möchte. Sie
soll nachher gleich zum Betrieb kommen. Es ist sehr wichtig. Ciao.“, legt er
sofort wieder auf.
‚Oje, was ist nur los? Er klang so aufgebracht.‘
Nachdem Kojiro den Hörer wieder aufgelegt hat geht er zu ihr ins Bad.
Sie föhnt ihre Haare.
„Und? Wer war es?“, lächelt sie ihn an.
„Der Chef. Er möchte, dass du nachher gleich in den Betrieb kommst. Er sagt,
es sei sehr wichtig. Er muss was mit dir besprechen.“
„Verstehe. Alles klar. Na ja, du musst ja auch los. Nicht dass dein Trainer mit dir meckert. Du bist viel zu spät dran.“, sorgt sie sich und trocknet sich ab. Liebevoll nimmt er sie einfach in die Arme und sieht ihr tief in die türkiesblauen Augen. „Du hast mich doch überredet noch etwas zu bleiben.“, lächelt er und küsst sie leidenschaftlich. Sie genießt seine Sinnlichkeit, als plötzlich die Haustür läutet.
Abrupt unterbrechen sie den Kuss. „Es nervt langsam.“, stöhnt sie und rollt mit den Augen. „Was ist denn heute nur los? Gehst du bitte mal auf machen? Ich zieh mich schnell an und bin gleich da.“, klingt sie betrübt und er nickt.
Kojiro geht zur Haustür und schaut durch den Spion. Ein junger Japaner etwa Mitte dreißig schaut freundlich auf die Tür. ‚Wer mag das sein?‘ Er öffnet und begrüßt ihn. Sofort fällt ihm auf, dass dem Mann ein Arm fehlt. „Guten Tag. Wer sind Sie denn?“, entgegnet er freundlich und überrascht.
„Guten Morgen. Ich bin Kojiro, Tinas Freund. Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, entgegnet er freundlich aber mit sicherer Stimme.
„Ich bin Ryuga Schmitt, ihr Trainer. Tina ist doch sicher zuhause?“
„Ja, kommen Sie sonst solange rein. Sie ist gleich da.“, bittet er ihn einzutreten.
Herr Schmitt zieht die Schuhe aus und geht in die Stube.
‚Das ist also ihr neuer Freund? Er kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich habe diesen Mann schonmal irgendwo gesehen. Er scheint nett, aber sehr misstrauisch zu sein. Wie ein Wachhund hat er mich eben gemustert. Er wirkt sehr sportlich, aber das passt zu ihr.
Dass Tina mit einem Japaner zusammen ist, ist ein komisches Gefühl. Ob er sie wirklich liebt? Ihre Beziehung ist noch ganz frisch. Vielleicht sucht er auch nur ein Abenteuer mit einer Ausländerin? Wie oft hat sie sich über solche Japaner aufgeregt, die es nur auf eins abgesehen hatten?‘
‚Wie kann er mit einem Arm Volleyball spielen? Ob er dadurch Trainer geworden ist? Er wirkt jedoch sehr freundlich und nett. Trotzdem finde ich es sehr seltsam,
dass ein Trainer seine Schülerin privat besucht. Zwar haben Trainer Kira und ich
eine solch ähnliche Beziehung, aber ich kenne ihn auch schon seit ich nur an
Fußball denken kann. Trainer Kira war eher eine Art Vaterfigur, nicht ganz, aber irgendwie ging es in die Richtung.
Er scheint sich hier ja sehr gut auszukennen. Er ist direkt ins Wohnzimmer gegangen.‘ Beide Sportler machen sich ihre Gedanken.
Tina erscheint im Wohnzimmer und begrüßt überrascht ihren Trainer.
„Trainer, das ist ja eine Überraschung. So früh am Morgen?“ Er reicht ihr
die linke Hand. „Guten Morgen. Ich habe etwas Neues für dich, in Bezug auf
die Weltmeisterschaft.“
Sie verzieht die Miene. „Trainer, Sie kennen meine Antwort. Ich werde mich nicht verleugnen. Daran wird sich nichts ändern.“
„Nun hör mir doch erst mal zu.“ Er blickt kurz zu Hyuga. „Sollten wir nicht lieber unter vier Augen reden?“
„Nicht nötig. Kojiro kann ruhig dabei sein.“ ‚Oha. Ob das Thema nicht eher zu empfindlich ist, wenn sie mit einem Japaner zusammen ist?‘, wundert er sich.
‚Hm. Das hört sich alles so ernst an. Ich wusste gar nicht, dass sie mit ihrem Trainer in Streit ist.‘
„Nun gut. Ich habe noch mal einige Formulare gewälzt und herausgefunden, dass
es Ausnahmeregelungen gibt. Wenn du für Japan antreten willst gibt es drei Bedingungen.
1. Eine Einladung vom japanischen Verband, das hast du ja bereits.
2. Dass du seitdem du hier bist aktiv Volleyball spielst, den Sport quasi hier entdeckt hast und mindestens 7 Jahre dabei bist, das erfüllst du auch. Und
3. Dass du einen Beruf hast, um als Ausländerin deinen Beitrag an der japanischen Gesellschaft zu beweisen. Dass du die Aufnahmeprüfungen in der Todai bestanden und mit einem Studium begonnen hast wird dir dabei tatsächlich schon angerechnet. Du musst also jetzt nicht mal die Ausbildung abschließen, aber von Vorteil wäre es natürlich.“
Herr Schmitt ist ganz froh, dass er ihr diese tolle Nachricht überbringen kann.
„Im Ernst? Heißt das, ich brauche keine japanische Staatsbürgerschaft um für Japan anzutreten?“, ist sie skeptisch und freudig aufgeregt.
„Genau. Die Einladung hast du ja schon.“
Stumm steht sie da und blickt die beiden Männer nachdenklich an.
‚Jetzt kann ich zwar für Japan spielen, aber verrate ich nicht mein eigenes Heimatland? Ich habe schon immer davon geträumt bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein und ein Land zu vertreten, dem ich viel zu verdanken habe. Damals im HSV war es natürlich Deutschland, meine Heimat. Und heute? Kann ich gegen Deutschland spielen? Ich bin ja stolz auf meine Herkunft, aber würde ich nicht meine Freunde wieder im Stich lassen, wenn ich nicht für Japan spiele? Der japanische Volleyballverband rechnet mit meiner Person, genau wie damals in Taiwan, bei den Asienmeisterschaften.‘
„Sage mal, hast du überhaupt eine Einladung aus Deutschland bekommen?“, wirft der Trainer in den Raum als das Telefon klingelt.
„Ähm. Entschuldigt bitte.“, reagiert sie schnell und geht gedankenverloren ran. „Fuchs, guten Tag?“
„Einen guten Tag Frau Fuchs. Mein Name ist Herr Müller, vom deutschen
Volleyballverband. Sie haben bereits vor einigen Wochen einen Brief von mir
erhalten und das Angebot bekommen ins Nationalteam aufgestellt zu werden. Da ich bis jetzt noch keine Antwort erhalten habe wollte ich Sie persönlich sprechen
und bitten für Ihr Heimatland anzutreten. Es wäre uns eine Ehre und die Mädels freuen sich schon sehr auf ein Kennenlernen.“, spricht der junge Mann freundlich mit sächsischem Dialekt.
„Ähm. Das habe ich, ja.“, ist sie nervös und blickt zu den beiden Japanern. Diese sehen sie nur verwundert an. Ihr Puls steigt plötzlich an. Jetzt muss sie sich entscheiden…jetzt ganz plötzlich.
„Haben Sie sich denn bereits entschieden?“ ‚Was mache ich denn nur? Das
kommt alles so plötzlich. Deutschland oder Japan?‘
Tinas Trainer ist verwundert. So nachdenklich kennt er seine beste Schülerin
nicht. ‚Was hat sie nur?‘
‚Wer ist da dran? Warum schaut sie so seltsam?‘, ist auch Kojiro verwirrt.
Dann aber drängt er sich an Herrn Schmitt vorbei und eilt zu ihr.
„Ist es wieder Ohzora? Macht er schon wieder dumme Bemerkungen?“, vermutet er. Tränen huschen über ihre Wange. Sie streckt ihm die Hand entgegen, die er sofort festhält. Daraufhin schüttelt sie den Kopf.
„Kojiro…danke.“, rutscht ihr plötzlich raus, sodass es alle hören können. Dann wendet sie sich dem Anrufen zu.
„Ich...bedanke mich recht herzlich für Ihr Angebot, aber ich habe mich
entschieden nicht für Deutschland zu spielen. Ich werde für Japan, für meine Freunde und Fans auf dem Platz stehen. Tut mir leid. Ich wünsche unseren Mädchen trotzdem viel Erfolg. Sagen Sie ihnen, dass mein Herz auch bei Ihnen ist.“, redet sie wie in Trance liebevoll in den Hörer und legt sofort auf.
Kojiro schaut sie fraglich an. ‚Sie weint? Wieso?‘ Besorgt hält er ihre Hand. ‚Seine Nähe gibt mir Kraft. Ich habe diese Entscheidung auch für dich getroffen. Aber vor allem für meine Freunde und meine Fans.‘
Spontan umarmt sie ihren Liebsten und blickt über seine Schulter zu ihrem Trainer. „Das war das Angebot aus Deutschland.“, berichtet sie auf Japanisch, damit Kojiro auch versteht worum es geht.
‚Dann hat sie sich also entschieden. Entschieden für Japan zu kämpfen.‘, sind beide Männer erfreut. Sie lächelt ihren Trainer an.
„So einfach werden Sie mich nicht los.“
Ein zögerndes Grinsen huscht über seine Lippen und dann verlässt er das Haus ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen. ‚Meine Tina ist ein Engel. Sie spielt also für Japan. Dann haben wir ernsthaft eine Chance bei der WM 2006 in Japan den Titel zu holen. Damit würde sie einen großen Traum wahr werden
lassen, meinen größten Traum.‘
Tinas Entscheidung ist etwa eine Stunde her und Kojiro ist bereits beim
Training. Ken steht im Tor und blockt einen Ball nach dem anderen ab. „Hey,
schläfst du noch, oder was? Was lieferst du mir denn heute für Bälle?“,
schimpft der Karatemeister mit seinem besten Freund.
„Sorry, ich weiß auch nicht.“, klingt er nachdenklich. „Du hast doch was.
Zuerst kommst du zu spät und dann keine Lust auf’ s Training. Hast du Fieber?“ Wütend schießt dieser Kojiro den Ball direkt auf den Kopf zu. Gerade rechtzeitig fängt Hyuga ihn auf. Nachdenklich hält er das Leder in den Händen und betrachtet es. „Hast ja recht. Ich bin mit meinen Gedanken woanders.“
„Hat es mit deiner Freundin zu tun?“, vermutet Ken richtig. Gereizt lässt Kojiro den Ball vor seine Füße fallen. „Warum, verdammt?!“, brüllt er wütend und setzt zum Schuss an. Ken macht sich bereit. ‚Das hört sich ernst an. Warum was?‘, wundert er sich.
„Diese Schweine! Wie konnten sie so etwas tun?“ Er konzentriert seine Kraft, um einen perfekten Tigerschuss ins Tor zu setzen, doch plötzlich kommen ihm die
Worte von Tina in den Kopf. „Warum nur haben die uns…überfallen und …meinen Bruder umgebracht? Es waren Fußballer, die meinen Bruder zu Tode prügelten.“, sagte sie doch.
Kurz vor dem Ball bleibt sein Fuß in der Luft stehen.
„Nein! Ich bin nicht so! Niemals würde ich…!“, äußert er wütend.
‚Wie jetzt? Was würde er nicht?‘, ist Ken verblüfft.
Kojiro setzt den Fuß ab und starrt auf den Ball. Ihm starrt das Logo mit der Aufschrift „Teamgeist“ an.
„Sag mal, Ken, weißt du eigentlich wer dir da neulich diese Schmarre verpasst hat?“, fragt er plötzlich frei raus und sieht ihn ernst an.
„Kojiro.“, äußert Ken total überrascht.
‚Was stellt der mir denn für Fragen?‘
„Warum fragst du mich so was?“ Kojiro kickt den Ball sachte zu Wakashimazu und dreht ihm den Rücken zu. „Ach vergiss es. Ich brauch nur eine Abkühlung.“ Also geht er zügig zu den Waschbecken. Ken folgt seinem Beispiel und spült sich wie er das Gesicht mit kühlem Wasser. „Wenn dich was bedrückt, nur raus damit.“
„Das sagst du so einfach.“, stöhnt sein Kapitän aus Kindertagen.
„Es geht also wirklich um sie? Was ist sie für ein Mensch? Ist sie klug, hübsch, nett? Erzähl mal.“, versucht er locker zu wirken.
„Ja, sehr klug.“, murmelt er. „Sie meidet Fußballer…sie geht ihnen aus dem Weg, um nicht erinnert zu werden. Sie hat Angst vor ihnen.“
Plötzlich schlägt er aufgebracht und zornig mit der rechten Faust gegen die Wandfliesen überm Waschbecken.
„Und alles nur weil diese Schweine ihren Bruder vor ihren Augen zu Tode prügelten!“, äußert Kojiro wütend und kneift die Augen zu. Nicht weil seine Hand blutet und vier Fliesen in das Waschbecken poltern, sondern weil er Angst hat es könnte trotzdem Schwierig sein, wenn eine ernste Beziehung führen. Ihm war immer bewusst, dass es Fans gibt, die über die Stränge schlagen. In Italien hat er diesbezüglich genug Erfahrung gesammelt und die Medien in Europa verfolgt. Eine Auseinandersetzung hier und eine Schlägerei dort…aber sowas…ist zu extrem. Wie sollen sie später damit umgehen?
Stolz I 2024
Stolz I
Kapitel 20
Entsetzt über Kojiros Worte spritzt Ken das Wasser an die Wand und stützt sich
auf’ s Waschbecken. Er blickt zu seinem besten Freund. Er kann nicht fassen was dieser ihm gerade gebeichtet hat und was ihm am meisten beunruhigt ist die
Tatsache, dass alles auf seine Nachbarin zutrifft. Der Keeper bleibt stumm und
weiß nicht, was ihm am meisten berührt. Ob es sie Tatsache ist, dass tatsächlich Kojiro mit seiner Nachbarin zusammen ist, dass er der Mann an ihrer Seite war, im kurzen Blickwinkel am Fenster oder die Erkenntnis zu haben sein bester Freund hat es geschafft eine ernsthafte Beziehung einzugehen, muss sich aber damit quälen ihr nicht weh zu tun und sie anlügen, nur weil er Fußballer ist. Also die Sportart betreibt, die sie immer an den Tod ihres Bruders erinnert. Er weiß nicht einmal ob es Schweißperlen, Wassertropfen oder Tränen sind, die über das Gesicht seines Kapitäns huschen und sich die zerbröckelten Fliesen im Waschbecken nässen.
„Kojiro.“, haucht er nachdenklich und besorgt.
„Dass sie keine Fußballer mag wusste ich ja, aber ich dachte wenn ich den Grund herausfinde, könnte ich sie vom Gegenteil überzeugen. Ich dachte dann könnte ich ihr endlich die Wahrheit sagen, dass ich kein Baseball spiele, sondern Fußball.“, blickt er kurz zu Ken.
Dieser kann nicht glauben was er hört.
„Kojiro…weiß sie es nicht? Sie weiß nicht wer du bist?“, hakt er nochmal nach.
„Doch, jetzt schon.
Ich konnte es gestern Abend nicht mehr aushalten. Als sie mir endlich alles erzählt hat ist es aus mir herausgeplatzt. Ich konnte es ihr doch jetzt nicht mehr verschweigen. Es war so falsch. Ich habe noch nie jemanden belogen.“
„Du hast es ihr gestern Abend gesagt und warst trotzdem über Nacht bei ihr?“, ist er total verblüfft.
Plötzlich wird Kojiro stutzig. „Woher willst du wissen, dass ich über Nacht da war?“ Ken erschrickt und deutet auf einmal mit den Augen hinter Kojiro. „Pst. Lass uns gehen, Genzo kommt gerade her.“
Im selben Moment ertönt die laute Stimme des Trainers und die beiden Freunde machen sich sofort auf den Weg.
Als Genzo an den Waschbecken steht und sich das Gesicht erfrischt fällt ihm auf, dass neben ihm die Fliesen im Becken liegen. Er staunt nicht schlecht wie die weißlasierte Keramik mit Blut und Wasser besudelt ist. ‚Nanu? Was hat das zu bedeuten?‘ Er blickt zu Ken und Kojiro, welche bereits auf dem Weg zum Trainer sind. ‚Warst du das Hyuga? Das ist doch schon lange nicht mehr deine Masche. Irgendwas beschäftigt dich. Das ist nicht gut. Wenn unser bester Stürmer nicht bei der Sache ist wird das nichts mit dem Titel.‘
„Was auch immer du hast…bring das in Ordnung, sonst werde ich stink sauer!“, setzt er eine ernste Miene auf.
„Kommt mal alle her! Ich habe euch etwas sehr Interessantes zu sagen.“,
klingt Herr Mikami aufgebracht und hält eine Sportzeitung in der Hand. Alle
Nationalspieler versammeln sich vor ihm.
Im großen Kreis vor dem Trainer blicken alle neugierig. Tsubasa hingegen schaut zu Kojiro rüber und ist mehr mit seinen Gedanken beschäftigt als zuzuhören.
‚Kojiro, es hörte sich heute Morgen an als ob sie es jetzt weiß? Sie unterhält sich nie mit mir über Fußball und dann erwähnt sie versteckt deinen Namen. Das kann kein Zufall sein.‘ Dann blickt er auf seine Hand, die verletzt ist und etwas Blut heruntertropft. ‚Nanu? Wieso ist er verletzt?‘ Es stehen nur zwei Spieler zwischen ihnen. „Kojiro…was ist mit deiner Hand passiert?“, haut er plötzlich raus.
Alle sehen zu Kojiro. Er ist selbst etwas erschrocken als er sie sich ansieht. ‚Oha, so schlimm fühlte sich das jetzt gar nicht an.‘
Herr Mikami geht auf ihn zu. „Was treibt ihr beiden denn, wenn ihr alleine trainiert? Zuerst verpasst du Ken ne Schramme im Gesicht und dann versuchst du den Pfosten um zu boxen, oder was? Nach unserer Unterhaltung gehst du gleich zum Doc.“, meint er ernst und wendet sich dann dem Team zu. „Gleich eine Ansage an alle! Ihr wisst, dass wir hier alle freiwillig da sind. Ihr habt Urlaub und wenn ihr euch ernsthaft verletzt werden eure Clubs definitiv nicht begeistert sein.
Nun zu dem was ich sagen wollte.
Wir haben aus Frankreich einen neuen Stürmer in die erste Liga bekommen. Einen 20jährigen Japaner. Er war wegen der Familie im Ausland und kommt jetzt familiär begründet wieder zurück. Er würde uns den französischen Fußball zusätzlich mit ins Boot holen.“ Er dreht sich zu Taro Misaki, welcher schon viele Jahre in der französischen Profiliga spielt. „Misaki, du kennst ihn und hast ihn schon als Mitspieler und als Gegner erleben können. Was sagst du zu Shinichi Yamamoto? Passt er zu uns?“
Taro reagiert sehr begeistert. „Auf jeden Fall. Er ist sehr geschmeidig mit dem Ball und hat so einige tolle Tricks drauf. Charakterlich passt er auch super zu uns. Er ist sehr nett und ehrgeizig, manchmal etwas distanziert und ernst wie Kojiro, aber das passt.“, berichtet er und lächelt Kojiro an. Auch sie kennen sich schon aus Kindertagen, sogar länger als Tsubasa.
‚Der wieder.‘, muss Kojiro grinsen und antwortet schelmisch: „Jaja, irgendeiner muss doch hier der Brummbär sein.“ Natürlich versucht er sich so von seinen Gedanken abzulenken.
Alle sehen ihn verblüfft an. ‚Seit wann beliebt Kojiro zu scherzen?‘, geht durch alle Köpfe.
„Aber das war noch nicht alles. Er macht eine Ausbildung in der Berufsschule für Ernährung und Wirtschaft. Seine Berufsschule ist bereits bekannt für talentierte Sportler. Sie haben sogar eigene Mannschaften wie es sonst bei Grund- und Oberschulen sowie Universitäten üblich ist. Hier steht etwas über einen mysteriösen Torwart, welcher seine Bälle halten könne. Das sei gestern beim Schulsport beobachtet worden. Die Gerüchteküche behauptet, dass dieser in seiner eigenen Klasse wäre und man munkelt, dieser Keeper sei ein Ebenbild von
unserem Wakashimazu. Er hat seinen Ball laut Aussage mit der Faust abwehren können.“
„Das gibt’s doch nicht!“, reagieren alle erstaunt und schauen zu Ken.
‚Ein Keeper so gut wie ich? Der Einzige Japaner, der mit mir mithalten kann ist Genzo. Was soll das für ein Außenseiter sein?‘
‚Ein Spitzentorwart in Shinichis Klasse? Ob Tina auf diese Schule geht und damit eventuell gemeint ist? Es war doch gestern wo sie dieses Spiel machen musste.‘
„Und wer soll das bitte sein?“, wirft Kojiro seinem Trainer daraufhin zu.
„Das weiß niemand. Die Infos sind zu schwammig. Ich dachte mir jedenfalls, wir werden uns beide mal live ansehen. Was sagt ihr dazu?
Ich würde gerne mit Wakabayashi und Ohzora hingehen und mir die beiden Burschen ansehen.“
‚Das klingt seltsam.‘, denkt Genzo. „Welche Schule genau ist das nochmal was bilden die dort für Berufe aus?“, wirft er ein.
„Ich glaube alles Mögliche wie Köche und Kellner und Gastronomieberufen und Wirtschaftliche Berufe eben. Soweit ich weiß haben Yamamotos Eltern in Paris ein Hotel gehabt.“
„Dann bin ich raus. Nehmen Sie Ken mit.“, sagt er nur mit sicherer Stimme.
Kojiro ist verblüfft. Genzo geht doch sonst gerne zu solchen „Visiten“ und macht einen auf Talentscout. ‚Wenn er so ablehnt muss das Tinas Schule sein. Ich glaube er denkt dasselbe wie ich. Dieser ominöse Keeper ist Tina. Aber wenn, warum will er dann nicht dorthin?‘
„Ich begleite Ken!“, ruft Kojiro in die Runde.
Etwa zur selben Zeit betritt Tina die Gaststätte und begrüßt die Putzfrau
Hitomi. Sofort holt sie sich einen Kakao und geht zum Chef ins Büro. „Guten
Morgen. Setz dich doch.“ Tina stellt ihre Tasse auf die Kommode und bleibt stehen. Er legt sein Schreibzeug zur Seite. „Guten Morgen. Was gibt es denn so wichtiges, Herr Satsujinsha?“
„Wir müssen so einiges besprechen. Erstens, wieso sagst du mir nicht, dass du
mit diesem Kojiro, unserer Küchenhilfe zusammen bist?“, klingt er sehr ernst.
„Es tut mir leid, aber ich empfand das nicht für wichtig. Ich habe immer privates von beruflichem getrennt.“, erklärt sie sachlich.
„Das mag sein, aber Mädchen, bist du dir nicht selber ein wenig zu schade dich mit so einem Looser von Küchenhilfe abzugeben?“ Empört schaut sie ihn an, den Mann welchem sie sehr viel Vertrauen entgegenbringt. Er war ein guter Freund ihrer Eltern und blieb auch nach ihrem Tod als ihr Anwalt, nimmt ihr die Buchhaltung ab und machte extra den Ausbilderschein, damit Tina im eigenen Betrieb ihre Ausbildung machen kann. Und nun sagt er so etwas.
„Aber Kojiro ist kein Looser. Er ist Sportler wie ich.“, erklärt sie angesäuert, aber ruhig. So wie immer, wenn dieser Mann seine Meinung äußert und es ihr nicht passt. Sie schätzt seine Hilfe und Arbeit sehr und erweist ihm viel Respekt.
„Mag ja sein, aber dann muss er ja ganz schön schlecht sein, wenn er es nötig hat eine so niedrige Arbeit anzunehmen. Womöglich hat er nicht einmal einen Schulabschluss oder gar eine Ausbildung. Ich will dir ja nicht zu nah treten, aber ein gutgebauter Body allein bringt dich persönlich nicht weiter. Am besten du beendest das schnell wieder und suchst dir jemanden mit deinem Format.
Na ja, egal. Musst du ja wissen.“
Tina ist plötzlich wie gelähmt. Ihr Herz bleibt fast stehen, so sehr schmerzen seine Worte. Wie kann er so abwertend über Kojiro reden?
Noch nie hat sie erlebt, dass er sie derart herunterputzt oder jemanden, der ihr wichtig ist so beleidigt. Woher will er denn wissen was er für ein Mensch ist? Und was geht ihn das überhaupt an?
Plötzlich steigt eine große Wut in ihr auf. Noch nie hat sie sich so sehr über diesen Mann aufgeregt. Es gab immer mal kleine Meinungsverschiedenheiten, aber das? Das sprengt alles.
Sie geht auf ihn zu, stützt sich vor ihm am Schreibtisch auf und sieht ihm ernst in die Augen.
„Er ist kein Looser! Er hat mir nur helfen wollen, weil Makoto abgesagt hat! Kojiro hat es nicht nötig in der Abwäsche zu stehen, er wollte nur helfen. Daran ist doch nichts falsch! Er ist Profisportler wie ich, sogar ebenso erfolgreich wie ich, er spielt im Nationalteam mit Tsubasa zusammen und nebenbei studiert er. Verurteilen Sie niemals wieder jemanden, den Sie gar nicht kennen!“, platzt es nur so raus. Sie hat sich immer vor ihm zurückgehalten, aus Respekt und Dankbarkeit aber Heute…nein, Heute musste mal was gesagt werden.
Ihre feurigen Augen blicken ihn noch immer an. Dann stellt sie sich wieder aufrecht, geht einen Schritt zurück und fügt noch was dazu. „Sie können ja mal in ihre Suchmaschine Kojiro Hyuga eingeben!
Und nennen Sie mich nie wieder „Mädchen“! Ich bin kein Mädchen!“
Der reife Herr an die 55 Jahre alt schaut sie verblüfft an. ‚Oha. Das muss ja was Ernstes sein. Sie ist mir gegenüber noch nie so ausfällig gewesen.
Nicht dass sie mich dann doch plötzlich kündigt? Das wäre sehr ungünstig.
Kojiro Hyuga? Sagt mir doch was. Sie sagt, er spielt mit Ohzora zusammen?‘
Und tatsächlich. Er schmeißt die Suchmaschine im Internet auf und kaum hatte er den Namen eingetippt kommen schon die vielen Vorschläge, ohne, dass er auf Enter drücken muss. „Ich denke du magst keine Fußballer?“, vermeldet er nur.
„Ist mir egal.“, verschränkt sie noch angesäuert die Arme. Es wird weiter auf der Maus rumgeklickt und fix durch einige Artikel gestöbert. „Nun gut. Den Looser nehme ich zurück. Mit Profisportler hast du nicht übertrieben. Wie lange kennt ihr euch schon?“, versucht er wieder eine normale Gesprächsbasis aufzubauen.
„Ähm, zwei Wochen etwa.“, lügt sie ein wenig und wird etwas verlegen. ‚Was spielt das für ne Rolle wie lange wir uns kennen? Jetzt wirkt er wieder so normal, ernst, aber normal.‘
„Ich hoffe ihr habt in der kurzen Zeit schon Pläne geschmiedet was ist, wenn seine Saison wieder losgeht? Oder ist das nur ein Urlaubsflirt für euch?“, stellt der erfahrene Mann in den Raum.
Tina ist überrascht. Was meint er denn nur? Was soll dann sein? Die Pausen haben doch alle Sportler im Sommer. Sie geht zu ihm an den Tisch und sieht ihn fragend an. „Wie meinen Sie das?!“ Er dreht den Bildschirm zu ihr und es erscheint ein großes Bild von Kojiro mit einem Juventus Turin Logo. „Er ist so gut mit dem was er tut, dass er schon einige Jahre im Ausland unter Vertrag ist. Eins ist klar, Fernbeziehungen mit solchen Männern können nur schief gehen. Sieh dir Fane an. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie sie jeden Tag rumheulte.“
Erneut zerspringt Tinas Herz. ‚Natürlich…Kojiro. Italien. Deswegen hast du diesen alten Mann gefragt ob er wisse wie es im Ausland wäre zu leben. Du hast die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich. Du lebst im Ausland und musstest dich dort erst beweisen.
Deswegen wohnst du auch bei deiner Mutter und den Geschwistern. Weil du die kurze Zeit, die du hast nur mit ihnen verbringen willst. Ich habe ernsthaft gedacht du spielst hier in Tokio im Baseballclub und dann dachte ich du bist jeden Tag mit Ken zusammen im selben Team. Dass du tatsächlich wie Tsubasa in Europa bist und so weit oben mitspielst…wow. Alle Achtung.‘ Tina lächelt und stellt sich wieder selbstsicher hin. Auch wenn sie die Tatsache nicht gut findet steigt doch etwas Stolz in ihr auf, dass er so erfolgreich ist und in einer Fußballnation wie Italien bestehen kann.
Jetzt vor diesem Mann einzuknicken geht aber gar nicht. Wenn sie jetzt zu überrascht rüberkommt hat er am Ende doch die Auseinandersetzung gewonnen. Aber das will sie ihm nicht gönnen. Lieber spielt sie ihre Machtkarte aus, denn letztendlich ist nicht er der Chef, sondern sie. Sein Nebenverdienst als Buchhalter und ihr Anwalt geht von ihrem Konto ab, nicht umgekehrt.
„Ach das meinen Sie.
Im Gegensatz zu Fane kann ich in Italien arbeiten gehen. Wenn die Medien erst davon Wind bekommen würden, dann kann ich mich gar nicht vor Clubanfragen retten. Wenn die Gaststätte nicht wäre, wäre ich schon längst dort zu einer Freundin gezogen.
Ich hatte schon Angebote aus Italien auf dem Tisch, aber habe abgelehnt, weil ich hier bei meinen Freunden bleiben wollte.“
Herr Satsujinsha ist erstaunt. „Ach echt? Wann das?“
„Letztes Jahr. Seit der Asienmeisterschaft klopft der eine oder andere Verein mal an. Die Amerikaner und die Türken wollten mich auch haben.“, berichtet sie ehrlich. Dann geht sie zur Tür.
„Wenn mir das Lokal nicht so wichtig wäre, wäre ich schon längst weg.“, macht sie ihm klar. Im Innerem grinst sie. ‚Dem habe ich‘s jetzt aber gegeben.‘
„Warte. Ich wollte dir noch was Wichtiges sagen, wir sind davon abgekommen. Was ich dir unbedingt sagen muss ist, dass ich nächste Woche einen
sehr wichtigen Gerichtstermin in Deutschland habe. Das heißt ich werde mindestens zwei drei Wochen im Ausland sein und hier keine Übersicht haben.
Meinst du, du schaffst das auch ohne mich?“, wirkt er plötzlich freundlich.
„Ja natürlich.
Ich bin übrigens nun offiziell im Nationalteam für die WM dabei. Ich finde eine Lösung für meine Arbeitszeit.“
„Oh herzlichen Glückwunsch. Es tut mir wirklich leid, aber der Fall kann nicht warten. Du wirst das schon alles schaffen. Ansonsten musst du mal Martin fragen. Der hilft dir sicher aus. Er macht ja seine Buchhaltung auch selbst. Ich werde eine Vollmacht für dich schreiben, damit du jederzeit zu allem Zugang hast.
Und noch was. Lass dir eine gute Werbung einfallen, sonst schließt dein Lokal noch bevor du es willst!“
Mit einem seltsamen Gefühl im Magen geht Tina zum Tresen. Im Gedanken vertieft schnappt sie sich einen Kaffee mit Milch und Zucker und das Veranstaltungsbuch, welches wie immer auf der kleinen Spülmaschine liegt.
Dann setzt sie sich an den Personaltisch und blättert einen Tag nach dem anderen durch. ‚Kaum etwas drin. Ich muss mir eine gute Werbung einfallen lassen. Ich muss wohl doch mal die Tora-Karte rausholen. Wenn die Leute erstmal alle wissen, dass ich eine Gaststätte habe, dann kommen die von alleine. Mama, wenn Vitamin C die einzige Lösung ist dein Lokal zu retten? Dann ist das so.‘ Verzweifelt schlägt sie das Buch zu.
In diesem Moment kommt Hitomi-san vorbei. „Sagen Sie, was muss noch alles gemacht werden? Wie weit sind Sie?“, erkundigt sich die junge Chefin. „Es muss hier vorne im Lokal noch gewischt werden und die Toiletten müssen auch noch gemacht werden.“
Motiviert steht Tina auf. „Super. Ich erlaube Ihnen früher zu gehen. Die
Sonne scheint so schön. Machen Sie sich einen netten Tag mit den Kindern. Ich
mache den Rest.“
‚Arme Tina. Zuerst verliert sie ihren Bruder, die Eltern und nun steht der
Betrieb kurz vor dem Aus.‘, macht sich die Frau Gedanken. Niemand hatte
vorhin bemerkt, dass sie zufällig die Unterhaltung mitbekommen hat. „Tina, lassen Sie den Kopf nicht hängen.
Bitte handeln Sie immer aus dem Herzen, niemals nur aus Pflichtgefühl. Das hätte Ihre Mutter nie gewollt.“, gibt sie ihr einen Rat und verschwindet dann dankend im Umkleideraum.
‚Hitomi-san. Hast du etwas den Streit eben mitbekommen?‘ Tina lächelt ihr zu und schnappt sich Eimer mit Mob und verschwindet in der Gästetoilette.
Der Tag vergeht für Kojiro wie im Fluge. Direkt nach dem Training macht er sich
auf den Weg zu Tina. Er joggt durch den Park und plötzlich kann er auf
der Wiese unter einem Baum deutlich seine Tina entdecken. Sie sitzt auf einer
Decke und hat Bücher und Schreibzeug bei sich. Eigentlich wollte er auf sie zugehen, aber dann bemerkt er ihre schlechte Laune im Gesichtsausdruck. Hinter
ihr spielen ein paar Jugendliche Fußball. ‚Sie sieht so traurig aus. Was macht sie da überhaupt?‘
Plötzlich bekommt sie den Ball beinahe an den Kopf. Noch im letzten Augenblick blockt sie mit einer Hand ab. Einer der siebzehnjährigen Japaner kommt auf sie zu und entschuldigt sich. Doch Tina steht wütend auf und faucht ihn an. „Das war jetzt schon das zweite Mal. Macht ihr das mit Absicht?“
„Ähm, nein, sorry, war ein Versehen.“
„Passt besser auf. Ihr seid hier nicht alleine im Park.“
„Okay, sorry. Ich staune aber wie Sie den Ball eben abblocken konnten. Der kam doch recht kräftig rüber.“, meint er.
Tina blickt ihn verwundert an. „Kräftig? Sag bloß das war ein Schuss?“
„Natürlich war es das.“, meinst er mürrisch. ‚Die ist aber frech.‘
„Also da habe ich aber mehr Kraft in den Armen als ihr in den Beinen.“, muss sie sich das Lachen verkneifen.
„Dann beweise es!“
Tina lässt den Rucksack zu Boden und nimmt ihm den Ball ab. ‚Kojiro, du veränderst mich. Ich verspüre plötzlich gar keine Angst vor den Jungs. Normalerweise geh ich ihnen auch gleich aus dem Weg, wenn im Park gespielt wird. „Hm. Also bleibt mir nichts anderes übrig, richtig? Gegen sechs Leute, richtig? Nun gut, wenn’s weiter nichts ist.“, grinst sie und verwirrt ihren Gegner. Sie betrachtet das Leder in ihren Händen. ‚Dich habe ich schon lange nicht mehr in der Hand gehabt.
Ein seltsames Gefühl…nach so langer Zeit.‘ Sie wirfst ihn hoch und fängt ihn wieder auf, dann prüft sie kurz den Druck. ‚Perfekt. Das sollte was werden, auch wenn du etwas schwerer bist als ein Volleyball. Für einen Fußball bist du leicht.‘
Sie wirft dem Jungen den Ball zu. „Okay, kann losgehen.“
„Ach so? Und wie willst du uns das jetzt zeigen?“
Tina macht ein paar Kniebeugen und zieht ihre Schuhe aus. „Was wird das?“
„Ich habe neue Schuhe an, soll ich mir die wegen euch versauen?“, murrt sie.
Dann greift sie in ihre Haare und nimmt die Spange raus, küsst diese und legt sie behutsam auf ihren Rucksack. „Wünsch mir Glück, Mutter.“ Dann geht sie an den anderen Jungs vorbei. Einer überlegt ob er sie nicht schonmal irgendwo gesehen hat.
„Ihr habt doch dort euer Tor, zwischen den Bäumen. Ihr stellt euch wie eine Mannschaft davor, greift mich an, als wenn ich der andere Keeper wäre und ich muss abblocken und ein Tor erzielen. Da ich ja meine Armkraft zeigen soll mische ich eventuell Fuß mit Hand? Je nachdem wie ihr mich angreift? Ist das fair genug?“
Ein Mann im Tor, vier in der Abwehr und einer im Sturm. „Ihr seid euch ja sehr sicher. Gut, los geht’s.“, grinst sie selbstsicher und geht in Stellung.
‚Die sind wirklich noch richtig grün hinter den Ohren. Sie kicken eindeutig nur zum Spaß. Aber das werde ich ihnen beweisen. Wie können sie sich so ungünstig aufstellen?‘
Kojiro lehnt inzwischen an einem Baum. ‚Nun bin ich aber mal gespannt.‘
Tina geht in Stellung. Gelassen betrachtet sie ihre Gegner. Los geht’s. Der Stürmer dribbelt direkt auf sie zu. Er will an ihr vorbei, doch plötzlich stellt sie sich ihm in den Weg. Sie blockiert den Ball mit dem rechten Bein. Ihr Gegner versucht mit aller Kraft dagegen anzukommen und es scheint als würde er vorbeikommen, doch da stützt sich Tina mit dem rechten Fuß am Boden und
schießt mit voller Wucht mit dem linken Fuß den Ball nach oben. Ihr Gegner
wird direkt vom Ball in den Magen getroffen. Und die Wucht lässt ihn mit dem Ball zusammen zu Boden fallen.
Tina grinst und schnappt sich das Leder. „Schöne Grüße aus Deutschland.“, kann sie sich nicht verkneifen. „Wie hat sie das gemacht?“, wundern sich die anderen. ‚Moment mal, das ist einer von Schneiders Tricks. Sie hat sie also tatsächlich drauf. Zwar steckt nicht so eine gewaltige Kraft dahinter, aber die Technik macht’s.‘, fällt Hyuga auf.
Wütend wirft Tina den Ball wieder zu den anderen. „Ihr sollt mich als Keeper betrachten, nicht als Duellant. Wie soll ich denn so meine Schlafkraft zeigen?“
‚Da hat sie Recht, wenn der Ball viel zu tief ist kann sie mit den Händen gar nichts ausrichten. Aber dafür, dass sie so lange nicht gespielt hat. Wie gut war sie denn, als sie es noch tat? Und wie stark ist erst ihr Volleyballspiel?‘, überlegt Kojiro.
Die Jungs positionieren sich wieder. Es geht von vorne los.
Diesmal sind zwei Leute vorne und spielen sich gegenseitig zu, dann schießt der eine in Tinas Richtung, sowie abgesprochen. Diese murrt rum, weil er wieder viel zu tief fliegt, um ihn baggern zu können. Er berührt ja quasi noch den Rasen.
Plötzlich aber tritt sie seitlich mit dem rechten Fuß schräg von oben gegen den Ball und lässt ihn somit ca. 1,5m hochfliegen. Er hat zwar wenig Drall, aber er ist nun hoch genug um ihn zu baggern und in die Höhe von ca. 4m zuspielen. Dann springt sie weit hoch und schmettert den Ball direkt zwischen den Köpfen der Jungs hindurch bis zwischen ihre Schultern und dann saust er in einem Affenzahn am Keeper vorbei, prallt hinter ihm an der Graffiti-Wand ab, fliegt zurück und trifft ihm am Rücken. Bei der Wucht fällt er nach vorne und bleibt liegen.
Alle sehen sie verblüfft an. „Jetzt…jetzt weiß ich’s… ich wusste ich habe sie schonmal gesehen!“, ruft der eine Junge über den Rasen.
„Sie sind „Japans gelbe Tigerin“ und haben mit ihrer Mannschaft den Asientitel im Volleyball heimgebracht.“
Die anderen Jungs staunen nur. „Echt? Ist ja Wahnsinn. Da konnten wir ja keine Chance haben.“, meint ein anderer.
Tina geht zurück zu ihrer Tasche, greift nach der Spange, richtet ihr Haar wieder zurecht und zieht die Schuhe an. Dann schnappt sie sich ihren Rucksack.
Kojiro ist noch immer überwältigt. ‚Wow. Sie kann sogar noch den Block von Karl-Heinz. Aber ihre Schlagkraft ist ja Wahnsinn. Ich habe mir ja nun auch mal das eine oder andere Volleyballspiel in Italien angesehen, aber mit so einer Technik könnte sie sicher mit den Mädels mithalten.‘
Dann läuft sie einfach davon, aber zu Kojiros Erstaunen direkt in seine Richtung. Aus diesem Grunde versteckt er sich hinter dem Baum. Doch ehe er sich versieht schleicht sie sich an ihm heran und hält ihm die Augen zu. „Na? Wer bin ich?“, verstellt sie ihre Stimme. „Also wenn ich das richtig gehört habe, die gelbe Tigerin?“, antwortet er verdutzt und berührt ihre Hände. Dann dreht er sich zu ihr und sieht ihr in die Augen.
„Und? Wie gefällt dir mein Feuerdrache?
War zwar schwächer als sonst, aber mit dem Fußball kann man nicht so genau spielen.“, schmunzelt sie und lächelt glücklich. „Du wusstest die ganze Zeit, dass ich hier bin?“
„Natürlich. Meinst du etwa ich hätte mich sonst auf diesen Kinderkram
eingelassen? Ich weiß nicht wieso, aber ich spüre, wenn du in meiner Nähe bist. Ist dir was aufgefallen?“, lächelt sie ihn verliebt an.
„Du bist ihnen nicht aus dem Weg gegangen, meinst du das? Stattdessen hast du ihnen deine Überlegenheit demonstriert? Meinst du das?“
Sie nickt. „Das kann ich nur deinetwegen.“ Sie bemerkt plötzlich seinen Verband an der rechten Hand. „Was ist passiert?“, berührt sie ganz zart seine Hand. „Nichts Schlimmes. Habe mich nur geschnitten.“
„Was machst du nur für Sachen? Bitte pass besser auf dich auf.“, spricht sie besorgt.
„Ich versuche es.“, lächelt er sie an. ‚Sie ist so führsorglich.‘
Nicht weit von ihnen werden sie von den japanischen Jungs beobachtet. „Seht
euch das mal an. Die hat einen japanischen Freund. Der kommt mir aber so aus der Ferne sehr bekannt vor.“
„Stimmt. Du hast recht. Wenn ich’s nicht besser wissen würde, er sieht aus wie Hyuga.“
„Sei nicht albern. Der wohnt doch im Ausland.“ „Stimmt. Muss ein Zufall sein, dass er ihm ähnelt.“ Dabei belassen es die Jungs und beginnen ein neues Spiel.
„Du warst phantastisch. Wenn du mit derselben Energie auch Volleyball spielst bist du unbesiegbar.“, muntert er sie stolz auf. Sie hingegen klammert sich an ihn und geht auf die Zehnspitzen, um ihm einen Kuss zu schenken.
Kojiro wirft noch einen skeptischen Blick zu den Jugendlichen. ‚Gegen sechs
junge Burschen so schnell eine Lücke finden und den richtigen Zeitpunkt abpassen. Das soll ihr erst mal einer nachmachen.‘
Das Geschenk 2024
Das Geschenk
Kapitel 21
Am Abend sitzen Anja, Roland und Tina in einer spontanen Personalversammlung.
Bettina spricht das Problem offen an und alle sind sich einig, dass drastische Maßnahmen zu treffen sind, damit der Laden wieder besser läuft.
Tina erklärt sich bereit ihren Trumpf auszuspielen. Ihre Angst einigen Leuten gegenüber hat sie immer daran gehindert ihre Beziehungen und Möglichkeiten auszuschöpfen. Es hätten ja unnötig Leute ihren Laden betreten können, denen sie eigentlich aus dem Weg gehen wollte.
Somit sprechen alle zusammen die nächsten Wochen durch und können sich auf neue Arbeitszeiten einigen.
Als Tina die Versammlung auflöst und Anja den Raum verlassen hat, wird sie plötzlich von Roland angesprochen.
„Ich find´s gut. Es wird Zeit, dass du endlich deine Trümpfe ausspielst. Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet.“, sagt er ruhig und mit ernstem Ton.
Tina ist ganz verwundert. Seit wann ist Roland wieder so nett zu ihr? Das kam das letzte Mal kurz nach dem Tod ihrer Eltern vor. Jedoch seitdem sie das Lokal übernommen hat ist er oft unfreundlich oder unmotiviert. Das hat sie nie verstanden. Er war so energisch, als das Lokal öffnete und hat so viele tolle Rezepte entwickelt. Sie durfte die alle probieren und mit ihm nachkochen.
Und dann auf einmal fehlte ihm etwas. Das Feuer wieder leidenschaftlicher Koch zu sein.
„Wirklich? Wieso hast du das nie gesagt?“, wundert sie sich.
„Um dir nicht weh zu tun. Genau wie alle anderen hier.
Und aus demselben Grund weswegen wir dir nichts gesagt haben, als du plötzlich eine neue Küchenhilfe aufgetrieben hast.“, lässt er verlauten und testet ob sie mittlerweile weiß wer er ist.
„Ihr wusstet alle wer Kojiro ist?“ Ihr Herz fängt an etwas lauter zu schlagen. Sie kann gar nicht richtig begreifen wieso ihr das niemand gesagt hat. Alle hier wussten es und niemand sagt es ihr. Bei Fane hat sie es ja verstanden, aber die anderen? Auf den Schreck muss sie sich hinsetzen und schaut auf den Tisch.
Der fünfzigjährige Zweimetermann lehnt sich an den Türrahmen.
„Wir haben es uns nicht anmerken lassen. Aber du scheinst es jetzt zu wissen? Wir waren uns nicht sicher bis Fane ebenso den Mund gehalten hat und was von Baseball erzählte. Er weiß es auch nicht. Vielleicht hat er es vermutet und war einfach froh, dass wir nichts gesagt haben, damit er es dir selbst sagen kann.“
Tina schaut zu ihm auf. „Aber wieso? Wieso habt ihr es mir nicht erzählt und wieso habt ihr ihn nicht einfach verpfiffen?“
Roland atmet tief durch. „Dass du das nicht verstehst…was hast du denn im Studium gelernt?
Wir mögen dich alle. Alle deine Angestellten achten dich so sehr und bewundern deine Stärke.
Nicht jeder hätte deine Schicksalsschläge wegstecken und sich so schnell aufrappeln können. Deine ganze Mühe im Sport anerkannt zu werden, die schwere Schulzeit, die schwere neue Sprache, die andere Kultur und dann kam das mit deinen Eltern.
Wir sind alle hier, weil wir deiner Familie loyal gegenüber sind.
Wir dachten damals, jetzt können wir uns alle einen neuen Job suchen. Und dann hast du beschlossen dein Studium aufzugeben und dich um uns zu kümmern.
Und nun? Nun bist du sogar bereit über deinen eigenen Schatten zu springen. Du riskierst mit deiner Angst konfrontiert zu werden nur um uns erneut den Hintern zu retten.
Eins ist klar…du hast dich in den letzten vier Tagen sehr verändert. Du bekommst es nur selbst nicht mit.“ Er macht eine Pause in seinem Redefluss und stellt sich gerade hin. „Ich weiß nicht was ihr für eine Verbindung habt oder welche Beziehung ihr pflegt und wie sehr er dir wichtig ist, aber eins ist klar.
Ein Mann mit soviel Stolz und Ehre wie Kojiro Hyuga, der eines der hohen Profigehälter auf dem Weltmarkt bekommt, stellt sich nicht in die Küche, wäscht ab, verräumt die Ware, bringt Müll raus, wischt den Boden und lässt sich von mir rumkommandieren, wenn er es nicht ernst mit dir meint. Und genau deswegen haben wir uns da rausgehalten. Damit ihr euch finden könnt, was auch immer das ist.
Aber mal ehrlich…hast du echt nicht bei eurem Kennenlernen gewusst wer er ist?“, hakt er neugierig nach.
Plötzlich wird sie ganz rot im Gesicht und vergräbt es hinter ihren Händen. „Nein…das ging…alles zu schnell.“
„Was meinst du damit? Hattet ihr keine Zeit zum Reden, oder was?
Wo hast du ihn denn überhaupt kennengelernt?“, wundert er sich nur.
„Oh Gott, erinnere mich bloß nicht daran. Das hatte ich dir schon mal gesagt.“
‚Wann das denn? Meinst sie damit, dass er hier geholfen hatte und dann Makoto anrief? Das war doch erst am Dienstag. Heute ist Samstag. Und am Dienstag war sie doch alleine hier.‘, fällt ihm auf.
„Sag bloß ihr hattet…“ Er stoppt seinen Satz und flüstert dann „…einen One-Night-Stand und dann war da mehr?“, grinst er vor sich hin.
Tina kann sich gar nicht beruhigen und antwortet gar nicht erst. Sie vergräbt ihr Gesicht lieber hinter den Armen. Roland fängt plötzlich lauthals an zu lachen. „Also echt, Tina…hier ist was los! Ich könnt mich hinschmeißen. Ich hätte sowas von dir echt nie gedacht.“
Er kann sich gar nicht wieder beruhigen und steckt Tina mit seinem herzhaften Lachen an. Dann verlässt er das Büro lachend.
Auf dem Personalweg durch die Backstube kommt ihm Kojiro entgegen. Sein Lachen ist nicht zu überhören. Der Fußballer ist nur verwundert, dass es auf einmal so fröhlich her geht. Plötzlich bleibt Roland neben ihm stehen und berührt seine Schulter. Dann sieht er zu ihm herab.
„Ich weiß nicht was, aber irgendwas machst du richtig. Tina ist endlich wieder auf dem richtigen Weg. Danke.“
Kojiro ist total baff. Was meint er denn damit? Und vor allem, wieso lacht er so? Als Anja ihm vor einigen Minuten sagte, die Versammlung wäre vorbei und es so lange dauerte, dachte er die beiden streiten sich und wollte nach dem Rechten sehen. Stattdessen haben die sich wohl eher amüsiert.
„Was meinen Sie damit?“, spricht er ihn plötzlich mit sicherer Stimme an. Seine Neugier ist zu groß.
Roland setzt einen ernsteren Blick auf. ‚Kojiro Hyuga, was genau bist du für ein Mensch? Was verbindet euch? Wie kommt es, dass sie plötzlich keine Angst mehr vor Fußballern hat?
Was wird, wenn du wieder zurück nach Europa musst? Bleibt sie dann hier alleine und wartet Monatelang auf dich wie Fane? Das kann ich mir nicht vorstellen.‘
„Was wird sein, wenn du wieder nach Italien gehst?“, spricht er plötzlich freundlich und direkt.
Kojiro sieht ihn nur verblüfft an. ‚Oh. Er weiß tatsächlich wer ich bin. Hat er es die ganze Zeit gewusst und nur nichts gesagt?‘
„Jetzt bin ich erstmal hier und dann sehen wir gemeinsam weiter.“, blickt er überzeugt und selbstsicher. ‚Er meint es tatsächlich ernst mit ihr, nach so kurzer Zeit? Er ist kein Mann, der lange fackelt oder um den heißen Brei rum redet…schon gar nicht, jemand, der jemanden etwas vor machen würde. Dazu ist er viel zu direkt und impulsiv.
„Okay. Ihr meint das ernst?“, hinterfragt er zusätzlich.
Kojiro blickt ihn ernst an. „Das geht nur uns was an.“, äußert er mit sehr fester Stimme. ‚Oha. Dieser Blick…wenn er den auf dem Spielfeld wirft, na dann wird’s lustig.‘
„Sag Tina sie soll mal in meine Personalakte sehen. Dort ist ein Geschenk für sie. Ich habe es für einen Notfall hinterlegt. Vielleicht hilft euch das weiter.“, meint er nur freundlich und verschwindet dann.
‚Seltsamer Typ. Er spricht in Rätseln. Was soll in einer Personalakte für ein Geschenk liegen? Und vor allem, was hat das mit mir zu tun?‘
Als er vor der Bürotür steht und Tina am Tisch sitzen sieht, wie sie sich das Gesicht eincremt, um ihre Lachtränen zu vertuschen, klopft er an.
„Eure Besprechung war wohl recht lustig. Ich dachte immer ihr versteht euch nicht gut und dann lacht ihr euch hier halb kaputt?“, lächelt er.
Tina lächelt zurück.
„Ja wirklich. Nein Roland ist okay. Du musst wissen, er hat mir das Kochen beigebracht. Immer nach der Schule oder dem Training kam ich hier her. Vorne durfte ich ja nicht helfen und dann war ich immer in der Küche und hab dort mitgeholfen. Es war immer sehr lustig mit ihm. Ich habe ihm immer alles erzählt, weil er ein guter Zuhörer war und nebenbei haben wir halt gekocht. Also das ist ein Vorteil, denn wenn mal vorne Luft ist und hinten jemand fehlt, dann kann ich einspringen.“
„Verstehe. Ihr seid euch also doch vertrauter als ich dachte.
Er sagt du sollst mal in seine Personalakte sehen. Dort sei ein Geschenk für dich.“, meint er.
Verwundert blickt sie auf. „Was soll da drin sein? Ich war noch nie an seinen Unterlagen.“ Sie dreht sich um und geht an den Aktenschrank und holt seine Akte heraus.
Neugierig schaut sie hinein. Es liegt ein brauner großer Umschlag darin wo ihr Name drauf steht. „Für Bettina Fuchs, nur im Notfall öffnen“
‚Was soll das sein?‘
Sie nimmt den Brieföffner und reißt vorsichtig die Seite auf.
Dann holt sie einen kleinen Hefter heraus und ein Dokumenthefter.
Als sie in den Dokumentenhefter schaut traut sie ihren Augen nicht.
„Das ist nicht wahr, oder? Was hat das zu bedeuten? Wieso?“, reagiert sie völlig außer sich.
„Was ist das?“, hinterfragt Kojiro.
Sie steht auf und wühlt auf einmal zusätzlich in Rolands Akte rum und findet sein Bewerbungsschreiben mit den Dokumentkopien dazu, wie auch seine Arbeitserlaubnis aus Frankreich, Deutschland und Japan. Tina sieht Kojiro verblüfft an. „Das ist…eine…abgeschlossene…Berufsausbildung.
Kojiro? Weißt du was das heißt?!“
Er schaut sie nur fragend an und versteht nicht ganz was sie meint. Sie sieht ihn mit feuchten Augen an wie er auf sie zugeht und um den Schreibtisch tritt, um sich die Unterlagen mit anzusehen. Auf dem Dokument steht etwas auf Französisch. „Ich kanns leider nicht lesen. Französisch ist nicht so meins.“
„Hier sind beglaubigte Übersetzungen auf Japanisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch und Englisch.“ ‚Wieso in so vielen Sprachen?‘
Dann liest er die Überschrift:
„Facharbeiterbrief und Zeugnis der Praktischen und theoretischen Prüfung zum Diätkoch, internationale Anerkennung.“
Ausbilder:
Roland Saito international anerkannter 3 Sternekoch mit Ausbilderschein
Kojiro staunt nicht schlecht. „Oha, er hat 3 Sterne? Wieso arbeitet er dann nicht in einem schicken Hotel?“
„Keine Ahnung. Das wusste ich auch nicht. Meine Eltern haben ihn damals eingestellt.“
Plötzlich fällt beim Blättern ein kleiner Briefumschlag heraus.
Kojiro hebt ihn auf.
Für Tina steht auf Japanisch drauf.
„Liest du ihn mir vor?
Ich muss mich erstmal hinsetzen. Ich hatte heute schon eine Aufregung.“
Er nickt und öffnet ihn vorsichtig.
Liebe Bettina,
wenn du das hier liest kann ich dir entweder nicht mehr alles erklären, oder ich habe es dir erlaubt den Umschlag zu öffnen.
Hiermit möchte ich mich für deine unbezahlbare Hilfe bedanken.
Deine Eltern habe ich damals zufällig bei einem Besuch in Paris kennengelernt. Ich war zu dem Zeitpunkt als Dreisternekoch Chefkoch in einem großen Hotel.
Nachdem ich wieder in Japan lebte fing ich an bei euch zu arbeiten.
Du bist gefühlt jeden Tag in die Küche gekommen und hast begeistert geholfen, Gemüsezubereitung und Soßen anfertigen, damit fing alles an.
Als mein Sohn an Leukämie starb fiel ich in ein tiefes Loch, doch du konntest mich jeden Tag aufmuntern und hast mir Kraft gegeben.
Eines Tages fing ich an die Zeiten aufzuschreiben, die du bei mir verbracht hast und später dann auch welche Aufgaben du alles erledigen konntest, was du alles gelernt hast. Ich begann eine Liste anzufertigen mit den Gerichten, die du konntest und dem theoretischen Wissen über diesen Beruf. Ich habe alles aufgeschrieben und wie ein Ausbilder unterzeichnet. So, als wenn du auch mein Lehrling gewesen wärst.
Kannst du dich noch an die eine Woche erinnern wo wir Besuch von meinen Freunden aus Frankreich und Deutschland hatten? Es waren auch zwei Freunde aus Japan dabei.
Du wolltest immer mal deine eigenen Gerichte jemanden präsentieren und da kam mir die Idee: Ein Treffen zu organisieren mit richtig schwierigen Kritikern.
Zuvor haben wir ganz viel Theorie durchgesprochen und immer wieder ausprobiert wie es wäre, wenn. Unser derzeitiger Kochlehrling hat mit dir sehr viel geübt und ihr seid die Fragen oft durch. Ihr hattet auch immer viel Spaß.
Nun ja.
Die 6 Herren waren keine Freunde, sondern alte Bekannte aus meiner Zeit in Frankreich, Deutschland und von hier. Sie waren Männer, die richtige Prüfungen abnehmen.
Ebenso der Herr, der dich hat aus Spaß eine Theorieprüfung schreiben lassen.
Nun hast du ohne es zu wissen bereits einen Berufsabschluss und kannst mit diesen guten Noten und deiner Erfahrung überall auf der Welt arbeiten gehen, wenn das Gehalt vom Sportclub nicht reichen sollte.
In Deutschland sind die Gehälter nicht so gut wie hier oder in den USA etc. Deswegen habe ich dir, um dir die Arbeit zu ersparen, dein Zeugnis und den Facharbeiterbrief bereits in die wichtigsten Sprachen übersetzen lassen.
Dies ist mein Dank dafür, dass du mir meinen Lebenswillen erhalten hast.
Wenn du also diesen Brief liest, hast du einen Freifahrtschein für jede Meisterschaft und kannst in jedem Land auf der Welt arbeiten gehen.
Und wenn du mal jemanden kennenlernst, wird er sich bestimmt freuen was du für ihn zauberst.
Roland
Tokio 4.6.2003
„Wow. Das ist ja mal eine gute Nachricht.
Ich sagte ja, bei dir werde ich nicht verhungern.“, schmunzelt er sie an und berührt zärtlich ihre Wange, während sie ihn auf dem Bürostuhl sitzend anlächelt.
„Weißt du überhaupt was das heißt?“, wird ihr langsam noch bewusster.
„Naja, dass du jederzeit überall hinziehen könntest, auch wenn das Sportlergehalt nicht reicht? Für den Notfall kannst du zusätzlich als Köchin arbeiten gehen.“
„Ähm, ja, aber nicht nur als Köchin. Da steht Diätkoch. Das ist spezialisiert…ich könnte quasi damit deinen Verein bekochen oder beraten und Ernährungspläne erstellen. Das ist ein riesiger Unterschied zum normalen Koch.“
Er staunt nicht schlecht. „Ach echt? Sowas kannst du?“
„Ja, ich habe mit Martin zusammen ganze Sportler-Ernährungsprogramme erstellt und die Rezepturen in Verbindung mit dem Stoffwechsel berechnet, für jeden einzelnen Stammkunden im Fitnessstudio. Natürlich angefangen mit mir.
Jetzt wird mir auch klar, warum wir ständig solche Sachen nebenbei gemacht haben. Das waren alles Übungen und kleine Prüfungen…und ich habe das nicht mitbekommen, weil ich daran so viel Spaß und Freude hatte. Für mich war das ein Hobby. Und…“
Sie nimmt plötzlich seine Hand und steht auf.
„…ich muss bei der WM-Kommission nichts mehr erbetteln, weil ich alle Bedingungen voll erfülle und ich habe…“
Sie blickt ihn glücklich an. „…mehr Zeit. Mehr Zeit für das Training und mehr Zeit…für dich.“ Dann stellt sie sich auf die Zehnspitzen und küsst ihn voller Euphorie.
Nur wenige Zeit später machen sie sich auf dem Weg zu Tina. Sie sitzen in der U-Bahn und sie schaut nachdenklich aus dem Fenster.
„Ist was nicht in Ordnung?“, spricht er besorgt. „Alles gut. Gehst du heute wieder zu deiner Familie?“
„Das hatte ich eigentlich vor. Mir ist vor allem wichtig, dass du gut zuhause ankommst. Aber wenn du möchtest, dass ich bei dir bleibe, sag es ruhig.“, antwortet er ehrlich und nimmt ihre Hand.
„Na ja, ich muss mich endlich mal um mein Training kümmern. Ich werde wieder
regelmäßiger laufen und meine miese Kondition aufholen. In letzter Zeit war ich
ziemlich faul.“, erklärt sie.
Er bringt sie noch bis zur Haustür, sie schließt auf und sie verabschieden sich mit einem leidenschaftlichen Kuss. Schweren Herzens lassen sie voneinander und Kojiro greift in seine Tasche und holt sein Handy raus, um ein Taxi zu bestellen.
Plötzlich steht sie hinter ihm und berührt seinen Rücken. „Kojiro, möchtest du noch einen Kaffee? Du musst ja nicht gleich über Nacht bleiben, aber ich…bin noch so aufgewühlt.“ ‚Tina? Du willst, dass ich bleibe?‘ Er steckt das Handy wieder ein. „Wegen vorhin? Mit den Dokumenten?“, vermutet er.
„Auch, ich hatte heute früh einen Streit. Und dann das im Park…ich kann eh nicht schlafen.“, beschreibt sie kurz ihren aufregenden Tag.
„Einen Streit? Okay, einen Kaffee und du erzählst es mir?“ Er dreht sich um, nimmt ihre rechte Hand und begleitet sie zur Tür.
Während sie ihre Schuhe auszieht schließt er die Tür hinter sich und tut es ihr gleich.
Ohne sich umzusehen geht sie durch den langen Flur zur Küche. ‚Nanu, Irgendwas stimmt doch nicht.‘, wundert er sich.
Er folgt ihr und stellt sich an den Türrahmen und beobachtet sie, wie sie die Kaffeemaschine bestückt. Er hält bewusst etwas Abstand.
„Was für einen Streit hattest du?“, fragt er ruhig.
Sie starrt auf die Maschine.
„Ich habe mich mit Herrn Satsujinsha gestritten.“ Sie dreht sich zu ihm um und lehnt sich gegen die Arbeitsplatte.
„Ich wäre wirklich sehr aufgeschmissen gewesen, wenn du mir nicht gestern schon die Wahrheit gesagt hättest. Nicht auszudenken was ich mir noch hätte anhören müssen.
Wie schlecht er über dich geredet und mich heruntergeputzt hat. Das kenne ich von ihm gar nicht.
Es machte mich so wütend, ich dachte mein Herz bleibt vor Wut stehen und ich schrie ihn an und sagte ihm meine Meinung.“, berichtet sie.
Ihr läuft eine Träne über die Wange. Kojiro richtet sich auf und geht zu ihr. „Was meinst du damit, er habe dich runtergeputzt? Was hat er denn gesagt?“
Sie sieht ihm in die Augen. „Das willst du gar nicht wissen.“, meint sie und schaut zu Boden.
„Doch, sag es mir. Dann ist es raus. Es gibt Dinge die muss man jemanden erzählen, damit sie sich nicht aufstauen und zum Problem werden.“, erklärt er mit sicherer Stimme.
Sie sieht auf, in seine liebevollen Augen. ‚Er hat Recht, genau das hat er auch gemacht. Er hat all seinen Mut zusammengenommen und mir die Wahrheit gesagt als es drauf ankam. Er konnte sie nicht mehr verschweigen obwohl er das Risiko einging, ich würde ihn deswegen abweisen. Trotzdem hat er es mir gesagt.‘
Sie atmet tief durch. „Er fragte, ob ich mir nicht zu schade für eine Küchenhilfe wäre. Ich solle mir jemanden in meinem Format suchen…und was am schlimmsten war…“, wird sie immer aufbrausender. „…als ich ihm dann sagte, dass du ein Sportler wie ich seist, meinte er du wärest nicht erfolgreich genug und hättest womöglich nicht mal einen Schulabschluss und dass mich ein „gutgebauter Body“ allein nicht weiterbringt und ich solle mich von dir trennen!!
Kojiro! Er hat dich so sehr beleidigt und mich erniedrigen wollen, dass ich ihm…“ Sie sieht ihm wütend in seine überraschten Augen. „…sagen musste wer du bist und, dass du mir nur helfen wolltest, weil Makoto abgesagt hat!!
Noch nie, wirklich noch nie hat er sich jemals in mein Privatleben eingemischt und mir mit seiner Meinung so sehr weh getan, dass ich ihn anschreien musste!“
Ohne ein Wort zu sagen nimmt er sie in die Arme und drückt sie fest an sich. ‚Wie kann er es wagen ihr so weh zu tun? Was erlaubt sich dieser Mann Tina derart zu beleidigen und herabzuwürdigen? Sie hat so viel in ihrem Leben ertragen müssen und erreicht, sich für die Gaststätte geopfert und sich trotzdem immer aufgerappelt. Das verdient höchsten Respekt. Dieser Mann muss sie doch besser kennen als ich und wenn er ein Freund der Eltern war, warum hilft er ihr und tut ihr das dann an? Das ergibt keinen Sinn und das hat sie nicht verdient.
Eine Frau wie Tina muss sich sowas nicht bietenlassen.‘, brodelt es in ihm.
„Er hat kein Recht dich so zu behandeln!“, sagt er aufgebracht.
„Ich verstehe gar nicht wieso er sich plötzlich in mein Privatleben so einmischt. Es hat ihn nie interessiert, mit wem ich befreundet oder zusammen bin. Er kümmert sich ausschließlich um den Betrieb, macht die ganze Buchhaltung und hält mir im Fall einer Klage im Sport die Leute vom Hals.
Es kann ihm doch egal sein mit wem ich zusammen bin. Und überhaupt…“, Sie schaut zu ihm auf und sieht ihm liebevoll in die Augen. „…ist es doch egal welchen Beruf oder Bildungsstand du hast. Solange ich in deiner Nähe alles vergessen kann was mich unglücklich macht und ich meine Angst verliere.
An unserem ersten Tag habe ich angenommen du bist Student und habe nicht darüber nachgedacht welchen Stand du in der Gesellschaft hast. Das war mir egal. Im Nachhinein ist es mir extrem unangenehm, dass ich dich überhaupt gefragt habe in der Küche zu helfen. Aber ich hätte auch nicht gewusst, ob wir uns überhaupt jemals wiedergesehen hätten. Und ich war so glücklich und stolz auf dich, dass du tatsächlich, trotz unserer Erlebnisse, am nächsten Tag gekommen bist um mir zu helfen. Und das alles nur für mich. Für irgendeine ausländische Kellnerin. Du stehst zu deinem Wort und da kann kommen was will. Du ziehst durch was du anfängst. Das kann ich nur bewundern.“, plappert sie gedankenverloren und redet sich endlich alles von der Seele.
„Tina…du bist nicht irgendeine Frau!“, meint er plötzlich mit sicherer Stimme. Er hält ihren Kopf mit beiden Händen und blickt ihr tief in die leuchtenden Augen. „Was zwischen uns ist, ist zu intensiv, viel zu besonders und zu gefühlvoll, als nur ein Urlaubsflirt oder ein Abenteuer zu sein!“, überrumpelt er sie mit seiner direkten und ehrlichen Art.
„Kojiro, wirklich? Ich hatte Angst…“ Ihre Augen werden feucht. „…dass wir uns nach dem Sommer nicht mehr sehen, wenn du zurück nach Italien gehst.“, spricht sie endlich aus was ihr den ganzen Tag schon auf der Seele liegt.
In dem Moment als sie erfuhr, dass Kojiro nur für kurze Zeit in Japan ist und nicht hier wohnt kann sie sich nicht mehr vorstellen wie es wäre, wenn er wieder zurückmuss. Zurück zu seinem Club, zurück ins weitentfernte Europa.
„Bettina…für dich würde ich auch nach Japan zurückkommen oder mit dir in deine Heimat ziehen, Hauptsache wir können zusammenbleiben!
Wir finden eine Lösung!“, äußert er fest entschlossen, wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht und küsst sie leidenschaftlich.
‚Kojiro? Ist das wirklich wahr? Du würdest für mich Italien verlassen?“
Circa zwei Stunden später schließt Tina ihre Haustür von innen und sucht ihre Trainingsutensilien zusammen. Sie holt den schwarzen Trainingsanzug aus dem Schrank und zieht ihn an. ‚Na dann. Hilf mir die Zeit durchzustehen, der auf mich zukommt, Vater und Stephan.‘, geht durch ihren Kopf, als sie den Reißverschluss schließt. Wie oft hat sie diesen alten Trainingsanzug schon getragen? Immer wenn sie vor vielen großen Turnieren stand oder sich einsam fühlte, immer dann holt sie ihn raus, den alten Anzug ihres Vaters, welchen er ihrem Bruder schenkte, als sie den Europatitel gewannen. Er ist ihr viel zu groß, aber zum Laufen reicht es wenn sie sich eine Binde um die Beine macht, damit er kürzer ist.
„Kojiro, mein Liebster. Der Anzug riecht jetzt auch nach dir. Das wird mir noch mehr Kraft geben.“, lächelt sie glücklich. Dann beginnt sie ihr Trainingsprogramm mit einem kleinen Ausdauerlauf zur Kirche und zurück. (5 km)
In dieser Zeit kommt Kojiro zuhause an. Seine Familie schläft schon. Er geht
ins Bad und macht sich fertig. Er nimmt seinen Pyjama aus dem Schrank, putzt sich die Zähne und schaut dabei in den Spiegel. ‚Ach Tina, wir haben beide viel zu verlieren, wenn wir den falschen Weg einschlagen. Ich bin mir aber sicher, dass wir einen Weg finden werden. Es muss einen Weg geben mit dem wir beide leben können.‘
Danach geht er leise den Flur entlang und berührt die Schiebetür zu seinem Zimmer. Doch dann vernimmt er leise Schritte. „Du bist aber spät.“, spricht
eine zarte Mädchenstimme aus der Dunkelheit. „Naoko? Du bist noch wach?“
„Ich kann nicht schlafen. Darf ich heute bei dir bleiben? So wie früher?“
„Pst...sicher.“, flüstert er zurück, öffnet seine Tür und bittet seine kleine Schwester herein.
Hinter sich schließt er die Tür wieder und macht die Stehlampe an.
Hilfe! Großer Bruder, Hilfe! 2024
Hilfe! großer Bruder, Hilfe!
Kapitel 22
„Setzt dich doch. Wieso kannst du nicht schlafen?“, spricht er leise und holt einen Futon wie Decke und Kissen aus dem Wandschrank.
„Na ja, ich weiß nicht ob ich mit dir darüber reden kann...“, murmelt sie verlegen. Er legt es neben seins auf den Boden. „Du weißt doch, dass ich immer ein Ohr für dich habe.“, erklärt er ruhig.
„Schon, aber du hast doch selber so viel um die Ohren. Die WM, deine
Abschlussprüfung und ne Freundin. Mama hat mir erzählt, dass du jemanden hast. Stimmt das?“
Kojiro schweigt kurz. „Deine Mutter redet zu viel.“, äußert er sicherer Stimme.
Daraufhin legt er sich hin und deckt sich zu. Naoko tut es ihm gleich und legt
sich neben ihn und bleibt eine lange Weile still.
‚Er ist so verschlossen. Liegt das an ihr? Was ist sie für ein Mensch? Liebt er sie und sie ihn? Oder ist sie einfach nur ein Mädchen? Was ist überhaupt Liebe?‘, macht sie sich ihre Gedanken.
„Was ist deine Freundin für ein Mensch? Sie ist sicher sehr hübsch und klug. Du hast noch nie von einer Frau gesprochen. Liebst du sie?“, ist sie neugierig.
„Stimmt genau. Ja, sonst hätte ich deiner Mutter nichts von ihr erzählt. Du bist ganz schön neugierig.“, lacht er ablenkend.
„Du musst sie mal mitbringen. Wie war denn euer erstes Date?
Wie habt ihr euch kennengelernt?“, hakt sie aufgeregt nach.
„Das werde ich bei Zeiten tun.“, sagt er nur nachdenklich. ‚Unser erstes Date? Hm. Eigentlich hat sie ja Recht. Wir hatten nie ein richtiges Date. Es hat sich nie ergeben und anfangs wäre es schwierig gewesen in die Öffentlichkeit zu gehen.‘
„Was habt ihr denn nun gemacht? Wart ihr essen oder im Zoo?“
‚Hm. Der Zoo ist eine gute Idee. Das würde ihr sicher gefallen. Eine Gaststätte wäre nicht passend, sie ist jeden Tag damit umgeben.‘, entschließt er für sich.
„Bis jetzt musste sie immer arbeiten und wir holen das nach. Wir kennen uns noch nicht so lange.“, antwortet er ehrlich.
„Ach so. Was arbeitet sie denn?“, ist sie erstaunt.
„Sie hat eine Gaststätte und sie ist Sportlerin.“, sagt er überzeugt.
Naoko schaut ihn verwundert an. „Welchen Sport macht sie denn?“
„Volleyball, sie könnte dir sicher ein paar Tipps geben.“, grinst er sie an. ‚Wenn die wüsste, dass es sich um ihr Vorbild handelt.‘
Einige Minuten später beginnt das Mädchen ein neues Thema.
„Du, Kojiro?“
„Ja?“
„Wie alt warst du, als du deine erste Freundin hattest?“
„Du kannst ja Fragen stellen. Vierzehn.“, antwortet er kühl.
„Und wie alt war sie?“
„Hm. Das kommt darauf an was für eine Freundin du meinst. Eine Freundin mit
der man Händchen hält, oder eine Freundin mit der man nicht nur rumknutscht.“, ist er ernst beim Thema, wundert sich aber, dass sie das Thema anspricht. Es hat sich wirklich sehr viel verändert, seitdem er weg ist.
„Ähm. Mehr als Knutschen?“
„Siebzehn. Sie war zwei Jahre älter als ich.“
„Oh. War es schön?“, hakt sie nach. Er schweigt einen Moment. ‚Was sind das für Fragen? Sie ist doch erst 15.‘
„Ich habe meine Erfahrungen gemacht. Und du? Wieso willst du das alles wissen?
Hast du jetzt einen Freund?“, hakt er nach.
„Naja, es ist kompliziert, aber da ist dieser Junge. Akira ist Volleyballer und sieht total gut aus und ist super lieb, aber...“ Sie stockt.
„Aber?“ Er blickt sie an.
„Er interessiert sich nur für Sport. Er registriert nicht einmal, dass ihm die Mädchen alle nachlaufen. Ich wollte ihn aber unbedingt mal näher kennen lernen und da habe ich...“ sie dreht sich zu ihrem großen Bruder. Zu dem Mann, dem sie sonst die meiste Aufmerksamkeit geschenkt hat. Zu dem Mann, den sie eher als Vater als wie einen Bruder liebt und achtet.
„Was hast du?“, ist er jetzt gespannt.
„Ich habe mich in die Profi-Volleyball AG eintragen lassen.“
Verblüfft sieht er ihr in die schwarzen glänzenden Augen.
„Das ist doch gut, wenn du dich für den Sport interessierst und Erfolg hat, kannst du vielleicht seine Aufmerksamkeit gewinnen. Worin liegt da jetzt das Problem?“
„Naja, ich ähm…habe eigentlich schon…einen Freund.“, verlautet sie plötzlich etwas zurückhaltend.
Kojiro sieht sie verblüfft an. „Wie jetzt? Du hast einen Freund? Davon weiß ich ja gar nichts.
Und wieso magst du dann den anderen Jungen? Du verwirrst mich.“
Sie schweigt einen Moment. ‚Ob ich es ihm überhaupt sagen kann? Yosuke sagte ja, es dürfe niemand wissen. Aber eigentlich kann ich Kojiro immer alles erzählen und er weiß immer den richtigen Rat. Wie ein echter Vater eben.‘
„Eigentlich darf ich es niemanden sagen, denn wenn es in der Presse landen würde, könnte es Probleme für dich geben, aber ich vertraue dir.
Wir küssen uns und…er sagt, wenn ich weiß wie man gut küssen kann, dann wird mich Akira sicher sehr mögen und wenn ich…keine…na du weißt schon was…mehr bin, dann…“, plappert sie schüchtern vor sich hin.
Abrupt richtet sich Kojiro auf und blickt sie entsetzt an. Sein Puls steigt vor Wut an.
‚Was erzählt sie denn da? Jemand küsst sie und will…‘, denkt er und schüttelt den Kopf.
„Wie alt ist der denn?“, fragt er energisch.
„Du kennst ihn. Ich glaube so 20 oder so. Es ist Yosuke, er ist doch Student, mein Nachhilfelehrer.“
‚Was hat das zu bedeuten? Naoko sieht noch aus wie ein Kind. Oder sehe ich das nur als Bruder so? Wie kann er es wagen?!‘
„Willst du das denn überhaupt? Du sagtest doch, dass du diesen Akira magst.“, versucht er ruhig zu bleiben und die Sache richtig zu deuten.
„Naja, eigentlich nicht mit ihm, das ist ja das Problem.
Aber ich will…auch nicht, dass du Probleme bekommst.“
„Er benutzt mich als Druckmittel?!“, spricht er empört und steht wütend auf.
„Ich besorge dir eine neue Nachhilfekraft! Er wird dich nie wieder anfassen!“
Naoko sieht ihn nur verblüfft an. „Wieso regst du dich so auf? Meine Freundinnen haben es auch schon getan. Ich bin total der Spätzünder, das ist ja peinlich.“, haut sie plötzlich raus.
„Sowas glaubst du tatsächlich? Was haben dir die Leute denn eingeredet?
Es ist doch völlig egal wann du es tust, aber es ist wichtig mit wem!“, erhebt er seine Stimme und sieht sie ernst an.
‚Kojiro…so hast du ja noch nie mit mir geredet. Ist es tatsächlich so?‘
„Du meinst…aus Liebe?“, vermutet sie.
Er atmet ganz tief durch, damit ihm nicht wieder der Ton verrutscht. „Genau.“
Erst eine halbe Stunde ist vergangen, seitdem Naoko ihrem Bruder von ihrem Nachhilfelehrer erzählt hat. Besorgt schleicht Kojiro aus seinem Zimmer und greift ein Stück Papier. Er behauptet auf Toilette zu müssen. Doch stattdessen stellt er sich auf die Terrasse, lässt sich den frischen Nachtwind durch die Haare wehen und tippt die Nummer in sein Handy ein. ‚Ob sie noch wach ist? Sie ist die Einzige die ich um Rat bitten kann. Wenn es nach mir ginge würde ich den Kerl einfach windelweich prügeln, aber das nützt Naoko auch nichts. Außerdem sollte Mutter nichts wissen. Die macht sich nur Sorgen und meinen Ruf kann ich auch nicht riskieren.‘
Kaum setzt sich Tina für ein kleines Päuschen auf eine Bank unter einer Laterne vibriert ihr Telefon in der Jackentasche. ‚Wer mag das um diese Zeit noch sein?‘ Etwas verwundert nimmt sie ab und meldet sich auf Deutsch. „Hallo? Wer ist da?“
Kojiro versteht natürlich kein Wort. „Tina? Ich bin es, Kojiro.“
„Ach das ist ja eine Überraschung. Kannst du nicht schlafen?“ ‚Wie schön seine Stimme zu hören.‘, lächelt sie gedanklich.
„Genau. Mir schwirrt so vieles im Kopf rum. Wieso bist du noch wach? Hast du
nicht morgen Frühschicht?“
„Doch erst um neun. Ich trainiere noch etwas, habe ich dir doch gesagt. Was beschäftigt dich so sehr?“
„Ich hoffe einfach, dass du mir helfen kannst. Ich weiß nicht wie ich es am besten anfange. Es geht um meine Schwester. Sie ist fünfzehn. Ich habe eben von ihr erfahren, dass ihr Nachhilfelehrer sie...oh man, wie soll ich das erklären?“, klingt er sehr verzweifelt. „...sie belästigt? Willst du das sagen?“, vermutet sie seine verstörte Stimme.
„Ja, genau. Sie sagt er küsse sie wie eine richtige Frau...so wie ich...“ Er stockt. „...du mich?“
„Ich hoffe nicht! Allein der Gedanke!“, meint er außer sich in den Hörer. Sie hält das Handy etwas weg vom Ohr. ‚Verständlich. Er klingt verzweifelt.‘, fällt ihr auf. Natürlich hat sie letztendlich mit keiner anderen Reaktion gerechnet.
„Beruhige dich erst mal. Atme tief durch und dann höre mir einfach nur zu und
beantworte meine Fragen.“, klingt sie beruhigend.
„Ich versuche es.“ Tinas Stimme ist die erste Stimme, die ihn wirklich zur Ruhe bringen kann.
„Wie alt ist er?“
„Er ist Student, also so 20 rum.“
„Dann ist er selbst noch Minderjährig. Das ist schwer. Seit wann spielt er den Nachhilfelehrer?“
„Etwa ein Jahr oder so.“
„Ist sie in ihn verknallt? Kann ja auch sein.“
„Nein. Sie mag einen Jungen in ihrem Alter.“
„Aha. Weiß deine Mutter davon?“
„Nein, nur ich.“
„Hat sie dir gesagt, ob es ihr gefällt?“
„Nun. Sie sagte, sie würde es lieber haben, wenn es dieser andere Junge wäre. Er hat ihr gesagt, sie solle es niemanden sagen und behauptet, wenn sie es verrät würde es mir schaden.
Tina bitte, ich weiß einfach nicht was ich tun soll.“, ballt er wütend seine Faust und kann sich nicht mehr länger ruhig verhalten. Die Vorstellung allein, jemand würde seiner Schwester zu nahe kommen macht ihn zornig.
„Ich verstehe dich. An deiner Stelle würde ich ihn windelweich prügeln, wie er es verdient hätte...“, meint Tina wütend und ehrlich.
„Tina...“, bleibt ihm verblüfft die Stimme weg. Er kann nicht glaube, dass ausgerechnet sie so einen Vorschlag macht. Er hatte gehofft von ihr einen anderen Weg zu hören.
„...aber...“, spricht sie dann weiter. „...ich weiß ja, dass du nicht so dumm bist. Gewalt löst niemals Gewalt. Am Ende wärst du nicht besser als er.
Am besten du suchst ihn auf und redest ganz offen mit ihm. Sag’ ihm er soll das unterlassen, und nie wieder in ihre Nähe kommen, ansonsten hängst du ihm eine Anzeige wegen Missbrauch oder Verführung Minderjähriger an.“
„Gute Idee, aber ich weiß nicht ob ich ruhig bleiben kann, wenn ich ihm gegenüberstehe.“, zweifelt er. Er kennt seine Impulsivität.
„Das schaffst du schon. Du bist sehr stark und hast einen festen Charakter. Du
brauchst nur Geduld. Geduld ist Stärke. Und diese Stärke besitzt du, sonst hättest du den falschen Beruf.“
„Das sagst du so einfach. Ich war noch nie in meinem Leben geduldig. Ich habe
immer frei heraus gesagt was Sache ist. Das ist nun mal meine Art.“
‚Ach Kojiro, du erscheinst mir eher ruhiger als du zu sein scheinst. Aber ich habe schon bemerkt, dass du dir niemals die Butter vom Brot nehmen lässt.‘
„Stell dir vor das Ganze ist ein Spiel. Du bist doch Profi. Wenn du einen ebenwürdigen Gegner hast musst du geduldig darauf warten, dass er einen Fehler macht. Genau in diesem Moment holst du dir deine Torchance.
Fühle diesem Typ auf den Zahn. Lass ihn schmoren wie ein Steak in der Pfanne. Lass ihn sich verplappern, du wirst es an seinem Gesichtsausdruck erkennen, wenn er begreift, dass du es weißt.
Am besten du triffst ihn an, wenn er dir nicht ausweichen kann. Vielleicht hat er ein Hobby und dann sprichst du ihn einfach an und redest vorerst über belanglose Dinge. Wenn er sich in Sicherheit wiegt gibst du ihn einen Anstoß und sprichst das Thema Frauen an ohne deine Schwester nur zu erwähnen.
Glaube mir was er dann plötzlich für ein schlechtes Gewissen hat und welche
Furcht er aussteht, weil er ahnt, dass du was weißt und ihm was antun oder ihn verklagen könntest. Deine sichere Ruhe wird ihm mehr Angst einflößen als eine gewaltige Tracht Prügel.
So kriegst du ihn klein genug, dass er sich freiwillig von deiner Schwester entfernt. Du begehst keine Straftat und brauchst gar nichts befürchten. Schließlich bedrohst du ihn ja auch nicht, sondern lässt ihn nur wissen, dass er sie in Ruhe lassen soll.“, erklärt sie ruhig.
Er ist stumm und malt sich die Situation aus.
„Ich werde es versuchen. Vielen Dank für deinen guten Ratschlag.“
„Ist doch selbstverständlich. Ruf mich immer gleich an, wenn ein Problem ist.
Wichtige Dinge müssen immer gleich von Tisch sonst häufen sie sich.
Hast du selbst vorhin gesagt.“, fügt sie lächelnd hinzu.
„Okay. Mach’ nicht mehr so lange. Schlaf dich lieber aus.“, ist er besorgt.
„Mache dir keine Sorgen. Bin hartes Training gewohnt. Das hier ist ein
Spaziergang im Gegensatz zu dem was ich schon hinter mir hatte.“
„Du sprichst von Hamburg?“
„Nicht nur. Ich kann nur schlafen, wenn ich total kaputt ins Bett falle.“, berichtet sie ohne nachzudenken.
„Aber das ist jetzt nicht mehr so. Träum was Schönes, Kojiro.“, korrigiert sie sich.
„Verstehe, danke noch mal. Schlaf auch gut, Bettina.“
Beide drücken verlegen auf den roten Knopf.
‚Was meint sie damit? Konnte sie tatsächlich nur einschlafen, wenn ihr Körper gesagt hat, er will nicht mehr? Das klingt furchtbar. Sind deine Träume so schlimm? Dass du dich auspowern musst um durchzuschlafen?‘, geht in ihm vor. Er geht wieder ins Haus
‚Wieso sage ich ihm das mit dem Schlechten Schlaf? Was muss er denn jetzt denken? Das ist mir sicher nur rausgerutscht, weil ich ihm nicht in die Augen sehen musste und er nicht bei mir ist. Das fühlt sich echt komisch an, aber schön...wie vertraut kann man sagen.‘, fällt ihr erstaunt auf, steht auf und läuft den Weg nach Hause.
Etwa eine halbe Stunde später kommt sie an der Brücke über der Autobahn an. Eine dunkle Gestalt steht am Zaun und betrachtet die Autos. ‚Die Gestalt kommt mir bekannt vor.‘
Langsam schleicht sie auf den jungen Japaner zu. Kurz hinter ihm bleibt sie stehen und streckt die Hand aus, um ihm auf die Schulter zu klopfen. Doch plötzlich dreht er sich um und holt aus. „Wage es nicht...“, stößt er aus und bleibt dann aber blitzschnell mit der flachen Hand vor ihrem Hals stehen. Verblüfft sehen sich beide in die Augen. Ihre Herzen scheinen zu zerspringen. „Tina, du?“, äußert er verdattert. Sie hingegen kann kein Ton sagen. Ken nimmt die Hand runter.
„Sorry, was machst du um diese Zeit noch draußen?“, wundert er sich sehr.
„Man hast du Reflexe. Dich kann man nicht mal überraschen.“, lächelt sie dann aber und schraubt ihren Blutdruck runter.
„Ich glaub das ja wohl nicht. Du müsstest doch am besten wissen, dass man mitten in der Nachte keine Leute auf der Straße erschrecken sollte. Mach das bloß nie wieder.“, klingt er sehr ernst und gereizt. Sie stellt sich an seine Seite und blickt zur Straße runter.
„Entschuldige, aber du bist auch nicht besser. Verfolgst mich im Dunkeln und schlägst mich bewusstlos.“, meldet sie zurück.
„Was treibst du dich eigentlich um diese Zeit noch draußen rum?“
„Trainieren. Lauftraining und selbst?“
„Auch Lauftraining. Aber wozu trainierst du?“
„Vorerst für das Nationalturnier und nächstes Jahr ist WM, wie bei dir.“
Verblüfft sieht er sie an. „Welche Meisterschaft? Ich wusste gar nicht, dass
du auch Sport treibst.“
„Volleyball. Liest du Sportzeitschriften?“
„Aha. Ja, tue ich. Im nächsten Jahr stehen einige Meisterschaften an. Volleyball,
Handball, Fußball, das Jahr darauf Basketball und so weiter.“
„Dann hast du sicher auch zu den Asienmeisterschaften was gelesen, was
Volleyball betrifft.“
„Ja. Japan hat den Titel gewonnen. Die ganze Nation hat gejubelt. Soweit ich
noch weiß ist die Mannschaftsführerin zur besten Punktemacherin gekürt worden.
Sie nannte sich…ach weiß nicht mehr.“
„Japans gelbe Tigerin.“, meint sie offen.
„Ja genau. Dann wirst du sie kennen, nicht wahr?“
„Ich bin „Kiiroi Tora“, du Ulknudel.“, stöhnt sie auf.
„Echt? Du bist das?“ Er schmunzelt.
„Wenn das mal kein Schicksal ist.“, murmelt er vor sich hin und denkt an seinen Freund Kojiro, den Tiger des Rasens. Der Tiger hat seine Tigerin gefunden, denkt er sich. „Schicksal? Was meinst du damit?“, ist sie verdutzt.
„Nichts, ist nicht wichtig. Freust du dich dann schon auf die Mädels in Deutschland?“
„Du musst nicht so tun als würdest du Kojiro nicht kennen.“
Er blickt sie verwundert an. „Stimmt. Er hat bereits erwähnt, dass du es nun weißt.“
„Und du wusstest aber nicht wer ich bin?“
„Ne, tatsächlich nicht. Aber es ist doch schön, wenn ihr euch gefunden habt. Ich denke, dass ihr gut zusammenpasst.“, spricht er ruhig.
Dann schaut er wieder auf die Autos. „Es ist gut, wenn man sich völlig unvoreingenommen kennenlernt, dann wird man nicht von den ganzen Einflüssen der Medien verurteilt.
Ich spiele zwar nicht im Ausland wie Kojiro, aber hier bin ich ganz oben und es ist echt nicht einfach die passende Frau zu finden, wenn man nie mit ihr irgendwo mal ausgehen kann, ohne dass andere stören. “
Tina tut es ihm gleich. „Das stimmt. Wir hatten bisher auch noch kein richtiges Date. Ich war ständig arbeiten und durch seine und meine Trainingszeiten ist es schwer eine Lücke zu finden und dann wollte er sicher auch nicht in der Öffentlichkeit gestört werden.
Aber du hast Recht. Er wusste auch nicht wer ich bin. So war er genauso wenig voreingenommen. Ich musste es ihm erst sagen. Ich hatte immer Probleme, wenn die Männer erst bemerkten wer ich bin.“, berichtet sie.
„Verstehe ich nicht. Du bist doch hübsch und erfolgreich. Was haben die Männer damit für ein Problem?“, wundert er sich.
„Du bist witzig. Japaner wollen eine Frau, die sie anhimmelt, bekocht und ihnen die Kinder aufzieht. Niemand will eine Frau, die auch mal widerspricht oder gar erfolgreicher ist oder mehr verdient als sie.
Glaube mir das will keiner haben.
Die Männer sehen meist nur ein Abendteuer in mir und darauf habe ich bestimmt keine Lust.“
„Verstehe ich. Mich würde das nicht stören. Wenn es für beide die wahre Liebe ist, kann das doch nicht entscheidend sein.“, meint er nur.
„Ist halt so. Ich wünsche dir, dass du auch jemanden findest, die zu dir passt.
Aber mal was anderes. Was hat Kojiro heute beim Training angestellt? Er ist an der rechten Hand verletzt.“
„Ach das. Naja. Er hat sich so darüber aufgeregt was deinem Bruder passiert ist, dass er…“, er stoppt. ‚Ich Doofkopf…jetzt habe ich mich verplappert.‘
Tina schaut zu ihm, „Dass er was?“, wundert sie sich.
„Ich hätte den Mund halten sollen.“
„Nun rück doch einfach raus.“, meint sie ernst. ‚Oha, das nenne ich einen Blick.‘
„Sagen wir so, es müssen ein paar neue Kacheln gefliest werden.“
‚Armer Kojiro. Ich kann mir vorstellen, dass dich sehr belastet. Du bist so leidenschaftlich im Sport und dann musst du feststellen, dass es solche Dummköpfe gibt.‘
„Läufst du jetzt jeden Abend?“, versucht Ken abzulenken.
„Wenn ich Dienstschluss und Zeit habe. Wir können ja zusammenlaufen, macht mehr Spaß.“
„Gute Idee. Wenn es bei dir passt, klingle dann einfach bei mir.“
Somit beschließen beide abends zusammen zu trainieren.
Ken bringt sie noch nach Hause.
„Wie wäre es noch mit einem frischen Glas Milch?“, bietet sie an.
„Gerne, aber bist du nicht müde?“
„Wenn ich alleine bin kann ich eh nicht gleich schlafen.“ Er zögert etwas.
„Na gut, aber nicht lange.“
Sie betreten ihr Haus und ziehen die Schuhe aus. Das Licht geht an. Tina geht
ins dunkle Wohnzimmer, zieht die Jacke aus und legt sie auf die Couch. „Kein
Licht?“, wundert er sich. „Pst, die Fische schlafen schon.“, meint sie nur
leise. „Fische?“
„Ja, Goldfische. Leg deine Jacke ruhig auf die Couch wir gehen in die
Küche.“
Er folgt ihrer Forderung und geht zu ihr in die Küche. Sie knipst das Licht an
und schließt die Tür. „Setz dich doch.“ Die Gastgeberin holt frische Milch
aus dem Kühlschrank und stellt zwei Gläser auf den Tisch. Dann setzt sie sich
zu ihm an den Tisch. „Komisch.“
„Was?“
„Du spielst für Japan, aber trägst einen deutschen Trainingsanzug? Das ist
komisch.“
„Das meinst du. Er steht mir und verleiht mir Kraft.“
„Kraft? Wie das?“, ist er erstaunt. „Er gehörte meinem Vater, und dann meinem Bruder.“
Er steht auf und stellt das leere Glas auf den Tisch. „Ich versteh. Kann ich mal deine Toilette benutzen?“
„Sicherlich. Rechtsrum, den Flur entlang und dann links.“
„Danke.“ Ken marschiert durch betrachtet er die Fotos an der Wand. Überwiegend
Familienfotos sind dabei.
Auf dem Rückweg betrachtet er die Familienfotos an der Wand. ‚Sie muss sehr glücklich gewesen sein.‘
Nach einiger Zeit geht er wieder in die Küche. Tina aber ist nicht zu sehen. Also blickt er in die Stube. Auf dem Sofa ist ihre Anwesenheit zu erahnen. Der Schatten lässt ihre Silhouette erkennen. Sie war so müde, dass sie sich doch hingelegt hat.
Ken schleicht zum Sofa und nimmt seine Jacke. Sie liegt direkt an ihrem Kopfende und die andere benutzt sie als Kopfkissen. Mit einem Lächeln hat sie ihr Gesicht halb darin vergraben.
Als er ihr näher kommt und seine Jacke berührt vernimmt er ihren angenehmen
Duft. „Schlaf gut liebe Tina. Du bist ehrlich und wirst ihm guttun.“
Sie bewegt ihre Hand instinktiv an seine und berührt ihn.
„Ko...Kojiro.“, huscht ihr über die Lippen. Ken zuckt zusammen und zieht seine Hand weg. ‚Was wird sein, wenn er wieder zurück nach Italien muss?‘
Er entfernt sich leise und verlässt das Haus.
Vorahnung 2024
23.Kapitel
Vorahnung
Langsam geht die Sonne unter und die Nacht bricht an. Die Metropole versinkt in
Abendstimmung. Straßenlaternen zeigen den Weg. Autos fahren ihre Strecke von A nach B und beleuchten die Straßen fröhlich. Ein grauer Toyota Camry verlässt
die Hauptstadt Japans. Das glückliche Ehepaar macht sich auf den Weg in die
Nachbarstadt. Auf ihrer Linken huscht der Fuji-san in all seiner Schönheit
vorbei. Der Frontblick ins Cockpit lässt zwei ausländische Personen erkennen.
Verkehrsschilder werden hinterlassen und mit 80 km/h nähern sie sich einer
Brücke, die sich über einen traumhaften Fluss erstreckt.
Das Hindernis einer Baustelle wird angekündigt und der Fahrer tritt auf die
Bremse. Das Auto vor ihnen nähert sich aber erschreckend schnell. Plötzlich gerät der Mann in Panik, weil seine Geschwindigkeit nicht sinkt. Seine Frau neben ihm fängt an zu schreien. In letzter Sekunde weicht er dem Auto aus und muss auf die Gegenfahrbahn fahren. Doch dann kommt ihnen ein Benzintransporter entgegen. Kleine Kinder spielen vor ihren Augen glücklich Fußball. Das Panorama ihrer Heimatstadt erscheint ihnen und das gepflegte Grab ihres Sohnes, das Lächeln ihrer Tochter, der Tokiotower küsst den Teepott in Warnemünde.
Und plötzlich...alles rot...dann schwarz, schwarz wie die Seele des Teufels.
Zwei Airbacks blasen sich in Windeseile auf. Das Lenkrad dreht nach links und
ein zweites Mal ertönt ein lauter Knall. Die Leitplanke wird überwunden und lässt das graue Fahrzeug in den Fluss stürzen. Schreiende Laute sind zu hören.
„Tod...der Tod...trau ihm nicht...trau ihm nicht...du bist in Gefahr...er ist bei dir...Tienchen...die Bremsen...kein Unfall...die Bremsen...“, sind düstere Stimmen zu hören. „Mama...Papa! Nein...!!!“ Tina springt ihnen nach. Aber vergeblich. Das Auto ist schneller als sie.
Platsch...Sie fällt ins Wasser.
Plötzlich reißt Tina die Augen auf. Schweißgebadet findet sie sich auf dem
Wohnzimmerfußboden neben der Couch wieder. ‚Alptraum? Schon wieder ein
Alptraum. Ich hatte lange keinen mehr, aber diesmal war er anders. Was hat das zu bedeuten? Ich träume doch sonst nur von Stephans Tod, nie von dem Unfall meiner Eltern. Seltsam.‘
Sie rappelt sich hoch und schaut auf die Uhr. ‚Mist. Schon sechs Uhr durch.
Ich wollte doch um Sieben auf Arbeit sein. Ich muss doch heute Hitomis Arbeit übernehmen.‘
Hektisch stürmt sie unter die Dusche. Das kalte Wasser weckt sie wieder in den
Alltag. ‚Was hat nur dieser Traum zu bedeuten? Wem soll ich nicht trauen und was soll das heißen, der Unfall war kein Unfall? Die Bremsen? Hat etwa jemand die Bremsen manipuliert?‘, überlegt sie. Dann schüttelt sie den Kopf. ‚So ein Quatsch! Warum sollte das jemand tun? Meine Eltern hatten doch keine Feinde wie die Yakuza. Politiker waren sie auch nicht. Ganz normale Leute.‘
Somit schlägt sie sich den merkwürdigen Traum aus dem Kopf.
‚Föhnen dauert mir zu lange.‘, beschließt sie und bindet sich die halbnassen
Haare zum Dutt und greift zur goldenen Spange. Plötzlich hält sie Inne und starrt diese in der Hand an. ‚Charlys Geschenk von damals. Kojiro...ach...‘, geht ihr durch den Kopf. Lächelnd führt sie die Haarspange zum Mund, küsst sie kurz und legt sie ins Regal zurück. „Ich habe ja jetzt Kojiro. Ich kann dich endlich loslassen.“, äußert sie und greif wie die letzten Tage die silberne Haarspange ihrer Mutter mit türkisen Steinen.
Wenig später sitzt sie in der U-Bahn und fährt zum Betrieb.
Etwa eine Stunde später meldet sich ein junger Japaner in einem Fitnessstudio an. „Ihren Namen, Alter und Beruf brauche ich noch.“, erfragt die freundliche hübsche Amerikanerin mit blonden kurzen Haaren etwas verlegen an der Information.
„Hyuga. Kojiro Hyuga. Zweiundzwanzig Jahre, Profisportler.“, antwortet er
auf normale Art und Weise.
Verdutzt sieht sie ihn an. „Sie sind es wirklich? Ich habe schon überlegt“, ist sie total begeistert und trägt die Daten ins Formular. Er nickt.
Verlegen sieht sie ihn an und reicht ihm einen Stift. „Ihren Ausweis und Unterschrift noch, Sie kennen das ja mit der Versicherung und so.“ Er legt den Ausweis hin, sie kopiert ihn und er unterschreibt und kurz darauf legt sie noch ein kleines Büchlein daneben. „Ach und wären Sie so nett und schenken mir ein Autogramm? Die Gelegenheit kommt bestimmt so schnell nicht wieder.“, schmunzelt sie zurückhaltend. „Gerne.“, lächelt er zurück, schaut auf ihr Namensschild und unterschreibt.
„Vielen Dank. Und da ist noch etwas. Möchten Sie, dass sich der Chef persönlich um Sie kümmert? Sie sind immerhin ein Ehrengast.“
„Dank, aber ich möchte mich nur etwas aufwärmen. Die Gerätschaften sind mir
mehr als nur vertraut. Sie verstehen sicher was ich meine.“, lächelt er die freundliche Frau an. Sie schaut dankend und verblüfft auf das Autogramm. ‚Wow, er hat ja wirklich so eine akkurate Handschrift. Ich dachte immer die ist nur auf den Artikeln so aufgedruckt, damit es lesbar ist. Wie kann es sein, dass ein so aktiver und impulsiver Sportler so eine saubere Schrift hat?‘
Somit geht er in die Umkleide und dann in den Fitnessraum. Unauffällig sieht er sich um. ‚Er ist noch nicht da. Dabei ist es schon sieben Uhr durch.‘ Dann fallen ihm plötzlich die Bilder an den Wänden auf. ‚Wow, hier hängt überall eins von Tinas Postern rum.‘ Er geht zur großen Fotowand. Dort findet er weitere Fotos und eine Übersicht der Programme und Angebote, welche in diesem Studio angeboten werden. Einige Fotos mit ihr und Martin zusammen, wie sie auf den verschiedenen Geräten trainieren und für ihre Ernährungs- und Fitnessprogramme posieren. Auch ein Werbeplakat nur mit Tina und einigen Frauen zusammen ist groß und breit dabei und bewirbt ein Frauenfitnesskurs, der alle zwei Wochenenden stattfindet. ‚Ich wusste ja, dass sie so aktiv ist, aber das ist echt der Wahnsinn. Wie schafft sie das alles nur? Berufsschule, Training, Gaststätte und das hier? Ist es das was sie meinte, als sie sagte, sie könne nur durchschlafen, wenn sie ausgepowert ist?‘
„Wahnsinn.“, stößt er nur ehrfürchtig aus.
In diesem Moment wird er von einem Besucher von der Seite angesprochen. „Heiße Braut, was?“, grinst er und legt seine schwitzige Hand auf seine Schulter. Kojiro dreht sich zu ihm um und sieht ihn mit strengem Blick an. So als wenn er ihm sagen will, er soll ihn nicht anfassen.
‚Heiße Braut…was erlaubt er sich?‘ Er grinst und äußert nur ein: „Hm.“ ‚Oha, was für ein Blick war das denn? Er kommt mir bekannt vor.‘ Er löst ehrfürchtig seine Hand von ihm und entschuldigt sich. „Sorry, du kommst mir bekannt vor. Wo habe ich dich schonmal gesehen?“ Kojiro zuckt mir den Schultern. „Erzählen Sie mir was von ihr? Sie scheinen sich ja auszukennen.“, versucht er neutral zu reagieren. Ihm ist bewusst, wenn eine Frau wie Tina hier in knapper Sportbekleidung an den Geräten steht, dass die Männer verständlich so denken könnten.
„Ach so, ja. Also hier ist der Besitzer des Studios, Martin Müller. Er hat mit ihr zusammen die Angebote ausgearbeitet.
Meinen hat sie auch erstellt. Du musst wissen, fast alle hier kommen hauptsächlich wegen ihr. Als Herr Müller vor knapp einem Jahr das Studio übernommen hat lief es anfangs gar nicht gut. Viele Japaner trauten ihm als Ausländer nicht gleich über den Weg. Sie dachten es ist so eine typische Fitnesskette. Dann hat Bettina das in die Hand genommen und fing an sich regelmäßig unter die Leute zu mischen und durch ihre Popularität kamen dann immer mehr Kunden her. Ich war einer davon. Damals wollte ich nur ein Autogramm ergattern, aber dann bot man hier diese Programme an. Die sind den Leuten vorher gar nicht aufgefallen. Erst als sie anfing jeden persönlich zu checken und mit Trainingseinheiten und Ernährungsumstellungen zu versorgen, kamen noch mehr Leute. Männer wie Frauen, denn ihre Programme sind wirklich gut. Ich hatte tatsächlich deutlich mehr auf den Rippen und war durch meine Büroarbeit total ungelenkig und eingerostet.
Leider muss sie aktuell zu viel trainieren und kommt nur noch auf Anfrage vorbei. Manchmal hat man Glück sie wieder anzutreffen.
Du weißt doch wer diese Frau ist, oder? Wer Bettina Fuchs ist?“, hinterfragt er.
„Ja, „Japans gelbe Tigerin“. Ich hörte, dass sie ihren Namen meinetwegen von der Presse bekam.“, äußert er mit stolzer Stimme und grinst an die Wand, als würde sie dort stehen und ihn anlächeln.
‚Es ist ein interessantes Gefühl das auszusprechen.
Tina, du bist wirklich eine besondere Frau. Du arbeitest ja schon die ganze Zeit in dem Beruf, dessen Abschluss du erst seit gestern kennst.
Wenn der Mann damals in der Bahn gewusst hätte wer du bist und was du alles machst, dann hätte er niemals so über dich geurteilt.‘
„Genau, die gelbe Tigerin…ähm…Moment mal…wieso deinetwegen?“, ist er erstaunt und mustert ihn nochmal genau. Dann tritt er ehrfürchtig einen großen Schritt zurück. „Hyuga, Kojiro Hyuga!“, äußert er dann total verblüfft. Dann verbeugt er sich vor ihm. „Es tut mir ganz doll leid, dass ich Sie berührt habe, Herr Hyuga.“, versucht er sich verzweifelt zu entschuldigen. Die anderen Leute im Studio haben es ebenso bemerkt und sind ganz aufgeregt was ein Star wie er denn hier will.
„Alles gut, Sie wussten es ja nicht. Ich bin nicht böse auf Sie, ich bin auch nur privat hier.“, versucht er ruhig zu wirken. Dann richtet sich der Mann auf und sieht ihn fragend an. „Danke sehr. Sind Sie dann Ihretwegen hier? Haben Sie gehofft, dass sie heute da ist?“
Kojiro grinst. „Heute bin ich tatsächlich nicht Ihretwegen hier.“ Genau in dem Moment taucht Yosuke auf und schaut sich verwundert um, warum die Leute alle tuscheln und nicht trainieren.
‚Hm, so habe ich mir das nicht vorgestellt, aber nun gut. Plane ich um.‘, denkt Kojiro.
Als Yosuke ihn entdeckt will er lieber wieder gehen. ‚Oha, was macht der denn hier? Woher weiß er überhaupt, dass ich hier trainiere? Er sieht zu mir. Ob sie geredet hat? Es kann kein Zufall sein, dass er ausgerechnet hier auftaucht.‘
„Yosuke!“, ruft er mit kräftiger Stimme durch den ganzen Raum. Der junge Student zuckt zusammen und versucht sich vorerst nichts anmerken zu lassen. ‚Mist. Er ist zu weit weg, um ihn irgendwie zu erreichen oder zu verhindern, dass er geht. Nun gut. Ich wollte das eigentlich viel ruhiger angehen, ohne zu viel Aufmerksamkeit.‘
Kojiro geht langsam an dem Mann vor ihm vorbei und dann beobachtet er etwas und grinst innerlich. Daraufhin ruft er über die anderen Köpfe hinweg, was er sagen will, damit er sich ertappt fühlt und sich selbst verrät.
„Ich weiß es! Sie hat es mir erzählt!“, platzt es sehr ernst aus ihm heraus. Er versucht seine Wut zu unterdrücken.
Entsetzt sieht Yosuke in sein zorniges Gesicht. „Dieses Miststück!“, ruft er nur entsetzt aus und panisch versucht er der Situation zu entfliehen und macht kehrt. „Lass ihn nicht gehen!“, ruft Hyuga mit fester Stimme und weiß sicher, dass er sich auf dem Mann im Flur verlassen kann. Genau in dem Moment rennt Yosuke in Martins Arme, welcher ihn total verdutzt festhält.
„Halt Kleiner. Was ist hier überhaupt los? Und welches Miststück?“, wundert er sich nur über die Aufregung.
Erst dann vernimmt er Kojiros Anwesenheit, da dieser langsam auf ihn zukommt. „Kojiro? Was machst du denn hier?“, wundert er sich. ‚Hat er hier so rumgebrüllt? Dieser Mann hat aber ein Organ, da stehen alle stramm.
Sogar ich habe gleich reagiert…aber er hat anders zu mir gerufen als vorhin.‘
Yosukes Herz rast wie wild, dass er zittert. Martin kann seine Furcht spüren.
‚Was ist los mit dem Jungen?‘
Als Kojiro vor ihm steht entschuldigt er sich bei Martin höflich. „Tut mir leid, Martin, so sollte das nicht laufen. Ich muss erst was wissen, bevor ich es dir erklären kann. Bitte halte ihn solange fest.“ Martin fasst ihn an der Schulter, dem jungen Mann ist klar, dass er nicht mehr entkommen kann.
„Was hast du angestellt?“, spricht er ihn ruhig an. Dieser kann ihm natürlich nicht in die Augen sehen und blickt nur zu Boden. Kojiro bleibt direkt vor ihm stehen. „Mit dem Weglaufen hast du dich verraten. Wie alt bist du wirklich?“ Der Tiger atmet ganz tief durch und lässt schön seine Hände geballt in den Taschen seiner Trainingshose. Natürlich kommt keine Antwort. ‚Hab auch nichts anderes erwartet.‘
„Martin? Bist du so nett und kommst mit ihm mit zur Anmeldung? Dort müssen ja seine Daten hinterlegt sein, ich muss wissen ob er schon volljährig ist.“
„Wieso? Du musst nicht schauen gehen. Er ist volljährig, sonst dürfte er nicht hier sein.“
„Ach so?“, wundert er sich. „Vormittags ist für Erwachsene. Für Jugendliche gibt es eine Nachmittagszeit im Wochenbetrieb. Das haben wir extra zu ihrem Schutz eingerichtet.“
Kojiro grinst. „Wenn das so ist. Seit wann bist du volljährig?“ Er schweigt. Martin klärt auf. „Also er kommt mindestens schon ein halbes Jahr lang zu diesen Zeiten, wenn du es wirklich genau wissen musst, dass lass dir von Andrea die Daten geben.“ ‚Was auch immer hier los ist, das muss ihm sehr wichtig sein. Ich hoffe er ist sich sicher mit dem was er tut.‘ Martin ruft Andrea, sie soll bitte die Ausweiskopie bereithalten.
Nun gehen sie vor zum Empfang, greifen diese und gehen dann ins Büro. „Setz dich, Yosuke.“, bietet Martin ihm den Stuhl an. Kojiro greift ein und warnt ihn vor. „Lass ihn lieber auf dem Boden sitzen.“, meint er und deutet mit einem respektlosen Blick auf Yosukes Hose, welche mittig etwas nass ist. ‚Oha.‘, bemerkt es Martin jetzt auch.
Kojiro schaut auf den Zettel und stellt fest, dass er bereits seit 8 Monaten 21 Jahre alt ist, ballt seine Faust und zerknautscht es genau in dem Moment so klein er kann.
„Okay. Du hast mich also ordentlich verarscht. In deiner Bewerbung hast du angegeben 18 zu sein. Das ist ein Jahr her.“, meint er nur verärgert, weil er sich extrem zurückhält. Dann schaut er zu Martin.
„Wenn ich gewusst hätte, dass das dein Studio ist, wäre ich meine zweite Möglichkeit angegangen diesen Typen zu entlarven. Ich habe es leider erst zu spät bemerkt. Tut mir leid, dass ich dich da jetzt mit reinziehen musste.“
„Nicht schlimm. Wann erklärst du mir was los ist?“
Kojiro zückt sein Handy. „Ich rufe jetzt die Polizei, dann klärt es sich auf.“
Er wählt und es klingelt. Unterdessen schaut er zum Schreibtisch und entdeckt einen Handgriff. Er nimm ihn und drückt ihn bis zum Anschlag zusammen.
„Kriminalpolizei. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte eine Anzeige aufgeben, bin ich da bei Ihnen richtig?“
„Worum genau geht es denn?“ Er hält noch immer die Faust und atmet ganz tief durch. Kojiro schaut aus dem Fenster und beobachtet die andere Straßenseite.
„Verführung Minderjähriger und vermutlich…versuchte…Vergewaltigung.“
‚Oha. Das ist übel.‘, begreift Martin plötzlich seine Überreaktion mit der Volljährigkeitsprüfung.
„Kennen Sie den Täter?“
„Kommen Sie bitte sofort her, er ist hier bei mir. Holen Sie ihn ab und wir klären alles Weitere mit meinem Anwalt.“
„Ich schicke eine Streife los. Wer und wie alt sind die Beteiligten?“
„Meine Schwester ist 15 und er 21.“
„Wo sollen wir hinkommen?“ Er schaut sich um, entdeckt ein Werbeplakat an der Wand und sagt ihr den Namen des Unternehmens und die Adresse durch.
„Und wie heißen Sie? Wer gibt die Anzeige auf?“
„Das klären wir bitte vor Ort, ich bin eine Person des öffentlichen Lebens und muss diskret bleiben.“
„Verstehe, es ist ca. in 20 Minuten ein Team vor Ort.“
„Gut, beeilen Sie sich.“ Dann legt er auf.
Kurz darauf hört er einen Knall hinter sich und er dreht sich zu Martin um.
„Martin.“, schaut er verblüfft. Yosuke hält seinen Kopf. „Abschaum sowas!“, meint er dann nur und nimmt ebenso Abstand, bevor ihm noch mehr Hände ausrutschen.
„Setz ihn lieber dort drüben hin, wenn du ihn allein lässt. Da sind keine spitzen Gegenstände.“, bemerkt Kojiro aufmerksam.
Martin ist erstaunt. „Was du so alles bemerkst.“
„Ich hatte mal einen Klassenkameraden, der war dem Druck in der Schule nicht gewachsen und dann stach er sich mitten im Unterricht nen Bleistift in die Hand. Das war kein toller Anblick, glaube mir.“
„Stimmt.“ Er sagt Yosuke, dass er sich in die Ecke setzen soll. Daraufhin geht er zur Tür und öffnet diese. „Willst du was trinken?“
„Lass mich bloß nicht mit dem alleine…ansonsten gerne.“
‚Er ist clever, alleine könnte er sich vermutlich genauso wenig zurückhalten.‘
„Du hast Recht.“ Also schließt er die Tür und greift zum Telefon. „Schatzi, bringst du uns jeweils Wasser und …“ Er sieht Kojiro fraglich an. „Milch?“, sagt er nur. „Milch ins Büro? Drei Gläser bitte.“
Ein Schweigen macht sich plötzlich breit. Kojiro hält noch immer den Griff bis zum Anschlag, er hat ihn nicht einmal geöffnet um ihn erneut zu drück.
Martin fällt dies natürlich auf. ‚Da staut sich echt was auf. Erstaunlich diszipliniert dieser Mann.‘
„Deine Schwester also?“, spricht er plötzlich das Thema an.
„Jetzt weiß ich genau wie Tina sich gefühlt haben muss. So Machtlos.“, meint er auf einmal und starrt den Japaner am Boden hockend an.
„Sie hat es dir erzählt?“, ist er erstaunt. „Sie hat dir von Stephan erzählt?“. ‚Seltsam. Sie hat es noch niemanden erzählt. Nicht mal ihre Mädels im Club wissen es, nur Fane und Tsubasa. Sie redet nie über Ängste oder würde Schwäche zeigen, aber ihm vertraut sie es in so kurzer Zeit an?
Kojiro, was bist du für ein Mensch? Wieso vertraut sie dir so sehr? Zuerst bleibst du nachts bei ihr und dann erzählt sie dir solche Geheimnisse?
Aber, dass du jetzt hier so ruhig bleiben kannst, alle Achtung.‘
„Person öffentlichen Lebens? Was meinst du damit?“
„Hats dir Tina nicht erzählt? Hat sie nicht erzählt wer ich bin?“, wundert er sich nur.
„Nein, sie erzählt in der Regel nicht viel. Tina ist eher der schweigsame Typ, wenn es um so persönliche Dinge geht. Sie würde niemals jemanden etwas über Ängste erzählen, geschweige denn vor jemandem Schwäche zeigen. Nicht einmal mir gegenüber kann sie das. Dabei vertraut sie mir sonst auch alles an.
Aber, hat sie dir denn von uns erzählt?“
Kojiro nickt. „Ich weiß, dass ihr zusammen wart.“, meint er nur benommen und dreht sich zum Fenster um und blickt auf die Straße. ‚Wo bleiben die denn?‘
„Und das stört dich nicht?“, hakt Martin nach. „Das sage ich ja nicht, aber sie vertraut dir, also vertraue ich ihr.“, äußert er nur und löst langsam seinen Griff.
In diesem Moment klopft es an der Tür. „Ja bitte?“, bittet Martin herein.
Die hübsche Blondine vom Empfang tritt ein und hat ein Tablett in der Hand. „Liebling, du musst mir erklären was los ist. Die Leute werden nervös.“, berichtet sie und geht zum Schreibtisch, stellt das Tablett ab und gibt Martin einen kurzen Kuss auf die Wange. Kojiro staunt nicht schlecht.
Dann schaut sie zu ihm. „Und Sie, Herr Hyuga? Sie waren doch noch nie bei uns. Wollten Sie endlich mal Ihre Namensvetterin kennenlernen? Bettina ist leider nicht da. Das würde ich ja zu gerne sehen, wenn Sie sich das erste Mal sehen. Das muss eine unbeschreibliche Spannung im Raum sein, wenn der Tiger und die Tigerin sich gegenüberstehen.“, plappert sie total begeistert los, weil sie Fan von beiden Sportlern ist.
‚Moment mal, was redet sie denn da? Hyuga, wieso klingelt es da bei mir?‘, wundert sich Martin.
Kojiro hingegen schaut wieder aus dem Fenster. ‚Dafür habe ich grade gar keine Nerven. Sie scheint mich ja gut zu kennen. Dann muss ich ihm nicht alles erzählen, auch gut.
Das dauert aber auch lange.‘, bemerkt er und greift erneut den Handgriff bis zum Anschlag zusammen und lässt ihn nicht los.
„Du redest wirres Zeug, wieso sollte er wegen Tina hergekommen sein? Er wusste nicht, dass sie hier so präsent ist. Und was meinst du mit Namensvetter?“
Seine feste Freundin sieht ihn verwundert an. „Erkennst du ihn echt nicht? Das ist unser Toppstürmer Kojiro Hyuga und er spielt mit Tsubasa zusammen in der Nationalelf. Ein absolutes As auf dem Feld! Er ist so gut, dass er wie Tsubasa und Genzo in Europa spielt und auch dort wie die beiden total erfolgreich ist.
Seine Distanzschüsse sind legendär. Nach ihnen wurde Tina benannt. Als sie vor zwei Jahren den Asienpokal gewann kam sie als Gelbe Tigerin zurück, weil man ihr hier inzwischen diesen Namen verpasst hat, da die Leute ihre Schmetterbälle mit dem Tigerschuss gleichsetzten.“
Der große deutsche Mann ist mehr als verwundert. „Kojiro Hyuga. Ich dachte die Ähnlichkeit ist Zufall. Profifußballer, also. Nur eine Handvoll schafft es nach Europa.“, äußert er überrascht und spricht seine Gedanken laut aus. Dann mustert er ihn, wie er mit dem Blick aus dem Fenster im selbstsicheren Stand in seinem schwarzen Trainingsanzug und Muscle-Shirt steht. Ein ernstes Gesicht und der aufrichtige Blick, der ihm verrät, dass ein Mann wie er es niemals nötig hätte mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. Niemals würde es etwas geben, das ihm seinen unbändigen Stolz nehmen könnte, seine Selbstsicherheit und sein Wissen, wer er ist und wie er auf Leute wirkt. Ihm ist diese maskuline Aura schon bei der ersten Begegnung aufgefallen. Kojiros diszipliniertes Auftreten in so einer Extremsituation bestätigt nur, was er von ihm hält.
Natürlich kann er sich vorstellen, dass Tina einen solchen Mann mögen könnte, aber dass sie ihm vertraut obwohl er Fußballer ist? Sie geht seit ihrer Zeit in Japan allem aus dem Weg, wenn es nur ansatzweise damit zu tun hat. Und auch als sie erfuhr, dass sie nach einem Fußballer benannt wurde, zeigte sie nie das Interesse diesen Mann kennenzulernen, obwohl es die Presse so gerne gesehen hätte. Aber jetzt? Jetzt ist sie mit diesem Mann zusammen? Das passt nicht in sein Bild. Das kann nur eins bedeuten: „Sie weiß es nicht, oder?!“, haut er plötzlich raus.
‚Endlich!‘ „Sie sind da!“, sagt er nur mit ganz fester und angespannter Stimme, als er die Sirenen entdeckt und das Polizeiauto vor der Eingangstür unten hält.
Plötzlich zerspringt der Handgriff in seiner Linken und die Feder hüpft durch den Raum hinter sich. Kojiro blickt ihr nur verblüfft an und dreht sich zu Martin um. „Sorry, ich kaufe dir einen neuen.“ Dann legt er das kaputte Ding auf den Schreibtisch zurück. „Antworte lieber!“, steht er plötzlich auf und sieht ihn ernst an. Kojiro lächelt selbstsicher. „Du kennst die Antwort schon.“
Das erste Date
Das erste Date
Kapitel 24
Gegen 14 Uhr betritt Kojiro die Gaststätte und begrüßt alle. Er erkundigt
sich nach Tina, welche im Büro beschäftigt ist.
Er klopft an und sie bittet herein. Die Tür öffnet sich und er betritt den
Raum. „Hallo. Bitte setz dich doch. Ich muss eh noch mit dir reden.“, klingt
sie angespannt und sieht nur kurz zu ihm auf.
Dann nimmt er Platz und beobachtet sie interessiert. ‚Wieso ist sie im
Büro? Ist die Buchhaltung nicht Sache von Herrn Satsujinsha??‘, wundert er sich.
Tina tippt mehrfach auf ihrem Taschenrechner rum und wundert sich sehr über das Ergebnis.
‚Komisch. Ich kann mich doch nicht ständig verrechnen. Nun gut. Fange ich
nachher noch mal von vorne an.‘
Daraufhin lächelt sie Kojiro an, steht auf, gibt ihm ein Begrüßungsküsschen und setzt sich wieder. „Und? Wie ist es gelaufen?“, kommt sie gleich zum Punkt.
„Es lief nicht ganz wie geplant. Er ist tatsächlich schon volljährig. Nun klärt das mein Anwalt. Wir haben dafür gesorgt, dass er in Untersuchungshaft kommt. Und ich kümmere mich um eine neue Nachhilfekraft.“
„Das ist prima. Ich wusste, dass du das schaffst. Das war sicher nicht leicht für dich. Was heißt denn WIR?“, wundert sie sich.
„Das Fitnessstudio indem er trainiert ist dummerweise Martin seins gewesen. Demzufolge war er auch da.“
Tina blickt überrascht auf. „Ach, ist ja interessant. Du warst sicher total erstaunt über die ganzen Bilder von mir. Ich hätte es dir so gerne bei Zeiten selbst gezeigt und die Programme vorgestellt.“
„Erstaunt ist gar kein Ausdruck. Du steckst da ebenso viel Arbeit rein wie hier und im Sport. Wie schaffst du das nur alles? Diesen Abschluss, den du jetzt hast, diesen Beruf übst du doch schon die ganze Zeit aus. Er ist mehr als gerechtfertigt. Eure Kunden sind davon voll überzeugt.“
Sie lächelt. „Tatsächlich? Danke. Das von DIR zu hören muntert mich auf.
Nun. Was anderes.
Kommen wir zum geschäftlichen Teil.“, schaut sie ernst.
Sie holt ein kleines Büchlein aus der Ablage und schreibt seinen Namen darauf.
Dann trägt sie seine Arbeitsstunden ein und unterschreibt diese. Zuletzt zählt sie die Stunden der zwei Tage zusammen. Danach dreht sie sich um zum Tresor.
„Geschäftliches? Was meinst du damit?“, ist er verblüfft. „Ich habe ein bürokratisches Problem. Mag der Mann sein wie er gestern war, aber er erledigt seine Arbeit immer sofort.
Natürlich hat er am Mittwoch gleich eine Meldung wegen einer Küchenhilfe gemacht und nun muss ich dich abrechnen, ob ich will oder nicht. Ansonsten geht’s als Schwarzarbeit durch. Für Aushilfen ist sonntags immer Zahltag. Willst du es bar oder soll ich es überweisen?“, klingt sie selbst wie eine Chefin.
„Ich hatte nicht vor deinem Betrieb auf der Tasche zu liegen. Aber nun gut. Ich kenne das Problem. Italien hat sich da auch immer so streng.
Leg das Geld in eure Trinkgeldkasse. Du hast ein tolles Team hier.“, lächelt er überzeugt.
Sie lächelt. „Danke dir. Willst du es nicht wenigstens für deine Geschwister mitnehmen? Jugendliche können immer Taschengeld gebrauchen.“
„Alles gut, die haben genug.“ Sie nickt, nimmt die Summe aus der Bargeldkasse und steckt es in das Sparschwein, welches auf dem Tisch steht.
„Wie alt ist er eigentlich? Er wirkt deutlich älter als wir.“, wechselt Kojiro plötzlich das Thema.
„Wer?“, wundert sich Tina.
„Martin.“
„Er ist 30, wieso? Ist doch egal.
Er hat in Rostock studiert und wollte sich schon immer im Kampfsport gut ausbilden lassen, dann bot sich das an, dass wir hierherzogen und meine Eltern nahmen ihn quasi mit. So stand ich dann nicht ganz ohne Freund da.
Deswegen ist er hier. Er hat schon von Kindesbeinen auf Aikido gemacht. Die Zeit hier hat er sich dann in Richtung Karate ausbilden lassen und im Studio als Sportwissenschaftler gejobbt.“
„Sportwissenschaften? Tsubasa studiert das auch.“
„Ich weiß, denn Martin war es, der es ihm empfohlen hat.“
„Verstehe, schon 30.“, schaut er nachdenklich.
‚Das ist ein großer Altersunterschied. Sieben Jahre.‘ Ihm fällt in dem Moment auf, dass es derselbe Altersunterschied ist wie bei seiner Schwester und diesem Widerling Yosuke.
Tina beobachtet seinen nachdenklichen Blick. Zwar kennen sie sich noch nicht so lange, aber den einen oder anderen Gesichtsausdruck kann sie bereits deuten.
„Kojiro? Ich hoffe du denkst jetzt nicht über das nach, was ich vermute?“, äußert sie ernst und sieht angespannt zu ihm auf. ‚Oha. Das war ein Eigentor. Wie komme ich da jetzt wieder raus?‘, bemerkt er seinen Fehler selbst.
„Tut mir leid, so war das nicht gemeint.“, versucht er zu entschärfen. Plötzlich zerbricht der Kugelschreiber in Tinas rechter Hand. Kojiro ist verblüfft. Er hat definitiv einen wunden Punkt angesprochen. Dass sie so derart darauf reagiert hat er nicht vermutet. Das lag auch nicht in seiner Absicht. Dann steht sie auf und geht zu ihm, bleibt direkt vor ihm stehen und schaut streng zu ihm auf.
Ihr Herz rast vor Anspannung. Dann atmet sie tief durch.
„Ich weiß, dass du heute Vormittag einen sehr aufregenden Tag hattest und mit den Gedanken woanders bist, aber…“ Sie nimmt seine Hand, hält sie mit beiden Händen fest und sieht ihm tief in die Augen.
„Tu das bitte nie wieder!
Vergleiche mich nie wieder mit deiner Schwester! Ich war kein Kind mehr!“
Er berührt mit seiner rechten Hand ihre Schulter. ‚Dieser Blick.‘
„Bitte entschuldige, ich bin noch zu angespannt wegen der Sache. Das war ein blöder Gedanke. Du hast Recht. Er hätte dir nie weh getan.“, ist er fest überzeugt und wundert sich selbst über seine seltsamen Zweifel, nur weil es einen großen Altersunterschied gibt.
‚Ach Kojiro. Es tut weh, dass du das was zwischen Martin und mir war in Frage gestellt hast. Nach einem Tag wie heute kann ich es sogar verstehen.‘ Ihre linke Hand lässt seine los und greift langsam hinter seinen Rücken, fasst die Bürotür an, klinkt sie zu und dreht den Schlüssel um.
‚Was hat sie vor? Manchmal verstehe ich nicht was in ihr vorgeht.‘, ist er verwundert.
„Du musst mir was versprechen und ich werde es dir ebenso versprechen!“
Er nickt und greift ihre rechte Hand nun richtig und hält sie fest. „Okay!“ Sein Herz rast, was kommt denn nun?
„Ich werde dir nur noch einmal was zu dem Thema sagen und dann fragst du mich nie wieder jemals etwas über die Männer VOR DIR. Ich frage dich auch niemals über die Frauen vor mir.
Wenn du von dir aus, reden willst okay, aber ich frage nicht nach. Kannst du mir das versprechen?“
Es herrscht plötzlich eine seltsame Anspannung zwischen ihnen. Er nickt. „Das kann ich.“
Sie atmet ganz tief durch.
„Ich habe dir neulich nicht die ganze Geschichte erzählt.
Damals in Hamburg war ich in einen gleichaltrigen Jungen verliebt. Charly.
Es dauerte sehr lange bis wir uns fanden. Die Umstände waren knifflig.
Du musst nur folgendes wissen.
Seit Stephans Tod konnte ich ihm nicht mehr in die Augen sehen und habe mich auch leider nie von ihm verabschiedet. Es ging damals alles so schnell und als ich mich verabschieden wollte…hatte er natürlich sein Fußballtrikot an. Da konnte ich es nicht.
Und…seitdem haben wir uns nie wieder gesehen. Er weiß auch nicht wo ich bin.
Nun kommst du ins Spiel.“ Er schaut verwundert. ‚Tina, du erzählst mir von deiner Jugendliebe? War sie so bedeutend für dich, dass ich es wissen muss?‘
„Als wir uns begegnet sind und…uns näher kamen…und dann als du mich das erste Mal berührt hast...und dann geküsst hast…“ Sie atmet tief durch.
„Das war der erste Moment, als er weg war. Seitdem musste ich nie wieder an ihn denken, keine Minute mehr.
Deswegen erzähle ich es dir jetzt!
Martin ist ein wundervoller Mann, aber bei ihm…war er immer dabei. Ich konnte mich nie lösen.
Aber bei DIR! Bei dir ist er weg! Nicht nur die schlechten Erinnerungen an Stephan, nein, auch die Gefühle zu Charly.“
Ihre feuchten Augen sehen ihn verliebt an.
„Kojiro, weißt du was ich damit sagen will?
Seit du in meinem Leben bist, ist er weg. Ich kann endlich loslassen, kann plötzlich durchschlafen und verliere meine Angst. Alles nur durch dich.
Wenn wir uns nah sind…kann ich an nichts anderes denken als an dich. Nur an dich und an gar nichts.“
Sie nimmt seine rechte Hand und führt sie zu ihrem Gesicht und schließt die Augen verträumt.
„Wenn du mich berührst und ich die Augen schließe…sehe ich nur dich, dein liebevolles Lächeln und ich spüre deine Wärme, deine Zärtlichkeiten und ich kann nicht einmal jetzt aufhören daran zu denken wie schön es ist…wie unbeschreiblich und intensiv das zwischen uns ist.“ Plötzlich spürt sie seine linke Hand am Rücken und seine Finger auf den Lippen. Die unbeschreibliche Wärme von der sie redet ist zu fühlen. „Pst. Ich verstehe. Ich fühle doch auch so.“
Er drückt sie fest an sich und küsst sie leidenschaftlich.
Etwa eine halbe Stunde später klopft es wieder an ihrer Bürotür.
„Tina Liebes. Wie war dein Tag?“, kommt Martin herein. „Mist!“, flucht sie vor sich hin. „Der PC muss ne Meise haben.“ Erst dann schaut sie zu ihm auf.
„Hi. Komischer Tag sage ich dir. Jedes Mal, wenn ich die Monatsabrechnung
durchgehe komme ich auf ein total falsches Ergebnis. Ich kann mich doch nicht
ständig verrechnet haben. Magst du mal nachschauen? Du kannst das doch.“
„Klar. Dann kann ich dir gleich erzählen was heute Aufregendes passiert ist.“
„Danke.“ Sie steht auf und lässt Martin an den Computer. „Dein neuer Freund Kojiro war heute Morgen bei mir im Studio.“, beginnt er.
„Ja ich weiß.“, äußert sie nur und setzt sich auf den Stuhl.
„Du weißt es schon? Da war was los, kann ich dir sagen. Bei uns kommt regelmäßig so ein Typ vorbei, noch Student und den hat er sich vorgeknöpft.“
„In wie fern?“, ist sie skeptisch. „Er behauptete, dass er sich an seiner Schwester vergriffen haben soll. Er hat die Polizei gerufen. Was meinst du, ob da was dran war?“
„Natürlich. Er hat mich gestern Nacht extra angerufen und um Rat gefragt. Er wusste nicht was er machen sollte. Wieso glaubst du ihm nicht?
Und was bitte heißt „Vorgeknöpft“?“, wundert sie sich eher.
„Naja, ist wohl das falsche Wort dafür. Er hat ihn nicht angerührt.
Ich muss auch tatsächlich sagen, dass man gemerkt hat, dass er Profi ist. Ich dachte nach unserer ersten Begegnung er sei sehr impulsiv und könnte sich nicht beherrschen oder neigt dazu cholerisch oder jähzornig zu sein.
Er war sehr beherrscht in so einer angespannten Situation. Während wir auf die Polizei gewartet haben hielt er Abstand zu dem Kerl und hielt meinen Handgriff die ganze Zeit fest, ohne Pause. Statt ihm ist mir die Hand ausgerutscht. Du weißt was ich von solchen Kerlen halte, die sich über Kinder her machen.“
Tina sieht ihn entsetzt an. „Wie meinst du das? Ich denke, dieser Typ hat sie nur geküsst. Er sagte mir am Telefon, er habe sie geküsst wie eine Frau und sie wolle dies nicht, da sie einen Gleichaltrigen Jungen möge.“
Martin schaut auf zu ihr.
„Dann hat er dir nicht alles gesagt. Das schien wohl schon etwas weiter gegangen zu sein. Er hat ihn nicht nur wegen Belästigung, sondern wegen Verführung Minderjähriger angezeigt. Da ist wohl mehr vorgefallen.“
Ihr Puls steigt plötzlich an. Und sie setzt sich an den Tisch. „Und ich habe ihn vorhin so angemacht. Jetzt verstehe ich auch wieso er so eine blöde Bemerkung gemacht hat.“
Martin schaut zu ihr. „War er heute schon hier?“
Sie nickt nur. „Sag bloß ihr hattet euren ersten Streit?“, grinst er.
„Das war nicht lustig! Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich ihm nicht sowas an den Kopf geworfen. Zumindest hätte ich es anders ausgedrückt.“, meint sie nur verärgert.
„Worum ging es denn? Was hast du denn gesagt?“, ist er neugierig.
„Er hat nebenbei nach deinem Alter gefragt. Und dann habe ich ihm klar gemacht, dass er mich nicht mit seiner Schwester vergleichen soll, weil ich schon erwachsen war.
Du weißt, dass ich auf dieses Thema nicht gut zu sprechen bin und dann kam das von ihm. Das tat weh.“, berichtet sie und vergräbt sich hinter ihren Armen auf dem Tisch.
„Verstehe. Ich kann mich noch an den Medienrummel erinnern. Das war dein erster Skandal, ein Mann an deiner Seite, der 7 Jahre älter ist. Die dachten alle schon wir wären vorher auch zusammen gewesen. In Deutschland hätte kein Hahn danach gekräht solange du 18 bist, aber hier ist es so. Vor allem weil du plötzlich so in den Medien präsent warst. Jeder wollte was schreiben, egal was es war.“, versucht er sie zu beruhigen und weiß genau wie sie sich fühlt.
‚Mein lieber Kojiro, ich habe überreagiert. Ich muss mich unbedingt bei dir entschuldigen. Zwar sind wir vorhin nicht im Streit auseinandergegangen, aber meine Reaktion war trotzdem falsch. Du konntest ja auch nicht wissen wieso ich darauf so extrem reagiert habe.‘
„Zum Thema Medien; Du weißt schon wer Kojiro wirklich ist? Du hattest mir nebenbei nur was von Baseballer gesagt. Ich habe da heute eher was anderes gehört.“
Tina schaut auf.
„Ja, ich weiß, dass er mit Genzo und Tsubasa im selben Team ist. Er hats mir gesagt, als ich ihm von Stephan erzählt habe.“, reagiert sie noch etwas nachdenklich.
„Ich wunderte mich nur, ein Fußballer, und du erzählst ihm sogar von deinem Bruder. Dir muss es sehr ernst mit ihm sein?“
„Das ist es!“, meint sie nur ernst und sieht ihm dabei in die Augen.
„Wenn euch beiden das ernst ist, dann solltet ihr euch Gedanken machen wie das weitergehen soll. So eine Fernbeziehung ist ne schwere Kiste.
Und wenn die Presse erst was mitbekommt, dann müsst ihr beide dadurch, nicht nur du.“, bemerkt er nur und steht entschlossen auf.
„Dein Ergebnis ist völlig richtig. Ich weiß nicht was Herr Satsujinsha anders gerechnet hat. Vielleicht hat er nur eine Rechnung vergessen in die Unterlagen zu legen.“, spricht er ein anderes Thema an.
Die Uhr schlägt 15 Uhr als Kojiro etwas später erneut an die Bürotür klopft. „Martin schickt mich. Du wolltest nochmal mit mir reden?“, bleibt er im Türrahmen stehen und schaut nachdenklich zu ihr an den Schreibtisch. Tina schaut auf und lächelt ihn an.
„Oh, ich dachte du bist schon nach Hause. Was hast du denn die ganze Zeit gemacht? Du sollst doch nicht mehr hier arbeiten.
Ja ich wollte gerne nochmal mit dir reden.“, ist sie erfreut.
„Ich habe Fane im Getränkelager geholfen, wenn ich da bin, muss sie das ja nicht alleine machen und dann habe ich mit Roland die Bäckerei für heute Nacht bestückt. Er sagte in der Nacht von Sonntag auf Montag kommt der Bäcker und macht den Wochenbedarf an Kleingebäck für das Kaffeegeschäft und die Verkaufstütchen fertig. Du hast echt viel Personal.“, berichtet er.
Sie schmunzelt. „Stimmt, die Bäckerei war das Einzige wo ich niemanden mehr hatte. Das war der Job meines Vaters hier. Er hat hier nicht als Anwalt gearbeitet, sondern kümmerte sich um die Backstube. So haben sich meine Eltern kennengelernt. Als Student hatte er nicht viel Geld und hat nachts in einer Bäckerei gearbeitet. Da lernten sie sich dann kennen. Mama war die Tochter des Hauses. Voll romantisch.“
Über Kojiros Gesicht huscht ein Lächeln. „Verstehe.“ „Naja und dann habe ich den Bäcker eingestellt, damit wenigstens die Kekse neben dem Brot im Angebot bleiben können. Das Brot backen Roland und ich je nach Bedarf. Kuchen machen wir auch mal für Gesellschaften und Torten bestellen wir dann aber bei einem richtigen Konditor, der auch nach unseren Rezepten backen kann.“
„Worüber wolltest du denn mit mir reden?“, kommt er zum Thema zurück.
„Ich würde gerne mit dir spazieren gehen. Etwas frische Luft schnappen.“, meint sie nur liebevoll, schaltet den PC aus und steht auf.
‚Spazieren gehen?‘, wundert er sich. „An sich gerne, aber bist du sicher, dass wir uns schon mitten am Tag zusammen draußen sehen lassen sollten? Die U-Bahnfahrten sind schon riskant genug.“, versucht er sicher zu gehen.
„Keine Angst, ich kenne eine nette ruhige Ecke im Park. Du kannst gerne deine Kapuze nutzen, wenn es dir vorerst lieber ist. Das was ich dir erzählen will sollte auf neutralen Boden sein, das ist besser als hier.“, meint sie nur liebevoll.
„Okay, du machst mich wirklich neugierig.“, lächelt er.
„Wir treffen uns in 10 Minuten am Hintereingang. Ich will mich noch fix umziehen.“
Zehn Minuten später steht Kojiro schon vor der Tür. Tina kommt im gepunkteten roten kurzen Sommerkleid aus dem Umkleideraum. Ihre Haare sind hochgesteckt und sie trägt eine Kette mit einem kleinen silbernen Anhänger in Form eines Krebses um den Hals. Mit weißer Handtasche und schlichten weißen Pumps kommt sie auf ihn zu. ‚Wie schön sie ist. Und dieses bezaubernde Lächeln.
Aber will sie wirklich schon riskieren, dass wir zusammen gesehen werden?‘
„Oh, keine Kapuze? Du bist ja mutig.“, lächelt sie. „Ich denke das Basecap reicht. Und wenn es so ist, dann ist es so. Hauptsache es stört dich nicht.“, meint er überzeugt und lächelt zurück.
„Ich kann damit umgehen. Keine Sorge. Und wenn dich zwanzig schöne Frauen umschwärmen und Autogramme und Fotos wollen, egal…ich genieße und weiß, dass sie dich nicht bekommen.“, grinst sie und fasst seinen Arm und hakelt sich ein, als wenn sie in Europa wären und dort ohne böse Blicke händchenhaltend spazieren gehen würden. Dann schaut sie verliebt zu ihm auf. „So würden wir in Europa spazieren gehen können. Speichere das heute ein und versuche es dir vorzustellen, okay?“ Sein Herz klopft wie wild. ‚Tina…so stellst du es dir vor? So intim würdest du mit mir wirklich rausgehen? Vor allen Leuten? So sehr liebst du mich?‘, stellt er verwundert fest. Er lächelt sie liebevoll an. „Das werde ich. Ich werde es genießen, auch wenn es nicht so ist.“, sagt er gefühlvoll und beugt sich zu ihr runter und gibt ihr einen kurzen sinnlichen Kuss.
Dann lassen sie sich wieder los und verschwinden aus der Personaltür.
Plötzlich geht ein Kichern durch die Küche. „Ist das romantisch…“, äußert Heidi total begeistert. Was die beiden nicht mitbekommen haben ist, dass die Tür zur Küche einen winzigen Spalt offenstand und neugierige Ohren dahinterstanden.
„Haben die jetzt ein Date?“, wirft Carsten ein. „Keine Ahnung, war glaube nicht geplant.“, meint Fane. „Na warten wir mal ab was daraus wird.“, meint Roland nur mit fester Stimme und ruft alle wieder an die Arbeit.
Ein leichter Windhauch zieht sich durch die schattigen Bäume im Park. Es sind fröhliche Kinderstimmen zu hören, wie sie auf einem großen Spielplatz rumtollen. Auf einer Bank nicht weit von ihnen entfernt sitzt das junge Paar.
„Ich komme gerne hier her. Die Bäume sind hier so hoch, dass sie richtig guten Schatten bei der Hitze bieten. Und die fröhlichen Kinder heitern mich jedes Mal auf, wenn ich nachdenklich bin.“
Dann holt sie die Zeitungsartikel aus ihrer Tasche, die sie zuvor noch aus dem Netz gezogen und ausgedruckt hat.
„Ich wollte dir was erzählen, Kojiro.“
Blickt sie zu ihm auf.
„Ich möchte dich um Entschuldigung bitten. Ich habe vorhin etwas überreagiert.“, versucht sie zu erklären.
Kojiro schaut sie verwundert an. „Es war eine unangemessene Frage. Ich habe mich bei dir zu entschuldigen.“, meint er nur.
„Nein, diesmal ich. Du hast mir heute Nacht scheinbar nicht alles gesagt was es damit auf sich hatte und wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich anders reagiert und dich nicht so angefahren.“
Er schaut nur weiter verwundert. „Ist schon gut.“, sagt er mit ruhigem Ton.
„Ich möchte dir zeigen wieso ich so reagiert habe. Es hat etwas mit der Presse zu tun. Die Medien sind oft schneller als man denken kann, das musste ich bereits erfahren. Deswegen möchte ich nur, dass du es verstehst.
Ich gehe davon aus, dass du bisher nichts über mich im Netz rausgesucht hast, sonst hättest du es gewusst und das Thema bei mir nicht angesprochen.
Ich habe ebenso bewusst nicht geschaut. Ich will mich nicht davon beeinflussen lassen. Aber wenn wir es wirklich ernst miteinander meinen, dann musst du es wissen, um dich im Notfall richtig zu verhalten.“
„Jetzt machst du es aber spannend. Was haben denn die Medien mit dir und Martin zu tun?“, wundert er sich.
Tina faltet die Blätter auseinander und gibt sie ihm zum Lesen. Dann lehnt sie sich zurück und schaut den Kindern beim Spielen zu.
Die ca. 18 Monate alten Artikel überschlagen sich.
„Die gelbe Tigerin mag große ältere Männer!“
„Fans fragen sich: Wie lange sind sie schon zusammen? War sie etwa noch minderjährig?“
„Bettina Fuchs stellt offen die japanische Kultur in Frage.“
Er faltet die Blätter wieder zusammen, ohne die Artikel zu lesen. Die Schlagzeilen reichen ihm.
‚Wie konnten die sowas nur schreiben und solche Behauptungen aufstellen?‘
Er lehnt sich zurück und versucht sich zu beruhigen.
„Medien können manchmal echt schlimme Lügen verbreiten. Tut mir leid, dass ich dich daran erinnert habe. Ich könnte mich ohrfeigen.“
„Du kannst nichts dafür. Woher solltest du es wissen. Aber ich kann dich beruhigen. Das war mein Skandal, sonst sollte sich da nix finden lassen.“, lacht sie ihn an. „Alles andere dreht sich nur um Sport, nicht um mein Privatleben.“
„Hm. Was meinst du würden die über uns schreiben?“, grinst er.
„Das kann ich dir genau sagen. Ich habe geahnt, dass du danach fragst. Du warst scheinbar lange nicht hier oder achtest nicht darauf, wenn was über dich geschrieben wird?“, grinst sie zurück und holt erneut einen Artikel aus der Tasche und gibt ihn ihm. Der Artikel ist gut 2 Jahre her und Kojiro grinst, als er es liest. „Wann werden sich die Tigerin und der Tiger jemals begegnen?“ Mit einem netten Bild eines Volleyballs, eines Fußballs und einem Tiger, der sehr ernst schaut.
„Die sind dann ja gut vorbereitet.“, meint er nur lächelnd.
„Cooles Bild, oder? Damals hat mir das nicht so gefallen, aber heute finde ich es toll. Es sollte also zwar Schlagzeilen machen, aber nicht im Skandal enden.“
„Wie hast du das beendet? Oder verlief sich dann alles im Sand?“
Tina grinst. „Eine sehr gute Bekannte von mir hat mir einen guten Tipp gegeben den ich dann auf meine Art umgesetzt habe. Wenn du zuhause bist solltest du dir die Pressekonferenz dazu online ansehen. Es zu erklären ist schwierig.“
Sie steht auf. „Möchtest du ein Eis oder eine Waffel?“
„Gerne eine Waffel. Ohne was dazu.“ Tina geht zum Waffelstand und stellt sich an die lange Schlange an. Derweil beobachtet sie die Blätter in den Bäumen und stellt sich vor wie es wäre, wenn sie Kojiro ihrer Familie in ihrer Heimat vorstellen würde. Wie würden sie auf ihn reagieren? Sie würden ihn bestimmt mögen, so nett und hilfsbereit er ist.
Bis sie ihre Waffeln bekommen hat vergehen gut 10 Minuten und dann macht sie sich auf dem Weg zurück.
Tina staunt nicht schlecht als sie Kojiro in mitten von einer Kinderschar beobachten kann. Sie wollen alle Autogramme und Fotos mit ihm machen.
Eines der Kleinkinder versucht immer auf ihn rauf zu klettern und er hilft dann plötzlich nach und prompt sitzt es auf seiner Schulter. Der kleine Junge freut sich so sehr, dass er Tina eine Träne entlockt. Kojiros glückliches Lächeln nach so einem ereignisreichen Tag ist das schönste was sie sich für ihn vorstellen kann.
‚Ich hoffe das gleicht den doofen Tag heute aus und bringt dich wieder auf andere Gedanken. Du bist ein wundervoller Mensch und würdest meiner Familie bestimmt gefallen.‘
Etwa eine halbe Stunde später kommt er zur Bank zurück.
„Na das nenne ich einen Überfall. Diese Racker. Die Kinder lieben dich.“, lächelt sie ihn an und reicht ihm die Waffel am Spieß.
Er grinst. „Ja, und ich weiß gar nicht wieso. Ich bin sonst eher die Spaßbremse im Team.“, lacht er.
„Kinder spüren es, sie spüren, wenn jemand so kinderlieb ist wie du.“
Er lächelt sie an. „Lass uns lieber gehen, damit sie nicht nochmal herkommen.“ Sie nickt und somit gehen beide weiter.
Unter einem kleinen Baum beginnt Tina erneut ein Gespräch. „Habe ich dir schon erzählt, dass ich nur noch zwei Tage Berufsschule habe und danach Urlaub?“, berichtet sie freudig.
„Das klingt doch super.“, äußert er erfreut.
Kojiro bleibt stehen und sieht ihr etwas angespannt in die Augen. „Bettina, ich bitte dich hiermit offiziell um ein Date.“, ist er froh, dass er diese schwierige Sache gewagt hat. Er hat noch nie nach einem Date gefragt. Bisher hat er eher einem Date zugestimmt.
Tina lächelt zurück. „Also bei so viel Charm kann ich doch nicht ablehnen. Hast du schon eine Idee?“
„Ich dachte da an den Zoo. Wäre das was für dich?“
„Ich liebe den Zoo. Dann kann ich endlich wieder mein Patentier besuchen.“ Sie sieht zu ihm auf. „Kojiro? Was ist mit deinem Training? Kannst du denn einfach einen Tag frei machen?“
„Eigentlich haben wir alle Urlaub. Wir müssen nicht hier sein. Wir sind tatsächlich untereinander noch befreundet. Also jeder hat irgendwie seine Freunde im Team und so sehen wir uns wenigstens einmal im Jahr. Meine besten Freunde sind im Team. Die sehe ich sehr selten.“, erklärt er freudig.
„Das hört sich wirklich schön an. Ihr könnt euch alle glücklich schätzen, dass euch das trotzt Rivalität nie verloren gegangen ist.“, lächelt sie glücklich.
Er nickt. „Wie wäre es gleich am Mittwoch? Ich hole dich morgens ab und dann fahren wir hin.“
„So richtig offiziell? Ganz ohne Basecap und Kapuze?“, hinterfragt sie verdutzt. „Wenn du es willst. Du sagst selbst, die Medien sind schneller als man denken kann. Besser wir sind vorbereitet und sie schreiben was wir wollen.“
Plötzlich macht Tina einen Rückzieher.
„Kojiro, so sehr ich es auch wollte, aber ich glaube das ist etwas zu früh.
Also ich meine, wir sollten es zuerst unseren Familien mitteilen, bevor sie es aus der Presse erfahren, meinst du nicht?“
„Du hast Recht. Meine Mutter wollte dich sowieso schon einladen. Sie ist schon sehr neugierig.“, schmunzelt er.
Somit entschließen beide, dass der Zoo warten kann und Tina zuvor Kojiros Familie kennenlernt.
Das Geständnis 2024
Das Geständnis
Kapitel 25
Am Anfang steht Tina mit verweintem Gesicht vor einem japanischen Jungen. Er ist fünfzehn Jahre alt und fast einen Kopf größer als sie.
„Ich wünsche dir alles Gute in Japan. Grüße mir bitte jeden Nationalspieler, den du begegnen solltest von mir.“
Er lächelt und nimmt sie in tiefster Freundschaft in die Arme, um sich zu verabschieden.
„Ach Genzo, ich werde dich vermissen. Und ganz besonders…Charly.“, redet sie ganz leise, sodass es ihre Eltern nicht hören können.
„Mach dir um ihn keine Gedanken. Er wird seinen Weg gehen. Du musst jetzt stark sein und einen Neuanfang machen. Das schaffst du.“
Auch Tinas Eltern verabschieden sich von Genzo und bedanken sich nochmals für seine Unterstützung.
Mit einem Winken am S-Bahn-Fenster entfernen sie sich langsam und Familie Fuchs verschwindet im Tunnel.
Eine Weile ist es ganz dunkel um Tina herum. Dann plötzlich findet sie sich auf dem Hamburger Flughafen wieder. Die Nippon Airline ist gerade gelandet und im Terminal wird es unruhig.
Einige Reporter stehen bereit und machen Fotos von den Jugendlichen Japanern, die bekleidet mit Hemd, langer Hose und Krawatte angeheitert in ihre Richtung kommen. ‚Ob das die japanische Nationalmannschaft ist? Genzo sagte ja, dass die mit meinem Flieger kommen würden.‘, geht Tina durch den Kopf. Sie betrachtet jeden einzelnen Jungen und ihr fällt ein etwas größerer und kräftigerer mit Kapitänsbinde auf. Er hat seine Ärmel hochgekrempelt.
„Ohzora, Tsubasa Ohzora!“, ruft sie aufgeregt durch die Menschenmenge. Die Japaner bleiben verblüfft stehen und sehen überrascht zu ihr. ‚Habe ich eben Tsubasas Namen gehört?‘, ist der Junge mit der Kapitänsbinde irritiert. Tina geht zögernd auf den Kapitän zu. Ihre Blicke weichen nicht aus. ‚Wer ist das Mädchen? Weiß sie etwa wer wir sind? Sie ist hübsch.‘
„Konnichiwa, willkommen in Deutschland.“
Sie reicht ihm die Hand und versucht ihr stammelndes Japanisch. Er entgegnet mit einem: „Äh. Hi, du kannst Japanisch?“ und gibt ihr die Hand.
„Etwas, ich übe noch.“, meint sie nur kurz. ‚Wow kräftiger Händedruck.‘, fällt dem Jungen auf.
Der Jugendliche ist verblüfft. Ein Mädchen mit so kräftigem Händedruck ist ihm noch nie begegnet.
Sie sehen sich in die Augen. ‚Wow, da steckt eindeutig Feuer im Herzen.‘, geht durch beide Köpfe.
„Liebe Grüße von Wakabayashi. Ich wünsche dir viel Glück, Ohzora.“, lächelt sie. Verdutzt zieht er seine Hand zurück. „Wakabayashi?“, äußert er nur kurz und setzt ein ernstes Gesicht auf.
Plötzlich kann Tina in ihrem Unterbewusstsein das erste Mal das Gesicht des Japaners von damals genau erkennen. In ihrer Erinnerung sahen die Jungs alle gleich aus, da sie zuvor nie Fotos von ihnen gesehen hatte, als sie am Flughafen stand. Aber jetzt, jetzt kann sie eindeutig Kojiro erkennen. Seine wilde Mähne, sein aufrichtiges Auftreten und seine Art, die Ärmel hochzukrempeln. Der Japaner, den sie fälschlicherweise für Tsubasa hielt war Kojiro. Kojiro Hyuga.
Mit Schweißperlen auf der Stirn wacht sie auf. „Ein Traum! Ein seltsamer Traum.“, stellt sie erleichtert fest. Sie schreckt auf und stößt mit dem Arm gegen den Monitor. Sie war bei der Arbeit zu Hause im Arbeitszimmer eingeschlafen. Erst als sie realisiert wo sie ist und auf die Uhr schaut steht sie auf. ‚Meine Güte, schon 06:00 Uhr!‘ Dann verschwindet sie unter der Dusche. Während sie sich einseift, beginnt sie über den seltsamen Traum nachzudenken. Ihr kommt die Begegnung damals am Flughafen plötzlich vor als wäre es gestern gewesen. Zu der Zeit dachte sie, dass Tsubasa der Mannschaftskapitän war, aber Genzo erzählte ihr dann später, dass Tsubasa erst später nachkam und stattdessen ein Junge namens Hyuga vorerst an seiner Stelle Kapitän wurde.
Das Wasser prasselt auf sie herab und ihr kommen die zärtlichen Berührungen des letzten Abends in den Sinn. Langsam fährt sie mit den Händen über ihren Körper. Die Vorstellung alleine, Kojiro würde jetzt bei ihr sein, sie berühren, küssen und das warme Wasser würde über ihre Körper fließen, lässt sie nicht zweifeln an seiner Liebe. ‚Kojiro…du machst mich verrückt. Du bist so zärtlich und wild zugleich. Nur bei dir fühle ich mich frei, frei von damals, frei von heute, frei von allem dieser Welt. Das muss Liebe sein, wahre Liebe. Kaum sehe ich dich nicht vermiss ich dich so sehr, dass sich gefühlt meine Brust zuschnürt. Dieser Abend war wieder so unwirklich. Bitte komme ganz schnell wieder zu mir, es ist auf einmal so seltsam alles ohne dich.‘
Es ist gut zwei Stunden her und in der Turnhalle der Berufsschule ist bereits reges Treiben angesagt.
Während die Schülerinnen und Schüler der Restaurantfachklasse ihrem Basketball und Volleyball Spielen nachgehen treffen drei Männer oberhalb der Zuschauertribüne ein. Sie sehen auf die Spielfelder herab. „Ich bleibe vorerst hier oben.“, verlautet Kojiro ernst und entfernt sich von Ken und Herrn Mikami.
Er stellt sich in die schattigste Ecke, um nicht gesehen zu werden und beobachtet interessiert das Volleyballspiel.
‚Bettina, jetzt kann ich dich das erst Mal spielen sehen. Du siehst wie immer umwerfend aus.
Denk dran, egal was passiert, ich bin bei dir.‘
Auf dem Volleyballfeld geht es gut zur Sache. Yoko und Tina scheuchen die Mädels wieder gut durch die Gegend und liefern sich gegenseitig ein nettes Spiel.
Plötzlich meckert eines der Mädels los. „Hey ihr zwei Superstars, könnt ihr wieder einen Gang runterdrehen? Wir kommen nicht mit.“
„Oh ja sorry, war keine Absicht.“, meint Yoko und fängt den Ball auf.
Tina ist etwas angespannt und bemerkte nicht, dass sie immer schneller und stärker als üblich spielte. ‚Was meinte Kojiro gestern nur, dass ich heute daran denken muss, egal was kommt, er sei bei mir?‘, geht durch Tinas Kopf.
Dann fangen plötzlich alle an zu tuscheln.
Yoko geht zu Tina rüber aufs Feld. „Hey, schau mal. Wer sind die zwei? Ist der nicht sexy?“, flüstert sie ihr zu und deutet natürlich auf den jüngeren größeren Mann der beiden.
Bei den jungen Männern stehen Ken und Trainer Mikami. Sie unterhalten sich mit Shinichi. Sie stehen mit dem Rücken zu ihr. ‚Die kommen mir beide bekannt vor.‘, denkt Tina.
Dann plötzlich drehen sie sich beide um zu ihnen und Shinichi zeigt direkt auf sie.
„Sehen Sie? Der Keeper war sie, Bettina. Sie ist Profivolleyballerin, vielleicht konnte sie deswegen parieren. Sie ist wirklich sehr stark in ihrem Sport.“, erklärt dieser stolz. Shinichi mag Tina, seit dem Vorfall schätzt er ihr Können als Sportlerin mehr als zuvor.
Tinas Puls steigt an. „Trainer!“, stößt sie unbedacht leise aus. ‚Was meint sie denn mit „Trainer?“.‘, wundert sich Yoko.
‚Tina, du bist hier? So ist das. Ich glaube Kojiro hat es geahnt und wollte deswegen mitkommen und im Hintergrund bleiben. Aber Genzo? Er hat freiwillig verzichtet, seltsam. Ob er es vermeiden wollte, dass sie sich sehen?‘, stellt Ken verblüfft fest.
Während Herr Mikami und Ken langsam auf Tina zugehen betritt ein weiterer Mann die Tribüne im obersten Rang und setzt sich mit heruntergezogenem Basecap auf einen Stuhl.
‚Jetzt bin ich gespannt. Was wirst du tun? Tina, ich musste die Begegnung meiden, aber im Notfall bin ich da und greife ein.‘, Genzo wundert sich, dass nur Ken und sein Trainer zu sehen sind. Herr Mikami ist seit seiner Kindheit immer an seiner Seite gewesen. Genzo Wakabayashi, welcher aus einem sehr wohlhabenden reichen Haushalt stammt und immer alle seine Wünsche von seinen Eltern erfüllt bekam. Als kleiner Junge entdeckte er den Sport für sich und hat sich vorgenommen der beste Keeper der Welt zu werden. Nie kam es ihm in den Sinn sich nachsagen lassen zu wollen, dass er nur „Sohn“ ist. Er war klug, nutzte die familiäre Situation und ließ sich von seinen Eltern einen Profi-Trainer bezahlen, der ihn seit der Grundschulzeit jeden Tag auf dem Privatgrundstück ausbildete und trainierte. Leider hatten die Eltern zu viel Angst ihn in die offenen Schulen zu schicken oder gar in normale Clubs. So musste er nur in einer Privatschule im Club spielen, aber statt mit seinen Kameraden nach dem Training Zeit zu verbringen verbrachte er jeden Tag mit seinem Trainer. Er war ihm mehr Vater und Freund als sein eigener, aber es störte ihm nicht, denn er hatte ein Ziel vor Augen. Und heute…heute ist er so weit oben in der Rangliste der Keeper, dass er seinen Eltern mehr als nur dankbar ist, dass er seinen eigenen Weg finden durfte. Er war kein verwöhnter reicher Junge, sondern fand einen Weg mit viel Schweiß, Schmerzen und Ehrgeiz sein Lebensziel zu erreichen.
‚Nanu? Wo ist Hyuga? Er wollte doch unbedingt anstelle von Tsubasa mitgehen. Wieso eigentlich? Er interessiert sich sonst nie für solche Art von Arbeit. Und nun ist er gar nicht hier?‘
„Yoko, den Ball bitte.“, fordert Tina angespannt und ernst ihre Freundin auf, ihr den Ball zu geben. ‚Was hat sie auf einmal? So reagiert sie sonst nur, wenn sie ihren stärksten Gegnern gegenübersteht.‘, wundert sich diese.
Yoko kennt Tina schon seitdem sie hergezogen ist. Gut sieben Jahre kennen sich die beiden. Als Tina in ihre Klasse kam gab es ständig Ärger. Mit den Mädchen kam Tina überhaupt nicht klar und die Jungs wollten nichts mit ihr zu tun haben. Eine Ausländerin, und dann so groß und kräftig. Nein, sie bevorzugten lieber die zarten feinen Mädchen, die zurückhaltend sind. Tina aber ließ sich nichts bieten. Nur mit den Mädchen, mit ihnen hatte sie mehr Probleme. Dann bot Yoko ihr an ins Volleyballteam zu kommen, da sie bemerkte, dass sie einen Ausgleich zum Alltag brauchte. Tina willigte ein und ab da an sahen sie sich jeden Tag. Die Probleme mit den Mädchen zog sich auch ins Team durch, aber durch ihren Ehrgeiz, ihre Ausdauert und Verständnis für Teamgeist schaffte sie es nicht nur im Team, sondern auch in der Schule akzeptiert zu werden. Nur durch ihren Stolz und Loyalität zu den Mädels rettete sie das Team, welches kurz vor dem Zerbrechen stand. Mittlerweise sind sie, Yako, die damalige Kapitänin, und Tina die Mädels von damals, noch immer zusammen und spielen im Tokio-Team wie auch im Nationalteam.
Die Klassenkameradinnen sind alle aus dem Häuschen und erkennen Ken natürlich. „Wahnsinn, was macht Wakashimazu bei uns? Das ist doch unser Keeper der Tokio Mannschaft und zweiter im Tor Japans.“
‚Wakashimazu? Das ist dieser Ken Wakashimazu? Er wirkt so sympathisch und anziehend, ganz anders als in den Medien.‘, wundert sich Yoko, als sie ihn betrachtet.
‚Wer ist diese Schönheit neben Tina?‘
Plötzlich treffen sich ihre Blicke. Beider Herzen fangen plötzlich an schneller zu schlagen. Niemand bekommt es mit, wie sie sich mustern und in die Augen sehen. Die Anspannung in der Halle ist zu groß, als dass es jemand mitbekommt.
Tina schaut neugierig zur Tribüne. ‚Das hat er gemeint. Er wusste sicher, dass sie kommen. Bist du jetzt hier, Kojiro? Sie sind sicher wegen Shinichi hier. Ich hätte ihn lieber gewinnen lassen sollen. Aber das konnte ich doch den Mädels nicht antun.‘
In diesem Augenblick stehen der Lehrer, Mikami und Ken vor ihr. Herr Mikami mustert sie. ‚Diese Ausländerin war der Keeper? Wie konnte sie die Bälle halten und wer ist sie? Sie kommt mir bekannt vor.‘, geht durch Mikamis Kopf.
Tina sieht ihm in die Augen. Wie vertraut sie ihr noch sind. In der Zeit in Hamburg hat sie jeden Tag mit diesem Mann verbracht und was war er für ein guter Trainer, als er damals mit Genzo ins Team kam. Sie hat unendlich viel von ihm und Genzo gelernt. Ein Topp Mann auf seinem Gebiet und immer mit viel Herzblut bei der Sache die besten Keeper auszubilden.
Unterdessen bewegt sich Kojiro langsam an der Wand entlang, um im Schatten zu bleiben und setzt sich dann einen Stuhl weiter neben Genzo. Nach hinten gelehnt und die Arme verschränkt beobachtet er die Szene am Spielfeldrand.
Genzo ist etwas verwundert und spricht ihn genervt an. Die Rivalität zwischen beiden ist noch immer deutlich zu spüren und baut eine sehr hohe Spannung zwischen ihnen auf.
„Wieso bist du nicht da unten? Du wolltest doch unbedingt herkommen.“
„Wieso bist du denn hier? Du hast abgelehnt.“, kontert er mit ernster Stimme.
„Das geht dich nichts an.“
Genau in diesem Moment blickt Tina zur Tribüne und kann die Umrisse der beiden deuten. ‚Tatsächlich, er hat seine Kapuze auf und wer ist das neben ihm?‘ Sie grinst. ‚Bestimmt Genzo, dieser Ganove, hat sich noch gar nicht bei mir gemeldet.
Nun gut. Da komme ich jetzt nicht mehr heile raus.‘
Sie blickt zu Ken. „Hi, Ken.“, spricht sie ihn freundlich an um etwas Anspannung zu lösen.
„Ihr kennt euch?“, wundern sich alle, aber Herr Mikami spricht es aus. Ken antwortet etwas verunsichert, aber ernst. „Wir sind Nachbarn.“
„Genau.“, bestätigt Tina nur.
Herr Mikami spricht sie an. „Nun, wenn ich mich vorstellen darf; Mein Name ist Mikami, ich bin einer der Nationaltrainer unseres Fußballnationalteams. Ich bin für das Training der Keeper und Stürmer zuständig. Eigentlich hatte ich gedacht auf einen Mann zu treffen, als mir zu Ohren kam, dass jemand Yamamotos Bälle gehalten haben soll.“, versucht er zu erklären und ist sehr freundlich. Tina atmet ganz tief durch und versucht ruhig zu bleiben. ‚Nun gut. Kojiro, Genzo…ihr gebt mir die nötige Kraft. Danke. Ich kann euch ganz nah bei mir spüren.‘
„Dann hat sich Ihr Besuch leider nicht gelohnt. Tut mir sehr leid.“, entgegnet sie freundlich zurück.
„Ich weiß wieso du hier bist.“, meint Kojiro plötzlich bestimmend zu Genzo. ‚Was meint er damit? Woher soll er das wissen?‘
„Quatsch. Ich bin privat hier. Das geht dich gar nichts an!“, mault er ihn an. Kojiro lässt sich nichts anmerken und bleibt bei seiner Ruhe. „Du bist hier um ihr beizustehen.“ Verdutzt blickt Genzo seinen Rivalen an.
Was haben sie beiden schon für unzählige Duelle ausgefochten? Wie oft standen sie sich auf dem Spielfeld gegenüber und kämpften bis zum Äußersten? Ebenso gemeinsam und als Team gegen die anderen Nationen. Immer kann man sich auf ihn verlassen, wenn er aufs Tor zielt. Seine Treffsicherheit gegen die anderen Keeper ist magisch und furchterregend, das weiß er und schätzt er auch. Aber…ihre erste Begegnung, noch aus Grundschulzeiten, die hängt ihm noch so tief in Erinnerung, dass er es nie verkraftet hat ihn voll und ganz zu vertrauen. Diese Überheblichkeit als Kojiro ihn herausforderte und behauptete er könne ihm, dem besten Keeper der Region, einen Ball von außerhalb des Strafraumes reindrücken. Nein, das konnte er nicht akzeptieren und dann…tatsächlich, er stand einem so starken Schuss gegenüber, dass er sich nicht regen konnte. Diese Schmach vor seinen Kameraden prägte sich so tief ein, dass er es nie überwunden hat. Aber, sein Stolz und diese prägende Erfahrung, besiegt worden zu sein, stachelte ihn nur noch mehr an. Er wusste in diesem Moment, dass er niemals der Beste sein könnte, wenn er nicht Bälle wie diese halten könnte.
Und nun? Nun weiß dieser Mann auf einmal wieso er hier ist. Kennt er seine beste Freundin etwa? Das kann nicht sein.
„Sie kommen mir bekannt vor. Sind wir uns schonmal begegnet? Wo haben Sie gelernt Bälle von einem Profi abzuwehren?“, spricht er offen aus was er denkt.
Tina versucht stark zu bleiben. „Ich bin Profivolleyballerin, mein Name ist Bettina, Bettina Fuchs und man nennt mich auch „Japans gelbe Tigerin“. Eventuell kennen Sie mich aus den Medien.“, antwortet sie ohne lügen zu müssen.
‚Fuchs? Das kann nicht sein. Bettina Fuchs also. Hieß nicht die Schwester von Stephan und Tino so? Tino hatte doch eine Zwillingsschwester. Jetzt wo ich sie genauer betrachte, ja, sie sieht ihm sehr ähnlich.
Aber dieser Name, „Gelbe Tigerin‘‘ sagt mir auch etwas.‘
„Volleyballerin also.“ Er dreht sich zu Ken. „Wieso sagt mir das was? Es klingelt was bei mir. Wieso Tigerin? Wir haben unseren Tiger. Wieso nennt sie sich so?“, stutzt er.
„Nicht ICH! Die Medien nennen mich so!“, faucht Tina plötzlich gereizt.
Ken zuckt innerlich etwas zusammen.
„Ja, den Namen gaben ihr die Medien während der Asienmeisterschaft. Ihre Schmetterbälle wurden mit dem Tigerschuss von Hyuga verglichen, deswegen die Tigerin.“, erklärt er und versucht ruhig zu bleiben.
„Das klingt interessant.“, grinst er und wendet sich an den Lehrer. „Hätten Sie ein Problem damit hier einen kleinen Vergleich austragen zu lassen?“
Der Lehrer schüttelt den Kopf aber wendet sich an Tina. „Was meinen Sie dazu?“
„Ich glaube kaum, dass ich hier jetzt noch was zu meinen habe. Scheinbar macht hier sowieso jeder was er will!“, murrt sie, klemmt den Ball unter den rechten Arm und dreht sich um.
Trainer Mikami hebt seine linke Hand. ‚Das Zeichen. Nun gut.‘, denkt Kojiro, erhebt sich und schaut kurz zu Genzo. „Wehe du mischt dich da ein! Wenn du meinen Plan ruinierst, dann wirst du nicht nur der Mannschaft schaden, sondern auch ihr!“, meint er ernst und mit beherrschender Stimme, so wie sie oft miteinander kommunizieren. ‚Hyuga, du kennst Tina? Woher?‘, ist er extrem überrascht. Genzo steht zornig auf, denn von IHM wird er sich sicher nichts sagen lassen. Er sieht ihn mit wütendem Blick an.
„Und…DANKE!“, fügt Kojiro dann plötzlich ernst aber ruhig hinzu und dreht sich von ihm weg. Dann macht er mit seiner rechten Hand eine Faust. Sein Verband ist deutlich zu sehen und dann dreht er sich wieder zu dem Keeper um und sieht ihm ernst in die Augen. Dem Mann, den er selbst ungern um sich hat, wie oft stehen sie sich auch heute in den Spielen auf dem europäischen Kontinent gegenüber und er muss akzeptieren, dass er den einen oder anderen Ball von ihm halten kann, so sehr er sich auch anstrengt. Ausgerechnet dieser arrogante Keeper ist der vertrauteste Freund seiner geliebten Bettina.
Aber auch er war es, der sie vor Schlimmerem bewahrt hat als sie ihren Bruder verlor.
„Danke dafür, dass du zur richtigen Zeit am richtigen Ort warst und ihr noch immer beistehst.“, äußert er plötzlich und entfernt sich dann, um aufs Spielfeld zu gehen.
Unterdessen steigt die Spannung neben dem Volleyballfeld enorm an. „Warten Sie, kennen Sie zwei Männer namens Stephan und Tino Fuchs?“, fragt Mikami plötzlich auf Deutsch und mit lauter Stimme. Tina bleibt stehen. ‚Ich möchte ihn ungern belügen. Ist heute der Tag, an dem ich es ihm sage? Ist das heute?‘
„Es ist der falsche Ort, um darüber zu reden.“, sagt sie dann auf Deutsch zurück.
‚Also tatsächlich. Sie ist es. Das ist die Schwester der beiden. Aber wieso ist sie hier in Japan?‘ „Wo sind die beiden? Warum sind sie einfach weggegangen?“, stellt er die entscheidende Frage in den Raum.
Tina huscht eine Träne über die Wange. Sie dreht sich zu ihm um und antwortet ehrlich. „Weil Stephan gestorben ist! Und Tino…ja den, den gab es nie.“
„Was soll das heißen? Tino gab es nie?“, ist er verwundert.
Tinas Puls steigt an und dann erblickt sie Kojiro, wie er die Treppe von der Tribüne herabschreitet. Aufrichtiger Gang, Kapuze noch runtergezogen, Hände in den Taschen und mit dem Blick streng nach vorne gerichtet. Erst unten angekommen und im Gehen zu ihnen nimmt er die Kapuze ab.
‚Bettina, sei jetzt stark und professionell. Heute darf es noch niemand wissen.
Du kannst das.‘, steigt auch sein Puls an. Ken reagiert darauf und stellt sich kurz so hin, dass Tina ihn sieht und gibt ihr ein kleines Zeichen indem er so tut als ob er sich die Haare aus dem Gesicht wischt, aber im selben Zug symbolisch den Finger vor den Mund hält und sofort wieder runternimmt, damit es niemand mitbekommt. ‚Ken, du willst mir was sagen. Okay, verstehe.‘, beruhigt sie sich ein wenig wieder und versucht sich nichts anmerken zu lassen.
In diesem Moment fangen plötzlich die Mädels hinter ihr an zu tuscheln und nervös zu werden.
„Oh mein Gott. Schaut mal wer da kommt.“ Eine Klassenkameradin fängt plötzlich an schwerer zu atmen.
„Wahnsinn. Hyuga, Kojiro Hyuga. Der sieht ja live noch umwerfender aus als im Fernsehen.“, meint eine andere.
Hinter ihr ist lautes Geschnatter zu hören.
Tinas und Kojiros Blick treffen sind. Ihr Puls steigt plötzlich wieder etwas an und sie hält den Ball ganz fest, damit man es ihr nicht anmerkt.
„Kojiro…“, rutscht ihr nur leise raus. ‚Kojiro, so wirkst du auf die Frauen? Ist es das wovor du mich immer warnen wolltest?‘
„Egal was kommt, ich bin bei dir.“, kommen Tina die Worte von Kojiro wieder in den Sinn. Ja gestern, gestern nachdem er sie heimbrachte und sie wieder seine Zärtlichkeiten spüren konnte. Die Aufregung in ihr weicht etwas und sie atmet tief durch.
Plötzlich schließt sie die Augen. ‚Du gibst mir Kraft und Mut. Nur du Kojiro. Du nimmst mir die Angst. Du gibst mir die nötige Kraft und nimmst mir die Angst. Angst vor deinen Kollegen und Angst, davor die Wahrheit zu sagen. Du hast auch Angst gehabt und hast es mir trotzdem gleich gesagt. Du bist über deine Angst hinausgewachsen und stehst sogar jetzt hier und versuchst die Lage so gut es geht zu retten. Du hast uns dadurch eine Bühne gegeben, eine offizielle Bühne des Kennenlernens. Der Ersten Begegnung. Wäre es dir nicht ernst, würdest du nicht hier sein. Du würdest nicht hier sein, um mir Mut zu geben und du hättest dich niemals zu deinem Rivalen gesetzt. Niemals hättest du deinen Stolz überwunden und dich zu deinem Rivalen gesetzt, was auch immer ihr besprochen habt.
Kojiro Hyuga. Einen größeren Liebesbeweis brauche ich nicht mehr!‘
Sie öffnet die Augen und sieht direkt in seine.
‚Kojiro, ich liebe dich. Du machst jetzt deinen Job und ich…ich werde meinen machen. Ich werde dir nun als Gelbe Tigerin gegenüberstehen, nicht als deine Tina, die du dazu bringen kannst dir hemmungslos zu vertrauen. Du kennst mich genauso wenig, wenn ich meinen Job mache wie ich dich.‘
Auf einmal blickt sie kurz zur Tribüne und entdeckt Genzo, wie er ganz oben steht und gespannt zusieht. Hinter ihrem Rücken gibt sie ihm ein Zeichen. Fingerzeichen, wie es damals auf dem Rasen war, wenn er im Tor und sie in der Verteidigung stand. So wie sie es für das Freundschaftsspielt gegen Japan damals geübt haben. Ein Fingerzeichen was ihm sagen soll, sie habe alles im Griff.
‚Tina, wirklich? Du schaffst das ohne mich? Und du willst es unserem Trainer sagen? Wie kommt es? Warum auf einmal dieser Mut?‘, ist Genzo erstaunt und deutet das zweite Fingerzeichen ebenso richtig.
Herr Mikami ist verwundert, als er bemerkt, dass sie zur Tribüne schaut und hinter ihrem Rücken Fingerzeichen gibt, so wie es früher ihre Brüder getan haben. Stephan und Tino waren die beste Verteidigung, die er damals hatte. Mit Genzo im Tor und den beiden davor kam nichts durch. Was wäre das damals nur für ein tolles Spiel geworden, wenn die beiden Jungs noch im Team geblieben wären?
„Das tut mir leid. Stephan war sehr talentiert. Aber wo ist Tino? Was ist mit Tino Fuchs, ihrem Zwillingsbruder?“, hinterfragt Herr Mikami.
Kojiro bleibt neben seinem Trainer stehen und sieht zu Tina.
‚Meine liebe Bettina, du siehst wieder so wunderschön aus. Sei stark, du kannst das. Gib mir ein Zeichen, ob du es schaffst.‘
Leider kann er kein Wort verstehen, aber er hört den Namen Tino Fuchs raus.
„Trainer Mikami! Es gab niemals einen Tino Fuchs! Ich war Tino! Stephan hatte nur eine kleine Schwester und das bin ich!“, haut sie plötzlich raus. Hemmungslos und unverblümt. Jetzt ist es raus.
Sie spürt plötzlich wie ein großer Druck aus ihrer Brust verschwindet. Wie sehr hat sie dieses Geheimnis mit sich rumgetragen und wie sehr tat es bis heute weh, dass sie ihrem Lieblingstrainer so im Stich gelassen hatte. Wieviel Ehrfurcht hatte sie immer vor ihm? Er bekam neben dem anderen Trainer immer ihren größten Respekt. Es tat ihr die ganzen Jahre mehr weh, diesen Mann angelogen zu haben als den Rest der Mannschaft.
„Niemals! Niemals hätte ein Mädchen dieses Training überstanden!“, entgegnet Mikami unverständlich laut und in seiner Heimatsprache.
‚Oha, das nenne ich eine Reaktion.‘, denken einige Anwesende.
„Trainer, Sie vergreifen sich den Frauen gegenüber im Ton.“, äußert Kojiro plötzlich mit ernster Miene.
„Stimmt. Entschuldigung.“, bemerkt er es selbst. „Ich kann jedoch nicht glauben was Sie eben gesagt haben.“, wendet er sich wieder Tina zu.
„Beweisen Sie es mir. Ich kann es nicht glauben.“
Dann deutet er auf Kojiro. „Ich habe gedacht es könnte heute ein spannender Vergleich stattfinden. Jedoch ist dies unter diesen Umständen nicht möglich. Jedoch. Ich habe meinen Stärksten Stürmer mitgebracht. Wenn Sie wirklich Tino sind, dann bewei…“
„Stopp! Was auch immer Sie jetzt vorhaben. Ich werde nicht gegen eine Frau antreten.“, ertönt Kojiros ernste Stimme.
Herr Mikami sieht ihn erstaunt an. „Du hast Recht. Dumme Angewohnheit.“
„Ken, du sagtest vorhin ihr kennt euch? Dann stell mir doch bitte deine hübsche Nachbarin vor.“
Er blickt Tina bei der Aufforderung in die Augen und lächelt seicht. ‚Kojiro, du willst es als kleinen Flirt laufen lassen? Ist das dein Plan?‘
Sie lächelt zurück. Ken erscheint neben Kojiro und versucht locker zu wirken. ‚Gute Idee Kojiro. So könnt ihr das als offizielle erste Begegnung stehen lassen.‘
„Kojiro, darf ich vorstellen, das ist Bettina. Tina, mein bester Freund und Kollege Kojiro.“ Daraufhin reicht er ihr die Hand. Tina nimmt an und ihre Hände berühren sich während sie sich tief in die Augen sehen. „Bettina, hübscher Name. Und deine Bälle wurden nach meinem Tigerschuss benannt?“, meint er mit ruhiger Stimme. Tina nickt. „Ja, hat die Presse so beschlossen. Ich nenne meinen Ball Feuerdrachen und nicht Feuertiger. Tut mir leid, ich hatte nicht vor, deinen Titel zu stehlen.“
„Feuerdrache? Warum dieser Name?“, hinterfragt er. Tina lässt seine Hand langsam los und sieht ihn ernst an, als wenn sie plötzlich einem Gegner gegenübersteht. ‚Ich muss bei der Sache bleiben. Keine zu vertraute Gefühle zeigen.‘ Dann grinst sie selbstsicher und stolz. So wie sie es sonst auch tut, wenn sie sich erklären muss.
„Das wird euch nicht gefallen. Aber…“, sie schaut zu Herrn Mikami. „…es sollte als Beweis reichen.“
‚Was meint sie damit? Und vor allem, wie haben die sich denn eben angesehen? Seit wann flirtet Kojiro? Und dann während der Arbeit?‘, fällt dem reifen Herrn auf.
Yoko macht sich auch ihre Gedanken. Sie fragt sich natürlich warum ihre Freundin plötzlich mit einem Fußballer redet und ihm sogar die Hand gibt. Das hat es noch nie gegeben. Sie meidet jeglichen Kontakt, auch zu Shinichi, mit ihm redet sie nur wenn es wegen Gruppenarbeiten oder Schulischem wichtig ist. Niemals würde sie das tun. Und dann…hat sie doch neulich gesagt, dass sie jemanden kennengelernt hat. Warum sollte sie dann einem anderen solche Augen machen? Das passt nicht zusammen. ‚Es sei denn…er ist dieser Mann.‘, fällt ihr auf. Yoko sieht ihre Freundin nachdenklich an. ‚Ob sie es beide nur noch nicht offiziell machen wollen? Ja klar! Nach dem Skandal damals mit ihrem Exfreund. Wenn sie jetzt plötzlich mit diesem Mann zusammen ist, was würde die Medienwelt da wieder veranstalten? Das wollen beide nicht riskieren. Aber ein Fußballer?
Tina Liebes, du passt diesmal auf. Es hängt ja auch nicht nur dein Sportler-Leben daran.‘ Sie lächelt und spricht sie plötzlich an.
„Tina! Zeige ihnen deinen Feuerdrachen!“, schlägt sie fester Überzeugung vor. Sie weiß, wenn Tina erst wieder den Gedanken ans Spielen hat, dann vergisst sie ihre Anspannung.
Bettina grinst. „Du hast wie immer Recht. Besser wir zeigen ihn, statt nur darüber zu reden.“
Beide geben sich die Hand. „Komm Süße, wir zeigen den Männern jetzt mal was wir draufhaben.“
„Ich hole mal den anderen Ball.“, meint Yoko und läuft fix zu ihrer Tasche und holt einen anderen Ball.
‚Tina, was hat das zu bedeuten? Sehe ich jetzt die „Wahre Tina“? Neulich im Park, der Ball, der war wirklich super stark. Du sagtest aber auch, dass er mit dem richtigen Ball besser wäre.‘
Tina schaut zu den drei Japanern und gibt Genzo erneut ein Zeichen hinter dem Rücken. Er soll sich weiterhin zurückhalten.
‚Tina, ich vertraue dir, aber kann ich IHM vertrauen? Was hat das zu bedeuten? Warum hat er sich bei mir bedankt? Vor allem wofür genau? So wie er geschaut hat klang es so, als ob er von Stephan wüsste. Und wieso wusste er wieso ich hier bin? Du musst mir nachher einiges erklären.‘
„Tina, wem gibst du denn immer Handzeichen?“, flüstert Yoko. „Du kannst dich an den Brief neulich erinnern?“ Yoko nickt. „Ja, dieser japanische Fußballer.“
„Genau. Er ist hier. Er sitzt oben in der Tribüne und ich sage ihm, er soll sich zurückhalten. Wenn ich das nicht tue, würde er sich einmischen und das passt gerade gar nicht.“ Sie nickt. Dann gehen sie zum Volleyballnetz.
Tina geht unter dem Netz durch und Yoko bleibt diesmal auf der anderen Seite. „Kurzes Aufwärmprogramm für die Hände.“, grinst Yoko.
Die anderen Mädels verlassen das Feld und wissen genau, dass sie sich lieber nur neben das Feld stellen, wenn die beiden mal ne Einzelnummer abziehen.
Sie stellen sich jeweils hinter die Außenlinie mittig zum Netz. So sind gut achtzehn Meter zwischen ihnen. Yoko schlägt auf und spielt direkt zu Tina, diese nimmt baggernd an und schlägt ihn dann zurück. Nun Yoko wieder, genau die gleichen Bewegungen. Es geht immer hin und her.
Der Lehrer steht zwischen den Promis und erklärt es.
„Sehen Sie. Das ist ihre ganz persönliche Art sich aufzuwärmen, wenn es um die Schmetterbälle geht. Dieses Spielchen machen sie etwa 5 Minuten lang. Immer die gleichen Bewegungen…aber das interessante dabei kommt gleich. Moment…es geht gleich los.“
Kojiro ist gespannt. ‚Was kommt denn noch? Es sieht so schon schwierig aus. Die beiden spielen sich so genau zu, dass die Andere immer genau trifft. Die zwei müssen ein jahrelang aufeinander eingespieltes Team sein. Sie gehen ja auch sehr vertraut miteinander um.‘
Tina grinst plötzlich und geht einen Schritt weiter vor. Yoko tut es ihr gleich. Nun stehen beidem in der Hinterzone des Feldes, also im hinteren großen Bereich. Ihr Wechselspiel scheint schneller zu werden.
„Jetzt, jetzt kommts. Das ist immer wieder erstaunlich und ich habe so einigen Volleyballern beim Training zugesehen.“, schwärmt der Lehrer.
„Ihr Tempo nimmt zu.“, stellt Ken vor allen anderen fest. Kojiro schaut auch genauer hin, und tatsächlich. Beide gehen immer wieder einen Schritt aufeinander zu und dadurch werden sie gleichzeitig immer schneller in ihren Bewegungen. Nicht einmal berührt der Ball den Boden oder weicht von seinem Weg ab.
„Diese Präzision.“, äußert Kojiro plötzlich.
„Stephan und Tino. Sie ist es wirklich.“, brummt Herr Mikami plötzlich los.
Kojiro und Ken sehen ihn verwundert an.
„Was meinen Sie? Wer sind Stephan und Tino?“, fragt der Lehrer neugierig. „Damals in Hamburg in meiner Jugendmannschaft gab es ein Bruderpaar, sie waren gut 2 Jahre auseinander aber so genau miteinander eingespielt, dass sie beim Trainieren ebenso eine Technik anwandten. Durch dieses genaue Zuspielen der Bälle konnte ich die Jungs vorne wie hinten einsetzen. Egal wo sie auf dem Feld waren, ihre Passgenauigkeiten waren wie bei den Profis, besser sogar. So wie bei unseren Zwillingen der Tachibana-Brüder. Die sind auch durch das Spielen schon im Kleinkindalter miteinander so passgenau zueinander, dass es andere schwer haben ihnen das Wasser zu reichen.“, erklärt Mikami begeistert und schwelgt in Erinnerungen. ‚Sie ist es also wirklich. Ihr war klar, wenn sie diese Aufwärmübung vor mir veranstaltet, dass ich sie dann doch erkenne. Wie konntest du aber als Mädchen über Jahre dieses harte Training durchhalten? Es sind so viele Jungs, die sogar älter waren als du aus dem Team gegangen, weil sie es nicht mithalten konnten. Du aber…du konntest es. Wieso?‘
Die beiden Frauen stehen mittlerweile kurz vor dem Netz und plötzlich pritschen sie nur noch und als der Ball direkt über dem Netz ist springen sie synchron hoch und jede pritscht mit nur einer Hand den Ball gemeinsam ganz weit hoch. Dann stehen sie dicht vor dem Netz und spielen plötzlich schnell Papier-Stein-Schere. Tina gewinnt und springt dann schnell hoch als der Ball herabfällt und schmettert ihn ins gegnerische Feld.
„Ach Manno Tina, jetzt hast du wieder ausgeglichen.“, flucht Yoko los.
Beide lachen herzlich. Alle Anspannung verging genau in dem Moment wo sie beide den Ball zwischen sich hatten. Immer wenn sie spielen und den Ball in den Händen spüren, können sie gar nicht mehr aufhören. Tina holt den Ball und sie gehen wieder zu den anderen.
Genzo, mein bester Freund
Genzo, mein bester Freund
Kapitel 26
Lachend gehen die beiden Frauen wieder zu den Fußballern. ‚Wahnsinn, diese Schnelligkeit und Beweglichkeit. Du musst wahnsinnig gut und hart trainiert haben. In deinen Augen war richtig Feuer und Leidenschaft zu erkennen. Der kleinste Fehler und das ganze System wäre auseinandergebrochen oder eine von euch hätte sich verletzt.‘, ist Kojiro noch immer total begeistert von diesem Auftritt.
Nun steht Tina etwa zwei Meter vor Kojiro und schaut lächelnd zu ihm.
„Jetzt kann ich den Feuerdrachen zeigen.“
„Euer Duell sah aus als währt ihr wie im Rausch.“, grinst er zurück, denn er versucht sich extrem zurückzuhalten. Wie sehr würde er sie genau in diesem Moment in die Arme nehmen? Wie sehr würde er sie nun berühren und ihr sagen wollen was er denkt?
Tina kann seine Anspannung spüren, kommt ihm näher und drückt ihm den Ball an die Brust. „Nimm ihn kurz. Bitte.“, sagt sie leise. So zwingt sie ihn die Hände aus den Taschen zu nehmen und bietet ihm eine Möglichkeit etwas anzufassen, um ein wenig runter zu kommen. Eine gute Methode sich zu beruhigen.
Dann nimmt sie ihm den Ball langsam weg und schaut verstohlen zu ihm auf. „Jetzt gelingt er mir bestimmt. Der neue Feuerdrache. Der Feuerdrachenschlag! Jetzt hat er die nötige Energie.“, sagt sie leise und geht ein paar Schritte wieder zurück. ‚Der neue Feuerdrache? Du hast eine neue Technik und willst sie uns nun zeigen?‘
Tina schaut entschlossen zum Fußballbereich und visiert das Tor an. Es ist etwa 50 Meter entfernt und nur 3x2m groß.
Dann plötzlich entdeckt sie Genzo an der Treppe der Tribüne. ‚Was soll das? Er sollte doch oben bleiben.‘ Sie hebt die Hand und gibt ihm zwei Handzeichen. ‚Nun ist er eh schon da, dann kann er auch helfen. Genzo mein Lieber, du bringst zu gerne alles durcheinander und kannst dich nicht gedulden.‘ Die Anwesenden wundern sich alle was es mit den Handzeichen plötzlich auf sich hat. Genzo hingegen versteht was er machen soll. Er kennt Tinas Bälle, wie oft hat er sie bei einem Turnier beobachtet und immer, wenn sie sich sehen, auch nur für kurze Zeit, zeigt sie ihm immer ihre Bälle und er muss sie versuchen zu fangen oder abzublocken.
„Yoko. Der Neue.“, gibt sie ihr Signal. Diese ist erstaunt. „Wirklich? Aber du hast ihn doch noch nicht perfekt drauf, nimm lieber den Feuerdrachen.“, meint sie. Tina aber schüttelt den Kopf. „Heute wird er funktionieren!“, ist sie überzeugt und schaut kurz zu Kojiro rüber. ‚Weil du ihn berührt hast. Nun hat er die nötige Kraft und ich den nötigen Druck im Nacken.‘
Sie konzentriert sich, Yoko hat den Ball und spielt zu, ganz weit hoch. Dann springt Tina dem Ball entgegen, macht eine heftige Verbeugung und holt kräftig mit der rechten Hand aus.
Plötzlich saust der Ball direkt durch die ganze Halle und steuert das Tor an, vor dem Genzo bereits wartet. Er erstarrt als der Ball direkt rechts neben seinem Kopf in die obere Ecke zischt und im Netz landet. ‚Wahnsinn, Tina. Der ist wirklich stärker als sonst. Und so zielgenau.‘, grinst er stolz.
Er gibt ihr ein Zeichen zurück.
Tina grinst. Yoko erklärt kurz. „Das war der Feuerdrachen. Auf dem Volleyballfeld wenden wir ihn natürlich anders an, da der Weg kürzer und steiler ist. Nun folgt der neue Ball, der Feuerdrachenschlag. Ebenso auf Entfernung angepasst.“
Alle sehen noch immer total verdutzt zum Tor und dann zu Tina. ‚Das war der Ball im Park? Du hast Recht, er ist stärker. Kein Wunder, dass man ihn mit meinem Schuss vergleicht. Da ist genauso eine Wucht dahinter.‘, bemerkt Kojiro begeistert.
Genzo macht was Tina ihm zuvor signalisiert hat und schießt den Ball mit der passenden Wucht wieder zurück zu ihr, genau in eine ähnliche Höhenlage wie der Schlag zuvor gespielt wurde. Tina springt hoch, beugt sich mit dem gesamten Körper in der Luft und versetzt mit der rechten Hand den Ball wieder in Genzos Richtung. Diesmal noch schneller und wieder in dieselbe Ecke, aber mit dem gewaltigen Unterschied, dass hinter Genzo das Netz kaputt geht und der Ball noch etwas weiterfliegt und dann zu Boden fällt. Ken ist total verblüfft und hält sich plötzlich seine Wange. ‚Jetzt wundert mich gar nichts mehr.‘
Alle sind erstaunt und Kojiro sieht seine Tina nur beeindruckt an. ‚Wie kannst du nur so eine Kraft in den Armen haben? Ist dafür das Krafttraining? Und überhaupt. Nach deiner Aufwärmaktion bist du nicht mal aus der Puste.‘
Sie blickt zu ihm und lächelt glücklich. „Ich wusste es, diesmal hat er funktioniert. Danke.“
Yoko ist ganz aus dem Häuschen und gratuliert ihr. „Prima Liebes, endlich…das ist er. So wolltest du ihn haben. Jetzt müssen wir es nur noch aufs Feld schaffen.“
Herr Mikami staunt nicht schlecht. Er kann gar nichts sagen. ‚Wow. Das ist ja wie ein Déjà-vu als wenn ich Schneiders Feuerball spüren würde. Ist er etwa die Vorlage dafür? Du warst die Einzige, denen er gezeigt hat wie es geht. Ich habe euch einmal zufällig bei eurem Geheimtraining beobachten können. Er hat ihn dir beigebracht. Die Technik seines Feuerballs. Du hast ihn in deine Sportart umgewandelt.‘ Er schaut zu ihr und ist noch immer im Gedanken. Tina blickt zu ihm. „Haben Sie ihn erkannt?“, ruft sie ihm zu. Er nickt. „Wahnsinn. Diese Technik kenne ich nur zu gut.“, grinst er.
„Tina, das war ja der Wahnsinn!“, lenkt Genzo ein, als er auf sie zugeht und ihr den Ball bringen will.
Kojiro geht zu ihr, bleibt kurz vor ihr stehen und schaut zu ihr herab. Seine linke Hand berührt ihre Schulter. „Deinen Namen der gelben Tigerin trägst du zurecht! Die Medien haben sich damit nicht vertan.“ Sie blicken sich tief in die Augen. Ihr Puls steigt etwas an. Tina muss sich zusammenreißen, dass sie ihn nicht plötzlich auch berührt.
Genzo bleibt plötzlich stehen und betrachtet die beiden. Sein Blutdruck steigt ebenso an, aber nicht aus Wut, nein, er stellt fest, dass sie sich ansehen als würden sie sich mehr als nur kennen. Sie scheinen sich sogar sehr zu mögen. Das wundert ihn. Warum ausgerechnet Kojiro Hyuga? Warum ausgerechnet er? Er reißt sich zusammen, denn er kann ja hier keine Szene machen. Nein, das würde allen nur schaden.
Plötzlich ist ein dumpfes Geräusch zu hören. Kaum jemand kann es bei dieser Anspannung der Halle registrieren bis eine der Klassenkameradinnen aufschreit. „Hinata! Hey Hinata…Was ist los?!“
Alle sind plötzlich aufgeschreckt und sehen zu den Mädels rüber, welche noch am Feldrand stehen.
Eine von ihnen liegt plötzlich am Boden. „Tina! Komm schnell!“, ruft eine andere aufgeregt.
Sofort läuft sie zu ihr und schaut zu der Klassenkameradin Hinata hinab, wie sie schweratmend am Boden liegt.
Sie kniet sich zu ihr runter und prüft ihren Puls, die Atmung und fasst die schweißnasse Stirn an. Tina versucht sie anzusprechen, wenig Reaktion. Sie kann nur ein „Ich…kann…“ sagen. Eine schwere Atmung ist zu deuten.
„Ruft den Notarzt!“, ruft sie laut. Kojiro greift sofort zum Telefon. „Genzo, bring sie ins Ruhezimmer! Weg von der Aufregung!“ Dann ruft sie Shinichi herbei. „Shinichi, ihr seid vertraut, zeig Genzo wo er hinmuss und versuche sie weiter anzusprechen und zu beruhigen. Zeig Genzo wo das Ruhezimmer ist und setzt sie dort erstmal hin, damit sie mehr Luft bekommt. Genzo, du weißt was zu tun ist! Kümmere dich um sie.“
Genzo nimmt sie vorsichtig hoch und geht Shinichi hinterher.
Tina bekommt mit, dass Kojiro den Notarzt ruft. Sie fragt die Mädels schnell aus was los war. „Sie hat plötzlich so schwer geatmet und dummes Zeug geredet. Dann war sie so leise und ist plötzlich umgefallen.“
Dann geht Tina zu Kojiro. „Sind sie dran?“ Er nickt und gibt ihr das Telefon. Tina erklärt kurz was los ist und wo der Rettungsdienst hinmuss. Dann legt sie auf und wendet sich an Ken und Yoko. „Yoko! Ken! Ihr geht bitte vor zum Eingangsbereich vor die Tür und fangt den Rettungsdienst ab!“, erklärt sie ernst.
Gesagt, getan. Sie laufen zusammen zur Straße vor.
„Und die anderen folgen ihnen und bilden eine Kette vom Eingang bis zum Ruhezimmer, damit die sofort wissen wo die lang müssen!“
Kojiro steckt sein Handy wieder ein.
‚Das nenne ich mal organisiert. Hoffentlich geht’s der Kleinen bald besser.‘, fällt Kojiro auf.
Herr Mikami ist begeistert. „Du hast es nicht verlernt. Super.“, äußert er.
Kojiro sieht ihn verwundert an. ‚Was meint er damit? Woher wusste er, dass sie das kann?‘
Tina blickt nur nachdenklich und antwortet: „Das auch, aber inzwischen habe ich den Rettungsschwimmer gemacht, das ist auch ne gute Übung.“ Dann läuft sie in Richtung Ruheraum, um nach dem Rechten zu schauen.
Nun sind sie alleine in der Halle. Mikami und Kojiro. Beide sehen ihr nach.
„Sie ist es, nicht wahr? Sie ist die Frau von der du gesprochen hast.“, sagt der erfahrene Trainer plötzlich. ‚Mir war klar, dass er uns durchschaut. Aber das ist nicht wichtig.‘
„Die Medien dürfen es noch nicht mitbekommen. Deswegen war das jetzt unsere erste Begegnung.“, atmet er tief durch.
„Verstehe. Du weißt wer sie ist? Und trotzdem hast du dich mit ihr eingelassen? Deine Beziehung zu Genzo ist eh schon so angespannt und dann das. Du hast doch keine Ahnung wie wichtig sie ihm ist.“
„Doch, das weiß ich. Anfangs wussten wir beide nicht wer der andere ist. Es ist einfach passiert. Ich weiß was die beiden verbindet, damit muss ich klarkommen. Ich habe mich vorhin schon bei ihm bedankt. Dass er ihr das Leben gerettet hat und ihr in der Trauer um ihren Bruder beistand.“
Sein Trainer sieht ihn plötzlich verwundert an.
„Was meinst du mit Leben gerettet? Die beiden sind seit Jahren eng befreundet. Und Stephan war nicht nur ihr Bruder, sondern auch sein Freund. Diese alte Truppe, Genzo, Stephan, Tino, Kaltz und Karl-Heinz verbindet ein ganz anderes Band als ihr im Nationalteam. Ihr seid fast alle miteinander befreundet und hatten immer viel Spaß und die Truppe vom HSV durchlebte Leid, Kummer und enorm viel Druck von den Medien. Seid die beiden Brüder weg waren ging alles den Bach runter.“
„Sie wissen es nicht? Sie wissen nicht wie Stephan gestorben ist?
Bettina erzählte mir, dass sie ein tolles Team waren.“
„Woher denn? Ich wusste bis jetzt nicht, dass er tot ist.“
Kojiro dreht sich zum ihm. „Ach und wieso haben sie vorhin gesagt, sie habe es nicht verlernt? Was hat sie nicht verlernt? Die Erste Hilfe?“, wundert er sich.
„Richtig. In unserem Team haben wir eingeführt, dass jeder die Grundkenntnisse der Ersten Hilfe lernt. Das gehörte zum Training dazu. Seit Jahren appelliere ich an unseren Verband das auch ins Programm aufzunehmen, aber vergeblich. Die sehen das nicht als wichtig an, weil wir eh immer einen Arzt bei uns haben. Aber du siehst ja, heute ist keiner da. Das Mädchen hat Glück, dass gleich zwei Leute da sind, die wissen was man tun muss. Bzw. drei, ich ja auch.“, erklärt er.
„Das sollten wir unbedingt als Team besprechen. Ich wusste nicht, dass Sie solche Ideen umsetzen wollen. Sowas kann man mit uns auch mal besprechen.“, meint er ernst.
„Ich gehe zu ihr. Sie wissen, dass das hier unter uns bleiben muss?“, setzt er einen festen Ton an.
Unterdessen stehen Yoko und Ken vor der Turnhalle. Sie sehen sind nur an, aber können nichts sagen.
‚Wieso hat Tina mich mit ihm und nicht wem anders rausgeschickt? War das Absicht? Sie wird doch sicher meine Bemerkung vorhin bemerkt haben.‘
Ken ist ebenso im Gedanken. ‚Wieso hat sie mich denn ausgerechnet mit ihr hergeschickt? Sie ist wirklich bildschön und wie sie vorhin gespielt hat, Wahnsinn. Mit so einer Genauigkeit und ohne nur einen einzigen Fehler zu machen.‘
Ken steht vorne an der Straße und nutzt mutig die Gelegenheit.
„Ich hoffe die kommen bald und sie können deiner Klassenkameradin schnell helfen.“, fällt ihm nichts anderes ein, als bei der aktuellen Situation zu sein.
‚Oh, er hat eine angenehme kräftige Stimme. Ich frage mich ob mein Herz so rast, weil es Hinata so schlecht geht und ich mich sorge oder weil wir hier alleine stehen? Vermutlich auch beides zusammen.‘
Yoko antwortet betrübt: „Das hoffe ich auch. Ich mache mir Sorgen. Sie war die letzten Wochen schon so schlecht drauf. Ständig hatte sie Kopfschmerzen und ihr war schwindelig.“
Ken schaut zu ihr, wie sie besorgt zur Straße schaut und dann zu ihm. Sie stehen gut vier Meter auseinander.
„Sie war noch ansprechbar, das ist ein gutes Zeichen.“, lächelt er um sie etwas aufzumuntern.
‚Seine Stimme beruhigt mich. Er scheint wirklich sehr nett zu sein.‘ Yoko versucht ruhig zu bleiben. Aber dann brennt es ihr so sehr auf der Seele, dass sie ihn fragen muss. „Sag mal, dein Teamkollege, ist er ein Freund oder ein Rivale für dich? Ich meine Hyuga, Kojiro Hyuga.“, spricht sie ruhig.
Ken sieht ihr in die Augen und bemerkt, dass ihr das nicht unwichtig ist. Er geht davon aus, dass sie mit Tina eng befreundet sein muss, wenn die beiden so sehr aufeinander eingespielt sind und zusammen lachen. Er lächelt sie an. „Stimmt. Wir sind die besten Freunde. Du hast einen guten Blick dafür.
Ich gehe mal davon aus, dass es bei euch auch so ist. Bei Tina und dir.“
Yoko grinst zurück. „Total. Seit sie in Japan ist hocken wir ständig zusammen. Aber eins verstehe ich nicht. Wir kennen uns zwar so gut wie kaum jemand, aber wieso kennt sie euch? Sie mag keine Fußballer, wie kommt das? Sie hat immer jeden Kontakt gemieden. Als sie damals in unsere Klasse kam und erfuhr, dass Jun Fußballer ist, hat sie sofort dicht gemacht und war ihm anfangs immer pampig.
Aber dir und deinem Landsmann aus Deutschland vertraut sie? Das ist seltsam.“
‚Sie weiß es nicht? Sie weiß nicht was ihr passiert ist obwohl sie so eng befreundet sind?‘ Ken antwortet mitfühlend: „Das muss sie dir selbst erzählen. Sie hatte ihre Gründe. Aber mach dir nicht so viele Sorgen darum, es wird besser.“
„Verstehe. Dir hat sie es erzählt und mir nicht? Seltsam.“ Dann entdeckt sie plötzlich im Sonnenlicht die Schmarre in Kens Gesicht. „Mit wem hast du dich denn geprügelt?“, zeigt sie auf ihre linke Wange und grinst ihn an.
Ken fasst sich an die Wange. „Ein Missverständnis. Weiter nichts.“, antwortet er ehrlich. Dann kommt sie auf ihn zu und bleibt direkt vor ihm stehen. Die kleine Japanerin blickt besorgt zu ihm auf und berührt seine Wange. Die beiden sind etwas dreißig Zentimeter auseinander.
„Das sieht nach IHRER Handschrift aus. Tut es noch doll weh?“ Ihr Herz schlägt laut, aber statt sich zurückzuhalten motiviert es sie eher ihm ihre Zuneigung zu signalisieren. ‚Seine Augen und sein angenehmer Geruch kommen mir wie vertraut vor.‘ Kens Puls steigt ebenso an und er weiß gar nicht so richtig was er davon halten soll, dass sie so nah ist und ihre warme Hand seine Wange berührt. Instinktiv geht er auf sie ein, berührt zärtlich ihre Hand an seiner Wange und blickt ihr tief in die Augen. „Ich bin nicht aus Watte, alles gut.“, lächelt er.
‚Welch angenehmer Geruch, diese Augen und ihr Lächeln. Sie ist so schön und liebevoll.‘
Genau in dem Moment sind endlich die Sirenen zu hören.
Beide atmen tief durch und lassen voneinander.
Nun geht alles ganz schnell. In Windeseile sind die Sanitäter mit dem Notarzt im Ruheraum und treffen auf eine Patientin welche gerade von Genzo mit Herz-Druck-Massage versorgt wird. Leider erging es Hinata inzwischen nicht besser, ihre Atmung setzte plötzlich aus. Tina und Shinichi sind noch mit im Raum, alle anderen stehen vor der Tür und machen Platz.
Der Lehrer fordert alle auf wieder in die Halle zu gehen. Nur wenige sollen im Gang bleiben, damit der Notdienst den Weg durch die langen Gänge schnell wieder zurückfinden.
Als Yoko und Ken eintreffen bleiben sie vor der Tür stehen und beobachten die Situation besorgt.
Tina steht im Raum direkt an der Tür mit dem Rücken zu ihnen und hinter ihr steht Kojiro, welcher ebenso alles aufmerksam beobachtet.
Yoko bemerkt, dass sich ihre Hände heimlich hinter Tinas Rücken berühren. Sie denken vermutlich, es würde niemand sehen, aber Yoko sieht es. „Ich habe es mir gedacht. Er ist es.“, haucht sie ganz leise und schmunzelt.
Kurz darauf müssen auch schon alle Platz machen und lassen den Rettungsdienst mit der Trage rausfahren. Hinata ist an Geräte angeschlossen und Genzo wird vom Notarzt gelobt, dass er alles so gut im Griff hatte. Ohne seine Hilfe wäre es zu spät gewesen.
Diese aufregende Situation ist ungefähr eine Stunde her. Inzwischen sind alle Schüler wieder umgezogen und haben die Halle verlassen. Der Lehrer hat ihnen für die restliche Zeit frei gegeben.
Auch Ken und Kojiro sind bereits wieder mit dem Trainer auf dem Rückweg zum Sportplatz, auf dem sie heimlich trainieren. Genzo hingegen hat sich frei genommen. Er wollte ohnehin seine Freundin endlich besuchen. Bis jetzt hatte er noch keine Zeit, weil er mit dem Training, Tsubasa und seiner Familie verbracht hat.
Er folgt Tinas Klasse unauffällig zur Berufsschule und wartet unweit davon darauf, dass Tina Schluss hat.
Gut eine Stunde wartet er und sie verlässt das Gebäude und fängt sie dann ab.
„Du hast gesagt es dauert nicht lange. Du wolltest doch nur dein Zeugnis abholen.“, wundert er sich.
Tina schaut zu ihm auf. „Die waren alle noch so neben der Spur. Wir machen uns doch Sorgen um Hinata.“, erklärt sie.
„Das ist verständlich. Ihr sollte es jetzt aber besser gehen. Wollen wir sie besuchen und nach dem Rechten schauen?“, schlägt er vor. Tina schmunzelt. „Das hatte ich vor.“ Dann schlägt sie den Weg zum Parkplatz ein.
„Du bist mit Auto hier?“, wundert er sich.
Sie holt den Schlüssel raus und drückt auf den Knopf. „Ich hatte noch was vor, aber das kann warten.“, meint sie nur und sie steigen ein. Tina lacht Genzo an. „Ich wollte fahren.“ Er grinst. „Stimmt. Die macht der Gewohnheit, sorry.“, lacht er zurück als er merkt, dass er vor der falschen Tür steht.
Beide lachen laut los. „Verkehrte Welt!“, kommt wie aus einem Mund.
Genzo beobachtet sie während sie zum Krankenhaus fahren. ‚Das letzte Mal hat sie nicht so herzlich lachen können. Sie hatte gerade mit Martin Schluss gemacht und war ständig im Gedanken. Wir konnten uns nur über ihren Sport unterhalten. Auch vorhin in der Halle, hat sie mit ihrer Freundin herzlich gelacht. Ihr Aufwärmspiel war sowieso klasse. Das hatte sie mit Stephan früher auch so ähnlich gemacht. Vor jedem Training standen sie sich gegenüber und liefen sich entgegen bis sie vor sich standen und Stein-Papier-Schere spielten und der Gewinner schoss hinter dem anderen ins Tor.
Ich wusste gar nicht, dass sie diese Art mit ins Volleyballspielen eingebaut hat.
Und was war das eben mit Hyuga? Als die beiden auf dem Feld standen sah das aus als ob sie sich kennen. Ich hatte den Eindruck die beiden hätten geflirtet. Tina muss mir nachher alles erklären.
Und was war das mit Ken?‘
„Wie ist die Luft in Hamburg?“, unterbricht sie seine Gedanken.
„Normal. Hast du meinen Brief bekommen? Ich habe den schon vor 3 Monaten abgeschickt an Tsubasa.“
„Oh. So lange her? Ich habe ihn erst letzte Woche bekommen.“, antwortet sie. „Dieser Schlawiner. Er sollte ihn längst an Fane senden, stattdessen hat er es vergessen und ihn nur mitgebracht.“, murrt Genzo. „Tina lacht, vermutlich. Er hat halt nur den Sport im Kopf. Du kennst ihn doch, er bleibt ein Kindskopf.“
Genzo lacht auch. „Stimmt, typisch für ihn.“
„Du kannst die nächsten Briefe ja auch direkt an mich senden. Ist ja jetzt eh egal, ob ihn dann mal jemand abfängt. Was soll schon passieren?“, äußert sie plötzlich und unerwartet. Genzo ist irritiert. Er schaut seine Freundin nur an und beobachtet wie sie abbiegt und auf den Parkplatz fährt und nach einem Parkplatz sucht.
‚Es ist ihr plötzlich egal? Wieso das denn? Sie weiß doch, dass wir unsere Freundschaft geheim halten müssen. Wenn irgendeine Person auf dem Postweg mitbekommt, dass wir uns kennen, dann landet das doch gleich sonst wo in der Presse. Nicht auszudenken wie Karl-Heinz reagieren würde, wenn er herausbekommt, dass wir die ganzen Jahre im Kontakt waren.‘ „Wenn du meinst.“, antwortet er nur nachdenklich.
„Mach dir darüber nicht so viele Gedanken, Genzo. Herr Mikami weiß es doch jetzt auch schon und der wird eh nicht lange dichthalten. Du kennst ihn doch.“, meint sie nur. Dann stellt sie nach dem Einparken den Motor ab und schaut zu ihm auf. „Hör zu Genzo. Ich weiß was du denkst. Ich habe mitbekommen, dass ihr vorhin zusammengesessen habt. Ich weiß ja nicht worüber ihr miteinander gesprochen habt, aber…vertrau ihm einfach.“, versucht sie die Spannung im Auto zu lösen.
Genzo schaut plötzlich zornig, verschränkt die Arme und starrt aus der Frontscheibe. „Das kann ich nicht! Unsere Differenzen sind zu groß!“, murrt er ehrlich.
Tina legt ihre Hand auf seine Schulter.
„Wir wussten beide an unserem ersten Tag nicht wer der andere ist. Es ging alles zu schnell und es war zu besonders. Wir haben uns einfach gleich verstanden. Und als ich ihm dann von Hamburg und dir erzählt habe war es ihm egal. Er nahm es hin und wusste, dass es diesen Augenblick irgendwann geben wird. Du müsstest ihn doch besser kennen als ich.
Ist Kojiro ein Mann, der Konfrontationen aus dem Weg geht, wenn es schwierig wird? Ich glaube nicht.“
„Der bestimmt nicht. Dazu ist er viel zu stolz. Seine Überheblichkeit macht mich jedes Mal rasend!“, bemerkt er ernst und er macht eine Faust. „Nur die Vorstellung, er würde dich berühren und…NEIN!“, fährt er plötzlich hoch.
„Ich kann endlich wieder durchschlafen. Meine Angst gegenüber Fußballern schwindet langsam. Ich muss in seiner Nähe nicht mehr an Stephans Tod denken! Und…Karl-Heinz, auch er ist verschwunden! Verstehst du das? All die Jahre ging er mir nie aus dem Kopf, unsere Bindung war zu stark aber bei Kojiro, bei ihm war er gleich am ersten Tag nicht mehr da!
Genzo, ich will nicht mehr…ich kann nicht mehr…ohne ihn sein!“, macht sie ihm klar. Er schaut überrascht zu ihr und blickt in ihre feuchten Augen.
‚Tina, ist das wahr? Du kannst plötzlich wieder durchschlafen? Deine Alpträume sind weg? Nimmt er dir etwa wieder die Angst vor Fußballern, weil er selber einer ist? Und du musst nicht mehr an Karl denken? Wie kann das sein? Trägst du deswegen seine Spange nicht mehr? Das ist mir vorhin schon aufgefallen, dass du die deiner Mutter trägst.‘
Seine Faust löst sich und er berührt ihre Wange, um die Tränen aufzufangen. Tina atmet ruhig ein und aus. „Danke. Du musst ihn ja nicht mögen, aber du kannst ihm vertrauen. Ich…habe das erste Mal in meinem Leben endlich das Gefühl zu LEBEN. Ich habe immer gegen meine Gefühle angekämpft oder sie verborgen und dann bin ich vor ihnen weggelaufen und nun…empfinde ich so viel, dass ich keine Angst mehr habe. Vor Niemanden mehr. Auch nicht vor den Konflikten die noch kommen werden. So wie Heute und diesen hier, ich will nicht mehr lügen oder mich verstecken müssen, Genzo.“ Sie nimmt seine Hand und drückt sie fest an ihre Wange. „Kojiro gibt mir so viel Kraft, dass ich das kann. Ich habe das Gefühl, dass ich nur mit IHM wirklich neu anfangen kann zu leben. Richtig leben. Ohne Ängste und ohne Geheimnisse.“, fügt sie ganz ruhig hinzu, schließt dabei die Augen und lächelt.
‚Tina, ich kann nicht glauben was du sagst. Wie seid ihr euch überhaupt begegnet? Und was ist es was deine Gefühle so stark werden lassen? Ich kann mir vorstellen, dass es nicht leicht ist sich ständig zurückzuhalten. Ich weiß genau wie du dich fühlst. Ich habe auch bald keine Lust mehr Karl, Kaltz und den anderen gegenüber zu stehen und ihnen nicht sagen zu dürfen wie es dir geht, dass wir im Kontakt stehen und dass Stephan nicht mehr da ist. Wenn es wirklich so ist wie du sagst, dann hat dieses Versteckspiel für alle bald ein Ende. Vielleicht ist es das worum es geht. Keine Lügen mehr.‘
„Entschuldige. Wenn du ihm so sehr vertraust, dann werde ich das wohl akzeptieren müssen.“, äußert er überraschend und nimmt sie in die Arme so gut es im Auto geht. Er will doch nur, dass es ihr gut geht und sie glücklich sein kann.
Etwa eine halbe Stunde später stehen sie im Empfangsbereich der Klink und erfragen die Zimmernummer von Hinata.
Kurz darauf klopfen sie an und werden hereingebeten. „Warte kurz. Ich gehe erstmal alleine.“, meint Tina zu Genzo. Er nickt und bleibt vor der Tür.
„Tina-san, wie schön.“, freut sich Hinata. „Ach bin ich beruhigt. Du bist wieder bei dir. Wie schön.“ Sie bleibt vor ihrem Bett stehen und schaut zu ihr herab. Hinata sitzt noch unter Beobachtung im Bett und legt ihr Buch beiseite. „Danke Tina, dass du so schnell reagiert hast. Du hast mir das Leben gerettet.“, himmelt sie ihre Klassenkameradin an. Tina grinst. „Ich habe nur meine Pflicht getan und alle rumkommandiert. Ich habe dir aber deinen Lebensretter mitgebracht.“
„Meinen Lebensretter? Du verwirrst mich. Ich dachte du warst das.“, wundert sie sich. „Nein, aber bleib bitte ganz ruhig. Nicht aufregen.“, spricht sie ganz liebevoll und ruft Genzo herein. „Du kannst jetzt reinkommen.“
„Tina, du weißt, dass ich solche Auftritte gar nicht mag. Wichtig ist doch nur, dass es ihr besser geht.“, kommt er freundlich und lächelnd durch die Tür.
Hinata schaut ganz verwundert.
‚Wakabayashi? Etwas der wahre Genzo Wakabayashi? Er war das? Ich kann das gar nicht glauben.‘, schüttelt sie den Kopf und kneift sich in den Arm.
„Siehst du, Tina, du bringst sie in Verlegenheit.“, murrt er etwas. Tina lacht.
„Ach was. Ich bin doch auch noch da.
Darf ich dir meinen guten Freund aus Deutschland vorstellen? Wir kennen uns schon seitdem wir Kinder sind. Genzo Wakabayashi.“
Hinata schaut verwundert zu Tina. „Ich dachte immer du magst keine Fußballer.“
Tina lächelt. „Es gibt immer Ausnahmen.“
Wollt ihr was zu trinken? „Ich nehme gerne einen Kaffee.“, meint Genzo.
Dann verlässt Tina den Raum und geht langsam zum Automaten ein paar Gänge weiter. ‚Ich bin gespannt ob die was zu erzählen haben. Hinata interessiert sich doch so für Deutschland und Europa. Sie schwärmt immer so sehr, wenn sie dort Urlaub gemacht hat.
Das wird Genzo von uns ablenken.‘, lächelt sie vor sich hin.
Wer ist Matzuhiko Satsujinsha?
Wer ist Matzuhiko Satsujinsha?
Kapitel 27
Etwa 10 Minuten später kommt Tina mit zwei Kaffeebechern zum Krankenzimmer zurück. Kurz vor der Tür bemerkt sie bereits Gelächter und ein Kichern. ‚Wie schön, so habe ich mir das vorgestellt.‘, lächelt sie. Dann will sie die Tür öffnen und wird jedoch plötzlich von einem Arzt angesprochen.
„Guten Tag, gehören Sie zu Hinata Hongo?“
„Ja, ich bin ihre Klassensprecherin.“, antwortet sie ehrlich.
„Wissen Sie eventuell wo sie arbeitet? Ihre Kreislaufprobleme sind schwerer als sonst. Das hätte böse enden können. Sie ist eindeutig völlig übermüdet und überarbeitet.“
„Das weiß ich leider nicht, aber ich werde es mal herausfinden und das prüfen, okay?“, ist sie besorgt.
„Das ist gut. Da sie bereits 23 ist kann das schnell ausgenutzt werden.“
„Das stimmt. Meine Lehrlinge müssen sich immer eintragen und austragen wie bei einer Stechuhr. So bleiben die Stunden für alle übersichtlich. Andere übersehen das auch schnell mal.“, erklärt sie ihm.
Der Arzt sieht sie verwundert an. „Was meinen Sie mit „Ihre Lehrlinge“? Haben Sie nicht eben gesagt, Sie seien eine Klassenkameradin?“
Sie schmunzelt. „Ja, ich bin beides. Ich habe die Gaststätte meiner Eltern geerbt und um sie betreiben zu dürfen habe ich die Lehre begonnen. Ich bin also Inhaberin, also Chefin und Lehrling in meinem Betrieb zugleich.“
„Ach so, verstehe. Ich muss doch noch was fragen. Sie kommen mir so bekannt vor. Wie kann das sein?“, ist er neugierig und freundlich.
„Das kann sein. Ich bin Bettina Fuchs, die Volleyballspielerin. Eventuell kennen sie mich unter dem Titel „Japans gelbe Tigerin“.“, lächelt sie ihn an.
„Ach tatsächlich. Ich war mir nicht sicher. Aber in der Presse stand nie etwas darüber, dass Sie eine Gaststätte haben. Ich wusste nur davon, dass Sie in einem Fitnessstudio jobben. Das soll wohl sehr gefragt sein wegen deren Aufbauprogramme und Ernährungspläne. Einige meiner Kollegen und Studenten gehen dort gerne hin.“, berichtet er.
Tina freut sich über diesen guten Ruf. „Danke für das Kompliment. Ja die Programme haben der Inhaber und ich zusammen erstellt. Ich hatte ihr schonmal angeboten es mitzumachen, aber sie hat weder das Geld dafür noch die Zeit es umzusetzen. Das ist natürlich nicht schön. Aber ich werde sie schon wieder aufpäppeln. Jedoch nützt das beste Programm und die beste Ernährung nichts, wenn sie zu viel arbeiten muss.“
„Das stimmt. Ich habe einen Vorschlag. Sie muss noch ein paar Tage hier zur Beobachtung bleiben und ich schreibe sie ohnehin zwei Wochen krank, damit sie sich mal richtig ausschlafen kann. Mehr braucht sie erstmal gar nicht. Soweit geht’s ihr super. Das heute war ein Signal.
Wenn sie als Klassenkameradin ihren Krankenschein zu ihrem Arbeitsgeber bringen, ist sie gleich entschuldigt und Sie könnten sich ja die Lage vor Ort mal ansehen. Es ist ja nur eine Vermutung. Vielleicht ist es ja auch was Privates. Wer weiß?
Nur wenn ich sie jetzt kurz nach dem Anfall losschicke, geht sie wieder arbeiten und dann liegt sie das nächste Mal vielleicht nicht bei mir.“, spricht er ernst und besorgt.
Tina freut sich, dass er dieselben Gedanken hat wie sie. „Super, so machen wir das. Sollte es an der Arbeit liegen schau ich was ich machen kann. Im Notfall muss sie den Betrieb wechseln.“
„Genau, wird nur schwierig, wenn sie schon ins 3. Lehrjahr kommt.“, überlegt er. „Im Notfall kommt sie zu mir. Ich benötige sowieso bald mehr Hilfe, weil ich selbst weniger da bin. Sie ist eine unserer besten Schülerinnen, also kann sie sicher auch gut arbeiten bei so viel Fachwissen.“, lächelt sie. Der Arzt ist beruhigt. „Dann muss ich mir ja keine Sorgen mehr machen. Welche Gaststätte haben sie denn?“
Sie holt eine Visitenkarte raus und gibt sie ihm. „Kommen Sie doch mal vorbei. Ich werde jetzt aber wieder, sonst ist der Kaffee kalt.“
Er nimmt an und bedankt sich. „Bestimmt. Wir wollten eh mal was Neues ausprobieren für die nächste Betriebsfeier.“
Dann öffnet sie die Tür und bringt Genzo den Kaffee.
Unterdessen macht sich Kojiro noch vor Trainingsende auf den Weg zu Tinas Gaststätte. Er betritt den Personalbereich und mit einem überraschten Blick wird er von Roland begrüßt, welcher gerade einen Topf aus dem unteren Schrank nehmen will. „Nanu. Du hier? Tina ist noch unterwegs. Ich weiß nicht wann sie kommt.“
Kojiro entgegnet ihn freundlich und respektvoll, doch mit einer ernsten Miene. „Guten Tag Roland, ich bin bewusst ohne sie hier. Ist Herr Satsujinsha gerade anwesend? Ich habe etwas mit ihm zu bereden.“
‚Seltsam, was will er denn von ihm?‘, wundert er sich nur.
„Ja, er ist im Büro. Du hast Glück, heute Abend geht sein Flieger schon.“
„Okay, danke.“, geht er an ihm vorbei und schaut zu ihm herab.
„Ach so, noch eine Frage. Ich hatte anfangs keine Ahnung wie nah ihr euch steht, also Tina und du. Das kam eher anders rüber.
Könntest du als erfahrener Küchenchef dir vorstellen, dass Bettina dieses Unternehmen alleine führen könnte, wenn sie die Zeit hätte? Also rein fachlich meine ich. Ganz ehrliche Antwort bitte.“, sieht er ihn ernst an. ‚Was soll die Frage? Was führst du im Schilde, Kojiro Hyuga? Wieso willst du das wissen?‘
Roland bäumt sich vor ihm auf und schaut zu ihm runter. Sein Blick ist ernst und ehrlich.
„Sie macht die Ausbildung nur, damit sie rechtlich die Leitung übernehmen kann. Als Geschäftsführung benötigt man einen kaufmännischen Abschluss. Sonst hätte der Diätkoch gereicht.
Ja, sie kann das alleine. Sie hat bereits neue Pläne. Ihr Plan wird aufgehen und das Geschäft wird wieder richtig aufleben. Davon bin ich überzeugt.
Kojiro, wieso willst du das wissen?“, betont er plötzlich ernst am Ende seiner Erklärung.
Kojiro blickt zu ihm auf und lächelt siegessicher.
„Ich habe gerne Rückenwind, wenn ich angreife.“, antwortet er mit überzeugter Stimme.
Dann verlässt er die Küche und geht durch die Backstube über den Personalgang zum Büro.
Die Tür ist geschlossen und er klopft. ‚Nanu, so ein kräftiges Klopfen? Wer ist das?‘
„Herein bitte.“, äußert der Japaner hinter dem Schreibtisch.
Kojiro öffnet die Tür und begrüßt den Mann höflich. Er lässt sich nichts anmerken. Nun blickt er zu ihm, dem Mann der Tina neulich so herabgewürdigt hat, dass er ihn am liebsten anbrüllen würde. Aber so ist er nicht, Kojiro ist besonnen und spielt seine Pokerkarten nach seinem eigenen System.
„Guten Tag Herr Satsujinsha.“
Der Mann schaut erstaunt zu ihm. ‚Was will der denn hier? Seltsamer Mann. Zuerst stellt er sich als Tellerwäscher an die Spüle und dann taucht er hier grundlos auf?‘
„Guten Tag Herr Hyuga, was kann ich für Sie tun?“, wirkt er ruhig.
„Nach unserer flüchtigen Begegnung am Mittwoch wollte ich mich persönlich vorstellen. Es wäre sonst unhöflich.“, erklärt er ebenso ruhig. Am Mittwoch, als Kojiro am ersten Tag an der Spüle stand kam dieser Mann nur flüchtig an ihm vorbei, begrüßte ihn, bedankte sich kurz fürs Helfen und war schon wieder weg, bevor sich ihre Blicke überhaupt trafen. Er ging so schnell hinter ihm zur Backstube durch, dass er kaum reagieren konnte und rief ihm nur höflich ein „Guten Tag“ hinterher. Auch er hat diesen Mann nur kurz von hinten gesehen.
„Danke nochmal für Ihre spontane Unterstützung. Es fällt immer auf, wenn mal jemand fehlt. In der Regel übernimmt Tina im Notfall diese Arbeit, aber wenn sie vorne dolmetschen muss ist sie unabkömmlich.“, erklärt er ehrlich und richtet sich im Bürostuhl auf.
„Dolmetschen?“, hinterfragt Kojiro neugierig.
„Hm. Man merkt, Sie kennen sich noch nicht lange. Tina spricht mehrere Fremdsprachen, meist fließend. Japanisch ist nur eine davon.
Setzen Sie sich doch gerne.“, bittet er ihm freundlich den Stuhl vor sich an. ‚Er kommt mir sehr freundlich vor. Das ist irritierend. Nun gut, das Spiel kann ich auch.‘, denkt Kojiro und nimmt sein Angebot an um mit ihm mehr auf Augenhöhe zu sein und ihm von Nahem besser zu beobachten.
„Welche Sprachen spricht sie denn?“, entgegnet er ihm nur und bleibt bei seinem selbstsicheren Auftreten. ‚Er ist wirklich groß und imposant. Laut meiner Recherche soll er sehr impulsiv sein. Er wirkt jedoch eher ruhig. Ist er wirklich nur hier, um sich kurz vorzustellen, weil unsere Begegnung so kurz war?‘
„Sie spricht neben Japanisch und Englisch auch Französisch und Spanisch fließend. Aktuell eignet sie sich Italienisch an.“, berichtet er stolz. ‚Wow, du beherrscht 6 Sprachen?‘
„Das kann man nur bewundern. Ich quäle mich schon mit Englisch und Italienisch rum.“, geht er auf sein Gespräch ein.
„Ich bin froh Deutsch und Englisch zu können. Einfach aus Berufswegen. Tina hat für Sprachen genauso viel Talent wie für den Sport.“
„Was ist, wenn sie ihre Ausbildung fertig hat? Wie geht es dann hier weiter?“, kommt er langsam zum Thema und sieht ihm in die Augen. Er bemerkt ein ganz leichtes Zucken in seinem linken Auge. „Das sollten Sie mit ihr besprechen, nicht mit mir.“, kommt als trockene Antwort.
„Stimmt.“, sagt Kojiro nur und blickt ihn an. ‚Der wunde Punkt.‘, stellt er fest.
„Tina erzählte mir, Sie machen hier die Buchhaltung und halten ihr als Anwalt Probleme vom Hals. Ist das Ihr Hauptjob?“
Wieder ist ein Zucken zu erkennen. „Richtig. Ich bin jedoch hauptberuflich Wirtschaftsanwalt. Deswegen fliege ich heute Abend auch wieder nach Deutschland. Ich arbeite mit einigen großen Firmen aus Deutschland und Japan zusammen. Hauptsächlich bin ich hier.“, erklärt er bestimmend.
„Was meinen Sie, könnte Bettina den Laden hier alleine führen, wenn sie mit ihrer Ausbildung fertig ist? Trauen Sie ihr das zu?“, stellt er ihm die gleiche Frage wie Roland. „Ach so, darum geht es. Sie machen sich Sorgen was wird.
Natürlich könnte sie das alleine. Letztendlich macht sie es auch schon. Sie sitzt eher die Zeit in der Schule ab, damit sie die Ausbildungszeit angerechnet bekommt. Sie hat nur die besten Noten und kann hier im Betreib fachlich alles vorweisen. Sogar die Küche kann sie leiten, da sie viel Zeit mit Roland verbracht hat.
Es gibt dabei nur ein Problem. Sie könnte das, wenn ihr Herz nicht am Sport hängen würde. Solange sie also Profisport betreibt und natürlich damit auch mehr verdient, hat sie nicht die Zeit sich komplett um den Betrieb zu kümmern. Demzufolge würde es also erstmal genauso weiterlaufen wie bisher, nur, dass sie nicht mehr so viel hier sein muss. Sie könnte sich mehr auf ihren Sport konzentrieren.“, erklärt er.
Kojiro setzt einen ernsten Blick auf und lockt ihn endlich aus der Reserve.
„Wenn Sie so viel von ihr halten und im Stande wäre hier alles zu managen, warum versuchen Sie dann, sie zu erniedrigen?“ Er lehnt sich langsam vor, stützt sich mit dem linken Arm auf seinem Knie auf und sieht ihn herausfordernd an. „Mir ist klar, dass Sie nicht wussten wer ich bin und daher falsch beurteilt haben, aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht eine Frau wie Bettina zu verurteilen und zu versuchen sie herabzuwürdigen!“, spricht er offen aus was er denkt und fängt seine Reaktion genau ein. Herr Satsujinsha lehnt sich zurück in den Bürostuhl. „Daher der Anlass. Man darf scheinbar nicht mal mehr seine Meinung sagen.“, wirkt er wenig beeindruckt. ‚Komische Reaktion. Er streitet es nicht mal ab.‘
„Das ist keine Meinung, wenn man eine Frau wie Bettina derart beleidigt und hinter der Blume als Flittchen bezeichnet! Nach sieben Jahren sollten Sie ihr mehr Menschenkenntnis zutrauen.“, provoziert er ihn weiter.
Plötzlich steht der Mann auf und schaut zornig zu ihm herab. „Ich weiß ja nicht was die Kleine Ihnen erzählt hat, aber Sie sollten sich mir gegenüber nicht so im Ton vergreifen! Mir ist egal wer Sie sind! Verlassen Sie mein Büro!“, kommt mit fester Stimme zurück und seine Augen verschmälern sich.
Kojiro grinst plötzlich und bäumt sich langsam vor dem Mann auf, der gerademal so groß ist wie Tina und geht dann ohne ein weiteres Wort zu sagen aus dem Büro. ‚Er tut es schon wieder. „Kleine“, so so. „Mein Büro“, soweit ist er also schon im Gedanken. Es ist sein Büro.‘, stellt er fest.
Kojiro schließt die Tür hinter sich, als er das Büro verlässt. Dann schaut er nach links zu Roland, welcher natürlich neugierig war und ihm gefolgt ist. ‚Kojiro, was hatte das zu bedeuten?‘, blickt er ihn überrascht an. Mit einem Blick zum Personalgang deutet Kojiro ihm an, dass er leise sein und ihm folgen soll.
In der Backstube angekommen schließt Roland die Tür hinter sich. Kojiro geht bis zur angrenzenden Spülküche durch und schließt auch diese Tür. „Was war das denn? Was hatte das zu bedeuten?“, spricht Roland leise und deutet an sich neben den Ofen zu stellen. Dort ist es am ruhigsten im Raum. Er weiß, dass die Backstube schallgedämmt ist. Kojiro folgt ihm. „Ich hatte bisher nicht die Gelegenheit diesen Mann kennenzulernen. Jetzt weiß ich was ich von ihm zu halten habe. Du kennst ihn doch schon so lange, wie genau läuft das hier ab? Welche Aufgaben macht er hier?“
„Was meintest du vorhin, er habe Tina als Flittchen bezeichnet?“, will Roland erst ein anderes Thema geklärt wissen. Kojiro erklärt ihm kurz, dass sich Tina bei ihm ausgeweint hat, weil er sie so sehr gekränkt hat. Roland schaut Kojiro erstaunt an. „Tina hat noch nie geweint. Keiner hier hat sie je weinen sehen. All die Jahre nicht. Nicht mal nach dem Unfall ihrer Eltern, auch dann nicht. Wir kennen sie nur fröhlich, ernst oder nachdenklich, aber Tränen, nein.“, äußert er zuerst. „Was erlaubt sich dieser Mann? Ich verstehe das gar nicht. Er ist ihr gegenüber nie ausfällig gewesen, auch uns gegenüber nie. Er hält sich in der Regel aus allem raus. Er macht den ganzen Buchhaltungskram und wenn es eng wird informiert er Tina und mich, damit wir uns was einfallen lassen. Als Anwalt vertritt er sie, wenn mal was wegen ihres Sports passiert. Du hast sicher auch einen Anwalt parat, wenn mal was ist.“ Kojiro nickt. „Schon, aber um meine Finanzen kümmert sich jemand anderes. Ob es gut ist, wenn jemand beides zusammen in der Hand hat? Das mag ich bezweifeln. Ich weiß ja nicht wie du mit ihm klar kommst, aber nur in diesem kurzen Gespräch habe ich das starke Gefühl, dass man ihm nicht trauen kann.“
Zur selben Zeit wenige Meter vor dem Eingang der Gaststätte nähern sich Tina und Genzo. „Wir gehen am besten hinten rein. So kannst du dich dann etwas unauffälliger an den Tresen setzen und wir können nebenbei plaudern.“, beschließt Tina, denn aktuell ist es nach der Mittagszeit nicht mehr so voll.
Genau in dem Moment, wo sie die Personaltür öffnen fängt es an zu regnen.
„Das war knappt. Du kannst ja schonmal vor gehen und dich an den Tresen setzen. Ich gehe mich umziehen.“
Wenig später steht sie in der Umkleide und beschließt das neue Kleid nicht anzuziehen, stattdessen wählt sie das Kleid, welches ihr eine Tante geschenkt hat. Es ist ein handgefertigtes schwarzes Samt-Dirndl, mittig mit silbernen Knöpfen, einer zarten Edelweißstickerei und Balkonett-Ausschnitt. Tina nimmt die weiße kurze Bluse vom Haken, zieht sie an, das Kleid darüber und bindet die bordeauxrote Satinschürze seitlich zu. Sie richtet das breite Schleifenband und begibt sich durch die Küche an Heidi vorbei zum Tresen vor.
Anja und Carsten sind schon voll in Action, da einige Leute unerwartet plötzlich ins Lokal gekommen sind, weil der Regen sie überrascht hat.
„Oh, ist ja ordentlich was los hier. Haben alle soweit alles? Muss ich noch irgendwo Bestellungen aufnehmen?“ Sie geht zur Kasse und schaut die Tische durch. „Ja, du musst unbedingt zu Tisch 5 bis 7, da sind 10 Männer, die sprechen Französisch, Getränke machen wir. Die wollen aber was essen. Und dann ist Tisch 12 gerade neu gekommen, die haben noch nichts. Der Rest ist versorgt und trinkt hauptsächlich was.“, berichtet Anja fix und läuft mit dem Tablett los zu den anderen Gästen.
Tina schnappt sich 10 Speisekarten und geht sofort zum großen Tisch der Franzosen. Freundlich begrüßt sie die Männer in ihrer Landesprache. „Herzlich Willkommen im „De Mecklenburger“, Ihre Getränke kommen gleich.
Sie möchten auch etwas essen?“ Tina verteilt die Speisekarten und als sie die letzten zwei Karten neben sich an die Männer geben will bemerkt sie wen sie plötzlich vor sich hat. Da die beiden mit dem Rücken zu ihr sitzen konnte sie ihre Gesichter nicht gleich erkennen. ‚Eru-Shido Pierre und Pepe, das nenne ich eine Überraschung. Die haben sich ja verändert. Was machen die hier?‘ Sie lächelt die beiden überrascht an und gibt ihnen die Karten. Sie versucht sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die beiden kennt. „Unsere Speisekarte ist leider nur auf Englisch, Deutsch und Japanisch. Wenn Sie Fragen haben oder Hilfe brauchen bin ich für Sie da. Ich übersetze Ihnen. Aber schauen Sie gerne erstmal rein. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“, erklärt sie so wie immer, wenn es sprachlich nötig ist. Eru-Shido ist verblüfft so eine hübsche blonde Kellnerin hier anzutreffen. ‚Wow, die ist ja genau mein Fall. Dass ich hier auf eine solche Schönheit treffe, habe ich nicht geahnt.‘, steigt sein Puls plötzlich etwas an.
Dann geht sie gegenüber zu Tisch 12 und begrüßt die Japanerin und ihre jugendliche Tochter. „Herzlich Willkommen, was darf ich Ihnen bringen?“ Das junge Mädchen wird plötzlich ganz rot im Gesicht und starrt Tina einfach nur an. Ihr Herz scheint zu zerspringen und sie ist ganz still und kann gar nichts sagen. ‚Wow, Wahnsinn. Mama hat nicht gesagt, dass ich hier auf Tora treffe, die Gelbe Tigerin arbeitet hier als Kellnerin? Wieso? Volleyballer verdienen doch in Japan genug und müssen nicht arbeiten.‘ Die Mutter betrachtet Tina ebenso genau. ‚Sie ist wirklich sehr hübsch. Ich wusste immer, dass Kojiro Geschmack hat.‘, geht durch ihren Kopf. „Guten Tag, wir hätten gerne das Angebot mit der Tasse Kaffee und den gemischten Keksen, eine Orangenlimonade und einen Erdbeer-Eisbecher.“
Tina lächelt freundlich und bedankt sich für die Bestellung. Dann geht sie zum Tresen zurück und tippt die Bestellung ins Kassensystem ein, zieht den Bon und legt ihn an den Tresen. „Carsten, wenn du das Bier fertig hast, bitte fix einen Erdbeer-Eisbecher an Tisch 12.“
„Das werden aber insgesamt 10 Maß und wird etwas dauern.“, erklärt er kurz. „Ach so. Dann geh gleich das Eis machen, ich mach das fertig. Organisiere Roland gleich in die Küche, er soll bereitstehen, die Bestellungen der Franzosen kommt gleich rein. Er ist sicher im Büro.“, sagt sie an und er stellt das Glas ab und geht in die Küche. Tina zapft die 10 großen Gläser fertig und bringt sie dann zu den Männern. Diese staunen natürlich nicht schlecht als sie ihr Bier serviert bekommen. „Sie haben aber Kraft in den Armen. Alle Achtung.“, meint Pierre und blickt ihr in die Augen. Tina stellt die Gläser ab, verteilt die Bierdeckel auf dem Tisch und gibt jedem sein Bier. „Ich könnte mehr tragen, wenn meine Hände größer wären.“, lacht sie aus alten Gewohnheiten. Als sie damals zur Europameisterschaft der U16 in Paris waren haben sich die beiden Mannschaften sehr gut verstanden. Pierre war genauso nett und aufrichtig und talentiert wie Karl und Stephan. Sie hat nur lustige Erinnerungen mit ihm und Pepe. Ihre Duelle waren sehr prägend und sorgten für wichtige Erfahrungen. Die Begegnung mit ihm war damals eine der freudigsten während der Meisterschaft. Zu ihren Gunsten haben sie, die Deutschen, im Finale gegen die Franzosen gewonnen. Das war kurz bevor Genzo ins Team kam.
Eru-Shido Pierre
Eru-Shido Pierre
Kapitel 28
„Mama, weißt du wer das ist? Das ist die gelbe Tigerin, die Volleyballerin, die ich so sehr mag. Sie ist wahnsinnig hübsch und stark. Hast du gesehen wie sie eben die großen Gläser getragen hat? Ist das eine tolle Frau, so stark und stolz.“, schwärmt Naoko begeistert. ‚Stark und stolz? Es sieht eher so aus als würde sie mit diesem Franzosen flirten. Oder er versucht mit ihr zu flirten? Leider verstehe ich kaum ein Wort. Mein Französisch ist total eingerostet.‘, grübelt Kojiros Mutter.
„Mama? Wieso wolltest du eigentlich ausgerechnet hier mit mir Kaffee trinken? Du bist doch sonst nur in japanischen Lokalen unterwegs.“
„Ach, nur mal so. Man hat es mir empfohlen.“, stammelt diese plötzlich und kann nicht wirklich aufhören zu Tina zu sehen wie sie freundlich die Speisekarte übersetzt.
„Haben Sie auch etwas was hier nicht steht? Wir lassen uns auch gerne mal überraschen. Sie sagten ja, dass Sie europäische Küche anbieten. Haben Sie auch etwas französisches anzubieten?“, spricht Eru-Shido Tina an.
„Das müsste ich mit dem Chefkoch bereden. Wie ich ihn kenne hat er was Neues in der Schublade liegen. Das kostet dann aber etwas mehr als das was auf der Karte steht.“, schmunzelt sie zurück. Plötzlich bemerkt sie, dass sich sein Blick verändert hat und dann berührt er auf einmal ihren Arm. „Wir nehmen was er hat, Hauptsache Sie können es empfehlen.“
Ruckartig zieht sie ihren Arm zurück und blickt ihn verdutzt an. ‚Was soll das jetzt? Wieso fasst er mich an? Spinnt der?‘
„Wünschen Sie dann ein Menü oder nur eine Hauptspeise?“, versucht sie professionell zu bleiben.
‚Ich bin aber auch total doof. Ich habe total vergessen, dass ich als Frau vor ihm stehe. Als wir uns damals begegnet sind war ich gerade mal dreizehn oder vierzehn und als Junge in seiner Gegenwart. Er hat meine Fröhlichkeit sicher falsch gedeutet.‘
Am Tisch gegenüber wurde die Situation erkannt. ‚Oh, das wollte sie nicht. Also geht das doch nur von ihm aus. Naja, sie ist ja auch eine echt hübsche Frau, dass die Männer bei ihrem Anblick so reagieren kann man ihnen nicht verübeln.‘
„Gerne als 3-Gänge-Menü. Wir warten auch, da wir unangemeldet da sind. Wir sind aber auch hungrig.“
„Sehr gerne. Danke für Ihr Vertrauen.“, lächelt sie diesmal zurückhaltender und geht zum Tresen zurück. Dann geht sie direkt durch die Pendeltür in die Küche und atmet tief durch. „Man bin ich doof. Wie konnte ich nur so dämlich sein?“, flucht sie in ihrer Heimatsprache vor sich hin. Roland und Heidi sehen sie nur überrascht an. „Was ist denn los?“, hinterfragt Roland.
„Hallo erstmal. Ach, ich habe eben bei einem Gast total vergessen, dass ich älter geworden bin. Ich bin der Person begegnet, als ich noch ein Kind war und es war damals lustig, aber er hat mich nicht erkannt und …naja, ist 9 Jahre her. Blöde Geschichte. Egal jetzt.
Roland…was haben wir an französischen Gerichten als 3-Gänge-Menü in der Schublade? Ich habe da vorne 10 Franzosen sitzen, hungrige Sportler. Ich brauche was Besonderes für so hohe Prominenz. Was mit Fisch im Hauptgang. Am besten etwas was wir später gleich mit in die neue Karte nehmen können, wenn die Herren das Gericht im Gästebuch loben.“
„Wieso mit Fisch?“
„Weil ich weiß, dass die wichtigste Person Fisch liebt.“
„Was sind das denn für Prominente? Sportler sagst du?“, wundert er sich.
Sie atmet erneut tief durch. „Es sind Fußballer. Da vorne sitzt fast die gesamte Nationalelf der Franzosen. Sie wurden sicher vom Regen überrascht.“
Roland staunt nicht schlecht.
„Oh, und du hast gar kein Problem damit, dass die da sind?“
„Nö, ich kenne doch zwei von ihnen von damals aus Europa. Und außerdem, stört es mich nicht mehr seitdem...Kojiro bei mir ist.“, lächelt sie und vor ihr erscheinen gedanklich Kojiros liebevolle Augen.
Roland geht an seinen Ordner und blättert durch. „Ich habe hier was Feines. Die Zutaten haben wir auch alle ausreichend da. Ich mache dir was tolles fertig.“
„Mache mir da mal einen Preis für das Menü klar, die zahlen sicher gut. Sie haben gesagt, dass es auch mehr kosten kann, ich habe sie schon vorgewarnt.“
„Super, hier…kannst das hier dann in die Kasse geben. Wie oft?“
„Zehnmal dann bitte.“
Tina schaut auf das Menü. „Roland, das ist doch von mir. Was soll das?“, wundert sie sich.
„Du bist doch jetzt offiziell Diätköchin, also kannst du auch deine Rezepte verkaufen. Die Gelegenheit ist doch genau richtig. Solche Feinschmecker zu überzeugen ist eine hohe Kunst. Außerdem hast du dieses Menü genau auf Sportler zugeschnitten. War es nicht damals genau auf Tsubasas vitalwerte angepasst? Das passt doch perfekt zu den Herren.“
„Du erst wieder. Na gut. Es passt wirklich perfekt. Aber mach etwas mehr als im Grundrezept, die Männer sind etwas größer als Tsubasa. Ich gehe es kurz durch und reiche es gleich an dich weiter.“, grinst sie und geht wieder vor zum Tresen um es in die Kasse einzugeben. Roland nickt und fängt sofort an die Zutaten zu holen.
Unterdessen bringt Carsten das Eis zu Tisch 12. „Guten Tag, wer bekommt den Erdbeerbecher?“
Naoko meldet sich. „Den bekomme ich bitte. Danke sehr.“, freut sie sich schon darauf.
„Guten Tag, sagen Sie, wer sind die Männer dort am Tisch?“, deutet Frau Hyuga mit dem Blick zu den Franzosen. „Hoher Besuch aus Frankreich. Wenn ich die Chefin richtig verstanden habe ist das die Nationalmannschaft der Fußballer.“, berichtet Carsten ganz leise.
„Oh, wer ist denn die Chefin überhaupt?“, fragt sie direkt. „Sie hat bei Ihnen die Bestellung angenommen, Bettina Fuchs. Sie hat die Gaststätte vor zwei Jahren etwa nach dem Tod ihrer Eltern übernommen.“
Naoko schaut verwundert.
„Was soll das heißen? Ihre Eltern sind tot und sie muss seitdem hier arbeiten? Davon habe ich gar nichts gelesen. Wie soll denn das gehen? Sie ist doch jeden Tag am Trainieren und arbeitet nebenbei in einem Fitnessstudio.“, erklärt sie irritiert. Carsten merkt, dass dieses junge Mädchen ein Fan zu sein scheint.
„Das sollen die Fans denken. Sie ist viel zu stolz um zuzugeben, dass sie trauert. Niemals würde sie wollen, dass die Leute aus Mitleid hierherkommen. Sie wollte immer, dass die Gäste kommen, weil es ihnen hier schmeckt und gefällt, nicht aus Mitleid, oder weil sie berühmt ist.“ Er schaut zu Tina, welche gerade am Tresen steht und die Kaffeetasse mit den Keksen auf ein kleines Tablett stellt.
„Wir bewundern sie alle. Sie hat für uns ihr Studium an der Todai geschmissen und lernt mit mir zusammen Restaurantfach. Nur so kann sie offiziell das Geschäft führen. Sie kommt jetzt.“, berichtet er stolz und hält sich dann bedeckt als Tina auf sie zukommt.
‚Sie hat für das Personal ihr Studium aufgegeben? Nur damit sie nicht auf der Straße landen?‘, ist sie erstaunt und betrachtet die Blondine, wie sie elegant das kleine Tablett hält und zu ihnen kommt.
„Carsten, mein Guter, du sollst doch nicht so lange mit den Gästen schwatzen.“, grinst sie und stellt das Tablett mit Kaffee und Keksen freundlich vor Frau Hyuga auf den Tisch. „Lassen Sie es sich schmecken.“, lächelt sie diese an. „Ich kann nichts dafür, wenn deine Fans dich erkennen.“ Tina richtet sich wieder auf und blickt die beiden Japanerinnen an. „Ach so, verstehe. Dann hat er wieder meine halbe Lebensgeschichte erzählt und Sie fragen sich bestimmt wann ich Zeit zum Trainieren habe?“, schmunzelt sie. Carsten entfernt sich wieder und geht zum Tresen.
„Vielen Dank, das sieht lecker aus.“, meint sie ehrlich zu Tina. „Das sind sie. Das Rezept ist von meinem Vater. Backen war seine Leidenschaft.“, erzählt sie stolz.
Naoko blickt nur anhimmelnd zu ihr auf.
‚Wahnsinn. Ist die nett. Wenn man sie auf dem Feld sieht kann man sich das kaum vorstellen. Ihre Gegner zittern teilweise vor Angst, weil sie nie wissen wann sie ihren schlimmsten Ball spielt. Nur die Vorstellung alleine, sie könnte die Drachenfaust spielen schüchtert sie ein. Sie spielt ihn selten, aber wenn, dann ist es für zwei Wochen aus für den, der ihn annimmt. Und ihr Feuerdrachen ist der Wahnsinn. Wie schafft sie das alles, wenn sie hier noch arbeiten muss?‘
„Dann lasse ich sie mir besonders gut schmecken.
Meine Tochter spielt auch Volleyball. Sie möchte bestimmt ein Autogramm haben.“, lächelt sie Tina an. „Mama! Das ist ja peinlich! Wie kannst du so direkt sein? Das ist unhöflich.“, äußert diese verlegen.
Tina lacht. „Ach alles gut. Ich mag direkte Menschen.“ Dann schaut sie zu dem Mädchen. „Direkte Menschen sind meistens ehrlich und verstecken sich nicht hinter einer Fassade. Ich gebe dir gerne ein Autogramm, leg hin was du signiert haben willst, ich komme dann nachher vorbei.“
„Das ist sehr lieb.“, meint Naokos Mutter.
Tina verlässt den Tisch und geht wieder zum Tresen.
„Ganz schön was los hier heute. Soviel dazu, dass wir etwas plaudern können.“, meint Genzo plötzlich, welcher die ganze Zeit mit dem Rücken zu den Gästen und mit Basecap am Tresen sitzt und seinen Kaffee genießt. „Das stimmt. Ist dir aufgefallen, wer dort sitzt?“, bemerkt sie. „Ich kann es mir denken. Misaki hat gestern so eine komische Bemerkung gemacht und Tsubasa hat sich der weile auch schon gemeldet. Da sitzen die Franzosen?“ Sie nickt nur. „Heute war ein Freundschaftsspiel für das Training. Unsere Mannschaften sind befreundet. Das nutzen wir ab und an aus.“
„Das muss ja ein kurzes Spiel gewesen sein. Und warum warst du heute nicht dabei?“
„Wir sehen uns oft genug, Eru-Shido und ich. So kann Ken auch mehr Erfahrungen sammeln. Er ist ja hauptsächlich nur hier in Japan und Asien unterwegs. Er ist super, aber ihm fehlt dadurch die internationale Erfahrung, die ich wiederum mitbringe. Ein Spiel gegen Genies wie Pierre und Pepe ist da perfekt. Tsubasa hat aber schon geschrieben, dass es nur die zweite Garde ist, die er mitgebracht hat.“, berichtet der Keeper. „Da fehlt aber einer. Es sind nur 10 da.“
Plötzlich klingelt es 3x in der Küche. „Ah, der erste Gang.“, merkt Tina an und fordert Anja und Carsten auf ihr in die Küche zu folgen. In Kürze gehen alle drei auf den Tisch der Franzosen zu und servieren jedem seinen ersten Gang. Eine schöne Suppe und ein gutes Stück hausgemachtes Brot. Bewusst hat Tina Carsten das Servieren bei Pierre und Pepe angeordnet.
„Lassen Sie es sich schmecken.“, lächelt sie freundlich einmal alle an und verlässt dann ihren Posten. Eru schaut ihr nach.
‚Was für eine Schönheit. Jetzt geht sie mir bewusst aus dem Weg. Das macht sie aber nur interessanter. Sie ist klug. Und diese Figur, Wahnsinn. An der ist alles dran.‘, grinst er vor sich hin.
Tina registriert sehr wohl, dass er ihr nachschaut. „Man, ich will nicht wissen was der für Gedanken hat.“, meint sie leise zu Genzo. „Was meinst du?“, wundert er sich nur.
„Na Pierre natürlich. Du kannst es ja nicht sehen, aber wie der mich anschaut. Das fühlt sich unangenehm an.“, vermerkt sie. Genzo grinst.
„Das ist er halt. Der macht alles an was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und wenn er eine Frau wie dich sieht muss er ja anbeißen. Was erwartest du denn, wenn du so ein Kleid anziehst? Warum stört dich das plötzlich?
Wenn du bei Martin im Studio bist sehen dich die Männer dort doch auch so an. Du sagtest doch mal du genießt es endlich als Frau gesehen zu werden. Du musstest dich immerhin lange genug verstecken.“ Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und greift nach einem Keks in der Schale vor sich. Verwundert schaut sie ihn an. „Du bist doof. Mich stört das bei den anderen auch nicht, aber es irritiert mich bei ihm. Und er hat mich eben auch angefasst, das fühlte sich ganz und gar nicht gut an und geht eindeutig zu weit.“, meinst sie nur etwas vergnatzt. Genzo schaut verblüfft. „Er hat dich angefasst? Das geht wirklich zu weit.“, meint er dann plötzlich und richtet sich auf. „Ach jetzt auf einmal, ja? Lass mal stecken. Ich kann das alleine klären.“, grinst sie. „Wenn er doch zu weit geht, sag Bescheid.“, murrt er auf einmal. Sie lächelt ihn an. „Ich weiß wie ich solche Männer loswerde, aber es ist halt irritierend bei ihm.“
Es vergeht ungefähr eine viertel Stunde und einige Gäste verlassen das Lokal, da der Regen wieder aufgehört hat.
Tina geht wieder zu den Fußballern und erkundigt sich ob es ihnen geschmeckt hat. Alle sind begeistert und loben in großen Tönen. Sie sammelt die Teller ein und dann reicht ihr Pierre seinen direkt, statt zu warten, dass sie ihn vom Tisch nimmt. Er blickt ihr in die Augen und bedankt sich für die Suppe. In diesem Moment rutscht ihm der Löffel vom Teller und fällt auf den Fußboden. ‚Das war doch Absicht. Ich hätte den schon alleine nehmen können. Er weiß doch genau wie man sich beim Abheben benimmt.‘, fällt ihr gleich auf. Trotzdem geht sie mit der vollen linken Hand in die Knie und hebt den Löffel auf. Natürlich nutzt er die Gelegenheit und blickt ihr unübersichtlich ins Dekolleté. ‚Das nenne ich mal eine Aussicht.‘
‚Langsam reichts echt. Schade, dass du mir meine alte schöne Erinnerung kaputt machst.‘. Tina schaut zu ihm auf und blickt ihn ernst an. „Das ist ganz und gar nicht nett!“, hält sie sich noch zurück. Dann steht sie auf, legt den Löffel zum anderen Besteck und nimmt den letzten Teller vom Tisch. Dann geht sie in die Küche.
„Mama, hast du das gesehen? Der Mann ist aber frech. Das war doch volle Absicht, nur um ihr auf den Busen zu glotzen. Was erlaubt der sich überhaupt? Wieso lässt sie sich das überhaupt gefallen?“, flüstert sie aufgebracht zu ihrer Mutter rüber. ‚Frech ist schon gar kein Ausdruck mehr dafür. Er hat es genau ausgenutzt, dass sie die Hände voll hatte. Aber sie hat ihm was gesagt, und ihr Blick sah sehr ernst aus.‘
„Naja, sie ist Profi. Sie weiß, wenn sie sich nicht zurückhält, fällt das auf den Betrieb zurück.“, meint sie.
„Verstehe, so wie Kojiro? Er hat ja auch lernen müssen sich zu zügeln.“
Sie nickt. „Genau.“, meint sie überzeugt. ‚Ich will nicht wissen was passiert, wenn er davon erfährt? Oder es gesehen hätte?‘
Im selben Augenblick stellt Tina wütend die Teller in die Abwäsche, begrüßt Makoto, welcher derweil an der Spülmaschine steht und geht schnurstrakt in die Backstube und schließt die Tür hinter sich.
‚Das regt mich so auf! Wie kann er nur?‘ Wütend schlägt sie auf den Sandsack ihres Vaters ein, welchen er damals extra für sie in die Ecke der Backstube hängte. So konnte sie ihn jederzeit nutzen, wenn ihr danach war. Auch heute noch nutzt sie ihn. Immer dann, wenn sie nicht weiß wohin mit ihrer Wut. Es ist schon viele Wochen her, als sie ihn das letzte Mal wirklich nutzen musste.
Kurz darauf kommt Kojiro durch den Personaleingang und begrüßt Roland und Heidi. „Oh, wieder da?“, äußert Roland. Kojiro entgegnet freundlich. „Ich musste nur kurz was Wichtiges erledigen, sonst wäre ich gleich dageblieben. Ist Tina vorne?“
„Sie ist gerade in die Backstube gegangen. Ich würde sie dort jetzt nicht stören.“, meint Heidi. „Wieso das? Was will sie denn dort?“, wundert er sich nur.
„Das, was du vorhin dort gemacht hast. Frust abbauen.“, äußert Roland.
Kojiro ist etwas überrascht. „Nanu? Naja, war ein komischer Tag heute.“, meint er nur nachdenklich. ‚Zuerst die ganze Aufregung in ihrer Schule und dann wäre eine Klassenkameradin beinahe gestorben. Das war wirklich ein doofer Tag. Aber genau deswegen habe ich ihr ja was mitgebracht.‘, grinst er vor sich hin, hält weiterhin die linke Hand hinter den Rücken und geht in Richtung Backstube. In der Spülküche macht er kurz Halt.
„Guten Tag, du musst Makoto sein?“, begrüßt er den jungen Burschen. Dieser dreht sich zu ihm um und staunt nicht schlecht.
„Tatsächlich. Ich dachte Roland will mich veralbern.“, haut er überrascht raus. „Guten Tag Herr Hyuga.“.
„Hallo. Kojiro reicht, nicht zu förmlich.“, grinst er und geht dann an ihm vorbei. Nun steht er vor der Tür und öffnet diese ganz leise, geht hindurch und schließt sie wieder leise hinter sich. Nun steht er da, ohne dass Tina es bemerkt, und beobachtet wie sie wütend auf den Sandsack einschlägt. Mal mit den Fäusten, so wie sie es von Yoko und Martin gelernt hat und mal mit der Handfläche, als würde sie ihre Bälle schlagen.
‚Das nenne ich mal Wut. Ich habe sie noch nie wütend erlebt. Der Sack muss ganz schön was aushalten. Heute scheint er voll im Einsatz zu sein.
Was hat sie derart aufgeregt? Ob sie sich beruhigt, wenn sie merkt, dass ich da bin? Mich kann sie auch beruhigen. Sie hat so eine ruhige Art, dass ich schnell runterkomme.‘
„Ich möchte jetzt nicht der Sandsack sein.“, sagt er sanft und ruhig.
Plötzlich bleibt ihre Hand vor dem Sandsack stehen und sie dreht sich zu ihm um. „Kojiro?“, haucht sie aus. Ihr Puls steigt plötzlich weiter an als er eh schon hoch ist. Und sie nimmt die Hände runter. ‚Wie lange steht er denn da schon? Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er gekommen ist.‘
„Tut mir leid. Tut mir leid, dass du mich so sehen musst.“, fällt ihr nichts anderes ein.
Er geht langsam auf sie zu. „Ich weiß nicht was dich so aufgeregt hat, aber…“ Er holt einen bunten Blumenstrauß hervor und hält ihn auf ihrer Brusthöhe unter die Nase. Tinas Blick verwandelt sich in ein bezauberndes Lächeln und ihr huschen plötzlich ein paar Freudetränen über die Wangen. ‚Blumen? Kojiro. Ich hatte keine Ahnung, dass du so romantisch sein kannst. Das kann ich jetzt brauchen. Halt mich…halt mich bitte jetzt ganz fest. Dann kann ich wieder allen Kummer vergessen und diese Anspannung heute Morgen in der Turnhalle…die war nicht zu ertragen.‘ „…vielleicht muntern die dich etwas auf.“, lächelt er.
„Danke!
Dich…dich zu ignorieren…das war…der pure Horror!“, haucht sie aus, riecht an den Blumen und blickt ihm tief in die Augen.
„Das war wirklich unerträglich.“, entgegnet er.
„Wie schön sie duften, Kojiro.“, klingt sie lieblich. Kurz darauf legt sie die Blumen behutsam auf den Tisch neben sich und hält sich Möbelstück fest. Er nimmt sie in die Arme und küsst sie sinnlich. Es ist eine unbeschreibliche Spannung im Raum und beide vergessen für kurze Zeit was heute alles aufregendes passiert ist. Kojiro wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht und fährt mit der rechten Hand durch ihr Haar. ‚Das entschädigt diese furchtbare Anspannung heute Vormittag.‘, geht in beiden vor.
‚Wie sehr würde ich jetzt nur in deinen Armen liegen und diesen Moment unendlich lang fühlen. Kojiro…warum ist das nur so? Warum nimmst du mir jegliche Angst und alle Wut? Warum ist das weg, wenn du bei mir bist? Warum ist es weg, seitdem wir uns kennen?‘
‚Tina, wie sehr wollte ich dich vorhin in den Arm nehmen und dir sagen, wie sehr mir deine Show gefallen hat. Diese Anspannung war kaum zu ertragen. Dass du trotz dieser Anspannung deinen neuen Ball hinbekommen hast, das war wirklich Wahnsinn.‘
Er unterbricht plötzlich den Kuss und sieht ihr tief in die Augen.
„Bettina, lass uns irgendwo hinfliegen! Irgendwo dahin wo wir…mal alleine sein können. Du kennst sicher einen Ort, wo man uns nicht gleich erkennt. Du hast doch jetzt auch Urlaub. Ich habe noch 6 Wochen.“
Verwundert schaut sie ihn an.
„Kojiro…wirklich? Du willst mit mir Urlaub machen? Einen richtigen Sommerurlaub?“ Er nickt und streicht durch ihr weiches Haar.
„Ja, Bettina, das will ich. Wir konnten uns bisher nie richtig kennenlernen und hier werden wir ständig gestört.
Also möchtest du mit mir ein paar Wochen Urlaub machen? Du sagst wohin. Egal, du hast die ganze Welt zur Auswahl.“, sieht er sie verliebt an und lässt sie seine direkte Art spüren.
Etwa fünf Minuten später lässt sich Tina wieder am Tresen blicken und legt die Blumen an die Seite. Fröhlich geht sie am Tresen vorbei, öffnet den Festsaal und geht hinein an einen der alten Bauernschränke und nimmt eine Vase heraus. Am Tresen grinst sie Genzo an. „Was ist denn jetzt los? Wo kommen die Blumen her?“ ‚Eben war sie noch so sauer und jetzt ist sie plötzlich so fröhlich. So glücklich habe ich sie seit Jahren nicht gesehen.‘, fällt ihm auf.
„Die sind von Kojiro.“, sagt sie fröhlich und holt eine Schere aus der Schublade und beginnt die Stängel schräg anzuschneiden.
„Echt? Er ist hier und hat dir Blumen mitgebracht?“, ist Genzo sehr verwundert. ‚Hyuga, meinst du das tatsächlich ernst mit ihr? Blumen? Und du erscheinst hier im Betrieb?‘
Tina lächelt vor sich hin und füllt Wasser und ein paar Löffel Zucker in die Vase. Dann stellt sie den Strauß hinein und verteilt die einzelnen Blumen, damit sie Platz finden. Dann stellt sie den Blumenstrauß sichtbar auf den Personaltisch neben dem Tresen. So kann sie ihn von allen Seiten betrachten und die Gäste können ihn auch sehen. Das kleine Väschen mit dem Röschen stellt sie hingegen auf den Tresen neben Genzo.
Dann schaut sie sich um und entdeckt Tisch 12, an dem Kojiros Mutter mit seiner Schwester sitzen. Es liegt inzwischen ein Büchlein auf dem Tisch. ‚Ah, sie hat was zum signieren gefunden.‘, lächelt sie, geht zum Tresen und holt einen Stift aus der Schublade.
Wenig später steht sie am Tisch und betrachtet das Büchlein. „Hier darf ich reinschreiben?“, erkundigt sie sich. „Ja genau, bitte genau auf diese Seite hier. Da sind auch andere Autogramme drin und für Sie habe ich eine besondere Seite vorgesehen.“, lächelt das junge Mädchen. „Deinen Namen brauche ich noch, Liebes.“
„Naoko bitte.“ Somit wird das Büchlein signiert.
„Sagen Sie, Sie sind auf einmal so fröhlich? Vor Kurzem haben Sie sich doch sicher noch über diesen Mann dort geärgert.“, fragt die Mutter neugierig und hat natürlich mitbekommen, dass Tina einen Blumenstrauß hingestellt hat.
„Ach mich kann heute nichts mehr ärgern. Sehen Sie den Blumenstrauß dort drüben? Den hat mir mein Freund eben gerade gebracht. Und er hat mich gefragt ob wir spontan in den Urlaub fliegen wollen. Wenn man so eine Nachricht bekommt, dann lasse ich mir bestimmt nicht mehr von so einem Casanova den Tag verderben!“, grinst sie. Dann schaut sie sich das Büchlein an. „Darf ich die anderen Autogramme auch sehen?“, fragt sie nett.
„Na klar. Sehr gerne. Ich sammle richtig und habe das immer bei mir. Manchmal habe ich Glück und es ergibt sich mal was so wie heute. Das war ja gar nicht geplant.“
Tina schaut sich in Ruhe das Buch von hinten nach vorne an. „Wow, Yoko und Yako hast du ja auch schon.“ Dann blättert sie weiter und staunt nicht schlecht.
‚Kojiro, was meint sie mit Urlaub? Aber es freut mich sehr, dass du es schaffst sie fröhlich zu stimmen. Sie scheint es sehr ernst mit dir zu meinen.‘
„Wo ist denn Ihr Freund? Er hat doch den Strauß eben erst gebracht, oder?“, ist sie direkt. „Also Mama echt, du bist heute unmöglich! Sowas fragt man doch nicht. Was geht dich denn das überhaupt an?“, faucht Naoko ihre Mutter an.
„Alles gut, er ist im Personalbereich. Wir können das noch nicht offiziell machen.“, erklärt sie nur kurz.
„Wahnsinn…wer da alles drin ist. Viele kenne ich nicht, sind sicher auch ein paar Sänger oder Schauspieler dabei, oder?“
„Ja genau.“ Tina blättern weiter vor zum Buchanfang.
„Ist ja cool, da ist ja Jun drin. Jun Misugi, mit dem bin ich zusammen in derselben Klasse gewesen als ich herzog. Auf der Musashi-Schule. Ganz netter Mensch.
Und sogar Tsubasa ist hier drin. Dieses Gekrakel erkenne ich aus hundert Meter Entfernung, toll. Wie bist du denn an die rangekommen?“, wundert sie sich. Das Datum ist ca. ein Jahr alt. „Naoko, was ist denn das für ein Buch? Das kenne ich ja gar nicht.“, wundert sich ihre Mutter.
Tina fällt beim Blättern plötzlich auf, dass sie viele Fußballer eintragen lassen hat, alle an den gleichen Tagen. Darunter auch Ken und Trainer Mikami.
„Wow, wen du alles hier drin hast. Viele Fußballer.“
Dann stoppt sie auf der ersten Seite. ‚Kojiro…du auch?‘
Verwundert bemerkt sie, dass sie auf der ersten Seite angekommen ist.
„Was für eine hübsche Handschrift er hat.“, äußert sie plötzlich. Dann liest sie das Autogramm genau durch. Da steht nicht wie sonst „Für Naoko“, nein, es steht „Für meine Kleine, dein Großer“ und dann die Signatur. Das macht sie stutzig. ‚Was hat das zu bedeuten? Welche Kleine, welcher Großer?‘
„Jetzt bin ich neugierig. Wieso ist Kojiro Hyuga dein erster Eintrag?“ Naoko grinst sie an. „Naja, er hat mir das Buch geschenkt, deswegen.“, antwortet sie ehrlich und mit stolzer Stimme.
Plötzlich klingelt das Handy von Naokos Mutter. Diese ist etwas nervös, schaut fix rauf und drückt den Anrufer dann weg. ‚Muss er ausgerechnet jetzt anrufen?‘
Dann klingelt es erneut. „Mama nun geh doch ran, du siehst doch, dass es Kojiro ist.“, wundert diese sich nur.
Tina muss plötzlich schmunzeln. „Gehen Sie ruhig ran.“
‚So so, da hat er seiner Mutter erzählt wo ich arbeite und sie war zu neugierig.‘
„Naoko, darf ich dir noch ein Autogramm besorgen? Es fehlt noch in deiner Sammlung. Das kann dir dein großer Bruder nicht organisieren!“, grinst sie.
„Äh. Ja klar. Wie jetzt? Hier sofort?“, wundert sie sich.
Tina nickt, nimmt das Buch und geht zum Tresen.
„Genzo, würdest du für einen Fan von mir auch ein Autogramm geben?“
„Sicher. Weiß sie denn überhaupt wer ich bin? Wenn sie doch dein Fan ist?“
„Ja ganz bestimmt. Der Rest der Mannschaft ist doch eh schon hier drin, schau, sogar Tsubasa.“, zeigt sie es ihm.
Dann unterzeichnet er und sie geht wieder zurück.
Unterdessen ist Kojiro in der Backstube etwas irritiert. ‚Nanu? Wieso drückt sie mich denn weg? Ist was passiert? Mutter drückt mich nie weg.‘
Dann wählt er eine neue Nummer.
Als Tina wieder bei den beiden ankommt klingelt erneut ein Handy, diesmal das von Naoko. Natürlich geht sie ran. „Hallo Kojiro.“, ist sie etwas irritiert.
„Was ist los? Wolltet ihr nicht heute euren Mutter-Tochter-Tag machen? Wieso drückt mich Mutter weg? Wo seid ihr denn?“
„Du hast keine Vorstellung wo wir sind. Ich habe dir doch von dieser Volleyballerin erzählt, die, welche nach deinen Bällen benannt wurde. Die gelbe Tigerin.“, sprudelt es aus ihr heraus. Auf der anderen Seite der Leitung macht Kojiro überraschte Augen. „Was ist mit ihr?“, versucht er normal zu wirken.
„Na ja, sie steht hier gerade neben uns. Und sie ist total nett und mega hübsch.“, schwärmt sie und blickt Tina anhimmelnd an. Tina hingegen legt das Buch wieder auf den Tisch und grinst nur kopfschüttelnd vor sich hin. Kojiros Mutter hingegen wird rot im Gesicht und verschränkt die Hände davor. ‚Wie peinlich. Warum musste sie auch dieses Buch dabeihaben? So musste das ja auffliegen. Jetzt wird er sicher verärgert sein, weil ich ihm nachspioniere. Aber ich wollte doch nur sicher gehen. Ich wollte doch nur wissen ob sie es ernst meint.
Und was muss sie nur von mir denken? Nicht dass sie jetzt plötzlich denkt, Kojiro ist ein Muttersöhnchen? ‘
Kojiro kann vor Schreck gar nichts sagen. Sein Puls steigt etwas an und ohne weiter darüber nachzudenken antwortet er ernst.
„Weiß sie wer ihr seid?“
„Was ist das denn für ne doofe Frage? Ja, ich glaube schon, sie hat in mein Buch geschrieben und deinen Eintrag entdeckt. Sie weiß, dass ich deine Schwester bin. Wieso? Was spielt das für eine Rolle?“
Kojiro geht inzwischen zur Pendeltür und schaut durch das kleine Fenster. Er kann sie aber leider nicht entdecken.
„Gib sie mir bitte mal.“, sagt er plötzlich. Naoko schaut verblüfft. „Wen meinst du? Mama?“
„Bettina natürlich. Du sagtest doch, sie steht neben dir.“ Naokos Herz fängt auf einmal laut an zu schlagen.
‚Wieso? Wieso will er mit ihr reden? Ich verstehe nicht. Kennen die sich?‘ Naoko blickt zu Tina auf und reicht ihr das Handy. „Er möchte mit Ihnen sprechen.“
Sie nimmt das Telefon in die Hand und lächelt sie herzlich an.
„Bettina?“
„Kojiro?“
„Tut mir leid. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Mutter so neugierig ist.“
„Sei ihr nicht böse, sei dankbar, dass sie noch immer auf dich aufpasst.“, schmunzelt sie. „Ich beneide dich.“
‚Ist sie etwa seine Freundin? Er sagte nur, dass sie eine Gaststätte hat und dass sie Volleyball spielt. Kojiro…ist etwa Bettina deine Freundin und du hast ihr eben den Blumenstrauß geschenkt?‘
„Du hast Recht. Danke. Danke für deine lieben Worte.“, beruhigt er sich wieder und legt auf.
Plötzlich klingelt es in der Küche. ‚Der Hauptgang kommt.‘
„Bitte entschuldigt mich kurz.“, schaut sie plötzlich ernst und legt das Handy auf den Tisch. Dann geht sie durch die Pendeltür an Kojiro vorbei, dem sie nur kurz am Arm berührt, ihm lieb in die Augen sieht und dann zu Roland geht.
„Roland, alles klar wie vorhin abgesprochen?“ Er nickt und setzt seinen schicken Hut auf.
„Kojiro? Wir tauschen den Platz.“, lächelt sie.
Dann geht sie zur Tür und hält diese auf, damit Anja, Carsten und Roland mit vollen Händen hindurchgehen können.
Alle Gäste staunen nicht schlecht, denn wenn der Chefkoch zum Gast geht, dann muss es was Besonderes sein. Tina holt den letzten Teller, steht an der Tür und wartet darauf, dass Carsten ihn holen kommt.
Elegant werden den Franzosen ihre Teller serviert, Carsten holt noch fix den letzten Teller ab und gibt ihn Roland. Dieser beendet das Servieren bei Pierre.
„Mit den besten Empfehlungen der Chefin. Dieses Sportlermenü hat sie persönlich erstellt und ich habe es heute für Sie nachgekocht.“, verbeugt er sich höflich. Alle sind verblüfft. Eru-Shido ist erstaunt. ‚Welche Chefin?‘
Er spricht Roland neugierig und höflich an. „Wer ist denn die Chefin?“
„Sie hat Sie vorhin begrüßt und bedient.“, blickt er ihn ernst an. ‚Wow, diese Schönheit ist hier die, die das Sagen hat? Und ich mache sie so plump an.‘ Er schaut auf seinen Teller und ist erfreut den Kochfisch zu sehen. ‚Oh, ich liebe Fisch. Ist das ein Zufall? Das kann nur ein Zufall sein, woher sollte sie denn wissen, dass ich am liebsten Fisch mag?‘ Er bedankt sich höflich beim Chefkoch und gemeinsam mit seinem Team beginnen sie mit voller Begeisterung zu essen. „Wow ist das edel. Dass man hier so etwas bekommt?“, bemerkt Pepe, welcher der größte Feinschmecker der Mannschaft ist. Aufgewachsen im Elternhaus von Sterneköchen.
Am Nebentisch wird auch gestaunt. „Was haben die denn bekommen? Und der Chefkoch kam sogar raus. Alles extra für die Promis.“, bemerkt Naoko.
„Interessant, sie kam jetzt selbst gar nicht an den Tisch. Sie lässt lieber den Lehrling zweimal laufen, als selbst den letzten Teller zu nehmen. Das ist auch clever.“
„Mama, Bettina ist viel zu stolz, um überhaupt nochmal an diesen Tisch zu gehen. Siehst du nicht wie sie gar nicht auf sie reagiert und alles dem Jungen überlässt? So sind die Frauen beide fein raus. So ist sie. Statt ihren Gegner anzugreifen lässt sie ihn schmoren und schlägt erst zum Schluss zu und holt ihren Punkt. So spielt sie auch gerne.“
„Du meinst also irgendwann rächt sie sich an ihm?“, wundert sie sich.
„Nein. Keine Rache, sie wartet darauf, dass er einen Fehler macht und dann wird sie dafür sorgen, dass er sie nie wieder anmacht. Ich bin gespannt was da kommt. Im Spiel würde sie ihn in Sicherheit wiegen und dann ihren schlimmsten Ball spielen. Das wissen die Gegner und fürchten sie deswegen auch sehr.“
Auf ein ernstes Wort
Auf ein ernstes Wort
Kapitel 29
Zur gleichen Zeit in der Küche.
Kojiro betrachtet Tina, wie sie Roland beim Aufräumen hilft. Es wirkt als hätten die beiden nie etwas anderes getan. Wie ein eingespieltes Team.
‚So war es damals also, als die beiden nach der Schule Zeit verbrachten. Tina, ich glaube seitdem wir uns kennen nehmen wir die Menschen um uns herum anders wahr. Es ist gut, dass ihr euch wieder versteht.‘
Plötzlich vernimmt er eine männliche Stimme neben sich. „Seit wann verstehen die beiden sich?“
Kojiro schaut zur Seite und blickt herab zu Makoto. Der Siebzehnjährige Lehrling ist erstaunt.
„Ich bin erst ein Jahr hier. Zwar ist sie ab und an mal hier hinten zum Helfen, aber dass sie bei der Nacharbeit hilft, obwohl wir genug Leute sind. Das ist neu.“
„Seltsam, er hat sie doch ausgebildet. Sie sollen sich sehr gut verstanden haben.“, vermerkt Kojiro.
„Viel seltsamer ist, dass ihr euch kennt.“, blickt er zu ihm auf.
„Wieso?“
„Als die Medien damals ihr den Namen der Tigerin verpassten wurde sie sehr oft gefragt ob sie dich kennenlernen will.
Sie lehnte aber immer ab und wollte mit Fußballern nichts zu tun haben. Deswegen.
Und nun? Ich gehe mal davon aus, dass ihr zusammen seid, wenn du ihr Blumen mitbringst.“
‚Sie lehnte immer ab? Naja, jetzt kann ich mir denken wieso. Sie hatte sicher Angst unsere Begegnung würde sie vor den Fans schwach aussehen lassen sobald sie nur ein Anzeichen von Angst zeigen würde. Sie sagte, ja dass sie den Anblick der Trikots an ihren Bruder erinnern würden.‘
„Sind wir.“
Makoto grinst ihn an.
„Mich wundert das gar nicht. Glaube mal nicht, dass sie ihre Gegner mit Samthandschuhen anfasst. Ich habe auch schon gegen sie gespielt. Wir kennen uns vom Volleyball. Sie spielt oft mit den Mädels gegen die Männer. Ich bin auch im Profiteam von Tokio. Aber gegen die Mädels ist es immer wieder ein Hin und her. Die sind wirklich stark. Wir wechseln uns die Siege ab.“
„Ach echt? Du spielst auch professionell? Ich habe heute ihren Feuerdrachen gesehen, der ist wirklich stark.“, ist Kojiro erstaunt.
„Wenn der unser Problem wäre, wäre es nicht so schwer. Ihre stärkste Waffe ist die Drachenfaust. Auch Tigerfaust genannt. Übrigens auch nach dir benannt.“
„Echt? Was ist dabei anders?“
„Man sieht nie wann sie diese einsetzt. Das ist das Gefährliche daran. Stell dir vor, dein Gegner spielt ganz normal und du nimmst ihm den Ball beim Passen ab. Und dann kannst du plötzlich deinen Fuß nicht mehr spüren mit dem du ihn berührst.
So musst du dir das vorstellen. Wenn man also spielt und sie den Ball normal schmettert und du ihn annehmen kannst, weißt du nie ob es die Drachenfaust ist.
Als ich das erste Mal gegen sie spielte und diesen Ball annahm konnte ich vier Wochen nicht spielen.“ Kojiro macht große Augen. „So sehr tat der beim Annehmen weh?“
„Schmerzen sind nicht das Problem. Das kann man überspielen, aber die Hände sind hinterher wie taub. Ähnlich als hätte man Fugu gegessen oder war bei einer Zahn OP und man kann nichts trinken ohne zu kleckern.“
„Wow. Gut, dass ich kein Volleyball spiele.“
Tina schaut zu ihnen rüber. Sie lächelt. „Ihr scheint euch ja zu verstehen.“
„Ich lästere nur ein wenig über dich.“, lacht Makoto.
„Mach das. Was war jetzt am Dienstag eigentlich? Ich habe noch keinen Krankenschein gesehen.“, lenkt sie ab und schaut ernst.
Makoto blickt getrübt. „Sorry, mein Bruder ist schon wieder in die Klink gekommen. Ich wollte nicht, dass du dich wieder sorgst.“
„Du bist echt doof. Warum sagst du das denn nicht einfach? Wir haben doch alle Verständnis dafür. Stattdessen lässt du uns denken, dass du uns im Stich lässt. Fane ist stink sauer auf dich. Sie musste extra früher antanzen. Du weißt doch wie knapp ihre Zeit ist, wenn ihr Mann da ist.“
In diesem Moment geht die Pendeltür auf und Carsten kommt mit den ersten Tellern des Hauptgangs zurück.
„Ich soll die Küche ganz doll loben. Die Franzosen sind unwahrscheinlich begeistert von deinem Gericht.“ Er geht an Kojiro und Makoto vorbei und stellt die Teller in die Spüle.
„Welche Franzosen?“, ist Kojiro hellhörig geworden.
„Na deine Berufskollegen aus Frankreich. Was machen die hier überhaupt in Japan?“, meint Carsten.
„Ach echt? Wir hatten heute Vormittag ein kleines Freundschaftsspiel. Das ist schon Tradition. Jedes Jahr findet es statt.“, lacht Kojiro und erinnert sich daran, dass er ihnen 3 Tore reingemacht hat. Als Strafe dafür, dass Pierre bis auf drei Leute diesmal nur die zweite Garde mitgebracht hat.
„Oh echt? Wie ging es aus?“
Kojiro grinst und antwortet. „5:2, drei davon waren meine.“
‚Oh wie schön, das ist ein gutes Ergebnis.‘, lächelt Tina, obwohl ihr es unangenehm ist, dass sich darüber unterhalten wird.
Carsten plappert begeistert weiter. „Das geschieht ihnen Recht. Das nächste Mal machst du sicher noch mehr Tore, wenn du erst weißt, dass Pierre…“
„Carsten. Mund zu!“, ertönt plötzlich Rolands feste Stimme.
Alle bis auf Tina sehen ihn verblüfft an.
„Du redest zu viel!“
Tina hingegen ist stumm und sieht nur zu Kojiro. ‚Muss der mich jetzt wieder daran erinnern? Ich bin froh, dass Kojiro mich davon abgelenkt hat.‘
‚Tina? Was ist passiert?‘ Er mustert sie nochmal genau und dann fällt es ihm natürlich auf. Seine Faust ballt sich.
Er kennt Pierre, wenn sie als Kollegen unterwegs sind macht er ständig die Kellnerinnen an. Vor allem wenn sie hübsche Blondinen sind. Tina passt nur zu gut in sein Beuteschema. Dann trägt sie heute dieses aufreizende Kleid. Da kann er sich genau denken, was andere Männer denken, wenn sie so eine schöne Frau sehen. Er weiß, dass sich Pierre in der Regel sehr zurückhält, wenn sie als Japanische Mannschaft zusätzlich mit dabei sind, denn meist bleibt es bei verstohlenen Blicken. Aber er weiß auch wie er sein kann, wenn er ohne sie unterwegs ist. Deswegen hat er nie etwas dazu gesagt.
Kojiro sieht Tina ernst in die Augen und deutet an, dass sie ihm in die Backstube folgen soll.
Sie legt das Handtuch in ihrer Hand ab und greift zu einem Apfel, der im Obstkorb liegt. Dann folgt sie ihm.
‚Kojiro, was willst du mir jetzt sagen? Ich verstehe jetzt nicht was das werden soll. Ich kann manchmal überhaupt nicht einschätzen wie du auf komische Situationen reagierst. Was geht jetzt in dir vor?
Ich hätte verstanden, wenn du jetzt vor gehst zu ihm, aber dass du stattdessen den Drang hast mit mir zu reden? Das verwirrt mich.‘
In der Backstube angekommen, schließt Tina die Tür hinter sich. Kojiro geht durch zur anderen Tür und schließt diese ebenso und dreht sogar den Schlüssel um.
„Schließ bitte ab.“
Tina stutzt und sieht ihn nur verblüfft an. „Was soll das?“
Dann dreht sie den Schlüssel um und geht ein paar Schritte in die Mitte des Raumes. Noch immer den Apfel in der rechten Hand, welchen sie doll drückt, als wenn er ein Handgriff wäre.
Er geht mit einem ernsten Blick auf sie zu.
„Was hast du vor? Was gibt es denn zu reden? Glaubst du ich komme mit solchen Machos nicht klar? Ich begegne öfters solchen Typen, nur nicht unbedingt hier. Ich kann damit umgehen. Ich bin Profi, glaube mir. Ich habe meine eigene Art solche Typen loszuwerden. Du musst mir nur vertrauen.
Kojiro…du verwirrst mich. Wieso hast du abgeschlossen?“
Ihr Puls steigt immer mehr an je näher er ihr kommt und dann plötzlich vor ihr steht. Ihre Hand ist schon etwas feucht, weil sie den Apfel anfängt zu zerdrücken. Ihre Anspannung ist zu groß. Was hat das nur alles zu bedeuten?
Sie spürt seinen enormen Herzschlag und er steht wie angewurzelt vor ihr, ganz nah und blickt zu ihr herab. Sie berühren sich nicht, aber trotzdem kann sie seine Wärme spüren, wie sie von ihm auf sie übergreift.
„Ich vertraue dir voll und ganz! Das ist es nicht.“, spricht er leise aber trotzdem ernst. Sein Blick ist anders als sonst, wenn er ihr tief in die Augen schaut.
‚Was ist das für ein Blick, Kojiro? Den kenne ich ja noch gar nicht. Als würdest du eine Beute in der Hand haben.‘
„Weißt du was ich am liebsten jetzt machen würde, wenn ich könnte?“
„Ihm eine reinhauen?“, grinst sie verlegen.
Seine großen Hände berühren ihre Arme und er zieht sie an sich heran. Seine Augen funkeln feurig. „Früher mal, aber heute, heute würde ich mir nehmen was kein anderer haben kann und es ganz doll festhalten.“
„Kojiro…“, kommt nur von ihr.
Dann nimmt er sie bestimmend in die Arme und drückt sie fest an sich. Kurz darauf küsst er sie leidenschaftlich. Die ganze Anspannung in ihnen verflüchtigt sich plötzlich und in dem Moment fällt ihr der Apfel aus der Hand. Er kullert durch den halben Raum und bleibt neben der Knetmaschine liegen. Sie weiß, dass er ein stürmischer Typ ist, was sie auch an ihm liebt. Softies waren noch nie ihr Fall, aber dass er sie so unerwartet mit seinen Gefühlen überfällt und seinen Eroberungsdrang demonstrieren will, kommt unerwartet.
‚Du bist unglaublich, Kojiro. Wie kannst du mich nur so überfallen? Du weißt doch, dass ich mich nicht gegen deine Küsse wehren kann. Wie sehr würde ich alles stehen und liegen lassen und mich deinen Zärtlichkeiten hingeben, aber es geht jetzt nicht. Jetzt doch nicht! Nicht hier!‘
‚Nur wenn ich dich berühre und küsse kann ich meine Wut unterdrücken. Du gibst mir die Kraft und gleichzeitig bringst du mich zur Ruhe. Was auch immer war und in Zukunft sein wird, egal welcher Mann dich falsch ansieht, ich kann es nicht ignorieren, aber ich werde immer wissen, dass du zu mir gehörst.
Dass es dich stört, beweist nur, dass du mich liebst und mir vertraust.‘ Er unterbricht kurz den Kuss, nimmt die linke Hand hoch und fasst in ihr weiches Haar. Dann sieht er ihr tief in die Augen.
„Bettina, egal was kommt. Denk immer daran. Ich liebe dich!“
Er nimmt die andere Hand und berührt ebenso ihren Kopf.
„Glaube mir, du kannst mir solche Sachen ruhig sagen. Ich werde immer einen Weg finden dich zu beschützen oder dir zu helfen. Aber dazu muss ich es wissen. Ich kann sonst nichts tun.“
‚Kojiro, soviel bedeute ich dir? Du hast Recht. Wenn wir nicht reden wird es uns irgendwann auseinanderbringen. Wer weiß was uns noch alles im Weg stehen wird. Das funktioniert nur, wenn wir uns blind vertrauen.‘
„Okay.“, haucht sie nur und lächelt ihn an. Daraufhin genießen sie für einige Minuten alleine zu sein und küssen sich.
Währenddessen ist in der Küche reges Getuschel.
„In der Backstube ist heute aber viel Betrieb.“, meint Heidi und nimmt das Tuch von Tina und trocknet die Arbeitsfläche zu ende. Roland schmunzelt vor sich hin. „Endlich mal wieder Action hier hinten.“, meint er nur. „Das war ja die letzten Jahre nicht auszuhalten.“, fügt er an.
Alle sehen ihn verdutzt an.
„Was meinst du damit? Also ich kann darauf echt verzichten. Ich will nur in Ruhe meine Arbeit machen.“, äußert Heidi genervt.
„Das merkt man. Du bist echt ne Schlaftablette. Wenn nicht die Lehrlinge hier wären um mit mir rum zu spaßen, dann wäre ich schon längst weg. Seitdem Tina kaum noch mit mir redet ist hier nix mehr los. Was war das früher immer lustig hier hinten? Du kennst das ja leider nicht.“, äußert er ernst.
„Du bist echt gemein. Du weißt genau, dass ich zu Hause genug Action mit den Drillingen habe, da kann ich hier gerne drauf verzichten! Für mich ist der Stress hier die reinste Erholungszeit.“
„Aber man kann doch mal scherzen und lachen. Hast du das etwa verlernt?“
Carsten und Makoto halten sich lieber da raus. Wenn sich die Köche streiten, sollte man sich niemals einmischen.
Sie fangen an wieder ihrer Arbeit nachzugehen als Roland etwas deutlich erwähnt. „Eins ist klar, seitdem dieser Kojiro hier aufgetaucht ist hat sich viel geändert. Und es wird sich noch einiges ändern.
Zuerst fängt Tina plötzlich an ihre Angst vor Fußballern zu verlieren. Dann bringt sie wieder eigene Gedanken in die Arbeit. Sie lässt endlich ihre alten Prinzipien sausen. Sie will ihre Tora-Trümpfe endlich ausspielen, um den Betrieb zu retten. Und dann ist sie plötzlich viel fröhlicher seit dem Tod ihrer Eltern. Zuvor war sie zwar auch etwas verschlossen, aber immer für Scherze zu haben. Was haben wir hier immer gelacht.“
Carsten meldet sich plötzlich zu Wort.
„Also das mit den Fußballern habe ich noch nie verstanden. Wieso mochte sie die nicht? Beziehungsweise, du sagst, sie hatte Angst vor ihnen? Ich verstand das nie, denn immerhin ist sie mit Ohzora und Wakabayashi befreundet. Wie geht das dann? Also wenn ich die da vorne so beobachte, dann sind sie sehr vertraut miteinander. Anders als mit Ohzora, eher wie unter Geschwister.“
Heidi meldet sich auch zu Wort.
„Verstehe ich auch nicht. Und was meinst du mit „Tora-Trümpfe“?“
Alle sehen sie verwundert an.
„Sag bloß du weißt nicht wer Tina ist?“, äußert Makoto entsetzt.
Heidi antwortet verwundert.
„Wer soll sie denn sein? Tina hat das Lokal von ihren Eltern geerbt und ist unsere Chefin. Ich weiß, dass sie extra ihr Studium hat sausen lassen, damit alles weiterläuft. Da sind wir uns ja alle einig, dass sie daher unseren vollen Respekt verdient. Ich bin ja nun erst ein Jahr hier, aber das habt ihr mir ja oft genug gesagt.“
„Tina ist Volleyballerin, weißt du das nicht?“, meint Makoto skeptisch.
Heidi zuckt nur mit den Schultern.
„Ist doch gut, wenn sie noch Zeit dafür hat Sport zu treiben.“
Roland ist entsetzt.
„Du hast keine Ahnung? Weißt du wenigstens wer Kojiro ist?“
„Ihr nervt echt. Na der Fußballer aus der Werbung mit dem Shampoo und der Lotion. Deswegen wollten wir doch den Mund halten. Weil er Fußballer ist.“
Carsten ist verwundert. „Äh, sag jetzt nicht, du denkst er ist nur eine Art Model.“
„Ist er nicht?“
Er fasst sich an die Stirn. „Oh mein Gott. Heidi. Komm mal raus aus deinem Haus.
Er ist ein Weltklasse Spieler und in Italien unter Vertrag. Kojiro Hyuga bekommt ein Gehalt im Jahr von mehreren Millionen Dollar und ist mega berühmt und ein sehr gefürchteter Stürmer. Er spielt mit Ohzora und Wakabayashi im Nationalteam.
Tina hat mit ihrer Mannschaft den Asientitel geholt und schon mehrfach den Nationaltitel gewonnen. Nächstes Jahr spielt sie für Japan in der Weltmeisterschaft. Quasi wie er auch. Ihr eigentlicher Beruf ist nicht das Lokal, sondern der Sport. Was meinst du wie sie ihr Haus und das Grundstück jeden Monat bezahlen kann? Doch nicht von ihrem Lehrlingsgehalt. Was meinst du wieso sie weniger hier ist als ich? Dafür hat sie sich eine Sondererlaubnis geholt und spendet der Berufsschule ein gutes Sümmchen von ihrem Volleyballgehalt und den Werbeeinnahmen. So hat sie die nötige Zeit zum Trainieren.
In der Presse wird sie die Gelbe Tigerin genannt.
Du arbeitest hier jeden Tag und das weißt du nicht?!
Du weißt nicht, dass die beiden total berühmt sind in Japan?“, ist er einfach nur fassungslos.
‚Tina? Du meine Güte. Ist das echt so? Das habe ich ja gar nicht gewusst. Ich dachte du spielst nur aus Spaß und zum Ausgleich neben Arbeit und dem Fitnessstudio. Wie schaffst du das nur alles?
Und Kojiro ist so berühmt? Ein Weltweit bekannter Spieler?‘
„Deswegen diese Geheimniskrämerei und dass er immer nur hier hinten ist wie heute, statt vor zum Tresen zu gehen?“
Casten nickt. „Genau deswegen. Damit die Medien ihren Beziehungsbeginn nicht kaputt machen.“
„Sie müssen das erstmal selbst alles regeln bevor die was schreiben und zerpflücken.“, erklärt Roland.
Heidi lehnt sich an einen Schrank. „Oh man. Deswegen ist er eben auch nicht nach vorne gegangen zu diesem Franzosen, der sie so angegraben hat? Weil er erkannt werden würde? Und das meinte er vorhin mit dem Freundschaftsspiel. Ich habe mich vorhin schon gefragt wie ein normales Japanteam gegen solche Größen gewinnen kann.“
„Genau, das vermutlich auch. Laut Genzo ist das Team eigentlich mit den Franzosen befreundet. Daher ist es sicher auch nochmal ungünstig jetzt ne Szene zu machen. Bettina wird es wissen, deswegen wollte sie da keine Szene draus machen.“, erklärt Makoto.
„Und wieso mag sie eigentlich keine Fußballer? Bis auf ihre beiden Freunde?“, wundert sie sich.
Die Lehrlinge schütteln den Kopf. „Keine Ahnung. Ist halt so.“, meint Carsten. „In einem Interview hat sie auf diese Frage nur geantwortet, dass sie kein Kommentar dazu abgibt. In der Regel hat sie immer Argumente, aber da blockt sie ab.“, erklärt Makoto.
„Ich weiß es.“, äußert Roland und macht ein trauriges Gesicht.
Alle sehen ihn gespannt an.
„Ihr müsst wissen, als die beiden sich kennengelernt haben, wussten beide nicht wer der andere ist. Sie nicht, weil sie immer alles ausgeblendet hat und er nicht, weil er vermutlich so lange im Ausland war und hier die Medien nicht verfolgt.
Ihr müsst wissen, es hatte einen Grund wieso ihre Eltern mit ihr hierhergezogen sind. Damals in Hamburg wurden sie und ihr Bruder von mehreren Männern überfallen. Dabei erlitt er so schwere Verletzungen, dass er noch im Krankenhaus verstarb. Nur durch Zufall kam Wakabayashi zur Hilfe und konnte Tina vor schlimmerem bewahren. Sie waren damals in derselben Klasse, seitdem er in Deutschland ist und beide freundeten sich an. Seinetwegen sind sie hergezogen.
Dass Tina den Kontakt zu Fußballern meidet liegt einfach daran, dass ihr Anblick sie an diesen Überfall erinnert. Die Männer trugen alle Fußballtrikots.
Eine stolze Frau wie Tina, welche nun auch den Titel der Gelben Tigerin trägt, hat keine Angst zu haben. Sie würde niemals diese Angst zeigen. Das würde sie und ihr ganzes Team schwächen. Die Gegner würden ihren einzigen Schwachpunkt kennen und könnten es ausnutzen.“
Die Jungs und Heidi schauen verblüfft und sehen dann zu Boden.
„So ist das. Und wieso kann sie dann mit Kojiro zusammen sein? Er ist ja nicht gerade für seine softe Art bekannt.“, meint Carsten.
„Frag mich doch nicht. Vielleicht sind ihre Gefühle zu ihm größer als die Angst. Anders kann es ja nicht sein.
Jedenfalls verändert sie sich und zwar ins Positive und das ist gut so. Wir müssen also alle jetzt den Ball flach halten und abwarten wie das weitergeht.
Wenn sie seinetwegen ihre Angst verliert ist es diese Beziehung auf jeden Fall wert. Das ist meine Meinung.“
Plötzlich geht die Pendeltür auf und Anja kommt erbost rein.
„Sagt mal was treibt ihr hier so lange? Carsten? Komm wieder vor und die Franzosen warten auf ihre Nachspeise! Roland, zack zack!“
„Oha, da war noch was.“, lacht er los und eilt mit Heidi zum Kühlhaus.
„Ihr steht euch hier die Beine breit und ich schwimm da vorne, weil es schon wieder regnet und die Leute reinkommen. Wo ist Tina?“
„In der Backstube, den Sandsack bearbeiten.“, meint Makoto nur.
„Wieso? Eben war sie doch wieder so fröhlich.“
„Ja, aber Carsten war so schlau und erwähnte die Situation von vorhin direkt vor Kojiro und nun sind die beiden sich aussprechen.“, versucht Makoto zu erklären.
In diesem Moment ist das Umdrehen des Schlüssels zu hören und die Tür zur Backstube geht auf. Tina öffnet die Tür und lächelt Makoto an. „Wir waren hoffentlich nicht zu lange weg.“, äußert sie nur normal wie immer.
Alle sehen sie verblüfft an. Hinter ihr kommt Kojiro durch die Tür und macht ein zufriedenes aber ernstes Gesicht.
‚Wieso gucken die alle so komisch? Ist was passiert?‘, wundert er sich nur, aber lässt es sich nicht anmerken. ‚Die sehen mich so seltsam an. Wieso sind denn alle hier?‘
„Was macht ihr hier alle? Zack, an die Arbeit! Anja, du weißt doch, einer muss immer vorne sein!“, äußert sie nur ernst und verwundert. In Windeseile sind alle wieder an ihren Posten. Tina folgt Anja nach vorne und Kojiro mit heruntergezogener Kapuze und gesenktem Kopf hinterher.
Genzo staunt nicht schlecht, als er ihn erblickt. ‚Nanu? Er kommt vor? Was hat das zu bedeuten? Und vor allem, wieso waren Carsten und Tina so lange weg?‘
Kojiro bleibt verdeckt, schaut sich nur kurz um und entdeckt seine Familie. ‚Da hinten sitzen sie, deswegen konnte ich sie vorhin nicht sehen.‘ Dann blickt er unauffällig zu den Franzosen. ‚Gleich ihnen gegenüber. Dann haben sie es sicher gesehen.‘ Er biegt unauffällig ab und geht zu Genzo, setzt sich neben ihn und schaut wie er nur zu den Gläsern an der Wand.
„Was willst du hier?“, richtet er sich sitzend auf.
„Halt dich zurück, Genzo. Wir brauchen deine Hilfe.“, erklärt Tina ernst, welche vor ihnen hinterm Tresen steht und die nächsten Getränke fertig macht. Er staunt nicht schlecht. Sie erklärt kurz ihren Plan und dann bringt sie die Getränke zu den Gästen.
In dem Moment, als sie die beiden alleine lässt spricht Kojiro seinen Rivalen mit ernstem Ton an. „Sag, was genau ist passiert? Sie wollte es mir nicht sagen.“
Genzo grinst. „Das willst du lieber nicht wissen, glaube mir.“
„Sag einfach. Ich kann es mir denken, aber ich wüsste es trotzdem gerne. Wenn wir mit ihm unterwegs sind, hält er sich zurück, aber was ist, wenn wir nicht dabei sind? Sie sagt, sie sei an sich gewohnt, dass man sie anmacht und käme damit klar, aber bei ihm war es irritierend. Was meint sie damit?“
„Ganz einfach, sie kennen sich.“, haut er raus.
„Woher?“, wundert er sich.
„Denk doch mal nach. Wenn sie damals mit uns zusammen gespielt hat gab es zum einem die Europameisterschaften U15 und zum anderen ein Freundschaftsspiel zwischen uns. Sie standen sich also zweimal selbst auf dem Feld gegenüber. Und danach haben wir Zeit miteinander verbracht und aus Spaß am Spielen miteinander gekickt. Ich war erst beim Freundschaftsspiel dabei, aber das war eine tolle Zeit.
Ich gehe mal davon aus, dass sie eben anfangs vergessen hat, dass sie als Frau vor ihm steht und zu freundlich war. Abgesehen davon, dass sie eh in sein Beuteschema passt, vor allem wenn sie so ein Kleid anhat. Sie wird noch die alten Erinnerungen im Kopf haben, wo sie ein Kind war, ein Junge.
Ich habe nicht gewusst, dass sie da sind, sonst hätte ich sie vorgewarnt.“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Wasserglas und stellt es dann wieder auf den Tisch.
„Verstehe. Was hat er gemacht?“, fragt er erneut und greift zur Keksschale.
„Du lässt nicht locker, was?“ Beide sehen sich ernst an. „Stur wie immer.“, grinst Genzo und antwortet dann aber doch.
„Er hat sie am Arm berührt und sie genötigt sich zu bücken, um ihr in den Ausschnitt zu sehen. Reicht dir das?“, spricht er als wolle er ihn provozieren wie bei einem Spiel gegeneinander. Kojiros Puls steigt deutlich an und er macht eine Faust. Der Keks zerbröselt.
‚Dieser Mistkerl. Wie kann man nur so ungehobelt sein? Kein Wunder, dass sie dann so wütend auf den Sandsack einschlägt.‘
Derweil steht Tina an Tisch 12. „Habt ihr noch einen Wunsch?“.
Naoko flüstert plötzlich leise zu ihr. „Spielst du jetzt deinen Trumpf aus? So wie auf dem Spielfeld?“
Tina grinst. „Sozusagen.“
„Ist das Kojiro dort an der Bar? Er sieht so aus, den Anzug kenne ich.“ Tina nickt.
„Hast du schon in dein Buch geschaut? Hast du gesehen was ich dir für ein Autogramm besorgt habe?“, flüstert sie zurück.
Naoko schüttelt den Kopf. „Du sagtest nur, das Kojiro es nicht besorgen kann.“
„Kann weniger, eher wollen. Aber ja, es wäre auch schwierig. Jetzt hat es sich ergeben und du hattest da noch eine Lücke. Aber sag seinen Namen jetzt nicht, sonst hören es die hinter mir. Freue dich einfach.“, lächelt sie.
Dann dreht sie sich zu den Franzosen um und fragt ob sie noch etwas trinken wollen.
Danach geht sie wieder Richtung Tresen, bleibt aber kurz vor dem Familienfoto stehen, betrachtet es an der Wand und nimmt es dann behutsam ab. ‚Ach Stephan. Auch wenn er eben so ein Blödmann war, er sollte es wissen. Keine Lügen mehr. Ihr habt euch so gemocht.‘
Mit dem kleinen Bilderrahmen geht sie zum Tresen zurück und legt ihn auf die Spülmaschine.
„Darf ich?“, fragt Genzo plötzlich nachdenklich und hält seine Hand in Richtung Foto. Kojiro ist verdutzt. So einen Ton kennt er nicht von Genzo. Tina gibt es ihm und macht die Getränkebestellung fertig.
Der Keeper betrachtet das Familienfoto. Er blickt auf eine glückliche Familie. Sein Daumen berührt Stephans Abbildung. „Warum nur? Wir vermissen dich.“, murmelt er ganz leise. Kojiro hat seinen Keeper noch nie so sentimental erlebt. Dieser arrogante Mann, der ihm schon unzählige Tore pariert hat und es drauf hat ihn immer wieder aufs Neue zu provozieren, ja, aber auch der Keeper, der ihm neben seinem Freund Ken den Rücken freihält, damit er die Tore vorne schießen kann. Auf ihn ist immer Verlass. Er hat schon viele Keeper erlebt, aber Genzo ist einer der Wenigen, die ihm Parole bieten können. Aber ebenso auch, auf dem er immer bauen kann, wenn er mit seinen Freunden das Heimatland Japan vertritt.
Und nun? Nun sieht er ihn wie er, dieser starke Mann, der niemals Schwäche zeigen würde, genauso wenig wie er selbst, um einen Freund trauert. Herr Mikami hatte Recht. Dieser Junge war nicht nur Tinas Bruder, er war auch ein enger Freund von Genzo, Karl-Heinz und Kaltz. Nicht auszudenken, wenn er jemals einen seiner Freunde verlieren würde, und schon gar nicht auf diese Weise? Er will sich das lieber nicht vorstellen, wenn Ken, Takeshi oder Tsubasa jemals sowas zustoßen würde. Nein, das würde ihn sicher auch sehr treffen.
Kojiro blickt zu Tina, wie sie den Saft einschenkt und nebenbei ein wenig lächelt. Genzo ist auch etwas verwundert, dass Tina so lächeln kann obwohl sie sich mit Stephan beschäftigen. In der Regel kann sie ihre Tränen nicht zurückhalten, wenn sie alleine sind, oder lächeln, wenn jemand bei ihnen ist. Das verwundert ihn.
Im selben Moment klingelt die Küchenglocke. „Ah, der 3. Gang ist fertig.“, äußert sie nur und stellt die Flasche ab. Anja und Carsten haben das Läuten auch gehört und eilen ebenso in die Küche.
Kurz darauf kommen alle drei wieder aus der Tür und servieren die Nachspeise. Diesmal geht Tina bewusst zu Pierre, serviert ihm die Nachspeise. Dieser spricht sie leise an. „Tut mir leid wegen vorhin. Das war unangebracht. Ich muss mich entschuldigen.“ Erstaunt blickt sie ihn an und flüstert zu ihm.
„Okay. Das ist gut, aber jetzt ist es etwas zu spät dafür.
Pierre, bitte komm nach der Nachspeise zum Tresen und tu so als wenn du dich für eine spontane Feier interessierst. Ein Freund und ich müssen dir was Wichtiges sagen. Die Möglichkeit wird es nie wieder geben. Keine Angst, es geht nicht um den Vorfall eben. Es geht um einen gemeinsamen Freund.“ Er nickt nur und wundert sich.
‚Was hat das zu bedeuten? Ein gemeinsamer Freund? Wen meint sie damit? Wieso haben wir gemeinsame Bekannte? Und wieso duzt sie mich auf einmal?‘
Tina kommt am Tresen an und stellt sich wieder zu Kojiro und Genzo.
„Und? Hat er angebissen?“, erkundigt sich Genzo.
„Er hat zumindest genickt. Warten wir es ab.“
An Tisch 12 wird ebenso gerätselt. Was hat sie ihm nur gesagt? Diese Frage stellen sich Mutter und Tochter ebenso. „Hast du das gesehen? Ich bin gespannt was passiert. Irgendwas haben sie vor.“
„Du hast übrigens immer noch nicht geschaut von wem sie dir ein Autogramm besorgt hat.“
„Stimmt, wird sicher irgendein bekannter Volleyballer sein, wer soll da sonst am Tresen sitzen und sich verstecken?“
Dann schlägt sie ihr Autogrammbuch auf und blättert es durch.
Auf der Seite mit Tsubasas Eintrag stoppt sie. „Ach ne. Oha. Sie hat Recht, den hätte Kojiro nie gefragt.“ Sein Autogramm ist mit dem Vermerk unter Tsubasas Signatur zu lesen.
Ihre Mutter schaut neugierig ins Buch. „Oh, den kann er nicht leiden, richtig? War das nicht so?“
„Ja, die zwei kommen nur innerhalb des Teams klar, aber ansonsten sind sie total die Rivalen. Was hat er sich früher über den aufgeregt, er soll total arrogant sein und hochnäsig. Aber auch sehr stark. Er spielt in Deutschland. Ob Tina ihn daher kennt? Ich weiß, dass sie in Hamburg gewohnt hat bevor sie herzog. Dort ist er doch auch schon seit seiner Kindheit.“
„Hm. Vielleicht kennen die sich. Anders kann es ja nicht sein.“
„Ja, so vertraut wie die beiden in der Zeit hier geredet haben müssen die sich gut kennen. Und jetzt sitzt sogar Kojiro neben ihm. Wie kann das nur sein?
Tora-san, ist das dein Trumpf? Er und Kojiro?
Aber Moment mal, sie hat doch vorhin das Foto von der Wand genommen. Wieso?“
„Das Familienfoto was wir uns beim Reinkommen angesehen haben?“
„Ja genau. Ich wusste bis dato nicht, dass sie einen Bruder hat. Wo mag der sein?“
Plötzlich fängt ihre Mutter an zu weinen und verschränkt die Arme. „Mama? Was ist los?“, wundert sich Naoko.
Tina bekommt es mit und blickt zu ihr. ‚Was ist denn da los? Wieso weint Kojiros Mutter?‘ Die Leute im Lokal sehen alle zu Tisch 12. Ebenso die Franzosen. Jeder fragt sich natürlich was los ist.
Tina stellt das Glas ab. „Eine Ablenkung. Nutzt das aus und geht leise in den Saal. Kojiro, ich kümmere mich drum.“, meinst sie ernst und geht los.
‚Was meint sie? Worum will sie sich kümmern?‘
„Komm, ist doch egal, alle schauen jetzt woanders hin. War nicht geplant, aber egal.“ Kurz darauf stehen sie auf und gehen in den Saal neben dem Tresen und schließen die Schiebetür wieder hinter sich.
Tina beobachtet wie Naoko und ihre Mutter aufstehen und zu den Toiletten gehen. Sie folgt ihnen dann und bleibt im Vorraum vor der Tür stehen, denn sie hört was sie sagen und traut sich nicht rein. Eigentlich wollte ich helfen und fragen was los sei, aber das passte nun doch nicht.
„Ach Kleines, ich bin so dumm! Wie konnte ich nur an ihr zweifeln? Ich war zu neugierig und konnte mir nicht vorstellen, dass es jemand so ernst mit ihm meint? Wie konnte ich daran zweifeln, dass eine Frau, die so viel Leid ertragen musste es nicht ernst mit ihm meinen könnte? Naoko, sie hat auch ihren Bruder verloren, nicht nur ihre Eltern. Nicht auszudenken wie du dich fühlen würdest, wenn es dir so ergehen würde. Ganz alleine in einem anderen Land.“
Tina lehnt an der Wand und kann ihre Tränen kaum zurückhalten.
‚Kojiro? Du hast es ihr erzählt? Du hast ihr von Stephan erzählt? Das hättest du nicht machen dürfen. Nicht bevor wir uns kennenlernen konnten. Das war gar nicht gut. Ist eure Beziehung so eng, dass du ihr solche Dinge anvertraust? Hast du sonst niemanden zum Reden? Sowas erzählt man doch einem Freund. Nicht einer Witwe mit vier Kindern.‘
Unterdessen stehen die beiden jungen Japaner im Festsaal.
„Wie gehts jetzt weiter? Wie geplant?“, fragt Kojiro.
„Genau. Ich bin nur nicht sicher ob er dichthält. Er ist ein ganz schönes Plappermaul.“, äußert Genzo nachdenklich.
Kojiro grinst. „Er wird nicht reden! Dafür sorge ich.“
„Was meinst du damit?“
„Ich habe was gegen ihn in der Hand. Wenn er plaudert, plaudere ich.“
„Kojiro, seit wann hast du es nötig zu intrigieren?“, ist Genzo etwas von den Socken.
„Richtig. Das habe ich nicht nötig. Aber für Tina und auch für dich spiele ich die Karte aus.“
„Was hast du in der Hand?“
„Sag ich, wenn es nötig ist.“
Es ist auf einmal still. Niemand sagt etwas. Dann beginnt Kojiro das Gespräch neu.
„Wie war er so? Was war Bettinas Bruder für ein Mensch?“
Genzo ist verblüfft, dass er das wissen will.
„Hm, wie beschreibe ich ihn. Er war gut 3 Jahre älter als ich, an sich der älteste im Team. Aber er war sehr talentiert. Es war damals eine sehr gute Idee in unser Team zu kommen. Ich bin ja später erst dazugekommen. Aber laut den Berichten der anderen konnte er dort endlich mal mit gleichstarken Partnern und Gegnern spielen. Das galt übrigens auch für Tina alias Tino.“
„Verstehe. Und vom Charakter her?“
„Eher verschlossen. Etwas extrovertiert und sanft. Aber sehr mitfühlend und zuverlässig. Auf dem Feld war er ein absoluter Ballkünstler. Er hatte die Fähigkeit mit einer besonderen Eleganz an den Gegnern vorbei zu laufen. Deswegen ja jetzt diese Aktion hier. Er verstand sich mit Pierre besonders gut, weil sie ähnlich spielten. Deswegen hat Tina sich entschiede es ihm zu sagen. Denn sie hat ja Recht, es wird nie wieder einen Moment geben wo wir Vier mal alleine sein können. Und Pierre mag ein Casanova und Macho sein, aber er sollte es nicht aus der Presse erfahren, wenn es irgendwann doch dort landet.
Eins ist klar. Du solltest dich darauf vorbereiten, dass es irgendwann auch Karl-Heinz erfahren muss. Spätestens wenn eure Beziehung in der Presse landet, wird er entweder bei mir oder bei ihr auf der Matte stehen und eine Erklärung verlangen.
Immerhin hat er von einem Tag auf dem anderen gleich zwei Freunde verloren. Und er wusste nie was passiert ist.“
Kojiro ist erstaunt. Tina hat nicht übertrieben, als sie davon sprach, dass sie ein sehr gutes und eingeschworenes Team waren. Genzo bestätigt das nur.
„Was ist mit Kaltz? Du bist doch seinetwegen noch im HSV, oder?“
„Stimmt. Er weiß es schon. Ich bin mit ihm so viel zusammen, da konnte ich es irgendwann nicht mehr verschweigen. Er vertraut mir und weiß nicht wo Tina ist, nur, dass es ihr gut geht und wir im Kontakt sind.“
„Verstehe.“
„Kojiro, mir ist vorhin was aufgefallen.“, äußert er und sieht ihn ernst an. Der Stürmer ist verdutzt. „Was denn?“
„Tina hat gelächelt obwohl sie mir das Foto gegeben hat. Sie hat gelächelt, obwohl wir über Stephan reden. Und sie ist bereit es jemanden zu sagen. Das hätte sie sich niemals getraut. Das muss wirklich an dir liegen. Sie sagte mir, dass sie ihre Angst verliert.
Kojiro, ich weiß, dass du kein Typ bist, der halbe Sachen macht oder irgendjemanden was vormacht. Du bist genauso frei raus wie ich.
Meinst du es wirklich ernst mit ihr? Liebst du sie?“, schaut er sehr ernst und irgendwie bedrohlich.
Kojiro setzt ebenso einen strengen Blick auf.
„Ja, würde ich sonst diesen Affenzirkus hier mitmachen?“ Genzo muss plötzlich lachen und muss sich dann doch zusammenreißen. „Stimmt. Ich glaube wir hauen ihm gedanklich beide eine rein.“ Kojiro grinst. „Genau nach meinem Geschmack.“
Plötzlich sind Stimmen hinter der Schiebetür zu hören. Beide gehen auf ihre abgesprochenen Posten. Die Tür öffnet sich und Tina lässt Pierre eintreten. Dann schließt sie die Tür hinter sich. Beide stehen in der Mitte des Festsaals.
Tina atmet tief durch und hält das Foto in den Händen.
Sie blickt zu ihm. Der Franzose steht gut drei Meter von ihr entfernt und blickt zu ihr. „Du wolltest also reden? Über einen Freund? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jemanden gemeinsam kennen.“
„Am besten ich stelle mich erstmal richtig vor. Dann fällt es dir eventuell wieder ein.
Ich bin Bettina Fuchs. Vielleicht sagt dir der Name noch was.“
Er stutzt. „Bin grad nicht sicher. Ich habe es nicht so mit Namen.“
Sie reicht ihm das Foto.
„Hier, die beiden auf dem Bild müsstest du kennen. Versuch dich zu erinnern.“
Sie geht wieder auf Abstand.
Er ist verwundert. „Oh. Das ist Stephan. Und das bist du? Wo ist Tino? Wieso ist er nicht mit auf dem Familienfoto?“
„Alles was wir jetzt hier bereden muss unter uns bleiben. Es darf diesen Raum nicht verlassen! Kannst du das versprechen? Ich muss es jedem Beteiligten selbst sagen. Es darf niemals an die Presse gehen, es würde zu vielen Leuten schaden oder ihnen weh tun. Auch dir, deswegen nutze ich die Gelegenheit jetzt.“
Er nickt. „Okay. Ich halte dicht.“
„Es gab nie einen Tino, ich war Tino Fuchs. Ich habe mich als Jungen ausgegeben um mit Stephan spielen zu können.“
Er mustert sie genau. „Du willst mir einen Bären aufbinden? Wie hätte ein Mädchen mit Leuten wir Karl-Heinz, Kaltz und Stephan mithalten können?“
Tina hebt die Hand und Genzo kommt aus der linken Ecke hinter Pierre hervor.
„Hallo Pierre. Sie hat Recht. Es stimmt.“
„Wakabayashi, oha. Dich hat sie als Freund gemeint?“
„Hör zu Pierre. Als ich dich vorhin erkannt habe, habe ich plötzlich vergessen, dass das schon gut 9 Jahre her ist, wo wir uns gesehen haben. Ich habe mich an die schöne Zeit erinnert und vergessen, dass ich kein kleiner Junge mehr bin.
Das war ein Fehler von mir. Ich habe vermutlich mit meiner Freundlichkeit die falschen Signale gesendet. Das war nicht meine Absicht. Das hättest du aber auch gleich merken können, als ich den Arm zurückgezogen habe. Da ist es mir aufgefallen. Es gibt Leute, die nicht wissen wann Schluss ist.
Sieh aufs Foto. Schau dir Stephan an. Er hat sein Leben lassen müssen, weil die Leute, die uns überfallen haben nicht wussten wo die Grenzen sind. Wann man aufhören muss.“
Er schaut mit großen Augen. „Was meinst du damit? Was ist passiert?“, klingt er besorgt.
„Die Leute, die Tina und Stephan überfallen haben, haben ihn verprügelt bis es zu spät war ihn zu retten!
Und wenn ich nicht dazwischen gegangen wäre, wäre wer weiß was noch mit ihr passiert!“
Entsetzt nimmt er sich einen Stuhl und setzt sich hin. „Er ist tot?“
Niemand sagt etwas.
Wenige Minuten später verlassen Genzo und Tina den Saal und ziehen die Tür erneut zu. „Meinst du wirklich es ist gut, die beiden alleine zu lassen?“, meint Tina.
„Natürlich. Vertraust du ihm nicht?“ Tina sieht ihn an.
„Du hast Recht.“
„Du kennst ihn nur privat, du hast keine Ahnung wie impulsiv er eigentlich ist. Er hält sich extrem zurück, dir zuliebe. Kojiro hatte schon öfters Probleme wegen seiner aufbrausenden Art. Du musst ihm wenigstens die Möglichkeit geben dich zu verteidigen, es würde ihm sonst seinen Stolz nehmen.“, erklärt Genzo.
‚Er hat Recht. Wenn ich nicht jetzt meine Meinung gesagt hätte, hätte es auch an meinem Stolz gekratzt.
Kojiro, ich vertraue dir. Du bist viel zu beherrscht, als dass dir die Faust ausrutscht. Das hast du in Martins Studio bewiesen. Und das war eine viel unangenehmere Situation. Sogar Martin hat es nicht geschafft sich zurückzuhalten. Und er ist nicht so impulsiv wie du. Du aber, du kannst das.‘
Pierre steht auch auf und will gehen. Dann taucht Kojiro plötzlich hinter dem Vorhang der DJ-Ecke auf.
„Kojiro Hyuga, wieso bist du hier? Was hast du damit zu tun?“, wundert er sich und holt sein perfektes Englisch raus.
„Mit der Sache mit Tinas Bruder habe ich nichts zu tun. Ich wusste auch nicht, dass ihr euch kennt.“
Er stellt sich direkt vor ihn und sieht ihn herausfordernd an.
„Pass in Zukunft auf, wen du unsittlich anmachst! Es könnte auch mal die Frau eines Rivalen dabei sein!“
‚Hyuga, gehört sie etwa zu dir? Wie kann das sein? Du bist doch in Italien, wieso hast du hier eine Frau an deiner Seite? Und dann keine Japanerin?
Nun gut. Er hat ja Recht. Irgendwann musste das ja mal schief gehen.‘
Eru-Shido sieht ihn ernst an.
„Ist das was Ernstes zwischen euch?“
„Wenn nicht, hätte ich dir schon längst eine reingehauen. Nicht hier, aber eventuell morgen, wenn das zweite Spiel läuft.“, bleibt er bei seinem bestimmenden Ton.
Der Franzose schaut zum Landschaftsbild an der Wand. Darauf ist ein Hagebuttenstrauch zu sehen und im Hintergrund der Strand und das Meer. Am Horizont deutet sich ein Segelschiff ab.
„Du bist zu beneiden.“, meint er plötzlich ruhig.
„Pierre, das machts jetzt nicht besser!“, meint Kojiro mit fester Stimme.
‚Will er mich jetzt provozieren? Was führst du im Schilde, Eru-Shido Pierre?‘
„Das meine ich nicht. Natürlich ist Tina eine schöne Frau und du kannst dich glücklich schätzen, aber das meinte ich nicht.
Sie muss dir sehr vertrauen.“ Er geht zum alten Gemälde.
‚Was meinst du? Pierre, was willst du damit sagen?‘, wundert sich Kojiro und schaut ihm nach wie er auf das Bild starrt.
„Du kannst dich glücklich schätzen, dass dir eine Frau so sehr vertraut, dass sie dir sagt was passiert ist und dich hier mit mir allein lässt, mich dir quasi zum Fraß vorsetzt und weiß, dass du deine Wut unterdrücken kannst.
Das nenne ich Vertrauen!
Ich habe noch nie eine Frau kennengelernt, die es ernst mit mir meint und mir vertrauen konnte.“
‚Er hat Recht. Sie muss mir wirklich sehr vertrauen. Aber ich vertraue ihr auch.‘
„Dann höre doch einfach auf damit. Lass die Frauen auf dich zugehen, nicht andersrum. Du hast es doch gar nicht nötig ihnen hinterher zu rennen.
Aber wenn du natürlich alles anmachst, wie soll dir da jemand vertrauen können?“
Pierre dreht sich um und sieht Kojiro an.
„Du hast Recht. So habe ich das noch nie gesehen.
Wie lange kennt ihr euch?“
„Was spielt das für eine Rolle?“
„Na wenn sie dir so sehr vertraut, dann müsst ihr euch schon gut kennen.“
„Es ist noch nicht lange. Deswegen muss ich auch noch im Hintergrund bleiben. Es soll noch nicht an die Presse gehen. Deswegen konnte sie es dir auch nicht gleich sagen.“
„Was soll so schlimm sein, wenn es die Medien merken? Das mit ihrem Bruder müssen die doch nicht wissen. Das interessiert doch niemanden. Ich denke nicht, dass es deinem Ruf schädigen würde, wenn du mit einer Gastronomin zusammen bist.“
„Es geht nicht um meinen Ruf. Ihrem würde es schaden. Sie steht hier in Japan ebenso im öffentlichen Leben wie ich.
Außerdem muss sie erst einiges klären bevor wir das offiziell machen, damit einige Leute nicht zu sehr vor den Kopf gestoßen werden.
Zum Beispiel Schneider, er war ebenso mit ihr und Stephan befreundet. Meinst du nicht, dass er sich wundern würde, wenn sie plötzlich mit mir zusammen ist? Er weiß nicht, dass sie hier lebt. Ich weiß nicht mal, dass er weiß wer sie ist. Stephan und Tino waren einfach plötzlich verschwunden und er weiß nicht wieso, genau wie du.
Du musst das hier also unbedingt für dich behalten. Verstanden?!“, fügt er ernst hinzu.
„Im öffentlichem Leben? Was macht sie denn? Ich dachte sie hat hier die Gaststätte?“
Kojiro grinst.
„Sie ist Profisportlerin und tritt nächstes Jahr bei der WM der Volleyballerinnen an. Wenn die Presse da jetzt die falschen Infos raushaut, dann würde es sie schwach aussehen lassen. Du weißt wie wichtig das ist. Statt sich wie es sein sollte über ihre Leistungen auszutauschen, zerreißen die sich dann das Maul über uns und ob es was Ernstes wäre, weil wir so weit auseinander wohnen. Du kennst das doch. Sowas lenkt extrem ab.“
‚Profisport? Das passt zu ihr. Ich konnte mir jetzt auch nicht vorstellen, dass sie bei der Leistung früher keinen Sport mehr treibt. Einmal Sport, immer Sport.‘
„Okay. Ich halte dicht. Aber vermassle es dann auch nicht mit ihr.“
„Wirklich?“, stutzt Kojiro.
„Ja. Das bin ich ihr schuldig. Du hast keine Ahnung was wir als Kinder für Duelle hatten. Tino war ein absolutes Genie. Schnell, wendig und echt gerissen. Und wir haben damals viel gelacht. Tino war am besten in Französisch und hat die ganze Zeit übersetzt. Ich habe dann ein wenig bei der Aussprache geholfen. Wie man ja nun sieht, hat es geholfen. Sie hat es nicht vergessen.“
Plötzlich geht er auf Kojiro zu und reicht ihm die Hand.
„Du hast mein Wort, mein Wort als Sportler. Ich behalte euer Geheimnis für mich. Klärt eure Dinge und wenn es dann doch irgendwelche Probleme gibt, versuche ich euch zu unterstützen. Melde dich dann einfach.
Und…ich werde deinen Rat befolgen. Also den mit den Frauen. Bei dir hat es ja scheinbar funktioniert.“, lächelt er ehrlich.
‚Pierre, wirklich? Meinst du das wirklich ernst?‘
„Okay.“ Ergibt ihm die Hand und beide drücken sehr fest, als würden sie sich auf dem Feld als Kapitäne herausfordernd vor dem Spiel in die Augen sehen.
„Sag mal Genzo, was mag da so lange dauern? Bereden die zwei jetzt ihr Spiel von vorhin, oder wie?“, wundert sich Tina hinterm Tresen. Genzo zuckt nur mit der Schulter. „Keine Ahnung, Hauptsache es kommt da keiner mit ner blutigen Nase raus.“, grinst er. Beide beginnen zu lachen. ‚Ach Genzo, das ist ja wie früher. Schon lange haben wir nicht mehr so gelacht.‘
Die Koffer
30.Kapitel
Die Koffer
Die Uhr an Kojiros Arm schlägt 18:36 Uhr, während er seinen Schlüssel ins Schloss steckt und den Flur betritt.
Als er seine Schuhe ausziehen will und durch den Flur schaut entdeckt er plötzlich zwei Koffer. ‚Was hat das denn zu bedeuten? Wieso stehen meine Koffer hier rum?‘
Plötzlich öffnet sich die Wohnzimmertür und seine Mutter kommt ihm entgegen.
„Guten Abend Großer. Habe ich es mir doch gedacht.“, lächelt sie.
„Guten Abend Mutter, was haben die Koffer zu bedeuten?“
Er stellt seine Schuhe zur Seite.
„Du kannst sie gleich wieder anziehen. Wieso bist du überhaupt hier?
Du solltest bei IHR sein, nicht hier.“
Verdutzt sieht er sie an.
„Was meinst du? Ich bin doch immer bei euch. Deswegen bin ich doch da. Wir sehen uns doch nur alle halben Jahre mal.“
„Wir laufen dir schon nicht weg. Du willst diese Frau doch wohl nicht nach so einem Tag nachts alleine lassen? Ganz allein in einem großen Haus?“, schimpft sie.
„Ab heute schläfst du nicht mehr hier. Du kannst uns jederzeit besuchen, aber du bist entweder bei ihr oder du nimmst dir ein Hotelzimmer. Das musst du wissen.“
„Wie jetzt? Du wirfst mich aus meinem Haus?“, macht er große Augen. ‚Was soll das? Wieso macht sie jetzt einen auf Wolfsmutter? Ich bin doch eh nur in der Urlaubszeit hier.‘
„Offiziell ist das mein Haus. Schon vergessen? Du hast es mir geschenkt und ich bin die offizielle Eigentümerin.
Hör zu, Kojiro. Mich hat das schon die ganze Zeit gewundert, dass du nicht jede Nacht bei ihr bist und dich jedes Mal quälst wieder herzukommen. Entweder um deine Sachen zu waschen und zu wechseln oder nur weil wir hier sind.
Das musst du aber nicht mehr. Wenn ich heute eins gelernt habe, dann, dass man eine Frau wie Bettina nicht mehr alleine lässt.
Ihr habt nur noch den Rest von dieser Woche und sechs Wochen um euch richtig kennenzulernen. Wenn du es wirklich ernst meinst und sie liebst, dann nutze jede Minute. Ihr habt nicht die Zeit lange zu überlegen. Wenn du erst wieder nach Italien musst, müsst ihr euch einig sein was wird.
Willst du denn nicht bei ihr sein? Willst du lieber hier sein?“
Er steht wie versteinert da und blickt sie an.
‚Tina? Würdest du das überhaupt wollen? Würdest du wollen, dass ich jede Nacht bei dir bin? Sind wir schon soweit?‘
„Natürlich, aber ob sie das will? Und was ist mit den Dreien?“, zeigt er zur Decke.
„Sie wird es sicher wollen. So wie sie heute von dir geschwärmt hat. Sie liebt dich, das konnte ich in ihren Augen lesen.
Der Vorschlag kommt von Naoko selbst. Sie hat ja Recht. Sie hat auf ihr eignes Wohl verzichtet und dich nach Hause geschickt, und jetzt mache ich das.
Geh und überrasche sie ruhig. Sie wird dich bestimmt nicht abweisen, wenn du vor ihrer Tür stehst.
Ich habe mir nun einige Berichte über sie angesehen und auch einige Interviews und Pressekonferenzen gesehen. Ihr seid euch beide sehr ähnlich. Sie lässt sich jedenfalls nichts so einfach gefallen und steht dazu was sie sagt. Genau wie du. Also geh zu ihr. Lass sie nicht mehr alleine.“
Kojiro atmet tief durch und nickt.
„Du hast Recht. Wir haben zu wenig Zeit.
Was hast du alles eingepackt?“
„Naja, alles was du an Kleidung mitgebracht hast und den Thermobecher und die Brotdose von ihr.“
Er geht zur Treppe. „Okay, ich hole noch was.“
Er geht in sein Arbeitszimmer, nimmt sich einen Rucksack, stöpselt den Laptop ab, schnappt sich die Maus, einige Bücher und greift zu seinem Ausdruck der Arbeit.
Kurz darauf geht er wieder herunter und wird von seinen Geschwistern begrüßt, welche gerade die Tür hereinkommen.
„Oh, sie hat dich also überredet. Super.“, meint Naoko erfreut.
Kojiro grinst. „Wenn ihr mich alle loswerden wollt, bitte.“ Alle lachen. Der große kommt auf ihn zu. „Alles gut. Du machst alles richtig. Ich kann es gar nicht glauben. Der „wilde Tiger“ und die „gelbe Tigerin“. Wow.“, äußert er beeindruckt.
Kojiro schaut dann alle ernst an. „Ihr wisst es jetzt alle? Ihr wisst wer sie ist?“
„Ja klar, Naoko konnte ja gar nicht aufhören zu schwärmen, dass ihr großes Volleyballvorbild mit dir zusammen ist.“, meint Ken.
„Ihr müsst das aber noch für euch behalten. Das ist ganz wichtig. Es darf auf keinen Fall in den Medien landen!“, klingt er streng.
„Warum darf das keiner wissen?“, wundert sich Naoko.
„Naja, es wäre jetzt zu früh dafür. Wir müssen noch einiges klären, es würde sonst einige Probleme geben. Ich kann das nicht genau ausführen, aber es hängen noch andere Leute mit drin, die wir zuvor informieren müssen. Unter anderem auch ihre Familie.“
„Okay, verstehe. Was war denn da jetzt eigentlich mit dem Franzosen heute? Hast du ihm deine Meinung gesagt?“, verlautet Naoko.
„Ja, wir haben das geklärt.“, äußert er bestimmend.
„So Großer, jetzt aber los mit dir.“
Kojiro holt sein Handy raus und bestellt ein Taxi. Dann verabschiedet er sich von allen und geht vor die Tür.
Da die Taxistation gleich um die Ecke ist geht es schnell. Eine Taxifahrerin steigt aus und hilft beim Einladen.
„Guten Abend Herr Hyuga, geht’s heute schon zum Flughafen?“, begrüßt sie ihn freundlich.
„Guten Abend. Bitte bringen Sie mich zu dieser Adresse.“, er reicht ihr einen Zettel hin.
‚Oh, die Adresse kenne ich doch. Was will er dort?‘, wundert sich die Frau.
Während der Fahrt schaut er nachdenklich aus dem Fenster.
‚Meine Mutter hat Ideen. Was meint sie überhaupt damit, sie hätte das heute gelernt? Verstehe ich nicht. Ob Tina das überhaupt schon möchte, dass wir uns jeden Tag sehen? Ich will sie jetzt gar nicht so überfallen. Ich glaube das heute in der Backstube war schon wie ein Überfall. Es ist nur jetzt noch in der Urlaubszeit. Und wegfliegen wollten wir ja auch noch. Darüber haben wir uns auch noch nicht unterhalten. Dazu war noch gar keine Zeit. Wir haben allgemein kaum Zeit mal irgendwas zu bereden. Immer ist jemand dabei oder es passt grad nicht.
Heute war ein furchtbarer Tag. Zuerst diese Anspannung heute früh, dann das Freundschaftsspiel und dann das mit Pierre. Also das war wirklich viel Aufregung.‘
Dann spricht er plötzlich die Taxifahrerin an. „Bleiben Sie bitte nachher ein Block weiter weg stehen. Wir fahren dann später weiter.“
„Natürlich.“
Unterdessen herrscht in Tinas Wohnzimmer eine heitere Stimmung.
„Ah, jetzt aber. He he.“, lacht Tina.
„Dort...schau, da musst du hin.“
„Oh nein!!! Jetzt bin ich wieder runtergefallen.“
„Das nächste Mal klappt es. Du bist schon weitergekommen als vorhin.“, äußert Genzo motivierend.
Tina lässt sich ins Sofa fallen. „Oh man, ist das schwer. Das schaffe ich nie.“
„Also echt, du und aufgeben. Ganz neue Töne.“
Sie grinst. „Stimmt, die Tigerin gibt nicht auf. Lass uns eine Pause machen.“, sagt sie und schaut zur Decke. „Alles klar.“, meint er nur und geht daraufhin in den Flur eine Tür weiter.
‚Ach ja. Das tut gut. Der Tag war total doof. Ob Kojiro jetzt auch mit seiner Familie spielt? Was macht ihr abends, wenn ihr zusammen seid? Ich freue mich so sehr, dass du so eine liebe Familie hast.
Ach Kojiro, schade, dass du jetzt nicht bei mir bist. Genzo ist der Einzige, der mich gerade davon ablenken kann, dass du nicht da bist. Wenn du vorhin gesagt hättest, dass du mit mir kommst, dann hätte ich ihn gar nicht eingeladen. Aber ich kann das sehr gut verstehen, dass du auch bei deiner Familie sein willst. Ihr seht euch zu selten.‘
Plötzlich klingelt das Handy neben ihr. Sie schaut auf die Nummer und geht ran. ‚Na nu. Kojiro?‘
„Wie schön, ich habe gerade an dich gedacht.“, lächelt sie.
„Oh, tatsächlich? Es ist schön deine Stimme zu hören.“, antwortet er nachdenklich.
‚Sie hat an mich gedacht? Genau in diesem Moment? Dann ist ihre Aussage ein Hinweis?‘
„Ich wollte fragen ob ich zu dir kommen kann. Ich war nicht sicher, ob du Besuch hast und wollte nicht stören.“
Er spricht leise. ‚Kojiro, du klingst etwas betrübt. Das kenne ich ja gar nicht von dir.‘
„Natürlich. Ich habe aber tatsächlich Besuch. Ich schicke ihn weg. Wann kannst du denn da sein?“ Sie richtet sich auf.
„Oh. Du schickst deinen Besuch einfach weg? Das wäre aber unhöflich.“, wundert er sich, obwohl er sich denken kann wer zu Besuch ist.
„Ich denke kaum, dass Genzo mir wegläuft, nur weil ich ihn früher wegschicke.“, grinst sie ehrlich.
„Ich bin schon kurz vor deiner Tür. Ich warte im Taxi einen Block weiter.“, erklärt er ehrlich. „Oh, echt?“, ihr Herz schlägt etwas lauter. ‚Du bist schon da?‘
„Ich rufe dich an, wenn du kommen kannst.“ Sie legt auf.
Kurz darauf kommt Genzo wieder um die Ecke.
„Wer ruft denn um diese Zeit noch an?“, ist er neugierig.
Tina steht auf und legt das Handy zur Seite.
„Das war Kojiro.“, antwortet sie ehrlich und sieht ihn nachdenklich an.
„Echt? Er möchte dich sicher jetzt besuchen?“, vermutet er richtig.
„Stimmt. Hast du was dagegen, wenn ich dich schon wegschicke?“
„Nein. Alles gut. Ich habe mich eher gewundert, dass du mich nach so einem Tag überhaupt eingeladen hast. Vermutlich nur, um dich abzulenken.
Ich habe mir heute extra für dich freigenommen und wir hatten einen anstrengenden Tag. Es war schön, dass wir mal wieder gemeinsam lachen konnten. Das tat jetzt wirklich gut.“
Er kommt auf sie zu, berührt ihre Schultern und blickt zu ihr herab. „Ich glaube er meint es ernst mit dir.
Zwei Dinge zu Kojiro:
Er und ich werden vermutlich nie richtige Freunde, auch wenn du es dir wünschst. Aber ich werde euch nicht im Weg stehen. Und noch was. Kojiro ist kein einfacher Typ, aber er hat seine Prinzipien und würde niemals lügen. Er sagt immer frei raus was er denkt und wenn er mir sagt, dass er dich liebt, dann wird es auch so sein. Glaube mir, ich werde euch nicht im Wege stehen. Vielleicht versteht ihr euch, weil ihr euch sehr ähnlich seid.“
Daraufhin packt er seine Sachen zusammen und geht in den Flur.
„Willst du das eigentlich morgen wirklich durchziehen?“
„Ich werde sehen ob ich es kann. Wenn nicht, gehe ich wieder. Ich muss es ausprobieren, wenn das nicht klappt, dann bin ich noch nicht soweit. Aber ehrlich gesagt…ich freue mich schon richtig darauf. Das kann doch nur ein gutes Zeichen sein, oder?“ Er nickt.
Er hat inzwischen seine Schuhe angezogen und umarmt sie kurz. „Dann bis morgen.“
Genzo zückt das Handy und bestellt sich ein Taxi.
Es dauert nicht lange, dann ist es da und er steigt ein.
Tina ruft Kojiro zurück.
„Kojiro, ich freue mich auf dich.“, klingt sie gefühlvoll.
„Ich auch. Da ist leider noch was.“
„Oh, was denn?“, wundert sie sich nur.
„Meine Mutter…also sie hat…mich vor die Tür gesetzt.“, fällt es ihm schwer das auszusprechen.
„Kojiro, was hast du angestellt?“, ist sie verblüfft.
„Nichts. Ich erkläre es, wenn ich da bin, aber ich habe meine Koffer dabei.“
„Also wirklich. Naja. Ich kann mir vorstellen was los war. Komm einfach her, natürlich kannst du bei mir bleiben.“, sagt sie ganz schnell und legt verlegen auf.
‚Kojiro, mit dir wird es nie langweilig.‘
Kojiro lässt sich zu ihr fahren. Vor dem Tor steigt er aus und nimmt seine Koffer aus dem Kofferraum. Inzwischen ist Tina auf dem Weg zu ihm. ‚Das ging ja wirklich schnell. Oh, wen haben wir denn da?‘, grinst sie und geht direkt zum Taxi und begrüßt Kojiro und die Taxifahrerin.
„Guten Abend Sakura, das ist aber lieb von dir, dass du mir Kojiro bringst. Danke.“, grinst sie die Frau an. Sie lächelt zurück. „Sehr gerne, Tina. Ich war erstaunt, als ich diene Adresse gelesen habe.“
„Kennt ihr euch?“, wundert sich Kojiro.
„Ja, ich bin ein riesiger Fan von unserer Tigerin. Ich versuche jedes Spiel zu sehen. In zwei Tagen hast du dein letztes Spiel diese Saison, richtig?“ Tina nickt. „Richtig, ist aber ein Freundschaftsspiel. Eine Freundin aus Europa hat es organisiert.“
„Oh, gegen welches Team spielt ihr denn?“
„He he, das wird noch nicht verraten. Wird aber ne sehr schwere Geschichte. Ihr Team ist extrem stark. Mein Team weiß auch noch nicht gegen wen wir spielen, ich wollte sie überraschen.“
„Naja, auch wenn es schwer ist, zur Not holst du die Drachenfaust raus und dann habt ihr schon gewonnen.“, grinst sie. Tina legt einen ernsten Blick auf.
„Den spiele ich in der Regel nur bei ganz großen Wettkämpfen und auch nur wenn es nicht mehr anders geht. Der ist schon echt fies. Es muss auch ohne gehen.“
„Ich muss los. Ich sehe dich dann spielen, ist ja klar. Ihr packt das schon. Ich wünsche euch einen schönen Abend.“, verabschiedet sie sich und fährt wieder los.
Tina schnappt sich einen Rollkoffer und geht zur Tür. „Jetzt musst du mir erzählen was los ist.“ Er folgt ihr mit Rucksack in der Hand und dem zweiten Koffer.
Im Haus schließt er die Tür hinter sich und stellt den Koffer zur Seite und den Rucksack ab.
„Es tut mir leid, ich komme mir vor, als würde ich dich überfallen.“, sagt er leise, während sie beide die Schuhe ausziehen. Tina lächelt ihn an.
„Du bist wirklich lustig. Und das heute in der Backstube war etwa kein Überfall? Da sind deine Koffer gar nichts dagegen.“
„Echt? War das so schlimm?“, stutzt er überrascht. ‚Ich habe sie ganz schön durcheinander gebracht mit dem Türabschließen. Das stimmt.‘
Sie geht auf ihn zu und bleibt direkt vor ihm stehen. Dann berührt sie seine Hand. „Schlimm? Nein! Es war unerwartet und aufregend!
Kojiro, auch deswegen habe ich mich in dich verliebt. Es ist immer aufregend mit dir und trotzdem komme ich in deiner Nähe zur Ruhe.“ Dann schaut sie zu ihm auf und sieht ihm sehnsüchtig in seine braunen ehrlichen Augen.
„Kojiro, Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als dass du bei mir bist. Herzlich Willkommen. Fühl dich wie zu Hause.“ Tina berührt sein Gesicht, greift mit der anderen Hand seinen Rücken und schmiegt sich an ihn. Dann geht sie auf die Zehnspitzen und küsst ihn leidenschaftlich.
‚Ach Kojiro. Ich kann es gar nicht glauben, dass du bei mir bist. Schon seit heute Vormittag wünschte ich mir, endlich bei dir sein zu können und in deinen Armen zu liegen. Diese unerträgliche Distanz und das Leugnen, dich zu kennen, das war furchtbar.
Kojiro. Jetzt bist du bei mir. Ganz nah und ich kann dich gar nicht wieder loslassen. Ich liebe dich so sehr, dass ich dich immer um mich haben will.
Warum nur, Kojiro? Wir kennen uns noch nicht lange und doch sind wir uns schon so nah und vertraut. Und ich kann gar nicht genug davon kriegen.‘
Plötzlich spürt sie seine große warme Hand hinten an der Taille und die andere an ihrer Schulter. Sie genießt seine starken Hände und seine Wärme zieht sich durch ihren ganzen Körper.
‚Ach Bettina, ich bin so glücklich. Ich hätte wissen müssen, dass du nur darauf gewartet hast, dass ich dich heute heimbringe oder bei dir bin. Manchmal bin ich auch zu begriffsstutzig. Ich war mir unsicher, ob ich dich nicht zu sehr bedränge mit meinen Gefühlen. Ich dachte ich könnte dich trotz deinen großen Gefühlen verschrecken, wenn ich zu impulsiv bin. Aber das scheint ein Irrtum zu sein. In Wirklichkeit ist es etwas was du an mir magst. Wie kann das sein?
Bettina, du bist einfach nur unglaublich und auch unglaublich schön.
Als ich dich heute beim Spielen beobachtet habe, war es wie ein Traum. Wie du dich bewegen kannst, so schnell und stark.
Dein Duell mit deiner Partnerin um dich aufzuwärmen. Wie konntest du nur trotz der angespannten Situation mit uns allen so konzentriert sein? Du bist ein echter Profi, du bist Profi in dem was du kannst.
Nach außen wirkst du unnahbar und stark, aber in meinen Armen kannst du auch wahnsinnig hingebungsvoll sein. Du vertraust mir so sehr, dass es unwirklich erscheint.‘
Er spielt etwas mit dem Spaghettiträger ihres kurzen Blümchenkleides herum und streichelt ihre Schulter. ‚Dieses Kleid sieht an dir besonders hübsch aus. Es untermalt deine Fröhlichkeit und dein liebevolles Wesen.‘
Plötzlich kann er spüren wie sie sein Gesicht und den Rücken loslässt, seine Trainingsjacke vorne fasst und beginnt den Reißverschluss zu öffnen. Dann unterbricht er den Kuss und sieht ihr tief in die Augen.
„Du willst wirklich, dass ich bei dir bleibe? Für die ganze Urlaubszeit?“, will er sicher gehen.
„Kojiro, du kannst auch für immer bleiben. Ich kann nicht mehr ohne dich sein.“, flüstert sie lächelnd.
Dann versucht sie seine Jacke abzustreifen. Er lässt sie kurz los und zieht seine Arme heraus.
„Obwohl ich so impulsiv und direkt bin?“, fragt er nochmal, um sicher zu gehen.
Ihr Blick wird ernst. ‚Wie kannst du das nur denken? Genau das mag ich doch an dir. Du äußerst einfach deinen Standpunkt und redest nicht ewig drum rum. Dieses „Um-die-Ecke-Gerede“ kann ich gar nicht leiden. Schlimm genug, dass ich das ab und an machen muss.‘
„Kojiro! Du redest zu viel!“, ist sie bestimmend. Tinas Körper kribbelt bereits überall und ihr Verlangen nach ihm steigt immer mehr an. Seine Berührungen haben sie bereits in einen Zustand versetzt, den sie nur zu gut kennt, seitdem sie sich das erste Mal geliebt haben. Ihre Zuneigung ist zu groß, sie ist bereits zu groß als, dass sie noch lange warten kann. Die Anspannung am heutigen Tage war und ist zu groß. Instinktiv berührt sie seinen rechten Oberarm und fährt zart seinen Muskeln entlang. Sie weiß genau, dass er darauf reagieren wird. „Bettina.“, haucht er plötzlich nur aus und ohne weiter nachzudenken nimmt er sie bestimmend hoch, hält sie am Oberkörper und Beinen und trägt sie den Flur entlang. Sie hält sich vertrauensvoll an ihm fest und genießt diesen plötzlichen Moment. Zügig nähert er sich der Treppe und geht diese vorsichtig mit ihr hinauf ins Schlafzimmer. ‚Kojiro, das kommt überraschend. Aber du hast es endlich verstanden.‘, blickt sie verliebt in sein Gesicht.
Dann legt er sie behutsam aufs Bett, setzt sich vorerst neben sie auf die Bettkante und beginnt sie zu streicheln. Seine Hand berührt ihr Gesicht und streicht zart über ihre Stirn und an den Augen entlang. Er blickt sie verliebt an und genießt diesen ruhigen Moment. ‚Sie ist so schön. Wie konnte ich nur daran zweifeln, dass sie mich bei sich haben will?‘
Seine Finger berühren erforschend ihre sinnlichen Lippen und dann ihre Wange. Plötzlich fasst sie seine Hand und den aufstützenden Arm. Ihr Blick ist fragend und verliebt zugleich. „Kojiro, was…?“, spricht sie leise. Er legt seinen Finger auf ihre Lippen. „Pst. Lass uns einfach diesen Moment genießen. Endlich kann uns niemand mehr stören.“
Tina lächelt ihn an, richtet sich auf und kniet sich vor ihm auf die Matratze. Glücklich lächelt sie ihn an. „Stimmt. Ich werde jede Sekunde mit dir genießen, die du bei mir bist.“ Er sieht wie ihre Augen feucht werden und ihr eine Träne entweicht. Dann umarmt sie ihn liebevoll und drückt ihn fest an sich. Er kann ihren schnellen Herzschlag spüren und auch sein Puls steigt weiter an.
„Kojiro. Ich bin einfach nur glücklich. Ich bin so unendlich glücklich, dass du endlich bei mir bist, so wirklich bei mir.
Nicht nur…nicht nur, weil du Zeit für mich hast.“, redet sie sich etwas weinerlich von der Seele.
‚Ach Tina, ich bin auch glücklich. Ich bin so glücklich, dass du genauso viel empfindest wie ich.‘ Fest nimmt er sie ebenso in die Arme. „Ich lass dich nicht mehr alleine. Ich liebe dich.“
Dann berührt er nach einem scheinbar unendlichen Moment der Gedanken ihre Schultern und drückt sie ein wenig von sich, damit er ihr in die Augen sehen kann. Seine linke Hand berührt ihr Gesicht und wischt die Tränen weg.
‚Sind das deine Freudetränen?‘, stellt er fest und dann hält er ihren Kopf mit beiden Händen fest und küsst sie leidenschaftlich. ‚Ich will auch nicht mehr ohne dich sein. Und jetzt, jetzt kann ich immer deine Wärme und deine Liebe spüren.‘ Er bemerkt, wie sie sein ärmelloses schwarzes Shirt berührt und versucht es ihm auszuziehen. Ihr angespannter Körper ist in seinen Händen genau zu fühlen und ihre Brustwarzen zeichnen sich deutlich unter dem bunten Blümchenkleid ab. Beide spüren wie sehr sie sich plötzlich nah sein wollen.
Kurz darauf lässt er sie los und zieht sein Shirt über den Kopf. Mit etwas zittrigen Händen berührt sie seine Hose und er steht hastig auf, hilft ihr beim Ausziehen und kurz darauf stülpt er auch ihr das Kleid über den Kopf und legt es beiseite.
Es dauert nicht lange bis sie sich beide in ihren Gefühlen verlieren und einfach den stressigen Tag hinter sich lassen.
Nach einer romantischen und sinnlichen Nacht öffnen sich zwei türkiesblaue Augen. Sie sehen direkt in ein schlafendes Männergesicht.
‚Es war kein Traum. Du bist wirklich bei mir.‘, lächelt sie noch im Halbschlaf. Dann bemerkt sie seine warme große Hand auf ihrem Brustkorb und berührt diese ganz sachte. ‚Du bist so warm und zärtlich.‘ Tina fasst diese an und lässt sie probehalber fallen. Sie betrachtet sein Gesicht genau.
‚Du merkst es gar nicht. Wenn du erstmal tief schläfst, kriegt man dich nicht wach. So so.‘, grinst sie. Danach betrachtet sie seine Handfläche. ‚Mir kam das damals gleich seltsam vor. Deine Hände konnten niemals die eines Baseballers sein, das passt nicht zu den Linien. Ich habe einige Kunden, die Baseballer sind. Die spielen sogar in der obersten Liga und es hat niemand eine Statur wie du.‘
Vorsichtig legt sie seinen schweren Arm neben sich und berührt sein Haar, welches etwas in sein Gesicht hängt. Sie streicht es von seiner Stirn, richtet sich auf und betrachtet ihn von oben nach unten. Kojiro liegt eher auf der Decke, als darunter. Auf dem Bauch liegend, beide Beine langgestreckt und der rechte Arm neben sich mit der Hand unter dem Kopfkissen ist Tina selbst erstaunt was für ein durchtrainierter und gebräunter Mann da überhaupt neben ihr liegt. Sie hatte bisher nie die Gelegenheit Kojiro anders als nur mit ihren überwältigenden Gefühlen zu betrachten. Natürlich sind ihr seine Proportionen aufgefallen und sie hat sie auch deutlich und wohlwollend gespürt, aber trotzdem ist es ein anderer Blickwinkel ihn so regungslos und nackt vor sich liegen zu sehen. Entweder sie wurde aus dem Schlaf gerissen oder er war bereits vor ihr wach. Und auch unter der Dusche hat sie ihn hauptsächlich von vorne wahrgenommen und nur kurz nass von hinten gesehen, wenn er herausgegangen ist.
Sie steht auf, zieht sich den Morgenmantel an und geht ums Bett herum auf seine Seite. Erneut betrachtet sie ihn. ‚Ich bin immer noch fasziniert, dass du so unglaublich führsorglich, lieb und ehrlich bist.‘, schmunzelt sie, nimmt ihre Zudecke und legt sie vorsichtig über seinen Körper. Lächelnd streicht sie nochmal kurz über seine Wange. „Danke, dass du dich entschieden hast bei mir zu sein.“, spricht sie ganz leise.
Plötzlich bewegt sich seine linke Hand, welche vorher auf ihrem nackten Körper lag und greift scheinbar nach etwas. „Bet…Betti…na.“, spricht er ganz leise im Schlaf und lächelt. Tina lächelt daraufhin ebenso. ‚Ich wüsste zu gerne was du träumst.‘ Dann öffnet sie leise das Fenster und lässt die frische Morgenluft herein.
Wenig später kommt sie frisch geduscht und angezogen in die Küche und bestückt die Kaffeemaschine. Dann nimmt sie vier Backrohlinge aus dem Tiefkühlschrank und legt sie aufs Backofenrost. Sie deckt den Tisch mit Butter und zweierlei selbstgemachten Fruchtaufstrich, holt einen Teller zusätzlich heraus und belegt ihn mit etwas Aufschnitt, bedeckt es wieder und stellt es in den Kühlschrank. Neben den Herd stellt sie eine Schüssel mit zwei Eiern.
Dann geht sie in den Garten raus, pflückt ein paar Kräuter wie Zitronenmelisse, spült sie ab und wirft sie in eine Glaskaraffe und zwei große Thermosflaschen, welche sie dann mit Mineralwasser auffüllt. Die Karaffe stellt sie auf den Tisch.
Tina geht in den Flur und betrachtet Kojiros Koffer und seinen Rucksack.
‚Ich kann es irgendwie noch immer nicht glauben. Schmeißt sie ihn aus dem Haus. Nicht zu fassen. Das hat sie gestern gemeint, als sie sagte, dass sie sich bei mir zu entschuldigen weiß, dass sie so misstrauisch und neugierig war. Sie vertraut mir ihren Sohn an. Ein größeres Geschenk konnte sie mir nicht machen.
Nun gut. Mal sehen ob wir tatsächlich miteinander auskommen. Es ist etwas anderes als nur zu Besuch zu sein, mein lieber Kojiro. Und ich, ich habe noch nie alleine mit einem Mann zusammengelebt. Auch Martin hat hier nie gewohnt, wir waren immer bei ihm. Hier spielte sich gar nichts ab. Jeder ging zu sich und ansonsten war ich bei ihm.‘ Sie nimmt sich den Rucksack und geht zur Treppe. ‚Der hat ja Gewicht. Da sind sicher seine Bücher fürs Studium drin. Ich stelle erstmal alles ins Schlafzimmer.‘
Somit stellt sie den Rucksack vorsichtig in die Ecke und holt die beiden Koffer hoch, welche ihr nicht so schwer vorkommen. Es scheinen tatsächlich nur Kleidungsstücke darin zu sein.
Kojiro liegt noch immer und schläft. Mittlerweile hat er sich gedreht und liegt auf dem Rücken. Die Decke liegt halb neben ihm und bedeckt nur noch den mittleren Teil seines Körpers zwischen Brust und Knie. Tina grinst nur vor sich hin, während sie die Schiebetür des Kleiderschranks öffnet und die Sachen ihres Vaters herausnimmt und sorgsam auf ihre Betthälfte legt.
‚So, nun dürfen sie gehen. Mamas Schrankseite wollte ich auch schon aussortieren. Ich muss dann nur Ai anrufen, die leitet das dann weiter. Sie hatte mich eh schon gefragt wann ich das mache. Vater, du würdest Kojiro ebenso lieben wie ich. Ihr hättet euch wahnsinnig gut verstanden, du hast damals als Jugendlicher auch als Stürmer gespielt. Mama hätte ihn auch geliebt. Ganz bestimmt. Sie mochte Genzo auch immer so sehr.‘ Sie schiebt die Anzüge zur Seite und lässt die freien Kleiderbügel hängen. Kojiro wird sicher nicht viele Sachen zum Aufhängen haben, so sportlich wie er meist angezogen ist. Bisher hatte er nur einmal Hemd und Anzugshose an. Sie erinnert sich genau an diesen Tag. An dem Tag hat sie ihm aus ihrer Zeit aus Hamburg erzählt und er hat ihr dann gestanden, dass er Fußballer ist.
Nachdem zwei große Fächer leer wurden und einige Haufen Hemden, Hosen und Shirts auf dem Bett gestapelt wurden, kann sie endlich Bewegungen auf dem Bett feststellen. Kojiros Augen öffnen sich und er nimmt zuerst das Vogelgezwitscher und die frische Luft aus dem Garten wahr und dann sieht er sich um und entdeckt Tina vor dem großen Kleiderschrank. ‚Ich muss aber lange geschlafen haben. Sie ist schon angezogen.‘, ruckartig richtet er sich auf. Und wünscht ihr einen Guten Morgen. „Guten Morgen. Du bist ja schon auf. Ich muss ja lange geschlafen haben.“
„Guten Morgen, du hast so tief geschlafen, da wollte ich dich nicht wecken. Ein gesunder Körper holt sich was er braucht.
Du hättest gestern sicher was gesagt, wenn du zur Not einen Wecker gebraucht hättest.“ Tina holt ein großes Handtuch aus dem Schrank und geht zu ihm. Direkt vor ihm bleibt sie stehen und reicht es ihm. „Hast du gut geschlafen?“, fragt sie liebevoll und blickt zu ihm herab.
‚Das nenne ich eine Begrüßung. Wie schön sie wieder ist. Und so ein hübsches Kleid hat sie wieder an. Ich darf jetzt jeden Morgen dieses bezaubernde Lächeln genießen? Das wirkt noch so unwirklich.‘
Er nimmt plötzlich ihre Hand und zieht sie an sich heran, so dass sie etwas gezwungen ist sich auf den Bettrand neben ihn zu setzen. Dann nimmt er sie in den Arm. „Ich habe sehr gut geschlafen. Ich kann noch gar nicht wirklich glauben, dass ich hier bei dir bin und ich dein Lächeln jeden Morgen genießen kann.“, äußert er seine Gedanken, fasst ihren Kopf, führt sie zu sich und küsst sie sinnlich. ‚Ach Kojiro, ich kann es doch auch kaum glauben. Aber es ist einfach nur schön dich bei mir zu haben.‘
Am Flughafen
31.Kapitel
Am Flughafen
Nach dem schönen morgendlichen Moment steht sie auf und drückt ihm das Handtuch in die Hände. „Du kannst dich duschen und fertig machen während ich die Brötchen aufbacke. Komm dann bitte runter.
Und noch was. Ich habe dir Platz im Schrank gemacht, damit du nicht aus dem Koffer leben musst, so wie bisher. Wir frühstücken aber erstmal.“
Dann geht sie runter und stellt den Ofen an.
Kojiro schaut zur Uhr. Erstaunt, dass es schon halb acht ist steht er schnell auf, holt sein Duschzeug aus dem Koffer und springt unter die Dusche. Fünf Minuten später steht er wieder im Schlafzimmer und öffnet den zweiten Koffer. Er verschafft sich erstmal einen Überblick wo alles drin ist und entscheidet sich dann mal wieder für die Anzugshose und das weiße Hemd. Fix ist er angezogen und rubbelt seine Haare trocken und kämmt sie durch.
Als er die Treppe heruntergeht kann er schon den angenehmen Geruch der Brötchen wahrnehmen. Im Türrahmen der Küche bleibt er kurz stehen und betrachtet Tina, wie sie in ihrem hübschen königsblauen Kleid die Brötchen aus dem Ofen nimmt und in einen Brotkorb fallen lässt. Der Backofen ist praktisch auf Arbeitshöhe eingebaut.
„Das duftet aber gut.“, sagt er liebevoll und kommt auf sie zu. Tina dreht sich zu ihm und drückt ihm den Brotkorb in die Hand. „Das sind Rohlinge nach einem Rezept meines Vaters. Ich friere sie ein und wenn ich sie brauche werden sie aufgebacken.“
„Das klingt praktisch. Ich werde sie genießen. Ich mag Brötchen. In den Hotels probiere ich mich immer durch das ganze Sortiment.“, berichtet er freudig.
Dann stellt er den Brotkorb auf den Tisch und betrachtet die kleine Aufschnittplatte mit Wurst und Käse und die Gläschen mit Fruchtaufstrich. „Du musst nicht meinetwegen ein ganzes Buffet aufbauen. Du machst dir viel zu viel Mühe.“, meint er.
„Ach, alles gut. Ich mache mir oft verschiedene Dinge und Branche dann eher als zu frühstücken. Ich lasse auch mal die Mittagsmahlzeit ganz aus. Ich dachte mir dann kann ich gleich schauen was du so magst. Bisher ging ja eher alles etwas schnell oder ich habe nur irgendwas hingestellt ohne zu wissen ob du das magst.
Wie magst du dein gekochtes Ei am liebsten?“
„Verstehe. Am liebsten etwas weich, so dass man es löffeln kann.“
„Alles klar, ich mag es beides. Aber heute auch so. Das passt, sind gleich fertig.“
Während des gemeinsamen Frühstücks fragt Tina nach seinem Tagesplan.
„Ich muss heute unbedingt zum Training. Wir haben heute das zweite Spiel gegen die Franzosen. Wir teilen das immer auf zwei Tage auf. Deswegen war das gestern so kurz. Das war es dann an Terminen. Ich warte immer noch auf den Anruf von der Universität. Der kann jederzeit kommen. Also da musst du dich dann nicht wundern, wenn ich mal plötzlich losmuss.“
‚Genzo sagtes es ja gestern Abend noch. Er sagte aber auch, dass sie jeweils nur zu zehnt spielten. Heute würde der letzte Spieler noch dabei sein und sie würden das erste Mal Shinichi mitspielen lassen.‘
„Verstehe. Das wird sicher ein ganz anderes Spiel als gestern.“, sagt sie ruhig und nimmt das zweite Brötchen und schneidet es auf.
„Das denke ich auch.“, sagt er nachdenklich.
„Oh, so nachdenklich. Stellst du dir grad vor wie du Eru-Shido noch mehr Tore reindrückst als gestern? Das war ein sehr gutes Ergebnis. Alle Achtung nochmal.“, lächelt sie ihn an.
„Wir werden eine andere Aufstellung sein als gestern. Aber…du willst sicher nicht darüber reden, oder?“
Tina lächelt.
„Wenn wir es nicht ausprobieren, dann weiß ich es nicht. Und ich will nicht, dass du dir das immer vor mir verkneifst. Okay? Ich sag dann schon, wenn es grade nicht passt. Ich würde sagen, wenn ich dich danach frage, ist es okay. Und wenn du von deiner Arbeit reden willst, sagst du es einfach.“
Er nickt fröhlich.
„Du hast Recht. Weglaufen ist keine Option. Du bist eine Kämpferin, das ist mir gestern so richtig aufgefallen und andere bestätigen es nur.“
„Danke. Du doch aber auch.“, lächelt sie zurück.
„Wie ist dein Tag geplant?“
„Also nachher muss ich tatsächlich zum Training. Du hast ja gehört, morgen habe ich ein Spiel.
Danach muss ich ins Studio und mit Martin über neue potenzielle Kunden reden. Dann muss ich zu diesen Kunden gehen und danach eventuell nochmal zum Training. Und keine Ahnung wie lange das heute geht.“
„Du hast eine seltsame Vorstellung von Urlaub. Du hast ja volles Programm.“, grinst er.
„Stimmt. Klingt so. Offizieller Urlaub läuft nur über die Ausbildung. Das Ausbildungsjahr ist rum. Nun, nach dem Spiel ist auch im Sport Urlaub. Eigentlich hätten wir Urlaub, aber wir trainieren quasi für das Spiel.
Und die Fitnessstudiosache ist spontan dazugekommen. Die kann ich mir nicht entgehen lassen und ich weiß ja noch nicht ob es überhaupt klappt.“
„Und wieso musst du dann nur eventuell abends nochmal zum Training?“
„Weil ich meinen neuen Schlag einüben muss. Ich habe ihn doch erst gestern hinbekommen wie ich ihn wollte. Ich muss also mit Yoko noch das Zuspiel üben.“
„Stimmt, an den habe ich jetzt gar nicht gedacht. Das war ja neu. Na dann.
Darf ich denn wissen welches Team du da organisiert hast?“, ist er sehr neugierig.
„Das wird wirklich ein großer Brocken und wir spielen auch nicht als Nationalteam. Wir sind quasi oberste Liga Team gegen oberste Liga.
Ich habe eine Freundin in Italien. Sie bringt ihr Team mit. Die Mädels sind der Wahnsinn. Ich habe sie schon ein paar Mal live gesehen und sogar im Urlaub gemeinsam mit ihnen im Training gespielt. Die haben ein sehr hohes internationales Niveau.“
„Du spannst mich aber jetzt auf die Folter.“
„Chieri Torino.“, haut sie plötzlich raus und grinst. Er ist verblüfft. Ausgerechnet die Mädels aus Turin? Das ist ja ein interessanter Zufall.
„Ist das dein Ernst? Unsere Mädels sind echt stark.“, klingt er sehr ernst und blickt sie begeistert an.
Tina legt das Messer auf den Tisch und sieht ihn ernst an.
„Ich weiß. Wir werden vermutlich nicht gewinnen, aber die Mädels müssen das selbst erfahren, sonst brauchen wir nächstes Jahr gar nicht erst antreten. Sie müssen wissen was auf uns zukommt. Genau deswegen habe ich das Spiel organisiert.“
„Du bist aber knallhart zu deinen Mädels. Du wirfst sie einfach ins kalte Wasser um schwimmen zulernen. Das klingt ganz nach Genzo-Art.“, äußert er schmunzelnd.
Tina grinst plötzlich.
„Wieso Genzo? Du meinst wohl eher Herrn Mikami. Der hatte ständig solche Dinger drauf. Aber es hat alle stark gemacht. Und zur Asienmeisterschaft hat es auch gut funktioniert. Da habe ich die Mädels genauso gescheucht. Was mir an Technik fehlte holte ich immer mit meiner Ausdauer raus. Und sie waren immer die Techniker, aber nicht so ausdauernd. So ergänzen wir uns. Ich habe derweil meine Technik deutlich verbessert, aber nun brauchen sie mal einen Anreiz, um mir zu glauben, dass ihre Ausdauer nicht reicht.
Ist gemein, aber es wird helfen.“
„Herr Mikamis Art? Wie meinst du das? Mit uns hat er das nie gemacht.“
Sie nimmt das Frühstücksei und pellt es auf.
„Bist du sicher? So langsam kommen meine Erinnerungen deutlich wieder. Was hat sich Genzo nach eurem Spiel gegen den HSV am Telefon bei mir ausgeheult. Nur seinetwegen musste er so gemein sein und euch auflaufen lassen. Er hat euch nur so provoziert um euch zu stärken. Und es hat doch auch geklappt, soweit ich weiß.“
‚Genzo, ist das wahr? Das hast du nur gemacht, damit wir stärker werden?‘, wundert er sich im Nachhinein.
Plötzlich klingelt das Telefon.
Tina steht auf und geht in den Flur.
„Guten Morgen bei Fuchs.“
„Tina? Hier ist Martina.“, kommt in Italienisch durch den Hörer.
„Oh wie schön. Wie geht es dir? Seid ihr schon gelandet?“, antwortet sie glücklich und versucht ihr eingeübtes Italienisch.
„Tina, es ist so furchtbar.“, klingt sie weinerlich. Tina ist verwundert und macht sich Sorgen.
„Was ist passiert?“
„Ludovica und Viola, sie sind…im Krankenhaus.“, weint Martina am anderem Ende der Leitung bitterlich los.
„Das ist ja entsetzlich.“, entgegnet Tina mit trauriger Stimme.
Kojiro wird hellhörig und geht zu ihr. ‚Das klingt gar nicht gut. Wer ruft da an? Sie spricht Italienisch? Dann stimmt es tatsächlich was dieser Typ gesagt hat, dass sie Italienisch lernt.‘
Tina setzt sich auf den Garderobenstuhl und atmet tief durch. Sie sieht zu Kojiro auf, welcher nun vor ihr steht und sie fraglich ansieht.
„Viola und Ludovica? Wie geht es ihnen?“
Kojiros Blick verändert sich in eine ernste Miene. ‚Viola, Cusaviers Frau? Deswegen war er gestern nicht da, er wollte sicher mit ihr zusammen heute landen. Was ist passiert?‘
„Was ist passiert?“, spricht er Tina leise an. Sie hält den Hörer am Mikro zu und antwortet. „Zwei Mädels vom Torino-Team sind im Krankenhaus.“
„Etwa Viola?“, entgegnet er ernst. Tina nickt. „Kennst du sie?“, ist sie verwundert. „Ja. Ich bin mit ihrem Mann befreundet.“ Er deutet an die Freisprechfunktion anzumachen, was Tina dann auch tut. ‚Mit ihrem Mann?‘
„Tina…ist jemand bei dir?“, hat es Martina bemerkt.
„Ja. Mein Freund. Erzähl was war jetzt?“, antwortet sie nur schnell.
„Oh, du bist wieder vergeben?“, stimmt es Martina etwas munterer und sie kann nun ruhiger berichten was passiert ist.
„Gestern auf dem Weg zum Flughafen gab es ein Busunglück. Ein LKW-Fahrer hatte einen Herzanfall und ist direkt in den Linienbus gefahren. Es war ein furchtbarer Unfall. Mehrere Verletzte und sogar Kinder sind im Krankenhaus gelandet.
Sie standen jedoch genau an der Stelle wo der LKW reingefahren ist. Nun liegen beide schwerverletzt im Koma.
Tina, es ist entsetzlich. Die Ärzte wissen nicht wann und ob sie überhaupt wieder aufwachen!“, weint sie wieder bitterlich los.
Tina huschen ein paar Tränen über die Wange. „Nein, ich kann das gar nicht glauben.“
‚Cusavier, bist du jetzt hier oder bei ihr?‘
„Vertraust du ihr? Kann sie unser Geheimnis bewahren?“, erkundigt er sich mit ernstem Blick. Tina nickt nur und kann gar nicht wirklich was sagen. Kojiro nimmt ihr langsam den Hörer aus der Hand und fasst ihre Hand mit der anderen.
„Hallo, Martina, wenn ich richtig gehört habe? Bist du alleine?“, versucht er ruhig zu wirken.
„Ähm ja.“, wundert diese sich, dass eine männliche dunkle Stimme sie auf Italienisch anspricht.
„Ich bin ein Freund von Violas Mann, von Cusavier, Hyuga. Ist er bei ihr? Weiß er es schon?“, spricht er behutsam aber bestimmend.
„Wie jetzt? Kojiro Hyuga? Wieso sind Sie bei Tina?“, ist sie extrem irritiert. ‚Was hat das denn zu bedeuten?‘
„Bitte antworte mir erstmal.“, versucht Kojiro bei der Sache zu bleiben.
„Ähm, nein. Ich habe schon versucht ihn zu erreichen, aber er geht nicht ans Telefon. Vermutlich, weil er meine Nummer nicht kennt.“
„Sie wollten sicher denselben Flieger nehmen. Dann müsste er jetzt schon hier in Tokio sein? Wir hatten heute Mittag ein Spiel geplant. Ich rufe ihn an.“
‚Kojiro, du bist mit einer Legende wie Cusavier befreundet? Jetzt weiß ich wenigstens wer mir gestern am Tisch der Franzosen gefehlt hat. Er ist der elfte Mann, der heute dabei gewesen wäre.‘, geht durch Tinas Kopf.
„Stimmt. Sie mussten nur in verschiedenen Abteilungen fliegen, daher sind sie sich auf dem Flughafen nicht begegnet und wollten erst im Hotel zusammen einchecken. Das wäre super. Es fällt mir schon schwer Tina anzurufen.“, entgegnet Martina nun mit etwas beruhigter Stimme.
‚Was für eine beruhigende Art er hat. Das hätte ich gar nicht gedacht. Und er ist bei Tina? Ich kann das gar nicht glauben. Sie mag doch gar keine Fußballer.‘
„Okay. Kümmert euch gut um die beiden. Ich rufe ihn an und schicke ihn nach Hause. Gib Bettina bitte noch durch in welchem Krankenhaus sie liegen.“
Dann gibt er Tina den Hörer zurück.
Tina stellt die Freisprechfunktion wieder aus. „Martina, ich sag meinen Mädels, dass sie dann morgen nicht spielen. Wir hätten uns wirklich sehr gefreut. Aber wichtiger ist, dass die beiden wieder aufwachen. Wir sind bei euch.“, versucht Tina für Martina stark zu sein und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Hast du den Freisprecher aus?“
„Ja, wieso?“
„Ey sag mal, was macht ein Stürmer-As wie Kojiro Hyuga bei dir zu Hause? Du magst doch gar keine Fußballer.“ Inzwischen geht Kojiro ins Schlafzimmer und holt sein Handy aus dem Rucksack.
„Es ging alles etwas schnell. Du darfst es niemanden sagen. Wir müssen erst alles klären.“
„Sag jetzt nicht, das ist nicht nur ein Urlaubsflirt?“, wundert diese sich.
„Richtig. Hältst du dicht?“, spricht Tina ernst. „Natürlich. Was denkst du von mir?“ Martina wischt sich die Tränen von der Wange und beruhigt sich wieder etwas.
„Ich freue mich, wenn du jemanden hast. Ich bin nur erstaunt, ein Fußballer und dann aus unserem Team in Turin. Wow. Ich bin baff. Wie kann das sein? Du wolltest dir damals nicht ein Spiel ansehen. Und da war er schon hier.“
„Ich wusste nicht wer er ist, es ist einfach passiert.
Er…er nimmt mir die Angst und…gibt mir Kraft.“, spricht sie etwas weinerlich, aber mit einem glücklichen Ton.
„Welche Angst? Wovor hast du denn Angst? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du vor irgendwas Angst hast. Du bist immer so mutig und gehst auf jeden zu. Nicht mal beim Fallschirmspringen hast du damals irgendwas gesagt. Du warst eher begeistert. Also wir haben uns das nicht getraut.“, wundert diese sich.
„Ich hatte Angst vor Fußballern.“, sagt sie plötzlich. „Lass uns später reden, wenn wir mal alleine sind.
Halte mich bitte auf den Laufenden.“, fügt sie nur an und legt auf.
Tina steht auf und geht zu Kojiro hoch.
Er steht nur stumm da und lauscht dem Telefontuten.
„Oh man. Er geht nicht ran. So ein Mist.“
„Er ist dir wichtig? Ein echter Freund? Dann fahre zum Flughafen und lass ihn ausrufen. Die Maschine müsste etwa dreißig Minuten stehen. Dann kann er sie gleich auf dem Rückweg nutzen.“
„Du hast Recht, dauert ja nur 20 Minuten mit Taxi, dann bin ich schon dort.“
Tina überlegt kurz.
„Ich fahre dich selbst. Geht schneller. Mit meiner Gewerbelizenz komme ich direkt aufs Gelände zum Beliefern. Ich lass dich dann dort raus, musst du nicht extra durch die ganze Lobby laufen. Du musst doch eh direkt zur Info. Er wird noch im Terminal sein und seine Koffer holen. Die Taxen kommen nur bis zum Eingang und dann läufst du noch mindestens 20 Minuten durch die Menschenmassen durch.“
„Du kommst bis zum Terminal?“, ist er erstaunt.
„Komm schnell, vergiss deinen Ausweis nicht!“
In kürzester Zeit sind sie im Flur. Tina läuft kurz in die Küche und schnappt sich das letzte Brötchen, welches Kojiro noch nicht gegessen hatte und legt es in ein kleines Körbchen. Kojiro zieht seine Jacke über und kontrolliert ob seine Papiere drin sind. Sie greift in die Schublade in der Garderobe, schnappt sich drei Schlüsselbänder und die Fahrzeugpapiere sowie das Körbchen. Dann greift sie zu ihrer Handtasche und beide gehen durch den Nebeneingang in die große Garage.
„Wir nehmen den Transporter. Das sieht authentischer aus.“, erklärt sie.
Wenige Minuten später sind sie bereits unterwegs. Sie haben Glück, es ist wenig Verkehr auf den Straßen.
Kojiro schaut nur nachdenklich und besorgt aus dem Fenster.
Tina kann seine Besorgnis spüren.
„Vertrau den Ärzten, Kojiro. Sie werden alles machen was sie können.“
Er sieht zu ihr.
„Danke. Ich kenne die beiden schon länger.“ Er schaut wieder zum Fenster raus. „Damals, als ich nach Italien kam konnte ich kaum glauben mit so einem Genie zusammen spielen zu dürfen. Wir freundeten uns an und Viola hat mich ab und an mit zum Essen eingeladen. Ich will gar nicht an seine Kinder denken.“, berichtet er nachdenklich und blickt plötzlich zu ihr.
„Ich hoffe einfach, dass sie wieder aufwacht.“
Tina legt ihre Hand auf seine angespannte Faust auf dem Knie.
„Glaube fest daran. Ich kenne sie doch auch. Sie ist wahnsinnig stark und obwohl sie zwei Kinder hat, schafft sie es mitzuhalten. Das muss man bewundern. Sie ist eine Kämpferin, Kojiro!“, versucht sie ihm und sich selbst Mut zu machen. ‚Bettina, du hast es wirklich drauf mir Mut zu schenken. Ich hätte nie gedacht, dass mir eine Frau jemals Stärke gibt, und Zuversicht vermitteln kann.‘
Er lächelt kurz. „Du hast Recht.“
Es dauert gerade mal fünfzehn Minuten und schon stehen sie vor der Einlassschranke für Lieferanten.
„Zieh deine Kapuze auf und dreh dich zur Seite. Mach dich etwas kleiner, dann erkennt dich sicher keiner.“
Kurz darauf ist sie am Einlass und das Sicherheitspersonal prüft ihre Gewerbescheine.
„Ach siehe an. Unsere Tora ist mal wieder da. Sie haben sich aber lange nicht sehen lassen. Ich habe eben zum Frühstück ein Lachsbrötchen verspeist. Wie immer sehr lecker. Gibt wohl Nachschub frisch vom Fischmarkt?“, wird sie fröhlich begrüßt. Dann schaut er kurz an ihr vorbei. „Ach und das wird mal wieder Makoto sein, der schläft wie immer.“
„Eher aus der Bäckerei. Brötchen, frisch aus dem Ofen.
Genau. Der muss mal helfen.“, entgegnet sie freundlich und greift nach hinten in den Korb. Dann holt sie das Brötchen raus und gibt es ihm.
„Oh, wie schön. Danke. Die mit den Körnern mag ich am liebsten.“, sagt er nur und winkt sie dann durch.
„Du solltest Schauspielerin werden.“, meint Kojiro plötzlich in einem netten Ton und sieht sie an, als sie fertig ist mit Einparken. Tina stellt den Motor ab. „Irgendwas Gutes musste es ja haben, wenn man sich jahrelang verstecken muss.“, antwortet sie nur darauf und schaut aufs Lenkrad. Dann sieht sie ihm ernst in die Augen. „Wichtig ist nur, dass du weißt, dass ich DICH NIEMALS anlügen würde. Egal welche Konsequenzen es haben wird!“
‚Bettina, ich hatte das als Kompliment gemeint. Weiter nichts. Ich muss aufpassen was ich sage.‘, wundert er sich über ihr Kontern. Er nimmt ihre Hand. „Das war nur ein Kompliment. Entschuldige.“
Dann lächelt sie wieder und entschuldigt sich.
„Tut mir leid. Das ist die Anspannung. Lass uns jetzt los.
Du musst nur dort durch den Eingang und geradezu ist schon die Information, die du brauchst. Dort werden die Leute innerhalb des Gates und Terminals aufgerufen. Unser Imbiss ist extra dort, wo die europäischen Maschinen landen, deswegen hast du es nicht weit.
Du findest mich dann später an meinem Imbiss und kannst mich informieren.“
„Alles klar, bis dahin. Danke.“, sagt er etwas angespannt, schaut sich um ob jemand da ist und berührt dann ihr Haar und fasst ihr am Hinterkopf. Kurz darauf küssen sie sich für wenige Sekunden und verlassen den Transporter.
Etwa fünf Minuten später findet sich Tina an ihrem Imbissstand ein und begrüßt Katrin und Makoto.
„Oh, was ist los? Wieso bist du denn hier?“, sind beide erstaunt.
„Ich musste Kojiro herbringen, es war zu wichtig und hatte Eile.“, sagt sie leise.
Katrin schaut sie verblüfft an. „Also hat Makoto keine Märchen erzählt? Du bist jetzt mit Kojiro Hyuga zusammen?“, flüstert sie.
Tina grinst nur. „Wie sieht es wirklich mit den Brötchen aus? Ich musste Tanaka anschwindeln und habe gesagt, dass ich neue Lieferung habe.“
„Alles super. Wir haben heute Nacht schon neue bekommen.“
„Dann ist ja gut.“
Plötzlich ist ein Ausruf in Englisch zu hören.
„Achtung eine Wichtige Durchsage! Herr Danecu bitte umgehend zur Information im Terminal! Ich wiederhole! Herr Danecu bitte umgehend zur Information im Terminal!“
„Aha, das wird ein Code sein.“, meint Tina leise.
„Wen ruft er denn aus? Wieso ein Code?“, hinterfragt Makoto. „Einen Freund Zedane Cusavier. Ich denke mal, wenn er seinen richtigen Namen ansagen lassen würde, kommen Fans, statt er. Und Fans können die jetzt gar nicht brauchen.“
„Willst du uns verkackeiern? Cusavier, der Franzose? Das ist doch eine absolute Fußballlegende.“, meint Katrin plötzlich. Tina nickt. „Die sind bestimmt noch im selben Team, keine Ahnung.“, meint sie nur.
Dann holt sie ein Haarband aus der Schublade und bindet sich die Haare zusammen und geht zum Waschbecken um sich die Hände zu waschen. „Gib mir ne Arbeit, Katrin, ich brauche was zum Ablenken. Mach du mal Pause.“ Sie nickt, schlüpft aus den Handschuhen, holt ihre Zigaretten aus der Tasche und geht raus zur Raucherecke.
„Oh man, hat sie immer noch nicht aufgehört?“, meint Tina zu Makoto, welcher dabei ist die nächsten Brötchen zu schneiden. „Das wird nie was werden. Langsam müsstest du sie doch kennen.“
„Du hast Recht. Manchen ist nicht zu helfen.“
„Was ist denn nun so wichtig? Beeil dich mit erklären, der nächste Schwung kommt gleich. Die Maschine aus Rom ist gerade gekommen. Die warten auf ihre Koffer.“
„Ich weiß, deswegen sind wir hier. Er will seinen Freund abfangen. Ich habe heute Morgen einen Anruf bekommen und zwar aus Turin. Du weißt doch, dass wir morgen gegen eine starke Mannschaft spielen wollten, für das Training. Du wolltest auch kommen.“
„Ja, du hast son Geheimnis draus gemacht welche es ist.“
„Ich habe eine Freundin in Turin. Sie spielt in der Volleyballprofiliga so wie ich hier. Und mit ihrem Team wollte sie mit dieser Maschine kommen.“
„Äh, okay. Wieso wollte? Die sind mega stark, Tina.“, wundert er sich nur.
Tina erklärt kurz worum es geht und erwähnt natürlich, dass Kojiro mit dem Ehemann einer der Frauen befreundet ist.
„Wie entsetzlich. Deswegen will er ihn abfangen, damit er gleich die nächste Maschine zurücknehmen kann.“ Sie nickt. Und kurz darauf kommen schon die ersten Passagiere aus der besagten Maschine. Einige visieren ihren Imbiss an.
Tina kann Cusavier erkennen, wie er sich suchend umschaut.
‚Hm. Wo ist denn diese Info? Ich sehe gar kein Schild.‘ Dann schaut er zur Futtermeile und geht auf den Imbiss mit der Deutschen, Französischen und Englischen Flagge zu.
„Oh, er kommt hier her.“, meint Tina zu Makoto.
Freundlich aber etwas angespannt spricht er die beiden auf Französisch an.
„Guten Tag. Können Sie mir sagen wo ich die Information finde?“
„Herzlich Willkommen in Japan.
Wenn Sie sich umschauen und dann linke Hand am roten Fähnchen vorbei gehen, dann finden Sie die Information gleich bei dem blauen winkenden Männchen.“, beschreibt sie freundlich.
„Ich danke Ihnen.“, sagt er kurz und legt einen Hundert-Euroschein auf die Theke und geht zügig wieder weg.
‚Was soll das denn? Ich habe doch nur ne Auskunft gegeben.‘, wundert sich Tina.
„Wieso legt er Geld hin? Und dann soviel.“, fragt sich Makoto ebenso.
„Wundert mich auch.“
Sie nimmt das Geld und legt es erstmal neben die Kasse.
Kurz darauf kann Kojiro ihn entdecken. Er dreht sich zur Frau an der Info um. „Haben Sie schon eine Rücktour gefunden? Kann im Notfall auch 2. Klasse sein, Hauptsache schnell.“
„Ja, Moment, Ich drucke aus. Möchten Sie sofort bezahlen?“
„Ja.“ Er holt seine Kreditkarte raus und gibt sie ihr.
Kurz bevor der Franzose ankommt reicht sie ihm die Karte und den Ausdruck mit dem Flugticket.
Cusavier lächelt seinen Freund an und begrüßt ihn freudig. „Hey Kojiro. Wieso rufst du mich aus? Kannst du es nicht erwarten gegen mich zu spielen? Ich hätte dich doch eh gleich angerufen, wenn ich hier raus bin.“, grinst er.
Kojiro jedoch hat einen ernsten Blick. „Nein. Das war zu eilig. Wir müssen reden, an einem ruhigen Ort.“
Die Dame von der Info zeigt auf den Ruheraum. „Herr Hyuga, dort drüben passt es.“
Er dankt und beide gehen zu dem Raum.
„Kojiro, was soll das? Ich wollte mich nachher gleich mit Viola treffen. Du musst wissen, sie müsste auch mit meiner Maschine gekommen sein.“
Kojiro öffnet die Tür, bittet ihn herein und schließt diese dann. Er dreht das Schloss um, damit sie nicht gestört werden, so wie es sonst auch für stillende Mütter und Familien gedacht ist.
„Setz dich bitte.“
„Was soll das? Ich stehe lieber.“, klingt er plötzlich etwas erbost.
„Ich habe es selbst eben erst zufällig erfahren.
Viola, sie hatte gestern einen Unfall und liegt im Krankenhaus, zusammen mit einer Kollegin.“
Ein entsetztes Gesicht sieht ihn an. Der große Mann setzt sich auf den Stuhl und legt den Kopf in die Hände.
„NEIN. Kojiro. Was ist passiert? Wie schlimm ist es?“
Kojiro lehnt sich ihm gegenüber an den hohen Tisch, neben ihm ist die Wickelauflage.
„Es fällt mir selbst schwer. Sie war mit dem Bus auf dem Weg zum Flughafen und ein LKW hat sie gerammt. Es war ein Unfall. Es gab mehrere Verletzte. Viola und ihre Kollegin…sie …liegen beide im Koma.“, versucht er es so schonend wie möglich zu erklären.
„Ich muss sofort zu ihr.“, sagt er, um seine Tränen zu verbergen.
„Darum habe ich mich schon gekümmert. Der nächste Flug geht in zwölf Stunden. Die Maschine jetzt ist leider überfüllt. Du fliegst dann mit der Lufthansa nach München und dann runter nach Turin. Anders ging es nicht auf die Schnelle.“
Kojiro holt den Flugplan und das Ticket raus und reicht es ihm.
Der Franzose nimmt es dankend an. „Danke. Ich zahle es zurück.“
„Lass stecken. Du hast mir schon so oft geholfen, betrachte das mal als Dankeschön.“
„Aber du bist doch immer so sparsam. Das kann ich nicht annehmen.“, wundert er sich.
„Jetzt fang nicht an mit mir über Geld zu diskutieren! Deswegen bin ich sparsam, damit man auch mal einem echten Freund was schenken kann! Lade mich nachher zum Fischbrötchen ein, die sahen eben gut aus. Dann kannst du dich revanchieren.“, meint Kojiro.
Es ist für einige Zeit ganz ruhig. Beide sind mit den Gedanken bei Viola und den kleinen Kindern. Dann richtet sich Cusavier auf.
„Okay, und was mache ich jetzt die ganze Zeit? Zwölf Stunden lang hier warten kann ich echt nicht ertragen.“
„Schauen wir mal. Du bist auf jeden Fall müde. Ich kenne dich doch. Du konntest noch nie im Flieger schlafen.“
„Stimmt. Im Gegensatz zu dir. Ich bin echt müde. Planmäßig wollte ich jetzt ins Hotel und mit Viola einchecken. Aber irgendwie mag ich dort jetzt ohne sie gar nicht hin gehen.“
Kojiro öffnet die Tür und schaut zum Imbiss rüber. „Es hat sich gelegt. Wir können gleich rübergehen. Zehn Minuten, würde ich sagen. Dann haben wir unsere Ruhe dort und dann holst du dir in Ruhe deine Koffer.“
„Ich habe nur den einen hier heute und die Tasche.“, sagt er.
Plötzlich piepst Kojiros Handy. Eine Kurzmitteilung geht ein.
‚Tina.‘
„Kojiro, was auch immer ihr vorhabt. Lass ihn nicht alleine. Du gibst ihm sicher Kraft, genauso wie mir.
Wann geht der nächste Flug?“
Er tippt zurück. „Okay. in 12 h.“
„Wenn er müde ist und nicht ins Hotel will, hol dir den Schlüssel ab. Er kann im Gästezimmer oder im Wohnzimmer schlafen. Ich komme später nach, Training fällt ja jetzt eh aus. Ich fahre dann gleich zum Fitnessstudio.“
„Okay, danke. Aber er kann ja auch zu mir.“
„Willst du, dass er erst ne Stunde durch die Stadt fährt und deine Geschwister und deine Mutter damit belasten? Er findet zwischen ihnen sicher keine Ruhe.“
„Stimmt. Danke.“
„Kojiro, seit wann kennst du die Funktion der SMS?“, wundert sich sein Freund.
Er schmunzelt. „Man lernt die Dinge manchmal erst später zu nutzen.“
‚Nanu? Seit wann kann Kojiro schmunzeln? Und überhaupt? Er hat eben sogar kurz gelächelt, als er eine der Nachrichten gelesen hat.‘
„Sag bloß du hast ne Freundin?“
Kojiro schaut auf. „Hm. Was hat mich verraten?“
„Dein Blick beim Tippen. Ist sie das?“
Er nickt und geht dann zur Tür.
„Die Leute sind weg. Wir können.“
Beide verlassen den Ruheraum.
„Oh, sie kommen. Verhaltet euch normal.“, weist Tina ihre Truppe ein.
„Wir haben doch öfters Prominente, also echt.“, meint Katrin. „Aber es darf noch keiner wissen, dass Kojiro und ich uns kennen, meine Güte. Versteh das doch.“
Kurz darauf stehen die beiden Fußballstars vor ihnen.
„Guten Morgen.“, begrüßt Kojiro alle drei auf Japanisch.
Der Franzose schaut ebenso freundlich, aber angespannt. Seine Gedanken sind natürlich bei seiner Familie.
„Es sieht alles sehr frisch aus. Ich nehme ein Brötchen mit Graved Lachs. Das bitte mit Sesam, das ist besonders lecker und eine Cola bitte.“, zeigt er auf ein ganz bestimmtes Fischbrötchen und lächelt Tina an. Sie lächelt zurück und reicht es ihm rüber.
„Sehr gerne. Der ist nach Hausrezept gebeizt. Lassen Sie es sich schmecken.“ Makoto holt die Cola aus dem Kühlschrank und reicht sie ihm mit einem Glas zusammen. „Sie setzen sich doch, oder?“ Kojiro nickt. „Danke.“
„Und ich nehme die Schillerlocken mit dem hellen Brötchen und einem Wasser bitte.“, äußert der große Mann mit sehr kurzen Haaren, welche fast wie eine Glatze wirken. „Natürlich sehr gerne.“
„Was bekommen Sie von mir?“, sagt er und reicht einen Schein zu Tina über die Theke.
„Das passt schon, Sie haben doch bereits bezahlt.“, grins sie und holt den Schein von vorhin raus.
‚Was hat das denn zu bedeuten?‘, wundert sich Kojiro.
Beide setzen sich und sind vorerst ruhig. Ihre Gedanken sind weiterhin in Turin, bei Viola und den Kindern.
„Es schmeckt sehr gut, das war ein guter Tipp von dir.“, äußert Kojiros Gegenüber.
„Oft bekommt man auf den Flughäfen keinen frischen Fisch mehr. Und schon gar nicht Schillerlocken. Die meisten nutzen den Bedarf einfach aus. Die Kunden kommen ja eh. Das merkt man dann auch.“ Er dreht sich zum Verkaufspersonal und hält den Daumen hoch. Alle drei bedanken sich mit einem Lächeln.
„Das stimmt. Oft kann man froh sein, wenn der Salat gewaschen und frisch ist.“
Plötzlich piepst Kojiros Handy. Wieder eine SMS von Tina.
„Mach ihn mal darauf aufmerksam, dass er sein Handy checkt. Dann kann er Martina zurückrufen. Vielleicht gibts was Neues.“
„Wollte ich gleich machen. Wie willst du mir den Schlüssel geben?“
„Nimm noch einen großen Salat für später mit, ich leg ihn dann in die Tüte mit rein.“
„Okay, Ich dränge mich schon wieder auf, sorry.“
Tina muss schmunzeln und antwortet.
„Andere würden durchs Feuer gehen dafür, wenn ihr zwei sie zu Hause besucht.“
Er schmunzelt und schaut kurz verstohlen zu ihr rüber.
‚Wie soll ich mich bei solchen Sprüchen zurückhalten? Du hast es drauf mich in solchen angespannten Situationen aufzumuntern. Danke.‘
„Sie muss was Besonderes sein. Wenn sie dich jetzt zum Lächeln bringen kann.“, meint Cusavier plötzlich leise.
Kojiro schaut ihn nur erstaunt an.
‚Der bekommt aber auch alles mit. Er war schon immer ein guter Beobachter. Nicht umsonst ist er unser Kapitän und unschlagbar im Mittelfeld.‘
„Stimmt. Du warst schon immer ein guter Beobachter.“
Er richtet sich auf und grinst ihn an. „Ne, ich bin verheiratet und weiß wie sich Verliebte verhalten, oder…“ Er beugt sich zu ihm rüber und flüstert ganz leise. „…ansehen.“
‚Das ging ja schnell. Also Bettina kann das definitiv besser.‘
„Ich kenne einen Ort wo du ungestört den Jetlag ausschlafen kannst.“
„Das ist gut. Sicher bei dir im Haus?“
„Nein, dort wirst du keine Ruhe finden und es ist gut ne Stunde entfernt.“
„Okay. Na du wirst dir schon was dabei denken.“
Einige Minuten später steht Kojiro bei Tina und lässt sich den bestellten Salat geben. Cusavier beobachtet die beiden aufmerksam.
‚Wieso tun die beiden so als ob sie sich nicht kennen? Was hat das zu bedeuten? Das erinnert mich an Viola und mich. Als wir uns kennenlernten mussten wir auch erstmal aufpassen. Aber was soll das Problem sein, wenn er mit jemanden zusammen ist, die an einem Imbiss arbeitet? Da kann doch keiner ein Skandal draus machen. Sie ist doch hübsch und sicher klug, wenn sie mehrere Sprachen beherrscht. Ich habe auch das Gefühl sie und nicht die etwas ältere Blondine hat hier am Stand das Sagen.‘
Jetlag
32.Kapitel
Jetlag
Vor dem Flughafen steigen die zwei Männer in ein Taxi.
„Können wir hier reden, oder lieber später?“, bemerkt Cusavier Kojiros Schweigsamkeit während sie durch den Flughafen gegangen sind.
„Später ist besser. Wie war denn dein Flug soweit?“, lenkt er ab.
„Naja, ich hatte mir ein Buch mitgenommen und Musik gehört. Was man halt so macht. Was sagt denn inzwischen deine Arbeit? Du wolltest sie doch abgeben, wenn du hier bist. Hat sich schon die Uni gemeldet?“
„Leider noch nicht. Ich warte immer noch auf den Anruf.“
„Das ist ja auch nervig. Aber das kenne ich nur zu gut. Mir ging das damals auch so. Es ist zum Glück heutzutage schon etwas einfacher mit Fernstudium als früher.“
„Auf jeden Fall. Ich bin froh, dass das geht. Früher sind zu viele Leute ohne Ausbildung geblieben. Das ging nur selten gut.
Wir sind da.“, kündigt er an.
„Oh tatsächlich, war wirklich eine kurze Tour.“
Sie steigen aus und holen den Koffer raus. Kojiro bezahlt den Taxifahrer. Dann gehen sie durch das Tor und Kojiro schließt auf.
„Ein schickes Haus. Wer wohnt hier?“
„Du kennst sie bereits. Du und dein guter Beobachtungssinn.“, grinst er.
„Echt? Die Kleine vom Imbiss? Die Brötchen machen ja guten Umsatz.“
Kojiro schließt die Tür hinter sich.
„Dir ist sogar aufgefallen, dass sie nicht zum Personal gehört? Wow.“
„Naja, die anderen beiden hatten Arbeitskleidung an und sie ein Kleid. Das ist wohl jedem aufgefallen.“
„Ach so? Ist mir nicht so aufgefallen.“
Kojiro führt ihn ins Wohnzimmer.
„Kein Wunder, du hast ja nur Augen für sie gehabt. Du hast Geschmack. Sie ist wirklich hübsch.“, grinst Cusavier.
„Hm, bis heute wusste ich gar nicht, dass Bettina eine Bude am Flughafen hat.“
„Echt? Ich habe jetzt gedacht, dass du sie dort kennengelernt hast.“
„Nein, wir haben uns in ihrer Gaststätte kennengelernt. Setz dich bitte. Möchtest du noch was trinken?“
„Hast du Tee da?“
„Ich schau mal, bestimmt.“
Kojiro geht in die Küche und findet natürlich was er sucht und setzt Wasser auf. Cusavier folgt ihm.
„Sie hat eine Gaststätte? Dann ist der Imbiss nur ein Nebenposten? Klingt interessant aber auch nach viel Arbeit.
Das sieht aus wie ein Aufbruch hier.“, meint er nur, als er den Tisch sieht.
„Stimmt. Viel Arbeit.
Naja, wir bekamen plötzlich den Anruf von Martina. Dann sind wir gleich los, weil du nicht ans Telefon gegangen bist. Du hast doch eben mit ihr telefoniert. Sie meldet sich, wenn es was Neues gibt. Bettina und Martina sind befreundet. Deswegen das geplante Spiel morgen.“
„Ach daher. Sie ist wie Viola Volleyballerin?“, begreift er. Kojiro nickt nur.
„Das ist einer von mehreren Gründen, warum wir das noch nicht so offiziell machen.“, erklärt er kurz.
Das Wasser kocht und er gießt den Tee auf.
„Japan ist eine große Volleyballnation. Sie waren schon mehrfach Weltmeister. Sie muss gut sein, wenn sie sich zutraut gegen Violas Team zu spielen.“
„Das stimmt. Sie haben vor zwei Jahren die Asienmeisterschaften gewonnen.“
„Und was meinst du jetzt mit ihrer Gaststätte? Wie soll ich das verstehen? Sie hat den Imbiss und ein Lokal?“, wundert er sich. ‚Das hat er doch eben schon gefragt. Tina hat Recht, er ist übermüdet.‘, stellt Kojiro fest.
„Setz dich doch.“
„Ich habe lange genug gesessen. Danke.“
„Stimmt. Aber willst du dich nicht lieber hinlegen? Du kannst ins Gästezimmer gehen. Dort hast du deine Ruhe.“
„Später. Das lenkt mich grade gut ab. Ich bin etwas erstaunt, dass du so einfach jemanden in ihr Haus bringen kannst. Sie muss dir sehr vertrauen. Wie lange kennt ihr euch denn schon? Vor deiner Abreise hast du gar keine Anmerkungen gemacht.“
„Hm, da kannten wir uns noch nicht.“, grinst er.
Cusavier ist verblüfft und grinst.
„Na ihr habt ja schnell Vertrauen zueinander gefunden.“
„Hm. Du bist schon der Zweite der mir das sagt.“
„Vertraust du ihr auch so sehr? Ist es richtig ernst zwischen euch obwohl es erst so kurz ist?“
„Sagen wir mal so, ich kann mir gar nicht mehr vorstellen wie es plötzlich wieder ohne sie wäre. Also mit einem Flirt hat das was wir haben nichts mehr zu tun. Sogar meine Mutter mag sie und vertraut ihr.“
Cusavier ist wirklich überrascht.
„Wow. Das ist echt besonders.
Sag mal, wann war das Spiel heute geplant?“
„Willst du das trotzdem durchziehen?“
„Natürlich, es wird mich ablenken. Wie lange brauchen wir denn von hier aus dorthin?“
„Gut eine Stunde.“
Plötzlich klingelt Kojiros Handy.
„Das ist Bettina. Moment.“ Er geht in die Stube und nimmt ab.
„Schön, dass du anrufst. Gibt es was Neues?“
„Ja. Gute Nachrichten. Ist er noch wach?“
„Das klingt gut. Ja ist er.“
„Ich würde ihm das gerne in seiner Heimatsprache mitteilen, dann klingt es sicher noch besser. Wenn du nichts dagegen hast.“
„Natürlich. Moment.“
Er geht wieder in die Küche und gibt Cusavier das Handy.
„Es ist Bettina, sie möchte dir neue Infos mitteilen.“
Er nickt und hält das Handy ans Ohr. „Hallo? Cusavier hier.“
„Guten Tag, Tina hier. Ich habe sehr gute Nachrichten für Sie. Viola ist aufgewacht und stabil. Sie schläft jetzt und alles andere ist nur noch eine Frage der Zeit. Sie ist also über den Berg und außer Lebensgefahr.“
Der Familienvater atmet entspannt durch.
„Gott sei Dank. Vielen Dank für die Information. Was ist mit Ludovica? Wie geht’s ihr?“
„Sie scheint sich auch langsam zu erholen. Ihre Werte werden besser, aber sie ist noch immer im Koma. Die Ärzte können noch nicht mehr sagen.“
„Verstehe. Na ich hoffe, dass sie auch bald aufwacht.“
„Das hoffe ich auch. Ich kenne alle Mädels, sie sind so super lieb und unwahrscheinlich stark. Sie wird es auch schaffen, ganz bestimmt.“
‚Er lächelt und sieht deutlich entspannter aus. Dann ist Viola aufgewacht, super.‘, bemerkt Kojiro und lächelt.
„Sie sind aus dem Team hier in Japan? Kojiro hat es mir erzählt.“
„Ja genau. Ich bin die Mannschaftskapitänin des Tokio-Teams.“
„Wow. Dann haben Sie das Freundschaftsspiel organisiert?“
„Stimmt. Meine Mädels müssen mal die europäische Spielweise und Kraft kennenlernen. Zwar war das halbe Team mit zur Asienmeisterschaft, aber trotzdem ist es was anderes.“
Kojiro schaut interessiert der Unterhaltung zu, jedoch kann er kein Wort verstehen. ‚Die reden aber lange.‘
„Erfahrungen im Sport sind das A und O. Das war eine gute Idee. Das Spiel wäre sicher interessant geworden. Was meinen Sie, hätten Sie gewonnen?“
„Das kann man nie sagen. Ich bin aber nicht davon ausgegangen, denn ich habe bereits gegen und mit Viola und Martinas Team gespielt, da ist das schon etwas anderes als hier.“
„Oh. Sie haben mit einer Niederlage gerechnet?“
‚Dieser Mann ist aber sehr neugierig. Ob das Gespräch ein Ausgleich sein soll, weil er nicht mit Viola reden kann?‘
„Aus Niederlagen lernt man.“, fällt ihr in dem Moment keine andere Antwort ein.
‚Interessante Einstellung. Aber sie hat Recht. Wenn immer klappt wie man will, lernt man nichts dazu, sondern bleibt in der Entwicklung stehen.‘
„Das stimmt. Sie sprechen sehr gut Französisch, wie kommt das?“
„Sprachen waren schon immer mein Ding.“
„Darf ich was persönliches fragen?“ Tina stutzt und wundert sich.
„Kommt darauf an. Wir kennen uns ja nicht.“
„Aber nicht böse sein, ich frage als Freund.
Welche Absichten verfolgen Sie? Was versprechen Sie sich von seinem Ruhm?“
Tina fällt fast das Handy aus der Hand. ‚Wie kann er sowas fragen?‘ Ihr Puls steigt an. Es vergehen einige Sekunden bis sie darauf antwortet.
‚Die Antwort dauert aber. Sie meint es also doch nicht ernst mit ihm. Schade, das hörte sich bis jetzt alles sehr gut an. Aber ich muss so direkt fragen. Kojiro ist so ein ehrlicher Typ und hat keine Heuchelei verdient. Ich muss sicher sein, dass alles stimmt.‘
„Eine ehrliche Antwort?“, spricht sie plötzlich in einem ernsten Ton.
„Ja.“ Dann atmet Tina ganz tief durch und versucht ruhig zu bleiben.
„Kojiros Ruhm bringt mir nur Probleme.
Das ist mir aber egal, denn er gibt mir Kraft und Mut. Er ist der Einzige, der mir meine Angst nimmt.
Seit wir uns kennen kann ich endlich ohne Alpträume durchschlafen und muss nicht an schlimme Dinge denken. Ich könnte sonst nicht einmal mit Ihnen reden. Das…das habe ich davon.
Ich finde es traurig, dass ausgerechnet Sie, von dem ich mehr Stil erwartet habe, an unseren Gefühlen zweifeln.“ Sie macht eine kurze Pause und dann ergänzt sie ihre Aussage.
„Am besten Sie gehen erstmal schlafen, das tut Ihnen sicher gut.“
Dann legt sie auf.
‚Puh…das war echt frech. Ist ihm Kojiro so wichtig, dass er mich so derart provoziert? Hat er so schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht? Seine Erfahrungen als Profifußballer bevor er Viola kennenlernte?‘, deutet sie seine unpassenden Fragen.
‚Angst? Das klang aber ernst. Sie scheint es wirklich ehrlich zu meinen.‘
Er gibt Kojiro das Handy wieder.
‚Was war jetzt los? Irgendwas hat er doch. Sie klang plötzlich so ernst.‘
„Kojiro? Sie meint es wirklich ernst mit dir, was?“, fragt er und sieht ihm in die Augen.
„Hast du daran gezweifelt?“, wundert er sich nur.
„Ich kenne solche Frauen, die einem die Sterne vom Himmel holen und dann plötzlich mit einer Klage am Hals das Konto leerräumen.“ Ein erbostes Gesicht setzt Kojiro plötzlich auf.
„Sag jetzt nicht, du hast sie gerade auf die Probe gestellt?“
„Tut mir leid, euer Zeitfenster war mir echt zu kurz. Das klingt nicht sehr glaubwürdig. Verstehst du? Obwohl sie nicht den Eindruck gemacht hat, als wäre sie unehrlich.“, erklärt er seinen Standpunkt.
„Was hast du gesagt?“, fragt er bestimmend.
Plötzlich klingelt Kojiros Handy und eine SMS geht ein.
Tina schreibt. „Schick ihn ins Bett. Er ist völlig übermüdet. Sei ihm nicht böse. Er ist ein wahrer Freund.“
„Du hast Glück, sie ist dir nicht böse. Sie glaubt, du bist ein wahrer Freund.“
„Oh, echt?
Was hat sie gemeint damit, du nimmst ihr die Angst und sie könne wieder durchschlafen?“, ist der Star neugierig.
„Das hat sie dir gesagt? Du meine Güte, was hast du sie denn gefragt?“, ist er stutzig.
„Naja. Tut mir leid. Ich habe es etwas übertrieben. Ich habe sie gefragt was sie sich von deinem Ruhm verspricht.“
Kojiro schaut ernst. „Was hat sie genau gesagt?“
„Sie meinte dein Ruhm würde ihr nur Probleme bringen, aber das wäre ihr egal und das mit der Angst. Was meint sie damit?“
„Verstehe. Ich erkläre dir das alles nachdem du geschlafen hast. Ruh dich jetzt aus.“
Kojiro zeigt ihm das Gästezimmer mit dem Gästebad im Erdgeschoss, öffnet das Fenster, damit frische Luft hereinkommt und lässt ihn dann alleine.
Kaum hat sich Cusavier aufs Bett gelegt ist er auch schon eingeschlafen.
Kojiro geht in die Küche, macht sich noch einen Kaffee und räumt dort in Ruhe auf. Danach geht er ins Wohnzimmer und bemerkt, dass von gestern Abend noch die Sachen von einer Spielkonsole liegen. Tina hatte wohl mit Genzo gespielt. ‚Ob sie ihm gesagt hatte, dass ich komme und er ist einfach gegangen? Ich kann mir das gar nicht so vorstellen wie ihre Freundschaft so abläuft? Statt nur zu sitzen und zu quatschen spielen die zwei also was.
Ich bin für sowas gar nicht zu haben. Meine Brüder stehen ja auch auf sowas. Vor allem lieben sie die Fußballspiele wo ich dann selbst mit drin bin. Dann spielen sie meine Figur quasi.
Was mögen die beiden gespielt haben?‘
Er greift zum Kontroller und lässt die CD in der Konsole anspielen. Vor dem Fernseher steht ein weißes Bord, welches vermutlich zu dem Spiel gehört. Bisher hat er die Sachen bei Tina nie gesehen. Die liegen vermutlich im Schrank, da sie es selten nutzt.
Ein Menü öffnet sich und die verschiedenen Spiele werden angezeigt, um sie auszuwählen. Die ersten in der Liste sind lustige Bewegungsspiele mit Balance Bord und danach kommt Yoga, Zumba und Steppübungen.
‚Ich sage ja, kein Fußball. Das hätte mich auch gewundert. Wobei, ich glaube diese Konsole hat auch gar nicht so ein Spiel.‘
Dann schaltet er es wieder aus und räumt die Sachen vorsichtig zusammen.
Wenige Minuten später geht er dann hoch ins Schlafzimmer um seine Koffer zu leeren und seine Sporttasche für das Spiel zu packen. Als er sein blaues Trikot in den Händen hält betrachtet er es nachdenklich. Wie würde sie reagieren, wenn sie ihn das erste Mal darin sehen würde? Sie sagt immer, er nehme ihr die Angst und würde nur noch die schönen Erlebnisse sehen, die sie an den Sport hatte. Ist es wirklich so?‘
Er hängt zwei der Trikots auf die Kleiderbügel und eins steckt er in seine Tasche. Die restliche Trainingskleidung sowie die Schuhe und Socken ebenso und dann will er seine zweite Anzugshose mit dem Hemd und Jackett aufhängen, aber die Kleiderbügel sind belegt. Also geht er wie Tina sagte an die andere Seite des Schranks und schiebt die Türen zurecht.
Als er zwei Kleiderbügel herausnehmen will fallen ihm natürlich die vielen Kleider auf. Es sind sicher an die 30 Stück. Es fehlt wohl kaum eine Farbe. Ihm ist ja schon aufgefallen, dass sie gerne Kleider trägt. An ihrem ersten Tag hatte sie stattdessen jedoch nur eine kurze Jeans und ein Shirt an. Seitdem jedoch irgendein Kleid. Er berührt das kurze Rote mit den weißen Punkten, welches sie an dem Tag trug, als sie im Park waren. Kojiro erinnert sich wie hübsch sie darin ausgesehen hat. Dann entdeckt er weitere Trachtenkleider. Er dachte bis dahin die hängen nur im Betrieb. Ob sie die auch manchmal privat trägt?
Erstaunt betrachtet er die vier Kimonos hinter den ganzen Kleidern. Sie hängen an der Wand des Schranks, da sie so viel Platz einnehmen.
‚Wow, die sind bestimmt für die Feiertage. Aber gleich vier Stück? Eventuell gehörten zwei davon ihrer Mutter? Aber ohne Obi?‘ Er schaut sich nochmal um und entdeckt im Fach darüber fein zusammengelegt zwei Obis. Neugierig berührt er den Stoff und stellt fest, dass es keine billigen vom Supermarkt sind. Ebenso die Kimonos wirken sehr hochwertig.
Er lächelt und freut sich, dass sich Tina anscheint für seine Kultur interessiert, sonst hätte sie nicht so schöne Stücke im Schrank. Dann nimmt er die Kleiderbügel heraus, die er noch benötigt und schiebt die Schwebetüren wieder zurecht um seine Sachen aufzuhängen.
In diesem Moment hört er ein leises Klappern im Erdgeschoss.
‚Ob das Tina ist? Ist sie schon wieder da?‘
Er hängt das letzte Stück in den Schrank und schließt die Schranktür. Dann geht er runter.
Und tatsächlich, Tina kommt ihm entgegen.
„Schläft er jetzt?“, flüstert sie.
Er nickt nur. Dann gehen sie in die Küche und schließen die Tür hinter sich.
„Tut mir leid, dass er am Telefon so unhöflich war. Das hätte ich gar nicht so von ihm gedacht.“, versucht Kojiro seinen Freund etwas in Schutz zu nehmen. Tina lächelt.
„Schon gut. Wer weiß was dir Martin, Genzo und Tsubasa um die Ohren gehauen haben, als ihr alleine wart.“, grinst sie dann. ‚Sie kennt die drei sehr gut.‘
„Freunde eben, die machen sich immer Gedanken.“, lächelt er.
Plötzlich lacht sie etwas und schmunzelt.
„Also bei Genzo wäre ich ja zu gerne Mäuschen gewesen. Dem musste ich gestern nach dem Sport einige Zähne ziehen.“ Er grinst und schaut trotzdem etwas ernst.
„Das habe ich bemerkt. Er war erstaunlich einsichtig am Tresen und dass er gestern Abend einfach ging, obwohl er sicher wusste, dass ich dich besuchen will, das beweist doch nur, dass er uns beiden vertraut.“ Kojiro stellt sich vor sie, nimmt sie in den Arm und schaut liebevoll zu ihr herab.
„Gestern, auf der Tribüne, da habe ich mich bei ihm bedankt. Unter anderem dafür, dass er immer für dich da war.“
„Wirklich? So sehr bist du über deinen eigenen Schatten gesprungen? Für mich? Du bedankst dich bei deinem Erzrivalen? Für seine Freundschaft zu mir?“
Er kann spüren wie ihr Herz schneller schlägt und er berührt liebevoll ihren Kopf. „Für dich würde ich alles tun, solange wir zusammenbleiben können. Und du springst doch auch über deinen Schatten, nur für mich. Sonst hättest du mir nicht erlaubt einen Kollegen mit herzubringen. Er ist dir immerhin fremd.“
Daraufhin küssen sie sich leidenschaftlich.
Einige Minuten später gehen beide hoch ins Schlafzimmer. „Ich werde die Zeit nutzen und meine Arbeit durchsehen.“, erklärt Kojiro. „Das ist eine gute Idee. Wenn du schon nicht trainieren kannst nutzt du die Zeit sinnvoll. Ich räume die Sachen von Vater weg.“
„Willst du sie jetzt wirklich weggeben? Nur meinetwegen?“
„Nein, ich hatte bisher nur nie die Kraft sie loszulassen. Aber jetzt kann ich das.“, lächelt sie ihn an.
„Das ist ein gutes Zeichen. Meine Mutter hat auch lange gebraucht für diesen Schritt.
Wo sollen sie hingehen?“
„Die Frau meines Trainers arbeitet bei einer Sozialstation und betreut unter anderem die Frauenhäuser und das hat Kontakte zur Obdachlosenhilfe. Ich bringe ihr die Sachen, dann sortiert sie aus was für Spenden verkauft wird und was direkt weitergereicht werden kann.“
„Eine gute Sache, dann kommen sie in die richtigen Hände.“
Kojiro nimmt seinen Laptop, Maus und Bücher aus dem Rucksack und geht runter ins Wohnzimmer, setzt sich an den großen Esstisch. Tina räumt die Sachen ihres Vaters in einige große Tüten und stellt sie in ihr Trainingszimmer. Danach macht sie erstmal das Bett und legt eine dünne Tagesdecke darauf. Dann geht sie an den Schrank um die restlichen Sachen auch auszusortieren und öffnet die Schiebetür. Als sie nach den Anzügen ihres Vaters greift entdeckt sie Kojiros aufgehängte Kleidung.
‚Er hat die Zeit genutzt. Dann kann ich die Koffer ja auch gleich wegräumen. Sogar einen richtigen Anzug mit Jackett hat er da. Mit Krawatte. Bestimmt für die Universität. Wenn die anrufen kann er ja kaum mit dem Trainingsanzug kommen, um seine Arbeit zu verteidigen.‘, schmunzelt sie und stellt sich bildlich vor wie er darin aussehen würde.
‚Wobei, heute hat er sich ja auch so schick angezogen. Ob er beides gerne trägt? Sportliches und Elegantes? Ein Mann wie er kann sowieso alles tragen. Er würde immer umwerfend darin aussehen.‘ Sie berührt den Stoff und stellt fest, dass er sehr hochwertig sein muss. ‚Knitterfrei sicher, dafür dass es jetzt die Nacht im Koffer lag sieht man keine einzige Falte.‘
Dann sieht sie zwei blaue Shirts mit weißen kurzen Hosen dazu und wundert sich, denn sowas farbiges hatte sie bisher bei ihm bisher nie gesehen. Als sie es berührt fällt es ihr jedoch ein. Natürlich, das müssen seine Trikots sein. Der Stoff verrät es ihr. Im Gedanken vertieft lässt sie es dann wieder los.
‚Ich habe es an dir noch nie gesehen. Und ich habe dich überhaupt noch nie beim Spielen erlebt? Was bist du für ein Spielertyp? Du bist sicher sehr stark und schnell. So hat dich Genzo früher beschrieben. Er erzählte oft von dir, aber hat nie deinen Vornamen erwähnt. Dann hätte ich sicher eher stutzig werden können. Ihr kennt euch schon von der Grundschule an. Er hat damals aber nie erzählt, dass er dich nicht leiden kann, nur dass er deine Schusskraft bewundert und deine Bälle unbedingt halten wollte. Deswegen war er so begeistert von Karl-Heinz, mit ihm konnte er super trainieren.‘
Dann lenkt sie sich ab und holt die Anzüge endlich heraus, nimmt die Kleiderbügel ab und legt die Kleidung aufs Bett. Während sie die restliche Kleidung ihres Vaters aus den Regalen nimmt fällt ihr natürlich auch der schwarze Trainingsanzug in die Hände, den sie selbst so gerne trägt. Sie legt ihn auf die Bettseite, die zum Fenster hin ist. Außerdem muss sie immer mal wieder auf die blauen Trikots schauen. Jedes Mal schlägt ihr Herz etwas höher, je öfters sie darauf blick. ‚Was für eine schöne Farbe die haben. Ich würde auch lieber in Blau spielen, als in Rot. Es strahlt eine höhere Stärke aus als so ein Signalrot. Ich fühle mich darin immer zu sehr an Deutschland erinnert. Die Mädels tragen neben Schwarz auch rot. Ich mag nur das Weiße von uns.‘
Unterdessen wundert sich Kojiro unten am Esstisch, als sein Laptop nach Strom verlangt. ‚Nanu. Habe ihn wohl vergessen richtig einzustecken, als ich neulich dran gesessen habe.‘ Er steht auf und geht langsam hoch um aus seinem Rucksack das Ladekabel zu holen. Vor dem Schlafzimmer bleibt er erstaunt stehen und beobachtet seine Liebste von der Seite, wie sie eines seiner Trikots auf dem Bügel hängend in der Hand vor sich hält und betrachtet. Den Arm ausgestreckt und das Kleidungsstück in der Höhe gehalten, als würde er es tragen. Ihr Blick ist ernst und mit der linken Hand berührt sie dann plötzlich das Wappen mit dem Hahn und streicht dann über das Logo der Japanischen Flagge.
‚Oh, ob es doch ein Fehler war sie auszupacken und aufzuhängen? Bist du wirklich schon soweit? Was magst du nun denken? Du hast mich nie darin gesehen oder überhaupt spielen sehen.‘
Tina hingegen ist so tief in ihren Gedanken versunken, dass sie ihn gar nicht bemerkt.
Plötzlich bemerkt Kojiro, dass ihr ein paar Tränen herunterlaufen, aber sie lächelt und fasst auf die Nummer mittig auf dem Trikot. Seine Mannschaftsnummer, welche er schon seit seiner ersten Weltmeisterschaft trägt. „Kojiro…du…du…bist sogar die…Nummer 9?“, sagt sie im ganz liebevollen Ton zu sich selbst. Dann streicht sie über die Ärmel. „Das muss Schicksal sein. Die Nummer 9 also.“, lächelt sie glücklich.
Erst jetzt bemerkt sie Kojiros Anwesenheit und schaut zu ihm. ‚Wie lange steht er da schon?‘
„Entschuldige. Ich wollte nicht…“, versucht sie sich zu entschuldigen, weil sie einfach seine Sachen in den Händen hält ohne zu fragen und hängt das Trikot wieder in den Schrank. Er hingegen kommt schnell auf sie zu und nimmt sie in den Arm. „Es ist alles okay. Es gibt nichts zu entschuldigen. Ich war vorhin unsicher ob ich sie schon rausnehmen soll oder nicht. Ich wollte dich nicht zum Weinen bringen. Tut mir leid.“ Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und sieht zu ihm auf und lächelt.
„Die sind da, weil ich mich freue, Kojiro. Ich würde auch viel lieber so ein schönes Blau tragen als dieses hässliche Rot. Du kannst es mit Stolz tragen und ich komme mir vor, als würde ich für Deutschland spielen und nicht für meine Freunde und Fans.“
‚Bettina? Das waren deine Gedanken? Du machst dir Gedanken über die Farbe? Dann hast du wirklich gelächelt als du es gesehen hast?‘
„Die Farbe spielt doch keine Rolle, Bettina. Wichtig ist doch nur wer hinter dir steht. Das werden deine Freunde sein.“, ermutigt er sie.
Sie nickt. „Danke. Du hast Recht.“ Ihr Herz schlägt immer schneller und am liebsten würde sie ihn jetzt küssen, doch dann überrascht er sie mit einer Frage.
„Was ist mit der Nummer 9? Warum ist es Schicksal?“
Sie senkt den Kopf und dann schaut sie wieder zu ihm auf und strahlt ihn an.
„Das war meine Nummer. Und ist es noch. Im HSV der Junioren und jetzt im Tokio-Team.“
„Verstehe. Das ist wirklich interessant.“, lächelt er zurück und dann küsst er sie leidenschaftlich. Tina genießt seine Wärme und schmiegt sich weiter an seinen starken Körper, so dass sie auch seinen schnellen Herzschlag spüren kann.
‚Ach Kojiro, es ist immer noch so unwirklich mit dir. Ich habe nicht einen schlimmen Gedanken obwohl ich nach so langer Zeit ein Trikot sehe und berühre. Die Vorstellung alleine, dass du es trägst lässt mich eher weich werden. Du siehst bestimmt umwerfend darin aus. Seit ich dich kenne verschwinden alle schlimmen Gedanken und die schönen Erinnerungen werden wieder klarer.‘
Plötzlich klingelt Tinas Handy.
Etwas benommen unterbrechen beide ihren Kuss und sie schaut auf die Nummer und hebt ab.
„Hallo Martin.“
„Hallo Tina, ich bin jetzt im Studio. Du kannst vorbeikommen.“
„Super. Alles klar. Bis gleich. Holst du schonmal alle Muster für unsere Programme raus? Alles Weitere erkläre ich dann, wenn ich da bin.“
„Alles klar, bis nachher.“ Dann legen beide auf.
„Was wollte er?“, wundert sich Kojiro.
„Ich wollte doch zu ihm wegen der Neukunden. Vorhin war er leider noch nicht da, deswegen bin ich ja schon wieder hier. Naja, jetzt ist er da. Ich werde also nun ins Fitnessstudio fahren.“
„Okay. Ich weiß ja nicht wann Cusavier aufwacht, aber ich melde mich bei dir, damit du Bescheid weißt. Eventuell gehen wir gleich zum Trainingsplatz. Das Spiel ist ja erst mittags angedacht.“
Genau in diesem Moment klingt auch sein Telefon.
Martin Müller
Martin Müller
Kapitel 33
Er eilt die Treppe runter, geht zum Tisch und nimmt ab.
„Hyuga.“
„Hey Kojiro.“, hört er Tsubasas Stimme.
„Hi. Was gibt’s?“
„Unser Spiel wurde verschoben. Pierre hat eben angerufen und gesagt, sie würden erst gegen 15 Uhr kommen können, weil Cusavier noch seinen Jetlag ausschlafen muss.
Also zur Info. Ich weiß ja nicht wo du grade steckst, aber wann wolltest du denn heute kommen?“
„Okay, verstehe. Gut, dass er noch angerufen hat. Ich weiß dann Bescheid.
Ich bin bei Bettina.“
In der Zwischenzeit ist Tina ihm gefolgt und steht auch im Wohnzimmer.
„Sie müsste jetzt doch beim Training sein. Seltsam.“
„Woher weißt du von ihrem Trainingsplan?“
„Na seit Wochen redet sie davon, dass sie ein europäisches Team eingeladen hat. Morgen ist das Spiel. Dafür muss sie doch heute nochmal trainieren.“
„Das Spiel fällt leider aus.“
„Oh nein. Das ist ja gemein.“
Tina stellt sich vor Kojiro. „Ist das Basa?“, flüstert sie. Er nickt.
Sie reicht ihm die Hand. „Darf ich ihn sprechen?“
„Tsubasa, Bettina will mit dir reden.“
„Okay.“
„Hallo Basa. Du glaubst nicht was ich eben in den Händen hatte.“ Sie greift nach Kojiros Hand und hält sie sanft fest.
‚Oh, sie will es ihm erzählen?‘
„Du verwirrst mich. Woher soll ich das wissen?“
„Du musst raten. Wo bist du? Beim Training?“
„Na toll. Du weißt im Rätseln bin ich total schlecht. Ja beim Training.“
„Ich mache es dir einfach. Schau mal zu deinen Füßen runter. Was siehst du als erstes, wenn du runterschaust?“
Tina schaut fröhlich zu Kojiro auf.
„Hm, meine Stulpen?“
„Ne…als erstes, nicht erst auf dem Boden.“
„Du verwirrst mich. Hilf mir auf die Sprünge.“
„Hm. Na gut, noch ein Hinweis.
Wusstest du eigentlich, dass ich damals im HSV im Team die Nummer 9 war? Stephan war die Nummer 10.“
„Sag bloß…du meinst Kojiros Trikot?“, ist er völlig von den Socken.
‚Wow, Kojiro…sie freut sich ja richtig. Wie kommt es, dass du ihr so viel Mut schenken kannst? Ich habe das nicht geschafft. Sie wollte sich nie ein Spiel ansehen oder gar Fotos mit mir in meinem Trikot. Niemals. Auch Genzo hat es jahrelang versucht und dann gehofft, dass es klappt, wenn wir uns kennen.‘
„Gratuliere.“
Kojiro lächelt sie nur an. ‚Dass du dich darüber so freust und es ihm gleich sagen musst, das freut mich wirklich sehr.‘
„Und was hast du dabei empfunden?“, fragt er sensibel.
„Das erzähle ich dir, wenn wir uns das nächste Mal sehen.“
„Okay. Ich freue mich, dass es dir besser geht.“, antwortet Tsubasa mit glücklichem Unterton und verlangt nochmal nach Kojiro.
„Bis dann.“, sagt Tina nur kurz und gibt das Handy wieder an Kojiro.
„Ich weiß noch nicht wann ich genau kommen kann. Das hängt davon ab wann Cusavier aufwacht. Ich bringe ihn dann mit.
Aber da das Spiel dann eh erst 15 Uhr ist, hat er ja noch Zeit.“
„Stimmt. Dann bis dahin. Ach so, ich warne dich mal vor. Der Trainer hat schon die Aufstellung festgelegt.“
„Aha, und?“
„Er will eine Doppelspitze mit dir und dem Neuen, Yamamoto. Ab heute trainiert er mit und er will euch beide testen.“ Kojiros Blick ist etwas getrübt und er schaut plötzlich ernst.
„Was soll das denn? Muss das ausgerechnet heute bei diesem Spiel sein? Das hätten wir doch lieber erst vorher testen sollen. Ich weiß doch überhaupt nicht wie der Junge spielt.“, murrt er.
‚Nanu? Er klingt besorgt. Welcher Junge?‘, wundert sich Tina.
„Mach dir keinen Kopf. Stell dir einfach vor du spielt mit einer etwas jüngeren Version von Taro, mit ihm kommst du doch auch super klar.“
„Aber mit Taro habe ich schon damals in der Grundschule gespielt. Dann immer mit euch. Das ist kein Vergleich.
Sag ihm das ist besser im Training, nicht bei so einem Spiel. So war das Spiel heute nicht geplant. Einen Neuen sollten wir erst einspielen lassen und dann sehen wir weiter. Unterschätzt die Franzosen heute nicht, immerhin ist Cusavier diesmal dabei. An dem muss erstmal der Neuling vorbeikommen. Ich wollte heute etwas mehr Gas geben als gestern, ich habe mit Pierre ne Rechnung offen.“, erklärt er Tsubasa mit fester Stimme.
„Was ist denn los?“, fragt Tina plötzlich.
Kojiro hält das Mikrofon zu und antwortet.
„Herr Mikami will die Aufstellung heute ändern. Statt meines Partners Sawada will er Yamamoto mit mir in die Doppelspitze stellen. Wir haben jedoch noch nie zusammengespielt.“
„Shinichi? Was soll der in der Sturmspitze? Machst du bitte Freisprecher an?“, lächelt sie Kojiro an.
„So, ich nochmal. Was soll der Quatsch? Ist das ne Provokation von Herrn Mikami?
Shinichi ist kein Stürmer, er gehört ins Mittelfeld zu dir. Am besten links außen.“
‚Tina. Was ist jetzt los? Du willst dich mit mir wahrhaftig über Fußball unterhalten?‘, wundert er sich.
„Wieso? Er spielte in Frankreich auch vorne.“
„Mag ja sein, aber soweit ich nebenbei im Sport beobachten konnte, wenn die Jungs gespielt haben und auch als wir gegeneinander spielten, würde ich ihn gegen so ein starkes Team lieber weiter mittig einsetzen, weil er sehr gut zuspielen kann und einen Blick für das ganze Feld hat. Und am Rand, weil er geschickt dafür sorgen kann, dass der Ball nicht ins Aus geht und zurückspielen kann.
Deswegen.
Und wenn Mikami ihn ins Wasser schmeißen will, warum dann nicht dort oder vielleicht in der Verteidigung, damit er gegen Cusavier und Pierre antreten muss. Er ist eher der Typ, der geschickt die Bälle abfängt und nach vorne spielt oder je nach Möglichkeit selbst vorläuft. Er ist wirklich schnell. Wir mussten oft zusammen für die Benotung laufen, damit wir uns antreiben. Aber in der Schule hält er sich eh zurück. Er wird besser sein als ich es sehen konnte.“
‚Sie muss ihn ja gut in der Schulzeit beobachtet haben. Und dass sie so ohne Probleme über Fußball redet, das ist auch interessant.‘, stellt Kojiro erstaunt fest.
„Wieso denn Links?“, wirft Kojiro ein und sieht sie fragend an.
„Weil er beidfüßig spielt und eine starke Linke hat.“, erklärt sie.
‚Oh, das ist selten.‘, bemerken beide Profis.
„So, ich muss los. Also Basa, bespreche das mal mit Genzo, er wird Mikami umstimmen können.
Bis später.“
Kojiro legt auf.
Tina holt ihre Handtasche.
„Kojiro, sorry, dass ich mich da eben eingemischt habe. Aber ich hatte die Vermutung er will dir eine reinwürgen, meinetwegen.“
„Meinst du echt?“
„Zumindest hatte er das früher immer drauf. Wenn wir im Team gestritten haben hat er uns beim nächsten Spiel gezwungen zusammen zu spielen. So mussten wir auf Zwang miteinander klarkommen, damit wir das Spiel trotzdem gewinnen.“
„Oha.“, sagt er nur. ‚Das ist echt streng. Ich dachte immer mein Trainer in der Toho hat nur so seltsame Methoden drauf. Aber warum hat Mikami das nie bei uns gemacht? War es eventuell nie nötig? An sich verstehen wir uns ja alle zusammen auf dem Feld sehr gut. Und Genzo und mich kann er schlecht zusammenstecken. Wobei, innerhalt des Teams hatten wir selten Probleme miteinander. Entweder wir gehen uns aus dem Weg oder wir machen unseren Job.‘
Plötzlich gibt Tina ihm unerwartet einen Kuss. Dann berührt sie seine Wange und das Ohr und sieht ihn verliebt an.
„Danke Kojiro. Danke, dass du bei mir bist.“
‚Bettina, was ist denn jetzt auf einmal los? Wieso bedankst du dich bei mir?‘
„Nur weil du bei mir bist kann ich plötzlich wieder frei sein. Ich habe noch nie mit Tsubasa oder gar Genzo wieder so über Fußball sprechen können. Aber ich glaube…du…bist wirklich…mein Heilmittel.“ Sie fasst seinen Rücken und schmiegt sich an ihn. „Ich…lieb dich.“, gesteht sie glücklich und mit feuchten Augen. Dann küsst sie ihn leidenschaftlich und beide vergessen alles um sich herum. Seine Hände fassen in ihr weiches Haar und ihre Taillier und drücken sie fest an sich, sodass er ebenso ihre Wärme spüren kann.
‚Ach Bettina, ich liebe dich auch so sehr. Ich bin so stolz, dass du aus dir rauskommen kannst.‘
Nach ein paar Minuten der kleinen Zärtlichkeiten verlässt Tina das Haus und schnappt sich das Auto.
Sie fährt ein paar wenige Blöcke weiter und parkt bei Martins Fitnessstudio.
Als sie aussteigt schaut sie zum Bürofenster hoch. Direkt darüber leuchtet das große Schild mit dem Firmennamen „Fitnesscenter Martin Müller“.
Es erstreckt sich über drei Etagen und umfasst insgesamt 4000qm. Im Erdgeschoss befindet sich ein großes Sportgeschäft für Kleidung und Geräte, ein Kosmetikstudio, ein Frisörsaloon und eine Arztpraxis mit Hausarzt, Unfallchirurgen und eines Sportmediziners. Hinzu kommt eine kleine Schwimmhalle mit Sauna welche direkt mit dem Fitnessstudio verbunden ist.
In der ersten Etage befindet sich nach dem Empfangsbereich und einer Lounge das bereits bekannte öffentliche Haupt-Studio mit verschiedenen Geräten, dem Umkleidebereich inklusive Zugang zum Schwimmbad und dem Büro. In der obersten Etage ist ein zweites Studio mit verschiedenen Geräten und einige kleine Räume für Kundenbesprechungen und Privattraining. Es hat auch einen weiteren Saunabereich mit Terrasse für VIP-Kunden. Wenn Tina nicht gerade darauf aus ist etwas Wirbel ins Studio zu bringen, dann hält sie sich gerne und hautsächlich in der obersten Etage auf. Dort hat sie in der Regel ihre Ruhe und kann an allen Geräten nach ihrem Ermessen trainieren. Betreut wird sie dann meistens von Andrea oder wenn sie was zu bereden hat von Martin.
Tina nutzt den Nebeneingang und die Treppe, statt des Haupteingangs mit Rolltreppe und Lift. So steht sie direkt vor dem Büro ohne an der Information vorbei zu gehen. Das hat den Vorteil nicht von Kundschaft gesehen zu werden.
Sie klopft und Martin bittet sie herein.
„Na? Du wunderst dich sicher wieso ich heute so unerwartet da bin.“
„Oh ja. Du machst mich neugierig. Setz dich doch.“, bittet er ihr einen Platz an.
„Danke, ich muss stehen. Ich bin viel zu aufgedreht…ich muss nachher auch gleich an die Geräte. Kannst du mich dann betreuen? Hast du die Zeit?“
„Natürlich. Meine VIP-Kundschaft kommt erst nachmittags heute.“
„Gut. Nun erstmal bevor ich zum eigentlichen Anliegen komme.
Ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll.“ Sie schaut nachdenklich auf Martin, welcher hinter dem Schreibtisch sitzt, den Taschenrechner zur Seite legt und seine Akte zusammenklappt.
Ganz aufgeregt geht sie auf und ab und erzählt ihm vom gestrigen und heutigen Tag. Dass sie Besuch in der Schule hatte und ihrem alten Trainer ihr Geheimnis gestanden hat, die Beredung mit Genzo, dass sie dann ihre Klassenkameradin im Krankenhaus besucht hat und dann das Erlebnis im Betrieb mit Pierre und seiner Schwester und Mutter und natürlich, dass Kojiros Mutter ihn rausgeworfen hat. Ebenso berichtet sie von dem Unfall in Italien und dass Kojiros Kollege und Freund aktuell bei ihr zu Hause ist und heute noch das Spiel stattfinden soll. Sie muss ihm auch unbedingt davon erzählen, dass sie ohne Probleme Kojiros Trikot anfassen konnte. Sie hat es bisher noch nie an ihm gesehen, aber statt wie früher gleich die Ereignisse in der Gasse zu sehen, sah sie in ihrer Vorstellung nur, wie er es tragen würde.
„Und deswegen…Martin. Genau deswegen bin ich hier.
Als ich Herrn Mikami die Wahrheit erzählte, dann habe ich mich entschlossen mich bei ihm zu entschuldigen und zu bedanken. Das kann ich am besten, wenn ich ihm und seinem Team helfe.“
Martin ist ganz verwundert was auf einmal mit ihr los ist. Er hat noch nie erlebt, dass sie jemals so einen Redefluss hatte. Natürlich erzählte sie ihm ab und an was sie so erlebt hat, aber selten von einem ganzen Tag und mit so viel Elan und gleichzeitig Begeisterung und emotionalen Auf und Abs, dass er Mühe hat ihr zu folgen.
Dann ist er total verwundert was sie überhaupt mit diesem Trainer zu tun hat. Während Tina in Hamburg war und dort seines Wissens Fußball spielte, dachte er sie sei in einer Mädchenmannschaft gewesen. Dass sie direkt mit ihrem Bruder im selben Team war, ist ihm neu. Er hat das damals nie wirklich verfolgt, es hat ihn nicht so ganz interessiert, da sie eh weiter weg wohnten und er derzeit schon mit seinem Abi und Studium extrem beschäftigt war. Und warum sollte er sich für ein kleines Mädchen interessieren?
Und nun? Auf einmal plappert sie ihn voll mit Dingen von denen er das erste Mal hört und dann redet sie fast die ganze Zeit über Fußball und irgendwelchen Fußballlegenden. Wie kann das sein? Ist sie tatsächlich wieder so wie früher?
Wie an dem Tag an dem sie sich das erste Mal begegneten?
Damals in ihrer gemeinsamen Heimatstadt war Martin doch noch mit ihrem Onkel befreundet, der acht Jahre älter ist als Tina. Die beiden kannten sich von der Schule und machten zusammen ihr Abitur.
Als er beim 20. Geburtstag ihres Onkels zur Familienfeier eingeladen wurde lernten sie sich kennen. Die kleine quirlige Tina, die nichts anderes im Kopf hatte als Sport und Fußball. Er als Siebzehnjähriger hatte schon immer Interesse an Sport und war aktiv im Aikido und im Krafttraining. Das gab daher viel Gesprächsstoff bei der Feier mit Stephan und ihr. Beide zeigten ihm was sie so konnten und redeten ununterbrochen von ihren großen Helden und dass sie auch mal so weit kommen wollten. Die gemeinsame Begeisterung zum Sport ließ sie sich etwas anfreunden. Damals, bevor sie nach Hamburg zogen.
Danach hat er sie nur noch selten gesehen und ab und an getroffen, wenn die Geschwister am Strand spielten.
Nach Stephans Tod redete Tina nicht ein einziges Mal mehr davon oder von ihrer Zeit in Hamburg. Niemals redete sie von Fußball, außer es ging mal kurz um Genzo. Auch die Freundschaft zwischen Genzo und ihr hat er bisher anders empfunden. Er dachte die ganze Zeit, dass die beiden sich zum einem über die Schule kennen und zum anderen durch Stephan. Genzo war auch der Einzige, der damals zu Stephans Beerdigung als Freund kam. Sonst niemand. Nur die Familie. In der Familie verbreitete sich sogar das Gerücht sie hätte bereits einen Freund. Als Genzo dann zur Beerdigung erschien und Tina statt bei ihrer Mutter in seinen Armen stand und weinte, nahmen alle an, er sei ihr Freund. Es klärte sich dann zwar bald auf, aber trotzdem. Wie kann es sein, dass sie plötzlich von einer Woche auf die andere so eine Veränderung macht?
„Stopp! Halt!“, unterbricht Martin sie bevor sie noch mehr Informationen rausrückt.
Tina sieht ihn nur ganz verdutzt an.
„Jetzt atme mal tief durch und sag was ich jetzt damit zu tun habe? Wieso bist du hier?“
Tina bleibt stehen und schaut verwundert zu ihm.
„Ähm. Naja. Ich dachte, ich gehe zu ihm, also meinem damaligen Trainer, bitte um Entschuldigung und biete ihm als Danke an sein Team durchzuchecken. Ich würde ihm also unser Sportlerprogramm anbieten. Und das wollte ich heute Nachmittag machen, nach ihrem Spiel gegen die Franzosen. Dazu brauche ich meine Tasche mit der Waage und der mobilen Messlatte. Und meinen Ordner.“
„Du willst also das Nationalteam ins Programm aufnehmen? So wie die Rugbyspieler, die Volleyballer, die Baseballer und die Handballer?“
Tina nickt begeistert. „Genau.“
„Und du bist sicher, dass du das kannst? Auf ein Fußballfeld gehen und ein ganzes Team ansehen und um dich haben? Ganz alleine?“
Tina sieht ihn verwundert an. Dann verschränkt sie die Arme.
„Ich muss es ausprobieren. Und ich bin ja nicht alleine.“
„Also wenn ich nicht mitgehe bist du doch alleine.“
„Überleg doch mal. Das Team besteht aus Kojiro, Genzo, Tsubasa und Jun Misugi, kennst den noch? Und wen du noch nicht kennst, Ken. Ein Nachbar. Ich bin nicht alleine. Abgesehen davon müsste Fane da sein, sie hat doch deswegen extra Spätschichten gemacht, damit sie ihren Mann vormittags betreuen kann.
Ich will mir ja erstmal nur das kurze Spiel ansehen und wenn ich das kann ohne irgendwelche Probleme, dann kann ich sicher auch zum Team gehen. Wenn ich merke, dass es doch noch nicht geht, dann blase ich es ab.“
„Wenn du meinst. Du stehst ja so auf Adrenalin. Statt mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug zu springen, Bungee-Jumping oder deine Klippenspringerei zu veranstalten schaust du dir ein Fußballspiel an.
Erscheint mir jedenfalls sicherer zu sein.“, grinst er.
„Du bist gemein. Du weißt doch genau wieso ich das gemacht habe.“ Erstaunt sieht er sie an. Ohne jedoch darauf einzugehen sprechen beide alles durch und machen ihre übliche Arbeit.
Zur selben Zeit bei Tina zu Hause:
Kojiro läuft mit seiner Arbeit in der Hand im Wohnzimmer auf und ab. Das lange Rumsitzen macht ihn unruhig. Allgemein ist er kein Typ, der lange stillsitzen kann. In der Regel arbeitet er am PC im stehen und hat seinen Schreibtisch hochgestellt. Entweder das oder er liegt. Aber auch diese Liegephase hat er schon hinter sich.
Da kann er endlich die Gästezimmertür hören und schaut auf die Uhr. ‚Immerhin drei Stunden.‘ Er geht in den Flur und fängt seinen Freund ab.
„Na? Wie fühlst du dich jetzt?“
„Richtig gut. Jetzt fehlt nur noch ein richtiges Aufwachprogramm.“, meint er munter.
„An was hast du gedacht?“
„Naja was wir halt sonst auch machen, Einfach alle Gelenke und Muskeln aufwecken. Später können wir dann ja zu eurem Trainingsplatz gehen und unter anderem eine Runde laufen.“
„Darauf hätte ich jetzt auch Lust. Bettina hat hier zwar ein eigenes kleines Fitnesszimmer, aber die Geräte sind sicher alle nur auf sie eingestellt. Was sagst du zu einem Fitnessstudio? Hier ist ein sehr gutes in der Nähe. Ich kenne den Inhaber. Und ich kann dir gleich zeigen, dass Bettina „Meinen Ruhm“ gar nicht nötig hat.“, grinst er.
„Klingt gut. Dann lass uns dorthin.“
Beide gehen in die Küche um sich etwas zu trinken zu holen und Kojiro greift in den Kühlschrank zu der Karaffe und der Thermosflasche. Dann holt er noch eine Thermosflasche aus dem Schrank und befüllt ihn mit dem Kräuterwasser.
„Sieht lecker aus.“
„Ist es, hat Bettina heute Morgen mit frischen Kräutern aus dem Garten gemacht.“
Dann greift er zu seinem Telefon und ruft Tina an. Sie geht aber leider nicht ran. ‚Hm. Das ist ungünstig. Ich wollte sie vorwarnen, falls sie noch dort ist. Wobei sie sagte sie müsse nur was bereden und wollte dann zu ihren neuen Kunden.‘
Dann ruft er im Studio selbst an. Natürlich geht Andrea ans Telefon.
„Guten Tag, hier ist Hyuga, Kojiro Hyuga. Ich war neulich bei Ihnen.“
„Oh, ja. Guten Tag Herr Hyuga. Was kann ich für Sie tun?“
„Ich würde spontan mit einem Freund vorbeikommen. Wissen Sie ob Bettina noch da ist? Und ob Martin Zeit für uns zwei hätte?“
„Moment, ich glaube Tina ist schon wieder weg. Zumindest ist sie nicht mehr im Büro. Martin hätte in ca. dreißig Minuten wieder Zeit für VIP-Kunden. Möchten Sie im offenen Bereich sein oder lieber im privaten Bereich?“
„Moment.“
„Cusavier? Hast du ein Problem im öffentlichen Trainingsbereich zu sein?“
„Nö, ist ganz gut so, die Leute lenken mich ab von Viola. So ein wenig Spaß kann ich gebrauchen.“
„Wir kommen ins offene Studio.“
„Okay, womit wollen Sie beginnen? Dann kann ich es zeitnah reservieren und die anderen können sich darauf einrichten.“
„Ich denke mal wir werden eine Runde Radfahren und danach ein paar Gewichte heben.“
„Okay, alles klar.“
Etwa 20 Minuten später und nach einem schönen Spaziergang stehen die beiden vor dem Haupteingang des Studios mit ihren Sporttaschen in den Händen. Kojiro versucht erneut Tina zu erreichen, aber sie geht immer noch nicht ans Telefon. ‚Zu dumm. Wieso ist sie nicht erreichbar?‘
„Wirkt aber nett so mit der Rolltreppe.“, vermerkt der Franzose.
Oben angekommen gehen sie zur Anmeldung. Freundlich werden sie von Andrea begrüßt. „Herzlich Willkommen Herr Hyuga.“ Sie holt eine neue Anmeldung raus und trägt Kojiro in seine Akte ein.
„Herzlich willkommen. Und Sie sind?“, spricht sie englisch. ‚Er kommt mir sehr bekannt vor.‘
„Zedane, Cusavier Zedane.“
„Wow. Soviel Prominenz heute. Bitte tragen Sie sich hier ein.“
„Wissen Sie schon ob Bettina noch im Haus ist?“
„Leider nein. Sie ist entweder schon weg oder trainiert oben in den Privaträumen.“
„Ach so, es gibt noch eine Etage?“
„Genau. Oben befindet sich ein weiteres Studio mit Privaträumen und Umkleide. Dort sind in der Regel die Prominenten, wenn sie alleine sein wollen oder die Frauenkurse. Die speziellen Jugendkurse finden ebenso oben statt.“
„Verstehe. Martin hat an alles gedacht.“
„Nicht nur Martin, auch Tina. Sie hatte die Idee mit den Kinder- und Jugendkursen.“
„Ach so? Und wer betreut die Kids dann? Etwa auch Bettina?“
„Ja, aber zurzeit noch mit mir zusammen. Sie ist aktuell dabei ihre Trainerscheine zu machen. Hat Sie Ihnen das noch gar nicht erzählt? Deswegen doch damals das Psychologiestudium. Sie hatte ursprünglich vor in die Sportpsychologie zu gehen, um später die Jugendausbildung zu fördern. Nun macht sie erstmal die Trainerscheine.“
„Wir hatten bisher andere Dinge zu bereden. Aber interessant. Jetzt passt das zusammen. Nun gut. Sagen Sie Ihr bitte Bescheid, dass wir da sind, falls sie doch noch kommen sollte. Sie wissen ja, dass wir noch bedeckt bleiben müssen.“, spricht er leise.
Andrea nickt und schmunzelt. „Ja, ich kann es noch immer nicht glauben. Aber ihr passt so gut zusammen. Und unter uns. Sogar Martin akzeptiert Sie. Vor allem seit der Aktion neulich hier.“, grinst sie.
„Echt?“, staunt er.
„Na wir werden jetzt mal. Lange können wir nicht bleiben.“
Andrea bringt beide in die VIP-Umkleide und geht dann wieder vor zur Anmeldung.
In diesem Moment kommen Martin und Tina aus dem Treppenhaus zu ihr.
„Also doch. Du bist noch da, Liebes.“, freut sich Andrea und läuft auf Tina zu und beide umarmen sich. „Na Große? Wir haben uns ja ewig nicht gesehen.“, entgegnet Tina begeistert.
„Du lässt dich eindeutig zu wenig sehen. Wir müssen unbedingt wieder einen Weiberabend machen. Du musst mir so viel erzählen.“
„Ich hatte die letzten Tage zu viel um die Ohren. Ich wollte heute eigentlich trainieren, aber das Spiel morgen wurde abgesagt und ich wollte was mit Martin bereden. Nun nutze ich die Zeit und bin hier und habe mich etwas aufgewärmt. Ich wollte jetzt mit Martin ins Studio gehen, mich quasi mal wieder für die Fans sehen lassen.“
„Daraus wird nichts.“ Sie schaut sich kurz um, nicht dass doch jemand da ist. „Die zwei VIPs sind Hyuga und ein Freund von ihm. Sie ziehen sich gerade um.“
Martin und Tina machen große Augen.
„Ach. Kojiro und Cusavier sind hier? Der sollte doch noch etwas schlafen.“, meint Tina besorgt.
„Verstehe ich jetzt nicht. Um diese Zeit schläft doch keiner mehr.“, ist Andrea verwundert.
„Er kam heute früh mit dem Flieger. Deswegen.“
„Verstehe. Die Zeitverschiebung. Dir ist schon klar wen er da mitgebracht hat, oder?“
Tina grinst. „Ja, damals als ich im Kindesalter selbst noch gespielt habe kannte ich alle großen Spieler. Ich habe mir jede Biografie angesehen. Ich weiß genau wer Cusavier ist. Er ist zehn Jahre älter als ich und spielt schon seit der Junioren-Europameisterschaft 1996 in Juventus. Daher kennen sich die beiden sicher.“
„Besprecht das gerne noch, aber ich gehe jetzt zu ihnen. Schickt mir eine Nachricht wie ihr jetzt weitermachen wollt. Ich kann nicht euch drei betreuen und schon gar nicht, wenn ihr euch „nicht kennt“. Ihr wollt ja nicht auffliegen.
Tina, du sagst, ihr braucht nur die eine oder andere offizielle Begegnung. Das könnt ihr gerne hier nutzen, es passt, da er eh schonmal hier war und jetzt weiß, dass du hier ab und an bist und hier arbeitest. Den Kunden würde es also nicht seltsam vorkommen, wenn ihr zusammen gesehen werdet. Vor allem, wenn du eh eine Begegnung geplant hast heute, dann passt das doch.
Ich fang die beiden jetzt ab.
Schatz, du hast ihnen doch gesagt, dass sie auf mich warten müssen?“
„Natürlich, wie immer bei Promis.“
VIP
Kapitel 34
VIP
Ein paar Minuten später verlassen Kojiro und Cusavier die Umkleide und treffen noch innerhalb des VIP-Bereichs direkt auf Martin. Beide tragen lässige Shirts und lange Sporthosen. Kojiro komplett in Schwarz und Cusavier in einem hellen Grau.
Der französische Nationalspieler staunt nicht schlecht, als er zu Martin schaut und ihn mustert.
‚Das ist der Inhaber dieses Studios? Das sieht man ihm an. Wenn Kojiro ihm vertraut, dann ist er sicher gut in seinem Fach. Dem Namen nach zu urteilen ist er Deutscher. Einer der besten deutschen Torhüter heißt auch Müller, Dieter Müller. Aber den Namen gibt es oft. Trotzdem, dieses imposante Auftreten ähnelt ihm.‘
„Herzlich willkommen, Kojiro, Cusavier. Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Martin Müller, der Inhaber und Betreiber dieses Fitnesscenters.
Wir müssen vorab etwas privates besprechen.“
„Hallo Martin, sorry, dass wir so unangekündigt erscheinen, aber wir wollten uns ein wenig vor dem Spiel aufwärmen, können aber leider die Trainingsräume nicht nutzen und ich weiß deine Diskretion und dein Fachwissen zu schätzen.“, erklärt Kojiro freundlich und ernst zugleich.
‚So förmlich heute? Du bist schon ein interessanter Mann, Kojiro.‘
„Heute also mal offiziell als Kunde bei uns. Das wird die Leute sicher sehr freuen. Eigentlich war jetzt nach langer Auszeit mal wieder eine Tina-Runde angesagt. Ihre Fans fragen ständig nach ihr. Sie steht vorne bei Andrea und spricht ab wie wir das jetzt machen. In der Regel betreue ich sie, das ist so Tradition, aber diesmal bin ich bei euch. Schon alleine eurer Sicherheit und Versicherung wegen ist es besser, wenn ich das mache. Geht ihr noch in öffentliche Studios oder bleibt ihr hauptsächlich unter euch?“
„Wir sind meist unter uns, aber ich gehe ab und an mal wo hin. Selten jedoch. Hier in Japan hauptsächlich, für die Fans und weil es ja nicht anders geht.“, antwortet Kojiro.
„VIPs betreue nur ich. Ausnahmen sind die Frauen, wenn sie lieber Andrea wünschen.
Wenn Tina da ist läuft es in der Regel so ab, dass sie „plötzlich“ auftaucht, alle Kunden persönlich begrüßt, ne halbe Stunde durch fast alle Geräte geht und dann unser Programm mit mir zusammen bewirbt, wenn potenzielle Neukunden da sind. Danach kann sich jeder seine Autogramme holen oder mit ihr reden.
Ich weiß noch nicht, ob sie jetzt überhaupt ins Studio gehen wird. Wenn dann nur kurz, da ihr hier seid.“, erklärt er im ernsten freundlichen Ton auf Englisch.
Die Fußballer hören ihm interessiert zu.
‚Meint er damit jetzt, das Kojiros Freundin hier ihren Ruf nutzt um den Laden zu füllen?‘, geht skeptisch durch Cusaviers Kopf.
„Kojiro? Wie sehr vertraut ihr euch? Tina sagt, ihr seid nicht nur Kollegen und Rivalen, sondern auch Freunde.“, spricht Martin ihn ernst an.
„Richtig. Mindestens so gut wie sie dir vertraut.“, antwortet er überzeugt.
„Gut, dann weiß er, dass ihr euch zurückhalten müsst?“ Kojiro nickt.
„Wenn ich das richtig verstanden habe ist Bettina hier ab und an zu Gast für ihre Fans und um Kunden anzulocken?“, versucht sich Cusavier zu vergewissern.
„Nicht ganz. Tina erzählte mir bereits, dass Sie ihr gegenüber skeptisch sind. Das kann ich voll verstehen. Kojiro musste sich von mir ebenso dumme Blicke und Sprüche gefallen lassen bis ich ihm vertraut habe.
Tina würde niemals aus Eigennutz handeln, außer es würde ihren Ruf oder ihr Geschäft schädigen. Dass sie hier her kommt ist anfangs als Lockmittel gedacht gewesen. Als ich das Unternehmen übernommen habe blieben die Kunden weg, weil sie mir als Ausländer nicht vertrauten.
Dann kam Tina auf die Idee sie herzulocken, mit ihrem Promistatus. Und siehe da, zwar kamen anfangs nur Männer, aber auch die Damen folgten. Es sprach sich rum, dass unsere Programme gut sind und sich von anderen unterscheiden. Es dauerte nur wenige Monate, bis die Leute an sich selbst merkten, dass die Trainingspläne zu ihnen passten und es sprach sich rum. Nun kommen sie deswegen und nicht nur um sie zu sehen. Darin liegt unser Erfolg hier. Ab und an lässt sie sich hier blicken, entweder um Neukunden ins Programm aufzunehmen oder um mal wieder die Tigerin raushängen zu lassen. So wie früher. Dass sie herkommt ist nur noch Tradition, aber nicht Geschäftsrelevant. Außer sie wird natürlich für die privaten Kurse gebucht. Das ist ja was anderes.“
In diesem Moment geht bei Martin eine SMS ein und er unterbricht das Gespräch.
Nach dem Lesen der Nachricht wendet er sich wieder seiner neuen Kundschaft zu.
„Die Mädels haben einen Plan.“
„Ich bin gespannt.“, schaut Kojiro und beide lassen ihn sich von Martin erklären.
Dann gehen sie in Richtung Studio. Martin neben Kojiro voran. Martin flüstert ihm noch was zu.
„Jetzt mal ganz im Ernst. Was machst du, dass Tina plötzlich so aus sich herausgehen kann? Sie kam vorhin in mein Büro und plapperte wie ein Wasserfall. Das kam das letzte Mal vor vielleicht 10 Jahren vor. Dann lässt sie einen ihr fremden Fußballer bei ihr ins Gästezimmer und zieht das hier durch? Sie geht nie ins Studio, wenn sie genau weiß, dass Fußballer anwesend sind. Auch nicht mit mir. Ich bin gespannt ob es tatsächlich so ist, dass du ihr die Angst nehmen kannst. Alle Achtung, Kojiro, ich habe das nicht geschafft. Sie sagte, du gibst ihr Kraft und Mut und sie kann seit Jahren wieder ohne Alpträume schlafen. Wie kommt das?“
Kojiro schaut ihn verwundert an.
„Keine Ahnung. Ist irgendwie so. Aber es beruht auf Gegenseitigkeit.“, schaut er dann wieder nach vorne. „In Ihrer Nähe kann ich meinen Stress ebenso vergessen und komme zur Ruhe.“
Martin sieht zu ihm herab und äußert dann nur noch einen Satz bevor sie durch die Tür ins Studio gehen.
„Verstehe. Ich bin gespannt ob du sie auch davon abhalten kannst ständig von der Klippe oder aus einem Flugzeug zu springen.“
Entsetzt sieht er ihn an. ‚Was meint er denn damit?‘
Schon geht die Tür auf und sie betreten den Fitnessbereich. Eine erstaunte Stille herrscht plötzlich. Die Kunden wissen, wenn Geräte reserviert werden kommt VIP-Kundschaft. Man weiß nie wer es ist und darauf waren nun alle total gespannt. Sie wissen, für Tina wird nie reserviert, außer sie bringt jemanden mit. Es kam auch schon vor, dass sie ihre Freundin Yoko mitbrachte. Auch Martin reserviert gerne Plätze, damit er für die Neukunden niemanden wegscheuchen muss.
Meist bleiben VIPs jedoch unter sich und trainieren gleich im oberen Teil. Davon bekommt die Kundschaft selten etwas mit.
Mit Kojiro und seiner Begleitung hat nun wirklich niemand gerechnet. Viele staunen, einige wiederum machen ihr Training normal weiter, als sie merken, dass es nicht Tina ist und andere wiederum sind außer sich vor Freude. Darunter hauptsächlich einige Damen, die anwesend sind.
„Wow, das nenne ich Prominenz. Hyuga.“
„Wer ist der andere? Er kommt mir auch bekannt vor.“
„Erkennst du ihn nicht? Sein Kollege Cusavier. Der absolute Wahnsinn.“
„Echt? Wow. Wieso sind die hier?“
„Er war vor kurzem schonmal hier und dann aber wieder weg. Keiner wusste was er hier wollte. Dem Gerede zufolge kam er privat her, entdeckte Tinas Bilder und dann war irgendwas mit einem anderen Kunden und dann war er wieder weg.“
„Vielleicht will er ja doch seine Namensvetterin jetzt mal antreffen? Sie hat ja immer abgelehnt, weil sie keine Fußballer mag. Das heißt ja nicht, dass er sie nicht antreffen will?“
„Das wäre mal der Wahnsinn. Die beiden treffen aufeinander.“
Martin geht seinen üblichen Gang mit VIPs und Neukunden durch das Studio, zeigt kurz die Geräte und endet dann an der Wand mit den Angebotsplakaten, um sie der Kundschaft zu erklären. Das wird immer gemacht bei Neukunden.
Cusavier staunt nicht schlecht als er beim Rundgang Tinas Poster entdeckt.
‚Wow, sie ist ja hier wirklich wie ein Superstar überall verteilt. Das kenne ich gar nicht aus Italien. Ich wüsste nicht, dass dort so ein Studio ist wo ein Sportler außerhalb der eigenen Reihen so präsent ist. Das kennt man eher aus Sportbars. Dort ist das üblich.‘
Vor der Wand stehend erklärt Martin die Sportprogramme und deutet dabei auch auf Tinas Fotos.
„Also Frau Fuchs erstellt dann nach dem Bodycheck die Ernährungspläne. Sie ist Diätköchin und stellt für jeden einen individuellen Plan zusammen, der zu seinen Werten, seiner ethnischen Herkunft und seinem persönlichen Geschmack und Vorlieben passt. Das ist es was uns von den anderen unterscheidet. Jeder Körper ist anders. Auch wenn Sie beiden zum Beispiel gleiche Werte und ähnliche Größen und gleichen Beruf habt, braucht ihr verschiedene Ernährungspläne. Dann lebt jeder an anderen Orten. Hier in der Stadt Tokio würde ich Ihnen, Herr Hyuga zum Beispiel einen anderen Plan empfehlen als wenn Sie wie es ist, jeden Tag im entspannten Italien leben. Tokio ist extrem hektisch und dichtbesiedelt. Frau Fuchs geht bei den Plänen auch auf die Umwelteinflüsse der Leute ein und welchen Vitamin- und Mineralhaushalt sie haben. Oft bleiben diese Werte beim reinen Muskeltraining außen vor. Ich kenne ja Ihre medizinische Betreuung in Italien nicht, aber oft achten die Clubs nur auf Leistung, nicht auf langanhaltende Vitalwerte. Und genau darin liegt der Fehler. Bei Bedarf kann man darauf genauer eingehen, aber ich denke im Großen und Ganzen können Sie sich nun vorstellen was die Programme beinhalten, welche für Sie in Frage kommen könnten.“
„Betreuen Sie denn einige Profisportler hier?“, fragt Cusavier.
„Natürlich. Wir betreuen derzeit die Teams der Handballer, Rugby und Volleyballer natürlich. Darunter einige Jugendmannschaften oder einzelne Leute, die sich den Kurs leisten können. Die Betreuungskurse werden von den Clubs bzw. dem Verband bezahlt. Einmal monatlich wird erneut alles getestet und wenn es Veränderungen gibt, die einer Anpassung bedarf, dann werden diese gemacht. Das ist in der Kursgebühr mit drin. Es gibt ein Einstiegsangebot und eine Art Abo.“
Daraufhin gehen die drei zu den separat stehenden Rädern und Martin stellt ihnen die gewünschten Programme ein. Während Kojiro beim Radeln durch den Raum schaut entdeckt er den Mann, der ihn damals an der Fotowand angesprochen hatte. Er liegt auf der Hantelbank und wird von einem Trainer begleitet.
„Wisst ihr schon welche Gewichte ihr an den Hantelbänken wollt? Ich könnte sie schon vorbereiten und ihr meldet euch dann, wenn ihr wechseln wollt.“
Beide nennen ihr Wunschgewicht und Martin geht, um die Gewichte anzupassen.
Kaum ist er aus Hörweite spricht Cusavier Kojiro an.
„Du hast Recht. Bettina braucht dich nicht, um erfolgreich zu sein.“
„Gut, dass du dein Misstrauen ablegst. Neben ihren Sport steht sie bereits mitten im Berufsleben und verdient ihr eigenes Geld.“
„Das scheint ja zu laufen. Nun musst du mir aber noch eine Sache erklären.“
„Was denn?“, wundert sich Kojiro.
„Was meinte sie am Telefon mit Angst? Und dieser Herr Müller, euer Geflüster habe ich schon mitbekommen. Er erwähnte was von Albträumen. Was meint er damit?“
„Als wir uns kennenlernten wussten wir beide nicht wer der bzw. die Andere ist. Vielleicht war das auch gut so. Sie ist jahrelang Fußballern aus dem Weg gegangen. Damals noch in Deutschland wurden sie und ihr Bruder von mehreren Männern überfallen, welche Fußballtrikot trugen und ihr Bruder hat es leider nicht überlebt. Seitdem war immer die Erinnerung da, wenn sie mit dem Sport in Kontakt kam. Aber seitdem wir uns kennen, sind diese schlimmen Erinnerungen weg. Sie denkt nur noch an die schönen Erlebnisse. Sie hat bis dahin selbst gespielt. Das ist mit der Angst gemeint.“
Ein sehr verblüfftes Gesicht sieht zu Kojiro. ‚Fußballer haben sie überfallen?‘
„Oh. Und was hat Herr Müller damit zu tun? Er klang so führsorglich und scheint sie sehr gut zu kennen. Ich würde sagen, er ist in meinem Alter.“
„Er ist ein alter Freund und kam damals mit hergezogen. Er wollte sich hier weiter im Kampfsport ausbilden passen und hat die Möglichkeit einfach genutzt.
Naja, die beiden waren auch mal zusammen. Ist aber schon ne Weile her. Und das hat er gemeint, in seiner Nähe hat sie die Angst nicht überwunden, aber jetzt.“
„Die beiden waren mal ein Paar? Wow und ihr kommt trotzdem miteinander klar? Alle Achtung, Kleiner.“
Einige Zeit zuvor wird sich im Anmeldebereich angeregt unterhalten. Zum Glück ist heute nicht viel los und die Frauen sind die ganze Zeit alleine. Kurz nachdem Martin los ist zerrt Andrea Tina hinter den Tresen.
„Nun aber mal. Was ist los? Habe ich das jetzt richtig verstanden? Du und Hyuga? Ist das dein Ernst?“, flüstert sie und ist etwas aufgedreht.
Tina lächelt nur verliebt. „Richtig.“
„So ganz ernst? Bist du richtig verliebt? Du siehst so glücklich aus.“
„Ja, das ging alles so schnell, aber ich habe noch nie so viel für jemanden empfunden wie jetzt. Und…nur die kleinste Berührung fühlt sich so…intensiv an.“, versucht sie ihr zu beichten. Andrea nimmt sie in den Arm. „Ach Tina, so schlimm? Mir geht es doch genauso, mit Martin. Als wir uns das erste Mal gesehen haben war das wie Magie.
Ich freue mich einfach für euch. Er empfindet doch auch so für dich?“ Tina nickt.
„Ihr passt super zusammen. Ihr habt viel gemeinsam.
Ich bin jetzt ganz aufgeregt. Wieso darf das jetzt noch keiner wissen? Und willst du jetzt trotzdem dort deine Show abziehen?“
„Du müsstest mich kennen. Ich gehe keinem Problem aus dem Weg. Im Gegenteil. Kojiro und ich haben gemeinsame Bekannte und das macht die Sache etwas kompliziert.“
„Meinst du jetzt Tsubasa und Genzo?“
„Nein, die wissen schon Bescheid. Aber ich meine vor allem mein altes Team und eine ganz bestimmte Person. Die sollten das mit uns und Stephans Tod erst von mir erfahren, nicht aus den Medien. Meine Familie ebenso. Sie sollen Kojiro unbefangen kennenlernen, ohne voreingenommen zu sein.“
„Okay, erzähl mir das dann später mal alles genauer. Wie hast du dir das jetzt vorgestellt?“
„Wir hatten gestern schon eine etwas holprige Begegnung und daran würde ich anknüpfen. Ich denke mal es ist in seinem Sinne. Aber wenn es ein scheinbar erstes Treffen von uns hier gibt, werden euch die Leute später die Bude einrennen, denke ich mal.“, grinst sie.
Andrea lacht. „Auf jeden Fall, die Fans warten doch schon so lange auf so eine Begegnung.“ Tina schaut kurz skeptisch auf ihre Sportbekleidung.
‚Naja, ich sollte mir heute lieber was anderes anziehen und andere Übungen machen als sonst. Ich muss es ja nicht unnötig kompliziert machen für Kojiro. Und was soll Cusavier denn von mir halten, wenn er eh schon so skeptisch ist?
Nein, heute sind mal die Mädels dran. Ich bin heute für die Damen da.‘
„Andrea, stell ein kurzes Programm für ca. 10 bis 15 Minuten zusammen. Armmuskulatur, Rücken, Brust und Klassiker laufen und Rad. Ich gehe fix runter in die Boutique und hole mir was anderes anzuziehen.
Den Rest bereden wir dann.“ Sie erklärt kurz ihre Idee, damit Andrea sie an Martin senden kann.
Kurz darauf ist Tina unten im Sportgeschäft und kommt etwas unauffällig durch den Personaleingang an den Tresen, um die beiden Verkäufer zu begrüßen.
„Hallo ihr zwei Hübschen. Wie läufts bei euch so?“ Die beiden jungen Japaner sehen sie verblüfft an.
„Ohlala…eine Erscheinung!“, meint der größere von beiden.
„So so, die Tigerin lässt sich auch mal wieder blicken.“, entgegnet der kleinere mit roten kurzen Haaren.
„Jacky, Lee, sorry, ich hatte echt viel um die Ohren. Ihr müsst mir fix helfen. Ich brauche was anderes heute. Ich habe nicht mit Prominenz gerechnet und wollte eigentlich spontan ins offene Studio gehen.“
Beide sehen sie verwundert an. Bekleidet ist sie mit einer roten hautengen Sporthose bis zu den Knien, so dass sich alle Muskeln abzeichnen und einem weißen knappen Top mit Kreuzträgern und etwas Bündchen.
„Dreh dich mal, Süße.“, fordert Jacky.
„Von welcher Prominenz reden wir hier?“, ist Lee interessiert.
„Zwei sehr bekannte Fußballer. Kojiro Hyuga und Zedane Cusavier vom Juventus Turin.“, grinst sie.
Jacky, der größere von beiden läuft plötzlich etwas rot an und fächert mit der Hand vor seinem Gesicht.
„Oh mein Gott. Echt? So eine Sahneschnitte? Der wilde Tiger?“
„Wow, und du willst ins Studio gehen obwohl dort Fußballer sind?“, vermerkt Lee.
‚Sahneschnitte? Ach ja. Sonst stört mich das gar nicht, wenn die beiden so über Männer reden. Irgendwie klingt das aber jetzt seltsam. Bestimmt, weil sie über Kojiro reden. Er muss ja echt bei vielen Leuten sehr beliebt‘, setzt Tina ein verwundertes Gesicht auf. Die beiden Männer vernehmen dies natürlich, lassen es sich aber nicht anmerken.
‚Nanu. Was macht sie plötzlich für ein Gesicht? Das kenne ich ja gar nicht.‘, denkt der rothaarige Verkäufer.
„Man merkt, ihr seid alleine. Haltet euch bitte ein wenig zurück, ja?“, versucht Tina dann wieder lockerer zu wirken.
„An was hast du denn gedacht? Du siehst doch super aus, das wird ihnen sicher gefallen. Und dann so schön in den japanischen Nationalfarben. Zeig den beiden ruhig was du hast, darauf stehen solche Männer.“
Tina schüttelt den Kopf.
„Ne, ich habe da an was Schlichtes gedacht, sportlich, für jede Frau, sommerlich, kurze Beine, nicht zu eng im Schritt und in meiner Lieblingsfarbe am besten. Oben kurz, aber praktisch, ohne Kreuz am Rücken. Ein klassisches Top eben, damit man die Rücken- und Bauchmuskulatur sehen kann. Ihr wisst was ich meine.
Alles etwas eleganter, aber mit weniger Sex als das hier. Etwas natürlicher eben.“, grinst sie dann, wie sie es ihnen sonst immer am besten erklären kann.
Beide Männer grinsen. „So so. Alles klar. Dann komm´ mal mit.“
Sie folgt Lee.
„Seit wann machst du dir Gedanken darüber wie Männer über dich denken? Du bist doch sonst nicht so zurückhaltend und spielst mit deinen Reizen? Wo ist jetzt dein Problem? Du hast doch genau die richtigen Sachen an.“, versucht er etwas einfühlender auf sie einzugehen.
„Naja, heute passt es nicht. Nicht vor den beiden.“, meint sie locker.
Sie bleiben vor einem Regal stehen und er zeigt ihr die neusten Kollektionen an kurzen Artikeln.
„Ah, genau das passt perfekt.“, greift sie sich ein zweifarbiges Stück als Zweiteiler und schaut nach der Größe.
„Hast du das in meinen Größen da?“
Er schaut fix nach und findet natürlich die passenden Stücke.
„Hier, eine gute Wahl, wenn du es tatsächlich so alltäglich möchtest. Ist von der Qualität absolut super. Es verkauft sich auch gut in allen Farben. Wir haben genug im Lager, falls die Kunden dann was wollen. Ich kann denen dann wieder einen Sonderrabatt anbieten, wenn es noch innerhalb dieser Woche gekauft wird.“
„Wie immer also, super. Kommst du mich nachher hoch begleiten? Ein paar Fotos machen? Hier ist ja eh noch nix los. Wo ist euer Azubi?“
„Sie ist im Lager und holt neue Sonnenbrillen. Die gehen an die Urlauber gut weg.“
„Das klingt super.“ Dann schaut sie zum Bereich wo die Sportartikel sind und blickt gezielt zum Regal mit den Sportbällen.
„Wie viele Fußbälle und Volleybälle haben wir da?“
„Hm. Die Volleybälle sind ja Dauerbrenner, haben wir bestimmt noch 100 im Lager, davon hast du die Hälfte schon signiert. Aber Fußbälle laufen weniger. Du weißt ja, dass die Fans eher woanders hingehen. Es sollten aber so an die 30 Stück noch da sein. Das sind sogar schon die ganz neuen, wegen der WM nächstes Jahr. Meist kommen nur Eltern vorbei und wollen was für die Kinder, aber denen ist der Originale natürlich dafür etwas zu schwer oder zu teuer.“
Sie gehen zum Tresen zurück. ‚Sie verhält sich heute irgendwie anders.‘
„Kann ich mir vorstellen, wir sollten unbedingt die Kinderabteilung überarbeiten.“, meint sie nur und blickt zur Ecke wo die Kinderbekleidung hängt.
‚Hier stimmt ganz gewaltig was nicht. Noch nie hat sie sich zu der Ausstattung des Ladens geäußert. Sie überlässt alles Martin. Auch nicht als die beiden zusammen waren hat sie etwas angemerkt. Und heute ist sie kaum da und ihr fällt auf, dass wir was ändern müssen? Seltsam.‘
„Das sage ich Martin schon seit über einem Jahr. Er meint, es reicht das was wir haben aus.“
„Wie oft kommen denn solche Urlauber oder Eltern vorbei und wollen so einen Ball für die Kids?“
„Naja, viele schauen nur und sagen nichts, aber angefragt wird sicher so dreimal am Tag. Ist doof, wenn ich die Leute in den Spielzeugladen nebenan schicken muss, wenn sie doch eigentlich Qualität wünschen.“
„Ist ja wirklich doof. Wenn die ihren Ball bekommen würden, dann würden sie vielleicht auch gleich Sonnencreme oder einen Sonnenhut für sich und die Kleinen mitnehmen. Ich muss mir mal Zeit nehmen und komme nochmal wieder.“
Jacky wartet schon an der Kasse und schaut verwundert auf Tinas Ausbeute.
„Hm, die laufen gut bei den jungen Mädels. Die Hosen werden auch viel für den Schulsport gekauft. Tatsächlich was klassisches.“
„Genau, das andere kann nun mal nicht jeder tragen.
Ich habe dir schon einen Korb fertig gemacht.“, deutet er dann auf den Verkaufskorb mit unsignierten Volleybällen.
„Super, den nehmen gleichmit hoch. Ich brauche noch einen Fußball.
Jacky, während wir zwei hier oben sind kannst du ja eurem Lehrling mal sagen, sie kann einen Korb signierte Volleybälle und danach kann sie einen weiteren Korb fertig machen mit den restlichen Fußbällen, Lee sagt, es seien nicht mehr viele da. Bitte stellt sie hier direkt neben den Kassenbereich und organisiert einen Stehtisch. Eventuell kann ich die beiden da oben überreden hier später fix zu signieren.
Verkauft die Bälle an Erwachsene im normalen Preis, wenn Kinder reinkommen, setzt du den Preis auf meine Spenden-Rechnung und schenkst ihnen einen Ball. Ebenso stellt ihr einen Korb signierte Bälle von mir dazu und verschenkst sie ebenso an die Kids, die reinkommen. Erwachsene bezahlen voll.“
Jacky schaut erstaunt. „Eine tolle Idee. Wird gemacht.“
Dann verschwindet Tina in der Umkleide, probiert die Sachen an, schneidet die Etiketten ab und lässt das neue Outfit gleich an. Sie betrachtet sich im Spiegel und lächelt. ‚Das ist viel besser.‘ Sie dreht sich und betrachtet ihren Rücken. ‚Super, alles gut zu sehen. Die Blicke werden diesmal mehr auf den Rücken un dmiene langen Beine als auf dem Hintern landen.‘
Lee organisiert inzwischen die Kamera und ein paar schwarze Stifte für die Autogramme auf den Bällen.
Es dauert nicht lange da steht Tina mit Lee und dem Verkaufskorb mit den Bällen im Lift.
„Du bist heute seltsam, Süße. Was ist los?“, stellt er sie zur Rede und drückt auf den Anhalt-Knopf.
„Was soll das denn jetzt? Wieso lässt du ihn anhalten?“, meint sie verwundert und schaut ihn ernst an.
Lee und sie kennen sich schon etwas länger. Als sie sich vor zwei Jahren an der Berufsschule einschrieb begegnete sie ihm auf dem Flur zum Direktor. In diesem Moment standen drei andere Jugendliche um ihn herum und er wurde bedrängt und beschimpft. Sie erkannte die Situation und ging dazwischen. Natürlich erkannten sie nicht gleich alle, aber sie machten den anderen klar, dass sie ihn in Ruhe lassen sollen. Sie ließen natürlich nicht gleich von ihm, dann nahm sie Lees Hand einfach und zerrte ihn hinter sich her. Sie meinte nur ganz laut, dass sie keine Zeit hätte und sie sich später drum kümmern müsse. So ließ sie die drei Typen einfach stehen und die Situation war vorerst entschärft. Lee kann sich noch sehr genau an ihre Hilfe an der Schule erinnern, freundete sich mit ihr an, machte seinen Abschluss als Verkäufer und bewarb sich für den jetzigen Posten als der Laden eröffnete. Schon immer war er begeisterter Tänzer und nahm schon an vielen Wettkämpfen teil. Sport war immer sein Leben. Tanzen und Triathlon.
Er sieht sie ernst an.
„Nun sag einfach wieso du heute so seltsam bist. Dich interessieren die Blicke der Leute sonst auch nicht. Du ziehst immer dein Ding durch und bisher hatten wir schon einige ebenso hohe Promis hier, aber jetzt machst du auf einmal einen auf Zurückhaltung? Das passt nicht.“
Sie atmet tief durch und antwortet etwas genervt aber grinsend.
„Das ist das Problem an Männern wie euch, ihr merkt aber auch alles. Als Frau kann man euch nichts vormachen.“
Er schmunzelt. „Richtig. Du hast dich außerdem schon gut zwei Wochen nicht mehr bei uns sehen lassen und dann solche Flausen im Kopf. Du hast wieder jemanden, oder?“
Sie nickt. „Aber als du mit Martin zusammen warst hat es dich auch nicht gestört. Und er stand jedes Mal daneben. Was ist diesmal anders?“
„Es ist noch sehr frisch und…zu intensiv und besonders. Und wenn er schon zusehen muss, dann kann ich den Fokus der Leute auf was anderes lenken, meinst du nicht? Letztendlich geht es doch ums Studio und um die Produkte, nicht um mich als Frau.
Das…das war doch nur früher so.“
Er schaut verdutzt. „Was soll das heißen er ist anwesend? Du hast tatsächlich einen neuen Mann an deiner Seite? Und dieser Mann ist jetzt im Studio?“
„Genau.“
„Dann geh doch an einem anderen Tag ins Studio, wenn er nicht dabei ist, wenn es dich stört.“
„Naja, es passt gerade gut. Es war zwar nicht geplant, aber wir…brauchen noch eine offizielle Kennlernsituation. Etwas für die Medien, aber nichts Ernstes. Nur ein Treffen, dass wir uns überhaupt kennen.“, versucht sie zu erklären.
‚Jetzt verwirrt sie mich total. Was soll das heißen ein offizielles Treffen? Was hat ihre neue Beziehung mit der Presse zu tun?‘
„Du willst vorsichtig sein, weil er wieder etwas älter ist als du?“
Sie sieht ihn skeptisch an.
„Ne. Wie kommst du denn darauf? Er ist sogar ein Jahr jünger als ich.“
Sie drückt auf den Endsperr-Knopf, damit der Lift sich wieder bewegt.
„Ich habe jetzt nicht die Zeit dir alles zu erklären. Bitte konzentriere dich auf die üblichen Werbefotos, mach von mir gleich ein paar mehr für eine ganze Kollektionsausgabe und etwas später für die Wand der Promis. Wir werten die später gemeinsam aus. Dann erkläre ich dir den Rest.“
„Sag mir wenigstens wer der Glückliche ist? Du sagst es ist was Besonderes. Hast du also endlich die Wahre Liebe gefunden?“, klingt er romantisch.
‚Lee, was sind das denn für Töne? Ist dir unsere Freundschaft echt so wichtig, dass du dir darüber so sehr Gedanken machst? Und dass, obwohl ich mich kaum noch bei euch sehen lasse und unsere Freundschaft verblasst ist?‘, ist Tina erstaunt. Dann drückt sie selbst auf den Halteknopf.
„Okay. Es ging alles so schnell…und wir wussten beide nicht wer der andere ist…und dann war es nur noch besonders und im Moment noch etwas kompliziert. Es wird auch immer kompliziert sein, aber das ist uns egal.
Lee, auch wenn es noch nicht lange ist, fühlt es sich an als wäre es für immer…jeder Ärger der kommt, jedes Hindernis was kommt…alles wird es wert sein, solange wir zusammen sein können.
Im Moment müssen wir aber noch zu vieles klären, bevor es die ganze Welt weiß. Bevor alle wissen, dass wir…uns lieben.
Ko…ji…ro und ich.“
‚Tina…ist das dein Ernst? Du und Kojiro Hyuga? Hast du deswegen vorhin so komisch reagiert, als Jacky seine übliche Anspielung gemacht hat? Tat es dir weh?‘
Er lächelt sie an.
„Verstehe. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihr zusammenpasst. Ähnliche Persönlichkeiten.
Und woher weißt du, dass er anders ist als die anderen?“
„Meine Albträume sind weg, meine schlimmen Erinnerungen wie weggeblasen und Charly ist auch aus meinem Kopf verschwunden. Alles ist weg und anders.“, sagt sie kurz.
‚Was meint sie damit? Welche Albträume und Erinnerungen? Und wer bitte ist Charly? Hm. Sie muss mir später mal alles erklären, das verstehe ich ja nun gar nicht.‘
Wenige Minuten später leuchtet eine Lampe im Studio auf. Die Stammkunden wissen schon, eine Werbeaktion folgt und alle sehen gespannt auf die Tür.
Die Handschuhe
Kapitel 35
Die Handschuhe
Martin warnt die beiden Sportler vor. „Es geht los.“ Sie liegen inzwischen jeweils auf einer Hantelbank und sind etwa bei ihrem zehnten Zug. Die Fußballer legen vorsichtig die Gewichte ab und richten sich auf.
Die Tür öffnet sich und alle Blicke sind auf Tina und Andrea gerichtet.
‚Heute sehe ich dich das erste Mal hier arbeiten. Ich hoffe dein Plan geht auf. Ob es wirklich gut ist, dass wir gemeinsam hier auftauchen?‘
Ein lautes Klatschen erhellt den Raum, als die Fans endlich ihren Star betrachten können. Mit einem Volleyball in den Händen betritt Tina in ihrem neuen Outfit das Studio und stellt sich mittig vor ihre Fotowand. Andrea neben ihr.
Tina begrüßt alle zusammen und schaut in die Runde.
„Hallo alle zusammen, entschuldigt, dass ich lange nicht da war. Meine Zeit war einfach zu knapp.“
Tina schaut sich in Ruhe um und betrachtet jeden Kunden kurz von Weitem. Bis auf wenige kann sie alle zuordnen und kennt sie persönlich. Kojiro und Cusavier staunen nicht schlecht wie begeistert sie empfangen wird.
Sie schaut zu Kojiro, lächelt und geht auf die beiden Ehrengäste zu.
‚Kojiro, du siehst wirklich wie immer umwerfend aus. Bleib einfach cool, dann kann gar nichts passieren.‘
Sie bleibt vor den beiden stehen und begrüßt sie freundlich auf Englisch, damit es beide verstehen.
„Herzlich willkommen. Mit so hohem Besuch habe ich jetzt gar nicht gerechnet.
Wenn ich mich vorstellen darf, Fuchs, Bettina Fuchs. Die Presse nennt mich auch „Japans gelbe Tigerin“.“, lächelt sie und verbeugt sich.
Beide begrüßen sie ebenso freundlich und wollen aus Höflichkeit aufstehen.
„Bleiben Sie ruhig sitzen. Ich möchte Ihre wertvolle Zeit nicht stehlen. Machen Sie einfach weiter. Ich komme später zu Ihnen. Sie sind ja in bester Betreuung.“, hält sie dezent ihre Rechte Hand vor und bleibt so ruhig wie es geht.
Danach übernimmt Andrea das Reden und Lee ist fleißig am Fotografieren.
‚Du bist ein echter Profi, Tina. Das läuft ja bisher gut.‘
Andrea fängt an ihr heutiges Outfit zu beschreiben, aus welchem Stoff es besteht, wer die Zielgruppe ist und für welche Sportarten oder Fitnessübungen es ideal ist. Kojiro sieht Tina nach, als sie zum Laufband geht und betrachtet sie genauer. Sie trägt eine sehr kurze schwarze Sporthose, welche jedoch den gesamten Po bedeckt und an den Seiten eine kleine Einkerbung hat. Das Gummibündchen ist etwa fünf Zentimeter breit und in knallgelb mit schwarzer Kordel. Ihr Oberteil ist ein klassisches schwarzes Sport-Top mit gelben Bündchen und zweifingerbreite Träger, welche hinter dem Hals zu einem Träger zusammengehen und ihre Schulterblätter betonen. ‚Wahnsinn, du bist wirklich unglaublich schön und klug Bettina. Das ist also neben deinem Sport deine eigentliche offizielle Arbeit. Werbung für das Studio und die Ernährungspläne.‘
Tina geht nur etwa drei Minuten auf das Laufband und wechselt dann zum Rad und zum Crosstrainer. Heute macht sie eine kurze Runde und konzentriert sich auf das Präsentieren der Bekleidung und die Übungen, die viele Leute auch zu Hause und in ihrer üblichen Freizeit machen könnten. Als sie zur Rudermaschine geht muss sie an den Hantelbänken vorbei und schaut etwas verstohlen zu Kojiro, welcher seinen Blick nicht von ihr wenden kann, aber keine Miene verzieht. Er bleibt cool, ganz nach Plan. Martin ist selbst etwas überrascht, dass Tina sich umgezogen hat und ebenso cool bleibt. Die Rudermaschine mag Tina am liebsten. Es erinnert sie an ihre Heimat. Wenn sie mit dem Ding trainiert stellt sie sich immer vor sie würde damit die Warnow hinauf und herunter fahren. Vorbei an den dem Panorama der Hansestadt und Land und Felder. Aber heute, heute kann sie ihre Gedanken daran nicht so freilassen, denn sie spürt Kojiros Blicke. Sie sind zu aufregend, als dass sie da an Bäume und Weizenfelder denken kann. Es ist ja auch heute nur ein kurzer Ausflug und dann geht sie zu, Kabelzuggerät und zeigt ein paar kleine Übungen für die Bein- und Armmuskulatur. Mit dem Rücken zum Publikum gerichtet erklärt Andrea die Übung und welche Muskeln damit besonders gut beansprucht werden.
Zum ersten Mal fallen Kojiro die vielen dezenten Narben auf Tinas Rücken auf. Er hat sie zwar schon so einige Male wahrgenommen und auch teilweise spüren können, aber hier in dem grellen Licht fallen sie deutlicher auf. Natürlich laufen ihr auch ein paar Schweißperlen über den Rücken, das bestärkt ihre Sichtbarkeit.
Tinas Auftritt verläuft ohne Zwischenfällt und das erste Mal seitdem sich die beiden in einer angespannten Situation befinden, läuft mal alles nach Plan. Als sie das Studio verlässt führen Kojiro und Cusavier ihr eigentliches Training weiter.
Nach der darauffolgenden Autogrammzeit im Loungebereich steht Tina bereits wieder an der Anmeldung.
„Andrea, ich brauche jetzt dringend eine Abkühlung. Darf ich ins Schwimmbad?“
„Klaro, aber das ist heute geschlossen. Du bist dann ganz alleine.“
„Perfekt. Ich will alleine sein.“
„Gut, aber nimm die Notfalluhr mit.“
„Meinetwegen. Ich werde mir schon nicht den Kopf aufschlagen.“
Dann nimmt sie den Schlüssen und das Armband, eilt hoch zu ihrem Spint und fährt mit ihrer Tasche den Lift ins Erdgeschoss.
Im Schwimmbad angekommen zieht sie ihren Badeanzug an, geht kalt duschen, holt ihre Monoflosse, Schnorchel und Brille aus dem Spint und legt sie neben das Becken. Dann springt sie sofort vom Meterturm ins frische Nass und krault die erste Bahn zuerst etwas ruhig, um sich an das Wasser zu gewöhnen.
‚Es war schwerer als ich dachte. Mit dir zu reden und dir in die Augen zu sehen ohne dich berühren zu dürfen…Kojiro…ich glaube ich kann das nicht mehr lange. Als ich dich vorhin so auf der Hantelbank gesehen habe ist mein Herz fast stehengeblieben. Ich musste wegsehen und dich etwas ignorieren, damit es keiner merkt. Die Blicke der anderen waren seltsam. Wenn ich nicht die andere Hälfte der Blicke von den Damen auf mich selbst gelenkt hätte, hätte ich es dann doch kaum ausgehalten. Wird das heute Nachmittag dann auch so ablaufen? Sehen euch Fans beim Spiel oder beim Training zu? Habt ihr Publikum? Wie reagieren die Frauen auf dich? Der Kommentar von Jacky tat mir richtig weh und er ist nur ein Mann, der seine üblichen Gedanken ausspricht. Er stellt nicht mal eine Konkurrenz für mich dar und trotzdem tat es weh.‘
Ihre Gedanken sind durcheinander und traurig zugleich. Zum Glück ist sie im kalten Wasser und kann sich damit gut ablenken indem sie einige Bahnen schwimmt.
Unterdessen verlassen Kojiro und Cusavier das Studio, duschen und ziehen sich um. Wie abgesprochen gehen sie zusammen kurz in den Sportladen und signieren die letzten Bälle. Lee macht noch ein Foto, dass die beiden auch wirklich da waren und druckt es gleich groß aus, um es neben die Bälle zu stellen.
Die Männer kommen ins Gespräch.
Cusavier nimmt sich einen Ball von Tina und geht damit an die Kasse. „Den nehme ich euch ab.“
Jacky ist erstaunt und bedankt sich an der Kasse. „Spielen Sie auch Volleyball?“
Der Franzose schmunzelt. „Nein, der ist für meine Frau als Trost. Sie liegt im Krankenhaus und eigentlich wollte sie morgen mit Tinas Team spielen. Das wird sie sicher aufmuntern und motivieren.“
Kojiro schaut sich nach dem Signieren etwas im Laden um und entdeckt natürlich die große liebevolleingerichtete Volleyballecke. Abgesehen davon sind Sportarten wie Rugby, Handball, Fitness, Kraftsport und Schwimmen im Fokus.
In der Volleyballecke hängt natürlich ein großes Poster von Tina und eins mit ihrer Mannschaft aus Tokio. Er kann sehr gut erkennen, dass auch Yoko dabei ist, welche er ja gestern kennenlernen konnte.
‚Ich dachte es mir schon, dass die beiden zusammen im selben Team sind. Interessant, dass sie sogar in dieselbe Berufsschulklasse gehen.
Überall ist Bettina hier präsent. Sie ist sicher sehr stolz, dass man sie so mag und sie hat dafür sicher sehr viel Blut und Wasser geschwitzt, um das alles zu erreichen.‘
Lee bemerkt Kojiros Interesse an der Ladenausstattung und beobachtet ihn, wie er Tinas Poster betrachtet, auf dem sie glücklich einen Ball in den Händen hält und im Hintergrund ein Volleyballnetz zu sehen ist.
‚Dieses Lächeln. Die Produkte verkaufen sich bestimmt gut, wenn du sie anlächelst. Eine gute Idee mit dem Poster.‘ Ihm entlockt es ebenso ein Lächeln.
Plötzlich hört Kojiro eine freundliche leise Männerstimme neben sich.
„Unsere Tina ist hier überall zu sehen. Ihrem Lächeln kann niemand widerstehen. Oder was meinen Sie?“
„Stimmt.“, antwortet er nur nachdenklich und schaut dann zu ihm herab. Lee ist gerademal so groß wie Tina und fällt mit seinen rotgefärbten kurzen Haaren schon etwas im Laden auf. „Sie ist hier überall?“, hinterfragt Kojiro.
Dann zeigt ihm Lee die anderen Poster und Aufsteller. Zu fast allen Sportarten sind Bilder mit ihr oder Martin zu sehen, wie sie die Produkte bewerben.
Bei einigen Mannschaftssportarten wie Rugby, Basketball oder Handball sind einige der Spieler und mit ihr zusammen abgelichtet. Kojiro muss dabei schmunzeln wie klein sie zwischen den Männern teilweise wirkt. Dabei ist sie doch gar nicht so klein. Er schätzt sie so auf 1,65m.
Als die beiden in der Camping- und Wanderabteilung gelandet sind indem auch die Artikel für Extremsportarten zu finden sind, staunt Kojiro nicht schlecht. Neben dem Zelt und einer Bergsteigerausrüstung hängt ein Poster wie Tina auf einer Felswand steht und daneben ein Foto wie sie herunter ins Wasser springt.
Der Gedanke, sie würde dort runterspringen lässt ihn innerlich etwas Angst verspüren. Sein Blick wird nachdenklich.
‚Das hat Martin gemeint. Davon scheint er gar kein Fan zu sein. Dem stimme ich auch zu. Wieso geht sie dieses Risiko ein? Hat sie auf diese Weise versucht ihre Angst zu besiegen? Indem sie sich anderen Ängsten stellt?‘
„Bettina lässt scheinbar nichts aus.“, bemerkt er nur zum Verkäufer. Lee wundert sich, dass er sie Bettina nennt. Die meisten nennen sie Tina oder Tora. Aber niemand nennt sie bei ihrem bürgerlichen Namen.
„Stimmt, Tina ist ein richtiger Adrenalin-Junkie, kann man so sagen. Aber wir als Freunde machen uns immer Sorgen, wenn sie sowas macht.“, erklärt er betrübt. „Das hat Martin auch erwähnt. Jetzt weiß ich was er meint.“, sagt er zu ihm.
Lee ist erstaunt. Er redet über seinen Chef als wenn er ihn kennen würde und nennt ihn sogar beim Vornamen.
„Wissen Sie wo sie jetzt ist? Ist sie wieder oben trainieren oder weggefahren?“, schaut Kojiro ihn ernst aber freundlich an.
„Ich vermute mal in der Schwimmhalle. Ich bin sie vorhin reingehen gesehen.“, antwortet er.
„Hier gibt es eine Schwimmhalle?“
„Ja, genau neben unserem Lager hier unten. Wenn Sie an der Rolltreppe vorbei gehen ist der Eingang.“
„Oh, ich habe von außen eher eine Turnhalle vermutet, bei dem Gebäudetyp.“
„Das war es auch mal, aber Martin hat alles umbauen lassen und in die Halle ein 25m Becken mit 5 Bahnen bauen lassen.“
„Verstehe, eine gute Idee.“
„Ich kann mir gut vorstellen, dass Tina jetzt dort ist um sich nach der Aktion vorhin auszupowern. Sie ist gerne im Wasser. Als Stille Teilhaberin des Unternehmens hat sie überall freien Zugang, das nutzt sie auch aus.“
‚Wow, Bettina, ich dachte du unterstützt Martin in seiner Arbeit und bekommst deinen Anteil für die Kursgebühren. Stattdessen bist du ein Teil davon und bekommst deinen Anteil der gesamten Gewinne.‘
„Sie sind aber mutig mir sowas firmeninternes zu erzählen.“, wundert sich Kojiro ebenso. Lee grinst. „Das sage ich sonst auch niemanden, aber Ihnen sage ich es, damit Sie wissen, dass Tina neben der Gaststätte auf eigenen Beinen stehen kann, auch wenn ihr Sport nicht mehr ist.“, sieht er ernst zu ihm auf.
Kojiro sieht ihn verwundert an.
„Sie wissen es?“
Lee schaut ernst. „Sie hat es mir vorhin gesagt. Wir sind Freunde.“
Plötzlich klingelt Kojiros Telefon.
„Bitte entschuldigen Sie.“, meint er fix und geht ihm aus dem Weg in eine Ecke.
„Hyuga, Guten Tag.“
„Guten Tag Herr Hyuga. Professor Kobayashi hier. Wir haben für Sie ein paar Termine für die Verteidigung Ihrer Arbeit. Haben Sie einen Moment Zeit?“, ertönt die freundliche Stimme einer vertrauten Person.
„Guten Tag Professor, das klingt doch gut. Sagen Sie mir einfach den nächsten Termin, ich werden kommen. Ich bringe das gerne hinter mich.“
„Wie wäre es spontan heute 16 Uhr? Uns ist ein Prüfling wegen Krankheit ausgefallen. Sie könnten die Lücke schließen.“
‚Wie ungünstig, da ist das Spiel. Was mache ich jetzt? Ich hatte mich schon so gefreut gegen Cusavier anzutreten.‘ Er schaut zu ihm rüber und betrachtet seinen Freund, der gerade mit Jacky ein paar Balltricks übt. Leider ist noch immer nichts los im Laden. ‚Wobei, auspowern kann ich mich heute auch anders und es gibt wichtigeres, ist ja nur ein Trainingsspiel. Soll doch der Neue was dazulernen, so wie Tina sagt, ins kalte Wasser springen.‘
„Ich komme. Sagen Sie dem Prüfkollegium meine Zusage zu.“
„Wunderbar, wir freuen uns schon.“
„Muss ich noch irgendwas mitbringen? Die Kopie der Arbeit oder irgendwelche geplotteten Pläne?“
„Nein, solange Sie alles im Kopf haben ist alles gut. Vielleicht bringen Sie uns noch drei signierte Bälle mit? Das wäre toll. Für die Kinder der anderen drei Prüfer. Aber nur, wenn Sie können und mögen.“, lacht er etwas zurückhaltend.
Kojiro grinst. „Sie haben Glück, ich stehe gerade in einem passenden Geschäft. Okay.“
Der Professor gibt ihm noch die Haus- und Zimmernummer durch und dann legen beide auf.
Lee hat das Gespräch natürlich mitbekommen und ist erstaunt. ‚Das klang nach einer Prüfung. Verstehe, er ist klug und sorgt für später.‘
Kojiro schaut auf seine Uhr. Es ist halb zwei.
‚Was mache ich jetzt mit meiner Zeit bis dahin? Eigentlich wollte ich jetzt nochmal kurz zu Tina gehen. Und dann mit zum Sportplatz. Hm. Mich hetzt ja nun nichts.‘
Dann geht er zu Cusavier. „Die Uni hat endlich angerufen.“, berichtet er in Englisch.
„Das ist ja super, wann musst du hin?“
„Heute noch, 16 Uhr. Bist du mir böse, wenn ich heute nicht dabei bin? Aber ich will das endlich vom Tisch haben.“
Er schaut etwas betrübt, aber dann stuppst er ihn mit der Faust etwas an die Schulter. „Ach was. Wir sehen uns doch sowieso. Ich will mich doch eh nur ablenken.“ Kojiro lächelt kurz. „Gut. Ich sag dann mal ab und du kannst ja in Ruhe hinfahren und dich wie geplant aufwärmen. Pierre und die anderen waren gestern auch schon gut ne Stunde eher da.
Ich gebe dir die Adresse fürs Taxi.“
Dann greift er zum Handy und ruft seinen Trainer an.
„Herr Mikami, hier Hyuga.“
„Nanu? Wo bleibst du denn heute?“
„Mir ist was dazwischengekommen, aber mich hat eben auch die Uni angerufen. Mein Termin ist gleich heute 16 Uhr. Sie müssen also auf mich verzichten.“
„Verstehe, das geht vor. Dann gehe ich doch wieder auf die alte Aufstellung zurück. Genzo und Tsubasa hatten da ne komische Idee und haben mich tatsächlich überredet. Aber wenn du fehlst, schicke ich den Jungen doch nach vorne. Er kennt ja einige aus dem Team der Franzosen. So kann er viel lernen gegen einen Profi wie Cusavier.“
„Genau, immer schön ins kalte Wasser werfen, die Neulinge. Bis morgen dann.“, kann er sich das nicht verkneifen und grinst. Dann legt er auf und geht entschlossen in die Badeabteilung.
‚Hä? Was meint er denn damit? Seit wann macht er komische Bemerkungen? Ins kalte Wasser werfen…hm. Was meint er damit? Hat das was mit Tino…äh Tina zu tun? Hat sie etwas den Tipp mit der Position von Yamamoto gegeben? Immerhin kennt sie ihn ja aus der Schule.‘
Der Trainer ruft über das Spielfeld nach Genzo und Tsubasa. Beide drehen sich verblüfft um und wundern sich, was der Trainer denn nun möchte. Vor allem von beiden.
Sie laufen schnell zu ihm und sind interessiert dabei. „Ja Trainer?“
Einige der anderen sehen ebenso verblüfft.
„Erstens, Kojiro kommt heute nicht. Er hat seine Prüfung abzulegen. Die Uni hat ihn gerade angerufen.“
„Super, dann hat er es endlich hinter sich.“, freut sich Tsubasa.
„Welche Prüfung?“, wundert sich Genzo nur.
‚Er studiert nebenbei? So wie wir? Was mag das für ein Fach sein?‘
Inzwischen ist Fane ebenso zum Trainer gelaufen, um den Männern was zu trinken zu bringen.
„Nächstes Thema. Yamamoto wird nun doch in die Spitze gehen. Eure Idee war ja nett, aber wenn uns Kojiro fehlt geht es nicht auf. Also soll er da vorne gleich schauen wie es läuft. Er geht mit Sawada raus. Quasi als Kojiro-Ersatz. Da hat er was zu tun.“
Dann schaut er Genzo ernst an.
„Und von dir hätte ich mehr Ehrlichkeit erwartet! Zuerst verschweigst du mir jahrelang wo meine Abwehrspieler sind und dann nimmst du auch noch Tipps von dieser Frau an und ziehst Tsubasa damit rein!“
Alle drei sehen ihn verblüfft an.
„Genzo kann nichts dafür, der Tipp kam von mir. Mir hat sie es gesagt, als ich mit Kojiro telefoniert habe, um ihm den neuen Spieltermin zu sagen.“, geht Tsubasa dazwischen und versucht seinen besten Freund zu verteidigen.
Dann sieht ihn der Trainer überrascht an.
„Was hast du damit zu tun? Warum sollte sie dir das sagen?“
„Wir sind befreundet. Deswegen.“, antwortet Tsubasa mit überzeugter Stimme.
„Wieso kennt ihr euch denn? Und du hast auch die ganze Zeit gewusst wer sie ist?“
„Geht es um Tina? Wegen gestern? Daran bin ich schuld. Ich bin doch Lehrling in einer Gaststätte und Tina ist meine Chefin. Ich lerne in ihrem Betrieb. Ihretwegen bin ich wieder nach Japan zurück. Deswegen kennt Tsubasa sie auch.“, versucht Fane die Situation zu entschärfen.
‚Stimmt ja, daran habe ich gar nicht gedacht. Das fällt mir jetzt erst auf. Dass Fane bei ihr arbeitet ist mir gar nicht so bewusst gewesen in der kurzen Zeit. Und Tsubasa ist ja auch schon die ganze Zeit hier und…Moment mal.‘, stellt Genzo plötzlich fest.
„Fane…seit wann geht Kojiro in Tinas Lokal ein und aus?“
Sie wundert sich zwar über die Frage, aber antwortet ehrlich. „Seit letzten Mittwoch, wieso? Ist doch jetzt egal.“
„Dann hast du es deinem Mann sicherlich erzählt?“, hakt er nach. „Natürlich. Mit irgendwen musste ich doch reden.“
Plötzlich blickt Genzo erbost in Tsubasas Richtung. ‚Oha, das war nicht gut. Diesen Blick kenne ich ja gar nicht von ihm.‘, stellt Tsubasa plötzlich fest und kurz darauf spürt er eine heftige Rechte in seinem Gesicht.
„Du weißt das die ganze Zeit und sagst mir nichts? Wir sehen uns hier ständig und du hältst es nicht für nötig mir das zu sagen?“ In Genzo steigt eine gewaltige Wut auf. Noch nie hat er sich so derart hintergangen gefühlt wie jetzt. Seine Enttäuschung seinem besten Freund aus Grundschulzeiten gegenüber, dem er es zu verdanken hat so weit gekommen zu sein. Er war es doch, der ihm als Erster Parole geboten hat und ihn mit seinem Können und freundlichen Wesen bewiesen hat, dass der Sport mehr als Leidenschaft ist, sondern sich auch Freundschaften entwickeln können. Ausgerechnet dieser Freund, dem er alles anvertraut, verschweigt ihm, dass sein Erzrivale mit seiner vertrautesten Freundin zusammen ist.
Entsetzt sieht Fane zu Genzo. ‚Genzo, was sollte das denn?‘
Der Rest der Mannschaft ist ebenso verblüfft, als sie den Schlag hören und Genzos Brüllen vernehmen. Ausgerechnet Tsubasa hat es erwischt? Wenn es tatsächlich mal jemanden treffen würde, stehe nur Kojiro zur Auswahl, aber nein, Genzo schlägt seinem besten Freund.
Tsubasa jedoch nimmt den Schlag mit Fassung und setzt plötzlich einen strengen Blick auf, so als würde er einem Rivalen, der unfair spielt oder seine Freunde beleidigt, seine Meinung geigen. Dann holt er plötzlich selbst aus und verpasst Genzo ebenso einen heftigen Schlag.
Jetzt sind alle mehr als nur verwundert. Tsubasa, holt aus? Ihr sanftmütiger und immer gutgelaunter Mannschaftskapitän holt aus? Das kennen die Männer ja gar nicht. Er ist doch der Mittelpunkt des ganzen Teams. Ohne ihn würden sie doch gar nicht dort stehen? Keiner von ihnen wäre ohne die Rivalität und die Akzeptanz ihres Kapitäns heute hier. Er hat alle angetrieben und einige würden heute noch auf dem Bolzplatz kicken, wenn er nicht gewesen wäre und sie nicht mit seiner freundlichen und heiteren Art zum Trainieren motiviert hätte. Die Mannschaft läuft auf die vier zu.
Noch bevor alle in Hörweite sind geigt Tsubasa Genzo seine Meinung.
„Du kannst dich nicht in alles einmischen! Manche Dinge müssen erst mal laufen und du kannst nicht alles im Leben kontrollieren! Hör auf mit der Vorstellung immer alles unter Kontrolle zu haben!
Du hast einen totalen Kontrollwahn!“
Genzos Puls steigt weiter an und er holt erneut aus.
„Du weißt wohl immer noch nicht wie wichtig sie mir ist! Nicht nur sie, sondern auch ich würde ohne sie nicht mehr sein! Und dann verschweigst du mir so wichtige Neuigkeiten! Mehr verlange ich doch nicht!“, brüllt er ihn an.
Tsubasa wischt sich das Blut vom Mund und blickt ihn lächelnd an. „Natürlich weiß ich das. Sie hat es mir erzählt, was meinst du worüber wir reden? Nur über das Wetter in Barcelona? Aber du redest ja nie über alles. Immer schweigst du Probleme und Gedanken tot, statt alles zu erzählen.“
Fane ist total entsetzt und stellt sich zwischen die beiden, als sie merkt, dass Tsubasa wieder ausholen will. Er blickt sie entsetzt an. ‚Fane…‘ Natürlich legt er seine Hand stattdessen auf ihre Schulter.
„Sorry, tut mir leid. Aber das musste mal raus.“, meint er plötzlich in seiner gewohnten sanften Art.
Inzwischen trudeln die Teammitglieder alle ein und wundern sich nur über die Prügelei.
„Wieso prügeln die sich? Ausgerechnet die beiden?“, ist Ishizaki besonders verwundert und spricht eigentlich nur aus was alle denken. Auch er gehört zu den Freunden, die ohne Tsubasa nur auf dem Platz verloren hätte, so wie es damals am Anfang ihrer Begegnung war, als er Tsubasa vor der Schule abfing und als Ersatzspieler zum Feld mitnahm und dann in sein Team kam.
In dem Moment als ihn die anderen enttäuscht ansehen sieht Genzo plötzlich ein was er für einen Fehler gemacht hat. Niemals hätte er sich je vorstellen können, dass er seinen besten Freund schlägt und er plötzlich mit blutiger Nase vor ihm steht. Mit aufrichtigem Stand steht Tsubasa vor ihm und blickt nur zu Fane herab, um ihn zu ignorieren. Genzo betrachtet ihn entsetzt und sieht wie ihm das Blut aus der Nase und aus dem Mundwinkel tropft. Fane versucht mit einem Stück Stoff die Blutung etwas zu stoppen.
Plötzlich kommen ihm die Erinnerungen an dem Überfall auf seine Freunde wieder hoch. Vor ihm sind die Bilder zu sehen wie Stephan am Boden lag und Blut spuckte. Er konnte nur noch ein „Hilf ihr“ sagen und sackte dann zusammen. Genzo in seiner Wut ging auf die beiden Männer los, die Tina festhielten und schlug sie in die Flucht. Die anderen wurden dadurch verunsichert und nahmen auch ihre Beine in die Hand. Er rann dann zu den Geschwistern, wie Tina weinend am Boden saß und ihren Bruder in den Armen hielt. Er zückte sein Handy, rief den Notruf und setzte sich zu ihnen und versuchte Stephan anzusprechen, aber vergeblich. Diesmal half ihnen kein Erste Hilfekurs, nein, denn wenn er innere Verletzungen hatte, was sollten die beiden denn schon tun außer zu warten?
Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit und dann im Krankenhaus die schlimme Nachricht aus der Notaufnahme. Der Siebzehnjährige hatte zu viele innere Verletzungen. Er, der Keeper, der immer alles im Griff hatte und genau die richtigen Momente abpassen konnte um jeden Ball zu halten. Diesmal konnte er nicht rechtzeitig da sein. Er konnte seinen Freund nicht mehr retten. Nur Tina, ja, ihr konnte er noch helfen und sie von den schmierigen Typen befreien, bevor die ihr was angetan hätten. Auch ihren Anblick kann er nicht vergessen. Wie sie mit dem zerrissenen Shirt ihrem Bruder zur Hilfe eilte. Er zog seines noch aus, bevor die Sanitäter kamen und gab es ihr zum Überziehen. Warum nur? Warum nur sind die beiden alleine los? Nur weil sie sich etwas gezankt hatten? Es ging doch nur um eine lächerliche Coladose. Eine Coladose, die etwas angeknackst in Genzos Rucksack lag und ausgelaufen war, weil Tina und Stephan ihm einen Streich spielten. Eigentlich wie immer, aber er regte sich derart darüber auf, dass alles nass war, dass er sich auf dem Heimweg von ihnen entfernte.
Dann ging er wieder zurück, um sich zu entschuldigen und konnte sie nicht finden. Auf dem Rückweg aber, da kam er an der Gasse vorbei…dort wo er sie entdeckte.
Mit gesenktem Kopf sieht Genzo nun seine Hände an, an seinen Handschuhen sind Bluttropfen zu sehen. „Stephan.“, haucht er plötzlich aus, zieht seine Handschuhe schnell aus und lässt sie auf den Boden fallen.
‚Bin ich auch so? Weiß ich auch nicht wann Schluss ist?‘ Dann nimmt er sein Basecap ab und schaut zu Tsubasa. Alle können sehen wie ihm plötzlich ein paar Tränen kommen.
„Tut mir leid, Tsubasa. Ich habe nicht immer alles unter Kontrolle.
Meinen Kasten halte ich sauber, aber Stephan, ihn konnte ich nicht retten.“
Dann schaut er kurz zu seinem Trainer. „Ken kann mich gerne wieder vertreten. Ich bin heute fertig.“
Er verlässt mit gesenktem Kopf den Platz und geht zu den Waschbecken. Dort kommt ihm Ken entgegen, welcher während des Geschehens auf Toilette war. ‚Nanu? Wie sieht der denn aus? Hat er sich geschlagen? Und dann weint er noch?‘, ist Ken verwirrt und besorgt zugleich.
„Hey, Genzo, was ist los?“, bleibt er vor ihm stehen. Genzo stellt sich aufrecht und sieht nur traurig in sein Gesicht.
„Du bist heute wieder im Kasten. Ich gehe.“
„Was ist denn los?“
„Das verstehst du eh nicht.“
„Mit wem hast du dich geprügelt? Kojiro ist nicht da, also sag.“
„Tsubasa. Es war falsch.“, meint er im verweinten Ton.
Ken ist verwundert, nicht nur weil sein größter Konkurrent im Team weinend vor ihm steht, sondern auch, wieso er sich mit Tsubasa geschlagen hat. Und seinem Gesicht nach zu urteilen hat er sich selbst auch eine eingefangen, da sein Auge anschwillt.
„Du meine Güte, deinen besten Freund? Worum ging es denn?“, blickt er ihm in die Augen.
Genzo fasst Kens Schulter. „Lass, du kennst die Beziehung zwischen uns dreien nicht, zwischen Tsubasa, Tina und mir. Es würde also nichts bringen.“
Ken berührt Genzos Schulter ebenso. „Ich weiß was euch verbindet.“, haut er plötzlich raus.
Genzo ist verblüfft. „Was meinst du? Woher?“
„Sagen wir es mal so…“ Er zeigt auf seine Wange. „…ich bin nun auch Teil von dem was vor deiner Rettungsaktion in Hamburg war.“ Genzo weicht verblüfft zurück und starrt seine Schramme an. „Verstehe ich jetzt nicht.“
„Worüber habt ihr euch gestritten? Und wieso weint ein Baum von Mann wie du hier um?“
Genzo sieht sich um, entdeckt eine Bank und geht zu ihr rüber. Ken folgt ihm. „Was ist mit deiner Schmarre? Was hat die damit zu tun?“, beginnt Genzo.
„Sagen wir es mal so, ein Resultat meiner Dummheit, Tinas Angst Fußballern gegenüber und ihrem Feuerdrachen, wie wir ihn gestern ja erleben durften.“
„Oha, verstehe.“, grinst er plötzlich. „Seltsam, sie erzählt mir sonst immer, wenn sie mal wieder jemanden eine verpasst hat, weil er ihr zu nah kam. Sie ist dann stolz, dass sie sich verteidigen kann.“
„Verstehe, von mir hat sie wohl nicht erzählt.“
„Wenn sie wusste wer du bist, dann sicher nicht, weil wir Kollegen sind. Aber wieso hat sie dann von sich erzählt?“
„Wir sind uns ein zweites Mal begegnet und da hat es sich dann ergeben. Sie sagte dann, sie könne es mir erzählen, weil sie dich in meiner Nähe spürt.“
„Verstehe.“
„Was war nun mit Tsubasa?“, kommt Ken zum Thema zurück.
„Ich habe mich zu sehr darüber aufgeregt, dass er mir nicht gesagt hat, dass Kojiro und Tina, naja zusammen sind. Er hat es doch die ganze Zeit gewusst. Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass er mir, seitdem sie sich kennen, immer erzählt, wenn es was Neues gibt. Und das ist ja wohl schon wichtig.“
„Was ist daran so wichtig? Weil es Kojiro ist? Oder willst du erst einen Lebenslauf von den Männern, die sie datet?“, wundert sich Ken.
„Natürlich nicht. Aber ausgerechnet Kojiro.“, grunzt er etwas.
„Genzo, was denkst du was er privat für ein Mensch ist? Er hat sich schon in der Grundschulzeit für seine Familie aufgeopfert und ist neben der Schule und dem Sport arbeiten gegangen als sein Vater starb. Jeden Tag hat er morgens Zeitung vor der Schule ausgetragen, auch an den Wochenenden. Dann ging er fast täglich früher vom Training los um bis spät abends Kisten mit Flaschen und Lebensmittel zu verteilen. Während der Toho-Zeit, der Elite-Sportschule, nutzte er seine wenige Freizeit ebenso zum Arbeiten in einer Gaststätte, um weiterhin seine Mutter mit den drei kleineren Geschwistern zu entlasten. Du musst wissen, sein Vater hinterließ einen Haufen Schulden, weil er kurz vor seinem Tod eine Werkstatt eröffnete.
Als er dich damals herausforderte…das war nur ein Teil davon, seinen Traum zu verfolgen. Ihm war klar, dass er nie studieren könnte, solange es finanziell so weiter geht. Und seine Geschwister ebenso nicht. Also wollte er ein Stipendium und nahm alles in Kauf, damit er soweit kommt. Denn nur mit dem hatte er die Möglichkeit für einen super Abschluss um später studieren zu können.
Genzo, deswegen ist er so ein guter Stürmer, weil er nach vorne schaut und nicht nur zurück.“
Genzo sieht ihn ganz verwundert an.
„Er hat nebenbei immer gearbeitet? Und trotzdem hat er das alles geschafft?“
„Richtig, jemand aus reichem Hause wie du kann das gar nicht nachvollziehen wie schlecht es seiner Mutter damals ging, alleine mit vier Kindern. Bis heute übernimmt er die Vaterrolle. Ich kann mir gut vorstellen, wenn die beiden sich über solche Dinge wie Familie und Verlust unterhalten haben, dass es beide anziehend finden. Ich kenne Tina nun nicht so gut, aber Kojiro erzählte sie hat eine Gaststätte und hat dafür extra ihr Studium geschmissen und stattdessen eine Lehre begonnen. Du weißt da sicher mehr.
Er hat sich anfangs gefragt wieso sie nach dem Tod ihrer Eltern nicht zurück nach Deutschland ging.“
„Stimmt. Das kann gut möglich sein. Ja, sie ist wegen der Freunde, dem Sport und der Gaststätte geblieben. Da gab es auch echt viel Ärger von der restlichen Familie. Alle wollten natürlich, dass sie wieder heimkommt. Ich stehe mit ihrer Familie im Kontakt, die sind immer noch sauer, aber sie sehen ein, dass sie hier mit dem Sport mehr verdient und erfolgreicher sein kann.“
„Nun erzähl mal, wieso hast du eben geweint? Das war doch nicht, weil es dir leid tat mit Tsubasa.“
Genzo schaut auf seine Hände.
„Ich weiß ja nicht wieweit Tina dir erzählt hat was damals passiert ist.“
„Hm, sie erzählte nur von einem Überfall und dass ihr Bruder es nicht geschafft hat. Kojiro hat mir dann noch erzählt, dass du derjenige warst, der die Täter verjagt hat und sie gerettet hast. Mehr weiß ich nicht.“
Genzo atmet tief durch und wischt sich das Gesicht trocken. „Naja, das stimmt auch soweit. Ich entdeckte sie in dieser Gasse. Ich war zwar rechtzeitig da, um Tina zu schützen, als sie anfingen ihr an die Wäsche zu gehen, aber für Stephan war es zu spät. Er starb an inneren Verletzungen im Krankenhaus.“, erzählt er kurz und knapp und schaut dann nach vorne und starrt auf den Baum ihm gegenüber.
„Als ich eben Tsubasa gesehen habe, wie er im Gesicht blutet kamen mir die Bilder wieder hoch, wie mein Freund am Boden lag und Blut spuckte.
In dem Moment hatte ich das Gefühl auch nicht besser zu sein als diese Dreckskerle. Ich habe mich so in meine Wut reingesteigert, dass ich ihn noch ein zweites Mal eine verpasst habe. Wer weiß was passiert wäre, wenn Fane nicht dazwischen gegangen wäre.“, berichtet er betrübt.
Plötzlich verpasst Ken ihm einen Schlag auf den Hinterkopf.
„Idiot! Du kannst dich doch nicht mit solchen Mördern vergleichen.“
Genzo sieht ihn verblüfft an.
„Genzo, so lange wie ich dich schon kenne, weiß ich definitiv, dass du kein schlechter Kerl bist. Du musst dich nur mal etwas mehr unter Kontrolle haben mit deinem Jähzorn!
Was hältst du davon, wenn du dich jetzt bei Tsubasa entschuldigst und dann gehen wir beide Hinata im Krankenhaus besuchen. Du hast ihr immerhin gestern das Leben gerettet und warst doch noch mit Tina bei ihr. Heute Morgen hast du noch ganz stolz berichtet wie es ihr geht und du sie heute eh noch besuchen wolltest.
Das sind die Momente, die du sehen musst.
Man kann nicht alles kontrollieren, aber das was man kontrollieren kann, das muss man festhalten.
Damals konnte niemand helfen, ihr konntet doch beide nur auf die Ärzte warten. Aber gestern, da wart ihr ein eingespieltes Team, du und Tina. Ihr wusstet genau was zu tun ist und sie hat DIR, niemand anderem, das Leben ihrer Klassenkameradin anvertraut. Darauf kannst du doch stolz sein.
Genau diese Momente musst du festhalten.“
Der stolze Keeper lehnt sich zurück und atmet auf.
„Du hast Recht. Das hast du gemeint mit „nach vorne sehen“.“
Dann schaut er zu Ken.
„Kommt Kojiro deswegen mit seinem Jähzorn klar, weil er mit dir über sowas reden kann?“
Ken schaut ernst. „Kojiro ist überhaupt nicht jähzornig. Das wirkt nur so nach außen. Er ist unwahrscheinlich ehrgeizig und wahnsinnig stolz. Und wenn mal was nicht nach seinem Plan läuft, der ihn an sein nächstes Ziel bringen soll, dann macht ihn das zu schaffen. Deswegen lässt er sich von dir so schnell provozieren. Das hat ja die letzten Jahre gut nachgelassen, auch weil ihr euch so selten seht, aber jetzt müsst ihr ja sowieso irgendwie privat miteinander klarkommen, ob ihr wollt oder nicht.
Beruflich seid ihr euch extrem ähnlich und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Das sieht man bei jedem Spiel.“
„Verstehe. Er würde vermutlich nicht hier rumsitzen und heulen.“, grinst Genzo plötzlich vor sich hin.
„Hm. Das denkst du. Aber er redet dann darüber, steht auf, regelt das Problem und macht weiter. Das solltest du auch mal versuchen.
Ich glaube diese Situation eben mit Tsubasa…die wäre nicht passiert, hättest du jemanden gehabt, dem du das mal erzählt hättest, dass es dich noch nach so vielen Jahren so belastet. Hast du denn niemanden zum Reden? Ich dachte immer du telefonierst viel mit Tsubasa, redet ihr nur über den Sport?“
„Echt? Er kann auch weinen?“ Genzo schaut nachdenklich zu den Waschbecken. Ihm fällt die Situation wieder ein, wo er vermutet hat, dass Kojiro sich dort verletzt hat. Er dachte es sei ein Wutanfall gewesen.
Ken bemerkt seinen Blick dorthin und geht auf Genzo ein.
„Denkst du gerade über die Kacheln nach?“
„Ja, was war an dem Tag? Was hat ihn so aufgeregt?“
„Den Abend zuvor hat ihm Tina von dem Überfall erzählt.
Du musst wissen, anfangs wussten beide nicht wer der andere ist. Er wollte erst wissen wieso sie keine Fußballer mag und dann hat er ihr gesagt wer er ist.
Du kannst dir vorstellen wie sehr ihn das belastet. Das hat ihn natürlich sehr aufgeregt. Kojiro hat immerhin selbst drei Geschwister“
„So ähnlich hat es mir Tina auch erzählt.“
Die Schwimmhalle
36.Kapitel
Die Schwimmhalle
Etwa eine viertel Stunde zuvor am Eingangsbereich einer kleinen Schwimmhalle steht ein junger Japaner und weiß nun woher seine Auserwählte ihre Beweglichkeit hat, als sie das Übungsspielchen mit dem Stein-Schere-Papier vorführte. Völlig baff beobachtet er wie Tinas Körper sich in unvorstellbarer Geschwindigkeit wie ein Delfin durch das Wasser bewegt, abtaucht, sich wieder dreht, abstößt und wieder durch das Wasser gleitet. Am Kopf ein Spezieller Schnorchel mit Taucherbrille und an den Füßen eine große Monoflosse. ‚Wahnsinn. Das ist ja ein Tempo. Das haben die beiden gemeint mit Auspowern. Lange hält man das nicht durch.‘
Er geht entschlossen zum Beckenrand und schaut ihr zu.
Nach der dritten Bahn kommt sie wieder zum Startblock zurück und taucht auf, nimmt Schnorchel und Brille ab, legt diese an den Beckenrand und konzentriert sich auf ihre starke Atmung. Ihr Blick ist starr ans Ende der Bahn gerichtet. Ihre Gedanken sind leer, denn sie muss sich auf die Atmung konzentrieren, um langsam wieder zur Ruhe zu kommen. Aber genau das ist es, was sie wollte, ihren Kopf frei machen von Zweifel, Sorgen und Sehnsucht. Zweifel, ob sie tatsächlich später noch zu dem Spiel gehen soll oder nicht. Kann sie das nervlich wirklich, nachdem sie eben bemerkt hat wie die Frauen Kojiro ansehen? Sorgen um ihre Volleyballkollegin in Italien, welche noch immer im Koma liegt. Hoffentlich wacht sie wieder auf. Frei von der Sehnsucht genau in diesen Momenten in Kojiros starken Armen liegen zu wollen, um alles um sich herum zu vergessen. Genau aus diesem Grunde wollte sie ins Schwimmbad. Immer wenn es sich ergibt und sie Sorgen hat kommt sie hier her, schwimmt ein paar Runden zum Warmwerden und taucht dann mit der großen Flosse ab ins Wasser und zischt wie im Rausch durch das nasse Element, das Naturelement mit dem sie am meisten verbindet. Schon als Kind war sie täglich am Strand und ging auch bei kalten Temperaturen baden. Immer nach dem Fußballspielen mit ihrem Bruder sprangen die beiden gleich ins Wasser und kühlten sich ab. Das war es damals, was sie in Hamburg am meisten vermisste und in den Ferien genoss, wenn sie wieder in ihre geliebte Ostsee springen konnte.
Plötzlich bemerkt sie Kojiros Anwesenheit und schaut zur rechten Seite zu ihm auf.
‚Kojiro? Wieso ist er hier? Wie ist er hier reingekommen? Ich habe doch abgeschlossen.‘, schaut sie verwundert.
Er hockt sich hin und sieht sie lächelnd und stolz an.
‚Wie wunderschön sie wieder ist. Egal was sie tut, ich kann meinen Blick gar nicht von ihr lassen. Mein Herz fängt schon wieder an schneller zu schlagen, nur bei ihrem Anblick. Diese Augen lassen mich alles vergessen. Dieses schwere Atmen erinnert mich an unsere intensiven Momente, wenn wir zusammen sind und alles um uns herum vergessen ist.‘
„Jetzt weiß ich woher du deine Ausdauer und Beweglichkeit hast.“, schmunzelt er.
Da sie noch immer keinen Ton sagen kann gibt sie ihm Handzeichen. Tina versucht etwas zu lächeln und legt die Handfläche auf ihre Lippen, dann richtet sie ihm diese mit der Handfläche nach oben als würde sie ihm einen Kuss zu pusten. Er lächelt.
„Das war phantastisch. Du bist unwahrscheinlich schnell.“
Sie rollt mit den Augen und wackelt mit der Handfläche in der Waagerechten hin und her, so als würde sie sagen wollen, es geht so. Dann zerrt sie sich die Flosse vorsichtig von den Füßen, legt sie nach oben neben das Becken und schaut auf ihre Uhr, welche sie beim Start und Ziel gedrückt hatte.
„Ich hatte einen Anruf. Ich wollte es dir unter anderem gleich mitteilen.
Die Universität hat angerufen. Ich kann noch heute hin und dann habe ich heute Abend schon meinen Abschluss in der Tasche.“, berichtet er ganz begeistert.
‚Heute? Kojiro, wie schön, das freut mich sehr. Und was ist mit dem Spiel?‘, freut sie sich und wundert sich gleichzeitig.
Sie deutet auf ihre Uhr und sieht ihn fragend an. „Um 16 Uhr ist die Verteidigung.“
Dann versucht sie endlich ihren ersten Satz zu sprechen. Es klingt wie im Rhythmus. „Und…was…ist…mit…dem…Spiel?“, kommt in Atemzügen aus ihrem Mund.
„Das habe ich abgesagt. Ich wollte das hinter mir haben. Wer weiß wann der nächste Termin gewesen wäre.“
„Ar…mer…Cusa…vier.“, grinst sie. ‚Dann hat sich das für heute also erledigt. Wenn Kojiro nicht da ist, kann ich ihn ja nicht spielen sehen.‘
„Wann musst du zu deinen neuen Kunden?“
Tina grinst erneut. „Die haben…soeben…abgesagt.“, kommen langsam wieder ganze Sätze aus ihr heraus.
Plötzlich klingelt Kojiros Handy. „Moment.“ Er steht auf, holt es aus der Tasche und geht ran. Cusaviers Nummer ist zu sehen.
„Cusavier? Bist du am Trainingsplatz angekommen?“, entgegnet er ihm.
„Ich bin noch unterwegs. Martina hat sich bei mir gemeldet. Ludovica ist jetzt auch aufgewacht und ich konnte mit Viola telefonieren. Martina hat versucht Bettina zu erreichen, aber sie geht wohl immer noch nicht ran. Kannst du ihr bei Gelegenheit die guten Nachrichten überbringen?“
„Das werde ich. Da wird sie sich sicher sehr freuen. Moment.“
Kojiro schaut zu Tina herunter. „Viola hat mit Cusavier telefoniert und Ludovica ist aufgewacht.“
„Das ist ja…phantastisch!“, sieht sie ihn glücklich an.
„Danke, euch viel Erfolg beim Spiel, sorry nochmal, dass ich nicht dabei bin.“, entgegnet er seinem französischen Freund, legt dann auf und packt das Handy wieder in die Tasche.
Tina schaut derweil auf ihre Uhr und stellt fest, dass es dreiviertel zwei ist. ‚Dann haben wir ja noch etwas Zeit. Jedoch, wie weit hat er es zur Uni?‘
„Wie lange…brauchst du zur Uni?“, fragt sie neugierig.
„Von hier aus nicht mal eine viertel Stunde. Sie ist quasi gleich um die Ecke. Ich müsste nur noch schnell zu dir und mich umziehen.“
Tina lächelt, schaut zu seinen Füßen und stellt fest, dass er bereits barfuß ist. Natürlich geht er nicht in Schuhen oder mit Socken in ein Schwimmbad. Sie schwimmt die zwei kleinen Züge zu ihm an den Beckenrand und blickt direkt zu ihm auf.
„Hast du eigentlich immer Wechselsachen in deiner Tasche?“, fragt sie unerwartet. Kojiro blickt verwundert.
„Natürlich, man weiß ja nie. Wieso?“
„Du hast sicher wieder abgeschlossen damit keine Kunden kommen können?“, erkundigt sie sich mit ernstem Ton.
„Natürlich, alle zwei Türen.“
Dann lächelt sie, blickt verliebt zu ihm auf und deutet an ihn küssen zu wollen. Er geht dichter an sie heran, hockt sich direkt an den Rand des Beckens, grinst und fängt genau in dem Moment ihren Arm ab und hält sie ganz fest, als sie nach seinem Hemd greifen will. „Habe ich es doch geahnt, was du im Schilde führst.“
Verblüfft schaut sie ihn an. „Mist. Ich wollte dich auch mal…überrumpeln.“, lächelt sie.
„Und du hast gedacht, ich bemerke das nicht, wenn du solche Fragen stellst?“
Er lässt ihre Hand wieder los. „Hätte ja klappen können.“, grinst sie.
Kojiro steht auf und lächelt sie an.
„Ich gehe mich umziehen und dann können wir ja um die Wette schwimmen?“
„Du hast ne Badehose mit?“, ist sie erstaunt. Er deutet mit dem Daumen über seine Schulter hinweg auf die Wand hinter sich und grinst. „Nebenan ist so ein netter Laden.“
„Du bist also jetzt mein Kunde?“, lacht sie.
„Sozusagen. Bis gleich.“ Er entfernt sich und geht zur Umkleide, duscht und zieht seine neue Badehose an.
Als er wieder zum Schwimmbecken zurück kommt ist Tina zuerst nicht zu sehen. Dann schaut er sich um und entdeckt sie an einer Bank wo ihre Tasche steht. Sie hat ihr Handy in der Hand.
Ihr Badeanzug ist schwarz mit einem blauen Querstreifen um die Hüfte und die Träger sehen stabil aus, aber bieten trotzdem viel Sicht auf ihren schönen Rücken. Erneut fallen ihm die schmalen Narben und kleinen rundlichen Abdrücke auf ihrer Haut auf. Sie erstrecken sich unregelmäßig bis zu den Oberarmen. Mal hier eine und mal dort zwei oder drei. Es sind eventuell so an die zwanzig Merkmale, die ihm Fragen aufwerfen. Wo kommen die her? Was haben sie zu bedeuten? Welchen Teil ihrer Vergangenheit hat sie bei ihrer Erzählung ausgelassen?
Nachdenklich geht er auf sie zu und berührt ihre Schultern. Sie zuckt plötzlich etwas zusammen und dann berührt sie aber nur seine linke Hand, weil sie noch das Handy in der anderen hält.
„Du hast versucht mich vorzuwarnen. Ich Dummkopf hatte den Ton heute Morgen vergessen anzumachen.“, meint sie plötzlich.
„Ist doch nicht schlimm. Hat ja trotzdem irgendwie geklappt.“, spricht er leise.
„Martina hat auch versucht mich zu erreichen. Deswegen hat Cusavier dich wohl angerufen.“
„Stimmt.“, meint er nur und fängt an zärtlich über ihren nassen Rücken zu streichen. „Bettina…du bist so …schön. Ich kann mich gar nicht sattsehen.“ Sie legt das Handy aus der Hand und fasst auch seine andere Hand. Etwas betrübt antwortet sie darauf. „Du lügst. Ich wüsste nicht was an meinem Rücken so schön sein soll.“
„Ich lüge nicht. Glaube mal nicht, dass ich keine Narben vom Training habe.“, meint er gefühlvoll und legt seine Hand direkt über ihre Schulterblätter.
„Die sind nicht alle vom Training.“ ‚Ach Kojiro, du hast ja keine Ahnung wie schwer es war als ich hier angekommen bin.‘
„Einige wenige habe ich tatsächlich aus Hamburg, als Keeper. So ein Pfosten kann echt scharfkantig sein. Kannst Ken ja mal fragen. Und die Kreise…“, unterbricht sie und dreht sich zu ihm um, fasst seinen nassen warmen Oberkörper und sieht ihm in die Augen. „…sind vom weiblichen Empfangskomitee der Musashischule. Die anderen habe ich einigen Jungs aus einer ach so guten privaten Elitesportschule zu verdanken. Meine Freundin Yako, damals unsere Mannschaftskapitänin, haben sie ebenso einschüchtern wollen.“ Kojiro schaut verdutzt.
„Eine private Elitesportschule? Welche meinst du?“
„Die kennst du bestimmt, sie sollen damals auch ein sehr gutes Fußballteam gehabt haben, sagte Jun. Du hast sicher gegen sie gespielt. Wie hieß sie nochmal…irgendwas mit T…“, überlegt sie kurz.
„Toho?“, ist er skeptisch und wüsste jedoch auch nicht welche sie sonst meinen könnte. Die Toho-Schule war und ist noch immer die beste japanische Sportstätte für viele Sportarten. Damals, als er seine erste Nationalmeisterschaft gegen Tsubasa spielte und knapp verlor, wurde er trotzdem von dieser Schule angeworben und bekam ein Stipendium. Für ihn ging ein Traum in Erfüllung. Endlich, zum Ende seiner sechsjährigen Grundschulzeit hatte man sein Talent entdeckt und ausgerechnet die teuerste und beste Eliteschule warb ihn an.
Es war immer sein Wunsch dem Erfolg im Sport näher zu kommen und die Möglichkeit zu haben einen guten Schulabschluss zu erlangen. Deswegen hat er so hart trainiert und gearbeitet.
Und nun sagt ihm die Frau, die er liebt, dass es dort Jungs gab, die ihr wehgetan haben? Wie kann das sein? Was meint sie denn mit Einschüchtern?
Sie lächelt plötzlich und ihre Hand wandert zu seinem Rücken hoch und berührt streichelnd seine Schulterblätter.
„Mach dir darüber jetzt keine Gedanken. Das ist lange her und ich bin kein Typ, der sich einschüchtern lässt. Im Gegenteil, es stachelt mich noch mehr an. Am Ende habe ich es ihnen zu verdanken, dass es die Drachenfaust gibt.“
Kojiro berührt ihre Taille und sieht sie trotzdem besorgt an.
‚Was war denn da nur los? Ich wusste ja, dass einige Leute unter derartigem Leistungsdruck standen, dass sie sich selbst verletzten, nur um wieder an eine normale Schule gehen zu können, weil sie es sportlich und schulisch nicht schafften. Aber dass man andere Sportler verletzt hat und versucht hat sie einzuschüchtern, das ist mir neu. Mir ist nur zu Ohren gekommen, dass es mal einige Jungs erwischt hat, die zeitgleich die Schule verlassen haben. Ich weiß nicht mal mehr wieso. Es wurde nicht darüber geredet. Man sagte sich nur, sie haben sich angeblich unsportlich verhalten. Ob es diese Jungs waren?
Wenn ich Frau Matzumoto sehe muss ich sie mal fragen was da los war. Sie hat ja nicht grundlos als Sekretärin und Talentscout die Schule verlassen und ist meine Managerin geworden. Ihr haben so einige Dinge an der Schule nicht gefallen.‘
Natürlich ist ihm später an der Schule aufgefallen, dass der Leistungsdruck enorm gewesen ist und einige seiner Mitschüler diesem Druck nicht gewachsen waren. So wie dem Mitschüler, der sich mit dem Bleistift selbst verletzte. Er war Tennisspieler und seine Sportkarriere war dann mit siebzehn Jahren beendet. Der Druck von Schule, sportliche Leistung und Elternhaus war zu groß für ihn.
Kojiro hatte zum Glück keine Probleme in der Schule und konnte dem Unterricht folgen, hatte nur die besten Noten, aber die Art und Weise wie sein neuer Trainer die Spiele aufbaute und von ihm Zurückhaltung verlangte, statt offensiv zu spielen, damit kam er überhaupt nicht klar. Kojiro hatte bis dahin immer nur nach vorne gespielt und ist niemals zurückgewichen, wenn es brenzlich wurde. Jedoch nahm er das hin, nicht offensiv und mit Druck nach vorne zu spielen, damit er an der Schule bleiben und seinen Abschluss machen konnte. Er schraubte seinen Stolz und seinen sportlichen Ehrgeiz zurück, nur für den Schulabschluss. Erst im dritten Jahr, am Ende der Mittelschulzeit setzte er sich gegen seinen altmodischen Trainer durch und bewies ihm, dass man nur so gegen starke Mannschaften wie die von Tsubasa antreten kann. Endlich hat er es geschafft ihn zu überzeugen und von da an wurde ihre Mannschaft deutlich erfolgreicher.
„Kojiro…lass uns einfach…an was anderes denken.
Du hast heute deine Prüfung? Das ist doch eine ganz tolle Nachricht. Ich freue mich so für dich.“
Er lächelt sie an und antwortet.
„Du hast Recht, tut mir leid.“, dann küsst er sie etwas unerwartet und drückt ihren Körper an seinen, um sie spüren zu können.
Beide genießen den Moment und Tinas Herz fängt an wieder schneller zu schlagen.
‚Ach Kojiro, du machst dir immer viel zu viele Gedanken um mich. Dass dir die Narben aufgefallen sind, war mir schon lange klar, aber dass du mich nie darauf angesprochen hast, da war ich froh. Jetzt ist es dir sicher wieder aufgefallen und du warst zu neugierig. Aber ich kann dich beruhigen. Alles gehörte zu meinem Weg das zu werden was ich heute bin. Auch wenn es nicht die schönsten Erinnerungen sind haben sie mich nur stark gemacht. Sie erfüllen mich am Ende mit Stolz. Die Art wie ich damit umgegangen bin hat meine Mädels zusammengeschweißt und dafür gesorgt, dass sie mir vertrauen. Sie wussten plötzlich, dass ich für sie durchs Feuer gehen würde.‘
Wie war es denn damals? Damals als sie neu ins Team kam musste sie viel neues lernen. Es gab viel Missgunst von einigen Mädels, die sich nicht vorstellen konnten, dass eine Deutsche in der Lage wäre so schnell die Sprache zu lernen und in der Schule mitzuhalten. Womöglich wolle sie ihnen auch noch vorschreiben wie schnell sie zu laufen haben, wenn sie selbst nicht einmal die einfachsten Techniken beherrscht. Ein Mädchen, welches nur freizeitlich Volleyball gespielt hat habe in ihrem Profiteam nichts zu suchen. Doch der Trainer gab ihr eine Chance sich zu beweisen, weil er ihre Fitness bewunderte. Diese Ausdauer hatten seine Mädels alle nicht. Tina geriet ständig mit der Kapitänin in Streit und es kam nicht nur einmal vor, dass Yako sie angriff, jedoch ließ sich Tina das nicht gefallen und setzte sich zur Wehr.
Doch eines Tages bemerkte sie, dass Yako von Schülern einer anderen Schule bedroht wurde. Sie fand trotz Sprachbarrieren einen Weg das Problem zu lösen und verdiente sich damit ihren Respekt im Team und später auch in der Schule. Von da an musste sie sich keine rassistischen Bemerkungen oder Anfeindungen mehr gefallen lassen. Sie hatte ihren Platz in der Schule gefunden und konnte sich auf die neuen Aufgaben konzentrieren. Ihre Aufgaben waren es die Sprache zu lernen, in der Schule mitzukommen und sich in der neuen Sportart einzuarbeiten.
Sie genießt seine Wärme und Zärtlichkeit während sie sich küssen. Ihre Hände sind noch immer an seinen Schulterblättern und drückt ihn ebenso fest an sich. Wie sehr hat sie es sich herbeigesehnt ihn berühren und spüren zu können, als sie ihn im Studio vorhin beobachten konnte wie er seine Gewichte stemmte? Noch nie hat es sie imponiert oder sie hat etwas dabei empfunden, wenn sie einem Mann dabei zugesehen hat. Sie ist den Anblick doch gewohnt und empfindet in der Regel überhaupt nichts Anziehendes daran, wenn ihre durchtrainierte Kundschaft an den Geräten ist. Deswegen hat sie sich zuvor auch gar keinen Kopf darüber gemacht, dass es sie stören könnte Kojiro im Studio zu sehen und ihn etwas zu ignorieren. Doch dem ist nicht so. Bei ihm konnte sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren.
Der verstohlene Blick, als sie an ihm vorbei zur Rudermaschine gegangen ist, war eigentlich nicht Teil des Plans; er war echt. Ihr Herz sprang gefühlt bis an die Decke und sie musste stark bleiben und ihre Arbeit machen. Zum Glück hatte sie damals jahrelang gelernt ihre Gefühle zu unterdrücken und eine eigene Technik dafür entwickelt, sonst hätte sie es nicht durchgestanden. Damals in Hamburg überspielte sie ihre wahren Gefühle mit Spaß und Fröhlichkeit, sowie mit den Schmerzen, die sie beim Training verspürte. Und heute stellte sie sich im Gedanken vor, sie würde mit Yoko ihre Aufwärmübung machen, denn wehe sie würde einen Fehler machen, dann könnten sie sich verletzen.
Am schlimmsten war es als sie sich gegenüberstanden, um die VIP-Tradition für ihre Spendenaktion durchzuführen. Sie mussten die jeweiligen Bälle signieren mit Datum und allen VIP-Autogrammen im Raum. Heute waren es die zwei Fußballstars und Tina. Jeder hielt den Ball des anderen in den Händen und signierte. Tinas Herz war doppelt angespannt, da sie nicht nur Kojiro gegenüberstand, sondern auch einen Fußball in den Händen hielt. Das letzte Mal als sie einen Fußball signierte ist über 7 Jahre her. Sie musste sich in dem Moment bemühen darauf Bettina und nicht Tino zu schreiben.
Dieser jetzige Moment indem Tina seine Wärme spüren kann erfüllt sie mit Glück und sie genießt es so sehr, dass ihr einige Tränen entweichen, als ihr bewusst wird, dass dieser Mann sie tatsächlich liebt und nicht mehr von ihrer Seite weichen wird. Noch nie hat sie sich wirklich richtig geborgen gefühlt und das Gefühl verspürt so zu sein wie sie sein will. Sie möchte doch nicht immer nur die Starke sein, nein, auch sie möchte von jemanden festgehalten werden und sich einfach hingeben können. Das konnte sie bisher nie, weder bei Martin, noch bei ihrer ersten Liebe, nein, immer hat sie sich gedanklich an irgendetwas festgehalten und jetzt bei Kojiro kann sie alles loslassen.
Kojiro kann ihren starken Herzschlag spüren und öffnet neugierig die Augen, um sie zu sehen. Dabei bemerkt er ihre feuchten Wangen. Seine linke Hand lässt ihren Körper los und berührt ihr Gesicht und wischt die Träne weg. Sie zuckt plötzlich etwas zusammen, unterbricht den Kuss und sieht ihm sehnsüchtig in die Augen. „Ich kann das nicht mehr. Kojiro…ich kann dich nicht mehr lange…ignorieren. Ich dachte heute, ich kann das nochmal, so wie gestern, aber mir tat es so sehr weh, dass ich dir nicht richtig in die Augen sehen durfte oder mit dir normal reden konnte.
Und die Blicke von den anderen…Kojiro…ich dachte ich kann das, aber ich kann das nicht mehr lange. Ich musste mich so sehr darauf konzentrieren, dass ich meinen Job kaum ausüben konnte. Ich bin extrem geübt mich auf bestimmte Dinge zu konzentrieren, dass ich keine Fehler mache, aber eben…da musste ich wirklich meinen letzten Trumpf ausspielen. Das zeigt mir, wie groß meine Gefühle zu dir sind. Ich kann das einfach nicht mehr lange aushalten.“, beichtet sie ihm frei raus und erneut entweichen ihr ein paar Tränen, denn ihre Gefühle zu ihm sind einfach zu groß, als dass sie diese zurückhalten will.
‚Bettina, Liebes, sind deine Empfindungen so groß? Du warst doch sehr professionell, man konnte dir nichts anmerken. Alles lief wie ihr es geplant hattet. Was ging denn schief?
Ja, ich musste mich auch sehr zusammenreißen. Niemand hätte vorhin seinen Blick von dir weichen können und auch mir taten die Blicke der anderen Männer weh, aber was sollten wir denn machen?‘
„Lass uns heute Abend in aller Ruhe darüber reden, okay? Ich will auch keine Versteckspiele mehr spielen. Ich liebe dich und mir ist egal was andere darüber denken. Du wolltest vorher einiges klären. Das verstehe ich auch.
Du sagst, du kannst dich gut konzentrieren? Wie machst du das? Und was ist dein letzter Trumpf?“
Sie lächelt ihn an. „Ich stelle mir vor etwas sehr Wichtiges zu machen, wo ich keine Fehler machen darf. Als ich vorhin im Studio war stellte ich mir vor mit Yoko meine Aufwärmübung zu machen. Ein kleiner Fehler und wir würden uns schwer verletzen.
Aber als ich dich dann später beobachtet habe wie du auf der Hantelbank trainierst und ich musste erneut an dir vorbei gehen, da kamen mir die Erinnerungen an unsere zärtlichen gemeinsamen Momente und ich hätte dir gerne anders zugesehen als ich durfte. Da musste ich mir vorstellen, dass ich auf einer Klippe stehe, unter mir ein tiefer Abgrund bis zum Wasser. Du musst wissen, als meine Eltern starben begann ich mit Extremsportarten. Wenn ich beim Springen nur den kleinsten Fehler mache…dann ist es vorbei, vorbei mit allem. Genau an diesem Augenblick denke ich beim Training mit Yoko und genau daran musste ich vorhin auch denken, sonst hätte ich es nicht geschafft. Das ist mein Trumpf.“
„Du musst an solche Momente denken, nur um keinen Fehler zu machen?“, ist er erstaunt. Dann fasst er mit beiden Händen ihren Kopf und versucht sie abzulenken.
„Ich hoffe ich habe da noch eine Chance beim Wettschwimmen, bei deinem Tempo?“
Dann küsst er sich erneut.
Wenige Minuten später stehen beide auf den Startblöcken und springen gekonnt kopfüber ins Wasser, schwimmen einige Bahnen um sich aufzuwärmen und verlassen das Becken wieder.
Nun stehen sie erneut auf den Blöcken. Ihnen gegenüber hängt eine Uhr an der Wand, welche jede Sekunde anzeigt und im Minutentackt eine Runde mit dem Zeiger macht. Langsam ist der Zeiger wieder oben auf der 0 und beide bereiten sich vor.
Genau bei 0 springen beide ins Wasser und kraulen vier Bahnen, um ihre einhundert Meter zu machen.
Es ist ein Kopf an Kopf Wettkampf. Tina ist nebenbei erstaunt wie schnell er ist. Sie wusste gar nicht, dass er wahrhaftig mit ihr mithalten könne und freut sich innerlich riesig darüber, dass sie eine gemeinsame Sportart zu haben scheinen.
In der letzten Bahn geben beide nochmal alles. Den Start erreicht zuerst Kojiro und knappe drei Sekunden darauf kommt Tina an. Beide sehen sich begeistert und außer Atem an. Sie bewegen sich aufeinander zu, zwischen ihnen ist nur noch der rot-weiße Bahnentrenner und sie sehen sich glücklich in die Augen.
„Ko…ji…ro, du hast…mich…besiegt.“, strahlt Tina über beide Ohren. Noch nie hat sie jemand besiegt, seitdem sie in Japan ist.
„Ich habe…gute…Partner…beim…Schwimmen. Aber du…bist echt…schnell.“
„Wahnsinn. Du hast…mich richtig…auflaufen lassen. Wie…gemein.“, schaut sie verliebt.
Er grinst, taucht unter dem Bahnentrenner durch und berührt ihre Arme.
„Nun haben wir etwas gemeinsam. Ich kann das mit den Flossen zwar nicht, aber Wasser ist mein Element. Ich habe es schon von Kindesalter an geliebt in die Wellen zu springen. Ich habe wie du auch am Strand trainiert.“, berichtet er erleichtert. Er ist froh, dass er endlich noch etwas an ihr entdeckt hat was er mit ihr teilen kann und womit sie gemeinsam Spaß haben können; der Strand und das Meer. Begeistert nutzt Tina das nasse Element aus und umklammert Kojiro mit den Beinen und hält sich an seiner Schulter fest. Sie lächelt ihn glücklich an. Ihr Herz schlägt ganz doll.
„Kojiro. Ich…liebe…dich…so sehr, dass…ich dich…nicht mehr…loslassen kann. Ich…habe vor dir…noch nie das Gefühl gehabt…zu leben.“ Dann küsst sie ihn leidenschaftlich.
Auch sein Herz schlägt höher und er genießt ihre Zärtlichkeit und Wärme. Es erscheint beiden wie ein unendlicher Moment.
‚Ich liebe dich doch auch. Ich kann doch auch nicht mehr ohne dich sein. Jeder Moment mit dir ist so besonders und intensiv. Auch wenn wir länger zusammen sind glaube ich nicht, dass es nachlassen würde. Das was wir haben fühlt sich nicht an als dass es irgendwann nachlassen würde. Meine Gefühle für dich sind einfach viel zu groß.‘ Seine starken Hände umfassen ihren warmen Körper und eine Hand fasst ihren Kopf bestimmend und greift in ihre weichen nassen Haare. Der schwerelosähnliche Zustand im Wasser lässt beide Raum und Zeit vergessen.
Plötzlich ist ein leichtes Klacken zu hören und beide halten inne.
‚Was war das denn? Ist jemand hier?‘, wundert sich Tina und schaut zur offiziellen Eingangstür. Niemand zu sehen. Auch bei den Türen zu den Umkleiden, niemand da.
„Klang komisch.“, meint er nur und sieht sie wieder sehnsüchtig an. In seinen Gedanken spielt sich gerade etwas ganz anderes ab, als ein Klacken einer Tür.
Dann aber wird Tina unter anderem wieder bewusst, dass er später noch zur Prüfung muss und schaut zur Wanduhr. Es ist inzwischen viertel drei.
„Ich glaube wir sollten so langsam wieder raus, wenn du noch zur Uni willst.“, meint sie verantwortungsbewusst.
‚Bettina…du bist viel zu vernünftig in manchen Momenten.‘
Er drängt sie plötzlich zum Beckenrand und ihr Körper presst sich gegen die Kachelwand. Dann sieht er sie verliebt an.
„Bist du immer so korrekt?“
‚Kojiro, was meinst du damit? Ich würde auch lieber hier und jetzt einfach nur meine Gedanken verlieren, aber dann vergessen wir die Zeit.‘
Tina lächelt ihn an. „Ich will ja nicht, aber irgendwer muss ja die Spaßbremse sein, wenn wichtige Termine anstehen.“ Er küsst sie plötzlich hastig und schließt die Augen. ‚Du hast ja so Recht, aber wie soll ich plötzlich aufhören, wenn du mich wieder so rasend machst? Wie Bettina, wie nur?‘
Für ein paar Sekunden genießt Tina sein Verlangen und dann aber berührt sie seinen Kopf und deutet zärtlich an zu unterbrechen. Sie sieht ihn verlegen an.
„Tut mir leid. Hier drin…ist es…der falsche…Ort. Glaube mir.“ Ihre Beine lösen sich von ihm und sie streichelt seine Wange und sein Hals.
Dann berührt ihre andere Hand seine Brust und drückt ihn sachte von sich.
‚Bist du immer so beherrscht, wenn du Termine im Kopf hast?‘, wundert er sich und sieht dann aber selbst ein, dass es vernünftiger ist.
„Du hast Recht. Wir sollten duschen gehen.“, äußert er plötzlich und unerwartet und gibt ihr trotzdem noch einen kurzen sinnlichen Kuss. ‚Ach Kojiro, ich mach das doch nicht um dich zu ärgern.‘
Kurz bevor sie am Beckenrand rausspringt sagt sie noch, dass sie ihm das später erklärt.
Etwa fünf Minuten später stehen sie jeweils unter der Dusche der Männer und der Frauen. Tina betrachtet sich im großen Spiegel, welcher vor dem Duschraum hängt. ‚Armer Kojiro, jetzt habe ich dich plötzlich abgewimmelt und alleine gelassen. Aber dieses Geräusch war sicher eine Warnung für mich. Ich hätte mich doch selber fast vergessen. In deinen Armen kann ich doch immer alles vergessen.‘
Dann zieht sie ihren Badeanzug aus, geht unter die Duschbrause und seift sich ein. ‚Ich würde dich doch auch viel lieber ganz nah bei mir haben.‘
Nebenan in der Männerdusche steht zeitgleich der Mann, der ihr doch eigentlich immer wieder ihre Fassung verlieren lässt, wenn er bei ihr ist. Kojiro steht noch immer etwas benommen im Duschraum und hat sich soeben von seiner Badehose befreit und schnappt sich sein Duschbad. Er wäscht seine Haare und seift sich ein. Im Gedankenversunken macht sich neben dem Verlangen seine Liebsten berühren und spüren zu wollen Zweifel breit. Zweifel ob er eben nicht etwas zu direkt zu ihr war, als er sie trotz des Abblockens an die Seite gedrängt und nochmal geküsst hatte. Seine Gefühle haben ihn vorhin derart überrannt, dass er sich wie an ihrem ersten Tag plötzlich nicht unter Kontrolle hatte.
Er blickt zum Fliesenspiegel aus der auch das Wasser kommt und legt seine rechte Hand flach darauf. „Verdammt! Ich hatte mich nicht unter Kontrolle!“, äußert er leise aber enttäuscht zu sich selbst. Dann schließt er die Augen und vor ihm erscheint Tinas Lächeln und ihr Antlitz wie sie im Badeanzug vor ihm steht. „Bettina…du bist einfach…zu schön…für mich.“, haucht er plötzlich noch aus und macht eine Faust, während das kühle Wasser über ihn prasselt und seinen Schaum herunterspült.
Plötzlich kann er warme Hände auf seinem Rücken spüren. Er hat nicht bemerkt, wie Tina den Duschraum betreten hat und schon ein kurzes Weilchen hinter ihm steht. Sie hat die Sehnsucht nach ihm nicht mehr ausgehalten und ist einfach auf die andere Seite der Wand gegangen. Dann entdeckte sie ihn, wie sein kräftiger Körper eingeseift wird und verzweifelt unter der Duschbrause steht, während das Wasser die Seife herunterspült. ‚Du machst dir zu viele Gedanken, Kojiro.‘, geht durch ihren Kopf, als sie seine verzweifelten Worte hört.
„Bet…tina?“, ist er etwas verblüfft, als er ihre Anwesenheit bemerkt und ihre warmen Hände seinem Rücken herabgleiten und dann auch seinen nun angespannten Hintern berühren. „Kojiro, glaube nicht, dass ich mich immer kontrollieren kann. Nicht in deiner Nähe.“, flüstert sie mit ernstem Ton. Dann löst er seine Faust an der Wand und richtet sich ganz auf. Er kann ihren nackten warmen Körper plötzlich an seinem spüren und es überkommt ihn ein erleichterndes Kribbeln durch den ganzen Körper. Tina kann sein Kribbeln auch spüren, so sehr lässt es sein Herz klopfen.
„Es lag eben nicht an dir. Ich wollte es doch auch, aber ich bin an manchen Stellen empfindlich bei Chlor. Das ist schon alles. Wir hätten beide nichts davon gehabt. Ich habe in dem Moment der Freude, dich um mich zu haben, nicht daran gedacht. Es ist mir erst wieder eingefallen, als wir unterbrochen wurden.“, versucht sie sich zu entschuldigen, dass sie ihn plötzlich so hat stehen lassen. Ihre Hände umfassen ihn zärtlich und berühren seine Bauchmuskeln und seinen Bauchnabel.
‚Bettina, wirklich? Lag es wirklich nur an einer Art Allergie?‘
„Wirklich? Ich dachte schon, ich war zu…“ Sie unterbricht ihn.
„Pst. Ich mag es doch, wenn du direkt bist.“ Ohne Vorwarnung drückt sie sich zwischen ihn und die Duschwand mit den Kacheln. Tina steht nun vor ihm und beiden prasselt das Wasser auf den Körper. Sie dreht die Temperatur etwas höher, so dass es warm ist und sieht verliebt zu ihm auf. „Halt mich einfach nur fest, Kojiro. Ich liebe dich.“, flüstert sie in sein Ohr.
Déjà-vu (+ Tag X 2025)
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Abschied von einer Legende
38.Kapitel
Abschied von einer Legende
Die Uhr im Fitnesscenter schlägt 18:00 Uhr. Nachdem Tina die Jugendmannschaft kennengelernt hat und Martin ihre ersten Werte aufgenommen hat stehen sie vorne bei Andrea und sprechen die Termine für die Individualgespräche ab.
Im Loungebereich ist es aufregend, denn die zehn Burschen, der Trainer und Tina unterhalten sich angeregt über ihre Lieblingssportart.
Zeitgleich betreten zwei japanische gestandene Frauen den Empfangsbereich und möchten sich anmelden. Neugierig bewundern sie die angeregte Stimmung. In mitten der Jugendlichen steht eine hübsche Blondine, welche ein kurzes blaues Kleid trägt und die vielen Fragen von ihnen beantwortet, während einer nach dem anderen für die Terminabsprache zu Andrea geht.
„Das ist sie?“, hinterfragt Megumi ihre Freundin neben sich, welche sie schon seit Oberschulzeiten kennt.
„Genau, das ist Bettina Fuchs, die Volleyballerin. Sie ist in der Regel selten hier, wir haben Glück. Mich betreut hauptsächlich Andrea, die Amerikanerin am Empfang. Wenn man mit Tina, so nennen wir sie hier, trainieren will muss man sie privat buchen. Ihre Zeit ist wegen ihrer Trainingszeiten sehr begrenzt. Vielleicht haben wir aber heute ja Glück, wenn sie eh da ist. Ich hatte bisher nur einmal Glück mit ihr im Frauenkurs zu sein, da war Andrea krank.“, erklärt sie.
„Sie ist echt hübsch.“
„Sie ist auch sehr nett.“
Beide gehen zu Andrea und begrüßen sie.
„Hallo Naomi, wie schön dich zu sehen. Wir haben heute echt viel zu tun. Möchtest du wieder hoch gehen, zu den anderen Frauen?“
„Hallo Andrea, ich habe heute eine Freundin mitgebracht und wollte ihr euer Studio mal zeigen. Und ich sehe gerade, Tina ist da. Ob sie für uns nachher mal Zeit für einen kleinen Privatkurs hat? Megumi ist noch unerfahren und benötigt etwas Motivation vom Sportprofi.“
Andrea schmunzelt.
„Ich frage mal. Die Jungs hier sind soweit ja durch. Vielleicht nimmt sie sich noch etwas Zeit für euch. Nur ihr beide?
Sie möchten sicher erstmal herausfinden was zu Ihnen passt? Wir haben hier viele Möglichkeiten. Einen Moment, ich frage sie.“
Sie geht zu Tina und unterbricht sie höflich. „Ich habe hier zwei Damen, die würde dich gerne spontan für eine Privatstunde buchen. Naomi kennst du ja, sie ist in unserem Programm und kommt fast jeden Tag. Sie hat eine Freundin mitgebracht. Die würde sich gerne mal alles in Ruhe ansehen und anhören was wir anbieten und vielleicht steigt sie ja auch ein.“ Tina schaut zu den Frauen rüber. „An sich gerne, aber ich muss nochmal heim. Ich muss mal eben telefonieren.“
„Hattest du noch was vor?“
Tina deutet an zur Seite zu gehen, sodass sie ihr was flüstern kann.
„Ich wollte doch Cusavier noch verabschieden und wir hatten gar nicht die Gelegenheit uns überhaupt mal zu unterhalten. Er fliegt doch nachher gleich.“
Andrea nickt. „Kläre das mal und sag dann bescheid.“
Tina greift zum Telefon und winkt den Frauen nur kurz lächelnd zu.
Kojiro geht ran.
„Hi, ich muss kurz machen, sorry. Ist er schon da? Ich kann jetzt nicht viel reden.“
„Oh, ja, er ist schon da und wollte dann etwa in einer halben Stunde los. Du wolltest doch jetzt kommen, richtig?“
„Ja, ich muss danach nochmal her. Dann komme ich jetzt gleich rum. Wenn es auch kurz ist.“, erklärt sie kurz und knapp.
Dann legt sie auf und geht zu den Jungs. „Entschuldigt mich bitte. Ich habe noch zwei Termine reinbekommen. Wir sehen uns ja dann in den Gesprächen. Und vergesst bitte nicht, es muss ein Erziehungsberechtigter dabei sein. Oder ihr lasst euch von euren Eltern eine Vollmacht für euren Trainer mitgeben. Den könnt ihr online abrufen und ausdrucken.
Somit bis dahin.“, verabschiedet sie sich kurz und knapp bei den Jungs und geht zu den Frauen.
Tina verbeugt sich vor ihnen und begrüßt sie freundliche.
„Herzlich willkommen.
Naomi, ich freue mich sehr, dass du eine Freundin mitgebracht hast.“
Sie sieht Megumi lächelnd an.
„Vielen Dank, dass Sie zu uns gekommen sind.“
„Tina, wir wollten gerne zusammen nur mit dir etwas in die Angebote schnuppern. Vielleicht gefällt Megumi ja die eine oder andere.“, berichtet Naomi begeistert.
‚Sie ist wirklich sehr hübsch.‘
„Guten Tag, es ist mir eine Ehre Sie persönlich kennenzulernen. Mein Name ist Susuki, Megumi Susuki.“ Sie reicht ihr die Hand, so wie sie es aus Europa kennt. Megumi ist öfters in Deutschland und arbeitet mit einigen Universitäten und ehemaligen Studenten zusammen.
Tina nimmt an und beide geben sich die Hand.
‚Eine interessante Frau. Sie hat einen kräftigen Händedruck, erstaunlich, dass sie mir überhaupt die Hand gibt.‘, stellt Tina fest und lächelt sie an.
„Die Ehre ist auf meiner Seite.“
‚Sie hat einen kräftigeren Händedruck als manche Männer, die ich aus Deutschland kenne.‘
„Leider muss ich sie beide vertrösten. Ich muss jetzt nochmal kurz weg einen Bekannten verabschieden. Er fliegt heute wieder heim und da wollte ich jetzt los. Ich würde danach wieder herkommen. Das dauert höchstens eine Stunde. Würden Sie so lange warten? Danach haben wir Zeit. Spontan ist immer so eine Sache bei mir.“, erklärt sie liebenswert.
Die Frauen sehen sich an. „Natürlich ist das okay. Wir waren ja auch nicht eingeplant. Wir warten solange.“
„Vielen Dank. Ich werde dann fix los. Möchten Sie solange im Loungebereich warten? Ich bringe Ihnen gerne einen Kaffee.“
Sie stimmen zu und nehmen auf der ruhigeren Seite Platz. Tina geht schnell in die Teeküche und bedient die Kaffeemaschine. Wie sie es auch im Betrieb macht gibt es jeweils ein kleines Tablett und ihre Kekse dazu.
Elegant serviert sie ihnen den Kaffee und wünscht ihnen eine angenehme Pause nach der Arbeitszeit.
Etwa zehn Minutenspäter kommt sie zu Hause an und betritt den Flur. Kojiro kommt ihr entgegen.
„Wie schön. Was hat dich so lange aufgehalten?“, entgegnet er und nimmt sie in den Arm. Tina lächelt ihn verliebt an und sie küssen sich zur Begrüßung kurz.
„Die Jungs haben so lange geplaudert und dann kam plötzlich noch Privatkundschaft, deswegen muss ich nachher nochmal hin. Geht dann aber nur ne Stunde, in der Zwischenzeit bist du eh am Flughafen. Ich habe sie jetzt erstmal vertröstet.“
Dann gehen sie ins Wohnzimmer und Tina begrüßt Cusavier vorerst nur mit einem Lächeln. Er steht bereits neben dem Tisch und betrachtet sie ebenso nachdenklich.
‚Wir hatten noch gar keine Zeit richtig miteinander zu reden. Mir ist das im Nachhinein total unangenehm wie ich sie am Telefon angemacht habe.
Vor allem, weil sie selbst so besorgt um Viola und ihre Kameradin war. Am Flughafen war sie sehr freundlich zu mir, als ich nach dem Weg gefragt habe und wollte scheinbar das Trinkgeld nicht mal annehmen.
Dann bot sie an mich hier schlafen zu lassen, das hätte nicht jeder gemacht. Vor allem nicht ohne irgendeinen Vorteil davon zu haben.
Jetzt wo ich weiß, dass sie Fußballern jahrelang aus dem Weg gegangen ist, weil sie ihr Anblick an den Tod ihres Bruders erinnert. Und trotzdem hat sie mich hierher eingeladen ohne mich wirklich zu kennen. Sie muss Kojiro derart viel Vertrauen entgegenbringen, dass sie darüber hinwegsehen kann.‘
‚Und das ist die große Legende Zedane Cusavier? Er war einer meiner damaligen großen Vorbilder, als ich selbst noch gespielt habe. Ein wahrer Künstler auf dem Rasen. Und nun steht er plötzlich in meinem Wohnzimmer? Kojiro muss ein wahnsinnig guter Spieler sein, wenn eine Legende wie er mit ihm richtig befreundet ist. Die beiden spielen sicher wahnsinnig gut zusammen. Ich hätte das heute wirklich zu gerne gesehen. Aber nun ja. Irgendwann mal.
Ich weiß gar nicht was ich sagen soll? Vorhin erschien das alles so einfach und nun? Ist das so ein Moment wie meine eigenen Fans vor mir stehen und ihnen die Worte fehlen? Die erste Fußballlegende, der ich je begegnet bin war Karl-Heinz Vater und ein alter Bekannter meines Vaters, aber er war auch unser Trainer, also kam das sowieso anders rüber.‘, gehen Tina unzählige Gedanken durch den Kopf.
Kojiro spürt die Anspannung zwischen den beiden und nimmt Tinas Hand.
‚Ich glaube ihr ist gerade richtig bewusst geworden wen ich da angeschleppt habe. War ihr gleich klar wer er ist? Als ich ihm das erste Mal begegnet bin ging es mir genauso.
Am ersten Tag in Italien konnte ich mein Glück kaum glauben einem Team anzugehören welches nur aus großen internationalen Genies bestand. Unter anderem Cusavier.‘
„Bettina, nun offiziell. Darf ich dir einen meiner besten Freunde aus Italien vorstellen. Zedane Cusavier, unseren Team-Captain.“, spricht er auf Italienisch.
„Cusavier, nun offiziell. Bettina, Bettina Fuchs, die Frau an meiner Seite.“, versucht er so die Anspannung etwas zu lockern.
„Es ist mir eine Ehre.
Kojiro kann sich glücklich schätzen mit Ihnen zusammen arbeiten zu können.“, äußert sie freundlich und stolz auf Italienisch. Endlich kann sie ihre neuerworbene Fremdsprache weiter trainieren.
Cusavier staunt nicht schlecht.
„Wow. Jetzt bin ich wirklich baff.
Mir ist es auch eine Ehre. Wie viele Sprachen sprechen Sie denn?“
Tina grinst.
„Da muss ich mal abzählen…Neben Deutsch, Englisch und Japanisch beherrsche ich Französisch, Spanisch, Russisch, Mandarin, Hocharabisch und neuerdings Italienisch.“
„Oha. Das ist ja der Wahnsinn. Wie kommt das?“, ist er neugierig.
„Ich hatte immer das Talent Sprachen zu lernen. Und während andere Leute Musik beim Lauftraining hören, ziehe ich mir Sprachlernprogramme rein. Immer die Sprache, die ich gerade gebrauchen kann.
Anfangs waren es die Sprachen für die Schule und dann hat sich die eine oder andere durch das Volleyballspielen ergeben. Es ist sehr von Vorteil, wenn man weiß was die Gegner auf dem Feld besprechen.“, grinst sie.
Kojiro sieht sie erstaunt an.
‚Nanu, das sind aber mehr Sprachen als mir Herr Satsujinsha gesagt hatte. Wie kommt das?‘
„Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Wenn der Gegner nicht weiß, dass man ihn versteht, ist ja praktisch.“, grinst er zurück.
„Eben. Bitte behalten Sie das für sich. Offiziell wissen die Leute nichts von Russisch, Mandarin und Arabisch, denn das will ich als Trümpfe lassen.“, erklärt sie ernst.
„Das letzte ist Italienisch? Was kommt als nächstes?“
„Ich überlege tatsächlich noch. Ganz hoch im Kurs stehen Portugiesisch und Latein. Latein kenne ich noch etwas aus der Schulzeit, aber da es an sich niemand spricht, ist es schwer zu lernen und ich kann ja mit niemanden üben, wenn ich niemanden kenne, der es spricht. Naja, mal sehen was sich als nächstes ergibt. Ich will die Sprachen ja auch nutzen können. Was ich nicht brauche, lerne ich auch nicht.“
„Das klingt sinnvoll. Kann man nur bewundern. Ich habe keine großen Talente außer den Sport. Ich bin weder sprachbegabt noch kreativ oder gut mit Zahlen wie Kojiro. Ich kann das nur bewundern.“
„Aber Sie haben doch bestimmt etwas studiert? So nebenbei?“, fragt sie verwundert.
„Ja, aber nur Management und Sportpsychologie. Ziemlich trockenes Zeugs.“, zuckt er mit den Schultern.
Tina ist erstaunt.
„Sportpsychologie? Das wollte ich auch machen. Spezialisiert auf Kinder und Jugendliche. Ich wollte ursprünglich mit Kindern arbeiten und sie im Sport fördern. Die Idee kam mir hier in Japan, weil das Schulsystem so furchtbar schwer ist und viele Kids damit nicht klarkommen und sich dann entweder selbst verletzen oder sogar Selbstmord begehen. Das fand ich immer ganz schlimm. Das kenne ich aus Deutschland gar nicht. Ich habe das auch nur überstanden, weil ich mich so in den Sport vertieft habe, dass alles andere wie ein geringes Übel dafür erschien und so hatte ich immer den Anspruch viel zu lernen. Ich war in Hamburg immer die Beste, aber hier fing ich bei Null an und musste plötzlich Sachen wissen, die ich noch nie gehört habe oder wo wir in der Klassenstufe noch gar nicht waren. Das war echt schwer.
Die ersten zwei Jahre war ich nur damit beschäftigt die Sprache zu lernen und die Themen in der Schule aufzuholen, statt wie die anderen dazuzulernen. Ohne den Sport und meine neuen Freunde hätte ich das niemals geschafft.“, berichtet sie begeistert.
Kojiro schaut zur Uhr.
„Wir müssen leider langsam.“, unterbricht er die beiden ungern.
„Ja schade. Jetzt hatten wir doch tatsächlich ein Thema.“, grinst Cusavier.
Tina lächelt.
„Ja, das stimmt.
Das Gegenteil von Liebe ist?“, fordert Tina ihn mit einem Fingerzeigen auf ihn plötzlich heraus und grinst.
„Gleichgültigkeit.“, grinst er zurück und beide lachen los.
Kojiro wundert sich nur. ‚Was war das denn? Ein Witz unter Psychologen?‘
Beide sehen Kojiros verwundertes Gesicht. „Du hast sicher an Hass gedacht, oder?“, meint Tina. Er nickt.
„Ja, das denken die meisten.“, erklärt Cusavier und wendet sich dann an Tina.
Er reicht ihr die Hand.
„Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ich kann das gar nicht wieder gut machen, was Sie für mich getan habe.“
„Ich helfe gerne. Bitte nennen Sie mich doch Tina.“
Sie geben sich die Hand.
„Dann nenne mich bitte auch Cusavier.“
Plötzlich fällt Tina was ein.
„Gerne, jetzt fällt mir was ein. Ich habe die ganze Zeit überlegt was ich für die Kids als Aufmunterung mitgeben kann. Während du dich fertig machst hole ich es schnell.“, meint sie nur aufgeregt und lässt ihn los. Dann eilt sie zur Treppe und geht oben in ihr altes Jugendzimmer.
Cusavier ist derweil nochmal im Bad und als Tina nach etwas Gewühle im Zimmer in den Flur kommt, staunen die Männer nicht schlecht.
Sie hält einen Fußball in den Händen. Er ist nicht aufgepumpt und hat auch nur eine klassische weiße Farbe mit keinerlei Muster darauf. In der anderen Hand hält sie einen schwarzen Beutel.
„Dieser Ball hier ist ein Prototyp. Leider ist die komplette Entwicklung noch nicht abgeschlossen, weil mir bisher die Testpersonen fehlten und ich ihn nicht ansehen und anfassen konnte.“ Sie atmet tief durch.
„Aber jetzt kann ich es und ich würde gerne dir und deinen Kindern einen schenken. Wenn er verspricht was er soll, dann kommt er irgendwann auf den Markt. Geplant ist es nächstes Jahr, aber wie gesagt, diesen konnte ich noch nicht testen lassen. Deswegen habe ich die Produktion noch stillstehen.“
Der Franzose schaut erstaunt. „Ein neuer Fußball? Und wir dürfen den testen?“
‚Bettina, was hat das zu bedeuten?‘, wundert sich Kojiro.
„Danke, das werden wir bestimmt.“, bedankt er sich und dann verabschieden sie sich und Kojiro ruft ein Taxi, welches kurz darauf erscheint.
Zeitzone 1+
Kapitel 39
Zeitzone 1+
Etwa zwei Stunden zuvor in einer großen schicken Villa am Stadtrand von München schaut ein junger Mann etwas nachdenklich in sein Esszimmer, als er nach dem morgendlichen Duschen mit einem Handtuch um die Hüfte aus dem Bad kommt und sich die Haare abtrocknet. Eine hübsche Blondine, nur mit zarten rosafarbenen Nachthemdchen bekleidet steht an der Kaffeemaschine und bestückt diese. Auf dem Tisch ein reichhaltiges Frühstück mit Rührei und Speck.
Er betrachtet sie im Gedanken vertieft.
‚Anna, sie ist noch hier? Wollte sie nicht vorhin gleich los zu ihren Kids?
Und überhaupt, was war das heute Nacht für ein seltsamer Traum? Natürlich kommt ab und an die Erinnerung an damals wieder, aber ausgerechnet der Moment als ich Tina in der Dusche erwischt habe? Das habe ich nie geträumt, immer nur die Zeit danach, wenn wir uns heimlich getroffen haben und unsere besonderen Momente. Niemals kommt die Erinnerung an diesen Moment zurück. Aber heute Nacht, Komisch.‘
Die hübsche Frau dreht sich zu ihm um und lächelt ihn fröhlich an. Ihre Gedanken hängen noch fest in der letzten Nacht, als sie in den Armen des Mannes lag, den sie liebt.
„Guten Morgen Karl-Heinz, endlich wach? Ich habe uns heute mal Frühstück gemacht. Du hast so unruhig geschlafen, dass ich dich nicht allein lassen wollte.“
Er lächelt sie an.
„Ich habe tatsächlich was Seltsames geträumt. Was ist mit deinen Kindern? Du wolltest doch gleich zu ihnen, wie immer, wenn du hier warst.“
„Mein Ex-Mann ist doch noch da, er will heute mit ihnen in den Zoo. Meine Mutter hat vorhin angerufen und mir das mitgeteilt. Also habe ich Zeit.“ Sie geht auf ihn zu und sieht verliebt zu ihm auf.
„Wir können uns zum Frühstück also ganz viel Zeit nehmen.“, äußert sie herzklopfend, berührt seinen Kopf und deutet an ihn küssen zu wollen. Anna ist deutlich kleiner als Karl-Heinz und steht bereits auf den Zehnspitzen, aber erreicht ihn trotzdem nicht.
‚Anna, du bist immer so lieb und fürsorglich zu mir. Obwohl wir keine offizielle Beziehung führen können versuchst du mich trotzdem stets aufzuheitern. Du weißt doch genau, dass aus uns nie etwas Festes werden kann. Wieso tust du es trotzdem? Wie kannst du dich mir so leidenschaftlich hingeben obwohl du weißt, dass meine Gedanken woanders sein könnten?
Ist der Traum ein Zeichen? Soll ich mich doch ganz auf dich einlassen und könnte ich SIE dann endlich vergessen? Ich konnte sie noch nie vergessen. Immer ist sie im Gedanken bei mir. Egal mit wem ich meine Nächte verbringe, immer ist sie da. Tina, du gehst mir einfach nie aus dem Kopf. Warum bist du damals einfach weg und hast dich all die Jahre nie gemeldet?
Und was ist mit Stephan? Warum meldet auch er sich nie? Das will mir einfach nicht in den Kopf.
Auch wenn Vater mir damals erzählte, ihr seid in einem Zeugenschutzprogramm gelandet und dürft euch nicht zeigen, auch das, es will einfach nicht in meinen Kopf. Wir hatten doch mehr als nur Freundschaft.
Aber soll der Traum ein Hinweis sein? Ein Hinweis, ich soll dich loslassen? Soll ich es einfach weiter versuchen dich zu vergessen?‘
Karl nimmt Anna in die Arme und küsst sie verlangend.
‚Anna, du bist so hinreißend, liebevoll und schön. Wenn ich es schaffen sollte, dann nur mit dir.‘
‚Ach Karl, ich könnte ewig in deinen Armen liegen. Du bist so liebevoll und stark. Ich wünschte wir könnten einfach ganz normal zusammen sein. Meine drei Kleinen würden dich lieben, nicht nur, weil sie dich aus den Medien kennen, nein, auch weil du so freundlich und liebevoll bist.
Hör bitte nicht auf, in deiner Nähe kann ich immer allen Stress und Kummer vergessen. Ich habe noch nie einen Mann wie dich getroffen. Jede Minute mit dir ist genauso herzergreifend. So wie wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin. Nur etwas anders. Es gibt nichts Schöneres in meinem Leben als meine Zeit mit Dir oder mit ihnen zu verbringen. Es wäre nur einfach noch schöner, wenn wir es gemeinsam tun könnten. Du wärst bestimmt ein guter Stiefvater und Vorbild für sie, nicht so wie mein Ex-Mann.
Und du bist so ehrlich zu mir. Wie kann es nur sein, dass ein Mann so ehrlich ist? Was muss ich alles tun, damit du diese Frau von damals vergessen kannst? Wenn sie dich lieben würde, dann hätte sie dich doch längst mal kontaktiert. Irgendwie hätte sie es sicher hinbekommen, ohne dass es jemand merkt.
Karl…bitte sieh nach vorne…lass sie gehen und nimm was du hast.‘
Inzwischen ist der Kaffee durchgelaufen und das warme Frühstück ausgekühlt, als sich die fünfundzwanzigjährige Anna und Karl an den Frühstückstisch setzen. Kurz zuvor war Karl noch draußen am Briefkasten und holte die Tageszeitung wie jeden Morgen.
Nachdem beide ihre Brötchen genossen haben nimmt sich Karl zuerst den Sportteil der Zeitung und gibt Anna den Welt- und Lokalteil rüber. Interessiert studiert er die vielen Artikel im Fußballbereich und legt die Zeitung dann wieder ab. „Oh, schon fertig diesmal?“, ist Anna erstaunt.
„Das weiß ich alles schon. Das einzig Interessante war ein Bericht, dass die Franzosen nach Japan geflogen sind. Aber das machen die auch jedes Jahr. Ein Freundschaftsspiel.“
„Naja, hier ist neben den politischen Ereignissen eine kurze Mitteilung aus Italien dabei. Ganz schlimme Sache. Es gab in Turin ein schweres Busunglück. Dabei wurden mehrere Leute schwer verletzt, sogar zwei Kinder und zwei Frauen liegen im Koma. Wie schrecklich. An sowas will ich gar nicht denken. Die Kinder sind so alt wie meine.“ Sie legt betrübt die Zeitung auf den Tisch und muss sich die Tränen verkneifen. Karl-Heinz legt seine Hand auf ihre Schulter.
„Leider kann sowas passieren, aber deinen Kids geht’s gut. Mach dir nicht so viele Gedanken. Deine Mutter ist doch sicher beim Ausflug dabei?“
Sie blickt auf. „Stimmt. Sie passt auf.“
Die nimmt einen Schluck vom Kaffee und greift dann nach dem Sportteil.
Karl steht auf und geht zur Kaffeemaschine, um sich einen neuen Kaffee einzuschenken.
Anna liest gespannt die Sportartikel, welche nach dem Fußball kommen.
„Oh nein!“, stößt sie plötzlich aus.
„Was ist? Gibt’s was Interessantes?“, wundert er sich.
„Ich lese doch gerne die Infos über Volleyball, ich habe dir doch erzählt, dass ich damals selbst gespielt habe bis die Kids kamen.“
„Ja.“, meint er und schenkt sich den Kaffee ein.
„Die zwei Frauen, die bei dem Busunglück in Turin im Koma liegen, die sind aus dem Volleyballteam dort.“
„Oh, na hoffentlich wachen sie bald auf und werden schnell wieder gesund. Es kann aber auch sein, dass sie dann nie wieder spielen können, zumindest nicht im Profisport. Das ist echt der Horror für jeden Sportler.“, äußert er betrübt und fragt, ob sie auch einen zweiten Kaffee möchte.
„Ja sehr gerne.
Oh ja. Davon kann ich ein Lied singen. Ich habe damals nach meinem Unfall aufhören müssen. Das Tempo der Mädels hätte ich nie wieder erreichen können mit meinem Bein.“
„Das war sicher sehr hart für dich. Ich will mir das lieber gar nicht vorstellen.“
„Naja, im Notfall hast du ja deinen Abschluss. So kannst du trotzdem arbeiten, das ist immer wichtig. Plan B.“
Er kommt mit der Kanne zum Tisch und schenkt ihr ein.
Plötzlich regt sie sich auf und zerknüllt vor Wut fast die Zeitung.
„So eine arrogante Ziege!“
Karl wundert sich. Er hat Anna noch nie so erlebt. Er stellt die leere Kanne zurück zur Maschine.
„Was ist denn? Wer ist arrogant?“, erkundigt er sich auf dem Weg zum Tisch.
„Na diese Deutsche Volleyballerin, die in Japan so ne große Nummer ist.“, äußert sie.
„Hm. Meinst du die, wo du neulich erzählt hast, dass sie von den Deutschen wie von den Japanern für ihre National-Teams eingeladen wurde?“, wundert er sich.
„Ja genau, die gelbe Tigerin, wie sie sich nennt.“
„Und was ist jetzt mit der?“
„Na sie kommt nicht her, sie spielt für Japan bei der WM nächstes Jahr!
Wie kann man nur sein eigenes Heimatland verraten? Was bildet die sich eigentlich ein?“, maul sie.
Karl versteht ihre Aufregung nicht so ganz.
„Naja, dort verdient man auch mehr in dieser Sportart. Das muss man auch mal sehen. Sie wird ihre Gründe haben.“
„Ich weiß nicht. Ich geh doch nicht dem Geld hinterher, wenn es um meinen Stolz geht. Warte, ich lese dir das mal vor.“
Karl nimmt seine Tasse in die Hand und lehnt sich zurück.
‚Wieso regt sie sich darüber so auf? Wir haben doch auch einige Spieler in unserem Nationalteam, die hier nicht geboren oder aufgewachsen sind.‘
„Ein NEIN für das deutsche Team.
Die „Gelbe Tigerin“ wird für das japanische Team auftreten. Laut des Verbands habe sie das Angebot abgelehnt, weil sie für ihre Freunde, nicht für ihre Heimat spielen wolle.
Nachdem sie mit ihrem Team mehrfach für Tokio den Nationaltitel gewonnen hat und vor zwei Jahren den Sieg der Asienmeisterschaft nach Japan holte entschied sich Bettina Fuchs zur Weltmeisterschaft ebenso für Japan zu spielen.“
Plötzlich hört Anna ein lautes „Aua, Mist!“. Sie nimmt die Zeitung runter und schaut zu Karl, der sich mit den Servietten versucht den Kaffee vom Shirt zu wischen.
‚Tina…Bettina Fuchs? Was hat das zu bedeuten? Das kann nicht sein.‘
Sie wundert sich. „Alles gut? Was hast du gemacht?“
Natürlich ist ihm vor Schreck der Kaffee kurz vor dem Ansetzen auf sein Shirt gekippt, als er Tinas Namen hörte. Karl steht auf.
„Ich gehe mich umziehen. Sorry.“, meint er nur im Gedanken vertieft. Dann geht er an ihr vorbei und schaut kurz zur Zeitung rüber. Kein Foto zu sehen.
‚Ich brauche ein Bild, eventuell ist es nur ein Zufall, dass diese Frau so heißt.‘
Eilig geht er ins Büro, statt ins Schlafzimmer zum Kleiderschrank. Der Fußballer klappt seinen Laptop auf und wartet auf das Hochfahren, während er sich das Shirt auszieht, kurz ins Schlafzimmer zum Schrank geht, ein neues rausholt und wieder im Büro verschwindet und die Tür hinter sich schließt.
Dann ruft er eine Suchmaschine auf und gibt ihren Namen und die Begriffe Volleyball und Japan ein.
Plötzlich erscheinen viele Bilder und Artikel von Tina und er kann es gar nicht glauben sie in ihren Trikots und posierend auf einigen Fitnessgeräten zu sehen.
„Was…was hat das zu bedeuten? Wieso? Ich hätte dich die ganzen Jahre sehen können?“, äußert er laut vor sich hin und setzt sich etwas geschockt in den Bürostuhl. Sein Puls steigt enorm an und er kann sich das nicht erklären. Wenn sie doch in so einem Schutzprogramm wäre, dann könne sie doch gar nicht in der Öffentlichkeit stehen. Und das scheinbar schon seit Jahren. Zuerst kann er die Maus gar nicht anfassen und dann aber öffnet er einen Artikel über die Asienmeisterschaft mit einem kurzen Videoanhang.
‚Tina, du bist es wirklich. Dieser Blick und dieser Ball. Er heißt Feuerdrache?‘
Karl scrollt sich ein paar Minuten lang durch die Artikel. Ihm wird plötzlich klar, wenn er sie nur einmal die Jahre gesucht hätte, dann hätte er sie entdeckt und hätte zu ihr fliegen können.
In seiner Aufregung bemerkt er natürlich nicht, dass Anna ihm gefolgt ist und vor der Bürotür steht.
‚Karl, was ist los? Was hat das zu bedeuten? Wieso bist du hier oben?‘, wundert sie sich nur, dass er sich ins Büro verzogen hat.
Karl greift zum Telefon und wählt die Nummer seines Vaters.
Er hebt ab.
„Guten Morgen Junge.“, entgegnet er ihm erfreut.
„Wieso lügst du mich an?!“, spricht er erbost.
Rudi Frank Schneider ist etwas verwundert. Noch nie hat ihn sein Sohn so angesprochen.
„Was ist Junge? Was meinst du?“
„Hör auf mit deinem „Junge“! Ich bin kein Kind mehr!
Wir sehen uns fast jeden Tag und du hältst es nicht für nötig mir mitzuteilen, dass ich Stephan und Tina hätte die ganze Zeit sehen können? Du wusstest doch, dass sie mir wichtig waren!“
‚Karl, oh nein. Was hast du herausgefunden? Ist es nun soweit? Muss ich dir wirklich schon die Wahrheit sagen? Das kann ich noch nicht. Es würde dir zu sehr weh tun. Und es würde deiner Karriere schaden.‘, geht durch den Kopf des ehemaligen Profispielers und jetziger Trainer des FC Bayern München.
Karl bekommt keine Antwort von seinem Vater.
„Fällt dir jetzt nicht mal mehr ne neue Lüge ein?! Dann lass es! Ich kläre das selbst!“, brüllt er in den Hörer und legt wütend auf.
Dann scrollt er weiter und entdeckt die Fotos mit Martin zusammen.
‚Oh, wer ist das denn? Tina? Wenn du doch erreichbar bist, wieso hast du dich nicht einmal bei mir gemeldet? Stattdessen ziehst du ans andere Ende der Welt und baust dir dort ein neues Leben auf? Etwa mit diesem Mann? Ein Fitnessstudio?‘ Er geht auf die Webseite des Centers und stöbert sich durch.
‚Das sieht dir ähnlich. Bloß keine Pausen machen. Der Sport und dann dort arbeiten.‘ Er lächelt. ‚Wieso meldest du dich nicht bei mir? Und wieso lügt mich mein Vater an?‘
Dann schaut er in eine Personenbeschreibung von Bettina, welche auf der Webseite des Sportverbands zu finden ist.
Sie sei seit 1998 in die Oberschule Musashi gegangen und habe dort das Volleyballspielen entdeckt. Mit ihren Eltern hergezogen, steht dort. Das macht ihn stutzig.
Nach der Schule war sie auf einer Uni und habe das Studium abgebrochen als ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kamen.
Mehr ist nicht zu finden. ‚Deine Eltern sind…oh nein.‘
Karl steht auf und schließt die Fenster wieder.
Dann geht er zur Tür. Als er sie öffnet blickt er in Annas weinerliches Gesicht. ‚Anna? Was machst du hier? Hast du das jetzt etwa alles gehört?‘, beginnt sein Herz etwas lauter zu schlagen, als er in ihre feuchten Augen sieht.
Ohne irgendetwas zu sagen nimmt er sie in den Arm und drückt sie fest an sich. Er vernimmt ihr Schluchzen. „Ist sie es? Ist diese Bettina etwa die Frau, die dir so wichtig ist?“, kommt verzweifelt aus ihr heraus.
‚Anna? Bin ich dir so wichtig? Tut es dir so weh? Ich hätte es dir nicht sagen dürfen, tut mir leid. Aber ich kann einfach niemanden belügen, der mir wichtig ist. Wir sehen uns nun schon seit gut sechs Monaten und irgendwann musste ich es dir sagen. Dass du trotzdem bei mir geblieben bist…das kann ich selbst gar nicht glauben.‘
„Ja. Irgendwas stimmt an der Geschichte nicht.
Mein Vater hat mich belogen was sie angeht.“
Anna schaut zu ihm auf. „Du willst sicher zu ihr.“
Er berührt ihren Kopf und sieht sie ernst an.
„Ich muss. Ich muss wissen was passiert ist.“
„Was soll denn passiert sein? Was meinst du? Er hat dich angelogen?“ Karl überlegt ob er ihr überhaupt noch mehr erzählen kann.
„Ich will dich damit nicht belasten. Ich bin ohnehin verwundert, dass du noch bei mir bist.“
Annas Herz schlägt höher und sie sieht wie benommen zu ihm auf.
„Weil…na weil ich…so viel empfinde, wenn ich…bei dir bin.“, beichtet sie ihm.
Er sieht sie verwundert an. „Sind deine Gefühle so stark?“, spricht er gefühlvoll und kann es nicht wirklich glauben.
Sie nickt. „Ich kann bei dir alles vergessen. Den ganzen alten und aktuellen Ärger wegen Tony und die Sorgen um die Kinder. Die stressige Arbeit. Alles Karl.
Und du…du bist immer ehrlich zu mir. Du würdest mich nie belügen. Das kenne ich gar nicht. Mich hat man immer belogen und dann brach das Chaos aus. Bis ich dich kennengelernt habe gab es nur eins was mich am Leben hielt, meine Kinder.“
Anna krallt sich an ihm fest und legt ihren Kopf an seine Brust.
„Karl, als du mir gestanden hast, dass du auch an eine Andere denkst, tat es zwar weh, aber es ändert nichts an meinen Gefühlen zu dir. Ich weiß ja nicht was euch verbindet. Es muss besonders sein.
Geh zu ihr. Finde heraus was los war und wenn ihr wisst was war und was werden wird, kommst du zurück. Ich warte auf dich.“
„Anna.“, haucht er nur aus.
‚Anna, ist das Liebe was du empfindest? Fühlt sich das so an? Ich dachte immer du bist nur bei mir, um dich abzulenken.‘ Das erste Mal seitdem er mit ihr zusammen ist empfindet er etwas anderes als zuvor. Er kann es jedoch nicht deuten.
Er sieht ihr in die Augen. „Und wenn es nicht so ausgeht, wie du es hoffst?“
„Dann ist es so. Lieber du bist mit ihr zusammen als dass ich mir Hoffnungen mache und es nur immer schlimmer wird.“, meint sie ernst.
Ohne darüber nachzudenken beugt er sich zu ihr runter und küsst sie leidenschaftlich.
‚Wieso Anna, wieso bist du nur so lieb zu mir? Ich habe deine Zuneigung gar nicht verdient. Obwohl ich mit meinen Gedanken oft woanders bin gibst du mir das Gefühl nicht alleine zu sein.
Seit ich in München bin fühle ich mich einsam. Natürlich habe ich einige Leute um mich, um Spaß zu haben oder etwas ähnliches wie Freundschaft, aber die wirklich wahre Freundschaft habe ich verloren. Es hat sich hier nie jemand wirklich ergeben, dem man tatsächlich trauen kann. Jemand, dem man alles erzählen kann. Erst als ich dich kennengelernt habe, konnte ich so einen Moment spüren jemanden zu vertrauen, ohne dass wieder was in der Zeitung landet.‘
Nach dem Kuss blickt er sie ernst an.
„Keine Lügen? Du willst wissen was uns verbindet?“
„Karl, willst du es mir tatsächlich erzählen? Du willst mir von dieser Frau erzählen?“, ist sie verwundert und noch von dem überraschenden Kuss benommen.
Er nickt. „Nur wenn du willst.“
Sie lächelt. „Sehr gerne, dann kann ich dich vielleicht besser verstehen.“
Er lässt sie los.
„Setz dich bitte unten an den Tisch. Ich komme gleich runter. Dann erkläre ich es dir.“
„Okay.“, antwortet sie nur und geht dann runter zum Frühstückstisch.
Karl geht ins Büro und greift in seinen Schrank, den er mit einem Zahlencode versehen hat. In der Regel nimmt er dort seine Ausweise und Bargeld raus, wenn er es braucht. Aber heute greift er seit langem das Fotoalbum, welches er ebenso darinstehen hat und schließt es dann wieder.
Am Esstisch angekommen legt er es vor ihr auf den Tisch und setzt sich dann wieder Anna gegenüber.
Die Mutter von drei Kindern schaut verwundert auf das Fotoalbum. Es ist vorne auf mit dem Vereinslogo vom HSV bedruckt.
„Ein Album?“
„Es erklärt fast alles. Schlag die erste Seite auf.“
Vor ihr erscheint ein Foto mit fröhlichen Kindergesichtern. Fünf Jungs stehen lachend zusammen vor einem Tor und haben ihre Arme auf den Schultern. Mittig Karl und Genzo, an den Seiten Kaltz, Stephan und Tino.
Darüber die Worte: Für Karl, zum 14. Geburtstag
Darunter: Von deinen besten Freunden Genzo, Kaltz, Stephan und Tino
„Ich verstehe nicht, Karl. Was haben deine Freunde vom HSV mit dieser Bettina zu tun?“
Er beugt sich zu ihr rüber.
„Dieses Album schenkten mir die vier zum 14. Geburtstag.
Genzo und Kaltz kennst du ja, sie sind noch immer im HSV. Die anderen beiden kennst du nicht. Wir waren unzertrennlich. Schon bevor Genzo zu uns kam waren wir vier die besten Freunde und verbrachten nicht nur die Trainingszeit zusammen.
Sehe es dir in Ruhe an und dann sage ich was dazu.“
Sie blättert aufmerksam durch das Album und kann nur fröhliche Gesichter sehen und auch Bilder vom Training. Ihr fällt auf, dass sie Karl noch nie so fröhlich erlebt hat wie auf diesen Fotos. Sie kennt ihn nur ernst, nachdenklich oder ruhig. Eher in sich verschlossen, weniger Fröhlich oder lachend.
„Ihr seht alle so glücklich aus. Und was hat das jetzt mit ihr zu tun?“
Karl zeigt auf Tino.
„Stephan und Tino sind Geschwister.“
„Das sieht man auch. Du meinst Brüder, nicht Geschwister.“, schmunzelt sie und korrigiert ihn.
„Nein, das dachten wir auch all die Jahre. Bis ich herausfand, dass Tino…Bettina ist.“
Verwundert sieht sie ihn an.
„Wie meinst du das?“
„Sie gab sich die ganze Zeit als Jungen aus, weil sie mit ihrem Bruder zusammenspielen wollte. Ein Mädchenteam gab es nicht und letztendlich wollte sie sowieso mit ihm spielen und nicht mit anderen.“
Anna lehnt sich zurück.
„Das heißt sie hat die Jahre über das harte Training mit euch durchgehalten, nur um mit euch spielen zu können?“
„Richtig.“
Er nimmt sich das Album und blättert selbst nochmal etwas durch.
„Anfangs war es so, dass sie seinetwegen ins Team kam. Und irgendwann hat sie nur noch meinetwegen durchgehalten und ihre Weiblichkeit verborgen. Also, um in meiner Nähe bleiben zu können. Wir dachten alle Tino und Stephan haben eine Schwester, Tinos Zwillingsschwester Tina.
Anfangs mochte ich sie auch sehr, aber ihre Eltern hatten ein Problem damit, wenn wir uns privat gesehen haben. Dann habe ich mich von ihr distanziert.
Letztendlich habe ich dann irgendwann erfahren, dass es keinen Tino gab, sondern nur Tina.
Danach haben wir uns ausgesprochen und waren zusammen. Wir haben uns heimlich nach dem Training getroffen.
Bis ich von einem Tag auf den anderen nichts mehr von den beiden gehört habe. Wir waren den einen Tag noch zusammen zu einem Spiel und haben es uns angesehen. Danach gingen wir alle heim und ab dem nächsten Tag an waren die beiden wie vom Erdboden verschwunden. Niemand wusste was.
Irgendwann erzählte mir mein Vater, sie seien durch einen Fall ihres Vaters als Anwalt im Zeugenschutzprogramm gelandet und müssen jeglichen Kontakt abbrechen.
Naja, wie man sieht, scheint das nicht so gewesen zu sein.“
Er lehnt sich zurück und schaut zum Fenster in den Garten.
„Das klingt wirklich seltsam.
Wann willst du zu ihr fliegen?“
„Ich wollte nachher gleich nach der nächsten Verbindung schauen. Von hier aus fliegt man direkt nach Tokio.“
„Darf ich dich begleiten?“
Verblüfft sieht er sie an. „Bist du sicher, dass du dir das antun willst?“
Anna nickt und antwortet überzeugt.
„Irgendwer muss sich ja um dich kümmern, wenn sie dich abblitzen lässt.“, grinst sie.
Dann schaut sie ernst.
„Nein im Ernst. Was auch immer passiert, Karl, oder was du erfährst. Ich stehe dir bei. Du bist mir zu wichtig, als dass ich dich mit deinem Kummer alleine lassen kann.
Und Japan ist doch voll cool. Wollte immer mal dorthin.“
Er lächelt. „Im Ernst? Danke. Das klingt gut.“
Währenddessen klingelt es in einem Flur in der Hansestadt Hamburg. Eine junge Frau geht ran.
„Schneider hier, guten Tag.“
„Hallo Marie, hier ist Papa. Ist deine Mutter zu sprechen?“
„Hallo Papa. Wie geht es dir und Karl?“, freut sie sich über den Anruf.
„Wir sind gesund, alles gut. Und? Ist sie da?“
„Ja, Moment. Ich hole sie.“
„Warte, leg auf und sie soll mich bitte über das Büro aus anrufen.“
„Okay. So wichtig?“, wundert sie sich, dass er die gesicherte Leitung wünscht.
„Ja.“
Beide legen auf und die Achtzehnjährige geht in den Garten und sagt ihrer Mutter Bescheid.
Wenige Minuten später klingelt es in einer Münchner Loftwohnung.
„Bist du es?“, geht er ran.
„Ja, Rudi, was ist so wichtig? Du machst mir Angst. Ist was mit Karl passiert?“, klingt sie besorgt.
„Er weiß irgendwas. Ich weiß nicht was genau, aber er hat mich vorhin angerufen und mich als Lügner bezeichnet. Er muss etwas herausgefunden haben, dass es das Zeugenschutzprogramm nicht gibt.
Was machen wir jetzt?“
Die besorgte Mutter fasst sich ans Herz. Sie kann zuerst gar nichts sagen.
„Was musstest du auch sowas erzählen! Die Wahrheit hätte völlig gereicht. Er war schon reif genug dafür.“
„Du weißt doch, dass ich das nicht konnte. Kurz vor seinem Wechsel nach Bayern.“
„Was genau hat er denn gesagt? Wieso meinst du er wisse was? Was genau denn?“
„Er meinte, er hätte die beiden die ganze Zeit sehen können. Was genau ihn die Erkenntnis gegeben hat weiß ich nicht, da hat er schon aufgelegt.“
Sie überlegt.
„Die Suppe kannst du selbst auslöffeln. Diesmal halte ich mich da raus. Wenn ihr euch streitet, sag ihm, er kann jederzeit zu mir kommen. Meine Türen stehen ihm immer offen.
Dich will ich aber nicht sehen!“
Dann legt sie auf und setzt sich besorgt in den Bürostuhl.
‚Mein armer Junge. Irgendwann musste es ja mal rauskommen. Wirst du sie nun suchen gehen? Was hat dich dazu gebracht es anzuzweifeln? Was wird werden, wenn du sie gefunden hast?‘ Sie verschränkt die Arme vor sich und vergräbt ihren Kopf darin auf den Tisch. Ein bitterliches Weinen ist zu hören.
‚Ach Rudi, deine ewige Lügerei musste ja irgendwann auffliegen. Was wird werden? Ich kann nur hoffen, dass sich das Problem von alleine löst.‘
Dann stößt sie zufällig gegen die Tastatur vom PC. Sie richtet sich auf.
‚Hm, ob ich dich finde? Bettina? Ist es vielleicht das gewesen? Hat er dich im Internet gesehen?‘
Sie schaltet den PC an.
Wenige Minuten später gibt sie ihren Namen in der Suchmaschine ein. Natürlich erscheinen viele Frauen mit diesem Namen. Aber keine passt zu ihr. ‚Hm, was muss ich noch eingeben um dich zu finden? Du hast ja mit ihm gespielt, ob du noch Sport treibst? Das legt man nicht ab, so ausdauernd wie ihr alle wart.‘
Und tatsächlich. Unter der Rubrik Sport taucht ein englischer Bericht aus Japan auf mit dem Titel „Japans Gelbe Tigerin geht mit uns zur WM“.
Sie öffnet ihn und sieht einige Fotos von ihr mit einem Volleyball in der Hand oder beim Spielen.
„Wow, tatsächlich. Wie hübsch du geworden bist. Eine richtig hübsche junge Frau. Ich habe dich immer nur als Jungen gesehen. Was wird Karl nur denken, wenn er dich so nach langer Zeit sieht?“
Auf einer größeren Abbildung muss sie stutzen.
‚Nanu. Was hat sie denn da im Haar? Ist das etwas die goldene Spange, die Karl ihr geschenkt hat? Das Foto ist noch nicht alt, wieso trägt sie die noch? Sie trägt seine Spange noch und meldet sich selber nicht bei ihm?‘
Plötzlich geht die Bürotür auf und Marie steht besorgt im Türrahmen.
„Mama, ist alles in Ordnung? Was wollte Papa? Habt ihr wieder gestritten?“
Ihre Mutter erschreckt sich und macht sofort alle Fenster zu.
„Alles okay, Schatz.“, meint sie dann nur und dreht sich zu ihr.
Dann steht sie auf.
„Was sagt jetzt dein Ausflug morgen? Habt ihr euch entschieden wo ihr hin wollt?“
‚Mama tut komisch. Ich habe sie doch eben noch weinen hören. Und was macht sie überhaupt am PC? Wieso hat sie die Fenster geschlossen?‘
VIP-Plauderstunde mit Tora
Kapitel 40
VIP-Plauderstunde mit Tora
Nachdem Cusavier und Kojiro Tinas Haus verlassen haben macht sich Tina wieder auf den Weg zum Studio. Eigentlich hat sie überhaupt keine Lust dazu, aber sie möchte auch nicht ihre treue Kundschaft enttäuschen und Neukunden kann das Center auch immer gebrauchen.
Immerhin hat die Kundin explizit nach ihr verlangt, wenn Kunden direkt nach ihr verlangen muss VIP-Aufpreis berechnet werden. Das ist immer gut für den Umsatz, denn Martin kann noch immer Neukunden gebrauchen, um seinen Kredit der Unternehmensgründung abzuzahlen. Er hat sehr viel investiert in den Umbau und die komplette Neugestaltung des Centers.
Was war das nur alles für ein bürokratischer Akt seine Idee endlich umsetzen zu können. All die Mühe soll sich lohnen.
Im Center angekommen geht Tina direkt zu den Damen im Loungebereich. Fröhlich geht sie auf die beiden Frauen zu und begrüßt sie endlich in Ruhe.
„Es tut mir leid, dass Sie etwas warten mussten.“, verbeugt sie sich.
Naomi antwortet erfreut. „Wir hatten ja auch keinen Termin. Wir warten gerne.“ Megumi schaut auf die Uhr. ‚Sie ist eher da als angekündigt.‘
„Haben Sie sich bereits darüber unterhalten was Sie machen möchten? Ich kann einige Programme vorstellen, einige Übungen zeigen, oder erstmal zu Beginn das Unternehmen vorstellen und nebenbei dann die Programme passend dazu erklären. Wieviel Zeit haben Sie dafür mitgebracht?“
Megumi ergreift das Wort.
„Ich würde mich freuen, wenn Sie mir erstmal alles zeigen was man so machen kann. Dann finde ich bestimmt etwas was zu mir passt. Naomi hat mir bereits erzählt, dass es hier nicht nur ein Fitnessstudio gibt, sondern sogar eine Schwimmhalle und separate Räume.“
„Das stimmt. Wir haben die eine oder andere Prominenz als Kundschaft, die möchte oft alleine sein oder bekommt spezielle Begleitung von Herrn Müller. Naomi hat Ihnen bestimmt bereits erzählt, dass er der Inhaber und selbst Trainer ist.“ Sie dreht sich zur Wand mit den Kopien der Abschlüsse der Angestellten. Martins Diplom aus Deutschland hängt aus und seine Trainerlizenzen, welche er in Deutschland und in Japan erworben hat. Ebenso sind die Trainerlizenzen von Andrea, ihr und den anderen Angestellten aufgehängt. Natürlich haben die Frauen die Zeit genutzt sich diese inzwischen anzusehen.
„Sie sind alle fachlich gut aufgestellt, bis jetzt klingt alles sehr interessant. Sie scheinen keine klassische Muckibude zu sein, die hauptsächlich vom Krafttraining lebt.“, lobt Megumi.
Tina sieht sie erfreut an.
„Das stimmt. Unser Hauptmerk liegt auf alle Sportarten, egal welche, sowie normale Leute wie Sie, die neben dem Job einen Ausgleich oder eine Ablenkung brauchen und die Gesundheit steht ganz oben im Fokus.
Naomi, du arbeitest ja viel im Büro oder stehend vor den Schülern und Studenten, da ist es natürlich wichtig beweglichen Ausgleich zu haben. Deswegen bist du hier. Hinzu kommen passende Diätpläne oder eine Schulung hinsichtlich gesunder Ernährung. Je nachdem was man braucht. Wir legen weniger Wert auf Nahrungsergänzungsmittel, die werden oft überdosiert und können eher schaden, als dass sie helfen.
Wenn man in unser Programm einsteigt, dann gibt es einen kompletten Body-Check, angefangen von Größe und Gewicht bis hin zum Bluttest für Zucker, Vitamin und Mineralwerte. Einige Checks machen Martin und ich und die ärztlichen Tests werden unten in der Sportarztpraxis gemacht. Dort gehen die Blutwerte dann ins Labor und Martin stellt diesbezüglich mit Absprache mit dem Arzt die Bewegungspläne und Trainingspläne zusammen. Ich ergänze meinen Teil mit den Ernährungsplänen.
Das Gute daran ist, was andere eben nicht machen, dass alles mit dem Facharzt zusammen gemacht wird. Oft tauchen Mängel auf oder es wird ein unregelmäßiger Zuckerspiegel festgestellt, dann kann darauf gleich reagiert werden und Sie müssen nicht extra nochmal zu einem Spezialisten, denn er ist ja bereits da.“
„Verstehe. Also wenn ich beispielsweise in Richtung Magnesiummangel tendiere, dann würde ich passend dazu einen Bewegungs- und Ernährungsangebot bekommen? Und bei so einem Abo, was Naomi hat, da bleibe ich unter regelmäßiger Beobachtung?“
„Richtig.
Welchen Beruf üben Sie aus, Frau Susuki?“
„Ich bin wie Naomi an der Universität tätig.“, antwortet sie stolz.
„Sie sind Freunde und arbeiten zusammen? Das ist was Besonderes. Egal wie stressig mal ein Tag ist, wenn man Freunde um sich hat, dann ist es immer ein toller Tag.“, geht sie darauf persönlich ein. Genau das ist es was die Kunden wollen, wenn sie Tina als VIP-Begleitung buchen. Ein wenig persönliche Plauderei.
‚Da hat sie Recht. Deswegen haben die Abnahmen der Prüfungen heute auch richtig Spaß gemacht. Takahiro hat extra für dieses Jahr uns drei ausgewählt, damit er seinen Lieblingsstudenten mit uns zusammen hat. Er war und ist immer so stolz auf ihn. Und wir vier kennen uns schon sehr lange und sind alle miteinander befreundet. Bei diesem stressigen Job braucht man das auch.‘
„Das können Sie laut sagen.“
Tina beginnt sie rumzuführen und geht vorerst zur Rolltreppe und führt die beiden in den Shop, welcher kurz vor dem Schließen ist.
„Hallo ihr Zwei. Ich habe einen kleinen Rundgang, lasst euch nicht stören.“, entgegnet sie den beiden Verkäufern.
Lee und Jacky begrüßen die beiden Damen höflich und holen die Verkaufsständer von draußen rein.
„So, hier ist unser Sportgeschäft. Das gehört genauso zu uns wie das Studio oben und die Schwimmhalle, welche ich Ihnen noch zeigen werde.
Hier können Sie hochwertige Bekleidungsstücke und Geräte oder Hilfsmittel erwerben. Manchmal suchen wir mit den Kunden zusammen aus was zu den Übungen passt.“
Den Frauen fallen im Kassenbereich der leere Korb und der halbvolle Korb mit Volleybällen auf. Daneben steht ein Tischchen mit einem Foto von Kojiro und Cusavier. ‚Ach. Deswegen war er hier. Es gab eine Autogrammstunde. Jetzt verstehe ich wo er die Bälle her hat.‘
„Wow, Jacky. Sind etwa alle Fußbälle weg?“
„Ja, waren ja auch nicht so viele und Herr Hyuga hat selbst drei davon gekauft.“, berichtet er. Tina stutzt. ‚Nanu, für wen waren die denn?‘
„Hast du die etwa abkassiert?“
„Er bestand drauf. Geschenkt wollte er sie nicht. Herr Zedane hat auch den Volleyball bezahlt, den er für seine Frau mitgenommen hat. Also einer mit deinem Autogramm drauf.“
„Verstehe. Das hätten sie nicht machen müssen.“
Dann richtet sie sich wieder an die Frauen und zeigt ihnen in Kürze den Laden und geht weiter zur Schwimmhalle.
Sie schließt die Halle auf und gibt beiden Schuhüberzieher und selbst zieht sie nur ihre Schuhe aus, da sie keine Socken trägt.
Sie stehen dann vor den Becken.
„Das war früher eine große Sporthalle bis wir sie haben umbauen lassen. Neben den vielen Ausdauer- und Kraftsportangeboten haben wir auch im kleinen Rahmen die Möglichkeit des Wassersports. Ich war heute über die Mittagszeit hier und deswegen ist es noch nass an einigen Stellen. Heute wäre an sich kein Betrieb. Ich gehe aber oft her, vor allem, wenn ich alleine sein kann. Ich bin am Meer aufgewachsen und schon von Kindesalter an ins kalte Wasser gesprungen.“, grinst sie.
„Oh, das würde mir glaube gefallen. Schwimmen ist gut für die Gelenke.“, äußert Megumi. Tina freut sich. „Das ist wirklich eine gute Idee. Wenn es nach mir ginge brauche ich neben dem Volleyball nur ein paar Gewichte und die Schwimmhalle.“, lacht sie.
„Egal wie gut man Lauftraining macht, schwimmen fördert die Ausdauer deutlich mehr und schont enorm die Gelenke.“
Dann verlassen sie die Schwimmhalle und gehen wieder hoch ins Fitnessstudio. Dort sieht sich Megumi erstaunt um und entdeckt natürlich die vielen Poster und die Fotowand.
‚Wow. Naomi hat nicht übertrieben, als sie sagte, sie sei hier sehr präsent.‘ Dann entdecken beide in der Glasvitrine die beiden signierten Bälle von heute Mittag.
Wieder steht ein Foto von den beiden Fußballern daneben.
„Oh, wieder neue Auktionen fürs Kinderhospiz?“, äußert Naomi begeistert.
„Genau, wir hatten heute unerwarteten Promibesuch und da haben wir eine Tradition. Wenn Promis kommen gibt es entweder einen Volleyball mit meiner und deren Autogramme, oder eben wie heute, jeweils die Sportart, ein Ball oder Shirt, Boxhandschuh etc. mit unseren Unterschriften dazu.
In diesem Fall waren zwei berühmte Fußballer da. Wir haben also jeweils einen Ball signiert mit Datum und Ort. Diesen Ball gibt es dann nur 1x auf der Welt und er wird hier für eine Auktion ausgestellt. Die läuft eine Woche und jeder Besucher kann bieten. Derjenige, der am meisten geboten hat bekommt jeweils den Ball. Und das Geld geht dann komplett an die Kids im Hospiz.“
„Wow, eine echt tolle Idee.
Bei welchem Promi haben Sie bisher den höchsten Betrag erworben?“ Tina überlegt.
„Das kann ich nicht mal sagen. Wir machen das auch erst seit einem Jahr etwa. Ich müsste den Chef fragen. Aber ich glaube das war ein Tennisspieler oder ein amerikanischer Baseballer.
Ich muss sagen, ich bekomme nicht immer alle Aktionen mit, nur was am Ende so bei rumkommt.“
„Und was meinen Sie, wird es diesmal eine hohe Summe werden?“
„Das kann ich gar nicht einschätzen. Wir haben eher selten Fußballer hier. Ich denke mal die Höchstsummen laufen dann eher über die Internetbekanntmachung. Dort stellen wir die Artikel in der Regel auch ein und nehmen Gebote an.“
Bisher waren erst zwei Fußballer hier. Beide jeweils aus dem Nationalteam. Jun Misugi hatten wir zur Eröffnung hier, weil er ein ehemaliger Klassenkamerad von mir war und wir noch im Kontakt stehen und dann war Herr Ohzora zur Weihnachtszeit rum da. Sein Ball ging auch gut weg.“
Plötzlich geht eine SMS bei Tina ein.
Sie zeigt den Frauen nun den Weg zum VIP-Bereich, indem sie sich später aufhalten werden. Beide lassen sich von Andrea ihre Sporttaschen geben und Tina geht voraus. Während sich die Frauen oben im leeren Studio umschauen, sieht sie kurz aufs Handy. Es ist eine Nachricht von Kojiro, dass Cusavier nun im Flieger sitzt und er zurück zu ihr fahren will.
„Bitte halte dich dann bei Martin im Büro auf. Ich bin noch nicht mit der Kundschaft durch. Du kannst aber auch nach Hause fahren.“, antwortet sie.
„Du meinst zu deinem Haus?“, wundert er sich.
Tina schmunzelt, als sie das liest.
„Genau. Klingt noch komisch. Sorry.“
„Ich komme erstmal zu dir. Bis nachher.“
Naomi und Megumi bekommen ihr Grinsen natürlich mit. Tina schaut wieder auf und erklärt, dass hier hauptsächlich die Frauenkurse und Jugendkurse stattfinden.
„Wenn Sie mögen können wir nun ein paar kleine Dehnübungen machen und aufs Laufband und den Stepper. Das sind immer gute Einsteiger und wir machen ganz langsam. Einfach mal ein paar Sachen austesten und etwas plaudern.“, lächelt sie.
Die Damen stimmen zu und Tina zeigt ihnen die Umkleiden.
Im Vorflur zwischen der Umkleide und dem Studio wartet sie auf die Damen, nachdem sie sich selbst schnell umgezogen hat. Plötzlich klingelt ihr Handy. Die Nummer ihres Trainers ist zu sehen.
„Guten Abend Trainer, wie geht es Dir?“, entgegnet sie fröhlich auf Deutsch.
„Hallo Tina, hast du einen Ersatz für morgen gefunden?“
„Nein, sonst hätte ich mich gemeldet. Wo soll ich denn jetzt auf die Schnelle ein vergleichbares Team herholen? Ich sagte doch, du kannst die Mädels in den Urlaub schicken. Ich organisiere dann in der Saisonzeit was Neues. Das Torino-Team wird die nächste Zeit nicht kommen können. Ich bin froh, dass die beiden Mädels überhaupt wieder aufgewacht sind. Als mich Martina heute Morgen angerufen hat und von dem Unfall erzählt hat, habe ich mich richtig erschrocken.“
„Wie geht es ihnen?“
„Ich weiß im Moment auch nur, dass sie immerhin beide aufgewacht sind und nicht mehr im Koma liegen. Ich weiß nicht wie schwer die beiden wirklich verletzt sind. Ich hoffe, dass ich da noch Infos erhalte.“
„Naja, ich gehe mal davon aus, dass sie ihren Profisport nicht mehr ausüben können. Ich hoffe die zwei haben einen Plan B.“
„Mal sehen. Viola wird es so schaffen, aber bei Ludovica weiß ich es nicht. Was meinst du wieso ich die Ausbildung mache und so viele Sprachen lerne?
So ein doofer Unfall kann von einer Minute auf die andere passieren und dann ist es aus mit dem Sport.“
„Du hast aber noch ein Jahr bis zum Abschluss. Bis dahin darf dir nichts passieren. Denk daran, wenn du das nächste Mal so eine Aktion mit dem Fallschirm machst.“, klingt er belehrend.
„Ach ja, du weißt es ja noch gar nicht. Ich habe bereits einen Berufsabschluss. Bis vor vier Tagen wusste ich es selbst noch nicht. Kannst du dich daran erinnern, dass ich früher immer nach der Schule und dem Training mit Roland gekocht habe? Ich war doch jeden Tag in der Küche bei meinen Eltern.“
„Ja, wieso?“, wundert er sich.
„Naja, seitdem ich hier bin. Also seitdem wir uns auch kennen. Er hat mit mir vieles nachgekocht und später haben wir angefangen ganze Menüs zu erstellen und alle möglichen Sachen gemacht. Jedenfalls alles das, was ich jetzt hier im Studio mache. Kurzum, ich wusste bis dato nicht, dass er mich die ganzen Jahre wie einen Lehrling ausgebildet hat. Als Diätköchin. Er ist selbst ein Sternekoch und war damals in Frankreich Küchenchef.
Einestages haben wir aus Spaß so getan als ob ich wie unsere Lehrlinge eine Prüfung mache, weil ich so viel Freude daran hatte. Und nun stellt sich heraus, die „Freunde“, die er damals dazu eingeladen hatte waren eine echte Prüfungskommission. Und die Naja, somit habe ich nun eine abgeschlossene Berufsausbildung und benötige die Restaurantfachfrau gar nicht mehr. Ich muss jetzt nur noch eine Facharbeit schreiben, damit der Abschluss auch anerkannt wird.“
„Wie bitte? Wann war das denn?“
„Vor gut zwei Jahren schon. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das Studium nicht abgebrochen. Das habe ich doch nur gemacht, damit ich die Gaststätte führen kann und die Leute nicht auf der Straße sitzen.“
„Kannst du dann damit überall arbeiten? Wird das in Deutschland anerkannt?“
„Ja. Auf dem Facharbeiterbrief steht, dass es international anerkannt ist. Roland hat es sogar gleich notariell beglaubigen lassen und das in den wichtigsten Sprachen. Ich kann damit also überall auf der Welt arbeiten gehen. Dafür kann ich die Restaurantfachfrau abbrechen und lieber über Fernstudium ein neues Studium beginnen. Davon habe ich mehr. Vor allem mehr Zeit fürs Training.“
„Wolltest du nicht das kaufmännische machen damit du die Gaststätte leiten kannst?“
„Ja, aber das kaufmännische alleine kann ich auch per Fernstudium machen. Oder in der Abendschule. Ich überlege aber eher das Lokal abzugeben. Also die Leitung an jemanden zu übertragen.“
„Verstehe. Na du wirst mich dann schon informieren. Noch eine Sache.
Der deutsche Verband fordert eine Pressekonferenz von dir. Hast du da eine Idee wann und wo?“
„Wieso eine Pressekonferenz? Wegen der WM?“
„Genau, der deutsche Verband besteht darauf eine richtige offizielle Stellungnahme zu hören, warum du dich für Japan entschieden hast.“
Tina rollt mit den Augen. In dem Moment kommen die beiden Frauen aus der Kabine.
„Moment. Meine Kunden kommen.“, sagt sie zu Ryuga Schmitt und hält das Mikro zu.
„Das ist schön, dann können wir gleich aufs Laufband gehen. Ich bin gleich fertig mit telefonieren, mein Trainer hat leider was Wichtiges zu bereden.“, versucht sie ganz höflich um Verzeihung zu bitten.
„Alles gut. Das stört uns nicht.“, lächelt Megumi.
‚Im Gegenteil, gut dass sie nicht weiß, dass ich sie verstehen kann. Es gibt also keinen Zweifel mehr. Es ist aber sehr interessant wie sie mit ihrem Trainer spricht. Sehr vertraut.‘, wundert diese sich.
Tina führt die zwei Frauen zum Laufband und erklärt Megumi wie sie es benutzen muss und stellt ihr erstmal ein Tempo ein, als wenn sie spazieren geht. Naomi kann sich selbst schon helfen und läuft bereits los.
„Das Wichtigste ist eine regelmäßige Atmung. Bevor das Tempo kommt, üben wir das richtige Atmen.“, erklärt sie.
Kurz darauf ist alles eingestellt und Tina beobachtet sie beim Laufen.
„Ryuga, ich bin wieder dran, aber mach kurz. Ich muss mich um meine Kunden kümmern.
Wieso brauchen die eine Stellungnahme? Ich habe dem Herrn doch am Telefon gesagt, dass ich für meine Freunde spiele, nicht für meine Heimat.“
„Das wollen die halt offiziell nochmal haben für die Presse. Du kennst das doch, manchmal muss man das nicht verstehen. Die wundern sich halt und denken wohl es geht dir nur ums Geld, weil du hier für einen Erfolg natürlich auch eine höhere Prämie bekommst, als in Deutschland.“
Ihr Gesicht schaut etwas wütend. „Was denken die denn von mir? Ich spiele doch nicht wegen einer Prämie? Die landet doch eh wieder bei Ai im Frauenhaus, so wie bei der Asienmeisterschaft. Du weißt doch auch, dass ich nur für die Mädels und meine Fans spiele. Ich werde kein zweites Mal Freunde im Stich lassen. Nun gut. Sag denen, dass wir das im Lokal machen werden. Gib ihnen die Adresse vom De Mecklenburger durch und einen Termin kann ich dir morgen sagen, ich muss das heute erst alles mit meinem Freund bereden. Wir wollten auch noch Urlaub machen und andere Dinge absprechen, die sehr eilen.“
„Ach so, dein neuer Freund. Ist das echt was Ernstes jetzt?“
„Wieso fragen das immer alle? Natürlich.“, antwortet sie ernst.
„Naja, kommt mir alles so schnell vor.“
„Das sagt der Richtige, du hast dich nach einem Monat schon mit Ai verlobt.“
„Du hast Recht, warum sollte ich es anzweifeln. Du und ein Japaner also. Kojiro, heißt er, richtig?“
„Ja, genau.“
„Ist er auch Sportler wie du? Er kam mir bekannt vor.“, hinterfragt er vorsichtig. Inzwischen hat er sich erkundigt und er weiß schon wer Kojiro wirklich ist. Er fragt sich nur wie es sein kann. Zuerst will sie ihn nicht kennenlernen und nun? Plötzlich sind die beiden zusammen.
„Ja. Lass uns das bitte später besprechen. Wir müssen da sowieso noch drüber reden. Es ist etwas kompliziert.“
„Verstehe. Er scheint auch im öffentlichen Leben zu stehen, so wie du?“
„Genau.“
„Ach so, noch etwas. Deswegen rufe ich auch an.
Durch die Teilnahme an der WM fordert der japanische Verband, dass du einen Manager an die Seite bekommst. Also an sich das ganze Team, aber hauptsächlich du, weil du keine Japanerin bist und nach außen ein besonderes Bild für das Land darstellst.“
Tina ist verwundert. „Was soll ich mit einem Manager? Wozu? Haben die Angst ich sage mal zu irgendetwas meine Meinung? Das hat doch vor zwei Jahren auch ohne funktioniert.“
„Sie bestehen darauf, sonst darfst du nicht dabei sein. Sie stellen dir jemanden, aber du kannst ihn dir auch aussuchen, wenn du also jemanden kennst.“
„Das passt mir ja aktuell nun gar nicht. Ich habe so viel privat zu klären, der mischt sich am Ende nur unnötig in alles ein und bringt meine Pläne durcheinander.“
„Meinst du echt?“
„Natürlich, so ein Manager hängt einem doch ständig an der Backe. Gerade in der Anfangszeit. Der will alles wissen, damit er gute PR machen kann. Was ja auch sein Job ist, aber das passt bei mir gar nicht. Ich kann mich nie wieder mit Genzo treffen, oder Basa. Und was ist mit Makoto und Fane? Die beiden arbeiten bei mir im Lokal, was ist wenn das einer groß mitbekommt? Die sind doch auch bei mir, damit ihnen die Presse nicht ihre Ausbildung verdirbt.“
„Ach, genau. Was wäre denn mit Fane? Sie hat doch Erfahrung darin. Hat sie nicht damals in der Jugend das Team ihres Mannes gemanagt? Ihr vertraust du doch.“, fällt ihm ein.
Tina überlegt. „Keine doofe Idee. Aber es würde sicher seltsam aussehen, wenn sie plötzlich ein Volleyballteam begleitet. Ich melde mich dann nochmal.
So nun aber Schluss. Ich muss arbeiten.“
„Stimmt. Dir noch einen schönen Abend.“
„Euch auch.“ Dann legt sie auf und legt das Handy auf die Fensterbank neben sich.
„Es tut mir leid, ich wäre nicht rangegangen, wenn es nicht mein Tainer gewesen wäre.“
„Das ist doch verständlich. Das ist Ihre Arbeit. Der Sport.“, vermerkt Megumi.
Tina lächelt glücklich.
„Das stimmt. Mein Hauptberuf ist das Volleyballspielen. Hier bin ich eher nebenbei. Ich liebe beides sehr. Sport ist mein Leben.“
„Tina, hast du eigentlich einen richtigen Beruf, falls mal was schief geht mit dem Sport?“, fragt Naomi neugierig.
„Naja, bald. Ich habe vor zwei Jahren eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau begonnen und würde nächstes Jahr damit fertig werden.“
Naomi wundert sich etwas.
„Das ist doch aber sehr praxisnah. Muss man dafür nicht in einen Betrieb als Lehrling arbeiten?“
„Ja genau. Ich arbeite in der Gaststätte meiner Eltern, also nach ihrem Tod habe ich sie übernommen und den Beruf gewechselt.“
„Und was wollten Sie ursprünglich machen? Also mit Ihrem angefangenen Studium?“, erkundigt sich Megumi.
„Ich habe angefangen Psychologie zu studieren und wollte vertiefen in die Kinderpsychologie und Sportpsychologie. Sie arbeiten ja selbst an einer Universität und kennen das Schulsystem hier genau. Ich fand es sehr furchtbar, wenn Klassenkameraden weinend im Unterricht sitzen oder sich etwas antun, weil der Druck irgendwann zu hoch wird.
Ich hatte meinen Sport an dem ich mich geklammert habe, um hier Fuß zu fassen. Deswegen wollte ich in die Richtung gehen Kinder mehr für Sport zu begeistern und hier in Japan ist das möglich, da viel angeboten wird. Die meisten, die Sport mit Leidenschaft betreiben schaffen es irgendwie diese schwere Zeit zu überstehen.
Naja, ich kann diese Begeisterung aber auch hier weitergeben. Ich brauche das Studium dazu nicht mehr. Die Jungs die vorhin hier waren, das waren auch solche Kids, die mit Eifer dabei sind und dadurch vermutlich ihre Abschlüsse schaffen werden.“
„Das klingt interessant. Und was haben Sie nach der Ausbildung vor?“
„Im Moment muss ich privat einiges klären und erst dann kann ich tatsächlich darüber nachdenken was wird. Aber aktuell überlege ich in Richtung Ernährung zu gehen. Das macht so viel Spaß. Also wenn es möglich ist Ökotrophologie oder Lebensmitteltechnologie. Kann aber sein, dass ich es eher als Fernstudium mache, denn ich will den Sport erstmal in den Fokus setzen. So kann ich meine Zeit einteilen und trotzdem Geld verdienen.“, erklärt sie.
Tina schaut Megumis Haltung an.
„Moment, Frau Susuki, wir müssten mal Ihre Haltung anpassen.“, meint sie freundlich und geht näher zu ihr ran. „Darf ich Sie berühren?“, fragt sie höflich und deutet auf den Rücken.
„Oh, ja, ist okay. Laufe ich falsch?“, antwortet diese nur verwundert.
Tina berührt sachte ihren Rücken und die Schulter und richtet sie vorsichtig auf. „So ist es gut. Sie neigen dazu beim Laufen weiter vorzubeugen. Das ist auf Dauer nicht gut.“, erklärt sie liebevoll.
„Ein abgeschlossenes Studium ist schon gut. Ohne wird es beruflich immer schwer. Es ist sehr klug, dass Sie es nochmal versuchen wollen.“
„Das stimmt, aber letztendlich brauche ich es nicht unbedingt. Es öffnet mir nur mehr Türen. Ich kann das, und ich kann es auch bezahlen, das kann aber nicht jeder. Dass ich hier mit dem Ernährungsplan arbeite verdanke ich einem Freund meiner Eltern. Ich bin bereits ausgebildete Diätköchin, daher kann ich die Pläne erstellen. Ich muss nur noch eine Facharbeit schreiben, damit mein Abschluss international anerkannt wird.
Ich bin nicht der Meinung, dass man immer studiert haben muss, nur um in der Gesellschaft etwas beizutragen. Wenn alle Leute in einer Gesellschaft Akademiker sind, repariert mir keiner mehr das Dach, streicht mir die Wohnung, pflegt meinen Garten, niemand würde uns mehr im Lokal bedienen oder uns macht hier niemand mehr das Studio nachts sauber. Es gibt so viele Bereiche und Berufe, wo es wichtiger ist ein Talent oder die Leidenschaft zu haben, Musiker oder Schauspieler, wozu brauchen die ein Studium? Ihre Aufgabe ist doch nur die Menschen zu unterhalten und sie glück zu machen. Wenn man von vornherein weiß was man gerne machen will oder es in der Schulzeit entdeckt, dann kann man doch gezielt darauf hinarbeiten, statt sich unnötig Druck zu machen mit Dingen, die später nicht zum Ziel führen würden. So hat man mehr Zeit und Kraft für das, was man machen will und dann kann man es besonders gut. So wie ein Handwerker. Wozu Geschichte und Biologie pauken, wenn man eh nur an den Maschinen schrauben will? Wenn man dann mehr erreichen will kann man doch das Abitur nachholen und ein Studium später anfangen. So geht das in Deutschland. Viele machen nur 10 Klassen und lernen einen Beruf. Wenn man dann mehr will, ergänzt man das Abitur und geht studieren.“
Die beiden Professorinnen sehen sich an.
„Irgendwie hast du Recht, Tina.“ Dann lachen beide.
„Das stimmt. Wie eine Uhr.“, meint Megumi. ‚Das kenne ich aber tatsächlich aus Deutschland. Meine Bekannten dort haben teilweise erst einen Ausbildungsberuf gelernt bis sie zum Studium gegangen sind. So konnten sie in den gewünschten Beruf reinstöbern und hatten erstmal was in der Tasche, falls das Studium schief geht.‘, denkt Megumi.
Tina schaut überrascht.
„Ja genau, so erkläre ich das meinen Mädels auch, es gibt große, mittlere und kleine Zahnräder, bricht eins weg, ist sie kaputt.“
Beide sehen sich an und lachen.
„Ist das jetzt so ein Moment, wo die Jugend sagt, es sei verhext?“, lacht Megumi. Tina nickt. „Vermutlich.“
In dem Moment klingelt Tinas Handy, eine Nachricht geht ein.
„Möchten Sie noch auf den Stepper, oder wollen wir ein paar kleine Übungen machen, die Sie auch zu Hause oder alleine im Büro täglich machen können?“, lenkt sie ab. Beide stimmen den Übungen zu und Tina stellt die Geräte langsam aus.
„Mich verwirrt etwas. Naomi, wieso duzt ihr euch? Es verwirrt mich, wenn wir immer dazwischen wechseln.“
Naomi schaut verwundert und lächelt dann.
„Naja, wenn man regelmäßig hier ist fühlt es sich familiär an und wir duzen uns dann alle. Deswegen. War irgendwann so.“, erklärt sie.
Dann schaut Megumi lächelnd zu Tina und reicht ihr die Hand.
„Okay, dann bin ich Megumi.“
Tina nimmt an. „Und ich bin einfach Tina. Willkommen im Team, Megumi. Ich deute das doch richtig?“
Megumi nickt. „Ja. Und nun machen wir kleine Übungen?“
„Genau, bitte geht schonmal dort zur Wand wo die Yogamatten liegen. Ich bin gleich da.“
Dann schaut Tina kurz auf ihr Handy. Die Nachricht kommt von Kojiro.
„Ich bin in Martins Büro.“
Tina lächelt liebevoll, die Vorstellung, dass er ihr wieder nähe ist muntert sie auf.
„Wie schön, dass du dich meldest. Ich komme bald. Etwa 30 Minuten noch.“
Dann geht sie zu Naomi und Megumi, welche zuvor ihre Reaktion eingefangen haben.
„Wie nett sie ist. Und so hübsch. Du hast Recht, sie hat eine sehr angenehme Art.“
„Ich kann mir gut vorstellen, dass sie einem Mann wie Herrn Hyuga gefallen würde. Aber sie mag eigentlich gar keine Fußballer, erstaunlich.“
„Du weißt schon, dass ich fließend Deutsch spreche, oder?“, meint Megumi zu Naomi. „Ja, du konntest vorhin alles verstehen, oder?“ Sie nickt.
„Erzähle ich dir dann später.“
Es werden einige kleine Übungen gezeigt und nachgemacht, die es ermöglichen die Gelenke etwas in Bewegung zu halten.
Plötzlich geht die Tür zum Flur auf und Andrea betritt den Raum.
„Tina, lass´ dich nicht stören, ich hoffe nur ich darf kurz zwischendurch was mit dir bereden, während ihr eure Übungen macht.“
„Stört es euch?“, fragt Tina freundlich. Beide schütteln mit dem Kopf.
„Was hast du so wichtiges?“, fragt sie während sie weiter Kniebeugen macht.
„Ich habe mit meiner Mutter telefoniert und ihr unter anderem davon erzählt, dass euer Freundschaftsspiel morgen ausfällt. Da hatte sie eine Idee. Sie könnte dir ein starkes Team zusammentrommeln. Natürlich erst nach der Urlaubszeit.“
Tina ist etwas verwundert. Sie dreht sich zu Andrea um.
„Was soll das für ein Team sein? Was hat deine Mutter mit Volleyball zu tun?“
„Na sie könnte einige von ihren Mädels organisieren, die lieben Volleyball und sind stark. Darum ging es dir doch auch, nicht nur um Technik, auch um Kraft. Frauen die mindestens so gut trainiert sind wie wir beide.“
Tina unterbricht plötzlich ihre Übung und sieht sie skeptisch an.
„Du weißt, ich liebe deine Mutter, ich bewundere sie, aber hat sie bei ihrem Vorschlag auch darüber nachgedacht, dass mein Team abgesehen von mir, nur aus Japanerinnen besteht? Das ist wirklich sehr lieb gemeint und wenn wir in Deutschland wären, und ein deutsches Team, wäre das kein Problem, aber hier? Ich weiß nicht.“, klingt sie skeptisch.
Wer ist Andrea Hopkins?
Kapitel 41
Wer ist Andrea Hopkins?
„Ich verstehe nicht was du meinst. Es sind nur Frauen und da sind einige dabei, die selbst in der Highschool professionell gespielt haben und immer noch nach den Übungen und den Einsätzen fast jeden Tag zusammenspielen. Die sind sicher sehr stark und wären gute Gegner für euch. Du wolltest ein international starkes Team und die Mädels wären sicher ein vergleichbarer Gegner. Die mögen dich doch dort alle, auch weil du meinem Bruder damals das Leben gerettet hast. Mutter wollte dir auch mal was zurückgeben. Sie weiß doch nicht wie sie sich mal bei dir bedanken kann.“
Tina ist etwas entsetzt, dass Andrea überhaupt nicht versteht worum es geht.
„Als Rettungsschwimmerin war das mein Job. Wo soll denn das Spiel stattfinden? Im Camp?“
„Nein, das stimmt nicht. Das hätte nicht jeder getan.
Denke ich mal, wo denn sonst?“, meint sie begeistert.
Dann geht Tina auf sie zu und spricht leise und behutsam auf sie ein.
„Andrea, hast du schon mit Martin darüber geredet? Also bevor du zu mir gekommen bist?“
„Nein, wieso? Was hat er damit zu tun?“
„Darf ich dir eine persönliche Frage stellen? Wo bist du zur Schule gegangen? Im Camp?“
Andrea wundert sich und antwortet nachdenklich: „Ja, genau. Im Camp meiner Mutter, wir sind dort wie eine Kleinstadt, das weißt du doch. Danach war ich an der Akademie auf dem Festland. Was spielt das für eine Rolle?“
„Ich werde mit meinen Mädels reden, Yoko und Yako würden eventuell dabei sein, aber die anderen eher weniger. Rede mal bitte heute Abend mit Martin darüber. Er kann es dir besser erklären.“
„Wieso kannst du das nicht?“, wundert sie sich.
„Ist jetzt unpassend und du siehst die Sache aus einer anderen Perspektive. Martin jedoch kann es dir aus einer besseren Perspektive erklären als ich. Er hatte persönlich damit zu tun.“
„Okay. Na gut. Dann werde ich das tun. Tut mir leid, dass ich dich gestört habe.“
Tina fasst ihr liebevoll an den Arm und blickt sie an.
„Du störst nicht. Rede mal mit Martin und warte meine Antwort vom Trainer und dem Team ab, dann reden wir nochmal, okay?“ Dann stellt sie sich vor ihr hin und hält ihre Hände als wolle sie einen Ball anfassen und lächelt.
„Mir kribbeln die Hände bei dem Gedanken daran, ich bin dabei, ihre Frauen sind sicher eine super Herausforderung. Bei meinen Mädels ist das aber eine andere Sache.“
Andrea ist trotzdem etwas enttäuscht und hatte sich so gefreut ihr zu helfen.
‚Ich verstehe gar nicht was sie hat. Sie macht doch sonst keine Unterschiede zwischen den Kulturen. Und jetzt auf einmal blockt sie ab. Wieso? Weil die Mädels Amerikanerinnen sind? Aber das bin ich doch auch. Also manchmal kann ich sie echt nicht verstehen.‘ Ohne weiter was zu sagen verlässt Andrea das Studio und geht wieder zu Martin runter.
Sie klopft an die Bürotür.
„Herein.“
„Oh Hallo Kojiro, wartest du auf Tina?“, ist sie erstaunt, dass er da ist.
„Hallo Andrea, ja genau.“, antwortet er.
Andrea schließt die Tür hinter sich und spricht Martin auf Englisch an.
„Schatz, Tina meint ich solle zu dir. Ich habe sie eben informiert, dass meine Mutter für sie ein Team zusammenstellen könnte, weil doch das Spiel abgesagt wurde. Ihre Frauen im Camp waren selbst teilweise in der Jugendzeit aktive Volleyballerinnen und spielen noch immer nach der Arbeit und in den Pausen zusammen. Wir haben damals viel zusammengespielt. Und dann blockt Tina plötzlich ab und meint, es wäre unpassend für ihre Mädels. Was meint sie damit? Sie sagt du könntest es mir besser erklären als sie.“
Martin ist etwas verblüfft und sieht sie nur irritiert an.
„Welche Frauen meint sie denn? Ein offizielles Team oder die Damen unter ihrem Kommando?“, hinterfragt er genau.
„Doch kein offizielles Team, ihre Mädels eben. Die Mädels mit denen ich aufgewachsen bin. Du kennst die doch. Ich war selbst eine von ihnen bis ich auf die Akademie gegangen bin.“, murrt sie rum.
Kojiro versteht nicht so ganz worum es geht und blickt nur neugierig.
‚Wovon redet sie denn? Welches Camp und was meint sie mit „unter ihrem Kommando“? Andrea war auf einer Akademie?‘
„Oha, das Gesicht hätte ich ja gerne gesehen. Ich weiß was sie meint.
Wir bereden das in Ruhe heute Abend zu Hause, okay? Es ist gerade unpassend.“, versucht er sie im ruhigen Ton zu vertrösten.
Andrea ist etwas angesäuert und faucht ihn an.
„Wieso kannst du mir das nicht jetzt erklären? Ich habe ja verstanden, dass es eben vor den Kunden nicht ging, aber wir sind doch jetzt unter uns.“
Kojiro richtet sich auf. „Ich lasse euch besser alleine.“
„Bleib´ hier, man darf dich draußen noch nicht sehen. Es sind noch Kunden da. Wenn du im Flur stehst fällt das auf!“, meint Martin ernst.
‚Wow, der kann ja richtig streng sein.‘
„Ich wollte euch nur nicht im Weg sein, wenn ihr was zu bereden habt.“, meint Kojiro ernst zurück.
„Martin, er kann das gerne hören. Das stört mich nicht. Erkläre es mir jetzt!“, steht sie ernst vor ihm. Martin legt seinen Stift zur Seite und schaut zu ihr.
‚Oha, was war denn da nur zwischen den beiden los, dass sie gleich so reagiert?‘
„Manchmal machst du es mir echt nicht leicht. Es ist in diesem Fall wirklich besser wir bereden das in Ruhe, wenn wir alleine sind.“, versucht Martin ihr erneut mitzuteilen, dass es unpassend ist.
„Nein! Jetzt!“, klingt sie streng und stellt sich wie eine Autoritätsperson mitten in den Raum.
„Du weißt, dass ich es ungern habe, vor dir den Captain raushängen lassen zu müssen!“, ergänzt die Achtundzwanzigjährige erzürnt.
‚Die hat ja ein Auftreten drauf. Das hätte ich gar nicht vermutet. Sie wirkt so freundlich und organisiert. Und jetzt? Jetzt erinnert sie mich eher an einen strengen Trainer. Da halte ich mich lieber raus.‘
Kojiro will sicherheitshalber den Raum verlassen, damit er nicht zwischen die Fronten gerät. Doch plötzlich blickt sie ihn ebenso streng an und macht eine deutliche Ansage.
„Hiergeblieben! Wie Martin sagte, man würde dich draußen noch sehen!“
Er zuckt verblüfft etwas zusammen.
‚Na hoffentlich hat Bettina nicht auch so einen Blick drauf. Meine Güte. Da ist Herr Mikami ja gar nichts gegen. Was meint sie mit Captain?‘ Er stellt sich wieder ans Fenster und schaut auf die Straße. ‚Ich mag das gar nicht, wenn Leute streiten. Martin scheint es sogar unangenehm zu sein, das Thema vor mir zu bereden. Merkt sie das denn nicht? Ich weiß zwar nicht worum es geht, aber es muss ihr ja sehr wichtig sein.‘
Martin ist selbst etwas verwundert, dass Andrea so einen Aufriss macht.
„Gut, wenn du meinst es vor einem Japaner diskutieren zu müssen. Du stehst ja auf klare Worte.
Was genau hat Tina denn dazu gesagt?“, klingt er ernst, aber ruhig.
Andrea fährt wieder runter und antwortet auf normale Art.
„Sie fragte ob meine Mutter darüber nachgedacht hätte, dass ihr Team hauptsächlich aus Japanerinnen besteht. Es wäre daher eher unpassend. Sie sagte aber auch, dass sie, Yoko und Yako eventuell mitmachen würden. Die anderen aber nicht. Sie will es aber trotzdem mit ihnen bereden.“
Martin überlegt kurz.
„Verstehe, du weißt, dass ich ungern auf solche Themen eingehe.
Ich weiß nicht was man dir geschichtlich in der Akademie unterrichtet hat, aber du müsstest als Amerikanerin die Beziehung zwischen Japan und den USA kennen. Und vor allem die Situation der Bevölkerung auf Okinawa. Als Frau solltest du da besonderes Verständnis für die Situation haben. Reicht dir das als Antwort?“, versucht er ernst aber schonend zu erklären.
Andrea schaut ihn verwundert an. Sie senkt plötzlich den Kopf.
„Das meint sie? Sie glaubt, die Mädels würden unser Camp nie betreten? Meinst du echt, dass ist heutzutage noch so relevant? Ist das bei den jungen Frauen noch so im Kopf?
Und was ist mit Yako und Yoko? Wieso würde die das nicht stören?“
„Ganz einfach, die zwei haben eine besondere Beziehung zu Tina. Wenn sie in ein brennendes Haus rennen würde, laufen die zwei hinterher. Das ganze Team würde ihr zwar hinterherrennen, aber die beiden bleiben im Haus bis sie wieder rauskommt, oder gar nicht. Das unterscheidet sie von den anderen. Ihr Vertrauen ist am größten. Die beiden haben eher ein blindes Vertrauen.
Und ja, es ist noch relevant. Deswegen solltest du mit mir darüber reden.“
Kojiro ist irritiert und verwundert zugleich. Natürlich versteht er nun was Andrea mit Camp meint. Sie ist eins der Kinder, die auf einem Stützpunkt aufgewachsen ist. Ihm ist nun auch klar, was sie mit Captain meinte. Sie war selbst Offizierin, deswegen die Akademie und deswegen eben der raue Ton. Es ist natürlich seltsam wieso sie dann aber hier arbeitet? Und dann ist sie als Marine Captain mit einem deutschen Mann zusammen? Das ist eine interessante Kombination.
„Meinst du wirklich? Das Camp wäre also für die Mädels ein brennendes Haus?“
Martin nickt.
„Sinnbildlich, ja. Nur für Tina ist es anders. Sie ist keine Japanerin und sie kennt euch. Also deine Mutter und ein paar Leute von der Truppe. Sie weiß, dass sie niemand anfassen würde. Schon aus Respekt, weil sie deinem Bruder das Leben gerettet hat. Das hätte nicht jeder getan.“
Fragend schaut Andrea zu Kojiro.
‚Martin wollte das nicht vor ihm erklären müssen. Jetzt verstehe ich. Ob er jetzt schlecht über mich denkt?‘
„Was meinst du denn dazu? Sind diese Vorurteile wirklich noch so in den Köpfen?“, spricht sie ihn ruhig und verständnisvoll an.
‚Will sie mich da jetzt echt mit reinziehen?‘ Er stellt sich aufrecht und antwortet mit ernstem Blick.
„Das sind keine Vorurteile, das ist das Problem. Ich will dir nicht zu nahetreten und halte mich immer aus Politik raus, aber ich kenne selbst eine Familie dort, welche unfreiwillig entstanden ist. Und deswegen weiß ich, dass es nicht nur Vorurteile sind.“
„Wirklich?“, ist sie leise. Kojiro nickt und lehnt sich wieder ans Fensterbrett.
„Und du Martin? Was hast du damit zu tun?“
„Schau´ mich doch mal an, sehe ich aus wie ein Buchhalter? Ich war einmal auf dieser Insel und danach nie wieder. Nur mit dir direkt im Camp.
Hier werde ich auch oft als Amerikaner gehalten und zwar nicht als Tourist. Viele Frauen gehen mir aus dem Weg oder wechseln die Straßenseite. Was meinst du wieso der Start mit dem Studio so schwer war? Bis die Leute begriffen haben, dass ich kein Amerikaner bin dauerte es.
Mag der Skandal mit Tina damals eine dummgelaufene Sache gewesen sein, aber danach wussten die Leute, die mich gesehen haben, wenigstens, dass ich kein amerikanischer Soldat bin.“, versucht er ihr schonend zu erklären.
Plötzlich ist es ganz leise. Niemand kann etwas sagen.
Einige Minuten davor ist Tina wieder bei ihren Kunden und erklärt ihnen die nächste Übung.
„Sie hatten morgen ein Spiel geplant? Wieso fällt es aus?“, beginnt Megumi neugierig.
Tina schaut etwas betrübt.
„Eine Freundin von mir lebt in Italien und sie hat für mich ein Spiel mit ihren Mädels organisiert, leider sind zwei Mädels von ihnen gestern in einen Unfall geraten und lagen im Koma. Sie sind zwar jetzt wieder wach, aber noch schwer verletzt. Natürlich fällt dadurch das Spiel aus. Sie sind dann gar nicht erst geflogen.“, erklärt Tina.
Beide Frauen schauen traurig.
„Das ist ja schrecklich. Und nun hatte Andrea einen Vorschlag? Ich habe jetzt nicht ganz verstanden wo das Problem liegt. Ihre Mutter könne ein passendes Team zusammenstellen?“, wundert sich Naomi.
„Naja, du weißt doch, dass Andrea Amerikanerin ist, oder?“
„Ja, sie ist super nett und hat fachlich wahnsinnig viel drauf. Neben Martin hat sie die meisten Trainerlizenzen. Sie begleitet alle Frauenkurse und es macht immer viel Spaß mit ihr.“, spricht sie begeistert.
„Das stimmt. Andrea ist wirklich wahnsinnig lieb und man merkt ihr ihre Leidenschaft zum Sport deutlich an.
Was die Leute nicht alle wissen, sie ist nicht auf dem Festland geboren und aufgewachsen, sondern auf Okinawa.“
Die Frauen sehen sie erstaunt an.
„Dann ist Andrea ein Kind aus einem dieser Stützpunkte? Ein Kind von Marines?“, hinterfragt Naomi.
„Richtig, aber nicht nur das. Sie ist selbst ein Ex-Marine. Sie war Captain in der Fliegerstaffel, aber hat sich dann für einen anderen Weg entschieden und ihre Leidenschaft zum Kampfsport in eine andere Richtung gelenkt. Daher die Ausbilderscheine in den Staaten und hier.“
Die Frauen unterbrechen ihre Übung. „Ein Ex-Marine?“, äußert Megumi überrascht.
„Erst seitdem sie hier ist läuft alles genauso wie es Martin wollte. Er kann sich durch ihre Unterstützung im Team auf seine Arbeit konzentrieren und auch mal innerhalb der Öffnungszeiten außerhalb des Centers was erledigen. Wenn er nicht da ist, hat Andrea hier den Hut auf und mit ihr will sich garantiert keiner anlegen. Die Stammkunden wissen zwar nicht wo sie ausgebildet wurde, aber dass man sich mit ihr nicht anlegen braucht. Wenn einer muckt, dann fliegt er raus. Und wenn ich mal solche Plauder-Kurse wie diese hier gebe und Männer betreue, kann sie mich begleiten, da muss es Martin nicht immer machen.
Und wenn beim Personal irgendwelche Fragen sind, kann sie alle Geräte bedienen und fachlich wie auch als Autoritätsperson aushelfen.
Andrea hat eine gute Menschenkenntnis. Wenn jemand nach Ärger aussieht, kann sie es quasi riechen und hat die Person im Blick.“, erklärt Tina, dass Andrea das Herz neben Martin im Center darstellt. Ohne sie würde es nicht so harmonisch laufen.
„Wow, deswegen läuft das hier alles so gut, weil sie genauso gut durchgreifen könnte wie Martin?“, meint Naomi. Tina nickt stolz.
„Genau. Ich bewundere sie total. Sie scheut nicht davor im Notfall mal einen Brocken von Mann anzupacken und zurechtzuweisen. Sie ist ja so aufgewachsen und musste sich immer gegen solche Kerle durchsetzen. Ich kann das nicht.“
„Das stimmt. In so einer Männerdomäne aufzuwachsen und sich durchzusetzen ist schon beachtenswert.“
Tina grinst. „Das stimmt, das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen.“
„Oh, bist du auch so ähnlich aufgewachsen?“, fragt Megumi.
„Bei mir war das zwar eine andere Situation, aber ähnlich. Seit ich 11 war habe ich mich im Sport gegen die Jungs durchsetzen müssen. Das war auch nicht immer leicht.“
„Ach wirklich? In deinen biografischen Daten steht, dass du Volleyball erst mit sechszehn entdeckt hast, als du nach Japan gekommen bist.“, meint Naomi.
„Volleyball ja, das heißt ja nicht, dass ich vorher keinen Sport getrieben habe.“
„Oh, echt? Was hast du denn vorher gemacht?“ ‚Kojiro…es ist ein seltsames Gefühl. Ich kann plötzlich über meine Vergangenheit reden. Aber ich muss aufpassen was ich sage.‘
„Das muss aber hier im Raum bleiben. Ich weiß gar nicht wieso ich das Gefühl habe es euch sagen zu können. Es darf wirklich niemand wissen.“
„Warum das? Ist doch egal was du vorher gemacht hast.“
„Ist es eben nicht.“ Tina hält inne und atmet tief durch. „Ich habe seit Kindesbeinen an Fußball gespielt. Wenn es die Öffentlichkeit wüsste, dann würde man Fragen stellen und dann hätten meine Gegner meinen Schwachpunkt in der Hand.“ Tina blickt die beiden ernst an.
„Und ich habe keinen Schwachpunkt!“
In diesem Moment klingelt schon wieder Tinas Handy.
„Meine Güte, was ist denn heute los? Tut mir leid. Das ist die Uhrzeit.“
Tina steht auf und schaut nach. Es ist ein Anruf aus Italien.
„Martina?“
„Bettina. Ich wollte dich über den neusten Stand informieren. Laut den Ärzten sind beide wieder wohl auf. Auch Ludovica ist über den Berg. Sie haben beide schwere Brüche und eine Gehirnerschütterung. Aber sie werden wieder.
Natürlich werden sie wie befürchtet nie wieder mit uns professionell spielen können. Damit haben wir ja leider schon gerechnet.
Wir werden also später mit unserem Trainer und Verband reden wer die beiden ersetzen wird.
Wir sind aber erstmal froh, dass sie wenigstens nicht im Rollstuhl sitzen oder schlimmeres. Sie können laut der Ärzte immerhin normal leben.“
Tina atmet durch. „Danke für deine Info. Sowas habe ich schon vermutet. Viola sollte ja keine Probleme haben, aber Ludovica, hat sie einen Plan B?“
„Ja, mach dir da keine Sorgen. Sie hat sowas ähnliches gelernt wie du und wollte nach dem Sport eh das Hotel ihrer Eltern übernehmen. Sie macht aktuell noch ein Studium zum Betriebswirt. Also alles gut.“
„Das freut mich. Bis dahin erstmal. Ich muss wieder.“ Tina legt auf.
Sie lächelt die beiden Kundinnen an.
„Gute Nachrichten aus Italien. Die beiden Volleyballerinnen sind den Umständen entsprechend wohl auf. Sie werden zwar leider nicht mehr spielen, aber laut der Ärzte ein normales Leben führen können.“
Die beiden Frauen sind eher irritiert und wundern sich, dass Tina früher Fußball gespielt hat. Wieso hat sie denn in Japan nicht damit weitergemacht? Und warum weicht sie all die Jahre dann solchen Leuten aus? Bevor sie zum Studio gegangen sind haben beide nochmal alle möglichen Informationen eingeholt und im Internet ihre Berichte und Interviews angesehen, damit sie genau wissen was sie fragen müssen. Laut dieser Informationen weicht sie diesen Sportlern aus und sie wollte auch nie Herrn Hyuga kennenlernen, obwohl man sie nach seinen speziellen Schüssen benannt hat.
„Und was wird jetzt mit den Frauen? Was machen die ohne ihren Sport?“, erfragt Naomi.
„Ludovica wird vermutlich im Hotel der Eltern arbeiten und es danach übernehmen und Viola ist mit Herrn Zedane verheiratet, er war heute einer unserer VIPs und ist aktuell auf dem Weg zurück zu ihr. Sie wird sich auf ihre Kinder konzentrieren und beruflich weiß ich gar nicht was sie studiert hat nebenbei.“
Megumi ist neugierig und nutzt das Thema.
„Verheiratet, mit dem Franzosen? Wie romantisch. Familie ist schon was Besonderes. Willst du später auch eine Familie haben? Ich habe drei Kinder und bin seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet. Gibt es da aktuell jemanden bei dir? Einen Mann in deinem Leben?“, schmunzelt sie frech.
Tina lächelt ohne die beiden anzusehen. Vor ihr erscheinen Kojiros Augen.
„Es gibt tatsächlich jemanden, aber das ist noch zu frisch und zu kompliziert für die Öffentlichkeit.“
Naomi spricht mitfühlend. „Das klingt ja richtig romantisch. Glaubst du es ist diesmal der Mann fürs Leben? Ich würde es dir wünschen. Ich bin immer noch auf der Suche.“
„Ach Naomi, am besten du suchst nicht mehr, sondern genießt einfach nur dein Leben. Irgendwann steht der Richtige vor dir und du spürst es einfach. Dann steht dein Leben plötzlich auf dem Kopf und du weißt, dass er es ist.“, schmunzelt sie Naomi an.
„War es so bei ihm? Das klingt alles so spannend.“, schwärmt Megumi.
Tina setzt sich auf die Knie und legt ihre Hände auf die Oberschenkel. Die Damen machen es ihr nach.
„Kann man so sagen.“, spricht sie leise und ihr Puls steigt an.
„Nun zeige ich euch eine kleine einfache Übung, die ihr jederzeit machen könnt, wenn ihr euch aufregt, oder zu sehr freut und etwas runterkommen müsst.“
Tina streckt die Arme aus und streckt die Hände flach zur Seite, dreht die Handflächen verschieden und abwechselnd nach oben und nach unten und bewegt den Kopf dazu von einer Seite zur anderen. „So müsst ihr euch sehr konzentrieren, könnt entspannen und die Aufregung unterdrücken.“
„Oh ja, das kenne ich. Das hat mir eine Kollegin aus dem Psychologiebereich gezeigt.“, meint Megumi plötzlich begeistert.
„Immer schön tief ein und dann ausatmen, wenn ihr die Kopfrichtung wieder ändert.“
„Okay.“, kommt als Antwort.
„Was ich euch erzähle muss im Raum bleiben. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann ihn in eurer Nähe spüren. Das sagt mir, dass ich euch trauen kann.“, spricht Tina ganz leise.
„Wir werden niemanden was sagen. Es ist nur so spannend.“, meint Megumi ebenso leise und mit gefühlvoller Stimme.
„Als wir uns…das erste Mal trafen…wussten wir beide nicht…wer der andere ist. Und nun müssen wir…erst einiges klären bevor…es alle wissen.“
„Wow, sowas wie…Liebe auf dem…ersten Blick?“, meint Naomi begeistert.
„Genau. Anders…kann ich es…mir auch nicht…erklären.“, meint Tina lächelnd.
Alle konzentrieren sich auf ihre Atmung.
„Warum denkst du…ist er…der Richtige?“
„Ich habe…seitdem ich…ihn kenne…keine…Albträume mehr…und mein…einziger…Schwachpunkt…verschwindet.“
„Was meinst du mit Schwachpunkt? Das Fußballspielen? Warum war das ein Schwachpunkt?“, wundert sich Megumi und unterbricht plötzlich ihre Übung.
„Nicht das Spielen, ich erkläre es, wenn du deine Übung wieder weiter machst.“
„Sorry.“, reagiert sie und staunt. ‚Die ist ja streng. Wie eine Lehrerin, die alles im Blick hat.‘
„Nach einem Profi-Spiel…wurden mein Bruder…und ich…auf dem Heimweg…überfallen. Es waren…fünf Männer …welche Fußball-Trikots trugen. Wenn nicht ein Freund…zufällig vorbei gekommen wäre…und sie verjagt hätte…wäre ich eventuell…auch nicht mehr da.“ Alle drei halten inne und starren sich an. Tina atmet ganz tief durch.
„Tina, das ist ja entsetzlich. Deswegen…“, beginnt Megumi.
„…hast du den Kontakt zu Fußballern gemieden?“, ergänzt Naomi. Tina nickt.
„Wenn meine Gegner davon gewusst hätten, dass ich selbst gespielt habe, könnten sie es gegen mich verwenden. Aber jetzt…ist es egal. Ich erinnere mich plötzlich nur noch an die schönen Zeiten. An all den Spaß den wir hatten und an die Erfolge mit dem Team und meinen Freunden.
Deswegen weiß ich, dass ER der Richtige ist.
Mein Schwachpunkt ist weg. Und ich kann…endlich darüber reden.“
Es ist still im Raum.
Naomi kommen plötzlich ein paar Tränen.
„Ich kenne das Gefühl. Mein Bruder wurde neben mir auf offener Straße erschossen. Solche Bilder vergisst man nicht.“, berichtet sie mitfühlend.
Tinas Blick verändert sich.
‚Oh nein. Du kennst das? Jetzt habe ich dich auch noch daran erinnert.‘
„Es tut mir leid. Ich wollte keine Wunden aufreißen.“, sagt sie ruhig und blickt sie an.
Kurz darauf geht die Tür vom Studio wieder auf und diesmal betritt Martin den Raum.
„Guten Abend die Damen.
Tina, du bist schon über eure Zeit.“, sagt er ruhig und blickt zu runter. Naomi wischt sich die Tränen aus den Augen und steht auf. Tina und Megumi tun es ihr gleich.
‚Nanu, Tränen? Was war hier los?‘
„Ist alles okay?“, erkundigt er sich bei Tina und schaut zu ihr herab.
Sie lächelt ihn an.
„Alles gut, nur Weiberthemen.
Ich hatte den einen oder anderen Anruf und habe deswegen etwas länger gemacht. Das ist nur fair, wegen der Zeit.“, erklärt sie überzeugt.
„Verstehe. Aber jetzt ist Feierabend für dich.“
Tina dreht sich zu ihren Kundinnen um.
„Er hat Recht. Macht euch noch einen schönen Abend und vielen Dank, dass ihr da wart. Ich hoffe es hat euch gefallen und Megumi, kommst du wieder? Wäre das was für dich? Im Detail kann das ja noch alles besprochen werden.“, lächelt sie fröhlich.
Beide antworten begeistert. „Ja, es war wirklich sehr schön und interessant.“
Megumi sieht zu Martin. „Herr Müller, Sie haben da wirklich eine ganz tolle Idee mit dem Center und dem gesamten Konzept gehabt. Bei Zeiten komme ich wieder und mich interessiert das Angebot was mit Schwimmen zu tun hat. Sowas gefällt mir.“
Er lächelt. „Das höre ich sehr gerne. Lassen Sie mir nachher bei Andrea ein paar Infos da und wir melden uns dann zwecks eines Termins, um die Kurse vorzustellen.“
Kurz darauf gehen die Frauen sich umziehen. Tina ist deutlich schneller fertig und steht wieder im Flur und unterhält sich mit Martin.
„Was war denn nun wirklich los? Wieso hat sich Naomi Tränen weggewischt?“
„Frauenzeugs eben. War Andrea bei dir?“, lenkt sie ab.
„Ja, ich mag ja überhaupt nicht mit ihr über solche Sachen reden, das weißt du.“, murrt er.
„Was sollte ich denn machen? Vor den Frauen den Geschichtslehrer spielen?“, murrt sie zurück.
„Du hast Recht. Es wird immer mal Situationen geben wo wir merken, dass wir aus verschiedenen Kulturen stammen. Aber damit müssen wir irgendwie klarkommen. Unsere Gefühle zueinander waren bisher immer stärker als alles was von außen kam. Ist das bei euch auch so?“, erklärt er liebevoll und fragt.
Tina sieht ihn nachdenklich an.
„Ja, aber du kannst uns nicht mit euch vergleichen. Eure Großeltern und Eltern waren Klassenfeinde, das ist bei uns nicht der Fall. Und aus deiner Sicht ist es eh nochmal spezieller, du bist zu Wendezeiten zur Schule gegangen. Du musstest zwei verschiedene Ansichten von Geschichte über dich ergehen lassen.“
„Vielleicht solltest du mal bei Zeiten einen Frauenabend mit ihr machen und ihr von deinen Großeltern erzählen. Wenn sie erst weiß was sie zu Kriegsende und danach durchmachen mussten hat sie mal eine andere Sichtweise. Sie kennt ja nur was man ihr erzählt und an der Militärakademie beigebracht hat. Aber solche Erfahrungsberichte kennt sie nicht. Dann versteht sie auch wieso du ihren Vorschlag abgelehnt hast.
Du solltest aber auch mit ihrer Mutter persönlich darüber reden. Sie ist eine gestandene Frau und hat sehr viel Erfahrung. Du solltest dir anhören was sie mit dem Vorschlag überhaupt genau gemeint hat. Eventuell weiß Andrea nur zur Hälfte was sie sich bei dem Vorschlag gedacht hat. Ich finde nämlich den Vorschlag an sich super. Dir geht’s doch gar nicht um die Technik, sondern um eine Herausforderung und ein Kräftemessen. Ihr könnt ja nicht immer gegen die Männer spielen. Die Damen im Camp sind durchtrainierte Marines, das ist ein ganz anderes Verhältnis. Technisch seid ihr super aufgestellt. Da macht euch keiner was vor. Aber wenn es um die Fitness und die Ausdauer geht, kommt doch noch immer nur Yoko mit dir mit. Und auch nur weil sie ihre Ausbildung im Dojo beibehalten hat und die Karateausbildung ihrer Familie genoss. Sie war also so wie du seit Kindesbeinen auf in Ausdauer und Konzentration trainiert. So musst du dir die Frauen dort vorstellen. Einige wurden zwar versetzt, aber einige sind wie Andrea ihr Leben lang nur auf sowas gedrillt worden. Was sie mir da manchmal erzählt, was die machen mussten geht auf keine Kuhhaut.
Du weißt doch wieso ich sie damals eingestellt habe?“
Tina nickt. „Ja, als Sicherheitschefin und Rausschmeißerin.“, grinst sie.
„Genau, sie hat in vielen Betrieben und Studios angefragt, immer bekam sie Absagen als Ex-Marine. Niemand wollte eine Amerikanerin einstellen. Sie ist dann auf dem Tipp ihres Bruders hin zu uns gekommen.“
Tina lacht und erinnert sich.
„Ich kann mich noch gut an deine Prüfung erinnern, wie sie dich ohne mit der Wimper zu zucken auf die Matte geschmettert hat. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass das der Moment war, wo ihr euch verliebt habt.“, kichert sie los. „Ja ja, lach nur. Das war sicher ein Bild für die Götter. Der große Martin, der sich von einer Frau, die einen Kopf kleiner ist, auf die Matte werfen lässt.
Und ja, das war tatsächlich einer der Momente.“, grinst er selbst.
Beide sehen sich an und lachen herzhaft los. Sie stellen beide fest, dass das letzte Mal als sie so herzhaft miteinander gelacht haben, bestimmt noch in Deutschland gewesen ist. Damals, als noch alles sorglos war.
Martin sieht Tina verblüfft an wie sie sich lachend krümmt und den Bauch festhält.
„Dieser Japaner scheint dir gut zu tun.“, haut er plötzlich raus. Tina sieht ihn nur verwundert an und versucht sich wieder zu beruhigen. „Martin…“, haucht sie aus.
‚Was meint er denn damit?‘
„Im Ernst. Ich weiß schon gar nicht mehr wann du das letzte Mal so gelacht hast. Und schon gar nicht mit mir.
Was ist anders? Was fehlte bei uns?“ Sie wischt ihre Lachtränen aus dem Gesicht und sieht ihr nur verwundert an.
„Wie kannst du in so einem Moment sowas fragen?“, meint sie ernst.
Tinas letztes Geheimnis
Kapitel 42
Tinas letztes Geheimnis
Endlich hat Tina Feierabend und betritt mit Martin zusammen das Büro.
Kojiro steht noch immer am Fenster und Andrea sitzt im Bürostuhl und liest sich einiges am PC durch.
Tina schaut zu Kojiro und geht zu ihm.
„Wie schön, dass du so lange gewartet hast.“, lächelt sie ihn an. Er lächelt zurück und spürt ihre Hand in seiner.
„Ich habe die Zeit genutzt und mit Martin geplaudert.“, antwortet er und sieht sie liebevoll an. ‚Schade, dass ich dich jetzt nicht einfach in die Arme nehmen kann.‘
„Verstehe.“, sagt sie nur und versucht ihr Herzklopfen zu verbergen.
Plötzlich steht Andrea auf, geht zu ihr und nimmt sie in den Arm.
„Es tut mir leid, Tina. Ich bin manchmal etwas begriffsstutzig.“
„Andrea…was ist los?“, wundert sie sich nur.
„Du weißt doch was ich meine.“ Tina umarmt sie ebenfalls.
„Ach man. Beim nächsten Verteidigungs-Kurs mit dir erzähle ich dir mal ein paar Erlebnisse meiner Großeltern. Ist das okay?“
Andrea nickt und drückt Tina ganz doll.
„Danke. Danke, dass du mich akzeptierst wie ich bin.“
Kojiro ist erstaunt, aber kümmert sich weiter nicht darum und schaut aus dem Fenster. Da entdeckt er die beiden Damen, welche aus seiner Richtung kommend über die Straße gehen.
‚Nanu. Sind das etwa Professorin Susuki und Professorin Kanai? Was machen die denn hier?‘
„Bettina? Kommst du mal kurz?“, ruft er sie skeptisch.
„Was gibt’s?“, wundert sie sich und geht zu ihm.
„Die zwei Frauen dort? Waren das deine spontanen Kunden von eben?“
Tina schaut aus dem Fenster.
„Ja, Naomi und Megumi, wieso? Naomi ist schon gut einige Monate hier, sie ist in meinem Programm und heute hat sie ihre Freundin mitgebracht.“, erklärt sie stolz.
‚Wieso waren sie hier? Zusammen vor allem? Haben sie etwas gemerkt? Ausgerechnet heute buchen die zwei so einen persönlichen Kurs nur mit Bettina? Das war doch kein Zufall. Irgendwas muss sie hergelockt haben? Ob das die Bälle waren?‘
Kojiro richtet seinen Blick zu Tina und sieht sie ernst an.
„Wir sollten das so bald wie möglich beenden.“, äußert er.
Tinas Blick verändert sich plötzlich und sie sieht ihn entsetzt an. „Was…beenden?“ Ihr Herz beginnt schneller zu schlagen.
Martin und Andrea sehen ihn auch etwas verwundert an. Was meint er denn? Ist es ihm doch nicht ernst? Dabei waren sie beide fest davon überzeugt, dass sie das gleich fühlen. Kojiro bemerkt auf einmal Tinas Reaktion.
„Falsche Wortwahl. Ich meine unser Versteckspiel natürlich. Das hält ja keiner mehr aus.“, erklärt er sich, aber bleibt ernst. Einen Moment ist es still im Raum.
„Erschreck mich nicht so.“, sagt Tina ganz leise.
Auf einmal ist ein leises Klacken zu hören. Beide sehen zur Tür. Sie sind jetzt alleine. Kojiro berührt Tinas Arm und ihren Kopf. Mit einem tiefen Blick in ihre Augen nutzt er die Gelegenheit und küsst sie leidenschaftlich. Beide genießen den Moment der Zweisamkeit.
Einige Minuten später sitzen sie in Tinas Auto und fahren nach Hause. In der Garage angekommen öffnet sie die Tür und steigt aus.
„Ich wollte eigentlich heute noch Einkaufen, aber nun ist es mir zu spät. Wollen wir mal was bestellen? Ich habe richtig Hunger.“
„Können wir gerne machen. Mich stört das nicht.“, stimmt er zu und steigt aus.
„Auf was hast du denn Lust?“
„Magst du Sushi? Ich bin ja nicht so oft hier und da nutze ich die Gelegenheit gerne.“
„Oh, wie schön. Darauf habe ich auch Appetit.“
Tina greift am Kühlschrank zur Bestellliste, ruft den Lieferdienst an und gibt ihre Wünsche durch.
Dann deckt sie den Tisch im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Ganz gemütlich möchte sie es machen und legt zuvor eine Tischdecke darauf. „Wenn wir schon bestellen, dann ein wenig mit Kultur…würde meine Mama sagen.“, grinst sie ihn an, als er die Teller bringt. ‚Irgendwas ist anders heute.‘, bemerkt er.
Tina greift in den Kühlschrank und holt eine Flasche Sekt raus, geht an die Vitrine und entnimmt zwei Sektgläser.
Dann nimmt sie ein Handtuch und öffnet die Flasche vorsichtig. Nur ein ganz leichtet Ploppen und der Druck entweicht. Dann schenkt sie ein und reicht Kojiro ein Glas. Er ist etwas verwundert. Sonst fragt sie doch, ob er überhaupt etwas möchte.
Neben dem Sofa stehen sie und sie lächelt ihn glücklich an.
„So. Endlich können wir anstoßen, Kojiro. Herzlichen Glückwunsch zu deinem Abschluss. Jetzt kann dir nichts mehr passieren, denn du hast Plan B in der Tasche.“ Er lächelt.
„Jetzt wird mir einiges klar. Ich habe mich schon gewundert was hier anders ist. Danke. Ja, auf den Abschluss.“
Sie sehen sich in die Augen, stoßen an und nehmen einen großen Schluck.
„Jetzt sage mir doch mal wieso du mich nie nach meinem Studienfach gefragt hast? Jetzt wieder nicht. Bist du gar nicht neugierig?“, ist er neugierig.
Tina lächelt ihn an.
„Ich habe gehofft, dass du es mir einfach sagst. Und natürlich bin ich neugierig. Ich halte es kaum aus und platze schon vor Anspannung.“, meint sie und nimmt noch einen Schluck bevor sie sich an ihn schmiegt. Sie sieht ihn sehnsüchtig an. „Aber genau das ist doch auch so aufregend, wenn du mich zappeln lässt…wie einen Fisch am Haken.“
„Du bist mir Eine. Na dann kann es ja noch warten.“, meint er plötzlich.
Tina sieht ihn verdutzt an. „NEIN, das halte ich nicht mehr aus. Jetzt sage es mir doch. Bitte.“, bettelt sie.
Er grinst, nimmt ihr das Glas aus der Hand, stellt beide Gläser auf den Tisch und nimmt sie in den Arm. Er sieht ihr tief in die Augen.
„Du hast ab heute einen Architekten an deiner Seite.“, sagt er stolz und dann küsst er sie glücklich.
Kurz darauf läutet es an der Haustür. Tina geht, nimmt den Beutel entgegen und bezahlt die Bestellung.
Dann kommt sie in die Küche und fängt an alles hübsch auf Tellern zu drapieren. Kojiro hilft ihr dabei.
„Ich bin total baff, Kojiro. Ich hatte ja gar keine Ahnung. Architekt, wow.“, äußert sie noch nachdenklich und sieht ihn stolz an.
„Ist das jetzt wirklich so eine Überraschung? An was hast du gedacht?“
Sie lächelt ihn an.
„Keine Ahnung, irgendwas mit Zahlen und Formeln. Aber dass du einen so kreativen Beruf hast, wow. Da muss man doch Modelle bauen und sich so viel ausdenken und diese ganze Bautechnik und überhaupt. Wie hast du das nebenbei geschafft? Ich bin ja überhaupt nicht kreativ und von Technik und Physik habe ich so gar keine Ahnung.“
„Es muss ja was geben womit ich dich auch mal überraschen kann. Und sage nicht, du bist nicht kreativ, das bist du doch. Deine Menüs und Ernährungspläne sind doch voller Ideen. Und dass du solche Platten zusammenstellst, das ist doch hübsch anzusehen. Wenn du nicht kreativ sein würdest, hättest du dir jetzt nicht die Mühe gemacht und du hättest einfach die Platten wie sie sind auf den Tisch gestellt.“
Etwas nachdenklich schaut sie auf den bunten Teller.
„Ich weiß nicht. Das kann man doch gar nicht vergleichen. Wer so ein Fach studiert hat viel in Zukunft vor. Du hast sicher große Pläne im Leben und bist total durchstrukturiert. Was planst du als nächstes?
Mein Leben ist das reinste Chaos. Ich weiß nicht wohin es gehen soll. Immer kam was dazwischen, da habe ich aufgehört Pläne zu machen. Was ist, wenn ich dir deswegen dabei im Weg stehe und dich von deinem Weg abbringe?“
Kojiro sieht sie etwas überrascht an. Betrübt ist ihr Blick auf das Sushi gerichtet und er bemerkt, dass ihr ein paar Tränen entweichen.
Er dreht sich zur Seite und nimmt ihr das Besteck aus der Hand.
„Was ist los? Du bist doch nicht chaotisch. Alles was du machst hat doch eine Struktur. Wieso zweifelst du daran?
Du wirst mich nicht vom Weg abbringen, im Gegenteil. Meinst du wirklich mein Plan funktioniert, wenn ich alleine bleibe? Und ja, es wird sicher nicht alles leicht und immer nach Plan laufen, aber du hast ja selbst gesagt „Einfach ist langweilig“. Das sehe ich genauso. Ein langweiliges Leben hatte ich nicht geplant.
Und mit dir…Bettina…mit dir wird es garantiert nie langweilig werden.“, versucht er ihr klar zu machen und spricht gefühlvoll.
Tina sieht zu ihm auf.
„Wirklich? Du kannst dir ein Leben mit mir vorstellen? So richtig mit einer Familie? Aber wir kennen uns doch noch gar nicht so lange und schon…kannst du dir das vorstellen?“
Er nimmt sie in den Arm, blickt ihr tief in die Augen und dann berührt er ihr Kinn. „Wenn du das kannst, Bettina? Ich wüsste nicht was mich davon abhalten könnte. Ich liebe dich und nichts oder niemand könnte etwas daran ändern.“
‚Ach Kojiro…wenn du wüsstest. Ich habe Angst, dass du deine Meinung ändern könntest, wenn du erst weißt wer der Junge von damals war. Wer meine erste Liebe war.‘
Ihre Hände berühren seinen Arm und seine Hand am Kinn.
„Kojiro…ich habe Angst…ich weiß jetzt…wie du dich…gefühlt haben musst. Kurz bevor du mir…gesagt hast wer du wirklich bist.“, stottert sie sich zurecht.
„Was meinst du? Wovor hast du Angst?“, wundert er sich.
„Ich habe Angst, dass er uns im Weg sein könnte.“, fängt sie an zu weinen.
„Wen meinst du?“
„Der Junge, von dem ich dir erzählt habe. Er ist nicht…irgendein Junge gewesen…es ist…“ Er legt seine Hand auf ihre Lippen. Dann schüttelt er den Kopf.
„Versuchst du mir jetzt etwa zu sagen, dass deine Jugendliebe, die dir nie aus dem Kopf ging, mein Erzrivale ist? Dass es Schneider war?“, blickt er ernst.
Ihr Herzschlag ist so laut, dass er es nicht nur spüren kann. Kojiro kann es ganz deutlich hören und er berührt nun ihren Kopf.
‚Was hat das zu bedeuten? Weiß er das etwa schon? Aber woher?‘ Tina nickt und schließt die Augen verzweifelt. Sie weiß nicht was sie machen soll und ihr wird ganz warm, weil sie noch immer seine warmen Hände spüren kann.
„Woher…“, sagt sie nur.
„Ich habe es geahnt, also du es mir gesagt hast und dann…“, seine zweite Hand berührt ihren Rücken und drückt sie fest an sich. „…machte Genzo so eine Bemerkung, dass er sich melden würde, wenn er es erfährt. Da war ich mir dann sicher.“, erklärt er. Sie öffnet die Augen und ist verwundert.
„Und trotzdem liebst du mich noch?“
„Ich sagte doch bereits, ich halte fest, was kein anderer haben kann. Und wie du sagtest, es ändert nichts an meinen Gefühlen zu dir.
Bettina Fuchs, ich liebe dich und lasse dich nie wieder los, egal was kommt oder wer uns im Weg stehen könnte.“
Dann küsst er sie und sein Puls steigt ebenso an. Beiden ist plötzlich bewusst, dass es nichts mehr gibt was wirklich zwischen ihnen steht. Alle Bedenken sind verflogen und jeder Zweifel erloschen. Sie können einfach nur zusammen sein. So wie sie es für heute Abend geplant haben können sie sich überlegen wie es nun weiter geht. Alle Geheimnisse wurden ausgesprochen und die Anspannung in ihnen verfliegt. Dieser wunderschöne unendliche Moment ist etwas ganz Besonderes.
Einige Augenblicke später sitzen sie auf dem Sofa, sehen Fern und genießen ihr Abendessen.
„Ich bin erstaunt. Du hast das erste Mal den Fernseher an, seitdem ich dich kenne.“, äußert Kojiro. Es läuft ein alter Krimi.
„Ich bin nicht so die Fernseheule. Als Kind war ich immer draußen und jetzt immer unterwegs, außerdem habe ich ja versucht alles zu ignorieren. Ich sehe mir, wenn dann Musik oder Dokus an. Ab und an mache ich mir eine DVD rein.“
„Ist bei mir nicht anders. Sehe nur Nachrichten und das Wetter.“
Als die Werbepause kommt steht Kojiro auf und geht in die Küche, um sich noch ein Glas Wasser zu holen. Auf dem Rückweg erkennt er an der Melodie seinen Werbespot. Neugierig beobachtet er Tina, wie sie die Reklame aufmerksam betrachtet und dabei lächelt. „Kojiro…du bist ein Werbemodell.“, äußert sie stolz, als sie zu ihm blickt. Er grinst zurück.
„Das war anfangs meine erste richtige Einnahmequelle. Zum Ende der Schulzeit und danach war ich vorerst hier in Japan in der Oberliga, während Tsubasa, nach Brasilien ging. Ich bin erst seit fast drei Jahren in Italien. Es gibt mittlerweile zwei Werbespots. Das Shampoo und die Lotion. Mit den Verträgen und den Einnahmen habe ich mir meinen ersten Traum erfüllt. Wie du sagst, ich habe immer einen Plan.“ Er nimmt einen Schluck aus seinem Glas und setzt sich neben sie.
Sie schaut neugierig.
„Wirklich? Was für einen Traum? Ein Auto oder sowas belangloses war es sicher nicht. Du bist nicht der Typ fürs Protzen.“, lächelt sie.
„Hm, stimmt. Ich habe die Schulden meines Vaters beglichen, die Hypothek vom Laden ausgelöst, und meiner Mutter ein Haus bauen lassen. Ich habe es ihr geschenkt. So kann sie es später nutzen wie sie will.“
Tina berührt sein Bein und sieht ihn verliebt an.
„Sowas in der Art habe ich mir gedacht. Du denkst immer zuerst an deine Familie.“
Plötzlich klingelt das Telefon. Tina steht auf und geht in den Flur.
„Guten Abend Tina. Hier ist Fane.“
„Ach wie schön. Du wolltest ja nochmal anrufen. Was gibt es denn?“
„Naja, ich bin noch etwas durch den Wind. Genzo und Tsubasa…hatten einen Streit.“, versucht sie sachte zu berichten.
„Was soll das heißen? Seit wann streiten die miteinander?“
Im selben Moment klingelt Kojiros Handy.
„Hallo?“
„Ich bin es, Genzo. Bist du bei Tina?“, kommt eine strenge Stimme.
„Ja, wieso?“, entgegnet Kojiro überrascht. Er hat zwar mit dem Anruf gerechnet, aber ist erstaunt, dass er sich tatsächlich meldet und dann fragt er ob er bei Tina ist. Seltsam.
„Okay, was macht ihr gerade?“
„Du kannst Fragen stellen. Wir sind beim Abendessen.“
„Okay, bis gleich.“, sagt er und legt auf.
Unterdessen berichtet Fane was beim Training heute passiert ist und Tina sitzt etwas verdattert auf dem Stuhl. Kojiro geht zu ihr und sieht sie nur verblüfft an. ‚Nanu, was ist los? Wer ist denn da dran?‘
„Wer ist dran?“, fragt er nur kurz.
„Fane. Genzo und Tsubasa…“ Er nimmt ihr den Hörer aus der Hand.
„Fane, wir melden uns später nochmal. Sorry.“ Dann legt er einfach auf.
Tina sieht verwundert zu ihm auf.
„Wieso hast du einfach aufgelegt?“
„Genzo ist gleich hier. Was auch immer er zu sagen hat, wir sollten ihm erstmal zuhören.“, erklärt er bestimmend.
„Woher weißt du, dass er jetzt kommt?“
„Er hat mich angerufen. Schon heute Mittag rief er mich an. Er wollte aber warten bis ich mit der Prüfung durch bin und wollte mir dann was erzählen.“
Sie ist etwas verwundert. „Woher hat er denn deine Nummer?“
„Von Ken, sagte er.“
Es läutet an der Haustür. Kojiro geht hin und schaut durch den Spion. Es ist Genzo also öffnet er die Tür.
Ohne ein einziges Wort zu sagen geht er an Kojiro vorbei, zieht seine Schuhe aus und blickt dann zu Tina, welche noch auf dem Stuhl sitzt.
„Genzo, was ist los?“ Beide sehen sein Mus-Auge.
‚Das sieht ja schlimm aus. Ich hätte nie gedacht, dass Tsubasa überhaupt zuschlagen könnte und dann bei einem Freund.‘, denkt Tina.
„Ich muss mit euch reden. Ich störe hoffentlich nicht.“
Dann geht er einfach ins Wohnzimmer und setzt sich aufs Sofa. Das Paar folgt ihm und sieht ihn nur verwundert an.
„Welches ist deins, Tina?“
„Das mit der Lachsrose.“
Dann greift er sich ihre Stäbchen und bedient sich einfach an ihrem Sushi.
Kojiro und Tina sehen sich beide nur fragend an. Als Genzo zum Fernseher schaut und seine abwertende Meinung dazu sagt, platzt Tina der Kragen.
„Was seht ihr euch denn an? Alte Schinken? Mord im Orientexpress? Echt? Da weiß doch jeder wer der Mörder war.“
Tina geht zum Tisch, schnappt sich die Fernbedienung und drückt auf den Aus-Knopf.
‚So habe ich Genzo ja noch nie erlebt. Was ist nur passiert? Wieso benimmt er sich wie ein Flegel?‘, wundert sich Kojiro am meisten.
Genzos beste und einzige Freundin steht streng vor dem Fernseher und hat ihre Hände an der Taille.
„Erzähl was los ist oder geh!“
Er entdeckt die Sektgläser.
„Kojiro…habt ihr angestoßen? Auf deinen Abschluss?“
Zuerst kann er gar nicht darauf antworten aber dann entscheidet er sich doch. „JA.“, kommt trocken rüber und schaut seinen Hinterkopf an, wie er über der Sofalehne hervorschaut.
„Und was bist du jetzt? Ich bin im vierten Semester Betriebswirtschaft.“
„Architekt Bachelor.“
„Wow…sowas hätte ich dir gar nicht zugetraut. Hast du denn das Haus für deine Familie damals selbst entworfen?“
„Ja, das habe ich.
Komm´ zum Punkt, Genzo! Was willst du uns erzählen?“, klingt Kojiro sehr streng und verschränkt die Arme.
Genzo sieht zu seiner Freundin auf und plötzlich verschränkt er die Hände vor seinem Gesicht.
„Ich…bin…ein…Arsch!“, sagt er laut.
Tina geht zu ihm und setzt sich neben ihren besten Freund. „Was ist passiert?“
„Ich…habe Tsubasa geschlagen. Ausgerechnet meinen besten Freund.“, beichtet er.
„Wir haben uns gestritten und dann habe ich ihm eine verpasst. Dann er mir und ich wieder. Wenn Fane nicht dazwischengegangen wäre…nicht auszudenken.“, erzählt er in weinerlicher Stimme.
Kojiro ist etwas verwirrt. Seit wann holt Tsubasa aus? Dass er mal eine kassiert, das kann er sich vorstellen, aber zurückschlagen? Niemals. Das muss etwas sehr Ernstes gewesen sein, dass er sich nicht zurückhalten konnte.
„Seit wann holt Tsubasa aus? Und dann bei dir? Worum ging es?“, fragt er wieder streng.
„Das ist nicht mehr von Bedeutung. Es war genauso unbedeutend wie damals der Streit wegen der Coladose.“, meint Genzo weiter.
Tina ist etwas irritiert. Welche Coladose?
„Was meinst du mit Coladose?“, fragt sie.
„Du weißt doch, die Dose die bei eurem Streich kaputt ging. Deswegen sind wir doch einzeln heimgegangen.
Hätte ich mich nicht so unnötig aufgeregt darüber, wäre er noch da. Dann wäre dein Bruder noch bei uns.“
„Genzo…so ein Blödsinn! Dann wäre es an einem anderen Tag passiert. Ich hatte die Vermutung, es sei gezielt gewesen. Die hatten es direkt auf uns abgesehen. Ich weiß nur nicht wieso. Aber dann wäre es später passiert, irgendwann.“
Genzo blickt plötzlich auf. „Wie meinst du das? Gezielt? Davon hast du nie etwas gesagt.“
„Du willst ja auch nie darüber reden. Der Polizei habe ich es damals auch gesagt. Die haben so seltsame Dinge gesagt, dass es auch in ihren Ohren danach klang. Das war kein wahlloser Angriff.“
Der Keeper wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und sieht Tina an.
„Was haben die denn gesagt bevor ich kam?“
„Sie sagten was von wegen, ich müsse mir bei ihm keine Hoffnung machen. Die dachten vermutlich, ich sei seine Freundin.“
„Was genau haben sie noch gesagt?“, fragt er ernst.
Tina überlegt und versucht sich zu erinnern. Es fällt ihr wieder ein und sie zitiert: „Wir bringen dich schon wieder zur Vernunft.“ und „Du musst ihm nicht nachweinen, Süße. Er interessiert sich eh nicht für dich.“, sagt sie nur.
Kojiro kann es leider nicht verstehen. „Magst du es mir übersetzen?“, hinterfragt er vorsichtig. Tina tut ihm den Gefallen.
‚Das klingt wirklich seltsam. Da könnte sie Recht haben, dass es gezielt war.‘
„Tina, wieso hast du mir das nie gesagt? Dann hätte ich die Aussage bei der Polizei anders gemacht.“, meint Genzo plötzlich im ernsten Ton.
„Wieso anders? Was meinst du damit?“
„Die Leute kannten vermutlich sein Geheimnis. Ich glaube sie haben euch deswegen angegriffen, wegen Stephans Geheimnis. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich es der Polizei gesagt.“
Tina sieht ihn verärgert an.
„Welches Geheimnis? Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Genzo…ich will dir nicht alles aus der Nase ziehen. Was weißt du was ich nicht wusste?“
„Du hast es wirklich nicht bemerkt? Stephan, er war verliebt…in einen Jungen.“
Tina sieht ihn entsetzt an.
„Das denkst du dir doch jetzt aus? Er hatte eine Freundin. Isabell. Du kennst sie doch.“
„Nein, er wollte deswegen das Team nach der WM verlassen. Nicht nur das, er wollte komplett mit dem Profisport aufhören und lieber gleich studieren. Das hat er mir im Vertrauen erzählt.“
Tina schüttelt den Kopf.
„Nein nein…das kann nicht sein. Das hätte er mir doch gesagt. Er hat sich immer nur für Mädchen interessiert und auch wenn es so gewesen wäre, dann hätte er es mir erzählt. Ganz sicher.“, ist Tina fest überzeugt, denn sie haben sich immer alles erzählt.
„Genzo…war dieser Junge in eurem Team?“, bringt sich Kojiro mit ein.
„Ja.“, sagt er nur und schaut zu ihm rüber.
„Bettina? Wusste er von euch beiden?“
Sie sieht Kojiro verwundert an.
„Natürlich. Wie gesagt, wir haben über alles geredet.“
„Genzo, es war Schneider, stimmts? Deswegen hat er es ihr nicht sagen können. Du sagtest, er sei eher sanftmütig gewesen. Also hat er sich für beide zurückgehalten.
Bettina, wenn er es dir gesagt hätte, wäre euer Fünfergespann kaputt gewesen. Ihr wart doch so eng befreundet, ihr Fünf.“, erklärt Kojiro.
Genzo und Tina sehen ihn verblüfft an.
„Kojiro.“, kommt nur aus beiden Mündern.
Es ist still im Raum. Niemand mag etwas sagen. Es vergehen gut zehn Minuten. Dann steht Tina plötzlich auf.
„Wenn das tatsächlich so war, dann muss die Polizei den Fall wieder aufrollen. Dann ist das kein gewöhnlicher Überfall gewesen.“, meint sie streng.
Genzo sieht sie an. „Was soll daran denn anders sein? Das bringt doch eh nichts mehr. Das ist schon so lange her.“, meint Genzo.
Kojiro geht dazwischen.
„Darüber sollten wir uns später nochmal in Ruhe unterhalten. Ich denke nicht, dass die das wieder aufrollen, nur weil du ihnen das jetzt sagst. Das ist letztendlich kein Beweis oder ein richtiges Indiz.
Lass´ uns lieber darüber reden was mit dir und Tsubasa war. Deswegen bist du doch hier.“
Kojiro geht zu ihnen und stellt sich vor den Fernseher.
Genzo sieht ihn an.
„Du hast Recht. Deswegen bin ich nicht hier.“ Genzo lehnt sich an.
„Ich wollte mich bei Tsubasa entschuldigen, aber er hat meine Entschuldigung nicht angenommen.“, erklärt er betrübt.
„Was hat er denn gesagt? Er muss ja was gesagt haben, als er dir das blaue Auge verpasst hat.“, fragt Tina. Genzo atmet tief durch und sieht sie an.
„Ich könne nicht alles kontrollieren, solle mich nicht überall einmischen und soll nicht alles in mich reinfressen.
Er hat ja Recht, dass ich so ein Kontrollfreak bin.“
„Was frisst du denn in dich rein?“, wundert sich Tina.
Er sieht sie ernst an.
„Dass ich nur noch dich retten konnte, für Stephan war ich zu spät und dann der Stress im Verein. Dieses ständige Rumgetaktiere, das nervt gewaltig. Anstatt einfach offensiv zu sein, wird rumgeeiert. Kaltz und ich überlegen tatsächlich den Verein zu wechseln.“, plappert er los.
„Genzo, du konntest doch gar nichts mehr machen. Es ist nicht deine Schuld mit Stephan. Du hast mir geholfen und gestern hast du Hinata gerettet. Du kannst doch nicht jedem helfen.“, meint Tina mitfühlend und berührt seine Schulter.
„Ihr dürft nicht offensiv spielen?“, bringt sich Kojiro ein.
„Genau, so wie du früher, auf der Toho. Euer Trainer hat dich doch auch so ausgebremst. Hat Ken erzählt.“ Kojiro schaut ernst. „Ken redet zu viel.“
‚Was meint er damit? An der Eliteschule hat man ihn als Sportler ausgebremst? Das passt doch gar nicht zusammen. Die waren doch dort so auf Erfolg getrimmt, sonst wäre es doch damals gar nicht soweit mit Yako gekommen.‘, wundert sich Tina.
Genzo steht plötzlich auf und schaut zu Kojiro.
„Ich habe dich aus einem bestimmten Grund angerufen.“, meint er auf einmal streng.
Der Stürmer stutzt. ‚Was ist jetzt los?‘
„Du wolltest mit mir reden, tun wir doch gerade.“, blickt er ernst zurück.
„Ich wollte mich eigentlich alleine mit dir treffen. Tsubasa ist mir noch was schuldig.“, wird ein rauer Ton angeschlagen.
Tina schaut erstaunt auf und wundert sich.
„Was habe ich damit zu tun? Es sind seine Schulden.“, murrt Kojiro.
Genzo setzt einen provozierenden Blick auf, geht am Tisch vorbei und stellt sich direkt vor Kojiro, nur etwa eine Armlänge von ihm entfernt.
„Ich habe ihn um einen Gefallen gebeten, aber er hat ihn mir nicht gewährt. Also darfst du es an seiner Stelle tun. Du bist der Einzige, der das kann.“, spricht Genzo in Rätseln.
„Wenn Fane nicht dazwischengefunkt hätte…wäre es ausgeglichen gewesen.
Kojiro!! Hau´ mir eine runter!!“, brüllt er ihn auf einmal zornig an.
Entsetzt löst Kojiro seine verschränkten Arme und weicht einen Schritt zurück. Sein Blick ist mehr als nur überrascht.
„Genzo! Was soll das?!“, ruft Tina dazwischen und steht auf. Mit verwunderten Augen sieht sie die beiden Männer in ihrer Stube an. Was bitte will Genzo? Kojiro soll ihn schlagen? Aber wieso das denn? Und dann vor ihren Augen und in ihrem Wohnzimmer? Sie versteht überhaupt nichts mehr.
„Na los!! Tsubasa wollte schon ansetzen…du hast dich doch früher auch nicht drum bitten lassen! Oder ist der wilde Tiger wieder zahm geworden?!“, versucht er ihn zu provozieren. Kojiro jedoch sieht ihn zornig an.
„Du hast ne Schraube locker! Vollidiot!“, ertönt Kojiros feste laute Stimme.
Tina schaut nur entsetzt zu Genzo.
‚Bist du so verzweifelt, dass du jetzt Kojiro angehst? Glaubst du wirklich, dass du ihn provoziert bekommst? Du hast keine Ahnung wie beherrscht er sein kann. Vielleicht war das früher zu eurer Jugendzeit und Kindheit nicht so, aber jetzt ist es so. Er würde dir niemals eine überziehen. Niemals.‘, ist Tina fest überzeugt.
Genzo geht einen Schritt auf Kojiro zu.
„Nun mach schon!! Sieh nach vorne, nicht zurück! Sagt Ken, so wie du es tust! Halte fest was du hast, nicht was du nicht kontrollieren kannst! Sagt er! Nun schlag zu!! Verdammt! Damit ich abschließen kann!“ Genzo entweichen plötzlich ein paar Tränen, während er Kojiro anbrüllt.
‚Genzo…was soll das denn werden?‘, wundert dieser sich nur.
Der Stürmer weicht ihm wieder weiter aus und in dem Moment, als Genzo selbst ausholt, hält er seine Hand davor, fängt diese gekonnt ab und stellt sein Gewicht gegen den Druck. „Hör´ auf damit!“, fordert er und weicht wieder weiter zurück. Kurz darauf ertönt Tinas laute Stimme.
„Genzo! Sieh´ mich an!“ Dieser reagiert zuerst nicht darauf bis sie erneut seinen Namen ruft. „Genzo Wakabayashi! Umdrehen!“, setzt sie einen so ernsten und festen Ton und Blick auf wie Kojiro es bisher nur bei Andrea gesehen hat.
Darauf reagiert der stolze Keeper endlich, lässt von Kojiro und dreht sich zu ihr um. Im selben Moment verpasst sie ihm einen Schlag ins Gesicht. Kojiro ist entsetzt, was sollte das denn jetzt?
„Geht es dir jetzt besser?“, spricht Tina ganz ruhig und sieht zu ihm auf. Kurz darauf jedoch beruhigt sich Genzo und blickt sie liebevoll an.
„Danke, ich danke dir.“, sagt er nur und dann umarmt er sie und lässt seinen Tränen freien Lauf.
Jetzt begreift Kojiro was los ist. Es ging gar nicht um ihn, Genzo wollte Tina aus der Reserve locken. War das früher auch so? Was für eine seltsame Freundschaft haben sie früher geführt? Und was ist davon heute noch da? Ein weinender Genzo ist ihm völlig neu. Genzo ist immer nur stark und stolz und zuverlässig im Tor. Der beste und stärkste Mann im Tor, den er kennt. Tränen, nein, das kennt er von ihm nicht. Kojiro hat das Gefühl, dass er auch vor Tina sonst keine Träne mehr verloren hat, seitdem sie in Japan ist. Sicher liefen tränen, als er auf Stephans Beerdigung war, aber danach? Er war sicher stark…damit Tina stark sein kann und er seinen Sport ausüben kann.
Das ist es sicher was Tsubasa meinte mit „In sich reinfressen“.
Etwa eine halbe Stunde später ist Tina im Gästezimmer und richtet es für ihren neuen Gast her. Die Männer sitzen im Wohnzimmer und gönnen sich einen Kaffee.
„Wieso muss Tina das Gästezimmer erst fertig machen? Das ist doch sonst immer vorbereitet? Sie weiß doch, dass ich im Sommer komme und ab und an mal hierbleiben würde.“, beginnt Genzo das Gespräch.
‚Nanu? Jetzt wieder normal drauf?‘
„Cusavier war heute Vormittag hier. Wir haben ihn vom Flughafen abgeholt und er hat hier geschlafen, weil er nicht ins Hotel wollte.“
„Verstehe. Ich bin erstaunt, dass du hier bist, also über Nacht. Martin war damals nie über Nacht hier.“, meint Genzo und versucht Kojiros Reaktion einzufangen.
„Ist das jetzt wieder so eine Provokationsaktion oder war das ne ernstgemeinte Feststellung?“, knurrt er.
„Ne Feststellung. Du weißt also von ihm?“
„Natürlich. Ich war heute auch mit Cusavier in seinem Sportcenter. Tolles Ding was er da aufgebaut hat. Der Mann hat Ahnung von dem was er tut. Sein Team ist auch gut aufgestellt, alle haben Ahnung von ihrem Fach.“
Genzo ist erstaunt. „Das stimmt. Das Center ist super. Ihr scheint euch zu verstehen. Wir hatten ein paar Anfangsschwierigkeiten miteinander.“, meint Genzo plötzlich.
„Ach echt? Du und Martin? Wieso das denn?“
„Er hat nicht so ganz verstanden was wir füreinander sind, außer dass wir befreundet sind. Ich habe ihn erst auf der Beerdigung kennengelernt. Tinas Familie hat damals tatsächlich geglaubt, dass wir mehr als Freunde sind. Die mochten mich sogar.“, lächelt er dann.
Kojiro ist erstaunt. „Echt? Die haben euch für ein Paar gehalten? Etwa weil du bei der Beerdigung dabei warst?“
„Auch, aber hauptsächlich, weil jemand behauptete Tina hätte in Hamburg einen Freund gehabt und er wäre aus Stephans Team. Also kam ich dann in Frage.“
„Verstehe, sie wussten ja nicht, dass es stattdessen Schneider war?“ Genzo sieht ihn verblüfft an. Er ist erstaunt, dass Kojiro so locker darüber reden kann. Ausgerechnet Kojiro, wie heftig war doch seine erste Begegnung mit Karl-Heinz Schneider? Das erste Mal traf er auf einen ebenwürdigen Gegner. Jemand, der ihn genauso viel Kraft und Stolz entgegensetzen konnte wie er selbst. Sogar mehr als er. Karl-Heinz Schneider, der deutsche Fußballkaiser war damals schon seine größte Herausforderung. Sein Können übertraf ihn und war wie eine Mischung aus Kojiros Kraft und Ausdauer und Tsubasas Schnelligkeit und Trickkiste.
Die Augen eines jungen Japaners öffnen sich. Er blickt sich um und sieht zum Fenster raus. ‚Ach stimmt. Ich bin bei Tina im Gästezimmer.‘ Er schaut zur Uhr, welche fünf Uhr anzeigt. Genzo richtet sich auf, nimmt die Decke weg und geht ins Bad. Einige Minuten später verlässt er das Zimmer und geht leise durch den Flur zur Küche. Dort bedient er sich im Kühlschrank an dem Saft und legt die leere Flasche in den Pfandkorb im Abstellraum dahinter.
‚Es war eine gute Idee von Ken her zu kommen und endlich alles von der Seele zu reden. Ich dachte immer, Tina käme damit nicht klar, aber dass ich selbst so viel Zweifel hatte.‘ Der Keeper schaut zum Esstisch und entdeckt das abgezählte Frühstücksgeschirr für zwei Leute. Es steht bereit für den Morgen.
‚Sie hat früher nie die Teller bereitgestellt. Auch nicht, wenn ich mal hier übernachtet habe. Ist Kojiro etwa schon jede Nacht hier bei ihr? Soweit ich weiß hat nicht mal Martin damals bei ihr die Nächte verbracht. Als ich sie besucht habe waren sie in seiner Wohnung, niemals hier.‘
Neugierig geht er zum Bad im Obergeschoss. Es stehen zwei Zahnputzbecher da, im Duschbereich stehen zweierlei Duschbad, Shampoo und hängen Handtücher. Sein Blick schweift zum Kosmetiktischchen mit dem Spiegel und der Schmuckablage. Er nimmt die silberne Spange in die Hand, die neben den Ohrringen liegt.
‚Sie trägt nur noch die von ihrer Mutter. Wo ist die goldene von Karl?‘ Die kleine Schmuckschatulle wird geöffnet und darin liegt neben den anderen Ohrringen ein dünnes Tuch mit einer Schleife drum. Neugierig tastet er es ab und vermutet eindeutig die Spange darunter. ‚Wie liebevoll du sie trotzdem eingepackt hast. Was wirst du nun damit machen?‘, überlegt er, legt sie wieder rein, schließt die Schatulle und verlässt das Badezimmer.
‚Ich muss unbedingt mal mit Martin reden.‘
Nachdenklich bleibt er im Flur stehen und starrt auf die Tür zum Schlafzimmer. Er lauscht und kann nichts hören. Dann berührt er die Türklinke und öffnet ganz langsam und ohne einen Ton zu machen die Tür.
‚Das ist frech, aber ich muss es wissen. Ich muss wissen ob sie wirklich glücklich ist. Tina ist eine gute Schauspielerin, aber im Schlaf kann sie sich nicht verstellen. Als ich sie vor Weihnachten rum besucht habe hatte sie noch immer ihre Albträume und wäre jetzt schon längst wach gewesen. Egal wie leise man an ihr vorbei gegangen ist, sie hat es bemerkt und ist aufgewacht.‘
Nachdenklich betrachtet er das junge Paar. Tina liegt auf dem Rücken, liebevoll lächelnd mit dem Kopf zu Kojiro geneigt. Auf ihrer Brust liegend Kojiros linker Arm, seine Hand fasst ihre Schulter. Die Decke nur bis unter Kojiros Ellbogen. Ihre rechte Hand fasst seinen kräftigen Arm und ihre linke Hand liegt in seinem Halsbereich und berührt ihn mit dem Handrücken. Kojiro liegt wie den letzten Morgen auf dem Bauch, wieder auf der Decke und sein Blick zu ihr gerichtet. ‚Was macht er hier? Er nimmt sich echt viel Freiheiten bei Tina raus.‘, geht durch Kojiros Kopf. Er hat seine Anwesenheit bemerkt und lässt sich aber nichts anmerken.
Genzo betrachtet seine beste Freundin und lächelt dann.
„Ich muss sehen was ist, nicht nur was war.“, spricht er ganz leise, als wenn er mit ihr reden würde. Dann streicht er ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Wäre ich nicht rechtzeitig gekommen…ich will mir gar nicht vorstellen was dir diese Typen noch angetan hätten. Dann würdest du vermutlich nicht so glücklich mit einem Mann zusammen sein können.“ Dann nimmt er die Zudecke und zieht sie zaghaft über Kojiros Arm hinweg bis zu ihrem Hals hoch, damit ihr nackter Oberkörper bedeckt ist. Danach schaut er zu seinem Teamkollegen.
„Captain, wenn es jemand schafft sie zu beschützen, dann du. Nur du hast die nötige Stärke und Kraft alle Hürden mit ihr zu nehmen. Genauso wie im Team, wenn du uns anführst, wenn Tsubasa nicht da ist.
Nur du hast die Stärke ihr den nötigen Halt zu geben, den sie braucht.
Ich vertraue sie dir an, meine Schwester.“
Er dreht sich um und will wieder aus dem Raum gehen, da schweift sein Blick zum Kleiderschrank, denn es hängen unerwartet Kojiros und Tinas Trikot auf dem Bügel vor der Schranktür. ‚Was hat das zu bedeuten? Wieso hängen sie draußen?‘
Kurz darauf verlässt er das Zimmer und schließt die Tür.
Kojiro öffnet seine Augen. ‚Genzo…was war das denn? Hatte Bettina wirklich Recht damit, als sie mir gestern sagte, ihr hätten ein Verhältnis wie zwischen ihr und ihrem Bruder? Eine Freundschaft, die schon familiär ist?‘
Er blickt in Tinas Gesicht, bewegt sich ein wenig und lässt seinen Arm langsam von ihr und legt die Decke wieder auf sie. Seine Hand berührt ihre Wange.
‚Du bist so schön. Ich muss das so lange genießen wie es geht. Wenn ich erst wieder nach Italien muss, dann wird es seltsam. Ich kann es mir gar nicht mehr vorstellen…wird es dann wieder wie vorher? Dass ich in dem Haus alleine aufwache und mir morgens meine Brötchen und die frische Milch vom Tisch unterm Vordach nehme? Wird es wieder so sein? Wir hatten gestern nicht mehr die Möglichkeit alles zu bereden.‘ Er richtet sich vorsichtig auf, setzt sich hin und lehnt sich an. Noch immer blickt er zu ihr. Es vergehen einige Minuten und dann steht er langsam auf, zieht sein Short an und geht leise zum Bad gegenüber. Als er es wieder verlässt hört er im Erdgeschoss wie die Haustür zuklinkt.
‚Nanu. Ist er jetzt gegangen?‘ Neugierig geht er die Treppe herunter und kontrolliert das Gästezimmer und die anderen Räumlichkeiten. Niemand mehr da. Auf dem Tresen liegen zwei Zettel, sie sind zusammengefaltet und jeweils mit einem Namen versehen. Kojiro öffnet den Zettel mit seinem Namen drauf.
„Danke für deine Hilfe. Lass dich weiterhin nicht verbiegen und pass auf sie auf.
PS: Wenn Karl auftaucht, melde dich umgehend bei mir.“, steht nur darin.
Kojiro schaut auf den anderen Zettel auf dem Tinas Name steht.
‚Was mag er ihr geschrieben haben?‘ Er überlegt kurz ob er den Zettel mit hochnimmt, um ihn ihr gleich zu geben, aber dann lässt er es doch sein und legt seinen zusammen gefaltet daneben und verlässt die Küche.
Oben im Schlafzimmer öffnet er das Fenster, nimmt die Trikots ab, legt sie aufs Bett, holt frische Sachen aus dem Schrank und legt sie auf den Stuhl daneben. Dann nimmt er sich ein großes Handtuch aus dem obersten Fach und geht ins Bad duschen.
Entscheidung treffen
Kapitel 43
Entscheidung treffen
Ein lauer Sommerregen beginnt und nässt die Wiese und Sträucher im Garten. Das Klopfen auf das Fensterbrett weckt die junge Frau auf. Sie dreht sich links zur Seite und greif in das leere Kissen in der Annahme ihre große Liebe liege neben ihr. Ihre Augen öffnen sich und sehen nur die eigene Hand.
‚Oh, Kojiro ist schon auf? Habe ich so lange geschlafen?‘ Sie schaut zur Uhr, welche bereits halb sieben anzeigt.
Tina richtet sich auf und schaut zum Schrank.
‚Kojiros Trikot ist so schick. Es strahlt so viel Kraft aus.‘ Ihr Blick ist danach auf ihr eigenes gerichtet.
‚Heute wäre unser Spiel gewesen. Es ist seltsam, dass es jetzt nicht stattfindet. Die letzten Wochen haben wir alle extra länger und in der Saisonpause trainiert. Naja, Hauptsache die Mädels kommen wieder auf die Beine. Was ist da so ein Spiel schon wichtig?‘ Nachdenklich steht sie auf, geht zum Schrank und betrachtet ihr rotes Trikot.
‚Kojiro findet es sehr hübsch. Er würde mich gerne darin spielen sehen.‘
Sie schiebt die Schranktür einen Spalt auf, holt von ihrer Seite einen frischen Slip heraus und zieht diesen an. Dann greift sie zu ihrem Trikot und zieht das Shirt über. „Irgendwie fühlt es sich heute besser an als früher. Wieso? Weil du es berührt hast?“, lächelt sie herzlich und betrachtet sich im Spiegel. Ihre Beine gehen leicht in die Knie und ihre Arme bewegen sich als ob sie baggern würde.
„Du siehst phantastisch darin aus. So stark und unbezwingbar.“, ertönt eine kräftige Stimme mit einem sanften Unterton.
„Genzo ist übrigens bereits gegangen.“, vermerkt er noch nebenbei.
Tina schaut zur Seite und blickt in Kojiros Augen. Er steht zwischen Bett und Tür und betrachtet sie stolz. Er trägt eine lange schwarze Trainingshose und ein weißes ärmelloses Shirt. Seine kräftige Statur kommt darin deutlich zur Geltung.
‚Kojiro…wie schön. Jeden Morgen bist du nun bei mir? Deine Mutter konnte mir wirklich kein besseres Geschenk machen.‘ Sie betrachtet ihn herzklopfend.
‚Wie gut du darin aussiehst. Nicht jeder kann so eine sportliche Kleidung tragen und es sieht trotzdem irgendwie elegant aus.‘
Kojiro kommt auf sie zu, stellt sich hinter sie, berührt ihre Schulter und schaut mit ihr gemeinsam in den Spiegel vor ihr. Beide betrachten sich darin und ihre Herzen klopfen immer lauter. ‚Kojiro, du bringst mein Herz so zum Rasen, dass ich kaum denken kann. Ich spüre deine Stärke so nah und deine Wärme als wenn du mich schon wieder in deine Arme schließen würdest. Die Nacht, Kojiro…war wieder so wunderschön und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen wie es ohne dich wäre. Wie soll es werden, wenn ich wieder alleine in meinem Bett aufwache? Was wird werden, wenn du wieder nach Italien musst? Ich kann dich nicht mehr loslassen.‘ Ihr entweicht eine Träne, als sie ihn durch den Spiegel hinter sich betrachtet. Diesen starken Mann, der ihre Gefühle völlig auf den Kopf gestellt hat. Der Mann, welcher ihr die Ängste nimmt und in dessen Armen sie sich sicher fühlt und allen Kummer vergessen lässt.
Plötzlich lässt er sie los, greift zum Schrank rüber und zieht das Trikotoberteil vom Kleiderbügel. Tina beobachtet neugierig im Spiegel wie er es langsam überzieht und dann die Ärmel hochkrempelt, genauso wie er es immer macht, wenn ihm Ärmel im Weg sind. Ihr Puls steigt weiter an und sie fühlt sich plötzlich wie in einem Traum. Dann greift sie zu ihrer kurzen Sporthose, welche zu ihrem Trikot gehört und zieht diese an, sodass sie ihre Arbeitskleidung komplett zeigen kann. Kojiro streift sich ebenso die lange Hose ab und nimmt die kurze weiße Hose vom Bügel und zieht sie über. Wieder betrachten sich die beiden gemeinsam im Spiegel. Kojiro ist nur fünfzehn Zentimeter größer als sie. Das schöne Royal-blau seines Nationaltrikots lässt das Feuerrot von ihr noch kräftiger erstrahlen. „Jetzt sieht das Rot schön aus. Danke, danke…Kojiro. Danke, dass du es angezogen hast.“ Sie spürt seine warmen Hände rechts und links an ihrem Oberkörper und dreht sich zu ihm um. Dann geht sie ein Stück zur Seite und tritt ein paar Schritte zurück, damit sie ihren Liebsten komplett betrachten kann. Ihr wird bewusst, dass er wirklich ist was er sagt und sie verspürt keinerlei Ängste oder hat irgendwelche Gedanken an schlimme Erinnerungen. Nein, im Gegenteil. Sie fühlt nur Wärme und Stolz in ihrer Brust. Wärme bei dem Gedanken daran welche Zärtlichkeiten sie beiden bereits ausgetauscht haben und Stolz, dass er so ein starker Spielpartner an Genzos und Tsubasas Seite ist. Er ist einer von ihnen. Kojiro ist nicht nur der Mann, den sie liebt und dem sie blind vertraut, er ist auch ihren Freunden ein Freund und Partner gegen den Rest der Welt.
„Du siehst so stark darin aus. Genauso habe ich es mir vorgestellt.“
Niemals könnte sie ihn mehr gehen lassen, nein, niemals. Sie kann sich überhaupt nicht mehr vorstellen ohne ihn zu sein, nein, das kann sie nicht mehr, dafür sind ihre Gefühle nicht mehr im Stande. Noch nie in Ihrem Leben war ihr bewusst, dass sie jemals solche Gefühle haben könnte, aber jetzt ist es das. Sie kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, geht zu ihm und klammert sich an den stolzen starken Japaner.
„Ich kann nicht mehr, Kojiro. Ich kann nicht mehr ohne dich sein. Noch nie hatte ich je das Gefühl, dass ich ohne Ängste leben könnte. Noch nie hatte ich das Gefühl frei leben zu können…noch nie konnte ich mich jemandem so hingezogen fühlen oder mich jemanden so hingeben wie dir!“ Sie schaut mit ihrem verweinten Blick zu ihm auf in seine liebevollen und vertrauten braunen Augen.
„Nur mit dir kann ich das! In Freiheit leben!“
‚Bettina? Ist das wirklich wahr? Deine Gefühle überwältigen mich. Sind sie wirklich so stark? So stark, dass du immer an meiner Seite bleiben willst? Wie soll es denn mit uns weitergehen? Wie soll es werden, wenn ich wieder zurückmuss?‘, fragt er sich und erinnert sich daran, dass eine Fernbeziehung niemals funktionieren würde. „Wirklich? Du willst für immer bei mir sein?“, will er sich vergewissern.
Tina nickt.
„JA! Ich verkaufe das Haus und gebe die Gaststätte ab. Dann komme ich zu dir nach Italien oder wohin es dich auch verschlägt. Egal wer dich anwirbt, ich gehe mit dir!
Egal ob mich im Moment jemand anwirbt, ist mir egal. Ich kann ja arbeiten gehen und ein Fernstudium machen und abwarten bis mich jemand vor Ort nimmt. Das ist mir alles egal, Hauptsache ich kann bei dir sein.
Kojiro…ich…liebe dich!
Du musst…du musst…mich ganz doll…festhalten.“, gesteht sie und redet sich alles von der Seele.
Er drückt sie ganz fest an sich und genießt ihre Wärme und spürt ihre Liebe. Noch nie hat er solche Empfindung verspürt. Auch ihm entweichen ein paar Tränen. Sie tropfen auf ihr rotes Trikot. Ist es tatsächlich so, dass sie für ihn alles aufgeben würde? So wie er? Auch er hatte doch darüber nachgedacht im Notfall nach Deutschland zu wechseln oder sogar nach Japan zurück zu kommen, zurück zu seiner Familie. Auch wenn es bedeutet hätte auf ein Weltklassegehalt zu verzichten? Er weiß genau was seine Freunde hier nur verdienen, das reicht nicht annähernd an seine Einkünfte heran. Natürlich wollte er irgendwann wieder zurück nach Japan, aber doch nicht mitten in seiner Sportlerkarriere. Er will mindestens so lange durchhalten wie Cusavier, je nachdem wie lange er mit den Frischlingen mithalten kann und die großen Vereine ihn haben wollen. Nur so kann er seinem Ziel näherkommen. Nur mit der Hilfe der großen Einkünfte der Spitzenvereine könnte er es.
Und nun, nun will Bettina, eine Sportlerin mit Leib und Seele ihren Sport im Notfall opfern? Für ihn? Sie will ihr Elternhaus verkaufen und die geliebte Gaststätte abgeben und ihre Freunde verlassen? Alles nur für ihn? Nach dem Tod ihrer Eltern ist sie doch deswegen hiergeblieben, für ihren Sport, die Gaststätte und die Freunde. Sogar ihren Ruhm würde sie eintauschen gegen das Sein eine von vielen zu sein. In Italien wäre sie nicht mehr die große gelbe Tigerin, das große Vorbild der Teenager, sie wäre doch nur eine von vielen Weltklassespielerinnen. Aber für ihn, für ihn würde sie das alles aufgeben.
Voll entschlossen und überwältigt von seinen Gefühlen fasst er ihren Kopf, führt ihn zu sich und küsst sie leidenschaftlich und sehr verlangend. Sein ganzer Körper verspürt plötzlich ein großes Verlangen nach ihrer Leidenschaft und ihrer Hingabe. Auch ihr Verlangen nach seiner Wärme steigt ins Unermessliche und beide geben sich der Leidenschaften hin, die sie begehren.
Während die Brötchen im Backofen aufbacken steht Tina unter der Dusche. Sie dreht das Wasser ab und wickelt sich ein Handtuch um und trocknet ihre Haare ab und wickelt das kleine Handtuch um diese. Vor der Schmuckschatulle steht sie und sucht sich passende Ohrringe raus. Dabei stellt sie fest, dass die Spange im Tuch bewegt worden sein muss. Sie weiß genau, dass sie mit der Schleife andersherum gelegen hat. Sie würde niemals eine Schleife kopfüber hinlegen, immer mit den Schlaufen nach oben und den Bändchen nach unten. Tina kann sich jedoch überhaupt nicht vorstellen, dass Kojiro an ihren Schmuck gehen würde. Auf keinen Fall. Sie überlegt einen Moment und entscheidet sich dazu einfach ihre silberne Spange zu nehmen, die silbernen großen Kreolen und eine längere schlichte Kette ohne Anhänger. Dann geht sie ins Schlafzimmer und zieht sich das Kleid an, welches Kojiro ausgesucht hat. Kurz bevor er herunter ging öffnete sie den Schrank und ließ ihn sich ein Kleid raussuchen, welches sie heute anzieht, nur für ihn. Er sollte sich eins aussuchen, als würde er mit ihr ausgehen wollen, zum Beispiel in den Zoo oder in ein Museum. Zögerlich nahm er zwei Kleider, welche farblich ähnlich sind in die Hand und sah sie sich genauer an. Dann traf er seine Entscheidung nachdem er kurz zum Fenster raus sah. Der Regen war weg und die Sonne schien bereits, die Blätter an den Bäumen bewegten sich deutlich, aber die Zweige nur wenig. Er hing das etwas kürzere Kleid zurück und hielt das andere an sie und lächelte.
„Dieses hier. Aber eigentlich wirst du in jedem Kleid hinreißend aussehen.“, meinte er liebevoll und küsste sie. Dann verließ er den Raum.
Tina geht die Treppe herunter und freut sich schon auf das Frühstück. Glücklich betrachtet sie Kojiro beim Tischdecken. Der Duft der Brötchen ist schon durchs ganze Haus gezogen und macht Hunger auf mehr.
„Das ist einer der Moment den ich abspeichern muss.“, lächelt sie ihn an, als er sie bemerkt und zu ihr schaut. Er schmunzelt.
„So so, Kojiro der Hausmann, oder wie?“, scherzt er.
Tina kann sich das Lachen nicht verkneifen, geht auf ihn zu und sieht zu ihm auf. „Du kannst ja richtig lustig sein.“
Kojiro lächelt sie an. „Ich bemühe mich, aber erwarte keine großen Sprünge.“
„Schon wieder ein Scherz. Du lernst schnell.“, grinst sie und berührt dann plötzlich seine Wange.
„Kojiro, du musst dich meinetwegen nicht verbiegen. Ich liebe dich doch so wie du bist.“
Er sieht ihr tief in die Augen und berührt ihre Arme.
„Wieso denken immer alle ich bin privat auch ein Brummbär?“
Tina schmunzelt. „Ich weiß doch, dass du kein Brummbär bist. Ich freu mich nur, dass du es auch mal zeigst.“
Sie küssen sich für einen kurzen Moment.
„Das Kleid ist wie du wunderschön.“, macht er ihr ein Kompliment.
Sie lächelt und schaut zum Tresen, auf dem seine Blumen stehen.
Da entdeckt sie die Zettel.
„Sind die Zettel von Genzo?“
„Ja, ich habe meinen schon gelesen.“ Tina setzt sich an den Tisch und liest ihn lächelnd durch. Dann hält sie ihn kurz an die Brust und schließt die Augen.
„Das tue ich bereits.“, flüstert sie leise und schaut dann zu Kojiro auf. ‚Genzo, danke.‘
‚Was tut sie bereits? Ich wüsste ja zu gerne was er ihr geschrieben hat. Es bewegt sie scheinbar sehr.‘, ist Kojiro nachdenklich. In diesem Moment piepst der Kurzzeitwecker und er schaltet den Backofen aus. Tina faltet den Zettel auseinander und legt ihn auf den Tresen zurück.
Wenige Minuten später ist der Kaffee eingeschenkt, werden die Brötchen aufgeschnitten und gefrühstückt.
„Wie ist dein Plan für heute?“, erkundigt sich Tina.
„Endlich mal wieder trainieren natürlich. Heute Mittag ist wieder ein Trainingsspiel angesagt. Leider musste ich gestern absagen, wie du weißt und das ärgert mich sehr, denn darauf warten wir jedes Jahr. Ich hatte mich so auf Cusavier gefreut. Naja, der Abschluss war mir wichtiger, wer weiß wann der nächste Termin gewesen wäre.“
„Das kann ich mir vorstellen. Das nächste Spiel gegen die Franzosen wird dann erst offiziell zur WM sein, stimmts?“
„Genau. So ein inoffizielles Freundschaftsspiel ist schon was anderes.
Und wie ist dein Plan?“
„Ich schau zuerst im Betrieb vorbei. Danach kümmere ich mich um meine neuen Kunden, die gestern geplant waren. Und dann mal sehen was ich danach mache. Das kommt darauf an wie lange das dauert.“
„Verstehe. Ist etwas größere Kundschaft?“
„Eine ganze Mannschaft, das kann dauern, wenn sie auf mein Angebot eingehen.“, lächelt sie ihn an.
„Okay, dann passt das ja, ich habe nach dem Training einen wichtigen Termin und kann auch noch nicht sagen wie lange der dauert. Dann sehen wir uns vermutlich erst heute Abend wieder?“
Es klingelt das Telefon im Flur. Tina steht auf und geht ran.
„Hallo Hallo, bei Fuchs.“
„Guten Morgen Tina, ich bin´s Ryuga.“
„Trainer, Guten Morgen.“
„Es hat sich ein Team gemeldet, welches heute zufällig Zeit hätte und mit uns spielen würde. Was meinst du? Ob wir es trotzdem machen?“
„Ist jetzt nicht dein Ernst? Wann wäre das?“
„So gegen 14 Uhr.“
„Das passt mir heute gar nicht. Jetzt habe ich alles umgeplant und kann da nicht wieder raus. Welches Team wäre das denn?“
„Dein altes Team aus der Todai. Einige Mädels sind noch dort, die neuen würden sich auch sehr freuen.“
Tina überlegt kurz.
„Und könnten die auch erst abends? Ich kann heute wirklich überhaupt nicht. Das ist zu wichtig.“
„Was ist denn wichtiger als dein Sport? Das kenne ich ja gar nicht von dir.“, wundert er sich.
„Das erkläre ich dir später. Es ist mir halt wichtiger. Ich rufe Akane selbst an, sie wird sich sicher bei dir gemeldet haben?“
„Okay, das wäre mir lieber. Informiere mich dann wie ihr euch absprecht.“
Beide legen auf. Dann wählt Tina eine neue Nummer. ‚Es klingelt einige Male.
„Saito hier.“, meldet sich Akane, die Mannschaftskapitänin des Volleyballteams der Universität Todai.
„Guten Morgen Liebes, hier ist Tina. Wie geht es dir?“
„Oh, Tora persönlich. Hat er dich also informiert?“, klingt sie etwas grummelig.
„Du bist ja gut gelaunt. Danke für euer Angebot. Zeitlich passt es mir nur heute nicht mehr. Wenn dann erst abends so ab 18 Uhr rum. Würde das auch gehen? Ich habe leider meinen Tag voll verplant, als die Absage gestern kam.“
Akane staunt nicht schlecht.
„Was ist denn wichtiger als ein Spiel mit Freunden? Du bist doch sonst immer Feuer und Flamme, wenn du nur daran denkst den Ball anzufassen.“
Tina schmunzelt.
„Das erkläre ich dir später, wenn wir uns sehen.“, antwortet sie nur darauf.
„Wow…das kann nur eins heißen. Du hast ein Date und meinst es ernst.
Das muss ein besonderer Mann sein, du hast sonst allen abgesagt, wenn du spielen kannst.“, grinst sie und haut ihr die Wahrheit um die Ohren.
Tina läuft plötzlich rot an und kann gar nichts sagen.
„Süße, da du nix sagst, muss es stimmen. Wie romantisch. Nun gut. Ich rede mit den Mädels. Sie werden es verstehen.“
„Danke, aber mach da kein Drama draus. Gerüchte können wir echt nicht gebrauchen. Die kommen noch früh genug. Bis dahin. Schick eine Nachricht ob es passt, das reicht mir.“, erklärt Tina und legt dann auf.
Am anderen Ende der Leitung wird getuschelt. Was Tina nicht wusste, Akane hatte den Hörer auf Freisprecher an. Alle Sportlerinnen haben ihre Unterhaltung quasi mitbekommen und sind völlig aus dem Häuschen.
„Wie romantisch. Tora ist verliebt?“
„Wer mag das sein? Sie hat noch nie für einen Mann ein Spiel abgesagt.“
„Das stimmt, auch nicht für Martin oder diesen Arzt.“, wundert sich Akane.
„Ja, du hast Recht. Seltsam.“
„Das muss was ganz Ernstes sein. Sie sprach von UNS!“, wirft Hikari dazwischen.
„Was soll das bedeuten? Was meinst du damit?“
„Na ganz einfach, als sie damals mit Martin zusammen war und auch mit diesem Arzt hat sie nie von UNS geredet. Immer nur von sich oder seinen Namen genannt. Es gab kein UNS oder WIR.“, erklärt sie.
„Was dir auffällt, eindeutig ne Psychotante.“, neckt Akane sie. Alle lachen.
„Aber mal im Ernst. Heute Abend spielen, ich bin dabei!“
Alle stimmen zu. Akane greift zum Handy und wählt erneut ihre Nummer, statt nur eine Nachricht zu senden.
„Konnichiwa, bei Fuchs.“, meldet sich eine männliche kräftige Stimme. Da Tina gerade im Garten ist, um wieder frische Kräuter zu holen geht Kojiro ran.
Akane ist überrascht. ‚Oh, ist er das? Ihr neuer Freund?‘
„Hallo, ich bin Akane vom Todai-Team. Tina und ich haben eben telefoniert und ich wollte nur dem Spiel zusagen. Das Team ist einverstanden. Heute Abend 18 Uhr. Wir kommen. Können Sie ihr das ausrichten?“, versucht sie locker zu wirken.
„Da wird sie sich freuen. Sie war gestern sehr traurig, dass das andere Spiel abgesagt wurde.“, bedankt er sich höflich. ‚Er hat eine angenehme Stimme, aber sehr kräftig. Was mag das für ein Mann sein? Vor allem? Wieso ist er bei ihr zu Hause?‘ Diesmal ist die Freisprechfunktion ausgeschalten.
„Das kann ich mir vorstellen. Tora sagt nie einem Spiel ab.
Wir helfen gerne. Aber Hauptsache den Mädels in Italien gehts bald wieder besser. Sie sollen im Koma liegen, wie schrecklich.“, versucht sie ein Gespräch aufzubauen. Akane ist natürlich sehr neugierig. Welcher Mann schafft es sie vom Spielen abzuhalten?
„Wohl wahr. Ludovica und Viola sind zum Glück wieder aufgewacht. Sie haben es geschafft, da kann ich Sie beruhigen.“
„Ach, wirklich? Das ist schön. Wir werden dieses Team nicht ersetzen können, aber wir geben Alles.“, äußert sie mit ernster Stimme.
„Sehr gut, sonst wäre das Spiel zwecklos.
Ich werde es ihr ausrichten.“
„Danke. Und mit wem hatte ich jetzt das Vergnügen?“, versucht sie ihr Glück.
Kojiro grinst.
„Guter Versuch. Das muss vorerst so reichen.“
„Hätte ja klappen können. Okay, dann muss ich mich gedulden. Aber eins noch:
Wie sehr lieben Sie Tina?“, fordert sie ihn plötzlich heraus.
Er stockt einen Moment. ‚Genauso muss sich Tina gefühlt haben, als Cusavier sie am Telefon ausfragte.‘
„So unbeschreiblich, dass ich erkennen kann, wer ihre wahren Freunde sind.“, antwortet er lächelnd.
Er hat nicht mitbekommen, dass Tina inzwischen aus dem Garten zurück ist und im Flur steht.
„Kojiro, wer ist dran?“
Er dreht sich zu ihr um. „Akane.“, sagt er nachdenklich. ‚Wie lange steht sie denn schon da?‘
Sie lächelt ihn liebevoll an und deutet an den Hörer haben zu wollen.
‚Oh, er heißt Kojiro, interessant.‘
„Also echt, diese Frau ist unmöglich.“ Kojiro blickt sie etwas verdutzt an.
‚Was meint sie denn damit?‘
„Akane du Nudel. Du solltest doch eine Nachricht schreiben und nicht anrufen.“
„War echt ein Versehen. Nicht böse sein.“
„Akane, wir wissen beide, dass du keine Fehler machst, sonst wird das nix mit dem Wirtschaftsingenieur.“
„Du hast Recht, sorry. Ich wusste ja aber auch nicht, dass du nicht alleine bist.
Kojiro heißt er also, nette männliche Stimme hat er.“, flüstert sie.
„Klappt das jetzt mit dem Spiel für heute Abend?“, lenkt sie ab.
„Ja klar. Wir sind dann 18 Uhr bei euch.“
„Danke für eure Hilfe. Ich freue mich sehr, dass ihr euch gemeldet habt.“
„Gerne doch. Wir sind schon ganz aufgeregt. Die neuen kennen dich doch noch gar nicht, nicht mal persönlich.
Und wieso kannst du jetzt am Nachmittag nicht? Ich hatte jetzt vermutet du hast ein Date, aber wenn er schon bei dir übernachtet, dann ist das ja gar nicht nötig abzusagen.“, fragt sie nochmal nach.
„Ich habe wichtige Kundschaft, denen will ich nicht schon wieder absagen. Wenn es nicht so wichtig wäre, wäre das kein Problem. Du weißt, dass Martin jeden Kunden gebrauchen kann.“
„Das stimmt. Ich schicke auch immer schön alle Leute zu euch, wenn es möglich ist. Hikaris neuer Freund hat neulich auch schon gefragt, der ist Profisportler und hätte auch Interesse an so einem Trainingsprogramm mit deinen Rezepten.“
„Dann kann er doch einfach mal vorbeikommen oder mit Andrea einen Termin absprechen.“
„Er traut sich nicht so, weil er weiß, dass du keine Fußballer magst. Dabei sind schon zwei seiner Mitspieler auch bei euch im Programm. Die werden ja deswegen nur von Martin und Andrea betreut.“, erklärt sie.
„Ach so, er ist Fußballer. Sag ihr, sie kann ihm sagen, dass das kein Problem ist. Jeder kann ins Programm aufgenommen werden.“
„Okay, sage ich ihr. Aber er braucht dann so eine VIP-Vermerkung. Ihr behandelt doch VIPs etwas gesondert.“
„Wieso VIP? Wo spielt er denn?“, wundert sie sich.
„Soweit ich weiß im Nationalteam. Bin aber grad nicht sicher.“, überlegt sie.
„Oh, echt? Dann ist er VIP. Frage sie mal oder hol sie kurz ans Telefon.“
Akane ruft Hikari zu sich und gibt ihr den Hörer.
„Hallo Tora-san. Was gibt’s?“
„Hallo Hikari, Akane sagte mir gerade, dass dein Freund ins Programm will. Er soll VIP sein?“
„Ja, er spielt im Nationalteam. Er mag deine Ernährungspläne und ihm geht’s schon deutlich besser als zuvor. Wir kochen die Rezepte zusammen nach, weißt du?“, erzählt sie mit verliebter Stimme.
Tina schmunzelt.
„Das ist ja niedlich. Ihr kocht meine Rezepte zusammen? Aber die Vitaminsäfte gibst du ihm nicht, oder?“
„Wieso? Doch, die trinkt er auch mit. Sind lecker.“
„Die braucht er nicht. Die sind nur für uns wichtig, weil wir hauptsächlich in Räumen sind. Er ist ja jeden an der Luft und tankt genug Vitamin D. Nun gut, können wir später bereden.“ Tina zeigt Kojiro, dass er leise sein soll und sie das Mikro auf Laut stellt, damit er mithören kann.
„Wie heißt denn dein Freund?“, fragt sie nun neugierig.
„Wieso? Du kennst die doch eh nicht? Du weißt doch gar nicht wer die alle sind.“
„Einige Namen sagen mir was. Wegen Jun, du weißt doch, der ging mit mir zusammen in dieselbe Klasse.“
„Ach so. Stimmt. Er heißt Takeshi, Takeshi Sawada. Er spielt schon seit der Jugendzeit im Nationalteam, dann könntest du den Namen ja wirklich kennen.“ Kojiros Blick ist sehr überrascht. ‚Takeshi? Du hast neulich was von einer Freundin erzählt, die auch leidenschaftlich Sport betreibt und studiert.‘ Er nickt zu Tina.
„Verstehe. Alles klar. Lass uns dann heute Abend nochmal darüber reden.“
„Okay, bis dahin. Ich freue mich schon auf unseren Kampf.“
„Ich auch, ich werde dir nichts schenken…das weißt du?“
Dann legen beide auf.
„Was hatte das denn zu bedeuten?“, wundert sich Kojiro.
„Sawada, sagt mir was, du hast seinen Namen bereits erwähnt. Er ist dein Partner im Sturm?“ Kojiro nickt.
„Genau, also wenn ich das eben richtig verstanden habe ist er der Freund von eines der Todai-Spielerinnen?“
„Genau. Er wollte wohl gerne in unser Programm kommen.“
Kojiro grinst. „Manchmal ist es wirklich sehr witzig, wen du alles kennst.“
Sie schmunzelt. „Das kann ich auch von dir behaupten.“
Beide gehen in die Küche zurück und setzen sich wieder. Tina schenkt einen zweiten Kaffee ein.
„Was mir einfällt, weißt du nun auch schon wo du mit mir Urlaub machen willst? Und wann vor allem? Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.“, spricht Kojiro ein wichtiges aber schönes Thema an.
Tina sieht ihn strahlend an.
„Ich wusste es schon als du mir das gesagt hast. Es stand sofort fest.“
Kojiro schaut neugierig. ‚Ich bin gespannt. Was ist ihr wichtigstes Reiseziel? Aber ich hatte ja gesagt, es soll etwas sein wo wir mal alleine sein können. Das wird also kein Ort sein, den die meisten Frauen besuchen wollen.‘
„Ich möchte mit dir…nach Deutschland. Genauer gesagt in meine Heimat an die schöne Ostsee. Dort gibt es viele ruhige Ecken und man kennt uns beide nicht so, dass man überall angesprochen wird.“, strahlt sie ihn an.
Er ist sehr erstaunt. „Deine Heimat? Weil es dort so ruhige Ecken gibt?“
„Auch, aber vor allem, weil ich sie dir zeigen will und ich kann dich meiner Familie vorstellen. Das wird sonst nie wieder klappen. Sie sollen dich so kennenlernen wie du bist, bevor sie es erfahren und nur Bilder von dir kennen.“
Er lächelt. „Das klingt gut. Deine Familie. Die werden sich bestimmt wundern, wenn du einen Japaner anschleppst.“, schmunzelt er und sieht ihr in die Augen.
„Die werden dich alle lieben. Du musst nur zwei Leute überzeugen, der Rest frisst dir aus der Hand.“
„Oha, wen denn?“
„Die Mama meiner Mutter und den Vater meines Vaters. Die sind am kritischsten. Also eine Oma und ein Opa von mir. Aber da mache ich mir bei dir gar keine Sorgen. Die sind charakterlich genauso wie du und ich. Immer geradeaus und direkt voran.“
Kojiro lehnt sich zurück. „Na das wird schon. Das wird spannend. Bei mir geht das schnell. Dich werden alle sofort lieben. Du hast auch nur eine Seite zu überzeugen. Die von meinem Vater. Mehr ist da nicht mehr. Ein kleiner Kreis. Er hatte nur eine Schwester und das wars schon.“
„Wir sind ne große Familie. Meine Mama hatte drei Brüder und Papa hatte zwei Brüder und eine Schwester. Dazu kommen die Kinder und deren Kinder. Also wird lustig.“
Er macht große Augen.
‚So eine große Familie? Das muss ein schönes Gefühl sein eine so große Familie zu haben. Wir sind tatsächlich nur sehr klein. Auch weil die Eltern meiner Mutter nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten. So fallen auch ihre Geschwister weg. Sie war die Älteste und ihre zwei Geschwister noch sehr klein, erzählte sie mal. Wir haben sie nie kennengelernt. Die haben sicher auch schon Kinder.‘
„Na dann wird das ja ein Abenteuerurlaub. Und du bist sicher, dass wir auch entspannen können?“
Sie grinst. „Natürlich, die sind alle schnell besucht. Wir treffen uns immer, wenn ich komme alle zusammen in einer Gaststätte. So kann jeder mit jedem quatschen und dann macht jeder wieder seinen eigenen Kram. Aber so sehen wir uns zweimal im Jahr. Im Sommer und zu Weihnachten. Das ist also nur ein Tag, den wir damit einplanen müssen.
Aber eins ist klar, sie werden sich nicht wundern, dass du Japaner bist, sie wird es eher wundern welchen Sport du machst.“, grinst sie.
Im Büro
Kapitel 44
Im Büro
Nach dem Frühstück gehen beide ihre Wege. Tina ist bereits im Fitnessstudio angekommen und begrüßt Martin.
„Guten Morgen. Heute ziehst du das durch, richtig?“
„Ja, ich schaff das. Ganz sicher. Wo ist mein Koffer mit den Utensilien?“
Er zeigt zum Kopierer. Dann greift sie danach.
„Und du willst echt alleine hin? Andrea kann dich doch begleiten.“
„Nein, ich muss das ganz alleine schaffen, sonst ist es keine Prüfung. Es muss so gehen, ich bin ja nicht alleine.“
„Gut, wenn du meinst. Ich will hinterher einen ausführlichen Bericht.“
„Klar. Ach so…ich habe nebenbei erfahren, dass schon drei der Herren im Programm sind. Das hättest du mir auch sagen können.“
Martin schaut sie nur verwundert an.
„Wen meinst du? Drei Nationalspieler? Nicht, dass ich wüsste. Wir haben einige Fußballer, aber eher wenige, weißt du ja selber wieso. Ich wüsste aber nicht, dass da jemand groß in der oberen Liga spielt. Ich kenn die Leute ja auch nicht so.“
„Hm, naja. Eventuell meint er einmal Jun und dann noch zwei weitere. Ich werde dich dann anrufen und wenn sie mir ihre Namen sagen, musst du es direkt nachsehen und den Wertestand durchgeben. Ich mache zwar eh nur Gewicht und Größe, aber trotzdem.“
„Ach übrigens, es lag ein Brief heute Morgen für dich in meiner Post.“, meint Martin und macht die Schublade auf und holt ein großes Kuvert heraus.
Tina nimmt es skeptisch entgegen.
„Okay, danke. Was mag das sein? Ohne Absender und ohne Marke? Und dann nur mit meinem Namen drauf? Ist ja seltsame Post.“
Sie öffnet den Umschlag vorsichtig und holt den Inhalt heraus. Dann staunt sie nicht schlecht. Es sind Fotos…Fotos von ihr und Kojiro. Ihr Herz fängt an schneller zu schlagen und sie setzt sich.
„Oha, was hat das zu bedeuten?“ Dann hält sie einen ausgedruckten Brief in der Hand, welcher am Ende der Fotos klemmt.
Martin wundert sich über ihre Reaktion.
„Was ist das?“ Sie reicht ihm die Fotos rüber.
„Wir müssen uns beeilen. Das ist ein Journalist und will ein Interview.“
Martins Blick ist ernst als er die Fotos betrachtet.
„Du meine Güte. Da hast du dir aber was ein geborgt, Tina. Wieso habt ihr denn auch nicht aufgepasst? Und dann dieses Knutschfoto, auf offener Straße, also echt, Tina. Ihr wisst doch beide, dass das hier nicht hergehört.“
„Tut mir leid.“, schaut sie betrübt. Dann greift sie nach den Bildern. Eins davon betrachtet sie genauer. Dann lächelt sie verliebt.
‚Kojiro, so sahen wir aus? So haben wir uns unter dem Schirm geküsst? Unser Abschiedskuss nach unserer ersten Begegnung.‘
„So ein schönes Foto.“, haucht sie und berührt das Motiv. Martins Blick ist etwas verblüfft.
„Es sind künstlerisch schöne Fotos, ja, aber begreifst du nicht was das heißt?“
Tina schüttelt den Kopf und zeigt ihm den Brief. „Lese es doch selbst, er bittet um ein Interview. Da steht nichts von einer Geld-Forderung oder einer Erpressung.“
Er stimmt ihr zu.
„Liest sich tatsächlich so. Eventuell ist er ein Fan und hatte einfach Glück ein besonderes Foto zu machen? Jetzt möchte er seine Chance nutzen.“
„Genau, das denke ich auch. Sieh dir doch die Fotos mal genauer an. Die sind nicht einfach gemacht worden wie damals die mit uns darauf. Die anderen waren total lieblos und schief und krumm, ohne jeglichen Blick für das Motiv. Hier hat sich jemand richtig Mühe gegeben und hat sogar auf die Hintergründe geachtet oder dass sie gerade sind. Sie wirken eher als würde man sie für eine Werbung oder ein Plakat gemacht haben.
Der Mann hat eine Telefonnummer hinterlassen. Ich rufe ihn an und höre mir an was er zu sagen hat.“
„Wirklich? Du bist aber mutig. Willst du nicht lieber erst Herrn Satsujinsha informieren? Nicht, dass ihr einen Anwalt braucht.“
„Den frage ich schon gar nicht mehr.“, reagiert sie grummelig.
„Wieso? Was war denn los? Du hast ihm doch immer vertraut.“, wundert er sich.
„Er hat mich neulich derart beleidigt und dann ist er über Kojiro so hergezogen, dass ich ihm gar nicht mehr trauen kann.“
„Und was machst du, wenn du einen Anwalt brauchst? Du kannst doch jetzt nicht ohne Anwalt dar stehen?“
„Mach dir keinen Kopf, ich habe da jemanden auf den ich mich verlassen kann.“
Tina greift zum Telefon auf dem Schreibtisch.
„Moment, du willst von hier aus anrufen?“
„Natürlich, die Nummer ist doch bekannt und er hat den Brief hier abgegeben. Ich benutze doch nicht mein privates Handy dafür.“
„Verstehe, du hast Recht. Machst du auf Laut, damit ich zuhören kann?“ Sie nickt.
Zeitgleich ist Kojiro mit dem Taxi auf dem Weg zum Trainingsplatz. Auf dem Weg dorthin fährt er an einer Ladenstraße vorbei und entdeckt ein interessantes Geschäft. Er fordert den Taxifahre an dort zu halten und zu warten. Er dreht um und wartet vor dem Laden.
Kojiro sportlich mit schwarzer Trainingsjacke und heruntergezogener Kapuze, steht am Schaufenster und betrachtet die Auslage. Der Laden hat noch geschlossen, er öffnet erst in einer Stunde. Es ist jedoch jemand zu sehen, der bereits Vorbereitungen trifft. Kojiro klopft gegen das Ladentürfenster.
‚Nanu? Jetzt schon Kundschaft? Oder ist das die neue Lieferung?‘, wundert sich der Ladeninhaber.
Er geht zur Tür und betrachtet den etwas verhüllten Sportler. ‚Was will dieser Junge? Ich mache doch den Laden nicht für jemand Fremden auf, viel zu gefährlich. Er wirkt mit der Kapuze nicht seriös.‘, ist er unsicher, denn der letzte Überfall ist nicht lange her. Vorsicht ist geboten, melden sich seine Alarmglocken.
Kojiro freut sich, dass er zur Tür gekommen ist und zieht seine Kapuze zurück, so dass man sein Gesicht sehen kann, schaut freundlich und legt seinen Ausweis und die Kreditkarte ans Fenster, sodass man es lesen kann.
‚Wow, Prominenz? Kojiro Hyuga? Was will er bei mir?‘, wundert er sich und freut sich. Natürlich öffnet er die Tür, begrüßt ihn freundlich und verbeugt sich.
„Guten Morgen Herr Hyuga. Was gibt mir die Ehre? Bitte treten Sie ein.“
Kojiro bedankt sich für das Vertrauen und betritt das Geschäft. Der Ladeninhaber schließt die Tür wieder ab.
„Was kann ich für Sie tun?“
„Verzeihen Sie, dass ich vor der Öffnungszeit komme, aber ich habe später keine Zeit und in dem Falle bin ich auch gerne alleine.“
„Ich verstehe. Das ist doch kein Problem. Es war eine gute Idee mit dem Ausweis. Sie müssen wissen, wir sind letzten Monat überfallen worden und da bin ich besonders vorsichtig geworden.“
„Oh, das tut mir leid. Ich hoffe es ist niemand verletzt worden?“, entgegnet er verständnisvoll.
„Zum Glück nur Sachschaden.“
„Ich suche etwas Spezielles.“
„Haben Sie schon eine Vorstellung? Was kann ich Ihnen raussuchen?“
„Zeigen Sie mir mal was Sie für Sets aus Weißgold haben.“
Er geht sofort los und sucht die schönsten Stücke raus, die er hat.
‚Er hat scheinbar genaue Vorstellungen. Gezielt nach Weißgold fragen ist selten.‘
Etwas nachdenklich steht Kojiro vor der großen Auswahl. Er lässt bis auf drei Sets wegnehmen und dann schließt er kurz die Augen und vor ihm erscheint Tina mit dem schönen Sommerkleid, was er heute früh ausgesucht hat.
Er öffnet die Augen wieder und zeigt auf die mittlere Schachtel.
„Dieses hier. Können Sie diese zwei Stücke mit einer Gravur versehen?“
Der Herr nickt, räumt die anderen Sets weg und lässt sich von Kojiro den Zettel mit dem Gravur-Wunsch geben. Dann setzt er sich hinter den zweiten Tresen und schaltet die Maschine an. ‚Das ist ja aufregend. Wer mag die Frau sein, dem er es schenken will? Das klingt sehr ernst. Das ist nicht nur eine Aufmerksamkeit.‘
Unterdessen schaut sich Kojiro bei dem Juwelier um. In einer Auslage entdeckt er ein buntes Bettlerarmband mit einer bunten Blume und der Option eines Buchstaben daran.
‚Das ist was Nettes für Naoko. Sie wird sowas sicher mögen. Das habe ich bei den jungen Mädels in Italien oft gesehen.‘ Dann schaut er sich die weiteren Anhänger an und hat auch dort noch was Passendes für seine Schwester gefunden.
Zur selben Zeit legt Tina den Hörer auf. Martin ist überrascht über das Ergebnis des Gesprächs.
„Na das wird ja noch spannend. Du hast Ideen, also wirklich.“, schüttelt er nur grinsend den Kopf.
„Wenn, dann so, dass wir was davon haben, oder?“, grinst sie nur.
Er nickt. „Stimmt, lieber so als ungeplant.“
Dann steht sie auf und sieht Martin ernst aber lächelnd an.
„Ich muss dir übrigens noch etwas sagen. Aber krieg nicht gleich einen Anfall. Ich hoffe du wirst es einfach verstehen und mir nicht böse sein.“, versucht sie etwas ruhig das Thema anzusprechen.
„Sollte ich mich lieber setzen?“, wundert er sich über ihren Tonfall. Er weiß, wenn sie so anfängt gibt’s ein Problem.
‚Was kommt jetzt? Das letzte Mal als sie so anfing kam die Info, dass sie die Uni verlässt und einen neuen Beruf lernen wollte.‘
Tina sieht zu dem großen Mann auf. ‚Ach Martin, ich hoffe ich werde dich nicht zu sehr schocken und verletzen. Aber…ich muss es tun. Für mich und für Kojiro, für uns und auch für alle anderen, die ich liebe. Ich brauche einen kompletten Neustart.‘
„Du kannst dich ja vor den Stuhl stellen und dann entscheiden.“, sagt sie ganz ruhig und besonnen.
„Das klingt gar nicht gut. Tina, was ist los?“, will er es wissen.
Sie geht einen Schritt näher an ihn heran und sieht ihm in die Augen.
„Sei mir nicht böse Martin, aber ich habe meine Entscheidung getroffen. Ich muss es tun, nicht nur für mich, nicht nur für uns. Ich spüre, dass ich nur so ohne Lügen oder Versteckspiele leben kann. Dass ich überhaupt mal richtig leben kann.
Ich werde…Japan…verlassen…und…mit Kojiro…in Italien leben.“
Er ist ganz still. Sein Herz schlägt plötzlich lauter. Beiden entweichen ein paar Tränen. Plötzlich nimmt er sie ganz fest in die Arme und drückt sie fest an sich. „Genau davor…hatte ich die…ganze Zeit…Angst. Ich habe es schon…geahnt. Von dem Moment an als…du mir sagtest was du empfindest…und…ich erfuhr…wer er ist.“, schüttet er sein Herz aus. Tina weint, auch sie wird Martin sehr vermissen und alles andere hier, aber ihre Gefühle sind zu groß. Sie weiß, ohne bei Kojiro zu sein könnte sie nicht mehr ertragen. Endlich ohne Ängste und Lügen leben zu können konnte sie sich niemals vorstellen.
„Es tut mir leid. Ich weiß, dass ich dir damit sehr weh tue. Ich kann aber nicht anders.
Kojiro hätte es sonst getan. Er hätte für mich Italien verlassen und wäre hergekommen oder hätte ein Angebot in Deutschland für mich angenommen. Nur für mich!
Das kann ich nicht zulassen. Ich will kein Hindernis sein und ich will ihm seinen Stolz lassen!
Ich aber…ich kann auf meinen Ruhm hier…verzichten. Ich bin dazu bereit, wenn ich dafür…bei ihm sein und ohne Ängste leben kann.“, beichtet sie ihm ehrlich.
„Ist das wirklich wahr? Er würde wieder herkommen und für dich auf seinen Erfolg verzichten?“
„Ja, es fällt ihm eh schon schwer seine Familie ständig alleine zu lassen.“
„Und du? Sind deine Gefühle so groß? Sind sie wirklich so groß, dass du all das aufgeben willst? Dass du alles neu beginnen willst?“
Tina hält kurz inne und schaut dann zu ihm auf. Mit Tränen in den Augen und ihren Händen an seinem Oberkörper gesteht sie alles.
„Ja, Martin. Ich kann gar nicht beschreiben wie viel ich fühle. Meine Gefühle sind zu stark. Sie sind so stark, dass ich alles um mich herum vergessen kann. Alles, Martin, auch das, was zwischen uns stand. Ich kann IHN erst jetzt vergessen, vom ersten Moment an mit Kojiro. Erst jetzt kann ich das und den Mut finden…endlich im Leben…aufzuräumen.“, sagt sie ihm zum ersten Mal was ihrer Beziehung fehlte. Sie hat sich nie getraut zu sagen was aus ihrer Sicht im Wege stand.
„Wen meinst du? Was meinst du, es stand jemand zwischen uns?
Tina…das stimmt nicht. Wir wissen beide, dass wir unsere Gefühle damals falsch eingeschätzt haben. Mir ist es dann erst spät aufgefallen und jetzt mit Andrea wurde es mir erst recht bewusst.
Es stand nicht irgendwer zwischen uns…wir hatten uns beide verrannt. Wir haben Freundschaft, Vertrauen und die Sehnsucht nach Zweisamkeit mit Liebe verwechselt. Deswegen habe ich das beendet. Du warst zu jung um das selbst zu erkennen.
Aber jetzt…jetzt wissen wir es…wir wissen es beide. Ich weiß es, seitdem ich Andrea an meiner Seite habe, denn bei ihr ist es anders. Mit ihr ist es genauso wie du es bei Kojiro beschreibst. Ich kann in ihrer Nähe ebenso alles um mich herum vergessen und ich genieße jede Minute mit ihr.
Wir hatten etwas mehr Zeit darüber in Klaren zu werden, aber ihr, ihr habt keine Zeit. Das verstehe ich. Wenn sein Urlaub vorbei ist, müsst ihr euch entschieden haben. Und nun…habt ihr es. Ihr habt aus eurem Bauch heraus entschieden zusammen zu sein. Und ich freue mich für dich. Ich bin glücklich, wenn du es sein kannst.“ Seine Hand berührt ihre Wange und der Daumen wischt ihr die Tränen aus dem Gesicht. „Genieße es, endlich glücklich zu sein. Ich bin es doch auch endlich.“
Einige Minuten später haben sich beide Gemüter etwas beruhigt und Martin sitzt wieder an seinem PC. Tina steht vor dem Spiegel und versucht sich die verweinten Augen über zu schminken.
Martin ist froh, dass auch er endlich alles ausgesprochen hat. Aber eins beschäftigt ihn dann doch.
„Tina, darf ich dich noch zwei Sachen fragen?“
„Sicher.“, meint sie nur selbstsicher. Sie ahnt nicht was er fragen will.
„Weiß es Kojiro? Weiß er, dass es da jemanden vor mir gab, den du nicht vergessen konntest?“, stellt er hemmungslos in den Raum.
Tina sieht zu ihm rüber. Dann lächelt sie.
„Ja, das weiß er. Ich habe ihm genau dasselbe erzählt wie dir.“
„Und wer war der Mann? Wer war dir so wichtig, dass er bei jedem im Weg stand?“, fragt er diesmal gefühlvoller. Er hofft, dass sie es ihm verrät.
Es ist still im Büro.
„Willst du das wirklich wissen? Ist dir das so wichtig?“ Er nickt.
„Er war meine erste Liebe, meine Jugendliebe, Martin. Und wenn du wissen willst ob Kojiro weiß wer er ist, ja. Ich habe es ihm gesagt. Es fiel mir sehr schwer, aber ich musste es ihm sagen. Er ist neben meiner Familie der Grund, wieso wir dieses Versteckspiel noch durchziehen. Ich muss es ihm noch sagen. Das ist aber von hier aus nicht so leicht. Ich will ihm das nach all den Jahren auch nicht einfach über ein Telefon mitteilen, nur damit er es nicht über die Presse erfährt. Dafür war unsere Freundschaft zu tief, also die, bevor er erfahren hat, dass ich ein Mädchen bin.“ Martin lehnt sich zurück.
„Okay. Hat der Mann auch einen Namen?“ Sie geht zu ihm hinter den Schreibtisch.
„Mach die Suchmaschine auf.“, fordert sie bestimmend aber liebevoll.
„Ich gebe gleich seinen Namen ein, aber du darfst erst auf die Suche drücken, wenn ich den Bildschirm nicht mehr sehe. Ich möchte noch keine Fotos sehen wie er jetzt aussieht. Du musst vorab noch was wissen. Ich konnte mich nie von ihm verabschieden und ich brachte es nicht fertig ihm von Stephan zu erzählen. Wir waren damals alle sehr eng befreundet.“
Dann gibt sie Karl-Heinz Schneider in die Lupenzeile ein und geht wieder auf die andere Seite des Schreibtisches.
Martin staunt nicht schlecht, als er die Ergebnisse sieht.
„Oha. Dieser Mann war deine Jugendliebe? Im Ernst? In den warst du verliebt?“, wundert er sich. Er kann sich kaum vorstellen wie die beiden sich kennengelernt haben könnten.
„Sieh dir seine Biografie an. Die steht sicher irgendwo in so einer Onlinebibliothek oder auf einer Fanseite. Dann verstehst du es. Er war erst 15 und ich 16 Jahre. Martin, wir waren für etwa drei Monate ein Paar. Das war keine Schwärmerei mehr.“, versucht sie ernst zu bleiben. Er schaut sich durch die Seiten und liest die besagte Biografie durch. Dann entdeckt er ein altes Jugendfoto und erkennt Genzo, Stephan und Tina auf dem Gruppenbild der Jugendmannschaft. ‚Verstehe, er war mit in ihrem Team. Sie hat sich ja neulich verplappert, dass sie im Jungenteam gespielt hatte. Das habe ich bis dahin nicht gewusst.‘
Er sieht zu ihr. „Was ging schief? Wieso wart ihr nur so kurz zusammen? Wenn ich fragen darf.“
„Steht da ein Datum wann er zu Bayern gegangen ist?“ Martin schaut nach und ihm fällt natürlich auf, dass es der Sommer war, als sie nach Japan gezogen sind.
„Das steht hier, ja. Im Sommer als wir herzogen.“, äußert er nachdenklich.
„Martin, der Überfall war schuld. Ich konnte es ihm nicht sagen, dass einer seiner besten Freunde gestorben war und ich wollte nicht, dass er sich sorgt, kurz vor seinem großen Transfer. Ihm stand die große Welt offen und endlich sollte es losgehen.
Dann habe ich versucht mich zu verabschieden, aber ich konnte es nicht. Ich konnte ihm und dem Rest der Mannschaft nicht gegenübertreten. Man sieht es ihm nicht an, aber Karl-Heinz war immer sehr sensibel und emotional. Seine Eltern lagen damals die letzten Jahre in Trennung und das hat ihn extrem mitgenommen. Immer wieder hat er versucht sie zusammenzubringen. Da war nichts zu machen. Er wusste nie worum es ging, aber er liebt seinen Vater und seine Mutter. Ihm war immer wichtig, dass seine kleine Schwester Marie nicht zu sehr unter der Trennung leiden muss. Das was du dort auf den Bildern sieht, die Stärke und der Stolz den man sehen kann, das ist nur sein Bild nach außen. Er ist aber auch sehr sensibel und er hätte es nicht verkraftet einen Freund so zu verlieren. Niemals hätte er es überwunden wie es passiert ist und das hätte ihm in dem Moment die ganze Sportler-Laufbahn gekostet.
Karls Vater war damals unser Trainer, mit Herrn Schmidt und später Herrn Mikami zusammen. Jetzt trainiert er noch immer sein Team, das Profiteam Bayern München. So kann er ihm nah sein. Bernd Frank Schneider war auch der Einzige im Team, neben Genzo, der wusste, dass ich ein Mädchen bin.“ Martin schaut verblüfft.
„Das verstehe ich jetzt nicht. Die anderen Jungs wussten das nicht? Er hat es dem eigenen Sohn nicht gesagt? Wieso wusste er es und hat es zugelassen? Das verstehe ich nicht.“, wundert er sich und scrollt sich weiter durch die Mannschaftsfotos der Bayern. Dann stoppt er. ‚Moment mal. Der Mann kommt mir bekannt vor. Irgendwo habe ich den mal vor langer Zeit gesehen.‘
„Er war als Kind ein Freund von Vater. Die kannten sich damals vom Fußballclub und haben zusammengespielt bis Vater seinen Fahrradunfall hatte. Er hat es damals möglich gemacht, dass Stephan ins Team aufgenommen wurde. Aber damit das funktionierte durfte keiner wissen, dass die beiden sich kennen, sonst hätte man seine Empfehlung für Stephan nicht akzeptiert.
Ich weiß nicht wirklich wieso er es zugelassen hat, dass ich im Team bleiben konnte. Es lag sicher daran, dass ich auch talentiert genug war, um mit den Jungs mitzuhalten. Und wir verstanden uns beide sehr gut mit Karl, das fand er immer super. Er wusste, dass er gute Freunde brauchte, auf die er sich immer verlassen konnte. Somit waren Kaltz, Karl und wir beide die dicksten Freunde bis Genzo später noch dazu kam. Du hast überhaupt keine Vorstellung. Du kannst es mit uns vergleichen. Oder die Freundschaft zwischen Genzo und mir, die du ja kennst.
Jeder von uns wäre für den anderen durchs Feuer gegangen, um nicht zu sagen. Wir sind für den anderen durchs Feuer gegangen. Wenn jemand Hilfe brauchte, waren wir zur Stelle. Wie die Musketiere oder so.“, lächelt sie im Gedanken und erinnert sich an die eine oder andere Situation.
‚Du siehst so glücklich aus, wenn du davon redest. War es so schön? War euer Fünfergespann so eine tolle Zeit für dich und Stephan?‘
„Und du glaubst, du kannst diesem Karl das jetzt sagen? Was ist, wenn du doch noch was für ihn empfindest, wenn du ihm nach so langer Zeit wieder gegenüberstehst?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Es wird nicht mehr sein als bei Genzo und dir. Das ist es, was ich im Moment fühle: tiefe Verbundenheit, Vertrauen und die Erinnerung an eine starke Freundschaft. Mehr nicht. Genau das werde ich ihm auch sagen, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Und das wird bald sein, denn Kojiro und ich wollen unseren Urlaub in Deutschland verbringen und dann werde ich ihn aufsuchen und ihm alles sagen. Deswegen eilt es alles so.“
„Ihr wollt Urlaub machen? Du willst ihm deiner Familie vorstellen? Das wird spannend.“
„Ich freue mich schon riesig, sie werden Kojiro lieben. Er ist so ein liebevoller Familienmensch und er kann auf eigenen Beinen stehen. Er hatte gestern spontan doch seine Prüfung, also die Verteidigung.“
„Ach ja, deswegen hast du den Termin mit seinem Team verschoben. Wie lief es denn?“
„Du weißt ja, ist meist nur eine Formsache. Er ist jetzt Architekt. Deswegen hat er das auch mit den Grundrissen gleich erkannt. Das geschulte Auge.“, grinst sie.
„Das freut mich.
Und du hängst noch so an Genzo, weil er der Einzige ist, der von eurer Truppe für dich geblieben ist?“, kommt er zum Thema zurück. Tina nickt.
„Kann man so sagen, aber uns verbindet ja mehr als das was vor dem Vorfall war. Als das mit Stephan passiert ist war ich nachts nicht bei meinen Eltern, sondern bei ihm. Meine Mama hat so viel geweint, dass es mich selbst immer wieder runtergehauen hat und ich wollte sie wiederum nicht immer wieder mit meiner Trauer runterziehen. Also blieb ich die meiste Zeit bei Genzo und seiner Gastfamilie. Einige Tage später kam seine Mutter dann auch um ihn zu unterstützen. Denn auch er hat sehr getrauert und musste später wieder zum Training und so tun als wäre nichts.
Er war übrigens gestern über Nacht bei uns. Genzo hat gestern Abend endlich mal sein Herz ausgeschüttet und ich glaube, das hatte er mal nötig. Er dachte vermutlich, er müsse für mich immer den Starken machen, damit ich nicht zu sehr trauere, aber in Wirklichkeit hat er selbst nie mit der Sache abgeschlossen. Er hat sich mal richtig ausgeweint. Ich habe wirklich gedacht er ist darüber hinweg. Aber er machte sich immer noch Vorwürfe, dass er nur mich retten konnte aber für Stephan zu spät kam.
Ich denke aber das ist nun geklärt.“, erklärt Tina.
„Ach echt? Er war über Nacht bei euch?“
„Ich glaube das hat er gebraucht. Du weißt aber schon, dass Genzo immer mal bei seinem Japanbesuch auch die eine oder andere Nacht in meinem Gästezimmer verbracht hat, oder? Wir haben immer bis spät in die Nacht gezockt und irgendwas gespielt und gequatscht. Das war die ganzen Jahre so.“
„Stimmt. Kann mich erinnern. Aber obwohl Kojiro bei dir ist, das ist seltsam.“
„Ich glaube er ist nur seinetwegen gekommen. Ich weiß nicht wieso, aber es ging ihm hauptsächlich darum, dass er da war.“ Martin richtet sich etwas auf.
„Jetzt verstehe ich was er heute früh meinte.“ Tina schaut verwundert.
„Wie heute Früh?“
„Genzo kam hier heute Morgen noch vor sechs Uhr vorbei und wollte an die Geräte. Er war nachdenklich, jedoch sehr gut gelaunt und brabbelte dann nur plötzlich was von
„Nach vorne schauen und nicht zurück“ vor sich hin. Dann hatte das sicher damit zu tun.“ Tina lächelt und schaut dann zur Uhr.
„Bestimmt. Nun gut. Ich muss los. Ich muss noch in den Betrieb.“
„Was willst du denn dort?“,
„Mal wieder nach dem Rechten schauen. Und ich brauche noch etwas von dort.“
Dann greift sie nach dem Umschlag, legt ihn in ihre Tasche und schnappt sich auch den Koffer.
Martin verabschiedet sich, sie verlässt das Büro und geht vor zu Andrea. Diese beachtet sie zuerst gar nicht und steckt ihre Nase in den Bildschirm. Tina wundert sich, denn in der Regel bekommt Andrea immer alles mit und vor allem wenn die lauten Rollen vom Koffer zu hören sind würde sie doch jeder hören, nicht nur das geschulte Ohr einer Offizierin.
„Guten Morgen Liebes, hast du gut geschlafen?“, entgegnet Tina fröhlich. Andrea jedoch reagiert gar nicht erst.
‚Nanu? Was ist denn mit ihr los? So kenne ich sie ja gar nicht.‘, wundert sich diese nur. Dann stellt die den Koffer und die Tasche ab, geht auf sie zu, stellt sich hinter den Tresen neben sie und berührt mit der rechten Hand liebevoll ihre Schulter. „Hu hu, noch nicht ganz wach, Süße?“, versucht Tina es erneut sie aufzumuntern, was auch immer los sei.
Plötzlich dreht sich Andrea um, schlägt sehr kräftig gegen ihren Arm und sieht sie mit einem verbitterten und wütenden Gesicht an, als würde sie ihrem ärgsten Feind gegenüberstehen. Noch nie hat Tina sie so gesehen. Diesen Blick kennt sie überhaupt nicht. Sie kannte bis dahin nur ihren strengen Blick, wenn sie die Chefin raushängen lässt oder wenn sie nach einem Mädels-Abend von dummen Typen angemacht werden und sie diese damit verjagt.
Aber dieser Blick hier jagt ihr richtig Angst ein. Was ist denn nur los? Was ist passiert, dass sie diesem Blick ausgesetzt ist? Und seit wann erhebt sie gegen sie die Hand?
„Sprich mich nicht an! Mit einer Heuchlerin will ich nichts zu tun haben!“, faucht sie los. Die Frauen sehen sich in die Augen und Tina versteht überhaupt nicht was los ist. ‚Andrea, was soll das? Wieso Heuchlerin? Wovon redest du?‘
„Was ist los?“, kommt nur aus ihr heraus. Von einer Freundin so angeschaut zu werden macht ihr Angst. In ihr steigt etwas Furcht auf, denn sie weiß zwar nicht was los ist, aber zu was Andrea im Zorn eventuell zu Stande wäre.
Kurz darauf wird Tina von ihr an den Armen gepackt und grob festgehalten.
„Du stellst dich auch noch dumm?! Mir ist ja klar, dass du den Männern gerne den Kopf verdrehst und es gehörte hier zum Geschäft, aber das! Das kann ich dir nicht verzeihen! Ich dachte immer mit euch ist es vorbei!“, kann man ihr den Zorn ansehen. Andreas Puls steigt immer weiter an und sie kann gar nicht wirklich glauben was sie vorhin gesehen hat, als sie zufällig ins Büro schaute. Eifersüchtig und unüberlegt schubst sie Tina mit großer Wucht nach hinten und sie stürzt zu Boden. Die Sportlerin prallt mit dem Rücken gegen die Wand und beim Aufprall auf dem Boden ist Tinas Hand etwas ungünstig beim Versuch sich abzustützen auf ihr Kleid gefasst und der linke Träger ist gerissen und hängt nun herunter. Tinas Herz rast, so sehr, dass sie sich an ihre Anfangszeit in der Schule erinnert. Grundlos griffen sie die Mädchen an und verprügelten sie im Duschraum. Man warf ihr Dinge vor, die sie nicht einmal verstand.
Gefühlschaos
Kapitel 45
Gefühlschaos
Andreas Gefühle spielen in diesem Moment verrückt. Ihr Vertrauen ist zerbrochen und der große Respekt, den sie Tina gegenüber immer hatte ist gestört. War sie nicht ihretwegen damals ins Studio gekommen?
Max, ihr jüngerer Bruder, hatte es ihr empfohlen, als es erfuhr, dass sie ständig nur Ablehnungen kassierte. Dabei konnte doch jede große Firma, jedes Hotel oder jede Bank nur davon träumen eine gut ausgebildete Sicherheitschefin zu haben. Aber nein, immer wieder kam ein NEIN, nur weil sie Amerikanerin ist welche auf ihrem eigenen Grund und Boden geboren wurde. Natürlich hatte sie die Möglichkeit auf dem Festland die besten Jobs anzunehmen mit einem Topgehalt. Viele Türen standen ihr offen, aber sie wollte in der Nähe ihrer Familie bleiben und ihre Heimat war nun mal Okinawa und nicht die USA.
Er brachte sie dazu Vitamin B zu nutzen und Bettina Fuchs aufzusuchen, welche ihn so selbstlos aus den Wellen gezogen hatte. Alle anderen am Strand standen nur rum und gafften als er mit seinem Surfbrett gegen die Felsen stürzte, sich den Kopf aufschlug und nicht wieder auftauchte. Dabei waren örtliche Rettungsschwimmer da, aber sie meinten nur, das Wetter wäre nicht angemessen und es bringe sie selbst nur in Gefahr.
Aber Bettina stand von ihrem Handtuch auf, lief in Windeseile zur Rettungswacht, schnappte sich die nötigen Hilfsmittel, stürmte ins Wasser und schwamm so schnell sie konnte zum Verunglückten Surfer, tauchte und holte ihn in letzter Sekunde aus dem Wasser. Sie brachte den bewusstlosen Soldaten an Land und begann mit der Wiederbelebung.
Niemand half ihr damals. Nur sein befreundeter Kamerad kam unterdessen an den Strand gerannt und konnte ihr später helfen und den Mann auf die Trage legen, welche die Rettungskräfte inzwischen geholt hatten.
Andrea war damals so froh, als sie das Studio das erste Mal betrat und sie ganz unvoreingenommen angehört wurde welche Arbeiten sie ausüben und verrichten kann. Martin war der erste Arbeitgeber, der sich ihre Referenzen genau angesehen hat. Dann hat er sie zur Probe arbeiten lassen und ihre Fähigkeiten getestet. Dass er sie dann nicht als Trainerin, sondern als Sicherheitschefin eingestellt hatte erstaunte sie selbst. Sie wollte an sich nur als Trainerin arbeiten. Aber nun war es eine Tarnung. Sie machte seit nunmehr sechs Monaten beides. Sie leitete unter anderen die Frauen-, und Verteidigungskurse, welche Tina ebenso besucht, begleitete die Leute an den Geräten und kümmerte sich im Notfall um Problemkunden. Sie hat das gesamte Sicherheitssystem umgestellt.
Aber dieser Anblick wie der Mann, den sie liebt, seine Exfreundin in den Armen hält, fest an sich drückt, liebevoll mit ihr spricht und ihr Gesicht berührt. Es sah danach aus als würden sie sich küssen.
Ihr Herz schmerzt so sehr, dass sie nur noch ein Bild vor sich hat, als würden die beiden sich küssen und bei der langen Zeit, die sie noch im Büro verbrachten eventuell mehr passiert ist.
Bis zu diesem Zeitpunkt kannte sie dieses Gefühl nicht, nein. Dieses stechende Gefühl welches sich Eifersucht nennt, nein das kannte sie bisher nicht. Sie hatte bisher keinen Grund bei den Männern eifersüchtig zu sein. Ihre intimen Beziehungen innerhalb des Camps liefen eher im Verborgenen und niemand bekam es mit. Eine Trennung gab es, weil irgendetwas dann nicht mehr gestimmt hat, aber es waren niemals andere Frauen im Spiel. Auch damals auf der Akademie in Annapolis gab es jemanden, aber die spätere Entfernung trennte ihre Wege. Als sie dann auf ihren Stützpunkt zurück kehrte wagte es kaum jemanden mit ihr zusammen zu sein. Jeder Mann betrachtete sie nur als Offizier und erwartete eher Gegenwind oder einen Befehl, wenn sie was sagte. Als eine Frau hat sie bisher niemals jemand wirklich wahrgenommen. Das erste Mal als sie verspürte als Frau angesehen und respektvoll behandelt zu werden und nicht als Soldatin oder Vorgesetzte, das war als sie Martin begegnete. Noch nie hatte sie jemand mit so liebevollen ehrlichen Augen angesehen und sie so zärtlich berührt, dass sie dabei etwas Besonderes empfunden hat.
Die ganzen Monate hat sie versucht zu ignorieren, dass die beiden mal ein Paar waren und wusste nie was es war, was sie dann trennte. Eine seltsame Freundschaft, dachte sie immer und hoffte, dass es nur das ist und bleibt.
Andrea vertraute und bewunderte Tina, denn sie wusste, dass sie auch sehr stark war. Anders als sie aber auf ihre Art stark. Martin erzählte ihr von ihrem Bruder und warum sie hergezogen sind. Auch der Tod ihrer Eltern berührte sie sehr und trotzdem blieb sie hier, für ihre Freunde, für die Fans und für den Betrieb.
Ab und zu machte sie sich Sorgen, dass er doch wieder Gefühle für Tina empfinden könnte, die über eine Freundschaft hinaus gehen. Immerhin ist sie sehr hübsch und zieht sich immer so sehr sexy oder elegant an. Sie vernimmt wohl was die Männer und Frauen im Studio manchmal reden.
Und nun? Nun sitzt diese stolze Volleyballerin vor ihr auf dem Boden, sieht sie entsetzt an, hält den zerrissenen zarten Stoff im Schulterbereich fest, damit sie nicht halb nackt ist und lehnt an der Wand vor dem Lounge-Bereich.
„Ich dachte endlich ich brauche mir keine Sorgen mehr machen. Dass du endlich jemanden hast und dann sowas! Reicht dir ein Mann nicht aus?! Es ist also doch wahr, was einige Leute reden. Du bist eine Schlampe!“, wirft sie ihr plötzlich an den Kopf, stellt sich vor sie und schaut zornig zu ihr herab.
Es vergehen ein paar Sekunden bis Tinas Blick sich vom Entsetzten zum Ernsten ändert. Auch sie setzt plötzlich zum Gegenwind an und steht vorsichtig auf. Ihre Blicke sind wie Rivalinnen.
„Du verstehst was falsch.“, ist Tina bemüht die Situation zu entschärfen. Ihr ist plötzlich bewusst was los sein könnte.
„Was gibt’s da falsch zu verstehen als ich euch eben beim Küssen erwischt habe!“, meint Andrea enttäuscht und ihre rechte Hand will ausholen. Doch genau in dem Moment kommt ihr Tina zuvor und berührt zärtlich ihre Wange. Andrea hält inne und sieht verwundert in Tinas feuchte Augen, die sie liebevoll ansehen.
„Ich werde Japan verlassen!“, kommt plötzlich mit fester Stimme. Dann lässt Tina den Stoff los und umarmt die starke Frau, die sie doch eigentlich so sehr bewundert. Was hatte Andrea durchmachen müssen um ihre Position zu erreichen? Welches Elend musste sie vermutlich ertragen und ansehen während ihrer Marine-Zeit.
„Andrea, ich will zu Kojiro nach Italien gehen. Ich verkaufe das Haus und gebe das Lokal ab. Ich werde euch alle vermissen!“, weint sie los und drückt sich ganz fest an die starke Frau vor ihr, um sie davon zu überzeugen, dass es um nichts anderes ging als sie Martin so nah war.
Andrea ist verdutzt und plötzlich wird ihr bewusst was sie getan hat. Sie hat die Situation völlig falsch eingeschätzt, nur weil sie die Sprache nicht verstanden hat. Aber als sie Tina von hinten gesehen hat und die großen starken Hände von Martin an ihr, sah es zu eindeutig aus. Ihre liebevollen Worte klangen in ihren Ohren wie Liebesschwüre, als würden beide wieder etwas füreinander empfinden. Ihr kommen Tränen, das erste Mal seitdem sie das Camp verlassen hatte kamen ihr Tränen.
„Wirklich? Du willst uns verlassen? Für die Liebe?“, kann Andrea kaum glauben was sie gehört hat. Tina nickt.
„Ja, meine Gefühle sind zu stark. Ich kann nicht mehr ohne ihn sein. Bitte Liebes, pass auf ihn auf! Pass auf Martin auf, so wie gerade eben!“
Beide bekommen nicht mit, dass sich jemand nähert, während sie sich umarmen. Es ist natürlich Martin, welcher den Rums gegen die Wand gespürt und das laute Gespräch vernommen hat. ‚Was war denn hier los? Was war das für ein Lärm?‘, wundert er sich und beobachtet die beiden Frauen von Weitem wie sie sich umarmen, dann plötzlich in die Augen sehen und Andrea Tinas Kleid in die Hand nimmt und einen Knoten mit dem Band fertigt, damit sie es erstmal bis zum Umziehen tragen kann.
„Es tut mir leid, meinetwegen ist dein schönes Kleid kaputt.“, spricht sie ganz liebevoll. Tina wischt sich die Tränen weg und lacht. „Ich will echt nicht dein Feind sein, glaube mir. Erst schießen, dann reden ist definitiv nicht konfliktlösend.“ Beide sehen sich an und lachen wehmütig.
„Das stimmt. Tut mir wirklich sehr leid. Kannst du mir verzeihen?“
„Das habe ich doch schon, oder? Und ganz ehrlich? Ich habe keine Ahnung wie ich reagieren würde, wenn Kojiro jemand anderes so in den Arm nehmen würde. Meine letzte Eifersucht liegt viele Jahre zurück und ich musste sie immer verbergen.“ Andrea schmunzelt.
„Das will ich lieber auch nicht wissen. Aber ja, manchmal sind Gefühle stärker als der Verstand.“
„Was war hier los? Es war auf einmal so laut hier.“, bringt sich Martin ein und stellt sich vor den Tresen.
Tina blickt zu ihm auf. „Ein dummes Missverständnis. Weiter nichts.“
„Was für ein Missverständnis? Wieso müsst ihr dabei so laut sein? Was soll die Kundschaft von euch denken?“, brummt er.
Nun steht die Uhr bereits auf halb zehn und Tina kommt im De Mecklenburger an und begrüßt Hitomi, welche bereits mit ihrer Arbeit fertig ist und ihr entgegenkommt. Kurz nach ihrer Begrüßung klingelt Tinas Handy.
„Kojiro, wie schön. Ich dachte du bist schon beim Training. Ist alles okay?“, freut sie sich über seinen Anruf aber wundert sich ebenso.
„Ja, alles in Ordnung. Ich hatte nur noch was Wichtiges zu erledigen und wollte kurz bei dir vorbeikommen. Bist du schon in der Gaststätte?“
„Ja bin gerade rein. Wann würdest du denn ungefähr da sein?“, freut sie sich sehr ihn sehen zu können, aber schaut nachdenklich an sich herunter. ‚Wie soll ich das jetzt erklären? Ich habe das Kleid jetzt nicht an.‘
„So etwa in zehn Minuten.“
„Okay, lass dir Zeit. Ich muss auch noch was erledigen. Klopfe bitte einfach im Hintereingang. Hitomi, unsere Reinigungskraft macht dir dann auf.“, versucht sie etwas Zeit zu beschaffen.
„Mache ich. Bis gleich, Bettina.“
Beide legen auf. ‚Hm, seltsam. Was muss sie denn noch machen bevor wir uns sehen?‘, wundert er sich nur.
Tina erklärt Hitomi schnell, dass sie noch ein paar Minuten länger bleiben muss, damit sie ihr Kleid reparieren kann und sie Kojiro dann reinlässt.
Sofort stürmt Tina mit dem Kleid ins Wäschezimmer, räumt den Holztisch leer und holt die Nähmaschine raus. Sie sieht sich den Schaden genauer an und ist froh, dass zufällig beide Spulen mit weißem Garn bestückt sind und beginnt das Kleid zurechtzulegen und zu bügeln. Dann schaltet sie die Maschine an und näht die beiden Trägerenden wieder zusammen.
Inzwischen trifft Kojiro ein und Hitomi verweist ihn darauf, zum Wäschezimmer zu gehen, weil Tina an der Nähmaschine sitze.
‚Oh, sie muss was nähen? Ich wusste gar nicht, dass Bettina nähen kann.‘, ist er überrascht.
Kaum hat Tina die Naht kontrolliert, ob alles schick ist klopft es an der Tür.
„Bettina? Ich bin es.“, kündigt er sich an.
„Kleinen Moment, Kojiro. Ich bin gleich fertig.“, kommt eine liebevolle Stimme zurück. ‚Nanu? Wieso darf ich sie beim Nähen nicht sehen?‘, wundert er sich nur.
Aber nicht mal eine Minute später öffnet sich die Tür und ein fröhliches Lächeln begrüßt ihn. „Wie schön, dass du mich spontan besuchst.“
„Ich wollte dir noch was sagen bevor ich zum Spiel gehe. Darf ich reinkommen?“, lächelt er und spricht etwas bestimmend.
„Sicher, dass das hier jetzt der passende Ort ist?“, wundert sie sich eher. Kojiro nickt. Dann tritt sie etwas zurück, um ihn reinzulassen. Er schließt die Tür hinter sich und dreht den Schlüssel um.
„Der Ort ist perfekt, so sind wir wieder alleine.“, meint er. Tinas Pulsschlag steigt an und sie weiß gar nicht was sie genau davon halten soll, aber ihr ist klar, dass egal was nun kommt es etwas Besonderen sein muss. Sie liebt es, wenn er ihr nah ist und auch dass er so überraschend in ihrer Nähe sein will und sie etwas aus der Fassung bringt. Sie ist so froh, dass sie das Kleid noch in letzter Sekunde reparieren konnte, damit sie es den Rest des Tages tragen kann, wie geplant. Wie seltsam wäre es gewesen, wenn sie nun was anderes angehabt hätte?
Kojiro schaut unerwartet an ihr vorbei zum Nähtisch.
„Du überraschst mich immer wieder. Seit wann kannst du nähen? Und was hast du jetzt gerade gemacht?“
„Meine Mutter ist schuld, sie sagte damals, wenn ich schon rumlaufe und mich benehme wie ein Junge, dann soll ich wenigstens mein eigenes Zeug reparieren können und ein wenig wie ein Mädchen sein. Naja, somit hat sie es mir beigebracht. Sehr praktisch.“, erklärt sie ruhig und liebevoll und denkt dabei an die schöne gemeinsame Zeit mit ihrer Mutter.
„Verstehe und was musstest du jetzt auf die Schnelle nähen? Hatte es keine Zeit?“
Tina lächelt und berührt ihr Kleid am Träger.
„Mein Kleid. Es gab einen kleinen Unfall damit.“
Er macht große Augen.
„Oh, das wäre schade gewesen, wenn du es jetzt nicht anhaben würdest. Ich habe dir dafür etwas mitgebracht.“ Tina sieht ihn etwas irritiert an.
„Wie meinst du das?“ Kojiros linke Hand berührt plötzlich ihre Wange und er sieht sie durchdringlich an.
„Du hast heute Morgen gesagt, du würdest mit mir kommen. Du würdest mit zu mir nach Europa gehen und Haus und Lokal abgeben um mit mir zusammen zu leben.
War das dein Ernst?
Bist du dir wirklich sicher, dass du auf deinen ganzen Ruhm hier in Japan verzichten willst? Ganz neu anfangen? Nur, um bei mir zu sein? Um an meiner Seite zu sein?
Für immer?“, versucht er sie nochmal daran zu erinnern und hofft natürlich darauf, dass sie das nicht nur aus einer Laune heraus gesagt hat und es mittlerweile bereut.
Sein Puls steigt an und er ist ganz gespannt auf ihre Antwort.
‚Bettina, dein Blick verrät mir sehr viel. Du sagst immer was du meinst, so wie ich. Ich wünsche es mir so sehr, dich immer um mich zu haben.‘
Liebevoll berührt sie seine Hand im Gesicht und mit der Linken seinen Unterarm. Sie sieht ihm verliebt in die dunklen verführerischen Augen.
„Nur wenn du es auch willst. Dann ja. Ich sage immer was ich meine.
Mein Herz schlägt schon viel schneller nur bei dem Gedanken daran ich könnte jeden Tag bei dir sein. Aber du musst wissen ob du das auch willst.
Willst du wirklich täglich eine chaotische und quirlige Tina um dich haben? Es ist sicherlich nicht leicht mit mir. Ich habe auch noch nie mit einem Mann zusammengelebt. Ich war immer bei meinen Eltern oder dann alleine.
Und eins musst du wissen!
Ich werde garantiert nicht nur zu Hause sitzen und auf dich warten. Ich will arbeiten, sollte es mit dem Sport nichts werden. Eventuell auch was nebenbei, wenn es passt.“
„Natürlich will ich das. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als dich jeden Morgen um mich zu haben und dich zu sehen, wenn ich heimkomme. Du kannst arbeiten was du willst.
Mir geht es doch genauso. Bis ich nach Italien ging wohnte ich bei meiner Familie und dann bei einer Gastfamilie bis ich seit zwei Jahren alleine bin, in meinem leeren Zuhause.
Ich will nicht, dass du diesen Schritt bereust. Ich bin bestimmt kein leichter Typ und habe so meine Ecken und Kanten.“, grinst er.
Plötzlich fasst sie seinen rechten Arm.
„So schlimm kann es ja nicht sein. Du hast doch bei mir auch gleich den Wäschekorb gefunden und stellst den Zahnputzbecher an seinen Platz.“, lacht sie.
Er grinst. „Genau das liebe ich an dir. Du hast es drauf mich mehrmals am Tag zum Lächeln zu bringen.
Schließ die Augen. Und nicht schummeln.“, spricht er sehr bestimmend aber liebevoll.
Tina ist ganz aufgeregt und tut natürlich was er sagt.
‚Was hast du vor Kojiro? Du willst mich mit irgendwas überrumpeln und ich habe keine Vorstellung was das ist. Es ist immer so aufregend mit dir. Was passiert denn jetzt?‘, geht durch ihren Kopf als er sie loslässt, in seine Hosentasche greift und eine kleine Schatulle herausholt. Er legt sie auf die Ablage neben sich und öffnet sie. Dann nimmt er die Kette heraus, öffnet den Verschluss und legt sie ihr an. Tina kann es genau fühlen was er macht und seinen angenehmen Atem spüren.
‚Kojiro, ist das dein Ernst? Du hast eine Kette für mich? Du bist unglaublich, wirklich. Ich hoffe nur du hast nicht zu viel dafür ausgegeben. Ich will nicht, dass du mir unnötig teure Geschenke machst. Wie mag sie aussehen?‘
Er richtet die Kette und betrachtet das schöne Schmuckstück welches wirklich sehr gut zu ihr und dem Kleid passt.
„Du darfst die andere gerne abmachen.“, schmunzelt sie verlegen, da sie glaubt, er traue sich nicht. Er befolgt ihren Hinweis und legt die andere Kette behutsam neben die Schatulle.
„Ich bin ganz aufgeregt, Kojiro. Darf ich meine Augen wieder öffnen?“
„Moment noch.“, sagt er und berührt dann ihre linke Hand. In kurzer Zeit ist auch das Armband angelegt und dann fasst er ihre Hände, hält sie fest und betrachtet sie. ‚Genauso habe ich mir das vorgestellt. Du bist so wunderschön. Ich hoffe es gefällt dir und du verstehst die Symbolik, ohne sie dir zu erklären.‘
„Jetzt, Bettina.“, legt er fest.
Ihre Augen öffnen sich und ihr Herz rast. Seine zarte Berührung am Hals fühlte sich an als ob er sie küssen würde, dann die kleine kühle Berührung des Schmucks auf ihrer Haut lässt sie fast erstarren.
Kojiro kann dies vernehmen und freut sich im Innersten, dass sie nur bei so einer einfachen Berührung auf ihn reagiert. Wie oft waren sie sich nun schon sehr nahe und wie intensiv ist es noch immer, wenn sie sich berühren oder nur in die Augen sehen?
Und nun? Nun stehen sie hier, im Wäscheraum der Gaststätte, hier wo alles begann. Genau hier haben sie das erste Mal ihre Liebe gespürt, ohne zu ahnen, dass es tatsächlich das war, was sie fühlten und noch immer fühlen.
Er sieht ihr in die türkiesblauen Augen, sie leuchten richtig und ziehen ihn noch immer in den Bann.
Jetzt ist endlich der Moment der Wahrheit gekommen und beide sind sich einig, dass sie für immer zusammen sein wollen. Keiner von beiden kann sich vorstellen, dass das Feuer je erlöschen könnte. Dafür ist es einfach zu intensiv.
„Bettina Fuchs, ich liebe dich und das kann gerne jeder wissen.“, spricht er ernst und liebevoll zugleich. Dann nimmt er die Schatulle in die Hand und zeigt ihr die Ohrringe.
„Damit du für jede Situation etwas hast, das dich an meine Gefühle erinnert. So bin ich immer bei dir.“
Tina betrachtet sie. Es sind Ohrstecker und sie sehen sehr elegant aus, schlicht mit drei Kugeln, die hintereinander herunterhängen. Dann berührt sie ihre Kette und auch diese ist zart mit drei Kugeln in der Mitte. Die kleinen Kugeln verzieren ihr aktuell tiefes Dekolleté, denn das Kleid ist zwar nicht kurz, aber oben etwas tief ausgeschnitten.
„Kojiro…du bist…total verrückt. Es ist alles so schön und ich weiß gar nicht was ich sagen soll.“, blickt sie zu ihm auf und nimmt hastig seine linke Hand und legt sie auf ihren Brustkorb.
„Spürst du das? Es zerspringt gleich.“, blickt sie verliebt.
Beide sehen sich tief in die Augen und können sich plötzlich nicht mehr zurückhalten. Er legt die Schachtel zur Seite, berührt ihren Oberarm und zieht sie an sich. Dann küssen sie sich und genießen den schönen Moment.
Einige Minuten später hat Tina ihre Kreolen abgenommen und die Ohrringe drin. Dann schaut sie zum Spiegel.
„Du hast wirklich Geschmack, ich mag es elegant und schlicht.
Sind das unsere Bälle? Sind es deswegen Kugeln?
Und es passt so schön zur Haarspange. Habe ich dir mal erzählt, dass sie von meiner Mutter ist? Sie hat sie mir zur Jugendweihe geschenkt. Weißt du was das für ein Fest ist?“
Kojiro steht hinter ihr und bewundert sie durchs Spiegelbild.
„Genau, ich wusste, dass du es alleine richtig deutest.
Nein, was bedeutet es?“
„Die Gläubigen bei uns in Deutschland feiern Kommunion und Konfirmation. Die Jugendweihe ist so ähnlich. Sie ist symbolisch für die Jugendlichen, die nicht in der Kirche sind oder an Gott glauben. Es ist der Übergang vom Kind zum Erwachsenen. Sowas gibt es ja in jeder Kultur und das ist ein wenig Kultur, die von meiner übrig ist. Ich Deutschland wird es nicht überall gefeiert, aber nach dem Zusammenschluss der beiden Länder wurde es übernommen.“
„Also ist es eine Art Ritual oder Taufe für dich gewesen vom Mädchen zur Frau? In welchem Alter ist das?“, hat er es verstanden und freut sich, dass Tina etwas über ihre Kultur erzählt. Es war sicher ein sehr wichtiger Lebensabschnitt für sie, sonst wäre es ihr nicht wichtig es ihm zu erzählen.
„Genau. Mit vierzehn Jahren. Meist wird es mit der ganzen Schulklasse zusammen gemacht, eine Art Zeremonie und dann feiert jeder mit seiner Familie.
Die Lehrer wissen dann, wann man die Jugendlichen Siezen muss. Ab da an darf man darauf bestehen wie ein Erwachsener behandelt zu werden.“
„Das klingt interessant. Hast du dich damals danach so gefühlt?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Noch lange nicht. Aber es war trotzdem ein schönes Gefühl zu den Erwachsenen zu gehören.“
Er berührt ihre Schultern. Die Wärme seiner warmen Hände fühlen sich sehr geborgen an.
„Und seit wann kannst du dich so fühlen?“
Tinas Hände berühren seine und sie sieht ihm im Spiegel in die Augen.
„So wirklich?“, fragt sie skeptisch. Er nickt.
„Auf einer Seite seit ich tatsächlich so um die achtzehn Jahre war und ein gewisses Selbstbewusstsein hatte. Der Sport lief gut, die Schule lief auch und man sah mich nicht nur als Mädchen.
Aber das Gefühl, so richtig als Frau anerkannt zu werden und geliebt zu werden…das fühle ich erst seitdem…wir uns das erste Mal…geküsst haben.“, spricht sie leise, langsam und wird dann plötzlich schneller.
Er schmunzelt. Dann spielt er ein wenig mit dem Träger vom Kleid herum. „Was war damit, dass du es nähen musstest? Man sieht gar nichts.“
Sie lächelt. „Nur ein Missverständnis zwischen Andrea und mir.“
„Oh, Andrea? Was ist denn passiert?“, wundert er sich.
„Wir haben das geklärt und dabei belassen wir es jetzt. Manchmal müssen Freunde etwas aussprechen, das war alles.“
‚Ich verstehe, sie will nicht darüber reden.‘
„Okay. Ich muss auch etwas aussprechen.“, wechselt er das Thema und wirkt ernst.
Tina dreht sich zu ihm um und sieht ihn liebevoll an.
„Was hast du auf dem Herzen?“, sorgt sie sich.
Er atmet tief durch.
„Dieses Versteckspiel, Bettina! Ich halte es nicht mehr aus! Mir ist egal was andere denken, ich will einfach nur mit dir zusammen sein! Mal ausgehen oder dich meinen Freunden vorstellen!
Ich hoffe du kannst mich verstehen.
Ich bin kein Typ, der irgendwelche Dinge verschweigt oder ewig was vor sich herschiebt.
Ich habe gerne alles geklärt und klar vor mir!“
Ihr Puls steigt plötzlich wieder an und sie kann auf einmal einen Schmerz in der Brust wahrnehmen. Sie hat diesen Schmerz heute schon einmal gespürt, kurz nachdem sie durch Andreas verletzenden Worte auf dem Boden saß. Dieses Gefühl kannte sie nur aus der Jugend-Zeit. Dieses Stechen in der Brust hatte sie damals, als Karl-Heinz sie in der Dusche erwischte. Und dann das letzte Mal als die Mädels sie in der Schule hier in Japan verprügelten. Danach nie wieder. Ein Moment, wenn sie merkt, dass sie weinen muss und hinterher wieder aufsteht, um die Sache in Ordnung zu bringen. Ein starker Schmerz, der ihr sagt, sie könne mit der richtigen Art die Situation lösen oder das Problem beseitigen.
Kojiro ist verwundert. So einen Blick kennt er nicht von ihr. Es ist ein starrer leerer Blick und ihre Augen werden ganz feucht.
„Deswegen…will…ich bei…dir sein.“ Tina laufen Tränen über die Wangen, aber noch immer bleiben ihre Augen geöffnet und sehen zu ihm auf.
„Kojiro…du…bist…so stark und…weist mir…den richtigen Weg. Den richtigen Weg…ins freie…Leben!“, stottert sie und dann starrt sie ihn nur noch lächelnd an.
‚Freies Leben? Was meinst du damit? Du bist doch frei. Du hast so viele Freunde und deinen großen Erfolg hier. Deine Fans und deine Arbeit im Studio. Warum fühlst du dich nicht frei?‘ Er nimmt sie in die Arme und drückt sie fest an sich. Als ihre duftenden Haare sein Gesicht dabei berühren spürt er wie sie anfängt zu weinen. Sie umarmt ihn auch und ihre Hände greifen fest seinen Oberkörper und ziehen auch etwas an seiner Trainingsjacke. Er streichelt über ihren Kopf.
„Es tut mir leid. Eigentlich wollte ich heute nur dein Lächeln sehen und keine Tränen. Ich hätte es anders sagen sollen.
Ich bin…manchmal mit meinen…Worten…etwas grob.“, versucht er sich zu entschuldigen vermutlich den falschen Ton angeschlagen zu haben.
Er vernimmt ein Kopfschütteln.
„Nein…es ist…alles richtig so. Du magst klare Strukturen und ich…manchmal klare Ansagen.“ Sie schaut plötzlich zu ihm auf.
„Ich bin das Chaos und du die klare Line. Das passt doch zusammen, oder?“ Endlich kann er wieder ihr herzliches Lächeln sehen. Der Schmerz in Tinas Brust ist ebenso verschwunden und erneut küssen sie sich.
Kurz darauf klingelt Kojiros Handy. Tsubasas Nummer blinkt auf.
„Wo bleibst du denn? Sind wir dir jetzt nicht mehr wichtig, oder was? In zwei Stunden beginnt das Trainingsspiel mit Kens Team.“, grummelt Tsubasa ihn an. So kennt Kojiro ihn gar nicht, außer er macht eine klare Ansage im Spiel.
„Ich bin gleich da.“, ertönt Kojiros feste Stimme zurück. Tina grinst, denn sie konnte alles hören.
„Basa?“, fragt sie sicherheitshalber nach. Kojiro nickt. Plötzlich grinst sie ihn an. Dann stellt sie sich auf die Zehnspitzen und spricht selbst in den Hörer.
„Keine Angst, ich nehme ihn dir schon nicht weg. Wir knutschen noch ne Runde und dann hast du ihn wieder.“, lässt sie spaßig verlauten.
Kojiro wird plötzlich etwas verlegen, legt auf und sieht sie überrascht an.
„Deinen Humor hast du scheinbar wieder.“, lächelt er nachdem er seinen Gedanken ausgesprochen hat.
Ein Lächeln entgegnet ihn. Dann fällt ihr plötzlich ein was sie ihm noch sagen muss.
„Wir müssen tatsächlich noch was bereden. Moment.“ Sie geht zu Tisch und nimmt den großen Umschlag und reicht ihm diesen.
„Bevor du dort reinschaust muss ich dir dazu sagen, dass ich das bereits geklärt habe. Wir haben jedoch jetzt nicht die Zeit alles genau zu bereden. Ich habe dieser Person bereits den Wind aus den Segeln genommen bzw. die Macht in unsere Richtung gelenkt. Und wir werden uns demnächst mit ihm treffen.“
Er schaut nur verwundert. „Was ist das? Es steht dein Name drauf?“
„Es lag heute Früh in der Post vom Fitnesscenter.“
Neugierig öffnet er den Umschlag und holt die Fotos heraus. Mit großen Augen sieht er sie an und blättert sie schnell durch bis er den Brief in der Hand hat.
‚Oh, das ist ungewöhnlich.‘, stellt er fest.
Tina betrachtet ihren Liebsten wie er auf die Fotos reagiert und ist gespannt was er dazu sagt.
„Wir waren am ersten Tag unvorsichtig. Dumm gelaufen.“, meint er zuerst, aber klingt nicht besorgt.
„Das stimmt. Unser erster Tag war zu chaotisch in meinem Kopf und ich wusste ja auch nicht wer du bist. Dann hätte ich sicher besser aufgepasst.“
Kojiro blickt ein Foto genauer an und lächelt.
‚Unser Kuss im Regen. Das wirkt nach außen wie eine kitschige Filmszene.‘
„Nein, vermutlich hättest du mich eher gleich wieder rausgeschmissen, wenn du es gewusst hättest.“, meint er überzeugt.
Tina grinst. „Keine Ahnung. Vielleicht auch nicht. Kann ich dir nicht sagen.“
„Und wie hast du das jetzt geklärt? Es klingt nicht nach einer Drohung. Und die Fotos haben richtig Stil. Zu schade für billige Presseblätter.“, meint er ernst und sieht sich auch die anderen nochmal genauer an.
‚So ordentlich und gerade. Sowas habe ich noch nie gesehen.‘
„Ich habe ihn angerufen. Der Fotograf, Kojiro, ist ein Fan von mir.“, fängt sie an es zu erklären.
„Ein Fan? Das erklärt die Professionalität.“, blickt er sie an.
„Du erkennst das sogar?“, wundert sie sich.
Während er weiter die Bilder betrachtet erklärt er es.
„Natürlich. Ich war schon zu oft im Fokus und es gibt viele unschöne Fotos mit mir, aber das hier sind keine Schnappschüsse mehr nur für die Schlagzeilen. Hier steckt was anderes dahinter, sonst hätte sich die Person nicht so bemüht mit dem Objektiv oder dass die Fotos gerade sind.
Eins ist klar! Wer nur auf den Skandal aus ist, der macht sich keine Mühe, denn er wäre da, ob das Foto schick ist oder nicht.“
„Es ist ein kleiner, großer Fan. Kojiro, er ist noch ein Kind von elf Jahren.“, sagt sie liebevoll.
„Ein Kind?“, ist er baff.
Einige Minuten später umarmen sie sich, um sich zu verabschieden.
„Kojiro, eins noch.
Wenn du das nächste Mal deine Freunde siehst und der Meinung bist der Moment passt, dann kannst du ihnen von uns erzählen. Wie du es anstellst ist mir egal. Ich bin bei dir, egal wann und wie du es ihnen sagen wirst. So können wir doch erstmal beginnen.“, sieht sie verliebt zu ihm auf, berührt seine Hand und legt sie an ihre Wange.
„Ich liebe dich so sehr, dass ich es selbst kaum erwarten kann für immer bei dir zu sein. Deine Freunde sind auch meine Freunde.“
Er schmunzelt. „Einige davon sind doch bereits deine Freunde, sogar bevor wir uns kannten.“ Er küsst sie leidenschaftlich.
‚Ach Kojiro, ich könnte immer in deinen Armen sein und ich will dich ewig spüren.‘
Kurz darauf fasst er dann ihre Hand. Im Lichtfall der Lampe bemerkt er plötzlich einen großen blauen Fleck an ihrem rechten Oberarm.
‚Nanu? Wieso hat sie dort einen Bluterguss? Der fällt mir ja jetzt erst auf. Heute Morgen war der noch nicht da.‘
Er berührt die Stelle vorsichtig.
„Was ist dir hier passiert? Der war heute Morgen noch nicht da.“ Obwohl er sie nur ganz leicht berührt tut es ihr etwas weh.
„Ich sagte doch, nicht der Rede wert. Reden wir heute Abend drüber.“
„Okay. Wenn du meinst.“
„Denke dran, ich habe heute Abend das Spiel. Keine Ahnung wie lange das geht.“
„Ich würde es mir gerne ansehen, wenn ich das darf?“, grinst er.
Tina lächelt.
„Das kannst du gerne. Entscheide wie du willst. Es kommen aber nur Zuschauer auf Empfehlung in die Halle. Dein Promistatus wird dir zwar die Tür öffnen, aber das musst du entscheiden, ob du das willst.“
„Ich werde es versuchen. Hauptsache ich mache dich dann beim Spiel nicht nervös, nur weil ich da bin.“, grinst er.
Sie lächelt zurück.
„Ich denke nicht. Mein Zuspiel mit Yoko hatte doch neulich auch geklappt. Wenn ich den Ball spüre, dann ist es so als wenn ich dich spüre, Kojiro. Alles um mich herum ist ausgeblendet.
Würde es dich denn nervös machen? Also wenn ich dir beim Spielen zusehen würde?“
Er blickt sie liebevoll an.
„Ich würde mich sehr freuen, aber nervös macht mich beim Spielen niemand.“
Plötzlich zieht er sie an sich heran und blickt ihr wieder tief in die Augen.
„Es würde mich wahnsinnig stolz machen. Wenn du mir und meinen Freunden beim Spielen zusehen würdest. Denn wenn du das kannst, dann beweist es nur unsere Empfindungen zueinander. Denn Liebe…Liebe übersteht alles!“
Tina sieht ihn ebenso verliebt an. „Stimmt. Dann sage ich es dir jetzt. Ich hatte Angst, es könnte dich verunsichern. Ich habe heute meine letzte Prüfung zu bestehen.“
„Was für eine Prüfung?“, wundert er sich plötzlich.
„Ob wir wirklich miteinander leben können. Ich…werde…dich heute…auf deiner…Arbeit besuchen. Das war gestern geplant, aber das fiel aus. Also heute.“
„Bettina, wirklich? Du wolltest gestern schon zu dem Spiel kommen?“ Sie nickt.
„Ja, ich will dich spielen sehen und mich dann bei Herrn Mikami entschuldigen und ihm als Gegenleistung euer Team für die WM ins Programm aufnehmen. So könnt ihr euch alle die nächsten elf Monate lang gut vorbereiten und eure Gesundheit und Fitness auf Vordermann bringen. Du glaubst nicht wie viele Profi-Teams wir hier in Japan schon unterstützen. Oft haben sie eine schlechte oder falsche Fitnessplanung. Das kann schnell daneben gehen. Wenn man als Profi nicht aufpasst, dann kann es schnell passieren, dass man nach dem Sport nicht mal mehr ne Liste Wasser tragen kann oder gerade laufen.
Um Tsubasa mache ich mir da keine Sorgen, den weiß ich in guten Händen. Ich habe viel von seinem Sportmediziner gelernt.
Also, wundere dich bitte nicht, wenn ich dann erstmal meine Arbeit mache, wenn euer Trainer zustimmen sollte. Danach kannst du schalten und walten wie du willst. Dann kannst du es ihnen gerne sagen.“
Tina ist ganz aus dem Häuschen und freut sich, dass sie es ihm doch sagen kann. Sie hatte einfach Bedenken, es könnte ihn ablenken.
‚Du willst zu uns kommen und uns alle ins Programm aufnehmen? Ist das deine Prüfung? Dass du das kannst? Uns alle, auch die Männer, die du noch nicht kennst in deiner Nähe haben? Alle um dich herum? Ist das dann nicht etwas zu viel?‘, zweifelt er etwas.
„Kojiro, ich sehe es in deinen Augen. Du bist unsicher ob ich das schaffe?“
„Es wäre quasi so als wenn du bei Platzangst bewusst in einen Lift gehst. Willst du das wirklich?“
„Ja, ich mache das nur, wenn es geht. Ich werde es sehen, okay? Ich habe mir genug Gedanken darüber gemacht und ich freue mich schon so sehr darauf euch kennenzulernen. Also kann das doch nur ein gutes Zeichen sein.“
Plötzlich spürt sie seine Hände an Rücken und Hinterkopf.
„Ich liebe dich. Und ich bewundere deinen Mut.“ Dann küsst er sie herzklopfend.
Die Musashi-Schule
Kapitel 46
Die Musashi-Schule
Ein kleiner Nissan Micra in kirschroter Lackierung parkt ein. Der Parkplatz auf dem Schulgelände der staatlichen Ganztagsschule Musashi ist erstaunlich voll in der Ferienzeit. Die junge Frau aus dem Micra steigt aus, richtet ihr Sommerkleid, wechselt die Sonnenbrille und holt ihren Hut vom Beifahrersitz. Dann öffnet sie den Kofferraum und hebt ihren kleinen Rollkoffer mit einer dazugehörigen großen Tasche heraus.
Auf dem Weg zum Einlass des aktuell vermieteten Sportplatzes schlägt ihr Herz wehmütig.
‚Jetzt ist es soweit. Es kann doch gar nichts schief gehen. Einen besseren Sportplatz hätten sie sich gar nicht aussuchen können. Meine alte Schule. Auch wenn der Anfang schwer war, war es eine ganz tolle Zeit hier.‘ Sie blickt zur Turnhalle rüber in der sie damals trainiert hat.
‚Hier wurden echte Freundschaften geschlossen und viele Tränen vergossen. Ach Yoko und Yako, was hatten wir für eine tolle Zeit hier?‘, lächelt sie glücklich, geht dann zum Einlass und zeigt ihre Besucherkarte vor.
„Guten Tag. Ihre Besucherkarte ist leider ungültig.“, entgegnet der junge Sicherheitsangestellte.
„Das kann nicht sein. Sie wurde mir persönlich von Herrn Wakabayashi ausgestellt. Sehen Sie hier? Seine Unterschrift.“
„Es tut mir wirklich leid, der Eintritt war nur für den gestrigen Tag vorgesehen. Ich darf Sie leider nicht reinlassen. Es ist einfach zu hohe Sicherheit bei unseren Stars geboten.“
‚Verdammt. Was nun? Ich wollte anonym eintreten. Na gut, dann eben anders.‘, murrt sie etwas und holt ihre Gewerbelizenz aus der Tasche und zeigt sie ihm. „Darf ich damit eintreten? Ich bin hier, um den Trainern mein Fitness-Programm vorzustellen.“ Er staunt nicht schlecht. Der Name des Fitnessstudios sagt ihm sogar etwas.
„Ist das das Studio in der die gelbe Tigerin arbeitet? Sie ist an unserer Schule eine Volleyball-Legende.“, spricht er begeistert und sieht sie fragend an. Tina legt den Finger auf die Lippen und dann nimmt sie kurz die Sonnenbrille ab.
„Pst. Ich bin nur fürs Geschäft hier, wenn ich darf.“ Er ist verblüfft. Dann nickt er und flüstert zu ihr.
„Welch eine Ehre, sorry für die Umstände. Sie dürfen natürlich rein, aber ich muss Sie trotzdem listen, bleibt aber intern.“
„Super, danke sehr.“, lächelt sie und legt die Sonnenbrille wieder an.
„Darf ich noch was fragen?“, wirkt er etwas schüchtern.
„Gerne.“
„Wie kommt es, dass Sie hier sind? Sie mögen doch keine Fußballer.“
Die gelbe Tigerin grinst.
„Das habe ich nie wirklich gesagt. Ich habe nur den Kontakt gemieden. Können Sie ein Geheimnis behalten?“ Er nickt.
‚Wow, ist die hübsch. Noch hübscher als auf den Bildern und überhaupt kommt sie so elegant rüber? Die Tigerin spricht mit mir, Wahnsinn. Was mag das für ein Geheimnis sein?‘
Sie beugt sich etwas zu ihm rüber und flüstert.
„Ich habe als Kind sogar selbst professionell Fußball gespielt.“ Dann verlässt sie den Eingangsbereich und geht zur Taschenkontrollstation.
‚Wow, wie angenehm sie duftet. Wirklich? Sie hat selbst mal gespielt? Wieso hat sie dann den Kontakt gemieden und spielt nicht mehr?‘, wundert er sich.
Plötzlich geht sein Funkgerät an.
„Hey Kleiner, wieso lässt du Leute ohne Besucherkarte rein? Wer ist die Frau?“, tönt eine kräftige Stimme aus der Taschenkontrollstation.
„Bleib ruhig, wenn ich es dir sage. Sie will anonym bleiben. Das ist die gelbe Tigerin, im Auftrag von Herrn Wakabayashi. Sie wollte gestern schon kommen und ist stattdessen heute da. Ihre Karte von gestern habe ich hier.“
„Wakabayashi? Okay.“, kommt nur und er beendet den Funk.
„Was haben Sie in den Taschen? Ich muss leider kontrollieren, auch wenn ich Ihnen vertraue.“, schmunzelt er.
‚Ich hätte gar nicht gedacht, dass sie so elegant ist. Man sieht sie hauptsächlich nur im Mannschafts-Dress und mit bunten Kleidern oder Jeans und Shirt. Auf den Bildern auf der Homepage des Studios ist sie auch mega sexy in kurzer Trainingskleidung und an den Geräten zu sehen. Ich war selbst noch nie dort.‘
„Mein mobiles Messgerät und Unterlagen über die Fitnessprogramme.“
Er schaut kurz in die Tasche und lässt sich den Koffer öffnen. „Okay, alles passt.“, meint er, schließt die Tasche und den Koffer wieder.
„Wir verzichten mal aufs Abtasten, wir wissen ja wer Sie sind. Oder haben Sie eine Waffe im Halfter unterm Kleid?“, scherzt er. Der gut über zwei Meter große Japaner mit kräftiger Statur schaut zu ihr herab. Tina nimmt die Brille kurz ab und schaut lächelnd zu ihm auf.
„Richtig, ich will dem Team ja helfen, damit sie für die WM fit sind.“
‚Die hat ja ein hinreißendes Lächeln. Wie hübsch sie ist, das kommt sonst gar nicht so sehr rüber. In den Medien wirkt sie so zickig und überheblich. Ob das nur ein Schutzschild ist? So freundlich wie sie mit mir redet kann ich mir das gar nicht vorstellen. Aber eventuell ist es so wie die anderen Kollegen sagen, sie soll sehr nett sein. Ihre Mädels sollen alle nett sein.
Soweit ich noch weiß ist sie derzeit auch solo.‘ Er kann seinen Blick nicht wirklich von ihr lassen, denn aufgrund seiner Körpergröße kann er sie etwas anders wahrnehmen als andere Japaner, die eher auf ihrer Höhe vor ihr stehen. Der große Mann bemüht sich, nicht verlegen zu wirken, während er zu ihr herabschaut und nicht nur in ihre hellen Augen sehen kann. Ihr Kleid ist zwar lang, aber oben mit einem V-Schnitt tief ausgeschnitten.
‚Ob sie mit einem Mann wie mir ausgehen würde? Dass sie keine Scheu vor großen Männern hat, weiß man ja, seitdem sie den Skandal hatte. Die meisten Japanerinnen haben ein Problem mit meinen 205 Zentimetern.‘
„Herr Wakabayashi hat Ihnen die Einladung gegeben? Wie kommt es, wenn ich fragen darf.“, ist er neugierig und versucht es mit einem kurzen Plausch.
Tina lächelt zu ihm auf.
„Genzo ist ein Freund aus Deutschland. Wir sind damals in Hamburg zusammen in derselben Klasse gewesen. Seitdem kennen wir uns.“
Dann setzt sie einen ernsten Blick auf.
„Aber das muss niemand wissen, sonst gibt’s nur unnötige Gerüchte! Das verstehen Sie doch?!“
‚Wow, die hat ja einen bestimmenden Blick drauf. So schlägt sie sicher ihre Rivalen vom Feld. Die Freundschaft muss ihr sehr wichtig sein.‘ Er nickt und nimmt seinen Mut zusammen, lächelt liebevoll und stellt ihr eine entscheidende Frage.
„Wenn Sie mögen, würden Sie mit mir mal einen Kaffee trinken gehen?“
Tina schmunzelt.
„Da kommen Sie etwas zu spät. Ich bin schon in festen Händen.“, spricht sie freundlich und sieht ihm in die Augen.
„Verstehe. Macht er Sie glücklich? Kann er Sie auch beschützen?“, erkundigt er sich aus Neugier. ‚Schade, ich bin auf ihre Reaktion gespannt.‘
Tinas Herz klopft schneller und vor ihr erscheint Kojiros Antlitz, stolz, stark und liebevoll. Dann lächelt sie verliebt und antwortet ehrlich.
„Ja. Unendlich, und er ist sehr stark, ja. Er ist der Mann meines Lebens.“, spricht sie leise aus und setzt die große Sonnenbrille wieder auf.
Genau in diesem Moment funkelt eine der Kugeln an ihrem Armband und der Mann vor ihr kann mit seinem geschulten Auge die Gravur lesen, da das Armband etwas verdreht ist. Die deutschen Worte kann er natürlich nicht deuten, aber dahinter steht ein Name. Den kann er deutlich erkennen. „K. Hyuga.“, liest er. ‚Oha, jetzt verstehe ich. Mit dem lege ich mich lieber nicht an. Der wilde Tiger hat seine Tigerin gefunden. Wann war das denn nur? Das müssen die aber lange geheim gehalten haben. Erstaunlich, dass die sich kennen, sie wollte ihn doch nie kennenlernen.‘
„Wo die Liebe hinfällt. Viel Erfolg mit dem Fitnessprogramm.
Das Spiel beginnt in einer Stunde.“, schmunzelt er nur und lässt sie dann passieren.
‚Was meint er damit? „Wo die Liebe hinfällt?“ Ich habe doch gar nichts gesagt. Naja egal. Die Zeit ist perfekt, dann kann ich mir die Aufwärmzeit noch ansehen. Kojiro…ich bin schon ganz aufgeregt. Ich habe lange niemanden mehr beim professionellem Fußballspielen zugesehen. Das letzte Mal war hier auf diesem Platz, als das erste Sportfest anstand und wir alle zusehen mussten wie unser Team gewann. Jun war damals schon sehr talentiert, das hat man ihm angesehen. Jetzt spielt er mit dir, obwohl er noch immer ein krankes Herz hat. Seine OP verlief damals gut, aber man weiß ja nie.‘
Tina schaut sich an der Tribüne um und bemerkt, dass die Spinte für Besucher und Schüler umgestellt wurden. Dann geht sie ihre Sachen einschließen. Nur mit einem kleinen Beutel mit einer Thermosflasche und dem Handy geht sie auf die hinterste Reihe der Seitentribüne. Mittig, sodass sie alle Feldseiten gut einsehen kann. Ihr Puls rast so sehr als hätte sie einen Marathon hinter sich. Bis jetzt hat sie noch nicht einmal aufs Feld geschaut. Ihre Augen nehmen es eher nebenbei an der Seite wahr.
Die Sonne prallt enorm und dann entdeckt sie einen netten Platz wo niemand ist, denn die meisten Zuschauer sind ganz unten am Feld. Im Moment schaut Tina noch zu den Bäumen, die neben dem Sportplatz und dem Zuschauerbereich stehen. Wie sehr hat sie diese immer geliebt. Die kleine parkähnliche Umgebung hat ihr schon immer gefallen. Sie entdeckt eine Lücke zwischen den Bäumen im Park.
‚Oh, musste einer gefällt werden? Schade. Das sehe ich mir nachher genauer an welcher das ist. Schade um jeden Baum hier.
Ob ich es jetzt wage? Wage ich es aufs Feld zu sehen? Bis jetzt spüre ich nur Freude. Freude, dass ich seit langer Zeit wieder an meiner Schule bin. Ich glaube mich macht es eher nur nervös, dass du hier bist, als dass ich einem Spiel zusehen will.
Kojiro, mein Liebster. Jetzt versuche ich es. Ich sehe mir euer Training an.‘ Neugierig und gespannt dreht sie sich zum Spielfeld.
Sie fasst sich ans Herz und beobachtet die Nationalmannschaft, wie sie in diesem Moment Lauftraining ums Feld machen. Ganz vorne der Mannschaftskapitän mit der Nummer 10 Tsubasa und gleich hinter ihm kann sie Kojiro erkennen. Er fällt mit seinen hochgekrempelten Ärmeln sofort ins Auge. Sie sind zu weit weg, um mehr Details zu sehen, aber die beiden kann sie trotzdem sofort erkennen. Hinter ihnen drei graugekleidete Männer, vermutlich die Keeper, denkt Tina. Also Genzo, Ken und noch jemand. Aktuell kann sie alle nur von hinten sehen. Sie entdeckt die Nummer 24 und freut sich ihren alten Klassenkameraden nach so langer Zeit mal spielen zu sehen. Sie ist Jun Misugi anfangs ausgewichen und hat den Kontakt gemieden. Bald stellte sie aber fest, dass er ein sehr netter Typ ist und sogar öfters versuchte ihr zu helfen, als sie ihre Anfangsschwierigkeiten hatte. Es dauerte eine Weile bis sie ihm vertrauen konnte, aber nun sind sie noch immer befreundet und sehen sich ab und zu. Er ist auch in ihrem Programm, denn sie hat ihn zur Eröffnungsfeier als Sportler-Promi und Medizinstudenten eingeladen. Sie weiß, wenn es jemand schafft den Trainer von ihrem Programm zu überzeugen, dann ist es er. Jun hat ein sehr großes medizinisches Wissen und könnte manches besser erklären als sie.
Tina empfindet nur Freude, während sie die Mannschaft in ihrem blauen Trikot laufen sieht. Was ist überhaupt dabei? Warum hat sie es sich nie wieder getraut? Wieso lehnte sie den Kontakt ab? So richtig versteht sie es selber nicht mehr, denn sie kennt doch so tolle Menschen, die Fußballer sind. Und nur weil mal ein paar Fans böse Dinge getan haben, können doch die Sportler selbst nichts dafür. Aber was war der Grund? Sie konnte den Anblick nur nicht ertragen, weil es sie immer wieder an den Überfall erinnerte und nun? Nun steht sie hier und kann überhaupt nichts Schlimmes fühlen. Keine unschöne Erinnerung kommt, keine Angst steigt in ihr auf…nein, gar nichts unangenehmes. Nur alte schöne Erinnerungen überrumpeln sie im Moment. Ihre schöne Zeit als sie selbst gespielt hat. Und die tolle Auszeit als sie selbst hier auf dem Platz genau diese Runden gelaufen ist. Vor Schulbeginn, in den Pausen, weil keiner mit ihr reden wollte und nach der Schule oder beim Training. Immer wieder ging es um den Platz und durch das kleine Wäldchen nebenan.
Damals als Tina in Japan ankam und ihre ersten Wochen in der neuen Schule verbrachte war alles fremd. Die Leute um sie herum und ihre kulturellen Eigenheiten. Die Methoden in den verschiedenen Fächern unterrichtet zu werden. Diese Sprache, die sie noch nicht beherrschte…alles war so fremd und unbekannt.
Auf dem riesigen Schulcampus gab es nur einen einzigen Ort an dem sie sich wohl wühlte. Es gab nur ein einziges Fach neben Englisch und dem Wahlfach Französisch indem sie mit dem Lehrer kommunizieren konnte. Das war Sport. Der Lehrer musste nur zeigen was er wollte oder die anderen machten es vor und sie tat es gleich. Aber sie tat es nicht nur gleich, nein sie war in allem besser und schneller als die anderen. Es gab keine Disziplin in der jemand ihr etwas vormachte und wenn sie fertig war mit den Aufgaben fing sie an zu laufen. Sie erledigte ihre Aufgaben und lief dann nur noch ums Feld, drinnen oder draußen, bei jedem Wetter, das war ihr egal. Einfach laufen bis die Zeit um war. Und zwar so schnell sie konnte. Das Laufen war das Einzige was man ihr nicht wegnehmen konnte. Sie wollte auch nicht sportlich einschlafen, nur weil sie nicht mehr spielte. Immer wenn sie zu lange gesessen hat tat ihr alles weh.
Inzwischen ist das Team die halbe Runde rum und Tina kann die Männer von vorne betrachten.
Sie beobachtet Kojiro genauer und ihr Herz klopft ganz laut vor Aufregung als sie seinen stolzen Blick erkennen kann. Er wirkt, als würde er mit vollster Überzeugung und Leidenschaft zu seinem Kapitän aufblicken und ihm folgen und ebenso das Team ihm folgend hinter sich im Rücken spüren.
Ihr kommen Tränen, Tränen der Begeisterung.
Ihr wird bewusst, dass Kojiro und Tsubasa ganz sicher eine sehr enge Freundschaft hegen. Laut den alten Erzählungen von Genzo, als er zu ihnen nach Hamburg kam, haben sich die beiden unerbittlich duelliert und angetrieben. Sie waren sich all die Jahre der Antrieb besser zu werden als der andere. Dass sich daraus dann eine Freundschaft entwickelt hat kennt sie nur zu gut. Zwischen Genzo und ihr war es neben der Freundschaft auch so und zwischen ihrem Bruder und ihr ebenso. Er war immer besser und stärker als sie, aber sie wollte ihm in nichts nachstehen. Dann gab es ähnliche Rivalitäten zwischen einigen Mädchen hier in Japan. Manche sind Rivalen geblieben und manche wurden Freunde. So wie Yako und Akane, aus Rivalen wurden Freunde und jede von ihnen würde für den anderen durch die Hölle gehen, nur um sie zu schützen.
Plötzlich blickt Kojiro in ihre Richtung auf. Für andere recht unauffällig, aber er sieht eindeutig zu ihr. Sie lächelt und berührt mit beiden Händen ihren Hut, als würde sie ihn sich richten und festhalten bei der Windböe.
‚Ja, Kojiro. Ich bin da. Und ich kann gar nicht beschreiben wie begeistert ich bin hier zu sein und dich endlich zu sehen.‘
Zeitgleich auf der Laufstrecke neben dem Fußballfeld wird sich auf die Atmung beim Laufen konzentriert.
‚Bettina, Liebes, du bist tatsächlich da. Mit Hut und Sonnenbrille, eine gute Tarnung.‘ Dann deutet er ihr abgesprochenes Zeichen. Sie wollte es mit beiden Händen senden. Ihm damit mitteilen, dass sie sich wohl fühle. Hätte sie nur eine Hand gehoben, wäre sie wieder dabei zu gehen. Aber nein, sie benutzt beide Hände um den Hut zu richten. Im Inneren fällt ihm ein Stein vom Herzen. Natürlich lässt er es sich nicht anmerken. Er läuft jedoch etwas schneller um neben Tsubasa zu sein.
„Sie ist da und hat das Zeichen gegeben.“, lässt er es ihm fix wissen und wartet auf seine Reaktion.
„Okay, bin stolz auf euch. Dazu gehört viel Mut.“, lobt er.
„Das klingt komisch.“, meint Kojiro nur und lässt sich wieder zurückfallen.
‚Das klingt ja als wenn wir kleine Kinder wären. Tsubasa hat manchmal komische Ansagen drauf. Aber es tut gut, dass er uns unterstützt und wir uns auf ihn verlassen können. Nicht nur als Team, sondern auch privat.‘
Auch in Tsubasa gehen die Gedanken auf und ab. Die Situation gestern macht ihn noch etwas zu schaffen. Zwar haben sie eben alles ausgesprochen, aber trotzdem geht ihm der Gedanke nicht aus dem Kopf wie furchtbar sich Genzo all die Jahre gefühlt haben muss. Ein wenig gibt er sich selbst die Schuld. Die Jahrelange Entfernung und immer nur telefonieren reicht scheinbar nicht aus, um eine Freundschaft zu erhalten. Er erinnert sich an heute Früh.
Gleich nach dem er aus der Umkleide kam war Genzo da und passte ihn ab.
„Wir müssen reden.“, sprach er ernst.
Tsubasa folgte ihm an die Seite des Gebäudes. Sein bester Freund reichte ihm plötzlich ein Taschentuch rüber.
„Bitte bewahre es für mich auf. Es ist von Tinas Klassenkameradin, welcher ich vorgestern das Leben gerettet habe, von Hinata. Sie wusste nicht wie sie sich bei mir bedanken kann und hat es mir geliehen bis ich sie wieder besuche.
Wenn ich fertig bin mit meinem Versuch der Entschuldigung und du mir verzeihen kannst, dann gibst du es mir wieder.“, versuchte er zu erklären.
‚Genzo, eine Entschuldigung? Wozu?‘ Etwas irritiert und zornig sah er ihn an.
„Ich verlange keine Entschuldigung von dir! Es gibt nichts zu entschuldigen! Ich erwarte etwas anderes, Genzo!“, äußerte er bestimmend, als würde er ihm eine klare Ansage auf dem Feld machen wie die Strategie laufen soll, weil es gerade nicht gut läuft.
Genzo schloss kurz die Augen, dann gab er ihm das Taschentuch trotzdem indem er seine Hand griff, sie öffnete, die Handfläche nach oben drehte und ihm das Tuch sachte auf die Handfläche legte. Er weiß, dass Tsubasa es nicht zerknautschen würde, er ist viel zu sanftmütig, als dass er jetzt noch eine Faust machen könnte. Tsubasa erkannte diese Geste.
‚Du zwingst mich zum Stillhalten, verstehe.‘
„Hör mir bitte erstmal zu.“
„Okay.“, kam nur vom Mittelfeldspieler.
„Ich war gestern Abend bei Tina und Kojiro. Wusstest du, dass er mittlerweile bei ihr ist und nicht bei seiner Familie?“, versuchte Genzo ein Gespräch aufzubauen.
Tsubasa schüttelte den Kopf.
„Nein, nur, dass er ab und zu bei ihr ist. So lange läuft das auch noch nicht, Genzo.“
„Wie lange kennen die sich denn? Laut Tina ist es wohl ne Woche in etwa.“
Tsubasa überlegte.
„Kann hinkommen. Letzte Woche Mittwoch rief Tina morgens bei Fane an, dass sie bitte eher zur Arbeit komme als geplant. Und an dem Abend hat sie es mir erzählt, dass Kojiro mit ihr zusammen an der Abwäsche stand und abends die Küche mit ihr und Roland saubergemacht hat. Sie war richtig verwundert ihn dort plötzlich anzutreffen. Wenn ich sie richtig verstanden habe sagte sie, Tina hätte zufällig einen Ersatz für einen Kollegen gefunden. Und dann war es Kojiro.“, grinste er vor sich hin und stellte sich Kojiro als Tellerwäscher vor.
„Jedenfalls war ich gestern Abend bei Tina und eigentlich wollte ich zu Kojiro. Ich wollte…dass er mir eine reinhaut…weil du es nicht wolltest. Mein letzter Versuch mit dir zu reden lief ja nicht gut. Du bist mir einfach nur ausgewichen.“
„Und dann hat er dir vor Tinas Augen eine verpasst?“, wunderte er sich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Kojiro überhaupt zuschlägt. Warum sollte er? Es gab keinen Grund, Genzo muss ihn gewaltig provoziert haben, dass er es dann doch getan hat.
„Nein. Er ist mir auch ausgewichen. Er hat sogar meinen Angriff abgeblockt.
Das war sehr überraschend, er ist noch nie einem Schlag ausgewichen. Weder von mir, noch von anderen. Du kennst ja die Klatschpresse, da war ja oft genug was drin.“
„Das ist lange her. Wir gehen alle mit Konflikten anders um als früher. Und mit wem hast du dich dann angelegt, damit du dein zweites Veilchen bekommen hast?“
Genzo grinste. „Das hat Tina erledigt.“ Tsubasa war erstaunt. Seit wann holt Tina aus und vor allem gegen einen Freund?
„Oha. War das früher eure Art im Team einen Streit zu lösen, oder wie?“, vermutete er.
„Manchmal. Aber darum geht es jetzt gar nicht.
Hör zu, Tsubasa. Ich hätte dir bei den vielen Telefonaten mal von unserer tollen Truppe in Hamburg erzählen sollen. Nicht nur von Karl und Kaltz.
Ich habe nur immer allgemein geredet wie toll alles war und natürlich auch Tino und Stephan anfangs erwähnt, aber später bewusst weniger, damit du nicht bei unserem Spiel gegen sie auf Tina Rücksicht nimmst. Das hätte sie nie gewollt. Ich war damals der Einzige im Team, der wusste wer sie ist. Ich habe es dir später, als ihr euch kennenlerntet bewusst nicht erzählt, damit es bei der Geschichte mit dem Überfall bleibt. Das war, was sie dir erzählt hat und sie hatte sicher ihre Gründe dir nicht davon zu erzählen, dass ich es die ganze Zeit wusste und wir deswegen schon eine andere Freundschaft hatten als der Rest der Truppe.“
„Ich wusste das. Sie hat es mir erzählt, aber etwas später mal. Ich dachte du erzählst es mir von dir aus mal, aber du hast immer nur andere Dinge beredet, aber nie davon gesprochen.“, warf Tsubasa dazwischen und verschränkte die Arme, passte aber dabei auf das Tuch auf.
„Echt? Das hat sie dir mal erzählt?“
„Ich sagte doch, wir haben uns nicht nur über das spanische Wetter oder die Kultur unterhalten, meist redete sie von ihren Erlebnissen hier, ihrem Erfolg und von dir. Sie ging zwar nicht detailliert auf eure Fußballzeit ein, aber an sich hatte sie viel über eure Schulzeit gesprochen, wie es dir am Anfang erging und wie du erfahren hast wer sie ist. Über die anderen hätte sie am liebsten auch erzählt, aber sie sagte, sie will keine Schwachstellen preisgeben. Das ist auch verständlich, sind Freunde und das Team geht vor allem. Sie war damals sicher ein sehr guter Vize-Kapitän, so wie Kojiro unserer ist.“
Genzo senkte den Kopf.
„Du hast Recht, genau deswegen reden wir jetzt!“, wurde er plötzlich ernst. Tsubasa sah ihn verwundert an.
„Ich habe den Fehler gemacht und nie mit dir geredet was wirklich wichtig war. Ich bin doch nur noch im HSV weil Kaltz dort ist. Er ist der einzige Freund, der mir in Deutschland geblieben ist, seitdem Karl-Heinz weg ist und nur noch seinen Egotrip durchzieht.
Und Kaltz ist nur noch in Hamburg, weil seine Frau dort lebt und einen festen Job als Staatsanwältin hat. Sonst wäre er längst mit mir weg. Die Art und Weise wie wir die letzten Jahre spielen sollten nervt gewaltig. Vor Karl-Heinz und seinem Spitzenteam einzuknicken nur damit die Zahlen stimmen ist nicht mehr das worum es im Sport geht.
Dann kam das mit Stephan hinzu und ich machte mir ständig Vorwürfe, dass ich nicht rechtzeitig da war. Oder dass ich überhaupt nicht dabei war. Wären wir zu dritt gewesen, hätten die sich das nicht gewagt. Aber…“ Er sah zu seinem Freund auf. „…es hätte schlimmer kommen können.“
„Was wäre denn passiert, wenn du gar nicht aufgetaucht wärst?“, hakte Tsubasa nach. „Als ich ankam…lag er schon am Boden und…seine letzten Worte gehen mir einfach nicht aus dem Kopf. „Hilf ihr!“.
Und ich kann die Bilder nicht vergessen wie diese drei ekelhaften Kerle Tina zugerichtet hatten. Sie hatten ihr das Shirt zerrissen und fingen an sie überall anzufassen und griffen ihr unter den Rock!
Ich rann nur noch zu ihr und das erste Mal in meinem Leben erhob ich meine Fäuste gegen Leute, die es wirklich verdienten!
Wer weiß was passiert wäre, wenn ich nicht gekommen wäre.“ Er sah auf seine Hände und ballte sie zu Fäusten.
„Ich war diese Nacht bei Tina, ich war so müde, dass sie mich im Gästezimmer unterbrachte. Sie wusste vermutlich, dass ich nachdem ich mich bei ihr ausgeheult hatte in ihrer Nähe besser aufgehoben bin als im Hotel. Du weißt doch, dass sie nach Stephans Tod auch die Nächte bei mir war. Sie konnte ihre Eltern nicht auch noch mit ihrem Kummer belasten und ich trauerte auch.
Ich schlief seit Langem mal wieder richtig durch. Mir ging es eigentlich fast genauso wie ihr.
Dann heute Morgen, als ich vor den beiden wach wurde…da packte mich die Neugier.“ Genzo sah ins fragende Gesicht seines Freundes.
„Welche Neugier? Verstehe ich jetzt nicht?“
„Ich wollte wissen ob sie wirklich glücklich mit ihm ist. Und da…sah ich heimlich…ins Schlafzimmer und konnte sehen wie glücklich sie sind. Sie lagen … “
„Erspar mir die Details, Genzo. Also echt. Komm zum Punkt.
Sie sahen also glücklich aus. Ist doch gut.“, unterbrach Tsubasa verlegen. Er wollte gar nicht wissen wie die beiden zusammen im Bett liegen, immerhin ist er selbst verheiratet und weiß was das heißt.
„Sorry, was ich damit sagen will. Wenn ich nicht gewesen wäre, dann könnte Tina vermutlich nie mit einem Mann so glücklich sein, egal wer es jetzt ist. Aber dass er es ist, ist vielleicht genau richtig, da er ihr sicher mit seiner Art viel Halt geben kann.
Es war gut, dass ich nach unserem Streit mit Ken geredet habe. Er hatte Recht mit seiner Aussage, dass man sehen muss was ist und nicht was war. Man kann nicht alles kontrollieren, aber man kann festhalten was zu kontrollieren ist.“
Tsubasa lächelte ihn dann an.
„Und was kannst du kontrollieren?“
Genzo zeigt auf das Tuch.
„Ich konnte ihr das Leben retten, da wir rechtzeitig da waren und unser Team geschult wurde sofort zu reagieren. Ohne Tina und mir wäre es für Hinata zu spät gewesen.“
Plötzlich hebt Tsubasa die Hand und gibt Genzo sein Tuch wieder.
„Danke.
Und noch etwas. Tina wird uns heute besuchen und mal sehen wie das laufen wird. Sie will sich prüfen und uns beim Spielen zusehen.“
„Und du warst der Ansicht Kojiro tut ihr nicht gut?
Im Gegenteil. Er bringt endlich Ordnung in das ganze Chaos. Ordnung in ihr Leben und Ordnung in unser Team!
Ich will von dir nachher Bestleistung sehen! Kens Team ist nicht zu unterschätzen!“, machte er eine deutliche Ansage. Genzo sah ihn nur verwundert an.
„Jawoll, Kapitän!“, begriff er aber genau was das zu bedeuten hatte.
„Eins noch, Tsubasa.“ Der Kapitän drehte sich um.
„Wie lange hättest du das gestern durchgezogen? Du wolltest erneut zuschlagen. Wie oft?“
Er schaute herausfordernd. „Bis du aufgehört hättest!“, kam als klare Antwort.
„Warum? Wer weiß wann das gewesen wäre…“, wunderte er sich.
„Manchmal muss man für Freunde durch die Hölle gehen. Es gibt Freunde, die es wert sind und diesmal waren es gleich drei Freunde, die es wert sind. Kojiro, Tina und du!“ Dann lief er zügig zum Spielfeld.
‚Genzo endlich. Mehr wollte ich doch gar nicht. Ich habe immer darauf gewartet, dass du es mir mal erzählst. Und nun? Wir mussten uns erst prügeln damit du zur Vernunft kommst, sowas Blödes. Aber jetzt ist es raus und du hast es verstanden. Es hilft nichts. Wenn schlimme Dinge passieren, dann muss man trotzdem nach vorne schauen. Sich ein Ziel setzen. Tina hat das doch auch gleich erkannt, als sie herzog und baute sich ein neues Team auf. Du hast es ihr doch selbst geraten neu anzufangen. Vielleicht hättest du das auch machen sollen.
Naja. Ich bin gespannt was wird, wenn wir eine neue Freundschaftsebene im Team entwickelt haben. Jetzt wo sich viel ändern wird.
Die Beziehung zwischen Kojiro und Tina wird noch einiges durcheinanderbringen. Da bin ich mir sicher, aber es wird ein gutes Durcheinander sein. Davon bin ich auch überzeugt.‘, lächelte er während er den Weg zum Spielfeld rann.
Niemanden war es aufgefallen, dass zufällig jemand in der Nähe war und die Unterhaltung mitbekommen hatte.
‚So war das damals? Wieso hast du mir das nie erzählt?‘, ging durch den Kopf des Zuhörers.
Die Löwenhöhle
Kapitel 47
In der Löwenhöhle
Lautes Gekreische beginnt, als die Mannschaft auf Tinas Höhe an den Fans vorbeiläuft. Alle möglichen Namen der Spieler werden gerufen und natürlich fällt Kojiros Name dabei besonders oft. Die jungen Mädchen und Frauen stehen aufgeregt am Zaun und halten auch das eine oder andere Plakat hoch.
‚Wie reagiert ihr, wenn ihr von uns erfahrt? Würdet ihr dann trotzdem hier stehen, wenn ich euch die Hoffnung nehme? Werdet ihr mich dann hassen? Oder bleibt ihr trotzdem seine Fans? Mit euch verdient er sein Geld. Wer kauft denn seine Duschprodukte? Das sind doch sicher die Frauen. Oder sind es die Männer?
Ich kenne das gar nicht so hysterisch einem Star hinterher zu schreien. Habe ich dann in der Jugend auch etwas Wichtiges verpasst? Ich musste das nicht tun, ich hatte meinen Schwarm damals jeden Tag um mich.
Hm, Karl, wir müssen dringend reden. Ich kann das doch aber nicht am Telefon machen…ich muss dir das persönlich sagen. Die Zeit drängt.‘
Dann geht sie die Treppe runter und verschwindet im Gebäude. Ihr Vorteil ist, sie weiß genau wo sich die Trainer aufhalten. Zum einem, weil sie die Gebäude kennt und zum anderen, weil es ihr Genzo verraten hat. Sie atmet tief durch, als sie an die Tür klopft.
„Herein!“, kommt aus dem Raum. Tina öffnet die Tür und erblickt ihren alten Trainer Herr Mikami und einen weiteren Mann, etwas kleiner und mit braunen Haaren.
„Guten Tag, bitte entschuldigen Sie, dass ich störe.“ Sie nimmt die Sonnenbrille ab, blickt beide respektvoll an und verbeugt sich höflich.
‚Genzo hatte Recht. Nun gut, Bettina. Du hast Mumm. Du gehst in die Höhle der Löwen. Das hast du früher auch schon draufgehabt. Die Mannschaft stand dir immer über allem. Du hast immer jeden Konflikt lösen können und hast es fertiggebracht, dass alle zusammenhielten, obwohl ihr alle einem riesigen Leistungsdruck und Konkurrenzkampf ausgesetzt wart.‘
Der zweite Trainer staunt nicht schlecht über den Frauenbesuch.
‚Wow, wer ist denn diese Schönheit? Was will sie von uns? Ist das eine Reporterin? Dürfte es aber nicht sein, wir haben nur unsere ausgewählten Leute reingelassen. Also was will sie hier? Und dann bei uns Trainern? Ist sie überhaupt Japanerin? Unsere Sprache beherrscht sie jedenfalls.
Moment mal, irgendwie kommt sie mir bekannt vor. Als hätte ich ihr Gesicht vor Kurzem gesehen, oder sehen sich Blondinen einfach nur so ähnlich?‘
Herr Mikami kommt höflich auf sie zu und reicht ihr die Hand.
„Guten Tag, Bettina. Was führt dich zu uns?“ Er erntet ein sehr überraschtes Gesicht. ‚Wieso ist er so höflich? Interessant, dass er mich nicht leugnet. Ich habe eher gedacht, er tut als ob er mich nicht kennt. Das passt nicht. Ob der andere Trainer daran schuld ist? Will er ihm gegenüber auf Gentleman machen? Oder führt er was im Schilde?‘ Tina will stark bleiben und kommt zur Sache.
„Trai…Äh Herr Mikami, ich muss mit Ihnen unter vier Augen reden.“, bleibt sie höflich und freundlich.
Er grinst. „Wir haben in der Regel keine Geheimnisse unter uns Trainern. Wenn das was du bereden willst für unser Team wichtig ist, dann kann es vor uns beiden sein, nicht wahr Herr Kira?“, schaut er zu Herrn Kozu Kira. Dieser nickt nur und wundert sich wieso er sie anspricht als würden sie sich kennen.
„Es ist etwas sehr Persönliches und ich würde es gerne nur mit Ihnen bereden, da es auch nur uns etwas angeht.“, ist Tina noch immer freundlich aber klingt etwas angespannt.
Ihr ehemaliger Trainer geht zur Kaffeemaschine und kehrt ihr den Rücken zu. „Was darf ich dir anbieten? Einen Kaffee oder einen Tee?“ Sie atmet tief durch und entgegnet ihm ruhig und bestimmend. Dann schließt sie die Tür hinter sich.
„Wenn Sie mich schon in eine Falle locken wollen, dann stellen Sie uns wenigstens vor. Es wäre ihrem Kollegen gegenüber unhöflich.“
‚Oha, diese Frau hat ja Feuer. Einem Mann wie Mikami so entgegenzutreten. So ein Ton würde niemals von den Männern kommen. Abgesehen von Kojiro natürlich. Das wird noch spannend. Sie scheint höflich bleiben zu wollen, aber er provoziert sie. Wer ist diese hübsche Frau überhaupt? An ihren Armen kann ich erkennen, dass sie als Frau ungewöhnlich durchtrainiert sein muss.‘
„Gut, du hast Recht.“ Er zeigt auf den anderen Trainer. „Darf ich dir vorstellen, Trainer Kozu Kira. Selbst ehemaliger Fußballprofi, dann eröffnete er ein Trainingslager für Kinder und Jugendliche auf Okinawa. Er ist also auch für den Nachwuchs zuständig. Nun ist er mit mir zusammen Trainer der U-23 Nationalmannschaft. Nächstes Jahr der generellen Nationalmannschaft. Deswegen ist er heute hier.“
Sie sehen sich an.
„Für den Nachwuchs? Wie schön, das höre ich doch gerne. Ich bin selbst gerade dabei meinen Trainerschein für die Jugendförderung zu machen.“, entgegnet sie ihm freudig. ‚Gute Trainer kann man gar nicht genug haben.‘
„Oh, wirklich? Auch für Fußball? Kennen Sie sich deswegen?“, vermutet er nun einen Zusammenhang.
„Nein, Volleyball.“, lächelt sie.
„So sind wir schon beim Thema. Darf ich dir vorstellen.
Die Volleyballerin „Japans gelbe Tigerin“, Bettina Fuchs.
Dir sind sicher die Bilder und Pokale im Haus aufgefallen. Hier ist sie live vor uns. Sie holte mehrfach den Nationaltitel mit ihren Mannschaften und siegte zur Asienmeisterschaft für Japan. Ebenso wird sie uns nächstes Jahr bei der WM vertreten.“
„Ach echt? Wow.“, kommt nur erstaunt.
Tina geht freundlich zu dem Mann und beide reichen sich die Hände.
‚Oha, die kann aber die Hand geben. Liegt das daran, dass sie Volleyballerin ist? Das ist diese Volleyballerin, die einfach mit Kojiros Titel durch die Gegend läuft und damit keine Ahnung was an Geld verdient mit seinem Ruf. Ich kann mich noch daran erinnern, als sie auf Anfrage der eigenen Fans ein Kennenlernen mit Kojiro abgelehnt hatte. Sie wollte keinem Fußballer begegnen.‘
„Sie haben also einfach den Titel unseres Stürmers geklaut und verdienen sich damit ne bunte Nase?“, kommt er plötzlich mit einem der größten Gerüchte um die Ecke und macht einen provozierenden Blick. Tina sieht ihn plötzlich böse an.
„Den Namen hat die Presse mir verpasst, nicht ich! Meine Bälle heißen Feuerdrache und Drachenfaust! Nicht Tiger!“ Noch immer halten sie die Hände und dann löst sie diese aber. „Sie sind die Falle. Ich weiß noch nicht wieso, aber ich komme noch dahinter.“, spricht sie leise.
‚Was meint sie damit? Welche Falle? Glaubt sie etwa Mikami will sie in eine Falle locken? Wie kommt sie denn auf sowas? Woher kennen die sich überhaupt? Und wie kommt es, dass er sie duzt. Das ist doch überhaupt nicht seine Art Frauen gegenüber.‘
„Nun gut. Was willst du mit mir bereden?“, bietet Mikami ihr einen Platz an.
„Danke, ich habe lieber den Boden unter den Füßen, wenn ich wachsam sein muss! Machen wir es kurz, sie wollen es ja nicht anders.“
Sie nimmt den Hut ab und stellt sich selbstsicher in den Raum.
„Ich wollte mich zum einen bei Ihnen versuchen zu entschuldigen, dass ich Sie, Trainer Mikami, und unser Team damals, angelogen habe und erklären warum ich dann plötzlich weg war.
Und zum anderem wollte ich Ihnen erzählen wie Stephan…gestorben ist.
Jedoch habe ich die Vermutung, dass Sie das gar nicht auf die normale und gefühlvolle Art hören wollen.“, kommen selbstsichere Töne aus ihr heraus.
Herr Mikami dreht sich um und bedient die Kaffeemaschine. Es ist ruhig im Raum. Dann schenkt er sich einen Kaffee ein und dreht sich wieder zu ihr um.
„Ich nehme deine Entschuldigung an.
Und wann willst du dich bei Rudi entschuldigen?“
Tina ist völlig von den Socken. Meint er das jetzt im Ernst? Er nimmt ihre Entschuldigung an?
„Danke. Jetzt bin ich baff.
Rudi? Herr Schneider, Karls Vater? Wieso soll ich mich bei ihm entschuldigen?“, kommt nur verwundert aus ihr raus.
Herr Kira ist etwas verwirrt und wundert sich welche Namen nebenbei fallen. Er weiß auch überhaupt nicht worum es geht. Lügen und Herr Schneider? Klingt alles seltsam. Warum sollte diese Sportlerin das HSV Team angelogen haben?
Herr Mikami hingegen ist ebenso irritiert.
„Du hast uns doch alle belogen, nicht nur mich. Er sollte auch wissen was Sache ist.“, erklärt er ruhig.
„Verstehe. Sie wissen es natürlich nicht. Ist auch logisch.
Rudi Frank Schneider wusste wer ich bin. Ohne seine Hilfe hätte ich das gar nicht so lange durchziehen können. Er stellte die Trainingspläne zusammen, organisierte einen Vertrauensarzt für mich und regelte andere Angelegenheiten. Seinetwegen ist Stephan ins Team gekommen. Karls Vater war damals als Kind und Jugendlicher mit unserem Vater befreundet, sie haben damals zusammengespielt bis Vater mit 15 seinen Unfall hatte und den schweren Bruch am Arm. Deswegen musste er seinen Sport an den Nagel hängen, wurde Anwalt und gab uns die Leidenschaft am Spielen weiter.
Sie können das alles nicht wissen, da Sie mit Genzo erst später zu uns kamen.“
„Er wusste, dass du ein Mädchen bist?“, blickt Mikami total verblüfft.
Tina schaut streng.
„So viel zum Thema, Trainer haben keine Geheimnisse.“
„Stopp!“, wirft Trainer Kira dazwischen. Beide sehen zu ihm.
„Klärt ihr mich mal auf! Was hat das zu bedeuten? Was hat sie mit dem HSV zu tun!?“, ist er sehr erzürnt und schaut zu Mikami. Keiner sagt etwas und starrt ihn nur an.
„Es klang eben so, als ob sie beim HSV mit den Jungs zusammengespielt hat? Habe ich das jetzt richtig verstanden? Ein Mädchen hat euer Training ausgehalten? Über Jahre?“, ist er total überrascht und schaut zu Tina. Diese grinst kurz und geht zur Kaffeemaschine.
„Ich glaube, jetzt brauche ich doch einen Kaffee mit viel Milch.“
Sie schenkt sich einen ein und fügt Milch hinzu. Dann dreht sie sich zu den Männern um.
„Trainer, das können wir später bereden. Ich habe nicht viel Zeit.
Ich möchte Ihnen noch von Stephan erzählen, damit das auch vom Tisch ist.“
Er dreht sich zu ihr um und sieht sie streng an.
„Das musst du nicht mehr. Dafür kannst du dich bei Genzo bedanken. Er war heute ganz früh schon bei mir und hat mir alles erzählt. Er hat mich auch vorgewarnt, dass du heute kommst. Er meinte plötzlich: Keine Geheimnisse mehr. Es täte ihm gut, wenn endlich alles raus ist.“
Tina fühlt sich etwas hintergangen aber freut sich ebenso, dass Genzo endlich abschließen kann und setzt sich an den Tisch.
„Okay. Was genau hat er denn erzählt? Seine Sichtweise ist eventuell anders als meine. Das Grundlegende wird gleich sein.“
„Hm. Sagen wir es so. Er hat mir davon erzählt, dass ihr von Fußballfans überfallen wurdet, du und dein Bruder. Er kam zufällig vorbei und verjagte die fünf Männer, die euch zugerichtet hatten. Er machte sich Vorwürfe, dass er nur noch dich retten konnte, aber für Stephan zu spät da war. Später war er als einziger Freund mit zu seiner Beerdigung.
Und damit Karls Karriere nicht gefährdet wurde hat er es dem Team verschwiegen. Du bist dann auf seinen Tipp hin hierhergezogen, weit weg von allem was dich daran erinnern könnte. Weit weg vom fußballversessenen Europa. Du hast wohl oft Alpträume gehabt und immer, wenn du Fußballtrikots gesehen hast kamen die alten Erinnerungen von dem Überfall wieder.
Genau deswegen…deswegen konntest du dich nicht beim Team verabschieden. Genau deswegen hast du auch hier immer jeden Kontakt zu Fußballern gemieden. Aus diesem Grund hast du auch als du immer erfolgreicher wurdet weiter jeden Kontakt vermieden, denn diese Tatsache hätten deine Rivalen ausnutzen können, wenn sie es erfahren hätten. Das hätte dich enorm geschwächt. Du bist dem Risiko aus dem Weg gegangen, dass man dir ansehen könnte, dass du ein Problem damit hättest.“
Tina ist ruhig und nimmt einen Schluck. Zuerst schaut sie auf den Tisch und dann schaut sie auf zu den Männern. „Dann ist ja alles gesagt. Ich bin froh, dass Genzo auch endlich alles hinter sich lässt. Diese dumme Sache gestern hätte nicht sein müssen.“
‚Ihr Bruder? Ein Überfall? Das ist furchtbar. Fußballfans waren das? Deswegen wollte sie Kojiro nicht reffen? Jetzt verstehe ich das auch. Aber wie kommt es dann, dass sie heute hier ist? Wieso kann sie plötzlich zu einem Spiel gehen? Zuerst vermeidet sie jahrelang Fußballer und was dazu gehört und heute ist sie hier?‘
Trainer Kira mischt sich ein.
„Mein herzliches Beileid, das mit Ihrem Bruder ist furchtbar.“ Tina sieht ihn freundlich an. „Danke. Ich weiß mittlerweile, dass ich so viele tolle Fußballer kenne und vertraue, aber trotzdem konnte ich das Risiko bisher nicht eingehen sie in ihrer Arbeitskleidung zu sehen. Mit Ausnahme von Genzo natürlich.“
„Zwei Fragen hätte ich jedoch noch.
Wie konnten Sie als Mädchen das harte Training im HSV und vor allem mit Schneider zusammen durchstehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mädchen jemals mein Training durchstehen würde.
Und vor allem:
Wieso können Sie jetzt plötzlich herkommen? Sie sind doch hier jetzt vielen Fußballreizen ausgesetzt.“
„Ich wollte immer nur mit meinem Bruder spielen. Wir wohnten am Strand und konnten jeden Tag rausgehen und durch die Wellen und den Sand laufen. Von klein auf waren wir jeden Tag draußen und haben gespielt. Bei jedem Wetter. Vater hat uns alles beigebracht und bis zu einem gewissen Punkt ging es nicht mehr weiter. Mein Bruder war zu gut für die Clubs vor Ort und ich kam in keinem Club als Mädchen rein, das meine Leistung brauchte. Und bei den Jungs wurde ich nur ausgelacht obwohl ich beweisen konnte mit ihnen mitzuhalten.
Ein paar Jahre nach der Wende kam die Möglichkeit Stephan besser zu fördern. Somit kam er auf Empfehlung von Herrn Schneider ins Team. Eine Mädchenmannschaft gab es ja nicht und ich wollte immer nur mit Stephan spielen. Nicht mit anderen oder mit irgendwelchen Mädchen.
Er schwärmte immer so nach dem Training von seinem Team und dann ging ich eines Tages mit, aber als Junge, als mein eigener Zwillingsbruder. Aus Tina wurde Tino.
Es lief gut am ersten Tag und ich durfte öfters kommen bis die Mannschaft mich im Team haben wollte und die Trainer zustimmten. So kam das.
Das harte Training liebte ich…es machte Spaß mit den Jungs und ich hatte genügend Ziele vor den Augen. Ich war gerne im Tor.
Wie hielt ich das durch?“ Sie richtet sich sitzend auf und blickt ihm in die Augen. „Mit viel Disziplin, Ehrgeiz und dem willen im Team bleiben zu können, in der Nähe von Stephan, Kaltz und Karl. Der tägliche Muskelkater und die Schmerzen lenkten mich von meiner Maskerade ab und ließen mich durchhalten.
Später kam Genzo dazu. Wir verstanden uns sofort sehr gut, das haben die anderen nie verstanden.
Wie konnte es sein, dass ihr Top-Keeper den größten Rivalen mag? Aber das war einfach, abgesehen davon, dass wir uns wirklich gut angefreundet hatten, war mir klar, dass ich irgendwann gehen muss. Entweder weil mein Geheimnis auffliegt, oder weil ich eh rausgehen müsste. Wer soll mich dann ersetzen? Also trainierten wir vier viel zusammen. Genzo, Stephan, Karl und ich. Ich fing dann im letzten Jahr an mich zurückzuziehen…um Genzo zur Nummer eins zu machen. Er war aber besser als ich. Ich konzentrierte mich dann mehr auf die Verteidigung, denn das mochte ich am liebsten. Im Tor konnte ich ja nicht mit Stephan spielen, aber draußen, Bälle abfangen und dann plötzlich vor preschen…das war immer genial. Karl und Kaltz konnten sich dann voll auf ihre Angriffe konzentrieren.
So war das damals…und genau das ist es was ich jetzt sehe. Die schönen Erinnerungen, nicht die schlimmen.“, lächelt sie zum Schluss. ‚Das kann man eigentlich nur bewundern. Diesen Ehrgeiz kenne ich nur von meinen drei Lieblingsschülern, vor allem von Kojiro, er war der erste und Einzige, der meine harten Trainingsprogramme durchgezogen hat und noch heute ins Lager vorbeikommt, um einen Rat zu suchen.‘
„Und wieso können Sie das jetzt? Wieso sehen Sie auf einmal nur die schönen Erinnerungen? Das kommt doch nicht von einem Tag auf dem anderen?“, wundert er sich.
Etwas verlegen nimmt sie ein paar Schlucke von ihrem Kaffee. Dann schaut sie wieder zu ihm. Ihr Herz klopft lauter und vor ihr spielen sich Momente der ersten Begegnung mit Kojiro ab. Ihr nettes Gespräch über seine Familie und wie freundlich und hilfsbereit er war, ohne dass sie sich kannten. Sein verzweifeltes Gesicht, als er ihr gestand, wer er ist und natürlich sein erster Kuss, dieser zärtliche scheue Kuss am Tresen. Nie hatte sie je vorher so eine Zuneigung gespürt wie in diesem Augenblick. Aus diesem scheuen Kuss wurde schnell mehr.
Tina, du musst stark sein! Sagt sie sich in diesem Moment.
„Ich habe…jemanden…kennengelernt. Einen ganz besonderen Mann.“, beginnt sie. Herr Mikami ist erstaunt und nimmt hastig die letzten Schlucke aus seiner Tasse.
‚Jetzt wird’s spannend.‘ Trainer Kira ist ebenso angespannt.
„Es gibt einen Mann an ihrer Seite? Das verstehe ich jetzt nicht. Was hat er damit zu tun, dass Sie hier sein können?“
„Vom ersten Moment an als wir uns begegnet sind…waren die traurigen Erinnerungen weg. Ich hatte plötzlich den Kopf frei von allem was mich die ganze Zeit belastet hat. Ich kann das nicht erklären, aber es ist so. Bis heute habe ich nicht einen einzigen Albtraum mehr von dem Überfall. Ich kann durchschlafen, ohne mich auspowern zu müssen. Nur so konnte ich damals in Hamburg wie hier in Japan einschlafen. Wenn ich bis zum Umfallen trainiert habe. Das muss ich nicht mehr, endlich weiß ich wie es sich anfühlt ausgeschlafen zu sein und morgens den Fernseher anzumachen, ohne Angst zu haben, dass irgendwelche Berichte vom Fußball kommen.
Wir wussten beide am Kennlerntag nicht wer der andere ist. Er wusste nicht, dass ich die gelbe Tigerin bin und ich wusste nicht, wer er wirklich ist.
Es ist einfach passiert und…nun…planen wir bereits…unsere Zukunft.
Wir müssen uns etwas beeilen, damit uns die Presse nicht zuvorkommt.
Dazu gehört, dass ich alles kläre was noch offen ist und dass ich hier heute meine letzte Prüfung mache und ihm beim Spielen zusehe.
Und das kann ich. Ich verspüre nur Freude, wenn ich ihn mit seinen Freunden sehe. Es sind nur die schönen Erinnerungen aus Hamburg da. Nichts anderes mehr.“ Dann blickt sie zu Mikami auf.
„Und…dass ich hier bin, gehört auch dazu. Ich habe keine Lust mehr auf dieses Versteckspiel. Das kann ich nur mit IHM. Nur ER gibt mir Mut, die nötige Kraft und den Rückhalt, den ich bisher nie hatte.
Nur ER gibt mir das Gefühl zu leben. Und es ist mehr als das was die Presse daraus machen wird. Es ist für uns beide nicht nur ein Urlaubsflirt!“
‚Kojiro Hyuga, was hast du angestellt, dass du sie dazu gebracht hast? Und sie wusste nicht wer du bist? Das hast du mir zwar auch gesagt, aber ich konnte mir das nicht vorstellen. Du bist so präsent. War es das was euch verbunden hat? Nicht zu wissen wer ihr seid?‘, geht durch Mikamis Kopf.
‚Wen meint sie denn? Hat sie das eben ernst gemeint, als sie sagte, sie wolle ihm beim Spielen zusehen?
Das muss ja dann jemand aus Kens Team sein. Ist da echt ein Mann im Team, der es schafft einer starken Frau wie ihr Halt zu geben? Wer sollte das sein?
Aber nein, das passt nicht, Sie hat doch gesagt, sie hat ihn bereits gesehen. Also doch jemand aus unserer Nationalmannschaft.‘, grübelt er.
Tina steht auf.
„Ich bin noch aus einem anderen Grund hier.
Ich sagte ja, ich möchte mich für meine Lüge damals in Hamburg entschuldigen. Ich habe mir gedacht, als Wiedergutmachung, dass ich damals das Team so im Stich gelassen habe bringe ich Ihr Team bis zur WM auf Vordermann.
Auf meine eigenen Kosten natürlich. Sie müssen also nicht anfangen lange mit dem Verband rum zu diskutieren, weil es viel Geld kosten würde. Die Kosten für das Jahresabo übernehme ich selbst.
Mit unserem Sportlerprogramm sind Ihre Männer bis nächstes Jahr nicht nur stärker und schneller, sondern auch gesünder, denn viele Profis trainieren falsch und ernähren sich nur bedingt richtig. Sie beide und der dritte Trainer inklusive.
Was sagen Sie dazu?“
„Was für ein Programm?“, wundert sich Kira.
„Gute Idee, aber wie soll das mit den Männern gehen, die nicht hier in Tokio, geschweige denn in Japan sind?“, kommt Mikami ihr entgegen und findet ihre Idee klasse.
„Das ist kein Problem. Alle Spieler, welche im Ausland sind müssten sich nur morgen oder die nächste Woche in unserem Studio und bei unserem Sportmediziner melden und dort die Werte aufnehmen lassen. Alles weitere kann man über Emails und Telefonate klären. Ich schicke die Auswertungen, Trainings- und Ernährungspläne zu. So können die Spieler es dann in ihrem Alltag und dem normalen Trainingsplänen zusammenfügen. Wir haben viele Leute, die im Ausland arbeiten und Sportler ebenso. Die Baseballer zum Beispiel. Viele sind in den Staaten oder anderswo unter Vertrag und trotzdem laufen sie unter unserem Programm. Die Details kann ich später noch erklären, aber das Spiel fängt ja gleich an.“
„Was soll das denn bringen, so ein Ernährungszeugs? Die Männer ernähren sich doch gesund und sind alle regelmäßig im Muskeltraining.“
„Hm ein Skeptiker?
Sagen wir mal so, vergleichen Sie mal Tsubasa, Genzo und Jun. Da alle drei bereits in meinem Programm sind kann ich das am besten vergleichen.
Sie sind körperlich unterschiedlich, nicht nur in der Größe, sondern auch gesundheitlich. Hinzu kommt Genzo, der im stressigen Hamburg wohnt und ganz andere Umwelteinflüsse hat als Tsubasa im entspannten Spanien. Jun wiederum mit seinem Herzen muss sich in Frankreich auch völlig anders ernähren und trainieren. Wenn ich Ken dann noch dazu nehme und den Stress und die dreckige Luft hier in Tokio bedenke kommen wir auch hier auf andere Werte und einen anderen Bedarf an Nahrungsmittel. Außerdem passe ich meine Menüs und Gerichte so an, dass sie Derjenige auch mag. Wer also keinen Reis mag bekommt eine Alternative. Und wer Fisch liebt, da bedenke ich das mit. Und wer nicht das Geld für teure Produkte vom Bauern hat, für den finde ich eine Lösung.“
„Hm, klingt interessant. Also wenn Sie so ein Programm mit meinen Kids auf Okinawa machen würden könnten Sie das auch bei denen anpassen? Viel draußen sein und andere Wettereinflüsse als hier? Kann man das Wachstum auch bedenken?“, hinterfragt der Jugendtrainer neugierig.
„Auf jeden Fall. Ich habe mich darauf spezialisiert für Heranwachsende und Kinder besondere Ernährungspläne zu erstellen, damit sie es auch mögen und nicht nur als Zwang in sich reinschieben. Gerade während der Wachstumszeit machen die meisten Trainer und Clubs den Fehler alle Kinder gleich zu behandeln, statt individuell.
Was besonders wichtig ist, und das ist leider auch der teuerste Faktor: Alle Teilnehmer unterliegen einem Sportmediziner. Einmal im Monat gehen ein paar Grunddaten an ihn weiter und er entscheidet dann ob und was angepasst werden muss. Das ist wichtig, damit man sich nicht Übertrainiert, denn das kann anfangs schnell passieren, wenn man nicht aufpasst.“
„Gut, machen wir!
Und du musst das nicht selbst bezahlen. Ich bekomme das genau mit diesen Argumenten durch den Verband. Und wenn ich die drei Spieler mit dazu holen muss. Wir klären das nachher nach dem Spiel mit ihnen.“, bestimmt Mikami mit fester Stimme.
‚So ein Ernährungsprogramm klingt sehr interessant. Ich sollte mir das in Ruhe mal ansehen ob sowas in unser Trainingsprogramm passt oder angepasst werden kann.‘
„Noch ne Frage zu der Jugendernährung. Kann man das auch direkt an einen festen Trainingsplan anpassen?“
Tina lächelt ihn an und freut sich, dass sie sogar einen Skeptiker überzeugen konnte.
„Natürlich, aber dazu müssten Sie dann dem Arzt das genaue Programm übermitteln, auch wenn es schwerfällt und eventuell etwas Überwindung kostet seine geheimen Trainingsmethoden einem Arzt zu geben, aber auch er unterliegt einer Schweigepflicht. Er gibt nur die Daten und Eckpunkte an meinen Geschäftspartner und mich weiter, damit wir die Pläne dann aufstellen können. Also auch ich weiß nicht wie trainiert wird, denn wir ergänzen nur das bestehende Programm, außer es wird ein komplett neues erstellt.“
„Okay, das klingt gut. Dann kann man ja mal bei Zeiten darüber reden.“
Plötzlich klopft es an der Tür.
„Herein.“
„Herr Mikami, Herr Kira, Kens Team ist da und wärmt sich bereits auf.“, kommt eine nette Frauenstimme. Kaum hat sie die Tür komplett geöffnet starrt Fane ihre Freundin an. ‚Tina? Was ist hier los? Wieso bist du hier?‘, klopft ihr Herz plötzlich deutlich schneller.
„Fane, Liebes. Hallo.“, entgegnet Tina fröhlich und geht auf sie zu.
„Tina, du hier? Aber…bist du…schon soweit?“, stottert sie sich zurecht. Tina umarmt sie glücklich.
„Das bin ich. Und jetzt sehe ich mir das Spiel an. Dann weiß ich es ganz sicher. Ich bin total aufgeregt. Nach acht Jahren das erste richtige Spiel. Nicht nur so ein langweiliges Gekicke im Park.“
Tina dreht sich zu den Männern um.
„Nach dem Spiel würde ich die ersten Werte der Spieler aufnehmen und ihnen das Programm erklären. Jun wird mir fachlich sicher behilflich sein. Er kennt die Programme alle auswendig. Und ihm werden die Männer vertrauen, sollten sie es nicht bei mir tun.“
„Das machen wir so.
Bettina, nutzt die Bühne, die ich euch heute einräume!“, meint Mikami plötzlich gefühlvoll. Tina lächelt dankend.
„Das ist doch alles schon am Laufen. Danke Trainer.“
Somit verbleiben die drei vorerst und Tina verlässt mit Fane den Raum.
Die gestandenen Männer sehen sich nur fraglich an. „Was war das denn eben? Kennen die sich?“, wundert sich Kira.
„Ja, so habe ich das gestern auch verstanden. Soweit ich weiß arbeitet Fane in Bettinas Gaststätte und macht dort eine Ausbildung zur Diätköchin. Frage mich nicht woher die sich kennen, keine Ahnung, ist wohl schon ein paar Jahre.“
„Das sind schon seltsame Zufälle, was?
Also wenn diese Frau nicht gerade trainiert und Turniere hat, dann arbeitet sie für solche Fitnessprogramme und hat auch noch eine Gaststätte? Wie macht sie das alles und kann trotzdem Leistung zeigen?
Das erinnert mich daran, dass Kojiro damals nach dem Training auch immer arbeiten war. Zuerst nur kleine Sachen wie Zeitungsaustragen, dann hat er auch Lebensmittel ausgeliefert und in einigen Getränkelagern ausgeholfen. Sogar während der Toho-Zeit ist er abends arbeiten gewesen, in einer Gaststätte und hat dort in der Küche und im Service ausgeholfen. Das war ne harte Zeit bis er wirklich richtig Geld mit dem Sport verdienen konnte.“, erinnert er sich.
Plötzlich muss Mikami lachen und fasst sich an den Kopf.
„Die Gaststätte! Aber natürlich, das muss es sein.“, haut er plötzlich raus.
Kira schaut verwundert.
„Was meinst du damit? Was muss was sein?“
„Das hat er damit gemeint. Genzo hat vorhin nur erwähnt, dass sich die beiden auf ihrer Arbeit begegnet sind und ich habe jetzt schon die ganze Zeit überlegt was er damit meinte. Das Fitnesscenter konnte es doch gar nicht sein.
Es war ihre Gaststätte, ganz bestimmt.“, meint er ernst zu ihm und lacht weiter.
Trainer Kira sieht ihn nur verblüfft an.
„Willst du mir jetzt etwa damit sagen, dass dieser Mann…mein Lieblingsschüler…Kojiro ist?“
Mikami sieht ihn ernst an.
„Jetzt überlege mal genau was Kojiro für unser Team ist? Welche Aufgaben erfüllt er für jeden einzelnen hier?
Er gibt ihnen Mut, wenn es mal nicht läuft, denn er geht immer voran und gibt nie auf.
Er stärkt das Team mit seiner hervorragenden Leistung und Kraft. Er kann ihnen Rückhalt geben, wenn Tsubasa nicht da ist oder jemand verletzt ist, Rückhalt indem er sie antreibt und motiviert aufzustehen.
Darüber hinaus ist er sehr mitfühlend, wenn es jemanden mal schlecht geht. Ich erinnere an die Situation mit Jun und seinem Herzanfall.
Durch den Verlust seines Vaters in früher Kindheit kennt er Bettinas Gefühle, denn sie hat nicht nur ihren Bruder auf grausame Art verloren, sondern auch vor nicht mal zwei Jahren ihre Eltern. Genzo sagte, sie habe daher die Gaststätte ihrer Eltern übernommen.
Mal angenommen die zwei haben sich dort kennengelernt, er als normaler Gast und sie als Kellnerin, dann hatten sie andere Dinge zu bereden als den Sport.
Und eins ist klar: Diese Frau lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Dir ist sicher aufgefallen wie selbstbewusst sie mit uns geredet hat? Das war schon immer so.
Lese dir mal bei Gelegenheit ihre Artikel und Biografie durch. Sehe dir die Konferenzen an. Und noch etwas, ich habe vorhin zufällig ein Gespräch zwischen Genzo und Tsubasa mitbekommen.
Tsubasa scheint sie nicht nur durch Fane zu kennen. Da steckt auch eine Freundschaft dahinter. Warum auch immer, Bettina scheint ihm sehr wichtig zu sein, deswegen die Prügelei gestern. Und ihr scheint er auch sehr wichtig zu sein. Es ging dabei um weitaus mehr als wir ahnen können. Aber das geht uns auch gar nichts an. Das müssen die alleine klären.
Was ich Wichtiges aufgeschnappt habe ist eine Aussage von Tsubasa. Ich versuche sie mal wiederzugeben:
„Und du warst der Ansicht Kojiro tut ihr nicht gut?
Im Gegenteil. Er bringt endlich Ordnung in das ganze Chaos. Ordnung in ihr Leben und Ordnung in unser Team!“ also ich glaube so in der Art.
Weißt du was das heißt?“
Trainer Kira ist noch extrem verwundert und hat sich inzwischen hingesetzt. Ihm gehen die ganzen Infos nicht aus dem Kopf. Und er kann gar nicht fassen, dass Kojiro in so einer komplizierten Frauengeschichte steckt. Er hat ihn doch immer vor den Weibern gewarnt. Frauen bringen einen nur vom Weg ab.
„Was soll denn das alles heißen? Dass unser Team jetzt wegen dieser Frau auseinanderfällt? Weil sie alles durcheinanderbringt!“, sind seine Gedanken noch durcheinander.
„Quatsch! Im Gegenteil! Durch die beiden rückt das Team enger zusammen!
Dadurch sind Ken und Genzo zusammengekommen und reden mal über was anderes als über die Arbeit. Du weißt, dass Ken ein Problem mit Genzo hat. Immer der zweite zu sein und auf der Ersatzbank zu sitzen ist der Horror für jeden Keeper. Und dann Genzo und Kojiro selbst. Beide konnten sich all die Jahre nie wirklich leiden, nur als Spielpartner, aber ansonsten die totalen Rivalen und Hassgegner. Der Konflikt damals bei Kojiros Herausforderung mit ihm und dann die Verarsche-Aktion meinerseits in Hamburg, die ich Genzo aufgenackt habe. Das war auch nicht richtig von mir. Wenn ich damals gewusst hätte was passiert ist, dann hätte ich das niemals von ihm verlangt. Er trauerte um einen Freund und ich Dummkopf zwinge ihn seine Freunde aus Japan mit so einem Trick zu reizen. Ich kam zwar auch erst auf die Idee, weil mir die beiden Verteidiger fehlten, aber trotzdem hätte es nicht notgetan. Und ausgerechnet die beiden raufen sich zusammen. Genzo und sein Stolz, er akzeptiert diese Beziehung, sonst wäre er nicht bei mir gewesen.
Und noch etwas Kira, weswegen ich dir das überhaupt alles erzähle:
Halt Dich da raus! Ich weiß genau welchen Einfluss du auf Kojiro hast, aber das musst du dem Team komplett alleine überlassen!
Wir beide haben und werden uns in keiner Weise da einmischen. Die Männer klären das alles ganz alleine, auch wenn das Team irgendwann erfährt was Sache ist. Wir halten uns raus! Und Du besonders!“, macht er einen sehr ernsten Blick.
Kira schaut ihn nur fragend an.
„Wieso ich? Ich verstehe was du meinst, aber wieso darf ich nichts sagen?“
„Eins ist klar: Dir wird aufgefallen sein, dass die beiden einen ähnlichen impulsiven Charakter haben.
Wenn eine Frau wie Bettina, welche Jugendtrainerin werden will, herausfinden sollte wie du früher deine drei Schützlinge trainiert hast, dann prost Mahlzeit. Gegen diesen Sturm kommst du nicht an. Dann ist für dich das Traineramt gelaufen und deine Schule auch.
Und…im schlimmsten Falle bringst du das ganze Team in Gefahr.
Also halt einfach die Backen still! Ich kenne dich ja, wenn du deine Meinung äußerst. Lass sie also einfach ihr Ding machen, die sind alle erwachsen.“
Mit diesen Worten lässt Herr Mikami seinen Kollegen alleine zurück und schließt die Tür hinter sich.
Die angenehme Sommerbrise
Kapitel 48
Die angenehme Sommerbrise
Endlich, endlich ist es soweit und ein angenehmer Wind weht über den Fußballplatz der Musashi-Schule. Die Hitze ist kaum zu ertragen. Nur ab und an ein Lüftchen, während das Thermometer im Gebäudeschatten auf 30°C angestiegen ist und die Mittagssonne ihr Bestes gibt.
Bei dem Lüftchen weht Tinas Kleid etwas an und somit werden einige Blicke angelockt. Sie steht mit Fane neben dem Feld gleich neben den Ersatzspielerbänken und sie schaut begeistert jeden einzelnen Spieler an, wie sie sich aufwärmen. Ken hat sich ein Shirt umgehängt um nicht dieselbe Farbe wie Genzo zu haben und Shinichi hat sich umgezogen, denn beide spielen in der gegnerischen Mannschaft. Sie spielen heute im Tokio-Team, nicht im Nationalteam.
„Trainer, wie macht sich Shinichi so?“, fragt Tina den Mann neben sich.
„Die Frage ist zuerst: Wie fühlst du dich jetzt?“
„Kann ich nicht beschreiben, irgendeine Mischung aus Anspannung, Freude und Wehmut.“, versucht sie es zu beschreiben.
„Shinichi muss sich erst einspielen, aber er macht sich gut in Kombination mit Taro Misaki. Das lief gestern sehr gut, die beiden kennen sich aus Frankreich. Pierre hatte echt zu tun, aber Cusavier war natürlich der große Spielemacher. Ohne ihn hätten die Franzosen echt alt ausgesehen.“
Auf dem Spielfeld sind einige neugierige Blicke auf sie gerichtet. Wer mag die Frau im schönen Kleid mit Sonnenbrille, Ballerinas und Hut an der Seite des Trainers sein?
Kojiro macht seine Dehnübungen mit Jun zusammen. Das kommt selten vor, aber ab und an ergibt es sich. Heute hat sich Kojiro gezielt seinen Freund ausgesucht. Kojiro schaut wie Jun zur Seite in ihre Richtung.
‚Du bist beim Trainer? Also warst du schon bei ihm? Und du stehst sogar direkt am Feldrand, wow. Ich bin wahnsinnig stolz auf dich, Bettina.‘
„Nanu? Wer ist die Frau dort neben unserem Trainer?“, wundert er sich. Kojiro lächelt nur. Tina berührt wieder ihren Hut mit beiden Händen, nimmt ihn kurz ab, dreht ihn als würde sie das Schleifenband richten und setzt ihn wieder auf.
Sie hat von Weitem Juns Nummer erkannt und Kojiro signalisiert, dass es ihr gut geht, sie sich freue und es Jun sagen kann, wenn er will.
„Du kennst sie, aber du wirst vermutlich nicht mit ihr rechnen.“, flüstert er plötzlich. Jun sieht zu ihm und wundert sich nur. „Du weißt wer das ist? Und ich soll sie kennen?“
„Nicht so laut. Ich warne dich nur vor, weil wir Freunde sind und ihr auch Freunde seid.“
„Du verwirrst mich echt, was habe ich mit solchen eleganten Frauen zu tun?“
„Du erkennst sie echt nicht? Sicher wegen des Huts. Ich gebe dir einen Tipp. Ihr seid zusammen in derselben Klasse gewesen und sie hat dich zu einer Eröffnungsfeier eingeladen.“
Jun ist verblüfft. „Reden wir gerade von Tina? Bettina Fuchs?“ Kojiro grinst. „Genau.“
Sie fassen sich beide an die Schulter und stützen sich gegenseitig ab um die Beine nacheinander zu dehnen.
„Wie kann das sein? Woher kennst du sie überhaupt?“
„Wir haben uns zufällig kennengelernt. Wenn uns die Zeit nicht so im Nacken hängen würde, könnten wir uns mehr Zeit lassen für Erklärungen, aber wir mussten schnell ein paar Dinge klären, unter anderem…werde ich es euch heute mitteilen.“
„Uns? Was meinst du mit „uns“?“
„Wir sind…ein Paar, Jun.“, haut er leise und selbstsicher raus und sieht seinem Freund in die Augen. Jun stoppt plötzlich.
„Mach einfach weiter, sonst kriegt das einer mit. Wir müssen noch das Spiel machen.“, brummt Kojiro etwas.
Natürlich macht Jun weiter, aber er ist irritiert. Wie kann das denn sein? Es hat eine ganze Weile gedauert bis er zu ihr Vertrauen aufbauen konnte, dabei hatte er ihr immer nur helfen wollen und sie lehnte jede Hilfe von ihm ab.
Bis zu dem Zeitpunkt, als er das Mädchenaufgebot im Wäldchen bemerkte. Nach dem Training wollte er eine Runde laufen und nutzte das schöne Schulgelände zum Joggen. Dann entdeckte er plötzlich eine Gruppe von circa zehn Mädchen, wie sie sich über jemanden lustig machten und ging auf sie zu. Er wusste, wenn er erscheint, Jun Misugi, der große Fußballheld der Schule, Mädchenschwarm Nummer eins, würden sich die Mädchen zusammenreißen und sich von ihrem Mobbingopfer entfernen. Genau so war es auch. Kaum hatten sie ihn entdeckt, gingen plötzlich alle weg, so schnell wie möglich, damit er sie nicht erkennen konnte. An diesem Tag war es Tina, die am Boden lag.
„Hat sie dir erzählt warum wir befreundet sind?“
„Nicht wirklich, nur, dass ihr es seid. Sie hat nur nebenbei erwähnt, dass ihr Anfang hier nicht leicht war. Die Mädels hatten es wohl mal auf sie abgesehen.“
„Mal ist gut. Als ich das das erste Mal bemerkte kam sie mit Schrammen an den Armen in die Klasse zurück. Der Lehrer fragte zwar nach was gewesen war, aber sie sagte nichts. Anfangs habe ich gedacht, sie verstand nicht was der Lehrer sagte, aber nein. Sie wollte die Mädels nicht verpfeifen, das war es.
Als ich sie eines Tages im Wäldchen entdeckte und die Mädels verjagte lag sie am Boden, übersäht mit Brandwunden von den Zigaretten. Ich zerrte sie quasi auf die Krankenstation, damit es behandelt wurde. Aber auch wieder rückte sie nicht raus was war.“ Kojiro blickt ihn traurig an. ‚Sowas in der Art hatte ich schon vermutet, als ich die runden Stellen gesehen habe. Was war da nur das Problem?‘
„Dann bekam ich zufällig mal ein Gespräch zwischen einigen Mädels mit und begriff das Problem.
Kurz nachdem Tina bei uns ankam gab es einen Vorfall in der Nähe der Schule. Ein Mädchen wurde überfallen und aufgefunden. Den Zeugen nach zu urteilen wurde sie zuvor mit einem ausländischen großen Mann gesehen. Dazu muss man wissen, dass sich Tina anfangs noch hat von Martin zur Schule bringen und abholen zu lassen. Das fiel natürlich sehr auf und man machte ihn dafür verantwortlich. Du weißt wie schnell ein dummer Verdacht die Runde machen kann.“
„Was?“, hält Kojiro plötzlich inne und starrt ihn an. Dann macht er jedoch mit der Übung weiter. Ihm kommt die Erinnerung hoch, als er den Nachhilfelehrer seiner Schwester aufgesucht hatte. Während er mit Martin im Büro war und er die Polizei anrief und auflegte, bemerkte er, dass Martin dem Widerling einen kleinen Schlag an den Hinterkopf gab und ihn entsetzt als Abschaum bezeichnete.
‚Kennst du Martin überhaupt? Seid ihr euch bereits begegnet? Was sagt er zu euch? Er passt auf wie ein Schießhund mit wem sich Tina trifft. Und wenn, weißt du, dass die beiden mal zusammen waren? Damit kommst du klar?
Ich kann mir vorstellen was sie an dir mag, aber dass du sie dazu bringst hier her zu kommen und sich ihrer Angst zu stellen. Das kann ich nur bewundern, Kojiro.‘
„Er würde sowas niemals tun! Klärte es sich dann bald auf?“, spricht Kojiro leise und überzeugt.
‚Du kennst ihn also scheinbar schon gut genug, um das zu wissen.‘
„Ja, ich kann es dir ja später mal in Ruhe erklären. Am Ende war es der Mitarbeiter vom Kiosk gegenüber der Schule.“ Jun schaut nochmal zu ihr.
„Ich frage mich nur, wieso sie mit Trainer Mikami redet. Ich weiß zwar, dass sie mit Genzo befreundet ist, aber das erklärt es doch nicht.“, wundert er sich. Kojiro ist erstaunt.
„Du weißt es nicht? Was weißt du denn über Bettinas Freundschaft zu Genzo?“
„Hm. Ähnlich wie bei uns, in derselben Klasse gewesen und ihr Bruder hat mit ihm im HSV gespielt. Auch die beiden waren Freunde.“ Kojiro überlegt, entscheidet sich aber es aufzuklären, weil er weiß, dass er seinem Freund vertrauen kann.
„Nicht nur das. Tina war damals mit Stephan zusammen in Genzos Team, als Junge verkleidet. Deswegen ist sie heute auch hier, um sich bei Mikami zu entschuldigen.“ Jun ist verblüfft. „Meinst du das im Ernst?“ Beide wechseln ihre Übung und setzen sich auf den Rasen.
„Jetzt verstehe ich das auch mit der vielen Lauferei als sie herkam. Sie sagte damals nur, sie will nicht einrosten, aber so schnell und ausdauernd wie sie jeden Tag hier rumgerannt ist war das nicht normal. Unsere Jungs kamen selbst nie hinterher. Im Sport war sie überdurchschnittlich gut. Sie fragte am Anfang der Stunde was sie machen soll und erledigte das fix, und ging dann laufen.
Yoko nahm sie dann mit ins Volleyballteam und der Trainer bewunderte ihre Leistungen, die Mädels konnten da nicht mithalten. Auch deswegen hatte sie anfangs dort viel Neid zu ertragen.
Ich habe dann mal zufällig ein Gespräch zwischen unseren Trainern mitbekommen. Herr Schmitt meinte, sie sei völlig übertrainiert fürs Volleyballspielen. Was ihr fehle wäre nur die Erfahrung und Technik. Da hat er sich bei ihm Rat geholt und sie sich beim Sport und Training angesehen.“
„Kann ich mir vorstellen, wenn ich mir überlege wie schnell das Team damals schon war.“
Plötzlich ertönt die laute Stimme des Trainers und alle sollen zu ihm kommen. Die japanischen Nationalspieler versammeln sich im Halbkreis um Herrn Mikami und dem Cotrainer Kira, welcher inzwischen ebenso bei ihm steht.
Tina unterhält sich mit Fane etwa zwanzig Meter weiter entfernt und sie schauen derzeit in eine andere Richtung.
Herr Mikami möchte einige Ansagen machen, aber er bemerkt, dass die Mannschaft tuschelt und ständig zu den Frauen herüberschaut. ‚Mir war klar, dass ihre Anwesenheit etwas irritierend ist. Nun ja, da müssen wir alle durch.‘
„Wer wag das sein?“
„Eine Freundin von Fane?“
„So elegant.“
„Was macht diese Dame hier?“
‚Ist das etwa Tina?‘, geht durch Kens Kopf. Shinichi, Genzo und Tsubasa erkennen sie natürlich sofort und halten sich zurück.
‚Dass sie sich das traut herzukommen, Kojiro, du machst irgendwas richtig. Du nimmst ihr tatsächlich die Angst.‘, freuen sich Tsubasa und Genzo im Inneren.
‚Was macht Tina hier? Und dann in dieser Aufmachung? Sie meidet doch sonst alles was mit Fußball zu tun hat.‘, wundert sich Shinichi. Er hat sie nur erkannt, weil sie kurz den Hut abgenommen und ihre Haarspange gesehen hat. Die Spange in ihrem blonden Haar ist wie ein Markenzeichen. Ohne diese geht sie nicht aus dem Haus.
Direkt vor den Trainern steht der Kapitän und neben ihm Taro Misaki und Genzo, welche konzentriert sind und ihm versuchen zuzuhören.
„Männer, ihr wisst was ihr zu tun habt. Ken und Shinichi, gebt euer Bestes, wir werden es auch tun. Shinichi, deine Einsätze waren gestern super, weiter so und beobachte gut deine Gegner, umso mehr kannst du über deine eigenen Partner lernen.“
„Trainer! Darf ich eine Frage stellen?“, funkt der freche Ichizaki zwischen die Unterhaltung. Das ist typisch für ihn. Er ist der große Spaßmacher des Teams, immer für einen Scherz gut und in trüben Zeiten reißt er die Witze, die seine Freunde zum Lockerwerden brauchen.
„Was ist denn so dringend, dass du uns unterbrechen musst?“, murrt er ihn an.
„Naja, wir wissen doch alle schon worauf wir achten müssen.
Aber…können Sie uns sagen wer diese Frau an Fanes Seite ist? Sie muss ja wichtig sein, wenn Sie sich mit ihr unterhalten.“, haut er neugierig raus und schaut zu den Frauen.
„Ja genau, wer ist das?“, kommt von jemanden.
„Ist sie ein Scout aus Europa? Immerhin sind heute mal alle da.“, äußert ein anderer.
Trainer Mikami grinst ihn an und lächelt zum Team.
„Du bist auch gar nicht neugierig, was?
Ich wollte euch unseren heutigen Besuch eigentlich erst nach dem Spiel vorstellen.“
‚Nun gut, Kojiro, halte dich zurück, aber du wirst es sicher wissen, dass ihr euren Auftritt erst später habt. Bleib Profi, genauso wie neulich.‘
Dann schaut er zu Genzo. „Genzo? Holst du sie her?“, fordert er. Dieser sieht ihn nur erstaunt an. „Sind Sie sicher? Vor dem Spiel?“, entgegnet er und versucht ganz cool zu wirken.
„Warum nicht? Ich denke nicht, dass es die Männer ablenken wird, vermutlich eher umgedreht.“ Genzo nickt und macht sich auf dem Weg zu Tina und Fane.
‚Tina, bleib cool, nur ein Vorstellen. Alles andere später.‘, geht durch seinen Kopf.
Kojiro hält sich bedeckt und bleibt weiter hinten wie so oft bei so einer Besprechung. So hat er alles im Blick und kann jede Reaktion seiner Freunde und Kameraden einfangen. Sein Puls steigt etwas an und seine Gedanken sind ebenso angespannt. ‚Du schaffst das, Bettina. Ich würde zu gerne wissen was ihr genau besprochen habt. Trainer Mikami wirkt überhaupt nicht grummelig. Wie kommt es? Ich bin eher erstaunt, dass er da so einfach bei unserem Spiel mitmacht?
Wie kommt das? Und Trainer Kira? Er schaut so seltsam. Nach außen wirkt er normal, aber da er sich zurückhält ist doch was. Naja, mal sehen wie das jetzt läuft. Hauptsache wir bringen das heute irgendwie nach dem Spiel zu ende. Es wird Zeit, es allen mitzuteilen.
Und du, meine liebe Bettina, du kannst endlich abschließen mit deiner Angst und wir können endlich ein normales Paar sein.‘
Trainer Kira schaut kurz zu Kojiro, da er öfters zu ihm sieht und jeder weiß, dass die beiden ein besonderes Trainer-Schüler-Verhältnis haben, ähnlich wie das zwischen Genzo und Herr Mikami, fällt es niemanden groß auf. Außerdem sind alle Blicke auf Genzo gerichtet, wie er Tina im selben Moment anspricht.
‚Kojiro, wie wird das heute laufen? Was bedeutet dir diese Frau wirklich? Hat nur sie so starke Gefühle für dich, wie sie sie beschrieben hat oder hast du sie auch? Was findest du an ihr so toll? Natürlich, sie ist sehr hübsch, keine Frage, sie wird dir auch nicht gleich in deinen Händen zerfallen, wenn du sie anfasst, aber eine solche temperamentvolle Frau an deiner Seite? Sie hat scheinbar genauso viel Feuer wie du, was soll das denn für eine Beziehung sein, wenn sie am Ende das Sagen hat? Vor allem, wie stellt ihr euch das Leben vor? Eine Fernbeziehung in deinem Job funktioniert doch nicht. Das hat dich das letzte Mal schon so geschwächt.‘
Alle Blicke sind nun auf Tina und Genzo gerichtet.
In dem Moment als sich Tina zu ihm dreht und mit ihm spricht kommt erneut eine angenehme Windböe und lässt ihr langes weißes Kleid mit den zarten handgroßen purpurfarbenen Aquarellblumen und dem breiten Bündchen im Taillenbereich gegen Genzos graues Keeper-Trikot wehen. Er wechselt deswegen die Seite.
Tina schaut zum Team.
‚Na dann. Es fühlt sich irgendwie gut an. Ihr seid auch so eine tolle Mannschaft wie wir es früher mal waren. Und das jetzt noch. Trotz der Erfolge und dass ihr nicht immer zusammen sein könnt trefft ihr euch hier, außerhalb der regulären Trainingszeit, in eurem Urlaub, einfach nur um als Freunde zusammen zu sein. Auch Fane bestätigt es. Ihr seid alle irgendwie mit jemanden aus dem Team fest befreundet und alle folgen ihrem Kapitän und dir mein lieber Kojiro. Auch dir bringen sie größtes Vertrauen entgegen.
Kojiro, wenn du wüsstest wie sehr mein Herz rast. Nicht, weil ich mich unwohl fühle, nein, im Gegenteil. Ich bin vor Freude aufgeregt. Ich empfinde überhaupt nichts Unangenehmes. Ich kann euch alle ansehen ohne das Verlangen zu haben wieder gehen zu müssen. Ich denke nicht, dass es nur daran liegt, dass auch meine Freunde hier sind und dass du hier bist, mein Liebster, nein. Es ist sicher allgemein so.‘
Die Blondine lächelt, geht mit Genzo und Fane langsam auf das Team zu, während der angenehme Wind weiter den weißen Stoff durch die Luft wehen lässt. Auf dem halben Weg nimmt Tina ihre Sonnenbrille ab, legt diese in ihren kleinen Beutel in der rechten Hand, dann fasst sie ihren Hut mit beiden Händen an und nimmt auch diesen ab. Der Gebäudeschatten ist ausreichend Schutz vor der Sonne und sie möchte, dass ihr Haar auch ein wenig im Wind weht. Es macht ihre Gedanken freier und es fühlt sich allgemein etwas freier an. Dann nimmt sie diesen in die rechte Hand und verdeckt damit den Stoffbeutel. Danach geht sie mit der linken Hand langsam durch ihr Haar und schiebt es hinter das Ohr.
Die jungen Männer in den blauen Trikots staunen alle nicht schlecht.
‚Das nenne ich einen Auftritt, Tina. Du hast es echt drauf dich in Szene zu setzen.‘, geht durch die Köpfe von Tsubasa und Ken.‘
Kojiros Herz pocht ganz doll.
‚Du bist wirklich umwerfend schön, Bettina. Als ich den Wind heute Morgen gesehen habe ging mir genau dieses Bild durch den Kopf, wie das Kleid eventuell in diesem Wind wehen würde. Warst du etwa extra noch beim Frisör? Vorhin waren deine Haare noch etwas länger und gingen dir bis zur Schulter. Auch den Pony hast du machen lassen. Etwa extra für mich? Jetzt kann man die Ohrringe noch besser sehen. War das der Gedanke dahinter?‘
Natürlich kann er die Bemerkungen seines Teams vernehmen und muss sich sehr zusammenreißen, dass man ihm nichts anmerkt, dass diese Äußerungen komische Gefühle in ihm auslösen. Ihm ist völlig klar wie Tina auf andere Männer wirkt und ihm ist auch klar, dass sie vermutlich dieselben Gefühle haben muss, wenn sie den kreischenden Frauen zusieht, welche auf der anderen Seite des Feldes stehen. Natürlich ist es was anderes, wenn die Frauen fremd sind, als dass die eigenen Freunde und Kollegen ihre Gedanken aussprechen.
„Wahnsinn, ist die hübsch.“
„Wer ist die Schönheit? Sie kommt mir bekannt vor.“
„An der ist echt alles dran. Wer ist das?“
„Woher kennt Herr Mikami so eine hübsche Blondine?“
„Wow, die sieht ja aus wie ein Model. Und dann dieses Kleid…wer ist das?“
„Jungs, habt ihr ihre Arme gesehen? Sieht aus als wenn sie Muskeltraining macht.“
„Stimmt, mit der legt man sich lieber nicht an.“
„Ey, sagt mal, wieso schickt er Genzo zu ihr und nicht Tsubasa, unseren Kapitän?“
„Leute, das ist…die Gelbe Tigerin. Was will sie hier?“, äußert Ryu Ichizaki plötzlich.
Einige sehen ihn verwundert an. Auch Kojiro ist erstaunt, dass ausgerechnet er sie erkennt.
„Oha, stimmt. Nun gehe ich schon seit Monaten in dieses Fitnessstudio und treffe sie ausgerechnet hier auf dem Fußballplatz. Wie kann das sein?
Und wie schön sie live ist. Ganz anders als auf den Bildern oder beim Spiel.“, äußert plötzlich der große Verteidiger Jito neben Kojiro vor sich hin. Er sieht zu dem fast zwei Meter großen Mann auf.
„Aber klar doch, sie ist doch hier zur Schule gegangen. Mit Jun zusammen.“, haut Masao Tachibana plötzlich raus.
„Natürlich, deswegen ist sie sicher hier, weil wir an ihrer alten Schule spielen.“, meint Kazuo Tachibana. Die eineiigen Zwillinge sind neben Ryo die Spaßvögel im Team und beherrschen ein unvergleichbares Kombinationsspiel und sind mit ihren Tricks die Akrobaten der Mannschaft.
Die Männer schauen plötzlich zu Jun. „Stimmt doch, oder Jun?“
Der Verteidigungskünstler Jun Misugi nickt. „Richtig.“
„Mir gefällt das gar nicht. Ich mag sie nicht.
Sie verdient sich mit Kojiros Tiger-Titel ne bunte Nase. Und total überheblich ist sie auch.“, meint Hikaru Matsuyama, welcher ebenso ein sehr guter Freund von Kojiro ist.
Mit dieser Reaktion hat der Stürmer nun gar nicht gerechnet. Es gibt jemanden im Team, der sie überhaupt nicht mag und dann ausgerechtet sein Freund Hikaru, der Stratege und Spielemacher. ‚Hikaru, so denkst du über Bettina?‘, schaut er fraglich zu ihm rüber.
Nun steht Tina neben Herrn Mikami und lächelt freundlich in die Richtung der Mannschaft.
„Einige werden sie schon erkannt haben. Darf ich euch eine alte Bekannte von Genzo und mir aus Deutschland vorstellen?
Bettina Fuchs. Hier bekannt als Japans gelbe Tigerin. Die Medien haben ihr diesen Namen verpasst, weil man ihre harten Bälle mit Hyugas Schüssen verglichen hat.
Wie sagtest du, heißen deine Bälle wirklich?“, wendet er sich plötzlich an sie.
‚Sie machen es mir nicht leicht. Aber nun gut. Ich spiele alles mit, sonst funktioniert es nicht.‘, bemerkt Tina, dass er den Männern scheinbar gleich den Wind aus den Segeln nehmen will. Sie lächelt.
„Guten Tag vorerst. Ich freue mich Sie kennenzulernen. Feuerdrache und Drachenfaust heißen meine Bälle eigentlich. Ich bezeichne mich nicht als Tigerin, das ist die Presse.“, verbeugt sie sich höflich und hält den Hut elegant vor ihren Oberkörper. Es wirkt zufällig, ist aber natürlich beabsichtigt und verdeckt damit ihr Dekolleté. Kojiro ist etwas irritiert als er die Verbeugung bemerkt, denn er kann zuvor nur ihr Gesicht sehen, weil jemand vor ihm steht und stellt sich nun doch etwas anders hin, um seine Bettina komplett sehen zu können.
‚Verstehe, der Hut. Gute Lösung bei dem Kleid. Wenn ich gewusst hätte, dass du herkommst, hätte ich vermutlich ein anderes ausgesucht. Aber es ist umwerfend schön wie du es trägst. So elegant habe ich dich bisher nicht gesehen.‘
Herr Mikami hat wieder das Wort.
„Ihr fragt euch sicher woher wir uns kennen. Als Genzo nach Deutschland kam wurden die beiden Klassenkameraden, so wie Jun hier. Sie freundeten sich an und Bettina hat damals in Hamburg selbst Fußball gespielt und war sehr talentiert. Erst mit dem Umzug hier her entdeckte sie den Volleyball.
Und nun…nun ist sie hier, um sich nach Jahren wieder ein Profispiel anzusehen und um uns ihr Fitnessprogramm nachher vorzustellen. Frau Fuchs arbeitet neben dem Sport in einem Fitnesscenter als Trainerin und erstellt die Ernährungspläne und Rezepte für individuelle Fitnesspläne.
Ihre Kunden sind neben vielen Volleyballteams unsere Nationalteams der Volleyballer, Rugbyspieler und Baseballer. Nach dem Spiel stellt sie uns ihr Programm genauer vor und nimmt die ersten Daten auf, da wir ebenso daran teilnehmen werden.
Sie sieht sich auch das Spiel an um zu beurteilen in welchem aktuellen Fitnesszustand ihr seid. Eure Kondition ist nicht unwichtig.
Alle Fragen dazu bitte erst nach dem Spiel.“, erklärt er überzeugt und im festen Ton.
Tina sieht ihn etwas ernst an. Auf Deutsch spricht sie leise.
„Dass ich früher selbst gespielt habe hätten Sie jetzt nicht sagen müssen. Das wirft unnötig Fragen auf.“
„Wenn ihr euren Auftritt wollt, dann so wie ich es vorgebe. Du wolltest doch niemanden mehr belügen, oder?“
Tina dreht sich wieder mit dem Blick zur Mannschaft und versucht ruhig zu bleiben. Sie wollte keine unnötigen Gedanken entfachen.
Kojiro bemerkt den kurzen Wortaustausch und kann an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, dass scheinbar nicht alles so läuft wie sie es vermutlich geplant hat.
Plötzlich ertönt Shinichis Stimme.
„Deswegen konntest du meine Bälle halten, neulich im Sportunterricht.“
Die anderen fangen an zu tuscheln.
„Was soll das heißen? War sie etwa der mysteriöse Keeper?“
Tina setzt den Hut auf und verschränkt die Arme.
„Hallo Shinichi.
Du hast dich extrem zurückgehalten, deswegen konnte ich sie halten. Ich erwarte von dir heute ein Tor. Quasi als Entschädigung.
Und du, Genzo. Keine Ehrentore, klar? Nur aus Fehlern lernt man!“, macht sie ihm auch eine Ansage und knufft ihn symbolisch an die Seite, so wie früher in ihrer Jugend.
‚Tina, es klingt wie früher. Früher wo noch alles ohne Sorgen war. Das ist ein schönes Gefühl, dass du dich hier wohlfühlst.
Kojiro, ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du der Mann bist, der sie wieder zurückholen kann, zurück ins Leben. Und mich ebenso, ausgerechnet du.‘, geht durch seinen Kopf und er schaut unauffällig in die hintere Reihe der Mannschaft und blickt dabei auch zu Kojiro.
Er lächelt, macht wie üblich eine Faust und grinst selbstsicher.
„Ich lasse nichts durch!“
„Ich bin sehr gespannt was du die letzten acht Jahre dazugelernt hast.“, sieht sie stolz zu ihm auf. Trainer Mikami beobachtet die beiden.
‚Wie vertraut sie noch immer miteinander reden. Genzo meinte ja, sie waren die ganzen Jahre im Kontakt und noch immer sehr eng befreundet. So ein grausames Schicksal schweißt zusammen.
Ich bin ein Dummkopf gewesen, dass ich seinen Kummer gar nicht bemerkt habe. War ich bei dem ganzen Leistungsdruck damals völlig blind? Er war immer wie ein Sohn für mich, jeden Tag waren wir zusammen und das von Kindesbeinen an. Als er beschloss Keeper zu werden hat Genzos Familie mich als persönlichen Trainer eingestellt. Anfangs dachte ich, was soll der Quatsch ein kleiner Junge ändert doch ständig seine Meinung und wenn er erstmal merkt, dass Training etwas mit Leistung und harter Arbeit zu tun hat, dann gibt er sowieso wieder auf. Aber nein, so war es nicht. Es war nicht leicht ihn auszubilden ohne Spielpartner. Aber trotzdem haben wir es geschafft.
Später gingen wir nach Deutschland und er musste sich dort beweisen und hat sehr viel von seinen neuen Teamkameraden dazugelernt. Tina war die erste, die ihn im Team wirklich willkommen hieß. Ich war am Anfang ebenso verwundert wie der Rest des Teams, das ausgerechnet sein eigentlicher Rivale im Tor für die Stammmannschaft ihn ins Team eingliederte. Nun ergibt das auch alles einen Sinn. Sie wusste, dass sie nicht ewig im Team bleiben konnte und gab das Ruder an ihn weiter, weil sie sein Talent erkannte. Sie wusste, dass er sie schnell übertreffen würde und nutzte es fürs Team aus, um es zu stärken. Nach und nach konzentrierte sie sich mehr auf die Position des Verteidigers, als auf den Keeper. Das lag ihr genauso gut. Als sie und Stephan plötzlich nicht mehr auftauchten, ihre Eltern sich auch nicht meldeten und wir als Team kurz vor dem Freundschaftsspiel standen ließ sich Genzo für drei Tage mit Fieber krankschreiben.
Dann kam er wieder und war motivierter denn je. Ich hätte niemals gedacht, dass er irgendeinen Kummer hätte. Er hängte sich wie immer voll rein. Genauso wie alle anderen wunderte er sich, dass die beiden plötzlich nicht mehr kamen. Bis Rudi nur die Information verlauten ließ, dass die zwei aus familiären Gründen plötzlich wegziehen mussten. Mehr wisse er nicht.
Wir haben es alle dabei belassen und mussten die ganze Aufstellung ändern und uns voll auf die U16 WM konzentrieren.‘
Hikaru ist sehr erstaunt. Ihm fällt auf, dass die Aussage von Herrn Mikami stimmen muss, wenn Genzo so vertraut mit ihr umgeht. Er kennt Tina hauptsächlich über die Medienerstattung. Der Stratege schaut zu Kojiro, ihm ist aufgefallen, dass Genzo zwar zu ihm gesehen hat, aber im Hauptmerk Kojiro ansieht.
‚Wieso hast du dich eben anders hingestellt? Eben als sie sich vor allen verbeugt hat? Warum war es dir in genau diesem Moment so wichtig einen Gesamtblick auf diese Frau zu haben? Zuerst hast du normal geschaut und dann ein erleichtertes Gesicht gemacht. Seltsam. Und nun ist Genzos Blick auf dich gerichtet? Er blickt dich sonst nur direkt an, wenn er dir etwas mitteilen will, uns motiviert oder weil ihr mal wieder irgendein Problem miteinander habt. Das hat zwar die Jahre nachgelassen, aber trotzdem bemerkt man eure Spannung immer wieder.
Wobei ich sagen muss, seit heute kann ich diese Spannung zwischen euch gar nicht spüren. Auch als wir vorhin alle zusammen die Übungen gemacht haben hast du dich sogar mit ihm und Ken unterhalten. Wie kommt das? Ken ist auch nicht gerade so gut auf Genzo zu sprechen. Und dann steht ihr zusammen im Tor und besprecht irgendetwas?‘
Im Moment betrachtet er ihn von der Seite und wundert sich kein ernstes Gesicht zu deuten, es ist eher neugierig, während sein Blick auf Genzo und Tina gerichtet ist und er die Arme verschränkt. Normalerweise hat Kojiro immer einen ernsten und strengen Blick drauf, wenn Besprechungen sind. Hikaru ist neugierig und stellt sich zu seinem Freund.
„Was meinst du denn selbst dazu, dass diese Frau mit deinem Tiger-Titel durch die Gegend läuft und sich damit ne bunte Nase verdient? Ich finde es nicht in Ordnung. Du bist der Tiger der Nation und sollst es auch bleiben.“, spricht er ihn nachdenklich an.
‚Hikaru, regt dich das echt so sehr auf? Du bist doch sonst nicht so empfindlich. Das hat mich doch damals auch nicht gestört. Meine Managerin hat mich damals informiert, dass es jemanden gibt, die auch Tiger genannt wird und wollte rechtlich dagegen vor gehen. Ich habe ihr dann gesagt, dass es mich nicht stört, solange es keine Artikel oder Produkte mit diesem Namen gibt, da wir uns haben den Namen rechtlich schützen lassen. Und dem ist ja auch so. Es kam nie etwas wo der Name Gelbe Tigerin oder ähnliches darauf steht. Das hätte sie mir sofort mitgeteilt und dann war alles geregelt.
Warum auch immer, es passierte nichts. Bettina will auch gar nicht so genannt werden. Vermutlich deswegen gab es nie Artikel mit diesem Namen.‘
Kojiro sieht ihn ernst an.
„Darüber machst du dir Gedanken?
Du hast doch eben selbst gehört, dass die Medien ihr den Namen verpasst haben. Du weißt doch selbst wie schnell sich sowas verbreitet und nie wieder aus den Köpfen raus ist. Vor allem nicht, wenn es den Leuten gefällt oder besonders missfällt.“
Hikaru ist erstaunt. „Dein Ernst? Das stört dich nicht?“
Kojiro schüttelt den Kopf. „Nein, immerhin hat sie für Japan den Asientitel mit ihrem Team geholt. Das ist doch bemerkenswert. Ist der Name der Tigerin nicht dadurch entstanden?“
„Hm, stimmt. Ihre Bälle sollen so kräftig und gefürchtet sein, dass man sie mit deinem verglichen hat. Und dazu kommt ihr Charakter. Sie ist genauso ein Sturkopf wie du und lässt sich nichts gefallen. Auf dem Feld kämpft sie wie eine Besessene und deswegen wohl der Name und der Vergleich mit dir. Ich kann mir das gar nicht vorstellen, aber ich habe auch gar keine Ahnung von Volleyball.“
„Als wir neulich bei dem Treffen bei Shinichi waren, stellte sich heraus, dass sie die Keeperin war, von dem Mikami gesprochen hatte. Er war selbst erstaunt sie dort anzutreffen.
Glaube mir, der Titel ist verdient. Sie hat uns ihre Bälle vorgeführt. Auf einer Distanz von gut 40 Metern landete ihr neuer Ball im Tor und zerstörte das Netz. So einen Schlag in den Armen zu haben, da kommt manch einer nicht mit den Schüssen ran.“ Hikaru ist erstaunt.
„Ist sie so stark? Aus der Entfernung?“
„Mach dir nicht so viele Gedanken. Konzentriere dich lieber auf unser Spiel.“
„Ihr Programm? Welches Fitnessprogramm?“, ertönt Taro Misaki laut, weil er nicht versteht worum es geht. Er ist neben Genzo und Kojiro einer der engsten Freunde und Spielpartner Tsubasas. Beide zusammen bilden das sogenannte „Goldene Duo“. Er ist die letzten Jahre wieder in der französischen Liga, aktuell verlobt und kennt Tina ebenso nur aus den Medien, wenn es ums Volleyballspielen geht, da seine Verlobte ebenso Volleyballerin ist.
„Was ist mit denen, die schon im Programm drin sind?“, kommt eine Stimme von hinten aus der Ecke. Masao Tachibana ist bereits seit drei Monaten mit seinem Bruder im Programm.
Jun tritt nun hervor und stellt sich neben Tina.
„Hallo, Tina. Ich greife dir mal kurz etwas unter die Arme.“, lächelt er sie stolz an. ‚Ich kann dich nur bewundern, dass du es schaffst hier zu sein. Was auch immer ihr beide füreinander empfindet, es muss etwas Besonderes sein, dass deine Angst plötzlich weg ist.‘
Sie lächelt ihn an. „Lieben Dank, Jun. Das ist perfekt.“
„Leute, hört zu! Ich selbst habe mit Tina zusammen an dem Programm gearbeitet und es ist wirklich sehr gut.
Wer von euch ist denn alles bereits dabei?“
Es melden sich insgesamt sechs Männer. Tsubasa, die Tachibana-Brüder, Jito, Genzo und Jun selbst.
Tina grinst und spricht die Zwillinge nun gezielt an. Ihr sind ihre Gesichter gleich aufgefallen, aber sie hat die beiden auch noch nicht so oft gesehen. Tina kann sich jedoch gut Namen merken.
„So so, Masao und Kazuo, ihr seid aber seltsame Zirkusartisten. Eine richtige Berufsbezeichnet ist jedoch sehr wichtig für die Auswertung der Daten. Eure Pläne müssen angepasst werden.“
Dann schaut sie zu Jito. Ihn hat sie bisher nie gesehen.
„Trainer? Wer ist der große Spieler?“, erkundigt sie sich bei Herrn Mikami.
„Ein Verteidiger, Jito. Hiroshi Jito.“
„Okay danke, der Name sagt mir was. Das kann hinkommen.“
‚Ich bin der Meinung den Namen auf den Unterlagen gelesen zu haben und dass er auch als Fußballer in den Unterlagen steht.
Wieso haben die Zwillinge einen anderen Beruf angegeben? Dachten sie, nur weil ich angeblich keine Fußballer mag, dass sie nicht daran teilnehmen dürfen? So ein Blödsinn.‘
„Herr Jito, Sie sind glaube auch als Fußballer in meinen Unterlagen?“, spricht sie ihn freundlich an.
Er fasst sich etwas verlegen an den Kopf und nickt.
„Ja, genau. Ihre Rezepte sind wirklich sehr lecker und liegen nicht so schwer im Magen.“, berichtet er etwas unsicher.
Tina lächelt. „Das ist hervorragend und freut mich sehr.“
Jun ergreift wieder das Wort.
„Alle weiteren Fragen bitte nach dem Spiel. Ich werde euch dann mit Tina zusammen das Programm genauer vorstellen und den Ablauf erklären.
Konzentriert euch bitte jetzt alle nur auf das Spiel.“
Fast alle Spieler sind allerdings etwas überrascht, dass sich sogar Tsubasa gemeldet hat. Was hat er denn mit dem Programm zu tun, wenn er in Spanien ist. Ob er wegen Genzo dabei ist? Das wäre doch aber seltsam, denn jeder weiß doch, dass er bereits mit einem Sportmediziner zusammenarbeitet.
Taro stupst ihn an. „Sag mal, was hast du denn damit zu tun? Du hast doch jemanden?“
Tsubasa sieht ihn fröhlich an. „Das erkläre ich dir nach dem Spiel in Ruhe. Ist etwas kompliziert.“
Plötzlich ertönt Herr Mikamis kräftige Stimme.
„Männer, es geht gleich los. Ken, Shinichi ihr geht zu eurem Team und gebt euer Bestes.“
Beide machen sich auf dem Weg zum Tokio-Team.“
Die Gravur
Kapitel 49
Die Gravur
„Ich übergebe nun das Wort an Trainer Kira.“, spricht Mikami streng.
Der Trainer tritt etwas hervor und macht seine Ansprache.
„So Männer, macht euren Kopf frei für das Spiel!
Für heute wird es zwei Änderungen geben!
In der Verteidigung tauscht Jun mit Matsuyama. Matsuyama will ich heute mal bei mir als Strategen und Berater haben. Jun, du bist heute der Mann auf dem Rasen!
Und die zweite Änderung ist der Sturm. Sawada und Tsubasa tauschen nur die Position. Ihr geht in die alte Aufstellung, Tsubasa ins Mittelfeld und Sawada in die doppelte Sturmspitze mit Kojiro!“
„Was soll das denn jetzt?!“, rutscht es verärgert aus Kojiro raus.
‚Die Aufstellung war doch schon seit Tagen so geplant und gestern konnten wir sie nicht ausprobieren. Es hätte jetzt so gut gepasst, dass Bettina Tsubasa und mich zusammen im Sturm sieht. Tsubasa hatte sich auch schon gefreut.‘
Hikaru sieht ihn verwundert an.
‚Wieso regt er sich darüber so auf? Er ist doch gerne mit Sawada vorne. Gerade wenn sie gegen Ken spielen. Wie zu alten Zeiten.‘ Kojiro schaut etwas gnatzig zu seinem Trainer. Trainer Kira blickt ihn provozierend an.
‚Was machst du jetzt Kojiro? Reagierst du wie immer oder hältst du dich zurück, weil SIE da ist? Wenn du dich zurückhältst fällt es den anderen auf, dass irgendetwas nicht stimmt. Willst du das riskieren?‘ Kojiros Puls steigt etwas an und es gefällt ihm gar nicht, dass ausgerechnet sein Trainer ihn zu reizen versucht, um ihn in die Enge treiben zu wollen. An dieser Handlung kann er erkennen, dass ihm das gar nicht gefällt was heute noch passieren wird. Natürlich kann er sich vorstellen, dass er sich etwas übergangen fühlt, weil er ihn nicht eingeweiht hat, aber es war ja auch gar keine Zeit sich vorzustellen. Und es war bis vor Kurzen nicht klar, ob Bettinas Gefühle wirklich so groß sind, dass sie ihm sogar nach Europa folgen würde. Genau das mussten die beiden doch selbst erst einmal herausfinden.
Tina vernimmt natürlich Kojiros Reaktion als er plötzlich seine verschränkten Arme löst und mit ernstem Blick zum Trainer schaut.
‚Was ist los? Warum ist das so schlimm? Hast du extra gewollt, dass du mit Tsubasa vorne bist?‘ Sie schaut um Herrn Mikami herum und blickt zu Trainer Kira, in dessen Gesicht sie seine Provokation deuten kann.
Kojiro entscheidet sich auf die Provokation etwas einzugehen, damit er vor seinem Team nicht auffällt. Jeder weiß, dass er es gar nicht leiden kann, wenn wieder was plötzlich geändert wird. Also macht er sich mit erhobenem Blick auf den Weg zu Trainer Kira, statt wie üblich über das ganze Team hinwegzurufen was ihm nicht passt. Auf dem Weg zu ihm muss er an Tina vorbei.
‚Das ist die Gelegenheit. Ich muss ihn irgendwie beruhigen, sonst gefährdet er unseren Plan. Ich kann mir vorstellen, dass es Absicht des Trainers ist. Herr Mikami hat ihm sicherlich noch mitgeteilt um wen es sich im Team handelt. Du scheinst ihm wichtig zu sein, wenn er meint dich provozieren zu müssen. Er weiß auch genau wie er das anstellen kann.‘
Er kommt zum Feldrand, geht an Fane vorbei und dann ist er auf ihrer Höhe, nur zwei Meter entfernt und blickt höflich zu ihr. Immerhin sind sie sich offiziell bereits begegnet und müssen sich persönlich begrüßen.
Er sieht ihr kurz in die Augen und versucht einfach cool zu wirken.
„Guten Tag, danke, dass Sie hier sind.“, begrüßt er sie höflich wie er es sonst auch tun würde, wenn Damenbesuch da wäre.
Tina lächelt ihn an.
„Hallo, sehr gerne.“, sagt sie kurz und dann zwingt sie ihn zum Stehenbleiben. „Vielen Dank nochmal für die Autogramme gestern. Die Kinder haben sich sehr über die Bälle gefreut.“ Er bleibt natürlich höflich stehen.
„Das freut mich.“ Er steht in dem Moment direkt vor ihr und die anderen können ihr Gesicht nicht sehen.
„Bleib ruhig, lass ihn. Denk an unseren Plan. Der ist heute wichtiger.“, flüstert sie ganz leise auf Italienisch, damit es auch ja niemand hören kann, oder wenn doch, verstehen kann. Er lächelt kurz.
„Danke.“, antwortet er ebenso flüsternd auf Italienisch.
‚Du hast Recht, Bettina, bloß nicht ablenken lassen. Aber wenn ich nicht reagiere, dann fällt es mehr auf. Das kannst du ja nicht wissen.‘
Mit diesen Gedanken führt er sein Vorhaben fort. Er bleibt vor Trainer Kira stehen und spricht ihn ernst aber ruhig an.
„Wieso haben Sie die Aufstellung geändert? Wir wollten doch mal was neues ausprobieren.“
‚Was hat Trainer Kira dazu gebracht was zu ändern und mich so zu provozieren?‘
Der Trainer grinst.
‚Gut Kojiro, du hältst dich zurück. Was hat sie dir eben gesagt, dass du so ruhig bist? Ihr habt was geflüstert.‘
„Unser Besuch interessiert sich für die Jugendförderung und hat vermutlich Interesse an meinem Trainingslager. Daher dachte ich, ich lass euch drei, meine besten Schüler, zeigen was ihr gelernt habt.“
‚Hm, klingt sinnvoll. Aber das sagt er sicher nur so. Ich kenne ihn.‘
„Okay, und die Änderung in der Verteidigung?“, hakt er nach.
„Matsuyama hatte gestern seinen Auftritt und ich habe ihn gerne mal an der Seite, heute kann Misugi mal wieder ran.“
„Tsubasa und ich hatten uns trotzdem mal auf eine Veränderung gefreut.“, meint er nur mürrisch und reiht sich dann wieder ein.
‚Ken kennt doch unser Spiel viel zu gut. Die andere Variante war zwar gegen die Franzosen gedacht, aber trotzdem wäre sie auch für Ken eine gute Übung gewesen.‘ Tsubasa geht zu ihm.
„Mach dir keinen Kopf. Denk jetzt nur ans Spiel.“, sagt er beruhigend und lächelt.
„So Männer! Dann habt ihr jetzt noch 20 Minuten und dann ist kurz darauf schon Anpfiff.“
Fast alle Spieler verlassen den Rasen und verschwinden im Gebäude. Fane und Tina besuchen ebenso nochmal die Sanitärräume. Danach schickt Tina Fane schon vor, denn sie wolle sich nochmal etwas alleine ansehen und deutet auf den Turnhallenbereich in dem sie damals Volleyball spielen gelernt hat.
Dann schaut sie sich kurz um, ob sie alleine auf dem Gang ist und geht in die Turnhalle.
Das leise Einklinken der Tür weckt Aufmerksamkeit.
‚Habe ich es doch gewusst. Kojiro konnte sich noch nie verstellen. Das liegt überhaupt nicht in seiner Natur etwas zu verheimlichen. Mir kam das gleich seltsam vor, als er mich so angesehen hat, als ich die Bemerkung äußerte diese Frau nicht zu mögen.‘, geht durch den Kopf des Strategen. Hikaru geht um die Ecke und nutzt den anderen Nebeneingang zum Hallenbereich und begibt sich unauffällig hinein, sodass er alles mitbekommen kann, als er Kojiro beobachtet wie er neben dem Geräteraum steht und auf sie wartet.
Tina geht schnell auf ihn zu und lächelt ihn glücklich an. Sie bleibt direkt vor ihm stehen und schaut zu ihm auf.
„Bettina, du siehst wirklich umwerfend aus. Wie schön du bist.“, äußert er seine ersten Gedanken, die er schon die ganze Zeit loswerden will und berührt mit seiner großen Hand liebevoll ihre Wange und das Ohr.
„Das sagt der Richtige. Dein Trikot steht dir perfekt. “, sagt sie verliebt und stolz. Dann berührt sie seinen Oberkörper und fasst auf das Wappen. Beide Herzen schlagen schneller und er kann sich nicht zurückhalten. Kojiro beugt sich zu ihr runter und küsst sie leidenschaftlich. Ein kribbelndes Gefühl zieht sich über Tinas Körper und sie fühlt sich plötzlich unendlich glücklich, endlich wieder in seinen Armen sein zu können.
‚So ist das. Diese Frau hat ihn um den Finger gewickelt. Er vertraut ihr vermutlich, weil sie Herrn Mikami kennt und mit Genzo und Jun befreundet ist.‘ Hikaru dreht sich weg, damit er den Kuss nicht weiter ertragen muss.
‚Aber irgendwie kann das nicht alles sein? Genzo würde das doch niemals zulassen, wenn sie ihm wichtig sein sollte. Und Jun? Er ist Profi, wenn es um sein Medizinstudium geht und er würde uns niemals reinlegen. Irgendwas stimmt hier ganz gewaltig nicht.‘
„Was fühlst du jetzt? Kannst du dir das Spiel ansehen? Traust du es dir schon zu?“, fragt Kojiro behutsam.
Hikaru wundert sich als er die Worte hört. ‚Was sollen die komischen Fragen?‘ Er dreht sich wieder zu den beiden.
„Ich habe schon zu Trainer Mikami gesagt, eine Mischung aus Anspannung, Freude und Wehmut.
Kojiro, ich kann das gar nicht beschreiben wie glücklich ich bin dich und deine tolle Mannschaft zu sehen. Man sieht euch richtig an, dass ihr alle noch richtige Freunde seid und Spaß am Sport habt. Das erinnert mich an die schöne Zeit von früher, als ich noch mit Genzo und meinem Bruder zusammenspielen konnte. Weißt du was ich mir vorstelle und sehe, wenn ich an das Spiel denke?“ Er hält sie fest in den Armen während sie ihm ihre Gedanken offenbart. Er schüttelt den Kopf.
„Ich stelle mir vor wie er hier wäre und entweder begeistert zusieht oder mit euch zusammenspielen würde. Er würde euch sehr mögen, da bin ich mir sicher. Er hätte dich auch sehr gemocht. Stephan ist hier, wenn ich euch sehe, aber nicht diese schlimmen Bilder wie vorher.“ Ihr kommen ein paar Tränen und sie vergräbt sich in sein Trikot an der Schulter.
„Kojiro, erst seitdem wir uns haben sehe ich nur noch die schönen Erinnerungen, kein Überfall, keine Schlägertypen in Fußballtrikots, kein Blut.
Sogar ein Krankenhaus kann ich plötzlich wieder betreten. Auch Genzo kann das wieder. Wir haben Hinata besucht als wäre es selbstverständlich. Das ist es aber nicht. Wir hatten beide immer das Bild wie er eingeliefert wurde und die Nachricht vom Arzt kam. Aber jetzt…jetzt geht das.“
Kojiro streicht durch ihr blondes halblanges Haar.
„Das ist schön, wenn ihr beide damit abschließen könnt. Ich werde an deinen Bruder denken, während ich spiele.
Und nach dem Spiel werde ich es dem Team sagen, so wie geplant.“
Tina schaut zu ihm auf.
„Glaubst du sie werden es verstehen? Ich bin aufgeregt und habe trotzdem Bedenken, dass jemand gegen dich schießen könnte. Ich will nicht, dass es meinetwegen Probleme im Team gibt. Ihr versteht euch alle so gut, das wäre doch doof.“
„Mach dir keine Gedanken. Letztendlich müssen sie es nur wissen, damit es die Presse nicht ausschlachten kann.“ Sie nickt und blickt ihn sehnsüchtig in die Augen.
„Bettina, ist dir eigentlich schon die Gravur aufgefallen? Hast du sie schon entdeckt?“, sieht er bestimmend in ihre Augen. Tina ist erstaunt und wundert sich. „Ich, äh…nein. Als du weg warst bin ich gleich losgerannt zum Frisör und musste noch so viel erledigen bis ich hierherkommen konnte. Du hast tatsächlich etwas gravieren lassen?“, pocht ihr Herz schneller. Dann hebt sie den linken Arm und greift verlegen und langsam an ihr Armband. Dann entdeckt sie die Gravur.
„Liebe übersteht alles! K. Hyuga“
Verliebt sieht sie ihn an und kann es kaum glauben.
„Sogar in Deutsch. Kojiro, das ist ja ein richtiger Mutmacher.“ Er lächelt verlegen. „Ich hoffe ich habe die richtigen Worte genommen. Übersetzt du es für mich nochmal zurück, damit ich weiß, dass es wirklich denselben Sinn hat wie ich es wollte?“
Sie tut ihm den Gefallen und er ist froh, dass es genau die gewünschten Worte geworden sind.
„Kojiro, ich lass dich nicht mehr los, du bist mein Glücksbringer.“, sagt sie plötzlich.
„Ich? Ausgerechnet ich der Brummbär.“
„Ja, du bist MEIN Glücksbrummbär.
Du nimmst mir die Angst vor Fußballern und ich kann endlich ohne Alpträume schlafen.
Und sogar Genzo hast du dazu gebracht endlich mit der Trauer abzuschließen. Kojiro, wenn wir uns nicht kennengelernt hätten wäre auch er immer noch verbittert und würde sich mit Schuldgefühlen quälen. Nur deinetwegen hat er sich endlich ausgesprochen und kann diesen Vorfall verarbeiten. Ich dachte immer, er hat das überwunden und konnte mir deswegen immer Mut machen, aber im Gegenteil. Ihm ging es genauso wie mir.
Kojiro, ich liebe dich so unbeschreiblich.“
Kojiro fasst nun auch ihren Rücken und drückt sie fest an sich.
„Bettina, ich bin froh, wenn der Tag heute vorbei ist. Dieses Versteckspiel hat dann endlich ein Ende.“ Daraufhin küsst er sie. Sie genießt diesen sinnlichen Kuss einfach nur und lässt sich von seinen starken Armen festhalten.
‚Bettina, ich liebe dich so sehr und freue mich, dass wir bald mehr Luft um uns herum haben werden. Nur noch heute und dann fehlt nur noch eine Person, der du es sagen musst. Ich weiß, dass es dir schwerfallen wird, aber erst dann können wir damit abschließen und gemeinsam frei sein. Ich sehne mich so sehr nach diesem Moment. Ich werde dich ganz doll festhalten, damit du bei mir bleibst.
Karl-Heinz Schneider, wie standfest bist du wirklich, wenn du die Wahrheit erfährst? Wie wirst du reagieren auf Stephans Tod und was wirst du zu UNS sagen? Wenn sie dir wirklich wichtig wäre, hättest du sie doch die ganze Zeit suchen können und du hättest sie auch gefunden, da bin ich sicher.
Aber nun…nun musst du erst an mir vorbei.‘
‚Liebster Kojiro, du bist der Einzige, dem ich mich so hingeben kann. Deine Wärme und deine starken Arme geben mir unendlich viel Kraft und Halt. Du bringst mich immer so durcheinander, dass ich nie weiß wann ich aufhören soll deine Nähe zu genießen. Ich kann dir doch überhaupt nicht ausweichen, das weißt du doch.‘ Im Moment gefangen verlässt sie die Kraft im linken Arm und ihr fallen Beutel und Hut aus der Hand. Der Strohhut fliegt sanft aufs Parkett.
Der heimliche Zuhörer entfernt sich verlegen vom Schauplatz und sucht den Ausgang auf.
‚Das ist alles deutlich komplizierter als ich vermutet habe. Die beiden scheinen es wirklich ernst zu meinen. Und was ist da jetzt mit ihrem Bruder gewesen? Es gab einen Überfall? Nun gut, Kojiro. Es klingt nicht danach, dass sie es auf dich abgesehen hätte. Das denke ich nicht mehr, aber komisch ist das trotzdem alles. Was vor allem meinte sie eben, sie habe mit ihrem Bruder und Genzo zusammengespielt? Sicher neben der Trainingszeit, alles andere ergibt doch keinen Sinn.‘
Wenige Minuten später beginnt das Spiel und alle stehen auf dem Rasen. Die Kapitäne sich gegenüber und neben ihnen der Schiri.
Trainer Mikami positioniert Tina zwischen sich und Hikaru, welcher neben Trainer Kira steht.
„Bettina, ich gehe davon aus, dass du unseren Strategen mal bei der Arbeit zusehen willst. Dir hat das damals doch auch so gelegen.“, spricht er freundlich.
‚Was meint er denn damit, ihr habe das früher auch so gelegen?‘, wundert sich natürlich der junge Mann neben ihr. Sie lächelt.
‚Wieso ist er so nett zu mir? Früher war er immer nur streng und ernst und laut. Aber nett und freundlich? Sehr selten.‘
„Das ist nett, danke. Aber bitte sagen Sie nur Tina, ich mag es nicht, wenn man mich Bettina nennt.“
„Wieso? Ist doch ein hübscher Name. Bettina klingt doch viel hübscher als Tina. So kann ja jeder heißen.“ Verwundert sieht sie ihn an.
‚Meint er das jetzt im Ernst? Das klingt hübscher?‘
„Bettina haben nur meine Eltern zu mir gesagt, deswegen klingt es für mich seltsam, wenn es andere tun.“, erklärt sie.
Mikami blickt ernst und fragt auf Deutsch: „Wie nennt ER dich denn?“
Tina überlegt nicht lange und dann fällt es ihr auf. Als sie sich kennenlernten nannte Kojiro sie auch immer nur Tina, aber dann nach ein paar Tagen kam nur noch ein Bettina von ihm. Einfach so und ihr ist das nicht mal aufgefallen. Oder es ist ihr vielleicht aufgefallen, aber es stört sie nicht. Wieso? Wenn Kojiro es sagt klingt es so angenehm. Er hat eine Art sie anzusprechen als klinge es in ihren Ohren immer wie ein, „Ich liebe dich“.
„Bettina, anfangs nicht, aber dann tatsächlich nur noch Bettina.“, erklärt sie selbst verwundert. Mikami grinst.
„Siehst du, ein Mann mit Geschmack. Er empfindet das sicher genauso, wenn er dich wirklich liebt.“
Trainer Kira schaut skeptisch zu den beiden rüber.
‚Wieso reden die beiden auf Deutsch, keiner versteht was. Warum sind die so vertraut miteinander? Da steckt doch was dahinter? Das kann doch nicht nur daran liegen, dass sie früher tatsächlich im HSV-Team gespielt hat?
Ich kann mir das immer noch nicht vorstellen wie ein Mädchen das harte Training durchhalten konnte.‘
Tinas Herz rast wie wild. Endlich darf sie sich das erste Profispiel ansehen nachdem sie Deutschland verlassen hat. Ihr letztes Spiel war das ihres Profivereins und dann ist auf dem Rückweg der Überfall gewesen. Seitdem konnte sie sich nicht ein einziges Spiel mehr ansehen, nicht mal im Fernsehen. Sie hatte es versucht, aber immer kamen die Bilder hoch. Dann hat sie es komplett unterlassen. Und nun ist es soweit. Ein Spiel mit höchstem Niveau, das Spiel eines Nationalteams und ihr Kojiro und ihre Freunde sind alle dabei.
„Ich bin richtig aufgeregt. Das letzte Profi-Spiel was ich gesehen habe war das vor dem Überfall.“, sagt sie leise zu Mikami.
„Das ist lange her.“, meint er nur und dann sehen alle nur noch zum Schiri wie er die Münze wirft.
‚Oh, das ist es also was sie so vertraut macht. Der Trainer weiß von dem was wohl mit dem Bruder war. Aber was genau war denn da? Ein schlimmes Erlebnis mit Genzo und ihrem Bruder?‘, fällt Hikaru auf.
Anstoß und Seitenwahl hat Kens Team. Gespielt werden heute normal zweimal fünfundvierzig Minuten. In der Regel werden die Zeiten im Training etwas verkürzt so wie die letzten Tage mit den Franzosen, aber heute geht es auch um die Kondition des Tokio-Teams, denn einige aus dem Team stehen noch immer auf der Liste eventuell ins Nationalteam aufgenommen zu werden. Wenn sie bei der Hitze nicht durchstehen, dann reicht ihre Fitness nicht für das Nationalteam aus. Die Weltmeisterschaft findet nächstes Jahr in Deutschland statt und man weiß nie wie das Wetter im Juni-Juli sein kann.
Das Spiel beginnt als die Pfeife ertönt. Mit Sonnenbrille und Hut steht Tina zwischen Mikami und Hikaru und genießt die Aussicht auf das Spielfeld. Ihr Herz schlägt ganz schnell und sie bekommt plötzlich etwas Gänsehaut, als die Bewegung auf dem Feld beginnt. Durch die große Sonnenbrille kann niemand wirklich erkennen wo sie genau auf dem Feld hinsieht und wem sie wirklich die meiste Aufmerksamkeit schenkt. Ihr Kopf bewegt sich nur bedingt, mit dem Blick zum Ball.
‚Kojiro, konzentriere dich nur auf dein Spiel und schieße ganz viele Tore für mich. Ich möchte zu gerne deine starken Schüsse sehen, nachdem meine Bälle benannt wurden.‘
Es vergehen nicht mal drei Minuten und schon ergibt sie die erste Torchance für das National-Team in Blau. Takeshi Sawada und Kojiro stürmen in Kens Richtung, umgehen geschickt mit einem Wechselspiel die Abwehr und schon wittert Kojiro seine Chance und schießt. Ken wirft sich dem Ball entgegen und kann ihn nur mit Mühe und Not direkt vor seinem Körper halten, doch dann verliert er seinen Stand und wird samt Ball ins Tor geschoben.
„Tor! Tor!“, brüllt das Publikum und die weiblichen Fans sind alle total aus dem Häuschen und jubeln ihrem Torschützen zu. Das Team jubelt begeistert und laufen jedoch schnell wieder auf ihre Posten, denn Ken ist nicht der Typ, der lange abwartet. Er schießt das Leder sofort wieder ins Spiel, damit angepfiffen werden kann. Er brüllt seine Mannschaft an, dass sie besser aufpassen sollen.
‚Was ist denn los mit denen? Das ist ja peinlich. Wieso wurden die beiden nicht richtig gedeckt?‘, wundert er sich nur.
Am Spielfeldrand verschränkt Tina die Arme. „Der Arme.“, rutscht ihr raus. Hikaru wundert sich und sieht zu ihr.
‚Was meint sie denn damit? Wir haben doch ein Tor geschossen. Freut sie sich nicht darüber? Es war zwar sehr schnell, aber trotzdem kann man sich ja freuen.‘
„Frau Fuchs, was meinen Sie damit? Unser Team hat doch ein Tor gemacht.“, spricht er sie an.
Mikami sieht zu ihr und grinst.
‚Sie hat es erkannt. Trotz der langen Auszeit hat sie das Problem erkannt. Hm, ich habe sie genau richtig positioniert. In unserem Team war sie neben Karl die Strategin. Vermutlich kann sie deswegen auch ihre Volleyballspiele gut aufbauen.‘
Tina runzelt die Stirn und antwortet dem jungen Mann links neben ihr.
„Also wenn ich einen Punkt mache, weil die Gegner sich nicht bemühen, dann wäre es doch langweilig und man kann nicht zeigen was man kann.
Und Ken tut mir auch leid, ich denke mal er tut was geht.“
‚Oha, das erkennt sie nach nur drei Minuten schon? Sie hat Recht, irgendwas stimmt nicht mit Kens Team.‘
„Das erkennen Sie nach so kurzer Zeit obwohl Sie so lange kein Spiel mehr gesehen haben?“
Es wird wieder angepfiffen und die Hauptstädter greifen an. Shinichi und seine Partner stürmen los und er überwindet die ersten Gegner und wird dann aber von Jun aufgehalten und so muss er fix abgeben. Gut gesehen, aber leider kommt ihm Ryo zuvor, passt den Ball ab und schießt ihn schnurstracks nach vorne zu Tsubasa. Dieser läuft los und versucht ein Distanzschuss. Zwei Verteidiger kommen ihm in die Quere, einer versucht ihn abzufälschen, verpasst den Ball und der andere springt kurz vor dem Tor hoch und fälscht den Ball mit dem Kopf ab. Gerade so noch gerettet, doch leider fliegt der Ball nun Richtung Taro und Kojiro, welche natürlich die Gelegenheit nutzen. Kojiro springt hoch und fängt in ab, sprintet vor und in letzter Sekunde gibt er an Taro ab, um Ken auszutricksen. Taro zeigt seinen berühmten Bananenschuss und umgeht damit den letzten Verteidiger und findet seinen Ball jedoch in Kens Armen wieder. Dieser grinst und wirfst den Ball sofort wieder ganz weit nach vorne zu Shinichi, denn scheinbar ist er der Einzige auf dem Platz, der noch mit ihm ernsthaft spielt.
Trainer Mikami sieht zu Tina und Hikaru. Er hat ihr Gespräch natürlich bemerkt und sieht es genauso wie sie. Dann tritt er etwas vor und schaut zum Trainer der anderen Mannschaft rüber. Dieser steht etwas entsetzt am Rand und brüllt nur, die Männer sollen sich besser konzentrieren.
„Hier stimmt ganz gewaltig was nicht. Was ist denn mit dem Team los?“, äußert er grummelig.
Tina sieht zu ihm rüber. „Sie wirken nervös oder abgelenkt.“, meint sie und findet es etwas beunruhigend.
Herr Mikami ruft einen Schiedsrichter heran um eine Pause bzw. eine Spielunterbrechung zu erbeten. Dieser willigt ein, denn auch er ist über das Verhalten verwundert.
Dann geht Trainer Mikami zum gegnerischen Trainer und unterhält sich mit ihm.
„Was ist mit deinen Männern los? Ist etwas passiert?“
Hikaru wundert sich, dass Herr Mikami direkt zum Trainer geht, anstatt die Lage auf dem Feld abzuwarten, dass sie sich glättet. Normalerweise würde er nicht zum Gegner gehen. Natürlich ist es heute anders, denn die Mannschaften wollen sich ja eigentlich gegenseitig helfen. Die Spieler auf dem Platz sind selbst etwas irritiert. Kojiro nutzt die Gelegenheit, läuft direkt zu Ken und fragt ihn was los ist.
„Nanu? Das hat er noch nie gemacht. Und dann gleich zu Beginn?“, spricht Hikaru laut aus. Trainer Kira stimmt ihm zu.
„Ja, seltsam. Viel zu früh. Ich hätte die Männer erstmal auflaufen lassen, sonst regelt es sich nicht. In so einem Fall hilft nur Tore kassieren. Ken muss zusehen, dass er seine Leute zurechtbiegt. Das muss er als Keeper auch können.“
Tina atmet tief durch.
„Ich weiß wieso Trainer Mikami das macht.“, klingt sie mitfühlend, nimmt die Sonnenbrille ab und stellt sich vor sie, um den beiden in die Augen zu sehen.
„Echt? Woher?“, wundert sich Hikaru. Tina nimmt den Hut ab und berichtet.
„Wir hatten so eine ähnliche Situation mal im Team.
Karls kleine Schwester wurde kurz vor dem Spiel von einem Auto angefahren und lag im Krankenhaus. Sie wurde zum Zeitpunkt des Spiels Notoperiert. Wir konnten uns alle nicht richtig konzentrieren und Karl und Genzo standen quasi fast alleine auf dem Platz. Für die beiden war es eine Ablenkung, aber wir waren zu sehr im Gedanken bei Marie.
Deswegen ist er jetzt rübergegangen. Er hat sich sicher daran erinnert und will lieber gleich klären was los ist.“
Beide sehen sie entsetzt an. Trainer Kira ist erstaunt, dass es so einen Vorfall gab und er nie etwas davon gehört hat. Hikaru wundert sich ebenso darüber, aber was ihn noch mehr beschäftigt ist ihre Aussagen, dass sie von WIR und UNS spricht. „Was heißt hier WIR?“ Tina sieht ihn verwundert an.
‚Stimmt, er weiß das ja nicht. Jetzt habe ich mich tatsächlich verplappert.‘
„Das spielt jetzt keine Rolle. Erkläre ich dann später.“, reagiert sie etwas gereizt.
Trainer Kira ist neugierig.
„Hat sie es überlebt?“
„Ja, es ging alles gut aus.“, lächelt Tina wieder.
„Und wie habt ihr das Problem gelöst? Also das Spiel?“, fragt er dann noch.
„Das Spiel wurde unterbrochen wie jetzt, der Schiri hat es dann komplett abgebrochen und ein Wiederholungsspiel angeordnet. Dann sind wir alle ins Krankenhaus gefahren und haben dort zusammen abgewartet.“
Hikaru erinnert sich an das Juniorenturnier. Plötzlich fiel Jun zu Boden und sein krankes Herz meldete sich. Das Spiel war ebenso gelaufen. Jeder machte sich nur noch Sorgen um ihn.
„Sowas ähnliches hatten wir mit Jun, während eines Nationalturniers. Das war noch bevor du hergezogen bist. Ich weiß nicht, ob er es mal erwähnt hat.“
Tina nickt. „Das hat er. Während wir die Ausarbeitungen für die Programme machten erwähnte er es mal, denn genau deswegen sind sie ihm so wichtig. Hätte er damals als Kind schon so gut unter Kontrolle gestanden, dann wäre er besser damit umgegangen.“
Kurz darauf kommt Trainer Mikami wieder und schaut angesäuert.
Inzwischen ist das Team zu ihnen geeilt und sie wollen nun wissen was Sache ist. Vornean natürlich Kojiro, Tsubasa, Jun und Genzo.
„Wir spielen weiter!“, macht er eine Ansage.
Alle sehen ihn nur verwundert an.
„Wie jetzt? Was ist denn los?“, hinterfragt Kira streng.
Grummelig reagiert Mikami: „Kinderkram. Ich dachte schon es ist was passiert.“
„Nun sagen Sie es schon! Müssen wir es Ihnen erst aus der Nase ziehen?!“, brummt Tina ihn plötzlich an.
‚Bettina Fuchs. Du hast dich kein Stück verändert. Deine Selbstsicherheit mit dem Temperament war früher schon eine Herausforderung.‘
Trainer Kira und Hikaru sehen verblüfft zu ihr.
‚Die traut sich ja was. Wie redet sie denn mit dem Trainer?‘ Kira ist ebenso erstaunt.
‚Oha, na das kann ja heiter werden mit diesem Temperament. Das vorhin im Büro war ja nur der Anfang davon. Mein lieber Kojiro, bist du sicher, dass du damit fertig wirst?‘
‚Bettina, du hast ja echt Feuer. So habe ich dich bisher nie gesehen. Du bist immer so ruhig und dann platzt das Temperament aus dir heraus. Das gefällt mir. So wirst du dich in Italien behaupten können. Dort braucht man viel Feuer.‘, geht in Kojiros Kopf vor.
„Sie sind beleidigt.“, meint Mikami verärgert.
Alle sind verblüfft und verstehen das nicht ganz.
„Wieso das denn?“, äußert Hikaru. Herr Mikami schaut zu Tina und erklärt es unverständlich.
„Sie haben vorhin mitbekommen, dass du da bist und sind nun beleidigt, dass du zuerst keinen Kontakt zu Fußballern haben willst und dann plötzlich hier erscheinst, aber nicht für deine Leute aus Tokio, sondern nur für uns.“
‚Sowas ähnliches hat Ken mir auch erzählt. Sowas Albernes, also echt.‘, geht durch Kojiros Kopf.
Genzo beobachtet Tina genau und er kann ihre Wut bereits spüren. In ihr steigt tatsächlich eine Wut auf. Wieso ist es denn so wichtig für sie, dass sie bei ihnen sein soll? So richtig versteht sie es nicht. Aber es ist eine Beleidigung nicht nur ihr, sondern auch dem Nationalteam gegenüber.
„Reg dich jetzt bloß nicht auf, Tina.“, geht er auf sie ein und kommt auf sie zu.
‚Was wirst du jetzt tun, Bettina? Früher warst du die Erste, die zum Gegner oder Schiri gerannt ist um Probleme zu klären, sachlich, aber ernst. Meist hat es auch geholfen. Aber heute? Wirst du dich einmischen oder überlässt du uns die Entscheidung? Ich bin gespannt.‘, denkt ihr ehemaliger Trainer.
Zuerst schaut sie kurz zum gegnerischen Trainer rüber, welcher nur in ihre Richtung schaut. Das Team steht weiterhin auf dem Feld verteilt.
‚Wieso ist meine Anwesenheit so relevant für sie? Ich habe doch mit den Leuten weiter nichts zu tun? Es kann doch egal sein wo ich bin, ich war doch früher auch nicht da.
Aber es ist doch egal wer zuschaut. Wenn die Männer in ein Nationalteam wollen, dann müssen sie doch im Stande sein professionell zu bleiben. Wie soll das denn sonst im Turnier laufen?‘ Ihr Puls steigt an und sie versucht sich zurückzuhalten mit ihrer Meinung. Ihre rechte Hand macht eine Faust und merkt nicht einmal, dass sie damit ihren Hut am Schirm zerdrückt.
Plötzlich ertönt Ryos Stimme: „So ein Kindergarten! Wir spielen weiter und dann wissen sie was sie davon haben!“
Tina schaut erstaunt zu ihm. ‚Wer ist das überhaupt?‘
„Ja genau. Herr Mikami hat Recht, totaler Kinderkram!“, kommt wie im Chor von den Zwillingen. Die anderen stimmen den beiden zu. Tsubasa, welcher neben Kojiro unmittelbar vor ihr steht hält sich mit seiner Meinung zurück.
‚Du hast dich so auf das Spiel gefreut und nun sowas. Ausgerechnet mein altes Team macht dir ein Strich durch die Rechnung. Das hätte ich nicht gedacht.‘, ärgert sich Kojiro ebenso. Es macht ihn auch etwas wütend.
Tina schaut plötzlich auf und blickt zu Trainer Mikami.
„Ich dachte vorhin wirklich, es ist was Schlimmes passiert, wie damals mit Marie.“, sagt sie nur, freut sich zwar, dass es nicht so ist, aber kann daher das Verhalten nicht verstehen. Er nickt. „Ich ebenso.“
Dann sieht sie entschlossen zu Tsubasa.
„Sind denn Ken und Shinichi so oder so im Team, egal wie heute das Spiel verläuft? Geht es nur um die anderen?“
Er ist erstaunt, dass sie ihn anspricht.
„Wieso ist das wichtig?“, entgegnet er nachdenklich.
„Du bist der Kapitän, du entscheidest. Für die beiden würde ich rüber gehen um das Problem zu klären. Sie können nichts dafür. Ich will Shinichi vor allem nicht seine Chance verderben, nur weil ich heute hier bin.“, erklärt sie selbstsicher und sachlich.
Bevor Tsubasa überhaupt darauf antworten kann ergreift Kojiro streng das Wort. „Wie bitte?!“, sagt er verärgert und Tina sieht ihn verblüfft an.
„Bettina, du klärst hier gar nichts!
Wenn die Männer nicht in der Lage sind ihre persönlichen Probleme außerhalb des Spielfelds zu lassen, dann haben sie in unserem Team sowieso nichts zu suchen!“, verschränkt er seine Arme und äußert mit fester überzeugter Stimme seine Meinung.
‚Bettina, ich kann mir nicht vorstellen, dass du das anders siehst. Du musst auf die beiden keine Rücksicht nehmen.‘
Sie sieht in seine feurigen Augen.
‚Kojiro, dieser Blick. Den sehe ich heute zum ersten Mal. Ist das der Grund wieso man dich den „Wilden Tiger“ nennt? Weil du solche Blicke draufhast und mit deiner Meinung nicht hinter den Berg hältst?‘ Sie schmunzelt und ihr wird auf einmal ganz warm während sie ihm in die Augen sieht.
‚Diese Augen, Bettina. Du siehst mich plötzlich so anders an.‘
Tina löst ihre Faust und fasst den Hut mit beiden Händen an, versucht die Knitterstelle zu glätten und setzt ihn dann auf. Dann schaut sie wieder zu Kojiro.
„Ich…ich sehe das genauso.
Es lag aber nicht in meiner Absicht mit meiner Anwesenheit das Spiel durcheinanderzubringen.“, sagt sie überzeugt.
Es ertönt dann plötzlich die laute helle Stimme von Ryo.
„Sie können doch nichts dafür! Die sind doch nur neidisch!“
„Ja genau!“
„So ist es!“
‚Siehst du Bettina, und du hast dir Sorgen gemacht. Sie mögen dich, sonst würden sie das nicht sagen.‘, freut sich Kojiro im Inneren.
„Wieso neidisch?“, fragt sie nur verwundert, da alle Spieler derselben Meinung sind. Tina wird von den meisten Spielern belächelt. Es ist plötzlich ganz leise und niemand traut sich etwas zu antworten.
„Ganz einfach.
Sie beneiden uns, weil sie keinen so netten Besuch haben wie wir.“, sagt Kojiro plötzlich leise und sieht ihr in die Augen. Fast im selben Atemzug dreht er sich zu seinen Freunden um, macht eine Faust und brüllt motivierend zu ihnen, so wie er es immer tut, wenn es nötig ist.
„Und nun Männer, hauen wir denen solange die Bälle um die Ohren bis sie wieder bei Verstand sind und zeigen ihnen was japanischer Kampfgeist bedeutet!!“ Ein großes Jubeln folgt und alle laufen hochmotiviert aufs Feld, Kojiro folgt ihnen. Er dreht sich zwischendurch kurz um und schaut zu Tina.
‚Jetzt hätte ich mich beinahe verplappert. „Nett“, zum Glück ist mir noch schnell ein neutrales Wort eingefallen anstelle von „Hübsch“.‘, grinst er und dann ruft er laut nach Tsubasa und Genzo.
„Genzo, Tsubasa, kommt ihr?!“
Tsubasa sieht nur verdutzt zu Tina.
„Hier ist was los. Jetzt hat er…“, grinst er nur.
„…sich verplappert.“, ergänzt Hikaru plötzlich und schmunzelt.
Alle fangen plötzlich an zu lachen. Alle bis auf einer. Trainer Kira beobachtet nur alle kritisch und wundert sich was daran so lustig sein soll. Zu seinem Entsetzen fällt ihm auch noch Hikaru in den Rücken. Hatte er nicht besonders auf ihn gehofft, dass er das alles kritisch begutachtet was da läuft? Und nun? Nun weiß er scheinbar schon bescheid, aber findet das auch noch lustig. Wie kann das sein?
Lachend laufen Tsubasa und Genzo aufs Feld zu Kojiro. Kurz bevor sich ihre Wege trennen, um ihre Posten einzunehmen hakt Tsubasa nochmal nach.
„Sag mal, Genzo. Wer ist Marie?“
„Die kleine Schwester von Karl-Heinz. Sie hatte kurz vor einem wichtigen Spiel mal einen Unfall und musste lange notoperiert werden, während das Spiel lief. Bis auf Karl und ich war niemand in der Lage zu spielen. So wie heute.“, erklärt er den beiden.
„Oh, verstehe. Das waren die Gedanken der beiden?“, äußert Tsubasa. Genzo nickt und läuft dann zum Tor.
‚Karl-Heinz Schneider. Dabei hattest du die Nerven und konntest spielen? Alle Achtung. Ich weiß nicht ob ich das könnte. Respekt.‘, stellt Kojiro fest.
Die Nummer 9
Kapitel 50
Die Nummer 9
Eine Gänsehaut überzieht sich ihrem Körper und Tina verschränkt die Arme, damit es nicht so auffällt, dass sie fast erstarrt. Niemals hätte sie gedacht wie es sich anfühlen könnte Kojiros Tigerschüsse zu sehen. Sie hatte keine Ahnung auf was sie sich da eingelassen hat sie sich live anzusehen ohne zu ahnen was für eine Kraft dahintersteckt.
Als die ersten zwei Tore nach dem Neubeginn im Kasten waren kann sie es kaum glauben wie präzise sie sind. Auch Tsubasas Schüsse faszinieren sie.
„Wow, ich habe eindeutig viel in den acht Jahren verpasst.“, äußert sie plötzlich.
„Wie meinst du das?“, wundert sich Hikaru.
„Als Genzo damals zu uns kam wurde er belächelt und in der Schule haben sie ihn ausgelacht. Ein Japaner, ein Keeper und dann noch in Deutschland. Im Team konnte er schnell mit seiner Leistung punkten, aber außerhalb gabs immer Ärger.
Jedenfalls sehe ich hier nur Profis auf dem Platz. Die meisten können bestimmt auf dem Weltmarkt gut mithalten, nicht nur euer Team und die, die sowieso schon in Europa sind.
Wenn die anderen zwar heute nicht ihr bestes zeigen, spielen sie gar nicht so schlecht, wenn man mal genau hinsieht. Das ist schon ein hohes Niveau wie mindestens zweite oder teilweise erste Bundesliga in Deutschland. Ich kann es ja nun nicht wirklich beurteilen, weil ich ewig kein Spiel gesehen habe, aber wenn die Tokioer nicht mit angezogener Handbremse spielen würden, wäre es sicher ein spannenderes Spiel geworden.
Die Spiele vorgestern und gestern hatten sicher ein ganz anderes Niveau.“
„Du kannst das gut einschätzen.“, meint Mikami plötzlich.
Tina schaut den aktuellen Angriff interessiert an.
‚Diesen Schuss muss ich mir mal genauer ansehen.‘
Einige Minuten später steht sie hinter dem gegnerischen Tor und beobachtet den kommenden Angriff von Kens Blickwinkel aus.
Kojiro ist erstaunt sie dort zu sehen, während er aufs Tor zuläuft.
‚Nanu, wieso ist Bettina jetzt hier? Will sie meine Bälle aus Kens Sicht ansehen? Immerhin war sie selbst Keeper.‘, geht in ihm vor und mit Stolz und Selbstsicherheit nimmt er den zugespielten Ball von Tsubasa an und schießt seinen starken Ball in die untere linke Ecke. Ken hat keine Chance. Jedes Mal landet dieser schnelle Ball in einer anderen Ecke und er kann es so gut wie nie vorausahnen welche es wird.
Tor! Das Publikum jubelt erneut. Ken ist erstaunt, als er Tina hinter sich entdeckt. Er greift nach dem Leder, lässt es sich nicht anmerken und schießt den Ball wieder in die Mitte für den neuen Anstoß. Kojiro sieht zu ihr und nutzt die wenigen Sekunden sie genauer zu betrachten. In diesem Moment berührt sie ihr Armband und danach den Hut mit beiden Händen. Ihr halbes Gesicht ist mit der großen Sonnenbrille bedeckt und verschleiert, dass ihr vor Freude ein paar Tränen kommen. Der Stürmer dreht sich beruhigt um und läuft wieder ins Mittelfeld auf seinen Posten.
‚Liebe Bettina, du wirst schon wissen was du machst und dir zutraust. Solange du mir signalisierst, dass alles gut ist, bin ich beruhigt.‘
„Du bist mutig, Tina. Wieso bist du hier?“, spricht Ken sie an, während er wieder seine Position einnimmt und das Spiel im Auge behält.
„Wahnsinn! Ken, du bist ein Spitzen-Keeper.“, äußert sie mit stolzer und begeisterter Stimme.
Ken wundert sich, immerhin bekam er gerade einen rein.
„Du willst mir doch nur Mut machen.“
„NEIN! Ich hätte nicht mal reagieren können…aber du hast immerhin die Richtung erkannt, wenn auch etwas zu spät.“
Er schaut doch plötzlich zurück und betrachtet ihr Gesicht. Er kann die Tränen in der Sonne glänzen sehen. ‚Tina, du weinst? Wieso?‘
„Bleib mit dem Blick vorne, sonst kriegen es die anderen mit, dass wir reden!“, ermahnt sie ihn.
„Danke für das Kompliment. Du musst Genzo erstmal erleben, er lässt Kojiros Bälle nicht so einfach durch. Kojiro ist für uns beide der härteste Gegner von allen.“, erklärt er begeistert.
„Wie kommt es, dass du trotz der Rivalität mit Kojiro befreundet bist?“
Ken grinst. „Wir kennen uns schon seit Kindesbeinen an und haben viel Zeit miteinander verbracht. Gemeinsam trainiert und gemeinsam dieselben Schulen besucht. Sawada, Kojiro und ich, wir sind das alte dicke Dreier-Gespann aus der Kinderzeit und immer noch im selben Team, wenn wir gegen die ganze Welt antreten.“
„Wieso ist dein Team heute so komisch drauf? Ich hatte mich so auf ein richtig spannendes Spiel gefreut.“
„Das liegt an dir. Damals als sich rumsprach wie gut euer Fitnessprogramm ist ging der Trainer zum Studio und fragte ob wir einsteigen können und von dir betreut werden könnten. Ich weiß ja was jetzt Sache ist, aber dein Geschäftspartner wies ihn damals ab und meinte, wir können nur von ihm oder seiner Kollegin betreut werden, aber nicht von dir.
Tja, und als unsere Jungs vorhin beim Aufwärmen ins Gespräch kamen berichteten sie natürlich ganz begeistert davon, dass das Nationalteam nun ins Programm geht. Natürlich haben meine Männer sich dann etwas veralbert gefühlt.“, erklärt er sachlich und geht in Stellung, denn Taro und Tsubasa sind im Anmarsch.
„Wie lange ist das her?“
„Etwa drei Monate oder so.“
„Ich bringe das in Ordnung, Ken.“, sagt sie noch fix bevor sie sich dann hinter dem hohen Zaun neben das Tor stellt, um den Angriff genauer ansehen zu können. ‚Wow, Tsubasa ist wirklich ein Zauberkünstler. Man merkt, dass er in Brasilien gespielt hat. Keiner auf dem Feld hatte bisher diese Techniken drauf. Kojiro, du hast auch wahnsinnige Tricks drauf. Du könntest sicher auch mehr zeigen, wenn es schwieriger sein würde.‘
Plötzlich geht alles ganz schnell und nach dem Abgeben an Taro wird der Ball wieder zu Tsubasa gespielt und umgeht dadurch die Abwehr. Dann taucht ganz unerwartet Kojiro auf und kommt von der Seite auf Tsubasa zu. ‚Was wird denn das jetzt? So eine Formation habe ich ja noch nie gesehen.‘, wundert Tina sich.
Ohne es so schnell zu registrieren setzen beide zeitgleich zum Schuss an und schmettern den Ball mit einem Zwillingsschuss in Kens linke obere Ecke. Der Arme kann nur noch die Faust ranhalten, aber diese wird durch die Wucht weggefegt.
„Verdammt! Damit habe ich jetzt gar nicht gerechnet!“, flucht er verblüfft, als er hinter sich schaut.
Tinas Herz steht fast still und sie weiß vor Begeisterung gar nicht wie sie reagieren soll. Wie erstarrt steht sie da und sieht zu den beiden Torschützen.
Tsubasa und Kojiro sehen zu ihr und freuen sich, dass sie trotz der anderen Aufstellung ihren ganz besonderen Schuss zeigen konnten. Der Schuss, der ihnen ihre tiefe Freundschaft beweist. Trotz anfänglicher starker Rivalität sind sie Freunde geworden, die sich nicht nur auf dem Rasen, sondern auch privat immer aufeinander verlassen können.
Ab und an stehen sie sich in Europa als Rivalen mit tiefer Leidenschaft zum Sport gegenüber und nach dem Spiel sehen sie sich dann privat, unterhalten sich viel oder machen mal einen Ausflug, wenn die Zeit passt. Ihre Wege sind nicht zu weit. Barcelona und Turin sind etwa neun Stunden Autofahrt voneinander entfernt. Manchmal treffen sie sich auf halbem Weg in Frankreich und gehen einfach nur ne Tasse Kaffee trinken und im Park etwas kicken.
Tina nimmt die Sonnenbrille ab und sieht zu ihnen. „Danke!“, sagt sie nur und lächelt. Dann setzt sie die Brille wieder auf und verlässt ihren Posten Richtung Fane.
‚Tina, was denkst du jetzt? Ich bin so glücklich, dass du hier bei uns sein kannst. Wie lange habe ich mir ersehnt dich eines Tages neben mir stehen zu haben. Ich bin so froh, dass du dich sogar mit den Trainern ausgesprochen hast. Sogar Hikaru hast du irgendwie vom Zweifel befreit. Dem sehe ich immer genau an, wenn er kritisch jemanden gegenüber ist.‘ Die junge verheiratete Japanerin schaut glücklich zu ihrer Freundin, wie sie lächelnd auf sie zukommt. ‚du hast aber auch einen tollen Auftritt hingelegt, meine Liebe. So hast du die Männer vermutlich alle gleich eingefangen. Vor allem alle die, die eh noch Singles sind.‘, grinst sie.
Vor Fane bleibt Tina stehen.
„Ach Fane, du hast keine Ahnung wie sehr ich mich freue hier bei euch zu sein.“ „Ach Tina, ich auch. Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Kojiro derjenige ist, der dir die schlimmen Erinnerungen nehmen kann. Wie wird es jetzt mit euch weitergehen?“
„Wir müssen noch einiges klären.“ Sie nimmt die Sonnenbrille ab und sieht ihr in die Augen.
„Folgst du mir in die Halle? Ich will es dir nicht hier draußen sagen, sondern nur unter uns.“
Fane stimmt neugierig zu und beide gehen ins Gebäude.
Zeitgleich öffnet sich die automatische Tür des Sportgeschäfts und ein blonder junger Mann betritt das Geschäft. Die beiden Verkäufer wundern sich über den neuen Kunden. Er trägt eine schmale Sonnenbrille und edle sportliche Designerkleidung. Ein weißes Poloshirt und eine hellblaue dünne Hose mit Falten und einen braunen Ledergürtel. Er hat eine stattliche muskulöse Statur und man kann seine sportlichen Beide unter der langen schmalen Hose erahnen.
‚Wow, was für eine Erscheinung. Dieser Mann zeigt scheinbar gerne was er hat.‘, geht durch Jackys Kopf.
Neugierig schaut er sich um. Sein Blick bleibt rechts in der Abteilung hängen wo er Poster von Tina entdeckt. Sofort geht er in die Richtung und bleibt vor dem großen Poster stehen.
‚Du bist hier sehr präsent im Laden. Dann bin ich hier wohl diesmal richtig. Wie gut du in diesem Trikot aussiehst. So durchtrainiert und fraulich. Wieso spielst du kein Fußball?‘, geht ihm durch den Kopf. Dann schaut er sich um, sieht das nächste Poster und entdeckt die Volleyballabteilung, die besonders gut bestückt ist. Damen wie Männerartikel sind zu finden, viele verschiedene Bälle und in der Kinderecke steht ein Pappaufsteller in Lebensgröße. Darauf hält Tina einen Volleyball und lächelt siegessicher. Anbei ein Werbespruch in verschiedenen Sprachen übersetzt:
„Jeder Tag ist Dein Tag! Pack es an!“
Genau auf diesen geht er zu und bleibt vor ihm stehen, als würde er vor ihr stehen.
‚Das Lächeln kenne ich noch zu gut. Wieso bist du hier und nicht in Deutschland?‘
Plötzlich wird er freundlich von Lee angesprochen.
„Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?“
„Guten Tag, sprechen Sie Englisch?“, entgegnet er auf Englisch.
Lee bestätigt und wiederholt seine Frage.
„Können Sie was über diese Frau erzählen?“, kommt der Kunde gleich zur Sache. Lee stutzt etwas und wundert sich. Natürlich kommen viele Leute nur ihretwegen hier rein, auch Touristen aus Deutschland verschlägt es deswegen her. Aber eine solche seltsame Frage ist ihm noch nicht untergekommen. Meist werden direkt ein paar Fragen zu Tina gestellt.
„Was genau möchten Sie denn wissen? Frau Fuchs ist hier bei uns im Sportcenter sehr präsent. Sie arbeitet für das Studio und bei uns hier unten gibt es exklusive Artikel mit Autogrammen und ähnlichem.“
„Was sind das denn für Artikel?“, erkundigt er sich.
Lee zeigt auf ein Regal neben ihn, indem Shirts mit Autogrammen hängen.
„Handsignierte Volleyballartikel. Kleidung oder auch hier an der Wand die Bälle.“
Karl nimmt eins in die Hand und ist sehr verwundert als er ihre Nummer sieht.
„Sie ist die Nummer 9?“, will er es bestätigt wissen. Lee stutzt und wundert sich, dass das für jemanden von Bedeutung sein könnte.
„Ja genau. Die Nummer 9. Hat es eine besondere Bedeutung für Sie?“, versucht er etwas über seinen Kunden herauszufinden. Der Deutsche Fußballkaiser hängt das Shirt behutsam wieder an und antwortet nicht darauf.
‚Hast du dir die Nummer selbst ausgesucht, Tina? Dann hast du uns also nicht vergessen. Was ist denn nur passiert, dass du dich nie gemeldet hast, wenn du es hättest machen können?‘
Daraufhin entdeckt er das Foto wo Tina an einer Klippe steht und für die Extremsportarten wirbt.
Neugierig geht er darauf zu und nimmt die schmale Sonnenbrille ab.
„Was hat das denn zu bedeuten?!“, stößt er entsetzt aus. Lee ist erstaunt auf so eine Reaktion zu stoßen.
„Ich gehe mal stark davon aus, dass das nur ein Werbefoto für diese Abteilung ist?“, hakt er nach. Lee traut sich kaum ihm darauf zu antworten, aber natürlich bleibt er professionell und sagt ihm die Wahrheit.
„Das ist nicht gestellt. Selten, aber ab und an ist Frau Fuchs auch im Extremsport tätig. Fallschirmspringen, Bungeejumping und auch Klippenspringen. Letzteres jedoch seltener.“
Karl-Heinz hängt sich elegant die Sonnenbrille ans Shirt-Täschchen und äußert seine Meinung dazu. Er ist alleine im Laden und das ist ihm klar. Karl-Heinz spürt, dass er mit dem Mann neben sich eine Person anspricht, die Tina gut zu kennen scheint und ihr eventuell vertraut ist.
„Unverantwortlich sowas! Im Profisport tätig und dann unnötig sein Leben riskieren. Was denkt sie sich dabei? Sowas verrücktes hätte sie früher niemals gemacht. Mein Verein würde mir den Vertrag kündigen.“
‚Tina, was hat das alles zu bedeuten? Wieso machst du sowas?‘
Er blickt sich nochmal im Geschäft um und entdeckt Mannschaftsfotos der Volleyballer, Rugbyspieler, Handballer und einige Nationalteams dieser Sportarten mit ihr zusammen darauf. Auch in der Wassersportabteilung ist Tina zu finden. Er lächelt plötzlich.
„Wie gut kennen Sie Frau Fuchs?“, fragt er plötzlich etwas unhöflich den Verkäufer.
Lee ist irritiert aber antwortet trotzdem ehrlich, eventuell bekommt er mal heraus wer der seltsame Mann überhaupt ist.
„Wir sind befreundet. Und Sie? Ich habe den Eindruck, Sie kennen sich.“, kontert er geschickt.
Karl mustert den Japaner. Er ist etwas kleiner als er und eher drahtig aber schon sportlich. „Ich bin ein alter Freund aus Deutschland.“, antwortet er ehrlich aber etwas überheblich.
„Verstehe. Wenn ich als Freund zu Freund einer gemeinsamen Freundin fragen darf: Wie eng ist Ihre Freundschaft?“, provoziert er ihn.
‚Der ist ganz schön frech, dieser kleine Japaner. Ist er wirklich ein Freund? Provoziert er mich, um mich zu testen und um sie zu schützen? Ich würde es so machen.‘, erkennt Karl die Lage richtig. Er grinst den Mann nur an und weicht seinem Blick dann aus. Dann geht er zum Regal mit den handsignierten Volleybällen und nimmt sich einen. Daraufhin wirft er diesen zu Lee, welcher den Ball rasch auffängt.
„Den nehme ich mit. Und Sie verraten mir wie ich Tina kontaktieren kann.“, spricht er klare Worte und schaut dankend.
Der Verkäufer ist erstaunt, dass er überhaupt etwas kaufen wird und dann ausgerechnet den Verkaufsschlager.
Karl-Heinz geht Richtung Kasse.
Jacky empfängt ihn und kassiert den Ball ab. Karl-Heinz zückt seine Kreditkarte und es wird bezahlt. Jacky ist etwas irritiert, als er den Namen liest und fragt sicherheitshalber nochmal nach, nicht dass er sich irrt.
„Ähm, Entschuldigung, sind Sie DER Karl-Heinz Schneider? Der deutsche Fußballer?“
Karl-Heinz grinst erfreut. Er freut sich immer, wenn man ihn im Ausland erkennt wo er an sich nicht so sehr präsent ist. Er genießt solche Momente und hält in der Regel selten hinter den Berg mit seinem Ruhm.
„Genau der bin ich.“, antwortet er freundlich.
Lee ist nun ebenso an der Kasse und packt den Ball und den Bon in einen neutralen Stoffbeutel. Dann entdeckt Karl die zwei Spendendosen auf dem Kassentisch und fragt für was das ist, da er es nicht lesen kann.
„Das eine ist für das Kinderhospiz, was wir regelmäßig unterstützen und das andere für unsere Obdachlosenhilfe. Die kümmern sich darum, dass so viele Leute wie möglich in Heimen schlafen können oder wenigstens neben Mahlzeiten ein Postfach erhalten. So finden sie den ersten Schritt ins richtige Leben zurück.“, erklärt Jacky.
Karl greift in seine Geldbörse und entdeckt noch ein paar größere Dollarscheine. „Nehmen Sie auch US-Dollar dafür? Was anderes habe ich nicht an Bargeld bei mir.“
„Gerne, ab einer bestimmten Summe lohnt es immer zu tauschen.“, entgegnet Lee freundlich und ist erstaunt, dass er sich überhaupt für die Dosen interessiert. Die meisten Kunden, die das erste Mal da sind übersehen oder ignorieren die Spendendosen.
Karl schaut was er bei sich hat und steckt dann bei jeder Dose ein paar Scheine hinein.
„Wie komme ich jetzt mit Tina in Kontakt? Oder ist sie zufällig im Haus?“, kommt er wieder zum Punkt.
„Wenn sie nicht beim Training ist oder hier trainiert oder die Kundenbetreut treibt sie sich in der Berufsschule oder im Betrieb rum. Tina hat immer sehr viel zu tun. Soweit ich weiß wollte sie heute aber zu Neukunden und da weiß man nie wie lange das dauert.“
„Neukunden?“
„Sie haben doch die Fotos mit den Mannschaften gesehen. Vielleicht ist sie heute wieder bei solchen Kunden und da weiß man nie wie lange das dauert denen die Fitnessprogramme vorzustellen und ihre Werte aufzunehmen.“
„Ach so, ich hatte nur die Webseite gesehen. Das Fitnessprogramm hat wohl gute Wertungen bekommen und es sind schon so viele Nationalteams dabei?“
„Stimmt. Es kommen mal neue Teams oder einzelne Privatgruppen dazu. Wir haben teilweise ganze Teams aus Bürohäusern die herkommen. Neuerdings auch Kinder- und Jugendmannschaften. Die Kids lieben Tinas Rezepte und das spricht sich besonders schnell rum. Kinder reden viel, wenn ihnen was gefällt.“, berichtet Jacky begeistert. Lee mischt sich ein.
„Wenn Sie einen direkten Kontakt zu Tina haben wollen müssen Sie diesen über den Chef anfordern. Herr Müller ist oben im Büro. Nur er ist berechtigt einen persönlichen Kontakt herzustellen.“
„Hm. Der Inhaber des ganzen Centers hier? Dieser Martin Müller?
Was meinten Sie eben mit, Tina könnte im Betrieb sein? Welcher Betrieb?“
„Genau. Ich meine ihre Gaststätte. Nach dem Tod ihrer Eltern hat sie ihre Gaststätte übernommen.“, haut Jacky raus.
„Oh, dann stimmt das was im Internet stand mit ihren Eltern? Hm, kann hinkommen. Ihre Mutter hat immer davon geträumt ein eigenes Lokal zu haben. Also arbeitet sie dort noch neben Sport und Fitnessstudio?“, meint er plötzlich nachdenklich.
„Ja, genau. Um die Gaststätte behalten zu können und das Personal nicht zu entlassen hat sie ihr Studium geschmissen und lernt einen kaufmännischen Beruf. Daher kennen wir uns, von der Berufsschule her.“, erklärt Lee stolz.
Karl-Heinz ist erstaunt.
„Wie schafft sie das alles denn nur? Das hätte doch auch Stephan machen können. Was macht der überhaupt jetzt?“
Die beiden Japaner sehen ihn nur verwundert an.
„Wer soll das sein? Der Name sagt uns nichts.“, wundern sich beide.
Karl ist irritiert. Wieso weiß ein Freund von Tina nichts von ihrem Bruder? Das will nicht in seinen Kopf. Da stimmt doch irgendetwas nicht. Sein Puls steigt etwas an und er schaut sich erneut im Laden um. Jetzt bemerkt er was ihn die ganze Zeit nebenbei gestört hat. Er war schon in unzähligen Sportgeschäften und auch zur WM 2002 war er in Japan in einigen Geschäften und überall gab es eine Fußballabteilung.
Dann schaut er zu den Männern.
„Sind Sie beide mit Tina befreundet?“ Sie nicken.
„Und dann wissen Sie nicht, dass sie einen älteren Bruder hat?
Und überhaupt, wieso gibt es in Ihrem Geschäft keine Fußballartikel? Immerhin hat Japan den letzten Weltmeistertitel geholt. Die anderen Geschäfte hier haben alles voll damit.“ Lee versucht aufzuklären.
„Wir wissen nichts von einem Bruder. Tina ist mit ihren Eltern und Herrn Müller hergezogen. Und er hat bei der Eröffnung des Ladens beschlossen alles außer Fußballtrikots ins Sortiment aufzunehmen. Warum, müssen Sie ihn dann selbst fragen. Bis gestern hatten wir noch ein paar Fußbälle, die sind aber gestern alle verkauft worden und wurden bereits nachbestellt.“
‚Das ist doch wirklich seltsam. Was hat das alles zu bedeuten? Die beiden kennen Stephan nicht und er ist gar nicht mit hergezogen? Wieso ist Tina überhaupt hergekommen? Wieso Japan? Und wieso ordnet dieser Mann einfach an keine Fußballartikel zu verkaufen? Tsubasa und sein Team werden doch so sehr verehrt hier. Das verstehe ich nicht. Ist dieser Mann etwa der Grund wieso sie sich nicht gemeldet hat? Der letzte stand in den Medien war, dass sie zusammen sind. Er ist doch deutlich älter als sie.
Dieser Typ ist zwar groß und kräftig, aber ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Tina sich von einem Mann unterbuttern lassen würde. Sie hat sich immer gegen uns alle und unsere Gegner durchgesetzt und weiß doch wie sie mit Typen umgehen muss, wenn sie ihr körperlich überlegen sind.
Oder verhält sie sich anders, wenn sie als Frau lebt?‘
„Was ist, wenn dieser Herr Müller mir den Kontakt verweigert?“, vermutet er und fragt ernst.
Lee ist verwundert. „Wieso sollte er das tun? Er wird Tina anrufen und herbestellen, wenn sie dem Kontakt zusagt. Was soll da sonst passieren? Das läuft hier immer so ab.
Sagen Sie einfach, dass Sie ein alter Freund sind.“
Nachdenklich nimmt Karl den Beutel in die Hand und fragt nach dem Weg zum Büro. Jacky beschreibt es ihm.
„Danke. Wie fest ist ihre Freundschaft zu Tina?“, fragt er.
Lee ist überrascht. Er stellt sich selbstsicher vor den deutschen Mann, sieht zu ihm auf und zeigt überzeugt mit dem Daumen auf sich.
„Sie hat für uns mal ihr Leben riskiert! Dasselbe würden wir für sie tun!“
‚Oha, das nenne ich einen sehr überzeugten Blick.‘ Karl lächelt.
„Gut zu wissen, dann ist sie hier ja nicht alleine.“
Wenige Minuten später hat Karl das Geschäft verlassen und das Pärchen fängt an sich zu unterhalten.
„Sag mal, wer sagst du ist das jetzt gewesen? Ein Fußballer aus Deutschland?“, fragt Lee seinen Lebensgefährten.
„Hast du den echt nicht erkannt? Warte, Moment.“ Jacky ruft im PC die Suchmaschine auf und gibt Karls Namen ein.
„Schau hier, das ist er. Dieser Mann ist der aktuell bestbezahlteste Fußballer der Deutschen Bundesliga. Was hat Tina mit dem denn nur zu schaffen?“
„Das frage ich mich allerdings auch. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da zwischen den beiden nur eine Freundschaft war. Was steht denn alles in seiner Biografie? Tina ist erst seit acht Jahren hier.“ Jacky schaut sich auf einer Fanseite um und entdeckt alte Fotos, welche vor dem Transfer nach München gemacht wurden. Darunter alte Mannschaftsfotos.
„Warte, mach mal das Menü dort auf, da wo Genzo mit drauf ist. Sie ist doch mit ihm befreundet. Sie hat mal erzählt, dass sie sich aus der Schule kennen und nur wegen der Medien nichts an die große Glocke hängen.“, meint Lee. Er weiß, dass sie sehr vertraut sind und Genzo alle halben Jahre hier im VIP-Bereich ist und mal vorbeischaut. Er hat sich darüber nie Gedanken gemacht. Sie meidet Fußballer, aber mit ihm und Jun Misugi ist sie befreundet. Jacky öffnet das Mannschaftsfoto der Junioren vom HSV. Anbei gibt es unter dem Foto eine Namensliste. Er macht es mit Hochauflösung auf und beide sehen sich es genauer an.
„OMG! Da, die Nummer 9. Das ist eindeutig Tina, nur jünger. Sie hat in diesem Team gespielt? Sie hat Fußball gespielt und das bei so einem starken Team zwischen den Jungs?“, stößt Lee aus.
„Lee, schau, die Namen. Dort steht Stephan Fuchs und Tino Fuchs. Zu beiden gibt es keine Verlinkung, aber die anderen sind alle irgendwie verlinkt.“
„Seltsam. Ist das wirklich Tina? Aber muss ja, dieser Karl hat nach Stephan gefragt. Wenn sie einen Bruder hatte, wo ist der dann? Ob da was passiert ist mit ihm und sie ist deswegen weggezogen?“
„Du Lee, ich habe dabei ein ganz ungutes Gefühl. Wieso sucht er sie plötzlich auf? Denn eins ist klar, ich glaube nicht, dass sie hätte als Mädchen in dieses Team gehen dürfen. Und vor allem, überlege mal die sportliche Leistung, die man haben muss um dort mitzuhalten. Ich war früher selbst im Profiteam der Handballer, das war ein extremes Training. Während meiner Wachstumsphase hatte ich echt große Schmerzen in den Gelenken und trotzdem musste ich mit ran. Laufen und Krafttraining, das ging irgendwann gar nicht mehr und dann wechselte ich ja zum Hochleistungsschwimmen. Daher kennen wir uns ja beide. Und wenn ich hier sehe, da ist noch ein Foto, ein Nationalteam aus einer Jugendeuropameisterschaft, da ist sie auch mit bei. Die Deutschen haben den Europatitel geholt.
Tina und ihr Bruder sind also mehrere Jahre im Team gewesen.“
„Hm. Stimmt. Ich glaube die Jungs wussten nicht, dass sie ein Mädchen ist. Die Trainer hätten das sicher auch nicht zugelassen. Das wäre ja auch gegen die Regeln im Profisport gewesen.“
„Aber eins verstehe ich nicht. Er weiß es ja wohl. Ob er es irgendwann herausgefunden hat?“, meint Jacky.
Lee sieht ihn nachdenklich an und erinnert sich an das Gespräch im Aufzug, als Tina ihm von ihrer frischen Liebe zu Kojiro erzählte. Sie erwähnte etwas von Alpträumen und schlimmen Bildern und dass ein gewisser Charly nicht mehr in ihrem Kopf rum spukt seit sie Kojiro kennt. Hat sie etwa diesen Mann damit gemeint?
„Ich glaube du hast Recht. Schau mal in der Suchmaschine nach ob der Name Charly in Verbindung mit dem Vornamen Karl-Heinz steht? Eventuell eine Art Spitzname? Ich kenne mich ja mit den Europäischen Namen nicht so aus.“
Jacky schaut nach und tatsächlich. Auf einer Deutschen Seite wird er fündig und die Kurzform wird gerne für Karl und ähnliches benutzt.
„Du hast Recht. Wie kommst du jetzt darauf?“
„Wir hatten ja gestern Besuch von unseren Promis. Tina kam doch her um sich umzuziehen, wegen des Besuchs. Sonst macht sie das nie. Sie geht immer so aufreizend ins Studio, oder? Und gestern hat es sie aber gestört.“
„Stimmt, fand das seltsam. Sie sah doch wie immer echt sexy aus. Sie hat sich noch nie darüber Gedanken gemacht was die Männer denken könnten. Nicht mal wenn Martin dabei war, als die noch zusammen waren.“
„Jo, da gibt es einen Grund für. Das wird noch sehr spannend hier.“, grinst er.
Er wird von Jacky verwundert angesehen.
„Wovon redest du? Was haben die beiden Promis von gestern mit diesem Besuch jetzt zu tun? Die drei sind alle sehr bekannte Fußballer und bei Meisterschaften die totalen Rivalen. Ich habe mir damals die WM hier in Japan angesehen, als Japan gegen Deutschland spielte war das der Wahnsinn. Du willst gar nicht wissen wie die beiden auf dem Feld gegenüberstanden, beide haben um den Titel des Torschützenkönigs und den WM-Titel gekämpft. Das war echt ein Highlight.“
Lee schaut sicherheitshalber auf, aber der Laden ist nach wie vor leer.
„Die beiden sind zusammen. Herr Hyuga und Tina. Das ist ganz frisch.“, haut er plötzlich raus. „Willst du mich jetzt veralbern?“
„Sie hat es mir gestern gesagt. Soll wohl was ganz Besonderes sein. Mehr weiß ich auch nicht.“
Die Kundentür öffnet sich und eine Familie betritt das Geschäft mit ihren drei Kindern. Beide halten sich zurück und Jacky ist noch immer etwas verwirrt. Wie kann das denn sein? Tina wollte ihn doch nie kennenlernen…und jetzt sind die zusammen?
Die besondere Begegnung
Kapitel 51
Die besondere Begegnung
Zur gleichen Zeit wird Andrea am Empfang freundlich aber ernst auf Englisch begrüßt. ‚Nanu? Der Mann kommt mir bekannt vor.‘, wundert sie sich und begrüßt ihn natürlich ebenso freundlich.
„Guten Tag, ist Frau Fuchs zufällig im Hause?“
‚Nanu. Der ist aber direkt.‘
„Frau Fuchs ist unterwegs bei Kunden. Ich kann ihr gerne etwas ausrichten.“
„Dann möchte ich gerne den Geschäftsführer Herrn Müller sprechen. Man sagte mir, dass ich sie über ihn kontaktieren kann.“
„Wenn Sie eine persönliche Trainingseinheit mit Frau Fuchs buchen möchten, können Sie dies auch über mich. Ich benötige dazu nur Ihre Daten und wir machen einen Termin aus. Aktuell sind jedoch fast alle Zeitfenster belegt.“
„Nein, ich muss sie in dringender privater Angelegenheit sprechen.“, entgegnet er streng. Beide sehen sich in die Augen und Andrea spürt, dass es sehr wichtig sein muss, kann es aber noch nicht einschätzen.
‚Was will dieser Mann von ihr?‘
Sie greift zum Telefon. „Wen darf ich anmelden?“
„Einen alten Freund aus Hamburg. Ein Freund von Tina und Stephan.“ Andrea staunt nicht schlecht.
„Okay, darf ich auch Ihren Namen erfahren?“
„Nun rufen Sie ihn einfach an. Ich kläre das mit ihm!“, wirkt er ungeduldig.
Andrea schaut ihn streng an.
„Na hören Sie mal, ich lass doch nicht einfach jeden ins Büro. Wenn Sie mir Ihren Namen nicht sagen wollen beweisen Sie, dass Sie wirklich ein Freund von Tina sind.“
‚Was ist das denn für ne Empfangsdame? Die hat ja einen Blick drauf.‘ Karl-Heinz greift in die Hosentasche und holt seine Geldbörse heraus, öffnet diese, zieht ein Foto raus und legt es ihr auf den Tresen.
„Reicht das als Beweis?“
Andrea staunt nicht schlecht als sie es betrachtet. Auf dem Bild sind Tina, Stephan, Karl, Genzo und noch ein anderer Junge zu sehen.
‚Oha, wenn das mal gut geht heute. Das ist dieser Karl-Heinz von dem Tina Martin erzählt hat. Wir haben uns doch vorhin noch die Aufnahme von heute Früh im Büro angesehen, um das Missverständnis aufzuklären. Er hat mir alles übersetzt. Das bestätigt nur, was er gesagt hat. Das ist der Junge von damals, der ihr nicht aus dem Kopf ging? Und nun hat sie so viele Gefühle für Kojiro, dass sie nicht mehr an ihn denken muss? Wieso ist er jetzt plötzlich hier und will sie sehen? Er weiß tatsächlich nicht, dass Tinas Bruder bereits Tod ist.‘
Andrea ruft Martin an.
‚Nanu? Jetzt ruft sie gleich durch ohne was zu sagen? Seltsame Frau. Aber hübsch ist sie. Er umgibt sich wohl gerne mit hübschen Blondinen. Seltsamer Typ, dieser Martin Müller.‘
Der Geschäftsführer nimmt ab.
„Schatz, was sagt deine Zeit? Ich habe hier bei mir jemanden stehen, der unbedingt Tina sprechen möchte.“
‚Schatz? Was hat das zu bedeuten? Dann sind die beiden zusammen? Also ist er nicht mehr mit Tina zusammen und trotzdem arbeiten die gemeinsam hier? Seltsames Verhältnis. Wie kann man denn mit einem Expartner arbeiten?‘
„Wer ist denn da? Du weißt, ich steh nicht auf Rätsel.“
„Ein alter Freund von ihr aus Hamburg.“
„Was für ein Freund? Sie hat keine Freunde mehr aus Hamburg, nur Genzo.“
„Martin, er hat mir seinen Namen nicht gesagt, aber ich habe hier ein nettes Jugendfoto von Tina, ihrem Bruder und drei weiteren Jungs. Er ist einer davon.“, versucht sie zu erklären.
„Oha, sag nicht dieser Karl-Heinz ist aufgetaucht? Ausgerechnet heute?“, ist er total baff.
„Ich denke schon.“
Es ist still und dann kommt jedoch eine Ansage.
„Lass ihn in der Lounge einen Moment warten. Ich komme vor. Ich werde dann mit ihm und dir zusammen ins Büro gehen. Organisiere inzwischen Axel, damit er sich an den Empfang stellt. Im Moment ist nicht viel los, da können wir ihn entbehren.“
Beide legen auf.
„Sie haben Glück. Herr Müller kommt gleich vor und holt Sie ab. Bitte nehmen Sie solange in der Lounge Platz.“
„Danke, gerne.“, ist Karl plötzlich wieder höflich und folgt ihrer Ansage.
Im Loungebereich schaut er sich die Aushänge an und stellt fest, dass im Studio viele Leute arbeiten und Tina Rettungsschwimmerin und ein paar Trainerscheine gemacht hat.
‚Tina, du bist wirklich aktiv hier. Rettungsschwimmerin, das passt. Du hattest bei uns damals schon damit angefangen. Hier hast du es also beendet. Super.‘
Nachdem Andrea mit dem Angestellten Axel alles abgesprochen hat geht sie zu Karl in den Wartebereich. Sie beobachtet ihn von hinten, wie er aufmerksam die Bilderrahmen betrachtet. Sie stellt fest, dass er einen der Stoffbeutel aus dem Laden bei sich hat und scheinbar hat er einen Ball gekauft. Die Form fällt natürlich auf.
„Es arbeiten viele Leute hier bei uns. Wir sind gut aufgestellt mit top ausgebildetem Personal. Tina ist eine von ihnen. Sie betreut die meisten VIP-Kunden persönlich. Je nachdem was die Kunden machen wollen ist sie mit ihnen alleine oder Herr Müller oder ich begleiten die Übungen. Für die großen Geräte hat sie noch keine Trainerlizenz.“, versucht sie mit ihm ins Gespräch zu kommen.
Karl bleibt bedeckt, aber geht auf sie ein.
„Verstehe. Sie selbst scheinen keine Deutsche zu sein.“, entgegnet er höflich.
„Stimmt. Ich bin Amerikanerin.“
Karl ist erstaunt. Er dreht sich um und sieht sie an. „Interessant.“, sagt er nur und behält die restlichen Gedanken für sich.
‚Seltsamer Mann. Er ist doch einige Jahre älter als ich und in Rostock geboren und aufgewachsen. Und da ist er mit einer Amerikanerin zusammen?‘
„Sind Sie mit Tina befreundet?“, hakt er nach, klingt aber eher neugierig als nett.
„JA, das bin ich.“, entgegnet sie ernst und verschränkt die Arme.
‚Dieser Mann bildet sich ganz schön was ein. Und so jemanden hat Tina mal geliebt? Einen so arroganten Typ? Das kann ich mir ja überhaupt nicht vorstellen. Aber das ist auch gut acht Jahre her. Vielleicht war er damals als Jugendlicher ja auch anders? Im Gespräch erwähnte sie, er sei sehr sensibel, aber so kommt er mir überhaupt nicht vor. Eher kühl und von sich selbst eingenommen. Immerhin ist er ja wer.‘
Kurz darauf erscheint Martin. Ihm ist überhaupt nicht wohl bei der Sache. Seine Nerven sind etwas angespannt und er wünscht sich in dem Moment, als er Karl-Heinz erblickt, dass Tina ihm nie die Wahrheit gesagt hätte. Im Nachhinein ärgert er sich darüber, dass er nach dem Namen gefragt hat und überhaupt, dass sie ihm es erzählt hat, in seiner Nähe an jemanden anderes gedacht zu haben.
Und nun? Nun muss er da durch und lernt zum ersten Mal den Mann kennen, der unter anderem dafür verantwortlich war, dass es nie ein richtiges WIR zwischen ihnen gab. Vielleicht wäre es ja doch anders verlaufen, wäre er nicht in ihren Gedanken gewesen? Wer weiß das schon?
Karl-Heinz blickt über Andrea hinweg, als er Martin bemerkt.
‚Das ist er. Dieser große Kerl war mit Tina zusammen und hat dieses ganze Fitnesscenter und diese Programme mit ihr zusammen aufgebaut?‘ Sein Puls steigt an. Karl-Heinz geht an Andrea vorbei, direkt auf ihn zu, bleibt dann provokant vor Martin stehen und sieht selbstsicher zu ihm auf. Er ist ihm nur etwa ein Meter entfernt.
„Guten Tag, Karl-Heinz. Können Sie mir den Kontakt zu Tina herstellen? Wir sind alte Freunde aus Hamburg.“, spricht er bestimmend aber höflich.
‚Oha, der kann ja genauso herausfordernd blicken wie Kojiro. Eine gewisse Arroganz kommt da aber reichlich rüber. Jetzt stellt er sich mit Vornamen vor? Seltsam. Geht er davon aus, nur weil ich Deutscher bin, weiß ich wer er ist?‘
„Guten Tag, Müller, Martin Müller. Ich würde zuerst gerne das Foto sehen, welches Ihre Freundschaft von damals beweisen soll.“, entgegnet er streng.
‚Spielt er den Wachhund oder wie? Dieser Mann ist wirklich groß und durchtrainiert. Laut der Urkunden an der Wand hat er mehrere Kampfsportarten drauf. Demzufolge sollte man sich mit ihm lieber nicht anlegen. Und mit diesem Muskelprotz war sie zusammen? Tina, du hast Gewalt immer verabscheut. Ein Kampfsportler? Du mochtest solche Leute nicht, dein Kampf war immer im Spiel, genauso wie für uns alle.
Wie er mich ansieht. Weiß er etwa wer ich bin? Wieso will er das Foto sehen?‘
Karl holt das Bild erneut hervor und gibt es ihm.
„Wir fünf waren dicke Freunde, auch wenn es jetzt anders scheinen mag.
Wo ist Stephan eigentlich?“
‚Erstaunlich. Er trägt so ein altes Foto bei sich? Es ist total abgerissen und scheint tatsächlich nicht nur in einem Album gelegen zu haben, sondern er hat es tatsächlich bei sich getragen? Etwa all die Jahre? Ob er sie wirklich noch liebt? Aber warum hat er dann nie nach ihr gesucht?‘ Er betrachtet Tina auf dem Foto genauer. Hier sieht es nicht so verpixelt aus, wie am PC.
‚Sie lächelt so herzlich auf dem Foto. Das kenne ich noch von früher, als sie in den Ferien zu ihrer Familie ans Meer gefahren ist und man sich mal getroffen hat. So unbeschwert. Dieses Lächeln habe ich erst wieder gesehen seitdem sie Kojiro begegnet ist. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke ist es genau seitdem erst wieder da.
Und heute Früh, als sie mir erzählte, dass sie für ihn alles aufgibt um ihm nach Italien zu folgen kam auch so ein Lächeln rüber.
Tina, wie wird das hier enden heute?‘
„Erstaunlich altes Foto. Tragen Sie das etwa die ganzen Jahre mit sich rum?“, entgegnet er neugierig und gibt es ihm wieder.
Karl steckt es wieder ein.
„Anfangs ja, bis ich die Hoffnung aufgegeben habe die beiden je wiederzusehen. Aber nun kam die Hoffnung wieder und ich bin hier!“, äußert er ernst aber mit einem gefühlvollen Unterton. Andrea und Martin sind erstaunt.
‚Wenn dieser Mann tatsächlich noch etwas für Tina empfindet wird das hier noch ne ganz heiße Sache. Oha. Das klingt sehr danach.‘, denkt Andrea.
‚Hoffnung? Empfindet er noch was für sie? Nach so langer Zeit? Kojiro sieh dich bloß vor! Wie wird das hier noch ausgehen?
Ich kann diesen Typ irgendwie nicht leiden. Egal was kommt, ich werde auf deiner Seite sein, Kojiro. Du bist trotz deines Erfolgs auf dem Boden geblieben und du hast ihr endlich die Angst genommen und nun taucht plötzlich dein größter Rivale auf, der dir auch privat ein Rivale zu sein scheint.
Ob Tina wirklich nicht mehr als Freundschaft für ihn empfindet werden wir heute erst erfahren. Ich hoffe es ist alles so wie sie sagt.‘
Martin versucht sich nichts anmerken zu lassen und weicht Karls ernsten Blick aus.
„Andrea, bitte bring uns einen kleinen Snack ins Büro.“ Er wendet sich Karl zu und versucht normal zu wirken.
„Was kann ich Ihnen zu trinken anbieten? Es wird sicher etwas dauern. Der Kundentermin beginnt erst.“
„Wasser wäre nett, danke.“, versucht auch Karl-Heinz locker zu bleiben. Er möchte nicht, dass man ihm seine Anspannung ansieht.
Daraufhin gehen die Männer ins Büro und Martin schließt hinter sich die Tür. Karl schaut sich neugierig um, entdeckt die Fensterbank mit Blick auf die Tür, geht direkt darauf zu und schaut auf die Straße herunter.
Martin geht an seinen Arbeitsplatz und greift zum Telefon. Es klingelt, aber Tina nimmt nicht ab. Dann legt er auf und wählt erneut. Wieder geht niemand ran. Der Hörer wird aufgelegt und er wendet sich seinem Besuch zu.
„Sie geht nicht ran. Tina stellt in der Regel das Handy aus, wenn sie bei Kundschaft ist. Sie wird aber sofort anrufen, wenn sie meine Anrufe sieht.“, erklärt er. Karl-Heinz verschränkt die Arme und sieht Martin nachdenklich an.
„Verstehe. Zweimal anrufen und sie erkennt die Dringlichkeit?“
„Richtig.“
Zum selben Zeitpunkt mitten auf dem Fußballfeld der Musashi-Schule spürt Kojiro plötzlich einen leichten stechenden Schmerz im Nacken während er zum Schuss ansetzt. Kurz darauf prallt der Ball gegen den Pfosten. Das Tor um Ken herum vibriert und alle auf dem Platz sind etwas irritiert.
‚Was war das denn? Kojiro, wie konnte das passieren? Du bist doch in Bestform und die ganze Zeit lief alles super.‘, geht nicht nur durch Tsubasas Kopf.
Der Ball hat einen gewaltigen Drall drauf und zum Glück ist Takeshi aufmerksam genug, fängt den Ball ab und versetzt ihn ins andere Eck des Tors. Ken versucht zu retten was zu retten ist, aber bekommt nur noch die Finger ans Leder.
Etwas irritiert sieht Kojiro zu Ken und hält sich die Hand an den Nacken.
‚Was war das denn? Wo kommt dieses Stechen plötzlich her? Jetzt ist es weg. Hat mich das etwa abgelenkt?‘
Tsubasa läuft zu ihm. „Was ist los?“ Sein Freund sieht ihn nur nachdenklich an während sie zu ihren Posten laufen.
„Keine Ahnung. Ich hatte plötzlich so ein Stechen im Nacken, als hätte mich jemand mit einer Nadel gestochen.“, erklärt er. Tsubasa hat ein seltsames Gefühl dabei, aber lässt es sich nicht anmerken.
„Seltsam. Mach dir keinen Kopf, wird nichts zu bedeuten haben.“
„Du hast Recht.“, stimmt Kojiro überzeugt zu.
Als sie wieder auf ihren Positionen stehen geht Tsubasa einiges durch den Kopf. Ihm kommt eine alte Erinnerung wieder hoch. Damals, in der Grundschulzeit als ihm kurz vor seiner letzten Nationalmeisterschaft mitten im Training der Schnürsenkel riss. In diesem Moment hatte er sich nichts dabei gedacht, aber dann stellte sich heraus, dass genau in diesem Moment sein Freund Jun Misugi mitten im Zweikampf gegen Kojiro mit einem Herzanfall zusammenbrach.
Zeitgleich sind Tina und Fane im Trainerbüro. Von dort aus haben sie einen Blick zum Spielstand und können sich ungestört unterhalten.
„Fane, meine Liebe. Ich habe ein Attentat auf dich vor.“
„Oha, was kommt jetzt?“, grinst sie belustigt. Meist kommt ein Vorschlag für einen lustigen Ausflug oder ähnliches, wenn Tina so anfängt.
„Du hast doch in deiner Jugend Tsubasas Team gemanagt?“
„Äh, ja stimmt. War ne tolle Zeit. Wieso?“, schwelgt sie plötzlich in Erinnerungen.
„Hm. Mein Verband will mir plötzlich einen Manager aufzwingen. Ich will aber keinen haben und im Moment ist es eh alles so kompliziert. Aber ohne darf ich nicht an der WM teilnehmen.
Fane! Könntest du dir vorstellen meine Managerin zu werden? Ich würde dich natürlich angemessen bezahlen und ich brauche unbedingt jemanden, dem ich voll vertrauen kann.“
Die junge Japanerin schaut sie entsetzt an. Einerseits ist sie extrem geschmeichelt und könnte sich das sehr gut vorstellen aber andererseits wie soll sie das denn zeitlich alles machen?
„Tina du hast Ideen. Ich habe doch noch ein Jahr Berufsschule. Wie soll das denn gehen?“
„Das habe ich schon mit Roland alles geklärt heute. Er kann das wie ein Fernstudium laufen lassen, da du die wichtigsten Sachen schon in der Berufsschule hattest. Das dritte Jahr sind meist nur noch Übungen und Wiederholungen. Das können wir ja dann gemeinsam machen. Er unterstützt dich dann online und so kannst du mobil bleiben.“
„Ich weiß nicht.“, ist sie verunsichert.
Tina ist etwas irritiert, aber sie versucht sie umzustimmen indem sie ihr eine weitere Nachricht erzählt.
„Noch etwas. Und ich bin mir total unsicher wie du das jetzt aufnimmst.“ Sie nimmt ihre Freundin in den Arm.
„Ich weiß, dass du meinetwegen extra wieder hier in Japan und nicht bei Basa bist. Aber…ich kann nicht anders. Mein Herz sagt mir, ich kann nicht mehr anders leben.
Fane, ich werde Japan verlassen und dort hingehen wo Kojiro ist. Mir ist egal wo es ihn hintreiben wird, aber ich kann nicht mehr ohne ihn sein. Und wenn…wenn du meine persönliche Managerin bist, dann können wir uns öfters sehen und sind beide in Europa. Du gehst zu Basa nach Barcelona und ich wäre aktuell in Turin. Fane, ich verstehe gar nicht wie du das aushalten kannst…du willst doch sicher auch bei ihm sein und nicht hier, so weit weg.“
Tina spürt Fanes Tränen an der Schulter. Plötzlich umarmt Fane ihre Freundin und weint bitterlich.
‚Ach Tina, natürlich will ich so oft wie möglich bei Tsubasa sein. Nichts wünsche ich mir mehr. Wenn du dann noch in meiner Nähe bist, dann traue ich mich auch wieder nach Spanien zurück. Ich war doch da nur so alleine, wenn er immer unterwegs war. Ich kann nicht nur zu Hause sitzen und auf ihn warten.
Schon seit Tagen überlege ich hin und her und habe Angst vor dem Tag an dem er wieder alleine zurückfährt. All die Jahre musste ich immer auf ihn warten. Zuerst nur weil er es nicht verstanden hat was ich für ihn fühle. Die vier Jahre als er in Brasilien war, das war der absolute Horror. Ohne dich hätte ich das nie überstanden. Ich war so froh, dass wir uns zu der Zeit kennengelernt haben. Und dann ging er nach Barcelona und ich zog später zu ihm. Aber dort war ich so einsam. Ich hatte nur ihn. Ja, seine Kollegen sind nett und einige luden uns zum Abendessen ein, aber eine Freundin, Fehlanzeige. Spielerfrauen sind keine Freundinnen, nur nette Mädels zum Quatschen.‘
„Ich kann auch nicht mehr, Tina. Als ich deine Gefühle zu Kojiro bemerkte und überlegte wie du das machen willst, eine Fernbeziehung? Es war mir klar, dass das nicht sein wird und ich hatte Angst, dass du mich verlässt. Tina, du bist so stark und kannst einfach machen was dein Herz sagt. Ich wäre liebend gerne deine Managerin, so kann ich immer bei dir sein und sogar näher bei meinem Mann. Vielleicht auch wieder bei ihm wohnen. Wie sehr wünsche ich mir das.“
Tinas Herz schlägt ganz doll und vor Freude gibt sie ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange und drückt sie nochmal ganz doll. Ihr rollen ebenso ein paar Tränen über die Wangen.
„Du bist ein Schatz. Danke. Wir kriegen das alles irgendwie hin.“
Einige Minuten später stehen beide wieder bei den Trainern. Tina steht rechts neben Herrn Mikami und neben ihr ist Fane.
„Was wolltest du denn bei Ken?“, fragt er sie.
„Ich wollte mir die Schüsse und die Angriffe mal von einer gewohnten Perspektive ansehen. Ken ist wirklich ein spitzen Torwart. Kein Wunder, dass er in diesem Team ist. Wenn Genzo mal ausfällt oder die Geduld verliert kann ihn kein Besserer ersetzen, denke ich.“
„Das stimmt. Gestern war jedoch unsere Nummer 3 im Kasten, weil ja beide nicht da waren.“, meint Mikami ernst.
„Ken war gestern nicht da? Wieso?“, wundert sie sich.
„Er war mit Genzo deine Klassenkameradin im Krankenhaus besuchen. Deswegen. Nach dem Streit mit Tsubasa haben sich die beiden unterhalten und sind dann zu ihr gegangen.“ Tina kichert etwas.
„Das ist ja schön, er traut sich dort hin, nur um sie zu besuchen? Ich glaube die beiden mögen sich. Vermutlich tut ihm das Erlebnis mit Hinata sehr gut.“
Mikami sieht sie verwundet an.
„Hast du da jetzt etwa etwas nachgeholfen?“ Sie schmunzelt ihn glücklich an und hält die Hand vor ihm als wenn sie ihm zeigen will, dass es ein kleines Stück sei. „Nur ein ganz klein wenig. In dieser Situation war er der perfekte Mann für diesen Job. Das Schicksal habe ich nur etwas ausgenutzt. Hinata liebt Deutschland und beherrscht die Sprache, weil sie dort Verwandtschaft hat. Ihre Familie macht im Sommer immer Urlaub bei ihnen. Shinichi ist ihr Cousin, daher kennen die sich. Passt doch dann. So haben die beiden gleich Gesprächsstoff gehabt.“
„Soso. Du bist mir eine.“
Beide lachen herzlich los. Trainer Kira und Hikaru sehen die beiden verdutzt an. Noch nie haben sie erlebt, dass Mikami so herzlich lachen kann. Auch Fane ist erstaunt. Das Gespräch wurde auf Deutsch geführt und sie fand es sehr interessant und lässt sich nun von ihrem Lachen anstecken. Sie mag Genzo und sie hat gestern noch lange mit Tsubasa geredet was denn überhaupt los war. Vor dem Spiel erzählte er ihr dann, dass sie sich endlich ausgesprochen haben und Genzo endlich mit seiner Trauer abschließen kann. Sie würde ihm eine nette Frau an seiner Seite gönnen.
„Trainer? Sagen Sie, Ken sagte mir er, Kojiro und dieser Sawada sind ganz dicke Freunde? Er sagte, sie kennen sich schon aus der Kinderzeit und haben viel zusammen trainiert. Ist das ähnlich wie bei uns damals?“
Mikami ist erstaunt über die Frage.
„Kann man so sagen. Aber wirklich genauer sagen kann dir das Trainer Kira, er war ihr Trainer. Er hat ihr Grundschulteam betreut und später waren die drei hin und wieder in seinem Trainingslager. Mehr weiß ich nicht, da ich nicht mehr hier war.“ Sie lächelt und schaut kurz zu ihm rüber, wie er konzentriert dem Spiel folgt.
‚Dieser Mann hat Kojiro als Kind trainiert? Ob sie sich auch so nahe stehen wie Mikami und Genzo?‘
„Er muss wie Sie ein ausgezeichneter Trainer sein, wenn er Weltklassespieler hervorbringen kann.“, meint sie fest überzeugt.
‚Ach Bettina, wenn du wüsstest. Wir haben völlig unterschiedliche Ansichten.‘
Tina geht zu Trainer Kira rüber und stellt sich neben ihn.
„Darf ich mich zu Ihnen stellen, Herr Kira?“ Er ist erstaunt als er in ihr freundliches Lächeln schaut.
„Was verschafft mir die Ehre?“, versucht er freundlich zu sein.
„Ich habe eben schon zu Herrn Mikami gesagt, dass ich Kens Können sehr bewundere. Er sagt sie haben ihn, Sawada und Kojiro schon als Kinder trainiert? Sie müssen ein sehr guter und vielseitiger Trainer sein, wenn Sie es schaffen drei Weltklassespieler hervorzubringen. Und das auf drei verschiedenen Positionen, alle Achtung.“, lobt sie, schaut zum Spiel und hofft ihn als Kritiker ein wenig von ihrer guten Absicht Kojiro gegenüber zu überzeugen.
„Ich weiß nicht ob sie das wirklich beurteilen können. Immerhin haben Sie ewig kein Spiel mehr gesehen, oder irre ich mich da?“
„Stimmt, Sie haben Recht. Ich habe keine Ahnung, aber ich weiß auf welchem Level Genzo spielt und mit wem Kojiro in Turin und dass Tsubasa im FC Barcelona spielt.
Wer mit Genies wie Cusavier und Rivaul zusammenspielen kann, in den stärksten Teams Europas, muss ja zwangsläufig Weltklasse sein, oder?“,
„Die beiden sind schon ne ganze Weile nicht mehr in den Teams. Wobei Cusavier diese Saison tatsächlich wieder nach Turin kommt. Sie sind gut informiert, aber auf altem Stand.“
„Verstehe. Ich bin ja auch informell acht Jahre raus.“
Das nächste Tor wird von Genzo verhindert und schon wirft er den Ball wieder in die Mitte.
"Was sagen Sie zu Shinichi? Immerhin kam er durch die schwere Verteidigung."
"Man merkt, dass er in Frankreich spielte. Er ist jung und hat noch ne große Zukunft vor sich."
Während sie sich weiter unterhalten kommt ein Mann aus dem Publikum in ihre Richtung. Er ist elegant und modisch mit rosafarbenem Hemd, roter Krawatte, großer Sonnenbrille, hellblauer Hose und elegante Schuhen bekleidet. Er geht direkt auf die Trainer zu und begrüßt zuerst Fane.
Sie begrüßt ihn freundlich. Trainer Mikami und Hikaru begrüßen ihn.
"Guten Tag Herr Katagiri. Haben Sie es doch noch geschafft?"
Entgegnet Mikami. Trainer Kira unterbricht das Gespräch.
"Halten Sie sich jetzt bedeckt. Mikami klärt das.", sagt er ganz leise im strengen Ton zu Tina. Sie nickt und versteht was er meint.
‚Wer ist dieser elegante Herr? Er wirkt nicht wie ein Trainer. Ich glaube er ist eine ihnen höhergestellte Person. Trainer Kira hat mich nicht umsonst gewarnt. Wieso kommt er mir bekannt vor? Ich habe das Gefühl ihm schonmal begegnet zu sein. Seltsam.‘
"Guten Tag Herr Kira." Dann sieht er zu Tina und begrüßt sie mehr als nur höflich.
‚Wer ist diese elegante Blondine?‘
"Guten Tag, ich wusste gar nicht, dass wir heute charmanten Besuch haben."
Tina ist erstaunt über diese Begrüßung, nimmt aus Höflichkeit ihre Sonnenbrille ab und sieht ihm wie bei jeder Begrüßung freundlich in die Augen. Zumindest versucht sie es, da er seine Sonnenbrille aufbehält.
'Wer ist diese schöne Frau? Diese Augen, Wahnsinn. Ich überlege schon die ganze Zeit wer sie ist. Von Weitem kann man kaum etwas erkennen und nun kommt sie mir gekannt vor.'
"Guten Tag, Fuchs, Bettina Fuchs. Sehr erfreut."
Er ist erstaunt. Der Name ist ihm doch geläufig. Natürlich weiß er wer Bettina Fuchs ist. Herr Katagiri ist ein sehr informierter Mann und liest nicht nur die Sportzeitschriften über Fußball, sondern auch andere Sportarten sind interessant für ihn.
"Oh. Deswegen kommen Sie mir bekannt vor. Sie sind die Volleyballerin, die hier auf der Musashi als Sportlerin quasi großgeworden ist. Mehrmaliger Landes- und Nationalmeister mit verschiedenen Teams.
Haben Sie nicht auch den Asientitel mit Ihrem Team geholt und sind zum Nationalteam geladen worden?"
Tina lächelt. "Richtig. Das stimmt."
Er reicht ihr nun die Hand, er weiß, dass es in der deutschen Kultur üblicher ist als eine Verbeugung.
"Katagiri, Munemasa Katagiri. Ich bin Talentscout und Förderer vom Japanischen Fußballverband. Ich unterstütze die talentierten Männer hinter mir bereits seit Jahren.
Wie kommt es, dass Sie uns besuchen?" Tina ist erstaunt. Ihr kommt der Name plötzlich bekannt vor. Sie hat den Namen seit Jahren nicht gehört und ist in diesem Moment noch unsicher wo sie ihn einordnen muss. Irgendwann muss er in ihrer HSV-Zeit gefallen sein. Eventuell kennt sie daher auch sein optisches Auftreten.
'Es wundert mich, immerhin heißt es doch, sie möge keine Fußballer.
Ich bin verwundert. Auf den Bildern wirkt sie eher wild, frech und naiv. Doch ich stehe hier gerade vor einer eleganten selbstbewussten Frau, die scheinbar genau weiß wer sie ist und was sie kann.‘
Herr Mikami bringt sich ein.
"Das geht auf meine Kappe. Frau Fuchs und Genzo sind damals als Jugendliche in Hamburg in dieselbe Klasse gegangen und sind befreundet. Daher kennen wir uns ebenso.
Sie arbeitet hier in Tokio in einem Fitnessstudio und hat uns ihr aktuelles Fitnessprogramm vorgestellt. Wir möchten es gerne für die Männer in Anspruch nehmen. Unter Ihren Kunden sind bereits einige Nationalteams wie die Rugbyspieler und Baseballer."
"Ich verstehe, eine Freundin von Genzo aus Hamburg. Eine gute Idee. Ich habe schon viel über dieses individuelle Programm gehört. Es wird in den Sportzeitschriften beworben und bisher bekam es nur gute Beurteilungen von den Kunden und den Trainern der Sportler.
Ihre Konditionen sollen deutlich verbessert worden sein, seitdem sie es machen und die Rezepte umsetzen." Er ist erstaunt und sieht wieder zu Tina. Sie fühlt sich natürlich geschmeichelt, wenn man nur Gutes über ihre Arbeit in den Zeitungen lesen kann. Sie sieht sich die Zeitungen bewusst nicht an, aber vielleicht sollte sie dies ja mal tun, jetzt wo ihre Ängste verschwunden sind.
„Und Sie arbeiten tatsächlich nebenbei noch für dieses Fitnesscenter? Profisport und arbeiten. Alle Achtung, das kann nicht jeder.“
Sie lächelt dankend. „Danke, „Mädchen, habe immer Plan B und Plan C“, sagte mein Vater. Und ich versuche mich daran zu halten.“ Er ist erstaunt.
„Das klingt klug. Wenn das Center und die Rezepte Plan B sind, was ist dann Plan C?“ Sie grinst und antwortet stolz.
„Das Dolmetschen. Ich beherrsche offiziell fünf Sprachen fließend in Schrift und Wort.“
„Wow, ich bin auch Sprachbegabt, aber beherrsche nur vier Sprachen. Neben Japanisch und Englisch nur Spanisch und Mandarin.“
‚Was meint sie denn mit offiziell? Beherrscht sie Sprachen, von denen keiner wissen darf?‘
„Und inoffiziell?“, stutzt er neugierig.
„Das bleibt mein Geheimnis.“, antwortet sie auf Mandarin und blickt ernst aber freundlich.
Alle sehen sie erstaunt an. Herr Mikami ist auch total verblüfft.
‚Bettina, ist das deine Geheimwaffe auf dem Spielfeld? Du warst früher schon gut in den Sprachen. Englisch und Französisch hattest du schon drauf, als wir uns kennenlernten. Das konnten wir super in der Europameisterschaft nutzen. Soweit ich weiß hast du dir dann Spanisch und von Genzo und mir etwas Japanisch angeeignet. Japanisch war damals dein nächstes Ziel. Dass du dabei geblieben bist das Talent zu nutzen ist wirklich klug.‘
‚Oha, die hat einen Blick drauf. Mandarin kann sie also auch. Wenn das mal nicht neben ihrer sportlichen Leistung ihre Geheimwaffe zur Asienmeisterschaft war.‘
Er wechselt das Thema und wendet sich ernst Mikami zu.
„Sage mal. Was ist hier eigentlich los?
Das Tokio-Team spielt ja als hätten sie gerade die Schule verlassen. Und dann gehst du zum Trainer und später wird es nicht besser?
Was soll das? Wissen die nicht, dass ich heute da bin? Im Moment steht nur ihr Stürmer auf meiner Liste.“
'Oha, jetzt bekommen die richtigen Ärger. Aber was soll das auch? Ich hätte mit meinem Team erstrecht gezeigt was wir können. Ich bin aber froh, dass Shinichi fein raus ist.'
Tina lächelt etwas frech vor sich hin.
„Kindertheater. Sie sind beleidigt, weil wir jetzt in dieses Programm einsteigen und sie wohl mal abgelehnt wurden.", grummelt Mikami.
„Verstehe ich jetzt nicht. Die sind wegen sowas beleidigt und spielen deswegen schlechter als sonst? Was ist das denn für eine Logik?"
„Das ist auch unlogisch.", meint Tina plötzlich und verschränkt die Arme.
Er schaut zu ihr.
‚Es ist interessant, dass sie sich da einbringt. Taff ist die Frau ja.
Aber auch sehr hübsch.‘
„Ich weiß inzwischen, dass es ein Missverständnis ist und könnte es jederzeit aufklären um das Spiel eventuell besser laufen zu lassen, aber die Trainer und die Spieler selbst haben beschlossen sie auflaufen zu lassen, damit sie lernen ihre Empfindlichkeiten zu Hause zu lassen. Auf dem Spielfeld haben sie nichts zu suchen. Schon gar nicht wegen sowas.
Wenn Sie jedoch sagen, ich soll es jetzt regeln, dann mache ich das natürlich.
Aber ich habe es erst nach dem Spiel vor, denn durch diese Aktion beleidigen Sie das ganze Team und auch Sie, die Trainer.“, erklärt sie ernst und blickt aufs Spielfeld.
‚Kojiro, mach ganz viele Tore für mich, das geschieht denen recht.‘, denkt sie als Kojiro schon wieder das nächste Tor macht.
Alle sind erstaunt. „Ein Missverständnis? Wie das?“, wundert sich Katagiri.
„Ich habe eben kurz mit Ken geredet. Er sagte, dass sie von meinem Geschäftspartner angeblich abgelehnt wurden.
Das kann aber gar nicht sein. Herr Müller würde niemals jemanden ablehnen. Wir brauchen jeden Kunden. Er hat ihnen gesagt, er würde sie persönlich betreuen mit Frau Hopkins zusammen, statt meiner Person. Aber das haben sie nicht gewollt. Meine Ernährungspläne hätten sie ja trotzdem bekommen, das hat nichts mit der Datenerfassung und der Trainingseinheiten zu tun. Also wurde es vermutlich falsch verstanden. Nur weil ich es nicht mache, heißt es nicht, dass wir ablehnen.“
„Ist das nicht egal wer die Betreuung macht? Das Ergebnis ist doch dasselbe?“, fragt Hikaru.
„Natürlich. Ich bekomme am Ende nur die Daten und Pläne vom Sportmediziner und danach erstelle ich die Ernährungspläne. Meine Arbeit besteht also letztendlich nur aus Zahlen und Nährwerten für meine Menüs. Ich bin Diätköchin, kein Sportwissenschaftler wie Herr Müller. Die Kunden buchen mich doch nur, weil ich ein Promi bin. Ne Runde mit mir quatschen und mich kennenlernen, das ist es was sie wollen. Das ist auch gut, aber ich habe Herrn Müller bisher gebeten mir keine Fußballer zuzuteilen, das ist alles. Deswegen sind sie sicher beleidigt, weil ich sie nicht betreut hätte, sondern nur meine Kollegin.
Eins ist klar:
Wenn meine Mädels und ich beleidigt sein würden, wieso auch immer, dann würden wir erstrecht angreifen und alles geben und ganz bestimmt keine Handbremse anziehen. Wie peinlich wäre das denn?“
„Genau so ist es. Kojiro hat es vorhin schon genau richtig formuliert. Wenn sie nicht in der Lage sind sowas auszublenden, dann passen sie nicht ins Team.“, äußert Kira.
Alle stimmen ihm zu.
„Gut, dann klären Sie das nach dem Spiel erst auf. Ich will sehen ob die sich von alleine aufrappeln.“, meint Herr Katagiri streng und sieht sie an.
Tina nickt. ‚Zum Glück sind wir alle hier auf derselben Wellenlänge.‘
Trainer Mikami fasst einen Entschluss.
„Was haltet ihr davon, wenn wir mal ne Runde zurück beleidigen?“
Alle sehen ihn verwundert an. Dann gibt er Order zwei Spieler auswechseln zu lassen.
Es kommen Kojiro und Jun raus und die zwei Kandidaten auf der Bank machen sich schon bereit.
„Wieso die beiden?“, wundert sich Tina.
Die beiden auf dem Feld sind selbst erstaunt.
‚Nanu? Was jetzt? Wieso soll ich runter? Und Jun auch? Was hat das zu bedeuten?‘
„Ganz einfach, wir bremsen auch. Einmal vorne und einmal hinten.“, erklärt er ihr.
‚Trotzdem seltsam. Wieso bremsen? Aber es wird sie sicher irritieren und auch beleidigen, das stimmt. Wenn man zwei wichtige Zugpferde rausnimmt.‘, denkt Tina.
Die Schatten der Vergangenheit
Kapitel 52
Die Schatten aus der Vergangenheit
Die Wechselnummern werden hochgehalten und Stürmer sowie Verteidiger klatschen sich ab und wechseln. Die Bank steht etwas weiter weg von den Trainern, sodass dort niemand ihre Gespräche mithören kann.
Beide ausgewechselten Männer gehen zuerst auf die Trainer zu.
Inzwischen stehen diese wieder nebeneinander.
‚Oh, Herr Katagiri ist inzwischen gekommen. Ist mir noch gar nicht aufgefallen.‘,
denkt Kojiro, als er ihn erblickt.
„Trainer, wieso nehmen Sie uns raus?“, fragt er Mikami.
Alle gehen ein paar Schritte vor und stellen sich etwas im Halbkreis, um dem Gespräch zuzuhören.
Tina versucht neutral zu wirken, sie will nicht, dass man ihr anmerkt wie ihr Herz klopft, als Kojiro sich nähert und durch die Hitze und das Spielen total verschwitzt nicht weit von ihr weg steht.
‚Kojiro, du siehst richtig glücklich aus. Man sieht dir an wie leidenschaftlich du spielst und am liebsten weitermachen würdest. Dir hat das sicher die letzten Tage gefehlt. Mich kribbelt es auch total in den Fingern nachher noch zu trainieren und dann heute Abend zu Spielen.
Du siehst wirklich umwerfend in deinem Trikot aus.
Mich überkommt plötzlich wieder so ein Kribbeln überall. Kojiro, am liebsten wäre ich jetzt irgendwo mit dir alleine. Ganz weit weg von hier, nur wir beide. Das ist kaum auszuhalten.‘
Tina bemüht sich sehr ihre Empfindung zu verbergen, verschränkt die Arme wieder und kneift sich doll in den Ellenbogenbereich, um keine Miene zu verziehen. Das macht sie immer so, wenn sie irgendwelche Gefühle überkommen und sie diese nicht zeigen darf. So hat sie auch schon die schwere Zeit im HSV überwunden, wenn mal wieder eine Situation war in der sie sich nicht zu Wort melden konnte, nur weil sie ein Mädchen ist und weil es die anderen nicht wissen durften. In solchen Momenten erinnert sie sich daran, dass sie sich sehr konzentrieren muss.
Im Gegensatz zu vorhin, kommen ihr plötzlich ganz andere Gedanken als sie ihren Liebsten jetzt so durchgeschwitzt und mit nasser wilder Mähne sieht. Vor ihr spielen sich Bilder ab wie sie sich innig küssen und zärtlich berühren würden.
Tina fühlt sich gleichzeitig derart beobachtet, dass es sie tatsächlich etwas nervös macht. Neben ihr auf der Linken Trainer Kira, welcher vermutlich noch immer an ihren wahren Gefühlen zu Kojiro zweifelt und rechts hinter ihr der Mann vom Fußballverband, der ihr bekannt vorkommt. Es stört sie, dass sie ihn überhaupt nicht zuordnen kann. Die Begegnung muss extrem lange her sein, wenn es denn eine Begegnung gab.
„Ihr könnt euch schonen. Jun, du musst nicht bei der Hitze unnötig weitermachen, wir wissen was du kannst. Und du genauso, Kojiro. Wenn einer bei der Hitze ein Spiel ohne Probleme durchhalten kann, dann ja wohl du. Schone dich lieber und lass mal einen anderen ran. Du hast dich genug ausgetobt und Ken kann mal ne Pause gebrauchen. Die Abwechslung wird allen gut tun.“
„Ich wäre lieber auf dem Feld als auf der Bank. Aber wenn Sie das sagen.“, akzeptiert er und blickt dann in Tinas Richtung. Er tritt höflich etwas zur Seite, um sich vor Herrn Katagiri zu verbeugen.
„Guten Tag Herr Katagiri. Ich hoffe der Neue schlägt sich gut genug.“, spricht er ernst aber hat ein kleines Lächeln drauf. Dann schweift sein Blick direkt in Tinas Augen. Ihre Blicke treffen sich und Tina muss sich sehr zusammenreißen. Kojiro ist nur etwa drei Meter von ihr entfernt, steht vor ihr und sieht sie an als würde er ihr etwas Romantisches sagen oder sie in diesem Moment zärtlich berühren wollen. Ihre Hände lösen sich und dann fasst sie sich mit der linken an die Haare und schiebt diese hinters Ohr. Dabei berührt sie den schönen Ohrring mit den zarten Kugeln dran. Vor ihr spielen sich plötzlich Bilder der Erinnerung an besonders zärtliche Momente mit Kojiro ab. Sie merkt wie ihr ganz warm wird. ‚Tina, reiß dich zusammen! Denk an was, was dich ablenkt von deinen Gedanken! Pass auf, wenn du springst, musst du extrem konzentriert sein, sonst geht es schief!‘, sagt sie sich innerlich. Ihre Konzentrationsübung um nicht abzuschweifen hilft immer.
Herr Katagiri begrüßt Kojiro ebenso freundlich und antwortet ihn lachend.
„Der steht auf meiner Liste, er wird dir später eine große Hilfe sein, bei der WM. Ein Ass im Ärmel für euer Team.“, ist er überzeugt. Kojiro nimmt gar nicht richtig wahr was er sagt und wundert sich nur über Tinas Verhalten.
‚Irgendwas stimmt doch hier nicht. Vorhin hast du dich noch mit den Trainern unterhalten, sogar mit Mikami gelacht. Den habe ich noch nie lachen sehen. Und nun? Nun bist du auf einmal ganz still? Was ist los? Liegt es an Katagiri? Oder liegt es an mir? Unser Zeichen Bettina, mach unser Zeichen, damit ich weiß, dass alles okay ist.
Oder war das grade unser Zeichen? Wenn alles okay ist, benutzt du beide Hände gleichzeitig und wenn etwas nicht stimmt, dann nur eine und deutest auf meinen Schmuck. Ist es das? Fühlst du dich gerade unwohl?
Aber wieso? Es war doch bis jetzt alles okay.‘, bemerkt es Kojiro, lässt es sich aber nicht anmerken und antwortet ihr nur mit seinem abgesprochenen Zeichen indem er so tut als ob er nebenbei einen seiner Ärmel wieder richtet.
Der Mann hinter ihr jedoch bemerkt ihre Anspannung.
‚Nanu. Was ist mit ihr los? Liegt das an Kojiro? Sie wirkt so angespannt. Wir wissen alle, dass er eine gewisse Ausstrahlung hat und Frauen in seiner Gegenwart etwas irritiert sein können, aber ausgerechnet sie? Ausgerechnet eine Bettina Fuchs, welche in einem Fitnessstudio arbeitet und ständig irgendwelchen Muskelbergen begegnet wird bei einem Anblick mit Hyuga nervös?‘
Kojiro weicht ihrem Blick aus und sieht zu Herrn Katagiri, welcher unmittelbar seitlich hinter ihr steht. Dieser wundert sich ein wenig, dass sich die beiden überhaupt ansehen. Dann schaut er unauffällig hinter seiner Sonnenbrille zu Tina, bemerkt ihre Bewegung mit der Hand und betrachtet ihren Nacken und ihren freiliegenden Rücken.
‚Man sieht, dass sie sehr viel Sport treibt. Jetzt fällt mir das erst richtig auf. Und was hat sie für seltsame Flecken auf dem Rücken? Zwei größere Narben und die seltsamen drei Punkte am Arm und Schulter?‘ Dann bemerkt er plötzlich, dass ihre Kette am Verschlussbereich eine Gravur trägt. Mit seinem geschulten gesunden Auge kann er es trotz der Entfernung und der kleinen Schrift lesen.
„Liebe übersteht alles! K. Hyuga“, liest er und ist etwas verwundert. Genauso wie Tina hat Katagiri das Talent für Sprachen genutzt und ohne, dass es jemand offiziell weiß, spricht er bereits seit gut zwanzig Jahren Deutsch.
‚Wie kann das sein? Die beiden sind ein Paar? Und keiner weiß etwas davon? Was hat das zu bedeuten? Ist sie deswegen hier? Was vor allem hat dieser Spruch genau zu bedeuten? Kojiro Hyuga, du bist kein Mann der irgendwelche Entscheidungen trifft ohne genau dahinter zu stehen. Was meinst du mit diesem Spruch? Was hat es für euch für eine Bedeutung? Aber es erklärt ihre Reaktion. Ihr verbergt eure Beziehung? Aber wieso? Die Presse wartet doch nur darauf.‘
Jun beobachtet die drei und wundert sich über die Reaktion von Herrn Katagiri. Er kennt diesen Mann von allen Spielern am besten. Als er damals wegen seiner Herzprobleme noch nicht komplett oder gar nicht spielen konnte stellte man ihn als Berater und seelischen Unterstützer der Mannschaft in der Jugendzeit zur Seite. So hatten die Jungs einen vertrauten Ansprechpartner, dem sie vieles eher erzählen würden als einem Erwachsenem oder einem Trainer. Aus diesem Grunde war er viel mit Katagiri unterwegs und lernte die Seite des Fußballs auch aus der Managerseite kennen, nicht nur als Spieler. In der Zeit lernte er ihn sehr gut kennen und kann seine Gesichtsausdrücke sehr gut deuten. Es ist nicht leicht, denn er nimmt quasi nie seine Sonnenbrille ab. Anfangs wunderte er sich noch, genauso wie viele andere, aber dann erfuhr er den Grund.
Herr Katagiri war damals selbst Spieler und ein erfolgreicher Stürmer in der Japanischen Liga. Er spielte mit Tatsuo Mikami als Torwart und dem dritten Trainer Minato Kamo, welcher Mittelfeldspieler war, zusammen im Nationalteam. Leider verloren sie die Qualifikation, um an der Weltmeisterschaft teilzunehmen. Das war für alle drei ein sehr prägender Moment. Durch einen Unfall und einer schweren Verletzung am rechten Auge verlor er an diesem sein Augenlicht. Damit es niemanden so auffällt oder irritiert trägt er seitdem ununterbrochen eine große Sonnenbrille.
‚Irgendetwas stimmt hier nicht. Herr Katagiri ist sehr nachdenklich. Den anderen wird es nicht auffallen, aber ich kenne ihn zu gut.‘
Fane bemerkt Tinas Reaktion auf Kojiros Anwesenheit und überlegt schon wie sie sie davon befreien könnte, ohne, dass es auffällt.
„Ich bin gespannt wie Shinichi durch die neue Abwehr kommt.“, äußert Jun und versucht so Katagiri von Tina und Kojiro abzulenken, schaut zu ihm und dann aufs Feld. Dieser reagiert darauf und schaut ebenso zu dem Geschehen auf dem Rasen.
Plötzlich wird Tina von Fane an der Schulter berührt.
„Tina, mir ist…so...so…schwindelig. Die Hitze…“, stammelt sie und stützt sich bei ihr auf.
Sofort dreht sie sich zu ihr um und hält sie fest.
„Fane, ist dir zu heiß hier?“, ist sie erleichtert und dankbar für die Ablenkungsaktion und spielt ihr Spielchen mit. Sie weiß genau, dass Fane nicht so empfindlich ist, wenn es warm wird. Die Hitze hier draußen ist nichts im Vergleich zu dem was manchmal bei Hochbetrieb in ihrer Küche los ist.
„Liebe Fane, ich bringe dich rein, im Gebäude ist es kälter. Dort kannst du dich ausruhen.“, sagt Tina besorgt. Die Männer sehen alle zu ihnen und sorgen sich natürlich um Fane.
Herr Katagiri, welcher unmittelbar neben den Frauen steht wendet sich ihnen besorgt zu.
„Alles gut Fane? Ich kann dich auch reintragen, wenn es nötig ist.“, klingt er sehr besorgt.
„Nein, alles gut, es reicht aus, wenn Tina hilft. Sie ist ausgebildete Rettungsschwimmerin und kennt sich damit aus. Danke.“
Fane legt ihren Arm um Tinas Schulter, Tina stützt sie und beide gehen langsam Richtung Halle.
„Das war knapp, Fane. Ich hätte mich beinahe verraten. Danke.“, flüstert Tina leise auf Deutsch zu ihr.
„Alles gut, ich habe es bemerkt. Was war denn los?“
„Ich bin froh, wenn es nachher vorbei ist. Es nervt langsam.“
„Nachher? Wollt ihr es nach dem Spiel etwa allen sagen? Bist du deswegen hier?“
Tina nickt. „Das auch. Erkläre es dir gleich. Lass uns erstmal reingehen.“
Herr Katagiri ist erstaunt und kann mit seinen guten Ohren noch ihr Geflüster aus der Ferne verstehen. ‚Die kennen sich? War das eben etwa nur ein Ablenkungsmanöver? Woher kennen die beiden sich?‘ Dann schaut er zu Jun, welcher ihn erneut anspricht.
„Die beiden machen das schon. Bei Tina ist sie in guten Händen, wir kennen uns doch hier aus der Schule und haben hier zusammen Erste-Hilfe-Kurse gegeben.“, versucht er wieder das Augenmerk auf sich zu richten. Kojiro tut es ihm gleich und stellt sich neben Jun und schaut auch zum Spielfeld.
‚Bettina, welch ein Glück, dass Fane uns geholfen hat.‘
„Also, Herr Katagiri, was sagen Sie dazu ob der Neue unsere andere Abwehr durchdringen kann?“, kommt er zum Thema zurück.
Der Mann geht auf Jun ein und ist soweit beruhigt, dass es Fane gut geht, auch wenn er die Aktion seltsam findet. Er antwortet laut und voller Überzeugung, damit alle Trainer es hören können. Ganz so, wie er es sonst auch tut.
„Er packt das schon! Er ist ein super Talent und ihr wisst ja: Ein echter Mann braucht Herausforderungen!“
Plötzlich bleibt Tina stehen. Sie glaubt nicht richtig gehört zu haben. „Ein echter Mann braucht Herausforderungen!“ Dieser Spruch war ihr sehr bekannt. Vor ihr spielt sich auf einmal eine seltsame alte Erinnerung ab. Sie dreht sich zu den Männern um und betrachtet die drei von hinten wie sie zum Spielfeld schauen. „Das kann nicht sein.“, äußert sie plötzlich vor sich hin. ‚Tina, was ist los? Wieso bleibst du stehen?‘, wundert sich Fane.
Genau als Tina die drei von hinten betrachtet kommt ihre Erinnerung wieder. Vor ihr sieht sie kein Spielfeld, sondern ein Horizont am Meer. Zwei Männer im Strandsand stehend und ihr Bruder spielt im Strandsand Fußball mit einem anderen Jungen. Sie kann sich nur noch dunkel daran erinnern, denn sie war noch sehr klein und war an diesem Tag traurig, dass sie nicht mit ihrem Bruder spielen durfte, sondern dieser mit einem fremden Jungen spielte, statt mit ihr. Dann sah sie ihren Vater und einen Fremden von hinten wie sie ihnen begeistert zusahen und sich unterhielten. Sie weiß bis heute nicht was sie soviel zu bereden hatten, aber da fiel auf einmal dieser Spruch. „Ein echter Mann braucht Herausforderungen!“ im Zusammenhang mit der Bemerkung, dass er weiter trainieren solle und es dann in ein Profiteam schaffen könnte. Ihr Vater solle sich da keine Sorgen machen, dass dies eines Tages gehen würde.
So ihre Erinnerung. Und nun sieht sie die Hinterseite dieses Mannes genau neben Kojiro, welcher ähnlich groß ist wie ihr Vater war. Die Größe passt genau. Und diese langen Haare und dann diese Sonnenbrille…genau das war es…das war es was ihr an ihm bekannt vorkam.
Sie versucht sich in diesem Moment noch mehr zu erinnern. Sie weiß noch, dass sie so eifersüchtig auf den anderen Jungen war, weil er mit ihrem Bruder spielte und dann kam dieser doofe Spruch. Als wäre sie als Mädchen nicht in der Lage so gut zu sein. Sie fing an zu den Jungs zu laufen um mit ihnen mitzuspielen und wollte zeigen, dass sie auch schon gut ist. Aber ihr Vater forderte sie auf wieder zu gehen. Heute ginge es nicht.
Aus Wut als Mädchen nicht für Wahr genommen zu werden riss sie dem Mann damals beim Abendessen die Brille von der Nase. Was fand sie es unhöflich ihrer Mutter gegenüber im Haus ne Sonnenbrille zu tragen. Was bildete sich dieser Fremde überhaupt ein?
Am selben Abend, als der Gast gegangen war, kam ihr Vater zu ihr und entschuldigte sich, dass er sie den Tag ignoriert hat. Zum Trost nahm er einen Stift und schrieb einen Spruch auf ihren Lieblingsball.
„Eine echte Frau braucht Herausforderungen!“ und sagt, dass genau heute so ein Tag war. Um eine echte Frau zu werden, müsse sie auch solche Tage meistern und er sei sehr stolz auf sie, weil sie aus ihrer Sicht die Ehre ihrer Mutter verteidigen wollte.
Nach einem Besuch bei den Toiletten und einem Gang durch den Flur stehen die beiden jungen Frauen in der Turnhalle.
„Puh. Was war das denn eben? Tina, was war denn eben los? Du warst doch die ganze Zeit so locker und dann auf einmal kannst du nichts mehr sagen?“, beginnt Fane das Gespräch.
„Ach Fane, das ist gar nicht was mich jetzt wirklich beschäftigt.“, seufzt Tina und setzt sich auf eine Bank.
„Was meinst du? Was beschäftigt dich denn dann?“
„Dieser Mann vom Verband. Als er sich vorhin vorgestellt hat habe ich die ganze Zeit überlegt warum er mir bekannt vorkam. Ich wusste die ganze Zeit nicht wo ich ihn einordnen soll. Ich wusste nur, dass ich ihm schonmal irgendwann begegnet bin.“, erklärt sie und betrachtet nachdenklich die Decke.
„Meinst du Herrn Katagiri? Und nun weißt du es? Ist es dir eingefallen?“
„Ja, und da du ihn kennst kannst du mir die entscheidende Frage beantworten. Dann weiß ich, dass ich mich nicht irre.“
„Dann frag.“
„Trägt er die Sonnenbrille, weil er nur noch ein gesundes Auge hat?“
Fane schaut sie verblüfft an.
„Tatsächlich. Ich weiß zwar nicht welches Auge es ist, aber er hatte mal in jungen Jahren ein Unfall und dabei verlor er ein Augenlicht.
Tina, woher weißt du das?“
„Ah das muss es sein.“, äußert sie plötzlich und steht auf.
Sie geht etwas seitlich in den Raum, aktuell steht nichts an dieser Stelle und schaut zum Lüftungsschacht an die Decke, welche jedoch nur gerade mal drei Meter hoch ist. Dann schaut sie sich um und entdeckt einen Stuhl und einen Tisch.
„Hilfst du mir mal kurz?“, fragt sie Fane. Diese schaut nur fragend und hilft ihr natürlich den Tisch zu tragen, damit er keine Spuren auf dem Boden hinterlässt.
Dann stellt Tina den Stuhl daneben wie eine Treppe. Sie steigt hinauf und steht nun auf dem Tisch.
„Was wird das?“, wundert sich Fane. „Pass auf, zeige ich gleich. Ich nutze meine Zeit gleich, dass ich hier bin und schau ob mein altes Versteck noch ein Versteck ist. Wenn ja, dann kann ich dir gleich was zeigen.“
Sie holt den Stuhl hoch und stellt ihn auf den Tisch. Dann klettert sie auf den Stuhl. Fane ist etwas besorgt und hält den Stuhl lieber fest. „Tina, was für ein Versteck?“
„Weißt du, als ich hier auf der Schule war und manchmal nicht einschlafen konnte gewöhnte ich mir an bis spät in die Nacht noch zu trainieren. Meine Bälle üben und so. Und dann schlich ich mich nach Schulende hier in die Turnhalle und damit ich nicht immer meine Sachen mitschleppen musste habe ich sie hier deponiert.“
Sie greift hoch zum Lüftungsschachtdeckel und versucht ihn zu öffnen, doch weil sie nicht richtig rankommt springt sie etwas hoch und hält sich dann an einem Verschlag fest. Hangelnd kommt sie nun an den Deckel und öffnet die Tür seitlich. „Die haben hier leider alles umgeräumt. Früher standen hier Geräte, der Schwebebalken und das Reck. So kam ich immer da oben ran.“
Dann greift sie in den Schacht und erfühlt tatsächlich noch ihren alten Kunststoffbeutel.
„Wow, tatsächlich. Haben die echt die letzten vier Jahre hier nichts gemacht.“, meint sie begeistert und zerrt den Beutel raus und lässt ihn auf den Boden fallen. Dann schließt sie den Deckel und lässt sich wieder langsam runter auf den Stuhl.
Sie springt vom Tisch und geht zum Beutel.
„Fane, als kleines Mädchen noch damals in Rostock, bekam mein Vater mal Besuch. Ich wusste nie wer das war, ich wusste nur, dass er einen Jungen mitbrachte und diesem mit meinem Bruder spielen ließ. Mein Vater und er sahen sich sein Talent an und dann kam so ein Spruch. Dieser Spruch, den der Mann vom Verband eben gesagt hat. Ich muss wirklich noch klein gewesen sein, denn ich kann mich kaum an Details erinnern. Ich war aber so sauer auf diesen Mann, weil ich zum einen nicht mit meinem Bruder spielen durfte und zum anderen, weil er sich nur sein Spiel ansah, ich war völlig uninteressant für ihn, weil ich ein Mädchen war. Da riss ich ihm beim Abendessen die Brille von der Nase. Ich fand das so unhöflich meiner Mutter gegenüber, dass er im Haus eine Sonnenbrille trägt. Zuerst werde ich als Mädchen nicht wahrgenommen und dann beleidigt er meine Mutter. Naja. Natürlich klärte sich das ja dann auf und ich entschuldigte mich auch dafür. Er war mir nicht böse, aber darum geht es gar nicht.
Am selben Abend noch kam mein Vater zu mir und lobte mich, weil ich meine Mutter verteidigen wollte und schrieb etwas ganz Besonderes auf meinen Ball. Er sagte dazu nur, heute war ein schwerer Tag für mich und solche Tage gibt es eben auch. Fane, das was er darauf schrieb war all die Jahre im HSV und auch hier mein Antrieb.“
Dann holt sie den Volleyball aus dem Beutel.
„Wow, er hat nicht mal Luft gelassen, super.“, freut sie sich und gibt ihn Fane in die Hände.
„Lese selbst. Ich habe ihn immer auf irgendeinen Ball geschrieben. Und hier in der Musashi war es dieser Ball, der mich abends durchhalten ließ.“
Fane ist erstaunt und liest selbst laut vor.
„Eine echte Frau braucht Herausforderungen!“
Sie ist etwas irritiert. „Du meine Güte. Wie kann das sein? Wenn du sagst, du warst noch ganz klein, wie konnte dann ein Japaner zu euch zum Besuch kommen? Hast du nicht mal erzählt, dass ihr in deiner Kindheit früher noch eine geschlossene Grenze hattet? Durfte denn da ein Japaner einreisen?“ Tina zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung was das zu bedeutet hatte. Kann ich dir nicht sagen. Ich glaube ich war tatsächlich noch im Kindergarten und noch nicht mal in der Schule. Wir haben damals immer am Strand gewohnt. Kurz vor meiner Einschulung sind wir wieder ans Meer gezogen, direkt nach Warnemünde dann wo ich auch mit Stephan zusammen zur Schule ging.“ Tina überlegt und versucht sich zu erinnern. Eigentlich war sie immer nur am Strand. Niemals woanders. Ihre ganze frühere Kindheit lang bis sie in die Schule kam hatte sie nie groß was anderes gesehen. Strand, der Wald nebenan und die Ostsee. Was anderes kannte sie nicht, auch kaum andere Kinder. Der Kontakt kam erst durch den Umzug.
Dieser Mann war der Einzige, der mal vorbeikam und nicht zur Familie gehörte. Jetzt wo sie das erste Mal genauer darüber nachdenkt kommt es ihr so seltsam vor.
„Naja, ist ja auch nicht schlimm. Dann kennt er dich eben aus der Kindheit. Darüber musst di dir da doch keinen Kopf machen.“
Tina schaut ernst.
„Doch. Denn wenn er mich aus dieser Zeit kennt, dann kennt er auch meinen alten Namen. Und ich habe überhaupt keine Ahnung was das für Auswirkungen haben kann, wenn jemand diesen kennt.“, meint sie leise.
Fane ist verwirrt. „Was meinst du mit alten Namen?“
„Vor dem Umzug nach Warnemünde haben meine Eltern ihren Familiennamen ändern lassen. Somit auch unseren. Ich bin gebürtig keine „Fuchs“, sondern eine „Fischer“. Meine Eltern haben uns nur immer gesagt, dass wir niemals wieder so heißen dürfen. Frage mich aber nicht wieso. Unsere Vornamen wurden auch geändert. Aus Steve wurde Stephan und aus Ulrike eine Bettina.“, flüstert sie ihr ins Ohr. „Wieso das denn? Ist ja komisch. Also hast du Angst, er könnte eure alten Namen kennen? Also den vor der Änderung?“ Tina nickt.
Fane versucht sie zu beruhigen.
„Klingt alles komisch, aber eins kann ich dir sagen. Ich denke, auch wenn er die Namen kennt, wird er keine bösen Absichten haben. Ich kenne ihn schon lange und er hat sich immer so aufgeopfert für die Jungs, da kann ich mir das nicht vorstellen. Und so wie er vorhin mit dir gesprochen hat mag er dich doch auch. Ich denke nicht, dass es da jemals Probleme geben wird. Und er hat dich doch gar nicht erkannt.“
„Wollen wir es hoffen. Ich habe keine Ahnung warum das damals so war, ich weiß nur, dass es keiner wissen darf.“
„Belass es jetzt dabei. Er hat dich nicht erkannt, wie auch. Wenn du eh einen anderen Namen hast.“
„Du hast Recht. Ich muss nur aufpassen, dass ich nichts Falsches sage was doch eine Erinnerung wecken könnte. So wie sein Spruch bei mir.“
Fane nickt und gibt ihr den Ball wieder.
Beide stellen die Möbel wieder zurück und dann nimmt Tina den Ball, schaut nachdenklich darauf und schaut dann auf zum Tor, am anderen Ende der Halle.
„Fane, vertraust du mir?“, fragt sie plötzlich.
„Natürlich, wieso?“
„Blind? So wie Genzo es tut?“, grinst sie. Fane weiß nun worauf sie hinaus will. Sie lächelt und geht zum Tor. „Natürlich, Tina. Ich soll dir sicher eine Ecke vorgeben?“, sagt sie überzeugt.
„Ja Liebes, ich würde dir gerne meinen neuen Ball zeigen. Mal sehen ob ich ihn ohne Aufwärmen hinbekomme. Die wahre Kunst ist, wenn es ohne geht.“, meint sie selbstsicher. Dann zieht sie ihre Schuhe aus und spürt ihre nackten Füße auf dem Parkett.
„Wie früher, ein tolles Gefühl. Hier Fane, habe ich meine zwei starken Bälle entwickelt. Genau hier in dieser Halle.“
Nun steht Fane im Tor und lässt etwa einen Meter neben dem linken Pfosten frei. „So richtig? So macht es doch Genzo immer, wenn er dich besucht, oder?“ Ihr Puls steigt an. Sie vertraut Tina sehr, aber an dieser riskanten Stelle hat sie noch nie gestanden. Bisher schaute sie nur zu. Sie kommt sich vor als würde sie im Zirkus vor der Wurfscheibe des Messerwerfers stehen.
‚Tina, ich hoffe das geht ohne Aufwärmen gut. Ich vertraue dir, aber trotzdem…ohne Aufwärmen?‘
„Mach am besten die Augen zu. Und ich habe meine Gedanken da, wo ich sie das letzte Mal auch hatte als mir der Ball gelungen ist. Es wird schon nichts schief gehen. Er kann im schlimmsten Falle nicht so stark sein wie ich es will. Aber treffen werde ich auf jeden Fall. Okay?!“, versucht sie ihre Freundin zu ermutigen.
„Okay. Woran hast du denn gedacht?“
„Bei den alten Bällen habe ich immer an diese Idioten damals gedacht, die Yako und mich angegriffen hatten und an die Mörder meines Bruders. Aber bei dem neuen Ball, da…denke ich an was ganz anderes.“
„Okay, und an was?“
Tina lächelt. „Als er mir gelang, stand Kojiro neben mir und hat vorher den Ball berührt. Ich denke an ihn, an die Liebe meines Lebens, Fane.“, äußert sie mit verliebter Stimme und wirft den Ball weit in die Höhe, springt hoch und schmettert die weiße Kugel direkt in die linke obere Ecke des Tores. Das Netz hinter Fane muss einiges aushalten. Der Ball gräbt sich tief hinein, aber diesmal geht es nicht kaputt. ‚Hm. Sah gut aus. Fühlte sich genauso an wie neulich.‘, denkt Tina. Dann läuft sie auf das Tor zu um sich das Netz anzusehen.
„Alles gut, Fane?“, fragt sie. Fane öffnet die Augen. „Ist es vorbei? Es hat nur gezischt neben mir.“, meint sie.
„Hast du gar nichts bemerkt?“, wundert sich Tina. Sie schüttelt den Kopf. „Nur ein leises Zischen. Ich habe deinen Abschlag gehört aber danach nicht wirklich was. Ich spüre nur das Wackeln vom Tor.“
Tina betrachtet das Netz an der Stelle wo der Ball getroffen hat. Die Fasern haben eine kleine Abschürfung.
„Hm. Ich denke das war er wirklich nochmal. Die haben noch immer die Netze hier drin, die mal erneuert wurden. Gut. Sonst wäre er durchgegangen wie in der Berufsschule neulich.“
„Was meinst du damit, durchgegangen?“
„Mein Feuerdrache geht bei der Entfernung nicht durch ein übliches Hallentor durch. Der neue Ball aber, der Feuerdrachenschlag, so wollte ich ihn ursprünglich nennen. Aber mal sehen, ich überlasse es den Medien wie sie es diesmal nennen. Ich hatte vor ihn nur weiter zu entwickeln, dass er stärker ist, aber stattdessen ist es eine andere Technik geworden. Da ich an etwas anderes denke hat er einen anderen Drall bekommen. Schau hier.“ Sie zeigt auf die Fasern, sie sind wie ein Wirbel gedreht.
„Als hätte man eine Art Schleifmaschine im Kreis gedreht, um durch das Netz zu kommen. Mein Feuerdrachen reißt nur alles auf, aber er dreht sich nicht. Also ist es eine andere Technik.
Das ist mir beim letzten, bzw. ersten Mal nicht aufgefallen, da das Netz kaputt ging und dann die ganze Aktion mit Hinata passierte. Ich hatte keine Zeit mir die Fasern anzusehen.“
„Wieso geht er denn hier nicht durchs Netz? Ist er schwächer?“
„Nein, als wir hier damals trainierten habe ich ständig die Netze kaputt gemacht beim Üben. Da hat die Schule dann beschlossen Profinetze in die Tore und als Volleyballnetze zu kaufen. Und wie du siehst, sie halten immer noch. Meine Berufsschule natürlich hat dafür kein Geld. Auch deswegen hat sich Shinichi bei unserem Spiel Männer gegen Frauen so zurückgehalten. Ich hätte ja sonst niemals seine Bälle halten können. Er wollte uns Mädels nicht verletzen und natürlich das Tor heile lassen. Wenn ich jetzt seine Schüsse sehe, dann wären sie tatsächlich kaputt gegangen, denn ich hätte sie nicht halten können.“
„Was sagst du denn nun eigentlich zu Kojiro und Tsubasa? Wie findest du ihr Spiel? Tsubasa hat es sich immer schon gewünscht, dass du ihn mal spielen siehst und nun ist es heute endlich dazu gekommen. Er hätte sich immer so gerne schon mit dir über Fußball unterhalten und musste sich so zurückhalten. Ist dir aufgefallen, dass sie extra für dich ihren stärksten Schuss gezeigt haben? Das ist eigentlich der Schuss des Goldenen Duos, also zwischen Tsubasa und Taro. Aber mit der Zeit haben es auch die beiden hinbekommen, weil sie mittlerweile sehr gut befreundet sind.“, plappert Fane begeistert.
Tina hält noch immer das Netz fest. Ihr Herz schlägt schneller als sie an diesem Moment denkt, als der Ball aufs Tor zurast.
„Fantastisch, Fane. Ich kann gar nicht beschreiben wie sich das angefühlt hat. Du siehst das ja nur von der Seite und als Zuschauer, aber wenn du früher selbst im Tor gestanden hättest und selbst Keeper warst, dann fühlt es sich nochmal ganz anders an. Ich bin nicht nur zu Ken gegangen um zu fragen was mit seinem Team los ist, sondern auch um die Angriffe von seiner Perspektive aus zu sehen, sowie früher.
Und ich fühle gar nichts Schlimmes. Als ich damals herkam und versucht habe Jun und seinem Team beim Training zuzusehen ging das gar nicht. Auch Monate und ein paar Jahre später nicht. Immer wieder kamen diese Bilder hoch.
Deswegen bin ich heute hier. Zum einen um mich selbst zu testen, ob ich wieder zusehen kann, ob ich wieder Fußballer ansehen kann ohne an den Überfall zu denken. Und zum anderen um Kojiro endlich mal spielen zu sehen. Ich muss doch wissen ob ich das wirklich kann und ob meine Gefühle und Empfindungen dieselben sind auch wenn ich ihn spielen sehe. Das war meine letzte Prüfung um zu wissen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.
Auch deswegen bin ich heute hier. Und vor allem, damit wir dem Team heute von uns erzählen. Und heute Abend, wenn meine Mädels spielen, auch dann werde ich es ihnen sagen. Ich werde ihnen sagen wer in Zukunft an meiner Seite ist und auch, dass ich sie bald verlasse und ihm nach Europa folgen werde. Das wird nicht jedem passen, das weiß ich. Besonders Yako wird ein Problem damit haben, aber da muss sie durch.“
„Yako, wieso? Warum hat sie ein Problem damit, dass du weggehst?“, wundert sich Fane.
„Das ist ihr egal, sie hat prinzipiell ein Problem mit allen Leuten die auf der Toho waren. Ich habe dir das nie erzählt, aber damals als ich hier ankam steckte sie in einem großen Rivalitäts-Streit zwischen unseren Schulen. Ich wusste das anfangs ja nicht und bin dann da mit reingeraten.
Jedenfalls bin ich ihr eines Tages gefolgt und dann hat sie sich total darüber aufgeregt. Dann wurden wir beide plötzlich von einer ganzen Gruppe Jungs angegriffen und die wollten uns verprügeln. Wir konnten uns noch gerade so irgendwie entfernen, aber dann liefen sie uns nach und schupsten uns in die Brombeerhecken. Wir sahen hinterher aus, frag lieber nicht. Ich hatte ja wenigstens noch was Langärmliges an und kam ganz glimpflich davon, aber Yako hatte nur ein kurzes Kleid an und hatte überall Einstiche von den Stacheln. Ich habe auch meine Narben noch, aber bei ihr sieht es schlimmer aus. Da sie beim Sturz in die Hecke so rumzappelte. Seitdem kann sie niemanden mehr leiden, der auf der Schule war.“ Fane ist entsetzt.
„Oh man. Das ist ja schlimm. Wer waren denn die Jungs? Also die Fußballer waren das ganz sicher nicht. Die hätten sowas niemals gemacht. Im Gegenteil, Kojiros Team hätte euch vermutlich eher geholfen, wenn sie das bemerkt hätten. Wir hatten unsere Rivalitäten, aber das war ein super eingeschworenes Team, so wie bei uns. Wirklich nette Jungs, damals schon. Einige sind ja jetzt auch hier im Team.“
„Die waren gemischt, aus verschiedenen Sportrichtungen. Keine Ahnung wer alles. Aber Fußballer waren da keine bei, da bin ich mir damals schon sicher gewesen. Jun hat mir damals schon erzählt, dass die sehr nett sein sollen, starke Gegner, aber nette Jungs.“
„Was habt ihr denn dann gemacht? Wie ging die Geschichte aus? Und vor allem, wieso diese Aktion?“
„Wir wussten es ja selber nicht so richtig was das sollte. Yako und ich verstanden uns ja nun gar nicht. Ihre Mädels gaben mir damals selbst die Schuld daran, dass ihr öfters aufgelauert wurde. Sie wurde sogar bedroht und man hat ihr Steine durchs Fenster ins Zimmer zu Hause geworfen. Darauf Androhungen sie solle das Spielen aufgeben.
Naja als das passierte warteten wir ab bis die Jungs weg waren und ich rappelte mich vorsichtig auf, half ihr auf und zerrte sie unter starken Protest direkt in diese Schule zum Direktor. So wie wir waren, mit zerrissenen Kleidern und Stacheln und Blut im Rückenbereich und an den Armen. Yako zickte total rum warum ich das mache, sonst gehe ich doch auch nicht petzen. Ich hatte ihre Mädels ja auch nicht verpetzt, als sie mich verprügelt hatten. Ich sagte ihr aber, das ist unsere Schule und wir können das intern klären, aber dies hier ist eine andere Schule und dieses Problem können wir nur mit Zeugen lösen. Niemals hinterher.
Also gingen wir direkt dorthin und ich erzählte ihnen auf englisch was passiert war, denn mein Japanisch war noch nicht so gut.
Letztendlich mussten sie ja was unternehmen, denn so wie wir aussahen mussten sie uns vor Ort behandeln lassen. Immerhin hatte diese Eliteschule ja einen eigenen Sportmediziner da. Also konnten sie uns ja nicht einfach so wegschicken.
Am Ende wurden einige dieser Jungs ausfindig gemacht, suspendiert und ihnen ihr Stipendium entzogen. Das war der ganzen Schule eine Lehre.“
„Und wieso jetzt das Ganze? War euer Team so gut, dass sie wegen des Leistungsdrucks nachhelfen wollten, oder wie?“
„Genau. Auf Tokio-Ebene war die Musashi ihre größte Konkurrenz im Volleyball und Yako als Mannschaftskapitän natürlich ihr Opfer.
Als dann das nächste Spiel gegen sie anstand waren wir plötzlich Feuer und Flamme ihnen alles heimzuzahlen und mir gelang beim Training mein erster eigener Ball. Die Drachenfaust. Deswegen heißt sie auch Faust, weil ich dabei immer an diese fürchterlichen feigen Jungs gedacht habe. Mit gut zehn Mann auf zwei Mädchen losgehen.
Naja, ihre Abreibung im Team bekamen die Mädels dann beim Spiel. Du kennst ja meine Drachenfaust. Das Spiel ging nur ein Satz lang und dann war schon Schluss.“ Fane muss lachen.
„Das geschieht denen recht. Hetzen die ihre Kerle auf euch, also echt.“
Beide lachen los.
Die Konfrontation
Kapitel 53
Die Konfrontation
„So war das damals also wirklich? Mir hast du das aber anders erzählt.“, ertönt plötzlich eine grummelige männliche Stimme. Beide Frauen drehen sich in die Richtung und sind total verblüfft als sie die vier Japaner entdecken. Fane reagiert zickig. „Was fällt euch ein uns so zu erschrecken? Seit wann belauscht ihr uns?“
‚Kojiro? Seit wann seid ihr hier?‘, ist Tina etwas überrascht. Wieso hat sie die vier nicht kommen hören? Sie blickt nachdenklich zu ihren Freunden und zu ihm. Tsubasa, Jun und Genzo stehen um Kojiro herum und betrachten sie. Alle vier haben ein Handtuch auf der Schulter.
„Wir haben Halbzeitpause und haben uns gesorgt, ob alles okay ist.“, antwortet Tsubasa. Genzo grunzt noch immer etwas. Jun bringt sich ein.
„Als wir herein kamen habt ihr gerade den Tisch weggestellt. Was habt ihr damit gemacht?“
„Ich habe meine alten Sachen aus dem Versteck geholt.“, erklärt Tina.
‚Bettina, ist das wahr? Du denkst bei deinem neuen Ball an mich? An unsere Liebe? Macht es ihn deswegen so stark?‘ Kojiro tritt etwas vor und spricht Tina liebevoll an.
„Zeigst du uns mal diese Drachenfaust? Du sagtest eben es war dein erster Ball. Darf ich ihn sehen? Du wirst ihn heute Abend sicher nicht spielen.“
Tina sieht ihn überrascht an. Dann lächelt sie.
„Nur für dich.
Genzo! Handschuhe an und ab ins Tor!“, macht sie dann eine klare Ansage.
Tsubasa ist total erstaunt. Wie redet sie denn mit ihm?
Fane verlässt das Tor, Tina geht ein paar Meter weiter weg und stellt sich wieder zum Tor gerichtet hin.
„Es kann aber sein, dass er mir jetzt nicht gelingt. In der Regel spielt mir Yoko zu. Sie versetzt dem Ball einen bestimmten Drall. Ich muss es erstmal ausprobieren alleine.“ Dann sieht sie zu Genzo.
„Du musst nur versuchen den Ball ganz normal zu fangen, als wenn du normal im Tor stehst.“
Dann wirft sie den Ball hoch, pritscht ihn nochmal und springt in die Luft, gar nicht so weit hoch, nur so, als würde sie am Netz stehen und den Ball etwas rüber schlagen wollen. Dann landet er in Genzo Händen. Er verzieht keine Miene und hält ihn sicher.
„Hm. Das war er nicht.“, fällt Tina auf, lässt sich von Genzo den Ball zuwerfen und fängt ihn auf. Dann schaut sie zu Tsubasa.
„Basa, du hattest vorhin einen Trick drauf, um an der Verteidigung vorbei zu kommen. Der könnte vom Drall her der Drehung von Yokos Zuspiel ähneln. Kannst du mir den Ball mal zuspielen?“ Er schaut erstaunt.
„Echt? Welchen meinst du genau? Der, welcher einen Bogen zur Seite macht, wenn er wieder runterfällt?“ Sie nickt und wirft ihm den Ball zu. Er fängt ihn auf und gibt sein Handtuch an Jun weiter.
Dann legt er den Ball vor sich auf den Boden und zieht die Stulpen aus. Auf dem Parkett würde er sonst ausrutschen. Dann läuft er ein kleines Stück und bleibt kurz vor Tina stehen und tut so als ob er ihr ausweichen würde und spielt den Ball hoch. Tina springt und versetzt ihn in Genzos Richtung. Dieser muss sich diesmal mehr bemühen den Ball festzuhalten und stemmt sich knieend dagegen, denn die Wucht drückt seine Hände deutlich nach unten als der Ball von oben kommt. Dann plötzlich berühren seine Hände den Boden. Er hat den Ball zwar in der Hand aber sie werden zu Boden gedrückt und der Ball rotiert etwas hin und her.
Als Tina wieder auf ihren Füßen steht und Genzos Reaktion einfängt, da grinst sie. „Das ist er. Danke Basa, super Timing.“, lobt sie. Er freut sich sehr, wie lange hat er darauf gewartet ihr mal persönlich einen seiner Tricks zu zeigen. Und nun konnte er ihr helfen einen ihrer Bälle zu schlagen.
„Wow, Tina. An sich ist er gar nicht so kräftig, aber durch die Rotation bringt er meine Hände total aus dem Gleichgewicht und man weiß gar nicht wo man zuerst seine Kraft entgegensetzen soll.“ Genzo richtet sich total begeistert auf.
„Männer, mir kommt da eine fabelhafte Idee. Jetzt der Ball sah nicht so sensationell aus, da ich ihn mit Handschuhen aufgefangen habe, aber mit bloßen Händen wäre es wirklich fatal gewesen.“ Er schaut zu Tina.
„Ich kann mir vorstellen, dass deine Gegner deswegen hinterher nicht mehr spielen können. Meine Hände fühlen sich ebenso etwas taub an, als wären sie eingeschlafen.
Und mit diesem Schlag hast du damals das Toho-Team mit nur einem Satz besiegt?“ Tinas Herz schlägt höher. Sie ist total baff, dass Genzo sich so über ihren Ball freut.
„Kann man so sagen, ja. Aber nicht nur ich habe Punkte gemacht. Jedoch konnte keine mehr spielen, wenn sie meinen Ball angenommen haben.“
„Sowas erwähnte Makoto auch. Er sagte, er habe deinen Ball angenommen und konnte gut drei Wochen nicht mehr richtig spielen. Es fühle sich wie eine Betäubung beim Zahnarzt an.“, ergänzt Kojiro.
„Kojiro! Glaubst du, du könntest mit deinem Volley-Tigerschuss diesen Ball von Tsubasa annehmen?“ Kojiro ist erstaunt und sieht Genzo total baff an. Das ausgerechnet von ihm dieselbe Idee rüberkommt, die er gerade hatte.
Tsubasa haut plötzlich total begeistert seine Gedanken raus.
„Genau das habe ich auch gerade gedacht! Kojiro, Wenn du diesen Ball noch zusätzlich mit deiner Schusskraft und deinem Drall versiehst, dann sind wir unschlagbar.“
Der Stürmer sieht ihn erstaunt an und geht lächelnd auf ihn zu.
„Das war auch mein Gedanke.“
Genzo läuft aus dem Tor raus zu ihnen. Er hat noch immer den Ball in der Hand. Er drückt Kojiro den Ball in die Hände und sieht ihn begeistert an. „Das kriegen wir hin. Und wenn wir uns alle in Europa ab und zu sehen und zusammen trainieren. Bis zur WM habt ihr noch Zeit.“
Voll begeistert jubelt Tsubasa auf. „JA genau! Am liebsten würde ich es sofort ausprobieren. Kojiro und ich treffen uns einmal im Monat auf halben Weg in Frankreich. Du kannst ja dann immer dazu kommen und wir trainieren zu dritt oder mit Taro zusätzlich dazu. Der ist auch manchmal dabei. Er kann diesen Trick auch. Wenn wir alle drei diese Kombi einüben, dann weiß keiner mehr am Ende wer was spielt, wir müssen uns nur immer auf dem Platz einig sein.“ Genzo hält plötzlich glücklich seine Hand zwischen Tsubasa und Kojiro.
„Abgemacht, ich armer Keeper muss das dann immer aushalten. Denn solange ich ihn halten kann, ist er noch nicht perfekt.“, grinst er. Tsubasa legt seine Hand auf Genzos. Kojiro legt seine ebenso auf. „Abgemacht! Treff einmal monatlich.“, sagt Tsubasa laut. „Abgemacht.“, sagt Kojiro noch immer etwas benommen. Wie kann das denn auch sein? Ausgerechnet er will sich in Zukunft regelmäßig und freiwillig mit Genzo treffen? Aber er macht den Vorschlag selbst, also ist es genau das was richtig ist. Er hat ein gutes Gefühl dabei, auch wenn alles noch ganz neu ist. Wie wird das nur laufen?
Fane und Tina sind total perplex und grinsen sich an.
„Jetzt sind wir abgemeldet. Wenn unsere Männer an Sport denken haben wir Frauen nichts mehr zu melden.“, meint Fane.
Plötzlich ertönt eine neue Stimme in der Halle.
„Was ist denn hier los? Was macht ihr alle hier drin?“, wundert sich Herr Katagiri und hat neben sich die Trainer stehen. ‚Was geht denn hier ab?‘, wundert sich Trainer Kira. Herr Mikami ist auch erstaunt. Jun versucht es neutral zu erklären.
„Frau Fuchs hat uns einen ihrer Bälle gezeigt und nun haben wir die Idee diese Technik für uns umzuwandeln.“
Er staunt nicht schlecht.
„Oh, das klingt doch gut. Welcher ihrer Techniken ist es denn?“
„Die Drachenfaust. Das ist ihre stärkste Waffe. Sie hat sie genau hier in dieser Halle entwickelt.“
Tsubasa läuft auf ihn zu. „Ja genau und wir haben eben festgelegt, dass wir uns dann nach Saisonbeginn in Europa regelmäßig treffen werden um den Ball einzuüben. Kojiro, Genzo und ich. Eventuell Taro noch, den müssen wir noch fragen.“
„Wirklich? Genzo und Kojiro?“, ist er skeptisch.
‚Wie kann das sein? Die beiden gehen sich doch sonst eher aus dem Weg. Sie sind nur Feuer und Flamme, wenn sie gemeinsam gegen ihre Gegner auf dem Feld stehen. Dann wissen sie, dass sie sich aufeinander verlassen können. Aber gezielt und freiwillig gemeinsam trainieren. Das gab es noch nie.‘
Herr Mikami ist plötzlich ganz ruhig und dann berührt er Tsubasas Schulter und sieht ihn stolz an.
„Tsubasa, du bist wirklich ein klasse Kapitän. Du hast völlig Recht mit dem was du heute Früh zu Genzo gesagt hast. Er bringt Ordnung ist das Chaos. Und Ordnung in unser Team. Immerhin haben sich Genzo und Ken auch zusammengetan. Das gab es auch noch nie.“ Tsubasa grinst ihn an.
„Sie wissen schon, dass das nicht mein Verdienst ist, oder?“
„Doch das ist es. Ohne eure Prügelei gestern wäre Genzo immer noch nicht aufgewacht. Danke dafür. Ich war damals dumm und habe es all die Jahre nicht einmal bemerkt wie schlecht es ihm ging.“
‚Herr Mikami. Was sind das denn für Worte? Ist Ihnen Genzo wirklich so wichtig? Immerhin trainieren Sie ihn seit seiner frühen Kindheit und sind immer an seiner Seite gewesen.‘ Tsubasa senkt kurz den Kopf und schließt die Augen.
„Kojiro ist hier derjenige, der die Ordnung bringt, nicht ich. Ich versuche nur allen anderen den Weg zu weisen.
Ich mag einen unbändigen Optimismus haben, aber auch durch seine Geradlinigkeit und den Sinn fürs Wesentliche rückt unser Team weiter zusammen.“, sagt er voller Überzeugung.
Etwa eine Stunde Fahrzeit entfernt im Büro des Fitnesscenters schaut Karl-Heinz noch immer aus dem Fenster. Es ist seit seiner Ankunft im Büro etwa eine halbe Stunde vergangen. Martin sitzt am PC und versucht seine Buchhaltung weiter zu machen, denn ein Gespräch ist definitiv nicht in seinem Sinne. Er weiß auch nicht über was er sich mit diesem Mann unterhalten könnte. Er ist froh, dass er nichts sagen muss, denn er möchte auch nicht, dass man ihm seine Anspannung anmerkt. Zum Glück steht Andrea mit im Büro und kann ihn dadurch etwas Luft lassen. Sie tut so als ob sie irgendwelche Aktenordnung verrichtet.
Plötzlich dreht sich Karl zu ihm um und spricht ihn dann doch mal an. Er lehnt am Fensterbrett und seine Hände halten es fest.
„Sind Sie zu ihren Kunden immer so schweigsam? Ich bin erstaunt, dass Sie mich gar nicht ausfragen. Ich hatte erwartet, dass Sie fragen woher wir uns kennen.“, spricht er ruhig und nachdenklich. In Martins Ohren klingt es jedoch provokant. Karl nimmt einen Schluck von seinem Wasser und stellt das Glas dann wieder hin.
Martin atmet tief durch und blickt dann auf zu ihm.
„Um höflich zu sein wäre es nett, wenn wir in Englisch reden, dann kann Frau Hopkins zuhören. Wenn Sie das nicht stört? Ich habe ungern Unklarheiten ihr gegenüber. Wir sind beide mit Tina eng befreundet, darüber müssen Sie sich also keine Sorgen machen. Es bleibt alles im Raum.“, sagt Martin freundlich aber ernst. Karl nickt und stimmt dem zu.
„Okay, mir ist das egal. Wenn Tina Ihnen vertraut, dann vertraue ich Ihnen auch.“
„Ich weiß woher Sie sich kennen. Das ist doch auf dem Foto zu sehen. Wir wissen wer Sie sind, Herr Schneider.“, antwortet Martin dann ernst auf seine Frage und versucht höflich zu bleiben.
‚Dieser Mann ist seltsam. Wieso habe ich das Gefühl, dass er mich nicht leiden kann? Wie kann das sein? Tina wird ihm doch wohl nichts von uns erzählt haben? Es ist interessant, dass er seine Partnerin zuhören lassen will. Was hat das zu bedeuten?‘
„Sie wissen, dass Tina sich als Jungen ausgegeben hat und mit in meinem Team spielte?“, ist er erstaunt.
Martin lässt die Maus los, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Dann sieht er ihn ernst an.
„Tina hat es mir gestern erst erzählt. Ich dachte die Jahre nur, sie habe in einer Mädchenmannschaft gespielt. Ja, ich weiß es jetzt.“ Karl-Heinz ist erstaunt. „Gestern? Wieso gestern erst? Sie dachten wirklich sie war nur in einer Mädchenmannschaft?“ Martin nickt.
„Richtig. Sie hatte gestern plötzlich einen großen Redebedarf, plapperte mich voll und dabei ist es ihr rausgerutscht. Sie müssen wissen, das letzte Mal als sie so einen Redebedarf hatte war gut acht Jahre her.“
Der Fußballer ist erstaunt. Er sieht Martin nur nachdenklich an.
‚Was hat das zu bedeuten? Was meint er damit?‘
„Tina war immer die Frohnatur im Team und hat alle zum Lachen gebracht. Ohne ihre Fröhlichkeit wäre das Team mehrfach auseinandergebrochen. Als sie und Stephan nicht mehr auftauchten ist auch genau das passiert. Es lag nicht alleine daran, dass ich nach München ging, sondern auch, weil sie nicht mehr da waren. Übrig sind von uns fünf nur noch Genzo, der Keeper und Kaltz, welche noch immer im HSV sind. Wir sind in der Liga die größten Rivalen, aber keine Freunde mehr.“
Karl schaut plötzlich wieder aus dem Fenster in den Himmel.
„Mehr ist von unserer Freundschaft nicht mehr übrig. Das war damals eine tolle Zeit. Solche Zeiten gab es danach nie wieder. Nur noch Leistung und Konkurrenzkampf. Man ist den ganzen Tag nur damit beschäftigt zu funktionieren und nichts Falsches zu machen, damit die Medien einen nicht auffressen.“, plaudert er nachdenklich und betrübt.
‚Nanu, klingt tatsächlich sentimental. Hat Tina Recht damit, dass er nur nach außen hin so stark wirkt? Ich kann ihn aber trotzdem nicht leiden.‘, geht in Martin vor.
„Wenn Ihnen Tina so wichtig war, wieso haben Sie sie dann nicht gesucht? Haben Sie sich nie gefragt wieso sie nicht zum Training kam?“, klingt er streng.
Karl nimmt erneut einen Schluck aus seinem Glas und stellt es dann wieder hin. „Natürlich habe ich das. Aber dann hat mich mein Vater davon abgehalten.“, meint er und verzieht das Gesicht.
„Wie das?“, wundert sich Martin. Karl sieht ernst zu ihm.
„Er hat behauptet sie wäre wegen eines Falls ihres Vaters in ein Zeugenschutzprogramm gelandet und ich würde ihnen schaden, wenn ich sie finde. Ich habe erst gestern erfahren, dass das eine Lüge war. Denn wenn es so wäre, würde sie ja nicht hier sein, oder? Und dann so in den japanischen Medien stehen.“
‚Oha, das ist heftig. Was hat sich sein Vater denn dabei gedacht so eine Lüge zu erzählen? Seltsam. Wieso lügt er seinen eigenen Sohn an? War das derselbe Grund wieso Tina es ihm nicht erzählen wollte? Weil er Angst hatte es könnte ihn von seiner Karriere abhalten zu wissen wie sein Freund starb?‘
Andrea steht nun neben dem Kopierer, also eher in Karls Nähe als bei Martin am Tisch. Sie macht sich ebenso ihre Gedanken und wundert sich was das soll.
„Und das haben Sie ihm geglaubt?“, klingt er streng.
‚Seine Reaktion bestätigt nur, dass es eine Lüge war. Vater, wieso nur? Warum hast du mich so derart belogen? Ich dachte immer ich sei dir wichtig und dann das. Hat es deswegen mit euch beiden nie wieder geklappt, weil du sie auch belogen hast? Mutter hasste es immer belogen zu werden. Oder wieso hat sie nie wieder zu dir zurückgefunden?‘
„Es gab damals keinen Grund es nicht zu tun. Als ich nach einer Weile vor ihrem Haus stand war es leer. Sogar der Name an der Klingel war weg. Es deutete also tatsächlich darauf hin. Genzo war eine Woche krank. Normalerweise wusste er immer, wenn sie mal im Urlaub sind oder etwas war. Tina war mit ihm besonders eng befreundet. Er fehlte sonst nie und als er wiederkam wusste auch er nichts. Erst auf mehrfachem Anfragen an die Trainer nahm mich mein Vater zur Seite und erzählte es mir im Vertrauen. Um den Rest des Teams nicht zu beunruhigen habe ich es für mich behalten.“, versucht er ehrlich zu erklären. Es ist ruhig im Raum und niemand kann etwas sagen. Jeder macht sich seine Gedanken.
Martin nimmt nachdenklich sein Wasserglas und trinkt ein paar Schlucke.
Plötzlich stellt sich Karl-Heinz provokant in den Raum und sieht ihn herausfordernd an.
„Schluss mit Plaudern!
Wo ist Stephan?!
Und Sie müssen mir mal eine Sache verraten!“ Karl holt Luft, zeigt mit der rechten Hand auf den Fußboden und spricht ihn zornig an. Gedanklich deutet er auf das Sportgeschäft, wo das Poster hängt.
„Wenn Sie Tina jemals geliebt haben, wie konnten Sie es nur zulassen, dass sie solche lebensgefährlichen Extremsportarten macht? Ich hätte das niemals zugelassen! Aus einem Flugzeug springen oder von einer Klippe in die Bucht! War sie Ihnen nicht wichtig genug?!“
Andrea zuckt zusammen und geht sofort zwei Schritte zum Tisch.
‚Spinnt der plötzlich? Was erlaubt sich dieser Kerl so mit Martin zu reden?‘
In diesem Moment zerspringt das Wasserglas in Martins kräftiger Hand, sein Puls steigt enorm an. Er steht hastig auf und sieht bestimmend und zornig in Karls blaue Augen. Der Bürostuhl stößt bei der Wucht gegen die Vitrine hinter ihn und lässt dort eine Glastür zerbrechen. Die Scherben fallen auf den Boden.
Die Anspannung im Raum ist kaum auszuhalten. Stille und diese bösen Blicke. Als würden sich zwei Löwen gegenüberstehen und um den Posten des Rudelchefs kämpfen wollen.
Karl grinst provokant, so wie er es gegenüber seinen Rivalen macht.
„Sagen Sie es ruhig! War es wirklich Liebe? Oder was war das zwischen Ihnen?“
Martins Hände machen Fäuste und sein Blutdruck steigt enorm an. Karl bemerkt es natürlich, steckt seine Hände in die Hosentasche, trägt seine Nase hoch und spielt seinen letzten Trumpf aus, der in seinen Gedanken rum spukt.
„Geben Sie es zu! Sie wollten schon immer den Ton angeben und da kam Ihnen ein junges unerfahrenes hübsches Ding gerade recht!“
Plötzlich tritt Martin wütend hinter seinem Schreibtisch hervor, stellt sich nicht ganz zwei Meter aufbäumend vor ihn hin und schaut zu ihm herab.
„Was bilden Sie sich überhaupt ein?!“, versucht Martin etwas Luft zu holen, bevor ihm doch die Hand ausrutscht. Tina zuliebe versucht er sich zusammenzureißen. Er weiß, dass ihr dieser Mann noch immer wichtig ist, auch wenn sie nun jemand anderes liebt.
Andrea ist erstaunt. Noch nie hat sie ihn so erlebt. Martin, er war immer ruhig und lässt sich so gar nicht provozieren. Er ist eher wie ein großer Teddybär. Wie oft hat ihn schon jemand versucht aus der Ruhe zu bringen und niemals hat es jemand geschafft, dass er so rot vor Zorn anläuft und dabei nicht mal seine Verletzung an der Hand bemerkt. Auch nicht im Camp, als er von einigen ihrer früheren Kameraden wegen seiner Herkunft unangemessen provoziert wurde. Sogar dann war er die Ruhe selbst. Das schätzen die Männer dort sehr. Im Gegensatz zu ihrer Ausbildung war er schon immer der Verteidiger, niemals jemand, der zuerst zuschlagen oder sich in eine echte Prügelei wiederfinden würde. Auf gar keinen Fall. Angriffe kennt sie bei ihm nur bei Wettkämpfen oder beim Training, um in seinem Sport wach zu bleiben.
Karl dreht sich zu ihm und schaut weiter provokant zu ihm auf. Er war noch nie der Typ, der sich von größeren einschüchtern ließ. Und überhaupt, wieso ist diese Frau hier bei ihnen? Ist sie etwa da um ihn zu besänftigen, damit ihm die Hand nicht ausrutscht? Wieso sagt sie dann nichts? Warum sagt sie ihm nicht, er solle sich beruhigen oder Ähnliches? Noch seltsamer ist, dass sie sich gar nicht darüber aufregt was er ihm alles an den Kopf wirft. Wie kann diese Frau, welche mit ihm scheinbar zusammen ist, so ruhig bleiben? Irgendetwas stimmt doch hier nicht bei der ganzen Konstellation?
„Tina hat Gewalt immer verabscheut! Sie hätte sich niemals mit einem Kampfsportler eingelassen! Und nun? Nun verstecken Sie sich hinter ihrer hübschen Freundin, weil Sie denken, ich spreche in ihrer Gegenwart nicht aus was sie nicht hören darf?!
Wissen Sie was ich denke? Ich denke zwischen Ihnen gab es nur ein Abenteuer, weiter nichts!“ Plötzlich erhebt Martin die Faust und setzt zum Schlag an. Im selben Moment greift Andrea ein, stellt sich zwischen die beiden und währt Martins kräftigen Faustschlag ab.
„Sei still! Du hast doch keine Ahnung!“, brüllt Martin ihn erbost an. Noch nie in seinem ganzen Leben hat er sich so eingeengt gefühlt.
Plötzlich grinst Karl-Heinz ihn an.
„Habe ich es doch gewusst.“, sagt er ruhig, geht wieder zum Fenster zurück als wenn nichts passiert wäre und nimmt den letzten Schluck aus seinem Wasserglas. Die beiden sehen ihn nur verwundert an.
‚Sie ist hier nicht um ihn abzuhalten, sondern um mich zu schützen. Das kam mir gleich so komisch vor. Ihr Verhalten war ähnlich wie der meiner Bodyguards. Distanziert, zurückhaltend und im Notfall eingreifen.‘
‚Was soll das heißen? Was hat er gewusst? Dieser Mann hat doch nicht alle Tassen im Schrank. Was sollte das denn?‘, wundert sich Andrea. Sie hat noch immer kein einziges Wort gesagt.
Martin weiß vor Wut gar nicht was er denken soll. In seiner Abneigung diesem Mann gegenüber geht er zur Tür und öffnet diese um den Raum zu verlassen. Besser er geht jetzt, bevor er nochmal die Geduld verliert. Ihm ist klar, dass es nicht nur eine normale Anzeige geben würde, sondern auch sein ganzes Unternehmen damit gefährden würde. Seinen Traum, den er sich nach so vielen Jahren endlich erfüllen konnte. Wieviel Blut und Wasser hat er vergossen um nach dem Studium endlich ein eigenes Sportcenter aufzubauen? All die Mühen hier in diesem fremden Land den nötigen Respekt zu erhalten und von der Kundschaft akzeptiert zu werden. Alles das wäre verloren, wenn er sich nun nicht beherrscht und diesem reichen verwöhntem Schnösel eine überzubraten, weil er nicht nur ihn und seine Gefühle in den Dreck zieht, sondern auch Tina und Andrea derart beleidigt. Nein, das will er nicht riskieren. Genau deswegen ist Andrea dabei. Nicht nur um mitzubekommen was los ist, auch um diesen Kerl vor ihm zu beschützen, sollte der Moment kommen.
Dann stoppt er, hält die Tür fest und überlegt einen Moment. Dann schließt er die Tür wieder und dreht sich zu Karl-Heinz um. Er sieht ihn ernst an, wie dieser nur aus dem Fenster schaut wie vor der Eskalation und wie er keine Miene verzieht. Die totale Ruhe strahlt dieser Mann aus. Das macht ihn wahnsinnig wütend und er entscheidet sich, nicht derjenige zu sein, der hier den Kürzeren ziehen wird.
„Ich muss mein Versprechen brechen. Tut mir sehr leid für Tina, aber…so verlasse ich nicht den Raum.“, sagt er ruhig und beobachtet wie sich Karl zu ihm umdreht und ihn fragend ansieht. ‚Was für ein Versprechen? Wovon redet er jetzt?‘
Andrea ahnt schon was kommt und versucht ihn abzuhalten.
„Lass es Tina selbst sagen! Wir wollten uns da nicht einmischen!“, erinnert sie ihn. Karl ist erstaunt. Zuerst sagt sie keinen einzigen Ton und nun mischt sie sich doch ein?
„Nein. Er hat es gar nicht verdient, dass man Rücksicht auf SEINE Gefühle nimmt. Jetzt nicht mehr!“, erklärt er ernst und deutet an zur Seite zu gehen damit er einen freien Blick hat.
Martin blickt ihn an und beantwortet Karls Fragen bestimmend und im sehr ernsten Ton.
„Du willst wissen wo Stephan ist?
Wir haben ihn vor acht Jahren beerdigt! Und wieso?“
Er hebt die Hand und zeigt auf ihn.
„Weil irgendwelche fanatischen Fußballfans meinten ihn und Tina zu überfallen! Sie prügelten ihn zu Tode und wollten sich an ihr vergreifen! Wenn Genzo nicht dazwischen gegangen wäre, hätten wir beide verloren!
Eure Freundschaft war den beiden so wichtig, dass sie beschlossen es dir nicht zu sagen! Nur damit du deine Karriere machen kannst und im Saus und Braus leben darfst!
Während du in deinen schicken Autos rumfährst und in sonst was für einer Villa lebst und eine Party nach der Anderen feierst quälen sich Tina und Genzo jahrelang mit Schuldgefühlen rum und versuchen irgendwie mit Stephans Verlust klar zu kommen!
Zur anderen Frage:
Wie kannst du dir anmaßen unsere Gefühle in Frage zu stellen?! Natürlich habe ich sie geliebt, aber die Beziehung war zum Scheitern verurteilt, weil du ihr ständig im Kopf rumschwirrtest!
Nächstes Thema:
Mit den Extremsportarten hat sie erst begonnen als ihre Eltern gestorben sind. Ich kann froh sein, dass es nur das war. Wenn sie nicht von jemanden rechtzeitig bemerkt worden wäre, weil sie den Lebensmut verloren hatte, dann wäre sie nicht mehr hier. Da sind diese Sportarten ein guter Kompromiss!“, haut er ihm rücksichtslos an den Kopf. Martin bemerkt, dass Karl-Heinz plötzlich ein ganz anderes Gesicht macht. Aber er will sich noch sein Finale aufsparen, holt tief Luft, nimmt seine Hand wieder runter und grinst.
„Und ihre Fröhlichkeit hat sie jetzt wieder.
Glaube nicht, dass du sie hier einfach besuchst und mit nach Deutschland nehmen kannst.
Egal wie Du dir das hier vorgestellt hast, es wird definitiv anders verlaufen!“
Dann dreht er sich um, öffnet die Tür und sieht dann nochmal kurz zu ihm.
„Gegen diesen Mann kommst auch du nicht an! In seiner Nähe, bist du…nicht mehr da!“
Erst jetzt greift er zum Schlüsselregal, verlässt das Büro und schließt die Tür hinter sich. Der Geschäftsführer geht auf den direkten Weg zum Lift und fährt nach oben in die Privaträume, öffnet eine Tür und geht hinein um sich an den Sandsäcken auszupowern.
Die Vitrine
Kapitel 54
Die Vitrine
Kaum ist die Bürotür zu sehen sich die beiden im Raum überrascht an.
„Was soll das heißen, sie wurden überfallen? Stephan ist tot?“, fragt er verwirrt und streng.
Andrea sieht ihn gnatzig an und verschränkt die Arme.
„Das hätten Sie nicht tun dürfen. Ihn so zu provozieren war nicht nötig. Tina hätte Ihnen das alles schonender beibringen wollen. Aber Sie, Sie müssen ja auf die Tretmiene treten, damit sie explodiert.“, macht sie ihm klar.
Karls Blutdruckt steigt weiter an. Was hat das nur alles zu bedeuten? Ihm schonend beibringen? Er stellt sich vor sie und sieht sie ernst an.
„Was genau ist denn passiert? Und was hat Genzo damit zu tun? Wusste er etwa die ganze Zeit Bescheid?“
„Es wurde alles gesagt. Tina wird später, wenn sie da ist alles erklären. Das hatte sie ohnehin bald vor. Dumm gelaufen, dass Sie vorher hier sind und sie es jetzt nicht in ihrem Urlaub in Deutschland machen kann. Sie hatte bereits geplant Ihnen endlich alles zu sagen, damit sie diese Last los ist, aber durchs Telefon wollte sie es nicht tun, um Sie nicht zu sehr zu verletzen.
Aber wenn ich das so sehe war die ganze Mühe sinnlos. Sie treten scheinbar gerne auf den Gefühlen anderer rum. Waren Sie früher in ihrer Jugend auch so rücksichtslos?“
Karl merkt plötzlich wie sich sein Herz zuschnürt. Wie kann diese Frau behaupten er habe keine Gefühle? Sie kennt ihn doch gar nicht.
„Verraten Sie mir wer Sie wirklich sind? Sie sind keine gewöhnliche Empfangsdame oder Fitnesstrainerin wie auf Ihren Dokumenten in der Lobby. Sie verhalten sich wie Jemand vom ausgebildeten Personenschutz.
Die Aktion eben war auch um Sie aus der Reserve zu locken.“, spricht er ruhig und sieht sie ernst an.
Andrea ist erstaunt. Wieso ist dieser Mann plötzlich wieder so ruhig?
„Sie sind oft von solchen Leuten umgeben und haben es erkannt?“
Er nickt. „Genau.“
„Es ist intern, damit die Leute keine Vorurteile haben, weil ich Amerikanerin bin.“
Sie stellt sich locker hin, hält ihre Hände an die Hüfte und grinst ihn an.
„Ich bin tatsächlich vom Fach. Ich bin hier auf Okinawa auf einem Stützpunkt geboren und aufgewachsen. Als Marine Offizierin war ich Captain in der Hubschrauber Staffel. In unserer Grundausbildung wurden uns Nahkampftechniken beigebracht. Das sind gute Grundlagen für den Personenschutz.
Letztendlich habe ich dann aber einen anderen Weg eingeschlagen und bin nun Trainerin für die Verteidigungskurse hier und Betreuung an den Geräten. Hauptsächlich bin ich als Sicherheitschefin angestellt. Der Rest ist mein Hobby und meine Tarnung.
Hin und wieder bin ich für den Personenschutz unserer VIPs verantwortlich, wenn es Herr Müller nicht selbst tun kann oder will. So wie jetzt.“
„Verstehe. Eins müssen Sie mir verraten. Sie sind wirklich mit Tina befreundet obwohl die Situation komisch ist für Sie? Ich weiß nicht ob ich das könnte.“
Andrea ist erstaunt, dass er fragt.
„Ja, uns verbindet etwas mehr als das. Sie hat vor drei Jahren meinen Bruder das Leben gerettet. Er ist beim Surfen gegen einen Felsen gestürzt und sie war so selbstlos und hat ihn gerettet.“
„Sie wollte immer Rettungsschwimmerin werden. Ich habe gesehen, dass sie den Schein hier gemacht hat. Es war also ihr Job.“
„In diesem Falle nicht. Sie war als Besucher am Strand und die Rettungsschwimmer waren der Meinung, das Wetter ließe es nicht zu. Sie jedoch ist ins Wasser, trotz des Wetters.
Jetzt verraten Sie mir mal was.
Was meinten Sie vorhin mit der Aussage „Habe ich es doch gewusst“?“
Karl schaut aus dem Fenster.
„Ich wollte wissen was Sie beide für Menschen sind. Mir ging es nicht in den Kopf wie das hier zusammenpasst. Ich provoziere um herauszufinden wie Leute ticken. In der Regel zeigt man dann sein wahres Gesicht.“, erklärt er nachdenklich und ruhig. Er wirkt nach außen ruhig, aber im Inneren brodelt es. Wenn es nach ihm ginge würde er am liebsten irgendwo im Wald stehen und ganz laut schreien. Wie kann es sein, dass es Leute gibt, die seinen Freund auf dem Gewissen haben?
Beleidigt fragt sie ihn dann: „Und? Was sind wir für Leute?“
‚Der ist doch nicht normal. Was denkt der denn was wir sind?‘
Karl sieht sie freundlich an.
„Ich weiß jetzt, dass ich Ihnen trauen kann. Zwischen Ihnen besteht eine enge Bindung. Tina kann sich glücklich schätzen so gute Freunde zu haben.“ Sie schaut ernst.
„Haben Sie Martin etwa deswegen so derart persönlich angegriffen? Nur um herauszufinden wie sehr wir uns lieben und freundschaftlich zu Tina stehen?“
„Richtig. Hat doch geklappt, oder? Ich bin jetzt genau im Bilde und weiß sogar gleich was passiert ist. Mit Geduld hatte ich es noch nie wirklich.
Ich hätte ehrlichgesagt nicht gedacht, dass er tatsächlich ausholt. Ich habe ihn wirklich extrem provoziert. Er ist erst drauf angesprungen als ich Sie mit reingezogen habe. Das war ihm zu viel. Ich glaube er ist ein großer sanftmütiger Typ, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. Aber wehe man geht seine Frau an. Er liebt Sie und er hat mit Sicherheit auch viel für Tina empfunden. Daran zweifle ich nicht mehr.
Mir ist klar, dass Tina auch etwas empfunden haben muss, denn sie hat sich schon als Kind nichts von Jungs gefallen lassen. Sie würde sich niemals von einem Mann unterbuttern lassen.“
Andrea ist erstaunt über seine Einschätzung.
„Sie haben nicht mit dieser Reaktion gerechnet, oder? Dass er ausholt und Ihnen plötzlich alles erzählt?“ Karl sieht sie ernst an.
„Nicht so wie es gelaufen ist. Aber ich hätte an seiner Stelle vermutlich genauso reagiert. Es war richtig von ihm mich frontal mit der Wahrheit zu treffen. So konnte er sich seinen Stolz bewahren. Ich hoffe wir sind damit ein wenig quitt.
Ich gehe nicht davon aus, dass er mich jemals mögen wird. Das muss er auch nicht. Ich bin in erster Linie hier um zu erfahren was los ist, wie es Tina geht und was dann wird werden wir sehen.
Herr Müller erwähnte einen Mann. Hat sie wieder jemanden?“
Sie nickt. „Ja, da gibt es jemanden an ihrer Seite.“
„Und Stephan, was für ein Überfall war das? Was hat er gemeint, Fans waren es?“
„Nach einem Spiel wurden die beiden von fünf Fans überfallen. Ich will da jetzt nicht ins Detail gehen. Stephan ist am selben Tag noch im Krankenhaus an seinen inneren Verletzungen erlegen. Tina hat mit ansehen müssen was diese Kerle ihm angetan haben. Alles andere muss sie Ihnen selbst erzählen.“
„Und was hat Genzo damit zu tun? War er dabei?“
„Er kam glaube ich erst später dazu und verjagte die Kerle, rief den Krankenwagen und kümmerte sich um Tina. Er war auch mit Martin und ihrer Familie auf der Beerdigung. Mehr weiß ich auch nicht.“
Karl-Heinz schaut wieder zum Fenster.
„Ist es möglich für ne Stunde alleine zu sein?“, fragt er überraschend und bestimmend. Andrea ist erstaunt und geht zur Tür.
„Natürlich. Ich lasse den Schlüssel stecken, aber ich schließe von außen ab. So sind Sie alleine, aber niemand kann reinkommen. Okay? Ich bin im Flur am Empfang. Sollten Sie ein Bedürfnis haben, gleich links neben dem Büro ist eine Personaltoilette. Einfach hier abschließen und mit dem Schlüssel kommen Sie dort rein.“
Karl nickt und bedankt sich. Dann stellt er sich wieder ans Fenster und schaut nachdenklich raus.
Andrea verlässt den Raum und schließt ab. Dann geht sie zur Anmeldung.
‚Der Mann ist seltsam. Ruhig und dann bringt er Martin so in Rage. So habe ich ihn noch nie erlebt. Ob er doch noch Gefühle für Tina hat? Oder waren die Gefühle damals doch größer als er es selbst zugeben will? Natürlich hat er sie geliebt, sonst hätte er nie etwas mit ihr angefangen. Martin ist immer ehrlich gewesen und wir haben gleich zu Beginn offen darüber geredet, dass es nur hat nicht sein sollen. Er hat Recht damit, dass sie ihm das mit diesem Karl-Heinz hätte niemals sagen dürfen. Ich glaube das hat ihn sehr verletzt und dann taucht dieser Typ ausgerechnet heute auf und provoziert ihn derart, dass er ja so reagieren musste.‘
Kaum hat Andrea den Raum verlassen holt Karl das alte Foto wieder raus und sieht es sich an.
„Stephan. Wieso hat man dir das angetan? Und Tina? Du musstest das mit ansehen?“, spricht er ganz leise zum Foto und berührt mit den Fingern jeweils ihre Abbildung. Plötzlich fühlt es sich in seiner Brust an als würde man ihm die Luft nehmen. Verzweifelt setzt er sich auf den Fußboden, lehnt an der Wand und hat die Kniee angewinkelt.
‚Hast du wirklich geglaubt ich hätte meinen Transfer abgelehnt? Hattet ihr beide Angst mir zu sagen was passiert ist und habt euch die ganzen Jahre zurückgehalten? Nur damit unser Team nicht in Verruf kommt, weil du als Mädchen bei uns warst und damit ich meinen Traum erfüllen konnte?
Wir hätten das doch zusammen durchstehen können.‘
"Verdammt. Warum habt ihr nichts gesagt? Ihr hättet keine Rücksicht nehmen müssen. Irgendwie hätten wir das trotzdem geschafft. So wie immer.", sagt er bestimmend zu sich selbst.
Er verschränkt die Arme, legt sie auf die Knie und legt seinen Kopf darauf. In der Hand noch immer das alte Foto. Karl schließt die Augen.
‚Ach Tina, wieso nur? Die ganzen Jahre dachte ich, ich dürfte dich nicht sehen und habe mir unzählige Dinge ausgemalt wie es dir gehen würde. Ob du glücklich bist oder noch an mich denkst? Wir waren doch nicht nur Freunde.
Ging es dir die ganzen Jahre etwa auch so ähnlich? Was hat dieser Martin vorhin gemeint mit „Ich war in deinem Kopf“? Geht es dir genauso wie mir? Kannst du dich auch nie wirklich auf eine Beziehung richtig einlassen, weil du dich fragst wie es mir geht oder was ich mache?
Und das hast du ihm vermutlich sogar gesagt. Es kam so rüber, da er es erwähnte.
Konntest du deswegen nicht mit ihm zusammenbleiben? Hast du es mit ihm versucht, aber es ging nicht?
Kein Wunder, dass ihm dann die Wut packte. Das wäre mir wohl auch so gegangen.
Tina, was meinte er vorhin, dass ich gegen diesen Mann nicht ankomme? Du hast jemanden? Was mag das für ein Typ Mann sein? Und du hättest deine Fröhlichkeit wieder? Etwa seinetwegen?
Die beiden hier scheinen ihn zu mögen, sonst hätte er mir sowas nicht an den Kopf geworfen, dass ich zu spät komme? Meine Worte haben ihn sicher sehr verletzt und dann konnte er sich das nicht verkneifen.
Komme ich nun wirklich zu spät, um dich endlich wieder an meiner Seite zu haben?
Wer weiß wie das hier heute noch weitergeht. Ich will dich einfach nur noch sehen und wissen was du noch empfindest. Und du musst mir erklären warum du mir das mit Stephan nicht sagen konntest. Wie konntest du nur davon ausgehen, das ich das nicht verkrafte?
Und Genzo, du Idiot. All die Jahre hättest du doch wenigstens den Mut aufbringen können. Dann hätte ich wenigstens gewusst was los war und dass es ihr gut geht.‘
Er dreht den Kopf zur Seite und versucht etwas zur Ruhe zu kommen.
Sein Herz schlägt so schnell, dass es ihm schwer fällt etwas Ruhe zu finden. Auch die lange Flugzeit macht ihn müde. Über Nacht ist er geflogen und hat ewig nicht schlafen können. Sonst kann er das immer, aber diesmal nicht. Zu viele Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum. Was würde ihn hier erwarten? Wie würde er Tina finden und wem wird er alles antreffen? Geht es ihr wirklich gut, auch wenn sie sehr erfolgreich ist und wieso spielt sie Volleyball und kein Fußball? Sie hat es doch immer so geliebt. Er weiß, dass sie von Klein auf mit ihrem Bruder zusammen jeden Tag am Strand spielte. Deswegen haben sie doch so eine enge Bindung und deswegen wollte sie ins Team, um mit ihm spielen zu können.
Es vergeht etwa eine halbe Stunde und plötzlich klingelt das Telefon im Büro. Der Fußballstar schreckt auf. War er doch tatsächlich eingeschlafen und ist trotz der Anspannung zu müde gewesen, um sich wach zu halten. Die Ruhe und die Einsamkeit im Büro halfen seinem Bewusstsein eine Pause zu machen.
Er schaut zum Schreibtisch und kurz nach dem zweiten Klingeln ist wieder Ruhe. Karl-Heinz richtet sich wieder auf und zerrt seine Hose und das Poloshirt zurecht, damit man nicht sehen kann, dass er gesessen hat. Dann schaut er zum Telefon und sieht eine kleine grüne Lampe. Jemand hat abgenommen und ist am Telefonieren.
„Tina? Ob du das bist?“, sagt er nachdenklich und fasst den Hörer neugierig an. Doch dann nimmt er die Hand wieder weg, schüttelt mit dem Kopf und sieht sich stattdessen auf dem Tisch um.
‚Nein, Belauschen wäre ja wie lügen. Du wirst schon irgendwann hier auftauchen.‘ Ihm fällt das Chaos auf dem Tisch auf und dann sieht er die Scherben vom Glas und ein paar Blutspuren auf der Schreibunterlage. Ebenso fällt ihm die kaputte Vitrine auf.
„Anna.“, stößt er plötzlich aus und nimmt das kaputte Glasunterteil in die Hand. „Ob du dich auch so furchtbar fühlst wie er? Ich hätte es dir besser nicht sagen sollen.“
Nachdenklich sieht er sich im Büro um und entdeckt Handbesen und Schaufel.
Einige Minuten später stellt er den Mülleimer wieder unter den Tisch und schaut sich die Pokale und Fotos in der Vitrine genauer an.
Unter anderem ist Tinas Name auf zwei Pokalen zu finden.
„3. Platz im Tokio Spenden Marathon 2004“
„2. Platz Triathlon Tokio 2005“
Dann fällt ihm ein Foto von der Eröffnungsfeier auf.
Darauf zu sehen wie Martin vor dem Center ein rotes Band durchschneidet und um ihm herum stehen Tina, die Verkäufer vom Laden und ein junger Japaner, der ihm ein wenig bekannt vorkommt. Er kann sein Gesicht jedoch nicht sofort zuordnen. Er kennt nur weniger Japaner so gut, dass er sie voneinander unterscheiden kann. Natürlich hat er eine Vermutung, aber es wäre schon ein seltsamer Zufall und er sieht dem Mann bestimmt nur ähnlich. Namen sind nicht zu lesen. Auf weiteren Fotos ist Martin als Judoka und einem Pokal in der Hand. Dieser steht daneben.
„5. Platz im Regionalturnier der Präfektur Tokio 2003“
Weiter oben ist ein größeres Foto. Er nimmt es in die Hand und betrachtet es genauer.
Über dem Vermerk „Erstes Profiteam unter Vertrag des Fitnessprogramms“ ist das Nationalteam der Rugbyspieler zu sehen wie zwei Männer von ihnen Tina zwischen sich auf der Schulter sitzend halten. Sie hält fröhlich den Rugbyball und ein Buch in den Händen.
‚Sein Studio scheint wirklich gut zu laufen. Du sorgst für die Kundschaft und kommst durch deinen eigenen Ruhm an solche prominenten Kunden heran. Die Arbeit scheint dir sehr viel Spaß zu machen.‘
Karl stellt das Foto wieder dekorativ in die Vitrine. Dann entfernt er sich vom Schreibtisch und geht zum Kopiergerät über dem der Quartalsplan hängt. Dort sind alle Termine und Kurse eingetragen. Er ist erstaunt, denn laut des Plans ist Tina seit zwei Tagen im Urlaub eingetragen. Es finden auch offiziell erst wieder Ende August Kurse mit ihr statt.
‚Seltsam, wieso bist du dann heute bei Kundschaft? Ob mich doch jemand anlügt? Den Eindruck machen die beiden eigentlich nicht. Und die Verkäufer unten haben auch nichts von Urlaub erwähnt, auch diese meinten, du könntest bei Kunden sein. Naja. Wer weiß was das zu bedeuten hat. Du würdest niemals mit Leuten befreundet sein, die unehrlich sind.‘ Er schaut auf die Uhr.
„So langsam könntest du ja wenigstens mal aufs Handy schauen und zurückrufen.“
Genau in diesem Moment klopft es an der Tür.
„Herr Schneider? Ich bin es, Frau Hopkins. Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“
„Ja, alles okay. Danke der Nachfrage.“, antwortet er freundlich, schließt die Tür auf und lässt sie herein.
Andrea ist verwundert, dass er ihr öffnet. Sie hat an sich nicht darum gebeten.
Auf dem Sportplatz der Musashi-Schule herrscht große Aufregung. Endlich hat der Schiedsrichter abgepfiffen. Nicht mal zehn Minuten nach dem Anpfiff der zweiten Hälfte stellte der Trainer des Tokio-Teams fest, dass sich nicht viel an der Moral seiner Männer geändert hatte. Trotz Auswertung und seinen Versuch sie zur Vernunft zu bringen verlieft das Spiel weiter ungleich und zusammen mit Herrn Mikami besprachen sie es abzubrechen. Die Zeit und die Kräfte des Nationalteams wäre zu kostbar. Das Spiel kann gerne wiederholt werden, wenn die Männer dazu bereit sind.
Endlich darf das Publikum ihre Stars betrachten und die Männer gehen alle geschlossen zu ihnen, um Autogramme und Fotos zu verteilen.
Tina möchte sich das lieber gar nicht erst ansehen, auch wenn sie sich für alle freut, und geht wie geplant zum gegnerischen Team. Ihr ist es unwahrscheinlich unangenehmen, dass ausgerechnet ihre Anwesenheit heute zu Problemen führt. Damit hat sie überhaupt nicht gerechnet. Sie ist es allen Männern auf dem Platz schuldig die Sache aufzuklären und dafür zu sorgen, dass das Spiel hoffentlich bald wiederholt wird.
Das Team steht komplett beim Trainer und staunt nicht schlecht als sie bemerken, dass Tina auf sie zukommt.
„Was will sie jetzt hier?“
„Das frage ich mich auch. Will sie sich jetzt entschuldigen dafür, dass sie uns abgelehnt hat?“
„Wer weiß, vielleicht waren wir ihr nicht gut genug, aber das Nationalteam ist natürlich mit seinen Spielern in Europa das große Staraufgebot.“
Shinichi versteht die ganze Aufregung schon die ganze Zeit nicht und mischt sich ein.
„Ihr solltet euch mal selbst hören. Ist ja schlimm. Wie könnt ihr nur so über Tina reden?“, knurrt er sie alle an. Ken steht direkt neben ihm und stimmt dem zu.
„Genau. Sie hat schon viele Teams aufgenommen und kann sich nun mal nicht um jeden kümmern. Und Fußballer waren bisher keine einzigen Teams dabei. Soweit ich weiß war das ein Missverständnis.“
„Ganz sicher. Und ich habe es nie erwähnt, da es bisher nicht wichtig war, aber ich gehe mit ihr zusammen in dieselbe Berufsschulklasse. Obwohl sie Fußballern bisher aus dem Weg gegangen ist war sie immer nett zu mir und man kann super mit ihr zusammen Projektarbeiten machen. Die meisten wissen nicht einmal, dass sie neben der Arbeit im Studio und dem Sport noch eine Ausbildung macht und ständig in ihrer eigenen Gaststätte arbeiten muss. Und vorgestern…da hat sie unserer Klassenkameradin das Leben gerettet. Ken kann es bezeugen, er, Mikami und Wakabayashi waren dabei. Ohne Tina und Genzos Erste-Hilfe-Kenntnisse wäre es für sie zu spät gewesen.
Urteilt also nicht vorschnell über jemanden den ihr nicht kennt.“
Dann verschränkt er die Arme und sieht erneut grimmig zum Team.
„Und noch was!
Ich weiß, dass ich noch nicht lange bei euch bin, aber ich habe mich wahnsinnig auf dieses Spiel gefreut. Diese Gelegenheit kommt für mich vor der WM nie wieder.
Das Spiel gestern war schon echt der Wahnsinn. Aber heute mal gegen Wakabayashi, Ohzora und Hyuga zu spielen ist schon was Besonderes, immerhin muss ich später mit ihnen spielen und auf dem europäischen Kontinent sind wir ab und an Gegner. Ich bin nur der Familie wegen hergekommen. Ich hätte auch in Frankreich bleiben können. Ich verdiene dort mehr Geld und kann mehr Erfahrungen sammeln, aber nein, für meine kranke Mutter bin ich hergekommen und was ist der Dank dafür? Ich darf statt mit Profis mit einem Haufen eingeschnappten Kindern spielen. Und ich bin der Jüngste hier. Danke auch!“
Plötzlich ist es ganz ruhig als Tina vor ihnen steht und mit dem Trainer etwas abseits sprechen will.
Alle sehen neugierig zu ihnen.
„Guten Tag Frau Fuchs. Sie kommen zu uns?“, ist der Trainer natürlich erstaunt.
„Guten Tag. Es tut mir leid, wenn Ihre Männer etwas irritiert waren. Was genau ist denn gewesen? Lag es wirklich an mir bzw. einem Missverständnis, weil sich mein Geschäftspartner falsch ausgedrückt haben könnte?“, erkundigt sie sich freundlich und mitfühlend.
Der Trainer erklärt kurz wie das Gespräch mit Herrn Müller verlaufen ist und dass es die Männer überrascht hat, dass sie nun plötzlich ein anderes Team aufnehmen werden, aber sie nicht.
„Das Problem ist, er hatte eine Anweisung und wusste, dass ich bis vor Kurzem keine Fußballer persönlich betreuen wollte. Es gibt nur weniger Ausnahmen, wenn ich sie persönlich gut kenne. Ich hatte damals meine Gründe.
Natürlich nehmen wir jeden an, Herr Müller und Frau Hopkins hätten die Männer natürlich betreut und ich hätte wie bei jedem trotzdem ein schönes Buch mit den passenden Menüs erstellt. Meine Arbeit besteht hauptsächlich nur aus den Daten des Sportmediziners und seiner Auswertung. Herr Misugi hätte die persönliche Betreuung sicher gerne an meiner Stelle mal übernommen.“
„Ich verstehe. Schade, dass das anders rüberkam. Ich werde es den Männern sagen.“, sieht der Trainer es ein und reicht ihr die Hand. Dann schaut Tina zum Team und geht auf sie zu.
„Guten Tag. Ich möchte mich im Namen meines Geschäftspartners bei ihnen für das Missverständnis entschuldigen.“
Einige Herren werden etwas verlegen und sehen nun langsam ein, dass sie kindisch reagiert haben.
‚Die ist wirklich sehr hübsch.‘
‚Dass sie tatsächlich noch zu uns kommt?‘
‚Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Mumm hat hierherzukommen.‘
„Ich möchte Ihnen gerne noch etwas wichtiges sagen.“, beginnt sie ernst aber etwas leiser zu reden. Nun hat sie die Aufmerksamkeit von allen.
„Mein letztes Profispiel was ich gesehen habe lag 8 Jahre zurück. Und ich hatte mich sehr auf dieses Spiel gefreut. Schade, dass ich Ihre volle Stärke nicht sehen konnte.
Und noch etwas.“ Sie verschränkt die Arme und schaut sehr streng, als ob sie ihr eigenes Team vor der Nase hätte.
„Wie peinlich war das denn?!
Vor dem Talentscout des Verbands so eine Nummer abzuziehen?! Ich würde meinen Mädels die Ohren langziehen!
Wir hätten aber auch nie so gespielt. Wenn wir bockig oder beleidigt sind, dann spielen wir doch erstrecht hart, um es den anderen so richtig zu zeigen!“, wird sie immer lauter. Dann greift sie in ihren Beutel und holt einen Zettel heraus. Sie hat vorhin im Büro der Trainer noch schnell ein Schriftstück aufgesetzt. Die Männer sehen sie nur total baff an.
„Ich kann Sie ja schlecht herausfordern, aber ich würde mich sehr freuen, wenn Sie heute Abend spontan zu unserem inoffiziellen Freundschaftsspiel kommen würden. Wer also mal ein richtiges Trainings-Spiel unter Freunden sehen will, darf sich gerne meine Tokio-Mädels gegen meine ehemaligen Mädels der Todai live ab 18 Uhr ansehen. Hier ist eine Einladung von mir.“
Sie gibt diese dem Trainer. Tina schaut kurz zu Ken und Shinichi. „Ihr wart beide super. Kommt ihr dann rüber, wenn das Team reingeht? Ich muss euch alle zusammen haben, wenn ich mit Jun das Programm vorstelle.“ Beide nicken.
Dann geht sie ohne ein weiteres Wort zu sagen wieder zum anderen Team und stellt sich zu den Trainern.
„Was haben sie gesagt?“, erkundigt sich Trainer Kira.
„Gar nichts, aber ich habe sie ordentlich zusammengepfiffen, dass das ne peinliche Kinderaktion war.
Und dann habe ich sie natürlich zu meinem Spiel heute Abend eingeladen. Damit sie mal ein richtiges Freundschaftsspiel sehen.“, schmunzelt sie.
„Oh, können wir uns das auch ansehen?“, entgegnet er überrascht.
„Natürlich. Die Einladung für Ihr Team übergebe ich nachher, wenn das mit dem Programm alles geklärt ist.“
Plötzlich kommt Tsubasa zu ihnen gelaufen und spricht Tina an.
„Tina, die Fans haben mitbekommen, dass du da bist und wollen dich auch begrüßen und Autogramme haben. Willst du mit rüberkommen? Oder ist das eher unpassend heute?“
„Ich weiß nicht. Das ist eure Show, nicht meine. Heute lasse ich das mal.“, antwortet sie nachdenklich.
„Ach was. Ist doch egal, wenn die dich sehen wollen?“
Tina schüttelt den Kopf und geht näher zu ihm und spricht leise
„Basa, das passt jetzt noch nicht. Tut mir leid.
Sag ihnen ich bin zur Arbeit hier und habe keine Zeit.
Sie können sich aber bei Saisonbeginn im Studio melden. Ich gebe dann eh eine Pressekonferenz und da können sie ihre Daten hinterlassen und werden dazu eingeladen für Ein VIP Spezial. Okay? Sie sollen dann ihre Eintrittskarte von heute vorweisen, als Beweis, dass sie hier waren.“, versucht sie ihn zu beruhigen. ‚Das passt heute gar nicht. Wenn jetzt irgendwelche Fotos mit uns zusammen gemacht werden wird das sonst wo im Internet oder in der Zeitung erscheinen. Das ist zu früh. Die ersten Fotos sind schon versprochen.‘
Tsubasa versteht es nicht so ganz. Er freut sich so sehr, dass sie es endlich geschafft hat zu seinen Freunden zu kommen und dann will sie sich nicht zeigen?
„Was ist mit dem Spiel heute Abend?“
„Würde ich gerne einladen, aber die Halle ist zu klein. Ich lade euch doch alle schon ein. Das waren meine letzten Plätze.“
„Ach schade.“
„Ich erkläre es dir später, okay? Ist halt jetzt ungünstig und kostet mich unnötig Zeit.“
Tsubasa sieht sie fraglich an und spricht sie dann auf Spanisch an. „Und wenn du es mir auf Spanisch erklärst? Dann verstehen es die anderen nicht.“, versucht er sein Glück.
Tina schüttelt den Kopf. „Das denkst du. Das würde nichts bringen. Ich habe sogar Urlaub und bin privat hier, das solltest du doch wissen. Du weißt doch wieso ich da bin. Mach es doch nicht komplizierter als es ist.“
‚Sie nimmt es aber auch genau. Dass sie so vorsichtig sein will ist schon seltsam.‘
Fane mischt sich nun ein und spricht ihren Mann an.
„Was ist denn los? Wenn sie nicht will, dann will sie eben nicht. Wo ist das Problem?“
„Ich habe es den Mädels dummerweise versprochen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es damit ein Problem gibt. Und die anderen haben sich nun auch schon verplappert und ihnen gesagt, dass du eine Freundin von Genzo und Jun bist.“
Tina schaut überrascht. „Wie versprichst du Dinge die du nicht halten kannst? Also echt.“
Sie überlegt wie sie ihrem Freund nun doch entgegenkommen kann.
„Also gut. Schick Jun zum Tor rechts. Ich mache nur mit euch beiden Fotos und den Fans als Gruppen. Und gebe die Autogramme. Nur wir drei, klar? Und alle anderen können ja gerne schon wieder reingehen, wenn sie fertig sind mit den Fans. Ich hole danach meinen Koffer und komme dann zu euch.“
Tsubasa lächelt. „Okay, dann so. Wieso nicht Genzo?“
„Überleg doch mal. Die Fotos gehen sicher ins Netz und wenn Genzo mit drauf ist sieht das sicher komisch aus für manche Leute. Dann hätten wir uns die ganzen Jahre das Geschicke der Briefe zu dir oder Fane auch sparen können.“, flüstert sie ganz leise. Er nickt ab. „Stimmt auch wieder.“
Endlich sind sie sich einig geworden und Tina geht los zum Tor, indem Ken in der ersten Halbzeit gestanden hat. Sie betrachtet es wehmütig, aber versucht sich nichts anmerken zu lassen.
‚Das erste Mal nach so langer Zeit stehe ich wieder vor einem richtigen Tor. Ein echtes Profi-Tor, welches auf dem Rasen steht. Vorhin war ich zu sehr damit beschäftigt auf das Spiel und auf Kojiro zu achten, dass ich es kaum richtig betrachten konnte. Jun hat hier immer trainiert und ich konnte ihm nicht mal richtig dabei zusehen. Als wir uns endlich anfreundeten sahen wir uns nur wenn er sein Trainingsanzug oder seine Schuluniform anhatte. Er wusste, dass er seine Jacke überziehen musste, um mit mir reden zu können. Und heute? Es stört mich ganz und gar nicht. Im Gegenteil. Ich freue mich auch so sehr ihn endlich mal spielen zu sehen. Kein Wunder, dass er damals so beliebt in der Schule war und die Mädels ihn auch sehr mochten und sein Spitzname „der Fußballprinz“ ist berechtigt gewesen. Er ist wirklich ein wahrer Ballkünstler. Das sind sie hier irgendwie alle im Team.‘
Sie bleibt dann vor dem ersten Pfosten stehen und betrachtet das Material und das wabenförmige Netz.
Natürlich sind einige Blicke aus der Ferne auf sie gerichtet.
Diesmal kann sich Kojiro nicht zurückhalten und schaut direkt zu ihr, nachdem er ein paar Hefte signiert hat.
‚Bettina. Willst du die Fotos im Tor machen? Das war deine Aufgabe. Die Abwehr und das Tor. Wie schön es aussieht, wenn du davorstehst. Dein weißes langes Kleid, wie es vom Wind bewegt wird und der grüne Rasen dahinter mit dem Tor. Jetzt wo du sogar in der Mitte stehst und hierher siehst. Bettina, du bist wirklich umwerfend schön. Jetzt habe ich dieses schöne Bild immer vor mir, wenn ich aufs Tor zulaufe und denke mir wie sehr du dich über mein Tor freuen würdest.
Heute kann ich dich endlich mal sehen wie stolz und selbstsicher du bist und wie du auf andere wirklich wirkst und eingehen kannst. Ohne viel zu machen hast du das Herz meiner Mannschaft erobert und die ganzen Vorurteile waren plötzlich wie weg. Sogar die Trainer hast du irgendwie dazu gebracht ihnen von uns zu überzeugen. Auch Trainer Kira ist ganz ruhig. Auch einen Kritiker wie Hikaru für sich zu gewinnen ist eine ganz besondere Herausforderung und du hast sie gemeistert.‘
„Hey Kojiro! Wir sind auch noch da!“, wird er plötzlich aus deinen Gedanken gerissen. Natürlich bemerken es die Fans, wenn er abgelenkt ist. Aber er hat Glück, da einige andere im Team genauso zu Tina sehen fällt sein Blick nicht so ins Gewicht.
„Was mussten die anderen auch was sagen? Jetzt lenkt sie alle ab.“, murrt eine Dame.
Kojiro entschuldigt sich für die Ablenkung und macht mit den Autogrammen weiter.
‚Auch euch wird sie irgendwann einfangen mit ihrem Charme, auch wenn ihr es anfangs nicht gut finden werdet.‘
Auf der gegenüberliegenden Seite beobachten die Trainer und der Mann vom Verband sowie Fane und Hikaru ebenso wie Tina zum Tor geht, sich davor verhält und Tsubasa und Jun langsam auf sie zugehen.
‚Tina, was denkst du jetzt nach all der langen Zeit? Ich würde es zu gerne wissen. Du hast das Spielen immer so sehr geliebt und das Tor war dir fast vertrauter als der Ball selbst. Du musst mir später mal in ruhe erzählen wie du dich gefühlt hast.
Wichtig ist jetzt, dass du Profi bleibst und keine falschen Bewegungen machst. Herr Katagiri hat euch ab und zu heimlich beobachtet, damit er die Stärke des Teams kennenlernt und weiß wie gut Genzo ist, um ihn ins Team aufzunehmen. Selbst ich habe ihn nicht immer bemerkt. Er ist ein Künstler, wenn es darum geht sich zwischen den Fans unsichtbar zu machen. So wie vorhin. Wir haben es alle nicht bemerkt.‘
Der Mann neben ihm murmelt ein wenig vor sich hin. Fane neben ihm hingegen versucht ruhig zu bleiben und seine Reaktionen einzufangen. Sie weiß wie wichtig es ist, dass er nicht hinter Tinas Geheimnis aus der Kindheit kommt.
Herr Mikami wundert sich wieso Herr Katagiri vor sich hinmurmelt. „Fuchs. Hm, wieso sagt mir der Name was?“
‚Als ich ihn vorhin gehört habe wurde es mir zwar klar, weil sie in der Presse steht, aber wieso verbinde ich es plötzlich mit Fußball, seitdem ich sie dort auf dem Feld sehe? Wieso nur? Wer hieß denn mal so? die Frauenteams sehe ich mir doch gar nicht so intensiv an. Die kenne ich alle. Da passt der Name nicht rein.‘
Dann plötzlich als Tina sich direkt in die Mitte des Tores stellt, kurz zur Latte hochschaut und sich dann zum Feld umdreht, da fällt es ihm ein.
„Mikami, jetzt fällt es mir wieder ein. Ich habe schon die ganze Zeit überlegt wieso ich ihren Namen mit Fußball verbinde.
Hast du nicht im Juniorenteam damals vor der ersten WM in Frankreich ein Bruderpaar in der Verteidigung gehabt? Einer von ihnen hat vor Genzos auch im Tor gestanden. Hießen die nicht Fuchs? Du hast sie mir damals noch vorgestellt.“, spricht er seinen alten Freund an.
‚Oje. Na da müssen wir dann wohl durch.‘, hat er es geahnt.
Fane zuckt erschrocken zusammen.
‚Oh nein. Aber wieso im Team? Er erkennt sie als Tino, nicht die andere Sache. Na hoffentlich geht das alles gut.‘
Herr Katagiri bemerkt Fanes Reaktion und wundert sich sehr. Ihm ist natürlich aufgefallen, dass die beiden sich gut kennen.
‚Wieso reagiert Fane so? Das sieht ihr ja gar nicht ähnlich. Sie steht doch sonst immer nur da und kümmert sich um die Verpflegung und sieht ihrem Mann zu.‘
Es dauert nicht lange und Jun kommt mit Tsubasa zu Tina. Einige Fans trennen sich von dem großen Haufen und folgen den beiden aufgeregt. Es sind nur etwa dreißig Jugendliche und einige Frauen und Männer. Nicht mehr als vierzig Fans insgesamt. Der größte Teil bleibt bei den Fußballern.
Es werden ein paar Fotos direkt vor dem Tor gemacht.
Die Mutmaßung
Kapitel 55
Die Mutmaßung
Nach der Fotoaktion vor dem Tor geht Tina direkt zum Spint und holt ihren Rollkoffer und die Tasche. Auf dem Rückweg zur Turnhalle kommt ihr der große Security-Mitarbeiter vom Einlass entgegen.
‚Oh, die hübsche Volleyballerin. Sie war die ganze Zeit bei den Trainern. Ob die das wissen? Weiß es überhaupt das Team? Ich hatte nicht den Eindruck. Irgendwie verhält sie sich die ganze Zeit seltsam.‘
Beide begrüßen sich kurz mit einem freundlichen „Hi“. Als sie dann an ihm vorbei gehen will bleibt er plötzlich stehen und spricht sie an.
„Sagen Sie, wann sagen Sie es dem Team?“, ist er dann doch neugierig.
Tina ist erstaunt und weiß überhaupt nicht wovon der Mann redet.
‚Was meint er?‘, sieht sie ihn nur fragend an. Er steht kaum einen Meter von ihr entfernt und sieht zu ihr herab.
Er schaut sich kurz um, ob jemand sie hören oder sehen könnte, niemand in der Nähe und sieht sie dann ernst an. „Na das mit Herrn Hyuga und Ihnen. Wie lange halten Sie es schon geheim?“
Plötzlich steigt Tinas Puls etwas an. Es ist ihr auf einmal unangenehm hier mit ihm, so alleine und dann weiß er von Kojiro und ihr? Woher das? Das kann doch niemand wissen. Warum fragt er dann auch noch danach? Was geht ihn das denn überhaupt an? Vorhin am Einlass dachte sie, er sei nett und habe sich nur etwas in sie verguckt. Doch das hat sie doch sofort aufgeklärt und nun? Nun steht sie hier plötzlich alleine mit diesem Riesen am Rand der Halle, denn sie wollte gerne den Nebeneingang nutzen, so wie früher auch. Der Eingang lässt sich mit dem Koffer besser nutzen, da es dann keine Stufen gibt.
Tina versucht cool zu bleiben und lässt sich ihre innere Unruhe nicht anmerken, denn wenn es eins gibt, was sie definitiv nicht leiden kann, dann ist es mit einem Fremden alleine zu sein.
Im Studio ist sie niemals alleine. Entweder sind andere Leute anwesend oder beim Privattraining ist Martin oder Andrea in unmittelbarer Nähe im Raum. Niemals alleine.
„Entschuldigung. Ich weiß nicht wovon Sie reden.“, spricht sie ernst und sieht ihn bestimmend an.
‚Sie leugnet es? Das ist seltsam. Warum dann das Armband? Sie könnte es ja auch selbst graviert haben und ist gar nicht mit Herrn Hyuga zusammen, sondern will ihm was anhängen? Ich wüsste zwar nicht warum sie als Profispielerin das machen würde, aber man weiß ja heutzutage nie. Vielleicht sieht sie der Tigerin nur ähnlich und nutzt das scharmlos aus und in Wirklichkeit gibt sie sich als diese aus, um dem Team irgendetwas anzuhängen. Immerhin kann sie doch gar keine Fußballer leiden. Vielleicht ist sie eine Betrügerin? Mir ist schon einmal so eine Dame durch die Lappen gegangen. Man kann nicht vorsichtig genug sein.
Ich habe schon die ganze Zeit so ein komisches Gefühl, dass mit ihr was nicht stimmt. Sie verhält sich seltsam. Wieso sollte sie ausgerechnet heute hier sein wollen? Ich habe noch nie davon gehört, dass Wakabayashi mit jemanden befreundet sein soll, die dann hier seit Jahren lebt. Und keiner weiß etwas davon? Das passt doch nicht zusammen.‘
„Ich dachte Sie würden es mir sagen, wenn wir alleine sind. Aber so machen Sie sich einfach nur verdächtig. Ich würde gerne Ihren Ausweis sehen. Den haben Sie vorhin sicher nicht vorgelegt, da Sie anonym bleiben wollten.“, ist er streng.
Tina ist etwas irritiert. Was hat der Mann plötzlich für Probleme mit ihr? Glaubt er etwa nicht wer sie ist? Oder ist er gar nicht so nett wie er vorhin schien und das ist seine Masche an ihre Adresse zu kommen? Sie ist sich extrem unsicher. Wie soll sie diese Situation denn nur einschätzen? Wie oft war sie schon mit Sicherheitsleuten im Kontakt, nicht nur die, die für ihre Sicherheit verantwortlich waren, sondern auch mit anderen und wie oft hat sie sich mit Andrea über die Ausbildungsmethoden unterhalten? Niemals hat sie von so einer seltsamen Art und Weise gehört, ohne dass vor allem Gefahr in Verzug sei.
„Wieso brauchen Sie meinen Ausweis? Was wird mir denn vorgeworfen?“, entgegnet sie ernst und bleibt ruhig.
„Ich habe den Verdacht, dass Sie nicht die Person sind, die Sie vorgeben. Wenn Sie wirklich Frau Fuchs wären würden Sie doch nicht plötzlich hier auftauchen. Sie kann gar keine Fußballer leiden. Warum sollte sie also mit jemanden wie Wakabayashi befreundet sein?“, wirft er ihr an den Kopf.
„Ist das jetzt Ihr Ernst? Nur weil ich den Kontakt zu Fußballen gemieden habe glauben Sie mir nicht wer ich bin?
Ich bin wirklich Bettina Fuchs. Fragen Sie mich doch was, was nur ich wissen kann.“
„Ich weiß selbst nur was alle lesen können. Dann erzählen Sie mir wieso Sie hier sind. Doch wohl nicht nur wegen eines Fitnessprogramms.“
Tina atmet tief durch und versucht ruhig zu bleiben und Zeit zu schinden, in der Hoffnung, dass irgendwann mal jemand vorbeikommt.
„Ich bin wie gesagt mit Genzo in Hamburg in dieselbe Klasse gegangen. Dann sind meine Eltern mit mir hergezogen und ich ging hier auf die Musashi und freundete mich daher mit Jun an. Jun hat übrigens unter anderen das Fitnessprogramm mit mir und Herrn Müller gemeinsam erarbeitet. Deswegen bin ich heute hier. Wir wollen es dem Team vorstellen.“, versucht sie zu erklären.
‚Hm. Klingt logisch. Er ist ja angehender Mediziner und will sich auf Sportmedizin spezialisieren.‘
„Und was ist mit Herrn Hyuga? Wieso halten Sie es geheim, wenn es wahr wäre?“, spricht er das Armbandthema an.
‚Wieso weiß er das überhaupt? Vor allem jetzt erst?‘
„Ich weiß gar nicht was Sie meinen. Wie kommen Sie denn darauf, dass da was wäre?“
Plötzlich fasst er ihren linken Arm an und hält ihn etwas hoch, so dass man die Gravur vom Armband genau erkennen kann.
Tina erschrickt und ihr wird plötzlich ganz kalt, eine unangenehme Kälte steigt in ihr auf. „Und was ist hiermit? Ist es wirklich von ihm oder haben Sie es sich selbst eingravieren lassen?“
Zeitgleich kommt jemand aus der Nebeneingangstür heraus und ruft nach ihr. „Bettina, wo bleibst du denn?“ Er wollte eigentlich nur nach ihr schauen warum es so lange dauert. Vor ihm bietet sich ein seltsames Bild. Der gestandene Mann sieht nur wie Tina von dem großen kräftigen Mann am Arm gepackt wird und ein entsetztes Gesicht macht.
Sofort stürmt er auf die beiden los und verlangt nach einer Aufklärung der Situation.
„Hey! Was ist hier los? Was fällt Ihnen ein Frau Fuchs anzufassen?!“, ist die dunkle kräftige Stimme von Trainer Mikami zu hören.
Der Sicherheits-Mann lässt sie sofort los und sieht ihn nur überrascht an.
‚Ist sie es etwa wirklich? Er hat sie eben vertraut mit dem Vornamen gerufen. Das würde er doch nie tun, wenn sie ihm nicht bekannt wäre.‘
„Bitte entschuldigen Sie, Frau Fuchs. Das war dann sicher ein großes Missverständnis. Sie scheinen sich wirklich zu kennen.“, spricht er sie nun betrübt an und versucht sich zu entschuldigen.
Tina ist trotzdem noch etwas irritiert, denn ihr ist gerade bewusst geworden, dass sie in diesem seltsamen Moment nicht mal daran gedacht hat sich zu wehren, denn eigentlich könnte sie das doch jetzt durch das Training mit Andrea und auch durch Yoko, welche ihr einige Karatetricks gezeigt hat. Aber sie war plötzlich wie erstarrt und hat überhaupt nichts gedacht. Es kam zu plötzlich, als er sie am Arm packte. Dabei hat sie sich doch schon oft gegen solche Männer gewehrt.
Herr Mikami ist verwundert. „Was hatte das zu bedeuten? Warum sollte sie denn nicht sie selbst sein? Wie kommen Sie denn darauf?“
Er zeigt mit dem Finger auf ihr Armband.
„Wegen der Gravur. Ich habe sie zufällig gesehen und dachte sie ist nicht die echte Frau Fuchs und will eventuell einen Ihrer Männer was anhängen. Wenn es wahr wäre, dann wüsste man es doch schon durch die Medien.“, versucht er sich aus der Affäre zu ziehen.
Mikami sieht in Tinas blasses Gesicht. So hat er sie noch nie gesehen und das irritiert ihn noch mehr. Ein ängstlicher Blick? Das kennt er ja überhaupt nicht. Auch damals hat er niemals so einen Ausdruck in ihren Augen gesehen. Tino, Tino war immer fröhlich oder ernst und stark, niemals ängstlich oder verletzt. Er sieht sie besorgt an.
„Alles okay, Bettina? Darf ich das Armband sehen, um die Situation aufzuklären?“ Sie nickt nur. Sie weiß, dass sie ihm vertrauen kann. Natürlich ist Herr Mikami sehr erstaunt als er die Gravur liest, aber dann lächelt er und wendet sich sehr bestimmend an den großen Mann.
„Das passt alles. Sie haben sich da in etwas verrannt. Bettina ist eine Freundin aus Deutschland. Wir kennen uns schon lange. Gehen Sie wieder an Ihren Posten und behalten Sie Diskretion! Ich möchte davon nichts in der Presse lesen, verstanden?! Weder von unserer Freundschaft noch von dem Thema was das Armband betrifft!“, deutet er auf das Armband.
Der Mann verbeugt sich und entschuldigt sich erneut.
„Natürlich. Es tut mir wirklich sehr leid. Ein Missverständnis. Ich war übervorsichtig, weil ich in jungen Jahren schlechte Erfahrungen mit einer Betrügerin gemacht habe. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Dann sieht er zu Bettina.
„Es war falsch Sie zu berühren, das ging zu weit.“
Endlich kann Tina wieder etwas durchatmen und sie hat sich ein wenig beruhigt. Streng verschränkt sie die Arme vor ihm und sieht zu ihm während er sich noch vor ihr verbeugt.
„Sie hätten wissen müssen, dass man niemals jemanden alleine anspricht, wenn es einen Verdacht gibt. Sie hätten auch einfach einen der Trainer ansprechen können, statt mich anzugehen.“
Er sieht sie erstaunt an.
‚Wie Recht sie ja hat, das war nicht professionell.‘ Dann richtet er sich wieder auf und sieht nachdenklich zu ihr herab.
‚Sie hat sich eben ganz schön erschrocken als ich sie angefasst habe. Und nun ist sie wieder die Starke? Seltsam.‘
Tina schaut zu ihm auf und blickt ihn ernst an.
„Und glauben Sie ja nicht, ich hätte mich nicht gewehrt! Sie können von Glück reden, dass Herr Mikami genau im richtigen Moment kam.“
Kurz darauf wird wieder nach ihr gerufen.
„Meine Güte, was dauert denn so lange, Tina? Wir wollen langsam anfangen.“, ruft Genzo aus der Halle. Erstaunt sieht er die drei etwas weiter weg stehen und geht auf sie zu. Alle sehen zu ihm.
„Was ist denn los? Sind Sie nicht der Herr vom Security? Ist was passiert?“, sieht er verwundert zu ihm auf. Der Mann schaut nur erstaunt und sieht mehr als nur ein, dass er komplett falsch mit seiner Beobachtung lag. Er verbeugt sich kurz und verabschiedet sich.
„Ein dummes Missverständnis, Herr Wakabayashi. Ich gehe wieder an die Arbeit, entschuldigen Sie mich.“, sagt er, schaut zu Tina und dreht sich um.
Genzo sieht nur verwundert zu Tina. „Was meint er damit?“ Tina weicht aus. „Können wir später darüber reden? Ist ja nun alles geklärt. Lass uns reingehen.“
Dann greift sie ihren Koffer und will losgehen. Genzo stutzt und hält sie fest. „Wenn du ausweichst ist was. Was war los?“
Mikami mischt sich dann ein.
„Wie der Mann sagte, ein Missverständnis. Er hat ihr nicht geglaubt, dass sie sie ist. Nun ist aber alles geklärt.
Lasst uns reingehen.“
Kaum ist die Tür hinter den dreien zu, plappert Genzo los, nachdem er ihr den Rollkoffer abnimmt.
„Die Jungs sind schon alle aufgeregt und haben sich extra für dich beeilt mit Frischmachen.“ Tina grinst.
„Wirklich? Du meine Güte. Aber du hast ja auch nur Shirt und Hose an. Haben die anderen auch Privatkleidung an?“ Er schüttelt den Kopf.
„Nein, nur wir Keeper, weil unser Anzug eh so schwer ist. Jun hat schon gesagt, es ist besser wir ziehen die sauberen Auswärtstrikots an und wir Keeper nur kurze Sachen, damit das Gewicht stimmiger ist. Du wirst uns also in Weiß und nicht in Blau ertragen müssen.“
Plötzlich bleibt Tina stehen, berührt seinen Arm und schaut zu ihm auf.
„Ich bin extrem angespannt. Wenn du merkst, dass mir der Ton wegbleibt musst du uns helfen. Ich weiß noch nicht wie alle reagieren werden.“
„Mach dir keine Sorgen. Ich wurde schon ganz viel ausgefragt woher wir uns kennen und sie können es alle kaum erwarten dich endlich mal kennenzulernen.“
„Was hast du denn erzählt?“
„Die Wahrheit, dass wir in derselben Klasse waren. Mehr müssen sie ja nicht wissen. Du kannst ihnen aber allen trauen. Wir sind wirklich wie eine große Familie. Und durch dich wachsen wir noch enger zusammen. Und du hast doch auch noch uns, deine Freunde, die dich immer unterstützen werden, sollte es Zweifel bei jemanden geben. Aber wenn ich den Gesprächen so folge musst du dir gar keine Sorgen machen.“ Dann grinst er plötzlich.
„Mir tut nur Kojiro leid. Er muss sich ganz schön zusammenreißen bei den ganzen Gesprächen in der Umkleide und war fast nur unter der Dusche, statt mit uns rum zuquatschen.“
Er sieht verdutzt in Tinas Gesicht, wie sie etwas verlegen seinem Blick ausweicht. „Du erst wieder. Sowas musst du mir nicht erzählen.“ Ihr wird warm ums Herz und sie lächelt verlegen, während sie wieder weiterläuft. Vor ihr spielen sich gemeinsame Situationen mit Kojiro ab. Wenn sie nur das Wort Dusche hört wird ihr ganz warm.
‚Danke Genzo, die Aufmunterung habe ich gebraucht. Die Vorstellung alleine, dass sich Kojiro Gedanken darüber macht wie er es am besten anstellt erinnert mich daran wieso ich hier bin.‘
„Bringen wir es hinter uns.“, sagt sie motiviert und geht schneller voran in Richtung Mannschafts-Besprechungsraum.
Sie ist den Männern ein paar Schritte voraus. Plötzlich spricht Mikami seinen ehemaligen Schützling an.
„Du musst noch viel über die Liebe lernen. Du vergisst mit wem du redest. Solche intimen Details lässt man einfach weg. Wenn du sowas öfters vor ihr sagst, wird sie irgendwann nicht mehr so offen mit dir reden können. Immerhin seid ihr Männer Kollegen. Vergiss nicht, dass sie genau weiß was in so einer Umkleide abgeht. Ihr wart manchmal ein ganz schön grober Haufen, wenn ihr euch über Mädchen unterhalten habt. Das ist normal in dem Alter gewesen, aber du willst nicht wissen wie sich ein Mädchen dazwischen gefühlt haben muss.
Vergiss einfach nicht, dass ihr keine Kinder mehr seid.
Ach und noch was.
Herr Katagiri ist bereits im Bilde was Bettina und den HSV betrifft. Ihm ist vorhin selbst aufgefallen woher er ihren Namen auch noch kennt. Als er sie vor dem Tor gesehen hat fielen ihm wieder unsere beiden Verteidiger ein.
Mache dir also über ihn keinen Kopf. Er weiß auch was jetzt noch kommt.“
Genzo staunt nicht schlecht.
„Okay, alles klar.“, sagt er nur und dann folgen sie Tina in den Besprechungsraum.
Plötzlich wird es ganz leise und die Nationalmannschaft richtet ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihren charmanten Besuch.
Jun geht direkt auf sie zu und wünscht sie herzlich willkommen als neues Crewmitglied. Neben ihm gesellt sich die Sportmedizinerin Daniele, welche aktuell den eigentlichen Mannschaftsarzt vertritt.
„Hallo, ich freue mich endlich mal Ihre Programme genau ansehen zu können. Ich habe schon einiges gehört. Ich bin zurzeit nur Vertretung, da Urlaubszeit ist und mich Jun und Taro darum gebeten haben. Wir kennen uns aus Frankreich. Ich betreue die Männer also in ihrer eigenen Urlaubszeit.“, schmunzelt sie.
Tina lächelt zurück.
„Das ist schön, vielleicht können Sie sich nachher mal meinen Rücken ansehen. Ich habe heute noch ein Spiel und bin heute früh gestürzt. Dann muss ich nicht extra unangekündigt zu meinem eigenen Doc. Der Weg ist so weit.“
„Sehr gerne. Es wäre mir eine Ehre. Ich betreue ehrenamtlich eine Volleyball Mädchenmannschaft. Ich kenne mich also auch damit aus.“
Somit stellen sich Tina und Jun nun vor das Team und klären die Männer auf welche Möglichkeiten es gibt und auf welche Art sie einzeln betreut werden können. Tina ist zwar genau in ihrem Element, aber etwas aufgeregt ist sie schon. Natürlich kann sie sich unauffällig verhalten aber ihre Gedanken sind ganz woanders. Beim Anblick ihres Liebsten wird ihr warm. Auch das Auswärtstrikot steht ihm unwahrscheinlich gut.
‚Kojiro, dich mal komplett in Weiß zu sehen ist auch ein unwirklicher Anblick. Und dass du immer deine Ärmel hochkrempelst ist wohl dein Markenzeichen? Du weißt, dass du mich damit total ablenkst, aber würdest du es nicht tun, fällt es extrem auf. Du musst dich nur an den Plan halten, auch wenn es dir sicherlich sehr schwerfällt. Zuerst müssen wir die Programme vorstellen, danach hast du freie Bahn und suchst den passenden Moment selbst aus.‘
Tina versucht unauffällig jeden einzelnen nebenbei zu betrachten, während Jun die medizinischen Details und Notwendigkeiten der Datenerfassung erklärt. Dann ruft er Tsubasa und Genzo zu sich.
„Abgesehen von mir selbst sind die beiden ebenso bereits im Programm. Genzo wird von einem Facharzt in Hamburg betreut, welcher einmal monatlich die Daten an uns sendet. Bei Tsubasa ist es sein Facharzt, den er von Hawaii noch kennt. Er passt seine Methoden dem zusätzlich mit an, sodass er auch in Barcelona über ein Labor seine Werte weiterreicht.
Tina ist Diätköchin und erstellt für unser Team ein individuelles Kochbuch zusammen mit Rezepten und Nährwerttabellen, damit wir uns daran orientieren können. Jeder bekommt seinen eigenen Hefter, welcher nur auf ihn bezogen ist, aber als Team sind wir viel zusammen unterwegs und so können die Angaben auch mal an die Küchen vor Ort oder an unsere Familien gereicht werden, damit wir im Plan bleiben.
Tsubasa, was sagst du zu den Rezepten? Du bist ja nun kulinarisch immer verwöhnt worden. Du magst die brasilianische Küche und Tina hat dir speziell dazu was zusammengestellt.“
„Ja genau, ihr wisst ja, dass ich ab und an auch mal bei Rivaul zum Abendessen eingeladen bin. Seine Frau kocht nur brasilianisch, aber sogar ihr gefallen die Menüs und sie kocht sie für uns nach. Seinen Kindern schmeckt es auch.
Und ich fühle mich deutlich entspannter. Auch bei uns geht es mal extrem stressig zu, so sehr ich meinen Sport auch liebe, aber es gibt auch Tage, da habe sogar ich mal keine Lust zu spielen und geh nur Laufen und halte mich im Fitnessraum auf um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Seitdem ich das mache und mir dann einfach mal ein Stück Schokolade gönne bin ich deutlich entspannter.“
„Sag jetzt nicht wir dürfen trotzdem noch Schokolade essen? Was ist das denn für ein Speiseplan? Jeder meckert rum, wenn man nascht.“, kommt Ryo verwundert zu Wort. Tina bringt sich ein.
„Wenn es mal einen Heißhunger gibt sollte man es nicht zu sehr verdrängen. Wenn also jemand neben dem strengen Plan mal Lust auf ein dickes paniertes Schnitzel oder eine Tafel Schokolade hat, dann ist das durchaus okay. Wichtig ist, immer die gesamten Nährwerte eines Tages und der Woche im Kopf zu haben und eine Regelmäßigkeit zu beachten. Ich trinke auch gerne mal meinen Kaffee mit Zucker und Milch oder gönne mir ne Heiße Schokolade mit Schlagsahne, oder einen Eisbecher, alles Fett und Zucker, aber dann sind die nächsten Kaffeetassen wieder schwarz und ich trinke den Rest des Tages Wasser oder gönne mir dann nur einen Salat. So gleicht man es aus und kann sich trotzdem mal was gönnen. Es sollte nur nicht jeden Tag sein.
Wenn ihr unterwegs seid und keine Möglichkeit für die Umsetzung des Speiseplans habt gibt es Alternativen an Imbissbuden oder in Fastfoodketten. Die Ideen stehen dann alle in dem dicken Kochbuch, welches ich individuell für Ihr Team zusammenstellen werde. Anbei ist dort auch eine Nährwerttabelle.“ Sie zeigt ei9n Beispielbuch hoch und zeigt auf die hinteren Seiten.
Das Wichtigste ist bei den individuellen Plänen, dass sie genau eingehalten werden müssen. Sie bekommen jeder eine eigene Mappe in der ein Fitnessplan passend zu Ihrem Sport oder Beruf steht und genau auf diesen Plan und dem Energieverbrauch berechne ich meine Menüs. Es ist also wahnsinnig wichtig später bei der Facharztuntersuchung und dem persönlichen Gespräch mit ihm einen genauen Tagesablaufplan zu hinterlegen. Dazu sind auch die Trainer angehalten, Ihren Tagestrainingsplan aufzuschreiben. Niemanden außer dem Arzt werden die Daten oder die Inhalte des Plans gezeigt. Auch ich sehe sie nicht ein, denn das unterliegt seiner Schweigepflicht. Der Arzt stellt dann die Krafttrainingswerte fest, welche benötigt werden und für mich welche Energiezufuhr benötigt wird. Ich habe also am Ende nur ne Tabelle mit Zahlen und Ihren individuellen Vorlieben wie in diesem Falle die brasilianische Küche.
Herr Müller, als Sportwissenschaftler stellt die Trainingspläne zusammen und ich erstelle die Ernährungsberichte und Menüs.
Wie Jun schon sagte, wenn es bei der Untersuchung auffällt, dass es irgendwo einen Nährwertmangel gibt richte ich meine Pläne genau danach, um dies auszugleichen. Dazu gehören manchmal auch individuelle Smoothies oder Säfte, welche wir Volleyballerinnen zum Beispiel trinken müssen, da wir zu wenig Sonne abbekommen und hier in Tokio draußen ab und an stickige Luft herrscht. Es bringt also keine Punkte, wenn man solche Säfte zum Beispiel von einem Kollegen oder der Partnerin trinkt, nur weil sie lecker schmecken. Das bringt nur unnötig den Vitaminhaushalt durcheinander.
Fane zum Beispiel trinkt auch einen Saft, weil sie bei mir in der Küche viel in der Räumlichkeit steht. Tsubasa hingegen ist ständig draußen. Wenn es also solche Konstellationen gibt, dann müssen Sie es dem Arzt mitteilen, damit ich weiß wie ich für Partnerschaften und gleichem Haushalt alles zusammenbringen kann.
Dazu gibt es von mir und später vom Arzt einen Fragebogen, den Sie ausfüllen müssen.
Bei Jugendlichen gibt es dann oft zwei Bögen, einen für den Jugendlichen oder das Kind und einen für die Eltern, damit ich ihren Plan an die Familienabläufe anpassen kann. Wenn Sie also schon Kinder oder eine schwangere Partnerin im Haushalt haben, sind auch diese bitte anzugeben. Partner die auch im Programm sind suche ich dann aus meinen Unterlagen raus und füge ihre Pläne zusammen, damit es passt.
Genau deswegen ist es auch sinnvoll nicht nur eine Datenerfassung zu machen, sondern auch regelmäßig solche Infos weiterzugeben oder Werte zu erfassen. Deswegen bieten wir das Programm hauptsächlich als Abo an. Klingt seltsam, aber nur so können wir vor allem für Profisportler die besten Voraussetzungen schaffen und Ergebnisse erzielen.
Als Profis unterstehen Sie auf Wochen und Monategesehen unterschiedlichen Stressfaktoren, die ich dann mit beachten muss. Wenn also die Saison wieder beginnt oder eine Meisterschaft ansteht sind Sie in bestimmten Intervallen besonderem Stress ausgesetzt und benötigen eine angepasste Ernährungsplanung. Dazu komme ich aber, wenn es soweit ist.“
Kojiro hört sehr aufmerksam zu und in ihm macht sich Stolz und Freude breit. Endlich kann er seiner Bettina bei ihrer Arbeit zusehen und wie ihre Augen funkeln während sie voller Begeisterung von ihrer wichtigen Arbeit spricht.
‚Du weißt genau was du tust, Bettina. Und trotz der ganzen fachlichen Dinge kannst du es verständlich erklären.‘
Ryo ist begeistert und sieht zu seinen Freunden.
„Habt ihr gehört? Wir dürfen sogar naschen. Das Menü gefällt mir jetzt schon.“, äußert er spaßig.
Es meldet sich Shinichi zu Wort: „Was ist im Falle eines Sondertrainings? Also Ken und ich planen am Anfang der nächsten Saison ein Sondertraining zusammen mit Trainer Kira. Kann man denn die Pläne an diese kurze Zeit anpassen? Wir verbrauchen ja dann mehr Energie als sonst und sind anderen Umwelteinflüssen ausgesetzt, da wir nicht in Tokio, sondern auf der Insel sind.“
„Eine sehr gute Frage. Ein Sondertraining ist immer mal wichtig für den Sport und da gebt ihr uns einfach ein paar Eckdaten der Trainingszeiten und Einheiten, damit wir vorab etwas berechnen können. Ich bin selbst ab und an auf Okinawa und kenne die Wetterbedingungen dort. Ich plane das in der Regel für mich selbst so, dass ich dann einige zusätzliche Dinge entweder weglasse wie Vitamin D oder dafür dann aber ein wenig mehr Energie zu mir nehme durch Milchprodukte, Fleisch oder Brot. Sagen Sie einfach Bescheid und ich stelle den Plan für solche Bedingungen zusammen.“
‚Oh, das ist mir jetzt auch neu. Wir haben wirklich noch viel voneinander zu lernen. Ich hätte jetzt zwar gedacht, dass sie dort Andreas Familie besucht, aber Sondertrainingseinheiten auf Okinawa sind mir neu. Jedoch, es muss ja einen Grund gehabt haben dort am Strand zu sein, wenn sie Andreas Bruder aus dem Wasser gezogen hat.‘, ist Kojiro sehr überrascht.
Tina erhebt den Zeigefinger.
„ABER! Was ganz wichtig ist bei einem harten Training, egal ob es fortlaufend ist oder nur für eine kurze Zeit: Schlaf! Plant bei besonders hartem Training 8 bis 10 Stunden Schlaf ein, am besten durchgängig. Im Notfall 6 Stunden und dann mal einen Mittagsschlaf. Ohne die Ruhe kommt ihr am Ende nie auf ein gutes Ergebnis und brecht irgendwann zusammen.“
Ryo lacht beherzt los und schaut dann zu Kojiro rüber.
„Na? Hast du gehört Kojiro? Das ist doch dein Part. Wenn dich mal wieder der Ehrgeiz packt, schlafen nicht vergessen. Nichts mehr mit trainieren bis zum Umfallen.“
Kojiro ist durch die ganze Situation heute so oder so schon sehr angespannt und muss sich sehr zusammenreißen, und nun kommt dieser Spaßvogel an und neckt ihn. Und dann auch noch vor Tina, in einem Moment wo er gar nicht wirklich darauf reagieren kann. Er verschränkt die Arme, um sich zu beherrschen und um die richtigen Worte zu wählen.
„Du redest zu viel!“, sagt er nur sehr bestimmend und sieht ihn ernst an.
Ryo jedoch checkt es nicht, dass dem Toppstürmer die Anmerkung unangenehm sein könnte. Er kann sich wiederum auch nicht wirklich vorstellen, dass Kojiro damit ein Problem hätte über so ein Thema zu reden. Warum auch? Es ist doch kein Geheimnis, dass er dort ab und an spezielle Trainingseinheiten hat und das gibt er auch stolz zu. Er wollte lediglich etwas Stimmung machen zwischen den ganzen ernsten Informationen.
„Aber stimmt doch. Ich frage mich sowieso all die Jahre wie du das immer durchhältst. Training bis zum Umfallen. Das kann doch gar nicht gut sein.“
‚Spinnt der jetzt etwa? Muss er sowas ausgerechnet jetzt rausplaudern? Seit wann ist es denn wichtig für ihn wie ich trainiere?‘, steigt Kojiros Puls an und er kann sich plötzlich nicht mehr zurückhalten. Die Anspannung im Raum ist einfach zu groß. Tina bemerkt seine Aufregung. Natürlich kann sie sich vorstellen, dass er so ein Typ Sportler ist wie sie selbst. Jemand der sich auspowert und mit voller Leidenschaft eine Idee umsetzen will. Es gibt Momente im Leben die man nutzen muss bis sie endlich wirklich funktionieren. Und bei diesen Bällen, die sie heute gesehen hat ist ihr klar, dass da nur ein hartes Sondertraining für gesorgt haben kann.
„Was gehen dich plötzlich meine Trainingsmethoden an?! Vielleicht solltest du das auch mal ausprobieren, damit du weißt wie befreiend sich das anfühlt sich einfach mal auszupowern und die Zeit um sich herum zu vergessen!
Oder glaubst du die Spezialschüsse kommen von ganz alleine?!“, brummt er ihn an und versucht sich wirklich sehr zurückzuhalten mit dem Tonfall und der Lautstärke. Immerhin ist Besuch anwesend. Tina macht sich ihre Gedanken und versteht Kojiros Reaktion vollkommen.
‚Ausgerechnet heute muss dieser Mann mit seiner lustigen Art einen Scherz auf deine Kosten machen. Er meint es sicher nicht böse, sondern will nur aufheitern. So war ich früher auch mal. Der Spaßvogel im Team. Ich glaube das Thema ist dir sehr unangenehm vor mir.‘, schmunzelt sie vor sich hin und bringt sich dann mit einem ernsten Ton ein.
„Ich glaube Sie haben da was falsch verstanden, Herr…?“, sie sieht Jun fragend an. „Ichizaki“, sagt er.
„Herr Ichizaki. Ich kann der Aussage von Herrn Hyuga nur zustimmen!“, sieht sie ihn streng an. Alle sind erstaunt, auch Trainer Kira ist total baff als er das hört. ‚Nanu? Was sind das denn für Worte?‘
Kojiro ist ebenso verdutzt. ‚Bettina, du äußerst dich dazu?‘
Die Erleichterung
Kapitel 56
Die Erleichterung
„Ein hartes Sondertraining unterliegt in der Regel einer kurzen Zeit. Sagen wir mal ein paar Tage oder maximal zwei Wochen. Das kommt auf das Ergebnis an welches man erzielen will. Manche Ergebnisse dauern seine Zeit und deswegen planen wir ja jetzt schon, damit Sie zur WM mehr als nur fit sind.
Glauben Sie im Ernst, dass ich hier stehen würde, wenn ich nicht schon von Kindesbeinen auf viel Sport getrieben hätte? Oder später im Profisport bis an meine Grenzen gegangen wäre?
Wenn mich was besonders gewurmt hat und ich wollte es unbedingt erreichen, dann musste ich auch mal Grenzen überschreiten. Das ist auch heute noch so. Ich bin ebenso die Angreiferin im Team und meine Schmetterbälle entstanden nicht während eines normalen Trainings, sondern immer nur wenn ich meine Grenzen überschritten habe.
Jun kann das bezeugen. Als ich meinen ersten Ball hinbekommen habe hat er mich beim morgendlichen Training hier in der Turnhalle schlafend aufgefunden, weil ich mich abends reingeschlichen habe um heimlich zu trainieren.
Am nächsten Tag fühlte ich mich wie neu geboren. Ich hatte endlich meinen Ball drauf und dann war alles super. Am selben Tag ging ich dann aber auch gleich ins Bett, als ich heimkam.
Über das Thema Schlafen wird es auch für jeden eine Bemerkung in seinem Plan geben.“, erklärt sie sachlich.
Kojiro schmunzelt etwas. Ihm war schon an ihrem zweiten Tag klar, dass sie genauso verrückt ist wie er und mit voller Leidenschaft für ihren Sport brennt. In seinen Gedanken spielen sich die ersten aufregenden Tage ab und vor allem der erste Abend bei ihr zu Hause, als sie ihm von ihrem Sport erzählte und ihm klar wurde warum sie so eine leidenschaftliche Frau ist.
Ryo ist überrascht als er Kojiros Reaktion einfängt. Eben noch hat er ihn so grimmig angesehen und jetzt schmunzelt er vor sich hin und schaut diese Frau so seltsam an. Noch nie hat er jemanden so angesehen, wenn sie Besuch hatten oder eine hübsche Frau anwesend ist. Schon den ganzen Tag benimmt er sich so nachdenklich und distanziert. Was heißt hier den Tag? Die ganzen letzten Tage über schon. Als sie mit dem Training begonnen haben war alles normal. Die ersten zwei Tage waren wie immer, wenn sie sich mal alle nach langer Zeit wieder sehen. Er sieht zu Ken, welcher direkt neben ihm steht. Ihm fällt seine Schmarre im Gesicht auf. Diese war plötzlich da und kam angeblich von einem Schuss von Kojiro. Aber seitdem verhält er sich seltsam. Auch Tsubasa ist ruhiger als sonst. Dann der seltsame Vorfall mit der blutigen Hand und seitdem kommt er ständig zu spät bzw. gestern wegen seiner Prüfung dann gar nicht mehr.
Aber Heute, heute ist sein Verhalten besonders seltsam. Heute früh kommt er wieder später und dann quatscht er mit Genzo und Ken gemeinsam vor dem Tor rum. Das gab es noch nie. Die drei alleine zusammen und kein Trainer dabei? Seltsam. Ryo schaut zu seinem Kapitän, welcher mit Genzo noch immer neben Tina steht und wie ein Honigkuchenpferd zum gesamten Team lächelt als ob er auf irgendwas wartet und sich darauf freut. Auch er verhält sich schon seit Tagen seltsam. Und dann diese plötzliche Prügelei zwischen ihm und Genzo.
‚Hier stimmt doch irgendwas nicht. Zuerst prügeln die sich gestern noch und heute stehen die da als wenn nie was war? Was ist denn da gestern nur vorgefallen? Und dann ist Tsubasa in ihrem Programm schon drin? Wie ging das denn? Kennen die sich wirklich nur durch Fane und Genzo? Aber seit wann das denn? Wieso ist sie dann nicht schon eher mal zu uns gekommen, wenn sich die beiden doch kennen? Und was hat das denn mit Kojiros seltsamen Verhalten zu tun? Sogar Fane ist in letzter Zeit öfters mal mit Kojiro beim Reden zu sehen. Was haben die denn zu bereden? Die Trainer sind auch so seltsam drauf heute.‘ Er fasst sich verzweifelt an den Kopf und schüttelt ihn.
‚Verdammt. Das passt alles nicht zusammen. Irgendwas stimmt hier nicht.‘
Ken neben ihm bemerkt natürlich seine seltsamen Blicke und er bemerkt auch, dass sein Puls etwas ansteigt. Er kennt Ryo gut, denn er spricht immer gleich frei raus was er denkt ohne darüber nachzudenken. Natürlich meist um mal die Truppe aufzuheitern. Ryo ist zwar wie ein Klassenclown aber auch ein guter Beobachter, wenn er etwas Seltsames wittert. Auch deswegen spielt er in der Verteidigung. Ihm fallen manchmal Details auf, die Jun oder Hikaru auf Grund ihrer bedachten Art nicht gleich auffallen.
Ken beugt sich zu ihm runter und flüstert ihm etwas ins Ohr.
„Hab bitte noch ein wenig Geduld. Es klärt sich bald alles auf. Was auch immer du denkst, behalte es für dich.“ Dann stellt er sich wieder gerade hin, damit es die anderen nicht merken. Er ist erstaunt und schaut ihn nur nachdenklich an.
‚Ken, weißt du etwa was los ist? Aber natürlich.‘, fällt ihm auf. Dann schaut er zu Tina und ihm fällt plötzlich auf, dass sie ebenso einen bestimmten Gesichtsausdruck hatte als sie eben von ihrem Training gesprochen hat und somit auch zu Kojiro blickte. Und vorhin bei der Spielunterbrechung als sie vorgeschlagen hatte die Sachlage beim Gegner zu klären mischte sich Kojiro plötzlich energisch ein und sprach sie mit Bettina an. In genau diesem Moment hat er sich dabei nichts gedacht, denn immerhin haben sie sich ja bereits kennengelernt als sie Shinichi in der Berufsschule besucht haben. Aber dann so vertraut und bestimmend mit Bettina ansprechen hätte er doch niemals bei jemanden gemacht. Nicht mal Fane hat er je so angesprochen, auch wenn sie mal anderer Meinung waren.
Ryo schaut zu Ken auf und deutet an sich wieder zu ihm runter zu beugen. Dann flüstert er ihm auch etwas ins Ohr.
„Sie ist es? Richtig?“, äußert er seinen Verdacht. Er hat ja selbst laut rumgetönt, dass Kojiro ernsthaft verliebt sei, als er das Gespräch zwischen ihm und Takeshi mitbekommen hat. Ken grinst.
„Übe dich in Geduld.“, flüstert er nur.
„Wir sind dann auch soweit durch mit allem. Damit es etwas schneller mit dem Erstellen der Pläne geht dachte ich mir nehme ich heute vor Ort schon einige Daten auf. Vor allem die von den Spielern, die im Ausland sind und weiter weg von Tokio wohnen, da es sich jetzt gerade ergibt. Sie können dann nach Ihrem Training ab heute schon zum Arzt, wenn Sie wollen. Er weiß, dass jetzt die Tage unangekündigte Sportler vorbeikommen. Sie müssten sich dann nur bei ihm melden und er zieht Sie so gut er kann vor die anderen Leute. Termine sind aber immer besser. Also anrufen und Termin absprechen. Die Daten stehen alle auf dem Fragebogen, welchen ich am Ende verteile.“, schließt Tina die Erklärung ab und greift zu ihrem Koffer.
„So Jungs, Tina wird jetzt von euch ein paar Abmaße nehmen. Stellt euch am besten bereit, zuerst Tsubasa, Genzo, Taro, Shingo und Kojiro. Der Rest folgt danach in Ruhe. Ihr seid ja nicht so lange hier und müsst so schnell wie möglich zum Facharzt.“
Nach einer kurzen Zeit hat Tina ihre Funktionswaage mit der Messlatte aufgebaut und beginnt bei Tsubasa und Genzo. Jun notiert die Werte. Mit Messband in der Hand nimmt sie die Armlänge und den Rumpf gesondert auf. Gewicht und Körperlänge haben sich bei ihm nicht groß verändert. Etwas schwerer ist er geworden. Tina grinst ihn an.
„Hast du an Muskelmasse zugelegt?“ Er lacht.
„Ja klar. Ich will doch stärker werden als Rivaul.“
„So so. Na deine Werten waren jetzt eh fällig. Wir sprechen dann später in Ruhe drüber.“ Er nickt. Danach ist Genzo dran. Er kann sich beim Abmessen das Lachen nicht verkneifen.
„Das kitzelt, Tina. Beeil dich.“, grinst er als sie das Band an seine Arme legt. „Stell dich doch nicht so an.“, lacht sie zurück. Als nächstes ist Taro Misaki dran.
Tina lächelt ihn freundlich an. „Und Sie sind Herr Misaki? Aus Frankreich, stimmts?“, spricht sie ihn auf Französisch an. Er ist erstaunt und antwortet. „Stimmt genau. Sie sprechen Französisch? Sprachen sind immer gut.“, sagt er nur nachdenklich.
„Ja Sprachen lernen ist ne Art Hobby. Neben Kochen sind es die Sprachen.“
‚Hm, was hat Kioko für Probleme mit ihr? Sie ist doch nett.‘
„Meine Verlobte spielt auch Volleyball. In der französischen Liga.“, sagt er stolz.
Tina ist erfreut.
„Oh wirklich? Das ist doch super. Die Französinnen sind sehr stark.“
Kurz darauf sind seine Daten aufgeschrieben und als nächstes ist der quirlige Shingo dran. Kojiro hat ihn bewusst vorgelassen. Ihm ist es lieber der Letzte zu sein. Kaum steht der jüngste der Mannschaft auf der Waage fängt er schon an wie ein Papagei wild zu erzählen.
„Ich bin Shingo Aoi, hallo. Ich hätte nie gedacht, dass Sie mal zu uns kommen würden. Ich bin total aufgeregt. Ich habe Sie schonmal spielen sehen. Ihre Art zu spielen ist wirklich total toll.“ Tina möchte Jun das Gewicht ansagen doch die Werte ändern sich ständig auf der Digitalanzeige.
„Das freut mich sehr. Sie müssen jetzt mal kurz stillhalten.“, spricht sie freundlich. Er zappelt etwas mit den Beinen.
„Sorry, ich bin wie ein Flummi und zapple immer, wenn ich aufgeregt bin. Ich kann da nichts gegen machen.“, lacht er. Sie lächelt ihn an.
„Deswegen waren Sie vorhin auf dem Feld so schnell und flink?“
„Ja genau. Ich bin der flinke Shingo und laufe an den Großen vorbei oder nehme ihnen einfach den Ball weg.“ Tina stellt sich vor ihn hin und deutet auf seine Hände.
„Ich würde Ihnen gerne einen Trick zeigen. Darf ich Sie an den Händen berühren?“ Er nickt und hält ihr die Hände hin. Tina fasst sie sachte an und formt sie zu einer Schale. Dann legt sie kurz ihre Faust hinein.
„Nun schließen Sie die Augen und stellen sich vor Sie hätten ein kleines Vögelchen in den Händen Es ist verletzt. Wenn Sie zappeln oder reden fällt es runter und verletzt sich. Das wollen Sie natürlich nicht.
Bleiben Sie in diesem Gedanken bis ich Ihnen sage, dass es fliegen gelernt hat, okay?“ Er tut was sie sagt. Alle Blicke sind auf die beiden gerichtet. Noch nie hat es jemand geschafft ihn zur Ruhe zu bringen. Doch jetzt plötzlich ist er voll konzentriert und gibt weder einen Muchs von sich noch bewegt er seine Beine. Jun notiert Gewicht und Grüße.
„So und nun ist er wieder gesund. Also geben Sie dem Vogel einen kleinen Anstoß, dass er hochfliegen kann und strecken Ihre eigenen Arme aus, als würden sie wie ein Albatros hinterher fliegen. Also ganz weit und gerade, wie ein Segel. Genau so verharren Sie im Wind und lassen sich ganz lange von ihm tragen.“ Kojiro ist erstaunt wie liebevoll sie mit ihm umgeht. Als wäre er ein großes aufgeregtes Kind. Ken als Karatemeister hat auch schon versucht ihm ein paar Konzentrationsübungen beizubringen, aber keine hat geholfen. Jun kann nun auch die Armlänge notieren und die restlichen Größen.
„Und nun öffnen Sie wieder die Augen und können sehen wie schön der Vogel fliegen kann.“ Er sieht sie erstaunt an.
„Wow, danke für den Trick.“, lächelt er fröhlich und schaut auf seine Hände. Noch immer steht er ruhig da und ist selbst von sich überrascht.
„Immer wenn Sie denken, es ist unpassend dann denken Sie an das Vögelchen in den Händen. Irgendwann brauchen Sie dann nicht mal mehr die Bewegung machen.“
„Woher wissen Sie sowas?“, fragt er neugierig.
„Ich wende diese Methode selbst seit meiner Kindheit an. Immer wenn es etwas Wichtiges gibt und ich mich konzentrieren muss denke ich mir etwas aus was schlimmer wäre als das worum es eigentlich geht. Dann kann ich mich voll konzentrieren. Das ist ein Lernprozess, aber ich habe es gut drauf.“ Eine Stimme meldet sich von weiter hinten. Es ist Kasuo Tachibana, einer der Zwillinge.
„Und woran denken Sie dann, wenn Sie in einer Bucht stehen und so einen Sprung ins Wasser machen?“
Tina ist erstaunt. Das hat sie noch nie jemand gefragt. Sie lächelt ihn an, schließt kurz die Augen und antwortet liebevoll.
„Das spielt keine Rolle mehr, weil ich keinen Grund mehr habe es zu tun.“
„Ach echt? Darf ich fragen was der Grund war?“, ertönt plötzlich die Stimme von jemanden.
Daraufhin verlässt Tsubasa seinen Platz und stellt sich zu Tina.
„Das geht uns überhaupt nichts an. Hört auf so persönliche Fragen zu stellen. Ist ja peinlich.“, spricht er bestimmend. Alle sind erstaunt. Zuerst steht er die ganze Zeit so fröhlich da und dann fängt er plötzlich an den ernsten Kapitän rauszulassen. Das kommt nur sehr selten vor. Überhaupt ist es extrem selten, dass er mal wirklich ernst und streng ist, denn meist ist er fröhlich, voll motiviert und treibt alle an. Er hat das Talent alle mit seinem Optimismus anzustecken, um auch in den schwersten Situationen wortwörtlich am Ball zu bleiben.
Ryo ist natürlich auch erstaunt, nicht nur die anderen. Er kennt Tsubasa von allen am längsten. Nie hat er bemerkt, dass er diese Frau überhaupt kennt. Natürlich kann er sich das nun vorstellen, durch Genzo und wohl auch durch Fane, aber trotzdem ist es seltsam. Er kennt doch sonst jeden Freund von ihm.
Tina berührt Tsubasas Schulter und lächelt ihn an.
„Danke, ist schon gut. Es wird ihnen sicher irgendwann bewusstwerden, wenn erst alles raus ist.“, spricht sie ihn leise auf Spanisch an. Er nickt.
„Stimmt. Bringt es zu ende, ich bin schon ganz angespannt vor Freude.“, gibt er ihr ebenso leise zu verstehen. Dann dreht er sich um und spricht zu Kojiro.
„Na dann, du bist dran, Kojiro, lass die anderen nicht zu lange warten.“, macht er ihm eine Ansage und zwinkert ihm unauffällig zu. Natürlich kann er den Hinweis deuten und stellt sich auf die Waage. Tina wendet sich ihm zu und ihr Herz schlägt bis zum Anschlag. Ihre Blicke treffen sich und auch Kojiros Puls steigt enorm an. Ihnen wird beiden ganz warm und nun müssen sie sich sehr konzentrieren.
Sie kommt auf ihn zu und bedankt sich, dass er schon auf der Waage steht.
„Danke für die Mitarbeit. So sind wir schneller fertig.“, lächelt sie ihn an und schaut zu ihm auf. Durch die Waage ist er noch zusätzlich zehn Zentimeter größer als gewohnt.
‚Kojiro mein Liebster, wie groß du plötzlich bist. Ein ganz anderer Blickwinkel von hier aus. So bin ich deinem Herzen noch näher und kann deine Aufregung hören und spüren. Mein Herz zerspringt auch gleich. Deine liebevollen Augen und dein angenehmer Duft so kurz nach dem Duschen lassen meine Knie ganz weich werden. Am liebsten würde ich einfach nur in deinen starken warmen Armen liegen und deine Nähe spüren. Ich fühle mich auf einmal so hilflos und kann mich gar nicht mehr bewegen. Ich habe plötzlich das Gefühl, das mich meine Kraft verlässt.‘ Er sieht zu ihr herab und versucht ihr nur in die Augen zu sehen, aber es fällt ihm wahnsinnig schwer von diesem Blickwinkel aus.
‚Bettina, wie schön du bist. Du hast vermutlich keine Ahnung was mir gerade im Kopf vorgeht. Die Anspannung ist nicht mehr zu ertragen und ich würde dich am liebsten jetzt sofort in die Arme nehmen und küssen. Ich kann deinen Herzschlag bis hierher hören. Jetzt bist du mir so nah und dein lieblicher Duft von deinen Haaren steigt mir in die Nase. Deine Augen, Bettina, Ich halte das nicht mehr aus.‘
Es liegt eine unbeschreibliche Stimmung in der Luft. Alle Blicke sind auf sie gerichtet, denn es kann im Moment nichts interessanter sein als die Begegnung vom Wilden Tiger und der Gelben Tigerin. Es ist ganz still im Raum. Vor ein paar Sekunden noch wurde fröhlich getuschelt und geredet und nun herrscht eine ungewöhnliche Ruhe.
‚Nanu, wie sehen die sich denn an?‘
„Flirten die gerade miteinander?“, tuschelt jemand leise zum Nachbarn.
„Oh lala. Was sind das für Blicke?“, bemerkt Masao flüsternd und blickt zu seinem Bruder.
‚Oha, das nenne ich eine Spannung im Raum.‘, geht durch Mikamis Kopf. Er verschränkt die Arme und beobachtet die beiden. ‚Das sieht sehr ernst aus zwischen den beiden. Das letzte Mal war sie deutlich taffer. Vorhin als Kojiro nach dem Wechsel vor ihr stand kam sie mir auch so zurückhaltend vor. Es scheint wirklich eine sehr enge Verbindung zwischen ihnen zu geben, sonst würde sie die Coole spielen. Tina, bzw. Tino hat niemals solche Gefühle gezeigt. Wut und Freude, aber niemals Zuneigung.‘
„Ich kann nicht mehr. Ich…kann mich nicht mehr…bewegen, Kojiro. Ich habe plötzlich keine…Kraft mehr.“, spricht sie ganz leise auf Italienisch.
‚Kojiro, ich bin am Ende. Ich muss meine letzten Nerven für jetzt aufsparen. Bitte Kojiro…bring es endlich zu ende. Ich spüre, dass es dir doch genauso geht.‘
‚Bettina? Dich verlässt deine Kraft? Ich kann auch nicht mehr.‘ Beide sehen sich wie erstarrt in die Augen.
Plötzlich fällt Tina das Messband aus der Hand und die kleine Rolle kullert durch den Raum. Während es noch etwas kullert und dann vor den Füßen von Trainer Kira landet steigt Kojiro von der Waage runter, berührt ganz sachte Tinas rechten Arm und stellt sich direkt neben sie um den Blick der anderen auf sich zu richten. Seine kräftige aufrechte Statur verdeckt ihren Körper vor seinen Freunden, denn er möchte nicht, dass jemand ihre Träne sieht, welche ihr gerade die Wange herunterläuft.
„Jungs! Ich möchte euch etwas mitteilen!“, ertönt plötzlich Kojiros dunkle und angespannte Stimme. Sein Puls geht ihm bis an die Decke. Er nimmt dann Tinas Hand und er spürt ihre Aufregung in seiner. Sie fühlt sich schwitzig an.
Alle sehen ihn fraglich an. Was sind das denn für Worte? So kennen sie ihren starken Stürmer gar nicht. Klare Ansagen und mal ne laute Meinungsäußerung, aber ein, Jungs, ich will euch was sagen, das ist ihnen völlig fremd.
Er spricht Tina kurz flüsternd auf Italienisch an.
„Geht's besser? Alles okay? Schau auf dein Armband, es ist für solche Momente gedacht.“
Seine liebevollen Worte und seine Wärme und Stärke in ihrer Hand beruhigen sie sehr. Ihr Puls sinkt wieder etwas und auch er kann fühlen wie sehr sie seine Hand hinter seinem Rücken festhält und wie sie wieder etwas wärmer wird.
„Danke. Mache ich.“
Kojiro holt tief Luft, schaut die Männer an und platzt sein Anliegen direkt heraus.
„Euch ist sicher aufgefallen, dass ich in den letzten Tagen einige wichtige Dinge privat klären musste.“
Tina hat inzwischen wieder genug Energie getankt, seine Wärme gibt ihr viel Kraft. Sie schaut hoch und wischt sich mit der linken Hand das Gesicht trocken.
‚Tina, ruhig bleiben. Konzentration. Danach kannst du dich frei bewegen. Liebe übersteht alles!‘, sagt sie sich unzählige Male selbst.
„Geht's jetzt?“, flüstert er zu ihr.
„Ja, du kannst.“, beruhigt sie ihn und greift nur fester seine Hand.
‚Du hast aber auch einen Griff drauf, alle Achtung. Jeden anderen würdest du damit weh tun. Aber du weißt, dass ich das abkann. Mir ist klar, dass du sehr angespannt bist. Diesmal hilft auch dein toller Trick nicht mehr. Wir bringen das jetzt hinter uns und dann ist Ruhe.‘
Er legt seine rechte Hand auf seine Brust.
„Der Start war etwas holprig, aber…“ Er deutet Tina mit einer Ziehbewegung der Hand an sich neben ihn zu stellen. Sie holt tief Luft und setzt ein fröhliches selbstsicheres Lächeln auf. Die Vorstellung, dass es gleich vorbei ist mit dem Versteckspiel heute macht sie glücklich und es steigt weiter Wärme in ihr auf. Dann stellt sie sich neben ihn und hält weiterhin seine Hand ganz doll.
„…Bettina und ich sind ein Paar!“, sagt er dann ganz schnell und bestimmend. Kojiro versucht die Reaktion seiner Freunde und Mitstreiter einzufangen. Es ist auf einmal wieder total still im Raum.
Für ein paar Sekunden kann niemand etwas sagen. Doch dann beginnen die ersten Reaktionen.
„Äh, wie jetzt?“
„Ist das ein Scherz?“
„Du veralberst uns doch.“
„Wiederhol das nochmal. Habe ich das jetzt richtig verstanden? Du und die Gelbe Tigerin seid zusammen?“, äußert Taro verwundert.
„Sehe ich aus als würde ich Scherze machen?!
Normalerweise ist es ja egal was privat los ist, aber da Bettina ebenso wie wir in der Öffentlichkeit steht müsst ihr es vor dem Medienrummel wissen. Deswegen mussten wir uns schnell im Klaren werden was wir wirklich wollen. Jetzt wisst ihr es!“
‚Endlich ist es raus. Das war ja gar nicht länger auszuhalten.‘, geht in Kojiro vor.
Neben einigen fröhlichen und grinsenden Gesichtern macht sich aber auch Zweifel breit.
Tsubasa schaut glücklich zu Kojiro und Tina. Ihm brennen ein paar Worte auf den Lippen, aber er versucht sich noch zurückzuhalten.
‚Kojiro, gut gemacht. Den Rest regelt ihr unter euch.‘, schmunzelt Trainer Mikami und will mit Kira und Katagiri den Raum verlassen. Doch plötzlich ertönt Ryos laute Stimme.
„Trainer, haben Sie das gewusst?!“
Mikami dreht sich zu ihm um.
„Das ist unwichtig. Privatkram geht uns nichts an. Das müsst ihr alleine klären.“, spricht er nur bestimmend aber lächelt dabei. Dann schaut er zu Tina, welche ihn ebenso ansieht.
‚Trainer, wieso sind Sie so freundlich zu mir? Danke dafür.‘, lächelt sie zurück.
Dann sieht sie zu Genzo, welcher sie ebenso verwundert ansieht.
‚Ach Tina, du bringst hier echt einiges durcheinander mit deinem Dickkopf. Ich bin doch selbst erstaunt, dass der Trainer dir gar nicht böse ist und euch unterstützt.‘ Genzo zuckt nur mit der Schulter.
Daraufhin verlassen die drei Männer mit der Ärztin zusammen den Raum.
Plötzlich tritt Ryo hervor und spricht endlich aus was er denkt.
„Also irgendwie will das nicht in meinen Kopf. Soweit ich weiß, mögen Sie doch gar keine Fußballer. Wie kann das dann sein? Zuerst erfahren wir, dass Sie mit Genzo befreundet sind und dann das.“, sagt er ernst und dann schaut er zu Genzo. „Und du Genzo? Du kannst Kojiro doch gar nicht leiden, genauso andersherum. Wie passt das zusammen?“ Kojiro hat mit solchen Fragen gerechnet und will darauf antworten.
„Hör zu, Ryo…“ Doch dann wird er unterbrochen, denn Tsubasa fällt ihm ins Wort.
„Kojiro! Ich mach das jetzt! Du hast genug gesagt!“ Er sieht zu Genzo und Jun, dann blickt er in die Runde zu Ken und deutet an zu ihm zu kommen, während er dann zu Kojiro und Tina geht und sich direkt neben seine Freundin stellt. Von dort aus sieht er auch zu Fane. Sie versteht sofort, dass sie auch kommen soll.
Ohne dass es jemand vermutet drängen sich auch Shinichi und Takeshi an ihren Kameraden vorbei und gesellen sich wie die anderen zu dem jungen Paar. Sie stellen sich neben Kojiro.
„Hört zu Leute. Kojiro hat bereits alles gesagt was wichtig ist. Er sagte bereits, dass er privat einiges klären musste und genau das haben die beiden auch in den letzten Tagen getan. Und ich denke mal alle hier um uns herum sind derselben Meinung wie ich, dass wir nicht an dem zweifeln, was die beiden miteinander verbindet.
Als Team müssen wir jedoch auf den Medienrummel vorbereitet sein. Egal ob es dem einen oder anderen passt oder nicht.“
Dann sieht er zu Tina.
„Ich bin mit Tina bereits gut zwei Jahre befreundet und ich kenne den bisherigen Medienrummel um sie genau. Wir haben bewusst unsere Bekanntschaft verschwiegen, ebenso wie Genzo, damit keine unnötigen Diskussionen in der Presse landen.
Im nächsten Jahr sind wir alle sehr den Medien ausgesetzt und müssen uns einig sein was wir sagen.
Ich weiß nicht ob es schon alle mitbekommen haben, aber Tina wird nächstes Jahr bei der Weltmeisterschaft teilnehmen und für uns, für Japan antreten. Nicht für Deutschland. Ihr Verband hat das nicht gut aufgenommen und wird garantiert medial Druck ausüben, um unsere Mädels zu schwächen. Ihr kennt das ja.
Ich möchte, dass ihr euch, wenn sich da irgendwas tun sollte, aus jeglicher Presse raushaltet und keinen Kommentar zu diesem Thema abgebt.
Egal was wir sagen würden, man würde es irgendwie benutzen und wir wissen oft nicht in welche Richtung das schlagen könnte.
Wenn wer was zu sagen hat, dann nur die beiden selbst.
Ich hoffe ich habe mich da deutlich ausgesprochen?“
Alle sind irritiert, dass ihr Kapitän so eine klare Ansage macht. Also so ernste Töne kennen sie nicht. Sie wissen, dass er mit Kojiro befreundet ist, aber dass ihm sogar diese Freundin so wichtig ist, dass er ihnen eine deutliche Ansage macht, das wundert sie dann doch.
Dann ertönt Masaos Stimme.
„Alles klar. Aber ich habe dann doch noch eine Frage, die musst du mir mal beantworten Kojiro.
Bist du dir da ganz sicher, dass du eine Fernbeziehung zwischen zwei Kontinenten führen willst? Wie stellt ihr euch das vor? Ich könnte das nicht.
Seid ihr sicher, dass es nicht nur für eine kurze Zeit ist?“
Kojiro geht auf die Frage ein.
„Wie wir das regeln werden ist für euch nicht relevant. Wichtig ist erstmal was Sache ist.“, brummt er etwas.
Tina lässt seine Hand los und berührt mit dem Handrücken seinen Arm, um ihn zu beruhigen. Dann tritt sie hervor und meldet sich auch endlich mal zu Wort.
„Das beantworte ich!“ Sie lächelt ernst und voller Überzeugung.
„Es wird keine Fernbeziehung geben!“
Nun sind einige doch verwirrt. Auch ihre Freunde hinter ihnen sind etwas verwirrt. Bis auf Fane weiß es noch niemand von ihnen.
„Kojiro! Bist du bescheuert!? Du wirst doch wohl nicht etwa wieder nach Japan kommen?“, äußert Ryo entsetzt und löst damit eine große Diskussion aus.
„Ne das kannst du doch nicht machen.“
„Echt jetzt?“
„Das wäre ja dämlich, bei dem Gehalt und dann diese Erfahrungen in Europa. Das würde er nie tun, nicht wahr?“, ist Kazuo voll überzeugt und sieht zu Kojiro.
„ICH werde es tun!
Ich verlasse Japan!
Ich werde immer dort hingehen wo Kojiro unter Vertrag kommt, egal wo!“, ruft Tina plötzlich laut und mit fester Stimme.
‚Bettina.‘
Genzo und Tsubasa sind beide plötzlich ganz überrascht.
„Tina? Du willst Japan wirklich verlassen?“, ist Jun etwas überrumpelt worden. Er weiß genau wie die anderen wie wichtig ihr es immer war bei ihren Freunden hier zu bleiben.
Sie dreht sich zu ihm um. Ihr entgehen die anderen Gesichter auch nicht.
„Ja Jun, Hört zu, ich werde das Haus verkaufen und die Gaststätte abgeben. Arbeiten kann ich von überall aus über das Internet. Die Details müssen wir dann noch klären.“ Er nickt. „Verstehe. Du hast Recht.“
„Und was ist mit der Meisterschaft? Was sagt der japanische Verband dazu?“, bringt sich Taro ein. Sie schaut zu ihm.
„Das muss ich mit denen noch klären. Es wird sicher eine Lösung dafür geben.“
„Sie wollen wirklich Ihren Einfluss und den ganzen Ruhm hier in Japan aufgeben und irgendwo anders spielen oder nur arbeiten?“, ist er erstaunt.
„JA! Ich habe diesen Rummel nicht gewollt. Er hat sich ergeben. Ich will nur spielen und herausfinden wo meine Grenze ist. Das ist alles.
Wenn ich was mache, dann richtig!“
Die Frage
57.Kapitel
Die Frage
Plötzlich mischt sich Fane ein und stellt sich neben Tina.
„Jungs, auch wenn ihr es die ganze Zeit nicht wusstet, aber wir beide sind bereits seit einigen Jahren eng befreundet. Als Tsubasa damals nach Brasilien ging lernten wir uns kennen. In Barcelona dann kam ich mir etwas ungebraucht vor und kam nur zurück, um bei Tina meine Ausbildung als Diätköchin in ihrer Gaststätte zu machen. Eine bessere Ausbildung kann ich gar nicht bekommen.
Warum erzähle ich das jetzt? Es ist für euch gar nicht wichtig, aber ich muss es jetzt auch gleich loswerden.“ Sie dreht sich zu ihrem Mann um und blickt verliebt zu ihm auf.
„Tsubasa, ich werde Japan auch wieder verlassen. Ich habe nun die Möglichkeit bei dir zu sein! Ich werde meine Ausbildung im Fernstudium weiterführen, mit Tinas und Rolands Hilfe.
Der japanische Volleyball-Verband fordert plötzlich einen Manager an Tinas Seite. Diesen Job werde ich übernehmen und deswegen bin ich dann auch in Europa tätig und kann wieder mehr bei dir sein.
Ich habe dann endlich eine Aufgabe und eine Arbeit. Wir werden uns mehr sehen und du musst nicht immer so weit fliegen, nur weil wir uns öfter sehen wollen. Ich kann viel von zu Hause arbeiten. Und ich kann doch auch endlich Spanisch und inzwischen sogar Deutsch und etwas Französisch.“, plappert sie ganz aufgeregt los.
Das Herz des Kapitäns schlägt plötzlich ganz schnell. Er kann gar nicht richtig glauben was er da hört. Seine liebe Fane wird wieder bei ihm sein? Sie wird wieder bei ihm wohnen und sie sehen sich öfters? Ihm war es immer unangenehm, dass sie hier alles aufgegeben hat und einfach mit ihm mitging, nur um in seiner Nähe zu sein. Er hat es leider erst zu spät bemerk wie schlecht es ihr ging, den ganzen Tag alleine daheim und ohne die Sprache zu sprechen. Durch seinen Ruhm konnte sie nicht einfach losgehen und sich einen Job suchen. Schon gar nicht ohne die Sprache zu kennen und ohne eine wirkliche Ausbildung.
Alles hat sie für ihn geopfert, ihr ganzes Leben lang schon. Fane ist bereits seit seiner Grundschulzeit an seiner Seite und er hat es erst sehr spät bemerkt, dass sie etwas für ihn empfindet. Dann ließ er sie vier Jahre lang in Japan alleine, weil er seinen Traum in Brasilien erfüllen konnte und dort bis an die Spitze kam. Sie jobbte nur etwas als Kellnerin.
Erst mit dem neuen Ziel in Europa Fuß zu fassen und in seinem Traum-Verein mit seinem größten Vorbild dem Brasilianer Rivaul zusammen spielen zu können kam irgendwann die Einsicht. Fane gestand endlich ihre Liebe zu ihm und er konnte das erste Mal an etwas anderes denken als nur an seinen geliebten Sport. Sie öffnete ihm endlich die Tür zu einer anderen Sichtweise des Lebens. Er begriff, dass es im Leben auch andere Herausforderungen gibt als den Sport.
Und nun? Nun will sie endlich wieder zu ihm? Einen neuen Lebensabschnitt starten. Nach zwei Jahren Fernbeziehung kommt sie endlich wieder zu ihm zurück?
Er sieht sie glücklich an und berührt ihre Schulter. Sein Puls steigt plötzlich an.
„Wirklich? Du kommst wieder zu mir nach Barcelona?“ Beiden wird plötzlich ganz warm und sie sehen sich tief in die Augen. Fane nickt.
„Ja, Schatz. Wir beginnen von vorne. Und diesmal machen wir es richtig.“, huscht ihr plötzlich eine Träne über die Wange.
‚Fane, ich bin total überwältigt. Es könnte nichts Schöneres für mich geben, als dass du endlich wieder bei mir bist. Auch wenn du natürlich arbeiten musst und wir uns nicht jeden Tag sehen werden, sind wir doch wieder zusammen und können uns nah sein.‘ Ohne darüber nachzudenken wo er ist nimmt er sie in den Arm. „Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen. Es war so einsam ohne dich.“ Ihm huscht tatsächlich eine Träne heraus. Fane muss sich ihre auch verkneifen.
Freudig betrachtet Tina ihre Freunde. Endlich können sie wieder zusammen sein, ohne dass jemand auf zu viel verzichten muss. Sie stellt sich mit dem Rücken zur Mannschaft und berührt beide an den Armen. So kann es niemand sehen.
‚Ich habe euch beide noch nie so zusammen gesehen.
„Ich freue mich auch sehr für euch. Hebt euch aber den Rest für Zuhause auf.“, spricht sie leise in Spanisch. Kurz darauf lassen beide wieder von sich.
„Du hast Recht.“, sagt Tsubasa, wischt sich die Träne weg und nimmt nur Fanes Hand.
„Es kam zu überraschend.“, fügt er noch hinzu. Dann blickt er plötzlich zu Kojiro, welcher selbst erstaunt ist was Fane ihm gerade gesagt hat und dass er so emotional darauf reagiert. Er hat seinen Freund noch nie so erlebt. Das sind ganz neue Seiten an ihm. Nie? Nein, das stimmt nicht ganz. Einmal schon…damals…am Ende ihres letzten gemeinsamen Turniers als Gegner. Tsubasa, sein ehemals größter Rivale und Antrieb für seinen ersten Spezialschuss, den Tigerschuss. Wieviel Kraft und Energie musste er aufbringen, um endlich etwas zu finden, was ihm ebenwürdig war, dem Fußballgenie aus der kleinen Stadt Nankatzu. Wie war es denn damals? Als er endlich wieder nach der Aufnahme auf die teure Toho-Schule nach drei Jahren zu seiner wahren Stärke zurückfand?
Nur er war sein Antrieb und dann wollte ihm der Trainer nicht für das Turnier aufstellen. Das konnte nicht sein, nein. Aber wieso?
Weil er seinem alten Trainer Kira ohne sich abzumelden nach Okinawa folgte, um dort für eine Lösung zu suchen. Und alles nur weil Jun während der Qualifikation neben ihm auf dem Feld zusammenbrach und Kojiro Mitleid empfand, neben ihm stehen blieb statt weiter anzugreifen und so das Spiel negativ beeinflusste. Einen Tiger ohne Krallen, hatte er ihn genannt und das konnte er sich nicht gefallen lassen. Kojiro wusste in seinen jungen Jahren, dass er so nicht gegen Tsubasa antreten kann und nutzte seine kurze Zeit für das Spezialtraining an der stürmischen Küste Okinawas und entwickelte den starken Schuss.
Endlich hatte er es geschafft und kam zurück aber durfte nicht spielen.
Bis zum Finale musste er auf der Bank sitzen und erst nachdem er selbst über seinen eigenen Schatten sprang, seinen ganzen Stolz für das wichtige Spiel und die Begegnung mit Tsubasa vor seinem Trainer opferte und sein Team mit voller Hingabe für ihn kämpfte, erst dann durfte er im Finalspiel dabei sein.
Ein Junioren-Finale, das jedem Spieler und Fan in Erinnerung bleiben würde. Es endete im Gleichstand und beide Teams durften die Fahne halten. Genau in diesem Moment hielt er Tsubasa an der Schulter verletzt und völlig erschöpft im Arm und sah Tränen in seinem Gesicht. Freudetränen, weil er ein so starkes Finale erleben konnte. Aus Respekt und ihrer Leidenschaft zum Sport tauschten sie ihre Trikots. Genau in diesem emotionalen Moment begann ihre tiefe Freundschaft.
„Danke, Kojiro. Danke für alles.“, spricht Tsubasa plötzlich zu ihm. Er ist erstaunt. Was meint er denn damit?
„Tsubasa, was meinst du? Ich habe doch gar nichts gemacht.“
Der Kapitän lässt die Hand seiner Frau los und geht zu ihm rüber.
„Ich weiß nicht wie du das machst. Du bekommst es selbst gar nicht mit, aber durch deine Art bringst du Ordnung in das Leben deiner Mitmenschen. Nicht nur in das Leben von Tina, Ken und Genzo, sogar in meins. Dafür Danke.“, erklärt er überzeugt und stupst ihn mit der Faust am Arm an. Kojiro ist total verdutzt und sieht ihn verwundert an.
„Ich weiß nicht. Wenn ich mir deine Augenringe so ansehe, habe ich eher das Gefühl, dass ich alles durcheinanderbringe.“, verschränkt er die Arme.
Tsubasa grinst.
„Ach was. Das war schon lange überfällig, nicht wahr Genzo?“, sieht er zu ihm.
„Ähm, genau. Sorry nochmal.“
Es lockert sich allgemein die Spannung im Raum auf und einige beginnen wieder sich zu unterhalten. Was könnte Tsubasa denn damit meinen, dass ausgerechnet Kojiro Ordnung in das Leben anderer bringen würde? Welche Unordnung war denn da? Und welche Ordnung bringt er denn in das Leben der gelben Tigerin? Das versteht keiner so richtig. Natürlich fällt ihnen allen so langsam auf was sich die letzten Tage so verändert hat. So wie Ryo deuten sie langsam die Veränderungen zwischen den Keepern sowie Tsubasa und Kojiro.
„Ich muss doch tatsächlich auch mal ne doofe Frage stellen.“, wirft Takeshi plötzlich ein und schaut zu Tina. Er steht noch immer neben Kojiro, welcher ihm schon immer sehr wichtig war. Seit Grundschulzeiten sind sie mit Ken zusammen unzertrennlich. Kojiro, welcher ein Jahr älter ist als er war der Einzige, der neben Trainer Kira an sein Talent glaubte. Er folgte ihm auch mit auf die Privatschule. Auf ihn war immer Verlass. Nicht nur im Sport und Privat, auch in der Schule konnte er sich auf seine Unterstützung und seine Stärke verlassen. Wie oft saßen sie bis in die Nacht und haben zusammen gelernt. Nach Training und der Arbeit war Kojiro trotzdem für ihn da, um ihm in seinen Problemfächern zu helfen.
Kojiro sieht ihn nur verwundert an.
‚Nanu, was willst du denn wissen, Takeshi? Du kannst uns doch später alles fragen.‘
Tina lächelt und geht auf ihn ein, da sie ihm vertraut, denn immerhin ist er ein sehr vertrauter Freund von Kojiro und der Freund einer Ihrer Mädels aus dem Uni-Team.
„Was möchten Sie denn wissen?“
„Wenn Sie schon lange mit Genzo und Tsubasa befreundet sind, wieso haben Sie dann den Kontakt zu Fußballern vermieden? Und Sie wollten Kojiro doch eigentlich nie kennenlernen.
Ich freue mich für euch, aber ich verstehe es nicht.“, spricht er sehr freundlich und nachdenklich. Kojiro ist entsetzt, ausgerechnet Takeshi, der sich sonst immer zurückhält mit seiner Meinung, außer es geht ums Spielen, muss so eine unangebrachte Frage stellen. Er sieht ihn etwas grimmig an und murrt leise aber ernst.
„Musst du sowas ausgerechnet vor allen anderen fragen?“
Tina ist gar nicht so sehr verwundert und hat schon mit so einer Frage gerechnet. Ihr war den ganzen Tag klar, dass irgendwer danach fragen wird. Sie sieht fragend zu Genzo. Er blickt zu ihr und genau in dem Moment gibt sie ihm zwei Fingerzeichen.
‚Tina, wirklich? Du willst es dem ganzen Team sagen?‘, deutet er überrascht und antwortet ebenso mit Fingerzeichen.
Tina lächelt. ‚Ja, alles.‘, gibt sie zurück.
Er ist erstaunt und schaut dann zu Kojiro und Tsubasa.
„Tsubasa, Jun, Kojiro? Besprechung!“, spricht er plötzlich bestimmend zu ihnen.
Fane ist erstaunt. „Tina, willst du es wirklich sagen?“ Sie nickt.
„Vertraust du ihnen? Wenn ich es nicht mache, dann verstehen sie es nie und letztendlich wird sicher irgendjemand dahinterkommen und die Presse wird uns auffressen wollen. Besser sie wissen es und verstehen Basas Bedenken.“, antwortet sie auf Deutsch zurück. Fane nickt.
„Okay, wenn du meinst.“
Die Männer beraten sich kurz. Alle anderen sind etwas irritiert auf diese Reaktion. Sie stecken alle die Köpfe zusammen, als würden sie eine Teambesprechung am Feldrand machen. Kojiro richtet sich auf und ruft Ken dazu. Dieser stellt sich dann zwischen ihn und Genzo.
„Okay, du weißt es ja auch. Bist du mit dabei es dem Team zu sagen? Also was damals passiert ist, damit sie es verstehen und auf den Presserummel vorbereitet sind? Ich weiß, dass auf unseren Vereins-Seiten Bilder existieren wo Tina und Stephan mit drauf sind. Wenn ihr Name in den Medien erstmal erscheint fangen die Leute an zu recherchieren. Irgendwann wird es jemand merken, dass sie mit mir im Team war und nehmen Mikami, mich und mein altes Team total auseinander. Das können wir alle nicht gebrauchen. Weder das deutsche Team noch wir oder Tinas Volleyballteam. Wenn wir aber vorbereitet sind, können wir uns schon Antworten parat legen.“, erklärt Genzo ernst. Jun stutzt plötzlich.
„Was meinst du mit deinem Team und die Deutschen? Wovon redest du?“
Alle sehen ihn verwundert an. „Sag jetzt nicht, du bist nicht in alles eingeweiht? Was hat dir Tina denn von damals erzählt? Ich denke du weißt das?“, wundert sich Genzo. Jun schüttelt den Kopf.
„Als wir uns endlich ausgesprochen hatten hat sie mir von dem Tod ihres Bruders erzählt, dass ihr befreundet seid und du sie gerettet hast und sie vorher selbst Fußball gespielt hat. Das war es schon. Was hat das mit deinem Team zu tun?“
„Typisch, sie rückt nur raus was wichtig für die Leute ist, denen sie es erzählen muss. Okay, dann jetzt für dich auch. Tina war mit ihrem Bruder zusammen in meinem Team dem Junioren- Team des HSV. Sie gab sich damals als Jungen aus und spielte mit ihm wie du in der Verteidigung. Vorher war sie der Keeper des Teams. Wir waren zwar zusammen in derselben Klasse, aber auch jeden Tag zusammen trainieren. Unser Freundesgespann bestand nicht nur aus Karl-Heinz, Kaltz und mir, sondern auch aus den beiden. Die vier wurden von den Medien das Kaiserliche Quartett genannt. Und genau deswegen müssen es die Jungs wissen, denn die Presse wird es herausfinden, ihr Name steht auf irgendwelchen Webseiten und Fotos gibt es auch. Damals gab sie sich als Zwillingsschwester aus, wenn sie Tina war. Ansonsten war sie Tino, der Fußballer.“ ‚Bettina, das Kaiserliche Quartett hast du bisher nicht erwähnt. Du hast es sicher nicht erwähnt, weil es mir unnötig Gedanken bereitet hätte. Genzo kennst dich scheinbar wirklich sehr gut. Du erzählst das was für die Person wichtig ist, der du es erzählen willst. Du wolltest sicherlich das Team damit schützen. Immerhin sind wir starke Gegner und du kannst ja nicht dem Verteidiger Schwachstellen verraten.‘, fällt Kojiro auf. Jun ist wirklich überrascht und schaut dann zu Kojiro.
‚Er weiß das und obwohl er eine so schlechte Erinnerung an unsere Begegnung mit Genzos Team hatte kann er sie lieben? Kojiro, wie kommt das? Du konntest ihm nie verzeihen, dass er uns hat so auflaufen lassen und dann deine Begegnung mit Schneider? Seine Übermacht und der Konflikt mit Genzo verletzten deinen Stolz so sehr, dass du jeden Abend während der Weltmeisterschaft heimlich im Park der Hotels an einem neuen Ball trainiertest und tatsächlich einen stärkeren Ball entwickelt hast.
Sind deine Gefühle zu Tina so groß, dass du darüber hinwegsehen kannst? Alle Achtung.‘
Genzo erklärt wie er es sagen will und alle stimmen dem zu.
Dann richtet er sich auf und ruft Tina dazu.
„Tina, kommst du kurz? Sie geht auf die Männer zu und steht vor ihnen. „Was habt ihr nun besprochen? Wollen wir es sagen?“ Genzo erläutert ihr seinen Plan leise. Sie nickt ab.
Nun richten sich alle auf und stellen sich mit dem Blick zum restlichen Team. Kojiro stellt sich neben Tina und blickt kurz zu Shinichi und Takeshi.
„Stellt ihr euch zu den anderen, damit wir es euch allen gemeinsam sagen können?“, spricht er ruhig.
Sie folgen seiner Bitte und sind schon gespannt was kommt. Alle sehen neugierig zu ihnen.
Tsubasa beginnt.
„Diese Frage musste irgendwann kommen. Sie wird auch sicher irgendwann von der Presse kommen und darauf müsst ihr alle vorbereitet sein. Alles was wir euch jetzt mitteilen muss hier im Raum bleiben. Ich übergebe nun an Tina und Kojiro.“
Tina fängt an und atmet tief durch. Kojiro hält ihre Hand, um ihr die nötige Kraft und den Mut zu geben.
„Bevor Genzo euch gleich genau den Grund erklärt müssen Kojiro und ich ein paar Worte dazu vorwegsagen.
Kurz bevor ich nach Japan zog ist in Deutschland etwas Schlimmes passiert. Als ich hier her kam stellte ich fest, dass die Erinnerungen an dieses Erlebnis ständig wieder kamen und ich musste mir etwas einfallen lassen, dass es so selten wie möglich passiert.
Als ich dann später mit dem Spielen anfing und mehr und mehr Erfolge hatte spürte ich wie mich diese Erinnerung schwächen könnte, wenn ich sie nicht umgehe. Eine Methode war zu spielen, denn wenn ich spielte und einen Ball in den Händen halte, waren diese Erinnerungen weg, jedoch geht das ja nicht den ganzen Tag. Einen zweiten Halt fand ich in der Küche der Gaststätte meiner Eltern. Ich verstand mich sehr gut mit unserem Chefkoch und wir hatten immer viel Spaß und ich lernte alles von ihm. Das lenkte mich ebenso ab. Er ist auch Derjenige, der mich ausbildete.
Jedenfalls sah ich kein Fernsehen und vermied jeglichen Kontakt zu bestimmten Leuten. Das ist auch der Grund warum ich keinen Kontakt zu Fußballern haben wollte. Sie waren mein Schwachpunkt. Bis auf dem Anblick des Balls oder des Tors, erinnerte mich alles an diesen Vorfall.
Das ist auch der Grund warum ich Kojiro, als er eines Tages in meiner Gaststätte auftauchte, nicht erkannt habe. Ich wusste nicht wer er ist, obwohl er so präsent in Japan ist. Natürlich kannte ich seinen Namen und hätte gewusst wer er ist, aber Kojiro heißen ja auch andere Leute.
Worauf ich hinaus will: Normalerweise geht mir der Vorfall von damals selten aus dem Kopf, auch im Alltag nicht immer. Als er aber plötzlich auftauchte, waren die Gedanken weg. Ganz plötzlich. Deswegen bin ich auch heute hier.
Ich wollte wissen, ob es wirklich ganz weg ist. Ob ich Fußballern wieder gegenübertreten und beim Spielen zusehen kann. So wie früher.“
Kojiro ergreift nun das Wort.
„Bettina kann hier bei uns sein und wir alle sind sehr froh darüber.
Was mich betrifft. Ich wusste auch nicht wer sie ist, als wir uns das erste Mal trafen. Ich wollte nur etwas trinken und platzte in ihr Lokal. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie das Lokal betreibt und Gastronomin ist. Da ich ja nun die letzten Jahre in Italien war und nicht viel mitbekomme was hier medial so los ist, habe ich mir darüber keinen Kopf gemacht.
Natürlich fragt ihr euch nun wieso ich gar nichts wusste, aber als meine Managerin mir etwas von einer Volleyballerin berichtete, welche Tigerin genannt wurde, weil ihre Bälle meinen Schüssen ähneln habe ich ihr nur gesagt, dass es mich nicht stört solange der Name nirgends offiziell benutzt wird, denn wir haben ihn ja schützen lassen. Es war aber nie so. Bettina hat sich nie selbst so bezeichnet, also kam das Thema nie wieder auf. Außerdem ist es ja super, wenn unsere Mädels in der Asienmeisterschaft gewinnen. Warum also ein Fass aufmachen?
Deswegen habe ich also weder ihren Namen noch Fotos von ihr irgendwo gesehen, denn ich interessierte mich da nicht so groß für andere Sportarten und lese, wenn nur Fußballzeitschriften.
Wir hatten andere Themen über die wir uns unterhalten haben.
Erst später ist uns klar geworden wer wir sind und welche Konsequenzen es für alle haben kann.
Und nun…übergebe ich an Genzo. Er wird euch alles Weitere versuchen zu erklären.“
Genzo tritt hervor, Kojiro stellt sich etwa seitlich vor Tina, damit sie nicht zu sehr im Mittelpunkt steht.
„So Leute, nun muss ich hier den schweren Part übernehmen, denn Tina fällt es ohnehin schwer darüber zu reden. Mir fällt es ebenso sehr schwer, aber Tinas Nerven liegen schon blank genug.
Takeshi, um deine Frage zu beantworten muss ich etwas ausholen und Tina hat eben beschlossen, dass sie euch allen vertraut, dass ihr das was ich euch jetzt erzählen werde für euch behaltet. Das ist sehr wichtig. Wir als Freunde von Tina und Kojiro vertrauen euch ebenso. Können wir uns auf euch alle verlassen?“, spricht er streng.
Alle stimmen zu und sind schon ganz gespannt was denn nun kommt. Tsubasa mischt sich nochmal kurz ein.
„Ich rate euch vorweg euch lieber hinzusetzen. Und alles was Genzo zu erzählen hat einfach nur zuzuhören und bitte keine Fragen zu stellen. Es fällt ihm schwer genug, aber es muss sein. Hinterher werde ich nochmal was dazu sagen.“
Er stellt sich neben Genzo, um ihn zu unterstützen, falls es nötig sein wird.
Die Männer nehmen sich jeweils einen Stuhl und auch Genzo holt sich einen, setzt sich darauf und stützt sich mit den Ellenbogen auf die Kniee. Er sieht zu seinem Team rüber und weiß, dass die Männer sich immer auf ihn verlassen können. Alle mögen Genzo sehr, er ist immer gut gelaunt, motiviert und mit Herzblut bei der Sache.
„Okay, also damit ihr es nicht falsch versteht, die Freundschaft zwischen Tina und mir ist etwas speziell. Genau deswegen gab es die letzten Tage auch seltsame Vorfälle in unserem Team. Ihr kennt ja meine aufbrausende Art, wenn mal was nicht nach meinem Plan läuft. Deswegen auch die dumme Sache gestern mit Tsubasa, die wir jedoch geklärt haben.
Bitte einfach nur zuhören, ich will davon nichts wiederholen oder groß weiter erklären als es nötig ist.“ Er holt tief Luft.
„Als ich damals nach unserem ersten Nationalturnier nach Deutschland ging musste ich in einer Gastfamilie unterkommen und auf eine Öffentliche Schule gehen. Ich kannte die Sprache und die deutsche Kultur und Lebensarten noch nicht. Es war nicht leicht.
Dann kam ich ins Team und musste mich dort erstmal beweisen.
Anfangs habe ich Tsubasa noch einige Briefe geschrieben wie es mir geht und wie toll die Mannschaft war. Unter anderem gab es neben Karl und Kaltz, mit denen ich mich angefreundet hatte auch ein Bruderpaar, die zu unserem Gespann gehörten. Sie hießen Tino und Stephan. Stephan als älterer der beiden war Verteidiger und Tino stand im Tor als erster Keeper. Obwohl ich für ihn seine größte Konkurrenz bedeutete nahm er mich nach den ersten Tagen als Einziger neben Karl als Teammitglied an. Tino war im Team neben Karl der Mittelpunkt und hatte das Talent alle zu motivieren und bei Problemen auf sie einzugehen. Dadurch war er für sie sehr wichtig und mich hat man anfangs nicht im Team haben wollen. Es gab einige Vorfälle, welche erst mit der Zeit und Anerkennung meines Talents im Team nachließen. Das regelte sich auch noch während der Ferienzeit. Wir fünf freundeten uns schnell an und trainierten sehr viel mit Trainer Mikami zusammen. Im Gegensatz zu den anderen hatten wir drei, Stephan, Tino und ich, den Vorteil, dass wir gut Englisch sprechen konnten und so halfen sie mir auch während des Trainings Deutsch zu lernen. Es stellte sich dann heraus, dass Tino eine Zwillingsschwester namens Bettina hat.
Als die Schule dann nach den Ferien begann wurde ich dort nicht gerade nett empfangen. Die Mannschaft hatte eine sehr große und starke Fangemeinde.“
„Genzo, Kurzfassung bitte.“, wirft Tina plötzlich ein.
„Sorry, hast Recht. Jedenfalls kam ich in Tinas Klasse und es stellte sich heraus, dass sie Tinos Zwillingsschwester ist.
Nach einer kurzen Zeit stellte ich jedoch fest, dass dies nicht der Fall war. Es gab ein paar seltsame Momente mit ihr. Unter anderem, dass sie mich sofort erkannte und versuchte zu ignorieren dabei sind wir uns nie begegnet.
Es stellte sich heraus, dass Stephan gar keinen Bruder hatte, sondern nur Bettina seine jüngere Schwester. Sie gab sich die ganze Zeit als Jungen aus, um mit ihrem Bruder zusammen spielen zu können und ich war plötzlich der Einzige im Team, der das wusste.“
Er macht kurz eine Pause und sieht in die erstaunten Gesichter. Die Blicke sind ebenso auf Tina gerichtet.
„Äh, wir sollten nichts sagen, aber nur kurz. Soll das etwa heißen, dass Frau Fuchs als Kind wie alle anderen euer hartes Training im HSV durchstand und mit dir und Schneider zusammengespielt hat?“, wirft Taro ein.
„Richtig. Ihr seid euch sogar zweimal begegnet. Deswegen wusste sie vorhin auch, dass du aus Frankreich kommst, aber wo Shingo spielt wiederum nicht, sonst hätte sie ihn sicher auf Italienisch angesprochen.“
„Echt? Wir sind uns begegnet?“, ist er verwundert. Tina lässt Kojiros Hand los, tritt etwas hervor und verschränkt die Arme.
„Genau, einmal haben Sie Genzo besucht und ihn beim Lauftraining abgefangen. Und dann standen wir uns bei einem Freundschaftsspiel gegenüber. Bei den Vorbereitungen zur WM 1998 gab es mehrere Spiele, neben dem gegen Japans und Frankreichs Nationalteams auch eins gegen Ihres aus Frankreich. Ich war mit meinem Bruder als Verteidigung auf dem Feld. So war es später auch für das Freundschaftsspiel gegen Japan geplant.“ Taro ist etwas irritiert.
„Genzo, machst du erstmal weiter? Aber fasse dich bitte kurz.“
„Nach einem Spiel der Profimannschaft waren wir alle auf dem Weg nach Hause.
Stephan, Tina, also als Mädchen, und ich. Wir hatten einen kleinen Streit. Es ging um nichts Wichtiges, aber so bockig wie ich war trennte ich mich dann von ihnen und ging alleine weiter.
Später bemerkte ich, dass es albern war und wollte mich entschuldigen. Also ging ich zurück in ihre Richtung. Zuerst fand ich die beiden auf ihrem Weg nicht aber dann entdeckte ich sie in einer dunklen Seitengasse.“ Tsubasa fasst stehend neben ihm Genzos Schulter, um seinen besten Freund zu unterstützen. Genzo senkt nun den Kopf, zieht sei Basecap vor das Gesicht und sieht auf den Boden.
„Genau in diesem Moment begriff ich, dass sie von fünf Typen überfallen wurden. Drei von ihnen prügelten auf Stephan ein und die anderen zwei hielten Tina fest.
Ich rann zu ihnen um zu helfen.
Stephan lag bereits am Boden und forderte nur noch, dass ich Tina helfen soll. Was ich dann auch tat, auf die beiden losging und sie in die Flucht schlug.
Die anderen drei, die Stephan verprügelt hatten ließen dann auch von ihm und liefen weg.
Während Tina sich dann um Stephan kümmerte rief ich den Notarzt und wir warteten und konnten ihm wegen innerer Verletzungen nicht helfen.
Als wir dann im Krankenhaus waren kam ein Arzt und teilte uns mit, dass er es trotz Notoperation nicht geschafft hat. Stephan starb mit 17 noch am selben Tag.“
Inzwischen hat Tina wieder Kojiros Hand gegriffen. Er steht hinter ihr und berührt ebenso ihren Arm. ‚Bleib stark. Du schaffst das. Wenn sie es erstmal wissen, gibt es keine doofen Fragen mehr und sie wissen alle, dass sie sich vor den Medien in Acht nehmen müssen.‘, denkt er.
„Um auf die Frage eine Antwort zu geben musste ich das alles erzählen.
Die Männer, welche die beiden überfallen haben waren Fußballfans und trugen Trikots. Und deswegen kam Tina immer diese Erinnerung hoch, wenn sie Trikots gesehen hat oder zu sehr an den Sport erinnert wurde.
Das ist es was sie meinte, als sie eben von einem Schwachpunkt sprach.
Hätte es jemand erfahren oder bemerkt, dann hätten es ihre Gegner eventuell ausnutzen können.“
Es ist ganz ruhig im Raum und plötzlich ertönen nur die Stimmen der Zwillinge. Sie umarmen sich plötzlich und fangen an zu weinen.
„Wie entsetzlich. Wenn uns das passiert wäre? Niemals könnten wir ohne den anderen sein.“
Fane tritt hervor.
„Jungs, um euch offene Fragen zu beantworten stellen wir uns alle kurz vor wie wir zueinandergefunden haben. Denn sonst versteht ihr nicht warum Tina trotzdem mit uns befreundet ist.
Also, als Tsubasa damals nach der neunten Klasse, nach Brasilien ging fiel mir die Zeit ohne ihn und ohne euch sehr schwer.
Eines Tages saß ich im Park auf einer Bank und ich weinte deswegen.
Zufällig kam Tina beim Lauftraining vorbei und bemerkte es. Sie setzte sich zu mir und konnte mich aufheitern. Ich erzählte nur, dass ich in jemanden verliebt sei und er weit weg wohne. Naja. Wir freundeten uns an.
Erst später sagte ich ihr wer es ist, denn sie erzählte mir dann von Genzo und der Zeit im HSV.“
Plötzlich ertönt ein leises Klinken der Tür. Tina und Kojiro haben leise den Raum verlassen. Natürlich ist es einigen aufgefallen, dass sie sich entfernten, aber niemand hat etwas gesagt, denn sie konnten es verstehen, wenn Tina lieber alleine sein möchte.
Dann äußert sich Tsubasa dazu, um alle wieder abzulenken und zum Thema zurück zu kommen.
„Wir lernten uns etwas später kennen. Wir trafen uns zufällig beim Laufen und rannen um die Wette. Als ich ihr dann erzählte wie ich heiße und dass ich Urlaub habe und meine Fußball-Freunde hier treffe. Dann erzählte sie mir von Genzo, weil sie meinen Namen von ihm kannte.
So kam das also bei uns. Wir haben uns viel geschrieben und telefoniert, aber wir haben nie über Fußball geredet. Das habe ich bewusst vermieden, weil ich wusste, dass es sie traurig stimmt. Seitdem wusste ich auch erst was passiert ist, denn Genzo hat es mir damals nicht erzählt.“
Jun sagt auch etwas dazu.
„Unsere Geschichte kennt ihr ja bereits. Wir waren Klassenkameraden. Anfangs ging sie mir aus dem Weg, als sie merkte wer ich bin. Aber dann kamen einige Situationen zusammen und wir konnten uns anfreunden.
Beim Spielen hat Tina mir nie zugesehen und wenn wir uns unterhalten wollten musste ich immer etwas überziehen, wegen des Trikots. Nach der Schulzeit dann ergab es sich durch ihre Begeisterung fürs Kochen und meine Arbeit mit den Professoren und Ärzten meiner Uni und Klinik, dass wir zusammen dieses Programm mit Herrn Müller entwickelten. Das ist nun auch schon gut über drei Jahre her.“
Die Männer sind alle etwas benommen und wissen gar nicht so richtig was sie denken sollen. Einige stehen leise auf und bedienen sich an der Kaffeemaschine.
Plötzlich meldet sich eine betrübte Stimme. Es ist Takeshi.
„Wann ist das denn genau passiert? Du sagtest die beiden wären bei unserem Spiel damals eingeplant gewesen?“
Genzo wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und richtet seinen Blick auf.
„Etwa drei Wochen vor unserem Spiel.
Tina ist am selben Tag abgereist als ihr gekommen seid. Sie ist einigen von euch begegnet.“
„Sag bloß sie war damals das durchgeknallte Mädchen auf dem Flughafen? Das hatte doch Kojiro mit Tsubasa verwechselt.“
Die Flucht des Wilden Tigers
Kapitel 58
Die Flucht des Wilden Tigers
Als die Tür hinter dem Paar zugeht fällt beiden ein Stein vom Herzen.
„Puh. Vorbei.“, äußert Tina erleichtert und sieht zu Kojiro auf. Dieser jedoch starrt plötzlich nur vor sich hin, hält weiter ihre Hand und sagt kein Ton.
„Was ist los? Kojiro?“, spricht sie ihn an, aber es kommt kein Ton. So hat sie ihn noch nie erlebt.
‚Kojiro, was ist los? Irgendwas stimmt doch nicht.‘ Sie schaut sich besorgt um und erinnert sich an den Heizungsraum neben der Umkleide gegenüber. Tina geht darauf zu, öffnet die Tür, zieht den Mann an ihrer Hand mit hinein und schließt die Tür von innen ab.
„Kojiro, was ist denn los?“, klingt ihre zarte Stimme besorgt.
Er lässt sie plötzlich los, macht kräftige Fäuste und dreht sich zur Wand neben sich.
„Es diesmal auch mit seinen Worten zu hören…macht mich wahnsinnig, wahnsinnig wütend. Nur die Vorstellung alleine, solche Verbrecher würden meinen Geschwistern oder Freunden sowas antun oder DICH nochmal anfassen!“ Er haut kräftig mit den Unterseiten der Fäuste an die Wand.
„Es tut mir leid, Bettina. Aber…ich…musste da eben raus.“ Tina sieht entsetzt in sein verzweifeltes wütendes Gesicht. So hat sie ihn noch nie gesehen. Als er ihr vorhin leise ins Ohr flüsterte und fragte, ob sie mit rauskäme, dachte sie er würde sie aus der unangenehmen Erklärung Genzos befreien wollen. Doch stattdessen ging es ihm selbst nicht gut und er konnte den Gedanken nicht mehr ertragen, dass man ihr und ihrem Bruder das angetan hatte.
„Es ist alles gesagt, wollen wir gehen?“, spürt sie noch seine liebevollen Worte im Nacken.
‚Verdammt! Genzo, so wie du es erzählst klingt es noch schlimmer als es ohnehin ist. Wie furchtbar muss es die ganzen Jahre für euch gewesen sein? Für Bettina und dich? Kein Wunder, wenn ihr beide nach dem Erlebnis nicht mehr richtig schlafen konntet.‘ Kojiro kneift die Augen zu. In seiner Vorstellung erscheinen tragische Bilder in seiner Fantasie, wie die Situation abgelaufen sein könnte und wie verzweifelt Tina es mit ansehen musste. Nicht auszudenken was noch passiert wäre, hätte Genzo nicht doch noch entschieden zu ihnen gehen zu wollen, um sich zu entschuldigen. Wann hätten die Typen denn aufgehört den beiden wehzutun? Es war schon nicht zu ertragen, als Tina ihm davon erzählte und aus seiner Verzweiflung heraus gestand er ihr dann wer er ist. In diesem Moment tröstete er sich mit ihrer überraschenden Liebe und Hingaben zu ihm, aber heute fühlte es sich noch realistischer an, wenn ein starker und stolzer Mann wie er es ist ein solches Erlebnis aus seiner Sicht schildert.
‚Kojiro, du machst dir viel zu viele Gedanken darüber. Mir ist schon aufgefallen, dass du sehr mitfühlend bist. Ich will nicht, dass du meinetwegen traurig bist. Ich kann verstehen, dass es dich auch mitnimmt, aber du darfst nicht vergessen, dass es nun vorbei ist. Mir geht es besser und auch Genzo geht es besser, alles nur durch dich.‘
Tina drängt sich zwischen seinen Armen durch an die Wand und sieht zu ihm auf. Er reagiert gar nicht und kneift vertieft im Gedanken noch immer seine Augen zu. Sie kann bereits eine Träne sehen, die gleich an seiner Wange herunterlaufen will. Dann spürt er plötzlich eine zarte warme Hand auf der Stirn und danach im Gesicht. Ihre Hand wischt zart über seine Augen, wischt die Träne weg und dann berührt sie seine Wange. Sie greift mit der anderen in seine Haare, welche noch ein klein wenig vom Duschen feucht sind.
„Kojiro, atme tief durch. Ganz langsam durchatmen. Ich kann jetzt wieder glücklich sein, deinetwegen.“, spricht sie langsam und sehr sanft.
Endlich öffnet er seine Augen wieder und beide sehen sich an. Plötzlich nimmt er die Hände von der Wand und nimmt Tina bestimmend aber liebevoll in die Arme und drückt sie fest an sich. Sein Kopf an ihren gelehnt.
„Niemals werde ich es zulassen, dass dir wieder jemand weh tut! Bettina, hast du gehört? Niemand!“, klingt seine Stimme ernst und sogar etwas weinerlich.
„Ach Kojiro. Ich…ich liebe dich. Dir darf auch niemals jemand weh tun. Das könnte ich nicht ertragen!“
Beide Herzen klopfen ganz doll und dann richtet er sich ein wenig auf und sieht ihr tief in die Augen.
„Ich dich auch. Ich liebe dich unendlich.“ Dann berührt er ihren Kopf und küsst sie hastig aber leidenschaftlich.
‚Ach Kojiro, ich weiß gar nicht was ich denken soll. Nur in deinen Armen fühle ich mich wohl. Nur bei dir fühle ich mich sicher und kann wieder Kraft tanken oder mich einfach frei fühlen und fallen lassen.‘
Kojiro berührt ihre Arme und hält sie nun ganz fest und drückt sie an sich.
‚Ich lass dich nie wieder los, Bettina. Ich habe das Gefühl nicht mehr ohne dich sein zu können. Wenn ich bei dir bin und dich in meinen Armen halte, dann verschwinden diese furchtbaren Gedanken und ich kann wieder runter kommen von meiner Wut und meiner Angst.‘ Sie genießen diesem intimen Moment und vergessen für einige Minuten wo sie sind.
Kurz nach dem Kuss spricht Kojiro endlich auch mal seine Gedanken aus. Er sieht ihr in die Augen und lächelt glücklich und verliebt.
„Danke, dass du bei mir bist. Ist es bei dir auch so, dass du allen Kummer und alle Ängste vergessen kannst, wenn wir zusammen sind und uns berühren? Ist es das was du fühlst?“
Tina lächelt ihn an, berührt seine Haare auf der Schulter und fasst ihm auf dem Trikot aufs Herz.
„Ja genau. Ich denke dann nur noch an dich und an nichts anderes mehr.
Kojiro, ich…will…nur noch nach Hause. Mit dir, jetzt. Ich muss hier weg und ich…will mit dir alleine sein.“ Ihre Hand berührt seinen Hinterkopf.
Sie küssen sich erneut und genießen die Stille.
„Kojiro, du ziehst dich um, ich geh zu der Ärztin mich abchecken lassen und wir treffen uns auf dem Parkplatz, okay? Ich bin mit dem kleinen Auto da. Behalte dein Handy im Auge, falls doch was dazwischenkommt.“, kommt ein paar Momente später.
„Heute ist schwer, ohne Personenschutz komme ich hier so schnell nicht weg.“
Tina überlegt kurz.
„Okay, dann müssen wir ihn umgehen. Wir treffen uns hinten bei den Waschbecken, da steht ein alter Schuppen. Dort treffen wir uns auf der Nordseite, okay? Da sieht uns niemand und ich kenne einen anderen Ausgang, wenn er noch offen ist. Wenn nicht, muss ich eben alleine los und du kommst nach.“ Kojiro nickt.
„Klingt ja spannend. Ein geheimer Ausgang?“, grinst er. Tina nickt.
„Genau. Immerhin bin ich ja irgendwie hier zu jeder Zeit reingekommen, oder?“
„Ich muss ja staunen, nachts in eine Schule einbrechen, also echt.“, schüttelt er grinsend den Kopf. Tina grinst zurück.
„Hast du noch nie was Verrücktes oder Verbotenes gemacht? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du als Kind immer so brav warst. Du warst doch sicher total wild und hast nur gemacht was dir in den Kopf kam. So war ich.
Irgendwelchen Blödsinn habe ich immer angestellt. Mein Bruder war immer der Brave. Ich war die Wilde, mehr Junge als Mädchen. Wehe es ging was nicht nach meinem Kopf. Aber keine Angst.“, schmunzelt sie nur.
„Ich musste ja früh lernen mich zu beherrschen und zu disziplinieren, sonst hätte ich nicht mit Stephan zusammenspielen können.“
Plötzlich fasst er sanft ihren Kopf. Er sieht ihr tief in die Augen und seine warmen großen Hände fühlen sich auf ihren Wangen und Ohren unbeschreiblich geborgen an. Seine Daumen streicheln das Haar, welches sie berühren.
„Lass uns später reden. Ich will auch alleine sein, mit dir.
Ich werde meinen Termin verschieben. Das geht auch morgen Früh noch.“
Dann küsst er sie ganz zärtlich, fast wie in dem Moment als sie sich das erste Mal küssten, zögernd und zurückhaltend.
‚Kojiro, was machst du nur immer mit mir? Mit so einer Berührung habe ich jetzt gar nicht gerechnet. Es fühlt sich an wie an unserem ersten Tag. Ich…ich will mehr davon.‘ Sie hat plötzlich das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Einige Minuten später findet sich Tina auf der Mädchentoilette wieder. Sie wäscht sich gerade das Gesicht, trocknet es ab und legt neuen Lippenstift auf, zieht die Augenbrauen nach und kontrolliert die Wimpern. Dann ist ein Spülkasten zu hören. Es klappert kurz darauf eine der Kabinentüren und die Sportmedizinerin aus Frankreich tritt heraus.
„Hallo, ich störe hoffentlich nicht.“, spricht sie Tina freundlich an. Diese betrachtet die hübsche rothaarige Französin mit kurzem sportlichem Haarschnitt und modischer Brille durch den Spiegel.
„Oh, hallo, Frau Doktor. Ich habe gar nicht bemerkt, dass jemand hier ist. Warum sollten Sie stören?“, lächelt sie durch den Spiegel.
Die Medizinerin geht zum Waschbecken und wäscht sich die Hände, dann frischt sie sich ebenso das Gesicht auf und nässt auch ihre Arme und ihren Nacken. Dann nimmt sie Papiertücher und tupft sich damit trocken. Tina grinst.
„Die Sonne ist heute sehr in Action, was?“ Sie lächelt.
„Ja, nicht auszuhalten. Ich kann hier alle halbe Stunde herkommen und trotzdem nervt die Hitze.“ Sie betrachtet Tina etwas genauer und hat eher das Gefühl, dass sie gar nicht schwitzt oder geschwitzt hat.
‚Nanu? Ist ihr gar nicht warm?‘
„Gut, dass ich Sie hier antreffe. Ich wollte ohnehin jetzt zu Ihnen. Ich habe heute Abend noch ein Spiel und wollte lieber alles abklären.“
„Das klingt vernünftig. Sie können mir dann gleich ins Behandlungszimmer folgen.“
Tina lacht. „Das klingt ja so ernst.“ Daniele lächelt zurück.
„Stimmt. Wie nennt ihr das hier dann?“
„Ruheraum oder Krankenzimmer.“, erklärt Tina auf Französisch.
‚Das ist also die gelbe Tigerin. Ich habe schon viel über sie gelesen und gehört, aber ich bin ihr noch nie persönlich begegnet. Jeder hat eine andere Meinung zu ihr.
Es ist wirklich ein interessanter Tag heute. Ich vertrete den Doc nun schon beim dritten Mal und nun taucht sie hier plötzlich auf und die ganze Woche vorher gehen hier seltsame Dinge vor sich. Nun erklärt sich so einiges. Herr Hyuga hat sich wirklich komisch verhalten. Und dann diese seltsame Prügelei zwischen Wakabayashi und Ohzora. Wakashimazus Schramme im Gesicht und Hyugas Handverletzung. In der Regel habe ich hier nichts weiter als Prellungen oder mal ne Zerrung zu behandeln. Aber solche seltsamen Ereignisse innerhalb einer Woche. Hängt das etwa alles miteinander zusammen?‘
Im Krankenzimmer stellt sich Tina mit dem Rücken zu ihr gewandt und Daniele betrachtet sie.
„Was genau ist denn passiert? Frau Fuchs?“
„Tina, gerne. Sagen Sie einfach Tina zu mir.
Ich wurde etwas unsanft geschubst und bin dann gegen eine Wand geprallt und auf den Boden gefallen. Klingt jetzt dramatisch, ist aber alles okay.
Nur ein Missverständnis unter Freundinnen.“
„Daniele, dann bitte. Wir duzen uns hier alle, bis auf die Trainer und die Leute vom Verband natürlich.“
‚Du meine Güte. Was war das denn für ein Missverständnis?‘ Sie bittet Tina ihr Kleid herunterzulassen, damit sie sich alles genau ansehen kann. „Tut es denn irgendwo weh?“
„Bis jetzt nicht wirklich, aber vorhin war ich kurz in der Halle und habe nur meinen neuen Ball ausprobiert und bemerkt, dass es beim Springen etwas zieht oder piekt. Wie so ein Bienenstich. Etwas weniger, aber so ähnlich. Nicht doll.“
„Und wo ist der Schmerz?“
Tina zeigt ihr mit der Hand die Stelle in der Höhe des Steißbeins.
„Es sind auf jeden Fall ein paar kleinere Prellungen zu sehen und ich stelle da auch keine große Verletzung fest. Das sollte sich in gut einer Woche wieder gelegt haben. Sie müssen sich nur ein wenig beim Training zurückhalten, wenige Sprünge und keine großen Verbeugungen.“
„Okay, also nichts Schlimmes? Ich habe heute Abend ein Spiel. Wie ist es damit? Kann ich das riskieren und über den Schmerz hinwegspielen oder sollte ich es lieber lassen? Das Spiel ist sehr wichtig. Und ich habe auch die Mannschaft eingeladen, wäre ja doof, wenn ich auf der Bank sitze. Und meinen neuen Ball wollte ich gerne zeigen. Ich habe ihn endlich hinbekommen.“, erklärt Tina etwas nüchtern.
Die Medizinerin tastet erneut alles ab und lässt Tina nochmal ein paar Bewegungen machen. „Spürst du dabei irgendwas außergewöhnliches?“
Tina schüttelt den Kopf. „Nein, nur eben, dass da was ist. Aber es tut ja nicht wirklich weh.“
„Dann würde ich sagen, schone dich noch etwas. Wie viele Sätze wollt ihr Spielen? Volle fünf oder nur drei?“
„Nur drei. Ist ein Freundschaftsspiel.“
„Dann schone dich bitte noch die ersten zwei Sätze und geh erst im dritten raus. Dann kannst du dich wenigstens voll einsetzen. Ich tape dir die Stellen ab und dann sollte das gehen.
Ich bin erstaunt, dass du überhaupt zu mir gekommen bist. Wenn die Männer zu mir kommen ist es meist schon wieder so spät, dass sie pausieren müssen. Da gibt es ein paar besondere Exemplare bei, die gerne deutlich über den Schmerz hinaus spielen.“, schmunzelt sie. Tina kichert.
„Hi hi, ich kann mir da tatsächlich einige vorstellen. Genzo ist auf jeden Fall so ein Kandidat. Den musste ich früher auch zum Arzt schleifen.“
„Darf ich was Persönliches fragen? So als Ärztin?“ Tina nickt.
„Du hast hier oben am Halsbereich eine alte tiefe Schnittwunde. Wie ist das passiert? Sie ist kaum noch zu sehen, aber ich kann sie erkennen. Sie muss sehr alt sein.“
Die Tigerin ist erstaunt. „Echt? Das hat mich noch nie jemand gefragt. Ist die echt noch zu sehen?“
„Naja, ein ungeübter Blick würde es nicht so schnell deuten, aber ich war früher tätig in der Pathologie und daher erkenne ich alte Wunden recht schnell. Gehört zum Job.“
„Verstehe. Das passierte als ich noch ganz klein war, so zwei Jahr alt glaube ich. Meine Mama sagte damals ich sei beim Spielen am Strand ganz ungünstig nach hinten gefallen und dabei habe ich mich dann an einer großen Muschel geschnitten. Sie hat mir die Muschel sogar aufgehoben, damit ich mich immer daran erinnere vorsichtig zu sein. Quasi als Lehre.“ Daniele wundert sich, denn so ein gerader sauberer kurzer Einschnitt kann niemals von einer Muschel kommen, welche doch eigentlich recht unscharf und stumpft sein kann.
Dann würde diese Wunde auch nach so vielen Jahren eher wie ein Riss aussehen. Natürlich behält sie ihre Vermutung für sich, denn wer weiß was wirklich war. „Eine Muschel also. Die können wirklich gemein sein.“
‚Es ist schon seltsam, aber sie hat ohnehin viele Merkmale an einigen Stellen, welche seltsam aussehen. Die sind aber nicht so alt. Es wäre sehr unhöflich jetzt auch danach zu fragen.‘
Sie holt die Schachtel mit den Tapes raus und schneidet die passenden Größen zurecht. Es werden drei Streifen und kurz darauf wird das Kleid wieder hochgezogen.
„Ein wirklich schönes Kleid hast du an.“, bewundert Daniele es begeistert.
Tina lächelt sie an. „Danke, das hat mir meine Mutter mal geschenkt. Sie hat lange nach etwas mit Lila gesucht. Ich mochte die Farbe immer am liebsten neben Blau.“
Nachdem Tina bei der Ärztin fertig ist geht sie durch den Flur zur
Turnhalle und will ihren alten Beutel mit dem Ball und der Sportkleidung holen. Sie hatte den Beutel vorher erstmal nur hingelegt und ist ohne rausgegangen. Es hätte ja seltsam ausgesehen ihn in den Händen zu halten. Kaum hat sie den Beutel in der Hand ertönt plötzlich von hinten eine männliche Stimme.
„Ulrike? Ulrike Fischer?“, vernimmt sie verwundert und erstarrt. Dann deutet sie die Stimme jedoch und dreht sich um. Es ist eine Weile ganz still und es vergeht mindestens eine Minute.
„Und nun? Was werden Sie jetzt tun?“, sie sieht ihn fragend an und hält den Ball im Beutel in den Händen. Ihr Puls steigt an und sie weiß nicht so richtig was sie machen soll. Der Mann vom japanischen Fußballverband steht ein gutes Stück entfernt. Angst jagt er ihr keine ein, aber was hat er überhaupt mit ihr zu tun? Und dann hat er sie auch noch erkannt.
Er verschränkt die Arme. Seinen Blick kann sie leider nicht deuten, aber hinter der Brille versteckt sich ein freundlicher Blick.
„Nichts werde ich tun. Ich wollte mich nur vergewissern und ich wollte wissen, ob Sie es noch wissen. Können Sie sich an mich erinnern?“
Tina schmunzelt und bleibt selbstsicher. Sie erinnert sich an Fanes Worte, dass dieser Mann bestimmt keine bösen Absichten haben kann, denn immerhin ist er seit vielen Jahren mit Herzblut dabei die Männer zu fördern und immer zu unterstützen. Ohne ihn hätten es ihre Freunde und ihr Kojiro niemals so weit gebracht. Ihr bleibt also nur ihm zu vertrauen.
„Danke. Ja, sorry nochmal wegen der Brille damals. Ich war eindeutig zu klein, um es zu verstehen.“
„Wissen Sie wieso Sie einen anderen Namen haben?“ Tina schüttelt den Kopf. „Nicht wirklich, ich denke da auch überhaupt nicht mehr drüber nach. Meine Eltern sagten damals nur, es müsse sein, sonst würde uns jemand finden, der uns nicht finden darf. Alle in der Fuchs-Familie haben damals ihren Namen ändern lassen. “
Dann geht sie auf ihn zu, damit sie nicht so laut reden muss.
„Nun verraten Sie mir aber wenigstens woher Sie meinen Vater kannten.“
„Wir haben als Jugendliche in den Ferien zusammengespielt. Meine Eltern machten in den 70ern mit mir Urlaub in Deutschland und da lernten wir uns beim Kicken am Strand kennen. Wir waren damals beide Stürmer. Wir blieben auch nach seinem Unfall viele Jahre per Brief im Kontakt und dann hat er mich irgendwann gebeten sich seinen Jungen anzusehen. Also Steve. Er wollte meine Einschätzung hören ob er gut genug für die Jugendförderung wäre. Das war es auch schon.“
„Ich wundere mich nur, wir hatten nie Besuch, außer es war mal jemand aus der Familie. Wir waren immer nur alleine. Stephan und ich waren immer nur alleine am Strand oder im Wald. Niemals kamen andere Kinder oder Besucher. Wir waren auch nie im Kindergarten und Stephan in der Schule oder sowas. Das hat alles meine Mutter gemacht. Gespielt haben wir nur mit Vater. Er hat uns alles beigebracht.
Erst als die Schule für mich begann lernten wir andere Kinder kennen. Deswegen wundere ich mich jetzt im Nachhinein, dass Sie plötzlich mit einem Jungen auftauchten und uns besuchten. Wir haben nie mit anderen gespielt und dann auf einmal kamen Sie vorbei.“
„Hm, war damals so. Dazu kann ich nichts sagen. Auf meine Empfehlung hin kam Steve dann nach Hamburg. Um den Rest kümmerte sich Bernd Schneider. Er war der dritte in unserem Gespann. Aber das müssten Sie wissen.
Deswegen habe ich Sie auch vorhin erkannt. Zuerst habe ich es für einen Zufall gehalten, die Ähnlichkeit, aber dann erzählte Mikami mir von Ihnen und Ihrem Bruder im HSV. Dann war es mir klar. Ich hatte damals nicht mehr im Kopf welche Namen es waren. Ich hatte mich nur noch gewundert, als Mikami mir später davon erzählte, es gäbe ein Bruderpaar im Team, als er mir von seiner Ankunft und den ersten Tagen mit Genzo in Hamburg erzählte.“
„Stephan bitte, es irritiert mich.
Verstehe. Ich dachte die Empfehlung kam von Herrn Schneider, Vater erzählte es uns so und, dass es niemand wissen soll, dass sie befreundet waren, sonst hätte man die Empfehlung annulliert. Bis dahin wussten wir auch nicht, dass Vater noch Freunde aus seiner Jugend hatte, es hat uns ja halt niemand besucht. Und dann kam die Namensänderung dazu. Wir sind auch nie irgendwo hingefahren. Stephan und ich wussten gar nicht was Freunde sind, vielleicht hatten wir damals deswegen so eine enge Bindung zueinander und zum Team. Ich kam damals in Rostock nie mit den Mädels klar. Es war zwar toll mal andere Mädchen um sich zu haben und es gab auch nette Bekanntschaften, aber wirklich verstanden haben wir uns nie. Ich hatte nur eine Freundin in der Mädchenmannschaft. Wir stehen immer noch im Kontakt. Sie war auch die Einzige die sportlich mit mir mithalten konnte.“
„Verstehe. Dein Bruder wurde also bis er so 8 Jahre war zu Hause unterrichtet, von deinen Eltern?“ Tina nickt.
„Genau, ich auch. Ich konnte schon mit 6 Lesen und Schreiben. Und wir beherrschten beide bereits zwei Fremdsprachen.
Die lernten wir von meiner Mutter, sie war wie ich sehr sprachbegabt. Da wir viel in allen Sprachen miteinander gesprochen haben wuchsen wir dreisprachig auf.“
„Ihre Eltern haben sehr vieles richtig gemacht. Sie waren sehr klug. Ich wusste nicht, dass sie verstorben sind. Das weiß ich nun erst als ich Sie vorhin erkannt habe und zuordnen konnte. Unser Kontakt brach damals durch die Namensänderung ab. Der einzige Kontakt war Bernd. Und zu ihm hatte ich schon lange keinen Kontakt mehr, wir hatten uns schon Jahre zuvor zerstritten und dann war es der Medienwelt wegen besser, wenn wir uns quasi nur beruflich kennen. Meine Empfehlung deinen Bruder die Möglichkeit in den Profisport zu gehen war der letzte Kontakt zu ihm. Der Junge konnte ja nichts dafür und ich hatte es deinem Vater versprochen, wenn er ein gewisses Leistungs-Niveau hat ihn zu fördern. Aber er musste ja in Deutschland spielen. Aufgrund seines Alters und seiner bisherigen Leistung in Rostock war dies dann nach ein paar Jahren möglich.“
„Ich habe noch eine Frage. Wie konnten Sie uns damals in den 80ern besuchen? Die Grenzen waren doch zu? Und wer war der andere Junge?“
Herr Katagiri überlegt kurz.
„Das war gar nicht schwer. Ich habe Verwandtschaft. Ich bin Halbjapaner. Meine Eltern lernten sich in den 60ern während ihrer Konzerte kennen. Meine Mutter war in Leipzig am Gewandhaus Sängerin und mein Vater spielte Violine. Dann zogen sie nach Japan und heirateten. Dadurch habe ich einfach über die Botschaft wie sie meinen Besuch für Familie und einen Freund angemeldet. So wie jedes Jahr, nur eben diesmal habe ich deinen Vater nicht irgendwo im Cafe´ getroffen, sondern euch am Strand bei euch Zuhause besucht. Der Junge, den ich bei mir hatte war mein Neffe. Er spielt aktuell auch in der Bundesliga.“
Tina ist erstaunt.
„Verstehe. Deswegen sprechen Sie so gut Deutsch.“ Er nickt.
„Was machen wir jetzt? Ich hatte keine Ahnung, dass diese alten Sachen wichtig sind für uns, also für Kojiro und mich. Aber jetzt? Es ist ohnehin schon schwer in so kurzer Zeit alles zu klären und ich bin so froh, wenn der Tage heute endlich hinter uns liegt. Es ist für uns beide extrem schwer im Moment. Wir sind froh, dass es das Team jetzt weiß. Aber wir haben noch ein paar andere Dinge zu erledigen, wenn wir meine Familie besuchen und bis ich mit nach Italien gehen kann. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.“
Herr Katagiri ist erstaunt.
„Was meinen Sie damit, Sie gehen nach Italien?“ Tina ist erstaunt, sie nahm an, die Trainer hätten sich zwar aus dem Raum verdrückt, aber würden trotzdem ihr Gespräch mithören. Sie weiß, dass es vom Trainerbüro aus möglich ist.
„Ich dachte Sie wissen das alles schon. Wir wollen beide zusammenleben und ich werde Japan verlassen. Egal wo es ihn hintreibt, ich werde ihm folgen.“, erklärt sie lächelnd und sehr überzeugt.
„Wow, ist es tatsächlich so ernst, dass Sie Ihren ganzen Erfolg hier hinter sich lassen wollen? Sie wollen ihren Sport für ihn aufgeben?“
„Meinen Stand hier ja, aber meinen Sport muss ich nicht aufgeben. Ich hatte schon nach der Asienmeisterschaft einige Angebote von italienischen Clubs. Ich wäre auch gerne gegangen. Kurz danach starben meine Eltern und ich habe mich dann aus mehreren Gründen dagegen entschieden. Aber jetzt, jetzt spielen die Gründe keine Rolle mehr für mich. Im Gegenteil, alles was mich damals festgehalten hat steht nicht mehr dazwischen.
Ich weiß wem ich mein Lokal überlassen kann, ich kann auch im Ausland Arbeit finden und sogar meine bisherigen oder neuen Kunden betreuen, ich bin meine Ängste endlich los und meine Freunde wissen, dass sie sich auf mich verlassen können auch wenn ich nicht mehr hier bin. Ich werde trotzdem für sie nächstes Jahr kämpfen.“
„Und der Verband? Wenn Sie jetzt ins Ausland gehen könnten die Probleme machen.“
„Ich werde abwarten. Erstmal muss ich ein Angebot haben, vorher können die mir gar nichts. Außerdem habe ich alle Voraussetzungen, um spielen zu dürfen, also ich werde nicht betteln. Ich habe meine Gründe für Japan und nicht für Deutschland zu spielen und nun sind alle Voraussetzungen erfüllt, ohne dass ich die japanische Staatsbürgerschaft annehmen muss.“
„Naja, warten wir es ab. Melden Sie sich bei mir, wenn es doch Probleme geben sollte. Im absoluten Notfall haben Sie immer noch die Möglichkeit die doppelte Staatsbürgerschaft zu beantragen.
Und melden Sie sich bei mir, wenn Sie merken, dass es wegen der anderen Sache Fragen gibt.
Ich für meinen Teil halte dicht. Wollen Sie es Kojiro erzählen? Herr Mikami sagte mir bereits, dass er das andere alles bereits weiß. Ich bin erstaunt, dass er damit klarkommt. Seine Gefühle zu Ihnen müssen wirklich sehr stark sein. Er kann Genzo eigentlich gar nicht leiden und mit dem HSV und besonders mit Schneider, hatte er so seine Erfahrungen gemacht. Er weiß, dass Sie mit ihnen befreundet waren bzw. sind und trotzdem kann er das hinnehmen? Genzo hat mir sehr oft davon erzählt wie stark und verbunden eure Freundschaft war. Er ist nicht umsonst noch immer mit Kaltz beim HSV, nur weil es so eine tolle Zeit damals war.
Weiß es Karl-Heinz überhaupt schon? Also dass mit deinem Bruder und mit euch beiden?“ Tina atmet tief durch.
„Ich werden es ihm sagen, wenn wir in Deutschland sind. Dann können wir auch mit meinen Großeltern darüber reden, die wissen deutlich mehr als ich.
Und das mit Karl: Ich will ihm das mit Stephan und auch das mit uns nicht einfach übers Telefon mitteilen. Dafür ist es zu wichtig. Aber auch er ist älter und wird damit jetzt sicher besser umgehen können als damals noch mit fünfzehn Jahren. Zuerst trennen sich seine Eltern, dann kam endlich der sichere Transfer und dann sollte ich ihm mitteilen, dass sein bester Freund auf diese Art gestorben ist? Er hat immer jegliche Gewalt verabscheut, streiten mochte er überhaupt nicht. Die Streitereien seiner Eltern nervten ihn so sehr, dass er sobald es auf dem Platz Zoff zwischen uns gab dazwischenging. Das endete im Notfall damit, dass irgendwer seinen Ball im Gesicht hatte. Egal wer angefangen hat.“
„Wussten Sie wirklich nicht wer Kojiro wirklich ist, als Sie sich kennenlernten? Haben Sie danach jemals schon im Internet nach ihm gesucht und etwas über ihn gelesen?“ Tina wundert sich über diese Frage.
„Nein, ich hatte keine Ahnung und er auch nicht.
Mir ist egal was die Presse schreibt, denn ich liebe ihn so wie er ist und nicht wie andere ihn eventuell sehen könnten. Ich lese nicht mal meine eigenen Artikel. Wenn es da was Wichtiges gibt, werde ich ohnehin informiert. Mich würde das nur wahnsinnig machen und ablenken.
Wenn es etwas gibt was ich wissen muss wird er es mir selbst erzählen oder erklären, sollte es wichtig für uns sein.
Und außerdem bin ich ja heute hier, damit ich ihn das erste Mal spielen sehen kann. Und ich muss sagen, Sie haben ganze Arbeit geleistet, dass Sie ihn in so frühen Jahren entdeckt haben. Kojiro war immer ein Kämpfer und wurde dann mit der Aufnahme ins Nationalteam belohnt. Er ist nicht grundlos Ihr stärkster Stürmer und ich habe richtig gespürt wie sehr er seinen Sport liebt und mit wieviel Leidenschaft er spielt. Es ist genauso wie ich es mir immer vorgestellt habe, sogar noch schöner. Ich kann mir vorstellen, dass er und auch die anderen alle noch viel mehr draufhaben, wenn sie erstmal richtig gefordert werden. Ich wollte eigentlich gestern schon kommen und mir das Spiel gegen Pierre und Cusavier ansehen, nun kam Kojiros Prüfung dazwischen. Da wäre sicher noch mehr passiert, bei dem Gegenwind?“ Sie lächelt ihn an und dann schaut sie zur Seite.
Plötzlich spürt sie, dass jemand da ist.
‚Nanu, ich habe das Gefühl, dass uns jemand beobachtet.‘
Die Sehnsucht
Kapitel 59
Die Sehnsucht
Der Schatten auf der Nordseite der alten Holzhütte ist angenehm und lässt die Hitze erträglicher erscheinen. Kojiro schaut zum Himmel und ihm geht Vieles durch den Kopf.
‚Wie kann es sein, dass die beiden sich kennen? Ich wusste nicht einmal, dass Herr Katagiri Deutsch spricht. Das verstehe ich auch nicht. Worüber haben die beiden nur geredet?
Ach Bettina, du gibst mir manchmal echt Rätsel auf. Was hat das nur alles zu bedeuten? Ihr habt euch doch eben nicht über das Spiel unterhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Herr Mikami ihm nun alles gesagt hat was er sagen kann, aber wieso hatte er den Drang dich alleine zu sprechen und dann sprach er dich mit einem ganz anderen Namen an. Wie soll ich das denn verstehen? Vertraut wie bei Mikami kam es mir wiederum nicht vor.‘
Vertieft in seinen Gedanken bemerkt er nicht, dass sich Tina bereits nähert und sich dann neben ihn stellt.
„Alles okay?“, spricht sie ihn liebevoll an.
Er schaut zu ihr und lächelt.
„Wenn bei dir alles okay ist, dann ja.“, spricht er plötzlich ernst. Tina deutet sein besorgtes Gesicht und wundert sich.
„Was ist denn los? Wieso schaust du wieder so besorgt?“
„Ich kann dir nichts vormachen, was?“, grinst er plötzlich. Dann berührt er ihre Wange und sieht sie an.
„Als ich eben fertig mit Umziehen war fiel mir ein, dass du deinen Ball vergessen hattest und wollte ihn holen. Aber dann…dann ging die Tür hinter mir auf, du kamst herein und hast ihn selbst holen wollen. Und dann wollte ich dich überraschen aber plötzlich tauchte Herr Katagiri auf und sprach dich an.
Ich…ich wollte euch nicht belauschen. Aber ich war zuerst besorgt, was er von dir will. Tut mir leid.“ Tina sieht ihn nur verwundert an.
„Du warst der Zuhörer? Ich habe nur irgendwann bemerkt, dass jemand da war.“
„Kennt ihr euch etwa? Hast du dich deswegen vorhin so seltsam verhalten als ich ausgewechselt wurde und vor dir stand?“ Tina nickt.
„Das auch, ja. Ich hatte in dem Moment noch die ganze Zeit überlegt woher er mir bekannt vorkam. Ich wusste nicht, dass ich überhaupt jemanden aus dem Verband kennen könnte. Ich kenne nur Trainer Mikami.
Mir fiel es dann auf, als er diesen seltsamen Spruch sagte, als ihr zum Feld gesehen habt und ich mit Fane gehen wollte. Dann konnte ich ihn genau zuordnen. Er sagt, er sei ein alter Freund meines Vaters gewesen. Sie hätten sich als Kinder kennengelernt. Ich war ihm als kleines Kind nur einmal begegnet, weil er uns zu Hause besucht hat und ich wusste auch da nicht wer er ist.
Er hat mich vorhin angesprochen um sicherzugehen. Er war sich selbst nicht ganz sicher.“, versucht sie es ihm zu erklären. Kojiro berührt ihre Schulter und sieht ihr tief in die Augen. „Ein alter Freund deines Vaters also?“
Zeitgleich entfernt sich ein großer Mann von den Toilettenräumen und geht zur Kontrolle des Geländers gleich eine Runde um das Gebäude. Er ist im Gedanken und vor ihm spielen sich die Szenen mit der Gelben Tigerin ab. Er war ihr nie persönlich begegnet und hätte niemals gedacht, dass sie so hübsch sei. Plötzlich hält er an und betrachtet seine großen Hände.
‚Was war das vorhin nur? Wie konnte mir so ein grober Fehler passieren? Sie hat ja Recht, wie konnte ich sie verdächtigen und dann ohne Zeugen ansprechen? Wieso kam mir plötzlich der Gedanke sie anzusprechen? Was geht mich das überhaupt an?‘ Dann macht er mit der Rechten die Bewegung nach, wie er Tinas Arm berührte und hoch zerrte. Ihm gehen jeweils ihre klaren Augen nicht aus dem Kopf. Zuerst am Einlass blickte sie ihn so glücklich an und er fragte sogar mutig nach einem Date, in der Annahme sie sei Single. Und später dann packte ihn plötzlich der Drang sie berühren zu wollen. So eine blöde Situation aber auch. Das Wissen, dass sie alleine sind war ein dummer Moment der Versuchung nicht zu widerstehen. Ganz plötzlich überkam ihn der Drang zu erfahren wie sie sich anfühle. Wie konnte das nur sein? Das hatte er doch noch nie gehabt? Hat er deswegen etwas Falsches in ihr gesehen? Hat ihn sein dummer Fehler von Anfangszeiten seines Jobs dazu getrieben sich so eine Szene einer Betrügerin vorzustellen, um einen Grund zu haben sie zu berühren? Wie konnte ihm, dem erfahrenen und immer gewissenhaften Sicherheitschef, so etwas passieren? Er schüttelt den Kopf und schaut zum hellblauen Himmel hoch. Die Sonnenstrahlen wärmen sein Gesicht und er schließt kurz die Augen.
‚Ich war ein Dummkopf. Wenn jemand redet kann das meinen Job kosten.‘ Dann erscheint ihm der ängstliche Blick, den er unerwartet vernahm, als er Tinas Arm hochnahm. Ihm gehen dieser Blick und diese klaren türkiesen Augen einfach nicht aus dem Kopf. Seitdem sieht er sie ständig vor sich. Er sieht wieder runter zu seinen Händen.
‚Wie zart sie sich anfühlt. Sie sagte zwar sie könne sich wehren, aber wieso hat sie es dann nicht getan? War das Zeitfenster wirklich zu kurz für sie, sich gegen mich wehren zu können bis Herr Mikami auftauchte oder war das dann nur eine Abwehrreaktion mir das zu sagen? Quasi eine Ausrede, damit ich ihr nie wieder zu nah komme, wenn wir alleine sind?‘
Plötzlich vernimmt er leise Stimmen.
Er folgt ihnen und blickt dann etwas verdutzt hinter den Schuppen. Er ist weit genug entfernt nicht gesehen oder bemerkt zu werden.
Genau in dem Moment sieht er wie Kojiro Tina in die Arme nimmt, sie zu sich zieht und küsst. Seine kräftige Gestalt im schwarzen Trainingsanzug zeigt ihm den Rücken. Eine ihrer Hände fasst in seine langen Haare und die andere ist nicht zu sehen. Ein seltsames Gefühl macht sich in ihm breit. Es bestätigt zwar genau das was er nun weiß, aber irgendwie ist es auch ein erdrückendes Gefühl mit anzusehen wie jemand sie küsst.
„Kojiro, ich bin so froh, dass wir es jetzt allen gesagt haben. Ich glaube deine Freunde werden es verstehen.“ Er nickt.
„Ganz sicher. Auch wenn einige es seltsam finden werden, wissen sie, dass sie dir trauen können, da sie unseren Freunden sehr vertrauen. Tsubasa, Jun und Genzo sind die großen Stützen des Teams und wenn sie dich mögen, mögen dich die anderen auch.“
Tina geht einen Schritt zurück, fasst den Griff der Holztür an und öffnet diese. Zu Kojiros Erstaunen ist die Tür offen. Tina greift um die Ecke in einen kleinen Werkzeugkoffer und holt einen Schlüssel heraus.
„Das mein Lieber, ist der Schlüssel für ein Tor im Zaun. Ich hoffe das Schloss wurde noch nicht gewechselt.“
„Wieso weißt du wo der Schlüssel ist?“ Sie grinst und schließt die Tür hinter sich.
„Es ist meiner. Der Gärtner hat mir damals drei Schlüssel angefertigt, zwei für das Tor im Zaun und einen Generalschlüssel für die Halle. Wir haben uns super gut verstanden und damit ich immer trainieren kann hat er mir geholfen.“
Sie blickt zu den Waschbecken rüber, weil ihr vorhin auf dem Weg zum Schuppen das kaputte Waschbecken aufgefallen ist. Kojiro schaut ebenso nachdenklich in die Richtung.
„Kojiro? War das dein Werk?“, fragt sie besonnen und fasst seine rechte Hand.
„Ja, wie hast du es erraten?“, spricht er leise und nachdenklich.
„Naja, nach der Nacht wo ich dir von dem Überfall erzählt habe hattest du diese Verletzung an der rechten Hand.“ Sie richtet seine Hand etwas hoch und betrachtet seine heilenden Stellen an den Knöcheln.
„Es sah danach aus.“ Dann sieht sie ihn liebevoll an.
„Mach dir keinen Kopf mehr darum, okay? Es war sicher eine Situation wie vorhin? Manchmal muss der Druck raus, wenn einem was wurmt und ärgert oder wütend macht. Aber bitte…“ Sie küsst seine Handoberfläche und hält seine Hand dann an ihre linke Wange und sieht zu ihm auf. „…Bitte Kojiro, passt auf, dass du dich nicht mehr verletzt dabei.“ Sie streichelt seine Hand und berührt mit der Rechten seine Wange. „Lass es am Sandsack aus oder denke an mich, wie ich dich so berühre und dann hältst du dich zurück bis du einen Sandsack gefunden hast, okay? Versprichst du mir das? Ich möchte nicht, dass du dich verletzt.“
‚Ach Bettina, wenn das immer so einfach wäre.‘
Plötzlich streichelt er mit der Rechten ihr Gesicht und greift bestimmend und zärtlich in ihre weichen blonden Haare. Mit der linken Hand lässt er ihr Gesicht los, fährt zu ihrem Rücken herab und zieht sie erneut ganz nah an sich heran. Er kann ihren Herzschlag und ihre Rundungen auf seiner Brust unter der Trainingsjacke spüren.
„Ich werde es versuchen. Du sorgst dich viel zu sehr. Lass uns hier schnell verschwinden. Wir wollten doch alleine sein.“ Kurz darauf beugt er sich zu ihr runter und küsst sie sinnlich.
‚Ach Kojiro, ich kann es auch kaum erwarten dich voll und ganz spüren zu können. Ich will endlich alles von Heute hinter mich lassen und nur noch deine Wärme fühlen.‘ Ohne auf ihre Umgebung zu achten versinken sie für ein paar Minuten in ihrem Kuss. Wie vorhin hat sie plötzlich wieder das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ihr fällt der Beutel mit dem Ball aus der Hand. Er spürt unerwartet ihre Hand im Nacken, wie sie sich an ihm festzuhalten versucht.
‚Bettina, ich kann es kaum erwarten dich nachher noch näher bei mir zu haben und deine Wärme zu spüren. Du siehst heute besonders schön aus und du strahlst eine unwahrscheinliche Aura aus. Was ist das nur? Es liegt irgendwas heute in der Luft, dass mir das Verlangen nach dir sagt, dass dich nie jemand anderes so anfassen darf, niemals darf dir jemand weh tun oder dir so nahe sein wie ich.
Ich verstehe das nicht. So etwas habe ich noch nie gespürt. Es ist seltsam, noch nie habe ich etwas nur für mich alleine haben wollen. Aber DICH Bettina, DICH könnte ich niemals teilen. Mit Freunden, ja natürlich. Aber nicht so.
Gehört dieses seltsame Gefühl auch zur Liebe dazu? Nicht ertragen zu können, wenn dich jemand anderes anfasst oder küssen würde? Ist es ein Teil des Ganzen, was sich Liebe nennt?‘ Plötzlich unterbricht er den Kuss und sieht sie verliebt an.
„Lass uns losgehen. Uns rennt die Zeit davon.“, bestimmt er und ihr Blick verrät ihm, dass sie Dasselbe denkt. Es huscht ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Kojiro.“, haucht sie nur aus. In ihrem Gedanken war wie bereits zu Hause und genoss seine Zärtlichkeiten.
Es dauert nicht lange bis Tina ihm das Tor gezeigt und sie dadurch verschwinden, sie die Tür wieder abschließt und beide durch das kleine Wäldchen neben dem Sportgelände Richtung Parkplatz verschwinden.
Auf dem Parkplatz angekommen stellen sie fest, dass es wahnsinnig voll ist. Da das Spiel zu Ende ist, sind natürlich auch die Zuschauer wieder unterwegs nach Hause. „Oha, lass uns einfach ein Taxi nehmen.“, meint Kojiro, zieht seine Kapuze ins Gesicht und greift ihre Hand, um in eine andere Richtung zu gehen. Es wäre jetzt mehr als ungünstig, wenn sie ein Fan sehen würde. Ohne Sicherheitspersonal kommt er da so schnell nicht wieder raus.
Sie haben Glück, es gibt keine Zwischenfälle bis sie die Hauptstraße erreicht haben und am Taxistand schnell bei jemanden hinten einsteigen.
Die Zeit bis zu Tinas Haus ist lang, aber beide sitzen zuerst nur nachdenklich im Taxi und halten ihre Hände. Sie sehen aus dem Fenster und betrachten die Gegend.
Dann etwa nach zehn Minuten beginnt sie ein kurzes Gespräch.
„Sorry, dass wir nun ein Taxi nehmen mussten. Das war nicht geplant.“, spricht sie leise.
„Alles gut, Hauptsache du hast alles bei dir was du brauchst, nicht dass noch was in dem Koffer liegt.“
„Nein, alles okay, ich habe mir meine wichtigen Dinge in den Beutel gelegt. Also auch Schlüssel und so.“
„Und was ist mit dem Spiel nachher? Hast du dafür alles zu Hause?“
„Ja, ich hätte sowieso nochmal heimgemusst. Ich wollte höchstens nochmal ins Lokal, aber das kann ich auch im Fitnessstudio schnell erledigen.“
„Was ist mit deinem Koffer?“
„Das nimmt Jun alles mit und bringt es dann irgendwann vorbei oder ich hole es bei ihm ab. Er kennt das schon. Wir machen das öfters mal bei Mannschaften, ich komme für den Anfang vorbei und dann macht er den Rest. Wir teilen uns dann das Zeitfenster mit der Honorarrechnung. Das geht alles klar. Es ist zwar heute ein Überfall, aber etwas vorgewarnt hatte ich ihn schon indem ich ihn fragte ob er nach dem Spiel Zeit hätte. Also geht alles klar.“ Kojiro grinst. „Überfall klingt genau richtig. Er tut mir jetzt noch leid. Zuerst erzähle ich ihm von uns und dann kommst du auch noch mit Arbeit an.“
„Ist das ein inoffizielles Spiel, nur für VIP-Zuschauer, so wie unseres?“
„Ja genau, und das Gute ist, da niemand wusste wer unser Gegner sein würde kann nun niemand enttäuscht sein, dass es andere Mädels sind als geplant. Ich kann die Teams zwar nicht vergleichen, aber leicht wird es ganz sicher nicht. Wir sind im Nationalturnier jedes Jahr die Finalgegner, also kann es spannend werden.“, spricht Tina begeistert.
„Kann man das mit unserem ähnlich halten?“
„Ein wenig, jedoch sind wir ja nicht das Nationalteam, sondern nur das Tokio-Team. Aber wir sind immerhin drei Leute, die ins Nationalteam kommen werden. Yoko, Yako und ich. Bei einer von uns wird noch für die Ersatzbank verhandelt.“
„Verstehe und was ist jetzt mit deinem Rücken? Du erwähntest vorhin, als du reingekommen bist zur Ärztin, dass du noch mal zu ihr müsstest.“, klingt er besorgt.
„Nur eine Prellung. Ich soll mich aber schonen und nur den letzten Satz spielen, damit ich voll einsatzbereit bin. Ist ärgerlich, aber nicht schlimm. Da wir jetzt eh das andere Team haben sollen die Mädels mal lieber ohne mich spielen. Für sie sollte es ja hauptsächlich sein, das Spiel mit Martinas Mädels. Da wäre es wirklich ärgerlicher. Aber jetzt geht es schonmal, denn ich kenne die Mädels eh viel zu gut. Das Team müssen sie ohne mich schaffen.“ Kojiro ist erstaunt.
„Ich hätte eher vermutet du bist darüber richtig traurig. Gegen deine Freunde und dein altes Team spielen ist doch sicher was Besonderes. Ich hatte mich auch sehr auf das Spiel heute gefreut. Leider kam es ja nicht wie es sein sollte.“
„Das stimmt, aber was bringt es denn, meine Gesundheit unnötig aufs Spiel zu setzen? Bei einem offiziellen Turnier wäre es anders, aber ich würde auch erstmal sehen, ob die Mädels ohne mich klarkommen.
Und außerdem, sie müssen es ja eh bald, wenn ich nicht mehr bei ihnen bin.“
„Verstehe. Du hast Recht. Das müssen sie.“ Er schaut nachdenklich aus dem Fenster und dann sieht er wieder zu ihr.
„Was ist denn da überhaupt genau zwischen dir und Andrea gewesen? Darf ich wissen was das für ein Missverständnis war?“ Es beschäftigt ihn dann doch, immerhin ist Andrea nicht irgendwer. Was ist denn genau passiert? Zuerst der blaue Fleck am Arm und dann stellt sich noch heraus, dass sie am Rücken eine Prellung hat. Was ist da wirklich vorgefallen?
Tina ist erstaunt über diese Frage.
Sie schaut aus dem Fenster und überlegt ob sie es ihm überhaupt sagt. Was ist, wenn er es auch falsch versteht? Immerhin weiß er, dass sie mit Martin mal zusammen war. Aber andererseits möchte sie keine Missverständnisse zwischen ihm und ihr haben. Niemals will sie Kojiro belügen wollen. Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Wahrheit oder es verschweigen. Sie entscheidet sich wie so oft in den letzten Tagen für die Wahrheit.
„Sagen wir es so, als ich heute früh bei Martin im Büro war und ihm von dem Plan, dir nach Italien zu folgen, erzählt habe...gab es eine freundschaftliche Umarmung. Sie muss genau in dem Moment kurz ins Büro gekommen sein und später hat sie eifersüchtig reagiert.
Ich habe das aber bereits richtiggestellt und sie hat sich bei mir entschuldigt.“, sieht sie ihm ernst in seine ehrlichen Augen. Dann drehst sie sich zum Fenster, greift seine Hand etwas doller als zuvor und fügt noch etwas hinzu.
„Ich hätte bestimmt genauso reagiert, wenn ich kein Wort verstehen kann. Ich weiß nicht wie sich sowas anfühlt. Ich hatte bisher nur selten einen Grund eifersüchtig zu sein und das waren ganz andere Situationen. Ich wüsste nicht wie ich reagieren würde.“
„Hm, es sah sicher seltsam für sie aus. Mich hätte es bestimmt auch irritiert, aber ich vertraue dir. Ihr seid doch gut eineinhalb Jahre schon nicht mehr zusammen, wenn ich mich entsinne. Das ist doch eine lange Zeit. Seit wann sind die beiden denn zusammen, wenn es solche Gedanken geben kann?“
„Erst ein halbes Jahr. Ich kenne Andrea auch erst seitdem. Wir sind uns vorher nie begegnet. Ich kenne nur ihren Bruder und wenn seine Eltern mich zum Essen eingeladen haben und ich im Camp war, da war sie immer im Ausland, auf der Akademie oder dann später in den Einsätzen. Es ist manchmal schwer sie charakterlich einzuschätzen. Martin kennt sie besser als ich.“
„Aber du bist doch mit ihr befreundet, oder kommt mir das nur so vor? Wie konnte sie euch beiden dann in dem Moment nicht vertrauen?“
Tina sieht plötzlich ernst zu ihm auf.
„Ich lege ihr mehrfach mein Leben in die Hand, sie war schon öfters meine Leibwache und ich würde ihr weiterhin jederzeit mein Leben anvertrauen. Ja, wir sind trotz allem sehr gute Freunde.
Kojiro? Können wir das Thema wechseln?“, fügt sie dann noch hinzu.
‚Bettina, es ist dir unangenehm. Ich bin manchmal wirklich zu neugierig.‘
Er fasst mit seiner zweiten Hand ihre an.
„Tut mir leid, ich war zu neugierig. Sag ruhig gleich, wenn es unpassend ist.“
Tina lächelt ihn glücklich an.
„Alles gut, es passt nur jetzt gerade nicht, ich bin mit meinen Gedanken woanders, okay?“
Bei beiden schlägt das Herz plötzlich schneller. In ihren Gedanken sind sie bereits zu Hause bei Tina.
‚Am besten ich lenke sie ab.‘, grinst er plötzlich.
„Ich hatte vorhin einen Anruf. Meine Mutter hat angerufen und uns beide für morgen Mittag zum Essen eingeladen. Passt das für dich zeitlich?“ Ein erstauntes Lächeln entgegnet ihn.
„Oh wie schön. Ja klar passt das. Das kommt zwar sehr plötzlich, aber ich kriege das irgendwie hin. Ich dachte schon ich muss den ersten Schritt machen.“
Glücklich lächelt er zurück.
„Das ist schön. Sie ist noch unsicher was sie kochen soll. Ich soll dich fragen ob du überhaupt japanische Hausmannsküche magst?“ Tina kichert.
„Sie kann machen was sie will. Ich lasse mich sehr gerne überraschen. Natürlich mag ich die japanische Küche. Ich esse alles außer Fugu.“, grinst sie.
„Alles klar, ich werde es ihr gleich schreiben. Sie war sich unsicher, weil ich ihr dummerweise nebenbei gesagt habe, dass du bei deinem französischen Sternekoch gelernt hast.“, schmunzelt er. Tina lacht.
„Das hat sie echt verunsichert? Die Arme, das muss sie nicht. Du musst ihr auch nicht immer gleich alles erzählen, da bleibt mir ja gar kein Gesprächsstoff mehr. Immerhin sehen wir uns doch offiziell dann das erste Mal.“ Er grinst.
„Sorry, du hast Recht. Ich bemühe mich. Es hatte sich in dem Moment so ergeben und gepasst.
Meine Geschwister sind auch schon ganz aufgeregt dich endlich kennenzulernen.“ Tins grinst.
„Naoko hat es ihnen sicher schon erzählt?
Sag mal, hast du deiner Mutter auch schon das mit Italien erzählt? Also, dass ich zu dir ziehe?“, wirkt sie etwas ernst, aber glücklich.
„Nein, das noch nicht. Ich denke mal das werden wir morgen gemeinsam tun, oder?“, schlägt er liebevoll vor.
Tina nickt nur glücklich und sieht ihn verliebt an. Dann fasst sie sein Bein und zieht aber die Hand wieder zurück, immerhin sitzen sie im Taxi. Händchenhalten ist eigentlich Tabu genug.
Kojiro jedoch deutet ihre Bewegung genau richtig, schaut kurz zum Dach und entdeckt das Rollo. Er nutzt gerne mal den Sichtschutz im Taxi, wenn er vor allem nebenbei am Laptop arbeiten will und eine längere Fahrt ansteht. Leider gibt es diese Möglichkeit nicht sehr oft. Er greift zur Schnur und zieht es runter. Tina ist sehr überrascht und ihr Puls steigt plötzlich an als er sie dann an der Schulter berührt und sich zu ihr beugt und ihr intensiv in die Augen sieht. Die Autoscheiben hinten sind von außen mit Sichtschutzfolie beklebt, also auch da kann es niemand sehen wie er sie dann berührt und unerwartet küsst.
‚Bettina, so sehe ich dich am liebsten. Glücklich und fröhlich. Dein bezauberndes Lächeln erinnert mich immer wieder daran, wieso ich mich in dich verliebt habe. Diese lange Fahrt macht mich wahnsinnig. Der ganze Tag ist schon so seltsam und jetzt können wir uns endlich etwas Zeit für einander nehmen und dann ist der Weg so weit.‘
Er streichelt ihren Arm und dann fährt er etwas tiefer bis zu ihrer Taille und fasst diese zärtlich, um sie etwas zu sich zu ziehen. Beide lösen ein wenig den Gurt oberhalb und rücken näher zusammen.
‚Kojiro, ich verliere mich heute schon wieder in deiner Nähe. Was ist heute nur los? Es fühlt sich alles so neu an. Ich fühle auf einmal, ich könnte mich nicht mehr gegen dich wehren. Wieso ist das so? Zuerst erstarre ich als ich dich so durchgeschwitzt vor mir stehen sehe und in meiner Vorstellung deine Zärtlichkeiten genieße, dann habe ich plötzlich das Gefühl keine Kraft mehr zu haben als ich dich auf der Waage gesehen habe und deine Nähe mich aus der Fassung bringt und dann fühlen sich deine Küsse plötzlich so an wie an unserem ersten Tag und vorhin am Schuppen, da hätte ich beinahe vergessen wo wir wirklich sind.
Deine Berührungen jetzt machen mich wahnsinnig, wahnsinnig wehrlos in deiner Nähe. Es kribbelt überall so sehr, dass ich mich in dir verlieren könnte, jetzt auf der Stelle. Aber das geht ja jetzt nicht. So sehr wir es auch wöllten.‘
Er kann ihren starken Herzschlag und ihre Erregung genau spüren.
‚Du bist so schön, wann sind wir nur endlich da? Das ist ja kaum auszuhalten.‘
Plötzlich klingelt ihr Handy. Sie hat es vorhin noch angeschaltet, aber noch keine Rückrufe getätigt.
Völlig benommen unterbrechen beide ihren intensiven Kuss und Tina kramt das Handy aus dem Beutel. Es ist ihr Trainer.
„Ja?“, kann sie in ihren Gedanken nur sagen. Dabei sieht sie zu Kojiro auf und berührt seine Wange.
„Tina, ich bin es. Jetzt raste nicht gleich aus, aber wir müssen das Spiel heute verschieben.“ Tinas Blick verändert sich kaum und sie sieht immer noch in Kojiros verlangende Augen.
„Wieso?“, sagt sie nur.
‚Nanu, was ist mit ihr los?‘, wundert sich ihr Trainer. Er hat mit mehr Gegenwind gerechnet.
„Die Betreiber der Turnhalle hatten den Abend schon verplant und lassen sich da nicht umstimmen. Es passt zeitlich nicht. Es ginge jedoch morgen Abend. Die anderen Mädels wissen schon alle Bescheid und hätten auch die Zeit. Was meinst du dazu?“
„Okay, weiß ich Bescheid. Dann bis morgen.“, antwortet sie kurz und knapp und legt wieder auf.
‚Nanu, was war das denn für ein seltsames Gespräch? Also in letzter Zeit ist Tina wirklich komisch. Bringst sie dieser neue Mann derart durcheinander, dass sie sich so verändert? Ich habe irgendwie kein gutes Gefühl dabei. Natürlich freue ich mich für sie und er tut ihr auch irgendwie gut, aber trotzdem liegt hier was Seltsames in der Luft. Ich spüre, dass eine große Veränderung kommt.‘
„Wer war das?“
„Mein Trainer, das Spiel muss verflucht sein. Es wurde auf morgen Abend verschoben. Wie soll ich denn jetzt wieder die Besucher informieren?“
„Naja, mein Team kann ich ja anrufen und Ken sagt seinem Bescheid. Was meinst du?“ Tina nickt.
„Ne gute Idee. Den Rest muss mein Team informieren. Das machen sie sicher schon. Von meiner Seite kommen nur eure Teams. Ich rufe dann jetzt im Fitnesscenter an, da kam schon mittags ein Anruf rein, der wichtig sein soll. Ich wollte eigentlich erst von zu Hause aus anrufen.“
Tina schaut aus dem Fenster.
„Wir sind auch gleich da. Nur noch so zehn Minuten.“ Dann lehnt sie sich zurück und macht den Gurt am Oberkörper wieder normal fest. Sie wählt die Nummer des Centers.
Andrea geht ran.
„Na endlich. Was dauert denn da so lange?“, spricht sie auf Japanisch. Tina wundert sich. In der Regel ist Martin dran und Andrea spricht sonst Englisch mit ihr.
„Wo ist Martin?“
„Er ist in der VIP-Abteilung beschäftigt. Habt ihr alles geklärt? Wann kannst du hier sein?“
„Ja, mir ist noch etwas sehr Wichtiges dazwischengekommen, das kann nicht warten. Ich kann es dir noch nicht genau sagen. Aber das Spiel für heute ist auf morgen Abend verschoben worden. So drängt es ja heute nicht so in der Zeit.“
„Verstehe, und das andere kannst du wirklich nicht verschieben oder später erledigen?“, murrt Andrea etwas rum.
„Es tut mir leid. Es ist einfach zu wichtig. Ich melde mich dann nochmal.
Was ist denn überhaupt so dringend?“
„Oh man. Das kann ich dir nicht am Telefon erzählen, du musst dann schon herkommen. Beeile dich bitte.“
„Mache ich. Bis nachher.“ Tina legt auf.
‚Sie war komisch. Sonst hakt sie gleich deutlicher nach was los ist. In der Regel kann sie es gar nicht leiden, wenn sie nicht weiß worum es geht. Sich einfach damit abzufinden, dass es etwas Wichtiges ist, das gab es noch nie.‘
Kojiro hat inzwischen eine Nachricht an Tsubasa und Ken geschickt und wartet die Antworten ab.
Kurz nach dem Auflegen Tinas kommen die Antworten auch schon. Die Teams wissen dann also beide Mannschaften Bescheid und planen das Spiel ebenso erst morgen ein.
Tina sieht zu Kojiro auf und lächelt.
„Nun fällt das Spiel zwar aus, aber es hat auch was Gutes.“, schmunzelt sie.
Er lächelt. Kurz darauf hält das Taxi vor ihrer Haustür.
Kojiro öffnet das Rollo wieder. Tina holt ihre Geldbörse raus, bezahlt den Fahrer und gibt ihm ein nettes Trinkgeld. Beide bedanken sich und bitten wie immer um Diskretion.
Auf dem Weg durch das Tor und zur Haustür fühlen beide eine seltsame Spannung zwischen ihnen. Tina öffnet die Tür, beide gehen hinein und Kojiro schließt die Tür hinter sich. Plötzlich steigt ein zögerliches Gefühl in beiden auf. Tina sieht ihn erstarrt an und kann nichts sagen. Es sind zu viele Gedanken in ihr.
In dem Moment als sich die Tür hinter ihnen schließt wissen sie, dass sie endlich alleine sind. Niemand kann sie noch stören oder könnte plötzlich reinplatzen und sie unterbrechen. Sie müssen sich ab jetzt nicht mehr zurückhalten, egal was sie denken oder fühlen. Wie eine Last fällt es von ihren Schultern. Kojiro leert gedankenverloren seine Taschen, legt Schlüssel, Handy und Geldbörse auf die Kommode.
‚Kojiro, wir sind endlich alleine und ich, ich kann plötzlich gar nichts sagen. Ich weiß nicht einmal was ich denken soll. Du bringst mich so durcheinander. Der Tag heute war so schwierig und seltsam. So ein Durcheinander habe ich lange nicht mehr erlebt. Ich will nur noch bei dir sein. Überhaupt waren die letzten Tage derart seltsam und besonders und heute habe ich endlich meine letzte Herausforderung hinter mir. Ich weiß nun, dass ich bei dir sein kann, für immer. Dass es nicht nur eine Laune ist oder meine Gefühle und Empfindungen für kurze Zeit da sind oder womöglich nur da sind, weil alles so aufregend ist. Nein Kojiro, was ich empfinde ist für immer.‘
Plötzlich fasst sie sich mit der linken Hand an den Kettenanhänger und sieht verliebt zu ihm auf.
‚Ich will heute nur noch eins…in deinen starken Armen liegen und alles um mich herum vergessen.‘
„Kojiro, ich bin so froh. Danke. Danke, dass ich…endlich…frei …leben kann…ohne mich ständig…zu verstecken vor…meiner Angst.“, stammelt sie glücklich und kann in diesem Moment ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ihr ganzer Körper zittert etwas, ihr wird ganz heiß und schwitzig.
‚Kojiro, bitte nimm mich einfach nur noch in die Arme und küss mich. Ich kann nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr halten so sehr sehne ich mich nach deiner Wärme und deinen Zärtlichkeiten.‘
„Bettina.“, haucht er gefühlvoll, nimmt sie in die Arme und drückt sie ganz fest an sich.
„Du musst nichts sagen. Ich bin einfach froh, dass du endlich glücklich sein kannst.“ Sie verharren für eine kurze Zeit in dieser Umarmung und Tina spürt seine Wärme. Ihre Tränen nässen seine Jacke. Kojiro drückt sie dann ein wenig von sich, damit er ihr in die Augen sehen kann. Sie sind feucht und die Wangen sind nass von ihren Tränen. Er wischt mit seinen Händen die Tränen weg und fasst ihren Kopf an Wange und Ohr. Dann sieht er sie verliebt und bestimmend an.
„Ich…ich liebe dich. Ich kann dich nicht mehr gehen lassen, Bettina.“, spricht er zögernd und dann spüren beide nur noch wie sich ihre Lippen zärtlich und zögernd berühren und kurz darauf fällt Tinas Beutel zu Boden. Sie hatte ihn noch immer in der Hand, krampfhaft hat sie sich an ihm festgehalten, weil ihr der Ball darin Kraft gab sich nicht einfach in seiner Nähe zu verlieren. Als er zu Boden fällt rollt der alte Volleyball aus der Turnhalle durch den Flur bis zur Eingangstür und stößt dagegen.
Sie vernimmt diesen kleinen Aufprall gar nicht mehr, denn ihre Gedanken sind schon ganz woanders.
‚Bettina, du zitterst schon wieder. So wie damals an unserem ersten Tag als wir uns fast verabschieden wollten. Dieser seltsame Moment damals.‘ Er hat noch immer die Augen geöffnet und berührt sie nun mit einer Hand am Arm.
‚Du bist so hübsch und in diesem Kleid siehst du besonders anziehend aus. Ich spüre deinen Herzschlag ganz deutlich und wenn ich dich in die Arme nehme ist dein Zittern wieder weg.
Der ganze Tag war voller Anspannung und nun sind wir endlich alleine und ich kann dich in die Arme nehmen, dich küssen und deine Wärme spüren.‘
Er spürt plötzlich ihre Erregung unter ihrem zarten Stoff. Ihre Hände sind an seiner Trainingsjacke, ziehen zögerlich den Reißverschluss auf und fassen dann unter sein Shirt auf seinen Rücken. Ihr rutscht im selben Moment ein Träger des Kleides herunter. Seine Hand streicht ihren Arm herab und berührt zärtlich ihren erregten Busen und massiert ihn. Auch in ihm steigen seine Gefühle an und seine Erregung ist langsam deutlicher für sie spürbar. Ihre Küsse erwidern ihn nun hastig und er vernimmt wohlwollend ihre warme Hand welche von seinem Rücken aus herunterwandert und unter seinen Hosenbund gleitet.
In kürzester Zeit sind beide aus ihren Schuhen gefahren und Kojiros andere Hand gleitet unter ihr Kleid und fasst bestimmend ihren erregten Schenkel. In Tina steigen verlangende Gefühle auf und sie spürt wieder ein Zucken zwischen den Schenkeln. Sie unterbricht plötzlich den Kuss und sieht zur Seite zur Wand, an der die lange Kommode steht. Sie greift einfach darauf und schieb die Gegenstände zur Seite. Kojiro deutet es richtig und nimmt nun auch seine zweite Hand unter ihr Kleid und nimmt sie verlangend hoch. Ihre Hände halten sich an seiner Schulter fest während er sie auf die Kommode setzt. Dann sehen sich beide verliebt an und ihnen fällt auf, dass sie schonmal so eine ähnliche Situation hatten. Damals, als sie sich das erst Mal küssten. Da kam es plötzlich über sie, wie konnte das nur sein? Sie kannten sich doch gar nicht und dann waren da plötzlich diese Gefühle und es kam in beiden ein seltsames Verlangen auf. Ein Verlangen gemischt mit neuen Gefühlen, die sie bis dahin noch nie erlebt hatten. Ein plötzliches Verlangen sich nur noch nah zu sein und sich nicht mehr loszulassen.
„Kojiro, ich…liebe dich. Ich kann…dich…nicht mehr…loslassen.“, flüstert sie wie benommen und fasst seine Jacke so, dass sie ihm diese von den Armen streifen kann. Nur kurze Zeit später verlieren sich beide in ihren Gefühlen und genießen einfach die Zweisamkeit und lassen ihrem Verlangen nach Zärtlichkeiten endlich freien Lauf.
Eine schöne Erinnerung
Kapitel 60
Eine schöne Erinnerung
Kurz vor dem Telefonat mit Tina unterhält sich Andrea mit Karl-Heinz. Die lange Wartezeit macht beide etwas müde und die Anspannung wird nicht so viel besser.
„Herr Schneider, wollen Sie wirklich nicht wenigstens mal was essen? Ich mach Ihnen ein Brötchen oder hole einen Salat aus dem Automaten.“
Nach der sehr langen Redepause zwischen ihnen willigt er dann doch endlich mal ein. Sein Magen knurrt schon die ganze Zeit.
„Na gut, der Hunger wird’s reintreiben. Danke sehr.“, spricht er angespannt.
Andrea steht auf und murrt ihn an.
„Was haben Sie für ein Problem? Ihnen knurrt doch der Magen schon seit zwei Stunden.“
Er schaut nur aus dem Fenster und beobachtet weiter die Bewegungen auf der Straße.
„Ich bin überhaupt kein Freund von Automatensachen. Ich mag es in der Regel frisch und gesund. Wer weiß was die Automatenfirma alles in den Teig gemischt hat oder ob der Salat überhaupt sauber ist.“
Andrea ist plötzlich aufgebracht, sie bemüht sich sehr nicht aus der Haut zu fahren.
„Sie bilden sich aber auch echt was ein! Vielleicht fragt man mal was wir überhaupt anbieten! Die Speisen aus unserem Snackautomaten kommen alle jeden Tag frisch aus Tinas Gaststätte und der Bäckerei ihres Vertrauens. Ihre Brötchen sind alle selbstgebacken nach Familienrezept und auch ihr Belag ist das Rezept ihrer Mutter. Genauso wie die Kekse, die Ihnen vorhin so gut geschmeckt haben. Immerhin haben Sie noch nach einem Teller davon verlangt.“
Karl ist erstaunt und total überrascht. Er sieht zu ihr.
„Wirklich? Aus Tinas Gaststätte? Dann entschuldige ich mich für die Vorurteile.
Was gibt es denn für die Brötchen obendrauf? Gibt es auch den Eiersalat und den Fleischsalat von früher?“ Andrea geht zur Tür.
„Ja. Mit oder ohne Butter darunter? Noch einen frischen Salat dazu?“ Er nickt. „Ohne Butter bitte. Sehr gerne, danke.“ Sie verlässt den Raum, schließt wieder von außen ab und geht zum Snackautomaten und zur Brot- und Brötchenauslage. In der Regel bedienen sich die Leute dort selbst und nehmen sich bei der Bestellung etwas aus dem Automaten und können sich dann ein Brötchen nehmen und es beschmieren. So bleibt es immer frisch, gekühlt und der Teig knackig.
Dann kommt sie mit einem Tablett zurück, trägt es wie es Tina ihr beigebracht hat in der linken Hand, schließt die Tür auf, tritt herein und stellt das Tablet auf den kleinen Personaltisch. Dann beginnt sie die Brötchen aufzuschneiden und alles fertig zu machen. Währenddessen beobachtet Karl-Heinz sie verwundert. Er hat gedacht sie macht es draußen oder jemand macht es fertig.
Dann geht er auf sie zu.
„Sie müssen das nicht machen. Ich mache es selbst, vielen Dank trotzdem.“, spricht er freundlich und sieht ihr in die blauen Augen.
„Kann ich Ihnen denn vertrauen, wenn Sie ein Messer in der Hand haben?“, brummt sie ihn an.
‚Die hat aber auch einen Blick drauf, naja, so wie ich ihren Freund provoziert habe wundert mich das nicht.‘
„Keine Angst, ich werde es nicht zweckentfremden. Ich habe mit Gewalt nichts am Hut.
Aber es würde mich etwas ablenken…verstehen Sie?“
Sie steht auf und überlässt ihm den Platz. Karl-Heinz lächelt, während er sein Brötchen fertig macht, denn ihm sind die Gerüche der Salate noch vertraut. Es weckt schöne Erinnerungen an seine Kindheit und frühe Jugend. Wie oft sind sie alle zusammen nach dem Training in die Stadt und haben bei Tinas Mutter am Kiosk gestanden und sich über die Brötchen hergemacht? Mehrere Male haben sie sogar mit hinter der Theke ausgeholfen schnell ein paar Brötchen mit den Salaten zu beschmieren, damit die Abendkundschaft schnell abgefertigt wird. Umso schneller konnten sie wieder spielen gehen. Und Tinas Mutter war immer sehr nett und lieb. Er mochte sie sehr. Sie ist immer auf eine sehr liebevolle Art mit ihm umgegangen und zeigte ihm wie es geht.
So wie damals nutzt er die Gabel, um den Belag aufs Brötchen gleichmäßig zu verteilen. Er macht es zuhause immer noch auf diese Weise. Es geht einfacher und schneller als mit einem Messer.
Andrea sitzt am Schreibtisch und beobachtet ihn verwundert.
‚Nanu, er lächelt dabei? Wieso lächelt er beim Brötchenmachen? Dieser Mann ist wirklich seltsam. Und er macht sie genauso fertig wie Tina es mir beigebracht hat. Seltsam.‘
„Darf ich was persönliches fragen?“, beginnt sie. Ihre Neugier ist doch zu groß.
Er schaut weiter auf seine Hände und antwortet.
„Können Sie, mal sehen ob ich darauf antworten mag.“, spricht er im freundlichen Ton, denn er lächelt immer noch vor sich hin. In seinem Gedanken steht er hinter dem Imbisstresen mit seinem Freund Stephan und macht die Brötchen fertig, während dessen Mutter den Salat schnippelt oder Kunden bedient.
„Sie lächeln dabei. Hat das was mit Tina zu tun? Sie haben als Kinder immerhin sehr viel Zeit verbracht. War es eine schöne Kindheit?“
Karl hält inne und legt die Gabel hin. Dann schaut er auf zu ihr und lächelt betrübt.
„Ja, die hatte ich. Ohne unsere Freundschaft wäre ich heute nicht was ich jetzt bin.“
„Und was sehen Sie jetzt, während Sie sich die Brötchen machen? Was sehen Sie, wenn Sie die Augen schließen?“, spricht sie gefühlvoll.
Er schaut wieder auf den Tisch und betrachtet sein Brötchen mit dem Eiersalat, dann greift er zum Frischen Salat und nimmt sich eine kleine Tomate und legt sie auf das Brötchen.
„Ich sehe wie ich mit Stephan und seiner Mutter zusammen im Imbiss helfe die Brötchen fertig zu machen. Wir haben ihr oft nach dem Training geholfen, damit sie schneller Feierabend machen kann. Mal stand ich mit Tina bzw. Tino dort oder mit Stephan. Es war…wirklich eine schöne Zeit.“
Andrea lehnt sich verständnisvoll zurück und verschränkt nachdenklich die Arme. ‚Jetzt ist er wieder total freundlich. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle weitermachen. Tina sagte mal, wenn man mit jemanden gar nicht klar kommt sollte man herausfinden was die Person mag und versuchen darüber zu reden, dann kann es Konflikte verringern. Und diese Anspannung hier im Raum ist echt nicht zu ertragen.‘
„Was hat Ihnen Tina denn von mir erzählt? Ich bin erstaunt, dass Sie wissen, dass wir Freunde waren. Sie haben es vorhin auch auf dem Foto gleich erkannt.“, fragt er und beißt von seinem Brötchen ab.
‚Wow, schmeckt wirklich wie früher. Diesen Geschmack habe ich all die Jahre total vermisst.‘
„Sie hat mir an sich gar nichts erzählt. Wenn es um die Zeit vor ihrer Ankunft hier geht ist sie schweigsam wie ein Grab. Auch ihre Anfangszeit hier beschreibt sie als schwierig aber reich an Erfahrungen. Damit kann man ja nichts anfangen.
Dass Sie sich kennen weiß ich erst seit heute früh. Das Einzige was sie nebenbei mal erwähnt hat, ist dass sie eine besonders schöne Kindheit hatte bis das mit ihrem Bruder passiert ist.
Ich hingegen hatte nicht wirklich eine Kindheit. Ich kann Sie da nur beneiden.“
Er schluckt den Happen runter und benutzt die Serviette.
„Es war wirklich besonders. Meine Eltern haben sich ständig gezofft und ich wusste gar nicht wieso. All die Jahre habe ich immer wieder versucht die beiden wieder zusammenzubringen, aber vergebens. Nachdem ich nach München ging haben sie sich dann endgültig scheiden lassen. Ich liebe beide, sie waren immer nur lieb und nett zu mir und Marie, aber zusammen ging es leider gar nicht. Ich war damals ungern zuhause, eigentlich nur, damit meine Schwester nicht alles alleine ertragen musste. Wir haben sie dann oft auch mal mitgenommen, als es vom Alter her ging. Wir vier sind dann mit ihr und unserem Hund viel nach dem Training spielen gewesen, oder haben Marie und den Hund spielen lassen, während wir unsere Sondertrainings hatten. Bis sie dann ihre eigenen Freunde hatte. Später kam Genzo dazu, so wie auf dem Foto, da sind wir alle fünf zusammen.
Und wieso hatten Sie keine schöne Kindheit?“
„Naja, ich wuchs in einem dieser US-Marine Camps auf. Wir waren immer nur unter uns und viele Kinder gab es nicht. Wir sind zwar wie ne Kleinstadt, aber das Verhältnis ist ein anderes als normal, denn es fehlen ja die Alten und auch die Masse an Kindern, die eine normale Stadt hätte. Oft ziehen die Frauen aus und kehren dem Beruf oder für eine lange Zeit der Arme den Rücken zu, wenn sie Kinder haben. Meine Eltern haben es jedoch so belassen und da sie in getrennten Camps arbeiten ging das. Mein Bruder und ich blieben bei meiner Mutter und besuchten meinen Vater halt ab und an. Oder er kam zu uns. Ich war immer viel bei meinem Vater. Er ist Mechaniker bei der Fliegerstaffel und so kam ich dann zu den Hubschraubern. Aber mit Freundschaften war da nicht viel. Man freundete sich eher mit Erwachsenen an, aber das ist ja kein Vergleich. Am Ende fängt man an ihnen nachzumachen und so fand ich meinen Ausgleich im Kampfsport. Meine Mutter sagte immer zu mir, wenn man als Frau schon von so vielen Männern umgeben ist, sollte man sich von klein auf durchsetzen können. Also habe ich mich darangehalten.“
„Klingt traurig, aber interessant. Tina hat sich auch immer gegen alle durchgesetzt. Gab es Streit, dann ging sie dazwischen, hat sie sich gestritten, ging ich dazwischen. Gab es Probleme mit den Trainern oder anderen Mannschaften, dann war sie die Einzige, die sich neben mir traute das Problem offen anzusprechen und meistens regelte es sich dann auch. Nur sehr selten fand sie keine Lösung.“ Dann nimmt er den nächsten Happs.
Plötzlich klingelt das Telefon. Andrea schaut auf die Nummer und ist erleichtert. Endlich ruft sie zurück. „Das ist Tina, jetzt leise sein. Sie wollen sie ja sicherlich nicht von der Arbeit ablenken?“ Er schüttelt verständlich den Kopf.
„Na endlich. Was dauert denn da so lange?“, spricht Andrea auf Japanisch, damit es Karl-Heinz nicht versteht.
Er bemerkt jedoch, dass sie etwas murrend mit ihr spricht.
Nur ein kurzes Gespräch und dann legt Andrea auch schon wieder auf. Ihr Blick ist etwas verwundert und fraglich.
„Was sagt sie? Wann ist sie hier?“, fragt Karl-Heinz natürlich neugierig.
„Das kann ich nicht sagen. Sie ist noch nicht mit allem fertig. Es kam wohl noch jemand dazwischen. Ist ärgerlich, aber passiert ständig. Tina ist ständig in Aktion.“
„Sie hätten ja sagen können, dass ich da bin. Vielleicht hätte sie den Termin dann verlegt.“, murrt er sie plötzlich an.
„Wir können jeden Kunden gebrauchen und wenn sie zufällig auf potenzielle Kundschaft trifft, dann nutzt sie das natürlich gleich. Das Unternehmen gibt es erst seit einem Jahr. Ich frage da nicht groß nach. Ihre Beziehungen sind Gold wert. Daher hat sie bei der Kundenauswahl freie Hand. Wenn ich ihr das sagen würde lenkt es sie doch jetzt nur unnötig ab. Das ist geschäftsschädigend.“
„Ablenken? Sie hat sich noch nie von was ablenken lassen. Nun gut.
Das lohnt hoffentlich auch für sie, diese Pauschale, die sie mit den Ernährungsplänen verdient ist hoffentlich hoch bei so viel Zeitaufwand, den sie dafür betreibt? Ich bin jetzt schon ein paar Stunden hier.“, versucht er seine Meinung kund zu tun.
„Ich verstehe, sie haben Bedenken, dass sie mehr Arbeit reinsteckt als hinterher davon zu haben? Sie denken sie macht das nur aus Freundschaft zu Martin, oder?“
„Ist es denn anders?“
Sie beugt sich vor.
„Gut, reden wir über Geld, damit kennen Sie sich ja aus.
Sie wissen was die Volleyballer hierzulande verdienen?“
„Nicht wenig. Deutlich besser als in Deutschland. Aber die Frage ist was sie für Werbeeinnahmen hat. Ich für meinen Teil bekomme ja nicht nur meine Tages- oder Wochensätze und das was offiziell alle einsehen können, sondern habe Anteile an meinen Werbeeinnahmen. Das steht nicht öffentlich. Das ist nicht gerade wenig.“
„Sehen Sie, genauso ist es bei ihr auch, nur dass sie zusätzlich zu den Werbeeinnahmen mit ihren Artikeln Anteile des Gewinns am gesamten Center hat. Jedes kleinste Stück was hier verkauft oder als Dienstleistung bezahlt wird geht zu fünfzehn Prozent an Tina. Wenn sie also ihr Programm verkauft, bekommt sie zwar ihren eigenen Anteil davon direkt, aber später nochmal einen Teil vom Ganzen.
Den Ball, den Sie also gekauft haben, vermutlich mit Signierung, davon gehen die Gewinne zwar ans Unternehmen, aber 15% davon an Tina. Durch die Signierung kostet er doppelt so viel wie sonst, dann ist es also deutlich mehr Gewinn.
Deswegen geht sie regelmäßig durch den Laden und signiert die halbe Neu-Ware. Manchmal auch nur, um sie auf eigene Rechnung zu verschenken, so wie gestern bei einer spontanen Sonderaktion. Dann bezahlt sie selbst als Sportlerin den Blanko-Ball, signiert ihn und verschenkt ihn an die Kinder, die vorbeikommen. Ihre Rechnung der Blankobälle reicht sie dann bei der Steuer als Sachspende ein. Meist kaufen die Eltern dann noch irgendwas, legen was sie können in eine der Spendendosen oder bezahlen den Ball dann doch indem sie den eigentlichen Preis in die Spendendosen legen. Wie jeder mag.
Im Schnitt hat Tina nur alleine durch den Anteil der Programme und den Verkauf ihrer Kochbücher zu ihrem Volleyballgehalt nochmal das Dreifache davon oben drauf. Und dann kommt später bei der Endabrechnung ihr Anteil am Gewinn dazu. Über diesen Anteil wird sie monatlich informiert.“
„Klingt wirklich sinnvoll. Dann bin ich ja beruhigt. Manchmal war sie zu freundlich zu anderen, selten aber auch das kam vor.
Und dann hat sie ja die Gaststätte.“
Andrea nickt. „Genau. Aber die läuft komplett nur als eigenes Unternehmen und hat mit uns hier rechnerisch nichts zu tun. Dort gehen die Gewinne ganz normal ans Unternehmen und deren Rücklagen.
Wir beziehen zwar die Befüllung des Automaten und die Kekse und den Kaffee, etc., aber das ist dann eine ganz normale geschäftliche Beziehung.
Also das was Sie jetzt essen geht unser Einkaufspreis als Teil an Tinas Gaststätte und dann kommt unsere Pauschale dazu und davon hat sie wieder was vom Gewinn. Ist einzeln minimal, aber Kleinvieh macht auch Mist. Sie verdient also an dem Brötchen zweimal. Also als Unternehmerin und dann als Person.“
„Klingt wie ein „Stiller Teilhaber“, wenn ein Geschäft gut läuft, kann es sinnvoll sein.“
„Ja genau, sowas ist sie.“
Seit dieser Unterhaltung sind fast zwei Stunden vergangen und es klingelt erneut das Telefon.
„Super, kannst du jetzt kommen?“, reagiert Andrea angespannt.
„Hi Andrea, ja bin gleich da. Ich mache mich auf den Weg.“
„Okay, dann bitte erstmal am Tresen melden, ich komme vor.“
„Wieso das denn? Was ist denn jetzt überhaupt so wichtig? Du hast vorhin schon so seltsam getan?“
„Erzähle ich dir dann alles hier. Komm einfach her. Bis gleich.“, spricht sie beruhigter als vorher. Endlich wird sie erlöst. Zwar ist die restliche Zeit mit Karl nicht so unangenehm gewesen wie am Anfang, aber trotzdem ist sie froh nach der langen Zeit mal wieder was anderes zu machen als auf ihn aufzupassen.
Andrea wendet sich an Karl.
„Das war Tina. Sie ist auf dem Weg.“
„Super.“ Er richtet sich auf und geht zur Tür.
„Ich würde gerne nochmal auf die andere Seite der Wand.“, deutet er in die Richtung der Toilette. Beide gehen in den Flur und Andrea stellt sich neben die Tür. Inzwischen ruft sie Martin an.
„Martin? Tina ist nun unterwegs. Halt dich bereit, falls sie nicht alleine kommt. Du musst ihn eventuell abfangen, damit sie erstmal alleine reden können. Ich habe keinen Bock auf Stress. Ich habe keine Ahnung wie sie aufeinander reagieren könnten. Das ist sehr schwer einzuschätzen.
Wie geht’s dir jetzt?“
„Naja, muss ja. Ich bin erstmal gespannt was das hier heute noch wird. Ich hoffe, dass Tina wirklich sicher ist mit dem was sie gesagt hat. Mir ist Kojiro auf jeden Fall sympathischer als dieser Typ. Er scheint immer auf dem Boden geblieben zu sein. Ich habe in so einem Fan-Chat gelesen, dass er als Kind und Jugendlicher sogar gejobbt haben soll, um seiner alleinerziehenden Mutter mit vier Kindern nach dem Tod seines Vaters zu helfen. Andrea, dieser Mann mag seine Ecken und Kanten haben, aber er ist bestimmt kein verwöhnter Schnösel, der nur an seinen Sport denken musste.“
Andrea ist erstaunt.
„Ach echt? Naja, das wird er sicher irgendwann mal alles erzählen. Viel Zeit hatten wir alle ja noch nicht. Aber lass uns später reden. Ganz so einfach scheint das in seinem Fall auch nicht gewesen zu sein. Bis dann erstmal.“ Sie legt auf.
Sie bemerkt nicht, dass Karl-Heinz gehofft hat, dass sie ihn anruft. Er ist natürlich hinter der Tür stehen geblieben und lauscht. Er hat gehofft, sie reden nicht auf Japanisch miteinander.
‚Oha, was hat Tina denn für einen Freund, wenn sie auf Nummer sicher gehen will, dass wir uns nicht gleich sehen? Es klingt eher so, als dass sie ihn zwar mögen, aber noch nicht sehr lange kennen. Nun gut. Ich werde es ja bald wissen.‘
Einige Minuten später tritt Tina durch den Personalgang in den Sportladen und schaut sich um. Jacky und Lee stehen am Tresen und gehen die Bestelllisten durch.
„Na ihr Lieben? Wie geht's euch heute?“, strahlt sie über beide Ohren.
„Oh. Hallo schöne Frau. Du siehst ja richtig glücklich aus.“, reagiert Lee.
Jacky sieht auch begeistert zu ihr.
„Oha, was für ein tolles Kleid. Mega sexy, Süße. Und diese Farben. Das musst du unbedingt mitbringen, wenn wir im Oktober den Kalender wieder fertig machen.“, meint er und betrachtet sie von allen Seiten.
„Naja, schauen wir mal wie der diesmal wird. Aber danke fürs Kompliment.
Ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Macht bitte mal die Ladentür zu.
Ist ja grad keiner da, oder?“
„Oh, so wichtig, dass es keiner hören darf?“ Sie nickt. „Genau, noch nicht.“
Jacky geht los, schließt ab, und macht ein Schild an die Tür, dass es in Kürze wieder öffnet.
„Jetzt machst du uns aber neugierig.“
„Also, es wird euch sicher überraschen, aber es ist auch noch nicht lange, aber ich dachte mir, es passt zeitlich jetzt gerade bevor wieder was dazwischenkommt…“ Dann geht sie wieder zur Nebentür und geht mit Kojiro zusammen zu den Männern. Noch hat er seine Kapuze halb im Gesicht, doch dann zieht er sie zurück und lächelt freundlich. „Hi, wir kennen uns ja bereits seit gestern.“, spricht er ruhig.
„Darf ich vorstellen? Kojiro, ihr kennt ihn ja spätestens seit gestern persönlich, aber was ihr noch nicht wisst...“, strahlt sie fröhlich.
„Dass ihr zusammen seid.“, haut Jacky begeistert raus. Tina schaut zu Lee.
„Du bist echt ne Tratschtante.“, grinst sie dann aber.
„Wir haben nicht viel Zeit, ich werde oben erwartet. Ich will nur kurz was machen hier. Ihr könnt euch ja gerne inzwischen unterhalten.“ Tina geht an den Tresen.
„Habt ihr einen dicken hellen deckenden Stift zum Signieren und ein großes Preisschild, als Aufsteller?“ Lee gibt ihr die gewünschten Dinge und begleitet sie zum Plakat mit dem Felsen. Tina sucht sich eine große dunkle Fläche und signiert es mit großer schöner Schrift.
Lee stellt ihr dann noch einen Preisaufsteller hin.
„Was hast du vor? Wieso signierst du das jetzt? Soll es verkauft werden?“
Tina nickt.
„Genau. Deine Aufgabe ist jedoch mit dem Werbeträger abzusprechen, ob es okay ist, in Zukunft nur die Produkte ohne mich als Werbefigur zu erkaufen. Eventuell dann eher mit den Wandersachen und Schwimmsachen natürlich. Ich werde die restlichen Sachen alle noch signieren und dann ist es bis zur Neuverhandlung eine Abteilung wie andere, okay?“ Jacky ist ebenso etwas irritiert. Er steht neben Kojiro und sieht ihn nur verwundert an.
„Will sie das jetzt nicht mehr machen? Was hat das zu bedeuten?“
Kojiro zuckt mit der Schulter.
„Das kann ich Ihnen auch nicht sagen. Sie hat mir eben nur gesagt, sie will mich vorstellen und dann schnell etwas erledigen.“
Die Männer sind etwa ähnlich groß und sehen sich fraglich an. Dann sehen sie beide nur wie Lee und Tina am Plakat stehen und sich unterhalten.
„Seltsam, wieso verzichtet sie freiwillig auf diese Werbeeinnahmen? Die Ecke lief neben ihrem eigentlichen Sport immer sehr gut. Das wird uns und ihr Verluste einbringen.“, äußert sich der Verkäufer.
‚Oha, da steht tatsächlich ein Sponsor dahinter? Vielleicht sollte ich doch mal auf ihre Webseite gehen und mir das alles genau ansehen. Ich habe an sich ja gar keine Ahnung was sie für Sponsoring macht.‘, geht in Kojiro vor.
„Sind die Einnahmen denn sehr hoch? Muss sie den Sponsorenvertrag kündigen, wenn sie diese Extremsportarten nicht mehr macht?“
„Von der Sache her ja, denn immerhin würde sie ja nicht mehr dafür werben, wenn sie selbst nicht mehr dahintersteht. Aber sie könnte mit dem Sponsor eine neue Bedingung absprechen. Sie kennen das sicher auch. Der Sponsor ist eine große Firma für allgemeine Outdoorartikel, also auch Camping und Wandern und Klettern etc. Von Helm bis Schuhe und Jacken sogar die Bademode ist von denen. Wenn sie es einfach auf eine andere Abteilung umwälzt und nicht nur das Schwimmen bewirbt, könnte sie Glück haben oder es sogar verbessern. Mal sehen. Sie wird sich was dabei gedacht haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie auf die Einnahmen verzichten will. Wie ich Tina kenne hat sie einen Plan, das auszugleichen. Das war bisher immer so, wenn sie neue Ideen hatte.
Ich bin nur eher erstaunt, dieser plötzliche Sinneswandel kommt ja nicht einfach so.“ Dann sieht er zu Kojiro und betrachtet sein Profil.
‚Kojiro Hyuga, was bist du für ein Mann, dass sie plötzlich damit aufhören kann? Was bedeutet sie dir und was bedeutest du ihr?‘ Er schmunzelt etwas. ‚Männergeschmack hatte sie ja schon immer. Es muss wirklich etwas Besonderes sein was da zwischen den beiden läuft. Auch wie er sie gerade beobachtet. In den Medien ist er immer so ernst oder schaut streng und provokativ. So kam er mir aber gestern schon nicht vor. Eher freundlich, etwas in sich gekehrt aber freundlich. Abgehoben auf keinen Fall, total anders als Herr Schneider von heute Mittag.‘
„Dieser Sinneswandel kann nur eins bedeuten.“ Kojiro sieht ihn fragend an.
‚Was meint er? Bettina und ich haben bis jetzt nicht einmal darüber geredet und dann will sie es nicht mehr machen, ohne etwas dazu zu sagen? Kennt er sie so gut, dass er sich den Grund vorstellen kann?‘
„Und was? Wir haben bisher nie darüber geredet.“, fragt er ihn. Jacky grinst.
„Typisch Hetero, ihr schnallt doch gar nichts, wenn’s um Frauen geht! Wenn Frauen mit solchen gefährlichen Dingen abschließen, dann haben sie Pläne.“ Kojiros Blick ist immer noch etwas fraglich. „Pläne?“
„Frauenpläne eben, Pläne die Frauen mit einem Mann halt so haben.“ Plötzlich muss Kojiro grinsen.
„Ach das meinen Sie. Sorry, war ein anstrengender Tag.
Ich verstehe, Zukunftspläne. Ja das kann durchaus sein.“ Er schaut wieder glücklich zu Tina. Kojiro hat das Gefühl, dass die Männer Tina wirklich sehr mögen und froh sind, dass sie nicht mehr solche gefährlichen Sachen machen will.
„Bettina wird zu mir nach Italien ziehen. Das könnte es sein. Ein Neuanfang.“ Entsetzt sieht Jacky ihn an.
„Wie bitte?! Ist das dein Ernst?!“, stößt er schockiert aus. Kojiro ist etwas irritiert, denn er hätte nie gedacht, dass es ihm so wichtig wäre Tina in seiner Nähe zu haben. Wenn er gewusst hätte, dass sie ihm so wichtig ist hätte er sich die Info verkniffen und es Tina selbst überlassen es ihm zu sagen.
‚Oha, das war gar nicht gut. Nun ist es zu spät.‘
Jacky tritt etwas hervor und ruft zu Tina rüber.
„Frau Bettina Fuchs! Du willst uns verlassen?! Seit wann hast du das entschieden?!“ Lee und Tina schauen verwundert zu den Männern an der Kasse.
‚Wie jetzt? Wovon redet er denn?‘, wundert sich Lee.
‚Woher weiß er…‘ Sie sieht zu Kojiro.
„Kojiro…oh man.“, stöhnt sie leise auf. Dann lächelt sie aber und greift Lees Hand. „Dann so. Sorry. Kommst du zur Kasse?“ Sie gehen zur Kasse zurück.
„Sorry, das ist meine Schuld. Ich habe eure Freundschaft falsch eingeschätzt und mich verplappert.“, sieht er zu Tina. Sie lächelt ihn an und fasst dann liebevoll seine Hand.
„Schon gut, Kojiro.“ Dann stellt sie sich neben ihn und sieht zu ihren Freunden. „Nun, ich wollte es natürlich etwas schonender ankündigen, aber heute Morgen habe ich beschlossen Kojiro nach Italien zu folgen. Und wenn er woanders hinmuss, gehe ich auch mit.“, verkündet sie dann.
Beide sehen sie total perplex an.
„Ist das wirklich euer Ernst? Ihr kennt euch doch noch gar nicht so lange.“, meint Lee.
„Wie lange seid ihr denn überhaupt schon zusammen? So eine Entscheidung sollte gut überlegt sein.“, spricht Jacky plötzlich ernst aber mit Verständnis.
„Lee, Jacky. Ich weiß wir haben noch Redebedarf, aber es wird niemand etwas an der Entscheidung ändern. Genauso wenig wie ich damals spontan beschlossen habe hier her zu ziehen. Das haben nicht meine Eltern entschieden, sondern ich ganz alleine. Und dieser Entschluss kam auch sehr kurzfristig.
Und nun sagt ihr mir, er sei falsch gewesen?“
Beide sehen sie verwundert an. Auch Kojiro ist erstaunt. Er wusste bis dahin nicht, dass Tina selbst entschlossen hatte herzukommen. Er dachte es sei Zufall gewesen und ihr Vater hat hier Arbeit gefunden. Er hat aber auch nie wirklich darüber nachgedacht und warum sollte das auch wichtig sein?
„Tina, wieso denn überhaupt? Warum bist du hergezogen? Du hattest die Wahl wo du hinziehst und hast dich ausgerechnet für Japan entschieden?“, hinterfragt Lee.
Tina hält Kojiros Hand plötzlich ganz doll fest und stellt sich vor ihn.
„Wegen Genzo. Er schwärmte immer so viel von seiner Heimat und ich lernte ein wenig Japanisch, um mich mit seinen Eltern nicht immer nur auf Englisch zu unterhalten, wenn sie ihn besuchten. Und dann passierte das mit Stephan und ich konnte nicht mehr in Deutschland bleiben, weil mich alles nur daran erinnerte. Dann fragten meine Eltern wo ich hinziehen will. Also entschied ich mich für Japan und ich entschied mich für Tokio, weil ich schon immer davon geträumt hatte mal über die Regenbogenbrücke zu laufen. Und Genzos Heimatort ist nicht ganz so weit weg. Deswegen!
Und nun…ist es mir egal wo ich bin, Hauptsache ich bin bei Kojiro, so nah wie möglich.“
Dann lässt sie Kojiros Hand los und berührt stattdessen jeweils eine Hand der beiden Männer vor sich. Sie führt ihre Hände zusammen und sieht dann beide abwechseln in die Augen.
„Ihr müsstet das doch verstehen. Ihr…seid doch auch hier, damit ihr euch so oft wie möglich seht und nah sein könnt, weil ihr euch liebt. Die Welt da draußen ist doch für uns alle kompliziert genug und warum sollen wir es uns denn unnötig komplizierter machen?“
Plötzlich fängt Jacky an zu weinen und umarmt sie.
„Ach Tina, ich verstehe euch doch total. Und ich freue mich so sehr für dich, aber wir werden dich wahnsinnig vermissen.
Ohne dich…ohne dich und Yoko gäbe es doch gar kein UNS.“
„Du übertreibst gleich.“
Kojiro ist erstaunt und ihm wird klar wie seltsam die „freundschaftliche Umarmung“ zwischen Martin und Tina vor Andreas Augen ausgesehen haben muss. Er kann sich gut vorstellen, dass er es auch sehr irritierend finden würde, wenn er sie so sehen würde.
Jetzt hier bei Jacky ist es was Anderes, das weiß er. Es gäbe ja auch keinen Grund hier eifersüchtig zu sein oder irgendetwas falsch zu verstehen. Nicht bei diesen Männern.
Er geht ein wenig zur Seite zu Lee und spricht ihn neugierig an.
„Was meint er denn damit? Was ist passiert?“
„Du kannst es ja nicht wissen.
Jacky ist eigentlich vom Beruf her Musiker und DJ. Er legt in der Regel in Diskotheken auf. Vor etwa vier Jahren waren eines Tages auch Tina und Yoko in seinem Lokal tanzen, dann wurde er nach seiner Vorstellung auf der Straße angegriffen. Es ging nur um seine schicken Schuhe. Im selben Moment kamen die beiden Frauen zufällig vorbei und bemerkten es, wie diese vier Typen ihn verprügelten. Aber sie gingen dazwischen und Yoko schlug sie alle K.O. und Tina rief Notarzt und Polizei.
Er musste operiert werden, aber es ging zum Glück alles gut.
Wir lernten uns erst kennen, als ich hier anfing zu arbeiten. Er kam mal vorbei und wollte sie besuchen und da kamen wir dann ins Gespräch und naja…in anderen Ländern wären wir bereits in einer offiziellen Partnergemeinschaft oder verheiratet, aber hier ist es etwas anders.“
„Wie jetzt, die kleine Yoko aus Bettinas Team? Sie schlug die Kerle K.O.?“, ist Kojiro verblüfft. Lee grinst.
„Ja genau, Yoko stammt aus einer alten Samurai-Familie und ist bereits mit sechzehn Karatemeisterin geworden, obwohl sie sich dem Volleyball verschrieben hat.“
„Das erklärt wieso sie Tinas seltsames Spielchen mithalten kann.“, grinst er und geht dann zum Plakat wo das Team komplett zu sehen ist.
Wer ist Karl-Heinz Schneider? Part 1
Kapitel 61
Wer ist Karl-Heinz Schneider? Part 1
Nach dem Besuch im Sportladen nutzen Kojiro und Tina den Personalzugang über den Lift. Oben angekommen gehen sie wie abgemacht zum Tresen. Es ist gerade ruhig. Martin steht diesmal dort und wartet bereits auf die beiden. Er schaut nachdenklich, als er sie sieht und begrüßt die beiden etwas angespannt, aber verbirgt es gut. ‚Na endlich. Was hat da nur so lange gedauert?‘
„Hallo, ich dachte mir, dass ihr zusammen erscheint. Nach dem Tag wundert mich das nicht. Hat alles geklappt mit dem Team? Wissen sie es jetzt?“, wendet er sich an Kojiro und sieht ihn streng an.
„Ja, eine Last weniger. War gar nicht so einfach, zum Glück haben unsere Freunde geholfen.“, antwortet Kojiro nachdenklich, denn er kann Martins Anspannung spüren, wundert sich, aber lässt es sich vor Tina nicht anmerken. Er Hat das Gefühl, dass sie es nicht merken soll, dass Martin etwas beschäftigt.
„Okay, das klingt gut. Moment.“ Er schickt Andrea eine Nachricht.
Sie steht erfreut auf.
„Tina ist jetzt da. Ich hole sie her, damit Sie in aller Ruhe reden können.“
Karls Puls steigt plötzlich an und er bleibt jedoch am Fenster stehen und schaut zur Tür.
„Okay, danke nochmal. Es war trotz der Umstände angenehm mit Ihnen zu reden.“, macht er ihr plötzlich ein Kompliment.
‚Nanu. Er bedankt sich für unser Gespräch.‘ Sie geht zur Tür, zieht den inneren Schlüssel diesmal ab und schließt dann von außen ab. Sie geht lieber auf Nummer sicher, nicht dass er ihr folgt und seinem Rivalen gleich über dem Weg läuft. Das könnte für beide unangenehm werden.
Karl-Heinz bemerkt es natürlich und wundert sich.
‚Diese Frau ist nicht dumm. Ich könnte ihr ja folgen, aber das will sie scheinbar nicht.‘ Er ist aufgeregt und plötzlich weiß er gar nicht so richtig was ihn erwarten wird. Auf den Bildern sieht Tina so hübsch aus und stark und sportlich, genauso wie er sie in Erinnerung hat, nur eben älter, reifer und viel weiblicher. In seiner Erinnerung ist sie immer noch sehr burschikos, frech und vorlaut. Aber das mochte er auch an ihr, dass sie immer ihre Meinung sagte. Aber wie sehr hat sie sich nun verändert? Wie sieht sie jetzt wirklich live aus, wenn sie vor ihm steht? Und was noch wichtiger ist, was wird sie sagen, dass er auf einmal hier ist? Wird sie sich freuen oder wird sie sich erschrecken? Was wird sie noch für ihn empfinden? Sie hat immerhin aktuell einen Freund und da stellt sich auch für ihn die Frage wie ernst es zwischen den beiden sein mag. Martin hatte so eine seltsame Bemerkung gemacht, dass er nicht gegen ihn ankäme. Was meinte er denn nur damit?
Und was wird er selbst noch für sie empfinden, wenn sie erstmal vor ihm steht? Karl-Heinz, der nie die Kontrolle über sich verliert und immer im Mittelpunkt steht, wenn er einen Raum betritt, ausgerechnet er zweifelt plötzlich an sich selbst. Wenn es eins gibt was ihn jeden Tag aufstehen lässt, dann seine enorme Selbstsicherheit und sein unbändiger Stolz. Er weiß genau wer oder was er ist.
Ausgerechnet er fängt plötzlich an sich darüber Gedanken zu machen wie er diesen Tag überstehen soll. Die ganze Zeit lang war er nur in seinen Erinnerungen gefangen und freute sich auf die Begegnung. Aber jetzt wo es endlich soweit ist, seiner Jugendliebe nach ewiger Zeit wieder gegenüberzustehen überkommt ihn ein Zögern. Der Gedanke und das Wissen, dass sie beide eigentlich jemanden verloren haben, den sie sehr liebten, kommt plötzlich wieder in sein Bewusstsein.
Plötzlich ist das Aufschließen der Tür zu hören und kurz darauf geht die Tür auf. Karl schaut angespannt und geht zwei Schritte in die Richtung noch bevor er sehen kann wer hereinkommt. Dann erblickt er sie.
Mit einem glücklichen Lächeln steht sie plötzlich vor ihm. Tina stürmt förmlich freudig in den Raum um zu erfahren wer denn da auf sie wartet. Sie rechnet mit Verwandtschaft wie Onkel, Tante oder Großeltern.
Karls Puls steigt enorm an und ihm wird auf einmal ganz warm als er sie erblickt. Mit so einem Auftritt hat er überhaupt nicht gerechnet. Plötzlich steht vor ihm eine richtige Schönheit mit einem unvergleichlich bezaubernden Lächeln, dass ihm zwar sehr vertraut, aber auch fast unwirklich vorkommt.
‚Tina, wie schön du geworden bist. So elegant mit dem Hut und dem schönen Kleid. Wahnsinn.‘
Tina erstarrt plötzlich, als sie ihn sieht und dann in seine blauen verwunderten Augen blickt.
„Karl-Heinz, wieso?“, stößt sie nur verblüfft und kurz auf. Dann hält sie die Tür ganz doll fest und betrachtet ihn.
‚Wieso ist er hier? Ich weiß schon wieso ich mir all die Jahre keine Fotos von ihm angesehen habe. Natürlich ist er noch immer sehr gutaussehend und hat seine stolze Ausstrahlung behalten. Karl, wieso bist du hier und vor allem, warum erst jetzt? Und dann ausgerechnet heute.‘
„Tina, lange nicht gesehen. Du bist eindeutig hübscher als auf deiner Webseite.“, spricht er offen und macht ihr ein ehrliches Kompliment. Er lächelt sie liebevoll an. Tina hebt kurz die Hand.
„Entschuldige mich bitte kurz. Ich…habe nicht…mit dir gerechnet.“
Dann dreht sie plötzlich um, geht wieder raus, klinkt die Tür zu und lehnt sich daran. Dann schaut sie hoch zur Decke und atmet ganz tief durch.
‚Karl, was hat das zu bedeuten? Wieso bist du plötzlich da?‘ Andrea steht neben ihr und betrachtet sie. ‚Interessante Reaktion. Ob ich es ihr eben doch lieber hätte sagen sollen? Sie ist jetzt sicher sauer auf mich. Aber ich dachte um zu wissen was sie wirklich noch fühlt war es am besten sie ins offene Messer laufen zu lassen.‘
Ihre Freundin schaut noch immer an die Decke. Dann hält sie sich die Hand an die Kette und nimmt den Hut ab.
‚Karl, so war das jetzt nicht geplant. Ich wollte dich besuchen und es dir in aller Ruhe erzählen. Und nun? Nun bist du mir zuvorgekommen. Was mache ich denn jetzt nur?‘
Dann schaut sie auf den Anhänger und betrachtet ihr Armband, liest die Inschrift und lächelt glücklich.
‚Kojiro…gib mir Kraft. Ich weiß gar nicht was er jetzt für ein Mensch ist. Wir werden uns alle sehr verändert haben. Laut Genzo hat er auch ein ganz anderes Leben als wir beide.‘
Dann schaut sie ernst zu Andrea.
„Du hast es echt drauf mir heute meinen Tag kompliziert zu machen. Wieso sagst du mir das nicht vorhin am Telefon?“
Andrea antwortet nachdenklich.
„Naja, ich wollte ehrlichgesagt deine Reaktion einfangen. Tut mir leid. Aber ein unerwartetes Treffen ist immer am ehrlichsten.“
Tina ist erstaunt über ihr Argument.
„Du hast Recht. Aber der Tag war eh schon so stressig. Ich war froh endlich wieder klar denken zu können und nun geht alles schneller als ich es gedacht hätte. Nun gut. So ist es heute Abend wenigstens wirklich fast alles geklärt.“, lächelt sie nachdenklich.
„Fast alles? Was müsst ihr denn noch klären? Deine Familie?“
Tina schüttelt den Kopf.
„Das machen wir im Urlaub, mein Team muss es noch wissen. Das ist jetzt nur die falsche Reihenfolge.“
Tina Stellt sich selbstsicher vor sie. „Machst du mir einen Kaffee? Ich kann echt noch einen gebrauchen.“
Dann öffnet sie die Tür und betritt lächelnd das Büro.
„Karl-Heinz, ich möchte einen Kaffee, möchtest du auch einen haben? Mit Keksen eventuell?“
Karl steht inzwischen wieder am Fenster und schaut raus. „Gerne, danke.“, antwortet er etwas angespannt. Andrea steht direkt hinter Tina.
„Kann ich euch dann alleine lassen?“, fragt sie Tina. „Natürlich, mach Pause.“
Sie schließt die Tür und holt den Kaffee.
Tinas Puls steigt etwas an und sie etwas irritiert, dass er plötzlich nur am Fenster steht, rausschaut und trocken antwortet, statt sie anzusehen. Es ist ganz still und niemand traut sich so richtig etwas zu sagen.
„Sorry, dass ich dich eben habe nochmal warten lassen.“ Sie steht etwas unschlüssig vor dem Schreibtisch und sieht ihn nur nachdenklich an.
Er reagiert gar nicht und schaut nur raus.
‚Macht er jetzt einen auf bockig oder was soll das? Er ist doch hergekommen, ich dachte er fängt an mich auszufragen was los war und wieso ich mich nicht verabschiedet habe oder sowas. Aber nein, er ignoriert mich.‘
Gnatzig faucht Tina ihn an.
„Also wenn du mit mir deine Psychospielchen spielen willst, dann gehe ich wieder und du kannst dir deine Antworten selbst ausdenken!“ Dann geht sie langsam auf die Tür zu. Als sie die Klinke berührt kommt plötzlich eine Reaktion.
„Warum Tina, warum konntest du es mir nicht sagen?“, spricht er ruhig, richtet sich auf und sieht zu ihr.
Tina bleibt stehen. Sie wundert sich. Was meint er denn? Weiß er es etwa schon?
Sie dreht sich zu ihm um und sieht ihn fragend an.
„Warum konntest du mir nicht sagen was mit Stephan passiert ist?! Ich war doch kein Kind mehr! Glaubst du wirklich ich hätte das nicht verkraftet?!“, wirft er ihr an den Kopf. Sein Ton ist nicht laut, aber vorwurfsvoll.
„Woher weißt du es?“, fragt sie leise. Er schaut etwas ernster.
„Das hat mir vorhin dein Ex brühwarm an den Kopf geworfen. Sehr feinfühlig der Herr. Ich wusste gar nicht, dass du auf muskelbepackte Schlägertypen stehst.
Dass du überhaupt hier in einer Muckibude arbeitest sieht dir gar nicht ähnlich. Stellst dich hier so zur Schau und lockst die Kundschaft mit deinem Ruhm und deinen neuen Reizen an, damit es läuft? Und sowas lässt dieser Mann auch noch zu und steht daneben, während dich die Kerle anschmachten?“
Er geht zu ihr und stellt sich direkt vor sie. Dann betrachtet er sie und sieht ihr direkt in die Augen.
‚Diese Augen, wie wunderschön du doch bist, Tina. Du hast gar keine Vorstellung davon, was du mir noch immer bedeutest und wie weh es tut dich auf diesen Bildern zu sehen. Die Vorstellung alleine wie dich irgendwelche Typen ansehen und was sie eventuell denken könnten. Gar nicht auszudenken, wenn dich einer von denen anfassen würde.‘
Plötzlich berührt er sanft ihren linken Arm mit der Rückseite seiner Finger und geht langsam um sie herum, um sie ganz genau zu mustern. Wie versteinert steht sie da und spürt seine warme Hand, wie sie mit seiner Bewegung zusammen einmal um sie herumstreicht. Über ihren Nacken und dann bis zur anderen Schulterseite. Tina schließt die Augen. Für sie fühlt sich diese kleine Berührung zwar nicht unangenehm aber seltsam an. Es ist einerseits wie eine alte Vertrautheit aber andererseits passt es irgendwie nicht mehr in ihr Muster, wie sich seine Berührungen damals angefühlt haben. Es kommt nicht einmal die Erinnerung in ihr auf wie sie sich in ihrer kurzen Zweisamkeit sehr nahe waren. Es kommt ihr eher vor, als würde sie einfach nur ein alter vertrauter Freund berühren, ohne weiter eine Emotion dabei zu fühlen. Vielleicht ähnlich als würde Genzo sie begrüßen und dabei umarmen.
‚Tina, was ist mit deinem Rücken? Du bist ja verletzt. Aktuell dürften doch keine Spiele sein, wie kann das dann möglich sein?‘ Er fasst ganz vorsichtig an einer Stelle an, wo kein Tape ist. Dann fallen ihm die Narben auf. Zwei größere kommen ihm noch bekannt vor. Er berührt sie sanft.
„Die sind ja noch zu sehen.“, spricht er ganz leise und wehmütig. Die anderen Spuren kann er nicht zuordnen.
‚Was ist nur passiert? Was haben dir die Typen angetan, die euch überfallen haben? Das sieht ja furchtbar aus.‘ Dann schaut er an ihren Hals, denn auch die Kette glänzt mit einer Gravur.
‚Oha, 18er Karat Weißgold. Sowas edles kauft sie sich bestimmt nicht selbst. Ich dachte vorhin noch es sei billiger Modeschmuck, bis ich die kleinen Steinchen eben bemerkt habe. So funkelt kein Glas oder Swarovski.‘ Dann steht er wieder vor ihr, ganz nah, so dass sie seinen Atem spüren kann als er ernst zu ihr herabschaut.
„Hübscher Schmuck. Passend zur Spange deiner Mutter.
Immerhin hat er Geschmack und lässt sich nicht lumpen. Entweder dein neuer Freund hat sein Sparbuch geplündert oder er kann es sich leisten dir Diamanten zu schenken.“, äußert er seine Gedanken leise aber mit einem seltsamen Unterton.
Plötzlich wird Tina ganz heiß, ihr Herz schlägt bis an die Decke und in ihr macht sich ein furchtbares Gefühl breit. Sie ist einfach nur geschockt. Wie spricht er denn mit ihr? Warum beleidigt er Martin und sie? Dann macht er ihre ganze Arbeit hier so nieder und überhaupt? Warum schaut er sie an als würde sie eine Wachsfigur ohne Lebensinhalt sein?
Und was sollte die Bemerkung zu Kojiros Schmuck? Was geht es ihm denn an was er sachlich wert ist? Ihr ist völlig klar, dass es ihm um die Form und die Schlichtheit geht, damit der Schmuck zu allem passt was sie tragen möchte. Natürlich sucht er für seine Verhältnisse dann keinen billigen Modeschmuck aus, aber auch diesen hätte sie genauso geliebt. Genauso wie damals mit Karl-Heinz seiner Haarspange. Was hat sie mit ihm geschimpft, dass er plötzlich sein ganzes Erspartes für eine Goldspange ausgab statt wie andere in seinem Alter nur in eine normale Modeschmuckabteilung zu gehen und dort eine Spange zu kaufen. Aber nein, es konnte ja nichts Einfaches sein.
Was um alles in der Welt ist denn nur in ihn gefahren? Hat Genzo wirklich Recht? Ist er wirklich schon lange nicht mehr der Karl, den sie alle kannten? Stark, ehrgeizig, hingebungsvoll, gerissen und stolz auf dem Rasen, aber liebevoll, mitfühlend, zuverlässig, respektvoll und sensibel außerhalb des Sports? Hat er sich in den Jahren so sehr verändert, dass er nur noch eine Seite kennt? Er liebte immer den Ruhm, ja und träumte auch von dem Erfolg und natürlich dem Geld und teuren Autos, aber niemals hätte sie sich vorstellen können, dass es seine Persönlichkeit derart verändern könnte. Sie wollte Genzo nicht glauben, dass er den Kontakt zu seinen Freunden abgebrochen hat und nur noch sein Ding durchzieht. Immerhin hat sie sich doch damals als Jugendliche unsterblich in ihn verliebt? Sie hatte doch plötzlich das Gefühl nicht mehr ohne seine Anwesenheit sein zu wollen. Bevor sie ihn kennenlernte gab es nur drei Menschen im Leben, die sie nie hätte loslassen können. Das war ihre Familie, Eltern und Bruder. Ihre Bindung war zu eng durch die lange und schöne gemeinsame Zeit am Meer. Die unvergessliche frühe Kindheit mit Spiel, Spaß und ganz viel Freiheitsgefühl. Sie kannte doch nichts anderes bis sie in die Schule kam und sich gegen die anderen Kinder durchsetzen musste. Auch die Anfänge im Fußballverein waren wahnsinnig schwer. Plötzlich musste sie lernen ohne ihren Bruder klarzukommen und mit fremden Kindern spielen. Ohne ihn zu spielen und dann waren es alles Mädchen, die sie dann auslachten, weil sie viel zu schnell lief und ihrer Ausdauer überlegen war. Wie oft haben sie gelacht, nur weil sie bei jedem Wetter auf dem Trainingsplatz auftauchte und dann vor Einsamkeit alleine trainierte. Wenn sie nicht dann plötzlich ein anderes Mädchen aus der Schule kennenlernte, die in einem anderen Verein spielte und mit ihr und ihrem Bruder dann jeden Tag abends auf dem Vereinsplatz oder am Strand war und sie zu dritt trainierten, wenn das Wetter schlecht war, wäre die Zeit nicht zu ertragen gewesen.
Und dann, dann zogen sie weg, nur damit Stephan mit seinem Talent in ein passendes Team gehen kann. Wieder neue Umgebung, ohne das Meer und den Strand. Neue Schule und neue Kinder.
Erst durch dieses Team lernte Tina wie ernsthaft der Sport sein kann. Sie wollte nicht wieder bei irgendwelchen Mädchen spielen, die sie auslachen. Sie wollte nicht in irgendeinen Verein wo Mädchen und Jungs zusammenspielen und sich dann trennen müssen, wenn sie doch eh nur mit ihrem Bruder spielen wollte. Nie wieder wollte sie ohne ihn in einen Verein. Dann lieber gar nicht. Aber dann fand sie plötzlich die Lösung. Niemals hätte sie gedacht, dass es mit anderen zusammen so viel Spaß machen kann. Die Stärke des Teams war nicht mit den anderen zu vergleichen. Genau hier wollte sie dann sein.
Und dann lernte sie Karl-Heinz näher kennen und wusste anfangs nicht warum seine Art zu spielen und seine Persönlichkeit so anziehend war.
Und nun? Nun steht er hier, beleidigt sie, schleicht um sie herum und gibt doofe Bemerkungen von sich. Sie sehen sich nach acht Jahren das erste Mal wieder, er weiß bereits, dass ihr Bruder nicht mehr bei ihnen sein kann und statt zu fragen wie es ihr überhaupt geht behandelt er sie als wäre sie sein Gegner auf dem Feld.
In diesem Moment geht die Tür auf und Andrea kommt mit dem Tablett rein. Sie stellt den Kaffee auf den Schreibtisch. Dann schaut sie sich die beiden an. Sie spürt die Spannung im Raum und deutet Tinas Blick, den sie Karl zuwirft.
„Soll ich doch lieber bleiben?“, fragt sie. Tina schüttelt den Kopf. Stattdessen reicht sie ihr die kleine Handtasche und fasst mit der rechten Hand ihre Kette an während sie mit Andrea spricht.
„Du musst mir einen Gefallen tun. Nimm meinen Hausschlüssel und hole mir etwas her. Ich hätte es mitgebracht, wenn ich es gewusst hätte. Du musst dich aber beeilen.“, spricht sie auf Japanisch und erklärt ihr kurz was sie holen soll. Andrea nimmt den Schlüssel raus, verlässt das Büro und macht sich auf dem Weg.
‚Oha, das war ja eben eine Anspannung zwischen denen. Was ist denn da inzwischen vorgefallen? So einen irritierten Blick habe ich noch nie bei ihr gesehen.‘, geht in Andrea vor während sie das Gebäude verlässt, den Schlüssel in ihre Bauchtasche legt und eine Laufrunde einlegt.
Durch Andreas Auftauchen ist Tina wieder ganz bei sich. Sie war immerhin wie versteinert und hatte das Gefühl sich weder bewegen noch äußern zu können oder zu wollen. Als sie endlich die Kette von Kojiro berühren kann wird ihr klar was sie nun tun muss, um die angespannte Situation zu lösen.
‚Kojiro, ich schaffe das. Ich weiß, du bist bei mir, ganz nah. Dass ich ausgerechnet jetzt an dich denken muss und mir die unbeschreiblichen Momente von vorhin nicht aus dem Kopf gehen sagt mir doch nur, dass wir genau das Richtige tun.‘
Sie atmet ganz tief durch. Tina weicht Karls Blick aus und schaut zum Schreibtisch auf die Tassen. Dann fällt ihr plötzlich die kaputte Vitrine auf.
‚Nanu. Wieso ist eine Scheibe weg? Und überhaupt? Die Pokale und Fotos stehen anders als sonst.‘ Sie geht langsam an den Platz wo Martin oft sitzt, betrachtet die Vitrine und schaut wo die Scherben sind. Dann entdeckt sie ein paar wenige kleine versteckt am Fuß des Tisches und des Schranks. Danach schaut sie auf den Tisch und sieht auch dort eine kleine Scherbe neben dem Locher. Sie kontrolliert den Stuhl, dort ist nichts zu sehen, also setzt sie sich hinein und schaut dann zum Kaffee, nimmt sich eine Tasse und schenkt sich Milch und Zucker ein. Sie verrührt den Zucker mit der Milch und legt den Löffel auf die Untertasse.
Erst dann schaut sie zu Karl auf, welcher fast direkt vor dem Tisch steht und sie verwundert beobachtet.
‚Was wird das jetzt? Ich dachte sie schreit mich nach meiner Aktion eben an und sagt mir ihre Meinung. Das war doch immer so. Aber nein, stattdessen weicht sie mir aus und ignoriert mich. Eben dachte ich noch sie freut sich etwas mich zu sehen.‘
Tina betrachtet den Mann vor ihr. Sie lehnt sich zurück, schlägt die Beine elegant übereinander und hält ihre Tasse in den Händen.
‚Karl-Heinz, was ist nur passiert? Wieso bist du so anders als früher? Ist das meine Schuld? Aber wenn du mich noch so mögen würdest wie damals, dann hättest du mich nicht so empfangen. Auch nicht, wenn du übermüdet bist. Wie oft haben wir uns nach dem Training getroffen und auch da warst du müde und niemals unerträglich oder gereizt oder beleidigend. Überhaupt. Jemanden beleidigen war gar nicht dein Ding. Du hast deine Gegner immer ohne Beleidigungen provozieren können. Du hast sie einfach mit deiner Stärke überrascht und überrumpelt und dadurch eingeschüchtert oder angestachelt. Aber du hättest niemals jemanden beleidigt oder persönlich angegriffen.‘
Sie nimmt einen Schluck und behält ihn im Auge.
‚Wieso macht sie das? Warum sieht sie mich nur an und sagt gar nichts? Ich bin doch nicht hier, damit wir uns nur anschweigen.‘
Dann stellt er sich provokativ vor sie, verschränkt die Arme und schaut zu ihr herab.
„Was soll das jetzt? Wieso sagst du nichts?“, murrt er sie an.
„Setz dich doch bitte. Du bist sicher müde, nach dem Flug und der langen Wartezeit hier. Und dann erzählst du mir erstmal wie es dir geht und warum du hier bist.“, entgegnet sie verständnisvoll und versucht eine normale Gesprächsbasis aufzubauen.
„Ich stehe gerne.
Wie soll es mir schon gehen? Ich bin hier um zu erfahren was damals wirklich passiert ist. Warum ihr plötzlich weg wart und euch nie gemeldet habt.“, spricht er ernst. Tina lächelt ihn an.
„Immerhin etwas. Ich werde dir die Fragen gerne beantworten, wenn du mir erstmal die wichtigste Frage überhaupt stellst. Ich dachte in meiner Vorstellung, dass es deine erste Frage sein würde, aber Fehler meinerseits.“, spricht sie ruhig.
„Welche meinst du?“, wundert er sich.
„Da musst du ganz alleine draufkommen. Tut mir leid.“ Dann stellt sie die Tasse mit der Untertasse auf den Tisch und bemerkt einen roten seltsamen Fleck auf einem Notizzettel.
‚Was ist das denn? Sieht aus wie Blut.‘ Sie schaut sich in der Umgebung genauer um und entdeckt noch weitere kleine halbrundliche Flecken und eine kleine Spur auf dem Tisch. Als hätte ein Blatt darauf gelegen.
„Es ist ja schlimmer als ich dachte. Was hast du gemacht, dass sich Martin derart aufregt und hier die Vitrine kaputt geht? Und dann hat er dir von Stephan schon erzählt? Was hat er denn noch alles erzählt? Du musst ihn ja echt doll provoziert haben.“ Karl sieht zur Seite.
„Das stimmt. Ich habe ja nicht gewusst, dass ihn meine Worte tatsächlich so sehr verletzen würden, dass er wirklich ausholt. Tut mir leid.“
Tina sieht ihn entsetzt an.
„Er hat was? Niemals!“ Sie versucht sich die Situation auszumahlen und stößt auf ein wichtiges Detail. Karl sieht unversehrt aus. Dann greift sie zum Handy und ruft Andrea an. Diese geht umgehend ran.
„Ja, bin gerade rein. Was soll ich noch mitbringen?“
„Nichts, nur das eine. Sag mal, was war hier los? Die Vitrine ist kaputt und auf dem Tisch sind Blutflecken?“
Andrea erklärt kurz was passiert ist und legt dann auf. Dann geht sie wie abgesprochen ins obere Bad und öffnet die Schmuckschatulle.
‚Was ist da denn eingewickelt, dass es jetzt so wichtig ist?‘ Dann versucht sie es zu ertasten und erkennt es plötzlich.
‚Die goldene Haarspange. Aber ja, sie hat seit gut einer Woche nur noch die silberne getragen. Die kenne ich eigentlich gar nicht. War die goldene etwa von diesem Karl-Heinz? Trägt sie die wegen Kojiro nicht mehr?‘, gehen ihr einige Gedanken durch den Kopf und sie schließt die Schatulle wieder. In diesem Moment fällt ihr auf, dass es in der Dusche noch nass ist und es frisch nach Duschbad riecht.
‚Hm, sie hat ja erwähnt, dass sie noch zu Hause waren.‘ Sie bemerkt nun auch, dass es auch zwei Zahnputzbecher gibt und mehr Handtücher als gewöhnlich. Als sie das Bad verlässt fällt ihr die offene Schlafzimmertür auf. Irgendwie kann sie es sich nicht verkneifen und schaut hinein.
‚Seltsam. Martin erzählte mir mal, er habe nie bei ihr geschlafen. Aber Kojiro…er ist hier bei ihr. Das Bett ist zwar benutzt, aber auch für zwei gemacht. Wenn er nicht hier übernachten würde, wäre das doch unnötig. Außerdem ist sonst immer nur eine Seite gemacht und alles ordentlich. Wie oft ist er denn dann hier? Die kennen sich doch noch gar nicht so lange. Wohnt er nicht bei seiner Mutter, wenn er hier Urlaub macht? Wir sind auch erst vor zwei Monaten zusammengezogen.‘
Neugierig schaut sie sich um und entdeckt die frisch gewaschenen Trikots auf dem Bügel. Sie hängen etwas klamm aber nicht mehr nass am Buttler. Das Blaue von ihm und Tinas altes aus der Musashi in Gelb. Dann sieht sie Kojiros Rucksack neben dem Schrank sehen.
‚Ist das etwa seiner? Hat er echt sein Zeug hier bei ihr?‘ Ihre Hand berührt zögernd den Schiebeschrank, dann öffnet sie ihn und ist verwundert. Die Seite ist leergeräumt und nur noch ein paar wenige Dinge sind da und das sind definitiv nicht die alten Sachen von Tinas Vater. Der Anzug, Hemd und Hose und das zweite blaue Trikot fallen gleich ins Auge. Dann schließt sie die Seite wieder. Nun ist es sehr eindeutig was die beiden füreinander empfinden. Wenn sie das gewusst hätte, dass er schon bei ihr ist und sogar seine Sachen im Schrank hängen hätte sie niemals die Situation im Büro falsch verstanden. Wenn man nach kurzer Zeit den Rest des Urlaubs nur noch miteinander zu verbringen versucht, muss es wirklich etwas ganz Besonderes sein, was sie füreinander fühlen.
Vielleicht ist es auch ein kleiner Test, ob sie zusammenleben könnten.
Auf dem Weg die Treppe runter fallen ihr die Familienfotos an der Wand auf. Auch ein kleines Foto von Tina und ihrem Bruder fällt ihr diesmal besonders aus. Jetzt kommt es ihr bekannt vor. Es ist das gleiche Foto was Karl ihr gezeigt hatte. Nur, dass es ein Ausschnitt davon ist wo sie neben Stephan steht und die anderen drei wie weggeschnitten sind. Die Hände sind nur noch zu erkennen. Sie bleibt stehen und sieht es sich genauer an. Und tatsächlich. Es ist nicht abgeschnitten, sondern an beiden Seiten nur nach hinten geklappt. Dann geht sie weiter.
Ein kurzer Blick in die Küche verrät ihr, dass tatsächlich noch ein Kaffee getrunken wurde. Sie geht kurz hin und der Kaffeegrund ist tatsächlich noch ein ganz klein wenig warm.
Die Tassen stehen auf dem Tisch im Wohnzimmer.
Auch dort ist die Tür offen und auf dem Sofa liegt eine Kuscheldecke.
„Seltsam. Es ist gar nicht ihre Art das Haus so durcheinander zu verlassen. Hatten die beiden es dann plötzlich so eilig?“
Nun geht sie zur Tür und stolpert beinahe über den Beutel und den Ball, weil sie sich kein Licht angemacht hat. Sie drückt auf den Lichtschalter und hebt den Ball dann auf.
„Meine Güte. Was macht der denn hier?“ Sie schaut ihn sich an und entdeckt die Schrift.
‚Nanu? Was ist das denn?‘ Sie kann es natürlich nicht übersetzen, auch wenn sie eins zwei Wörter erkennt. Also nimmt sie ihr Handy und schreibt den Satz ins Notizbuch. Sie greift den Schlüssel von der Kommode, wundert sich noch wieso die Deko so seltsam verschoben ist und dann macht sie sich endlich auf den Weg zurück ins Studio. Beim Joggen auf dem Rückweg grinst sie etwas vor sich hin.
‚Die beiden sind wirklich lustig. Tina sagte mir am Telefon, ihr wäre noch etwas sehr Wichtiges dazwischengekommen. Von wegen Arbeiten. Am Telefon klang sie extrem angespannt. Irgendwas muss bei ihrem Vorhaben gewesen sein oder war es einfach nur für beide so angespannt, dass sie danach eine Auszeit brauchten? Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht leicht war, zuerst das Spiel, dann das Programm vorstellen und danach dem Team und den Trainern von sich zu erzählen. Ich kann mir vorstellen, dass es beide sehr schwerfiel. Immerhin ist so eine Ankündigung ja auch sehr festlegend. Sie müssen sich schon sehr sicher sein was sie wirklich wollen, wenn man das verkündet.‘
Zeitgleich greift Karl nachdenklich zu seiner Kaffeetasse. Es herrschte etwa zehn Minuten lang Stille und beide starrten sich nur an.
„Sag endlich mal was du von mir hören willst!“, murrt er sie plötzlich an und nimmt dann ein paar Schlucke.
„Nun gut, du willst es ja nicht anders.“, spricht sie leise, dann steht sie zornig auf und geigt ihm ihre Meinung.
„Karl-Heinz Schneider! Was fällt dir überhaupt ein über Leute zu urteilen die du gar nicht kennst!?
Du tauchst hier einfach aus dem Nichts auf und gehst Martin so derart an, als hätte er was Schlimmes getan. Ich will lieber nicht wissen was du ihm alles an den Kopf geworfen hast, dass er dir eine reinhauen wollte. Das muss ja extrem gewesen sein, denn er hat noch nie seine Beherrschung verloren. Er würde sich niemals prügeln oder als erstes zuschlagen. Du kannst von Glück reden, dass Andrea da war.“ Dann kommt sie hinter dem Schreibtisch vor und stellt sich etwa zwei Meter von ihm entfernt vor die Tür.
„Ich habe mir die erste Begegnung mit dir ganz anders vorgestellt, aber bestimmt nicht so!“, murrt sie und sieht ihn an als würde sie ihn als Gegner herausfordern.
Er setzt auch einen ernsten Blick auf.
„Was hast du denn erwartet? Ich bin hier um zu wissen was los war und um zu wissen wie es dir bzw. euch geht und ob du mich vergessen hast und dann erfahre ich, dass du jemanden hast. Und was soll der Spruch überhaupt heißen, ich käme nicht gegen ihn an? Was bildet sich dieser Mann überhaupt ein, zu behaupten, dass ich dir nicht mehr wichtig sei? Woher will er das denn wissen?“, spricht er laut und verzweifelt. Er sieht ihr in die Augen und hält krampfhaft mit beiden Händen seine Tasse und Untertasse fest.
„Karl, mehr wollte ich doch gar nicht. Du hast mich nicht gefragt wie es mir geht. Ist das nicht das was du eigentlich wissen willst?“, spricht sie plötzlich ganz ruhig.
Er sieht sie irritiert an.
‚Das war es? Ich sollte nur fragen wie es ihr geht? Mehr wollte sie gar nicht?‘
„Und? Wie geht es dir?“, fragt er dann ruhig und nachdenklich.
Sie lächelt ihn glücklich an und hält ihre Hände.
„Karl, im Moment bin ich unwahrscheinlich glücklich. Ich weiß, dass es dir nicht gefallen wird, aber…das erste Mal in meinem Leben fühle ich mich ungezwungen, kann endlich mit all den ganzen alten Dingen abschließen und leben. Immer musste ich irgendwas verbergen oder meine Gefühle unterdrücken und auch hier habe ich mich vor meiner Angst versteckt, damit mir niemand meine Stärke nehmen kann. Aber das ist jetzt alles vorbei.
Und das du heute hier bist, war nicht geplant, aber so kann ich auch dir endlich sagen was los war und was nun ist.
Ich wollte nicht, dass du es nebenbei erfährst. Ich…ich wollte es dir persönlich sagen, aber die Zeit war bisher zu kurz und ich kann nicht so schnell hier weg.
Deswegen wollte ich es dir in meinem Jahresurlaub sagen, wenn ich in Deutschland bin. Ich hätte schon einen Weg gefunden dich zu kontaktieren. Aber nun bist du hier.“, erklärt sie gefühlvoll und holt dann nochmal Luft.
„Aber dann tauchst du hier auf, beleidigst mich und auch meine Freunde, machst unsere ganze Arbeit schlecht und siehst mich an wie eine Schaufensterpuppe und machst dumme Kommentare.“
‚Tina, du bist glücklich? Du bist glücklich obwohl du deinen Bruder und deine Eltern verloren hast? Wie kannst du dann glücklich sein?‘
Sie fasst ihre Kette zärtlich an und sieht ihm in die Augen.
„Karl, auch deine Bemerkung zum Schmuck war verletzend. Du weißt doch genau, dass ich gar keinen Wert auf materielle Dinge lege. Es ist doch immer nur wichtig von wem etwas kommt und was es bedeutet.
Statt dich darüber auszulassen wieviel es eventuell wert ist habe ich eher erwartet du fragst mich bei deinem Rundgang nach meinen Narben, weil du dir Sorgen machst was gewesen sein könnte. Aber nein, du interessierst dich ja nur noch für deine eigenen Gefühle und dein eigenes Leben. Du hast sie sicher bemerkt aber stattdessen kommentierst du nur was dich als Person betrifft.
Und ja, natürlich sind die Pfostenaktionen nicht weg. Was erwartest du denn bei deinen Bällen? Hast du mal Genzo gesehen?
Ich bin einfach nur schockiert. Als du mich vorhin so angegangen bist stand ich richtig unter Schock und konnte vor Entsetzen nichts sagen oder mich bewegen. Weißt du wieso?“ Er steht etwas benommen vor ihr und schüttelt nur den Kopf. „Weil du deine Menschlichkeit verloren hast, Karl! Wo ist denn der alte Karl nur hin? Du musst doch vor mir nicht den Starken machen. Das hast du doch früher auch nicht.
Ich habe immer gedacht du heulst dir die Augen aus, wenn du von Stephan erfährst und wenn dir bewusstwird, dass es Fußballfans waren, die ihn zusammenschlugen und auch nicht damit aufhörten als er schon am Boden lag. Karl, sie hielten mich fest und richteten meinen Kopf in seine Richtung, damit ich es sehen musste. Meinst du wirklich das hättest du verkraftet; kurz vor deinem Transfer, mitten in der Scheidungsphase deiner Eltern und kurz nach Marias fast tödlichen Unfall? Glaubst du das wirklich?
Genzo und ich haben entschieden dich deinen Weg gehen zu lassen, sorgenfrei. Keine zusätzlichen Sorgen und keine Skandale über das Team und die Trainer. Denn wenn erst jemand von mir erfahren hätte, hätte sich die ganze Presse darauf gestürzt. Der Mega-Transfer mit Schattenseite. Wolltest du das etwa?
Zu gehen, das war die beste Lösung.“
Es ist ganz still und Karl-Heinz sieht noch immer starr zu ihr und versucht ihr in die Augen zu sehen. Seine Hände halten die halbvolle Tasse und die Untertasse krampfhaft fest und er hat auf einmal das Gefühl keine Kraft mehr zu haben.
„Stephan…warum nur?“, haucht er nur noch aus und plötzlich zittern seine Hände und das Porzellan klappert.
„Karl.“, vermerkt Tina die Situation, geht zu fix ihm, nimmt mit der rechten Hand schnell das Geschirr und stellt es auf den Schreibtisch. Dann richtet sie den Stuhl in seine Richtung, doch es ist schon zu spät. Genau in dem Moment beugt er sich zu ihr runter, nimmt sie in die Arme und fängt an zu weinen.
„Warum nur? Warum er? Wie konnten sie ihm das antun, Tina? Er hat doch niemanden etwas getan. Er war immer nur freundlich und hilfsbereit und ein guter Zuhörer. Wieso er?“, schluchzt er verzweifelt. Er hat noch immer das Gefühl, das ihn seine Kraft verliert, er kann sich kaum noch auf den Beinen halten und stützt sich krampfhaft auf Tina fest. Es macht sich neben der langen Wartezeit, der Anspannung und über 30h Wachsein die Müdigkeit bemerkbar.
‚Du meine Güte. Das ist doch keine Umarmung mehr. Wie lange ist er denn schon wach, dass er nicht mehr stehen kann?‘
Sie hat Schwierigkeiten ihn festzuhalten. Tina möchte ungern mit einer falschen Bewegung oder Berührung falsche Hoffnungen wecken.
Genau in diesem Moment klopft es an der Tür und Andrea kommt herein.
Sie blickt natürlich nicht schlecht als sie die beiden so sieht.
„Komm schnell und hilf mir! Stell den Stuhl zu ihm.“, macht sie fix eine Ansage und Andrea ist natürlich sofort zur Stelle und hilft ihr Karl auf den Stuhl zu setzen. Tina räumt den Tisch schnell frei und schiebt ihn zu ihm, damit er ihn als Stütze nutzen kann.
„Was ist passiert?“, flüstert Andrea. „Erzähle ich später. Leg die Spange und den Schlüssel bitte in meine Tasche und dann gehst du erstmalwieder. Bitte sei so lieb und bereite sicherheitshalber den Ruheraum vor.“
Dann verlässt sie den Raum wieder.
Erinnerungen II
Kapitel 62
Erinnerungen II
Vor der Tür bleibt Andrea nachdenklich stehen.
‚Was war das denn eben für eine seltsame Situation? Nicht auszudenken was Kojiro in diesem Moment gedacht hätte. Hätte er es auch falsch verstanden, wie ich bei Martin?
Dieser Mann war eindeutig völlig übermüdet. Er hatte auch Tränen in den Augen. Ob sie ihm eben von ihrem Bruder erzählt hat? Martin hatte es ihm einfach so an den Kopf geknallt, dass er vermutlich gar nicht richtig darüber nachdenken konnte. Immerhin sollen sie doch sehr gut befreundet gewesen sein.
Vielleicht ist Tina die Einzige, die es schafft ihn zum Weinen zu bringen? War sie eventuell damals in ihrer Jugend sein Ruhepol?‘
Etwa eine halbe Stunde zuvor klingelt Genzos Handy. Es hat zuvor wegen einer Nachricht gepiepst und Genzo wollte sich bei seinem Gespräch mit Jun nicht stören lassen, aber diesmal ruft jemand an. Genzo stellt seinen Kaffee ab und schaut genervt aufs Display.
‚Oha, Kojiro. Wieso ruft er an?‘, wundert er sich und geht natürlich ran.
„Da du nicht antwortest rufe ich an.“, murrt Kojiro in den Hörer. Er ist natürlich etwas angespannt.
„Was gibt es denn? Willst du wissen was wir noch besprochen haben?“, entgegnet Genzo etwas gereizt zurück.
„Ich sollte mich melden, wenn Schneider auftaucht.“, brummt er ernst.
„Was? Wie jetzt? Ist er etwa jetzt da? Ich komme sofort. Wo seid ihr?“, springt er sofort auf.
„Bei Martin im Studio. Komme aber zum Empfang. Du brauchst eh ne Weile, oder wo bist du?“
„Bei Tina im Lokal. Ich sitze hier mit Jun und wir haben was gegessen.“
„Oh, entscheide selbst ob er es wissen soll. Macht wie ihr denkt, aber nehmt den Zug, mit Auto dauert es zu lange. Jetzt ist Rush Hour.“ Dann legt er auf.
Jun schaut nur erstaunt zu Genzo und wundert sich über seine Reaktion.
„Was ist los? Wer war das?“
„Das war Kojiro. Ich muss los.“, sagt er noch etwas irritiert.
„Was ist denn so dringend? Ihr habt doch jetzt alles geklärt. Ich bin eher erstaunt, dass ihr eure Nummern ausgetauscht habt.“
‚Ob ich es ihm sage? Warum eigentlich nicht? Immerhin ist er auch seit Jahren ihr Freund, so wie ich und Tsubasa. Nicht nur Tinas Freund, auch Kojiros Freund.‘
„Ein alter Freund aus Deutschland ist aufgetaucht. Kojiro sollte mich umgehend informieren, wenn er da sein sollte.“ Jun schaut nur verwundert.
„Wer denn?“ Genzo flüstert ihn ins Ohr, damit es weder Anja noch die Frau am Tresen sitzend hören kann.
„Schneider.“ Er ist verwundert.
„Schneider? Wieso sollte der hier auftauchen? Du verwirrst mich. Ja, ihr wart Freunde, aber warum sollte er herkommen wollen?“ Genzo wartet bis Anja wieder unterwegs zum Gast ist.
„Sei nicht so laut.
Sagen wir es so, ja, wir waren alle Freunde, aber kurz vor Stephans Tod waren die beiden kurz zusammen. Also Tina und er.“, flüstert er.
Jun ist total geplättet. „Du nimmst mich auf den Arm. Tina und Schneider?“ Er überlegt kurz. „Jetzt ergibt das alles einen Sinn. Sie sagte damals, sie hätte vor dem Überfall Fußballer gemocht und war sogar in einen verliebt. Dann war er das?“ Genzo nickt. Anja kommt zum Tresen zurück.
„Anja, kannst du unsere Rechnung über Tina abrechnen? Ich zahle ihr das gleich in Bar. Wir müssen zu ihr und haben es eilig.“
„Klaro. Dann hat sie eben angerufen?“
„Nein, Kojiro. Bist du so lieb und bringst noch den Koffer ins Büro? Es eilt wirklich sehr.“, erklärt Genzo ernst aber freundlich.
Jun steht auch auf, greift zur Aktentasche und beide verlassen mit heruntergelassenem Basecap und Kapuze das Lokal.
Kurz danach erhebt sich der Kopf der Blondine am Tresen. Sie sitzt schon seit gut drei Stunden dort und wartet nun auf ihr Abendessen. Sie wollte nicht alleine an einem Tisch sitzen und gesellte sich daher an den Tresen zum Personal. Dann vor gut einer Stunde kamen die beiden Männer an den Tresen und ihr kamen die Gesichter irgendwie bekannt vor.
‚Jetzt bin ich sicher. Das war Wakabayashi und einer aus seinem Team. Natürlich. Jetzt bin ich etwas verwundert. Haben die beiden eben in ihrem Gespräch etwa über Karl-Heinz und Tina geredet? Wie kann das sein? Tina? Meinen die etwas Bettina?
Woher kennen die sich denn? Bei Genzo verstehe ich das ja, aber wieso wird er von jemanden angerufen? Hat er eben etwa die Info bekommen, dass Karl-Heinz da ist? Vor allem, wieso weiß diese Kellnerin etwas davon? Die weiß genau wer die beiden hier eben war und wer angerufen hat. Seltsam ist auch wieso sie nicht bezahlt haben. Irgendwie passt das nicht zusammen.‘
Sie beobachtet Anja unauffällig wie sie an die Kasse geht, etwas eingibt, zwei Bons drucken lässt und dann kurz in die Küche geht. Dann taucht sie wieder auf und hält die beiden Bons in der Hand. Inzwischen kommt der junge Mann wieder an den Tresen, nutzt ebenso die Kasse und macht dann eine Getränkebestellung fertig. Anja nimmt ein kleines Buch aus der Schublade, greift den Tacker und tackert die beiden Bons hinein. Carsten verlässt wieder den Tresen und bringt die Getränke an den Tisch und so hat Anna einen guten Blick zu Anjas Notizen.
„Wakabayashi, Misugi, Geschäftsabrechnung Bettina Fuchs. Storno. Barzahlung“, kann sie von weitem lesen. Zum Glück schreibt sie es in Deutsch auf.
‚Habe ich mich also nicht geirrt. Aber wieso Geschäftsessen? Waren die nicht privat hier? Und wieso schreibt sie es auf? Wieso können die das einfach auf ihren Namen abrechnen lassen? Was hat diese Volleyballerin denn mit dieser Gaststätte zu tun?‘
Sie spricht Anja freundlich auf Deutsch an.
„Entschuldigung, kann ich noch einen schwarzen Tee haben?“
„Gerne doch. Wieder mit Honig und Milch?“, entgegnet sie freundlich.
Anna nickt lächelnd.
Anja stellt das neue Glas auf den Tresen und macht den Tee fertig. Unterdessen kommt Roland aus der Küche, schaut zur Gästeseite des Tresens und spricht Anja verwundert an.
„Sag mal, wo sind die beide hin? Wollten sie deswegen keinen Nachtisch?“
Anja spricht in Französisch mit ihm, damit auch ja niemand etwas mitbekommt.
„Genzo hat einen Anruf von Kojiro bekommen und dann sind die beiden sofort los.“ Roland schaut nicht schlecht.
„Was genau hat er denn gesagt? Also wieso müssen sie sofort los?“, hakt er nach.
„Keine Ahnung, irgendwer scheint in Martins Studio zu sein und deswegen müssen sie los. Sie sind jetzt also auf den Weg ins Center.“, meint sie nur locker.
Roland grinst plötzlich.
„Oha, na wenn es die Person ist, die ich gerade vermute wird es heute Abend noch sehr spannend für die beiden.“, murmelt er leise.
Anja sieht ihn nur verwundert an.
„Wovon redest du denn? Wer soll der Besucher denn sein?“ Roland greift in die Schublade und holt sein Handy raus. Er schickt Genzo eine SMS. Kurz darauf bekommt er auch schon eine Antwort.
„Tatsächlich. Ausgerechnet heute. Na hoffentlich behalten beide ihre Nerven. Der Tag war schon aufregend genug.“, spricht er leise.
„Man ey, kannst du mir vielleicht mal sagen was los ist? Wieso weißt du eigentlich so gut Bescheid? Ich bin schon erstaunt, dass ihr überhaupt wieder so dicke miteinander seid. Du hast dich doch mit Tina in den letzten Monaten nur noch gezofft oder ihr habt euch ignoriert. Das habe ich eh nicht verstanden. Und jetzt auf einmal will sie ihr ganzes Konzept hier umstellen und dann sowas. Vorgestern war es schon so komisch, als diese Franzosen da waren. Zweimal verkrümelt sie sich mit Kojiro in der Bäckerei und dann diese Diskussion in der Küche.“ Roland schaut sie verwundert an.
„Du hast das glaube heute Mittag nicht ganz so verstanden, als ich euch allen etwas Wichtiges sagte. Du warst sowieso ein wenig neben der Spur. Schon seit ein paar Tagen. Wir sehen uns aktuell auch nur noch hier.“, spricht er ruhig.
Anja stellt den Tee zum Gast am Tresen und nimmt sich dann ein Glas und das Handtuch zum Polieren.
„Sorry, ich freue mich ja für die beiden, sie passen so gut zusammen, aber ich habe im Moment echt viel um die Ohren. Tut mir leid, wenn ich dann nicht immer so ganz da bin.“, sagt sie betrübt.
„Hm, aber, dass Tina Japan verlassen will und die Gaststätte abgeben möchte, das hast du schon verstanden, oder?“
„Wie? Uns verlassen? Das Lokal abgeben?“
Vor Schreck stößt sie mit dem Glas gegen den Zapfhahn und es zerspringt auf dem Tresen.
„Aber, was ist dann mit uns? Sie hat doch damals extra das Studium sausen lassen damit wir nicht auf der Straße landen und nun? Wenn das Lokal weg ist, was wird dann aus uns? Was mache ich denn ohne den Job hier? Ich…“ Sie hält sich plötzlich krampfhaft am Tresen fest und starrt ihn an.
„Mich will doch hier kein Anderer haben, wo soll ich denn hin? Und dann mit einem kranken Kind? Wie soll ich denn das alles bezahlen? Sie ist doch die Einzige, die vernünftig bezahlt und Verständnis hätte, wenn ich ständig ins Krankenhaus muss? Roland? Was soll denn da werden?“
„Was meinst du mit krankem Kind? Deine Kinder sind doch gesund.“, ist er irritiert. Sie sieht plötzlich verzweifelt zu ihm auf und schüttelt den Kopf.
„Yvonne…sie hat Krebs und muss…operiert werden und die Nachsorge, …wie soll ich das alles ohne Job bezahlen? Mich stellt doch…keiner mehr ein mit krankem Kind?“ Rolands Blick verändert sich.
‚Oh nein. Anja. Na hoffentlich geht das irgendwie gut aus. Es klingt ja nach Hoffnung, wenn der Arzt von Nachsorge redet. Mein Sohn hatte da gar keine Chance mehr. Das ging alles derart schnell.‘ Er berührt mit beiden Händen ihre Schultern.
„Wir schaffen das schon. Mach dir wegen des Jobs keine Sorgen, wir bleiben alle hier. Ich kenne den neuen Inhaber bereits. Tina hat ihn schon ernannt.“, spricht er leise und motivierend.
„Wirklich? Meinst du er übernimmt uns alle? Trotzdem?“
Er sieht kurz zu Carsten, welcher gerade zum Tresen zurückkommt.
„Carsten, Anja macht für heute Schluss. Ich schicke dir Makoto vor. Jetzt passiert ja nicht mehr viel.“ Dieser nickt nur und wundert sich.
„Okay, alles klar.“ Roland grinst Anja an.
„Um deine Frage zu beantworten: Ja. Denn der neue Inhaber werde ich sein.“
Sie sieht ihn erstaunt an.
„Wie jetzt? Du? Aber…woher willst du das Geld nehmen?“
„Lass uns hinter gehen, dann erkläre ich es dir alles in Ruhe. Nicht hier vorne.“
Sie nickt und geht ihm nach.
„Okay. Aber trotzdem, womit willst du ihr es abkaufen?“ Er grinst.
„Sie will es mir schenken.“, spricht er leise zu ihr.
Carsten ist etwas genervt als er die Scherben auf dem Tresen sieht. „Was ist das denn? Wieso sind hier Scherben?“, murmelt er in Deutsch vor sich hin.
Die Frau an der Bar gibt ihm eine Antwort darauf.
„Ihre Kollegin hat sich eben etwas erschrocken und dabei ist es passiert. Das war sicher keine Absicht.“ Carsten sieht sie verwundert an.
„Verstehe. Naja, Hauptsache sie hat sich nicht verletzt.“, meint er dann nur schulterzuckend, macht die Scherben weg und reinigt den Tresen sorgsam.
Ein paar Minuten später kommt Makoto in passender Arbeitskleidung durch die Pendeltür.
„Hi Carsten, was war das denn eben? Wieso sind die beiden in der Bäckerei?“
„Keine Ahnung. Anja hat irgendwas und macht früher Schluss. Naja, ist eh nicht mehr viel vom Tag. Ist sicher wieder was mit den Kids oder dem Exmann.“
„Vermutlich.“, meint Makoto und greift sich ein Handtuch und ein Glas.
„Sie verhält sich schon die letzten zwei Wochen so komisch. Ständig ist sie vormittags mit der Großen unterwegs, statt die Ferien zu genießen. Und vor drei Monaten etwa kam sie hier heulend an. Ich glaube ihr Exmann hat irgendwelche Probleme gemacht.“
„Hm, vielleicht erzählt sie es ja mal irgendwann was los ist. Roland ist aber auch schon ne Weile seltsam drauf.“, meint Makoto dann. Carsten sieht ihn erstaunt an.
„Was meinst du mit „komisch“?“
„Naja, er hat in den letzten paar Wochen öfters Brot zu backen oder verkrümelt sich zum Arbeiten für Kalkulationen und neuen Rezepten in der Backstube.“
Beide sehen sich fragend an.
„Äh seit zwei Monaten etwa? Also Anja spricht doch auch öfters als früher mit ihm die Wochenplanung durch. Die ganzen Familienfeiern sind immer recht umfangreich und die Gäste haben viele Sonderwünsche. Meist dann, wenn nix los ist und Tina nicht da ist.“ Er sieht Makoto an und grinst.
„Meinst du etwa die beiden…?“, murmelt Makoto und muss lachen. Carsten lacht plötzlich mit.
Unterdessen ist es in der Backstube ganz ruhig und die fünfunddreißigjährige Restaurantfachfrau sieht total verwundert zu ihrem großen Küchenchef auf. Ihr Herz schlägt ganz doll und ihre Hände berühren seinen Oberkörper. Sie kann seine Wärme spüren.
„Und sie hat wirklich gesagt, dass sie dir das Restaurant schenkt? Ich kann das gar nicht glauben. Sie kann es doch nicht einfach verschenken.“
„Ja, das Restaurant als Unternehmen und das Gebäude für sich alleine. Also den Teil, der zur Gaststätte gehört. Sie lässt mir komplett freie Hand in der Gestaltung und vermittelt mir noch bei Bedarf eine Renovierungsfirma, die sie sogar übernimmt. Ich soll nur ein paar der alten Traditionsrezepte beibehalten für die Stammkundschaft und weil sie von ihren Eltern sind. Die Fischbude natürlich muss bleiben. Das hätte ich aber sowieso belassen, weil sie gut sind und auch gut laufen. Und ansonsten habe ich alle Möglichkeiten. Internationale Diätküche, das wollte ich schon immer machen. Sie sagt, ich kann auch wenn ich will ihre Rezepte mit nutzen. Die aus ihren Kochbüchern zum Beispiel.
Anja. Du musst nur genau wissen was du willst.“, erklärt er sachlich und ernst. Dann berührt er zärtlich ihren Kopf und sieht ihr verliebt in die blauen Augen.
„Ich weiß was ich will. Du bist die Erste und Einzige bei der ich wieder fühlen kann, was ich damals gefühlt habe. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals wieder so empfinden könnte, bis wir plötzlich diesen Abend hatten.
Anja, ich…ich liebe dich. Willst du in Zukunft mit mir zusammenleben?“ Ihr laufen plötzlich ein paar Tränen über die Wange und ihr wird ganz warm.
„Roland, natürlich will ich das. Ich wünschte nur, dass Yvonne schnell wieder gesund wird.“, antwortet sie benommen. Er lächelt sie an und beugt sich zu ihr herunter.
„Das bekommen wir alles hin. Es gibt doch Hoffnung. Ich begleite dich natürlich. Es wurde doch rechtzeitig erkannt, nicht so wie bei meinem Sohn damals.“
„Du…du bist unglaublich. Ich…liebe dich doch auch.“, haucht sie und kurz darauf küssen sie sich leidenschaftlich. Sie umarmt ihn und hält sich an seiner Schulter fest. Seine große warme Hand fasst ihren Rücken, drückt sie fest an sich und beide genießen diesen Moment der Stille.
‚Ach Roland, ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals so viel empfinden könnte. Ich war damals eindeutig zu jung für eine Ehe.‘
Ein paar Minuten vergehen und dann klopft es an der Tür.
„Ich will euch nicht stören, aber Roland, du musst zum Lieferanten. Frischware für morgen ist da, du musst annehmen.“, spricht Makoto freundlich.
Kurz darauf öffnet die Tür.
„Danke, alles klar.“, schaut er zu seinem Lehrling herunter. Dieser grinst und zeigt auf den eigenen Mund.
„Du solltest vorher schnell dein Gesicht waschen.“
‚Makoto, also echt. Aber danke, gut beobachtet. So jung und doch so aufmerksam.‘, grinst er und fasst ihn nur kurz auf seine Schulter. Dann geht er zum Waschbecken und wäscht sich das Gesicht, kontrolliert es im Spiegel und nimmt sich ein Papiertuch von der Rolle.
„Du hast schon viel gelernt, immer auf die Details achten.“, spricht er als wenn er ihn wie ein Lehrmeister lobt und schaut dann kurz zu ihm und grinst. „Danke.“
Dann geht er zum Lieferanten und macht seine Arbeit.
Kurz darauf kommt Anja aus der Tür. Sie sieht ihn verlegen an.
„Du weißt erstmal von nix.“, ist es ihr etwas unangenehm, dass er es mitbekommen hat. Makoto grinst nur zurück.
„Ich habe auch nichts gesehen.“ Dann geht sie an ihm vorbei, um zur Umkleide zu gehen.
„Anja?“, spricht er sie nochmal kurz an. Sie dreht sich zu ihm um.
„Dein neuer Lippenstift taugt nix.“ Plötzlich muss sie selbst etwas lachen.
„Du Frechdachs. Sind die Jungs in deinem Alter alle so frech? Dann muss ich ja gut auf meine Tochter aufpassen.“
„Sie ist auch siebzehn, oder? Also wenn sie nach ihrer Mutter kommt auf jeden Fall.“, grinst er und dreht sich dann aus Gewohnheit Richtung Spüle.
‚Jetzt hat sie mich doch noch verlegen gemacht. Voll peinlich.‘
Im Büro des Sportcenters wird das Fenster geöffnet. Eine frische Abendluft zieht herein und Tina schaut auf die Straßen.
‚Das tut ihm sicher gut und lässt ihn klarer denken.‘, lächelt sie. Dann geht sie zum Tisch zu Karl-Heinz, welcher mit verschränkten Armen und dem Kopf aufliegt und bitterlich weint. Tina steht links hinter ihm und sieht ihn nur traurig an.
‚Ich habe nichts anderes erwartet. Du hast nur deine Zeit gebraucht es zu verinnerlichen. Du hast immer etwas länger gebraucht, wenn es um solche Dinge ging. Aber das vorhin war schon heftig. Martin erzählt dir das schon vermutlich vor Stunden und erst jetzt, nachdem ich es dir nochmal mehr als deutlich sagen musste kommst du aus deinem Schneckenhaus raus. Was ist denn nur in den Jahren passiert, dass du so abgestumpft bist? Mir zuerst ein Kompliment machen und dann beleidigen und kritisieren.
Und nun? Nun sitzt du hier und lässt endlich mal los. Ich glaube nicht, dass das jetzt nur die Trauer um Stephan ist. Was hast du nur alles aufgestaut?‘
Dann hebt sie ihre rechte Hand und will ihn an der Schulter berühren, um ihm Trost zu spenden. Kurz vor der Berührung hält sie inne.
‚Ist das überhaupt okay für dich Kojiro? Er ist doch wie Genzo, Jun und Tsubasa ein Freund. Ich kann ihn gar nicht so ansehen. Das kann ich nicht ertragen. Kojiro, gib mir Kraft.‘ Tina berührt mit der linken Hand ihren Anhänger und lächelt. Dann kneift sie die Augen zu.
‚Ich kann doch nicht ignorieren was wir mal hatten. Meine Zeit im Team war unglaublich schön. Ohne Karl und das Team wäre ich niemals wer ich jetzt bin. Ich hätte niemals die Stärke und die Kraft gehabt hier in Japan den Anfang zu überstehen. Ja, Kojiro, du weißt es, es war mal mehr zwischen uns, aber das ist doch ewig her und obwohl er hier bei mir ist muss ich an dich denken. Kojiro, du würdest niemals wollen, dass ich einen Freund im Stich lasse, nein, das würdest du nicht wollen, ganz sicher nicht. Karl ist ein Freund gewesen und das ist es was ich fühle…eine tiefe Freundschaft wie bei Genzo, unsere alte Truppe. Das ist es was noch übrig ist von uns. Diese schönen Erinnerungen an meine schönste Zeit in meiner Jugend. Genau an diese Zeit und die schönen Erinnerungen sind es, die ich jetzt wieder sehen kann, statt die schlimmen Ereignisse.‘
Vor ihr erscheint eine Erinnerung aus dieser tollen Zeit. Zu fünft sind die Freunde nach dem Training unterwegs zum Kiosk ihrer Mutter. Ihre Bude war sehr angesagt und wurde auch abends gut besucht. Leider musste sie dadurch auch sehr lange arbeiten und damit es schneller geht kamen die Jungs vorbei, halfen beim Bedienen der Kunden, wischten die Tische für die nächsten sauber und halfen hinter dem Tresen beim Zubereiten der Brötchen. So musste ihre Mutter nicht noch eine Stunde lang putzen und war schnell fertig, um Feierabend zu machen. Denn wenn sie Feierabend hatte, konnten sie noch etwas spielen gehen. Dann durften Stephan und Tino zum Sondertraining gehen. Das war nicht jeden Tag, aber es kam sicher zweimal die Woche vor. Sie hatten alle immer viel Spaß miteinander und wechselten sich in ihren Aufgaben ab.
Ihr huscht eine Träne herunter und dann zögert sie noch kurz, aber sie kann es nicht mehr ertragen wie er so dasitzt und sie wäre doch herzlos, wenn sie es ignorieren würde. Nein das ist sie nicht. Sie weiß genau was es ihn für Überwindungen kosten muss sich jetzt und auch vor ihr so gehen zu lassen.
Ihre Hand berührt ihn plötzlich und vor ihr spielen sich Bilder ab wie es früher immer war. Es vergehen ein paar Minuten.
Genauso war es doch damals, als er noch nicht wusste wer sie ist. Tino war der Einzige, dem er irgendwann anfing von seinem Kummer zu erzählen. Er war doch auch der Einzige, der fragte wie es ihm wirklich geht. Wenn seine Eltern sich wieder gestritten hatten saß er nur nachdenklich da und Tino legte seine Hand auf seine Schulter. Neben den Emotionen beim Sport war er in der Lage ihn zu trösten.
‚Kojiro, du kannst nicht wissen was uns damals alles verbunden hat. Als ich in das Team kam war das das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte nicht nur nebenbei dabei zu sein. Ich war nicht anders als die anderen, kein Sonderling wie damals als ich in die Schule kam und keine Ahnung hatte wie man mit anderen Kindern spielte.
Stephan fühlte genau dasselbe. Er wurde auch oft nicht akzeptiert und konnte sich nur durch sein hervorragendes Talent durchsetzen. Dann kam er zum Juniorenteam vom HSV und fühlte sich das erste Mal am richtigen Platz. Genau deswegen hat er so geschwärmt und genau deswegen bin ich eines Tages mit ihm mitgegangen. Ich musste unbedingt wissen was das für ein Team ist. Wie konnte es sein, dass er sich plötzlich so wohl und aufgehoben fühlte, dass er nach dem Training lieber mit ihnen spielte als mit mir? Das war so ein Moment, Kojiro, als ich das zweite Mal in meinem Leben eifersüchtig war.
Meine Neugier war zu groß und ich ging mit und stellte fest, dass er Recht hatte. Er wurde nur anhand seines Könnens beurteilt, nicht ob er Witze reißt oder viel redet oder irgendwelche Markenschuhe trägt. Das war alles unwichtig, zusammen spielen musste er können. Und das konnte er. Und Karl-Heinz war das Bindeglied zwischen allen Spielern. Er war nicht nur der Stärkste und Schnellste von ihnen, nein, er hatte eine Art zu spielen, die jeden mitriss.
Kojiro, ich weiß, dass du ein großes Herz hast und ich einem Freund Trost spenden muss, auch wenn er vermutlich dein stärkster Rivale ist. Du weißt das ganz sicher, sonst würdest du schon längst hier bei uns sein, wenn du mir nicht vertrauen würdest. Martin hat dir sicher schon gesagt von wem ich hier besucht werde.‘
Plötzlich zuckt Karl etwas zusammen. Er kann ihre warme angenehme Hand spüren und die angenehme Luft lässt ihn langsam wieder zu sich kommen.
‚Tina, wie angenehm es sich anfühlt, wenn du hier bei mir bist. Du konntest mich früher schon immer trösten. Ohne dich hätte ich es nicht bis zum Transfer geschafft. Ständig der Ärger mit meinen Eltern und dann Marias Unfall und der wahnsinnige Druck der Medien. Alles das konnte ich nur deinetwegen durchstehen.‘ Er öffnet die Augen und richtet sich auf. Dann macht er das, was er sich damals nie getraut hatte, als er noch dachte sie sei ein Junge. Er fasst zärtlich ihre Hand und wartet ihre Reaktion ab. Niemand sagt etwas. Tina weiß nicht so richtig was sie davon halten soll und er will nichts Falsches sagen.
„Geht es dir jetzt etwas besser? Jetzt, wo der Druck raus ist?“, spricht sie leise und sieht dann zu ihm herab.
„Tina, wie kannst du das ertragen? Wie gehst du damit um? Und…was um alles in der Welt haben die dir angetan? Haben sie dir auch wehgetan?“, spricht er plötzlich emotional, dreht sich zu ihr um und sieht zu ihr auf. Sie hält noch immer ihre Kette fest und sieht ihm traurig in die Augen.
„Mir ist weiter nicht viel passiert. Zum Glück kam rechtzeitig Hilfe.“
„Genzo? Wirklich?“ Tina nickt und nimmt ihre Hand langsam von seiner weg und lässt die Kette los.
„Ja. Wir sind bis heute eng befreundet und ich bin auch seinetwegen hergezogen.“, versucht sie ruhig zu erklären, greift dann zur Taschentuchbox und stellt sie auf den Tisch.
„Es scheint, dass wir uns jetzt vernünftig unterhalten können. Geht es dir nun besser? Willst du nochmal neu beginnen?
Unser Start eben war ja nicht gerade gelungen, oder?“, spricht sie verständnisvoll, geht dann zum Schreibtisch und setzt sich wieder auf Martins Stuhl.
Karl benutzt die Taschentücher und richtet danach seinen Stuhl aus, damit er zu ihr sehen kann und überlegt vorerst was er denn überhaupt sagen soll. Zuvor stellt Tina ihm den Kaffee wieder hin. Er ist noch etwas warm.
„Oder willst du einen neuen Kaffee oder vielleicht einen stärkeren Muntermacher haben? Wann hast du das letzte Mal geschlafen? Wie war dein Flug?“
Er trinkt den Kaffee in zwei Schlucken aus und stellt die Tasse hin.
„Danke dir. Du hast Recht. Ich bin tatsächlich schon gut 30 Stunden am Stück wach. Wenn du was Stärkeres hast, gerne. Ich bin aber nicht so ein Typ für Chemiekeulen. Du hast sicher was Besseres da?“
„Bei mir gibt’s nur natürliche Inhaltsstoffe. Das ist mein Job und gehört zur Firmenphilosophie.“, entgegnet sie überzeugt.
„Okay, sorry für die Skepsis. Ich vertraue dir.“
„Hast du für später schon ein Hotel gebucht?“
„Nein wieso? Ich wollte erstmal wissen was nun ist.“
„Du weißt schon, dass Urlaubszeit ist, oder? Die Hotels sind hier alle voll.
Naja. Du wirst auf jeden Fall nachher was brauchen. Soll ich dir fix eins besorgen?
Jetzt ist es schon spät.“
„In der Regel mache ich mir da keinen Kopf. Ich kriege immer ein Zimmer. Das musst du nicht.“ Sie grinst.
„Du kennst Tokio nicht. Vergleiche das nicht mit den Metropolen, die du sonst so besuchst. Hier wird kein Unterschied gemacht wer kommt, nur ob gezahlt wird. Ich frag mal kurz an. Wir arbeiten mit einem sehr guten Hotel zusammen, was hier gleich um die Ecke liegt.
Wäre das okay? Wir schicken unsere VIPs alle dort hin.“
„Wenn du ihnen vertraust, gerne. Dann muss ich mir darüber keinen Kopf mehr machen.“ Tina greift zum Telefon und nutzt die Durchwahl.
„Hallo Axel. Wo ist denn Andrea?“
„Bei den VIPs oben.“
„Bringst du mir bitte meinen Energiedrink zum Mixen? Stilles Wasser bitte dazu.“, gibt sie einen bestimmenden Ton an.
„Gerne. Soll Andrea nochmal kommen?“
„Wenn möglich kann sie es ja bringen. Wenn nicht, dann machst du das bitte.“
Dann legt sie auf und wählt die Nummer vom Hotel.
„Guten Abend Süße, hier ist Tina. Wie geht's dir?“
„Alles super. Und selbst?“
„Ebenso. Bei Gelegenheit müssen wir uns mal wieder sehen.
Hast du zufällig noch ein Zimmer frei für heute Nacht? Ich habe hier einen spontanen VIP-Kunden und er hat noch nichts.“
„Hm. Wieviel VIP ist er denn? Wir haben leider nur noch die gute Suite frei, der Gast hat abgesagt.“ Tina schaut zu Karl und grinst.
„Du weißt welche VIPs gestern spontan bei uns waren?“
„Ja klar. Wahnsinn. Du hattest lange nicht mehr so einen hohen Besuch.“
„Gleicher Status.“, antwortet sie dann nur kurz und knapp.
„Oha. Im Ernst?“ Tina wendet sich an Karl.
„Es ist nur noch ihre beste Suite frei. Ist das okay für dich?“
„Natürlich. Das passt, danke.“
„Er nimmt es. Schickst du mir ne Reservierung, damit ich es ausfüllen kann?“
„Gerne. Verrätst du es mir noch wer es ist?“
„Lass dich überraschen. Bis dahin. Danke dir.“ Sie legt auf.
„Du bist scheinbar gut vernetzt hier.“, äußert Karl-Heinz erstaunt. Tina lächelt und geht dann an den PC und wartet auf ihre Mail.
„So kann man das auch nennen. Wir haben hier viele zuverlässige Partner. Ich weiß ja nicht wie aufmerksam du unsere Webseite gelesen hast. Du musst mich ja über sie gefunden haben. Dort sind einige Kunden und Partnerschaften aufgelistet. Wie kommt es überhaupt, dass du mich erst nach acht Jahren findest?“, fragt sie ruhig. Er schaut verärgert zur Seite und antwortet:
„Das habe ich meinem Vater zu verdanken. Er hat mich belogen mit dem was passiert ist.
Ich hätte ja nun verstanden, dass er mich wie ihr nicht unnötig belasten wollte, aber nach einiger Zeit hätte er mich ja doch informieren können. Wir sehen uns fast jeden Tag. Er scheint es gewusst zu haben.
Ich bin zufällig über die Tageszeitung auf deinen Namen gestoßen. Es gibt einen kleinen Bericht darüber, dass du zur WM für Japan und nicht für Deutschland spielen wirst. Dann habe ich im Netz nach einem Foto gesucht und dich natürlich erkannt. Daraufhin wollte ich sofort herkommen und der einzige Ort dich zu kontaktieren war über dieses Center. Da ging kein Weg daran vorbei.“
„Okay. Das mit der Kontaktaufnahme ist Absicht. Ich habe weder Zeit noch Lust jeden einzelnen Fan abzuwimmeln oder Sponsoren etc. So müssen sie erstmal an Martin vorbei und dann verkneifen es sich viele schon.
Was meinst du damit, dein Vater hat dich belogen? Was hat er denn gesagt was passiert sei?“
„Er meinte euer Vater habe wegen der Arbeit als Strafverteidiger einen Fall gehabt, dass ihr ins Zeugenschutz musstet und deswegen ganz plötzlich weggezogen seid. Ich brauche euch also gar nicht erst suchen und würde euch damit nur in Gefahr bringen.“ Tinas Blick verändert sich.
„Was soll das heißen? Er sollte dem Team nur sagen, dass wir wegen der Arbeit von Vater weg sind. Wieso erzählt er dir dann sowas?
Was hat er denn dem Team gesagt? Also Genzo sagte, er habe es euch auch so mitgeteilt wie es mit meinen Eltern abgesprochen wurde.“
„Das hat er, aber mir hat er es dann später im Vertrauen erzählt, weil ich ihm von dir erzählt habe. Und als ihr nicht mehr aufgetaucht seid und er sowas sagte kam mir das seltsam vor. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ihr euch beide nicht einmal verabschieden konntet.
Jetzt im Nachhinein hatte ich eher das Gefühl, dass er nicht wollte, dass ich euch aufsuche. Als ich dich dann gestern früh entdeckt habe, habe ich ihn gleich angerufen und gefragt wieso er mich angelogen hat. Ne Antwort darauf bekam ich keine.“, erklärt er.
Es klopft an der Tür.
„Ich bin es Andrea.“
„Okay, komm rein.“ Andrea betritt den Raum und bringt ihr die zwei Flaschen, einen Messbecher und ein Glas.
„Ich gehe mal davon aus, dass du es für deinen Besuch haben wolltest.“
„Komm rein Liebes und schließ die Tür.“ Andrea tauscht die Tablets aus.
„Ein paar Dinge kurz, Andrea.
Ist Professor Kudo zufällig noch da? Wenn ja, bist du so lieb und fragst ihn bitte ob er zu mir ins Büro kommen könnte? Ich muss ihn etwas sehr Wichtiges fragen. Es ist mir eben gerade wieder eingefallen.“
Andrea sieht sie verdutzt an.
„Nanu, ja er ist noch da. Ich glaube seine Trainingseinheit ist auch gleich zu ende. Aber kannst du das nicht deinen eigenen Anwalt fragen?“ Tina sieht sie ernst an. „Genau der ist aktuell mein Problem. Aber ich benötige sowieso einen neuen und er wäre perfekt.“
„Okay, ich sage es ihm. Und was hast du noch?“
Tina reißt einen Notizzettel vom Block und schreibt etwas auf. Dann faltet sie es zusammen und gibt ihr den Zettel.
„Bitte gib es Professor Kudo, damit die anderen Kunden es nicht mitbekommen, falls du ihn nicht unter vier Augen ansprechen kannst.“ Die Sicherheitschefin nickt und verlässt mit dem Tablett das Büro.
Karl ist erstaunt. Er fragt sich natürlich wieso Tina einen neuen Anwalt benötigt.
„Hat das mit dem neuen Anwalt etwas mit mir zu tun?“, fragt er skeptisch.
Tina schüttelt den Kopf.
„Nein, das ist Zufall. Ich wollte ihn eigentlich morgen ansprechen, aber nun bin ich hier und wer weiß was morgen wieder dazwischenkommt. In den letzten Tagen läuft überhaupt nichts mehr nach Plan und da nutze ich die Gelegenheit lieber gleich.
Hm, was wiegst du? Irgendwas zwischen 65 und 70 Kilogramm? Und was hast du heute so gegessen?“
Er sieht sie verwundert an.
„Wieso ist das wichtig? Aber ja, 67 Kilo. Hm, nachts was im Flugzeug, dann bei der Ankunft ein Fischbrötchen und vorhin vor etwa zwei Stunden habe ich dann hier die zwei Brötchen gegessen.“
Sie schaut ernst und greift zum Taschenrechner.
„Ist ja nicht viel. Kein Wunder, dass du dann so übermüdet bist und umfällst. Das haut den stärksten Mann um. Du hättest dich echt vorher hinlegen sollen, bevor du hergekommen bist.“
Sie steht auf, geht zum Tablett und öffnet die Flaschen. Dann mischt sie ihren speziellen Powerdrink und gibt ihm das Glas.
„So, das trinkst du jetzt und isst bitte noch ein Brötchen mit dem Fleischsalat dazu. Danach reden wir weiter.“
Sie geht zu ihm an den Tisch und macht schnell das Brötchen fertig.
„Wow, schmeckt ja richtig gut. Was hast du da alles drin?“
„Eine Art Früchtecocktail als Konzentrat. Es sind natürliche Vitamine und Mineralien drin. Ich ging jetzt davon aus, dass du bereits einige Kaffee getrunken hast. Wenn Koffein nicht mehr hilft, dann das, etwas Reichhaltiges zu essen und perfekt wäre ne kalte Dusche, aber die lassen wir jetzt weg. Es wird für die nächsten zwei Stunden reichen bis du im Hotel bist und dich hinlegen kannst.“, erklärt sie sachlich.
„Verstehe. Sowas machst du auch? Quasi Aufputschmittel ohne Dopingcharakter?“, grinst er.
„So in etwa. Klingt irgendwie abwertend, wie du das sagst.“, spricht sie betrübt und legt ihm das Brötchen auf den Teller. Plötzlich berührt er ihre rechte Hand, welche den Teller festgehalten hat.
Dann sieht er ihr liebevoll in die Augen.
„Danke.
Erzählst du mir wieso du mich nie kontaktiert hast obwohl du es gekonnt hättest?“, stellt er sie zur Rede. Tina ist irritiert und ihr Puls steigt etwas an.
Plötzlich erscheint ihr im Gedanken die alte Szene als sie kurz vor ihrem Umzug zu ihrem heimlichen Treffpunkt ging. Immer zur selben Zeit trafen sie sich dort heimlich um ein Paar zu sein. Es durfte doch noch niemand wissen. Sie wollte es ihm erzählen.
Und dann stand er dort und wartete auf sie. Er trug sein neues Lieblingstrikot, welches er auch gerne freizeitlich anzog. Und Tina konnte nicht zu ihm gehen. Obwohl sie genau wusste wer dort auf sie wartete konnte sie die Bilder nicht aus dem Kopf bekommen und sie brachte es auch später nie übers Herz es ihm zu sagen. Wie hätte sie es gekonnt? Sie war doch selbst noch dabei es zu verarbeiten und zu verinnerlichen. Und vor ihm weinen, nein. Das konnte sie schon gar nicht. Sie wusste, wenn sie selbst weinen würde, könnte sie doch für ihn keine Stütze mehr sein. Aber das war es doch was sie auch wollte. An seiner Seite sein und ihn unterstützen seinen Traum zu erreichen. Nein, das konnte nicht sein, denn dann wäre sie ihm doch nicht mehr überlegen gewesen. Doch sie wusste, wenn sie mental nicht stärker ist als er, dann könnte sie nicht an seiner Seite sein und schon gar nicht, wenn man ihnen jetzt schon große Steine in den Weg legt.
In dem Moment der Erinnerung wird ihr plötzlich endlich bewusst, dass sie sich nicht einmal sicher ist, ob es damals überhaupt so etwas wie Liebe war, was sie für ihn empfand. Wenn es das gewesen wäre, dann hätte sie doch den Mut gefunden zu ihm zu gehen. Dann hätte sie doch nicht die furchtbaren Bilder im Kopf gehabt, als sie ihn dort so stehen sah. Und nun? Nun sind doch die Bilder plötzlich weg. Als sie Kojiro in seinem Trikot sah war kein einziger schlimmer Gedanke da. Und wie kann sich gar nicht vorstellen, dass sie ihm irgendetwas nicht sagen könnte. Nein, sie hat ihm doch alles erzählt, alles was sie belastet und alles was ihn belasten würde und trotzdem ist er noch bei ihr und ihr Herz schlägt immer wieder bis an die Decke, wenn er bei ihr ist.
Sie zieht ihre Hand weg und schließt die Augen. Vor ihr erscheint plötzlich Kojiros freundliches Gesicht. Aber es ist deutlich jünger als jetzt. Ja, vor ihr steht nicht der Kojiro, den sie als Mann kennengelernt hat, nein, es ist der noch junge Kojiro, von damals auf dem Flughafen. Genauso wie in ihrem Traum neulich sieht sie ihm in die dunklen überraschten Augen, weiß genau, dass er ein Fußballer ist und hat überhaupt keine Angst. Das, obwohl der Überfall erst zwei Wochen her war. Damals am Flughafen verwechselte sie ihn mit Tsubasa, weil sie nie Bilder von ihm gesehen hat und weil er die Kapitänsbinde umhatte und wahnsinnig stark aussah. Und wer Genzos Freund ist, der kann doch nur ein guter Mensch sein. Dann gab sie ihm sogar die Hand und erst jetzt fällt ihr auf, was sie damals eigentlich gespürt hat. Nie hat sie sich danach Gedanken darüber gemacht.
„Karl, das…konnte ich nicht. Ich…konnte dir plötzlich…nicht mehr gegenüberstehen.“, sagt sie nur leise und öffnet dann wieder ihre Augen und geht zum Schreibtisch zurück.
„Iss bitte das Brötchen und danach erzähle ich dir was war.“
Betrübt schaut Karl ihr nach.
‚Tina, hast du wirklich nicht mehr die gleichen Gefühle für mich wie damals? Ist zu viel Zeit vergangen? Ich merke genau wie du mir ausweichst und Abstand hältst. Und wenn du mir doch mal nah kommst, dann nutzt du bewusst nicht die Hand mit dem Armbändchen.‘
Er isst nachdenklich sein Brötchen auf und benutzt dann die Serviette und setzt sich wieder in ihre Richtung.
In dem Moment klopft es an der Tür.
„Andrea hier, Professor Kudo ist bei mir.“, spricht Andrea.
„Endschuldige bitte, Karl. Das geht ganz schnell aber hat Eile.“, spricht sie ernst und steht auf.
„Alles gut. Arbeit geht vor.“, meint er nur.
„Herein.“
Der Fuchs
Kapitel 63
Der Fuchs
Die Tür öffnet sich und ein reiferer schlanker Japaner etwas über fünfzig Jahre alt mit Anzug und Krawatte betritt den Raum. Er hat eine Ledertasche bei sich, begrüßt sie freundlich und bemerkt erstaunt ihren Besuch.
‚Nanu, dieser Mann kommt mir aber bekannt vor. Ob er ihm nur ähnlich sieht oder ist er es wirklich? Wenn er hier bei Tina ist, ohne Martin oder Andrea, dann werden sie sich kennen. Was hat das zu bedeuten?‘
„Frau Fuchs, wir haben uns ja lange nicht gesehen. Wie geht es Ihnen?“ Andrea schließt die Tür von außen.
„Nicht so förmlich, bitte. Ich freue mich auch dich zu sehen. Wie geht es dir?“, schmunzelt sie, geht zu ihm und gibt ihm die Hand.
„Du möchtest jetzt doch mein Angebot annehmen? Jetzt plötzlich nach drei Jahren?“, lacht er.
„Was ist mit Herrn Satsujinsha? Will er dich nicht mehr vertreten?“, fragt er neugierig.
„Sagen wir so, es gibt ein paar Änderungen bei mir und abgesehen davon kann es sein, dass er eventuell sogar ein Problem für mich ist. Das müssten wir in Ruhe besprechen. Gilt denn dein Angebot noch wie damals? Du weißt, ich kann mir deine Honorare nicht leisten. Aber ich benötige jemanden, der international agiert und Ahnung vom Profisportgeschäft hat. Und was noch wichtiger ist, ich muss ihm blind vertrauen können.“ Er lächelt sie an.
„Natürlich, nach wie vor ist es gültig.“
„Vielen Dank.“ Tina geht an den Tisch zurück und holt ihr Handy. Sie gibt ihm die Nummer von Fane.
„Am besten du sprichst mit meiner Managerin einen Termin ab. Mir persönlich reicht auch ein Onlinetermin, da ich in Kürze in den Urlaub fahre und nicht hier sein kann. Ich kann aber morgen gerne fix bei dir zu Hause vorbeikommen, um den Vertrag zu unterzeichnen.“ Er grinst.
„Den Weg kannst du dir sparen. Ich habe ihn schon bei mir.“ Tina ist erstaunt.
„Wie jetzt? Schleppst du den etwa schon drei Jahre mit dir rum, in der Hoffnung, ich sage dir mal spontan zu?“
„So ähnlich. Ich habe immer Verträge bei mir. Gerade bei solchen Leuten wie dir weiß man nie wann sie plötzlich zusagen.“
„Du bist ein Fuchs. Also echt.“, grinst sie ihn an.
In kurzer Zeit sind die Unterlagen herausgeholt, ausgefüllt und unterzeichnet.
„Was heißt hier „Leute wie ich“?“ Er lacht.
„Na du bist doch ständig unterwegs. Und man weiß nicht mal wann man dich hier mal antrifft, obwohl du doch oft da bist. Du verkrümelst dich ja immer oben in der VIP-Abteilung, der Schwimmhalle oder in deiner Gaststätte.“
‚Seltsamer Anwalt. Er spricht sogar Deutsch, wow. Was meint sie, dass es eventuell Probleme mit ihrem alten Anwalt geben könnte?
Also die gehen sehr vertraut miteinander um. Ob der Mann was taugt? Er macht nicht den Eindruck, dass er ihr eine große Stütze sein kann. Und dieser Typ soll eine Professur in seinem Fach haben?
Hm, aber immerhin muss er ein gewisses Ansehen haben, sonst würde sie ihn nicht damit konfrontieren, dass er ihr eigentlich zu teuer ist. Scheinbar Spezialist für Sportler.‘, zweifelt Karl zuerst und wundert sich dann doch.
Nachdem Tina Herrn Kudo die Dokumente gegeben hat richtet sie sich an Karl-Heinz.
„Karl-Heinz? Darf ich dir meinen ehemaligen Professor von der Uni vorstellen? Professor Dr. Dr. Egon Katsuo Kudo. Großer Sportfan, ehemals Strafverteidiger, jetzt spezialisiert auf Profisportler und in der Regel vertritt er wenn, nur noch Leute annähernd in deiner Gehaltsklasse. Er ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Neben den Vorlesungen gibt er ab und an Seminare für angewandte Psychologie.“ Dann sieht sie zu Egon.
„Egon, darf ich dir einen alten Freund aus Hamburg vorstellen? Karl-Heinz Schneider. Ich gehe mal davon aus, dass du weißt wer er ist.“ Karl steht auf und beide reichen sich die Hand.
„Sehr erfreut.“, äußern beide zeitgleich in Deutsch.
„Ein Mann ohne große Skandale. Wie langweilig für meine Kollegen in Deutschland.“ Karl grinst.
„Na das würde ich jetzt nicht so unterschreiben, aber danke fürs Kompliment.
Wie kommt es, dass Sie so gut Deutsch sprechen? Sie haben eine regionale Klangfärbung.“, entgegnet Karl überrascht und freundlich. Tina muss kichern und versucht sich zurückzuhalten.
„Du bist gut, Karl. Ich kann das nicht unterscheiden.“ Der Staranwalt lacht ebenso.
„Sie sind nicht schlecht. Ich habe mir so eine Mühe gegeben, dass man es nicht gleich hört. Aber ja, Sie liegen richtig. Ich bin zwar noch hier geboren, aber dann in Düsseldorf aufgewachsen. Erst nach dem Studium bin ich wieder hergezogen.“
Karl-Heinz blickt zu Tina und genießt ihr dezentes Lachen.
‚So hübsch hast du vorhin auch gelächelt, als du reingekommen bist. Du hast mich mit einem hübschen Lächeln begrüßt und ich Ochse fange an dich zu beleidigen. Wieso habe ich das gemacht? Ich habe mich doch auch gefreut dich endlich zu sehen.‘
„Nun gut. Ich muss dann los.
Bettina, du hörst von mir und deine Managerin werde ich kontaktieren. Ich wusste ja gar nicht, dass du eine hast.“
„Ach das, ja ist ganz frisch. Sie weiß selbst erst seit heute von ihrem Glück.
Durch die Diskussion mit dem deutschen Verband bestand unserer plötzlich darauf, dass ich einen bekomme, vermutlich damit ich pressetauglicher bin. Ich habe bewusst die ganze Zeit auf einen verzichtet, damit ich meine Ruhe habe. Ich mache lieber alles selbst. Du kennst mich ja. In der Regel spreche ich nicht erst alles ewig durch bevor ich meine Meinung sage. Ich mag keine dummen Fragen.“ Er grinst. „Ich liebe dumme Fragen. Damit kriegt man sie alle.“
„Na das kann ja heiter werden mit uns.“, schmunzelt sie.
„Das glaube ich auch. Bei deinem Sturkopf. Nein im Ernst, ich freue mich auf die Zusammenarbeit.“, lächelt er sie an. Dann schaut er ernst zu Karl-Heinz auf.
„Sagen Sie Herr Schneider, war Bettina als Kind auch so ein Sturkopf? Immer mit dem Kopf durch die Wand? Wenn dieser Sturkopf nicht wäre, hätte sie ihren Abschluss in der Tasche.“ Karl-Heinz ist etwas irritiert, dass er ihn überhaupt etwas fragt. Was weiß dieser Mann denn bereits über ihn und ihre Beziehung zueinander? Was soll er denn darauf antworten? Er will weder unhöflich sein noch etwas Falsches sagen und schaut kurz zu Tina rüber. Mit der linken Hand macht er eine kleine Bewegung. Tina deutet es und antwortet ebenso mit einer Handbewegung.
‚Wie schön, du hast sie nicht vergessen.‘, freut er sich innerlich.
Dann verschränkt er seine Arme und schaut den Anwalt überzeugt an.
„Ja, den hatte sie schon immer. Ohne ihren Sturkopf wäre das Team nicht so stark gewesen wie es war. Es wäre schon viel eher auseinandergebrochen und ich wäre nicht, wer ich bin.“
‚Wow, Karl. Du kannst ja doch was Nettes über mich sagen.‘, freut sich Tina und lächelt. Egon sieht sie erstaunt an.
„Du sagtest dein Bruder habe in einem starken Team gespielt. Das klang jetzt aber anders.“ Karl schaut verwundert zu Tina. „Er wusste nichts, oder?“
„Richtig. Jetzt weiß er ne ganze Menge mehr.“, grinst sie und wendet sich dann an ihren neuen Anwalt.
„Dann weißt du jetzt gleich welche Infos du als erstes über mich einholen musst bevor wir reden.“, spricht sie selbstsicher in Japanisch.
„Ich bin etwas erstaunt. Du kommst endlich aus deinem Schneckenhaus raus und räumst auf. Gratuliere. Das wird eine spannende Aufgabe.“, wird Deutsch gesprochen.
„Nun musst du aber wieder. Deine Frau wartet sicher schon mit Abendessen auf dich. Grüß sie und bei Gelegenheit deine Kinder von mir.
Und noch etwas, du bist mein Trumpf, mein As im Ärmel. Lass also nichts in der Kanzlei durchsickern. Wir müssen erstmal alles alleine klären. Das ist wirklich sehr wichtig, sonst geht mein Notfallplan nicht auf.“, lächelt sie glücklich und dann ernst.
„Natürlich, du kannst mit mir rechnen. Ich bin froh darüber, dass ich mich endlich mal bedanken kann bei dir.
Du weißt, dass ich dein größter Fan bin.“ Tina schmunzelt.
„Du sollst das nicht deswegen machen. Ich bitte dich, weil ich den Besten brauche und nicht irgendwen.“
„Das weiß ich doch. Und…wann lerne ich den Mann kennen, der dich dazu bringt endlich frei zu sein?“, blickt er sie schmunzelnd an.
Ihr wird plötzlich warm und sie bekommt gar nicht mit, dass sie etwas verlegen wirkt und ein wenig rot anläuft. Ihre Hand greift zum Armband und sie muss sich sehr zurückhalten und aufpassen was sie jetzt vor Karl-Heinz sagt.
„Keine Sorge, du wirst ihn bald kennenlernen. Nun aber los.“
‚Oha, Bettina Fuchs, so hast du noch nie reagiert. Verlegen sein kenne ich ja gar nicht bei dir. Das muss ja ein ganz besonderer Mann sein, wenn ich dich mit einer so einfachen Frage aus dem Konzept bringe.
Nun gut, das muss ich für Notfälle in Betracht ziehen, dass du jetzt persönlich angreifbar bist. Wir haben scheinbar wirklich viel Redebedarf, denn auch wenn du jetzt einen Schwachpunkt weniger hast, hast du nun einen neuen. Aber damit können wir arbeiten.‘, fällt es ihm sofort auf. Dann schaut er zu Karl-Heinz. ‚Dieser Mann ist ebenso auf meine Frage angesprungen. Der große Fußballkaiser Karl-Heinz Schneider. So so. Bettina, du hast wirklich interessante Bekannte aus deiner Vergangenheit. Seine Antwort eben sagte mir eher, sie habe mit ihm gespielt und nicht ihr Bruder. Aber Bettina ist keine Lügnerin, sie würde niemals lügen. Dass sie Informationen weglässt, klar, aber lügen, niemals. Also muss da was anderes dahinterstecken.
Und dieser Blick. Er sieht sie so nachdenklich an. Ich schätze mal, die beiden haben sich ewig nicht gesehen und nun ist er überhaupt nicht begeistert davon, dass sie jemanden hat. Naja. Das wird hier ja noch richtig spannend.
Bettina wird sich ja etwas dabei gedacht haben mich herzurufen, obwohl sie diesen Besuch hat. Wir hätten uns auch in einem separaten Raum unterhalten können, aber nein. Sie hatte den Drang uns einander vorzustellen.‘
Bei der Verabschiedung geben sich beide erneut die Hand und Kudo sieht sie herausfordernd an.
„Sag, wenn du mal wieder Zeit für eine Partie Schach hast. Das habe ich vermisst. Du arbeitest eindeutig zu viel, wenn dafür keine Zeit mehr ist.“
„Ich gebe mir Mühe. In letzter Zeit habe ich wirklich sehr viel zu tun gehabt, entschuldige.“
„In letzter Zeit? Die letzte Partie ist gut über 18 Monate her.“, schaut er ernst aber lächelt auch. Dann verlässt er das Büro. Karl geht nachdenklich zum Fenster und schaut raus. Tina ist etwas verwundert und setzt sich wieder auf den Bürostuhl.
‚Nanu? Wieso setzt er sich nicht wieder hin? Hat er wieder genug Energie getankt um stehen zu können?‘
Plötzlich dreht er sich zu ihr um und spricht sie ernst an.
„Beantwortest du jetzt meine Fragen?“, kommt er gleich zum Punkt.
„Es ist nicht leicht für mich, Karl. Es tut mir sehr leid, dass ich mich nicht einmal verabschieden konnte. Ich habe es versucht, aber es ging nicht. Ich bin in den zwei Wochen dreimal zu unserem geheimen Treffpunkt gekommen, aber ich konnte es einfach nicht. Ich…“ Ihr Puls steigt etwas an, sie lehnt sich an und verschränkt nachdenklich mit geschlossenen Augen die Arme.
„Ich konnte nicht zu dir gehen. Ich … hatte immer nur die Bilder im Kopf… die Bilder wie diese Kerle auf ihn einschlugen und er am Boden lag … und ich sah nur noch Blut in seinem Gesicht und wie er mich ansah und … ich weiß es nicht! Du standest da und hast auf mich gewartet und ich konnte nur hinterm Container stehen bleiben und bin dann irgendwann gegangen.“ Tina öffnet die Augen wieder und sieht zu ihm.
„Wieso? Du warst da? Du warst da und konntest nicht zu mir gehen?“ Sie nickt nur und sieht runter zu ihren Armen. Das Armbändchen glitzert sie an und sie kann die Gravur lesen. In diesem Moment fällt ihr auf was er damit eventuell auch sagen wollte.
‚“Liebe übersteht alles“, natürlich Kojiro. Das muss es gewesen sein. Jetzt wo ich so darüber nachdenke kann ich mir niemals vorstellen, dass ich dir so eine schreckliche Nachricht nicht überbringen könnte. Nicht auszudenken, wenn einem gemeinsamen Freund von uns etwas Furchtbares passieren würde, dann würde ich zu dir gehen, es dir sagen und sicher bitterlich weinen und wir würden uns gegenseitig trösten und dann versuchen damit gemeinsam klar zu kommen.
Aber damals…damals kam mir nicht einmal in den Sinn wie es gemeinsam geklappt hätte? Ich hatte nur den Gedanken, es würde ihn von seinem Weg abbringen und das wollte ich nicht. Ich wollte kein Klotz am Bein sein. Immerhin war er schon so gut wie in München, im Jugendteam. Wir hätten uns doch eh nie wieder sehen können, und dann heimlich. Das wäre nie gegangen.‘
„Es lag nicht an dir, Karl. Es lag daran, dass mich plötzlich so gut wie alles was mit Fußball zu tun hatte an diesen Überfall erinnerte. Ich konnte danach nicht einmal mein eigenes Trikot sehen und anfassen. Es ging nicht. Ich habe unsere Sachen zuhause waschen wollen und dann…habe ich vor Wut eine Schere genommen und sie zerschnitten und mit den Pokalen und Stulpen zusammen in eine Kiste gestopft. Ich nahm mein ganzes Zimmer auseinander! All unsere großen Vorbilder von damals riss ich von der Wand! Egal wer es war, auch die ganz großen. Ich konnte nicht einmal DEIN Poster bei der Aktion verschonen.“ Sie holt tief Luft und schaut dann aus dem Fenster neben sich. Es ist wie das andere von außen verspiegelt und so kann sie direkt auf das gegenüberstehende hohe Bürogebäude sehen, aber hineinsehen kann niemand. Die bunte Leuchtreklame vom Spielzeugladen im Erdgeschoss blinkt fröhlich vor sich hin. Ein lustiger klassischer Clown winkt sie an.
„Mein Poster? Und die der anderen? War es so schlimm?“, schlägt Karls Herz schneller und er geht auf sie zu.
„Das war noch nicht alles. Setz dich lieber wieder.“, meint sie etwas aufgeregt und sieht ihn kurz an. Er folgt ihrer Aufforderung.
‚Tina, was um alles in der Welt ist denn noch gewesen? War das deine Art zu trauern? Eine Art Wutanfall?‘
Tina sieht wieder zum Fenster, um sich mit dem fröhlichem Blinken gegenüber vom Ernst des Themas abzulenken. Immer wenn sie hier sitzt und traurig ist oder gestresst, dann schaut sie raus und muss lächeln. Auch Martin nutzt diese Möglichkeit gerne zur Aufmunterung. Er mochte als Kind wahnsinnig gerne den Clown aus dem alten Kinderprogramm. Dieser sieht ihm etwas ähnlich.
„Hör zu, Karl. Ich habe auch die ganzen Zeitschriften und Artikel, die ich gesammelt habe und all das ganze Zeug entsorgt. Und die Bälle, sogar die…habe ich …kaputt gemacht. Nur einen konnte ich nicht anrühren.“ Sie macht eine kurze Pause.
„Den von deinem Vater, stimmts? Der mit dem Spruch?“, vermutet er. Sie nickt.
„Hast du ihn noch? Diesen alten Ball?“, fragt er sehr gefühlvoll. Sie sieht zu ihm.
„Ja, er liegt bei meinen Großeltern in der Vitrine. Als Andenken an Stephan und an meinem Vater.“
„Verstehe. Du hast ihn mir mal gezeigt, als ich dann wusste wer du bist. Es war dein Leitspruch und hat dich angetrieben.“
Tina steht auf, holt ihre Handtasche und setzt sich wieder. Dann nimmt sie ihre Geldbörse heraus und zieht ein Foto heraus. Sie reicht es ihm rüber.
„Das tut er noch.“ Karl ist erstaunt und liest den Spruch laut vor.
„Eine echte Frau braucht Herausforderungen!“ Er grinst.
„Ein schöner Spruch, ich fand den damals schon gut. Er hat zu dir gepasst. Schön, dass du ihn noch bei dir trägst.“
„Ich schreibe ihn ab und an auf einen meiner Bälle. Das Foto ist nur für unterwegs und weil es ein Foto vom Original ist. Vaters Handschrift.“
„Wieso hast du plötzlich alles vernichtet? Nur weil es dich an den Überfall erinnert hat? Vor allem die Pokale.“
„Nicht nur deswegen. Ich gab dem ganzen System die Schuld daran. Wie konnte es sein, dass man all seine Kraft und seinen Lebensinhalt für die Fans gibt und so danken sie es einem dann? Wie konnte es sein, dass Fans anderen Fans sowas antun?
Ich wusste bis zu diesem Tag nicht was trauern heißt. Natürlich wusste ich was es bedeutet, aber ich hatte nie diese Erfahrung machen müssen wie es ist jemanden für immer zu verlieren.
Wir haben unser ganzes Leben lang nur miteinander verbracht. Unsere Bindung zueinander war etwas anders als bei anderen Geschwistern. Das ist uns erst aufgefallen, als wir auf andere Geschwisterpaare getroffen sind. Deswegen tat es auch so extrem weh, als mir klar wurde, dass er nie wieder da sein kann. Keinen Witz reißt, morgens keine Marmelade rüberreicht, nie wieder zusammenspielen und abends kein Gutenachtsagen und sich auf die Zimmer verziehen. Nichts war mehr da, alles weg.
Und da ich ja auch nicht mehr zum Training gehen konnte, um dort meinen Frust abzubauen, mir aber alle Knochen weh taten, weil ich mich nicht ausreichend bewegt habe, kam dieser Wutanfall und diese Gedanken, dass all die Jahre die ganze Mühe umsonst war. Vor allem für ihn.“
Karl beugt sich zu ihr und stützt sich auf dem Tisch auf.
„Ich kann das voll und ganz nachvollziehen. Mir würde es doch genauso gehen, wenn das mit Marie schief gegangen wäre oder wenn ihr etwas zustoßen würde. Sie ist doch die Einzige, die mir neben meinen Eltern wirklich wichtig ist.“, sagt er verständnisvoll. Tina sieht ihn ernst an.
„Das glaubst nur du. Gar nichts kannst du nachvollziehen! Niemand kann das! Du kannst uns nicht mit euch beide vergleichen.
Du weißt doch noch, dass wir als Kinder immer am Strand spielten. Also bevor wir nach Hamburg kamen?“, beginnt sie. Er nickt.
‚Tina, wieso so ernst?‘
„Wie kannst du behaupten ich würde meine Schwester nicht genauso lieben wie du Stephan oder er dich?“, murrt er plötzlich beleidigt, setzt sich hin und lehnt sich zurück.
„Ihr wart normale Geschwister. Ihr habt von klein auf andere Kinder zum Spielen gehabt, abgesehen davon, dass ihr vier Jahre auseinander seid und Stephan und ich nur knappe zwei Jahre.
Hör zu, Karl-Heinz. Was wir dir und niemanden erzählt haben ist, dass wir bis zu meiner Einschulung mit keinem anderen Kind als mit uns selbst gespielt haben. Wir hatten keinerlei Kontakt zu anderen Leuten. Weder Erwachsene noch Kinder. Als ich Sieben wurde und in die Schule kam, zogen wir von unserem isoliertem Strandhaus nach Warnemünde. Zuvor waren wir bei jedem Wetter nur am Strand, im Wald und natürlich im Wasser. Wir hatten nur uns vier. Es gab nicht einmal ein Fernseher oder ein Radio. Musik haben meine Eltern entweder selbst gemacht, gesungen oder Schallplatten aufgelegt. Wir haben nicht mal wirklich darüber geredet was außerhalb unserer kleinen glücklichen Welt war. Nur mein Vater verließ regelmäßig das Haus. Aber wir machten weder Urlaub noch gingen wir in eine Stadt, nichts. Wir hatten aber auch nicht das Gefühl, dass uns was fehlte. Wir waren einfach glücklich mit dem was wir hatten und spielten mit meinem Vater jeden Abend und den ganzen Tag an seinen freien Tagen. Wenn jemand krank wurde, kam ein Arzt vorbei. Zu Weihnachten und zu Geburtstagen kamen auch ein paar wenige Verwandte, die Großeltern, die restliche Familie lernten wir erst später kennen.
Auch Stephan war erst mit seinen dann neun Jahren das erste Mal mit anderen Kindern zusammen. Plötzlich gingen wir auf die Schule und wurden wegen des Alters getrennt. Du hast überhaupt keine Ahnung wie das plötzlich war. Ständig ohne den anderen zu sein, wenn man sein bisheriges Leben nur zusammen auf engem Raum verbracht hat.
So viele neue Leute und fremde Gerüche und alle Kinder waren so anders als wir. Sie unterhielten sich über Dinge, die wir nicht verstanden wie Serien, Filme, Comics, Musik oder eben die Themen der Unterrichtsfächer.
Wir wurden zum Glück von meinen Eltern und insbesondere meiner Mutter zu Hause gut unterrichtet, sodass wir in den Grundlagen der Basisfächer sogar besser waren als die anderen. Deutsch, Fremdsprachen, Mathe und Sport sowieso. Es war sehr schwer mit den anderen Kindern klarzukommen. Was uns dann aber verbunden hat war der Sport. Man bemerkte, dass wir auf dem Pausenhof miteinander Fußball spielten und so wurden wir beide in einen örtlichen Verein gesteckt und waren heilfroh wieder spielen zu können. Stephan jedoch war schon alt und gut genug für die älteren Mannschaften und bei den Mädchen gab es nur eine Mannschaft, keine professionelle Mannschaft. Naja, ich fand mich damit ab und machte mit, obwohl mich die Mädels nicht mochten.
Ich habe Stephan und seinem Team oft zugesehen und wollte auch mitmachen und durfte auch mitspielen, wenn Trainingsschluss war und alle nur noch Spaß haben wollten. Aber das ging dann eher in eine andere Richtung. Sie lachten mich aus, das kleine Mädchen, das sich einbilde wie ein Junge spielen zu können.
Die Mädchen mieden mich, weil ich ihnen zu schnell oder zu gut war und die Jungs wollten mit mir nichts zu tun haben.
Stephan ging es ähnlich. Er kam zwar im Spiel mit seinem Team klar, aber auch nur weil sie ihn brauchten. Er war zu gut um auf ihn verzichten zu können.
Naja, irgendwann gab es ein Turnier und Stephan wurde entdeckt und ihm wurde angeboten in euer Team zu kommen.“
Karl setzt einen nachdenklichen Blick auf und ihm kommen Erinnerungen an den ersten Tag, als Stephan sich vorstellte und das erste Mal mit ihnen spielte. Es war ein wirklich toller Tag. Stephan war zwar deutlich älter als er, aber sie verstanden sich sofort gut. Oft waren die Neuzugänge, die älter waren eingebildet und hochnäsig. Aber er war überhaupt nicht so, nur freundlich und sofort bereit loszulegen.
Der Trainer ordnete gleich nach seiner Ankunft ein Testspiel an und teilte die Mannschaft auf, sodass Karl mit Stephan zusammen im Sturm standen und die Gegner aus Kaltz und einem anderen Stürmer bestanden, die sonst seine Partner waren. Noch nie hatte er so gut mit einem Neuzugang spielen können, diese Passgenauigkeit und das Vertrauen zueinander, auch dass er kein Problem damit hatte als Angreifer selbst den Fokus auf den Partner statt auf sich selbst zu lenken und ihm die Tore zu überlassen, das kannte er nur von Kaltz.
„Dann kam er nach dem ersten Training heim und schwärmte nur so von euch und natürlich von dir. Auch die nächsten Tage war er immer Feuer und Flamme wieder zu trainieren. Statt mit mir nach dem Training wie früher zu spielen blieb er länger bei euch und ich, ich wusste plötzlich gar nichts mit mir anzufangen. Dann ging ich eines Tages einfach mit. Ich freute mich so sehr für ihn, dass er endlich Freunde gefunden hat und glücklich ist, aber ich war auch eifersüchtig, dass ich plötzlich nicht mehr so wichtig für ihn war.
Naja, den Rest kennst du selbst.“
„Vater hat ihn entdeckt, stimmts? Er kam plötzlich mit ihm an.“ Tina nickt.
„Ja, aber dazu später. Ich bin noch nicht ganz fertig. Wir sind etwas vom Thema abgekommen.
Du willst wissen warum ich diese Erinnerungen immer bei Fußballthemen hatte und dich auch später nicht aufgesucht habe.
Diese Kerle trugen Fußballtrikots, solche wie Fans eben tragen. Und deswegen kamen mir dann immer diese Bilder hoch. Das war auch hier noch so. Ich habe so gut es ging jeden Kontakt zu Fußballern gemieden. Es gab nur sehr wenige Fußballer, denen ich vertraute. Einer davon ist inzwischen nicht nur ein Freund, sondern auch ein Geschäftspartner geworden. Wir haben mit ihm und unserem Sportmediziner zusammen das Programm ausgearbeitet.“
Sie dreht sich um, nimmt das Foto vom Eröffnungstag in die Hand und reicht es ihm rüber.
„Ich kam in die Schule und in meiner Klasse ging der beliebteste Junge der ganzen Schule. Sie nannten ihn den Fußballprinzen, weil er so elegant und taktisch spielte. Du kennst ihn. Er war damals beim Testspielt gegen euch nur als Cotrainer dabei. Jetzt ist er seit Jahren im Nationalteam. Es hat lange gedauert bis wir uns angefreundet hatten, denn ich habe ihn gemieden, als ich mitbekam wer er ist. Ich wusste, dass er nichts dafürkonnte, aber immer, wenn wir Sport hatten oder ich draußen laufen war, war er mit seinem Team auf dem Fußballplatz und ich musste an den Vorfall denken.
Es gab ein paar Situationen zwischen uns Mädels und er versuchte mir durch seine Beliebtheit zu helfen. Ich konnte seine Hilfe aber nicht annehmen. Ausgerechnet ich, die Genzo damals in derselben Situation helfen wollte. Genzo wies mich damals auch immer ab, wenn ich zwischen seine Prügeleien gehen wollte. Er wollte sich nicht von einem Mädchen helfen lassen und ich nicht von einem Fußballer, der es scheinbar nicht mal eine Halbzeit lang durchhielt am Stück zu spielen. Ich habe ihn dann sogar als Schwächling beschimpft.
Ich war völlig blind von unserem harten Training, dass ich nicht bemerkte, dass er nicht länger spielen durfte und der Trainer ihn vom Platz rief. Später erfuhr ich dann, dass er genau das hatte, was ich euch vorgespielt habe: einen Herzfehler.
Ja so kam das, und daher sein Interesse an der Sportmedizin. Von da an unterhielten wir uns zwar nie über Fußball, aber über Ausdauer- und Krafttraining. Und nun, wie du siehst, ausgerechnet ein Fußballer war damals unser Promi und größter Profisportler, der uns unterstützte.
Aber worauf ich hinauswill, immer wenn wir uns unterhalten wollten und er nicht gerade die Schuluniform trug oder private Kleidung, zog er sich etwas über. Ein Pullover oder ne Trainingsjacke. Alles, damit ich nicht sein Trikot sehe. Er akzeptierte das einfach, als ich ihn darum bat, wenn er mit mir reden möchte. Jun Misugi. Jun versuchte es natürlich unauffällig zu machen, damit es keiner bemerkt. Diesen Trick behielten wir bis heute bei. Eines Tages erzählte ich ihm dann mal von Stephan.“ Karl ist verwundert.
„Ich erkenne diesen Mann jetzt. Er war bei der letzten WM dabei und ein echtes Verteidigungs-Ass und auch im Mittelfeld ein Genie. Verstehe zwar was du meinst mit dem Trikot, aber wieso bis heute?“ Tina schmunzelt und im Gedanken steht Jun in seinem schicken blauen National-Trikot vor ihr. Neben ihm Tsubasa und natürlich Kojiro.
„Dazu komme ich auch gleich. Noch eine Situation aus meiner Zeit hier.
Nach dem Tod meiner Eltern ging es mir gar nicht gut und ich war laufen, ich lief und lief und irgendwann war ich so K.O., dass ich mich an einer großen Brücke abstützte und zum Wasser heruntersah. Ich dachte über alles nach was passiert ist dann sah ich gar nicht mehr ein überhaupt hier zu bleiben. Wieso denn auch? Ohne meine Eltern? Stephan war auch nicht mehr da und das wo wir doch so viele Jahre nur uns vier hatten. Da war ich endlich erfolgreich von einer ehrlicherkämpften Meisterschaft zurück, hatte den Titel gewonnen und war sogar die Spielerin mit den meisten Punkten, und plötzlich rissen sich die Medien um mich und ein Sponsor nach dem anderen kam an. Und dann … stand plötzlich die Polizei nach dem Training im Trainerbüro und teilte mir mit, dass sie einen tödlichen Autounfall hatten.“ Tina muss pausieren und schaut dann wieder aus dem Fenster.
‚Oh man. Das ist wirklich furchtbar. Tina, deine Eltern waren immer sehr nett und liebevoll. Überhaupt sind sie miteinander und mit euch und uns Freunden sehr toll umgegangen. Ich habe mir immer vorgestellt wie schön es wäre, wenn meine Eltern auch so gut miteinander klarkämen, wie eure.‘
„Ach man, Tina. Deine Eltern waren immer so nett.“, spricht er leise und betrübt.
„Das ging dann plötzlich durch die ganzen Medien. Zuerst kamen nach der Meisterschaft der Medienrummel und die Sponsoren, dann der Skandal mit Martin und dann das. Endlich hatte ich es geschafft neue Freunde zu haben und ein neues Leben aufzubauen, respektiert zu werden und dann kam es mir wieder so sinnlos vor wie damals als ich mein Zimmer auseinandergenommen habe. So stand ich dann heulend und brüllend auf dieser Brücke und dann stellte sich plötzlich ein fremder junger Mann zu mir und sah mit mir zum Wasser und in die Ferne. Er sagte kein einziges Wort bis ich ihn bemerkte und ansprach, was er hier wolle und dass er wieder gehen soll.
Er fragte dann plötzlich mit einem ganz sanften Ton was mich so traurig machte. Und ich weiß gar nicht wieso, aber er kam mir plötzlich so vertraut vor, als würde ich ihn schon ewig kennen und dann plapperte es nur so aus mir heraus. Wir waren völlig alleine dort und niemand konnte hören was ich sage. Ich erzählte ihm alles was mich traurig machte, auch von uns und von dem Team und all das. Vor allem auch, dass ich jeden Fußballer meide und mir keine Medien ansehen und keinen Fernseher mehr anmachte, außer das Wetter. Die ganzen Monate um die WM 2002 herum waren für mich der pure Horror.“
Karl richtet sich auf und sieht sie neugierig an.
„Und das ist er? Der Mann an deiner Seite? Ein Mann, der dich in der Trauer aufgefangen hat?“, vermutet er überzeugt. Tina sieht ihn entsetzt an.
„Nein! Tsubasa ist nur ein Freund! Wie kommst du denn jetzt darauf? Der Mann ist verheiratet und mit seiner Frau lege ich mich lieber nicht an. Die ist schlimmer drauf als Andrea.“, grinst sie dann plötzlich im Nachgang. Der Mann vor ihr macht ein verwundertes Gesicht.
„Tsubasa? Der Name sagt mir doch was. Oder ist es Zufall? Nur derselbe Vorname?“
Verärgert verschränkt sie die Arme wieder und murrt ihn an.
„Manno! Jetzt hast du mit deiner Zwischenfrage die ganze Spannung rausgenommen. Nein, es ist kein Zufall. Er sagte mir dann nach meiner langen Erzählerei wer er ist und dass Genzo sein bester Freund ist.“
„Verstehe, also hast du Ohzora kennengelernt. Genzo hat schon früher immer von ihm geschwärmt. Berechtig.
Oh man. Tina bitte, du spannst mich echt auf die Folter. Wann lerne ich ihn kennen? Den Mann der dir den Schmuck geschenkt hat und dich dazu bringt dein Leben umzuwerfen und … für den…du versuchst mir den Wind aus den Segeln zu nehmen? Glaubst du ich erkenne deine Taktik nicht?
Fass dich bitte kürzer und sage mir wann ich ihn kennenlernen darf.“
Ihr wird plötzlich sehr warm und ihr Puls steigt etwas an. Ihr Gegenüber hat sich zwar sehr verändert aber einige Eigenschaften sind noch erkennbar und sie kann nach so vielen Jahren überhaupt nicht einschätzen wie er reagieren könnte.
„Gedulde dich noch ein wenig. Ich bin auch gleich fertig und ja, ich werde euch nachher gleich vorstellen.“
„Gut, die Geschichten zu deinen Freunden kannst du mir alle später erzählen. Mir ist klar, dass du hier viele neue Freunde hast, mit deiner liebenswerten Art mit Menschen umzugehen.“, spricht er ungeduldig und sagt es wie sie es von ihm kennt mit klaren und deutlichen Worten.
„Gut, ich beeile mich. Aber es gibt noch ein paar Dinge die du wissen musst.“
Plötzlich klopft es and er Tür.
„Wer ist da?“
„Ich bin es Jun. Ich wollte nur den Ordner zurückstellen.“, entgegnet er.
Tina ist etwas irritiert. In der Regel bringt Jun ihr den Ordner nach Hause oder spricht es mit ihr ab.
„Okay, komm rein, wenn du alleine bist.“
Die Tür öffnet sich und Jun betritt langsam den Raum und schaut zuerst zu ihr. Er trägt einen Anzug und hat die Tasche mit dem Ordner bei sich. Dann schaut er zu Karl-Heinz.
‚Tatsächlich. Irgendwie klang das alles noch so unwirklich. Er scheint es noch nicht zu wissen. Das mit Kojiro und ihr. Wieso ist er plötzlich hier?‘
„Hallo Schneider, ich dachte wir sehen uns erst in Europa wieder.“ Karl schaut nur gelangweilt und antwortet natürlich trotzdem freundlich.
„Hallo Misugi, mit wem Tina alles so befreundet ist…sogar Ohzora, hat sie mir eben erzählt. Und wie läuft euer Geschäft? Ihr habt ja heute lange gebraucht. Habt ihr jetzt ein neues Team dabei?“, erkundigt er sich gleich und versucht mit Smalltalk ein paar Informationen zu entlocken.
Jun sieht seine Freundin neugierig an. Sie lächelt.
„Erzähle ihm ruhig von der Arbeit und welches Team es heute war.“
Jun schließt die Tür hinter sich, stellt sich mit voller Überzeugung in den Raum und schaut zu Karl herab. Freundlich berichtet er ihm, dass sie heute auf Empfehlung anderer Verbände das Nationalteam aufgenommen haben.
Karl staunt nicht schlecht.
„Oh, das hast du vorhin gemeint, als du sagtest bis heute. Du hast also heute das Nationalteam aufgenommen und weil du Freunde unter ihnen hast, konntest du ihnen vertrauen?“, vermutet er fast richtig. Tina nimmt Jun den Ordner ab, heftet sich einen Teil davon aus, legt ihn kopfüber auf den Schreibtisch und stellt den Ordner dann wieder ins Regal.
„So ähnlich, ja. Es ging nicht nur um Vertrauen. Es ging eher darum ob ich diese Bilder wirklich nicht mehr sehe. Es hat sich so ergeben und ich habe das heute ausgetestet. Im Notfall hätte Jun das alles alleine gemacht. Gewöhnlicherweise betreue ich keine Fußballer. Aber es ging. Ich konnte dem Spiel zusehen und wir konnten das Programm vorstellen, so wie wir es sonst auch immer machen.
Und weißt du was ich in meiner Erinnerung gesehen habe?“, Spricht sie begeistert zu Karl-Heinz und schaut dann auch zu Jun.
„Dir konnte ich es ja auch noch nicht sagen, da ich so schnell wegmusste.“
„Was hast du gesehen?“, spricht Jun weiter auf Englisch. Tina sieht wehmütig zu Karl.
„Ich habe nur die schönen Erinnerungen gesehen. Es kamen die schönen und fröhlichen Erinnerungen wieder wie toll die Zeit damals war. Unsere lustige und fröhliche Zeit mit deinem Team, Karl. Wir hatten viele Hochs und Tiefs und das hat uns alle sehr zusammengeschweißt. Ganz besonders uns fünf, Dich, Kaltz, Genzo, Stephan und mich. Uns konnte niemand auseinanderbringen. Und Stephan, ich habe während des Spiels nur sein glückliches Gesicht gesehen. Früher war er immer nur verschlossen und zurückhaltend anderen gegenüber und dann fühlte er sich das erste Mal in seinem Leben unter anderen wohl und kam etwas aus sich heraus. Nur noch diese tiefe Freundschaft sehe ich. Die schönen Bilder sind wieder da, nicht mehr die schlimmen vom Überfall.“
‚Tina, das hast du gesehen? Ich weiß wie schwer es dir damals immer fiel mir gegenüberzutreten, auch als wir uns dann besser verstanden. Wir haben uns bis heute nie über das Thema Fußball unterhalten und dann tauchst du plötzlich auf und ich erfahre, dass du mit Kojiro zusammen bist. Als er mir das erzählt hat, war ich total überrascht und konnte es zuerst nicht glauben.‘ Jun betrachtet Tina, wie sie mit ineinandergreifenden Händen zu Karl schaut und im Inneren vermutlich hofft, dass er sie versteht. In diesem Moment wird ihm auch klar, dass er ihr wirklich sehr wichtig ist und er versteht nun wieso sie ihm das mit Stephan nicht einfach über das Telefon sagen wollte. Auch dass es herzlos gewesen wäre ihm nichts von sich und Kojiro zu erzählen, und er es irgendwann nur über die Presse erfahren hätte. Immerhin waren sie laut Genzos Informationen vor dem Überfall einige Wochen zusammen.
„Tina, ist das wirklich wahr? Du siehst nur noch eure Freundschaft?“ Tina sieht ihn erstaunt an. Sie hat gar nicht damit gerechnet, dass er sich weiter dazu äußert. Sie lächelt ihn an und nickt nur. Plötzlich berührt er ihre Schultern und sieht sie glücklich an und spricht auf Japanisch.
„Ich muss Tsubasa Recht geben. Er bringt Ordnung in das Leben der Menschen um sich herum. Und mit dir fängt es an.“ Dann fügt er noch etwas in Englisch dazu. „Ich bin so froh, dass das endlich vorbei ist. Wir können uns auch mal über meinen Sport unterhalten und Tsubasa ist plötzlich wie ausgewechselt seitdem er weiß, dass Fane wieder zu ihm ziehen wird. Es war schon schlimm genug, dass du nicht mal zu unseren Hochzeiten kommen konntest.“
„Jun…“, kann sie nur leise sagen und ist total überrascht.
‚Jun, so emotional habe ich dich ja lange nicht gesehen. Du bringst mich etwas durcheinander und ich wusste ja nicht einmal, dass du überhaupt mit Kojiro so eng befreundet bist.‘ Ihr entweicht eine kleine Träne. Als sie es bemerkt dreht sie sich sofort in Richtung Tür und wischt es sich so weg, dass es nicht so auffällt indem sie sich die Haare mit der rechten Hand richtet.
Plötzlich klingelt Tinas Handy. Jun verlässt daraufhin wieder den Raum.
Vor der Tür lehnt er sich an die Wand und schaut zum Werbeposter gegenüber.
‚Ich hoffe sie nimmt mir das jetzt nicht übel, dass ich sie eben überrumpelt habe, vor Schneider. Aber ich konnte es mir nicht verkneifen. Ich musste es sofort loswerden. Ich freue mich so sehr, dass sie endlich sein kann wie sie wirklich ist und sein will. Als sie heute auf dem Platz erschien und dann so vertraut mit dem Trainer redete war es irgendwie unwirklich. Wenn Kojiro es mir nicht zuvor noch gesagt hätte und, dass sie ihre Angst verloren habe, hätte ich es gar nicht geglaubt. Wer hätte schon gedacht, dass ausgerechnet der Wilde Tiger mit seiner stürmischen aber fürsorglichen Art die Lösung sein würde.
Schneiders Blick sah sehr überrascht aus. Ich hoffe er hat das nicht falsch verstanden. Wir sind nur Freunde, aber diese Angst und diese Bilder lagen immer zwischen uns und wir mussten beide stets aufpassen was wir sagten. Und nun…nun ist plötzlich alles normal. Dass Tina heute bei uns war muss sie viel Überwindung gekostet haben und sie wollte sich austesten. Das war sehr mutig. Und Schneider? Reden die tatsächlich schon die ganze Zeit während wir unterwegs waren?
Was hat sie ihm denn nur alles schon erzählt? Sie war schon immer ne gute Strategin und wird sich was dabei denken meinen ungeplanten Besuch in ihr Gespräch einzubinden. Ich bin trotzdem sehr gespannt was er sagt, wenn er von Kojiro erfährt. Immerhin sind sie sich beide die stärksten Rivalen. Zur Olympiade und zur WM haben beide nicht nur um den Sieg gekämpft, sondern auch um den Posten des Torschützenkönigs, welchen Kojiro dann absahnte. Und das Temperament der beiden ist auch nicht zu unterschätzen.‘
Wer ist Karl-Heinz Schneider? Part II
Kapitel 64
Wer ist Karl-Heinz Schneider? Part II
‚Nanu? Fane?‘
„Sorry, könnte wichtig sein.“ Sie nimmt ab.
„Ja Liebes, was gibt es Wichtiges?“
„Tina, sage mal, hast du einem Anwalt meine Nummer gegeben?“
„Oh, hat er sich echt schon gemeldet? Ich dachte er ruft dich morgen erst an, weil es schon so spät ist. Sorry, ich wollte dich noch vorwarnen. Sprich bitte mit ihm einen Termin ab wann es bei dir passt. Ich kann im Notfall online dazu kommen. Wir wollen doch Urlaub machen und es eilt aber leider sehr. Ihr könnt euch aber schonmal im Vorfeld darüber unterhalten was du als Managerin alles zu beachten hast und wie du rechtlich deine Ausbildung unter meiner und Rolands Anleitung abschließen kannst. Einen Vertrag brauchst du auch noch und was ich dir zahlen muss. Er soll dir dazu Informationen geben, damit wir beide darüber reden können. Er kennt sich auch mit solchen Sachen wie Fernstudium aus. Deswegen habe ich ihn auch ausgesucht. Er deckt fachlich alles ab was ich benötige und ich kann ihm vertrauen.“
„Verstehe, aber was ist mit Chef? Will er dich nicht mehr vertreten? Und soll das heißen du vertraust ihm nicht mehr?“, wundert sie sich.
„Das erkläre ich später. Ist jetzt unpassend. Bis dann erstmal. Euch noch einen schönen Abend.“, würgt sie ihre Freundin ab.
„Wow, du bist ganz schön gefragt.“, äußert der Mann ihr gegenüber.
Karl steht auf und schaut zu ihr herab.
„Es klang so als wäre er hier. Du wolltest ihn mir gleich vorstellen. Ist er Japaner?“
„Ja, er ist Japaner, hier geboren und aufgewachsen.
Deine Geduld ist am Ende, das verstehe ich. Wir gehen gleich hoch. Zwei Sachen noch bevor wir losgehen.“ Sie atmet tief durch, denn auch dies fällt ihr schwer, aber sie muss es ihm erklären, damit er ihre Gefühle versteht.
„Wenn es um diese Erinnerungen an jenem Tag geht, waren es nicht nur die Bilder von Stephan, mir kamen diese ekelhaften Gerüche in den Sinn. Dieser Mundgeruch nach Alkohol und Tabak und ihr ekelhafter Körpergeruch. Wer weiß was die noch genommen haben, als sie auf ihrem Tripp waren. Er lag schon am Boden aber die hörten ja nicht auf und fingen plötzlich an mich überall anzufassen und ekelhafte Sachen zu sagen.“ Nachdenklich verschränkt sie die Arme und fasst sich an die Oberarme und schaut zur Seite.
„Glaube mal nicht, dass das später immer leicht war mit einem Mann alleine zu sein. Und schon gar nicht, sich näher zu kommen!“ Sie schaut dann zu ihm auf. „Auch hier war und bin ich nie alleine. Es ist immer jemand mit im Raum oder in unmittelbarer Nähe, wenn ich Privattrainingsstunden gebe.
Ich…ich weiß nicht ob du das als Mann nachvollziehen kannst, aber es hat einige Jahre gedauert…bis es privat etwas besser ging.“
Sie schaut zu ihm und berührt ihre Kette wieder.
„Ich erzähle dir das jetzt nicht, weil ich Langeweile habe oder irgendeine Reaktion von dir erwarte! Es ist ein sehr persönliches Geheimnis und ich vertraue es dir nur aus einem bestimmten Grund an.
Damit du verstehst was ich empfinde, was ich für ihn empfinde, denn nur bei ihm sind all die schlimmen Erinnerungen weg. Ich kann es mir selbst nicht erklären, aber es war gleich in dem Moment so, als wir uns begegnet sind.“
Karl ist selbst etwas benommen. Sein Herz fühlt sich an als hätte man ihm plötzlich einen Tritt verpasst. Er nimmt seine Hände hoch und schaut sie sich nachdenklich an.
„Tina, war es so furchtbar, dass sie kaputt gemacht haben, was wir noch vorher hatten?“, sagt er ganz leise und erinnert sich an ihre aufregende Zeit als sie sich heimlich trafen und eines Tages ihre ersten Erfahrungen auf dem Weg zum Erwachsensein machten. Beide waren sie noch sehr jung und waren zuvor niemals jemanden so nah wie an dem Abend im alten Hausboot seines Onkels. Die Jugendlichen nutzten die Gelegenheit, dass der Onkel im Urlaub war und Karl den Schlüssel hatte. Es war kurz vor Karls offiziellem Transfer in die Bayernjugend. Sie wussten, dass sie sich danach weniger oder vermutlich gar nicht mehr wirklich sehen würden und dann heimlich, das würde nie wieder gehen, nur solange sie in Hamburg sein können. Es ginge erst wieder in zwei Jahren, wenn Tina volljährig ist, dann erst könnte sie einfach in den Zug steigen, ihn besuchen oder nach der Schule zu ihm ziehen und in München studieren.
‚Karl, du hast unsere schöne Zeit nicht vergessen und ich auch nicht. Aber es wäre sowieso nicht lange gutgegangen mit uns.‘
Dann stützt er sich auf dem Schreibtisch auf und blickt ihr tief in die Augen.
„Du weißt, dass ich dir niemals weh tun würde oder habe ich dir etwa damals wehgetan? Konntest du deswegen nicht zu mir gehen?“, spricht er verständnisvoll.
„Du bist doof, also echt! Natürlich weiß ich das! Wie kannst du nur behaupten, dass ich ausgerechnet DIR nicht vertrauen kann. Du hast nichts falsch gemacht.“ Tina legt sachte ihre Hände auf seine, um ihr Vertrauen ihm gegenüber zu bestätigen und bleibt ernst. Sie weiß genau wie riskant es ist ihm so nah zu kommen. Sein Herz schlägt plötzlich bis zum Anschlag und er weiß zuerst gar nicht was er davon halten soll. Die ganze Zeit weicht sie ihm gekonnt aus und vermeidet den Kontakt. Und jetzt plötzlich spürt er ihre warmen zarten Hände.
‚Tina, wieso kommst du mir plötzlich so nah? Ist das ein Test? Willst du mir damit sagen, dass du mir so sehr vertraust und mich jetzt testest ob es noch so ist?‘, deutet er ihr Verhalten.
Karl denkt in dem Moment überhaupt nicht daran ihrem herausfordernden Blick auszuweichen, nein. So sehr er sich auch wünschen würde ihr auf das Armband zu sehen, um die Gravur zu lesen, die eventuell draufstehen könnte oder die Gelegenheit wie andere Männer den Blickwinkel von oben zu nutzen sie in diesem Kleid genauer zu betrachten, da es so tief ausgeschnitten ist. Natürlich reizt es ihn sich seine Jugendliebe genauer anzusehen, nachdem sie deutlich weiblicher geworden ist, aber nein. Er verharrt in ihren schönen türkiesblauen Augen.
‚Diese Augen, wie sehr habe ich sie vermisst. Tina, dieser Blick, so hast du mich früher oft angesehen, wenn wir uns auf dem Feld als Trainingsgegner gegenüberstanden. Und nun? Nun bist du nicht nur wieder da und ich kann dir in diese wahnsinnigen Augen sehen, sondern du bist noch viel hübscher geworden.
Nun gut. Du hast gewonnen. Ein falscher Blick und wir sehen uns vermutlich nie wieder. Das riskiere ich bestimmt nicht.‘
Es vergehen mehrere Sekunden und ihre Blicke weichen nicht voneinander.
‚Karl, ich glaube du hast es verstanden. Du könntest auch die Gelegenheit nutzen mein Armband zu berühren um die Gravur zu lesen, aber nein. Du riskierst es nicht. Ich kann deine Aufregung fühlen, dein Puls ist sehr hoch. Und dieser Blick, Karl, er ist sehr vertraut und du würdest vermutlich jede Frau damit weich kriegen, damit sie in deinen Armen liegt, aber ich empfinde das nicht mehr so. Seltsam eigentlich, aber jetzt spüre ich deine warmen Hände, als wären sie die von einem Freund oder vertrauten Verwandten. Nicht mal jetzt gehen mir Kojiros zärtlichen Berührungen aus dem Kopf. Sein liebevoller Blick und dieses unbeschreibliche Kribbeln überall, wenn wir uns so nah sind wie wir jetzt. Ich bin so froh, dass wir vorhin nochmal Zeit miteinander verbringen konnten. Der Tag war derart anstrengend und nervenaufreibend, dass ich so sehr unter Strom stand wie noch nie. Noch nie hatte ich plötzlich das Gefühl, dass mich meine Kräfte verlassen. Auch ihn habe ich bisher nie so angespannt erlebt. Diese Anspannung verschwand genau in dem Moment als wir uns endlich küssten, berühren konnten und er mich in seine Arme nahm. Ach Kojiro…so sollte der Tag nicht enden, mit so einem Knall. Aber wir haben es dann endlich hinter uns. Nur noch ein wenig Geduld für uns alle und es ist vorbei und wir können ohne weiter Rücksicht zu nehmen einfach nur zusammen sein.‘
Karl erhebt sich plötzlich und nimmt seine Hände zurück.
„Du hast Recht. Ich bin ein Narr.“, sagt er bestimmend. Tina lächelt ihn erleichtert an.
„Bist du soweit? Willst du ihn jetzt kennenlernen oder ist dir das zu früh?“
„Ja, gerne.“, klingt er einsichtig. Tina greift beruhigt zu ihrem Handy und schreibt eine Nachricht.
Kurz darauf klingelt es und Andrea ist dran. Sie unterhalten sich kurz auf Japanisch.
„Die Männer sind oben in einem der VIP-Räume. Kommt ihr jetzt hoch?“
„Ja, wir sind gleich soweit. Ich gehe davon aus, dass er schon weiß wer mich hier besucht, nicht dass er unvorbereitet ist.“
„Natürlich weiß er das.“ Andrea erklärt kurz wie sie die Begegnung gestalten würde, Tina stimmt zu und legt auf.
„Ich kann mir an deiner Seite keinen kleinen Japaner vorstellen. Du magst nur intelligente und fleißige Menschen um dich herum. Das sagt man den Japanern immerhin nach. Wenn er nicht gerade etwas älterer ist als du, wie dieser Martin, dann wohl ein Student, aber aus einem guten Hause, sonst ginge das mit dem Schmuck nicht. Sportlich mit Sicherheit, eventuell so ein drahtiger Marathonläufer oder Schwimmer, der könnte mit dir mithalten oder ganz anders ein kräftiger Typ wie einer der Herren dort vom Rugby-Team. Rugbyspieler sind ja bekannt dafür, dass sie zwar die harten auf dem Feld sind, aber butterweich privat. Das würde auch passen. Ihr habt sicher irgendwas gemeinsam, sonst würde es nicht funktionieren.“ Tina schaut kurz zur Vitrine und grinst dann.
‚Deswegen stehen die anders, er hat sie sich angesehen und angefasst. Nun vermutet er es könnte jemand aus dem Team sein. Nun ja, mit einem von ihnen bin ich tatsächlich mal ausgegangen, aber es passte leider auch nicht.‘, schmunzelt sie vor sich hin.
„Aha, so falsch liege ich gar nicht. Also ein Rugbyspieler, sensibel und einfühlsam. Und nebenbei studiert er was. Was studiert er denn, wenn ich fragen darf?“ Tina schmunzelt weiter und steht auf.
„Mit einigen Vermutungen hast du tatsächlich Recht. Ich bin erstaunt wie sehr du dir Mühe gibst ihn dir vorzustellen, nur um deine Aufregung zu verbergen.
Ja, er ist unter anderem intelligent, sportlich und einfühlsam.“
Sie geht in Richtung Tür und sieht lächelnd zu ihm.
„Neben seinem Sport hat er studiert und ist nun Architekt. Was machst du nebenbei? Du wirst doch sicher auch was studieren damit es dir hinterher nicht so elend geht wie deinem Vater. Ich kann mich noch gut daran erinnern wie er verzweifelt nach einem Job gesucht hat und am Ende als Hafenarbeiter unglücklich war. Ein Job, der nicht glücklich machen kann, das willst du sicher nicht. Du bist klüger als er. Ich habe meinen Plan B, die Trainerscheine, das Kochen und meine Sprachen und du?“
„Architekt. Oho. Kreativ und Ahnung von Physik. Nicht schlecht.
Natürlich studiere ich nebenbei. Du kannst ja mal raten.“
„Ist es etwas was du wirklich machen willst oder etwas damit du einfach irgendetwas in der Tasche hast?“
„Gute Frage. Nein tatsächlich etwas was ich machen möchte bzw. was mich interessiert.“ Tina überlegt und grinst. Dann sieht sie ihn fröhlich an.
„Ich habe eine Ahnung, aber du musst mir etwas helfen. Ich komme gerade nicht auf die Fachrichtungen, die dazu passen.
Wenn du mal verletzt warst oder doch mal alleine sein wolltest bist du oft in die Werkstatt deines Onkels gegangen. Du hast dich immer sehr für Technik interessiert und hast uns viel davon erzählt. Du kanntest neben unseren Fußballhelden fast alle technischen Daten der Autos oder anderer Fahrzeuge. Das war dein Ding, neben dem Sport. Ich glaube, wenn du keinen Sport mehr machen würdest bist du in einer Werkstatt und schraubst an den Autos rum. Als Berufsausbildung gäbe es da wohl den Mechatroniker. Nun, wenn es einen Studiengang dazu gibt, dann fällt er mir gerade nicht ein. Vielleicht sowas wo man lernt Motoren zu bauen, etwas mit ganz viel Technik.“ Karl ist erstaunt.
„Wow, was du noch weißt. Stimmt genau, ich studiere Maschinenbau und sehe dann später weiter in welche Richtung es mich treibt. Ich tendiere derzeit in Richtung Mechatronik.“
„Das ist doch dann genau dein Ding. Das freut mich.“
„Wie habt ihr euch kennengelernt?“, ist er neugierig und versucht etwas Smalltalk zu betreiben.
„Ich war am Ruhetag meiner Gaststätte alleine und habe Vorbereitungen gemacht. Da kam er plötzlich durch die Lokaltür und wollte nur was trinken. Er hat mir angeboten bei der Arbeit zu helfen und dann haben wir uns sehr angenehm unterhalten. Als ich ihm erzählt habe, dass ich das Lokal nach dem Tod meiner Eltern übernommen habe sagte er, dass er seinen Vater schon sehr früh verloren hatte. Und so hatten wir unsere Themen, die Familie. Er musste als Kind sogar neben Schule und Sport arbeiten gehen, um seine Mutter finanziell zu unterstützen. Sie war plötzlich alleine mit vier Kindern. Stell dir das in Japan nicht so leicht vor. Und eine alleinstehende Mutter hat hier einen anderen Stand als bei uns.“ Der Starfußballer ist erstaunt.
„Oh, also ein Mann aus der Arbeiterschicht, mit Hoffnung auf ein Stipendium?“ Tina nickt und lächelt.
„Ich verstehe, aber ich habe ja bereits gesagt, du magst nur fleißige Leute. Schmarotzer konntest du noch nie leiden. Ich gehe also davon aus, dass er sein Stipendium bekommen hat, daher das Studium. Dann könnte er tatsächlich Profisportler sein wie wir. Und als Kind arbeiten? Neben dem Profisport? Da kann man nur seinen Hut davor ziehen.“, äußert er seine Gedanken.
„Ja, während wir in unserer Kindheit und Jugend mit viel Spaß und Freude jede Stunde nach der Schule genossen haben, musste er auf Freunde außerhalb des Sports verzichten und arbeiten gehen. Wir können das überhaupt nicht nachvollziehen, wir hatten nie solche Sorgen. Also Stephan und ich kannten das nicht. Es war immer alles da was wir brauchten und sind auch in den Urlaub gefahren. Auch vorher war immer alles da was wir brauchten. Es gab einfach keine Existenz-Sorgen.“
Karl kommt etwas auf sie zu, bleibt kurz vor ihr stehen und sieht zu ihr herab. Er spricht sie mit ganz ruhigem Ton an.
„Tina…was meinte dein Ex damit, dass ich nicht gegen ihn ankomme? Diese Worte gehen mir nicht aus dem Kopf. Was meint er damit, dass ich in deinem Kopf rumschwirrte, während ihr zusammen wart? Bin ich denn jetzt wirklich weg? Du bist doch Diejenige, die mir damals ihre Liebe gestanden hat, als ich hinter dein Geheimnis gekommen bin. Nur deswegen konnte ich doch plötzlich etwas für dich empfinden. Ist das etwa alles weg? Liebst du mich wirklich nicht mehr? Woher willst du das wissen?
Jetzt wo wir uns endlich wieder sehen können…bist du dir wirklich sicher, dass wir keine Chance mehr haben?
Mir ist klar, dass viel Zeit vergangen ist und jeder sein Leben hatte und neue Partner sehr aufregend sein können, aber sind deine Gefühle zu diesem Mann tatsächlich so endgültig?“ Sie ist wie erstarrt und lehnt mit dem Rücken gegen die Tür. Wie naiv sie doch ist zu glauben, dass er sich damit abfinden würde. Wie kann sie annehmen er würde nicht mehr so viel für sie empfinden? Natürlich konnte es gut sein, dass er sie genauso vermisst hat wie sie ihn. Und nun ist ihr endlich bewusst geworden, dass sie doch nur eine tiefe Freundschaft empfunden hat, denn wenn es mehr gewesen wäre, dann wäre sie niemals so weit weggezogen. Sie hat doch jetzt auch entschieden Kojiro nach Italien zu folgen, warum konnte sie es damals nicht? Als ihre Eltern sie haben entscheiden lassen wo sie hinziehen will…sie hätte bestimmt auch nach München gekonnt. Doch sie zu fragen oder auf Knien anzuflehen, kam gar nicht in ihrem Sinn, dabei hätte sie dort sogar weiter spielen können…die Frauen wurden immerhin gut gefördert. Das hätte doch gar nicht gestört…noch bevor das mit Stephan passierte oder auch danach. Vielleicht hätte es ja doch geholfen? Aber ihr kam gar nicht erst in den Sinn diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Sie wollte nur noch weg…weit weg…ganz weit weg von dem was sie so viel an Fußball erinnerte.
Karl beugt sich zu ihr herunter und stützt sich mit den Händen an der Tür ab. Er blickt ihr intensiv in die Augen und bleibt nur wenige Zentimeter vor ihrem Gesicht stehen. Beide können den Atem des anderen spüren und riechen.
Tinas Herz klopft ganz doll, weil sie sich so hintergangen fühlt, dass er ihr plötzlich so nah ist und so unwahrscheinlich viele unangenehme Fragen stellt, auf die sie kaum eine Antwort hat.
Tina senkt den Blick, um ihm nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. Im Innerem sagt sie sich immer wieder, dass sie ihm noch immer vertraut. Karl-Heinz ist immer ein sanfter Mensch gewesen, so einen Charakterzug legt man auch nach vielen Jahren nicht ab. Er würde ihr niemals weh tun, das hat er eben nochmal gesagt und sie glaubt ihm auch. Niemals würde sie etwas anderes glauben und ist ganz fest davon überzeugt. Er würde niemals jemanden weh tun, den er liebt. Niemals!
„Tina, bist du dir wirklich so sicher mit ihm? Wollen wir nicht wenigstens einen Test machen? Nur auf Nummer sicher gehen, dass es so ist? Ich…ich kann es nicht wirklich glauben, dass du mich wirklich nicht…mehr…liebst.
Nur einen kleinen Kuss. Nicht mehr, versprochen. Wenn du nichts mehr spürst, dann gehe ich und akzeptiere es.“, spricht er sehr leise und liebevoll. In seiner Verzweiflung weiß Karl nicht mehr was er sonst machen soll. Wie will sie sich denn sicher sein, dass der andere der Richtige ist und nicht er, wenn sie sich nie als Erwachsene geküsst haben? Wieso kann sie es denn so genau wissen? Seine Gefühle spielen etwas verrückt. Er spürt plötzlich das Verlangen sie zu berühren als er ihren Atem vernimmt. Zuerst wollte er sie nur etwas herausfordern und provozieren, aber dann, als er ihr so nah kam und ihren lieblichen Duft vernahm, da kam es plötzlich auf, dieses Verlangen nach ihrer Zuneigung, obwohl sie ihm versucht auszuweichen. Und nun weicht sie ihm gar nicht mehr aus. Er hat damit gerechnet, dass sie ihre Hände entgegenstreckt oder ihm anders versucht auszuweichen. Was hat das zu bedeuten? Will sie es darauf ankommen lassen oder hofft sie er hört von alleine wieder auf?
Plötzlich berührt er ihre Wange ganz zaghaft und zärtlich und richtet ihren Kopf wieder hoch zu sich. Ihre Augen sind geschlossen.
‚Was hat das zu bedeuten, dass du mich nicht ansehen kannst? Wiese leistest du keinen Widerstand, wenn du doch jemand anderen liebst? Was bist du jetzt für ein Typ Frau? Du bist so stark und taff, selbstsicher und selbständig. Soweit kann ich es einschätzen, aber das sind deine Gesichter nach außen. Was bist du innerlich? Bist du der Typ, der gerne den Ton angibt oder willst du lieber erobert werden? Als wir uns damals so nah waren, war es eine kleine Mischung aus beidem, aber wir waren beide noch unerfahren und naiv.
Wieso habe ich plötzlich diesen Drang dich küssen zu wollen? Ist das dein angenehmer Geruch? Mein Herz schlägt ganz schnell und es tut in der Brust weh. Ich weiß gar nicht so richtig was ich denken soll. Tina…was soll ich denn nur machen? Ich will dich küssen, ich will dich nicht wieder verlieren und ich will dich doch in meiner Nähe haben. Ohne dich fühlten sich die Jahre so leer an. Als ob mir etwas fehlte. Schon als wir uns nur anfreundeten hast du es drauf gehabt mich aufzuheitern und von meinem Stress abzulenken. Und später ebenso. Du konntest mich immer beruhigen.
Jetzt stehst du hier vor mir und bist so wunderschön. Was soll ich denn nur machen? Du fühlst dich so zart an und ich kann mir gut vorstellen, dass dir die Männer hier zu Füßen liegen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass dich jemand berührt oder sogar küsst und womöglich mehr.
Aber was passiert, wenn ich dich jetzt einfach küssen würde? Haust du mir dann eine runter? Ich will nicht wissen was du für einen Schlag draufhast. Oder lässt du es passieren und behältst es einfach für dich? Jedoch lügen war an sich nie dein Ding. Uns zu belügen war nur die Ausnahme und ein notwendiges Übel, so hast du es immer wieder gesagt. Ach Tina, gib mir ein Zeichen was ich jetzt machen soll? Nun halte ich schon deinen Kopf und es fühlt sich so gut an. All die ganzen Jahre habe ich mich danach gesehnt dir endlich gegenüber zu stehen und dir nah zu sein. Ich habe mich immer gefragt wie viel hübscher du wohl geworden bist und wie es sich jetzt anfühlen würde dich zu küssen und in die Arme zu nehmen. Jetzt steigt mir der blumige Duft deiner Haare in die Nase und ist so betörend, dass ich mir wünschte dich in meinen Armen halten zu können.‘
‚Karl, bitte…höre auf. Lass es eine schöne Erinnerung bleiben, was wir damals hatten.‘ Sie kneift die Augen zu und regt sich kein Stück. Sie versucht ihm noch immer zu vertrauen.
‚Nur weil wir so eine schöne Zeit und ein enges Vertrauen zueinander hatten konnte ich den ekelhaften Moment mit diesen Männern irgendwann verarbeiten. Das konnte ich doch in den folgenden Jahren nur weil ich unsere Zärtlichkeiten im Kopf hatte und wusste, dass es etwas Schönes sein kann einem Mann nahe zu sein. Ja natürlich waren wir jung, naiv und unerfahren, aber wir hätten uns doch niemals weh getan. Wir haben uns nicht weh getan und nur deswegen konnte ich mich irgendwann wieder auf jemanden einlassen. Nur, weil ich wusste, dass es etwas Schönes sein kann.‘
Karls Blick erkennt ihr Augenkneifen und dann fällt ihm plötzlich die silberne Haarspange auf.
‚Tina, du bist so schön. Du trägst meine nicht mehr. Wieso? Auf den Bildern auf den Webseiten und den Medienerstattungen hast du sie noch im Haar. Immer ist sie dabei gewesen. Und heute? Heute hast du die deiner Mutter im Haar?
Warum fühlt es sich so angenehm und gleichzeitig zu beschämend an, wenn ich dir jetzt so nah bin und den Drang verspüre dich zu küssen?‘ Plötzlich zuckt er zusammen.
‚Wie kann ich nur…wie kann ich es nur wagen dich einfach anzufassen ohne deine Einwilligung? Und dann bedränge ich dich, nur weil ich die Wahrheit nicht erkennen will. Wie erbärmlich ist das denn?!
NEIN!
SO BIN ICH NICHT!!
UND SO WILL ICH AUCH NIE SEIN!!
NIEMALS!!‘
‚Bitte…ich vertraue dir und du darfst es nicht kaputt machen…lass uns unsere schöne Erinnerung. Beende es jetzt, ich halte es nicht länger aus und ich will dir doch gar nicht weh tun müssen. Aber wenn du es nicht alleine merkst, dann muss ich es.‘, geht in beiden gleichzeitig vor. Im selben Moment lässt er sie los, richtet sich erschrocken von sich selbst wieder auf, geht drei Schritte zurück und hält die Hände gestreckt vor sich. Tina öffnet die Augen und sieht verwundert zu ihm. Sein Blick sieht entsetzt aus und sie kann seine feuchten entsetzten Augen deuten.
‚Karl, ich wusste es. Es hat gedauert, aber du hast dein altes ICH noch in deinem Herzen. Halte es fest, bitte.
Danke, danke, dass du uns diese schönen alten Erinnerungen heile lässt.‘, ist sie erleichtert und atmet auf.
„Tut mir leid!“, stößt er entsetzt aus und dreht beschämend seinen Kopf von ihr weg.
‚Ich bin ein Trottel. Was war das eben gerade? Was ist denn da über mich gekommen? So etwas ist mir noch nie passiert. Seit wann berühre ich eine Frau, wenn es ein eindeutiges NEIN gab? Wo kam denn dieser Drang, sie unbedingt küssen zu wollen, plötzlich her? Und dann ausgerechnet bei ihr. Tina, wieso? Kannst du mir das überhaupt verzeihen?‘
„Karl, ich wusste es. Ich habe an dich geglaubt, dass du nie tun würdest was ich nicht will.“, lächelt sie. Karl sieht sie wieder an und kann kaum glauben was er hört.
‚Tina, du hast an mich geglaubt? Vertraust du mir noch so sehr, dass du gewusst hast, dass ich dich niemals ohne Einwilligung küssen würde? Aber ich war kurz davor. Wie dumm von mir anzunehmen du würdest es tatsächlich wollen.‘
„Danke, deine Worte tun gut. Es tut mir wirklich sehr leid. Ich…weiß nicht was…das war. Das…muss…die Müdigkeit gewesen sein. Ich hoffe, du kannst mir jemals verzeihen.“
Tina geht plötzlich auf ihn zu und schaut fröhlich zu ihm auf.
„Ich bin stolz auf dich. Du findest langsam zu dir zurück. Ich bin sehr froh, dass du unsere alten und schönen Erinnerungen nicht kaputt gemacht hast.
Es tut mir leid. Es hat sich in den Jahren viel verändert aber wir haben noch etwas ganz Besonderes. Das kann uns niemand wegnehmen. Das geht aber nur wenn du es willst. Wenn ich merke, dass es doch nicht klappt, dann müssen wir weitersehen was wird.“
‚Du bist stolz auf mich? Hast du tatsächlich darauf gewartet, dass ich alleine aufhöre? Hast du dich deswegen nicht gewehrt?‘
„Was meinst du?“
„Unsere Erinnerungen an die tolle Kindheit und eine tiefe Freundschaft, alles was vor dem war, alles was vor dem war als du mein Geheimnis erkannt hast. Aber auch die schöne Zeit danach kann uns doch niemand nehmen.
Ich weiß es klingt immer doof, wenn man jetzt sagt, „Lass uns Freunde bleiben“. Aber so ist es doch bei uns nicht. Wir waren vorher wirklich Freunde und jetzt wo ich weiß was wahre Liebe bedeutet glaube ich, nein, bin ich mir sogar sicher, dass das was ich damals empfunden habe auch nicht mehr war als eine Mischung aus Begeisterung, ein Gefühl von Zugehörigkeit und Vertrauen, also Freundschaft. Denn wenn es Liebe gewesen wäre, dann…dann hätte ich dich niemals verlassen können. Ich hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt dir irgendwie nach München zu folgen, aber nein, um alles hinter mich zu lassen hatte ich den Drang ganz weit weg von allem zu sein.
Meine Eltern ließen mir damals die Wahl ob und wohin ich ziehen wollen möchte. Ich entschied mich für Japan. Ich wusste, hier könnte ich ein neues Leben anfangen. Hier wo Genzos Familie ist. So hatten meine Eltern und ich Freunde zum Reden. Zwei Wochen nach dem Überfall sind wir dann hergezogen. Am Tag wo unser Spiel gegen Genzos Freunde stattfand bin ich weggeflogen.
Aber jetzt, jetzt könnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ich könnte es gar nicht ertragen nur ein paar Tage getrennt zu sein.
Karl-Heinz, kannst du mich verstehen? Ich vermute aufgrund unserer Unterhaltung die ganze Zeit, dass du vermutlich etwas anderes erwartet hast, als du hergekommen bist. Ich kann dir aber nicht mehr anbieten, als eine Freundin zu sein. Du musst nur wissen ob du das wirklich akzeptieren kannst oder lieber doch gehst und versuchst an der Stelle mit deinem Leben weiter zumachen wo du gerade warst. Dann werde ich das ebenso akzeptieren und dich für immer in Ruhe lassen.“ Sie reicht ihm die Hand und er sieht sie nachdenklich an.
‚Freunde wie früher? Ach Tina, wenn du wüsstest. Das kann ich nicht mehr. Aber wenn ich deinen Vorschlag nicht eingehe, dann sehen wir uns vermutlich nie wieder und es gibt nicht mal die Möglichkeit wieder irgendetwas zu fühlen. Irgendetwas was mich dazu bringt wieder glücklich zu sein. Also lieber nur Freunde, als gar nichts mehr von dir zu hören.‘
Er nimmt ihre Hand an und lächelt.
„Okay, eine Freundschaft. Aber sie wird sicher nicht genauso sein wie früher, das ist dir klar?“
„Das verstehe ich voll und ganz. Wir müssen wieder von vorne anfangen, Karl. Kommst du damit klar? Anders geht es nicht.“
„Wir bekommen das hin.“
Plötzlich klingelt Tinas Handy. Sie schaut aufs Display, es ist ihre Gaststätte.
„Sorry, ist wichtig.“, meint sie und geht ran.
„Hallöchen, was gibt es Wichtiges?“
„Hallo Tina, Roland hier. Wir haben ein kleines Problem.
Wir hatten nun ein paar Stunden eine deutsche Touristin am Tresen sitzen, soweit alles gut und sie hat gegessen und war alles okay, dann ist sie plötzlich sehr müde geworden und eingeschlafen. Wir haben sie erstmal ins Büro auf die Couch gelegt. Carsten meinte, sie wäre mit jemanden hergekommen, der sie irgendwann abholen kommt. Bisher ist aber niemand aufgetaucht. Wir schließen jedoch etwa in einer Stunde, hier ist heute nix los.“
„Oh, seltsam. Hat sie nichts gesagt ob sie irgendwo in ein Hotel muss oder so?“
„Nein, Carsten weiß weiter nichts, nur dass sie auf jemanden wartet. Mehr wollte sie ihm nicht sagen.“
„Kann Anja sie betreuen? Damit eine Frau bei ihr sitzt.“
„Nein, die habe ich schon heimgeschickt.“
„Dann macht erstmal alles fertig und Carsten soll im Büro bei ihr bleiben. So ist jemand bei ihr mit dem sie eventuell redet, wenn sie aufwacht. Er kann ja nebenbei die Zeit nutzen und sein Ausbildungsheft führen und die Abrechnung machen.
Ist vorne noch jemand oder sind die Gäste soweit alle weg?“
„Sie ist die Letzte, deswegen rufen wir ja an.“
„Dann schließt die Tür im Gastraum damit niemand mehr kommt. Macht erstmal alles fertig. Wenn sie bis zum Schluss nicht aufwacht müsst ihr wohl oder übel die Polizei rufen, damit die sich um sie kümmern. Ruft mich dann bitte vorher nochmal an.“
„Okay, machen wir. Bis dahin.“ Beide legen auf.
Karl-Heinz staunt. So langsam ist er wieder bei klarem Verstand und versucht sich normal zu unterhalten.
„Dein Französisch ist deutlich besser geworden. Mit wem hast du gesprochen?“
„Das war mein Küchenchef. Er ist auch gleichzeitig mein Ausbilder gewesen. Durch ihn habe ich kochen gelernt und mein Französisch verfeinert. Um im Training zu bleiben reden wir beide fast nur so miteinander.“
Karl geht an ihr vorbei Richtung Tür.
„Wollen wir? Ich bin schon gespannt auf deinen Freund.“, grinst er.
„Hm, Freund klingt komisch. Das klingt als wäre es nur eine vorrübergehende Sache. Sei dir bewusst, dass es mehr ist. Er ist der Mann, der in Zukunft an meiner Seite sein wird.
Wir kennen uns noch nicht lange und wussten schnell was wir wollen. Es gibt ein Problem und wir sind gerade dabei dieses Problem aus der Welt zu schaffen.“
„Das klingt aber ernst. Ihr seid erst seit kurzem zusammen und habt jetzt schon Probleme?“, wundert er sich und ist skeptisch.
„Wir stehen beide im öffentlichen Leben und sind hier in Japan recht präsent. Das ist das Problem. Wir haben uns untypisch nur mit Vornamen vorgestellt und wussten beide nicht wer der andere ist. Wir haben es erst dann bemerkt, als wir uns schon…verliebt hatten.
Ich wusste es nicht, weil ich die Medienwelt völlig ausgeblendet habe und er kannte mich nicht, weil er hauptsächlich im Ausland lebt und auch kein Typ ist, der die Medien groß verfolgt. Deswegen haben wir uns beide in dem Moment nicht erkannt.
Und nun sind wir dabei die wichtigsten Dinge zu klären bevor es in den Medien breitgetreten wird. Das ist schon alles.“
„Ich verstehe. Dein Rugbyspieler ist sehr gut in seinem Sport, dass er sogar im Ausland unter Vertrag ist. Aber eine Fernbeziehung, Tina? Wirklich? Hast du nicht eben noch gesagt du könntest das nicht?“, wundert er sich. Tina schaut ernst.
„Ich werde für ihn Japan verlassen, Karl-Heinz.“, antwortet sie mit sicherer Stimme.
„Wirklich? Dein Ernst? Du willst hier deinen ganzen Ruhm aufgeben und zu ihm gehen?“, ist er erstaunt.
„Ja, der Ruhm war mir nie wichtig, das weißt du. Das war mir früher auch nicht wichtig. Aber ich habe dadurch viele Vorteile hier in Japan und ich weiß, dass man mich sehr schätzt. Spielen und arbeiten kann ich überall auf der Welt. Meine Kunden vom Programm kann ich online betreuen, also mache dir darüber keinen Kopf. Ich werde von niemanden abhängig sein.“
„Verstehe, das wird er vermutlich an dir mögen. Du bist nicht nur hübsch, sondern auch klug und sehr selbständig. Ich kann mir vorstellen, dass das einem Mann gefällt, der sich selbst seinen Erfolg hart erarbeiten musste. Du musstest dir deinen Erfolg sicher auch selbst hart erarbeiten, damit du als Ausländerin hier so sehr respektiert wirst.“, vermutet er überzeugt. Sie nickt.
„Das stimmt. Nun gut.
Eine kleine Sache noch: Du musst mir etwas versprechen.“
Er schaut überrascht.
„Okay, was denn?“
„Er weiß wer du bist und was du für mich warst. Dass du mir sehr wichtig bist und ich nicht wollte, dass du das mit Stephan und von uns übers Telefon oder über die Medien erfährst. Respektiere es bitte und du musst es mir versprechen. Versprich mir, dass du unsere Offenheit zueinander respektierst. Wir haben keine großen Geheimnisse voreinander, das ist auch etwas was uns bindet, verstanden?“
„Wirklich? Er weiß genau wer ich bin und was so alles zwischen uns war? Bist du sicher, dass das so gut ist dem Partner solche Sachen zu erzählen? Und trotzdem will er mich kennenlernen?“, ist er verwundert.
Sie sieht ihn ernst an.
„Wir gehen sehr ehrlich miteinander um. Deswegen habe ich ihm von uns erzählt.
Wollen wir?“
„Ihr geht ehrlich miteinander um? Wie ehrlich geht ihr denn wirklich miteinander um? Ist es denn für ihn so wichtig, dass wir zusammen in einem Team gespielt haben oder kurz zusammen waren?“, zweifelt er.
„Du kannst ihn ja fragen.“
„Okay. Das überlege ich mir noch. Ist ja auch etwas unhöflich sowas zu fragen. Das geht mich auch nichts an.
Du veranstaltest diese ganze Sache hier sicher nur damit wir uns auf irgendeine Weise verstehen können, trotz der seltsamen Umstände, stimmts? Mir den Wind aus den Segeln zu nehmen ist die ganze Zeit dein Plan, warum auch immer du der Meinung bist, dass es nötig ist.“ Tina lächelt ihn an.
„Ich bemühe mich, ja. Lass uns jetzt gehen, ich will das hinter mich bringen.“
Er öffnet die Tür und lässt sie vor.
Endlich ist es raus!
Kapitel 65
Endlich ist es raus!
Es wird laut am Flughafen Tokios. Ein Flieger aus Deutschland ist gelandet und die Fluggäste wuseln sich durch das Terminal, warten auf ihre Koffer und gehen zur Information oder zur Toilette.
Eine hübsche junge Frau schaut sich neugierig mit ihrem kleinen Koffer um und entdeckt die Verpflegungsmeile. Sie geht darauf zu und freut sich sehr über die deutsche Flagge, die ihr symbolisiert, dass sie sich dort nicht mit Englisch abquälen muss. Sprachen sind überhaupt nicht ihr Ding. Hunger hat sie auch, denn sie fliegt nicht oft und die Zeit hat sie lieber zum Lesen genutzt und etwas getrunken oder einen Salat gegessen.
Vor der Fischbrötchenbude bleibt sie stehen und betrachtet sie.
‚Das sieht sehr lecker aus. Ob hier in Japan sowas überhaupt schmeckt? Und ob die mir helfen können?‘ Freundlich tritt sie an die Theke und bestellt ein Brötchen mit Eiersalat und einen Kaffee. Katrin macht ihr alles fertig und die junge Frau setzt sich an den Tisch und genießt ihre abendliche Mahlzeit.
Nach der Pause geht sie zu Katrin, bringt das Geschirr zurück und spricht sie freundlich an.
„Können Sie mir helfen? Ich benötige noch ein Hotelzimmer. Leider bin ich so spontan los, um den Flieger zu bekommen, dass ich keine Zeit hatte etwas zu finden. Ich bin leider nicht ganz so gut mit meinem Englisch und vielleicht kennen Sie ja etwas wo man Deutsch spricht.“
Katrin überlegt.
„Ich glaube da haben wir dann ein Problem, die meisten Hotel sind ausgebucht und deutschsprachige sind sehr selten. Ich kann es gerne bei einem Geschäftspartner versuchen. Aber versprechen kann ich nichts.“
„Das wäre lieb. Ich weiß, das ist nicht Ihre Aufgabe.“, lächelt sie.
Katrin wählt die Nummer des Hotels wo Tina heute bereits angerufen hat. Leider ist kein Zimmer mehr frei, denn das letzte ging kurz vorher weg.
„Und nun? Was wollen Sie machen? Am besten Sie fragen nochmal vorne an der Info nach. Manchmal hat man Glück.“
‚Das ist ja schade. Was mache ich denn jetzt? Um diese Zeit und im Dunkeln kann ich ja hier in dieser riesigen Stadt nicht einfach rumlaufen. Sowas doofes aber auch.‘
„Danke für Ihre Umstände. Da kann man nichts machen. Ich versuche es an der Info. Sagen Sie, wer macht die leckeren Salate für die Brötchen? Und die Brötchen schmecken auch sehr vertraut.“
„Ach die, die machen wir nach dem Rezept der Chefin. Das ist das alte Rezept ihrer Mutter. Die hatte früher in Hamburg einen Imbiss.“
‚Oh, das ist ja wirklich interessant. Soweit ich mich dunkel erinnern kann hatte die Mutter von den Dreien einen Imbiss und genau dort habe ich auch die Brötchen gegessen. Wir waren damals, als ich noch klein war, ab und an dort. Karl-Heinz hat oft abends welche mitgebracht.‘
Die junge Frau verabschiedet sich und geht in Richtung Information. Leider erhält sie trotz mehrerer Anrufe in einigen umliegenden Hotels kein positives Ergebnis. Niemand hat mehr ein Zimmer frei, nicht mal ein großes, dabei könnte sie sogar ein teures nehmen, aber nein. Auch da ist alles belegt.
Nachdenklich geht sie durch die Geschäftsmeile und sucht dich draußen ein Taxi mit einer Frau als Fahrerin und steigt ein.
„Guten Tag, bitte hier hin.“, versucht sie nett zu sein und in ihrem zögerlichen Englisch der Fahrerin klar zu machen, dass sie genau zu dieser Adresse auf ihrem Zettel fahren soll. Sie nickt ab und fährt los.
Drei Stunden zuvor öffnet sich die Tür zum VIP-Raum 3 und Tina sieht nachdenklich zu Kojiro, welcher neben der Hantelbank steht, die Gewichte betrachtet und sehnsüchtig berührt.
‚Wie sehr würde ich mich jetzt ein wenig auspowern, aber ich kann ja nicht durchgeschwitzt vor Schneider stehen.‘ Dann schaut er auf und freut sich, dass sie endlich da ist.
„Bettina.“
Tina schließt die Tür und statt wie üblich auf ihn zuzugehen bleibt sie erstmal nur dort stehen und betrachtet ihn. Ihr Herz rast wie wild und ihr wird ganz heiß.
‚Kojiro, wir haben es gleich hinter uns. Das war eben unglaublich schwer. Niemals hätte ich gedacht, dass er sich so derart verändern könnte. Karl-Heinz ist weit von dem entfernt, der er mal war. Sein Stolz und sein Ehrgeiz und Erfolg hat seine Persönlichkeit übertrumpft. Er war doch früher immer so fürsorglich und liebevoll. Wo ist das denn alles hin? Habe ich etwa Schuld daran? Ist er so kalt geworden, weil ich nicht mehr da war? Weil ich mich nicht von ihm verabschiedet habe? Oder wäre das auch so passiert? Das macht mich ganz traurig und er tut mir sogar leid. Ist er meinetwegen so geworden?
Ach Kojiro, ich kann mich jetzt gar nicht bewegen. Mir geht es genauso wie vorhin vor deinem Team. Ich verstehe das nicht. Wieso verlassen mich schon wieder meine Kräfte? Ich habe mich doch heute nicht mal wirklich körperlich angestrengt und mir tun eher die Knochen deswegen weh, aber trotzdem werden meine Beine ganz weich und ich kann nicht mehr stehen. Kojiro…du musst…mich in den Arm nehmen…ich stehe das sonst nicht mehr durch.‘, sieht sie ihn verzweifelt an und ihr huschen ein paar Tränen über die Wangen.
„Kojiro…ich…liebe dich.“, rutscht ihr dann nur noch raus und sie hält sich dann an der Tür fest. Natürlich erkennt er ihre Signale und eilt sofort zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen.
„Bettina.“, haucht er, hält sie fest in der Taille und mit der anderen Hand berührt er zärtlich ihre Wange und wischt mit dem Daumen die Tränen weg.
‚War es so schlimm für dich? Ihr habt euch wirklich sehr lange und intensiv unterhalten. Es war klar, dass ihr viel zu reden habt und dass es schwer fällt von Stephan und auch von mir zu reden, aber dass es so lange dauert hätte ich nicht gedacht.
Was taucht er auch ausgerechnet heute hier plötzlich auf. Und dann total übermüdet. Ich muss mich nachher in Acht nehmen, wenn wir uns sehen. Er wird garantiert versuchen mich zu provozieren. Ich darf auf keinen Fall einen Fehler machen. So sehr ich ihm auch diese Sache von eben nicht verzeihen kann, aber ich muss mich zurückhalten. Für Bettina.‘
„Bettina, Liebes, ich liebe dich doch auch so sehr, dass uns niemand mehr im Weg stehen könnte.“ Sie sieht ihn sehnsüchtig mit ihren feuchten Augen an. Kurz darauf küsst er sie zärtlich, streichelt ihr Gesicht und streift dann durch ihr blondes weiches Haar.
‚Bettina, ich liebe dich so sehr. Und ich vertraue dir voll und ganz. Du hast es eben mehr als deutlich bewiesen, dass es die Wahre Liebe ist, die wir fühlen. Ich kann dir gar nicht wirklich sagen wie glücklich mich das macht, dass du genauso tiefe Gefühle für mich hast wie ich für dich.
Das mit Schneider stehen wir jetzt auch noch durch. Du wolltest es so, weil er dir noch wichtig ist. Das verstehe ich auch, eine gute Freundschaft und die erste Liebe ist etwas Besonderes. Das war es für mich doch auch, aber er kommt zu spät, um dein Herz noch nach so vielen Jahren zu erobern. Das muss ihm irgendwann bewusstwerden, auch wenn es das jetzt noch nicht ist. Es hatte eindeutig den Anschein, dass er noch viel empfindet. Das mit euch sollte damals nicht sein und jetzt…jetzt auch nicht. Jetzt bin ich an deiner Seite und ich werde alles dafür tun, dass du für immer bei mir bleibst und niemals mehr traurig bist.‘
‚Ach Kojiro, wie immer kann ich alles um mich herum vergessen. Kaum spüre ich deine Wärme und deine Stärke schon ist alles andere unwichtig. Ich habe gar keine Lust hier wieder rauszugehen. Ich will nur noch bei dir sein und alles vergessen. Warum verspüre ich plötzlich den Drang dir ganz nah zu sein und dich mit allen Sinnen zu fühlen? Plötzlich kommt meine Kraft wieder und wieso überkommt mich dieses seltsame verlangende Kribbeln überall? Dieses Kribbeln, was nur weggeht, wenn wir uns so nah sind, wie man sich nur nah sein kann und mit allen Sinnen spüren können.‘ Ihre linke Hand greift hinter sich, ertastet das Schloss und dreht den Schlüssel um. Dann berührt sie seine langen Haare und greift verlangend seinen Hinterkopf. Er ist etwas verwundert als er ihre Erwiderung beim Küssen fühlt. Verblüfft vernimmt er ihren zärtlichen Griff an seine Hand, welche noch an ihrem Kopf ist und diese dann mit der Handfläche auf ihren Busen legt. So als ob sie beide während ihrer Zärtlichkeiten bereits weiter wären als jetzt. Es ist deutlich unter ihrem Kleid zu spüren, dass sie erregt ist.
‚Bettina? Was hat das denn jetzt zu bedeuten? Möchtest du etwa ausgerechnet jetzt und hier, dass wir uns nah sind? So nah, wie man sich nur sein kann?
Das geht doch aber jetzt nicht. Bettina, so sehr ich das auch wollen würde, doch nicht jetzt.
Aber ich bin beruhigt, dass du trotz dieser Situation nur an uns denken kannst. Das ist die beste Motivation jetzt da rauszugehen und mich meinem größten Rivalen zu stellen, auch wenn es bedeutet, dass wir nun nicht mehr nur auf dem Rasen Rivalen sein werden. Aber das ist mir egal. Dieses Spiel gewinne ich auf jeden Fall, denn es gibt bereits das Endergebnis.‘
Plötzlich hält er inne, lässt ihren erregten Busen wieder los, streicht mit dieser Hand zu ihrem Arm und beendet den Kuss. Dann sieht er ihr liebevoll in die verlangenden Augen.
„Bettina, es tut mir leid, aber diesmal muss ich der Spielverderber sein.“ Etwas benommen sieht sie ihn an. Dann lächelt sie und ihr rutscht noch eine kleine Träne über die Wange.
„Du hast Recht.“, sagt sie und lässt ihn los. „Tut mir leid. Das ist die Anspannung.“ Kojiro nimmt sie nochmal in die Arme und sieht ihr tief in die Augen.
„Du musst dich für gar nichts entschuldigen. Mir geht es doch genauso. Aber hier ist nicht der richtige Ort und der richtige Zeitpunkt dafür. Wir müssen uns das für später aufheben, okay? Ich laufe dir doch nicht weg, aber ich muss da jetzt raus damit wir endlich für immer zusammen sein können und uns keine Gedanken mehr machen müssen.“ Dann küsst er sie nochmal leidenschaftlich, aber recht kurz.
„Hör zu, Bettina. Wir bringen das jetzt einfach hinter uns.
Wie sagt man so gerne: „Augen zu und durch“.“, lächelt er sie verliebt an.
Sie lächelt ihn an aber zweifelt auch.
„Ich weiß. Ich habe etwas Angst, Kojiro. Zwar habe ich versucht ihm so viel Wind aus den Segeln zu nehmen wie möglich, aber ich kann ihn einfach nicht mehr einschätzen. Karl ist ein völlig anderer Mensch als früher. Du musst dir sehr viel Mühe geben dich nicht provozieren zu lassen, so wie Martin. Ich weiß nicht was genau da war, aber es muss sehr beleidigend gewesen sein, denn Martin ist innerlich total sanft. Wir beide hingegen sind impulsiv und erregbar.
Wenn es um seinen Sport geht, dann gibt es weder ein Zurück noch ein Aufgeben, genauso wie bei uns. Aber privat kann ich ihn im Moment noch nicht genau einschätzen. Es gab vorhin ein paar Momente wo sein Verhalten nicht wie früher war.
Hör zu, Kojiro. Ich bin dabei und wenn du merkst, du kannst dich nicht zurückhalten, dann denk an die Übung die ich deinem Kollegen heute gezeigt habe, die mit dem Vögelchen. Stell dir dann einfach vor ich bin das Vögelchen in deinen Händen, okay? Im Notfall greife ich selbst ein.“
„Bettina, du sorgst dich umsonst. Wir sind beide erwachsen und wissen genau was wir wollen. Und das ist definitiv keinen Stress mit Anwälten zu haben. Hier wird niemand hinterher aussehen wie Genzo, keine Angst.“, grinst er und versteht ihre Aufregung nicht so ganz.
Sie sieht ihn verblüfft an.
„Du verstehst mich falsch! Typisch Mann!“ Überrascht sieht er sie an.
„Ich weiß, dass ihr eure Hände bei euch behalten werdet! Naja, du wirst es selbst merken. Dann lass uns gehen.
Aber eins noch kurz.“
‚Was meint sie denn dann? Ich verstehe jetzt gar nicht was sie mir sagen wollte. Ich dachte sie hatte Angst, dass wir uns das Schlagen kriegen…aber nein. Was macht ihr denn dann Angst?‘
Plötzlich nimmt sie seine Hand und mit der anderen greift sie bestimmend seine Wange und das Ohr. Tina schaut zu ihm auf und blickt ihn mit einem strengen Blick an. Fast so als würde sie ihn herausfordern.
„Ich freue mich so sehr auf unsere gemeinsame Zukunft, Kojiro. Eine glückliche Zukunft in Italien oder irgendwo und eine glückliche Zukunft irgendwann mit unserer eigenen Familie!“, beichtet sie ihm ihre innersten Wünsche und wartet seine Reaktion ab. Sein Blick verschmälert sich und er wird verlegen.
„Bettina…was…an sowas denkst du schon? Wirklich? Du kannst dir vorstellen mit mir…eine Familie zu haben?“, ist er völlig verwirrt aber auch extrem überwältigt von so einem Liebesgeständnis. So lange kennen sie sich doch noch gar nicht. Müsste man nicht vor solchen Plänen erstmal wissen ob man zusammenleben kann? War es nicht genau das was sie wollen? In Italien schauen ob und wie sie zusammenleben können? Ist es etwa das was Jacky vorhin meinte mit Frauenpläne?
Er nimmt sie in die Arme und küsst sie. Natürlich kann er sich das auch vorstellen, er hätte jedoch nie gedacht, dass man in so kurzer Zeit überhaupt darüber nachdenkt.
Etwa fünf Minuten später verlassen sie den Raum. Kojiro zieht seine Trainingsjacke an und macht seine Kapuze herunter damit er nicht sofort zu erkennen ist und sich seinem Rivalen erstmal unvoreingenommen nähern kann.
Im Fitnessbereich der VIP-Etage steigt so langsam die Aufregung in Karl auf. Es sind keine Kunden mehr da und Andrea hat ihm gesagt er solle hier warten. Er steht alleine vor dem Kabelzuggerät und vertreibt sich die Zeit damit sich die Maschine genauer anzusehen. Er berührt die Seile und schnippt gegen die Stahlkonstruktion.
‚Das nenne ich einen Klang. Sehr gute Qualität, Herr Müller. Du scheinst genau zu wissen was wichtig ist und hast Ahnung von dem was du hier hast. Und sehr sauber alles, super gepflegt. Da das Studio gerade mal ein Jahr etwa alt ist, gehe ich mal davon aus, dass auch die Geräte dieses Alter haben. So eine Qualität habe ich bisher nicht gesehen. Tolles Teil, ob diese sehr hochwertigen Geräte auch unten bei den normalen Kunden stehen oder nur hier oben für Leute mit VIP-Status?‘ Er zieht an einem der Zuggriffen nach unten.
‚Lässt sich sauber ziehen, keine Ungleichheiten.‘ Dann schaut er durch den Rest des Raumes und entdeckt die Rudermaschine.
‚Tina, die hast du früher am liebsten gemocht.‘, kommt ihm eine kurze Erinnerung wieder.
‚Was mag das nun für ein Typ sein, der dein großes Herz in Sturm erobert hat? Ihr kennt euch noch nicht lange, denke ich mal. Ihr müsst schnell einiges klären. Das deutet darauf hin. Du hast dich wirklich sehr verändert. Jeder Mann wäre dumm, wenn er sich nicht in dich verlieben könnte. Aber wer schafft es dich zu bändigen, dich mit deinem großen Stolz und Temperament? Zickig warst du nie, aber reizbar und temperamentvoll. Man musste schon wissen wie man dich ausbremsen kann. Bei uns funktionierte das vermutlich auch nur, weil wir uns so lange kannten. Aber wie schafft es ein Mann in kurzer Zeit? Das letzte Foto mit der Spange ist gerade mal ein Monat alt. Es muss also wirklich ein sehr kurzer Zeitraum sein, den ihr euch kennt oder als Paar zusammenseid.‘ Er lässt den Griff los und fasst das Markenetikett des Herstellers an.
‚Dieser Mann muss selbst sehr viel Stolz haben und deinem Temperament gewachsen sein, sonst geht das nicht gut. Nun gut, sie werden ja jeden Moment erscheinen.‘ In diesem Gedankengang kann er langsame Schritte hören. Er schaut zum Eingangsbereich und erblickt das Paar. Die elegante Bewegung von Tina in ihrem schönen weißen langen Kleid mit den lilafarbenen Blumen, ihr dezentes Lächeln und der sportlich gekleidete etwas größere Mann neben ihr mit athletisch-kräftiger Statur, welche sich unter seinem schwarzen Trainingsanzug abzeichnet und seiner Kapuze. Er schaut zwar direkt geradeaus, aber sein Gesicht ist nicht komplett zu erkennen. Seine obere Gesichtshälfte steht durch die Beleuchtung von oben im Schatten. Ein aufrechter und selbstsicherer Gang verrät ihm, dass dieser Mann kein kleiner drahtiger oder großer bulliger Typ ist, sondern eher etwas ähnlich wie er selbst. Für einen Europäer eher durchschnittlich groß wie er, aber für einen Japaner recht groß, kräftig und durchtrainiert.
‚Na dann, was soll die Kapuze? Wie unhöflich.‘ Karl-Heinz lässt die Maschine los, dreht sich in ihre Richtung und geht ein paar Schritte auf sie zu. Sein Blick ist auf Tina gerichtet.
‚Wie schön du bist und so elegant. Das schöne Kleid wirkte in dem Raum nur halb so gut an dir. Jeder Mann kann sich glücklich schätzen dich an seiner Seite zu haben. Ich hoffe er weiß das auch wirklich zu schätzen.‘ Karl mustert den Mann neben ihr.
‚Wieso trägt er die Kapuze so tief und dann dieser selbstbewusste Gang. Wieso habe ich das Gefühl ihn zu kennen? Veranstaltet Tina deswegen so einen Aufriss, weil ich ihn kenne? Aber ich kenne keine Rugbyspieler und Japaner kenne ich auch weiter niemanden.‘ Plötzlich zweifelt er an der Idee, es könnte ein Rugbyspieler sein, denn warum sollte er dann die Kapuze tragen? Von der Statur würde das hinkommen, dann wäre er einer der groß ist aber schnell.
‚Ich habe ein ungutes Gefühl dabei. Tinas Blick ist angespannt.
Dieser selbstsichere und stolze Gang…es gibt nur einen Mann auf der Welt der sich so imposant bewegt…‘, verzieht sich sein Gesicht zum provokativen Grinsen. Sein Puls steigt plötzlich an.
„Diese Gangart erkenne ich von Weitem. Kojiro Hyuga.“, spricht er unfreiwillig seine Vermutung aus.
‚Wow, er erkennt ihn am Gang? Ich wusste ja, dass Kojiro ein sehr imposantes Auftreten hat, aber mit ihm hat er garantiert nicht gerechnet und erkennt ihn dann trotzdem gleich.‘
Das Paar bleibt etwa zwei Meter vor ihm stehen.
‚Er hat mich erkannt. War klar, dass das nicht lange dauert. Ich habe nichts anderes erwartet.‘, stellt Kojiro fest und setzt im Gegensatz zu Karl-Heinz ein freundliches Lächeln auf, zieht die Kapuze zurück und wartet Tinas abgesprochene Worte ab.
„Karl-Heinz, darf ich dir vorstellen…Kojiro.“ Beide haben die Hände in den Taschen und stehen sich selbstsicher gegenüber. Sie sind gleichgroß und auf Augenhöhe.
Kojiros freundliches Lächeln irritiert Karl etwas. Dann holt Kojiro die rechte Hand aus der Tasche und reicht sie ihm höflich entgegen. Er weiß, dass ein fester Händedruck in Karls Kultur für Respekt steht und Höflichkeit symbolisiert, so wie es bei ihm die Verbeugung ist.
„Guten Abend, Schneider. Heute mal privat.“, spricht er Englisch. Kojiro hat sich schon die ganzen Tage einen Plan gemacht wie er ihm gegenübertreten will. Tina hat er von seinem Plan nichts erzählt. Sie weiß nicht was er vorhat.
Nun ist es eher gekommen als gedacht und sehr überraschend, doch er hält an seiner Idee fest, denn wenn sie nicht funktioniert, hat er trotzdem gewonnen. Natürlich ist sein Plan gewagt, aber er passt, egal wie Schneider reagieren könnte oder was er privat für ein Mensch sein würde. Es ist auch egal was er noch für Tina empfinden könnte. Freundlich und höflich zu sein, respektvoll miteinander umzugehen kann niemals der falsche Weg sein. Privat ist das auch sein Weg. Respektvoll mit jedem Menschen umgehen, solange es möglich ist.
Tina ist erstaunt über Kojiros Art Karl-Heinz zu begrüßen.
‚Kojiro…du überraschst mich sehr. Ich weiß, dass du so bist, aber dass du das auch jetzt sein kannst? Höflich und einfach nur normal. Ich wusste, dass du dir schon vorgestellt hast wie diese Begegnung ablaufen könnte und du hast dich für den privaten Weg entschieden. Hervorragend.‘
„Kojiro Hyuga, dass wir uns einmal privat begegnen hätte ich nie für möglich gehalten. Und schon gar nicht über diesen Umweg.“
‚Nun gut, du bist nicht dumm. Was hat das zu bedeuten? Deswegen der ganze Aufwand hier heute. Jetzt verstehe ich wieso Tina mich die ganze Zeit versucht zu beschwichtigen. Sie weiß genau was uns verbindet. Aber ist das echt ihr Ernst? Hyuga? Sagte sie nicht, sie hat sich von Fußballern ferngehalten? Und dann ausgerechnet er? Was hat er an sich, dass sie sich auf ihn eingelassen hat? Und ist sie sicher, dass er es ernst mit ihr meint? Zwar wüsste ich nichts von Weibergeschichten aus der Presse, aber privates weiß ich sowieso nichts über ihn.
Okay, Hyuga, das Spiel kann ich auch spielen. Du weißt genau, dass ich den Kürzeren ziehen würde, wenn ich jetzt irgendeine dumme Bemerkung mache. Genau das wird dein Plan sein. Den Freundlichen mimen.‘ Karl-Heinz nimmt Kojiros Hand an und sie sehen sich dabei in die Augen.
„Karl-Heinz, du kannst mich ab heute Karl-Heinz nennen.“, entgegnet er freundlich.
„Kojiro, das gilt ebenso.“, legt er auch fest. Ihre Hände drücken sehr fest, aber sie lassen auch bald voneinander, damit es nach einer normalen Geste aussieht.
‚Hier stimmt doch was nicht. Karl wirkt mir zu ruhig und besonnen. Nun gut. Hauptsache es gibt jetzt keinen Streit. Das ist auch schön.‘, geht durch Tinas Kopf.
„Tina erzählte du bist schon mit dem Studium fertig? Du hast echt Architektur studiert? So nebenbei im Fernstudium?“, erkundigt sich Karl freundlich.
„Richtig, offiziell seit gestern fertig. Was machst du für später?“, bleibt Kojiro bei seiner Rolle und vermutet im Inneren genau, dass dieses Gespräch eventuell irgendwann kippen könnte.
„Ich habe noch ein Semester Maschinenbau vor mir.“
„Wow, wie kommts? Hätte nie gedacht, dass du so ein Technikfreak bist.“
Karl grinst.
„Naja, als Kind und Jugendlicher war ich gerne bei meinem Onkel in der Werkstatt. Das war aber noch in Hamburg. An den Autos rumschrauben und die Maschinen in der Werkstatt bedienen, das war cool.
Und du? Architektur? Wie kommts?“ Kojiro ist bewusst, dass Karl sein Spielchen nur mitspielt, aber er ist auch froh, dass hier erstmal eine Möglichkeit besteht sich näher kennenzulernen, denn er weiß, wenn Karl etwas sagt, dann entspricht es auch der Wahrheit.
„Ich verstehe. Deswegen eben die neugierigen Blicke zur Kabelzugstation.
Bei mir hat sich das nebenbei ergeben als ich früher noch gearbeitet habe. Einer meiner Chefs hat bemerkt, dass ich´s so mit Zahlen habe und statt sein Leergut zu ordnen, habe ich ab und an seine Finanzen gemacht. In der Oberschule dann entdeckte ich das Technische Zeichnen für mich. Das war ein super Ausgleich um mal runterzukommen. So kam das.“
Tina erkennt in Kojiros freundlicher Stimme, dass er auf ehrliche Weise versucht auf ihn einzugehen. So als würde er sich mit einem ganz normalen Freund von ihr unterhalten wie vorhin mit Jacky und Lee. Da war seine Klangfärbung ebenso klar. Aber bei Karl hat sie ein ungutes Gefühl. So extrem wie er sich vorhin nicht unter Kontrolle hatte und sie beinahe geküsst hätte, so war eindeutig zu erkennen, dass er noch viel für sie empfindet. Es kann also unmöglich sein, dass er Kojiro einfach so als ihren Partner hinnimmt. Sie kennt Karl-Heinz noch als aufrichtigen und sehr ehrlichen Menschen, der immer seine Meinung oder sein Anliegen frei raus sagte, wenn es passend war. Und wenn es um seine Freunde oder um seine Familie ging, dann konnte er auch sehr ernst werden und hielt mit seinem Gedanken nicht wirklich hinter den Berg.
Im Spiel ist er auch gerne mal der Typ, der seinen Gegner in Sicherheit wiegt und dann plötzlich aus dem Nichts auftaucht und alles auf den Kopf stellt. Entweder er greift sofort und ununterbrochen an und lässt seinem Gegner keine Ruhe bis er aufgibt oder müde wird, oder er trickst ihn aus, indem er ihn etwas vortäuscht. Tina hat sich in ihrer Spielweise eine ähnliche Technik angeeignet, denn nur so funktioniert eine gute Kombination zwischen ihren verschiedenen Techniken und dann taucht plötzlich die Drachenfaust auf und haut den Gegner völlig aus seinem Rhythmus.
Tinas Puls steigt etwas an als die beiden sich weiterhin über belangloses Zeug wie Autos und Motorräder unterhalten. Typisches Männerzeug eben über die man sich auch nachmittags beim Kaffeekränzchen unterhalten könnte.
„Genzo hatte Recht. Das ist ja schlimm.“ Sie geht dazwischen und stellt sich neben Kojiro. Er sieht sie verwundert an.
‚Du gehst dazwischen? Wieso? Mir ist klar, dass seine Art gerade nicht ernstgemeint ist, aber ich bin auf den Gegenwind vorbereitet, glaube mir. Ich kenne seine Spielchen nur zu gut.‘
Karl grinst plötzlich und sieht ihr in die Augen. Ihm war klar, dass sie sich irgendwann einmischt, denn das war sein Ziel.
„Womit hat Genzo Recht?“, hinterfragt Karl skeptisch. Tina blickt Karl an.
„Das Thema hatten wir vorhin schon und du hörst nicht einmal damit auf, obwohl du es wissen müsstest, dass das nichts bringt.“
‚Was meinst du denn, Bettina? Wovon redest du jetzt?‘
„Was meinst du genau?“, murrt Karl und steht ihr nun herausfordernd mit verschränkten Armen gegenüber. Sie schüttelt den Kopf.
„Wow. Obwohl ich es dir vorhin schon gesagt habe, hörst du nicht damit auf.“, erklärt sie ihre Beobachtung.
„Karl, hast du völlig verlernt ein Privatleben zu haben? Wir sind doch nicht deine Gegner oder nervige Journalisten oder Anwälte. Wir wollen doch nur versuchen Freunde zu sein. Wir wissen, dass das nicht leicht werden wird, aber das geht doch nur, wenn du das auch willst! Du solltest dich jetzt mal sehen. Stehst da als würden wir dich zu einem Duell herausfordern. Und das hat nichts damit zu tun, dass ihr euch beruflich so begegnet. Das könnt ihr gerne auf dem Rasen auch so machen, aber das war schon die ganze Zeit so, seitdem du hier bist. Du hast völlig verlernt ein Privatleben und private persönliche Eigenschaften zu haben. Auch wenn man so derart unter Druck steht und aufpassen muss was die Medien wieder veranstalten, kann man doch ein Privatleben haben. Ich weiß, dass du das alles so wolltest, diesen ganzen Rummel und den Luxus, natürlich. Schon als Kind hast du davon geträumt und es drehte sich ja auch immer alles nur um dich. Im Sport und auch privat in deiner Familie.
Solange du in Hamburg warst hat dich das auch angespornt und es tat dir gut und es war dein Antrieb. Immer hast du dir den einfachsten Weg gesucht an dein Ziel zu kommen. Du bist scheinbar immer noch in München, wenn ich Genzos letzte Info im Kopf habe. Du bist als jüngster Bundesligaspieler mit 16 schon an die Spitze gekommen und nun? Nun sehe ich, dass dir das gar nicht gut tat. Denn der einfachste Weg ist nicht immer der Richtige. Du drehst dich nur im Kreis statt voran zu kommen.
Setz dir mal ein neues Ziel, wenn du eins erreicht hast. Nur so läuft es im Leben. Ich musste das auch tun. Neustart und immer wieder ein neues Ziel. Zuerst, die Sprache lernen, in der Schule mitkommen und Freunde finden. Dann nebenbei der Sport, eine neue Sportart lernen und dann erfolgreich darin sein. Vorher musste ich erstmal das ganze Team ordnen, denn die Mädels waren fast alle echt zickig und zerstritten. Sowas kannte ich gar nicht, bei uns herrschte zwar keine Harmonie aber Ordnung und Teamgeist.
Dann der Erfolg, ein Ziel nach dem anderen und nun stehe ich hier und darf zur WM. Als ich Deutschland verlassen habe und hier ankam hätte ich niemals für möglich gehalten, dass ich überhaupt wieder in einem Team Sport mache und dann zu irgendwelchen Turnieren fahre. Eine Weltmeisterschaft…das war niemals mein Ziel. Auch das wird hart, denn ich werde mich nicht mit jeder Spielerin verstehen. Man hat überall seine Rivalen, glaube mir.
Jetzt kommt…der nächste Neustart. Es wird auch nicht leicht für uns, aber irgendwie wird es gehen, man muss es nur wollen. Und auch da werde ich auf genug Gegenwind stoßen, aber dann habe ich wieder neue Ziele. Erst kleine, dann große. Dasselbe wird für Kojiro gelten. Es wird für uns beide nicht leicht, aber wir werden es irgendwie schaffen, weil wir es wollen.“
Der Mann ihr gegenüber hört aufmerksam zu. Er ist zwar sehr müde und aufgewühlt, aber sein Interesse an ihren Worten ist sehr groß.
‚Genau das habe ich auch vermisst. Deine Kritik, Tina. Schon zu Beginn an als du ins Team gekommen bist hast du uns allen deine Meinung gesagt, wenn mal was nicht richtig lief. Du hattest es irgendwie drauf zu erkennen wo das Problem liegt. Und heute? Heute ist es genauso wie damals. Es gibt Probleme und du sprichst sie als Erste aus. Mir ist das gar nicht aufgefallen, dass ich mich derart verändert habe, dass es meine Persönlichkeit so negativ verändert haben soll. Meine Gedanken kreisen sich nur um die Medien und um die nächste Partie. Du hast Recht, ich drehe mich im Kreis. Meine größte Herausforderung ist jedes Spiel gegen Genzo, das treibt mich jedes Mal am meisten an. Er ist mein größter Widerstand innerhalb der Bundesliga. Er und Kaltz sind nicht die Einzigen, die im Team geblieben sind oder gut genug waren, um dort zu bleiben. Einige sind in andere Teams gegangen oder ins Ausland. Jeder hatte so seine Ziele, das stimmt.‘
Kojiro ist erstaunt und beobachtet Karls Gesichtsausdruck als er sich verändert und plötzlich grinst. Dann sieht er zu ihm rüber.
„Hält sie dir auch gerne solche Standpauken?“
Der Japaner ist etwas irritiert. Was meint er denn damit? Bettina hat ihm noch nie eine solche Rede gehalten. Ja, sie unterhalten sich und sie erklärt manchmal viel oder erzählt von sich, aber sowas wie eine Kritik an ihn oder minutenlange Ratschläge kennt er nicht von ihr.
„Nein.“, sagt er nur trocken und mit ernstem Blick. Kurz darauf löst Karl seine angespannte Körperhaltung, setzt sich in Bewegung um an Tina vorbei zu gehen und grinst sie dann an.
„Okay, Privatleben und Ziele.“
Tina sieht ihn nur verwundert an. ‚Was sollte das denn jetzt?‘
„Wie jetzt? Du gehst einfach? Hast du denn keine Fragen?“ Er geht an ihr vorbei und bleibt dann doch stehen.
„Du hast Recht. Ein paar Fragen habe ich da doch noch.“ Das Paar ist gespannt. Was kommt jetzt?
„Wie lange kennt ihr euch überhaupt schon?“ Beide sehen ihn verdutzt an, aber es war klar, dass diese Frage kommen wird. Tina greift neben sich und hält Kojiros linke Hand fest.
„Es war…Liebe auf dem ersten Blick. Da spielt die Zeit keine Rolle.“, sagt sie fest überzeugt und sieht ihm in die Augen.
‚Oha, dieser Blick. Meinst du das echt ernst, Tina? Ihr kennt euch kaum und du willst ihm bereits nach Italien folgen und hier alles aufgeben?‘
„Hm…verstehe. In deiner Gaststätte, sagtest du? Das können höchstens zwei Wochen sein, die Saison ist erst seitdem zu ende.“, stellt er in den Raum. Karl war schon immer ein guter Stratege und das war jetzt nicht schwer es zu erahnen. Er will es nur bestätigt wissen.
Tina versucht locker zu bleiben, damit man ihr nicht ansieht, dass sie verlegen wird. Der Zeitraum ist wirklich sehr kurz und ihr ist klar, dass das für Außenstehende seltsam aussieht.
„Kojiro, wie würdest du Tina mit nur drei Worten beschreiben?“
‚Das nenne ich eine Herausforderung, Schneider. Bettina hatte Recht, sie hat sicher gemeint, ich soll mir vor solchen Fragen in Acht nehmen. Egal was ich darauf antworte, er könnte es so zurechtlegen, dass es für mich komisch aussieht. Aber da hat er nicht mit mir gerechnet. Er kennt mich nur beruflich, und nicht privat.‘ Er lächelt liebevoll und berührt Tinas Schulter, denn er muss gar nicht lange überlegen.
„Du vertraust mir doch blind. Darf ich dir die Ohren zuhalten, damit es unter uns Männern bleibt?“, spricht er sie liebevoll auf Japanisch an. Sie schaut erstaunt zu ihm auf.
‚Kojiro, willst du das wirklich beantworten? Und ich darf es nicht hören? Wieso ist dir das so wichtig? Du fragst ob ich dir blind vertraue? Natürlich tue ich das. Das mache ich doch schon die ganzen Tage, sonst würde ich mich nicht immer in dir verlieren, wenn wir uns nah sind.‘ Ihr Puls steigt plötzlich deutlich an und sie sieht verliebt in seine dunklen Augen. Er steht nun etwas seitlich hinter ihr, ganz nah, damit er ihre Ohren zuhalten kann. Ihre Körper berühren sich natürlich nicht, aber ihr wird ganz warm, als sie seine Wärme spüren kann, welche zu ihr herüberstrahlt. Eine angenehme Wärme steigt in ihr auf und sie genießt seine großen Hände an den Ohren. Tina nimmt ihre Hände hoch und fasst seine an, so als würden diese Kopfhörer sein und sie genießt die Musik.
Karl staunt nicht schlecht als er bemerkt wie vertraut sie miteinander umgehen. Tinas Blick eben in Kojiros Augen war ihm gar nicht recht. Es sah sehr ernst aus. Und nun kommt er ihr so nahe und berührt sie so bestimmend. Dann berührt sie seine Hände auch noch so liebevoll und lächelte ihn so besonders an.
‚Ach Kojiro, es ist so seltsam in diesem Moment. Aber ja, ich vertraue dir voll und ganz. Du willst alleine mit Karl reden, dass verstehe ich und gleichzeitig kannst du dich egal was passiert zurückhalten. Natürlich vertraue ich dir. Mehr als jedem anderen Mann.‘ Kurz darauf schließt sie die Augen. Sie lächelt nur, als würde sie gedanklich ein schönes Lied hören. Jedoch sind ihre Gedanken ganz wo anders.
Karl-Heinz ist nun doch sehr überrascht und fängt an ein paar Faxen zu machen. Kojiro wundert sich was das soll.
„Was soll der Quatsch jetzt?“
„Hast du ihr gesagt, dass sie auch die Augen schließen soll? Das mit den Ohren verstehe ich ja, aber hast du ihr das gesagt?“
Er schüttelt den Kopf.
„Warum sollte ich das? Ich wollte nur mit die reden, unter uns.“ Karl grinst.
„Nun gut, sie scheinen wirklich geschlossen zu sein.“
‚Ich bin erstaunt, Tina. So sehr vertraust du ihm, dass du sogar von selbst deine Augen schließt, damit du nicht ablesen kannst was ich sage?‘
„Ein kleiner Tipp von mir: Tina kann Lippenlesen. Früher konnte sie das in Deutsch und Englisch. Ich habe keine Ahnung bei welchen ihrer neu angeeigneten Sprachen sie es noch kann.“
„Echt? Ich lerne immer wieder was dazu.“, schmunzelt er.
‚Bettina, du vertraust mir so sehr, dass du sogar von dir aus, deinen Trumpf ablegst. Du bist garantiert sehr neugierig was wir reden werden, aber du vertraust mir wortwörtlich blind.‘
Der Anruf
Kapitel 66
Der Anruf
„Liebevoll, stark, leidenschaftlich.“, antwortet Kojiro mit überzeugter Stimme und wartet Karls Reaktion ab.
‚Liebe Bettina, wie kann er von mir verlangen dich in nur drei Worten zu beschreiben? Du bist so unglaublich und ich wüsste so viel womit ich dich beschreiben könnte.‘
„Hat deine Reihenfolge eine Bedeutung oder ist es Zufall?“
„Eine festgelegte Reihenfolge, es waren die ersten drei persönlichen Züge, die ich an ihr vernommen habe als wir uns kennenlernten.
Dir sollte klar sein, dass man Bettina nicht nur in drei Worten beschreiben kann.“
Karl-Heinz grinst.
„Das wollte ich nur hören. Aber eine interessante Auswahl, die du so schnell getroffen hast. Magst du es mir näher beschreiben, was du genau meinst? Nur wenn du möchtest.“ Kojiro setzt einen ernsten Blick auf.
„Du zweifelst an unseren Gefühlen. Das kann ich auch verstehen.“, ist sein Ton fest.
„Beweise es mir. Beweise mir, dass sie kein Flirt ist!“, stellt er sich selbstsicher vor ihn, mit den Händen in den Hosentaschen. Sein Blick ist ehrlich und herausfordernd. Kojiro bleibt ruhig, denn genau auf solche Fragen war er vorbereitet. Ihm ist klar, dass man an ihren Empfindungen zweifelt, wenn sie sich erst so kurz kennen.
„Wir kennen uns privat nicht, aber du müsstest wissen, dass ich niemals halbe Sachen mache. Das trifft auch privat zu.
Wenn ich Bettina nicht lieben würde, dann würde ich dieses Theater hier gar nicht mitmachen und ich hätte es auch meinem Team nicht gesagt. Genau das haben wir heute Nachmittag gemacht. Sie hat den Mut gehabt uns bei dem Trainingsspiel zuzusehen und dann haben wir es dem Team gesagt.
Wenn es nur ein Flirt wäre, wäre es überflüssig gewesen!“ Karls Blick ändert sich.
„Echt? Deinem Team? Also dem Nationalteam?“ Der Japaner nickt.
„Wieso ist das so wichtig, dass die es wissen?
Und ihr habt euch das gut überlegt, dass ihr in Italien zusammenleben wollt?“
„Weil Bettina auch so prominent ist und jeder genauso zweifeln würde wie du, denn sie hat den Kontakt zu Fußballern weitestgehend vermieden.
Und ja, wir haben uns das gut überlegt. Sie hat es von sich aus entschieden, sonst hätte ich es gemacht. Ich habe ihr bereits angeboten entweder hierherzukommen oder ihr nach Deutschland zu folgen. Genug Angebote bekomme ich ja von den Bundesligavereinen. Deiner war auch schon mehrmals dabei. Solche Angebote sind natürlich finanziell sehr verlockend, das muss man zugeben.“ In diesem Moment wird Karl-Heinz etwas klar. Es muss zwischen den beiden tatsächlich etwas sehr Ernstes sein, denn Tina würde immer nur ihrem Herzen folgen und niemals nur aus einer Laune heraus solche Entscheidungen treffen. Ihren ganzen Ruhm und gesellschaftlichen Stand hier in einem so aufregenden und schnelllebigen Land wie Japan aufzugeben, das würde sie niemals machen, wenn sie sich nicht ganz sicher wäre. So richtig kann er sich zwar nicht wirklich vorstellen welchen Einfluss sie hier als Profisportlerin wirklich hat, oder welche Türen es ihr öffnen kann, aber er muss groß genug sein, dass die beiden die ganze Zeit ihre Beziehung vor der Öffentlichkeit verbergen mussten.
Karl grinst plötzlich und sieht dann zur Seite auf eines der Werbeplakate mit Tina und Martin darauf.
„Okay, ich respektiere eure Gefühle zueinander.“ Kojiro ist sehr überrascht und sein Puls steigt plötzlich an. So richtig kann er das nicht glauben was er gerade gehört hat. Wie kann es sein, dass er es auf einmal hinnimmt?
Tina kann seinen plötzlichen schnellen Herzschlag spüren und wundert sich. Was mag los sein?
Dann schaut Karl wieder zu Kojiro und sieht ihn streng an.
„Aber akzeptieren…werde ich es niemals!“, haut er ihm mit fester Stimme an den Kopf.
Tina bemerkt einen erneuten Anstieg von Kojiros Pulsschlag, denn seine Hände an ihren Ohren liegen sehr eng an und es ist auch über ihre Hände zu spüren, dass er etwas gezuckt hat. Sie öffnet die Augen.
„Was ist los?“, spricht sie ernst und sieht zu Karl-Heinz, dann dreht sie sich zu Kojiro um und sieht in seinen strengen Blick, welcher noch auf Karl gerichtet ist.
„Das verlange ich auch nicht!“, gibt er Karl noch bestimmend als Antwort und lässt Tina los.
„Gut, dann kann ich ja jetzt ins Hotel gehen. Ich benötige nur die Adresse.“, dreht sich Karl um und geht in Richtung Ausgang. Er schaut auf seine Armbanduhr.
‚Oh, wie die Zeit vergeht. Jetzt muss ich aber wirklich los und Anna einsammeln.‘
‚Was meinen die beiden? Worüber haben sie nur geredet?‘
Karl prüft der weile seine SMS und schaut auf die Adresse, die Anna ihm vor einigen Stunden geschickt hatte.
Tina schaut nur fragend zu Kojiro auf.
„Ist alles in Ordnung?“, spricht sie ihn leise auf Japanisch an. Sein Blick wird weicher und er sieht zu ihr herab und berührt mit dem Handrücken sanft ihre Wange.
„Alles okay. Wir haben alles Nötige ausgesprochen.“ Sie lächelt verliebt zu ihm auf.
„Wirklich? Ist es vorbei? Dieser seltsame Tag? Ist er vorbei?“, fällt ihr versunken in seinen Augen nichts anderes ein.
Plötzlich klingelt ihr Telefon. Alle drei zucken zusammen.
Roland ruft an.
„Tina? Wir sind fertig. Es kam bisher niemand, sollen wir die Polizei rufen?“
„Verstehe. Versuche sie mal zu wecken.“
Roland gibt sich Mühe und berührt sie an der Schulter, um sie aufzuwecken. Und tatsächlich. Die Fremde öffnet die Augen und zuckt zusammen.
‚Wer ist das?‘
„Hallo, ich bin der Chefkoch hier. Sie sind am Tresen eingeschlafen. Wir haben jetzt Schluss und müssten die Polizei rufen.“, spricht er sie freundlich auf Deutsch an.
„Oh wirklich? Das tut mir leid. Das ist ja peinlich.“, äußert sie verlegen und richtet sich auf.
„Mein Lehrling sagte, Sie warten auf jemanden, der Sie hier abholen würde? Können Sie die Person erreichen? Vielleicht hat er oder sie uns nur nicht gefunden? Die Stadt ist riesig.“ Sie greift zum Handy.
„Stimmt. Nicht dass was passiert ist.“, sorgt sie sich und wählt eine Nummer. Noch immer ist Tina am Telefon und hört mit.
Im selben Moment klingelt Karls Handy. Er dreht sich zu ihnen um, sagt nur, dass er rangehen müsse und verschwindet hinter der Tür.
„Ich wollte dich gerade anrufen. Leider hat das alles ewig lange gedauert. Bist du noch bei der Adresse, die du mir geschickt hast?“
„Ja genau, aber die Gaststätte hat schon zu und ich bin eingeschlafen.“
„Ich fahre sofort mit dem Taxi zu dir und hole dich ab. Eine Gaststätte sagst du? Was ist das für eine genau?“
Er bekommt nicht mit, dass die Tür hinter ihm leise aufgeht und Tina ihm zuhören kann.
‚Kam mir doch gleich so seltsam vor. Was denkt er sich dabei?‘
„Roland, gib sie mir bitte mal.“, spricht Tina und Karl dreht sich zu ihr um und sieht sie verwundert an.
‚Wieso ist sie hier? Was hat sie gesagt? Französisch war noch nie mein Ding.‘
Roland reicht seinem Gast das Handy rüber.
‚Wieso soll ich sie ihr geben?‘
„Meine Chefin möchte Sie sprechen. Ist das okay?“ Anna nickt.
‚Die Chefin? Meint er damit etwa Bettina? Er hat sie sicher angerufen was er machen soll, weil ich hier noch rumliege. Was soll diese Frau von mir denken?
Nun gut, lässt sich jetzt nicht ändern. Da muss ich wohl durch.‘
Sie legt ihr eigenes Gespräch auf und nimmt ihm das Handy ab und spricht hinein.
„Guten Abend, bitte entschuldigen Sie, dass ich Ihren Betrieb unnötig aufhalte Feierabend zu machen.“
Zeitgleich schaut Karl verwundert auf sein Handy, weil aufgelegt wurde.
‚Nanu? Was hat das zu bedeuten? Hat man ihr nicht eben gesagt, sie solle mit jemanden telefonieren?‘
Tina sieht zu Karl und spricht dann mit der Dame am Telefon.
„Guten Abend, Fuchs mein Name. Mir gehört das Lokal. Haben Sie wirklich noch keine Unterkunft?“
„Leider nein, ich werde aber gleich abgeholt. Ich habe meine Begleitung bereits angerufen.“, entgegnet sie freundlich.
Tina hält das Mikrofon zu und richtet sich an Karl-Heinz.
„Bist du alleine hier? Oder hast du jemanden mitgebracht?“, fragt sie skeptisch.
‚Oha, Anna sitzt vermutlich ausgerechnet bei ihr.‘
Er schaut etwas gnatzig zur Seite und antwortet.
„Sie ist in deiner Gaststätte, stimmts?“, sagt er leise.
„Ist das dein Ernst? Du bringst jemanden mit und lässt sie auch noch so lange warten? Weiß sie etwa wieso du hier bist?“ Er antwortet nicht. Ihr Puls steigt energisch an und sie bemerkt nicht, dass bei der Aufregung ihr Finger vom Mikrofon rutscht.
„Spinnst du? Sie weiß auch noch warum du hier bist? Was soll diese Frau denn von mir denken? Weiß sie wer ich bin oder nur, dass du jemanden hier besuchen willst?“
„Hm, Anna weiß wer du bist. Sie ist diejenige die dich in der Zeitung entdeckt hat und den Artikel vorgelesen hat.
Reg dich mal ab. Wir haben alle unsere Partner. Sie wollte die Gelegenheit nutzen und sich die Stadt ansehen.“
Es ist still, Tina kann gar nicht glauben was sie hört. Sie fasst sich mit der anderen Hand ans Herz und sieht ihn enttäuscht an.
„Karl, es ist wirklich Zeit was in deinem Leben zu ändern. Du kannst doch nicht deine Partnerin mit herbringen, wenn du mich besuchst. Nach all der langen Zeit und dann zweifelst du an dem was Kojiro und ich empfinden? Das kann doch nicht dein Ernst sein.
Ich…ich bin richtig entsetzt und besorgt zugleich.“ Sie spricht ruhig und ernst.
„Vorhin habe ich noch gedacht das ist die Anspannung und die Müdigkeit, aber nein. Es ist viel schlimmer. Du musst doch vor euerer Abreise wach und bei klarem Verstand gewesen sein. Wie konntest du dem zustimmen? Du hättest es ablehnen müssen.
Dass du das selbst nicht merkst. Es gibt nur zwei Frauentypen, die sowas Dummes mitmachen.“
Er sieht sie fragend an.
„Entweder sie ist ein klassisches Betthäschen und vergnügt sich hier mit deiner Kreditkarte oder…“ Tina pausiert absichtlich um seine Reaktion einzufangen. Karl verzieht das Gesicht und sieht sie zornig an.
„...sie ist in dich verliebt und macht sich Hoffnungen.“, beendet sie ihren Satz. Sein Blick wird wieder weicher.
‚So so…unwichtig ist sie ihm also nicht.‘ Im selben Moment taucht Kojiro hinter ihr auf und fragt ob alles okay ist.
Tina hebt nur die Hand, um ihm zu signalisieren, dass alles okay ist.
‚Das Gespräch eben klang aber nicht danach, dass alles okay ist.‘
„Hallo? Ich bitte Sie um Verzeihung, dass Sie so lange warten mussten. Heißen Sie Anna?“, will sie es bestätigt wissen.
„Ja. Sie wissen wer ich bin, oder?“
„Bevor ich was falsches sage, sagen Sie nur mit wem Sie hier sind, nicht, dass es ein Missverständnis ist.“
‚Oha, die geht aber auf Nummer sicher. Ich glaube sie hat nicht mitbekommen, dass ich sie eben gehört habe.‘
„Ich bin mit Karl-Heinz hier. Das haben Sie sicher bereits bemerkt.“ Roland ist etwas irritiert.
‚Was soll das heißen? Sie gehört zu diesem Karl-Heinz Schneider, der Tina besucht?‘
„Dann wissen Sie wer ich bin?
Karl kann nichts dafür, dass es so lange gedauert hat. Er war bereits mittags hier und hat auf mich gewartet. Ich bin jedoch erst zum Abend hin mit der Arbeit fertig gewesen. Es tut mir sehr leid.
Ich habe Ihm ein Zimmer organisiert und würde nun meinem Küchenchef, Herrn Saito, darum bitten Ihnen ein Taxi zu rufen. Dieses bringt Sie dann in das Hotel wo Karl-Heinz untergebracht ist. Die Fahrt dauert je nach Verkehrslage etwa zwischen 40 bis 60 Minuten, da es ein weiter Weg ist. Ist das in Ordnung für Sie?“, erklärt sie ihren Plan.
„Ja, danke sehr. Die Umstände tun mir wirklich leid. So war das nicht geplant.“, versucht sie sich bei ihr zu entschuldigen. Tina schmunzelt.
„Schon gut, ich bin es ja schon ne Weile gewohnt, dass nichts mehr nach Plan läuft. Machen Sie sich keine Gedanken.
Geben Sie mir bitte meinen Küchenchef nochmal?“
„Roland?“
„Bin wieder dran.“
„Rufst du ihr ein Taxi und gibst ihnen bitte die Adresse vom Hotel „Zum Flieger“ durch? Ich habe dort ein Zimmer für Karl-Heinz reservieren lassen.“
„Natürlich, das mache ich.
Sag bloß sie gehört zu ihm? Wieso bringt er jemanden mit, wenn er dich besuchen will? Warte einen Moment. Ich piepse kurz das Taxi an.“ Er legt auf, geht zum Schreibtisch und ruft die Durchwahl zum Taxi des Vertrauens.
„Es kommt in etwa zehn Minuten. Sie gehen besser nochmal schnell auf Toilette, die Fahrt dauert lange.“, gibt er ihr den Hinweis.
„Okay, danke sehr. Ich muss auch noch bezahlen. Schaffen wir das noch?“
„Die Kasse ist schon abgerechnet. Ich habe schon den Bon gezogen. Wie ich Tina kenne wird sie es in diesem Fall selbst übernehmen. Gehen Sie lieber jetzt, es ist wenig Zeit.“
Er begleitet sie zum Gastraum zurück und sie geht wie empfohlen zur Toilette. Roland setzt sich an den Tresen und schließt die Lokaltür wieder auf, damit der Taxifahrer eintreten kann.
Er ruft Tina erneut an. Diese ist auf dem Weg mit Karl-Heinz zum Büro. Sie muss ihm noch die Reservierung ausdrucken und ausfüllen. Kojiro folgt ihnen, ohne zu wissen worum es in dem Gespräch ging.
„Roland? Was ist noch?“
„Ich bin etwas verwundert. Was hat es denn jetzt mit dieser Frau auf sich? Gehört sie echt zu ihm?“
„Ja, mehr kann ich dir auch nicht sagen.“ Tina setzt sich in den Bürostuhl und weist Karl den Platz am Tisch zu. Kojiro stellt sich ans Fenster und schaut hinaus auf die Straße.
„Wie lief es denn? Also als ihr es dem Team gesagt habt und jetzt?“
Tina lächelt und sucht die E-Mail raus.
„Anders als erwartet, aber alles lief soweit gut. Muss ich dir dann mal in Ruhe erzählen. Aber mal was anderes. Hast du dich jetzt im Laufe des Tages schon mit deiner neuen Aufgabe angefreundet?“
Karl schaut ihr dabei zu wie sie telefoniert und dabei lächelt.
„Kleiner Tipp, Tina: Unterschätz Anna nicht. Wenn du mit deinem Küchenchef interne Dinge besprichst und sie daneben sitzt kann sie euch verstehen. Sie arbeitet im Luxushotel an der Rezeption.“ Tina blickt auf und sieht ihn erstaunt an. „Danke für deine Ehrlichkeit.“ Dann spricht sie auf Japanisch weiter.
„Nicht wundern. Wir müssen so reden, sie versteht dich sonst.“
„Oh, echt? Dann hat sie das vorhin am Tresen ja alles mitbekommen. Naja, ist ja nun auch egal.
Ja, ich habe über dein Geschenk nachgedacht. Aber ich habe noch eine wichtig e frage vorweg, Tina. Und nicht böse sein, wenn ich das jetzt fragen muss.“ Rolands Puls steigt etwas an, denn es ist ihm sehr unangenehm zu fragen. Er muss jedoch auf Nummer sicher gehen.
„Was willst du denn wissen? Ich kann dir doch gar nicht böse sein.“
„Nur angenommen, irgendwas geht nicht wie ihr es gedacht habt und es klappt nicht. Besteht dein Angebot trotzdem? Darf ich es trotzdem haben?“
Tina lächelt, holt das Papier aus dem Drucker und legt es auf den Tisch.
„Ach Roland, mach dir keinen Kopf deswegen. So oder so will ich mich hauptsächlich auf den Sport und auf die Programme stürzen. So sehr ich das Lokal auch liebe, es hat mich doch nur die letzten Jahre belastet. Du hast es doch selbst gemerkt. Das was mir Spaß gemacht hat, konnte ich kaum noch machen und nun…soll es deins sein. Egal was wird. Okay?
Ich möchte alles vertraglich festsetzen lassen und notariell beglaubigen, damit es wirklich alles dir gehört. Das Lokal und auch das Gebäude selbst.
Du hast mir ein unbezahlbares Geschenk gemacht und das wird mein Dank sein. Du hast immer davon geträumt, seitdem du hier bist.“
Kojiro schaut plötzlich zu ihr und ist sehr verwundert.
‚Bettina, das war es was du noch mit Roland bereden wolltest? Du gibst es ihm?‘ Ihm huscht ein Lächeln über die Lippen. Er kann sich niemand besseren vorstellen und nun ist ihm klar was sie damit meinte, abgeben, sie hat nicht vom Verkaufen gesprochen.
„Ich danke dir, Tina. Ich habe mich gar nicht getraut es dich zu fragen. Aber…es ist doch wichtig. Ich…kann es noch gar nicht wirklich glauben.“ Tina legt den Hörer zur Seite und macht auf Freisprecher, damit sie die Hände frei hat um das Dokument auszufüllen.
„Alles gut. Wir reden bei Zeiten in Ruhe über die Details. Betrachte es ab morgen als Deins, in allem was du handelst, okay? Du musst dir nur ein paar Dinge noch überlegen. Bevor wir einen Vertrag aufsetzen lässt du einen Profi kommen und besprichst mit ihm deine Renovierungs- und Sanierungsideen. Die Rechnung von ihm und das Angebot mailst du mir dann zu. Ich muss dann schauen was in meiner Macht steht, um es dir vor der Schenkung oder unter Vertragsbedingungen machen zu lassen. Du kennst meine Bedingungen und für alles andere lasse ich dir freie Hand.“
„Okay, danke. Also die Rezepte, die deutsche Küche aus Mecklenburg, die Fischbude und die Bäckereisachen. Das war es doch schon, richtig?“
„Genau. Das war es schon. Wenn du wieder die Backstube aufmöbelst kann ja auch wieder diese benutzt werden. Uns fehlte ja immer nur das Personal dafür. Dann musst du nicht so viel über die Fremdfirma backen lassen. Ich würde an deiner Stelle nur die Brötchen dort machen lassen für die Bude, denn der Weg zum Flughafen ist dichter. Es ist am Ende trotzdem günstiger.“
„Ich verstehe. Die hätte ich sowieso gelassen. Daran habe ich auch schon gedacht. Aber ich habe ja derzeit nur die Kosten der Küche im Kopf und nicht die vom Imbiss.“
„Das ist schön. Wenn du willst kannst du dir auch einen neuen Namen ausdenken. Das überlasse ich dir.“ Roland unterbricht.
„Wirklich? Dein Ernst?“
„Ja, mir ist nur wichtig, dass die Stammgäste bekommen was sie die ganze Zeit mochten. Denen ist der Name auch egal, Hauptsache die können essen was sie lieben.“
„Okay. Ich lege auf, das Taxi ist da.“ Auch Tina legt auf.
Tina schaut kurz zu Kojiro auf, nachdem sie alles ausgefüllt hat.
„Kojiro? Ich müsste nochmal kurz unter vier Augen mit Karl sprechen, das Anliegen hat vorhin nicht so wirklich ins Gespräch gepasst.“
„Kein Problem.“ Er richtet sich auf und verlässt den Raum. Karl-Heinz ist etwas irritiert.
„Wieso hast du ihn rausgeschickt?“
„Ich muss noch etwas mit dir bereden.“ Dann nimmt sie sich ihre Handtasche und holt die Spange heraus, die noch eingewickelt ist. Tina hält sie in den Händen und betrachtet sie.
„Kommst du bitte zu mir an den Tisch? Ich möchte dir etwas geben.“
‚Tina, was wird das denn jetzt? Du klingst so gefühlvoll.‘ Er steht auf und setzt sich dann ihr gegenüber. Sein Blick ist neugierig.
„Ich habe kein gutes Gefühl mehr dabei sie bei mir zu haben.“ Dann schaut sie auf in seine Augen.
„Karl, die ganzen Jahre hat sie mir sehr viel Kraft und Mut gegeben. Ich danke dir dafür. Ohne sie wäre ich vermutlich nicht wer ich jetzt bin, hier in Japan an der Spitze unter den Top Ten.“ Sie pausiert.
„Bitte leg deine Hände auf den Tisch.“ Er macht was sie sagt. Dann berührt sie diese und legt die Spange in dem Tüchlein in seine großen Hände und schließt diese.
„Es fällt mir schwer, aber ich brauche sie nicht mehr und du sagtest damals, ich soll sie zurückgeben, wenn ich sie nicht mehr brauche.
Das möchte ich hiermit machen, denn nur um sie als schöne Erinnerung in eine Schachtel zu legen, ist sie zu schade.
Ich hoffe du verstehst das und bist mir nicht böse, wenn ich sie dir wieder gebe.“
„Tina, dein Ernst?“, wirkt er betrübt und öffnet seine Hände wieder. Dann macht er die Schleife auf, faltet das Tuch auf und nimmt die Spange heraus. Karl betrachtet sie genauer.
„Ich verstehe. Mir ist schon aufgefallen, dass du sie nicht mehr trägst. Du hast deiner Mutter wieder den Platz überlassen.“ Dann schaut er ihr in die Augen.
„Mache damit was du willst. Es ist deine. Ich nehme keine Geschenke zurück.“, legt er sie ihr wieder hin und lehnt sich an.
„Das kann ich nicht annehmen, Karl.“ Er steht auf und geht zum Fenster.
„Dann verkauf sie. Oder schenke sie jemanden. Ich nehme sie nicht zurück.“, spricht er ernst und sieht nachdenklich auf die Straße.
‚Ach Karl, es tut dir weh, oder? Aber was soll ich denn jetzt damit machen? Ich kann sie nicht mehr behalten. Sie ist zu bedeutsam, als sie nur in die Schatulle zu legen. Dann soll sie lieber jemand anderes tragen und Freude daran haben, weil sie vom Stil her so zeitlos ist.‘
Sie nimmt die Spange und wickelt sie wieder behutsam ins Tuch und bindet die Schleife wieder zu. Dann legt sie diese erstmal in die Schublade, denn zuhause will sie sie nicht mehr haben. Es fühlt sich für sie einfach auch falsch an.
Dann klingelt plötzlich ihr Handy. Sie schaut verwundert aufs Display. Es ist eine Nummer aus Italien. Sie wundert sich sehr, denn eigentlich hat sie alle Nummern eingespeichert, die sie kennt. Ob es Ludovica ist oder Cusavier? Sie wüsste sonst niemanden, der nicht eingespeichert ist.
Der Zeit nach zu urteilen ist es erst nachmittags dort.
Ihr Herz schlägt etwas schneller. Sie hat Angst es ist wieder was passiert. Was ist, wenn es den Mädels doch wieder schlechter geht?
„Kojiro?!“, ruft sie ihn herein. Kurz darauf öffnet sich die Tür und sie sieht ihn etwas ängstlich an.
„Ein Anruf aus Italien. Was ist, wenn es schlechte Nachrichten sind?“
Karl ist überrascht, dass sie so betrübt schaut und ihn reingerufen hat. Kojiro kommt zu ihr hinter den Schreibtisch.
„Nimm ab und mach auf Lautsprecher. Mach dir keine Sorgen, den Mädels geht es sicher weiterhin gut.“, versucht er sie zu beruhigen. Sie nickt und nimmt ab.
„Guten Tag, Bettina Fuchs am Apparat.“, spricht sie Italienisch.
„Guten Abend Frau Fuchs, entschuldigen Sie die späte Störung. Wenn ich mich vorstellen darf. Ich bin Herr Matteo Esposito, der Trainer der Damenvolleyball Mannschaft aus Turin, Chieri Torino.
Haben Sie einen Moment Ihrer kostbaren Zeit für mich?“ Tina atmet tief durch. Was mag er von ihr wollen? Was mag so wichtig sein, dass er sie jetzt noch anruft?
Kojiro gibt Karl-Heinz ein Handzeichen bitte den Raum zu verlassen. Er versteht es natürlich und folgt der Aufforderung. Ihm ist klar, dass es ein wichtiges Gespräch sein muss. Kojiro schließt hinter ihm die Tür ab. Karl nutzt die Pause und ruft am Flughafen an, um seine Koffer bereits ins Hotel bringen zu lassen.
„Guten Tag Herr Esposito, natürlich habe ich Zeit. Ich hoffe doch Viola und Ludovica geht es gut.“, entgegnet sie besorgt.
„Den Umständen entsprechend ja, aber die Ärzte haben uns heute leider auch mitgeteilt, dass beide keinen Profisport mehr ausüben können. Das bedauern wir sehr. Ansonsten aber werden sie wieder gesund.
Das ist auch schon der Grund meines Anrufes. Unser Vorstand hat heute Vormittag getagt und wir müssen die Lücken so schnell wie möglich füllen. Da kamen ältere Anfragen auf den Tisch und Sie waren noch immer auf der Liste seitdem Sie die Asienmeisterschaft gewonnen haben. Damals haben Sie abgelehnt, aber mir ist von Martina und Viola zu Ohren gekommen, ich soll es einfach nochmal versuchen. Ich habe mit den Vereinsvorstand gesprochen und wir senden morgen eine offizielle Anwerbung raus.
Ich wollte dem mal vorgreifen, da mir Ihre Privatnummer vorliegt. Was sagen Sie dazu?“
Tina weiß zuerst gar nicht was sie dazu sagen soll. Sie schaut total glücklich zu Kojiro auf und nimmt seine Hand ganz fest. Er lächelt sie nur an.
‚Das wäre einfach zu schön. Dann hättest du deinen Sport dort wo wir sein wollen.‘
„Das klingt fantastisch. Vielen Dank. Wissen Sie denn auch zu welchen Konditionen das wäre?“
Er erklärt kurz und knapp die Eckpunkte und die beiden Verliebten sehen sich nur erstaunt an.
‚Wow, Bettina, das klingt aber gut. Das müsste dein Volleyballgehalt hier doch bestimmt mehr als toppen.‘, denkt sich Kojiro. Er hat die Gehälter der Volleyballer nicht im Kopf. Er weiß nur was seine Freunde hier in der Fußballliga verdienen und das ist dem etwas ähnlich. Ken sagte ihm immer, er wolle hier bei seiner Familie bleiben solange er seine Leistung halten kann reicht ihm das aus.
‚Wow, das wäre das Vierfache von jetzt. Und dann noch Boni dazu. Ich kann bei Kojiro sein, meinen Sport machen und das Grundgehalt stimmt auch. Besser kann es doch gar nicht laufen.‘ Tinas Herz klopft ganz doll.
„Das klingt nach einem netten Angebot. Sie können ja ihrem Vorstand verraten, dass ich einen ganz neuen Ball entwickelt habe, den kennt noch niemand und vielleicht findet sich da ja noch eine Geste dafür, bevor ich offiziell in meiner nächsten Pressekonferenz verkünde jetzt bereit zu sein, das Land zu verlassen?“
„Sie sind ein Fuchs, also wirklich. Ein neuer Ball? Das klingt super, was kann der mehr als die anderen?“
„Er ist deutlich stärker und schneller als die anderen und der Vorteil ist, er kann von einem guten Zuspieler unserer Qualität vorgelegt werden. Das wäre nur ne Trainingssache. Ich benötige also nicht unbedingt meine spezielle Zuspielerin wie bei den anderen Bällen.“
„Oh, das klingt interessant. Wann wäre das nächste Spiel, wo Sie ihn einsetzen würden?“
„Morgen Abend schon. Das ist ein Ersatzspiel für das was ja nun ausgefallen ist. Es hat sich ein anderes starkes Team als Ersatz gefunden.“
„Verstehe. Und wenn der Verein sich bis dahin entscheidet, dann werden Sie ihn nicht spielen und ihn für uns aufheben? Als Trumpf für die neue Saison?“
„Genauso war der Plan.“
‚Bettina, du bist ja echt raffiniert. Pokerst hier hoch, aber du wirst gewinnen. Davon bin ich überzeugt.‘, schmunzelt Kojiro vor sich hin und berührt stolz ihre Schulter.
„Ab wann würde es denn losgehen, wenn ich zusagen würde?“
„Wenn es nach mir ginge sofort. Spätestens wenn die Saison beginnt im September. Es kommt also eher auf den bürokratischen Zeitraum an. Sie müssten es ja auch erst mit dem Verband und ihrem Verein selbst klären. Es ist immerhin sehr kurzfristig. Ich denke aber mal, wenn alles gut läuft in etwa zwei Monaten. Es ist ja auch privat immer viel zu klären und Sie haben ja auch noch Ihren zweiten Job mit diesem Fitnesscenter und Ihre Ausbildung. Da müssten Sie wissen wie Sie das wirklich hinbekommen in kurzer Zeit. Normalerweise ist ja ein paar Monate Vorlauf. Um ein Visum und eine Arbeitserlaubnis kümmern wir uns. Um Unterkunft im Notfall auch, aber Sie können auch erstmal bei einer Freundin bleiben und sich hier in Ruhe umsehen. Martina hat es bereits angeboten, da es so kurzfristig ist.“ Tina Herz rast wie wild und sie kann es einfach nicht fassen, dass es doch so schnell gehen könnte? In nur zwei Monaten könnte sie in Turin sein, bei Kojiro und sogar im Volleyballteam.
„Das kann ich mir gut vorstellen. So ist Martina. Um die anderen Dinge machen Sie sich da mal keine Sorgen, für Spontanaktionen habe ich immer einen Plan. Meine Arbeit im Center kann ich auch online machen. Teilen Sie mir am besten mit wie der Vorstand entscheidet und ich sage dann ob es passt oder nicht.“
„Ich melde mich so schnell wie möglich.“
„Gut. Ich bedanke mich für den Anruf und das nette Gespräch.“
Beide verabschieden sich und legen auf.
Tina lehnt sich zurück und atmet tief durch. Dann schaut sie glücklich zu Kojiro auf.
„Wow, das ging aber schnell. Genau dieser Verein passt perfekt für uns. Die Trainingsstätte der Volleyballer ist nicht so weit von unserem entfernt.“, spricht er leise und beugt sich zu ihr runter.
„Jetzt steht uns nichts mehr im Weg, Bettina.“ Sie berührt seine Hand und seine Wange. Beide sehen sich verliebt in die Augen.
„Kojiro…es wird ernst.“, spricht sie glücklich und kurz darauf küssen sie sich.
Die Trainingsjacke
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Wer ist Bettina Fuchs?
Kapitel 68
Wer ist Bettina Fuchs?
„Genau! Komme was da will. Wichtig ist nur, dass du dich nicht unter deinen Wert verkaufst. Aber das Angebot von vorhin war schon okay, oder? Ich kenne deine Einkünfte hier nicht, aber ich fand es angemessen. Es ist bestimmt deutlich höher als das was du hier als festes Gehalt bekommst.“ Tina grinst.
„Das stimmt, es ist deutlich mehr. Meine Haupteinnahmequellen sind meine Sponsoren, Merchandisinganteile und das Fitnesscenter. Aber das ist ja keine regelmäßige Summe. Etwas großes Fixes zu haben ist deutlich sicherer. Ich bin kein Freund von unregelmäßigen Einkünften, das ist für mich nur Zuverdienst, auch wenn es nicht wenig ist.“
„Das verstehe ich. Mir geht es da genauso. Mein Grundgehalt und die Tagessätze sind schon super, aber meine Werbeeinnahmen können sich ebenso sehen lassen. Das organisiert alles meine Managerin. Sie hat extra eine Agentur gegründet, damit alles separat und unabhängig von meinen Spielereinkünften läuft. Ich muss mich da um so gut wie nichts kümmern. Ich bin da deswegen auch so erstaunt, dass du das alles alleine hinbekommst. Und dann noch die Ausbildung und die Programme. Ich muss mich nur um meinen Sport und ums Studium kümmern. Alles andere macht sie.“
„Wie praktisch. Hauptsache ihr seid euch immer einig mit allem. Anfangs hatte ich auch mal jemanden, als es nach dem ersten Nationalpokal los ging und die Leute auf mich aufmerksam wurden. Aber ich habe das dann nach ein paar Monaten gleich abgelehnt und alles lieber selbst gemacht und den Rest Herrn Satsujinsha überlassen, wenn es ums Rechtliche ging. Ständig dieses Absprechen miteinander und dann durfte ich nicht machen wie ich wollte. Das nervte gewaltig. Letztendlich ging es ja auch ohne.“
„Hm, stimmt. Wir sind auch nicht immer derselben Meinung, aber wir kennen uns schon lange und sie hat mich damals nach Turin gebracht. Nur durch ihre Hilfe habe ich das geschafft. Sie hat eine super Ablöse für den Verein rausgeholt und mir sofort einen Platz im A-Team organisiert. Das wäre ohne ihre knallharte Art nie gegangen.
Ich bin gespannt wie sich Fane dann bei dir macht. Diese Verhandlung hier kann sie ja nun nicht mitmachen. Ihr müsst sicher erstmal noch einen Vertrag aufsetzen, oder?“
„Stimmt. Deswegen habe ich heute auch einen guten Bekannten gefragt, ob er ab nun mein Anwalt sein möchte. Er hat sich sogar schon bei ihr gemeldet und wie ich ihn kenne, diesen verrückten Kerl, hat er mit ihr schon alles besprochen. Es kann gut möglich sein, dass der Vertrag morgen auf den Tisch liegt, damit ich ihn unterzeichnen kann.“
‚Sie spricht von Professor Kudo. Was das betrifft, das wird noch lustig, wenn er von mir erfährt.‘, geht ihm durch den Kopf.
„Ich verstehe. Na dann mal los.“, lächelt er. Beide sind inzwischen runtergegangen zum Esstisch im Wohnzimmer und Tina setzt sich nun an diesen und richtet alles ein, damit sie die Kamera benutzen kann. Kojiro stellt sich ihr gegenüber vor die Couch. Dann entscheidet er sich kurzerhand doch einen Stuhl zu nehmen und sich nur ein Stückchen weiter weg ihr gegenüber zu setzen um ihr beizustehen und zu unterstützen, sollte es nötig sein. In der Regel werden solche Gespräche anders gehandhabt, aber er versteht wieso es eilt. Die Saison beginnt in ein paar Wochen schon und das Team steht ohne Kapitänin und ohne Angriffsspielerin da. Er weiß, dass Viola die große Leitfigur und Ludovica ihre wichtige Zuspielerin ist. Nicht wegzudenken, wenn im Verhältnis seinem Team plötzlich vier Leute in der Stammelf fehlen und man nie weiß wann sie wieder jemand ersetzen kann. Transfer von Profispielern ist immer mit viel Aufwand verbunden und dauert viel Zeit. Sein Transfer aus der japanischen Liga kam kurz nach dem Schulabschluss und den Aufnahmeprüfungen an der Universität Tokio (Todai). Während er sich neben seiner eigentlichen Abiturprüfung und dem Sport für die Aufnahmeprüfungen vorbereiten musste organisierte seine Managerin nebenbei ein Transfer nach Europa und reiste von einem Verein zum nächsten, um ihn dort vorzustellen. Am Ende entschied sich dann Italiens Top-Team Juventus Turin für den neunzehnjährigen Japaner, da sie seine kraftvolle Spielweise passend für sich fanden. Hätte Kojiro sich selbst darum kümmern müssen hätte dieser Transfer entweder nie stattgefunden oder erst Jahre später. Sich um solche Sachen zu kümmern war ihm nicht gelegen. Dafür musste jemand her, der Ahnung vom Geschäft hatte und seine Managerin war auch dieselbe Frau, die ihn damals schon als Kind entdeckte, ihn für die Toho anwarb und immer mit vollster Überzeugung auf seiner Seite stand.
Nun ist er sehr gespannt was für Tina bei dieser Unterhaltung mit dem Vorstand herauskommt. Tina ruft die Verlinkung mit der Einladung auf und richtet nochmal kurz ihre Kette bevor die Kamera angeht.
In der schönen mediterranen Stadt Chieri im Landkreis Turins geht die Kamera an und der Trainer Matteo Esposito begrüßt den abendlichen Gast. Alle können in ein freundliches Lächeln der jungen Frau sehen.
„Guten Abend Frau Fuchs. Damit Sie mich auch mal sehen begrüße ich Sie. Ich bin Trainer Matteo Esposito und reiche dann weiter an den Vorstandsvorsitzenden Herrn Antonio De Luca. Er wird Ihnen nun unser Angebot unterbreiten.“
Tina lächelt freundlich und bedankt sich auf Italienisch für sein nettes Gespräch und die Begrüßung.
Dann erscheint das freundliche Gesicht vom Vorsitzenden.
„Guten Abend Herr De Luca. Es ist mir eine Ehre.“, spricht sie ebenso noch Italienisch. Er entgegnet auf Englisch, damit jeder zuhören kann.
„Das wünsche ich Ihnen auch. Nochmals möchten wir uns alle dafür entschuldigen, dass wir Sie zu so später Stunde stören. Wir wissen, wir haben alle ein Privatleben, aber Sie sind sicher selbst interessiert daran, dass wir schnell eine Einigung finden. Wenn dies dann der Fall sein sollte, würden wir die Anwerbung sofort lossenden und es läge dann gleich morgen Früh auf dem Tisch Ihres Verbandes und des Vereins.“, erklärt er kurz.
„Ich freue mich, dass Sie sich so schnell einigen konnten. Mir ist es auch lieber, wenn nicht unnötig Zeit verstreicht.“
„Bevor ich das Angebot vorstelle haben wir noch ein wichtiges Anliegen. Es liegt uns sehr am Herzen.
Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie zufällig Viola Cusaviers Mann vom Flughafen abgefangen und über den schrecklichen Unfall informiert haben. Wir schätzen sehr hoch an, dass Sie ihm helfen konnten so schnell wie möglich einen Rückflug zu bekommen, damit er bei seiner Familie sein kann.
Wir bedanken uns dafür im Namen alle hier und dem Team. Familie geht grundsätzlich vor.“, spricht er sehr freundlich und mitfühlend. Tina schmunzelt.
„Das ist doch selbstverständlich. Martina hat mich informiert und da hat es gepasst, dass ich direkten Zugang ins Terminal habe.“, erklärt sie.
„Das war dann wirklich sehr praktisch. Das stimmt. Wussten Sie denn überhaupt wer dieser Mann wirklich ist?“ Tina stutzt und ahnt schon was diese Anspielung soll. Mit einem ernsten aber freundlichen Ton entgegnet sie.
„In erster Linie ist er ein Familienvater von zwei kleinen Kindern. Und ja, natürlich wusste ich wer Zedane Cusavier ist. Auch ich hatte als Kind unter anderen ein Poster von Ihm an der Wand, so wie viele Kids.
Was haben Sie jetzt für ein Angebot für mich?“, kommt sie ernst zum Thema zurück. Alle Anwesenden sind etwas irritiert.
‚Nanu? Hat sie eben gerade damit gesagt, dass sie als Kind Fußballfan war? Das ist ja auch interessant. Wieso meidet sie dann sonst den Kontakt mit ihnen?‘
„Damit haben Sie vollkommen Recht. Kommen wir zu unserem Angebot.“
Er erklärt kurz die Eckpunkte nochmal die der Trainer vorher schon erklärt hat und fügt dann nun das zusätzliche Entgegenkommen ein.
„Wir würden Ihnen mit drei Eckpunkten entgegenkommen, wenn Sie bereit wären und ihr Verein vor allem mitspielen würde, Sie sofort, also schon für die jetzige Saison, gehenzulassen.
Punkt eins, darauf wollten Sie sicherlich hinaus:
25% des Vorschlaggehalts zusätzlich pro Saison im Festgehalt. Also Fix.
Zusätzlich bieten wir Ihnen die Möglichkeit Ihren Jugendtrainerschein für Volleyballer in unseren Jugendförderprogrammen zu absolvieren. Sie hätten dazu neben der normalen Trainingszeit die Möglichkeit einen internationalen Beruf zu lernen, den Sie machen möchten und für die Teilnahme an der WM als Japanische Spielerin benötigen. Dazu bieten wir eine perfekte Ausbildungsstätte und große Talente. Wir haben auf Ihrer Webseite gelesen, dass Sie aktuell sogar dabei sind so einen Schein zu machen. Hier könnten Sie diese Ausbildung tauglich für den Weltmarkt beenden.“ Er pausiert seine Erklärung.
Tina ist ganz überrascht. So ein tolles Angebot wäre ihr gar nicht eingefallen. Sie wusste natürlich, dass in diesem Verein sehr viel Wert auf die Nachwuchsförderung gelegt wird, das hat ihr auch immer gefallen, aber dass sie dort neben ihrem Sport die Ausbildung genießen dürfte, das wäre wirklich toll.
Auch Kojiro staunt nicht schlecht über diesen Vorschlag. Da das Angebot vom Verein selbst kommt, ließe es sich garantiert auch mit ihren normalen Arbeitszeiten verbinden, ohne ständig hin und her fahren zu müssen wie es vermutlich hier der Fall ist. Er beobachtet schon die ganzen Tage diesen riesigen Zeitaufwand für alle drei Jobs. Ständig ist Tina nur am Pendeln zwischen Betrieb, Sportcenter, Berufsschule und Trainingshalle und dann noch irgendwelche Kunden. Das immer unter einen Hut zu bekommen raubt wahnsinnig viel Zeit und Kraft.
„Und was wäre Punkt Nummer drei?“, versucht Tina ernst bei der Sache zu bleiben und sich ihre Freude noch nicht anmerken zu lassen.
‚Interessante Reaktion. Sie kann definitiv gut pokern. Dabei dachten wir alle mit der Ausbildung kriegen wir sie schon rum.‘, geht durch den erfahrenen Mann.
„Bei diesem Thema gebe ich an Cotrainer Jean-Baptiste ab.“ Vor der Kamera werden die Plätze gewechselt, sodass nun ein vertrautes Gesicht erscheint und die anderen im Hintergrund sind.
„Hallo Frau Fuchs, schön Sie mal wieder zu sehen.“, begrüßt er sie.
„Guten Tag Herr Jean-Baptiste, die Freude ist auch auf meiner Seite. Es war wirklich ein ganz toller Urlaub letztes Jahr.“, lächelt sie.
„Wie wir letztes Jahr bei unserem Kennenlernen feststellen konnten, gab es nur Ludovica, welche Ihre bisherigen starken Bälle und Techniken zuspielen konnte. Als wir Sie damals bereits anwarben lehnten Sie leider ab, aber da hätte sie Ihre Partnerin neben Viola sein können.
Sie bringen eine passende Zuspielerin für sich mit. Uns ist egal wer es ist, denn es muss letztendlich für Sie passen. Es würde uns nicht viel bringen, wenn wir eine Saison lang brauchen, um Ihre passende Zuspielerin zu finden. Ihre Erfahrung in Japan und die Asienmeisterschaft bringt sicherlich die nötige Erfahrung mit, welche Partnerin Sie benötigen um auch die anderen Bälle, nicht nur den neuen, zu spielen. So könnten wir mit einem komplett neuen Angriff in die Saison starten.
Die Konditionen für die Partnerin wären ähnlich wie Ihre, die Sie zuerst bekommen haben. Sie begrenzen sich jedoch auf das andere Grundgehalt. Wir senden Ihnen das Angebot für die Dame mit, damit Sie es mit ihr bereden können und dann setzen wir uns erneut zusammen.
Was halten Sie davon? Sowas hat es noch nie gegeben.“
Kojiro schaut verwundert.
‚Seltsames Angebot. Da stimmt doch was nicht bei denen. Es ist wirklich toll, aber wieso versuchen die auf Krampf die zwei zu ersetzen? Das Team besteht doch aus mehreren Angreiferinnen und die anderen sind doch auch gut. Dass sie ausgerechnet die anderen starken Bälle brauchen ist auch seltsam.‘
Er steht auf und geht leise zum Tisch, nimmt sich ein Zettel und schreibt etwas drauf. Tina schaut zum Zettel und greift danach.
‚Frag nach was los ist. Irgendwas stimmt da nicht im Team. Das Angebot ist aber gut.‘ Tina hatte denselben Gedanken.
„Das klingt alles sehr gut. Mit so einer Überraschung habe ich nun wirklich nicht gerechnet.
Aber nun mache ich mir ein wenig Sorgen um das Team, wenn Sie plötzlich gleich ein komplett neues Angriffsduo brauchen. Was ist denn mit Martina und den anderen beiden Mädels, die sind doch sehr stark. Das war ein wirklich starker Austausch im Spiel.“, klingt sie besorgt.
‚Sie hat es bemerkt. Das Angebot ist zu seltsam, das stimmt.‘
Der Trainer schaut sich um zu den anderen und diese nicken dann ab.
„Okay, ich bin ganz ehrlich zu Ihnen.
Durch den Unfall sind uns drei weitere Spielerinnen ausgefallen. Sie bleiben nur noch drei Monate bei uns. Quasi bis Sie und die restlichen Neulinge da sind. Deswegen eilt es so.“
„Oha, ich verstehe. Das ist wirklich schade. Nun gut. Wie lange soll der Vertrag laufen?“
„Erstmal zwei Jahre, dann sehen wir ob erweitert wird. Sie wissen sicher, dass bei Damen oft wenige Jahre abgemacht werden.“, mischt sich der Vorstandsvorsitzende wieder ein. Tina überlegt tatsächlich einen Moment, will dem zustimmen, aber irgendwie ist sie unsicher wegen einer Partnerin. Wer könnte das denn sein? Sie weiß, dass Yoko das Land nicht verlassen will.
Plötzlich spricht Kojiro sie leise auf Japanisch an.
„Nimm es an! Es ist wirklich unschlagbar gut.“, schaut er ernst zu ihr herab und dann geht er zum Sofa und setzt sich. Tina schaut ihm nach.
‚Er hat Recht. Besser kann es nicht sein.‘
Dann ist ihr Blick wieder auf die Kamera gerichtet. Sie lächelt und gibt Herrn De Luca eine klare Zusage.
„Ich bin dabei. Das ist wirklich ein sehr gutes Angebot. Nun müssen Sie nur noch aushandeln was mein Verein dazu sagt.“
Alle bedanken sich und klatschen im Hintergrund. Dann ertönt eine freundliche Frauenstimme.
„Ich muss doch noch mal was fragen.“, drängt sie sich zur Kamera vor.
„Hallo Frau Fuchs, ich bin Gabriele Moreno, die Presseverantwortliche. Ich habe da für das reine Verständnis eine Frage an Sie.“
„Guten Tag Frau Moreno.“
„Wieso nennen Sie sich in Japan die Gelbe Tigerin? Das ist ein sehr ausdrucksstarker Name.“
Tina verzieht etwas das Gesicht.
„Wieso denkt immer jeder, dass ich mich so nenne? Den Namen hat mir die Presse verpasst, nicht ich. Ich schmücke mich ungern mit fremden Federn. Ich belasse meine Tierbezeichnung bei dem Fuchs und dem Drachen, das können Sie dann gerne nutzen, wenn Ihnen da was einfällt. Das steht aber auch alles auf meiner Webseite.“
„Oh, ich verstehe. Ich habe mich schon gewundert, da bereits jemand den Titel trägt.“
Tinas Blick ist ungewollt auf Kojiro gerichtet und plötzlich rutscht ihr beim Antworten ein ganz leichtes Schmunzeln über die Lippen.
„Das stimmt. Ich habe keine Lust auf irgendeinen Rechtsstreit.“
‚Nanu, was war das denn eben für ein Blick? Sie schaut neben die Kamera und dann bewegt sich ihr Mundwinkel?‘
„Das kann ich nachvollziehen. Nun gut. Alles Weitere bereden wir dann, wenn es wirklich alles in Sack und Tüten ist. Vielen Dank für Ihre wertvolle Zeit.“, verabschiedet sie sich.
„Ich danke Ihnen auch für das Angebot.“, lächelt Tina und fährt kurz mit der linken Hand durch ihr Haar, da es den Anschein hat, ihre Spange würde verrutscht sein.
‚Nanu, was ist das denn? Ein Armband was zur Kette und zu den Ohrringen passt und so funkelt, das fiel mir eben schon auf. Aber jetzt bei der Nahansicht glitzert es sehr doll.‘, stellt die Dame fest und drückt aus Neugier auf die Druckertaste, um das Bild in den Zwischenspeicher zu holen.
Alle verabschieden sich freundlich und die Videobesprechung wird beendet.
„Sagen Sie mal, ist Ihnen auch aufgefallen, dass kurz vor Ihrer Zusage jemand was gesagt hat? Oder kam das nur so rüber?“, spricht Herr De Luca offen seine Beobachtung an. Die Herren sind unsicher, aber Frau Moreno stimmt ihm zu.
„Ja genau. Das stimmt. Und danach kam auch was seltsam rüber. Moment. Ich habe das Bild eingefroren.“
Sie ruft das Programm Print auf und kopiert den Zwischenspeicher hinein.
Dann vergrößert sie das Motiv und kann eine Gravur entdecken.
„Sehen Sie sich das an!“, äußert sie und alle kommen zu ihr und starren auf das Foto.
„Es ist undeutlich…und vermutlich auf Deutsch.“, murrt der Geldgeber.
„Männer, also echt! Dass Sie das nicht in Ihrer Fantasie mal als Wörter sehen können.“ Sie zeigt genau auf den Spruch.
„Ich muss kein Deutsch können, um dieses Wort zu deuten. „Liebe“ steht da. „Amore“ ihr Lieben…also wirklich. Was auch immer es bedeutet, es kommt von diesem Mann, hier!“, zeigt sie wieder auf ein unscharfes Bild. Dann macht sie es kleiner, damit es in der Größe besser zu deuten ist.
„Können Sie den Namen nicht erkennen?“ Die Herren schütteln alle den Kopf.
„Sie machen es aber spannend. Was steht denn da?“, fragt der französische Trainer. Die Pressespezialistin ruft den Drucker auf und gibt ihm den Auftrag zu drucken.
Die Männer stehen nur etwas fraglich rum.
„Jetzt zaubert sie wieder umher. Bei solchen Details ist sie ja gleich wieder Feuer und Flamme.“, grinst Trainer Esposito.
Auf dem Ausdruck kann immer noch niemand etwas erkennen. Gabriele nimmt einen Stift vom Tisch und zeichnet die schlechterkennbaren Einkerbungen sauber nach.
Zuerst nur den Spruch, welcher nun deutlich zu erkennen ist.
„Suchmaschine an, übersetzen lassen.“, gibt sie aufgeregt den Ton an.
„Befehle geben können Sie aber heute wieder gut.“, schmunzelt der Vorsitzende.
„Ach, das ist doch total romantisch.
Jetzt will ich auch wissen was dieser Mann für sie gravieren lassen hat.“
„Liebe übersteht alles!“, spuckt der Übersetzer aus.
„Wow. Das klingt aber ernst.“, äußert Trainer Esposito.
„Auf sowas muss man erstmal kommen. Meist schreibt man doch nur in Liebe oder für immer oder sowas. Das klingt sehr persönlich und muss eine Bedeutung haben.“, meint der Franzose.
„Und wer soll dieser Mann sein? Du machst es aber auch wirklich mehr als spannend. Letztendlich ist es doch egal, wenn sie jemanden hat. Sie muss sich nur sicher sein mit einer Fernbeziehung.“, äußert der Vorsitzende. Die Dame grinst. „Hm. Warten Sie es ab. Das ist nicht irgendwer…und von wegen Fernbeziehung! Die Dame hat wirklich sehr hoch gepokert, weil…“, sie pausiert und zieht endlich die restlichen Buchstaben des Schriftzugs nach.
Alle um sie herum staunen nicht schlecht.
„…sie zu uns kommen will!“
„K. Hyuga“, können nun alle deutlich lesen.
„Wer ist das? Etwa dieser starke Stürmer, der Japaner hier im Fußballteam?“, wundert sich der Geldgeber.
Die anderen sehen ihn verwundert an.
„Genau der ist das. Kojiro Hyuga, „Der Wilde Tiger“ in Japan genannt und Frau Fuchs ihre Bälle verschafften ihr den Namen seinetwegen. Man verglich ihre Stärke mit seinen Tigerschüssen, welche hier und in ganz Europa und Asien sehr gefürchtet sind.
Ich vermute sogar, dass er eben bei dem Gespräch anwesend war und die Person ist, die etwas gesagt hat. Und genau deswegen hat sie eben auch so seltsam reagiert, als ich sie unwissend auf das Presse-Thema mit dem Tiger-Titel angesprochen habe. Da hat sie kurz zur Seite geschaut und musste sich das Grinsen verkneifen. Diese Frage hört sie sicher oft und so ein Vorwurf kann auf Dauer nerven, daher war ihre Antwort vermutlich schon einstudiert. Aber garantiert nicht, dass er, der „Wilde Tiger“ direkt bei ihr ist. Und das um diese Uhrzeit.
Ich sehe sowas, das ist meine Aufgabe hier.“
Plötzlich lacht der Vereinsgönner laut los.
„Die Frau gefällt mir!“, äußert er. Alle sehen ihn verwundert an.
„Wieso? Mit ihrer Flunkerei hat sie Sie doch selbst über den Tisch gezogen.“, sagt der Vorstandsvorsitzende etwas muffig.
„Genau das gefällt mir ja an ihr. Sie ist ne knallharte Geschäftsfrau, leitet eine eigene Gaststätte, arbeitet mit Profis zusammen um diese Fitnessprogramme auf die Beine zu stellen, bleibt ihrem Sport treu und lässt uns im Glauben, wir müssen sofort verhandeln, weil sie ja nun für jeden im Ausland zur Verfügung steht und ihren neuen unbekannten Ball mitbringt. Und wir sind da alle drauf reingefallen. Das nenne ich mal eine Verhandlung die sich gewaschen hat. Das kann man doch nur hoch anrechnen.
Und wenn das mit diesem Herrn Hyuga stimmt, dann wissen die beiden genau was sie wollen, sonst würden sie dieses Risiko gar nicht eingehen.
Eins ist klar. Auf die beiden Jahre bin ich echt gespannt, wird vermutlich lustig hier mit so einer Person. Die wird uns ordentlich auf Trapp halten aber auch mit ihrer Leistung viel Erfolg bringen. Ich bin auch sehr gespannt wie sie mit den Kids umgeht. Ich schätze sie mal knallhart ein. Ihr wird so schnell keiner auf der Nase herumtanzen wie es bisher hier der Fall ist. Mal sehen was sie an Gelerntes schon mitbringt, denn in Japan wird völlig anders unterrichtet.
Wartet ab was ihr Verein für eine Ablöse für sie wünscht und stimmt nach einer kurzen Verhandlung zu. Meine Unterstützung habt ihr. Das Gleiche gilt für ihre Partnerin, die sie mitbringt.“
Völlig baff sehen ihn alle an wie er weiterhin herzlichst lachend den Raum verlässt.
Als sich die Tür schließt kann vor Verwunderung keiner etwas sagen und alle setzten sich auf ihre Plätze und trinken erst ihren Kaffee in ruhe aus. Dann sehen sie sich alle an bis der Vorsitzende das Wort ergreift.
„Was war denn jetzt mit ihm los? Ich wusste gar nicht, dass dieser Mann lachen kann und dann hat er plötzlich die Spendierhosen an?“, bleibt er zurückgelehnt.
„Ja wirklich. Wieso hat ihn das jetzt nicht gestört? Sonst regt er sich auch immer auf, wenn eine Neuanwerbung uns anlügt oder versucht über den Tisch zu ziehen. Wieso nicht bei ihr?“, meint Trainer Esposito.
Frau Moreno hat einen Verdacht.
„Ich glaube er hat irgendetwas in ihr gesehen, was wir nicht sehen können. Er meinte auch, dass wir uns vorsehen müssen. Er meinte an sich doch, dass er überzeugt ist, dass sie eine Bereicherung für uns sein wird. Was auch immer er genau gesehen hat, er lässt uns machen, das ist gut. Ich habe aktuell keine Ahnung was sie ihrem Verein wirklich wert ist. Soweit ich weiß organisiert sie ihre Sponsoren auch alle selbst. Es verdient also nicht wirklich jemand viel an ihr außer sie selbst, da sie alles in die eigene Hand genommen hat. Sie hat keinen Manager oder wie Herr Hyuga, eine Agentur, die alles organisiert. Vielleicht ist ihm das auch im Hinterkopf geblieben, als wir uns gemeinsam heute Vormittag ihre Webseiten, Fan-Blogs und Medienartikel angesehen haben.
Er hat sich definitiv die Sponsoren angesehen und das sind keine unbekannten Namen. Und wenn ich das richtig verstanden habe kann sie sogar Kunden im Ausland betreuen. Durch ihre Sprachkenntnisse ist das natürlich gut möglich. Ihr Englisch eben war perfekt, klang wie eine Muttersprache.
Ich kann mir vorstellen, dass unser Geldgeber eben genau solche Dinge auch noch im Hinterkopf hatte und daher ihre Geschäftsfähigkeiten erkannt hat.“
„Wow, Sie haben echt viel beobachtet. Das kann natürlich sein. Wir brauchen jedoch in erster Linie eine Spielerin, die Punkte macht. Aber ich weiß worauf Sie hinauswollen. Sie spielen auf ihre Führungsqualitäten innerhalb des Teams an.“
„Egal ob diese Frau anstrengend sein wird, wenn das mit diesem Japaner stimmt, dann will sie hier sein und ich glaube mit der Ausbildung in der Jugendarbeit haben wir sie mehr als mit dem Zusatzgehalt gelockt. Ich glaube, dass sie andere Ansprüche hat als andere, die hauptsächlich Angebote annehmen die der höchste Wert sind. Ich denke mal, sie hat deswegen auch gehandelt, damit man es ihr nicht anmerkt, dass sie herkommen und sie natürlich nicht ihren Wert herunterdrücken will. Durch die Freundschaft zu Martina hatte sie doch schon den halben Fuß hier drin und hat es damals abgelehnt. Laut ihrer Pressekonferenz damals meinte sie, sie möchte nach dem Tod ihrer Eltern nur noch für ihre Freunde und ihre Fans da sein. Und die sind nun einmal in Japan.
Und nun…wann und wie diese beiden sich gefunden haben ist völlig egal, denn ER ist der Grund wieso sie plötzlich doch zu uns kommen möchte. Wir können eigentlich nur von Glück reden, dass sie jetzt plötzlich dazu bereit ist und dadurch bestimmt am liebsten sofort anfangen würde, denn alle weiteren Spielerinnen werden erst in etwa sechs Monaten oder später zu uns stoßen können. Frau Fuchs wird sicherlich alle Hebel in Bewegung setzen, damit ihr der eigene Verband nicht in die Quere kommt. Wenn man sich ihre Pressekonferenzen so ansieht hat die Dame ordentlich Feuer, wenn es darum geht ihren Kopf durchzusetzen.
Und LIEBE, meine Herren, ist die größte Motivation, die eine Frau haben kann. Denn der deutsche Verband ist nicht gut auf sie zu sprechen, da sie für Japan und nicht für sie antreten will. Und auch da hat sie die gleiche Argumentation gehabt: Für ihre Freunde und für ihre Fans.
Ihr Sozialstand in Japan ist wahnsinnig hoch angesehen. Sie weiß genau wer sie ist und dort öffnet man ihr vermutlich jede Tür, wenn sie hineingehen will. Für die Jugend wird sie wie eine Heldin mit ihren Mädels gefeiert, und niemand zweifelt mehr daran, dass Japan endlich wieder einen WM-Sieg feiern kann. Genau das macht sie unberechenbar.“, erklärt Gabriele.
„So sehe ich das auch. Jedoch … ist es genau das was wir brauchen. Dieses Feuer!
Viola war unsere Starke, weil sie mit Liebe und Leidenschaft spielte, ihre Bälle sind legendär und so Jemanden kann man nicht ersetzen, niemals!
Jedoch, eine jüngere Spielerin, die ebenso spielt, aus denselben Beweggründen, und dann mit so einem stolzen Mann an der Seite, verliert niemals! Genau deswegen brauchen wir sie.
Alle anderen Spielrinnen biegt sie sich schon zurecht, damit das Team am Ende der Saison ganz oben in der Tabelle steht.“, ertönt das erste Mal die strenge Stimme des Hauptgeschäftsführers, welcher sich, wie weitere andere Personen, im Hintergrund befinden.
„Sie sind also auch der Überzeugung, dass es gerade durch diese Situation besonders gut passt, dass sie zu uns passt?“, wundert sich der Vorsitzende.
„Richtig. Ich habe mir hier nebenbei nochmal ihre Biografie und einige der ersten Artikel von Fans durchgelesen. Frau Fuchs tauchte vor acht Jahren in Japan auf und wurde plötzlich direkt ins starke Profi-Team ihrer Schule gesteckt. Laut Aussagen einiger Fans und ehemaliger Schulkameraden kam sie an und lief jeden Tag bei jedem Wetter ständig draußen rum. Stundenlang…bis sie diese Yoko Fuma, ihre jetzige Zuspielerin, sie ins Team aufnahm. In einem Bericht behauptete der Trainer, er habe sie aufgenommen, weil sie eine wahnsinnige Ausdauer hatte. Seine Mädels kamen bei Weitem nicht an sie ran und Frau Fuchs musste erst einmal die Grundlagen der Sportart lernen, da sie bisher nur freizeitlich spielte. Niemand weiß bis jetzt was sie vorher in Deutschland wirklich gemacht hat. Irgendwann meinte sie dann nur, es war Schwimmen und Laufen. In Japan ist sie aktiv im Triathlon und Marathon. Das könnte es erklären.
Aber…ich habe soeben ein paar Experimente gemacht, weil sie erwähnt, dass sie Fußballfan als Kind war., davon ging ich aus, weil sie das Poster von Cusavier erwähnte.
Und nun schauen Sie mal was ich eben gerade auf einer deutschen Webseite gefunden habe, nachdem ich ihren Nachnamen und den Begriff Fußball und ihren letzten Wohnort Hamburg eingegeben habe. Bitte einmal Licht aus.“ Jemand folgt seiner Anordnung.
Er drückt ein paar Knöpfe auf seinem Laptop und bringt den Seitenaufruf an die weiße Wand, groß und für jeden lesbar.
Alle sehen verwundert auf ein altes Mannschaftsfoto mit Jugendlichen. Unter dem Foto sind die Namen der Spieler vermerkt, genau in der Reihenfolge wie auf dem Foto angeordnet.
Es ist still im Raum.
Plötzlich steht die Pressedame auf.
„Du meine Güte. Das kann doch gar nicht sein! Das ist sie ja tatsächlich.“
Die anderen Herren sind irritiert.
„Wieso soll sie das sein? Nur weil die denselben Nachnamen haben? Es gibt viele Leute in Deutschland, die Fuchs heißen.
„Das stimmt, aber es gibt Parallelen zu diesen beiden Jungs.“, spricht der Geschäftsführer erneut.
Er ruft weitere Webseiteneinträge auf und übersetzt diese.
„Hier steht, dass die Brüder Fuchs, welche in der Verteidigung spielten, von einem Tag auf dem anderen nicht mehr zum Training erschienen sind.
Dieses Foto entstand etwa einen Monat vor der Weltmeisterschaft in Paris für die U-16 Teams. Und es gibt noch ein anderes Foto, das noch älter ist. Darauf sind die beiden auch und spielen bei der U-15 Europameisterschaft, welche auch in Paris stattfand. Moment, ich scrolle mal runter, hier. Das ist es. Da fehlt dieser Japaner noch, der dann ins Tor kam, jetzt ist er einer der weltbesten Keeper.
Sehen Sie mal auf die Körpergrößen der Brüder. Der eine ist deutlich größer als der andere, und dann wieder hier das letzte Foto.
Hier steht der kleinere direkt neben Herrn Schneider, wessen Webseite das hier gerade ist. Laut den Angaben von Frau Fuchs ist sie 165cm groß. Und dieser Herr Schneider heute 179cm und zu diesem Zeitpunkt 171cm. Der Bruder Stephan hingegen ist mit seinen damals 17 ½ Jahren der älteste im Team und zu diesem Zeitpunkt schon 185cm groß. Im Alter von 16 Jahren ist dieser Bruder, Tino 165cm groß. Ein seltsamer Zufall, oder? Die Daten stehen hier drin.
Wir haben doch vormittags noch ihre Seiten angesehen und dort stand nur, dass sie 1998 im Sommer mit ihren Eltern herkam. Von ihren „Brüdern“ war keine Rede. Die Ähnlichkeit ist nicht zu leugnen.
Durch die Presseberichte zum Thema Fußball und ihre Aussagen dazu wie „kein Kommentar“, liegt es eher nahe, dass es irgendeinen Grund gab weit weg zu ziehen und die Sportart zu wechseln.
Ich denke, dieser Tino, ist Bettina Fuchs. In den Fanberichten wird sie selten Bettina genannt, die meisten nennen sie Tina, also bei ihrem Spitznamen. Und wenn dieser Tino, nicht gerade ihr Zwillingsbruder war, dann hätte er aber im selben Alter größer sein müssen als sie, vor allem, wenn der ältere Bruder bereits so ein Riese war, ist die Veranlagung doch da.
Dieser Tino ist niemand anderes als Bettina.
Und genau deswegen ist sie auch so überaus ausdauernd und sportlich hier in Japan angekommen, immerhin schienen die beiden gut fünf Jahre in diesem Team gewesen zu sein. So steht es hier. Es muss also irgendwas passiert sein, dass Frau Fuchs diesem Sport komplett den Rücken gekehrt hat.“
„Wie kommen Sie denn darauf? Wieso wechselt man die Sportart, wenn man doch erfolgreich war? Das ist ein extrem starkes Team gewesen. Auch wenn sie es ist, sich vermutlich als Jungen ausgegeben hat, denn das muss ja so gewesen sein, dann hätte sie doch einfach zu den Frauen wechseln können. Man hätte sie mit dieser Erfahrung sicher mit Kusshand genommen.“, wundert sich die Dame am Tisch.
Der Geschäftsführer zieht ein ernstes Gesicht auf und spricht mit fester Stimme.
„Ganz einfach, weil ich es damals vor 40 Jahren genauso gemacht habe.“
Alle sehen ihn total überrascht an. Er steht langsam auf, geht zur Kaffeemaschine und zieht sich einen Cappuccino. Dann stellt er sich ans Fenster und schaut raus zu den Bäumen.
„Ich habe es niemals jemanden erzählt und es war auch nie wichtig.
Was ich Ihnen jetzt erzähle muss hier im Raum bleiben.“
Es wird von allen abgenickt.
„Wussten Sie, dass ich selbst als Jugendlicher professionell Handball gespielt habe?“
Es kommen nur mehrere Verneinungen.
„Als ich sechzehn war, also im selben Alter wie die Jungs dort auf dem Bild, hatte ich ein sehr wichtiges Spiel vor mir.
Seit Monaten trainierten wir sehr hart und es ging wirklich um alles, wir wussten, dass auch Talentscouts da sein könnten.
Am Morgen der Partie hatte ich einen unnötigen Streit mit meinem Vater.
Ihm war nicht wirklich klar, warum mir das Spiel wichtiger war als der Geburtstag meiner Mutter. Sie hatte für nachmittags eine Feier geplant. Sie selbst hatte keine Probleme mit dem Spiel, aber er regte sich furchtbar auf und wir gingen im Streit auseinander.
Mein Team verlor leider das Spiel knapp. Und ein Scout hatte sich auch nicht bei mir gemeldet.“ Er macht eine kurze Pause und nimmt einen Schluck aus seiner Tasse.
„Als ich heimkam und meine Mutter Blumen mitbrachte erfuhr ich, dass mein Vater einen sehr schweren Verkehrsunfall hatte und es nicht überlebt hat. Die Polizei sei eben gerade dagewesen.“ Er pausier erneut und schaut zum Himmel hoch.
„Ab da an dankte ich dem Sport ab. Nicht nur dem Handball, sondern alle Ball-Sportarten. Um mich weiter auszupowern ging ich zum Schwimmen und zum Boxen. Ich machte mir Vorwürfe und dann der Streit zuvor. Wäre ich zuhause gewesen, hätte er nicht losgemusst, um meine alte Tante für die Party abzuholen. Denn das wäre meine Aufgabe gewesen sie mit der Straßenbahn zu begleiten. Das war damals so Tradition in der Familie.
Erst als ich meine Frau vor fünfundzwanzig Jahren kennenlernte, kam das Interesse an Ball-Sport wieder. Deswegen bin ich hier. Sie war damals Volleyballerin. Das wissen Sie ja. Sie kennen meine Frau.“
Alle sehen ihn mitfühlend an. Er dreht sich zu ihnen um.
„Ich gab jahrelang meinem Ehrgeiz die Schuld. Das ist natürlich Blödsinn.“
Es herrscht eine seltsame Stille im Raum. Dann erhebt sich plötzlich Trainer Jean-Baptiste.
„Ich weiß nun was unser Gönner mit seiner Aussage meinte, als er sagte, sie würde uns auf Trapp halten.
Dass Sie uns das plötzlich erzählt haben, sowas persönliches, das ist nur der Anfang davon und Frau Fuchs ist noch nicht mal hier.
Aber deswegen habe ich sie vorgeschlagen, denn als sie letztes Jahr nur in ihrem Urlaub zu Besuch war und Martinas Team kennenlernen wollte bettelte sie mich in ihrem perfekten Französisch an beim Training dabei sein zu wollen. Ich stimmte zu, weil sie mit einem interessanten Argument kam.
Sie wolle nur wissen wo sie auf dem Weltmarkt stehen könnte und ihr ist aufgefallen, dass die Frauen eine schwere Saison hatten und etwas betrübt waren. Sie sagte, sie würde versuchen sie etwas aufzumuntern.
Und tatsächlich, mit ihrer quirligen fröhlichen Art und ihrem Ehrgeiz hat es funktioniert. Die Frauen hatten einen entspannten Urlaub und kamen zum Saisonstart erholt wieder und lieferten uns eine echt tolle Saison.
Ich habe das anfangs nicht so für wahrgenommen, aber ich glaube noch heute, dass sie irgendwelche Motivationssprüche von sich ließ und das hält bis heute an, denn die Mädels waren sofort bei mir, als die schreckliche Nachricht kam und fragten ob ich für Frau Fuchs ein gutes Wort einlegen könnte. Das waren die Mädels, nicht ich.“
Hingabe
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Wer ist Marie Krause?
Kapitel 70
Wer ist Marie Krause?
„Das ist lieb, dass du dir den Tee selbst machst. Ich bringe dich ins Gästezimmer, dann kannst du dich in Ruhe für die Nacht fertig machen.
Wie ist es jetzt? Möchtest du noch etwas essen?“ Marie dreht sich überrascht um.
„Gerne. Was hast du denn da?“
Tina greift in den Brotkasten und holt ein dunkles Brot heraus.
„Ich kann dir Brot anbieten mit Käse oder mit Marmelade.“
„Oh, Marmelade klingt toll.“
„Gut, ich mache dir was fertig und bringe es dir dann ins Zimmer, okay? Ich bin todmüde und muss morgen ausgeschlafen sein. Geh schonmal rüber und schau dich dort um. Du hast dann auch ein eigenes Bad.“
„Das ist lieb. Danke dir.“ Ohne weiter darauf einzugehen geht Marie an ihr vorbei und nimmt ihren Tee mit.
Einige Minuten später klopft Tina an die offene Tür. Marie hat sich inzwischen umgesehen und ist total begeistert.
„Wow, Tina, so ein schönes Gästezimmer mit eigenem Bad und bodenebene Dusche. Toll. Hast du öfters Gäste?“
„Nicht wirklich, aber wenn mal jemand da ist oder mich ein Freund oder eine Freundin besucht und über Nacht bleiben will oder Verwandtschaft, dann können die hier übernachten.
Als wir hergezogen sind und dann endlich das Haus fertig war, war das etwa ein halbes Jahr lang Martins kleines Reich. Er hatte Probleme eine Wohnung zu finden.“
„Und dein Zimmer war dann oben bei deinen Eltern?“
„Genau. Jetzt nutze ich nur noch das eigentliche Elternzimmer. Mein Zimmer habe ich umfunktioniert.“
Sie stellt das Tablett mit dem Teller, einer kleinen Flasche stilles Wasser und eine Schüssel Jogurt mit Früchten auf den Tisch.
„Ich wünsche dir eine angenehme Nachtruhe, Marie.“, spricht sie ruhig und gähnt. Tina will den Raum verlassen.
„Tut mir leid. Ich wollte nicht unhöflich sein.“, sagt sie plötzlich leise.
Tina wundert sich und dreht sich zu ihr um.
„Alles gut, du kannst ja nichts dafür, dass alle Zimmer verbucht sind.“
„Das meine ich nicht. Ich…ich bin …ich meine. Ich werde schnell verlegen und…das tut mir leid.“
‚Oha. Hat sie mir das echt gesagt, dass sie bei Kojiros Anblick verlegen wurde? Dann habe ich das eben nicht falsch gedeutet.‘
„Marie, ist schon gut. Ich weiß wie andere Frauen auf ihn reagieren. Du wirst da keine Ausnahme sein.
Schlaf jetzt gut. Du kannst dich hier und in der Küche frei bewegen. Der Rest bleibt meine Privatsphäre, okay? Und solltest du dich wohler dabei fühlen kannst du natürlich deine Tür verschließen. Das ist deine Sache.
Bis morgen, dann sehen wir weiter.“, spricht sie sanft und schließt die Tür hinter sich. Kaum ist sie eingeklinkt lehnt sie sich gegen die Wand daneben und schaut zur Decke. Ihr Herz schlägt ganz laut und sie kann dieses seltsame Gefühl überhaupt nicht wirklich einordnen.
‚Was war das denn eben? Wie hat sie denn Kojiro angesehen? Und wieso mache ich mir darüber Gedanken? Wieso tut es so in meiner Brust weh? Sie ist doch nur ein kleines Mädchen. Ein kleines Mädchen was gewachsen ist, ja genau…ein Kind. Was weiß sie denn schon von Männern? Und ich dumme Kuh erzähle ihr noch was ich für ihn empfinde, das hätte ich nicht machen dürfen…ich habe sie als erwachsene Frau vor mir stehen gesehen und dachte ich kann ihr damit erklären warum ich nicht mehr so viel für ihren geliebten Bruder empfinden kann.
Sind deswegen meine Empfindungen so übertrieben?
Als die Fans gestern am Spielrand standen und ihre Autogramme abholten hat mich das doch auch nicht so sehr gestört...wobei es was anderes ist, wenn jemand direkt hier ist oder weit weg und unerreichbar.
Ich dachte, wie soll sie das denn verstehen, wenn ich es ihr nicht wie von Frau zu Frau erkläre? Wie konnte ich so dumm sein? Ich weiß doch sonst immer was ich wie und wem erzähle. Sogar mit Karl konnte ich darüber reden und er muss sich doch viel unwohler dabei gefühlt haben als sie.
Unwohl fühlen…hm…wieso kann ich ihr nicht trauen? Warum habe ich ausgerechnet zu der kleinen lieben Marie kein Vertrauen?‘
Sie schaut wieder zur Tür gegenüber. Die Schiebetür zum Wohnzimmer ist zu, sie geht hinein und fängt an die Stube aufzuräumen. Die Ablenkung tut ihr gut. Ihr Laptop steht noch auf dem Tisch und der Couchbereich ist unaufgeräumt. Sogar das Abendessengeschirr steht noch auf dem kleinen Couchtisch. Sie räumt alles weg, klappt den Laptop zu und legt ihn in die Schublade. Dann bringt sie das Geschirr in die Küche und räumt auch dort auf und gönnt sich dann endlich ihren Kaffee. Am Tresen sitzt sie und schaut auf die Arbeitsplatte. Tina blickt auf ihren Messerblock und steht auf, nimmt die Messer heraus, legt sie in ihre spezielle Schublade mit den anderen japanischen Messern, greift zu den Scheren und legt auch diese hinein und schließt die Schublade ab. Dann hält sie den Schlüssel in der Hand.
„Jetzt weiß ich warum mir so komisch ist. Dieses seltsame Gefühl plötzlich.“,
stöhnt sie leise auf und blickt auf ihre Hand mit dem Schlüssel. Dann zur Uhr über der Tür. Es ist bereits halb zwei.
„Stephan…der schreckliche Jahrestag.“
‚Hm. Ich habe gestern Abend gar nicht daran gedacht die Küche zu präparieren. Das kam mir gar nicht in den Sinn. Wieso nicht?
Und jetzt auf einmal…‘ Dann drückt sie den Schlüssel ganz doll in ihre Hand, öffnet sie wieder und steckt ihn ins Schloss, holt die Kochwerkzeuge wieder raus und legt sie auf die Arbeitsplatte, um sie an ihren Platz zurückzutun.
Plötzlich spürt sie Kojiros Anwesenheit.
„Kojiro, seit wann stehst du schon da?“, spricht sie leise und schaut nachdenklich auf die Messer vor sich.
‚Bettina, was hat das zu bedeuten? Wieso hast du die Messer in eine Schublade gelegt und nun holst du sie wieder raus?‘ Er geht langsam auf sie zu und stellt sich hinter sie. Tina spürt seine Hände auf der Schulter.
„Erklärst du es mir?“ Sie atmet tief durch und schiebt die sechs Messer so hin, dass sie gerade und genau in einer Linie liegen.
„Das liegt an heute. Meine Mutter hat immer den Abend zuvor alle Messer und Scheren in diese Schublade gelegt, abgeschlossen und den Schlüssel meinem Vater gegeben. Letztes Jahr habe ich das natürlich auch gemacht, war irgendwie so schon wie eine dumme Tradition seitdem wir hier sind. Immer für diesen einen Tag. Statt zu kochen haben wir uns dann was bestellt. Jedes Jahr, seitdem wir hier sind. Wir sind auch alle drei nicht in die Gaststätte gegangen, stattdessen haben wir einen Ausflug gemacht irgendwo hin wo die fröhlichen Touristen sind. Gestern habe ich nicht einmal daran gedacht. Der Tag war einfach zu aufregend, als dass es mir eingefallen wäre. Erst jetzt, wo Marie auftauchte und ich die Stube aufgeräumt habe fiel es mir wieder ein.“
‚Was meint sie damit? Was ist denn heute?‘ Er schaut zum Kalender. Es steht nichts für heute drin, es ist einfach nur der 25. Juli 2005.
‚Du hast vorhin den Namen deines Bruders gesagt. Ist es etwa heute passiert? Damals am 25. Juli? Ist es der Jahrestag? Was anderes kann ich mir nicht vorstellen. Aber wieso hat ihre Mutter dann die Messer weggeschlossen? Hatte sie Angst? Vor was denn genau?‘
Besorgt wandern seine Hände zu ihren Armen herunter.
„Es ist der furchtbare Jahrestag. Sie hat mir nie verraten warum sie das gemacht hat. Ich glaube, sie hatte Angst, ich könnte …“ Seine Hände greifen um sie und drehen sie zu sich herum. Er sieht zu ihr herab und blickt ihr streng in die Augen.
„Rede dir doch sowas nicht ein! Hast du das echt die ganzen Jahre gedacht? Wenn sie davor Angst gehabt hätte, hätte sie den Schlüssel doch nicht deinem Vater geben müssen.“ Tina sieht ihn nur verwundert an.
„Was willst du denn damit sagen?“
„Bettina, wusstest du wo er ihn hingelegt hat?“, entgegnet er mit einer Gegenfrage.
„Ja, im Werkzeugkasten im Schuppen. Deswegen hatte ich die Idee in der Schule mit dem Schlüssel.“
„Und deine Mutter? Wusste sie es?“ Tina schüttelt den Kopf.
„Nein, und wenn, in den Schuppen ist sie eh nie reingegangen. Sie mochte noch nie dunkle kleine Räume.“
‚Das klingt seltsam. Ich kann überhaupt nicht einschätzen was ihre Eltern für Leute waren. Aber sie waren wohl sehr lieb und freundlich zu jedem. Was hat das denn zu bedeuten, dass ihre Mutter nicht in diesen Schuppen gehen wollte?‘
„Hm, als mein Vater nicht mehr bei uns war hat meine Mutter viel geweint. Sie war Krankenschwester und musste viel arbeiten und hat auch dort viel Elend sehen müssen. Sie hatte Glück die Tagschichten wegen uns Kindern zu bekommen, aber sie konnte anfangs nicht schlafen, ähnlich wohl wie du. Dann fing sie an Tabletten zu nehmen.
Es war zwar schön, dass sie dann morgens munter war, aber mir hat das nicht gefallen und ich fing deswegen an zu arbeiten, immer wenn ich die Zeit nach der Schule hatte. Später auch vor der Schulzeit und am Wochenende, damit sie einen weniger durchzufüttern hatte. Geld brachten eher die Nachtschichten, aber die konnte sie ja nicht machen. Eines Tages wachte sie morgens nicht auf und ich rief den Notarzt.
Sie hat zuvor angefangen zwei Tabletten statt der einen zu nehmen und das war nach ein paar Tagen zu viel. Seitdem lag kein einziges Medikament mehr bei uns rum, was nicht für uns Kinder für den Notfall war.
Verstehst du worauf ich hinaus will? Vielleicht hat deine Mutter ja ähnlich getrauert.“
„Meinst du echt? Glaubst du sie hat es für sich getan? Und ich dachte immer meinetwegen.“, sie nimmt ihre Hände hoch und hält ihre Handflächen auf.
„Kojiro, siehst du die Narbe hier? Also die große quer.“
„Die ist mir aufgefallen, ich weiß ja, dass du kochst und dir ist sicher mal ein Messer verrutscht.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Nein. Das war Absicht.
Meine Mutter wusste nicht woher das kommt. Es war ein paar Wochen vor dem Überfall und hatte damit nichts zu tun. Jedoch ist mir zwei Tage danach dummerweise die Narbe bei einer Bewegung wieder aufgerissen und ich habe furchtbar doll geblutet. Da hat meine Mutter angenommen, ich hätte mir was getan. Ich habe ihr nie gesagt woher die Narbe stammt. Deswegen dachte ich immer, dass sie es meinetwegen gemacht hat. Dabei wäre ich niemals auf die Idee gekommen. Und schon gar nicht seitdem ich mit Roland gekocht habe.“ Plötzlich spürt sie seine warmen großen Hände auf ihren.
„Bettina. Würdest du es denn mir erzählen? Was es damit auf sich hat? Oder ist es noch zu früh dazu?“ Sie schaut in liebevolle Augen und versucht sich darauf einzulassen.
„Ich habe dir doch davon erzählt, dass ich mich erst als Frau fühle, seitdem wir uns haben.“ Er nickt.
„Noch bevor Karl hinter mein Geheimnis kam, dass ich ein Mädchen bin gab es eines Tages ein Moment wo ich nicht mehr wusste was ich bin. Alle um mich herum konnten sein wer sie sind, ein Junge oder ein Mädchen. Und ich…ich musste mich immer verstellen, meine Gefühle verbergen und konnte nicht sein was ich sein wollte. Das Einzige was ich wusste ist, dass ich da bin und Freunde habe, die an mich glaubten. Das Training und die Schmerzen waren das was mich aufrecht hielt. Ich wollte noch bis zur WM durchhalten und dann stand bald das letzte Spiel an, das gegen euch. Danach wollte ich es dann allen sagen.
Und an diesem Tag, habe ich etwas beobachtet, was mir sehr weh tat. Es schmerzte mehr als das harte Training und ich…ich wollte in dem Moment nur etwas spüren…etwas das sich nach mehr anfühlte als der Schmerz in der Brust.
Naja, so entstand die Narbe.“
Er nimmt sie in den Arm und spricht leise.
„Ich verstehe. Manchmal gibt es solche Situationen. So wie die neulich mit den Kacheln.“ Er zeigt ihr seine Hand mit den Abdrücken am Handrücken. Sie sind noch am Verheilen. Tina nickt.
„Stimmt, sowas ähnliches war das. Aber danach kam das nie mehr vor. Hier in Japan fand ich den Sport wieder und wenn mir dann doch mal danach war musste irgendein armer Ball drunter leiden.“, lächelt sie ihn an.
„Woher wusstest du, dass dein Vater den Schlüssel dort versteckte?“
„Er hat es mir gezeigt, irgendwann mal zwischendurch als wir im Garten waren und er mit mir im Schuppen nach Werkzeug suchte. Das war kurz nach meinem ersten Turnier, welches er mit angesehen hat. Vater war sehr handwerklich begabt und konnte ganz viel alleine. Er hat uns immer mit rangeholt, wenn es was zu reparieren oder zu bauen gab. Bevor ich in die Schule kam hatten wir viel Zeit für solche Sachen.“ Sie unterbricht.
„Da fällt mir ein, dass ich noch einiges mit dir bereden muss bevor wir dann im Urlaub meine Familie besuchen. Ich habe anfangs nicht gewusst, dass es einen Teil aus meiner Kindheit gibt, der für uns relevant ist. Ich hatte da nur an die Hamburger Zeit gedacht. Aber ich erzähle es dir dann, wenn wir Zeit haben. Das eilt jetzt nicht.“
„Okay, immer in Ruhe. Wir werden doch noch viel Zeit haben uns zu unterhalten. Vor allem, wenn wir Urlaub haben und wenn wir dann zusammen in Italien sind.
Du sagtest doch bereits, dass wir Übermorgen fliegen wollen. Ich habe schon Flugtickets besorgt. So wie du wolltest, erstmal getrennt einsteigen, unabhängig voneinander und dann zusammen erste Klasse.
Übermorgen um 04:00 Uhr. Eine sehr gute Zeit, finde ich. Es gab sogar einen passenden Flug nach Hamburg, nur einmal umsteigen.“, lenkt er gekonnt vom Thema ab und stimmt sie fröhlich.
„Also am 27. dann? Oh, das ist ja super. Eine tolle Zeit. Schlafen kann man ja im Flieger.“
„Richtig, am 27. Flieger startet 4 Uhr morgens. Umstieg in Doha mit fast vier Stunden Wartezeit.“ Begeistert strahlt sie ihn an.
„Das ist perfekt. Ich bin da schon gewesen, die haben ein tolles Fitnesscenter und ne Schwimmhalle. Da können wir uns dann ein wenig auspowern. Für ne Rundtour reicht die Zeit nicht, aber mal so ne Stunde oder zwei austoben ist super zwischen den langen Sitzzeiten.“
„Das stimmt. Das kenne ich auch. Eine sehr gute Idee. Also Badehose ab ins Handgepäck. Handtücher werden geliehen.“, schmunzelt er. Plötzlich berührt sie seinen rechten Oberarm und sieht ihn sehnsüchtig an.
„Ach Kojiro, ich freue mich so sehr. Stell dir vor…wir machen Urlaub und dann können wir mal ganz viel nur für uns sein. Ist das nicht schön? Jetzt ist es endgültig.“ Sein Blick wirkt verliebt und er berührt mit beiden Händen ihren Rücken und drückt sie sanft an sich. Ihr seidener Morgenmantel ist so zart, dass er unter seinem dünnen Shirt fast alle Rundungen spüren kann und beide genießen die Wärme des anderen, während sie sich leidenschaftlich küssen.
Sie genießen diesen schönen Moment einfach und vergessen alles um sich herum.
Zeitgleich öffnet sich leise die Tür vom Gästezimmer. Marie hat ihren Tee ausgetrunken und möchte einen neuen aufbrühen. Plötzlich bleibt sie stehen, als sie vor der Küchentür steht und die beiden sieht. Sie hat angenommen sie seinen hochgegangen oder Tina sei höchstens alleine, weil es endlich ruhig ist. Aber stattdessen ist sie völlig erstarrt, als sie die beiden betrachtet. Der Flur ist dunkel und man kann sie daher nicht wahrnehmen wie sie mit der Teetasse auf die beiden schaut.
‚Tina…das war nicht meine Absicht. Ich wollte euch nicht stören.‘, denkt sie zuerst und bemerkt dann, dass sie niemand wahrnimmt.
Ihr Herz pocht ganz doll und ihr wird wärmer. Die Vorstellung, jemand würde sie auch mal so berühren lässt ihr keine Ruhe. Als er seine rechte Hand von Tinas Rücken löst und zu ihrem Gesicht hochstreift, ihren Kopf dann bestimmend aber zärtlich berührt und sie auf eine andere Art als zuvor küsst, lässt Tinas Hand seinen Arm los und berührt sein Shirt.
‚So sieht ein echter Kuss unter Liebenden aus? Wie nah ihr euch seid und wie er dich berührt.‘ Instinktiv dreht sie sich leise wieder um und schleicht ins Zimmer zurück. Sie stellt die Teetasse aufs Tablett und macht sich dann im Bad fertig. Kurz darauf liegen ihre Sachen auf dem Stuhl und sie geht unter die Dusche. Als ihr das Wasser warm genug ist holt sie ihr Duschbad raus und seift sich ein. Die junge Frau schließt ihre Augen und lässt das Wasser über sich prasseln.
‚Liebe Tina, ich bringe hier alles total durcheinander. Es tut mir leid. Aber was sollte ich denn machen? Ich musste herkommen. Irgendwer muss sich doch um Karl-Heinz kümmern, wenn er traurig ist. Und es war die richtige Entscheidung wie man sieht.
Wenn er erst weiß, dass er keine Zukunft mit dir haben kann ist er sicher sehr traurig. Ich kann nicht einschätzen wie wichtig du ihm noch bist. Wir reden nicht darüber, wenn wir uns mal sehen oder telefonieren. Er weiß ja auch gar nicht, dass ich es mitbekommen habe was da zwischen euch war.
Und nun, Tina? Nun hast du dir hier ein neues Leben aufgebaut und dich neu verliebt. Und so wie du es mir versucht hast zu erklären…ist es etwas Endgültiges. Die Wahre Liebe? Einerseits freue ich mich so für dich und andererseits tut mir mein Herz bei dem Gedanken weh. Wie schrecklich muss es Karl-Heinz jetzt nur gehen? Sitzt jetzt ganz allein in seinem Hotelzimmer und weint bestimmt.
Und Stephan? Wie konnte das nur passieren? Dieser Herr Müller sagte nur, ihr seid überfallen worden und ging gar nicht genauer darauf ein. Aber du sagtest vorhin, es waren sogar Fans. Fans von welchem Verein denn? Wussten sie denn wer ihr wart?‘ Sie schaut dann auf ihre Hände. Vor ihr spielen sich Bilder von den letzten Tagen ab bevor Stephan und Tina plötzlich nicht mehr auftauchten. Sie schön war die Zeit nach der Schule, wenn sie zu ihnen zum Training lief und ihnen zusah. Seit einem Monat schon war ihr großer Bruder in München und kam nur noch am Wochenende nach Hause. Auch ihr Vater, der ja nun schon eine Weile nicht mehr bei ihnen wohnte, kam gar nicht mehr vorbei. Am Wochenende nur nahm Karl-Heinz sie mit um sich mit ihm zu treffen.
Und dann nach ihrer regulären Trainingszeit gingen sie, Hermann, Tino, Genzo und Stephan wie früher zum Imbiss und halfen und wer spielte denn immer mit ihr? Natürlich Stephan, Stephan und Bello. Marie liebte Bello und zusammen spielten sie viel, wenn Karl nicht da war. Als Karl die Woche über in München war, um sich auf seinen Transfer vorzubereiten war Stephan ihr Ersatzbruder. Er brachte sie auch nach Hause, wenn es schon dunkel war und die anderen immer noch trainierten und neue Ideen entwickelten. Freunde hatte sie nicht. Ihre Freunde waren die von ihrem Bruder. Sie konnte ja kaum irgendwo alleine hin, nach den schrecklichen Vorkommnissen vor ihrem Haus. Sie war doch gerademal elf Jahre alt. Plötzlich sackt sie zusammen und fängt an bitterlich zu weinen. Das warme Wasser rieselt nur so an ihr herab und ihr Weinen ist kaum zu hören. Die Badtür und die Zimmertür isolieren zusätzlich die Laute sehr gut.
Kurz zuvor trinkt Tina noch ihren Kaffee aus und räumt die Messer wieder an ihren richtigen Platz.
„Die sehen sehr hochwertig aus. Und damit kannst du umgehen? Ich habe davor viel zu viel Respekt.“, bewundert er. Tina lächelt.
„Ja klar, sogar besser als Roland selbst. Er hat mir alles beigebracht und dann fing ich an die Messer zu sammeln. Andere sammeln irgendwelche teuren handgemachten Figuren oder Bilder und ich sammle handgeschmiedete japanische Kochmesser.“
„So hat jeder sein Hobby. Aber das ist ja was Praktisches, jeder hat etwas davon, besser als irgendwelche Bilder oder Briefmarken. Das liegt nur nutzlos rum.“
„Kann man auch nicht so sagen, die anderen Sachen machen ja auch jemanden glücklich, oder? Dann ist ihr Dasein doch auch sinnvoll.“
„Hm, stimmt eigentlich. Waren dumme Beispiele. Ich gehe selbst gerne in Museen und erfreue mich an den alten Sachen oder alter Kunst. Du hast Recht. Kann man nicht vergleichen.
Vielleicht zeigst du mir mal wie man sie richtig benutzt. So ein Salat ist ja immer gut, wenn man den schnell machen kann.“
Tina schmunzelt.
„Gerne, aber dann müssen wir schauen welches du nehmen kannst, denn die sind alle nur auf mich persönlich zugeschnitten. Die Griffe sind speziell nur für meine Hand angefertigt. Fast wie ein paar Schuhe vom Schuster.“ Kojiro staunt nicht schlecht.
„Echt? Wie das? Das muss doch wahnsinnig teuer gewesen sein.“
Tina geht zu ihm und nimmt das Filetiermesser in die Hand.
„Siehst du…meine Hand passt genau in die Wölbungen rein, so habe ich den perfekten Griff. Jetzt nimm du es mal vorsichtig.“ Sie gibt es ihm und er versteht was sie meint.
„Stimmt, meine Hand ist viel zu groß und es fühlt sich nicht richtig an. Wo lässt man denn sowas machen?“
„Hatte ich dir schon gesagt, dass ich auf Okinawa ein Strandhaus habe? Als wir herzogen und noch in der Wohnung wohnten kaufte mein Vater dort ein kleines Stück Land mit einem alten Strandhaus. Dort sind wir oft an den Wochenenden gewesen und haben viel Zeit verbracht. Das war fast so wie zu meiner Kindheit. Jedenfalls lernte ich da einige Leute kennen. Unter anderem ein älteres Paar. Und der Herr ist Schmied. Er stellt diese Messer zusammen mit seinem Sohn her. Er macht nur sehr wenige im Jahr fertig, da sie sehr aufwendig sind. Und ja, die Dinger sind teuer, aber ich bekomme sie für ein Viertel des normalen Preises. Somit weißt du nun wofür ich meine Prämien ausgebe. Ich spare sie mir zusammen und dann bestelle ich was mir noch fehlt.
Du kannst dich schon darauf einstellen, dass ich diese Dinger mitnehmen werde. Es wird das erste sein, was ich einpacke.“, grinst sie ihn an. Kojiro lächelt und gibt ihr das Messer zurück, welches er sich nebenbei genauer angesehen hat.
„Ist wirklich hübsch anzusehen. Kein großer Schnickschnack oder sowas dran, nur die Gravur. Ich denke mal, da du sie nicht als Wertanlage haben willst, sondern nur zum Benutzen lässt er das Geschnörkel alles weg, was andere Kunden wiederum haben wollen, oder?“
„Stimmt. Die sehen sonst anders aus. Aber du sagst es, ich will sie nur benutzen…nicht damit angeben. Dadurch fällt ihm viel Arbeitszeit weg und er macht nur das Wesentliche.
Aber du erinnerst mich da an etwas Wichtiges.“ Sie lässt das Messer in die Schutzkappe gleiten und legt es in die Schublade.
Dann nimmt sie ein Notizzettel und schreibt groß darauf:
„Zertifikate für Messer holen“ drauf.
„Das ist gut, nicht, dass du es vergisst. Die müssen sicher beim Zoll angegeben werden.“ Tina nickt. Plötzlich schaut sie zur Tür.
„Nanu. Ich wundere mich schon die ganze Zeit wie lange sie duscht. Ich höre zwar das Duschen nicht, aber das Rauschen in der Leitung. Ist dir das auch aufgefallen?“ Er schaut verwundert.
„Ich habe mir dabei jetzt nicht so viel gedacht. Willst du lieber mal kontrollieren, ob alles okay ist? Immerhin war sie auch so übermüdet und wegen der Sache mit Stephan angeschlagen. Deswegen hat sie doch sicher vorhin geweint?“
„Ja, genau. Martin hat es ihr erzählt und sie ist hier, weil sie sich um ihren Bruder sorgt. Ich frage mich eher woher sie weiß, dass er hier ist. Ich denke nicht, dass er es ihr gesagt hat.“
„Wie alt ist sie denn überhaupt? Sie wirkt sehr jung. Ich hätte sie fast so alt geschätzt wie meine Schwester.“
„Sie müsste so siebzehn oder achtzehn sein, aber da sie alleine gekommen ist, wird sie schon achtzehn sein, sonst hätte sie das Land nicht alleine verlassen können. Ich gehe mal nachsehen. Ich habe ja auch keine Ahnung was in den letzten Jahren so passiert ist.“, spricht sie besorgt. Er berührt ihre Schulter, als sie an ihm vorbeigeht.
„Wenn was ist, ich bin in Hörweite.“
Tina geht zum Gästezimmer und lauscht, es rauscht natürlich. Dann klopft sie an.
„Marie? Ist alles okay?“ Es kommt keine Antwort. In der Annahme das Duschen könnte ihren eigenen Ton übertünchen geht sie ins Zimmer und schaut zum Bad. Die Tür ist auch zu. Dann klopft sie daran und wiederholt ihre Frage.
„Marie? Ist alles in Ordnung?“ Wieder keine Reaktion und sie klopft erneut, aber diesmal lauter.
„Marie, ich komme jetzt rein!“, kündigt sie sich an. Dann öffnet sie langsam die Tür und endlich kann sie ihr Weinen vernehmen. Das Rauschen der Dusche ist einfach zu laut. Entsetzt sieht sie die junge Frau in der Ecke am Boden sitzen und weinen. Tinas Herz schlägt schneller und besorgt geht sie auf sie zu.
„Marie, was ist denn los?“, will sie sie berühren, aber dann schlägt sie ihren Arm weg.
„Geh weg. Lass mich. Ich…will nicht, dass du mich so siehst.“, schluchzt sie bitterlich.
„Was ist los? Mir ist es egal, wenn ich dich so sehe. Jeder muss doch mal weinen. Lass mich dir helfen.“
„Aber du bist immer so stark gewesen und ich habe versucht auch so stark zu sein…aber ich …ich kann das nicht.“
Plötzlich kniet sich Tina direkt vor sie hin und nimmt sie einfach nur in den Arm. Nun prasselt das warme Wasser auch auf Tina nieder und durchnässt ihre Haare und ihren Morgenmantel.
„Ach Marie, das musst du doch auch gar nicht. Lass einfach alles raus.“ Dann plötzlich kommt sie ihr entgegen, umarmt sie und schüttet ihr Herz aus. Endlich kann sie mal alles loslassen, was sie sonst nicht loswerden kann. Auch sie will ihrer Mutter keine unnötigen Sorgen bereiten und das Thema Tino und Stephan ist sowieso Tabu. Aber bei wem soll sie sich denn ausweinen, wenn niemand mehr da ist? Zuerst die Streitereien zwischen ihren Eltern, die so urplötzlich losgingen. Der Ärger mit ihrem Vater und dem Verein. Diese schrecklichen Tage als ständig Fremde aufgebrachte Männer vor ihrer Haustür lungerten und sie anpöbelten, böse Dinge sagten und eines Tages sogar mit Steinen ins Fenster warfen. Der furchtbare Tag an dem ihr Vater das Haus für lange Zeit verließ. Und dann war ein paar Wochen später auch Karl-Heinz weg. Seitdem ist sie alleine, alleine mit ihrer Mutter. Damit die verärgerten Leute sie nicht wieder finden und belästigen zogen sie öfters um und letztendlich ließ ihre Mutter ihren Namen nach der Scheidung ändern und nahm ihren Mädchennamen wieder an. Marie ließ ihn auch ändern, damit man sie nie wieder mit dem Skandal um den Trainer Schneider von der Profimannschaft HSV in Verbindung bringen kann.
Nun leben sie zwar noch zusammen bis sie ihren Schulabschluss machen kann und ihr Studium beginnt, aber leicht ist es nicht. Marie kann seit den Vorfällen nur noch in fensterlosen Räumen schlafen oder in oberen Stockwerken, immer dort, wo niemand mit Steinen ins Fenster werfen könnte. Ausnahmen sind Hotels, da fühlt sie sich wohl. Freunde hat sie keine, denn niemanden kann sie trauen. Sie hat Angst, man würde sie ausnutzen. Ihren geliebten Bruder und ihren Vater leugnen will sie nicht, aber wenn es wiederum jemand weiß, dann könnte ja eventuell der ganze Ärger wieder von vorne losgehen oder man könnte sie ausnutzen oder ihr was androhen. Immerhin geht es bei jedem Spiel für einige Leute um sehr viel Geld.
„Marie, jetzt kommst du erstmal aus der Dusche raus.“, bestimmt Tina plötzlich und unterbricht sie in ihrem Redefluss. Sie steht auf, dreht das Wasser ab, greift zum Handtuch und legt es ihr über. Ihr Gast greift danach und steht endlich auf. „Danke. Ich bin aber auch eine Heulsuse. Tut mir leid.“ Tina hilf ihr beim Abtrocknen und passt auf, dass sie nicht ausrutscht.
„Was meinst du wo ich am liebsten vor mich hin geweint habe, wenn ich es mal brauchte? Geh in Ruhe ins Zimmer und zieh dir dein Nachtzeug an. Reden können wir ja nebenbei.“, legt sie fest und Marie tut was sie sagt. Sie trocknet ihre Füße noch ab und geht dann zu ihrem Koffer und holt ihr Nachtzeug raus.
„Wieso wusstest du überhaupt, dass Karl hier ist? Ich verstehe, dass du ihm nach bist, aber woher wusstest du es? Er hat es dir doch sicher nicht gesagt.“, beginnt die Volleyballerin ein neues Thema und ist schon sehr neugierig auf ihre Antwort. Sie steht vor dem Waschbecken und zieht sich den nassen Morgenmantel aus und legt ihn ins Waschbecken, damit er erstmal abtropfen kann. Marie will ihr antworten und schaut zu ihr zurück ins Bad. Mit Erstaunen betrachtet sie die Sportlerin. Die Bewegungen wie sie die Schleife löst, ihren Morgenmantel auszieht und diesen ablegt. Sie stellt plötzlich fest, dass sie nicht einmal einen Slip darunter getragen hat. Sie muss wohl so in Eile an die Tür gegangen sein, dass dazu keine Zeit war. Sie entdeckt das Tape auf ihrem Rücken, bewundert ihre muskulöse Statur und ihre fraulichen Rundungen. Tina dreht sich ein wenig zur Seite, als sie sich das zweite Badetuch aus dem Regal nimmt.
‚Tina, du bist so schön. Wir haben an der Akademie so viele schöne Models und keines reicht annähernd an dich heran. Die sind meist eher wie ich, zwar schlank und hübsch, aber weniger sportlich oder muskulös und deine Art sich zu bewegen. Dann dieses Licht und die nasse Haut an dir, das sieht besonders toll aus.‘
„Tina…du bist so schön, dass ich dich am liebsten malen würde. Jetzt sofort.“, haut sie plötzlich ihren Gedanken raus. Tina schaut total baff zu ihr. Eben war sie noch ganz traurig und nun blickt sie in ein total begeistertes fröhliches Gesicht.
„Marie…jetzt bin ich aber verwirrt. Meinst du das jetzt im Ernst?“ Sie kommt auf sie zu und bittet sie sich langsam zu drehen. Tina tut ihr den Gefallen, sie sieht wie glücklich sie auf einmal ist und das gefällt ihr natürlich sehr.
‚Marie, zeichnest du etwa immer noch gerne? Ist das jetzt dein Beruf geworden? Und ausgerechnet mich willst du malen? Eben warst du noch so traurig.‘
‚Du bist wirklich perfekt für die Idee. Wenn ich von dir ein paar Bilder mache aus dem Alltag und vom Sport, als Berufsgruppe, dann habe ich meine Mappe fertig für die Einstellungstests der Kunst-Akademie. Fehlt nur noch ein Mann dazu. Ich brauche jeweils Modelle.‘ Dann blickt sie sich ihren Rücken genauer an. Ihr fallen die vielen Narben auf. Auch die Narbe in ihrem Nackenbereich, die schon sehr alt ist. Sie betrachtet die Rundung ihres Pos und bemerkt ein markantes Muttermal an der linken Seite zum Schenkel hin. Es ist fast so groß wie zwei nebeneinander liegende Finger. Es macht sie etwas stutzig, aber sie lässt es sich nicht anmerken und sie fragt nach den Narben und der Verletzung.
„Was hast du angestellt, dass du Tapes hast?“
„War nix Ernstes. Ein kleines Missverständnis zwischen Mädels.“, antwortet sie ehrlich.
„Und die Brandblasen? Sind die vom Überfall? Was haben dir die Typen denn nur angetan? Und diese anderen kleinen Risse. Was ist denn da nur passiert?“, spricht sie besorgt und dann geht sie plötzlich um sie herum und sieht ihr in die Augen.
„Sie haben dich doch nicht etwa…“, kann sie ihren Gedanken gar nicht aussprechen. Tina schüttelt den Kopf.
„Nein, alles gut. Soweit kam es nicht. Genzo war rechtzeitig da und hat sie verjagt.“ Marie atmet durch.
„Ich habe mich schon erschreckt. Und die neuen Narben?“ Die stolze Sportlerin blickt sie ernst an.
„Die sind nicht mehr wichtig. Sie erfüllen mich mit Stolz, genauso wie die alten von damals.“
„Ich verstehe. Bleib so stehen, ich hole meinen Block und Stifte.“ Somit verlässt sie schlagartig das Bad und eilt zum Koffer. Tina ist etwas verwundert, zum einen fragt sie gar nicht weiter nach und zum anderen was soll jetzt an ihrer Pose denn so besonders sein? Sie steht doch nur da, einfach so.
„Aber die Bilder sieht doch dann keiner, oder?“
„Nicht, wenn du es nicht willst.“
Einsicht und Entschlossenheit
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Tränen am Telefon
Kapitel 72
Tränen am Telefon
Am Frühstückstisch wird der Kaffee eingeschenkt. Heute wird in der Stube am Esstisch gefrühstückt und Tina holt die Brötchen aus dem Frost und legt sie in den Backofen. Dann setzt sie sich zu Kojiro an den Tisch. Kojiro fragt nach der Beziehung zwischen Martins Studio und Genzo.
„Er hatte als Ausländer Probleme eine Finanzierung dafür zu bekommen. Immer lehnten ihn die Banken ab, dabei hatte er wirklich einen guten Businessplan ausgearbeitet. Das Studio existierte ja schon seit den 60ern und der Eigentümer wurde immer älter und hatte keinen Nachfolger oder Erben. Als Martin damals herkam und zuerst damit beschäftigt war die Sprache zu lernen und einen passenden Job zu finden ging er von einem Studio zum nächsten, um eine Anstellung zu finden. Herr Oda war der erste, der überhaupt erwägt hat einen Deutschen einzustellen. Seine Englischkenntnisse und sein guter Studienabschluss und der schwarze Gürtel im Judo öffneten ihm dann die Türen. Beide verstanden sich super. Im Laufe der Jahre brachte er Herrn Oda dazu einige Erneuerungen durchzubringen, um die Jugend und neue Kunden zu gewinnen. Die Ideen kamen gut an. Dann entstand unsere Idee mit den Ernährungs- und Fitnessprogrammen. Deswegen gibt es diese schon länger als das Studio. Jun und ich haben die Idee zwar gehabt, aber mit Martin zusammen ergab es erst eine richtige Mischung. So führte er es dann noch unter der Leitung des Geschäftsinhabers in das Studio ein.
Seitdem plante er mit ihm dann den Umbau des Centers und er sollte es dann übernehmen, wenn alles finanzierbar ist. Herr Oda stand voll und ganz hinter seinen Ideen. Er war wirklich ein besonderer Mensch. Zwar alt und traditionell aufgewachsen, aber sehr weltoffen und ich verstand mich auch sehr gut mit ihm.“
„Okay, und dann hat die Finanzierung irgendwann doch geklappt und Martin konnte es ihm abkaufen und umbauen lassen?“
Tina schüttelt traurig den Kopf.
„Leider nicht. Herr Oda starb plötzlich und konnte den Umbau nicht mehr miterleben. Er hatte keine Kinder und seine Frau war auch schon lange tot. Das Studio war sein ganzes Leben, wie eine Familie und die Kunden waren seine Kinder. Das Studio wurde geschlossen und die Angestellten mussten sich etwas Neues suchen.
Dann plötzlich tauchte ein Anwalt auf und meinte Herr Oda habe ihm sein gesamtes Geschäftsvermögen inklusive des Studios vermacht. Nun hatte er aber das Problem: Wie soll er das Studio übernehmen, wenn ihm die nötigen Finanzen fehlen und die Zeit im Nacken sitzt?
Da kam Genzo dann ins Spiel. Als er das erfuhr brachte er seine Eltern mit und sie besprachen alle Konditionen und da sie das Projekt für ertragreich hielten investierten sie dann und gaben ihm den nötigen Spielraum und die Sanierungskosten und Anschaffungskosten neuer Geräte konnten gedeckt werden. Deswegen helfe ich ihm so gut ich kann. Er will den Kredit bei seinen Eltern so schnell wie möglich tilgen. Mir blieb also gar nichts anderes übrig nach der Sanierung mich mit meinem Promistatus einzubinden, damit die Leute schnell kommen und ihm auch vertrauen. Deswegen ist er jeden Tag nur im Center. Das war alles schon in Planung und dann kam es eher als gedacht. Es eilte sehr, denn das Gebäude sollte sowieso saniert werden, sonst hätte es die nächste Prüfung nicht bestanden und hätte abgerissen werden müssen. Dir brauche ich ja nichts von den scharfen Regeln was Gebäudesicherheit in dieser seismografischen Lage betrifft erzählen.
Es gab sogar damals mal vier Etagen, Martin hat die oberen zwei Rückbauen lassen, sonst hätte auch die Sanierung nichts geholfen und hat stattdessen das leerstehende nebenstehende und ebenso sanierungsbedürftige Gebäude dazu genommen, um die Flächen groß zu halten. Das ging natürlich nur durch die gute Finanzierung.
Die Lage hier ist zu perfekt, als sie aufzugeben und die Stammkunden von damals kommen immer noch gerne her. Wir haben viele ältere Leute im Programm und auch hier in den Verteidigungskursen.“
„Ich habe bis jetzt das Gefühl, dass das Center wirklich gut ankommt. Martin strahlt richtig, wenn er dort arbeitet. Obwohl wir diese Anspannung hatten wo ich mit Cusavier da war und er uns begleitet hat, konnte man seine Fachkompetenz und seine Leidenschaft zu dem ganzen Konzept spüren. Das ist sicher auch dir zu verdanken, dass er sorglos seine Arbeit machen kann und nicht nur darüber nachdenkt, ob genug Kundschaft kommt. Oder?“ Tina lächelt ihn an.
„Ja genau. Das stimmt. Nur weil er es so liebt hält er die langen Arbeitszeiten jeden Tag durch. Er ist früh morgens ab 6 Uhr schon da und geht erst wieder ab 19 Uhr heim. Andrea von der Sache her auch. Eigentlich sind die beide viel zu lange im Center, denn Zeit finden sie kaum für andere Dinge. Das Problem ist, dass das Studio 24h geöffnet hat und es an viel Personal braucht die Zeiten zu füllen. Das war anfangs nicht so schlimm, aber dann gab es mal einen Vorfall und seitdem geht Martin lieber auf Nummer sicher und ist nun auch heilfroh Andrea mit im Team zu haben. Sie ist hauptsächlich als Sicherheitschefin anwesend und ihre Kurse und Kundenbetreuungen sind nur wenn er da ist. Sie nimmt mir die meisten VIPs und Programmkunden ab, auch weil ich noch nicht alle Geräte bedienen darf.
Ich helfe nur wo ich kann. Letztendlich habe ich auch was davon, auch wenn das ursprünglich nicht so geplant war.“
„Was meinst du damit?“, wundert er sich.
„Na ich bin doch stille Teilhaberin vom Center, das haben Genzos Eltern damals als Bedingung gestellt. Das gefiel Martin überhaupt nicht, denn es setzt ihn zusätzlich unter Druck. Ich hätte es auch nicht gewollt. Unsere Situation war zu diesem Zeitpunkt eh noch so angespannt. Naja, ist ja nun egal. Mir tun die Einnahmen gut und er gönnt sie mir ja auch. Ich habe ihm dann gesagt, als ich das erfahren habe, dass ich nur meinen Anteil nehme solange er klarkommt. Wenn er sie zum Überleben des Unternehmens braucht, gebe ich es ihm.
Das war aber nie nötig. Und nun läuft es langsam so wie es soll. Wir bekommen immer mehr Kunden.“ In diesem Moment hören sie ein freundliches „Guten Morgen“. Marie steht im Türrahmen und lächelt etwas zurückhaltend. Sie betrachtet die beiden wie sie sich gegenüber am Tisch sitzen. Kojiro trägt sein weißes Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln und die schwarze dünne Stoffhose mit Gürtel. Während er sich mit Tina unterhält und sich zurücklehnt ist sein linker Arm auf die Lehne des Nachbarstuhls gelegt. Mit der anderen Hand hält er die Kaffeetasse. Tina spielt beim Erzählen mit ihrem Teller rum, indem sie ihn dreht und hat ebenso eine Hand an der Tasse.
‚Ach Tina, wie ihr euch anseht. Ist er wirklich für dich die große Liebe? Ich wünsche es dir so sehr.‘, geht durch ihren Kopf. Im Gedanken geht sie ihr letztes Telefonat durch. Als Tina das Zimmer verlassen hatte und hochgegangen ist rief sie ihre Mutter an und teilte ihr mit wo sie ist. Diese dachte natürlich sie sei wie geplant mit ihren Klassenkameradinnen zu einem kulturellen Ausflug nach Dresden gefahren, aber nein. Stattdessen meldete sie sich ab und statt zum Bahnhof fuhr sie zum Flughafen und nahm den nächsten Flieger.
„Mama, mach dir keine Sorgen. Aber ich bin in Tokio.“, meldete sie sich leise.
Mit einer aufgeregten Stimme kam ein entsetztes: „Wieso? Du bist geflogen?“
„Ja Mama, ich musste zu Karl-Heinz. Er wird sicher hier sein.“, kam sie ihr selbstsicher entgegen.
Ihre Mutter fing an zu weinen und konnte gar nicht glauben was sie da sagte. „Aber Kleines, du bist doch sonst nie alleine unterwegs. Und dann so weit weg und woher weißt du, dass er dort sein könnte?“, schluchzte sie besorgt.
„Es tut mir sehr leid, Mama, aber als Papa angerufen hat und du dich so seltsam verhalten hast bin ich zurück ins Büro und habe deinen Suchverlauf gecheckt. Und dort habe ich dann Tina entdeckt. Deswegen, deswegen dachte ich, Karl-Heinz ist hergeflogen, um sie zu sehen. Er will sicher wissen was passiert ist und wie es ihr geht. Du weißt sicher wieso.“, fühlt sie ihr auf den Zahn, denn das erste Mal in ihrem Leben hat sie plötzlich das Gefühl am längeren Hebel zu sitzen. Sie liebt ihre Mutter abgöttisch und ist ihr sehr dankbar für alles was sie je für sie und Karl getan hatte. Aber dieses Mal kann sie ihr nicht wieder ausweichen, wenn es um dieses Thema geht. Immer wenn sie damals über ihre Freunde Stephan und Tino reden wollte, warum sie eventuell weg sind oder wie es ihnen vielleicht gehen mag, wich sie ihr aus und lenkte ab. Bis ihre Mutter eines Tages wütend auf den Tisch haute und laut sagte, sie will nie wieder diese Namen hören und etwas davon wissen. Erst dann hörte Marie auf darüber zu reden. So kannte sie ihre liebevolle und fürsorgliche Mutter nicht. Diese Reaktion machte ihr Angst. „Ach Liebes, das vermute ich auch. Hast du ihn schon getroffen? Wie geht es ihm und hast du Tina getroffen? Wie geht es ihr?“
„Ich habe Karl-Heinz noch nicht angetroffen, es war schon Mitternacht als ich in dieses Studio kam, wo ich ihn vermutet habe. Ich bin jetzt bei Tina im Haus und darf im Gästezimmer schlafen da alle Hotels ausgebucht sind.
Mache dir also keine Sorgen. Karl-Heinz ist in einem Hotel untergekommen wo ich morgen hingehen werde.
So, und du erzählst mir bitte jetzt was du weißt, denn immerhin fragst du nicht mal nach Stephan, du weißt also, dass er bereits im Himmel ist, oder?“ Ihre Mutter begann bitterlich zu weinen und versuchte krampfhaft ihr zu folgen und zu antworten.
„Ja, Marie, es ist so schrecklich gewesen. Es tut mir so leid. Wir…wir konnten es euch…doch nicht sagen. Der arme Junge und Tina, sie hat sicher sehr leiden müssen. Es tut so weh…es tut mir unendlich leid, dass wir es euch nicht sagen konnten.“
„Ach Mama, ich verstehe das doch. Ich war ja auch noch so klein. Aber…jetzt mal ganz ehrlich…als ihr telefoniert habt, sagtest du zu Papa, er solle das selbst klären, weil er so viel lügt. Was meinst du damit?“ Ihre Mutter schwieg und weinte nur weiter.
„Mama! Ich werde jetzt die böse Tochter sein, damit endlich Ruhe ist.
Du hast die Wahl, entweder du erzählst mir endlich was das für Probleme sind, die dich so weinen lassen und wieso du dich mit Papa so viel gestritten hast oder ich komme nicht wieder heim!“ Sie saß auf dem Bett und spielt nebenbei mit ihrer Kreditkarte.
‚Karl-Heinz, dein Geschenk zum 18. Es öffnet mir die Türen, so wie du es damit bezwecken wolltest. Du hast sie mir geschenkt, damit ich frei sein kann und immer die Möglichkeit haben kann die Welt zu sehen. Und nun kommt sie zum Einsatz. Nie habe ich mich rausgetraut, aber für dich, mein großer Bruder, der immer für mich da war, für dich verlasse ich mein Schneckenhaus.‘
„Marie, was meinst du damit? Ich…kann es dir nicht erzählen…es ist zu schrecklich.“
„Du hast die Wahl, die Wahrheit oder ich bin weg!“, setzt sie ihre Mutter endgültig unter Druck. Noch nie hat sie ihr widersprochen oder gegen sie gespielt. Aber jetzt ist Schluss damit, Schluss mit dem Schweigen, immerhin ist sie bereits erwachsen. Und vielleicht hilf es ja auch ihren Eltern endlich Ruhe zu finden, wenn sie es weiß und wenn sie vielleicht helfen kann? Sie wusste schon damals, dass der Streit nicht nur um die Gegebenheiten des Traineramts ging, sondern etwas Privates auch eine Rolle für die Scheidung spielte. Und sie spürte, es hatte etwas mit ihrem lieben Bruder zu tun.
Plötzlich lenkte ihre Mutter ein und fing an ihr alles zu erzählen. Schweren Herzens, aber ihr war wichtiger, dass ihre Tochter wieder heimkommt.
„Meine Liebe, du kennst doch diese komischen Geschichten, die man sich so über die Grenze zwischen unseren Ländern erzählt? Es soll doch Leute gegeben haben, welche aus der DDR geflohen sind. Damals, noch bevor du geboren wurdest, sind dein Vater und ich mit deinem Bruder zusammen auch geflohen.“, beginnt sie schweren Herzens. Marie ist verwundert. Noch nie hat sie etwas davon gehört, dass ihre Eltern aus den neuen Bundesländern kamen. Wie sollte das denn gehen mit einem Kind über die Grenze?
„Wieso? Ich dachte ihr seid hier in Hamburg geboren? Und Karl-Heinz auch, so wie ich.“
„Schatz, wir sind nicht weggelaufen wie es andere vielleicht denken. Wir hatten ein schönes Leben. Es hatte nichts mit der Regierung zu tun, im Gegenteil, man half uns sogar. Wir…mussten es tun, um deinen Bruder zu beschützen…“ Ihre Mutter hatte nun ihre gesamte Aufmerksamkeit. Nach einigen Erklärungen hakte sie erneut nach. Es gab noch Unstimmigkeiten.
„Und noch etwas muss ich dir sagen. Wie erklärst du dir, dass…“, sprach sie ihre Mutter auf ein empfindliches Thema an und endlich platzte auch das aus ihr heraus. Marie war völlig von den Socken, als sie endlich die Wahrheit ihrer Familiengeschichte und von den Ängsten ihrer Eltern erfuhr und weinte selbst. Jedoch war sie auch froh endlich im Klaren zu sein und beruhigte ihre Mutter. „Mama, ich regle das für euch. Mach dir keine Sorgen mehr. Du hast mich vorhin gefragt wie es Tina geht.
Ich kann dich auch da beruhigen. Ihr geht es sehr gut und sie ist hier glücklich. Sie hat auch einen Mann an ihrer Seite, das sieht sehr ernst aus mit den beiden. Beruhige dich jetzt bitte und sag auch Papa Bescheid, dass ich mich nun darum kümmern werde. Ich schaue wann ich Karl-Heinz erwische und sehe dann wie es ihm geht. Ich melde mich dann im Laufe des Tages oder wenn es hier Abend ist wie es weitergeht und wann wir wieder heimkommen. Bis jetzt konnte ich Karl nicht erreichen. Sein Handy ist aus. Bis dann Mama.“, legte sie auf und saß wie benebelt auf dem Bett. Dann ging sie nochmal ins Bad Zähneputzen und legte sich schlafen. Natürlich konnte sie nicht gleich schlafen, denn ihr gingen zu viele Dinge im Kopf rum und sie fing an zu weinen und schluchzte in ihr Kissen. Etwa eine halbe Stunde später stand sie auf, weil sie einfach nicht schlafen konnte, schnappte sich ihr Zeichenblock und zeichnete ein Bild nach dem anderen was ihr durch diese Gedanken so im Kopf rumschwirrte. Etwa eine Stunde später fiel sie todmüde um und lag neben ihrem Block im Bett und schlief tief und fest. Erst die leisen Bewegungen im Wohnzimmer und Flur konnten sie wecken. Sie ging zuerst ins Bad, machte sich fertig, schminkte sich und zog ihr selbstgenähtes Sommerkleid an. Dann öffnete sie leise die Tür, ging in den Flur und lauschte dem Gespräch, dem sie überhaupt nicht folgen konnte. Mit Japanisch konnte sie natürlich nichts anfangen, aber die Farbfärbung ihrer Stimmen und die Art wie sie sich unterhielten empfand sie als angenehm. Sie nahm den herrlichen Duft der Brötchen wahr, der aus der Küche kam und dann öffnete sie endlich die Schiebetür zum Wohnzimmer.
Marie steht nachdenklich in der Tür und geht dann auf die beiden zu.
„Das sieht aber lecker aus. Ich bedanke mich, dass ich bei euch sein darf. Danke sehr.“, verbeugt sie sich höflich wie sie es seit ihrer Ankunft inzwischen bei den Japanern gesehen hatte.
Dann sieht sie Kojiro direkt an und verbeugt sich erneut vor ihm.
„Es tut mir leid, dass ich Sie heute Nacht so unhöflich begrüßt habe.“
Beide sind erstaunt. Tina wundert sich, dass sie ihn auf Deutsch anspricht, statt in Englisch. Sie übersetzt es ins Englische. Kojiro sieht zu ihr und antwortet freundlich, aber mit knappen Worten.
„Alles okay. Ich bin das gewohnt.“ Tina übersetzt.
„Marie, spricht du kein Englisch?“, wundert sich Tina und ist ein wenig entsetzt, dass ihr Schulenglisch dafür nicht reicht. Marie schüttelt den Kopf.
„Tut mir leid, ich habe mit Sprachen so meine Probleme. Ich bin froh, dass ich in den letzten Jahren mein Deutsch deutlich verbessern konnte.“
‚Nanu, was hat das zu bedeuten? Sie hat doch als Kind immer sehr klar und ordentlich gesprochen und auch in der Schule war sie gut und hat nur gute Noten geschrieben. Ist ja seltsam. Ob das was mit ihrer Angst zu tun hat, wegen dieser Vorfälle damals mit ihrem Vater und dem Verein? Sie hat ja heute Nacht davon gesprochen, dass es sie sehr belastet.‘ Verständnisvoll bietet Tina ihr einen Platz an. Es ist bereits für sie neben Kojiro eingedeckt. Kojiro steht auf und sieht zu Tina.
„Bleib du sitzen, ich kümmere mich um den Rest. Du möchtest sicher noch einen Kaffee?“ Tina nickt und sieht dann zu Marie.
„Marie, möchtest du einen Tee? Du sagtest, du magst keinen Kaffee.“
„Danke, ich trinke heute lieber auch mal einen Kaffee, er riecht erstaunlich gut. Nicht so künstlich. Aber nach der Nacht brauche ich auch mal mehr als nur einen Tee. Bitte mit Milch und Zucker, wenn du hast.“, lächelt sie.
Kojiro sieht zu ihr und spricht sie höflich im gebrochenen Deutsch und einer Mischung einfachem Englisch an.
„Du You like Kaffee, Milch, Suggar?“, versucht er sich die paar wenigen Wörter abzukauen, die er sich bereits gemerkt hat. Er weiß, dass Englisch für Deutsche nicht so schwer ist, solange es einfache Worte sind. Er hofft, dass sie es trotzdem versteht.
Beide Frauen sehen ihn verwundert an. Tina grinst und freut sich, dass er anfängt ihre Sprache lernen zu wollen. Marie nickt und bedankt sich.
„Ja bitte. Danke sehr.“
Die Frauen unterhalten sich ein wenig. Ein paar Minuten später klingelt der Wecker für die Brötchen und Kojiro öffnet den Backofen, nimmt die Brötchen heraus und kommt dann mit dem Körbchen und der Kaffeekanne zum Tisch. Er stellt den Korb ab und schenkt den Kaffee ein. Marie ist völlig überwältigt.
‚Der ist aber nett, geht das jeden Morgen hier so ab? Vielleicht liegt das nur daran, dass ich da bin.‘
„Wahnsinn, Tina. Die riechen ja genauso wie früher und die sehen auch so aus. Die hast du sicher nach dem Rezept deiner Mutter gebacken.“ Tina nickt und alle beginnen zu frühstücken. Zuerst ist es ganz still am Tisch und dann beginnt Tina das Gespräch dann doch.
„Wie ist jetzt dein Tagesplan, Marie?“
„Also ich will zuerst zu Karl-Heinz. Herr Müller sagte, er sei in einem Hotel hier um die Ecke untergebracht. Da will ich hin und mit ihm reden. Naja, und dann sehe ich weiter. Vielleicht gehen wir uns dann noch die Stadt ansehen. Wenn ich schon da bin.“
„Weiß deine Mutter bereits wo du bist? Du hast es ihr doch sicher nicht gesagt, dass du einfach los bist.“
„Stimmt, ja ich habe sie heute Nacht noch angerufen. Sie weiß jetzt, dass ich bei dir bin und ihn suche.“
„Das beruhigt mich. Sie macht sich bestimmt sonst unendlich viel Sorgen. Ruf Karl doch an. Er ist sicher schon wach, er war doch immer ein Frühaufsteher. Nicht dass ihr euch verpasst und er wieder zurückfliegt.“
„Sein Handy ist aus. Es geht nur die nette Stimme ran, die sagt, dass er nicht erreichbar ist. Das war ja gestern das Problem. Sonst hätten wir sicher eine andere Lösung zum Übernachten gefunden. Dieser nette Herr Müller hatte dann nur gemeint ich könne nicht mit zu ihm ins Hotelzimmer. Mich hätte das nicht gestört, wenn ich auf der Aufbettung geschlafen hätte. Er meinte nur es ginge nicht.“
„Das stimmt. Das wäre ungünstig gewesen.“, murrt Tina etwas und beißt wieder in ihr Brötchen mit Erdbeermarmelade.
„Wieso denn nicht? Ist das Zimmer zu klein?“
„Das kann er dir ja dann selbst erzählen, wenn ihr euch seht.
Was anderes. Wir haben heute auch einiges zu tun. Kojiro und ich müssen kurz bei Martin vorbei, dann muss ich ins Lokal. Kojiro muss zum Training und dann sind wir zum Mittag bei seiner Familie eingeladen. Abends dann habe ich das Spiel. Also es wird ein langer Tag. Ich habe also leider keine Zeit für dich. Koffer packen müssen wir auch noch. Wir wollen übermorgen in den Urlaub.“
Kurz darauf wendet sie sich Kojiro zu.
„Da fällt mir ein, hast du auch schon ein Hotel gebucht?“, spricht sie ihn in Englisch an.
„Ja, ich habe da was gefunden. Viel Auswahl war nicht mehr, aber es ist sicher perfekt und wird dir gefallen.“ Einige Worte kann Marie aufschnappen.
„Wo geht es hin, wenn ich fragen darf?“ Tina lächelt sie an und schaut dann verliebt zu Kojiro.
„In meine Heimat, nach Rostock. Meine Familie ist schon ganz aufgeregt und will Kojiro kennenlernen.“ Marie schmunzelt.
„Ihr seid wohl noch nicht lange zusammen, oder?“ Tina nickt und nimmt lieber einen Schluck aus der Tasse als ihr wirklich zu antworten.
Nach dem Frühstück wird abgeräumt und die Küche aufgeräumt. Marie geht dann in ihr Zimmer und packt ihre Sachen zusammen. Ihr Koffer steht recht schnell auf dem Flur.
„Heute finde ich sicher was anderes. Ich will euch nicht erneut stören. Das war schon peinlich genug.“
„Manchmal ist das eben so. Das Zimmer ist ja für solche Notfälle da. Ihr findet sicher etwas, wenn ihr doch etwas bleiben wollt. Donnerstags ist oft Abreise. Vielleicht hast du dann Glück.“
Somit verlassen sie mit dem Firmenwagen die Garage und stellen sich bei Martin vor das Studio. Kojiro geht mit seiner Sporttasche zu Martin und die Frauen gehen den kurzen Weg zum Hotel.
Am Hotel angekommen geht es zur Rezeption und Tina wird von der Frühschicht herzlich begrüßt.
„Guten Morgen, Tina. Was für ein seltener Besuch.“
„Hallo Thomas. Dir auch einen schönen Guten Morgen. Ich bin hier, weil ihr gestern von uns einen VIP bekommen habt. Könnten wir ihn sprechen?“
„Das tut mir leid, der hat etwa vor zwei Stunden ausgecheckt und ist mit seiner Begleitung zum Flughafen. Ich gehe mal davon aus, dass sie wieder los sind. Der
Flieger ist gerade gestartet.“ Marie wundert sich.
‚Was meint er denn mit Begleitung? Ist er etwa nicht alleine gekommen und ich konnte deswegen nicht zu ihm ins Hotelzimmer gehen? Das wäre die einzige Erklärung dazu.
„Tina, er ist nicht alleine gekommen?“, spricht sie sie betrübt an. Tina zuckt nur mit der Schulter und schaut ihr in die Augen.
„Tut mir leid, frag mich nicht wieso. Was machen wir jetzt? Wenn er wieder los ist kannst du nicht mit ihm reden. Willst du auch wieder los oder noch bleiben?“
Marie überlegt und greift zum Handy.
„Ich versuche ihn nochmal anzurufen.“
„Im Flugzeug werden Sie keinen Empfang haben.“, mischt sich Thomas, 3. Lehrjahr in Tinas Berufsschule, ein. Er geht in die Parallelklasse und macht statt Restaurantfachmann die Ausbildung zum Hotelfachmann. Sie kennen sich, da sie einige Fächer übergreifend miteinander haben.
‚Sie ist sehr hübsch. Woher kennt sie einen VIP wie Karl-Heinz Schneider? Woher kennt Tina ihn überhaupt? Ich dachte sie mag keine Fußballer. Seit wann kommen solche Leute in Martins Studio? Wer ist die hübsche Frau neben ihr überhaupt? Sie scheint deutlich jünger als sie zu sein. Und dann hat sie seine Telefonnummer? Sehr seltsam.‘
Es klingelt, es wird lange gewartet, aber keiner geht ran.
„Hm, aus ist es immerhin nicht mehr, aber er hat es sicher auf lautlos.“
„Oh, dann ist er doch geblieben. Im Flieger wäre es aus. Er wird sicher zurückrufen, wenn er deine Nummer erst sieht.“, vermutet Tina.
‚Interessant. Wieso ist er geblieben? Karl, was hast du vor? Du warst immer unser großer Stratege, nie hast du etwas getan und warst nicht vorbereitet auf das was kommt. Was planst du als nächstes? Jetzt wo du endlich Bescheid weißt? Schickst deine Freundin zurück und bleibst alleine hier? Dann hast du was vor. Du bleibst nicht, weil du dir die Stadt ansehen willst.‘
„Thomas, hast du für die nächste Nacht ein Zimmer für meine Freundin hier?“
Er schaut nach und es ist die Suite frei, in der Karl vorher war.
„Ja, eine Suite wäre die ganze Woche bis jetzt noch frei.“ Marie überlegt.
„Ich würde die dann gerne nehmen ab sofort am besten. Ich weiß zwar noch nicht wie lange, aber ich würde erstmal ne Woche bleiben. Ich glaube das tut mir mal ganz gut rauszukommen. Ich kann mich hier umsehen und viel entdecken.“
Tina ist erstaunt. Sie fragt gar nicht nach dem Preis. Sie kennt die Preise in diesem Hotel, die sind nicht ohne. Bei Karl hat sie sich da keine Gedanken gemacht, aber Marie ist doch nur Schülerin. Ihr selbst wäre es zu teuer für ne ganze Woche.
„Marie, du fragst nicht mal nach dem Preis?“, spricht sie sie erstaunt an.
Sie lächelt und grinst sie dann an.
„Naja, Brüderchen hat mir zum 18. ein ganz besonderes Geschenk gemacht. Er meinte ich müsse als Künstlerin auch mal raus und Kulturausflüge machen. Damit ich überall hinkomme und mobil sein kann.“
Thomas fragt nach dem Ausweis um die Buchung festzumachen. Sie reicht ihm den Reisepass.
‚Oh, Marie Krause, geboren am 23 Oktober 1987 in Hamburg.‘
„Okay Frau Krause, da Sie für eine Woche buchen müsste ich die Hälfte in Vorkasse abrechnen. Das handhaben wir hier leider so bei neuen Gästen.“ Tina stutzt.
„Krause? Hast du den Namen deiner Mutter angenommen?“, flüstert sie. Marie nickt.
„Ja, genau. Damit wir unsere Ruhe haben, das habe ich dir doch schon erzählt.“ Marie holt ihre Kreditkarte heraus und gibt sie über den Tresen.
Thomas liest sie ein, die Pin wird eingegeben und dann gibt er sie ihr wieder.
„Das Zimmer ist bereits fertig, Sie haben Glück. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Alles Weitere erklärt Ihnen dann der Page.“ Thomas bestellt einen Pagen und weist ihm an, Frau Krause zu ihrem Zimmer zu bringen.
„Tina, wartest du hier so lange? Ich würde dich gerne so viel wie möglich heute begleiten. Dann können wir uns wieder etwas kennenlernen.“, meint sie und geht dann mit dem Pagen mit.
Tina steht weiter am Tresen und sieht ihr nachdenklich nach. Dann atmet sie tief durch. Sie überlegt wie sie den ganzen Tag nun mit ihr verbringen soll. Es muss ein paar kleine Veränderungen geben, wenn sie nun dabei ist. Der Azubi übergibt seine Position an die Kollegin und macht eine kleine Pause. Er geht mit Tina ein paar Schritte in eine Ecke wo sie sich in Ruhe unterhalten können.
„Sag mal Tina, jetzt musst du mir aber mal was erklären. Ich war total baff als ich meine Schicht übernommen habe und ich erfuhr, wen du uns hier als VIP beschert hast. Ist der echt zufällig bei euch im Studio gewesen?“ Tina sieht ihn verwundert an.
„Du bist zu neugierig. Wir sind noch alte Freunde aus Hamburg und er wollte mich mit seinem plötzlichen Besuch überraschen. Das ist ihm auch gelungen. Das ist alles.“
„Ich denke du magst keine Fußballer, Shinichi gehst du auch immer so gut es geht aus dem Weg. Klar, du bist mit Herrn Misugi befreundet, aber ansonsten…und es kursieren Gerüchte, Tina. Ist da was dran?“
Sie sieht ihn verwundert an.
„Erstens habe ich nie gesagt, dass ich sie nicht mag, ich habe nur den Kontakt gemieden. Zweitens habe ich auch ein Leben vor Japan gehabt und ja, da gab es Fußballer mit denen ich befreundet war bzw. teilweise noch bin. Und drittens was für Gerüchte bitte?“
„Verstehe, wen du so alles kennst.
Man erzählt sich du hast plötzlich die Nationalmannschaft unserer Fußballer im Programm? Wieso jetzt auf einmal? Herr Misugi hätte die doch die ganze Zeit schon betreuen können, wenn du es nicht machst. Laut dem Gerücht hast du sie sogar selbst aufgenommen und willst sie betreuen. Was ist da genau dran?“
„Ach, das spricht sich ja schnell rum. Das ist kein Gerücht, es ist wahr. Ich war gestern bei ihnen und habe mit Jun zusammen das Programm vorgestellt.“ Ihr entweicht ein Schmunzeln. Der Gedanke daran wie Kojiro und Tsubasa das Tor geschossen haben kommt ihr genau in diesem Moment wieder und das Lächeln der beiden ist ihr deutlich in Erinnerung geblieben. An Tsubasa Reaktionen in der ganzen Zeit konnte sie genau deuten wie sehr er sich freute, dass sie sich endlich traute ihm bei seinem Sport zu zusehen.
‚Nanu, sie lächelt ja obwohl wir uns darüber unterhalten? Früher ist sie ausgewichen und hat abgelenkt, wenn mal über Fußball geredet wurde. Schon seltsam und dann kennt sie ausgerechnet den Deutschen Fußballkaiser? Irgendwas stimmt doch nicht.‘ Er betrachtet sie genauer, grinst und sieht ihr in die Augen.
„Du hast einen neuen Freund, gibs zu. Du siehst irgendwie anders aus als sonst. Ausgeglichener als früher. In den letzten Monaten warst du immer nur im Stress.“
Verdutzt sieht sie ihn an und wird ein wenig verlegen.
„Oh man, fällt das so auf? Ist ja schlimm.“, meint sie dann und schaut zur Wand.
„Wow, das muss ja ein Wahnsinns-Typ sein, wenn er es schafft dich verlegen zu machen. Du bist sonst immer nur beherrscht und streng. Wenn ich nur daran denke wie du deine Mädels rumscheuchst. Wehe eine spurt nicht gleich. Der Mann muss echt Feuer haben, sonst kann er sich nicht gegen dich und dein Temperament durchsetzen.“, grinst er und lacht. Tina fängt an zu lachen.
„Stimmt, der Arme müsste ganz schön was aushalten. Aber keine Angst. Wir sind uns so ähnlich wie auch verschieden, ich glaube das gleicht sich daher aus.“
„Du musst ihn mir irgendwann vorstellen, den Herren. Aber wieso kannst du plötzlich mit Fußballern arbeiten? Damals als deine Bälle von der Presse so gelobt wurden und die sich diese tollen Namen für dich einfallen lassen haben hast du ein Treffen mit diesem Herrn Hyuga immer abgelehnt, nachdem deine Bälle benannt wurden. Die Presse und die Fans haben doch wie wild gehofft, dass die Tiger sind mal treffen. Und jetzt plötzlich nimmst du Kontakt zur ganzen Mannschaft auf…Moment.“, stoppt er seine lauten Gedanken als er bemerkt wie zurückhaltend sie reagiert und die Arme verschränkt.
„Sei leiser.“, murrt sie plötzlich.
„Es ist einer von ihnen, einer aus diesem Team, aber klar.“, vermutet er dann und flüstert grinsend.
„Man, behalt das bloß für dich! Wir sind noch nicht soweit, es muss noch ein wenig was geklärt werden bevor es die Presse mitbekommt.“ Er ist erstaunt.
„Was ist denn so schlimm daran? Du kannst doch zusammen sein mit wem du willst. Wer ist es denn?“
„So einfach ist es leider nicht. Privat haben wir jetzt alles geklärt, aber ich muss meinen Transfer abwarten, damit alles glatt läuft. Also bitte, niemanden was sagen. Das ist ganz wichtig, sonst geht meinem Verein viel Geld flöten. Die Anwerber dürfen nicht wissen, dass ich aus privaten Gründen wechseln will. Ich hoffe das klärt sich alles heute noch.“
Wer könnte denn besser zahlen als dein Verein? Das ist doch der größte im Land?“, wundert er sich dann doch. Er kann sich nicht vorstellen, dass sie weniger verdienen will und dann auch noch die Arbeit im Studio verringert, nur um zu dem neuen Freund zu ziehen. Tina grinst.
„Das Angebot kommt aus der Stadt Chieri, aus einer Kreisstadt von Turin.“, sagt sie ganz stolz, aber leise. Verblüfft sieht er sie an.
„Wie jetzt? Italien? Turin? Und es ist jemand aus dem Nationalteam? Willst du mich verkohlen?“ In diesem Moment klingelt ihr Handy.
„Pst. Das ist er.“ Sie geht ran als sie Kojiros Nummer sieht. „Bettina, hast du sie zu ihm gebracht? Ist alles okay?“
„Ich muss noch auf Marie warten. Ich komme später nach. Karl ist nicht mehr hier, scheint sich ein anderes Hotel gesucht zu haben und treibt sich irgendwo rum. Ans Telefon geht er nicht.“
„Ach so, ich verstehe. Ich hätte mich auch gewundert, wenn er einfach wieder fliegt. Nun gut, wir werden sehen was noch kommt.
Dann werde ich zum Arzt runter gehen und danach zum Training fahren. Den Ausgleich kann ich gut gebrauchen. Mir tun schon die Knochen weh, weil ich mich kaum richtig auspowern kann.“, meint er spaßig.
„Das kenne ich nur zu gut. So ging es mir damals als ich herkam. Seit Tagen plötzlich kaum Bewegung und dann bin ich aus Frust stundenlang gelaufen. Das legte sich erst wieder als ich ins Team kam und regelmäßig in ein Studio ging. Wann genau ist eigentlich das Mittagessen geplant?“
„Oh, erst um 13 Uhr. So haben wir etwas Luft und danach hast du sicher noch Zeit für dein Training.“
„Okay, alles klar. Ja, das passt gut. Wenn ich dich abhole nicht wundern, ich bringe Marie dann mit. Später dann geht sie ins Lokal solange wir bei deiner Familie sind. Danach nehme ich sie mit zum Training. Sie will unbedingt bei mir bleiben heute.“
„Das kann ich mir vorstellen. So alleine würde ich sie auch nicht hier rumlaufen lassen, vor allem nicht ohne Englischkenntnisse. Dann bis dahin erstmal.“
Beide legen auf.
„Na das wird ja noch interessant mit euch. Ich kann das kaum glauben, du und der wilde Tiger…so so.“, grinst ihr Gegenüber.
„Bleib einfach nur bedeckt. Auch hier, sag das keinem. Es hängt zu viel dran.“, macht sie ihm streng klar.
Ziele und Geheimnisse
Kapitel 73
Ziele und Geheimnisse
Etwa zehn Minuten zuvor steigt Kojiro mit heruntergezogener Kapuze und Sporttasche aus dem Transporter und geht ins Fitnesscenter. Als er den Anmeldebereich betritt erblickt er Martin. Er unterhält sich gerade mit einem Kunden und Andrea steht am Tresen und schaut zu ihm rüber. Sie gibt ihm ein Zeichen, dass sie zu ihm kommt.
Kurz darauf ist sie bei ihm und deutet erstmal an ins Büro zu gehen.
„Guten Morgen. Habt ihr wenigstens noch etwas schlafen können? Also wir haben beide kein Auge mehr zugetan. Der Tag war wirklich komisch.“, beginnt sie und schließt die Tür hinter sich.
„Guten Morgen. Es ging so, aber ich brauche in der Regel nicht so viel Schlaf.“
„Wieso bist du hier? Wo ist Tina?“
„Sie bringt unseren Besuch zum Hotel. Ich bin nur hier um meine Werte messen zu lassen. Die haben wir gestern nicht aufgenommen und dann hier bei der ganzen Aufregung vergessen. Tina sagt, sie müssen mit ihrem Gerät gemacht werden und nicht einfach nur bei ihr zu Hause. Und zum Arzt soll ich gleich gehen, weil wir ja übermorgen schon fliegen.“
„Alles klar. Stört dich das, wenn ich die Werte aufnehme? Wer weiß wann Tina kommt. Du kannst aber auch warten bis Martin Zeit hat, wenn dir das lieber ist.“
„Das stört mich nicht. Du machst es ja bei den anderen Kunden sonst auch, oder?“
„Genau. Hast du deine Sportsachen bei, die ihr alle gestern anhattet?“
„Ja, nur andere Farbe. Muss das so genau sein?“
„Ja. Alle hatten ihre Trikots an und wir rechnen dann bei jedem ein Grundgewicht ab. So sind die Maße genauer.“ Sie gibt ihm einen Schlüssel.
„Hier ist der Schlüssel für Raum 4, dort kannst du dich oben im VIP-Bereich umziehen. Ich komme dann nach und nehme die Werte auf. Danach ziehst du dich wieder um und gehst zum Arzt runter. Damit man dich nicht sieht, kannst du durch den VIP-Gang neben dem Lift gehen. Das ist die Tür zwischen Schwimmhalle und Sportladen. Es steht zwar drauf, dass es nur für Mitarbeiter ist, aber für dich ist es besser, damit du keinen Fans über den Weg läufst. Dann kommst du direkt bei Dr. Sato im Vorzimmer raus und kannst dich dort hinsetzen. Es kommt dann in der Regel zeitgleich eine Schwester und meldet dich an. So sitzt du auch nicht im normalen Wartezimmer. Du bekommst von mir dann eine Vorrangs-Anmeldung als VIP. Du musst zwar deine Krankenkassenkarte einlesen, aber die Rechnung geht nur an uns und dann von uns geht es mit unserem Anteil zusätzlich an den Verband. Tina ihre würde zum Beispiel an den Verein gehen. Und wenn du alles von dir selbst aus machst halt an dich und die Versicherung, wenn die das unterstützen. Einige geben einen Rabatt, da es ja gesundheitsfördernd ist.“
„Alles klar. Bis gleich.“, entgegnet er nur kurz und verschwindet dann durch die Tür.
‚Nanu. Hat er es so eilig?‘, wundert sie sich etwas.
Einige Minuten später klopft sie an die Tür zu Raum 4. Kojiro schließt auf und sie tritt herein.
‚Wow, jetzt sieht er irgendwie ganz anders aus. Ich habe ihn so bisher nur im Fernsehen gesehen, wenn er gespielt hat. Wie stolz er es trägt. Seine Art so überzeugt dieses Trikot zu tragen und dieser nachdenkliche und aufrichtige ernste Blick während er jetzt die Ärmel hochkrempelt. Ich glaube er würde am liebsten gleich aufs Spielfeld und gegen jemanden antreten, um seine Kräfte zu messen. Die letzten Tage waren sicher sehr anstrengend. Die Beziehung zu Tina bringt sicher seinen ganzen Tagesrhythmus durcheinander. Ich schätze ihn sehr organisiert ein. Und obwohl die Tage ihm sicherlich alles durcheinander bringen strahlt er eine wahnsinnige Ruhe aus. Auch gestern, diese Anspannung seinem größten Rivalen privat gegenüberstehen zu müssen war sicher der reinste Horror für ihn und trotzdem blieb er die ganze Zeit cool. Und auch jetzt, er hat es vermutlich eilig und trotzdem bleibt er gelassen.‘ Andrea lächelt und geht auf ihn zu.
„Du musst die Ärmel nicht hochmachen, das ist der Waage egal.“, lacht sie sachte. Er bleibt etwas ernst und antwortet nur trocken.
„Stimmt, ist so eine Angewohnheit.“ Dann stellt er sich schon auf die Waage und streckt die Arme aus.
„Wie lange dauerst das nachher beim Arzt so ca.?“, fragt er freundlich, aber im Gedanken. Andrea holt das Messband raus und beginnt sein Gewicht, die Größe und Armlänge zu notieren.
„Etwa eine Stunde, aber da du ja sicher in deinem Verein selbst eine komplette Tomografie machen lassen kannst und den Fragebogen bei Tina ausfüllen kannst, kannst du es auf fünfzehn bis zwanzig Minuten direkt bei Dr. Sato reduzieren. Die meiste Zeit nehmen der Fragebogen und die Tomografie ein. Sag dem Arzt einfach in welchem Verein du unter Vertrag bist und dass du dann von deinem Mannschaftsarzt die Daten zuschicken lässt. Da die Dateien jedoch so groß sind und du als Person zu empfindliche Daten hast, würde ich das Risiko nicht eingehen sie per CD und Post um die halbe Welt zu schicken. Innerhalb Japans geht das ja, aber der Weg ist zu riskant. Plane also lieber die Zeit für die Tomografie ein, aber den Ernährungsbogen und die Vorliebeabfragen kannst du ja in Ruhe mit Tina machen, denn wie ich sie kenne wird sie sich deine Menüs als erstes vornehmen, schon alleine, weil sie deine und ihre nun zusammenstellen und anpassen muss. So macht sie das bei Paaren immer, damit sie trotz verschiedener Vorlieben und Werte gemeinsame Mahlzeiten einnehmen können. Deswegen bei einem Team auch das Team-Kochbuch und die Ratschläge.“ Sie ist inzwischen fertig mit der Datenerfassung und Kojiro steigt von der Waage ab.
„Ich mache lieber gleich hier die Tomografie. Das ist mir lieber. Ich müsste sonst erst mit meinem Arzt diskutieren und wie du schon sagst, das Risiko ist viel zu groß, dass die Daten verloren gehen oder in falsche Hände kommen. So bleiben sie ja bei Dr. Sato und werden nur von ihm gesehen, richtig? Ganz normal als ärztliche Schweigepflicht?“
„Genau, Martin sieht sie auch nicht ein. Er bekommt nur eine Auswertung was bis zu welchem Maße trainiert werden muss, um entweder Defizite auszugleichen oder das was gut ist beizubehalten. Genauso Tina, sie bekommt von Martin dann nur ihren Anteil für die Nährwertberechnungen. Den Teil sieht Martin zwar auch, aber Tina kann zum Beispiel die Daten für die Muskulatur nicht einsehen, denn ihre Aufgabe sind nur die Menüs. Du musst also keine Angst haben, dass sie deine persönlichen Werte sehen könnte. Ich kenne die Werte von Martin auch nicht. Wozu auch? Ich muss nur wissen was er trainieren soll und achte ein wenig mit drauf, damit er trotz der Arbeit seine gute Kondition behält. Manchmal neigt er dazu seinen eigenen Plan zu ignorieren. Ich glaube du bist da deutlich disziplinierter als er.“, grinst sie. Kojiro ist erstaunt, dass sie ihn so einschätzt.
„Naja, diszipliniert kann man das nicht nennen. Bei mir ist es wohl eher eine Art Zielstrebigkeit. Ich bin so ein Typ der sich ein Ziel setzt, es anpackt und einfach durchzieht, egal was kommt. Bettina ist auch so ein Menschentyp, sonst wäre sie niemals so weit gekommen und hätte es hier nicht bis an die Spitze geschafft. Ohne Ehrgeiz und Zielstrebigkeit kommst du hier in Japan zu nichts. Aber sie hat es geschafft, ohne viele Umwege zu machen.“ Andrea sieht ihn überrascht an.
„Du kennst sie gerade mal eine Woche und kannst das alles schon erkennen? Ich bin erstaunt.“, sagt sie. Kojiro geht hinter die dunkelgraue spanische Wand und beginnt sich wieder umzuziehen.
„Man muss kein Genie sein, wenn man das japanische Schul-System kennt. Wer mit sechzehn Jahren herkommt, die Sprache und Kultur erst lernen muss, nach nur drei bis vier Jahren seinen Schulabschluss mit so guten Noten macht, dass es für eine Zulassung der Uni Tokios reicht und die schweren Aufnahmetests besteht und studieren darf, muss extrem hartnäckig sein. Nebenbei noch diese sportliche Leistung an den Tag legen um ganz nach oben zu kommen…das kann man doch nur bewundern. Außerdem war Volleyball für sie eine neue Sportart, das weißt du ja nun mittlerweile auch schon. Sich in der kurzen Zeit eine völlig andere Sportart anzueignen ist gar nicht so leicht, denn sie war ganz andere Trainingseinheiten gewohnt. Schon alleine mehr in Räumen als an der frischen Luft zu sein ist eine enorme Umstellung für Geist und Körper.
Also muss sie sich ebenso wie ich immer wieder neue Ziele gesetzt haben und blieb am Ball bis sie diese erreicht hat.“
„Du hast Recht, deswegen bewundere ich sie auch so sehr. Zwar kann man unsere Werdegänge nicht wirklich vergleichen, aber manchmal glaube ich sie hatte es schwerer als ich, nur anders. Ich habe so einiges über das Schulsystem gelesen. Durch die neue Arbeit mit den Jugendlichen hier habe ich mich etwas schlau gemacht. Wie erging es dir denn in dieser Eliteschule? Du hast es sicher auch nicht leicht gehabt. War es wirklich so schwer?“ Er legt sein Trikot wieder in die Tasche und zieht sich wieder an.
„Du hast dein Abitur im Camp gemacht, stimmts? Und dann bist du in die Staaten zum Studium bzw. auf diese Militärakademie?“
„Ja genau. In deiner Biografie steht, dass du ab der Mittelschule an der privaten Sport-Eliteschule Toho warst, durch ein Stipendium. Wie erging es dir dort?“
„Nun, im Gegensatz zum amerikanischen System mussten wir Sportler nicht nur ausreichend gute Noten schreiben, sondern auch einen vorgeschriebenen Durchschnitt haben. An den Regelschulen sind ja alle Noten soweit zwar möglich, aber nicht gut angesehen, also wenn wir an der Toho unter der Note Drei rutschten gabs Ärger. Alle hatten zum Jahresende mindestens die Note Drei auf den Zeugnissen zu haben, sonst wurde das Stipendium gestrichen. Aber der sportliche Druck war bei vielen Mitschülern derart hoch, dass sie auch diese Noten kaum halten konnten. Sie wussten, ohne Stipendium würden sie niemals eine Möglichkeit haben einen so hoch angesehenen Abschluss zu erreichen, denn hier ist es sehr wichtig von welcher Schule du kommst. Also Druck von Schule und von den Eltern, dann darf der sportliche Erfolg nicht fehlen. Abschluss mit Note Eins ist nicht gleichzusetzen mit dem Abschluss Eins zum Beispiel mit Bettinas bzw. Juns Schule. Die Musashi ist eine gute, aber normale öffentliche Schule. In der Wirtschaft und an den Unis wird zwischen den Schülern unterschieden. Das finde ich persönlich ungerecht, aber so ist es eben hier. Man urteilt nur nach Zahlen, statt nach wahrem Können oder Charakter. Jun wird genauso ein guter Arzt werden wie eventuell ein ehemaliger Mitschüler von mir. Aber nur weil beide an verschiedene Schulen gingen würden sie später auf dem Arbeitsmarkt unterschiedlich beurteilt werden. Mit den Unis ist es ähnlich. Eine Uni in einer Kleinstadt nebenan ist nicht so hochwertig im Abschluss wie die Todai hier in Tokio. Hier herrschen die härtesten Aufnahmetests.
Ich persönlich hatte zum Glück keine Probleme in der Schule, noch nie gab es da welche wegen der Noten. Probleme hatte ich eher anderer Natur.“, erklärt er ihr, tritt nun wieder hervor und sieht sie grinsend an.
„Ich musste lernen mein Temperament zu zügeln, das war schwerer als jede Klausur.“ Andrea grinst zurück.
„Das kann ich mir so richtig vorstellen. Ich habe das auch auf der Akademie lernen müssen. Aber du wusstest was auf dem Spiel stand und hattest sicher wieder ein Ziel vor Augen. Schon in so jungen Jahren?“ Er nickt.
„Genau. Ich wollte zuerst durch den Sport erreichen an eine Topp Schule zu kommen, das habe ich erreicht. Dann wollte ich einen hochwertigen Abschluss haben, um an den Unis angenommen zu werden. Im Sport wollte ich so schnell wie möglich oben ankommen, damit ich die Schulden meines Vaters begleichen konnte und meine Mutter nicht mehr so viel arbeiten musste. Immerhin sind wir vier Kinder und so üppig ist das Kindergeld nicht, schon gar nicht für die Schulen und Unis, die man besuchen will. Zwar ging ich nun an diese Schule und für meinen persönlichen Unterhalt wurde gesorgt, aber meine Geschwister hätten es nie gekonnt. Deswegen ging ich in der Oberschulzeit wieder nebenbei arbeiten und im letzten Jahr dann bekam ich ein Angebot vom besten Profiverein Tokios und nahm es eher an als geplant.“ Beide verlassen derweil den Raum und gehen Richtung Lift.
„Und dann? Wieso hast du nicht erst nach dem Abschluss dort angefangen? Du musstest doch sicher noch für die Aufnahmeprüfungen lernen.“
„Das kam durch die Arbeit meiner Mutter. Sie ist Krankenschwester und hatte einen zweiten Job. Eines Tages brach sie zusammen und fiel ins Koma. Ich machte mir Vorwürfe, weil ich schon längst hätte in der Profiliga spielen können, und hätte genug verdienen können, aber ich zog meinen Abschluss und die internationalen Wettkämpfe vor. Da ich entweder unterwegs oder selbst arbeiten war, bekam ich nicht mit wie schlecht es ihr wirklich ging. Da kam dann meine Managerin ins Spiel. Sie organisierte mit meiner Schule, dass ich den Abschluss noch mache, aber statt für die Schule zu spielen ging ich in die Profimannschaft. So konnte ich das gesamte Gehalt meiner Mutter ausgleichen und sie musste nicht mehr arbeiten gehen als es ihr wieder besser ging. Mit den Werbeverträgen und dem Transfer nach Italien konnte ich dann endlich unsere Schulden bezahlen, habe meiner Familie ein Haus bauen lassen und meine Geschwister konnten von da an in eine gute Privatschule gehen. Seitdem geht es ihnen deutlich besser und die drei können sich voll und ganz auf ihre Schule und auf ihren Sport konzentrieren und müssen sich nicht mehr sorgen. Somit hatte ich wieder ein Ziel erreicht.“, lächelt er ganz stolz. Der Lift endet im Erdgeschoss neben der Rolltreppe.
„Wow, du hast echt was durch. Und was ist dein nächstes Ziel?“, schaut Andrea zu ihm auf.
„Du bist aber auch neugierig.“, grinst er sie an.
„Habe ich dir nicht bei unserer ersten Begegnung gesagt, dass ich ein Fan bin, schon seit Jahren. Ich mochte als Kind schon Fußball und habe es neben Volleyball im Camp sehr gerne gespielt. Als dein enorm hoher Transfer in den Medien stand wurde ich aufmerksam, dass ein Japaner das schaffen konnte, wow. Und dann stand da noch du seist gerne auf Okinawa, das fand ich toll. Okinawa ist so schön. Diese Natur dort und die Luft, unverwechselbar. Wenn ich dort bin nehme ich mir Zeit und lege mich einfach nur auf die Wiese, sehe zum Himmel und schau mir das Wetter an, diese Wolken und wie schnell es umschwenken kann. Dieses Ungewisse macht es wahnsinnig spannend dort zu leben.
Seitdem habe ich versucht jedes Spiel zu sehen und fand deine Spielweise klasse. Du spielst mit deinem Team als wenn ihr auf dem Schlachtfeld steht. Immer voran, bedacht und ohne aufzugeben. Was hätte ich damals gegeben so eine tolle Truppe unter mir zu haben.“ Er sieht sie erstaunt an. Andrea öffnet die Tür zur Arztpraxis.
„Du kannst uns doch nicht mit einer Truppe unter deinem Kommando vergleichen. Deine Truppe steht immerhin in Lebensgefahr, wenn sie Einsätze hat. Wir spielen nur um die Ehre. Natürlich auch aus Spaß und Verbundenheit zueinander. Wenn ich aufs Tor zulaufe und Pech habe, es geht daneben, stehe ich auf und mache weiter. Das könnt ihr doch nicht machen, dann ist es aus, für immer.“
„Das mag so sein, aber euer Spiel wirkt immer als würdet ihr genauso ernst dabei sein. Auch wenn es nur ein Sport ist, wirkt es für mich, als würdet ihr kämpfen wie Soldaten.“ Er ist trotzdem erstaunt, dass sie solche Vergleiche macht.
„Was ist nun dein nächstes Ziel?“
„Bevor ich Bettina kennengelernt habe, wollte ich nur mein zweites Studium beginnen und abschließen und zuvor Torschützenkönig der nächsten Saison und der WM werden. Aber nun…wer weiß was die Zukunft bringt. Neben den beiden Zielen werden wir wohl erstmal lernen müssen zusammenzuleben. Das wird sicher noch sehr aufregend und dann sehen wir weiter. Letztendlich kann man nicht alles im Leben planen, aber versuchen was auch immer kommt, gemeinsam zu meistern.“, lächelt er.
„Das ist eine sehr gute Einstellung. Du meinst es also sehr ernst mit ihr? Du fühlst also wirklich so viel für sie, dass du jetzt schon weißt, dass du mit ihr für immer zusammen sein willst?“ Kojiro sieht sie ehrlich an.
„Natürlich, würde ich sonst das ganze Theater hier mitmachen? Ich hatte nie vor mich mal privat mit Schneider zu treffen, schon gar nicht auf diese Weise.“, murrt er plötzlich.
‚Das klingt sehr ernst und ehrlich. Ich denke nicht, dass es für ihn nur eine kurze Sache ist.‘ Kurz bevor sie ihn im VIP-Wartezimmer allein lässt, sieht sie ihn noch ernst an und berührt seine Schulter.
„Kojiro, pass gut auf sie auf. Ich freue mich so für euch beide und ihr passt so gut zusammen. Im Gegensatz zu Martin kannst du sie etwas in ihrem tatandrang und ihrem Temperament zügeln. Ich kenne Tina zwar erst seit gut sechs Monaten, aber so glücklich habe ich sie noch nie gesehen. Und wenn ihr erst in Italien seid, kann ich sie nicht mehr beschützen, Martin auch nicht. Er macht sich Sorgen wie es dort wird.“ Er schaut ernst, versucht sie zu beruhigen und fasst auch ihre Schulter.
„Du kannst dich auf mich verlassen. Ich will doch auch nur glücklich mit ihr zusammen sein. Ihr wird schon nichts passieren.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Du verstehst mich falsch. Aber das kannst du ja auch nicht wissen. Nicht einmal Tina weiß es. Martin hat mir heute Nacht ein Geheimnis anvertraut. Er konnte vor Sorge nicht einschlafen und dann habe ich ihn doch ermutigt es mir zu sagen, warum er sich so sorgt.“ Beide nehmen ihre Hände runter und sie schaut ihm sehr ernst in die Augen.
„Hör zu, ich sage dir das nur, weil ich aus Berufswegen weiß, wie wichtig es ist, denn wenn man nicht weiß wieso es wichtig ist eine Person besonders zu schützen, dann ist man unvorsichtig. Ich muss dir diese Aufgabe nun übertragen.“ Er blickt sie skeptisch an und spricht streng.
„Wovon redest du? Welches Geheimnis?“
„Tina geht davon aus, dass Martin damals mit hergezogen ist, um sich beruflich fortzubilden. Es sei ein praktischer Effekt, dass er auf sie aufpassen konnte. Das ist aber eher umgedreht der Fall gewesen. Als die Sache mit ihrem Bruder passiert ist und ihre Familie endschied herzukommen, da baten sie ihn auf Knien sie zu begleiten. Zu diesem Zeitpunkt musste er nach dem Studium eigentlich zum Bund, in Deutschland gab es da noch eine Wehrpflicht. Es gab nur wenige Ausnahmen, die man erfüllen musste, um als junger gesunder Mann nicht eingezogen zu werden. Sie haben es dann so gedreht, dass es mit Absprachen bestimmter Leute so kam, dass er eine Art Zivildienst machen konnte und statt in irgendeinem Seniorenheim zu helfen wurde er als Personenschutz eingesetzt. In diesem Fall als Schutz für Tina. Das heißt, er war Zivildienstleistender über die Bunderwehr, aber musste auf Tina aufpassen.
Worauf ich hinaus will, ist, dass ihre Eltern Angst hatten, ihr könnte etwas passieren, weil die Ursache bei ihrem Bruder nicht genau klar war. Denn als sie damals noch in Rostock lebten und sie noch ein Kleinkind war, da gab es einen Vorfall. Tinas Mutter, sie und ihr Bruder wurden entführt. Was genau da los war weiß er auch nicht. Man hat sie zwar befreien können, aber kurz vor der Wende hat man die Täter erst gefunden. Leider konnte man sie nicht wegen Entführung dingfest machen, sondern hat sie wegen eines politischen Delikts festgenommen. Bis dahin mussten sie sich vor ihnen verstecken. Somit waren sie aber nicht lange im Gefängnis, denn durch die Wiedervereinigung der Länder hat man die politisch Gefangenen einige Monate darauf frei gelassen. Nun waren sie also wieder auf freien Fuß und ihre Eltern hatten Angst, man könne sich an ihnen rächen. Deswegen erzähle ich dir das. Tina weiß nur, dass sie sich als kleine Kinder damals verstecken mussten. Mehr weiß sie nicht. Die Familie hat deswegen damals noch zu DDR-Zeiten die Familiennamen und Vornamen ändern lassen, damit man sie niemals finden kann. Aber Martin weiß nicht ob diese Leute jemals wieder auftauchen könnten, ob sie noch leben, wie sie heißen oder was sie jetzt machen. Tinas Eltern haben die Namen mit ins Grab genommen.
Bisher war das kein Problem, aber wenn ihr nach Europa geht, werdet ihr in den Medien erscheinen und Tina sieht ihrer Mutter recht ähnlich. Deswegen musst du besonders auf sie aufpassen. Es kann nichts sein, aber man weiß es eben nicht. Sollte also doch mal irgendwas Außergewöhnliches sein, lass es mich sofort wissen.“ Sie holt einen Zettel heraus und gib ihn ihm. Er ist zusammengeklappt. „Bitte Kojiro, du bist der Einzige, der das machen kann. Sollte wirklich mal was sein, dann melde dich bei mir oder in extrem dringenden Fällen bei einen dieser Männer. Sie sind Verwandtschaft und in Italien und Deutschland stationiert. Hier kann ich immer helfen, aber dort nicht.“ Andrea drückt seine Hand zusammen, in den sie den Zettel gelegt hat.
„Bitte, versprich es mir! Im Notfall bei denen melden und den Code auf dem Zettel durchgeben. Hast du verstanden?! Meine Nummer hast du bereits.“ ‚Bettinas Familie wurde mal entführt? Ist sie deswegen so lange isoliert aufgewachsen? Hatte ihre Mutter deswegen Angst in kleinen dunklen Räumen? Das würde einen Sinn ergeben.‘
„Andrea, was erzählst du mir denn da?“ Mit einem sehr strengen Blick geht er auf ihre Erklärung und Bitte ein.
„Hör zu Andrea. Natürlich passe ich auf sie auf. Es erklärt einiges, was mir bisher aufgefallen ist, aber verlange von mir nicht, dass ich ihr davon nichts sagen werde. Ich stehe so gar nicht auf Geheimniskrämereien. Wir versuchen beide sehr offen miteinander umzugehen und das soll auch so bleiben. Aber vielleicht weiß Bettina ja mehr als ihr denkt? Martin sollte es ihr selbst sagen, damit sie es weiß. Glaube mir, das ist besser und er ist die Last los.“ Andrea sieht ihn ernst an.
„Bist du verrückt? Es ihr sagen? Das würde sie nur unnötig beunruhigen. Ich weiß nicht. Was meinst du damit ihr geht sehr offen miteinander um? Redest du jetzt von der Sache gestern mit Herrn Schneider?“ Er schüttelt den Kopf.
„Das ist nur ein Teil davon. Wir haben uns bereits über das Thema Namensänderung und ihrer Kindheit in Isolation unterhalten. Es hat sich zufällig ergeben, aber sie weiß bereits, dass eventuell jemand nach ihr suchen könnte. Sie wusste nur nicht genau wieso. Martin sollte bei Gelegenheit mit ihr darüber reden und dann fügt sich bestimmt noch etwas zusammen.“ Andrea nickt nun verständnisvoll.
‚Sie weiß es bereits? Wie kann das sein? Martin ging davon aus, dass sie gar nichts weiß.‘
„Nun gut. Ich melde mich dann jetzt an. Warte hier.“ Sie geht selbst zur Anmeldung vor und kommt dann wenig später wieder zu ihm.
„Du kommst gleich nach dem aktuellen Patienten ran. Viel Erfolg, Kojiro. Ich werde mit Martin darüber reden.“ Dann verlässt sie den kleinen Raum und geht wieder hoch zu den anderen Kunden.
Inzwischen sind Tina und Marie wieder unterwegs und gehen am großen Spielzeugladen vorbei. Da bleibt Marie plötzlich stehen.
„Warte. Können wir hier reingehen?“, spricht sie begeistert. Ihr ist der Laden vorhin schon aufgefallen und sie hat in das Schaufenster geschaut und etwas entdeckt. Den Clown fand sie ohnehin toll. Tina willigt unfreiwillig ein, aber was soll sie auch machen? So lange kann es nicht dauern. Heute ist sie trotz des schönen Morgens angespannt. Somit gehen sie in die Künstlerabteilung und Marie schaut sich völlig begeistert um.
„Wow, ist das eine Auswahl. Und wir sind doch nur in einem Spielzeugladen und nicht wirklich in einem Künstlerbedarf.“
„Da musst du dich hier dran gewöhnen. Alles ist hier etwas größer, wenn es um die Auswahl von bestimmten Produkten geht. Wir holen hier in der Regel unsere Büroartikel.“
Vor einem Regal voller bunter Stifte und Bleistiftschatullen bleibt sie stehen und greift begeistert nach ein paar Alkoholmarkern und Bleistiften sowie Kohlestifte. Dann geht sie zu einem Papierregal und schaut sich verzweifelt um. Einen schmalen Block entdeckt sie begeistert und schnappt ihn sich und dann fragende Blicke.
„Was suchst du denn? Du bist sicher andere Marken gewohnt.“
„Ich brauche Papier fürs Kohlezeichnen und Bleistift. Für die Copics habe ich schon gefunden, die habe ich auch. Am besten wäre etwas für Mixed-Media, aber ich weiß jetzt nicht, was hier von den Marken das bessere wäre.“
Tina gibt dem Verkäufer ein Zeichen. Sofort kommt er zu ihnen und berät. Sie übersetzt und dann greift er ins Fach und holt etwas passendes raus.
„Und feines Aquarellpapier brauche ich noch und schöne Aquarellfarben mit feiner Pigmentierung und Pinsel. Man weiß nie, was man hier so plötzlich entdeckt. Ich habe gerne alles bei mir. Eine gute japanische Firma. Darf gerne was Besonderes sein.“, erklärt sie. Der Verkäufer führt sie an ein anderes Regal und zeigt ihr die verschiedenen Farben. Marie entscheidet sich nach dem Austesten der Farben auf dortigem Papier für ein kleines Set mit drei Pinseln, einem faltbaren Wasserbecher und ein Farbenset mit zwölf Farbnäpfchen und integrierter Mischpalette.
„Oha, da hast du aber zugeschlagen. Willst du das jetzt die ganze Zeit mit dir rumtragen?“
Marie zückt an der Kasse stolz ihre Kreditkarte und bezahlt. Tina betrachtet ihr glückliches Gesicht dabei mit trüben Gedanken.
‚Ach Karl, ist das wirklich dein Ernst? Du schenkst ihr zur Volljährigkeit eine Kreditkarte? Ich hätte dir mehr Stil zugetraut. Und wieviel darf sie damit von deinem Konto oder einem eigenen Konto abheben? Glaubst du wirklich, dass sie damit auf Dauer glücklicher ist als, dass du sie besuchst? Sicherlich freut sie sich darüber, dass sie sich überall frei bewegen kann, aber ob ihr das wirklich wichtiger ist als deine Anwesenheit und dein brüderlicher Rat? Glaubst du im Ernst, du kannst alles mit Geld kaufen? Auch als eine Art Entschuldigung, dass du so weit weg bist von deiner Schwester und deiner Mutter? Als Trost schenkst du ihr statt Liebe und Zeit mit dir, nur Geld? Wenn Stephan das mit mir gemacht hätte, hätte ich ihm vermutlich eine geknallt. Ich hätte sein Geld niemals angenommen.‘ Voller Begeisterung packt Marie alles in ihre große Tasche, die sie bereits bei sich hat und kommt glücklich auf Tina zu.
„Wir können, ich habe, was ich für den Tag brauche. Fehlt nur noch eine Wasserflasche. Wo bekomme ich sowas her?“
„Wir haben im Studio Getränke. Da kannst du dir was einpacken.“
Kurz darauf stehen sie auch schon unten in der Sportboutique. Marie schaut sich begeistert um und entdeckt sofort die Poster und läuft darauf zu.
„Tina, ist ja Mega! Du hast hier eine eigene Abteilung? Und dann diese tollen Poster und der coole Aufsteller. Wow.“
Lee und Jacky sind erstaunt über die Kundin, die Tina angeschleppt hat und erkundigen sich.
„Guten Morgen Liebes, wer ist deine reizende Begleitung?“, kommt Lee auf sie zu.
„Guten Morgen. Eine Freundin aus Hamburg. Sie wird für eine Woche in Tokio bleiben.“, antwortet sie nachdenklich. Lee ist erstaunt, dass sie so zurückhaltend antwortet. Beide sehen Marie zu wie sie voller Begeisterung alle Bilder betrachtet und dann am Regal mit den Bällen die Bälle bewundert und danach geht sie zum Kleiderständer, an dem Tinas Trikots hängen. Neugierig hält sie sich eins an ihren Körper und betrachtet sich im Spiegel daneben.
„Wow, sieht das schön aus. Tina, du bist ja hier wie eine Heldin in diesem Laden. Alles signiert und dann so liebevoll eingerichtet und präsentiert.“, äußert sie begeistert und schaut sich dann zu ihr um.
„Sie hat euch gerade gelobt. Sie mag es wie ihr meine Sachen präsentiert. Und das aus einem Mund einer Künstlerin.“, lächelt sie fröhlich zu Lee und Jacky. „Oh wirklich? Das ist ja nett. Du kennst Leute. Sie erinnert mich an den Herren, der gestern hier war und einen Ball von dir gekauft hat. Er hat nach dir gefragt.“, erwähnt er vorsichtig seine Gedanken. Tina sieht ihn überrascht an.
„Das war sicher Karl-Heinz? Er hatte einen Ball bei sich.“ Lee ist ebenso erstaunt.
„Ja stimmt. Ihr seid euch also noch begegnet?“
„Ja, ne Vorwarnung wäre nett gewesen. Ich habe nicht mit seinem Besuch gerechnet.“, murrt sie ihn an. Er ist verwundert.
„War er etwa noch da als ihr gekommen seid? Wir wollten vor Kojiro nichts sagen und wir dachten auch, dass er längst wieder gegangen ist.“
„Ihr hättest es mir ja leise sagen können, ohne, dass er es mitbekommt. Dann wäre ich vorbereitet gewesen und hätte Kojiro vorwarnen können. Wir hatten vor Karl im Urlaub über uns zu informieren. Aber nun gut. Nun ist es erledigt. Und heute Nacht tauchte plötzlich auch seine Schwester auf. War er heute zufällig schon da?“ Lee schüttelt den Kopf.
„Wie jetzt? Nein, er kam heute nicht vorbei. Ich kann dich ja informieren, wenn er wieder auftaucht. Was meinst du mit seiner Schwester? Und woher kennt ihr euch überhaupt?“, kommt Lee entgegen. Jacky mischt sich auch ein.
„Und was meinst du mit „im Urlaub informieren“? Wieso musst du ihm mitteilen mit wem du zusammen bist?“ Tina schaut zu Marie.
„Ihr wisst doch, dass ich mit Genzo befreundet bin.“
„Nun gut, ja, aber das erklärt nur, warum ihr euch eventuell kennt. Aber wieso kommt er extra her, unangekündigt und will dich sehen?“, meint Jacky.
„Das ist etwas kompliziert. Ich war nicht nur mit Genzo befreundet, sondern auch mit ihm und irgendwie mit dem ganzen Team. Also…nun kann ich es euch ja sagen: Ich war damals mit beiden zusammen im selben Team. Mein Bruder und ich waren gut fünf Jahre lang im Profiteam der Junioren vom HSV. Ich als Keeper, mein Bruder als Verteidiger. Später kam Genzo dazu und er ersetzte mich im Tor und ich ging mit Stephan zusammen in die Verteidigung. Ich mochte beides. Ich gab mich die ganze Zeit als Jungen aus. Nur Genzo kannte mein Geheimnis. Eines Tages kam Karl auch hinter meine Verkleidung und wir hatten einen großen Streit. Letztendlich waren wir dann aber fast drei Monate zusammen. Heimlich natürlich. Das Team und unsere Eltern durften es nicht wissen. Ich wollte noch das Spiel gegen Japan mitmachen und dann wollte ich das Team ohnehin verlassen.“, erklärt sie schnell, als wenn sie es eilig hätte. Beide Männer sehen sie nur verdutzt an.
„Wie jetzt? Du hast bevor du nach Japan gekommen bist, professionell Fußball gespielt? Und du konntest mit solchen starken Jungs mithalten?“
„Du warst mit ihm zusammen? Jetzt bin ich aber platt.“
„Jap. Ich war auch damals bei der Europameisterschaft als Verteidiger für Deutschland dabei als wir das Finale gegen Frankreich gewannen. Die U15 1996.“
Beide schweigen.
„Danach kam Genzo ins Team. Er ging mit mir zusammen in dieselbe Klasse, daher kam er auch so schnell hinter meine Maskerade. Da wir uns jeden Tag viele Stunden gesehen haben hat das nicht lange gedauert.“
„Und was war dann? Wieso bist du nach Japan gezogen? Und was ist mit deinem Bruder? Ist der in Deutschland geblieben?“ Tina verschränkt die Arme und schaut zur Decke. Dort hängen ein paar Pappwolken und einige Bälle zur Dekoration.
„Er ist genau heute 1998 in den Fußballhimmel gegangen.“ Sie pausiert kurz.
„Es gab einen Überfall und wir wurden von Fans festgehalten und er hat es leider nicht überlebt. Ich musste alles mit ansehen. Deswegen, ihr Lieben, deswegen konnte ich jahrelang keine Fußballsachen mehr sehen. Ich konnte den Leuten nicht gegenüberstehen und sah stattdessen immer diese schrecklichen Bilder vor mir. Deswegen hängen hier auch keine Trikots rum oder andere große Fußballsachen. Deswegen wollte ich damals auch trotz der vielen Wünsche meiner Fans kein Kennenlernen zwischen dem Wilden Tiger und mir. Was wäre, wenn ich einem Fußballer gegenüberstehen würde, und ich hätte Schwäche gezeigt? Dann hätten meine Gegner gewusst, wie sie mich besiegen könnten. Ich habe nicht grundlos all die Jahre kaum Fern gesehen oder vieles ignoriert.
Deswegen habe ich Kojiro auch nicht erkannt, als er plötzlich in meinem Lokal auftauchte. Ich kannte weder sein Gesicht noch seine Werbung oder irgendwas. Nur den Namen, aber kein Gesicht oder äußerliche Merkmale dazu. Wenn ich gewusst hätte, dass er die Lösung ist, dass ich seitdem keine schlimmen Bilder mehr sehe, sondern nur das, was schön war…dann hätte ich vielleicht schon eher nach Italien gehen können. In ein Land, wo der Sport Fußball noch präsenter ist als in Deutschland. Aber damals wollte ich nur noch weg, ganz weit weg wo es nicht so viel gespielt wurde. Naja, das hat sich ja nun geändert.“ Es ist noch immer ruhig. Tina schaut inzwischen wieder zu Marie und die drei beobachten nachdenklich, wie die junge Frau sich durch die Sportsachen wühlt und ein Stück nach dem anderen betrachtet.
„Tina, unser aufrichtiges Beileid. Das erklärt natürlich vieles.“, sagt Lee leise und mit traurigem Ton.
„Und wenn ich fragen darf, was ist dann mit Herrn Schneider gewesen? Euer Kontakt brach ab, aber der zu Genzo nicht?“, wundert sich Jacky.
„Nun das war so…“ Tina erklärt kurz und knapp, wie es sich damals zugetragen hat und warum ihre Freundschaft zu Genzo so groß ist. Tina schaut wieder zu Marie.
„Marie, komm mal her. Ich möchte dir zwei Freunde von mir vorstellen.“ Sie geht langsam auf die drei zu und bleibt dann vor Tina stehen. Sie hat noch ein signiertes rotes Trikot in der Hand.
„Hello.“, verbeugt sie sich höflich vor den beiden Japanern. Sie tun es ihr gleich und entgegnen freundlich in Englisch.
„Guten Tag. Herzlich willkommen. Wir sind Lee und Jacky. Freunde von Tina.“
Tina übersetzt.
„Und das ist Marie Krause, die kleine Schwester von Karl-Heinz. Passt also bitte gut auf sie auf, wenn sie mal hier bei euch sein sollte.“
„Marie, du kannst den beiden hier genauso wie Martin voll vertrauen, wenn du mal Hilfe brauchst.“
Maries Versprecher
Kapitel 74
Maries Versprecher
Tina erzählt den beiden Männern von Maries Talent und dass sie sie gezeichnet hat.
„Echt? Können wir die Bilder mal sehen?“ Marie wird etwas verlegen, als Jacky sie darauf anspricht. Sie schaut ihn mit hochrotem Kopf an.
„Die Bilder von Tina? Aber…es sind Aktbilder.“, stottert sie sich zusammen. Tina übersetz lachend und beruhigt sie.
„Ist okay, die wissen, wie ich aussehe…aber anderen musst du sie nicht zeigen. Zeig ihnen ruhig die anderen Bilder auch mal.“
Etwas zurückhaltend holt sie ihre Mappe heraus.
‚Sie ist ja lustig. Will sie wirklich, dass zwei Männer sie in diesen Posen sehen? Also ich weiß nicht. Naja, wenn sie meint. Und was meint sie damit, die wissen, wie sie aussieht? Wieso wissen die beiden wie sie nackt aussieht?‘
Kaum hat Marie ihren Hefter geöffnet sind als erstes die Bilder mit Tina zu sehen.
Die Männer staunen nicht schlecht über die feinen Linien und die Detailtreue. Wenn das Bild Farben hätte, würde es tatsächlich aussehen wie Tina.
„Wow…Wahnsinn! Das hast du gezeichnet? Einfach so, heute Nacht mal schnell eben?“, haut Jacky raus. Lee ist auch begeistert.
„Du hast aber einen sehr feinen Stil. Diese Art zu zeichnen, sieht man selten.“ Dann blättern sie weiter und sind auch von den anderen Bildern begeistert.
„Marie, kannst du auch mit Farben malen?“, fragt er. Es wird übersetzt und sie bejaht und zeigt ihre Sachen, die sie gerade geholt hat, damit man sieht womit sie malen und zeichnen kann.
„Tina, ich habe eine total verrückte Idee.“, meint Lee plötzlich.
„Wie jetzt? Was meinst du?“ Er grinst und sieht zu Marie.
„Könntest du ganz schnell zur Probe ein farbiges Bild von Tina malen oder zeichnen? Mal ganz schnell eben, so wie sie hier mit ihrem schönen Kleid steht?“ Tina ist irritiert und übersetzt es aber. Marie nickt und schaut total begeistert.
„Zehn Minuten.“, sagt sie, kramt in ihrer Tasche rum, holt den dünnen Block raus, Bleistift und die Alkoholmarker und stellt sie auf den Stehtisch neben sich. Schnell öffnet sie die Verpackungen und fängt sofort an mit einer Rohzeichnung.
„Äh, muss ich mich irgendwie besonders hinstellen, Marie?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Nein, auf keinen Fall, bleib einfach so und unterhalte dich weiter. Ganz natürlich aus dem Leben heraus.“ Es vergehen etwa drei Minuten und Tina beginnt ein neues Thema zu bereden.
Inzwischen geht die Kundentür auf und die ersten Kunden kommen herein. Sie sehen sich begeistert um und entdecken die Volleyballecke. Es sind Touristen aus Deutschland. Jacky geht zu ihnen und berät sie. Sie wollen unbedingt signierte Artikel kaufen und seien extra deswegen hier. Die Familie besteht aus drei Mädchen und einen Jungen. Der Vater berichtet Jacky wie begeistert sie es finden hier eine Artgenossin in Japan zu haben, denn sie sind alle totale Volleyballfans und bewundern die Tigerin sehr.
Die ganze Familie spielt seit Jahren begeistert und manchmal sogar als ganzes Team gegen andere Familien oder Gruppen.
„Sie haben heute besonders viel Glück. Sehen Sie mal da rüber. Frau Fuchs ist zufällig da. Wenn wir einen Moment warten, kann sie persönlich signieren.“ Die jugendlichen Geschwister sind plötzlich völlig aus dem Häuschen. Sie sind vom Alter her zehn, dreizehn, sechzehn und siebzehn Jahre alt. Am ältesten ist der Junge. Begeistert gehen sie auf Tina und die Künstlerin zu und beobachten Marie beim Zeichnen.
„Wahnsinn. Das sieht ja toll aus.“, äußert eines der Mädchen. Die Eltern kommen nun auch zu ihnen und betrachten Tina, wie sie eigentlich nur mit Lee den Bestellkatalog durchgeht. Sie schaut kurz hoch zu den Kunden und lächelt in ihre Richtung.
„Guten Tag, ich habe gleich Zeit für Sie. Wenn meine Freundin hier mit dem Bild fertig ist.“
‚Hm, interessante Familienkonstellation. Die wirken sehr sportlich und glücklich. Ob Kojiro und ich später auch mal so eine große Familie haben? Die Vorstellung ist witzig.‘, grinst sie plötzlich und schaut wieder ins Bestellbuch.
Vater und Sohn stehen hinter den Mädels und beobachten die Künstlerin bei ihrer Arbeit. Dann flüstert der Jugendliche ganz leise zu ihm.
„Papa, meinst du nicht auch, dass sie live viel hübscher und eleganter ist als auf den Fotos und im Fernsehen?“ Er grinst und knufft ihn an die Seite.
„Stimmt, spielt aber für uns beide keine Rolle.“
„Man bist du manchmal spießig. Musst du überall den Cop raushängen lassen? Bist du dann auch noch so pingelig, wenn ich achtzehn bin?“, murrt er scherzhaft und knufft zurück.
„Aber mal im Ernst. Sie wirkt viel älter, aber im guten Sinne. Sonst wirkt sie jugendlicher. Liegt das am Kleid? Privat sehen die Promis immer anders aus.“, bleibt der Junge beim Thema.
„Ja, du hast Recht. Du wirkst doch auch anders, wenn du nicht gerade auf dem Feld stehst und spielst.“
Kurz darauf dreht Marie das Bild um und zeigt es Lee und Tina.
„Reicht das als Beweis? Nur zehn Minuten und dann in Farbe.“ Die zwei sehen sie total erstaunt an. So eine Genauigkeit in so kurzer Zeit, das haben beide nicht erwartet. Plötzlich rümpft Tina die Nase und schaut an Marie vorbei zum Vater der Kids.
‚Hat er diesen Alkoholgeruch an sich? Das riecht plötzlich so nach reinem Alkohol, nicht nach Bier oder Wein, irgendwie komisch. Wo kommt das her?‘, wundert sie sich.
Der Kunde sieht jedoch ganz normal aus und macht keinen komischen Eindruck. Sie kann sich auch nicht vorstellen, dass er im Beisein seiner Kinder etwas trinken würde, was so seltsam riecht. Marie drückt ihr das Bild in die Hand.
„Gefällt es dir? Ich musste den Farbton deines Kleides etwas abändern, da er nicht bei den Stiften bei ist.“ Tina betrachtet das Bild und der Geruch wird stärker.
„Marie, was sind denn das für Stifte? Die stinken total nach Alkohol.“
Marie kichert.
„Tut mir leid, ich hätte dich vorwarnen sollen. Das sind Alkoholmarker, aber ich konnte ja jetzt nicht mit Aquarell malen, dafür war die Zeit zu kurz.“
Tina wedelt kurz mit der Hand vor ihrer Nase rum.
„Dein Bild ist total schön, aber die Stifte, du musst unbedingt deine Kunden vorher warnen. Wenn du damit mal einem trockenen Alkoholiker begegnest, kannst du Ärger kriegen, wenn er deswegen rückfällig wird.“ Marie ist etwas traurig, dass Tina sie belehren will. Sie weiß das doch selbst, aber hat es in der Eile vergessen. Sie ist auch nicht davon ausgegangen, dass es für Tina relevant sein sollte. Es macht sie etwas traurig und innerlich auch wütend, dass Tina denkt, sie wisse das nicht. Glaubt sie etwa sie ist noch ein kleines Kind?
Der Familienvater stutzt plötzlich, als er Tina dabei beobachtet, wie sie reagiert und ihre Nase fächert.
‚Seltsam, an wen erinnert mich das? Ich hatte schonmal eine Blondine vor mir sitzen, die auch so seltsam ihre Nase gerümpft hat und so speziell mit der Handbewegung war. Wer war das denn nochmal? Und wieso hat sie eben so seltsam zu mir geschaut? Hat sie eben echt angenommen ich hätte was getrunken, weil diese Stifte so stinken?‘
Marie sieht Tina etwas traurig an. Sie bemerkt es natürlich, berührt ihre Schulter und lächelt sie herzlich an.
„Tut mir leid, war nicht so gemeint. Heute ist nur leider ein doofer Tag für solche Sachen. Ich erkläre es dir später, wenn wir allein sind, okay?“ Dann dreht sie sich zu Lee um.
„Hast du einen Bilderrahmen da? Ich würde das Bild gerne hier an die Kasse stellen.“
„Ich darf es doch haben, oder?“, wendet sie sich Marie zu. Sie lächelt wieder.
„Ja natürlich. Ich schenke es dir.“
„Lee, deine Idee erklärst du mir dann nachher oder am Telefon, ja? Ich muss nachher gleich los.“, spricht sie Japanisch und wendet sich danach endlich an ihren Kunden. Tina geht auf die Familie zu.
„Gute Tag, ich freue mich sehr, dass Sie den Weg hier hergefunden haben.“
Die Mädels sind schon total aufgekratzt und betteln um Autogramme. Jacky holt einen Stift aus der Schublade und gibt ihn Tina.
„Frau Fuchs, dürfen wir Fotos mit Ihnen machen?“, wirft die Mutter freundlich ein und Tina willigt natürlich ein. Es werden also einige Fotos gemacht. Die Kinder vor und neben ihr stehend und die Eltern hinter ihr. Lee macht die Bilder mit der Kamera der Kunden. Die Kleinste kann jedoch vor Aufregung nicht wirklich stillstehen.
„Ganz ruhig, Große. Du möchtest doch auch, dass es ein schönes Foto wird? Du bist sonst ganz verschwommen, wenn du dich zu doll bewegst.“, spricht ihre Mutter auf sie ein. Doch irgendwie kommt sie nicht zur Ruhe. Tina dreht sich zu ihr.
„Weißt du wie ich meine harten Bälle schlage?“ Das Kind schüttelt den Kopf.
„Ich nutze dabei einen Trick. Soll ich ihn dir verraten?“ Begeistert grinst sie. „Ja, ja bitte.“
„Schau mal, mach mal deine Hände so wie ich und schließ die Augen.“ Das Mädchen folgt ihren Worten und formt eine Schale.
„Jetzt stell dir vor in deinen Händen hältst du ein verletztes Vögelchen. Wenn du zu doll zappelst, fällt es runter und es würde sich noch mehr verletzten. Das willst du doch nicht, oder?“ Sie schüttelt natürlich den Kopf.
„Jetzt musst du es noch eine Weile festhalten, denn während du es hältst kann es gesund werden. Schließ die Augen und schau nach vorne. Das Vögelchen bleibt in deinen Händen.“
Das Mädchen bemüht sich sehr, aber so richtig ruhig ist sie noch nicht. Tina bemerkt es und ordert Jacky an einen Tennisball zu holen. Kurz darauf ist er auch schon da und Tina nimmt ihn in die Hände, rubbelt daran, damit er etwas wärmer ist und dann legt sie ihn in die Hände des Kindes.
„Kannst du ihn spüren? Jetzt geht es ihm bald besser. Halte ihn schön fest. Und wenn ich sage, er ist gesund, dann ist dein Blick nach vorne gerichtet, du öffnest die Augen und lächelst, denn er kann bald wieder fliegen.
Genauso mache ich das in meinen Gedanken, wenn ich den Ball schlagen will und er eine bestimmte Stelle treffen muss.“ Sie nickt.
Tina stellt sich wieder an ihren Posten.
„Der Vogel ist wieder gesund. Du kannst ihn bald fliegen sehen.“, sagt sie sanft und schon öffnet die Kleine die Augen und blickt ruhig lächelnd in Lees Kamera. Beide Elternteile sehen sich verwundert an.
‚Wow, wie hat sie das gemacht?‘ Lee grinst.
„Ach ja, der Trick mit dem Vogel, der funktioniert doch immer wieder.“
Dann verstreut sich die Familie im Laden. Jedoch, als der Vater zur Seite gehen will, um sich dann mit seiner Frau zu unterhalten und Tina noch etwas vor ihm steht, weil Jacky sie anspricht, schweift sein Blick unbeabsichtigt zu Tinas Nackenbereich. Ihm ist eigentlich gar nicht im Sinne ihr so einen Blick zuzuwenden, aber es ergibt sich plötzlich und dann ist er etwas irritiert. Ein wenig verwundert spricht er seine Frau an, um mit ihr allein reden zu können.
Es ergibt sich, dass sich die beiden in eine Ecke stellen und sich die Bademode ansehen und flüstern können.
„Was ist denn?“, wundert sie sich.
„Ich kann mich irren, aber ich habe vorhin schon etwas Seltsames an Frau Fuchs bemerkt, was mich stutzig gemacht hat. Und nun…habe ich etwas entdeckt und ich weiß jetzt, wo ich sie einordnen kann. Ich glaube diese junge Frau ist eins von den Kindern, die ich damals als Frischling mitsuchen musste. Du weißt doch noch, mein erster Fall mit dem brummigen Kommissar Reinold.“ Seine Frau ist verblüfft.
„So ein Quatsch. Warum sollte sie denn hier sein? Und vor allem welches Kind denn? Hilf mir nochmal auf die Sprünge.“
Unauffällig drehen sie sich zum Regal so, dass sie Tina im Blick haben, während sie sich die Handtücher ansehen.
„Wenn ich mich nicht täusche, dann müsste sie das Mädchen sein, wo Mutter mit Sohn und Tochter entführt wurden. 1984, da waren die Kinder erst zwei Jahre alt. Vorhin als sie wegen der Stifte mit der Hand so eine seltsame Bewegung gemacht hat, da konnte ich es nicht einordnen, aber die Mutter hatten wir damals zuerst gefunden und ich musste sie betreuen. Sie hatte so eine Art und sie sieht ihr auch echt ähnlich, wenn ich mich so zurückerinnere. Und eben, wo ich zufällig ihren Nacken sehen konnte und das Licht so komisch auf ihre Haut fiel, war ich der Meinung eine kleine tiefe alte Narbe zu erkennen. Die Kinder hatten kurz vor der Befreiung eine tiefe Schnittwunde von den Tätern genau an dieser Stelle verpasst bekommen. Das war damals eine sehr knappe Sache. Ich habe die beiden doch dann auch noch betreut bis der Vater kam. Sie trugen jeweils ein großes Pflaster an der Stelle. Was ist, wenn diese Frau tatsächlich das Mädchen von damals ist? Wenn es „Ulrike“ ist?“
„Also echt, Uwe, warum sollte sie das sein? Sie hat doch einen anderen Namen.“
„Das kann ja sein, da wir die Täter nicht direkt erwischt haben und sie alle Spuren verwischt haben, mussten wir einen anderen Weg finden sie dingfest zu machen und da kam dann die Stasi mit ins Spiel und fand einen Weg sie erst viele Jahre später wegen politischen Delikten einzusperren. So hätte die Ermittlung weitergehen können, aber dann kam schon die Wende. Ihre Namen hatten wir ja. Mehr weiß ich auch nicht. Ich müsste die alten Akten einsehen und es sind nicht alle Fälle bis zum Ende bearbeitet worden. Das war der letzte Stand. Und wegen der Wiedervereinigung sind die Stasi-Akten verschwunden. Und da sie ja nicht wegen Entführung saßen, sondern aus politischen Gründen wurden sie einige Monate nach der Wende entlassen. Ich denke, wenn man heute den Fall neu aufrollt, könnte man die Täter finden bzw. es ihnen nachweisen. Mit der Technik heutzutage. Die hat uns damals gefehlt. Und ich kann mir vorstellen, dass die Familie nach der Wende ihren Namen hat ändern lassen, damit man sie nicht findet. Ich müsste meine alten Kameraden fragen. Die alte Truppe weiß da sicher mehr. Wir waren nur froh, dass das alles noch gut ausgegangen ist.“ Sie sieht ihren Ehemann nachdenklich an.
„Ach man, der Fall hat dich immer sehr beschäftigt, nicht wahr? Aber du weißt schon das würde gar nichts bringen. Die Verjährungsfrist bei Entführung ist zwanzig Jahre. Die sind nun schon um.
Was machen wir jetzt? Bist du dir ganz sicher?“ Er nickt.
„Das ist halt so, aber vielleicht haben die ja nach der Entlassung nochmal sowas gemacht und dann stehen die zwei Täter wieder auf der Liste. Oder vorher einen Mord, wer weiß das schon? Wir konnten ja nichts weiter mehr ermitteln.
Du kannst ja mit deinen geschulten Augen einer Pathologin mal irgendwie unauffällig die Narbe betrachten, ob es mit der Tiefe und dem Alter hinkommen könnte. Die Wunde war wirklich sehr tief und könnte auch bei einem Kleinkind nach gut zwanzig Jahren nicht voll verheilt sein, denke ich.“ Ann-Kathrin nickt. „Okay, aber dann ist Schluss mit Arbeit, klar? Ich will hier Urlaub machen und nicht arbeiten.“, murrt sie, aber kann ihren Mann irgendwie auch verstehen. Wenn es um ihre Kinder gehen würde, wäre es doch auch schön, wenn jemand dem Verdacht nachginge.
„Gut, ich verwickle sie mal in ein Frauengespräch. Vielleicht habe ich dann Glück einen Blick darauf zu haben. Es kann sein, dass ich meinen Trumpf ausspielen muss.“ Uwe beschreibt ihr wo die Narbe sein müsste und schnappt sich dann ein Handtuch und geht zu den Kindern, um ihnen beim Aussuchen der gewünschten Fanartikel zu helfen. Ann-Kathrin geht mit einem Badeanzug zu Tina.
„Frau Fuchs, könnten Sie mich bei der Bademode beraten? Ich bin etwas unsicher. Sind das die Badeanzüge, mit denen Sie auch die Wettkämpfe machen? Halten die was aus?“, erkundigt sie sich.
„Das ist die Marke, genau. Sie sind wirklich sehr strapazierfähig und für den Profisport gemacht. Sie können ihn gerne anprobieren, ob er für Sie bequem ist. Die Frauen gehen zur Umkleide und es wird der Badeanzug anprobiert.
„Er passt wunderbar. Fehlt nur noch etwas für Lauftraining. Haben sie da was da?“ Tina rollt ein wenig mit den Augen, denn eigentlich war sie in Eile und die Kundenbetreuung ist in der Regel gebuchte Zeit. Natürlich will sie nicht unhöflich sein und spielt ausnahmsweise die Verkäuferin. Ihr ist die Familie irgendwie sympathisch.
„Wir haben einen Klassiker, der immer geht und nie aus der Mode kommt. Den nutze ich auch gerne und biete ihn ebenso den Jugendlichen an. Er ist auch ideal für den Sportunterricht. Kurze Hose und Top oder ein Shirt. Ich kann Ihnen die Sachen später auch signieren, wenn Sie wollen, also auch für die Kids, wenn die möchten. Haben Sie Farbwünsche?“
„Gerne was Sie auch mögen. Gelb oder rot mit Schwarz.“ Tina geht los, holt was Passendes und reicht es in die Kabine.
„Was sagen Sie dazu?“
„Perfekt. Sieht großartig aus. Erinnert mich an meine jüngeren Jahre.“, äußert sie. Während sie sich umzieht, beginnt sie ein persönlicheres Gespräch.
„Frau Fuchs, Shoppen mit den Kids zusammen ist nicht immer einfach. Ich bin froh, dass sie mittlerweile groß sind und wir endlich mal so weite Flüge machen können. Die haben sich sehr gefreut, als wir verkündet haben, dass es dieses Jahr nach Tokio geht. Sie müssen wissen, wir sind fast alle totale Volleyballnarren.“ Tinas Herz schlägt freudig etwas schneller und sie lächelt.
„Das ist schön. Haben Sie und Ihr Mann früher professionell gespielt?“
„Ich war gut genug, um im DDR Nationalkader zu sein. Wir haben uns 1980 im Olympiadorf in Moskau kennengelernt. Er war Betreuer und spielte jahrelang in der Jugend und in der Armee.“, spricht sie stolz und zieht das Top an. Völlig verwundert schaut Tina zum Vorhang, hinter der die Frau steht.
„Wie jetzt? Sie waren Nationalspielerin? Wie heißen Sie, wenn ich fragen darf?“ Die Kundin schiebt den Vorhang zur Seite.
„Und was sagen Sie? Kann ich das noch tragen?“, dreht sich die fünfundvierzigjährige Blondine einmal um sich selbst und lächelt fröhlich.
„Wow, also ganz ehrlich, wenn ich nach vier Kindern noch so aussehen würde, das wäre doch perfekt. Alle Achtung. Sie müssen sehr diszipliniert sein. Es steht Ihnen sehr gut.“ Tina schmunzelt und lacht etwas.
„Sie machen mich verlegen, also wirklich. Um auf Ihre Frage zu antworten. Ich heiße Ann-Kathrin Heinemann, aber mit Mädchennamen Voß. Also kennen Sie mich, wenn überhaupt, dann als Ann-Kathrin Voß. Ich war hauptsächlich Zuspielerin.“ Der Tigerin wird ganz warm. Wie kann es sein, dass plötzlich eine ehemalige Nationalspielerin vor ihr steht und dann so eine große Legende? Leider kennt sie kaum Fotos aus der Zeit, aber aus ihren Zeitschriften kennt sie ihren Namen. Er wurde einige Male genannt, wenn es um deutsche Spielerinnen geht, denn man vergleicht sie mit aktuellen Frauen in ihrer Altersklasse. Und wenn man jemanden aus älteren Zeiten vergleicht, dann muss man eine Legende sein, sonst würde niemand mehr über sie reden. Tina sieht ihr total verblüfft in die Augen. „Wie peinlich, und ich biete auch noch an die Sachen zu signieren, als wäre das was Besonderes. Das ist eher umgedreht so. Tut mir leid, wenn es mehr Bilder geben würde, hätte ich Sie bestimmt erkannt.“ Frau Heinemann lächelt locker. „Alles gut. Mich erkennt sonst auch niemand. Ich hänge das nicht an die große Glocke, verstehen Sie?“
„Aber…ich bin gar nichts im Gegensatz zu Ihnen. Silber bei Olympia. Wahnsinn!“
‚Wow, ich habe nicht gesagt wie unser Finale ausging. Sie weiß scheinbar genau wer ich bin und hat sich mit Teams wie unserem beschäftigt. Das gibt es selten in ihrer Generation.‘
„Nun machen Sie sich mal nicht so klein! Wenn ich das richtig in Ihrer Biografie gelesen habe, spielen Sie doch erst seit ein paar Jahren Volleyball. In so kurzer Zeit sich eine so umfangreiche Sportart anzueignen ist Wahnsinn. Und dann diese schwere Sprache und eine andere Kultur. Wie haben Sie das nur geschafft? Dazu braucht man auch sehr viel Disziplin.
Haben Sie vorher schon Sport getrieben? Man findet nichts darüber, nur, dass Sie bereits eine außergewöhnliche Ausdauer hatten, als Sie herkamen und deswegen trotz fehlender Technikkenntnisse ins Team gehen durften. Stimmt das?“, lächelt sie. Tina ist erstaunt, ihre Biografie sollte sie wohl selbst mal in Ruhe lesen, nicht nur die auf ihrer eigenen Seite. Und überhaupt, was schreiben die Fans denn alles so über sie? Da sie sich die Medienwelt bewusst nicht so intensiv angesehen hat, ist ihr scheinbar einiges entgangen. Andrea machte gestern auch so eine seltsame Bemerkung, als sie noch sauer auf sie war.
„Ich war viel schwimmen. Hier habe ich dann meinen Rettungsschwimmer gemacht und angefangen mit dem Flossenschwimmen. Deswegen ist das mein zweiter großer Bereich hier. Meine zweite Leidenschaft. Das Wasser ist mein Element. Ich bin am Meer aufgewachsen.“, lächelt sie selbstsicher und stolz.
Die ehemalige Nationalspielerin staunt nicht schlecht. Jedoch hat sie Tinas kurzes Zögern bemerkt.
‚Worüber hat sie nachgedacht? Nun gut. Uwe, du machst es mir echt nicht leicht. Die Tigerin ist wirklich sehr nett und hat eine sehr angenehme Art an sich.‘
Plötzlich wird Tina von der ältesten Tochter angesprochen und dreht sich zu ihr. So ergibt sich zufällig, dass die Pathologin Tinas Rücken vor sich hat und ebenso auch den Nacken einsehen kann. Mit ihrem geschulten Blick findet sie tatsächlich die alte Schnittwunde von der ihr Mann geredet hat. Ihr fallen aber auch die anderen Narben auf.
„Frau Fuchs, sagen Sie, haben Sie keine Artikel von den japanischen Fußballern hier im Laden? Die haben immerhin die letzte WM gewonnen und ich dachte ich könnte hier in Tokio etwas für meine Sammlung finden. Sie müssen wissen, ich liebe Volleyball, aber noch viel mehr Fußball und ich spiele selbst in einer Profimannschaft. Ich bin quasi das schwarze Schaf in der Familie, die Einzige, die kein professionelles Volleyball spielt.“, lacht sie und grinst ihre Mutter an. Tina sieht ihr erstaunt in die Augen und betrachtet sie genauer.
„Oh, welche Position spielst du denn?“, versucht sie cool zu bleiben. Eigentlich ist sie etwas aufgeregt, denn das Mädchen ist in dem Alter, wie sie damals war, als sie aufgehört hat.
Die Jugendliche ist gut einen Kopf größer als Tina und wirkt unter ihrem Shirt und der kurzen Hose drahtig, aber muskulös. Ihr Puls steigt etwas an und in ihren Gedanken spielen sich alte Erinnerungen ab wie sie ihre ersten Spiele hatte und das Tor sauber hielt, damit Karl-Heinz und Kaltz vorne die Tore machten. Dann als Genzo dazu kam, war es ein enormer Rückhalt, den sie erfahren durfte. Er war deutlich talentierter als sie, wie stolz sie damals vor ihm mit Stephan zusammen in der Verteidigung stand und wusste, dass er nichts durchlässt.
„Ich stehe im Tor. Deswegen sammle ich Artikel oder Autogramme von großen Keepern und Keeperinnen. Ich habe gehofft hier in Japan etwas von Wakabayashi und Wakashimazu zu bekommen. Wenn Sie sowas nicht führen, wo bekomme ich denn da was her?“
„Genzo.“, rutscht ihr unabsichtlich leise über die Lippen, weil sie noch immer in den Gedanken von damals befindet. Das große Mädchen vor ihr sieht sie erstaunt an.
‚Nanu, was hat das zu bedeuten? Wieso reagiert sie so seltsam? Und dann sagt sie Wakabayashis Vornamen so leise vor sich hin? Kennt sie ihn etwa? Das würde mich aber wundern. Sie mag doch gar keine Fußballer. Erstaunlich, dass sie überhaupt weiß wer die beiden sind. Und was ist das überhaupt für ein Blick?‘ Das Mädchen ist etwas verwundert. Ihr Puls steigt ebenso an als Tina sie plötzlich wie bei einer Herausforderung in die Augen sieht und ernst fragt wie professionell sie denn spiele. Die stolze Keeperin antwortet mit fester Stimme.
„Ich war Erste im Tor im Nationalteam der U16 2003.“
„Habt ihr gewonnen?“ Das große Mädchen grinst und klopft sich auf den Brustkorb.
„Was denken Sie denn? Natürlich, an mir kommt so schnell nichts vorbei! Einen echt guten Sturm haben wir auch.“
Tina fasst sich ans Herz.
„Wie schön, herzlichen Glückwunsch nachträglich.“, sagt sie mit einer wehmütigen Träne im Auge.
‚So war ich damals auch.‘
„Eine WM ist etwas ganz Besonderes. Ich freue mich schon riesig auf meine erste WM, nächstes Jahr. Ich bin auch sehr gespannt auf die deutschen Frauen. Sie sollen sehr stark sein.“
‚Seltsam. Wieso hat sie feuchte Augen?‘, fällt der Sechzehnjährigen auf.
„Wieso spielen Sie erst jetzt mit? Sie hätten doch von der Leistung her schon vor drei Jahren ins Nationalteam gehen können.“
Die Volleyballerin verschränkt die Arme und lächelt sie an.
„Leider fehlten mir als Ausländerin damals die Voraussetzungen. Jetzt erfülle ich sie und kann mitmachen.“
„Aber für Deutschland hätten Sie doch antreten können. Kam damals keine Einladung?“
„Genau, es kam keine, aber ich hätte auch nicht spielen wollen. Ich war froh die Entscheidung gar nicht treffen zu müssen. Mich jetzt vor dem deutschen Verband rechtfertigen zu müssen nervt genug.“
„Wieso eigentlich? Wieso spielen Sie für Japan und nicht für Deutschland?“
‚Im Netz reden die Leute nicht alle gut darüber, seitdem bekannt ist, dass sie für Japan spielen will. Zur Asienmeisterschaft hat es jeder verstanden, aber jetzt? Jetzt kann sie es mir ja selbst sagen. So eine Ehre hat nicht jeder Fan. Ich schätze sie sehr. Auch wenn sie keine Fußballerin ist, kann man ihre Leistungen nur hoch anrechnen.‘ Inzwischen ist der Rest der Familie um die drei versammelt und verfolgen das Gespräch aufmerksam.
„Ich spiele nicht nur für mich. Ich spiele auch für meine Freunde! Und am liebsten…“ Sie blickt zur Seite zum Mannschaftsposter.
„…mit ihnen zusammen.“ Alle sehen zum Poster.
„Das verstehe ich. Mein altes Team war auch so, wir waren alle total befreundet und jeder war für jeden da. Und dann ging es los mit dem Aussortieren. Jeder wollte ins Nationalteam oder in bestimmte Clubs. Nun sind wir zerstreut und mehr Rivalen als Freunde. Mein jetziges Team kommt irgendwie nicht so richtig zusammen.“ Tina schaut nachdenklich.
„Wie schade. Ein Team welches wie Pech und Schwefel zusammenhält gibt es selten, aber manchmal gibt es sie noch. Auch im Profisport. Also nie aufgeben, vielleicht wachst ihr noch zusammen? In welchem Team spielst du denn überhaupt?“
„Ich komme ja eigentlich aus Schwerin, aber mit einem Stipendium bin ich dann nach Hamburg zum HSV gekommen. Das war letzten Sommer. Ich muss dort im Internat wohnen, ist manchmal auch nicht so leicht. Ich finde es dort echt nervig.“
Tina ist erstaunt, ausgerechnet der HSV. Sie tritt einen Schritt zur Seite.
„Deswegen das Interesse an Wakabayashi?“
„Eher umgedreht. Ich habe ihn schon immer bewundert und deswegen bin ich großer HSV-Fan. Und als ich mal auf einer Webseite gelesen habe, dass er als Kind hergekommen ist und sie ein ganz tolles Team waren wollte ich dort hin. Und er betont auch immer wieder wie toll seine Zeit im Team war, und deswegen überhaupt noch im Team ist. Als das Angebot dann kam war ich total glücklich und hoffte ihm mal persönlich begegnen zu können. Aber Pustekuchen. Ein Jahr ist rum und wir durften das Profiteam der Männer noch immer nicht antreffen. Wir kennen nur die Frauen.“ Tina grinst.
„Vielleicht ist es das was euer Team mal braucht. Wollen die anderen Mädels die Herren denn auch mal treffen?“
„Ja natürlich. Unsere Frauen sind wirklich toll, aber wir wollen auch gerne mal das Männerteam kennenlernen. Immerhin sind sie es, die letztendlich für uns mit ihrem Erfolg die Akademie finanzieren. Sie sind seit Jahren Zweiter in der Tabelle.“ Plötzlich bringt sich Marie ein und stellt sich dazu.
„Habe ich das richtig verstanden? Du spielst im HSV-Mädchenteam? Und sogar als Keeperin?“, ist sie ganz aus dem Häuschen.
Tina schaut ernst und spricht sie leise an.
„Halt dich bitte zurück.“, ermahnt sie. Marie schaut nur verwundert und da sie noch wegen vorhin etwas angesäuert ist, spricht sie ihre Worte einfach laut aus, die ihr auf den Lippen liegen.
„Wieso? Warum darf ich nichts sagen? Ich wollte doch nur höflich sein und ihr Team loben. Immerhin spielt sie für Karl-Heinz alten Verein und er hat den Frauen-Nachwuchs neulich so gelobt.“
„Pst. Du redest zu viel!“, murrt Tina sie plötzlich an. Tina blickt nebenbei in den Laden. Es hat sich inzwischen gut gefüllt und es sind einige Touristen wie auch Stammkunden aus dem Studio da. Die junge Frau ist aufgebracht und nimmt die Anwesenheit der Leute nicht wahr. Wieso verbietet sie ihr plötzlich den Mund? Sie kann doch wohl sagen was sie will.
„Ich lass mir doch von dir jetzt nicht den Mund verbieten! In aller Freundschaft, aber das geht zu weit. Ich wollte nur ein Kompliment machen und außerdem…“,
stellt sie sich direkt vor sie und sieht ernst in ihre Augen.
„…wieso in alles in der Welt bist du einfach gegangen ohne was zu sagen? Und warum bist du nicht nach Brüderchens Transfer in so ein Team gegangen? Die hätten dich damals gebraucht.“, deutet sie mit der Hand auf die junge Keeperin. „Marie.“, stößt Tina leise und etwas entsetzt aus. Marie spricht zwar nun nicht laut, aber mindestens die Familie bei ihnen kann alles eindeutig hören und wundert sich natürlich.
‚Was meint sie denn? Wer ist das überhaupt? Karl-Heinz? Brüderchen? Ist das etwa … Schneiders Schwester? Und was meint sie mit der Bemerkung, dass Tora in ein Team hätte gehen können wie meins?‘, geht durch den Kopf der Keeperin und diese schaut total verdutzt zu Tina, welche zeitgleich auf Marie zugeht und ihr liebevoll in die Augen sieht. Ganz leise spricht sie auf sie ein.
„Ich habe das doch nicht nur für mich getan, sondern in erster Linie um … deine Familie … zu schützen.“ Maries Herz schlägt plötzlich schneller und ihr wird etwas flau im Magen. Sie hält sich plötzlich den Bauch. Tina geht ganz nah an sie heran und flüstert ihr ins Ohr und hält ihren Mund bedeckt, so dass es kein Kunde hinter Marie sehen kann was sie sagt.
„Genzo und ich haben gemeinsam beschlossen lieber zu gehen, damit ihr keinen zweiten Skandal ertragen müsst. Das hätte Karl nicht verkraftet und es hätte seiner Karriere geschadet. Und euch ebenso. Du hast mir doch selbst gesagt wie sehr ihr alle darunter gelitten habt. Stell dir vor die Presse hätte von mir erfahren. Dann hätte dein Vater riesigen Ärger bekommen und die Presse hätte sich einen Scheiß um Stephans Todesursache gekümmert oder um euch. Er wusste wer ich bin und somit gegen die Regeln verstoßen. Durch den aktuellen Skandal hätten die den ganzen Verein schlecht gemacht, nur weil ich im Team war. Eventuell alle unsere Spiele für unrecht erklärt. Ich dachte du hast das verstanden, als ich es dir gesagt habe. Tut mir leid.“
„Um uns zu schützen?“ Plötzlich werden Maries Augen ganz feucht und sie fängt an zu weinen und umarmt sie.
„Es tut mir leid, Tina. Ich würde niemals an dir zweifeln. Das ist die Müdigkeit. Kannst du mir verzeihen?“, schluchzt sie. Tinas Blick ist auf die Kunden gerichtet. Sie versucht herauszufinden ob jemand Maries Aussage wahrgenommen hat. Und leider ist es so. Sie tuscheln und über die Hälfte von ihnen sind Touristen welche entweder ihretwegen oder zufällig im Laden sind. Sie kennt die Leute nicht und kann es natürlich nicht einschätzen. Was könnte passieren, wenn jemand mitbekommt, dass hier gerade die kleine Schwester von Karl-Heinz steht? Was ist, wenn jemand mitbekommen hat was sie damit meinte, sie hätte das Team unterstützen können? Ihr ist überhaupt nicht wohl dabei, bei dem Gedanken, es könnte jemand nun hinter ihr wichtiges Geheimnis gekommen sein? Das wäre eine Katastrophe. An den Lippenbewegungen kann sie bei den Touristen teilweise lesen, dass sie alles genau verstanden haben, zumindest, dass Marie etwas von Karl-Heinz und Bruder sagte und zuvor wurde vermutlich auch ihr Gespräch mit der Jugendlichen vernommen und der Sportverein herausgehört. Es steht also die Vermutung im Raum, das sie seine Schwester ist und man fragt sich nun was sie hier will und was sie mit Tina zu tun hat.
Marie bemerkt plötzlich, dass hinter ihr Stimmen zu hören sind. Sie vernimmt den Namen ihres Bruders und will sich umdrehen.
‚Sind etwa Leute hier?‘ Genau in dem Moment hält Tina ihren Kopf fest und sieht ihr streng in die Augen.
„Nicht umdrehen. Du hast dich gerade selbst verraten. Es sind zu viele Leute hier. Einige wissen nun wer du bist. Sie dürfen dein Gesicht nicht sehen.“
„Aber…wir sind doch nur in Japan, nicht in Deutschland. Warum ist das hier auch wichtig?“
„Wir wissen doch nicht wer die Touristen sind. Willst du das riskieren? Jetzt auf einmal? Du hast doch extra die Jahre aufgepasst.“
„Ach Tina. Ich bringe alles durcheinander. Es tut mir so leid. Was nun?“, blickt sie verzweifelt und mit verweintem Gesicht zur Mutter der vier Kids.
‚Die ist hübsch. Und sie war mal Nationalspielerin und hat bei einer Olympiade Silber geholt? Kann Tina ihr vertrauen? Sie und ihre Familie haben sicher jetzt alles mitgekommen. Ich bin aber auch blöd. Wieso habe ich Tina nur so angemacht? Liegt das wirklich nur am mangelnden Schlaf? Ich glaube eher das Telefonat mit Mutter bringt mich total durcheinander, dass ich kaum klar denken kann.‘ In diesem Moment ist Tina erstaunt, denn der Vater von der Heinemann-Familie stellt sich plötzlich vor Marie mit dem Blick zu den Kunden.
„Meine Damen und Herren, seinen Sie so freundlich und starren meine Tochter nicht so an. Sie können ihr nicht dabei helfen, wenn sie einen Schub hat. Die Hitze und der Jetlag nimmt sie leider sehr mit.“. spricht er Englisch, damit es alle verstehen können.
‚Nanu? Versucht er gerade zu helfen und gibt Marie als seine vierte Tochter aus? Eine interessante Idee mit dem Schub.‘
Tina übersetzt und ergänzt seinen freundlichen Hinweis und bittet die Leute zu bezahlen oder für etwa fünfzehn Minuten den Laden zu verlassen, damit sie wieder Ruhe hat.
Die japanischen Stammgäste jubeln bedacht.
„Unsere Tora ist die Beste. Immer ein Herz für ihre Kunden.“, äußert ein Mann begeistert und scheucht die anderen Japaner raus. Von den Touristen gehen nur vier raus und folgen den anderen. Nun sind noch einige da und sie starren weiterhin auf sie. Es sind vier kräftige europäische Männer, etwa so um die dreißig und Tina versucht herauszufinden was mit ihnen los ist. Sie tuscheln miteinander und dann gehen zwei von ihnen ebenso raus vor die Tür. Tina kann sie nur wenig wahrnehmen, da Marie vor ihr steht und die Sicht verdeckt.
‚Mit denen stimmt doch was nicht.‘
„Bitte seien Sie so höflich und gehen Sie auch raus, damit sich die junge Frau kurz ausruhen kann. Oder wollen Sie, dass sie mir hier zusammenbricht? Die Hitze macht alle fertig heute. Sie benötigt dringend Ruhe.“, ertönt Tinas Stimme in Deutsch. Es wird wieder getuschelt, aber diesmal kann Tina genau erkennen was sie sagen.
„Die Kleine ist ohne Begleitschutz? Wie praktisch. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.“, grinst der eine und schaut kurz zu Jacky und Lee rüber.
„Die Verkäufer nimmst du. Um den Alten kümmere ich mich.“ Die beiden sind selbst etwas irritiert. Was wollen die Männer auf einmal? Da sie die Sprache nicht verstehen, haben sie nicht mitbekommen was wirklich los ist, aber das bedeckte Handzeichen von Tina haben sie gedeutet. Somit geht Jacky vor zur Ladentür und schließt diese ab, Lee drückt unterm Tresen unauffällig auf einen Knopf, geht zur Nebeneingangstür und schließt diese ebenso ab. Das sind alle Türen, die Kunden einsehen können, da sie offizielle Fluchtwege sind.
‚Nanu, wieso schließen die Verkäufer die Fluchtwege ab? Was hat das zu bedeuten? Was haben die überhaupt vor? Worin liegt denn das Problem? Was ist denn daran so interessant, dass diese junge Frau die Schwester von diesem Fußballer ist? Oder geht es hier um etwas anderes?‘, geht durch den Kopf des deutschen Hauptkommissars.
Tina schaut neben sich und winkt die kleinen Kinder der Familie ran.
„Geht zu eurer Mutter in die Umkleide, sofort.“ Der Umkleidebereich ist mit einer festen Wand vom Kundenraum getrennt und bietet in beide Richtungen einen Sichtschutz. Dann schaut Tina zur Keeperin auf.
„Hast du vorhin verstanden was Marie meinte? Vertraust du mir?“ Das Mädchen nickt grinsend und flüstert.
„Ja, du warst auch Keeperin?“ Tina nickt.
„Du bist groß und kräftig genug um Marie hinter dir zu verstecken. Nimm sie mit zur Umkleide rüber. Dort befindet sich am Ende des Gangs die Fluchttür, hinter dem Poster ist sie. Du musst es nur zur Seite ziehen. Du bleibst als Vertraute bei ihr, okay? Der Gang führt euch ins Lager. Dort wartet ihr alle einfach bis jemand euch abholt. Und dann Tür offenlassen und leise sein.“, flüstert sie und blickt dann zum Jungen auf. Das Mädchen folgt ihrer Aufforderung und geht leise bis zur Wand mit dem Poster. Sie nimmt das Poster ab und öffnet leise die Tür, so dass sie hindurchgehen können und im Lager stehen.
„Zwei Bälle!“, macht Tina dem Jungen eine Ansage und blickt zum Regal. Er tut was sie sagt, geht schnell zum Regal und nimmt zwei Volleybälle und bringt sie ihr.
„Welche Position spielst du?“ Er schaut erst und grinst.
„Wie Sie, im Angriff.“
„Wie gut bist du?“
„Gut genug für das was Sie sicher vorhaben.“, grinst er selbstsicher, gibt ihr einen Ball und stellt sich dann neben Tina, welche sich links neben seinen Vater stellt.
„Bei „Hey“ auf Grau!“ Der Junge ist verwundert und blickt zu Tina, nickt und betrachtet sie von der Seite. Ihr Blick ist sehr ernst und sie steht da als würde sie bei einem Spiel Aufschlag machen wollen. Einfach nur aus dem Stand heraus. Er weiß, dass sie sehr stark ist, denn er hat sich schon viele Spiel online und im Fernsehen angesehen und die Meisterschaft verfolgt. Seitdem hat er versucht auch so einen starken Ball zu spielen. Es ist ihm zwar nie gelungen, dass seine Gegner eine taube Hand bekommen, aber sehr starke Bälle hat er trotzdem drauf.
‚Jetzt erlebe ich die Tigerin mal live und dann auf diese Weise. Wie ruhig sie bei so einer Situation ist. Wahnsinn dieser Blick. Wie kann sie jetzt überhaupt so ruhig bleiben? Wir sind auch ruhig. Vater hat es uns so beigebracht. Bei Gefahr immer Ruhe bewahren, dann kann man sich mit klaren Gedanken daraus befreien.‘
Dann ertönt Tinas strenge und bestimmende Stimme.
„Letzte Warnung! Gehen Sie, was auch immer Sie vorhatten. Sie machen meinen Kunden Angst. Mein Kollege lässt Sie raus, wenn Sie augenblicklich gehen. Wenn nicht, endet das hier mit bösen Beulen und einem Polizeieinsatz!“
‚Oha, die Frau ist ja echt mutig. Aber sie hat alles richtig gemacht. Bringt alle in Sicherheit und dann greift sie erst an. Es ist nicht zu ersehen ob sie bewaffnet sind oder nicht.‘
Plötzlich zücken beide ein längeres Taschenmesser und grinsen. Der Mann mit dem grauen Shirt geht auf Lee zu.
„Denken Sie, das schüchtert uns ein?“
„Wir haben was zu erledigen und das wird gemacht.“, brabbelt der Mann mit dem schwarzen Shirt unverständlich auf Russisch vor sich hin und geht langsam auf die drei zu. Der Kommissar ist verwundert. Er kann zwar deuten, dass es Russisch sein könnte, aber verstehen tut er nichts. Es ist eher die Klangfärbung. Tina jedoch kann es ablesen. Sie hat Glück, denn Russisch war eine der Sprachen, die sie von Kindesbeinen auf gelernt hatte.
‚Das ist gar nicht gut. Was hat das zu bedeuten? Was haben die denn zu erledigen? Andrea, Martin…wo bleibt ihr denn?‘
Der Kommissar und seine Familie Teil 1
Kapitel 75
Der Kommissar und seine Familie Teil I
Herr Heinemann greift plötzlich in seine Hosentasche und holt einen Ausweis heraus und zeigt ihn vor sich.
„Beenden Sie das! Sie wollen doch wohl meinen Urlaub nicht ruinieren und einen Beamten angreifen? Die japanische Polizei sieht das gar nicht gerne, wenn ein Berufs-Kollege angegriffen wird.“ Tina ist erstaunt, hat sie sich doch nicht getäuscht. Ihr kam es vorhin so seltsam vor, dass die Kinder kaum Angst gezeigt haben, einfach machen was sie sagt und der Sohn auch auf eine erstaunlich ruhige Art mit ihr hier stehen kann. Dann vernimmt sie endlich eine Bewegung im hinteren Teil des Ladens. Eine Sportjacke bewegt sich leicht. Ebenso bemerkt sie im Kassenbereich eine leichte Bewegung in Fußhöhe des Lochregals. Eine Aufhängung hat sich kurz bewegt und die Socken haben etwas gewackelt. Jeweils Signale außerhalb der Sichtweite der Angreifer.
‚Das geheime Zeichen. Endlich.‘
„Was wollten Sie zwei überhaupt? Wieso sind Sie hier? Halten Sie meinen Verkäufer da raus!“, spricht Tina sehr zornig.
Beide grinsen nur und schreiten ihren Weg weiter. Dann bleibt der im grauen Shirt etwa einen Meter vor Lee stehen und fuchtelt mit dem Messer vor seiner Nase rum.
„So Kleiner. Kasse auf!“ Lee bleibt cool.
„Hey! Lassen Sie ihn!“, ruft sie nun und der Junge wie auch sie setzen zum Schlag an und versetzen beiden Typen eine ordentliche Kugel an den Kopf. In dem Moment kommt Andrea hinter den Jacken vor und beobachtet ob der Mann in Raummitte wieder aufsteht. Und ja, er richtet sich mit gebrochener Nase sofort wieder auf und schaut zornig zu Tina und will das Messer werfen, doch genau in diesem Moment reißt Andrea ihn mit dem Gesicht voran zu Boden sodass ihm das Messer aus der Hand fällt, hält ihm mit den Händen auf dem Rücken fest und stößt das Messer weg. Kurz zuvor hat Lee den Typen vor sich mit einer Drehung nach hinten irritiert, als der Ball angeflogen kommt und ihm einen heftigen Schlag verpasst. Nun greift Martin ein, wehrt das Messer ab und drückt den Kerl ebenso zu Boden. Beide Männer fluchen auf Deutsch und Russisch vor sich hin.
„Gesichert!“, sagt Andrea laut und Martin tut es ihr gleich. „Gesichert!“, ertönt seine kräftige Stimme. Beide sehen sich grinsend an.
‚Andrea, Liebes, ich wusste von Anfang an, dass du eine unbezahlbare Bereicherung bist, wenn es hier um die Sicherheit geht. Deine Pläne und Übungsmaßnahmen mit dem Personal zahlen sich aus.‘ Er holt einen Kabelbinder aus der Tasche den er dem Angreifer hinter seinem Rücken um die Handgelenke gemacht. Er dreht sich zu Jacky, welcher an der Tür steht.
„Gute Arbeit ihr beide. Das lief erste Sahne.“, grinst er ihn an, erhebt sich, zieht den Herren behutsam hoch, geht mit ihm zur Mitte des Ladens zu Andrea und setzt ihn neben den anderen Kerl. Martin blickt dann zu Andrea, welche ebenso ein Kabelbinder anlegt.
„Danke Schatz!“, sagt er nur leise auf Englisch und lächelt sie an.
„Das war knapp. Habt ihr das Studio von außen geschlossen? Wie im Notfallplan?“, erkundigt Tina sich hastig auf Japanisch.
„Natürlich, wir sind los und haben die Anlage aktiviert. Wieso?“, wundert sich Martin.
„Die sind nicht allein hier. Es gab noch zwei Typen. Eventuell sind die hochgegangen. Oder weggegangen, keine Ahnung. Sie haben vorher noch den Laden verlassen. Wenn ich die Aufzeichnungen sehe kann ich eventuell erkennen was sie noch gesagt haben bevor sie raus sind. Die Sicht war vorhin verdeckt. Und wir können sie dann nochmal sehen.“
„Ich gehe kontrollieren und gebe dann Bescheid. Andrea bleibt bei euch. Bleibt solange im Lager. Die Polizei müsste gleich da sein.“ Sofort kommt er auf Tina und dem Kommissar zu. Er sieht ihn freundlich an.
„Kommissar, Danke für Ihre Hilfe. Es tut mir sehr leid, dass Sie mit reingezogen wurden. Ich bin Herr Müller, der Inhaber des Sportcenters. Bitte begleiten Sie mich zu ihrer Familie.“ Dann berührt er Tinas Schulter und schaut zu ihr herab. „Ich bin froh, dass niemanden etwas passiert ist. Besser konnte es in diesem Fall nicht laufen.“, lächelt er beruhigt.
‚Nicht auszudenken, wenn dir was passiert wäre.‘
„Martin, für sowas haben wir keine Zeit. Geh hoch und schau lieber nach dem Rechten.“ Sie gibt ihm schnell die Personenbeschreibung. Er grinst und dreht sich lachend um.
„Jo Chefin. Wird gemacht.“, dann geht er los. Tina ist etwas irritiert und schaut ihm nach.
‚Was ist denn mit dem auf einmal los?‘
„Wie kannst du nach sowas nur lachen? Ausgerechnet heute?“, murrt sie etwas und lächelt ihm jedoch hinterher. Ihr ist klar, dass er sich freut, dass weiter nichts passiert ist. Der Kommissar und sein Sohn folgen Martin. Tina spricht noch den Jungen an.
„Großer, wie heißt du? Ich schätze dich schon auf die 190cm? Ein Riese, wie dein Vater.“, grinst sie.
„Stimmt, kommt fast hin. Andreas.“, antwortet er nur fix und lächelt sie an.
„Andreas, danke für deine Hilfe. Super Schlag. In Extremsituationen so ruhig und bedacht zu bleiben kann nicht jeder. Das wird dich auch im Sport weit bringen.“, lobt sie ihn.
„Es ist mir eine Ehre.“, sagt er cool und folgt dann seinem Vater.
Kurz darauf sind sie im Lager hinter der Tür. Es ist langsam zu hören, dass die Polizei eintrifft. Die Sirenen werden immer lauter. Martin begrüßt die Familie nun endlich und eilt dann aber gleich weiter durch die nächste Tür ins Treppenhaus.
„Guten Tag, es ist alles okay. Bitte bleiben Sie noch alle hier bis die Polizei da ist und übernimmt. Ich bin gleich wieder da.“
Marie schaut zu ihm auf und hat Tränen in den Augen.
„Es tut mir so leid. Ich bin an Allem Schuld. Ich war unvorsichtig. Ich bringe alles durcheinander.“ Er lächelt sie beruhigt an.
„Alles ist gut. Sie haben keine Schuld. Idioten gibt es überall. Bleiben Sie hier bei der Familie, Frau Krause.“ Maries Herz schlägt ganz doll und ihr wird plötzlich ganz warm, als er ihr in die Augen sieht.
‚Wie lieb er ist. So groß und stark. Wie konnte Tina denn so einen tollen Mann nur sausen lassen? Ja, ihr Freund ist auch etwas Besonderes, aber dieser Herr Müller hat auch was. Vor allem ist er groß und stark‘, wird sie etwas rot und dreht sich verlegen aus seinem Blickwinkel.
Martin bemerkt ihre Verlegenheit und geht ihr dann aus den Augen, durch die Tür und eilt endlich hoch und schaut nach dem Rechten. Axel berichtet, dass in den letzten fünfzehn Minuten kein neuer Kunde kam oder es vor dem stillen Alarm etwas Ungewöhnliches war. Martin geht in den offenen Kundenbereich und schaut sich unauffällig um. Natürlich hat niemand von dem stillen Alarm etwas mitbekommen und alle Kunden sind ganz normal mit ihrem Training beschäftigt. Dann geht er durch die Ankleide der Männer und bemerkt auch dort nichts Verdächtiges. Weder in der Umkleide noch in den Toiletten. Die Kollegin Christine, welche er durch die Frauenumkleide geschickt hat vermeldet auch, dass alles okay sei. Nächstes Ziel ist der Weg zum Büro, Lift und hoch im VIP-Bereich. Auch dort ist alles beim Alten. Den Rückweg nimmt er über das Treppenhaus. Auch hier ist Niemand. Dann greift er zum Telefon und gibt Andrea die beruhigende Nachricht durch. Es kommen keine weiteren Räumlichkeiten in Frage, da alle andere immer abgeschlossen sind.
‚Hm, fehlen nur noch Arztpraxis, Frisör und Kosmetikstudio.‘
Er greift zum Telefon und ruft alle Bereiche durch. Jeder klingt normal und meldet keine Vorfälle oder in dem Zeitraum Neukunden. Alles beim Alten, Niemand äußert eines der abgesprochenen Codes in seinem Gespräch. Beruhigt legt er auf und gibt auch diese Info an Andrea weiter. Dann geht er zum Laden runter und kommt wieder durch den normalen Hintereingang hinter dem Tresen herein. Der Laden ist etwa mit sechs Polizisten voll. Zwei Herren halten in dem Moment die beiden Täter fest und ein Kommissar redet mit Andrea. Ein anderer Polizist nimmt Zeugenaussagen der Verkäufer auf und die zwei Damen reden mit Tina. Diese gibt ihre Täterbeschreibung der fehlenden Männer durch und die Kommissarin ordnet die sofortige Suche an. Sie gehen dann zu den anderen Zeugen, welche im Lager sind. Als Tina und die Polizistinnen das Lager betreten sitzt die Familie Heinemann auf dem Boden und spielt Karten. Eine sehr gute Ablenkung für die ganz Kleine, denn sie hat gar nicht so richtig mitbekommen was überhaupt los war. Der Vater sitzt auch, aber ohne mitzuspielen. Ihm ist klar, dass er als Zeuge gleich aussagen muss. Alle sind fröhlich und Marie sitzt daneben und zeichnet die ganze Familie beim Spielen. Plötzlich klingelt Tinas Handy. Sie schaut auf das Display und erkennt Kojiros Nummer.
„Bitte Entschuldigen Sie mich kurz. Es ist sehr wichtig.“, spricht sie zu der ranghöchsten Beamtin. Dann geht sie etwas zur Seite und nimmt ab.
„Bettina, alles okay bei dir?“, spricht er ganz besorgt.
„Ja, alles okay. Wo bist du?“
„Ich war bis eben noch beim Doktor. Ich wollte eben gerade zum Taxistand und da habe ich die Polizei vorm Laden entdeckt. Dann wollte ich wieder ins Center rein, aber die Tür ist von außen zu. Bist du da drin?“
„Es gab hier einen dummen Vorfall, aber es ist niemand verletzt. Alles ist gut, dank Andreas Sicherheitstraining mit uns allen. Die Türen gehen aktuell nur von innen auf damit niemand von außen reinkommen kann. Das hat Andrea alles mit dem Sicherheitssystem eingerichtet, wenn stiller Alarm ist. Dann können im Notfall nur die Polizei oder Sicherheitskräfte rein.“
„Ach so. Gute Idee. Beim Rausgehen habe ich nichts bemerkt. Was war denn los?“
„Ich kann dir das jetzt nicht erzählen, die Polizei wartet auf meine Aussage.“, spricht sie leise.
„Das beruhigt mich nicht wirklich. Ich würde dich gerne sehen. Ist das möglich, sonst habe ich gar keine Ruhe.“, spricht er ernst und bestimmend.
„Du machst dir Sorgen. Tut mir leid. So war der Tag nicht geplant. Er hat so schön begonnen. Ich rufe Axel an, dass er kurz öffnet und dich reinlässt. Er soll dich dann irgendwo warten lassen, okay? Mehr kann ich jetzt nicht machen.“, klingt sie betrübt.
„Okay. Ich bleibe erstmal vor dem Haupteingang stehen.“
„Ich liebe dich.“
„Bettina, ich liebe dich auch.“ Beide legen herzklopfend auf und Tina fasst sich kurz ans Herz.
‚Ach Kojiro. Warum muss das ausgerechnet heute passieren?‘ Sie schließt kurz die Augen und in ihren Gedanken spielt sich der romantische Morgen ab. Sie sieht seinen liebevollen Blick und spürt seine warme Umarmung.
‚Du gibst mir Kraft, Kojiro. Ich schau was ich hinbekomme.‘ Daraufhin ruft sie bei Axel am Tresen an. Natürlich öffnet er die Tür und Kojiro kann wieder ins Gebäude und schließt die Tür hinter sich und folgt Axels Anweisung. Tina vernimmt im Lager das leise Summen hinter ihrer Tür, öffnet ganz kurz, und sieht wie Kojiro zum Lift geht. So weiß sie ihn auch gleich in Sicherheit, wer weiß ob die Männer noch in der Nähe sind. Dann schließt sie die Tür wieder und wendet sich den Beamten zu, übersetzt die Zeugenaussagen der Eltern und der großen Jugendlichen, die etwas mitbekommen haben. Die beiden jüngeren sitzen weiterhin und spielen. Sie haben weiter nichts mitbekommen.
„Frau Fuchs, nun sind Sie dran. Haben Sie etwas bemerkt was uns weiterhelfen könnte was die Herren wollten? Sie sagen nur, sie wollten den Laden überfallen, aber das klingt nicht nach der Wahrheit.“, schaut sie die Kommissarin an.
„So richtig konnte man das nicht deuten. Sie haben, wie Frau Krause bereits berichtet hat, mitbekommen, wer sie ist und dann aber den Laden nach freundlicher Aufforderung nicht wie die anderen Kunden verlassen. Sie können sich das nachher alles auf der Kamera ansehen. Ich kann es anhand dessen auch besser erklären und Ihnen übersetzen.“
„Oh, es gibt hier Kameras? Wie praktisch.“, ist die erfahrene Frau begeistert.
„Das ist ja auch nur für solche Notfälle. Die werden täglich nach Ladenschließung gelöscht, wenn nichts zu prüfen ist.“
„Das ist gut. Wir sehen uns die Aufnahmen an. Dann können Sie uns übersetzen helfen und erklären was nicht zu sehen ist.“ Tina nickt.
„Ich würde gerne vorher selbst nochmal mit den Tätern reden, ist das möglich? Vielleicht habe ich Glück und sie verplappern sich. Sie haben neben Deutsch auch Russisch gesprochen. Ich denke nicht, dass sie wissen, dass ich oder jemand anderes hier es versteht.“
„Oh, Sie sprechen Russisch? Davon habe ich gar nichts in Ihrer Biografie gelesen. Dort steht nur etwas von Spanisch, Englisch und Französisch drin.“, ist die Beamtin erstaunt und ihre Auszubildene ist ebenso verwundert und begeistert zugleich. Tina grinst und schaut dann aber ernst.
„Das ist ein Geheimnis und Sie müssen das unbedingt für sich behalten, also die Polizei. Okay? Sehr wichtig. “
„Sie möchten nicht, dass es in den Medien steht, richtig?“ Tina nickt mit ernstem Blick.
„Richtig, ich will mir den Trumpf bis zur WM aufheben, wenn Sie verstehen was ich meine?“, grinst sie und kratzt ihr etwas am Nationalstolz, denn sie hat bereits bemerkt, dass die beiden Damen in Uniform Fans zu sein scheinen. Beide nicken und schmunzeln sie an.
„Okay, das nenne ich einen guten zusätzlichen Trumpf. Wir halten dicht. Die Aufnahmen werden dann ins Labor gebracht und so oder so übersetzt, aber jetzt bereits eine Übersetzung zu haben spart extrem viel Zeit.“
Uwe kommt nochmal auf die drei Frauen zu und spricht Tina an.
„Haben Sie Ihnen gesagt, dass die beiden Russisch gesprochen haben? Ich habe zwar nichts verstanden, aber das ist sicher nicht unwichtig.“
„Herr Heinemann, das habe ich bereits vermeldet und ich werde es ihnen übersetzen. Sie müssen das aber für sich behalten, dass ich es verstehe, okay? Ich verrate meinen Trumpf nur, damit schneller ermittelt werden kann.“, erklärt Tina leise und ruhig.
„Übersetzen? Wie meinen Sie das?“
„Es gibt Sicherheitskameras im Laden. So haben wir Ton und Bild.“
„Oh, dann lassen Sie mich es gerne übersetzen, dann kann das im Protokoll offiziell drinstehen, dass es hier schon gemacht wurde.“ Tina ist erstaunt.
„Wow, Sie sprechen auch russisch?“, spricht sie ihn auf Russisch an. Er grinst. „Natürlich, war meine erste Fremdsprache und solange man die Sprachen pflegt geht es nicht verloren.“
„So machen wir das. Sie haben dann sogar die Möglichkeit mal in die Polizeiarbeit der Japaner zu schauen. Vielleicht hilft Ihnen das später mal irgendwann weiter.“
Tina wendet sich wieder an die Kommissarin und erklärt ihr, dass der Kunde die Übersetzung offiziell machen wird, dann kann sie es auch protokollieren. Sie stimmt dem zu. Dann gehen sie zu viert vor zum Kundenbereich.
Den beiden Tätern wurden bereits die Kabelbinder entfernt und Handschellen umgemacht. Als Tina den Geschäftsraum wieder betritt schauen sie beide auf zu ihr und haben einen zornigen Blick drauf.
„Blödes Weib. Wer sollte damit rechnen?“, flüstert der eine zum anderen. Tina kann es zwar nicht hören, aber von den Lippen ablesen. Sie hält es in der Regel verborgen. Russisch und Deutsch hat sie damals von ihrer Mutter schon im Kindesalter Lippenlesen gelernt. Das fand sie so aufregend und fing später an die Sprachen weiter zu lernen und auch das Lippenlesen hier und da zu manchen Sprachen zu ergänzen.
„Uns mit einem Ball auszuschalten. Was bildet die sich ein? Na sie wird noch ihr blaues Wunder erleben.“, flüstert der andere ebenso auf Russisch knurrend zurück. Mit einem beachtlichen Abstand stehen die drei Frauen nun vor ihnen und Tina schaut ihnen wütend in die Augen. Einem nach dem anderem, so als würde sie ihrem ärgsten Feind gegenüberstehen. Sie wartet ein paar Sekunden und verschränkt die Arme.
„Was wollten Sie hier und wo sind die anderen zwei Herren?“, spricht sie streng auf Deutsch. Der Herr im schwarzen Shirt spukt ihr plötzlich vor die Füße.
„Das geht dich einen Scheiß an, Fräulein!“, sagt er zornig auf Deutsch. Laut genug, dass es alle genau hören können. Der Beamte, der ihn festhält zieht ihn fest zurück. Martin und auch der deutsche Kommissar, die es verstehen, wundern sich beide sehr. Was hat dieser Mann denn nur für ein Problem mit ihr? Tina versucht die Coole zu mimen und lässt die Herren gut eine Minute lang ohne Gegenwind und blickt ihnen nur abwechselnd in die Augen. Das macht die zwei nervös.
‚Wieso starrt die uns so an? Erstaunlich, dass sie überhaupt mit uns reden will. Sie spielt hier schon die ganze Zeit die Heldin.‘
„Das Weib hat sie nicht alle. Für uns ist der Auftrag gelaufen.“, flüstert der im grauen Shirt plötzlich zu dem anderen in der osteuropäischen Sprache.
„Du hast Recht. Müssen die anderen ihr Glück versuchen. Der letzte Auftrag war leichter.“, grinst dieser zurück.
„Stimmt, bei der Karre war das leicht.“
„Und nicht so ein doofes Revier wie das hier.“, murrt er. Tina bleibt cool, obwohl sie einiges sehr seltsam findet. Aber wenn sie sich jetzt dazu äußert, wissen sie über ihre Sprachkenntnisse Bescheid. Uwe hält sich ebenso zurück.
‚Das klingt ja seltsam. Was meinen die mit Auftrag und Karre?‘
„Nun sagen Sie schon wo die anderen beiden hin sind?“, provoziert Tina die beiden erneut.
„Mach dir nicht ins Hemd, Kleine!“
„Das wirst du noch früh genug erfahren.“, murmelt der andere wieder auf Russisch vor sich hin und grinst die Sportlerin an.
Tina winkt die beiden ab und geht einige Schritte mit der Kommissarin zurück, dreht sich mit dem Rücken zu den Tätern und spricht sei ganz leise an.
„Die rücken nicht raus. Am besten ins Auto bringen lassen, ganz langsam. Ich versuche sie nochmal zu provozieren, eventuell hilft das. Sie haben eben schon einiges angedeutet.“ Die Frau nickt und ordnet das Einladen der Täter an.
‚Tora ist nicht dumm. Sie weiß, dass ich ihr als Fan etwas Freiraum lasse. Eine gute Idee, die Herren nochmal aus der Reserve zu locken.‘ Kurz vor der Ausgangstür ruft Tina ihnen noch was zu.
„So richtig hat sich die Aktion ja nicht gelohnt, oder? Zu zweit mit Messern einen Laden überfallen. Wer kam auf die dämliche Idee früh morgens, wenn die Kasse leer ist?!“ Beide grinsen vor sich hin und flüstern sich etwas zu.
„Die wird sich wundern, wenn sie das nächste Mal ihr Lokal betritt.“
„Genau, wenn sie es betreten kann.“, lacht der Andere. Sie sind durch die Festnahme und den Gang nach Draußen von Tina abgewendet, aber sie kann es jedoch trotzdem hören. Sofort läuft sie zur Tür, schließt diese, damit man sie nicht hören kann.
„Die Gaststätte. Sie sind dort!“, spricht sie ganz laut und schaut entsetzt zu Martin.
„Wie jetzt? Das haben die eben gesagt?“, wundert er sich.
„Das stimmt. Sie sprachen eben von einem Lokal. Und es klang nicht gut.“, bestätigt es der deutsche Kommissar.
Tina übersetzt es ganz schnell und gibt die Adresse an die Ermittlerin, welche sofort über Funkt ein paar Einheiten in Zivil dort hinschicken lässt. Mit einem stillen Einsatz sollen die Täter nicht gleich gewarnt werden. Man möchte sie auf frischer Tat ertappen.
Tina greift zum Telefon und ruft direkt im „De Mecklenburger“ an. Niemand geht ran. Dann wählt sie Hitomis Nummer, auch hier nimmt niemand ab. Sie versucht es bei Roland. Endlich nimmt jemand ab.
„Roland. Wo bist du jetzt?“
„Äh, guten Morgen erstmal. Wo ist deine…“, wundert er sich nur über den Tonfall.
„Bist du im Lokal?“
„Ja, meine Güte. So schnell kann ich nicht aus dem Kühlhaus raus. Ich habe es klingeln hören.“
„Bist du alleine?“
„Ja, wieso? Hitomi kommt wohl später. Ich wollte …“, sie unterbricht ihn.
„Schließ schnell alle Türen ab, auch die Riegel, damit niemand reinkommt und verschwinde dort. Geh durch die Hintertür im Innenhof über den Blumenladen raus. Verlasse es so schnell wie möglich!“, macht sie klare Ansagen und spricht besorgt.
„Was ist los?“, wundert er sich nur.
„Raus da! Ruf zurück, wenn du raus bist. Polizei ist unterwegs.“ Sofort legt er auf, steckt das Handy ein, schließt die Türen zu, verriegelt sie und schnappt sich fix seine Privatkleidung und den Rucksack. Dann eilt er zur Hoftür, schließt diese ebenso zu und geht zum Blumenladen durch die Hoftür.
Die beiden Damen blicken ihn nur verwundert an, als er mit seiner Kochkleidung im Lager zwischen den Palmen steht.
„Roland? Was ist denn mit dir los?“
„Sorry, Notfall. Kann ich mich schnell bei euch umziehen? Ich erkläre es nebenbei.“ Die Frauen helfen natürlich und lassen ihn in ihrem Personalraum sich umziehen. Das dauert keine fünf Minuten, dann stopft er seine Uniform in den Rucksack und bedankt sich bei ihnen.
„Tut mir leid. Ich weiß auch nicht was los ist. Bleibt bitte selbst auch auf der Hut. Tina sagt, die Polizei sei gleich hier. Ich rufe sie jetzt an.“
Dann geht er raus und hält sich auf der Ladenstraße auf, wenn jemand ins Lokal will, dann muss er immer hier vorbei. Er verhält sich unauffällig und geht offensichtlich spazieren und bleibt in Lokalnähe.
Unter dem Vorsatz auf Toilette zu müssen verlässt Tina den Laden.
Oben am VIP-Raum 2 klopft sie an. Kojiro lässt sie herein und klinkt die Tür zu.
„Was ist passiert?“ Er bemerkt ihre Anspannung und nimmt sie in die Arme und drückt sie fest an sich.
„Was auch immer ist. Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist.“ Tina genießt die Ruhe und seine warmen starken Hände. Dann schaut sie plötzlich zu ihm auf. Er deutet ihren sehsüchtigen Blick und küsst sie.
‚Kojiro, danke. Wieso nur? Wieso will jemand meiner Gaststätte etwas antun? Wir haben doch niemanden etwas getan. Und was meinte der Typ mit Karre? Welche Karre? Und was war jetzt leichter? Ich verstehe das alles nicht.‘
Tina löst sich von dem Kuss und ihre Anspannung ist etwas weg. Sie schaut zu ihm auf und fängt an in kurzen Sätzen das Wichtigste zu berichten.
„Und deswegen, Kojiro, ist es noch nicht vorbei. Wir müssen jetzt abwarten was passiert. Was mache ich denn nur? Ich mag gar nicht einfach so rumstehen? Und nun habe ich auch noch dieser liebenswerten Familie ihren Urlaub verdorben. Die haben sicher jahrelang darauf gespart.“
„Hm. Das stimmt. Aber so darfst du das nicht sehen. Du sagst, es sind Fans? Die ganze Familie? Ist doch toll. Deinetwegen kommen Leute extra hier her?“
Sie lächelt.
„Ja so hat es die Mutter erzählt. Und stell dir vor, sie war selbst mal Nationalspielerin und bei der Olympiade 1980 dabei. Frau Heinemann ist eine Legende als Zuspielerin, ist das nicht genial? So jemand besucht mich hier extra. Silber bei einer Olympiade, Wahnsinn.“
„Das ist gut, dann werden sie Verständnis haben und dir das nicht übelnehmen. Es ist gut, dass die Polizei Bescheid weiß und die dortigen Kollegen informiert hat. Sorge dich bitte nicht, es wird gut gehen, okay?
Wenn das alles vorbei ist, lass dir etwas Nettes für die Familie einfallen. Lad sie vielleicht heute Abend zum Spiel ein, wenn es geht. Das ist sicher was Aufregendes. Fans lieben Erlebnisse, die niemand anderes hatte. Aber nun müssen wir erstmal abwarten.
Soll ich zum Lokal fahren und nach dem Rechten schauen? So von Weitem quasi?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Nein, ich will nicht, dass dir was passiert. Fahr zum Training, lenke dich ab, power dich dort aus und informiere unsere Freunde, damit ich jemanden im Notfall per Handy erreichen kann.“
„Okay, du wirst vermutlich erstmal aufs Revier müssen solange die Leute gesucht werden. Ich habe Angst um dich, Bettina. Was können die denn nur gewollt haben? Das hatte doch nichts mit Marie zu tun. Woher sollten die gewusst haben, dass sie hier ist. Und dass du heute im Laden bist war sicher auch nicht vorauszusehen, das war beides Zufall.“ Tina nickt und ihr laufen Tränen übers Gesicht.
„Wenn ich das wüsste, Kojiro. Ich hatte neulich so einen seltsamen Alptraum. Letzte Woche, kurz nachdem wir uns kennengelernt haben. Jetzt ist er mir plötzlich wieder eingefallen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es etwas damit zu tun hat.“ Er wundert sich.
„Bettina, was meinst du? Hast du nicht gesagt, du hast keine Alpträume mehr?“
„Stimmt ja auch. Es ging nicht um Stephan, sondern um meine Eltern. Das war eine Nacht wo du nicht bei mir warst. Ich habe von ihrem Unfall geträumt und irgendeine Stimme rief nur, ich könne jemanden nicht trauen. Aber ich habe mir weiter nichts dabei gedacht und es niemanden erzählt. Was ist, wenn die Männer etwas damit zu tun haben? Und was ist, wenn sie es waren, die damals eingebrochen sind? Martin hat sie zwar der Polizei gemeldet, als er neulich früh am Morgen auftauchte und wir uns die Grundrisse angesehen haben. Aber passiert ist bisher nichts weiter.“
Kojiro überlegt und versucht es zu deuten.
„Was genau hast du denn geträumt? Was ist denn überhaupt passiert, also der Unfall?“, spricht er ganz ruhig und versucht sein eigenes Herzklopfen zu beruhigen indem er sie ganz zärtlich am Kopf streichelt und in die Augen sieht. „Sie waren auf dem Weg zu Genzos Eltern und dann haben plötzlich die Bremsen versagt und sie…sind in einen Abgrund gestürzt. Ein technischer Defekt.
Aber in meinem Traum bin ich ihnen hinterher gesprungen, um sie zu retten. Dann aufgewacht.“ Sie pausiert und schaut dann zur Seite.
„Ich habe noch nie davon geträumt. Nicht einmal, aber dann plötzlich. Aber auch nur einmal.“
Er berührt ihr Kinn zärtlich und dreht ihr Gesicht wieder zu sich.
„Das wird sich alles aufklären.“, spricht er überzeugend und beruhigend. Dann gibt er ihr überraschend einen leidenschaftlichen Kuss. Beide Herzen schlagen ganz doll und ihnen wird wärmer. Immer wenn sie sich küssen scheinen alle Sorgen weit weg zu sein.
‚Ach Kojiro, in deinen Armen fühle ich mich immer so geborgen und sicher. Du gibst mir so viel Wärme und Kraft.‘
Plötzlich klingelt ihr Handy und Tina erschrickt etwas und zuckt zusammen. Beide lassen von einander und sie schaut auf die Nummer. Es ist eine Tokio-Nummer. Sie ist nicht eingespeichert, aber sie weiß wer es ist.
„Nanu. Von so weit oben?“, stößt sie verwundert aus. Kojiro wundert sich nur.
„Weit oben? Wer ist das? Kennst du diese Nummer?“ Tina sieht ihn noch angespannt an, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und räuspert sich kurz, damit man ihre verweinte Stimme nicht hören kann.
„Ja, Akanes Vater, die aus dem Todai-Team. Du hast mit ihr telefoniert.“ Sie zeigt auf ihre Lippen, dass er leise sein soll. Er wundert sich trotzdem. Wieso ruft ihr Vater an und was meint sie mit „Ganz oben“? Tina hebt ab und begrüßt den Mann.
„Guten Tag Takeru-san.“, versucht sie ruhig zu bleiben. Ihr Puls jedoch ist sehr hoch.
„Bettina-san, was ist da bei euch los? Wieso mussten meine Leute ausrücken? Geht es dir gut?“, klingt eine besorgte aber auch dunkle ernste Stimme.
„Mir geht es soweit gut. Es wurde niemand verletzt. Dass du extra anrufst, das wundert mich. Du hast noch nie angerufen, wenn der Alarm losging.“
„Na hör mal, wenn hier ne Suchmeldung auf meinem Tisch landet, und die Kollegen im 18. Revier wegen Gefahr in Verzug zu deiner Gaststätte gerufen werden, kann ich das doch nicht ignorieren. Wir sehen uns auf dem Revier. Die Typen werde ich persönlich verhören. Wenn du willst kannst du hinter dem Glas dabei sein.“
„Muss ich denn unbedingt aufs Revier kommen?“, stutzt sie. Kojiro wundert sich nur mit wem sie denn da überhaupt redet.
„Herkommen müssen alle Zeugen bei einem bewaffneten Überfall. Das tut mir leid, aber da kommen wir nicht drum rum. Schon aus Sicherheitsgründen. Du bist eine Person des öffentlichen Lebens, ich werde mich doch nicht mit deinen Fans anlegen, wenn dir was passiert. Was ist, wenn die Typen erneut vorbeikommen oder es nicht nur die beiden sind, die zu denen gehören? Ich sag der Kommissarin, dass ihr sofort rumkommen sollt. Dann klären wir hier alles.“ Genau in diesem Moment klopft es an der Tür und Andrea kommt rein, schaut aber nicht herein, sondern spricht nur deutlich durch die Öffnung.
„So ihr Zwei, Schluss jetzt mit Trösten! Tina, deine Russischkenntnisse werden gebraucht. Die Kommissarin hat nach dir verlangt. Die Kamera wird ausgewertet.“, spricht Andrea laut, laut genug, dass der Herr am anderen Ende der Leitung alles verstehen kann. Tina murrt sie an.
„Musst du so laut sein?“ In dem Moment betritt sie den Raum und schaut zu ihnen.
„Du willst doch selbst, dass es schnell geklärt wird.“
„Bettina-san, war das Andrea? Gib sie mir mal bitte.“, kommt die strenge Stimme aus dem Hörer. Tina ist etwas irritiert, aber sie weiß, wenn Akanes Vater einen strengen Ton ansetzt, dann gibt es keinen Widerspruch. Also befolgt sie seiner Anweisung ohne etwas dazu zu sagen.
„Saito-san möchte mit dir reden.“, klingt sie gereizt und reicht ihr das Handy rüber.
„Wie jetzt? Wieso ruft er dich an?“, wundert sie sich. Höflich begrüßt sie den Revierchef des 87. Polizeireviers.
„Frau Hopkins, Guten Tag. Ich hörte es gibt Aufnahmen von dem Überfall?“, hakt er nach.
„Richtig. Wir wollen die jetzt auswerten.“
„Das machen wir auf dem Revier. Bitte bringen Sie die Aufnahmen mit und Bettina-san soll auch herkommen. Ich rufe die Kommissarin an und sage es ihr. Ich werde anwesend sein.“, gibt er ihr zu verstehen.
„Sir, wenn Sie das sagen, natürlich.“
Polizeirevier 87 / 100
76.Kapitel
Polizeirevier 87/100
Andrea gibt Tina das Handy zurück.
„Bettina-san?“, ist die dunkle Stimme erneut zu hören.
„Ja, Takeru-san. Ich bin noch dran.“
„Habe ich das eben richtig mitbekommen, dein Freund ist bei dir?“, klingt er plötzlich sanfter. Tina ist erstaunt.
„Woher...Akane. Sie hat gequatscht, oder?“, murrt sie etwas.
„Ihr ist es heute Morgen beim Frühstück rausgerutscht, als wir in der Tageszeitung einen kurzen Bericht über dich gelesen haben.“
„Welcher Bericht? Ich habe heute noch gar nicht in die Zeitung geschaut.“
„Dass du das japanische Nationalteam der Fußballer ins Programm aufgenommen hast. Es gab auch ein Foto mit dem Mannschaftskapitän und deinem Geschäftsfreund Misugi zusammen.“
„Verstehe, das war zu erwarten. Deswegen war der Laden heute Früh vielleicht so voll.“
„Wieso nur die beiden? Du machst sonst ein Gruppenfoto mit dem Team?“
„Das war heute geplant.“
„Bring ihn mit, den Mann.“, setzt er plötzlich wieder einen ernsteren Ton an.
„Wie jetzt? Wen?“
„Na deinen Freund.“
„Wieso? Er ist kein Zeuge.“ Kojiro ist noch immer etwas verwundert mit wem sie wirklich redet und wendet sich nun an Andrea.
„Klärst du mich mal auf? Wer ist denn der Vater von der Todai-Kapitänin?“ Andrea grinst.
„Er ist der Revierchef vom 87. Revier, das hier um die Ecke. Seine Leute sind unten im Laden.“ Er staunt nicht schlecht und schaut dann nachdenklich zu Tina. Er kann sich kaum vorstellen, dass die beiden so vertraut miteinander reden. Wie kommt es überhaupt, dass sie mit Eltern ihrer Spielerinnen so gut klarkommt? Und ausgerechnet einen Mann, der sicherlich ein sehr zäher Knochen sein muss, denn mit Herzensliebe kann man so ein Revier nicht leiten. Dazu benötigt man viel Stärke, Erfahrung, Durchsetzungsvermögen und Geduld. Dass sie mit so einer Autoritätsperson reden kann als wäre er ein Onkel aus der Familie ist ihm schleierhaft.
„Bettina-san, also wenn es einen Mann gibt, der es schafft über deinen größten Schatten zu springen und ihr es ernst meint, dann bring ihn mit. Es ist immer gut, wenn man jemanden bei sich hat, dem man sich anvertrauen kann.“ Tina zögert etwas und schaut zu Kojiro. Er blickt sie fragend an.
„Was sagt er?“ Tina legt unachtsam den Finger aufs Mikrofon, es bleibt ein kleiner Spalt auf.
„Ich soll dich mitbringen als Vertrauensperson. Aber was sollen die Leute denn da denken? Soweit sind wir noch nicht, wegen der Presse. Denk doch an den Transfer. Und auch die anderen beiden. Die müssen erst durch sein, sonst geht den Vereinen viel Geld flöten.“ Kojiro blickt streng zu Andrea.
„Andrea, bitte gehe schonmal runter, Bettina kommt gleich nach.“, ist seine strenge Stimme zu hören.
‚Oh, das nenne ich eine kräftige und feste Stimme. Das zeigt von Charakterstärke. Wer mag ihr Freund sein? Welcher Transfer?‘
Andrea verlässt etwas murrend den Raum und schließt die Tür wieder.
‚Also manchmal nimmt er sich echt was raus.
Was meint sie mit Transfer? Hat Tina etwa was laufen?‘
Kurz darauf berührt Kojiro Tinas Gesicht und sieht ihr tief in die Augen.
„Bettina, glaubst du im Ernst ich könnte mich noch aufs Training konzentrieren, wenn du und deine Freunde in Gefahr sind?
Vertraust du diesem Mann?“
„Natürlich. Ich würde ihm mein Leben anvertrauen.“
„Wieso machst du dir dann Sorgen? Dann bleibt doch das mit uns bis zur offiziellen Bekanntgabe vor der Presse verborgen. Die Polizei hat genauso eine Schweigepflicht wie Ärzte. Sag ihm, dass ich dich begleite, aber dass ich Promi mit hohem Status bin, dann weiß er schon wie er mich einschleust ohne dass es die Kollegen oder Passanten vor dem Revier merken. Für Sowas gibt es spezielle Pläne. Das müsstest du doch wissen. Du bist selbst Promi-Stufe.“
„Du hast Recht.“, atmet sie erleichtert durch.
„Kojiro, ich bin froh, dass du mitkommst. Ich mag keine Polizeireviere. Ich war hier bisher auf keinem. Ich habe es immer versucht zu vermeiden.“ Er staunt und wundert sich.
„Warum? Krankenhäuser verstehe ich ja, aber die Polizei?“
„Naja, nach dem Überfall saßen Genzo und ich ewig in der Klinik und danach mussten wir aufs Revier, wegen der Zeugenaussage. Und das alles für Nichts. Die Täter wurden ja doch nie gefasst. Es gab ja weiter keine Zeugen und ihre Fingerabdrücke waren nicht in der Datenbank.“
„Fingerabdrücke? Von der Kleidung, ich verstehe.“ Sie schaut plötzlich zur Seite.
„Nicht nur das, Kojiro. Auch die auf der Haut. Ich musste mich…fast ganz ausziehen, weil das Kleid mit Blut voll war und dann…haben die noch gemeckert, dass Genzo mir sein Shirt gegeben hatte und dadurch die meisten Abdrücke unbrauchbar wurden. Ich müsse mich ja nicht wundern, wenn ich so ein kurzes Kleid trage. Als die dann diese Abdrücke genommen haben…da fühlte es sich an, als ob die Typen mich…wieder überall anfassen. Und dann haben sie so doofe Fragen gestellt, wegen der Narben. Also die vom Training. Das war wirklich furchtbar.“ Ihr kullern bereits ein paar Tränen über die Wangen. Dann schaut sie zu ihm auf.
„Stell dir vor, die dachten doch glatt das waren meine Eltern! Ich musste versichern, dass es das nicht war, aber die Wahrheit konnte ich doch nicht sagen. Und die blauen Flecken an manchen Stellen wollten sie den Tätern zuweisen. Die waren doch nur…vom Training.“, klingt sie verzweifelt.
‚Bettina, es muss wirklich furchtbar gewesen sein. Du bist so stark und andere haben Angst vor solchen Situationen und du lässt es über dich ergehen, damit die Täter schneller gefasst werden können.‘ Er nimmt sie in die Arme und spricht sanft und beruhigend.
„Ein Grund mehr, dass ich mitkomme. Bettina, ich werde heute nicht von deiner Seite weichen, egal was kommt!“, bestimmt er. Dann nimmt er ihr das Handy ab, spricht kurz höflich hinein und legt auf. Kaum hat Kojiro aufgelegt, legt er das Handy auf das kleine Tischchen neben sich, hält zärtlich mit beiden Händen ihren Kopf, fährt in ihre Haare und küsst sie. Ihm ist ihr zittriger Körper aufgefallen. Es ist klar, dass sie sehr angespannt ist und plötzlich seine Nähe braucht. Er ist selbst angespannt, denn es will nicht in seinen Kopf, dass sie als Opfer behandelt wurde als wäre sie selbst schuldig oder ihre Eltern die Täter.
‚Ach Kojiro. Du bist zu lieb zu mir. Mir wird wieder so warm und die schlimmen alten Gedanken verschwinden. Danke, danke für diese Erlösung.‘ Ihre Anspannungen löst sich ein wenig und beide genießen den besonderen Moment.
„Entschuldigen Sie die lange Wartezeit. Bettina ruft gleich zurück.“, ertönt am anderen Ende der Leitung als der Revierleiter der 87. aus dem Fenster schaut und gespannt dem Gespräch folgt, welches sich zufällig und unwissend ergeben hat. ‚Hm. Er greift einfach den Hörer und legt auf. Interessanter Typ. Er heißt also Kojiro und ist hoher VIP. Also ein Japaner. Wer mag das sein? Der Name kommt nicht oft vor.‘ Es klopft an seiner Bürotür und er bittet herein.
„Sir, die Zivil-Einheit des 18. Reviers ist postiert. Sie stehen vor Tora-sans Gaststätte. Einige sind zu Fuß unterwegs und halten die Augen auf. Die 800 Ministationen sind alle in der Stadt informiert mit Steckbriefen der zwei Verdächtigen.“, wird Captain Takeru Saito von einem Polizeifrischling informiert.
„Gut. Wir wissen nicht wie viele Leute es wirklich sind, es könnten auch mehr sein. Die Information ist hoffentlich auch bei allen angekommen?“ Der Lehrling nickt.
„Natürlich, Sir.“
In diesem Moment klingelt das Handy des Captains. Es ist Bettins Nummer.
„Habt ihr euch entschieden?“
„Ja. Takeru-san, bist du alleine?“, klingt Tina ernst. Takeru deutet an wieder alleine sein zu wollen und kurz darauf wird die Tür von außen geschlossen.
„Jetzt ja.“
„Kojiro wird mich begleiten. Du hast Recht, es ist besser so. Jedoch gibt es zwei Probleme dabei.“
„Na dann rück mal raus.“, entgegnet er nur, denn eigentlich weiß er ja schon ein wenig was los sein könnte.
„Er…hat einen hohen Promistatus. Wir dürfen aktuell noch nicht als Paar gesehen werden. Privat haben wir zwar soweit alles abgeklärt, aber beruflich müssen wir noch einiges abwarten und wenn die Presse uns als Paar sieht, dann werden einige Dinge nicht nach Plan laufen. Du musst also eine Möglichkeit finden, dass er unbemerkt ins Revier kommt und auch dort nur von den wichtigen Personen gesehen wird, also dir und dem Ermittlerteam. Meine Zeugen werden kein Problem darstellen. Sie kennen die Wichtigkeit. Der Vater der Familie aus dem Laden ist ein Hauptkommissar aus Deutschland, also so wie du es mal warst, als wir uns das erste Mal begegnet sind und du selbst im 18. Revier warst.“
„Ein Berufskollege, interessant. Wir kriegen das hin. Wie hoch ist sein Promistatus? So hoch wie deiner?“
Tina blickt kurz zu Kojiro auf.
„Deutlich höher.“, schmunzelt sie ihn an.
„Okay. Er soll sich was anziehen, das aussieht, als wäre er nur ein normaler Kunde bei euch und kommt einfach mit den Hauptzeugen her. Aus Sicherheitsgründen müssen die Zeugen sowieso mit verdecktem Gesicht hergebracht werden. Es sind um diese Zeit zu viele Leute unterwegs. Ich informiere die Kommissarin, welche euren Fall mit mir zusammen betreuen wird.“
„Okay. Ich bin erstaunt, dass du gar nicht fragst wer es ist.“, wundert sie sich nur. Sie kennt den Mann in der Regel als einen sehr neugierigen Typ. Er stellt sonst viele Fragen und auch mal die, die unangenehm sein können.
„Ich lass mich überraschen. Dieser Mann an deiner Seite muss besonders sein, das hebe ich mir fürs Finale auf.“, grinst er vor sich hin und Tina kann es an seiner Stimme erkennen.
„Du erst…überraschen lassen. Nun gut. Bis nachher.“, beendet sie das Gespräch und legt verwundert auf.
Etwa eine viertel Stunde später treffen die Polizeiwagen in der Fuhrpark-Halle ein und alle bis aus Kojiro steigen gleich aus und gehen zur Zeugenvernehmung. Die Kommissarin Moris begleitet Kojiro einzeln in einen kleinen Pausenraum neben den Vernehmungsräumen. Die Familie und Marie werden in einen großen Raum mit einem großen Tisch gebracht.
„Herr Hyuga, Sie müssen sich meinetwegen wirklich keine Sorgen machen. Ich bin riesiger Fan von Frau Fuchs. Ich werde sie sobald es geht herschicken zu Ihnen. Hier können Sie ungestört sein bis sie einzeln zu den Aussagen aufgerufen werden. Möchten Sie einen Kaffee oder ein Wasser?“, ist sie sehr freundlich und im Inneren etwas aufgeregt. Aber die erfahrende Ermittlerin lässt es sich mit ihrer Coolness nicht anmerken.
„Vielen Dank. Es tut mir leid, dass ich unnötige Umstände mache. Im Moment möchte ich nichts, danke sehr.“, entgegnet er freundlich, aber etwas angespannt. „Sollten Sie sich umentscheiden, bedienen Sie sich einfach.“
Dann verlässt sie den Raum und geht nach nebenan zu ihrem Captain und schließt die Tür hinter sich zu.
„Das nenne ich eine Überraschung, oder?“, meint sie zu ihm, während er total perplex durch die kleine Spiegelwand schaut, welche als Schminkspiegel mit Waschbecken darunter getarnt ist.
„So so, das ist ihr Kojiro…Kojiro Hyuga. Es war nicht übertrieben, er ist wirklich einige Promiklassen über ihr. Wie kann das überhaupt sein? Sie wollte ihn doch nie kennenlernen. Alle Zeitungen waren so scharf darauf, wie die sich mal treffen würden.“, spricht er nur aus, was beide denken.
„Das stimmt. Ich kann mich sehr gut an die vielen Anfragen erinnern. Soweit ich weiß hat er damals bei den Anfragen nur gesagt, es sei ihm egal. Aber sie lehnte es ja immer ab. Sie wollte nichts mit Fußballern zu tun haben. Immer wenn man fragte wieso, dann meinte sie nur keinen Kommentar zu haben.“
„Das fand ich immer komisch. Bettina-san kenne ich nur als aufrichtig und ehrlich. Sie ist sehr selbstsicher und hat das Talent auf die Menschen einzugehen. Aber ebenso geheimnisvoll. Niemals spricht sie von dem was vor Japan war. Sehr selten. Auch ihre Eltern haben nur allgemein erwähnt was sie gemacht haben. Die waren zwar sehr liebenswert, aber auch verschwiegen. Aber die drei waren glücklich, das hat man immer gemerkt.
Frau Moris, Sie sind doch so ein richtiger Fan von Bettina, richtig?“
„Oh ja, total. Ich liebe Volleyball ja so oder so, weil ich früher selbst gespielt habe, aber diese Frau hat echt was auf dem Kasten. Sie kam mit gerademal 17 Jahren her und lernte die Sprache derart schnell und trotz unseres harten Schulsystems und dem sportlichen Druck konnte sie ohne Umwege ihren Abschluss machen und zur Todai. Soweit es heißt war Volleyball völlig neu für sie, als sie herkam. Aber in einem Artikel eines Fans und Schulkameraden wird erwähnt, dass der Trainer sie nur wegen ihrer Fitness und Ausdauer überhaupt ins Team aufgenommen hat. Spielen musste sie erst lernen. Ist doch komisch. Wenn man danach fragt verweist sie aufs Schwimmen. Ich glaube da aber nicht dran.“
„So kenne ich die Geschichten auch. Wussten Sie, dass wir uns schon begegnet sind bevor sie mit meiner Tochter zusammenspielte?“ Sie schüttelt den Kopf. Beide blicken zu Kojiro und beobachten ihn wie er mit den Händen in den Taschen nachdenklich aus dem Fenster schaut.
„Sie wissen, dass Sie hier einem privaten Plausch folgen und es muss unter uns bleiben. Ich mache das, weil wir uns persönlich kennen. Sie müssen wissen, dass ich sehr viel von ihr halte. Sie ist der erste Mensch gewesen, der es geschafft hat meine Tochter von ihrem hohen Ross runterzubringen und sie in die richtige Richtung zu lenken.
Dies hier dient also nur ihrer eigenen Sicherheit, wenn ich sie beschützen will, dann geht das nur, wenn ich endlich weiß was los ist.“
„Ich verstehe. Sie sind sich bereits vorher begegnet? Durch einen Einsatz im 18.? Dort liegt doch auch das Einzugsgebiet ihrer alten Schule, der Musashi. Diese Schule war damals zwar auch nur öffentlich aber hatte einen sehr guten Ruf für Sprach-, Natur- und Kunstwissenschaften. Soweit ich gelesen habe haben ihre Eltern sie deswegen dort hingeschickt, wegen der Sprachen.
Ich war vorhin sehr überrasch, dass sie Russisch spricht. Davon wurde nie etwas erwähnt und Tora hat auch gesagt, es soll nicht bekannt werden, als Trumpf quasi für die WM im nächsten Jahr. Sie hat es mir nur verraten, damit die Übersetzung nicht so lange dauert. Mich würde interessieren ob sie noch andere Sprachen spricht von denen die Fans keine Ahnung haben.“
„Das frage ich mich auch.
Ich bin ihr bereits begegnet als sie noch dabei war ins Team zu kommen. Es gab einen Einsatz in dieser Elite-Sportschule Toho. Sie liegt auch noch knapp im Einzugsgebiet des 18. Reviers. Damals war ich noch Hauptkommissar und da alle anderen unterwegs waren wurde ich geschickt wegen Gewalt unter Schülern. Weiter gehe ich nicht darauf ein, aber sie war eins der beiden Opfer.
Sagen wir mal so. Ich bin vermutlich einer der Wenigen die wissen wieso Bettina in so kurzer Zeit und als unerfahrene Spielerin zur Kapitänin wurde. Denn das was sich dort abgespielt hat war derart kurios, dass es kaum zu erklären ist. Diese Yako Kawasaki war eine erfahrene Spielerin, damals mehrfache Landesmeisterin und durfte bereits an einem internationalen Turnier mitmachen. Sie ist zwei Jahre älter als Bettina. Jeder fragt sich noch heute, wie es sein konnte, dass sie ihren Posten als Teamchefin von selbst abgegeben hat. Und vor zwei Jahren als die Asienmeisterschaft war, hat sie sich geweigert den Posten anzunehmen, denn das Team wollte eigentlich Bettina als Kapitänin haben, auch der Trainer. Es war der Verband, der sich weigerte. Wir können ja nicht zur Asienmeisterschaft fahren und der Kapitän ist keine Landsfrau. Punkte soll sie machen, aber Teamchefin, nein. Somit bestimmte Bettina Yako dann von sich aus, ihr war nur wichtig daran teilzunehmen. Diese Infos weiß ich auch nur durch Akane. Sie hat sich ja dummerweise kurz vor dem Turnier im Trainingscamp verletzt und konnte nicht dabei sein. Was hat sie sich geärgert.“
„Ach echt? Eigentlich sollte sie Kapitänin werden? Das ist echt nicht bei den Medien gelandet.“
„Natürlich nicht, das hätte den Verband dumm aussehen lassen. Ich denke nicht, dass es bei der WM auch so laufen kann. Bettina ist nun viel zu bekannt und beliebt um nochmal solche Spielchen zu spielen. Das würde die Fans sicher zu sehr aufregen.“
„Ich werde sie jetzt holen und fragen wegen der Übersetzung. Das Team müsste nun bereit sein und alles angeschlossen haben. Wie wollen wir das machen? Nur wir und Frau Fuchs?“
„Genau, nur wir, aber holen Sie Ihre Rekrutin mit ins Boot. Sie soll im Hintergrund Informationen sammeln, im Netz oder in unserer Datenbank. Sie will doch später zur Mordkommission gehen. Dann ist die Informationsbeschaffung das A und O. Bisher hat sie sich gut gemacht und sie ist Fan von Bettina und ihrem Team. Das habe ich so nebenbei mitbekommen, wenn Sie beide miteinander privates bereden.
Und wenn Bettina will, kann sie natürlich Herrn Hyuga dazuholen. Er war bei der Situation nicht dabei und ich bin schon auf seine Reaktionen gespannt.
Was halten Sie persönlich von diesem Mann? In den Medien kommt er rüber wie ein Weiberheld und dann diese affige Werbung mit der Lotion und dem Shampoo. Wenn er doch so ein stolzer Typ sein soll, warum diese alberne Werbemodell-Sache?“
Die Kommissarin kichert und klärt ihn auf.
„Sie wissen scheinbar nichts über ihn. Der wilde Tiger passt eigentlich perfekt zu Frau Fuchs. Da haben sich zwei Tiger gefunden. Und albern ist seine Werbung ganz und gar nicht.
Laut der Meinung einiger Fans hat er damit endlich die Schulden seines Vaters bezahlen können. Nach dem Tod seines Vaters hinterließ dieser einen riesigen Schuldenberg. Er wusste, dass er und seine Geschwister niemals hätten in eine gute Schule gehen können. Also tat er alles daran ein Stipendium zu bekommen. Er war neben Schule und Training stets arbeiten, schon als Kind. So wollte er seine Mutter unterstützen, immerhin war er der älteste von vier Kindern und seine Geschwister sind deutlich jünger als er. Mit der Werbung konnte er dann endlich die restlichen Kredit-Schulden bezahlen und seiner Familie ein Eigenheim kaufen. Sir, er ist kein verwöhnter Typ, der nur auf den Ruhm aus ist. Er ist ein Mann, der sich von ganz unten nach ganz oben gearbeitet hat. Was auch immer die beiden verbindet und wie auch immer die sich plötzlich kennengelernt haben, es kann nur auf Gefühle basieren, denn die gelbe Tigerin legt weder Wert auf Ruhm noch auf irgendwelchen Besitz. Außerdem hat sie jeden Kontakt zu Fußballern vermieden, auch den zu ihm. Sie kennt nur Herrn Misugi, weil sie zusammen in derselben Klasse waren und sich da angefreundet haben. Ihr gemeinsames Interesse am Sport hat sie dann durch dieses Programm auch heute noch verbunden.“
„Echt? Er hat als Kind gearbeitet? Neben Schule und Sport?“ Er ist erstaunt und blickt ihn sich genauer an. Ein stolzer Blick aus dem Fenster, aufrechtstehend mit hochgekrempelten Ärmeln.
‚Kojiro Hyuga, was bist du wirklich für ein Mensch? Vorhin am Telefon warst du sehr führsorglich zu ihr und hast von dir aus einfach festgelegt sie zu begleiten. Was verbindet euch?‘
„Moris-san, holen Sie Bettina in den Pausenraum, sagen Sie ihr wir kommen dann gleich. Dann kommen Sie nochmal her.“, ordnet er an.
Kurz darauf geht die Kommissarin zu den Zeugen und spricht Tina an.
„Sie können gleich zur Untersuchung der Videos. Sie wollten, dass es Herr Heinemann offiziell übersetzt, bleibt es dabei?“ Tina nickt.
„Ja, damit sich später keiner wundert.“, bestätigt sie.
Die Kommissarin nimmt beide Zeugen mit, bringt den deutschen Beamten in den Abhörraum und Tina zum Pausenraum. Sie klopft und kündigt sich an.
„Ich bin es, Kommissarin Moris.“ Dann öffnet sie die Tür.
Kojiro steht noch am Fenster und blickt zur Tür. Tina lächelt ihn an.
‚Ach Liebster, jetzt mache ich den ganzen Tag kaputt. Heute wollten wir uns endlich mal auspowern, deine Familie treffen und wieder kommt was dazwischen.‘
„Sie haben zehn Minuten. Dann hole ich Sie ab und das Team hat alles vorbereitet. Es werden nur Saito-san, mein Schützling und ich anwesend sein. Und natürlich von Ihrer Seite Herr Hyuga, wenn Sie möchten und der deutsche Kommissar. Wenn Sie Kaffee oder etwas möchten, bedienen Sie sich einfach. Sie können es ja auch später mit in den Verhörraum nehmen.“ Dann verlässt sie den Raum und geht wieder zum Vorgesetzten.
Als sie den Nebenraum betritt sieht sie zu ihrem Chef und betrachtet ihn, wie er nachdenklich durch die Scheibe schaut.
‚Er war selten so angespannt. Dass er den Fall selbst in die Hand nehmen will wundert mich. Ist ihm Tora so wichtig oder tut er das, weil sie eine Freundin seiner Tochter ist und sie sich gut kennen?‘
Tina steht anfangs nur da und schaut sich dann nachdenklich im Raum um. Dann geht sie statt zu Kojiro zu gehen zur Kaffeemaschine, sieht sie sich an und schaut sich auch dort um.
„Der Raum scheint sauber zu sein. Ich brauche einen Kaffee, du auch?“, sagt sie dann plötzlich leise.
„Gerne, was meinst du mit sauber? Hast du gerade echt nach der Hygiene geschaut?“, wundert er sich und geht auf sie zu.
„Nein, im Gegenteil. Es ist zu dreckig und zu benutzt, um ein Verhörraum zu sein.“, meint sie nur etwas angespannt, nimmt zwei Tassen und stellt eine unter die Düse und drückt auf den Knopf. Kojiro steht hinter ihr.
„Ich denke du kannst ihm vertrauen.“ Tina dreht sich zu ihm um und schaut ernst zu ihm auf.
„Das tue ich, aber das heißt nicht, dass ich allen anderen hier traue. Du weißt doch wie wichtig es ist, dass noch keiner was weiß. Wenn ich das Team schon verlasse, dann wenigsten so, dass sie etwas davon haben. Und das wird die Transfersumme sein. Ich habe keine Ahnung wie hoch die ist. Ich habe eben noch mit meinem Trainer soweit geredet, dass er damit rechnen soll. Er wundert sich natürlich wieso ich jetzt plötzlich gehe. Aber ich konnte ihn ja nicht auflaufen lassen. Ich werde es heute Abend noch vor dem Spiel den beiden Teams mitteilen. Auch das mit uns.“
„Ich verstehe. Du hast Recht. Es hängt zu viel Geld dran. Ich bin auch gespannt was da rauskommt.“ Kojiro berührt plötzlich ihren Arm.
„Und wie geht es dir jetzt? Jetzt wo du das erste Mal in Japan auf einem Revier bist?“ sie lächelt ihn an.
„Es muss. Ich bin ja auch aus einem anderen Grund hier als damals in Hamburg. Und…“ Sie unterbricht und fasst dann seine Wange zärtlich.
„…du bist auch hier.“ Verliebt sieht sie ihn an und küsst ihn für einen unendlich erscheinenden Moment. Kojiro erwidert ihren Kuss und berührt dann ebenso ihre Wange, Ohr und Haare. Nach etwa einer Minute unterbricht er den Kuss und sieht sie verliebt an.
„Ist es jetzt besser?“ Sie nickt nur etwas benommen und dreht sich dann zum Kaffeeautomaten.
„Kaffee?“, fragt sie kurz.
„Diesmal gerne mit viel Milch und Zucker, wenn ich darf.“, grinst er. Tina dreht sich um und reicht ihm die Tasse. Dann lächelt sie ihn an.
„Scherzkeks, unseren Plan muss ich im Urlaub erst fertig machen. Und besser du trinkst Kaffee mit Zucker als die schwarze Brühe mit Blubber.“, grinst sie frech.
„Du sollst in unserem Urlaub entspannen und nicht arbeiten.“, klingt er streng. „Mittlerweile müsstest du mitbekommen haben, dass Kochen mein Hobby ist, nicht nur meine Arbeit.“
„Kochen ja, aber auch die Menüs?“
„Ja, das ganze Drumherum macht mir Spaß. Andere gehen ins Kino, ich erfinde Rezepte und koche sie nach. Auch die Rechnerei mit den Nährwerten macht mir Spaß. Du liest vielleicht im Urlaub am Strand ein Buch und ich mache halt das.“
„Verstehe, dann ist es okay.
Sag mal, wieso soll dieser deutsche Polizist dabei sein? Er ist doch nur ein Zeuge, oder nicht?“
„Damit er offiziell aus dem Russischen übersetzt. So stehe ich dann nicht im Protokoll als Übersetzerin drin. Aber bei ihm ist es ja egal.“
„Verstehe, aber vertraust du ihm denn? Ihr kennt euch doch gar nicht. Er kriegt doch dann alles mit.“ Tina setzt sich an den Tisch und stellt die Tasse ab.
„Ich weiß nicht wieso, aber ich habe das Gefühl, das man ihm vertrauen kann. Er hat auch geholfen als es brenzlich wurde. Du wirst es ja nachher gleich auf dem Video sehen.“ Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse.
„Seit wann sprichst du schon Russisch? Bei dir kommt immer was Neues dazu. Manchmal frage ich mich wie viele Sprachen du sprechen kannst. Schmunzelt er stolz und setzt sich ihr gegenüber. Sie lacht ihn an und stützt sich auf.
„Ganz ehrlich? Lass mich zählen...neun insgesamt.“
„Oha, Wie kriegst du das denn nur hin? Dafür muss man echt eine Begabung haben. Ich bin froh mit meinem Englisch und mittlerweile geht’s mit Italienisch ganz gut. Mal sehen wie lange ich für Deutsch brauche.“, zwinkert er ihr zu.
„Ach Kojiro, ich finde es lieb, dass du überhaupt schon darüber nachdenkst.“
„Seit wann kannst du denn nun Russisch?“, kommt er erneut auf das Thema zurück.
„Ach das ist schon sehr lange. Ich hatte dir doch erzählt, dass ich bis ich mit sieben Jahren in die Schule kam, nur mit der Familie zusammen war. Abgegrenzt von allen anderen, am Strand. Stephan und ich sind dreisprachig aufgewachsen. Unter anderem eben Deutsch und Russisch. Meine Mama war sehr sprachbegabt, von ihr habe ich das wohl geerbt, oder das Interesse daran entdeckt. Mein Vater sprach Englisch, aber nicht mit uns. Englisch frischten wir uns dann nur auf, weil wir irgendwann anfingen die Musik auf den Schallplatten zu übersetzen und da half uns Vater bei. In der Schule kam dann das Englisch richtig dazu und dann Französisch. Dann Spanisch und ein wenig Japanisch durch Genzo. Japanisch ist wirklich schwer gewesen. Die eine Woche vor unserer Abreise hierher habe ich mich ausschließlich nur um das Lernen von dieser Sprache gekümmert. Als es hieß, dass wir wirklich hierherkommen. Meine Eltern haben sich um den Umzug gekümmert, das tat ihnen gut als Ablenkung und ich mich um die Sprache. Stephans Beerdigung organisierten alles meine Großeltern, denn er sollte ohnehin in Rostock beerdigt werden. Deswegen war Martin damals auch dabei. Mama wollte, dass er am Meer liegt. Also ist es der Friedhof in Warnemünde geworden. Der war zwar sehr teuer, aber sie haben gleich ein Familiengrab für später daraus gemacht. Naja…ich kann froh sein, dass noch ein Platz frei ist. Es war knapp.“, sie atmet tief durch und Kojiro lehnt sich über den Tisch und berührt ihre Hände.
„Du hättest mir davon jetzt nicht erzählen müssen, heute schon gar nicht. Tut mir leid. Ich wollte dich jetzt nicht daran erinnern.“, spricht er mitfühlend.
Plötzlich blickt sie nachdenklich auf.
„Moment, ich habe dir doch eben noch erzählt, von diesem Traum, der mit dem Unfall meiner Eltern. Dass es demzufolge kein Unfall war.“ Er schaut erstaunt. „Hast du gesagt, ja. Und dass du ahnst, diese Typen hätten was damit zu tun?“ „Nur mal angenommen, es war kein Unfall…dann…war ich…auch ein Ziel.“, haut sie aufgebracht in den Raum und steht hastig auf. Ihr Puls steigt enorm an. „Oh mein Gott! Kojiro verstehst du? Wenn es doch so war, dann…aber wieso? Wir haben doch niemanden was getan?“
Kojiro ist irritiert und sein Puls steigt ebenso an. Er steht auf, geht zu ihr rüber und nimmt sie in die Arme.
„Was meinst du damit, dass du auch ein Ziel gewesen sein könntest? Warst du für die Fahrt mit eingeplant?“ Sie nickt.
„Ja, alle vier Wochenenden waren wir bei Genzos Familie eingeladen und wir haben dort übernachtet und hatten immer viel Spaß auf ihrem großen Gelände. Das war seit Beginn an so. Zuerst nur zu Feiertagen und Geburtstagen und dann regelmäßig. Freitag fahren und Sonntag zurück. Und ausgerechnet an diesem Tag rief mein Trainer kurz vorher an und orderte mich zu einem wichtigen Trainingsspiel ran. Ich wollte dann später einfach mit dem Zug nachkommen. Ich habe mich so geärgert, aber nach dem Spiel kam dann die schreckliche Nachricht. Die Polizei kam und teilte mir mit was passiert war.“
„Beruhige dich erstmal. Ganz langsam. Und wieso denkst du, die haben eventuell was damit zu tun?“
„Weil sie etwas von einer Karre geflüstert haben. Als sie festgenommen worden sind und ich sie provoziert habe, da flüsterten sie sich zu, mit der Karre ging es leichter. Und irgendwas von einem Auftrag. Ich kann mich auch irren, aber eigentlich war es deutlich genug zu hören und zu lesen. Ich habe mir aber in dem Moment keine Gedanken weiter gemacht. Erst danach kam das raus, dass die anderen vermutlich zur Gaststätte wollen. So gesehen ergibt es doch dann einen Sinn. Tauchen hier auf, tun so als wenn sie was von Marie wollen und in Wirklichkeit wollten die was von mir. Das hat ja vielleicht was mit dem seltsamen Einbruch im Lokal zu tun.“
„Gegen welches Team habt ihr denn überhaupt an dem Tag gespielt? Kam das wirklich so ungeplant dazwischen?“ Tina stutzt plötzlich, löst sich von seinem warmen Griff und schaut sich erneut im Raum um. Dann stellt sie sich vor den Spiegel und schaut hinein.
‚Hm. Scheint wirklich ein normaler Spiegel zu sein.‘
„Es war das Team von der Polizeischule. Der Trainer hat es urplötzlich eine Woche vorverlegt. Er habe sich angeblich im Terminkalender geirrt.“, berichtet sie streng und sieht Kojiro mit festem Blick an.
Spieglein, Spieglein an der Wand Teil I
Kapitel 77
Spieglein, Spieglein an der Wand Teil I
Eine seltsame Wärme durchfährt den Körper der Kommissarin. Sie verschränkt die Arme und ihr Blick ist starr auf das junge Paar gerichtet wie sie sich für einen zwar sehr kurzen Moment ganz nah sind, aber eine unbeschreibliche Leidenschaft ausstrahlen während sie sich küssen.
Dem aufmerksamen Blick ihres Vorgesetzten entgeht es natürlich nicht.
‚Nanu, was hat das zu bedeuten? Wieso reagiert sie so emotional auf einen Kuss?‘
„Ist alles in Ordnung, Moris-san?“, spricht er besorgt.
Sie fängt sich wieder und antwortet nur nachdenklich ohne ihn dabei anzusehen.
„Die beiden sind so jung und trotzdem strahlen sie so eine Aura aus. Ich war zwanzig Jahre glücklich verheiratet und trotzdem habe ich gerade das Gefühl, als wären wir uns nie so nah gewesen wie die beiden.“, spricht sie ganz leise und verlegen aus was sie denkt.
‚Was meint sie denn damit? Was war das denn für eine seltsame Ehe, wenn er sie nie so geküsst hat?‘, geht durch seinen Kopf.
„Es tut mir leid, dass ich Sie so in Verlegenheit bringe. Ich habe nicht angenommen, dass die beiden rumknutschen, eher, dass sie reden.“
„Tora-san ist sehr misstrauisch den Menschen gegenüber. Das ist mir noch nie aufgefallen. Das kommt nicht so rüber. Ich bin ihr auch noch nie persönlich begegnet. Ich sehe mir nur ihre Spiele an, wenn es geht.“, lenkt sie sich selbst wieder ab und kommt zur Arbeit zurück.
„Ja, dass sie überhaupt annimmt, dass ich sie in so einen Raum stecken lasse ist interessant.“
„Es steht scheinbar ein sehr wichtiger Transfer an, deswegen die Vorsicht.“
‚Hm, der Deutsche Kollege…soso. Sie glaubt ihm vertrauen zu können. Wieso, wenn sie ihn nicht kennt? Diese Hilfe klingt interessant.‘
„Das frage ich mich auch. Wieso ausgerechnet Russisch? Sie meinte es sei für die WM von Vorteil.“, äußert Moris.
„Lange kennen die sich scheinbar noch nicht.“, meint er plötzlich leise.
„Wow, neun Sprachen? Schauen wir nachher mal was online steht und bekannt ist.“ Die Kommissarin notiert. Beide hören sehr aufmerksam zu als Tina anfängt von ihrer Kindheit zu reden.
‚Wer ist Stephan? Von einem Bruder weiß ich gar nichts. Und wen meint sie mit Genzo? Ein Japaner namens Genzo?‘
„Wakabayashi, die kennen sich?“, haut Moris plötzlich raus und hält sich den Mund schnell wieder zu, um nichts zu verquatschen.
‚Der Bruder ist also tot. Vorhin sprach sie von einem Überfall, dann ist es das gewesen…sie wurden überfallen und er hat es nicht geschafft? Dann wundert es mich nicht, dass sie nicht aufs Revier wollte, damals.‘
‚Oh nein, die Arme. Was ist denn heute? Ein besonderer Tag?‘, wundert sich Moris.
„Oha, sie hatte einen Alptraum und denkt jetzt es war kein Unfall?“, äußert er plötzlich und überrascht.
„Sir, wenn das wahr ist. Dann müsste der Unfall erneut untersucht werden.“, klingt sie besorgt.
„Auf jeden Fall. Ich kann mich an das Spiel erinnern. Akane hatte den Tag auch etwas anderes vor und dann rief plötzlich der Trainer an und sie musste antanzen. Aber was meinte sie eben mit Einbruch im Lokal? Ist in ihrer Gaststätte eingebrochen worden? Das müssen wir sofort mit der 18 absprechen. Das ist ihr Gebiet. Ordere da sofort die Unterlagen an. Ich gehe jetzt die beiden zur Filmansicht holen. Da steckt scheinbar mehr dahinter als wir überhaupt ahnen.“ Dann schaut er sie an.
„Was meinten Sie eben mit Wakabayashi? Wer soll das sein? Etwa dieser Keeper, aus Hyugas Team? Heißt der Genzo?“
„Ja genau. Genzo Wakabayashi spielt seit seiner Kindheit in Hamburg. Er ist einer der besten Keeper auf dem Weltmarkt und obwohl ihn unzählige hohe Summen geboten werden will er nicht aus Hamburg und vom HSV weg. Er meinte mal er sei dort großgeworden und fühle sich dem Verein zu sehr verpflichtet. Ohne ihn wäre er nicht was er ist. Sowas ähnliches meinte Tora auch, als sie damals die Angebote aus dem Ausland alle ablehnte und auch das sagte sie, warum sie für Japan spielen will und nicht für Deutschland. Wenn ich das eben richtig mitbekommen habe, sind die eng befreundet, warum sonst sollten ihre Eltern seine Familie mit ihr besuchen wollen? Ob sie deswegen hergezogen ist? Weil sie hier Freunde haben?“, erklärt sie.
„Oh, echt? Der Keeper der Nationalmannschaft. Dann kennen sie sich vermutlich über ihn.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Das denke ich weniger, denn die beiden können sich nicht wirklich ausstehen. Soweit ich das mal nachlesen konnte kommen die nur innerhalb des Teams miteinander aus, quasi als Kollegen, aber privat ganz sicher nicht. Immerhin sind sie grundverschieden. Wakabayashi ist in einem reichen Haushalt aufgewachsen, er hat immer alles bekommen und konnte sich seine ganze Kindheit und Jugend dem Sport widmen, während Hyuga neben Sport und Schule arbeiten musste um über die Runden zu kommen. Zwei völlig verschiedene Welten.“
„Sagen Sie jetzt nicht das ist der jüngste Sprössling von der Wakabayashi-Group. Da habe ich nur mal was gehört, dass der Sport macht und einen Privattrainer bekam.“ Sie grinst.
„Genau der ist das. Quasi das letzte Kind, ein Nachzügler. Seine Geschwister sind alle gut 15 bis 20 Jahre älter.“ Besorgt verlassen sie beide den Raum. Saito macht sich seine Gedanken auf dem kurzen Weg zur Nebentür.
‚Ich kenne den Volleyball-Trainer der Polizeischule. Der vergisst ganz gewiss keine Termine. Der Mann hat ein Gedächtnis wie ein Computer. Er war damals bei der Staatssicherheit tätig und ist ehrenamtlich Trainer, um den Kadetten einen Ausgleich neben der harten Ausbildung zu schaffen.
Seltsam, wir haben es alle nur für einem dummen Zufall gehalten.‘
Er klopft an und wird hereingebeten.
„Takeru-san. Schade, dass wir uns auf diesem Weg sehen. Tut mir leid.“, entgegnet Tina, kommt ihm entgegen und verbeugt sich vor ihm.
Kojiro tut es ihr gleich, bleibt aber im Hintergrund.
„Guten Tag Sir.“, ist er höflich und mit knappen Worten. Saito schließt die Tür hinter sich.
„Guten Tag Herr Hyuga. Ich hätte nie gedacht Sie auf diesem Wege mal kennenzulernen. Ich bin schon sehr auf die Kennlerngeschichte gespannt. Aber dazu später. Die Zeit drängt.“ Er schaut ernst zu Tina.
„Seit wann sprichst du Russisch? Ich wusste ja, dass du es mit Sprachen hast, aber das ist schon interessant.“
„Meine Mama hat es mir schon in der Kindheit beigebracht. Ich bin mit der Sprache also aufgewachsen und habe ein paar Dialekte drauf.“
„Ach so, ich verstehe. Wusste ich gar nicht. Hat sie nie erwähnt. Nun gut, dann kann ich mich ja auf deine Übersetzung verlassen. Wir wissen ja nicht wie gut der deutsche Kollege es kann. Und du bist sicher, dass man ihm vertrauen kann? Er ist eigentlich nur Zeuge.‘
Tina fasst sich ans Herz und schaut überzeugt zu ihm auf.
„Ich weiß nicht wieso, aber ich habe das Gefühl, dass man ihm trauen kann, ja.“
„Okay, nun noch eine Sache.
Ich bin stolz auf dich. Dass du herkommst bestätigt nur, dass du mir vertraust, oder? Bei unserer ersten Begegnung kannten wir uns noch nicht und du wolltest nicht aufs Revier.“ Sie lächelt.
„Stimmt, ist aber auch sehr lange her. Zeiten ändern sich.“
„Gut, dann folgt mir bitte. Aber denke dran, wir kennen uns offiziell nicht privat. Die Übersetzung wird aufgezeichnet. Aber nur für später für das Protokoll. Es geht nicht raus, sondern wir nutzen es später nur für die Abschrift. Nur die offizielle Übersetzung, die wir von einem Kollegen danach machen lassen geht im Notfall ans Gericht. Es bleibt also in meinen Unterlagen. Deswegen übernehme ich den Fall mit Frau Moris und ihrem Schützling zusammen. Sie sind beide große Fans und bleiben also mit allen Informationen vertraut. Du musst also keine Angst haben, dass irgendwelche wichtigen privaten oder beruflichen Erkenntnisse während der Ermittlung nach außen dringen. Hast du verstanden?“
Tina nickt.
„Alles klar. Danke dir.“
Die Anspannung steigt als die drei über den kleinen Flur zum Verhörraum gehen und diesen dann betreten. In dem Raum werden sie schon von Frau Moris und Herrn Heinemann erwartet. Diese geht auf sie zu, verlässt dann den Raum und geht zu ihrer jungen Partnerin hinter den großen Spiegel.
„Moris-san, ich bin ja echt aufgeregt. Toras Freund ist ausgerechnet Hyuga? Wahnsinn.“, äußert diese total überrascht zu ihrer Vorgesetzten.
„Wo die Liebe hinfällt. Wir haben darüber schon gesprochen, Sie wissen, dass das hier alles extrem vertraut bleiben muss? Alles geht nur ins Protokoll, klar?“, macht sie nochmal eine klare Ansage.
„Natürlich. Ich will doch in die Mordkommission, ich bin schon total gespannt. Ich bin nur etwas eifersüchtig. War ja klar, dass ihn nur eine Frau wie Tora abbekommen kann.“, lacht sie etwas und grinst sie an. Nanako lächelt.
„Ach ne, sind Sie auch Fan von ihm? Haben Sie sich Hoffnungen gemacht?“
„Klaro, welche Frau kann sich denn nicht in so einen Mann vergucken? Ob das was Ernstes ist? Kojiro wohnt doch in Italien, ne Fernbeziehung klappt doch eh meistens nicht.“
„Stimmt. Aber wir werden es sicher noch herausfinden wie das mit den beiden laufen wird.
Haben Sie sich ihre Laptops vorbereitet? Sie müssen so viele Informationen wie möglich finden über Tora. Der Chef und ich haben schon ein paar Hintergrundinfos herausgefunden. Rufen Sie zuerst in der unserer Datenbank und dann im Netz „2003 Autounfall Fuchs, zwei Tote“ auf. Danach im Netz suchen nach:
„Wakabayashi-Group“
später auch auf deutschen Seiten suchen nach:
„Marie Krause bzw. Schneider“
„Karl-Heinz Schneider“
„Genzo Wakabayashi“
„Stephan Fuchs“
„HSV“
„Hamburg 1998, Überfall auf Jugendliche, Junge und Mädchen“.
Es kann sein, dass einige Infos davon nichts mit diesem Fall direkt zu tun haben, aber wir müssen alle Möglichkeiten finden Frau Fuchs zu schützen. Es scheint mehr hinter allem zu stecken als wir ahnen. Wenn Sie Glück haben, wird das Ihre erste Mordermittlung.“, macht sie ihr ganz deutlich klar.
Die junge Frau schaut nur total verwundert zu ihrer Chefin auf.
„Wie jetzt? Was hat denn der Keeper und ein Überfall in Deutschland mit Tora zu tun? Ich denke die Frau Krause war das Ziel und die wollten es wie einen Überfall aussehen lassen? Glauben Sie etwa die kennen sich? Klang es aber vorhin nicht so, als wäre sie nur zufällig als Tourist im Laden?“
„Ps, es geht los. Machen Sie einfach ohne groß Fragen zu stellen. Alle Infos zusammentragen und wir schauen ob wir Zusammenhänge finden, die uns helfen.“
Die Kommissarin setzt ihr Headset auf, damit sie mit dem Chef kommunizieren kann. Die Sprechanlage wird eingeschalten, damit bei Fragen mit allen Anwesenden gesprochen werden kann. Die Frauen hören ohnehin alles mit. Auf der weißen Wand dem Spiegel gegenüber wird immer eine Kameraeinblendung gebeamt und auf dem Tisch steht der Laptop auf den alle schauen. So haben die Frauen ihre Gesichter im Blick und können ihre Reaktionen einfangen. Saito schaut auf die Wand und kontrolliert die Qualität. Dann sehen alle wieder zum Laptop. Es wird sich darauf geeinigt in Englisch zu übersetzen, damit alle Beteiligten es verstehen können. Der deutsche Kommissar schaut zu Kojiro, er wurde ihm nur als Freund von Tina vorgestellt und dass es noch nicht an die Öffentlichkeit gehen darf. Aber er kennt weder seinen Namen, noch weiß er wer der junge Japaner ist. Er betrachtet ihn genauer und stellt fest, dass er sehr sportlich ist. Es fällt unter seinem schwarzen Trainingsanzug deutlich auf, da sich seine Muskulatur abbildet und mit seinem festen und stolzen Stand und Blick strahlt er eine gewisse Stärke und Selbstsicherheit aus.
‚Wer ist dieser Mann? Das ist ihr Partner? Er scheint ein sehr stolzer Typ zu sein, so wie sie. Wieso kommt es mir so vor, als hätte ich ihn schonmal gesehen? Ich kenne doch aber keine Japaner und schon gar keine Sportler, außer es sind Volleyballer. Was mag er für ein Männertyp sein? Und welchen Sport wird er machen? Er scheint ein sehr durchtrainierter Typ zu sein.‘
Es geht los. Der Film beginnt nach Ladenöffnung am Tresen als Tina und Marie den Laden betreten. Sie fordert auf ein Stück weiter zu spulen. Dann lässt sie stoppen als die Familie hereinkommt.
„Bitte schneiden Sie das bis jetzt raus. Das Gespräch ist extrem privat. Das hat auch nichts damit zu tun.“, fordert sie freundlich und sieht Saito ernst an.
„Mache ich dann nachher persönlich.“, sagt er und lässt den Film wieder laufen.
„Nein, bitte sofort. Niemand soll es hören! Es hat mit der Sache auch nichts zu tun. Es soll Frau Krause schützen.“, bleibt sie ernst und sieht ihn bittend an. ‚Bettina, du widersprichst ihm und untergräbst seine Autorität? Ist dieses Gespräch so wichtig, dass du es unter allen Umständen schützen musst?‘, wundert sich Kojiro und schaut selbst etwas verdutzt zu Saito. Dieser wirft auch einen Blick zu ihm.
‚Es muss ihr sehr wichtig sein. Aber zeigt Frau Krause nicht nur ein paar Bilder? Was soll daran so schlimm sein?‘
Es wird der Ausschnitt gelöscht, ebenso die Ausschnitte von den anderen Blickwinkeln aus. Insgesamt gibt es vier Kameras im Laden.
Der Film läuft weiter und Tina schmunzelt ein wenig, als das flüsternde Gespräch zwischen Vater und Sohn läuft. Er selbst lässt es sich kaum anmerken und denkt sich nur seinen Teil, denn es wird nicht übersetzt. Das mit den Stiften wird kurz angesprochen und Tina schaut zu ihrem Landsmann neben sich und bittet um Entschuldigung für den falschen Verdacht.
„Sorry, war so eine Reaktion.“
„Alles gut.“, lächelt er nur.
Dann begrüßt Tina die Familie und die Fotos werden gemacht. Sie übersetzt da weiter nicht, denn es gibt nichts was wichtig ist.
Kojiro erkennt das Problem und schmunzelt. Auch Saito kennt ihren Trick, denn sie hat ihn ihm gegenüber mal bei seinem Enkel angewandt als er etwas Höhenangst zeigte bei einem Ausflug auf den Tokio-Tower.
„Der Trick mit dem Vogel.“, grinst dieser nur und lacht.
‚Oh, die beiden kennen diesen Trick? Ich bin überhaupt erstaunt, dass Frau Fuchs so selbstsicher dem Revierleiter gegenüber ist. Wieso habe ich das Gefühl, dass die sich beide kennen? Dass er den ersten Abschnitt gelöscht hat kann doch nicht erlaubt sein. Ich dürfte das nicht. Und was vor allem soll so privat sein, wenn es nur um ein paar Zeichnungen geht?‘, wundert sich der deutsche Kommissar.
Nun löst sich die Gruppe für das Foto auf und auf einer der Aufnahmen ist der kurze Blick auf Tinas Nacken zu sehen, zwar sehr unauffällig, aber den beiden Japanern im Raum fällt es auf und es verteilt sich die Familie im Laden. Takeru und Kojiro lassen sich beide nichts anmerken, damit es Derjenige nicht bemerkt, dass ihnen der Blick aufgefallen ist.
Tina bemerkt es auch, aber sie weiß, dass ab und zu mal verstohlene Blicke bei ihr landen und sie macht sich in dem Moment keine Gedanken weiter dazu. Sie ist es aus dem Studio und von männlichen deutschen Fans gewohnt.
‚Was war das denn für ein Blick? Ob das was zu bedeuten hat?‘, denkt der Revierchef.
‚So ein Blick gefällt mir gar nicht. Bettina, bist du sicher, dass du ihm vertrauen kannst?‘, macht sich Kojiro Sorgen.
Nun laufen wieder alle Kameras damit der ganze Laden betrachtet werden kann. Auf einem Bildschirm ist die Jüngste, wie sie mit dem Tennisball spielt und auf einem anderen unterhält sich die Dreizehnjährige mit Marie über das schöne Bild von Tina und stellt es mit ihr zusammen auf den Tresen. Nebenbei betrachten die beiden ältesten Kids die Wand mit den Volleybällen. Dann erscheint der Blickwinkel zu den Eltern der Kids, wie sie am Bademodenregal stehen und sich unterhalten. Tina versucht ihre Lippenbewegungen zu deuten, macht sich jedoch vorerst keinen Kopf dabei, bis sie folgendes ablesen kann. Zu hören ist in der Kamera nichts, dafür ist es zu weit weg.
‚Was hat das zu bedeuten?
„Was ist denn?“
„Ich kann mich irren, aber ich habe vorhin schon etwas Seltsames an Frau Fuchs bemerkt, was mich stutzig gemacht hat. Und nun…habe ich etwas entdeckt und ich weiß jetzt, wo ich sie einordnen kann. Ich glaube diese junge Frau ist eins von den Kindern, die ich damals als Frischling mitsuchen musste. Du weißt doch noch, mein erster Fall mit dem brummigen Kommissar Reinold“
„So ein Quatsch. Warum sollte sie denn hier sein? Und vor allem welches Kind denn? Hilf mir nochmal auf die Sprünge.“
Mist, jetzt haben sie sich gedreht. Ich kann nichts mehr sehen.‘
Tina schaut auf die anderen Aufnahmen, aber dort ist der Blickwinkel nicht zu erkennen.
‚Was hat das zu bedeuten?‘
Sie lässt sich nichts anmerken und verschränkt nur die Arme und schaut weiterhin streng zu den Aufnahmen. Sie weiß, der Mann neben ihr weiß eventuell etwas, aber was weiß er? Ihre Mutter hat damals mal etwas von einem Unfall erzählt. So langsam kommen ihr da Erinnerungen wieder. Stephan hatte mal zu einem ihrer Geburtstage einen seltsamen Spruch gemacht und da musste sie es ihr dann erzählen. Er meinte damals, zu ihrem fünften Geburtstag: „Schade, dass wir nur Deinen feiern können.“ Das hat sie nicht verstanden. Dann erzählte ihre Mutter von einem schrecklichen Unfall beidem ihr jüngerer Bruder umkam. Sie waren damals noch sehr klein und deswegen kann sie sich nicht daran erinnern.
‚Ich muss nachher schauen wie wir das gelöscht bekommen. Aber was hat es zu bedeuten?‘
Herr Heinemann vernimmt ihre Reaktion mit den verschränkten Armen. Er hat schon so einige Spiele von ihr gesehen, deswegen sind sie ja auch Fans. Diese Körperhaltung nimmt sie in der Regel auf der Bank ein, kurz bevor sie eine Auszeit mit dem Trainer bespricht oder kurz bevor sie eingewechselt wird.
‚Hm, hat sie erkennen können wovon wir reden? Zu hören ist nichts.‘
Die Filme laufen weiter und es wird vorgespult bis zur Stelle wo die große Tochter sich mit den Frauen unterhält. Sie stehen etwas abseits von der Kabinenwand und daher ist ihr Gespräch von einer Perspektive aus zu sehen und ein wenig zu hören.
Diesmal fällt Tina der Blick der Frau auf, wie sie auf ihren Rücken blickt und vermutlich die Narbe sieht. Tina übersetzt das Deutsch in Englische und versucht sich nichts anmerken zu lassen. Sie kürzt es auf das Wesentliche ab.
Natürlich fallen Kojiro und Takeru die Namen der Keeper auf und Tina übersetzt kurz. Kurz darauf rutscht Tina Genzos Name bei der Unterhaltung raus. Sie reagiert aber nicht darauf. Saito hält die Filme plötzlich an.
„Wieso haben Sie den Namen ausgesprochen?“, fragt er höflich und sieht zu ihr. Tina stutzt und blickt zu Kojiro. Er signalisiert nur, dass sie ruhig die Wahrheit sagen kann. Eventuell könnte es ja für die Aufklärung des Unfalls helfen. Tina atmet tief durch.
„Wir sind schon seit sehr langer Zeit miteinander befreundet. Genzo Wakabayashi und ich sind damals in Hamburg in dieselbe Klasse gegangen als er nach Deutschland kam. So wie ich hier in Herrn Misugis Klasse kam und auch wir uns anfreundeten. Das können wir später alles klären. Es eilt, machen wir erstmal weiter? So langsam mache ich mir Sorgen um Mamas Gaststätte. Sind Ihre Leute schon da?“, murrt sie etwas. Tinas Puls steigt etwas an, denn sie weiß, dass jetzt einiges herauskommen wird und besonders ist sie gespannt auf das Gespräch zwischen den Tätern.
„Natürlich. Bis jetzt hat sich nichts getan.“, entgegnet er ihr ernsthaft.
Die Filme laufen nun weiter und die restliche Familie ist um Tina versammelt und hört ihren Antworten zu.
Dann erklärt die große Tochter, dass sie seit gut einem Jahr im HSV spielt. Dann kommt Marie zu der Gruppe dazu, mit dem Rücken zum Großteil des Ladens und dem Eingangsbereichs. Sie spricht das Mädchen an und Tina übersetzt weiter. In der Zwischenzeit sind die ersten neuen Kunden im Laden und die Verkäufer sind mit einigen von ihnen beschäftigt. Die Täter betreten ebenso das Geschäft. Tina zeigt auf sie und lässt die Bilder ran zoomen, damit sie alles sehen kann. Zu diesem Zeitpunkt war für sie noch nicht relevant was die reden oder sie hat sie nicht sehen können.
„Stopp, zurück, hier diese Aufnahme.“, zeigt sie auf einen der Bilder.
„Können Sie das an die Wand zoomen?“
Die vier europäischen Männer sehen sich im Laden neugierig um und entdecken Tina bei der Familie. Zu hören ist leider nichts, dazu reden sie zu leise und die Geräusche und Gespräche der anderen übertönen ihr Gespräch.
„Schade, die anderen sind zu laut. Was nun?“, äußert der deutsche Kommissar.
Tina schaut angespannt auf die Wand.
„Pst. Sir, machen Sie bitte den Ton aus, das irritiert mich total. Und dann nochmal von vorne.“
„Wie meinen Sie das?“, wundert sich Saito. Auch Herr Heinemann ist erstaunt und ahnt plötzlich was kommt.
‚Kann sie etwa Lippenlesen?‘
Tina übersetzt das Russische und Deutsche und lässt kurze Pause zwischen den Sätzen machen.
„Das ist sie doch. Oder?“
„Ja, wieso ist sie heute hier? Interessanter Zufall.“
„Haben sich die anderen nicht vertan.“
„Hört ihr das? Das große Mädchen bei ihr, spielt beim HSV als Keeperin.“
„Oh, hat die Andere das grad gesagt?“
„Ja. Pst.“
„Wie jetzt Karl-Heinz alter Verein? Die Frauen gelobt?“
„Meint die etwa Schneider, der von den Bayern?“
„Bestimmt, der kam doch vom HSV. Aber Moment mal…“
„Habt ihr das gehört, sie hat Brüderchen gesagt. Die Kleine ist seine Schwester.“
„Echt? Dann lohnt sich das ja heute.“
„Gut, alles Weitere wie geplant, Ulf, du die Kasse, ich…“ Sie unterbrechen und schauen verwundert.
„Hä, hat der Alte sich gerade als ihren Vater ausgegeben und will sie als geisteskrank darstellen?“, meint der eine.
„Eine Ablenkung, damit die Leute es als dummen Jugendstreich abtun. Ganz sicher.“
„Denke ich auch, sonst hätte diese Tigerin sie nicht eben davor geschützt ihr Gesicht zu zeigen.“
„Genau, das ist ganz bestimmt die Schwester von dem Fußballer.“
„Jo, kein Zweifel.“
„Denkt ihr was ich denke?“
„Jo, wir sammeln beide ein. Das wird den Boss freuen und wir machen den Deal des Lebens.“
„Genau, wer interessiert sich für den Auftrag, wenn wir den Hauptgewinn absahnen könnten?“
„Ihr macht wie geplant hier weiter und haltet beide fest. Wenn die Kleine ohne Schutz hier ist, ist er es auch. Dieser Schneider. Er ist sicher im Studio oben.“ Zwei der Täter verlassen das Geschäft. Ab hier kennt Tina die Übersetzung.
„Die Kleine ist ohne Begleitschutz? Wie praktisch. Gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.“
„Die Verkäufer nimmst du. Um den Alten kümmere ich mich.“
Plötzlich unterbricht Kojiro die Übersetzung.
„Bettina, wir müssen Schneider vor ihnen finden!“, sagt er sehr ernst und mit lauter fester Stimme.
Alle sehen ihn verwundert an und dann fällt es Tina auch auf, aber natürlich. Karl war zwar nicht im Studio, aber wer sagt denn, dass die Typen ihn nur dort suchen werden? Es ist mittlerweile schon viel Zeit vergangen. Entsetzt sieht sie Kojiro an. Sein Blick ist sehr ernst und bestimmend.
„Karl, aber ja, er ist alleine unterwegs!“ Die Beamten sehen sie verwundert an. Saito stellt sich aufrecht, berührt freundschaftlich ihre Schulter, schaut zu ihr herab und spricht sie ernst und sehr bestimmend an.
„Dieser Fußballer ist hier? Warum sagst du das nicht gleich? Und dann ohne Personenschutz? Was haben sich Martin und Andrea dabei gedacht?“ Sie weiß plötzlich gar nicht was sie dazu sagen soll.
„Nun mal halblang, Sir. Woher sollte Bettina wissen, dass die Typen ihn suchen? Wir brauchen Maries Hilfe. Sie hat seine Handynummer.“, ertönt Kojiros kräftige Stimme und er sieht den Captain streng an.
‚Das nenne ich einen Blick. Deswegen nennt man ihn den „Wilden Tiger“. Der Junge gefällt mir. Er erkennt sofort, wenn er Bettina-san beschützen muss.‘, grinst er plötzlich und schaut zum Spiegel.
„Holt mir die Schwester her und sie soll Ihnen gleich die Nummer vom Bruder geben, damit wir das Handy orten können!“
Kojiro bemerkt sein kurzes Grinsen und sein Puls steigt etwas an.
‚Moment mal, war das gerade eine Provokation, um mich aus der Reserve zu locken? War das etwa seine Art mich zu testen, wie ich zu Bettina stehe?‘
Er blickt ihn weiterhin nachdenklich an, so langsam wird der Blick herausfordernd. Auch der Captain macht schmalere Augen.
‚Kojiro Hyuga, was für ein Blick. Ich glaube, du hast meine Provokation bemerkt und haust mir im Gedanken gerade Eine rein. Das gefällt mir. Ich bemerke genau wie sich deine Hände in deinen Hosentaschen ballen und deine Augen mich mit deinem Blick durchdringen wollen. Ich habe schon eine ganze Weile nicht mehr so einen Blick gesehen und schon gar nicht, dass er mir zugeworfen wird. Das traut sich schon seit Jahren niemand mehr. Was denkst du gerade? Siehst du mich als Feind, denn so siehst du mich an, oder ist es ein enttäuschter Blick, weil du weißt, dass Bettina mir vertraut? Oder bist du wie sie, jeden misstrauisch gegenüber bis du den Menschen wirklich kennst?‘ Der deutsche Kommissar wundert sich nur, wieso sich die beiden so zornig ansehen.
‚Hier stimmt doch irgendwas nicht. Was hat er denn eben zu Frau Fuchs gesagt, dass ihr Freund darauf so energisch reagiert hat und jetzt sehen die sich beide an als würden sie im Boxring stehen.‘
Tina bemerkt was los ist, setzt einen zornigen Blick auf und schaut zu Saito.
„Hörst du bitte auf Kojiro zu provozieren? Dafür haben wir keine Zeit!“ Dann sieht sie zu Kojiro, geht an Herrn Heinemann vorbei zu ihm. Sie berührt seinen Arm.
„Alles gut? Er meint es nicht so. Er neigt dazu den Charakter der Leute zu testen.“, spricht sie ganz ruhig auf Italienisch und schaut liebevoll zu ihm auf.
„Muss er das ausgerechnet jetzt machen, wenn man sich um jemanden Sorgen macht? Das ist geschmacklos.“, spricht er seine Gedanken aus. Tina ist verblüfft. Hat er eben gerade gesagt, dass er sich um Karl-Heinz sorgt?
„Kojiro, du sorgst dich um Karl-Heinz, obwohl er dein Rivale ist?“
Ihre hellen Augen strahlen ihn an und sein Puls singt wieder etwas.
„Natürlich, er ist ein Freund von dir und er ist letztendlich ein Kollege. An seiner Stelle könnte Tsubasa sein. Und Marie, es könnte auch eines meiner Geschwister sein. Sowas wünscht man niemanden. Und ausgerechnet in so einer Situation muss mich dieser Mann austesten was ich für dich empfinde.“, spricht er besorgt.
Es klopft an der Tür und die Kommissarin kommt mit Marie in den Raum.
„Wir haben die Nummer und sind dabei es zu orten. Spätestens in zehn Minuten haben wir das Ergebnis auf dem Tisch und können ihn ausfindig machen.“
Marie läuft in den Raum, schaut kurz zum Revierchef auf und dann geht sie weiter zu Tina und umarmt sie weinend.
„Es ist alles meine Schuld. Es tut mir so leid. Jetzt habe ich Karl-Heinz unnötig in Gefahr gebracht. Ich wollte ihm doch nur helfen.“, schluchzt sie.
„Und nun ist er auch noch ganz alleine unterwegs und die furchtbaren Leute wollen ihm wehtun. Alles nur, weil ich meinen Mund nicht halten konnte. Und du hast mich vorher noch gewarnt.“ Tina legt ihre Arme um sie und versucht sie zu beruhigen.
„Du kannst doch nichts dafür.“
„Oh doch. Er ist doch nur hier ohne Schutz, weil keiner weiß, dass er da ist und weil Japan sehr sicher sein soll. Jetzt wissen es ausgerechnet die Falschen. Er weiß doch gar nicht, dass ich überhaupt hier bin.“
„Marie, du kannst uns eventuell helfen.“, sagt Tina plötzlich.
Sie schaut überrascht auf.
„Wirklich? Ich? Wie?“ Tina spricht Saito an.
„Können wir nochmal auf ein Bild gehen wo alle vier Täter zusammen zu sehen sind? Marie ist Künstlerin und hat ein Fotografisches Gedächtnis. Vielleicht sind ihr die Männer während unseres Spaziergangs irgendwo aufgefallen.“, erklärt sie.
Sofort wir ein Bild rausgesucht. Marie sieht sich die Männer an.
„Das sind sie? Die sehen aber gemein aus.“, knurrt sie.
„Versuche dich an unseren Gang zum Hotel und zurück zu erinnern, vielleicht sind sie dir zwischen den vielen Leuten auf der Straße schon aufgefallen.“ Marie schaut ganz genau hin. Und tatsächlich.
„Du hast Recht. Der hier, der im grünen Hemd. Der stand zum Beispiel mit fünf anderen neben dem Juwelier. Ich habe sie nur kurz angesehen und die starrten dich an.
Und der andere hier im Roten Shirt, der war im Spielzeugladen und schaute sich die Acrylfarben so seltsam an. Das ergab keinen Sinn. Er grabbelte wahllos Farben an, die überhaupt nicht zusammenpassten und dann nahm er nur eine weiße Tube mit zur Kasse. Vorher schaute er ab und an zu uns rüber. Dann traf er an der Eingangstür auf drei weitere Männer, redete mit denen und die gingen dann alle weg.“
„Frau Krause, könnten Sie die anderen Männer alle zeichnen, für Phantombilder?“, mischt sich Kommissar Heinemann plötzlich total begeistert ein.
„Natürlich. Das könnte ich, Ich brauche nur meine Tasche.“
Er übersetzt ins Englische die Beschreibung der Männer und wendet sich dann an den Spiegel mit der Bitte Maries Tasche zu bringen. Kurz darauf geht die Tür auf und die Tasche wird gebracht,
„Den Herren in grün bitte zuerst, er scheint der Kopf zu sein.“, sagt er in Englisch. So kann es jeder verstehen, denkt er. Marie sieht ihn fragend an.
„Green? Der grüne zuerst?“, vermutet sie.
„Genau.“
Marie holt ihre Bleistifte raus, blättert den Block auf und fängt an.
Unterdessen läuft die Aufnahme weiter und Tina übersetzt wieder beide Sprachen.
Die Täter zücken die Messer.
„Denken Sie, das schüchtert uns ein?“
„Wir haben was zu erledigen und das wird gemacht.“ Dann geht plötzlich alles ganz schnell und die beiden liegen auf dem Boden. Alle sehen Tina erstaunt an.
„Alle Achtung, Bettina-san. Du hast es echt drauf. Bringst alle in Sicherheit und hältst dir die Typen vom Leib.“, lobt der Revierleiter.
„Also ohne die Hilfe des Kommissars und seinem Sohn wäre es sicher anders verlaufen. Nicht zu vergessen, Andreas super guten Sicherheitsplan. Unsere Geheimcodes und dass jeder wusste was er tun musste war Gold wert.“
„Tina, das war ja toll. Du warst schon immer mein Vorbild. Für mich warst du immer die Stärkste von allen.“, meint sie stolz und blickt mit feuchten Augen zu ihr auf. Tina ist überrascht und reagiert aber lächelnd mit einer Handbewegung vor ihrem Mund, als würde sie einen Reißverschluss schließen. Marie deutet es und legt die Hand auf den Mund.
‚Stimmt, ich muss aufpassen.‘ Sie schaut wieder auf ihr Bild, macht die letzten Striche und reicht es dann hoch.
„Nummer eins ist fertig. Reicht das so? Ich habe die Farben der Kleidung und Haare daneben geschrieben.“
Alle sind erstaunt, so schnell und so fotografisch. Es gibt eine Ganzkörperansicht mit der Kleidung und eine größere Abbildung des Gesichts daneben.
Marie macht sich sofort an das nächste Bild. Während die anderen die Übersetzung weiterlaufen lassen, murmelt sie vor sich hin. Sie überkommt der Drang unbedingt auszusprechen was sie vorhin noch sagen wollte.
„Ach Tina, du warst immer die Stärkste im Team. Das hat nur nicht jeder gesehen. Es waren nicht Genzo und Karl-Heinz, du warst es, weil du ein Mädchen bist.“, kullern ihr ein paar Tränen über die Wange und sie wischt sie sich weg, damit sie nicht aufs Papier fallen. Der deutsche Hauptkommissar steht unmittelbar neben ihr und kann ihre leisen Worte verstehen und sieht erstaunt zu ihr und betrachtet die junge Frau wie sie die Tränen wegwischt.
‚Was meinst sie damit? Sie war stärker als ihr Bruder und dieser Keeper? Sie hat vorhin schon so eine seltsame Bemerkung gemacht, als sie meinte sie hätte doch in ein Team wie das von Katharina wechseln können, man hätte sie dort gebrauchen können. Was meint sie damit? Ich habe vorhin nur verstanden, dass Frau Fuchs bevor sie hier her kam selbst als Keeper Fußball gespielt hat. So sagte sie es doch zu meiner Tochter.‘
Darüber hinaus
Kapitel 78
Darüber hinaus
Während Marie die nächsten Phantombilder zeichnet werden die Aufnahmen weiter angesehen.
Nachdem Tina den Laden verlassen hat und ins Lager gegangen ist werden die Personalien aller Beteiligten aufgenommen. Tina lässt die Gesichter der beiden Täter erneut vergrößern und achtet sehr darauf ob sie noch etwas sagen, was sie gebrauchen könnten.
Sie fluchen zwar etwas vor sich hin, aber davon ist nichts wichtig. Bei der Frage was sie denn überhaupt im Laden wollten, meinte einer nur, sie wollten an die Kasse. Der Polizist, der die beiden Aussagen aufnahm stutzte nur und notierte es. Leider kam kein weiterer Wortwechsel zustande. Erst als Tina den Laden wieder betritt reden die beiden miteinander.
„Das wird sie bereuen.“
„Hoffen wir, dass die anderen mehr Glück haben.“
„Blödes Weib. Wer sollte damit rechnen?“
„Uns mit einem Ball auszuschalten. Was bildet die sich ein? Na sie wird noch ihr blaues Wunder erleben.“
„Was wollten Sie hier und wo sind die anderen zwei Herren?“, übersetzt sie ihr eigenes Deutsch. Der Herr im schwarzen Shirt spukt ihr plötzlich vor die Füße.
„Das geht dich einen Scheiß an, Fräulein!“
Kojiro ist erstaunt über Tinas coole Art damit umzugehen und er ballt in seiner Hosentasche die rechte Faust.
‚Was bilden die sich überhaupt ein? Wieso spuckt der Typ Bettina an?‘ Sein Blick verschmälert sich enorm. Die beiden erfahrenen Beamten bemerken seine Reaktion sehr wohl. Und auch Tina bemerkt es, aber sie konzentriert sich auf die Übersetzungen und legt nur ihre Hand an seinen rechten Arm, um ihn etwas zu besänftigen.
In der Aufnahme lässt Tina Zeitvergehen und die zwei Täter werden nervös.
„Das Weib hat sie nicht alle. Für uns ist der Auftrag gelaufen.“
„Du hast Recht. Müssen die anderen ihr Glück versuchen. Der letzte Auftrag war leichter.“
„Stimmt, bei der Karre war das leicht.“
„Und nicht so ein doofes Revier wie das hier.“
„Nun sagen Sie schon wo die anderen beiden hin sind?“, provoziert Tina die zwei erneut.
„Mach dir nicht ins Hemd, Kleine!“
„Das wirst du noch früh genug erfahren.“, murmelt der andere wieder auf Russisch vor sich hin und grinst die Sportlerin an. Die Kommissarin ordnet danach den Abtransport an und die zwei Männer gehen zur Tür.
„So richtig hat sich die Aktion ja nicht gelohnt, oder? Zu zweit mit Messern einen Laden überfallen. Wer kam auf die dämliche Idee früh morgens, wenn die Kasse leer ist?!“ Beide grinsen vor sich hin und flüstern sich etwas zu.
„Die wird sich wundern, wenn sie das nächste Mal ihr Lokal betritt.“
„Genau, wenn sie es betreten kann.“, lacht der Andere.
„Die Gaststätte. Sie sind dort!“, beendet Tina endlich ihre ganze Rederei.
Saito schaut zum Spiegel.
„Haben Sie das alles? Suchen Sie sofort alle Unterlagen und Artikel zum Unfall von Bettinas Eltern raus. Was meinten sie mit Karre? Eventuell das Auto.“, macht Saito eine klare Ansage.
„Kommissarin Moris, und lassen Sie sich die Unterlagen vom Einbruch meiner Gaststätte vom 18. Revier schicken. Eventuell hat das damit etwas zu tun.“, bringt Tina sich mit ein.
„Welcher Einbruch?“, wundert sich Saito. Tina erklärt ihm kurz alles und auch, dass Martin versucht hat etwas herauszufinden.
„Dann werden wir später Herrn Müller dazu noch befragen. Eventuell hilft uns das weiter. Wenn nichts gestohlen wurde, was wollten die denn dann?“
Es klopft an der Tür und ein Kollege vom Ortungsteam kommt mit Laptop herein.
„Sir, wir haben ihn, wir haben das Handy der gesuchten Person geortet.“
Alle sind plötzlich sehr angespannt und er stellt den Laptop auf den Tisch und beamt das Bild der Stadtkarte an die Wand.
„Hier, im 18. Revier. Es bewegt sich sehr langsam. Vermutlich zu Fuß unterwegs. Die Triangulation müsste ich jetzt machen, aber eine Personenbeschreibung an die Ministationen sollte reichen. Informiert sind sie alle schon. Im Moment ist es ein Umkreis von bis zu 500m.“
Alle sehen zum Plan. Marie sieht nur einen Punkt, da sie die Stadt nicht kennt, aber die anderen wissen wo es ist.
„In der Nähe vom „De Mecklenburger“. Können Sie ihn abfangen? Mit den Zivilstreifen?“, fragt Tina besorgt.
„Marie, ruf ihn nochmal an. Vielleicht geht er jetzt ran.“, schlägt Kojiro vor. In diesem Moment bleibt der rote Punkt stehen. Marie reicht das letzte Bild rüber und lässt es einscannen. Sofort werden die Bilder weitergeleitet. Tina übersetzt. Dann holt sie ihr Handy raus und ruft Karl erneut an. Wieder geht er nicht ran. „Versuche es weiter. Und schicke mal eine SMS, dass du hier bist und wir ihn suchen. Er soll anrufen.“, meint er dann. Marie folgt seinem Vorschlag. Kurz darauf bewegt sich der Punkt wieder, aber es ist immer noch nicht genau klar wo er sich befindet und er bewegt sich deutlich schneller. Kurz darauf endlich gibt es einen Rückruf. Kojiro nimmt ihr das Handy plötzlich ab.
„Sorry.“, sagt er nur, da er weiß, dass sie ihn nicht verstehen würde. Dann nimmt er ab. Alle sehen ihn verwundert an. Marie ist etwas irritiert.
‚Nanu, was soll das denn? Wieso will er mit ihm reden?‘, wundert sich Saito.
„Ich bin´s, Kojiro! Sag jetzt nichts! Kein Wort! Du bist in Gefahr! Antworte nur mit Ja, nein oder okay und wirke normal!“, macht er eine klare Ansage. Maries Herz schlägt ganz laut und sie blickt total verwundert zu Kojiro auf und ist überrascht mit welcher Selbstverständlichkeit und fester Stimme Tinas Freund mit ihrem Bruder spricht. Das hat sie noch nie erlebt, dass überhaupt jemand so mit ihm redet. Er ist doch derjenige, der sonst immer den Ton angibt.
‚Tinas Freund hat aber eine sehr bestimmende Art. Bisher kam er mir nur ruhig, höflich und freundlich vor. Er machte mir jedoch auch nie den Eindruck nur ruhig zu sein. Weiß er überhaupt mit wem er da redet? Und wieso um alles in der Welt kommt er mir irgendwie bekannt vor? Ich muss ihn schon einmal irgendwo gesehen haben. Aber wo? Kojiro…hm…Kojiro. Ich kenne keine Japaner, nur Genzo.‘, überlegt sie weiter. Karl-Heinz stutzt.
‚Hä? Wieso ist Hyuga an Maries Telefon? Und was meint er damit, ich sei in Gefahr?‘
„Hast du Maries SMS gelesen?“
„Nein.“, antwortet er nur verwundert und schaut aus dem Fenster seines Taxis. „Sie ist hier und das haben die falschen Leute mitbekommen. Sie ist in Sicherheit bei uns und auf dem Revier. Hör gut zu. Wir vermuten, dass die Leute dich suchen. Ich reiche dich jetzt an den ermittelnden Kommissar weiter, folge seinen Anweisungen.“, erklärt er ruhig aber mit fester Stimme. Daraufhin reicht er das Handy an Saito weiter. Karls Puls steigt enorm an und er sorgt sich natürlich um seine Schwester.
‚Interessant, er weiß scheinbar wie man sich in so einem Fall verhält. Er wollte vermutlich nicht, dass sich seine Schwester erst lange mit ihm unterhält und kostbare Zeit verloren geht.‘, stellt der Revierchef überraschend fest. Takeru schaltet den Lautsprecher vom Handy ein und legt es auf den Tisch.
„Guten Tag Herr Schneider. Ich bin Hauptkommissar und Revierchef Takeru Saito aus dem 87. Revier. Bitte antworten Sie wie Herr Hyuga sagte und alle anderen Fragen bitte per SMS beantworten.“
„Okay.“, antwortet er nachdenklich und besorgt.
‚Ach Marie, was ist denn nur los? Wieso bin ich in Gefahr und du auf einem Polizeirevier? Ich verstehe das nicht. Wieso bist du überhaupt hier? Hast du mich deswegen so oft versucht anzurufen? Wolltest du mich treffen? Woher wusstest du denn, dass ich hier bin?‘ Plötzlich schnappt Marie den Namen auf und starrt Kojiro herzklopfend an.
„Hyuga. Kojiro…Hyuga?“, stößt sie im Gedanken aus.
‚Aber ja, jetzt weiß ich es. Er ist Brüderchens stärkster Gegner und Konkurrent. Jetzt erkenne ich ihn auch. Die hochgekrempelten Ärmel heute Morgen hätten mich gleich stutzig machen müssen. Er hat Karl-Heinz den Torschützenkönig bei der Olympiade weggeschnappt. Tina, ist das dein Ernst? Was hat das zu bedeuten? Wie kannst du dich auf seinen größten Rivalen einlassen? Und das ist so besonders? Er ist der Mann, den du so sehr liebst, dass du die schrecklichen Erinnerungen verlierst? Ausgerechnet er? Tina, wie muss sich Karl-Heinz nur furchtbar fühlen, wenn er das jetzt weiß? Ihm geht es sicher furchtbar schlecht.‘, geht durch ihren Kopf und plötzlich blickt sie enttäuscht zu Tina rüber, die neben Kojiro steht. Diese ist erstaunt als sie Maries Tränen sieht. Alle Anwesenden sehen sie verwundert an. Kojiro hingegen bleibt locker. Ihm war klar, dass es ihr irgendwann mal auffallen wird und sie ihn dann böse ansieht. Immerhin ist er ein sehr persönlicher Rivale ihres Bruders. Seine Geschwister wären vermutlich genauso überrascht, wenn die Situation ähnlich wäre. Sein Vorteil ist, dass seine Schwester Tina ohnehin schon mochte.
‚Ach Marie, du denkst sicher jetzt falsch über uns. Du bist mir sicherlich böse und du wirst enttäuscht sein, aber ich kann es doch auch nicht erklären. Ich kann doch meine Gefühle nicht ignorieren. Irgendwann wirst du es verstehen. Spätestens, wenn du auch mal so empfindest.‘ Auch ihr entweicht eine Träne, welche sie dann aber mit einer gekonnten Bewegung beim Haarwegschieben wegnimmt.
Der deutsche Kommissar wundert sich warum Marie plötzlich weint und er überlegt noch wer dieser Mann denn sei.
‚Kojiro Hyuga, irgendwann ist der Name mal gefallen. Aber in welchem Zusammenhang? Mir fällt da niemand ein. Es hatte eben den Anschein als hätte sie vorher nicht gewusst wer er ist. Bettina Fuchs, wer ist der Mann an Ihrer Seite? Es hatte einen Grund warum Herr Saito ihn hat heimlich herbringen lassen. Ist er wirklich so bekannt? Ist er ein sehr hoher Prominenter hier in Japan, dass es noch niemand wissen darf, dass die beiden zusammen sind? Was würde denn passieren, wenn es die Presse mitbekommt?‘, geht durch Uwes Kopf und er schaut sich Kojiro nochmal genauer an und mustert ihn.
Marie legt ihren Kopf nachdenklich und weinend auf den Tisch und verschränkt ihn. Saito versucht seinen Job zu machen und lenkt mit der Unterhaltung zu Karl-Heinz ab.
„Herr Schneider, wir haben Sie geortet, aber Sie sind schnell unterwegs. Wir können noch nicht so genau festlegen wo Sie sind. Sitzen Sie in einem Taxi?“
„Ja.“
„Wo wollten Sie jetzt hin?“ Es wird eine SMS gesendet.
„Zu einer Schule Namens Musashi.“
„Können Sie die Taxinummer des Fahrers erkennen? Legale Taxen sollten dies im sichtbaren Bereich haben.“ Karl sendet noch eine SMS.
„Es ist eine Frau, Japanerin. Nummer 586.“
„Das ist Sakuras Taxi. Karl, beschreibe das Innenleben kurz.“, mischt sich Tina plötzlich ein.
„Kleine Volleyballanhänger, Logos von deinem Verein, viele Hello Kittys.“, schreibt er. Tina grinst.
„Stimmt. Versuche sie ins Gespräch zu bringen, ob sie dir von mir erzählt.“, sagt Tina. Karl-Heinz versucht sein Glück und spricht die Taxifahrerin freundlich an.
„Sie sind wohl großer Fan von dieser Volleyballerin aus meiner Heimat?“
„Ja, sie ist die Größte. Sie interessieren sich für Tora? Sie ist sehr stark und hat viele Fans in Japan.“, antwortet die Fahrerin. Tina schaut erleichtert.
„Das ist sie.“ Kojiro bestätigt es, er ist schon öfters mit ihr gefahren. Saito schaut zu Tina.
„Kann man ihr trauen? Dann kann sie ihn ja herbringen.“ Tina nickt.
„Auf jeden Fall. Sie war früher sogar selbst bei der Polizei. Sie hat eine ähnliche Ausbildung wie Andrea und war bei einer Spezialeinheit. Dann hat sie sich im Dienst verletzt und musste mit dem Job aufhören. Im Innendienst wollte sie aber nicht sein, lieber raus auf die Straße. So hat sie mit ihrem Mann zusammen das kleine Privattaxiunternehmen gegründet.“ Alle sind erstaunt. Kojiro wusste das auch nicht. Marie bekommt von dem Gespräch nicht viel mit. Sie versucht sich jedoch wieder zu fangen, um dem Gespräch mit Karl zu folgen.
„Karl, du kannst ihr vertrauen. Frage sie, ob sie mich persönlich kennt.“ Genau das macht er auch.
„Das wäre zu schön, leider nicht. Frau Fuchs ist viel zu beschäftigt.“, kommt als Antwort.
„Super, sie hält sich genau an unsere Absprache.“, ist Tina begeistert und beruhigt. Sie weiß, wäre Sakura oder ihr Insasse in Gefahr, dann hätte sie anders geantwortet.
„Sag ihr, du bist ein alter Freund aus Deutschland und du weißt nun, dass du ihr vertrauen kannst. Dann kannst du dein Handy auf Lautsprecher machen. So bekommt keiner über Funk etwas mit.“
„Ich bin ein alter Bekannter von ihr und weiß nun, dass ich Ihnen vertrauen kann.“ Sakura schaut überrascht in den Spiegel.
‚Nanu, das ist der Gegenspruch für unseren Code. Ist er wirklich ein Freund von Tina? Woher kennt er den Code?‘
„Beweisen Sie es mir. Da kann ja jeder kommen.“, spricht sie freundlich.
Tina gibt nochmal eine Anweisung an Karl durch und dann legt er auf.
„Tina ruft Sie nun selbst an.“, sagt er.
‚Ach Tina, du machst es kompliziert. Was ist überhaupt los, dass du so sehr auf Nummer sicher gehen musst?‘ Kurz darauf klingelt Sakuras Handy.
„Du bist es wirklich?“, spricht Sakura in den Freisprecher.
„Ja, Sakura, ich bin es. Hör zu. Dein Fahrgast ist in Gefahr. Es sind irgendwelche Leute hinter ihm her. Wir sind im 87. Revier bei Akanes Vater. Ich übergebe mein Handy nun an ihn, damit du mit ihm direkt im Kontakt bist. Am besten du stellst dich ihm kurz vor, dann weiß er wie du ihm helfen kannst. Bitte in Englisch, wir haben einen Kommissar aus Deutschland dabei.“ Sie legt das Handy mit Freisprechfunktion auf den Tisch vor Herrn Saito.
„Tina, kannst du mir vielleicht mal verraten wer dein Freund aus Deutschland ist? Wieso ist er in Gefahr?“
„Hier ist Revierchef Takeru Saito. Ihr Fahrgast ist Herr Karl-Heinz Schneider, der prominente Fußballer. Bitte schauen Sie ob sie verfolgt werden. Wo haben Sie ihn einsteigen lassen und wo sind Sie aktuell?“
„Wie jetzt…wirklich?“ Sie schaut skeptisch in den Rückspiegel und blickt kurz wie er nachdenklich und angespannt aus dem Fenster schaut.
‚Was hat das denn zu bedeuten? Wieso ist das ein Freund von Tina? Ich habe mich ja neulich schon gewundert als ich ihr Hyuga nach Hause gebracht habe, mit Koffern. Und nun sitzt hier sein größter Rivale in meinem Taxi und die sollen beide befreundet sein? Was hat das alles zu bedeuten?‘ Sakura stellt sich kurz vor und sagt an, dass sie ihn vor Tinas Gaststätte eingesammelt hat und sie gleich vor der Schule stehen.
„Noch ist mir nichts weiter aufgefallen, aber ich werde darauf achten. Was nun? Soll ich ihn zu Ihnen ins Revier bringen?“
„Ja, das ist am besten, aber bleiben Sie noch etwas in der Nähe, damit Ihnen niemand folgen kann. Sie sind ja vom Fach, das ist gut. Lassen Sie das Handy, wenn es geht an und bleiben weiterhin mit uns im Kontakt. Melden Sie sich, wenn Sie etwas bemerken sollten.“ Plötzlich beugt sich Karl vor, um ins Handy zu sprechen.
„Tina, ich will Maries Stimme hören!“ Er spricht in Deutsch. Diese richtet sich plötzlich auf und lehnt sich weinend über das Telefon.
„Brüderchen! Es tut mir alles so leid! Das ist alles meine Schuld, nur weil ich meinen Mund nicht halten konnte. Jetzt habe ich dich in Gefahr gebracht.“
„Marie, Hauptsache du bist in Sicherheit. Alles andere ist egal.“, spricht er sanft und lehnt sich dann wieder zurück.
„Karl, was willst du bei meiner alten Schule?“, fragt Tina.
„Verratet mir lieber mal was los ist. Warum glaubt ihr, dass jemand hinter mir her ist?“, murrt er.
„Herr Schneider, wir haben die Annahme man wollte Ihre Schwester entführen und Sie eventuell erpressen, aber genauer können wir das erst sagen, wenn wir alle Täter haben.“
„Was? Marie entführen? Wie das? Ich wusste ja selber nicht mal bis eben, dass sie hier ist.“
„Das hat sich aus einer anderen Situation heraus ergeben. Auf dem Revier können wir das in Ruhe aufklären.
Die zwei mutmaßlichen Entführer haben wir bereits, aber sie geben ihr Vorhaben natürlich nicht zu. Es gibt jedoch weitere Verdächtige und Frau Krause zeichnet uns Phantombilder. Sie hat einige von ihnen gesehen. Wir gehen nicht davon aus, dass die Täter wirklich wissen wo Sie sind, aber wir gehen lieber auf Nummer sicher, denn sie wollten zu Frau Fuchs´ Gaststätte gehen und in der Nähe haben Sie sich soeben noch befunden. Daher unsere Besorgnis.“
Sakura schaut hinaus und beobachtet aufmerksam den Verkehr.
Kojiro spricht Herrn Saito plötzlich auf Japanisch an. Ihm ist etwas eingefallen. „Sagen Sie, wäre ein Ort an dem man Schneider definitiv nicht vermutet und suchen würde, nicht sicherer als eine Fahrt quer durch die halbe Stadt?“ Saito drückt auf den Mikrofonknopf und sperrt die Sprechfunktion. Dann wird wieder auf Englisch weitergesprochen.
„Was meinen Sie für einen Ort?“
„Na unser Trainingslager. Es ist dieses Jahr bei der Musashi-Schule. Es ist mit einem hohen Zaun umgeben und wir haben überall Sicherheitsposten stehen. Heute dürfen auch keine Fans aufs Gelände, so kann kein Fremder herein. Wenn sie doch schon davorstehen und ihnen offensichtlich niemand gefolgt ist könnte es doch ein guter Ort sein wo er abwarten kann bis sich alles gelegt hat. Besser als ein Polizeirevier. Und er wäre nicht allein, immerhin ist ein alter Freund und sein alter Trainer dort. Mit unserem Kapitän versteht er sich auch gut.“ Saito ist über den Vorschlag sehr erstaunt. Dann schaut er nachdenklich zu Tina.
„Wann öffnet deine Gaststätte offiziell?“ Sie ist erstaunt.
„11 Uhr, warum?“
„Wir haben noch gut eine Stunde bis dahin. Ich vermute die wollen, wenn dann in der Öffnungszeit agieren, sonst wäre schon längst etwas passiert. Meine Vermutung ist ohnehin, dass die eigentliche Aktion im Laden, nur eine Ablenkung war, um vom Lokal abzulenken. Wir haben zurzeit keine Ahnung was die Bande als nächstes plant. Die Kollegen in Zivil öffnen dein Lokal wie gewohnt und mischen sich unter die Gäste. So sind sie direkt vor der Tür und im Lokal. Was auch immer die vorhaben, überall ist jemand und es kann sofort eingegriffen werden.
Dein Koch und dein Personal sollen wie gewohnt arbeiten. Regle das am besten jetzt gleich. Ich gebe der Truppe Bescheid, dass dein Koch mit Begleitung wieder rein gehen wird. Wärst du heute auch im Lokal?“ Tina schüttelt den Kopf.
„Nein, in der Regel bin ich am 25. Nicht im Lokal. Ich wollte heute nur kurz rein, etwas erledigen und dann wieder raus.“
„Das ist gut, denn dann rechnet keiner mit dir. Wir gehen zum Trainingslager und agieren von dort weiter. Die Idee ist gut, wir fahren alle zusammen zu diesem Trainingslager und sind dann nicht nur abgeschirmt von den Touristen, sondern auch gleich vor Ort und ich kann auch von dort aus über Funk mit der Ziviltruppe in Kontakt sein.“
„Chef, was meinen Sie mit „Wir“?“, kommt plötzlich eine Stimme aus der Wand.
Saito steht auf und setzt einen ernsten Blick auf.
„Wir alle, Sie, Frau Kommissarin und Ihr Schützling, wir hier und Ihre Familie, Herr Heinemann. So müssen Ihre Kinder nicht den ganzen Tag hier auf dem Revier verbringen und Sie können doch ein wenig Urlaub genießen. Es macht den Kindern sicher Angst die ganze Zeit hier zu sein, dort sind sie abgelenkt.“ Alle sehen ihn nur verwundert an.
„Was meint denn unsere halbe Psychologin dazu? Was ist für die Kids besser? Hier auf unbestimmte Zeit rumzusitzen oder auf einem Schulgelände auf dem Sportplatz spielen?“ Tinas Puls steigt etwas an und sie weiß gar nicht was sie genau darauf sagen soll. Natürlich ist es für die Kinder toll und wenn man bedenkt, dass diese Familie so begeisterte Sportler sind und die Große sogar nach Artikeln von Genzo und Ken gefragt hat, das wäre garantiert der coolste Urlaub von allen, wenn sie so eine Gelegenheit hätten. Sie könnte ihr großes Vorbild persönlich kennenlernen.
„Natürlich wäre es für die Kinder toll. Aber das können wir doch nicht einfach so beschließen.“, sagt sie verunsichert. Saito stellt die Sprechfunktion wieder an.
„Herr Schneider, was wollten Sie ursprünglich in der Schule?“, spricht er ihn an.
„Ich wollte einen alten Freund besuchen.“, meint er trocken.
„Karl, meinst du Genzo?“, hakt Tina nach.
„Wieso Genzo? Nein, jemand anderes.“
„Man, nun sag schon, du hast hier weiter keine Freunde.“, murrt Tina plötzlich. Alle wundern sich über ihren Tonfall.
„Woher willst du das denn wissen? Er ist zufällig auch hier und will sich dort mit mir treffen.“, murrt er zurück.
„Pierre.“, haut Kojiro plötzlich raus und verschränkt die Arme. Tina schaut ihn verwundert an.
„Meinst du er ist noch da?“ Kojiro nickt überzeugt.
„In der Regel bleiben er und Pepe noch ein paar Tage hier und sehen sich das Land an. Wir haben unsere zwei kurzen Freundschaftsspiele und dann machen die beiden Urlaub. Die anderen fahren wieder heim. Cusavier wäre ja auch noch da, wenn das mit Viola nicht passiert wäre. In der Regel würden wir dann was zusammen unternehmen.“, erklärt er.
‚Oh, interessant. Kojiro hat an ihn gedacht. Wieso geht er davon aus, dass wir uns treffen? Das kann er doch gar nicht wissen. Niemand weiß, dass wir noch im Kontakt sind.‘
„Kojiro, du bist gut. Du hast Recht. Ich habe ihn heute Morgen angerufen und ihm erzählt, dass ich zufällig hier bin. Er bestand darauf mich dort zu treffen und hinterher wollte er mit mir essen gehen. Es gäbe wohl ein tolles Lokal mit französischer Küche in der Nähe. Was ist in der Schule?“
„Unser privates Trainingslager in diesem Jahr. Es ist gut, dass du dich mit ihm triffst. Ich kann mir vorstellen, dass er mit dir zu uns wollte. Pierre weiß, dass er am Familien-Tag als Freund der Mannschaft Zutritt bekommt. Geh mit ihm hin, du bist dort sicherer aufgehoben als im Taxi. Das Gelände wird vom besten Security-Team Tokios bewacht. Dort würde dich niemand suchen.“
Sakura schaut nur überrascht. Dass sich plötzlich die beiden direkt unterhalten als wäre es selbstverständlich kommt ihr etwas seltsam vor.
„Herr Schneider, was sagen Sie zu dem Vorschlag? Ist doch sicher besser als auf unbestimmt Zeit auf dem Revier rumzusitzen.“, spricht Saito ernst. Karl-Heinz schaut aus dem Fenster und betrachtet die Parkanlage der Schule.
‚Es ist schön hier. Hier bei den Bäumen hat Tina Volleyball spielen gelernt? Hier ist sie groß geworden? Aber jetzt zum Japan-Team gehen? Pierre, war das wirklich deine Absicht?‘ Er entdeckt seinen alten Bekannten auf einer Bank im Schatten einer japanischen Kirsche. Er hat ein Buch in der Hand und trägt eine große Sonnenbrille.
„Karl, was überlegst du denn so lange? Willst du wirklich stundenlang wieder nur rumsitzen statt dich zu bewegen?“, spricht Tina plötzlich ruhig aber ernst.
„Ich weiß nicht…was sollen die Männer von mir denken? Ausgerechnet ich verstecke mich bei ihnen vor irgendwelchen Leuten.“, murmelt er laut genug, dass es alle hören können.
„Das müssen sie doch gar nicht wissen. Du bist einfach nur Pierres Begleitung, so hat er sich das sicher gedacht. Wir kommen später nach mit Marie und den Kommissaren in Zivil. Mach dir darüber keine Gedanken. Aber du kannst dich mal endlich mit Genzo unterhalten. Nutz die Möglichkeit doch einfach.“ Es ist wieder still und Tinas Puls steigt weiter an. Sie kann nicht begreifen warum er nicht zusagt. Ihm müssen doch genauso die Knochen wehtun wie ihr. Sein langer Flug und dann das lange Warten gestern und bis spät abends noch ihre Unterhaltung.
„Nun spring doch einfach mal über deinen Schatten! Hast du alles vergessen? Hast du vergessen was wichtiger ist als Stolz?“, spricht sie ernst und etwas zornig.
Karl schaut weiter aus dem Fenster.
„Hör zu, ich war gestern bei Trainer Mikami und habe ihm alles erzählt. Danach haben Kojiro, Genzo und ich der Mannschaft ebenso alles erzählt. Wir sind also alle über unseren Schatten gesprungen. Manchmal muss das sein. Und nun bist du dran.
Karl-Heinz! Was ist wichtiger als Stolz?“ Wieder kommt keine Antwort.
„Erinnere dich!“ Sie macht eine kurze Pause.
ALLES FÜRS TEAM…!“, sagt sie streng, und versucht damit nicht in den Hörer zu brüllen, was sie am liebsten machen würde. Dann plötzlich kommt eine Antwort.
„…und darüber hinaus!“, kommt leise von Karls Seite, während er aus dem Fenster zum Franzosen schaut und ihm dann wieder bewusst wird was ihr Team zusammengehalten hat. Wie schön war doch die aufregende Zeit als sie nach Paris gefahren sind, um das erste Mal internationale Gleichgesinnte zu treffen und sich mit ihnen zu messen? Die Zeit im Team seitdem Tina und Stephan dabei waren, war auch außergewöhnlich schön. War jemand krank, wurde er besucht. Hatte jemand Sorgen, wurde geredet. Irgendwer fand sich immer für jemanden. Natürlich waren nicht alle Freunde miteinander, aber jeder hatte jemanden im Team und war privat im Kontakt. Bei ihm war es ihr Vierergespann bis Genzo dazukam. Was war das nur für eine tolle Zeit? Nie wieder hat es so eine Zeit gegeben.
„Familie und Freunde.“, antwortet der deutsche Kaiser endlich.
Tina atmet erleichtert durch.
„Na Gott sei Dank. Ich dachte schon ich muss ausgerechnet heute stundenlang auf einem Polizeirevier rumsitzen.“ Sie schaut zu Kojiro auf und lächelt.
‚Das habe ich dir zu verdanken. Du gibst mir immer Rückhalt, manchmal ohne es selbst zu merken.‘ Kojiro lächelt liebevoll zurück.
‚Ach Bettina, das war euer Teamgeist? Ist es das immer noch? Ist es diese Art deine Teams zu führen?‘
„Was ist heute?“, fragt Saito ruhig und schaut ihr in die Augen. Tina sieht ihn traurig an. Dann ertönt Karls Stimme am Handy.
„Ja Tina, was ist heute?“ Sie schließt die Augen
„Heute...heute ist.“ Kojiro nimmt plötzlich ihre Hand.
„Du musst es jetzt nicht sagen, wenn du nicht willst.“, sagt er liebevoll.
„Doch, Kojiro. Jetzt kann ich es. Dank dir.“, sagt sie selbstsicher.
„Karl, heute ist Stephans...7. Todestag. Der Tag des Überfalls.“
Es ist still. Marie konnte ein paar Worte aufschnappen und sieht Tina fragend an.
„Stephan? Heute vor sieben Jahren ist es passiert?“ Fragt sie nochmal nach.
Sie nickt nur und kurz darauf fängt Marie furchtbar zu weinen an, steht auf und fällt ihr um den Hals.
„Stephan, das war heute? Und ich ruiniere dir den Tag noch mehr. Es tut mir so leid.“, schluchzt sie bitterlich.
„Wir sehen uns nachher. Tina, danke, dass du es mir gesagt hast. Ich nutze die Gelegenheit und rede mit Genzo.“, ist aus dem Handy zu hören und dann wird aufgelegt. Sakura blickt in den Spiegel.
‚Er ist sehr ruhig. Wessen Todestag ist heute?‘
„Darf ich fragen? Wer war dieser Stephan?“ Karl blickt sie betrübt an.
„Sie sind wirklich eine Freundin von Tina?“ Sie nickt.
„Beweisen Sie es mir.“ Sakura nimmt die Hände vom Lenkrad. Sie steht bereits in einer Parktasche. Dann geht sie an ihr Handschuhfach, holt ein Foto heraus und reicht es ihm rüber.
„Reicht das als Beweis?“ Auf dem Bild ist sie mit Tina und Andrea in einer Diskothek.
„Das war im Februar mit einer anderen Freundin zusammen.“, erklärt sie kurz. „Andrea Hopkins. Tina hat hier viele neue Freunde. Aber das wundert mich nicht. Okay, ich glaube Ihnen“ Er gibt ihr das Foto zurück.
„Stephan war ein sehr guter Freund, und Tinas Bruder. Er war der beste Verteidiger, den ich je hatte. Wir haben gut fünf Jahre im selben Jugendteam gespielt.“, sagt Karl nachdenklich und ruhig.
„Ihre Freundschaft basiert also auf Toras Bruder, weil er in Ihrem Team war. Ich verstehe.“ Karl schaut nachdenklich auf die vielen Hello-Kitty-Figuren. Allesamt sind entweder Volleyballerinnen, Köchinnen, Schwimmerinnen, Sportlerinnen oder raubkatzenähnliche Abbildungen. Alle haben immer irgendeine Eigenschaft oder einen Bezug von Tina an sich.
„So ähnlich.“ Er holt das Foto aus seiner Geldbörse und reicht es ihr rüber.
„Das ist unsere Verbindung.“, spricht er und zeigt auf Stephan.
„Das ist Stephan und das hier…“, er zeigt nun auf Tino.
„Das ist Tina bzw. Tino. Wir haben alle zusammen im selben Team gespielt. Sie kam mit ihrem großen Bruder zusammen ins Team, ersetzte unseren Keeper und spielte auch in der Verteidigung bei einer Europameisterschaft. Bis Genzo Wakabayashi kam und sie ablöste. Wir dachten all die Jahre Tino habe eine Zwillingsschwester, aber sie war es selbst. Sie gab sich die Jahre als Junge aus. Sie wurde unser Stratege in der Verteidigung oder war Ersatzkeeper.
Dann gab es diesen Überfall bei dem Stephan mit gerademal siebzehn Jahren starb und dann brach bis gestern unser Kontakt ab.
Ich habe auf einer ihrer Fanseiten etwas davon gelesen, dass sie hier an dieser Schule das Volleyballspielen kennengelernt hat. Der Trainer habe sie wohl nur ihrer guten Kondition wegen aufgenommen.
Das hier, das ist der Grund wieso sie so eine hohe Ausdauer hatte.“, redet er sich etwas die Gedanken von der Seele. Er hat das Gefühl dieser Frau vertrauen zu können.
‚Tina, du hast dich als Jungen ausgegeben und konntest in so einem starken Team mithalten? Wow. Wie hast du das nur geschafft?‘ Dann wechselt er das Thema.
„Mein Bekannter sitzt dort. Kann ich zu ihm gehen oder wie läuft das jetzt?“
„So einfach geht das nicht. Ich warte jetzt auf eine Nachricht vom Revier oder eine Zivilstreife. Ich könnte ihn herholen, wenn Sie möchten.“
„Okay. Dann können wir schon etwas reden. Wir haben uns auch sehr lange nicht gesehen.“ Sakura steigt aus und schließt das Auto kurz ab. Sie geht zu ihm rüber. Karl beobachtet die Szene.
„Guten Tag, Herr Pierre?“ Er schaut verwundert auf und blickt in ein freundliches hübsches Gesicht.
‚Oh, wow. Was verschafft mir die Ehre?‘, geht in ihm vor.
„Guten Tag, woher kennen Sie meinen Namen?“
„Schauen Sie hinter mir, das Taxi. Mein Fahrgast ist Herr Schneider, mit dem Sie sich verabredet haben. Er kann leider noch nicht aussteigen, aber Sie können gerne solange zu ihm. Er erklärt Ihnen dann alles.“ Er schaut skeptisch zum Taxi. Dann steht er auf und klappt sein Buch zu. Sakura öffnet die hintere Tür. Karl-Heinz beugt sich etwas vor und begrüßt Pierre.
„Lange nicht gesehen, sorry für diese Umplanung. Ich darf das Taxi leider nicht verlassen. Noch nicht. Aber wir dürfen uns bereits unterhalten.“ Der Franzose grinst und steigt nun ein. Sie geben sich die Hand. Sakura sitzt inzwischen wieder auf ihrem Platz.
„Mit dir ist es auch nie langweilig, ist ja wie früher. Ich war erstaunt als du mich angerufen hast. Was machst du überhaupt hier in Japan?“
„Ich habe jemanden besucht. Du bist sicher wegen des Freundschaftsspiels hier?“
„Richtig. Die verliefen etwas seltsam. Aber nun gut. Aktuell läuft eh nichts mehr nach Plan. Du kannst dich dann zur Champions League und zur WM glücklich schätzen, dass du dich nicht mehr mit Cusavier rumärgern musst. Unser zweites Spiel hier vorgestern war mein letztes mit ihm zusammen und dann fehlte fast das halbe Japanteam. Beide Keeper fehlten, Ohzora und Hyuga auch noch. Das erste Spiel war wirklich spannend, leider fehlten mir eindeutig Cusavier und Napoleon, aber naja.“ Karl-Heinz ist erstaunt.
„Was meinst du mit Cusavier? Will er jetzt doch auf einmal aufhören? Wieso? Er ist doch gerade erst wieder zurück nach Turin.“
„Seine Frau hatte einen schweren Unfall und lag im Koma. Da sie jetzt gesundheitlich mit ihrem Sport aufhört und sich nur noch um die Kinder kümmern will, hat er plötzlich auch entschieden ein Jahr eher in die Fußballrente zu gehen. Er will sich dann aber als Trainer ausbilden lassen und will in die Jugendförderung des Vereins. So bleibt er wie geplant bei der Familie. Seine zwei Kinder sind noch klein und durch die neue Arbeit hat er dann geregelte Zeiten. Davon können wir ja nur träumen.“
„Wieso fehlten so viele Japaner? Und dann sogar Genzo und Ohzora? Ist ja komisch. Seit wann verpasst der ein Spiel? Und Hyuga? Der verpasst doch kein Spiel gegen Cusavier?“, ist er irritiert.
„Naja, soweit ich informiert bin, waren Genzo und Ohzora verletzt, Wakashimazu hatte privat etwas wichtiges zu erledigen und Hyuga war zuerst nur spät dran und dann hatte er wohl plötzlich seine Abschlussprüfung. Seine Verteidigung. Naja…so sagte es der Trainer. Was meinst du, was könnte der studiert haben?“ Karl schaut nach vorne auf die Anhängersammlung mit den Volleybällen. „Architektur.“, sagt er trocken. Pierre sieht ihn verwundert an.
„Wie jetzt? Du weißt es? Wie kommt das denn? Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass er überhaupt was studiert. Architektur? Wow, habe ich ihm gar nicht zugetraut.“
„Was denkst du denn was ich studiere? Was machst du? Wolltest du nicht inzwischen auch was anfangen?“ Der Franzose, stammend aus einem Adelsgeschlecht, sieht ihn nachdenklich an.
„Gute Frage. Irgendwas mit Technik. So wie du mir immer von deinen neuen Autos vorschwärmst und mir die ganzen technischen Daten runterratterst.“, grinst er.
„Wow, ja genau. Maschinenbau. Danach steht Mechatronik auf dem Plan.“
„Ich studiere Kunstgeschichte. Europa hat da echt viel zu bieten und meine Familie beschäftigt sich ja sowieso damit. Dann kann ich später das Erbe vernünftig antreten.“ Karl lacht.
„Du denkst echt jetzt schon daran? Deswegen die Flirtereien?“ Pierre schaut nachdenklich zu den Wimpeln des Volleyballverein Tokios.
‚Was du jetzt wohl machst, Bettina? Seid ihr wirklich so glücklich, du und Hyuga?‘
„Damit ist jetzt Schluss. Ich werde mir Mühe geben und niemanden mehr unnötig anflirten. Und sei sie noch so hübsch.“, spricht er ernst und nachdenklich. Dann sieht er zu Karl-Heinz rüber.
„Wie jetzt? Kein Anbaggern mehr? Dann kann man mit dir ja mal in Ruhe essen gehen.“, grinst er.
„Im Ernst. Woher die Erkenntnis?“ Karl beobachtet ihn wie er wieder nach vorne zur Innendekoration schaut und nachdenklich wirkt.
„Sagen wir mal so, ich habe so richtig ins Fettnäpfchen getreten und musste dann feststellen, dass nichts ohne Vertrauen laufen kann. Egal was kommt, alles baut sich doch immer nur auf Vertrauen auf. Also lass ich die Weiber sausen und widme mich vorerst nur dem Sport und dem Studium. Wenn sich dann trotzdem was ergibt, mal sehen.“
‚Was ist das für eine seltsame neue Einstellung? Jetzt plötzlich will er sich nur auf das Wesentliche konzentrieren? Vor zwei Monaten klang das aber noch ganz anders.‘
„Das nenne ich einen Sinneswandel. Aber das war nur eine Frage der Zeit, dass das mal schief geht. Diese Frau muss dir ja ordentlich den Kopf gewaschen haben. Die gefällt mir. Am besten du stellst sie mir mal vor, damit ich ihr einen Ehrenpreis verleihen kann.“, lacht er schelmisch und spaßig. Pierre starrt nur weiter nach vorne und kann darüber gar nicht lachen.
‚Ach Bettina, ich habe es euch versprochen. Ich werde dichthalten. Ich werde ihm nichts von euch und von Stephan erzählen, bis ihr es getan habt.‘ Karl wird plötzlich stutzig.
‚Was hat dieser Blick zu bedeuten?‘
Aus Spaß? Einfach aus Spaß am Spielen?
Kapitel 79
Aus Spaß? Einfach aus Spaß am Spielen?
‚Wieso starrt er ständig nach vorne?‘, wundert er sich.
„Pierre! Sage jetzt nicht dein Fettnäpfchen war Tina, bzw. Bettina?“, haut er plötzlich raus. Der Franzose zuckt zusammen und sieht dem Mann neben ihm verblüfft in die Augen. Woher konnte er das denn jetzt erraten? Ist Karl-Heinz etwa wegen ihr hier? Ist sie die Person, die er besucht hat? Was weiß er dann schon? Weiß er schon von Stephan und weiß er auch von Hyuga? Ihm schwirren viele Fragen im Kopf.
„Du hast Tina als Frau nicht erkannt. Hast du sie in ihrer Gaststätte etwa angebaggert, weil du dachtest sie sei nur eine Kellnerin?“, stellt ihn Karl zur Rede. Er kennt Erus Schwäche für Blondinen. Und Tina ist besonders hübsch. Er kann sich sehr gut vorstellen, dass er sich in sie verguckt hat, wenn sie in ihrer Gaststätte eventuell auch bedient und dann mit ihrer Sprachkenntnis für Gäste wie ihn einspringen könnte.
Pierres Blick weicht ihm dann aus und er verschränkt die Arme.
„Natürlich habe ich sie nicht erkannt! Woher sollte ich das denn wissen?“, murrt er. Karl sieht ihn nachdenklich an. Es wird etwa zehn Minuten lang geschwiegen. Beide sehen nur nachdenklich aus ihren Fenstern.
„Karl-Heinz, bist du jetzt ernsthaft sauer auf mich? Dir sollte klar sein, dass ich nicht damit rechnen konnte hier jemanden von damals anzutreffen? Und schon gar nicht so eine Schönheit. Wenn du sie mit diesem Lächeln und in diesem Dirndl gesehen hättest, hättest du dich auch in sie verguckt. Ich kenne dich, wir haben denselben Geschmack. Tu also nicht so doof, nur weil ihr euch besser kennt!“ Erneut schweigen sich beide an.
‚Wieso bist du plötzlich so zickig? So kenne ich dich gar nicht, Karl-Heinz. Als wir uns vor sechs Jahren das erste Mal wieder privat getroffen haben und wir uns über die alten Zeiten unterhalten haben, hast du das Thema Tino und Stephan abgeblockt. Wir konnten über alles reden und haben viel unternommen, aber die beiden waren kein Thema über das du reden wolltest. Eigentlich verwunderlich, denn sie waren es doch, die uns zusammengebracht haben. Und nun regt er sich so über meinen Fehltritt auf und dann macht er wieder dicht. Was hat das zu bedeuten? Er scheint ja gewusst zu haben, dass Bettina Tino ist und durch meinen Blick zur Taxi-Deko hat er vermutet, dass es Bettina war, die ich angemacht habe. Wie kommt das?‘
„Pierre, wie konntest du übersehen, dass sie in festen Händen ist? Die Diamanten um ihren Hals sind doch nicht zu übersehen.“, spricht Karl plötzlich leise und ruhig. Er schaut dabei aus dem Fenster und beobachtet die Bäume.
Pierre ist erstaunt, dass er sich selbst zu Worte meldet und schaut zu ihm.
„Welche Diamanten? Sie hat nur Modeschmuck getragen. Da waren keine Anzeichen, dass sie jemanden hat.“, antwortet er ehrlich und verwundert.
Karl dreht sich zu ihm um und ist erstaunt.
„Echt? Keine Ohrringe, keine Kette und kein Armband?“, hakt er nochmal nach. Pierre versucht sich nochmal zu erinnern aber kann sich eindeutig nicht daran erinnern.
„Nein, wirklich nicht, was ganz Schlichtes und nix Kostbares. Ich mach doch keine Frau an, bei der es Anzeichen auf eine Partnerschaft gibt. Ich bin doch nicht lebensmüde.“, meint er überzeugt.
„Und welche Farbe hatte ihre Haarspange?“
„Oh, die. Sowas trägt kaum noch jemand heutzutage, aber bei ihr sah es echt hübsch aus. Das kann ich dir genau sagen. Die war silberfarben und hatte einen türkiesen Stein.“
Plötzlich klingelt das Handy der Taxifahrerin. Sie deutet an leise zu sein.
„Moto Sakura hier.“
„Frau Moto, hier ist Hauptkommissar Saito. Wir haben nun alles mit den Trainern und der Security-Firma abgesprochen und Sie könnten ab jetzt ins Trainingslager gehen. Über die Problematik wissen nur die Trainer Bescheid, die Wachposten nur, dass Sie herein gehen dürfen. Wir wollen das so diskret wie möglich halten.“
„Okay, ich weiß Bescheid. Holt uns jemand ab oder sollen die Männer einfach nur zum Einlass gehen?“
„Sie können einfach zum Einlass gehen. Herr Pierre scheint ohnehin angemeldet zu sein und darf offiziell eine Begleitung mit reinnehmen.“
„Ich verstehe. Danke für die schnelle Information. Sie kommen später nach?“
„Genau. Wir machen uns auch bald auf den Weg. Sie können danach wieder ganz normal Ihrer Arbeit nachgehen und reichen Sie uns, dem 87. Revier die Rechnung der Fahrt und Ihrer Wartezeit ein.“ Es wird wieder aufgelegt.
„Herr Schneider, das war der Anruf vom Revier. Es ist alles geklärt. Sie sollten Herrn Pierre noch aufklären was los ist.“, spricht sie freundlich.
Der französische Nationalspieler schaut erstaunt zu Karl-Heinz.
„Stimmt, wie jetzt Revier? Wir haben uns ja wirklich noch gar nicht darüber unterhalten warum du nicht aussteigen kannst.“
„Stimmt. Erst eine Frage vorweg. Als ich dich heute Morgen angerufen habe und gefragt habe wo wir uns treffen wollen und was wir unternehmen könnten hast du mich hierhergelockt. Was hattest du vor?“
„Hm, ich wollte tatsächlich mit dir hier einen alten Freund besuchen. Ich dachte es tut dir mal gut. Ich wollte mit dir Ohzora und Genzo besuchen. Sie haben dieses Jahr hier auf dem Schulgelände ihr privates Trainingslager. Ich weiß aber nicht, ob das jetzt noch passt. Also ob du es noch machen würdest.“ Karl erklärt ihm kurz was los ist.
„Wie jetzt, deine Schwester ist hier und man wollte sie entführen?“
„Vermutlich, sicher ist das alles noch nicht. Aber diese Bande will zu Tinas Gaststätte. Der Vorschlag ins Lager zu gehen kommt übrigens von Hyuga.“, merkt er dann noch an. Pierres Blick wird ernst.
„Wie jetzt, willst du mich veralbern? Und er weiß, dass wir uns gerade treffen?“ Karl grinst ihn plötzlich an.
„Hast du Schiss? Du weißt es bereits, oder? Du weißt schon, dass er es ist?“
„Wieso sollte ich? Natürlich weiß ich es. Wir haben bereits alles miteinander geklärt. Darüber musst du dir also keine Gedanken machen. Oder glaubst du, ich würde mit dir dann herkommen wollen?“
„Ich verstehe. Ihr habt euch ausgesprochen? Und du hast kein blaues Auge?“, grinst er. Pierre schmunzelt.
„Du erst wieder. Was denkst du nur von ihm?
Du hast mir noch nicht verraten was dich dazu getrieben hat mich überhaupt anzurufen? Du sagtest, du willst mit mir über etwas reden.“ Karl schaut etwas betrübt.
„Ich wollte mit dir über Stephan reden. Aber ich gehe mal davon aus, dass du es schon weißt, wenn du Tina und Hyuga begegnet bist.“ Ein trauriger Blick trifft ihn.
„Ja, das hat sie. Bettina und Genzo haben es mir etwas schonungslos erzählt.“ Er berührt plötzlich Karls Schulter.
„Es tut mir sehr leid, ihr habt euch alle so nahegestanden.“
„Haben sie dir auch erzählt wer die Männer waren?“
„Nein, nur dass es ein Überfall war und die Typen scheinbar nicht wussten wann Schluss ist.“, sagt er leise und betrübt.
„Es waren Fans. Es waren Fußballfans, Pierre. Deswegen hat sie den Kontakt zu allen abgebrochen und ist hergezogen, für einen Neustart.“
„Nein, verdammt! Aber er war doch einer von uns.“, spricht er zornig.
„Glaubst du im Ernst darüber machen sich solche Leute Gedanken? Manche Fans übertreiben es so derart, du hast gar keine Ahnung! Du kennst das gar nicht. Damals als mein Vater noch als Trainer im HSV unter Vertrag stand kam es zu einem Skandal, weil er einen Spieler nicht aufstellen wollte und aus dem Team werfen wollte. Er hatte seine Gründe und ich konnte sie sogar verstehen. Dann ging das los. Plötzlich lauerten uns ständig Fans vor unserer Wohnung auf, verspotteten meine Mutter und meine Schwester, mich und schlugen sogar unsere Fenster mit Steinen ein während wir abends als Familie da waren! Vor nichts machen Manche Halt, nicht mal vor einem kleinen Mädchen, das deswegen noch heute Angst hat auf die Straße zu gehen!
Das passierte alles einige Wochen vor diesem Überfall.“
Beide schweigen und sehen sich nur an.
„Heute vor sieben Jahren Pierre, zwei Monate zuvor hatten wir noch unser letztes Freundschaftsspiel gegen dich. Stephans letztes großes Spiel. Danach unser letztes gemeinsames Kicken auf dem Bolzplatz an meiner alten Schule. Weißt du noch? Du, Pepe und wir fünf?“
„Das waren tolle Zeiten. Tino und Genzo im Tor und Kalz, Stephan und ich gegen dich und Pepe und umgedreht. Das waren Duelle, Wahnsinn.
Karl, warum machen wir sowas nicht mehr? Einfach aus Spaß? Ist es nicht das worum es gehen sollte? Deswegen habe ich doch angefangen zu spielen. Als ich das erste Mal auf einem Sportplatz mit anderen Jungs stand hat keiner danach gefragt wer man ist oder wo man geboren wurde. Es ging nur darum miteinander zu spielen. Ist es nicht das was Fans machen sollten? Nach der Arbeit kicken und Spaß haben und dann geht man zu unseren Spielen und genießt den Anblick von Profis und fiebert mit der Spannung eines Spiels mit? Warum müssen sich einige die Köpfe einhauen und sogar Jugendliche, Frauen und Kinder angreifen? Warum, Karl-Heinz?“ Karl zuckt mit der Schulter.
„Keine Ahnung. Lass uns später weiterreden.
Wollen wir reingehen und uns ablenken? Wie ich Ohzora kenne, versucht er uns aufzuheitern und abzulenken. Er ist mit Tina seit ein paar Jahren befreundet, hast du das gewusst?“ Pierre schüttelt den Kopf.
„Echt?“
„Jup, und mit Misugi ist sie auch schon lange befreundet und arbeitet sogar mit ihm zusammen für das Fitnesscenter.“ Pierre ist erstaunt.
„Man man…was muss ich noch wissen?“
„Tina hat vorhin nebenbei erwähnt, dass das ganze Team bereits Bescheid weiß wer sie ist und, dass sie mit Hyuga zusammen ist.“
„Oha, die meinen das aber echt ernst, was?“ Karl-Heinz nickt betrübt und greift dann den Türgriff.
„Ja, leider.“, murmelt er etwas und dann blickt er zu seinem alten Freund rüber und grinst.
„Bist du bereit? Bereit für die Höhle der Löwen?“ Eru schmunzelt.
„Du meinst das Nest der Krähen?“
„Stimmt, dann bist du der Gockelhahn und ich der Adler oder was?“, lacht er plötzlich.
„Genau, also sind wir ein Haufen schräger Vögel?“, beginnt auch er zu lachen. In Wirklichkeit haben beide jeweils eins zwei Tränchen in den Augen, denn ihnen wird erneut bewusst, dass sie einen alten Freund verloren haben und die Welt nicht immer nur aus Partys besteht.
Beide verabschieden sich von Sakura. Karl dreht sich nochmal um und geht zu ihr an die Fahrerseite. Sie öffnet das Fenster.
„Ich danke Ihnen. Wenn Sie eine echte Freundin sind, dann wissen Sie, dass das Gespräch eben unter uns bleiben muss, oder?“
„Natürlich. Ich wäre sonst eine schlechte Freundin und eine schlechte Taxifahrerin. Diskretion ist mein Geschäft.“, sagt sie ernst und lächelt.
Er grinst, gibt ihr ein nettes Trinkgeld und bedankt sich erneut.
„Danke nochmal. Das ist kein Trinkgeld, das ist für die nächste Eintrittskarte oder Verpflegung für Tinas Spiele. Und bitte auch kein Wort zu ihr.“, lächelt er zurück. Sakura dankt.
Kurz darauf stehen beide am Einlass des Trainingslagers. Pierre holt seine Eintrittserlaubnis raus und deutet auf seine Begleitung. Karl hat seine Sonnenbrille auf und versucht so diskret wie möglich zu sein.
„Herr Pierre, heute mit Begleitung?“
„Ja genau. Ein alter Freund ist zufällig in der Stadt. Er ist über die Trainer angemeldet.“
„Ich benötige jedoch ihren Namen, Sir.“
„Ist das wirklich nötig?“, versucht Pierre im freundlichen Ton.
„Es tut mir leid, aber das ist nun einmal Vorschrift. Sie wissen doch selbst wie wichtig die Sicherheit der Männer ist.“
„Richtig, dann klären wir das mit Ihrem Vorgesetzten. Er wird Bescheid wissen.“, wird er nun etwas ernster. Der Mann funkt seinen Chef an, welcher dann kurz darauf erscheint. Zum Glück ist heute nichts am Einlass los, da gleich alle Fans von den einfachen Sicherheitsleuten abgefangen und weggeschickt werden.
Der große Sicherheitschef schaut auf die beiden Männer herab.
„Guten Tag Herr Pierre? Heute mit Begleitung?“, kommt er ihm freundlich entgegen.
„Guten Tag Herr Kato. Ja, die Trainer müssten mich vorgemerkt haben, dass ich jemanden mitbringe. Er möchte jedoch anonym eintreten.“
„Hm, das ist immer ein Problem. Ich mache in der Regel keine Ausnahmen. Aber bei Ihnen geht es mal. Sie werden schon niemanden mitbringen, der dem Team schaden könnte. Ich begleite Sie jedoch selbst zu den Trainern, um auf Nummer sicher zu gehen.“ Dann schaut er zu Karl.
„Ein kurzer Gesichtscheck wäre jedoch nötig. Ich muss die aktuellen Steckbriefe gesuchter Europäer abgleichen. Die Meldung kam gerade rein. Es werden derzeit Europäer gesucht. Sie haben eine Sport-Boutique überfallen und wollten jemanden entführen.“ Karl nimmt kurz die Sonnenbrille ab und sieht ihn ernst an.
„Sie machen einen guten Job. Davon habe ich gehört. Eine Freundin hat es mir erzählt. Kann ich jetzt rein und meinen alten Freund Wakabayashi besuchen?“, dann setzt er die Brille wieder auf. Herr Kato ist sehr überrascht. Natürlich kommt ihm das Gesicht bekannt vor.
‚Ist das nicht dieser deutsche Fußballkaiser? Karl-Heinz Schneider? Pierre und Wakabayashi haben interessante Freunde.‘
„In Ordnung. Ich begleite Sie zu den Trainern.“
Zeitgleich wird angeregt auf dem 18. Revier telefoniert und der Einsatz im „De Mecklenburger“ besprochen.
„Sind alle auf ihren Posten? Wir müssen die Bande auf frischer Tat ertappen und wenn möglich alle zusammen.“, ertönt die kräftige Stimme des Revierchefs des 18. Reviers. Vor Ort im Lokal kommt eine Antwort.
„Jawohl Sir, alles wie besprochen. Das Personal ist auf ihren normalen Posten und wir überall verteilt. Küche, Gastraum, Hintereingang. Büro und Bäckerstube wird als Besprechungsraum genutzt. Es soll gedämmt sein und eignet sich ideal dazu. Vorne mehrere weitere in Zivil, damit sie sich zwischen die Gäste mischen und auch wechseln können, falls es länger dauert.“
„Super, die Phantombilder sind alle raus. Kameras im Gastraum installiert?“
„Ja, Sir.“
„Anschalten und prüfen. Das Lokal muss ganz normal punkt 11 Uhr öffnen, sonst fällt es auf.“
„Haben wir schon, ich lass es anschalten, dann können Sie und Herr Saito es einsehen.“
Am Tresen wird angeregt getuschelt.
„Oh man. Was ist das heute für ein Tag? Anja, bist du aufgeregt?“, fragt Carsten seine Ausbilderin.
„Natürlich, aber wir müssen jetzt alle ganz normal unsere Arbeit machen, sonst fällt es den Tätern gleich auf, wenn sie reinkommen. Es ist gut, dass die Polizei uns die Phantombilder nicht zeigt, so können wir unvoreingenommen an die Gäste treten und sie bedienen. Wir wissen nur, dass die Kaffeegesellschaft von Geschäftsleuten im Partyraum ihre Zivileinheit ist. So entlasten sie den Gastraum und wir haben trotzdem unser gewohntes Mittagsgeschäft und viele Einsatzkräfte vor Ort. Es würde viel zu sehr auffallen, wenn hier nur Kaffeetrinker sitzen, zur Mittagszeit.“
„Ja, die Leute wissen echt was sie tun.“
„Genau, hier vorne sind dann nur die drei kleinen Tische mit Mittagsgästen, die Polizisten sind und alles nebenbei beobachten und der Rest sind normale Gäste und eventuell die Täter. Also Carsten, sei ganz normal und locker. Du kannst das, du bist doch unser Sonnenschein hier vorne und immer gut gelaunt. Cool bleiben heute…klar?“, lobt sie ihn. Er macht eine Faust und sieht sie ernst und lächelnd an.
„Klaro, immer doch. Und wenn die Polizei zu langsam ist stellst du dich hinter mich und ich hau denen eins auf die Nase.“, grinst er selbstsicher. Anja lacht. „Genau, du beschützt mich dann mit deinen Kickbox-Künsten.“
In der Küche ist ebenso das Personal angespannt.
Roland scheucht Makoto ins Kühlhaus und danach ins Getränkelager. Er soll dem Service gleich den Nachschub vorbereiten und Heidi schickt er in die Backstube, um den fertigen Kaffee aus den Kaffeetürmen in die Kannen zu füllen. In der Regel sind solche Dinge eher vorbereitet, heute war dafür für Anja und Carsten keine Zeit, sie mussten in Kürze den Festsaal fertig machen. Zwar halfen einige Polizisten mit, aber trotzdem muss ja alles nachher ruhig und organisiert ablaufen. Für die Vorbereitungen war plötzlich nicht mehr viel Zeit. Dann ist endlich alles dreiviertel elf fertig und alle sehen sich nochmal in der Küche und atmen tief durch.
„Dann also…jetzt hat es sich mal ausgezahlt, dass Tina mit uns eine typische „Hier ist ein Reisebus - Aktion“ geübt hat.“
„Auf jeden Fall. Das hat wirklich gut geklappt. Ich hoffe das geht alles gut aus.“, spricht Anja.
„Natürlich wird es das. Was soll da bei so viel Polizei im Haus schief gehen? Die wissen genau was sie tun. Und außerdem, wenn das unter dem Kommando von Takeru Saito steht, mache ich mir da gar keine Sorgen.“
„Wie meinst du das? Kennst du ihn?“, hinterfragt Makoto.
„Flüchtig, er ist ein weit entfernter Verwandter. Wir tragen nicht grundlos denselben Nachnamen. Du müsstest seine Tochter kennen. Akane, sie spielte mit Tina zusammen im Uni-Team. Er leitet nicht grundlos das große Revier neben dem Flughafen, wenn ihr wisst was ich meine.“
„Oh, das ist sehr viel Verantwortung, stimmt.“, meint Makoto respektvoll.
„Und das ist Akanes Vater? Wow. Die Frau ist knallhart und gnadenlos. Schlimmer als Tina. Gegen die willst du echt nicht spielen. Also wenn ihr Vater auch so ein harter Knochen ist, dann muss ich mir echt keine Sorgen machen.“, grinst er.
„Wieso war Hitomi heute Früh nicht da? Sie ist immer noch nicht gekommen. Ich hoffe ihr ist nichts passiert. Zwar ist es ärgerlich, dass ich eben noch die Klos sauber machen musste, aber ich mache mir nun doch eher Sorgen.“, spricht Anja besorg an.
„Deswegen muss ich ja jetzt alles von innen verriegeln, falls die einen Schlüssel haben. Es ist nur vorne auf, wenn jetzt die Gäste kommen. Denkt also dran, Fluchtwege sind mit dem Balken verriegelt, immer nach oben drücken und dann öffnen.“ Alle bestätigen und dann geht jeder wieder an seinen Posten.
„Roland, ich mache mir Sorgen um Tina. Was wollen diese Leute denn überhaupt von ihr?“, spricht Heidi weinerlich.
„Das weiß ich doch auch nicht, Heidi. Vermutlich hat es etwas mit dem Einbruch neulich zu tun. Aber das werden wir vielleicht heute auch herausfinden, wenn die Leute hier wirklich auftauchen sollten.
Jetzt konzentriere dich bitte nur auf deine Arbeit.“ Makoto bekommt das Gespräch mit, kann aber leider nicht alles deuten, da er erst wenige Worte Deutsch versteht.
‚Tina, was ist da nur passiert? Was wollen die Leute von dir? Was hat es mit der Gaststätte zu tun?‘
Plötzlich klingelt Rolands Handy. Tina ist dran.
„Was für eine Erleichterung. Wie geht es dir?“
„Alles okay. Wir sind jetzt auf dem Weg zu Kojiros Trainingslager. Bei euch auch alles klar? Hat mit der Polizei alles geklappt?“
„Ja, alles gut. Ich habe sie beruhigt und ihnen gesagt, dass sie Takerus Truppe vertrauen können. Was meinst du mit dem Trainingslager? Wieso geht ihr dorthin?“
„Erkläre ich später. Wie jetzt? Seit wann kennst du Takeru? Ich dachte die gleichen Namen sind Zufall.“
„Ist es irgendwie auch, aber wir sind tatsächlich über viele Ecken verwandt. Ich erkläre es später mal. Du rufst doch nicht nur an, weil du nach dem Rechten fragst.“
„Stimmt. Hole bitte sofort aus dem Büro die externe Festplatte, alle Personalakten und die Abrechnungsbücher der letzten drei Jahre. Leg sie mir bitte einfach in die Backstube in den großen Ofen und schließe ihn diesmal luftdicht. Das wars schon. Falls also doch was passiert, müsst ihr nur raus und die Daten und Dokumente sind gesichert. Da sucht sie auch keiner. Wir holen sie später ab oder übergeben sie Takeru, wenn es nötig ist. Dann nehmt bitte alle eure Ausweise an euch, man weiß ja nie. So braucht keiner in den Personalraum stürmen.“
„Du gehst immer auf Nummer sicher, was? Seit wann ist der Ofen komplett verriegelbar? Wo ist die Funktion dazu?“, wundert er sich.
„Das hat Vater damals einbauen lassen. Die ganze Backstube ist verriegelbar. Für den Fall eines Erdbebens hat er das einbauen lassen. Deswegen ist die Backstube im Notfallplan der Zufluchtsort neben den Türrahmen für mehrere Leute. Sie ist wie eine Art Bunker aufgebaut und deswegen schalldicht.
Der kleine Hebel auf der Rückseite des Ofens rechts ist die luftdichte Verriegelung. Sie verschließt alle Öffnungen, vorne und die Lüftung. Die musst du drücken. Dann kann nichts hineinziehen, sollte mal was brennen oder so.“
„Ach so, das meinst du. Okay. Alles klar.“ Er legt auf und geht mit Makoto zusammen zum Büro, stöpselt die externe Festplatte ab, sucht alle Unterlagen zusammen und beide gehen dann mit den Akten zur Backstube zurück. Die Polizisten in der Backstube sind verwundert und fragen natürlich was das wird. „Anweisung von Frau Fuchs. Sie geht lieber auf Nummer sicher und will die wichtigsten Dokumente sichern. Wenn sie für die Ermittlungen dann eventuell benötigt werden, soll ich sie Herrn Saito persönlich überreichen.“, erklärt Roland. Er legt sie in eine Etage des Ofens und verriegelt ihn.
„Was sind das für Unterlagen?“, fragt der Kommissar vor Ort.
„Die externe Festplatte des PCs, Abrechnungen und die Personalakten. Unersetzbare Dokumente.“
„Was ist mit Ihrer Reinigungskraft? Die ist doch nicht erschienen. Hat sie auch eine Akte? Die würde ich gerne einsehen.“ Roland überlegt. Er kennt Hitomi auch nur von der Arbeit her. Er hat selbst überlegt ob sie überhaupt weitermachen sollte. Dass sie nicht erreichbar ist und heute gar nicht erscheint, kommt ihm seltsam vor.
„Okay.“, stimmt er zu und holt die Personalakten raus, um Hitomis zu überreichen. Plötzlich steht der Kommissar direkt neben ihm und hält die Hand auf die flachen Hefter.
„Am besten wir sehen uns gleich alle an!“, spricht er sehr bestimmend und ordnet seinem Kollegen an sich neben Roland zu stellen, um ihm daran zu hindern eventuell Widerstand zu leisten. Der Chefkoch sieht zornig in sein Gesicht und wehrt sich natürlich nicht, aber er sagt ihm seine Meinung dazu.
„Sie hätten auch gleich danach fragen können. Diese Art mit meinem Personal umzugehen gefällt mir nicht! Bei dem Einbruch hat auch niemand nach den Personalakten gefragt.“ Er bekommt ein fieses Grinsen als Antwort.
„Wie ich meine Ermittlungen leite, können Sie getrost mir überlassen.“ Makoto ist ebenso erstaunt und äußert höflich seine Meinung.
„Herrn Saito geht es nur um uns Lehrlinge und um Frau Fuchs. Er möchte unsere Identität schützen. Daher möchte ich bitten, dass Sie dem ermittelnden Revierchef des 87. die Personalakten geben. Er oder sein Ermittlerteam könnte vorbeikommen und sie abholen oder einsehen. Wäre das möglich?“ Roland ist sehr erstaunt und grinst stolz.
‚Makoto, du bist ein Fuchs. Du weißt genau, dass es sehr vertraute Daten sind. Niemand darf wissen wo wir wohnen und wer unsere Prominenten hier sind. Du weißt genau, dass ihr drei und nun sogar Herr Hyuga angreifbar sind, wenn es die falschen Leute wissen.‘ Der Kommissar schaut verärgert zu dem Jungen.
„Was bilden Sie sich ein? Ich bin der Ermittler und habe die Daten auszuwerten!“ Makoto bleibt freundlich und verschränkt jedoch die Arme. Er weiß, wenn Roland das sagen würde was er sagt, dann könnte man ihn einfach festnehmen, aber da er noch minderjährig ist fällt er unter das Jugendschutzgesetz. Er müsste handgreiflich werden oder beleidigend, damit es soweit kommt.
„Ich bitte Sie höflich Herrn Saito anzurufen und ihm die Sachlage zu schildern. Wenn wir keine prominente Chefin hätten, wäre das nicht so relevant. Es geht nicht gegen Ihr super aufgestelltes Team, aber sie vertraut ihm, also wäre es besser, er hätte auch alle Informationen, da er letztendlich den Einsatz leitet.“ Völlig erstaunt muss der Kommissar klein beigeben, er weiß, dass das Recht auf der Seite des Jungen ist. Wenn es um Prominente geht und diese Einspruch erheben und ihre Daten nicht freizugeben wollen, dann gehen diese nur im Notfall an den direkt ermittelnden Kommissar. Er steht nur auf der dritten Rangliste hinter seinem Revierchef. Der offizielle Ermittler ist in diesem Fall Hauptkommissar Saito.
‚Was bildet sich dieses Früchtchen überhaupt ein? Wie kann er es wagen mir zu widersprechen? Woher kennt er sich mit den Rangordnungen aus?‘
„Wie alt sind Sie, junger Mann?“
„Ich bin siebzehn Jahre alt.“, antwortet er selbstsicher und freundlich.
Der Kommissar greift zum Telefon und informiert Saito direkt. Als Antwort bekommt er, dass er einen Kollegen schicken wird die Unterlagen abzuholen. Dann wird schon wieder aufgelegt und der Kommissar mustert Makoto nochmal.
‚Irgendwie gefällt er mir. Ein waschechter Japaner mit Herz für Loyalität seinem Arbeitgeber gegenüber. Mumm hat der Bengel ja. Das kommt in der heutigen Jugend nur noch selten vor.‘
„Statt nur abzuwaschen solltest du mit deiner selbstsicheren Art und dem Rechtswissen lieber studieren gehen.“, sagt er plötzlich und lächelt ihn an als würde er stolz auf ihn sein. Völlig verwundert schaut Roland zu ihm.
‚Nanu. Was sind das denn für Worte? Hat er ihn gerade gelobt? Ich dachte er faltet ihn jetzt zusammen.‘ Makoto lächelt.
„Was glauben Sie was ich noch so alles nebenbei mache? Ich bin zwar hier und lerne Koch, aber nur, weil ich es liebe. Es ist mein Hobby. Nebenbei gehe ich zur Abendschule und mache mein Abitur, um später zum Jurastudium zu gehen. Ich mache die Ausbildung, um etwas Geld zu verdienen, weil ich mir keine teure Schule leisten kann. Danke für das Kompliment.“, verbeugt er sich dann vor ihm und verlässt die Backstube. Alle sehen ihm verwundert nach.
„Makoto…“, haucht Roland nur stolz aus. Er kennt seine Geschichte und weiß, dass er wegen seines drogenkranken Bruders die Schule vor dem Abitur abbrechen musste und die Lehre für den finanziellen Beitrag der Familie begonnen hat. Sein Volleyballgehalt und die Lehre sind das was ihn stabil hält. Sein älterer Bruder brach unter dem Druck der Schule zusammen und er und sein Vater haben es nicht rechtzeitig bemerkt, da steckte er schon viel zu tief drin.
Roland nimmt die Akten in die Hand, gibt die von Hitomi raus, nimmt die anderen aber mit zu sich in die Küche.
Der Kommissar schaut ihm nachdenklich nach.
‚Diese Tigerin hat eine sehr interessante Truppe hier. Die passen alle sehr auf sie auf. Ist sie ihnen eine so gute Chefin, obwohl sie selbst noch Lehrling ist, dass die es riskieren sich mit der Polizei anzulegen? Dieser Chefkoch und sein Lehrling haben es faustdick hinter den Ohren. Er scheint kein gewöhnlicher Koch zu sein. Und dieser Junge, was für ein Selbstbewusstsein in diesem Alter.‘
In der Küche legt Roland die Akten in einen Schrank auf die Teller, die meist nie benutzt werden und schließt die Schranktür.
Es wird die Tür zur Bäckerei geschlossen und auch die zum Lager. So sind die drei alleine. Es ist nicht nötig, dass dort jetzt jemand ist. Noch sind keine Gäste gekommen, außer die Zivilpolizisten.
Roland schaut Makoto ernst aber stolz an.
„Wow, du warst super. Ich wusste immer, dass du was draufhast. Mit was für einer Selbstsicherheit du dem den Wind aus den Segeln genommen hast, Wahnsinn.“
„Nun werde nicht sentimental. Ich wollte nur meinen eigenen Hals retten. Und Fane und Tina werden sicher auch nicht wollen, dass man ihre Privatadressen kennt. Sie sind viel zu angreifbar.“
„Das stimmt. Das war auch mein Gedanke als er plötzlich nach allen Akten gefragt hat.
Aber jetzt mal ehrlich, du machst nebenbei noch Abendschule? Das hast du mir gar nicht erzählt. Ich dachte du machst die Lehre um dann Geld zu verdienen wie Tina und holst das Abi später nach.“
„War ja mal so geplant. Aber als mein Bruder vor gut einem halben Jahr seinen ersten Rückschlag hatte und ich ständig in die Klink musste fing ich an während der Wartezeiten zu lernen und meldete mich dann bei einem Fernstudium an um das Abi nachzuholen, bzw. einen höheren Abschluss zu machen. Ist zwar die billigste Schule, aber besser als gar nichts.“
„Und was kostet diese Fernschule?“ Makoto schaut etwas ernster.
„Sagen wir mal so, ich bin hier, damit ich sie bezahlen kann. Ich gehe also in die Schule, um in die Schule gehen zu können.“
Danke
80.Kapitel
Danke
Im ersten von drei Zivilwagen sind vorne eine Fahrerin und Herrn Saitos, Tina, Marie und Andrea sitzen auf der Rückbank. Marie wollte am Fenster sitzen, um ganz viel zu sehen. Sie hat sich vorgenommen heute viele Bilder zu malen, um sich abzulenken. Ein Funkspruch für Saito geht ein. „Sir, hier ist Kommissar Udo, ich bin Ihr Mann vor Ort in der deutschen Gaststätte.“
„Guten Tag. Läuft alles nach Plan?“
„Das Personal wünscht, dass ihre Akten nur in Ihren Händen landen. Ich dürfe nur die Akte der Reinigungskraft öffnen. Ist das in Ihrem Sinne oder darf ich die anderen auch an ihrer Stelle öffnen und für die Ermittlung nutzen?“ Saito schaut fragend nach hinten zu Tina und Andrea.
„Nur Hitomi, die anderen zu dir.“, flüstert Tina ganz leise. Andrea stimmt ihr mit einem Daumen hoch zu.
„Machen Sie es so, wie es gewünscht wird. Alle Personalakten gehen zu mir und die der Reinigungskraft dürfen Sie sofort nutzen, da sie in Gefahr sein könnte. Ich schicke gleich jemanden vorbei. Die Person kommt über den Personaleingang und dort können Sie ihr die Akten geben.“ Es wird aufgelegt.
„Was war das denn Bettina? Wieso hat dein Personal darauf bestanden? Vertrauen die den Kollegen vor Ort nicht?“
„Vermutlich gab es Anlass dazu. Ich rücke die Akten ungern heraus, denn ich bin nicht die einzige Person, die von uns angreifbar ist. Immerhin stehen dort unsere privaten Adressen drin.“
„Was meinst du damit? Wer ist denn noch angreifbar? Was stellst du denn für Personal ein?“, wundert er sich.
„Mein erstes und zweites Lehrjahr in der Küche, ich eben und die letzte Küchenhilfe. Herr Satsujinsha hat dummerweise eine Akte angefertigt, für die Stundenabrechnung.“
„Und wer sind die drei? Deine Lehrlinge und die Küchenhilfe sind angreifbar?“, ist er überfragt.
„Ja Tina, verstehe ich jetzt auch nicht. Fane und Makoto, sind klar, aber die Küchenhilfe? Hast du aktuell eine Küchenhilfe?“ Tina verschränkt die Arme und schaut nachdenklich aus dem Fenster.
„Wer sind Makoto und Fane?“
„Makoto ist Volleyballer wie ich, nur eben im Tokio-Männerteam. Er ist zwar des Geldes wegen nicht angreifbar, aber die Polizei könnte ihn schnell verdächtigen, da sein älterer Bruder drogenabhängig war. Du weißt doch wie schnell das in die falsche Richtung schlägt, wenn es um Einbrüche oder Raub geht. Und wenn die Presse davon Wind bekommt, könnte seine Karriere dahin sein.
Fane, mein zweites Lehrjahr ist mit Herrn Ohzora verheiratet, diesen werden wir ja nun gleich besuchen. Sie wird auch im Trainingslager sein. Keiner weiß, dass sie wieder hier ist, denn man vermutet sie weiterhin in Barcelona bei ihm. Sie ist also genauso angreifbar wie Marie, wegen der wir hier gerade diese ganze Action mit Karl-Heinz haben.“, erklärt Tina ehrlich.
„Wie jetzt? Die Frau von Hyugas Kapitän Ohzora arbeitet bei dir als Lehrling?“, ist Saito total perplex. Tina schaut nur aus dem Fenster.
„So ist es, sie ist neben Yoko meine vertrauteste Freundin.“
„Wieso bist du mit ihr befreundet?“, fragt Saito.
„Was spielt das jetzt für eine Rolle? Es hat sich vor Jahren so ergeben.“, murrt sie etwas.
„Und die Küchenhilfe? Wieso ist die Person angreifbar?“ Beide sehen fraglich zu Tina, wie sie nachdenklich aus dem Fenster schaut. Dann grinst sie plötzlich und setzt kurz darauf wieder einen ernsten Blick auf.
‚Ach Kojiro. Unser erster Tag war zu besonders, als es so neutral zu erklären. Was wir plötzlich füreinander empfunden haben, kann sowieso niemand verstehen. Das muss auch niemand. Die Details muss niemand wissen.‘
„Bettina, du bist manchmal ein Rätsel. Nun sag schon. Was ist an einer Aushilfe so wichtig, dass es mein Kollege vor Ort nicht wissen darf? Ist doch nur eine Aushilfe.“ Tina sieht vergnatzt zu ihm.
„Wieso beurteilen die Leute immer gleich einen Menschen danach was er tut. Ist es nicht wichtiger wieso man es macht?
Makoto hat sich krankgemeldet, er war zufällig da und hat seine Hilfe angeboten. Ich konnte diesmal nicht selbst in die Spülküche, weil ich vorne zum Dolmetschen gebraucht wurde.
Ich wäre dumm gewesen seine Hilfe in diesem Moment nicht anzunehmen.
Und da er bereits erwähnte, dass er sowas schon gemacht hatte, habe ich mir darüber keinen Kopf gemacht.“, spricht sie leise und starrt wieder auf die Straße.
„Wie meinst du das? Du sprichst in Rätseln.“, äußert Andrea.
„Hört auf mich zu löchern. Es ist schon peinlich genug. Ich wusste ja nicht wer er ist, dann hätte ich nie gefragt.“
„Hä? Du stellst jemanden ein, den du gar nicht kennst? Das ist aber leichtsinnig.“, ertönt Takerus ernste belehrende Stimme und sein Blick ist skeptisch.
„Das muss ich aber auch sagen. Du bist doch sonst nicht so leichtsinnig. Stellst einen wildfremden Mann in deine Küche, ohne zu wissen wer das ist. Wann war das denn überhaupt? Soweit ich weiß war Makoto letzte Woche nur krank und ist jetzt wieder da. Er war inzwischen im Studio und hat etwas Gewichte gestemmt.“, meint Andrea aufgebracht. Tinas Puls steigt an und sie versucht sich nichts anmerken zu lassen. Dann plötzlich stutzt Andrea.
‚Oh nein, ich bin so doof. Aber natürlich. Als sie mir von Kojiro erzählt hatte, sagte sie noch, es ginge alles so schnell. Er ist die Aushilfe gewesen. Und weil sie nicht wusste wer er ist, konnte sie sich auf ihn einlassen.
„Es tut mir leid, Tina. Ich hätte es doch wissen müssen.“, sagt sie plötzlich leise. Saito ist erstaunt.
‚Nanu? Was hat das zu bedeuten? Frau Hopkins weiß es scheinbar doch. Es ist ihr sicher gerade eingefallen. Es war doch nicht etwa Herr Hyuga? Könnte das denn möglich sein? Nanako erwähnte bereits, dass er als Jugendlicher und als Kind arbeiten musste?‘, geht durch seinen Kopf und er lehnt sich wieder normal in den Beifahrersitz und schaut hinaus. Dann zum Rückspiegel, welcher so eingestellt ist, dass auch der Beifahrer die hinteren Insassen im Blick hat.
Der Blick der stolzen Volleyballerin ist plötzlich eher sanft und träumerisch, anders als zuvor. In der Regel kennt er sie fröhlich oder ernst und konzentriert. Eine sanfte ruhige Seite kennt er gar nicht. In diesem Moment erinnert er sich an seine erste Begegnung, einige Jahre bevor sie in das Team seiner Tochter kam.
In einem weiteren Fahrzeug wurden Kojiro und Andreas auf die Rückbank gesetzt und Ann-Kathrin auf den Beifahrersitz. Gefahren werden sie von Kommissarin Moris. Der junge Volleyballer schaut anfangs nur aus dem Fenster. Er fragt sich wer der Mann neben ihm ist. Ihm ist aufgefallen, dass er sehr schweigsam ist und wie er nachdenklich aus dem Fenster schaut.
‚Wieso hat man mich mit diesem Mann zusammengesetzt? Wer ist das? Er macht zwar einen netten Eindruck, aber er strahlt eine enorme Stärke und Wärme aus. Obwohl es so heiß ist heute trägt er lange Kleidung. Er scheint nicht einmal zu schwitzen. Was hat er mit der ganzen Sache mit Frau Krause und Frau Fuchs zu tun? Ein junger Polizist in Ausbildung scheint er mir nicht zu sein. Dann hätte er vorne gesessen und Mutti hinten bei mir. Aber wieso muss er mit seiner Körpergröße hier hinten sitzen? Darf er nicht gesehen werden? Ist er ein Prominenter wie Frau Fuchs?‘ Dann traut er sich doch endlich zu ihm rüber zusehen. In dem Moment wo er beobachtet hat wie er ins Auto stieg, kam es ihm so vor, als würde er öfters von jemanden ans Auto begleitet werden, um ihn zu postieren. Dann stand er zuvor schon so stolz und stark im Flur und wartete. Immer mit einem ernsten oder strengen Blick. Er ging davon aus, dass es die Anspannung der Situation ist. Dieser von sich selbst überzeugte stolze Blick, diese wilden langen Haare und seine sehr kräftige Statur, welche sich unter dem Trainingsanzug abzeichnet, fiel ihm gleich auf.
‚Dieser Mann ist definitiv auch ein Sportler. Ob das der aktuelle Freund von Frau Fuchs ist? Aber wenn, wieso fährt er dann nicht mit ihr mit?
Naja, ich kann ja mal versuchen ihn etwas aus der Reserve zu locken.‘, beschließt er für sich.
„Heute ist es echt heiß. Ist es in Japan im Sommer immer so um die dreißig Grad Celsius? Heute sogar teilweise bei fünfunddreißig im Schatten.“, stellt der Junge einfach mal eine offene Frage, in der Hoffnung sein Sitznachbar steigt darauf ein. Aber er hat Pech, denn Kojiro ist mit seinen Gedanken ganz woanders und registriert seine Feststellung gar nicht. Er sieht starr aus dem Fenster und hofft auf eine Nachricht ob Karl im Camp angekommen ist.
‚Schneider, wir werden niemals Freunde sein, aber so eine dumme Situation hätte mich genauso treffen können. Eine Rückmeldung wäre gut, ob du angekommen bist und dich nun mit Pierre getroffen und bei Tsubasa gemeldet habt. Es wird noch aufregend genug heute, wenn wir da alle zusammen sind. Aber ich muss mich darauf verlassen, dass Tsubasa und Genzo das Beste daraus machen. Gut, dass wir es dem Team gestern gesagt haben, auch das mit der Beziehung zum HSV und Genzo. Ich weiß, dass die Männer auf Bettina und dich Rücksicht nehmen werden.
Plötzlich klingelt sein Handy, Tsubasas Nummer blickt auf.
„Sind sie da?“, geht er ran ohne ihn zu begrüßen.
„Guten Tag erstmal, ja. Pierre und Schneider sind gerade zu uns gekommen. Sie unterhalten sich erstmal mit den Trainern. Ich war total platt. Die anderen sind etwas aus dem Häuschen, das kannst du dir vorstellen.“
„Das ist beruhigend. Danke für den Anruf.“ Dann legt er wieder auf. Tsubasa am anderen Ende ist etwas irritiert. Was meint er denn mit beruhigt? Er ruft erneut an. Kojiro geht wieder ran.
„Was ist denn noch, Tsubasa?“, wundert dieser sich.
„Wieso legst du einfach auf? Was meinst du mit beruhigt? Was ist denn los?“
„Hat es Mikami nicht erzählt? Was hat er gesagt?“
„Nur, dass uns die beiden besuchen werden und ihr später mit ein paar besonderen Fans vorbei schaut. Es wundert mich, denn heute ist Familien- und Freunde-Tag. Fans haben heute gar keinen Zugang.“
„Es ist etwas kompliziert, aber halt die Jungs etwas auf Distanz zu Schneider. Er ist gestern erst gelandet und hatte einen langen Tag. Bettina und ich haben uns gestern Abend noch mit ihm ausgesprochen. Er tauchte plötzlich bei Martin auf. Ich erzähl dir das später in Ruhe.
Jedenfalls ist ihm seine Schwester hinterher geflogen und tauchte heute Nacht plötzlich bei uns auf. Es gab kein Hotelzimmer mehr und Martin brachte sie zu uns. Naja, und heute Morgen gab es dann eine dumme Situation und man wollte sie vermutlich entführen. Die Leute sind zwar jetzt in Haft, aber es gibt weitere Täter, welche nun auf der Suche nach ihm sind. Deswegen mussten wir zusehen wie wir Schneider vor ihnen in Sicherheit bringen. Deswegen habe ich vorgeschlagen ihn statt aufs Revier, zu dir zu bringen, um sich abzulenken. Ich kann mir vorstellen, er hat heute genauso wie Bettina, keine Lust auf einem Revier rum zu hocken. Und pass auf Genzo auf, die beiden sollen sich mal endlich aussprechen, achte darauf. Wir sind ja eh bald da und bringen Marie auch mit. Die anderen müssen aber nicht gleich wissen, dass sie seine Schwester ist. Das bringt nur Unruhe rein. Wir kommen mit einer kompletten deutschen Familie, Fans von Bettina, welche Zeugen wurden und sie wird als ihre Tochter ausgegeben. Gib Genzo und Schneider also Bescheid, dass sie sich etwas zurückhalten. Wenn nachher alles vorbei ist, können wir das ja auflösen, aber es ist sicher besser so. Es würde nur Unruhe reinbringen und die Männer machen sich sonst Sorgen. Immerhin wollen die Typen irgendwas in Bettinas Gaststätte, die Polizei ist vor Ort und will die Typen auf frischer Tat ertappen, was auch immer die vor haben.“
„Okay, ihr müsst mir das nachher nochmal in Ruhe erzählen. Also kommt da jetzt eine ganze Familie? Volleyballfans.“
„Ja, aber nicht nur, lass dich überraschen. Sie sind alle sehr sportbegeistert und die Idee ist, dass sie sich ablenken. Vor allem die Kinder, denn wir müssten sonst alle auf dem Revier sitzen und abwarten bis alle Täter gefasst sind, da sie ihre Gesichter als Zeugen gesehen haben. Das ist das Problem. Bei uns sind sie sicher und suchen würde man sie dort nicht. Bettina muss sowieso noch einiges abklären und mit uns bereden wegen des Programms. Das Gruppenfoto fehlt noch und sie muss mit Fane viel besprechen. Sie wollte ohnehin heute nochmal vorbeikommen. So war der Plan.“
„Okay, alles klar. Ich hole euch dann mit Genzo am Einlass ab, das ist glaube gut, dann müsst ihr nicht alle so lange rumstehen und eure Daten hinterlassen.“
„Wir wollten ohnehin anonym rein, also die Familie und die drei Polizeibeamten. Bettina nimmt offiziell Andrea mit, sie soll als Personenschutz für Marie und Schneider dabei sein. Bettina bestand drauf. So kann sich die Polizei auf ihre Arbeit konzentrieren und falls doch was ist, ist Andrea ja da.“
„Oh, du meinst Frau Hopkins? Die habe ich bisher noch nicht kennenlernen dürfen. Wieso Begleitschutz? Ist sie auch so eine Kampfsportlerin wie Martin?“
„Du kennst sie nicht? Andrea ist eine Ex-Marine und deswegen ab und an Bettinas Leibwache. Und deswegen auch für einige VIPs im Center zuständig.“
„Wow. Okay, das klingt interessant. Dann bis nachher. Wann seid ihr da?“
„Etwa noch 15 Minuten.“
„Ich hole Genzo und wir gehen dann in Ruhe vor. Alles klar.“ Es wird wieder aufgelegt.
‚Schade, dass ich nichts verstehe. Japanisch ist einfach zu speziell. Mit wem mag er gesprochen haben? Ich konnte nur wenig aufschnappen. Ich bin mir unsicher, aber irgendwas von einem Ex-Marine hat er gesagt. Es sind glaube die die Namen Bettina und Marie und Schneider gefallen.‘
Kojiro ist etwas erleichtert, dass Tsubasa nun Bescheid weiß und sich so auf den Besuch einstellen kann. Er schaut dann freundlich zu seinem Sitznachbarn und spricht ihn an.
„Es ist eine gute Idee gewesen von Hauptkommissar Saito, dass wir alle auf das Schulgelände fahren. Dort kann man sich ablenken und deine beiden kleinen Schwestern kriegen von allem nichts mit. Bettina wird ihnen ihre alte Schule zeigen. Dort hat sie ihre ersten Erfolge gefeiert. Das wird ihnen sicher gefallen.“ „Wir fahren zu Toras Schule? Die Musashi-Schule welche sie nach ihrem Umzug besucht hat?“, ist er erstaunt und verwundert zugleich.
„Das ist sicher sehr interessant, wir hatten ohnehin vor dort mal vorbeizuschauen. Und nun bekommen wir eine persönliche Führung? Wow. Sie müssen wissen, wir bewundern sie sehr, weil sie in so kurzer Zeit so erfolgreich wurde und als wir vorhin im Laden diese Typen zusammen niedergestreckt haben, das war wirklich cool und eine große Ehre für mich.“, spricht er stolz und lächelt. Kojiro schmunzelt auch.
„Das kann ich mir vorstellen. Das sah auch wirklich stark aus. Du musst im Angriff spielen und bist trotz der Anspannung sehr treffsicher, alle Achtung.“ ‚Wow, er lobt mich. Aber interessant, dass er sich plötzlich mit mir unterhält.‘ „Danke für das Kompliment. Das hätte doch jeder geschafft. Ich freue mich schon sehr Tora mal live spielen zu sehen. Es war sehr nett von ihrer Freundin, uns allen noch Sportkleidung aus dem Laden zu holen, damit wir uns alle bewegen können.“
„Das war eine Extremsituation, ich denke nicht, dass das jeder gekonnt hätte. Dein Einsatz verdient Respekt. Das kann nicht jeder in deinem Alter.“
„Meinen Sie? Also ganz ehrlich, wenn jemand meine Familie angreift, kenne ich da kein Pardon. Ein großer Bruder hat Verantwortung.“, spricht er stolz und sehr überzeugt und schaut ihm ernst in die Augen.
„Das ist die richtige Einstellung. Ich weiß was du meinst. Ich habe drei deutlich jüngere Geschwister und meine Mutter war alleine mit uns. Mein Vater starb schon als ich noch in der Grundschule war. Da war der Kleinste noch in den Windeln. Das war eine schwere Zeit.“, erinnert er sich. Ann-Kathrin schaut zu ihm nach hinten.
„Das ist ja furchtbar. An sowas will ich gar nicht denken. Sie haben Ihre Mutter sicher unterstützt und haben auf Ihre Geschwister aufgepasst.“, vermutet sie mit traurigem Blick in die braunen Augen des Japaners. Er lächelt.
„Das habe ich, so gut es als Kind eben ging. Ich habe gearbeitet und in den umliegenden Geschäften ausgeholfen. So kamen wir dann etwas besser über die Runden.“
„Aber eins verstehe ich gar nicht. Wieso ist Herr Schneider dort an der Schule und warum sollen er und wir dort sicher sein?“
„Weil mein Team dieses Jahr dort das private Trainingslager während unserer Urlaubszeit hat. Wir treffen uns außerhalb der Saison einmal im Jahr um uns mal wieder zu sehen. Wir sind alle irgendwie noch miteinander befreundet und anders kommen wir nie dazu uns mal zu sehen und einfach aus Spaß miteinander zu spielen. Wir würden uns sonst nur alle zwei bis vier Jahre mal sehen. Deswegen habe ich vorgeschlagen, dass Herr Schneider dort hingeht. Er hat dort auch zwei alte Vertraute. Das Gelände wird derzeit durch ein Sicherheitsteam abgeriegelt. Das macht es für ihn sicher und auch für seine Schwester und für euch, die ja Zeugen sind.“, erklärt er sachlich.
„Oh, das ist ja cool. Spielen Sie dann auch mit uns mit oder darf ich mit Ihrem Team spielen? Sie sind sicher auch ein sehr starker Angriffsspieler, bei Ihren Armmuskeln.“, grinst er überzeugt. Kojiro ist erstaunt. Der Junge scheint nicht zu wissen wer er ist. Er hat angenommen, dass er ihn nicht anspricht, weil er sich nicht traut. Das ist er gewohnt, dass viele Jugendliche sich nicht trauen ihn anzusprechen, wenn sie doch aber die Gelegenheit haben. Er grinst freundlich. „Ich bevorzuge dann eher mit meinem Team und meinen Freunden zu spielen. Aber ja, ich spiele auch im Angriff. Wir haben natürlich nichts dagegen, wenn du mit uns mal mitspielen möchtest. Aber ob das was für dich ist, weiß ich nicht. Wir haben ein sehr hohes Niveau.“
„Oh, ich verstehe. Aber zusehen darf ich Ihnen doch? Ihre Technik würde mich interessieren.“ Der Stürmer grinst erneut.
„Ich habe das Gefühl, du weißt gar nicht wer ich bin. Kann das sein?“ Andreas schaut erstaunt zu ihm und dann meldet sich seine Mutter plötzlich zu Worte.
„Das stimmt. Wir wissen nicht wer Sie sind. Aber Sie kommen uns trotzdem irgendwie bekannt vor.“
„Ja, aber ich weiß nicht wo ich Sie einordnen soll. Ich vermute nur, dass Sie Toras Freund sind. Ist das so? Aber ich kenne die Volleyballer der obersten Liga der Japaner alle, Sie sind mir da nicht bekannt.“
Plötzlich klingelt Kojiros Handy erneut. Er geht ran.
„Bettina, gibt es Neuigkeiten?“, spricht er ruhig und leise.
„Wir müssen kurz am Lokal ran und die Personalakten holen. Dann kommen wir sofort nach. Wir werden also etwa drei Minuten einen Stopp einlegen und einen kleinen Umweg fahren. Ihr müsst ein wenig auf uns warten, damit wir gleichzeitig rein gehen.“
„Die Personalakten? Wieso schaut nicht der Kommissar vor Ort da rein?“, wundert er sich.
„Naja, ich weiß nicht was gewesen ist, aber Roland und Makoto haben wohl etwas gespürt, dass es besser ist, dass sie nur von Saito angesehen werden. Mehr kann ich dir nicht sagen. Mir ist es aber auch lieber, das war eine gute Idee. Herr Satsujinsha hat ja dummerweise von dir auch eine angelegt, also stecken nicht nur Fanes, Makotos und meine Adressen drin, sondern auch dein Name taucht auf. Das wäre ja ein gefundenes Fressen für die Presse.“
„Echt? Das stimmt. Sieht sicher seltsam aus.“
„Ja, Basa hat sich gemeldet. Karl und Pierre sind bereits da und alles ist okay. Er sagt, er wartet am Einlass auf uns.“
„Er hat mich auch angerufen. Bis nachher, pass´ auf dich auf.“, spricht Kojiro liebevoll.
„Du auch auf dich.“, kommt zurück und beide legen auf.
Etwa eine Stunde ist vergangen. An den Waschbecken stehen Ken und Kojiro. Sie waschen sich das Gesicht und genießen das kühle Nass. Genzo kommt kurz darauf vorbei und möchte Ken abholen.
„Kommst du mit zu Katharina? Sie hat sich extra umgezogen und mich vorhin doch gebeten mal ein paar Grundlagen durchzugehen. Sogar Karl-Heinz macht mit. Er kann einen zweiten Sturm für ein paar klassische Tricks brauchen. Du bist dafür perfekt, da du als Keeper und auch als Stürmer spielen kannst und genau weißt worauf es ankommt.“, erklärt er total begeistert. Ken ist erstaunt.
„Ist das dein Ernst? Schneider und ich als Angriffsduo? DU weißt schon, dass wir große Rivalen sind, oder? Hast du total vergessen wie der mich hat auflaufen lassen? Übrigens deinetwegen, nur mal bemerkt.“, grunzt er ihn an.
„Das sind doch echt alte Kamellen, außerdem war das Mikamis Idee, nicht meine.“, murrt Genzo zurück.
„Mikamis Idee? Echt?“ Kojiro schmunzelt und klopft Ken auf den Rücken.
„Das stimmt, hat Bettina sogar gesagt. Genzo trägt an unserer Niederlage damals keine Schuld. Und letztendlich hat es doch geholfen, wir sind alle ein gutes Stück stärker geworden durch diese Niederlage. Gebe dir einen Ruck. Für die Kids. Dieses Mädchen ist hier, um euch beide kennenzulernen. Immerhin ist sie wie du Keeper in einem Nationalteam und bewundert euch sehr.“ Ken sieht seinen besten Freund total verwundert an.
„Und wieso machst du das nicht selbst? Ihr seid doch beide die Toppstürmer der Welt. Warum soll ich den Angriff mit ihm machen? Ich stelle mich ja gerne ins Tor, aber mit ihm zusammenspielen, ich weiß nicht.“
„Ich glaube kaum, dass Bettina das sehen will. Überleg doch mal. Abgesehen davon bin ich euch keine Hilfe. Die anderen hier auch nicht. Lass ihn dir die Vorlagen geben und du schießt, denn nur du als Keeper kannst am besten einschätzen wie stark die Bälle sein müssen, um dem Mädchen sie als Übung ins Netz zu donnern. Oder glaubst du im Ernst, Schneider oder ich wären in der Lage uns zurückzuhalten? Tsubasa vielleicht noch, oder Taro. Er spielt viel mit Kindern und Jugendlichen, aber wir, wir nehmen das immer gleich zu ernst. Du bist der Einzige, der das nötige Gespür dafür hat.“
„Wirklich? Meinst du?“
„Ja natürlich. Du bist Stürmer und Keeper, wer kann schon zwei Posten perfekt bedienen? Mich brauchst du nicht ins Tor stellen. Und als zukünftiger Ausbilder musst du das sowieso lernen.“, grinst er.
„Was meinst du jetzt? Ich habe nicht vor Trainer zu werden.“
„Doch hast du. Du willst nach dem Sport die Karateschule deines Vaters übernehmen. Da willst du doch den Nachwuchs ausbilden. Also bist du Trainer.“, erklärt er ernst.
„Stimmt, so kann man das auch sehen. Na gut. Ich mache es. Ich tue das aber nur für dieses Mädchen und für euch beide, also Tina und dich. Wir müssen uns wohl alle damit abfinden, dass zwischen den beiden noch immer eine Freundschaft besteht. So im Motto, Tinas Freunde sind auch unsere Freunde?“, lacht er und stößt Genzo grinsend an.
„Das trifft auch auf dich zu, Alter.“ Genzo ist erstaunt und stupst ihn zurück.
„Du erst wieder. Aber ja, wir müssen alle irgendwie damit klarkommen. Jetzt wo Karl-Heinz über Stephan Bescheid weiß, können wir auch endlich mal reden. Er hat die Zeit gleich genutzt und wir haben uns ausgesprochen. So wie wir auch mal richtig reden konnten, Ken. Immer stand irgendwas zwischen uns beiden. Aber jetzt…jetzt haben wir mehr als nur das Team und das Tor, was uns verbindet.“ Er schaut zu Kojiro. Genzo tut es ihm gleich. Dieser ist verwundert.
„Was seht ihr mich dabei so an? Ich bin ganz bestimmt nicht das was euch beide und Schneider miteinander verbindet. Schlagt euch diesen sentimentalen Quatsch gleich aus dem Kopf.“, brummt er beide an. Die Keeper lachen zeitgleich los. „Wer redet denn von dir?“, haut Ken raus.
„Genau, wir reden doch von Tina. Immerhin ist sie es, die damals auch die Brücke zwischen dem deutschen Team und dem französischen Team mit ihrer Sprachkenntnis und ihrer fröhlichen Art aufgebaut hat. Deswegen sind Karl und Pierre noch immer im Kontakt, so wie wir als Team. Das hat er mir vorhin selbst erzählt. Bei uns ist es Tsubasa und beim HSV waren es Tina und Stephan. Pierre ist der Einzige, dem er noch vertrauen kann. Stell dir mal eine Welt vor, wenn man niemandem trauen kann? Wäre ja furchtbar.“, erklärt er. Ken sieht Kojiro ernst an.
„Kojiro. Ich mache es für dich. Schneider und wir sind zwar richtige Erzrivalen, das werden wir auch immer bleiben, aber keiner von uns will im Moment in seiner Haut stecken. Ich glaube, er ist einfach nur froh, dass alles mit seiner Schwester gut lief und sie nun bei ihm ist. Er kann jede Ablenkung gebrauchen, auch die Ablenkung von eurer Beziehung und von dem heutigen Tag. Er hat doch gestern erst von Tinas Bruder erfahren, wenn ich mich recht entsinne, oder? Er war doch genauso wie für Genzo ein sehr guter Freund, so wie wir es sind.
Eins ist klar, Freunde und Familie gehen immer vor. Wenn du an seiner Stelle währst, würden wir auch froh sein, wenn dich jemand von deinen Gedanken ablenkt oder dich auffängt. Und wenn es im Notfall Rivalen sind. Hauptsache man trifft auf Verständnis.“
Plötzlich grinst Kojiro ihn an und fasst ihn an der Schulter.
„Dann hast du es ja verstanden. Deswegen musst du es tun. Ich würde auch nur die ganze Zeit darüber nachdenken wie furchtbar es mir gehen würde, hätte es Naoko an Stelle von Marie getroffen. Ihr ist zum Glück nichts wirklich passiert, aber ständig spuken mir diese Gedanken durch den Kopf. Noch nie habe ich mir darüber solche Gedanken gemacht. Wie schnell es gehen kann. Ihr beide, jedoch, ihr könnt das abschalten. Ich kann das nicht. Schneider kann das auch, Genzo weiß, was ich meine. Aber ich nicht. Ich lasse mich von nichts ablenken, aber müsste ich mir Sorgen um jemanden machen, dann weiß ich nicht, ob ich voll da sein kann.“, erklärt er ehrlich.
„Du denkst an Tinas Gaststätte, stimmts? Das wird schon gutgehen. Und wir sind jetzt alle hier um uns abzulenken.“, spricht Genzo mit fester Stimme.
Kurz darauf ertönt eine Stimme auf Englisch.
„Was quatscht ihr denn so lange? Wir wollen endlich anfangen. Wo bleiben denn unsere Weltklasse-Keeper?“
Die drei Japaner schauen Richtung Spielfeld und etwa zehn Meter weiter stehen Pierre, Karl-Heinz und die junge Keeperin mit ihrem Vater.
„Machst du auch mit, Pierre?“, fragt Genzo. Sie gehen alle auf die drei zu und bleiben vor ihnen stehen.
„Natürlich, das ist doch wie früher. Einfach nur Spaß haben. Wann habe ich mal wieder diese Gelegenheit? Oder hast du das verlernt? Das Schönste an unseren Spielen waren doch die Abende danach auf dem Bolzplatz.“
Uwe und Katharina sehen den Franzosen etwas verwundert an. Kojiro ist ebenso verwundert.
„Was meinst du damit?“, fragt er ihn.
„Na so wie ich es sagte, damals nach der Euromeisterschaft und dann die darauffolgenden Spiele waren toll, aber danach haben wir uns privat getroffen und haben einfach miteinander gekickt. Einfach nur aus Spaß am Spiel. Nicht wahr, Karl-Heinz, Genzo?“, sieht er zu den beiden kurz rüber.
„So war es, damals…ja. Wir drei, Pepe, Stephan und Tino. Nur aus Spaß.“, spricht Karl deutlich und sieht ihn jedoch eher herausfordernd an.
„Machst du auch mit? Wir beide gegen Genzo?“, grinst Karl Kojiro herausfordernd an.
Kojiro grinst nur zurück.
„So weit sind wir noch lange nicht! Du weißt genauso gut wie ich, dass es nicht beim Spaß bleiben würde! Ken wird euer japanischer Stürmer sein. Seine Referenzen sollten Euch beiden ja bekannt sein. Ich bin da raus.“
„Hast wohl Angst auch mal einfach Spaß zu haben?“, versucht Karl ihn zu provozieren.
„Was meinst du wieso wir hier jedes Jahr überhaupt sind? Außerhalb der Saison und in unserer kostbaren Urlaubszeit? Um Spaß zu haben, aber heute ist mir nicht danach.“, versucht Kojiro sachlich zu bleiben und seine Provokation zu ignorieren.
„Spaß haben und sich vom harten Training ablenken, das kann nie schaden. Hast du das als Kind und Jugendlicher nie gemacht?“, sieht Karl noch immer angespannt in seine dunklen Augen. Kojiro geht einen Schritt auf ihn zu, stellt sich direkt vor ihn hin, sieht ihn streng an und antwortet ruhiger als erwartet.
„Für solchen Kinderkram hatte ich keine Zeit. Entweder ich habe hart trainiert, war in der Schule oder habe gearbeitet. Mein Vater hat uns einen Berg Schulden hinterlassen. Morgens bin ich vor der Schule los, habe durch Aushelfen in kleinen Läden Lebensmittel für meine Geschwister besorgt und habe ihnen dann Frühstück gemacht. Nach dem Training habe ich abends in verschiedenen Läden ausgeholfen und auch in der Küche gearbeitet. So konnte meine Mutter nach der Nachtschicht ausschlafen und wir haben viel Geld für Lebensmittel gespart. Ihr kleines Krankenschwestergehalt hat gerade so für Miete und die notwendigste Kleidung gereicht. Ständig mussten meine Geschwister meine und anderer Leute Kleidung abtragen. Ohne mein Zuverdienst hätten wir nichts Gesundes zu Essen auf dem Tisch gehabt. Erzähle mir also nichts von Spaß haben und Freunde treffen. Dafür war keine Zeit. Ich hatte Verantwortung für meine Familie zu tragen und brauchte das Stipendium.
Das hier, das jährliche Lager, welches Tsubasa organisiert, das ist mein Spaß den ich mir jetzt gönnen kann. Fühle dich also geehrt, dass ich dich eingeladen habe, zum Spaßhaben mit MEINEN Freunden.“
Karl ist sehr überrascht wie ruhig aber trotzdem ernst Kojiro sein kann. Bereits gestern war er sehr verwundert, denn er kennt ihn nur aufgebracht und ehrgeizig, leidenschaftlich, stark und stolz. Er reicht ihm plötzlich und völlig unerwartet seine Hand.
„Ich nehme deine Einladung dankend an. Machen wir das Beste draus.“
Große Schwester, kleine Schwester, großer Bruder, kleiner Bruder
Kapitel 81
Große Schwester, kleine Schwester, großer Bruder, kleiner Bruder
Genau in diesem Moment erscheint Tina und geht auf die Männer zu. Sie kommt nicht aus der Richtung des Spielfeldes, sondern aus der Notausgangstür der Turnhalle. Nachdenklich stellt sie sich neben Kojiro.
‚Nanu? Karl gibt Kojiro die Hand? Was hat das zu bedeuten?‘
„Alles okay bei euch?“, fragt sie skeptisch. Die Männer lassen sich los, aber niemand sagt etwas.
„Alles gut. Wie kommt es, dass du hier bist?“, spricht Kojiro sie liebevoll an. Tina schaut lächelnd zu ihm auf.
„Ich wollte mir die Beine vertreten und das kalte Wasser hier nutzen.“ Katharina geht auf sie zu.
„Wow, Sie sind wirklich wahnsinnig hübsch in Ihrem Volleyball-Trikot. Das Lila steht Ihnen echt besonders gut.“ Tina sieht sie etwas verdutzt an.
„Danke. Das mag ich auch am liebsten.“ Die Männer sehen sie alle schmunzelnd an und Pierre lächelt fröhlich.
„Dem kann ich nur zustimmen. Es steht dir ausgezeichnet, Bettina“
Kojiro und Karl sehen ihn etwas grummelig an. Genzo grinst, aber kann die Reaktion der beiden genau verstehen.
„Du solltest dich mit Komplimenten lieber zurückhalten. Aber trotzdem Danke, Pierre.“, versucht Tina die Situation zu neutralisieren und lächelt freundlich.
„Man wird doch noch seine Meinung sagen dürfen.“, murrt er leise.
„Deine Meinung schon, aber du redest dich wie immer um Kopf und Kragen.“, äußert Genzo, geht auf ihn zu, stupst ihn an der Schulter an und fordert ihn auf ihm zu folgen.
„Lass uns gehen. Du, Karl-Heinz und Ken könnt mal eure Wut an mir auslassen und unserer Nationalspielerin ein paar tolle Angriffe präsentieren. Dann wiederholen wir das Ganze und sie kann sich austesten.“ Er geht an ihm vorbei. Pierre grinst und folgt ihm.
„Du hast Recht. Deswegen sind wir ja hier.“
Katharina versteht natürlich nicht worum es geht und auch ihr Vater ist etwas irritiert. Wieso sehen die beiden Stürmer den Franzosen so ernst an, nur weil er ein Kompliment gemacht hat?
‚Seltsam. Ist etwas zwischen denen vorgefallen? Was meint Herr Wakabayashi damit, er redet sich um Kopf und Kragen?‘ Er sieht nachdenklich zu Karl-Heinz und dann zu Kojiro und Tina.
„Katharina, lass uns auch gehen. Du willst doch nicht, dass die Herren auf dich warten müssen.“, lenkt er ab und ordert seine Tochter zu sich.
„Frau Fuchs, können Sie mir noch einen Tipp geben? Einen Keeper-Tipp? Etwas aufgeregt bin ich schon.“ Tina nimmt ihre Hand und lächelt.
„Okay, aber der ist nur für dich alleine bestimmt. Du darfst ihn niemanden sonst verraten, okay?“ Sie gehen ein paar Schritte zur Seite, damit man ihnen nicht zuhören kann. Dann flüstert Tina ihr einiges ins Ohr und lächelt dabei. Katharina ist sehr interessiert und nimmt ihre Tipps sehr ernst.
„Das wars. Jetzt geh raus und mach` mich stolz. Du bist mir gegenüber im Vorteil. Du bist groß und nicht so leicht. Das ist perfekt.“
„Danke sehr. Ich werde alles beherzigen.“ Sie geht wieder zu ihrem Vater und dann begeben sich die beiden mit Karl und Ken zusammen zum Spielfeld. Katharina läuft neben Ken und ihrem Vater auf der rechten Seite. Neben Uwe ist Karl-Heinz. Die Keeper kommen ins Gespräch.
„Tina hat mir erzählt, dass Sie im Junioren-Nationalteam waren und sogar gewonnen haben? Das ist sehr beeindruckend.“, beginnt Ken das Gespräch. Ihm ist klar, dass sie sich nicht getraut hätte ihn anzusprechen.
„Oh ja. Genau. Ich hoffe gut genug zu sein, um zur nächsten Olympiade fahren zu dürfen. Das wäre der Traum, so wie Sie. Sie waren bei der letzten Olympiade dabei und das nicht nur im Tor. Sie sind auch ein hervorragender Stürmer. Ich bin tierisch aufgeregt, dass ich hier sein darf und Sie und alle anderen kennenlernen kann.“
‚Wow, ist der nett. Wakabayashi ist auch total cool. So habe ich mir die beiden vorgestellt.‘ Ihr Herz schlägt bis an die Decke, als sie zu ihm aufsieht und in seine dunklen freundlichen Augen schaut.
„Das musst du nicht. Wir sind alle auch nur Menschen wie du siehst. Die Olympiade war schon etwas ganz Besonderes, das stimmt. Wenn du am Ball bleibst, wirst du sicher fahren.“
„Glauben Sie wirklich?“
„Aber klar doch. Wenn du schon so weit gekommen bist. Du musst nur dranbleiben und stärker werden, um mit den nächsten schweren Gegnern fertig zu werden. Wir werden uns jetzt erstmal ansehen wie gut du zurzeit bist.“
„Sie ist wirklich gut, ich habe die Meisterschaft gesehen.“, mischt sich Karl plötzlich ein und schaut an Uwe vorbei.
„Du siehst dir die Frauen an? Wie kommts?“
„Ich verfolge die Jugendförderung und muss doch wissen was die so machen. Also sehe ich mir auch die Frauen an.“ Katharina ist erstaunt und ihr Vater freut sich ebenso.
„Wirklich? Sie haben meine Spiele gesehen? Dann hatte Ihre Schwester ja Recht damit, als sie meinte, Sie hätten uns gelobt.“ Plötzlich bleibt sie stehen und sieht total begeistert zu Karl-Heinz rüber und dann neben sich zu Ken. Ihre Augen sind ganz glasig und sie muss tief einatmen, um sich zu beruhigen.
„Sie haben gar keine Ahnung was mir das bedeutet. Ich…ich bin etwas aufgeregt. Ich würde Ihnen beiden jedoch gerne etwas sagen. Diese Gelegenheit wird nie wieder kommen, das ist klar. Deswegen jetzt, bevor es alle anderen hören.“
Uwe ist etwas verwundert und weiß nicht so recht was er davon halten soll, dass sie beide anspricht und um ihr Gehör bittet.
„Katharina, konzentriere dich lieber auf das Training.“, versucht er sich zu beruhigen und sie davon abzubringen.
„Nein Papa, jetzt.“, setzt sie sich frech durch.
„Herr Wakashimazu, Herr Schneider…ich bin Ihretwegen Keeperin geworden. Nur weil ich Sie beide habe spielen sehen, als ich noch acht Jahre alt war, habe ich mich entschieden statt Tore zu schießen, sie zu verhindern. Ihr aufregendes Freundschaftsspiel, Ihr erstes Spiel gegeneinander, das war es, was mich so fasziniert hat. Erst dann ist mir wirklich bewusst geworden was es heißt mit Leidenschaft auf dem Rasen zu stehen. Dieses fantastische Spiel und dann das Finale, welches ich leider nur im Fernsehen sehen konnte, das war einfach voller Liebe…Liebe zum Sport.
Ich bin Keeperin, weil ich es besonders toll finde alles im Überblick zu haben und ich will meiner Mannschaft den Rücken freihalten. Bis dahin schwankte ich noch zwischen Volleyball und Fußball. Aber dann wurde es mir klar was ich wollte.“, sprudelt es aus der Sechszehnjährigen nur so heraus.
‚Kind, was erzählst du denn da? Bist du sicher, dass die beiden das unbedingt hören mussten?‘
„Wow, ich bin echt baff. Was sagst du denn dazu Schneider?“, grinst Ken.
„Es ist doch klasse, dass wir noch jemanden mit unserem seltsamen Spiel begeistern konnten.“, sagt er nur nachdenklich und schaut dann zum Feld.
‚Muss dieses schreckliche Spiel ausgerechnet heute zur Sprache kommen?‘
„Seltsam? Sie haben doch gewonnen.“, wundert sie sich. Karl antwortet darauf nicht, denn er kann ihr unmöglich sagen, dass er an diesem Tag total abgelenkt war, weil zum Einem seine Eltern nicht zum Spiel gekommen sind und zum anderen seine zwei Verteidiger plötzlich fehlten, Stephan und Tino.
Ken bemerkt Karls Reaktion und lenkt ab.
„Er meint den seltsamen Anfang des Spiels, das ist es schon. Ich bin jedoch sehr erfreut, dass dich meine Niederlage dazu gebracht hat dich für den Keeper zu entscheiden. Warum?“
„Na Sie haben nicht aufgegeben. Sie nicht und auch der Rest des Teams nicht. Egal wie viele Tore fielen, dieser Wille durchzuhalten und jeden Funken Hoffnung zu nutzen, das war es. Aufgeben ist keine Option! Nicht einmal dann, als Sie sich die Hand verletzten. Sie wurden ausgetauscht und fieberten weiter mit und der andere Keeper, Herr Morisaki, welcher heute auch da ist, hat ebenso nicht aufgegeben und das fand ich sehr beeindruckend.“
Karl-Heinz hört aufmerksam zu und stellt jedoch fest, dass seine Schnürsenkel nicht richtig fest sind. Er kniet sich hin und beginnt mit dem ersten Schuh.
„Wirklich? Ich fand das eher peinlich.“, äußert Ken und schmunzelt.
‚Der redet einen Blödsinn. Mittlerweile sollte er wissen, dass er auf der Weltrangliste mit Genzo ganz oben steht.
Was sind denn das für doofe Schuhe?‘ Uwe ist erstaunt, dass er schon wieder die Schuhe binden muss. Das ist in der kurzen Zeit schon das dritte Mal.
„Sie müssen ja schon wieder binden. Das ist gar nicht gut. Nicht, dass Sie sich beim Spielen nachher verletzen, weil die wieder aufgehen.“, spricht er ihn besorgt an.
„Nervig ist das schon. Pierre hats gut gemeint und hat mir auf die Schnelle was besorgt. Das war ja nicht geplant.“ Plötzlich stutzt Uwe, als er ihm von oben herab auf den Nacken schaut.
‚Wie kann das sein? Nein. Das ist doch gar nicht möglich. Warum hat er genauso eine Narbe wie Bettina? Auch auf der rechten Seite? Das kann gar nicht sein.‘ Plötzlich dreht sich Karl zu ihm zur Seite und schaut aus der Hocke heraus zu ihm auf. Sein Blick ist nachdenklich und betrübt.
‚Wieso habe ich schon wieder das ungute Gefühl diesem Mann schonmal begegnet zu sein? Ich kenne ihn doch aber gar nicht. Sein Gesicht kommt mir auch überhaupt nicht bekannt vor. Ich kann mir aber gut Gesichter merken. Seltsam.‘
„Heute scheint nicht mein Tag zu sein. Zuerst das mit meiner Schwester und dann gönnt man mir die Ablenkung nicht.“, kurz darauf lächelt er sachte. Uwes Puls steigt genau in diesem Moment an, denn vor ihm spielen sich plötzlich alte Erinnerungen ab. Ihm ist so, als wäre es erst passiert und er würde in diesem Moment in die tiefblauen Augen eines Zweijährigen sehen, wie er ihn glücklich und traurig zugleich zu ihm aufsieht und ganz fest seine Hand hält. Dieser Blick war unverkennbar. An der anderen Hand hält er ein ebenso altes kleines Mädchen und bringt die beiden mit stolzem Haupte zu ihren Eltern. Die Eltern nehmen die Kinder überglücklich in die Arme und auch ihr Freund, welcher inzwischen krank vor Sorge war ist endlich beruhigt die Kinder wohlauf zu sehen. Der ältere Bruder umarmt seine Geschwister liebevoll und weint vor Freude mit ihnen. Vor ihm sitzt eine glückliche Familie mit ihren drei Kindern. Ausgerechnet jetzt fallen ihm diese Bilder wieder ein und er kann sie gar nicht wieder loswerden. Kurz darauf kommt Genzo auf alle zu. Uwe schaut nachdenklich auf und blickt zurück zu den Waschbecken. Kojiro und Tina sind bereits weg.
‚Oh, sie sind schon weg? Wo sind die beiden plötzlich hin? Ich verstehe das nicht. Dieser Mann kann doch aber unmöglich der Zwillingsbruder sein. Die sind doch nur Freunde. Das muss etwas anderes sein.‘ Dann schaut er wieder zu Schneider als er sich aufrichtet.
‚Aber die Augenfarbe stimmt. Wenn ich ihn mir so ansehe, könnte er wirklich dieser kleine Junge sein. Seltsam. Er kommt doch aus Hamburg, nicht aus Rostock.‘ Er wartet ab bis alle weiter gehen und zitiert seine Tochter liebevoll an seine Seite. Ganz leise spricht er sie an. Er muss sich absichern. Vielleicht kann sie mit Informationen helfen.
„Große, sag mal. Weißt du wann dieser Herr Schneider Geburtstag hat? Ist der nicht ein Jahr jünger als Frau Fuchs?“
„Hm. Ich glaube am 4.7.83 ist er geboren. Und Tora hat am 13.7.82 Geburtstag. Die hatten beide erst, wieso?“
„Nur mal so. Ich war unsicher ob sie gleichalt sind, wenn sie ja zusammengespielt haben sollen. Und Herr Schneider kommt direkt aus Hamburg? Ist der dort geboren?“
„Laut seiner Biografie ja. Mehr weiß ich auch nicht. Er ist dort geboren und aufgewachsen. Sein Vater ist doch auch Trainer vom HSV gewesen. Um sein Team hat er sich auch etwas gekümmert und nun sind beide bei Bayern. Das Team bestand aus verschiedenen Altersgruppen. Es gab auch Jungs bis zu 17 Jahren, so wie Bettinas Bruder, wie wir ja nun wissen. Karl war der Jüngste und Kaltz Hermann. Die beiden sind ja auch zur U16 Weltmeisterschaft gewesen, die wo Japan das erste Mal gewonnen hat. Das meinte ich ja vorhin.
Und der Trainer Mikami, welcher hier ist, der hat Herrn Wakabayashi ausgebildet und dann ist er mit ihm nach Deutschland gekommen. So kam er dann ins Team und ist mit Herrn Schneider befreundet. Du hast ja gar keine Ahnung von Fußball. Herr Mikami ist eine absolute Koryphäe als Torwart-Trainer. Er trainierte ihn schon seitdem er Kleinkind war. Deswegen habe ich ja auch Tora eben nach einem Rat gefragt. Wenn sie ebenso von ihm trainiert wurde, wundert es mich gar nicht, dass sie mit den Jungs mithalten konnte.“, plappert sie voll begeistert los. Inzwischen stehen sie am Feldrand und beobachten die Profis wie sie ihre Taktiken absprechen, um sie ihr zu zeigen.
Er überlegt während er sich die Miniangriffe der Profis ansieht.
‚Was hat das nur zu bedeuten? Wenn dieser Mann es doch sein sollte, wieso wissen die beiden dann nichts davon? Warum haben sie die Zwillinge auseinandergerissen?‘ Er entfernt sich von seiner Großen und behauptet auf Toilette zu müssen. Stattdessen geht er am Spielfeldrand entlang, an Marie vorbei, welche im Schatten an einem Tisch sitzt und mit Aquarellfarben malt. Er macht bei ihr Halt. Neben ihr steht Andrea.
„Wow, Sie sind wirklich sehr talentiert. Ein interessantes Motiv. Die Bäume und das Spielfeld mit den Sportlern darauf. Der Himmel ist sehr schön, beneidenswert. Was machen Sie später mit den schönen Bildern?“
„Vielen Dank. Es macht richtig Spaß hier zu sein. Wie harmonisch die Japaner alle miteinander umgehen. Das erinnert mich an alte Zeiten, als ich Karl und seinem Team beim Training zugesehen habe.
Ich liebe die Natur und auch Menschen. Die Farben passen so schön zusammen mit dem Himmel. Da sehen die blauen Trikots total toll zu aus. Die Bilder landen vermutlich in einer Mappe für eine Prüfung zur Uni-Zulassung. Bin jedoch noch unsicher. Ich will an einer Kunstakademie studieren und benötige als Einstellungstest eine besondere Mappe mit Grundlagen. Dazu gehören verschiedene Motive in verschiedenen Stilen. Skulpturen und Basteleien wie Ton und Collagen. Es gibt immer ein vorgeschriebenes Thema für jeden Bewerber und man hat dann ein Jahr Zeit diese Kunstwerke und die Mappe zu erstellen.“
„Das klingt sehr interessant. Was haben Sie für ein Thema bekommen?“ Sie verstummt etwas.
„Dummerweise das schwierigste Thema von allen.“, antwortet sie dann aber betrübt, legt den Pinsel zur Seite und schaut zu ihm auf.
„Der Mensch und die Liebe.“
„Das ist doch ein tolles Thema. Ist es nicht das schönste Thema überhaupt? Was ist an dem Thema so schwer?“, wundert er sich. Maries Herz rast etwas und ihr ist es etwas peinlich darauf zu antworten. Sie vertraut dem Kommissar aber, immerhin hat er sich schützend vor sie gestellt und sie auch jetzt als seine Tochter ausgegeben, damit sie ohne große Fragen durch die Einlasskontrolle kommen. „Naja, ich…ich kenne das Gefühl doch noch gar nicht und wie soll ich es dann wiedergeben? Ich finde, das Thema ist etwas für ältere Studenten, die schon wissen was das bedeutet. Deswegen.“ Er sieht verwundert zu ihr herab und betrachtet das Bild und schaut nochmal aufs Feld. Es ist so fröhlich und farbenfroh und lebendig gemalt worden. Selten hat er so ein Bild in einem Museum gesehen. Es strahlt Wärme aus, dabei sind es nur ein paar Männer, die Fußballspielen und laufen.
„Warum malen Sie dann dieses Bild? Es passt doch perfekt zum Thema.“
„Meinen Sie wirklich? Für mich passt es, aber passt es auch für die Prüfungskommission? Es gibt neben den freien Motiven auch ein paar Vorgaben und die sind gar nicht so leicht.“
„Natürlich passt es. Die Männer lieben doch ihren Sport, ebenso wie Ihr Bruder ihn liebt. Wer sagt denn, dass Liebe nur etwas mit einer Partnerschaft zu tun hat? In meinem Beruf muss man auch sehr viel über den Horizont hinaussehen können. Nur dann kann ich einige Fälle lösen. Ich liebe meinen Beruf, denn er erfüllt mein Leben ebenso wie meine Familie. Natürlich steht die Familie immer vor allem, aber trotzdem ist es Liebe und Leidenschaft, die ein Beruf oder hier der Sport hervorrufen kann. Sie lieben Ihre Familie und Ihre Freunde und Ihre Kunst, das Erschaffen von schönen Dingen. Das ist auch Liebe und Leidenschaft. Oder sehe ich da was falsch?“
Sie schaut zu ihm auf und lächelt.
„Sie haben recht. Ich sehe das ja auch so, aber ich bin unsicher ob die Prüfer das so sehen? Die sind extrem kritisch und sehr genau. Und diese Vorgaben sind so furchtbar schwer umzusetzen.“
„Ich denke nicht, dass die das anders sehen, denn wenn, dann haben sie ihren Beruf verfehlt. Sie wollen doch sicher, dass Sie Ihrer Fantasie freien Lauf lassen, aber ein paar Vorgaben müssen natürlich sein. Sie müssen sicher nur überzeugend erklären können, warum Sie sich für dieses Motiv zum Beispiel entschieden haben. Und den Grund haben Sie mir doch eben bereits gesagt.“
„Habe ich das?“
„Ja, Sie sagten doch, die Männer strahlen eine angenehme Harmonie aus und erinnern Sie an alte schöne Zeiten. Das ist doch genau was Liebe ausmacht. „Harmonie“.“, schmunzelt er und macht ihr Mut. Sie lächelt ihn plötzlich total glücklich an.
„Irgendwie haben Sie Recht. Vielen Dank für Ihren Mutmacher.“
„Gerne. Und was sind das für Vorgaben?“ Plötzlich wird sie verlegen und sieht dann wieder herunter zu ihrem Bild.
„Ich muss das Thema Mensch in Bildern darstellen. Ich soll Aktzeichnungen anfertigen, mit verschiedenen Techniken. Eine Frau und ein Mann, wenn möglich ein Liebespaar. Aber nicht einfach so aus dem Kopf, das ist das Problem. Es sollen echte Real-Vorlagen sein. Keine Fotos.“ Er schmunzelt.
„Das macht es tatsächlich nicht leicht. Das kann ich mir vorstellen. Und das sind aber alle Vorgaben, oder noch mehr?“
„Das ist genug. Es gibt für jedes Thema etwas Schweres, was auch Überwindung kostet. In meinem Fall halt das. Ich muss echte Personen finden, die sich von mir malen lassen, eine perfekte Frau habe ich schon gefunden, ich muss sie nur noch davon überzeugen mehrere Motive malen und abbilden zu dürfen. Aber einen Mann? Mir ist das viel zu peinlich irgendwelche Männer zu fragen und die Models in der Akademie haben alle keine Ausstrahlung, wie bei den Frauen. Die sehen zwar hübsch aus, aber eher unpersönlich. Ein Paar ist genau das gleiche Problem, aber das muss zum Glück nicht als Akt sein. Da habe ich freie Wahl. Ich könnte theoretisch auch Sie und Ihre Frau Arm in Arm zeichnen. Einfach aus dem Alltag heraus. Aber wer möchte das schon? Und bei den Models könnte ich dazu nichts sagen, einfach nur zeichnen. Ich mag aber nur malen was mir gefällt. Ich muss etwas dabei spüren.“
„Das verstehe ich. Das macht den Beruf bzw. eine Künstlerin ja aus. Die Leidenschaft beim Schaffen eines Kunstwerkes.“, lächelt er.
Plötzlich steht sie auf und sieht ernst zu ihm auf.
„Herr Kommissar, ich wollte Sie ohnehin noch etwas fragen. Könnten wir unter vier Augen irgendwo reden? Vielleicht können Sie mir bei einer anderen Sache einen Rat geben, ich weiß sonst niemanden, den ich um Rat fragen könnte.“
Er willigt ein und beide wollen in die Halle gehen, doch Andrea bringt sich ein. „Wo wollen Sie hin, Frau Krause?“ Der Kommissar übersetzt und antwortet gleich darauf.
„Sie hat mich um Rat gebeten und würde sich gerne mit mir unterhalten.“, erklärt er sachlich und freundlich.
„Ich muss aber in der Nähe bleiben. Ich kann ja wegsehen oder vor der Tür warten, irgendwie in der Nähe sein. Sie verstehen das doch, oder?“ Uwe übersetzt den nötigen Teil für Marie. Diese sieht Andrea etwas grimmig an.
‚Wieso muss die denn ständig bei mir bleiben? Das verstehe ich nicht. Tina hat gesagt, sie sei eine Freundin und bleibt als Vertraute für mich bei mir, weil ich hier niemanden kenne. Aber warum muss sie auch dabei sein, wenn ich mit einem Polizisten alleine reden will? Und überhaupt, was mischt die sich ständig ein? Vorhin im Auto auch schon. Zu allem hat sie was zu sagen. Und dann dieser strenge Blick ständig. Und wie sie mit Tina gemeckert hat. Als wäre sie ein kleines Kind. Was bildet die sich überhaupt ein? Nur weil sie älter ist als Tina und ich, uns wie Kinder zu behandeln. Ich bin alt genug selbst zu entscheiden mit wem ich wann was berede.‘
„Was bilden Sie sich eigentlich ein?! Ich bin doch kein Kind mehr. Sie haben mir gar nichts zu sagen! Auch wenn Sie eine Freundin von Tina sind!“ Andrea ist total perplex. Sie versteht so gut wie gar nichts und wundert sich warum das Mädchen sie so anschreit. Fragend schaut sie zum Kommissar.
„Was hat sie plötzlich?“
„Sie denkt, Sie behandeln sie wie ein Kind, weil Sie uns begleiten wollen. Ich gehe mal davon aus, dass Frau Fuchs ihr nicht gesagt hat wer Sie sind und welche Aufgabe Sie haben, kann das sein?“
„Sie meinte, sie hätte es abgelehnt, deswegen hat sie mich nur als Vertraute vorgestellt. Nun gut. Ist jetzt so. Ich habe sie vorgewarnt, sowas geht immer schief.“ Die Trainer und Herr Katagiri sind verwundert und sehen zu ihnen.
„Nanu? Was war das denn plötzlich?“, spricht Kira aus. Mikami und Katagiri sehen sich verdutzt an.
„Was meint sie denn mit „Wie ein Kind behandeln“?“, äußert Katagiri. Mikami zuckt nur mit der Schulter.
Etwa sechzig Meter entfernt blickt Karl-Heinz in ihre Richtung.
‚Nanu? Was war denn los? Marie ist doch sonst nicht so aufbrausend. Hat sie etwa diese Andrea angebrüllt?‘ Er beobachtet seine Schwester wie sie ihre Tasche nimmt und ihren Zeichenblock einpackt. Dann geht sie zügig in Richtung Halle und verschwindet hinter einer Eingangstür.
‚Tina? Wo bist du? Zu Karl kann ich doch jetzt nicht gehen.‘ Kaum schließt sich die Tür hinter der jungen Frau kommen ihr Tränen und sie schaut sich um. Sie sieht nur einen langen dunklen Flur nach links und einen Flur nach vorne. Schniefend schreitet sie durch den Flur nach vorne, biegt dann rechts ab und hält krampfhaft ihre Tasche fest, denn während sie weitergeht erscheint er ihr unendlich und dunkel zu sein. Die Bewegungsmelder sind kurz getaktet. Die Beschilderung an der Decke hilft ihr nicht weiter, alles ist auf Japanisch. Sie versteht nur die wenigen Englischen Begriffe wie EXIT oder WC. Wo mag die Turnhalle sein? Es ist alles ganz still. Sie will doch zu ihrer Freundin und nicht wieder raus oder auf Toilette.
„Tina…wo bist du?“, haucht sie und plötzlich wird ihr trotz der Hitze ganz kalt. Dieser lange graue Flur erscheint ihr wie ein Gefängnis aus Betonwänden mit unzähligen Stahltüren. Ihr Herz rast vor Panik und dann dreht sie sich um und kann das andere Ende nicht mehr sehen aus der Richtung aus welcher sie kam, weil das Licht wieder ausgegangen ist. Sie fasst sich an die Oberarme, als würde sie frieren, weil ihr immer kälter wird. Marie bleibt wie angewurzelt stehen in der Hoffnung, dass endlich jemand auftaucht und ihr den richtigen Weg zeigen würde. Dann plötzlich geht auch das Licht über ihr aus. Das kennt sie gar nicht. Licht, das einfach ausgeht macht ihr Angst. Sie wedelt mit der Hand rum, in der Annahme der Sensor macht es wieder an, aber vergeblich. Panisch dreht sie sich wieder um, fängt bitterlich zu weinen an und rennt den langen dunklen Flur entlang, weinend und verzweifelt, nur um Licht anzumachen. Sie weiß, irgendwann wird sie die Halle finden, wenn sie daran vorbeiläuft.
Plötzlich öffnet sich eine Tür und ein junger Mann tritt heraus. Marie erschrickt und stolpert vor Schreck über ihre eigenen Füße. Ihr fällt die schwere Tasche von der Schulter und ihre Utensilien verteilen sich im Flur, da sie vorhin vergessen hat sie zu schließen. Ehe sie sich versieht, wird sie von dem jungen Mann aufgefangen und sieht völlig verzweifelt zu ihm auf.
‚Was hat das zu bedeuten?‘, wundert er sich als er sie zwangsläufig berührt und in ihr verweintes Gesicht blickt. Plötzlich ist wieder alles ganz ruhig im Flur. Ihre Herzen jedoch pochen ganz doll. Maries Hände berühren seinen Oberkörper. Sie kann seine Wärme ganz genau fühlen. Er fasst ihre Arme bestimmend, denn er musste sie festhalten, damit sie nicht zu Boden stürzt. Nur so konnte er sie in dem plötzlichen Moment vor einer Verletzung bewahren.
‚Wer ist das? Wer ist dieser starke Mann? Dieser Blick…seine Augen, so liebevoll und dieses Gefühl von Geborgenheit. Wie kann das sein? Er ist so warm. Meine Kälte verschwindet wie von Zauberhand.‘ Endlich fasst sie wieder Fuß und ihr wird etwas wärmer.
‚Diese blauen Augen. Wahnsinn, wie hübsch sie ist. Ihre Hände fühlen sich so angenehm an. So zart.‘ Sein fester Griff an ihren Armen löst sich langsam und er hält seine Hände etwas hoch und weicht einen kleinen Schritt zurück damit sie weiß, dass er sie nicht mehr anfassen wird. Er will nicht ungehobelt oder unhöflich sein. Er möchte nicht, dass sie denken könnte, er würde diese Situation eventuell ausnutzen wollen.
„Sorry.“, rutscht ihm nur raus. Sie spürt seinen starken Herzschlag und er kann ihren ebenso wahrnehmen. Plötzlich geht das Licht wieder aus und die Lampen in der Umkleide ebenso. Vor Schreck zuckt sie zusammen und hält sich wieder selbst die Arme fest. Genau in diesem Augenblick kommt ein knackendes unangenehmes Geräusch aus der Wand. Erneut zuckt sie zusammen, aber diesmal bewegt sie ihre rechte Hand in seine Richtung bis sie ihn spüren kann. Sie ist beruhigt, genau zu wissen, dass dieser Fremde noch da ist.
‚Ich kann seine Wärme spüren und seinen Herzschlag hören. Obwohl das Licht aus ist, habe ich plötzlich keine Angst mehr. Keine Angst mehr alleine zu sein. Ich nehme nur noch seinen angenehmen Geruch und seine Wärme wahr. Was hat das zu bedeuten? Große Schwester? Ist es das, was du fühlst? Ist es das was du mit Kojiro zusammen fühlst?‘
„Was…war das?“, fragt sie zwar auf Deutsch, aber sie erwartet ohnehin keine Antwort. Sie hofft nur, dass er mit ihr spricht, egal in welcher Sprache. Hauptsache sie kann seine Stimme nochmal hören. Ihr ist es egal, denn sie hat noch nie so ein angenehmes Gefühl gespürt und so eine angenehme feste Stimme gehört.
„Der Lüftungsschacht. Er ist schon alt und gibt öfters solche Töne von sich.“, antwortet er schnell und etwas verwundert, denn mit ihrer Berührung hat er ganz und gar nicht gerechnet. Was hat das zu bedeuten?
„Du kannst mich verstehen?“, ist sie irritiert.
‚Was für eine liebliche Stimme sie hat. Und wie ihre Haare duften.‘
„Ich…ich bin…dreisprachig aufgewachsen.“, stottert er etwas. Sein Herz springt bis an die Decke, denn ihre zarte Hand auf seiner Brust irritiert ihn sehr. Wieso berührt sie ihn plötzlich? Er ist ihr doch bewusst ausgewichen, war es ihr etwa gar nicht unangenehm? Sie wissen doch aber beide nicht wer sie sind? Warum fühlt es sich dennoch so angenehm an? Ihre zarte Hand auf seinem blauen Trikot? „Es…es tut mir…leid. Ich wollte…nicht. Es…ist zu dunkel…hier.“, stammelt sie und weiß nicht so recht was sie überhaupt sagen soll.
‚Oh, sie hat Angst im Dunkeln? Deswegen ist sie bestimmt durch den Flur gerannt. Ihr Herz schlägt sehr schnell. Liegt es an ihrer Angst oder an mir?‘ „Warte. Einen Moment.“, spricht er leise und sanft. Dann spürt sie in der Dunkelheit eine warme große Hand an ihrer, mit der sie ihn berührt. Er umschließt sie und hält sie beschützend fest. Dann tritt er einen großen Schritt zur Seite und macht das Licht der Umkleide mit dem Schalter an. Durch seine Bewegung geht auch das Flurlicht auf ihrer Höhe wieder an. Er betätigt dann auf dem Flur ebenso einen speziellen Schalter. Nun geht das Licht nicht wieder einfach aus.
„Es gibt einen Extraschalter dafür. Nun bleibt der Flur etwa eine Stunde lang am Stück an. Der Schalter ist an jeder Tür und kann jederzeit benutzt werden, wenn man alles sicher ausleuchten will. Du musst also keine Angst mehr haben.“ Marie sieht zu dem gut 1,90 m großen Japaner auf und ihre linke Hand berührt plötzlich auch seine linke Hand, welche ihre Rechte bereits festhält. Sie genießt die Wärme seiner großen Hand. „Vielen lieben Dank. Du…bist mein Retter…in der Not. Danke.“, schnieft sie, lächelt ihn an und versucht ihre Tränen zurückzuhalten.
‚Ihr Retter? Wer ist diese Schönheit überhaupt? Ist sie wirklich nur die Älteste von dieser Großfamilie aus Deutschland? Die älteste Tochter? Warum läuft sie dann alleine hier rum? Und wieso ist sie nicht so eine begeisterte Sportlerin wie der Rest der Familie? Wirklich ähnlich sieht sie auch niemanden von ihnen. Statt mit jemanden aus der Familie rumzusitzen bleibt Tinas Freundin aus dem Center nur bei ihr.‘
„Retter, ich weiß nicht. Nenn mich einfach Shinichi. Shinichi Yamamoto.“ „Shini…chi? Das ist ein hübscher Name. Ich…bin Marie, ganz kurz und knapp. Marie Krause.“ Er fasst nun ihre Hände mit beiden Händen und sieht ihr in die klaren tiefblauen Augen und lächelt.
„Wie in dem Märchen? Wie die Goldmarie?“, versucht er ihr ein Kompliment zu machen und sie fröhlicher zu stimmen. Es gelingt ihm. Ein bezauberndes Lächeln ist zu sehen.
„Wohl eher wie die Pechmarie, seitdem ich hier in Japan bin, habe ich nur Pech. Naja, bis jetzt.“, schmunzelt sie verlegen und ihre Wangen werden rot.
‚Was rede ich denn da für einen Blödsinn? Er muss ja denken, die hat sie nicht alle. Wieso bringt er mich denn nur so durcheinander?‘ Shinichi wird ebenso verlegen.
„Du bist…viel zu freundlich, um eine…Pechmarie zu sein.“, lächelt er freundlich und versucht seine eigene Aufregung zu verbergen.
‚Was rede ich denn für einen Quatsch? Sie macht mir nervös. Wieso das? Ich hatte noch nie so ein Herzklopfen, wenn ich einer Frau begegnet bin. Warum ist das jetzt bei ihr so? Sind das ihre wunderschönen Augen? Dieser Blick bringt mich ganz durcheinander. Oder ist das ihre liebreizende Art? Ihre Hände fühlen sich so zärtlich und gleichzeitig so hinreißend an. Wieso um alles in der Welt fühle ich mich ihr plötzlich so hingezogen? Es fühlt sich alles so vertraut an, wieso?‘ Plötzlich lässt seine rechte Hand ihre los und bewegt sich langsam zu ihrem Gesicht.
„Hast du geweint, weil es dunkel war?“, spricht er ganz leise und sanft. Ihr Puls rast wie wild und Marie hat das Gefühl kaum noch Luft zu bekommen. Ihre Brust schnürt sich zu als sie seine große starke Hand in ihrem Gesicht spürt, wie sie zaghaft ihre Tränen wegwischt.
‚Wieso fühlt sich alles so bezaubernd an? Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht. Was hat das zu bedeuten? Diese Berührung? Mir wird ganz warm, jetzt wo er mich so berührt. Warum? Ich könnte ewig in seinen dunklen geheimnisvollen Augen verharren. Was passiert als Nächstes? Was? Was fühlt er selbst? Wieso hat er mir die Tränen weggewischt? Warum berührt er mich so zärtlich? Shinichi? Was bist du für ein Mann? Warum habe ich das Gefühl dir voll und ganz vertrauen zu können? Warum?‘ Ihre Gefühle spielen Achterbahn und sie weiß in diesem Moment gar nicht was sie als erstes denken soll.
Wenn ein Engel erscheint
82.Kapitel
Wenn ein Engel erscheint
‚Marie, wie bezaubernd du bist. Du tauchst so plötzlich auf und erscheinst mir wie ein Engel. Deine Tränen fühlen sich so warm und trotzdem unwirklich an. Was ist das hier? Ein Traum? NEIN. Ich habe keine Tagträume. Meine Nacht war zwar kurz, aber so kurz nun auch wieder nicht. Die Dusche eben hat mich doch erst wieder richtig erfrischt. Ich bin hellwach. Wer bist du, Marie? Wie kann das sein? Warum habe ich plötzlich das Bedürfnis sie um mich haben zu wollen?‘ Ohne es selbst zu merken fasst er ihr Gesicht und streicht über ihre linke Wange. ‚So kann sich nur ein Engel anfühlen. Bist du heute der Lichtblick, den ich brauche? Nach dieser schrecklichen Nachricht gestern Abend?‘ Marie schließt unerwartet die Augen, ihr Puls steigt und sie genießt einfach diese angenehme Wärme in ihrem Gesicht.
‚NEIN! Ich muss das beenden, diese…Berührung, beenden…sonst.‘ Abrupt lässt er sie los und geht zwei Schritte zurück. Mit hoch rotem Kopf schaut er sich um und sucht nach einer Ablenkung.
„Es…es tut mir leid. Das…das war unhöflich…un…höflich von mir. Sorry. Ich…helfe dir.“, stottert er verlegen. Er bückt sich und beginnt die Stifte vorsichtig einzusammeln, die sich großzügig im Flur verteilt haben. Wie angewurzelt steht die junge Frau da und öffnet die Augen wieder. Dann beobachtet sie ihn.
‚Was war das eben? Was war das für ein seltsamer Moment? Warum…warum habe ich mich nicht gewehrt? Jedem Anderen wäre mir die Hand ausgerutscht. Aber diese Wärme…diese zärtlichen Berührungen…sie waren so…angenehm, fast wie vertraut. Das kann doch gar nicht sein.‘ Ihr Herz springt noch immer bis an die Decke und sie weiß, auch sie muss sich etwas ablenken und ihre Sachen endlich einsammeln. Marie berührt kurz ihre Wange, solange sein Blick nicht in ihre Richtung geht und noch auf den Fußboden gerichtet ist.
‚Wieso fühlte sich das so unbeschreiblich schön an? Ich kenne ihn doch gar nicht. Wie kann das sein?‘ Dann hockt sie sich hin und sammelt ihre Papierblöcke ein. Ihr Ordner ist beim Herunterfallen aufgesprungen und auseinandergefallen. Die Zeichnungen liegen in ihren Folien überall durcheinander verteilt.
„Danke…danke für deine Hilfe.“, kann sie nur stammeln und schiebt die Folien mit den Bildern vorsichtig zusammen.
‚Was war das nur für eine komische Situation?‘ Shinichi geht auf sie zu und reicht ihr die ersten Stifte, die er gesammelt hat. Er versucht ihr nicht groß in die Augen zu sehen. Er versucht sich auf ihre Tasche und ihre Hände zu konzentrieren.
„Einige Minen sind leider abgefallen. Ich hoffe sie sind innen nicht gebrochen.“ Marie öffnet die flache Blechdose und lässt ihn die Stifte hineinlegen.
„Alles gut. Es gibt Schlimmeres als das. Danke.“, spricht sie liebevoll und versucht ihm in die Augen zu sehen, jedoch weicht er ihr noch aus.
„Du bist sehr talentiert. Die Bilder sehen schön aus.“, äußert er, als er auf ihren kaputten Ordner schaut und ein paar Skizzen aus dem Fitnesscenter bemerkt.
„Danke. Das ist so meins, du hast den Sport, ich die Kunst.“ Endlich sieht er sie wieder an und sie beginnen eine lockere Unterhaltung während sie die weiteren Dinge einsammeln.
„Ich habe nicht nur den Sport. Ich will später das Hotel meiner Eltern übernehmen. Aktuell gehe ich noch in die Berufsschule. Ich bin zwar schon Zwanzig, aber es ist der zweite Weg. Anfangs hatte ich andere Pläne. Manchmal läuft nicht alles wie man will. Mit dem Sport verdiene ich gut genug. So reicht es trotz der Ausbildung.“, berichtet er sachlich. Marie freut sich sehr, dass er etwas über sich erzählt. Sie lächelt glücklich und genießt seine angenehme Stimme.
„Das klingt doch spannend. Ich mache jetzt mein letztes Abiturjahr und will dann an der Kunstakademie studieren. Ich werde im Oktober neunzehn. Aktuell bin ich an einer Fachschule für bildende Kunst, nur mit diesem Abschluss und einer Art Aufnahmeprüfung komme ich an die Akademie.“ Marie steht auf.
„Gibt es hier die Möglichkeit, dass ich meine Mappe sortieren kann?“
„Ähm, ja, tatsächlich. Brauchst du viel Platz oder reicht dir ein normaler Tisch aus?“
„Oh, ein großer Tisch oder mehrere kleine wären super.“ Shinichi hebt ihre Tasche auf, zeigt auf eine Tür wenige Meter weiter und geht vor.
„Der Besprechungsraum ist sicher super dafür.“ Er öffnet die Tür und beide gehen hinein. Marie legt ihre Sachen auf den großen Tisch und Shinichi schließt die Tür hinter ihr.
„Oder soll ich sie offenlassen? Ist dir das lieber?“, fragt er verunsichert.
„Ist okay. Du bist ein Freund von Genzo. Ich vertraue dir.“, lächelt sie wieder und er ist sehr verwundert. Was hat Genzo damit zu tun, ob sie ihm vertraut oder nicht? Vor allem, wieso spricht sie von Genzo, nicht von Wakabayashi? Kennen sie sich etwa persönlich? Er dachte bis dahin, sie sei nur eine Tochter von der großen deutschen Familie. Sicher ist er sich ohnehin nicht ob dem so ist.
„Oh, okay. Wir kennen uns ehrlichgesagt noch nicht so gut. Ich bin erst seit etwa sechs Monaten hier in Japan und vorher haben wir nur ab und an mal gegeneinander in Europa gespielt. Ich bin hauptsächlich in Frankreich aufgewachsen, verstehst du? Wir lernen uns quasi jetzt erst wirklich kennen, da ich erst jetzt ins Nationalteam gekommen bin. Zumindest bin ich in der engen Auswahl, seit gestern.“
„Oh, ach so. Ist egal. Ich vertraue dir trotzdem.“, schmunzelt sie und setzt sich an den Tisch. Die Tür wird geschlossen und er geht zum Kaffeevollautomaten.
„Möchtest du einen Tee oder einen Kaffee haben?“
„Was habt ihr denn für Tee da?“ Er zählt die Sorten auf und sie entscheidet sich für einen Rooibusch mit Vanille.
„Wie magst du ihn am liebsten? Zucker, Honig, Milch?“ Marie wünscht sich Milch und Honig. Sie fängt an ihre Zeichnungen auf dem Tisch zu sortieren. Die Bilder von Tina und Kojiro legt sie auf dem Kopf, damit er sie nicht sehen kann. Sie ist froh, dass sie ohnehin auf dem Boden vorhin auf dem Kopf lagen. Wenn er sie gesehen hätte, wäre es sicher etwas peinlich geworden. Wie sollte sie das erklären?
„Du bist in Frankreich aufgewachsen? Und wie kommt es, dass du Deutsch sprichst?“, führt sie das Gespräch fort. Sie beobachtet ihn wie der große Fußballer mit dem Rücken zu ihm im blau-weißem Trikot die Kaffeemaschine bedient und ihren Tee aufbrüht. Seine kräftige Statur ist deutlich zu sehen und zeichnet sich auch unter dem Trikot im Rückenbereich ab.
‚Wie groß und stark er ist. Warum fühlte es sich eben so angenehm an, als er mich berührt hat? Wieso ist er mir vorhin auf dem Spielfeld nicht aufgefallen? Ist er jetzt erst zum Training gekommen? Er hat nicht einmal eine Nummer auf dem Trikot. Er muss wirklich sehr neu sein im Team.‘
„Das liegt an meiner Familie. Wir sind zwar alle Japaner, aber mein Vater wuchs in Deutschland auf, meine Mutter hier, aber beide zogen dann mit mir nach Frankreich um dort ein historisches Hotel zu retten. Nun haben sie es vor einigen Jahren übernommen und es ist ihres. Daher bin ich dreisprachig aufgewachsen.“ „Und wieso bist du dann jetzt wieder hier? Das habe ich doch eben richtig verstanden, oder? Dass du wieder hergezogen bist. Im Sport müsstest du doch in Frankreich deutlich besser verdienen, wenn du so gut bist. Und du hast gegen Genzo gespielt?“ Er verstummt etwas, schaut zur Wand und setzt die Tasse in seiner Hand ab. Vor ihm sind die Bilder von der anstrengenden Nacht zu sehen, wie seine kranke Mutter im Bett liegt und ihre Schmerzmittel nehmen muss.
„Das liegt an meiner Mutter. Ich…bin mit ihr hergezogen.“, spricht er ruhig und mit fester Stimme. Dann nimmt er ihr Glas, dreht sich um und geht auf sie zu. Marie nimmt sein trübes Gesicht wahr und macht sich natürlich ihre Gedanken. ‚Es beschäftigt ihn etwas. Das Thema lass ich also lieber. Wer weiß was da ist? Wenn die in Frankreich ein Hotel haben und er dort gespielt hat, wieso muss er dann mit ihr hierherziehen? Das klingt seltsam und es macht ihn traurig.‘ Er stellt den Tee vor ihr ab und legt das Tütchen Honig und stellt die Kanne Milch zu ihr.
„Er muss noch etwas ziehen. Und was hat dich nach Tokio verschlagen? Wo wolltest du eigentlich vorhin hin?“ Dann holt er sich seinen Kaffee und setzt sich ihr gegenüber.
„Das ist etwas kompliziert.“, spricht sie leise und schaut auf ihren kaputten Ordner. Sie versucht die Bügel in der Mitte zu richten, damit sie wieder zuschnappen. Er beobachtet sie dabei und geht dann um den Tisch herum.
„Warte, ich versuche es mal, okay?“ Sie nickt und schaut zu ihm auf, als er so nah neben ihr steht und seine Hände den Ordner greifen, ihn zu sich zieht und dann richtet er die Metallringe wieder so, dass er richtig zuschnappen kann. Er probiert den Hebel aus und es passt tatsächlich. Nicht perfekt wie zuvor, aber es funktioniert wieder.
„Danke, das ist lieb. Es geht jetzt besser als vorher. Der ist schon alt, weißt du?“ Sie nimmt den Ordner liebevoll in die Hände und klappt ihn zu.
„Echt? Er ist viel gebraucht, dachte ich. Er war vorher schon verbogen?“
„Ja, das Ding bedeutet mir sehr viel. Deswegen versuche ich ihn immer wieder zu richten. Er ist mir vor zwei Wochen schon einmal heruntergefallen und ich habe es nicht hinbekommen, dass er wieder so richtig einrastet. Mir fehlt dazu einfach die Kraft. Aber DU, du hast es jetzt perfekt hinbekommen. Danke.“, lächelt sie zu ihm auf. Sein Puls steigt wieder etwas an und er ist sehr erstaunt, dass ihr ein Ordner so viel bedeutet.
„Es war sicher ein Geschenk. Ein Geschenk von jemanden, den du sehr magst?“ „Genau, von meinem Bruder. Schau hier das Foto von dem Dalmatiner. Das war unser Hund Bello und ich habe immer sehr viel mit ihm gespielt. Als er starb, hat mein Bruder mir diesen Ordner machen lassen, so sind beide immer bei mir.“ Der junge Mann geht um den Tisch herum, wieder auf seinen Platz ihr gegenüber, setzt sich und nimmt seine Kaffeetasse in die Hand.
„So eine große Familie zu haben ist sicher etwas ganz Schönes. Vier jüngere Geschwister und dann hattet ihr noch einen Hund. Wow, beneidenswert. Hat dein Bruder deinen Schwestern auch etwas mit dem Hund geschenkt, damit er bei ihnen ist? Ich bin Einzelkind.“, spricht er ruhig und sieht ihr beim Sortieren zu. „Welche Schwestern? Was meinst du? Ich habe nur einen großen Bruder.“, ist sie verwundert und sieht überrascht zu ihm. Genau in diesem Moment hält sie das Bild von der Heinemannfamilie in den Händen.
„Ich bin so doof. Das passiert mir jetzt schon das dritte Mal.“, äußert sie entsetzt, legt das Bild hin und versteckt ihr Gesicht hinter ihren Händen.
„Es tut mir leid. Ich kann das nicht.“, schluchzt sie plötzlich los.
„Marie, entschuldige. Ich wollte dich nicht in Verlegenheit bringen.“, steht er auf und sieht sie überrascht an.
‚Mir war gleich klar, dass sie nicht zu der Familie gehört. Aber was meint sie denn damit?‘
„Es tut mir leid. Du denkst bestimmt, ich bin eine Heulsuse. Ich habe gestern auf dem Flug gar nicht und dann heute Nacht so schlecht geschlafen, dann der Jetlag. Ständig verplappere ich mich deswegen. Ich bringe alle nur in Gefahr. Nur meinetwegen müssen wir uns hier verstecken und statt ihm zu helfen, bringe ich ihn in Gefahr.“, redet sie sich von der Seele und fängt bitterlich an zu weinen. Sie schaut dann kurz auf zu ihm und vergräbt sich dann wieder hinter ihren Armen und legt sich auf den Tisch.
„Es tut mir leid. Am besten…du lässt mich allein. Ich kann das nicht. Ich…bin nicht so stark…so stark wie SIE. Wie konnte sie das nur all die Jahre durchstehen?“ Shinichi geht um den Tisch herum und stellt sich neben sie, dann hockt er sich hin und legt seine Hand neben ihre auf den Tisch. Er kennt solche Situationen von seiner Mutter. Immer wenn sie einen Moment hat und weinen muss, legt er ihr seine Hand hin, damit sie weiß, dass er da ist, denn anfassen lassen tut sie sich nur noch selten. So kann sie dann selbst entscheiden ob sie seine Nähe wünscht oder nicht.
‚Was ist nur los? Das ist doch nicht nur die Müdigkeit, wie sie sagt. Wen meint sie? Wer ist stark? Wen bringt sie in Gefahr? Warum sollte sie jemanden in Gefahr bringen, nur weil sie müde ist?‘
„Du bringst doch niemanden in Gefahr. Jetzt beruhige dich. Atme tief durch.“, spricht er ganz ruhig und versucht sie zu besänftigen. Marie richtet sich etwas auf, öffnet die Augen und entdeckt seine Hand auf dem Tisch. Sie greift sachte danach und formt sie zu einer Faust. Dann legt sie ihre Hände um seine warme große Faust und atmet tief durch.
„Danke…du hast…Recht…vielleicht…hilft…es.“, spricht sie ruhig und immer mit einem Atemzug.
„Manchmal denkt man, dass man alleine sein will, aber eigentlich…will man das gar nicht. Sag ruhig, ob ich wirklich gehen soll oder nicht.“ Seine sanfte beruhigende Stimme lässt sie sich etwas beruhigen und sie löst eine Hand und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Dann schaut sie zu ihm.
„Dich stört es nicht, dass ich weine? Es ist mir unangenehm, dass du mich so siehst.“ Er blickt ihr liebevoll in die Augen.
„Das muss es nicht. Wirklich nicht. Manchmal gibt es Tage, da muss es mal raus. Darf ich denn wissen was dich so bedrückt? Vielleicht hilf es, wenn du darüber sprichst.“
„Ich…das…geht nicht. Ich…darf es nicht sagen. Das ist es ja.“
„Was denkst du, was würde denn passieren? Was würde denn passieren, wenn du es mir sagst? Nur mir?“ Marie sieht ihm in die ernsten Augen, so dunkel und geheimnisvoll, aber auch so sanftmütig und trotzdem ernst.
‚Seine Nähe fühlt sich so gut an. So angenehm und fürsorglich. Ich habe das Gefühl ihm vertrauen zu können, aber wieso?‘
„Ich vertraue dir, aber ich will nicht, dass der Kommissar später mit mir schimpft.“, sagt sie ganz leise.
„Welcher Kommissar? Marie, bist du etwa in Gefahr?“ Besorgt berührt er ihren Arm. Ihre Augen sind glasig und sie sieht ihn nachdenklich an. Plötzlich lässt sie seine Hand los und dreht sich zu ihm.
„Sie glauben hier sind wir sicher, bei euch, bei dir und deinen Freunden. Hier suchen sie uns bestimmt nicht. Diese schrecklichen Männer.“, spricht sie etwas verwirrt. Shinichi ist etwas irritiert und fasst nun auch ihren anderen Arm sanft und schaut ihr in die Augen.
„Welche Männer? Wollte dir jemand weh tun?“ Sie nickt.
„Ich…ich war mit Tina in ihrem Sportladen und da kamen diese Männer rein. Ich habe…es nicht bemerkt, dass Leute da waren und … habe mich mit ihr gestritten und…habe mich verplappert. Dann haben die mitbekommen wer ich bin und…wollten mich vermutlich…entführen und dann…hat Tina sie aber mit Herrn Müller und Herrn Heinemann aufgehalten und…dann kam die Polizei und…dann kam raus…dass es noch mehr von ihnen gibt und…die sind jetzt…auf der Suche nach ihm…weil sie wissen, dass er alleine unterwegs ist und…deswegen sind wir hier. Hier würden sie ihn niemals suchen und kein Fremder kommt hier auf das Geländer.“, sprudelt es unaufhaltbar aus ihr heraus.
„Man wollte dich entführen? Warum? Und wen suchen die?“, versucht er ihre Informationen zusammenzusetzen.
„Na meinen Bruder.“
„Und der ist auch hier? Das habe ich doch richtig verstanden?“ Wieder nickt sie nur und sieht ihn mit ihren hellblauen Augen betrübt an.
„Fühlst du dich denn hier sicher?“ Marie sagt wieder nichts und nickt nur und sie lächelt ihn glücklich an.
„Dann musst du doch nicht so traurig sein. Dann ist doch alles gut. Warum hast du dann geweint?“
„Ich…habe erst heute Nacht erfahren, dass ein ganz besonderer Freund von uns gestorben ist…und…ich kann…das gar nicht…glauben…und…er war…immer so lieb…und wir haben…viel zusammen gespielt…sich immer um mich gekümmert, besonders seitdem Brüderchen und Vater…nicht mehr da waren.“, stottert sie sich zurecht.
‚Das klingt wirklich traurig. Kein Wunder, wenn sie so eine schreckliche Nachricht vor Kurzem bekommen hat.‘ Seine Hand löst sich von ihrer, er steht langsam auf und sieht sie nachdenklich an.
„Ich verstehe dich. Mir geht es ähnlich.“, sagt er leise und schaut dann auf das Familienbild, welches auf dem Tisch liegt. Marie steht auf und sieht zu ihm auf. „Wirklich? Erzählst du es mir auch?“, vernimmt er ihre zarte Stimme.
„Ich bin hier, um meine Mutter zu pflegen und ihren letzten Wunsch zu erfüllen. Sie ist sehr krank und wollte in ihrer Heimat sein, wenn es soweit ist. Eigentlich wollte ich nach Spanien, ich stand kurz vor einem wichtigen Transfer. Dann kam die Diagnose. Sie hat Krebs, im Endstadium. Mein Vater muss sich um das Hotel kümmern, er konnte es nicht machen. Zuerst hieß es, sie hätte noch etwa ein Jahr, weil sie die Chemo abgelehnt hat. Wir waren gestern wieder in der Klinik. Jetzt nach der neusten Untersuchung geben ihr die Ärzte nur noch etwa drei Wochen, wenn sie Glück hat.“ Marie wird es ganz warm ums Herz und sie weiß gar nicht so richtig was sie dazu sagen soll. Die Vorstellung, es würde ihrer Mutter so gehen, das wäre die Hölle. Shinichi nutzt die Zeit und versucht seiner Mutter die kurze Zeit, die sie hat noch so angenehm wie möglich zu gestalten. So können beide voneinander Abschied nehmen.
‚Wie selbstlos er ist. Er sagte doch, er hat in Frankreich gespielt, sicher ganz oben, wenn er Genzo als Gegner hatte. Ein Transfer nach Spanien, wow. Dann muss er doch wahnsinnig gut sein. Karl-Heinz bekommt doch auch immer so viele Angebote aus dem Ausland. Ausgerechnet jetzt am Anfang seiner Sportlerkarriere solch einen Rückzieher zu machen und hier zu spielen, wo es viel weniger Gehalt und Chancen gibt als in Europa. Das war sicher die große Chance seines Lebens. Und dann nur eine einfache Ausbildung machen, statt zu studieren, das würde nicht jeder machen.‘ Plötzlich steht sie auf, schaut zu ihm hoch und berührt zaghaft seinen Arm. Mitfühlend spricht sie leise zu ihm.
„Du machst alles richtig. Familie geht vor Allem. Deine Mutter und der Rest der Familie werden dir sicher sehr dankbar sein.“ Verdutzt sieht er zu ihr und wundert sich sehr über ihre netten Worte.
‚Statt mich zu bemitleiden versucht sie mich mit einem Kompliment oder einem Lob zu motivieren?‘
„Ein Lob? Du bist wirklich besonders. Statt mich zu bemitleiden, willst du mir Mut machen.“, lächelt er sie liebevoll an. Sie lächelt zurück.
„Naja, als meine Oma gestorben ist hat mich eine Freundin getröstet indem sie mir sagte ich solle nur nach vorne sehen. Ein Zurück gibt es nicht, aber alles was kommt kann ich beeinflussen. Und jetzt mit Kraft und Erinnerungen. Deswegen, deswegen dachte ich, du bist doch stark und hast sicher einen Traum aufgegeben als du diese Entscheidung gefällt hast, dass du Zuspruch statt Mitleid brauchst.“ Plötzlich wird ihr ganz warm und sie kann ihren Blick nicht von ihm lassen. Ihm gehts nicht anders und beide sehen sich nur an und sie hören jeweils den hohen Herzschlag des anderen. Dann geht er auf ihre scheue Berührung ein, traut sich ihre Oberarme sachte zu berühren und sieht ihr nachdenklich in die Augen.
‚Dass du dir überhaupt Gedanken um mich machst, obwohl wir uns gar nicht kennen. Wie kommt das? Diese Augen und dieser liebenswerte Blick. Ich könnte stundenlang darin verharren. Wie wunderschön du bist und wie du duftest. Wieso weichst du mir denn gar nicht aus? Was hat das zu bedeuten? Du berührst mich einfach auf deiner hinreißenden Art und siehst mich so sonderbar an und mein Herz fängt an zu rasen. So einer unbeschreiblichen Frau bin ich noch nie begegnet. Was soll ich denn machen?‘ In dem Moment als er bemerkt, dass er ihr langsam mit dem Kopf näher kommt hält er plötzlich inne.
‚Reiß dich zusammen. Sei vernünftig.‘, schießt es ihm dann durch den Kopf und er lässt sie los und sieht sie nur an, wie sie ihre geschlossenen Augen wieder öffnet. Sie sieht irritiert in seine braunen Augen. Beide sagen nichts, nur ihre lauten Herztöne sind zu hören. Dann plötzlich vernehmen beide Stimmen auf dem Flur. Es ist Tinas Stimme, die nach Marie ruft.
Die geht langsam den Flur entlang und ruft sie besorgt.
„Marie? Wo bist du? Melde dich doch. Du wirst vermisst. Wir machen uns Sorgen.“, kommt ihre Stimme immer näher.
Marie schreckt etwas zusammen und lässt den Mann vor ihr los und dreht sich zur Tür.
„Entschuldige. Ich geh lieber raus.“, kann sie nur sagen und öffnet die Tür, lässt sie nur einen Spalt offen und stellt sich in den Flur.
Dann schaut sie nach rechts und sieht Tina auf sich zugehen.
„Ich bin hier. Es ist alles in Ordnung.“, lächelt sie verunsichert. Ihre Gedanken sind noch im magischen Moment zuvor gefangen. Tina bleibt streng vor ihr stehen.
„Was war denn los? Wieso bist du einfach weggegangen? Andrea hat dich gesucht.“
„Tut mir leid, Tina, aber…ich mag sie nicht. Ich weiß, dass sie eine Freundin von dir ist, aber sie ist mir unsympathisch.“, murrt sie plötzlich.
Tina sieht sie verwundert an.
„Wie jetzt? Ich dachte du vertraust mir, wenn ich dir eine Freundin an deine Seite stelle. Ich kann nicht die ganze Zeit bei dir sein. Der ganze Tag ist schon total durcheinander und ich habe heute Abend noch ein wichtiges Spiel und muss trainieren. Was meinst du wieso es so gut ist, dass wir nun alle hier sein können statt auf dem Revier rumzusitzen. Ich habe dem nur zugestimmt, weil Takeru mir den Gefallen tut und Andrea mitkommen durfte. Sie ist extra deinetwegen hier. Und dann schreist du sie an und haust einfach ab.“, ist Tina zwar ruhig aber auch enttäuscht. Marie versteht nicht so richtig was sie damit meint.
„Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Wieso musste sie denn mitkommen? Wer ist sie überhaupt? Die klebt wie eine Klette an mir. Ich kann nicht mal alleine aufs Klo gehen, ist ja nervig. Ich wollte mich nur alleine mit dem deutschen Kommissar unterhalten und dann meinte sie, sie müsse unbedingt in der Nähe bleiben.
Tina, ich bin doch kein Kind mehr, ich brauche keinen Aufpasser. Und unterhalten kann ich mich mit ihr ja auch nicht.“
„Ich frage Fane, ob sie sich etwas um dich kümmert, okay? Sie spricht mittlerweile gut Deutsch, aber mehr kann ich nicht tun. Andrea bleibt bei dir. Das ist zu deinem eigenen Schutz.“
„Oh man, wirklich? Was ist an der so besonders, dass sie bei mir bleiben muss? Weil sie älter ist und du hast vergessen, dass ich kein Kind mehr bin wie vor sieben Jahren.“, diskutiert sie.
„Marie, ich sehe dich doch als Frau, eben deswegen doch. Wenn du ein Kind sein würdest, bräuchtest du ihren Schutz nicht.“, brummt Tina plötzlich zurück.
„Was meinst du denn damit? Ihren Schutz? Weil sie mehr Muskeln in den Armen hat als du?“
„Das auch, mit ihr sollte sich am besten niemand anlegen. Marie, hör zu. Ich war gestern schon einmal hier, dabei bin ich jemanden aus dem Sicherheitsteam alleine begegnet. Er hat unter Behauptung ich sei nicht die für die ich mich ausgebe einfach festgehalten. Ich kann mich wehren, aber ich wollte natürlich keine Probleme machen. Ich hatte in dem Moment Glück, dass Trainer Mikami genau in diesem Moment auftauchte und kurz darauf Genzo.
Was ich damit sagen will, sicherlich wird hier weiter nichts passieren und die Männer, die euch oder die Zeugen suchen kommen hier nicht rein, aber ihm kann ich nicht trauen. Ich weiß leider nicht ob dieser Vorwand mich anzufassen auf mich als Person bezogen war oder ob er allgemein so reagieren könnte. Deswegen hast du deinen eigenen Personenschutz.
Als wir vorhin im Laden waren und das alles passiert ist, war sie es, die dir den Arsch gerettet hat. Sie und Martin haben die beiden Kerle niedergestreckt. Nur durch ihr ausgeklügeltes Sicherheitstraining und die regelmäßige Schulung des Personals für solche Fälle hat dafür gesorgt, dass es so gut ausging.“ Marie ist erstaunt.
„Ihr Plan? Ich dachte das war Martin alleine? Mit dir und dem Kommissar.“
„Nein, Andrea ist zwar offiziell als Trainerin im Center angestellt, aber in Wirklichkeit ist sie die Sicherheitschefin. Sie leitet die Selbstverteidigungskurse und hat das ganze Center mit einem neuen System ausstatten lassen. Und wenn mal wer nicht spurt, schmeißt sie die Leute raus. So kann Martin sich um das Wesentliche kümmern.“
„Oh, das wusste ich nicht. Andrea ist für die Sicherheit im Sportcenter zuständig? Was ist sie denn vom Beruf?“ Tina grinst.
„Jeder Andere würde sich geehrt fühlen sie an ihrer Seite haben zu dürfen. Andrea war US Marine und Captain in der Fliegerstaffel. Sie ist Hubschrauber geflogen, geboren und aufgewachsen auf Okinawa, einem Stützpunkt der Amerikaner. Zu ihrer Ausbildung gehörte unter anderem der Personenschutz. Sie war so gut, dass sie sogar top Angebote als Personenschützerin von vielen Prominenten und Politikern in den Staaten bekam. Sie wollte aber in Japan bleiben, weil es ihre Heimat ist. Ohne sie gehe ich abends nicht aus.“
„Wow, so stark ist sie? Eine echte Marine Captain.“
„Ja. Ich habe mir schon was dabei gedacht sie an deine Seite zu stellen. Was machst du eigentlich hier im Beratungsraum? Und wo wolltest du hin?“ Tina wirft einen kurzen Blick durch die schmale Öffnung und kann nur den Tisch sehen, auf dem ihre Zeichnungen liegen.
„Ich habe dich gesucht und auf dem Weg durch den Flur ist mir mein Ordner heruntergefallen und ich wollte mir jetzt meine Bilder wieder einsortieren.“
‚Nanu? Wieso stehen denn zwei Tassen auf dem Tisch? Es riecht nach Kaffee und nach Tee. Ihre Bilder liegen vorsortiert auf dem Tisch.‘
„Verstehe. Lass dir nicht so viel Zeit. Geh bitte dann wieder zu Andrea. Du kannst auch dann zu uns in die Sporthalle kommen, hier ist es bei der Hitze angenehmer als draußen.“
„Mache ich, legst du ein gutes Wort für mich ein? Es tut mir leid, dass ich sie so angemacht habe. Ich glaube ich bin durch die Müdigkeit etwas zu gereizt.“
„Natürlich. Ich geh jetzt wieder in die Turnhalle. Wie gesagt, wenn es dir draußen zu warm wird, komm lieber rein bevor du mir umfällst.“, erklärt Tina und geht dann an ihr vorbei.
„Mach dir keine Sorgen, ich bin die Hitze gewohnt. Ich bin viel im Garten und male dann. Das geht schon, ich habe ja auch Schatten.“, erklärt sie.
„Ach so, okay, na dann ist ja gut. Soll ich dir dann Fane an die Seite stellen, damit du jemanden zu reden hast?“
„Wer ist das denn?“
„Neben meiner Volleyballpartnerin und engen Freundin Yoko ist sie meine nächste beste Freundin und sie weiß wer du bist. Sie ist Tsubasas Frau und mein Lehrling in der Küche. Und seit gestern meine Managerin.
Ach siehst du, da fällt mir ein, ich muss noch ihren Vertrag unterschreiben. Das bringt heute alles durcheinander. Viel Zeit ist nicht mehr. Und meinen Anwalt muss ich noch anrufen, der Arme tut mir jetzt schon leid.“ Plötzlich klingelt Tinas Handy.
„Oh, wenn man vom Teufel spricht.“, grinst sie und geht ran.
„Egon, ich wollte dich gerade anrufen. Guten Tag erstmal.“, ist sie freundlich. „Hallo Bettina, sage mal, was war da bei euch im Center los? Wieso stehe ich hier vor verschlossener Tür? Was soll das heißen, ihr habt einen technischen Defekt? Im ganzen Gebäude?“, sprechen beide auf Deutsch.
„Das erkläre ich dir gleich, Moment, ich muss nur kurz ein Gespräch beenden.“ Tina legt ihren Finger aufs Mikrofon und spricht Marie leise an.
„Das ist mein Anwalt. Wir reden später mal weiter.“ Dann kommt sie ihr nahe und flüstert ihr ins Ohr.
„Aber Marie…pass auf.“ Sie schmunzelt sie an.
„Ich weiß, dass du erwachsen bist und machen kannst was du willst, aber hier in Japan bist du noch minderjährig. Mach also niemanden Probleme. Das können die Männer hier nicht gebrauchen. Lasst euch nicht erwischen, wenn es mal mehr als Kaffeetrinken wird. Vor allem, wenn er dann schon einundzwanzig ist.“ Marie wird verlegen und läuft etwas rot an.
„Woher…“
„Schon vergessen wer immer zwanzig Mann gleichzeitig im Blick haben musste? Die Details, Marie.“, grinst sie und lacht. Dann spricht sie ein wenig lauter, so dass es auch Shinichi hören kann.
„Ich werde dann mal wieder. Ich gebe Andrea Bescheid, dass du in guten Händen bist. Hauptsache du läufst hier nicht alleine rum.“
„Ach und noch was. Nachher muss irgendwann das Gruppenfoto gemacht werden, wir sind ja scheinbar vollständig.“
Die Hantelbank und der Vertrauensbruch
Kapitel 83
Die Hantelbank und der Vertrauensbruch
Tina geht den Flur entlang Richtung Ausgang zu den Waschbecken.
„So, ich erkläre dir gleich alles. Aber zu aller erst. Hast du den Vertrag für Fane fertig? Also für Frau Ohzora?“
„Ja, ihr müsst euch nur über eine monatliche Summe einigen.“
„Ich habe keine Ahnung was man so einem Manager zahlt. Was meinst du wäre denn in ihrem Fall angemessen? Ich will ihr nicht zu wenig geben.“
„Wieso lässt du sie nicht über deinen Verein oder den Verband bezahlen? Die wollen doch, dass du jemanden hast.“
„Ich will nicht, dass sie von denen abhängig ist. Womöglich setzen sie sie dann wegen irgendwas unter Druck und dann kürzen die ihr Geld. Da habe ich lieber alles selbst in der Hand. Immerhin ist sie eine sehr gute Freundin.“
„Ich verstehe, sie soll unbefangen bleiben.“
„Genau, so würdest du das nennen.“ Egon nennt ihr seine Vorschläge und was andere in ihrer Position ihren Managern zahlen und zählt ihre Aufgaben und Pflichten und Rechte auf.
„Das klingt gut. Dann mach mal die dritte der fünf Vorschlagssummen. Immerhin kommen bei der ganzen Rumfliegerei noch Fahr- und Verpflegungskosten dazu. Ich muss erst einmal abwarten, was die nächsten Monate auf mich zukommt. Aber ich frage sie gleich, ob das für sie passt. Ich rufe dich gleich zurück. Du hast doch sicher alles mit ihr besprochen, also die ganzen Bedingungen, die du mir eben aufgezählt hast?“
„Natürlich, das haben wir alles gestern Abend und heute Früh nochmal durchgesprochen. Sie wird sicher zustimmen, denn sie hatte meinen ersten Vorschlag mit der kleinsten Summe bereits zugesagt.“
„Ach so? Echt? Dann mach das fest und wann können wir unterschreiben?“
„Ich füge die Summe jetzt handschriftlich hinzu und dann könnte ich direkt zu dir kommen oder ihr kommt zu mir.“
„Wir können im Moment nicht weg. Du musst herkommen. Ich bin an meiner alten Schule. Fane ist auch hier. Am besten du bestellst dir schon ein Taxi und kommst her und ich erkläre dir inzwischen alles Weitere. Ruf mich bitte an, wenn du im Taxi sitzt. Setz die Taxirechnung dann auf meine Kostenstelle.“
„Alles klar. Ich wusste gleich, mit dir als Klientin wird es nicht langweilig. Wir haben viel zu bereden, liebe Bettina.“ Sie lacht leise.
„Freu dich lieber nicht zu früh. Ich muss dich leider jetzt schon nerven. Tut mir leid. Im Moment überschlagen sich die Dinge, deswegen bin ich ja auch endlich auf dein Angebot eingegangen. Abgesehen von deiner Kompetenz kann ich dir wenigstens vertrauen. Ich bin dir jetzt schon unendlich dankbar dafür. Das weißt du hoffentlich.“
„Natürlich. Bis gleich.“ Etwa fünf Minuten später ruft Professor Dr. Dr. Egon Katsuo Kudo zurück.
„Dann leg mal los. Wo genau muss ich jetzt hin?“ Tina gibt ihm die Adresse der Schule durch und erklärt ihm, dass er zum Einlass des Sportplatzes muss.
„Am besten der Taxifahrer sagt dir etwa zehn Minuten vor der Ankunft Bescheid, dann kannst du mich anrufen und ich hole dich am Eingang ab. Ohne Einladung kommst du hier nicht aufs Gelände.“
„Oh, klingt spannend. Hast du nicht dein Spiel heute Abend erst? Das ist doch aber in eurer Tokio-Halle. Wieso jetzt deine alte Schule?“ Tina versucht ihm so kurz wie möglich die Lage im Laden und auf dem Revier zu erklären und warum sie hier sind. Sie lässt den Part aus, dass Kojiro den Vorschlag gemacht hat, aber das ist ja auch noch nicht relevant für ihn.
„Wir können dann aber hier mit Fane alles klären, du kannst mit Takeru einiges wegen der heutigen Angelegenheit bereden und ich kann dir sogar jemanden vorstellen. Du wolltest ihn ohnehin kennenlernen.“ Egon ist irritiert und völlig von den Socken. Seit wann geht Tina auf Fußballer zu? Sie hat sich die ganzen Jahre von ihnen ferngehalten. Dass sie mit Jun befreundet ist, ist ihm bekannt. Der überraschende Besuch gestern hat ihn schon sehr verwundert und nun kann sie direkt zu einem Team gehen und hat sie ins Programm aufgenommen? Das kommt ihm sehr seltsam vor. Er ist jedoch auch ein überaus neugieriger Mensch. Er war schon immer ein begeisterter Volleyballfan und seit er vor sechs Jahren das erste Nationalturnier gesehen hat, in dem Tina mitgespielt hat, wurde er ein treuer Fan und hat versucht jedes Spiel von ihr zu sehen. Ihn faszinierte es wie schnell und mit welchem Elan sie in so kurzer Zeit zu einer so starken Spielerin wurde. Ihm blieb dann fast der Atem stehen, als er mitbekam, dass sie plötzlich in seinen Vorlesungen saß und sein Interesse an Psychologie teilte. In der Regel interessierte er sich nicht für die Studenten, wenn er Frischlinge vor sich hatte, aber sie fiel ihm dann doch sofort auf und er musste in der Anwesenheitsliste sofort nach ihr suchen. Sie stellte sehr interessante Fragen und gab sonderbare Antworten. Das wunderte andere Studenten und auch er war immer wieder verdutzt. Nach den Vorlesungen ergaben sich viele nette Unterhaltungen und sie verblieben dann beim Schachspielen und trafen sich einmal die Woche dazu und philosophierten über viele verschiedene Themen. Ihre Gemeinsamkeit aus Deutschland zu kommen ließ sie sich dann auch etwas anfreunden. Dann eines Tages bot er ihr an sie als Rechtsbeistand zu vertreten. Leider lehnte sie ab, sie wolle dem Anwalt ihrer Eltern nicht vor den Kopf stoßen.
Wenige Minuten nach dem Anruf steht Tina im Fitnessraum, welcher in der Turnhalle ist. Wehmütig streift sie mit der linken Hand über ihre Lieblings-Hantelbank und lächelt vor sich hin. In ihrer Erinnerung erscheint Martin, wie er eines Tages mit ihr schimpfte. Nach dem Vorfall an der Toho fing sie an sich wieder intensiv fürs Training einzusetzen und um ihre Schlagkraft zu verbessern ging sie regelmäßig zu ihm in das Studio wo er derzeit arbeitete. Er hatte ausdrücklich gesagt wie sie es richtig angehen kann und statt auf ihn zu hören setzte sie sich zusätzlich noch hier hin und trainierte heimlich weiter. Immer dann, wenn sie wieder nicht schlafen konnte und sie die Wut im Bauch loswerden musste, wenn die Bilder von dem Überfall kamen oder sie sich an die Gemeinheiten der Jungs an der Eliteschule erinnerte. Deswegen musste sie doch ganz schnell stark werden, immerhin gab es bald das Weihnachtsturnier und da mussten Yako und sie ihnen doch ihre Stärke zeigen. Sie wollte bis dahin einen eigenen starken Ball entwickeln.
Etwa zwei Monate ging das gut, dann eine Woche vor dem Turnier gelang ihr endlich der besondere Ball und dann an einem Freitag nach der Schule holte Martin sie unangekündigt von der Schule ab. Sie hatte so viel von dem Ball geschwärmt und ihn neugierig gemacht.
Er durfte aufs Schulgelände und man zeigte ihm wie er zur Halle käme. Yoko führte ihn dann zu ihr in den Fitnessraum, da sie wusste, dass sie dort ihre Übungen machte. Plötzlich stand er irritiert in der Tür.
„Tina, was machst du hier? Ich dachte du zeigst mir deinen tollen Ball, stattdessen sitzt du ohne Anleitung an den Geräten?“
Das enttäuschte Gesicht ist ihr noch immer in Erinnerung und Tina stellt die Gewichte ein und stellt sich die Größe der Bank zurecht.
Damals kam Martin zu ihr und bat sie dann nur noch darum ihr mal den Ball zu zeigen. Er wolle ihn sehen. Nichtsahnend ging sie dann mit ihm und Yoko in die Halle und die Mädchen zeigten ihm den starken Ball. Er war natürlich begeistert, aber er konnte es nicht wirklich zeigen.
„Komm nicht zu spät nach Hause.“, sagte er nur nachdenklich und verließ ohne sie die Halle.
Während sich Tina heute auf die Bank legt und das leicht eingestellte Gewicht drückt, um etwas herunterzukommen, kommen ihr die Erinnerungen wie erst gestern vor.
Kaum war sie nach der regulären Trainingszeit zu Hause, ging sie unter die Dusche und machte sich fertig. Beim Abendessen war es wie immer. Danach klopfte es an ihrer Tür.
„Ich bin es. Kann ich reinkommen?“ Tina bat ihn natürlich herein. Er schloss die Tür und sah sie ernst an. Tina saß am Schreibtisch und war mit Lernen beschäftigt.
„Was musst du heute lernen?“
„Japanische Geschichte. Wir schreiben morgen einen Test.“
„Und was genau müsst ihr da wissen?“
„Kaiser Meiji. Ist sehr interessant. Trotz seiner Jugend hat er versucht die Menschen zusammenzuführen und wollte mit Weltoffenheit Völker miteinander einen und die Wirtschaft ankurbeln. Diesen Mut muss man bewundern.“, berichtete sie begeistert.
„Warst du deswegen gestern unterwegs und hast dir den Schrein angesehen, den man ihm zu Ehren erbaut hat?“
„Ja genau. Da standen noch ein paar mehr Informationen als in den Büchern.“ „Du kommst mit der Sprache immer besser klar. Das ist bewundernswert. Ich brauche sicher Jahre dafür.“ Er setzte sich in den Besucherstuhl und holte drei ausgedruckte Fotos hervor.
„Sag mal, meinst du der Kaiser hat in seinen jungen Jahren immer die richtigen Entscheidungen getroffen? Du bist doch ein Typ, die immer selbst entscheidet. So wie er.“
„Martin, komm zum Punkt. Du bist sauer auf mich, weil ich mich nicht an deinen Plan halte, oder?“, lehnte sie sich dann stöhnend zurück und sah ihn an.
„Sauer ist das falsche Wort dafür. Enttäuscht trifft es eher.“ Er legt ihr drei Fotos von verschiedenen Sportlerinnen auf den Tisch. Eine Langläuferin, einer Volleyballerin und einer Bodybuilderin.
„Wie siehst du dich in zwei bis drei Jahren? Du musst dich nur entscheiden welchen Sport du machen willst. Ich helfe dir, aber du musst dich entscheiden und auch dabeibleiben. Ich weiß, dass du vorher intensiv Fußball gespielt hast und ein anderes Training gewohnt bist, Ausdauer wie auch Krafttraining. Aber du musst dich für irgendwas entscheiden. Für deinen Sport brauchst du nicht nur Kraft, sondern auch gutes Reaktionsvermögen und Beweglichkeit vor allem. Wie möchtest du denn als Frau aussehen und welchen Sport willst du machen?“
„Ich habe es schon kapiert. Du hast ja Recht. Tut mir leid.“ Sie nahm das mittlere Foto mit der hübschen Volleyballerin.
„Natürlich ist die hier am hübschesten. Stark, aber sehr weiblich.
Kann ich jetzt weiterlernen?“
„Du vertraust mir doch, oder? Privat wie auch fachlich.“
„Natürlich. Es tut mir wirklich sehr leid. Ich werde mich in Zukunft an deinen Plan halten. Aber es war so wichtig diesen Ball rechtzeitig zu können. Wie findest du ihn denn?“
„Wenn du Sondertraining für eine bestimmte Zeitspanne brauchst, musst du nur mit mir reden. Dann stelle ich deinen Plan entsprechend um, aber es läuft kontrolliert ab. Du darfst nicht vergessen, dass du noch im Wachstum bist. Du willst doch sicher später irgendwann auch eine Familie gründen. Wenn du dich jetzt falsch trainierst, kann es dann Probleme geben. Das willst du doch sicher nicht.“
„Tut mir leid. Natürlich will ich später mal Kinder haben, aber im Moment habe ich dafür echt keine Nerven. Von Jungs habe ich erstmal die Nase voll. Die können mir alle den Buckel runterrutschen.“, ertönte sie dann grummelig.
„Hast du nicht erzählt, dass du dich mit einem Klassenkameraden angefreundet hast? Ist das nur eine Freundschaft?“ Tina fing an zu grinsen.
„Natürlich, abgesehen davon, dass er weder mein Typ ist, noch würde ich etwas mit einem Fußballer anfangen, ist er bereits vergeben. Und die beiden passen so gut zusammen. Jun und Yayoi voll niedlich. Wir freunden uns auch an. Sie ist in meinem Französischkurs. Wir helfen uns dann immer gegenseitig.“
„Verstehe, ich wusste, dass du hier schnell Freunde finden wirst.
Der Ball ist wirklich klasse. Ich kann aber nicht beurteilen wie stark er im Gegensatz zu anderen ist. Woher weißt du denn, dass du ihn hinbekommen hast?“ „Weil das Netz fast kaputt ging. Yakos Bälle können das nicht und sie ist immerhin mit ihren starken Bällen Nationalmeisterin.“
„Warum ist dir denn der Ball so wichtig, dass du deine Gesundheit aufs Spiel setzt? Du bist doch sonst auch viel weitsichtiger.“ Tina stand auf, drehte sich mit dem Rücken zu ihm und zog plötzlich ihr Nachtshirt hoch.
„Die vielen kleinen Narben, Yako sieht noch schlimmer aus.“ Sie ließ das Shirt wieder fallen, zeigte dann ihre Arme und sah zu ihm.
„Deswegen. Das, was vor zwei Monaten passiert ist soll die Schule zurückkriegen. Aber auf sportliche Art und Weise. Im Weihnachtsturnier zahlen wir ihnen alles heim. Ich will gleich im ersten Satz mitspielen und mache die Mädchen fertig. Nur so sieht die Schule was sie davon haben.“
„Das sieht ja schlimm aus. Was ist passiert?“ Tina erzählte ihm die Geschichte in Kurzfassung.
„Solche Feiglinge.
Wenn du mir erlaubst nur kurz zu prüfen welche Stellen wir eventuell wieder abtrainieren müssen, kann ich das bereits einplanen. Da ich dich in letzter Zeit nur noch langärmlig sehe, ist mir das auch nicht gleich aufgefallen, dass du heimlich zusätzliches Krafttraining machst.“ Tina zeigt ihm wieder ihre Arme und zieht auch die langen Hosenbeine hoch, damit die Muskulatur zu sehen ist. An ihren Beinen hat sie natürlich wegen der Sprungkraft gearbeitet. Sie war zwar gut trainiert, aber es war doch etwas anders beim Fußball als jetzt, wo sie deutlich beweglicher sein muss. Neben dem Training ging sie noch schwimmen. Sie hat begonnen dreimal die Woche zum Flossenschwimmen zu gehen. Das Training hat viel gebracht und ihren Rücken und ihre Füße deutlich gestärkt und gelenkiger gemacht. Martin zeigte ihr die Stellen, die anders trainiert werden müssen. Dann verließ er das Zimmer.
Schmunzelnd liegt sie nun auf der Hantelbank und zählt nebenbei ihre Züge. Plötzlich geht die Tür auf und Pierre steht verwundert da.
„Oh, sorry. Ich dachte das sind die Toiletten.“ Tina schaut gar nicht zu ihm. Sie erkennt ihn an seiner Stimme.
„Kannst du nicht lesen? Du musst eine Tür weiter.“ Überrascht sieht er zu ihr rüber.
„Du Bettina? Was machst du denn hier?“
„Wonach sieht das denn aus?“, reagiert sie gereizt.
„Sorry.“, antwortet er nur und verlässt den Raum wieder. Er bleibt noch kurz vor der Tür stehen.
‚Wow, so einen Anblick hat man auch noch nicht gehabt. Sie nimmt ihr Training genauso ernst wie wir. Ich habe noch nie eine Frau beim Krafttraining gesehen. Ich bin eindeutig zu selten unter Menschen.‘ Dann geht er eine Tür weiter und nachdem er mit allem fertig ist steht er vor dem Waschbecken und betrachtet sich im Spiegel. Er trocknet sich die Hände ab und legt das Papier in den Abfallbehälter.
‚Das ist heute wirklich ein seltsamer Tag. Zuerst ruft mich Karl-Heinz an und dann taucht Bettina hier auf.‘ Der junge Franzose entscheidet sich erneut zu ihr zu gehen und klopft am Fitnessraum an.
„Herein.“ Er öffnet die Tür und sieht zu ihr rüber.
„Ich bin es wieder. Können wir reden?“
„Was haben wir denn zu bereden?“, kommt unmissverständlich zurück.
„Ich dachte nach so vielen Jahren hätte man was zu bereden, wenn unser Start auch unhöflich war.“, spricht er ruhig und schließt die Tür plötzlich hinter sich. „Ich wüsste nicht was wir zu bereden hätten, Pierre.“, murrt Tina, hängt vorsichtig das Gewicht ein und richtet sich mit einem ernsten Blick auf.
„Mach die Tür wieder auf!“, fordert sie streng und greift zum Handtuch neben sich. Sie tupft sich den Schweiß vom Gesicht und vom Oberkörper.
‚Was denkt er sich dabei? Kommt einfach rein und macht die Tür zu. Dafür, dass er aus einer Adelsfamilie kommt hat er echt keinen Anstand.‘
„Das werde ich jetzt nicht tun. Was erwartest du von mir? Soll ich hier auf Knien vor dir rumrutschen und unendlich um Verzeihung bitten?“, verschränkt er die Arme und sieht sie ernst an. Tina legt das Handtuch um ihre Schulter und steht dann auf.
„Das wäre doch mal ein Anfang.“, grinst sie und kurz darauf setzt sie wieder ein ernstes Gesicht auf. Plötzlich geht er auf sie zu und kniet sich unerwartet auf ein Bein und schaut zu Boden, als würde er wie ein Ritter vor seiner Königin knien. „Es tut mir leid. Ich weiß, dass es falsch war.“ Entsetzt faucht sie ihn an.
„Du hast doch echt nicht alle Latten am Zaun! Steh wieder auf! Das war nicht wörtlich gemeint.“ Er bleibt in dieser altmodischen Pose stur vor ihr.
„Ich habe es aber ernst gemeint. Was soll ich denn tun, damit du mir verzeihen kannst?“
„Pierre, dein Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Da kannst du solange vor mir rumhocken wie du willst. Hast du überhaupt eine Ahnung wie herabwürdigend das für mich war? Mitten im vollen Geschäft? Vor meinen vielen Gästen? Was hast du dir denn überhaupt dabei gedacht? Du konntest nur froh sein, dass ich wusste wer du bist, dass Kojiro in diesem Moment in der Küche war und ich diesen blöden Umsatz brauchte. In der Regel erlaubt sich das keiner in meinem Lokal und wenn, dann hat er schnell mal eine sitzen und ich schmeiße die Person hochkant raus. Ich wollte aber vor Kojiro und Genzo keine Szene machen. Und dann stellte sich noch heraus, dass Kojiros Mutter und seine Schwester anwesend waren, das war sowas von peinlich, echt. Ich will gar nicht wissen was die zuerst gedacht hat, als du mich da so angebaggert hast und ich zuerst nicht darauf reagiert habe.“ Er richtet sich auf und schaut dann zu ihr herab in die türkiesen Augen. „War es wirklich so unangenehm?“
„Na hör mal, ich muss diesen Laden leiten und ich kann nur froh sein, dass mein Personal einen viel zu hohen Respekt vor mir hat, dass es mir das nicht übelgenommen hat, sondern gleich auf meine Änderungen eingegangen ist. Das hätte nicht jedes Personal gemacht.
Ich muss aber auch ehrlich zugeben, dass ich mir zuerst selbst die Schuld an deiner Anmache gegeben habe, weil ich eventuell zu freundlich war. Das habe ich dir ja schon gesagt. Aber als ich die Hand weggezogen habe, da hättest du schalten müssen, dass es unpassend ist. Aber nein, stattdessen treibst du es auf die Spitze und benimmst dich wie ein Flegel in irgendeiner Kaschemme. Was hast du denn gedacht was ich bin? Die dumme hübsche Kellnerin, die nur ihren Job hat, weil sie Französisch sprechen kann? Denn davon bist du scheinbar ausgegangen, wenn du meinen Küchenchef nach der Chefin fragen musst, als er erwähnte, dass das Rezept von ihr kommt. Dein Versuch dich noch vor Ort zu entschuldigen, kam doch nur, weil du plötzlich mitbekommen hast, dass ich nicht nur das dumme Blondchen bin.“
„Bist du fertig?“ Sie ist erstaunt. Plötzlich so ein ernster Ton.
„Du bist auch nicht fehlerfrei, Bettina.“
„Das habe ich auch nie behauptet. Und was meinst du genau?“, stutzt sie.
„Ganz einfach. Du bist jetzt mit Hyuga zusammen und vorher hattest du was mit Karl-Heinz laufen. Du weißt doch genau in welcher Rivalität die beiden zueinanderstehen. Aber mich verurteilen, wenn ich eine hübsche Kellnerin anmache. Und dumme Frauen, mache ich übrigens nie an.“
Total baff blickt sie ihm in die ebenso türkiesblauen Augen. Sein Blick ist sehr ernst und bestimmend. Das kennt sie von ihm gar nicht. Ihr Puls steigt etwas an und ihr ist überhaupt nicht klar woher er das wissen könnte.
„Was meinst du genau? Du weißt selbst, dass wir seit Kindertagen eng befreundet waren. Du warst doch selbst ein Teil davon. Oder hast du unsere Treffen nach den Turnieren und nach dem letzten Freundschaftsspiel vor der WM vergessen?“ „Natürlich habe ich das nicht. Was meinst du wieso ich mit Karl-Heinz privat noch im Kontakt bin? Wir haben uns vor einigen Jahren mal wieder gesehen und seitdem verabreden wir uns ab und an. Aber genau das ist es ja.
Nie wollte er über euch reden. Du leugnest also mit ihm zusammen gewesen zu sein?“
„Woher willst du denn wissen, dass es so gewesen sein soll? Das Team wusste nichts, nur Genzo wusste wer ich bin.“
„Ich weiß ja nicht wann, aber irgendwas lief mal zwischen euch. Seine Reaktion vorhin bei unserem Gespräch im Taxi sprach Bände. Und vorhin hat er schon wieder so eine seltsame Bemerkung gemacht. Er verhält sich heute schon die ganze Zeit so seltsam.“ Tina weicht ihm aus und geht zur anderen Hantelbank. Sie bestückt die Gewichte an der Langhantel neu und schaut auf die Größeneinstellung.
„Setz dich.“ Pierre ist etwas irritiert.
‚Was soll das jetzt werden? Es ist wirklich schwer sie einzuschätzen. Was hat sie vor, wenn ich da nun auf der Bank liege und sie die Macht über die Hantel hat? Hyuga vertraut ihr und sie vertraut ihm scheinbar sehr, das war eindeutig zu merken, sonst hätte sie uns in dieser Situation nicht alleine gelassen. Es ist beeindruckend, dass sie sich so sehr vertrauen. Nun gut, Bettina, du warst immer eine sehr gerissene Verteidigung und wusstest genau wie du mich auszutricksen hattest, aber hier ist eine andere Situation.‘
„Hast du Bedenken, wenn ich dich dabei begleite? Du weißt schon, dass ich einen Trainerschein dafür habe, oder?“, schaut sie ernst und erklärt sachlich. Er kommt langsam auf sie zu und schaut auf die Gewichte.
„Du kannst auch etwas drauflegen, ich kann den Ausgleich brauchen.“, meint er dann mit sicherer Stimme, setzt sich hin, lehnt sich zurück und prüft die Arm- und Beinlänge.
„Ein wenig musst du die Füße noch einstellen. Aber sonst super. Woher wusstest du, dass es passen wird?“ Tina geht zum Fußteil und stellt es genauer ein. Dann steht sie wieder an der Langhantel.
„Ich habe lange genug im Fitnessstudio gearbeitet und den Schein nicht grundlos erworben. Mehr darf ich dir nicht draufpacken, tut mir leid. Ich könnte, aber ich lasse es lieber. Meine Freundin da draußen, die sich um Marie kümmert, die kann deutlich mehr begleiten, denn es ist ihr Job. Sie ist auch ganz anders trainiert als ich. Ich brauche das nur für meine VIP-Stunde und es macht mir Spaß.“ Er schaut nachdenklich zu ihr auf.
‚Dieses Volleyball-Trikot steht ihr wirklich gut.‘
„Zeig mal deine Hände.“, fordert sie freundlich. Er öffnet sie und Tina holt eine Tube Flüssigkreide hervor, gibt ihm welche zum einreiben und tut es ebenso.
„Sag, wenn du dann nochmal welche brauchst.“
„Okay, die fühlt sich gut an. Bisher habe ich immer Trockenkreide genommen.“
„Probiere sie aus, wenn es dir gefällt, kann man die in unserem Shop bestellen. Ich nutze die sehr gerne. Extra für verschiedene Hauttypen. Du hast jetzt die für trockene und empfindliche Haut. Kommt doch hin, oder?“
„Passt genau.“
„Kann es losgehen? Bist du soweit?“ Er nickt und greift die Stange.
„Nun konzentrierst du dich auf deine Gewichte und deine Atmung und hörst mir einfach nur zu oder beantwortest mir meine Fragen, okay?“
„Okay.“
„Ich werde jetzt einfach ausblenden was in meiner Gaststätte war, verstanden? Wir unterhalten uns als wären wir noch die alten Freunde von früher, okay?“
„Okay, heißt das jetzt du verzeihst mir?“
„Nein! Niemals!“, faucht sie.
„Ich blende es jetzt nur aus.“, erklärt sie erneut und ruhig.
„Sorry.“
„Das was ich jetzt hier mache, lasse ich mir in der Regel teuer bezahlen. Wenn ich als VIP gebucht werde, wollen die Fans in der Regel etwas mit mir plauschen und mich als Mensch kennenlernen. Genieße es also. Ich trete ungern irgendwo mal auf oder halte Reden oder mache Werbung im Fernsehen. Meine Sponsoren akzeptieren das, denn ich wollte das bisher nicht. Ich werbe in der Regel nur mit Fotos und Plakaten. Einen persönlichen Kontakt zu meinen Fans habe ich eher selten. Der läuft nur über das Studio oder ergibt sich mal zufällig im Park oder wenn ich unterwegs bin. Solche ungeplante Momente. Ich beschränke Menschenmassen auf Pressekonferenzen und meine Turniere und Spiele. Autogrammstunden nach den Spielen oder mal im Sportshop und dann war es das.
Das hat auch seine Gründe. Es hat etwas damit zu tun, dass ich Fußballern allgemein ausgewichen bin.
Pierre, was ich dir jetzt erzähle muss unbedingt unter uns bleiben, klar?“
„Natürlich.“
„Was genau hast du überhaupt mit Kojiro besprochen? Ihr habt lange geredet. Ich dachte er sagt dir nur kurz seine Meinung und das wars. Darf ich das wissen?“ Pierre ist überrascht.
„Das hat er auch. Und dann habe ich ihm gesagt, dass ich es bewundere, dass du ihm so sehr vertraust. Das war alles.“
„Wie meinst du das? In wie fern vertraue ich ihm?“
„Du lässt einen so impulsiven Mann mit mir alleine, nach der Aktion. Das nenne ich blindes Vertrauen. Du musst gewusst haben, dass wir uns nicht das Prügeln kriegen, das wäre vermutlich bei jedem anderen passiert.“, versucht er locker zu bleiben und es zu erklären. Tina ist natürlich sehr überrascht.
„Echt? Okay.
Und was um alles in der Welt hat Karl-Heinz von sich gegeben, dass du der Annahme bist, wir hätten mal was gehabt? Und wieso machst du mich da so grundlos an? Traust du mir nicht über den Weg?“
„Es waren zwei komische Momente, die mir seltsam vorkommen. Wirklich gesagt hat er gar nichts. Wir haben nicht darüber gesprochen, wenn du das meinst.
Als wir uns vorhin getroffen haben wir uns wie immer unterhalten, belangloses Zeugs und dann sind wir auf dich zu sprechen gekommen. Naja, am Ende des Gesprächs fragte ich ihn nur ob ihr es sehr ernst meint miteinander und dann machte er eine sehr leise Bemerkung, die so klang wie „ja, leider“.
Und vorhin als wir mit diesem Mädchen gesprochen haben und sie so von dir schwärmte, dass du damals mit uns mithalten konntest, da murrte er nur, dass du hättest locker mit nach München gehen können mit deiner Leistung. Dort gab es bereits ein gutes Frauenteam. Aber du wolltest wohl nicht. Das war es, was mich stutzig gemacht hat. Er muss gewusst haben wer du bist und deswegen ist er vermutlich auch hier.“
„Typisch, Karl war immer ein schlechter Lügner. Er hasste es auch belogen zu werden. Unehrlichkeit war ihm ein Graus.“, schmunzelt sie.
„Pierre, du hast Recht. Etwa einen Monat vor unserem Freundschaftsspiel damals kam er hinter mein Geheimnis. Wir haben uns total zerstritten. Das ging etwa drei Wochen so, aber dann drehte sich plötzlich das Blatt und wir waren zusammen bis zu diesem Überfall.“, erklärt sie kurz und knapp. Pierre setzt die Langhantel ab und sieht zu ihr auf.
„Echt? Also eine harmlose Jugendliebe?“ Sie nickt und geht einen Schritt zurück und geht dann um die Bank herum. Er richtet sich auf, setzt sich seitlich auf die Bank und sie reicht ihm ein frisches Handtuch und eine kleine Wasserflasche.
„Kann man so nennen, genau.“, spricht sie leise. Der Franzose trocknet sich ab und fährt sich dann mit den Händen durch seine langen lockigen goldblonden Haare und richtet sie wieder her. Dann nimmt er die Wasserflasche und dreht den Deckel auf.
„Und wieso ging es schief? Karl scheint ja noch was zu empfinden, sonst würde er nicht so reagieren.“
„Es gab mehrere Faktoren. Der ausschlaggebende Faktor jedoch war natürlich der Überfall. Als Stephan starb hatte ich versucht mit ihm zu reden und wollte mich verabschieden, aber das konnte ich nicht. Ich konnte es ihm weder sagen, sonst konnte ich mich von ihm verabschieden. Jetzt im Nachhinein ist mir klar wieso.“ Pierre setzt an zum trinken und dann schaut er sie neugierig aber ehrlich an.
„Was ist dir jetzt klar geworden?“
„Dass es keine wahre Liebe gewesen sein konnte. Wenn es das gewesen wäre, dann hätte ich niemals weggehen können. Jetzt wo ich Kojiro kennengelernt habe und wir uns nicht mal zwei Wochen kennen, könnte ich mir nicht annähernd vorstellen nur wenige Tage von ihm weg zu sein. Und statt der Bilder von damals, von den Tätern zu sehen, welche ich leider auch vor mir hatte, als ich Karl gesehen habe, sehe ich jetzt nur noch schöne Erinnerungen. Vorher konnte ich den Anblick von Fußballtrikots nicht ertragen. Jedes Mal erinnerte mich das an den Überfall und jetzt, jetzt habe ich die schönen Erinnerungen an die tolle Zeit von damals. Die Zeit im Team und auch die Zeit mit euch und dem Europaturnier. Tag für Tag kommen Erlebnisse in meinem Kopf zurück. Hauptsächlich die schönen.“
Kleine Auszeit
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Sind wir Freunde? Eine reinhauen? Ja vs. Nein
Kapitel 85
Sind wir Freunde? Eine reinhauen? Ja vs. Nein
„Du hast das gewusst? Du hast das die ganzen Jahre lang gewusst und uns Trainern nie etwas gesagt?“, spricht Mikami den deutschen Fußballkaiser enttäuscht an. Karl blickt ihn etwas zornig an.
„Wozu denn noch? Sie waren doch sowieso weg. Wenn Sie sich beschweren wollen, dann bitte bei meinem Vater, nicht bei mir. Er hat uns alle belogen. Er wusste die ganze Zeit wer sie ist. Ich bin stinksauer auf ihn. Ich war sauer auf Tina, weil sie uns angelogen hat und weil sie sich dann nicht mehr gemeldet hat, aber auf ihn bin ich richtig wütend. Von wegen Zeugenschutz und ich dürfe die beiden nicht suchen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Wenn ich wieder nach Hause komme, kann er sich warm anziehen!“, ballt er die rechte Faust und schaut zu Boden. Genau in diesem Moment kommen Genzo und Tsubasa zur Gruppe. Genzo spricht Karl-Heinz an.
„Wer soll sich warm anziehen?“, grinst er ihn unwissend an. Daraufhin erntet er einen zornigen Blick.
„Halt du dich lieber zurück! Du bist genauso ein Lügner wie mein Vater. Schon seit deiner Ankunft in Deutschland hast du gewusst wer sie ist.“, kommt sehr vorwurfsvoll und sie sehen sich sehr ernst in die Augen. Genzo steht direkt vor Karl und ihre Blicke werden immer zorniger.
„Was soll das heißen? Lügner wie dein Vater?“, brummt Genzo zurück. Bei beiden fährt der Puls höher. Andrea geht auf beide zu, ihre Vorahnung ist Programm. Die Situation erinnert sie nur zu sehr an gestern im Büro.
„Tu nicht so unwissend. Die ganzen Jahre wusstest du was mit Stephan passiert ist und wo Tina steckt. Und dir kommt nicht in den Sinn, dass ich gerne hätte wissen wollen wie es ihnen geht? Du wusstest doch genau was Sache war! Wer einen Freund wie dich hat, der braucht echt keine Feinde mehr!“
‚Oha, das sind aber böse Worte. Was meint er damit, „was Sache war“?‘ wundern sich die beiden Kommissare. Andrea denkt sich ihr Teil und beobachtet die angespannte Situation. Genzo kontert, statt auf seine Provokation einzugehen. „Jetzt hörst du MIR mal zu. Keiner hat dich die letzten Jahre davon abgehalten nur einfach mal ihren Namen ins Internet einzugeben. Hättest du sie finden wollen, hättest du sie auch gefunden. Spätestens nach der Asienmeisterschaft war Tina mehr als nur Präsent in den Medien und auch in Deutschland kannte man ihren Namen. Und du hast mich nicht ein einziges Mal nach ihr gefragt. Du wusstest doch, dass wir eine enge Freundschaft hatten. Fass dir also selbst an die Nase.“ Der deutsche Fußballkaiser stellt sich erzürnt vor ihn. Beide ballen ihre Fäuste.
„Du hast doch keine Ahnung!“, brüllt Karl ihn an. Plötzlich geht Tsubasa dazwischen und zwängt sich zwischen die beiden.
„Beruhigt euch wieder! Heute kann keiner einen klaren Gedanken fassen, also hebt euch die Diskussion für später auf!“, sind klare Worte zu hören.
„Misch dich da nicht ein. Du weißt doch gar nicht worum es geht.“, brummt Karl den japanischen Kapitän an und berührt seine Schultern, um ihn beiseite zu drücken. Tsubasa jedoch bleibt stur und sieht ihn ernst an.
„Doch, ich weiß es und wenn du der Meinung bist Genzo Eine reinzuhauen, dann musst du erst an mir vorbei, denn ich hätte es dir ebenso die letzten paar Jahre sagen können.“ Entsetzt sieht Karl ihn an und weicht plötzlich zurück.
‚Was meint er damit? Was wusste er? Das mit Stephan, oder etwa auch das mit Tina? Wie eng ist eure Freundschaft?‘
„Ohzora…was weißt du?“ Tsubasa sieht betrübt zur Seite.
„Alles, Schneider, alles was mit euch zu tun hat. Aber…das spielt jetzt im Moment keine Rolle.“ Dann richtet er seinen Blick wieder auf und sieht ihn ernst an. „Schneider, lass uns jetzt erstmal anhören was Trainer Mikami uns zu erzählen hat, damit der Kommissar weiter ermitteln kann. Du willst doch auch, dass der Tag heute gut endet? Vielleicht hilft ihm das weiter und du willst doch sicher wissen was das gestern für ein Missverständnis gewesen sein soll.“, spricht er ganz ruhig und berührt die Schultern seines Rivalen. Karl-Heinz sieht verständnisvoll in seine Augen. Er schließt unerwartet seine Augen und senkt den Kopf.
‚Wie Recht er doch hat. Es ist jetzt auch egal wie sehr ich mich darüber aufrege. Das bringt mir weder Tina noch Stephan wieder zurück. Aber es tut so weh.‘ Dann richtet er seinen Blick wieder auf, greift die Schultern des Japaners bestimmend und blickt ihn traurig an.
„Wie Recht du hast. Danke. Es tut einfach nur so weh.“, spricht er ganz leise. Kurz darauf lächelt Tsubasa ihn an.
„Ehrensache. Tinas Freunde sind auch meine Freunde, Karl-Heinz. Manchmal muss man für Freunde durch die Hölle gehen und genau das haben Tina und Genzo für dich getan. Lass uns den Tag zu Ende bringen und wenn wir Glück haben, sehen wir uns alle gemeinsam Tinas Spiel heute Abend an. Was meinst du? Du willst sie doch sicher mal spielen sehen. Das Spiel gegen Kommissar Saitos Tochter.“ Karl schaut zu Saito rüber.
„Gegen Ihre Tochter? Ist sie sehr stark?“
‚Dieser Mann ist schon ne Klasse für sich. Was war das eben für eine Überreaktion? Lief da etwa was zwischen den beiden bevor Bettina und ihr Bruder diesen Überfall hatten? Ist er deswegen so drauf? Hat er für sie noch Gefühle? War es etwa mehr als nur eine Freundschaft zwischen den beiden?‘, geht in Saito vor.
„Ja. Ich glaube, wenn man es vergleichen könnte, wäre es als würden Sie gegen Herrn Ohzora in Europa spielen. Ich kenne mich mit Fußball nicht aus, aber ich glaube das würde das spannendste Spiel des Landes sein. Eine Art Finale. Sie sind sich hierzulande die stärksten Gegnerinnen.“
„Wow, und so ein wichtiges Spiel ist heute Abend? Ist sie deswegen heute so angespannt? Tina erwähnte nur ein Spiel und dass sie unbedingt dafür trainieren muss.“
„Karl, Tina ist nicht des Spiels wegen angespannt, im Gegenteil. Das ist worauf sie sich den ganzen Tag freut. Es ist der Jahrestag, das solltest du auch wissen.“, spricht Genzo ruhig und mitfühlend. Alle schweigen und dann ertönt die Stimme von Herrn Mikami.
„Kommissar Saito, Sie wollten was wissen. Nun sind wir vollständig.“, lenkt er ab und kommt zum eigentlichen Anliegen zurück.
„Ich bin ganz Ohr.“
„Genzo, bitte erzähle kurz was du gesehen hast als du Bettina und mich gestern mit dem Sicherheitschef zusammen gesehen hast.“
Genzo erzählt kurz aus seiner Sicht, aber viel gesehen hatte er ja nicht. Er weiß auch nicht was vor seinem Auftauchen passiert ist. Mikami ergänzt und beginnt von seiner Beobachtung zu berichten.
„Er hat Bettina angefasst. Als ich die Tür öffnete, um nach ihr zu sehen wo sie bleibt, hielt er ihren Arm am Handgelenk fest und zog sie hoch.“ Alle starren ihn entsetzt an.
„Wie jetzt? Er hat sie also festgehalten?“, ertönt Herr Saitos Stimme fraglich. „Kann man so sagen. Ich hatte den Eindruck, sie sei ihm nicht einmal ausgewichen. Es sah nicht danach aus, als wollte sie sich wehren. Er ließ sie jedoch sofort los, als er mich entdeckte und versuchte sich zu entschuldigen.“
„Etwa dieser große Kerl vom Einlass? Das ist doch der Sicherheitschef, oder nicht?“, mischt sich Karl-Heinz ein. In ihm fängt es an zu brodeln. Wie kann er es wagen Tina anzufassen? Was ist das denn für ein Sicherheitsmann?
„Genau der. Er behauptete sie sei nicht sie selbst, sie würde sich nur als Bettina Fuchs ausgeben.“
„Moment mal. Was soll das heißen sie hat sich nicht wehren wollen?“, bringt sich Andrea plötzlich mit ein.
„Ich hatte das Gefühl sie war wie erstarrt. Wir haben uns zwar viele Jahre nicht gesehen, aber ein starrer blasser Blick, den kenne ich gar nicht von ihr.“
„So ein Blödsinn. Tina kann sich ohne Probleme gegen einen einzelnen Mann mit seiner Statur durchsetzen. Wir haben das unzählige Male trainiert. Mit meinen Spezialgriffen und Yokos speziellen Karateschlägen schafft sie das ohne Probleme. Sie hat nicht nur Martin und Axel umhauen können, sondern auch die Männer in meinem alten Camp. Und das sind durchtrainierte Mariens. Gegen einen einzelnen Mann mit dieser Statur kann sie sich also sehr gut durchsetzen, mindestens so weit, dass sie sich losreißen und weglaufen könnte. Schnell genug ist sie ja.“
„Nanu? Wer kann sich durchsetzen? Was geht denn hier ab?“, ist plötzlich die Stimme Herrn Katagiris zu hören. Es herrscht eine unglaubliche Stille, nachdem Andrea ihre Stimme erhoben hat und dann sehen alle verdutzt zu Katagiri und Kira, welche auf sie zugehen.
Sie stellen sich neben Mikami und Genzo und schauen fraglich in die Runde. „Was gibt’s denn so Interessantes, dass Sie alle hier sind? Hat sich etwas ergeben, Herr Kommissar Saito?“, fragt Katagiri.
„Diesbezüglich noch nicht. Wer sind Sie? Wir wurden uns noch nicht vorgestellt.“, entgegnet er skeptisch aber freundlich. Katagiri schaut sich um und erblickt Uwe.
‚Nanu, wer ist das? Ich habe ihn vorhin nur von Weitem gesehen. Das soll der Vater der Zeugen sein und wieso kommt er mir irgendwie bekannt vor? Ich kenne kaum Deutsche, wenn sie nicht gerade zur Familie gehören oder etwas mit Fußball zu tun haben.‘ Katagiri ist neugierig und nutzt die Gelegenheit.
„Das stimmt, wir wurden uns alle noch nicht vorgestellt. Ich für meinen Teil bin Munemasa Katagiri, Talentscout und arbeite für den japanischen Fußballverband. Ich stelle unter anderem auch die Nationalteams zusammen.“ Uwe ist etwas verdutzt, als er den Namen hört, lässt es sich aber nicht anmerken.
‚Das ist interessant. So langsam kommen meine Erinnerungen wieder. Den Namen habe ich mir gemerkt. Und dann diese Brille. Ist das tatsächlich der Freund der Familie Fischer, welcher damals am Übergabetag dabei war? Sie hatten einen Japaner bei sich, der sich als ihren Freund ausgab. Die äußeren Merkmale stimmen gut überein. Wenn er es ist, hat er sich meinen Namen gemerkt? Aber wieso war er damals dabei? Was hat das nur alles zu bedeuten?‘
„Takeru Saito, Hauptkommissar und Revierleitung des 87. Reviers. Ich betreue diesen Fall.“ Beide verbeugen sich traditionell. Dann wendet sich Katagiri dem deutschen Kommissar zu.
„Und Sie sind?“, lächelt er freundlich, blickt ihm in die Augen und reicht ihm die Hand.
„Mein Name ist Uwe Heinemann, Vater von vier Kindern. Wir sind die Zeugen, welche bei dem Vorfall mit Frau Krause im Sportladen von Frau Fuchs waren.“ Ihr Händedruck ist kräftig und beide spüren, dass sie sich vor vielen Jahren bereits begegnet sein müssen.
‚Er ist es tatsächlich. Der Freund der Familie. Was soll ich machen? Weiß er etwa wer Bettina Fuchs ist? Weiß er eventuell auch ob dieser Fußballer ihr Zwillingsbruder ist? Was weiß er wirklich und was hat es alles damit auf sich, dass die Familie einen anderen Namen trägt und die Kinder nach der Entführung getrennt aufgewachsen sind?‘
„Heinemann, interessant. Aus welcher Ecke Deutschlands kommen Sie?“, entgegnet er. Ihre Hände lösen sich und sie sehen sich weiter nachdenklich an. Nicht nur Saito ist irritiert, denn die Begrüßung der beiden strahlt eine seltsame Spannung aus. Sogar den drei jungen Fußballern fällt es auf. Was hat das nur zu bedeuten? Kennen die sich etwa?
„Ich wohne in Schwerin, wenn Ihnen die Stadt was sagt?“, testet er seine Reaktion. Es ist natürlich schwer sie einzufangen, wenn er diese große Sonnenbrille trägt, aber er hofft trotzdem auf ein Zeichen.
„Eine schöne Stadt mit einem hübschen Schloss.“
„Oh, ein Japaner, der nicht nur Rostock angeschaut hat, wenn er Urlaub macht oder wie Sie nach Fußballtalenten sucht?“, grinst er.
„Frau Fuchs also, kennen Sie sich? Oder ist das Zufall, dass Sie in ihrem Laden waren?“
„Wir sind begeisterte Volleyballfans. Wir haben gezielt hier Urlaub gebucht, um unserem Lieblingsstar näher zu sein. Es war Zufall, dass wir ihr im Laden begegnet sind.“
„Hm, aber Ihre Große scheint ja nicht viel mit Volleyball zu tun zu haben?“, grinst er zurück.
„Kann man nicht so sagen. Sie bewundert Frau Fuchs ebenso sehr. Aber sie hat sich dann als Kind irgendwann für den Fußballsport entschieden. Wir anderen sind alles Volleyballer.“, antwortet er, blickt dann zu Herrn Kira und spricht ihn höflich an.
„Und Sie sind ein Trainer wie Herr Mikami?“ Vertieft im Gedanken der seltsamen Unterhaltung und Begrüßung reagiert er etwas zurückhaltend.
„Ähm, ja genau. Ich bin Kozo Kira und Trainer.“ Beide verbeugen sich höflich voreinander.
„Sehr erfreut. Wenn ich den Erzählungen meiner Tochter glauben schenke, haben Sie Herrn Wakashimazu als Kind trainiert und ausgebildet? Sie ist bei Hintergrundinformationen zu den besten Keepern der Welt immer fleißig.“, macht er ihm damit ein Kompliment.
„Stimmt, nicht nur ihn habe ich trainiert. Meine Schützlinge sind ebenso auch Herr Hyuga und Herr Sawada. Alle drei haben mein hartes Training durchlaufen und fragen mich auch heute noch gesondert um Rat.“, antwortet er stolz.
„Und was üben Sie für einen Beruf aus, wenn ich fragen darf? Ihre Frau scheint auch sehr sportlich zu sein, wenn sie mit Frau Fuchs und Ihren Kindern zusammen trainiert.“ Herr Heinemann richtet sich stolz auf und antwortet ehrlich.
„Ich bin ähnlich wie Herr Saito Hauptkommissar. Ich leite jedoch kein Revier. Meine Frau ist Pathologin und arbeitet in der Gerichtsmedizin. In meiner Jugend habe ich professionell Volleyball gespielt, später dann nur freizeitlich. Meine Frau war ebenso bis zum ersten Kind Profi-Volleyballerin. Daher das Interesse am Sport.“ Katagiris Mundwinkel verziehen sich ganz leicht. Es ist so wenig, dass es nur Saito und Uwe auffällt.
‚Also doch, irgendwas haben die beiden gemeinsam. Aber was nur? Wieso kennt sich dieser Mann aus dem Verband in Deutschland so gut aus? Und ich hatte eben den Verdacht, auch Herr Heinemann scheint ihn zu kennen. Sind sie beide unsicher? Haben sie sich deswegen so seltsame Fragen gestellt?‘
„Sie sind Polizist? Ein Hauptkommissar?“, erkundigt sich Karl-Heinz neugierig und schaut zu ihm.
„Ja, Herr Schneider. Aber ich bin privat hier. Ich hätte genauso gut ein einfacher Tischler sein können.“ Karl ist verwundert. Vorhin hat er so ein seltsames Gefühl gehabt, ihm einmal begegnet zu sein, aber mit der Polizei hatte er noch nie etwas zu tun. Und schon gar nicht mit jemanden aus Schwerin. Damit tut er es ab und ist sich sehr sicher, dass er diesem Mann nie begegnet sein kann.
Kurz darauf öffnet sich die Notausgangstür, Kojiro tritt heraus und lässt die Tür hinter sich zuschnappen. Er schaut zu den anderen.
‚Ob Mikami es ihnen erzählt hat?
Dieser Mann wird noch seine Abreibung bekommen. Wie konnte er es wagen Bettina anzufassen? Was ist nur in ihn gefahren? Ich kenne ihn schon gut vier Jahre und er war immer professionell und alles verlief ohne Zwischenfälle.‘, ist er noch etwas aufgewühlt und im Gedanken sieht er seine Liebste vor sich und nimmt sie ganz fest in die Arme. Seine Wut ist ihm anzumerken. Er hat seine Fäuste geballt und einen ernsten Blick. Dann sieht er zu Andrea und ruft sie bittend zu sich.
‚Nanu. Was ist los? Hat Tina ihm tatsächlich erzählt was passiert war?‘, geht ihr durch den Kopf während sie zu ihm geht und seine Anspannung spüren kann. „Hat er es den Anderen erzählt?“
„Ja, er habe Tina angefasst, sagt er.“
„Sie erzählte mir, er habe sie für eine Betrügerin gehalten und sie dann am Arm gepackt und festgehalten. Sie sei eigentlich in der Lage sich aus solchen Situationen zu befreien und könne sich wehren, durch dein Training, aber es kam wohl so plötzlich und sie war wie erstarrt.“, berichtet er ihr besorgt.
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es so war. Mikami erzählte es auch so ähnlich. Er habe es so empfunden. Sie war wohl blass im Gesicht. Ich verstehe es aber nicht, denn sie kann das. Und an Selbstbewusstsein und Stärke mangelt es ihr nicht. Berührungsängste wie andere Kursteilnehmer hat sie auch nicht.“ „Könnte es etwas mit dem Überfall damals zu tun haben? Er habe ihr wohl den Arm hochgezogen, so sehr, dass sie auf den Zehenspitzen stehen musste.“
„Das kann sein, aber wir haben solche Situationen oft durchgespielt. Das ist ein Klassiker für kleine Frauen.“ Kojiro schaut an ihr vorbei zu Trainer Mikami und winkt ihn heran. Kurz darauf ist er bei ihnen.
„Hat sie es dir erzählt?“
„Ja. Wie hat er sie denn festgehalten, als Sie sie gesehen haben?“ Mikami sieht Andrea an.
„Darf ich? Darf ich Ihren Arm berühren wie er es tat?“ Sie nickt. Er stellt sich direkt vor sie, greift ihren linken Arm und hebt ihn in die Luft, weit hoch.
„So in Etwa. Als ich kam, hat er sie sofort losgelassen.“ Dann lässt er Andrea wieder los und bedankt sich für ihre Mithilfe.
Die beiden Kommissare und die anderen staunen nicht schlecht, als sie die Bewegungen von Weitem sehen. Besonders Uwe wird plötzlich stutzig.
‚Das war es? Dieser Moment als Frau Fuchs sich plötzlich nicht bewegen konnte? Ob das eine alte Erinnerung aus dem Unterbewusstsein war? Eine Erinnerung an den Täter damals. Manchmal können solche seltsamen Situationen im Unterbewusstsein so tief verankert sein, dass sie nur kurz oder plötzlich wieder auftauchen. Oft wissen die Betroffenen gar nicht wo es herkommt. Ich muss unbedingt meine alten Kollegen anrufen. Sie könnten da mehr Licht in die Sache bringen. Und ich muss dringend Kommissar Saito sprechen. Wenn ich das richtig gedeutet habe ist er wahrhaftig mit Frau Fuchs eng befreundet. Ihm ist sicher zu trauen. Dann ist es nicht unwichtig, dass er etwas von der alten Geschichte weiß. Eventuell klärt sich sogar der Unfall ihrer Eltern auf, wenn es damit etwas zu tun hat? Und welche Rolle spielt dieser Japaner vom Fußballbund dabei? War er wirklich nur ein Freund? Weiß er wer Frau Fuchs ist und womöglich auch ob Herr Schneider wirklich der ist, für den ich ihn halte? Kann man ihm vertrauen?‘ In seinen Gedanken vertieft beobachtet er wie Kojiro auf die Gruppe zugeht. Mikami und Andrea folgen ihm.
„Bettina hat mir alles erzählt. Ich werde mich persönlich darum kümmern.“
„Guten Tag Kojiro, ich bin hauptsächlich hier, um dir eine ganz tolle Nachricht mitzuteilen.“, begrüßt Katagiri Kojiro. Kira sieht ihn ebenso total fröhlich an. Das kommt selten vor, meist nur, wenn es Erfolge gab. Er schaut überrascht.
„Oh, wirklich? Was ist denn passiert? Eine gute Nachricht kann ich jetzt gebrauchen.“, versucht er etwas lockerer zu wirken.
„Kojiro, stell dir vor…dein Verein will Takeshi haben. Die haben eine Wahnsinns Summe auf den Tisch gelegt für ihn. Sein Verein ist völlig aus dem Häschen.“, platzt Kira heraus. Kojiro lächelt seinen Trainer an.
„Das ist doch mal eine gute Nachricht. Ist es also schon offiziell? Mit Transfer-Summe und der Verein hat zugesagt?“, entgegnet er. Katagiri und Kira sehen ihn verdutzt an.
„Wie jetzt? Du wusstest davon?“
„Ich hatte gestern Abend noch einen Anruf von Cusavier, dass er als Spieler aufhören wird und stattdessen jetzt schon als Trainer und Psychologe in der Jugendförderung arbeiten will. So bleibt er seinem Vertrag treu und kann sich mit einer geregelten Arbeit um seine Kinder kümmern. Bei seiner Frau muss man erstmal sehen ob sie auch arbeiten wird. Vorerst muss sie gesund werden. Aber von ihm weiß ich, dass Takeshi ein Angebot bekommen hat. Es fehlte nur der offizielle Part.“, erklärt er sachlich. Karl-Heinz ist sehr erstaunt.
„Was ist mit seiner Frau? Pierre hat vorhin nur erwähnt, dass sie einen Unfall hatte und im Koma liegt. Er sagte sie ist selbst Sportlerin?“, spricht Karl ernst und mitfühlend.
„Das stimmt. Sie und eine Spielkollegin hatte einen schweren Unfall mit einem Linienbus, welcher von einem LKW gerammt wurde und lagen im Koma. Ihnen geht es jedoch schon besser.“
„Wie entsetzlich. Das will man sich gar nicht vorstellen.“, verzieht Kira das Gesicht.
„Sag jetzt nicht sie ist eine von den Volleyballerinnen aus dem Torino-Team? Ich habe davon in der Zeitung gelesen.“, bringt sich Karl erneut ein. Kojiro nickt.
„Ja, leider. Viola, Cusaviers Frau, und Ludovica. Beide werden wegen des Unfalls das Team verlassen. Die Ärzte sagen, dass sie wieder gesund werden, aber für den Profisport wird es nicht mehr reichen. Auch die lange Auszeit wäre ein Problem.“
„Oh, verstehe. Deswegen wurde das Spiel abgesagt und dann hat sich ein neues Team gefunden und findet nach der zweiten Verschiebung heute Abend statt. Jetzt wird mir einiges klar. Ich hatte ja noch gar keine Zeit mit Tina darüber zu reden.“, berichtet Genzo.
„Was meinst du mit Spiel abgesagt?“, mischt sich Kira ein.
„Na das Team, gegen welches Tina eigentlich gestern spielen wollte, war das aus Turin. Sie und eine Freundin aus dem Team hatten es organisiert, als Freundschaftsspiel für ihr Tokio-Team. Quasi so ähnlich wie das bei uns mit Frankreich. Ein inoffizielles Spiel. Sie sprach schon seit Monaten nur noch davon. Aber nun hat sich ein anderes starkes Team angeboten und das ist das Spiel heute Abend.“ Plötzlich verschränkt der Trainer streng die Arme und schaut zornig zu Kojiro. Niemand bekommt es wirklich mit, dass inzwischen Jun, dessen Frau Yayoi, Takeshi, Taro, Fane, Sorimachi und Kojiros Familie auf die Gruppe zugehen.
„So so, ich wusste doch gleich, dass mit der was nicht stimmt. Zuerst will sie dich gar nicht kennenlernen, benutzt deinen Namen für ihre eigenen Zwecke und dann plötzlich taucht sie auf und wickelt dich um den Finger. Sie hat euch doch alle manipuliert mit ihrem Psychogesülze, von wegen toten Bruders, nur um nach Europa zu kommen. Diese Lücken müssen gefüllt werden. Wenn sie dir nach Italien folgt, hat sie ja quasi schon einen Fuß drin in so einem starken Team. Ist sie erstmal da, gibt es sicher keine großen Probleme mehr, dass man sie aufnimmt.“ Alle sehen ihn entsetzt an. Kojiros Puls steigt enorm und seine Hände ballen sich. Starr blickt er zu ihm, seinem Trainer, dem er sehr viel Respekt entgegenbringt und der ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat.
Dann zeigt dieser mit dem Finger auf ihn und fügt noch etwas hinzu.
„Kojiro! Ich habe dich immer vor den Weibern gewarnt und nun hast du dich doch täuschen lassen und bekommst es nicht einmal mit, dass du manipuliert wirst. Diese Frau wird dich deinen Ruhm kosten und am Ende wirst du gar nichts haben, weder Ruhm, noch dein Erspartes. Sie wird dich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Sie wird dir alles nehmen wofür du dein ganzes Leben lang hart gearbeitet hast, glaube mir! Und am Ende kehrt sie doch wieder zu diesem deutschen Muskelprotz zurück!“ Vor Schreck kann niemand so schnell reagieren wie ihre Gedanken aufbrodeln. Die Anspannung heizt sich auf. Trainer Kira ist nur auf seinen Schüler fixiert und bemerkt sehr wohl wie zornig Kojiros Gesicht wird, jedoch nicht wie die Reaktionen der anderen sind. An Kojiros Körperspannung kann er genau erkennen wie sehr es in ihm brodelt. Er kennt ihn besser als alle anderen und weiß genau wie er ihn aus der Reserve locken kann. Ihn derartig zu provozieren war sein einziges Mittel, dass ihn dazu brachte ihn zum Tatendrang anzustacheln.
‚Na mein Lieber Kojiro? Was sagst du nun dazu? Endlich weißt du was ich davon halte. Wirst du trotzdem zu ihr halten oder wirst du mir wieder mehr vertrauen? Du vertraust immer meinem Rat. Das war nie anders und das wird auch nie anders sein.‘ Noch ist es still um alle herum. Die Anspannung ist kaum zu ertragen.
„Eins ist klar. Dieser deutsche Fitnesstyp hat sie doch total unter der Fuchtel. Schickt sie los, um die Kundschaft anzulocken. Wer weiß schon wen diese Füchsin noch alles verführt hat, nur um den Laden zu füllen und ihren sinnlosen Ernährungskram zu verkaufen.“, bemerkt er noch einen bösen Gedanken und grinst ihn dann ernst an. Alle sind irritiert und können sich nicht erklären was die Aussagen vom Trainer zu bedeuten haben.
Kojiros Mutter und seine Geschwister sind entsetzt. Sie wollten ihn und Bettina doch nur besuchen und ihr Mittagessen mit ihnen genießen, damit sie sich endlich kennenlernen können und dann brüllt ihn plötzlich sein Trainer, den sie ebenso schon seit so vielen Jahren kennen, vor aller Mannschaft an und beleidigt ihn und Bettina.
Kojiro erstarrt vor Wut und Enttäuschung. Er weiß vor Entsetzen gar nicht was er zuerst machen soll. Ihn anbrüllen? Ihm doch eine reinhauen? Was würde Tina jetzt tun? Vor all den Leuten, wenn jemand sie und ihn so vor ihr beleidigen würde? Jemand, der ihr sehr wichtig ist und ihr damit unbeschreiblich weh tut?
Der älteste von Kojiros Brüdern spricht seine Mutter perplex an.
„Mutter, habe ich das eben richtig verstanden? Hat Trainer Kira Bettina eben gerade als Hure bezeichnet? Oder habe ich das jetzt nur falsch verstanden?“ Plötzlich fängt ein ernsthaftes Gerangel an. Genzo geht wütend auf Kira los und Karl-Heinz und Tsubasa haben arge Mühe ihn davon abzuhalten, seinem Trainer Eine zu verpassen.
„Wie können Sie es wagen so derart abwertend über Tina zu reden? Sie wissen doch überhaupt nichts über sie!“, brüllt er ihn an und versucht sich noch zu befreien, aber seine Freunde halten ihn fest.
„Das bringt doch nichts. Komm wieder runter. Wir würden es auch gerne tun, aber wir müssen vernünftig bleiben.“, versucht Tsubasa sein Bestes. Auch er würde ihm am liebsten eine runterhauen, aber das ist nicht seine Art. Er weiß, so löst man keine Konflikte. Karl-Heinz bemerkt Genzos Zorn und es läuft eine Träne aus seinem rechten Auge.
„Genzo, stell es dir vor! Stell dir vor, wir drei würden ihm Eine reinhauen. Nur im Gedanken, im Traum.“ Er fasst seine Schulter und spricht ruhig auf ihn ein. „Denk doch an den kranken Vogel, der Vogel in deinen Händen. Du darfst ihn jetzt nicht loslassen.“, versucht er ihn zu erinnern. Eine alte Erinnerung an ihre Zeit im Team, wenn er sich über den Gegner oder Schiri aufgeregt hat.
„Karl-Heinz, du…hast Recht.“ Aus alter Gewohnheit formt er hinter Karls Rücken eine Schale, so als würde er ein kleines Vögelchen halten. Dann lässt er von den beiden. Tsubasa und Karl-Heinz sehen sich beruhigt aber verdutzt an.
‚Was war das denn eben? Wir hatten denselben Gedanken? Karl- Heinz wusste auch genau im richtigen Moment was zu tun ist. Erstaunlich. Da weiß man mal, dass die beiden wirklich sehr eng befreundet gewesen sein müssen, wenn er noch so gut weiß, wie er ihn beruhigen kann. Genzo hat mir immer wieder geschrieben wie toll es ihm in dem Team ging und wie viel sie unternommen haben, auch außerhalb des Trainings. Schade eigentlich, dass er bei den Berichten Tina und Stephan immer ausgelassen hat.‘
Genzo sieht plötzlich in Karl-Heinz blaue Augen und hält die Hände vor ihn, als würde er ihm den Vogel geben wollen.
„Danke, es tut nur so weh, weißt du? Wie kann er sie so derart beleidigen und dann auch noch behaupten, dass Stephan nie existiert hat?“ Der Kaiser schließt die Augen und nickt.
„Ich empfinde das genauso. Fang jetzt nicht an zu heulen, klar? Reiß dich zusammen.“, flüstert er auf Deutsch. Dann schaut er zu Kira und danach Kojiro, welcher noch immer wie erstarrt dasteht.
‚Oha, das hat ihn tatsächlich getroffen. So zornig habe ich ihn noch nie gesehen, wütend und ehrgeizig, kampfwillig, alles das, aber wahrhaftig zornig, noch nie. Ich glaube, er hält sich auch nur zurück und in seinen Gedanken passiert genau das Gleiche wie bei uns. Hyuga, wie sehr liebst du Tina wirklich? Dein persönlicher Trainer würdigt sie und ihre Arbeit derart herb, dass es dich nicht kalt lassen kann. Was wirst du tun?‘ Plötzlich ist ein leises Rauschen zu hören und Saito greift plötzlich Andreas Hand, welche zornig zu Kira schaut und einen Schritt zu ihm macht. Dabei berührte sie ihre Bauchtasche mit dem Arm.
„Halt dich zurück! Denk doch nach! Der macht das doch absichtlich. Er wartet nur darauf, dass jemand einen Fehler macht.“ Kurz darauf geht Karl-Heinz festentschlossen zu Kojiro rüber und stellt sich zwischen ihn und seinem Trainer. Streng schaut er ihn an.
„Du hältst dich für sie zurück, richtig? Das wird sie sehr zu schätzen wissen. Gewalt konnte Tina noch nie leiden. Sie musste sich nur ein einziges Mal im Team prügeln. Danach hat sie den Trick von vorhin eingeführt und dafür gesorgt, dass man bei Konflikten miteinander redet.“
Plötzlich ist ein lauter Klatscher zu hören. Karl und alle anderen sehen total verdutzt zu Trainer Kira. Vor ihm steht Kojiros Mutter. Die kleine zierliche Frau sieht Kira mit bösem Blick an.
„Da sich keiner traut, mache ich das jetzt!
Was fällt Ihnen ein meinen Sohn so anzuschreien?! Sie wissen doch genau, dass er nicht naiv handelt und genau weiß was er tut! Überstürzte Aktionen macht er schon seit Jahren nicht mehr und noch etwas!“, schreit sie ihn an und verpasst ihm erneut eine kräftige Ohrfeige.
„Was bilden Sie sich überhaupt ein, eine Frau, die Sie nicht einmal kennen, so derart herabzuwürdigen und sie als „keine Ahnung was“ zu bezeichnen? Sie hat in ihren jungen Jahren mehr erreicht als Sie es je tun werden! Vielleicht sollten Sie mal anfangen Ihre eigene Trauer zu verarbeiten oder weniger in Selbstmitleid zu verfallen anstatt über andere zu urteilen, die ihr Leben trotz großer Verluste auf die Reihe bekommen! Und…“, redet sie sich endlich mal von der Seele. Dann greift sie unerwartet, frech und forsch in Kiras kleine Herrentasche und holt einen Flachmann heraus.
„…hören Sie um Gottes Willen endlich auf zu saufen! Dann können Sie auch klarer denken!“ Sie öffnet die Flasche und lässt neben sich den Schnaps auf den Rasen laufen. Genau in diesem Moment klingelt Andreas Handy. Noch etwas neben der Spur geht sie ran.
„Marie ist aufgetaucht, meine Liebe. Sie ist im Beratungsraum und sortiert ihre Zeichnungen, weil ihr die Mappe heruntergefallen ist. Sie will eine Weile alleine sein. Ich denke mal, sie wird auch noch eine Runde Mittagsschlaf machen. Sie ist sehr müde. Du kannst sie getrost erstmal alleine lassen. Ich werde alle paar Minuten nach ihr sehen. Sie kommt dann wieder raus oder geht zu mir in die Halle. Ich halte dich auf dem Laufenden. Jetzt bin ich erstmal nur im Fitnessraum II, falls mich jemand sucht.“
„Okay. Dann konzentriere ich mich auf den Sicherheitsmann. Ist doch okay so?“
„Ja. Genau. Bis dahin.“ Andrea legt beruhigt auf und ihr Puls geht nun auch wieder etwas runter. Sie hat gedacht, sie hört nicht richtig, als dieser Mann plötzlich ihren Martin fast als Zuhälter bezeichnete und seine Arbeit mit dem Studio derart angriff. Dann noch Tina so unverschämt zu beleidigen, da konnte sie nicht mehr an sich halten. Zum Glück war Saito in der Lage sie zu erinnern wieso sie da ist.
Willst du mit mir gehen? JA ich will!
Kapitel 86
Willst du mit mir gehen? JA ich will!
Kaum hat Tina aufgelegt, lehnt sie sich an die Tür vom Umkleideraum. Irgendwie klang Andreas Stimme seltsam. Noch nie hat sie so angespannt geklungen. Was kann da draußen passiert sein, dass sie so klingt? Hat Mikami bereits erzählt was gestern war? Ist sie deswegen noch angespannt? Oder liegt etwas anderes in der Luft? Sie erinnert sich an die letzten Minuten mit ihrem Liebsten, berührt ihre Arme und schließt verträumt die Augen. In ihrer Vorstellung nimmt er sie liebevoll in die Arme und sieht ihr ehrlich und aufrichtig in die Augen.
„Bettina, wir hatten das doch schon. Was war da gestern los?“ Sie schloss die Augen, als sie seine angenehme Stimme hörte.
„Es tut mir leid. Ich hatte noch keine Gelegenheit es anzusprechen. Ich hätte es dir noch erzählt, aber es gab noch kein passender Moment dazu.“, versuchte sie zu erklären. Sie spürte seine warme Hand auf ihren Armen.
„Dann nutze jetzt diese Möglichkeit. Jetzt ist sie da. Ich weiß, wenn es kurz vor unserem Auftritt passiert ist, dann war danach wirklich keine Zeit und alles zu aufregend genug. Heute ebenso. Ich will doch nur, dass ich mir um dir keine Sorgen machen muss, nur weil mal jemand über die Stränge schlägt. Wenn du mir nichts sagst, kann ich nichts tun und ich würde mich immer sorgen, weil ich nie weiß ob mal was gewesen ist.“, sprach er ganz leise und ruhig. Dann öffnete sie die Augen.
„Es ist mir auch peinlich. Es war mir zu peinlich es vor den anderen zu erzählen.“
„Aber mir kannst du es doch erzählen oder ist es dir vor mir auch peinlich? Das muss es nicht sein. Im Gegenteil.“ Sie schüttelte verdutzt den Kopf.
„Natürlich nicht. Aber ich weiß ja selbst nicht so richtig was wirklich los war.“ Sie erzählte ihm was passiert war und versuchte ihm zu erklären, dass sie ganz unerwartet erstarrte und sich nicht regen konnte. Nur in diesem Moment, als er ihren Arm packte und ihn hochzog. Kurz vorher war sie noch im Gedanken vorbereitet sich im Notfall zur Wehr zu setzen, aber dann war der Gedanke, sich zu verteidigen, wie weg. Das war ihr bisher nie passiert. Immer konnte sie sich verteidigen. Seit sie in Japan ist übte sie mit Yoko ein paar Karatetricks und mit Martin Aikido-Griffe ein, damit ihr so schnell niemand etwas antun kann und dann kam später Andrea mit ihrer professionellen Ausbildung für Frauen dazu. Sogar Ken hatte sie damals gelobt, dass sie an sich was draufhat. Kojiros Blick wurde wütend.
„Ich kenne ihn und sein Team. Es gab bisher nie Probleme. Und du sagst, er war vorher freundlich und hat dich ohne Probleme reingelassen?“
„Ja, er war eigentlich ganz normal. Naja, wie solche Männer halt so sein können.“, versuchte sie sachlich zu bleiben.
„Wie meinst du das? Wie sind denn solche Männer?“, stutzte er. Sie grinste ihn an.
„Auch nicht anders als die Frauen, denen du da gestern Autogramme gegeben hast. Das geht auch andersherum. Männer drücken sich nur anders aus.
Nein im Ernst. Seitdem dieser Presserummel mit Martin war und wir offiziell auch nicht mehr zusammen sind, trauen sich einige männlichen Fans mich auch anzusprechen. Gerade die etwas größeren und auch älteren Typen. Und statt nach einem Autogramm zu fragen, wie es die meisten deiner Fans tun werden, fragen sie lieber gleich, ob ich mit ihnen einen Kaffee trinken würde. Und genau das hat er getan. Nach einem Date gefragt.“ Sein Blick verrät, dass er nicht so richtig wusste was er davon denken sollte.
„Und was…hast du gesagt?“ Tina spürte seinen Pulsschlag und lächelte.
„Dass ich in festen Händen bin. Und dann fragte er nur, ob ich glücklich bin und ich machte ihm deutlich klar, dass es so ist, dass…“, sie unterbrach kurz und nahm ihre linke Hand hoch zum Kopf und berührte ihr Ohr und die Haare, als würde sie seinen Ohrring berühren. Dann sah sie verliebt in seine Augen.
„…ich den Mann…meines Lebens an meiner Seite habe.“, sagte sie noch schnell zu ihm. Kurz darauf spürte sie nur noch seine Lippen auf ihren und in ihrer getrübten Erinnerung genoss sie einfach nur seinen berauschenden leidenschaftlichen Kuss.
Beim Gedanken an diesen Kuss und seine warme Umarmung überkommt ihr die intensive kurze Leidenschaft im Duschraum. Plötzlich hat sie das Gefühl als würde er direkt vor ihr stehen und sie würde seine nasse warme Haut überall auf ihrem Körper spüren und verharrt in diesem genussvollen Moment seine Stärke in gemeinsamer Ekstase zu erleben.
‚Ach Kojiro, wie besonders ist es mit dir? Ich kann einfach nie aufhören an dich zu denken. Wieso ist das nur immer so schön? Ich freue mich so unendlich auf unseren Urlaub, endlich mal niemand da, der stört. Wie wird es werden? Wie fühlen sich Urlaub und echte Zweisamkeit mit dir an? Ich kann es kaum erwarten. Ich will nur noch weg hier. Weg von diesem Chaos. Wann meldet sich Italien endlich? Ich habe Angst es klappt nicht und dann? Was dann? Ich will unbedingt in Martinas Team. Und ich will jeden Tag bei dir sein, Liebster. Warum nur kann ich mir gar nicht mehr vorstellen wie es ohne dich wäre?‘
Plötzlich wird sie durch einen Anruf aus den romantischen Gedanken gerissen. Es ist ihr Trainer. Noch etwas benommen von der Erinnerung, aber gut gelaunt geht sie ran.
„Tina, es liegt auf dem Tisch. Herzlichen Glückwunsch!“
„Wie jetzt was meinst du genau? Ich will es lieber hören.“, steigt ihr Puls plötzlich enorm an und sie fast sich ans Herz.
„Dein Transfer natürlich. Gut, dass du mich vorgewarnt hast. Ich wäre dir sonst wirklich böse gewesen. Immerhin werden wir uns dann nicht mehr wirklich sehen.“
„Hat der Verein tatsächlich zugestimmt? So spontan? Ich hatte Angst die diskutieren erst lange rum und verhandeln so lange, bis die am Ende doch absagen.“
„Naja, sagen wir mal so, es gab gewisse Probleme, aber ich habe sie dir beseitigt. Es wird dir also jetzt nichts mehr im Wege stehen. Jetzt fehlt dir nur noch eins: Eine Zuspielerin. Wo willst du die denn herholen? Yoko wird das Land nicht verlassen wollen.“
„Ich bin so glücklich. Ich habe jemanden. Ich musste nur erst die offizielle Sache abwarten bevor ich sie frage.“
„Echt? Wen denn? Mir fällt nur eine Spielerin ein, die es drauf hat deine Bälle zuzuspielen. Und ich bezweifle, dass die jetzt das Land verlassen will.“
„Mache dir keinen Kopf. Es muss nur jetzt alles klappen wie es sein soll. Dann geht da nichts schief.“
„Wir reden aber jetzt schon von Hikari, oder?“
„Ja, wie gesagt, das passt schon.“
„Du willst doch jetzt nicht etwa ein anderes Paar voneinander trennen, nur um selbst glücklich zu sein? Das sieht dir gar nicht ähnlich.“, brummt er sie etwas an. Tina kichert.
„Nein, im Gegenteil. Ihr Freund kommt mit, wenn alles richtig läuft. Es hat sich zufällig so ergeben.“
„Wie jetzt, das verstehe ich nicht. Wieso mitgehen? Was will der in Italien?“ „Warte es ab, ich melde mich. Ich muss jetzt erstmal mit Kojiro reden, damit wir den Rest erledigen. Dann rufe ich Hikari an. Ich melde mich. Bis dann erstmal.“ Kurz darauf ruft sie Hikari an.
Diese geht ran und Tina wird mit einer weinenden Stimme begrüßt.
„Hallo Tora-san.”
„Hikari? Was ist das denn für ein Ton? Du klingst so traurig. Ist was passiert?“
„Es ist so furchtbar, ich habe es immer befürchtet und nun…nun ist es soweit. Was soll ich denn nur tun?“, weint sie schniefend direkt in den Hörer.
„Du meine Güte. Was ist denn nur passiert?“, sorgt sie sich.
„Ach es ist eigentlich toll, aber dann doch nicht. Ich habe dir doch von meinem Freund erzählt. Wir hatten uns über ihn unterhalten, er ist doch Fußballer.“ Tina wird hellhörig.
„Das hast du, ja.“
„Naja, er ist wirklich ein guter Spieler und er hat mich eben angerufen, damit ich es nicht aus der Presse erfahre. Ganz plötzlich über Nacht hat man ihm ein Transfer ins Ausland angeboten und…sein Verein hat zugestimmt. Nun muss er Japan verlassen.“ Sie weint bittere Tränen. Tina hingegen freut sich enorm und versucht sie nun aufzumuntern.
„Ist das schon offiziell und bindend? Wo geht es hin?“, will sie erst einmal sicherstellen, dass es stimmt.
„Ja, eine wirklich hohe Summe wird es sein und er bekommt auch ein deutlich besseres Gehalt, aber wir sehen uns dann ja gar nicht mehr. Wie soll das denn gehen? Ich kann doch mein Studium und den Sport nicht einfach an den Nagel hängen.
Ach Liebes, ich habe mich so sehr für dich gefreut, dass du wieder jemanden hast und es wohl was Endgültiges ist und dann kommt so eine Nachricht. Was soll ich denn nur tun? Die bisherige Entfernung war schon schlimm genug, aber innerhalb Japans kann man sich wenigstens mal zweimal die Woche sehen. Aber dann?“ „Wo genau soll es denn hingehen?“, fragt sie erneut.
„Nach Italien. Du kennst dich doch eh nicht mit Fußball aus. Aber vielleicht sagt dir ja der Verein Juventus Turin etwas. Sein bester Freund spielt dort bereits als Stürmer und nun soll er das Team ergänzen, weil jemand im Mittelfeld ausgefallen ist.“ Tina atmet ganz tief durch und versucht ihre Aufregung zu verringern.
„Aber wenn du könntest, würdest du denn mit ihm mitgehen und mit ihm zusammenwohnen?“ Hikari wird stutzig. Was ist das denn bitte für eine doofe Frage? Sie hat von ihr eine ganz andere Reaktion erwartet, tröstende Worte oder Tipps wie die beiden sich trotzdem sehen könnten. Und seit wann stört es sie nicht, dass man sich über Fußballe runterhält?
„Natürlich würde ich das. Aber was soll ich denn da? Mein Studium ist noch nicht beendet und arbeiten gehen kann ich da auch nicht ohne Italienisch zu sprechen. Ich will ihm bestimmt nicht auf der Tasche liegen und nur zu Hause rumhocken! Auf keinen Fall!“, faucht sie in den Hörer.
„Hikari, beruhige dich bitte wieder. Hättest du also eine Arbeit, würdest du es tun?“
„Ja, sofort! Hilft mir aber jetzt auch nicht weiter. Was würdest du denn tun? Wo wohnt dein neuer Freund eigentlich? Was macht der? Wir haben noch nicht reden können.“
„Ach Süße, mir geht es doch genauso wie dir. Ich könnte mir gar nicht mehr vorstellen von ihm getrennt zu sein. Genau deswegen werde ich zu ihm ziehen. Pass auf. Bitte setz dich mal hin. Ich muss dir etwas sehr Wichtiges erzählen und es könnte dich aufheitern, aber setz dich lieber hin.“
„Ich verstehe jetzt nur Bahnhof. Okay.“ Sie setzt sich auf ihr Sofa und lauscht Tinas freundlichen Worten.
„Also, willst du die guten Nachrichten kurz und plump, oder lieber mit Erklärungen hören?“, grins sie und Hikari kann es durch die Stimmlage deuten. „Du machst mich fertig. Mach es kurz, erklären kannst du es ja später.“
„Okay, wie du willst. Als erstes wischst du dir aber die Tränen weg.“ Es ist kurz ruhig.
„Habe ich gemacht. Nun erzähl schon. Schocken kann mich eh nichts mehr. Aber es ist eine gute Nachricht, sagtest du?“
„Ja ist es. Bist du bereit? Bist du alleine?“
„Ja, leg los.“
„Ich habe eben gerade die Bestätigung für einen Transfer bekommen. Mein Verein lässt mich für eine hohe Summe gehen. Nach Italien, das Team, gegen welches wir gestern eigentlich spielen wollten. Und du darfst mich begleiten, als meine Zuspielerin. Sie wollen mich also mit dir zusammen. Was sagst du dazu? Wir beide als Ersatz für Viola und Ludovica? Und du kannst bei deinem Freund sein.“ Plötzlich ist nur noch ein Rauschen zu hören. Tina ist verwundert.
„Nanu? Aufgelegt?“, haut sie nur raus. Legt auf und ruft dann wieder an. Sie grinst vor sich hin.
‚Die muss sich vermutlich erstmal sammeln.‘, denkt sie fröhlich. Es tutet lange. „Tora, du bist ja verrückt!“, ist eine laute Stimme zu hören.
„So ganz ohne Erklärung war es doch zu plump, was?“
„Äh ja. Also ich habe das doch jetzt richtig verstanden? Das Torino-Team braucht sofort Ersatz für die beiden und haben dabei an uns gedacht?“
„So ähnlich. Sie haben an mich gedacht und sie wollen meine Bälle haben, ist ja klar. Aber…als ich das Team letzten Sommer besucht habe, stellte sich heraus, dass nur Ludovica sie zuspielen kann. Also gibt es derzeit niemanden für mich. Ohne habe ich nur meinen ganz neuen Ball, den ich mit einer normalen guten Zuspielerin hinbekomme. Der ist aber noch nicht spruchreif. Ich darf jedenfalls jemanden mitbringen und sie mir selbst aussuchen. Und da kommst du ins Spiel. Natürlich ist mir dann in dem Moment eingefallen, dass du auch in festen Händen bist und sicher so wie es ja nun war, traurig wärst, ins Ausland zu gehen.
Und dann kam eins zum anderen. Einer der großen Spieler vom Juventus-Team hat es als Spieler verlassen, Violas Mann Cusavier, damit er bei ihr und den Kindern sein kann. Und dann hat man deinen Freund als bereits eingespielten Partner für einen ihrer Stürmer ausgewählt. So kann das Team trotz Ausfall immerhin stark in die Saison starten. Ich musste jetzt erstmal meinen eigenen Transfer abwarten, damit ich wusste ob ich dich überhaupt informieren kann und dann sagst du mir jetzt sogar, dass der Transfer von Sawada geklappt hat. Was Besseres konnte doch nicht passieren.“, sprudelt es so aus Tina heraus. Hikaris Herz klopft ganz doll und sie kann es kaum fassen.
„Aber…ich bin dann bei ihm…und du? Wieso willst du plötzlich das Land verlassen? Du hattest das Angebot doch vor gut zwei Jahren schonmal, genau nach unserer Meisterschaft in Asien. Und da wolltest du es nicht verlassen, wegen uns, deinen Freunden. Und jetzt? Ich denke du hast auch einen Freund? Wenn ihr erst so kurz zusammen seid, wie kannst du dann so ein Angebot annehmen? Dann seid ihr doch getrennt. Oder ist es schon wieder vorbei? War das nur was Kurzes? Aber das…das passt nicht zu dir.“
„Das klingt verwirrend, ich weiß. Um es kurz zu machen:
Es ist nichts für Kurz. Wir wollen beide für immer zusammen sein. Es ging alles wirklich sehr schnell und wir wussten zuerst nicht wer wir jeweils sind. Dann mussten wir uns schnell entscheiden, denn die Medien stecken uns im Nacken. Das ist auch ein ganz wichtiger Punkt. Du darfst von dem Transfer erst einmal gar nichts sagen. Dazu gleich noch mehr. Genau deswegen habe ich mich jedenfalls entschieden ihm nach Turin zu folgen, um mit ihm dort zu leben. Dann kam gestern Abend ganz unerwartet ein Anruf direkt vom Torino-Trainer und dem Vorstand. Wir haben wirklich gute Konditionen ausgehandelt, erstmal nur unter uns. Das ist auch ganz gut so gewesen, denn so konnten Kojiro und ich uns wegen euch austauschen und absprechen wann wir wen informieren, wenn mein Transfer durch ist.“
„Wie jetzt? Du sprichst in Rätseln. Dein Freund ist also Italiener und wohnt zufällig in Turin und war hier sicher im Urlaub. Also habt ihr euch hier kennengelernt und das war nicht nur ein Flirt. Nun gut. Musst du ja wissen. Was haben denn die Medien damit zu tun? Hast du Angst die Leute denken du flirtest hier mit Urlaubern rum, oder was ist deine Befürchtung?“
„Also echt, das wäre mir doch nun total egal. Nein, er ist Japaner, kein Italiener. Ich gebe dir mal einen Tipp:
Wie nennst du mich immer? Und wie nennt mich die Presse gerne mal?“
„Äh, na Tora-san natürlich. Wieso die Presse? Du magst das doch gar nicht, wenn die dich Tora, bzw. Tigerin oder gelbe Tigerin nennt. Du hast es bei uns nur hingenommen. Was hat das jetzt mit deinem Freund zu tun?“
‚Sie ist heute seltsam. Was hat das zu bedeuten? Wieso spricht sie ein Thema an über das sie sonst ungerne redet? Sie fand das immer fruchtbar, dass sie die Presse so nannte, nach einem Namen eines anderen Sportlers und dann eines Fußballers. Sie wollte ihm auch nie begegnen. Und überhaupt, wieso hat sie sich Takeshis Namen gemerkt? Weil er in Juns Team spielt?
Aber was ich auch nicht verstehe…woher wusste sie denn, dass beim Juventus ein Spieler fehlt? Und sie kennt sogar seinen Namen? Etwa durch Viola? Das ist doch nicht einmal in der Presse gewesen. Takeshi hat es mir doch auch erst heute früh erzählt und dann kam vorhin sein Anruf. Was hat denn jetzt ihr Spitzname mit ihrem neuen Freund zu tun? Der wohnt in Turin? Und sie wusste von dem Transfer? Sein Name fiel doch auch, Kojiro, sagte sie.‘ Plötzlich stutzt sie, steht auf und läuft an den Schreibtisch zu ihrem Laptop.
‚Tina…was hat das nur zu bedeuten? Du gibst mir seltsame Hinweise. Das kann doch gar nicht sein.‘
„Du machst mich wahnsinnig. Nun sag schon wer es ist, Takeshi war gestern so komisch drauf, als wir uns nach seinem Training getroffen haben. Einerseits etwas fröhlich aber irgendwie auch traurig. Als ich ihn fragte was los sei, sagte er nur, er dürfe es niemanden sagen, auch mir nicht, noch nicht. Meinte er. Hast du was damit zu tun? Er erzählte nur, dass du gestern da warst und das Team ins Programm aufgenommen hast.“, spricht sie aufgeregt und ruft inzwischen einen Blog eines Fans von Tina auf, in der Hoffnung etwas ganz Neues zu erfahren. Und tatsächlich. Es taucht ein Foto von Tina mit Tsubasa und Jun zusammen auf.
„Du warst wirklich dort? Bei seinem Team? Aber…du hast dich doch immer von Fußballern ferngehalten. Wieso?“
„Hikari, es ist seinetwegen. Ich kann…ich kann endlich wieder den Fernseher anmachen und ihnen auch beim Spielen zusehen. Ich war gestern beim Nationalteam, nicht um sie ins Programm aufzunehmen, das mache ich zwar auch, aber es gab einen anderen Grund wieso ich da war.
Wie gesagt, wir müssen vor der Presse vieles klären und dazu gehörte auch, es dem Team zu sagen.“ Sie atmet ganz tief durch.
„Dein Freund war gestern sicher meinetwegen so durcheinander. Wir mussten es dem Team sagen, wir mussten ihnen allen sagen, dass wir zusammen sind. Kojiro und ich.
Und zu mir gibt es noch eine Geschichte, welche niemand hier in Japan kennt. Auch diese mussten wir dem Team erzählen, sonst hätte es niemand verstanden.“, spricht sie plötzlich ernst, ruhig und leise. Hikari ist total verblüfft.
„Hast du gerade wirklich Kojiro gesagt? Dann habe ich mich vorhin nicht verhört? Sag jetzt nicht du bist mit…Hyuga zusammen.“, haut sie raus.
„So ist es.“
„Jetzt bin ich wirklich platt. Das haut mich um. Wow, der Wilde Tiger hat seine Tigerin gefunden, oder wie? Oder eher umgekehrt?“
„Irgendwie beides. Hör zu Hikari, ich habe jetzt leider keine Zeit alles zu erklären. Ich rufe jetzt sofort den Vorstand in Italien zurück und nenne dich als meine Zuspielerin. Es muss alles ganz schnell gehen…die haben schon alles vorbereitet und brauchen nur deinen Namen um deinen Verein anzuschreiben. Da du Studentin bist und direkt für die Uni spielst, läuft das ein wenig anders ab. Aber am Ende bekommst du ein gutes Gehalt und die Uni wird entschädigt. Und wenn es in Form der Gelder ist, dein Studium als Fernstudium weiterlaufen zu lassen. Wenn ich die jetzt gleich anrufe machen die alles fertig und vielleicht ist schon heute Abend alles in Sack und Tüten. Du musst mir jetzt nur zusagen.
Willst du mit mir gehen? Willst du mit mir nach Italien gehen und für den Chieri Torino spielen?“, drängt Tina etwas und stellt begeistert und motiviert die alles entscheidende Frage. Hikari überlegt nicht lange und ihr kommen beim Antworten Tränen, Tränen der Freude. In ihr kommen alte Erinnerungen hoch, welche sie nicht daran zweifeln lassen, dass sie mit Tina zusammenspielen will. Nach zwei Jahren endlich können sie wieder gemeinsam auf dem Feld stehen. Die gemeinsame Zeit im Team war die schönste Zeit in ihrer ganzen Laufbahn und dann diese Meisterschaft in Asien. Der absolute Wahnsinn. Das harte Training mit ihr, damit sie endlich ihre Bälle zuspielen kann. Was war das für eine intensive Zeit? Und nun? Nun wird sie endlich dafür belohnt. Sie darf in einem der Topp Vereinen der Welt spielen und dann an ihrer Seite. Mit Tina an ihrer Seite kann doch gar nichts schief gehen. Und dann in so einem tollen Team? Sie hat damals immer schon von Martina und ihrem Team geschwärmt. Ihre große Liebe wird auch bei ihr sein, wie schön wird es nur werden? Endlich können sie offiziell zusammen sein und gemeinsam als Paar leben. Das war bisher in Japan nicht möglich.
„Ja, Tora-san! Ja ich will!”
„Ich danke dir Süße. Du hast keine Ahnung was mir das bedeutet.“
„Noch etwas, Hikari. Hattest du heute vor Takeshi zu besuchen? Es ist heute Familien- und Freunde-Tag im Trainingslager.“
„Ja tatsächlich. Das hatte ich vor. Ich wollte mich nachher gleich auf dem Weg machen. Ich wäre etwa in einer Stunde dort. Wieso?“
„Na dann sehen wir uns vermutlich. Ich bin bereits hier. Eigentlich wollten Kojiro und ich heute zu seiner Familie, aber es kam etwas dazwischen und wir müssen hier die Zeit absitzen. Wenn du kommst, dann muss ich dir unbedingt jemanden vorstellen und wir können über alles reden.
Wen kennst du eigentlich alles persönlich aus dem Team?“
„Oh, wen denn?
Also ich kenne tatsächlich nur Ken, den Keeper, Sorimachi und Jun halt. Warum?“ „Du weißt aber wer Genzo und Tsubasa sind?“
„Natürlich weiß ich das. Ich kenne sie jedoch nicht persönlich.“
„Okay. Nur damit du ein wenig Vorlauf hast. Als Genzo damals nach Deutschland kam, waren wir Klassenkameraden, so wie es sich hier in Japan mit Jun ergeben hat. Wir sind seitdem sehr eng befreundet. Und Tsubasa, den kenne ich auch seit ein paar Jahren. Und mit seiner Frau bin ich bereits seit vielen Jahren dick befreundet, ähnlich wie bei Yoko. Sie ist derzeit mein Lehrling in der Küche. Also wundere dich dann nicht, wenn wir alle etwas vertrauter miteinander umgehen sollten.“
„Hä? Wie kann das sein? Du bist mit Wakabayashi seit so vielen Jahren befreundet? Wieso weiß das denn keiner?“
„Das hatte seine Gründe. Erkläre ich dann später alles.
Wichtig ist nur, du darfst im Moment noch niemanden von Kojiro und mir oder den anderen erzählen. Wir müssen erst ganz viele Dinge klären und die Transfers dürfen auch nicht an die Öffentlichkeit. Also unsere sind im Geheimen. Es wird erst später alles bekanntgegeben. Das steht dann auch in dem Vertrag mit drin. Wir klären das alles nachher und heute Abend mit unseren Trainern.“
„Okay, alles klar. Bis dahin. Ich freue mich.“
Gleich nach dem Anruf wählt Tina die italienische Nummer von gestern Abend und wartet das Tuten ab. Inzwischen geht sie Richtung Notausgang zum Fitnessraum und kramt in ihrer Bauchtasche nach dem Generalschlüssel. Dann endlich geht jemand ran. Vor Schreck fällt ihr der Schlüssel aus der Hand. Der Vereinshauptgeschäftsführer Chieri Torinos geht ran.
„Guten Tag, Marino Valentini.“, ist eine feste Stimme auf Italienisch zu hören. „Einen schönen Guten Tag Herr Valentini, hier ist Frau Fuchs aus Japan. Ich habe soeben einen Anruf erhalten, dass es mit dem Transfer auch aus der Richtung meines Vereins geklappt hat.“, entgegnet sie freundlich.
„Ich habe mich hoffentlich nicht verwählt, wenn ich nun bei Ihnen so weit oben gelandet bin. Ich habe nur die Nummer von gestern gewählt.“, versucht sie sich zu entschuldigen. Tina glaubte, die Nummer wäre nur ein allgemeines Telefon, nicht gleich die oberste Instanz.
„Nein, es ist alles okay. Schön, dass Sie anrufen Frau Fuchs. Sicher haben Sie ein paar Fragen.“
„Ich wollte Ihnen nun den Namen meiner Zuspielerin nennen. Hikari Kuraiko. Sie hat ähnliche Referenzen wie Frau Fuma, sie war mit uns zusammen beim Asien-Cup im Nationalteam und unsere zweite Zuspielerin. Sie passt auch aufgrund ihrer Erfahrungen perfekt ins Team und hat mir zugesagt. Theoretisch könnte sie auch sofort zum Saisonstart dabei sein, da sie nicht im Verein, sondern als Studentin an der Universität spielt. Wir waren dort zusammen im selben Team. Wir können uns also auch schnell einspielen, da wir bereits zwei Jahre lang zusammengespielt haben.“
„Oh, wir haben tatsächlich eher an Frau Fuma gedacht. Sie sind doch befreundet, wenn ich den Medien Recht geben kann. Wollte sie nicht?“
„Vor zwei Jahren gerne, aber sie hat vor einem Jahr nun doch das Karate-Dojo ihrer Familie übernommen. Sie ist schon in zehnter Generation Karatemeisterin in der Familientradition und da sich nichts ergeben hatte nahm sie nun die Verantwortung auf sich. Ihre Eltern sind schon etwas älter und es gibt keine Geschwister, es eilte. Sie kann das Land also nicht mehr verlassen.“
„Oh, mit ihr sollte sich also lieber niemand anlegen. Nun gut. Ich gebe das weiter. Frau Kuraiko also, sie ist ebenso sehr stark. Sie liegt tatsächlich schon in der Schublade. Das passt ja super. Sie ist drei Jahr älter als Sie und international sehr erfahren, das ist gut.“
„Das stimmt. Sie hat schon eine WM und zwei Asien-Cups mitgemacht. Zur Olympiade war sie auch schon.“, bestätigt Tina stolz.
„Erstaunlich, dass sie noch studiert. Kann sie ihr aktuelles Studium per Fernstudium weiterführen?“
„Ja, das ist schon alles geklärt.“
„Darf ich fragen was sie studiert?“
„Wir waren damals im selben Jahrgang im Fach Psychologie.“
„Oh, verstehe, das ist dann nicht so praxisnah. Gut für ein Fernstudium. Ich werde alles in die Wege leiten und es sollte bis heute Abend Ihrer Zeit, alles fertig sein. Haben Sie sonst noch Fragen?“
„Ich bin gerade noch etwas aufgewühlt, wenn ich das so sagen darf. Die Fragen kommen dann sicher noch. Ich habe erstmal noch viel vorzubereiten. Immerhin geht die Saison im September los. An welchem Tag genau wäre dann meine erste Anwesenheit gefragt? Vor allem wegen Vorstellung des Teams und Training?“
„Es reicht aus, wenn Sie eine Woche vor Saisonstart zum Training erscheinen. Am besten jedoch der Freitag oder der Donnerstag vor dieser Woche, denn dann können Sie sich das Gelände und die Tagesabläufe in Ruhe ansehen. So haben Sie etwas Luft, um Ihre vielen persönlichen Angelegenheiten zu klären. Um das Visum für die Ausländerregelung kümmern wir uns. Sie sind doch noch Deutsche Staatsbürgerin, oder?“
„Ja, das bin ich. Ist das ein Problem?“ Der Italiener schaut aus dem Fenster und genießt nebenbei die frische Morgenluft.
„Nein gar nicht, im Gegenteil, da es EU ist, gibt es da keine großen Diskussionen. Wir haben einige deutsche Damen und Herren im Profisport hier in Italien. Auch für Japaner ist das nicht mehr ganz so kompliziert, denn es gibt bereits einige Profispieler aus Japan in verschiedenen Sportarten.“
„Stimmt, ich kenne einige davon. Sie haben sicher die Webseite vom Fitnessstudio gesehen, um sich über mich zu erkundigen. Wir haben die Rugby-Nationalmannschaft und andere Profiteams im Programm und einige von ihnen spielen hier in den italienischen und französischen Ligen. Gerade die Nationalteams sind oft überall verstreut auf der Welt. Die Baseballer sind oft in den USA zu finden. Sie waren damals sogar die Ersten, die unser Programm als ganzes Team gebucht haben.“
„Das Programm klingt sehr interessant. Und Sie stellen dann Rezepte passend für jeden Sportler zusammen und schreiben eigene Kochbücher?“
„Ja genau. Meine Geschäftspartner kümmern sich um das Fitnessprogramm und wenn die Auswertungen vom Sportmediziner fertig sind landen die bei mir und ich erstelle Rezepte und Ernährungspläne mit Alltagstipps. Bei Teams oder Gruppen dann ein Kochbuch für alle gemeinsam und für jeden Einzelnen.“
Der Artikel
Kapitel 87
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„Würden Sie sowas auch für unser, also für Ihr Team machen, wenn Sie hier sind?“
„Die Frauen haben bereits ihre Pläne und ein gemeinsames Kochbuch. Ich werde es nur jetzt umstellen müssen, weil sich das Team neu ordnet.“ Es ist plötzlich still.
„Wie meinen Sie das? Wir haben so ein Programm gar nicht gebucht.“, wundert er sich sehr.
„Das haben die Frauen von sich aus privat gemacht. Das ist nicht ganz billig, aber Sie werden sicher gemerkt haben, dass die Damen deutlich ausgeglichener in der Saison waren und ihre Defizite der Vorsaison aufholen konnten. Dass sie so gut gespielt haben, lag auch an der Ernährung, nicht nur an ihrer Motivation.“
„Oh, das ist interessant. Es lag also nicht nur daran, dass Sie im Sommer hier waren und die Frauen aufgemuntert haben? Das haben wir vermutet, also die Trainer und der Vorstand.“ Tina kichert etwas dezent.
„So kann man das auch sagen. Es ist verschieden, aber wenn man erstmal weiß wie es richtig geht und man sich an die Ernährungspläne hält, kann man gut und gerne nach nicht mal zwei Wochen die ersten Änderungen feststellen. Oft fällt sie dann mit einem munteren Gemüt und mehr Konzentration auf. Wenn man ausgeglichen ist und konzentriert arbeiten kann, dann lebt es sich immer leichter. Egal welchen Beruf man hat. Das kennen Sie sicher auch aus Ihrer Sicht.
Nun gut, wir können uns gerne später, wenn ich erstmal wirklich angekommen bin genauer darüber unterhalten, aber ich habe heute leider noch ganz viel zu tun.
Ach so, wenn Sie persönlich mit Frau Kuraiko oder dem Trainer persönlich reden möchten, bedenken Sie bitte nur, dass wir heute Abend gegen 18 Uhr ein Spiel haben. Ihr Team hat sich als Trost und Ersatz für unsere Partie gemeldet und das findet heute Abend statt.“
„Ich verstehe, ja, eine gute Idee. Sie machen sowas auch für Büroleute wie meiner einer?“
„Ja, das macht unseren größten Kundenanteil aus.“
„Okay, wir kommen darauf zurück. Heute Abend sollte alles fertig sein. Das ist interessant, dass Sie trotzdem spielen. Lieben Sie alle das Spielen noch so sehr, dass Sie sogar im Urlaub große Spiele machen?“
„Oh ja. Wir verstehen uns alle sehr gut. Für unsere Teams ist das wie so ein klassischer Frauenabend. Statt Disko und Party hauen wir uns die Bälle um die Ohren.“, muss sie dabei lachen.
‚Oh, ein fröhliches Lachen. Da habe ich ja einen guten Moment erwischt. Ob ich es wagen kann sie aus der Reserve zu locken?‘
„Dann sind das ihre Freunde von denen Sie reden, wenn Sie gefragt werden warum Sie für Japan spielen?“
„Genau, die Frauen aus meinen Teams und andere Freunde und auch für die Fans. Das stimmt.“
„Ich habe mir schon gedacht, dass Sie sehr viel Wert auf Familie und Freunde legen, umso erstaunlicher, dass Sie doch plötzlich zu uns kommen wollen. Was ist eigentlich mit Ihrer Berufsausbildung? Können Sie diese über Fernstudium beenden?“
‚Ist der so nett oder tut er jetzt nur so locker? Ich habe immer lieber die Leute vor mir, wenn sie sich zu freundlich verhalten.‘
„Ich prüfe noch, ob der Rest per Fernstudium geht, aber ich habe einen weiteren Beruf in der Tasche, wenn ich meine Facharbeit dazu geschrieben habe. Das muss ich jetzt alles nach meinem Urlaub angehen. Und dann bin ich schon sehr auf die Trainerausbildung bei Ihnen gespannt. Die geht doch dann wie Sie sagten die zwei Jahre? Da ich Vollzeit für den Sport da bin ist ja nicht so viel Zeit am Tag mehr übrig, da zieht sich das hin. Ist das in Italien auch mit einer Art Berufsschule verbunden?“
„Ja so ist es. Eine duale Ausbildung. Sie kennen das ja schon von Ihrer Gastronomischen Ausbildung. Es läuft dann ähnlich ab. In der Regel haben Sie dann im Wechsel, Praxis und Schule, so wie Sie es schon kennen.“
„Das ist schön, ich hatte noch gar keine Zeit mich zu informieren, da mein Tag heute sehr vollgestopft ist und ich momentan nicht ins Internet komme. Liegt die Schule dann in der Nähe oder muss ich dafür in eine andere Stadt? In Deutschland sind bestimmte Berufe so ungünstig mit den Schulen.“
„Das hält sich in Grenzen. Die Berufsschule ist in Turin, da benötigt man dann etwa 30 bis maximal 60 Minuten für den Hinweg. Das kommt darauf an womit Sie fahren.“
„Okay, danke sehr. Turin ist schön, da hat man auch viel zu entdecken.“
„Sagen Sie Frau Fuchs, darf ich Sie etwas persönliches fragen? Jetzt wo der Transfer gesichert ist?“ Tina stutzt. Nanu, was hat das denn zu bedeuten? Was könnte dieser Mann fragen wollen?
„Das kommt auf die Frage drauf an, Herr Valentini. Und unterschrieben habe ich noch nicht. Das kann ich erst heute Abend.“
‚Oha, die ist aber gleich misstrauisch.
„Naja, es wurde sicher schon oft gefragt. Es sind zwei Fragen. Einigen wir uns, wenn ich Ihnen dann etwas Persönliches von mir erzähle? Das bleibt auch alles unter uns.“
„Und die Fragen lauten?“, klingt sie plötzlich etwas streng.
‚Das gefällt ihr gar nicht. Ob ich sie trotzdem fragen soll? Vielleicht antwortet sie ja auch gar nicht darauf. Aber jetzt habe ich sie sicher neugierig gemacht.‘
„Warum sind Sie damals so plötzlich nach Japan gezogen?“
„Das steht doch alles auf meiner Webseite. Wegen der Arbeit meiner Eltern.“
„Das ist die offizielle Version. Und was war wirklich der Grund? Würden Sie es mir verraten? Vielleicht wenigstens etwas umschreiben?“ Tina stutzt und wundert sich sehr über diese Frage.
„Sie machen es mir wirklich nicht leicht. Nun gut. Ich bin gut gelaunt. Aber das muss unter uns bleiben.
Ich habe jemanden verloren, der mir sehr wichtig war und um einen Neustart zu machen ging ich nach Japan, weil hier die Familie eines Freundes lebt.
Reicht das?“
„Ich verstehe das. Mir ging es auch mal so.“
„Wirklich? Oder sagen Sie mir das jetzt nur so, um mich noch mehr aus der Reserve zu locken?“
„Nein, ich habe in der Jugend meinen Vater verloren und meinem damaligen Sport, den Handball, an den Nagel gehängt. Ich habe dem Ehrgeiz zu diesem Sport die Schuld an seinem Tod gegeben und dann alle Ballsportarten gemieden. Ich fand dann den Halt im Boxsport und im Schwimmen.“ Tina schweigt.
„Und wie sind Sie jetzt zum Volleyball gekommen?“
„Durch meine Frau. Sie ist die Volleyballerin. Durch sie habe ich den Ballsport wieder für mich entdeckt.“
„Wow, dann ist SIE sicher noch immer Ihre Große Liebe. Das klingt romantisch. Ich freu mich für Sie beide.“
„Danke, würden Sie mir auch die Frage beantworten was Sie früher vor dem Volleyball für einen Sport gemacht haben? Das werden Sie sicher immer wieder gefragt und Sie sagen, es war Laufen und Schwimmen, aber ich glaube es war auch ein Teamsport wie Volleyball.“
„Ich möchte Sie ungern belügen, aber ich bleibe bei meinem Schwimmen und dem Laufen. Ich war im Schwimmerteam und bin sehr gerne Marathons gelaufen. Ich stand kurz vor meinem Rettungsschwimmer, den ich dann in Japan nachgeholt habe.“
„Sie wollen es mit wirklich nicht verraten. Das muss ich akzeptieren. Nun gut. Und das Schwimmen stimmt aber?“
„Sie lassen nicht locker, Herr Valentini.“ Tina atmet tief durch.
„Wir haben hier in Italien sehr viele gute Schwimmer. Können Sie mit denen mithalten? Und ja, ich bin ein sturer Esel.“, lacht er etwas, um die Situation zu lockern.
„Na gut. Ich habe keine Ahnung ob ich mit jemanden mithalten kann, ich schwimme nur noch für meine Fitness, die Bewegung und Entlastung der Gelenke oder mal zum Auspowern. Ein Beweis habe ich. Haben Sie einen Computer mit Internetzugang jetzt zur Verfügung?“
„Oh, ja das habe ich. Einen Moment bitte.“ Er geht rasch zum Schreibtisch und setzt sich hin. Er öffnet den Browser.
„Ich bin bereit.“
„Geben Sie bitte den Namen meiner alten Schule in Hamburg ein.“ Sie nennt ihm Stadtteil und Schule. Er lässt suchen und es erscheint eine Webseite der Schule. „Nun schauen Sie mal in den Reitern oben nach den Sportlern der Schule. Dann unter der Rubrik Mädchen.“
„Ich bin dem Deutsch nicht so mächtig. Aber hier…ja da ist was. Oh, das sind Sie? Gewinnerin der Schulmeisterschaften Ausdauerlauf 2 Kilometer und 10 Kilometer. Über mehrere Jahrgänge hinweg. Okay.“
„Gut, und nun geben Sie den Namen folgenden Vereins gesondert ein.“
Er folgt ihrer Anweisung und öffnet die Seite eines Tauchsportvereins.
„Hier finden Sie mich dann bei den Freistil-Schwimmern. Jeden Wettkampf konnte ich leider nicht mitmachen, aber wenn, dann können Sie die Ergebnisse sehen. Die Beste war ich nicht, aber ich war dabei.“
„Wieso fehlen Ihre Namen denn? Es gibt nur Bilder. Kein Wunder, dass wir das nicht gefunden haben. Das sind doch gute Referenzen für den Weltmarkt.“
„Ich habe meine Gründe wieso ich die Namen habe löschen lassen. Ich möchte das man meine Leistungen hier in Japan anerkennt, das reicht mir völlig aus. Was damals war, spielt da keine Rolle. Und Weltklasse war das nun auch nicht gerade. Eher Mittelmaß. Also das Schwimmen.“
„Ich verstehe, Sie wollten wirklich von vorne anfangen. Wenn also, dann gleich ganz.“
„Genau.“
„Und darf ich auch wissen wen Sie verloren haben?“, spricht er mitfühlend. Tina ist still und überlegt, bevor sie die falschen Worte wählt und lügen muss.
„Das ist heute ein ungünstiger Tag daran erinnert zu werden. Vielleicht erzähle ich es irgendwann später mal. Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“, würgt sie ihn freundlich ab und legt einfach auf. Verblüfft hält er den Hörer weiter in der Hand.
‚Oha, das war definitiv ein sehr wunder Punkt. Ich habe es mir hoffentlich jetzt nicht gleich ganz mit ihr verscherzt. Das Gespräch war soweit sehr angenehm. Heute ungünstig? Was meint sie damit?‘ Er schaut auf den Kalender. Es ist der 25.07.2005. Dann greift er zum Telefon und ruft die Chefin der Presseabteilung Frau Moreno an.
„Hallo Frau Moreno. Ich habe da ein Datum, welches Sie in der Deutschen Presse mal checken müssen.“
„Oh, worum geht’s?“
„Um Frau Fuchs. Suchen Sie nach allem was am 25. Juli 1998 in Hamburg war. Vielleicht finden Sie eine Zeitung im Netz oder irgendwas. Es kann auch nichts stehen, aber der Versuch ist es wert.“
„Und wieso dieser Tag? In welche Richtung soll ich suchen?“
„Eventuell ist jemand verstorben. Sie muss jemanden verloren haben, kurz vor ihrem Umzug nach Japan. Vielleicht finden Sie etwas darüber. Ich tippe mal auf ihren Bruder, weil er in Japan nicht mehr erwähnt wurde. In ihrer Biografie steht nichts über Geschwister. Sie haben ja immerhin zusammen im Juniorenteam gespielt. Der Junge kann ja nicht von der Bildfläche verschwunden sein.“
„Ich schau mal. Mit einem Datum kann man was anfangen.“ Dann legen beide auf. Die Spanierin macht sich sofort an die Arbeit und öffnet die nötigen Browser. Sie klickt sich durch die deutschen Seiten und gibt ein paar Stichpunkte ein. Nichts zu finden. Nun sucht sie auf einzelnen örtlichen Tageszeitungen kurz nach dem Datum.
‚Hm. Wonach suche ich überhaupt? Jemand, der verstorben ist. Ein Jugendlicher? Was wissen wir alles über sie?‘ Dann ruft sie die Links auf, die sie bereits gestern Abend angesehen haben. Sie scrollt sich durch die HSV-Seite, ruft die Jugendteams auf und dann stoppt sie.
‚Aber natürlich. Moment. Da war doch vorhin was als Randbemerkung in der einen Zeitung.‘ Sie drückt die anderen Fenster wieder auf, vergrößert eine Tageszeitung, welche zwei Tage später erschienen ist.
‚Ich habe was gefunden. Es gibt kein Bild, aber der Bericht sagt genug aus. Ob es das war? Ist ja entsetzlich.‘ Sie jagt den Artikel durch den Übersetzer und greift zum Telefon. Valentini geht ran.
„Haben Sie etwas gefunden?“
„Ja, wenn es das denn ist. Aber würde zeitlich passen. Wenn dem so ist, ist es heute ein Jahrestag.“
„Das könnte sein. Ich habe eben mit ihr telefoniert und mal etwas nachgehakt. Sie hat verlauten lassen, dass sie jemanden verloren hat, der ihr sehr wichtig war und in Japan einen Neustart wollte. Und als ich fragte wen sie verloren hat, meinte sie nur, es sei heute ein ungünstiger Tag. Deswegen kam ich auf das Datum.“
„Also ich habe hier eine Randnotiz in einer Tageszeitung vom 27. Juli gefunden. Ich lese mal meine Übersetzung vor.
„Tragische Überfall auf Jugendliche
Am vorgestrigen Tage kam es nach dem Profifußballspiel zu einem Angriff von 5 Fans auf zwei Jugendliche. Ein Siebzehnjähriger wurde dabei tödlich verletzt. Er verstarb später im Krankenhaus noch an seinen inneren Verletzungen. Laut der Zeugin standen die Männer unter Alkoholeinfluss und waren zwischen 40 und 50 Jahren. Die Polizei ermittelt wegen Todschlags eines Minderjährigen.“
Was meinen Sie? Könnte es das sein?“ Der Mann am anderen Ende der Leitung ist ganz still. Er kann zuerst gar nichts sagen.
„Frau Moreno, das könnte hinkommen und würde es erklären.“
„Was würde es erklären?“
„Na, dass sie Fußballern die ganzen Jahre aus dem Weg gegangen ist. Wenn das Fans waren, würde ich es verstehen. Immerhin wissen wir ja nun schon, dass sie und ihr Bruder selbst gespielt haben. Deswegen eine neue Sportart. So ergibt das alles einen Sinn.
Vor zwei Jahren hatten wir sie ja bereits haben wollen. Da lehnte sie ab und nannte als Argument den Unfall der Eltern und dass sie deswegen bei ihren Freunden bleiben will. Was ist, wenn das gar nicht der wahre Grund war?
Wissen Sie was ich glaube, was der wirkliche Grund gewesen ist?“
„Hm. Ist schwer. Meinen Sie es hat was mit ihrem Bruder zu tun? Ich hatte gestern ja bereits erwähnt, dass sie eventuell Probleme gehabt haben kann, dass Fußball hier ähnlich oder sogar mehr Präsenz hat als in Deutschland. Meinen Sie das? Und wenn man nun bedenkt, diese Tragödie war wirklich ihr Bruder, dann wollte sie eventuell nicht hierherkommen, denn die Gewaltbereitschaft unter Fußballfans gibt es hier ebenso, teilweise noch schlimmer. Fußball ist letztendlich hier der Nummer Eins-Sport der Nation und es geht immer um viel Geld. Erst dann kommen wir und die Rugbyspieler.“
„Genau. Aber noch erstaunlicher ist es doch, dass sie mit einem Mann wie Herrn Hyuga zusammen sein soll. Das Armband beweist es ja, aber vielleicht ist dieser Spruch genau das, was darauf hinweist.
Wie war der nochmal?“
„Liebe übersteht alles. Stand da.
Ich denke auch. Das ist ja so spannend und so romantisch. Ich habe die letzte Zeit verbracht mich etwas über diesen Mann mehr zu informieren und gerade eben kam eine interessante Nachricht über die Vereinsmedien. Es wird einen neuen Transfer geben. Die holen sich einen zweiten Japaner.
Violas Mann fällt ja nun plötzlich aus dem Kader aus, da er für die Kinder da sein will. Um geregelte Arbeitszeiten zu haben geht er schon jetzt ins Schulungsprogramm für die Trainerausbildung und will sich dann um die Jugendförderung kümmern. Laut seiner Biografie hat er in der Zeit, als er hier in Italien war ein Fernstudium im Fach Psychologie gemacht und möchte in diesem Beruf weiter in die Fachrichtung Sportpsychologie gehen. Genau das möchte Frau Fuchs doch auch. Die Jugend fördern. Mir ist da eine ganz tolle Idee gekommen.
Jetzt stellen Sie sich mal folgendes vor:
Statt medial auf die Beziehung mit Herrn Hyuga überhaupt einzugehen bringen wir die beiden als „Schüler“ zusammen. Was meinen Sie wie uns das nur alleine unsere Hallen füllen lässt? Wenn in den Medien ein guter Aufmacher steht. Da die beiden sich dann offiziell kennen, und durch die Beziehung zu Viola Bekannte bleiben, ist da kein Geheimnis draus zu machen. Wir könnten also mal Juventus direkt als Medienpartner gewinnen und somit gegenseitig Fans zu uns locken oder den Kauf der Zeitschriften in die Höhe treiben, wenn über beide etwas berichtet wird. Wenn dann noch unsere neue Team-Konstellation und der Aufmacher mit Herrn Hyuga dazu kommen, dann boomt es doch nur so in der Merchandising- und Zeitschriftenabteilung. Wenn die Medienwelt dann von sich aus noch anfängt irgendwelche Gerüchte zu verbreiten, dann wird es spannend wie ein Krimi. Printmedien wie auch die Fernsehsender werden sich drum reißen und Unsummen für ein Interview mit ihr und unserem Verein zahlen.
Stellen Sie sich mal unsere Umsätze für den Verein vor, wenn plötzlich die Fußballfans anfangen unsere Zeitungen und Artikel zu kaufen? Das wird ein zusätzlicher Knaller.“
„Das klingt wirklich sehr gut. Es bleibt auch abzuwarten was unsere, ihre und neue Sponsoren dazu sagen. Wenn ich mal im Kopf nur die doppelte oder dreifache Umsatzzahl nehme, sind die Transfersummen und die Gehälter unserer Frauen schnell wieder drin. Bereden Sie das mal mit der Finanzabteilung und reden Sie mit unserem Geldgeber und der Merchandisingabteilung. Die sollen sich diesbezüglich gleich einen Kopf machen was es so zusätzlich an Produkten geben könnte, die neuen Spielerinnen, neue Gruppenfotos und Kalender. Das ganze Programm einmal neu.
Ach so und checken Sie mal die neue Spielerin, welche Frau Fuchs mitbringen wird. Frau Hikari Kuraiko. Wollen Sie rüberkommen in mein Büro? Es wird wohl doch ein längeres Gespräch.“
„Ah, eine gute Idee. Ich bringe mit was ich schon habe. Bis gleich. Ich habe noch eine zusätzliche Idee. Dafür müssten Sie ebenso ihre Kontakte zu Juventus nutzen. Das lässt sich dann auch gleich besser erklären.“
„Gut. Bis gleich.“ Beide legen auf und Herr Valentini setzt sich an seinen PC und schaut sich die restlichen Seiten der Schul-Homepage an. Er kann zwar kein Deutsch, aber einige Worte sind wie im Englischen und er schaut sich durch die Sportler der Schule durch und bleibt dann plötzlich auf der Rangliste der erfolgreichsten Sportler hängen. Tina ist zwar nicht unter ihnen, aber ein junger Japaner. Er erkennt den Namen wieder. Dann drückt er in die Klassenfotos der Sportler, welche noch von alten Jahrgängen zu sehen sind und entdeckt den Japaner wieder. Er macht das Foto größer und tatsächlich. Es stehen zwar wieder keine Namen darunter, aber er kann Tina genau erkennen. Sie steht genau neben dem Japaner. Auf dem Foto trägt sie vermutlich die silberne Spange, die sie neuerdings wieder trägt.
Etwa eine halbe Stunde später klingelt sein Telefon.
„Guten Tag, Marino Valentini.“, ertönt seine freundliche Stimme.
„Herr Valentini, ich bin es erneut, Frau Fuchs.“
„Oh, Sie rufen nochmal an. Ich dachte wir haben alles soweit besprochen. Haben Sie noch Fragen?“
„Das Telefonat habe ich vorhin etwas unhöflich beendet. Das tut mir leid.“
‚Wow, das ist ja sehr interessant. Eine so selbstsichere stolze Person lenkt von sich aus ein, dass sie einen Fehler gemacht hat? Bettina Fuchs, Sie sind eine wirklich rätselhafte Frau.‘
„Sie müssen sich nicht entschuldigen, Ihre Reaktion war verständlich. Ich war unhöflich und habe eine viel zu persönliche Frage gestellt.“
„Ich versuche mich nicht zu entschuldigen, ich räume ein, dass ich unpassend und emotional reagiert habe. Sie können ja nichts dafür. Das war unprofessionell. Es lag bestimmt an unserem angenehmen Gespräch zuvor.
Sind wir dann jetzt Quitt?“
„Ich verstehe. Ja, sind wir.“
„Sind Sie alleine oder kann uns jemand hören?“, fragt sie plötzlich und unerwartet. Valentini schaut erstaunt zu seiner Kollegin, welche mit ihrem Laptop neben ihm sitzt. Er hält beim Antworten den Zeigefinger vor seinen Mund.
„Ja, ich bin alleine.“
„Sie müssen mir etwas versprechen. Wenn ich Ihnen Ihre Fragen beantworte, dann tue ich das nur, weil ich keine Lügen zwischen uns haben möchte. “ Er ist ruhig und dann stellt er sich hin und geht zum Fenster.
„Okay, was auch immer Sie mir erzählen, es wird diesen Raum nicht verlassen.“
„Ich muss Ihnen vertrauen können. Wenn die Information in die falschen Hände kommt, kann es für viele Leute ein sehr großes Problem geben, nicht nur für meinen alten Verein, sondern auch für Ihren und anderen wichtigen Persönlichkeiten.“
„Ihr Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Sie haben mein Ehrenwort.“
„Vor meinem Umzug nach Japan…habe ich bei einem Überfall meinen älteren Bruder verloren. Es waren Fußballfans. Wenn ich seitdem diesen Sportlern begegnet bin kamen die Bilder wieder. Deswegen habe ich den Kontakt zu Fußballern gemieden und deswegen wollte ich damals nicht ins Fußballland Italien kommen. Das ist jedoch nicht mehr relevant für mich. Mein Bruder und ich haben damals selbst gut fünf Jahre lang professionell in einem sehr starken Team Fußball gespielt und ich weiß, dass diese fürchterlichen Personen eine Ausnahme sind.
Jetzt, aus gegebenem Anlass werde ich einen weiteren Neustart machen und das wird bei Ihnen sein. Ein Neustart in Italien. Und wenn Sie sich nun fragen wieso jetzt. Weil ich es kann, weil ich es jetzt kann.“, spricht sie monoton und sehr konzentriert in den Hörer, um es hinter sich zu bringen. Es ist ein paar Sekunden ruhig.
„Ich bewundere Ihren großen Mut. Den Mut so ehrlich zu mir zu sein und ich werte es sehr hoch an. Sie können sich darauf verlassen, dass diese Tatsachen weder an die Öffentlichkeit kommen, noch bei Ihren Kolleginnen landen werden. Von meiner Seite wird nichts durchsickern. Das ist es doch, worum es Ihnen geht?“, spricht er ruhig aber ernst.
„Danke sehr, das weiß ich zu schätzen.“
„Wer weiß es denn? Mit irgendjemanden haben Sie doch sicher schonmal darüber geredet? Ich möchte ungern in Fettnäpfchen treten.“ Tina stutzt plötzlich.
„Herr Valentini, seien Sie ehrlich zu mir. Sie wissen es bereits, oder?“ Er antwortet zuerst nicht und dann kommt ein schlichtes, aber ehrliches Bejahen.
„Ja, ich hatte eine Vermutung. Deswegen bewundere ich es, dass Sie es mir von sich aus gesagt haben. Was hat mich verraten?“
„Dass Sie nicht nach dem Verein fragen, nach dem Verein, in dem wir gespielt haben.“
„Es tut mir leid. Als wir Ihre Unterlagen auf dem Tisch liegen hatten und nach unserem angenehmen Skypen erneut recherchierten, sind ein paar interessante Fotos aufgetaucht. Das wird aber keinerlei Auswirkungen auf Ihre Aufgaben hier haben. Wir sind bestrebt Sie als starke Angriffsspielerin zu gewinnen, Sie bringen wie geplant Ihre Motivation und ihre Bälle mit und führen unser Team erfolgreich durch die nächsten Saisons. Das ist doch sicher in Ihrem Sinne?“
„Meine Motivation? Was meinen Sie damit?“
„Ihre Motivation in der Nähe von Turin zu bleiben.“, versucht er sie erneut aus der Reserve zu locken.
„Das ist ja wirklich schlimm. Was hat uns verraten?“
„Ihr Blick durch den Raum, gestern beim Gespräch und dann Ihr Armband. Wir haben die Gravur entdeckt.“, antwortet er ehrlich.
„Oha. Ich verstehe. Sie sind gut. Aber ich habe nichts anderes erwartet.
Mir ist es egal ob Sie es jetzt wissen, mir ist nur wichtig, dass es weiter niemand erfährt…nicht bis wir selbst alles bekanntgeben, also das mit uns. Das Andere muss unter uns bleiben.
Wissen tun es die Leute, die es bereits wissen müssen.“
Plötzlich werden sie unterbrochen und es klopft an der Bürotür.
„Kleinen Moment bitte, Frau Fuchs.“, spricht er höflich ins Telefon, legt die Hand auf das Mikrofon und bittet dann herein. Zu seinem Erstaunen erblickt er Viola und ihren Mann.
„Guten Tag Herr Valentini.“, entgegnet Viola freundlich aber etwas angespannt. „Na das nenne ich mal einen Besuch. Kommen Sie ruhig rein. Das passt gerade sehr gut.“ Cusavier schiebt seine Frau hinein und schließt hinter sich die Tür. „Nun raten Sie mal, wen ich hier am Telefon habe?“ Viola fängt an zu lächeln. „Doch nicht etwa Tina, also Frau Fuchs?“ Ihr Mann ist ebenso erstaunt. Der Hauptgeschäftsführer nickt und grinst. Dann nimmt er die Hand vom Mikrofon. „Frau Fuchs? Sie glauben nicht wer mich gerade besucht.“ Tina ist etwas verwundert. Ein fröhlicher Ton und dann die seltsame Ansprache.
„Mir ist gerade nicht so nach Raten, tut mir leid.“, versucht sie locker und freundlich zu bleiben. Er stellt das Telefon auf Freisprecher und legt es auf den Tisch damit jeder gleichgut hören kann.
„Hier sind die Eheleute Cusavier.“
„Tina Liebes! Ach wie schön. Dann hat es geklappt? Kommst du her?!“, ist sie plötzlich völlig aus dem Häuschen. Tinas Herz klopft ganz laut und sie muss sich sehr zusammenreißen, dass sie nicht anfängt zu weinen.
„Viola! Ich…ich freue mich so sehr, dass du schon wieder unterwegs sein kannst. Ja, ich darf zu euch kommen.“
„Ja, ist nur etwas anders als sonst. Aber die Räder bin ich hoffentlich in einigen Wochen wieder los. Hauptsache ich muss nicht im Bett liegen.“
„Oh nein, du musst im Rollstuhl sitzen? Das ist ja unvorstellbar. Aber das schaffst du. Du bist stark und deine Kids werden dich auf Trapp halten.“, spricht sie ermutigend.
„Bettina, ich freue mich, dass du herkommen kannst und alles geklappt hat.“ „Cusavier, Hauptsache Viola geht es wieder besser und wird wieder und du bist bei ihr und den Kindern. Alles andere ist doch nicht so wichtig.“
„Danke nochmal für Eure Hilfe. Besonders deine. Das war nicht selbstverständlich. Danke nochmal für dein Vertrauen.“
„Alles gut, du weißt doch, Freunde von Freunden sind auch meine Freunde und so ähnlich. Mach dir keinen Kopf. Ich wusste doch wer du bist, auch wenn man sich nicht persönlich kannte.“
„Eben drum, genau deswegen war es nicht selbstverständlich.“
„Lass uns gerne später reden, wenn wir unter uns sind.“ Viola schaut verwundert zu ihrem Mann auf.
„Wovon redet ihr denn? Was meinst du damit, weil sie wusste wer du bist ist es nicht selbstverständlich gewesen?“
„Viola, ich erzähle dir alles später mal, wenn wir unter uns sind, okay?
Weißt du schon wer mich begleiten soll? Wir müssen jetzt nur die Formsachen abwarten.“
„Okay, ich verstehe. Nein, wer? Yoko?“
„Nein, die kann nicht. Ich bringe Hikari mit. Hikari Kuraiko. Du müsstest sie kennen.“
„Oha, wie toll. Die ist wahnsinnig stark und kann Ludovica sicher ersetzen. Wir haben zweimal gegeneinander gespielt. Wahnsinn die Frau. Ganz toll.“ Sie dreht sich begeistert zu Herrn Valentini um und lächelt ihn an.
„Mit ihr machen Sie gar nichts falsch. Was auch immer ihr Verein haben will, das ist sie wert. Nur die Vorstellung, die beiden werden neue Techniken entwickeln, da kribbelt es in meinen Fingern. Das wird sicher spannend.“ Dann dreht sie sich wieder zum Hörer um und spricht zu Tina.
„Ich muss mir auf jeden Fall euer Training ansehen kommen, ihr werdet ein guter Ersatz für uns sein.“
„Viola...ich...ich will kein Ersatz sein. Ihr beide seid nicht zu ersetzen. Aber wir werden unser Bestes fürs Team tun.“
„Ach Tina, ich freue mich einfach nur, dass du kommst. Eine bessere Spielerin kann es für unser Team nicht geben.“
„Danke dir. So ein Kompliment kann ich heute gebrauchen. Ich werde dann aber mal wieder.
Herr Valentini, wir hatten alles soweit besprochen, oder?“
„Ja. Wenn Sie doch noch Fragen haben, rufen Sie gerne an.“
„Das werde ich machen.
Viola, wer ist noch mit ihm Raum?“, stellt Tina plötzlich eine ernste Frage.
„Wie jetzt? Was meinst du? Frau Moreno natürlich. Ihr habe doch sicher eben noch über die erste Pressemitteilung gesprochen, oder nicht?“
„Das haben wir nicht. Wir hatten ein anderes Thema.
Herr Valentini, Sie haben mich belogen. Sie sagte, Sie seien alleine.“
„Frau Fuchs, das stimmt, aber Sie sind doch auch nicht alleine.“
„Ich habe aber nie behauptet alleine zu sein. Das ist ein Unterschied.
Frau Moreno, Guten Tag erst einmal. Sie müssen mir dann aber auch dasselbe Versprechen ablegen wie Herr Valentini.“ Die beiden Besucher sehen sich nur fraglich an.
‚Wovon redet sie? Er hat sie belogen? Welches Versprechen?‘, denken beide. „Guten Tag Frau Fuchs, es tut mir leid. Es war Zufall. Aber natürlich ist es bei mir gut aufgehoben. Es ist jedoch gut, dass ich es weiß, denn so kann ich die Medienwelt beobachten und passend oder schneller darauf reagier, wenn von anderen etwas durchsickert. Das ist meine Aufgabe. Wir hätten ohnehin nach Ihrer Ankunft ein ausführliches Gespräch geführt. Aber so bin ich vorgewarnt. Meine Aufgabe hier ist es nicht nur für Schlagzeilen zu sorgen oder Neuigkeiten an die Fans und Presse zu leiten, sondern auch Sie, die Teams und den Verein zu schützen. Das geht nur mit viel Vertrauen.“
„Wenn Sie mir das so erklären.“
„Frau Fuchs, wer ist denn bei Ihnen? Sie sagten Sie seien ebenso nicht alleine.“, wirft Valentini neugierig ein.
„Sagen wir so, ein alter gemeinsamer Bekannter, wenn ich das richtig verstanden habe. Er versicherte mir, ich könne Ihnen vertrauen.“ Antonio schaut erstaunt und wundert sich sehr.
„Welcher Bekannte? Ich wüsste nicht, dass wir jemanden gemeinsam kennen.“, äußert er.
„Das wusste ich bis jetzt auch nicht. Aber wir sind uns zufällig begegnet und nun haben wir nach vielen Jahren mal Zeit zum Reden gehabt und ich habe von meinem Transfer gesprochen und dass ich überlege erneut anzurufen. Er hat mir gesagt, ich könne Ihnen vertrauen. Deswegen habe ich angerufen und es Ihnen erzählt.“ Noch immer kann er sich nicht vorstellen, dass es jemanden gibt, den sie gemeinsam kennen.
„Hat die Person auch einen Namen? Ich wüsste wirklich nicht wer es sein sollte.“
„Interessant, ich denke Sie haben so viel herausgefunden. Es war wohl noch keine Zeit zu erkennen welche alten Bekanntschaften ich dadurch haben könnte.“, wundert sich Tina sehr.
„Hallo Antonio, lange nicht miteinander telefoniert.“, spricht der Mann neben ihr plötzlich direkt in den Hörer rein. Der Hauptgeschäftsführer ist mehr als nur verdutzt. Auch Cusavier ist sehr überrascht.
„Pierre. Was machst du denn bei Bettina und woher kennt ihr euch?“, spricht der Franzose in den Hörer. Viola ist erstaunt, sie kennt Pierre eher flüchtig.
‚Tina, was hat das denn zu bedeuten?‘
„Cusavier, hallo erstmal. Was hat dir Hyuga denn bereits über Bettina erzählt?“ ‚Eru-Shido Pierre. Wie kommt es, dass du bei Frau Fuchs bist? Kennt ihr euch wirklich schon lange? Alte Bekannte, sagte sie. Beim HSV hat sie gespielt, aber was hat das mit Pierre zu tun?‘ Er schaut nochmal auf den Laptop und erblickt eines der Fotos.
„Die Europameisterschaft, aber natürlich.“, stößt er plötzlich aus.
„Dann ist das ja auch geklärt. Wir waren Gegner, und die Begegnung war nicht gerade ohne, nicht wahr, Bettina?“, haut Pierre raus.
„Wohl wahr, aber ihr habt verloren.“, kichert sie plötzlich schadenfroh.
„Hat trotzdem Spaß gemacht. Du und Stephan waren viel zu gut. Ich hatte richtig Schwierigkeiten an euch vorbei zu kommen und im Tor warst du Spitzenklasse. Aber am schönsten war das Bolzen nach dem Turnier und unsere Freundschaftsspiele.“, fängt Pierre an zu schwärmen.
„Moment mal, wovon redet ihr bitte? Welche EM? Gemeinsames Bolzen?“, bringt sich der erfahrene Fußballstar ein.
„Was hat dir Kojiro denn bisher erzählt?“
„Nur was mit deinem Bruder passiert ist und dass du früher mal selbst gespielt hast. Mehr nicht. Aber was hat das mit Pierre und einer EM zu tun?“
„Frau Fuchs hat mit ihrem Bruder fünf Jahre lang vor ihrem Umzug nach Japan professionell beim HSV im Juniorenteam gespielt. Zusammen mit Herrn Wakabayashi und Herrn Schneider.“, bringt Frau Moreno das Thema klar und deutlich auf den Tisch, lehnt sich zurück und verschränkt die Arme.
‚Jetzt bin ich gespannt. Was sagt ein stolzer Franzose dazu, dass die Deutschen einen unberechtigten Titel haben. Die Deutschen waren immer einer seiner schwersten Gegner bis die Japaner auftauchten.‘ Cusavier richtet sich auf und lässt die Griffe los. Sein Puls steigt etwas an.
„Pierre, seit wann weißt du das? Seit wann weißt du, dass ein Mädchen im deutschen Team war?!“, kommt eine strenge Stimme.
Das Medaillon
Kapitel 88
Das Medaillon
Pierre nimmt Tina das Handy aus der Hand.
„Auch erst seit ein paar Tagen. Wir haben es alle nicht gewusst. Wir haben alle angenommen es gab Tino und Stephan. Die Brüder in der Verteidigung. Oder Tino im Tor. Ich habe dir damals bei unserem ersten Zusammenspiel von ihnen erzählt und auch von den privaten Treffen nach dem Turnier. Wir haben uns damals angefreundet. Was du nicht weißt: Ich stehe auch heute noch seit Jahren privat mit Schneider im Kontakt und wir sehen uns, wenn es passt und kicken einfach nur ein wenig, der alten Zeiten wegen. Das was wir einmal jährlich mit den Japanern machen. Einfach aus Spaß am Sport.“
„Pierre! Es hätte dein Titel sein können! Er ist…unrechtmäßig an die Deutschen gegangen!“ Frau Moreno und Herr Valentini sehen sich überrascht an. So ernst haben sie den Fußballer noch nie erlebt.
‚So eine Reaktion habe ich aber erwartet.‘
„Cusavier, das ist doch jetzt egal. Mach dir bitte darüber keine Gedanken.“
„Du hast sie nicht alle. Du bist ein hoffnungsloser Träumer. Ist dir nicht klar was dir dieser Titel damals hätte zusätzlich für Türen öffnen können? Die gesamte EM ist dadurch ungültig. Rechtlich müssten die Deutschen ihren Titel wegen Betrugs zurückgeben!“, ist er aufgebracht. Viola versteht plötzlich gar nicht mehr worum es wirklich geht.
„Was soll das jetzt noch bringen? Es ändert gar nichts und bringt nur unnötig Unruhe ins System. Das weißt du genau.
Cusavier, weißt du eigentlich wieso wir uns jedes Jahr mit den Japanern treffen? Weißt du von wem es ausgeht?“
„Lenk jetzt nicht ab! Na von Ohzora natürlich. Ohzora und dir. Was spielt das denn jetzt für eine Rolle?“
„Diese Freundschaft zwischen unseren Teams…die haben wir Bettina und auch ihrem Bruder Stephan zu verdanken.“ Der stolze Franzose stutzt plötzlich. Alle anderen im Raum sind ebenso verwundert.
„Was willst du mir jetzt damit sagen?“
„Als wir die WM in Paris hatten, 1998, und das erste Mal aufeinandertrafen, da war dieser Moment ähnlich wie damals, zwei Jahre zuvor mit dem deutschen Team. Die Art und Weise wie Ohzora spielte und auch nach dem Wettkampf mit uns kickte, das war wie früher. Er und Misaki, die beiden mit Pepe und mir. So entstand das und dann waren wir irgendwann mit dir und den anderen großen Genies in derselben Nationalmannschaft. Du warst der Erste, der dem Vorschlag, uns regelmäßig zu sehen, zustimmte. Du fandest meine Idee gut, weil es dich daran erinnerte wie schön die Zeit vor der Ernsthaftigkeit war und weil du dich mit Hyuga bereits angefreundet hattest.
Cusavier! Wenn es etwas bringen würde, würde ich auf meine Titel verzichten. Ich würde auf sie verzichten, wenn es Stephan wieder lebendig machen würde! Er war…er war ein Freund, so wie du es bist und…er war einer von UNS! Verstehst du? Einer von UNS! UNSERE eigenen Fans waren es! Fans mit dessen Geld wir uns und andere ein dickes Leben machen können! Sie brachten einen unserer Kameraden um! Was interessiert denn da diese alte EM?! SEIN letztes großes Turnier! Er war erst siebzehn und hätte ganz oben bei uns mitgemischt!“
Auf der anderen Seite des Telefons verzieht Tina das Gesicht.
„Du bist echt ein Trampel, Pierre. Das war taktlos. Hast du vergessen, dass Frauen anwesend sind?“, faucht sie ihn an und nimmt ihm das Handy wieder ab.
„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Pierre sich derart im Ton vergreifen wird.
Viola, wir reden bei Zeiten in Ruhe. Ich wollte nicht, dass du es auf diese Weise erfährst.
Frau Moreno, ich denke Sie werden Ihr Bestes tun, um den
Verein zu schützen. Ich werde jetzt auflegen und melde mich dann, wenn es wieder wichtige Neuigkeiten gibt.
Cusavier, es tut mir leid.“ Tina legt auf. Ihr Puls rast und sie setzt sich auf einen der Stühle. Zuerst kann sie nichts sagen und starrt nur zu den Geräten. Pierre sieht gedanklich und betrübt zu ihr herab.
‚Ich habe es wohl drauf ständig bei ihr ins Fettnäpfchen zu treten.‘
„Es tut mir leid. Du hast Recht. Ich…hätte es auch anders formulieren können.“, versucht er sie zu besänftigen. Sie atmet plötzlich tief durch und sieht dann zu ihm auf.
„Du hast ja Recht. Du wolltest ihm sicher nur von seinen Gedanken abbringen. Danke. Danke, dass du versucht hast mich zu verteidigen. Mir tut nur Viola jetzt leid. Sie wusste noch nichts und ich wollte es ihr dann mal in Ruhe erzählen. Durchs Telefon ist immer alles so doof.“
„Naja, mich regt das genauso auf wie euch. Als mir Karl vorhin die Details erzählte konnte ich es kaum glauben. Unsere eigenen Fans. Das haben du und Genzo mir damals nicht so gesagt. Karl leidet wirklich sehr darunter, weißt du?“ „Ich weiß, glaubst du Genzo und mir geht’s anders?“ Pierre geht zur Hantelbank und setzt sich ebenso hin. Beide schweigen für eine Weile.
„Pierre?“, wechselt Tina das Thema.
„Ja?“
„Sag mal, wieso kennst du Herrn Valentini?“ Er sieht sie verdutzt an und dann schaut er zu Boden.
„Das ist etwas sehr privates.“, meint er leise.
„Echt? Was kann denn da so privat sein? Was hast du mit einem italienischen Volleyball-Vereinschef zu tun?“
„Es ist etwas peinlich. Aber wir halten da lieber beide den Mund.“
„Peinlich? Hat das was mit deinen Frauengeschichten zu tun? Wen hast du angebaggert?“, grinst sie vor sich hin. Sein Blick bleibt auf den Fußboden gerichtet.
„Lass mal sein. Jeder hat seine Geheimnisse.“
„Nun erzähl schon. Du kennst meine doch auch. Das ist dann wenigstens mal ausgeglichen. Du müsstest wissen, dass ich nicht mit Geheimnissen hausieren gehe. Es tut manchmal gut, wenn man es jemanden anvertraut, glaube mir.“, versucht sie es aus ihm herauszukitzeln.
„Du hast Recht.“ Er greift an seinen Hals und holt einen Anhänger hervor. An ihm hängt ein silbernes schlichtes Medaillon. Nachdenklich betrachtet er es und nimmt es dann ab. Tina ist erstaunt, was mag der Schmuck zu bedeuten haben?
„Es war vor zwei Jahren. Ich war hier in Mailand bei einem Spiel. Nach dem Spiel war ich noch etwa drei Tage länger hier und sah mir die Stadt an. Manchmal machen wir das so, statt gleich mit zurückzufahren. Ich traf mich mit Shingo Aoi zum Kicken und er zeigte mir die Stadt. In meinem Hotel gab es ein sehr nettes und hübsches Zimmermädchen. Naja, sie wusste nicht einmal wer ich bin und wir…naja…es kam halt eins zum andern und…“ Er richtet sich auf und wirft ihr dann das Medaillon zu. Tina fängt es vorsichtig auf.
„…es war wirklich nur ein Flirt, aber…wir haben beide…nicht aufgepasst.“ Nun öffnet Tina das silberne Schmuckstück in ihren Händen und betrachtet das Foto von einem Kleinkind. Ein kleiner niedlicher Junge schaut sie an.
„Pierre, du hast ein Kind?“
„Lach mich ruhig aus. Es erfüllt doch voll das Klischee.“
„Welches Klischee? Weil du so ein Casanova bist oder was meinst du?“
„Genau das. Ein uneheliches Kind, das passt doch.“, richtet er sich auf und sieht ernst zu ihr.
„So ein Quatsch. Das ist doch heutzutage nicht mehr schlimm. Was ist das Problem? Darfst du ihn nicht sehen? Wer ist die Mutter?“
„Das ist es ja eben. Seine Mutter ist bei der Geburt an einem angeborenen Herzfehler gestorben. Die Ärzte haben alles versucht aber konnten nur noch den Kleinen retten.“ Er schweigt eine Weile, schaut zur Tür und fährt dann fort.
„Ich wusste zuerst auch nicht, dass es ihn gibt. Aber als ihr Tod durch die Presse ging wurde ich hellhörig, weil anbei vermerkt wurde, dass sie ledig war und eine Ausbildung im Hotel in Mailand machte. Ich zählte die Monate ab und es passte. Dann gab es mal ein Foto und ich wusste wer sie war. Sie machte mir damals nicht den Eindruck, dass das was mit uns war, für sie oft vorkam, eher im Gegenteil. Damals sagte sie, sie habe eine schwere Beziehung hinter sich und aus einem tröstenden Plausch wurde mehr.
Zuerst überlegte ich ob ich es denn überhaupt sein könnte und dann war ich neugierig und wollte es wissen. Ich wollte wissen ob es mein Kind ist. Deswegen trat ich vorerst anonym über einen Anwalt mit seinen Großeltern in Kontakt, gab ihm die Berechtigung einen Vaterschaftstest machen zu lassen. Ich hatte Glück und sie willigten ein, denn niemand wusste wer der Vater war. Sie wussten nur, es war mal ein Gast. Mehr hat sie damals nicht gesagt.
Naja, es stellte sich dann heraus, dass der kleine Mann wirklich von mir ist.“ Tina atmet tief durch und streicht über das Foto.
„Es war Valentinis jüngste Tochter, stimmts? Ich habe den Artikel damals gelesen. Martina hat mir davon erzählt. Sie hat aber nie etwas davon gesagt, dass ein Vater aufgetaucht ist. Was sagt deine Familie dazu?“
„Die wissen von nichts. Eine Adelsfamilie hat keine unehelichen Kinder. Die würden mich enterben.“
„Das glaube ich nicht. Wie viele Geschwister hast du?“
„Keine.“
„Siehst du? Wen wollen die enterben? Wenn du die Familie nicht weiterführst, tut es keiner. Solche altmodischen Drohungen wollen dich nur warnen, damit du aufpasst. Das ist alles.
Wie seid ihr denn nun verblieben? Besuchst du ihn auch mal? Und wer kümmert sich um den Kleinen bzw. bei wem wächst er auf?“
„Ich darf ihn jederzeit besuchen, wenn ich will. Ich bin jedoch nur Onkel Pi. Einfach damit er sich später nicht verplappert. Er wächst bei seiner Tante auf. Die Mittlere von Valentini. Sie hat bereits zwei Kinder und da passt er gut dazwischen. Wenn ich ihn besuche, dann ohne die anderen Kinder, damit sie nichts sagen. Ist halt alles etwas kompliziert.
Glaubst du meine Eltern sagen das nur so? Du hast keine Ahnung was alles schon so in unserer Familie wegen solchen Sachen los war. Zwangsabtreibungen in der Neuzeit waren da noch das harmloseste. Vermutlich hat sie das geahnt, als sie merkte wer ich wirklich bin und hat es deswegen aus Angst verschwiegen.“ Tina steht entsetzt auf.
„Das muss doch aber nicht DEINE Eltern betreffen. Gerade weil du ihr einziger Sohn bist. Willst du denn sein Vater sein? Dabei musst du dir nur im Klaren sein. Willst du nur deine Pflicht erfüllen oder willst du auch Vater sein? Wenn du genau weißt was du willst, dann wird es eine Lösung geben. Noch ist er so klein, dass du diese Entscheidung treffen kannst und er dich als Vater annehmen kann. Später wird es schwerer und die Akzeptanz wird immer geringer.“ Er blickt zu ihr.
„Ich wohne doch viel zu weit weg, um ihm ein Vater zu sein. Wenn er mich nur mal alle zwei Monate sieht, ist das doch auch doof.“
„Pierre, sei mal ganz ehrlich zu dir selbst.“ Sie geht auf ihn zu und legt ihm das Medaillon geöffnet in seine Hand. Dann schaut er liebevoll auf das Foto.
„Was fühlst du gerade? Was fühlst du denn, wenn du bei ihm bist, mit ihm spielst oder ihn auf den Armen hast? Was ist dein erster Gedanke, wenn du ihn siehst?“, stellt sie die wichtigsten Fragen.
„Studierst du eigentlich was?“
„Ja, Kunstgeschichte.“ Sie staunt nicht schlecht.
„Das ist klug.
Pierre, du hast den Anderen deiner Familie etwas sehr Entscheidendes voraus. Du kannst dich im Gegensatz zu ihnen frei bewegen. Du bist ein selbstständiger Mann, der sein eigenes Gehalt hat, um den gewünschten Lebensstandard zu halten. Du bist doch überhaupt nicht von deinem Adelstitel abhängig. Wenn da einer muckt, können die dir doch den Buckel runterrutschen, weil du für dich selbst sorgen kannst ohne in Armut zu geraten. Du kannst also jederzeit eine Familie ernähren ohne auf sie angewiesen zu sein. Das kann sicher nicht jeder.“, macht sie ihm klar.
„Also sag, was fühlst du, wenn du bei ihm bist?“ Er streicht über das Foto.
„Ich kann das nicht richtig erklären. Ich bin seinen Großeltern einfach nur dankbar, dass ich ihn überhaupt kennenlernen durfte und ihn besuchen darf, wenn ich will. Das denke ich.“
„Und was hindert dich daran offiziell sein Vater zu sein? Ist es wirklich deine Familie?“
„Nicht nur, wie gesagt. Die Entfernung. Wie soll ich ein Vater sein, wenn ich immer weg bin?“
„Das ist eine echt dumme Ausrede, Pierre! Schau dir Cusavier an, Vater von zwei Kindern und war jetzt die letzten drei Jahre in Madrid. Das ist auch nicht näher als Paris. Und aus meiner Familie kann ich dir erzählen, da war mein Opa gut 9 Monate lang auf See bis er wieder heimkam. Und trotzdem hat er seine Kinder geliebt und umgedreht. Die Entfernung kann also kein Hindernis sein, denn wenn die Kinder mit dem Gedanken aufwachsen geliebt zu werden und ihr Vater hat eben seine Arbeit so wie sie ist, dann spielt das alles keine Rolle. “
„Meinst du wirklich? Aber ohne Mutter? Ich weiß nicht.“
„Es ist unerheblich für dich, da er hier eine Familie hat die ihn liebt. Wenn dem nicht so wäre, würden sie den Kontakt mit dir nicht dulden oder sie hätten ihn nicht angenommen. Ich kann mir vorstellen, dich zu akzeptieren ist ein Zeichen von ihnen. Ein Zeichen, dass du sagst, dass du nicht der „Onkel“ sein willst und du nicht nur wissen willst wie es ihm geht. Es gibt einen Beweis, dass es so ist. Ein Beweis, dass du ihn als Sohn akzeptierst und als Vater bei ihm sein willst.“
„Welchen Beweis meinst du?“ Tina berührt seine Hand.
„Den hältst du doch in den Händen. Du trägst dein Kind jeden Tag bei dir, nah am Herzen. Das sagt doch alles.“, spricht sie leise und gefühlvoll.
„Bettina, danke. Du hast ja so recht.“
„Wie heißt der kleine Mann denn eigentlich?“ Pierre sieht stolz zu ihr auf.
„Philippe Eliott Valentini.“
„Wow, hat sie ihm den Namen noch gegeben?“ Er nickt.
„Du weißt was das bedeutet, oder? Wusste sie, dass du Pferde liebst? Hast du es erwähnt?“
„Ja, tatsächlich.“
„Sie hat dich eindeutig gemocht, sonst hätte sie dem Kind keine französischen Namen gegeben, die deine Persönlichkeit widerspiegeln. Pferdefreund und Freund der Sonne. Du musst einen sehr fröhlichen Eindruck bei ihr hinterlassen haben, auch wenn es nur eine kurze Begegnung war. Und ich kenne dich ja auch nur fröhlich und gut gelaunt. Dich jetzt hier so betrübt zu sehen, das ist nicht deine Natur. Pierre, wenn du der Vater dieses Kindes sein willst, dann musst du nur drei Dinge beherzigen!“ Er schaut gespannt.
„Erstens, höre auf mit deinen Weibergeschichten! Lass die Flirterei und vor allem das plumpe Angemache. Du hast es doch gar nicht nötig ihnen hinterher zu laufen. Machst du das noch mit der Rose auf dem Spielfeld? Diese Begrüßung für die weiblichen Fans?“ Er nickt.
„Dann behalte es bei, es ist dein Markenzeichen, aber mehr unnötige Flirterei ist nicht.
Zweitens, sollte es so sein, das weiß ich ja nun nicht, aber wenn, dann genieße deine kostbare Freizeit nicht nur mit Partys oder sinnlosen Geldausgaben. Alles wo du meinst, es kommt nicht gut bei der Familie Valentini an. Sei reifer, auch nach außen. Sie sind Diejenigen, die dich in ihre Familie aufnehmen sollen, dich akzeptieren sollen. Richte dich also an ihren Familiensitten.
Und Drittens, rede mit der Familie deines Kindes. Sag ihnen, du bist nun bereit und sprich mit ihnen ab wie offiziell es sein darf und wie du zeitlich die Möglichkeit hast dem Jungen ein richtiger Vater zu sein. Sie können ja auch mal dich besuchen. Platz hast du in deinem Schlösschen für Besuch genug. So lernt ihr euch beide als Familien kennen, denn glaube mir: Deine Eltern werden diesen kleinen Fratz lieben, wenn sie ihn erst in den Händen halten und er sie anlacht. Sie werden sehen aus welchem Guten Hause er stammt. Es ist ja nicht so, als wäre die Mutter nur eine einfache Zimmerreinigung gewesen. Sie wollte mit der Ausbildung vermutlich auf eigenen Beinen stehen und unabhängig von der Familie leben wollen. Das wird sie beeindrucken. Die Ausbildung ist viel mit Praxis und echter Arbeit verbunden, ich kenne die Arbeit im Hotel gut.
Was meinst du? Schaffst du das?“ Er steht auf, klappt das Medaillon zu und sieht ihr dann dankend in die Augen.
„Danke dir. Trotz allem bist du wie eine Freundin zu mir. Danke für deinen wertvollen Rat.“ Dann zeigt er dezent auf ihre Halskette.
„Er hat wirklich Geschmack. Zu viel Prunk und Klunker würde gar nicht zu dir passen. Warum hast du es nicht an dem Tag getragen? Wenn ich das gesehen hätte, wäre das gar nicht passiert. Dann hätte ich gleich gewusst, dass du vergeben bist.“ Tina fasst verlegen an die Kette.
„Kojiro hat sie mir gestern erst geschenkt. Es gibt noch ein Armband und Ohrringe dazu. Die habe ich natürlich fürs Training abnehmen müssen.
Was meinst du damit, mir würde zu viel Prunk nicht stehen? Weil ich nur eine einfache Deutsche bin. Bin ich für dicke Klunker nicht hübsch genug?“ Er rollt mit den Augen.
„Typisch. Du verstehst es falsch. Und wenn ich dir jetzt die Wahrheit sage, dann denkst du wieder, ich mache dich an. Dabei will ich dir nur damit sagen, dass er es ernst mit dir meint, dich genau richtig einschätzt und dich mit den richtigen Augen sieht. Er muss dich also sehr lieben, wenn er dir so einen Schmuck schenkt.“ Tinas Herz klopft lauter, nur der Gedanke alleine, Kojiros Liebe zu ihr sei für Außenstehende zu erkennen und zu spüren, lässt sie fast erstarren. Plötzlich hat sie das Gefühl seine Nähe zu spüren.
„Was meinst du dann?“, sagt sie leise. Nun ist sie doch sehr neugierig. Was meint Pierre damit?
„Der Schmuck ist zwar schlicht gehalten, aber sehr hochwertig. Ich gehe mal davon aus, dass die Kugeln eure Bälle symbolisieren sollen. Diese Fakten alleine weisen darauf hin, dass es sehr persönlich ist. Dann hat er kein Gold, sondern Weißgold gewählt, also entweder er weiß, dass du eine Silberallergie hast oder er wollte etwas haben, was hochwertiger als Silber ist, aber zu deiner Haarspange passt. Und die kleinen winzigen Brillanten sind das wertvollste was man schenken kann, aber da sie klein sind, haben sie nebenbei eine zweite Bedeutung. Ihm ging es nicht um den Sachwert. Ich denke mal, er hätte auch etwas auffälligeres nehmen können, aber nein. Er wählte diese. Sie glänzen zwar stark und schön, aber nicht so stark wie größere Exemplare und das deutet darauf hin, dass sie dich nicht überstrahlen sollen, sondern sie sollen dein persönliches Strahlen nur untermalen. Also der Glanz deiner Augen und deines Lächelns. Jeder Mann der dich sieht und den Schmuck beachtet, weiß sofort, dass da ein starker Mann hinter dir steht, der dich sehr lieben muss.“, erklärt er und bemüht sich sehr es nur rein sachlich zu beschreiben als würde er vor einem Professor die Symbolik einer Skulptur beschreiben.
Tina wird plötzlich ganz warm und sie blickt überwältigt in seine blauen Augen. Dann weicht sie einen Schritt zurück, als ihr im Gedanken Kojiros Gesicht vor ihr erscheint, wie er sie jetzt vielleicht gerade ansehen und küssen würde.
„Das…das alles kannst du deuten? Du kannst seine Liebe erkennen? Wirklich?“
„Ja. Ich gehe mal davon aus, dass er auch etwas hat eingravieren lassen. So wie ich ihn bisher kennenlernen konnte ist er ein Typ, der immer sagt was er denkt und genau das auch meint. Er steht immer zu seinem Wort und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er das durch, komme was da will. So ist er nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch privat. Ich bin da eher der Typ, der nur beim Spielen so hartnäckig ist. Darf ich sie sehen? Die Gravur?“, fragt er höflich.
„Sie ist am Armband, ich kann nur sagen was draufsteht.“, sagt sie ruhig.
„Verstehe, aber auf der Kette ist es auch. Ich sehe, dass da eine Gravur ist. Das ist mir vorhin schon aufgefallen.“ Sie sieht verdutzt zu ihm auf.
„Oh, das erklärt dann Einiges. Deswegen wusste Herr Katagiri gleich was Sache ist, noch bevor wir es allen gesagt hatten. Es gab gestern einen Moment, da stand er direkt hinter mir. Und er spricht ja Deutsch, da konnte er es lesen.“
„Oh auf Deutsch sogar. Darf ich?“ Tina überlegt kurz und dann greift sie jedoch die Kette zärtlich und dreht sie nach hinten, damit der Verschluss und die Gravur vorne sind. Dann blickt sie selbst drauf und ist erstaunt, tatsächlich. Da steht derselbe Spruch drauf. Ebenso auf Deutsch.
Sie zeigt ihn Pierre und er staunt nicht schlecht.
„Er ist ein richtiger Fuchs, dieser wilde Tiger.“, grinst er plötzlich.
„Wieso?“
„Übersetze es mir bitte, „Liebe“ kann ich lesen, aber den Rest nicht.“
„Liebe übersteht alles.“, spricht Tina ganz glücklich aus. Er staunt nicht schlecht.
„Wow, das nenne ich mal eine Aussage. Alle Achtung.“
„Wie meinst du das? Er will damit sagen, dass wir alle Hindernisse überwinden werden. Oder deute ich das falsch?“ Er nickt und schüttelt zugleich den Kopf.
„Das auch, natürlich. Blöde Frage, aber…weiß er von Dir und Karl? Also was da mal war?“ Erstaunt blickt sie ihn an.
„Äh, ja. Ich habe es ihm erzählt. Trotzdem ist er bei mir, das beweist doch nur wie sehr wir uns vertrauen.“, erklärt sie.
„Ich verstehe.“
‚Das erklärt es. Ich glaube der Spruch hat zwei Bedeutungen. Er steht für die Zukunft und für die Vergangenheit. Ihm ist klar, hätte sie Karl wirklich geliebt, hätte sie ihn nie verlassen können. Aber ihm kann er nicht über den Weg trauen. Er kennt ihn privat überhaupt nicht, so hat er ihm eine Botschaft für den Fall der Fälle hinterlassen. Würde er den Schmuck sehen und die Gravur lesen, dann ist er ihr zu nahgekommen und weiß dann was Sache ist. Gar nicht dumm, das hätte ich dir gar nicht zugetraut, Kojiro.‘
„Er will dich damit binden, es ist ein Symbol, dass du zu ihm gehörst und er zu dir. Genau das soll jeder sehen können, jeder, der dir zu nahekommt. Kojiro ist ein klassischer Reviermarkierer. Wenn er etwas hat, dann will er es festhalten und das ist die passende Art es zu tun.“
„Wenn du meinst. Aber das ist doch was Gutes. Ich mag seine direkte und offene Art. Immerhin mussten und müssen wir uns noch immer vorsichtig bewegen und es darf noch nicht in der Presse landen.“
„In eurem Fall ist es etwas Gutes, denn es gibt zwei Typen von Männern, die nicht ihren Vornamen, sondern bewusst ihre Nachnamen auf Gravuren schreiben. Der eine ist wie Kojiro, er liebt dich wirklich und will dich nicht verlieren. Er weiß, dass es Konkurrenz gibt und ich meine nicht nur Karl, allgemein. Vielleicht auch in seinem Umkreis. Das Team oder das Team und die ganzen Leute drumherum hier und dann in Turin. Du bist eine schöne Frau, er weiß das und will auf Nummer sicher gehen. Dich auch damit beschützen, denn keiner will sich mit ihm anlegen.
Und der zweite Typ, der will nur seinen Besitz zeigen, prahlen mit seiner Eroberung. Wird seine Eroberung ihm zu langweilig, sucht er sich eine neue.
Ich für meinen Teil, ich habe bisher niemals Schmuck an eine Frau verschenkt. Ich würde es auch nur machen, wenn es was Ernstes wäre.
Du sagst, er hat es dir gestern geschenkt? Darf ich mal ganz vorsichtig fragen, wie lange ihr euch überhaupt kennt?“ Tina wird wieder verlegen, berührt ihre Kette und betrachtet sie mit einem liebevollen Lächeln.
„Wir haben uns erst letzte Woche Dienstag kennengelernt.“, sagt sie ganz schnell und leise.
„Wie jetzt? Ihr seid noch nicht mal zwei Wochen zusammen und teilt das seinem Team mit?“
„Ja lach nur, aber wir mussten uns beeilen. Wir haben ihnen alles erzählt, also das was passiert ist und warum ich Genzo und ihren Trainer. Durch unser Zusammensein haben wir ein wenig das Team durcheinandergebracht und es war nötig, dass Genzo ihnen alles erzählt, damit sie es verstehen. Und wie man heute sieht, ist es doch gut. Sonst hätten wir Karl-Heinz nicht herbringen können. Das hätte niemand verstanden.“
„War das dann sowas wie Liebe auf dem ersten Blick?“, schmunzelt er. Tinas Gesicht läuft wieder etwas rot an.
„So kann man das sagen.“
‚Nanu, wieso wird sie denn dabei so rot? Was war das denn für ein Kennenlernen?‘
„Ich bin erstaunt, dass du dich überhaupt mit einem Fußballer einlassen konntest. Ich denke du bist ihnen aus dem Weg gegangen?“ Sie sieht plötzlich auf.
„Äh, ich wusste…nicht…wer er ist. Und er hat mich…auch nicht erkannt.“, stottert sie sich zurecht.
„Jetzt bin ich etwas verwirrt. Wie konntest du ihn nicht erkennen? Er dudelt doch jeden Tag im Fernsehen mit seiner Lotion und hängt mit Postern in jedem Sportladen rum. Vor allem nach seinem Transfer. Das lief doch damals hoch und runter, der größte Transfer der japanischen Fußballgeschichte. Er wurde mit denen der Baseballer verglichen.“ Tina atmet tief durch und sieht ihn dann streng an. „Ich habe doch die ganzen Jahre alles ignoriert. Das ist es ja, was viele Leute nicht verstehen oder nicht verstehen werden. Was meinst du was die WM 2002 für ein Horror war? Ich habe mich nur in der Halle aufgehalten, habe trainiert, war zuhause und habe weder Radio noch Fernsehen geschaut. Ich war im Fitnessstudio und habe dort separat trainiert oder war immer nur daheim. Dann war ich viel kochen, meine Ablenkung war immer die Küche. Seit ich hier bin und das Lokal steht, war ich fast jeden Tag dort und habe mit Roland gekocht. Ich habe alles von ihm gelernt. Das war es, womit ich mich neben dem Sport und den Sprachen beschäftigt habe. In der Küche gab es keinen Fußball oder Fernsehen, Radio macht er nicht an. Er liebt die Ruhe.
Und natürlich wusste ich wer Kojiro Hyuga ist, aber unsere erste Begegnung ist schon sehr lange her, wir waren noch sehr jung und es war nur sehr kurz, da habe ich mir dabei keine Gedanken gemacht, als er plötzlich als Mann im Trainingsanzug vor mir stand, wir uns so nett unterhielten und dann bot er mir seine Hilfe an. Wir haben uns nur mit Vornamen vorgestellt. Es gibt ja nicht nur einen Kojiro, oder? Ich habe aber auch gar nicht darüber nachgedacht. Ich dachte er sei nur ein Student und spielt Baseball. Aber dann ging alles so schnell und es kam halt eins zum andern und dann als wir beide mitbekamen wer wir wirklich sind und was das für uns bedeutet, da war es schon zu spät. Da haben wir uns…schon verliebt. Und seitdem sind wir dabei gewesen herauszufinden was wir wirklich empfinden und mussten alles geheim halten, wegen der Presse. Und dann plötzlich wussten wir beide, dass wir nur noch zusammen sein wollen. Also beschloss er das nächste Angebot aus Deutschland anzunehmen oder wieder nach Japan zu ziehen und hier in der Liga zu spielen.“, plappert sie ohne Punkt und Komma.
„Er wollte auf Turin verzichten? Für dich?“, fragt er skeptisch. Sie nickt nur und dann fährt sie fort.
„Ich war noch unsicher ob es mit uns wirklich was auf Dauer wird, wegen des Überfalls. Deswegen stellte ich mich meiner Angst und wollte ihn hier besuchen und ihm beim Spielen zusehen. Ich wollte wissen ob auch das wieder geht. Denn wenn ich das nicht kann, ihm und meinen eigenen Freunden zusehen, dann hätten wir entweder noch Zeit gebraucht oder keine Ahnung, aber es ging. Ich kann euch allen zusehen. Dann schmiss ihn seine Mutter plötzlich raus, übrigens an dem Abend, als wir uns getroffen haben. Er stand plötzlich mit seinen Koffern vor meiner Tür und zog quasi für den restlichen Urlaub bei mir ein. Eine gute Probe.
Naja und dann ergab es sich…ich sah sein Trikot. Er hatte es auch mit in den Schrank gehängt. Und weißt du was ich gedacht habe also ich es sah? Mir wurde erst dann wirklich klar wer Kojiro wirklich ist, denn ich habe ihn nie darin gesehen. Aber ich spürte plötzlich nur noch Freude. Ich konnte mich an all die schönen Zeiten von damals erinnern, die waren vorher irgendwie wie weggeblasen. Immer kamen die Bilder vom Überfall, wie die Kerle ihn festhielten und wie Stephan dann…blutend und regungslos am Boden lag. Aber…jetzt sehe ich das nicht mehr. Und dann…dann zog er es an, extra für mich, damit ich ihn endlich darin sehen konnte. Und es war gar nichts dabei…kein einziger trauriger Gedanke war mehr da, nur schöne Gedanken. Ich stellte mir vor wie er spielt, wie er mit Jun, Genzo und Tsubasa spielt.
Zuvor konnte ich das nicht, jemanden im Fußballtrikot sehen. Weder ging es bei Karl-Heinz noch bei Jun oder Tsubasa, nur bei Genzo. Und da gab ich Kojiro zu verstehen, dass ich das Haus verkaufen werde, die Gaststätte abgebe und zu ihm nach Turin gehen will.
Egal wie, ich will mit ihm leben, für den Rest meines Lebens. Egal wohin es ihn treiben wird. Der Transfer heute, der kam zufällig. Das erste Erfreuliche bisher, was uns mal nicht im Wege steht. Die Verhandlung kam erst heute Nacht. Du darfst es auch vorerst niemanden sagen, auch nicht dem Team. Es ist einer von denen mit Verschwiegenheitsklauseln.“
„Meine Güte, Bettina. Euch hats ja wirklich doll erwischt.“, grinst er. Sie starrt wieder auf die Kette und spielt an ihr herum.
„Ja, ganz schlimm. Es ist alles so…besonders, gleich vom ersten Tag an.
Und…jeder weitere Tag fühlt sich…einfach nur immer schöner an. Ich kann das gar nicht beschreiben.“ Plötzlich dreht sie sich von ihm weg und steht nun mit dem Rücken zu ihm, schließt die Augen und berührt ihre eigenen Oberarme. In ihrer Fantasie umarmt Kojiro sie und ihr wird warm und sie lächelt verliebt vor sich hin.
„Versuchst du es mir zu erklären? Wie fühlt sich wahre Liebe an? Vielleicht kann ich es dann in Zukunft richtig deuten.“
„Ach Pierre, das musst du selbst herausfinden. Das ist bestimmt bei jedem anders. Und…suche nicht danach, das habe ich versucht. Es bringt nichts. Sie kommt ganz plötzlich, so plötzlich in einem Moment in dem du gar nicht damit rechnest.“ „So war es bei euch? So unerwartet?“
„Ja, eigentlich habe ich mir vor einem Jahr gesagt, die Männer können mich alle mal. Manchmal war ich nah dran, aber es war immer irgendwas, was nicht passte.“
Das Missverständnis
Kapitel 89
Das Missverständnis
„Und wie ist es bei dir? Woher weißt du es so genau? Woher weißt du, dass er der Richtige ist?“
„Es fühlt sich…immer schön an. Immer wenn wir zusammen sind, er mir in die Augen sieht, er mich nur berührt, in die Arme nimmt oder wir uns küssen. Alles, Pierre, alles ist so intensiv und ich kann nur an ihn denken. Sogar jetzt, auch jetzt steht er vor mir und nimmt mich in den Arm und ich bekomme eine Gänsehaut, dabei ist er da draußen, irgendwo auf dem Spielfeld. Wenn ich seine Stimme höre wird mir schon ganz warm und ich denke an seine liebevolle Art, sein Lächeln, seine Art mir Mut zu geben. Und kaum kann ich seine Wärme spüren, kann ich ihm alles anvertrauen, auch mich. Und das konnte ich noch nie.
Ich musste mich immer nur gegen die Männer behaupten und ihnen Parole bieten, mich verstecken, ihnen überlegen sein, ihnen beweisen, dass ich einer von ihnen bin und später, dass ich ihnen mit nichts nachstehe. Ich lasse mir von Niemanden was sagen, schon gar nicht von Männern, niemals. Und jetzt, bei Kojiro…“ Sie unterbricht kurz und schaut dann hoch zur Decke.
„Bei ihm kann ich einfach ICH sein. Nicht nur die starke, mutige, freche, taffe Tina, die alle in mir sehen, sondern auch die kleine, nachdenkliche Frau, die sich auch mal fallenlässt. Wenn ich mal nicht stark sein kann oder will, dann fängt er mich auf und umgedreht scheint es auch so zu sein. Ich glaube er zügelt sein Temperament in meiner Gegenwart. Wir zügeln uns gegenseitig, denn wir wissen, es würde sonst nie mit uns funktionieren.“, versucht sie ganz vorsichtig zu beschreiben. Pierre ist erstaunt, dass sie plötzlich so offen mit ihm redet und solche intimen Gefühle beschreibt.
„Bettina? Danke, dass du mir sowas intimes anvertraust.“
„Ich glaube…das liegt nur daran, weil wir uns von früher kennen und ich Stephan in deiner Nähe spüren kann. Es fühlt sich etwas ähnlich an als würde ich mit ihm reden.“
„Oh, wirklich? Sag mal, apropos Stephan. Wusstest du eigentlich, dass er eine Freundin hatte? Bei unserer letzten Begegnung hat er mir von ihr erzählt.“, lenkt er vom Thema ab, damit eine andere Atmosphäre herrscht. Sie dreht sich zu ihm um.
„Ja, aber die haben sich etwa einen Monat nach unserem Spiel gegen euch getrennt, wieso fragst du?“
„Und warum waren sie nicht mehr zusammen? Jetzt wo ich weiß was passiert ist überlege ich immer hin und her ob ich dir davon erzählen soll oder nicht. Dein Bruder hat mir damals ein Geheimnis anvertraut und mich um Rat gefragt. Vielleicht ging es ja darum.“
„Wie jetzt, ausgerechnet mit dir hat er über ein Geheimnis gesprochen? Er wusste doch, dass er immer mit mir reden konnte.“
„Vielleicht brauchte er nur jemanden zum Reden, der nicht immer um ihn herumschwirrte. Vielleicht war ihm das unangenehm?“ Tina verschränkt die Arme und sieht ihn ernst an.
„Nun komm mir aber nicht mit der gleichen schwachsinnigen Sache, die Genzo schon angedeutet hatte. Stephan hat sich niemals für Jungs interessiert. Das mit der Isabell war schon was Ernstes, aber sie haben sich sicherlich nur verrannt so wie ich damals. Er sagte mir, sie hatten einen großen Streit. Worum es ging, sagte er mir nicht.“
„Was genau hat Genzo denn gesagt?“
„Er behauptete, dass er in einen Jungen verliebt gewesen sein soll. Das kann ich mir aber nicht vorstellen, wir hockten doch ständig aufeinander als Kinder und durch das Training und zu Hause. Nie gab es da mal Anzeichen für, dass er lieber Jungs mag. Auch in der Umkleide beim Training kam da nichts seltsam rüber. Auch jetzt fällt mir nichts nur annähernd in meiner Erinnerung dazu ein.“
„Hm, mir sagte er nur, dass er sich jemanden nahe fühlt und nicht so richtig weiß was diese seltsamen Gefühle bedeuten. Er versicherte mir jedoch auch seine Freundin zu lieben. Es sei wohl ein anderes Gefühl, eher mit der Zuneigung dir bzw. Tino gegenüber zu vergleichen. Damals sprach er natürlich von euch beiden.“, spricht er gefühlvoll und setzt sich wieder auf die Hantelbank. Tina ist erstaunt. Wie kann es denn nur sein, dass ihr Bruder so seltsame Gefühle hatte und sie selbst hat nichts davon mitbekommen?
„Vielleicht hat er genau das auch zu Genzo gesagt und wie ich ihn kenne, hat er das nur falsch verstanden. Er hat nicht gerade das Talent um die Blume herumzudenken, wenn es um schwammige Aussagen geht. Genzo muss man immer alles ganz genau erklären, damit er es richtig versteht und so gut war sein Deutsch zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht. Vielleicht wählte Stephan die falschen Worte. Und er habe Genzo gegenüber auch erwähnt mit dem Profisport aufzuhören. Er wollte angeblich wie ich nur noch gegen Japan spielen und dann das Team verlassen und sich aufs Studium konzentrieren.“
„Hm. Das hat er mir gegenüber aber nicht erwähnt. Kann auch daran liegen, dass wir Rivalen waren. Das ist ja doch immer im Hinterkopf und sowas sagt man natürlich keinem Rivalen, denn auch wenn er etwas älter war als ich, hätten wir uns irgendwann auf dem Feld wieder begegnen können.“
„Was genau wollte er denn von dir? Einen Rat was er machen soll?“
„So in Etwa.“
„Und was hast du ihm geraten?“
„Du weißt mit Liebesdingen ist das nicht so und damals mit gerade mal fünfzehn hatte ich schon gar keine Ahnung. Ich wusste nur, dass die Mädchen mir immer hinterherliefen, das war alles.
Ich habe ihm nur geraten sich auf seine Freundin zu konzentrieren und diese Zuneigung zu dem Jungen zu reduzieren, in dem er nicht mehr so viel Zeit mit ihm verbringt. Also nicht mehr als nötig ist. Vielleicht ändert sich das Gefühl dann.“ Tina ist erstaunt.
„Wow, das ist aber ein guter Rat gewesen. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“ Der Franzose sieht zum Fußboden und stützt sich mit den Ellenbogen auf seine Knie auf.
„Eventuell hat er es bemerkt und dachte deswegen, dass ich ihm einen guten Rat geben kann. Er hat bemerkt was in unserem Team los war.“ Ihr Blick wird ernster.
„Was meinst du damit? Was war denn los?“
„Naja, kurz vor unserem letzten Spiel gegeneinander gab es eine Auseinandersetzung in unserem Regionalteam. Es ging dabei um Pepe. Er hat sich verplappert und das kam gar nicht gut an. Als wir dann gegeneinander spielten gab es eine gewisse Spannung innerhalb des Teams.“
„Pierre, nun sag doch schon was los war. Rede nicht drumherum!“, faucht sie etwas und zischt ihn leise an. Sie setzt sich auf eine der Umkleidebänke.
„Es kam heraus, dass er auf Jungs steht. Naja, er versicherte, dass es niemand aus unserem Team sei, aber das kam allgemein nicht gut an und die anderen fingen an ihn zu meiden. Vielleicht hat dein Bruder das irgendwie bemerkt oder die anderen haben in seiner Gegenwart über Pepe oder über mich gesprochen, weil ich keine Probleme damit hatte und mir dabei auch keine Gedanken gemacht habe, dass es überhaupt ein Problem sei. Noch immer weiß es die Öffentlichkeit nicht. Das Nationalteam weiß es auch nicht, nur wer damals in unserem Team war und die habe ich alle zurechtgewiesen den Mund zu halten. Immerhin gibt es keinen vergleichbaren Verteidiger und wir können nicht auf ihn verzichten.“ Tina atmet tief durch und ist total baff. Ihr Herz schlägt laut und sie fasst sich ans Herz.
„Der Arme. Er hält das all die Jahre geheim? Dann geht es ihm ja wie mir damals. Man erfüllt seine Pflicht, läuft mit und das ganze immer unter dem Radar.“
„Wieso hast du dir das damals überhaupt angetan? Dieses harte Training mit den Jungs? Du hättest doch mit deinem Talent auch zu den Frauen gehen können.“ „Na, weil ich nur mit Stephan spielen wollte. Mich interessierten die Mädchen nicht. Es ging nicht um den Sport an sich, eher darum in seiner Nähe zu sein. Wir sind etwas anders als andere Geschwister aufgewachsen, wir hatten die ersten Jahre nur uns alleine zum Spielen. Andere Kinder kamen erst sehr spät dazu. Das war halt so und nach dem Umzug nach Hamburg war ich sowas von eifersüchtig auf sein neues Team. Damals hat es mich nicht so sehr gestört, alles neu, andere Kinder und abends haben wir trotzdem zusammengespielt. Ich war auch in einem Mädchenteam. Das war aber in Hamburg nicht der Fall, denn es hatte mir eh nicht gefallen und da ging ich lieber schwimmen und laufen. Stephan war selbst bis in die Puppen beim Team und wir kamen gar nicht mehr dazu zusammenzuspielen. Dann schwärmte er von seinem neuen Team. Das sei so toll und die Jungs mögen ihn alle und dann bettelte ich ihn an mich mal mitzunehmen. Ich will die kennenlernen. Naja, da kam das dann. Um nicht nur seine kleine Schwester zu sein, die von der Seite aus zusieht, sondern wirklich nur mit meinem Talent zu punkten gab ich mich als Tino aus. So kam das dann, denn sie akzeptierten mich. Genzo hatte es da nicht ganz so leicht wie ich. In den Augen der anderen war er mein Konkurrent und er musste viel Prügel einstecken.
Ich konnte jedenfalls bleiben und um in Stephans Nähe zu bleiben und später dann auch in Karls Nähe zu sein, strengte ich mich halt sehr an. Um deine Frage zu beantworten: Augen zu und durch. Disziplin war angesagt. Und ich musste immer sehr aufpassen, dass man mich als Mädchen nicht entlarvt.“ Sie schmunzelt etwas vor sich hin während sie ihre Schnürsenkel kontrolliert.
„Die Zeit war hart, aber trotzdem schön. Seit Kojiro bei mir ist kann ich mich wieder an so vieles erinnern. Die Jungs im HSV waren grundsätzlich alles feine Kerle. Am liebsten war ich mit ihnen draußen trainieren. Das hat am meisten Spaß gemacht. In der Umkleide war es immer etwas seltsam und teilweise unangenehm. Ich will gar nicht wissen was sie alles in der Umkleide gesprochen haben. Das fällt mir alles wieder ein, weil ich jetzt hier sitze.“
Plötzlich sind Stimmen auf dem Flur zu hören, es klopft jemand und die Tür geht auf.
„Bettina? Ich bin es, Mikami. Andrea sagte mir, dass ich dich hier finden könnte.“, lächelt er, als er sie auf der Bank entdeckt.
„Trainer. Wir hatten ja heute noch gar nicht das Vergnügen.“, lächelt sie freundlich zurück und fängt an die zweite Schleife neu zu binden. Dann geht die Tür ganz auf und es stehen Kojiros Geschwister in der Tür.
„Schau mal wer dich gesucht hat. Sie können es kaum erwarten dich kennenzulernen.“ Begeistert stürmt Naoko in den Raum und läuft zu ihr, bleibt vor ihr stehen und schaut sie anhimmelnd an.
„Tora-san, ich freue mich ja so. Endlich können wir uns mal kennenlernen. Ich kann es immer noch nicht glauben, du und Kojiro.
Ich habe extra meine Sachen eingepackt und gleich angezogen, damit wir zusammenspielen können. Ich bin ja so aufgeregt.“
Ihre Mutter steht mit den Söhnen in der Tür und blickt fröhlich zu ihr, dann bemerkt sie jedoch den Franzosen sitzend, wie er genau in diesem Moment sein Medaillon umbindet und wegen der langen Haare nicht gleich aufsehen kann.
‚Was hat das zu bedeuten? Wieso ist dieser furchtbare Kerl hier? Und warum sind die beide alleine?‘
„Pierre, was machen Sie denn hier?“, ist Mikami ebenso überrascht und spricht den Franzosen in Englisch an.
Dieser erhebt nun endlich seinen Kopf und lässt den Anhänger unter sein Trikot rutschen.
„Hallo Herr Mikami, wir haben ein paar Gewichte gestemmt und uns über alte Zeiten unterhalten. Es hat sich zufällig ergeben.“ Überrascht schaut er zur Japanerin und ihren Jungs. Dann zu Naoko, welche ihn ebenso total entsetzt ansieht.
‚Die beiden habe ich doch schonmal gesehen. Sind das nicht die zwei, die neben uns bei Bettina im Lokal saßen? Und die Frau hatte dann doch noch geweint.‘ Er steht auf. Genau in diesem Moment ist ein lauter Klaps zu hören und Tina hält verdutzt ihre linke Wange.
„Und ich dachte du liebst ihn wirklich!“, ist auf Japanisch zu hören. Naoko stürmt plötzlich aus dem Raum und rennt zur Notausgangstür. Tina will ihr noch hinterher und ruft ihr nach, bleibt dann aber im Türrahmen des Fitnessraumes stehen.
„Naoko, wir sind nur alte Bekannte und haben uns unterhalten.“ Dann geht die Stahltür auch schon hinter dem Mädchen zu. Tina schaut zu Kojiros Mutter, welche ebenso etwas überrascht schaut.
„Alte Bekannte?“, murmelt sie ihr fragend zu. Tina lächelt sie freundlich an und legt ihre Hand auf ihre Schulter.
„Es tut mir leid. Das hat sie sicher falsch verstanden. Ja, wir kennen uns, deswegen gab es ja die dumme Situation neulich. Er hat mich nicht gleich erkannt. Es war zu lange her.“, versucht sie ganz ehrlich. Kojiros Brüder sind etwas irritiert. Der größere, Ken, ist besonders verwundert.
‚Was meint sie mit altem Bekannten? Und er sagte auch, dass sie über alte Zeiten gesprochen haben. Woher könnten die sich denn kennen? Mit Frankreich hat sie doch nichts zu tun.‘
Pierre verbeugt sich vor Kojiros Mutter, ihm ist bereits klar, dass sie es sein muss. Tina hatte vorhin erwähnt, dass seine Mutter und Schwester anwesend waren.
„Es tut mir leid für das Missverständnis.“, spricht er freundlich und schaut dann zu Mikami.
„Sie wissen, dass wir uns kennen, beim letzten Freundschaftsspiel waren Sie anwesend.“, vermerkt er höflich.
„Das ist wohl wahr. Das war schon ein beeindruckendes Spiel.“, antwortet er mit fester Stimme und lächelt dann zu Kojiros Mutter und den Jungs.
„Es ist tatsächlich so. Die beiden kennen sich aus Kindertagen. Bettina wird es Ihnen sicher nachher gleich erklären.“
„Trainer? Sind Sie so nett und bringen Kojiros Familie schonmal in den Beratungsraum? Wir wollten uns ohnehin unterhalten und endlich kennenlernen. Ich komme gleich nach.“, spricht sie ihn freundlich an und möchte Naoko hinterher gehen. Plötzlich klingelt jedoch ihr Handy. Ihr Anwalt ruft an. Tina geht ran.
„Egon, wie schön. Bist du schon da?“
„Bettina-san, ja. Ich stehe hier am Einlass, aber man will mich nicht reinlassen.“ „Du solltest doch anrufen bevor du dort stehst. Nun gut. Ich schicke dir eine Berechtigungsperson, die dich dann zum Raum begleitet. Bis gleich.“
„Du klingst so gestresst. Ist was passiert? Bis gleich.“
„Ich muss nur etwas klären. Bis gleich.“ Tina legt auf und überlegt.
„Trainer? Würden Sie mir jemanden Einlass gewähren? Mein Anwalt ist gerade gekommen und er muss unbedingt mit mir wichtige Dinge klären und Verträge unterzeichnen. Ich kann ja nun nicht zu ihm gehen wie geplant. Ich benötige jedoch jemanden, der ihn einlässt, ohne dass man gleich merkt, dass er zu mir gehört.“
„Bettina, was ist denn daran ein Geheimnis zu machen? Er ist doch nur ein Anwalt.“, wundert er sich nur.
„Wenn du ihn siehst, wirst du es wissen. Sie kennen ihn sicherlich aus den Medien. Er ist ein guter Freund wie Takeru und als Rechtsbeistand ist er in Zukunft mein Trumpf. Ich habe gerne ein As im Ärmel, wenn es drauf ankommt. Dass wir uns privat kennen, weiß soweit niemand.“
„Aus den Medien? Du meine Güte, wen kennst du nur immer alles. Hast du ihn eben etwa mit Egon angesprochen? Es gibt einen japanischen Staranwalt, der in Deutschland aufgewachsen ist. Er vertritt viele Sportler, Baseballer und auch viele Topp Vereine und einige Verbände. Es gibt keinen Besseren auf seinem Gebiet. Sport ist sehr speziell. Wir wollten ihn auch haben, aber er lehnt Fußballer grundsätzlich ab. Ist er das?“, hinterfragt Mikami. Tina grinst ihn an.
„Vielleicht? Sein Herz gehört eben dem Volleyball, nicht jeder ist Fußballfan.“ Mikami ist sehr erstaunt.
„Ist das dein Ernst? Dr. Kudo? Das ist dein Anwalt? Den kannst du dir mit deinem Volleyballgehalt leisten? Seine Tagessätze sind enorm.“, ist er sehr überrascht. „Er ist ein Freund, das habe ich doch eben gesagt, oder nicht? Zuerst war er nur ein großer Fan und dann haben wir uns persönlich kennengelernt, er war mein Professor an der Uni. Egon gibt nebenbei Vorlesungen und Seminare. Es war immer sehr spannend bei ihm. Er ist ein knallharter Jurist, aber privat ist er anders.“
„Wenn du das sagst. Wieso müsst ihr ausgerechnet jetzt einen Vertrag unterzeichnen?“
„Es eilt sehr. Das war für heute geplant, aber da ich hier nicht wegkomme, muss es ja nun hier sein. Wir sind alle drei hier, das passt also perfekt.“
„Nun gut, geht mich ja nichts an. Manches ist sehr wichtig. Was meinst du mit alle drei? Ich werde am besten Herrn Katagiri mit vornehmen, denn dann kann es eher sein, dass er ihn ohne große Fragen zu stellen reinlässt.“
„Das ist okay. Na Fane natürlich, sie wird doch meine Managerin.“ Tina nickt ab und wendet sich dann an Pierre. Mikami ist überrascht und dann fällt es ihm natürlich wieder ein. Das war ebenso eine sehr neue Situation. Es wurde gestern ebenso erwähnt und Tsubasa hatte sich so sehr gefreut. Seine Frau wäre zwar auch viel unterwegs, aber sie könnten trotzdem viel mehr Zeit miteinander verbringen, weil sie bei ihm wohnen könnte und in seiner Nähe wäre.
Der japanische Trainer macht sich auf dem Weg zum offiziellen Ausgang des Hallenkomplexes und zückt sein Handy, um Herrn Katagiri von Verband anzurufen.
„Pierre, am besten du gehst jetzt wieder zu Genzo und Karl, sonst wundern die sich auch noch wo du so lange bleibst. Und informiere Tsubasa bitte, dass er mit seiner Frau ins Trainerbüro kommen soll. So muss ich sie nicht noch erst einsammeln. Sage ihm bitte es geht um den Vertrag, er weiß dann schon bescheid. Ich komme so schnell ich kann dazu.“, spricht sie Französisch. Er sabotiert plötzlich vor ihr und macht sich einen Spaß daraus, dass Tina gefühlt jedem sagt was er machen soll.
„Jo Chefin, wird gemacht.“, sagt er lachend und geht dann zur Notausgangstür. Tina ist etwas verdutzt. Sie faucht ihn spaßig an.
„Du bist aber auch immer peinlich, echt.“ Plötzlich dreht er sich um und spricht mit einem ernsten Gesicht.
„Ich höre erst auf, wenn du mir verzeihst.“
„Niemals! Und dabei bleibt es!“, brummt sie ihn an. Er dreht sich um.
„Schade. Es tut mir wirklich leid.“, sagt er ehrlichgemeint und öffnet die Tür. „Pierre, es ist nicht wichtig, ob ich dir verzeihe. Konzentriere dich jetzt lieber auf deine neue Aufgabe. Das ist viel wichtiger.“, sagt sie ernst, aber ruhig. Er hebt die Hand hoch.
„Du hast wie immer Recht.“, meint er knapp und verlässt dann das Gebäude. Kojiros Bruder ist erstaunt über das Gespräch. Im Gegensatz zu den anderen spricht er sehr gut Französisch und konnte ihm folgen.
‚Das klang wirklich als würden sie sich kennen und ich glaube er hat sie um Verzeihung wegen der Sache in ihrem Lokal gebeten. Aber sie nimmt es nicht an. Was hat das nur alles zu bedeuten?‘ Seine Mutter schaut ihn fragend an.
‚Was haben sie geredet? Ich kann kaum noch was verstehen. Schade, dass ich es verlernt habe, weil niemand mehr mit mir Französisch gesprochen hat.‘ Sie schaut zu Tina und lächelt sie an.
‚Wenn hier eben etwas anderes gewesen wäre als Herr Mikami gesagt hat, dann würde sie hier nicht so stehen. Ich glaube ihr, auch wenn ich es noch nicht verstehe. Er würde uns niemals anlügen. Man konnte ihm immer vertrauen. Und er war mit Wakabayashi lange in Hamburg, eventuell kennen sie sich wirklich von daher. Immerhin saß Wakabayashi am Tresen und hat mit ihr zusammen mit diesem Franzosen geredet. Das haben wir doch gesehen. Sie sind nacheinander wieder aus dem Raum rausgekommen. Und dann hat Kojiro mit ihm geredet. Also haben sie alles geklärt, das sagte mein Großer doch auch. Wenn Herr Mikami Tina von damals kennen sollte, dann ergibt es einen Sinn. Aber welche Rolle spielt der Franzose? Das wird sie uns nachher sicher erklären.‘ Ken hingegen spricht Tina plötzlich an.
„Ich glaube Ihnen. Ich werde jetzt zu meiner Schwester gehen und sie beruhigen. Möchten Sie mitkommen?“, ist er sehr freundlich. Sie ist erstaunt.
„Sehr gerne, aber ich bringe deine Mutter und deinen Bruder noch in den Beratungsraum. Dann komme ich gleich nach. Geh gerne vor.“
Somit geht auch er nun durch die Tür und sucht seine Schwester. Draußen schaut er zuerst zu den Waschbecken, jedoch ist niemand zu sehen. Dann geht er etwas vom Gebäude weg Richtung Parkanlage und schaut auch zu den einzelnen Bäumen. Seine Schwester mag die Natur und wenn sie alleine sein will geht sie oft in den Garten oder in den Park. Dann entdeckt er eine Bewegung im Schatten eines großen Baumes. Es ist nur etwa zwanzig Meter von den Waschbecken entfernt. Er geht genau auf den Baum zu und als er ankommt, traut er seinen Augen kaum. Sein Puls steigt an und er weiß zuerst gar nicht was er denken soll als er seine kleine Schwester in den Armen eines großen blonden Mannes sieht. Er hatte sie scheinbar getragen und setzt sie nun auf den Boden an den Baum lehnend. Ihre Augen sind feucht vom Weinen und ihr Arm noch um seine Schulter gelegt.
„Ist es jetzt besser so?“, spricht dieser besorgt in Englisch auf sie ein. Plötzlich steht Ken neben ihn und faucht ihn wütend an.
„Was erlauben Sie sich meine Schwester anzufassen!?“ Andreas schaut auf zu dem jungen Japaner.
‚Oh, der große Bruder. Naja, sieht sicher komisch aus, das stimmt. Ich würde vermutlich auch so reagieren.‘ Der deutsche Jugendliche bleibt ruhig, lässt Naoko los und richtet sich freundlich auf.
„Beruhige dich erstmal. Ich habe nur geholfen.“, sagt er ruhig. Ken sieht zu ihm auf. Für ihn wirkt er wie ein junger Mann, weniger wie ein Junge im ähnlichen Alter. Er ist auch etwas größer als sein großer Bruder. Natürlich will sich Ken ihm gegenüber nicht klein machen und stellt sich provokativ vor ihn, schaut zu ihm auf und spricht ihn erneut ernst an. So kennt er es von seinem großen Bruder, wenn dieser sich gegen Größere und ältere behaupten musste.
„Geholfen? Wobei?“ Naoko schaut verwundert zu den Jungs hoch und fängt plötzlich an zu kichern. Sie wischt sich die Tränen weg und lacht.
„Ken! Du bist ja süß. Spielst du jetzt meinen großen Beschützer?“ Er schaut noch immer zu Andreas auf und blickt ihm in die blauen Augen.
‚Man ist das ein Riese. Wer ist das überhaupt?‘
„Irgendeiner muss es ja tun, wenn Großer Bruder nicht da ist.“, sagt er bestimmend. Andreas schmunzelt plötzlich.
„Na mit diesem bösen Blick kannst du gut für deine Schwester sorgen. Aber wie gesagt, es sieht vermutlich komisch aus, aber ich hätte wohl an deiner Stelle genauso reagiert. Ich muss immerhin auf drei kleine Schwestern aufpassen.“ So langsam sinkt Kens Puls wieder und er sieht zu Naoko.
„Was ist los? Was ist passiert?“, unterhalten sie sich auf Englisch.
„Ken, ich bin doch vorhin rausgerannt. Ich wollte nur irgendwie weg und nachdenken. Als ich dann hier zu den Bäumen laufen wollte, rutschte ich aus und verknackste mir den Fuß und fiel hin. Es tut so weh und ich konnte nicht aufstehen. Ich lag eine Weile da und da kam er zufällig vorbei und half mir hoch. Weil ich nicht auftreten konnte hat er mich dann hier her in den Schatten getragen. Ich könnte mich so ohrfeigen. Ich bin gerade erst ins neue Team gekommen und dann sowas. Die schmeißen mich jetzt sicher wieder raus, wenn ich gleich ein paar Wochen ausfalle.“
„Ach so, so war das. Dann brauchst du aber jetzt auch einen Arzt.“, meint ihr großer Bruder ernst zu ihr.
„Das organisiert dieser Franzose gerade. Als ich deine Schwester hochnehmen wollte, kam er genau in diesem Moment aus der Tür und sah ebenso verwundert, aber ich sagte ihm was passiert ist und er soll einen Arzt organisieren. Ich weiß ja nicht wo hier jemand ist.“
„Dann hättest du sie doch gleich zum Arzt bringen können.“, wundert er sich. Andreas ist überrascht und grinst ihn dann aber an.
„Sicher, dass da nicht noch mehr komische Blicke gewesen wären? Es ist ja nun kein Notfall und mir war wichtiger sie aus der Hitze zu holen. Hier unter dem Baum ist es angenehmer. Man muss ja nicht unnötig die Pferde scheu machen, oder?“
„Ich hätte das auch nicht gewollt. Es reicht, wenn Jun jetzt kommt und den Fuß ansieht und verbindet. Vielleicht habe ich Glück und es ist gar nicht schlimm.“ Ken schaut sich ihre Beine an. Die Knieschützer sind mit grünen Flecken versehen und sie hat ihre Schuhe noch an. Er hockt sich zu ihr.
„Welcher Fuß ist es denn?“
„Der linke.“ Ken versucht ihr vorsichtig den Schuh aufzuschnüren und diesen und den Strumpf auszuziehen. Dann geht er zum Wasserhahn, nimmt sich Papiertücher und lässt sie nässen. Dann kommt er mit dem frischen kalten Tuch zu ihr und legt ihr das Tuch um den Knöchel.
„Das kann erst einmal nicht schaden. Heute ist es wirklich sehr heiß.“, sagt er verantwortungsbewusst und dann steht er auf.
„Wer bist du eigentlich? Gehörst du zu dieser deutschen Familie?“, spricht er Andreas freundlich an.
„Ja genau. Ich bin der älteste von uns Vieren. Ich heiße Andreas. Und ihr?“
„Das ist Naoko und ich bin Ken, wir sind Geschwister von einem der Nationalspieler.“
„Oh, dann seid ihr sicher die Geschwister von Herrn Hyuga? Du siehst ihm etwas ähnlich.“
„Ja genau. Wie kommst du darauf?“, fragt Naoko neugierig. Sie schaut zu ihm auf und betrachtet den Siebzehnjährigen genauer. Dass er ein Volleyballtrikot anhat ist ihr gar nicht gleich aufgefallen.
‚Wow, der sieht ja wirklich nett aus. Ich habe vorhin gar nicht darauf geachtet, weil ich froh war, dass ich nicht alleine dalag als dieser Franzose kam.‘
„So ein strenger Blick eben, den hat nicht jeder drauf.
Scherz beiseite. Er hat mir vorhin im Auto von seinen Geschwistern erzählt und dass sie vermutlich etwas später auch herkommen würden.“
„Oh, wirklich? Ihr habt zusammen in einem Auto gesessen? Ihr seid die Zeugen, stimmts? Die deutschen Touristen, die im Laden von Tina-san waren? Er hat uns nur am Telefon kurz erzählt, dass da was passiert ist. Dass die Zeugen und die Frau, die die Typen entführen wollten, hergebracht wurden. Mehr weiß ich nicht“
„So ähnlich, stimmt. Wir sind eine richtige Volleyballfamilie. Nur eine hat eine Art Gendefekt und spielt lieber Fußball.“, schmunzelt er neckisch, dreht sich zum Spielfeld um und zeigt in die Richtung. Von Weitem ist das Tor zu sehen indem die junge deutsche Keeperin steht.
„Was heißt denn hier Gendefekt?“, grinst Ken ihn an.
„Naja, war ja auch nicht böse gemeint. Meine Eltern sind beides Profis gewesen und meine Mutter trainiert noch heute ehrenamtlich die Kids und Profis. Bis auf Katharina spielen wir professionellen Volleyball. Deswegen sind wir auch hier. Wir wollten uns gezielt so viel wie möglich ansehen was mit Frau Fuchs zu tun hat. Wir bewundern sie sehr. Sie ist so stark und obwohl sie erst seit ihrer Ankunft hier spielt, hat sie es so weit geschafft. Und jetzt ins Nationalteam, wow. Sehr mutig, vor allem, weil sie nicht für ihre Heimat spielen will, sondern für euch quasi. Die Meinungen dazu gehen in Deutschland weit auseinander.“
Naoko dreht ihren Kopf zur Seite und murrt.
„Genau das habe ich auch mal gedacht. Aber jetzt…ich weiß gar nicht mehr was ich denken soll.“ Die Jungs schauen zu ihr runter.
„Ach Naoko, komm wieder runter. Du hast das vorhin nur falsch verstanden. Es ist ähnlich wie eben bei euch. Ich habe die Situation auch nur falsch gesehen.“ Andreas weiß nicht worum es geht und wundert sich natürlich.
„Was habe ich falsch verstanden?“
„Die beiden kennen sich wirklich von früher. Es gibt dazu eine Vorgeschichte, die ich noch nicht weiß, aber Herr Mikami bestätigt es. Und die Dialoge zwischen den beiden auf Französisch bestätigen es. Sie müssen sich aus der Kindheit kennen. Das liegt wohl so lange zurück.“ Das Mädchen sieht verwundert und richtet sich sitzend auf.
„Woher wollen die sich denn kennen?“
„Sie schient mit Genzo befreundet zu sein, vielleicht daher. Deswegen wird der Trainer es auch wissen. Das kann doch sein.“ Andreas bringt sich mit ein.
„Darf ich fragen worum es genau geht? Wer kennt wen?“
„Tora-san soll angeblich diesen Franzosen aus der Kindheit kennen. Ich kann das aber nicht glauben, denn dann hätte er sie doch nicht so anmachen müssen. Er muss sie doch auch nach langer Zeit erkannt haben. Verstehe ich nicht. Das war echt furchtbar. Ich bin immer noch erstaunt, dass sie ihm nicht einfach eine geknallt hat.“, erklärt sie und schaut zu Andreas auf. Sein Blick wird skeptisch.
„Was meinst du mit angemacht?“
„Mama und ich waren in ihrer Gaststätte und er saß mit dem Rest des Teams am Nebentisch. Dann hat er sie komisch angesehen und dann am Arm angefasst. Und dann beim Abräumen absichtlich einen Löffel fallen lassen, damit sie sich vor ihm bücken musste und dann glotze er ihr einfach in den Ausschnitt. Tora-san hat ihm zwar was dazu gesagt, aber weiter auch nicht. Später haben Genzo und sie mit ihm gesprochen, auch Kojiro hat mit ihm geredet. Er meinte nur später, sie haben alles geklärt.
Aber wenn die sich angeblich von früher kennen, wieso hat er sie dann nicht erkannt? Er hätte sich diese furchtbare Sache sicher auch verkniffen, wenn er sie erkannt hätte.“ Andreas ist sehr erstaunt.
„Es könnte sein, dass sie sich wirklich kennen. Ich kann mir auch denken wieso er sie nicht erkannt hat. Das könnte sein, dass er sie als Frau nicht erkennen konnte und dann sicher nicht damit gerechnet hätte überhaupt hier in Japan auf sie zu treffen.“, spricht er plötzlich. Die Geschwister sehen sich total überrascht an.
‚Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr. Er könnte sie kennen, aber erkennt sie als Frau nicht? Was meint er denn damit? Und überhaupt, wieso weiß er etwas?‘ Genau in diesem Moment tauchen Taro Misaki, Jun Misugi und Pierre auf. Sie gehen direkt auf die drei zu.
„Jun!“, ruft Naoko laut und winkt ihm zu. Er lächelt und geht direkt zu ihr und legt sein Köfferchen neben sie und kniet sich hin.
„Naoko, was machst du nur für Sachen?“
„Ich bin ausgerutscht. Ihr mit euren Stulpen könnt ja einfach über den nassen Rasen gehen, aber ich eben nicht.“ Er nimmt das nasse Tuch ab und schaut sich den Knöchel genauer an.
„Ich glaube du hast noch Glück, es ist wohl nur eine kleine Prellung, keine Verstauchung.“ Dann holt er einen Verband heraus und stützt den Fuß.
„Volleyballspielen ist dann wohl erstmal für eine Weile tabu, tut mir leid. Zwei Wochen würde ich vorerst sagen.“
„Verdammt.“, flucht sie und schaut dann zu Pierre und Taro rüber.
„Du brauchst mich gar nicht so ansehen, ich schließe mich der Meinung von Jan an. Da gibt es keine zwei Meinungen.“, spricht der zweite Mediziner im Nationalkader.
Glückstag
Kapitel 90
Glückstag
Dann schaut sie zu Jun und spricht ihn auf Japanisch an.
„Du Jun, du bist doch auch mit Tora-san befreundet. Wie gut kennt ihr euch eigentlich wirklich? Kannst du dir vorstellen, dass sie diesen Franzosen dort als Kind mal kannte? Könnte es sein, dass er sie nach vielen Jahren eventuell nicht erkannt haben könnte? Vielleicht sie ihn aber?“ Er wird stutzig und sieht sie verblüfft an.
„Kojiro hat noch nichts erzählt, oder?“ Er schaut zu Taro rüber.
„Taro, du müsstest diese Frage am besten beantworten können, da du ihr in Deutschland begegnet bist. Wir kennen uns erst seitdem Tina hier ist.“ Er stutzt und schaut kurz zu Pierre.
„Wieso ist dir die Frage so wichtig?“, wendet er sich vorsichtig an Naoko.
„Naja, es gibt ein paar dumme offene Fragen und vielleicht kannst du sie aber beantworten. Jun sagt du kennst Tina?“
„Ganz kurz, ist es okay, wenn wir wieder in Englisch reden? Es wäre höflicher, wenn es geht.“, bringt sich Andreas freundlich ein.
„Das wäre eine gute Idee, dem stimme ich zu.“, äußert Pierre überraschend. Jun erklärt kurz Naokos Frage und was es damit auf sich hat.
„Ach so, es geht tatsächlich darum, dass Frau Fuchs mit Herrn Schneider und Herrn Wakabayashi im selben Team gespielt hat?“, haut Andreas plötzlich raus. Alle sehen ihn überrascht an. Die Männer sind erstaunt, dass er es weiß und Ken und Naoko sind total überrascht.
„Das ist doch Blödsinn. Warum sollte sie Fußball gespielt haben und wie soll denn das gegangen sein? Das war doch ein reines Jungenteam.“, äußert Naoko. Pierre geht ein wenig näher zu ihr, damit er nicht so laut reden muss und sieht freundlich zu ihr herab.
„Es ist wahr. Ich habe es selbst erst erfahren nachdem wir uns neulich ausgesprochen haben. Bettina hat sich als Jungen ausgegeben und spielte mit ihrem Bruder zusammen in Genzos Team. Wir lernten uns als Kinder bei einer Europameisterschaft kennen. Bettinas Bruder, Karl-Heinz, Kaltz, Pepe und ich. Wir verstanden uns sehr gut und verabredeten uns nach dem Finale, einfach nur zum Kicken, so wie es unsere Fans machten. Da haben wir uns alle dann angefreundet. Wir wussten alle nicht, dass Tino eigentlich eine Tina bzw. Bettina ist. Deswegen habe ich sie auch nicht erkannt.
Bettina sagte mir dann, als wir uns aussprachen, dass sie Pepe und mich natürlich erkannt hat und deswegen war sie auch besonders freundlich zu uns. Mir ist sehr wohl klar was du über mich denkst. Die Welt der Erwachsenen ist etwas kompliziert. In meinem Hochmut habe ich es falsch gedeutet und leider auch falsch reagiert.
Aber ich kann dich beruhigen. Trotz der alten tollen Zeit, das wird sie mir vermutlich nie verzeihen.“, schmunzelt er dann und fasst sich an den Kopf. Er hofft mit der Geste, dass sie versteht, dass es ihm unangenehm ist.
Plötzlich stößt ihn Misaki an und spricht ernst auf Französisch.
„Was soll das heißen? Was meinst du mit falsch gedeutet? Nur weil jemand freundlich zu dir ist, deutest du da Sonst was rein oder wie? Was hast du gemacht? Hast du sie etwa angebaggert?“ Pierre wird verlegen und schaut zu ihm.
„Es tut mir leid, du kennst doch meine Schwäche für Blondinen. Und sie ist doch besonders hübsch.“ Taro ist fassungslos und geht einen Schritt zurück.
„Also echt. Du bist so peinlich. Ich will ja nicht wissen was Kojiro dazu sagt, wenn er das erfährt. Wie konnte dir das passieren? Hast du nicht ihren Schmuck gesehen? Sowas trägt doch keine Singlefrau. Warst du blind oder wie?“
„Den trägt sie doch erst seit gestern. Wir sind uns schon am Montag begegnet, nach unserem Spiel.“
„Trotzdem peinlich, echt.“ Taro bringt sich ins Gespräch ein.
„Pierre hat Recht. Frau Fuchs spielte mit Genzo und Karl-Heinz im selben Team. Ich habe persönlich gegen sie gespielt. Wir wussten damals alle nicht, dass sie ein Mädchen ist. Wir, also das französische Team, mit dem ich die Möglichkeit hatte gegen ein deutsches Team zu spielen und auch Pierres Team. Wir kannten nur Tino und Stephan, die super Verteidigung im HSV bzw. für Pierre im Nationalteam bei einer EM. Die Verteidigung war wirklich sehr stark. Das war ein interessantes Gespann, der kleine flinke Tino und der große starke Stephan.“, erklärt er sachlich.
In diesem Moment kommen Genzo, Karl-Heinz und Katharina hinzu und wollen sich erfrischen. Sie gehen an den Waschbecken entlang und sehen dann Naoko am Boden sitzen.
„Was ist denn hier für ein Andrang? Was ist passiert?“, fragt Karl-Heinz.
‚Ist das nicht Kojiros Schwester? Wieso hat sie sich umgezogen und sitzt hier rum?‘ Dann entdeckt er den Verband, als Jun sich wieder aufrichtet.
„Du hast dich verletzt? Wie ist das denn passiert?“, klingt er besorgt. Naoko schaut überrascht zu ihm auf. Ihr Puls steigt plötzlich etwas an.
‚Der ist aber nett. Wieso klingt er so besorgt? Ich kann ihm doch egal sein. Und dieser gutaussehende Mann soll Kojiros größter Rivale sein? Das kann ich gar nicht glauben. Bei den Spielen und im Fernsehen wirkt er ganz anders, eher ähnlich wie Kojiro. Aber er scheint wohl total anders zu sein. Vorhin kam er mir schon so besonnen und selbstbeherrscht rüber. Und wie charmant er mit Mutter gesprochen hat. Er war es letztendlich, der vorhin diese furchtbare angespannte Situation mit seiner inneren Ruhe gerettet hat. Zuerst hält er mit Tsubasa zusammen Genzo in Zaun, schafft es sogar ihn zu beruhigen und dann löst er die Anspannung auf. Irgendetwas hat er zu Kojiro gesagt bevor er sich um die Angelegenheit gekümmert hat. Großer Bruder war richtig starr vor Wut. So wütend habe ich ihn bisher noch nie erlebt. Der Trainer hat aber auch wirklich böse Sachen gesagt. Ich war so froh, dass sich das dann aufgelöst hat.‘
„Ich äh, ich bin auf dem nassen Rasen ausgerutscht.“, antwortet sie dann endlich und versucht sich aufzurichten. So langsam ist es ihr unangenehm die ganze Zeit vor den vielen Männern auf dem Boden zu hocken. Ken bemerkt es und hilft ihr hoch. Sie stützt sich bei ihm auf und stellt sich auf den gesunden Fuß.
„Hier muss man wirklich sehr aufpassen mit dem nassen Rasen. Ich hoffe es ist nicht so schlimm und du kannst schnell wieder spielen.“, spricht er beruhigend auf sie ein, um sie etwas zu trösten. Naoko verharrt plötzlich in seinen blauen Augen und ihr wird ganz war.
‚Wow, wie sanftmütig er ist. Ich hätte nie gedacht, dass so ein starker Mann wie Schneider eine so angenehme Persönlichkeit hat. Privat weiß ich ja gar nichts über ihn, wir sehen nur immer die spannenden Spiele gegen Kojiro und seine Freunde. Ich kann auch nicht glauben, dass Tina mit ihm zusammen als Kind gespielt hat? Ist sie deswegen so stark? Das kann ich gar nicht glauben.‘, geht der Fünfzehnjährigen durch den Kopf. In dem Moment öffnet sich die Notausgangstür erneut und Tina und Marie treten heraus. Beide sehen erstaunt zu der Gruppe. „Nanu? Was ist denn hier für eine Versammlung?“, äußert Tina, warnt Marie noch vor und rät ihr langsam zu gehen. Naoko kann die beiden kaum sehen, da ihr Karl-Heinz die Sicht versperrt und sich neugierig zu den Frauen umdreht.
„Marie!“, haucht er nachdenklich aus. Die junge Frau sieht ihren Bruder verblüfft an.
„Karl-Heinz.“, spricht sie laut aus und will zu ihm laufen. Tina versucht sie noch festzuhalten, denn sie kennt den tückischen Rasen, wenn bei der Hitze viele Leute zu den Waschbecken gehen. Karl läuft ihr entgegen und fängt sie ab, bevor sie viele Schritte machen konnte und beide nehmen sich liebevoll in die Arme.
„Ach Karl-Heinz. Es tut mir ja so leid. Ich wollte dir doch nur helfen und dann mache ich dir solchen Ärger. Ich bin ja so froh, dass dir nichts passiert ist.“, weint sie plötzlich los. Alle sind erstaunt. Naokos Herz rast wie wild, denn sie wundert sich natürlich sehr wer denn die junge Frau ist, die sich ihm so um den Hals wirft.
Tina schaut zur Seite zu den anderen.
„Nun ist es doch aufgeflogen, naja. Ihr wusstet es vermutlich eh schon alle, oder?
Habt ihr Kojiro irgendwo gesehen? Und Kommissar Saito eventuell auch?“ Alle schütteln den Kopf. Taro hingegen sieht sie eher fragend an. Ihm geht seine interessante Beobachtung von vorhin nicht aus dem Kopf. Als er nur ein wenig frisches Wasser genießen wollte und an den Waschbecken ankam, bemerkte er wie Kojiro mit dem großen stattlichen Japaner scheinbar heimlich zu einer abgelegenen Hütte ging und folgte ihnen neugierig. Ihre Unterhaltung lässt ihn so schnell nicht los. Aber er kann das unmöglich Tina sagen, was soll sie dabei denken? Er will sich auf gar keinen Fall in ihre Beziehung mischen. Jedoch hat er Glück. Genau in dem Moment als Tina seine Reaktion bemerkt kommen Kojiro und Saito zusammen um die Ecke des Gebäudes und gehen auf sie zu. So braucht er nur für Ablenkung sorgen.
„Schau mal hinter dich.“, sagt er freundlich. Tina dreht sich um und ist etwas erstaunt, dass die beiden zusammen unterwegs waren.
‚Oh, haben sie etwas gemeinsam beredet oder hat Takeru einen auf Ersatzvater gemacht? Wobei, Kojiro sieht nicht so aus, als hätte er sich über irgendetwas aufgeregt. Zuzutrauen ist es Takeru, so wie er ihn vorhin im Verhörzimmer provoziert hat. Manchmal ist es trotzdem schwer ihn einzuschätzen. Privat ja, aber als Kommissar will ich ihn bestimmt nicht als Gegner haben, wenn ich was angestellt hätte.‘ Tina schaut erneut zu Marie und Karl. Sie sieht seine großen Hände auf ihrem Rücken und wie sich Marie an ihn krallt.
‚Ist eure Geschwisterliebe immenroch so stark wie früher? Marie hat dich immer so angehimmelt. Ihr großer starker Bruder. Und dir war es niemals peinlich oder unangenehm, wenn sie sich so an dich klammerte. Das habe ich bewundert. Den anderen war es oft unangenehm, wenn ihre kleinen Schwestern sie so umarmten vor all ihren starken Kameraden. Ich habe das nie verstanden. Ich liebte Stephan auch sehr und ich bin ihm trotzdem nie so um den Hals gesprungen. Vielleicht war es nicht nötig, da wir uns immer schon viel gesehen haben. Ihr beide jedoch wart auch als Kinder tagsüber getrennt. Der Altersunterschied macht auch schon viel aus.‘ Tina versucht etwas abzulenken und schaut zu Pierre.
„Pierre, hast du Tsubasa und Fane informiert?“ Er sieht sie verdutzt an.
„Ach verdammt, das habe ich jetzt bei der ganzen Aufregung vergessen. Sorry, ich gebe ihnen sofort Bescheid.“ Tinas Blick verschmälert sich und sie verschränkt die Arme.
„Welche Aufregung denn? Mir läuft heute eh schon die Zeit davon. Sag ihnen bitte sie sollen sofort ins Trainerbüro kommen.“ Er macht sich sofort auf den Weg.
„Wird erledigt, sorry.“ Auf seinem Weg kommt ihm Shinichi entgegen.
„Nanu? Pierre, wieso bist du denn heute hier?“
„Hallo. Erkläre ich dir später. Bis nachher.“, entgegnet er nur kurz und läuft aufs Spielfeld zu Tsubasa, welcher gerade mit Hikaru ein paar Taktiken durchgeht. Während Shinichi auf die Gruppe zuläuft, fällt ihm die Umarmung der Geschwister auf und er bleibt neben Genzo stehen.
„Was ist denn hier los? Wer ist das? Ich muss ja viel verpasst haben heute Vormittag.“
‚Das ist doch Marie, ist das dann ihr Bruder? Und wer ist dieser strengaussehende Japaner dort hinten bei Kojiro? Ich habe ihn schonmal irgendwo gesehen.‘ Sein Blick schweift auch zu den Jugendlichen.
‚Oh, der Große dort gehört zu der deutschen Familie, die habe ich vorhin kurz in der Halle gesehen, aber wer sind die anderen beiden?‘ Erneut sieht er zu Marie und betrachtet den Mann genauer. Er kommt ihm irgendwie bekannt vor, aber woher nur? Sein Gesicht kann er nicht sehen, da Taro und Jun etwas vor ihm stehen und Karl in die andere Richtung schaut. Marie erkennt er hauptsächlich an ihrem schönen bunten Kleid und den langen blonden Haaren. Saito brummt die beiden etwas an, als er die Umarmung sieht.
„Hatte ich nicht gesagt, Sie sollen sich zurückhalten? Es war zu Ihrem eigenen Schutz. Und dann hier draußen. Sie hätten sich doch auch in einem Raum sehen können, wo es keiner mitbekommt.“ Kojiro staunt nicht schlecht. Er hat Karl-Heinz noch nie gesehen, wenn er zu jemanden liebevoll sein kann. Das ist eine neue Seite seines stärksten Konkurrenten. Vorhin war ihm das schon aufgefallen wie ruhig er die angespannte Lage auflösen konnte. Ist es das was Tina damals an ihm mochte? Seine ruhige beherrschte Art? Kojiro kennt die ruhige Seite nur auf dem Feld, er weiß genau, wenn dieser Gegner seine ruhige Minute hat, dann denkt er sich wieder eine neue Taktik aus und überrascht ihn mit irgendeiner Hinterhältigkeit. Schneider ist bekannt dafür ein sehr guter Stratege zu sein, genauso wie Hikaru Matsuyama, der größte Stratege im japanischen Team. Immer hat Schneider Pläne im Kopf noch bevor er aufs Spielfeld geht. Genau das macht ihn neben seinem Können so gefährlich und unberechenbar. Kojiro hingegen war noch nie ein großer Stratege, dafür ist er viel zu direkt und spontan. Aber das ist eben seine Art und auch das ist es was seine Gegner an ihm fürchten, niemand kann vorrausahnen was er machen wird. Es passiert meist aus einem Impuls oder einem Instinkt heraus.
Karl-Heinz dreht sich zum Kommissar und Marie schaut ebenso auf, lässt Karl los und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
‚Oh nein, jetzt schimpft er mit uns. Das habe ich befürchtet. Aber…ich konnte nicht anders, jetzt wo er direkt vor mir stand. Wir haben uns doch gut vier Monate nicht gesehen.‘
„Nun seinen Sie mal nicht so streng mit uns. Wir haben uns immerhin einige Monate nicht gesehen und dann die ganze Aufregung heute. Da werde ich jawohl noch meine Schwester begrüßen dürfen.“, lächelt Karl und versucht den strengen Kommissar zu besänftigen.
„Hier macht auch jeder was er will, also echt. Passen Sie aber auf, dass kein Außenstehender davon Wind bekommt, sonst ist die ganze Tarnung dahin. Wir müssen noch abwarten.“ Die Geschwister nicken und lächeln dankend. Naokos beruhigt sich ein wenig und lächelt plötzlich leicht. Als Karl sich zu Saito dreht und ihn anspricht, kann sie ihn von der Seite sehen.
‚Seine Schwester, verstehe. Wieso haben die sich so lange nicht gesehen? Warum sind die überhaupt hier in Japan? Sie müssen sich als Geschwister auch sehr mögen wie wir alle, sonst würden sie sich nicht vor allen so begrüßen. Aber die Deutschen sind da ja sowieso etwas freizügiger als wir verklemmten Japaner. Nicht mal Händchenhalten darf man hier, voll altmodisch.‘
Takeru schaut über Marie hinweg ein gutes Stück weiter zu den Waschbecken. ‚Nanu? Den jungen Mann kenne ich noch nicht. Ohne Nummer und ohne Namen auf dem Trikot? Ist er nur ein Fan? Irgendwie kommt er mir bekannt vor.‘ Die Blicke der beiden großen Männer treffen sich. In der Zwischenzeit kommt Pierre wieder und stellt sich neben Shinichi. Shinichi spricht kurz darauf Genzo an. Er macht sich weiter keine Gedanken darüber wer der Mann neben Kojiro ist. „Genzo, weißt du wo Trainer Mikami ist?“
„Aktuell nicht, nein. Wieso?“
„Ich benötige unbedingt den Schlüssel für die Behinderten-Toilette. Meine Mutter ist gerade eingetroffen und die Türen sind leider noch abgeschlossen.“ Tina bekommt das Gespräch zufällig mit und schaut dann hinter sich durch die Tür direkt in den langen dunklen Flur. Weit hinten, gefühlt am anderen Ende, ist tatsächlich Licht an. Sie schmunzelt und erkennt Hinata an ihrem schönen grünen Kleid und dass sie jemandem im Rollstuhl begleitet. Sie holt den Generalschlüssel aus ihrer Tasche und spricht Marie an.
„Marie, hier. Damit du das Gebäude besser kennenlernst. Du wolltest dich nützlich machen.“ Dann dreht sie sich zu Genzo und ruft ihn.
„Genzo, du begleitest Marie, dann könnt ihr auch mal endlich quatschen, aber bleibt bitte bedeckt. Bringt mir den Schlüssel danach gleich wieder.“
„Okay, mache ich. So eine Abkühlung kann ich auch gebrauchen.“, sagt er begeistert zu und kommt zu ihr gelaufen. Marie sieht nur verdutzt zu Tina und dann zu Shinichi. Ihr Herz klopft plötzlich lauter und verlegen lässt sie ihren Bruder los und greift dann nachdenklich Tinas Schlüssel, um sich von ihrer Aufregung abzulenken.
„Shinichi.“, haucht sie ganz leise und lächelt. Karl ist etwas verwundert, noch nie hat ihn Marie einfach plötzlich losgelassen, wenn sie noch bei der Begrüßung waren.
„Shinichis Mutter wartet, es eilt sicher. Beeile dich Marie.“, spricht Tina laut genug, dass es klingt als wäre Maries Äußerung nicht zu hören gewesen. Sie stößt die junge Frau vor sich an und berührt ihren Arm, um sie zur Tür zu drehen. „Ähm, ja klar.“, antwortet sie nur irritiert und geht zur Tür. Tina stellt einen Keil in die Tür, damit sie offenbleibt. Shinichi ist ein wenig überrascht, dass Tina ihr diese Aufgabe überträgt, aber sicher möchte sie nur ablenken, damit sie sich jetzt nicht verquatscht. Und auf diesem Weg lernt Marie seine Mutter kennen und wäre eine Unbeteiligte, wenn er mal auf sie zugeht. Eine gute Idee, denkt er sich. Als Genzo bei Marie angekommen ist und sich beide begrüßen, hält sich Marie etwas zurück. Normalerweise umarmt sie ihn auch etwas stürmischer, denn er ist der Einzige neben der Familie, der sie aus der alten Zeit zu ihren Geburtstagen mal besucht und ab und an anruft und nach dem Rechten fragt. Manchmal bringt er auch Kaltz mit. Nur weil die Freundschaft zu Karl abgebrochen ist, heißt es ja nicht, dass sie sich nie sehen. Es ist sehr selten, aber es kommt vor. Nach der kurzen Umarmung schaut sie etwas verstohlen zu Shinichi rüber und entdeckt auch Pierre. Er steht neben ihm. Dann lächelt sie und winkt ihm höflich zu, denn begrüßen konnten sie sich auch noch nicht. Sie kennt ihn von früher und seit ein paar Jahren trifft er sich mit Karl und wenn sie ihn mal besucht, ist er auch ab und zu da und die beiden kicken ein wenig in Karls großen Garten. Sie sitzt dann und zeichnet die beiden oder die Blumen und Bäume, so wie früher, als sie noch ein Kind war. Pierre ist erstaunt, dass sie ihn bewusst wahrnimmt und winkt nur lächelnd zurück. Es sieht zwar aus als würde sie Pierre ansehen, aber in Wirklichkeit sind ihre Augen auf den jungen großen Japaner neben ihm gerichtet. Dieser ist etwas überrascht, dass Pierre auf das Winken reagiert. Er hat sich bereits gewundert, dass sie es doch wohl nicht riskieren will ihm zuzuwinken.
‚Shinichi, wie groß und stark du bist. Ich hätte nie gedacht, dass ein Mann im Fußballtrikot so elegant und stattlich wirken kann. Was war das nur vorhin für ein seltsamer Moment? Mein Herz klopft immer noch so doll. Diese Berührungen. Sowas habe ich noch nie gefühlt.‘ Genzo berührt sie sanft an der Schulter, reißt sie aus ihren Gedanken und deutet zur Tür.
„Dann lassen wir die Dame nicht so lange warten.“, bestimmt er fröhlich und beide verschwinden im Gebäude. Im selben Moment dreht sich Karl-Heinz um und schaut in die Richtung in die Marie gewunken hat.
‚Wem hat sie denn zugewunken?‘ Er blickt zu Pierre, entdeckt dann Shinichi und hinter diesem kommt gerade Ken um die Ecke.
‚Ach so, Pierre war ja auch noch da, stimmt. Und wer ist dieser große Japaner? Er hat keine Nummer und er kommt mir etwas bekannt vor, aber woher? Er scheint etwas jünger zu sein. Ein sehr kräftiger athletischer Typ wie Kojiro, aber größer.‘, geht durch seinen Kopf.
Ihre Blicke treffen sich und Shinichi wird gerade bewusst wessen Schwester Marie ist. Karl-Heinz ist ihm mit dem schlichten weißen Trikot und einer einfachen schwarzen Hose nicht gleich so aufgefallen. Er hat auch überhaupt nicht mit ihm gerechnet. Natürlich passen die Farben zu seinem Landestrikot, aber im Gegensatz zu Pierre, den er in seinem passenden Outfit sofort wahrgenommen hat und ohnehin vor zwei Tagen gegen ihn gespielt hat, fiel Karl von hinten nicht so auf.
‚Schneiders Schwester also. Jetzt verstehe ich auch was sie meinte, dass es keiner wissen soll. Das meint Marie damit, ihr Bruder sei ohne Begleitschutz unterwegs und man hat ihn herbringen lassen, da ihn hier keiner suchen wird. Das stimmt wohl. Niemand würde ihn hier vermuten und durch den Wachschutz kommt niemand Fremdes herein. Es erklärt auch ihre Beziehung zu Tina und Genzo. Sie gehört durch diesen Verwandtschaftsbezug zu Tinas Freunden aus ihrer HSV-Zeit. Ich frage mich nur warum Tina selbst nichts dagegen hat, dass wir uns vorhin kennengelernt haben.
Wie kann es nur sein, dass Schneider eine so bezaubernde Schwester hat?
Marie, jetzt eben hier draußen im Tageslicht leuchten deine Haare besonders schön und obwohl du so weit weg standest, konnte ich deine Augen richtig strahlen sehen.‘ Seine Gedanken schwirren ihm völlig ziellos durch den Kopf bis er plötzlich mit einer festen Stimme angesprochen wird.
„Hallo, Sie stehen gar nicht auf meiner Liste. Wer sind Sie?“, ist Saito freundlich aber ernst. Der junge Mann schaut erstaunt in dessen strenge Augen. Er hat den Kommissar zwar auf sich zugehen sehen, aber wirklich wahrgenommen hat er ihn nicht. Sein Blick war eher auf ihn gerichtet, um vom Blick auf die Stelle wo Marie stand, abzulenken. Nun aber nimmt er ihn wahr und geht natürlich auf die Anfrage ein.
„Guten Tag, Sir. Ich bin noch ein Wackelkandidat für das Nationalteam. Mein Name ist Shinichi Yamamoto. Und wer sind Sie bitte?“
„Hauptkommissar Saito aus dem 87. Revier.“ Shinichi sieht ihn überrascht an. „Vom 87.? Wieso sind Sie denn dann hier beim 18. Revier tätig, wenn ich fragen darf?“ Saito ist erstaunt, dass er überhaupt weiß wo welches Revier tätig ist.
„Sie kennen sich aus, interessant. Mein aktueller Fall hat mich hergeführt. Ich arbeite mit dem 18. Revier zusammen.“
„Ich verstehe. Ich kenne mich nicht aus, mein Onkel arbeitet nur im 18., deswegen weiß ich es.“, antwortet er mit überzeugter stolzer Stimme.
„Oh, wirklich? Heißt der auch Yamamoto?“
„Nein.“, sagt er dann nur.
‚Oh, er will mir seinen Namen nicht sagen. Aber er scheint ihn zu mögen, sonst hätte er es nicht erwähnt.‘
„Nun gut, haben Sie einen Ausweis bei sich, damit ich Ihre Person bestätigt weiß?“
„Im Spint, da müssten Sie mir leider folgen, wenn Sie ihn sehen wollen.“ Ken steht inzwischen ebenso neben Shinichi und bestätigt seine Person.
„Das passt alles Herr Kommissar. Er gehört zu uns, offiziell ab heute, deswegen steht er auf keiner Liste.“ Shinichi ist erstaunt, als Ken das sagt.
„Wie meinst du das jetzt? Ich denke ich muss noch ein paar Tage zur Probe dabei sein und stehe dann nur auf der Anwärterliste für nächstes Jahr?“ Ken grinst ihn an und stupst ihn freundschaftlich an die Schulter.
„Nö, deswegen bin ich hier. Ich habe Herrn Katagiri gebeten dir seine Entscheidung selbst mitzuteilen. Du hast dich vorgestern und gestern so gut gezeigt und neben deinem Können bewiesen, dass du ein echter Profi bist. Deswegen wirst du dabei sein. Auf der festen Liste für die WM 2006 in Deutschland. Herzlichen Glückwunsch.“ Shinichi weiß vor Freude gar nicht was er sagen soll. In ihm steigt ein unvorstellbar großes Glücksgefühl auf und statt laut vor Begeisterung etwas zu schreien schaut er nur nachdenklich seine Hände an.
‚Marie, wieso muss ich denn jetzt dabei an dich und unsere seltsame Begegnung denken? Zuerst erscheinst du mir wie ein Engel und dann ereilt mich plötzlich gleich danach ein zweites Glück an diesem Tag. Du hast mir vorhin noch Mut gemacht, dass ich es bestimmt schaffe und siehe da, du hattest Recht. Ich musste zwar einen Traum aufgeben, aber mein größter Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich kann an der Seite meiner Vorbilder Hyuga, Ohzora und Wakashimazu zur WM fahren und für Japan spielen. Ich muss es dir unbedingt sofort sagen. Warum nur? Warum sehe ich dein fröhliches Lächeln vor mir?‘ Er macht Fäuste und schaut dann in Tinas Richtung, welche nun an der Stelle steht, an der Marie vorhin gestanden hat.
„Heute muss mein Glückstag sein!“, sagt er ganz laut, um seiner Freude endlich Luft zu lassen. Er sieht dabei Tina an. Dann kommt er auf sie zu. Ihm ist egal, dass neben ihr Karl-Heinz steht und ihn noch immer fragend ansieht oder wie seltsam es aussehen mag, wenn er sie vor Kojiros Augen berührt, aber er kann sich nicht zurückhalten, bleibt vor ihr stehen, berührt ihre Schulter und spricht sie glücklich an.
„Ich danke dir, ohne dich wäre ich heute nicht hier.“, sagt er voller Überzeugung. Tina ist total überrascht, dass er so emotional auf diese Nachricht reagiert. Natürlich freut sie sich sehr für ihn, aber was hat sie denn damit zu tun? Warum bedankt er sich denn bei ihr? Sie kennen sich doch an sich so gut wie kaum. Beide sind sie nicht so viel in der Schule und dadurch sehen sie sich selten und sie ist ihm doch immer ausgewichen, wenn es geht. Und nun kommt er ihr plötzlich so nah und fasst sie sogar an. Das ist ihr zwar nicht extrem unangenehm, aber irgendwie befremdlich, da sie doch nur Klassenkameraden sind. Verdattert sieht sie zu ihm auf und nimmt dann ihre Hände hoch und stößt seine Arme sachte zur Seite. Sie weiß, dass es nicht böse gemeint war und er ihr nichts tun will, aber befremdlich fühlt es sich doch an. Kojiro und Karl-Heinz sehen sich beide fragend an. Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? So schnell wie die Reaktion kam ist sie auch schon vorbei.
„Oh, äh, entschuldige. So war das nicht gemeint. Aber trotzdem danke. Wenn du nicht gewesen wärst und mich damals wachgerüttelt hättest, wäre ich nicht hier.“, spricht er sachlich und dann dreht er sich zum Kommissar um.
„Hauptkommissar Saito, wenn Sie noch meinen Ausweis sehen wollen, begleiten Sie mich zur Umkleide?“, spricht er lauter und stellt sich in den Türrahmen.
Dieser ist zwar auch etwas irritiert, aber geht natürlich auf seine Einladung ein, immerhin hat er ihn selbst darum gebeten. Während er auf ihn zugeht schaut sich Shinichi nochmal kurz um und blickt zu den drei Jugendlichen hinter Karl-Heinz.
„Tina, wer sind die beiden Kids? Zu wem gehören sie?“
„Das sind meine Geschwister.“, mischt sich Kojiro mit fester Stimme ein. Ihm stößt es noch immer etwas auf, dass er seine Bettina plötzlich so überrumpelt und berührt hat. Bisher mochte er ihn doch, weil er sehr nett ist, stark und selbstbewusst. Kojiro zeugt ihm viel Respekt, dafür, dass er den Mut hatte für seine Mutter den Transfer zu einem Spitzenverein wie Madrid abzulehnen. Deswegen hat er sich eben selbst sehr für ihn gefreut und war sehr auf die nächsten Spiele, Seite an Seite im Sturm mit ihm, gespannt. Und dann plötzlich kommt er ihr so nah. Das weckte unangenehme Erinnerungen vom Vorabend in ihn, als Karl-Heinz Tina plötzlich so nah kam, sie an die Tür drängte und sie beinahe geküsst hätte. Tina bemerkt seinen hohen Herzschlag und fasst sanft seine Hand. „Er meint es nicht so.“, sagt sie leise auf Italienisch. Er sieht sie erstaunt an.
‚Du nimmst ihn in Schutz? Sowas darf ihm nicht passieren, nicht wenn er bei uns sein will.‘
Die Tür schließt sich plötzlich, nachdem die Männer im Flur verschwunden sind. Tina schaut zur Tür.
‚Mist, jetzt muss ich warten oder komplett rumlaufen.‘
„Was meinte er damit, dass Sie ihn wachgerüttelt hätten?“, bringt sich Herr Katagiri ein, welcher in der Zwischenzeit eingetroffen ist, um Shinichi nach Kens Verkündung zu gratulieren.
Wer ist Shinichi Yamamoto?
Kapitel 91
Wer ist Shinichi Yamamoto?
Tina zuckt mit der Schulter und sieht den Mann vom Verband fragend an.
„Ich habe keine Ahnung. Wir hatten bisher keinen großen Kontakt. Shinichi ist ein Klassenkamerad aus der Berufsschule und ich bin ihm wie allen anderen Fußballern so gut es ging aus dem Weg gegangen. Er kam ja erst kurz vor Weihnachten in die Klasse. Wenn wir miteinander etwas zu tun hatten, dann nur wegen der Schule, mal Vorträge ausarbeiten oder neulich eben im Sport im selben oder im gegnerischen Team spielen für die Noten. Wir sehen uns selten, weil wir beide wegen des Profisports nicht so viele Stunden machen müssen. Ich gehe zum Beispiel nur zu den Pflichtstunden oder zu den Themen, die ich nicht alleine ausarbeiten kann oder mal Noten brauche. Ich schreib sonst nur meine Arbeiten und bin wieder weg.“, erklärt Tina selbst überrascht.
„Ich wüsste nicht, dass ich etwas damit zu tun habe, dass er jetzt ins Team aufgenommen wurde. Wir haben uns nie über seinen Sport unterhalten, nur fachliches Zeugs, wenn nötig. Ich kann mir aber vorstellen warum er sich so freut. Ich weiß, dass er sich sehr freut, weil er wohl vor dem Umzug einem großen Verein abgesagt hat, nur um sich um seine kranke Mutter zu kümmern. Das kann man nur hoch anrechnen, sicher daher die Euphorie. Ich wusste bis gestern nicht einmal, dass er überhaupt so gut ist mit euch mitzuhalten.“ Ken bringt sich ein. „Das kann ich erklären.“ Er stellt sich neben Katagiri. Pierre kommt ebenso zu den anderen und ist neugierig geworden.
„Stopp. Jetzt mal ganz kurz. Wer ist das denn? Ein Neuer also. Welche Position spielt er?“, bringt sich Karl-Heinz ein und sieht zu Kojiro.
„Es wird noch entschieden wo genau er eingesetzt wird. Bisher spielte er in Frankreich als Stürmer und hier jetzt in Kens Tokio-Team ebenso. Du kannst dich also nächstes Jahr warm anziehen. Pierre weiß schon wovon ich rede.“, erklärt er ihm stolz und versucht sich damit auch abzulenken, denn der Anblick, wie Tina berührt wurde irritiert ihn noch etwas.
„Oh ja, dem kann ich nur zustimmen. Bettina, du bist gut, einem großen Verein abgesagt. Er wollte zu Real Madrid. Shinichi war gut eine Saison in meinem Team, dann ging das vor etwa einem Jahr mit seiner Mutter los. Sein Transfer war schon fast komplett abgeschlossen und dann musste er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um da irgendwie wieder rauszukommen. Zum Glück hatte er noch nicht unterschrieben. Am Ende musste er eine hohe Strafgebühr und eine Ablösesumme für den ganzen Verwaltungsaufwand an unseren Verein zahlen. Die haben sich extrem zickig, wenn mal ein Deal platzt. War ein heftiger und mutiger Schritt, den er da gegangen ist. Dann war er offiziell ungebunden und ist mit seiner Mutter nach Japan gezogen.“
Tina ist ganz ruhig. So viel wusste sie nicht über ihn.
„Real Madrid? Oha. Und er hat mit dir gespielt? Dann muss er ja wirklich gut sein. Ich habe es gestern ja gesehen. Und ich dumme Kuh habe ihn an seinem ersten Tag beleidigt. Ich bin später erstaunt gewesen, dass er überhaupt noch mit mir gesprochen hat. Trotzdem war er nie unhöflich oder unfreundlich zu mir.“, berichtet Tina betrübt. Wie konnte sie nur so gemein sein, wenn er doch so einen Ärger hinter sich hatte und dann auch noch seine kranke Mutter pflegte.
„Beleidigt? Was haben Sie denn gesagt?“, fragt Katagiri. Tina schämt sich etwas und schaut zur Seite wo im Moment niemand steht.
„Das ist mir etwas peinlich, es hier zu sagen. Es war gemein.“, kommt mit fester Stimme.
„Du hast ihn als Feigling bezeichnet und einen Waschlappen genannt.“, haut Ken raus. Tina schaut verdutzt zu ihm.
„Und das vor der ganzen Klasse, in Anwesenheit des Lehrers und seiner eigenen Cousine.“ Alle Blicke sind auf sie gerichtet.
„Ich sagte doch es war gemein. Er musste sich auch nicht wundern, wenn er sich der Klasse vorstellt und nur meinte, er habe mal gespielt und war zwar weit gekommen, aber habe den Sport aufgegeben, für die Gastronomie. Mehr hat er ja nicht gesagt. Aber so wie er sagte klang es nach Aufgeben, nicht danach er habe den Beruf gewechselt.“ Dann stellt sie sich mit verschränkten Armen streng hin und blickt Ken an.
„Jeder der mich kennt weiß; aufgeben ist für mich keine Option! Und deswegen ist mir das rausgerutscht. Wenn man sowas hört, tut es einem als Sportler doch im Herzen weh. Ich habe auch einfach neu angefangen. Ich habe mit dem Schwimmen und Laufen weitergemacht und wollte mich darauf konzentrieren. Erst als Yoko mir den Ball in die Hand drückte konnte ich ihn nicht mehr weglegen. Bis heute.“ Ken grinst.
„Shinichi erzählte mir es ähnlich. Zuerst habe er sich sehr über deine Äußerung geärgert und dann hat er sich wohl über dich erkundigt und das mit deinen Eltern erfahren. Da wurde es ihm klar was du meinst. Und durch diese Äußerung kam er einen Tag später zum Probetraining zu uns und stellte sich vor.“
‚Bettina, das warst du? Als wir uns vor drei Monaten nach einem Spiel unterhielten und ich ihn fragte wie es kam, dass er wieder zum Spielen gefunden habe, meinte er eine Klassenkameradin habe ihn daran erinnert worum es im Sport geht und dass er ohne ihn nicht leben kann. Er habe sich sofort wieder ins Training gestürzt und war sehr froh, dass er seine Kondition schnell wieder gefunden hat.‘, geht durch den Kopf des Talentscouts. Karl sieht zu ihr und grinst.
„Das sieht dir ähnlich. Anderen Mut machen und sie über ihren eigenen Schatten springen lassen. Das konntest du immer gut.“, spricht er seine Gedanken aus.
Wenige Minuten zuvor fällt die Notausgangstür hinter Shinichi zu. Plötzlich bleibt er stehen und sieht zurück.
„Ach, bin ich doof. Jetzt habe ich in meiner Euphorie völlig überreagiert. Das muss ich nachher noch versuchen geradezubiegen.“, macht er sich Gedanken und berührt kurz die Tür mit der flachen Hand.
„Immerhin sehen Sie Ihren Fehler selbst ein. Das ging aber schnell.“, kommentiert Saito lobend. Shinichi dreht sich zu ihm um.
„Das war es. Ein Händeschütteln hätte gereicht. Nun ist es so. Ob sie mir verzeihen kann? Tina kann ganz schön zickig sein.“
„Zickig? Also das kann ich nun gar nicht bestätigen. Selbstsicher und erhaben. Bettina weiß wer sie ist und was sie kann. Sie lässt sich nichts von uns Männern sagen, das ist alles. Das wirkt dann vielleicht zickig.“ Der junge Mann stutzt.
„Sie nennen sie Bettina? Kennen Sie sich persönlich?“ Beide gehen Richtung Umkleide.
„Ja, wir sind Freunde. Sagen Sie mir, warum der Dank? Sie haben sich doch eben bei ihr bedankt. Wofür? Ein Aufrütteln von was?“
„Als ich hier ankam und mich der Klasse vorstellte und erzählte, dass ich in Frankreich gespielt habe und nun den Sport an den Nagel gehängt habe, um wieder hier zu sein, hat sie mich als Waschlappen und Feigling bezeichnet. Dann machte ich sie an, dass sie sich nicht in mein Leben zu mischen habe und dann haute sie einen Spruch raus, der mich bis heute begleitet.“
„Wer aufgibt, hat schon verloren. Du willst dich doch nur nicht mit den Großen anlegen. Das Leben besteht aus Herausforderungen.“
„Oha. Die musste ich mir auch schon anhören.“, haut Takeru heraus und lacht. „Echt? Ihnen hat sie sowas gesagt?“
„Ja, und dann konzentrierte ich mich nach dem Tod meiner Frau auf meine Enkelkinder, statt im Selbstmitleid zu verfallen. Die sind mein neuer Halt. Und Sie? Sie haben wieder angefangen zu spielen, nicht wahr?“ Er schmunzelt und nickt.
„Genau, ich habe mich dann daran erinnert wie schön es war mit Pierre und Misaki zu spielen oder gegen sie und gegen Genzo. Es war eine echt tolle Zeit und ich war ja auch sehr gut. Tina war beliebt in der Klasse also muss es einen Sinn haben, warum sie das gesagt hat. Dann erkundigte ich mich mal bei meiner Cousine über die unbekannte Blondine. Naja, sie erzählte mir dann wer Tina ist und dass sie ihre Eltern verloren hat und diese Ausbildung macht um das Lokal zu führen. Es war wohl der Traum ihrer Mutter.
Ich konnte doch jetzt nicht mehr zulassen, dass eine deutsche kleine Frau, mit ihren starken Bällen für uns Japaner einen Titel holte und ich hocke nur in einer Gaststätte rum, wenn ich nicht gerade meine Mutter versorgte.
Also ging ich sofort zum Tokio-Team und fragte einfach nach, ob ich bei ihnen spielen darf. Naja, ich habe einen Tag trainiert und mit ihnen ein kleines Spiel gemacht und das hat gereicht, um drin zu sein. Ken lobte mich sehr und setzte sich dafür ein, dass ich auch ein angemessenes Gehalt bekomme, vor allem dafür, dass ich ohne Transfersumme zu ihnen komme. Die Spielpraxis fehlte etwas, aber nach ein paar Trainingseinheiten kam ich gut mit allen klar.
Und deswegen war ich vorhin so überdreht. Denn ich hatte ein neues Ziel, das war dieses Team hier. Ohne Tinas Antrieb und Aufrütteln wäre ich nicht hier gelandet.“ Die beiden kommen bei der Umkleide an und Shinichi öffnet die Tür, gibt die Nummer im Spint ein und öffnet das Schloss und die Tür. Dann kramt er in seinem Rucksack, holt seinen Reisepass heraus und reicht diesen dem Kommissar.
„Wieso sind Sie eigentlich hier? Ich weiß von gar nichts, komme hier an und sehe dann plötzlich einen unserer größten Rivalen und dann die Polizei. Was hat das zu bedeuten?“ Takeru schaut sich den Ausweis genau an und notiert sich die nötigen Daten für das Protokoll.
„Sie sind hier geboren, aber in Frankreich aufgewachsen?“
„Genau, deswegen ist da noch die alte Adresse drauf. Ich kann noch nicht sagen wie lange ich hier bleibe. Vorerst nutze ich mein Geburtsrecht und brauche kein Visum. Ich bin erst seit November letzten Jahres hier und vertraglich vorerst noch eine Saison im Verein gebunden. Aber ohne Sport oder Job in Europa sein, das wird nichts. Ich muss dann weiterschauen.“
„Dann möchten Sie irgendwann zurück nach Frankreich?“ Er gibt ihm den Ausweis wieder.
„Ja, für mich ist das meine zweite Heimat.“, atmet er tief durch, als er den Spint wieder schließen will. Kurz darauf sind Stimmen im Flur zu hören. Sie klingen fröhlich. Shinichi kann sie genau deuten. Und kurz darauf stehen Genzo und Marie vor der Tür und schauen zur Umkleide herein.
„Na Neuer, wieso bist du nicht draußen? Warum ist der Kommissar hier?“, stutzt Genzo.
„Ich musste meinen Ausweis vorzeigen, da ich nicht auf seiner Liste stehe.“ „Verstehe, du bist halt noch zu neu. Ich bin gespannt wie Katagiri entscheidet. Wenn es nach mir geht, bist du eine Bereicherung. Nur die Vorstellung, du und Kojiro ganz vorne, das wird spannend. Ken hat nicht zu viel versprochen, als er dich uns vorgeschlagen hat.“, reden sie auf Deutsch miteinander.
„Danke, das aus deinem Mund zu hören geht runter wie Öl.“, grinst er fröhlich und dann schweift sein Blick zu Marie.
‚Wie schön du bist. Dieses bunte Kleid hebt dein bezauberndes Lächeln noch mehr hervor. Jetzt weiß ich wie sich Kojiro bei dieser Sportstunde und gestern gefühlt haben muss. Zu leugnen, dass man sich kennt und mag ist ja furchtbar. Das fiel den beiden sicher sehr schwer vor all den vielen Zuschauern. Und ich weiß jetzt gar nicht was ich machen soll. Dich ignorieren oder einfach freundlich begrüßen? Oder sollte ich so tun als wüsste ich nicht wer du bist und Genzo fragen? Ich muss jetzt einfach nur cool bleiben und normal wirken. Dem Kommissar wird es egal sein, aber wie würde Genzo reagieren, jetzt wo ich weiß, dass ihr euch von damals kennt und vermutlich auch Freunde wart.‘ Marie ist ebenso im Gedanken. Ihr Blick mustert ihn und dann bleibt sie in seinen Augen hängen. Beiden schlägt das Herz schneller und ihnen wird etwas wärmer. ‚Shinichi, wie stark du bist, jetzt fällt es noch mehr auf, wenn man sieht, dass du bereits draußen mit den anderen trainiert hast und dich etwas auspowern konntest. Dein Trikot ist schmutzig und an deinen Beinen sieht man auch, dass du bereits einige Male am Boden lagst. Was habt ihr geübt? Genzo sagt du würdest mit Kojiro vorne spielen, also bist du Stürmer, so wie er und Karl. Soweit sind wir in unserer Unterhaltung gar nicht gekommen.
Mir wird ganz warm, wenn ich dich so sehe und dann müssen wir uns auch noch zurückhalten. Ich muss jetzt ganz cool bleiben. Was würde Tina in so einer Situation machen? Sie ist immer die Coole, war sie früher schon. Die ganze Zeit hat sie den Jungs was vormachen können und nun als Frau lerne ich sie doch erst neu kennen. Aber auch jetzt ist sie die Coole. Wie sie eben versucht hat unsere offizielle erste Begegnung zu umgehen indem sie mir den Schlüssel gab und aus dem Schussfeld nahm, das war schon eine gute Idee.
Ach Shinichi, was denkst du jetzt über mich? Jetzt wo du weißt, dass dein vermutlich größter Rivale mein Bruder ist? Ist das für dich ein Hindernis oder ist dir das egal? Ich mag dich und will dich richtig kennenlernen. Da kann auch mein Bruder nichts daran ändern. Ich möchte ihn nur jetzt nicht damit konfrontieren, denn ich habe noch eine Aufgabe zu erledigen und damit muss er erstmal klarkommen. Da passt das jetzt zeitlich gar nicht.‘
Marie stößt den Mann neben sich an und lächelt in Shinichis Richtung.
„Genzo, du bist unhöflich. Du unterhältst dich mit einem Freund und stellst ihn mir gar nicht vor.“ Saito ist überrascht, dass sie sich alle auf Deutsch unterhalten. In Yamamotos Ausweis war keinerlei Hinweis darauf zu erkennen, dass dieser junge Mann Deutsch sprechen könnte. Er denkt sich jedoch zuerst nichts weiter dabei und will den Raum verlassen, denn seine Aufgabe hier ist erledigt.
„Danke, Herr Yamamoto, für Ihre Mithilfe. Ich gehe wieder an die Arbeit.“, verabschiedet er sich und verlässt den Raum. Dann stutzt er plötzlich, als er Maries Körperhalten von der Seite betrachtet. Sie fasst sich mit einer Hand am Arm und bewegt diese zärtlich wie ein dezentes Streicheln, als würde sie im Gedanken jemand berühren. Genzo bemerkt es natürlich nicht und Saito konnte es von seinem Blickwinkel vorher nicht sehen.
‚Nanu, was hat das zu bedeuten? Eine Bewegung aus dem Gedanken? Ist das ein Sehnsuchtsgedanke aus der Phantasie oder eine Erinnerung?‘ Neugierig betrachtet er ihr Lächeln von der Seite und blickt dann zu Shinichi auf dem ihr Blick gerichtet ist. Dieser wiederum dreht sich genau in dem Moment zum Spint, schließt die Tür und macht das Schloss wieder auf 0000. Seine rechte Hand verharrt ganz kurz am Display und dann schaut er zur Tür.
„Sie hat Recht, Genzo. Das ist unhöflich.“, sagt er freundlich und selbstsicher. Takeru versteht natürlich nicht was er sagt, aber seine Reaktion auf Maries Worte und sein sehr freundliches Lächeln mit der vorherigen kurzen Überlegungsphase verrät dem erfahrenden Kommissar, dass er sie bereits kennt und sie es beide verbergen. Das wundert ihn, dass Marie plötzlich so aus sich herauskommt und Genzo anspricht. Bisher kam sie ihm nur sehr schüchtern, weinerlich, ängstlich und nachdenklich vor, aber nicht offen und mutig.
„Oh, entschuldigt bitte. Shinichi, darf ich dir vorstellen, Marie, Schneiders Schwester, wie du vorhin sicher mitbekommen hast. Marie, das ist Shinichi, es wird noch entschieden, ob er ins Team kommt oder nicht. Er ist Stürmer wie Kojiro und Karl. Er hat gestern sogar ein Tor gegen mich gemacht.“, lobt er ihn, denn Genzo ist stolz darauf so einen guten Neuzugang zu haben, der ihm sogar Parole bieten kann.
Marie geht etwas zurückhaltend einen Schritt vor und reicht ihm die Hand.
„Wow, ein Tor gegen Genzo? Es freut mich dich kennenzulernen.“, spricht Marie zurückhaltend und sieht ihm in die Augen während er zu ihr geht und ihr dann auch die Hand reicht. Er lächelt und genießt die zarte aber feste Berührung ihrer kleinen Hand.
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Ich gehöre übrigens nun offiziell zum Team. Das muss mein Glückstag sein.“ Er lässt ihre Hand los, damit es nicht so auffällt und schaut dann zu Genzo.
„Ach echt? Das ist ja klasse. Hat er sich schon entschieden? Wieso Glückstag? Was war denn heute noch?“, freut sich Genzo und ist neugierig.
„Naja, zuerst entscheidet sich meine Mutter spontan doch noch herzukommen, dabei wollte sie das Haus nicht verlassen und dann diese Nachricht eben, dass ich mit meinen Vorbildern zusammenspielen darf.“
„Dann ist ein Traum in Erfüllung gegangen?“, blickt sie glücklich zu ihm auf. Ihr Herz rast wie wild. Sie freut sich sehr für ihn, als er ihr vorhin von seinem geplatzten Transfer erzählte und dass er hofft gut genug für dieses Team zu sein, da machte sie ihm Hoffnung. Sie sagte ihm, wenn er es schon bis zur Einladung geschafft hat, wird es sicher irgendwann klappen.
Genzo schmunzelt, als er Maries Reaktion einfängt und Shinichis Blick deutet. ‚Oha, ihrer seltsamen Bemerkung vorhin zu urteilen ist sie hier jemanden begegnet, den sie mag. Er ist das. Aber klar, mit ihm kann sie sich unterhalten haben. Versuchen die sich hier gerade beide vor mir zu verstellen, damit der Kommissar und ich nicht mitbekommen, dass sie sich bereits kennen? Und du Shinichi? Wusstest du vorhin wer sie ist? Du dürftest es an sich erst vorhin bei dieser plötzlichen Begrüßung herausgefunden haben, wenn sie es dir nicht schon erzählt hat. Du bist doch auch gerade erst gekommen und hast nicht mal eine Stunde bei uns auf dem Spielfeld verbracht. Etwas anders verhalten als gestern hast du dich aber wirklich. Du warst nicht abgelenkt oder unkonzentriert, aber nachdenklich und etwas stiller als die anderen zwei Tage. Heute sind alle etwas angespannt, einmal wegen der gestrigen Sache mit Tina und Kojiro und dann kommt die seltsame Situation dazu, dass Karl-Heinz hier ist und kaum einer weiß wieso und was es auf sich hat macht es nicht leichter. Es macht alle etwas nervös. Auch er ist sehr angespannt, denn für ihn ist die Situation hier wahnsinnig unangenehm. Aber er weiß, die Alternative wäre das Polizeirevier und da will er bestimmt nicht hin.
Nun gut, ihr beide. Ich misch mich da nicht ein. Tina hat es scheinbar auch mitbekommen und hat deswegen dafür gesorgt euch zu trennen und dass Marie deine Mutter kennenlernt, Shinichi. Das erklärt es auch, sonst hätte ich das alleine machen können. Mich hat sie doch nur in die Spur geschickt, damit ich Hinata begegne. Typisch Tina, muss Armor spielen.‘
Er schaut dann zum Kommissar und grinst nur vor sich hin.
„Ich bringe am besten mal den Schlüssel wieder zu Tina, sonst meckert sie rum. Die kann so brummig werden, wenn sie lange warten muss.“, äußert er und geht an ihm vorbei. Saito ist überrascht.
‚Nanu, hat er es auch mitbekommen? Und jetzt will er sie bewusst alleine lassen? Interessant. Ich hätte ihn eher so eingeschätzt als kommt da der Beschützerinstinkt. Er scheint diesem Yamamoto ja zu vertrauen.‘ Saito folgt ihm und schreitet durch den langen Gang.
‚Karl-Heinz, am besten wir reden nachher mal miteinander anstatt nur in der Hitze auf dem Rasen zu stehen. Ich glaube du traust dich nicht mich selbst anzusprechen, immerhin warst du es, der den Kontakt zu uns abgebrochen hat. Zwar fragtest du ständig ob ich mit in dein Team komme, aber ich lehnte immer ab. Es war eine so schöne Zeit mit dir und den anderen. Meine Kindheit und Jugend habe ich dort genossen, in diesem tollen Team. Im Moment ist die Sachlage bei mir im Verein so angespannt und mein Vertrag läuft ohnehin aus und ich muss jetzt gehen. Es gibt nur eine Lösung…eine zweite Staatsbürgerschaft. Dann kann ich bleiben. Aber will ich das auch? Will ich für immer in Deutschland bleiben? Ich mag die Deutschen, der Anfang war schwer, aber Idioten gibt es überall. Seit ich fest im Team bin und später in der Profiliga war es doch nur schön. Die Menschen mögen mich und wie man sieht kann ich sogar die Jugend begeistern, sogar die Mädchen, wie man heute feststellt. Diese Katharina hat wirklich was drauf. Sie ist sehr gut. Sie ist nur meinetwegen nach Hamburg gegangen. Will ich aber für immer in Hamburg bleiben, nach dem ganzen Ärger in den letzten zwei Jahren? Zuerst bleibe ich aus Dankbarkeit im Verein und womit danken sie es mir? Sie kommen mit der Ausländerquote und kicken mich raus. Ich habe Tina davon noch gar nichts erzählt. Kojiro scheint sich da rauszuhalten. Sie glaubt immer noch ich bin normal im Team. Ob ich dortbleiben will, das weiß ich immer noch nicht. Es wird Zeit für eine Veränderung, eine Veränderung für uns alle, nicht nur für sie.
Shinichi hingegen hat den Vorteil beide Staatsbürgerschaften zu haben. Es öffnet ihm viele Türen und auch innerhalb der EU und Europas kommt ihm die französische Angehörigkeit zugute. Ihn schmeißt keiner so schnell wegen einer Quote raus.‘ Plötzlich geht eine Tür im Flur auf und Fane steht in der Tür. Sie hat ein Handy in der Hand. Sie winkt ihm nur kurz und verschwindet dann im Besprechungsraum ein paar Türen weiter.
„Kleinen Moment. Ich bin gleich für Sie da.“, spricht sie hinein und kurz hinter ihr kommt Tsubasa aus dem Trainerbüro.
„Oh, hallo Genzo. Hast du Tina gesehen? Sie wollte jeden Moment hier sein.“, spricht er verwundert. Saito geht weiter und winkt nur kurz hoch.
„Ich sage ihr Bescheid. Es scheint zu eilen.“ Somit eilt er zur Notausgangstür, um sie reinzulassen.
„Der Kommissar erledigt das. Sehr nett. Was habt ihr denn so Wichtiges zu tun?“, fragt er seinen Freund und schielt durch den Türschlitz in den Raum. Da entdeckt er einen Herrn in schwarzer eleganter Kleidung und Unterlagen auf dem Tisch. „Sanae wird doch Tinas Managerin, das hat sie gestern doch verkündet. Jetzt wird der Vertrag unterschrieben und ihr Anwalt ist extra hergekommen, weil es ja nicht anders geht jetzt. Ich bin schon aufgeregt und freue mich auf die tolle Zeit. Endlich kommt Sanae wieder zu mir und wir sehen uns öfters.“, strahlt er ihn an.
„Ach das. Ich freue mich riesig für euch.“ Dann geht Genzo weiter zum Ausgang und in dem Moment öffnet Saito schon die Tür und schaut wo Tina hin ist. Sie ist nicht zu sehen und auch die anderen sind alle weg.
‚Nanu, so lange war ich doch gar nicht weg.‘ Er dreht sich zu Genzo um und ruft ihm zu.
„Hier ist niemand mehr. Sie sind sicher rumgegangen und kommen über den normalen Eingang rein.“ Genzo hebt die Hand.
„Okay, danke Ihnen.“ Genzo drückt Tsubasa den Schlüssel in die Hand.
„Gib den bitte Tina, wenn sie dann hier ist. Ich bin wieder draußen.“
Saito geht wieder zurück ins Gebäude und klopft ans zweite Trainerbüro.
„Herein.“, kommt eine Frauenstimme und es wird geöffnet.
„Na? Wie sieht es aktuell aus? So langsam könnten sich die Typen aber mal blicken lassen. Die Warterei nervt. Die Leute hier sind alle angespannt.“, spricht er seine Kollegen an. Moris sitzt am Laptop mit der jungen Polizistin und verfolgt dem laufenden Funkspruch mit dem Kollegen vor Ort im „De Mecklenburger“.
„Sie kommen genau richtig, es scheint sich was zu tun.“, meint sie dann leise. „Oh, super.“ Er geht zum Kaffeeautomaten und zieht sich einen schwarzen Kaffee. Dann stellt er sich hinter sie.
„Was haben Sie über diesen Anwalt Satsujinsha herausgefunden? Bettina und Kojiro haben das Gefühl ihm nicht trauen zu können.“
„Oh ja, das war knifflig, aber ich habe tatsächlich was gefunden. Ein Freund von mir ist Hacker und hat sich da in eine spezielle Datenbank eingeschlichen. Sehen Sie hier.“
„Oha, na das nenne ich mal eine Information.
Und wie kam jetzt Ihr Freund an diese Infos? Sie kennen einen Hacker?“
„Nun seien Sie mal nicht so kleinlich. Ich dachte, da Frau Fuchs eine Freundin von Ihnen ist, kann ich mal mogeln und privat recherchieren.“, brummt sie etwas aber grinst ihn dabei an.
„Danke, mit Ihnen werde ich wohl meine wahre Freude haben. Ermittlungen ohne sich an die Regeln zu halten, also wirklich.“, grinst er zurück.
Unterdessen betreten Kojiro und Tina das Hallengebäude und ihnen kommen Hinata und Shinichis Mutter entgegen.
„Guten Tag Frau Yamamoto und hallo Hinata. Dann hat ja alles geklappt mit dem Schlüssel.“, entgegnet Tina freundlich und lächelt beide fröhlich an. Die Dame im Rollstuhl blickt zu ihr auf und lächelt sie gegeistert an. Die helle Sonne hinter Tina, als sie die Tür geöffnet hat und ihre blonden halblangen Haare wehen ein wenig vom kleinen Windstoß der Klimaanlage durch den Sog, lassen sie für die Frau wie eine Erscheinung aussehen.
„Hinata, sieh mal. Noch ein Engel. Und wieder so hübsche liebliche deutsche Worte. Bin ich wirklich noch nicht im Himmel?“, äußert sie glücklich aber skeptisch. Hinata legt ihre Hand auf ihre Schulter.
„Ach Tantchen, wir sind doch jetzt hier bei Shinichis Freunden. Und das ist Tina, unsere Klassenkameradin. Wir haben dir von ihr erzählt. Genzo, der eben bei uns war ist ein Freund von ihr.“
„Genzo, ach ja, der, der dir das Leben gerettet hat?“
„Ja genau. Er hat den Schlüssel gebracht.“
„Ein schöner starker Mann. Schade…“, senkt sie ihren Kopf.
„Wie schade? Was meinst du?“, wundert sich Hinata.
„Er hätte so gut zu dir gepasst. Du hast doch gesagt, er hat dich im Krankenhaus jeden Tag besucht und du hast dich in ihn verguckt, aber gegen einen Engel kommt man nicht an.“, meint sie frei raus. Hinata läuft plötzlich rot an und ihr Herz fängt an schneller zu schlagen. Ihr ist es peinlich, dass ihre Tante das gesagt hat.
„Tantchen, du bringst mich in Verlegenheit.“ Kojiro versteht natürlich kein Wort, da die Dame, welche etwa um die 60 Jahre alt ist, in Deutsch spricht.
Tina kann sich das Lachen nicht verkneifen und muss sich jedoch sehr zurückhalten. Es erwärmt einerseits ihr Herz, dass schon wieder jemand sie mit Genzo verkuppeln will und das dann auch noch so niedlich ausgesprochen wurde aber es macht sie auch traurig zu erleben wie schlecht es Shinichis Mutter bereits gehen mag.
‚Oh man, diese Bemerkung eventuell im Himmel zu sein, macht einem ja Angst. Geht es ihr bereits so schlecht, dass sie denkt, dass jeder Tag der Letzte ist? Der arme Shinichi. Das kann einen sehr belasten.‘
Tina geht auf sie zu und hockt sich vor ihr hin und lächelt sie an.
„Frau Yamamoto, da kann ich Sie beruhigen. Wir sind nur Freunde. Genzo und ich kennen uns aus der Kindheit.“, berührt sie zaghaft ihre Hände auf dem Schoß. Dann beugt sie sich zu ihr und flüstert.
„Und unter uns, er hat auch ein Auge auf Hinata geworfen. Es besteht Hoffnung.“ Dann stellt sie sich wieder hin. Die Dame sieht erfreut zu ihr auf und legt die Hand vor den Mund und lacht dezent.
„Ui, ein Geheimnis.“, grinst diese.
„Hinata, es war eine Gute Idee herzukommen. Ich wollte deinen Lebensretter kennenlernen und Shinichis Freunde sehen und ihm beim Spielen zusehen und nun treffe hier auf blonde Engel und ganz viele hübsche junge Männer. Da ist schon wieder ein starker schöner Mann. Bist du sicher, dass ich noch nicht im Paradies bin?“
„Ja Tantchen.“, klingt Hinata etwas genervt.
„Es tut mir leid, Tina, sie spricht neuerdings alles aus was sie denkt.“ Tina lächelt nur.
„Tina? Etwa die, die Volleyball spielt? Sie hatte doch einen Tiernamen, wie war der noch?“
„Ich heiße Bettina Fuchs, genau die bin ich. Mein Rufname ist Tina.“, klärt Tina auf.
„So ein schöner Name. Bettina. Shinichi hat mir von Ihnen erzählt. Ich muss mich bedanken. Danke, dass Sie ihn dazu gebracht haben, wieder zu träumen. Er war immer so traurig, als wir hergezogen sind. Er liebt doch seinen Sport so sehr.“ „Das hat er ganz alleine geschafft.“, lächelt sie.
„Und der gutaussehende Mann hinter Ihnen, ist das Ihr Freund? Er kommt mir sehr bekannt vor.“ Tina wird etwas verlegen und stellt sich dann neben Kojiro und berührt seinen Arm und schaut zu ihm auf.
„Genau, Kojiro ist der Mann an meiner Seite. Wir sind ganz frisch verliebt.“, spricht sie liebevoll. Kojiros Blick ist fragend, aber er merkt, dass Tina ihn wohl eben gerade vorgestellt hat. Er hört seinen Namen deutlich heraus und versteht die Worte Mann und verliebt. Er verbeugt sich höflich vor ihr und wünscht ihr einen guten Tag. Shinichis Mutter schlägt die Hände zusammen und schaut begeistert zu ihnen auf.
„Oh wie romantisch. Sie sind ein hübsches Paar.“
„Ähm, danke.“, schmunzelt Tina und lenkt dann vom Thema ab.
„Hinata, hast du den Schlüssel oder Marie?“
„Den hat Genzo, er wollte ihn dir wiederbringen.“
„Okay, naja. Wir sind nun rumgegangen. Wir müssen uns umziehen, etwas erledigen und dann endlich mal Mittagessen. Ich habe Hunger. Kojiros Familie ist hier und wir lernen uns endlich mal kennen.“, spricht sie jetzt wieder Japanisch.
„Okay. Wenn ihr euch wieder verpasst sage ich ihm Bescheid. Am besten er gibt mir dann den Schlüssel, denn wir laufen ja nicht ständig umher.“
„Gut, dann weiß ich wo ich ihn finde. Ach so, habt ihr etwas zum Sonnenschutz da? Am besten ist aber immer der Gebäudeschatten.“
„Ja, alles gut. Ich habe ein paar Regenschirme mitbenommen, schau.“, zeigt sie auf die Beutel am Rollstuhl.
„Super, am besten jetzt gleich benutzen, beim Laufen. Es ist heute wirklich sehr heiß und kaum Wind. Wenn es zu warm wird, könnt ihr in die Turnhalle kommen, oder immer im Gebäude aufhalten. Hier ist besseres Klima und in der Halle eine große Klimaanlage. Nach unserer Pause werde ich dann auch wieder in die Halle gehen und trainieren. Heute Abend habe ich ja noch das Spiel.“
Hinata bedankt sich für den Rat und wartet bis die beiden an ihnen vorbeigegangen sind.
„Bis später Frau Yamamoto. Genießen Sie die schöne Zeit hier.“
Somit geht das Paar den Flur entlang und Tina klopft ans Trainerbüro und geht hinein. Kojiro wartet draußen.
„Ah, ihr seid da. Super. Ich ziehe mich nur schnell um, dann bin ich da. Wo ist Fane?“
„Kurz telefonieren.“, antwortet Tsubasa, welcher gerade den Vertrag in den Händen hält und durchliest. Kudo steht kurz auf und begrüßt Tina.
„Hallo Bettina-san, also meinetwegen musst du dich jetzt nicht extra umziehen.“, meint er.
„Ich bin nach der Unterzeichnung zum Essen eingeladen, also da tauche ich jetzt auch nicht so durchgeschwitzt auf. Das wäre ja unhöflich.“, schmunzelt sie und schließt dann wieder die Tür. Kojiro grinst hinter ihr und berührt ihren Arm.
„Du lässt deinen Anwalt aber wirklich zappeln. Der Arme. Von uns weiß er immer noch nichts?“
„Stimmt, das machen wir dann nach der Unterzeichnung. Dann haben wir in Ruhe Zeit dazu. Und aktuell ist das ja auch seine Arbeitszeit, richtig? Privates später.“
„Stimmt. Gut, dann müssen wir uns kurz trennen. Meine Umkleide ist dort drüben und deine?“ Tina dreht sich um und zeigt in den Gang zurück.
„Dort gegenüber von den Gästetoiletten. Wenn du fertig bist, kannst du ja vorbeikommen und mich abholen.“ Kojiro schaut kurz in beide Richtungen im Flur, niemand ist zu sehen und die Lichter sind auch fast alle wieder aus. Nur ihres ist noch an. Plötzlich berührt er ihre Wange und mit der anderen Hand lässt er ihren Arm los und fasst bestimmend ihren Rücken. Ihr wird ganz warm und sie sieht nur noch verliebt in seine Augen. Dann küsst er sie unerwartet und ihre Hände berühren seine Oberarme und umfassen seine Schulter und den Nacken. Beide schmiegen sich fest aneinander und versinken in einem leidenschaftlichen Kuss.
‚Ich liebe dich, Kojiro. Und ich liebes es, wenn du das tust…so unvorhersehbar. Es ist immer so aufregend mit dir, egal was wir machen und wo wir sind. Immer bringst du meine Knochen zum Schmelzen.‘ Nun geht auch das Licht über ihnen aus.
‚Ich liebe dich. Bettina, ich kann dir gar nicht sagen wie sehr. Du bist so liebevoll und so schön, dass ich am liebsten immer alles um mich herum ausblenden würde. Es war eben ein sehr komisches Gefühl, als er dich so angefasst hat. Schon gestern, als ich in der Kamera beobachtet habe, wie dich Karl-Heinz beinahe geküsst hätte, war unerträglich. Und ausgerechnet jetzt kam dieses Bild wieder, dabei hat es Shinichi wirklich nur dankend gemeint. Er ist es aus Europa so gewohnt, gewohnt seine Emotionen zu zeigen, das kenne ich doch von Genzo. Der ist auch so, seine Umarmung hatte mich auch nicht gestört. Ich hatte gar keinen Grund plötzlich eifersüchtig zu reagieren. Diese Anspannung ist furchtbar. Immer noch ist es so ungewiss was heute alles passieren wird. Und dieser berauschende Moment unter der Dusche, Bettina. Es kommt mir noch immer vor wie ein Traum. Dass du tatsächlich so derart spontan sein kannst, das hätte ich gar nicht gedacht. Es war so schön.‘ Er genießt ihre Nähe und diesen intensiven Kuss mit vollen Zügen.
Einige Sekunden später geht plötzlich eine Tür auf und der Flur wird erhellt. Das Licht erreicht sie jedoch nicht. Sie sind zu weit hinten im Flur. Beide unterbrechen den Kuss und bewegen nur ganz langsam ihre Köpfe, damit sie sehen können was los ist. Wenn jetzt das Licht über ihnen angeht, dann kann man sie sehen, wie sie sich umarmen. Das darf natürlich nicht passieren. Ihr Puls steigt enorm an, wer ist das und was wird man über sie denken? So ein Moment gehört doch nicht vor Augen anderer.
Der Managervertrag Teil I
Kapitel 92
Der Managervertrag Teil I
Aus der Tür schaut Shinichi heraus.
„Jetzt sind alle weg. Wir können.“, flüstert er und stellt sich in den Flur. Dann tritt Marie aus der Männerumkleide heraus und schaut sich auch um.
„Oh, es ist wieder so gruselig. Ich verstehe ja dieses Stromsparen, aber es ist wirklich wie in einem Horrorfilm hier. Dass es hier aber auch kaum Fenster gibt.“
„Naja, im Flur ist es schwer. Nur diese Außenseite hat welche. Hinter unseren Kabinen ist die große Turnhalle.“ Marie tritt heraus und stellt sich zu ihm, schaut zu ihm auf und berührt seine Hand.
„Wenn du da bist, dann habe ich keine Angst.“ Er sieht liebevoll zu ihr herab und berührt mit der zweiten Hand kurz ihren Oberarm.
„Ich mache das Licht für dich wieder an, dann ist es nicht so gruselig.“ Er drückt hinter sich auf den Lichtschalter einer anderen Tür und sofort gehen die Lichter des gesamten Flurs an. Tina und Kojiro lassen sich leise los und stellen sich nebeneinander. Wenn sie gesehen werden, dann wenigstens nicht in einer intimen Umarmung. Sie sind noch leise, damit man sie nicht gleich entdeckt.
„Danke, das ist schon viel besser. Was musste Genzo uns auch plötzlich alleine lassen?“
„Ich weiß auch nicht, ich glaube aber, er hat was bemerkt.“
„Also wenn, dann scheint er dich zu mögen. Er ist eher der Beschützer weißt du? Aber ich glaube er hat sich in deine Cousine verguckt. Er kam mir vorhin so schüchtern vor, als er sie erkannte.“
„Meinst du? Vielleicht. Er hat ihr vor ein paar Tagen das Leben gerettet und sie dann täglich im Krankenhaus besucht.“
„Wirklich, dann ist er ja auch ein Held. Wie kam das denn? Aber er hat das mit der Ersten Hilfe immer noch drauf, er hat meiner Mutter mal geholfen als sie gestürzt ist. Was ist passiert?“, ist sie neugierig.
„Am besten du fragst ihn, ich muss jetzt mal wieder raus. Die Männer vermissen mich sicher schon.“
„Okay, ich werde bestimmt auch gesucht und ich wollte noch ein paar Bilder malen. Ich habe ja jetzt jemanden zum Reden, deine Cousine. Sie scheint in meinem Alter zu sein.“ Shinichi schmunzelt.
„Da täusche dich mal nicht. Sie ist bereits 24. Wir gehen zwar in dieselbe Berufsschulklasse, aber für sie ist es der zweite Bildungsweg. Aber ja, ihr habt bestimmt genug Gesprächsstoff, und wenn ihr über Deutschland sprecht. Sie liebt das Land.“
„Wow, es ist wirklich schwer das Alter zu schätzen.“ Plötzlich ist eine Frauenstimme zu hören.
„Quatscht nicht zu lange, sonst erwischen euch die Falschen.“, äußert Tina leise und löst die Situation endlich auf bevor noch eine Tür aufgeht und es wirklich peinlich wird. Die beiden sehen verdutzt zu ihnen und lassen sich los.
‚Oha, sind die etwa schon die ganze Zeit hier? Wieso war das Licht dann nicht an? Oder sind sie eben gerade erst gekommen und wir haben sie nur nicht gehört?‘, wundern sich beide.
Kojiro grinst und kommt auf sie zu.
„Ich wollte mich frisch machen. Meine Familie ist da und möchte mit uns essen.“, sagt er trocken, blickt nur kurz zu Shinichi auf und geht an ihnen vorbei in die Umkleide. Dann schließt er die Tür hinter sich.
Tina geht in die andere Richtung und hebt die Hand.
„Marie, komm. Ich zeige dir mal was.“ Marie sieht kurz zu Shinichi und läuft etwas rot an. Ohne etwas zu sagen geht sie zu Tina. Ihr Herz klopft ganz doll. Was mag jetzt kommen? Wieder eine Standpauke oder was will sie ihr zeigen? Shinichi geht ebenso seinen Weg und bewegt sich schnell auf den Notausgang zu. Er braucht definitiv eine kleine Abkühlung.
Kurz darauf öffnet sich die Tür von einem Beratungsraum und Fane tritt heraus. Sie hält ihr Handy in der Hand und entdeckt Tina und Marie.
„Tina, wie schön. Bist du gleich da?“ Diese dreht sich kurz um.
„Ja, ich muss mich nur fix frisch machen und umziehen. Dauert etwa zehn Minuten.“ Fane nickt ab und geht dann zum Trainerbüro zu ihrem Mann.
„Tsubasa, Tina kommt etwa in zehn Minuten. Sie will sich noch umziehen.“
„Okay, hat sie eben schon verkündet. Sie war kurz hier drin.“ Er legt den Vertrag auf den Tisch. Fane geht zur Kaffeemaschine und zieht sich einen Tee.
„Und was sagst du zu dem Vertrag?“, spricht sie nachdenklich.
„Alles genauso wie gestern abgesprochen. Tina hat nur eine Sache geändert.“, grinst er. Fane stutzt.
„Was denn?“
„Schau selbst.“ Er greift das Dokument, geht zu ihr und zeigt ihr die Stelle. Sie staunt nicht schlecht als sie auf das Gehalt schaut.
„Ist sie verrückt? Kann sie sich das denn überhaupt leisten?“ Dann schaut sie zum Anwalt. Dieser grinst nur.
„Ich kenne ihre Einkünfte neben dem Volleyballgehalt nicht. Aber rechnen kann sie. Frau Fuchs wird schon wissen was sie tut.“, erklärt er.
„Damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich habe auch echt keine Ahnung was sie nebenbei mit den Sponsoren und dem Studio verdient.“
„Wie gesagt, das geht uns auch gar nichts an. Sie wird sich schon was dabei denken. Ich habe ihr ein paar Grundgehälter genannt und sie hat sich für dieses entschieden. Sie muss Ihnen wirklich sehr vertrauen.“
„Wirklich, obwohl ich dem anderen Grundgehalt schon zugestimmt habe?“ Sie setzt sich mit ihrem Tee an den Tisch und liest den Vertag ebenso nochmals durch.
„Und Sie sind beide Freunde von Bettina? Ich dachte die ganze Zeit, Sie, Frau Nakazawa sind nur eine Freundin und ihr Lehrling im Betrieb. Dass Sie mit einem so bekannten Sportler wie Herrn Ohzora verheiratet sind.
Wieso der Mädchenname? Auch jetzt im Vertrag?“ Tsubasa schaut aus dem Fenster.
„Zu Ihrem Schutz. Immerhin bin ich angreifbar. Aktuell denken die Leute, sie ist bei mir in Spanien. Hier hat Sanae dadurch Ruhe vor der Presse und ich kann mich unbesorgt auf den Sport konzentrieren solange sie hier ist. In Tinas Nähe ist sie gut aufgehoben und wenn sie mal ausgehen, dann ist entweder Yoko oder Andrea dabei. So muss ich mich nicht sorgen.“
„Ich verstehe. Sie gehen lieber auf Nummer sicher. Frau Fuma und Frau Hopkins sind stark, das stimmt. Ein perfekter Personenschutz.“
Plötzlich klopft es an der Tür. Sie öffnet sich und Herr Mikami kommt herein. „Ich wollte nur wissen ob ihr jetzt da seid. Dann ist ja gut. Wo ist Bettina?“
„Sich umziehen.“
„Herr Kudo, stört es Sie, wenn ich mir einen Kaffee ziehe?“, spricht er ihn in Deutsch an.
„Nein. Alles gut.“
‚Nanu, vorhin hat er noch Frau Fuchs gesagt. Und jetzt rutscht ihm Bettina raus. Die kennen sich also doch.‘, fällt dem Anwalt auf.
„Trainer, die Anderen wissen, dass ich eine Pause mache, oder? Ich bin nur schnell hergegangen als Pierre mir Bescheid gegeben hat.“ Herr Mikami geht zur Maschine, stellt eine Tasse unter die Düsen und drückt den Knopf.
„Ja, ich habe ihnen deine Pause angesagt.
Heute ist es wirklich heiß. Da braucht man Wärme von innen, sonst geht man ein.“, beginnt er ein wenig zu plauschen.
„Fane, du warst immer eine sehr gute Stütze für das Team. Ich habe auch von Katagiri und dem Nankatsu-Trainer in den letzten Jahren immer wieder nur Lob gehört. Für Bettina da zu sein, ist genau der richtige Job für dich. Ich gratuliere für diesen Karriereaufstieg.“
Er nimmt seinen Kaffee und legt kurz seine Hand auf Tsubasas Schulter.
„Und für dich freue ich mich auch sehr. Wenn deine Frau erstmal wieder bei dir in Barcelona ist, habt ihr viel mehr Zeit füreinander.“
„Das tue ich. Jetzt wo Sanae mittlerweile Spanisch und Französisch spricht wird sie dort und auch im neuen Job sehr gut klarkommen.“
„Das stimmt. Aber Fane, sage mal, wieso hast du nie mit mir Deutsch gesprochen? Ich wusste gar nicht, dass du auch Deutsch gelernt hast.“ Sie sieht ihn nachdenklich an.
„Wie sollte ich das denn bitte erklären? Sie wissen doch wieso ich das nicht jedem auf die Nase gebunden habe.“ Er ist erstaunt.
„Was ist denn dabei, wenn du in einer deutschen Gaststätte lernst und durch das Personal die Sprache kennst?“
„Darum ging es nicht. Sie wären viel zu neugierig gewesen und hätten mich im Lokal besuchen wollen. Dann wäre doch alles aufgeflogen.“ Egon staunt nicht schlecht. Was mag sie damit meinen?
„Ach so, ich hätte sie sicher erkannt, wenn sie mich bedient hätte? Deswegen?“ Fane nickt. Kurz darauf verlässt er mit seiner Tasse den Raum. Vor der Tür bleibt er stehen.
‚Irgendwas lag da jetzt in der Luft. Seltsam. Und auch seltsam war, dass Tsubasa Fane über sie mit ihrem richtigen Namen gesprochen hat. Seit wann sagt er denn Sanae, statt ihres Rufnamens Fane? Alle sagen Fane, schon seit der Grundschule an. Sogar ich habe es mir angewöhnt, weil sie dann immer so viel bei uns war. Was hat sich plötzlich geändert? Gestern hat er noch ganz normal wie immer Fane gesagt.‘, fällt ihm auf und dann geht er in Richtung Ausgangstür. Hinter ihm öffnet sich im Flur die Umkleide der Männer und Kojiro verlässt den Raum, um zu Tinas Umkleide zu gehen, so wie verabredet. Mikami dreht sich um und spricht ihn an.
„Kojiro, du hast dich umgezogen?“
„Ja, Bettina wird nur noch mit Fane den Vertrag unterzeichnen und dann wollten wir mit meiner Familie Mittagessen. Das war eigentlich heute bei mir zu Hause geplant, aber nun haben wir es hier her verlegt. Meine Familie möchte sie endlich kennenlernen. Und sie freute sich auch schon darauf.“
„Ich verstehe. Hättet ihr das nicht morgen machen können oder später?“
„Es eilt alles etwas. So viel Urlaub habe ich nicht mehr und übermorgen wollen wir schon in früher Morgenstunde in den Urlaub fliegen. Daher bleibt dafür morgen keine Zeit mehr.“
„Urlaub, das klingt aber schön. Das habt ihr euch nach dem Stress verdient. Wo geht es denn hin?“
„Nach Deutschland, an die Ostsee. Bettina möchte mir zeigen wo sie aufgewachsen ist und mir ihre Familie vorstellen.“, erklärt er fröhlich.
‚Er freut sich richtig darauf. Erstaunlich, die kennen sich erst so kurz und schon stellen sie sich gegenseitig die Familie vor. Na das wird ja sicher spannend für ihn. Soweit ich noch weiß hat sie eine große Familie.‘
„Da hast du dir ja was vorgenommen. Das ist eine große Familie, das hat sie hoffentlich schon verraten.“ Kojiro grinst.
„Oh ja, sie hat mich schon vorgewarnt. Aber das wird schon. Die schlimmste Prüfung habe ich schon hinter mir. Bettina sagt, die werden mich mögen, mit meiner direkten Art.“ Mikami lacht kurz.
„Oh ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Du musst mir dann später berichten. Ihre Eltern hätten dich gemocht. Da bin ich sicher.“
„Das sagte sie auch. Sie sollen sehr nett und liebevoll gewesen sein, das sagte mir Genzo bereits.“
„Ja, das waren sie. Zwar habe ich ihre Mutter nicht mehr oft gesehen, aber ihr Vater war öfters da und auch bei jedem Spiel.“
„Das kann ich mir vorstellen. Nun, ich muss jetzt weiter, Trainer. Bettina wartet auf mich.“
„Alles klar. Mein Kaffee wird auch kalt.“ Kojiro grinst.
„Hier drinnen vermutlich schon, aber da draußen fängt er wieder an zu kochen.“ Plötzlich fängt der Trainer an zu lachen.
„Wohl wahr. Kojiro…wow…du machst Scherze. Und darüber lachen kann man auch.“ Er dreht sich zur Tür und schaut sich nochmal kurz um zu seinem besten Stürmer.
„Sie tut dir gut, Kojiro. Und du ihr. Weiter so!“, grinst er noch und verschwindet dann nach draußen. Kojiro ist verwundert, dann lächelt er vor sich hin und geht zu Tinas Umkleideraum.
‚Er hat Recht. Scherze sind nicht so mein Ding. Seltsam, das liegt an Bettina, ganz sicher. Ihre Fröhlichkeit färbt ab. Jede Minute mit ihr ist wie ein Rausch.‘ Er klopft an die Tür und es kommt ein „Herein“. Kurz darauf öffnet er sie, geht hinein und schließt die Tür von innen. Er schaut durch den Raum und erblickt seine Liebste in ihrem schicken knielangen Kleid. Sie kämmt sich gerade die Haare vor dem Spiegel, legt dann die Bürste zur Seite und lächelt ihn glücklich an.
„Typisch Mann, ist natürlich schneller fertig als ich, dabei habe ich mich doch so beeilt. Ich war nur zwei Minuten duschen, wie schnell denn noch?“, schmunzelt sie und greift zu ihrem kleinen Schmuckdöschen. Dann schaut sie auf zu Kojiro. „Legst du ihn mir an, deinen schönen Schmuck?“ Plötzlich steigt sein Puls an und ihm wird gerade bewusst, dass es immer näherkommt, das gemeinsame Leben mit ihr.
‚Dieses bezaubernde Lächeln. Das darf ich dann jeden Tag genießen? Es kommt mir noch so unwirklich vor.‘ Er kann es kaum erwarten und verspürt genau jetzt wieder den Drang, sie in die Arme nehmen zu wollen. Es ist ähnlich wie vorhin im Flur. So ganz plötzlich, also läge etwas in der Luft, dass sie davon abhalten könnte zusammen zu sein und er müsse sie unbedingt jetzt nochmal umarmen und küssen. Er greift hinter sich und schließt die Tür ab. Kojiro weiß, wenn seine Bettina nicht alleine wäre, würde sie es genau in diesem Moment vermelden oder sie hätte ihn gar nicht hereingelassen und ihm angeboten ihr näher zu kommen. Dann geht er auf sie zu. Tina wird es ebenso ganz warm und plötzlich kribbelt es überall und sie betrachtet ihre Große Liebe in seiner langen schwarzen Hose und dem weißen Hemd, welches hochgekrempelte Ärmel hat. Seine langen noch etwas feuchten Haare glänzen im Licht der Lampen und dann steht er vor ihr, groß, stark und mit verliebtem Blick, nimmt ihr das Döschen ab und schaut es an. „Wie hübsch, mit einer roten Rose. Magst du Rosen?“, spricht er liebevoll und blickt ihr dann in die klaren Augen. Tina weiß vor Aufregung gar nicht was sie sagen soll. Bei dem Blick eben, als er auf sie zuging hat sie eher damit gerechnet und gehofft, er berührt sie irgendwie und küsst sie. Doch stattdessen nimmt er wirklich nur die Dose und öffnet diese vorsichtig. Ihr Herz schlägt bis an die Decke als er sie ansieht, die Kette herausnimmt und das Döschen auf das Regal neben dem Spiegel stellt. Dann bittet er sie sich umzudrehen, damit er die Halskette anlegen kann. Kaum legt er das kühle Schmuckstück auf ihre Haut und berührt dabei mit seinen warmen Händen etwas ihren Hals, überkommt sie ein starkes Kribbeln durch den gesamten Körper.
‚Kojiro, was machst du nur mit mir? Zuerst kommst du so herausfordernd und verlangend auf mich zu und dann legst du mir tatsächlich den Schmuck an. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Ich war auf eine Berührung vorbereitet.‘ Kaum hat er die Kette angelegt, schaut er in den Spiegel vor sich und betrachtet Tina darin.
„Vertraust du mir?“, flüstert er ihr ins Ohr und blickt ihr weiterhin durch den Spiegel in die Augen. Sie lächelt verliebt. Das Flüstern und der Hauch in ihrem Ohr lassen ihren Puls weiter ansteigen.
Er greift neben sich ans Regal und nimmt den ersten Ohrring aus dem Döschen. ‚Das wird ihr sicher gefallen. Sie mag es, wenn ich etwas tue was sie nicht erwartet. Gestern habe ich es mir nicht getraut, aber heute, heute wage ich es. Das kann ja nicht schwieriger sein, als beim Modellbau oder beim Zeichnen mit dem Zirkel. Ich brauche nur eine ruhige Hand. Ich habe ihr gestern genau zugesehen wie sie es gemacht hat.‘, geht ihm durch den Kopf und er konzentriert sich in diesem Moment nur noch darauf die Ohrstecker zu platzieren ohne ihr wehzutun. Es hat geklappt, der erste hängt und er schaut in den Spiegel.
„Hats wehgetan?“ Sie schüttelt den Kopf und fasst sich stattdessen ans Herz. Ihr Puls steigt an und sie spürt ihren erregten Busen an ihren Armen. Es ist deutlich unter dem Kleid zu merken. Dann lächelt er und greift den zweiten Ohrstecker, löst den Verschluss und stellt sich wieder etwas seitlich, um ihr Ohrloch genau zu sehen. Tina spürt das kühle Metall am Ohr wie es ihr Ohrläppchen durchfährt, seine warme Hand, die das Ohrläppchen berührt und dann für den Gegendruck zärtlich festhält, damit der Verschluss angesteckt werden kann. Wieder betrachtet er sie im Spiegel, dann richtet er die Kette, damit sie genau mittig hängt.
„Du bist so wunderschön. Nur an dir sieht er schön aus und trotzdem glänzen deine Augen und dein Lächeln heller als jeder Edelstein.“
Plötzlich berührt er ihren Hals mit den Fingern. Sie spürt seine Körperwärme, da er sich an sie heranstellt bis sich ihre Körper fast berühren. Nur der Stoff ihrer Kleidung berührt sich. Seine Hände fahren ihren Hals hinab und sein Blick ist liebevoll. Dann plötzlich umarmt er sie fest und liebevoll.
„Kojiro?“, spricht sie leise und fasst seine Arme.
„Bettina.“, haucht er.
„Ob wir beide jetzt dasselbe denken?“
„Bestimmt. Ich stelle mir gerade vor wie schön es ist, wenn wir erst Urlaub haben und danach zusammenleben.“
„Wie schön wird es werden? Seitdem ich gestern fest beschlossen habe, bei dir sein zu wollen, schwirren mir die schönsten Sachen im Kopf rum und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen wie es überhaupt ohne dich wäre? Das ist doch sicher der Beweis, dass wir alles richtig machen, oder? Geht es dir auch so?“
„Ja, Bettina, wir machen alles richtig, weil wir uns lieben. Ich glaube, wenn man sich liebt, dann findet man einen Weg zusammen zu sein. Und genau diesen Weg haben wir doch jetzt gefunden. Alles andere lassen wir auf uns zukommen und reden darüber, auch dann findet sich für alles eine Lösung. Das macht es doch aus, das Leben zusammen.“ Kojiro küsst daraufhin ihren Nacken.
„Ich…freue mich darauf, dass wir…uns ganz oft…haben werden.“, macht er ihr Mut und flüstert zwischen jedem kurzen Kuss. Dann dreht sie sich zu ihm um und schmiegt sich ganz fest an ihn. Ihre Hände wandern über seine Arme hinauf zu seinen Haaren und greifen seinen Nacken.
„Ich…liebe dich.“, haucht sie wie benommen und spürt daraufhin seine warmen Hände am Rücken und seine starken Arme umschlingen sie und drücken sie ganz fest sich. Ein leidenschaftlicher Kuss lässt sie beide für eine kurze Zeit in ihren Träumen versinken. In ihrer Fantasie genießen sie einen romantischen Abendspaziergang am Strand und unter ihren Füßen ist der weiche warme Strandsand zu spüren und das Meeresrauschen ist zu hören und zu riechen.
Einige Augenblicke später sehen sie sich wieder tief in die Augen und er lässt sie entschlossen los. Seine Hand greift zum Armbändchen und holt es aus dem Döschen heraus.
„Das darf nicht fehlen, ohne fehlt irgendwie etwas.“, lächelt er und legt es ihr an. Dann nimmt er ihre Hände und sieht ihr wieder in die Augen.
„Wir werden diesen Tag so schön machen wie es geht. Du machst jetzt unsere Freunde glücklich und dann werden wir endlich etwas essen. Mutter hat extra etwas umgeplant und alles mitgebracht. Wir sind dann im anderen Besprechungsraum und warten auf dich.“, erklärt er. Tina nickt und greift seine Hände so, dass ihre Finger ineinandergreifen.
„Danke Kojiro. Danke, dass du bei mir bist. Ich freue mich sehr auf deine Familie.“ Dann küssen sie sich erneut und verlassen kurz darauf gemeinsam den Raum.
Vor dem Trainerbüro küssen sie sich nochmal kurz und er berührt ihr Gesicht und blickt ihr tief in die Augen.
„Bis gleich. So lange dürfte es ja nicht dauern, oder?“
„Richtig, sie haben beide den Vertrag bereits gelesen und Fane hatte ja alles mit Kudo abgesprochen. Vielleicht zehn Minuten oder so.“, erklärt sie selbstsicher.
Ihre Wege trennen sich und Kojiro geht weiter zu seiner Familie.
Tina klopft und tritt ein. Sie schließt die Tür hinter sich.
„Wie schön. Dann kann es ja losgehen.“, äußert Tsubasa begeistert und steht auf. Egon steht ebenso auf und geht auf Tina zu, um sie endlich richtig zu begrüßen.
„Bettina-san, erstmal einen schönen Guten Tag. Wir haben uns schon ein wenig unterhalten und sind gemeinsam nochmal den Vertrag durchgegangen.“, erklärt er und beide umarmen sich kurz.
„Ich danke dir sehr, dass du so schnell und spontan Zeit für mich gefunden hast und sogar herkommen konntest.“, lächelt sie ihn an.
„Für dich doch immer. Wollen wir dann?“, bleibt er beim Thema und setzt sich wieder Fane gegenüber an den Tisch. Er legt ihnen den Vertrag hin, geht mit Tina kurz die Eckpunkte durch und zeigt dann auf die freien Felder, welche sie unterzeichnen muss.
Tina greift fröhlich und freudig zum Kugelschreiber und unterzeichnet beide Felder. Dann lächelt sie Fane an und gibt ihr den Kugelschreiber.
„Ich kann mir niemand Besseren vorstellen. Ich freue mich sehr auf unsere gemeinsame Zeit.“ Fane sitzt nachdenklich da und starrt auf das erste Feld für die Unterschrift des Vertrages vor ihr. Ihr Puls steigt etwas an und ihr wird ganz warm und schwitzig. Ihre Hand fängt an zu zittern.
Plötzlich legt sie den Stift wieder hin, schiebt das Dokument von sich weg, verschränkt die Hände vor ihrem Gesicht und fängt an zu weinen.
„Es tut mir leid. Ich…ich kann das nicht.“ Alle sehen sie verdutzt an. Tsubasa und Tina sind beide völlig irritiert. Der Anwalt lehnt sich überrascht zurück und hält sich da raus. Was ist denn nur los mit ihr? Wieso kann sie nicht unterzeichnen? Vor nicht einmal zwanzig Minuten hat sie doch noch vor Freude gestrahlt und sich auf die aufregende Zeit gefreut.
Fane verschränkt die Arme und vor ihr erscheint der gestrige Abend. Es war so wundervoll. Nach der Aufregung im Trainingslager fuhren beide in ihr kleines Haus. Ihre Eltern waren wieder abgereist und sie waren seit Tsubasas Ankunft endlich alleine. Die überwältigenden Neuigkeiten und die Vorstellung, sie könne endlich wieder bei ihm sein und hätte sogar einen gutbezahlten festen Job, ließ beide nicht zur Ruhe kommen.
Fane erstarrte vor Sehnsucht, als sie ihren Mann ansah und er ihr vorschwärmte was sie alles zusammen machen könnten, damit sie sich in Barcelona wieder einlebt. Er würde ihr endlich mal die Stadt richtig zeigen, denn das hat er damals alles nicht gemacht, weil die neue Zeit im Team zu anstrengend und aufregend war. Gleich zu Beginn stand er so unter Druck, dass ihm kaum Zeit für ihr blieb, als sie ihm dann nach so vielen Jahren endlich ihre Liebe gestand und zu ihm zog. Alles war zu neu, aufregend und ungewiss für beide.
Er nahm sie gestern dann plötzlich in die Arme, als er ihre Aufregung spürte und küsste sie vor Freude. Plötzlich konnte sie etwas Neues an ihm spüren. Es war nicht wie sonst, wenn sie sich lange nicht gesehen hatten und alles aufregend und besonders ist, nein. Dieser plötzliche Kuss war anders als zuvor, viel aufregender und intensiver als alle anderen Berührungen der letzten Jahre.
Bei der Vorstellung wieder zu ihm ziehen zu können und in seiner Nähe zu sein, ließ sie ebenso seine Berührungen stärker spüren. Als er sie dann sogar anders küsste und berührte als sonst war ihr, als würde sie sich völlig in seinen starken Armen verlieren. Sie hatte das Gefühl sich in diesem Moment ein zweites Mal unsterblich in ihn verliebt zu haben. Noch nie hatte sie das Gefühl, er würde sie nie wieder loslassen wollen. Aber gestern, da kam es ihr so vor. Sie spürte, dass er sich wahnsinnig freute und bereit ist alles tun zu wollen, um sie für immer an seiner Seite zu haben. Dieses Gefühl hat ihr bis dahin immer gefehlt.
Als Kind schon hat sie sich in diesen außergewöhnlichen Mann verliebt. Immer war er nur fröhlich, freundlich, stark und ehrgeizig. Wenn er sich etwas in den Kopf setzte, dann zog er es durch, komme was will. Noch immer ist er so, nie hat er sich geändert. Egal wie hoch er auf dem Markt gehandelt wurde oder wie viel man ihm bot, er blieb in Barcelona. Es war als Kind schon sein Traum dort nach seinem ersten Ziel in Brasilien, wo er seine wichtigen Erfahrungen machen wollte, in diesem Verein zu spielen, bei den ganz Großen und dann hatte er es erreicht. Endlich, nach so viel Enttäuschungen zu Beginn, kam er ins erste Team. Endlich…war es soweit und er fühlte sich sofort wohl, denn auch das Team nahm ihn nach Überzeugung seiner Leistung auf, obwohl er nur ein Japaner ist und obwohl er noch so jung war. Und nun? Nun hat Fane das Gefühl ihn wieder zu verlieren. Kaum hatte sie sich an den Gedanken gewöhnt, dass sie viel öfters bei ihm sein kann als jetzt und trotz der anstehenden Reiserei zwischen Italien, Spanien, Deutschland und Japan könnte sie ihn viel öfters sehen, und wenn es nur die Wochenenden sind. Das nahm sie hin und gab sich ihren neuen Empfindungen hin, nicht nur weil sie es gewohnt war die kurze Zeit mit ihrem Mann grundsätzlich zu genießen, sondern weil sie diesen neuen Gefühlen nicht ausweichen konnte. Wie konnte es sein, dass er sie plötzlich anders ansieht? Wie konnte es sein, dass er sie auf einmal von sich aus in die Arme nimmt und verlangend küsst und berührt? Das hat er vorher nie gemacht. Sie war immer die treibende Kraft, wenn es um ihre Zweisamkeit ging. Sie war es, die ihm ihre Liebe gestand und sie war es auch, die ihm versuchte zu zeigen was Liebe und Zusammenleben bedeutet. Sie glaubte, er wisse nicht genau wie er sich verhalten soll, weil er es von Zu Hause nicht kannte und nicht wusste wie ein Paar wirklich lebt. Sein Vater war immer monatelang auf See unterwegs und kam nur für Urlaub vorbei. Sicherlich hat er deswegen auch keine Geschwister, so selten wie sich seine Eltern gesehen haben. Sie gab seiner Kindheit die Schuld, dass er sich nicht traute mal den ersten Schritt zu machen. Nur das eine Mal, da war er endlich so mutig und machte ihr den Antrag. Er wünschte sich, sie für immer an seiner Seite zu haben. Und nun ließ er sie es endlich auch spüren. Ausgerechnet jetzt, kurz vor der Unterzeichnung des Vertrags bekam Fane einen wichtigen Anruf. Die Nachricht ändert plötzlich alles. Jetzt hatte sie plötzlich das Gefühl etwas anderes zu wollen.
Plötzlich steht sie auf und sieht zu Tsubasa.
„Liebling. Ich…ich kann das nicht unterschreiben.“, sagt sie weinerlich. Sein Puls steigt plötzlich an und ihm ist überhaupt nicht wohl dabei. Warum? Warum will sie nicht wieder zu ihm zurück, jetzt wo alles anfängt schön zu werden und er endlich verstanden hat wie er sie glücklich machen kann und ihm klar geworden ist was er wirklich für sie empfindet?
„Aber Fane, was ist denn los? Vorhin warst du doch noch Feuer und Flamme dafür und hast dich darauf gefreut wieder bei Basa zu sein und ihn öfters zu sehen.“, wundert sich Tina und äußert sich betrübt. Fane sieht zu Tina rüber.
„Ach Tina Liebes. Wie sehr würde ich es machen wollen, aber ich kann das nicht mehr tun. Der Anruf vorhin…er war sehr wichtig und…es ändert alles. ALLES, Tina!“, sagt sie verzweifelt und dann geht sie zu ihrem Mann und sieht zu ihm auf. Sein Puls steigt enorm und in ihm macht sich Angst breit. Noch nie hatte er das Gefühl, es gäbe etwas was ihn sorgen lassen muss, dass sie nicht mehr bei ihm sein will. Der letzte Abend und diese unglaubliche Nacht war doch so besonders. Alles war so neu und intensiv und beide waren sich so nahe, näher waren sie sich noch nie. Was hat er falsch gemacht? Was war das für ein Anruf, dass sie doch nicht mit ihm zusammen sein will? Was um alles in der Welt ist denn nur passiert? Sie liebt ihre beste Freundin doch so sehr und hatte sogar Angst allein zu sein, wenn sie nun nach Italien geht. Als ihre Managerin könnte sie entweder bei ihm sein oder bei ihr. Aber vor allem deutlich öfters bei ihm als die letzten zwei Jahre.
„Aber Sanae, was habe ich falsch gemacht? Ich dachte du wolltest wieder zu mir ziehen. Ich dachte gerade jetzt…jetzt wo wir…wo wir uns neu gefunden haben.“, spricht er leise aus und sieht ihr in ihre verweinten Augen.
‚Liebste, wie dumm ich früher war. Zu jung und zu blind für die Liebe. Zuerst brauchte ich ewig deine Gefühle zu erkennen und hatte nur meinen Sport im Kopf und dann habe ich dich viel zu selbstverständlich gesehen. Ich wusste deine Liebe wird mich immer begleiten und du würdest mich nie verlassen, aber dann gingst du nach Japan zurück. Dieser Verlust zeigte mir endlich, dass auch ich etwas tun muss, aber ich wusste nie was genau es ist. Und nun haben wir endlich zueinander gefunden und du willst trotzdem nicht zu mir zurück?‘ Seine Frau schüttelt den Kopf.
„Nein! Das ist es ja. Im Gegenteil, Schatz. Aber statt immer zwischen den Ländern umherzureisen und dich nur höchstens mal am Wochenende zu sehen und immer extra nach Barcelona zu fahren, nur um bei dir zu sein, will ich lieber gleich ganz bei dir leben und mir vor Ort selbst einen Job suchen. Du bist doch ständig wegen der Spiele unterwegs in Spanien und in ganz Europa. Wir sehen uns dann doch an den Wochenenden schon kaum. Ich kann inzwischen Spanisch und Französisch, sogar Deutsch spreche ich mittlerweile gut. Ich werde die Ausbildung über das Fernstudium beenden und jeden Tag bei dir sein. Denn anders…anders werde ich keine Zeit haben. Jetzt nicht mehr.“, versucht sie zu erklären.
Der Blick ihrer besten Freundin ist enttäuscht. Ihr Herz fängt an zu rasen und Tina kann nur noch wie starr zu ihr sehen. Einerseits freut sie sich so sehr, dass die beiden wieder zueinanderfinden, scheinbar sogar neue schöne Gefühle entdeckt haben, aber andererseits hat sie nun die Befürchtung, sie kann ohne Manager das Land gar nicht erst verlassen, es ist doch auch eine Bedingung, nicht nur für nächstes Jahr, sondern nun auch um überhaupt gehen zu dürfen. Einen japanischen Manager als Verbindungsperson. Das war die Bedingung, die ihr Trainer noch zusätzlich hat aushandeln können, damit man sie so plötzlich gehen lässt, vor Vertragsende und kurz vor der neuen Saison. Er wusste, dass sie jemanden hat und es schnell über die Bühne gehen würde. Ihr Verein weiß genau, dass sie dieses Jahr nicht die Tabelle anführen werden, denn bis Akane von der Universität kommt, vergeht noch ein Jahr. Sie wäre die Einzige, die sie ersetzen könnte, um oben stehen zu bleiben. Der Verein rechnet fest mit einer Niederlage, weil ihr Zugpferd fehlt.
Ein Moment der Stille
Kapitel 93
Ein Moment der Stille
Tsubasas Herz schlägt hingegen vor Freude bis an die Decke und er weiß plötzlich gar nicht was er sagen soll. Sie will lieber ganz bei ihm sein. Natürlich kann sie das nicht, wenn sie ständig zwischen Spanien, Italien, Deutschland und Japan umherreisen muss. Sie würden sich natürlich viel mehr sehen und auch vieles würde sie telefonisch regeln können, aber oft muss sie ja irgendwo anwesend sein und dann ist er auch noch unterwegs. An den Wochenenden und auch mal in der Woche. Je nach dem wann und wo die Spiele stattfinden. Die normalen spanischen Liga-Spiele und dann die Champions League, der UEFA-Cup und folglich der Super-Cup. Gerade die letzten zwei Jahre waren sehr intensiv, wenn es um seinen Terminkalender ging. Sein Team spielt nun mal ganz oben mit und er will sich auf keinen Fall irgendein Spiel entgehen lassen. Ihm ging es nie ums Geld, er hat einfach nur seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und ist dankbar so weit oben dabei sein zu können. Da muss er schon krank im Bett liegen. Kaum kann man etwas planen, denn viel hängt ja auch von den Ergebnissen aller Spiele ab. Kojiros Kalender ist ebenso vollgefüllt. Da bleibt so gut wie keine Zeit für Freundin, Frau oder Freunde und Familie. Er war froh die Zeit zum Entspannen zu nutzen und fing endlich mit seinem gewünschten Studium an. Das war eine gute Ablenkung als Fane nicht mehr da war. Ihre Abwesenheit machte ihn sehr zu schaffen. Seine halbe Kindheit und halbe Jugend war sie immer an seiner Seite und stand ihm bei. Die Zeit in Brasilien als Fünfzehnjähriger bei den Brancos war sehr intensiv und kräftezehrend. Aber sie war auch sehr schön. Für Frauen hatte er gar keine Zeit und schon gar kein Interesse. Nie hat er darüber nachgedacht, immer nur den Sport im Kopf und dann kam er nach vier Jahren endlich wieder nach Hause, um sich auf die anstehende Weltmeisterschaft vorzubereiten. Genau da offenbarte ihm Fane ihre Gefühle zu ihm, denn die Entfernung war für sie wie der pure Horror. Vorher verbrachten sie jeden Tag miteinander und dann war er plötzlich ganz weg. Sie bereute es ihm nicht vor seiner Abreise gesagt zu haben. Sie wollte ihm aber auch in seiner Karriere nicht im Weg stehen. Es blieb nur bei einem telefonischen Kontakt und ganz viel Hoffnung, dass keine andere Frau sein Herz erobern könnte.
Fane blickt zu Tina rüber. Dann geht sie zu ihr und stellt sich vor ihr hin.
„Es tut mir wirklich leid, Liebes, aber ich…ich muss auch meinem Herzen folgen. So wie du. Du folgst ihm doch jetzt auch und dich kann nichts davon abhalten. So eine wichtige große Entscheidung hast du das letzte Mal getroffen als du hergekommen bist, als du entschieden hast in Tokio zu leben. Du wirst es sicher verstehen. Wenn ich das alles schon gestern gewusst hätte, dann hätte ich gar nicht erst zugesagt. Aber es geht einfach nicht anders. Und nach diesem Abend, Tina. NEIN! Ich kann das nicht mehr! Ich kann diese ständige Entfernung nicht mehr ertragen. Ich…ich will dir jetzt auch nicht vor den Kopf stoßen und dich belügen und…ich wäre liebend gerne an deiner Seite, aber die Zeit werde ich nicht dafür haben. Du musst dir eine andere Managerin suchen. Ich finde jemanden für dich, der du trauen kannst. Ich weiß, dass es dir auch darum geht.“
Tina sieht wie leer in Fanes glasige Augen. So hat sie ihre Fane noch nie gesehen. So entschlossen und so leidenschaftlich. Sie kennt sie entweder fröhlich oder traurig und mal etwas zickig auch. Aber so ein Blick ist ihr völlig neu. Was ist denn nur passiert? Was hat sie in so kurzer Zeit so umgestimmt? Und was war denn gestern Abend noch? Vor allem, was war das für ein Anruf?
Tsubasa ist total durch den Wind. Er liebt Fane und will sie bei sich haben, vor allem jetzt mit diesen unbeschreiblichen neuen Gefühlen will er sie plötzlich gar nicht mehr loslassen. Aber wenn er in Tinas Gesicht sieht und ihre starre Reaktion bemerkt, ist ihm unwohl dabei. Jetzt ist er plötzlich derjenige der den beiden im Weg steht? Nein, das darf doch nicht sein. Es muss doch eine Lösung geben, dass alle glücklich sein können. Ihm ist klar, ohne Managerin darf Tina nicht zur WM und er kann sich vorstellen, dass ihr Umzug nach Italien ein Problem darstellen könnte jemanden zu finden. Vor allem jemanden, dem sie voll vertrauen kann. Immer hat sie alles alleine gemacht, damit man nicht hinter ihr Geheimnis kommt und unnötig dumme Fragen stellt.
Sein Herz schlägt so laut und er fasst sich kurz an die Brust.
‚Für dich meine Liebste, für dich werde ich es tun. Und auch für dich Tina. Und für Kojiro. Ich finde eine Lösung.‘ Fest entschlossen geht er auf die Frauen zu, packt Fane bestimmend am Arm und sieht kurz in Tinas verzweifeltes Gesicht. Ohne irgendwas zu sagen verlässt er mit seiner Frau den Raum.
Kaum ist die Tür wieder geschlossen schaut er sich im Flur um und überlegt wohin er mit ihr gehen könnte. Dann fällt ihm der Beratungsraum ein. Er geht mit ihr darauf zu, öffnet die Tür und sie gehen hinein. Tsubasa betätigt dann den Lichtschalter, damit das Licht nicht einfach ausgeht während sie sich unterhalten. Dann lässt er seine Frau los, steht direkt vor ihr und schaut sie liebevoll an.
„Schatz, was ist denn passiert? Gestern Abend warst du so glücklich und dann vorhin noch kurz nachdem uns Pierre geholt hat und wir hier auf den Anwalt gewartet haben konntest du es kaum erwarten. Das mit der Zeit kriegen wir schon irgendwie hin. Es sagt doch niemand, dass wir uns immer nur in Barcelona sehen werden. Wir können doch auch Hotels nutzen, um uns zu treffen.“ Fane ist etwas irritiert und wundert sich über seine fordernde Art. Noch nie hat er sie irgendwie überrascht oder zur Rede gestellt. Was ist denn nur auf einmal mit ihm los? Schon gestern Abend war er so anders, aber ihr gefiel es doch und es war so schön. Aber jetzt ist es sehr sonderbar. Ist ihm Tina denn so wichtig, dass er sie nicht enttäuschen will? Sie blickt ihn lächelnd an und berührt seine Brust. „Ach Tsubasa. Es war so ein schöner Gedanke. Ich habe mich schon auf die viele Reiserei gefreut und endlich könnte ich meine erlernten Sprachen alle nutzen. Die Arbeit damals für euer Team als Managerin war traumhaft und erfüllte mich mit so viel Stolz. Und ich konnte immer in deiner Nähe sein. Ihr wart so ein tolles Team. Ich will diese Arbeit schon gerne machen und die Vorstellung an einer so starken und stolzen Frau wie Tina stehen zu dürfen ist die größte Ehre überhaupt. Aber…ich werde dafür keine Zeit mehr haben.“, spricht sie liebevoll zu ihm. Er ist erstaunt. Ihr Grund, es nicht machen zu können, klingt nicht nach etwas Schlimmen. Es scheint etwas Gutes zu sein. Er zögert etwas, aber dann nimmt er seinen Mut zusammen und stellt sich direkt vor sie und nimmt zärtlich ihre Hände. Sein tiefer Blick in ihre braunen Augen lässt sie verlegen werden. Fane wird es ganz warm. Schon wieder macht er etwas was sie überhaupt nicht erwartet hat. „Was ist denn nun der Grund warum du plötzlich keine Zeit mehr hast?“ Ihr Herzschlag steigt und sie lächelt ihn an. Nun endlich…nun endlich ist es soweit. Sie ist schon auf seine Reaktion gespannt.
„Du kannst dich doch daran erinnern, als du mich vor nicht ganz zwei Monaten besucht hast. So ganz spontan, weil du verletzt warst und drei Wochen nicht spielen konntest.“, beginnt sie. Sie schaut verliebt in seine grauen klaren Augen. Sein Puls steigt plötzlich an und er nickt irritiert.
‚Sanae, wie schön du bist. Wie du mich jetzt ansiehst. Das macht einen ja ganz verrückt. Was willst du mir denn nur sagen?‘
„Ich war gestern bei meiner üblichen Untersuchung für das Ernährungsprogramm und dabei wurde mir Blut abgenommen. Das ist Standard. Da ich keine Sportlerin bin, gehe ich nur alle drei Monate zur Kontrolle. Und vorhin rief mich der Arzt an.“ Er schaut plötzlich besorgt.
„Du bist doch aber gesund, oder hat er was gefunden worum ich mir Sorgen machen muss?“ Sie schmunzelt.
„Kann man zweideutig sehen. Ich bin kerngesund, ja. Aber bei Frauen wird noch ein Test mehr durchgeführt als bei euch Männern und das Ergebnis ist entscheidend.“
„Nun sag schon was los ist. Mich macht das ganz nervös. Und dann muss ich mir auch noch um dich Sorgen machen.“, macht er ein etwas skeptisches Gesicht.
„Du musst dir in Zukunft um uns beide Sorgen machen.“, sagt sie ganz glücklich und drückt seine Hände ganz fest. Sein Blick ändert sich ins Verwunderliche. „Wie meinst du das jetzt? Um euch beide? Um wen denn noch?“ Fane stutzt und grinst dann.
„Du bist aber auch manchmal echt schwer von Begriff. Nichts kann man versteckt durch die Blume sagen.“ Dann nimmt sie seine linke Hand und legt sie auf ihren Bauch.
„Tsubasa, du wirst Vater. Ich bin schwanger.“, haut sie plötzlich unverblümt raus.
Plötzlich ist es ganz still und der Fußballstar kann vor Verwunderung gar nichts sagen.
‚Schatz, ist das dein Ernst? Wir werden Eltern?‘ Sein Puls steigt plötzlich enorm an und es überkommt ihn das starke Verlangen sie in den Arm zu nehmen und zu küssen. Eine Art Kuss wie gestern Abend oder heute Früh noch vor dem Aufstehen. Seine Gefühle überschlagen sich plötzlich und er erinnert sich an seine gestrige zufällige Beobachtung als er bei den Waschbecken war und ganz leise Schritte hörte und Kojiro entdeckte. Dieser ging um sich schauend mit seiner Tasche zur Rückseite des Gebäudes und stand dann hinter einem alten Schuppen. Er wunderte sich was er denn nun mit seiner Tasche hinter dem Gebäude wolle. Der Ausgang des Geländes ist doch ganz woanders.
Neben der interessanten Unterhaltung war es plötzlich still und er konnte sehen wie Kojiro seine Liebste einfach zu sich zog und sie küsste. Er fragte nicht danach und sie ließ es einfach geschehen. Ihr muss es so gut gefallen haben, dass ihr der Beutel aus der Hand fiel. Das wunderte ihn, denn er kennt Tina nur beherrscht, stark und stolz. Es gab nur den Tag an ihrer Begegnung, dass sie Schwäche zeigte. Und in diesem Moment eines Kusses verlässt der starken Tina ihre Kraft? Wie konnte das sein? War es etwa kurz vor der Verkündung im Besprechungsraum auch so ein seltsamer Moment? Hat Kojiro es erkannt und sie deswegen beim Datenaufnehmen unterbrochen und es plötzlich sofort allen gesagt? Es war doch eigentlich geplant es danach zu tun. War es etwa so ein seltsamer Moment als ihr die Messband-Rolle aus der Hand flog und sie nur zu ihm aufsah? Ein Moment der Schwäche? So ein Moment muss etwas Besonderes sein, dachte er nach der Beobachtung.
Als Tsubasa abends mit Fane alleine war, endlich nach diesem seltsamen Tag und sie von ihren Plänen erzählten, nach dem Anruf des Anwalts, nahm er sie in einem unerwarteten Moment in die Arme und sah sie nur an. Ihr Blick verriet ihm, dass es ihr gefiel und sie küssten sich, aber diesmal fühlte es sich ganz anders an als sonst. Es kam nicht nur von ihr und es war wie berauschend, als würde man nicht wieder aufhören können. Beide spürten plötzlich etwas Neues und ließen es einfach geschehen.
Genau an diesen magischen Moment denkt er gerade in seiner Freude, denn wenn ein Kind unterwegs ist, kann es doch gar keinen größeren Liebesbeweis geben. Kurz nachdem Fane ihm es endlich gesagt hat, nimmt er sie in die Arme. Er streicht gedanklich über ihren Bauch und wandert dann zu ihren Rücken und berührt sie zögerlich und seine rechte Hand fasst ihr Gesicht und streichelt ihre Wange und dann fasst er in ihre schönen halblangen schwarzen Haare. Sie fühlen sich so weich an und duften angenehm nach Jasmin.
Er kann ihren schnellen Herzschlag spüren, als sie ihm überrascht in die Augen sieht und er sie an sich drückt, ganz nah, so nah, wie sie sich sonst nur in der Nacht sind. Fane weiß gar nicht was geschieht und sie bekommt eine Gänsehaut von Kopf bis Fuß. Es überkommt sie das Gefühl ihm noch näher sein zu wollen, ganz plötzlich und unerwartet. Wie kann das sein? Das Gefühl kennen sie beide nicht. Wie kann es sein, dass man so plötzlich das Verlangen hat seinen Liebsten so nah sein zu wollen wie man sich nur sein kann? So ganz plötzlich mitten am Tag? Fane fasst verlangend in sein Haar und lächelt ihn verliebt an. Er kann ihren Atem auf den Lippen spüren, so nah sind sie sich schon und blicken sich tief in die Augen.
„Sanae, habe ich dir jemals gesagt wie wunderschön du bist? Du wirst eine wundervolle Mutter sein.“, spricht er wie verträumt und streicht mit der Hand erneut über ihre Wange und gleitet sanft über ihre Lippen. Ihr entweichen ein paar Tränen. Er fängt sie mit den Fingern auf und in der nächsten Sekunde berühren sich ihre Lippen. Zuerst noch schüchtern, ähnlich wie bei ihrem ersten Kuss, aber dann vernimmt er ein unbekanntes Kribbeln überall, fast wie ein Schaudern bei einem kalten Windzug. Es fühlt sich jedoch angenehm an, sogar eher so, als würde man nicht wollen, dass es aufhört.
‚Tsubasa…du nennst mich plötzlich bei meinem richtigen Namen. Das hast du doch noch nie gemacht. Wie schön es klingt, wenn du ihn sagst. Das ist mir heute schon den ganzen Tag aufgefallen. Wieso bist du nur plötzlich so anders? Schon die letzten Tage verhältst du dich anders als sonst und nun auf einmal solche überwältigenden Gefühle? Wie du mich auf einmal küsst. Das fühlt sich so schön an, hör bitte nicht auf, niemals. Es ist als würde ich schweben.‘ Plötzlich spürt sie seine Hand wie sie vom Rücken heraufgleitet und sie noch fester an sich drückt. Sie kann sein Herz spüren und fühlt den angenehmen Stoff seines Trikots an ihren Armen. Noch nie hatte er sie jemals geküsst, während er seine Sportkleidung trägt.
‚Wie wohl du dich anfühlst, Liebste. Warum spüre ich das erst jetzt so intensiv? Wir sind doch schon fast drei Jahre verheiratet und erst jetzt habe ich so unerwartet das Gefühl dir überhaupt ein richtiger Ehemann sein zu können. Das liegt gar nicht an deiner schönen Nachricht, nein. Das Gefühl war gestern Abend plötzlich da. Wieso? Warum jetzt auf einmal? Warum kann ich dich nicht mehr loslassen? Du bist so schön und fühlst dich so gut an. Deine Liebe spüre ich schon gefühlt mein ganzes Leben lang und erst jetzt…erst jetzt kann ich sie wirklich erwidern? Ist es das was uns gefehlt hat? War es das was uns wieder getrennt hatte?‘ Sein Kuss wird verlangender und Fane ist völlig benommen. Ihre Hand lässt seinen Kopf los und gleitet seinen Rücken herunter. Sie genießt seine großen warmen Hände und kann gar nichts mehr denken, denn sie kommt sich vor wie in Trance. Er kann spüren wie sie plötzlich ihre Kraft verlässt und er lässt ihren Kopf los, fährt sanft an ihrem kurzen Kleid hinunter und greift zärtlich, aber schützend an ihr Gesäß. Natürlich rutscht das Röckchen zur Seite und er kann ihre warme zarte Haut fühlen. Dann fühlt sie sich schwerer an kurz zuvor, als würde sich seine Frau in seinen Händen einfach fallen lassen. Er stutzt kurz und dann aber versteht er es. Daraufhin fasst er sie mit beiden Händen zärtlich, aber bestimmend und nimmt sie hoch. Direkt hinter ihr ist ein Tisch und er setzt sie darauf ab. So hat er es mal in einem Film gesehen. Das muss der magische Moment sein, der magische Moment, wenn von Vertrauen und Hingabe gesprochen wird. Er blickt sie verliebt an und unterbricht den Kuss. Tsubasa atmet tief durch, berührt dann mit beiden Händen sanft ihr Gesicht und sieht sie glücklich an.
„Sanae, ich…ich liebe dich.“ Fane öffnet ihre Augen und kann gar nichts sagen. Sie lächelt ihn nur benebelt an und lauscht seiner liebevollen Stimme.
„Auch ich…auch ich muss dir etwas sagen. Es war zuerst nicht wichtig, aber nun doch.“ Sie nickt nur. Dann lässt er sie langsam los, geht zur Tür und schließt ab. Es ist sehr wichtig, dass niemand sie stört.
Unterdessen ist es im Trainerbüro ganz ruhig. Kaum hat das Ehepaar den Raum verlassen, steht Tina wie angewurzelt da und starrt auf den Vertrag auf dem Tisch. Dr. Kudo beobachtet ihre Reaktion ganz genau und macht sich seine Gedanken. Ihr Blick ist wie leer. So einen seltsamen leeren Blick hat er noch nie bei ihr gesehen. Weder auf dem Spielfeld, wenn es keinen Ausweg mehr gab oder sie kurz vor dem Verlieren stand, noch im Studium wenn es mal scheinbar unlösliche Dilemma gab, die sie lösen sollte. Es gab niemals so einen Blick, immer wusste sie was sie zu tun hatte und fand schnell eine Lösung für ein Problem. Er wundert sich warum es ausgerechnet dieser Vertrag ist, der ihr so zu schaffen macht. Was ist so wichtig, dass er unbedingt zustande kommen muss und warum hat sie es so wahnsinnig eilig? Gestern klang alles noch danach, können wir dann irgendwann machen und vorhin am Telefon klang es nach Eile. Ihre SMS am frühen Morgen war auch so seltsam, als sie ihn bat den Vertrag schon fertigzumachen, damit er heute unterzeichnet werden kann. Er kennt seine Freundin Bettina sehr gut. ‚Bettina-san was ist nur los? Was ist dir so wichtig daran?‘
„Bist du jetzt sauer auf deine Freundin? Du hast nicht damit gerechnet, dass sie dir einen Korb gibt, oder?“ Tinas Blick verändert sich und sie sieht ihn plötzlich an als wäre er ihr größter Gegner. Sie verschränkt die Arme und sieht dann zur Seite zum Fenster heraus. Ihr Blick ist starr auf das Spielfeld gerichtet. Ihr Herz rast so sehr und ihre Brust tut ihr weh. Es tut so doll weh, wie bei diesen seltsamen Momenten damals als sie nach dem Umzug in die neue Schule kam, die Mädchen sie in der Dusche abfingen und gestern als Andrea sie gestoßen hatte. Ein Moment der Hilflosigkeit. Hilflos zu sein, das ist es was sie am aller wenigsten mag. Dieses Gefühl weckt nur unschöne Erinnerungen. Tina hat immer alles im Griff, ist sehr aufmerksam und vorsichtig. Sie versucht so viel wie möglich selbst zu kontrollieren, eben genau damit ihr so ein Gefühl nicht begegnet. Sie kann noch immer nichts sagen und bleibt stumm und nachdenklich. Ihr geht der schöne Moment von vorhin in der Umkleide durch den Kopf. Wie sehr haben sie und Kojiro sich bereits auf ein Zusammensein gefreut. Und nun schon wieder ein Hindernis? Kudo sieht erstaunt zu ihr.
‚Das habe ich nun gar nicht erwartet. Du hast mal gar keinen Plan? Das kann nicht sein. Du hast immer einen Plan, Bettina. Deswegen bewundere ich dich. Mir ist nur aus der Sicht als Fan schon aufgefallen, dass du die Strategin im Team bist. Damals bei deiner ersten Nationalmeisterschaft habt ihr nicht nur gewonnen, weil dein Ball so stark war und die Mädchen vom Feld mussten, nein, auch wenn es jemanden gab, der dem Ball ausweichen konnte gab es entweder eine Beratung oder du gabst irgendwelche Fingerzeichen und es gingen die Punkte wieder an euch. Mir ist das schon bei den Qualifikationsspielen und den Spielen, wo du noch auf der Bank gesessen hast, aufgefallen. Du hast eine wahnsinnig gute Beobachtungsgabe und kannst schnell umdenken. Du merkst dir jede Spielerin genau und das merkt man auch beim Schach. Als wir anfingen miteinander jede Woche zu spielen, da war es trotz meiner Erfahrung sehr herausfordernd. Wir wechselten uns mit den Siegen ab und das ging nur, weil du immer im Voraus planst. Hast du einen Plan, dann gibt es immer Plan B und mindestens Plan C, D oder mehr. Niemals gibst du dich geschlagen. Also warum jetzt? Was läuft diesmal in deinem Plan schief?‘
„Ich bin erstaunt, dass ihr euch überhaupt kennt. Ich dachte die Freundin Fane ist nur dein Lehrling, dass sie die Frau eines der bestbezahltesten Sportlern der Welt ist, hast du nie erzählt. Wieso hockt sie dann mit den Millionen auf dem Konto in deiner heißen Küche rum, statt bei ihm in Barcelona dicke Partys zu feiern?
Wie kommt es, dass wir heute hier sind? Du bist den Fußballern immer ausgewichen. Ich dachte immer bis auf Herrn Misugi vertraust du niemanden.“, spricht er besonnen. In ihm schwirren zu viele Fragen umher. Doch Tina reagiert nicht darauf. Ihr Blick bleibt starr und nachdenklich. Keine Reaktion ist zu vermerken. Er kann nichts sehen, aber in Wirklichkeit brodelt es in ihr wie in einem Schnellkochtopf. Ihre Brust schmerzt noch immer und ihr wird bewusst, dass sie diesmal keinen Plan hat. Sie geht alle Möglichkeiten durch, aber ohne Managerin geht gar nichts. Ihr fällt auch keine Alternative zu Fane ein, denn sie kann doch niemanden weiter vertrauen. Und ihr muss sie nicht erst alles erzählen und erklären. Sie weiß genau was in ihrem Leben Sache war und was nun Sache ist. Sie kennt Tina wie keine andere Freundin und weiß genau was zu tun ist, um ihre Person zu schützen und richtig zu vermarkten. Und wenn sie selbst Managerin ist, steht sie selbst als Spielerfrau immer unter Personenschutz. Das bietet ihr mehr Sicherheit als einfach nur alleine unterwegs zu sein. Beide Seiten haben doch etwas davon. Sie macht sich unabhängig von Tsubasas Einkünften und kann für spätere Berufswege eine super Referenz vorweisen. Das stärkt ihren Marktwert, wenn sie in diese Richtung weitermachen will. Als sie sich kennenlernten schwärmte sie immer von so einer Aufgabe, weil es ihr so viel Spaß gemacht hat auf die Jungs aufzupassen und alles zu organisieren, damit jedes Spiel und Turnier reibungslos verläuft. Sie liebte es für ihr Wohlbefinden zu sorgen und sie hatte immer viel Spaß mit ihnen. Natürlich machte es ihr besonders viel Spaß, weil sie in der Nähe ihres Lieblings sein konnte, aber auch allgemein war es wie eine Bestimmung. Und nun hat sie erneut die Chance so einen Posten zu übernehmen, nur eben für eine einzelne Person. Die Aufgaben werden etwas anders sein, natürlich, aber sie kennt durch Tsubasas Job viele Manager und weiß was sie so machen müssen.
„Bettina, was ist Plan B? Du machst nie etwas ohne Strategie. Du hast immer was in der Schublade. Wen kannst du als nächstes fragen? Du hast doch noch Zeit dir jemand anderes zu suchen. Offiziell brauchst du erst ab nächstes Jahr Januar eine Managerin.“ Plötzlich ertönt Tinas feste Stimme.
„Das war Plan C! Steht man im Matt, gibt es keinen Weg mehr hinaus.“ Egon ist irritiert. Er sieht wie ihr plötzlich eine Träne über die Wange huscht und sie diese gleich wegwischt. Verzweiflung kennt er gar nicht von ihr.
„Bettina, du hast doch noch Zeit. Laut der Vorgaben des Verbandes kannst du dir sogar jemanden aussuchen. Das ist doch dein Vorteil.“
Erzürnt dreht sie sich zu ihm um.
„Ich brauche den Vertrag schon heute! Diese alten Vorgaben helfen mir gar nichts! Ohne einen Manager darf ich weder zur WM noch den Verein verlassen und dann platzt der Transfer nach Italien. Ich muss heute Abend den Transfervertrag unterzeichnen und einen Manager vorweisen. Es ist schon alles geregelt und es gab nichts was im Weg stand und nun? Nun habe ich schon alles mit jedem abgesprochen und es lief einfach mal mit viel Glück genauso wie es muss und nun das! Was sage ich denn jetzt allen anderen, die daran beteiligt sind? Ich komme auch so nach Italien und wenn ich meine Auslösesumme vom Sparbuch hole und einen Kredit aufnehme, mir egal! Aber die anderen sind mir nicht egal! Was soll denn der angeworbene Verein jetzt von mir denken? Die denken doch ich bin unglaubwürdig oder unzuverlässig, wenn ich plötzlich wegen sowas absagen muss. Ich will gar nicht wissen was die Presse dazu sagt, wenn da einer quatscht.
Dieser Weg war perfekt! Vermutlich zu perfekt für heute! Irgendetwas passiert immer. Jedes Jahr ist was und diesmal wohl das.“, platzt es aus ihr heraus. Sie hat große Mühe sich ihre Tränen zu verkneifen.
„Wie jetzt ein Transfer? Davon weiß ich ja noch gar nichts.
Was war denn bitte dein nächster Zug? Und was meinst du mit Plan C? Was war denn vorher geplant? Du bestellst mich her und willst die Unterschrift. Du hast geschrieben, ich soll noch drei weitere Verträge ansetzen und mitbringen. Du willst jemanden deine Geschäfte hier überlassen und die Buchhaltung wie auch die persönliche Betreuung für die Programme abgeben. Die Gaststätte deinem Koch schenken. Und was für ein Transfer bitte? Du willst nach Italien? Warum das denn auf einmal? Vor zwei Jahren hast du es abgelehnt und die haben eine echt gute Summe geboten.“
„Ach Egon. Es tut mir leid.“, spricht sie plötzlich ruhig und geht auf ihn zu und setzt sich ihm gegenüber an den Tisch und schaut auf das Dokument.
‚Was tut ihr leid? So verzweifelt habe ich sie noch nie gesehen. Es muss ihr sehr viel bedeuten, dass diese Frau diesen Job macht und dass sie nach Italien gehen kann. Aber warum ausgerechnet Italien? Ihr ging es doch nie ums Geld, wenn es ums Spielen ging. Sie könnte genauso gut einfach nach Deutschland gehen, zu ihrer Familie.‘
„Was tut dir leid?“
„Dass ich dich jetzt so überfallen muss. Ich wollte das etwas anders angehen, aber die Zeit drängt plötzlich so sehr. Dass ich dich gestern während einer wichtigen Unterhaltung zu mir gerufen habe, hatte drei Gründe.
Zuerst habe ich bemerkt, dass ich Herrn Satsujinsha nicht mehr trauen kann. Dazu aber später mehr von Takeru. Gestern Morgen habe ich beschlossen das Land zu verlassen. Dann kam diese Manager-Forderung dazu. Und dann bekam ich diesen unerwarteten Besuch aus Deutschland. Also musste ich mir etwas einfallen lassen. Ich stand da ohne Anwalt und hatte zu viele Baustellen. Ich habe dich damals nur abgelehnt, um meine Eltern nicht zu hintergehen. Ich weiß nicht was sie an dem Mann fanden, aber so war es eben. Naja, es passte, dass du gerade da warst, sonst hätte ich das alles heute machen müssen. In dem Moment war mir egal ob Karl-Heinz nun dummerweise da ist oder nicht, denn es ist gar nicht so schlecht, wenn er weiß, wen ich an meiner Seite habe. Gerade jetzt, nachdem er plötzlich aufgetaucht ist und man nie weiß wie lange unsere Bekanntschaft vor der Presse geheim bleibt.
Das war Plan A. Den Vertrag hier und ein neuer Rechtsbeistand. Dann Umziehen. Arbeit finde ich immer. Betteln hätte ich nicht gemusst, um in das Team zu kommen. Und die Zeit bis zum normalen Eintritt hätte ich irgendwo gearbeitet und mich um meine Kunden gekümmert oder neue organisiert. Die Einnahmen vom Studio und den Sponsoren halten mich ausreichend über Wasser.
Der Anruf für einen Transfer kam erst heute Nacht. Ich bekam gestern Abend noch nach deinem Besuch bei Martin einen Anruf vom Vereinsvorstand Chieri Torino. Sie haben mich persönlich angerufen, gefragt ob ich kommen würde und wegen meiner Zusage ein wirklich gutes Angebot gemacht, das wir dann besprochen haben. Ihnen sind doch die zwei Spielerinnen wegen des Unfalls ausgefallen und da haben sie wieder an mich gedacht. Als Bedingung soll ich jedoch eine Zuspielerin mitbringen. Yoko geht ja nun nicht und da kommt nur Hikari in Frage. Die hatte jedoch nicht wirklich Lust, weil sie gebunden ist und ihren Partner nicht zurücklassen wollte. Mir was das klar, aber dann bat sich eine Lösung an. Es gab plötzlich die Möglichkeit, dass auch er Arbeit hat. Ein riesiges Glück für uns alle.
Somit kam dann Plan C, denn Plan B war einfach alleine zu gehen. Aber die wollen alle meine Bälle, nicht nur den ganz neuen. Man will gleich stark in die Saison starten.
Mein Trainer rief mich vorhin an und bestätigte den Transfer vom Verein aus. Ich rief dann Hikari an und fragte ob sie mit mir gehen will, wenn ihr Freund auch mitgehen kann. Natürlich sagte sie sofort zu. Wenn das Spiel heute ist, bringt Ryo den Vertrag mit und ich werde ihn unterzeichnen. Es ist einer von denen, die noch im Verborgenen bleiben müssen. Hikaris Transfer läuft noch, ich warte jeden Moment auf einen Anruf von ihr oder wenn sie nachher kommt, eine Nachricht. Sicher wird dem nichts entgegenstehen, denn es muss keine so hohe Summe wie bei mir für einen Verein ausgegeben werden und auch sie bekommt ein Spitzengehalt mit super Boni.
Damals lehnte ich das Angebot ab, obwohl ich zu Martina ins Team wollte. Das sind so wundervolle, starke nette Frauen. Ich lehnte aber damals ab, es war doch kurz nach dem Unfall meiner Eltern und mit Martin war ich da auch noch zusammen und das größte Problem aber war, dass es doch so eine große Fußballnation ist, größer noch als Deutschland, vor allem dort oben im Norden und ich wollte diesen Reizen nicht ausgesetzt sein.
Das Egon, das war der Hauptgrund. Natürlich wart es auch ihr, meine Freunde und Fans, denn ohne euch hätte ich die Zeit hier nicht überstanden. Weder zu Beginn, noch jetzt. Genau deswegen werde ich auch für euch zur WM gehen.“ „Oha, und nun kommt also Plan D? Wieso willst du unbedingt jetzt nach Italien?
Was meinst du mit Reizen? Du bist doch jetzt auch hier. Wieso hätte dich das in Italien gestört? Deutschland ist doch auch so eine große Fußballnation. Und jetzt stört es dich nicht mehr? Ich war gestern wirklich sehr überrascht als ich deinen Besuch erkannt habe. Woher kennst du Herrn Schneider?“ Tina grinst plötzlich. „Wow, ich sage ja, niemanden kann ich so sehr vertrauen wie Fane. Sie hat dir scheinbar nichts erzählt, dabei habe ich euch beiden gesagt, dass ihr darüber reden könnt. Dir sagte ich, hole die Infos über ihn rein und ihr erlaubte ich dir meine Geschichte zu erzählen. Daher deine Fragen. Ihr habt euch beide nicht getraut darüber zu reden?“ Er ist erstaunt.
„Ehrlichgesagt lasse ich mich bei dir gerne überraschen. So wie jetzt. Die Spannung steigt, meine Liebe. Ich will gerne die Infos von dir erfahren oder es wie ein Detektiv herausfinden. Genau das macht diesen Beruf so spannend und du wirst deine Gründe haben mich mit meinem Stand und meiner Erfahrung haben zu wollen. Es liegt nicht alleine daran ob du mir trauen kannst. Ich kenne dich, du bist eine wahnsinnig gute Strategin, deswegen traut dir auch nicht gleich jeder über dem Weg.“
Ein Anwalt im Trainerbüro?
Kapitel 94
Ein Anwalt im Trainerbüro?
Egon lächelt sie an und spielt etwas mit seiner Krawatte herum.
„Ich habe das bemerkt als du zu mir in die Vorlesungen gekommen bist. Wenn es nicht gerade Fans von dir waren, dann haben dich die anderen gemieden. Und deine Anfänge im Team der Universität haben es ebenso klar gemacht. Man hat dich dort hineingesteckt und du wurdest erstmal nur auf die Bank gesetzt. Das unerfahrene deutsche Küken, das kann ja nicht zwischen die großen Nummern passen. Akane und Hikari haben es dir nicht leicht gemacht. Ich weiß noch wie die ersten Spiele waren. Und dann plötzlich warst du mit auf dem Feld und spieltest alle aus. Ich weiß noch immer nicht was du machst, aber du schaffst es einen Haufen Diven zusammenzuraufen und ihr Herz für dich zu gewinnen. Wie machst du das? Ich habe das Team vorher genauso wie deins spielen gesehen. Sie waren stark, ja, aber erst mit dir wurden sie ein Team.“ Tina grinst und ist erstaunt über sein Lob. Es erwärmt ihr Herz, gerade jetzt kann sie Lob gebrauchen. Und ein Lob, wenn es über ihre Persönlichkeit geht, von einer Person wie Kudo zu hören ist mehr als nur eine Ehre, denn er lobt niemals, wenn es nicht passt. Sie lehnt sich zurück und verschränkt gelockert ihre Arme.
„Danke, das kann ich jetzt gebrauchen. Denn nun bin ich wieder bei Plan A. Das Gehalt wäre schon toll gewesen und dass ich vor allem spielen kann und mich nicht billig an den Verein verkaufen muss. Immerhin verdienen die sich eine bunte Nase mit mir. Wenn das hier jetzt doch nichts wird, dann können zwei der anderen drei Verträge wieder vernichtet werden. Den Leuten muss ich ja dann auch absagen. Roland bekommt sein Lokal, das ist unabhängig vom Umzug oder Transfer.“ Kudos Blick ist erstaunt. Eben war sie noch am Boden zerstört und dann strotzt sie nur so vor Selbstsicherheit und weiß genau was sie wert ist.
„Ein Haufen Diven, oha, lass das bloß Takeru nachher nicht hören. Immerhin ist Akane seine Tochter.
Diese Eigenschaft habe ich unter anderem ganz besonders Karl-Heinz zu verdanken. Wir haben uns fünf Jahre lang so gut wie jeden Tag gesehen. Diese Zeit war schön und extrem hart, aber sehr prägend.“, beginnt sie mit ihrer Geschichte.
„Das klingt spannend. Ihr kennt euch also aus Hamburg. Du warst laut Biografie aus Hamburg hergezogen und hast dort gut 5 Jahre gelebt. Also daher kennst du ihn? Ihr seid zusammen in derselben Klasse gewesen oder dein Bruder war mit ihm befreundet.“ Tina stutzt und setzt einen ernsten Blick auf.
„Also echt, sei ehrlich zu mir. Du willst mir doch nicht wirklich weis machen, dass du nicht mal nach der Begegnung gestern auf Karls Webseite gegangen bist. Deine Neugier muss dich doch gepackt haben. Jemand sagte mir vorhin, es gäbe dort Fotos mit mir.“ Er schüttelt den Kopf.
„Nein wirklich. Also ich habe vorhin unterwegs im Taxi geschaut, aber da war nichts. Es gab keine Fotos aus der Zeit und schon gar keine wo du drauf bist. Nur welche von ihm und den Jungs eben.“
„Wie jetzt? Kein Gruppenfoto von der Europameisterschaft oder dem HSV-Juniorenteam?“
„Nur eins, das muss kurz nach dem Testspiel gegen Japan gemacht worden sein, denn im Hintergrund ist die Ergebnistafel zu sehen. Da war nichts. Wieso solltest du denn da drauf sein?“, wundert er sich. Er holt seinen Laptop raus und lässt ihn hochfahren.
Plötzlich klopft es an der Tür und die Tür geht gleich auf. Es ist Karl-Heinz, welcher nach Marie sucht. Tina richtet sich auf.
„Oh, sorry, ich wollte nicht stören, Guten Tag Herr Kudo.
Tina, hast du Marie gesehen? Ich wollte mit ihr reden, aber ich weiß gar nicht wo sie steckt. Vorhin war sie noch am Spielfeldrand.“, klingt er besorgt.
„Nein. Versuche sie doch anzurufen.“
„Es geht keiner ran. Bestimmt ist der Ton aus.“ Sein Blick schweift auf den Tisch und er entdeckt den Vertrag. Ihn wundert es auch, dass Tina sitzt. Das ist eher weniger ihre Art. Ihr Blick sieht angespannt aus. Und wieso ist überhaupt ihr neuer Anwalt da? Statt wieder zu gehen bleibt er in der Tür stehen.
„Ist bei dir alles okay? Hast du irgendwelche Probleme?“, spricht er erneut besorgt.
„Das muss ich noch abwarten, aber komm doch zu uns. Marie läuft dir schon nicht weg. Wir müssen dich eh etwas fragen, es hat sich gerade ergeben.“ Er folgt ihrer Bitte und schließt hinter sich die Tür.
‚Was hat das zu bedeuten?‘, wundert er sich sehr und sieht zu Kudo herab. Ein Anwalt der sitzt und ihn versucht hat aus der Reserve zu locken.
„Worum geht’s?“
„Um deine Webseite. Man sagte du hast dort Fotos von mir drin. Und nun sind sie weg?“ Karl ist erstaunt, dass sie es weiß.
„Ich habe sie vorhin gerade löschen lassen. Mein IT-Mann hat andere Bilder eingestellt.“, antwortet er trocken.
„Oh, das erklärt es. Das ist gut. Das beruhigt mich. Ich habe erfahren, dass bereits jemand die Fotos entdeckt hat. Ich kann nur froh sein, dass es in diesem Fall vorerst nicht in die falschen Hände geraten ist, aber das Blatt kann sich ja schnell wenden. Man weiß ja nie. Gut, dass sie weg sind, auch unsere Namen?“ Nachdenklich schaut er zum Anwalt. Inzwischen hat er sich erkundigt und weiß genau wen Tina da an ihrer Seite hat und er wundert sich wie sie ihn sich leisten kann. Sie hatte Recht, als sie meinte, er nehme in der Regel nur Leute in seiner Gehaltsklasse an.
Egon schaut lächelnd zu ihm auf und das macht Karl plötzlich stutzig. Er schaut zu Tina und wird zornig.
„Was ist das hier für ein Spielchen? Ist das jetzt Dein Ernst? Du willst mir ausgerechnet heute deinen Anwalt auf den Hals hetzen? Wegen ein paar Fotos im Netzt? Du weißt doch genau, dass ich nicht wusste, dass es für dich eventuell Probleme geben könnte damit.“ Entsetzt sieht Tina ihn an.
„Geht das schon wieder los?“ Sie schaut zur Uhr. Es ist mittlerweile 14 Uhr.
„Seit wann bist du wach?“ Er murrt etwas und verschränkt die Arme.
„Seit 5 Uhr. Da stehe ich gewöhnlich auf. Schiebe meine Meinung jetzt nicht auf den Jetlag. Was soll das sonst hier? Ich bin die Zeitverschiebungen gewohnt.“ Tina steht auf und geht zur Kaffeemaschine.
„Mag sein, aber nicht dem mangelnden Schlaf. Setzt dich bitte und gönn dir eine Pause. Du stehst seit drei Stunden in der prallen Sonne und ausgeschlafen bist du scheinbar nicht mehr.
Was willst du haben? Kaffee? Cappuccino?“ Er schaut ihr nach und dann nutzt er die Gelegenheit, geht zum Tisch und schnappt sich einfach das Dokument. Egon ist erstaunt. Was nimmt er sich heraus und bildet sich ein? Er faucht ihn an.
„Was soll das? Was gehen Ihnen anderer Leute Dokumente an?“ Karl ist jedoch erstaunt, als er auf den Vertrag schaut.
„Das ist nur der Managervertrag?“ Dann geht er um den Tisch herum und setzt sich mit dem Blick zur Tür hin und legt das Papier wieder ab.
„Wieso musst du bloß immer Recht haben? Einen schwarzen Kaffee nehme ich gerne.“, gesteht er seine Müdigkeit ein und schaut zu ihr rüber wie sie am Automaten steht und ihn bedient.
„Bist du immer gleich so drauf, wenn du Anwälte siehst? Kannst du nicht mal mehr mir vertrauen? Wenn du nicht müde währst, hättest du noch in Erinnerung, dass ich dir Egon als Freund vorgestellt habe, nicht als meinen Anwalt. Und dir wäre eingefallen, dass wir über den Vertrag gesprochen haben.
Wann und was hast du als Letztes gegessen? Der Tag heute war sehr nervenaufreibend. Ich bin auch müde und habe langsam Hunger. Im Gegensatz zu dir bin ich aber nicht die ganze Zeit auf dem Rasen und laufe in der prallen Sonne rum. Trink deinen Kaffee und dann hole dir nachher was beim Imbiss. Die haben leckere Salate und Steaks.“
„Sorry, du hast ja Recht. Das klingt gut. Ein Steak wäre toll.“ Karl blickt zu Kudo rüber, versucht zu lächeln und reicht ihm die Hand höflich rüber.
„Es tut mir leid, die Anspannung. Und Sie sind wirklich ein Freund von Tina?“ ‚Das ist interessant. Er sieht ein, wenn er Fehler gemacht hat. Das gibt es selten. Ich habe mit ihm persönlich nie etwas zu tun gehabt. Als ich vorhin einiges versucht habe über ihn herauszufinden, kamen da ein paar kleine Reibereien zum Vorschein, aber nichts was mich jetzt aufregen würde. Es sind eher die üblichen Sachen. Keine Gewalt, keine Weibergeschichten, lupenrein. Ab und an mal eine kleine Auseinandersetzung mit anderen Kollegen, aber das hält sich eher in Grenzen. Da kenne ich ganz andere Kandidaten.‘ Egon nimmt seine Hand an und lächelt. Dann lehnt er sich wieder zurück.
„Man mag es kaum glauben, aber das muss unter uns bleiben. Wir haben uns einmal die Woche zum Schachspielen verabredet und dadurch angefreundet. Zuerst war ich nur ein großer Fan. Volleyball war immer meine Lieblingssportart und ich sehe mir so viele Spiele wie möglich an. Dadurch das Interesse auch beruflich. Und dann tauchte Bettina wie aus dem Nichts zu einer Nationalmeisterschaft auf und haute die Gegner nur so um. In so kurzer Zeit eine so starke Spielerin werden, das habe ich bewundert. Ich war neugierig was das für ein Mensch ist und sah mir seitdem so gut wie jedes Spiel an, und wenn es nur die Aufnahmen waren, weil ich die Spiele wegen der Arbeit verpasst habe. Dann tauchte sie plötzlich in meinen Vorlesungen auf. Ich war total überrascht. Ich hätte nie geahnt, dass sie sich für so trockene Fächer wie Psychologie und Kriminologie interessiert. So kam dann der Kontakt zustande und wir trafen uns zum Philosophieren. Nebenbei spielten wir. Bettina ist wirklich eine gute Strategin. Bevor Sie hereingekommen sind, hat sie Sie sogar gelobt.“
„Oh, wirklich. Weil ich ein guter Stratege bin?“, wundert er sich.
„Nein, sie meinte sie habe von Ihnen gelernt ein Team zusammenzubringen. War es das was Sie gestern meinten, als ich Sie über ihren Sturkopf ausfragte?“ Karl ist verwundert und dreht sich zu ihr.
„Tina, was hast du denn bisher erzählt?“ Sie dreht sich zu ihm um und schaut ernst.
„Ich war gerade dabei ihm meine Geschichte zu erzählen. Deswegen kamst du darin vor und in dem Moment hast du schon in der Tür gestanden.“
„Und wie viel wissen Sie schon?“, fragt er Egon daraufhin. Tina kommt mit zwei Tassen Kaffee an den Tisch.
„Wir waren noch ganz am Anfang. Er glaubt im Moment noch wir kennen uns nur durch Stephan. Ich habe damals nur erzählt, dass ich ihn verloren habe und er Fußball gespielt hat. Deswegen habe ich alles mit Fußball gemieden. So ist der Stand. Und dann kam die zufällige Begegnung gestern mit dir und er geht sicher davon aus, dass Stephan in deinem Team war und wir uns daher gut kennen, weil du ein Freund von ihm warst.“ Sie schaut zu Egon rüber.
„Stimmt soweit, oder? So sind doch deine Gedanken?“ Er nickt und blickt jedoch skeptisch zu beiden.
„Ist es anders? Herr Schneider, wieso waren von Bettina Fotos auf Ihrer Webseite?“ Karl schaut zu Tina auf.
„Bist du sicher, dass er das alles wissen muss?“
„Ja, denn es ist besser, wenn er vorbereitet ist, falls doch jemand quatscht. Du kannst ihm vertrauen.“
„Wenn du meinst. Nun, machen wir gleich mal eine Kontrolle. Ich habe unseren Verein ebenso gebeten die Fotos auszutauschen und eure Namen rauszunehmen.“, meint er und deutet auf den Laptop vor sich. Er sagt dem Herrn vor sich auf welche Seite er schauen soll und tatsächlich. In der Chronik des Vereins tauchen zwei Fotos auf. Egon staunt nicht schlecht, als er sie sieht.
„Bettina, ist das dein Ernst? Du hast dich als Jungen ausgegeben und in so einem großen Team gespielt? Hier steht zuerst als Keeper und dann in der Verteidigung?“
Tina nickt und grinst.
„War halt so. Ich wollte nicht mit irgendwelchen Mädchen rumkicken, sondern mit meinem Bruder zusammenspielen. Da hat es sich damals so ergeben. War wie gesagt, nicht leicht, aber es war eine wirklich tolle Zeit. Jetzt weißt du wieso wir uns so gut kennen.“ Egon lehnt sich total baff zurück.
„Ich kann das gar nicht glauben. Wow. Jetzt erklärt sich das auch alles in deiner Biografie. Bettina, sag mal, wie hast du es eigentlich damals geschafft ins Volleyballteam zu kommen obwohl du keine Ahnung von dem Sport hattest? Wie hast du den Trainer überredet? Es steht, er habe deine Ausdauer bewundert, die Mädels sollten dich das Spielen lehren und du solltest sie antreiben. Was war wirklich der Grund?“, stellt er in den Raum.
Karl ist ganz überrascht und sieht ebenso zu Tina. Sie nimmt einen Schluck aus ihrer Tasse und lehnt sich ans Fenster.
„Das war wirklich nicht leicht. Yoko nahm mich damals einfach mal mit, um mir ihren Sport zu zeigen. Dann hielt ich das erste Mal den Ball in den Händen, nach sechs Wochen kein Training und kein Ball, nur Laufen und Schwimmen. Das war wie Magie und dann wusste ich es, ich wusste, das ist mein neuer Weg. Es gab ein paar gute Ansätze, die ich durch die Keeper-Ausbildung nutzen konnte. Die Beobachtungsgabe und das Talent mehrere Leute zeitgleich im Blick zu behalten, das kam mir sehr zugute. Nach einer Woche Hineinschnuppern kam der Ehrgeiz dazu. Ich wollte es allen zeigen, dass ich das auch kann. Also bat ich ihn ins Team zu dürfen. Naja, er stellte mir eine Bedingung. Diese habe ich erfüllt, auch wenn es mir sehr schwerfiel.“
„Welche Bedingung?“, hinterfragt Karl-Heinz neugierig.
„Ich hatte ihm erklärt, dass ich vorher was anderes gemacht habe, aber das nicht mehr machen will. Ich erzählte immer nur etwas von Schwimmen und Laufen. Um ins Team zu kommen musste ich ihm erzählen welche Sportart ich vorher gemacht habe und warum ich sie nicht mehr ausführen kann. Wenn mir das Spielen nicht so gefallen hätte, wäre ich nie darauf eingegangen. Aber, Karl, du kennst mich gut genug. Als ich den Ball in den Händen hielt, da war plötzlich alles wie weg. Nur dann konnte ich alles vergessen, wie in einem Drogenrausch. Und das wollte ich, jeden Tag diesen Ball in der Hand haben, so wie früher, als Keeper. Also musste er mir versprechen mein Geheimnis zu bewahren. So erzählte ich ihm dann von uns und von dem Überfall und warum ich keine Fußballer mehr sehen konnte. Bis heute hat uns dieses Geheimnis verbunden und das wird es auch immer.“ Karl blickt auf den Tisch und stützt sich mit dem Kin auf seinen Händen auf. Sein Blick ist nachdenklich und betrübt.
‚Tina, du hast es deinem Trainer damals erzählt? So ein Geheimnis ist sehr riskant. So wichtig war dir der neue Sport? Wie ein Rausch? War es damals bei uns auch so? Hast du deswegen durchgehalten? Nicht nur weil du mit uns spielen wolltest, sondern weil das Spielen wie ein Rausch war?‘
„Na dann, Liebes, erzähl mir den Rest deiner Geschichte. Verstanden habe ich das soweit. Ihr wisst hoffentlich was das für Konsequenzen haben kann, wenn jemand hinter dieses Geheimnis kommt? Der HSV muss dringend das Foto austauschen. Es ist zu riskant.“
„Natürlich, deswegen halte ich es ja die ganze Zeit zurück.“, meint Tina und wendet sich dann an Karl-Heinz.
„Ist es dir lieber, wenn ich es ihm auf Japanisch erzähle? Dann musst du es nicht erneut hören.“
„Mach wie du willst, eine kleine Ablenkung wäre gut.“ Sie schaut zu Egon.
„Hast du es mit? Vielleicht ist es für dich auch gut.“
„Was meinst du?“
„Na dein Schachbrett.“ Er ist erstaunt.
„Schon, aber nicht das was du vermutlich denkst. Ich habe nur das Shogi-Brett mit. Wolltest du, dass wir jetzt spielen?“ Tina grinst und nickt.
Etwa zwanzig Sekunden später geht plötzlich die Tür auf und Trainer Kira steht ihm Türrahmen.
„Oh, sorry. Ich wusste nicht, dass jemand da ist. Ich wollte mir nur einen Kaffee gönnen.“, sagt er zurückhaltend und kann in erster Linie nur Tina sehen. Dann öffnet er die ganze Tür und ist erstaunt, dass Karl-Heinz im Raum ist und dann entdeckt er den älteren Japaner im schwarzen Hemd, vornehm gekleidet. Dieser ist gerade dabei den schmalen Holzkasten aus seiner Tasche zu nehmen, aber genau in diesem Moment greift Karl hinterm Tisch runter auf seine Hand und flüstert ihm ernst in Deutsch zu.
„Warten Sie, nicht vor ihm. Jetzt sind Sie im Job. Man kann ihm nicht trauen.“ Kudo stutzt, denn er hat gar nicht zur Tür geschaut, als sie so schnell aufging. Statt des Holzkastens holt er einen Kugelschreiber aus der Tasche damit es nicht auffällt, dass er sein Vorhaben unterbricht. Karl-Heinz greift langsam zum Vertrag, dreht ihn um und legt ihn vor sich. Dann treffen sich die Blicke der beiden gestandenen Männer.
‚So so, Trainer Kozo Kira. Mir war klar, dass er eventuell auch hier ist. Mich wundert es eher, dass dieser Herr Schneider mich eben davon abgehalten hat das Schachbrett rauszuholen. Er meinte ich sei jetzt im Job. Meint er damit, ich darf vor ihm nicht zeigen, dass ich privat etwas mit Bettina zu tun habe? Das Spiel hätte danach ausgesehen. Scheinbar will er damit erreichen, dass dieser Mann genau das denkt was er gedacht hat. Nicht dumm, dieser Mann. Der Kaffee scheint ihm gutzutun.‘
Tina ist erstaunt, sie lässt es sich nicht anmerken, aber Karls Reaktion auf Kira verwundert sie dann doch. Wieso hat er das Egon eben gesagt? Wieso soll man ihm nicht trauen können? Der Trainer ist ihr skeptisch gegenüber, ja, das weiß sie und beachtet das auch, aber immerhin war er der Trainer, der Kojiro ganz groß gemacht hat. Warum soll er da nicht wissen, dass Kudo ihr Freund sein könnte? Karl schaut streng zu ihm auf und nimmt seine rechte Hand vom Tisch. Er gibt Tina unter dem Tisch, außerhalb seines Blickwinkels Fingerzeichen, in der Hoffnung sie würde diese noch von früher deuten.
„Machen Sie sich einen fertig und dann gehen Sie wieder. Wir haben was zu erledigen.“, ist er streng und wirkt sehr ruhig und selbstsicher.
‚Karl, was hat das zu bedeuten? Warum soll ich ihn machen lassen und nichts sagen?‘ Kudo kann von seinem Blickwinkel aus zwar nicht sehen welche Zeichen er genau macht, aber dass er ihr welche gibt, das deutet er sehr wohl. Der Trainer versucht sich nichts anmerken zu lassen und geht in den Raum zum Kaffeeautomaten. Er nimmt sich einen Becher und drückt dann auf den Knopf. „Danke, ich bin gleich wieder weg.“, sagt er nur auf Englisch, damit es jeder versteht. Es ist still im Raum.
‚Verdammt, ob Mikami Recht hatte? Ich hätte mich aus der Sache raushalten sollen. Er meinte noch ich soll mich mit ihr nicht anlegen. Es ging zwar um was anderes, aber die Sache vorhin, die mir da so böse rausgerutscht ist, kann schnell mal bei einem Anwalt landen. Wieso ist diese Hund Kudo da? Was hat er hier zu suchen? Und dann noch mit Frau Fuchs und Schneider zusammen? Wird das jetzt eine Verleumdungsklage? Alle sind so ruhig. Ich kann diese Frau einfach nicht leiden. Sie ist mir so unheimlich geheimnisvoll. Keiner weiß so richtig was sie denkt und was ihre Ziele sind. Ich frage mich immer noch wieso Mikami sie so in Schutz nimmt. Ist da mal was vorgefallen in Deutschland? Sogar Tsubasa und Genzo stehen auf ihrer Seite. Kojiros Familie hat sie auch um den Finger gewickelt. Und jetzt sitzt sie hier mit Schneider rum. Mich macht das sehr stutzig. Ich weiß überhaupt nicht ob ich ihr trauen kann.
Wie kann es sein, dass diese Frau sogar mit einem Hauptkommissar befreundet sein soll? Ich habe mich erkundigt, er leitet das 87. Revier, das ist von allen das größte, weil es direkt am Flughafen liegt. Die Leitung dort wird sehr streng geführt. Und diese Blondine, die auf Frau Krause aufpassen soll, wer ist das? Warum hat er sie vorhin bei meiner Provokation zurückhalten müssen? Und nun sitzt hier der Fuchs Kudo, den sie sich doch wohl kaum leisten kann und haben irgendwelche Dinge miteinander zu erledigen? Hecken die was aus?‘
Der Kaffee ist durchgelaufen und er nimmt sich die Tasse und dreht sich um, um den Raum zu verlassen. Nun hat er einen anderen Blick zu den Dreien. Alle sehen ihn an als würden sie etwas von ihm erwarten. Dann plötzlich macht Karl unterm Tisch erneut Handzeichen für Tina, jedoch diesmal so, also würde es aussehen als würde er sie verstecken wollen, aber Kira kann sie andeutungsweise sehen.
‚Angriff andeuten, cool bleiben.‘, Tina macht was er sagt, aber antwortet ihm mit Zeichen zurück. Ihr Blick wirkt selbstsicher und herausfordernd. Jedoch untermalt sie es dann mit einem Lächeln.
‚Warum Angriff?‘, deutet Karl ihr Zeichen und dann setzt er zum Trinken an und stellt die Tasse wieder auf den Tisch. Kira geht mit steigendem Puls an ihnen vorbei und kurz nachdem er die Tür hinter sich gelassen hat und sie berührt, um sie zu schließen stellt Karl-Heinz Tina eine Frage in Englisch und gibt Tina ein erneutes Zeichen.
‚Vertrau mir. Normal wirken.‘
„Sag mal Tina, was hättest du damals gemacht, wenn du erfahren hättest, dass einer unserer Trainer ein Alkoholproblem hat und im Dienst trinkt? Also während wir in seiner Obhut waren?“ Tinas Puls steigt plötzlich an. Sie weiß vor Schreck gar nicht was sie sagen soll. Was soll diese komische Frage plötzlich? Sie stellt ihre Tasse ab und sieht wieder zu ihm. Kira steht vor der Tür und hat sie nur noch einen Spalt offen und den Blick bereits in den Flur gerichtet. Er wollte gerade aufatmen, dass niemand weiter was gesagt hat und dann kommt so eine seltsame Frage in Englisch.
„Du kannst ja komische Fragen stellen. Wie kommst du jetzt darauf? Sowas geht gar nicht.“, sagt sie zuerst und dann versteht sie worauf er hinauswill. Ihr ist es tatsächlich auch schon aufgefallen. Es ist sehr gering und sie hat sich gewundert, als er eben an ihr vorbei ging. Sie dachte in dem Moment, dass ihr noch der Geruch von Maries Stiften in der Nase hängt. Gestern hat sie neben Kira nichts dergleichen wahrgenommen, aber heute.
‚Karl, ist es dir etwa auch aufgefallen? Ich dachte, es ist noch von den Stiften und die Hitze holt den Geruch hervor.‘
„Damals als Kind hätte ich vermutlich einem anderen Trainer Bescheid gesagt, um das Team zu schützen. Wenn der Trainer aber beliebt ist oder sehr gut in seinem Job, dann würde ich ihm heutzutage raten sich Hilfe zu suchen, um auch ihn vor sich selbst zu schützen. Oft steckt dahinter eine traurige Geschichte. Aber wenn man es nicht ablegen kann, wird es nur immer schlimmer und irgendwann kostet es dem ganzen Team oder dem Verein den Guten ruf. Meistens auch seinen Job und im schlimmsten Fall sein Leben, oder das eines Anderen. Zum Beispiel beim Autofahren.“
„Oh, du rätst also lieber eine Therapie anstatt zu petzen und zu verurteilen?“ „Genau. Alles andere macht es nur schlimmer.“, sagt sie mit fester Stimme.
„Du bist eindeutig zu nett zu den Menschen. Du gibst ihnen immer eine zweite Chance und verlierst nie die Hoffnung in ihnen. Das habe ich schon immer an dir bewundert, denn meistens liegst du richtig mit deiner Menschenkenntnis.“ Kurz darauf schließt sich die Tür. Trainer Kiras Herz schlägt bis an die Decke. Er kann kaum noch die Tasse in seiner Hand halten und geht direkt auf den Besprechungsraum zu. Er betätigt die Klinke, aber der Raum ist zu seiner Verwunderung abgeschlossen. Das ist seltsam, denkt er sich, denn unter der Tür kann er Licht sehen. Der Schlitz ist zwar sehr dünn, auch damit der Raum etwas schallgeschützt ist, aber trotzdem kann man Licht sehen. Dann plötzlich hört er ein leises Schaben, als würde man einen Tisch ein wenig zurechtschieben. Dann ist es wieder ruhig. Der Mann möchte alleine sein, und lässt es mit diesem Raum. Es würde nichts bringen zu klopfen, denn wer auch immer da drin ist, er möchte ja alleine sein. Also dreht er ab und will zum nächsten Beratungsraum gehen. Genau in diesem Moment ertönt ein leises Kichern einer weiblichen Stimme. Es macht ihn nun doch neugierig und er hält sein Ohr an die Tür.
‚Was hat das denn zu bedeuten? Wer mag da drin sein?‘ Nun sind doch Stimmen zu hören, sehr leise, aber er kann es verstehen.
„Es war so schön, Tsubasa. Ich entdecke völlig neue Seiten an dir.“
„Ich weiß auch nicht, das kam so plötzlich über mich. Und da musste es einfach raus. Dieser Druck, das war ja nicht auszuhalten.“
„Hi hi, wirst du jetzt zum Bad Boy?“
„Wieso? Gefällt dir das etwa?“
„Irgendwie schon, vielleicht manchmal? Es war eben schon extrem.“, kommt erneut ein leises Kichern.
„Okay, dann gleich nochmal das Spielchen. Such dir nun einen aus. Ich überlasse dir diesmal die Wahl.“
„Im Ernst? Aber wenn ich falsch wähle, was dann?“
„Mir ist es egal.“
„Mir aber nicht. Was sagt denn dein Herz? Was würde es wollen?“ Es ist eine Weile ruhig.
„Diesen hier.“
„Oh, wirklich und wieso?“
„Ich glaube so haben wir beide die aufregendste Zeit.“
„Ich liebe dich.“
„Ich dich auch. Wollen wir loslegen?“
„Ja Schatz, bitte. Ich kann es kaum erwarten. Das wird aufregend.“ Kurz darauf ist erneut ein Rutschgeräusch zu hören, als würden sich Möbel bewegen. Der Mann vor der Tür wird verlegen und weiß kaum was er davon halten soll und entschließt nun sich lieber wieder zu entfernen und sucht den anderen Raum auf. Als er die Tür öffnet und hineingeht sieht er Kojiro und seine Familie. Die Tische sind zusammengestellt und gedeckt worden. Seine Geschwister und seine Mutter sitzen bereits daran und es riecht angenehm nach einem japanischen Mittagssnack. Alle sehen ihn erstaunt an und Kojiros Augen verschmälern sich. ‚Was will er hier? Heute muss er mir nicht mehr über den Weg laufen. Das klären wir später mal. Nach dem Auftritt muss er erstmal schmoren. Wie konnte er nur so sehr an meinen Entscheidungen zweifeln? Bettina derart zu beleidigen macht mich immer noch so wütend.‘, steigt sein Puls an und während er neben der Kaffeemaschine steht und sein Cappuccino durchläuft, dreht er sich um und schaut auf die Tasse statt zum Tisch. So muss er ihn nicht sehen. Ihm ist unwohl dabei, denn er weiß nicht wie gut er sich unter Kontrolle haben kann, wenn er länger zu ihm schaut. Die Enttäuschung ist zu groß und sein Vertrauen und Respekt zu diesem Mann gebrochen. Seine Hände ballen sich bereits und stützen sich auf dem Tisch ab. „Gehen Sie lieber wieder.“, spricht Kojiros Mutter streng als sie ihn sieht.
„Moment.“, ist Kojiros Stimme im tiefen Ton zu hören. Eine Reaktion hört er nicht, aber sein Trainer bleibt überrascht in der Tür stehen. Er hat nicht damit gerechnet von ihm angesprochen zu werden.
„Wo haben Sie den Kaffee her? Waren Sie im Trainerbüro?“, fragt er und bleibt bei seinem Blick auf die Tasse.
„Ähm, ja. Wieso?“
„Sind Tsubasa und Fane noch bei Bettina?“
„Warum sollten sie dort sein? Nein, es waren nur Schneider und Kudo bei ihr.“ Der Stürmer stutzt. Dann dreht er sich doch um zu ihm.
„Wieso Schneider?“ Kira schaut überrascht.
„Woher soll ich das wissen? Dein Kapitän und seine Frau waren jedenfalls nicht da. Schneider saß am Tisch und hat Kaffee getrunken.“ Kojiro ist verwundert. Wenn die beiden nicht dort sind und Karl-Heinz aber da ist, was ist denn los? Sie warten hier die ganze Zeit auf Bettina, um endlich Mittag zu essen.
‚Da stimmt doch was nicht. Die wollten nur den Vertrag unterzeichnen und dann wollte sie mich rufen, um mich vorzustellen. Das war es auch schon. Das dauert doch keine halbe Stunde und sogar länger. Irgendwas ist passiert.‘ Kojiro nimmt seine Tasse aus der Maschine und stellt sie auf den Tisch. Dann geht er zur Tür, sieht seinen Trainer nicht einmal an und deutet jedoch an, bei Seite gehen zu sollen. Er verlässt den Raum und geht zum Trainerbüro.
Wenige Minuten zuvor schließt sich die Tür vom Büro und Tina spricht Karl zornig an.
„Was bitte war das denn? Wieso warst du so unfreundlich und hast ihn derart provoziert?“
„Ist dir das nicht aufgefallen, dass er ein Problem hat?“ Tina verschränkt die Arme und faucht ihn an.
„Gestern habe ich nichts davon bemerkt. Manchmal kommt sowas auch in Schüben. Vielleicht gab es einen Auslöser. Uns steht es überhaupt nicht zu, diesen Mann zu verurteilen!“
Der Managervertrag Teil II
Kapitel 95
Der Managervertrag Teil II
Karl lehnt sich zurück und schaut nachdenklich zu ihr auf.
„Ist das dein Ernst? Macht dich die Liebe so blind, dass du ignorierst, wenn dir sowas auffällt?
Ich habe ehrlichgesagt mit einer anderen Reaktion seinerseits gerechnet. Dass er einfach geht, das war nicht mein Ziel. Ich dachte er springt auf meine Provokation an und geht nicht einfach ohne was zu sagen weg.
In der Regel lässt sich dieser Mann schnell provozieren.“
„Du verstehst gar nichts, Karl! Ich habe nicht vor mich hier in irgendwelche Angelegenheiten einzumischen. Meine Anwesenheit bringt alle ausreichend durcheinander. Du bist übrigens auch ein Teil davon. Also vergiss mal nicht, dass du heute rein privat hier bist und froh sein kannst, dass du hier sein darfst, statt auf einem Polizeirevier rum zu hocken. Du weißt hoffentlich noch, wem du diesen Luxus zu verdanken hast.“, knurrt sie ihn an und geht dann zum Fenster und schaut hinaus auf den Fußballplatz. Karl ist erstaunt aber dann spricht er einsichtig.
„Ich habe mich bereits bei ihm bedankt, du hast danebengestanden. Das war das Händegeben als du aus der Tür gekommen bist.“ Dann atmet er einmal tief durch und sieht zu Herrn Kudo rüber.
„Dr. Kudo, steht Ihr Angebot für eine Schachpartie noch? Schlafen kann ich nicht, dafür bin ich zu aufgewühlt, aber eine längere Pause von der Hitze kann ja nicht schaden.“ Der Mann neben ihm staunt nicht schlecht. Er verhält sich distanziert und beobachtet die beiden aufmerksam. Auch die seltsame Situation vorhin mit Trainer Kira lässt ihn nachdenken. Er grinst Karl an und holt dann sein Spiel heraus, breitet es auf dem Tisch aus und beobachtet Karls Reaktion darauf. Ihn wundert es, dass er gar nicht fragt wie das Spiel geht. Während beide ihre Plättchen bzw. Spielfiguren zurechtlegen, klopft es an der Tür.
„Herein.“, kommt Tinas Stimme. Es ist natürlich Kojiro. Er steht mit ernstem Blick im Türrahmen.
„Ich will nicht stören. Karl-Heinz, du hier?“ Er wirft einen Blick auf den Tisch und sieht den Vertrag auf dem Kopf herum an der Seite des Tisches liegen.
‚Hier stimmt ganz gewaltig was nicht.‘ Er schließt hinter sich die Tür, sieht höflich zu Kudo, verbeugt sich grüßend vor ihm und wünscht einen Guten Tag. Dann geht er zu Tina ans Fenster und stellt sich zwischen ihr und Karl neben sie.
„Bettina, was ist los? Wo sind Fane und Tsubasa?“ Sie sagt zuerst nichts und starrt nur hinaus. Dann kann sie plötzlich seine Finger an ihrem Arm spüren. Ihre Anspannung löst sich etwas.
„Sie sind gegangen.“, sagt sie leise.
„Hat sie unterschrieben?“ Sie schüttelt den Kopf und ihr huscht plötzlich eine Träne über die rechte Wange. Kojiros Puls steigt an und er sieht sie nun direkt an.
„Wieso nicht?“, wird er plötzlich etwas lauter und ballt die rechte Faust.
‚Ich verstehe das nicht. Sie konnte es doch vorhin kaum abwarten. Was kann sie denn plötzlich davon abgehalten haben? Stimmt etwa was mit dem Vertrag nicht? Ist Tsubasa etwas aufgefallen? Aber auch das hätte man doch klären können.‘ Kojiro fasst Tinas Hand kurz und sieht ihr in die Augen.
„Hat sie nicht gesagt wieso?“ Tina schüttelt den Kopf.
„Nicht wirklich, angeblich fehlt ihr plötzlich die Zeit und sie will nur noch bei Basa sein.“, spricht sie etwas weinerlich und ganz leise. Seine warme Hand lässt ihr Herz lauter schlagen und als sie zu ihm auf in die Augen sieht, kommen ihr dann doch ein paar Tränen mehr, denn es macht sie so traurig, dass sie nicht offiziell in den Verein gehen und zu ihm ziehen kann, ohne sich vor Ort rechtfertigen zu müssen. Wäre der Transfer nicht gekommen, hätte es nur nach einem Umzug zu ihm ausgesehen, aber jetzt? Nur so hätte sie völlig unabhängig sein können und jetzt muss sie sich vor allen rechtfertigen, die daran beteiligt sind. Was sollen die Leute denn nur von ihr denken? Um nun zu Kojiro gehen zu können, muss sie ihren Stolz aufgeben. Ohne den Transfer wäre das anders verlaufen, aber ein geplatzter Transfer geht in der Presse durch die Decke und lässt ihren Marktwert und ihren sozialen Stand enorm sinken. Sich selbst auslösen vom Vereinsvertrag kann sie sich dadurch nicht mehr leisten. Ein Rückzug bei Hikari ganz zu schweigen. Kojiro bekommt seinen Partner, aber auch ihr Transfer könnte damit hinfällig sein. Was soll sie denn ohne Tina dort im Team? Das ganze Kartenhaus stürzt doch zusammen, wenn sie sich selbst aus dem Tokio-Team kündigt und jetzt ohne Transfer umzieht. Das seltsame Telefonat mit Herrn Valentini kommt auch seltsam rüber, jetzt wo der Verein weiß wer sie ist. Sie hat sich schon so sehr auf die Mannschaft und die Ausbildung gefreut. Ein geregelter Tagesablauf ohne ständig zu Kundschaften fahren zu müssen. Sie wollte mit ihrem neuen großen Gehalt zwei weiteren Leuten Arbeit verschaffen und ihre Aufgaben vom Programm zum Großteil abgeben. Jetzt muss sie doch alles selbst machen und hat am Ende wieder keine Zeit für den Sport.
Egon ist sehr erstaunt, als er erkennt wie die beiden miteinander umgehen. Schon seit gestern Abend überlegt er hin und her wer der Mann sein kann, der sie so verändert hat.
„Es tut mir leid. Ohne den Vertrag…Kojiro…ohne ihn gibt es keinen Transfer! Und ohne den Transfer auch keine Trainerausbildung. Da kommt man nur mit Empfehlungen ran.“, versucht sie zu erklären.
„Gibt es da keine andere Lösung?“ Sie schüttelt den Kopf. Dann berührt er kurz ihre Wange und wischt die Tränen weg.
„Ich rede nochmal mit ihnen.“, sagt er leise und lässt sie dann los, dreht sich zum Tisch um, aber bleibt noch einen Moment stehen, damit die Männer ihr Gesicht nicht sehen können. Tina dreht sich um und schaut zur Wand, damit man ihre Tränen nicht sehen kann. Sie fasst ihre feuchte Wange. Kojiro geht erst dann mit ernstem und entschlossenem Blick auf den Tisch zu.
‚Ach Kojiro, es ist doch alles gemein. Ausgerechnet Fane macht mir jetzt einen Strich durch die Rechnung. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet.‘
Karl-Heinz schaut nun doch zu den beiden und ist sehr verwundert über die Art wie sie miteinander reden. Und dann scheint sie sogar etwas zu weinen? Wie kann das sein? Er hat sie in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal weinen gesehen. Das war der Moment, als er sie unter der Dusche erwischt hat und sie ihm ihre Liebe gestand. Weder davor noch jemals danach. Keine einzige Träne, wenn dann waren es Tränen der Freude, die beim Lachen geflossen sind, oder beim Zwiebelschneiden im Imbiss. Es waren jedoch niemals welche aus Traurigkeit. ‚Du kannst weinen? Geht das etwa nur in seiner Gegenwart? Ist es das? Tina, ist es das was du nur bei ihm kannst?‘ Karl bemerkt nicht, wie seine linke Hand eine Faust macht und die letzten fünf Steinchen in ihr aneinanderpresst. Der Schmerz erinnert ihn erst daran. Dann löst er diese wieder und dreht sich mit dem Blick zum Spiel um und schaut in seine geöffnete Hand. Er versucht sich darauf zu konzentrieren die Steine richtig zu platzieren, denn sein letztes Spiel ist schon einige Jahre her.
Als Kojiro am Tisch steht und zum Papier greifen will, legt Kudo plötzlich seine Hand darauf.
„Am Vertrag liegt es nicht. Ich mache keine Fehler!“, spricht er sehr ernst, legt seine letzte Spielfigur aufs Brett und schaut dann zu ihm auf. Kojiro hält inne und sieht ihm überrascht in die Augen. Er kennt diesen Mann. Sich mit ihm anzulegen hat in der Regel keinen Zweck und jetzt schon gar nicht, da er bereits weiß, dass er mit Tina befreundet ist.
„Sie wissen, dass ich Ihre Kompetenz nie anzweifeln würde. Ich möchte nur schauen, ob es einen Punkt gibt an den Sie beide nicht denken konnten. Herr Ohzora und ich sind seit vielen Jahren eng befreundet und ich kenne seine aktuelle berufliche Situation.“, versucht er ruhig und sachlich zu erklären. Beide sehen sich streng in die Augen.
‚Kojiro Hyuga, so so. Das fehlende Puzzleteil. Er ist der neue Mann an Bettinas Seite? Er ist der Auslöser, dass sie endlich mit allem aufräumen kann? Seinetwegen will sie nach Italien? Kaum zu glauben. Sie wollte ihn doch nie kennenlernen? Immer hat sie ein Treffen abgelehnt. Und nun? Was verbindet die beiden plötzlich? Privat kenne ich diesen Mann nicht. Wir sind uns nur durch einen Fall persönlich begegnet. Das war eine knifflige Angelegenheit. Sein Rechtsbeistand taugte zu seinem Bedauern nichts. Wäre ich nicht sein Gegner gewesen, hätte ich ihn ohne Probleme rausgehauen.‘ Karl-Heinz schaut auf und sieht die beiden an. Ihm fällt der intensive Blickkontakt auf.
‚Oha, die kennen sich doch wohl nicht etwa? Wieso ist ihnen dieser Managervertrag so wichtig? Worüber haben sie gesprochen? Das nervt, dass man nichts versteht.‘
„Nichts da. Das ist ein vertrauliches Dokument. Ich sagte doch, dass Frau Nakazawa nicht unterschrieben hat, liegt nicht am Vertrag.“, spricht er plötzlich in Englisch mit ihm.
‚Na? Was machst du jetzt, „Wilder Tiger“? Was wirst du tun, um vor ihr den Helden zu spielen? Liebst du sie? Ich weiß, dass du ein Typ bist, der nicht lügt oder jemanden etwas vor macht. Deswegen konnte ich dich auch so schnell auseinandernehmen. Das Temperament und diese ungestüme Art sind mir noch gut in Erinnerung geblieben.‘, grinst er plötzlich.
‚Versucht er mich gerade zu provozieren und aus der Reserve zu locken oder ist das sein Ernst mit dem Vertrag? Liegt es wirklich nicht daran?‘, stutzt Kojiro plötzlich, zieht die Hand zurück und richtet sich selbstsicher auf.
„Wenn Sie das sagen. Warum hat sie dann abgelehnt? Vorhin wollte Fane den Job noch machen.“, spricht er mit fester Stimme, so dass es nicht als Rückzug klingt, sondern nur wie eine ernste Unterhaltung. Karl ist erstaunt. Er hat gedacht Kojiro geht auf die Provokation ein und faucht den Mann an oder schnappt sich das Papier trotzdem. Kojiro hält sich Tina zuliebe scheinbar wieder zurück.
„Was ist Ihnen so wichtig an dem Vertrag? Warum muss er ausgerechnet heute noch unterschrieben sein?“, kommt Kudo entgegen. Kojiro sagt zuerst gar nichts. Er macht sich Gedanken was der Grund der Ablehnung sein könnte, wenn es nicht der Vertrag ist. Was meint Tina, es würde ihr die Zeit fehlen? Plötzlich grinst Egon ihn provokativ an und steht auf.
„Fehlen Ihnen dazu die Worte? Warum ist IHNEN der Vertrag so wichtig? Sie wollen doch nur, dass so eine schöne starke Frau jeden Tag an Ihrer Seite ist. Dann können Sie vor Ihren Kollegen mit der Tigerin prahlen!“ Kojiros Puls steigt an und er bemüht sich sehr sich zurückzuhalten. Er weiß genau, dass es nichts bringen würde aus der Haut zufahren. Karl ist sehr erstaunt. Kojiro bleibt ruhig und gelassen. Anders als gestern Abend, aber auch ganz anders als vorhin, als sein eigener vertrauter Trainer Tina übelst beleidigte.
„Katsuo! Könntest du bitte mit diesem Kinderkram aufhören?! Wir haben hier heute alle keine Nerven für so einen Testosterongehabe.“, funkt Tina plötzlich dazwischen und stellt sich neben Kojiro. Kojiro hingegen geht auf seine Frage ein, statt die Provokation zu ignorieren.
„Natürlich will ich, dass die Frau, die ich liebe an meiner Seite ist. Aber was ich nicht will ist, dass Bettina vor aller Welt ihr Gesicht verliert! Das hat sie nicht verdient!“, spricht er sehr klar und deutlich in Japanisch seine Gedanken aus, ohne bedrohlich zu wirken. Die stolzen Japaner sehen sich tief in die Augen. Plötzlich reicht der Anwalt seine Hand rüber und sieht lächelnd zu ihm auf.
„Herzlichen Glückwunsch! Ab heute kannst du Katsuo oder Egon zu mir sagen. Bettina-san hat sicherlich schon berichtet, dass wir Freunde sind, oder?“ Der Stürmer weiß noch nicht was er davon halten soll. Sein Puls ist noch immer ganz oben.
Genau in diesem Moment geht die Tür auf und Tsubasa und Fane kommen herein. Tina atmet tief durch und fasst sich ans Herz, als sie die beiden mit ihren fröhlichen Gesichtern sieht.
„Na Gott sei Dank.“, haucht sie leise auf Deutsch aus und ihr Herz schlägt wieder ganz doll, aber diesmal vor Freude.
„Oh, hier ist ja volles Haus. Haben wir was verpasst?“, spricht Tsubasa fröhlich und schaut zu Karl-Heinz und Kojiro.
„Karl-Heinz? Du hier? Mit dir habe ich nun gar nicht gerechnet.“ Dann schaut er zu Kudo. Die Japaner lassen sich los und Kojiro ist ebenso erstaunt über die freundlichen Gesichter der beiden.
„Wir bräuchten mal Ihre fachliche Unterstützung. Wenn wir drei Punkte im Vertrag anpassen könnten, dann kann Sanae unterschreiben und Tinas Managerin sein.“, platzt er einfach heraus. Egon schaut zu Tina rüber.
„Was sagst du dazu? Dein Plan ist aufgegangen. Ich wusste, dass du noch irgendwas in Reserve hattest.“ Tina sieht ihn nur verdutzt an.
„Wovon redest du? Mach bitte einfach alles fertig. Ich vertraue euch.“, bestimmt sie eilig und geht dann zum Fenster und schaut auf das Spielfeld. Kurz darauf verlassen die drei das Büro. Tsubasa und Fane voran. Fane schaut kurz zu Tina zurück.
‚Tina, was war das eben? Ich dachte du freust dich, wenn ich wieder da bin und es mir anders überlegt habe. Und nun bist du total angespannt und siehst mich nicht einmal an? Was ist denn los?‘
Kaum ist die Tür zu, bringt sich Karl-Heinz ein.
„Was war das denn eben? Was passiert denn, wenn der Vertrag heute nicht zu Stande kommen würde?“ Tina atmet tief durch.
„Das spielt keine Rolle mehr. Hauptsache es klappt nun doch.“, antwortet sie noch angespannt. Kojiro geht zu ihr.
„Was hat Kudo gemeint, als er sagte du hast noch etwas in Reserve? Was war das?“
„Ich hatte nichts mehr. Ich habe alle Möglichkeiten durchgespielt, aber ohne den Vertrag heute geht nichts.“, sagt sie leise und betrübt.
„Tina, also irgendwas muss es doch gewesen sein, sonst wärst du längst gegangen. Du hast auf etwas gewartet. Du hast immer eine Idee. Ohne tausend Ideen gehst du doch gar nicht aus dem Haus.“, meint Karl-Heinz mit fester Überzeugung. Sie schaut weiter hinaus und dann spricht sie ernst.
„Es war keine Idee, eher ein Gespür. Als die beiden vorhin gegangen sind, habe ich etwas an Tsubasa bemerkt. Aber sowas ist nicht handfest. Das hat nichts mit einem Plan zu tun.“
„Und was war das?“, hakt Kojiro nach. Sie schaut sich um und blickt ihn liebevoll an.
„Hoffnung, Kojiro. Es war das allererste Gefühl was ich hatte, als wir uns zum ersten Mal im Leben begegnet sind. Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht und irgendwann alles gut geht.“, sagt sie überzeugt. Dann geht sie auf ihn zu, sieht verliebt zu ihm auf und berührt sachte seinen Arm.
„Erst habe ich überlegt woher ich dieses seltsame Gefühl kenne und dann ist es mir wieder eingefallen. Genau in dem Moment als Basa mich kurz vor dem Herausgehen angesehen hat, dann als ich aus dem Fenster aufs Feld geschaut habe und dann erneut als du die Tür hereingekommen bist und dich neben mich gestellt hast. Da ist mir unsere erste Begegnung eingefallen.
Als ich damals deine Hand berührte und dich mit ihm verwechselt hatte, da spürte ich keine Angst und dann wusste ich es. Es wird bestimmt so sein wie Genzo sagte: Dort wo seine Freunde leben, da werde ich mich wohlfühlen und neu anfangen können. Er hatte Recht.“, erklärt sie in seiner Landessprache. Dann hebt sie ihre Hand hoch, lächelt und verlässt den Raum.
„Ich bin gleich wieder da.“
Die Tür schließt sich hinter ihr und Kojiro steht etwas verwundert da. Sein Blick ist auf das Fenster gerichtet. Dann schaut er zu Karl. Dieser ist ebenso verdutzt und schaut dann auf das Spielbrett.
‚Oha, was war das denn eben? Was meinte sie mit der ersten Begegnung? Kennen die sich etwa länger als ich es denke? Was hat das zu bedeuten? Begegnen heißt nicht kennenlernen. Sie hat bei ihrer ersten Begegnung Hoffnung verspürt?‘ Kojiro geht zum Fenster, schaut hinaus und betrachtet nachdenklich sein Team auf dem Rasen.
„Wann seid ihr euch denn das erst Mal begegnet?“, stellt Karl einfach mal in den Raum. Der Japaner antwortet zuerst nicht.
„Du bist aber auch stur. Eins kann ich dir über Tina verraten, wenn du mit ihr zusammenleben willst: dann musst du lernen ihre Zeichen zu deuten. Und wenn sie dir in meiner Gegenwart etwas Vertrauliches in Englisch mitteilt, dann hat das einen Hintergrund. Dann sagt sie dir noch was, was ich nicht verstehe, verlässt den Raum und lässt uns beide alleine. Sie will also, dass wir uns unterhalten.“, erklärt er ehrlich und sieht ihn dabei gar nicht erst an. Stattdessen schaut er aufs Spielbrett und spielt ein wenig mit den Plättchen herum, als würde er gedanklich ein paar Züge durchgehen.
„Das vermute ich auch, aber worüber sollen wir reden?“
„Keine Ahnung, irgendwas. Sie hat bestimmt bemerkt, dass du mich vorhin aus dem Gespräch ausgeschlossen hast, dabei wurde es auf Englisch geführt. Auch dieser Anwalt scheint ein echter Fuchs zu sein, sonst wäre er hier in Japan nicht so bekannt. Wusstest du, dass er in Düsseldorf aufgewachsen ist? Deswegen spricht er so gut Deutsch. Ich habe mich gestern noch erkundigt.“
„Ja, ich weiß das. Ich wollte ihn damals selbst als Rechtsbeistand haben, aber er lehnte ab, weil er keine Fußballer vertreten will.“
„Oh, echt? Trotz deiner Einkünfte?“
„Ja, leider. Aber ich bin beruhigt, dass Bettina ihn nun auf ihrer Seite hat. Wer hätte das gedacht? Du weißt sicher, dass sie ihn sich niemals leisten könnte, nicht mit ihrem jetzigen Volleyballgehalt.“
„Ist er wirklich der Beste im Land?“
„Ja, das ist er, aber nicht nur hier. Da er bereits in Deutschland studiert hatte kann er gut in Europa arbeiten und kennt sich sehr gut im internationalen Rechtwesen aus. Wenn du mal auf seiner Seite warst ist dir sicher aufgefallen, dass auch er mehrere Sprachen spricht. Ähnlich wie Bettina. Auch Italienisch, da er einige der großen Rugbyspieler und Handballer betreut. Die internationalen Baseballspieler unserer Nationalmannschaft mal abgesehen. Deswegen wollte ich ihn auch haben, weil er ab und an so oder so in Italien ist und die Sprache beherrscht.“
„Verstehe. Eine gute Partie, dieser Mann. Ich bin schon gespannt wie er spielt.“ Kojiro schaut endlich zu ihm rüber.
„Du kannst das spielen? Was hast du mit japanischem Schach zu tun?“
„Genzos Vater hat es uns beigebracht. Als er mal bei Genzos Geburtstag gesehen hat, dass Tina und ich Schach spielen, kramte er sein Brett raus und erklärte uns die Regeln. Dann haben wir mal dieses und mal das andere gespielt.“
„Ach so, verstehe. Genzos Vater, echt? Das kann Bettina spielen? Meins ist das nicht. Mit Strategien habe ich es nicht so.“
„Hm. Das kann man nicht so sagen, in den letzten Jahren gehst du schon lange nicht mehr ohne Plan auf das Feld. Das mag anfangs so gewesen sein, aber du wartest nicht erst ab bis dir jemand einen Plan vorlegt, wenn es eng wird. Da kenne ich ganz andere Stürmer die nur vorne stehen und warten bis der Ball kommt oder meinen sie wissen es besser als die Kameraden. So wie Napoleon, ohne Pierre oder Cusavier reißt der doch vorne gar nichts. Starke Schüsse alleine sind nicht ausreichend.“
„Der ist wirklich eine Klasse für sich, das stimmt.“, grinst Kojiro und geht dann wieder zum Fenster.
„Wenn ihr beide das gespielt habt, wer hat meistens gewonnen?“ Karl schaut zu ihm.
„Hm, was denkst du denn?“
„Keine Ahnung, vermutlich habt ihr euch die Siege abgewechselt.“, vermutet er. „Anfangs tatsächlich, denn wir hatten ähnliche Strategien, doch Tina fing dann an alte verstaubte Bücher zu lesen und dann kamen von ihrer Seite neue Ideen. Sie brachte diese auch in den Spielen unter, wenn es passte.“
„Wie eine Leseratte kommt sie mir gar nicht vor. Dass sie gerne liest ist mir jedoch aufgefallen, in ihrem Wohnzimmer stehen viele Bücher und das meiste sind irgendwelche Sach- und Fachbücher, Sprachen natürlich oder Kochbücher eben.“
„Das passt, mit Romanen konnte sie noch nie was anfangen. Krimis ja, aber die hat sie früher nur als Hörspiel gehört, beim Lauftraining. Und dann auch noch in verschiedenen Sprachen.“, lacht er etwas und lehnt sich zurück.
„Das macht sie noch immer. Sie sagte mir, so lernt sie die Sprachen am besten. Ich werde das dann auch mal so ausprobieren, wenn ich Deutsch lerne. Musik und Geschichten anhören. Mal sehen was eure Heimat so an Musik und Literatur zu bieten hat.“, grinst Kojiro vor sich hin. Karl nimmt den letzten Schluck von seinem Kaffee, steht auf und geht zum Automaten und zieht sich erneut einen. „Bist du echt soweit, dass du darüber nachdenkst Deutsch zu lernen?“
„Natürlich, du müsstest mich doch so gut kennen, dass du weißt, dass ich keine halben Sachen mache. Wenn wir zusammenleben wollen, dann gehört auch die Sprache dazu.“
„Eine gute Idee, denn so kannst du die Kultur am besten kennenlernen. Mit Tina an deiner Seite wirst du die Sprache schnell lernen, denn Italienisch kannst du doch schon. Das ist eine gute Voraussetzung. Englisch wird dir auch gut helfen. Viele Wörter sind ähnlich oder klingen sogar gleich. Einiges ist auch übernommen worden. Genzo kann dir auch gut helfen.“
„Genzo, stimmt. Und sein Vater hat euch das Spielen beigebracht? Ich bin immer wieder erstaunt wen sie so alles kennt und mit wem Bettina befreundet ist.“, lächelt Kojiro stolz.
„Das überrascht mich zwar auch, aber wundern tut es mich nicht. Sie war immer sehr kontaktfreudig und verstand sich mit jedem im Team. Ich bin da eher verschlossen. Und du bist glaube auch eher der Typ, der weniger Kontakte sucht, sie ergeben sich, stimmts?“ Kojiro grinst ihn an.
„Stimmt. Ich brauche nur Freunde auf die ich mich verlassen kann und keine unzähligen Schleimer um mich rum, die mir Freundschaft vorheucheln.“
„Davon gibt es echt viele, das ist wahr. Neben Pierre habe ich kaum jemanden, dem man noch vertrauen kann. Wenn man so weit oben steht ist die schöne Zeit der guten Freundschaften vorbei.“
„Kann man nicht so sagen. Sieh dir unser Team an, jeder ist mit irgendwen immer befreundet und das schon seit der Kindheit oder seit der Jugend. Natürlich trifft das nicht auf jeden zu, aber es sind zum Beispiel alle mit Tsubasa befreundet. Wir haben ein sehr großes Vertrauen in ihm und das hält die ganze Truppe zusammen. Du müsstest das doch selbst kennen. Genzo schwärmte immer von eurem tollen Team und dass er dort so gute Freunde hat bzw. hatte. Und Bettina hat es ebenso beschrieben, deswegen hat sie sich bei euch wohl gefühlt. Ihrem Bruder ging es scheinbar genauso. Warum ist euch das verloren gegangen?“ Karl-Heinz stellt sich neben ihn und schaut ebenso aus dem Fenster während der Kaffee durchzieht.
„Als ich zu den Bayern ging gab es diesen Zusammenhalt noch, dann kam das Spiel gegen euch, mein letztes Pflichtspielt mit dem Team. Genzo war bereits zum Kapitän gewählt worden und trieb die Jungs an. Das ging solange gut bis sie dann zwei weniger waren.“, versucht er zu erklären.
„Ich muss dir nicht sagen wer die beiden waren. Stephan und Tina waren neben mir das Zentrum des Teams. Wie soll ich das beschreiben?
Schau mal deine Männer da draußen. Du sagst Tsubasa ist ihr Mittelpunkt, das war in unserem Team ich. Alles vertraute mir und wenn ich was anordnete oder meine Meinung äußerte, dann gab es keine zweite. Bis auf weniger Ausnahmen.
Stephan, er war wie ein Felsen in der Brandung, groß und stark. So schnell kam an ihm keiner vorbei und dann stand zur Not anfangs Tina im Tor und regelte den Rest. Später Genzo. Er war für alle eine Art Vertrauensperson. Jeder konnte bei ihm sein Leid klagen, er war ein sehr guter Zuhörer und hat die Sorgen der anderen auch immer für sich behalten. Aber wenn jemand einen Rat brauchte, dann ging er zu Tina. Sie war es die jeden Zweifel ausblenden konnte. Mit ihrer Art auf die Jungs einzugehen hielt sie alles am Laufen. Je älter wir wurden, um so wichtiger war es für das Team. Sie war quasi wie der Rasen, wie das Spielfeld. Ohne ihn funktioniert gar nichts und er hält alle zusammen und schafft eine gewisse Grundordnung.“ Kojiro ist sehr erstaunt, dass er mit Karl plötzlich ganz normal reden kann. Ist er ausgeschlafen immer so oder ist das wieder eine Taktik ihn dann irgendwann vor den Kopf zu stoßen?
„Kojiro, darf ich wissen was du ihm geantwortet hast? Kudos Provokation war schon heftig.“ Der Japaner ist über die Frage verblüfft.
„Ich habe meine Gründe, warum ich es auf Japanisch gesagt habe.“
„War es so persönlich, dass ich es nicht hören darf? Oder willst du nur nicht auf meinen Gefühlen herumtrampeln?“, stellt Karl daraufhin in den Raum, dreht sich zur Kaffeemaschine, nimmt seine Tasse heraus und setzt sich wieder auf seinen Platz.
„Beides.“
„Okay, das muss ich dann wohl akzeptieren.
Aber was es mit eurer ersten Begegnung zu tun hat, das darf ich doch wissen, oder? Tina hätte es sonst nicht verlauten lassen. Sie hat sicher einen Grund warum DU es mir erzählen sollst.“ Kojiro zögert etwas.
„Wir sind uns damals vor diesem Testspiel der U16 bei unserer Ankunft am Hamburger Flughafen begegnet. Als unser Team gelandet ist, da kam plötzlich ein deutsches Mädchen auf uns zugelaufen, gab mir die Hand und hieß uns willkommen. Da ich die Kapitänsbinde trug, hat sie mich für Tsubasa gehalten. Sie wünschte uns viel Glück und bestellte Grüße von Genzo.
Bettina war dort, weil es ihr Umzugstag war. Und genau diesen Moment hat sie vorhin gemeint, als sie von Hoffnung sprach. Sie wusste genau wer wir waren, dass wir Fußballer waren und trotzdem hatte sie keine Angst vor uns, obwohl wir uns nicht kannten.
Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht und ich habe auch Genzo nie darauf angesprochen, denn ich dachte sie war einfach nur ein Fan von ihm und er hat von uns geredet. Freunde waren wir ja nie, eher Rivalen für immer. Dass ich diesem Mädchen von damals später, also jetzt nach so vielen Jahren, erneut begegne, hätte ich nie gedacht.“ Karl-Heinz ist sehr überrascht.
„Wow, das haut mich echt um. Ihr seid euch vor dem Spiel noch begegnet?“
Es klopft an der Tür.
„Herein.“, kommt Kojiros kräftige Stimme. Die Tür öffnet sich und Takeshi Sawada und seine Freundin Hikari sehen ihn fröhlich an.
„Kojiro, du hier? Wir wollten uns einen Milchkaffee holen.“
„Wir warten unter anderem auf Bettina. Macht das.“, entgegnet er freundlich und geht zu ihm. Dann legt er stolz seine Hand auf seine Schulter und lächelt ihn glücklich an.
„Herzlichen Glückwunsch, Takeshi. Ich freue mich schon sehr auf unsere gemeinsame Zeit.“, spricht er Englisch mit ihm. Dieser wundert sich und freut sich jedoch sehr. Begeistert schaut er seinem besten Freund in die Augen und weiß genau wie stolz er auf ihn ist, wenn er ihm so etwas sagt. Schon als Kind war Kojiro der Erste und oft Einzige, der ihn akzeptierte und sein Talent erkannte obwohl er kleiner und ein Jahr jünger als er ist. Nur er und dann Trainer Kira haben zu Beginn an ihn geglaubt.
„Danke, das wird wie früher bei Meiwa und in der Toho. Endlich können wir wieder jeden Tag zusammen aufs Feld.“ Dann entdeckt er Karl-Heinz und ist verwundert.
‚Nanu, was macht Schneider hier? Und die beiden sind alleine? Was hat das denn zu bedeuten?‘
„Hallo Schneider.“, sagt er nur, um nicht unhöflich zu sein. Dieser blickt auf zu ihm und staunt innerlich nicht schlecht als er die schöne Frau an seiner Seite sieht.
‚Oha, Sawada. Ist das deine Freundin? Ich habe ja schon viele hübsche Japanerinnen gesehen, aber die toppt ja wohl alles. Sie sieht aus wie ein Model. Ist sie eventuell sogar eins? Ich glaube ich habe Fotos von ihr gesehen. Aber wo? Sie wirkt mir aber nicht so, als wäre sie erst um die Zwanzig wie Sawada.‘
Der Managervertrag Teil III
Kapitel 96
Der Managervertrag Teil III
Takeshi geht zum Kaffeeautomaten und stellt eine Tasse unter die Düsen.
„Kojiro, ich habe dir Hikari noch gar nicht vorgestellt. Wir sind seit etwa vier Monaten zusammen.“ Diese schaut nachdenklich zu Kojiro auf.
‚Und das ist der „Wilde Tiger“? Kaum zu glauben, dass Tora-san jetzt plötzlich mit ihm zusammen ist. Dass er zu ihrem Männertyp passt, kann ich mir jedoch sehr gut vorstellen. Aber er ist auch der beste Freund von Takeshi. Was hat er mir schon vorgeschwärmt wie viel er von ihm hält und dass er der Erste war, der immer an ihn geglaubt hat. Jetzt freut er sich wahnsinnig auf die neue Zeit in Italien.‘ Sie lächelt und reicht ihm die Hand. Er wundert sich. Wieso reicht sie ihm die Hand, statt sich traditionell zu begrüßen? Kojiro geht natürlich aus Höflichkeit darauf ein, aber seltsam findet er es schon.
„Ich bin Hikari, Tora-san, äh Tina und ich kennen uns von der Universität. Wir spielten auch zusammen beim Asien-Cup.“
„Sehr erfreut. Sie hat mir bereits einiges erzählt.“
‚Wieso kommt sie mir bekannt vor? Als hätte ich sie schonmal irgendwo gesehen.‘
Sie lassen sich wieder los und Hikari lacht etwas und schaut wieder zu ihm auf. „Ich kann das immer noch nicht glauben, vermutlich erst wenn ich es sehe. Der Wilde Tiger und die gelbe Tigerin. Na da wird sich die Presse ja drauf stürzen, da bin ich schon gespannt.“ Dann dreht sie sich zu Karl-Heinz um, geht auf ihn zu und schaut mit ihrer selbstsicheren Art auf ihn herab.
„Und Sie sind wer?“, spricht sie ihn in Englisch an und reicht ihm ebenso die Hand. Er ist verdutzt, dass sie ihn so selbstverständlich anspricht, als wäre er nur ein Freund oder jemand aus dem Team. Natürlich steht er aus Höflichkeit auf, sieht sie freundlich an und stellt sich vor.
„Hallo, Schneider, Karl-Heinz Schneider.“, hält er sich bewusst kurz. Hikari macht große Augen.
„Ach, der Name sagt mir doch was. Etwa dieser deutsche Fußballkaiser?“, haut sie unverblümt heraus. Karl ist erstaunt und lächelt dann höflich.
„Genau der.“, sagt er cool. Plötzlich klirrt es aus der Richtung der Kaffeemaschine. Takeshi ist die zweite Tasse, die er dann, wenn die andere fertig ist, unter die Düse stellen wollte, heruntergefallen. Als er nach Kojiros Begrüßung zu seiner Freundin schaute, weil sie auch auf Karl-Heinz zu ging, fing sein Herz ganz doll an zu schlagen und dieser seltsame Anblick, als sie sich die Hand gaben und miteinander sprachen, verunsicherte ihn auf einmal. Alle sehen verwundert zu ihm. Karl setzt sich wieder hin und denkt sich dabei weiter nichts. Hikari ist besorgt und eilt zu ihm.
„Alles gut, Schatz? Hast du dich verletzt?“, fragt sie liebevoll und hockt sich hin, um die Scherben aufzusammeln. Er tut es ihr sofort gleich und er beruhigt sie. „Alles gut, sie ist mir nur aus der Hand gerutscht.“
‚Was war das denn plötzlich? Wieso reagiere ich so komisch? Bei Kojiro und vorhin bei den anderen hat es mich doch auch nicht gestört. Ich weiß doch, dass sie so aufgeschlossen sein kann. Sie will doch nur freundlich sein. Was ist denn das Problem? War das etwa eben gerade Eifersucht? Liegt das daran, dass wir nie wirklich ausgehen, damit man uns keinen Skandal anzettelt solange ich noch keine 21 bin? Das nervt aber auch. Bis Januar muss ich hier noch abwarten. Wenn dieser Transfer jetzt nicht wäre. Das ist alles so verzwickt. Das ist eine riesige Freude und dann muss ich sie hier alleine lassen. Das ist doch echt doof. Was wird dann werden? Ist dann doch alles Schöne wieder vorbei? Ich habe Angst, Hikari, ich weiß nicht ob ich dich halten kann, wenn wir uns nicht mehr sehen können.‘ „Takeshi, machst du dir Sorgen? Weil du alleine nach Italien gehst?“, vermutet sie das Problem, denn Unaufmerksamkeit oder Tollpatschigkeit kennt sie von ihm gar nicht. Er nickt ehrlich.
„Ich freue mich so sehr für diese Chance und trotzdem bin ich so traurig, weil wir uns dann nicht mehr sehen werden. Das ist doch nichts Halbes und nichts Ganzes.“ Sie berührt seine Hand und sieht ihm dann in die Augen.
„Ich schaue, ob ich mitkommen kann, okay? Es braucht etwas Zeit bis ich es weiß.“, spricht sie ganz sanft. Auch Kojiro macht sich seine Gedanken. Er kann Takeshi verstehen, dass er sich sorgt, denn es ist in ihrem Beruf nie leicht Frauen festzuhalten. Er selbst hat diese Erfahrung gemacht und auch bei seinen Kollegen in Turin gab es schon die eine oder andere böse Überraschung, wenn sie wieder zu Hause waren.
Plötzlich geht die Tür vom Beratungsraum auf und Kudo sowie Fane und Tsubasa treten heraus. Sehr erstaunt über die offene Tür vom Trainerbüro stellen sie sich davor.
„Oh, Takeshi.“, äußert Tsubasa nur überrascht. Genau in diesem Moment öffnet sich auch die Tür zum anderen Beratungsraum in der Kojiros Familie sitzt und Tina betritt den Flur mit vollen Händen.
‚Oh, das trifft sich ja gut. Sie sind fertig. Was war das vorhin für ein Klirren? Da ist doch was heruntergefallen.‘ Sie geht auf die drei zu und stopft sich ein Reisbällchen in den Mund. In der linken Hand hält sie eine Pausenbox.
Fane schaut zu ihr, geht auf sie zu und lächelt sie an.
„Wir haben es jetzt, du kannst endlich beruhigt sein.“ Tinas Puls steigt freudig an und sie kaut schnell zu Ende und schluckt den Reis herunter. Dann fällt sie Fane um den Hals und ihr kommen ein paar Tränen.
„Ich…ich danke euch. Du hast keine Vorstellung davon wie glücklich ich jetzt bin.“ Fane umarmt sie ebenso und ist völlig überwältigt. So eine große Freude hat sie gar nicht erwartet, nicht nachdem sie zuerst so abweisend war.
„Ach Tina, es tut mir leid, dass ich dir vorhin so vor den Kopf gestoßen habe.“
„Ist jetzt egal, Liebes, Hauptsache jetzt geht nichts mehr schief.“, spricht Tina und lässt sie dann wieder los.
„Was meinst du? War der Vertrag so wichtig?“ Tina nickt und grinst.
„Ja. Denn ohne Manager darf ich meinen Verein nicht ohne Ablöse verlassen. Ich wollte dich nicht drängen, deswegen wollte ich dir die gute Nachricht erst danach mitteilen.“
„Wie meinst du das denn jetzt? Du wolltest doch ohnehin gehen. Was ist denn jetzt anders gewesen?“
„Mein Marktwert ist über Nacht enorm angestiegen und deswegen hätte ich den Verein nicht einfach verlassen können. Immerhin haben sie mit mir gerechnet. Fane…Chieri Torino will mich wieder haben und noch heute Abend beim Spiel unterzeichne ich den Transfervertrag für die nächsten zwei Jahre. Das kam ganz plötzlich.“, erzählt sie total begeistert. Fane staunt nicht schlecht und freut sich mit ihr und umarmt sie nochmal.
„Ach Tina, das ist ja so schön. Du kannst offiziell ins Team und kannst dich endlich nur um deinen Sport kümmern?“ Tina nickt nur.
Genau in diesem Moment klingelt im Büro das Handy von Hikari. Sie steht auf, wirft die Scherben in den Mülleimer und geht überrascht ran. Es ist ihr Trainer. „Hallo Trainer.“
„Frau Kuraiko, Sie glauben nicht was hier in meiner Hand liegt.“, ist er sehr freudig gestimmt.
„Oh, doch nicht etwa…ein Angebot aus dem Ausland?“, fragt sie direkt nach. Er ist verdutzt.
„Sie wissen davon? Das kann doch gar nicht sein. Das kam erst vor einer halben Stunde rein.“
„Nun sagen Sie schon, darf ich gehen? Zum Torino-Team? Hat die Uni schon entschieden?“
„Ja Sie dürfen. Die zahlen sogar eine echt beträchtliche Summe obwohl Sie keine Vereinsablöse zahlen müssten.
Das geht aber schon diese Saison los, das wissen Sie?“
„Ja alles klar. Das ist kein Problem ich kümmere mich um alles Weitere. Bringen Sie den Vertrag heute Abend mit?“
„Ja. Moment, es gibt noch eine Bedingung. Ohne diese zu erfüllen dürfen Sie nicht gehen.“ Sie stockt und schaut verdutzt in Takeshis Gesicht. Er wundert sich nur und Kojiro wiederum ahnt schon worum es geht und grinst etwas vor sich hin. „Was für eine Bedingung?“
„Sie modeln weiterhin für das Nationalteam und lassen endlich ein Bildband für die Uni anfertigen mit Frau Fuchs und Ihnen zusammen. Als Abschiedsgeschenk an die Fans und die Uni. Frau Saito ist sonst stink sauer. Wenn ihr schon ihre Zuspielerin Nummer eins fehlt.“, lacht er ins Telefon. Hikari atmet auf.
„Jetzt haben Sie mich aber erschreckt. Ich dachte schon da kommt jetzt was Schlimmes.“
„Das ist im Ernst gemeint. Wenn ich das richtig verstanden habe, werden Sie die Zuspielerin von Frau Fuchs. Die haben sich da etwas schwammig ausgedrückt, aber wer soll die Angreiferin sonst sein, die Sie haben will. Yoko kann sie nicht mitnehmen und das Angebot kam vor zwei Jahren schonmal. Ich gehe mal davon aus, dass Akane dann ins Tokio-Team wechseln wird, wenn sie davon erfährt. Denn sie ist nur noch hier, um ein Gegenpool zu sein, damit zwei starke Teams in Tokio sind. Dort aber verdient sie gut. Also wir werden sehen. Die werden sich noch bei uns melden und sie anwerben. Dann grüßen Sie mir die Tigerin von mir.“
„Das verstehe ich. Ja natürlich machen wir das. Ich freue mich ja so auf diese aufregende Zeit.“
„Wir sehen uns ja nachher. Ach und noch etwas. Wie kommt es, dass sie diesmal zugesagt hat?“ Hikari macht eine kurze Pause.
„Das erklärt sie uns dann bestimmt heute Abend.“ Dabei belassen sie es und legen beide auf. Hikari fällt Takeshi plötzlich glücklich um den Hals.
„Du hast mich dann doch am Hals. So schnell wirst du mich nicht los, mein Lieber.“ Der junge Mann weiß vor Verwunderung gar nicht was er sagen soll. ‚Was meinst du denn jetzt auf einmal damit, ich werde dich nicht los? Was war das denn eben für ein seltsames Gespräch? Wieso Torino-Team?‘
„Takeshi, ich werde mit dir gehen. Ich unterschreibe heute Abend einen Transfer zum Chieri Torino. Ich bin noch diese Saison da, so wie du in Turin. Dann können wir endlich zusammen sein, ganz offiziell.“ Kojiro räuspert sich plötzlich und dreht sich um.
„Hebt euch das für später auf. Ihr seid nicht allein.“
‚Nanu, wieso freut sie sich so? Was gab es denn am Telefon für eine Nachricht?‘
„Kojiro, ich dachte ihr Japaner seid so distanziert?“, äußert Karl schmunzelnd. „Das sind wir auch, aber auch wir sind eben verschieden.“, meint er nur und geht dann auf Tsubasa zu.
„Hat es jetzt geklappt? Konntet ihr euch einigen und hat deine Frau unterschrieben?“
„Ja, jetzt passt es besser. Irgendwann erzählt ihr uns aber wieso es so wichtig war. Ich hatte den Anschein es war eiliger als geplant.“ Kojiro schaut ihn glücklich an.
„Das beruhigt mich. Das war eine enge Kiste. Danke, dass du noch was retten konntest.“ Dann geht er an ihm vorbei und verlässt den Raum. Kojiro schaut zu Kudo, welcher etwas verwundert schaut was die seltsame Umarmung vor der Kaffeemaschine zu bedeuten hat.
„Katsuo.“, spricht er ihn höflich an und wartet bis sich der Anwalt zu ihm umdreht.
„Danke.“, sagt er nur deutlich mit fester Stimme und fängt ein kleines Lächeln des Mannes ein. Dann dreht er sich zu Tina und geht auf sie zu. Kudo schaut ihm nach.
‚Was war das denn eben? Er bedankt sich bei mir? Warum, etwa weil der Vertrag doch zu Stande kam? War ihm das so wichtig?‘
„Bettina, wollen wir jetzt Mittagessen?“, versucht er normal zu wirken und bleibt neben Fane stehen. Tina nickt fröhlich und die Frauen lassen voneinander. Sie sieht verliebt und glücklich zu ihm auf.
„Ich…ich bin so froh.“, haucht sie nur aus. Er lächelt sie ebenso verliebt an.
„Ich auch.“, sagt er ganz leise zu ihr und berührt kurz mit der rechten Hand ihren Kopf. Ihre Herzen schlagen ganz laut.
‚Liebste, wir können bald jeden Tag miteinander genießen. Nur noch ein wenig Geduld. Soweit haben wir es nicht mehr. Und wie du mich jetzt ansiehst mit deinen schönen türkiesen Augen. Ich könnte schon wieder darin versinken, jedoch geht es jetzt nicht. Am liebsten würde ich dich wieder in die Arme nehmen, aber das geht nicht.‘
Fane ist erstaunt darüber, dass er so offen Gefühle zeigt und deutet die Blicke genau richtig. Tina genießt seine warme Hand in ihrem Gesicht und in ihrem Gedanken ist es mehr als das. In ihrer Vorstellung umarmt er sie ganz plötzlich und sie spürt seine andere Hand ebenso am Rücken, sie schmiegen sich fest aneinander und dann küssen sie sich sinnlich. So zärtlich und intensiv fühlt sich in dem Moment seine kleine Berührung an.
‚Kojiro, ich…kann gar nicht ausdrücken wie glücklich ich bin. Wie du mich jetzt gerade ansiehst, das ist…das ist als würdest du mir sehr nah sein und mich küssen. Schade, dass wir jetzt nicht alleine sind. Ich habe gerade wieder das Gefühl mich in deinen Augen und deiner Berührung zu verlieren.‘
Plötzlich bemerkt sie wie ihr die Pausenbox immer schräger in der Hand liegt und fast aus der Hand rutscht und sie unterbricht den Augenkontakt. Wenn die Box herunterfallen würde, wäre es schade um das gute Mittagessen darin.
Noch immer stehen Kudo und Tsubasa in der Tür und beide sehen das Paar verblüfft an.
„Oha, da fehlte nicht mehr viel.“, haut Egon leise aus, so dass es nur Tsubasa hören kann. Dieser ist erstaunt über seine Äußerung.
„Zu was fehlt nicht mehr viel?“, fragt er neugierig.
„Sie sind doch verheiratet, da müssten Sie das doch wissen. Rein platonisch kann es ja nicht sein, sonst hätten wir da nichts im Vertrag ändern müssen.“, grinst er ihn an. Tsubasa fasst sich verlegen an den Kopf und schaut dann zu Fane.
‚Er hat Recht. Jetzt erkenne ich was er meint. Es ist so ein Moment wie gestern, als ich gesehen habe wie sie sich küssten. Und jetzt berühren sie sich kaum und trotzdem fiel ihr die Box fast aus der Hand.‘
„Stimmt.“, sagt er nur, um es nicht unkommentiert zu lassen.
Kojiro lässt Tina los und spricht dann normal mit ihr.
„Übrigens, deine Freundin Hikari ist jetzt da. Ihr wurde der Transfer soeben am Telefon bestätigt.“ Tina lächelt ihn weiter glücklich an.
„Oh wie schön. Das ging ja schnell. Wo ist sie?“
„Im Trainerbüro. Takeshi ist auch da. Ich gehe jetzt schonmal vor. Du kommst dann nach? Beeil dich bitte.“ Tina schaut dann zu Fane.
„Du hast nicht nur uns damit glücklich gemacht, glaube mir.“, sagt sie ihr fröhlich und geht sofort zum Büro weiter. Sie spricht Tsubasa fröhlich an und legt kurz ihre Hand auf seine Schulter.
„Ich danke dir. Super, dass es noch geklappt hat.“ Danach geht sie an Egon vorbei, grinst ihn an und dann betritt sie das Büro.
„Was meint sie damit?“, spricht Fane Kojiro an und schaut Tina nach.
„Es war knapp, Fane. Ihr Transfer beinhaltet auch den einer weiteren Spielerin. Sie darf ihre Zuspielerin mitbringen und das wird Takeshis Freundin sein. Um den Verein nun verlassen zu dürfen muss sie heute Abend beim Unterzeichnen einen Manager vorweisen. Hätte sie keinen Manager, gäbe es keinen Transfer. Deswegen eilte es plötzlich, denn der Transfer kam erst heute Nacht zur Sprache und wurde vor gerade mal einer Stunde genehmigt. Aber eben unter einer neuen Bedingung. Das ist der Managervertrag. Du wirst also die Verbindung sein, zwischen Japan und Italien, damit der Verband sicher ist, dass sie Japan treu bleibt und noch zur WM für uns spielt.“, erklärt er sachlich.
„Oh, das ist ja wirklich gemein. Deswegen die Eile. Und ich dachte sie kann inzwischen jemand anderes fragen, weil noch Zeit ist.“
„Was war denn nun das Problem? Wieso meintest du, du hättest keine Zeit für diesen Job?“, hakt er nach. Fane blickt ihn verlegen an.
„Äh, ich…ich äh.“, stottert sie sich zurecht. Tsubasa bemerkt es und geht auf die beiden zu.
„Kojiro, wir werden es euch später erklären. Jetzt passt das grade nicht, okay?“, sagt er laut und schaut etwas ernster. Dann lächelt er jedoch.
„Nun gut.“, meint der Stürmer nur, dreht sich um und geht zu seiner Familie. Das Ehepaar sieht sich verwundert an.
„Hast dich wohl nicht getraut es ihm zu sagen?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Ich weiß nicht, so nebenbei auf dem Flur?“
Als Tina das Büro betritt staunt sie nicht schlecht. Hikari klammert immer noch an Takeshi und schaut sich jedoch um, als sie ihre freundliche Stimme hört. „Hikari, lass dem armen Mann noch Luft übrig.“, sagt sie in Englisch und grinst. Freudestrahlend stürmt die Japanerin auf sie zu und fällt diesmal ihr um den Hals und drückt sie ganz fest an sich.
„Tora-san! Wie schön. Es hat geklappt. Das wird total aufregend.“
„Ja, das wird es. Ich freue mich sehr, dich an meiner Seite zu wissen.“ In dem Moment erblickt Hikari Tinas Anwalt.
„Ach, Dr. Kudo? Wieso sind Sie denn hier?“ Sie richtet sich auf und verbeugt sich höflich, um ihn zu begrüßen.
„Frau Kuraiko, welch eine Überraschung, das stimmt.“, lächelt er und begrüßt sie ebenso. Karl-Heinz ist etwas irritiert. Mit Tina geht er wirklich anders um. Andersherum ist es genauso. Zuerst ist diese Frau total emotional und dann plötzlich so förmlich und korrekt.
„Mir war klar, dass du dich wunderst. Dr. Kudo ist ab nun mein Rechtsbeistand.“ Hikari staunt nicht schlecht. Seit wann kann sich Tina den Professor leisten? Tina schaut zu Karl-Heinz, geht auf ihn zu und stellt ihm die Box auf den Tisch.
„Karl, hier, das ist für dich.“, lächelt sie ihn an. Er schaut verwundert auf und sieht sie fragend an.
„Wie für mich?“
„Schau mal rein.“ Er öffnet die Box und staunt nicht schlecht. Sie ist bis oben hin mit appetitlichen japanischen Snacks und Sushi gefüllt.
„Oh, danke sehr. Das sieht sehr lecker aus.“
„Als ich vorhin rausgegangen bin war mir total schlecht und ich dachte das war die Anspannung, aber es war auch der Hunger. Dann bin ich zu Kojiros Familie gegangen, die ja auf mich gewartet hat und habe mir schnell einen kleinen Snack gegönnt. Ich habe dann seine Mutter gefragt, ob sie ein Problem damit hätte für dich eine Box zusammenzustellen, weil du durch den Jetlag müde bist. Ich dachte bei der Hitze ist es besser als so ein schweres Steak.“ Er schaut nachdenklich auf die Speisen und ist etwas irritiert.
‚Was hat das zu bedeuten? Warum stellt sie so ein Snack zusammen? Und dann so hübsch bunt und so viel.‘
„Richte ihr dann bitte von mir ein Dankeschön aus. Ich hole das nachher noch nach, wenn ich ihr die Box zurückbringe.“
„Das mache ich gerne. Aber sie sagte auch, ich soll DIR einen Dank ausrichten. Es soll ein Dankeschön sein. Ich weiß zwar nicht warum, aber so sagte sie es mir.“ Kudo kommt inzwischen zum Tisch und setzt sich wieder hin. Er legt die Papiere in einem Hefter an die Seite und betrachtet dann das Schachbrett.
Karl schaut wieder zu Tina auf. Egon wundert sich über seine ruhige Reaktion. ‚Oha, was sind das denn für Blicke? Wie sieht er sie denn auf einmal an? Geht er ihr deswegen die ganze Zeit aus dem Weg?‘
‚Ein Dankeschön? Wieso? Doch nicht etwa wegen vorhin? Will sie mir damit danke sagen, weil ich Ihren Sohn in Schutz genommen habe?
Ach Tina, wenn du wüsstest was dieser Trainer alles Furchtbares über dich gesagt hat, dann hättest du ihn vorhin nicht in Schutz genommen. Was hat dieser Mann überhaupt für ein Problem mit dir? Was erwartet er denn von Kojiro wen er lieben darf? Du bist doch hübsch, klug, fürsorglich und erfolgreich. Warum solltest du auf sein Geld aus sein? Wie kommt der darauf? Du hast dir noch nie etwas aus Geld gemacht und kannst auf eigenen Füßen stehen. Jeder Mann kann sich doch glücklich schätzen dich an seiner Seite zu haben.‘
„Ich verstehe. Richte es ihr bitte trotzdem aus.“ Tina weicht seinem intensiven Blick aus und schaut auf das Schachbrett.
„Werde ich machen.
Moment, was soll das denn werden?“, stutzt sie dann und kann Karl von seinen Gedanken loseisen.
„Karl, wie lange hast du nicht mehr gespielt?“ Er wundert sich ebenso.
„Ich glaube zwei Jahre etwa. Wieso? Habe ich was falsch gemacht? Ich war bei zwei Figuren etwas unsicher.“
„Du hast die Generäle vertauscht. Die goldenen stehen natürlich neben dem König und erst dann kommen die silbernen. Ich glaube eher du bist müde.“
„Hm, dann war das eine Finte. Kein Wunder, dass es mich irritiert hat.“, äußert er neckisch und schaut zu Egon rüber. Tina stutzt etwas und schaut auf Egons Figuren.
„Du bist gemein, echt. Wolltest du ihn testen ob er das Spiel wirklich kennt?“, knurrt Tina ihren Anwalt an. Dieser grinst nur und legt seine Figuren wieder richtig hin. Tina entfernt sich dann vom Tisch und blickt zu Hikari.
„Ich muss jetzt erstmal in Ruhe Mittagspause machen. Wie sieht es bei dir aus? Du hast doch sicher schon was gegessen und willst gleich trainieren?“
„So war das gedacht. Zuerst wollte ich Takeshi nur besuchen und ihm zusehen und dann kam ja dein Anruf und jetzt der vom Trainer. Ich soll dich übrigens von ihm grüßen.“
„Am besten du gehst schonmal in die Halle. Ich hatte mir das jetzt zeitlich anders gedacht, aber nun kam etwas dazwischen. Ich hatte ja bereits gesagt, dass ich dir jemanden vorstellen möchte. Du hast also die Wahl, entweder du wartest noch etwas, bis ich mit meiner Pause durch bin, aber die kann dauern. Jetzt ist Familienzeit. Oder du lernst die Legende ohne mich kennen und gehst schon in die Halle. Sie ist dort mit ihrer Familie.“
„Du sprichst in Rätseln, echt. Wer mag denn da sein?“ Takeshi wundert sich auch. Sind da nicht einfach nur die Touristen aus Deutschland? Wer soll denn so Besonderes da sein?
„Egon, am besten du begleitest sie nachher. Ich befürchte sie wird sie nicht gleich erkennen. Ist so ein Generationsding. Du kannst ihr dann deutlich mehr erzählen.“
Er schaut fragend zu ihr.
„Was meinst du damit? Wer ist denn da?“
„Ich gehe mich schnell umziehen, du machst mich neugierig. Wer auch immer da ist, ich will sofort mir ihr spielen.“
„Fane, begleitest du Hikari bitte und bringst sie zur Umkleide und dann zur Halle?“
„Äh, ja klar.“
„Egon, du achtest bitte darauf, dass Karl-Heinz jetzt was isst. Mindestens die halbe Box, das wird er brauchen.“ Egon sieht sie verwundert an.
‚Sie ist erstaunlich fürsorglich zu ihm. Was hat das zu bedeuten? Ist das nur ihre Art mit Freunden umzugehen? Ich kenne sie schon so lange, aber mit anderen zusammen ist sie sehr verschieden im Umgang mit ihnen. Vorhin fauchte sie ihn noch an und dann sorgt sie sich wieder, dass er müde ist und organisiert ihm was zu essen. Und eben, als er sie so nachdenklich angesehen hat, da wich sie seinem Blick aus und lenkte aufs Schachbrett ab.‘
Takeshi geht zu Tsubasa und beide nehmen ihre Tassen Kaffee und gehen bereits in die Turnhalle und setzten sich dort auf eine Bank.
„Tsubasa, es ging gestern alles so schnell und alle sind auch heute noch etwas irritiert von diesen vielen neuen Informationen. Bist du echt schon seit zwei Jahren mit ihr befreundet? Und Fane bereits seit sie etwa hier ist? Und ihr wusstet die ganzen Jahre wer sie ist?“, spricht er ernst und nachdenklich.
„Stimmt, aber wir mussten es doch geheim halten. Verstehst du?“
„Wieso hat sie dir denn damals alles erzählt? Also das mit dem HSV und ihrem Bruder auch?“
„Das war ein dummer Zufall. Sagen wir mal so, sie wusste nicht wer ich bin und schüttete eigentlich einem Fremden das Herz aus, weil sie um ihre Eltern trauerte. Sie erzählte mir dummerweise alles, alles was sie die ganzen Jahre für sich behalten hatte. Und dann musste ich es ihr sagen, ich musste ihr doch sagen wer ich bin. Sie redete davon, dass sie Fußballern nicht mehr trauen kann und ihren Anblick nicht ertragen kann, weil sie dann immer diese Bilder sah.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass sie die Freundin von Sanae ist, weswegen sie wieder zurück nach Japan gegangen ist. Sie hat mir nur von ihr soweit erzählt, dass sie Volleyball spielt und erfolgreich ist und eine Gaststätte hat. Sowas eben. Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht.“
„Danke, dass du es mir erzählst. Wir fragen uns nur alle noch wie es sein kann, dass sie Kojiro nicht erkannt haben soll, wenn sie uns doch alle auf dem Flughafen gesehen hat und ihm sogar die Hand reichte und ihm direkt in die Augen sah. Ich kann mich noch genau daran erinnern, jetzt wo ich die Erinnerung wieder auffrische.“
„Das kann ich dir nicht sagen, aber eins ist klar. Sie hat ihn definitiv nicht erkannt. Nur einen Tag später, als Sanae es herausgefunden hat brachte ich sie zur Arbeit und wir sind uns begegnet. Sie hat ihn mir als ihren neuen Freund vorgestellt. Du kannst dir vorstellen wie Kojiro aus der Wäsche geguckt hat als er mich sah und Tina danebenstand. An dem Tag wusste sie noch nicht wer er ist. Erst kurz danach muss es sich ergeben haben. Naja, so war das.“ Nebenbei verfolgen sie das interessante kleine Spiel der Familie Heinemann.
„Der Junge ist stark. Ich kenne ja die Spiele von Hikari und ich haben auch schon Tina spielen sehen. Das wird heute ein richtig heftiges Spiel. Sie hat eine Spielweise wie Kojiro. Vielleicht passen sie deswegen auch so gut zusammen? Hast du schonmal ein Volleyballspiel gesehen?“
„Ja, aber meine Zeit war immer sehr begrenzt. Ich habe Tian auch schon speilen sehen, deswegen war ich gestern so glücklich, dass sie mir auch endlich mal zusehen konnte. Es war wirklich immer sehr schwer mit ihr zu kommunizieren bei dem Hintergedanken, dass sie wüsste wovon ich rede, wenn es um den Sport ginge oder dass sie mir sogar Tipps geben könnte. Das ist echt komisch. Auch Bilder von mir durften nur mit Privatkleidung sein. Das war auch bei Jun so. Ich akzeptierte das. Aber jetzt…jetzt geht das plötzlich. Sie ist hier und sogar heute nochmal. Sie verhält sich fast wie sonst auch, nur dass diesmal wieder eine gewisse Anspannung da ist. Trainer Mikami sagte mir sogar, sie habe das seltsame Verhalten von Kens Team gleich nach drei Minuten Zusehen erkannt. Und das obwohl das letzte Spiel, was sie gesehen hat noch in Hamburg war. Das ist erstaunlich, oder? Die Fans haben es nicht mal bemerkt.“
Tränen und Halt
Kapitel 97
Tränen und Halt
Währenddessen steht Kojiro vor der Mini-Einbauküche und nimmt sich ein Glas aus dem Hängeschrank, greift nach der Wasserflasche und schenkt sich ein. In diesem Moment kommt ihm die Situation von vorhin in dem Sinn, als sein Trainer unfassbare Vorwürfe Tina gegenüber äußerte. Wie kam er denn nur darauf sie derart zu beleidigen und dass auch noch in seiner Gegenwart und vor den anderen? Was ist denn nur mit ihm los? Natürlich hat er ihn immer ausdrücklich vor den Frauen gewarnt, die es nur auf ihn als Promi abgesehen haben, aber er hat sich doch auch genau daran gehalten. Und Tina passt überhaupt nicht in das Muster einer Intrigantin. Sie hat es doch gar nicht nötig hinter seinem Geld her zu sein. Er war selbst so erstaunt als nach und nach herauskam was sie alles macht und wieviel sie arbeitet. Jede Minute investiert sie für Arbeit und Training?
Er dreht sich zu seiner Familie um und beobachtet wie sie am Tisch sitzen und sich angeheitert unterhalten.
‚Bettina, sie lieben dich jetzt schon und das obwohl sie dich noch nicht mal wirklich kennen. Wie Mutter vorhin reagiert hat, das habe ich überhaupt nicht erwartet. Niemals ist ihr die Hand ausgerutscht. Weder mal gegen mich, wenn ich doch mal nicht nach ihrer Pfeife tanzte und auch nie gegen die anderen drei. Sie war nach Vaters Tod immer zurückhaltend und ließ mich machen. Sie ließ mir komplett freie Hand in dem was ich tat. Sie meckerte nur, dass ich nicht so viel arbeiten soll oder lieber spielen sollte, aber ich setzte meinen Dickkopf einfach durch und machte weiter. Und nun plötzlich, da packt es sie und sie verpasst Kira gleich zwei Backpfeifen. So wütend habe ich sie noch nie erlebt. Sie hat mich nur sehr selten in Schutznehmen müssen. Ich habe mich meist selbst herausgewunden oder meine Probleme alleine geklärt. Doch diesmal hat sie es für mich erledigt. Sie wusste vermutlich, es kann nur böse enden, wenn nicht endlich jemand macht was er herausforderte. Sogar Genzo konnte sich nicht beherrschen. Zum Glück standen Tsubasa und Karl-Heinz neben ihm und konnten ihn mit Mühe und Not davon abhalten einen Fehler zu machen. Karl-Heinz konnte ihn schnell beruhigen, das war gut. Sie müssen sich wirklich sehr gut von früher kennen.‘
Er trinkt das Glas inzwischen aus und füllt nach. In dem Moment geht die Tür auf und Tina schaut fröhlich in den Raum.
„Entschuldigt mich bitte, das hat alles etwas länger gedauert.“ Dann blickt sie zu Kojiro rüber und lächelt ihn glücklich an.
„Was meinst du, ob ich dich nochmal kurz für ein paar Minuten entführen darf? Ich müsste vorher nochmal ganz kurz was mit dir besprechen.“ Kojiro ist erstaunt und willigt natürlich ein, stellt sein Glas ab und geht zu ihr.
‚Bettina? Was ist los?‘
„Wir sind gleich wieder da.“, sagt er nur mit fester Stimme. Dann schließt sich die Tür hinter ihnen.
„Mama, was müssen die denn jetzt wieder bereden?“, erkundigt sich der kleinste.
„Das kann ich dir nicht Sagen, mein Schatz. Es wird schon wichtig sein, sonst würden sie es hier besprechen.“, antwortet die Mutter. Ken hingegen steht auf und geht langsam zur Tür.
„Wenn die eh nochmal weg sind kann ich auch schnell mal für kleine Jungs. Ihr entschuldigt mich?“, meldet er sich ab und verlässt dann den Raum. Im Flur hört er wie eine Tür leise zugeht und sich ein Schloss umdreht.
‚Das müssen sie sein.‘ Er folgt den Geräuschen, stellt sich dann vor die Tür und hört zuerst gar nichts.
Auf der anderen Seite der Tür hält Tina Kojiros Hände ganz fest und blickt verliebt zu ihm auf.
‚Ach Liebster, das Warten war furchtbar. Wie froh war ich als du endlich die Tür hereingekommen bist. Und dann endlich kamen die beiden und es ging doch noch gut aus. Was wäre nur passiert, hätten sie keine Lösung gefunden? Ich bin ja so glücklich. Endlich kommen wir unserem Ziel näher. Bald ist es soweit und wir können gemeinsam ein neues Leben anfangen. Es wird ganz sicher ein wunderschönes und aufregendes Leben, ein Leben mit dir, Kojiro.‘ Tinas Augen werden bei dem Gedanken feucht und sie hat Mühe ihre Tränen zurückzuhalten. Kojiros Gedanken sind ähnlich und jetzt weiß er auch was sie zu bereden haben. Er greift ihre Hände so, dass er zwischen die Finger fasst und sieht ihr dabei liebevoll in die Augen.
„Bettina.“, sagt er nur mit fester Stimme, um seiner Anspannung Luft zu lassen. „Kojiro, ich…ich bin so froh.“, sagt sie deutlich und plötzlich schmiegt sie sich ganz fest an ihn, fasst seine Schultern und seinen Nacken, klammert sich ganz fest an ihn und genießt seine Wärme. Er spürt wie sie beginnt zu weinen. Ihre Herzen schlagen laut und in ihr macht sich die Anspannung etwas Luft, denn es hat nicht mehr viel gefehlt, dass sie noch vor den anderen ihre Tränen gezeigt hätte. Sie hofft nur, dass es Karl und Egon vorhin nicht mitbekommen haben, dass sie aus Sorge bereits etwas geweint hat.
Kojiro nimmt sie fest in seine starken Arme und lässt ihr freien Lauf. Ihre Tränen nässen sein Hemd an der Schulter, aber das ist ihm egal. Auch er kneift plötzlich die Augen zu und es entweichen ihm ebenso ein paar Tränen.
Auch er weiß wie wichtig dieser Vertrag für sie beide ist. Wie hätten sie denn zusammen glücklich sein können, wenn Tina für ihn ihren Stolz aufgeben müsste? Sie hätte sicher trotzdem in dieses Team gekonnt, denn es ändert nichts an ihrem Können, aber sie wäre ohne Transfer, Ehre und Ruhm in Italien angekommen. Was hätten denn die anderen Frauen und der Verein von ihr gedacht? Das hätte sie nicht verdient. Das sagte er dem harten Hund von Anwalt und daran hält er fest. Niemals hätte er es gewollt, dass sie nach all der vielen Anstrengung und Mühe hier in Japan ganz nach oben zu kommen, ausgerechnet seinetwegen ihr Gesicht vor allen verloren hätte. Nein, ihren Stolz, den sie sich so hart erarbeitet hat, schon gleich zu Beginn in den ersten Monaten hier, nein, den darf sie niemals verlieren. Wenn sie bei ihm sein will und schon alles für ihn aufgibt, dann bitte nur mit einem würdigen Abschied von ihren Fans, nicht mit einer gemeinen Presseschlacht. Sie hat so viel geopfert für sich und für den Sport, sogar für ihn, sogar für ihn und seine Freunde und Mitschüler an der Toho. Wüsste Kira das, dann hätte er niemals so über sie gesprochen.
Kojiro kommt in dem Moment der Emotionen das emotionale Gespräch mit dem Kommissar in den Sinn. Ihre Unterhaltung klärte endlich einiges auf, was wirklich an seiner Schule passierte und welche Erlebnisse sie dort hatte.
Nachdem Karl-Heinz seinem Trainer eine klare Ansage machte und sich daraufhin so langsam alle wieder beruhigten und ihre Wege gingen, blieb er nachdenklich genau neben dem kaputten Waschbecken stehen. Seine Gedanken waren wie leer. Wie konnte er nur sowas sagen? Kojiro starrte auf das gelbe Band, welches um die Stelle gewickelt wurde, um vor der Schnittgefahr zu warnen. Wie sehr hatte er sich über die Kerle aufgeregt, die Tinas Bruder umbrachten und ihr weh taten. Und nun? Nun konnte er nicht einmal die Faust erheben oder etwas sagen, um sie zu verteidigen. Er war starr vor Schreck und Enttäuschung. Kojiro machte wütend Fäuste und richtete sie auf die Kacheln. Gedanklich schlug er erneut darauf ein. Was sagte seine geliebte Bettina zu ihm? Wenn es so einen Moment gibt? „Manchmal muss der Druck raus, wenn einem was wurmt und ärgert oder wütend macht. Aber bitte passt auf, dass du dich nicht mehr verletzt dabei. Lass es am Sandsack aus oder denke an mich, wie ich dich berühre und dann hältst du dich zurück bis du einen Sandsack gefunden hast.“, kamen ihm ihre liebevollen Worte in den Sinn. Er hielt inne, schaute auf seine Handoberfläche der rechten Hand und richtete sich wieder auf. Nachdenklich streichelte er mit der Linken zärtlich über die heilenden kleinen Wunden an den Knöcheln. Vor ihm spielten sich die Bilder ab, als sie seine Handoberfläche küsste, diese dann an ihre Wange hielt und mit ihrem bezaubernden Lächeln zu ihm aufsah und ihm darum bat ihr zu versprechen sich nicht zu verletzen. In diesem Moment lächelte er und stieß unbesonnen zwei Worte aus.
„Versprochen, Bettina.“ Kurz darauf machte er wieder Fäuste, trat an das andere Waschbecken daneben, drehte den Hahn auf und hielt seinen Kopf unter das frische Wasser. Danach drehte er ihn wieder zu und warf sein Haar durch die Luft nach hinten und atmete tief durch, genauso wie er es für die Shampoo-Werbung eingeübt hatte. Mit gerade mal neunzehn Jahren spielte er für die Japan-Liga und nicht nur seine Schüsse und sein Ruf, nein auch seine Haare wurden zu seinem Kapital. Diese Bewegung machte er immer dann, wenn er alleine ist und sich kurz bei Stress daran erinnern will wieso er sein Leben lang hart gearbeitet hatte. Für seine Familie. Nie hatte er was für Mode oder Kosmetik übrig, bis sich ein Sponsor meldete und ihn nach Werbespots fragte. Dann ergriff seine jetzige Managerin ihren Job und leitete alle Wege ein, damit er im ganzen Land bekannt wurde und auch von denen entdeckt werden konnte, die vorher keinen Fußball interessant fanden.
Während er diese Bewegung machte trat Saito neben ihm an das Waschbecken, wusch sich das Gesicht und fuhr mit den nassen Händen durch seine nach hinten gekämmten ebenso fast schulterlangen Haaren und sprach ihn an.
Vor etwa einer Stunde spricht Saito Kojiro an.
„Wir müssen unter vier Augen reden. Kennen Sie eine Ecke hier draußen, wo wir ungestört sein können?“ Kojiro ist verwundert.
‚Wieso will er mit mir reden? Und dann nur unter uns? Will er jetzt eine klassische Standpauke halten ob ich es ernst meine mit Bettina? So richtig schlau bin ich noch nicht wie eng sich die beiden wirklich stehen. Dafür, dass er nur der Vater einer Freundin ist, bringt er sich ganz schön viel ein in den Fall.‘ Kojiro richtet sich auf und sieht ihn ernst an.
„Ich kenne so einen Ort. Bettina hat ihn mir gezeigt.“, spielt er das Spiel erst einmal mit und ahnt schon was kommen wird. Aber er ist vorbereitet und weiß genau was er sagen muss, wie auch immer dieser Mann ihn angreifen mag.
Er führt ihn hinter die Holzhütte. Dort läuft nie jemand lang und es gibt nichts was dort jemand haben will. Sie steht so abgelegen, dass sie für niemanden interessant ist.
Jedoch bekommen beide nicht mit, dass in dem Moment als sie zusammen die Waschbecken verlassen, jemand um die Ecke kommt und sie bemerkt. Es ist Taro Misaki, welcher sich wundert, dass die beiden plötzlich alleine irgendwo hingehen. Er folgt ihnen unauffällig und bleibt außerhalb der Sichtweite, aber so, dass er sie hören kann.
Hinter der Holzhütte holt Takeru eine Zigarillo-Schachtel und Streichhölzer aus der Hosentasche. Elegant holt er sich ein Zigarillo heraus, steckt ihn in den Mundwinkel, steckt die Schachtel wieder ein und zündet das Streichholz gekonnt am Schachtelrand an. Die kleine Flamme lodert schnell auf und das Zigarillo wird in die kleine Flamme gesteckt und beginnt zu glimmen und nimmt einen Zug. Dann schüttelt er das Streichholz aus, behält es noch in der Hand und steckt die Schachtel wieder in die Tasche. Kojiro beobachtet das langgestreckte Spielchen und lässt sich davon aber nicht beirren.
‚Wozu die Show? Hat er mich jetzt nur hier, damit er nicht alleine beim Rauchen erwischt wird, oder was?‘ Er steht selbstsicher vor ihm und hält einen gewissen Abstand. Takeru schweigt vorerst und zieht in aller Ruhe und mit vollem Genuss an seiner Zigarillo. Er schaut mit ernstem Blick zum Himmel. Es ist nicht ein Wölkchen zu sehen und trotz des Schattens der Hütte ist es unerträglich heiß. Heute weht kein einziges Lüftchen.
„Wenn Sie was zu sagen haben, dann bitte jetzt. Ich habe nicht ewig Zeit und irgendwann wird man mich vermissen.“, beginnt Kojiro das Gespräch ernst und versucht ruhig zu bleiben. Saito sieht ihn an.
„Sie haben Recht. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns mal kennenlernen würden und schon gar nicht auf diese Art und Weise. Haben Sie eine Ahnung wieso ich mit Ihnen reden will?“, kommt ein strenger Ton zurück. Kojiro setzt einen herausfordernden Blick auf und verschränkt die Arme.
„Ich kann es mir denken. Sie sind nicht der Erste, der versucht anzuzweifeln was ich für Bettina empfinde und ob ich es ernst mit ihr meine. Bringen wir das also hinter uns und ich kann wieder zu meinen Freunden!“, kommt die bestimmende kräftige Stimme des Wilden Tigers. Saito lacht plötzlich.
„Oha, na da haben Bettina-sans Freunde bisher gute Arbeit geleistet. Sie sind schon in Übung. Aber ich muss Sie enttäuschen.“, grinst er dann. Kojiro bleibt vorerst bei seinem strengen Blick.
‚Was meint er damit?‘
„Ich zweifle Ihre Gefühle zueinander nicht an! Im Gegenteil, ich bewundere es, dass Sie es geschafft haben sie über ihren eigenen Schatten springen zu lassen. Was auch immer Sie getan haben oder tun, es scheint genau das zu sein, um endlich mit allem abzuschließen. Mit dem was vor Japan war und mit dem was anfangs hier war. Hier an dieser Schule und das was an Ihrer Schule war. An der Toho.“ Er zieht erneut am Glimmstängel und pustet zur Seite.
„Das ist es, was ich mit Ihnen bereden will. Als ich Bettina-san vorhin angerufen habe und Sie noch bei Herrn Müller im Studio waren, da hat sie nicht aufgepasst. Sie hat zwar den Finger aufs Mikrofon gehalten, aber leider nicht komplett und ich konnte Ihre ganze Unterhaltung mit anhören. Sowas darf ihr nie wieder passieren, wenn sie so wichtige persönliche Gespräche haben.“ Kojiro staunt nicht schlecht. Er hat ihr Gespräch gehört? Etwa als Tina von dem Überfall und dem Revier gesprochen hat? Und was weiß der Kommissar denn über seine Schule? Was weiß er über Bettinas Beziehung zu der Toho?
„Echt? Sie hatte den Finger nicht richtig drauf?“
„Jup. Aber das war gut für mich. Ich bin immer sehr skeptisch und dadurch konnte ich mir gleich eine Meinung von Ihnen bilden, ohne zu wissen wer Sie überhaupt sind. Genau deswegen muss ich Ihre Gefühle nicht anzweifeln. Ihre Gefühle waren in diesem kurzen Gespräch eindeutig zu erkennen. Und als ich sie im Revier bei der Übersetzung etwas angegangen bin, haben Sie Bettina gleich verteidigt. Sie wissen genau wann Sie eingreifen müssen, um sie zu schützen. Aus diesem Grunde haben Sie auch beschlossen sie ins Revier zu begleiten. Sie wussten nach ihrer Erzählung von ihrer Zeit in Hamburg scheinbar gut genug, dass sie Ihre Unterstützung benötigt. Sie haben meine Provokation zu Ihnen sogar erkannt und sich für sie zurückgehalten.
Ich habe mich inzwischen etwas über Sie informiert und schätze es daher sehr, dass Sie Ihr Temperament zügeln konnten. Bettina hat das genau bemerkt, das war zu spüren und sie ist darauf eingegangen und konnte Sie beruhigen.“ Er pausiert seinen Redefluss und zieht wieder am Zigarillo. Dann sieht er ihn sehr ernst an.
„Also eins muss ich ja mal sagen. Sie haben echt Eier in der Hose, Herr Hyuga!“ Kojiro ist total baff über diese Wortwahl. Vor allem, was meint er denn damit?
„Wie bitte?!“, kann er nur dazu sagen.
„Na das eben gerade. In Ihnen muss es doch vor Wut gekocht haben als dieser Trainer diese Anschuldigungen behauptete. Das war ja wohl extrem. Sie haben es vermutlich nicht mitbekommen, weil ich hinter Ihnen stand, aber ich wäre beinahe selbst auf ihn losgegangen, wenn es nicht Frau Hopkins für mich erledigt hätte. Durch ihre Bewegung neben mir kam ich wieder zu Verstand und habe nicht sie von einem Übel ferngehalten, sondern mich selbst, indem ich sie zurückhielt. Ich brauchte was zum Festhalten, um mich daran zu erinnern wieso ich da bin.
Und Sie, Sie stehen einfach da und halten sich solange zurück bis die Sache geklärt wird. Das kann man nur bewundern.“ Kojiro löst seinen ernsten Blick und steht erwartungsvoll da.
„Trainer Kira steht mir sehr nah, es tat einfach weh sowas aus seinem Mund zu hören.“
„Mag sein, aber genau deswegen ist es um so erstaunlicher, dass Sie Ihre Hände bei sich behalten konnten. Was war das eben am Waschbecken? Sie haben ihre Hände so seltsam gehalten und was gesagt. Von welchem Versprechen haben Sie gesprochen?“ Kojiro ist erstaunt.
„Diese kaputten Kacheln, die gehen auf meine Kappe. Bettina hat mir kurz zuvor von ihrem Bruder erzählt und da kam es dann plötzlich über mich vor Wut.
Nun und gestern hat sie es bemerkt. Ich…habe ihr dann versprochen mich nicht mehr zu verletzten, nur weil mich etwas wütend macht.“ Er schaut auf seine Hände und formt sie zu Fäusten.
„Ich soll mir entweder vorstellen sie wäre da oder ich soll damit warten bis ich es an einem Sandsack auslassen kann.“, berichtet er ihm.
„Ich verstehe. Und Sie wählten ihre Anwesenheit.
Sie weiß scheinbar, dass bei Ihrem Temperament und Ihrer Impulsivität die Übung mit diesem Vögelchen nicht ausreicht. So hat Sie Ihnen eine Barriere geschaffen.“
„Das denke ich auch. Egal gegen wem oder was ich meine Faust erheben würde, ich würde mich selbst verletzen.“, lächelt er plötzlich selbst.
„Das wird es sein was Sie bindet. Sie halten sich gegenseitig fest, egal in welche Richtung es geht.
Bettina-san ist sehr temperamentvoll und lässt sich nichts von irgendwem sagen, auch nicht von uns Männern, egal wie alt wir sind oder welche hohe Position wir haben. Für sie gibt es keine Wertung zwischen Sozialstand und Beruf. Sie setzt ihren Dickkopf durch, komme was da will. Den Respekt zu bekommen, den sie mir gegenüber hat, war ein hartes Stück Arbeit. Und mit MIR legt sich keiner an! Weder die Kollegen, noch die Yakuza. Nicht grundlos habe ich seit vier Jahren das Revier, welches auch für den Flughafen und die belebte Touristenecke zuständig ist. Da herrscht seitdem Ordnung.
Aber Sie, Sie Herr Hyuga haben es irgendwie drauf diesen Dickkopf und dieses Temperament zu zügeln.“
„Sie haben doch mittlerweile mitbekommen wieso sie sich von Männern in der Regel nichts sagen lässt. Immerhin musste sie sich jahrelang gegen starke Jungs durchsetzen. Das war sicher sehr prägend, ähnlich wie bei Frau Hopkins im Marine-Camp.“
„Das ist mir heute auch klar geworden. Es gab nur einen Mann, wenn der was gesagt hat, dann gab es keinen Widerspruch. Können Sie sich vorstellen wer das war?“ Der Stürmer grinst.
„Ich tippe mal auf ihren Vater. Jemand anderen kann ich mir nicht vorstellen. Von ihren Erzählungen her würde das passen.“
„Wow, Sie kennen sich gerade mal eine Woche und kennen sich schon so gut, beachtenswert.“ Kojiro stutzt, aber dann wird es ihm klar warum er das weiß.
„Die Personalakte hat uns verraten, stimmts?“, grinst er.
„Genau. Alle Achtung und Sie wussten echt nicht wer sie ist? Und sie hat Sie auch nicht erkannt? Das kann man gar nicht glauben, aber es muss ja so sein. Was war das an dem Tag? Liebe auf dem ersten Blick?“, schmunzelt er. Der Stürmer schaut ernst.
„Sowas soll es auch geben.“, kommt eine feste Stimme.
„Wieso haben Sie es getan?“, fragt Saito und nimmt einen neuen Zug.
„Was meinen Sie?“
„Na wieso haben Sie sich mit Ihrem jetzigen Sozialstand an die Abwäsche gestellt? Was hat denn Bettinas Personal dazu gesagt?“
„Hm. Das war eine Kurzschlussreaktion, aus alter Gewohnheit. Es hat sich ergeben und ich wollte ihr helfen. In dem Moment habe ich mir darüber gar keinen Kopf gemacht. Es kam ein Anruf, dass jemand krank ist und sie hat mich gefragt was meine Zeit sagt. Da habe ich die Gelegenheit genutzt, um sie näher kennenzulernen. Das war mein erster Gedanke. Ich bin kein Typ, der nach Dates fragt und sie machte mir den Eindruck sowieso keine Zeit zu haben, wenn sie sogar an freien Tagen arbeitet.“ Er schaut nun nachdenklich zur Seite zur Hecke, hinter welcher sie gestern verschwunden sind.
„Ich war neugierig was sie für ein Menschentyp ist. Wie kann sie in so jungen Jahren schon ein Lokal leiten und wie geht sie mit ihren Angestellten um. Ich mag Menschen, die fleißig sind und Verantwortung übernehmen. Sie hatte mich eindeutig nicht erkannt, sonst hätte sie nicht gefragt. Es war also die Neugier, jeweils den anderen kennenzulernen. Und das Personal, tja, die haben nichts gesagt. Sie haben mich einfach freundlich aufgenommen und eingewiesen, keiner hat da irgendwas gesagt oder gefragt. Nicht einmal der Küchenchef. Ich war einfach Kojiro für sie und fertig. Fane, also Ohzoras Frau, war überrascht, aber auch sie hat Tina nichts gesagt. Wir sind immerhin seit einige Jahren sehr gut befreundet. Ich war selbst sehr erstaunt sie dort anzutreffen. Ich wusste nur, dass sie eine Ausbildung als Köchin macht.“
„Ach? Erstaunlich. Auch Roland nicht? Sie müssen ja einen sehr guten Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Der ist genauso ein Typ wie ich, wenn bei ihm was nicht spurt wie er will, dann wird er streng.“
„Wir kamen und kommen super klar. Er ist ein erfahrender Mann mit Prinzipien und viel Berufserfahrung.“
„In Ihrer Personalakte steht drin, dass Sie letzte Woche Mittwoch von mittags bis abends und eine Stunde am Donnerstag mittags arbeiten waren. Dann haben Sie sich wirklich erst letzte Woche kennengelernt? Oder wie soll ich das deuten? Und wieso waren Sie am zweiten Tag nur eine Stunde da?“ Kojiro schaut zum Himmel.
„Richtig, wir haben uns am Dienstag kennengelernt. Bettina hat erfahren, dass ich studiere und nur noch auf den Termin der Verteidigung warte. Da hat sie mich dann nach Hause zum Lernen geschickt. Deswegen nur die eine Stunde.“
„Das sieht ihr ähnlich. Und? Haben Sie Ihren Abschluss machen können, oder warten Sie noch auf den Termin?“
„Den hatte ich vorgestern.“
„Und was sind Sie jetzt? Auch so ein langweiliger Buchhalter oder was anderes kaufmännisches wie viele andere Sportler?“ Kojiro grinst und lacht.
„Das wäre mir wirklich zu langweilig, stimmt. Ich kann das zwar, aber die Buchhaltung überlasse ich gerne anderen. Ich liebe Zahlen und Formeln, aber ich brauche was Handfestes, etwas zum Anfassen. Ich bin nun Architekt und als nächstes beginne ich mit dem Bauingenieur.“ Saito blickt sehr erstaunt.
„Wow, ein Mann der Praxis. Sie wissen scheinbar genau was Sie wollen und haben Ziele. Das passt zu Bettina-san, sie ist auch immer nur am arbeiten und Bürokram mag sie gar nicht.“ Kojiro grinst nur.
„Wissen Sie wie Bettina-san und ich uns kennengelernt haben?“, wechselt Saito das Thema.
„Ich gehe davon aus, Ihr Kennenlernen war durch die Freundschaft zu Ihrer Tochter Akane.“, antwortet er sachlich.
„Das ist die richtige Kennlernzeit gewesen, ja. Akane hat sie eines Tages mit zum Essen abends eingeladen und da sind wir uns jedoch das zweite Mal begegnet. Ich wusste genau wer sie war und war schon total gespannt wie sie reagieren wird, wenn sie mich sieht. Sie hatte keine Ahnung bei wem sie da eingeladen wurde. Es war ja auch schon eine Weile her und Saitos gibt es viele.
Als Akane sie ins Esszimmer führte und uns vorstellte war mir zwar klar, dass sie mich erkannt hatte, aber sie hat es sich überhaupt nicht anmerken lassen. Sie war einfach nur ein normaler Gast. Höflich, freundlich und witzig. Bettina eben. Ich habe auch nichts gesagt. Meine Frau wusste auch nichts und Akane sowieso nicht.
Sie kam öfters vorbei, Spieleabende und sowas. Wir kamen super miteinander klar. Dann eines Tages sprach ich sie dann doch mal an, als wir alleine waren, warum sie nie etwas zu unserer ersten Begegnung sagt.
Wissen Sie was sie dann geantwortet hat?“
„Woher denn? Ich wusste ja bisher nicht, dass Sie sich schon vorher kannten.“ „Sie sah mich ernst an und sagte nur: „Yako und ich waren niemals an dieser Schule. So lautet das Abkommen.“.“ Kojiro staunt nicht schlecht.
„Ich weiß nur von einer Horde Jungs, die sie und ihre Freundin verprügeln wollten und sie sind vor ihnen weggelaufen und wurden dann aber in eine Brombeerhecke gestoßen. Dann sollen sie direkt zur Schulleitung gegangen sein, um die Jungs anzuzeigen. Mehr weiß ich nicht.“ Saito pustet wieder genüsslich aus und blickt ihn an.
„Wow, sie hat es erzählt? Die Kurzversion würde so klingen, ja.“
„Was haben Sie damit zu tun?“
„Ich war der Kommissar, der das aufnehmen musste. Als der Anruf kam hieß es nur es sei eine Auseinandersetzung zwischen Schülern. In der Regel ein kleiner Einsatz für die normale Streife, aber die waren alle anderweitig im Einsatz und da kam ich dann ins Spiel. Ich dachte, geht ja schnell, so eine Keilerei unter Kids ist schnell geklärt. Naja. Nichts war schnell geklärt.
Als ich da mit meinem Kollegen ankam sprangen Direktor und Sekretärin im Dreieck. Sie erzählten, dass zwei Mädchen aus einer anderen Schule unbefugt auf dem Schulgelände waren und dann behaupteten ein paar Jungs hätten sie verprügeln wollen. Sie seien weggelaufen, aber waren nicht schnell genug und man habe sie dann in die Büsche geschubst.“ Er nimmt den letzten Zug, holt einen Taschen-Ascher aus der Hosentasche, macht die Glut aus und legt das Stummelchen hinein. Dann bereitet er eine neue Zigarillo vor und fährt danach weiter fort.
„Klingt erstmal so ähnlich wie Bettina es mir erzählt hat.“
„Ich bin erstaunt, dass Sie Ihnen überhaupt davon erzählt hat. Sie muss sehr viel Vertrauen in Ihnen haben. Hat sie Ihnen auch erzählt, dass Sie sich dort das erste Mal begegnet sind? Also Sie und Bettina? Und mir ebenso?“ Kojiro ist erstaunt. „Wie jetzt? Wirklich? Sagen Sie jetzt nicht das war damals diese seltsame Situation auf dem Flur vor dem Doktor? Dann waren Sie das mit dem blonden Mädchen auf dem Flur und das Mädchen, welches ich für eine neue Schülerin gehalten habe war Bettina?“ Saito schmunzelt.
„Ja, genau. Das waren Bettina und ich. Das war der Tag an dem es passiert ist.“ Kojiros Puls steigt plötzlich enorm an und er erinnert sich plötzlich selbst an die seltsame Situation damals, zwei Monate nach den Sommerferien 1998.
„Das würde aber heißen, dass ich…auch…ihren Eltern begegnet bin.“, haucht er total verblüfft aus.
Takeru Saito erinnert sich an diese Begegnung als wäre es erst gestern gewesen. Im Gedanken spielen sich alle Ereignisse vor ihm ab und nebenbei berichtet er Kojiro in groben Zügen davon.
Ein Herbsttag an der Toho Schule
Kapitel 98
Ein Herbsttag an der Toho Schule
Wir schreiben das Jahr 1998 und haben einen sonnigen schönen Herbsttag im Oktober. Der Kommissar und sein Kollege gehen nach dem kurzen Gespräch mit dem Direktor und der Sekretärin der Sport Elite-Schule Toho zur Krankenstation und hören lautes Geschrei. Sie bleiben erstmal vor der Tür stehen und hören zu. Es ist ab und zu ein lautes Geschrei zu hören. Der Arzt jammert rum, warum er das machen soll und die andere Mädchenstimme spricht nur Englisch.
„Das waren Ihre Schüler, also können Sie das auch behandeln!“
„Woher wollen Sie das wissen? Man hat Sie beim Spionieren vermutlich erwischt und Sie wollten weglaufen und dann waren Sie zu tollpatschig und sind in die Hecke gefallen. So siehts doch aus! Selbst schuld!“, murrt der Arzt.
„NEIN! Das waren zehn feige Jungs. Alle in Ihrer Schuluniform. Wie sollen wir denn beide da reingefallen sein und dann mit dem Rücken voran! Das ergibt doch keinen Sinn!“
„Aua…seien Sie doch vorsichtig. Das tut höllisch weh!“, schreit die Japanerin auf.
„Wo bleibt denn die Polizei?“, wird in Englisch gefragt.
Der Kommissar klopft an, der Sportmediziner öffnet und flucht vor sich hin. Beide Mädchen seien unhöflich, zickig und hätten keinen Respekt vor ihm. Die eine könnte nicht mal Japanisch. Dann wollen sie angeblich nur mit der Polizei reden.
‚Hm, was mögen das für Mädchen sein? Und wieso schreit die eine so rum? Wegen ein paar Zweigen von einem Busch?‘
„Guten Tag, sind die Mädchen jetzt ausreichend versorgt?“, erkundigt er sich höflich beim Arzt.
„Ich bin noch dabei alle Wunden zu reinigen. Das kann bei den tieferen eine Weile dauern. Einige muss ich auch nähen.“
„Was soll das heißen, Wunden nähen? Ich denke die Mädchen sind in einen Busch gefallen, was soll denn neben ein paar Kratzern sein?“, wundert er sich und sieht an ihm vorbei zu den Mädchen. Sie liegen beide jeweils oben ohne auf dem Bauch auf einer Liege und ihre Rücken sind bereits von den Stacheln befreit worden. Diese liegen in einer Schale mit zwei Pinzetten und blutgetränkten Wattetupfern neben ihnen auf dem Tisch. Saito ist entsetzt, wie groß sind denn die Verletzungen bei so viel Blut? Und von wegen Mädchen. In seinen Augen liegen da zwei junge Frauen. Wie kleine Mädchen sehen die nicht aus.
„Ich dachte es geht hier um Kinder, die sich nur gestritten haben. Hätte man am Telefon nicht sagen können, dass eine weibliche Kollegin an meiner Stelle hätte kommen müssen?“, spricht er den Direktor an. Noch bevor er etwas sagen kann, ertönt eine angespannte aber höfliche Stimme von dem blonden Mädchen.
„Sind Sie so nett und könnten alle in Englisch reden? Ich verstehe noch nicht so gut Japanisch.“ Die Blicke von Tina und Saito treffen sich.
‚Oh, eine Engländerin also. Das klingt nicht nach amerikanischem Englisch. Wobei, nach einem Dialekt klingt es auch nicht. Sie hat Mut, sich zu äußern und uns ins Wort zu fallen. Wer ist sie?‘ Sein Blick schweift zur Japanerin, welche ihn auch ansieht, aber etwas bekannt vorkommt.
„Also ich muss jetzt nicht auch noch Rücksicht auf die beiden Lügnerinnen nehmen. Unsere Schüler sind nicht dafür verantwortlich. Es gab auch keine Zeugen.“, erklärt der Direktor aufgebracht und spricht noch immer Japanisch. Plötzlich richtet sich die Blondine auf, hält sich ihre kaputte und mit Blutbeschmierte Bluse vor den nackten Oberkörper und spricht ihn ernst an.
„Sie machen das doch absichtlich, um mich zu diskriminieren oder können Sie kein Englisch?“
„Tina! Sag mal, du vergreifst dich total im Ton. Du bist peinlich!“, merkt die Japanerin neben ihr an.
„Nun sollten alle ein wenig runterfahren. Wir sprechen ab jetzt Englisch, damit jeder alles mitbekommt.“, bestimmt Saito und schaut erstaunt zu Tina.
‚Die Kleine ist ganz schön taff, alle Achtung.‘ Der Direktor wird wütend, geht ein paar Schritte auf sie zu und faucht sie dann an.
„Was bilden Sie sich als Ausländerin überhaupt ein? Sie sind doch noch ein Kind! Wie reden Sie denn mit mir? Zeigen Sie mal mehr Respekt! Bringt man Ihnen das in Ihrem Elternhaus nicht bei? Und eins ist klar, wenn man ins Ausland zieht, sollte man vorher die Sprache lernen oder seid ihr Engländer so arrogant, dass ihr davon ausgeht, dass man überall eure Sprache spricht?“ Takeru ist total baff. Auch die anderen wundern sich sehr über diesen Tonfall. Er geht zwischen die beiden und sieht zum Direktor herab.
„Beruhigen Sie sich wieder!“, ermahnt er ihn. Hinter sich hört er dann ein Kichern. Das blonde Mädchen steht inzwischen neben der Liege und lacht etwas.
„Wow, Sie machen mir ein Kompliment, ohne es zu wissen. Danke sehr.“, grinst sie ihn an. Alle sind verwundert. Was meint sie denn jetzt damit?
„Sie haben mich gerade gelobt wie gut mein Englisch ist, dass Sie mich für eine Engländerin halten.
Mein Umzug nach Japan ist gerade mal zwei Monate her und es war sehr spontan. Ich hatte eine Woche Zeit für ein paar kleine Sätze, aber Japanisch ist wirklich sehr schwer zu lernen. Versuchen Sie doch mal innerhalb so kurzer Zeit Deutsch zu lernen. Das will ich sehen und am besten noch die Altdeutsche Schrift dazu, als Ersatz der komplizierten japanischen Schriftzeichen.
Und erzählen Sie mir nichts von Sprachen. Vielleicht spreche ich ja sogar mehr Sprachen als alle anderen hier? Und meine Muttersprache ist Deutsch, nicht Englisch, wenn Sie gut Englisch könnten, hätten Sie das erkannt, denn ich spreche nur das Oxfort-Englisch ohne jegliche Klangfärbung.“, erklärt sie sachlich und versucht ruhig zu bleiben. Der Direktor ist erstaunt und fährt dann tatsächlich etwas den Puls runter. Takeru spricht leise seinen Unterstellten an, er solle seine Jacke ausziehen.
„Sie sind erst zwei Monate hier? Welche Sprachen sprechen Sie denn noch?“, erkundigt er sich neugierig.
„Französisch, Spanisch und ein klein wenig Italienisch. Italienisch war eigentlich als nächstes geplant, aber das muss jetzt warten. Zuerst ist Japanisch dran.“, antwortet sie stolz.
„Sie sprechen bereits vier Sprachen? Beweisen Sie es uns.“, fordert sie die Sekretärin heraus.
„Ich beherrsche vier Sprachen fließend und in Schrift.“, rattert Tina dann in den anderen drei Sprachen herunter. Auch ihre Schulkameradin staunt nicht schlecht. „Doktor, könnten Sie jetzt bei meiner Freundin weitermachen? Nicht, dass sie sich doch noch eine Infektion holt.“, fragt sie freundlich, aber bestimmend und sieht zum Arzt herüber. Dieser war erstaunt und macht sich wieder an die Arbeit. Saito reicht ihr die Jacke rüber, damit sie diese anstelle der Bluse vor sich halten kann. Tina lächelt, nimmt dankend an und legt dann die Bluse zur Seite.
„Frau Matzumoto, würden Sie uns als Frau während der Befragung und Behandlung an Stelle des Direktors begleiten? Ich denke das wäre auch im Sinne meiner Freundin. Es sind hier eindeutig zu viele Männer im Raum.“, spricht sie die hübsche Japanerin freundlich an und verbeugt sich etwas vor ihr.
„Natürlich, das verstehe ich.“, antwortet diese verdutzt.
„Und Sie, Herr Direktor Tanaka. Sie sind doch sicher auch ein Gentleman wie der Kommissar, oder? Dann würden Sie uns Mädchen bestimmt etwas zum Anziehen aus der Fundgrube bringen, damit wir nicht nackt nach Hause gehen müssen. Wir haben leider keine Wechselsachen mit.“, lächelt sie ihn freundlich an und spricht sehr höflich und ruhig. Er wird etwas rot im Gesicht und im Nachhinein ist es ihm vermutlich etwas unangenehm, dass er nicht selbst daran gedacht hat. Immerhin sind die beiden noch minderjährig und er würde auch nicht wollen, dass man seine Schülerinnen vor fremden Männern so bloßstellt.
„Frau Matzumoto, Sie protokollieren alles. Ich schau mal was ich finden kann.“ Erstaunt beobachtet der Kommissar die ganze Situation und schickt seinen Begleiter ebenso aus dem Krankenzimmer. Für die Zeugenaussagen reicht ein Beamter aus, solange von der Gegenseite ein Zeuge da ist.
„Ist es für Sie okay, dass ich während der Behandlung Fragen stelle? So habe ich das doch eben verstanden? Oder wollen wir das später in Ruhe auf dem Revier klären?“
„Mir ist es am liebsten wir klären alles hier, dann haben wir es hinter uns und die Erinnerungen sind noch frisch.“, erklärt Tina freundlich. Plötzlich schreit Yako wieder auf.
„Aua verdammt! Das ist ja nicht auszuhalten, dieses Zeug.“ Der Arzt ist noch immer dabei die einzelnen Stellen zu desinfizieren. Etwas gereizt dreht sich Tina zu ihr um und sieht sie ernst an.
„Schrei doch nicht so rum! Davon wird’s auch nicht besser.“
„Ich will hier weg und lieber aufs Revier. Ich kann diese Schule überhaupt nicht leiden und dieser Arzt ist das Letzte.“
„Yako, vertraue mir, du willst nicht auf ein Revier. Wir klären alles hier.“
„Dir vertrauen?! Ich weiß ja was ich jetzt davon habe. Schönen Dank auch. Kein Mann wird mich mehr angucken, die nehmen ja gleich alle Reißaus, wenn die mich so entstellt sehen. Das wird sicher immer zu sehen sein. Und dieser Grobian machts sicher nicht besser.“, mault sie und fängt an zu weinen und dreht sich von Tina weg. Tina schaut nachdenklich auf den Rücken ihrer Mannschaftskapitänin.
„Captain.“, haucht sie aus und geht dann neben ihr in die Hocke und spricht leise auf sie ein.
„Ich konnte doch nicht ahnen, dass die Jungs dir aufgelauert haben. Der Arzt hier mag unfreundlich sein, aber er macht seinen Job gewissenhaft, glaube mir. Und wenn wir jetzt erst noch aufs Revier gehen und unnötig Zeit verstreichen lassen, werden die Wunden nur noch länger zur Heilung brauchen und die Jungs sind dann auch nicht mehr hier oder wir können uns nicht mehr an alle Details erinnern. Und eins ist fakt. Wenn dich ein Mann nur wegen deiner Narben nicht lieben kann, dann ist er es eh nicht wert!“ Yako dreht sich zu ihr um und sieht sie erstaunt mit ihrem verweinten Gesicht an.
„Tina…wieso? Woher?“
„Lass uns später reden, okay?“
Takeru ist erstaunt als er auf Tinas Rücken schaut. Die Einstiche und Kratzer der Hecke sind eindeutig zu sehen und die Wunden sind noch nicht behandelt worden. Der Arzt hat lediglich die Stacheln und die Bluse entfernt und sich scheinbar zuerst um die Japanerin gekümmert.
„Doktor, wen haben Sie zuerst behandelt? Also die Dornen entfernt?“
„Dem Mädchen, was ich gerade hier habe. Wieso?“
„Sie hätten doch wenigstens schon das Blut abtupfen können, damit es grob gesäubert ist. Was ist, wenn sie sich jetzt wegen der Wartezeit doch noch eine Infektion holt? Was war das denn für ein Dornenbusch?“
Die Blondine steht auf und sieht zu ihm.
„Das geht schon, ich bin nicht so empfindlich. Das war eine Brombeerhecke. Die sind nicht giftig. Im Gegenteil, wenn ich aus den Blättern einen Wickel mache, können sie heilen.“, erklärt sie freundlich. Yako sieht auf den Rücken ihrer Kameradin und ist selbst entsetzt.
„Doktor, machen Sie ihren Rücken erstmal sauber, das geht ja gar nicht. Das haben Sie doch bei mir auch gleich gemacht, als Sie die Dinger entfernt hatten.“
‚Ich befürchte, dass er sie bevorzugt behandelt hat, weil sie die Japanerin ist. Dass er sich nicht gleichzeitig um beide kümmern konnte ist klar, aber er hätte bei der Blondine doch auch gleich nach der Entfernung der Dornen wenigstens mit Wasser abtupfen können und wenn es nur um die Wunden drumherum gewesen wäre.‘, notiert sich der Kommissar in seinem Block.
„Schreiben Sie sich das jetzt etwa auf? Naja, vielleicht können wir es noch brauchen, stimmt. Sie sind sehr aufmerksam, Kommissar.“
„Ach, ja, Ich bin Hauptkommissar Saito, Takeru Saito aus dem 18. Revier. Und wer sind Sie beide?“
„Ich bin Bettina Fuchs, siebzehn Jahre alt und das ist meine Teamchefin Yako Kawasaki, achtzehn Jahre alt. Wir gehen beide auf die Musashi-Schule für Sprachen und Kunst. Wir sind zusammen im Volleyball-Team. Ich bin aber ganz neu, versteht sich.“, erklärt sie freundlich und verbeugt sich vor ihm.
„Oh, das Siegerteam der letzten drei Nationalmeisterschaften.“, fällt ihm auf. Yako meldet sich zu Wort.
„Ja genau. Wir haben jeweils die Vorentscheide gegen die Toho gewonnen und haben dreimal hintereinander den Titel für Tokio geholt.“
„Verstehe, was genau ist denn nun überhaupt passiert?“, fragt Saito ernst. Tina setzt sich auf den Hocker als der Arzt sich endlich um ihren Rücken kümmern will. Inzwischen ist er mit Yako fertig und es fehlen nur noch die Nähte und der Verband.
„Bitte legen Sie sich wieder hin, damit ich Sie nun auch behandeln kann.“, spricht der Arzt streng und Tina macht natürlich was er sagt, dreht ihren Kopf zum Kommissar und legt die Arme neben den Oberkörper.
„Tina, pass auf, das tut echt weh.“
„Es wird schon gehen. Willst du erzählen oder soll ich es tun?“, spricht sie Yako an.
„Wir waren hier, um das Volleyball-Team zu besuchen. Wir hatten etwas Wichtiges mit ihnen zu bereden. Dann tauchten plötzlich zehn Jungs auf und umstellten uns.“ Yako berichtet und dreht sich zwischendurch zu Tina um, welche gerade abgetupft wird. Dann schaut sie wieder zum Kommissar und erzählt weiter.
‚Nanu, was war das denn für ein Blick? Sie hat ihre Kameradin aber sehr vorwurfsvoll angesehen. Was hatte das zu bedeuten?‘ Er schaut zu Tina ins Gesicht und stellt fest, dass sie kaum eine Mine verzieht. Sie schreit auch nicht auf als der Arzt die Wunden mit dem Schwamm berührt.
‚Seltsam. Das muss ihr doch weh tun. Wie kommt das? Ob sie auch so ruhig bleibt, wenn er anfängt sie zu desinfizieren?‘
„Die Jungs fingen an uns zu schubsen und wurden handgreiflich, Tina wurde von ihnen auch geschlagen. Dann konnten wir uns aber plötzlich losreißen und rannten weg. Sie waren jedoch zu schnell für uns und holten uns dann ein. Wir standen in dem Moment direkt bei diesen Büschen. Dann stießen sie uns mit voller Absicht in die Sträucher und zu guter Letzt trat einer bei mir nochmal nach. Das tat höllisch weh. Es brennt immer noch überall.“ Dann dreht sie sich erneut zu Tina um. Diese wird bereits vom Arzt mit dem Desinfektionsmittel behandelt.
„Sag mal, tut dir das nicht weh? Das brennt doch höllisch und du sagst gar nichts.“
„Natürlich tut das weh, aber wenn ich jammere, dann tut es nur noch mehr weh und keiner kann dir zuhören. Yako, rede einfach weiter. Ich lenke mich mit deinem Reden ab. Darin liegt der Trick, Ablenkung.“, grinst sie nur. Yako ist erstaunt.
„Du unterdrückst den Schmerz? Nur mit Ablenkung?“
„Womit denn sonst?“
‚Das Mädchen ist schon seltsam. Wenn sie so an solche Situation herangeht, dann muss sie sich doch damit auskennen.‘ Der Kommissar unterbricht sie kurz.
„Und wie ging es dann weiter?“
„Die Typen lachten uns aus. Naja, wir warteten bis die weg gingen und Tina konnte sich vor mir befreien und dann half sie mir raus und zerrte mich hier her, um das zu klären.“
„Frau Fuchs, Frau Kawasaki, ich würde mir gerne genauere Notizen über die Verletzungen machen, dazu müsste ich sie mir etwas näher ansehen. Ist das okay für Sie?“
„Natürlich, deswegen sind Sie ja hier.“, meint Tina.
„Machen Sie das. Ich hoffe dieser Direktor ist bald wieder da, mit Kleidung für uns.“, mault Yako rum. Sie richtet sich langsam auf und hält sich ihr Kleid vor den Oberkörper. Dann dreht sie sich zu Tina um und sieht sich selbst ihren Rücken genauer an als der Kommissar zu ihr geht und neben ihr steht. Er macht sich ein paar Notizen in seinem Büchlein und dann meldet sich der Arzt zu Wort.
„Aber das andere kann nicht von heute sein! Das ist älter. Nicht, dass Sie das mit aufschreiben. Das stammt nicht von jetzt.“, redet er sich raus. Saito schaut sich plötzlich im Raum um und nimmt einfach ein Handtuch aus dem Regal unter dem Waschbecken und reicht es der jungen Japanerin. Diese nimmt es dankend an und tauscht es gegen ihr blutverschmiertes Kleid. Dann wendet er sich wieder Tina zu.
„Frau Fuchs, stimmt das? Ich sehe hier drei größere Narben und kleine kreisförmige Stellen.“
„Richtig, die sind älter und haben hiermit nichts zu tun.“, sagt sie nur trocken und blickt zur Seite. Yako ist etwas irritiert.
„Doktor, was meinen Sie mit Ihrem geschulten Auge, was sind das für Vernarbungen? Wovon könnten die stammen und wie alt könnten sie sein? Ich muss sie eindeutig von dieser Tat ausschließen können.“, erklärt er sachlich.
„Die drei großen hier könnten entweder von einen stumpfen aber schmalen Gegenstand sein, aber die sind verschieden alt. Es kann auch jeweils ein großer Aufprall sein. Diese hier, etwa drei Monate, diese kleinere hier vielleicht drei Jahre und die große hier auch so zwei Jahre etwa. Ich tippe sogar auf den gleichen Gegenstand. Sie sind auf jeden Fall professionell genäht worden.“ Plötzlich stutzt er und sieht sich die Narben nochmal genauer an.
„Hm, das könnten auch Sportverletzungen sein.“, äußert dieser überrascht.
„Ich bin Schwimmerin. Da komme ich her, vom Freistil, Flossenschwimmen und Turmspringen. Das waren jeweils Unfälle am Beckenrand und am Sprungbrett, Ausrutscher halt.“, redet Tina ruhig und besonnen.
„Das könnte es erklären. Und es erklärt auch Ihren durchtrainierten Oberkörper. Man sieht, dass Sie einen ausdauernden Sport betrieben haben müssen. Und nun spielen Sie Volleyball? Das ist sicher eine gute Vorrausetzung für eine starke Schlagkraft.“, lässt der Arzt vermuten und wechselt die Tupfer.
‚Wieso habe ich das Gefühl, dass das nicht die Wahrheit ist? Das hätte sie doch gleich sagen können.‘. denkt sich Takeru.
„Und die Kreise? Wie alt sind die?“ In dem Moment schaut Yako sich wieder um und blickt nachdenklich zum Boden.
„Ich schätze mal so vier Wochen alt. Also wenn Sie vor zwei Monaten hergekommen sind, dann sind die von hier, in Japan entstanden.“
‚Hm, sehen aus wie Zigarettenstummel-Abdrücke. Sowas habe ich schon öfters gesehen.‘
„Die haben hiermit auch nichts zu tun.“, erklärt Tina nur trocken.
„Da sind Sie sich ganz sicher? Wie sind sie entstanden?“, hakt Saito nach und versucht sie aus der Reserve zu locken.
„Will ich nicht sagen, das muss reichen.“ Saito bemerkt Yakos Reaktion. Sie richtet sich überrascht auf, als sie es hört. Tina blickt in Saitos Richtung und Yako sitzt direkt neben ihr.
„Und die blauen Flecken an den Seiten und Armen? Im Bauchbereich sind sogar welche, die schon lilafarben und grünlich sind. Die sind nicht so alt. Da sind einige frische dabei.“, bemerkt Saito und bleibt ernst bei der Sache.
„Die an dem Arm ist jetzt von den Jungs, einer hat mich dort geboxt. Die anderen haben mit dem hier nichts zu tun.“
„Wo kommen die dann her?“, fragt er.
„Vom Training, Yakos Bälle sind sehr stark und ich muss erst lernen sie anzunehmen.“, vermerkt sie trocken. Yakos Blick wirkt verwundert.
‚Die weiß doch irgendwas. Vielleicht will die Blondine es nur vor ihr oder vor den anderen nicht sagen?‘ Er richtet seine nächste Frage an Yako.
„Ist dem so? Können die von Ihrem harten Training kommen?“ Sie nickt nur zögerlich, dann schaut sie zur Seite.
„Das kann möglich sein. Tina ist Anfängerin und muss noch viel lernen.“, meint sie dann nur, damit es glaubwürdig klingt.
„Und Sie, Doktor? Was meinen Sie dazu?“
„Auszuschließen ist es nicht. Bei uns ist auch eine starke Spielerin, ihre Bälle verursachen auch mal solche Stellen.“
„Gut, dann sind wir damit erstmal durch.“, meint Saito und schlägt eine neue Seite in seinem Büchlein auf.
„Kommen wir zu den Tätern. Sie sagten, es waren zehn Jungs? Welches Alter schätzen Sie und wie waren sie bekleidet?“ Yako antwortet nicht darauf und schaut nur nachdenklich zu Tina. Diese bemerkt es und berichtet dann.
„Genau, sie hatten alle die Schuluniform der Toho an, mit dem Alter kann ich nicht so sagen, sie waren verschieden groß und ich kann das Alter nicht so schätzen. Yako? Was meinst du? Waren die in unserem Alter oder älter?“, richtet sie sich an sie.
„Das kommt schon hin. Gemischt zwischen sechszehn und neunzehn Jahren. Alles Oberschüler, würde ich sagen.“
„Okay, sie wirkten älter als ich, aber ich kann es halt noch nicht abschätzen. Auch weil einige genauso groß waren wie ich. In Deutschland sind die Jungs in meinem Alter in der Regel größer als ich. Ich bin nur 165cm.
Naja, der, der mich geboxt hat, dem habe ich ins Gesicht geschlagen. Er könnte eventuell eine Schramme im Bereich des linken Ohres haben. Und einem anderen trat ich ins linke Bein, vielleicht gibt’s da einen blauen Fleck oder Abschürfungen an der Hose?“, erklärt sie.
„Und was wollten Sie denn überhaupt bei dem Volleyballteam? Sie sagten vorhin, sie wollten mit ihnen etwas bereden.“ Tina setzt einen ernsten Blick auf.
„Das stimmt. Wollten wir auch. Yako, sag es ihm.“, klingt sie fordernd. Diese jedoch will sich nicht äußern.
„Wieso sagst du denn nichts?“, wundert sie sich nur.
„Du hast deine Gründe, ich meine. Punkt!“, meint sie gnatzig und sieht sie ernst an.
„Wie jetzt? Nun erzähl schon was passiert ist, deswegen sind wir doch hier! Willst du, dass das ewig so weitergeht?“
„Halt dich da einfach raus! Ich habe dich nicht um Hilfe gebeten. Es ist mein Problem, also regle ich das auch alleine!“ Plötzlich wird sie angebrüllt.
„Du dumme Kuh!“ Dann greift Tina zur Jacke und richtet sich hastig auf.
„Warten Sie, ich bin noch nicht fertig.“, vermerkt der Arzt verwundert. Sie lässt sich jedoch nicht ablenken und stellt sich neben die Liege und faucht sie an.
„Du hast sie doch nicht alle! Wenn du jetzt nichts sagst, dann hätte ich mir das alles sparen können. Ich war nicht scharf darauf hier zu sein und wollte dir nur helfen und dich nicht alleine bei denen zurücklassen! Wenn du so scharf darauf bist dich von den Kerlen verprügeln zu lassen, dann bitte. Dann hätte ich dich lahme Ente ja zurücklassen können! Ich habe mich nur für dich zurückfallen lassen, damit sie dich nicht alleine in die Finger kriegen! Auf neue Narben kann ich verzichten!“ Dann holt sie nochmal tief Luft.
„Und natürlich geht mich das was an! Du wirst seit Wochen oder sogar Monaten angefeindet und angegriffen und das hat jawohl eindeutig etwas mit eurem Sieg in Folge zu tun! Also geht uns das als Team alle etwas an! Immerhin bist du unser Captain, das Problem ist nicht deins alleine, sondern das des gesamten Teams, wenn nicht sogar der ganzen Schule!“ Alle sehen sie entsetzt an.
„Wen nennst du hier eine lahme Ente?! Du warst doch selbst nicht schneller!“, faucht diese zickig zurück.
„Natürlich war ich das, du hast es nur nicht bemerkt. Mit Sprinten hast du es nicht so. Dir sollte jawohl aufgefallen sein, dass nur Yoko mit mir mithalten kann und auch bei ihr halte ich mich aus Höflichkeit etwas zurück.
Ich wundere mich sowieso wie ihr dreimal ein Nationalturnier gewinnen konntet, wenn ihr eine so schlechte Kondition habt. Wie haltet ihr denn die Spiele durch, wenn ihr gleich aus der Puste seid?“
„Wie bitte!? Was bildest du dir überhaupt ein?! Protzt hier mit deiner Ausdauer rum, aber kennst nicht einmal die einfachsten Regeln vom Volleyball. Was willst du überhaupt in unserem Team? Die nächste Meisterschaft können wir vergessen, wenn wir dich Tollpatsch haben. Du sitzt nicht grundlos auf der Bank!“ Tina verschränkt die Arme und spricht ruhig aber mit bestimmendem Ton.
„Du kommst vom Thema ab! Jetzt erzähl dem Kommissar einfach was los war, damit wir heute noch hier rauskommen.“ Yako verschränkt die Arme ebenso. „Wozu denn überhaupt? Die werden die Typen sowieso nicht finden. Und dann gibt es, wenn nur eine DU-DU-Strafe, also was solls? Ne Abmahnung und das wars, weil sie wie wir minderjährig sind.“, mault sie rum. Tina grinst plötzlich. „Yako, vertrau mir einfach. Dieses eine Mal. Ich habe noch ein As im Ärmel, erzähle was man dir angetan hat und vielleicht sind es ja einige von denen, die uns angegriffen haben. Jetzt haben wir die Polizei da und man hört dir zu. Wenn nicht jetzt, wann dann? Wann soll es denn aufhören? Wenn du nicht mehr in der Lage bist zu spielen oder sie anfangen das ganze Team anzugreifen? Willst du das? Ist dir dein Stolz denn wichtiger als dein Sport? Wichtiger als dein Team?“ Sie macht eine kurze Pause. Yako sieht sie nur verwundert an.
„Hör zu, wenn wir die Typen haben, dann werden sie schon ihre gerechte Strafe bekommen, dafür werde ich sorgen, okay?“, flüstert sie ihr ins Ohr und lächelt ihre Kapitänin an. Yako sieht sie nur erstaunt an.
„Tina? Okay.“, meint sie plötzlich.
‚Was ist das denn hier? Die zicken sich ja total an. Aber dieses deutsche Mädchen hat es drauf ihre Kapitänin zur Vernunft zu bringen, erstaunlich.‘
Yako fängt endlich an zu reden und erzählt dem Kommissar von den Geschehnissen der letzten Monate. Man hat ihr mehrmals Drohbriefe geschrieben und versucht sie einzuschüchtern, indem man ihr mit Steinen die Wohnungsfenster eingeschlagen hatte. Immer hinterließ man die Nachricht, sie solle mit dem Spielen aufhören, sonst passiere etwas Schlimmes. Natürlich ließ sie sich davon nicht einschüchtern und machte ganz normal weiter.
Nun aber wollte sie herausfinden wer es ist und da sie einmal Jungs mit der Toho-Uniform dabei erwischt hat, wie sie vor ihrer Tür lungerten und dann plötzlich verschwanden, nahm sie an, es seien Leute von hier. Deswegen war sie auf dem Weg zum Team, um mit den Mädchen zu reden, ob sie etwas wissen. Tina war ihr gefolgt, weil sie einmal zufällig bei ihr zu Besuch war als ein Stein durchs Fenster flog.
Saito schreibt alles auf und beobachtet die Sekretärin, wie sie total verdattert auf dem Stuhl Platz nimmt. Der Arzt hat inzwischen Tinas größere Einstiche genäht und beginnt mit dem Auftragen einer antiseptischen Salbe und dem Verband. „Dann haben wir das auch. Es war eine gute Entscheidung mir alles zu berichten, denn anders kann ich Ihnen nicht helfen.“ Spricht Saito verständnisvoll und wendet sich an Tina.
„Frau Fuchs, haben Sie noch etwas hinzuzufügen? Sie sagten vorhin, dass Sie schnell laufen können. Wie weit sind Sie denn gelaufen bis die Sie eingeholt haben?“
„Na bestimmt 500m etwa. Es war ein längeres Stück, aber das können Sie ja nachher abmessen.“
„Und waren die Jungs aus der Puste?“
„Nicht wirklich. Einige ja, einige weniger.“
„Was meinen Sie, was könnten diese Jungs denn für eine Sportart machen? Wir sind an einer privaten Sport-Elite-Schule, die beste in Japan, wohl bemerkt. Hier sind viele Spitzentalente. Da kann es natürlich sein, dass schnelle Läufer dabei sind.“
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß ja nicht welche Sportarten hier so vertreten sind. Ich weiß nur von den Volleyballern, ist ja klar.“
„Hier sind viele Einzeldisziplinen wie Schwimmen und Radfahren, Kampfsport und viele Ballsportarten vorhanden. Basketball, Handball, Baseball, Rugby, Fußball…“, zählt er auf und stoppt.
„Hm, Sie sagten, Sprinten und sehr ausdauernd?“ Er schaut zu Frau Matsumoto rüber.
„Das passt doch zum Handball, Rugby und Fußball. Was sind das für Jungs?“ Total entsetzt steht sie auf und faucht ihn an.
„Wie bitte?! Halten Sie meine Jungs da raus! Ich kenne die alle ganz genau und von meinen Fußballern würde niemals jemand sowas feiges tun. Das sind alles ganz liebe feine Kerle. Im Gegenteil, die hätten den Mädchen eher geholfen, wenn sie es mitbekommen hätten! Und bei den Rugbyspielern kann ich mir das auch nicht vorstellen, die sind genau vom selben Schlag wie meine Jungs.“
‚Oha, das wird ja noch lustig hier. Die Fußballer müssen ihr ja sehr am Herzen liegen, wenn sie diese als „Ihre Jungs“ bezeichnet.‘, denkt Saito.
Aussprache
Kapitel 99
Aussprache
„Herr Kommissar, ich denke auch nicht, dass es davon welche waren. In meiner Klasse ist ein gewisser Jun Misugi, wir freunden uns aktuell etwas an und haben uns über Yakos Problem unterhalten, weil auch er in großer Rivalität zur Toho steht. Er sagte mir auch, es kann niemals jemand von den Fußballern sein. Die sollen sehr nett sein und waren mit ihm in Europa zur WM. Von den Spielern sollen wohl einige hier in diesem Jahrgang sein. Warum sollten Weltmeister sowas tun?“, spricht Tina ruhig.
„Und diese Sache mit Yako fing doch an während die in Europa waren.“, fasst sie sich ans Herz und atmet tief durch.
„Misugi? Das ist doch der Junge mit dem Herzfehler? Echt schade um sein großes Talent.“, äußert der Arzt plötzlich betrübt. Tina schaut verwundert auf ihn herab.
„Herzfehler?“, fragt sie traurig.
„Ja, er hat ein schwaches Herz und darf deswegen nur etwa 20 Minuten lang spielen. Wir wollten ihn anfangs auch haben, aber dadurch kam er von der Liste runter.“ Betrübt sieht Tina zu Frau Matsumoto.
„Deswegen…deswegen hat er so eine schlechte Kondition.“, spricht sie ganz leise. In diesem Moment klopft es an der Tür.
„Ich bin es, der Direktor.“ Er wird hereingelassen und hat eine große Box in den Händen. Der Polizist vor der Tür schließt diese hinter ihm wieder.
„Es tut mir leid, aber ich war mit den Größen unsicher. Sie müssen sich dann nachher Etwas da raussuchen. Sie müssten es dann nur gewaschen in der nächsten Woche zurückbringen.“, äußert er freundlich und stellt die Box auf den Tisch. Dann schaut er nachdenklich zu den Mädchen rüber.
„Wie weit sind wir denn jetzt?“, erkundigt er sich.
„Stellen Sie sich vor, der Kommissar hatte doch tatsächlich meine Jungs in Verdacht.“, murrt die Sekretärin, welche noch auf 180 ist.
„Das habe ich nie gesagt. Ich muss alle Möglichkeiten prüfen.“, erklärt Saito. „Was? Auf keinen Fall! Unsere Weltmeister sind die vernünftigsten Jungs hier an der Schule. Keiner von denen würde jemals handgreiflich werden und schon gar nicht gegen Frauen, äh, Mädchen.“, äußert er erbost. Plötzlich kichert Tina leise. „Wir haben das schon geklärt.“, ist sie freundlich.
„Kommissar? Welche Strafen würden denn auf die Jungs zukommen, wenn sie gefunden werden?“
„Sie könnten die Jungs anzeigen und sie würden dann einen Vermerkt in die Jugend-Strafakte bekommen. Sozialstunden vermutlich. Sie könnten auch Schmerzensgeld verlangen.“
„Und dann? Kommt sicher auf den Einzelnen an, was die Person gemacht hat, oder?“ Er nickt.
„Richtig, es ist bei jedem vermutlich anders.“
„Und Sie, Herr Direktor? Wenn es sich bestätigt, dass es Ihre Jungs waren und dass sie Yako monatelange drangsaliert haben, das wissen Sie ja noch nicht, was dann? Was wird ihnen blühen von Ihrer Seite aus?“, spricht sie freundlich und ernst zugleich. Er sieht sie verwundert an. Frau Matzumoto erklärt kurz was Yako erzählt hat.
„Es wird auf jeden Fall in ihrer Akte landen und beim nächsten groben Vergehen fliegen sie raus. Letztendlich klärt das die Polizei.“
„Frau Matzumoto und Herr Tanaka, könnten Sie anhand von Stimmen einige Schüler erkennen?“
„Äh, wieso? Vielleicht, ich kenne alle Schüler persönlich, wenn ich sie auch nicht jeden Tag sehe und höre. Mit einigen habe ich auch Unterricht.“
„Oh, welche Fächer unterrichten Sie denn?“
„Japanisch und Geschichte.“, bleibt er freundlich. Alle sind erstaunt, dass er plötzlich so freundlich mit ihr reden kann, denn vorher haben sie sich noch angeschrien.
„Gut, wir würden uns gerne einmal anziehen, unsere Wunden sind nun versorgt und danach würde ich dem Kommissar mein Tonband übergeben. Die ganze Situation habe ich auf Band.“, grinst sie siegessicher. Alle sehen sie verwundert an. Der Kommissar ist total begeistert und würde das Band am besten sofort haben.
„Wie jetzt? Sie haben das aufgenommen?“, äußert der Direktor.
„Das habe ich. Wir hören es uns aber gemeinsam an. Ich brauche die restlichen Aufnahmen auf dem Band noch und ich kann meine Aussage anhand der Geräusche und Stimmen machen.
Können wir jetzt alleine sein und uns anziehen?“, fragt sie höflich.
Alle verlassen den Raum und gehen in ein Beratungszimmer.
„Ich bleibe hier und passe auf, dass sie nicht einfach weggehen oder jemand kommt und sie stört.“, sagt Saito nur, bleibt vor der Tür stehen und schließt diese, jedoch lässt er sie nur zum Teil einklinken, sodass man was hören kann. Kurz darauf fängt Yako an zu reden.
„Man, du hast Nerven.“
„Wenn du so schwer von Begriff bist? Das hat uns wertvolle Zeit gekostet bis du endlich alles erzählt hast.“, kommt ein Maulen zurück.
Es ist zu hören wie die Mädchen zum Tisch gehen und in der Box rumwühlen.
„Eine schicke Uniform haben die ja, sieht besser aus als unsere.“, meint Tina.
„Ich zieh die bestimmt nicht an. Sollen diese arroganten Schnösel doch ihren Elitekram alleine anziehen. Mich wollten die auch haben und ich habe dankend abgesagt. Ich habe keinen Bock darauf mich verbiegen zu lassen. Hier sollen echt harte Leistungsnoten verlangt werden. Ich bin zwar Einser-Schreiberin aber freiwillig, nicht auf Zwang.“
„Ist das nicht eh überall so?“
„Schon, aber wenn dein Stipendium, die Zulassung für die Uni und eine Menge Haushaltsgeld mit dranhängt, stehst du plötzlich ohne doof dar.“
„Verstehe, das ist viel Druck. Dachte ich mir schon ähnlich. Meine Eltern hatten anfangs auch gedacht mich herzuschicken. Ich wollte aber auf eine öffentliche Schule, immerhin muss ich die Sprache erst lernen.
Nun überleg doch mal. Wenn wir hier während unseres Aufenthalts diese Uniform tragen, dann fallen wir nicht so auf. Die Schüler würden uns für ihre Kammeraden halten und falls wir alleine hier über den Hof wandern müssen und nach Hause gehen müssen, dann nehmen uns diese Jungs gar nicht wahr, weil sie von Weitem nur die Uniform sehen. Hast du noch nie was von psychologischer Kriegsführung gehört? Tarnung, Täuschung und angreifen. Wir nutzen die Gelegenheit, tarnen uns jetzt, dann lassen wir die mal die Jungs ausfindig machen und dann, Yako, dann greifen wir frontal an und stellen unsere Forderungen. Diese Elite-Schule wird sich noch wundern.“
„Ich verstehe immer noch kein Wort. Wie willst denn du eine ganze Schule angreifen?“
„Warte es ab. Die Strategie hat doch bei dir auch geklappt.“
„Wie jetzt? Bei mir?“
„Zuerst greifst du mich an und denkst, die wehrt sich ja eh nicht und wirst leichtsinnig. Und dann habe ich angefangen herauszufinden was mit dir los ist. Und dann bin ich dir her gefolgt, um dich zu unterstützen. Und siehe da, ich habe dich endlich dazu gebracht alles zu erzählen. Hat also geklappt.“
„Und was davon war der Angriff?“
„Na unser Streit eben. Ich habe dich provoziert und du hast endlich mal deine Meinung mir gegenüber gesagt. Das lag dir doch sicher schon die ganze Zeit auf der Zunge. Ich habe die ganzen Wochen nur darauf gewartet, dass du mal was sagst, aber stattdessen hast du mir deine Mädels auf den Hals gehetzt. Das war übrigens genauso feige wie diese Kerle, die dir jetzt diese Narben verpasst haben. Denk mal drüber nach!“ Es ist eine Weile still.
„Du hast Recht. Das war falsch. Tut mir leid. Meinetwegen hast du jetzt diese ganzen Brandblasen.“
„Schwamm drüber.“
„Tina, wieso hast du es eigentlich niemanden gesagt? Also das mit der Dusche und den Kippen? So wie jetzt? Hier hast du nicht gezögert sofort zur Schulleitung zu gehen.“
„Ehrensache! Ich verpfeife doch nicht mein Team. Für wen hältst du mich?“
„Ich weiß nicht, war schon doll. Und das hier, wieso ist dir das so wichtig? Du kennst uns alle doch gar nicht wirklich und setzt dich dann so für uns ein? Oder für mich?
Wieso bist du überhaupt bei uns? Geh doch zum Schwimmteam, wenn das dein Sport ist.“
„Es ist der Ball, Yako. Als Yoko mich fragte ob ich zu euch gehen will habe ich nur zugesagt, weil es ihr Sport ist und ich sie mag. Yoko wollte mir gerne ihre Leidenschaft zeigen und wollte mich ablenken, damit ich nicht immer nur am Laufen bin. Sie hat bemerkt, dass mir der Ausgleich zur Schule fehlte.
Und dann hielt ich den Ball in den Händen. Wie Magie.
Es war seltsam, aber ich konnte ihn nicht loslassen. Das war es, wieso ich zugesagt habe. Und das hier mache ich alles fürs Team, oder nicht? Alles fürs Team…und darüber hinaus. Jetzt sind wir darüber hinaus.“ Yako schweigt lange.
„Und das Schwimmen? War das wirklich dein Sport? Das klang irgendwie komisch. Außerdem, wieso kannst du so schnell laufen, wenn du schwimmst? Die Narben habe ich vorhin auch gesehen. Die sind doch nicht davon.“ Es ist still. „Du hast Recht. Das bleibt mein Geheimnis, Yako. Frage mich also nie wieder danach. Aber das Schwimmen, das mache ich tatsächlich. Bevor ich herkam war ich gerade dabei für meine Prüfung fürs Rettungsschwimmen zu trainieren. Naja, kann ich hier bei Gelegenheit ja nachholen.“
„Echt? Aber irgendwann verrätst du es mir? Also wo die Narben wirklich herkommen?“
„Irgendwann Yako, vielleicht irgendwann. Wenn es soweit ist.“
„Okay, wieso hast du dem Kommissar das Tonband nicht gleich gegeben? Die hätten das doch die ganze Zeit schon auswerten können.“
„Da ist nicht nur diese Aufnahme drauf. Das geht nicht. Ich brauche die anderen Aufnahmen noch und ich will dabei sein, wenn das abgehört wird. Dann kann ich denen sagen wer mich geschlagen hat und wem ich ins Bein getreten habe. Vielleicht höre ich ihre Stimme raus.“
„Ach so. Was sind denn das für Aufnahmen? Wieso hast du so ein Gerät bei dir?“
„Na zum Üben für Japanisch. Ich lasse mir Sätze und Wörter aufsprechen und versuche sie dann nachzusprechen und zu übersetzen. Was meinst du wie ich das mache? Ich sitze doch nicht den ganzen Abend am Tisch und lese mir Bücher durch. Ich gehe laufen und hab die Sprachkassetten drin. Oder Musik in der Sprache, die ich lernen muss.“
„Oh, echt? So machst du das? Deswegen konntest du aufnehmen. Verstehe. Übrigens, das mit dem schlechten Spielen meinte ich im Ernst. Du bist total schlecht, kannst kaum einen Ball annehmen und Blocken. Da musst du auch noch viel lernen. Was du kannst ist Angaben machen. Und natürlich gibst du nie auf. Was haben wir dich schon gescheucht, aber bevor du umfällst fallen wir selber um. Das hat die Mädels echt wütend gemacht. Deswegen sind sie auf dich los.“, lacht Yako.
„Dann hättest du vielleicht mal statt mich mit deiner Schikane vom Training abzuhalten dafür sorgen müssen, dass ich es schneller lerne. Es ist deine Aufgabe als Kapitän das Team zusammenzuführen, nicht die des Trainers. Du kannst dir doch später auf Arbeit auch nicht deine Kollegen aussuchen.“
„Stimmt. Ich frage mich aber trotzdem was sich unser Trainer dabei gedacht hat. Wir hatten schon so viele Neue, die echt gut spielen konnten, die er nicht ins Team gelassen hat oder rausgenommen hat. Und dich als blutigen Anfänger nimmt er rein. Wie konntest du ihn überreden? Das kann doch nach deiner Probezeit nicht nur deine Kondition gewesen sein?“, wird kritisch gefragt.
„Er hat bemerkt, dass ich unbedingt dabei sein wollte und hat eine Bedingung gestellt.“
„Was für eine Bedingung?“ Es wird etwas geschwiegen.
„Das musst du für dich behalten, Yako. Versprich es mir!“
„Okay. Ich verspreche es dir. Es bleibt unter uns. Ehrenwort unter Sportlern.“ „Das muss aber für immer zählen, nicht nur solange wir im selben Team sind, für immer und ewig!“
„Ja, verstehe. Was hat er denn gewollt von dir?“
„Ich musste ihm erzählen welchen Sport ich vorher gemacht habe. Ich habe es ihm erzählt, auch warum ich diesen Sport nicht mehr ausführen kann und wieso es niemand wissen darf.“
„Oh, echt? Ich habe jetzt an was ganz anderes gedacht. Du hast ihm also nur dein Geheimnis verraten, um ins Team zu kommen?“, kichert sie.
„Was ist da so lustig dran? Ich finde das überhaupt nicht lustig, wenn man so derart erpresst wird.“
„War es so schwer für dich? Hättest ihn doch auch einfach anlügen können.“
„Auf keinen Fall! Hör´ bloß auf. Mir war das vorhin schon extrem unangenehm diesen Kommissar anzulügen, nur um Deinen Arsch zu retten und mein Geheimnis zu wahren. Ich mag das ganz und gar nicht. Aber ich wollte nicht, dass zusätzliche Fragen aufkommen.“
„Oh man. Darf ich dich wenigstens zwei Sachen fragen? Du kannst sie ja so beantworten ohne mir alles zu sagen oder ohne dein wichtiges Geheimnis zu verraten. Nur so, dass ich es verstehen kann. Okay?“
„Okay, dann frag.“
„War es eine Mannschaftssportart und ein ganz tolles Team?“
„Ja, das war es.“
„Hm. Du warst sicher der Kapitän, so wie du hier auftrittst.
Und wieso darf niemand wissen, dass du diesen Sport gemacht hast? Was soll dabei sein?“
„Das sind schon drei Fragen, du Schlingel.“, grinst sie.
„Nein, ich war nicht der Kapitän. Und neben einer eigenen persönlichen Angelegenheit würde es auch das ganze Team, bzw. den Verein in Verruf bringen. Das kann böse enden.“ Es ist wieder ruhig.
„Gut, Bettina Fuchs! Du bringst uns in Form und ich bringe dir das Spielen bei. Aber zuerst musst du hier dein Ding zu Ende bringen. Ich bin gespannt was du vorhast. Du scheinst eine Strategin zu sein, die fehlt uns noch.“
„Danke.“
„Ach so, was hast du vorhin gemacht, dass der Direktor plötzlich so zahm wurde? Zuerst schreit ihr euch an und dann frisst er dir aus der Hand? Hast du gesehen wie der auf einmal rot angelaufen ist?“
„Ach das. Das war so eigentlich nicht geplant. Ich wollte nur, dass er mich respektiert. Dass er nach meinem Hinweis, ein Gentleman zu sein, verlegen wird, konnte ich ja nicht ahnen. Bisher hat sich nie ein Junge hier für mich interessiert, also woher soll ich ahnen, dass so ein etwas älterer Japaner auf mich Küken reagiert?“
„Bist du doof? Was meinst du wieso dich die Mädels so angegangen sind? Die sind total eifersüchtig auf dich. Sei froh, dass du noch nicht alles verstehst, deswegen kriegst du es nicht mit. Die Jungs tuscheln viel und reden über dich. Da gibt es viele, die dich hübsch finden. Die trauen sich nur alle nicht dich anzusprechen.“
„Wirklich? Hätte ich gar nicht vermutet. Naja, sollen sie. Ich habe im Moment für sowas eh keine Zeit. Ich habe genug mit der Sprache und der Schule zu tun. Das Spielen kommt auch dazu. Da bin ich ausreichend beschäftigt und habe keine Zeit für Jungs.“
„Ich finde es trotzdem interessant, dass er so auf dich reagiert hat. Und dann sein Versprecher vorhin. Er sagte Frauen, und korrigierte sich wieder.“
„Yako, überlege mal wie alt du bist. Du bist doch schon achtzehn. In Deutschland wärst du volljährig. Du bist doch keine Jugendliche mehr, sondern eine erwachsene Frau. Das mag hier anders sein, aber für mich bist du das. Vielleicht sieht er das ja auch so. Du bist auch sehr hübsch. Es gibt bestimmt Leute hier, die das so sehen. Und ich weiß auch nicht wie alt ich für andere wirke, wenn du vor allem meinst, dass ich hübsch genug sei, dass man über mich spricht.“
„Hm, hässlich bin ich wirklich nicht. Aber der hat deinetwegen so reagiert. Immerhin standest du ja halb nackt vor ihm, wenn da nicht die Jacke von dem hübschen Polizisten gewesen wäre.“
„Du erst wieder. Dieser Arzt ist aber auch unmöglich. Er hätte uns doch nur je ein Tuch oder Bettlaken geben brauchen, hier liegen doch genug im Regal rum. Aber nein, stattdessen lässt er uns hier nackt rumliegen. Spätestens als der Direktor und die Polizisten kamen hätte er doch daran denken können. Ob er das mit seinen eigenen Schülerinnen auch gemacht hätte? Sie als Schutzbefohlene vor fremden Männern so bloßstellen? Das war doch pure Absicht, in der Hoffnung uns einzuschüchtern oder zu demütigen. Ich stelle diesen Mann in seinem Fach nicht in Frage, er kann was, aber menschlich kannst du den doch in die Tonne drücken. Er hat uns und besonders mich behandelt als wären wir in einem Lazarett wo nur das Nötigste gemacht wird, weil keine Zeit für so einen Kleinkram ist.“
„Meinst du echt? Hast du das so empfunden?“
„Natürlich, er hat mir mit einer groben Art und Weise diese Stacheln abgezogen, das ging gar nicht. Bei dir war er deutlich vorsichtiger und hat es richtig gemacht. Das ist sogar dem Kommissar aufgefallen. Es war gut, dass er es sich aufgeschrieben hat. So haben wir einen Zeugen, falls es zur Sprache kommen muss. Niemals würde jemand das Wort eines Hauptkommissars in Frage stellen. Schon gar nicht hier in Japan, wo die Polizei mehr Befugnisse hat als bei uns.“ „War er echt so grob zu dir? Ist mir gar nicht aufgefallen und dann habe ich es erst bemerkt, dass er mich dir vorzieht als der Kommissar was gesagt hat.“
„Ich gebe dir keine Schuld daran, das ist normal. Du warst einerseits mit dir und deinen Schmerzen selbst beschäftigt, dass es dir nicht aufgefallen ist und außerdem magst du mich ja eh nicht und ich bin dir egal, also was kümmert es dich? Hauptsache dir geht es schnell besser.“
„Tut mir leid.“
„Schon gut, du kannst nichts dafür.“
„Was meinst du, ob dieser Kommissar auf unserer Seite steht?“
„Das spielt an sich keine Rolle, er ist die neutrale Person hier und muss seinen Job machen. Aber ich glaube, dass er sehr gewissenhaft ist und er hat auf jeden Fall viel Erfahrung und eine sehr gute Beobachtungsgabe. Er betrachtet beide Seiten kritisch und genau das spielt uns in die Karten. Wir haben richtig Glück, dass wir nicht irgendeine einfache Streife erwischt haben, sondern jemanden von weiter oben, der viel Erfahrungen in seinem Job gemacht hat. So kann er viel besser alles beurteilen und stellt gute gezielte Fragen.“
„Dich hat er ganz schön aus der Reserve gelockt, was?“
„Ja, ich habe damit gerechnet und deswegen habe ich ja dann versucht ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich hatte keinen Bock auf die klassischen Vermutungen von wegen, häusliche Gewalt oder sowas. Wenn man irgendeine Verletzung nicht erklären kann, steht doch immer gleich dieser Verdacht im Raum. Dieser Arzt hatte mit seiner Altersangabe völlig Recht und dass sie gut genäht wurden auch.“
„Aber weißt du was mir aufgefallen ist? Diese Frau, die hätte doch auch was sagen können oder uns die Laken geben können. Als Frau hätte sie das doch nach deiner Bitte bei uns zu bleiben selbst merken müssen.“
„Das ist mir auch aufgefallen, deswegen habe ich einen ganz anderen Verdacht hier.“
„Wie Verdacht?“
„Naja, ist doch eine Eliteschule, oder? Ich habe das Gefühl, dass nicht nur die Schüler hier unter Druck stehen, sondern auch das Personal. Vielleicht war der Arzt deswegen so unvorsichtig oder so voreingenommen und sie genauso. Wenn das was hier war, an die Öffentlichkeit geht, dann kann das ganz böse für die Schule enden.
Aber Yako, das ist unser Trumpf. Wenn Leute unter Druck stehen, machen sie Fehler. Wir müssen jetzt nur die richtigen Knöpfe drücken und dann haben wir alle in Zukunft unsere Ruhe.“
„Das stimmt. So wie ich vorhin. Die Schmerzen und die Wut auf dich haben mich abgelenkt.“
„Genau und dieser Direktor, dem ist vermutlich plötzlich aufgefallen, dass wir als Schutzbefohlene unter seiner Verantwortung liegen, solange wir auf seinem Grundstück sind. Ich habe ihn nur daran erinnert.“
„Der lief ja auch gleich los.“
„Stimmt, er musste ja auch. Er als Leitwolf konnte sich ja nicht die Blöße geben vor einem anderen.“, lacht sie.
„Wie jetzt? Was meinst du damit? Wieso Leitwolf.“
„Also echt, Yako, das war doch wohl eindeutig zu erkennen. Sogar diese Frau Matsumoto hat das bemerkt. Ihre Reaktion mit dem Stirnrunzeln war eindeutig. Es gibt Situationen, da sind alle Männer gleich, egal welches Alter. Wenn mehr als ein Mann in einem Raum stehen bzw. zusammen sind, dann gibt es immer einen Leitwolf. Das ist entweder jemand, der den Ton angibt, die höchste Position hat oder jemand auf denen alle aufsehen und ihm dadurch blind, aus Respekt oder mit Überzeugung folgen. Was glaubst du, wer hier vorhin der Leitwolf war?“
„Ich tippe mal auf den Kommissar. So adrett und bestimmend der erscheint. Und mit dem legt sicher keiner an.“
„Stimmt und wenn er nicht da ist? Wer dann?“
„Der Direktor.“
„Egal wo man sich befindet und wie viele Leute im Raum sind oder in einer Gruppe, die du noch nicht kennst und musst mit den Leuten auskommen oder eine Gruppe besiegen, finde den Leitwolf. Weißt du wer es ist, dann finde heraus ob er dir als Person zusagt, dir helfen kann oder dich mag. Ist es der Gegner, dann finde heraus wer ihm folgt, aus Überzeugung oder aus Anerkennung. Wenn du das herausgefunden hast, kannst du dich entweder eingliedern oder das System zerstören. Du bist zum Beispiel mein Leitwolf, ich respektiere deine Leistungen und deinen Stolz, also versuchte ich mich euch anzupassen. Manchmal braucht es Zeit, manchmal geht es gar nicht.
Wer von den zehn Jungs war der Leitwolf?“
„Echt? Ich bin dein Leitwolf, wow. Woher soll ich das denn wissen? Gab es da einen?“
„Natürlich, er fiel doch von allen am meisten auf.“
„Echt? Dann der große, der dich geboxt hat.“
„Ne, der nicht. Wer fiel denn von allen aus der Rolle?“
„Das nervt. Welcher denn?“
„Du wirst nachher merken, dass wir ihn durch das Tonband nicht finden werden. Deswegen dürfen wir nicht zu lange warten.
Es war der kleine, dem ich ans Bein getreten habe.“
„Hä, wieso? Der hat doch gar nichts gemacht. Ich habe mich sowieso gewundert, warum du dem und nicht einen anderen getreten hast.“
„Ganz einfach, er hat sich aus allem rausgehalten und die ganze Situation genau beobachtet. Dann schlug der eine mich und ich verpasste ihm die Schmarre am Hals. Daraufhin wollten die anderen uns angehen, aber er, er blieb unbeirrt stehen. Deswegen habe ich ihn markiert. Er hat nicht ein Ton gesagt oder uns angefasst, aber fies gegrinst. Er ist derjenige, den wir finden müssen. Er war sicher die leitende Figur und hat die anderen dazu angestachelt. Finden wir ihn, verrät er uns die restliche Truppe. Denn da er die anderen machen lässt, sind ihm die anderen total egal. Es sind seine Bauern, so wie im Schach.“
„Echt? Meinst du?“
„Ich bin mir ganz sicher. Und was meinst du passiert, wenn er für die anderen nicht mehr greifbar ist? Was passiert dann? Hier hast du gesagt, wäre Nummer Zwei der Direktor, aber wer ist es bei der Truppe?“
„Keine Ahnung, vielleicht diesmal doch der, der dich geboxt hat?“
„Genau. Aber weißt du auch wieso?“
„Nein.“
„Es gibt zwei Möglichkeiten einen neuen Anführer zu haben: Entweder er wird durch eine Rangordnung bestimmt, ähnlich also wie jetzt hier in unserem Raum oder auf einem Revier. Da steht noch jemand über oder unter dem Hauptkommissar.
Und die zweite Möglichkeit ist jemand, der sich selbst als Anführer bestimmt. Er will sich mit Mut vor den anderen beweisen, dass er es wert ist Nummer Zwei zu sein falls Nummer Eins nicht da ist. In dieser Gruppe ist er die ausführende Gewalt. Einige leiten ihre Macht an die nächsten weiter, aber er nicht. So klug ist er nicht. Dieser Typ ist so, deswegen hat er als erstes Handangelegt, denn er ist der, der das Sagen haben will, aber alleine nicht im Stande sein wird die Truppe zu leiten, weil ihm die Kompetenz dazu fehlt. Hat ein Anführer keine Kompetenz, dann werden Fehler gemacht oder es gibt eine Meuterei.
Das heißt: Fehlt der Leitwolf dieser Gruppe, fällt sie ohnehin in sich zusammen. Das ist wie bei dir auf dem Spielfeld. Fehlst du ungeplant, wird eine Neue bestimmt, hat die aber keine Ahnung, bringt die das ganze Spiel durcheinander oder in Gefahr. So musst du das sehen. Deswegen habe ich ihn auch markiert, nicht, weil er mich geschlagen hat, sondern damit wir ihn ausfindig machen können. Ich hoffe nur, dass ich genug zutreten konnte, um eine Spur an seinem Bein zu hinterlassen.“
„Verstehe. Und was ist mit dem, der mich nochmal zusätzlich in den Busch gedrückt hat?“
„Da er etwas gesagt hat und sich selbst dabei an der Hand verletzt hat und seine Hose im Strauch festhing sollte der sich schnell finden lassen. Er ist eindeutig ein Mitläufer, der sich vor den anderen plötzlich stark fühlte, auch weil wir uns eh nicht mehr wehren konnten. Mit Gegenwehr konnte er nicht mehr rechnen, deswegen passierte ihm auch der Fehler sich selbst zu markieren. Sollten wir ihn finden, dann ist er vermutlich der Erste, der die anderen alle verrät, denn er ist ein Feigling und ein Looser durch und durch. Er wird vermutlich weder im Sport noch in der Schule eine Leuchte sein. Dieser Typ würde nicht mal den Mut haben ein Mädchen anzusprechen um sie zum Eis einzuladen. Und die anderen, bis auf dem Leitwolf, werden ähnlich sein. Er ist einer von denen, die hier erfolgreich sind und auch in der Schule Leistung zeigt. Deswegen weiß er wie er die Jungs anpacken muss. Da dieser Angriff eindeutig etwas mit den Volleyball-Mädels zu tun hat, denke ich mal er hat einen persönlichen Bezug zu jemanden aus dem Team. Er ist sehr klug und macht sich daher selbst die Finger nicht dreckig. Ich glaube aber, dass die Mädels selbst gar nicht wissen, dass da was nebenher gegen dich läuft.
Aber der Typ muss wie gesagt, seine Uniform anhaben oder bei sich haben. Wir sollten uns langsam los machen, damit die Typen noch auf dem Schulgelände greifbar sind, bevor sie ihre Sachen gewaschen haben. Es ist bereits um drei.“
„Ob wir nochmal zum Busch gehen müssen? Ich will da nicht wieder hin.“
„Bestimmt, ist doch der Tatort. Aber ich muss ohnehin nochmal dorthin und meine Spange suchen. Die muss mir bei dem ganzen Theater entweder im Strauch oder auf dem Weg hier her verloren gegangen sein. Wir müssen also unbedingt nochmal zurück und wenn ich alleine dahin gehe.“
„Die goldene Spange, die du nicht mal beim Training abnimmst?“
„Genau die.“
„Ist dir die so wichtig?“
„Ja, ist sie.“
„War sie ein Geschenk? Von jemanden, den du besonders magst?“
„Kann man so sagen, ja. Wollen wir jetzt los? Ich bin fertig.“
„Wie hast du die Schleife jetzt so hinbekommen?“
„Hast du nicht mitbekommen wie ich eben am Fenster stand und mir die Mädels auf dem Hof angesehen habe? Ich hoffe ich habe sie richtig gemacht. Aber das werden uns die Erwachsenen ja sicher noch sagen.“
„Die werden sich wohl eher wundern, dass wir gleich komplett in der Uniform erscheinen. Die denken sicher wir ziehen nur eine Bluse an.“ Beide lachen und gehen dann zur Tür.
„Tina, warte mal.“
„Dir steht die Uniform richtig gut. Ich mach dir fix noch den Kragen richtig.“
„Danke. Schwarz oder Marineblau steht mir eh besser als dieses helle Grau mit der hässlichen grünen Schleife.“
Saito geht schnell ein paar Meter weiter weg von der Tür und tut als würde er nur auf sie warten.
‚Die beiden sind ein interessantes Gespann. Ich bin erstaunt wie eine Siebzehnjährige mit dieser Situation umgeht und vor allem, wie kommt es, dass sie sich mit solchen Männerthemen auskennt? Ich bin gespannt wie das hier weitergeht. Wie wird das laufen?‘
Das Tonband
Kapitel 100
Das Tonband
Die Tür wird geöffnet und die Mädchen treten heraus auf den Flur.
‚Die haben sich tatsächlich komplett angezogen, auch die Röcke und Strümpfe.‘ „Kommissar Saito, wir müssten nochmal kurz zur Toilette, wäre das okay für Sie?“
„Natürlich. Die sind gleich hier um die Ecke.“
„Danke.“ Die Mädchen gehen auf die Toilette. Kurz darauf kommen sie wieder raus und folgen dem Kommissar zum Konferenzraum. Dort warten bereits der Direktor, die Sekretärin, der Arzt und noch ein Herr von der Schule, sowie der junge Polizist.
Der neue Herr steht auf und begrüßt den Kommissar und stellt sich als Anwalt der Schule vor. Die Mädchen verbeugen sich höflich und begrüßen ihn.
„Guten Tag, wir haben inzwischen die Eltern der Mädchen informiert. Sie sind auf dem Weg hierher.“
„Das ist sehr gut, nun benötigen wir das Tonband von Frau Fuchs, damit wir die Täter ausfindig machen können. Auch ihre Eltern müssen später dazugeholt werden.“, betont der Kommissar streng.
Tina öffnet ihre Bauchtasche, welche sie in der Hand hat und holt den Walkman heraus, nimmt das Band raus und gibt es dem Kommissar. Auf dem Tisch ist bereits ein Abspielgerät gelegt worden.
„Wenn es möglich ist würde ich gerne hinterher das Band wiederhaben. Da sind wichtige Aufnahmen für mich drauf, die ich noch benötige.“
„Wieso haben Sie ein aufnahmefähiges Gerät bei sich? Haben Sie damit gezielt etwas vorgehabt?“, kommt als Provokation vom Anwalt.
„Ich muss doch noch Japanisch lernen, ich lasse mir etwas auf das Band sprechen, um es dann abzuhören und zu übersetzen. So kann ich es auch nachsprechen lernen, damit ich die richtige Betonung lerne. Ohne Aufnahmefunktion geht das nicht. Ich nehme mich selbst auch auf, um meine Aussprache zu prüfen.“ Der Anwalt staunt nicht schlecht.
„Eine interessante Methode. Können Sie das nicht aber einfach zu Hause machen? Wieso müssen Sie das Ding bei sich haben?“ Tina stellt sich freundlich vor den Tisch, so dass jeder sie sehen kann.
„Ich mache das nebenbei, wenn ich laufe. Und ich habe die Möglichkeit einige Lehrer an meiner Schule um bestimmte Sätze zu bitten, damit ich sie lernen kann. Das Gerät ist auch für den Unterricht zulässig, da es meine Methode ist Sprachen zu lernen. So kann ich die Schulfächer später erneut abhören. Die Schule weiß das und hat mir dafür eine Genehmigung erteilt. Wollen Sie die sehen?“
„Klingt verständlich. Okay.“, findet er sich damit ab.
Das Gerät wird angemacht und Tina lässt es vorspulen bis die Aufnahme beginnt, als sie Yako vor der Turnhalle der Volleyballerinnen abfängt.
Auf dem Band ist eindeutig zu hören, dass sich die beiden gar nicht mögen und Yako will sie wieder wegschicken.
„Was willst du hier?“
„Dich unterstützen. Was willst du denn hier?“
„Ich wollte mit dem Team reden, eventuell wissen die was, wegen der Fenstersache. Verzieh dich wieder. Ich brauche keine Hilfe von einem dummen Blondchen.“
„Und wenn du hier alleine bist, sieht das doch doof aus. Was ist, wenn dich die Mädchen verprügeln? Sind die denn so stark, dass sie überhaupt eine Konkurrenz sind?“
„Natürlich sind sie das. Ich denke nicht, dass die mir was tun. Das traue ich ihnen nicht zu. Das hier ist eine Eliteschule. Hier gehen nur die besten Sportler des Landes hin. Wir müssen doch jedes Jahr zum Nationalturnier und um dort mitzumachen gibt es nur ein Team je Präfektur. Und wir sind die größten und stärksten Teams für Tokio. Im Gegensatz zu den Jungs der Fußballer, die gegen Toho verloren haben, gewinnen wir bereits seit drei Jahren den Vorentscheid.“
„Ach deswegen. Sowas muss man einem ja auch mal erklären.“
„Ich bin erstaunt, dass wir überhaupt so starke Mannschaften haben als Sprach- und Kunst- und Kulturschule.“
„Ist halt Zufall. Öffentliche Schulen haben immer Schwerpunkte, damit man einen besseren Start zur Uni hat. Manchmal ergibt sich dann in manchen Jahrgängen das eine oder andere starke Sportteam.“
„Und diese Schule ist für Sport zuständig und in privater Hand? Da kommt man also entweder mit viel Geld rein oder mit einem Stipendium, oder?“
„Genau.“
„Wieso bist du denn an unserer Schule?“
„Wegen Kunst und Kultur, hauptsächlich japanische Kultur.“
„Oh, ich bin wegen der Sprachen da.“
„Klar, kannst ja immerhin Deutsch und Englisch.“
„Nicht nur. Ich spreche insgesamt sechs Sprachen fließend. Als nächstes ist nun Japanisch dran.“
„Echt? Dann muss ich das „Dumm“ wohl zurücknehmen.“
Plötzlich sind männliche Stimmen zu hören. Natürlich auf Japanisch.
„Was wollt ihr hier?“
„Wir gehen Yako.“, ist Tinas Stimme auf Japanisch zu hören.
„Das könnt ihr vergessen. Dafür ist es zu spät. Kawasaki, spionieren ist deine Kraft? Wie unfair. Kein Wunder, dass ihr immer gewinnt.“
„Könntet ihr bitte in Englisch reden? Damit ich auch was verstehe?“, ertönt Tinas Stimme sachlich, diesmal auf Englisch.
„Halt dich da raus, Ausländerin!“
„Ich spioniere nicht. Ich wollte nur mit den Mädchen reden. Was wollt ihr von mir?“
„Dass du aufhörst zu spielen, sonst helfen wir nach.“, wird wieder auf Japanisch gesprochen.
„Bitte kurze Pause.“, erbittet Tina plötzlich an den Kommissar, der die Hand am Tonbandgerät hat. Er schaltet auf Pause.
„Können Sie mir das übersetzen? Ich habe nur was von spielen und aufhören verstanden. Und die nächsten Sätze bitte auch übersetzen, das wäre nett. Die reden absichtlich so weiter. Sicher, damit ich keine Zeugin bin.“
„Natürlich.“ Es wird übersetzt. Dann das Band wieder angemacht.
„Da könnt ihr lange drauf warten. Ihr müsst noch ein Jahr abwarten, dann bin ich eh weg. Was geht euch das überhaupt an?“, faucht Yako.
„Provoziere sie nicht. Lass es lieber.“, ermahnt Tina leise.
„Frech bist du auch noch?“ Ein Handgemenge ist zu hören. Yako erklärt es kurz.
„Die haben mich angefasst und Tina hat sich dann dazwischen gestellt.“
„Hey, willst du auch noch was abhaben? Wer bist du überhaupt?“
„Ich heiße Bettina Fuchs und gehöre ab nun zu Yakos Team. Lasst sie in Ruhe und lasst uns einfach gehen.“
„Lern erstmal Japanisch bevor du uns um was bittest.“
„Zu zehnt auf zwei Mädchen losgehen. Das findet ihr fair?“
„Du…“, brüllt einer und es ist ein stumpfes Geräusch zu hören.
„Da hat er mich am Arm geboxt und ich habe ihm ins Gesicht geschlagen. Der müsste eine kleine Schramme am linken Ohr unten am Hals haben.“
„Okay. Hat jemand eine Stimme erkannt?“, wirft der Kommissar in den Raum. Die vier Leute von der Toho schütteln den Kopf.
‚Das ist sehr schlecht. Entweder die arbeiten nicht mit oder sie erkennen die Stimmen wirklich nicht.‘, denkt der Kommissar.
Tina schaut verwundert in die vier Gesichter.
„Haben Sie wirklich niemanden erkannt? Das waren ganze vier Stimmen, also echt.“, murrt sie etwas.
„Was bilden Sie sich überhaupt ein? Wieso müssen wir jede Stimme erkennen?“, kommt aus dem Mund des Anwalts.
Sie ignoriert diese Aussage und wendet sich stattdessen an den Kommissar. „Hauptkommissar Saito, bitte lassen Sie die restliche Tonspur ohne Pause laufen. Ich brauche keine Übersetzung mehr, das reicht auch so. Danke trotzdem.“, sagt sie freundlich und geht ein paar Schritte vom Tisch weg, stellt sich anders hin und verschränkt die Arme.
‚Interessant. Was hat sie jetzt vor? Sie hat sich eine interessante Stelle rausgesucht. Nun hat sie alle Leute gleichzeitig im Blick. Und zwar genau den Blick, den ich nicht habe.‘
„Sind Sie jetzt bockig?“, fragt die Sekretärin verwundert.
„Wenn die Herren sowieso nicht helfen, brauche ich mir die Mühe auch nicht mehr machen. Vielleicht könnten Sie uns ja in der Zwischenzeit mal die Klassenfotos raussuchen, damit wir die Gesichter finden können.“, entgegnet sie.
„Die Klassenfotos?“
„Welche denn sonst? Da haben alle ihre Uniform an und wir sehen mehrere gleichzeitig und können sie dann schneller finden. Vielleicht gehen auch einige in dieselbe Klasse. So können wir Zeit sparen.“
„Okay, das ist sinnvoll, ja.“, stimmt sie dem zu.
„Frau Matzumoto, wie gut kennen Sie denn die anderen Schüler, also außer ihre Schützlinge, welche Sie vorhin erwähnt haben?“
„Oh, eher weniger. Ich bin nur für die Fußballer zuständig, für das Scouten und Vermitteln. Deswegen kann ich für die Jungs meine Hand ins Feuer legen.“, spricht sie ganz stolz.
„Herzlichen Glückwunsch nachträglich, für Ihre Weltmeister.“, lächelt sie sie an. „Oh, äh, vielen Dank.“, reagiert sie überrascht und verlässt dann den Raum um die Fotos aus den Akten zu holen.
‚So macht sie das. Sie verteilt Komplimente, damit man ihr zuhört und sie mehr respektiert. Keine dumme Idee. So hat sie das vorhin mit dem Direktor und dem Arzt auch gemacht, zumindest hat sie es beim Arzt versucht.‘
Yako steht auf und geht zu ihr.
„Bist du verrückt? Jetzt sind wir mit den Männern hier wieder alleine.“, flüstert sie ihr zu.
„Immer mit der Ruhe. Wenn sie die Jungs eh nicht kennen kann, dann ist das Zeitverschwendung, wenn sie hier nur rumsitzt. Die Fotos werden doch eh gebraucht. Wir haben wenig Zeit, bedenke das.“
„Herr Hauptkommissar, Sie können das Band wieder starten. Am besten nochmal bitte von vorne. Dann hören wir es flüssiger ab. Also ab da an, wo die Jungs auftauchen, das reicht ja.“, spricht sie ihn sehr freundlich an und lächelt.
Yako flüstert ihr erneut ins Ohr, jedoch hat der Kommissar sehr gute Ohren.
„Ist er immer noch der Leitwolf? Trotz des Anwalts?“
„Natürlich.“
„Ich habe aber eher das Gefühl, dass du hier den Ton angibst.“ Tina legt ihren Finger auf den Mund.
„Blödsinn, das wirkt nur so. Ich erkläre es dir später.“
Plötzlich ertönt die Stimme des Anwalts erneut.
„Wie kann es überhaupt sein, dass Sie, ein Kind, hier den Ton angibt? Wenn hier jemand Ansagen zu machen hat, dann ist das der Ermittler und an zweiter Stelle ich. Verstanden? Was erlauben Sie sich meine Kollegin aus dem Raum zu schicken?“ Tina schaut nachdenklich zum Kommissar, welcher nur ernst schaut und ihr dann plötzlich hinterm Rücken ein Zeichen gibt, indem er mit seiner Hand an seiner Jacke zieht.
‚Ich lass dich mal machen. Ich bin bespannt wie du an die Sache rangehst und ob es zu deinem oder meinem Ziel führt.‘ Er richtet sich auf und sieht dann bestimmend zum Anwalt herab und spricht sehr ernst.
„Ich mische mich schon ein, wenn was nicht nach meiner Nase läuft. Da machen Sie sich mal keine Sorgen.“ Dann dreht er sich zu ihr um und spricht sie ernst an.
„Fahren Sie fort, Frau Fuchs.“
„Danke sehr, Sir.“, ist sie überrascht und schaut dann zum Anwalt und antwortet ernst.
„Wir müssen uns beeilen die Täter zu finden, sonst könnten Beweismittel verschwinden. Vielleicht sind sie noch auf dem Gelände und man kann sie aufrufen oder herholen zur Befragung. Deswegen drängle ich so. Das liegt doch sicher auch in Ihrem Interesse, dass das hier schnell abgehakt wird?“, erklärt sie und appelliert an den Juristen. Dieser lehnt sich plötzlich zurück und verschränkt auch die Arme.
„Machen wir weiter.“, bestimmt er dann und Saito drückt den Wiedergabeknopf und stellt sich diesmal aufrecht hin und beobachtet ebenso alle Anwesenden.
„Du wagst es mich anzufassen?“
Es ist ein Gerangel zu hören und Yako erklärt kurz, dass sie nun versuchen sie anzugreifen und festzuhalten. Dann ein Aufschrei.
„Dem Schreienden habe ich eben ans linke Bein getreten. Deswegen die Eile, seine Hose muss dreckig sein und vielleicht hat er auch einen blauen Fleck oder eine Schramme am Bein.“
Es klopft an der Tür und Frau Matzumoto kommt mit den Fotos in den Raum. Sieh geht zu den Mädchen um den Tisch und gibt sie ihnen.
„Hier, das sind alle Klassen in den Oberstufenklassen. Ich habe sicherheitshalber noch die Klassen aus den oberen Mittelschulklassen gebracht. Oft nehmen die Sich mit der Körpergröße nichts mehr, die Jungs.“, spricht sie ernst.
„Lieben Dank, Frau Matzumoto. Eine gute Idee.“, entgegnet Tina ihr und lächelt.
„Yako, schau du schonmal rein. Ich mach das hier erstmal weiter.“
Das Band wird wieder weitergespielt.
Daraufhin sind wieder Rangeleien zu hören und viele Schritte.
„Hier haben wir uns von ihnen befreit, ich habe Yakos Hand genommen und wir sind geflohen und weggelaufen. Aber sie haben uns dann bald eingeholt, es wird gleich zu hören sein.“, erklärt sie weiter.
„Sie laufen aber wirklich weit. Das dauert etwas.“, bemerkt der Direktor erstaunt.
Dann plötzlich sind wieder weitere Schritte zu hören und die nächsten Dialoge sind folgen.
„Ihr könnt uns nicht entkommen, ihr Schlampen!“, wird gerufen. Saito bemerkt beim Direktor eine Reaktion.
‚Oh, hat er die Stimme erkannt oder hat er wegen des Ausrufs reagiert?‘
Die Schritte werden langsamer. Saito beobachtet auch Tinas Reaktionen. Ihr Blick ist sehr streng nach vorne gerichtet.
„Hier haben sie uns wieder umstellt.“
„Das werdet ihr bereuen. Gegen uns habt ihr keine Chance. Weglaufen ist nicht.“
„Genau, und du, Neue! Was mischt du dich da ein?“, wird Englisch gesprochen. „Kann dir egal sein. Lasst uns laufen und gut ist. Was soll das denn hier bringen?“
„Wir sorgen dafür, dass ihr nicht mehr spielt.“
„Ich spiele, egal was ihr macht!“, faucht Yako dann zurück.
„Ihr habt doch keine Ahnung. Ihr in eurer staatlichen Schule wisst doch gar nicht worum es geht!“ Plötzlich reagiert Frau Matzumoto auf die Stimme.
„Übersetzt das einer für mich?“, ist Tinas Stimme auf dem Band zu hören.
Yako übersetzt es schnell.
„Rede Englisch, bitte und dann erkläre es uns doch. Worum geht es?“
„Was soll das bringen? Es ändert doch nichts an der Sache.“
„Wenn man es nicht versucht, kann sich auch nie was ändern. Aber uns verprügeln, damit wir nicht mehr spielen können, soll die Lösung sein? Sicher, dass die Mädels das wollen?“
„Wenn es die einzige Lösung ist, um hier zu bleiben, ja.“, meint er und kurz darauf gibt es eine kleine Rangelei zu hören.
„Jetzt stößt der eine kleinere, den ich getreten habe ihn an. Daraufhin wird leise getuschelt.“ Es ist auf dem Band leider auch nicht genau zu hören.
„Wir können aber dafür sorgen, dass euch keiner mehr haben will.“ Es sind Schritte zu hören und plötzlich wird gerangelt und die Mädchen schreien auf. „Verdammte Feiglinge!“, brüllt Tina.
„Aua, das tut so weh. Blödmänner.“, wird gejammert.
„Hier ist es passiert. Kurz darauf hat einer noch bei Yako nachgetreten.“
„Erinnere dich beim nächsten Spiel dran, ab jetzt will dich kein Mann mehr haben. Egal wie gut du bist!“, ertönt eine neue Stimme laut und deutlich.
„Das ist der Nachtreter! Er hat Yako mit einem Fuß auf den Bauch gedrückt und sich selbst dabei am Bein am Strauch geratscht. Er müsste also Spuren an der Hose haben und dann verlor er kurz das Gleichgewicht und musste sich kurz abstützen, dabei hat er sich selbst am Arm verletzt, am rechten Arm.“, erklärt Tina. Der Anwalt richtet sich plötzlich auf.
„Das ist gar nicht gut. Gut, dass Sie mich dazugeholt haben.“ Er schaut zum Kommissar auf.
„Vorsätzliche schwere Körperverletzung würde ich mal sagen.“, äußert dieser. „Hm, die Schwere muss noch genau festgelegt werden.“
„Nun gut. Wir werden sehen.“, spricht Saito bestimmend und nutzt sein Büchlein.
Die Aufnahme wird wieder angemacht.
Es ist Gelächter zu hören und abwertende Sprüche gegen die Mädchen fallen. Dazwischen fällt ein Gespräch, dass die Mädchen nicht mitbekommen haben.
„Musste das sein? Wir wollten ihr nur etwas Angst machen, mehr nicht.“
„Mach dir nicht ins Hemd, Alter. Glaubst du echt, die verpfeifen uns? Dazu ist die Alte doch viel zu stolz.“
„Ich weiß nicht, mir gefällt das allgemein nicht, wie das jetzt lief und wieso musste er noch nachtreten? Die konnten sich eh nicht mehr wehren.“, äußert dieser. Dann hört man Schritte und Rufe.
„Kommt ihr?“
Schritte sind zu hören, dann nur Yakos Geschrei und dann wieder Schritte.
„Hier kann gestoppt werden. Es ist vorbei. Was haben die beiden zum Schluss geredet? Einer von ihnen hat noch kurz zu uns geschaut und ist dann erst weggelaufen.“, fragt Tina. Der Kommissar übersetzt es in Kurzfassung.
„So, ich habe einige entdeckt.“, kommt Yako zu Wort. Sie nimmt die Fotos und legt sie auf den Tisch. So können alle schauen.
„Der hier, der große, der hat nachgetreten. Und der hier, der war auf jeden Fall auch dabei, er hat aber nichts gesagt, glaube ich. Hier, neben den, der war auch dabei. Mehr kann ich jetzt nicht erkennen, weil die Sonne so geblendet hat und durch den Schatten der Bäume war es so undeutlich.“
Tina schaut auch und bestätigt die drei Jungs.
„Das waren sie. Den hier, den Nachtreter, den müssen wir zuerst haben. Wie läuft das jetzt? Rufen Sie die Jungs her?“
„Wir notieren jetzt alle Namen und dann rufen wir ihre Trainer an und lassen sie herschicken.“, erklärt der Direktor betrübt. Tina blättert die Fotos durch, neben ihr steht Frau Matzumoto und schaut mit auf die Fotos.
„Hier, der kleinere von denen, den habe ich getreten.“
„Hat er Sie denn auch geschlagen oder war handgreiflich?“, fragt die Frau neben ihr.
„Nein, aber er ist der Anführer der Bande. Deswegen musste ich ihn markieren. Er hat ja nichts gesagt.“ Sie reicht das Foto weiter und lässt den Namen notieren.
Dann blättert sie weiter und schaut sich ein Foto genauer an. Der Kommissar ist auch neugierig und schaut wie Frau Matzumoto genauer zu.
„Haben Sie noch jemanden entdeckt?“, fragt er.
„Hm, ich bin mir unsicher. Einige Gesichter kommen mir vor, als hätte ich sie mal gesehen, aber …Moment. Ich überlege noch.“, murmelt sie leise.
Dann streicht sie einmal über das ganze Foto und dann verdeckt sie die Gesichter und geht eins nach dem anderen durch.
Plötzlich bleibt sie stehen, schließt die Augen und dann geht ihre Suche weiter. Wieder bleibt sie stehen und schließt die Augen. Ihre Hand macht eine seltsame Bewegung, so als würde sie jemanden die Hand geben. Dann öffnet sie die Augen wieder und fährt weiter.
„Der hier, der größere da. Er war der, der etwas länger stehen blieb und Zweifel hatte.“
„Puh, ich habe mich schon erschreckt. Das hätte mich auch sehr stark gewundert.“, atmet die Frau erleichtert auf. Tina schaut zu ihr.
„Da sind zwei von ihren Weltmeistern bei, stimmts?“ Sie nickt stolz.
„Genau, aber wie gesagt, die hätten geholfen oder sich eher mit den Jungs angelegt, nicht umgedreht.“, lächelt sie überzeugt.
„Sorry für die Verwirrung. Ich muss mir noch die Gesichter einprägen lernen. Da sie alle drei ähnlich groß sind und lange Haare haben musste ich etwas überlegen. Ich will ja keine Falschaussage machen.“
„Das ist schon okay. Sie haben das genau richtig gemacht. Sie sagten, Sie hätten den Anschein alle schonmal gesehen zu haben. Sind Sie meinen Jungs schonmal begegnet?“, ist sie neugierig. Tina gibt ihr das Foto der Klasse.
„Flüchtig, ist aber schon eine ganze Weile her.“ Takeru ist erstaunt.
„Und wo das?“, wird vom Direktor gefragt.
„Das spielt jetzt keine Rolle.“, kommt nur trocken rüber und dann wendet sie sich an den Kommissar.
„Haben Sie bereits alle Namen bekommen und dazu notiert wer was gemacht hat?“
„Das habe ich. Wie würden Sie jetzt weiterverfahren?“ Tina sieht ihn erstaunt an.
„Kommissar, der Rest ist doch Ihr Job. Sie sind der Ermittler.“, entgegnet sie freundlich und schaut zu ihm auf.
„Sie haben jetzt schon so gut angefangen, machen Sie ruhig weiter. Wie Sie sagten, es eilt. Man sollte das Eisen schmieden solange es heiß ist.“
Plötzlich steht der Anwalt auf und äußert sich wütend an den Kommissar.
„Seit wann werden Ermittlungen von einem Kind geführt? Wo kommen wir denn hin?“ Alle anderen sind ebenso überrascht, dass der Kommissar dem Mädchen offiziell das Ruder übernehmen lässt.
Takeru erntet einen fragenden Blick von Tina und er nickt als Antwort.
‚Was machst du als nächstes, Bettina Fuchs?‘
Daraufhin sieht sie herausfordernd zum Anwalt.
„Wovor haben Sie Angst?“, stellt sie ruhig aber hemmungslos in den Raum. Er prustet sich erbost auf und brüllt sie zornig an.
„Was erlaubst du dir Göre? Wie redest du mit mir? Du hast doch in deinem Leben noch gar nichts geleistet!“ Tina grinst plötzlich und wendet sich freundlich an den Direktor.
„Herr Direktor, wen haben Sie vorhin auf dem Tonband erkannt, als wir es erneut haben abspielen lassen?“ Er sieht sie verwundert an.
„Ähm, das wollte ich Ihnen gleich noch mitteilen, aber soweit kamen wir noch gar nicht.“ Er teilt Saito den Namen mit.
„Und Sie Frau Matzumoto?“, dreht sie sich zu ihr um und lächelt sie an.
„Ich habe tatsächlich jemanden erkannt. Wie haben Sie das bemerkt?“
„Ganz einfach, Ihre Handbewegung. Sie haben eine Faust angedeutet. Sie scheinen den Jungen nicht zu mögen.“
„Sie haben Recht. Er hat bereits einen Eintrag in der Akte wegen einer Prügelei.“
„Verstehe. Er ist sicher auf einen Ihrer Jungs losgegangen?“
„Genau, zu viert sind sie auf einen meiner Jungs losgegangen. Sie haben nur dummerweise nicht mit der Gegenwehr seinerseits gerechnet. Alle vier haben damals einen Disziplinareintrag in die Akten bekommen. Er wird also definitiv fliegen.“ Die Namen werden notiert.
Tina dreht sich zum Anwalt um, geht etwas um den Tisch herum und bleibt mit einem respektvollen Abstand vor ihm und spricht ihn freundlich an.
„Verraten Sie uns auch, wen Sie erkannt haben?“ Er sieht sie verwundert an und sein Auge beginnt plötzlich zu zucken.
„Ich habe Niemanden erkannt, das habe ich doch schon gesagt.“
„Wirklich nicht? Sie kennen den neunten Jungen.“, wirft sie ihm vor.
„Du hast sie doch nicht alle!“, faucht er sie an und geht einen Schritt auf sie zu. „Gut, dann anders herum. Das war ihre letzte Chance.“ Sie wendet sich erneut an den Direktor.
„Sagen Sie, gibt es an der Schule eventuell einen Sohn, Neffen oder jemanden, der dem Herrn Anwalt nah steht?“
Er und Frau Matzumoto sehen sich verdutzt an.
„Herrje. Ist das Ihr Ernst?“, äußert die hübsche Japanerin und sieht enttäuscht zum Anwalt. Dieser verschränkt plötzlich selbst die Arme und setzt sich wieder. Dann schaut er zu Tina auf, welche neben ihm steht.
„Was hat mich verraten?“, kommt plötzlich, aber einsichtig.
„Sie haben dreimal reagiert.“
„Echt? Gleich dreimal?“, macht er große Augen.
„Ja, zuerst bewegte sich Ihre Hand kurz, als das Getuschel war. Ich konnte ja nichts verstehen, die anderen auch nicht, da es zu leise war, aber wenn man eine vertraute Stimme kennt, dann kann man es auch am Flüstern erkennen, dafür muss die Aussprache nicht deutlich sein. Danach gab es diese abfälligen Gelächter, die ich zum Glück nicht alle verstanden habe, aber auch da haben Sie mit der Hand gezuckt. Dann bei dem Gespräch mit dem, der gezweifelt hat. Das waren lange Sätze und deutlich zu hören. Da zuckte Ihr Auge, so wie eben gerade. An der Stelle waren Sie sich sicher, dass er es ist. Der Junge muss Ihnen also sehr nah stehen. Ich habe ihn auf den Bildern nicht gefunden, weil er etwas ungünstig in der Sonne stand. Aber ich konnte mir andere Merkmale merken. Er hatte zum Beispiel eine Schmarre am rechten Schuh, an der Ferse am linken Fuß. Er ist etwa meine Größe und hat ganz kurze Haare und weit abstehende Ohren.“
„Ihr Stiefsohn.“, haut der Direktor plötzlich raus.
‚Das ist mir ja selbst kaum aufgefallen. Das war der bessere Blickwinkel. So hatte sie nicht nur die Gesichter, sondern auch ihre Körperhaltungen im Blick. Alle Achtung. In dem Alter so eine gute Beobachtungsgabe. Das kann mein Neuling hier neben mir nicht.‘
Plötzlich klopft es an der Tür.
„Herein.“
„Direktor. Könnten Sie bitte kurz rauskommen?“
„Was gibt es so Wichtiges? Sie sehen doch, dass wir hier mit der Polizei sind.“ „Es geht eben gerade darum. Ich habe hier jemanden für Sie. Sie sollten sich anhören was er zu sagen hat.“, spricht der Mann und öffnet nun die Tür komplett.
Es steht ein Junge vor der Tür, etwas größer mit schulterlangen Haaren. Sein Blick ist sehr niedergeschlagen und er schaut nachdenklich in den Raum.
„Der Zweifler.“, äußert der Kommissar erstaunt. Tina lächelt glücklich, geht langsam auf ihn zu und hält ihre Hand vor ihm auf.
„Ich freue mich. Hat mich mein Gefühl nicht getäuscht.“ Erstaunt blickt er zu ihr herab, hebt seine Hand und legt ihr die Haarspange in ihre Hand. Dann geht er einen Schritt zurück und verbeugt sich ehrfürchtig.
„Es tut mir unendlich leid. Ich…ich wollte das nicht. Ich…hätte nicht gedacht, dass es…so ausgeht. Das…war nie so gedacht.“ Alle im Raum sind etwas irritiert.
‚Was ist das für eine Spange? Sie hat damit gerechnet, dass er sie mitbringt?‘, ist der Kommissar sehr verwundert.
Tina steckt sich die Spange dankend ins Haar und lächelt ihn an.
„Du bist nochmal zurückgegangen, um nach uns zu sehen, stimmt´s? Du wolltest wissen wie es uns geht und hast dabei meine Spange gefunden.“, deutet sie richtig.
„Ähm, ja.“ Der Mann an der Tür hat diese bereits hinter sich geschlossen und bestätigt seine gute Absicht.
„Er kam eben zu mir an den Empfang und bat um ein Gespräch mit dem Direktor. Er möchte eine Aussage machen, sagte er nur. Er wollte mir nicht sagen worum es geht, aber ich habe es mir fast gedacht, nachdem die Mädchen bei mir waren. Ich dachte mir, ich bringe ihn direkt hier her, dann ist es schnell geklärt.“, erklärt der Schulwart. Danach geht er wieder raus und begibt sich an seinen Arbeitsplatz zum Empfang.
Die Zigarillos
Kapitel 101
Die Zigarillos
„Das war eine sehr gute Entscheidung. Bitte setzen Sie sich.“, spricht der Kommissar den Jungen an und bittet ihn an den Tisch.
„Willst du uns helfen? Wir haben bereits 9 Verdächtige zusammengetragen, uns fehlt jedoch noch einer. Bist du so lieb und gehst durch unsere Liste durch und prüfst sie auf Fehler und Vollständigkeit? Deswegen bist du doch sicher hier?“, spricht Tina ganz ruhig auf ihn ein. Er nickt nur und lässt sich die Liste zeigen. „Am besten Sie lassen dann die Jungs einen nach den anderen herholen und sie bringen sie zusammen in einen Raum. Den Anführer bitte einzeln. Und zwischendurch muss unser Mann, der sein Geständnis abgelegt hat auch zu ihnen stoßen. Sonst würden sie Verdacht schöpfen und ihn als Verräter abtun. Das ist er ja nicht, wir brauchen ein Geständnis von allen.“, erklärt sie.
„Das klingt sinnvoll. Machen Sie das so. währenddessen machen wir eine Pause. Frau Fuchs? Wir müssen reden. Unter vier Augen.“, sagt Saito bestimmend und schaut streng zu ihr herab. Ein verdutztes Gesicht sieht ihn an und dann folgt sie ihm nach draußen vor die Tür.
Saito schaut sich um, geht zwei Räume weiter und öffnet die Tür. Er ist leer und er geht hinein. Tina bleibt skeptisch vor der Tür stehen und sieht ihn nachdenklich an.
„Sie sind klug. Mit mir alleine zu sein, macht Sie skeptisch. Ein gesunder Schutzreflex. Was meinen Sie, könnte denn passieren, wenn wir alleine sind und die Tür zu ist?“ Einen ernsten Blick setzt sie auf.
„Gar nichts. Was soll passieren? Die anderen wissen, dass wir hier sind. Sie haben mir vorhin erlaubt selbst zu ermitteln. Jetzt sind Sie sauer auf mich, weil ich irgendeinen Fehler gemacht habe, stimmts?“ Er holt ohne das Gesicht zu verziehen seine Zigarillos heraus und öffnet zwei Fenster komplett.
„Wenn die Tür offenbleibt, zieht es durchs Haus. Wollen Sie, dass man mich erwischt?“, spricht er mit fester Stimme. Sie folgt ihm in den Raum, schließt die Tür, geht in die Mitte des Raumes und bleibt vor dem Tisch stehen. „Sie haben eine gute Beobachtungsgabe und Menschenkenntnis. Sie sollten später zur Polizei kommen, wir brauchen solche Leute. Sie haben keinen Fehler gemacht, das ist es ja.“
„Danke, aber das ist so gar nicht mein Ding. Ich bin kein Typ, der sich immer an die Regeln hält.“, sagt sie ernst.
„Sehe ich etwa so aus, als würde ich mich immer an alle Regeln halten? Was wäre denn Ihr Ding?“, ist er ernst und pustet erneut genüsslich aus dem Fenster.
„Stimmt.“, schmunzelt sie.
„Rauchen im Schulgebäude, das geht gar nicht. Mit mir hier alleine sein, ein absolutes No-Go.
Ich weiß noch nicht was ich machen werde. Ich muss erstmal schauen, wie hier alles läuft und dann wird sich was ergeben. Im Notfall habe ich meine Sprachen. Als Übersetzerin kann ich immer und überall arbeiten. Zum Leben wird es erstmal reichen.“
„Klingt auch gut. Aber ich habe gedacht, Sie sind ein Typ mit festen Zielen. Aber Sie lassen sich lieber treiben?“
„Ich habe Ziele. Aber welchen Beruf ich machen will, weiß ich noch nicht.“
„Und was sind das für Ziele?“ Er zieht genüsslich und pustet wieder aus dem Fenster.
„Die Sprache lernen, Freunde finden, in der Schule mitkommen und jetzt will ich Volleyball spielen lernen. Das macht mir Spaß. Ich brauche was zum Auspowern, sonst tun mir die Knochen weh.“
„Sport ist total Ihr Ding, was? Haben Sie vor später zu studieren?“
„Das hatte ich mal, ja. Ich war immer Klassenbeste. Ich werde sehen wie weit ich hier in Japan komme und welchen Abschluss ich erreichen kann. Abwarten und Tee trinken ist die Devise. Eins nach dem Anderen. Ich bin doch erst seit zwei Monaten hier.“
„Dann wollten Sie auch in Deutschland schon studieren? Was war da Ihre Vorstellung? Hatten Sie da schon ein Fach in Sicht?“
„Psychologie mit Spezialisierung der Sportpsychologie.“
„So ein trockenes Fach? Erstaunlich für eine Sportlerin. Aber immerhin wollen Sie dem Sport treu bleiben? Was haben Sie denn früher gemacht, wenn Volleyball jetzt was Neues ist?“ Sie schmunzelt.
„Daher der Anlass. Sie versuchen herauszufinden wo meine Narben herkommen.“ Er lacht.
„Ich sage ja, Sie sind gut. Sie haben es erkannt. Darf ich es wirklich nicht wissen? Ist es so wichtig, dass es niemand wissen darf?“
„Ja, leider. Es geht einfach nicht.“
„Schade, ich glaube tatsächlich nicht an diese Schwimmerei-Unfälle. Ich war selbst Leistungsschwimmer und bin nie am Becken ausgerutscht. Aber Sie haben es irgendwie geschafft den Arzt dazu zu bringen, dass er es einfach bestätigt hat. Dabei bin ich mir sicher, dass er genau ahnt von welcher Sportart es kommen könnte. Er kennt hier viele Sportverletzungen. Ich denke nicht, dass man ihm etwas vormacht.“ Tina grinst.
„Ich bin selbst überrascht gewesen, dass er dem zugestimmt hat. Aber so ist es für mich erledigt. Wir sind quitt. Vielleicht hat er ja seinen Fehler eingesehen und tut es als Ausgleich ab.“, meint sie sicher und geht dann ein paar Schritte auf ihn zu und bleibt direkt vor ihm stehen.
„Sagen Sie mir jetzt was genau Sie von mir wollen? Wir sind doch nicht nur zum Plaudern hier?“, schaut sie herausfordernd in seine schmalen strengen Augen auf.
‚Oha, die hat ja einen Blick drauf. Was ist das nur für ein seltsames Mädchen? So traut sich keiner mich anzusehen. Ich bin schon sehr auf ihre Eltern gespannt. Was mögen das für Leute sein? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie ihnen so richtig auf der Nase rumtanzt. Sie lässt sich von niemanden etwas sagen und weiß aber auch was sie kann.‘
„Sie haben vorhin gelogen, was Ihre Sprachen betrifft.“
„Meinen Sie? Ich habe niemanden belogen. Ich habe lediglich verlauten lassen welche Sprachen ich spreche, aber dass es mehr sind, habe ich nur nicht gesagt. Es ist also keine Lüge, sondern nur ein Teil einer Aussage. Das machen doch die Politiker auch, man fischt sich nur den Teil eines Zitates raus, der einem gefällt und fügt es zusammen, am Ende kommt was ganz anderes raus.
Spielt aber auch keine Rolle. Für den Direktor hat es doch gereicht, um ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ich lasse mich nicht für dumm verkaufen außer ich kann es in diesem Moment gebrauchen.“
„Hm. Der war wirklich erstaunt. Ich übrigens auch. Und Sie sprechen in Ihrem Alter schon sechs Sprachen? Wow. Was denken Sie brauchen Sie für Japanisch?“
„Keine Ahnung. Das kann ich absolut nicht sagen. Aber da es sehr eilt und ich es zwingend brauche muss ich mich beeilen. Mal sehen. Ich hoffe es innerhalb dieses Jahres soweit zu schaffen, das ich in der Schule mitkommen kann. Ich bin bereits bewusst ein Jahr zurückgestuft worden, damit ich das erste Jahr die Sprache lernen kann. Da war die Schule sehr entgegenkommend. Ich nutze jede Minute dafür.“ „Wieso sind Sie denn so plötzlich nach Japan gezogen? Ohne Arbeit kommen Ihre Eltern doch auch nicht einfach her. Darf ich fragen was die beruflich machen?“ „In Deutschland war mein Vater Anwalt und meine Mutter hat zuerst für die Botschaft als Dolmetscherin gearbeitet und nach der DDR, also der Wende, da erfüllte sie sich ihren Traum und hat in Hotels gearbeitet. Dort konnte sie ihre Sprachen ausleben. Es wird derzeit ein altes Gebäude umgebaut zu einer Gaststätte. Diese wollen sie dann betreiben. Eine deutsche Gaststätte. Nebenbei machen beide ihre Jobs über Telefon und E-Mail-Verkehr weiter und arbeiten mit deutschen Firmen zusammen. Mama übersetzt über Englisch in andere Sprachen für einige große Firmen und Konzerne hier in Japan. Denen fehlen oft bestimmte Sprachen und da kam sie dann ins Spiel. Wenn da wichtige Geschäftstreffen sind steht sie ihnen bei und übersetzt beide Seiten.“
„Dann stammen Sie ja aus gutem Hause.“
„Und Sie Herr Saito? Sie fragen mich so viel und von sich erzählen Sie gar nichts. Was ist mit Ihren Eltern?“
„Ach, das ist langweilig. Wir stammen alle schon fast aus Tradition von Polizisten ab. Alles Bullen, quasi. Die ganze Sippe. Seit gut zweihundert Jahren schon.“, lacht er und macht seine Zigarillo aus und holt die nächste raus und zündet sie an.
„Sind Sie Kettenraucher? Das tut ihrer Lunge und Ihrem Herzen nicht gut.“, runzelt sie die Stirn.
„Das sagt meine Tochter auch immer zu mir.“, lacht er erneut.
„Ihre Tochter muss klug sein und Sie sind ihr sehr wichtig.
Und was wollen Sie nun wirklich wissen? Sie reden immer noch drum rum.“, kommt sie wieder zum Thema zurück.
‚Die lässt nicht locker. Sie weiß genau, dass ich nicht nur privat plauschen will.‘ „Nun gut, Sie sind hartnäckig. Sie geben nicht auf, wenn Sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Das schätzen Japaner sehr.“
„Sehe ich aus wie jemand, der aufgeben würde? Aufgeben ist keine Option! Es geht nur voran, das ist der Sinn des Lebens!“
„Das klingt interessant. Was haben Sie genau mit den Jungs vor? Sie haben doch eine genaue Vorstellung wie das hier jetzt laufen soll? Wir brauchen noch die Beweise, um sie und die Schule verklagen zu können. Ihr gutes Recht wäre es. So ein Eintrag in die Jugendakte sieht sicher schlecht aus. So werden sie nach dem Abschluss Probleme haben mit dem Sport, zur Uni zu gehen oder eine Arbeit zu finden.“
„Typisch Polizist. Wer sagt denn, dass ich vor habe jemanden zu verklagen?“ total verblüfft sieht er sie an.
„Wie jetzt? Auch kein Schmerzensgeld? Das steht Ihnen zu.“
„Was soll ich mit dem Geld? Das macht die Narben auch nicht weg. Und auf einen langen Prozess habe ich ganz sicher keinen Bock.“ Er richtet sich plötzlich auf und sieht sie ernst an.
„Und wozu haben Sie mich dann gerufen? Wenn Sie die Jungs nicht anzeigen oder verklagen, wird ihre Strafe viel zu milde ausfallen. Das wollen Sie sicherlich nicht.“, erklärt er sachlich.
„Ich hatte gar nicht vor die Polizei zu rufen. Ich wollte das alleine klären, aber die Dummköpfe haben mir ja nicht zugehört und mich nicht für voll genommen. Deswegen habe ich die Polizei rufen lassen. Damit man gezwungen ist mir zuzuhören.
Wer sagt denn, dass ich nicht dafür sorgen werde, dass sie bestraft werden? Eine gerechte Strafe muss doch nicht in einer Akte stehen.“, spricht sie sehr bestimmend.
‚Was soll das denn für eine Strafe sein? Wie soll das denn hier ablaufen, kleines Mädchen? Ich werde nicht schlau aus dir.‘
„Was soll das für eine Strafe sein?“
Plötzlich geht sie ganz nah an ihn heran. Sie steht nur einen halben Meter vor ihm und schaut mit strengem Blick zu ihm auf.
„Sie sind doch ein erfahrener Mann? Ein Polizist mit Leib und Seele? Ihre Position haben Sie sich mit viel Arbeit, Fleiß und Schweiß erarbeitet. Oder?“ Sein Puls steigt plötzlich an und er ist etwas verwirrt, dass dieses Mädchen überhaupt so nah an ihn als Fremden herantritt. So eine Situation hatte er noch nie. Vor Schreck kann er gar nichts sagen. Er sieht ihr nur irritiert in die türkiesen Augen. „Stellen Sie sich vor, Sie machen nur einmal in Ihrem Leben einen Fehler oder treffen eine falsche Entscheidung und dann nimmt man Ihnen Ihre Lizenz, ein Polizist sein zu dürfen weg. Und das, bei Ihrer langen Familientradition. Wäre das nicht eine große Schande?“
„Oha. Das stelle ich mir lieber nicht vor.“, reagiert er cool, aber im Inneren ist er aufgewühlt.
„Herr Kommissar, diese Jungs haben für sich eine Entscheidung getroffen. Und in ihrem Alter weiß man was passiert, wenn man falsche Entscheidungen trifft. Man muss dafür geradestehen. Meine Eltern haben mich anfangs bis zur Einschulung sehr streng und bescheiden erzogen und mir trotzdem gewisse Freiheiten gelassen. Als ich in die Schule kam, durfte ich alle Entscheidungen selbst treffen. Wie lange ich auf sein will, wann ich meine Hausaufgaben mache, mit wem ich spiele…wann ich heimkomme. Alles habe ich alleine entschieden. Und ich habe auch viele falsche Entscheidungen getroffen und habe immer dafür geradegestanden und habe diese Fehler nicht wiederholt. Aber diese Jungs dort, das ist ein Haufen feiger Kerle, die denken, dass sie in der Gruppe die Stärksten sind, weil sie sonst nichts auf die Reihe kriegen. Sie hätten in Kauf genommen, dass Yako etwas Furchtbares passiert, nur damit sie nicht mehr spielen kann. Sie wollten ursprünglich nur auf sie alleine losgehen. Wir können nur froh sein, dass das so harmlos ausging. Was glauben Sie denn was passiert wäre, wenn wir nicht im Busch gelandet wären? Das wäre doch nicht bei ein paar blauen Flecken geblieben!
Wenn die jetzt nur mit einem Disziplinareintrag oder einer popligen Jugendstrafe davonkommen die irgendwann komplett in der Versenkung landet, dann machen die das wieder und wieder und mindestens einer davon ist scheinbar schon Wiederholungstäter, und wieso? Weil man ihn hat gehen lassen. Sowas Feiges! Vier auf einen. Und nun? Zehn auf ein Mädchen? Ich war nur zufällig da. Ich muss Ihnen als erfahrenden Hauptkommissar doch nichts von gewaltbereiter Gruppendynamik erzählen!“ Sie pausiert und spricht bestimmender und zornig. „Was ich will? Ich will, dass die Kerle bluten! Für ihre Feigheit und dafür, was die meinem Kapitän angetan haben und dafür was die uns antun wollten und angetan haben!
Ich werde ihnen das nehmen was ihnen am wichtigsten ist, damit sie sowas nie wieder tun.
Ihren Ruhm! Ihren Stolz und ihre Ehre!
Vielleicht besteht noch Hoffnung und sie begreifen dann was wichtiger ist als diese drei Dinge, die Familie, denn das wird vielleicht alles sein was ihnen noch bleiben wird!“
Wütende und glasige Augen sehen ihn an und plötzlich ist ihre rechte Hand an seiner Linken und greift nach der noch halblangen Zigarillo. Dann führt sie diese zum Mund und nimmt einen Zug und schließt die Augen dabei. Es entweichen ihr jeweils eine Träne und dann pustet sie zur Seite aus, öffnet die Augen wieder und hustet etwas. Sie schaut zu ihm auf und gibt ihm den Glimmstängel wieder.
„Pfui Teufel. Das brennt nicht nur in den Augen, sondern kratzt auch im Hals. Was ist da so toll dran?“ Dann entfernt sie sich von ihm und geht zur Tür.
„Entschuldigen Sie mich. Ich bin kurz für kleine Mädchen.“, sagt sie nur und verlässt ohne zurückzublicken den Raum.
„Wie jetzt?“, ist er völlig von den Socken.
‚Was war das denn? Ich habe gedacht die heult gleich los. Stattdessen greift sie einfach nach meiner Zigarillo. Wieso hat sie das gemacht?‘ Er nimmt seinen Taschenaschenbecher, drückt die Glut aus und lässt sie kurz ausglühen bevor er es verschließt und wegpackt. Dann schließt er die beiden Fenster und geht auf den Flur. Vor der Mädchentoilette bleibt er gegenüber etwas versetzt stehen und wartet auf sie. Da kann er plötzlich den Spülkasten rauschen hören und kurz darauf ein leises röchelndes Geräusch.
‚Nanu? Das klingt aber komisch.‘ Er stellt sich vor die Tür und lauscht.
‚Es klingt als würde sie sich übergeben. Ist sie allein da drin oder ist das jemand anderes?‘ Es ist daraufhin wieder die Spülung zu hören und statt eines Röchelns ein leises Schluchzen und dann ein dumpfer Schlag.
„Verdammt! Warum nur?“, wird leise geflucht. Dann ertönt ein „Oje.“ Es beginnt das Wasser im Waschbecken zu rauschen.
‚Sie weint. Na sowas. Habe ich mich also nicht getäuscht. Ob da mal was war und jemand wurde in ihren Augen nicht genug bestraft? Hat sie eine schlechte Erfahrung gemacht mit einem Widerholungstäter? Vertraut sie deswegen nur auf sich selbst?‘ Er geht wieder zurück zur Fensterreihe und wartet ab. Sein Blick ist auf den Schulhof gerichtet.
‚Hier sind viele Schüler. Bisher gab es immer nur die üblichen Fälle, wie an anderen Schulen. Überforderung durch den Druck von oben und von den Eltern. Das hier heute überspannt schon sehr den Bogen der Normalität. Oft bleiben Auseinandersetzungen innerhalb der Schule und werden nicht nach außen getragen. Ich habe jedoch die Vermutung, dass dieses Mädchen da eine andere Vorstellung hat. Da sie von einer anderen Schule kommt, konnte man ihr ja keinen Deal vorschlagen und es einfach nur mit einem Vermerk abtun, so wie es wohl bei einem Täter der Fall war. Die Reaktion des Direktors gefiel mir auch nicht, dass es einfach in die Akte kommt und beim nächsten Mal fliegt die Person. Bei Kleinkram okay, aber wenn solche Dinge öfters vorkommen und es keine wirkliche Konsequenz gibt, weiß jeder, er darf sich einmal etwas Dickes erlauben und das nutzen die Kids doch immer aus. Sie wissen, dass die Schule von ihren Leistungen und späteren Erfolgen im Sport profitiert. So herrscht immer ein Gegeneinander.‘
Es dauert ein paar ruhige Minuten und dann öffnet sich die Tür. Er bleibt vorerst am Fenster stehen und schaut weiter raus.
‚Das ging ja schneller als erwartet. Will sie jetzt wirklich total verweint vor die anderen treten?‘, denkt er und schaut dann zur Seite zu ihr. Überrascht stellt er fest, dass vom Weinen nicht viel zu sehen ist.
„Herr Kommissar Saito, haben Sie nochmal ein paar Minuten? Die Jungs sind bestimmt noch nicht alle da. Sie wollten doch wissen wie ich mir das vorgestellt habe.“
„Das stimmt. Wollen wir hier draußen reden?“
„Lieber wieder im Raum, nicht dass die Jungs hier langkommen und uns sehen. Das würde ja die Überraschung verderben.“, schmunzelt sie.
„Oh, sehen Sie dort hinten, das Paar? Das sind meine Eltern.“, verlautet sie mit einer glücklichen Stimme.
„Hm. Die werden sich bestimmt Sorgen machen. Sie sind erstaunlich schnell da.“
„Wer weiß was die beim Anrufen gesagt haben. Meist wird ja nur gesagt, sie sollen schnell kommen, aber worum es geht wird nicht gesagt.“, grinst sie.
„Ach so? Sie sprechen aus Erfahrung?“
„Kann man so sagen. Die denken bestimmt ich habe wieder was angestellt.“, wird gelacht.
‚Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich nichts gefallen lässt und dadurch viel aneckt.‘ Tina öffnet die Tür und geht diesmal voran.
Im Raum alleine mit dem Kommissar sieht sie ihn ernst aber freundlich an und plötzlich verbeugt sie sich mit gesenktem Blick vor ihm.
„Es tut mir sehr leid, dass ich Sie vorhin so angefahren habe. Das war die große Anspannung und dann habe ich durch das lange Gespräch vorab die Nerven verloren. Ich bitte vielmals um Verzeihung für mein respektloses Verhalten und das mit der Zigarette war auch unnötig.“, ertönen ehrliche Worte mit fester Stimme.
„Herrje, Sagen Sie jetzt nicht, Sie knicken plötzlich vor mir ein? Richten Sie sich wieder auf!“, fordert er streng und schließt hinter sich die Tür. Sie bleibt jedoch in der Position stehen.
‚Das ist echt eine harte Nuss. Jetzt will sie sicher warten bis ich ihre Entschuldigung annehme. Sie versucht mir zu beweisen, dass sie unsere Kultur versteht.‘
„Ich kann nur eine Entschuldigung annehmen, wenn es was zu entschuldigen gibt. Sie haben keinen Fehler gemacht. Ich nehme Ihnen das nicht krumm. Sie sind noch jung und müssen erst lernen hier in Japan zurechtzukommen mit Ihrem großen Temperament. Das wird noch schwer genug, glauben Sie mir.“, schaut er zu ihr herab.
„Es war trotzdem respektlos, vor allem, weil ich vor Ihnen großen Respekt habe, tut es mir leid.“ Er geht an ihr vorbei.
„Sie sind nicht umzustimmen, oder?“
„Nein!“
„Dickkopf.“, sagt er bestimmend und öffnet ein Fenster.
„Wenn Sie nicht augenblicklich Ihren stolzen Kopf aufrichten und wieder mit mir reden, dann stecke ich mir wieder Eine an. Wollen Sie das?“, kommt er ihr plötzlich streng. Sie richtet sich wieder auf und dreht sich zu ihm um.
„Sie müssen den nächsten Teil übernehmen. Das Verhör quasi.“, beginnt sie einfach mit ihrer Strategie. Sie sprechen kurz alles ab.
„Danke, dass Sie mich trotz meines Alters akzeptieren, Kommissar.“
„Sie haben eine interessante Art an den Fall ranzugehen. Ich will wissen ob es so klappt wie Sie es sich vorstellen.
Wollen wir rübergehen? Vielleicht sind Ihre Eltern inzwischen auch hier?“
„Das kann möglich sein.“
Sie geht zur Tür und öffnet diese eilig. Saito steht direkt hinter ihr und nimmt seinen Arm über sie und hält die Tür zum Flur hin gerichtet auf. Genau in diesem Moment kommen drei Jungs vorbei und unterhalten sich angeheitert. Sie gehen in dieselbe Richtung wie sie es vorhaben. Doch dann stoppt Tina plötzlich, als sie die drei kurz seitlich und dann von hinten sieht.
„Nein.“, äußert sie leise auf Deutsch und sieht ihnen nachdenklich hinterher. Dann dreht sich einer der Größeren plötzlich um und schaut zu ihr, doch sie wendet sich sofort ab, als sie es bemerkt, noch bevor er ihr Gesicht sehen kann. Er trägt wie der kleinere von ihnen ein schwarzes Fußballtrikot, jedoch hat er im Gegensatz zu ihm seine Ärmel hochgekrempelt.
„Alles gut? Ist einer von ihnen dabei?“, vermutet Saito und schaut zu den Jungs und betrachtet sie dann genauer. Er sieht sehr kräftig aus und hat ein sehr selbstsicheres Auftreten und einen stolzen Blick. Neben ihm der langhaarige Keeper in einem Rot-Weißen Anzug und einem Blutfleck auf dem Rücken. Er ist durch den weißen Stoffteil deutlich zu erkennen.
„Nein. Definitiv nicht.“, kommt eine verdutzte Äußerung.
‚Stimmt, sie hat Recht. Es sind eindeutig die Fußballer. Ich vermute die zwei großen Jungs sind die vom Foto aus der Klasse, wo der Zweifler drin ist. Deswegen hat sie überlegt, die sind sich ähnlich vom Äußerem, das stimmt. Aber wieso muss sie sich dann vor ihnen wegdrehen? Das verstehe ich jetzt nicht. Was ist so schlimm daran, wenn die sie sehen würden?‘ Er vernimmt dann plötzlich ihre nachdenkliche Bewegung mit der rechten Hand. Genauso wie vorhin beim Bilderbetrachten formt sie diese als würde sie jemanden die Hand geben.
‚Was hat das zu bedeuten. Vorhin hat sie dieselbe Bewegung gemacht. Kennt sie einen davon etwa?‘
Er vernimmt nur noch die Stimmen der Jungs und schaut fragend zu ihr herab.
„Was hast du?“
„Weiß nicht.“ Nun drehen sich die anderen beiden auch um und schauen in Saitos Richtung.
„Polizei? Und wer ist die Neue?“
In diesem Moment öffnet sich die Tür zum Versammlungsraum und Frau Matzumoto kommt heraus. Sie erblickt die Jungs und lächelt besorgt.
„Jungs, was macht ihr hier?“
„Frau Matzumoto, guten Tag. Ken muss zum Doktor.“, sagt der Kleinere und alle drei nutzen die Möglichkeit kurz in den Raum zu schauen und entdecken natürlich den Direktor und einen Klassenkameraden.
„Ist was passiert? Takumi war vorhin so seltsam drauf, als wir ihm entgegenkamen. Ich habe ihn noch nie so blass gesehen.“, äußert der Keeper. „Macht euch darüber keinen Kopf. Er ist bei uns. Geht ruhig zum Doktor, er ist jetzt wieder da. Was hast du wieder angestellt?“, grinst sie den Jungen mit den hochgekrempelten Ärmeln an.
„Wieso ich? Gar nix, er wollte was Neues ausprobieren. Ich kann nichts dafür.“ „Alles okay, Frau Matzumoto. Sie müssten doch langsam wissen, dass das zum Training gehört. Sie sollten sich mal Wakabayashi ansehen, der sieht schlimmer aus als ich. Deswegen ist er so stark. Und genau deswegen muss ich noch härter trainieren als er und dazu brauche ich Hyugas Bälle.“
„Genau, so ein Weltmeister fällt ja nicht vom Himmel.“, lacht der Kleinere.
„Tut mir leid, Ken.“, brummt Hyuga zu ihm und Ken erhebt seine Faust vor seine Nase.
„Hey, willst du mich beleidigen? Ehrensache, jede Einzelne die von dir kommt!“, lacht dieser dann. Der Stürmer fasst seine Schulter und schmunzelt.
„Das weiß ich doch.“ Alle drei beginnen zu lachen.
‚Der Keeper ist verletzt und sie lachen darüber?‘
Tina ist inzwischen wieder in den Raum gegangen.
„Was reden Sie?“
„Nur belangloses Zeug. Nichts, was für uns wichtig wäre.“
„Aber da ist doch ein Name gefallen.“, meint sie nachdenklich.
„Der Keeper erwähnte jemanden namens Wakabayashi, meinen Sie den?“, flüstert er ihr zu.
„Ja genau. Ich habe nur was von Bällen und Training verstanden. Hat der Keeper dabei gelächelt, als er den Namen sagte?“
„Hm, ja, ein wenig. Er will wohl besser werden als er. Ist das auch ein Keeper?“
„Klingt wohl so.“
„Der Keeper ist verletzt, ich denke mal, die gehen zum Arzt.“
„Sehen sie her?“
„Nein, jetzt nicht mehr.“ Tina geht zur Tür und luschert auf den Flur. Die drei sind von hinten zu sehen und lachen noch immer und gehen zum Krankenzimmer.
„Der Arme, sie sind Freunde, Herr Kommissar. Richtige Freunde begleiten sich, wenn so etwas passiert.“
„Das glaube ich auch.“
„Und genau das ist es, was den anderen fehlen wird. Wahre Freundschaft. Wenn die nachher alle in einem Raum sitzen und warten müssen, dann kann man die Uhr danach stellen wie sie sich gegenseitig die Schuld zuschieben und dann bleiben sie beim Anführer hängen. Das müssen wir ausnutzen.“
„Ganz meine Methode. Sie verstehen schon viel davon, erstaunlich.“
Tina geht wieder zurück in den Raum.
„Naja, wenn man die Täter erst hat, ist der Rest ein Kinderspiel. Aber wenn man sie nicht zu fassen kriegt, ist es sinnlos.“, spricht sie betrübt.
„Wenn sie weg sind, gehen wir, ja?“
„Verraten Sie mir, wieso die drei Sie nicht sehen dürfen?“
„Wenn die mich sehen, geht mein Plan doch nicht auf. Wir waren doch quasi nie hier, wenn wir die Schule verlassen.“
„Sie machen es aber auch kompliziert. Was ist denn dabei?“
„Sie verstehen das nicht. Wenn irgendeiner mitbekommt, dass wir hier waren, und was passiert ist, dann stehen wir für andere immer als die Opfer dar. Damit kommen wir nicht weit. Wollen Sie, dass meine Kapitänin oder unser Team bemitleidet werden statt bewundert, weil man stark ist und Siege heimbringt?
Und die anderen an der Schule hier können doch nichts für diese Feiglinge. Sie haben vielleicht alles Mögliche getan, um hier ein Stipendium zu bekommen und dann wird man sie immer mit so einer Tat an ihrer Schule in Verbindung bringen und eventuell nicht akzeptieren. Das wäre doch sehr unfair, oder?“
„Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn sowas in der Presse landet. Dann kann die Schule einpacken, deswegen ist Ihr Plan sinnvoll. Ich könnte es nicht so machen...aber Sie haben in diesem Fall den Faden in der Hand, weil Sie als Opfer verhandeln können.“
„Genau. Ich wollte das eigentlich abkürzen, aber die wollten mir nicht zuhören. Ich habe großes Glück, dass jemand wie Sie gekommen ist, statt einer einfachen Streife.“
„Und ich dachte es geht hier ganz schnell, ne kleine Prügelei und fertig. Ich bin nur hier, weil die Streife viel zu tun hat heute wegen eines Konzerts. Aber nun gut. Die Jungs sind nun beim Doktor.“
„Okay. Wenn wir nachher wieder rausgehen, müssen wir aufpassen, dass sie uns nicht sehen. Die gehen sicher danach wieder zu ihrem Training.
Wir sollten uns sowieso beeilen, ich will auch noch zum Training. Die Zeit rast.“
„Wie jetzt, Sie wollen noch trainieren? Mit dieser Verletzung?“
„Natürlich, jetzt erst recht. Wenn wir doch nie hier waren, warum fehlen wir dann beim Training? Das fällt auf. Und außerdem muss ich ja irgendwie meine Wut rauslassen, also am Ball.“, grinst sie plötzlich. Saito bleibt auf dem Gang stehen.
„Eins noch, bevor wir da rein gehen.“ Sie bleibt stehen und sieht zu ihm auf.
„Egal wie das hier ausgehen sollte, verlieren Sie niemals Ihren Stolz! Sie hätten sich vorhin nicht bei mir entschuldigen müssen. Das war nicht nötig. Hier in Japan werden Sie noch oft Situationen haben wo Sie Ihren Kopf senken müssten, aber tun Sie das niemals nur, um von jemanden respektiert zu werden. Das haben Sie gar nicht nötig.“, spricht er sehr ernst und überzeugt. Tina lächelt.
„Jetzt bin ich aber platt. Ich dachte, Sie haben bemerkt, wieso ich das getan habe? Ich dachte deswegen haben Sie mich mit dem Rauchen erpresst.
Ich muss mich vermutlich falsch ausgedrückt haben. Ich muss noch viel lernen über japanische Sitten.“ Dann fasst sie sich an ihr Herz.
„Herr Hauptkommissar, als wir uns vorhin so angeregt unterhalten haben stellte ich fest, dass Sie mich scheinbar wirklich so respektieren wie ich bin. Noch nie hat mir jemals ein fremder Erwachsener so viel Vertrauen entgegengesetzt und schon gar kein Polizist. Ich bin Ihnen unendlich dankbar und deswegen ist mir im Nachhinein aufgefallen, dass ich mich im Ton vergriffen habe. Glauben Sie mir, wenn Sie jemand währen, der unwichtig ist, dann hätte ich weder meine Gedanken in meiner Aufregung so offen geäußert noch hätte ich mich entschuldigen wollen.“
Genau in diesem Moment ertönt eine zarte weibliche Stimme hinter ihnen.
„Bettina, Liebes. Was hast du denn da an?“ Es ist Tinas Mutter. Beide sehen sich um. Sie sieht sie mit großen Augen an und starrt dann auf den großen Polizisten neben ihr. Saito staunt nicht schlecht.
‚Das sind also ihre Eltern. Sie kommt eindeutig nach ihrer Mutter, die ist auch sehr hübsch und nicht sehr groß. Und der Vater, ein stattlicher sportlicher großer Typ. Er wirkt gar nicht wie ein Anwalt, eher wie eine Art Trainer. So sportlich gekleidet. Er macht aber einen sehr ernsten Blick.‘
„Meine liebe Bettina, was hast du nur wieder angestellt? Mit wem hast du dich diesmal angelegt, dass sogar die Polizei da ist?“, spricht er auf Englisch. Plötzlich fängt Tina an zu lachen und schaut zum Kommissar auf.
„Habe ich es nicht gesagt? Ich kann hellsehen.“ Er begrüßt ihre Eltern höflich. „Es ist eher andersherum, Herr Fuchs. Eine Gruppe Jungs hat sich mit Ihrer Tochter angelegt.“
Stolz II
Kapitel 102
Stolz II
Tinas Mutter geht zu ihr und umarmt sie aufgeregt.
„Schatz, was ist denn nur passiert? Wieso hast du diese Sachen an? Wo sind deine denn?“
„Mama, du zerdrückst mich fast. Die sind kaputt und schmutzig.“
„Was soll denn das heißen? Warum sind die kaputt? Haben dir die Jungs etwa etwas angetan?“, spricht sie sehr besorgt und schaut sich ihr Gesicht und die Arme und Beine genauer an. Die Schuluniform hat eine kurze schwarze Bluse, einen Knielangen eleganten schwarzen Faltenrock und lange graue Strümpfe.
„Nicht der Rede wert, nur ein paar Kratzer wo eh schon welche sind.“, beruhigt sie ihre Mutter.
„Kommissar? Können wir unter vier Augen reden?“, spricht ihr Vater ihn an und macht einen ernsten Blick.
Der Schulwart entfernt sich nun wieder und die Männer gehen zusammen in den Raum und schließen die Tür hinter sich. Herr Fuchs geht zum Fenster und öffnet es. Dann dreht er sich zum Kommissar um und spricht ihn mit einem strengen Blick freundlich an.
„Was ist passiert? Wenn Sie hier sind, muss es ernst sein.“
‚Er scheint ein sehr strenger Typ zu sein. Das hat sie bereits erwähnt.‘ Er erklärt in Kurzfassung was passiert ist. Das Gesicht des Vaters wird zornig und er ballt seine Fäuste.
„Diese Feiglinge. Und das passierte hier auf dem Schulgelände?“
„Ja, Ihre Tochter war klug und hat die Tat auf Tonband. So konnten wir bereits die meisten Täter ermitteln und sie wurden inzwischen herbeordert, um die Angelegenheit zu klären.“
„Diese Schule kann was erleben. Und ich wollte Bettina ursprünglich hier anmelden, damit sie ihre Schwimm- und Lauffähigkeiten fördern kann. So ein unsportliches Verhalten.“
„Und warum ist es nicht diese Schule geworden? Es lag also nicht an der Finanzierung. Diese Schule ist die teuerste und die meisten Kids sind über ein Stipendium hier.“
„Bettina hat es sich so ausgesucht. Ich weiß nicht warum. Sie sollte zwischen fünf Schulen entscheiden und hat sich dann für die Musashi entschieden. Sie sagt zwar wegen der Sprachen, aber ich glaube da steckt mehr dahinter. Sie meinte nur es war auch der Name.“
„Sie haben ihre Tochter alleine entscheiden lassen an welche Schule sie gehen will? Der Name?“
„Natürlich, solche Entscheidungen trifft sie in der Regel selbst, dann kann sie uns keinen Vorwurf machen, wenn mal was nicht läuft wie es soll. Sie kann sich dann nur selbst an die Nase fassen.
Bettina hat sich für die andere Schule entschieden, weil sie nach einem Samurai benannt wurde. Sie meinte, wenn eine Schule so heißt, muss sie ihr Kraft verleihen. Das klingt kindisch, aber sie hat das Gespür für gewisse Dinge und deswegen lassen wir sie auch alleine entscheiden, wenn es so gravierende Lebensabschnitte sind.“
„Verstehe, sie erwähnte nur, dass sie auch für Fehler geradesteht, wenn sie welche macht. Das kann nicht jeder, sich im Ton vergreifen und dann um Verzeihung bitten.“, lächelt er.
„Oha, hat sie sich Ihnen gegenüber wirklich im Ton vergriffen? Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“, schaut er skeptisch.
„Nun, ich habe es nicht so empfunden, aber sie scheinbar schon. In ihrer Situation sind die Leute in der Regel aufgewühlt und aufgebracht. Da kommt es vor, dass man Dinge sagt, die man anders meint. Sie hat sich nicht wirklich im Ton vergriffen, aber ich denke mal, dass sie sich lieber anders ausgedrückt hätte und sie sagte, es sei die Anspannung gewesen.“ Die Augen des deutschen Mannes werden groß und dann schaut er aus dem Fenster.
„Verstehe. Sie hat sich falsch ausgedrückt, das hat sie gesagt?“
„Ja.“ Es wird geschwiegen. Dann schaut er sich plötzlich um und sieht herausfordernd in die dunklen Augen des Kommissars.
„Wieso waren Sie vorhin mit ihr alleine auf dem Flur? Ohne Beistand unsererseits hätten Sie nicht alleine sein dürfen. Bettina ist noch minderjährig!“
‚Oha, diese Art anzugreifen hat sie also von ihm. Ganz der Vater.‘ Der Kommissar geht auf ihn zu, weicht ihm dann aus und öffnet das zweite Fenster und holt seine Zigarillos aus der Tasche.
„Stört es Sie, wenn ich mir Eine gönne?“, kommt er mit einer Gegenfrage.
„Ja, das stört mich. Ich habe extra das Fenster geöffnet, damit der Gestank verschwindet.“, kommt als Antwort.
„Ihre Tochter möchte den Fall alleine klären und ich habe sie zur Beratung gebeten. Deswegen waren wir hier und haben darüber geredet wie es weitergehen soll. Sie scheint eine gute Strategin zu sein und hat ein großes Talent mit ihrer Beobachtungsgabe.“, berichtet Saito während er die Schachtel zurück in die Tasche steckt.
„Allein klären? Was soll das heißen?“
„Hm, ohne Anklagen, sie hat vor, eine schriftliche Vereinbarung rauszuholen, statt die Schule oder die Jungs zu verklagen.“
„Was soll das denn? Hat Sie Ihnen auch den Grund genannt?“, murrt er zornig, macht eine Faust und schaut wieder aus dem Fenster.
„Diese Entscheidung scheint Ihnen nicht zu gefallen, das kann ich mir vorstellen. Ich würde da auch nicht lange fackeln, wenn die das mit meiner Tochter gemacht hätten, glauben Sie mir.“ Der blonde Mann schaut nachdenklich in den Park der Schule.
„Was hat sie gesagt? Was ist das für ein Grund?“
„Sie möchte nicht, dass man sie oder ihre Freundin als Opfer sieht. Sie möchte kein Mitleid, sondern Stärke zeigen. Ihr scheint es auch wichtig zu sein, dass die anderen Schüler dieser Schule nicht mit reingezogen werden, es könnte ihre Karriere beeinflussen. Ich gebe ihr Recht, deswegen unterstütze ich diese Entscheidung. Sie hat einen sehr guten Plan, um an dieses Ziel zu kommen. Die beste Vorarbeit hat sie bereits geleistet.
Ich bin erstaunt, dass Sie ihre Entscheidung anzweifeln, wenn Sie doch sonst wichtige Entscheidungen in ihre eigenen Hände legen lassen.“ Tinas Vater dreht sich um und sagt zuerst nichts und starrt ihn nur an.
‚Er ist sehr nachdenklich. Ihm scheint das gar nicht zu gefallen. Wie wird er als Anwalt entscheiden? Immerhin reden wir hier von einem großen Prozess, wenn die Eltern der Jungs es drauf ankommen lassen und alles vors Gericht geht.‘
„Gut. Wir machen es so, wenn das ihr Wunsch ist. Unter zwei Bedingungen.“, äußert er mit fester Stimme, geht zu Saito, bleibt kurz vor ihm stehen und schaut zu ihm auf.
„Nur ICH werde bei den Abmachungen dabei sein und …“ Er stoppt kurz.
„Ich will vorher Bettinas Verletzungen sehen. Jetzt sofort.“
„Das müssen Sie mit ihr ausmachen. Ich halte mich da raus. Die Verhandlungen sind nicht meine Aufgabe, ich wäre ohnehin nicht dabei.“ Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür und Tina schaut die beiden an.
Erstaunt schaut sie ihren Vater an.
„Papa, was quatscht du denn so lange rum? Lass den Kommissar in Ruhe, er ist okay.“
„Bettina, schließe bitte die Tür und komm zu mir.“, sagt er ruhig aber ernst. Sie macht was er sagt und geht zu ihm.
„Der Kommissar hat mir die Sachlage erklärt. Du willst die Jungs und die Schule nicht verklagen?“
„Genau. Das gefällt dir nicht, oder?“, spricht sie ruhig.
„Ganz und gar nicht. Aber ich toleriere deine Entscheidung. Du weißt was das heißt? Du trägst damit eine sehr große Verantwortung. Vor allem dann, wenn die Jungs sowas nochmal machen.“
„Vertrau mir Papa, ich habe bereits viel über die Japaner gelernt. Sie sind auch Sportler und ich will ihnen nehmen was ihnen am wichtigsten ist.“
Er schaut erstaunt und grinst.
„Ihren Stolz. Den Stolz hier an so einer Schule zu sein.“
„Genau, und ihre Ehre, die Ehre ihren Sport ausführen zu dürfen. Und fehlt ihnen beides, dann bleibt ihnen nur was?“
„Ihre Familie.“, antwortet er.
„Und wenn sie nun unehrenhaft und ruhmlos diese Schule verlassen müssen und sich deswegen vor ihrer Familie rechtfertigen müssen, was bleibt ihnen dann noch übrig?“
„Die Scharm vor ihrer Familie.“
„Und wenn man sich schämen muss? Was ist denn dann?“
„Dann schämt man sich für das was man getan hat, weil man darüber nachdenkt. Bettina, also wirklich.“
„Das einsichtige Schuldeingeständnis.“, haut der Kommissar raus. Tina lächelt den Kommissar an und dann ihren Vater. Dieser legt seine rechte Hand auf ihre Schulter.
„Das ist mein Mädchen. Du verlierst nie den Glauben an die Menschen. Aber sei dir bewusst, dass das nicht aufgehen muss. Es ist ungewiss.“
„Es muss Papa, es muss funktionieren!“, sagt sie mit fester Stimme und sieht ihm in die Augen.
„Und die Schule? Sie muss dafür Verantwortung übernehmen.“, sagt er bestimmend.
„Das wird sie auch. Vertraue mir. Das wird sie. Einer der Täter ist der Stiefsohn des Anwalts der Schule, das können wir doch gut ausnutzen. Sie stehen persönlich mit drin und er kann ihnen nicht mehr helfen. Sie sind also gezwungen einen Deal einzugehen.“
„Das mag sein, aber so eine Tat unter den Teppich zu kehren gefällt mir nicht.“ „Papa. Es geht nicht anders. Ich habe dir doch von meinem Klassenkameraden Misugi erzählt. Wir reden endlich miteinander und freunden uns im Moment etwas an. Seine Freunde, einige von ihnen, gehen hier an diese Schule. Ich habe sie eben gesehen. Papa, du willst doch nicht wirklich, dass sie sich später rechtfertigen müssen, weil es an ihrer Schule unsportliche Gewalttaten gab? Wenn das Schlagzeilen macht, dann fällt das auf alle Schüler zurück. Das…würde ER mir nie verzeihen.“, spricht sie leise, ruhig und betont den letzten Satz besonders.
‚Was hat das zu bedeuten? Wieso ist ihr der herzkranke Klassenkamerad so wichtig? Wieso denkt sie, dass ihr Vater es versteht?‘ Tinas Vater macht plötzlich ein liebevolles Gesicht und fasst sanft ihre Wange mit dem Handrücken.
„Ach Kind.“, sagt er nur und atmet tief durch.
Es wird nun noch einiges über die nächsten Schritte besprochen und dann verlassen sie zusammen den Raum. Auf dem Flur wartet Tinas Mutter. Sie schaut aus dem Fenster zum Schulhof runter.
Gemeinsam gehen sie zum Raum indem der Direktor und die anderen warten. Herr Fuchs erzählt ihr kurz was passiert ist und wie Tina das Problem angehen will. Plötzlich fängt sie an zu weinen und umarmt ihre Tochter schluchzend. Saito ist hinter den dreien und beobachtet sie aufmerksam.
„Mama.“, haucht die Jugendliche und nimmt ihre Mutter in die Arme und streichelt tröstend durch ihr Haar.
‚Interessant, in der Regel trösten die Eltern in so einem Fall ihr Kind und nicht umgedreht. Sie scheinen eine sehr enge Familienbindung zu haben. Das erlebt man selten.‘
„Willst du lieber draußen bleiben?“, fragt sie ihre Mutter. Diese schüttelt den Kopf.
„Nein! Ich will diese Feiglinge sehen. Ich will mir ihre Gesichter einprägen.“ Die Tür geht auf und alle sehen neugierig zu ihnen. Inzwischen wurde der Zweifler in einen Nebenraum gebracht und Yakos Mutter ist eingetroffen.
Einige mehrere Minuten vergehen und dann öffnet sich die Tür und der Junge, welcher von Tina als Anführer gehalten wird, steht mit seinem Vater vor der Tür. Er weiß noch nicht was los ist, ist jedoch überrascht die Polizei und zwei Mitschülerinnen mit Eltern zu sehen. Der Junge bekommt große Augen, als er Tina und Yako erkennt. Beide verbeugen sich höflich und betreten nun den Raum. Hinter ihnen wird die Tür geschlossen.
„Guten Tag. Wissen Sie bereits wieso wir Sie haben kommen lassen?“, spricht der Direktor den Vater an.
„Guten Tag. Nein, mir wurde nichts weiter mitgeteilt. Warum ist die Polizei hier?“
„Ihrem Sohn wird die Beteiligung einer Gewalttat innerhalb einer Gruppe vorgeworfen. Heute ereignete sich ein tätlicher Übergriff mit Zehn Jungen auf diese beiden Mädchen. Hier auf dem Schulgelände. Sie wurden geschlagen, verfolgt und in einen Dornenbusch geschupst, so dass sie Verletzungen erlitten, welche genäht werden mussten. Es steht also der Verdacht der schweren Körperverletzung im Raum.“, nimmt der Kommissar das Ruder in die Hand und setzt einen sehr strengen Blick auf und spricht Englisch. Er erntet einen verdutzten Blick des Vaters, welcher dann zum Jungen geworfen wird.
„Was soll das heißen? Und wieso reden wir hier auf Englisch?“ Sein Sohn sieht ohne mit einer Wimper zu zucken zu ihm.
„Ich habe gar nichts. Ich weiß nicht einmal wer die beiden sind. Ich habe die noch nie gesehen. Ich würde niemals meine Hand gegen Mädchen erheben, das weißt du.“, wird auf Japanisch geantwortet.
„Das kann ich mir auch nicht vorstellen.“, spricht er im guten Glauben.
Tina tritt hervor und sieht dem Jungen in die Augen.
„Bitte sprechen Sie beide auf Englisch, damit meine Eltern und ich alles mitbekommen. Das wäre sehr nett.“ Der Vater sieht zu ihr und wundert sich.
„Was soll das heißen? Sie leben hier und sprechen unsere Sprache nicht?“, kommt vorwurfsvoll und respektlos aus seinem Mund.
„Wir leben erst seit zwei Monaten hier, Sie können gerne versuchen in der kurzen Zeit Deutsch zu lernen.“
„Mein Sohn hat nichts getan und würde so etwas feiges niemals machen. Mit zehn Leuten auf zwei Mädchen. Und dann noch Mitschülerinnen, niemals. Warum sollte er? Sie müssen sich geirrt haben, vielleicht weil Sie die Gesichter noch nicht unterscheiden können.“, spricht er sehr zornig.
„Und überhaupt, stellen Sie sich erstmal vor. Verleumdung kann böse enden.“ „Mein Name ist Bettina Fuchs. Den Namen kann sich Ihr Sohn gleich merken, denn er hat sich mit der Falschen angelegt.“, spricht sie ernst.
„Gar nichts habe ich.“, spricht der Junge plötzlich zornig.
„Haben Sie denn überhaupt Beweise für Ihre Anschuldigung?“, wendet sich der Vater an den Kommissar.
„Es liegen zwei Beweise vor.“ Der Junge ist irritiert und schaut den Kommissar an. Dann bewegt er plötzlich seinen linken Fuß und schaut dann zu Tina.
„Welche bitte?“, fragt der Vater verwundert.
„Den ersten Beweis hat er gerade selbst bemerkt. Oder hast du plötzlich Zuckungen im linken Bein?“
„Was? Du spinnst doch wohl. Ich habe keine von euch angerührt, also gibt es auch keine Beweise.
Wie redest du überhaupt mit meinem Vater, du dumme Kartoffel.“, faucht er sie an. Tina grinst und ihr Vater stellt sich plötzlich mit einem sehr bestimmenden Blick und festen provokativen Stand neben Tina.
„Was erlauben Sie sich meine Tochter anzubrüllen und rassistisch zu beleidigen? Sie sind derjenige, der sich zurückhalten sollte. Eine Anzeige wegen rassistischer Beleidigung steht schonmal auf meiner Liste.“, spricht er ruhig aber bestimmend.
„Du sagst am besten gar nichts mehr, mein Sohn.“, greift der Vater plötzlich ein. Er verbeugt sich vor Tinas Vater.
„Es tut mir sehr leid, mein Sohn hat sich in der Aufregung im Ton vergriffen.“ Dieser ist auf einmal ganz leise.
„Danke, es beweist nur, dass du genau weiß worum es geht. Welchen Sport betreibst du?“, spricht Tina erneut mit dem Jungen.
„Was spielt das für eine Rolle? Ich habe euch nicht angefasst, das ist es doch worum es geht.“, mault er.
„Wer sagte denn, dass du uns angefasst hast? Welche Beziehung hast du zum Mädchen-Volleyballteam? Hast du da eine Freundin, oder wieso ist dir ihr Sieg so wichtig?“ Sein Vater schaut plötzlich auf und dann zu ihm.
„Was meint sie damit? Was haben die Mädchen denn damit zu tun?“ Er dreht sich weg von ihm und verschränkt die Arme.
„Nichts.“
„Die Mädchen hier sind aus dem Team der Musashi-Schule und wollten das Toho-Team besuchen und mit ihnen reden. Die Jungs haben sie jedoch vorher abgefangen und angegriffen.“, erklärt Saito streng.
„Sind das nicht die Nationalsieger? Das Qualifikationsspiel haben wir doch zusammen gesehen. An eine Blondine kann ich mich aber nicht erinnern.“
„Bettina ist erst seit einem Monat bei uns. Aber an mich müssten Sie sich erinnern. Ich bin die Kapitänin. Yako Kawasaki.“
„Stimmt. Jedes Jahr gewinnen Sie die Qualifikation.“ Er atmet tief durch und schaut zu seinem Sohn und dann zum Kommissar.
„Ich will die angeblichen Beweise sehen.“
Tina schaut zu Saito und deutet mit dem Blick auf das Tonbandgerät.
„Die Tat wurde auf Band aufgenommen.“
„Wie jetzt? Und wenn, ich war nicht dabei und kann also nicht auf dem Band sein.“, schreckt der Täter auf.
„Auch wenn du nichts gesagt hast, du bist da drauf zu hören.“, sagt Tina ruhig und grinst ihn an. Das Band wird abgespielt.
Die Mädchen unterhalten sich noch und der Vater des Jungen staunt nicht schlecht, als er das mit den Sprachen hört. Er kommentiert es jedoch nicht. Sie erntet aber einen ernsten Blick von ihrer Mutter.
‚Oh, das scheint ihr gar nicht zu gefallen, dass sie es gesagt hat und nun die anderen hören können. Was ist daran so schlimm? Es ist doch gut, so kommt ihre Tochter überall irgendwie klar. Diese Familie ist schon seltsam.‘
„Du wagst es mich anzufassen?“, ertönt eine Stimme auf dem Tonband.
Es ist ein Gerangel zu hören und der Kommissar erklärt kurz, dass sie nun versuchen die Mädchen anzugreifen und festzuhalten. Dann folgt der Aufschrei. Tina sagt Stopp.
„Hier, das bist du!“, sieht sie den Jungen ernst und überzeugt an.
„Du lügst doch. Das kann ja jeder gewesen sein.“
„Lassen wir es erstmal weiterlaufen.“, bestimmt sie dann. Das Band wird wieder angemacht. Der Gesichtsausdruck des Vaters wird immer blasser, während die Beschreibung der Tat vom Kommissar läuft.
‚Er hat seine Stimme erkannt. Bettina Fuchs, du bist gut, statt es gleich aufzuklären, lässt du den Vater alles hören und den Jungen schmoren. Das ist wirklich eine gute Taktik. Bis jetzt läuft es nach deinem Plan.‘ Dann ist die Aufnahme zu Ende. Tina grinst siegessicher und schaut kurz zum Kommissar. „Darf ich?“, fragt sie. Er nickt ab.
„Der Eine hat mich in den Arm hier geboxt, der Schlag war nicht ohne, ein Profi, vermute ich und ich habe ihm als Konter eine Ohrfeige verpasst. Er hat eine Schmarre abbekommen. Dann fing das Gerangel an und noch bevor wir uns befreien konnten, habe ich die Person markiert, welche eindeutig die ganze Zeit die Fäden in der Hand hielt und kein einziges Wort sagte und auch nicht einen Finger krumm machte.“ Plötzlich sieht der Junge sie verwundert an. Sein Vater ist ebenso verwundert und schaut nachdenklich zu seinem Sohn.
„Du musst es auch gar nicht mehr leugnen, denn du hast dich bereits selbst verraten. Ich gehe mal davon aus, dass die anderen ebenso bereits dein Zucken am linken Bein bemerkt haben, als von Beweisen gesprochen wurde. Damit hast du dich schon verraten, denn…“ Sie stellt sich auf ihr linkes Bein, zieht den rechten Schuh aus und geht langsam auf ihn zu.
„Heb das linke Hosenbein an.“, fordert sie, doch er zieht es zurück.
„Gut, brauche ich auch gar nicht.“, grinst sie plötzlich, geht in die Knie und hält ihren Schuh in die passende Höhe und der ausführenden Position, wie sie ihn getreten hatte.
„So und an dieser Stelle habe ich zugetreten, nicht doll, deswegen weiß ich nicht, ob es am Bein zu sehen sein wird. “ Sie stoppt.
„Die Hose ist sauber, also irren Sie sich.“, kommt aus dem Mund des Vaters. „Sauber ja, aber schauen Sie hier. Genau an dieser Stelle gibt es eine raue Stelle, und die kommt von meiner Sohle, da sich dort kurz zuvor ein kleiner Stein festgesetzt hatte. Da hilft das Wegwischen von Staub und Dreck gar nichts. Wenn ich jetzt diese raue Stelle in genau dieser Höhe bedenke und dann das Hosenbein hochziehen würde, könnte wenigstens eine ganz kleine Mini-Stelle am Bein zu sehen sein. Der kleine Stein hier, hat sicher etwas hinterlassen, wenn es für das Aufrauen er Hose reichte.“ Sie schaut zum Vater auf und sieht ihm in die schwarzen Augen. Er blickt sie nur verdattert an.
„Hosenbein hochziehen, sofort!“, fordert der Kommissar plötzlich mit ernstem Ton. Und ja, der Vater zieht es hoch und es ist tatsächlich eine kleine Schmarre genau in der Höhe, die Tina mit ihrem Schuh anzeigt, zu sehen. Sie hat zwar nur die Haut etwas abgerieben, aber zu sehen ist sie. Ganz frisch.
„Deswegen hast du aufgeschrien, damit hast du nicht gerechnet, dass eine von uns jemanden angeht, der sie nicht anfasst. Aber ich habe erkannt wer du bist, welche Rolle du spielt.“ Sie steht auf und zieht ihren Schuh wieder an. Dann zeigt sie mit dem Finger auf ihn.
„Du warst nicht irgendwer, der dabei war und zusah. Du bist der Anstifter der Gruppe. Du bist derjenige, der alles zu verantworten und die Gruppe angeleitet hat.
DU bist ihr Leitwolf! Genau deswegen hast du nichts selbst getan. Du hast dir bewusst einen gewaltbereiten Kammeraden gesucht, welcher gerne selbst den Ton angibt, aber zu dumm ist, deinen Plan zu durchschauen. So hätte es für uns ausgesehen als wäre er der Anführer. Du hast ihm die Macht eines von dir bereits angestachelten Haufen Looser gegeben, ihn machen lassen und hast ihn mit deinen Bauern an die Front geschickt. Also sie auf uns gehetzt. Ursprünglich ja nur auf Yako. Ich war nicht eingeplant. In der Hoffnung, dass sie es nicht mitbekommt, denn was hätte sie alleine schon tun können gegen zehn Männer? In der Annahme ohne Wort und Tätlichkeit, keine Spuren zu hinterlassen, würde dir nichts passieren oder nachweisbar sein.
Du bist klug, aber nicht klug genug, um dich mit mir anzulegen. Du wusstes, nach den anderen Aktionen gegen Yako, dass sie aus Stolz nichts sagen würde, aber mit mir hast du nicht gerechnet. Du steckst sicher auch hinter all den Drohbriefen, den kleinen Angriffen im Dunkeln im Park und dem Stein in ihr Fenster mit der Mahnung. Alles Aktionen, um ihr Angst einzujagen, damit sie nicht mehr spielt. Aber du hast nicht gewusst, dass ich an dem Tag bei der Steinaktion bei ihr war. Da wusste ich endlich was los ist und habe mich an ihre Ferse geheftet. Deswegen bin ich hier, weil ich ihr gefolgt bin. Du hast irgendwann gemerkt, dass man sie nicht eingeschüchtert bekommt, also blieb dir keine andere Wahl ihr körperlich etwas anzutun, damit sie nicht mehr die Nummer Eins sein kann! Dafür hast du dir eine Truppe zusammengestellt und sie angestachelt, in der Hoffnung mindestens einer würde sie verprügeln oder etwas anderes antun, damit sie nicht mehr spielen kann und könntest dich dann verdrücken!
Dein Plan ging aber schief, denn plötzlich war ich auch da. Und wir beide haben uns gewährt. Und ICH, ich gebe niemals klein bei!“
„Du spinnst doch!“, murrt er sie an.
Tina dreht sich um, greift nach dem Beutel, holt ihr Oberteil raus, breitet es vor allen sichtbar aus und drückt es seinem Vater dann in die Hand.
„Das hier ist das Ergebnis, wenn man eine Meute machen lässt was sie will. Und Ihr Sohn hat es so richtig genossen, uns da so wehrlos im Brombeerstrauch liegen zu sehen. Vor allem als der eine bei Yako noch nachgetreten hat obwohl sie sich nicht mehr wehren konnte. Ihr Kleid sieht noch viel schlimmer aus! Ihre Wunden sind viel tiefer als meine.“ Plötzlich ist ein lauter Knall zu hören. Der Vater des Jungen verpasst ihm vor Enttäuschung eine schallende Nackenschelle. Dieser schaut nur zu Boden und dann sieht er zornig zum Direktor.
„Das wäre alles nicht passiert, wenn diese doofe Schulleitung nicht der Meinung wäre das Team aufzulösen, nur weil sie wieder nicht an der Nationalmeisterschaft teilnehmen konnten!“, brüllt er plötzlich in den Raum. Alle sehen ihn verdattert an.
„Wieso auflösen?“, spricht der Direktor und steht auf.
„Na Sie haben doch verlauten lassen die Volleyballteams der Mädchen aufzulösen, weil sie keinen Erfolg einfahren und ohne Teilnahme an den großen Wettkämpfen somit Sponsoren fehlen.“, erklärt er aufgebracht.
„Das stimmt doch gar nicht. Das habe ich niemals gesagt und das habe ich auch nicht vor. Niemand hat vor ein so erfolgreiches und starkes Team aufzulösen. Wir erhalten jedes Jahr mehr Sponsoring dazu, statt weniger. Wer hat denn sowas erzählt?“
„Na das Team. Der Trainer sagte ihnen, dass es eine große Umstrukturierung geben wird und nun haben sie Angst, dass sie am Jahresende ohne den Sieg die Schule verlassen müssen.“
„Mit der Umstrukturierung ist doch keine Auflösung gemeint. Wir wollen lediglich mehr Talente zu uns holen und die Teams aufstocken. Mithilfe der neuen Sponsoren. Das ist damit gemeint. Fragen Sie Frau Kawasaki doch gleich selbst, sie und eine weitere Spielerin haben wir auch mit ins Boot holen wollen. Sie haben jedoch beide abgelehnt. Es laufen derzeit mehrere Angebote im ganzen Land für neue Stipendien für die Jungs und für die Mädchen im Volleyball.“
Nun ist er ganz still und schaut zu Yako.
„Wirklich?“
„Ja, das Angebot kam gleich nach der gewonnenen Qualifikation, noch vor den Ferien. Wie konntest du nur glauben, dass ein starkes Team wie eures aufgelöst werden könnte? Konkurrenz belebt doch das Geschäft. Ist der Gegner stärker als du, dann wirst du doch auch stärker, weil du dich mehr reinhängen musst. Unsere Siege sind immer sehr knapp. Wir sind fast gleichstark.
Eure Stärke ist dem Gleich eines Nationalsiegers. Wenn wir nicht in derselben Präfektur wären, würden wir uns vermutlich jedes Jahr im Finale treffen. Wenn die Mädchen also weiter hierbleiben und auch meinetwegen verlieren, gegen uns, dann finden sie trotzdem ihren Anschluss in den Vereinen oder im Ausland, weil sie sehr gut sind. Das Qualifikationsspiel ist in Augen der Vereine, Talentscouts und Sponsoren immer gefühlt das Finalspiel der Nationalmeisterschaft, weil sie wissen wie stark sie sind. Und das müssten die Mädchen auch wissen. Sie haben es gar nicht nötig zu solchen Mitteln zu greifen. Genau deswegen wollte ich mit ihnen reden. Ich wollte fragen, ob sie sich jemanden vorstellen könnten, der mich anfeinden würde.“
„So ist es. Die älteren von ihnen haben alle bereits Verträge für nächstes Jahr, wenn sie die Schule verlassen.“
Total geplättet nimmt der Junge sich einen Stuhl, setzt sich an den Tisch neben Tina und verschränkt die Arme vor sich.
„Es tut mir leid. Hilft es mir im Strafmaß etwas, wenn ich die Namen der Anderen nenne und sage wer was gemacht hat?“, sagt er ruhig und sieht dann zum Schulanwalt auf.
„Ja, aber Sie müssen mich gar nicht ansehen. Ich kann diesmal nicht helfen. Das wissen Sie genau. Sie benötigen einen eigenen Anwalt. Ich kann diesen Fall nicht betreuen.“, murrt dieser, steht auf und geht zum Vater des Jungen und nimmt ihm nachdenklich das Shirt von Tina ab. Er sieht es sich kurz an und gibt es Tina wieder.
„Dieser Vorfall ist unverzeihlich.“, sieht er ihr ehrlich in die Augen.
„Es tut mir leid, dass ich Sie vorhin so angegangen bin, das steht mir gar nicht zu, nicht nachdem sich mein eigener Stiefsohn als so ein Feigling herausgestellt hat. Ich werde ihn auf jeden Fall von der Schule verweisen. Seinen Sport kann er sich an den Nagel hängen.“, macht er eine Faust. Tina lächelt ihn an.
„Vielen Dank, dass Sie das so sehen. Welchen Sport übt er aus?“
„Er ist Leistungsschwimmer, Flossenschwimmen und Tauchen mit Monoflosse.“, sagt er leise aber kann es nicht mehr wie früher mit Stolz sagen. Dann schaut er zu Yako.
„Das Gleiche gilt für Sie, Frau Kawasaki.“ Kurz darauf geht er zur Tür.
„Ich werde mich zurückziehen. Direktor, Sie müssen sich ohnehin einen anderen Anwalt für diesen Fall suchen, ich darf die Schule auf Grund von Befangenheit nicht vertreten.“
„Aber Herr Dr. Gato, Sie können uns doch in dieser Situation jetzt nicht alleine lassen.“, kommt plötzlich die Stimme der Sekretärin. Dr. Gato starrt nur auf die Tür, die er bereits in der Hand hält.
„Rufen Sie meine Vertretung an. Ich hole meinen „Missratenen“.“, äußert er nur enttäuscht und schließt dann die Tür hinter sich.
Tinas Mutter geht auf sie zu und nimmt ihr das Shirt ab.
„Du hast gesagt, es sind nur ein paar Kratzer, Bettina.“
„Ach Mama, belass es jetzt dabei. Okay? Wir reden heute Abend.“ Sie tritt zurück zu ihrem Mann und zeigt ihm das Shirt. Sie flüstern leise auf Deutsch miteinander und Tina schaut nur mit einem schüttelnden Kopf zu ihnen.
Kurz darauf nimmt ihr Vater sie in den Arm, geht mit ihr zur Tür, gibt Tina das Shirt, berührt kurz ihre Schulter, blickt ihr stolz in die Augen und beide verlassen den Raum ohne ein Wort zu sagen.
Gesine und Georg
Kapitel 103
Gesine und Goerg
Tinas Eltern verlassen den Raum und gehen über den Flur zu einer Nische wo man sie vom Fenster aus nicht sehen kann. Ihre Mutter fängt bitterlich an zu weinen und vergräbt sich an der Brust ihres Mannes.
„Ach Schatz, sie schafft das. Es ist doch noch alles gut ausgegangen. Bettina ist sehr stark, das weißt du doch.“
„Aber Georg, wie schlimm wird ihr Rücken aussehen? Ich kann mir das gar nicht vorstellen. Wieso sagt sie denn nicht gleich was los ist? Wenn es nur Kratzer sind, müssen die doch nicht genäht werden. Und das schöne Shirt ist ja total voller Löcher und Blutspuren.
Mein armes Mädchen.“, weint sie.
„Diese Feiglinge haben sie und ihre Freundin total entstellt. Und bei ihr soll es noch schlimmer sein? Die ist doch auch so hübsch. Wie konnten sie nur? Was sind denn das für furchtbare Jungs? Zum Glück hat sie sich für die andere Schule entschieden.“
„Gesine, hast du nicht bemerkt wie selbstbewusst sie das Problem selbst löst? Ich habe mit dem Kommissar gesprochen. Er unterstützt sie, Bettina scheint ihm zu vertrauen.“
„Hast du denn das Gefühl, dass sie ihm trauen kann?“
„Bis jetzt hatte sie immer das richtige Gespür für Menschen. Ich weiß ja nicht was bisher passiert ist und warum er ihr die Aufklärung von sich aus überlässt. Aber er scheint ihr auch zu vertrauen.
Dieser Mann wird sehr erfahren sein. Er macht den Anschein in der Regel den Ton anzugeben. Er scheint eher so ein harter Knochen zu sein. Mit solchen Leuten ist es in der Regel nicht leicht. Was auch immer unsere Tochter bisher gemacht hat, es muss ihn sehr beeindruckt haben.
Hast du eben mitbekommen was der Anwalt gesagt hat? Er hat ihr gegenüber sein Bedauern ausgedrückt und einen Fehler eingeräumt. Welcher Anwalt macht sowas? Ich hätte an seiner Stelle gar nichts gesagt.
Auch da muss etwas vorher gewesen sein. Da merkst du mal wie verschieden die Kulturen sind. In Deutschland wäre nur ein Kontern da, niemals eine Einsicht oder das Verständnis gegenüber einem Opfer. Im Gegenteil.
Wenn ich bedenke wie Bettina damals auf der Polizeiwache behandelt wurde, ist es erstaunlich, dass sie diesem fremden Hauptkommissar überhaupt vertraut. Jedes andere Mädchen in ihrem Alter hätte niemals die Situation so gut weggesteckt. Die meisten hätten sich nur noch verkrochen und würden nicht so selbstsicher leben wie sie es tut.“ Gesine wischt ihre Tränen weg, richtet ihren Kopf auf und sieht mit ihren verweinten Augen zu Georg auf.
„Du hast Recht. Sie war immer sehr stark. Nicht nur im Sport, sondern auch jetzt, egal was war, sie steht auf und macht weiter...oder sie fängt neu an. So wie wir es früher mal tun mussten.“
„Das stimmt. Sie war immer stark.“ Er schaut kurz durch den Flur. Es ist niemand zu sehen. Dann berührt er zärtlich ihr Gesicht, wischt die letzte Träne weg, sieht sie liebevoll an, beugt sich zu ihr runter und küsst sie sinnlich. Ihre Anspannungen lösen sich ein wenig. Dieser kurze schöne Moment lässt bei ihr die Zweifel etwas verfliegen. Die furchtbaren letzten Monate waren für beide der Horror und endlich waren sie wieder in einem glücklichen Alltag angekommen, aber dann kam der seltsame Anruf einer fremden Schule. Was ist denn nur passiert? Warum ruft eine Schule an, an die ihre Tochter doch gar nicht geht? Voller Sorgen ließen sie alles stehen und liegen und eilten her.
Plötzlich ist eine Türklinke zu hören und sie unterbrechen ihren Kuss, wie auch die Umarmung. Er lehnt an der Wand und sie steht vor ihm und schaut verdattert zu ihm auf.
„Was ist los? Kommt jemand?“
„Es sind drei Jungs, sie waren wohl beim Arzt.“
„Aber keiner von diesen Feiglingen?“ Die drei jungen Nationalspieler plaudern zwischen Tür und Angel noch belustigt mit dem Arzt.
„Nein, bestimmt nicht. Es sind junge Fußballer. Sie kommen mir sogar bekannt vor.“
„Wie kann das sein? Woher denn das?“ Sie dreht sich um und sieht zu den Jungs, wie sie angeregt miteinander reden.
„Könnten das die Jungs vom Flughafen sein? Was ist, wenn sie uns erkennen?“ „Ja, vermutlich. Das denke ich weniger. Wir standen so weit weg und sie haben nicht zu uns gesehen, da sie von Bettinas Begrüßung so überrascht waren. Die Blicke waren alle nur auf sie gerichtet.“
„Sie machen aber einen sehr starken und netten Eindruck, die drei Burschen. Ob alle drei in dem Nationalteam waren? Sie wirken als wären sie richtig gute Freunde.“
„Ich denke schon. Ich habe mir die Spiele ja trotzdem alle angesehen. Was meinst du, warum ich wollte, dass sie an diese Schule geht. Ich dachte, wenn sie erst mitbekommt, dass hier ein paar von Genzos Freunden sind, gehen diese Bilder, die sie neuerdings hat, weg.“
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie ihre Gegner gewesen wären. Diese großen starken Burschen.“
„Man merkt, du hast dir seit gut zwei Jahren kein einziges Spiel mehr angesehen. Du hast nur die Zeit am Kiosk mit den Kindern genossen. Diese Jungs sind nicht viel größer als die anderen Gegner. Da gab es bereits größere als Karl, so wie Stephan es war. Sie wollte doch nach diesem Freundschaftsspiel aufhören und sich dem Schwimmen und Laufen widmen.“
„Was sollte ich denn machen? Ich wollte Bernd nicht über den Weg laufen und meine Kinder trotzdem irgendwie um mich haben. Das war so schön, wenn sie mit ihren Freunden da waren.“
„Nur daran darfst du noch denken, okay? Die glückliche Zeit mit unseren Kindern. Das mache ich doch auch so. Die Zeit sehen als alle zusammenspielten und mit ihren Freunden zusammen waren und auch ihre Kämpfe mit den Gegnern. Die drei dort waren definitiv im Team der Japaner, ich erkenne sie eindeutig wieder. Und wenn ich die so sehe, weiß ich was unserem Team gefehlt hat, also was Karl mit den anderen zusammen gefehlt hat, um gegen sie zu siegen.“
„Was war das? Er ist doch sehr stark.“
„Freundschaften innerhalb des Teams, Schatz und ein stabiles Elternhaus. Bernd und Ute liegen doch noch immer in Trennung. Und dann der Skandal mit dem Verein. Das war wirklich sehr schwer und hat die Kinder sehr mitgenommen.“ „Armer Karl-Heinz. Bei uns hätte er immer Stabilität gehabt. Ich habe es immer sehr genossen wie begeistert er mir im Kiosk geholfen hat und wie sehr ihm die Brötchen geschmeckt haben. Es war damals ein großer Fehler.“
„Ich weiß, aber es ging doch nicht anders, Liebling. Jetzt können wir nicht mehr zurück.“
„Georg, die Jungs kommen her. Was nun? Sicher, dass sie uns nicht erkennen?“ „Ganz sicher. Bettina müsste eher aufpassen.“
Noch angeheitert reden Ken und Takeshi miteinander und Kojiro wirkt nachdenklich, als er mit ihnen den Flur entlanggeht. Er betrachtet verwundert das ausländische Pärchen, wie es sie anlächelt und den Weg freimacht. Die Augen der Frau wirken verweint und trotzdem lächelt sie ihn an.
„Guten Tag.“, grüßt er freundlich auf Japanisch, denn ihm kommt es unhöflich vor ohne Ton an ihnen vorbeizugehen.
„Guten Tag. Es ist mir eine Ehre.“, entgegnet Georg auf Englisch. Der Stürmer stutzt und bleibt überrascht vor ihm stehen.
„Eine Ehre?“ Die anderen zwei bleiben auch erstaunt stehen und sehen den deutschen Mann an.
„Ich gratuliere zum Weltmeistertitel. Wenn ich mich nicht täusche, sind Sie doch alle drei aus dem U16 Nationalteam?“
„Guten Tag, ja das stimmt. Vielen Dank. Haben Sie das Finale gesehen?“, hinterfragt Kojiro.
„Ich habe alle Ihre Spiele gesehen. Sie sind ein phantastisches Team.“
„All unsere Spiele? Etwa auch das Testspiel gegen Hamburg?“, hinterfragt Takeshi.
„Auch das. Es war ein gutes Spiel, andere Teams sind mit mindestens 10 Gegentoren vom Platz gegangen, ohne ein eigenes gemacht zu haben.“ Ein ernster Blick kommt vom Stürmer. Diese Niederlage mit 5:1 hängt ihm noch sehr nach. Der Keeper schaut auch etwas nachdenklich.
„Sind Sie die Eltern von der neuen Schülerin? Vorhin haben wir ein blondes Mädchen gesehen. Aber es war ein Polizist bei ihr.“, erkundigt sich Ken neugierig.
„Das war unsere Tochter, aber sie hat sich letztendlich für eine andere Schule entschieden.“
„Welchen Sport macht sie?“, fragt Ken.
„Schwimmen und Laufen.“ Der Keeper berührt kurz mit der Faust den Arm seines Stürmers und spricht leise.
„Du bist auch ein guter Schwimmer.“
„Das kann man nicht vergleichen. Ich schwimme weniger in der Halle.“
„Unsere Tochter war kurz vor dem Rettungsschwimmerabzeichen. Sie ist hauptsächlich im Meer und liebt die Wellen.“
„Kurz davor? Hat sie die Prüfung nicht geschafft?“
„Der Umzug kam leider dazwischen.“
„Respekt. Sie kann es hier an einigen Schulen nachholen. Unsere bietet das auch für andere Leute an, nicht nur die eigenen Schüler.“, erklärt Takeshi.
Kurz darauf entdecken die drei zwei andere Jungs, die über den langen Flur entlang in ihre Richtung kommen. Der Keeper setzt einen skeptischen Blick auf.
„Was will der denn hier? Zum Arzt wollen die sicher nicht.“
„Keine Ahnung. Lasst uns gehen.“
„Ich will auch nicht mit dem zusammen gesehen werden. Dieser Feigling.“
„Feigling? Warum, wenn ich fragen darf?“
„Stellen Sie sich vor, als wir, Ken und ich hier vor zwei Jahren angekommen sind, ist der Große und drei weitere Kerle auf Ken los, als er mal alleine war. Aber die haben nicht damit gerechnet, dass sie sich mit einem Karatemeister anlegen. Da hilft ihnen ihr Kickboxen auch nicht weiter.“ Die Eltern sehen sich um und schauen zu den Jungs. Sie werden vom Anwalt der Schule begleitet und sehen beide recht betrübt aus. Bettinas Eltern halten sich zurück und die zwei Jungs schauen nur verwundert zu ihnen. Die Fußballer treten zur Seite und sehen den großen kräftigen zornig an.
„Ist die Polizei deinetwegen da?“, murrt Ken.
„Welche Polizei? Halt einfach die Klappe!“, ist er überrascht und knurrt gereizt zurück.
„Was? Bist du endlich mal auf Widerstand gestoßen und Papi kann nicht mit dem Geld wedeln?“, äußert Takeshi und grinst.
„Lasst eure Kommentare, das machts nicht besser. Geht zum Training zurück!“, gibt der Anwalt einen sehr bestimmenden Ton an. Die Fußballer warten noch bis die Jungs an ihnen vorbeigegangen sind und dann fängt Kojiro den Anwalt kurz ab.
„Dr. Gato, was auch immer war, ich hoffe er fliegt diesmal. Er bringt die ganze Schule in Verruf!“, spricht er sehr provokant und sieht ihn herausfordernd an. „Das liegt diesmal nicht in meiner Hand. Bleiben Sie einfach am Ball, Herr Hyuga.“
„Hä? Wie jetzt?“, äußern alle Jungs zeitgleich. Dann stößt Dr. Gato seinen Stiefsohn und den anderen Jungen etwas an, weiterzugehen.
„Bewegt euch.“, sagt er leise. Die beiden sehen verblüfft zu Tinas Eltern.
„Was ist denn überhaupt los? Wer sind die Leute?“, fragt der Kickboxer skeptisch. „Das erfahrt ihr früh genug.“, meint der Anwalt, klopft ein paar Türen weiter an und verschwindet mit den beiden in einem Raum.
„Oha, das muss diesmal schlimm sein. Ich glaube er hat gerade gesagt, du sollst so bleiben wie du bist. In der Regel legt ihr euch doch miteinander an.“, meint Ken.
„Hm.“, kommt nur von Kojiro und er schaut zu Tinas Eltern, verbeugt sich kurz als würde er sich verabschieden. Dann geht er an ihnen vorbei. Ken und Takeshi folgen ihm, nachdem sie sich verabschiedet haben.
„Warte Kapitän.“, sagt Ken.
„Dieser Junge eben, er muss einen sehr großen Stolz haben. Ich glaube mit dem Anwalt versteht er sich gar nicht und trotzdem hat er ihn gerade quasi gelobt.“, stellt Gesine fest.
„Das würde ich auch sagen. Und obwohl er nicht die Kapitänsbinde trägt, ist er Derjenige, welcher die anderen mit sich zieht. Die Binde trägt der Keeper, aber er hat ihn Kapitän genannt.
Er ist übrigens der Kapitän gewesen, als sie gegen den HSV gespielt haben. Da war Genzos Freund Ohzora noch nicht dabei. Er wurde erst später aufgestellt.“ „Wirklich? Ach Georg, es ist immer noch so unwirklich, dass Stephan…“, schluchzt sie plötzlich. Er nimmt sie in den Arm.
„Pst, Liebling, denk nicht drüber nach. Wir…müssen nach vorne sehen. Für Bettina.“ Während er sie in den Arm nimmt schweift sein Blick durch den Flur zu den Jungs. Plötzlich dreht sich der Stürmer nochmal um und sieht fragend zu ihnen.
„Habe ich mich nicht verhört. Sie weint.“
„Wer weint?“, fragt Ken.
„Na diese deutsche Frau.“ Nun bleiben sie stehen und Ken und Takeshi wollen sich ebenso umdrehen, aber Kojiro hält sie davon ab.
„Nicht, wir gehen einfach. Das geht uns nichts an.“, spricht er leise mit fester Stimme. Somit dreht er sich auch wieder um und sie gehen weiter. Im selben Augenblick öffnet sich die Tür vom Besprechungsraum und Tina schaut langsam um die Ecke. Sie ist erstaunt, als sie ihre Eltern sieht, wie sie den Flur entlangschauen und ihr Vater ihre Mutter so liebevoll in dem Arm hält. Sie geht leise auf sie zu und versteckt sich von der Sicht her hinter ihrem Vater, damit die Jungs sie nicht sehen können, falls sie sich umdrehen sollten.
„Papa, Mama? Alles okay?“ Sie drehen sich langsam um und sehen ihre Tochter an. Gesine wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und lächelt.
„Alles gut, mein Schatz.“, sagt sie leise und umarmt sie.
„Papa? Was ist passiert? Habt ihr die Jungs getroffen? Sind die nicht stark? Ich bin froh, dass ich nicht gegen sie spielen musste.“, lächelt sie und versucht ihre Mutter aufzuheitern. Sie schaut auf und blickt ihr in die hellen Augen.
„Wirklich? Glaubst du, du hättest euer Tor nicht vor ihnen verteidigen können?“, fragt ihr Vater.
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber jemanden als ernsthaften Gegner zu haben, der mindestens so stark ist wie Karl, das wäre sicher sehr schwer geworden. Kommt ihr jetzt wieder rein?“ Georg sieht seine Tochter total baff an.
„Woher willst du denn wissen, dass sie so stark sind? Du hast dich doch nie wieder damit befasst? Die Spiele hast du auch nicht gesehen.“
„Naja, als die vorhin hier vorbei kamen habe ich mich zwar umgedreht, damit sie mich nicht erkennen, aber der Kommissar hat mir gesagt, dass der Keeper verletzt ist. Als sie dann Richtung Arzt gegangen sind, habe ich doch mal geschaut und den Blutfleck am Rücken gesehen. Diese Verletzung kann nur von sehr harten Bällen kommen. Was meinst du denn wieso ich die letzten Jahre Genzo das Tor überlassen habe? Nicht nur, weil er mich irgendwann ersetzen musste. Karls Bälle wurden immer stärker.“ Ihre Eltern sehen sie total überrascht an. Im selben Moment entdeckt Tina am Ende des Flurs, wie ein weiterer Junge einzeln an den Fußballern vorbei geht. Diese sehen sich verwundert an.
„Wart ihr schon wieder beim Arzt?“, werden die drei von ihm angesprochen.
„Wo denn sonst? Was willst du hier?“, entgegnet Takeshi.
„Keine Ahnung, ich wurde nur herbeordert in Raum 125. Bestimmt wieder irgendeine Änderung vom individuellem Förderplan.“, spricht er locker.
„Wenn du meinst. Dann ändern sich aber heute viele Pläne.“, äußert Kojiro skeptisch. Der Junge sieht ihn etwas irritiert an und dann schaut er durch den Flur. „Wer sind die Leute da hinten?“, fragt er.
„Keine Ahnung, die Eltern von einem deutschen Mädchen.“, antwortet Ken trocken.
„Wie jetzt? Von einem deutschen Mädchen?“, stutzt er plötzlich und sein Gesicht wird ganz blass. Er starrt in die Richtung und dann macht er bewusst einen Schritt zurück. Ken stellt sich ihm in den Weg.
„Ist das jetzt dein Ernst? Du willst wieder gehen? Was ist mit ihr? Was hast du mit dem Mädchen zu tun?“, spricht er sehr ernst.
„Gar nichts. Haltet euch einfach raus.“, faucht er ihn an.
„Halten wir uns auch. Aber was auch immer du gemacht hast, geh hin, kläre das, wenn du einfach gehst, wird es nur schlimmer.“, spricht Ken streng. Der Junge bleibt zögerlich stehen und dann schaut er zu seinen Schulkameraden, die er nur aus der Naturwissenschafts-AG kennt.
„Was habt ihr angestellt? Wolltest du auch mal cool sein und hast dich an eine von Yosukes Aktionen gehängt?“, äußert Takeshi enttäuscht.
Der Neunzehnjährige schaut wieder durch den Flur und entdeckt Tina, welche mit ihren Eltern zurück in den Raum geht.
„Ihr habt doch keine Ahnung.“, haucht er leise, geht an ihnen vorbei und bleibt einige Schritte später erneut zögerlich stehen.
„Wir hätten lieber nichts sagen sollen. Jetzt zieht er den Schwanz ein.“, äußert Ken. Daraufhin gehen sie weiter und kommen im Treppenhaus an. Dort kommt ihnen ein weiterer Oberschüler entgegen und geht in Richtung Flur. Ken dreht sich zu ihm um und spricht ihn fragend an.
„Wo willst du denn hin? Hast du dich beim Tischtennis an der Platte gestoßen?“, grinst er. Der Achtzehnjährige ist bekannt dafür, dass er sich schnell reizen lässt. „Was geht dich das an? Man hat mich nur gebeten zum Konferenzraum zu kommen. Und Tschüss.“, murrt dieser zurück und geht weiter.
„Also wirklich. Ich habe das ungute Gefühl, dass da was im Busch ist.“, meint Takeshi und kaum hat er es gesagt kommen ihnen zwei weitere Jungs entgegen, welche angeregt und sehr leise miteinander tuscheln. Ihre Unterhaltung ist jedoch zu hören, als sie an ihnen auf der großen Treppe entgegenkommen.
„Meinst du einer hat geredet?“
„Auf keinen Fall.“
„Und wieso wollen die, dass wir gleich beide kommen? Ob es wirklich nur um die Stipendien geht?“
„Mit Sicherheit.“
„Und wenn nicht?“
„Mach dir nicht ins Hemd, keiner hat was gesehen.“
„Hm, mehr als ein Verweis in der Akte kann es ja nicht sein, oder?“
Als die beiden an ihnen vorbei gegangen sind drehen sie sich fragend um.
„Habt ihr das gehört? Was haben die denn nur angestellt?“, wundert sich Takeshi.
Ken und Kojiro sehen sich wütend an und machen jeweils eine Faust.
„Ich will das lieber gar nicht wissen. Aber da die Polizei da ist, wird es sicher nicht ohne Folgen bleiben.“, erklärt Ken.
„Jungs, ich habe da ein ganz ungutes Gefühl. Was ist, wenn die was mit dem zu tun haben, was vor gut zwei Monaten bei der Musashi war?“, spricht Takeshi plötzlich leise und betrübt.
„Was meinst du?“
„Naja, da hat man doch kurz nach den Sommerferien in unmittelbarer Nähe ein totes Mädchen gefunden.“
„Mal nicht gleich den Teufel an die Wand! Den Täter hat man inzwischen gefunden.“, zischt Ken.
„Und was ist mit den anderen Übergriffen auf eine andere Schülerin der Musashi neulich im Park? Das sollen drei Jungs in unserem Alter gewesen sein.“
„Davon habe ich gar nichts gehört oder gelesen.“, mein Kojiro.
„Das Mädchen war vom Volleyballteam. Die Sache ist auch nicht gemeldet worden. Darüber wird nur unter den Mädels geredet. Es gab wohl mehrfach seltsame Sachen und immer war es ein Mädchen vom Volleyballteam der Musashi. Seit den Vorfällen will kaum noch eins der Mädchen alleine nach Hause gehen. Du kannst dir vorstellen, dass sie nach dem Training und früh morgens jetzt im Dunkeln etwas Angst haben. Es weiß ja keiner wer das ist und ob die Leute es auch auf unsere Mädchen abgesehen haben. Deswegen wartet Kioko doch auch immer auf uns, damit mindestens einer von uns sie heimbringt.“ Kojiro sieht ihn entsetzt an.
„Ist das dein Ernst? Und wieso erzählt sie das nur dir und nicht mir? Wir sehen uns doch fast jeden Tag abends im Hotel ihrer Eltern.“
„Sie hat sich nicht getraut es dir zu sagen. Ihr zwei hattet euch doch in der Zwischenzeit angefreundet. Sie wollte nicht, dass du denkst, sie bräuchte dich nur als Begleitschutz. Das war ihr zu unangenehm.
Und ich, ich dachte da wäre was zwischen euch. Aber du sagtest ja, es sei wirklich nur eine Freundschaft. Das sagte sie dann auch mal nebenbei.
Und, naja. Ich habe sie vor zwei Wochen gefragt, ob sie mit mir ausgeht. Und dabei hat sie mir das dann erzählt.“
„Wie jetzt, du bist ja Einer...und jetzt geht ihr miteinander?“, fragt Kojiro verdutzt. Takeshi wird etwas rot im Gesicht und geht voran die Treppe herunter.
„Kapitän? Hättest du gedacht, dass er sich jetzt schon für Mädchen interessiert? Er ist doch erst 14.“, wundert sich Ken und flüstert mit Kojiro.
„Das muss er doch selbst wissen. Ich habe keine Zeit für Mädchen. Außerdem wollen die alle nur mit uns ausgehen, weil wir wer sind. Ist doch doof. Auf so eine Freundin kann ich verzichten. Mit Kioko macht er nichts falsch. Ihr geht’s doch genauso wie uns und sie ist sehr nett.“
„Takeshi!“, ruft er ihn.
„Ja.“
„Solange diese Gerüchte herrschen und sie sich besser fühlt, bring sie doch nach ihrem Training jeden Tag zum Hotel. Ich bin ja immer schon eher da und kann sie nur wie üblich nach der Arbeit zum Haus bringen. Der Weg ist zwar nicht lang, aber recht ungünstig an ein paar dunklen Ecken vorbei. Wir können das auch zusammen machen, dann fällt das bei ihren Eltern nicht so auf. Ihr Vater ist etwas sehr streng, wenn es um Jungs geht. Wir sind anfangs auch aneinandergeraten, bis er begriff, dass wir wirklich nur Freunde sind.“
„Und was ist mit den andern aus ihrem Team? Und das andere Team aus der Mittelstufe? Die Mädchen gehen aktuell immer nur noch als große Gruppe heim, aber irgendeine muss doch alleine gehen. Einige wohnen ja wie wir im Internat. Die müssen ja auch wieder heim.“, fragt Takeshi besorgt.
„Du hast Recht. Wir sollten mal mit unserem Trainer darüber reden. Eventuell könnte er die Trainingszeiten mit den anderen Trainern etwas anpassen. Dann können wir, die eh hier her zurück müssten helfen. Die Volleyball-Jungs und die Rugbyspieler sind auch ordentliche Kerle, sie sind sicher auch dabei und wir teilen uns den Begleitschutz der Mädels auf. Wenn die Mädchen immer in mindestens Dreiergruppen unterwegs sind, kommt keiner auf die Idee eine von ihnen anzurühren.“, schlägt Kojiro vor. Seine Freunde stimmen zu und kaum sind sie unten im Empfangsbereich angekommen, kommen ihnen erneut zwei Jungs aus der letzten Klassenstufe der Oberschule entgegen, einer aus dem Baseball-Team und einer aus dem Handball-Team. Sie werden freundlich von ihnen begrüßt, man kennt die Fußballer sehr gut an der Schule, da sie den Nationaltitel wie auch den Weltmeistertitel heimbrachten. Der Weltmeistertitel brachte ihnen erst recht viel Respekt in der Schule entgegen.
„Unsere Weltmeister, wie geht’s euch?“
„Uns geht es gut und euch? Müsst ihr zum Arzt? Da kommen wir gerade her.“, entgegnet Ken überrascht, denn in der Regel gehen die anderen alleine zum Doktor oder eher mit Teamkollegen wie sie es tun.
„Keine Ahnung, man hat uns nur her zitiert. Wir sollen zum Konferenzraum kommen. Naja, sicher so eine übliche Erneuerung der Stipendienbedingungen. Immerhin geht’s nächstes Jahr mit der Uni los und wir müssen ja diese Aufnahmetests machen. Seit froh, dass ihr noch Zeit habt.“ Kojiro ist etwas erstaunt.
„Okay, ihr könnt uns ja hinterher mal berichten. Dann sind wir gleich vorgewarnt, wenn es bei uns losgeht.“, grinst er und sieht ihnen dann nach.
„Jo, machen wir. Bis dann erstmal.“, gehen sie ohne etwas zu ahnen die Treppe hoch in Richtung Raum 125.
„Mir gefällt das ganz und gar nicht. Das waren jetzt schon acht Schüler. Was hat das nur zu bedeuten?“, äußert Takeshi erneut.
„Wenn ich das wüsste.“, meint Kojiro.
„Ich glaube aber, wenn es sehr schlimm wäre, wäre viel mehr Polizei da, meint ihr nicht auch?“
„Du hast Recht, vielleicht nur ein Missverständnis.“
„Hoffen wir es, denn es waren auch ein paar Kandidaten dabei, die gerne über die Stränge schlagen.“, meint Kojiro.
Nachdenklich überqueren sie den Schulhof und begeben sich wieder zu ihrem Trainingsplatz.
Endlich Mittagspause
Kapitel 104
Endlich Mittagspause
Kommissar Saito und Kojiro stehen sich nach ihren Berichten dieses seltsamen Tages nachdenklich gegenüber.
„Sie sind den Jungs also sogar noch begegnet?“, stellt Saito fest und nimmt sich seine dritte Zigarillo aus der Schachtel.
„Das habe ich doch eben gerade erzählt. Das ist es woran ich mich erinnere. Ich habe keine Ahnung gehabt worum es da ging.“
„Hat es denn mit Ihrer Idee geklappt, dieser Begleitschutz für die Mädels?“
„Ja, die Trainer waren sehr überrascht und die anderen Jungs ebenso. Niemand ist mehr alleine unterwegs gewesen. Das reichte ja schon. Aber letztendlich kamen auch keine neuen Vorfälle mehr. Es löste sich jedoch nur vereinzelt auf, da sich durch diese Sache ein paar Freundschaften oder mehr ergaben.“, schmunzelt er plötzlich. Takeru muss ebenso etwas lachen.
„Ach wirklich? Das klingt ja richtig romantisch. Der Gedanke hätte meiner Frau gefallen.“, schaut er dann zum Himmel und zieht genüsslich vom Zigarillo.
‚Nanu, das klingt aber nicht gut. Ich dachte eben noch bei ihrer Erwähnung sie sei noch bei ihm.‘
„Seit wann, wenn ich fragen darf? Seit wann ist sie nicht mehr bei Ihnen?“, fragt er gefühlvoll.
„Seit zwei Jahren. Sie hatte einen schweren Unfall während eines Erdbebens. Das war eigentlich gar nicht so doll, aber genau in dem Moment hat sie in einem älteren Gebäude gestanden und sich um eine arme Familie gekümmert. Da ging es los und sie glaubte sicher zu sein und stellte sich mit dem Baby zusammen in den Türrahmen.
Nun ja, das Baby hat man retten können.“
„Dann war sie eine Heldin.“, sagt Kojiro leise und schaut auch hoch zum blauen Himmel und ihm erscheint das fröhliche Gesicht seines Vaters.
„Wie ging das jetzt mit den Jungs aus? Ich habe nur in Erinnerung, jetzt wo ich weiß wer die waren, dass einer nach dem anderen vorzeitig die Schule verlassen hat.“, versucht Kojiro zwei Minuten später das Thema zu wechseln.
Takeru blickt ihn wieder an und nimmt erneut einen Zug.
„Ich war bei den Verhandlungen nicht dabei. Ich weiß nur, dass keiner ein Wort darüber verlieren durfte und sie sollten sich was einfallen lassen von selbst die Schule verlassen zu müssen. Wenn jemand jemals redet, landet das Tonband bei der Presse. So war der Plan. Damit waren die Schüler gemeint. Der Arzt kündigte kurz darauf seinen Job, keine Ahnung wo der jetzt praktiziert. Der Anwalt ging auch und Frau Matzumoto wissen Sie ja selbst, sie blieb noch bis Sie dann später auch kündigte, Ihre Managerin wurde und Ihre Agentur gründete.“
„Sowas habe ich mir jetzt schon fast gedacht.
Frau Matzumoto hat von Anfang an immer an mein Talent geglaubt. Sie war es auch, die mich für das Stipendium vorschlug.“
„Wissen Sie warum ich Ihnen diese Geschichte erzählt habe?“
„Ich denke mal wegen vorhin. Wenn mein Trainer wüsste, dass wir vier es ihr zu verdanken haben, dass wir ohne Schulskandale die Schule verlassen konnten, dann würde er nicht so reden.“
„Was hat der überhaupt für ein Problem mit Bettina? Können Sie sich das erklären?“ Kojiro schüttelt den Kopf.
„Ich weiß es nicht. Er hat sich nie in meine Angelegenheiten eingemischt. In der Regel lässt er mich machen.“
„Und seit wann trinkt er?“ Kojiro ist allgemein darüber überrascht, denn er dachte es wäre vorbei damit.
„Ich dachte er hat aufgehört.“, kann er nur sagen. Dann blickt er ihn vorwurfsvoll an.
„Und wie viele davon rauchen Sie am Tag? Das ist jetzt schon die Dritte.“
Saito lacht und zeigt ihm dann seine Schachtel.
„Schauen Sie mal, hier passen nur drei rein. Ich bin also für heute durch.“ Kojiro staunt nicht schlecht.
„Das verstehe ich jetzt nicht. Wieso passen da nur drei rein?“
„Diese Schachtel habe ich Bettina zu verdanken. Als wir uns an diesem Tag verabschiedeten sprachen wir nochmal ganz kurz alleine miteinander. Sie fragte mich das Gleiche wie Sie jetzt. Damals waren es tatsächlich noch zwei Schachteln am Tag. Sie sagte, sie will sich gerne für mein Vertrauen bedanken und hinterließ mir dann eine Herausforderung.“
„Eine Herausforderung?“
„Genau. Ich soll mir bei jeder einzelnen Zigarillo vorstellen, sie und meine Tochter stehen neben mir und rauchen eine mit. Ich soll an den Moment denken, als sie mir die eine wegnahm und daran zog.
Solange bis ich es schaffe aufzuhören oder auf nur fünf Stück am Tag zu kommen. Und die wenigen darf ich genießen als wären sie die leckersten Pralinen.“
Kojiro ist erstaunt.
„Oha. Und wie lange haben Sie gebraucht das zu schaffen? Immerhin sind es sogar nur noch drei.“, lobt er ihn.
„Einen Monat. Dann hatte ich es auf die zehn Stück geschafft. Dann brauchte ich noch vier Monate für die fünf. Und dann die nächsten vier Monate habe ich es auf drei geschafft. Bis heute.“
„Wow, das nenne ich aber schnell. Das hätte ich gar nicht vermutet.“
„Angewohnheiten und Süchte loszuwerden ist sehr schwer. Vielleicht sollten Sie irgendwann mal mit Ihrem Trainer reden, vielleicht war er trocken und er hatte mal einen Rückfall. Wer weiß das schon? Sie sehen sich sicher selten und daher bekommen Sie das nicht mit.“
„Es ist trotzdem keine Entschuldigung für das was er vorhin von sich gegeben hat.“
Bis Kojiro Tina in seinen Armen hält und sie sich gegenseitig festhalten ist etwa eine dreiviertel Stunde nach diesem Gespräch vergangen.
Tina hört langsam auf zu weinen und schaut dann zu ihm auf.
„Kojiro. Ich…ich liebe dich.“, sagt sie noch mit verweinter Stimme und lächelt ihn an. Seine rechte Hand löst sich sachte und berührt zärtlich ihr Gesicht, genau dort wo noch Tränen sind und wischt diese weg. Dann kommt er ihr plötzlich ganz nah und küsst auf die nassen Stellen. Sie hat plötzlich das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren und ihr fehlt die Kraft sich noch an ihm festzuhalten. Er vernimmt ihre hingebende Reaktion und fasst ihren Hinterkopf und mit der Linken ganz fest ihren Körper. Dann küsst er sich sinnlich auf den Mund. Niemals wieder würde er sie loslassen wollen. Diese intensiven Gefühle die er hat, wenn er sie sieht und wenn er sie berührt und in den Armen halten kann, das kann nur für immer sein und die Wahre Liebe bedeuten.
Sie halten sich bewusst mit dem intensiven Kuss kurz, denn sie werden erwartet.
„Kojiro, weißt du schon wie du es ihnen sagst?“
„Keine Ahnung. Letztendlich ist es für sie ja gar nicht so entscheidend. Ich glaube bei deiner Familie hat es deutlich mehr Gewicht. Ich bin ja eh nie da. Sie werden sich nur freuen, wenn ich nicht mehr alleine in Italien bin.“, schmunzelt er.
„Vermutlich. Naja, du musst es nur machen. Bei meiner Familie mache ich es dann.“ Erneut küssen sie sich.
„Habt ihr eigentlich geredet? Also du und Karl?“ Er nickt.
„Ja, er meinte wohl du wolltest es so. Man merkt, dass er dich noch gut kennt. Ich war erstaunt, ausgerechnet er gibt mir Beziehungstipps.“
„Obwohl es so lange her ist, ja. Okay, dann ist gut. Vielleicht hat er sich langsam damit abgefunden. Ihm bleibt ja eh nichts anderes übrig.
Ich hoffe diese Anspannung durch diese furchtbaren Typen geht auch noch weg. Ich hoffe, dass Takeru bald Fortschritte macht. Ich sorge mich um meine Gaststätte und mein Personal. Wann ist das nur endlich vorbei?
Ich sehe auch schon wieder mein Spiel gefährdet. Das wäre wirklich furchtbar, wenn es ohne mich stattfindet.“
„Bettina, es wird bestimmt alles gut ausgehen. Saito tut alles was er kann.“ „Ich…ich kann nur wieder hoffen, Kojiro.“ Kojiro berührt mit beiden Händen ihren Kopf.
„Ich liebe dich.“, sagt er bestimmend und erneut küssen sie sich.
Kurz darauf öffnet sich die Tür zum Beratungsraum und Ken geht wieder zu seiner Familie.
„Du warst aber lange auf Klo. Hast du dich runtergespült?“, lacht Naoko. Ken murrt nur etwas und kontert.
„Du weißt schon, dass die nicht gleich nebenan sind?“
Naoko steht auf und geht sich ein Glas Wasser holen.
„Wo bleiben die denn schon wieder so lange? Was gibt es denn nur wieder zu bereden? Es sind schon wieder fast zehn Minuten.“, spricht sie ihre Gedanken aus.
„Ken, sag mal, kannst du dir vorstellen, dass Tora-san früher wirklich mal Fußball gespielt hat? Ich kann das gar nicht glauben.“ Dieser setzt sich auf seinen Platz. „Warum denn nicht? Du hast es doch selbst gehört. Was willst du denn noch für Beweise? Sogar Misaki hat es bestätigt. Ganz zu schweigen, auch dieser Franzose kennt sie von damals und Schneider sowieso.“, bemerkt er nur. Plötzlich gießt sie beim Einschenken etwas daneben.
‚Schneider…stimmt. Sie war dann ja in seinem Team, wenn sie mit Genzo zusammengespielt haben soll. Bisher habe ich ihn immer nur als Kojiros stärksten Rivalen gesehen. Privat scheint er sehr freundlich und höflich zu sein. Groß, stolz und stark, aber die Ruhe selbst.
Und wie gut der aussieht, als er mich vorhin etwas besorgt ansah und angesprochen hat wurde mir ganz warm. Was für ein toller Mann.‘ Sie wischt die nassen Flecken weg und legt das Tuch zur Seite. Dann nimmt sie das Glas und setzt zum Trinken an.
‚Ich frage mich nur wie sie es die Jahre ausgehalten hat in so einem starken Team? Und dann muss sie ja jeden Tag mit ihm und Genzo trainiert haben. Als sie das Team verlassen hat müssen sie in meinem Alter gewesen sein. Ist er nicht gleicher Jahrgang wie großer Bruder? Deswegen sind sie doch so große Rivalen.‘ Dann dreht sie sich zu ihrer Familie um und schaut nachdenklich zur Tür.
‚Wieso hat sie sich das angetan? Sie hätte doch zu den Mädchen gehen können. Wir haben doch auch Mädchenteams.‘
In diesem Moment geht die Tür auf und Kojiro und Tina treten ein. Alle vier schauen gespannt auf das Paar. Sie wirken sehr glücklich und Kojiro hält Tinas linke Hand. Die Tür wird geschlossen. Tinas halblanges rotes Kleid ist elegant und neben Kojiros weißem Hemd und schwarzer langen Hose wirkt es besonders schön. Sie gehen auf den Tisch zu. Kojiro lächelt glücklich und schaut in die Gesichter seiner Geschwister und dann seiner Mutter.
„Nun, eine Überraschung ist es nicht mehr und wir haben uns das heute anders vorgestellt.
Mutter, Naoko, Kaiichi, Ken, nun offiziell. Darf ich euch Bettina vorstellen? Und bevor gleich irgendwelche Fragen kommen, wir werden noch pünktlich ab der neuen Saison zusammen in Italien leben. Sie wird Japan verlassen.“, haut er gleich raus. Tina neben ihm schmunzelt und kichert etwas. Dann schaut sie zu ihm auf. „Siehst du, war doch ganz leicht.“, sagt sie lobend. Seine Mutter kommt auf die beiden zu und reicht Tina die Hand.
„Endlich können wir uns in Ruhe kennenlernen. Ich freue mich sehr, vor allem für Kojiro. Und Sie wollen wirklich für ihn das Land verlassen?“ Tina nickt und sieht ihr glücklich in die Augen. Dann berührt sie mit der rechten Hand Kojiros Arm.
„Ja, der Liebe meines Lebens folge ich überall hin!“, sagt sie ihr voller Überzeugung und schaut dann verliebt zu Kojiro auf. Dieser wird plötzlich ein wenig verlegen und fasst sich an den Kopf.
„Siehst du, habe ich es dir nicht gesagt, Mutter? Bettina ist genauso frei raus wie ich.“, versucht er sich mit etwas Humor abzulenken und lächelt.
‚Bettina, du bist aber auch immer wieder für eine Überraschung gut. Sagst sowas meiner Mutter. Du musst dir sehr sicher sein, dass sie dich mag.‘
Ken steht auf und geht auf sie zu. Er schaut freundlich und reicht ihr die Hand. „Herzlich willkommen in unserer Familie. Ich bin Ken, der Zweitälteste und passe auf die Familie auf, seitdem Kojiro in Italien ist.“, vermerkt er mit einem ernsten Blick.
‚Oha, er muss sehr stolz auf seinen Bruder sein, wenn er mir gleich offenbart welchen Stand er in der Familie hat. Ob er an meinen Gefühlen zweifelt? Hat er deswegen das Bedürfnis es mir sofort unter die Nase zu reiben?‘
Tina lächelt ihn freundlich an, lässt Kojiro los und gibt ihm die Hand.
‚Ein kräftiger Händedruck, diese Frau. Aber war zu erwarten, bei einer starken Spielerin wie ihr.‘
„Es ist beruhigend zu wissen, dass weiterhin jemand Acht gibt, dass alles läuft.“
„Danke.“, ist er erstaunt über die Antwort.
„Du scheinst auch Sport zu treiben, was machst du?“
„Karate, ich gehe seit Jahren ins Karate-Dojo von Wakashimazu. Er ist mein Meister, wenn er mal nicht gerade als Keeper trainiert.“, berichtet er stolz.
„Oh echt? Bei Ken, ist ja witzig. Ken lernt bei Ken Karate.“, lacht sie fröhlich. Alle müssen etwas lachen. Dann kommt Naoko auf sie zu und reicht ihr begeistert die Hand.
„Ich kann das immer noch nicht glauben. Kojiro und die gelbe Tigerin. Nicht zu fassen. Wieso hast du ihn nicht schon eher mal kennengelernt? Wir Fans haben doch alle nur darauf gewartet.“ Tina schmunzelt.
„Das ist etwas kompliziert. So ist das manchmal. Manches braucht seine Zeit.“, sagt sie als Antwort und dann schaut sie zum Jüngsten. Der traut sich nicht wirklich zu ihr und sitzt noch am Tisch. Tina geht auf ihn zu und bleibt freundlich vor ihm stehen.
„Hallo, und du bist dann wer?“, versucht sie seinen Namen zu entlocken. Er ist nur etwas verblüfft, dass sie zu ihm kommt und plötzlich vor ihr steht.
„Äh, ich bin Kaiichi.“
Sie reicht ihm die Hand.
„Du siehst auch aus als würdest du Sport treiben. Was machst du?“
„Ähm, ich gehe nur Schwimmen. Nichts Besonderes.“ Dann sieht er in ein begeistertes Gesicht.
„Das war meine zweite Wahl. Wäre es nicht der Volleyball, dann das Wasser. Wie gut bist du?“ Er sieht sie überrascht mit großen Augen an.
‚Wirklich? Die große Tigerin schwimmt gerne? Ich dachte sie macht die Triathlons nur wegen der Lauferei mit.‘
„Ich bin im Tokio-Kader und habe mit meinem Team die Landesmeisterschaft gewonnen.“, sagt er zurückhaltend.
„Wow, ganz toll. Sehr beachtenswert. So gut war ich damals nie. Wir müssen mal irgendwann um die Wette schwimmen, was meinst du, mit Kojiro zusammen? Er ist schneller als ich.“ Der Junge lächelt plötzlich fröhlich und nimmt endlich ihre Hand an.
„Das wird sicher spannend. Ich glaube er hält sich mir gegenüber immer zurück. Das würden Sie nie tun, oder?“
„Meinst du, echt? Nein, ich gebe immer alles!“, grinst sie und setzt sich dann neben ihn an den Tisch.
„Jetzt habe ich aber Hunger. Du auch? Mir war vorhin schon ganz schlecht, deswegen musste ich ganz schnell was kleines essen. Deine Mama hat so leckere Sachen gemacht.“
Tina schaut dann zu Kojiro.
„Kojiro, du musst doch auch einen Bärenhunger haben.“ Er grinst und geht auf sie zu und setzt sich dann neben sie.
‚Ich wusste, dass sie dich mögen werden. Sogar Kaiichi kommt mal aus sich raus. Den musstest du jetzt ganz schön aus der Reserve locken.‘
„Auf jeden Fall. Ich falle gleich um.“, scherzt er und greift nach den Stäbchen. Dann schaut er zu seiner Mutter.
„Mutter? Kommst du, damit wir beginnen können.“, spricht er sie liebevoll an. Naoko geht zur Getränkeecke und organisiert Wasserflaschen und stellt diese auf den Tisch. Dann schenkt sie jedem ein. Sie hat es bei Tina in der Gaststätte gesehen wie das richtig geht und versucht sich darin. Dann setzt sie sich zwischen ihre Mutter und Ken, Tina gegenüber.
Alle nehmen ihre Hände kurz zusammen und verbeugen sich höflich, dann ist es eine ganze Weile sehr still, denn alle haben inzwischen Hunger und nehmen sich ihre Schüsseln, die Stäbchen und beginnen zu speisen.
Einige Minuten später bringt die Mutter etwas Gesprächsstoff an die ruhige Tafel.
„Lassen Sie es sich schmecken. Man merkt, dass Sie schon lange hier leben. Haben Sie sich schnell an unsere Kultur anpassen können? Und wie lange haben Sie für die Sprache gebraucht? Und die Schrift erst, die war doch sicher sehr schwer zu lesen und zu schreiben?“, sprudeln ihre vielen Fragen plötzlich nur so aus ihr heraus. Kojiro schaut seine sonst eher ruhige und besonnene Mutter überrascht an und verschluckt sich beinahe an seinem Reis. Tina blickt sie lächelnd an, während sie ihre Suppe weiter ruhig isst, die letzte Nudel vom Stäbchen schlürft und die Stäbchen zur Seite auf den Stäbchenhalter legt, um danach genüsslich die restliche Suppe auszuschlürfen. Dann stellt sie die Schüssel ab und nutzt das Tuch neben sich zum Mundsäubern. Inzwischen stößt Naoko ihre Mutter an und zischt sie an.
„Mama, du bist ja schon wieder so unhöflich. Du bist total peinlich, echt. Wie kannst du nur sowas fragen? Das ist rassistisch, echt mal!“ Verlegen und entsetzt sieht diese zu ihrem großen Vorbild und versucht sich für ihre Mutter zu entschuldigen. Tina schaut besorgt zu Kojiro rüber und streicht über seinen Rücken.
„Alles gut? Geht’s wieder?“, fragt sie liebevoll. Er nickt nur und schluckt endlich den letzten Reis herunter, nachdem er etwas gehustet hat. Dann richtet er sich wieder auf und sieht seine Mutter erneut an.
„Mutter, also wirklich.“, äußert er nur überrasch und stellt seine Schüssel ab und legt die Stäbchen ebenso auf die Halterung. Dann nimmt er einen schluck vom Wasserglas.
Tina schmunzelt und wendet sich Frau Hyuga zu.
„Es ist völlig in Ordnung, wenn Sie fragen. Sie haben sicher alle viele Fragen und manchmal eilt die eine oder andere.
Ich werde das oft gefragt. Ihnen kann ich wenigstens eine wirklich ehrliche Antwort darauf geben, denn ich hatte ein klein wenig Vorlauf bevor ich hergezogen bin.
Ich hatte in Hamburg bereits einen sehr guten Freund, einen Japaner. Wenn seine Eltern zu Besuch waren wurde traditionell gegessen, so wie jetzt. Dadurch lernte ich das bereits etwas kennen und die eine oder andere kleine Wortgruppe habe ich mir angeeignet. Es reichte nicht fürs Leben hier, aber es half schon etwas die Sprache besser zu verstehen. Eine Art Touristensprache war das dann. Bitte Danke, Guten Tag und Auf Wiedersehen, das war es schon fast. Ich war derzeit noch mehr damit beschäftigt mein Französisch zu verfeinern und Spanisch und Italienisch zu lernen. Das ich Japanisch benötige, war nicht geplant.“
„Wow, Ihr Freund war Wakabayashi, stimmts? Deswegen saß er auch am Tresen, als wir in der Gaststätte waren.“ Tina nickt.
„Genau, es war Genzo. Ich weiß jetzt nicht wie weit schon bekannt ist woher wir uns kennen?“, schaut sie fragend zu Kojiro auf.
„Das kann ich dir nicht sagen. Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen und hier ging ja eher alles drunter und drüber. Wir kamen noch gar nicht dazu irgendetwas zu besprechen. Das war immerhin bei uns Zu Hause geplant, nicht hier in diesem Chaos.“
„Nun gut, ich beantworte erstmal die Fragen, die restlichen werden sich ergeben.
Als wir spontan beschlossen herzuziehen hatte ich etwa eine Woche vor dem Umzug und Genzo brachte mir so viel wie möglich in der kurzen Zeit bei. Es war schon eine große Hilfe. Dann zogen wir her und ich hatte natürlich große Schwierigkeiten irgendwen zu verstehen, aber ich bin bewusst an die Musashi hier gegangen. Die Schule habe ich mir wegen des Namens und wegen der Lern-Schwerpunkte ausgesucht. Sprachen und Kultur. Kunst und Naturwissenschaften waren jetzt weniger interessant für mich.
Ich wollte gezielt in einen Japanisch Kurs, jedoch war der voll. Dann waren alle anderen aber auch schon belegt. Es blieb nur Französisch und Kunst übrig. Naja, Französisch war mir natürlich extrem langweilig und ich konnte es ja schon. Aber ich hatte einen ganz tollen Lehrer. Ich bat ihn darum mir Japanisch beizubringen und so gab er mir gezielt die Aufgaben umgekehrt. Also ich musste aus dem Japanischen ins Französische überletzten und umgedreht. So habe ich es dann jede Stunde gemacht und bei Klausuren durfte ich statt das was die anderen machten Japanisch machen, so wie die Grundschüler.
Und dann habe ich mich in Kunstkurs grundsätzlich gelangweilt und die Lehrerin war ebenso sehr nett und fragte mich was mich denn an Kunst oder Kreativem überhaupt interessiert. Meins ist das alles gar nichts und dann sagte sie, ich soll mich im Raum umsehen und wenn ich etwas entdecke was mit Kunst zu tun hat, und es wäre interessant, dann soll ich es sagen.“ Tina stoppt und trinkt einen Schluck. Alle Blicke sind auf sie gerichtet.
„Und was war es dann?“, fragt Kojiro neugierig. Sie grinst ihn an.
„Kalligrafie.“
„Oh, das ist klug. So konntest du unsere Schrift schneller lernen?“, haut Naoko raus.
„So war es. Das war meine Absicht. Mit Pinsel und Farben hatte ich nie etwas am Hut und wirklich ruhig mal am Tisch sitzen war auch nie mein Ding. Aber das zwang mich dazu Ruhe zu finden und mich sehr zu konzentrieren. Meine furchtbare Handschrift konnte ich dadurch auch gleich verbessern.“
„Du bist doch die Ruhe selbst, in allem was du tust.“, meint Kojiro überrascht. Ihm war bisher klar, dass sie ein sehr quirliger Typ ist und sich viel und gerne bewegt, aber unruhig kam sie ihm bisher nie vor.
„Das wirkt nur so, die Ruhe musste ich erst lernen. Jetzt ist es natürlich kein Problem mehr, aber damals war es wirklich schwer. Ständig musste ich an das kleine Vögelchen denken, wenn es drauf ankam. Du kennst den Trick doch.“, erklärt sie ihm und macht die Handbewegung und formt eine Schale. Ken stutzt und erkennt diese Geste wieder.
Als die furchtbaren Worte von Trainer Kira fielen, Genzo auf ihn losgehen wollte und Tsubasa und Karl-Heinz ihn aufhielten, sprach Karl-Heinz ihn leise an und Genzo machte plötzlich so eine Bewegung und beruhigte sich wieder. In diesem aufregenden Moment hat er das kaum für wichtig gehalten. Er dachte sich nur, die beiden kennen sich von früher und wissen noch wie sie sich gegenseitig festhalten, wenn es mal auf dem Spielfeld rund geht. Und nun erkennt er die Geste bei Tina wieder. Sie war es wohl, die es benutzt hat. Das bestätigt erneut, dass diese Geschichte stimmen muss, dass sie mit den beiden im selben Team spielte.
„Hat Wakabayashi nicht vorhin so eine Bewegung gemacht?“, äußert Ken unbedacht und genau in dem Moment tritt ihn Naoko ans Bein.
„Pst.“, ermahnt sie leise. Tina bekommt es natürlich mit, aber sie geht aus Höflichkeit nicht darauf ein.
„Und wie lange hast du jetzt für alles gebraucht? Also für Japanisch?“, lenkt das Mädchen schnell wieder ab.
„Etwa zwei Jahre. Ich hatte das Ziel in einem Jahr soweit mitzukommen, dass ich in der Schule dem Unterricht folgen kann, dann habe ich mich darum gekümmert meinen Stoff aufzuholen und so ging das dann ganz gut voran. Mein Glück war auch der Küchenchef, den meine Eltern einstellten, als die Gaststätte eröffnet wurde. Nach der Schule und nach dem Training musste ich immer zu meinen Eltern ins Lokal, denn danach sind wir umgezogen und der Weg war sehr weit. So musste ich die Zeit dort vertreiben und da ich als Kind nicht vorne helfen konnte, was ich wollte, blieb ich in der Küche und fing an dem Koch zu helfen und wir hatten immer ganz viel Spaß und er brachte mir alles bei. Er sprach super Französisch und wir redeten dann in beiden Sprachen miteinander und so konnte ich natürlich auch neben der Schule Japanisch lernen. Das war eine sehr große Hilfe.“
„Das ist wirklich bemerkenswert. Sie haben sich sicher auch sehr umgewöhnen müssen, weil wir auch mal von rechts nach links schreiben und vertikal.“, bemerkt die Mutter.
„Das ging eigentlich. Ich bin dreisprachig aufgewachsen und dadurch war ich es gewohnt auch linksläufig zu lesen und zu schreiben. Also es war eher die Schrift an sich, die ich viel üben musste. Meine Schrift ist immer noch hässlich, man kann sie lesen, aber das war es auch schon.“, kichert sie verlegen.
„Wer schreibt denn noch von rechts nach links? Mit welchen Sprachen bist du außer Deutsch aufgewachsen?“, wundert sich Kaiichi und bringt sich plötzlich mit ein. Seine Familie ist erstaunt. Auch er ist normalerweise sehr ruhig und bringt sich selten bei Besuch in Gespräche ein. Tina schaut zu ihm.
„Ich bin durch meine Mutter auch mit Russisch und Arabisch aufgewachsen. Und daher ist mir das geläufig.“
„Arabisch, wieso das? Russisch kann ich mir ja denken, Ihre Mutter musste sicher noch Russisch in der Schule lernen, oder?“, vermerkt die Mutter.
„Das stimmt, das musste sie. Arabisch fand sie hübsch. Sie mochte die elegante Art zu schreiben und deswegen hat sie es sich beigebracht und ging auf eine Sprachschule, lernte mehrere Sprachen und darunter auch diese. Und weil so viele Leute auf der Welt es sprechen, gab sie es an uns Kinder weiter. Russisch weil es ja gebraucht wurde, also sie dachte es zumindest, bevor es ein neues Deutschland gab und dann das. Englisch haben wir uns dann über Vater beigebracht. Der hatte es mit Sprachen nicht so.“
„Wow, wie viele Sprachen sprechen Sie denn jetzt wirklich? Von den beiden steht nichts auf Ihrer Seite.“
„Das soll auch nicht jeder wissen, es ist immer gut, wenn man ein paar Äser im Ärmel hat. Ich spreche inzwischen neun Sprachen.
Bekannt ist, dass ich neben Deutsch und Japanisch noch Französisch, Spanisch und Englisch spreche. Russisch, Arabisch und Mandarin und nun auch Italienisch sind eher unbekannt. Wobei Italienisch bereits so langsam auf die offizielle Liste kann. Der Rest bleibt bitte unter uns.“, legt sie den Finger auf ihre Lippen.
Es ist plötzlich ganz ruhig am Tisch.
Es klopft an der Tür und Kojiro bittet herein. Kurz darauf steht Karl-Heinz im Türrahmen und hält die leere Pausenbox in der Hand.
„Ich möchte nicht stören, aber ich würde mich sehr gerne für die Snacks bedanken. Und die leere Box zurückbringen.“ Alle sehen zur Seite zu ihm und sind erstaunt. Tina freut sich, dass er es gegessen hat. Kojiros Mutter steht auf und geht auf ihn zu und nimmt die Box entgegen.
„Das habe ich doch gerne gemacht. Es ist sowieso viel zu viel da. Bitte gesellen Sie sich doch kurz zu uns. Die Kinder haben mir bereits erzählt, dass Frau Fuchs bei Ihnen im Team als Kind gespielt hat. Das kann ich kaum glauben.“ Jeder sieht sie verwundert an. Karl-Heinz weiß vor Schreck gar nicht was er sagen soll, denn er will nicht unhöflich sein.
‚Ich will nicht unhöflich sein, aber hinsetzen will ich mich auch nicht. Was soll ich denn jetzt hier in der Runde? Das ist doch eine Familienversammlung, hier habe ich nichts zu suchen. Und ausgerechnet Kojiros Familie muss ich jetzt echt nicht um mich haben.‘
„Tina hat tatsächlich bei uns gespielt. Das stimmt.
Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich passe weder in Ihre Familienrunde noch möchte ich stören. Ein paar Türen weiter wartet außerdem ein Shogi-Spiel auf mich, das spielt sich nicht alleine.
Vielen Dank nochmal für die Leckereien, Frau Hyuga.“, beendet er das Gespräch und verlässt wieder den Raum.
Karl-Heinz s riskanter Schachzug
Kapitel 105
Karl-Heinz‘ s riskanter Schachzug
Leise schließt Karl die Tür hinter sich und bleibt kurz im Flur vor ihr stehen. Dann geht er zwei Schritte, lehnt sich an die Wand und schaut nachdenklich zur Decke.
‚Wann ist dieser furchtbare Tag zu Ende? Ich halte das bald nicht mehr aus hier. Können diese Kerle nicht endlich auftauchen und wir können wieder weg hier? Natürlich ist es besser hier als bei der Polizei, aber dir ständig über dem Weg zu laufen ist nun auch nicht so einfach.
Jetzt sitzt du bei seiner Familie, das ist das Höchstmaß aller Dinge. Es scheint mit uns eindeutig aussichtslos zu sein, warum Tina? Wie kann es sein, wenn du doch früher so viel empfunden hast? Bist du dir heute wirklich so sicher, dass es damals schon nur Freundschaft war? So sagtest du es mir doch gestern. Du glaubst heute es war nur Vertrauen und Freundschaft. Ich hatte nicht das Gefühl und ich…ich habe mich auf dich eingelassen. War das ein Fehler oder waren wir einfach noch zu jung für die Wahre Liebe? Waren wir beide wirklich zu jung, um Liebe von enger Freundschaft zu unterscheiden? Aber wenn es nur Freundschaft war, warum tat es dann die ganzen Jahre so weh, dich nicht zu sehen? Warum tut es jetzt so weh, wenn du jemand anderes hast? Liegt es daran, dass es Hyuga ist? War es wirklich keine Liebe zwischen uns, sondern nur Neugier? War es nur Neugier auf die Liebe? War es etwa das? Was war das dann damals, was uns verband?‘ Er schließt die Augen und fasst sich an die Brust, dann formt er eine Faust.
‚Tina, wenn es nur das war, wieso hast du all die Schmerzen auf dich genommen, um in meiner Nähe bleiben zu dürfen? Damals sagtest du es war nicht nur, weil du mit Stephan zusammenspielen wolltest, sondern dass es irgendwann meinetwegen war. Ist das wirklich alles nicht mehr da? Bis vor Kurzem hast du noch meine Spange getragen und ich war scheinbar noch bei dir und dann? Kam ich einfach nur zu spät her und du hast die ganze Zeit gehofft, dass ich dich von selbst finde und besuche? Hast du das die ganzen Jahre gehofft? War es eine Prüfung? Du hättest doch jederzeit zu mir kommen können. Mit irgendeiner List hättest du mich wissen lassen wie ich dich kontaktieren kann und wenn es über Genzo gewesen wäre. Aber ich Dummkopf habe wirklich nicht einmal daran gedacht dich zu suchen. Wie konnte ich so naiv sein und einfach auf Vaters Worte vertrauen? Ich wusste doch, dass ich kaum noch jemanden trauen konnte und ausgerechnet mein Vater, dem ich immer alles anvertraute…ausgerechnet er nutzt mein Vertrauen so aus. Wie naiv ich doch war.‘
Ohne dass er es bemerkt nähert sich jemand leise.
‚Karl-Heinz, wieso bist du alleine hier im Flur? Ist etwas passiert?‘, geht durch ihren Kopf. Es ist Marie. Sie sieht ihren Bruder wie er verzweifelt an der Wand lehnt und einen sehr traurigen Blick hat. Seine Augen sind geschlossen.
„Karl-Heinz? Ist alles okay?“, spricht sie ihn liebevoll und besorgt an. Er öffnet die Augen und sieht dann überrascht zu ihr.
‚Marie, wie lange bist du schon da? Ich habe dich gar nicht kommen hören.‘ Karl richtet sich auf und spricht sie an als wäre weiter nichts.
„Alles gut, ich habe nur die Ruhe genossen.“
„Ach Karl-Heinz, mir musst du nichts vormachen. Ich erkenne, wenn dich was beschäftigt. Was ist passiert?“ Er geht an ihr vorbei und lässt den Coolen raushängen.
„Was soll schon sein? Dieser Tag nervt einfach nur noch. Wo warst du überhaupt die ganze Zeit? Ich habe dich vorhin gesucht.“ Nun gehen sie gemeinsam den Flur entlang Richtung Trainerbüro.
„Ich habe mich sehr angeregt mit Hinata und ihrer Tante unterhalten. Die beiden sind sehr nett. Und nun war ich auf Toilette und habe dich dann hier entdeckt.“, erklärt sie. Er stutzt und sieht sie neugierig an.
„Wer sind die beiden? Und seit wann kannst du dich mit Japanern unterhalten? Du sprichst doch nicht einmal Englisch.“, meint er etwas vorwurfsvoll. Marie ist verdutzt. Noch nie hat er sie deswegen angesprochen oder es kritisch ausgedrückt, dass sie Probleme damit hat.
„Du bist gemein. Du musst mir das nicht unter die Nase reiben.“, murrt sie ihn an. Am Büro klopft Karl-Heinz an und Kudo bittet herein. Dieser staunt nicht schlecht als er die hübsche junge Frau sieht.
‚Nanu, wer ist das? Das kann doch nur seine Schwester sein. Bettina hat es doch erwähnt, dass sie es war, die man in ihrem Laden entführen wollte. Sie ist auch sehr hübsch, gleicher Frauen-Typ wie sie, nur jünger und weniger sportlich.‘
„Herr Kudo, stört es Sie, wenn meine Schwester da ist?“
„Nein, warum sollte mich das stören? Ganz im Gegenteil. Etwas Bewegung hier im Raum kann nie schaden.“ Marie ist überrascht, dass die beiden in Deutsch miteinander reden.
„Guten Tag, Sie sprechen Deutsch? Das ist aber schön.
Siehst du Karl-Heinz, wer sagt denn, dass ich mich mit keinen Japanern unterhalten kann? Es gibt auch welche, die Deutsch sprechen.“, meint sie fröhlich, geht auf den Mann zu und reicht ihm die Hand. Er steht aus Höflichkeit auf und nimmt lächelnd an.
‚Ein wirklich zartes Persönchen, die Kleine. Aber sie scheint sehr nett zu sein.‘ „Sehr erfreut, mein Name ist Dr. Dr. Egon Katsuo Kudo. Meine Studenten nennen mich wiederum Professor Kudo.“ Marie ist sehr beeindruckt.
„Wow, gleich zwei Doktortitel. In welchen Fächern, wenn ich fragen darf? Und was unterrichten Sie?“, fragt Marie neugierig und fröhlich.
‚Der ist aber nett, er macht einen sehr freundlichen Eindruck.‘ Egon setzt sich wieder hin und setzt endlich seinen Spielstein, der schon die ganze Zeit darauf wartet, dass es weitergeht.
„Ich bin Jurist und arbeite nebenbei an der Universität und gebe Vorlesungen in den Fächern Angewandte Psychologie und Kriminologie.“
„Wow, das ist sicher sehr interessant. Waren Sie auch Professor als Tina studiert hat?“ Er schmunzelt.
„Ja, sie war eine meiner besten Studentinnen. Jetzt bin ich ihr Anwalt.“
Karl setzt sich auf seinen Platz und schaut aufs Spielbrett. Marie schaut ihm zu. Dann geht sie zur Kaffeemaschine.
„Glaubst du echt du kannst gegen ihn gewinnen, gegen einen japanischen Juristen? Der spielt dich doch unter den Tisch. Du hast sicher seit Jahren nicht gespielt.“, vermerkt sie und will ihn wegen seiner unangenehmen Äußerung etwas reizen.
„Marie, das spielt doch gar keine Rolle. Es geht doch nicht immer alles im Leben ums Gewinnen. Aber du hast Recht. Ich muss erstmal wieder reinkommen und mich daran erinnern wie jeder Stein zu gehen war.“ Im selben Atemzug nimmt er den Läufer in die Hand, schlägt einen Bauern und legt ihn an die Seite. Kudo ist erstaunt.
‚Von wegen reinkommen. Der Zug war sehr raffiniert. Wenn er den Bauern im nächsten Zug gut einsetzt, kann er viel erreichen. Das wird eine spannende Sache.‘
„Du bist manchmal komisch. Das habe ich damals schon nie verstanden. Ständig hast du gegen Tina verloren und trotzdem habt ihr gegeneinander gespielt. Wie langweilig.“ Karl geht nicht auf ihre Aussage ein und beobachtet lieber den nächsten Zug.
„Sie schonen mich. Ich denke nicht, dass Sie Ihren Turm bewusst opfern wollen.“, vermerkt Karl grinsend. Kudo lacht kurz.
„Sie haben Recht. So lange kann es nicht her sein, dass Sie gespielt haben. Von wem haben Sie spielen gelernt und wer war Ihr letzter Gegner?“ Karl grinst.
„Der Vater eines Freundes brachte es uns bei, also Tina und mir. Und mein letzter Spielpartner war ein Mittelfeldspieler aus meinem Team, ein Chinese, sehr guter Stratege. Er war damals erstaunt, dass ich es spielen kann.“
„Ich verstehe. Als ich Bettina-san damals fragte wer es ihr beigebracht hat, sagte sie mir auch nur, es sei der Vater eines Freundes gewesen. Mehr rückte sie nicht an Infos raus.“
„Typisch, erzählt nur das Nötigste, um nicht lügen zu müssen.“
Genau in diesem Moment klopft es erneut an der Tür und Genzo steht im Türrahmen. Karl ist erfreut und grinst ihn an.
„Wenn man vom Teufel spricht.“, äußert er nur. Dieser macht ein verwundertes Gesicht.
„Karl, was machst du denn jetzt hier? Und wer sind Sie eigentlich?“, wendet er sich dann in Japanisch dem Anwalt zu.
„Und wieso Teufel? Habt ihr über mich gesprochen?“
„Nur kurz über deinen Vater.“, sagt Karl stolz und lehnt sich zurück.
Kudo bleibt vorerst sitzen.
‚Manieren hat der Herr aber nicht. Klopft zwar an, aber wartet nicht mal eine Antwort ab und kommt einfach herein. Dann sieht er mich an, als wäre ich irgendwer und spricht mich unfreundlich an.‘ Marie mischt sich ein.
„Genzo, du bist manchmal echt ungehobelt. Kannst du nicht abwarten bis man dich herein bittet?“ Genzo schaut erstaunt zu Marie und geht auf sie zu.
„Und dieser freundliche Herr ist Dr. Kudo, Tinas Anwalt.“, fügt sie noch an. Dann schaut er zu ihm und betrachtet den Japaner und bemerkt, dass sie Shogi spielen. „Ich verstehe, deswegen habt ihr über meinen Vater gesprochen. Er hat es dir ja beigebracht. Bei mir hat er es vergeblich versucht. Mich langweilt sowas nur.“ „Genau. Du musst dich nicht verstellen, er weiß es schon. Er weiß bereits, dass Tina in unserem Team war.“, vermerkt Karl und schaut dann wieder aufs Brett, um den nächsten Zug zu überlegen. Dann greift er den Bauern, den er zuvor erhalten hat und legt ihn auf ein freies Feld mit der Spitze nach vorne, so wie seine Steine.
„Echt? Dann sind Sie kein gewöhnlicher Anwalt, stimmts?“, grinst er ihn an. Egon wundert sich sehr. Was meint der Mann denn jetzt damit? Wieder sagt er nichts und schaut nur auf zu ihm.
„Kudo, der Name sagt mir doch was. In irgendeinem Telefonat ist der Name mal gefallen. Das ist aber schon eine ganze Weile her.“, überlegt Genzo.
„Er war Tinas Professor, vielleicht hat sie ihn mal in dieser Zeit erwähnt?“, vermutet Marie und hilft ihm etwas auf die Sprünge.
„Oh ja, stimmt. Da war was. Sie hat damals erwähnt mit einem Professor Schach zu spielen und sie haben sich angefreundet. Das passt doch. Und das sind Sie?“ Egon grinst plötzlich.
„Ja, das bin ich. Und wer sind Sie, junger Mann?“, entgegnet er ihm plötzlich etwas provokativ und setzt einen ernsten Blick auf. Genzo stellt seine Tasse ab und geht lächelnd auf ihn zu.
„Ich bin Wakabayashi, Genzo Wakabayashi. Ich bin ein Freund von Tina. Nennen Sie mich Genzo, Tinas Freunde sind auch meine Freunde.“ Er reicht ihm die Hand. Karl schaut skeptisch zu ihm auf und Kudo nimmt die Begrüßung an.
„So so, ein Freund. Sind Sie verwand mit der Wakabayashi-Companie?“
„Oh, ja. Meine Eltern eilen mir voraus. Deswegen mache ich mein eigenes Ding.“, lacht er.
„Das erklärt einiges. So langsam kommen immer mehr Puzzleteile zusammen. Wenn Bettina-san das Spielen von Ihrem Vater gelernt hat, dann wundert mich da gar nichts mehr. Sie haben sicher gegeneinander gespielt.“
„Weil er als Jugendlicher bei Turnieren dabei war?“, vermutet er.
„Nein, weil mir beim Spielen wenige Züge bekannt vorkamen.“, grinst er.
„Sie kennen meinen Vater und haben gegen ihn gespielt?“
„Ja, auf den Turnieren. Wir haben uns abgewechselt mit den Siegen.“
„Wow.“ Beide lachen laut los. Genau in diesem Moment kommen Shinichi, seine Mutter und Hinata den Flur entlang und er klopft an die offene Tür.
„Hallo, ich will nicht stören. Genzo, hast du Frau Fuchs gesehen?“ Marie schaut lächelnd zur Tür und ihre Blicke treffen sich. Etwas verlegen sehen sie beide wieder woanders hin.
‚Marie, du bist hier?‘
‚Shinichi, wie schön dich wieder zu sehen.‘ Kudo und Genzo registrieren die Blicke, aber Karl kann sie nicht sehen, da die Männer vor ihm stehen und er Shinichis Gesicht nicht sehen kann.
„Hinata, wie schön, hier ist dein Lebensretter, so ein gutaussehender großer starker Japaner. Wann geht ihr mal miteinander aus?“, stellt sie unverblümt in den Raum. Genzo fasst sich verlegen an den Kopf und sieht zu Hinata. Hinata läuft knall rot an und hält ihre Hände vors Gesicht. Ihr wird ganz warm und am liebsten würde sie im Boden versinken. Kudo muss sich zusammenreizen, um nicht zu lachen und hinten in der Ecke bei der Kaffeemaschine kann sich Marie das Kichern nicht verkneifen. Sie hält sich ihren Bauch und ihr Kichern geht langsam zum herzhaften Lachen über.
„Genzo. Ich kann nicht mehr.“ Karl-Heinz schaut verwundert zu ihr. Er grinst und genießt ihr herzhaftes Lachen.
‚Ich habe dich lange nicht so lachen gesehen. Aber ich bin eher darüber verwundert, dass dieser Neuling Deutsch spricht. Seine Mutter eindeutig auch und die junge Japanerin ebenso, sonst wäre sie nicht verlegen geworden. Und was meint sie mit Lebensretter?‘ Shinichis Mutter schaut an Genzo vorbei und entdeckt Marie.
„Shinichi schau doch. Dort ist der schöne Engel! Das ist sie. Sie hat vorhin ein Bild von mir gemalt.“, platzt es aus der Japanerin heraus und sie zeigt zu Marie. Verlegen unterbricht Marie ihr Lachen und schaut zu ihr. Dann zu Shinichi.
‚Was hat sie da eben gesagt? Hat sie mich gerade wieder einen Engel genannt? Und das auch noch vor Shinichi. Und vor allem vor Karl-Heinz. Was muss der nur denken?‘ Marie wischt sich die Lach-Tränchen weg und hält ihre Hand vors Gesicht.
„Und was für ein bezauberndes Lachen sie hat. Du solltest sie mal zum Essen ausführen.“ Karls Puls steigt plötzlich an und er versucht die Frau zu sehen. Er kann noch immer nur die Räder vom Rollstuhl erkennen.
‚Was soll denn das heißen? Was meint sie mit Engel und er soll sie zum Essen ausführen? Der Neuling? Wie kommt sie denn darauf?‘, geht aufgeregt durch seinen Kopf und er will aufstehen, um Shinichis Gesicht zu sehen, doch genau in diesem Moment spricht dessen Mutter Kudo begeistert an.
„Und wer ist dieser gutaussehende elegante Gentleman? Da muss dein Vater ja aufpassen, dass ich mich nicht noch zum Schluss vergucke.“, lächelt sie ihn frech an. Sie schaut zu ihm auf und bietet ihre Hand an.
‚Oha, wir sind wohl alle mal dran hier. Wer ist diese lustige Frau? Wer ist überhaupt dieser junge Spieler? Ganz ohne Nummer auf dem Trikot?‘, schmunzelt er und gibt ihr auch die Hand.
Shinichi wird verlegen, lässt ihren Rollstuhl los und richtet sich auf.
„Maman, du bringst uns alle in Verlegenheit. Du musst nicht immer gleich alles sagen was du denkst. Was sollen die Leute denn von uns halten?“ Egon lächelt seine Mutter freundlich an.
„Da kann ich Ihren Sohn beruhigen, ich bin noch immer glücklich verheiratet. Aber danke für das Kompliment. Ich gebe es gerne zurück. Mein Name ist Egon Katsuo Kudo. Ich bin Anwalt.“
Karl-Heinz beruhigt sich wieder etwas. Ihm fällt auf, dass die Dame zu jedem so seltsame Sachen sagt. Es hat also nichts zu bedeuten und dient nur ihrer Aufheiterung, vermutlich weil sie so krank ist. Er bleibt sitzen und schaut nur nachdenklich zu seiner Schwester. Diese dreht sich zur Kaffeemaschine um und stellt eine Tasse unter die Düsen. Dann schaut sie sich im Hängeschrank um und sucht etwas. Ihr Herz rast vor Verlegenheit und Aufregung. Sie will nicht, dass man es ihr ansehen kann. Genzo lacht nun auch etwas. Er will sich damit von seiner großen Verlegenheit ablenken.
„Hier ist was los.“, sagt er nur belustigt und schaut dann lächelnd zu Hinata. Ihre Blicke treffen sich und sie fängt auch an zu lachen.
„Tantchen haut in letzter Zeit öfters solche Dinge raus. Tut mir leid.“
Die Dame stutz plötzlich und schaut sich weiter im Raum um.
„Da ist doch noch jemand. Ich sehe die Stulpen unter dem Tisch. Ein Mann mit strammen Fußballbeinen wie Shinichi sie hat.“ Sie versucht neugierig zwischen Genzo und Kudo hindurchzuschauen und murrt plötzlich etwas rum.
„Nun versperrt mir doch nicht die Sicht! Schiebt mich weiter rein in den Raum, damit ich jeden sehen kann!“
‚Oje. Die kann sogar zickig werden.‘, fällt allen auf, die es bisher noch nicht wussten, dass sie auch diese Seite hat. Genzo geht ein Stück zurück und macht Platz. Egon tut es ihm gleich. Keiner hat Lust bei dem bösen Blick sich mit ihr anzulegen. Shinichi ist nicht wirklich wohl bei der Sache, aber was soll er tun? Wenn er ihre Bitte abschlägt, fängt sie womöglich an zu schreien, weil sie ihren Willen nicht kriegt.
„Es tut mir sehr leid. Nehmt es ihr bitte nicht übel. Die Medikamente...“, beginnt er, als er Karl-Heinz erblickt. Dieser steht zur Überraschung aller lächelnd auf und kommt vor den Tisch, um die Frau freundlich zu begrüßen. Er ist gespannt was sie sich bei ihm für einen Scherz erlauben wird. Ihr Blick ist sehr überrascht und sie mustert ihn von oben bis unten bevor sie etwas sagt.
„Das ist aber sehr höflich. Sie sind extra für mich aufgestanden, um mir entgegenzukommen.
Wie heißen Sie, junger Mann?“
„Guten Tag, mein Name ist Karl-Heinz, Karl-Heinz Schneider. Ich bin Maries großer Bruder.“, richtet er seine rechte Hand etwas auf Marie.
„Oh, ein schöner stattlicher stolzer deutscher Mann. Und so freundlich und charmant. Auf Jemanden wie Sie habe ich als junges Mädchen immer gewartet, aber jetzt bin ich zu alt um Sie zu heiraten, schade.“, stellt sie schmachtend in den Raum. Karl grinst und reicht ihr höflich die Hand.
„Danke für das Kompliment. Und Sie sind eine nette, lustige aber freche Lady.“, entgegnet er spaßig, aber mit ehrlichem Unterton. Sie lächelt und nimmt seine Hand an.
„Sie gefallen mir. Endlich ist hier jemand, der auch mal sagt was er denkt. Sie sind sicherlich auch ein Typ, der nur sagt was er wirklich meint?“
„Ich meine in der Regel immer was ich sage, Lady.“, grinst er und stellt sich selbstsicher vor ihr hin und schaut lächelnd auf sie herab.
‚Diese Frau amüsiert mich. Sie ist lustig und erinnert mich etwas an meine Oma, welche schon vor gut zehn Jahren verstorben ist. Sie war am Ende dement und hat viele komische Dinge erzählt.‘ Alle Blicke sind auf sie gerichtet als sie ihn fröhlich anlächelt und mit der einen Hand signalisiert, ihr näher zu kommen und sich zu bücken. Aus Höflichkeit und Neugier spielt er ihr Spielchen mit. So hat er es noch in Erinnerung bei seiner Grußmutter, wenn er auf sie eingegangen ist, war sie glücklich und hat auch mal lachen können.
„Herr Schneider, Sie passen doch sicherlich immer ganz doll auf Ihre Schwester auf, wie ein echter Großer Bruder?“
„Auf jeden Fall. Warum fragen Sie?“, spielt er ihr Spielchen weiter mit, ohne zu ahnen was als Antwort kommt. Die Dame grinst plötzlich.
„Dürfte Fräulein Marie denn überhaupt mit meinem Sohn ausgehen, wenn sie es möchte und er sie fragen würde? Er ist wirklich ein sehr fürsorglicher und netter Mann.“ Total verdutzt sehen alle zu ihr, auch Karl-Heinz ist extrem überrascht. Mit so einer Frage hat er sich niemals konfrontiert gesehen. Jedoch wiegt er sich in Sicherheit, denn er glaubt, dass seine kleine zarte und ängstliche Schwester niemals mit einem Mann, den sie nicht einmal kennt, überhaupt ausgehen würde. Und schon gar nicht hier in Japan. Sie kennt sich hier nicht aus. Fremde Umgebungen sind ihr ein Graus und Marie ist eine sehr verschlossene junge Frau, die doch noch gar nicht wirklich etwas mit Männern anzufangen weiß. Ihre Welt dreht sich doch nur um die Malerei. Sie wäre viel zu schüchtern einem so großen kräftigem Typen nah zu kommen und womöglich noch an einem Tisch zu sitzen. Und niemals, ganz sicher niemals, würde sie mit einem Rivalen ausgehen. Weiß sie denn bereits was es heißt mit einem Mann auszugehen oder überhaupt mit ihm alleine zu sein? Niemals geht sie aus dem Haus ohne ihre Mutter, niemals würde sie zu Veranstaltungen fahren ohne eine Freundin oder ohne ihn.
Er richtet sich siegessicher auf und mustert den jungen neuen Nationalspieler, der direkt vor ihm hinter dem Rollstuhl steht und ihn verdutzt ansieht. Shinichi weiß vor Schreck nicht wirklich wie er darauf reagieren soll und sein Puls steigt enorm. Die Männer sehen sich beide fragend an. Karl-Heinz überlegt was er darauf antworten kann. Er liebt Herausforderungen und ganz besonders diese, die er zweifelsohne gewinnen wird.
‚Dieser große Typ würde ihr vermutlich nicht mal gefallen. Sie scheut große Männer und Fremden vertraut sie nie über den Weg.‘, ist er fest überzeugt. Shinichi weicht seinem Blick nicht aus. Er berührt stattdessen die Schulter seiner Mutter und bleibt ernst im Blickkontakt. Cool zu bleiben lag ihm schon immer sehr. Noch nie hat er sich aus der Ruhe bringen lassen. Bereits als Kind musste er sich in Frankreich den anderen gegenüber behaupten und er machte die Erfahrung, dass er mit Selbstsicherheit und einer Portion Besonnenheit am weitesten kommt.
„Es tut mir wirklich sehr leid, Herr Schneider. Mit so einer frechen Äußerung habe ich nicht gerechnet. Das ist mir wirklich sehr unangenehm. Sie müssen nicht antworten.“, spricht er selbstsicher und schaut dann kurz zu Marie rüber. Sie ist noch immer mit dem Blick zum Schrank vor der Küchenecke und bewegt sich kaum. Ihr Herz springt bis an die Decke und sie hält krampfhaft die Arbeitsplatte fest. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet.
‚Shinichi, was sagt sie denn da nur? Was hat das zu bedeuten? Und du Karl-Heinz? Wieso sagst du denn nichts?‘
‚Marie, wie gerne würde ich mit dir mal ausgehen und dich näher kennenlernen. Die Umstände sind jedoch etwas knifflig.‘
„Maman, du bringst mich echt in Teufelsküche mit deinen Scherzen.“, sagt er dann zu seiner Mutter und schaut wieder zu ihr herab.
„Weißt du überhaupt wer dieser Mann ist? Herr Schneider ist unser stärkster Rivale. Ihn, seine Schwester und mich derart in Verlegenheit zu bringen ist nicht gerade höflich. Wie kommst du überhaupt auf die verrückte Idee, ich würde mit ihr ausgehen wollen?“
Die Dame schaut zu Marie rüber und verschränkt streng die Arme.
„Du hast selbstlos alles für mich aufgegeben und sie ist ein Engel, das passt perfekt!“, bestimmt sie in ihrer festen Überzeugung. Shinichi ist etwas irritiert. „Du und deine Wahnvorstellungen, Maman.“, sagt er und blickt dann zu Karl-Heinz.
„Sorry.“, sagt er nur trocken, in der Hoffnung sein Rivale nimmt ihn den Scherz seiner Mutter nicht übel, denn anlegen will er sich mit ihm bestimmt nicht.
‚Ein Engel? Für sie ist Marie ein Engel? Du meine Güte, in welcher Welt befindet sie sich denn schon? Dass sie sehr krank sein muss, war mir klar. Es ist jedoch erstaunlich wie schlimm es schon um sie steht, wenn sie bei einer Blondine an Engel denken muss.‘ Plötzlich verschränkt Karl-Heinz die Arme und legt einen herausfordernden Blick auf.
„Was soll denn das heißen: „Wahnvorstellungen“? Wäre sie dir etwa nicht hübsch genug, oder wie soll ich das verstehen?“, haut ihn Maries Bruder an den Kopf. „Wie bitte?“, ist er baff und sieht ihn nun auch herausfordernd an.
‚Was war das denn für eine doofe Frage? Will er mich auf einmal herausfordern oder was soll der strenge Blick und dieser provokative Spruch?‘
„Das habe ich nicht gesagt. Im Gegenteil.“, kontert er, lässt seine Mutter wie auch den Rollstuhl los und stellt sich gerade hin.
„Marie darf ausgehen mit wem sie will, sowas habe ich gar nicht zu entscheiden. Aber du hättest doch gar nicht den nötigen Schneit sie vor meinen Augen zu fragen. Und was soll sie mit einem Mann, der hier in Japan lebt?“
‚Na, Frischling? Was wirst du tun? Du meinst also, du findest sie hübsch. Natürlich findest du das. Jeder findet sie hübsch und würde gerne mit ihr ausgehen, aber keiner hat die Eier sich mit mir anzulegen. Ja, du bist selbstlos, das hat Pierre sehr deutlich gemacht, das schätze ich auch sehr, das zeugt von Charakterstärke. Aber Marie bekommst du nicht, denn sie traut Fremden nicht und auch ihr wird klar sein, dass es aussichtslos wäre hier jemanden kennenzulernen.‘
Alle sind irritiert und Shinichi ganz besonders. War das eben etwa wirklich eine Provokation und er ist derart davon überzeugt, dass Marie ohnehin nie zusagen würde? Woher will er das denn so genau wissen? Er kennt Karl-Heinz privat überhaupt nicht und weiß nichts weiter über seine Persönlichkeit, außer das, was sich auf dem Feld abspielt oder in den Medien gezeigt wird.
‚Schneider, ich hätte dich gar nicht so arrogant eingeschätzt, nicht nachdem was heute war. Ist das die Anspannung, dass du mich tatsächlich herausforderst den wichtigsten Menschen in deinem Leben zum Date zu bitten? Wieso bist du dir derart sicher, dass ich nicht frage oder sie nicht zustimmen wird? Du kennst mich gar nicht und weißt nichts über mich. Das ist ein sehr riskantes Spiel. Dir ist definitiv nicht aufgefallen, dass wir uns bereits kennengelernt haben und uns mögen. Das ist natürlich mein Vorteil. Und was soll das überhaupt heißen, ich habe nicht den Mut sie zu fragen?‘
Shinichi geht Karls Blick aus dem Weg und schaut hinter zu Marie. Diese dreht sich plötzlich zu ihm um und fasst sind ans Herz.
‚Karl-Heinz, was soll das denn heißen? Hast du ihn jetzt provoziert und glaubst ich würde eine Einladung ablehnen? Wieso denkst du das von mir? Bin ich in deinem Kopf noch immer ein kleines Mädchen? Bei Tina habe ich das ja anfangs verstanden, weil wir uns so lange nicht gesehen haben, aber wir sehen uns doch ab und zu. Und warum soll es wichtig sein wo man sich kennenlernt? Man kann doch eine Lösung finden, wenn man merkt, dass es passt. Das macht Tina doch auch. Sie verlässt Japan für die Liebe. Sie gibt hier alles auf, ihren ganzen Ruhm und geht zu ihm.‘ Ihr wird ganz heiß und sie sieht Shinichi direkt in die Augen. Er steht zwar ein paar Meter entfernt, aber in ihr kommen die schönen Momente in Erinnerung, als sie sich nah waren. Auch vorhin, wo Genzo sie einfach alleine gelassen hat und sie im Umkleideraum standen, dann plötzlich Geräusche hörten und vor Schreck die Tür schlossen. Beide sahen sich etwas irritiert an und dann war es ganz still um sie herum, das Licht ging plötzlich wieder aus und sie spürte seine große warme Hand in ihrer.
„Alles gut? Ich mache es wieder an.“, hörte sie seine beruhigende Stimme. Sie nahm dann ihren Mut zusammen und fasste wieder mit der anderen Hand nach vorne und berührte sein Trikot.
„Es tut mir leid.“
„Was tut dir leid?“ Er wedelte mit der anderen Hand etwas rum und das Licht ging wieder an.
„Ich…ich durfte doch nicht sagen wer ich bin.“
„Marie, mir ist egal wer dein Bruder ist, aber immerhin bin ich ein Rivale.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Das ist unwichtig für mich.“, lächelte sie ihn verliebt an. Sie konnte mit ihrer Hand ganz genau spüren wie sehr sein Herz schlug. Sie schwiegen sich an. Auch sein Blick wurde ganz sanft und er konnte ihr nicht ausweichen.
Während Shinichi sie so weit hinten an der Kaffeemaschine betrachtet, kommen die Bilder wieder, die ihn nicht mehr loslassen. Dieses aufregende Gefühl sie dann plötzlich in den Armen zu halten, nachdem sie sich völlig unerwartet an ihn schmiegte. Beide verharrten in diesem ruhigen schönen Moment und spürten nur noch ihre starken Herzschläge und ihren Atem. Plötzlich lächelt er.
‚Wie schön du bist, Marie. Mutter hat Recht, du siehst nicht nur aus wie ein Engel, du hast auch ebenso viel Herz in dir. Ich sollte diese komische Situation einfach nutzen, dann müssen wir uns wenigstens nicht mehr so sehr verstecken.‘, beschließt er und sieht wieder zu Schneider.
„Man soll doch die Gelegenheiten nutzen wie sie kommen, oder?“, sagt er mit fester Stimme und sieht ihm in die blauen Augen. Dann löst er sich von ihm und geht direkt auf Marie zu. Ihr Herz scheint zu zerspringen und sie schaut sehr überrascht zu ihm auf, während er langsam auf sie zugeht und dann vor ihr stehen bleibt. Karl-Heinz glaubt nicht was er gehört hat und kurz darauf sieht. Plötzlich steigt sein Puls enorm an. Der große Japaner steht nur etwa einen Meter vor seiner kleinen Schwester und schaut zu ihr herab. Karl staunt nicht schlecht und die beiden sehen sich nur an. Dann geht Shinichi einen Schritt neben sie an den Schrank heran, greift ganz weit hoch ins Tee-Fach, greift die Packung mit dem Roibuschtee und zieht ein Tütchen heraus. Dann hält der die Hand mit dem Teebeutel auf und während sie wie erstarrt zu ihm aufsieht lächelt er und stellt die entscheidende Frage. Auch sein Herz schlägt ganz schnell. Sie schaut zu ihm auf.
„Marie, würdest du morgen Nachmittag mit mir in das Nationalmuseum Tokio gehen wollen?“ Verlegen lächelt sie ihn glücklich an und nimmt dankend den Teebeutel aus seiner Hand.
„Danke. Sehr gerne. Das wird sicher sehr schön, Shinichi.“, spricht sie lieblich.
Der Teebeutel und die Liebe
Kapitel 106
Der Teebeutel und die Liebe
„Wie bitte?“, kommt völlig entsetzt von Karl-Heinz und er geht zu ihnen. Sein Puls steigt enorm an und sein Blick wird zorniger.
„Marie, ist das dein Ernst?“, will er sich vergewissern. Sie antwortet nicht und sieht nur weiter glücklich und schmachtend in Shinichis braune liebevolle Augen. Marie bewundert seinen Mut.
‚Wie mutig du bist. Das hätte sich garantiert Niemand anderes gewagt. Keiner will sich mit meinem Bruder anlegen und ich bin doch immer das Wichtigste was er hat. Er kann es zwar nicht immer zeigen, aber ich weiß, dass das eben nur gepokert war. Aber, hätte er dich überhaupt nicht leiden können, dann wäre er das Risiko niemals eingegangen.‘ Egon grinst vor sich hin und stößt Karl-Heinz an. „Jetzt haben Sie aber hoch gepokert. Bettina-san hat Recht. Sie sind eindeutig übermüdet und sollten sich für eine Stunde hinlegen. So ein Power-Napping bewirkt Wunder, glauben Sie mir. Bettina macht das auch ständig. Sie kommen doch sicher auch zum Spiel heute Abend, oder? Dann müssen Sie noch lange durchhalten.“ Karl atmet ganz tief durch und starrt noch immer mit schmalen Augen auf die beiden. Jetzt fällt ihm endlich auf wie sie sich ansehen. Das kommt bestimmt nicht von nur eben gerade. Haben sich die beiden etwa in der kurzen Zeit wie der Neuling erst hier ist, bereits kennengelernt? Aber wann denn das? „Sie haben Recht, wenn ich nicht mal mitbekomme, dass sich meine Schwester hier in jemanden verguckt, muss ich ganz schön unaufmerksam gewesen sein.“, meint er plötzlich und geht die letzten zwei Schritte auf Shinichi zu und sieht mit seinem herausfordernden Blick zu ihm auf.
„Den nötigen Mut hast du ja. Ein Feigling passt nicht zu ihr. Wie alt bist du überhaupt?“, spricht er ihn ernst an.
Der Japaner schaut zu ihm und antwortet freundlich.
„Ich bin erst zwanzig.“
„Und wieso haben wir nie gegeneinander gespielt, wenn du doch in Europa schon bei Misaki und Pierre im Team warst und sogar beinahe in Real Madrid gelandet währst?“
„Leider durfte ich bei dem Spiel gegen Bayern letztes Jahr nur auf der Bank sitzen.“, bleibt er cool.
„Schade, dann hätte ich dich einschätzen können.“
Plötzlich wird laut geklatscht. Shinichis Mutter drückt ihre Freude aus.
„Wie schön, dass ich das noch erleben darf. Hat mich meine Beobachtung vorhin nicht getäuscht.
Jetzt bringt ihr mich aber zu dem anderen Engel, ich muss ihr etwas sagen.“ Alle sehen sie verdutzt an.
„Wen meinen Sie?“, hinterfragt Marie und schaut zu ihr.
„Na die Sportlerin, die aus Shinichis Klasse. Wie heißt sie noch gleich? Sie hatte so einen schönen Namen.“
„Sie meint Tina, deswegen sind wir doch auch reingegangen.“, spricht Hinata zu Marie.
„Keine Ahnung wo sie ist.“
„Sie ist mit Herrn Hyuga rausgegangen. Herr Schneider müsste wissen wo sie sind.“, bringt sich Kudo ein. Karl-Heinz ist noch immer etwas verwundert darüber wie seine Schwester zu dem Neuling aufsieht.
‚Wer hätte gedacht, dass Marie sich schon für Männer interessiert. Und dann so ein großer Typ? Musste es aber ausgerechnet einer aus dem Japan-Team sein? Er wusste doch genau, dass sie zusagen würde. So eine Finte. Ich hatte jedoch nicht den Anschein, dass er vorhatte sie jetzt schon nach einem Date zu fragen. Mit meiner Provokation habe ich ihn nur ermutigt es zu tun. Vielleicht sogar fast genötigt. Wie hätte er denn vor ihr dar gestanden, hätte er den Mut nicht aufgebracht obwohl er weiß, dass sie zusagen würde. Ich hätte es an seiner Stelle auch gemacht. Die Chance genutzt.‘ Dann schaut er zu Genzo rüber, da dieser gar nichts dazu sagt, macht es ihn stutzig.
‚Der hat es doch bestimmt schon bemerkt. Er war eben überhaupt nicht überrascht. Und wenn es um Marie geht, würde er genauso reagieren wie ich. Kein Mann kann gut genug für sie sein. Und doch mischt er sich nicht ein. Dann muss er ihm vertrauen, diesem Neuling. Auch Tina hat sicher schon was bemerkt und sie deswegen zu seiner Mutter geschickt. Sie hat also nachgeholfen. Genzo hätte das gut alleine machen können, wenn es nur darum gegangen wäre ihn zu dieser Japanerin zu lotsen.‘ Sein Blick schweift nun zu Hinata.
‚Und diese Japanerin und er scheinen sich ebenso zu mögen. So ist das wohl.‘, fällt ihm auf und geht dann auf Genzo zu und fasst ihn auf die Schulter.
„Wenn du mir schon in den Rücken fällst, tu mir einen Gefallen! Du Feigling fragst die hübsche Japanerin jetzt auch und dann begleitet ihr die beiden ins Museum. Ohne Doppeldate lasse ich sie nicht gehen!“, macht er ihn mit einem sehr ernsten festen Ton klar. Genzo ist etwas irritiert.
„Nanu? Was ist denn hier los?“, ertönt plötzlich Tsubasas Stimme. Er kommt gutgelaunt den Flur entlang, stellt sich hinter Hinata und schaut überrascht in den Raum. In den Händen hält er die leeren Kaffeetassen. Natürlich konnte er auf seinem Weg zum Büro nicht ein einziges Wort verstehen. Nur ein paar englische Wörter schnappte er auf.
„Wer datet hier wen? Sind wir hier die Partnervermittlung?“, scherzt er unwissend und grinst Karl-Heinz und Genzo an. Im Raum ist kaum noch wirklich Platz für jemanden und Genzo geht hinaus in den Flur, um Tsubasa Platz zu machen und er kann auch gleich zu Hinata gehen. Karl blickt Tsubasa ernst an.
„Du hast dein Team eindeutig nicht im Griff!“, spricht er streng. Als Genzo verlegen zu Hinata schaut, entdeckt er Trainer Mikami, wie er auf sie zugeht. Neben ihm der deutsche Kommissar und hinter ihm Herr Katagiri. Tsubasa ist völlig irritiert. Was hat er denn falsch gemacht?
„Ich verstehe grad nicht.“, meint er nur und sieht ihn fragend an.
„Na während dein Neuling meine Schwester verführt, ist dein Keeper zu feige eine Frau nach einem Date zu fragen. So ein unkontrollierter Haufen!“, haut er einfach heraus und geht in den Flur. Genzo blickt neben sich zu Karl und Tsubasa ist verwirrt und schaut dann in den Raum und sieht wie nah sich Marie und Shinichi gegenüberstehen und auf welche Weise sie sich ansehen. Die beiden machen den Eindruck, als würden sie gar nicht wahrnehmen was um sie herum passiert. Plötzlich grinst er. Der Anblick erinnert ihn in diesem Moment an sich selbst. Vielleicht sieht das auch so aus, wenn sich Fane und er sich ansehen, jetzt nachdem sie so viel mehr füreinander empfinden als zuvor.
„Oha. Damit habe ich nichts zu tun. Ich habe nichts mitbekommen.“ Kurz darauf kommt Tina eilig auf die Gruppe zu und schaut verwundert.
„Womit hast du nichts zu tun? Was hast du nicht mitbekommen?“, fragt sie Tsubasa als sie kurz Halt macht. Sie erntet Karls Blick ebenso.
„Na das mit dem Neuen und Marie. Du hast es doch bestimmt gewusst?“ Sie ist erstaunt.
„Oha, wer hat sich denn da verplappert? Aber ich habe da auch nichts mit zu tun. Ich war nicht dabei.“, schmunzelt sie.
„Das war Karl selbst. Er hat ihn provoziert und er hat die Gelegenheit genutzt. Shinichi eben, der ist nie aus der Ruhe zu bringen. Er erkennt die Lücke, wenn sie sich auftut und nutzt sie aus.“ Tina grinst.
„Schade, dass ich das verpasst habe. Nun gut.“ Dann grinst sie ihn an.
„Dir habe ich jedoch etwas auf die Sprünge geholfen. Hats denn wenigstens geklappt?“ Er kann vor Verlegenheit nicht antworten. Karl und Tsubasa müssen etwas grinsen.
„Nun gut. Keine Antwort ist auch eine.“ Dann sieht sie zu ihm auf und berührt seinen Arm, um ihn etwas zur Seite zu drücken.
„Genzo, mach mir bitte Platz, ich habe es eilig. Ich bin nicht zum Plauschen in eure Richtung gegangen.“, meint sie und grinst. Er geht zur Seite und wundert sich.
„Wo willst du denn so dringend hin?“ Tina geht an ihm vorbei, grüßt kurz die drei Männer, die auf sie zukommen und hebt grinsend die Hand beim schnellen Gehen.
„Na wo wir alle ab und an so hin gehen müssen, Genzo.“
Genzo sieht ihr verdutzt nach und auch Herr Mikami wundert sich über ihre Art. „Nanu.“, spricht er aus und sieht dann zu Genzo und grinst.
„Das ist ja wie ein Déjà-vu.“ Genzo fällt es in diesem Moment auch auf und fängt herzlichst an zu lachen. Dann sieht er ihr nach wie sie im eleganten Schritt zur Toilette eilt und hinter der Tür verschwindet.
„Ja, wie damals, nur anders.“
„Ja, ganz anders.“, haucht Mikami wehmütig.
‚Wie sehr hast du dich verändert, Bettina. Damals als Genzo und ich am ersten Tag im Verein ankamen und zum Trainerbüro gingen, kamst du uns total aufgelöst und hektisch im Flur entgegen, schubstest Genzo einfach zur Seite und äußertest ganz plump, er solle zur Seite gehen, du müsstest dringend aufs Klo. Und das mit einer sehr bestimmenden Art. Als wir dich dann näher kennenlernten, warst du ein richtiger Wildfang. Niemals wäre man darauf gekommen, dass du kein Junge bist. Es ist jetzt noch, nach den paar Tagen ein seltsamer Gedanke. Aber so ist es ja nun. Aus einem wilden kleinen frechen Jungen ist eine junge Frau geworden. Selbstsicher wie damals, aber stolz durch deine erworbenen neuen Fähigkeiten. Und gestern war eindeutig zu sehen, dass du die Rolle des Jungen und eines Kindes abgelegt hast. Wie mag der Anfang hier in Japan gewesen sein? So ein wilder Sturkopf wie du musste sich hier bestimmt erst einleben und dir eine Portion Respekt verschaffen. Wie warst du als Mädchen, als du hier angekommen bist? Wie hast du es geschafft dich hier zu behaupten? Wie hast du es geschafft in so kurzer Zeit einen solchen Erfolg hinzulegen? Einfach neu anfangen, das ist für jeden schwer. Genzo hatte auch seine Probleme. Vor allem musste er lernen wie die Deutschen ticken. Die Mentalität der Menschen ist völlig anders als die der Japaner. Die Jugend hat ihren ganz anderen Rhythmus und geht anders miteinander und mit Erwachsenen um. Es gibt andere Werte die zählen.
Bettina, ich frage mich bei all deinen Freunden wie du es geschafft hast so harte Knochen wie Kudo und diesen Kommissar Saito als Freunde zu gewinnen? Was ist da zwischen euch vorgefallen, dass sie dir vertrauen und du ihnen? Solche Männer lassen sich nicht einfach von einem kleinen Mädchen etwas sagen. Sie sind meiner Meinung nach sogar älter als ich es bin. Ich habe nur ein Team zu leiten und darauf zu achten, dass alles stimmt, aber die beiden haben eine viel höhere Verantwortung anderen Menschen gegenüber. Was verbindet sie miteinander?‘
„Was meint ihr damit? Wie damals?“, wundert sich Karl-Heinz.
„Als wir bei euch im Verein ankamen kam sie uns entgegengerannt und musste ganz dringend auf die Toilette. Da hat sie mich einfach weggestoßen und rann an uns vorbei. Als sie dann aber wieder zurück kam war sie ganz freundlich und begrüßte uns. Das war eben etwas ähnlich und hat uns beide an unsere erste Begegnung erinnert.“, erklärt Genzo.
„Ach so. Und diesmal war es natürlich anders. Ich verstehe.“, schmunzelt er und schaut dann zu Uwe, welcher erstaunt darüber ist was das für eine lustige Geschichte ist.
„Wir wollten uns nur mal etwas abkühlen von der Hitze da draußen und uns einen Kaffee gönnen.“, entgegnet Mikami dann und möchte an Genzo vorbei in das Trainerbüro.
„Hier ist kaum noch Platz.“, meint Genzo nur und zeigt in den Raum. Mikami wundert sich etwas als er Shinichis Mutter in ihrem Rollstuhl sieht und dann bemerkt er Shinichi selbst und ist etwas irritiert, als er beobachtet wie dieser von Schneiders Schwester angehimmelt wird. Sie gibt ihm in diesem Moment den Teebeutel und sieht ihm dabei schmachtend in die Augen. Ihre Hände berühren sich kurz. Der große Japaner dreht sich dann lächelnd zur Maschine, stellt eine Tasse unter die Düse und betätigt den Knopf zum Wasseraufbrühen.
‚Was hat das denn zu bedeuten? Und Schneider steht hier nur rum, während die rumflirten? Irgendwas stimmt doch hier nicht. Er hat sonst auch so ein Aufstand gemacht, wenn ihr jemand zu nah kam. Und da war sie nur ein kleines Mädchen.‘
„Karl-Heinz, du gehst jetzt einfach? Bist du sicher?“, spricht er ihn ehrlich an. Karl hebt nur die Hand und schaut nicht einmal zurück.
„Jup. Die Frauen machen sowieso alle was sie wollen. Nach meiner Meinung fragt hier keiner. Ich hau mich jetzt für eine Stunde aufs Ohr.“
‚Was meint er denn jetzt damit? Die Frauen? Welche Frau denn noch?‘ Tsubasa und Genzo sehen sich nur an und denken sich ihr Teil.
In diesem Moment öffnet sich ganz hinten das zweite Trainerbüro, Kommissar Saito tritt heraus und geht in ihre Richtung.
‚Nanu? So viele Leute hier? Ist etwas passiert?‘, wundert er sich und klopft dann an den Beratungsraum neben sich und verschwindet darin. Zeitgleich hat Tina die Sanitärräume verlassen und kommt wieder zurück.
Es ist nur ein kurzer Moment, dann geht die Tür zum Beratungsraum wieder auf und Kojiro mit seiner Familie wie auch Herrn Saito kommen den Flur entlang. Tina ist gleich angekommen und Karl-Heinz kommt ihr entgegen. Dass hinter ihm Bewegung im Flur ist, nimmt er gar nicht wahr. Tina jedoch spricht ihn an, als er auf ihrer Höhe ist.
„Alles okay? Wo willst du hin? Wolltest du nicht Schach spielen?“
„Ich gehe zum Ruheraum. Neben dem Arztzimmer ist doch einer, oder?“, antwortet er ruhig aber sieht sie dabei gar nicht richtig an.
„Das ist eine sehr gute Idee. Ich nehme mir auch ab und zu eine Auszeit.“, lobt sie lächelnd. Plötzlich ertönt die kräftige Stimme des Kommissars. Sie ist nicht laut, aber für jeden zu verstehen.
„Wenn ich kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten darf?“ Er stellt sich nun direkt hinter Genzo in Türhöhe damit er in alle drei Richtungen sehen kann. Sein Blick ist streng aber zufrieden. Alle sehen zu ihm und warten auf seine Ansage. Er gibt Uwe ein kleines Zeichen, dass er zu ihm kommen soll.
„Sie übersetzen für mich.“, bestimmt er freundlich und Uwe stimmt natürlich zu.
Tina und Karl-Heinz kommen ebenso etwas näher.
„Dreht mich um, ich will auch sehen wer da ist!“, knurrt Frau Yamamoto etwas rum. Daraufhin schnappt sich Hinata den Rollstuhl und dreht sie mit dem Blick zu den Kommissaren.
„Oh, schon wieder ein hübscher Mann. Er wird wohl in meinem Alter sein?“, sagt sie leise und schmunzelt. Saito versteht natürlich kein Wort und macht sich weiter keine Gedanken darüber. Er bemerkt nur, dass hinter Hinata noch jemand stehen muss, aber sehen kann er den Mann noch nicht.
„Das Versteckspiel hat ein Ende! Wir haben sie! Alle Täter wurden etwa vor einer halben Stunde festgenommen und verhört. Sie haben alle ein ausreichendes Geständnis abgelegt.“, spricht er zufrieden und stolz. Es wird plötzlich laut geklatscht und gejubelt. Karl-Heinz, welcher hinter Tina steht, lächelt daraufhin. ‚Na endlich. Es ist geschafft. Endlich können wir hier wieder weg. Es war nicht auszuhalten. Diese Ungewissheit. Wir waren in Sicherheit aber was war mit Tinas Freunden im Lokal?‘ Kaum jemand bekommt es mit wie sich Karl-Heinz plötzlich an die Brust fasst. Nur Kojiro und seine Schwester registrieren seine Reaktion auf die Nachricht.
‚Nanu, was ist denn los? Wieso schaut er plötzlich so seltsam und fasst sich an die Brust? Er hat sich bestimmt die ganze Zeit Sorgen gemacht. Das kann ich mir gut vorstellen. Kojiro war auch die ganze Zeit sehr angespannt und sorgte sich. Wenn man versuchen würde mich zu entführen wäre er auch sehr besorgt solange die Täter rumlaufen.‘, fällt Naoko auf.
Plötzlich stützt er sich an der nächsten Wand mit der linken Hand ab, hält seinen Bauch und schaut zu Boden.
„Mutter? Schau, Schneider. Da stimmt doch was nicht.“, vermerkt Kojiro skeptisch. Wie ein Müdigkeitsanfall sieht das nicht aus. Das war ihm zuerst im Gedanken, weil eventuell der Druck der Anspannung jetzt loslässt, so wie gestern Abend. Seine Mutter will zu ihm gehen doch dann bemerkt es auch Tina, die vor Karl steht und Saito für seine Arbeit lobt. Besorgt dreht sie sich zu ihm um, als sie sein starkes Atmen vernimmt und geht die zwei Schritte auf ihn zu.
„Karl, was ist los?“ Als sie ihre Hand hochnimmt, um seine Schulter zu stützen stößt er ihren Arm sachte weg.
„Nichts, lass mich!“, sagt er nur etwas brummig und sieht sie nicht einmal dabei an. Verdutzt sieht sie ihn an.
‚Karl, darf ich dir jetzt nicht mehr helfen, wenn es dir schlecht geht? Vielleicht willst du es nur nicht vor den anderen. Gestern waren wir alleine und das war eine andere Situation.‘
„Genzo! Basa! Schnell!“, ruft sie laut und will Abstand nehmen. Doch genau in diesem Moment wird ihm wie schwarz vor den Augen und er sackt langsam zu Boden. Uwe steht am nächsten und greift in dem Moment Karls Arm, als Tina ihn packte und versucht gegen die Wand zu stützen. Dann kommen Genzo und Tsubasa herangeeilt und übernehmen diese Aufgabe. Sie hakeln seine Arme um ihre Schulter und können ihn endlich richtig stützen, damit er nicht zu Boden stürzt. Genzo fasst kurz Karls schwitzige Stirn und prüft den Puls und seine Atmung.
„Das ist sicher die Hitze und der Schlafmangel. Wir bringen ihn zu Dr. Daniele. Sie kann ihn ans Gerät hängen.“, sagt er bestimmend. Dann dreht er sich nochmal um zu Hinata und lächelt sie an.
„Hinata, würdest du denn mit mir ins Museum gehen wollen? Du kannst mir sicher viel über meine alte Heimat erzählen.“, schmunzelt er. Die junge Frau strahlt ihn begeistert an und nickt verlegen.
„Sehr gerne, Genzo.“
Inzwischen ist Marie zur Tür geeilt und schaut besorgt zu ihrem Bruder.
„Was ist passiert?“
„Dein Bruder ist immer noch übermüdet, denke ich mal. Dann diese Hitze und die Anspannung bis jetzt. Ich weiß ja auch nicht wie viel er wirklich geschlafen hat und ob er bisher was gegessen hat außer das von eben?“ Sie geht in den Raum und spricht Kudo an.
„Dr. Kudo? Wieviel hat Karl-Heinz vorhin von der Box gegessen? Er war recht schnell damit fertig.“ Der Anwalt überlegt nicht lange.
„Herr Schneider hatte eindeutig Hunger. Ich habe ihn noch vorgewarnt wie sehr der Reis stopft, wenn er ihn zu schnell isst. Er hat bis auf zwei Sushis alles gegessen. Den Rest habe ich genommen.“, berichtet er sachlich. Alle sehen zu ihm.
‚Kudo, was macht dieser Hund hier? Das verdirbt einem ja gleich die gute Laune.‘, geht Saito durch den Kopf, als er ihn wahrnimmt. Sein Blick verschmälert sich.
„Bettina, was macht dieser schreckliche Mann hier?“, äußert Kojiros Mutter plötzlich leise und schaut zu Tina. Diese ist sehr überrascht. Woher kennt sie Kudo denn überhaupt? Dann bemerkt sie auch Saitos Blick. Sie weiß zwar nicht was die beiden für ein Problem mit ihm haben, aber dass Egon nicht nur Ehre und Respekt genießt, sondern auch verachtet wird, ist ihr völlig klar. Sie kann sich vorstellen, dass er sich auch mal mit jemanden wie Takeru beruflich anlegt, wenn er Strafverteidiger ist. Was jedoch hat Kojiros Mutter damit zu tun? Kojiro spricht seine Mutter leise an.
„Bitte halte dich zurück. Es ist alles okay und geklärt.“, beruhigt er sie nur. Vor ihr spielen sich schreckliche Bilder ab, wie sie mit ihrem Sohn noch kurz vor seinem Transfer, zu einem Gerichtstermin gehen musste und dieser Mann ihn dann vor dem Kläger und allen Anwesenden auseinandernahm. Er holte diverse Gesetzestexte heraus, provozierte ihn und konnte alles so legen, als hätte Kojiro nicht aus Notwehr, sondern aus Vorsatz gehandelt. Zum Glück endete das damals nur mit einer hohen Geldstrafe für gemeinnützige Zwecke.
Herr Katagiri kann sich ebenso sehr gut an diesen Tag erinnern, denn er war besorgt und fürchtete, dass der Transfer platzen könnte. Zu Kojiros Glück ging der Vorfall nicht an die Presse und diese Verhandlung fand auch nicht in der Öffentlichkeit statt, da Kojiro zu dem Zeitpunkt noch minderjährig war. Katagiri war vorhin schon sehr erstaunt, dass Herr Kudo zu Tina gehört, jedoch beruhigt es ihn, denn wenn er ihr Anwalt ist und es Probleme mit ihrer Vergangenheit gibt, dann kann es für Notfälle keinen Besseren auf internationaler Ebene geben. Nur er hätte die Klasse als japanischer Anwalt in Deutschland die richtigen Knöpfe zu drücken, wenn es darauf ankommt. Laut Mikami ist er erst seit Neustem ihr Anwalt und sie sind befreundet, sonst könnte sie ihn sich niemals leisten. Sie wird ihre Gründe haben jetzt einen solchen Mann offiziell an ihrer Seite zu wissen. Marie geht inzwischen an allen vorbei und folgt den drei Männern zur Krankenstation.
Tina stellt sich in die Tür und beruhigt Kojiros Mutter im ruhigen Ton.
„Dr. Kudo ist seit Neustem mein Rechtsanwalt und wird mich in Zukunft bei Verträgen und Problemen vertreten. Er ist der Beste den man als Sportler haben kann.“
„Ist das dein Ernst? Hattest du auf die Schnelle keinen anderen auf deiner langen Liste?“, murrt Takeru leise zu ihr und sieht noch immer stur und zornig zu Kudo. Dieser wiederum steht einfach erhaben da und hat einen neutralen freundlichen Blick aufgesetzt.
‚Saito du schlauer Fuchs hast nicht mit mir gerechnet. Bettina kann nicht wissen was uns verbindet. Vielleicht ahnt sie es jetzt, aber wissen kann sie nichts.‘
Kojiros Mutter ist erstaunt über diese Reaktion. Sie blickt neben sich zu Takeru auf und betrachtet sein ernstes strenges Gesicht von der Seite.
‚Dieser Kommissar ist ein wirklich interessanter Mann. Obwohl er durch seinen erfahrenden Job weiß, dass er sich so jemanden gegenüber ruhig zu verhalten hat, äußert er frei seine Meinung. Warum mag er diesen Anwalt nicht? Hat er berufliche oder private Gründe dafür? Vorhin, als er so gutgelaunt zu uns kam und uns die gute Nachricht verkündete, hatte er einen wirklich liebevollen Blick und eine sehr freundliche Stimme. Ich hätte nicht gedacht, dass es noch Männer gibt, die stets zu ihrem Standpunkt stehen. Und als vorhin diese seltsame Provokation von Trainer Kira war hielt er diese blonde Frau fest, die scheinbar auch auf ihn los gehen wollte. Er muss gewusst haben, dass sie ebenso ein Problem mit diesen Anschuldigungen hatte.‘
Tina sieht ernst und ehrlich zu Saito auf.
„Takeru, können wir das später in Ruhe klären? Ich wusste nicht, dass ihr euch kennt. Dann hätte ich dich vorgewarnt. Er ist ein Freund und ich vertraue ihm genauso wie dir auch.“, versucht sie ihn etwas zu beruhigen.
Saito schaut neugierig in den Raum und an Kudo vorbei. Er entdeckt das Schachbrett auf dem Tisch.
‚Ein Shogi-Brett. So ist das. Seine komische Tasche steht neben dem Stuhl vor dem Brett. Ich verstehe, nun Bettina, du hast es drauf einen immer zu überraschen.‘
„Er ist der Professor mit dem du seit Jahren Schach spielst, stimmts? Du hast nie seinen Namen erwähnt.“, spricht er noch ernst, aber schaut zu ihr herab. Tina nickt nur lächelnd und weicht dann seinem Blick aus.
„Am wichtigsten ist doch im Moment nur, dass diese furchtbaren Kerle da sind wo sie hingehören. Du und deine Kollegen haben meine Freunde gerettet. Werden sie jetzt ins 87. oder ins 18. Revier gebracht?“, dreht sie sich ihm wieder zu und lobt ihn erneut. Saito grinst sie plötzlich an.
„Du hattest schon immer das letzte Wort, was?
Die Kollegen bringen die Männer in mein Revier, da dort alles begann und ich die Leitung des gesamten Falls habe. Zwei von ihnen sitzen ja bereits bei uns.“ Dann dreht er sich zu Mikami und grinst ihn an.
„Herr Mikami, Sie kennen Bettina-san doch schon länger. War sie als Kind auch schon so besserwisserisch, dickköpfig und frech?“ Tina murrt spaßig zu ihm hoch. „Du bist ja so gemein. Du willst jetzt nur davon ablenken, dass ich Recht habe und du eigentlich nur hier bist, um zu arbeiten.“ Egon fängt an zu lachen. Mikami grinst den strengen Kommissar an, dem er zuvor noch nicht so ganz über den Weg traute.
„Besserwisserisch und frech kann ich mir gegenüber nicht behaupten. Es war eine andere Zeit und sicher auch eine andere Situation. Ich weiß ja nicht woher Sie sich kennen oder wie Sie sich kennengelernt haben. Als Trainer war ich eine Autoritätsperson. Bettina wollte immer ganz viel von mir wissen. Zu mir oder den anderen Trainern war sie niemals frech. Wenn ihr was nicht passte, hat sie das Thema sachlich erklärt und versucht Lösungsvorschläge zu machen. Manchmal hat es mir zugesagt, manchmal eben nicht, das hat sie dann auch akzeptiert.“, erklärt er stolz und überzeugt.
„Ich musste ja, sonst hätte ich nicht im Team bleiben können. Sie waren außerdem ein hervorragender Trainer. Bedeutend besser als Ihr Vorgänger. Ich konnte viel von Genzo und Ihnen lernen.“, erklärt sie voller Überzeugung.
„Na ich hoffe doch, dass du auch von mir viel lernen konntest. Bekomme ich auch so ein großes Lob?!“, hallt eine kräftige laute Männerstimme durch den Flur. Tina erkennt sie sofort, wie oft hat sie diese laute vertraute Stimme schon gehört und hier im Flur klingt sie besonders vertraut. Total baff schaut sie den Flur entlang und sieht wie ihr Trainer Herr Schmitt in hübscher weiblicher Begleitung elegant auf sie zukommt.
Es sind seine Frau Ai, Yoko, Yako und Mila, der Neuzugang im Tokio-Team. Trainer Mikami, Uwe und Herr Katagiri staunen nicht schlecht bei dem ungewöhnlichen Anblick.
„Trainer, Ai, Mädels? Was macht ihr denn hier?“, kommt ein freudiges Lächeln. Tina geht sofort auf die fünf zu und begrüßt zu allererst ihren Trainer mit einem Händeschütteln, dann folgen die Frauen mit einer Umarmung.
„Wieso seid ihr hier?“ Ryo schaut kurz in die Runde und hebt die Hand, um alle zeitgleich zu begrüßen. In Zwischenzeit ist Shinichi auch aus dem Raum gekommen und steht mit Kudo neben Frau Yamamoto im Türrahmen.
„Oh, das nenne ich auch mal ein Staraufgebot.“, äußert der deutsche Kommissar begeistert, aber leise. Tina vernimmt natürlich seinen Kommentar.
Yokos Auftritt
Kapitel 107
Yokos Auftritt
Katagiri stößt Mikami etwas neckisch an die Seite und flüstert ihm etwas zu. „Also wenn du auch mal so einen Auftritt haben willst, musst du wohl die Sportart wechseln.“
„Bloß nicht, es ist doch nur zu bewundern, dass sich dieser Mann bei so viel Schönheit noch auf seine Arbeit konzentrieren kann.“, neckt er ihn zurück und versucht sich nichts anmerken zu lassen.
„So kann man das auch sehen.“
Als sich Tina und Yoko umarmen grinst sie.
„Ich bin so froh, dass du endlich mal aus dir rauskommen kannst. Gut siehst du aus. Ach und noch was. Deine Aktion neulich wegen Hinata, es hat geklappt.“, meint sie. Dann lässt sie Tina los und schaut sich um. Zuerst schaut sie zu Kojiro. ‚Hyuga, man mag es nicht glauben. Ausgerechnet du kannst Tinas Herz erobern. Hm, er ist Kens bester Freund.‘ Dann schweift ihr Blick zu den etwas älteren Herren.
‚Wer sind die alle? Das Gesicht neben Shinichi kommt mir bekannt vor.‘
„Hallo Hinata, Shinichi und Sie sind bestimmt seine Mutter?“, kommt sie auf die drei zu und lächelt zu Frau Yamamoto herab.
„Ja, das ist meine Mutter. Aber sie spricht kein Japanisch mehr. Nur noch Deutsch und Französisch.“
Freundlich spricht sie die Dame auf Französisch an.
„Französisch ist eine schöne Sprache, stimmts?“
„Oh, wie schön. Ja genau. Und mit Deutsch bin ich aufgewachsen, deswegen will ich es auch zum Schluss nur noch sprechen.“, erklärt sie.
„Schöne Frauen lassen den Kopf nicht hängen. Sie tragen ihn stolz nach oben.“, grinst sie sie an. Danach wendet sie sich an Kudo und spricht ihn freundlich an. „Guten Tag, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer sind Sie? Ich bin Yoko Fuma, aus Toras Team.“ Er schmunzelt freundlich.
„Ich weiß genau wer Sie sind. Ich sehe mir so gut wie jedes Spiel an. Mein Name ist Dr. Kudo. Ich bin Rechtsanwalt.“, stellt er sich vor.
„Ach deswegen. Ich habe sie mal im Fernsehen gesehen. Sie sind dieser Staranwalt den sich keiner leisten kann. So ein ganz harter Typ. Warum sind Sie hier?“, schmunzelt sie.
„Oh, mein Ruf eilt mir voraus. Meiner neuen Klientin spielen Sie regelmäßig Ihre Bälle zu.“ Yoko dreht sich um und sieht zu Tina.
„Meint er dich damit?“, ist sie skeptisch.
„Jo, genau.“
‚Seltsam. Wie kann sie sich diesen Mann leisten? So viel können die Werbeeinnahmen doch gar nicht bringen. Besorgt sieht sie auch nicht aus, dass sie aktuell jemanden braucht.‘ Dann schaut sie weiter und blickt zu Saito auf. „Lassen Sie mich raten. Sie sind der Chef von der Sicherheitstruppe hier? Sie sehen streng aus und strahlen eine Kampfkraft aus. Wie ein Samurai oder ein Karatemeister. Können Sie mit dem Schwert umgehen? Oder Ihre Vorfahren?“ Takeru ist etwas verblüfft. Wie oft hat er sie schon auf dem Spielfeld spielen sehen, immer aktiv und quirlig. Sie schien auch stets gute Laune zu haben. Persönlich begegnet sind sie sich nie. Dass sie privat so offen und heiter ist war ihm nie aufgefallen. Interessant ist auch, ohne seinen Namen zu kennen geht sie davon aus, er stamme aus einer Samurai-Familie ab.
„Wow, wie kommen Sie denn darauf?“
„Ich kann sowas spüren. Ist wie angeboren. Ich stamme selbst von einer alten Samurai-Familie ab, aber wir haben uns dann vor gut 150 Jahren hauptsächlich noch auf Karate konzentriert. Das ist noch übrig und Bambusschwertkunst, ein paar Grundlagen. Mehr braucht man heute nicht mehr.“
Im Hintergrund muss sich Tina etwas das Lachen verkneifen und kichert nur etwas mit der Hand vor dem Mund.
„Samurai, also wirklich. Yoko, du hast es drauf mich immer zum Lachen zu bringen.“ Genau in diesem Moment wird ihr bewusst wie sehr sie ihre Freundin vermissen wird, wenn sie nach Italien geht. Wehmütig schaut sie zu ihr, wie sie voller Begeisterung den Kommissar mustert.
„Ich bin Hauptkommissar Saito. Die Arbeit hat mich hergeführt. Aber, ja, ich bin dem Kempo etwas mächtig. Es gehört unter Anderem auch zu unserer Ausbildung.“, kommt er ihr freundlich entgegen.
„Oh, Saito, also wirklich aus einer Samurai-Familie. Es gab vor der Meiji-Zeit, der Bakumatsu-Zeit, einen Schwertkämpfer namens Hajime Saito. Anführer des dritten Korps der Shinsengumi, er war einer der wenigen, die das Ende des Shogunats überlebte. Sagen Sie, wann hat sich ihre Familie wieder umbenannt?“, plappert sie stolz aus ihrem Geschichtswissen und sieht ihn wie herausfordernd in die Augen.
„Haben Sie einen Gürtel? Sie müssen mal in mein Dojo zum Training kommen.“ Sie greift in ihre Handtasche und holt eine Visitenkarte heraus.
„Yoko! Du blamierst uns! Was soll der Mann denn von uns denken?! Du bist total unhöflich!“, ruft Yako etwas zornig über die anderen Köpfe hinweg.
Saito hingegen grinst Yoko an.
„Sie haben eine interessante Lebensart, Frau Fuma. Stets gut gelaunt und scheinbar für jeden Scherz zu haben. Sie haben gut in Geschichte aufgepasst. Aber ich muss Sie enttäuschen. Ich bin ein ganz normaler Saito, so wie alle anderen Saitos in der Stadt.“ Alle sehen ihn gespannt an und dann wird gelacht, denn vorstellen kann sich das niemand wirklich. Der Kommissar und ein Schwert in der Hand. Takeru lässt sich hinreißen mit zu lachen, doch im Inneren findet er es sehr erstaunlich, dass diese junge Frau so derart davon überzeugt ist von dem was sie sagt. Sie lacht mit.
„Ach schade, es wäre doch zu witzig gewesen. Ein Saito, der an der Musashi-Schule ist. Ist doch witzig, ein Nachfahre eines ehemaligen Samurais, an der Schule, welche nach einem der größten Samurais benannt wurde, und gleich daneben steht ein Kojiro, ich lache mich einfach nur kaputt. Sie sind lustig, ich will trotzdem wissen wie stark Sie sind, kommen Sie unbedingt vorbei.“ Dann wendet sie sich Kojiro zu.
„Kojiro, ich darf doch schon Kojiro sagen, oder?“ Er stutzt verwundert. Wieso spricht sie ihn denn jetzt plötzlich an?
„Ja klar.“, sagt er nur.
„Wo ist Ken?“ Sein Bruder schaut sie erstaunt an und zeigt fragend mit dem Finger auf sich selbst.
„Welcher Ken? Ich?“ Yoko wundert sich und sieht den Jungen an.
„Nein, Wakashimazu natürlich. Ich habe ihn draußen auf dem Feld nicht gesehen.“
„Vielleicht hinten bei den Waschbecken.“, antwortet Kojiro erstaunt und zeigt mit dem Daumen hinter sich.
„Okay, das kann natürlich sein.
Und wer sind Sie? Sie kommen mir auch bekannt vor.“, wendet sie sich seiner Mutter zu.
„Das ist meine Mutter und neben mir sind meine Geschwister.“, erklärt Kojiro freundlich. Er bemerkt etwas die Unaufmerksamkeit seiner Mutter, weil sie noch nachdenklich zu Takeru aufschaut. Das wundert ihn.
Zeitgleich spricht Yako Tina leise an, als sie sich endlich umarmend begrüßen.
„Sag mal, wieso ist der Kommissar von damals hier? Ich war nicht aus jemanden aus der Zeit je wiederzusehen. Ich bin schon sauer genug, dass du mir nichts von Hyuga erzählt hast. Seit wann seid ihr zusammen? Er ging doch auch an diese furchtbare Schule.“
„Er ist zufällig für den Fall zuständig, weil das in seinem Revier passierte. Und die Idee hier her zu kommen kam von Kojiro. Ich erkläre es euch alles später.“
„Okay, und Hyuga? Wie lange läuft das schon?“
„Noch nicht so lange. Ich wollte euch das alles vor dem Spiel erzählen.“
„Verstehe, ganz frisch. Lass es dann erstmal. Wir reden eh gleich alle. Wir sind nicht grundlos hier.“, erklärt sie.
Etwas verwundert begrüßt Tina die Neue in ihrem Team. Die neunzehnjährige Mila freut sich sehr ihre Kapitänin zu sehen. Sie hält sehr viele Stücke auf sie und bewundert sie sehr.
„Yako, was meinst du? Sieht die hübsche Mutter von Hyuga nicht deiner Tante wahnsinnig ähnlich? Ich kenne sie ja nur von den Fotos her.“, ruft Yoko plötzlich quer durch den Flur. Alle sehen zu ihr und Yako ist es peinlich, dass sie schon wieder gerufen wird.
„Hörst du mal auf? Du bist heute echt peinlich. Welche Tante denn überhaupt?“, entgegnet sie brummig und geht auf sie zu. Kojiros Mutter und auch der Rest seiner Familie sind erstaunt.
„Na die schöne Ballett-Tänzerin. Im Flur deiner Mutter hängt doch ein Foto von ihr.“ Kojiros Puls steigt plötzlich an. Auch seine Geschwister sind mehr als verwundert. Seine Mutter starrt zu Yako und weiß vor Schreck gar nicht was sie sagen soll. Er spürt nur plötzlich ihre Hand an seinem Arm, wie sie sich festhält.
„Mag sein, vielleicht sehen sie sich ähnlich, aber meine Tante Kaoru ist sehr jung schon vor über zwanzig Jahren verstorben. Irgendeine Krankheit.“, spricht sie ruhig und betrachtet die Mutter von vier Kindern.
‚Wie bitte? Tante Kaoru? Mutter heißt Kaoru. Wie kann das sein? Und was soll das heißen, gestorben?‘ Yako bleibt vor Kaoru stehen und sieht sie freundlich an.
„Es tut mir wirklich sehr leid Frau Hyuga, dass Yoko so einen Blödsinn erzählt. Sie ist manchmal zu frei raus. Sie sehen ihr jedoch wirklich ähnlich, das muss ich zugeben.“, verbeugt sie sich entschuldigend vor ihr.
Kaoru sieht sie nur verblüfft an.
„Wie…wie heißt denn Ihre Mutter mit Mädchennamen?“, entgegnet sie ihr unerwartet. Yako stutzt plötzlich. Warum fragt sie das denn, wenn es ohnehin egal sein kann?
„Tomoe, meine Mutter heißt Sanae Tomoe. Sie hat erst nach meiner Geburt geheiratet.“
„Sa…Sanae.“, haucht sie plötzlich aus und hält sich krampfhaft an Kojiro fest. Ihr Herz schlägt plötzlich sehr schnell und ihr wird ganz schwarz vor Augen.
„Mutter.“, bemerkt er es noch rechtzeitig. Er greift ihr sofort unter die Arme und bemerkt wie sie zusammensackt. Auch der Kommissar reagiert erstaunt und hält ihren anderen Arm fest.
„Frau Hyuga. Was ist los?“, wundert er sich ebenso.
Kojiro nimmt sie hoch und im selben Moment gibt Mikami eine Ansage, dass sich alle an die Wand stellen sollen, damit er sofort mit ihr zur Ärztin gehen kann. Besorgt eilt er mit ihr los zu Frau Dr. Daniele. Tina ist etwas irritiert und folgt ihnen. Yako ist ebenso sehr besorgt geht ihnen auch nach. Also sie im Behandlungszimmer stehen und Kojiro seien Mutter auf die Liege legt wird sie sofort von Daniele begutachtet. Es war nur ein sehr kurzer Moment, dass Kaoru keine Kraft mehr in den Beinen hatte. Kaum liegt sie öffnet sie auch schon wieder die Augen. Dann richtet sie sich auf und schaut zu ihren Kindern.
„Macht euch keine Sorgen. Mir geht’s schon wieder gut. Ich habe mich nur etwas erschrocken.“, lächelt sie.
„Mama, was war denn auf einmal los?“, fragt Ken.
„Es ist schon gut. Das war die Hitze und die Aufregung.“, versucht sie ihn zu beruhigen. Kojiro jedoch ist etwas aufgewühlt. Was ist, wenn diese Frau wirklich ihre Schwester ist? Was hat das dann zu bedeuten? Warum behauptet sie dann, sie sei tot?
Als Tina das Zimmer betritt, schließt sie die Tür hinter sich. Kurz vorher schaut sie zu Yako, welche direkt hinter ihr ist.
„Sie sitzt schon wieder. Alles gut. Wir reden später, okay?
„Was hat das zu bedeuten? Wieso hat sie nach dem Namen gefragt?“, ist sie verunsichert.
„Yako, das kann ich dir jetzt auch nicht sagen. Es wird sich sicher aufklären.“
„Sie sieht ihr aber tatsächlich ähnlich. Ich verstehe das nicht.“ Inzwischen sind die anderen im Flur vor der Tür und sehen zu ihnen. Takeru vorweg.
„Wie geht es ihr, Bettina-san? Geht's ihr besser?“
„Ja. Alles gut. Geht am besten einfach wieder eure Sachen machen.
„Ich komme nachher noch zu dir. Meine Gaststätte ist aber jetzt okay? Also meinem Personal geht's gut?“, hakt sie nochmal nach.
„Ja. Wir reden dann. Komm einfach in unser Trainerbüro.“
„Mache ich, bis nachher.“ Ryo steht neben Saito und spricht Tina ebenso an.
„Das ist beruhigend. Was war denn los, dass der Kommissar da ist? Und Tina, wir müssen sofort reden. Es geht ums Spiel.“, klingt er sehr ernst.
„Seid ihr deswegen hier? Sag jetzt aber nicht, es fällt wieder aus.“, ist sie verblüfft.
„Nein, komm bitte zuerst zu mir, danach hast du Zeit zum Kommissar zu gehen. Ich werde in meinem alten Büro auf dich warten.“
Sie nickt ab und schließt dann endlich die Tür hinter sich. Es ist ganz ruhig im Behandlungszimmer. Dr. Daniele kontrolliert Kaorus Blutdruck und ihren Atem.
„Alles soweit wieder okay. Sie haben jedoch einen niedrigen Blutdruck. Vielleicht tut Ihnen eine Pause von der Hitze auch gut. Nur mal so ne halbe Stunde Ruhen ist sicher schon ausreichend. Ich weiß ja jetzt nicht was Sie so aufgeregt hat, aber Ruhe kann nicht schaden.“ Dann schaut sie zur Tür, die zum Ruheraum führt.
„Wissen Sie, sogar Herr Schneider hat sich hingelegt und schläft. Wenn man völlig übermüdet ist und zu sehr angespannt haut das auch mal einen Baum von Mann um, das hätte genauso Ihr Sohn sein können. Wenn der Körper nicht mehr will und sich dann etwas Anspannung löst, dann haut es ihn um. Das ist völlig normal und hat mit dem Adrenalin zu tun.“ Kojiro schaut zur Tür.
‚So ist das. Wir wissen ja wirklich nicht wieviel er noch geschlafen oder morgens gegessen hat. Wer weiß was er noch alles nach dem Aufstehen gemacht hat und hier war er vorhin wie wir die ganze Zeit in der prallen Mittagssonne und hat sich gut ausgepowert, um sich auch abzulenken.‘
„Mutter, das stimmt. Müdigkeit ist extrem gefährlich. Leg dich also bitte hin. Du bist sicher wegen der Aufregung ebenso müde. Ich weiß ja auch nicht wie gut du die letzten Nächte geschlafen hast.“
„Oh das stimmt. Mama hat die letzten Tage unruhig geschlafen.“, bemerkt Ken. Naoko blickt auch zur Tür und dann zur Ärztin.
„Wie geht es ihm denn? War er wirklich nur müde?“, erkundigt sie sich.
„Ja, so ein Jetlag kann einen ganz schön aus dem Rhythmus bringen. Ich vermute mal er hat im Flieger nicht geschlafen. Dann kommt die Hitze dazu und diese ganze Aufregung mit der versuchten Entführung. Herr Wakabayashi hat bereits erzählt, dass es jetzt vorbei ist und kurz danach ist es passiert. Aber Herr Schneider war ja noch ansprechbar. Also alles soweit gut. Schlaf ist oft die beste Medizin.“, erklärt sie ihr.
„Sie haben Recht. Ich habe wirklich die letzten Tage wenige geschlafen und dann war es so aufregend heute. Auch wenn es eine schöne Aufregung ist, ist sie ja da. Ich lege mich hin. Das würde ich meinen Patienten doch auch so raten.“, ist Kaoru einsichtig und will aufstehen.
„Es tut mir leid, dass Yoko so einen Unsinn geredet hat. Sie denkt leider eher weniger darüber nach was ihre Offenheit anrichten kann. Sie ist immer so frei raus, wenn sie vor allem gut gelaunt ist.“
„Ach alles gut, sie wollte mir sicher nur ein Kompliment machen. Sei ihr nicht böse. Sie ist doch deine Freundin, oder?“, antwortet sie liebenswert.
„Ja, das ist sie.“, sagt Tina leise, geht zu ihr und nimmt ihre Hand.
„Ohne Yoko und ihre Art ein Sonnenschein zu sein, hätte ich die Anfangszeit hier nicht überstanden. Ihre Fröhlichkeit hat mich immer aufgemuntert. Und später ist sie immer an meiner Seite geblieben, wenn es ging. Nur die zwei Jahre Uni war sie nicht bei mir. Das war wirklich komisch und schwer ohne sie jeden Tag zu sehen. Bitte sei ihr nicht böse.“
„Das bin ich doch gar nicht. Sie ist wunderbar, deine Freundin.
Ich möchte mich jetzt wirklich hinlegen, ist denn noch ein Schlafplätzchen übrig?“, wendet sie sich dann an die Ärztin.
„Ja, wenn es Sie nicht stört würde ich Sie auch im Ruheraum unterbringen. Der andere Raum ist zwar frei, aber dort hat die Klimaanlage den Geist aufgegeben, die wird erst morgen repariert.“
„Mama, darf ich bei dir bleiben oder wenn die Ärztin es erlaubt, ihr etwas helfen? So kann ich mich um dich kümmern und gleichzeitig mal in deinen Beruf als Krankenschwester schauen.“, bringt sich Naoko ganz lieb ein und schweift dann auch mit dem Blick freundlichen zur Medizinerin.
„Meinetwegen, du musst dann aber wirklich alles genau machen wie sie sagt. Also wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Doktor.“
Die Ärztin freut sich über das Angebot. Sie steht auf und fordert sie gleich auf sich zu desinfizieren und zeigt ihr wie das richtig geht. Danach gehen sie leise in den Ruheraum und bereiten das zweite Bett vor. Es steht dem schlafendem Mann gegenüber an der anderen Wand und hat ebenso Rollen an den Beinen. So kann es bei Bedarf auch bewegt werden. Dr. Daniele zeigt ihr wie man den Stopper kontrolliert und einstellt und sagt ihr wie sie die Bettwäsche richtig zu legen hat. Dann kann Frau Hyuga kommen und Naoko hilft ihr sich hinzulegen und deckt sie zu. Es wird ein Tee gekocht und eine kleine Tablette mit etwas Wasser verabreicht. Im Behandlungsraum sehen die anderen nur durch die Tür und man kann sehen, dass Karl-Heinz tief und fest schläft, denn er bekommt gar nicht mit was passiert und liegt einfach nur auf dem Rücken da. Die dünne Decke ist auf ihn gelegt und seine Arme darauf. Die anderen verlassen dann die medizinische Abteilung und ziehen sich zurück.
Einige Minuten später ist der Tee endlich durchgezogen und Naoko bringt ihn ihrer Mutter und stellt ihn leise auf den Tisch neben ihr. Im Behandlungszimmer wird sich an den Schreibtisch gesetzt und der PC benutzt.
Als das Mädchen ihre Mutter nachdenklich im Schlaf betrachtet und noch immer etwas verwundert auf ihre Reaktion ist, blickt sie auch zu Karl rüber. Er hat sich noch immer nicht bewegt und sein Atem ist deutlich zu hören.
‚Wie tief und fest er schläft. Ob er etwas träumt? Wie ruhig er da liegt. Ich habe immer nur die Spiele gesehen, wenn er sich mit Kojiro duellierte oder mit ihren Teams gegeneinander spielte. Und im Fernsehen sieht eh jeder anders aus. Tina wirkt ja auch total anders als im Fernsehen oder auf dem Feld. Und hier kommt mir dieser Mann so ruhig und trotzdem so stolz und beherrscht vor. Ob die Ruhe, die er ausstrahlt nur von dieser Anspannung kommt wegen seiner Schwester?‘, geht ihr durch den Kopf. Dann geht sie langsam zu ihm und bleibt vor seinem Bett stehen und schaut zu ihm herab. Sie betrachtet sein Gesicht. Ihr Herz schlägt ganz doll als sie ihm so nahe ist.
‚Was für eine Ausstrahlung er hat. Es sieht so friedlich aus, wie er schläft.‘ Ihr gehen die Gedanken nicht aus dem Kopf wie Karl-Heinz Kojiro geholfen hat nicht auszurasten. Er hatte ihm etwas gesagt, was sie nicht verstand und dann drehte er sich zu ihrer Mutter um, als sie sich einbrachte und endlich das tat, was alle am liebsten getan hätten. Wie konnte Kira nur auf einmal ihren großen Bruder so derart angehen, ihn und Tina so beleidigen? Das ging nicht in ihren Kopf rein. Und dann mischte sich dieser Mann ein, Kojiros stärkster Rivale half ihm, wie konnte das sein? Er sprach ihre Mutter höflich an und nahm ihr die Flasche behutsam aus der Hand, meinte zu ihr, sie dürfe sich nicht auf sein Niveau herabbegeben und fragt höflich, ob er kurz ihre Hand nehmen dürfe. Sie willigte verwundert ein und dann berührte er sanft ihre linke Hand, in der die Flasche vorher war und es sah aus, als würde er sie zum Tanz bitten. Dann drehte er sich mit ihr um, wie beim Tanzen und führte sie elegant zu Kojiro, sah ihm in die Augen und berührte auch seine Hand, welche noch eine Faust machte. Daraufhin sprach er ihn erneut an und ihr Bruder nahm die Hände auf die Schultern ihrer Mutter.
Sie sah wie seine Anspannung etwas wich, vermutlich, weil er sie berührte. Karl-Heinz nahm die kleine Flasche, drehte den Deckel wieder zu und gab ihn Herrn Kira zurück. Es schien als würde er ihm helfen, statt ihn zu belehren oder anzugehen. Herr Kira war sehr verwundert. Dann sprach Karl ihn ernst an.
„Was denken Sie sich dabei? Was sind Sie denn für ein Trainer, der vor Publikum so persönliche Aussagen macht? Können Sie Ihre persönlichen Probleme nicht unter sich klären? Das ist unprofessionell!“, sprach er ruhig aber sehr ernst.
„Und nun was in eigener Sache: Natürlich war Tinas Bruder mein bester Verteidiger und er war nicht nur für Genzo, sondern auch für Kaltz und mich ein enger Freund. Vermutlich ähnlich wie Ihre drei Schüler, von denen Sie so schwärmen. Behaupten Sie also nie wieder, dass es diesen Mann nicht gegeben hat!
Und was Tina betrifft: Sie kennen sie nicht, denn dann würden Sie wissen, dass sie gar keinen Wert auf materielle Dinge legt und Geld war ihr noch nie wichtig. Wenn es so wäre, dann hätte sie einfach in Deutschland bleiben können, statt hier neu anzufangen. Aber nein, sie entschied sich dafür lieber unseren Verein und uns alle im Team zu schützen, indem wir ohne einen Skandal unsere Wege gehen konnten. Sie hätte mit ihrer Leistung in jedes Frauenteam gehen können, aber nein. Statt das auszunutzen gab sie für uns ihren Sport auf und fing hier neu an. Behaupten Sie also nie wieder, sie würde irgendetwas aus purem Eigennutz tun. Eins noch: Treten Sie mir nie wieder unter die Augen! Meinen Respekt Ihnen gegenüber haben Sie für immer verloren! Was maßen Sie sich an zu behaupten Tina hätte es nötig sich in irgendeiner Art zu verkaufen!? Damit beleidigen Sie nicht nur sie und diesen Herrn Müller, sondern auch Hyuga, Genzo, das gesamte Team und mich!“, erntete Kira einen zornigen Blick. Dann wich er ihm einfach aus, ging an ihm vor in ihre Richtung, hob die rechte Hand etwas und sah zu Genzo.
„Genzo, komm wir gehen. Ich will so jemanden nicht in meiner Nähe haben, du sicher auch nicht. Lass uns etwas Wut ablassen.“ Genzo willigte irritiert ein und folgte ihm einfach zum nächsten Tor. Als die beiden an ihr vorbei gingen und Karl-Heinz direkt kurz neben ihr stand, um dem deutschen Touristen etwas zu sagen, sah sie zu ihm auf und betrachtete seinen Nacken und seine kräftige Statur. Ihr Herz fing plötzlich an zu schlagen, als sie seinen Geruch wahrnahm. Wie selbstverständlich und zuvorkommend er mit ihrer Mutter umging, faszinierte sie. Charmante Jungs fand sie schon immer interessanter. Und dieser Mann scheint nicht nur charmant, sondern auch stark und stolz zu sein. Zuerst wusste sie nicht wer das ist und wunderte sich nur, warum er ihr bekannt vorkam und was er mit Genzo überhaupt zu tun hatte. Sie dachte er gehöre zu der deutschen Familie, aber er schien Tina zu kennen. Aber woher nur?
Erst als er ging und sie Tsubasa neben sich fragte wer das sei, erkannte sie ihn.
Und nun steht sie neben ihm und sieht ihm beim Schlafen zu. Ihre Mutter ist gleich eingeschlafen, als sie sich hinlegte und bekommt nicht mit wie sie dasteht.
Plötzlich ist eine leise Stimme zu hören.
„Naoko, kommst du? Wir müssen noch etwas nachbereiten und die beiden brauchen ihre Ruhe.“, spricht Frau Doktor leise und schaut dann in den Ruheraum zu ihr.
„Mach dir keine Sorgen. Ihm geht es gut. Seine Temperatur müsste auch langsam wieder etwas sinken. Er hat ein wenig Fieber.“ Dann geht sie zu dem jungen Mädchen.
‚Interessant, dass sie sich überhaupt um ihn sorgt. Er ist immerhin der größte Rivale ihres Bruders.‘
„Ich verstehe. Man sieht, dass er geschwitzt hat.“
„Die nasse Stirn kommt vom feuchten Tuch und schau mal hier.“ Sie geht an die dünne Decke im Beinbereich und hebt sie ein wenig an.
„Ich habe ihm einen Wadenwickel gemacht, damit das Fieber sinkt. Er hat mich darum gebeten keine Tablette zu nehmen, also mal auf die alte Art.“ Naoko hört ihr interessiert zu und blickt auf das Handtuch welches um seine Wade gewickelt ist. Die Decke wird wieder behutsam hingelegt
„Und wofür dann die Decke, wenn die Temperatur sinken soll? Ist das nicht eher, damit man nicht friert?“
„Naja, hier ist eine Klimaanlage an und wenn die kalte Luft für eine zu lange Zeit auf nasse Haut bläst kann es schnell zu Verspannungen oder einem weiteren Schub kommen. Je nachdem, wie der Körper darauf reagiert. Bei Herrn Schneider tippe ich aber mal weniger auf die Verspannung, dafür ist er gesundheitlich viel zu abgehärtet, wenn es um Wettereinflüsse geht, so wie dein Bruder eben auch. Daher also eher gegen den Anstieg der Temperatur. Der Körper könnte denken, dass er auskühlt und dann gibt er erstrecht Ras.“ Beide verlassen dann den Raum und schließen ihn wieder.
„Du kannst dann gerne ab und zu nach unseren beiden Patienten schauen. Ich zeige dir jetzt erstmal wie man das Behandlungszimmer wieder für den nächsten Patienten vorbereitet.“ Sie sind gut zehn Minuten beschäftigt und dann gehen sie erneut gemeinsam in den Raum.
„Was meinst du? Was sagt seine Temperatur?“ Naoko schaut in Karls Gesicht.
„Ich weiß nicht. Bei meiner Mutter würde ich einfach die Stirn berühren und schauen wie sie sich anfühlt. So hat sie das auch immer bei uns gemacht. Erst dann benutzte sie ein Fieberthermometer.“, erklärt sie etwas zurückhaltend.
„Ist alles richtig. In unserem Falle reicht das auch erstmal aus. Traust du dich? Oder soll ich es tun?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Machen Sie lieber.“
„Er benötigt noch einen neuen Wickel, aber es wird besser. Ich denke mal danach reicht es. Einmal Stirn und Waden und der Rest macht die Macht des Schlafens.“
Etwa zehn Minuten zuvor klopft Tina am alten Trainerbüro ihres Trainers an und wird hereingebeten. Ryo, Ai, Yoko und Mila warten bereits auf sie.
„Wo ist Yako?“
„Sie wollte an die frische Luft. Tina, wir haben ein Problem. Der deutsche Verband hat drei Leute geschickt. Sie unterhalten sich aktuell mit unserem Verband und das Spiel heute Abend, es muss leider woanders stattfinden.“, entgegnet er ernst.
Wie eine Gefangene
Kapitel 108
Wie eine Gefangene
Naoko sitzt bei ihrer Mutter am Bett und wartet bis die Ärztin von ihrer Pause wieder da ist. Sie schaut zu Karl-Heinz. Dann bewegt er sich und dreht sich auf die rechte Seite. So schaut er direkt zur Tür, aber die Augen bleiben verschlossen und er schläft weiter tief und fest. Das Tuch auf seiner Stirn jedoch fällt durch die Schräglage herunter auf den Boden. Naoko steht leise auf und geht zu ihm. Sie hockt sie sich hin und hebt das Tuch auf. Es ist schon durchgewärmt. Also legt sie es zur Seite auf den Tisch. Dann schaut sie noch in der Hocke zu ihm, direkt in sein freundliches schlafendes Gesicht. Ihr Herz schlägt plötzlich ganz doll und ihr wird ganz heiß. Sie ist ihm plötzlich so nah, dass sie seinen Atem im Gesicht spüren kann.
‚Du bist also der berühmte Karl-Heinz Schneider. Stark und stolz wie großer Bruder. Auch wenn ich noch klein war, aber ich kann mich noch daran erinnern wie er sich geärgert hat dir das erste Mal gegenüber zu stehen. Er hätte niemals gedacht, dass ihn mal jemand so weitaus überlegen ist. Dann schwor er sich dich zu bezwingen. Dich, den großen Fußballkaiser. Mit gerade mal Fünfzehn Jahren wie ich jetzt, wurdest du bereits in einen der größten Teams in die Profiliga geholt. Du warst stark genug, um mit den Erwachsenen mitzuhalten. Wie konnte das sein? Wie stark muss Tina damals gewesen sein, dass sie mit dir mithalten konnte?
Warum wolltest du dich vorhin nicht zu uns setzen, weil Kojiro dein Rivale ist? Oder gab es einen anderen Grund? Mama scheint dich zu mögen.‘ Im Gedanken vertieft bekommt sie nicht mit, dass sie unbemerkt beobachtet wird.
‚Wieso steht sie nicht wieder auf und sieht ihn so an?‘, geht durch den Kopf von Tina.
Dann ist ein leises Geräusch hinter Naoko zu hören und sie dreht sich um. Eines der Wadenwickel ist heruntergefallen. Durch das Wechseln der Liegeposition löste es sich langsam vom rechten Bein. Sie steht auf und bückt sich, um es ebenso aufzuheben. Dann legt sie es zum anderen Tuch und schaut erneut zu ihm. Die Decke ist natürlich ebenso verrutscht. Sein rechter Arm und seine Beine liegen etwas frei.
‚Bei diesen Muskeln wundert es mich gar nicht, dass du so schnell und stark bist.‘ Sie wirft einen Blick zu den Sachen auf dem Stuhl neben der Liege. Seine Beinschoner und Socken liegen darauf. Fein ordentlich zurechtgelegt und unter dem Stuhl stehen die Stulpen sehr genau nebeneinander mittig zwischen den Stuhlbeinen. Sogar die Schnürsenkel sind gebunden. War das die Ärztin oder hat er sich seine Sachen selbst so perfekt hingelegt?
‚Was bist du privat für ein Mensch, Karl-Heinz Schneider?‘ Naoko betrachtet seinen gesamten Körper und bleibt mit dem Blick bei seinem starken Arm und der großen Hand hängen.
‚Ob du eine Freundin hast? Wenn ja, wie mag sie sein? Warum bist du überhaupt hier in Japan? In der Regel kommen nur die Franzosen her und heute bist du plötzlich da. Das war nicht geplant, das ist zu merken. Ich habe das Gefühl, dass sich alle etwas anders verhalten.‘ Unbewusst kommt ihre Hand näher an seinen Kopf. Dann stoppt sie, zieht die Hand zurück und dreht sich zu ihrer Mutter um. Diese schläft tief und fest. Daraufhin wendet sie sich wieder dem Mann zu, der vor ihr liegt.
‚Jetzt liegst du hier, der vermutlich begehrteste Mann Deutschlands. Schade, dass du die Augen zu hast. Wie du mich vorhin angesehen hast. So schöne blaue Augen habe ich noch nie gesehen. Mein Herz pocht so doll und du riechst sogar so angenehm. Wie kann das nur sein?
Diese schönen blonden Haare, wie fühlen sie sich an? Wie fühlst du dich an? Wie würdest du eine Frau mit deinen großen Händen berühren? Wie würde sich das anfühlen? Wie fühlt es sich an, wenn ein Mann eine Frau berührt, vor allem dann, wenn sie es will? Es muss etwas Schönes sein, sonst würde es doch zwischen den Menschen nicht funktionieren.
Was ist überhaupt Liebe? Ständig liest man davon und keiner kann einem genau erklären was es ist. Woran erkennt man denn, ob man verliebt ist?
Es sah sehr interessant aus wie sich Kojiro und Tina angesehen haben. Ich habe noch nie so einen liebevollen Blick in seinem Gesicht gesehen. Und wie sie zu ihm aufsah und überhaupt wie die sich beide ansehen. Er hat noch nie jemanden mit nach Hause gebracht und ich habe überhaupt keine Vorstellung davon was da so los ist bei ihm? Hatte er denn in Italien mal eine Freundin?
Mama sagt immer, das ist ein schweres Alter für Männer. Was meint sie damit? Ist das nur für Japaner so oder trifft das auch auf Europäer zu? Sie meint bestimmt diese Zeit zwischen der Volljährigkeit und der Jugend.
Mama sagte mal, als ich sie fragte woran sie es erkannt hat, damals bei Papa, da sagte sie, alles was er tat fühlte sich gut an. Es war schön und sie hatte immer das Gefühl, er solle sie nie loslassen. Das war bis zu seinem Tod so. Deswegen wusste sie, er muss der Richtige sein.
Das klingt so schön und so einfach und wie findet man das denn aber heraus? Sie war selbst noch jung, gerade mal neunzehn, als Kojiro geboren wurde. Und Papa, er war schon fünf Jahre älter als sie. Ihre Familie hat sie deswegen verstoßen. Weil sie für das Kind ihre Karriere am Theater aufgegeben hat.
Und wie ist es bei dir? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dir die Mädchen in meinem Alter genauso hinterher jubeln und hoffen, dass du ihnen mal begegnest oder du ihnen die Hand geben würdest, genauso wie sie es hier hoffen bei Kojiro. Es ist manchmal wirklich schrecklich mit anzuhören wie die Mädchen in der Schule über ihn reden. Sie machen es bewusst nur wenn ich nicht da bin. Ich kann ja nicht mal irgendeinem Mädchen vertrauen, weil ich nie weiß, will die jetzt mit mir befreundet sein oder will sie nur meinen Bruder kennenlernen.
Geht es deiner Schwester auch so? Sie scheint mir ebenso deutlich jünger zu sein. Ich würde mich gerne mit ihr mal unterhalten und fragen wie sie damit umgeht. Ihr scheint wie wir auch sehr liebevoll miteinander umzugehen.
Manchmal komme ich mir vor wie in einem Gefängnis. Nie weiß ich wann ich jemanden trauen kann. Ich kann nie ausgehen oder mich mal mit jemanden treffen, ohne dass Ken an meiner Seite ist. Das nervt richtig. Und wenn sich mal Mädchen mit mir treffen wollen, dann nur, weil er dabei ist. Ihn wollen sie kennenlernen, nicht mich. Er ist genauso beliebt und immer im Gespräch wie Kojiro.
Und mich sprechen die Jungs gar nicht erst an. Ich weiß nicht wie ich bei ihnen überhaupt rüberkomme oder es jemanden gibt, der mich mag. Die haben sicher alle Angst was falsch zu machen. Keiner will sich mit Ken oder gar Kojiro anlegen. Wie soll ich denn je erfahren wie sich Liebe anfühlt, wenn mich nie jemand anspricht?‘ Plötzlich merkt sie, wie ihr ein paar Tränen kommen und sie nimmt die Hand ins Gesicht und wischt sie schniefend weg. Um sich abzulenken von ihrem Kummer nimmt sie die Tücher vom Tischchen, geht zum Waschbecken und wäscht sie mit kaltem Wasser aus. Sie wringt sie kräftig aus und dann hängt sie diese zum Trocknen auf die kleine Leine. Dann holt sie aus dem Schränkchen neue Tücher und lässt sie unterm Wasser schön kalt werden, wringt sie ebenso aus und legt sie dann so zusammen, wie es Dr. Daniele gezeigt hatte. Das größere der beiden Tücher nimmt sie und geht zurück zu Karl-Heinz, bleibt vor seinen Beinen stehen und schaut sie sich genauer an. Sie entdeckt einige Schürfwunden und ältere kleine und auch etwas größere Narben. Sie kennt solche Verletzungen, denn Kojiro sieht ebenso aus. Das ist ihr schon als Kind aufgefallen. Da weiß man mal wie anstrengend so ein Sport sein kann. Sie traut sich zuerst nicht sein Bein einfach zu berühren, aber dann entscheidet sie sich schlicht dafür das Tuch nur auf das Bein zu legen, statt es richtig einzuwickeln. Danach geht sie zum Waschbecken und nimmt das andere Tuch, welches sie kleiner gefaltet hat. Kurz darauf steht sie wieder vor ihm und betrachtet sein Gesicht. Sie hält nachdenklich das feuchte kalte Tuch in der linken Hand.
‚Was für ein gutaussehender Mann du bist. Schon wieder wird mir so warm, nur weil ich dir so nah bin. Seltsam, als ich vorhin gestürzt bin und der große Junge von dieser deutschen Familie mich sogar getragen hat, da habe ich gar nichts dabei empfunden. Er hat mich doch so liebevoll und behutsam berührt, war sehr freundlich und fürsorglich und trotzdem kam da keine Wärme rüber oder irgendetwas anderes. Dabei ist er doch auch gutaussehend, finde ich. Groß und stark und sogar ein Volleyballer. Perfekter geht’s doch nicht und ich kann dabei nichts empfinden? Seltsam. Ich dachte in diesem Moment eher, dass es daran liegt, weil er kein Japaner ist und ich vielleicht nur für sie Augen habe. Aber wenn ich hier so neben dir stehe und deinen angenehmen Atem rieche, dann habe ich plötzlich das Bedürfnis zu erfahren wie du dich anfühlst. Wie würde es sich anfühlen, wenn du mich getragen hättest, statt dieser Andreas?‘ Sie geht in die Hocke, hält noch immer das Tuch in der Hand und dann schaut sie direkt in sein Gesicht, ganz nah ist sie ihm und dann hebt sie zögerlich die rechte Hand und legt ihren Handrücken dann doch mal auf seine Stirn. Es sieht danach aus, als würde sie nur seine Temperatur prüfen, aber nein. Das ist es nicht.
‚Wie angenehm du dich anfühlst. Wie würde sich dann eine richtige Berührung von dir anfühlen? Wie fühlt sich die Berührung eines Mannes an? Eine warme große Hand auf der Wange?‘ Ihre Hand auf seiner Stirn dreht sich um, macht eine streichelnde Bewegung und fährt dann etwas durch sein Haar, schiebt es hoch und dann legt sie das Tuch etwas schief auf seine Stirn, damit es nicht gleich wieder herunterrutscht. Ihr trauriger nachdenklicher Blick geht ins Lächelnde über.
‚Wie weich es ist. Obwohl es vom Schweiß und vom Wasser so nass ist, fühlt es sich gut an. Und wie schön es im Licht glänzt. Genauso wie das schöne blonde Haar von Tina.‘ Das Mädchen mustert Karl und schaut direkt auf seinen linken Arm, welche auf seiner Seite liegt. Seine Hand berührt seitlich seinen Oberschenkel. Die Finger sind wie eine Schale geformt, stehen aber voneinander ab. Bei der Vorstellung alleine, diese Hand würde ihre Hand berühren, wird es Naoko ganz warm und ihr laufen plötzlich wieder ein paar Tränen über die Wange. Aus ihrem Hocken wird ein Knien und sie starrt wie angewurzelt auf seine Hand.
‚Wie nur, wie fühlt es sich an?‘ Ihr Herz schlägt immer doller und sie fasst sich selbst an die Brust, weil es so doll schlägt. Dann wirft sie einen prüfenden Blick auf ihre Mutter. Diese regt sich kein Bisschen.
„Wie nur? Wie denn nur?“, haucht sie leise aus.
‚Wie fühlt sich eine zarte Berührung an? Ich tue ihm doch nicht weh, oder? Das würde ich niemals, jemandem weh tun, nein. Es weiß doch niemand. Die Ärztin ist immer noch in der Pause und ich bin alleine. Alle schlafen tief und ich tue niemanden weh, wenn ich es einfach tu.‘, geht in ihrer Verzweiflung durch den Kopf. Fest entschlossen richtet sie sich auf ihren Knien auf und berührt zum Testen seine Hand. Keine Reaktion seinerseits, zu tief ist er eingeschlafen. Er kennt das von ihrem großen Bruder. Wenn der erst einmal schläft, war er auch nie aufzuwecken. Ken wiederum wacht bei jeder Kleinigkeit auf. Der hat Sensoren wie eine Fledermaus. Es ist unmöglich sich mal aus dem Haus zu schleichen. Naoko nimmt seine Hand sanft in die Hände und führt sie ganz langsam zu ihrem Gesicht, während sie in Karls Gesicht blickt und ihre Tränen nicht zurückhalten kann. Ihr wird extrem heiß als sie seine Wärme in den Händen fühlen kann. Dann kommt sie mit seiner Hand ihrem Gesicht immer näher und merkt wie warm es wird, je näher sie ihrer Wange kommt.
Genau in dem Moment, als sie seine Handfläche auf sich legen will, um endlich zu erfahren wie es sich anfühlen könnte, wenn ein Mann sie berührt, spürt sie unerwartet eine kalte Hand, welche jedoch deutlich kleiner ist als seine. Sie zuckt zusammen.
„Was soll das werden?“, hört sie eine leise, aber zornige Stimme. Im letzten Moment ist Tina dazwischengegangen. Sie war bereits neugierig in den Raum gekommen und hat das Schauspiel hinter Naoko beobachtet. Dann wird es ihr zu seltsam und sie schleicht im passenden Moment an sie heran und hält ihre beiden Hände vor ihre Wange. Mit der Linken berührt sie ihre Wange und mit der Rechten hält sie Karls Hand fest, damit sie nicht herunterfällt, wenn Naoko sich erschreckt.
Völlig entsetzt sieht sich das Mädchen um und blickt dann hinter sich in Tinas sehr ernstes Gesicht. Vor Schreck lässt sie natürlich Karls Hand los und Tina kann sie auffangen.
„Ich…es tut mir leid. Ich wollte nur…“, stottert sie sich zurecht und fängt bitterlich an zu weinen, dreht sich zur Seite und hält sich mit beiden Händen das Gesicht.
Tina nimmt Karls Hand und legt sie wieder behutsam so, wie sie vorher war.
„Was wolltest du nur? Es ist völlig egal was du nur wolltest. Es war falsch.“ Tina hockt sich zu ihr, berührt ihre Schultern und sieht sie ernst an.
„Schau mich an, Naoko.“ Die Jugendliche schüttelt nur den Kopf.
„Ich würde niemals jemandem weh tun. Das musst du mir glauben.“, versucht sie sich zu erklären.
„Naoko, das glaube ich dir doch auch. Aber darum geht es nicht. Jemanden wehtun heißt nicht immer nur einfach jemanden körperliche Schmerzen zuzufügen. Man kann Menschen auch anders wehtun, weißt du? Bitte schau mich an. Ich erkläre es dir.“
Naoko richtet ihren Kopf auf und sieht ihr endlich in die Augen.
„Hör mir gut zu. Beantworte mit vorab zwei Fragen. Okay?“ Sie nickt.
„Würdest du wollen, dass eine Krankenschwester das was du tun wolltest jemals bei deinem Bruder tun würde? Ihn mehr als nötig berühren und dann seine Hand an eine Stelle führen, die er nicht von sich aus anfassen will? Und das nur, weil er es nicht mitbekommt?“ Entsetzt sieht sie ihr großes Vorbild an und schüttelt den Kopf.
„Nein, niemals.“, schnieft sie.
„Und was wäre, wenn DU hier liegen würdest und ein fremder Mann würde das mit dir machen, dich einfach anfassen, nur weil du es nicht mitbekommst?“
„Igitt, auf keinen Fall!“
„Erkennst du deinen Fehler schon selbst?“, spricht sie ruhig und besonnen. Sie nickt und dann umarmt sie Tina stürmisch und weint bitterlich.
„Es tut mir so leid. Ich wollte…ich würde doch niemals…ich bin ein schrecklicher Mensch.“ Weinend steht Naoko kurz darauf auf und geht aus dem Zimmer. Tina sieht ihr nach und kurz darauf bemerkt sie wie sich Karls Hand bewegt. Sie steht auf und sieht zu ihm.
„Du bist wach? Wie lange schon?“
„Lange genug. Was meinst du hatte das eben zu bedeuten? Ich denke nicht, dass sie böse Absichten hatte.“ Er richtet sich auf und setzt sich in ihre Richtung.
„Das kann ich dir nicht sagen. Wir müssen uns erst kennenlernen. Ich denke mal sie mag dich irgendwie, keine Ahnung wieso. Ich werde später mit ihr reden. Es ist ein schweres Alter.“
„So so, ein schweres Alter. Wie alt ist sie?“
„Sie ist fünfzehn.“
„Ich verstehe, da ist alles um einen herum durcheinander.“ Sein Blick schweift zum Behandlungszimmer rüber und er sieht das junge Mädchen wie sie sich über die Liege lehnt und mit verschränkten Armen weint.
„Willst du nicht zu ihr gehen?“
„Lass sie, sie soll darüber nachdenken, was sie getan hat.“, murrt Tina und sieht ihm streng in die Augen.
„Du bist aber streng. Wieso ist Hyugas Mutter hier? Was ist passiert?“
„Manchmal muss man eben mal streng sein.
Ich denke mal so ähnlich wie bei dir. Schlafmangel und die Hitze.“
„Sie wirkt noch etwas jung, dafür, dass sie einen Sohn in meinem Alter hat, oder kommt mir das nur so vor? Ich kann das Alter von Japanern schlecht schätzen.“, meint er und schaut zu ihr.
„Ich weiß nicht wie alt sie ist, aber du hast Recht. Ich glaube, sie ist jung Mutter geworden. Sie wird meiner Meinung nach nicht viel älter sein als 40. Aber meine Mama ist auch mit gerade mal achtzehn mit Stephan schwanger gewesen. Meine Eltern haben sich damals kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag kennengelernt. Sie war auch ein Sommerkind und mein Vater studierte bereits und jobbte dann in genau diesem Jahr in Opas Bäckerei. So lernten die sich kennen. Deswegen hat sie nicht studiert, sondern eine Ausbildung in der Gastronomie gemacht. Und ihr Hobby waren die Sprachen. Da ging sie dann regelmäßig zu verschiedenen Sprachseminaren.“
„Sie war erst so alt wie Marie jetzt?“, ist er erstaunt.
„Ja, also behandle sie nicht mehr wie ein kleines Mädchen. Sie ist alt genug ihren eigenen Weg zu gehen.
Wie fühlst du dich jetzt nach der Pause? Geht es dir etwas besser?“
„Dein Rechtsanwalt hatte Recht. So ein kleines Schläfchen macht viel aus. Er sagte, du machst sowas öfters?“
„Ja, ich habe eher wenig Zeit, findet sie sich, dann lege ich mich auch einfach mal bei Gelegenheit für ne halbe Stunde hin.“
„Hast du das auch schon früher gemacht oder erst seitdem du hier bist?“
„Erst hier in Japan, ich konnte doch nachts kaum durchschlafen.“ Tina geht zu ihm und reicht ihm die Hand.
„Was meinst du, brauchst du noch mal einen Wickel?“ Er schüttelt den Kopf, nimmt die Tücher ab und gibt sie ihr. Er lässt die Tücher von oben auf ihre Hand herab ohne ihr zu nahe zu kommen.
„Du musst das nicht machen, wenn du nicht willst.“
„Schon gut. Ich mache das gerne.“ Sie geht zum Waschbecken und stellt den Wasserhahn an.
„Manchmal stelle ich mir vor wie das Spiel verlaufen wäre, wenn ihr beide noch dabei gewesen wärt. Was meinst du, wie wäre es wohl dann ausgegangen? Weißt du überhaupt wie es ausging?“, stellt er plötzlich in den Raum. Tina atmet tief durch. Dann schaut sie zu Kaoru, welche noch immer schläft und dann an die Kachelwand am Waschbecken.
„Keine Ahnung. Ich hätte vermutlich jämmerlich versagt. Es ging 5:1 für dich aus. Es ist gut so wie es dann war.“
„Sie waren wirklich stark, aber es fehlte an Erfahrung. Immerhin, ein Tor hat er noch gemacht.“
„Ein tolles Tor, wenn Genzo den Ball durchgehen lässt! Wäre ich damals dabei gewesen hätte er von mir vermutlich auch eine rein bekommen. Lieber kein Tor, als ein unehrenhaftes. Diese Provokation hätte nicht sein müssen.“, legt sie ihren Standpunkt dar. Karl ist erstaunt. Wie kommt es, dass sie überhaupt davon weiß? Er ist davon ausgegangen, dass sie sich nie darüber unterhalten haben.
„Du weißt was passiert ist? Du weißt, dass sich die beiden geschlagen haben? Mitten auf dem Platz?“
„Es wurde bei einem Gespräch zwischen meinen Eltern mal erwähnt und ich habe es quasi nur aufgeschnappt. Mein Vater hat das Spiel später über eine Aufnahme angesehen.“
„Erstaunlich, dass es trotzdem zwischen euch klappt.“, meint er plötzlich und sieht zu ihr. Tina dreht sich zu ihm um und sieht ihn zornig an.
„Wieso versuchst du mich jetzt zu provozieren? Du weißt schon, dass ich deine Spielchen kenne. Egal was du sagst, es wird nichts an meinen Gefühlen ändern.“ Er grinst sie an und steht auf.
„Das weiß ich, versuchen kann man es doch mal.“ Dann geht er in ihre Richtung und bleibt direkt vor ihr stehen und sieht zu ihr herab.
‚Ach Tina, wie schön du doch bist. Schade, dass es mit uns nicht mehr sein darf. Hättest du Hyuga jetzt nicht plötzlich kennengelernt, vielleicht hättest du es sogar versucht? Wir hätten einfach neu angefangen. Es war doch damals alles erst am Anfang und wir waren zu jung, um wirklich zu wissen was das alles war und werden könnte.‘
„Das was du mir gestern auf den Ball geschrieben hast, das meinst du auch so, oder?“, spricht er dann gefühlvoll und sieht ihr tief in die türkiesen Augen. Tina verschränkt ernst die Arme und weicht seinem Blick nicht aus.
„Ich weiß, dass ich dich damit verletze, aber es ist nun einmal so. Ich sage in der Regel genau das was ich auch meine. Das müsstest du noch wissen, auch nach den Jahren.
Karl, tu mir bitte einen Gefallen. Wenn du diese Herausforderung nicht annehmen kannst, dann können sich unsere Wege in Zukunft nie wieder kreuzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das wirklich willst.
Es wird nie wieder sein wie früher, das muss es auch gar nicht. Eine neue Freundschaft ist alles was ich anbieten kann und mehr wird es auch nie wieder sein.“
„So ähnlich hast du es gestern auch formuliert. Nun gut. Dann ist es so. Eine wahre Freundschaft braucht Herausforderungen. Damit hast du vollkommen Recht. Dann war es damals immerhin etwas.“ Er reicht ihr die Hand und lächelt.
„Ich nehme also deine Herausforderung an. Sollte es doch nicht klappen, dann trennen sich unsere Wege.“ Tina ist erstaunt. Dann nimmt sie seine Hand an und lächelt ernst.
‚Karl, wie kommt es, dass du plötzlich doch nachgibst? Wir müssen es einfach versuchen, anders geht es nicht.‘
‚Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich muss es versuchen, sonst habe ich dich endgültig verloren. Das will ich auf gar keinen Fall. Macht er einen Fehler, bin ich da. Wer weiß wie lange es mit euch überhaupt gut geht? Ihr seid noch ganz frisch zusammen und richtig kennenlernen konntest ihr euch auch nicht. Lebt erstmal zusammen und dann werdet ihr merken ob es überhaupt zusammen auf Dauer geht, denn ihr habt beide euren Stolz und euer Temperament. Das kann auch schief gehen. Aber du musstest das auch durchmachen. Ich hatte auch die eine oder andere Freundin bevor wir uns hatten. Da musstest du die ganze Zeit zurückstecken. Jetzt bin ich mal an der Reihe.‘ Er lässt ihre Hand los, weicht ihrem Blick aus und dreht sich um zu dem Stuhl auf dem seine Sachen liegen. „Okay, ich weiß bereits wer sich darüber freuen wird, dass du es versuchst.“ Karl nimmt seine Sachen vom Stuhl.
„Ach so, wer denn?“
„Hast du schon mit Genzo gesprochen? Jetzt hattet ihr beide die Gelegenheit dazu.“
„Das werde ich jetzt tun. Da ich noch etwas angespannt war, wegen dieser üblen Kerle, war mir noch nicht danach. Was wird jetzt mit deinem Spiel? Darf ich es auch ansehen? Ich muss doch wissen wie du spielst. Immerhin warst du früher eher in der Verteidigung und weniger im Angriff.“
„Ach das Spiel, ja es ist verflucht, eindeutig.“, stöhnt sie auf und rollt mit den Augen. Karl-Heinz wundert sich und sieht zu ihr.
„Wie verflucht? Was meinst du damit?“
„Zuerst kann das Team aus Italien nicht kommen und es fiel aus. Dann fand sich endlich ein anderes Team und dann wurde es zweimal verschoben. Und eben gerade kommt mein Trainer hier her und teilt mir mit, dass es nicht wie geplant in unserer Vereinshalle stattfinden kann, weil Leute vom deutschen Verband aufgetaucht sind und unbedingt hier an meiner Schule das Spiel sehen wollen. Sie wollen sich ein Bild von mir machen ob meine Behauptung, wegen meiner Freunde spielen zu wollen, auch wahr ist. Also wollen sie hinter die Kulissen schauen und die Teams live sehen und kennenlernen.
Das bringt mich in extreme Schwierigkeiten. Ihre Anwesenheit macht schon wieder meinen ganzen Plan zunichte. Es nervt langsam.“
„Oha, wieso wollen die hierherkommen? Weil das mal deine Schule war?“
„Genau. Weil ich hier spielen gelernt habe. Sie wollen sich die Schule ansehen und meine Teams persönlich treffen. Das ist aber ein Problem.
Zum einen ist hier in den Hallen alles auf Sommerpause und es wird aktuell nur die kleine Trainingshalle genutzt. Da passen keine Zuschauer rein. Sie Abstände zu den Zuschauern ist auch zu klein für ein Spiel dieser Größenordnung. Wir sind die stärksten Teams in ganz Japan. Das ist als würdest du gegen deinen stärksten deutschen Gegner spielen. Ich weiß ja nun nicht wer das jetzt ist, aber eventuell Genzo.“
„Und was machst du jetzt wegen der Halle? Ich habe sie noch nicht gesehen.“
„Es gibt drei Hallen hier. Die kleine, die jetzt benutzt wird, sie ist aber nicht in diesem Komplex. Und die zwei großen hier. Ich müsste sie mir jetzt erstmal ansehen, um zu wissen welche wir nutzen können und dann steht da alles Mögliche drin rum, das Spiel soll in nicht mal drei Stunden beginnen.“
„Dann lass uns die Hallen ansehen und schauen mal ob wir alle mit anpacken können. Was meinst du? Sind doch genug Leute da und wenn ich das so nebenbei mitbekommen habe ist das Nationalteam doch eh eingeladen. Und wohl auch das Tokio-Team von Wakashimazu? Hatte er nebenbei erwähnt.“
„Da sind wir beim nächsten Problem. Die wundern sich bestimmt wieso die Fußballer alle da sind, immerhin habe ich sonst nichts mit ihnen zu tun. Das mit Kojiro und mir muss noch warten bis wir in Italien sind.“
„Die sind eben hier, weil sie den Platz gemietet haben und dann ist es doch nur höflich sie deswegen einzuladen. Zumal sie dann beim Aufräumen helfen.“, du hast Recht, klingt gut. Es ist trotzdem wieder eine unnötige Anspannung da, denn alle müssen wieder den Mund halten und das nervt gewaltig. Und ich wollte die restliche Zeit zum Trainieren nutzen. Jetzt mache ich nachher ein Nationalmeisterschafts Spiel und habe die letzten Tage kaum trainieren können. Meine Verletzung von gestern muss ich auch nochmal ansehen lassen.“
Genau in diesem Moment klopft es an der Tür.
„Hallo ihr beide. Geht es Ihnen wieder besser, Herr Schneider?“ Die Ärztin steht in der Tür und lächelt.
„Ja, vielen Dank.“
„Dann würde ich Sie mir gerne nochmal ansehen. Und du Bettina, du willst deinen Rücken nochmal ansehen lassen, sagtest du vorhin.“
„Ja genau. Kannst du mich zuerst untersuchen? Ich bin etwas in Eile.“
„So ist das also, einfach vordrängeln, das hat man gerne.“, schmunzelt er und lacht etwas dabei.
„Kommen Sie erstmal beide vor. Ich habe jemanden mitgebracht. Wir haben schon gute Erfahrungen ausgetauscht.“
Tina ist erstaunt und schaut zu der Frau neben ihr. Es ist Ann-Kathrin. Sie lächelt beide an. Karl steht unmittelbar neben ihr und sie sehen beide neugierig in ihre Richtung.
‚Oha, Uwe hat tatsächlich Recht. Die beiden haben ähnliche Gesichtszüge. Es fällt vermutlich nur einem geschulten Auge auf, ja aber sie sind da. Ich würde gerne die kleine Schwester von ihm mal mit daneben sehen. Einfach als Vergleich. Sollte das stimmen was er sagt, dann dürfte sie ihm nicht ähnlich sein, da sie unterschiedliche Eltern haben.‘, fällt ihr sofort auf.
Tina geht auf sie zu.
„Ach wie schön. Das freut mich, dass Sie sich kennengelernt haben. Ärzte unter sich.“
„Pathologen unter sich. Und noch dazu helfen wir beide ehrenamtlich aus, wenn mal jeweils der Mannschaftsarzt krank oder verhindert ist. Wir helfen Volleyballspielerinnen wie Ihnen.“ Tina ist begeistert.
„Ach wirklich? Das ist ja toll.“ Die beiden Sportler betreten den Behandlungsraum und sehen kurz zu Naoko, welche auf einem Hocker vor dem Arbeitsplatz am PC sitzt. Sie hat sich inzwischen die Tränen weggewischt und versucht normal zu wirken.
Action im Hallengang
Kapitel 109
Aktion im Hallengang
Es klopft an der Krankenzimmertür, als sich Tina hinsetzt.
„Herein.“ Marie öffnet die Tür. Andrea begleitet sie.
„Ich bin es. Ich wollte nach meinem Bruder sehen.“, spricht sie zwar Deutsch, aber sie sieht Tina und weiß, dass sie übersetzen würde.
„Mir geht es gut, Marie. Frau Doktor möchte nur nochmal schnell kontrollieren. Zuerst ist aber Tina dran.“, spricht Karl-Heinz und beruhigt sie damit gleich als sie zu ihm sieht.
„Oh, du bist wieder wach. Das ist ein gutes Zeichen, oder?“, lächelt sie ihn fröhlich an. Andrea schaut in den Raum und blickt neugierig zu Tina.
„Was ist mit dir? Wieso musst du untersucht werden?“, fragt sie skeptisch. Tina sieht sie nur verwundert an. Wieso fragt sie denn, sie müsste doch wissen warum. Sie war es, die sie an die Wand geschubst hat.
„Nur nochmal wegen der Prellung gestern schauen ob ich heute spielen kann. Es ist alles okay.“, lächelt sie ihre Freundin an. Andreas Blick wird ernst und ihr wird klar, was das bedeutet.
‚Ach Tina, das hätte mir nicht passieren dürfen. Nicht einem Profi wie mir. Auch vorhin habe ich mich nicht beherrschen können. Es war so schrecklich diese bösen Worte über Martin zu hören. Zum Glück war Saito da. Wobei ich das Gefühl hatte, er musste sich auch sehr zusammenreißen. Ich konnte seinen starken Puls spüren und die Aufregung in seiner Stimme.‘
„Darf ich dabei sein, Tina? Ich mache doch zurzeit eine Weiterbildung für Sportverletzungen. Ich bin ja nur im Lazarett gewesen oder direkt auf dem Feld. Das sind ja eher offene Wunden und etwas ganz anderes in der Behandlung.“ Tina stimmt zu und es wird der Raum geschlossen. Dr. Daniele zieht den Sichtschutz um Tinas Liege, auf der sie sitzt. Andrea stellt sich hinter Tina neben die Ärztin und Tina zieht das Kleid etwas hoch, damit man ihren Rücken komplett sehen kann. Kurz zuvor sagt sie noch leise etwas zu Andrea auf Japanisch. Bis auf Naoko kann es natürlich niemand verstehen.
„Aber nicht erschrecken, die sind alt.“ Der Sichtschutz verdeckt zwar die Sicht zur Tür und dem vorderen Teil des Raumen sowie die Sicht zum Nachbar, also Karl-Heinz, jedoch nicht nach hinten zum PC gerichtet. Andrea steht zwar davor, aber Naoko kann ebenso Tinas Rücken sehen.
‚Tora-san, was sind das alles für schreckliche Narben? Wo kommen die denn her? Du hast uns vorhin von diesem furchtbaren Überfall erzählt, bei dem dein Bruder starb. Haben die Männer etwa auch dich verprügelt oder sogar noch Schrecklicheres mit dir angestellt und du erzählst es uns nur nicht? Wie furchtbar. Was haben die dir denn nur angetan?‘ Sie steht auf und schaut genauer auf Tinas Narben. Daniele löst die Tapes und tastet den Rücken ab. Dadurch kommen die größeren Narben deutlicher zum Vorschein. Plötzlich steigt Wut und ebenso Verzweiflung in dem jungen Mädchen auf. Naoko weint wieder und läuft verzweifelt zur Ausgangstür.
„Es tut mir so leid.“, äußert sie und schaut kurz zu Karl-Heinz, welcher nur etwa zwei Meter neben der Tür bei Marie steht. Er sieht sie verdutzt an.
‚Was hat sie plötzlich? Was tut ihr leid? Sie hat Tinas Narben sicher gesehen, aber was denkst sie jetzt? Hat es mit vorhin zu tun? Immerhin spricht sie in Englisch ihre Gedanken aus. Sie will also, dass wir sie verstehen?‘
„Naoko, was ist denn los? Es ist alles okay.“, hinterfragt Tina ruhig. Sie kann durch den Vorhang nichts sehen.
„Ich…ich bin…genauso. Ich bin genauso schrecklich wie diese Männer, die, die dir und deinem Bruder das angetan haben!“, weint sie laut los, öffnet hastig die Tür und rennt hinaus in den Flur. Sie kommt jedoch nicht weit, denn sie läuft ihrem Bruder direkt in die Arme. Erschrocken, dass jemand sie berührt schaut sie auf und erkennt ihn natürlich sofort.
„Großer Bruder?“, schnieft sie und ohne weiter um sich zu schauen krallt sie sich an seinem Hemd fest und weint sich bitterlich bei ihm aus. Kojiro weiß gar nicht was los ist und sein Puls steigt plötzlich an.
‚Was ist passiert?‘ Natürlich nimmt er sie in die Arme und versucht ihr Trost zu spenden, so wie er es früher auch immer tat, wenn sie traurig war.
„Naoko, was ist denn los?“, fragt er und versucht ruhig zu bleiben.
„Es…es ist so schrecklich. So schrecklich gemein.“, schluchzt sie. Genau in diesem Moment kommt Karl-Heinz aus der Tür, um nach dem Rechten zu schauen.
‚Oh, das trifft sich ja gut. Ich habe schon gedacht, wer könnte das jetzt sein? Nicht, dass sie jemanden Falschem begegnet oder wieder stürzt.‘, geht durch seinen Kopf. Dann will er wieder zurück in den Raum gehen, denn es gibt für ihn keinen Grund der Sorge mehr.
„Halt! Was hast du ihr gesagt? Wieso muss sie deswegen weinen?“ Karl ist verdutzt, bleibt stehen und dreht sich wieder zu Kojiro um.
„Wie bitte? Wovon redest du?“, sieht er ihn ernst an.
„Warum weint sie dann und du läufst ihr nach?“
„Du hast sie doch nicht alle. Ich bin nur hinterher, um zu sehen ob sie nicht dem Falschen in die Arme rennt oder stürzt. Komm also mal wieder runter.“, macht er ihm eindeutig klar. Die Stürmer sehen sich sehr streng an.
‚Hat er wirklich Recht? In der Regel provoziert er die Leute um uns herum. Aber andererseits, warum sollte er es bei ihr tun? Vielleicht haben sie sich auch nur unterhalten und es hat mit ihm nichts zu tun.‘
Naoko richtet ihren Kopf hoch und schaut zu ihrem großen Bruder auf.
„Er kann nichts dafür. Ich bin so traurig, weil diese Kerle Tina und ihren Bruder so zugerichtet haben.“ Er ist erstaunt und sieht zu ihr herab.
„Wie meinst du das? Sie beide? Wie kommst du denn plötzlich wieder darauf?“, sorgt er sich und sieht kurz danach zu Karl.
„Wenn das so ist, dann entschuldige bitte.“ Das überrascht ihn. Kojiro Hyuga bittet ihn um Entschuldigung. Er sieht ein, einen Fehler gemacht zu haben?
„Gut. Ich hätte vermutlich ähnlich reagiert. Aber besser ist zu fragen was los ist, statt gleich Urteile zu fällen. Du müsstest es doch selbst wissen.“, beruhigt auch er sich wieder und bleibt weiter stehen. Dann schaut er sich genauer um und sieht, dass Kojiro nicht alleine gekommen ist. Er wird von zwei hübschen Japanerinnen im Volleyballdress begleitet. Hinter ihm folgen einige Herren. Neben den drei Trainern des Nationalteams und Katagiri sind Saito, Ken, der Keeper, der zweitstärkste Stürmer Sorimachi, Jun, Tsubasa und ein ihm fremder Japaner mit einem Arm dabei.
‚Oha, das ist ja ein ganzes Gefolge. Wieso ist jetzt der dritte Trainer auch noch da? Und wer sind die anderen drei? Ob das ihr Trainer und zwei ihrer Spielerinnen sind? Gut, dass ich wieder fit bin.‘ Er schaut zur Tür des Behandlungszimmers. Dann spricht er kurz hinein.
„Es ist alles okay. Kojiro ist hier. Ich bin auch kurz draußen. Sagt Bescheid, wenn ich dran bin.“, spricht er in Englisch und schließt dann die Tür.
„Na weil ich Tinas…“, will Naoko mit einer Erklärung beginnen, doch Karl fällt ihr laut und streng ins Wort.
„Besprecht das später, nicht hier und jetzt!“ Kojiro begreift natürlich sofort was er meint und lenkt vom Thema ab.
„Wie geht es meiner Mutter? Dir scheint es besser zu gehen.“
„Sie schläft, scheint alles okay zu sein. Frag deine Schwester, sie hat sich um uns gekümmert.“ Naoko ist etwas irritiert und schaut dann zu Karl-Heinz und wischt sich die Tränen weg.
„Stimmt. Sie war nur müde. Sie hat die letzten Tage schlecht geschlafen.“, geht sie auf die Ablenkung ein und dann schaut sie sich ebenso um und entdeckt als Erstes natürlich die Frauen neben ihrem Bruder.
„Frau Fuma und Frau Kawasaki? Es tut mir leid, dass Sie mich so verweint sehen. Das ist mir wirklich peinlich.“ Sie lässt ihren Bruder los, geht einen Schritt zurück und verbeugt sich vor den Frauen.
„Es ist mir eine Ehre Ihnen persönlich zu begegnen.“ Yoko geht auf sie ein.
„Du musst dich nicht vor uns verbeugen, Kopf hoch. Du spielst auch wie ich sehe.“ Naoko stellt sich wieder aufrecht.
„Ja, aber mit diesem Fuß jetzt nicht. Ich habe mich so auf das Kennenlernen mit Tora-san gefreut und nun…kann ich nur zusehen.“, schnieft sie etwas und zeigt auf ihren Verband.
„Ach wie gemein. Wie ist das passiert?“, bringt sich Yako mit ein.
„Ich bin bei den Waschbecken draußen auf dem Rasen ausgerutscht.“ Plötzlich kommt von hinten ein leises Kichern. Ryoga hält sich die Hand vor dem Mund. „Da mussten alle durch. Ist hier wie eine Feuertaufe.“, spricht er freundlich und etwas angeheitert. Naoko sieht zu ihm und nun bemerkt sie auch, dass weitere Leute da sind. Sie erkennt natürlich alle Anwesenden.
‚Oh, sogar Trainer Gamo ist jetzt da. Und Trainer Kira auch wieder. Aber der braucht sich bei mir nicht mehr sehen lassen.‘
„Guten Tag. Feuertaufe? Wie meinen Sie das, Herr Schmitt?“, begrüßt sie ihn freundlich. Yako lacht und nimmt ihre Hand.
„Kleines, da mussten wir alle einmal durch. Diese rücksichtslosen Fußballer da draußen mit ihren Stulpen haben noch nie aufgepasst, dass ihre Wasseraktionen den Rasen so nässen, dass wir mit unseren Hallenschuhen ausrutschen. Das war immer an so heißen Tagen wie heute so. Schon seitdem ich hier war.“
„Oh, echt? Dann hat es euch alle mal erwischt?“
„Kann man so sagen. Aber als Tina dann ins Team kam, änderte sich das auf einmal.“, stellt Yoko plötzlich fest. Yako schaut zu ihr.
„Du hast Recht. Sie war nicht mal eine Woche da und dann war die Seite zur Halle hin immer trocken genug.“, erinnert sie sich. Plötzlich bringt sich Jun mit ein. „Das kann ich erklären.“ Er geht an den Trainern vorbei und bleibt neben Kojiro stehen. Sein Blick ist ernst und er sieht seine ehemaligen Mitschülerinnen in die Augen.
„Kurz nachdem Tina bei euch mit dem Training anfing ging auch sie zu dem Waschbecken und rutschte aus. Sie verletzte sich zwar nicht, aber ich kam in diesem Moment mit ein paar Jungs ebenso zu den Waschbecken und wir wuschen uns eben wie wir es gewohnt waren den Kopf und auch die Arme…bei der Hitze genauso wie heute. Dann fauchte sie uns zornig an und bezeichnete uns als rücksichtslose Rüpel. Wir sollen doch bitte aufpassen, denn die Leute aus der Halle müssen sich draußen waschen, weil die Räume innen im Sommer gesperrt sind. Außerdem sei es ein Notausgang und wenn mal was sein sollte, würden sich alle verletzen, wenn sie rausrennen.
Also beschlossen wir von da an nur die von der Gebäudeseite abgewandte Seite zu nutzen und auf der anderen Seite nur für normales Händewaschen.“
Die Frauen sehen ihn erstaunt an. Kojiro wundert sich, auch Tsubasa ist etwas irritiert, denn als sie hier die ersten Tage waren hat er das Problem nicht angesprochen. Jun ist doch sonst immer gleich dabei alle zu belehren, wenn es um Sicherheit geht.
„Jun, wieso hast du uns denn das nicht gesagt? Du kennst das Problem und weist uns nicht wie üblich darauf hin?“, spricht ihn Tsubasa ernst an.
„Es tut mir leid, aber als wir herkamen waren wir die ganze Zeit alleine und keiner nutzte die Halle. Es war also nicht wirklich nötig den Notausgang zu sichern. Wir haben uns doch die ganze Zeit nur auf der anderen Seite des Hallengeländes aufgehalten. Und keiner wusste, dass heute plötzlich die Halle benutzt wird oder wie nun sogar ein Spiel mit Zuschauern stattfindet. Ich kann nicht hellsehen.“, versucht er sich zu verteidigen.
„Nun sei es drum. Schön doof, wenn nachher so viele Zuschauer kommen und dann noch die Leute von beiden Volleyballverbänden. Wie wirkt das denn auf unser Team und auf die Schule, wenn die Notausgänge nicht abgesichert sind?“, vermerkt Tsubasa streng.
„Man weiß nie ob bei der Hitze nicht doch mal ein Kurzer in den Klimaanlagen passiert oder Ähnliches. Das Risiko ist zu hoch bei Publikum.“, merkt Ken an. „Wenn ich mal was anmerken darf. Ich weiß gar nicht wieso die Schule den Zustand der alten Sportanlage so verändert hat. Alles nur der Umwelt zuliebe. Aber im Sommer ist es eben sehr ungünstig mit dem Rasen an dieser Stelle.“
„Die Waschbecken sind zu dicht am Gebäude, das stimmt schon. Bei uns sind diese Bereiche alle mit Gummimatten oder Schotterbelag gesichert. Da rutscht dann keiner aus.“, bringt sich Karl-Heinz ein.
„Herr Schneider, das stimmt und es war auch mal so. Ich bin selbst als Mittelschüler hier auf die Schule gegangen und damals in den 80ern war der Bereich mit Schotter ausgelegt. Der ganze Weg vom Ausgang bis zum Nebenbereich des Spielfeldes. Das wurde dann Mitte der 90ern entfernt und Rasen gesät, damit der Boden gesund bleibt und die Verletzungsgefahr beim Sturz geringer ist. Ist nett gemeint, aber an Tagen wir heute sehr ungünstig.“, ergänzt der Cheftrainer der Japaner Minato Gamo.
„Deswegen wird diese Halle in den Sommertagen auch nicht für den Hallensport benutzt. Wer trainieren muss geht in die kleinere Halle.“, ist plötzlich eine neue Stimme zu hören. Sie kommt aus der anderen Richtung. Hinter Karl-Heinz taucht ein Japaner auf in Anzug und Krawatte. Er hat etwa seine Größe und gesellt sich freundlich zu ihnen.
„Guten Tag alle zusammen. Ich bin Herr Kobayashi, der Direktor dieser Schule.“, verbeugt er sich vor allen. Karl steht direkt vor ihm als er sich umdreht und den Mann entdeckt. Alle begrüßen ihn freundlich und in dem Moment geht die Tür zum Behandlungsraum auf. Tina sieht erstaunt in sein Gesicht.
„Oh, Herr Direktor. Das trifft sich aber sehr gut. Guten Tag.“, begrüßt sie ihn und verbeugt sich ihm gegenüber.
„Guten Tag Frau Fuchs. Ich bin erstaunt, dass Sie überhaupt hier sind. Wie kommt das? Ich dachte Sie kommen später?“
„Herr Misugi und ich haben gestern die Chance genutzt und das Nationalteam ins Programm aufgenommen. Heute wollten wir das Gruppenfoto machen. Sie kennen ja die Prozedur. Dann kamen ein paar unvorhersehbare Ereignisse und nun bin ich immer noch hier.“, lächelt sie ihn an und spricht laut genug, damit alle mitbekommen, dass sie für ihn offiziell der Arbeit wegen da ist.
„Frau Fuchs, Sie haben sicher schon eine gute Idee wie wir hier auf die Schnelle die Halle herrichten, damit das Spiel für Zuschauer tauglich ist. Sie waren doch immer unser großes Organisationstalent.“, spricht er sie dann überzeugt an.
„Im Grunde ja.“, ist sie etwas verwundert, dass er sie direkt danach fragt.
„Na dann lassen Sie mal hören.“ Ihr ist irgendwie nicht ganz wohl bei der Sache. Aber seiner Anordnung widersprechen möchte sie auch nicht. Er möchte sie vermutlich nur stolz den anderen präsentieren, denn das hat er früher auch gerne getan. Der Direktor war seit des Weihnachtsturniers ihr größter Fan und deswegen hatte sie plötzlich so viele Freiheiten in der Schule. So richtig verstanden hatte sie es damals nicht, warum er sie auf einmal mochte, denn zu Beginn sah das ganz anders aus. Aber dann kam das Spiel gegen die Toho-Schule, welche sie mit ihrer Anwesenheit nach nur einem Satz gewannen, weil keiner mehr spielen konnte und das erste Nationalturnier, welche haushoch an die Musashi ging. Yakos Bälle waren hart und gefürchtet, aber ihr neuer Ball machte den Gegner Angst und weil sich keiner mehr traute sie anzunehmen, waren die Spiele schnell vorbei. Herr Kobayashi machte für die Schule eine große Werbeaktion daraus, um Sponsoren zu bekommen. Es gelang natürlich und es gab einige gute Spender und Sponsoren, die noch heute für die Schule werben oder jetzt Tinas direkte Sponsoren sind.
Tina schaut in die Runde und überlegt wer welche Aufgaben übernehmen könnte.
„Herr Ohzora, was meinen Sie, Ihre Trainingszeit ist doch rum und würden Ihre Männer uns helfen wollen? Ich habe sie gestern mit eingeladen und Sie sind doch alle Gentlemen. Was meinen Sie?“, lächelt sie ihn freundlich an, als würden sie sich nicht kennen.
„Natürlich, ihr seid doch dabei, oder, Männer?“, stimmt er begeistert zu und spricht die Anwesenden alle damit an. Alle stimmen ihm zu.
„Vielen Dank, ich wusste, dass ich mich auf Ihr Team verlassen kann.“ Dann sieht sie zu Kojiro auf.
„Herr Hyuga, Ihre Mutter bot sich als ausgebildete Krankenschwester bereits an der Ärztin zu helfen. Sie helfen ihr und der Ärztin bei den Vorbereitungen für Notfälle. Dr. Daniele hat bereits erwähnt, dass sie kräftige Hilfe gebrauchen kann. Da passt das gut. Sie ist bereits aufgewacht und weiß schon Bescheid.“, lächelt sie ihren Liebsten an und deutet mit der Hand zur Tür.
„Sehr gerne. Was kann ich danach helfen?“
„Kommen Sie dann zur Turnhalle eins. Wissen Sie wo die ist?“
„Ja, die Tür ist mir bereits aufgefallen. Okay.“
„Naoko, du hast mir vorhin angeboten auch zu helfen. Trotz deines Fußes kann ich deine Hilfe in der Turnhalle gebrauchen. Du folgst mir also dorthin.“
„Ähm, ja. Natürlich.“
„Ryoga, Yako, Yoko, ihr nehmt Naoko mit zur Halle, so wie besprochen, damit ihr das Spielfeld vorbereiten könnt. Wenn wir Glück haben können wir noch etwas trainieren. Ich hatte leider noch gar keine Zeit.“
„Jo, Kapitän, wird gemacht. Das Feld schick machen. Super, wir bekommen die beste Aufgabe von allen.“ Dann dreht sich Yoko zu Ken um und spricht ihn fröhlich an.
„Ken, kommst du mit? Wir können einen großen starken Mann gebrauchen, der uns beim Netzspannen hilft.“, grinst sie.
„Äh, ja natürlich.“, reagiert er etwas verlegen. Er geht zu ihr und die fünf gehen auf Tina zu. Ryoga spricht sie ganz leise auf Deutsch an.
„Mach dir keine Sorgen. Das wird schon.“
„Das sagst du so einfach, was ist, wenn die Deutschen was merken? Sorge bitte dafür, dass sie nichts von uns mitbekommen, okay? Und das andere auch nicht. Es ist zu riskant.“, spricht sie ganz leise zurück.
„Kapitän, es kommen dann noch mehr zum Helfen, oder?“
„Ja, keine Sorge. Es geht hier gleich weiter. Ihr könnt aber bereits Herrn Schneider mitnehmen, er hat sich vorhin als Helfer in der Halle angemeldet. Er muss nur kurz vorher nochmal zu einer kleinen Audienz bei Frau Doktor.“ Karl-Heinz beobachtet die ganze Situation nachdenklich und grinst vor sich hin.
‚Kommandos geben kann sie ja wirklich gut. Das konnte sie damals schon gut, wenn ich mal nicht da war oder etwas außerhalb des Spiels zu regeln war. Da scheuchte sie uns auch gerne mal durch die Gegend.‘
„Jun, du bist unser Sicherheitschef. Bitte kümmere dich um das Problem Notausgang. Schnapp dir ein paar kräftigere Männer aus deinem Team. Wenn der Direktor nichts dagegen hat, schlage ich vor, du nutzt die alten Matten, die eh keiner mehr nutzen mag und legst sie wie einen Weg aus. Wenn die nicht reichen sollten, hinter der alten Holzhütte habe ich einen großen Berg Kies gesehen, die Größe der Körnung sollte reichen zum Auffüllen. Schubkarren und Schaufeln stehen daneben. Also entweder was unter die Matten legen oder den Weg damit erweitern, da müsst ihr schauen was am besten passt und hält. Und dann kontrolliert ihr die anderen Notausgänge. Du kennst dich hier ja aus.“, beginnt sie.
„Alles klar. Verlass dich auf mich.“ Er geht gleich zum Direktor und holt sich die Erlaubnis mit den Matten und dem Kies.
„Kein Problem, Herr Misugi. Keine Rede wert.“ Dann verlässt er die Runde und geht zum Haupteingang, um auf das Spielfeld zu gelangen.
„Darf ich nochmal nach Ihren Namen fragen? Ich habe mir leider noch nicht alle gemerkt.“, spricht Tina Sorimachi an.
„Oh, ich heiße Sorimachi, Kazuki Sorimachi. Ich bin wie Kojiro einer der Stürmer im Team.“
„Darf ich fragen welchen Beruf Sie lernen oder studieren? Vielleicht fällt mir eine passende Aufgabe für Sie ein.“
„Ich glaube kaum, dass ich diesbezüglich von Nutzen sein kann. Ich studiere Lebensmitteltechnologie.“ Begeistert geht sie auf ihn ein.
„Das ist perfekt. Ein tolles Fach, stand bei mir auch ganz oben auf der Liste. Ein Blick für Hygiene und Lebensmittel, das ist super. Sie schnappen sich Shinichi und einen dritten Mann, richten in der Halle eine Getränkeecke und ein Buffet ein. Bei der Zuschauermenge würde ich mal sagen für die Selbstbedienung zwei von den Kaffeevollautomaten hinzustellen. Unser Caterer hat leider abgesagt, weil sie zeitlich nicht mit ihren Sachen umziehen können und nun brauchen wir etwas Neues.“ Er ist erstaunt, als er das hört. Ihm wäre wirklich nicht in den Sinn gekommen seinen Beruf jetzt einsetzbar zu sehen. Tina schaut zu Trainer Mikami.
„Herr Mikami, was ist draußen mit dem Imbiss? Meinen Sie, wenn wir als Volleyballverbund die Männer noch für weitere Stunden buchen, würden die bleiben? Dann könnten die sich um die Bestückung des Buffets kümmern. Da waren doch ein paar Kleinigkeiten als Fingerfood in ihrem Sortiment.“
„Das wird leider nichts. Der Imbiss musste frühzeitig schließen und die Herren sind bereits gegangen.“, bringt sich Saito plötzlich mit ein. Tina ist erstaunt.
„Wieso das denn?“
„Das kann ich jetzt nicht erklären.“, spricht er ernst.
„Hm. Ich komme gleich nochmal darauf zurück.“ Dann sieht sie wieder zu Kazuki.
„Bereiten Sie trotzdem erstmal alles vor. Shinichi weiß was er machen soll. Es soll im Eingangsbereich sein, damit es eher wie ein Empfang wirkt und jeder später weiß wo es ist. Am besten gleich losgehen, es eilt sehr.“ Er eilt sofort los und geht an ihr vorbei. Als er an den Frauen vorbei geht treffen sich die Blicke von ihm und Yako. Sie schmunzelt ihn an.
„Jetzt weißt du mal wie es mir seit Jahren geht. Die lässt ständig die Chefin raushängen.“, spaßt sie. Er lächelt sie an.
‚Wie hübsch du bist, Yako.‘
„Mein Kapitän kommandiert auch gerne rum, das kannst du glauben. Aber er hat immer Recht, das ist das Schlimmste.“ Tsubasa bekommt ihre Bemerkungen mit und schmunzelt vor sich hin.
‚Was hat das zu bedeuten? Wie sehen sich die beiden denn an? Und was heißt hier, ich kommandiere gerne rum?‘ Tina schaut wieder in die Runde und bemerkt ein neues Gesicht. Der dritte Trainer der Nationalmannschaft ist erst vor Kurzem eingetroffen und ihre Blicke treffen sich. Er schaut streng und wirkt weniger fröhlich, eher ernst. Zeitgleich bemerkt sie, dass Saito den Kopf minimal senkt und dann mit dem Blick zur Decke über sie schaut und dann wieder normal nach vorne. Tina deutet sein Signal.
„Achtung! Sei aufmerksam!“, deutet sie richtig. Sie lächelt ihn sachte an, als würde sie nachdenken. Außenstehende würden es in der Regel nicht bemerken. ‚Das ist also diese kleine Frau Fuchs? Sie bringt hier alles durcheinander, sagte Kira. Sie wirkt sehr selbstbewusst und weiß scheinbar genau wer sie ist. Ich habe schon so einiges über sie gelesen und ihre Laufbahn hier an der Schule wird sehr geachtet, das merkt man. Der Direktor würde ihr sonst nicht die Fäden in die Hand geben. Er ist noch vom alten Schlag und steht kurz vor der Rente. Was bist du für ein Mensch, kleine deutsche Frau? Tauchst hier plötzlich auf und bringst Unruhe ins Team. Ich kann das nicht gebrauchen, wenn sich das Team zerstreitet. Wenn ich mir Genzo und Tsubasas Gesichter ansehe, sagt das doch alles. Wieso haben die sich geprügelt?‘ Er betrachtet sie genauer. Ihr rotes knielanges enganliegendes Sommerkleid fällt unten etwas wie eine Trompete ab und ihre helle Haut wirkt durch die Farbe besonders hübsch. Das Licht der Deckenlampen lassen ihr blondes Haar sehr hell wirken und ihr Schmuck glitzert fein auf.
„Hauptkommissar Saito, wie sieht die Sachlage im Lokal aus? Sind ihre Kollegen vor Ort mit allem fertig was mit Ihrer Arbeit zu tun hat? Kann es wieder normal genutzt werden?“, spricht sie ihn an, um ihren Blick etwas abzulenken und er steht im selben Sichtbereich wie der ihr Unbekannte und Trainer Kira.
‚Der Herr wirkt nicht sehr freundlich, eher als würde er meine Anwesenheit nicht mögen. Wer mag das sein?“
„Das geht klar. Meine Kollegen sind bereits abgezogen und Ihrem Personal geht es gut.“, antwortet er sachlich.
„Was muss denn noch gemacht werden? Müssen wir nochmal aufs Revier?“
„Das machen wir morgen in Ruhe. Das reicht. Wir sind erstmal mit den Tätern selbst genug beschäftigt. Es ist rund um die Uhr morgen jemand da und man kann Ihre Aussagen alle aufnehmen. Mein Dienst beginnt erst Zehn Uhr. Ihr Personal weiß Bescheid.“ Tina nickt und lächelt ihn glücklich an.
„Vielen Dank für Ihren Einsatz und Ihre Hilfe.“ Er lächelt höflich und verbeugt sich vor Tsubasa und Trainer Mikami.
„Ich haben Ihnen zu danken, dass Sie so freundlich waren und meinen Zeugen geholfen haben. Sie entschuldigen mich nun.“, dann dreht er sich zu den anderen um.
„Die Damen, die Herren?“ Dann macht er kehrt und geht langsam an Trainer Kira und Gamo vorbei. Diese beiden sprechen zeitgleich ganz leise miteinander, aber Takeru kann es mit seinen geschulten Ohren hören und deswegen hat er Tina auch ein Signal gesendet.
„Habe ich es dir nicht gesagt? Die bringt hier alles durcheinander. Wie sie alle rumkommandiert. Woher soll ich da wissen ob man ihr trauen kann? Was ist, wenn sie Taktiken verrät und das Ganze nur gespielt ist?“, flüstert Kira zu Minato Gamo neben sich.
„Hm, du bist also unsicher, ob das ehrlich ist mit Hyuga? Weil sie ihn die ganzen Jahre nie treffen wollte? Glaubst du wirklich sie nimmt euch nur deswegen ins Programm auf? Aber Misugi ist doch mit ihr befreundet. Bei einer Freundschaft kann man nicht von blinder Liebe reden. Er müsste unbefangen sein und hätte bei Zweifel sicher nicht zugelassen, dass sie hier ist. Was ist mit Schneider? Laut des Kommissars soll Herr Hyuga ihn selbst eingeladen haben herzukommen, statt wegen der versuchten Entführung aufs Revier zu müssen. Vermutlich, weil sie befreundet waren. Genzo, er und Frau Fuchs. Hyuga ist sicher mitfühlend, wie man ihn kennt, denn es hätte genauso gut seine Schwester treffen können.
Ich kann deine Zweifel jedoch verstehen. Ich werde mir selbst ein Bild machen.“
„Ich vermute, dass sie die Männer so richtig um den Finger gewickelt hat. Sie ist eine schöne Frau, wer könnte ihr widerstehen? Dieser Kommissar, er soll wohl auch ein Freund sein. Und dann taucht Kudo hier auf und ist ihr Rechtsanwalt. Wie soll sie sich den denn leisten? Das kann doch nicht normal sein. Und Taysuo ist so befangen, dass er es nicht merkt, nur weil sie sich von damals kennen. Ich weiß ja nicht was er an ihr so toll findet, aber sie hat ihn und das Team die ganzen Jahre belogen und trotzdem vertraut er ihr? Wie kann das sein? Du kennst ihn ja deutlich länger als ich, aber komisch ist das schon. Man kann ihm sonst auch nie etwas vormachen. Sogar Katagiri hat irgendwie einen Narren an ihr gefressen. Ich will ja nichts Falsches sagen, aber ich habe gestern beobachtet, dass die sich alleine heimlich getroffen haben. Was haben die denn bitte alleine zu bereden? Du weißt doch wie er auf Frauen wirken kann, durch seine geheimnisvolle Brille und sein charmantes Auftreten. Also pass auf ob sie dich versucht auf ihre Seite zu ziehen. Bei mir hat sie es beinahe geschafft und dann kam raus, dass sie mit Kojiro zusammen ist. Das hat mich dann stutzig gemacht. Sogar Matsuyama hat sie eingewickelt.“
„Munemasa, ich weiß nicht. Son junges Ding. Du übertreibst mit deinen Vermutungen bestimmt. Wie hat sie dich fast gehabt?“
„Sie hat sich für mein Trainingslager interessiert und mir vorgeschlagen sich das mal ansehen zu dürfen, weil sie selbst Trainerin werden will. Und dann kam das Interesse von mir auf mit ihrem Fitnessprogramm für Kinder und Jugendliche, es mir mal anzusehen. Das sei neu in ihrem Programm.“
„Klingt doch gut. Die Angebote sollen sehr gut sein. Ich habe nur Lob gehört. Sogar eine Privatschule ist dort nun eingestiegen.“
„Fang du nicht auch noch an.“, murrt er.
„Vielleicht bist du selbst auch nur befangen, nicht Mikami. Jeder weiß wie wichtig dir Hyuga ist. Nun gut. Ich werde versuchen es neutral zu bewerten. Ärger und Unruhe im Team können wir nicht brauchen. Aber das mit Munemasa ist schon seltsam. Dass die sich alleine getroffen haben ist natürlich sehr komisch.“ Beide sehen zu Katagiri. Takeru schreitet seinen Weg weiter und ihm geht so einiges durch den Kopf. Auf dem Weg zum hinteren Trainerbüro richtet er seinen Kragen der Uniform und zieht hinter sich am Stoff etwas runter.
Natürlich kann Tina es deuten.
‚Takeru, du willst mich warnen. Keine Sorge, ich habe es bemerkt. Aber das kriege ich hin. Ich warte erstmal ab und kläre vorerst die Sache hier.‘
„Wir müssen später reden. Mach zu Ende was begonnen wurde.“, signalisierte er ihr damit. Die alten Zeichen von damals, als sie ihre erste Begegnung hatten.
Karl-Heinz, welcher direkt hinter Tina steht, bemerkt diese Gesten und grinst innerlich.
‚Das waren sicher irgendwelche Signale. Dieser Mann macht keine komischen Bewegungen, so gut habe ich ihn bereits beobachten können. Auch dieser seltsame eher unauffällige Blick vorhin, kurz bevor Tina ihn angesprochen hat, hatte sicher etwas zu bedeuten. Was jedoch haben die beiden kommuniziert? Wenn es um Signale ging, war sie sehr erfinderisch, damit der Gegner nicht einmal mitbekommt, dass es welche gab. Finger- und Handzeichen kennt ja jeder, aber sie hatte da echt gute Dinger drauf. Einige davon nutze ich heute noch in meinem Team. Auch im Nationalteam kommen einige zum Einsatz, da sie wirklich genial sind.‘
Organisation ist alles
Kapitel 110
Organisation ist alles
Tina holt ihr Handy aus der kleinen Handtasche und ruft in ihrem Betrieb an.
„Tina, das ist ja eine Erleichterung. Ich gehe mal davon aus, dass dir mein Namensvetter bereits gemeldet hat, dass wir endlich Ruhe haben. Ich habe vorerst alle Gäste gebeten zu gehen und die Türen geschlossen. Out of Order sozusagen. Wir machen jetzt eine Pause.“, geht Roland ran.
„Roland, schön, euch geht es gut?“
„Ja, nur Carsten hat eine Beule am Kopf, aber das wird wieder. Er ist ja hart im Nehmen.“, schmunzelt er.
„Oje. Gib ihn mir mal bitte.“
Carsten wird ans Telefon geholt. Er hält sich einen Eisbeutel an den Kopf.
„Hallo Chefin, alles okay hier. Nichts Schlimmes.“
„Du Armer. Was meinst du, kannst du noch einen schnellen Dienst ableisten oder eher weniger? So für etwa vier Stunden?“
„Was hast du vor? Klar kann ich das, also wirklich. Frag mal lieber nicht wie ich nach Wettkämpfen aussehe.“, grunzt er und appelliert auf seine Männlichkeit und seine Kickbox-Künste.
„Gut. Du wirst auch belohnt. Gib mir bitte Roland.“
„Jo, bin wieder dran.“
„Wir haben ein Problem. Neue Umstände zwingen uns dazu in der Musashi das Spiel abzuhalten und nun fehlt uns das Catering. Jetzt kommst du ins Spiel. Kannst du innerhalb einer Stunde Notfallplan für 6 Busse fertig machen? Nur kaltes Fingerfood, nichts kompliziertes. Kalte Getränke in Flaschen, Wasser, Saft, das reicht. Kein Alkohol. Es müsste innerhalb der nächsten zwei Stunden hier in der Halle eintreffen und präsentiert. Vor Ort kannst du mit weiteren Helfern rechnen, Tische werden vorbereitet sein. Plündere die Kekse und das fertige Kleingebäck für die Kinder. Denk an den gebeizten und geräucherten Fisch, der eh aufgebraucht werden muss. Das Lokal soll danach insgesamt für 8 Wochen geschlossen werden.“ Roland stutzt und sein Puls steigt etwas an.
„Wie jetzt, für 300 Leute?“
„Ja, nur dass jeder was Kleines hat, das reicht doch. Verbrauche alles was offen ist und eh wegmuss, denn ihr habt ab morgen vier Wochen bezahlten Urlaub. Ist das genug Motivation?“ Es ist auf einmal still.
„Natürlich. Kriegen wir hin. Aber der Transport? Der eine kleine Transporter wird nicht reichen. Den großen hast du noch.“
„Bestell dir sofort was du brauchst an Liefertaxen, Rechnung geht später alles an den Volleyballverband. Ich kläre das mit denen.“
„Okay, alles klar.“
„Super, gebt Hackengas ihr Lieben. Adresse kennst du ja noch, die Einfahrt zur großen Turnhalle, so wie damals beim Basar.“ Kurz darauf wird aufgelegt und Roland schaut in die Runde. Alle sitzen etwas verdattert am Personaltisch und stellen ihre Kaffeetassen ab.
„So viel zum Thema Pause. Hat sie das eben echt gesagt, nach der Aktion haben wir alle einen Monat Urlaub und die Gaststätte schließt für zwei Monate? Und was ist dann mit dem normalen Urlaub?“, bringt Makoto etwas nachdenklich ein. Roland ist gedanklich bei den Vorbereitungen und trinkt seinen Kaffee aus. Dann steht er auf und sieht alle ernst an.
„Das klären wir alles später. Immerhin bin ICH ab heute hier der Chef, schon vergessen?“ alle lachen los und beeilen sich mit ihrem Kaffee ebenso. Motiviert werden die Aufgaben verteilt und zum Telefon gegriffen und das treue Taxiunternehmen angerufen, welches ihnen ohnehin immer hilft, wenn mal was auszuliefern ist.
Unterdessen sieht sich Tina wieder um und stellt fest, dass es nicht wirklich leerer wird im Flur. Freundlich sieht sie Kojiro an und danach Karl-Heinz.
„War da nicht was? Mir sind hier zu viele Leute auf dem Flur. “, sagt sie nur leise und öffnet hinter sich die Tür zum Behandlungszimmer.
„Es wird gleich spannend und du willst, dass ich gehe?“, flüstert Karl auf Deutsch zu.
„Was meinst du?“
„Ich habe die Signale vom Kommissar gesehen, was habt ihr besprochen?“ Tina grinst.
„Alles gut, ich soll nur Acht geben und später zu ihm kommen. Mach dir also keinen Kopf. Geh jetzt, damit alles schnell ablaufen kann.“
„Konntest du sehen was sie reden?“
„Natürlich. Nun los.“, drängt sie ihn. Beide Stürmer gehen dann endlich in den Raum und die Tür schließt sich hinter Kojiro. Kurz vorher wirft er ihr noch einen liebevollen Blick zu und flüstert etwas auf Italienisch.
„Das wird schon. Ich freue mich aufs Spiel.“ Sein Blick ist vom Direktor abgewandt, dieser kann nur seine große Schulter sehen und wundert sich über Tinas Blick zu ihm auf.
‚Oh, was hat dieser Blick zu bedeuten? Und sie haben doch eben bestimmt Italienisch gesprochen. Seit wann spricht sie Italienisch? Sie wollte es damals lernen bevor sie herzog und stattdessen lernte sie Japanisch. Aber er spricht so sanft zu ihr und dann dieser Blick. Wie kann das sein? Sie wollte doch den Wilden Tiger nie kennenlernen. Vielleicht haben die sich ja gestern hier ineinander verguckt? Wäre doch auch möglich.‘
„Herr Direktor, Sie organisieren bitte saubere Sitzpolster für die Leute von den Verbänden und weitere die sich finden lassen. Die Trainer hinter mir und einige Zuschauer möchten sicher auch nicht mit ihren guten Hosen und Kleidern auf den alten Stühlen sitzen. Am besten Sie holen sich dazu noch einen Mann an Ihre Seite. Vielleicht gibt es Freiwillige.“, grinst sie ihn an, dreht sich um und sieht zu den Trainern hinter sich und lächelt freundlich.
„Das machen wir gerne, Herr Kira und ich helfen Ihnen dabei.“, ruft Gamo mit fester Stimme über den Flur. Tina ist selbst sehr erstaunt, sie nahm an, dass sich niemand dazu meldet, aber das ist doch auch super. Sie hoffte, die beiden bringen sich alleine irgendwie mit ein.
„Oh, Herr Gamo, welch eine Ehre. Dann können wir uns ja mal nach so vielen Jahren etwas unterhalten.“, freut sich der Direktor und hat in seiner Erinnerung einen Jungen von etwa vierzehn Jahren vor sich. Er fing gerade an dieser Schule als Lehrer an, als das Talent Minato Gamo an seiner Schule die erste Nationalmeisterschaft heimbrachte. Nun steht dort ein kräftiger großer Mann Mitte Vierzig vor ihm. Trainer Kira stutzt und sieht verblüfft zu Gamo auf.
„Was soll das? Ich helfe doch jetzt nicht irgendwelche Kissen zu holen.“, murrt er.
„Das ist doch perfekt. Du willst wissen ob man ihr vertrauen kann? Der Mann kennt sie schon seit ihrer Ankunft und vertraut ihr scheinbar sehr, also können wir ihn doch aushorchen.“, erklärt er. Gamo war schon damals der klügste im Team, als Mittelfeldspieler hatte er immer die Übersicht.
Die beiden Trainer kommen langsam auf Tina zu und Gamo lächelt freundlich, als er direkt vor ihr steht. Sie sieht fröhlich zu ihm auf und bedankt sich freundlich.
„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen beiden. Darf ich mich vorstellen? Bettina Fuchs.“ Sie reicht ihm die Hand, statt sich zu verbeugen. Das wundert ihn, aber er nimmt an.
‚Sie ist wirklich sehr hübsch. Kein Wunder, dass sich Hyuga in sie verguckt hat. Herr Kira hat Recht, sie wirkt auf den Fotos und in den Spielen hauptsächlich sportlich und vom Verhalten eher burschikos, aber hier steht eine hübsche junge Frau, die elegant wirkt und in diesem Kleid und mit diesem Schmuck strahlt sie viel Weiblichkeit aus. Und dann dieser feste Händedruck. Macht sie das, weil sie eine starke Spielerin ist, oder gehört es sogar zu ihrer Persönlichkeit? Ein fester Händedruck bedeutet in ihrer Kultur Respekt und Ehrlichkeit dem anderen gegenüber.‘
„Gamo, Minato Gamo. Ich bin mit Mikami und Katagiri zusammen im selben Team gewesen. Jetzt bin ich der Cheftrainer dieser Mannschaft.“
„Ich fühle mich geehrt, Herr Gamo.“
Vom anderen Ende des Flures kann Takeru die Geste noch sehen und lächelt. ‚Genauso, Bettina. Niemals den Kopf senken vor jemanden, der dich vielleicht nicht respektiert. Das kannst du dann tun, wenn es doch so ist. Du als Ausländerin kannst diesen Trumpf nutzen obwohl du weißt wie wichtig es normalerweise ist.‘
Erst dann verschwindet er in der Tür und geht wieder an seine Arbeit mit den Kolleginnen. Er greift zum Handy und wählt eine Nummer.
Es klingelt im Behandlungszimmer. Alle wundern sich.
„Oh, sorry, das ist wichtig.“, äußert Andrea und geht ran.
„Ja, ist es soweit?“, entgegnet sie und Takeru am anderen Ende antwortet.
„Ja, du kannst sie jetzt einsammeln und unauffällig zum Ausgang bringen. Die Kollegen sind da.“
„Wird gemacht.“, legt sie auf. Karl-Heinz und Kojiro sind überrascht. Was hat das zu bedeuten? Zwar versteht Karl kein Wort, aber an Kojiros Reaktion kann er deuten, dass es wichtig war.
„Was wird gemacht?“, hinterfragt er neugierig. Karl steht auf, sein kurzer Check ist abgeschlossen. Daniele legt das Blutdruckgerät zur Seite und er zieht sich nach dem Abhorchen sein Shirt wieder an.
Marie hingegen lächelt Andrea an
„War das der Kommissar? Werden die Männer jetzt abgeholt?“, spricht sie auf Deutsch. Karl-Heinz übersetzt verdutzt. Andrea nickt fröhlich.
„Ja, ich kann sie jetzt seinen Kollegen übergeben.“ Plötzlich umarmt sie die Blondine und strahlt über beide Ohren.
„Du bist meine Heldin! Du bleibst jetzt immer schön an meiner Seite. Einen besseren Bodyguard kann es gar nicht geben.“, sagt sie und Karl übersetzt wieder.
„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragen beide Fußballer und auch Daniele und Kaoru sind verwundert.
„Als wir vor einer Weile zum Imbiss gegangen sind, um uns was Kleines zum Essen zu holen, da bemerkte Andrea, dass die beiden Männer darin nicht die echten Imbissbetreiber sein können. Dann haben wir erst normal bestellt und dann hat sie mich gewarnt es zu essen, ich soll nur so tun als ob und dann sind wir etwas aus ihrer Sichtweite gegangen und sie hat sich hinter die Bude geschlichen und die beiden belauscht. Und dann ging alles ganz schnell, total cool. Sie zog dann am Vorbau und das Dach, also diese Markise ging runter, dann kamen sie heraus und sie überwältigte einen nach dem anderen. Der zweite griff sogar nach einem Messer und warf nach ihr, aber sie wich aus und hielt auch ihn fest und warf den Kerl zu Boden. Voll cool. Jetzt sitzen sie gefesselt im Imbisswagen und wir haben nur noch gewartet bis die Sache bei Tinas Gaststätte vorbei ist. Jetzt holt die Polizei die beiden ab.“, erklärt sie total begeistert. Karl übersetzt für alle in Englisch.
„Cool ist was anderes. Nun, ich werde mal. Die Arbeit ruft.“
„Was meinst du denn damit, das waren nicht die echten Imbissleute? Die waren doch die ganzen Tage hier.“, meint Kojiro.
„Bist du sicher? Wann warst du das letzte Mal dort was holen?“ Er überlegt.
„Hm. Stimmt, das war nach dem Spiel mit Pierre. Ist schon ein paar Tage her. Die stehen so weit weg und man beachtet die gar nicht.“
„Du hast Recht, ich habe mir gestern mal wieder Pommes gegönnt und da standen anderes als die ersten Tage. Ist ja ein Ding. Ich habe mich schon gewundert wieso die Probleme hatten mit der richtigen Zeit für die Fritten. Und das Öl stank heute, da habe ich es dann gelassen. Ich habe sie aber darauf hingewiesen. Ihnen war das nicht mal peinlich. Sie haben dann die Fritteuse nur ausgestellt.“
„Aber wo sind dann die anderen Leute?“, bringt sich Karl ein.
„Genau das müssen wir noch herausfinden. Deswegen brauche ich Tinas Hilfe jetzt.“
„Dafür hat sie keine Zeit. Sie muss alles für das Spiel vorbereiten.“
„Wie jetzt? Muss sie schon los?“
„Das Spiel findet hier statt. Es wurde her verlegt und nun müssen wir alle helfen. Deswegen bin ich hier, mich hat sie hergeschickt meiner Mutter und Frau Dr. zu unterstützen.“
„Und ich gehe gleich in diese Halle, dort beim Herrichten helfen.“, bringt sich Karl ein. Er und Andrea gehen zur Tür. Marie fragt worum es geht.
„Oh, wirklich? Das Spiel wird hier sein? Aber dann können wir ja gleich hierbleiben. Ich muss das sehen. Ich will auch was helfen.“
„Lass uns gehen und sehen was sie für dich hat, okay?“, spricht er liebevoll. Daraufhin öffnet Andrea die Tür und sie treten alle heraus. Im Flur ist es ein wenig leerer als zuvor. Direkt neben der Tür steht Tina und unterhält sich mit Mikami. Der Direktor und die beiden andren Trainer sind gerade auf dem Weg zur Halle. Man kann sie im Flur noch sehen. Tsubasa ist inzwischen unterwegs aufs Feld und ein paar Schritte hinter Mikami und Tina stehen Ken und Yoko. Yako und Ryuga sind mit Naoko ebenso zur Halle unterwegs. Der Direktor hat den Generalschlüssel und wird alle Türen und Geräteräume öffnen. Plötzlich klingelt Mikamis Handy.
„Hallo.“
„Sir, hier am Einlass steht die Mannschaft, die gestern auch da war. Ist das richtig? Dürfen sie rein? Also das Tokio-Team. Und ein paar Frauen stehen hier auch rum, sie gehören zu Frau Fuchs Volleyballteam.“, kommt als Durchsage.
„Ja, lassen Sie alle rein. Das trifft sich gut.“
Tina deutet an mit dem Sicherheitschef reden zu wollen. Die Männer und Andrea sind erstaunt.
„Kleinen Moment. Frau Fuchs möchte Sie nochmal sprechen.“
„Okay.“ Mikami gibt ihr das Handy. Jedoch hält sie erst die Sprechfunktion zu.
„Warte, es kommt Kens Mannschaft und dein Team ist wohl da.“
„Das ist gut. Die können mit anpacken.“
„Ken, meinst du deine Männer helfen auch mit? Das ist das sicher schnell zu schaffen.“
„Auf jeden Fall, sonst ziehe ich ihnen die Hammelbeine lang.“, lacht er spaßig. Alle müssen etwas lachen.
„Trainer, wie lange haben die Männer dort heute ihren Dienst? Also wie lange sind sie gebucht?“
„Die passen auch nachts auf. Rund um die Uhr also.“
„Okay.“
„Herr Kato, hallo nochmal. Sagen Sie, wie ist Ihre Besetzung für die Schichten jetzt? Unser Spiel muss leider hier stattfinden und unser Sicherheitsteam ist bereits auf dem Weg hier her. Ich habe jedoch gerade erfahren, dass Sie 24h Wache schieben und sicher jetzt auch weniger sein werden. Ich würde Ihnen meine Leute mit an die Seite stellen bzw. Ihnen für die Abendschicht das Kommando übergeben. Solange wir hier sind. Ist das irgendwie möglich, dass Sie sich dann einigen? Sie machen Pause und meine Leute übernehmen. Wir haben jedoch eine andere Besetzung, da wir kein ganzes Gelände absichern müssen. Vielleicht finden Sie da gemeinsam eine Lösung?“
„Da findet sich was. Ich kenne das Team, die sind sehr nett und stehen unter einer hervorragenden Führung. Sie können also beruhigt sein. Wir finden eine Einigung. Wir haben bereits einige Male zusammengearbeitet.“
„Das ist super. Danke sehr. Wenn sie eintreffen sollen sie mich bitte anrufen.“
„Das richte ich aus.“ Beide legen auf.
Tina atmet erleichtert durch.
„Welche ein Glück. Kens Team ist schon da und wird helfen. Dann schaffen wir es bestimmt rechtzeitig.“
Andrea spricht sie an.
„Wann kannst du mir helfen? Ich brauche dich jetzt gleich, es ist sehr wichtig.“
„Ich kann jetzt aber nicht. Wobei brauchst du denn meine Hilfe? Ich dachte eher, ich kann dir gleich eine Aufgabe erteilen.“, grinst sie.
„Sehr lustig. Ich brauche deine Gabe. In Japanisch.“, spricht sie leise.
Alle sehen sie verwundert an. Marie versteht es leider nicht. Karl übersetzt.
„Oh, du hast eine Gabe?“, wundert sich diese. Die Japaner sind eher verwundert und wissen nicht was damit gemeint ist. Karl-Heinz kann es sich denken, ist jedoch erstaunt.
„Ja, Tina kann ablesen.“, zwinkert sie ihr zu und zeigt mit dem Finger auf ihre Lippen. Karl übersetzt es ihr.
„Andrea, bist du verrückt! Wieso verrätst du mein Geheimnis? Du hast es echt drauf im Moment ständig ins Fettnäpfchen zu treten.“ Andrea ist irritiert, vor allem in welchem Ton spricht sie denn plötzlich mir ihr? Noch nie hat sie sie so zornig angesehen.
„Komm wieder runter. Hier sind doch nur deine Freunde. Warum dürfen sie es denn nicht wissen?“
„Ach Andrea, du verstehst gar nichts.“, murrt sie und dann atmet sie einmal tief durch.
„Wieso muss ich jetzt was helfen?“
„Wir müssen zu Saito ins Büro und du musst mir in der Kamera was ablesen.“ Tina stutzt.
„Okay, sorry wegen eben. Ich könnte auch ne Mütze Schlaf vertragen.“, lächelt sie ihre Freundin an. Genau in diesem Moment geht die Tür zum Behandlungsraum langsam auf und Kojiro steht verwundert in der Tür.
„Ist was passiert? Wieso ist es so laut?“, fragt er in die Runde und sieht dann zu Tina. Sie lächelt ihn an als sich ihre Blicke treffen.
„Alles okay. Aber behalte dein Handy im Blick, falls ich deine Hilfe irgendwo brauche.“, spricht sie liebevoll. Überrascht begegnet er ihr mit einer Gegenfrage.
„Mache ich. Hast du deine Aufgaben alle verteilt? Vielleicht kann dich Andrea dann nochmal vorher für fünf bis zehn Minuten entbehren? Du könntest mir auch noch etwas helfen. Das müssten wir unter vier Augen bereden.“ Tina sieht ihn erleichtert an und lächelt etwas dezent.
‚Kojiro, du bist phantastisch. Du hast meine Anmerkung doch tatsächlich genau verstanden. Ich wollte doch nur mit dir kurz mal alleine sein. Diese furchtbare Anspannung ist ja nicht auszuhalten. Es beweist doch wieder wie sehr wir uns lieben, wenn unsere Gedanken schon so angepasst sind.‘
„Andrea, was meinst du? Zehn Minuten? Ich komme dann zu euch.“, lächelt sie die Blondine an.
„Wer kann dir schon einen Wunsch abschlagen? Aber wirklich nicht länger. Es ist zu wichtig.“
Tina freut sich sehr und schaut zu Marie.
„Du willst bestimmt auch etwas helfen, oder?“
Sie nickt und freut sich schon auf ihre Aufgabe.
„Ja auf jeden Fall. Was kann ich helfen?“
„Du organisierst dir in der Halle den besten Platz so dicht wie möglich am Spielfeldrand und machst so viele Bilder von unserem Spiel wie möglich. Sie sollten so sein, dass man sie später wie Postkarten und etwas größer als Prints drucken kann. Details klären wir später.“
„Ich darf euch malen? Wie schön. Mit welcher Technik?“
„Alles was du willst. Das Spiel wird sicher dauern, da es sehr ausgeglichen sein wird. In der Regel sind die Siege zwischen und sehr knapp. Meine Gegner sind mit uns die stärksten Frauen im Land. Fang also mit dem was am längsten zum Trocknen braucht an.“
„Okay, dann mache ich diesmal einige Aquarelle.“
„Und davor hilfst du der Gruppe, die sich um die Verpflegung kümmert. Das wird dir gefallen und du kannst beim Dekorieren des Buffets helfen, wenn mein Catering kommt. Du fertigst ein paar kleine Schilder an wo draufsteht was es ist. Außer es ist für alle sofort zu erkennen wie Obst oder Brot.“
„Das klingt toll.“
„Gut, dachte ich mir doch. Dann folgst du jetzt Ken, Yoko und Karl-Heinz zur Halle. Ich komme nach.“
Endlich kann sie sich an Mikami und Katagiri wenden.
„Und Sie beide? Möchten Sie auch etwas helfen?“, lächelt sie die beiden freundlich an.
„Oha, jetzt kommt die furchtbarste Aufgabe von allen. Ich ahne Schlimmes.“, äußert Mikami und grinst zu Katagiri.
„Ja, das glaube ich auch. Wir werden uns so richtig vor den Männern blamieren.“, meint er zu seinem alten Freund.
„Es wird eine Aufgabe sein die meistens keiner wirklich machen will. Entweder es wird sich davor gedrückt oder sie ist ihnen unangenehm.“, grinst sie die beiden an.
„Genau, wir sollen bestimmt die Klos putzen oder sowas.“, scherzt Mikami und bringt dadurch alle zum Lachen. Marie hat leider nichts verstanden aber sie lässt sich anstecken.
Tina geht auf Katagiri zu und holt etwas aus ihrer Handtasche und fordert ihn auf die Hand zu öffnen. Er ist erstaunt und tut was sie sagt. Dann legt sie ihm ihren alten Generalschlüssel für die Außenanlage in die Hand.
„Sie wissen ja, bekanntlich kommt das Beste zum Schluss.
Ich weiß, dass ich diese Aufgaben nur Ihnen beiden anvertrauen kann. Sie haben die richtigen Qualifikationen dafür und ich weiß, dass dann nichts mehr schief gehen kann. Sie haben ab jetzt den Hut auf!“ Alle sind perplex.
„Was meinst du damit Bettina?“, äußert Mikami überrascht.
„Sie sind ab nun die Chefs hier! Dieser Schlüssel ist für die Außenanlagen. Er öffnet alle Tore, Türen der Parkanlage wie beispielsweise die Pumpe oder Stromversorgung, den Zaun zu den Spinten und die Notausgänge der Gebäude. Sollte also irgendetwas passieren, dann hat nicht nur der Direktor einen Generalschlüssel, sondern auch Sie.
Das ist das Eine. Zuerst aber das schwierigste.
Sie kümmern sich darum, dass hier jetzt alles läuft, die Halle aufgeräumt wird und alles soweit nutzbar ist, um Zuschauer und die Verbandsleute zu empfangen. Sprechen sie sich dazu mit dem Direktor ab. Sie, wie auch die anderen werden oben in der Loge sitzen. Die muss jemand sauber machen. Wie ich den Direktor kenne hat er bereits die Reinigungstruppe ran geordert, hoffe ich jedenfalls. Immerhin hat er das Ganze zu verantworten.
Also Sie überwachen alles und kontrollieren auf Richtigkeit und Ordnung. Mich können Sie jederzeit fragen. Auch während des Spiels müssen Sie etwas aufmerksam sein.
Schaffen Sie das?“
„Ich habe echt gedacht, dass du das jetzt alles machst. Aber natürlich machen wir das. Mit Vergnügen sogar.“, nimmt Katagiri an, steckt den Schlüssel ein und gibt ihr die Hand.
„Ihr werdet meine Aufgabe übernehmen. Ich werde keine Zeit haben. Ich muss mich warmspielen. Ohne Bewegung vorher kann ich nicht spielen. Ich schaue aber zwischendurch immer mal drüber und sage, wenn mir noch was auffällt. Sie holen sich Fane an Ihre Seite, sie kann gleich etwas üben für die kommende Zeit als Managerin. Ihr werden sicher auch noch andere Dinge einfallen, die ich jetzt vergessen habe aufzuzählen.“ Mikami reicht ihr auch seine Hand.
„Du kannst dich auf uns verlassen. Vielen Dank für dein Vertrauen.“ Danach gehen alle ihre Wege und Kojiro verschwindet mit TIna in einem Beratungsraum. Kurz darauf schließt sich die Tür hinter ihm und er dreht den Schlüssel um. Tina sieht verliebt zu ihm auf und lächelt.
„Danke, danke Kojiro. Das fühlt sich an wie eine Rettungsaktion.“ Tina geht auf ihn zu und fasst seine linke Hand.
„Das war super. Du hast das richtige Talent dazu.
Bettina, du bist angespannt. Endlich kannst du dein Spiel machen. Und wieder kommt was dazwischen. Aber du bist stark und hast alles gut organisiert.“, beginnt er und nimmt ihre Hand fest in den Griff, kommt ihr sehr nah und fasst mit der anderen ihren Rücken.
„Ich werde es genauso genießen wie du meins gestern. Endlich kann ich dich spielen sehen. Was hat dir gestern am besten gefallen?“ Plötzlich drückt er sie fest an sich. Seine große Hand wärmt ihren Rücken und in beiden steigt eine angenehme Wärme auf. Sie sehen sich tief in die Augen. Tinas Anspannung löst sich etwas. Ja, sie war angespannt, die Nacht war eindeutig zu kurz, aber sie ist es doch gewohnt, dass sie wenig schläft und dafür aber tief. Normalerweise macht sie dann zwischendurch kleine Schläfchen, aber heute war dazu nie Zeit.
„Stimmt. Mir fehlt die Bewegung, Kojiro. Gestern habe ich nicht wirklich einen Ball angefasst, und heute nur für eine kurze Zeit. Das tat sehr gut und war entspannend.
Kojiro, du spielst phantastisch, das habe ich dir doch schon gesagt. Ich bin gespannt auf ein Spiel, was dich richtig fordert. Am besten, hm, kann man nicht sagen, alles war besonders.
Am schönsten anzusehen war der Zwillingsschuss mit Basa zusammen. So etwas habe ich noch nie gesehen, auch damals nicht. Ihr müsst wahnsinnig gut eingespielt sein und extrem viel Vertrauen zueinander haben, sonst würde das nicht gehen. Ähnlich wie bei Yoko und mir.“
„Das stimmt. Wenn du nachher wieder raus gehst und dich auf das Spiel vorbereitest, denk an diesen Schuss. Ich bin im Gedanken immer bei dir. Und wenn du dein Spiel hast, dann stell dir vor, dass ich Wir müssen jetzt wieder aufpassen damit es kein Außenstehender mitbekommt.“
„Ja, das stört mich gewaltig, aber nicht nur das mit uns, ich muss den Transfervertrag noch unterzeichnen und das muss ich nebenbei machen. Das war vorher kein Problem, doch wenn hier so viele Leute rumschwirren…kann es eng werden mit der Geheimhaltung. Du weißt auch wie wichtig es ist. Hikari muss ihren heute auch unterschreiben, aber das wird sicher in der Uni stattfinden. Mal sehen. Sie wird es mir sicher nachher noch…“
Plötzlich beugt er sich zu ihr und küsst sie mitten im Redefluss. Ihr Herz bleibt fast stehen, so fühlt es sich an. Ihr Griff in seiner Hand löst sich und wird weicher. Er sieht ihr in die blauen Augen und dann schließt sie ihre und genießt diese intensiven Berührungen. Seine linke Hand fasst nun ebenso ihren Rücken und wandert zu ihrem Kopf hoch.
‚Wie schön und warm du bist Bettina, ich kann mich immer wieder neu in dich verlieben. Du hast keinen Grund angespannt zu sein. Ich werde versuchen dir die Anspannung zu nehmen.‘, ist er fest entschlossen und lenkt sie zur Seite an die nächste freie Wand. Als sie die Mauer teilweise spüren kann und seine starken Arme noch immer sie umschlingen reißt sie die Augen wieder auf und sieht ihn verdutzt an.
Er löst plötzlich seine Lippen von ihr und flüstert.
„Der Moment vorhin, der unter der Dusche, war er für dich…auch so unendlich…berauschend?“ Sie nickt nur und sieht ihn sehnsüchtig an. Dann grinst er verliebt und seine Hände wandern wie verlangend hoch und runter und verbleiben dann an ihrem Gesäß und ihren Oberschenkeln.
„Ist dein traumhaftes Kleid knitterfrei?“, fragt er skeptisch, denn seine Idee geht nicht auf, wenn es Spuren hinterlässt.
„Ja, aber…Kojiro, hier und jetzt?“, ist sie eher irritiert und berührt dann seine Schultern.
„Vertrau mir. Ganz zu weit…gehe ich nicht.“, kann sie sein Schmunzeln wahrnehmen und kurz darauf fahren seine großen starken Hände seitlich ihre Schenkel hinab bis zu den Knien und fahren dann unter den Stoff.
„Stell dir vor, wir würden wieder duschen…und…“, er unterbricht kurz und die linke Hand gleitet auf Höhe des Pos beim Hochschieben etwas unter den Slip. Dann nimmt er sie mit beiden Händen vorsichtig hoch und lehnt sie an die Wand. Ihre Beine umschlingen seine Taille und sie greift überrascht und verlangend in seine langen Haare und seinen Nacken und streichelt ihn dabei.
„…und ich würde dich…jetzt dort berühren…da wo es jetzt nicht geht.“, beendet er seinen Satz. Wieder schließt sie ihre Augen und ihre Gefühle spielen plötzlich verrückt. Er hat Recht, diese Vorstellung alleine lässt sie alles um sich herum vergessen. Kojiro spürt ihr schwereres Atmen und erneut küssen sie sich. Es sind kurze aber sinnliche Küsse. So können beide zwischendurch Luft holen. Sie schmiegen sich so eng es geht aneinander und er kann deutlich ihre Erregungen spüren. Es ist natürlich ein Moment in dem sich beide nun am liebsten komplett fallen lassen würden, aber dafür ist es nicht der richtige Ort und es fehlt die Zeit. Für einen kurzen Moment genießen sie einfach ihre kleine Zweisamkeit. Sie spürt wie seine Wärme sie muntermacht und die Anspannung löst sich endlich. Es kommt ihr vor als würde sich eine Gewitterwolke auflösen und die Sonne käme dahinter wieder hervor.
Während Kojiros eine Hand ihr Gesäß weiter festhält wandert die andere hoch zu ihrem Rücken und spendet ihr Wärme und Geborgenheit. Langsam löst sich ihr Kuss auf und sie sehen sich verliebt an.
„Ich…ich…liebe dich, Kojiro. Ich kann es kaum erwarten für immer bei dir zu sein. In deiner Nähe, jeden Tag.“
‚So wie du mich jetzt ansiehst und wie du dich anfühlst, so fällt es mir jetzt immer schwerer dich loszulassen. Es ist eine sehr große Herausforderung mich dir gegenüber zurückzuhalten. Du machst mich wieder derart verrückt nah dir, aber wir müssen uns den Rest für später aufheben.‘, geht ihm durch den Kopf. Bevor er antwortet deutet er an sie wieder loszulassen. Tina versteht es natürlich und beide stehen kurz darauf wieder mit beiden Füßen auf dem Boden. Eng umschlungen lächelt er sie dann an.
„Ich weiß manchmal gar nicht…wie ich dir immer sagen kann, dass ich dich auch liebe. Es fühlt sich noch immer so neu an und ich kann…mein Glück nicht fassen, eine Frau wie dich an meiner Seite zu haben, für immer.“
„Das kann ich auch nicht. Aber ich sehe dir dann in die Augen und auch wenn nur sehr kurz und so, dass es keiner merken soll, und trotzdem weiß ich es. Dass du mich ebenso liebst und so ein Moment wie eben, dass du genau erkennst und richtig deutest, wann ich dich brauche beweist es nur.“ Erneut küssen sie sich und wenig später lassen sie sich los, richten ihre Kleidung und kontrollieren nochmal ob es wirklich keinen Hinweis auf ihre kurze Pause gibt. Als Tina den Türgriff berührt hält Kojiro nochmal kurz fest.
„Bettina, bist du jetzt wieder wach genug?“, schmunzelt er. Sie dreht sich zu ihm um und gibt ihm einen kurzen Kuss.
„Ja, dank dir. Ich bin hell wach und hochmotiviert.“
Ein neuer Fall
Kapitel 111
Ein neuer Fall
Wenige Minuten später klopft es an der Tür zum zweiten Trainerbüro der Fußballer.
„Herein.“ Tina öffnet und tritt ein. Sie sieht ernst zu den Polizisten und Andrea. Sogar Herr Mikami ist anwesend. Sie schließt die Tür hinter sich.
„Gut, dass du kommst, Bettina-san. Du musst uns diese Aufnahme quasi übersetzen.“ Takeru zeigt auf den Bildschirm des Laptops. Auf den beiden Tischen sind drei Laptops aufgestellt und eine mobile Telefonstation. An der Wand hängt ein Plan des gesamten Sportgelände und ein Grundriss von ihrer Gaststätte, sowie die von den angrenzenden Gebäuden. Tina geht auf ihn zu und schaut auf die Aufnahme.
„Wieso ist Herr Mikami auch hier?“
„Ich habe ihn als Verantwortlichen für das Fußballteam hergeholt. Die Sache geht ihn eventuell mehr an als wir denken. Dafür bist du da. Es geht schneller, wenn wir die Männer jetzt von dir ablesen lassen.“
„Gut. Ist das etwa im Imbiss?“
„Ja. Ich musste vorhin etwas flunkern. Frau Hopkins hat die beiden bemerkt. Sie sind nicht die richtigen Imbissbetreiber und wir müssen diese noch finden. Die beide hier sind laut Angaben des Trainers erst seit vorgestern da. Vorher waren es andere Herren. Ich habe versucht aus Ihnen rauszuholen wo sie die beiden gelassen haben, aber keiner redet und ich habe keine Berechtigung sie zu verhören. Das darf nur die Polizei. Aber wir wollten jetzt keinen Aufstand machen und euch alle beunruhigen. Jetzt ist die andere Sache durch und nun können wir uns um die kümmern.
Also habe ich sie heimlich im Imbiss mit zwei Kameras ausgestattet. Die eine habe ich in ihrem Beisein positioniert. Die andere nach der Festnahme heimlich von außen an die Markise angebracht. So schauen sie gezwungen in die Unbemerkte hinein, damit man sie nicht sehen kann. Aber leider hatte ich keine mit Tonübertragung dabei. Aber immerhin beide live.“, erklärt sie ernst. Während Tina die aktuelle Liveübertragung sieht, verschränkt sie nachdenklich die Arme.
„Mit mir hat das schonmal nichts zu tun. Die wundern sich wohl immer noch wieso ich hier bin. Es würde von der Zeit ja auch nicht hinkommen.
Sie reden von einer Kameraaufnahme. Moment.
Takeru, hast du den Anfang da? Also die ersten Aufnahmen seitdem die Kamera läuft?“ Kommissarin Moris bedient die Maus in ihrer Hand und ruft die erste Aufnahme auf. Nun laufen die beiden Live-Kamera weiter, aber die abgespeicherten Aufnahmen werden neu gestartet. Sie zoomt die beiden Aufnahmen ran und legt sie auf den zweiten Bildschirm. Nun hat man alle 4 Ansichten zu sehen. Es beginnt.
Die eine Kamera ist dunkel und es wackelt verschwommen. Dann wurde sie leise magnetisch positioniert. Die Männer sind zu sehen und sie fluchen vor sich hin. Dann wird nichts geredet, beide sehen sich um und der eine schaut dann an die Rückwand wo die Gewürze und Zutaten stehen. Dann spricht der eine Mann.
„Was machen wir jetzt mit den Aufnahmen? Hier kommen wir nicht heile raus.“ Er schaut auf die Uhr über der Eingangstür.
„Wie konnten wir auch so doof sein? Die suchen die Männer jetzt bestimmt. Und wir landen im Knast. Das war echt eine doofe Idee.“, murrt der andere.
„Keiner hat dich gezwungen mitzumachen. Als ich dir den Vorschlag machte warst du gleich dabei. Wenn diese blöde Catering-Firma nicht so stur gewesen wäre, hätten wir das besser organisieren können. Dann hätten wir die Männer nicht im Van zurücklassen müssen und wären einfach normal hergekommen.“
„Ich brauche das verdammte Geld. Du doch auch. Wenn keiner einem hilft? Da kam dein Geheimtipp gerade richtig. Kann ja keiner ahnen, dass hier solche komischen Leute rumlaufen, diese Amerikanerin war nicht vom Sicherheitsdienst.“
„Ich doch auch. Man. Wir werden sehen wie das jetzt endet.“
„Was wird nun aus den Kindern? Wenn wir im Knast sitzen, geht gar nichts mehr. Ich wollte vorher wie du noch alles abklären, damit mein Kind abgesichert ist.“
„Naja, noch haben wir ja nichts großes gemacht.“
„Bist du doof? Wir haben die beiden immerhin gefesselt und eingesperrt. Das ist schon groß genug. Und jetzt hat uns diese Tussi erwischt und es dauert sicher nicht mehr lange, dann taucht die Polizei auf.“
„Und? Kannst du was damit anfangen?“, unterbricht Andrea sie. Tina hält den Finger auf den Mund. Da gleich vier Aufnahmen gleichzeitig laufen muss sie sich sehr konzentrieren. Eventuell fällt inzwischen bei der aktuellen ebenso was Wichtiges.
„Bst. Kein Ton. Noch nicht. Ich sag gleich was dazu.“
„Ob wir lieber doch gestehen? Uns bleibt ja eh nichts mehr anderes übrig?“
„Ist wohl besser. Aber dafür muss erst wieder jemand kommen.“ Beide sehen zur anderen Kamera.
„Ob die uns jetzt sieht?“
„Ich denke weniger. Das ist sicher für später. Die wird nicht live sein.
Du kannst ja mal ein Zeichen geben, dass wir gestehen wollen. Vielleicht sieht die das ja doch. Und wenn sie es in der Aufnahme später sehen. Ist bestimmt besser als erst bei der Verhaftung.“
„Und wie? Die Kamera hat keinen Ton.“ Beide sehen sich um. Ihre Hände und Füße sind gefesselt und viele Möglichkeiten bieten sich nicht.
„Woher willst du wissen, dass seinen keinen hat? Du hast das vorhin schon gleich bemerkt, als sie die hingestellt hat.“
„Ich habe in einem Elektronikmarkt gearbeitet. Da habe ich mir die Dinger alles sehr genau angesehen und diese hier hat kein Mikrofon dran. Sie überträgt nur Bild. Deswegen haben wir uns doch weggedreht von ihr.“
„Ach so. Schau, dort die weißen Servietten. Da müsstest du mit dem Mund rankommen. Nutze sie wie eine weiße Flagge.“ Er versucht sich auf die Knie zu stellen und zerrt dann mit dem Mund im Regal neben dem Tresen rum.
„Sie wollen gestehen.“, sagt Tina plötzlich.
„Wie jetzt? Echt?“, kommt von Takeru.
„Ja. Schaut, diese komische Kopfwackelei mit der Serviette soll die weiße Flagge sein. Habt ihr das nicht so verstanden?“
„Äh, wir haben die Aufnahme erst etwas später wegen technischen Problemen auf den Bildschirm bekommen. Da war das wohl wieder vorbei.“, äußert Moris.
„Wieso habt ihr die dann nicht einfach von vorne abgespielt?
Oh. Moment...“, unterbricht Tina selbst wieder.
„Schwarzer Van, Kennzeichen sowieso. Standort alte Tiefgarage am Hafen.“, sagt sie Stichpunktartig.
„Einmal zurückspulen bitte.“ Es wird getan und dann ist es zu sehen.
„Die Männer sind in einer Tiefgarage.“ Dann gibt er den Standort durch. Adresse kenne er nicht. Danach setzt er sich wieder hin.
„Stopp erstmal.
Takeru, also die Männer sind in einer alten Tiefgarage im Stadtteil Ota. Hafennähe.“ Sie gibt ihm das Kennzeichen des Vans durch. Der Kommissar funkt die nötigen Daten und Informationen an die Kollegen im Stadtteil Ota durch und stellt das Funkgerät wieder ab.
Tina schaut sich das Video weiter an. Die Männer sitzen wieder wie zuvor auf dem Boden und sehen zu Boden. Sie sagen vorerst nichts.
Dann aber fängt einer von ihnen an zu weinen und schaut zur Decke.
Auf dem Livebildschirm sitzen beide nur da und starren aktuell vor sich hin. Dann fängt der andere erneut ein Gespräch an.
„Wie schlimm ist es bei deiner Tochter? Mein Sohn bekommt jetzt ne Chemo. Aber die Ärzte geben ihm wenig Hoffnung. Er ist noch so klein und könnte die ganzen Medikamente nicht vertragen. Die schlagen so sehr auf den Magen, dass sein kleiner Körper sie eventuell nicht gut annimmt. Es gibt wohl bessere, aber die kann ich mir nicht leisten. Wir können also nur hoffen. Ich wollte die guten Medikamente und eine bessere Schule oder die Pflegekraft bezahlen.“
Der andere schweigt noch, aber er wird angestoßen und es wird nochmal nachgefragt.
„Nun erzähl schon. Du sagtest damals in der Klinik, dass du Geld für eine Behandlung deiner Tochter Brauchst. Was ist es bei ihr? Auch Krebs?“ Der Mann schüttelt den Kopf.
„Nein. Es ist etwas komplizierter. Ich brauche es für eine Therapie. Meine Tochter ist stark selbstmordgefährdet. Anfangs konnten wir helfen und es war wieder alles gut, aber dann…vor fünf Monaten, da passierte etwas und wir als Familie können ihr nicht mehr helfen. Sie nimmt unsere Hilfe nicht mehr an, dabei ist sie sehr stark. Und da wir keine Zeit haben neben der Arbeit, dass immer einer bei ihr ist, benötigen wir die Behandlung in einer Spezialklinik und die ist unbezahlbar. Aber ich will sie nicht irgendeinem Looser anvertrauen.“
„Erzählst du es mir? Wir werden uns vermutlich eh nie wieder über den Weg laufen. Und wenn, dann dürfen wir uns nicht unterhalten.“, spricht er ruhig. Beide wissen bereits, dass sie eine hohe Strafe für das Einsperren der Imbissleute bekommen werden.
„Da hast du Recht. Meine Tochter ist achtzehn und war eine sehr talentierte Baseballspielerin. Sie hatte mehrere Meisterschaften gewonnen und stand sogar für diese neue Weltmeisterschaft auf der Liste und durfte zu den ersten Trainingseinheiten gehen. Und dann passierte es. Sie brach mitten im Training zusammen und kam ins Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte dann fest, dass sie im ersten Monat schwanger ist und sie wusste es ebenso nicht. Somit war die Meisterschaft für sie gelaufen. Ihr und dem Baby ging es gut, es war nur ein Schwächeanfall.
Jedoch als wir zu Hause waren und wir nach dem Freund fragten, von dem wir nichts wussten, machte sie dicht. Sie verzog sich ins Zimmer und weinte nur tagelang. Und dann irgendwann kam meine Frau doch an sie ran und sie erzählte was passiert war. Sie hatte sich wohl in jemanden verguckt und war mit ihm aus und es schien auch alles zu stimmen, aber dann war er…“, er unterbricht und sieht wütend zu Boden und macht Fäuste.
„Er war nicht alleine. Sie sagte nicht wie viele es waren.
Naja und dann lief sie nur nach Hause statt zur Polizei. Wir haben nichts bemerkt. Sie konnte ihre Traurigkeit zu gut verstecken, weil sie sich so auf die Meisterschaft freute und das war dann ihr Halt, sagte sie. Immer wenn sie den Schläger dann in die Hand nahm, dann stellte sie sich vor einer von ihnen sei der Ball. Sie wusste, wenn das rauskäme wäre ihre Karriere vorbei. Der ganze Ärger mit der Polizei und Verhandlungen und dann müsse sie ständig darüber reden. Also versuchte sie mit ihrem harten Training über die Schmerzen hinweg zu spielen. Deswegen bemerkte sie auch keine Veränderungen an sich.“ Erneut macht er eine Pause und der andere Mann ballt ebenso seine Fäuste.
„Diese Schweine!“
Als Tina das Gespräch deutet zuckt sie etwas zusammen, als hätte sie etwas entdeckt.
„Meine Frau und ich konnten sie jedoch ermutigen ein neues Leben anzufangen, denn sie entschied sich trotz allem das Kind zu bekommen. Die Vorstellung, dass sie ein Baby wegmachen lässt, das konnte sie nicht ertragen. Das Kind könne ja nichts dafür. Sie hatte Angst es später doch zu bereuen. Es war ihr neuer Lebensweg. Die Schule beenden, studieren und das Kind großziehen. Wir gingen da voll mit ihr. Viel Spott musste sie in der Schule und ertragen, dass sie so jung ist und nicht aufpassen könne. Aber trotzdem, sie freute sich auf das kleine Wesen.
Und dann, vor fünf Monaten, da hatte sie wegen einer Infektion eine Fehlgeburt. Für sie stürzte die ganze Welt zusammen und uns hat es ebenso mitgenommen. Wir waren alle schon auf Babymodus. Endlich ein Enkelkind. Dann ging das los, die lange Trauerphase, die Nachuntersuchungen und und und. Dann haben wir sie erwischt wie sie sich die Pulsadern aufschnitt und eine Woche später hat man sie auf einer Brücke aufgelesen. Sowas passierte immer öfters. Wir konnten ihr den Lebensmut nicht mehr geben. Deswegen waren wir in der Klinik, zur Nachsorge vom letzten Anfall und da haben wir uns ja getroffen. Nun soll sie in diese spezielle Klinik, die die Ärzte empfohlen haben. Dort kümmere man sich wohl am besten um solche Frauen.“
„Oh man. Das tut mir echt leid. Vielleicht schafft sie ja den Sprung, wenn sie die Typen doch noch anzeigt. Sie muss nur den Mut finden jetzt noch zur Polizei zu gehen, wenn sie eh das Gefühl hat nichts mehr zu verlieren? Dann können die wenigstens dafür sorgen, dass das nie wieder passiert.“
„Was meinst du, was wir alles schon versucht haben? Das hatte alles keinen Zweck. Sie glaubt nicht daran, dass man den nächsten Mädchen helfen kann. Und wenn ich ihre Worte noch richtig in Erinnerung habe, hatte sie sogar das Gefühl, sie war nicht die Erste, der das passierte.“
„Echt? Wo ist sie denn jetzt?“
„Seit zwei Monaten ist sie in der Psychiatrie. Wir konnten nicht mehr auf sie aufpassen. Dort wird sie aber nicht behandelt, sondern nur versorgt und alles unter Kontrolle, damit sie sich nichts antut. Jetzt sitzt sie da jeden Tag wie in einem Gefängnis und diese Schweine laufen draußen rum und vergnügen sich.“
„Wir sind beide echt bescheuert. Wie konnten wir nur glauben, dass das hier einen Sinn macht? Jetzt stehen die beide ohne Väter da.“
„Naja, mit den Fotos hätten wir sicher ein paar Sümmchen zusammenbekommen. Niemand wäre dabei verletzt worden, aber wir wären im Knast dafür gelandet. Aber wenn dann die Kinder wenigstens wieder gesund werden. Dafür hätte ich meine Freiheit geopfert, für meine kleine Mai.“, schluchzt er.
Hinter Kommissarin Moris werden die Fäuste geballt. Tina schließt kurz die Augen und dann spricht sie Saito an, ohne hinter sich zu ihm zu sehen.
„Kommissar, ich muss doch morgen sowieso aufs Revier wegen der Aussage von heute?“ Takeru wundert sich. Wieso spricht sie plötzlich so ernst.
„Ja, alle Beteiligten müssen morgen leider antanzen.“
„Dann plane bitte etwas mehr Zeit für mich ein. Dies hier wird dir noch einen dritten Fall bescheren.“, meint sie streng und verlässt ihren Platz und geht zur Tür. Ohne zurückzusehen spricht sie noch etwas aus.
„Und lass am besten über Nacht das ganze Filmmaterial von deinen Leuten erneut auswerten. Dann bist du schon vorgewarnt und kannst die Männer beim Verhör besser beurteilen. Wenn du sie also verhörst, dann sei nicht zu streng und versuche verständnisvoll zu wirken, damit sie dir vertrauen. Dann hast du vermutlich einen weiteren großen Fall. Die beiden da, sind gar nichts dagegen. Vielleicht kann diese Aktion dafür sorgen, dass du eventuell einige Serientäter findest.“
„Serientäter, was meinst du damit?
Bettina-san, was hatten sie vor? Was sollte die Aktion?“
„Das haben sie bisher nicht eindeutig gesagt, aber ich denke mal sie wollten mit den Fotos der Verwandten und Freunden oder den Spielern in Richtung Erpressung gehen. Mehr kann ich daraus nicht ersehen. Ich denke aber mal, sie werden es ohnehin gleich erzählen, wenn du erstmal mit ihnen sprichst. Ihre versteckte Kamera steht oben im dekorativen Gewürzregal, deswegen haben die da hochgeschaut.“
„Und was meinst du mit Serientäter? Worüber haben sie gesprochen?“, ist Saito ernst bei der Sache.
„Wir reden morgen, jetzt muss ich mich auf mein Spiel konzentrieren. Hast du nachher die Auswertung der Kollegen, dann weißt du was ich meine.“
„Bettina, warte!“, mischt sich Mikami plötzlich ein. Sie hält die Türklinke fest. „Was meinst du mit freundlich sein? Hast du eine Ahnung was du sagst? Du kannst doch nicht zu solchen Erpressern nett sein! Immerhin betrifft es hier meine Männer, unter anderem auch Freunde von dir!“
„Beruhigen Sie sich wieder, so habe ich das nicht gemeint. Natürlich müssen sie ihre Strafe bekommen, aber letztendlich sind sie nur Opfer dieser…Gesellschaft.“, verkneift sie sich ihre persönliche Meinung.
„Was meinst du damit? Opfer?“ Sie stutzt und atmet ganz tief durch. Dann dreht sie sich zu ihm um und sieht ihn sehr streng an.
„Sagen wir es so…die Tochter des einen, sie…hatte kein Genzo in ihrer Nähe. Und…hier habe ich vor Jahren mal versucht ein Genzo zu sein, aber…ich kam zu spät.“, haut sie dann nur raus und kurz darauf öffnet sie die Tür und verlässt den Raum. Alle sehen verwundert zur Tür. Mikami dreht sich dann fragend um und schaut zum Kommissar.
„Was will sie mir denn damit sagen? Geht es um den Überfall?“, stellt er fragend in den Raum. Die beiden Männer sehen sich ernst an.
„Ihre Aussagen gingen nicht an Sie, die waren an mich gerichtet.“, sagt der Kommissar und sein Puls steigt plötzlich etwas an.
„An Sie? Sie müssen sich aber gut kennen. Was hat das aber mit Serientätern zu tun? Wissen Sie das denn?“
„Sie spricht von einer Vergewaltigung. Damals meldete sie sich bei mir und bat um Rat. Sie hatte ein Mädchen zufällig aufgefunden, welche kurz zuvor das Opfer einer Gruppenvergewaltigung wurde und sie wollte ihr helfen. Diese jedoch lehnte ihre Hilfe ab und meldete sich auch nie bei uns. Die Sache fiel einfach unter den Tisch. Bettina wusste nicht wer sie ist oder wie alt sie war. Da rief sie mich an, fragte ob sie irgendwie anders helfen kann, aber es ist wie immer, wo kein Kläger, da kein Angeklagter. Ich konnte ihr nur raten zu versuchen sie zu überreden, aber sie wusste nicht wer sie war. Laut ihrer Unterhaltung mit dem Mädchen war sie wohl mit ihrem Freund verabredet und dann tauchten die anderen plötzlich auf.“, haut er plötzlich raus und schaut dann wieder zum Bildschirm. Alle sind etwas geplättet.
Plötzlich steigt der Puls der jungen Polizistin an und sie starrt den Kommissar verdutzt an.
„Vielleicht…vielleicht hat dieser Mann hier so eine Tat eben beschrieben? Also, dass seiner Tochter sowas passiert ist?“, bringt sie sich energisch ein.
‚Bettina Fuchs, wie kann das sein? Du hast so eine Tat bemerkt und versucht ihr zu helfen?‘
„Das vermute ich, genau. Deswegen hat sie sicher verlauten lassen, dass es um diese alte Sache geht. Es muss also Parallelen geben zwischen den Taten, sonst käme sie nicht darauf.
Frau Tanaka, geben Sie doch mal in unserer Datenbank den Namen des Herren ein. Der Sicherheitsdienst hat sie uns doch bereits gesagt. Vielleicht finden wir etwas über das Mädchen.“
Es wird getan und es dauert auch nicht lange, da ploppen mehrere Felder auf. Bisher haben sie nur nach den Daten und er Arbeit und seinen finanziellen Status geschaut, aber nach seiner Tochter wurde nicht gesucht. Der Name ist zu lesen und dann ist ihr Name als Verlinkung hinterlegt. Dann ploppt ein neues Fenster auf und es gibt eine Liste der Aktivitäten.
„Sie war eine erfolgreiche Sportlerin, ist jetzt achtzehn Jahre alt und sitzt derzeit in einer Psychiatrie. Sie hatte vorher mehrere Selbstmordversuche, dann hat man sie eingewiesen, zur eigenen Sicherheit.“ Dann stutzt sie plötzlich.
„Es liegt ein gesundheitliches Gutachten vor. Sie hatte vor fünf Monaten eine Fehlgeburt und wenn ich mir die Daten der Selbstmordversuche hier ansehe, dann war das sicher der Auslöser.“
„Hm, aber es steht kein Vater drin. Er wird nicht erwähnt, sei anonym.“, spricht Moris.
„Das ist verdächtig.“
Takeru greift zum Telefon und ruft den Sicherheitsdienst an. Er möchte wissen wann sie die Täter vorbringen können. Es wird noch etwa dreißig Minuten gebraucht, um alle Dinge zu klären. Dann legt er auf.
„Nun gut. Forschen Sie da weiter. Und berichten Sie mir was Sie gefunden haben. Bettinas Fall liegt bereits lange her, prüfen Sie ob es Notrufe gab, die in diese Richtung gehen. Mein Anruf mit ihr müsste ebenso irgendwo stehen. Dann haben sie einen Zeitstempel.
Ich gehe mir jetzt einen Kaffee holen und dann komme ich wieder und Frau Hopkins und ich gehen vor.“, beschließt er und verlässt dann mit Mikami zusammen den Raum.
„Sie begleiten uns nachher.“
„Bettina hat mir eine wichtige Aufgabe erteilt und jetzt das. Ich bin dann erstmal in der Halle und dann holen Sie mich, okay?“
Sie verbleiben dabei, Mikami geht durch bis zur Halle und Saito öffnet die Tür zum großen Beratungszimmer neben des Trainerbüros. Überrascht schaut er in den Raum und entschuldigt sich bei der hübschen Kaoru.
„Verzeiht, Frau Hyuga, ich dachte hier ist niemand und Sie sind auf der Krankenstation.“ Sie sieht ihn sehr verwundert an. Als sie ihn so in seiner stattlichen Uniform sieht wird ihr ganz warm und ihr Herzschlag wird doller.
‚Der Kommissar, was für ein stattlicher Mann er ist. Er trägt jetzt kein Zivil mehr, wieso?‘
„Herr Kommissar, kein Problem. Es ist alles soweit fertig und ich wollte hier endlich aufräumen.“
„Ich würde mir einen Kaffee holen, wenn es Sie nicht stört.“
„Gerne, wenn Sie meine Anwesenheit nicht stört?“ Er schließt die Tür leise hinter sich und sieht sie freundlich an.
„Eine charmante Anwesenheit stört mich in der Regel nicht.“, entgegnet er schmunzelnd. Dann geht er direkt zur Kaffeemaschine und holt sich eine Tasse aus dem Schrank. Kaoru steht mit ein paar Schüsseln in den Händen hinter dem Tisch, also etwas weiter weg von ihm. Sie beobachtet seinen aufrechten stolzen Gang und betrachtet ihn wie er ihr den Rücken zugekehrt an der Mini-Küche steht und elegant eine Tasse aus dem Schrank nimmt und diese unter die Düse stellt.
‚Diese Uniform steht einem großen Mann wie ihm sehr gut. Auf seinem Revier mag sich bestimmt keiner mit ihm anlegen, wenn er mal streng guckt und was sagt. Jetzt wirkt er gleich ganz anders ohne diese sportliche Kleidung mit dieser Trainingsjacke.‘ Plötzlich muss sie etwas schmunzeln und kichert etwas. Takeru wundert sich und schaut zu ihr.
„Nanu? Klingt das Geräusch von der Kaffeemaschine wirklich so lustig?“, vermutet er und lächelt sie an.
‚Was hat sie plötzlich? Auf jeden Fall hat sie ein sehr hübsches Lächeln und ein schönes Lachen. Dass Hyuga so eine hübsche junge Mutter hat ist schon erstaunlich. In ihren Akten steht, dass sie wie meine Frau bereits mit neunzehn Mutter wurde. Dann ist sie jetzt 41.‘
„Nein, diese Kleine von vorhin, sie war lustig. Ich musste Sie mir jetzt gerade vorstellen wie einen Polizisten aus der früheren Zeit. So mit Schwert und alter Uniform. Das hätte Ihnen sicher gutgestanden.“, erklärt sie dezent lachend. Dann stellt sie die Schüsseln auf den Tisch.
„Ach, ich verstehe. Das kann ich mir gut vorstellen. Vielen fragen mich danach. Das liegt an diesem Namen.“, lacht er zurück.
„Und wie kam das jetzt bei Ihnen? Das klang sehr seltsam.“, setzt er einen ernsteren aber noch freundlichen Blick auf. Kaoru setzt sich hin.
„Sie hat mich ganz schon geschockt mit ihrer Aussage. Ich möchte mich mit ihr gerne später noch unterhalten. Also mit der Yako Kawasaki.“ Er erkennt einen trüben Blick.
„Dann ist es wahr? Ist diese junge Frau Ihre Nichte?“ Sie nickt.
„Vermutlich, ja. Die Ähnlichkeit ist sehr groß und der Name ihrer Mutter stimmt.“ In dem Moment zischt es ein wenig und Saito kann seinen Kaffee nehmen.
„Darf ich mich zu Ihnen an den Tisch setzen? Möchten Sie denn überhaupt darüber reden? Ich bin ja nur ein Außenstehender.“ Sie schaut zu ihm auf.
„Das können Sie, sonst hätte ich es jetzt nicht angesprochen.“ Somit nimmt er ihr gegenüber Platz und stellt seine Tasse hin.
„Mich hat weniger Geschockt, dass sie meine Nichte ist, damit hätte ich bei dem Nachnamen rechnen können, aber es tat sehr weh zu hören, dass mich meine Eltern…für Tot erklären. Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte immer, sie haben den Kontakt zu mir verboten, aber sowas tut echt weh.“, spricht sie leise und schaut nachdenklich in die leeren Schüsseln vor ihr.
‚Oha, das ist wirklich böse. Wieso machen die sowas?‘ Er nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und hält die Tasse weiter in der Hand. Dann schaut er nachdenklich zur Seite.
Kaoru vernimmt die Stille und schaut auf.
‚Sagt ja gar nichts dazu. Ich dachte es kommt jetzt irgendeine Frage dazu. Warum die das gemacht haben oder eine Verurteilung. Aber nein.‘
„Bei mir hatte sie auch Recht, Frau Fuma, die Nachfahre einer alten Samurai-Familie ist.“, sagt er plötzlich. Kaoru ist total verdutzt und richtet sich wieder auf.
„Wie meinen Sie das?“ Er sieht nicht zu ihr, sondern schaut auf die Kaffeemaschine.
„Na diese Behauptung, ich stamme von diesem Hajime Saito ab. Sie hat es bereits gespürt, ohne zu wissen wer ich bin oder wie ich heiße. Ich war noch in Zivil. Ich hätte nicht gedacht, dass es heutzutage wirklich noch Menschen mit so empfindlichen Sinnen gibt, dass man sowas spüren kann. Ich habe manchmal auch einen sechsten Sinn, aber nicht so.“
Dieser kurze Moment
Kapitel 112
Dieser kurze Moment
Kaoru steht auf und bringt die Schüsseln zum Waschbecken. Sie lässt Wasser hinein und gibt Spülmittel hinzu.
„Das klingt interessant. Wie äußert sich das, wenn ich fragen darf?“
„Hm, das ist unterschiedlich und das kommt auch nicht bei jeder Person vor. Im Grunde habe ich manchmal das Gefühl genau zu wissen ob jemand lügt oder ob die Person die Wahrheit sagt oder grundlegend ein sehr ehrlicher Mensch ist. Das kann in meinem Beruf sehr praktisch sein.“
„Oh, das kann ich mir vorstellen. Können Sie denn dann hier im Lager bei jemanden etwas spüren?“ Sie dreht sich neugierig um und sieht ihn ernst an.
„Ja, da sind einige Personen bei.“
„Auch Trainer Kira? Er hat vorhin so böse Sachen über Bettina gesagt und ich war so wütend auf ihn. Wir kennen uns schon sehr lange, wissen Sie? Er ist der persönliche Trainer von Kojiro gewesen. Seit sein Vater verstorben ist, hat er sich ihm angenommen und dann heute…macht er sowas. Ich verstehe das nicht. Wie konnte er nur so gemeine Sachen sagen und ihm vorwerfen, sich mit ihr angeblich verrannt zu haben? Ich…“, sie unterbricht ihre Rede und verschränkt die Arme. „Ich habe meinen Großen noch nie so glücklich erlebt. Und heute, wo ich sie endlich kennenlernen konnte und sehen konnte wie sie sich ansehen und mit einander umgehen, das kann doch nur ehrlich sein. Wie kann er das anzweifeln?“
‚Darüber macht sie sich Gedanken? Seine Worte müssen sie sehr getroffen haben.‘
„Ich kann Sie beruhigen, wie ein Lügner kam er mir nicht rüber.“, beginnt er. Saito nimmt ein paar kleine Schlucke und stellt den Becher auf den Tisch.
„Okay, wie kommt er dann auf solche Behauptungen?“
„Das wüsste ich auch gerne. Ich musste mich selbst daran erinnern, dass ich im Dienst bin. Frau Hopkins neben mir kam mir da genau richtig. Wir haben uns eher gegenseitig davon abgehalten zu tun, was Sie letztendlich erledigt haben.“, grinst er und sieht dann wieder ernster zu ihr. Kaoru kommt wieder an den Tisch und räumt die Stäbchen ein.
„Es sieht sehr lecker aus. Darf ich probieren?“, versucht er sie etwas vom Thema abzulenken. Abgesehen davon hat er einen Bärenhunger.
„Oh, ja natürlich. Bedienen Sie sich. Im Kühlschrank habe ich noch das Sushi stehen. Es wäre schade, wenn es bis morgen verdirbt.“
„Das ist nett. Ich hatte heute nur Frühstück. Danach kam nichts mehr. Manchmal gibt es solche Tage.“, schmunzelt er. Sie geht zum Kühlschrank, holt eine Box heraus und stellt sie neben das saubere Gedeck auf den Tisch. Dann stellt sie alles zu ihm und reicht eine weitere saubere Schüssel mit Wasser.
„Das geht gar nicht. Ein hungriger Mann und Sie sitzen hier neben dem Essen. Bedienen Sie sich.“
„Vielen Dank.“, sagt er und dann nutzt er für fünf Minuten seine Chance. Wer weiß wann er wieder dazu kommt? Gesättigt und zufrieden legt er seine Stäbchen ab, stellt die leere Schüssel hin und lehnt sich glücklich an.
„Sie sind eine hervorragende Köchin, vielen Dank nochmal.“, sieht er sie dankend an. Er sieht ihr in die Augen, denn sie sitzt ihm gegenüber und lächelt ihn an.
„Ich glaube Ihnen, wenn es Ihnen nicht schmecken würde, hätten Sie es jetzt gesagt.“ Takeru grinst.
„Wohl eher kaum, das wäre ja unhöflich. Aber ich hätte mich sehr freundlich bedankt.“ Sie lacht etwas und steht auf, während sie die restlichen Schalen einsammelt.
„Bettina hat es auch geschmeckt. Sie muss es ja wissen, denn sie kann selbst japanisch kochen.“
„Das glaube ich gerne. Solange sie nicht nur sagt, dass sie satt ist, war alles super.“, lacht er ebenso etwas. Kaoru stutzt etwas.
„Das klingt ja gemein. Hat sie das mal gesagt?“
„Oh ja, meine Frau war begeistert, das können Sie sich vorstellen. Keiner hat es je gewagt die Wahrheit zu sagen. Aber sie hatte Recht. Meine Frau konnte so gar nicht kochen. Was ihr lag waren Babybreie und Kleinkindernährung. Also bloß nichts, das wirklich satt machen kann. Wenn es etwas bei uns gab, dann habe ich das gemacht oder wir hatten Besuch und der hat dann gekocht.“, lacht er.
„Oh, wirklich? Babybrei?“, muss sie schmunzeln.
„Ja so ein ekelhafter Reisbrei mit Gemüse drin. Sie war Frauenärztin in der Geburtenabteilung und später die letzten drei Jahre hat sie sich ihren Traum erfüllt und als selbständige Hebamme gearbeitet. Das wollte sie immer, Hausgeburten und Wochenbett und Nachsorge. Sowas eben. Unsere Enkeltochter hat sie auch zur Welt gebracht.“
„Wow, das hätte ich auch gerne machen wollen, aber ich hatte leider nicht die Möglichkeiten dazu. Ich musste die gute Schule verlassen, auf der ich war und mit Kind dann auf einer staatlichen Schule Abitur machen. Das war nicht gut genug für ein Studium. Für die Aufnahmeprüfungen hatte ich keine Zeit. Da blieb es dann leider nur bei einer Ausbildung und dann wurde es die Krankenschwester. Jetzt seitdem Kojiro im Ausland ist, kann ich aber trotzdem machen was mir gefällt. Ich arbeite alle zwei Tage in einem Kinderheim und helfe dort oder besuche die Kinder in den Krankenhäusern und Hospizen, wenn sie keine Verwandten haben. So bleibe ich im Job und kann im Notfall jederzeit wieder anfangen zu arbeiten, weil ich nie raus bin.“
„Das ist sehr mutig und beeindruckend.“ Plötzlich sehen sie sich an und verharren kurz in ihrem Blick.
Genau in diesem Moment klopft es an der Tür. Sie werden aus diesem plötzlichen Moment gerissen und Takerus Stimme sagt ein schlichtes „Herein.“.
Die Tür öffnet sich und Karl-Heinz steht mit Marie in der Tür. Alle vier sehen sich verdutzt an.
„Wir möchten nicht stören, aber wir würden uns gerne Kaffee und Tee holen. Die anderen Kaffeemaschinen stehen bereits in der Halle. Und es wird noch Geschirr gebraucht.“, erklärt sich Karl-Heinz freundlich.
‚Herr Schneider. Er hat sich umgezogen und wirkt jetzt ganz anders. So elegant und modern gekleidet. Seine Schwester ist wirklich eine Schönheit, genauso wie Bettina.‘, fällt Kaoru auf. Karl-Heinz trägt ein hellblaues Polohemd und eine dunkelblaue feine Hose mit geradem Schnitt und exakten Bügelfalten.
„Natürlich können Sie sich bedienen.“, entgegnet sie ihm freundlich. Die Tür schließt sich hinter den Geschwistern.
„Vielen Dank. Wir beeilen uns auch.“ Er deutet Marie elegant an vor zu gehen indem seine rechte Hand mit einer leichten Bewegung ihren Rücken sanft berührt, gerade mal so als würde er nur den Stoff vom bunten Kleid berühren.
„Marie.“, sagt er sanft zu ihr und sie geht dann direkt zur Kaffeemaschine. Er folgt ihr. Marie kichert leise etwas vor sich hin, als sie zwei Tassen aus dem Schrank nimmt.
„Was ist denn so lustig?“, wundert sich Karl.
„Ich glaube wir haben gestört. Wie sie eben geguckt hat. Irgendwie verlegen. Sie ist sehr schön, genauso wie ihre Tochter.“, flüstert sie.
„Du wieder. Du musst nicht immer alle Gedanken aussprechen. Du musst echt noch viel lernen.“ Er greift über ihr ins Regal und sucht die Teesorten durch.
„Hier ist kein Rooibusch. Möchtest du dann einen anderen nehmen?“
„Ach schade. Ist grüner Tee da?“
„Ja. Und Jasmin.“
„Dann den.“ Er holt die Packung heraus, legt einen Beutel in ihre Tasse und stellt das heiße Wasser an.
Kurz darauf kommt Kojiros Mutter in ihre Richtung und spricht Karl-Heinz an. „Herr Schneider, ich wollte mich nochmal für Ihre Hilfe bedanken. Sie haben meinem Sohn sehr geholfen.“ Er ist erstaunt und dreht sich zu ihr um.
„Sie haben sich doch schon bedankt. Aber das müssen Sie nicht. Es war Ehrensache.“
„Und das obwohl Sie so große Gegner sind? Das hätte sicher nicht jeder getan.“
„Frau Hyuga, wir mögen Gegner und Rivalen sein, aber wir sind doch keine Feinde.“
„Herr Schneider.“, ist plötzlich die kräftige Stimme vom Kommissar zu hören. Er ist aufgestanden und geht auf ihn zu.
„Herr Kommissar?“, dreht er sich zu ihm um.
„Geben Sie es zu, am liebsten hätten Sie diesem Trainer doch auch Eine reingehauen, oder?“, kommt plötzlich eine Provokation aber auch eine ehrlichgemeinte Frage. Karl sieht ihn ernst an.
„Ist das jetzt eine dienstliche oder eine private Frage?“, entgegnet er ihn, stellt sich mit festem Stand direkt vor ihm und schaut zu ihm auf. Ihre Blicke sind streng.
‚Kommissar Saito, Freund von Tina, wer sind Sie wirklich? Was soll diese Aktion jetzt?‘
„Privat natürlich. Die Sache hat nichts mit dem Fall zu tun.“, grinst er ihn an. „Gedanklich habe ich es getan, aber ich bin eher der beherrschte Typ und lasse meine Hände da wo sie hingehören.“
„Das ist gut zu hören. Was wäre denn Ihre andere Antwort gewesen? Also hätte ich dienstlich gefragt?“
„Ist Ihnen das so wichtig?“
„Ich bin nur neugierig. Das ist wie eine Berufskrankheit.“, grinst er freundlich. Karl verschränkt die Arme und sieht ihn herausfordernd an.
„Es stellt sich eher die Frage, warum sich ein erfahrener Kommissar aus Verzweiflung an einer Ex-Marine festhalten muss, damit ihm die Hand während der Dienstzeit nicht ausrutscht.“ Der erfahrene Mann grinst.
„Jetzt verstehe ich es.“ Er reicht ihm plötzlich die Hand. Karl-Heinz ist etwas verwundert.
„Was verstehen Sie?“, zieht er fragend die Augenbraue hoch.
„Ihre enge Freundschaft zu Bettina ist noch immer da, trotz der langen Pause. Ich bin Takeru, nehmen Sie an, so als Freund einer gemeinsamen Freundin?“
„Hm, wenn Sie mir zwei Fragen ehrlich beantworten, dann vielleicht.“
„Gut.“ Takeru nimmt seine Hand wieder runter und wartet auf die Fragen. Was mag dieser junge Mann ihn fragen wollen, um zu entscheiden, dass er ihm vertrauen kann? Der Kapitän der Japaner hat ihm auch eine entscheidende Frage gestellt und mit einer ähnlichen rechnet er nun auch.
„Wann haben Sie bemerkt, dass Sie so einer jungen Ausländerin wie Tina vertrauen können? Es muss schon länger her sein als ihre Studienzeit, wie sie sagt. Ich kenne Tina schon so lange, dass ich weiß, dass sie niemals lügen würde. Jedoch hat sie das Talent in ihren Erklärungen Details auszulassen. Und man weiß nie wann das mal der Fall ist.“ Takeru ist sehr erstaunt. Kann es sein, dass dieser Mann ein ähnliches Gespür hat wie er?
„Hm, darf ich selbst eine Frage zwischendurch stellen?“
„Bitte.“
„Wieso gehen Sie davon aus, dass wir uns länger kennen als bekannt ist?“
„Ihre Reaktion auf Kiras Provokation hat Sie verraten. Ihre Bindung ist weitaus größer als nur die Freundschaft zu ihrer Tochter. Und dass Tina Ihnen gegenüber unseren Team-Geheimspruch benutzt hat, das weist auf ein sehr hohes Vertrauen hin. Sie hätte sich in dem Moment auch anders ausdrücken können, um mich umzustimmen. Er ist nur für Notfälle bestimmt.“
„Wir sind uns im Oktober 1998 durch einen Einsatz begegnet. Ich spüre manchmal, wenn jemand sehr vertrauensvoll ist oder nicht. Bei ihr war es so, aber sie hat mich bei einer Frage angelogen. Ich erfuhr, dass es eine Lüge war und dass es ihr sehr unangenehm gewesen ist. Trotzdem habe ich ihr vertraut.
Und heute erst, heute weiß ich wieso sie es getan hat. Es war eine wirklich wichtige Notlüge. Sie wollte jemanden beschützen.“ Karl-Heinz stutzt und dann löst er seine Arme und reicht ihm die Hand. Dann lächelt er ihn an.
„Sie hat uns beschützt, nicht wahr? Ab heute dann privat Karl-Heinz.“ Takeru nickt und nimmt seine Hand an.
„Und die zweite Frage?“, hakt Takeru nach.
„Oh, die hast du nebenbei bereits beantwortet.“
„Tatsächlich?“, ist er erstaunt.
„Ich wollte wissen wie ihr euch kennengelernt habt.“
Kurz darauf klopft es an der Tür und Andrea öffnet.
„Kommissar, es ist so weit. Wir können vor gehen.“
„Super. Ich habe meinen Kaffee genossen und konnte sogar etwas essen.
Vielen Dank nochmal Frau Hyuga, es war mir eine Ehre.“, verbeugt er sich dankend vor ihr und verlässt dann mit Andrea den Raum. Marie sieht Andrea schmachtend nach und als die Tür zugeht, kann sie sich ihre Meinung nicht verkneifen.
„Karl-Heinz, ist Andrea nicht voll cool? So hübsch und so klug und stark.“, schwärmt sie.
„Marie, also wirklich.“, murrt er ein wenig und nimmt sich dann seine Tasse endlich und dreht sich wieder mit dem Blick zum Raum.
„Und die Mama von Kojiro ist auch sehr schön und das noch in ihrem Alter. Kein Wunder, dass sich der Kommissar in sie verguckt hat.“
„Du bist echt unmöglich. Du und deine blühende Fantasie. So langsam solltest du wissen was man ausspricht und was lieber nicht.“ Marie atmet tief durch und betrachtet ihn von hinten.
‚Ach Karl, was meinst du, was ich die ganze Zeit mache? Wenn du wüsstest was wirklich Sache ist.‘
„Keine Angst, ich kann die wichtigen Dinge schon für mich behalten.“, spricht sie ernst. Er ist verblüfft und sieht sie fragend an.
„Wenn du meinst. Dann ist ja gut. Aber heute Morgen schien das ja nicht der Fall zu sein, sonst wären wir nicht hier.“
„Du bist gemein. Du hältst auch nicht immer mit deiner Meinung hinter dem Berg.“
Es klopft und die Tür geht wieder auf. Kojiro, Tina und Shinichi stehen im Türrahmen. Kojiro hat noch die Türklinke in der Hand und schaut vorerst zu seiner Mutter. Marie wirkt etwas aufgeregt, als sie Shinichi entdeckt.
„Shinichi.“, sagt sie leise, strahlt über beide Ohren und geht dann mit ihrem Tee auf ihn zu. Kojiro lässt ihn und Tina hinein und schließt die Tür hinter sich. Dann schaut er zu Karl-Heinz, welcher etwas misstrauisch seiner Schwester dabei zusieht, wie sie vor dem großen Mann neben Kojiro steht und schmachtend zu ihm aufschaut.
‚Dieser Anblick gefällt dir gar nicht, das kann ich mir vorstellen. Wäre es umgedreht, würde es mir genauso gehen. Aber letztendlich können wir auch als Brüder nicht bestimmen wen sich unsere Schwestern aussuchen werden. Wir können nur versuchen auf sie aufzupassen.‘
Shinichi sieht liebevoll in Maries Augen. Kaoru ist erstaunt über diese Situation und schmunzelt.
‚Das ist ja niedlich. Wie hat sich das denn ergeben? Die beiden scheinen sich zu mögen.‘ Zeitgleich neben den beiden unterhalten sich Kojiro und Tina. Kaoru schaut kurz zu Karl-Heinz rüber. Sie wundert sich über seine Reaktion auf Maries Verhalten. Sie vermutet, dass er sich als großer Bruder sorgt.
Er hat sich wieder zur Kaffeemaschine umgedreht und nimmt ein paar Schlucke aus seiner Tasse. Er möchte sich ungern länger diesen Anblick antun und lenkt sich ab.
‚Ach Tina, wieso nur? Wieso musste es nur so weit kommen? Wir verlieren beide jemanden, der uns so wichtig im Leben war und dann kannst du es mir nicht sagen und gehst einfach fort? Hat Marie wirklich Recht? War es für uns beide nur eine Freundschaft? Für mich fühlt es sich nicht so an. Und es muss vorher auch nicht für sie so gewesen sein. Warum dann hat dieser Martin behauptet ich ginge ihr nicht aus dem Kopf und deswegen ist ihre Beziehung gescheitert? Tina, dir muss es doch die ganzen Jahre genauso ergangen sein wie mir, wenn ich seinen Worten glauben kann. Deine Worte von damals gehen mir nicht aus dem Kopf. Und jetzt? Jetzt stehe ich hier und muss mir das ansehen. Ausgerechnet Hyuga musste es sein.
Und du Marie? Musste es ausgerechnet hier und in diesem Chaos passieren, dass du dich verliebst? So plötzlich? Mir war klar, dass du vermutlich bei einem Fußballer mal schwach wirst, aber ausgerechnet einer von den Japanern? Und du hältst es nicht mal vor mir zurück.
Ich muss hier raus! Sofort!‘ Sein Puls steigt immer mehr an und er weiß bald nicht mehr wie er sich zurückhalten soll, damit Kojiros Mutter nichts bemerkt. Und Shinichi geht es ebenso nichts an, was er für Tina empfindet. Entschlossen füllt er noch etwas kaltes Wasser in seine Tasse, damit der Kaffee sofort trinkbar ist, trinkt die letzten Schlucke aus und stellt die Tasse hin. Dann greift er in den Schrank, holt einen großen Stapel Untertassen heraus und dreht sich wieder mit dem Blick in den Raum. Kaoru schaut wieder zu den Paaren rüber. Sie betrachtet sie wehmütig im Profil lächelt. Doch da muss sie plötzlich stutzen. Sie ist etwas irritiert und vor Schreck fallen ihr die Stäbchen aus der Hand, welche sie zuvor vom Tisch genommen hat. Ihr Puls steigt plötzlich etwas an. Alle sehen dann verwundert zu ihr und Kojiro fragt ob alles okay sei.
„Ja alles gut. Meine Hände sind nur etwas nass.“ Karl betrachtet sie, wie sie sich bückt und die Stäbchen wieder aufhebt. Ihm fällt auf, dass ihre Hände nicht im Licht glänzen oder Anzeichen von Nässe haben.
‚Was hatte sie denn? Wieso lügt sie deswegen?‘ Er schaut zu den Paaren und kann sich nicht vorstellen was sie so verwundert haben kann. Er belässt es aber dabei, geht mit den Tellern in Richtung Tür und bleibt dann neben Shinichi stehen. Er sieht streng zu ihm auf.
„Im Schrank sind etwa vierzig Tassen und Becher, da hast du noch genug zu tun, um dein Buffet zu bestücken.“, meint er auf Deutsch und drückt ihm den Stapel an die Brust. Shinichi ist natürlich etwas irritiert und nimmt ihm die Keramik ab. Danach verlässt Karl sofort den Raum und schließt die Tür hinter sich. Im Flur ist Licht an. Es beleuchtet alle Gänge sehr hell, ähnlich wie in einem Krankenhaus. Es ist ein grelles helles Licht. Karl-Heinz geht langsam den Flur entlang und bleibt dann stehen und schaut zur Lampe hoch.
‚Was mache ich eigentlich noch hier? Warum tue ich mir das überhaupt noch an? Ja, es ist sicher interessant Tina beim Spielen zuzusehen, aber eigentlich kann es doch egal sein. Wir werden uns vermutlich nie wieder wirklich groß sehen? Sie wird ihren Weg schon irgendwie gehen. Jetzt bin ich hier und habe sie gefunden und dann ist alles wieder wie zuvor, nur schlimmer.‘ Er nutzt die Leere des Flurs aus und lehnt sich mit dem Rücken an eine Wand. Dann schaut er auf seine Hände.
‚Tina, was mache ich denn nur? Ich bin doch hergekommen, um dich endlich in die Arme zu nehmen. Warum habe ich Dummkopf nur so sehr auf Vaters Worte vertraut? Immer bin ich so vorsichtig in allem was ich tue. Jedem gegenüber bin ich misstrauisch. Er war es selbst, der immer sagte, traue niemanden außer dir selbst. Und dann hinterfrage ich ihn nie? Jetzt ist alles zu spät. Wäre ich nur ein paar Wochen eher stutzig geworden oder hätte andere Sportzeitschriften gelesen, dann wäre mir dein Name schon vor Jahren aufgefallen so erfolgreich wie du bist und dass du bei der Asienmeisterschaft dabei warst, eine Olympiade abgelehnt hast, warum nur? Wer lehnt denn sowas ab? Hast du es meinetwegen getan? Damit wir uns nicht über den Weg laufen?‘
Es öffnet sich leise die Tür aus der er gekommen ist. Es ist Marie. Sie schaut leise in den Flur und sorgt sich um ihren Bruder. Als sie ihn an der Wand stehen sieht mit dem Blick zur Lampe hoch, schließt sie die Tür wieder und geht langsam auf ihn zu.
„Karl-Heinz. Mach es dir bitte nicht so schwer. Lass uns das Spiel noch sehen und dann sind wir weg, okay?“, spricht sie ganz leise und fürsorglich.
Er stellt sich aufrecht, nimmt seine Hände in die Hosentaschen und schaut sie dann mit einem enttäuschten Blick an.
„Was verlangst du von mir? Du fällst mir doch auch in den Rücken und nimmst nicht mal Rücksicht. Wenn du hier schon rumflirtest, dann kannst du dich vor mir zurücknehmen! Und vor den anderen kannst du das auch. Was sollen die Japaner bitte von mir denken, wenn du hier vor meiner Nase mit einen von ihnen rumflirtest und ich sage nichts dazu? Den anderen ist das in der Halle sehr wohl aufgefallen. Willst du, dass ich vor ihnen deswegen mein Gesicht verliere, ihren Respekt mir gegenüber? Deswegen bin ich auch gegangen. Dass du mir dann gleich hinterherläufst war nicht geplant.
Und jetzt das hier eben. Was sollte das? Kannst du dich nicht einfach mal zurückhalten mit deinen Gefühlen? Das machen die anderen doch auch. Ich binde auch nicht gleich jedem auf die Nase für wen ich was empfinde. Was meinst du was das für ein Chaos hier wäre?“ Marie sieht in das ernste Gesicht ihres Bruders. So kennt sie ihn nicht. Nie war er ernst zu ihr, immer nur fürsorglich und fröhlich. Sie kennt ihn nur lächelnd und tröstend. Nie hat er ihr eine Standpauke gehalten. „Es tut mir leid. Ich bemühe mich es zu unterlassen.“, spricht sie dann leise und versucht ihn zu besänftigen.
„Bemühen reicht aber nicht! Sieh dich doch mal an! Du siehst nicht nur aus wie eine Frau, du bist und willst erwachsen sein?! Dann benimm dich auch so! Wer wirklich erwachsen sein, muss Verantwortung übernehmen. Verantwortung für sich und für die Leute um einen herum.
Also reiß dich gefälligst zusammen und übernimm die Verantwortung für dein Handel und euer Tun, was auch immer das wird. Und ich meine damit nicht nur vor mir. Wir sind hier nicht in Deutschland, vergiss das nicht. Noch ist er erst zwanzig, aber wenn er erstmal volljährig ist, bringst du ihn in Teufelsküche. Lasst es also jetzt schon nur nach einer Freundschaft aussehen, dann kann euch später keiner Probleme machen.“, wirft er ihr an den Kopf und dann dreht er sich von ihr weg.
„Und noch was. Du hättest mir nicht hinterher reisen müssen. Ich weiß, du wolltest mir nur helfen, aber ich kann gut auf mich selbst aufpassen. Und da sind wir wieder beim Thema. Hättest du deine Gefühle vor Fremden im Griff, dann müsste ich mir diesen Mist hier gar nicht antun. Ich wollte mir mit Pierre einen netten Tag machen, um mich abzulenken und dann wieder abfliegen, aber stattdessen muss ich hier rumhocken und laufe den beiden ständig über den Weg.
Ich werde nachher das Lager verlassen. Mir ist die Lust daran vergangen das Spiel noch zu sehen.“ Dann geht er einfach ohne sich nochmal umzusehen durch den Flur. Seine Schwester steht total geplättet da und weiß gar nicht so richtig was sie sagen oder denken soll.
„Du bist echt gemein! Ich wollte das doch auch nicht so.“ Karl hebt die Hand als würde er zum Abschied winken.
„Ich bin nicht gemein, ich sage nur wie es ist. Vielleicht musste das mal sein. Du kannst dich ja gerne bei deinem neuen Freund oder bei deiner Freundin ausheulen. Als großer Bruder bin ich da jetzt raus.“
Marie hat plötzlich das Gefühl ihr schnürt sich die Brust zu und sie kann sich ihre Tränen nicht zurückhalten.
Kurz darauf öffnet Tina die Tür und sieht besorgt in den Flur. Durch die Tür war zwar nichts zu hören, aber ihr dauerte der Kontrollgang Maries zu lange. Sie erblickt sie weinend und sieht wie Karl-Heinz zügig weiter hinten geht und dann in der Umkleide verschwindet.
„Marie, was ist los? Wieso weinst du?“
„Er ist…gemein.“ Sie sagt weiter nichts und hält nur die Hände vors Gesicht. Tina schaut Karl-Heinz nach.
„Karl, was hast du ihr gesagt?“ Er hebt nur die Hand und gibt ihr ein Fingerzeichen.
„Zurückhaltung geboten.“, deutet sie. Dann nimmt sie Marie in den Arm und geht mit ihr zurück in den Raum und schließt die Tür hinter sich.
Etwa eine viertel Stunde später ist Karl in der Umkleide, um seine Tasche aus dem Spint zu holen. Er legt die Sportsachen sorgsam in den Beutel und legt sie dann auf die Bank für Pierre. Er hängt sich seine Herrentasche um, richtet sie auf den Rücken und öffnet die Tür. Dann geht er den Flur entlang in Richtung Halle. Plötzlich geht direkt neben ihm eine Tür auf und eine Frau stürmt mit dem Rücken voran aus der Tür heraus, ruft etwas auf Japanisch und knallt die Tür dann wütend vor sich zu. Sie tritt unerwartet zurück in der Annahme alleine im Flur zu sein und Karl-Heinz weiß auf die Schnelle gar nicht wie er reagieren soll als sie auf seinen Fuß tritt und ihm stolpernd rückwehrts in die Arme läuft. Seine Hände halten sie noch rechtzeitig an den Armen sanft fest und er geht sofort einen kleinen Schritt zurück, um höflich den Kontakt so gering wie möglich zu halten.
„Vorsicht!“, sagt er mit fester aber freundlicher Stimme. Ihre langen großlockigen schwarzen Haare verdecken seitlich etwas ihr Gesicht und dann dreht sie sich überrascht zu ihm um und sieht skeptisch zu ihm auf. Für ein paar Sekunden verharren beide in diesem seltsamen Augenblick und ihre Herzen schlagen plötzlich höher.
‚Was für schöne Augen. Wer ist das?‘, geht durch beide Köpfe. Seine Hände lassen sie sofort los, noch hält er sie nur offen vor sich, um sie nicht wieder zu berühren und trotzdem kann er ihren grauen Augen nicht ausweichen.
‚Was für eine Schönheit sie ist. Und dieser angenehme Duft, der mir in die Nase steigt.‘
Ihr wird plötzlich ganz warm und ihr Zorn von kurz zuvor entweicht ihr. Während sie in seine blauen Augen schaut, kann sie gar nicht mehr an den Ärger denken, den sie hat. Erst Sekunden später, als sie registriert, dass sie einem fremden Mann so nahe ist, kommt ein leises „Sorry.“ aus ihr heraus und sie weicht etwas zurück. Sie hält dann ihre Hände vor sich.
„Ich…tut mir leid.“, sagt sie stotternd und kann seinem Blick jedoch gar nicht ausweichen. Er lächelt und nimmt seine Hände wieder runter.
‚Wer ist diese schöne Frau?‘
„Es ist nichts passiert. Schon gut. Mein Fuß kann das ab.“, schmunzelt er dann. Verwundert sieht sie zu seinen Füßen runter und dann fällt es ihr auf, dass sie ihm auf einen Fuß getreten ist. Das ist ihr natürlich unangenehm, sie erkennt, dass es teure Schuhe sein müssen und sie versucht sich erneut zu entschuldigen.
„Es tut mir wirklich sehr leid.“
„Ich sagte doch, es ist alles okay. Es gibt keinen Grund sich zu entschuldigen.“ Sie blickt wieder auf und erneut treffen sich ihre Blicke und keiner von ihnen kann sich rühren. Wie kann das nur sein? Dieses Gefühl kennen sie beide nicht. Noch nie gab es einen Moment, dass sie jemanden nur ansehen und gar nichts sagen können.
Genau in diesem Moment geht das Flurlicht über ihnen aus. Die Zeit der einen Stunde ist abgelaufen und die Zeituhr lief aus. Ihr Puls steigt weiter an und sie zuckt zusammen und atmet schwerer.
‚Wieso ist es dunkel? Was ist das für ein Flur? Und ich bin mit diesem Fremden alleine.‘, wird ihr bewusst. Dann bemerkt sie von seiner Seite eine Bewegung seines Arms, wie er sich vor ihr bewegt und vermutlich seine Hand näherkommt. Dann geht das Licht plötzlich wieder an und sie sieht seinen Arm über sich wedeln. Ihr Herz schlägt bis an die Decke.
„Komisches Licht hier, die Zeit war rum. Es ist immer nur kurz an oder wenn man auf einen bestimmten Schalter drück, ist es überall für eine Stunde lang an.“ Er sieht sie freundlich an und nimmt seinen Arm langsam wieder runter.
‚Wer ist dieser freundliche Mann? Er gehört bestimmt zu den Leuten vom deutschen Verband, so vornehm wie er gekleidet ist? Das würde nicht zu den Touristen passen. Die sind anders angezogen.
Warum aber hatte ich eben keine Angst? Ich mag doch keine Dunkelheit. Es hat mich zwar erschreckt, aber obwohl ich wusste, dass ich hier alleine mit ihm bin, kam keine Angst auf.‘
„Danke, ich verstehe. Ich…muss dann mal. Ich habe ein hartes Spiel vor mir.“, sagt sie noch etwas wie benommen und weicht ihm dann aus, geht Richtung Damenumkleide des gegnerischen Teams und verschwindet hinter der Tür. Kaum hat sie die Tür geschlossen, rennt sie zum Bad und stellt sich ans Waschbecken und wäscht sich das Gesicht. Dann schaut sie in den Spiegel und hält sich am Waschbecken fest.
‚Was war das denn eben? Dieser Mann, er…er war sehr nett.‘ Dann hält sie sich mit den Händen an die Brust.
‚Mein Herz zerspringt ja fast. Das gab es noch nie. Noch nie hat es so sehr gepocht und überhaupt. Es war so anders. War das nur der Schreck? Der Schreck, weil ich so überrascht war, dass jemand im Flur war?‘ Einige Sekunden lang schaut sie noch in ihr nasses Gesicht.
‚Wie kann es sein, dass ich so reagiere? Diese Augen, sie sahen so ehrlich aus. Und dann dieser Duft? Er roch so angenehm und dann diese…‘ Sie fasst sich an die Arme und schließt die Augen.
‚Diese Berührung, so sanft und warm.‘ Noch immer irritiert von dieser Empfindung geht sie zu ihrem Spint und holt ein Foto aus ihrem Rucksack. Es ist das Foto eines Babys. Seit gut neun Jahren trägt sie es bei sich. Sie sieht es nachdenklich an und setzt sich hin. Dann streicht sie darüber und lächelt.
„Ach Kleines, wieso muss ich jetzt plötzlich so sehr an dich denken? An deinen ersten Tag auf Erden?“, spricht sie leise vor sich hin, denn sie ist allein in der Umkleide. Kurz darauf klopft es und Hikari betritt den Raum. Sie ist bereits umgezogen und das stutzt sie natürlich.
„Oh, Hikari, du bist ja schon umgezogen. Kannst du es kaum erwarten?“ Sie trägt ihre Sporttasche, Handtasche und Schuhe mit sich.
„Hallo Kapitän. Ich bin schon eine Weile hier, weil ich meinen Freund besuchen durfte. Er ist doch im Nationalteam und Tora-san ist auch schon hier. Sie musste alles auf die Schnelle hier organisieren. Das Catering macht übrigens ihre Gaststätte, weil das geplante abgesagt hat und ihrer gleich um die Ecke ist.“
„Oh wirklich?“, antwortet sie überrascht und steckt das Foto dann wieder in ihre Tasche.
Die ersten Unterschriften
Kapitel 113
Die ersten Unterschriften
„Und wieso bist du schon umgezogen?“
„Ach so, das ist etwas kompliziert. Es hat sich ergeben, dass ich bereits etwas trainieren konnte. Das erklärt Tora-san später alles. Ihr Team ist auch bereits da und hat noch schnell mitgeholfen die Halle fertig zu machen. Sie haben jetzt erst angefangen zu trainieren. Wir mussten doch tatsächlich noch alle schnell die Halle putzen. Aber es ist jetzt alles fertig. Du kennst sie ja, sie war schon immer ein Organisationstalent.“
„Das stimmt. Sie hat immer die Übersicht und weiß wie man die Leute anpacken muss, damit es gut abläuft.
Nun gut. Ich muss mir mal die Halle ansehen. Trainiert habe ich vorhin genug. Ich werde mich später umziehen, wenn alle da sind.“ Akane steht auf und geht zur Tür. Etwas zögert sie diese zu öffnen und dann aber macht sie es ruhig und schaut neugierig in den Flur. Niemand zu sehen und überall ist das Licht an.
‚Gut, er ist weg. Wer mag das nur gewesen sein?‘
Zeitgleich öffnet sich die Tür zum Trainerbüro am anderen Ende des Flurs, kurz vor der Notausgangstür. Durch den Versatz der Hallenwände kann man nicht komplett durch den Flur sehen, sondern man muss erst an den Zuschauer-Toiletten vorbei und dann erst gelangt man in den zweiten Hallenkomplex in dem die Fußballer Umkleiden und Büros sind. Der Haupteingang liegt genau dazwischen. Zwar kann man nicht sehen wer am anderen Ende ist, aber zu hören ist eine sehr vertraute Stimme.
„Opa, wo ist Mama?“, wird laut gesprochen. Dann ist eine zweite, diesmal dunkle vertraute Stimme zu hören.
„Sei nicht so laut, das ist unhöflich. Du kannst nachher beim Spiel rumschreien und deine Mutter anfeuern so laut du willst.“
„Amy, ich kann dich hören. Du bist wirklich laut.“, spricht sie laut genug, dass man sie hören kann. Akane läuft etwas zügiger und freut sich schon auf ihre Familie. Als sie sich erblicken, läuft ihre Tochter total begeistert auf sie zu. Dann umarmen sie sich herzlich und Opa Takeru sieht ihnen glücklich zu.
„Amy, meine Kleine. Wie war denn dein Tag bei Oma und Opa?“
„Opa hatte heute frei und war mit uns im Schwimmbad und dann waren wir im Zoo. Es war ganz toll. Wir müssen auch mal wieder hin, Mama.“
„Das kriegen wir sicher hin, ich habe nach dem Spiel endlich Urlaub.“
„Du musst Tina besiegen! Versprich mir das.“
„Du erst wieder. Sowas kann man nicht versprechen, das weißt du doch. Ich werde aber ganz doll an dich denken und ihr die Bälle nur so um die Ohren hauen. Was sagst du dazu?“
„Das schaffst du ganz bestimmt. Du wirst immer meine Nummer eins sein.“ Mutter Akane lächelt sie an.
„Danke. Ganz bestimmt. Aber auch wenn sie gewinnen sollte, ich habe etwas was sie nicht hat. Und das bist du. Meine Nummer eins bist du!“
Beide geben sich ein Küsschen. Amy liebt ihre Mutter sehr.
„Ach Mama, übrigens, Papa hat eine neue Freundin. Wusstest du das schon?“ Akane grinst.
„Nein, ist sie nett und hübsch?“
„Ja, das ist sie. Und sehr klug. Sie arbeitet im Krankenhaus und ist Ärztin.“
„Das freut mich für ihn, er kann ja nicht immer alleine bleiben. Dann pass gut auf ihn auf, wenn du ab morgen bei ihm bist und er endlich Urlaub hat.“
„Das mache ich.“
Zur selben Zeit im anderen Trainerbüro der Volleyballer der Musashi. Trainer Schmitt überreicht Tina ihren Transfervertrag. Sie ist angespannt, aber wahnsinnig froh, dass endlich alles laufen wird wie sie es sich erhofft hat. Das Büro ist gut gefüllt und sie steht mit Fane am Fenster und lächelt glücklich. Sie nimmt es entgegen und schaut neugierig hinein. Es sind einige Seiten zu lesen. Sie überfliegt es nur und versucht auf die wichtigsten Punkte zu achten. Dann atmet sie beruhigt durch und reicht es an ihren Rechtsanwalt weiter. Die Anwesenden sind alle noch immer erstaunt, wer plötzlich ihr neuer Rechtsanwalt ist. Anwesend sind neben ihrem Trainer der Verbandsvorsitzende, ein weiterer Herr vom Verbandsvorstand sowie die Vereins-Vorsitzende und drei weitere Vorstandsmitglieder des Tokio-Volleyballvereins.
Kudo sitzt am Tisch bei den anderen und geht sehr sorgfältig den Vertrag durch. Kurz zuvor legt er dem Verband den Managervertrag vor. Der Verbandsvorsitzende nimmt ihn an und blickt zu Fane und dann auf den Vertrag. ‚Diese hübsche junge Frau kommt mir bekannt vor. Aber ich kann sie nicht zuordnen. Nakazawa, Sanae Nakazawa. Hm, sagt mir nichts. Diesen Namen habe ich noch nie in Verbindung eines Managerjobs gehört.‘
„Frau Fuchs, welche Referenzen weist Ihre Managerin vor? Sie ist noch sehr jung, sind Sie sicher, dass sie ihrer Aufgabe gewachsen ist?“ Tinas Puls steigt etwas an.
„Wie bitte? Was hat der Job mit dem Alter zu tun? Es ist doch perfekt, wenn sie ständig Überall und Nirgends rumreisen muss, sollte man jung und fit sein. Ich kenne ihre Referenzen und sie sind für mich perfekt.“
Plötzlich erhebt Kudo seine Hand, während er weiter den Vertrag studiert. Tina weiß was das bedeutet. Sie soll nichts mehr sagen.
„Ich sage gleich was dazu. Zuerst eine Sache.“ Dann vergehen wenige Sekunden und er hebt seinen Kopf. Er schaut dann ernst zur Vereinschefin.
„Was bitte soll das hier heißen?
Sie verpflichtet sich den Sponsoren treu zu bleiben? Wenn Sie den Verein wechselt, wechseln auch diese Ihre Zuständigkeit.“
„Oh, da fragen Sie am besten Frau Fuchs selbst. Diese Klausel hat sie unserem Vertrag damals auch selbst zugefügt. Dass die Verträge trotz eines Wechsels erhalten bleiben sollen. Das was Sie da lesen haben wir mit den Italienern zusammen ausgehandelt.“
„Ja das stimmt. Bitte entschuldigen Sie, wenn wir noch nicht darüber reden konnten. Es kam nun alles so plötzlich.“, bringt sich Tina ein. Kudo lehnt sich zurück.
„Frau Fuchs, sind Sie sicher, dass die Italiener das wollen?“
„Das ist bereits mit Ihnen besprochen worden. Es betrifft auch nur diese zwei benannten Firmen. Die anderen fallen wie üblich weg.“
„Wir sollten kurz unter vier Augen reden.
Aber vorher kurz zum Managervertrag, Herr Kagejama.
Laut Ihrer Anforderung hier im Vertrag steht Frau Fuchs frei welchen Manager sie sich nimmt. Hier wird nicht vorgeschrieben welche fachlichen Anforderungen die Person haben muss, außer, dass sie Japaner sein soll, um die Aufgabe zu übernehmen.
Frau Nakazawa beherrscht mehrere europäische Sprachen und ist wie vorgeschrieben Japanerin, damit sie die Verbindung zwischen den Ländern aufrechterhalten kann. Daher müssen wir dazu weiter nicht eingehen.“
Herr Kagejama sieht Fane ernst an.
‚Bettina Fuchs, sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verrennen und diesmal vorschnell entscheiden? Eine so junge Frau an Ihrer Seite ist sicher viel zu unerfahren für diese Aufgabe.‘
„Dürfen wir erfahren auf wessen Empfehlung Sie denn so schnell zu diesem Job gekommen sind? Was machen Sie aktuell, dass Sie so plötzlich mit dieser Aufgabe beginnen können?“, wird Fane vom Verbandsvorsitzenden etwas respektlos gefragt. Kudo hebt wieder die Hand, diesmal ist es an Fane gerichtet.
„Ich versichere Ihnen, nach meiner Überprüfung Ihrer Referenzen ist sie qualifiziert genug diesen Job mit vollstem Gewissen und Einsatz auszuführen. Sie bringt ausreichend Erfahrungen mit. Sie wollen doch wohl meine Kompetenz nicht in Frage stellen?“ Der Verbandschef murrt etwas. Ihm gefällt es allgemein nicht, dass Tina so plötzlich nicht nur den Verein, sondern sogar das Land verlässt. Ihm ist unwohl dabei, denn wer sagt ihm denn, dass sie nächstes Jahr wirklich für sie spielen wird, wenn sie so ein sprunghafter Typ ist. Und dann nimmt sie noch eine weitere Top-Spielerin mit ins Ausland, die ebenso im Ligasystem fehlen wird. Zwar wird Hikari als Japanerin nicht im Nationalteam fehlen, aber stutzig macht es ihn schon, dass eine Frau wie sie, die mitten im Studium steckt, ebenso plötzlich gehen will obwohl sie bereits mehrere Angebote abgelehnt hat und das Studium sowie das Modeln als Zweitjob als Grund vorzog.
Kudo steht auf und verlässt mit Tina den Raum. Sie gehen um die Ecke in das Beratungszimmer der Volleyballer.
„Bettina, was hat es mit den Sponsoren auf sich?“
„Tut mir leid, ich hatte keine Zeit es dir zu sagen und dann ist es mir entfallen. Also vor etwas mehr als zwei Jahren, also bevor ich beim Verein anfing hatte ich kurz vorher ein Projekt laufen und dazu brauchte ich Geschäftspartner und diese beiden Sponsoren haben sich dabei ergeben und wir werden weiter miteinander arbeiten. Damit es für Außenstehende nicht seltsam aussieht, sind sie auch für den Verein Sponsoren geworden und wir haben es in den Vertrag genommen. So bleiben wir uns gegenseitig vorerst vertraglich verpflichtet und wenn wir uns mal treffen, dann fällt das nicht so auf. Dann bereden wir für beide Geschäfte was erledigt werden muss. Erst wenn die Vorbereitungen abgeschlossen sind wird es eine offizielle Sache.“
„Was ist das für ein Projekt?“
„Das ist noch immer in Arbeit und streng geheim. Dir wollte ich es dann noch in Ruhe sagen und dann kam jetzt der Transfer zuvor.
Also ich bin dabei ein eigenes Label aufzubauen für den nationalen wie auch internationalen Markt. Das läuft dann über Onlineshopping weltweit und je nach Beliebtheit mit kleinen Filialen vor Ort.
Sportmode, Kosmetik, Fitnessgeräte und Bälle für verschiedene Team Sportarten. Also nicht nur Volleyball. Da ich mit den Firmen zusammen die Mode und diese neuen Bälle entwickeln lasse sind wir auf Jahre gebunden.“
„Hm. Klingt interessant. Darüber müssen wir uns nochmal gesondert unterhalten. Da gibt es viel zu beachten. Ich weiß, du denkst an alles und weißt was du tust, aber wir müssen diese Sache noch genauer besprechen. Gerade wenn es dann um Patente und ihre Rechte geht wird es immer schwer.
Nun gut. Wissen die Italiener davon?“
„Nicht von meinem Projekt, aber ich habe ihnen bereits diese beiden Partner angekündigt, dass sie persönliche Sponsoren sind und ich weiterhin verpflichtet bin. Deswegen habe ich von ihnen auch verlangt, dass sie in den Vertrag mit eingebunden werden, so wie beim Verein hier. Das ist okay für die, immerhin bringe ich für den Verein gleich zwei große Sponsoren mit. Eine schriftliche Zusage habe ich per Mail und weil sie selbst den Vertrag aufgesetzt haben. So wie er dort ist, haben sie ihn selbst verfasst. Dann ist auch dies schriftlich dokumentiert und ich kann weiterhin meine Werbung mit den Firmen machen wie geplant. Dafür soll jetzt auch der Vertrag dienen. Mehr ging ja auf die Schnelle nicht. Erstellt haben es die Italiener und unser Verein gemeinsam per Skype.“ „Was ist mit Hikari, ihr Vertrag wurde bereits unterzeichnet. Ich habe das ungute Gefühl, dass unser Verband nicht davon begeistert ist, dass ihr beide zeitgleich plötzlich geht. Ist dir das aufgefallen?“
„Natürlich, aber ist mir egal. Ich habe mir in den Jahren genug von denen gefallen lassen und jetzt will ich mal was von denen, also sollen die sich nicht so anstellen. Ich hätte ja schon vor zwei Jahren gehen können, aber da lehnte ich alle Angebote ab. Das müsstest du teilweise über die Presse bemerkt haben und von den anderen habe ich dir erzählt.“
„Das stimmt. Sie sollten dankbar sein, dass du mit Akane zusammen das Niveau im Land hochgehalten hast, damit der Nachwuchs angetrieben wird. Hast du etwas gegen sie in der Hand von dem ich nichts weiß? Nur zur Absicherung? Vielleicht auch später mal.“
„Meinst du das brauchen wir? Ich habe was, ja. Reicht das, wenn ich es dir kurz mitteile, wenn es nötig ist?“
„Ehrlichgesagt, wenn du mich an deiner Seite haben willst, Bettina, dann bin ich vorbereitet, das ist mein Trumpf, so wie ich deiner bin, meine Liebe. Ich kann kein Trumpf für dich sein, wenn du versäumst mir die richtigen Karten zuzuspielen.“, spricht er ernste Töne. Tina murrt etwas, aber verstehen kann sie es natürlich, denn sie würde es an seiner Stelle genauso sehen. Dann lächelt sie ihn an.
„Du hast Recht, du musst es ja eh für dich behalten. Ich muss mich erstmal daran gewöhnen einem Anwalt wirklich voll zu vertrauen.“
„Das ist gut, ich danke dir.“
„Als die Asienmeisterschaften waren, da gab es zwei Dinge Während der Trainingszeit und später danach.“
„Zum einen ein Rassismusvorwurf. Und zum Anderem sexuelle Belästigung.“ Sein Blick wird streng.
„Oha. Was ist passiert?“
„Als Akane wegen ihrer Verletzung im Trainingslager plötzlich komplett ausfiel stellte man mich dann doch mit auf die feste Angreiferliste. Vorher war ich für die Bank eingeplant, als Notreserve oder Geheimwaffe. Ich hatte neben ihr und Yako die stärksten Bälle und als Strategin kam ebenso niemand mehr an mich heran. Alles lief vorerst gewöhnlich. Unser Team konnte super zusammenwachsen und dann wurde vom Trainer mit dem Team zusammen ein Kapitän gewählt. Ursprünglich war ich ihre Wahl.“
„Oh, das hast du mir nie erzählt.“
„Dazu hatte ich meine Gründe. Mir war das doch auch völlig egal wer das macht, ich wollte nur mitspielen und meine Punkte machen.
Als der Trainer dem zustimmte und es in die Liste eintrug und weiterleitete, kam einen Tag später plötzlich Meldung vom Verband, von ganz oben. Also von den Herrschaften da drüben. Keiner hatte damit gerechnet. Dann wurde gemeckert und es könne doch nicht sein, dass eine Ausländerin Japan in Asien als Anführerin präsentiert. Wie sieht das aus und ich falle ja optisch eh schon aus der Rolle und immerhin war ich noch nicht lange in diesem Sport aktiv.“
„Hm, man hat dich zugelassen, aber Kapitän durftest du nicht sein? Ist ja nicht zu fassen. Dann hätten sie dich gleich ganz nicht ins Team lassen dürfen. Das wäre besser gewesen.“
„Auf jeden Fall, dann hätte ich eben Pech gehabt. Naja. Letztendlich wurde ich dann zur oberen Etage geladen, weil ich natürlich nicht klein beigeben wollte. Die Frauen wollten keine andere haben und appellierten darauf, mich haben zu wollen. Sogar wenn Akane noch geblieben wäre, hätten sie gerne mich gehabt.
Dann war ich beim Verbandsvorstand und sollte mich erklären. Die hielten jedoch an ihrer Meinung fest und ließen mir dann die Wahl. Entweder ich gebe ab oder ich gehe ganz.
Ich entschied mich natürlich auf den Posten zu verzichten. Es hätte nicht nur für mich, sondern auch für das ganze Team einen unnötigen Skandal bedeutet, wenn ich gegangen wäre und nun war ich da und im Stich lassen konnte ich sie ja auch nicht. So bestand ich aber darauf den Kapitän von mir aus zu bestimmen und dann wählte ich Yako, denn sie ist eine wirklich gute Partie und damals übergab sie mir den Posten und vertraute mir ihre Mädchen an. Das war dann mein Dank dafür. Sie sollte der Kapitän sein und die Frauen stimmten dem auch zu. Letztendlich sehe ich das Vorgehen aber eben mit meinen Augen. Ich habe mir wirklich genug gefallen lassen und dann kam das. Das war nur eines von vielen Situationen wo es um meine Herkunft oder meiner Optik ging.“
„Hm, das könnte man wirklich so sehen wie du sagst. Entweder du bist ein vollwertiges Mitglied des Teams oder eben nicht. Es beweist nur, dass man dich als Spielerin zweiter Klasse gesehen hat. Zum Glück wusste ich nichts davon, den hätte ich die Hölle heiß gemacht.“
„Deswegen habe ich dir auch nichts davon erzählt.“, schmunzelt sie.
„Und die andere Sache? Was war da?“
„Nach dem Turnier war vieles neu. Dann kam das mit meinen Eltern und die Trennung von Martin, der Stress mit meiner Familie und die Entscheidung doch zu bleiben.
Eines Tages wurde ich zum Verband gerufen und hatte ein persönliches Gespräch mit Herrn Kagejama. Alles lief ganz normal und ich freute mich auch so sehr, dass wir mal normal miteinander reden konnten. Vorher gab es immer nur irgendwelche Diskussionen. Er entschuldigte sich im Namen aller für die Kapitäns-Sache. Ich nahm sie zwar nicht wirklich an, aber er bemühte sich wirklich sehr. Ich glaubte er selbst war nicht die ausschlaggebende Person, dass das damals auf den Tisch kam. Der Grund der Einladung war die anstehende Olympiade. Als Ausländerin erfülle ich nur extrem knapp die Teilnahmebedingen.
Ich sagte ihm dann, dass das nicht schlimm ist. Dann kann ich eben nicht teilnehmen. Als ich mir dann die leere Kaffeetasse beim Aufstehen nahm und sie zur Bar zurückstellte, kam er zu mir und sprach mich nochmal an.“ Sie erinnert sich sehr genau an seine Wortwahl und was passierte und berichtet Kudo davon. „Ich weiß doch wie wichtig Ihnen die Meisterschaft ist. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bereits die besten Sponsoren Schlange stehen werden, um Sie unter Vertrag zu nehmen. Die Presse wird sicherlich einen riesigen Wirbel um Ihre Bälle machen. Das wird Ihnen finanziell einen großen Auftrieb bescheren. Sie haben jetzt schon Ihre Fans, die wollen Sie doch nicht enttäuschen.
Das würde Ihnen noch mehr Erfolg einbringen und demzufolge auch einen höheren Marktwert für die Vereine. Sie wissen sicherlich was sehr erfolgreiche Sportlerinnen so verdienen können. Sehen Sie sich Frau Saito an, sie steht hier auf der obersten Linie und kann nur mit den Werbeeinnahmen mit einigen Baseballern mithalten.“
„Die Olympiade, das wäre schon ein Traum, aber mir wäre die kommende Weltmeisterschaft wichtiger und wenn es eh Probleme macht, kommt es nicht in Frage.“, antwortete ich nur.
„Wenn ich fragen darf, wieso haben Sie sich entschieden hier in Japan zu bleiben, statt nach Deutschland zurückzukehren, jetzt wo Sie die Uni verlassen haben?“, kam als Frage.
„Ich…bleibe für meine Freunde. In Deutschland habe ich nur noch zwei echte Freunde von damals und hier ganz viele. Außerdem will ich meine Mädels nicht im Stich lassen. Ich habe allen viel zu viel zu verdanken. Ich kann sie nicht im Stich lassen und das Personal meiner Eltern würde auch auf der Straße stehen. Das kann ich nicht zulassen. Deswegen werde ich statt des Studiums eine kaufmännische Ausbildung machen. Damit bin ich schneller fertig und kann die Gaststätte behalten. Trainerin für die Jugend mache ich nebenbei, dafür benötige ich das Psychologiestudium nicht. Und Vereine klopfen ja nun genug an der Tür, aber es wird Tokio, dann kann ich wieder mit Yoko spielen. Ihre ständige Fröhlichkeit habe ich vermisst und ich werde sie jetzt brauchen.“
Dann kam er mir näher und stand plötzlich hinter mir.
„Wenn Sie jetzt ohnehin entschieden haben hier in Japan zu bleiben, dann gebe ich Ihnen Rat. Unter gewissen Umständen kann man dafür sorgen, dass Sie zur Olympiade und auch zur Weltmeisterschaft können obwohl Sie jetzt nicht alle Voraussetzungen erfüllen, die Teilnahmen sind deutlich strenger als im Asien-Cup.“ Kurz darauf spürte ich plötzlich seine Hand an meine Hintern. Ich bin immer auf alles vorbereitet, aber da wir uns bisher nur in der Wolle hatten und er dann plötzlich so nett war, ist mir nie aufgefallen und hätte nie gedacht, dass er so ticken kann. Ich war entsetzt und in dem Moment kamen die alten Erinnerungen an den Überfall zurück. Da platzte mir der Kragen und ich schlug die Untertasse in meinen Händen mit der Hälfte auf die Tischkante und hielt ihm die Scherbe vor die Nase. Das machte einen Lärm und er erschrak sich sehr und konnte nichts mehr sagen. Damit hat er nicht gerechnet. Ich drehte mich um und konnte mich entfernen, ohne dass er nur eine Schramme abbekam. Ich wollte nicht das Risiko eingehen selbst als Täterin dar zu stehen, weil wir uns sonst immer zofften. Ihm Eine zu knallen wie sonst, kam also nicht in Frage.“
Egon ist fassungslos. Er hatte schon so viel mit diesem Mann zu tun, weil er viele Volleyballer und einzelne Vereine vertritt. In der Regel entgeht ihm so ein Profil nicht und wie kann das dann sein? Nie hat es Andeutungen gegeben oder jemand hat angedeutet, dass er so sein könnte. Wie man aus Tinas Erzählung her erkennt, nicht einmal ihr ist es aufgefallen, und sie ist immer sehr vorsichtig. Er weiß das. Ihr entgeht nichts. Aber scheinbar kann sich dieser Herr derart gut verstecken und verstellen, dass es keiner für möglich gehalten hätte.
„Wie ging das dann weiter?“
„Er musste mir versprechen, dass so etwas wie wieder vorkommt. Ich höre mich um und warne meine Frauen allgemein vor. Wenn mir was zu Ohren käme, dann landet es bei der Polizei.“
„Und es kam nie was, stimmts?“
„Genau. Ich war damals echt von den Socken, ich habe ihn nie so eingeschätzt. Stur und verbohrt, das bin ich aber auch, aber so ein unmoralisches Angebot oder was das werden sollte. Nein.“
Wenige Minuten später stehen sie wieder im Beratungsraum. Kudo legt den Vertrag mit den letzten Seiten auf den Tisch und legt den Kugelschreiber daneben. Tina unterzeichnet zuerst. Dann die Vereinsvorsitzende und nun ist der Verbandsvorsitzende dran.
„Tut mir leid, aber es will mir nicht in den Kopf. Denken Sie wir fühlen uns nicht ein wenig verschaukelt? Wie können Sie der Annahme sein ein einfacher Kochlehrling kann auf dem internationalen Markt für Ihr Ansehen sorgen und Sie der Öffentlichkeit verkaufen?“ Tinas Puls steigt plötzlich an und sie muss sich sehr zusammenreißen. Dann plötzlich platzt Fane selbst der Kragen. Sie sieht den Mann streng an.
„Was bilden Sie sich eigentlich ein? Ich könnte jeden Tag meine Zeit mit Reisen und Shopping vertreiben! Ich benötige weder den Job noch das Geld. Aber ich liebe mein Hobby und deswegen möchte ich eine richtige Diät-Köchin sein, für meine Familie. Ich bin nach dem Abitur ins Ausland gegangen und habe einem Sportmediziner und seine Schützlinge bei seiner Arbeit auf Hawaii unterstützt und Fitnesspläne sowie Ernährungspläne überwacht und versorgte die Männer. Dann war ich lange in Spanien und bin nur zurückgekommen, weil ich hier bei Frau Fuchs lernen wollte, weil ihr Koch, ein Sterne Koch und Diätkoch ist. Er ist einer der Besten aus Europa. So einfach ist das.
Ich spreche vier Fremdsprachen und werde mir nun auch Italienisch aneignen. Und was das Organisieren betrifft:
Ich habe viele Jahre in meiner Kindheit und Jugend bereits große Teams betreut, Verantwortung für ihre Versorgung und den Ablauf der Vereinsveranstaltungen gehabt. Das können mehrere Leute bezeugen. Das war ehrenamtlich und bedarf keinem Zeugnis oder Gehalt. Sogar hier an dieser Schule habe ich Frau Misugi beim Organisieren großer Veranstaltungen geholfen, wenn ihr Mann wichtige Spiele hatte. Das ist auch heute noch so, wenn sie Hilfe braucht im Verein ihres Mannes, dann fragt sie mich oder ich vertrete sie bei Krankheit. Herr Schmitt hier bei uns, kann meine damalige Anwesenheit bezeugen.
Und sogar jetzt stehe ich jeden Tag neben meiner Schule und der Arbeit hier im Trainingslager und betreue das Team.
Und nur nebenbei vermerkt, ich hatte ein super Abitur, aber studieren wollte ich nicht. Ich habe mich für die Ausbildung entschieden und später sehe ich weiter. Meine Ausbildung werde ich als Fernstudium weiterführen.“
„Was meinen Sie damit, dass Sie dieses Team hier im Lager betreuen? Jeden Tag?“, kommt von der Vereinschefin.
‚Wieso betreut sie dieses Team? Das sind doch Fußballer. Das verstehe ich nicht. Misugis Team betreuen und seiner Frau helfen? Hier stimmt doch was nicht.‘, geht ihr durch den Kopf. Dann schaut sie skeptisch zu Tina. Diese kichert etwas und bringt sich plötzlich ein.
„Nun unterzeichnen Sie endlich, Herr Kagejama. Die ehrenamtliche Arbeit von Frau Nakazawa beweist doch ihr Interesse am Sport und erklärt ihre Erfahrungen mit großen angesehenen Sportteams. In Zukunft wird sie statt für zwanzig Männer, nur für mich da sein. Und glauben Sie mir, wir werden auch unsere Differenzen haben. Ich habe sie aus drei Gründen ausgewählt. Erstens kann ich ihr vertrauen und weiß, dass Sie mit Ihnen zusammen meine perfekte Verbindungs-Partnerin sein kann. Zweitens, ihre Erfahrungen seit gut zehn Jahren kann ihr in dem Alter keiner vormachen und drittens, was noch viel wichtiger ist auch für Sie, sie ist die Einzige, die mich ausbremsen kann, sollte ich selbst mal Fehler machen oder mit meinem Temperament über die Stränge schlagen. Und das ist es doch, worum es Ihnen geht. Sie wollen mich unter Kontrolle haben, das schafft nur sie. Wir kennen uns schon lange genug und mit so einer Zicke lege ich mich ungern an.“, lacht sie dann. Fane schaut sie grimmig an.
„Hey, hallo?! Halt dich da bitte raus, ich kann mich selbst verteidigen.“, wundert sich diese. Beide Frauen ernten einen verwunderten Blick vom Vorsitzenden und dann grinst er plötzlich, greift erneut zum Papier und unterzeichnet.
‚So so, du wählst bewusst jemanden, die dich ausbremsen kann? Das ist erstaunlich. Es gibt also doch Leute vor denen du einknickst und denen du vertrauen kannst, schöne Bettina.‘
„Nun gut, fehlen nur noch die Unterschriften der Italiener, die sollten morgen eintreffen, aktuell sitzen sie im Flieger. Laut Flugplan kommen sie dann morgen gegen 13 Uhr an und kommen gleich zu uns zum Unterzeichnen. Sie müssten dann erneut mit Frau Nakazawa anwesend sein.“, meint er dann und legt den Stift hin.
„Wissen Sie schon wer von ihnen herkommt?“
„Beide Trainer Herr Esposito und Herr Jean-Baptiste, De Luca, der Vereinsvorsitzende, eine Dame aus der Presseabteilung und der Geldgeber. Frau Hikari Kuraiko ist bereits informiert, dass sie ebenso anwesend sein muss. Wir sehen uns also 13 Uhr bei uns. Vom Flughafen ist es ja nicht weit.“, erklärt er freundlich.
„Okay, das ist gut. Wieso der Geldgeber? Ich wüsste nicht, dass das üblich ist. Bleibt so ein Sponsor nicht im Hintergrund?“
„Das haben wir auch gedacht und gefragt. Er möchte sich unbedingt ein Bild von Ihrer Arbeit hier in Japan machen. Planen Sie also eine Rundtour mit ihm ein. Immerhin ist er derjenige, der diese Transfersumme möglich gemacht hat.“
„Was will er denn alles ansehen? Soviel zum Thema, mein letzter Tag vor dem Urlaub. Ich wollte nur zum Unterzeichnen kommen und dann meine Ruhe haben. Mein Flieger geht Übermorgen früh morgens gegen vier Uhr. Ich habe also nur noch einen Tag hier. Deswegen eilte das so.“
Kurz darauf klopft es an der Tür.
Klein Takeru und sein Lieblingsball
Kapitel 114
Klein Takeru und sein Lieblingsball
Kurz nachdem Karl-Heinz den Flur betrat und diese überraschende Begegnung hatte betritt er erneut die Halle. Er schaut sich um und überlegt noch ob er wirklich schon gehen will. Die Frauen aus Tinas Team und die Herren der beiden Fußballteams sind alle im großen Einsatz und es werden die restlichen Vorbereitungen getroffen. Dann plötzlich klingelt das Telefon von Herrn Mikami, welcher nicht weit von ihm steht. Er geht ran und spricht Japanisch mit jemanden. Dann legt er auf und ruft Sorimachi, den Verantwortlichen für das Catering, zu sich. Dieser greift zu seinem Handy und ruft jemanden an. Dann geht er zu den anderen Männern und ruft etwas, einige kommen sofort zu ihm. Er spricht Pierre an, welcher ebenso bei den Vorbereitungen des Buffets hilft. Dieser bleibt wo er ist und Sorimachi verlässt gemeinsam mit den anderen die Halle. Dann ist wieder Ruhe in der großen Halle und die Frauen stellen die Eimer und Besen plötzlich zur Seite. Sie klatschen sich ab und dann bringen sie die Putzsachen schnell weg. Inzwischen öffnet Pierre mit Misugi zusammen die großen Türen zur Außenwand hin und sorgen dafür, dass Platz ist für den Lieferservice. Er verkündet laut, dass das Buffet jeden Moment kommt und niemand jetzt mehr groß im Weg stehen soll. Inzwischen ist zu merken, dass sich schon einige Zuschauer in die Zuschauerbereiche drängen und Platz nehmen. Karl schaut sich um und begibt sich auf Grund dessen in den obersten Rang und stellt sich in eine kleine Nische wo kein Licht hinfällt. Aber er hat von dort einen guten Blick auf alles. Es liegt abseits von den Zuschauerrängen. Er geht gedanklich die geplante Zuschaueranzahl durch und es passen gut etwa eintausend Leute in die Halle. Da verteilen sich die etwa dreihundert Leute ganz sicher in den untersten Reihen und oben hat er seine Ruhe.
Dann ist es soweit und das Buffet scheint zu kommen. Die Zuschauerränge füllen sich unten langsam und das Tokio-Team wärmt sich endlich auf. Dann betritt Fane die Halle, schaut auf die vorbereiteten Tische und geht sofort zum Tor, um das Buffet zu empfangen. Kurz darauf kommt sie mit Shinichi, Sorimachi und einigen anderen Spielern wieder und jeder hat etwas in den Händen. Es werden immer mehr Leute, jeder trägt etwas und alle Anwesenden sehen sich das interessante Schauspiel an. Shinichi und Sorimachi bleiben an den Tischen stehen und verteilen sich dahinter, ebenso Pierre und Fane. Immer wenn jemand kommt wird angesagt wo es hingestellt werden soll. Dann tauscht Fane ihren Posten mit einem jungen japanischen Koch und auch Sorimachi tauscht seinen Posten dann mit einem jungen blonden Mann in klassischer Kellnerkleidung. Eine Blondine im Trachtenkleid betritt den Raum. Sie hält eine Etagere mit Obst in den Händen, geht vorsichtig durch die Halle und spricht Pierre an. Sie reden kurz miteinander und dann hilft er Platz auf dem Tisch zu schaffen und sie stellt die Etagere ab. Dann stellt sie sich an seinen Platz und er folgt den anderen, die erneut zum Transporter gehen und wieder etwas holen.
In erstaunlich kurzer Zeit ist alles da und zum Schluss kommen noch ein großer Japaner und eine weitere Frau, welche nicht nach einer Japanerin aussieht, beide ebenso in schicker weißer Kochkleidung.
Sie tragen jeweils große Blumengestecke. Hinter ihnen gehen zwei Männer mit zwei Holzkisten hinterher. Der Chefkoch betrachtet die Tische und gibt eine kurze Anweisung. Dann gehen sie hinter die Tische und die Kisten werden auf die Tische hinter das Buffet gestellt. Fane greift von einem Stapel neben sich eine kleinere rote Tischdecke und legt diese auf eine der Kisten, dann eine weiße und legt diese auf die andere Kiste. Jeweils werden die großen Gestecke daraufgestellt. Die Blumen sind bunt mit weißen, roten und lilafarbenen Rosen bestückt. Das Grüne und das Schleierkraut mit einzelnen Rosenblüten hängt auch etwas herunter, damit es die Tischdecke der Kiste schmückt.
Karl schaut auf die Uhr. Laut normalem Zeitplan wäre gleich Spielbeginn, aber es wurde bereits an der Ergebnistafel eingeblendet wie viel Zeit noch ist. Die Leute vom deutschen Verband zeigten nach einer Unterhaltung Verständnis für die Planänderung und haben das Spiel eine Stunde nach hinten verlegt. So war für die Vorbereitung deutlich mehr Zeit und alles musste nicht nur notgedrungen sein, sondern konnte noch besser vorbereitet werden. Und die Spielerinnen haben Zeit sich noch warm zu machen. Karl ist sehr erstaunt über das gut organisierte Team aus Tinas Gaststätte und betrachtet neugierig wie Fane, der Koch und der Kellner das Gesamtwerk betrachten und hier und da was ändern oder umstellen. Dann klatschen sie ab und Fane verlässt die Halle Richtung Flur. Der Kellner geht zu den Toren und schließt die beiden Transporter und schließt dann mit Pierre zusammen die Tore. Beide gehen dann wieder zum Buffet und Shinichi so wie Sorimachi folgen ihnen mit den letzten Kisten, welche sie dann hinter die Tische auf jeweils einen Stuhl stellen.
Fane zeigt dem jungen Koch etwas an der Wand und er legt scheinbar ein Kabel dorthin und steckt vermutlich einen Stecker in die Steckdose.
‚Eins muss man dir lassen, du hast deine Leute im Griff, Tina. Aber ich habe nichts anderes erwartet.
Es sieht sogar nach Warmanteil aus. Jetzt werden zwei Chafing-Dishs mit Brennpasten bestückt und das was in die Steckdose gesteckt wurde, könnte eine Suppe sein. Soviel zum Thema kalte Küche. Sicher ist ihrem Koch noch etwas Kleines eingefallen, weil er mehr Zeit hatte. Das kommt garantiert gut an. Jeder hier weiß genau, dass dies alles eine Improvisation ist. Auch an Deko hat er gedacht. Sogar von hier oben wirken die Blumengestecke sehr imposant.‘ Dann entdeckt er Marie, welche sich mit Shinichi und dem Koch unterhält, anfängt die ersten Schilder zu beschriften und zurechtzuschneiden. Er schaut sich in der Halle um, setzt seine Sonnenbrille auf und begibt sich dann doch mal nach unten. Noch scheint niemand vom deutschen Verband da zu sein.
Die japanischen Nationalspieler verlassen alle die Halle, welche noch nicht umgezogen sind, um sich frisch zu machen und ihre Privatkleidung anzuziehen. Das Tokio-Team hingegen ist bis auf ihren Kapitän, in Privatkleidung gekommen und sie beobachten entweder die Frauen auf dem Spielfeld bei ihren Dehnübungen oder sehen sich allgemein um. Einige blicken natürlich auch zum Buffet und sind neugierig. Shinichi stellt sich neben Marie und spricht sie leise an.
„Nicht wundern, weil sie uns so ansehen. Die Männer hier sind aus Ken und meinem Team.
Tinas Chefkoch, Herr Saito geht jetzt mit dir durch die Speisen und sagt dir was du auf die Karten schreiben musst.“ Marie sieht ihn stutzig an.
„Aber ich kann doch kein Englisch.“ In diesem Moment tritt Roland vorsichtig an sie heran, reicht ihr die Hand und lächelt freundlich.
„Da machen Sie sich mal keine Sorgen, Frau Krause. Wir werden uns bestimmt auch so verstehen.“ Marie fällt ein Stein vom Herzen, noch ein Japaner, der Deutsch spricht. Sie lächelt ihn glücklich an und nimmt seine Hand an.
„Wie schön, Sie sprechen ja Deutsch. Ich dachte jetzt sie sprechen nur zusätzlich Französisch und Englisch.“
„Ich bin zweisprachig aufgewachsen, Japanisch und Deutsch.“, grinst er und schon beginnen die beiden die Speisen durchzugehen. Shinichi verlässt seinen Posten und geht zu Sorimachi.
„Na da haben wir es ja noch gut geschafft. Du hast ein Talent für sowas. Ich würde sagen, es ist alles soweit fertig. Was noch fehlt macht Tinas Team.“
„Da hast du Recht, danke für das Kompliment. Es sieht echt toll aus.“ Pierre gesellt sich hinzu und betrachtet mit ihnen zusammen das Buffet.
„Es ist wirklich super. Auch diese Blumengestecke sehen sogar recht kunstvoll aus. Wo kommt das noch so schnell her?“
„Neben Tinas Gaststätte ist wohl ein Blumenladen. Saito meinte die haben inzwischen schnell was fertig gemacht, mit den Farben der beiden Teams. Rot und Lila-weiß. Sieht echt klasse aus.“, antwortet Sorimachi.
„Wahnsinn. Wie jetzt Saito? Wo ist der Kommissar überhaupt? Wollte er nicht auch das Spiel ansehen?“, bringt sich Pierre ein. Die beiden Japaner lachen etwas.
„Typisch, nein, der Koch heißt auch Saito. Dieser Name ist hier in Japan ähnlich wie Müller und Schneider.“
„Genau, statt Saitos gibt es auch viele Sato oder Yamamoto.“, lacht Sorimachi. Shinichi lacht.
„Ja, ja, macht euch nur lustig. Ich bin auch einer mit so einem Sammelbegriff, statt eines Namens. Aber das hat einen Vorteil, wenn man im Ausland lebt. Jeder kann sich den Namen merken und man muss ihn nicht ständig buchstabieren.“
„Oh ja, das stimmt. Ich habe mir anfangs echt die Zunge abgekaut, um mir eure Namen alle zu merken. Und dann werden sie so seltsam ausgesprochen, mal so und mal so.“, äußert Pierre. Sorimachi kann nur lachen.
„Ist das dein Ernst? Das sagt ausgerechnet ein Franzose, wo kaum was gesprochen wird wie es geschrieben steht. Den Knoten in der Zunge kriege ich da eher.“ Alle drei lachen herzlichst. Plötzlich erscheint eine freundliche Stimme.
„Was gibt es hier so Schönes zu lachen? Ich will auch mitlachen.“ Es ist Tina, welche bereits umgezogen ist und in ihrem Trikot vor ihnen steht und lächelt.
„Oha, jetzt kommt die Chefin.“, kommt es aus Pierre raus und wieder wird gelacht.
„Hey, was wird hier rumgestanden? Shinichi, kommst du mal kurz?“, werden sie von Carsten angesprochen.
„Ja, klar. Was ist denn?“, wendet er sich ihm zu.
„Makoto und ich überlegen ob die Suppe so okay ist. Noch könnten wir nachwürzen. Er ist unsicher. Du hast doch internationale Erfahrung und kennst dich mit der Küche aus.“
„Und wieso soll ich das probieren? Wieso macht das nicht Euer Küchenchef?“
„Der sagte nur, er macht das schon.“
„Viele Köche verderben den Brei, sagte meine Mama immer. Irgendeinem schmeckt es immer nie. Das ist normal.“, bringt sich Pierre ein.
„Naja, auch wenn es mir schmeckt, wer weiß ob es den Japanern schmeckt, es ist eine Kartoffelsuppe. Ich bin die japanischen Speisen kaum gewohnt. Es wurde nur europäisch gekocht.“
„Dann mache ich das.“, meint Sorimachi. Tina nickt ab.
„Eine sehr gute Idee.“ So gehen alle zur Suppe und Sorimachi lässt sich von Makoto einen Löffel zum Kosten geben. Er pustet und schlürft die cremig pürierte Kartoffelsuppe mit Minispeckwürfelchen und kleinen Würstchenstückchen. „Wow, die ist wirklich sehr lecker. Alle Achtung. Ich würde da gar nichts ändern. Ich kenne die europäische Küche eher weniger und mir schmeckt es hervorragend.“
„Echt? Ich war unsicher. Mir schmeckt sie perfekt, aber ob es den Zuschauern schmecken wird, ist so eine Sache. Sind ja auch Deutsche dabei.“
Tina schaut zu ihm und nimmt einen Löffel.
„Darf ich?“ Makoto nickt und ist gespannt was sie sagen wird. Als Tina vom Löffel probiert verdrehen sich ihre Augen. Dann lächelt sie.
„Makoto, also echt. Ist das von meinem Grundrezept?“, spricht sie begeistert und lächelt ihn an. Er ist beruhigt. Es scheint ihr auch zu schmecken.
„Ja, nur etwas abgewandelt. Auch wegen der mangelnden Zeit.“
„Das ist perfekt. Es schmeckt besser als meins. Du hast etwas mehr Möhren und dafür weniger Speck drin und einen Hauch mehr Pfeffer, stimmts?“ Er grinst.
„Genau. Es schmeckt dir also?“
„Merk es dir gleich für die Zukunft. Du kannst es dann gegen meins in der neuen Karte austauschen, wenn Roland dem zustimmt. Du musst gar nichts ändern. Dreh den Kessel nochmal auf und lass sie kurz ankochen. Dann nur auf mittlerer Hitze lassen und zwischendurch umrühren, sonst geht sie dir oben oder an den Rändern an.“ Tina gibt ihm den Löffel und schaut zur Haupteingangstür als sie sich öffnet.
„Makoto, schnell, Hut und Brille auf, der japanische Verband und unsere Leute vom Verein kommen. Ab jetzt bleibst du schön hier, außer du willst, dass sie dich erkennen.“ Er tut schnell was sie sagt und kaum ist er noch zu erkennen.
„Ne, bloß nicht. Auf die Kommentare habe ich echt keinen Bock. Danke für die Warnung.“, sagt er leise und Tina geht auf sie zu, um sie zu empfangen. Sie werden vom Direktor begleitet. Sie staunen nicht schlecht als sie die Halle und die vielen Leute sehen.
„Wow, es ist schon gut gefüllt. Und es duftet gleich so lecker.“, bemerkt die Vereinschefin und schaut sich begeistert das Buffet an.
Kurz zuvor geht Karl-Heinz durch den Flur und an den Damen-Toiletten vorbei. Es ist ruhig auf dem Flur und als er wieder zur Halle reingehen will huscht plötzlich ein kleines Kind an ihm vorbei. Zuerst denkt er sich nichts dabei und wartet darauf, dass jemand dem Kleinen folgt, aber nein, es kommt niemand weiter in den Flur. Dann schaut er sich um und sieht den Kleinen aus der Hallentür nach draußen laufen. Es ist im Moment niemand auf dem Flur oder sichtlich in der Nähe.
‚Seltsam, wenn niemand kommt muss es sich doch irgendwie davongeschlichen haben. Das war bestimmt noch ein Kleinkind.‘, sorgt er sich plötzlich und geht dann durch die Ausgangstür und schaut sich draußen um. Kein Kind mehr zu sehen.
‚Wo kann es hin sein? Die Kleidung muss doch auffallen. Vielleicht hat es sich versteckt? Aber wo?‘ Karl geht weiter von der Tür weg und schaut in alle Richtungen, aber es ist nichts zu sehen was nach einem kleinen Kind ausschaut. Dann blickt er nachdenklich zum Fußballplatz.
‚Wo würde sich ein Kleinkind verstecken? Bei der heißen Sonne kann es schnell gefährlich werden. Vielleicht die Tribüne? Dort ist es drunter schattig und ideal zum Verstecken vor den Erwachsenen.‘, denkt er sich und geht dann direkt über das Feld am Strafraum entlang. Plötzlich hört er ein leises Weinen und Schluchzen. Da schaut er zum Tor. Hat sich das kleine Menschlein im Schatten hinter dem Pfosten versteckt und hockt weinend am Boden. Er geht langsam auf das Kind zu und nun erkennt er, dass es scheinbar ein Junge ist. Er hat kurze Haare mit einer Igelfrisur, trägt ein rotes Shirt und eine kurze rote Hose. Karl-Heinz geht langsam auf ihn zu. Der Junge klammert sich weinend an einem weißen Ball und sagt immer wieder Tora-san und Papa.
‚Oh, entweder der Kleine gehört zu Tinas Fans oder er kennt sie persönlich. Vielleicht hat er sie gesucht? Bisher war sie noch nicht in der Halle. Und Papa, heißt das auch Papa?‘ Er öffnet seine Tasche und holt ein kleines Büchlein raus. Es ist ein sehr kleines Wörterbuch mit den wichtigsten Sätzen und Wortgruppen, die man im Alltag und auf Reisen braucht. Es bestätigt seine Vermutung. Karl betrachtet den Kleinen und ihm fällt auf was er für eine Kleidung trägt. Auf dem Rücken ist die Nummer neun und der Name Fuchs steht darauf. Er lächelt, nimmt seine Sonnenbrille ab, geht in seine Blickrichtung neben das Tor und hockt sich vor ihn. Lächelnd spricht er ihn auf Deutsch an.
„Hallo Kleiner. Suchst du Tora-san?“ Der Junge richtet seinen Kopf auf und sieht ihn überrascht an.
„Tora-san.“, sagt er nur und betrachtet den blonden Mann vor sich. Hinter Karl blendet ihn etwas die Sonne. Er bemerkt es und hebt die Hand auf seinen Kopf, damit er ihm Schatten spendet und die Augen des Kindes nicht mehr geblendet werden.
„Besser? Die Sonne ist so hell. Suchst du Tora-san?“ Der Junge nickt erstaunlicherweise und beginnt plötzlich zu lächeln.
„Kannst du mich verstehen?“
„Tora-san.“, sagt er wieder.
„Hm, ich kann dich zu ihr bringen. Wie heißt du?“ Der Junge wischt sich die Tränen weg und lacht ihn an. Dann richtet er sich auf und zeigt ihm ganz stolz seinen Ball. Karl kann leider nichts lesen, denn der Kanji-Schrift ist er nicht gewachsen. Aber er erkennt die Schriftzüge trotzdem, denn sie sehen genauso aus wie die auf den Artikeln im Sportladen.
„Oh, du hast ein Autogramm von ihr?“ Er nickt wieder.
„Ich bringe dich zu ihr, wenn du möchtest. Deine Eltern vermissen dich bestimmt.“
„Papa gehen. Papa. Ball. Tora-san Ball.”, spricht er begeistert und hält ihm weiter den Volleyball hin.
„Ich bin ein Freund von Tora-san. Tina und ich haben als Kinder zusammen Ball gespielt.“, versucht er eine Beziehung zu ihm aufzubauen.
„Tina, Ball.“, antwortet er und zeigt ihm den Ball wieder.
„Ja genau, Tina und ich sind Freunde. Alte Freunde aus Deutschland.“
Der Junge sieht ihn skeptisch an.
„Freund?“, sagt er. Karl ist erstaunt, es kommen eindeutig deutsche Wörter von ihm.
„Spricht Tina Deutsch mit dir? Kannst du mich deswegen verstehen?“ Der Junge nickt. Karl überlegt, er muss den Jungen irgendwie dazu bringen ihm wieder in die Halle zu folgen. Es ist noch immer niemand aufgetaucht. Er greift in seine Tasche und holt das alte Foto heraus.
„Schau mal, das ist Tina und das bin ich. Ich bin ein Freund. Ich bringe dich zu ihr und dann kann sie dich zu deinem Papa bringen.“
„„Ball…Heimnis…Tina. Spiel…Ball…Tina.“, sagt der Kleine und dreht sich um, zeigt ihm sein Trikot und dann steht er auf und fasst das Tor an und wackelt am Netz. Dann geht er bis zur Torlinie, legt den Ball auf die Linie und tritt den Ball gegen das Netz. Karl-Heinz ist etwas verwundert, denn wieso hat es den Anschein der Kleine wüsste, dass Tina im Tor stand?
„Möchtest du mit mir spielen?“ Das Kind nimmt den Ball plötzlich und schießt ihn etwas hoch und versucht ihn dann mit dem Fuß abzufangen. Natürlich gelingt es ihm nicht.
„Ich kann dir zeigen wie es geht. Mit dem Ball jonglieren.“
„Ball, Tora-san.“ Er zeigt auf Karls Hand in der er noch das Foto hält. Karl zeigt es ihm nochmal. Der Kleine zeigt mit dem Finger auf Tina.
„Tina. Ball spielen…Heimnis.“ Karl nickt.
„Ja, ein Geheimnis? Meinst du das? Tinas Geheimnis?“ Das Kind nickt plötzlich begeistert und dann schießt er ihm den Ball zu.
Karl ist noch immer etwas irritiert, dass der Junge etwas über Tina weiß, aber er nimmt die Aufforderung an. Er legt das Foto und das Büchlein zurück in die Tasche und dreht sie wieder auf den Rücken. Er zieht die Schuhe und die Füßlinge aus und dann fängt er an mit dem Ball leicht zu jonglieren. In seiner feiner Hose ist er zwar etwas in der Bewegung eingeschränkt, aber es reich, um den Kleinen zu begeistern und er fängt an zu klatschen.
„Heimnis…Tina…Ball.“, freut er sich riesig. Nach wenigen Minuten Jonglierkünsten setzt Karl den Ball ab und stellt seinen Fuß wie gewohnt auf den Ball.
„Vertraust du mir? Kann ich dich jetzt zu Tina bringen? Und sie weiß vielleicht wo deine Eltern sind. Die suchen dich bestimmt schon.“ Der kleine nickt plötzlich, läuft zu ihm und hält die Arme hoch. Karl zieht wieder seine Schuhe an und will den Jungen an die Hand nehmen, doch er besteht darauf sich hochnehmen zu lassen. Also geht er auf ihn ein und spielt mit. Letztendlich ist es ja nur wichtig wieder zu seinen Eltern zurückzukommen. Also nimmt er ihn hoch und setzt ihn auf die Schultern.
Begeistert und hält sich der Jungen an ihm fest, wuschelt in seinen Haaren und Karl nimmt den Ball in die eine Hand und hält ein Bein mit der anderen Hand fest. Sie gehen nun endlich Richtung Halle zurück und am Eingang bückt Karl sich etwas, damit kleiner Mann oben nicht gegen den Türrahmen stößt. Kaum gehen sie durch den Flur, kommt ihnen auch schon eine junge Frau mit einem Mädchen an ihrer Seite etwas aufgelöst entgegen. Es ist die Schönheit von seiner besonderen Begegnung. Beide sehen sich sehr überrascht an.
„So ein Schreck. Takeru-chan.“, äußert sie dann erleichtert. Beide fassen sich etwas ans Herz und bleiben vor Karl stehen.
‚Die Schönheit von vorhin. Der kleine gehört also zu ihr? Hatte sie nicht vorhin gemeint, sie habe ein Spiel?‘ Karl-Heinz lächelt sie an.
„Gehört er zu Ihnen? Der kleine rann plötzlich an mir vorbei und lief raus auf den Sportplatz.“ Der Kleine auf seinen Schultern wackelt mit den Füßen und greift fröhlich nach Akane.
„Papa…Tora-san…“, spricht er wieder fragend. Karl gibt dem Mädchen den Ball und nimmt den Jungen dann von sich herunter und stellt ihn vor Akane. Sie umarmt ihn fürsorglich dann schaut sie ernst zu ihrer Tochter.
„Wie konntest du ihn nur aus den Augen verlieren? Du musst ihn immer festhalten, egal wie doll er rumzappelt!“, spricht sie streng in Japanisch zu ihr. „Sie sollte wohl auf ihn aufpassen?“, spricht Karl-Heinz sie freundlich an. Akane blickt ihm in die Augen.
‚Erstaunlich, dass Klein Takeru sich hat tragen lassen. Er scheut Fremde grundsätzlich und auch dann kann er kaum jemanden vertrauen. In der Regel ist er sehr distanziert und scheut jeden außer er gehört zur Familie. Nur zu wenigen Bekannten hat er Vertrauen. Wie kommt es dann, dass er ihm vertrauen konnte?‘ Ihr Puls steigt wieder etwas an und so richtig weiß sie nicht was sie sagen soll.
„Ich…vielen Dank. Danke, dass Sie ihn gefunden haben. Wir haben uns sehr gesorgt.“
„Mama, es tut mir leid.“, sagt das Mädchen traurig und hält den Kleinen ganz fest in der Hand.
„Bringe ihn jetzt zu Opa. Und halt ihn fest, egal wie sehr er zieht. Es ist zu gefährlich ihn rumlaufen zu lassen.“
Der Kleine dreht sich nochmal zu Karl um und winkt fröhlich.
„Tora-san…Heimnis.“ Dann legt er seine Hand auf den Mund und geht mit dem Mädchen mit und winkt ihm beim Laufen fröhlich zu.
Kaum ist Amy um die Ecke im Flur verschwunden spricht Akane Karl erneut an. „Es tut mir wirklich leid. Amy sollte auf ihn aufpassen und dann ist er ihr entwischt. Aber sie bringt ihn jetzt zu seinem Vater.“ Sie schaut ihn sich genauer an und bemerkt, dass seine Sachen etwas verschmutzt sind. An seinem Shirt sind ein paar braune und grüne Flecken dort wo die Schuhe waren und an der Hose sind auch kleine Flecken im Oberschenkelbereich zu sehen.
„Mussten Sie etwa mit ihm Ball spielen, damit er mitkommt?“ Er grinst.
„Ja so war es. Er ist aufs Feld gelaufen und hat sich im Tor versteckt. Ich habe ihn zuerst unter der Tribüne vermutet. Dann musste ich etwas mit ihm spielen. Aber dann ging er mit.“
„Es tut mir sehr leid, jetzt sind Ihre Sachen ganz dreckig. Sie können mir gerne eine Rechnung dafür schicken.“ Karl wundert sich, aber es fällt ihm wieder ein. Sie will nur höflich sein und dann hebt er die Hand.
„Alles okay. Das kann man reinigen. Hauptsache ist doch, dass er wieder bei seiner Familie ist.“ Beide verharren plötzlich wieder in einem Blick und ihre Herzen schlagen etwas schneller. Wie kann das nur sein, wieder so ein seltsamer Moment.
„Ich…ich werde dann mal wieder. Viel Erfolg, Sie sagten, Sie hätten ein Spiel.“, versucht er sich abzulenken und klopft mit seinen Händen etwas an seinem Shirt rum, als würde er versuchen die Flecken abzumachen.
„Oh, ähm…ja. Danke. Die letzten Spiele habe ich leider verloren. Das Tokio-Team ist sehr stark.“, sagt sie etwas benommen.
„Aufgeben ist nicht! Stellen Sie sich vor es geht um etwas viel Wichtigeres als ums Spiel. Stellen Sie sich etwas vor, dass Sie sich so sehr darauf konzentrieren müssen, dass Sie nicht verlieren dürfen. Sagen Sie das Ihrem Team, dann wird das schon.“, lächelt er sie fröhlich an, damit sie motiviert ist.
Er versucht ihrem Blick auszuweichen, denn er hat plötzlich das Gefühl sich bald nicht mehr regen zu können. Irgendwie macht ihn diese schöne Frau etwas nervös.
„Danke…danke für…den Tipp.“, wirkt sie ebenso etwas nervös. Beide gehen dann einfach ohne weiter etwas zu sagen ihre Wege. Akane verschwindet in der Damentoilette und kaum ist hinter ihr die Tür zu, muss sie tief durchatmen. Ihr Herz klopft so sehr, das hat sie bisher noch nie erlebt. Es ist schon wieder so ein seltsames Gefühl wie vorhin, dabei hat sie dieser Fremde diesmal gar nicht berührt. Sie standen doch weit genug voneinander weg. Und trotzdem konnte sie seinen blauen Augen nicht ausweichen. Erst als er auf sein Shirt schaute, um es zu säubern, konnte sie wieder klar denken. Das kennt sie nicht, nein. Immer hat sie einen klaren Kopf.
‚Akane Saito, was war das denn? Wieso reagierst du so seltsam? Und dann auf einen fremden Mann? Wie kann das nur sein?‘ Sie schließt die Augen und ohne nachzudenken berühren sich ihre Arme und dann geht eine Hand zu ihrem Mund. Dann fährt die andere über ihren Oberkörper hoch zu ihrem Kopf und fasst ihre Wange.
‚Wie nur, wie nur würde es sich anfühlen? Wie würde sich dieser Mann anfühlen? Er…er hatte so eine sanfte Art mich zu berühren. Das war…so angenehm. Ich…muss das unbedingt wiederholen. Ich habe plötzlich das Bedürfnis wieder berührt zu werden? Wieso das? Und dann von einem Mann? Wie kann das denn nur sein?‘ Sie richtet sich auf und geht zum Waschbecken und schaut in den Spiegel.
‚Diese blauen Augen, wie ein Sternenhimmel. Dieser Mann ist so geheimnisvoll und wer mag das überhaupt sein? Weiß er eigentlich wer ich bin? Den Eindruck machte er mir jedoch nicht. Er glaubt bestimmt nur, dass ich eine von dem Uni-Team bin, aber nicht wer.‘ Sie wäscht sich das Gesicht und sieht sich dann ihre nassen Hände an.
‚Fremder, du bringst mich total durcheinander. Noch nie hatte ich das Bedürfnis jemanden plötzlich sofort nah sein zu wollen. Und einem Mann schon gar nicht. Wie kann das nur sein?‘ Sie trocknet dann ihre Hände mit dem Papier ab und wirft es weg. Erneut schaut sie in den Spiegel. Dann legt sie ihre Hand darauf, auf ihr Gesicht und dann legt sie die andere auf eine Brust und ist selbst erstaunt, dass sie erregt ist. Wie kann das denn nur sein, dass sie so derart seltsam überreagiert? Es ist doch gar nichts passiert. Vertieft in ihrem Gedanken und einem anderen dringenden Bedürfnis begibt sie sich dann in eine der Kabinen und verriegelt die Tür.
Kurz zuvor ist Karl-Heinz ebenso im Gedanken und begibt sich auf dem Weg zur Halle und möchte wieder zu seinem ausgesuchten Platz ganz oben in der Tribüne gehen.
‚Was war das denn eben wieder? Sie ist so hübsch und ich laufe ihr schon wieder über den Weg? Ihr Sohn also, und eine große Tochter hat sie. Naja, einen Vater gibt es auch. Wieso mache ich mir denn da überhaupt Gedanken über sie? Eine Mutter mit zwei Kindern und trotzdem schafft sie es in einem starken Team zu spielen? Alle Achtung fremde Schönheit.
Wobei, einen Ring hast du nicht getragen. Hochwertigen Schmuck schon und natürlich dieses wunderschöne schlichte und elegante graue Kleid. Da sahen deine Haare besonders schön aus, diese langen schwarzen Locken. Wow. Wie sie sich wohl anfühlen? So lange schwarze schöne Haare?‘ Er bleibt plötzlich stehen und schaut auf seine Hände. Dann schüttelt er den Kopf.
‚Karl-Heinz du Idiot. Was denkst du denn da überhaupt? Eine andere Frau? Was ist mit der Frau, die du seit Jahren liebst? Vergiss nicht wieso du hier bist. Du bist hergekommen, um Tina endlich wieder in die Arme zu schließen. Du kannst sie doch jetzt nicht kampflos gehen lassen und sie einfach deinem Rivalen überlassen? Irgendwann wird er einen Fehler machen und dann, dann bist du für sie da. Ein Mann wie er macht bestimmt einen Fehler. Die beiden wissen doch kaum etwas voneinander. Tina wird es irgendwann merken, dass sie nicht zusammenpassen.‘ Er schlägt sich kurz mit beiden Händen auf die Wangen, ganz leicht, aber es klatscht etwas.
„Wach auf du Träumer!“, ermahnt er sich selbst leise.
‚So eine Sinnlosigkeit. Ich habe sie gesehen, sie versuchen es zu verbergen aber ich sehe wie sie sich ansehen. NEIN, da besteht gar keine Hoffnung mehr. So schnell nicht. Das bringt doch auch nichts, wenn sie sowieso nur Freundschaft empfindet. „Wahre Freundschaft braucht Herausforderungen“, stand auf dem Ball. Nein, deswegen…es ist eindeutig zu spät für uns.‘ Betrübt lehnt er sich wieder an eine Wand und atmet tief durch. Doch da kommt ihm unerwartet Marie entgegen. Sie trägt ihre große Tasche bei sich. Er richtet sich wieder auf und sieht zu ihr.
‚Ach liebe kleine Schwester. Jetzt habe ich dich vorhin so angefahren, nur weil ich endlich eingesehen habe, dass es keinen Zweck mehr hat. Du kannst doch auch nichts dafür und leidest genauso. Immerhin hast du auch einen Freund verloren. Du hast Stephan immer so gemocht. Von allen meinen Freunden mochtest du ihn am meisten. Er kam gleich nach mir, wenn es darum ging mit dir zu spielen. Und ich werfe dir so böse Sachen an den Kopf, nur weil ich gekränkt bin.‘
Marie kommt lächelnd auf ihn zu.
„Oh, du bist ja doch noch da. Hast du es dir anders überlegt?“, ist sie fröhlich. „Marie, bitte entschuldige wegen vorhin. Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen. Es tut mir leid.“, spricht er sanft.
„Ach schon gut, Karl-Heinz. Du hattest ja Recht. Vielleicht musstest du es mir mal sagen, damit ich es auch merke. Die andren halten sich auch alle zurück. Ich war nur…so aufgeregt und mir wird der Druck auch langsam zu groß, weißt du? Ich kann das nicht, so stark sein wie Tina und meine Gefühle so gut verbergen wie sie es konnte und kann. Das bin ich eben nicht. Aber…du hast Recht. Es ist dir gegenüber gemein und den anderen gegenüber unpassend.
Ich habe übrigens beschlossen etwas länger hier in Japan zu bleiben. Also nicht nur diese eine Woche. Ich schau dann weiter. Erst einmal kann ich den Rest der Semesterferien bleiben. Hier gibt es so viel zu entdecken, da kann ich gar nicht so schnell malen wie ich alles malen will.
Und dann eilt auch nichts. Nichts eilt und wenn Shinichi und ich morgen unser Date haben, dann wissen wir vielleicht was das überhaupt ist. Wir konnten uns doch noch gar nicht wirklich kennenlernen. Aber dazu haben wir dann Zeit. Oder was meinst du? Ich hatte bisher das Gefühl alles sofort zu klären, weil ich nur eine Woche hier bin. Aber wir haben uns unterhalten und es eilt doch nichts, sagte er. Das stimmt.“, plappert sie ihn voll. Mit großen Augen sieht er sie an.
„Oh, wirklich? Das hat er gesagt? Eile ist wirklich Gift für eine Kennlernphase. Das stimmt. Macht in Ruhe, ich kann dir nicht vorschreiben wen du magst, Marie, es langsam angehen, ist jedoch eine gute Idee. Ihr seid beide noch jung und solltet erst schauen was das ist, was ihr meint zu haben.“ Dann berührt er fürsorglich ihre rechte Schulter und sieht ihr in die Augen.
„Ich bin doch eigentlich wahnsinnig stolz auf dich, dass du endlich dein Schneckenhaus verlassen hast. Mach deine Erfahrungen, aber sei immer auf der Hut und vertraue nicht den falschen Leuten. Wenn du hier bist, halt dich an Tinas Freunde, auf sie kannst du dich bestimmt verlassen.“
„Das werde ich. Danke.“ Marie nutzt die Gunst und deutet Karl an ihn unter vier Augen sprechen zu wollen. Sie gehen in einen Beratungsraum und schließen die Tür hinter sich.
Wer ist Ulrike Fischer?
Kapitel 115
Wer ist Ulrike Fischer?
„Karl-Heinz, darf ich mir mal kurz das Foto leihen, das was du immer bei dir hast.“ Er ist verwundert und holt aber das Foto aus seiner Tasche heraus und gibt es ihr.
„Danke. Ich muss dir etwas sehr Wichtiges erzählen und das kann leider nicht warten.“
„Was ist denn so wichtig? Kann das nicht bis heute Abend warten, wenn wir im Hotel sind?“, brummt er plötzlich wieder etwas.
„Nein Karl-Heinz, leider nicht. Bitte setz dich und beantworte mir ganz ehrlich zwei Fragen. Es geht um Tina.“
„Ist das jetzt dein Ernst? Müssen wir da jetzt reden? Es ist doch alles geklärt und ich will darüber jetzt auch nicht reden.“ Er geht wieder zur Tür und berührt den Griff.
„Nein. Ist es nicht. Ich weiß wieso Papa dir nicht erzählt hat was passiert ist und wo sie jetzt wohnt, obwohl er es wusste.“, haut sie raus. Er stutzt und lässt den Griff los. Noch starrt er an die Tür.
‚Marie? Woher willst du das wissen? Es kann keinen Grund dafür geben. Ich hätte die Wahrheit damals schon verkraftet. Ich war doch kein kleines Kind mehr.‘
„Hörst du mir jetzt zu?“ Er dreht sich zu ihr um.
„Was soll das für ein Grund sein?“
„Es ging nicht um Stephans Tod. Sein Schweigen und Lügen hatte einen anderen Grund und genau den hättest du damals nicht verkraftet. Ich habe mit Mama heute Nacht noch telefoniert und sie hat mir endlich alles erzählt. Die ganze Wahrheit.“
„Welche Wahrheit?“
„Ich bin ohne ihr Wissen hergereist. Ich habe ihr einfach gesagt, wenn sie mir nicht die ganze Wahrheit erzählt, dann komme ich nicht wieder.“, spricht sie streng. Er ist sehr erstaunt. Diesen Ton kennt er von seiner kleinen schüchternen Schwester gar nicht.
„Marie, und was ist jetzt die Wahrheit?“
„Setz dich, zuerst musst du mir meine Fragen beantworten, dann weiß ich besser wie ich es dir erkläre. Ich kann mir zwar die Antworten vorstellen, aber ich will sie von dir hören.“ Er tut was sie sagt, setzt sich neugierig hin und lehnt sich an.
„Leg los, ich habe nicht ewig Zeit. Das Spiel beginnt bald.“
„Tu nicht so gelangweilt. Ich kenne dich.
Karl-Heinz, wieso bist du hier? Wieso bist du wirklich hier?“
„Das weißt du doch. Ich habe erfahren, dass Tina hier lebt und wollte sie und Stephan hier besuchen. Ich wollte sie fragen wieso sie sich nie gemeldet haben oder verabschiedet haben.“
„Das stimmt, aber was ist der zweite Grund? Ich habe vorhin wieder bemerkt wie du sie und Kojiro ansiehst. Und deine Verzweiflung vorhin habe ich auch bemerkt. Wäre sie nur eine Freundin gewesen wie Stephan ein Freund, würdest du da nicht so betrübt sein.“ Karls Puls steigt etwas an. Er antwortet nicht auf die Frage.
„Nun gib schon zu, dass du sie liebst.“, fordert sie ernst. Verblüfft sieht er sie an. ‚Woher weiß sie das denn? Oder verhalte ich mich derart auffällig? Ich denke weniger, sonst wäre es anderen auch aufgefallen.‘
„Du musst gar nicht so große Augen machen. Ich habe das damals mitbekommen, dass ihr euch trefft. Zwar war ich noch klein, aber selbst da wusste ich was es bedeutet, als ich zufällig gesehen habe, wie ihr euch heimlich geküsst habt. Deswegen bin ich auch hier. Als ich erfuhr, dass du vermutlich herkommst und wo Tina ist, entschied ich dir zu helfen. Immer warst du für mich da und nun bin ich mal dran. Als ich dir nachreisen wollte, dachte ich, ich müsse dir zur Seite stehen, falls du enttäuscht wirst und jemanden zum Reden brauchst.
Wie lange wusstest du schon vor ihrem Umzug, dass sie ein Mädchen ist? Ich habe es selbst etwa einen Monat vorher mitbekommen. Und wann und wie hast du es erfahren? Sei ehrlich.“ Er lehnt sich vor und stützt sich nachdenklich sein Kin auf seinen Händen am Tisch auf.
„Nun gut, ich habe es etwa drei Monate vorher erfahren. Nach einem Training gingen alle heim wie immer und Tino blieb wie immer länger. Dann vermisste ich mein Handy und ging zurück zur Umkleide. Um es genau zu sagen…ich habe sie nackt unter der Dusche erwischt. Da war nichts mehr zu leugnen.“, sagt er dann ernst und schließt die Augen.
„Echt? Nackt in der Dusche? Oha.
Und wie ging es dann weiter? Was war dann? Du hast sie nicht aus dem Team geschmissen oder sie verpfiffen. Wieso nicht?“
„Du machst es mir echt schwer. Wieso müssen wir darüber reden? Was hat das mit Vater zu tun?“ Er öffnet die Augen wieder und sieht sie an.
„Das erklärt sich hinterher. Nun sag schon, wie ging es mit euch weiter?“
„Sie hat mir dann ihre Liebe zu mir gestanden. Sie sei nur noch im Team, um in meiner Nähe sein zu können. Nur deswegen. Und sie wolle nur noch das Spiel gegen Japan machen und das Team verlassen. Obwohl ich auf sie sauer war habe ich ihr dann diesen Zeitraum eingeräumt. Es hätte das Team sonst kaputt gemacht.“
„Du warst sicher sehr wütend auf sie. Das kann ich mir vorstellen. Ich kann mich gut daran erinnern wie du eine Zeit lang so sauer auf sie warst, dass ihr euch privat nicht mehr gesehen habt und dann plötzlich ging es wieder und wir sind wie früher zu ihrer Mutter zum Imbiss gegangen oder haben abends gespielt. Und genau dann habe ich euch eines Tages gesehen. Du hattest ja auch mit deiner damaligen Freundin Schluss gemacht und dann das.“ Er dreht seinen Kopf zur Seite.
„Ich habe erkannt, dass ich mich auch in sie verliebt hatte und wir waren dann ein Paar. Wir haben uns heimlich getroffen, es durfte vorerst niemand merken. Und Stephan sollte es auch nicht mitbekommen. Das hätte vermutlich unsere Freundschaft zu Kaltz und Genzo oder zum ganzen Team kaputt gemacht. Ich war doch dann eh bald weg, später wäre es egal gewesen.“
„Und wie weit ging das mit euch? Wie weit ging eure Jugendliebe?“ Noch immer schaut er nachdenklich zur Seite und starrt auf die Wand mit dem Foto des Sportplatzes.
„Das musst du nicht wissen. Rück endlich raus mit dem was du erzählen willst.“, murrt er. Marie kommt auf ihn zu und setzt sich ihm gegenüber an den Tisch. Dann legt sie ihre Arme über den Tisch und reicht ihm ihre Hände entgegen. „Karl, was auch immer ihr gemacht habt, irgendjemand hat davon erfahren und es unseren Eltern erzählt.“ Plötzlich sieht er sie ernst an.
„Was meinst du? Was sollen wir denn gemacht haben?“, tut er ablenkend gelangweilt.
„Du bist aber auch verklemmt! Ich bin doch kein Kind! Gib doch einfach zu, dass ihr es beide gemacht habt. Quasi euer Erstes Mal oder so.“
„Marie, also echt. Und wenn es so war? Was ist dabei? Das kann doch jedem egal sein. Das ging nur uns was an. Wir haben nichts Verbotenes getan, wir waren beide noch keine 18.“, faucht er sie an.
„Doch, das habt ihr, aber ihr habt es beide nur nicht gewusst.“, spricht sie ruhig und ernst. Sein Blick ist fragend.
‚Wovon redet sie denn nur? Was soll denn dabei gewesen sein? Wo ist das Problem? Marie, was willst du mir sagen?‘
„Es war nichts Verbotenes, erzähl nicht so einen Quatsch. Sag endlich was los ist. Auf dieses Hinhalten habe ich echt keinen Bock! Das hatte ich gestern Abend schon genug!“, wird er langsam aufgewühlter. So kennt sie ihren Bruder gar nicht.
„Karl, gib mir deine Hände.“ Er verzichtet und sieht sie nur genervt und streng an.
„Als du hergekommen bist, was war dein Ziel? Du machst nie etwas ohne einen Plan oder irgendeine Vorstellung wie was verlaufen soll. Du kommst her und suchst Tina auf. Wieso so eilig?“ Er schaut wieder zur Seite und macht ein grummeliges Gesicht.
„Warum wohl. Ich wollte wissen was war und ob sie mich noch liebt. Und dann…erfahre ich von Stephans grausamen Ende und dass sie mit einem anderen glücklich ist. Und dann ausgerechnet Hyuga. Was denkst du eigentlich wie ich mich fühle? Du hast doch gar keine Ahnung wie das ist, wenn es plötzlich heißt am Ende nur eine Freundschaft zu sein.“
„Und jetzt machst du dir noch etwas Hoffnung? Ist es so? Du hoffst, dass Kojiro einen Fehler macht und sie dann doch zu dir gehen könnte? Ist es so?“ Er schweigt.
„Sag schon, ist es so?“, drängt sie wieder.
„Und wenn schon? Viel Hoffnung ist da nicht, so wie die sich ansehen.“, brummt er ehrlich.
„Genau deswegen ist es wichtig, dass ich es dir jetzt schon erzähle, dann kannst du das Spiel mit anderen Augen sehen. Karl-Heinz, diese Hoffnung musst du begraben. Du kannst von Glück reden, dass sie mit ihm zusammen ist.“, haut sie raus und bleibt ernst. Er schaut wieder zu ihr.
„Wieso fällst du mir jetzt in den Rücken? Glaubst du wir hätten nicht zusammengepasst? “, murrt er.
„Karl, nein. Ich meine damit, du kannst von Glück reden, dass ihr nie zusammen wart und es jetzt nicht mehr sein werdet. Du kannst froh sein, dass damals bei eurem naja, Date, nichts passiert ist.“ So langsam wird er stutzig. Wieso sagt sie sowas? Was wäre denn dabei?
„Marie, bitte…was meinst du damit?“, spricht er dann plötzlich ruhig. An ihrem Blick kann er sehen, dass sie etwas sehr angespannt ist und trotzdem sieht sie ihn sehr liebevoll an. Dann geht er plötzlich doch auf ihr Angebot ein und nimmt ihre Hände an. Er sieht ihr nachdenklich und fragend in die Augen.
„Du machst mir Angst. Was meinst du damit? Sag endlich was los ist.“
„Karl-Heinz, ich bin…ich…bin nur…deine Halbschwester.“, sagt sie dann aufgeregt, aber leise. Seine Augen werden groß und sein Puls steigt plötzlich enorm an. Völlig entsetzt sieht er sie an.
„Was? Das kann nicht sein!“
„Doch so ist es. Wir haben…nur denselben Vater. Es gibt auch einen Beweis. Deine alte bzw. echte Geburtsurkunde.“ Zornig steht er auf und der Stuhl fällt nach hinten mit der Lehne auf den Boden.
„Du spinnst doch. Das denkst du dir nur aus! Was ist dann bitte mit Mutter? Soll das heißen Vater hatte vor ihr schon eine andere Frau? Aber daraus muss man doch kein Geheimnis machen. Dann komme ich eben von der ersten Ehe, na und? Sowas gibt es haufenweise. Und wer ist dann meine Mutter?“
„Karl, bitte nicht so laut.“ Marie steht auf, geht zu ihm und schaut zu ihm auf. „Deine leibliche Mutter ist…leider vor etwa zwei Jahren…verstorben.“ Er starrt sie an und dann sieht er in ihren Augen Tränen und beide nehmen sich in die Arme. Es vergehen ein paar Minuten.
„Warum Marie? Warum durfte ich sie nicht kennenlernen, wenn sie noch lebte? Jetzt…jetzt ist es zu spät.“, spricht er seine ersten Gedanken aus. Marie weint plötzlich bitterlich los und legt ihren Kopf an seine Schulter. Er drückt sie tröstend an sich und versucht sich selbst mit der Umarmung zu trösten. Ihre kleinen Hände umschlingen ihn fast, so dass sie ihn eher versucht festzuhalten.
Plötzlich klopft es an der Tür und sie öffnet sich. Die hübsche Japanerin, der Karl kurz zuvor zweimal begegnet ist, steht im Türrahmen und sieht die beiden Verdutzt an.
„Oh, sorry. Falscher Beratungsraum. Tut mir leid.“, sagt sie höflich und verwundert. Dann erkennt sie Karl wieder. Zuerst hat sie nur bemerkt, dass sich ein Paar umarmt und dann schaut er aber hoch. Vor ihm steht Marie mit dem Rücken zur Tür, löst ihre Umarmung und wischt sich schniefend die Tränen aus dem Gesicht. Karl-Heinz schaut irritiert zur Tür.
‚Ausgerechnet jetzt muss jemand stören.‘, denkt er zuerst und als er sie jedoch erblickt, lässt er Marie los, geht zügig zur Tür und sieht sie kurz an.
„Sorry.“, sagt er nur wie benebelt und macht dann die Tür leise direkt vor ihrer Nase zu. Dann lehnt er sich dagegen, macht die Augen zu und schließt diesmal ab.
‚Die Schönheit von vorhin. Wer ist sie nur? Musste sie ausgerechnet jetzt stören?‘ Dann atmet er tief durch und öffnet wieder die Augen. Er geht zu Marie.
„Das hat dir Mutter jetzt erzählt? Ist das der Grund, wieso sich die beiden so oft gestritten haben? War ich der Grund? Ich habe immer versucht sie wieder zusammenzubringen. Aber wenn ich der Grund war, dann hatte das nie einen Sinn.“, spricht er leise vor sich hin und sieht sie traurig an.
„Wer war denn meine Mutter? Warum vor allem durfte ich sie nie kennenlernen? Was war mit ihr?“ Er fasst angespannt ihre Schultern.
„Karl-Heinz, bitte setz dich wieder. Ich…erzähle es dir dann. Du hast sie gekannt, sogar ich kannte sie.“ Er folgt ihrer Bitte erneut, hebt den Stuhl auf und setzt sich wieder hin. Sie tut es ihm gleich und legt wieder die Hände auf den Tisch.
„Wir kannten sie? Wie kann das sein? Wieso hat sie sich dann nie zu erkennen gegeben? Und was hat das jetzt mit Tina zu tun? Wieso hast du mich vorher so komische Sachen gefragt?“, wird er wieder stutzig.
„Aus einem bestimmten Grund. Deine Mutter war eine sehr liebevolle Frau. Sehr hübsch und klug. Sie liebte dich ebenso sehr wie deine beiden Geschwister. Immer wenn du in ihrer Nähe warst, hat sie es genossen, auch wenn du nicht wusstest wer sie ist. Du mochtest sie auch sehr, sie und ihren Mann. Leider durfte sie es nicht offenbaren. Jetzt wo ich es weiß, erkenne ich die Ähnlichkeiten. Du siehst ihr wirklich ähnlich. Du hast sogar ein paar Charakterzüge von ihr. Ihre Sanftmütigkeit. Das hast du eindeutig von ihr.
Unsere Eltern und die beiden schlossen einen Pakt. Damals dachten sie, sie würden dich und die anderen beiden so am besten beschützen können bzw. die ganze Familie.“
„Ich…ich habe Geschwister? Wir haben uns noch kennengelernt? Wirklich? Und du kennst sie auch? Kennen wir meine Geschwister auch?“ Plötzlich richtet er sich auf und stützt sich mit den Händen auf dem Tisch auf.
‚Was hat das nur alles zu bedeuten? Sie fragt mich vorher über Tina aus…wieso? Sie behauptet wir hätten etwas Verbotenes getan? NEIN…‘ So langsam kommen seltsame Erinnerungen. In seinen Gedanken steht er plötzlich mit seinen Freunden bei Tina und Stephans Mutter am Imbiss und helfen ihr zu den Abendzeiten. Sie war immer sehr liebevoll zu ihm und er fühlte sich in ihrer Nähe wohl. Er bewunderte Tinas Elter, wie liebevoll sie immer miteinander umgingen. Seine Eltern hingegen fingen irgendwann öfters an zu streiten und er wusste nie wieso. „Marie…sag schon. Sag es mir sofort! Du redest drumherum…da stimmt was nicht! Sag sofort wer sie war! Und…wer sind meine Geschwister?“, sagt er bestimmend und seine Augen sind bereits ganz glasig, denn er hat ein furchtbar ungutes Gefühl in der Magengegend. Es macht ihn Angst, was kommt jetzt? Wer war sie? Er kannte doch kaum jemanden, die in Frage käme. Es kann nur eine Familie sein. Und dann wollte sie das Foto haben? Wofür denn nur? Dann verstarb seien Mutter vor zwei Jahren. Es würde alles passen.
‚Ich ahne Schlimmes. Es kommt nur eine Frau in Frage. Das würde aber bedeuten…dass…NEIN. Das darf nicht sein!‘, fürchtet er bereits zu wissen wer es war.
„Nein…Marie…willst du mir ernsthaft sagen…dass…meine Mutter…es kann nur…“, versteht er langsam und sieht sie total verwirrt an. Marie greift in ihre Tasche und holt ein Foto und drei bemalte Blätter Papier heraus.
„Ich habe dich vorhin um etwas gebeten. Du solltest mir etwas ausleihen, zum Zeichnen. Zum Zeichnen brauche ich es nicht, sondern, um es dir jetzt zu zeigen.“ Sie legt das Foto offen auf den Tisch und legt die Blätter noch mit der leeren Rückseite daneben. Karls Brust schnürt sich gefühlt zu, sein Atem wird unregelmäßiger und er macht aus seinen Händen auf dem Tisch geballte Fäuste. Er starrt auf sein altes Foto. Ihn lächeln die Gesichter seiner Freunde und ihm selbst an. Entsetzt kann er gar nichts sagen. Marie kann ihre Tränen nicht zurückhalten und spricht jedoch weiter in ihrem weinerlichen Ton.
„Du hattest einen großen Halbbruder und du hast eine Schwester. Und zwar nicht irgendeine Schwester. Bettina und du, ihr seid…Zwillinge. Der Beweis liegt hier neben mir. Ich habe Mama um einen Beweis gebeten, als sie mir das erzählte. Ich konnte es selbst nicht glauben. Abgesehen davon, dass es einen Vaterschaftstest gab, hast du eine alte Geburtsurkunde. Ebenso auch Bettina. Es gab nach der Geburt ein Foto. Mama hat sie gescannt und mir als Mail geschickt. Leider konnte ich sie nicht drucken, also habe ich sie abgemalt vom Laptop.“ Sie dreht langsam die drei Malblätter um. Schweißperlen sammeln sich auf seiner Stirn und vor Entsetzen setzt er sich wieder hin, denn es kommt ihm vor, als würde er den Boden unter den Füßen verlieren. Er starrt nur auf das abgemalte Foto. Es kommt ihm so vor, als würde er auf dieser Klippe auf Tinas Poster stehen und mit ihr gemeinsam herunterfallen. Dann verschränkt er die Arme vor sich und schließt die Augen.
‚NEIN! Das darf nicht sein! Vater, was hast du getan? Hattest du etwa eine Affäre mit Gesine? Aber wie? Das darf nicht sein.‘ Seine Fäuste knallen plötzlich wütend auf den Tisch, auf die Blätter vor sich und dann verschränkt er erneut seine Arme vors Gesicht. Marie zuckt zusammen, aber sie hat mit so einer Reaktion gerechnet. Nie konnte ihn etwas aus der Fassung bringen, dass er die Fäuste erhob oder auf irgendetwas einschlug, aber jetzt plötzlich…war es eine Art solcher Reaktion. Das gab es noch nie.
„Das ist nicht wahr. Das kann nicht sein. Wir sind ein Jahr auseinander und sie ist doch drüben geboren, nicht in Hamburg. Ich…ich bin doch immer dort gewesen. Auch als Kleinkind, ein echter Hamburger Junge.“, platzt es verzweifelt aus ihm heraus.
„Es tut mir so leid, Karl-Heinz. Ich…ich kann es doch selbst nicht glauben, aber die Beweise.“ Sie steht auf, geht um den Tisch und hockt sich dann neben ihn und nimmt ihren großen Bruder tröstend in die Arme. Es vergehen ein paar wenige Minuten. Dann schaut er endlich zu den Bildern und nimmt sie in die Hände.
„Was sind das für Namen? Ulrike und Henry Fischer? Was soll das? Und als Eltern stehen auch andere. Heinrich und Adelheid Fischer?“, spricht er skeptisch aus. „Das ist richtig so. Die Familie Fischer…sie musste noch Ende der 80er ihre Namen ändern. Das erkläre ich dir noch. Das sind Gesine und Georg. Und du bist Henry. Schau mal auf die Geburtstage und die Zeiten.“, weist sie ihn darauf hin. Erstaunt liest er es vor.
„13. Juli 1982. 15:47 Uhr bei Ulrike und bei mir 16:13 Uhr. Also bin ich der Zweitgeborene?“
„Genau. Aber fällt dir noch etwas auf. Es ist einer der Gründe wieso das hier auf keinen Fall in die falschen Hände geraten darf? Niemand, Karl-Heinz, niemals darf jemand das erfahren! Es ist der wichtigste Grund, wieso Vater dir nichts sagte.“ Plötzlich nimmt er seine Zeichnung in die Hand.
„Das Geburtsjahr. Oh nein. Dann bin ich…ja schon 23. Ich…bin ein Jahr älter als auf dem Papier?“, fällt es ihm auf. Es läuft ihm ein eiskaltes Schaudern durch die Knochen.
„Jetzt weißt du wieso es dein Vater geheim hält. Und Mama auch. Wenn es die Öffentlichkeit jemals erfahren würde. Dann…“ Er lehnt sich zurück und starrt auf die Blätter in seinen Händen.
„Erkennt man meine Titel fast alle ab und wir könnten uns beide sowie die Vereine nicht vor Klagewellen retten und Vater und ich stehen am Ende ohne einen Euro da. Ich will gar nicht wissen was es auch für den ganzen Verbund bedeuten würde.“, wird es ihm sehr wohl bewusst. Dann wundert er sich jedoch.
„Marie, du sagst wir sind Halbgeschwister, und Stephan für mich auch, wie passt Vater denn da jetzt mit ins Bild? Hatten die eine Affäre? Aber das passt doch nicht, wenn Gesine und Georg immer noch so liebevoll miteinander umgegangen sind. Und wieso die Namensänderungen?“ Während Marie versucht es ihm zu erzählen blickt er das dritte Bild an. Es ist eine Abzeichnung von einem Babypärchen. Es ist in Schwarz-Weiß und zeigt niedliche frischgeborene Babys mit geschlossenen Augen. Ein Baby hat ein helles Stirnbändchen mit einer Schleife darauf und beide tragen weiße Strampler.
„Wie echt deine Zeichnung aussieht. Man merkt nicht mal, dass es nur eine Bleistiftzeichnung ist.“
„Ich habe mir dabei besonders viel Mühe gegeben. Das ist so niedlich und ich…ich liebe euch doch beide.
Hör zu, also das war von der Sache her ein dummes Versehen.“ Er blickt auf.
„Wie kann sowas ein Versehen sein? Ich dachte jetzt es kommt eine Affäre oder sowas. Vater traue ich alles zu, und jetzt erst recht, du hast ja keine Ahnung was da so die letzten Jahre war.“, murrt er.
„Nein. Was auch immer jetzt ist, Karl. Damals war es nicht so. Also Mama und Papa waren bereits vor deiner Geburt verheiratet, das müsstest du wissen. Und Gesine und Georg ebenso. Stephan war ja schon da. Sie war doch erst neunzehn als er geboren wurde.“ Karl steht auf, geht zum Wasserhahn und holt sich ein Glas Wasser. Dann trinkt er es in kürzester Zeit aus und atmet ganz tief durch.
‚Verdammt. Tina, du bist mein Zwilling? Dann war es das? War es das was uns die Jahre verbunden hat? War es diese Anziehung?‘
„Stimmt. Das hat Tina heute erwähnt.“, sagt er dann und versucht sich zu konzentrieren und geht wieder zum Tisch zurück.
„Ja, Mama war doch auch erst achtzehn als die beiden heirateten. Beide Paare waren recht gleichalt. Und sie waren damals befreundet. Also unsere Eltern. Georg, also Stephans Vater und Papa waren alte Freunde aus Jugendtagen. Sie waren im selben Fußballteam und sehr erfolgreich.“
„Sowas erwähnte Tina gestern Abend. Sie meinte, er habe dafür gesorgt, dass er ins Team kam. So ergibt das auch einen Sinn. Deswegen wusste er auch, dass sie ein Mädchen ist. Dann haben unsere Eltern uns bewusst zusammengebracht? Damit wir uns kennenlernen?“
„Genau. Später stellte es sich als Fehler raus. Den Grund kannst du dir denken.
Jedenfalls hatte Mama ihren zwanzigsten Geburtstag und es gab eine Party. Es wurden viele Freunde und Verwandte eingeladen und irgendwann sind einige gegangen und andere geblieben. Es wurden ein paar Zimmer soweit genutzt, dass man im Notfall übernachten kann und das wars dann auch. Auf der Party wurde wie üblich viel getrunken und damals wurde auch noch viel geraucht, nicht unsere Eltern, sondern die Gäste. Man hat sehr ausgiebig gefeiert. Also alle haben dann wohl nicht wenig getrunken und die Frauen gingen etwas eher ins Bett. Es war nicht abgesprochen wer welches Zimmer nimmt und einige Gäste schliefen sogar in der Stube auf dem Boden. Die Männer gingen etwas später und dann…naja. Es wurden die Zimmer quasi vertauscht und so betrunken wie die waren haben sie beide nicht bemerkt wo sie waren. Da die Frauen ebenso nicht mehr viel bemerkten, naja. Optisch im Dunkeln sehen sich alle recht ähnlich und…naja. Mehr muss ich dir bei zu viel Alkohol nicht sagen. Du kennst die Wirkung und alle Sinne sind da nicht mehr da aber Anderes will halt noch. Naja.“ Sie wird rot im Gesicht und will sich lieber nicht wirklich vorstellen was da war.
„Am nächsten Morgen als sie aufwachten, da merkten die vier erst, dass sie neben dem falschen Ehepartner lagen. Also sprachen sie ab nur schnell zu tauschen, damit es keiner mitbekommt. Dass etwas passiert war, das war noch gar nicht so offensichtlich. So richtig an irgendwas konnten sich alle nicht erinnern. Das stellten sie erst später fest.“ Karl verschränkt die Hände vor seinem Gesicht.
„Ist das dein Ernst? Eine Verwechslung, weil die zu viel gefeiert haben? Dann sind wir auch noch ein Unfall?“
„Kann man so sagen. Keiner weiß ob Mutter und Georg überhaupt, naja. Mama war fein raus. Ihr konnte nichts passiert sein. Georg hatte nach Stephans Geburt eine Vasektomie, frage mich aber nicht wieso. Jedenfalls war deswegen gleich klar von wem Gesine plötzlich schwanger wurde. Es kam niemand anderer in Frage. Die Zeit stimmte. Es wurde jedoch später sicherheitshalber ein Vaterschaftstest gemacht.“
„Es ist also zweifellos, dass Vater es war. Verdammt nochmal! Wie konnten die vier sich derart an dem Tag gehen lassen?“ Er versucht ruhig zu bleiben, aber als er die Urkunden auf den Tisch legt und dann die beiden Fotos betrachtet, kommen auch ihm plötzlich die Tränen. Er verschränkt die Arme wieder vor seinem Gesicht und er versucht dagegen anzukämpfen, aber vergeblich. Marie steht auf und geht wieder zu ihm und nimmt ihn erneut in die Arme. Sie weint ebenso.
„Ach Marie, ich weiß gar nicht mehr was ich überhaupt denken soll. All die ganzen Jahre ging sie mir nicht aus dem Kopf und ich habe mir versucht vorzustellen wie es ihr geht. Vater hatte mir damals nach meinem Drängeln erzählt, die beiden mussten so plötzlich wegziehen und jeden Kontakt abbrechen. Sie seien angeblich wegen eines Falls von Georg im Zeugenschutzprogramm. Ich dürfe nicht nach ihnen suchen, das könnte sie verraten. All die Jahre, Marie. All die Jahre habe ich das tatsächlich geglaubt, weil ich ihm vertraut habe. Und dann war dieser Artikel in der Zeitung und ihr Name tauchte auf.
Marie, weißt du was das heißt? Ich habe also nicht nur einen Freund verloren, sondern sogar meinen Bruder und auch meine Mutter bzw. meine Eltern.“ Krampfhaft hält er sich an ihr fest.
„Stephan…wieso nur? Wieso hat man euch überfallen? Warum musste das passieren? Du warst mein Bruder?“, stammelt er leise vor sich hin und spricht einige seiner Gedanken aus. Es vergehen wieder ein paar Minuten.
Dann plötzlich hält er inne.
„Moment mal…was meintest du vorhin mit „uns beschützen“? Wieso musste man unsere Familie beschützen? Ich war also eigentlich nach der Geburt bei Gesine und Georg? Man hat uns zuerst gar nicht getrennt?“ Beide lassen sich los und Marie berührt nur seine Schultern und sieht ihn mit ihrem verweinten Gesicht an.
„Genau. Niemand hat es wirklich mitbekommen was war und dann seid ihr geboren und ganz normal mit Stephan zusammen aufgewachsen. Von Georgs Gesundheitszustand wusste niemand weiter, nur deren Eltern und die Geschwister glaube ich. Ihr wart eine glückliche Familie. Mama und Papa besuchten euch manchmal, so blieb eure Bindung aufrecht. Jedoch gab es in eurer Familie einen Vorfall und man entschied euch getrennt aufwachsen zu lassen. Mama ging nicht so weit darauf ein, da sie selbst nicht so viel wusste, aber es gab wohl zwei Männer, die euch beide und Gesine entführten.“, beginnt sie zu erzählen. Karl ist verwundert.
„Eine Entführung?“
„Ja, ihr wart zu dem Zeitpunkt etwa zwei Jahre alt. Ihr könnt euch also beide nicht erinnern.“
Der Zettel
Kapitel 116
Der Zettel
„Gesine fand man zuerst und dann später euch beide, aber die Täter blieben auf freiem Fuß. Man suchte Wochenlang im ganzen Land nach ihnen. Man wusste wer sie sogar waren, aber man konnte sie eben nicht finden. Eure Familie fiel auf. Man brachte euch noch gemeinsam nach dem Vorfall an einen Ort, wo man euch nicht finden könnte. Jedoch war die Gefahr zu groß, dass man euch findet, solange ihr diese Familienkonstellation wart.
Es sah leider danach aus, als würden sie es erneut versuchen und dann schlug die Polizei vor die Familienkonstellation etwas zu ändern, damit man sie nicht so schnell finden kann. Mama hat ja in Hamburg ihre Großeltern noch gehabt, welche noch vor der Trennung des Landes dort wohnten und so gab es Verwandtschaft im Westen. Eine Adoption kam für alle nicht in Frage, aber ein Zwillingspaar mit großem Bruder fiel einfach zu der Zeit zu sehr auf. Und wenn ihr schon getrennt seid, dann nur so, dass ihr euch niemals über den Weg laufen könnt. Um euch zu schützen hat man euch voneinander getrennt. Dich und…deine Geschwister. Mama und Papa wünschten sich selbst schon seit Jahren eigene Kinder, aber es hatte nie geklappt. Und dann wart ihr geboren.
Bei einer Nacht und Nebelaktion hat man dich dann geholt, damit deine Geschwister nicht mitbekommen was wirklich los ist. Also während sie geschlafen haben, bzw. ihr alle.
Am nächsten Tag haben dich deine Geschwister natürlich vermisst und man erzählte ihnen dann die traurige Nachricht, du seist nachts aus dem Bett gekrochen und heimlich ins Meer gelaufen und ertrunken. Wenn also die beiden etwas von dir wissen, dann, dass du einen Unfall hattest. Gesine und Georg müssten dazu eine Sterbeurkunde von einem Bestatter haben, welcher in der Sache mit involviert wurde. Denn ohne Leiche wäre es schwer gewesen.
Mama und Papa sind stattdessen mit dir über die Grenze gegangen, nicht wie andere, sondern nur, um die Familienkonstellation zu ändern. Man hat sie dann offiziell als Flüchtlinge bezeichnet, aber eigentlich haben sie einen Antrag gestellt und dieser wurde ausnahmsweise zeitnah durchgewunken. Es wurde alles abgesprochen. Das gab es sonst eher weniger. Damit ihr jedoch in der BRD besser angenommen wurdet war die Flucht bessergestellter. Als Flüchtlinge hat man einen besseren Status. So habt ihr staatliche Hilfen bekommen. Alles, damit man euch nie wieder finden würde. Die Ähnlichkeit zu Vater zweifelte niemand an und auch ein Test wurde gemacht, aber eben nur mit Vater, das reichte den Behörden, da eine Geburtsurkunde vorlag, also eine neue. Aber so konnten deine Geschwister sorglos aufwachsen, auch wenn man sie finden würde, würde man sie nicht gleich erkennen und du auch, nur eben in Hamburg. Man hat Mama und Papa neue Ausweise verpasst und du warst auch bis zur Einschulung in keiner Kita, das war ja eh nicht so üblich damals. So konnte man dich dann erst mit eigentlich acht einschulen. Um keinerlei Verbindung zur anderen Familie zu finden, wurdest du ein Jahr jünger gemacht und hast einen anderen Geburtstag bekommen. Papa hat dir dann einen neuen Namen verpasst.
Ich kam dann später dazu. Da hat es bei Mama und Papa doch geklappt.“
„Karl-Heinz, statt Henry. Oh, man. Wieso denn ausgerechnet so ein alter Name? Henry war doch moderner?“, versucht er sich mit einer Nichtigkeit abzulenken. ‚Eine Entführung? Was war denn da nur los? Und ich bin offiziell ertrunken?‘ Mit dieser Frage bringt er Marie jedoch zum Lächeln. Sie wischt sich die letzten Tränen aus dem Gesicht und richtet sich wieder auf.
„Weißt du noch was Tina damals immer lustig fand, wenn sie Geburtstag hatte? Stephan fand das dann auch witzig.“, versucht sie ihn zu erinnern. Er überlegt. „Oh, stimmt. Der 13. Juli ist einer meiner Namenstage. War das Absicht?“ Marie nickt fröhlich.
„Ja und auch dein Geburtstag hat Vater nicht grundlos gewählt. Karl-Heinz und Henry haben sehr ähnliche Bedeutungen. Und sie sind mit dir in den Westen gegangen, da wo man sagte, könne man in Freiheit leben. Sagte man damals so. Und deswegen wählte er einen naheliegenden Tag zum 13. Und es war der 4. Juli, der Unabhängigkeitstag der Amerikaner. Immerhin standest du nun irgendwie mit einer Art Fußabdruck auf ihrem Boden. Du konntest hier frei aufwachsen, ohne dass man sich sorgen musste, dass die Leute dir nochmal was antun würden.“
„Moment, du sagst wieder, haben die Männer uns denn was angetan? Oder haben die uns nur festgehalten? Weißt du da was?“ Marie schüttelt den Kopf.
„Nicht wirklich. Mama sagt sie wissen beide nicht was vorgefallen war. Jedoch hast du eine kleine Schnittwunde gehabt. Am Hals. Mehr wissen sie beide nicht.“
Karl ist ganz ruhig und versucht das Ganze zu ordnen. Dann fasst er sich an seinen Nacken und ihm fällt die Geschichte zu der kleinen alten Narbe ein.
‚Vater, Mutter, ihr sagtet, es war ein Unfall beim Schaukeln. Ist es etwa von damals? Das Alter kommt hin.‘
„Und dann kam die Wende und die Grenzen waren auf.“
„Moment, heißt das etwa diese Männer laufen immer noch frei rum?“ Marie überlegt.
„Ach Moment, ja, das schon, aber ich habe noch was Wichtiges vergessen zu erzählen. Warum die Namensänderung von Tinas Seite aus.
Also das war wohl so. Du hast zwar gleich einen neuen Vornamen bekommen, aber Tinas Familie noch lange nicht. Das kam erst kurz vor der Wiedervereinigung. Man wusste wie gesagt wer die Männer waren und dann hat man sie doch irgendwann gefunden und da die Tat zu lange her war und die Beweise zu schwammig, beobachtete man sie und wartete bis sie einen Fehler machten. Es konnte ja sein, sie machen so etwas erneut. Dem war aber nicht so, stattdessen äußerten sie sich wohl eher staatsfeindlich und wurden dann aus politischen Gründen inhaftiert. Das war zwar dann eine andere Strafe, aber so war die Familie für eine Weile außer Gefahr, dachten sie zumindest.
Natürlich war klar, dass sie irgendwann wieder raus mussten, aber das war erst später geplant. Man fand dann sogar durch die Inhaftierung plötzlich sichere Beweise in einer der Wohnungen und es standen bald Gerichtstermine an. In den Monaten nutzten Gesine und Georg die Unruhen aus, verließen das Versteck und zogen endlich richtig nach Rostock, um normal leben zu können. Dort ließen sie sich ihre Namen komplett ändern, damit man sie später, wenn die Männer wieder frei sind, nicht finden kann und Ruhe vor ihnen hat. Es war genau dann als Tina offiziell in die Schule kam, also im September 1989. Erst dann kam auch Stephan in die Schule. Vorher wurden beide zu Hause unterrichtet und hatten wohl weiter niemanden zum Spielen als sich selbst.
Und dann kam plötzlich die Nachricht, dass die Mauer geöffnet wird und alles war neu und ungewiss. Das Problem war, die Verhandlungen lagen noch nicht terminiert und die Anklagen fielen durch die Umstrukturierungen im Staat unter dem Tisch. Die neue Regierung meinte, man habe die Männer nur vorsätzlich und aus politischen Meinungsäußerungen verhaftet, also zu Unrecht. Die Vorwürfe seien nur ausgedacht. Somit wurden sie und viele andere Leute einfach aus dem Gefängnis freigelassen. Sicher gab es die, bei denen das so war, aber bei ihnen war es ja anders. Naja, theoretisch laufen die Herren also immer noch irgendwo rum.
Und auch das ist ein Grund wieso Gesine und Georg keinen großen Aufstand oder Skandal mit Stephans Tod machen wollten. Man befürchtete, dass man sie dann in der Presse erkennen könnte. Also Georg und Gesine.“
„Sie haben es also hingenommen und vermutlich normal polizeilich ermitteln lassen, damit man Tina nicht finden kann?“, stellt er fest.
„Genau, es hätte ja auch sein können, dass die Polizei zu weit gräbt oder man sie vor die Presse gezogen hätte, immerhin war er einer von euch. Stell dir nur mal vor, du als früherer Kapitän und Freund von ihm hättest vor die Kamera gemusst und Tina hätte auch mit dem Team vor die Kamera gemusst. Du weißt doch gar nicht wie ihr zusammen wirkt, wenn man erst die Konstellation von früher ahnt? Ihre Eltern und ihr beiden zusammen auf einem Bild in der Zeitung? Das wäre sicher nicht gut ausgegangen.“
„Es hätte die Täter vermutlich wachgerüttelt, wenn sie nicht sowieso noch auf der Suche nach uns waren.“, vermutet er.
„Das weiß man eben nicht. Vielleicht wäre trotzdem nichts passiert, keine Ahnung.“
„Was machen wir jetzt? Wieso musstest du mir das jetzt kurz vor diesem Spiel unbedingt noch erzählen? Das hätte doch auch im Hotel gereicht. Dann hätte ich mich wenigstens unter die kalte Dusche stellen können, um nachzudenken.“, murrt er plötzlich, steht auf und geht durch den Raum zum Foto. Nachdenklich betrachtet er es. Es ist ein großes Foto vom gesamten Spielfeld. Auf dem Feld sieht man zwei Teams gegeneinander spielen. Eines hat gelbe Trikots an, eindeutig die Farbe der Schule. Das andere Team trägt weiß. Es ist eindeutig von oben aufgenommen worden. Es scheint ein sonderbares Spiel zu sein, denn am Feldrand sind viele Zuschauer.
„Ich habe den ganzen Tag überlegt wann es denn passt. Dieses Chaos hat alles durcheinandergebracht. Ich wollte es dir zuerst gleich heute Früh sagen, aber du warst nicht im Hotel. Naja. Jetzt aber hat sich noch etwas hier ergeben. Wir müssen aufpassen, Karl-Heinz. Da diese Leute vom deutschen Verband da sind und sogar ihren Nationaltrainer mitgebracht haben, darf man dich nicht groß sehen. Wenn, dann nur als Begleitung von Pierre oder Freund von Genzo, so dass es nicht auffällt, dass du was mit Tina zu tun hast. Ich weiß leider nicht wieweit Tina die persönliche Beziehung zum Nationalteam angeben wird, denn die werden sich garantiert wundern, dass die hier sind und zusehen. Immerhin hat sie das sonst vermieden. Ihre Freundschaft zu Genzo hat sie nicht grundlos die ganzen Jahre verschwiegen, sogar vor ihren Spielerinnen. Ich glaube es wusste keine von denen davon. Nur Tsubasas Frau weiß das. Wir haben uns vorhin unterhalten. Sie kann mittlerweile gut Deutsch. Fane ist Tinas engste Freundin und wusste bereits alles über uns. Ich habe natürlich nicht gefragt, aber ich glaube sie weiß sogar, dass ihr beide ein Paar wart. Sie sagte, sie ist jetzt ihre Managerin. Naja, jedenfalls erwähnte sie nebenbei, dass wir hier nicht die Einzigen sind, die etwas aus ihrer Vergangenheit wissen. Ich fragte dann nach, aber sie machte dicht und wollte weiter nichts sagen. Ich vermute jedoch es hat etwas mit dem Mann mit der Sonnenbrille zu tun. Der Japaner im rosa Hemd. Es ist ihr wirklich nur rausgerutscht, weil sie mir mit Sicherheit vertraut und ich ihr so tolle Geschichten von damals erzählt habe. Dann unterhielten wir uns und er kam zufällig vorbei und sie unterbrach das Gespräch. Ich wunderte mich, denn was kann so schlimm sein, wenn er eh nichts versteht.
Naja, ich habe mir dann über die Anwesenden Gedanken gemacht und als ich diesen Mann habe mit dem deutschen Kommissar alleine reden sehen, habe ich mich in Hörweite begeben. Ihr Gespräch war leider nur noch sehr kurz.“ Karl schaut zu ihr.
„Und du konntest zwischen ihrem Englisch was verstehen?“, wundert er sich sehr. Sie grinst.
„Nein, denn sie haben Deutsch miteinander gesprochen. Fane scheint es zu wissen. Ich vermute, dass er etwas über Tina weiß.“
„Seit wann kann der Deutsch? Sogar mit Mikami spricht er nur Japanisch oder auch heute immer nur Englisch in unserer Gegenwart.“
„Es klang sehr klar, Hochdeutsch mit etwas sächsischen Akzent. Naja, egal. Du willst sicher wissen was sie besprochen haben.“ Er schaut neugierig.
„Sie haben sich eindeutig über Tina unterhalten. Es ging darum ihr irgendetwas zu sagen. Ich habe ja nun leider nicht den genauen Anfang mitbekommen. Jedenfalls haben sie dann beschlossen es ihr nicht zu erzählen, es könne sie jetzt nur durcheinanderbringen und dann war die Rede von ihren Eltern. Der Japaner fragte nach ihnen, aber Herr Heinemann konnte weiter nichts dazu sagen. Und dann, dann wurde es besonders interessant.“ Sie pausiert und geht auf ihn zu. „Was auch immer sie besprochen haben, er hat vorgeschlagen es jemanden zu erzählen. Leider weiß ich nicht wem.“
„Hm, hast du denn hören können warum? Also warum sie es der Person sagen wollen?“
„Nein, ich denke aber mal, um sie zu beschützen. Ich glaube nicht, dass die beiden böse Absichten haben. Sie klangen eher besorgt.“ Karl überlegt, aber egal welche Spekulationen er sich ausdenkt, wirklich wissen wer es sein könnte und worum es wirklich ging, das kann er nicht. Es ist ruhig.
„Marie, dieser Kommissar, was hast du bei ihm für ein Gefühl? Was war da in Tinas Laden?“
„Oh, er ist wirklich sehr nett. Ein toller Mann. Er hat mich vor den Kunden beschützt als mir die doofen Worte rausgerutscht sind. Er hat mich als seine Tochter ausgegeben, damit man sofort daran zweifelt, dass ich deine Schwester sein könnte. Und dann als die Täter nur noch da waren hat er sich ebenso vor mich gestellt und beschützt. Dann erst hat er sich zurückgezogen. Ich denke nicht, dass er böse Absichten hat. Er hat doch selbst vier Kinder.“
„Ich hatte vorhin ein seltsames Gefühl in seiner Nähe. Als würde ich ihm schonmal begegnet sein. Aber das konnte nicht sein, dachte ich, denn mit der Polizei aus Schwerin hatte ich nie etwas zu tun. Allgemein hatte ich nie etwas mit der Polizei wirklich zu tun. Ich kenne also niemanden. Was ist, wenn er damals bei den Ermittlungen dabei war? Damals bei der Entführungsgeschichte? Was meinst du?“ Marie ist verwundert.
„Und Herrn Katagiri bin ich bereits begegnet als Tina und Stephan noch im Team waren. Er hatte Genzo mal bei Gelegenheit nach einem Spiel angesprochen und sich ihm und uns kurz vorgestellt. Tina war an dem Tag jedoch mal krank und nicht beim Spiel dabei. Sie hat ihn also nicht gesehen. Er ist Talentscout der Japaner und arbeitet für den Verband schon seitdem er nicht mehr selbst spielt. Er müsste in Vaters Alter sein, denn er hat mit Mikami und Gamo zusammen im selben Nationalteam gespielt. Er konnte jedoch wegen eines Unfalls und seiner beinahe Erblindung nicht mehr spielen und musste sehr früh seinen Sport aufgeben. Ähnlich wie bei Roberto Hongo, den Brasilianer, der sich Tsubasa angenommen hatte.“ Er schaut auf die Uhr.
‚Es ist noch eine halbe Stunde bis das Spiel beginnt. Das ist gut.‘ Er geht zum Tisch und nimmt die Blätter in die Hand.
„Pass auf Marie, ich werde mich ohnehin jetzt etwas rarer machen und du wirst dich mit mir erstmal nicht mehr sehen lassen. Ich werde mich in den Hintergrund stellen, ich habe schon eine Ecke gefunden, wo ich trotzdem zusehen kann. Man darf uns am besten nicht zusammen mit Tina sehen. Die Japaner merken es sicher nicht, aber jetzt wo ich es weiß, wir haben irgendwie doch Ähnlichkeiten, also Tina und ich. Es könnte jemand sehen. Jetzt wo ich es weiß, sehe ich sogar Ähnlichkeiten zwischen euch. Dass ich hier bin muss niemand wissen. Wenn es doch rauskommt, denke daran, ich besuche Genzo, wir kennen uns nicht, ganz so wie es Kommissar Saito gehandhabt hat. Weiter nichts. Das haben ich vorhin schon mit ihm so ausgemacht. Du bleibst wie abgesprochen einfach eine Freundin von Tina aus Hamburg, eine Künstlerin und fertig.“ Sie nickt. Dann umarmt sie ihn.
„Es tut mir alles nur so leid. Ich weiß doch selbst nicht was ich machen sollte. Ich…werde immer für dich da sein, Brüderchen. IMMER, hast du verstanden?!“
Ein paar Minuten später steht Karl-Heinz alleine im Raum und Marie ist bereits gegangen und macht sich wieder an ihre Arbeit. Er steht am Waschbecken und denkt über alles nach, während er versucht die Flecken etwas mit dem Lappen abzureiben. So richtig will noch nicht alles in seinen Kopf. Von einer Minute zur anderen ist er plötzlich ein Jahr älter als offiziell und er ist ein Zwilling? Nun wird ihm auch so einiges klar. Plötzlich kann er es verstehen warum seine Eltern etwas dagegen hatten, dass er sich mit Tina als Mädchen trifft. Der Kontakt sollte nur mit ihren Brüdern sein. Sie hatten vermutlich Angst, dass das passieren könnte was am Ende passierte. Dann sieht er auf zur Teeauswahl und er blickt genau auf eine Kräutermischung. Seine Mutter liebt Kräutertee.
„Mutter. Wie hast du dich denn die ganzen Jahre nur dabei gefühlt? Und warum die Streiterei? Wie geht es dir jetzt wo du Marie alles erzählt hast? Du sorgst dich sicher sehr um uns.‘ Er schaut auf seine Hände.
‚Du warst immer für mich da und ich hatte nie ansatzweise das Gefühl, dass du mich weniger lieben würdest als dein eigenes Kind. Nein, deine Liebe zu mir bezweifle ich nicht. Kein Stück!‘ Entschlossen trocknet er seine Hände ab und greift dann in seine Tasche und holt das Handy raus. Er wählt ihre Nummer.
Es klingelt nur einmal und schon wird abgehoben.
„Mein Junge.“, ist sofort eine weinerliche Stimme zu hören.
„Mutti.“, entgegnet er noch etwas trocken.
„Karl-Heinz. Ich…ich…habe dich lieb. Vergiss das nie.“, weiß sie sich nichts anderes zu sagen und spricht einfach nur ihre Gefühle aus. Ihre schniefende Stimme sagt ihm, dass er niemals an ihren Gefühlen zweifeln würde.
„Ich weiß. Deswegen rufe ich an. Marie, sie hat mir alles erzählt. Alles…was du ihr heute Nacht erzählt hast. Ist es wahr? Ist Tina meine Zwillingsschwester?“, stellt er die wichtigste Frage überhaupt und will sie bestätigt wissen. Es ist kurz still und er hört nur ein Niesen und Schniefen von ihrer Seite. Am anderen Ende der Leitung sitzt seine Mutter auf dem Sofa und weint sich die Augen aus. Erneut greift sie zu den Taschentüchern und schnaubt aus.
„Ja. Es tut mir alles so unendlich leid.“
„Mutti, hör zu. Mache dir keine Sorgen um mich. Ich…ich weiß es jetzt und du musst mir helfen. Ich muss wissen wie ich mich bestimmten Leuten gegenüber verhalten muss. Beantworte mir bitte ganz ehrlich meine Fragen, okay? Wir dürfen uns keinen Fehler mehr erlauben. Es sind hier einige Dinge passiert. Die neuen Umstände ändern alles was bisher war.“, spricht er ernst und versucht einen klaren Kopf zu behalten.
„Okay. Ich bin ganz ehrlich zu dir. Aber…aber du…du besuchst mich doch nochmal?“
„Davor hast du Angst? Glaubst du wirklich ich will dich nicht mehr sehen?“
„Ja, das macht mir Angst.“, sagt sie ehrlich.
„Keine Sorge. Du bist und wirst immer meine Mutter sein, okay? Daran wird sich nie etwas ändern.“, spricht er sanft.
„Danke, ich…bin so glücklich.“ Ihr Puls geht etwas runter und sie versucht sich nun auf seine Fragen zu konzentrieren.
„Gut, also. Wer ist Munemasa Katagiri? Was hat er mit uns zu tun? Marie hat etwas an ihm bemerkt und es hat den Anschein, er weiß etwas über Tina. Er kann Deutsch sprechen, das ist mir neu.“
„Munemasa? Er…er war ein Freund von Bernd und Georg. Er hat hier in Deutschland Familie. Die drei trafen sich immer in den Ferien, wenn seine Familie am Meer Urlaub machte. Sie lernten sich am Strand beim Spielen kennen. Dein Vater und er hatten später einen großen Streit. Er denkt, dass du der Sohn von Georg und Gesine bist. Aber er weiß auch nicht, dass die Familie ihren Namen geändert hatte. Er dürfte also nicht wissen wer Tina und Stephan waren.
Warum fragst du nach ihm? Wo bist du denn?“
„Das erzähle ich alles später. Ich bin noch in Japan. Dazu ist keine Zeit. Gut. Weiß er denn von der Entführung?“
„Ja, wir haben das alles erst später erfahren als schon alles vorbei war und die Polizei dann den Vorschlag machte euch zu trennen. Munemasa war damals als Begleitperson auf dem Revier, als man euch beide befunden hatte.“
„Meinst du man kann ihm trauen? Immerhin ist er vom japanischen Verband. Wenn er erfährt, dass ich Henry bin und bereits 1982 geboren, dann spielt es ihm doch in die Karten.“
„Er würde das niemals preisgeben. Er war doch mit Georg noch etwas länger befreundet und er ist ehrlich. Er ist okay.“, ergänzt sie etwas zurückhaltend. „Verstehe. Dann kennt er eventuell die Polizisten, die den Fall betreut haben?“
„Vielleicht, keine Ahnung.“
„Hast du schonmal etwas von einem Polizisten Namens Uwe Heinemann gehört? Er müsste in Vaters Alter sein.“ Seine Mutter überlegt.
„Nein. Die Männer waren wohl eher alle deutlich älter. Aber es gab da glaube ich einen Polizeischüler, ein ganz junger Mann, der noch lernte. Er hat sich um Gesine gekümmert, während ihr noch gesucht wurdet und sie schon gefunden wurde. Mehr weiß ich da auch nicht. Namen habe ich nicht. Die Kennt dein Vater auch nicht.“
„Okay. Eine Frage noch. Und sei ganz ehrlich.
Wer wusste alles im HSV oder im Verband, dass Tina ein Mädchen ist? Sie kann doch nicht ohne Hilfe so lange unentdeckt gewesen sein. Das habe ich mich ohnehin immer gefragt.“
„Sie wussten es fast alle im Verein, außer natürlich der Japaner, dieser Keeper, der deinen Freund Genzo trainierte. Die anderen haben es bestimmt gewusst. Aber es wusste niemand, dass ihr Geschwister seid. Beim Verband weiß ich es nicht.“
„Okay, danke. Damit kann ich was anfangen.“
„Und eure Streitereien? Hatten die mit mir zu tun? Oder wieso habt ihr euch plötzlich so viel gestritten, abgesehen von der Sache mit dem Skandal. Das war vorher schon so.“ Seien Mutter schweigt etwas.
„Ich…war dagegen euch miteinander bekannt zu machen. Ich hatte Angst, es geht schief. Das war der Grund. Ich hatte immer Angst davor. Aber Bernd hat seinen Sturkopf durchgesetzt, weil er Bettina um sich haben wollte. Und Georg und Gesine waren auch etwas sturköpfig. Ich konnte Gesine verstehen. Sie liebte dich doch auch und hat dich sehr vermisst.
Karl-Heinz. Wie…geht es dir? Wie geht es Bettina?“, schluchzt sie wieder und traut sich kaum zu fragen. Karl schweigt ein paar Sekunden.
„So etwas in der Richtung habe ich mir schon gedacht. Danke, dass du nach mir fragst. Ich weiß noch nicht wie es mir geht, Mutter. Marie hat es mir eben erst erzählt.
Tina, ja. Ihr geht es scheinbar gut. Sie…sie sagt, sie sei glücklich und…sie hat einen Mann an ihrer Seite.“ Es ist still.
„Wirklich? Ist er wenigstens ein guter Mann? Kennst du ihn schon?“
„Ich kenne ihn, ja. Er ist…aus Genzos Team.“
„Wie jetzt? Aus seinem Team? Das Japan-Team? Oh nein.“, wundert sie sich.
„Es ist…es ist ausgerechnet…Hyuga.“, sagt er dann mit fester enttäuschter Stimme und dann legt er einfach auf. Es tut ihm in der Brust weh seinen Namen auszusprechen.
„Verdammt!“, sagt er vor sich hin und schlägt plötzlich mit den Händen auf die Arbeitsplatte.
‚Verdammt nochmal! Wie konnte es soweit kommen?! Mama, Papa! Was habt ihr euch dabei gedacht? Es wäre besser gewesen, wenn wir uns dann nie begegnet wären. Jetzt bist du für immer…für immer für mich verloren, Tina. Für immer…weil…weil es nicht sein darf!‘ Er richtet sich hoch und wäscht sich das Gesicht. Dann nimmt er sich Papierhandtücher und trocknet sich ab. Im Gedanken vertieft geht er zum Tisch und setzt sich dort hin. Er holt sein kleines Foto wieder raus und betrachtet es.
‚Jetzt wo man es weiß, ist es zu erkennen. Marie hat Recht. Wir dürfen auf keinen Fall zusammen zu sehen sein. Gut, dass ich das Foto wieder von der Webseite habe nehmen lassen. Das wäre ja fatal. Was mache ich jetzt nur? Irgendwann taucht Tina in den Medien in Europa auf und dann? Sie sieht ihrer Mutter verdammt ähnlich. Nein, unserer Mutter.
Oh man. Gesine und Georg, wie konntet ihr diesem dummen Vorschlag der Polizei nur zustimmen? Wieso? War eure Angst größer als das Bedürfnis mich bei euch zu behalten? Wieso nur? Und warum ich? Warum bin ich gegangen und nicht Tina? Etwa weil ihr schon einen Jungen hattet?‘ Er legt seinen Kopf auf den Tisch und schaut zur Seite.
Zeitgleich steht eine junge Frau im Flur neben der Tür. Sie lehnt an der Wand und schaut hoch zur Lampe.
‚Fremder, bist du noch da drin? Was hat Tina vorhin gesagt? Sie meinte sie könne sich plötzlich diesem Mann voll hingeben? Was meint sie damit? Das hat sie nur mir gesagt, nicht den anderen. Aber was meint sie damit? Einem Mann hingeben und voll vertrauen? Wie kann sie das wissen? Sie sagt, sie hat es plötzlich gespürt und dann war es da. Aber wie…wie fühlt sich das an? Wie fühlt sich Hingabe an? Ich weiß überhaupt nicht was sie damit meint, alles fallen lassen zu können. An nichts anderes denken.‘ Sie schaut dann auf ihre Hände.
‚Was nur? Als ich diesem Mann vorhin begegnet bin habe ich tatsächlich an nichts anderes gedacht, dabei habe ich mich nur Sekunden davor so über Honoka aufgeregt. Und dann war plötzlich der Gedanke an sie weg.‘ Mutig holt sie den Zettel aus der Handtasche, die sie bei sich trägt und faltet ihn auseinander. Dann klappt sie ihn wieder zu und behält ihn in der Hand. Dann atmet sie tief durch und klopft an die Tür. Karl-Heinz richtet sich überrascht auf, steckt das Foto in die Hosentasche und setzt sich gerade hin.
„Herein.“, sagt er auf Englisch. Die Tür öffnet sich und er ist sehr erstaunt als er die schöne Japanerin erblickt. Sie lächelt selbstsicher und sieht dann direkt zu ihm. Sie tritt herein und schließt die Tür hinter sich.
„Hi. Ich habe gehofft, dass du noch hier bist.“, spricht sie und geht etwas zurückhaltend zwei Schritte auf ihn zu. Ihr Herz zerspringt förmlich und sie muss sich sehr konzentrieren.
‚Er sieht wieder so traurig aus, dabei hat er doch vorhin so glücklich geguckt, als er den Kleinen auf der Schulter hatte und uns gesehen hat. Und auch vorher war er so freundlich und schien etwas fröhlich zu sein.
Und nun? Was ist vorhin passiert, dass er jetzt nicht mehr fröhlich sein kann?‘
Karl steht langsam auf und sieht sie sehr fragend an.
‚Wieso ist sie hier? Sie hat gehofft, dass ich noch hier bin? Wieso? Wenn sie das Spiel hat, wieso bereitet sie sich nicht darauf vor? Da kommt sie lieber hier her?‘
„Hallo, es tut mir leid wegen vorhin. Es war sehr unpassend. Ich wollte nicht unhöflich sein.“, weiß er nicht so richtig was er sagen soll, denn sei Puls steigt ebenso enorm an. Jetzt, wo sie plötzlich nur alleine in diesem Raum stehen und niemand stören kann, fühlt sich die Begegnung seltsam an. Ihre Blicke treffen sich und keiner kann etwas sagen. Sie sehen sich tief in die Augen und stehen nur etwa zwei Meter voneinander entfernt gegenüber.
Dann plötzlich sagt sie etwas ganz leise.
„Du siehst traurig aus. Vorhin…da hast du gelächelt.“, stammelt sie etwas verlegen.
‚Akane du dumme Kuh, wieso fängst du an zu stottern? Ist ja voll peinlich. Das gibt es doch gar nicht. Wieso bringt er mich derart durcheinander?‘
„Ich…habe eben eine traurige Nachricht erhalten.“, antwortet er so ehrlich wie möglich und versucht cool zu wirken.
„Das tut mir sehr leid. Ich hatte auch einen schlechten Tag.“ Plötzlich stellt sie sich direkt vor ihn und schaut zu ihm auf. Wie erstarrt sieht sie in seine blauen Augen und kann sich kaum bewegen. Zwischen ihnen passt höchstens noch eine Handbreite und sie schließt ihre Augen. Beide können den lauten schnellen Herzschlag des Anderen hören. Kurz darauf öffnet sie ihre Augen wieder und spricht wieder ganz leise.
„Wenn, dann du.“ Sie sagt es so leise, dass er selbst kaum etwas versteht und unsicher ist ob er es überhaupt richtig verstanden hat.
Sie tritt einen Schritt zurück und hebt die linke Hand. Akane deutet an ihm etwas geben zu wollen und legt den zusammengefalteten Zettel neben sich auf den Tisch. Dann sieht sie ihm ernst in die Augen und lächelt kurz dabei.
„Ich weiß zwar nicht wer du bist, Fremder, aber wenn du etwas Trost und Ablenkung brauchst, such mich auf.“, sagt sie nur mit fester Stimme und dann dreht sie sich um und verlässt zügig den Raum. Völlig perplex steht Karl-Heinz da. Was war das denn jetzt für eine seltsame Aktion? Hat sie das jetzt wirklich ernst gemeint? War das eben etwa ein gewisses Angebot? Ein Angebot für eine Nacht? Er starrt noch irritiert zur Tür und vor ihm steht sie gedanklich mit ihrem hübschen grauen Kleid und den wunderschönen langen schwarzen Haaren. Ihr Lächeln geht ihm nicht aus dem Kopf.
‚Was hatte das denn zu bedeuten? Sie hat mich doch nicht etwa eben zu sich eingeladen?‘ Noch etwas verdutzt greift er dann zum Zettel und klappt diesen auf. Auf diese seltsame Begegnung setzt er sich erneut hin und hält den Zettel in der Hand.
„Heute ab 23 Uhr. Adresse: Baker Street 46, Apartment 3706.“ Er klappt den Zettel wieder zu und lehnt sich an. Er hält ihn in der Hand und starrt darauf.
‚Ich habe ja schon viele solche Zettel zugesteckt bekommen, aber das hier…was war das wirklich? Sie weiß scheinbar nicht wer ich bin.‘ Karls Puls ist noch erhöht und er ist immer noch etwas angespannt. Dieser Blick vorhin und auch die Male zuvor lässt ihn nicht mehr los.
‚Sie ist wirklich sehr schön. Jeder Mann würde sich vermutlich glücklich schätzen so ein Angebot zu bekommen. Aber…was ist mit ihren Kindern? Und da gibt es einen Vater? Was soll das dann?‘, geht ihm durch den Kopf.
Tora-sans Geheimnis
Kapitel 117
Tora-sans Geheimnis
Kurz nach der Begrüßung in der Halle ruft Tina ihre Frauen zusammen und gemeinsam verlassen sie die Halle. Fane weist die Leute vom Verein und dem Verband ein und begleitet sie zu ihren Logenplätzen. Begeistert über die schnelle und gute Organisation nehmen sie Platz und betrachten den Trubel in der Halle. Danach entfernt sich Fane und ruft ihren Mann in der Umkleide an.
In der Umkleide des Tokio-Teams wird sich endlich herzlichst begrüßt.
„Ach Mädels. Ich bin so froh, dass doch noch alles geklappt hat.“, äußert Tina glücklich und alle umarmen sie nacheinander und sie plappern dann alle etwas durcheinander.
„Das war total lustig.“
„Das hast du sicher alles ausgeheckt, Tora-san. Oder?“
„Das war nicht geplant hier her zu kommen.“
„Ich bin erstaunt, dass die ganzen Fußballer alle hier sind. Wie kommt das denn?“
„Genau, du bist denen immer nur ausgewichen und dann sowas hier. Aber die sind alle nett.“
„Ja, total nett und hilfsbereit.“, grinst die Nächste. Tina hebt die Hand.
„Mädels, ich muss euch etwas sehr Wichtiges sagen und uns fehlt für anderes jetzt die Zeit. Später könnt ihr euch gerne über die Männer unterhalten.“, spricht sie ernst und laut genug. Alle sind ruhig und hören ihr zu, während sie sich schnell umzieht.
„Ich hatte die letzten Tage etwas Stress, auch guter Stress, aber kaum etwas lief wie es geplant war. Ihr wisst, normalerweise bin ich total durchstrukturiert und meine Zeitfenster sind oft durch die Kundenbetreuung eng. Das Spiel heute ist ebenso anders geplant gewesen, das wisst ihr ja. Ich habe euch aber noch nicht erzählt wer unser eigentliches Team gewesen ist. Akanes Team ist jetzt nur für die Frauen eingesprungen, da sie für uns ein sehr starkes Team sind. Und ihr kennt Akane. Sie lässt keine Chance aus sich mit mir und euch zu messen.“, grinst sie fröhlich. Alle lachen.
„Das stimmt. Nun erzähl schon welches Team war denn geplant?“, ruft Honoka eine der großen Bloggerinnen aufgeregt.
„Was ihr nicht wisst, ich habe seit einigen Jahren eine Freundin in Italien. Sie ist ebenso wie wir Volleyballerin und spielt in einem sehr starken Team in der A Liga. Wir hatten das Spiel organisiert, damit wir alle mal den internationalen und europäischen Stärken gegenüberstehen können. Ich habe das Team letzten Sommer besucht. Nach der Asienmeisterschaft hat man mich dort bereits angeworben, aber ich lehnte ab. Es ist das Chieri Torino Team.“, erklärt sie.
Alle sind überrascht.
„Was? So ein starkes Team? Voll cool.“, äußert Mila zuerst und klatscht in die Hände.
„Oh nein! Das ist ja entsetzlich. Ist das nicht das Team wo die beiden Spielerinnen im Koma liegen?“, haut eine raus.
„Genau das ist es. Deswegen konnten sie nicht kommen. Der Unfall ereignete sich auf dem Weg hier her. Aber keine Sorge. Viola und Ludovica geht es wieder besser. Sie sind aufgewacht.“ Alle sehen trotzdem traurig zu ihr.
„Und…wie schlimm ist es? Können sie wieder spielen?“ Tina richtet sich auf. „Nein. Sie können wohl wieder normal leben, aber mit dem Profisport ist es aus. Was meint ihr wieso ich euch immer sage, macht eine Ausbildung oder nebenbei ein Studium. Man weiß nie wann es kommt. So ein blöder Unfall kann immer mal passieren. Ich spreche da auch aus Erfahrung. Meinem Vater ging es so mit gerade mal fünfzehn. Er stürzte sich dann ins Studium.“
„Das stimmt. Oh, dein Vater, stimmt hast du mal erwähnt. Was hat der denn eigentlich gemacht? Also welchen Sport, meine ich.“ Die Kapitänin sieht sie lächelnd an.
„Jetzt kann ich es euch ja sagen. Er hat Fußball gespielt und war auch wirklich gut.
So, den Rest erzähle ich euch dann, wenn wir uns gleich mit Akanes Team treffen. Ich muss es euch leider alles vor dem Spiel erzählen, weil wir ungebetene Zuschauer haben und die könnten mir, uns allen und anderen Leuten große Probleme bereiten, wenn wir nicht aufpassen. Wenn ich es gewusst hätte, hätte ich die beiden Mannschaften da draußen gestern nicht so spontan eingeladen.“ Die Frauen sind erstaunt und machen sich ihre Gedanken.
„Nun erzähl schon! Wer ist es? Wenn dein Vater Fußballer war, dann ist es ja wohl klar, dass es auch einer sein muss. Wer aus den beiden Teams ist dein neuer Freund?“, haut Honoka plötzlich ganz aufgeregt raus. Mila, Yoko und Yako kichern vor sich hin. Tina ist erstaunt, das überhaupt der Verdacht besteht, es wäre jemand aus dem Team mit ihr zusammen.
„Wie jetzt? Wieso denkt ihr es wäre jemand aus den Teams mein Freund?“
„Ist doch offensichtlich, immerhin hast du bisher nur Kontakt zu Jun gehabt. Aber der ist verheiratet.“
„Hm, ihr habt Recht. Aber das kläre ich auch dann auf.“ Tina steht auf und geht zur Tür.
„Kommt bitte mit zum Beratungsraum. Dort treffen wir auf Akanes Team und die müssen leider ebenso informiert werden. Uns rennt die Zeit davon.“
„Wieso müssen die denn das wissen? Was ist denn so wichtig? Kannst du das denen nicht nach dem Spiel in Ruhe erzählen?“, funkt Honoka dazwischen.
„Es muss leider sein, da beide Teams es wissen müssen und ihr meine vertrautesten Spielerinnen seid. Es muss vor dem Spiel sein. Ich möchte nicht, dass ihr euch vor dem Publikum verplappert.“
„Worum geht’s denn überhaupt?“, hinterfragt Aiko, die zweite Bloggerin.
„Ich muss euch jetzt endlich erzählen was vor Japan war. Es haben sich einige Dinge ereignet, dass es nun wichtig ist für euch.“ Plötzlich sind alle still und sie folgen ihrer Kapitänin ohne ein Wort zu sagen in den Beratungsraum. Dort begrüßen sich die Teams höflich und Tina geht auf Akane zu.
„Nanu, du bist noch nicht umgezogen?“, wundert sie sich.
„Ich muss danach noch kurz was erledigen. Und trainiert habe ich den ganzen Tag lang. Du wirst dich heute noch wundern.“, grinst diese und beide geben sich die Hand.
„Leider rennt uns wegen des Ortwechsels jetzt die Zeit davon. Aber da wir heute ein zusätzliches Publikum haben, einiges sich in meinem Leben geändert hat und ausgerechnet der deutsche Verband heute herkommt, muss ich euch allen etwas sehr Wichtiges vor dem Spiel sagen. Es war erst danach geplant, aber nun muss es vorher sein.“ Tina holt tief Luft und fordert die Frauen auf sich hinzusetzen. „Ist das echt nötig? Wir sind gerade so aufgekratzt.“
„Setzt euch einfach, es ist wirklich besser. Es wird keine lustige Geschichte sein.“ Sie tun was sie sagt und hören gespannt zu.
„Also, ich werde euch nun erzählen was vor Japan war. Warum ich hier bin und warum es niemand wissen darf.“ Die Frauen sind ruhig.
„Ich habe damals bevor ich nach Japan kam als Kind und Jugendliche professionell Fußball gespielt.“, haut sie frei raus. Alle sehen sie verdutzt an.
„Ist das alles? Das ist nichts neues. Das wissen wir schon.“, meint Aiko gelangweilt.
„Ja genau, aber toll, dass du es uns jetzt endlich mal sagst.“, kommt von einer anderen Spielerin. Die Frauen kichern. Tina ist etwas verwundert.
„Verstehe ich jetzt nicht, Woher wisst ihr das denn?“ Yako tritt hervor und klärt es auf.
„Als du damals angefangen hast ernsthaft zu trainieren und deinen ersten Ball versuchtest zu entwickeln haben wir bereits alle bemerkt, dass du den Fußballern aus dem Weg gehst und natürlich waren die Mädels neugierig wieso. Jedenfalls wissen wir zwar nicht warum, aber wenn du alleine warst, also in der Halle und dachtest du bist alleine, da haben wir dich beobachtet und du hast deinen Ball ständig gegen das Tor geschmettert und es vorher immer so seltsam angesehen. In unserer Gegenwart hast du das nur mit dem Netz gemacht. Immer wieder gegen das Netz und hast es dir dann angesehen. Das war schon komisch. Und dann bist du ständig nur draußen gelaufen, nie in der Halle. Egal bei welchem Wetter. Und dann, eines Tages hast du verzweifelt auf dem Boden gesessen und dich ins Tor gesetzt und den Ball festgehalten. Dann bist du aufgestanden und hast angefangen den Ball mit den Füßen zu jonglieren. Das hast du dann später öfters mal gemacht, wenn du alleine warst. Deswegen war es eindeutig.“
„Ja genau. Wenn du dachtest du bist alleine, dann hast du das gemacht. Deswegen dachten wir. Irgendwas war, dass du nicht mehr spielen willst und hältst dich deswegen von den Fußballern fern.“
„Wow, da war ich wohl sehr unvorsichtig. Aber mehr wisst ihr nicht?“, bestätigt sie es.
„Nö. Was war denn so schlimm daran, wenn wir es erfahren hätten?“
„Es ist kompliziert. Also gut. Ich habe aber nicht bei den Mädchen gespielt. Ich…ich war in einem Jungs-Team und habe mich als Jungen ausgegeben. Mein Bruder war ebenso in diesem Team. Wir waren eine tolle Mannschaft und es gab große Freundschaften. Eine davon ist mir noch geblieben. Ich habe euch ab und an mal etwas von meinem besten Freund in Deutschland erzählt. Also nicht viel, nur dass es ihn gibt. Was ihr nicht wisst, er ist Japaner und spielt im Nationalteam.“ Plötzlich wird es etwas unruhig. Untereinander wird etwas getuschelt.
„Was meinst du jetzt genau? Willst du uns jetzt gerade sagen du warst mit einem aus dem Nationalteam im selben Jugendteam? Da kommt doch nur einer in Frage.“ Tina nickt.
„Ja, er hat mich im Tor abgelöst. Ich war bis zu seiner Ankunft Keeper.“
„Reden wir hier etwa von Genzo Wakabayashi? Er ist soweit ich weiß der Einzige der als Kind in Deutschland war und noch dort lebt.“
„Deswegen deine Kondition, als du hierhergekommen bist. Wow. Das erklärt einiges.“
„Ja, wir sind damals zusammen in dieselbe Klasse gegangen. Deswegen kam er dann auch schnell hinter mein Geheimnis. Er wird gleich auch herkommen. Ebenso sein Kapitän und drei weitere Männer aus seinem Team. Nun zu dem was war.“
„Ja, was meinst du mit Bruder? Hast du doch eben gesagt. Dein Bruder war auch in diesem Team.“, meint Yako plötzlich.
„Darauf gehe ich jetzt ein.“ Sie schaut zu Akane. Diese wirkt ungewohnt nachdenklich.
„Akane, was ich sagen will wird dich vermutlich persönlich treffen. Wenn es dir zu viel ist, kannst du mir ein Zeichen geben und kurz den Raum verlassen, okay?“, spricht sie ruhig zu ihr.
„Äh, wieso? Nein, alles gut. Erzähl schon. Ist er etwa gestorben? Willst du das sagen?“, kommt sie ihr entgegen. Tina nickt.
„Es fällt mir selbst schwer es zu sagen, aber es muss sein. Ihr versteht sonst nicht worum es geht. Wir…wurden nach einem Spiel der Profis von Fußballfans überfallen und sie haben ihn vor meinen Augen zusammengeschlagen. Stephan hat es nicht überlebt.“, berichtet sie ruhig, aber schnell. Sie möchte es hinter sich bringen. Es ist ruhig und jeder schaut betrübt zu Boden.
„Und…was war mit dir? Haben die dir…auch wehgetan?“, kommt von Mila, welche bereits etwas Tränen in den Augen hat.
„Ich hatte großes Glück, denn Genzo kam rechtzeitig vorbei und konnte die Männer verjagen und den Notarzt wie Polizei rufen.“
„Es waren Fans? Hast du deswegen aufgehört zu spielen?“
„Ja, meine Eltern ließen dann die Wahl wo wir hinziehen wollen und ich entschied mich auf Genzos Rat hin für Japan. Für einen Neuanfang. Dann ergab es sich mit dem Volleyballspielen.“ Sie schaut zu Yoko.
„Yoko, komm bitte zu mir.“ Natürlich folgt sie der Aufforderung und Tina sieht sie glücklich an und nimmt ihre Hände.
„Es tut mir leid, dass ich nicht einmal dich einweihen konnte. Und als du mir deinen Sport gezeigt hast und mir den Ball in die Hände legtest, da waren plötzlich diese schrecklichen Bilder weg. Wochenlang konnte ich nicht mehr an Sport denken, außer dass mir alle Knochen weh tatet und ich dann anfing zu laufen und zu schwimmen. Aber du, Yoko, du hast mir mit deiner Fröhlichkeit und dem Ball meinen Neuanfang gezeigt. Ich hatte endlich wieder einen Ball in der Hand und das machte mich sehr glücklich und lenkte mich von allem ab. Deswegen kam ich auch dazu ins Team zu wollen, um jeden Preis. Aber dann bemerkte ich es.“ Sie schaut wieder zu den anderen und lässt sie los.
„Ich habe hier in Japan gemerkt, dass mich der Anblick von Fußballern schwächte. Immer hatte ich diese Situation vor mir und sah diese Bilder, wenn ich Trikots sah. Deswegen bin ich ihnen komplett aus dem Weg gegangen. Und Begegnungen gab es mit Jun nur in Schuluniform oder Privatkleidung. Wir brauchten eine Weile bis wir uns angefreundet hatten. Der einzige Kontakt zu Fußballern war Genzo.“
„Moment, also der Keeper Wakabayashi hat dir sozusagen das Leben gerettet?“
„Genau.“ Akane sieht sie plötzlich nachdenklich an.
‚Genzo? Tina, als wir uns damals das erste Mal begegnet sind, meintest du, du hattest Glück, weil du einen Freund hattest, der dir rechtzeitig zur Hilfe kam. Ist es etwa dieser Genzo? Hast du ihn gemeint? Von deinem Bruder hast du aber nie etwas gesagt, nur, dass du überfallen wurdest.‘ Sie schaut auf die Uhr.
„Beeile dich Tora-san. Wir wollen aufs Feld.“, sagt sie plötzlich streng.
„Ja, ich mach ja schon.“
„Und er ist jetzt nicht nur dein Freund, sondern doch mehr und deswegen musst du uns das sagen?“, vermutet eine aus den Rängen. Tina rollt mit den Augen.
„Och nö.“, stöhnt sie auf.
„Ihr seid ja wie meine Familie. Wir sind nur Freunde, klar? Das ist eher wie zwischen Geschwistern.“ Tina geht zur Tür und öffnet sie.
„Ihr könnt reinkommen.“, spricht sie Fane und die Männer auf dem Flur an. Tsubasa, Fane, Jun, Genzo und Ken betreten den Raum. Tina schließt hinter ihnen die Tür. Die Volleyballerinnen staunen alle nicht schlecht. Es wird unruhig und alle sehen sich verwundert an und tuscheln.
„Wow, jetzt kommt sogar der Kapitän Ohzora. Wow, er hat vorhin auch gut mitgeholfen. Das hätte ich alles gar nicht gedacht.“
„Ja, die kamen mir auch alle sehr bodenständig rüber.“
„Er soll ja verheiratet sein. Schade eigentlich.“ Es wird gekichert und einige Blicke sind natürlich auf Genzo und Ken gerichtet.
„Ja, leider. Misugi dummerweise auch. Seine Frau hat uns beim Putzen geholfen.“
„Wow, und die Keeper sehen privat auch echt adrett aus.“
„Vor allem Wakashimazu, er wohnt hier und ist noch Single.“, meint jemand aus dem Tokio-Team. Yoko dreht sich zu ihr um und sieht sie grinsend an.
„Ken ist schon reserviert, klar!“ Sie erntet ein erstauntes Gesicht.
„Mädels! Bleibt bitte bei der Sache. Uns rennt die Zeit davon.“, spricht Tina wieder ein ernstes Wort. Yoko schaut wieder vor und grinst Ken an. Dieser wird etwas verlegen. Er hält sich jedoch zurück und versucht locker zu bleiben.
‚Ach Yoko, jetzt weiß ich wie es Kojiro gestern ging. Ist ja furchtbar. Unsere Männer hatten auch so eine Anwandlung Sonst etwas zu sagen. Jeder macht sich so seine Gedanken.‘ Tina schmunzelt, denn sie hat die kleinen leisen Gespräche mitbekommen.
„Tsubasa? Du bist dran.“ Er hebt die Hand und begrüßt die Frauen höflich.
„Hallo alle zusammen. Ich bin der Kapitän des Nationalteams, Tsubasa Ohzora. Einige kennen mich eventuell. Zurzeit spiele ich in Spanien im FC Barcelona und hier neben mir, das ist meine Frau, Sanae. Sanae und Tina sind inzwischen sehr lange miteinander befreundet und sie haben sich kurz nach ihrer Ankunft hier in Japan kennengelernt. Wir jedoch haben uns erst gut vor zwei Jahren getroffen.“ „Äh, Moment mal. Fane, seit wann bist du denn mit ihm verheiratet?“, haut Yoko plötzlich raus. Fane löst Tsubasa ab.
„Gut, dann bin ich jetzt dran. Ich bin seit gut drei Jahren mit Tsubasa verheiratet. Wir kennen uns schon seit der Kindheit. Yoko, verzeih bitte. Ich habe immer nur verlauten lassen, dass ich verheiratet bin und mein Mann im Ausland arbeitet. Unsere Bekanntschaft mit Tina musste verborgen bleiben, sonst hätte man die Verbindung zwischen Genzo und seinem Team erkennen können.
Ich habe anfangs bei ihm in Spanien gelebt, aber dann entschied ich mich bei Tinas Koch eine Lehre zur Diätköchin zu machen. Um hier in Japan meine Ruhe vor den Medien und Fans zu haben, nahm ich für alle meinen Mädchennamen wieder an. In der Medienwelt bin ich noch immer in Barcelona, aber werde einfach aus den Medien rausgehalten. Das war uns lieber. Das kennt man bei anderen Spielerfrauen auch. Es wird mir bei meiner Arbeit jetzt zu Beginn auch helfen.
Ich kenne von Anfang an Tinas Geschichte und sie vertraut mir sehr. Als Kind und Jugendliche und auch heute noch, betreute ich das Team meines Mannes und ab heute werde ich Tinas persönliche Managerin sein. Einige von euch werden also in Zukunft mehr mit mir zu tun haben. Und unsere wichtigste Aufgabe wird sein, das Geheimnis zu bewahren, denn Tinas Anwesenheit in dem Jungen-Team damals kann für den damaligen Verein und sogar für die Männer hier im Japan-Team viel Ärger bedeuten. Es fehlt die Zeit, es jetzt zu erklären, aber Sie können mir glauben, jetzt ein Jahr vor den beiden WMs wird es viel Presserummel geben und Tina wird nicht nur hier, sondern auch in Europa mehr im Fokus stehen. Deswegen ist auch der deutsche Verband spontan hier. Sie zweifeln an Tinas Loyalität Japan und EUCH gegenüber an. Natürlich wollen sie sie selbst im Team haben, aber Tina hat sich wie beim letzten Mal für ihre Freunde, Mitspielerinnen und Fans entschieden.“
„Die sind extra hergekommen, nur um dich zu überreden, oder was?“, haut Akane plötzlich raus und sieht zu Tina.
„Vermutlich. Glaubt mal nicht was über mich in Deutschland so gesagt und in den Chats geschrieben wird. Meine Familie hat mich da schon gut informiert.“
„Echt? Sind die so sauer, dass du nicht für Deutschland spielst?“
„Oh ja. Da gibt es echt Zoff von Seiten einiger Leute. Man behauptet Tina würde nur des Geldes wegen hier spielen und auch nur der Prämien wegen zur Meisterschaft gehen. Dass sie damals nach dem Tod ihrer Eltern nicht nach Deutschland zurück ging, kam bereits nicht gut an. Es gab ähnliche Spekulationen und man wollte sie natürlich für die Olympiade haben und andere Teams. Aber Tina lehnte alles ab, auch die gutbezahlten Angebote aus dem Ausland. Wir alle, die hier stehen spielen hauptsächlich des Spaßes und des Nervenkitzels wegen, nicht wegen Geld. Nicht wahr, Tina?“
„Genau Genzo.“
„Ich kürze das mal ab!“, bringt sich Jun ein.
„Damals entschied sich Tina uns, ihre Freunde, euch, ihre Fans und die Leute in der Gaststätte ihrer Mutter, nicht alleine zulassen. Bei Schließung hätten die Leute alle auf der Straße gestanden.
Wir sind ihr alle sehr dankbar dafür. Das hier heute, was wir jetzt tun. Das hatten wir gestern schon einmal. Das Nationalteam muss ebenso wissen was es vor der Kamera oder vor anderen Leuten sagt, wenn es um die Verbindung zwischen uns geht.“
„Ihr habt sicher mitbekommen, dass ich in den letzten Tagen kaum noch zum Training kam. Das hat einen Grund. Ich habe jemanden kennengelernt. Einige von euch wissen bereits wen. Jedenfalls müssen wir uns noch zurückhalten und mussten erstmal selbst wissen was wir wirklich empfinden. Anfangs haben wir nicht gewusst wer der andere ist und dann waren wir uns einig was wir wollen. Seitdem sind wir dabei alles zu klären, auch das ist ein Grund wieso ich gestern hier war. Jun und ich haben eher vorsätzlich das Team ins Programm aufgenommen. Das was wir jetzt tun, euch über alles aufklären, das haben wir gestern mit seinem Team gemacht. Wir waren hier, um das Nationalteam zu informieren.“
„Wie jetzt? Es ist wirklich jemand aus dem Nationalteam?“, bringt sich jemand aus dem Uni-Team ein.
„Ist nicht wahr. Jetzt wird mir einiges klar. Das Telefonat neulich. Das war doch dann…“, rutscht Akane raus und Tina zeigt kurz den Finger auf die Lippen.
„Ich muss kurz noch was dazu sagen.“ Die Frauen fangen wieder an etwas zu tuscheln.
„Wer könnte das denn sein?“
„Ja wer kommt denn in Frage?“
„Mädels, bitte nochmal Ruhe. Ich muss es euch erklären, sonst versteht ihr es nicht.
Also wegen der Sache mit meinem Bruder habe ich doch bewusst alles ausgeblendet was mit Fußball zu tun hatte. Keine Nachrichten, keine Zeitschriften, außer über Volleyball und alles was zur WM hier war habe ich versucht komplett auszublenden. Ich wusste, dass es mein Schwachpunkt war. Ihr kennt mich. ICH habe keine Schwachpunkte. Deswegen konnte ich auch niemanden von euch davon erzählen, es hätte mich schwach aussehen lassen. Deswegen auch keine Treffen mit irgendwem außer es war Jun. Sogar er und auch Tsubasa, wir trafen uns, wenn nur in Privatkleidung. Ich habe beide erst gestern das erste Mal in ihren Trikot gesehen und auch spielen gesehen. Und deswegen habe ich ihn nicht erkannt. Umgedreht ist es ähnlich. Er hat mich auch nicht erkannt, weil er mit Volleyball nichts zu tun hat und hier die Medien nicht verfolgt. Wir…wussten beide also nicht wer wir sind, bis wir es dann erst zu spät erkannt haben.“
„Tora! Nun sag doch endlich wer es ist! Sonst mache ich das.“, haut Yoko raus. „Ich bin ja auch fertig. Es kommen nur unnötige Spekulationen auf, wenn ich es nicht erkläre.“
„Ist doch egal! Wir haben doch alle gesehen, jetzt wo du uns von diesen schlimmen Erinnerungen erzählt hast, dass du sie nicht mehr hast. Wir könnten doch sonst nicht alle hier sein und die Männer hättest du nicht ins Programm aufnehmen können. Also ist ja wohl klar! Er ist es, der es geschafft hat dir diese Erinnerung zu nehmen. Also diese Bilder von dem Überfall.“, meint Hikari voller Überzeugung. Tina schmunzelt. Ihre Anspannung löst sich ein wenig.
„Ihr, ihr habt ja so Recht.“ Tina dreht sich zu Ken.
„Hol ihn bitte rein, Ken. Er ist gegenüber im Trainerbüro.“ Ken folgt der Aufforderung und geht aus dem Raum. Wieder tuscheln die Frauen etwas und Yako, Yoko, Mila, Hikari und Akane gehen zu Tina.
„Hast du echt Angst, die Mädels würden es nicht verstehen? Du weißt doch, dass wir dich alle sehr schätzen und auch nur wollen, dass du glücklich bist. Vor allem jetzt, wo du uns gesagt hast was dich die ganzen Jahre belastet hat.“, spricht Hikari ruhig und glücklich zu ihr. Sie umarmt sie kurz.
„Danke, ich will nur nicht, dass ihr seine Gefühle nicht ernst nehmt.“, sagt sie dann ernst und lächelnd. Die anderen fragen sich noch immer wer es sein könnte.
„Ich glaube, ich weiß es. Es kann nur einer sein. Es muss jemand sein, der es schafft dieses Energiebündel und unzähmbare Temperament zu zügeln!“, haut Honoka plötzlich raus. Alle sehen sie an.
„Stimmt, jemand, der genauso ist wie sie, oder noch temperamentvoller als die Gelbe Tigerin.“, meint eine weitere voller Begeisterung.
„Ich wette mit euch, es ist „Der Wilde Tiger“! Es ist ganz bestimmt Hyuga, Kojiro Hyuga! Nur ein Tiger kann unsere Tigerin bändigen!“, haut eine andere Spielerin raus.
„Ja du hast Recht. Wer soll es denn sonst sein? Deswegen hast du gesagt, du hast ihn nicht erkannt. Und er dich auch nicht. Er lebt seit drei Jahren im Ausland.“
„Das sehe ich auch so. Es muss jemand sein, den du nicht unterbuttern kannst, Tina! Ein starker Mann, der auch ein Familienmensch ist. Das soll er ja sein.“ „Das habe ich auch mal gelesen. Laut einiger Fans soll er als Kind sogar gearbeitet haben, um die kleinen Geschwister zu ernähren. Du magst keine Schmarotzer und du magst es, wenn man ehrlich ist. Jemand, der den Mund nicht aufmacht, wenn mal was nicht stimmt, das mochtest du noch nie.“, kommt eine weitere Meinung.
Tsubasa stößt Tina erstaunt an.
„Deine Frauen kennen dich aber gut.“, grinst er. In diesem Moment betritt Kojiro den Raum, seine Hände in den Hosentaschen, die typische aufrechte und stolze Körperhaltung und lächelnd richtet er seinen Blick sofort zu Tina. Gefolgt von Ryoga Schmitt.
„Bettina, die Frauen kennen dich aber wirklich gut, wenn sie es von selbst erraten.“, sagt er dann nur laut genug. Hinter ihnen schließt Ken die Tür ab. Kojiro bleibt direkt vor ihr stehen und beide sehen sich kurz tief in die Augen.
„Scheint so. Dich kennen die aber auch gut.“, lächelt sie ihn glücklich an. Dann sehen beide zu den Frauen. Kojiro lächelt freundlich.
„Hi, vorstellen muss ich mich scheinbar nicht mehr.“
„Und ihr beide meint das echt ernst miteinander? Seid ihr sicher, dass das nicht nur ein Sommerflirt ist?“, haut dann doch jemand mit skeptischer Stimme raus. „Glauben Sie wirklich wir würden uns diesen Zirkus antun, wenn es nichts Ernstes wäre?“, spricht Kojiro bestimmen, aber freundlich. Ein Raunen geht durch die Frauen und Yoko fängt an zu klatschen.
„Na endlich. Nach so viel Rumgequatsche. Jetzt wissen es alle und wir können in die Halle!“, geht sie an Kojiro vorbei zu Ken. Sie stellt sich direkt vor ihn und sieht schmachtend zu ihm auf.
„Wollen wir los? Du willst mich doch endlich spielen sehen?“ Alle sind etwas irritiert als sie Yoko mit Ken sehen.
„Halt, es ist noch was zu klären. Es ist wichtig!“, sagt Tina dann plötzlich im ernsten Ton. Die Frauen sind überrascht. Tinas Ton gefällt ihnen gar nicht.
„Hört zu. Wenn es nicht Kojiro wäre, sondern jemand, der in Japan leben würde, wäre es nicht so kompliziert.
Wir…äh, nein ich. Ich habe entschieden zu Kojiro zu ziehen. Also nach Italien. Ich werde euch also diesmal doch verlassen. Noch in diesem Sommer. Und aus diesem Grunde sind auch so viele Leute aus unserem Verband und dem Verein da. Ich habe vorhin einen Vertrag unterzeichnet, dass ich das Tokio-Team und somit Japan verlassen darf. Darunter stehen Bedingungen. Und eine davon war es, dass ich einen Manager haben soll. Als Verbindungsperson zwischen den Ländern. Man will garantieren, dass ich auch zur WM wieder bei euch bin. Und das wird Frau Nakazawa sein, wie ihr bereits wisst.
Der Verband und der Verein wissen noch nichts von Kojiro. Das ist gewollt und muss auch noch einige Wochen so bleiben. Erst wenn ich in Italien bin werden wir zum passenden Zeitpunkt unsere Beziehung offenbaren können. Es hängt im Moment zu viel dran. Ihr könnt euch vorstellen, dass sich die Presse da draufstürzen wird und das wäre im Moment noch zu früh. Ich vertraue euch allen, dass ihr es für euch behaltet bis es offiziell wird.
Der deutsche Verband hingegen, weiß noch gar nichts. Das ist auch so gewollt. Sie wissen weder, dass ich das Land verlassen will, noch von uns. Und genau deswegen müssen wir hier heute alle sehr aufpassen was wir sagen. Es ist noch einiges zu klären bevor ich wirklich gehe.“ Kojiro berührt plötzlich ihren Arm. „Bettina, ich denke es ist alles gesagt.“ Sie schaut auf die Uhr über der Eingangstür.
„Stimmt, schneller ging es nicht. Wir waren doch gut.“
„Wohl wahr. Schneller als gestern.“ Sie sieht verliebt zu ihm auf.
‚Ach Kojiro, ich bin so glücklich. Jetzt ist das auch erledigt. Wieder sind wir unserem Ziel etwas näher.‘ Akane betrachtet die beiden neugierig.
‚Tina, du willst uns diesmal verlassen? Für einen Mann? Ist das dein Ernst? Wenn du weg bist, dann, dann bin ich…ich bin dann wieder alleine. Du kannst doch nicht einfach gehen.‘, geht ihr durch den Kopf.
‚Wie die sich beide ansehen. Was hat das zu bedeuten?‘ Yako ruft inzwischen alle zusammen, dass sie sich zur Beratung auf ihre Umkleiden verteilen sollen. Der Rest des japanischen Nationalteams verlässt ebenso den Raum und Akane geht langsam zur Tür und blickt kurz zurück. Nur noch Kojiro und Tina stehen im Raum und sie sehen sich immer noch verliebt an. Alle verteilen sich im Flur und Akane nimmt den Türgriff in die Hand und schließt die Tür.
Akanes Neugier
Kapitel 118
Akanes Neugier
Sie wartet bis alle den Flur verlassen haben und überlegt noch ein wenig.
‚Du darfst mich nicht verlassen, Tina. Ich habe doch sonst keine Freundin. Bist du sicher, dass du wirklich gehen willst? Was ist denn diesmal so anders bei ihm?‘ Neugierig berührt sie die Türklinke erneut und öffnet ganz langsam und ohne einen Ton von sich zu geben die Tür und blickt unbemerkt durch den geöffneten Schlitz. Überrascht beobachtet sie wie Kojiro seine Liebste in diesem Moment in die Arme nimmt, seine Hand um ihren Rücken legt und sie leidenschaftlich küsst. Tinas Hände sind an seinem Arm und an seinem Kopf. Der Kuss ist kurz, aber strahlt viel Gefühl aus. Dann sehen sich beide wieder verliebt an.
„Kojiro, endlich haben wir es geschafft. Ich hätte nicht gedacht, dass sie es so ruhig hinnehmen.“
„Was hast du erwartet? Ihr habt gleich das Spiel, die Reaktionen wirst du später merken.“
„Das stimmt. Ich bin auch etwas angespannt deswegen. Das mit dir meine ich nicht. Ich meine eher, dass ich gehen werde. Ob es gut war, es ihnen schon vor dem Spiel zu sagen?“
„Natürlich, du hast es doch erklärt. Hast du Angst es wird das Spiel beeinflussen, so wie es gestern bei uns war?“
„Hm, vielleicht. Aber eigentlich hatten wir schon andere Probleme und Sorgen und das Spiel lief. Also, ich meine alle beide Teams damit.“
„Bettina, du machst dir zu viele Gedanken. Mach einfach dein Spiel und genieße es. Es wird das letzte Spiel mit ihnen sein. Und genauso werden es die anderen auch sehen. Und unsere Freunde sehen zu und feuern dich an.“
‚So würden wir es auch machen, es genießen. Und wenn du erst ins neue Team kommst und neue Hürden meistern musst, dann wirst du immer daran zurückdenken wie schön die Zeit hier war. Jeder Anfang wird schwer und du wirst es garantiert schaffen und ihr werdet gleich in der ersten Saison den Titel holen. Davon bin ich überzeugt. Und nachher sehe ich dich endlich das erste Mal spielen. Du wirst es schaffen, ganz sicher. Immerhin feuern dich eine menge neuer Fans an. Und deine Freunde sind da, allesamt. Ich habe schon so einige Gesichter im Publikum gesehen.‘
„Kojiro, du bist da, das reicht mir schon. Leider kann ich den neuen Ball nicht spielen. Dabei hatte ich den jetzt schon eingeplant in meiner Taktik. Naja. Muss er warten.“
„Du hast doch die anderen.“
„Die kennen sie aber alle schon.“
„Mach einfach nach Gefühl, dann wirst du siegen.“ Sie grinst.
„Das werde ich, das wird sie sicher irritieren. Danke. Ich freue mich schon auf unseren Urlaub. Endlich können wir dann ungestört sein. Nur du und ich, ohne irgendwelche Termine und Unterbrechungen.
Kojiro, ich liebe dich.“ Sein Blick wird wieder sanft und plötzlich nimmt er seine rechte Hand von ihrem Rücken und fährt zu ihrem Gesicht hoch.
„Ich liebe dich auch. Es wird sicher unbeschreiblich schön, wenn wir endlich nur uns haben.“ Er kommt ihr entgegen und küsst sie sinnlich. Beide genießen diesen Moment der Ruhe und sie vergessen für diesen Augenblick was um sie herum passiert. Tina huschen plötzlich ein paar Tränen über die Wange.
‚Kojiro, ich kann es immer noch nicht glauben. Sie wissen es nun auch endlich und bald, mein Liebster, bald haben wir es geschafft. Nur noch meine Familie und dann müssen wir nur noch den Transfer abwarten und uns ein wenig gedulden. Und im Urlaub, da zeige ich dir einen ganz besonderen Ort. Einen traumhaften Ort wo wir einfach nur alleine sein können und uns genießen können. Niemand kann uns dort stören.‘
Kojiro unterbricht zurückhaltend seinen Kuss und sieht sie fragend an.
„Alles okay?“, fragt er sanft und wischt mit dem Daumen ihre Tränen weg. Wie benommen sieht sie ihn an und lächelt glücklich.
„Ja, ich…ich bin nur so glücklich, Kojiro. Bald haben wir es geschafft. Und ich stelle mir gerade vor, wie wir an einem ganz besonderen Ort sind. Ich werde ihn dir zeigen und wir…können dort einfach den ganzen Stress hinter uns lassen.“
„Ach Bettina, Liebes. So einen schönen Ort kennst du? Wo nur wir beide sein können? Das klingt schön. Darf ich schon wissen wo das ist?“ Tina schmiegt sich an ihn und sieht ihm tief in die Augen.
„Es ist am Meer, und es gibt einen großen Wald daneben. Ich…ich will mit dir zur alten Hütte.“, sagt sie romantisch.
„Dort wo du aufgewachsen bist? Meinst du die?“ Sie nickt glücklich.
„Ja, da gibt es keine Zeit, wir müssen nur die Tage zählen.“
‚Bettina, das ist der schöne Ort, den du für unseren Urlaub geplant hast? Eine einsame Hütte am Strand und Meer? Nur wir beide. Das wird unbeschreiblich.‘ „Ich kann es kaum erwarten. Dieser Ort muss mit dir zusammen wunderschön sein. Denk daran, wenn du spielst. Denk an mich, so wie bei deinem neuen Ball.“
„Das werde ich.“, sieht er sie verliebt an küsst sie etwas stürmisch. Seine großen Hände drücken sie fest an sich, damit er so viel wie möglich von ihr spüren kann und ihre Herzen schlagen hoch. Tina genießt die Wärme und Kojiro ist gedanklich bereits am Strand, steht mit ihr im flachen Wasser und nimmt sie fest in die Arme.
‚Es wird unbeschreiblich, Kojiro. Am liebsten wäre ich jetzt sofort dort. Ich kann es kaum erwarten. Es kribbelt schon wieder überall und meine Kniee werden weich. Der Gedanke an die schöne kommende Zeit wird mir Kraft geben.‘
Die Volleyballerin hinter der Tür ist erstaunt. Nie hat sie ihre Rivalin und Freundin so gesehen. Küssend mit einem Mann. Sie hat aber auch das Gefühl, dass Tina ihn ganz anders wahrnimmt als es damals mit Martin war oder dem Freund, den sie mal an der Uni hatte. Vorhin nur der kurze Blick und jetzt wo sie sich so nah sind. Sie sieht ihn anders an. Nachdenklich schließt sie leise die Tür.
‚Wie kann sie das? Jetzt wo wir wissen, dass es diesen Überfall gab, wie kann sie es trotzdem? Warum hat sie sich trotzdem mit Männern eingelassen? Und die beiden, das sieht so anders aus als im Film.‘ Etwa zwei Minuten später klopft sie neugierig an die Tür und unterbricht die beiden bewusst.
„Herein.“, ruft Tina nachdem beide sich losgelassen haben. Akane öffnet die Tür und schaut selbstsicher zu ihnen.
„Ich störe euch ja ungern, aber Tora-san, äh, Tina-san, wir müssen nochmal vor dem Spiel reden. Dringend.“, sagt sie ernst. Kojiro lächelt zu Tina und hebt die Hand.
„Es wird sicher ein sehr spannendes Spiel.“ Dann verlässt er den Raum und geht an Akane vorbei. Sie geht ihm aus dem Weg und schaut zu ihm auf. Er lächelt sie an und spricht kurz mit ihr.
„Mich stört es übrigens nicht, wenn Sie Bettina „Tora-san“ nennen. Es passt zu ihr.“ Sie ist etwas verwundert und sieht ihn skeptisch an.
‚Komisch, was empfindet Tina denn für ihn? Ich spüre gar nichts. Weder habe ich das Bedürfnis ihm aus dem Weg gehen zu müssen, noch ihm nah sein zu wollen. Was finden die Frauen nur immer alle an ihm? Bin ich so abgestumpft, dass ich keine gutaussehenden Männer erkenne?
Dieser blonde Mann von vorhin hingegen, da schlägt mein Herz so laut, dass ich es gar nicht nachvollziehen kann. Waren das nur die seltsamen Begegnungen oder war das was anderes? Und diese Berührung. Wieso kann ich dabei so viel fühlen? Warum schlug mein Herz bei ihm so schnell und so laut, dabei weiß ich nicht einmal wer dieser geheimnisvolle schöne Mann mit glänzenden blauen Augen ist?‘ Kaum hat Kojiro den Raum verlassen und Akane kann die Tür von innen schließen, geht sie auf Tina zu und umarmt sie.
„Ich freue mich für dich, ihr seht glücklich aus.“ Tina ist sehr überrascht. Das letzte Mal als Akane sie umarmte, war kurz nach dem Tod ihrer Eltern. Damals hat sie versucht sie zu trösten, dabei war sie selbst noch in der Trauerphase wegen ihrer Mutter.
„Akane, was ist los? Seit wann bist du so gefühlsduselig?“, stutzt Tina.
„Es tut mir sehr leid, das mit deinem Bruder.“, sagt sie dann und lässt sie wieder los. Beide sehen sich an und Tina lächelt.
„Mach dir keinen Kopf darüber. Es geht mir doch jetzt gut. Seitdem ich Kojiro kenne, sind diese furchtbaren Erinnerungen und Bilder wie weggeblasen. Ich kann sogar offen darüber reden. Das habe ich nicht mal gegenüber meinen Eltern gekonnt. Ich wollte sie nicht zusätzlich traurig machen.“, erklärt sie ihr.
„Wirklich? Ihr habt nicht darüber reden können? Mit wem hast du dann geredet?“
„Mit Fane oder später mit Roland, meinem Koch. Wir sind sehr vertraut.“
„Wirklich. Und mit Hyuga? Wie lange kennt ihr euch denn schon?“ Tina wird etwas rot und ist ihr gegenüber sehr ehrlich.
„Erst seit letzte Woche Dienstag, um es genau zu sagen.“ Akane sieht sie verdutzt an.
„Echt? Und dann willst du schon zu ihm ziehen? Ins Ausland? Bist du dir da so sicher?“
„Ach Liebes, weißt du. Ich fühle das irgendwie, dass es diesmal endgültig ist.“ „Kannst du es mir beschreiben? Tina, ich…ich möchte auch wissen wie das ist. Du weißt doch, ich habe dafür kein Gespür. Immer trete ich ins Fettnäpfchen.“, erklärt sie ihr betrübt und setzt sich auf einen Stuhl. Tina ist verwundert. Sie schaut zu ihr herab.
„Oh. Hat deine neue Freundin mit dir Schluss gemacht?“
„Viel schlimmer. Aber egal jetzt. Es sollte scheinbar wieder nicht sein.“
„Du solltest aufhören danach zu suchen. Ich habe auch vor gut einem Jahr aufgehört nach dem Richtigen zu schauen und dann stand er plötzlich vor mir. Kurz vorher habe ich noch an die schlimme Sache gedacht und dann kam er plötzlich ins Lokal und wir haben uns gleich sehr gut verstanden. Ich war alleine und du kennst mich. Auch ich vermeide eigentlich wo es geht mit jemanden alleine zu sein. Aber es gab da keinen Grund seine liebenswerte und hilfsbereite Art anzuzweifeln.“
„Wirklich? Ihr wart ganz alleine? Was ist denn anders bei ihm? Wieso bist du dir so sicher? Willst du wirklich alles aufgeben und zu ihm ziehen?“
Tina schaut zur Decke und hält sich die Arme. Sie lächelt träumend.
„Ich weiß nicht ob du das verstehst, aber er ist der Erste, dem ich nicht nur allgemein vertraue oder mich durcheinanderbringen kann, sondern es stimmt alles. Gleich am Anfang spürte ich irgendwie, dass ich ihm nicht nur mich sondern auch mein Geheimnis anvertrauen kann. Und egal was er tut, es fühlt sich alles so intensiv an. Nur ein Kuss fühlt sich an als würden wir schon weiter sein. Alles um mich herum ist wie weg, wenn er mich ansieht und in die Arme nimmt. Und eins kann ich nur bei ihm…“ Sie schaut ihre Freundin wieder an.
‚Intensiv fühlt es sich an? Was meint sie damit?‘
„Was kannst du bei ihm?“
„Mich voll und ganz hingeben, einfach alles fallen lassen und alle schlimmen Gedanken sind weg. Und ich habe das Gefühl immer in seiner Nähe sein zu wollen. Das gab es noch nie.“ Plötzlich stutzt Tina und sieht Akane skeptisch an. Diese sieht nachdenklich auf einen kleinen Zettel in ihrer Hand. Als sie merkt, dass Tina schaut, faltet sie diesen schnell zusammen und steckt ihn in die Tasche. Dann steht sie auf.
„Sich fallen lassen und alles vergessen? Und du willst in seiner Nähe sein? Willst du deswegen zu ihm und lässt für ihn deinen Ruhm sausen? Was ist mit dem Sport? Italien nimmt dich doch bestimmt mit Kusshand. Aber ohne Transfer verkaufst du dich weit unter deinem Wert. Warum musst du deinen Traum aufgeben, für IHN? Warum nicht er?“, versucht sie sich mit ihren Fragen von ihren eigentlichen Gedanken abzulenken.
„Akane, das wollte er doch. Kojiro hat mir vorgeschlagen wieder herzukommen, damit ich hier im Sport bleiben kann oder er hätte eines der deutschen Angebote angenommen. Da gibt es genug Spitzenvereine, die ihn haben wollen und genauso gut bezahlen wie Turin.
Aber dann habe ich bemerkt, dass meine Ängste weg sind und ich kann meine Arbeit auch im Ausland machen. Ich brauche das Geld vom Verein nicht, nur um leben zu können. Einen Beruf habe ich in der Tasche. Aber ich wollte um jeden Preis bei ihm sein. Es ist mir klar, dass das schwer wird. Ich werde euch alle wahnsinnig vermissen und ja, die italienischen Vereine werden sich die Hände reiben, wenn sie erst einmal wissen, dass ich im Land bin.“
„Ach Tora-san. Es wird schwer…schwer für mich. Du weißt doch, dass ich weiter keine Freunde habe. Du bist doch die Einzige mit der ich mich unterhalten kann. Ich war sehr froh, als du die Angebote damals nicht angenommen hast. Alle waren sehr erstaunt und nun gehst du so plötzlich, ohne Vorwarnung.“ Akane kommt auf sie zu und umarmt sie.
„Glaubst du ich könnte auch irgendwann so empfinden wie du? Meinst du jemand könnte mich lieben? Du kennst mich doch. Immer gehen sie weg und verlassen mich. Und als Freundin bleibt auch niemand. Keiner will mit jemanden zusammen sein, die so kaltherzig ist und nicht lieben kann.“
‚Akane, was sind denn das plötzlich für Anwandlungen? Seit wann machst du dir darüber Gedanken? Irgendetwas ist passiert und das war schon vor meiner Ansprache. Du bist schon die ganze Zeit so komisch gewesen und warst irgendwie abwesend. Das kenne ich gar nicht von dir. Du hast dir noch nie Gedanken gemacht warum deine Partnerinnen nicht lange bei dir bleiben.‘
„Akane, was ist los? Mach dir darüber nicht so viele Gedanken. Du hast doch Liebe in dir, auch wenn du es schlecht zeigen kannst. Denk an Amy, du steckst seit ihrer Ankündigung deine ganze Liebe in sie und das beweist doch, dass du lieben kannst und geliebt wirst. Sie liebt dich und vergöttert dich sehr.
Irgendwann wirst du jemanden begegnen und du wirst spüren ob es mehr als nur das Eine ist. Vielleicht solltest du nicht so sehr daran festhalten nur Frauen zu daten. Leg mal ne Pause ein und lass es einfach auf dich zukommen. Eines Tages steht dann jemand vor dir und du kannst den Augen der Person nicht ausweichen und dein Herz schlägt ganz doll. Wenn du dann merkst, dass die Person etwas ähnliches Empfinden könnte, dann kannst du den Versuch nochmal wagen. Aber erzwing es nicht, nur weil jemand hübsch ist oder du dir vorstellen könntest der Person nah zu sein.“ Akanes Herz fängt an etwas höher zu schlagen.
„Danke dir.“ Dann lässt sie Tina los und stellt sich vor sie.
„Du sag mal, diese kleine Malerin, die in der Halle irgendwelche Bilder malt, wer ist denn das? Die anderen haben auch schon gefragt.“ Tina ist erstaunt, dass sie fragt.
„Du meinst Marie, sie ist noch Schülerin, aber will Kunst studieren und jetzt im Urlaub ist die spontan mit ihrem Bruder in Japan. Ich habe sie gebeten statt Fotos ein paar Bilder zu machen für die Schulchronik.“
‚Ihr Bruder also. Das erklärt die Umarmung und dass er sie scheinbar getröstet hat. Man hat gehört, dass sie meinte.‘ Plötzlich klopft es an der Tür und Yoko stürmt herein. Verwundert sieht sie die Frauen, denn sie hat eher damit gerechnet Tina mit Kojiro zu erwischen.
„Sagt mal, wie lange quatscht ihr denn rum? Wir warten alle auf euch. Habt ihr vergessen, dass wir gleich spielen und ihr seid zufälligerweise unsere Kapitäninnen.“, faucht sie beide an.
Wenige Minuten später ist Tina bei ihrem Team und Akane geht auf die andere Gebäudeseite und bleibt im Gedanken vor einer Tür stehen. Es ist weiter niemand im Flur, denn die Zuschauer nutzen den anderen Flurbereich, der zur Außenseite zeigt. Dort befinden sich dann auch die Zuschauertoiletten der beiden Hallen.
Kaum hat sich die Tür der gegnerischen Umkleide geschlossen wird es laut und die Frauen sind etwas aufgedreht.
„Ich bin noch etwas platt. Habt ihr eine Vorstellung was das bedeutet?“, haut jemand raus und setzt sich auf eine Bank.
„Hat Tora eben echt gerade gesagt, dass sie mit diesem Keeper im selben Team gespielt hat? Wisst ihr überhaupt was das für ein Team war?“, sagt jemand skeptisch und begeistert zugleich.
„Ich weiß das ganz genau. Als nach Jahren endlich wieder eine starke Jugendmannschaft von uns aufgestellt wurde, da haben die zur Weltmeisterschaft zum Test gegen sein Team gespielt. Das war der HSV in Hamburg. Das damals stärkste Jugend-Team Europas. Das ergibt jetzt endlich einen Sinn. Tina kommt doch aus Hamburg und überlegt mal, alle die, die sich noch an ihre ersten Spiele erinnern. Ich war damals in ihrem Team hier auf der Musashi und habe es dann mit Yako zusammen verlassen. Als sie in unser Team kam, war sie voll der Tollpatsch. Die ersten Stunden waren echt komisch. Gute Reflexe hatte sie, diese Ausdauer erklärt sich natürlich jetzt auch, aber Bälle annehmen und abgeben, das ging ja gar nicht. Yako hat sie echt hart drangenommen und ihre Bälle sind der Hammer, schon damals waren die unheimlich stark. Wir haben nicht umsonst die Titel geholt. Ihr kennt ihre Bälle.
Aber Tina, die ließ sich von uns nicht unterkriegen. Wir wollten sie gar nicht im Team haben und waren echt fies am Anfang, um sie rauszuekeln. Aber nö, egal wie hart Yakos Bälle waren, sie nahm die alle an, ohne Probleme. Sie verzog dabei nicht mal das Gesicht. Wir waren echt gemein und haben sie dauerhaft beschossen und trotzdem, sie stand immer wieder auf grinste blöd. Das hat uns echt wahnsinnig gemacht. Zu Dritt haben wir versucht sie fertig zu machen, aber nein, stundenlang, wirklich. Und trotzdem war sie kaum aus der Puste, jeden Tag. Wir drei fielen immer vor ihr um, wie wir nicht mehr konnten.
Aber wie sie die Bälle angenommen hat, ständig mit der Faust oder mit offener Handfläche.
Der Trainer sagte anfangs nicht. Er hat uns machen lassen. Er hat sie auf allen Positionen spielen lassen, um herauszufinden wohin sie passt. Wir wussten ja, dass sie nur freizeitlich etwas gespielt haben soll. Die detaillierten Regeln waren ihr ja auch total fremd. Im Block, da war sie super. Die starken Bälle konnte sie abwehren, das gefiel Yako natürlich gar nicht. Ihre Bälle werden von einer blutigen Anfängerin abgewehrt. Wir waren alle schon etwas angekratzt deswegen.“
„Was soll das heißen, sie rausekeln? Das klingt echt gemein.“, meint Hikari.
„Das ergibt doch aber einen Sinn. Wenn sie vorher in einer so starken Mannschaft mit Jungs spielte und im Tor stand, dann war sie darauf trainiert harte Bälle mit den Händen abzuwehren. Und so eine Ausdauer wird sehr stark trainiert. Dazu gehört ja das nach oben über die Latte und das Fausten. Das wird noch irgendwie so drin gewesen sein.“
„Hey Mädels, habt ihr eigentlich eine Ahnung wer da mit ihm Team war? Könnt ihr euch vorstellen jeden Tag mit einem Mann wie Schneider zu trainieren? Der hat auch so starke Schüsse drauf wie Hyuga. Wenn sie im Tor stand, dann musste sie doch lernen seine Bälle zu halten. Kein Wunder, dass sie dann so gut blocken kann.“, bringt eine Frau ins Gespräch.
„Das kann sie noch immer, stimmt.“
„Mädels, also ihr habt ja Gedanken. Ich stell mir gerade vor wie es wäre jeden Tag mit einen Traummann wie Schneider zusammen zu trainieren. Wie hat sie das nur ausgehalten? Ob der wusste, dass sie ein Mädchen ist?“ Es wird unruhig.
„Du hast Recht. Ein Mann wie er, wie mag er als Kind und Jugendlicher gewesen sein? Als Tina nach Japan kam muss er so um die fünfzehn gewesen sein. War doch die U16 WM. Jetzt wo ich darüber nachdenke wundert es mich eher, dass sie überhaupt mit Hyuga zusammen sein kann. Ist er dann nicht sein stärkster Gegner? Immerhin hat er ihm den Titel gekostet und auch bei der Olympiade war Hyuga vor ihm und wurde Torschützenkönig. Vielleicht ist das auch ein Grund, wieso die das noch nicht preisgeben wollen. Was ist, wenn der das erfährt? Klingt spannend.“, grinst sie dann. Alle kichern etwas.
„Stimmt. Ob er es wusste?“
„Bestimmt nicht. Und wenn, dann weiß ich auch nicht.“
„Auf jeden Fall ist das ein wahnsinnig gutaussehender Mann. Persönlich soll er ja sehr nett und charmant sein.“
„Oh ja, was würde ich geben dem mal persönlich zu begegnen. Ein Wahnsinnstyp.“
„Also solche Schlagzeilen wie Hyuga hat er jedenfalls nicht. Ich war erstaunt, dass Wakabayashi vorhin überhaupt neben ihm stand. Die können sich doch gar nicht leiden. Bei dem Spiel damals gegen Schneider haben die sich beide mitten auf de Feld geschlagen. Das war ein Schauspiel, echt.“
„Wirklich? Wusste ich gar nicht.“
„Ja schon, aber beide hatten nie irgendwelche Weibergeschichten oder dergleichen Skandale, wenn nur etwas mit dem Sport.“
„Ihr schweift ab. Ich weiß ja jetzt nicht wie lange es bis zu Toras Umzug her war, dass das mit ihrem Bruder passiert ist. Weiß das wer?“, bringt sich eine weitere Spielerin ein. Hikari klärt auf.
„Das war erst zwei Wochen her. Um es genau zu sagen. Heute, der Tag heute…ist…der Jahrestag, der Jahrestag vom Überfall.“ Alle sehen sie verwundert an.
„Heute? Sie ist nach nur zwei Wochen hergezogen? Und dann kam sie hier gleich in die Schule?“, wundert sich jemand.
„Ja genau. Wenn wir das damals gewusst hätten, dann wären wir sicher etwas netter gewesen. Also ich hätte nicht in ihrer Haut stecken wollen. Einen Bruder auf diese Weise verlieren und dann alle Freunde verlassen und neu anfangen weit weg und mit einer völlig anderen Kultur. Und wenn man sie dann so nett empfängt ist ja auch toll.“, erklärt Hikari brummig.
„Sei du mal ganz leise, Hikari, du bist doch auch nicht besser. Was hast du sie gemobbt, als sie in unser Team kam? Akane und du habt sie genauso gescheucht. Die Anfängerin, die nur Glück hatte, habt ihr sie genannt. Und sie hat durchgehalten und den Anschluss geschafft. Wir wollten sie sogar als Kapitän haben und Akane wollte ihr den Posten tatsächlich überlassen. Aber dann lehnte sie von sich aus ab.“ Die Neulinge sehen ihre Mitspielerinnen erstaunt an.
„Ihr habt sie auch nicht haben wollen?“, äußert eine von ihnen.
„Es ging ja noch weiter, ich war noch nicht fertig mit Erzählen. Eines Tages kam Yako an, etwa ein Monat nachdem sie ins Team kam, und machte eine Ansage, dass wir sie jetzt offiziell ins Team aufnehmen werden. Sie hat uns nie verraten wieso, aber seitdem hatte sie dieses harte Training mit ihr gemacht und ihr alles beigebracht. Tina scheuchte uns rum wegen der Fitness und Yako tat alles, um ihr die Techniken beizubringen. Und dann kam irgendwann dieses Spiel gegen die Toho. Ihr erstes Spiel und das war der Wahnsinn. Anfangs saß sie nur auf der Bank und sah sich jedes Spiel genau an. Aber spielte sie endlich von Beginn an mit.“
„Och ne, erinnere mich bloß nicht daran. Das war echt ein Trauerspiel. Ständig kam ihre Drachenfaust und wir konnten unsere Weihnachtsferien vergessen. Wir hatten echt alle kaum noch Gefühl in den Händen. Mir fiel die nächsten Wochen ständig was aus der Hand. Der Schmerz war ja noch erträglich, aber dieses Taubheitsgefühl. Das ging gar nicht.“, vermerkt eine ehemalige Toho-Spielerin. „Oh ja, dieser Ball ist der Wahnsinn. Damals waren es noch zwei Wochen Ausfall, jetzt vor einem Jahr, das waren gleich drei Wochen. Ich bin so froh, dass sie ihn nur noch im Notfall spielt. Da können wir echt froh sein. Sie weiß genau welche Wirkungen es hat und will niemanden unnötig verletzen.“
„Oh, ist der wirklich so stark? Ich kenne ihn nur vom Sehen und Erzählen her.“, bringt sich eine Neue mit ein.
„Ja, sagen wir mal so, würde Tora den Ball wie ihre anderen nutzen, dann wären die ersten zwei Sätze gleich erledigt. Wenn es so lange dauern würde, denn wenn man kein Gefühl mehr nach dem Annehmen hat und das dauert so lange an, dann kannst du gar keinen Ball mehr spielen.“
„Wow, Akanes Bälle sind Mega und da tun einem echt die Hände weh. Ich habe dann das Gefühl sie bricht einem den Arm. Aber spielen kann man trotzdem, es tut nur unwahrscheinlich weh.“
„Das ist normal. Aber keine Sorge. Tora-san wird diesen Ball nicht spielen. Schon gar nicht, weil es kein offizielles Spiel ist.“
„Genau, wenn sie ihn doch spielt, dann ist es ein Versehen oder sie steckt in der Klemme und es ist die einzige Option zu gewinnen.“, haut Hikari raus.
„Hm, oh man. Ich muss euch mal was sagen. Wieso machen die sowas? Wie alt war der Bruder denn? Warum haben die die beiden überhaupt angegriffen? Das…das will gar nicht in meinen Kopf. Wie konnte sie dann so stark sein, wenn sie doch noch am Trauern war.“, wird das Thema gewechselt.
„Du hast Recht. Sie muss echt gelitten haben und trotzdem hat sie alles ertragen und stand immer wieder auf. „Aufgeben ist keine Option“, sagte sie damals vor sich hin. „Es geht nur voran, niemals zurück“, sagte sie uns mal, als es im Spiel brenzlich wurde.“ Alle schweigen eine ganze Weile. Dann öffnet sich die Tür. „Entschuldigt mich bitte. Jetzt bin ich da. Ich hatte noch was zu erledigen.“, spricht Akane motiviert zu ihren Frauen. Dann bemerkt sie die trübe Stimmung, schließt die Tür und geht zu ihrem Platz.
„Sagt jetzt nicht, sie hat euch alle eingelullt, damit sie mehr Chancen hat zu gewinnen?“, haut sie einfach raus und zieht ihr Kleid aus.
Die Frauen sehen sie überrascht an.
„Du bist wie immer kaltherzig. Wie kannst du sowas sagen? Du müsstest doch am besten wissen wie es ist einen Bruder zu verlieren!“, faucht Hikari sie an. Akane jedoch spricht ruhig und zieht sich wie gewohnt schnell um.
„Mach jetzt nicht so ein Drama draus. Natürlich weiß ich das, aber wir haben jetzt das Spiel und wir müssen uns darauf konzentrieren. Hinterher können wir doch immer noch darüber nachdenken und ihr in Zukunft beistehen. Oder etwa nicht?“, macht sie eine Ansage. Völlig überraschte Blicke treffen sie. Ihr beistehen, was sind das denn für Worte? Jeder hat eher damit gerechnet mit Worten wie, „sie müsse da durch, das musste sie auch“. So in etwa waren die Worte, als Tina ihre Eltern verlor und es ihr nach einem Spiel gesagt wurde. Immerhin hatte sie selbst kurz zuvor ihren Bruder und dann sechs Monate später ihre Mutter verloren. Beim nächsten Spiel war Tina damals gleich wieder dabei und alle waren betrübt und hatten Verständnis, hätte sie nicht spielen wollen.
„Seit wann interessierst du dich für Gefühle Anderer?“, meint plötzlich die Spielerin, welche damals im Musashi-Team war.
„Schluss jetzt! Ihr habt unsere Kapitänin gehört. Sie hat Recht! Hier und jetzt zählt das Spiel, NICHTS anderes. Ist das klar!?“
„Du hast Recht. Wir können es nur nicht glauben. Solche Schweine. Tina wäre sicher eine sehr gute Fußballerin geworden, wenn sie dabeigeblieben wäre. In Deutschland kann man auch als Frau sehr weit kommen. Auf jeden Fall weiter als im Volleyball. Welche Position hat sie denn gespielt, wenn sie dann nicht mehr im Tor war?“
„Sie war in der Verteidigung und sollte sogar bei dem Spiel gegen die Japaner mit ihrem Bruder dabei sein. Aber das passierte genau zwei Wochen zuvor.“, sagt Hikari. Die Frauensehen sie alle an.
„Woher weißt du das denn jetzt wieder?“, haut jemand raus.
„Äh, naja, mein Freund ist doch im Japan-Team. Er war damals beim Spiel dabei und da die beiden das gestern allen erzählt haben wie uns eben, hat er es mir erzählt.“, versucht sie sich zu retten.
„Ach stimmt. Die wissen das ja nun auch. Und wer ist dein Freund überhaupt? Du hast immer so ein Geheimnis daraus gemacht und nie seinen Namen genannt. Wenn du von ihm sprichst sagst du nur, er sei sehr liebevoll und charmant.“ Hikari wird etwas rot im Gesicht.
„Das ist er ja auch. Naja, wir müssen uns noch etwas gedulden. Ähnlich wie Tora-san und Hyuga. Die Presse darf es nicht erfahren.“ Akane wundert sich.
„Wieso denn? Was ist dabei, wenn du mit einem aus dem Fußballteam zusammen bist? Das kannst du doch jetzt nicht mit den beiden vergleichen.“
Hikari schaut verlegen auf den Boden und hält die Hände so, dass sie die Zeigefinger aneinander tippt.
„Naja, er ist…etwas jünger als ich. Unsere Eltern haben zwar jeweils keine Probleme damit, aber…ich wollte jetzt nicht im Gefängnis landen. Die einzige Lösung im Moment wäre nur zu heiraten, dann hebt es sich auf. Soweit sind wir aber noch nicht.“ Es beginnt ein Getuschel und dann steht Akane auf und steckt sich die Haare zusammen.
„Echt? Wie kannst du dich denn auf einen Minderjährigen einlassen? Hast du sie noch alle? Du kannst jeden haben, aber du nimmst dir jemanden, der zu jung ist?“, belehrt sie ihre Zuspielerin.
„Was kann ich denn dafür? So ist das eben, wenn man sich endlich richtig verliebt. Ständig wollten die Männer alle nur das Eine oder wollten mit mir rumprahlen. „Seht mal, meine Eroberung, ich habe ein Model als Freundin und schlaf mit ihr.“ Darauf hatte ich echt keinen Bock mehr! Und immer nett mit mir umgegangen sind die auch nicht. Die etwas älteren Männer schon gar nicht. Nur weil ich sexy Fotos mache denken sie gleich ich mach´s mit jedem und mir würde alles gefallen! Du müsstest das doch selbst kennen. Du nimmst von solchen Leuten auch Abstand.
Wenn es wirklich passt, dann ist es doch egal wie alt man ist. In Europa wäre das völlig okay. Nur wir hier sind so altmodisch. Er ist doch immerhin schon zwanzig und verhält sich viel reifer als manch Vierzigjähriger.“
„Und wer sagt dir, dass er nicht genauso ist wie die anderen?!“
„Ich…ich spüre das einfach. Glaube mir, es ist auch aus seiner Richtung Liebe. Das kann ich fühlen. Ihm geht’s doch ähnlich. Immerhin ist er auch einer von den Gutaussehenden und die jungen Frauen in seinem Alter und jünger jubeln ihm nach. Er weiß doch auch nicht, ob die es ernst meinen.
Akane, irgendwann kannst du das bestimmt auch mal. Fühlen, dass dich jemand liebt, den du auch liebst.“, versucht Hikari die Wogen zu glätten und sieht sie ernst an.
‚Hikari, es ist egal? Ist es wirklich so? Vielleicht hast du Recht, so wie Tora-san. Wichtig sind nur Gefühle von beiden Seiten. Gut, das merke ich mir.‘ Akane lächelt plötzlich, setzt sich kurz, richtet ihre Schnürsenkel und steht wieder auf. „Na dann kann es ja losgehen. Wie heißt er eigentlich? Wer ist es? Die anderen wollen sicher wissen wen sie bei unserer Siegesfeier nicht ansprechen dürfen.“, grinst sie dann. Alle sehen sie verdutzt an. Seit wann kann Akane Scherze machen? Ab und zu versucht sie es, aber in der Regel kommt das nicht vor und witzig sind sie dann erst recht nicht.
„Es ist Sawada, Takeshi Sawada.”, sagt sie dann ganz liebevoll und lächelt dabei. Ihr Herz schlägt gleich etwas höher.
Geheimnisse
Kapitel 119
Geheimnisse
Es ist kurz ruhig.
„Äh, Hikari, ich will dir ja nicht zu nahetreten, aber hast du heute schon die neusten Sportnachrichten gelesen? Da gibt es seit heute Mittag Gerüchte über ihn.“, sagt eine Spielerin plötzlich ganz ruhig und mitfühlend. Hikari grinst etwas.
„Das sind keine Gerüchte. Er hat es mir schon gesagt.“
„Aber dann…dann habt ihr ja eine Fernbeziehung. Das ist doch doof.“, meint diese. Hikari atmet ganz tief durch und sieht ernst alle an.
„Nun gut, dann muss ich es euch wohl doch schon sagen. Ich darf es aber eigentlich nicht. Ihr müsst unbedingt dichthalten, sonst kommen wir alle in Teufelsküche.“ Akane stutzt.
„Was meint sie mit Fernbeziehung? Welches Gerücht?“
„Also, als die Frauen vom Torino-Team herkommen wollten gab es diesen Unfall mit dem LKW, Viola und Ludovica lagen im Koma. Nun ist es so, Violas Mann ist einer aus dem Juventus-Team in dem Hyuga spielt. Die beiden haben zwei kleine Kinder. Er ist französischer Nationalspieler und war bereits auf dem Weg hier her, um gegen das befreundete Japan-Team zu spielen. Also Takeshis Team hier. Sie wollten sich hier treffen. Tora und Kojiro fingen ihn ab und er flog dann gleich wieder zurück. Dann entschied er sich das Team zu verlassen und mit dem Profisport aufzuhören, um für seine Familie da zu sein.
Das war der ganze Auslöser. Takeshi ist Mittelfeldspieler wie er und da hat Juventus ihn sich sofort gekrallt, damit ihr Sturm, also Hyuga, einen Top eingespielten Mann an seiner Seite hat. Nur bevor die anderen Vereine davon Wind bekommen. So ist der Verlust im Team nicht zu groß.
Nun aber fehlen zwei Spielerinnen im Torino-Team, Viola ist die starke Angreiferin und Kapitänin und Ludovica ihre beste Zuspielerin. Beide fehlen nun. Als Martina, also Tinas Freundin im Team, bei der Besprechung dabei war und nebenbei ganz leise verlauten hat, man könnte sie doch nochmal aus der Schublade holen und fragen, denn sie wusste in dem Moment bereits, dass Tina mit Hyuga zusammen ist, ob sie kommen will, kam dann eins zum anderen. Man bat ihr also noch heute Nacht an zum Torino-Team zu wechseln. Und da ihr Trainer wusste, dass Ludovica die Einzige war, die Tinas Bälle zuspielen konnte, die sie ja brauchen, sollte sie eine Zuspielerin mitbringen. Und die werde ich nun sein, da Yoko nicht kann hat sie mich gefragt. Also werden wir euch beide verlassen und nach Turin gehen. Takeshis Transfer kam wie gerufen.“ Alle sind ruhig. Irgendwie kann gerade niemand etwas sagen.
„Du verlässt uns also auch? Und ihr habt beide bereits einen Transfer am Laufen?“, vermutet Akane.
„Richtig, aber der darf noch nicht bekannt gegeben werden. Sie müssen bis zum Saisonstart geheim bleiben. Du kennst das doch, manchmal gibt es solche Absprachen.“
„Wow, das ist der Hammer, echt.“
„Kann man so sagen. Tina hatte zuerst Angst mich zu fragen, weil ich ja in festen Händen bin und hat abgewartet als sie von dem Transfer von Takeshi erfuhr ob er ihn auch annimmt. Aber er musste, denn sein Verein konnte bei der Transfersumme nicht ablehnen und er ist jung und soll internationale Erfahrungen sammeln. Also auch für das Japan-Team ist es ideal, wenn die beiden in Europa miteinander gegen starke Gegner spielen.“
„Das stimmt. Die Italiener sind sehr stark.“ Akane ist etwas irritiert, aber sie lässt es sich nicht anmerken und hält die Hand vor sich in Bauchhöhe.
„Nun gut, jetzt aber! Lasst uns später reden. Dann wird dies hier unser letztes Spiel als komplettes Team. Oder Hikari? Du gehst doch gleich wie Tora nach Italien?“ Diese nickt nur und ist erstaunt, dass sie nicht mit ihr meckert.
‚Irgendwie ist Akane heute anders. Schon vorhin als ich sie alleine hier angetroffen habe war sie komisch. Gestern war sie noch total normal drauf.‘
Sie legt ihre Hand auf ihre, dann folgen die anderen und alle Blicke sind auf Akane gerichtet.
„Mädels, wir bleiben bei unserer Taktik. Es wird genauso gemacht wie wir es die Tage trainiert haben. Es wird nur eine kleine Änderung geben.“ Sie grinst.
„Da wir nun wissen, dass es unser letztes Spiel zusammen, wie auch gegen Tora sein wird, werden wir mehr als alles geben! Wir haben nur noch diese eine Chance sie zu besiegen. Und die nutzen wir. Ich weiß, dass sie einen neuen Ball für die Italiener aufhebt, aber wir werden sie in die Knie zwingen und ihr diesen neuen Ball entlocken, klar?!“ Es kommt ein einheitliches lautes Ja.
„Und einen Tipp habe ich auch für euch. Wir müssen diesmal alles aus uns rausholen. Stellt euch einfach vor, es geht um euer Leben. Es gibt nur ein Vorwährts, kein Zurück!“, macht sie klar. Alle sind erstaunt, dass sie plötzlich so einen Spruch äußert. Das war doch der Spruch von Tora selbst.
„Genau! Wir schlagen sie mit ihren eigenen Waffen!“, haut die ehemalige Musashi-Spielerin raus.
Es klopft an der Tür.
„Ich bin es, Morisaki.“, kommt eine bekannte Stimme.
„Moment, Trainer.“, sagt Akane laut.
„Hört zu, wir dürfen ihm vermutlich auch nichts sagen. Also über Tinas Geheimnis und über Hyuga. Was meinst du Hikari?“
„Stimmt, ich weiß jetzt auch nicht was er weiß und wissen darf, er wäre sonst eben dabei gewesen. Herr Schmitt war da, aber er nicht. Morisaki weiß jedoch von unserem Transfer, aber das ist ja klar. Er wird es aber euch gegenüber natürlich nicht erwähnen. Also ihr wisst von nichts.“, erklärt sie sachlich.
„Das ist nur fair. Tora-san hat sich immer für uns eingesetzt.“
„Genau, jetzt sind wir mal dran. Sie behält unsere Geheimnisse für sich und wir ihres.“ Alle nicken ab.
„Wir sind soweit, Trainer.“, sagt Akane laut und der Trainer betritt den Raum.
„Na wie gut sind Sie drauf? Schaffen wir das heute?“, lächelt er sie motivierend an.
„Wir sind top fit. Wir können los.“, äußert Akane für alle zusammen.
„Eine Sache muss ich noch mit euch bereden. Das geht auch schnell.“, sagt er und schließt hinter sich die Tür. Alle sind gespannt, was mag es denn geben?
„Wir sollten unsere Taktik nochmal etwas überdenken. Frau Fuchs hat irgendetwas am Laufen. Hat von Ihnen irgendeiner mitbekommen warum wir jetzt ausgerechnet hier spielen müssen? Was stimmte denn mit der anderen Halle nicht? Ich habe das Gefühl, dass sie sich hier einen Heimvorteil erhofft. Und dann sind die Fußballer auf einmal als Zuschauer da, was soll das?
Ich bin zwar vorhin erst gekommen und habe mir die Halle angesehen und dann sehe ich, dass die alle da sind. Madam geht denen doch sonst immer aus dem Weg.“, murrt er und spricht sehr ernst und skeptisch zu den Frauen. Alle sehen ihn etwas verdutzt an. Wieso spricht er denn auf einmal so abwertend über Tina? Das hat er doch noch nie getan. Er hat bisher immer nur vor ihrer List oder ihren Taktiken gewarnt und versucht sie zu durchschauen, aber jetzt klingt es abwertend.
„Also soweit ich weiß ist der deutsche Verband da und die bestanden unbedingt darauf hier her zu kommen, weil die die Halle und die Schule von Tora-san ansehen wollten. Tora vermutet, die wollen versuchen sie noch zu überreden für die WM für Deutschland zu spielen oder sie zweifeln ihre Loyalität Japans gegenüber an. Irgendwas davon. Ihr gefällt das auch nicht.“
„Und wieso sehe ich da deutsches Personal rumhopsen? Hat sie etwa einer deutschen Cateringfirma den Vortritt gelassen? Wir haben vom Verband doch immer die gleichen Leute.“, murrt er wieder rum.
„Was ist denn mit Ihnen los? Wieso reden Sie plötzlich so abwertend über sie?“, mault Akane auf einmal rum und spricht ihre Gedanken aus.
„Ja genau, was soll das jetzt plötzlich? Das Catering ist ihre Gaststätte. Die andere konnte auf die Schnelle nicht hierherkommen und ihre liegt in der Nähe und da hat sie das schnell auf die Beine gestellt, dass die das übernehmen. Irgendwer musste es doch machen.“, erklärt Hikari.
„Ihre Gaststätte? Ich wusste gar nicht, dass sie eine hat.“, wundert er sich.
„Das weiß ja auch nicht jeder. Sie hat damals nach dem Tod ihrer Eltern die Gaststätte übernommen damit das Personal nicht auf der Straße steht. Deswegen hat sie doch die Uni verlassen, um eine schnelle Ausbildung zu machen und sie dann zu übernehmen. Sonst hätte sie auch bleiben können. Aber ihr Fach brachte ja nichts, da es nicht kaufmännisch war.“, vermerkt eine Spielerin.
„Und die Männer aus den Fußballteams sind hier, weil die sowieso hier waren. Die haben doch dieses Jahr ihr Urlaubs-Trainingslager hier und da kam die Info, dass alles her verlegt wurde. Da haben sie mitgeholfen die ganze Halle schick zu machen und nun sehen sie uns zu. Was ist daran das Problem? Das war doch sehr nett und nicht selbstverständlich.“, wird ihm erklärt. Er ist erstaunt.
„Das klang gestern Abend noch anders.“, murrt er plötzlich. Alle sehen ihn verwundert an.
„Was meinen Sie? Wieso gestern Abend?“, fragt Akane.
„Na mein Neffe spielt doch im Nationalteam. Er ist der dritte Keeper. Meine Schwester hatte gestern Geburtstag und er war natürlich auch da. Gut gelaunt war er jedenfalls nicht. Als wir dann fragten was los sei, dann erzählte er nicht viel, nur, dass sie als Team jetzt in diesem Fitnessprogramm sind. Gut, sind wir ja auch, ist eine tolle Sache, aber trotzdem war er irgendwie betrübt und hat sich verzogen. Er wolle angeblich nicht darüber reden. Eigentlich ist er eher der heitere Typ.“ Die Frauen sehen sich gegenseitig fraglich an.
„Und was hat das jetzt damit zu tun, dass Sie über Tora-san so herziehen?“
„Sagen wir mal so, ich habe ein Telefonat zwischen ihm und einem Mitspieler mitbekommen.“
„Worum ging es denn?“
„Es ging eindeutig um sie. Ich glaube er unterhielt sich mit seinem ersten Keeper, Wakabayashi. Sie sind befreundet und telefonieren öfters mal. Sie sprachen von irgendwelchen Lügen und Täuschungen. Dann fiel der Name Tina und irgendwas über ihren Bruder. Wakabayashi schien da etwas zu wissen und hat ihm dann von ihm erzählt. Aber seit wann bitte hatte sie Geschwister? Und wieso kann dieser andere Keeper davon wissen und ihm etwas über den Bruder erzählen? Das macht mich stutzig. Und dann kam Ryuga an und fragte mich ja vorher ob wir das Italien-Team ersetzen könnten. Das klingt doch alles seltsam, oder meinen Sie nicht?“ Die Frauen sehen sich erneut an.
„Naja, was ist dabei? Dann hatte sie eben einen Bruder. Ich hatte auch einen. Was hat das jetzt mit unserem Spiel zu tun? Sie taten eben als würde sie versuchen uns irgendwie reinzulegen, aber warum sollte sie das denn tun? Abgesehen davon, dass hinterhältige Maschen nicht ihr Ding sind, ist das Spiel doch in keiner Weise für irgendwen wichtig. Es ist ein reines Freundschaftsspiel und soll nur dem Zwecke des Trainings und der Unterhaltung dienen. Keine Wertung, wozu also flunkern? Das ergibt doch keinen Sinn. Sie kennen Tora-san nicht persönlich. Wenn Sie etwas über sie wissen wollen, dann fragen Sie sie oder den anderen Keeper selbst was das zu bedeuten hat.“, legt Akane fest.
„Ja genau. Was gehen uns private Sachen von Ihrem Neffen und Tora an? Er wird jetzt sicher auch zusehen und hat bestimmt sogar mitgeholfen. Das ist doch super.“
„Er war auf jeden Fall beim Helfen dabei, ich habe ihn gesehen. Die Männer trugen ja ihre Trikots noch und bei den Keepern war ein Morisaki dabei.“, erwähnt Hikari lobend. Akane erhebt das Wort.
„So, wir werden jetzt gehen und Tora-san so richtig fertig machen! Seid ihr dabei?!“ Alle rufen laut.
„Jawoll! Auf zum Angriff!“ Dann verlassen die Frauen zusammen die Umkleide und gehen voll motiviert in Richtung Halle. Der Trainer schaut ihnen verdutzt hinterher.
‚Was war das denn eben? Warum weichen sie mir aus? Die Frauen wissen doch was. Aber es scheint sie nicht zu stören. Nun gut. Dann ist es doch nicht so wie ich dachte. Man kann diese Frau so derart schlecht einschätzen. Ich bin erst seit einem Jahr Trainer in diesem Team. Mein Vorgänger ist in Rente gegangen und hat ein echt tolles Team hinterlassen. Soweit ich ihn verstanden habe war das Team vor ihrem Eintritt sehr zerrissen, stark, aber kein wirkliches Team. Ich kann mir das gut vorstellen. Saito ist eine sehr schwierige Person und ich verstehe immer noch nicht wie sie es schafft das Team zusammenzuhalten. In jedem anderen Team hätte ich sie niemals als Kapitänin akzeptiert.
Aber was hat es mit Frau Fuchs auf sich, dass die Frauen sie so in Schutz nehmen? Ich kenne sie persönlich nicht wirklich, nur durch die Spiele als knallharte Gegnerin. Beim Training jedoch hat man schon bemerkt, dass die Frauen sie mögen, aber als Gegnerin ist sie ihnen unberechenbar. Sie waren recht angespannt und trotzdem freuen sie sich auf das Spiel.‘
Er folgt den Frauen zum Spielereingang der gegnerischen Mannschaft.
Als Akane mit ihrem Team durch den Flur schreitet, öffnet sich am anderen Ende auf der Seite der Außenanlagen-Mannschaften eine Tür und vier Männer treten heraus. Dass die Frauen im Anmarsch sind, bemerken sie erst, als sie bereits auf dem Flur stehen. Voran Genzo und Pierre, hinter ihnen Karl-Heinz und Saito im sportlichen Zivil. Akanes Team staunt nicht schlecht, als sie durch den Flur sehen und Genzo mit der langhaarigen blonden männlichen Begleitung sehen. Saito erkennen sie nicht, da sie Akanes Vater nicht kennen. Sie nehmen nur einen großen sportlichen Japaner hinter Pierre wahr. Akane jedoch wundert sich, wieso ihr Vater mit Genzo und einem blonden Unbekannten unterwegs ist. Und dann kann sie hinter ihrem Vater eher unauffällig ein wenig einen Blondschopf wie eine hellblaue Schulter erkennen. Es ist auffällig, dass die Männer genau aus dem Raum herausgekommen sind in dem Karl-Heinz zuvor mit ihr alleine war.
‚Nanu, der Fremde, ist er das etwa da hinter Vater? Was hat das zu bedeuten? Ich kann doch sein Shirt sehen und etwas die blonden Haare.‘
Hikari kann Karl ebenso erkennen, aber sie weiß, dass sie sich zurückhalten muss. Sie weiß wie wichtig es ist, dass niemand erfährt, dass er hier ist.
‚Schneider, du musst dich vorsehen. Man darf dich doch nicht erkennen. Takeshi hat mir das ausdrücklich erklärt, dass du nur zufällig hier bist und man deine Schwester entführen wollte. Natürlich kannst du dir jetzt das Spiel nicht entgehen lassen.
Ach Takeshi, ist dir vorhin die Tasse etwa seinetwegen aus der Hand gefallen? Ich bin so froh, dass der Anruf dann kam. Du musst dir wirklich keine Sorgen machen. Ja, du bist noch jung und hast bestimmt Angst, ich könnte mich doch in jemand anderen vergucken. Das verstehe ich, aber sei unbesorgt, mein Liebster. Es gibt privat keine Konkurrenz für dich, da kann jeder Schönling kommen, du stichst sie alle aus.‘, lächelt sie vor sich hin und folgt wie die anderen ihrer Anführerin.
Bei den Männern hingegen wird etwas getuschelt. Saito weist Karl sofort an sich hinter ihn zu stellen, damit man ihn nicht sehen kann.
„Sei vorsichtig, man könnte dich erkennen. Stell dich hinter mich. Mindestens der Trainer wird euch alle erkennen. Er ist mit dem Keeper Morisaki verwandt und kennt sich aus.“
„Oh, echt? Hat Tina nie erwähnt.“, meint Genzo überrascht.
„Er war nicht ihr Trainer, Morisaki hat das Team erst letztes Jahr übernommen. Er ist der Bruder seiner Mutter.“
„Mist, wir haben gestern Abend telefoniert. Er meinte nur, er sei bei seiner Mutter zum Geburtstag und wollte kurz mit mir reden. Ihn hat das zu sehr beschäftigt mit Stephan und er hat mich über ihn ausgefragt. Was ist, wenn er was bemerkt hat?“, brummt Genzo leise auf Japanisch.
„Genzo, rede Englisch in unserem Beisein. Das nervt echt.“, knurrt Karl hinter Saito hervor.
„Schlimm genug, dass ich mich hier verstecken muss wie ein Verbrecher. Wenn das Spiel vorbei ist, gehe ich.“
„Takeru, welche von ihnen ist denn nun Ihre Tochter?“, bringt sich Pierre ablenkend ein.
„Gleich voran die Nummer eins. Sie ist auch die Kapitänin und ihre stärkste Angriffsspielerin. Bettina wird es nicht leicht haben. Sie hat die letzten Wochen und jetzt die Tage sehr hart trainiert. Beide führen die Liga an mit ihren Punkten. Sie ist bewusst im Uni-Team geblieben, damit sie wieder Rivalen sind und die Teams in ihrer Leistung hochtreiben. Sie hätte lieber weiter mit ihr gespielt, aber Freunde können sie ja trotzdem bleiben.“, erklärt er ganz stolz.
„Sie ist sehr hübsch. Ihre Nummer Zwei aber auch, sehen beide aus wie Models.“, vermerkt er freundlich und möchte ihm eine Kompliment machen.
„Pierre, Nummer zwei kannst du dir schon streichen auf deiner Liste, die ist vergeben.“, neckt er ihn und grinst.
„Das war als Kompliment gedacht, weiter nichts. Und an wen ist sie vergeben?“ „Das ist Sawadas Freundin. Sie wird mit Tina in Italien spielen.“, erklärt er leise.
‚Saitos Tochter, stimmt, es hieß ja, sie spiele heute gegen Tina. Sie soll also sehr hübsch sein, sagt Pierre? Nicht dass sie es war, die Schönheit, die mir dieses seltsame Angebot gemacht hat. Ob ich doch einen Blick wage?‘ Saito bemerkt, dass Karl sich etwas zur Seite bewegt und stellt sich wieder vor ihn. Er ist zum Glück größer als er.
„Kein Risiko bitte. Wir warten hier und wenn das Team zum gegnerischen Einlass geht, können wir unbemerkt in die Halle.“
„Warum winkt sie nicht mal, wenn ihr Vater doch hier ist? Sie muss dich doch sehen.“, meint Pierre verwundert.
„Das ist aus Sicherheitsgründen so. Nur die Vertrautesten wissen, dass wir verwandt sind. Außer Tina wissen es auch keine ihrer Frauen.“ Genzo ist verdutzt.
„Warum das?“
„Um das zu verhindern was hier heute mit Frau Krause und Karl-Heinz passiert ist. Ich habe in Tokio durch meine Arbeit nicht nur Freunde.“ Alle drei sehen ihn erstaunt an. Inzwischen gehen die Frauen weiter und die Männer sind nicht mehr für sie im Sichtbereich.
‚Sie leugnen ihre Verwandtschaft zum Schutz?‘, ist Karl erstaunt.
„Ist das echt nötig? Liegt das daran, dass sie so bekannt ist?“, hakt Genzo nach. „Ja genau, sonst wäre es nicht so sehr nötig. Aber unser häufig vorkommender Name, macht es uns leichter. Sie sieht ihrer Mutter zu ähnlich, ich bin da weniger zu erkennen. Keiner würde es vermuten.“
„Verstehe.“
„Tina sieht auch aus wie ihre Mutter. Vom Vater hat sie gar nichts. Stephan sah wiederum genauso aus wie er.“, kommentiert Karl-Heinz leise und nachdenklich.
„Das gibt es wohl oft. Du hast Recht. Gesine war genauso hübsch wie sie.“, vermerkt Takeru lächelnd.
„Das stimmt total. Das kann man nicht leugnen.“, meint Genzo und grinst.
„Ist das echt so? Ich sehe meiner Mutter ähnlich. Aber von meinem Vater habe ich das sportliche Talent. Er war in seiner Jugend und auch etwas später noch Rugbyspieler. Er kam zwar nicht bis nach ganz oben, aber untere Liga immerhin. Als er das Erbe antreten musste, musste er dann aufhören. Keine Zeit mehr für den Sport, nur noch Verpflichtungen. Ihr wisst ja, Adel verpflichtet. Das ist halt sein Job.“, kichert er etwas, aber in Wirklichkeit findet er es traurig, dass sein Vater seine Leidenschaft für die Familientradition aufgeben musste.
„Wisst ihr was? Ich habe mich heute mit Bettina unterhalten und sie sagte, ich könne auch ohne die Familie auf eigenen Beinen stehen. Irgendwie hat sie Recht. Hätte es mein Vater gekonnt, dann hätte er es sicher viel weiter geschafft. Ihm fehlte ja schon die nötige Trainingszeit, um auf Höchstleistung zu kommen. Manchmal sagt er mir das sogar auf eine seltsame Art, wenn ich betrübt bin und mal wieder gegen einen von euch beiden verloren habe.“, lacht er dann und fasst sich an den Kopf.
„Das ist ja auch so. Du solltest dich spätestens nach dem Studium von deiner Familie trennen oder zumindest ausziehen. Einfach nur alleine wohnen. Das war das Erste was ich gemacht habe, als ich achtzehn wurde. Noch länger bei meinem Vater wohnen, das hätte ich nicht ausgehalten. Jeden Tag jahrelang auf dem Platz und dann privat immer zusammen. Das hat echt genervt. Wegen jedem Mist musste ich nach Geld betteln. Dabei war ich es doch, der das Geld reinbrachte. Natürlich verdiente er als Trainer ebenso super, aber letztendlich kamen die Werbeeinnahmen auf mein Konto, nicht auf seins. Ich war so froh endlich als Erwachsener behandelt zu werden und eigene Entscheidungen zu treffen.“, berichtet Karl stolz.
„Das stimmt. Ich bin auch gleich bei meiner Gastfamilie ausgezogen. Aber die waren wirklich lieb und auch als das mit Stephan war, da hatten die keine Probleme damit, dass Tina fast die zwei Wochen lang bei mir schlief. Zu Hause fiel ihr die Decke auf den Kopf.“ Karl sieht erstaunt zu ihm.
‚Was soll das heißen, sie schlief bei ihm?‘ Genzo bekommt sein Blick mit und grinst.
„Mach nicht so ein Gesicht. Wir sind nur Freunde, das weißt du.“, brummt er etwas.
„Sage mal, Genzo, dieser Sawada, ist er nicht erst zwanzig?“, bringt Takeru plötzlich ein anderes Thema zur Sprache. Genzo sieht ihn verdutzt an.
„Äh, ja. Er hat im Januar Geburtstag.“, stutzt er.
„Frau Kuraiko ist bereits fünfundzwanzig, nur mal so erwähnt.“, grinst er, aber setzt ein ernstes Gesicht auf. Alle sehen ihn an.
‚Sie kam mir gleich deutlich älter vor als er. Sawada, pass bloß auf. So ein Skandal kann euer Team nicht gebrauchen. Und diese Frau bestimmt auch nicht.‘, geht durch Karls Kopf.
„Oh, echt? Wusste ich nicht.“, flunkert Genzo etwas und tut als würde er nichts davon wissen. Takeru bemerkt sein Flunkern natürlich und denkt sich schon, er will es nicht sagen, weil er als Polizist neben ihn steht.
„Also ich bin privat hier und habe euch drei nie gesehen.“, sagt er dann nur mit einem ernsten Ton und geht voran Richtung Halle. Die drei sehen ihm verwundert nach und grinsen letztendlich vor sich hin.
„Habe ich es euch nicht gesagt, der sieht nur so bissig aus, aber er ist cool.“, meint Genzo leise. Karl schaut vor zu Saito.
„Du weißt schon, dass er dich noch hören kann, oder?“, sagt er dann belehrend. Takeru bleibt stehen und dreht sich zu ihnen um.
„Bettina hat Recht, was dich betrifft, Genzo.“, merkt Takeru an.
„Was sagt sie denn?“, wundert er sich.
„Dass du manchmal zu laut denkst.“, lacht er spaßig. Karl kann sich das Lachen nicht verkneifen.
„Das hat sich scheinbar nicht geändert, was? Immer frei raus mit den Gedanken. Ein Wunder, dass du überhaupt Geheimnisse behalten kannst.“ Genzo brummt ihn an.
„Es kann ja nicht jeder so eine Spaßbremse sein wie du. Du warst schon als Kind so in dich gekehrt, dass keiner so richtig wusste was du überhaupt denkst. Erst wenn es mal zur Sache ging, hast du deine Meinung laut verkündet und dann haben alle reagiert.
Und glaube mal nicht, dass ich immer alles sage was ich denke. Da würdet ihr euch aber umschauen. Ich weiß genau was ich für mich behalten muss.“
„Ach ja? Was denn zum Beispiel?“, provoziert er ihn. Karl-Heinz geht zu ihm und stellt sich direkt vor ihn und schaut ihm streng in die Augen. Genzo überlegt was er ihn antworten könnte. Er weiß, dass er sein Vertrauen als Freund erst wieder gewinnen muss. Immerhin haben sie doch nun beschlossen wieder neu anzufangen und es tut ihm selbst weh, dass er ihn so lange anlügen musste.
„Lass mal lieber. Ich wüsste jetzt auch nichts.“, möchte er seiner Provokation auszuweichen.
„Langweilig. Nun gut, es kann ja auch was Lustiges sein. So wie eben. Ein eher lustiger Gedanke, den man nicht unbedingt ausspricht.“, kommt ihn Karl entgegen. Genzo grinst.
„Hm, du hast Recht. Da gibt es tatsächlich was, etwas was ich gedacht habe als ich den ersten Tag in deinem Team war. Das ist zu komisch, aber ob du darüber lachen kannst weiß ich nicht.“, schmunzelt er.
„Dann lass mal hören. Wer weiß was du über unser Team gedacht hast, als dich die Jungs so herzlich empfangen haben.“ Genzo lacht etwas.
„Darum ging es gar nicht. Aber ja, ich habe mich am Anfang gewundert über die Konstellation des Teams.
Als ich vorhin Tina mit Marie zusammen gesehen habe, fiel mir dieser alte Gedanke wieder ein.“ Karl-Heinz stutzt. Was meint er denn? Was kann er bei seiner Ankunft gedacht haben und es hat mit Tina und Marie zu tun?
„Das verstehe ich jetzt nicht. Was ist denn lustig und es hat mit den beiden Frauen zu tun?“, bringt sich Pierre ein.
„Naja, als ich nach Deutschland kam saht ihr Europäer für mich doch eh alle gleich aus. Und als ich Tino im Flur begegnete und später dann das Team kennenlernte kam mir da ein seltsamer Gedanke. Mikami erwähnte bereits vorher schon, dass es im Team ein Bruderpaar gab. Tino sei einer davon.“
‚Genzo, was hast du gedacht? Mir gefällt nicht worauf du anspielst. Wir sahen alle gleich aus und du hast etwas gesehen?‘, brodelt es in Karl.
„Genzo. Ist schon gut. Behalte deinen Gedanken. Es klingt jetzt schon nicht lustig.“, lächelt er ihn an und berührt kurz seine Schulter. Genzo hingegen ist etwas irritiert.
„Was meinst du denn damit?“, wundert er sich. Dann sieht Karl ernst und spricht ihn leise auf Deutsch an.
„Egal was dein Gedanke war, behalte ihn bitte weiter für dich.“
‚Karl-Heinz, was willst du mir denn damit sagen? Was hat dein plötzliches Eingreifen zu bedeuten?‘ Karl-Heinz versucht etwas abzulenken und spricht Takeru an.
„Bleibt es bei unserer Abmachung von vorhin? Das was wir eben besprochen haben muss vorerst unter uns bleiben. Tina würde es im Moment vermutlich nur unnötig belasten.“
„Natürlich, es gehört zu meinen Ermittlungen und die Ratschläge kann ich gut gebrauchen. Ich werde den Fall selbst neu aufrollen.“ Karl nickt zufrieden und geht dann den Flur entlang zur Halle. Eru-Shido Pierre sieht ihm nachdenklich hinterher.
‚Was war das denn eben? So benimmt er sich nur, wenn er etwas zu verheimlichen hat. Aber was kann das sein?‘ Er kennt seinen Freund sehr gut. Oft ist es er selbst, den er ausbremsen muss. Was hat er zu Genzo gesagt, das fragen sich nun beide Herren, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind und sehen sich an.
„Karl-Heinz!“, ruft Genzo ihm hinterher. Karl bleibt stehen und sieht zu ihm.
„Sei leiser!“, ermahnt er ihn ruhig aber ernst.
„Stimmt, sorry. Wir müssen uns beeilen, nicht dass wir jetzt Tinas spezielles Aufwärm-Training verpassen. Sie zeigt es in der Regel selten und heute wird es bestimmt so sein. Du musst es unbedingt sehen.“, grinst er und geht motiviert zu ihm und lächelt ihn an.
‚Was auch immer du hast Karl-Heinz, wenn es etwas ist, was Tina beschützt, dann bin ich dabei und helfe dir.‘
„Du willst sie nur beschützen, oder?“, flüstert er auf Deutsch. Karl nickt und lächelt zurück.
„Ich doch auch.“
„Das klingt interessant. Dann beeile ich mich. Ich habe mir vorhin schon einen tollen Platz ausgesucht. Mal sehen ob ich dort noch immer alleine stehe.“
Das Tokio-Team
Kapitel 120
Das Tokio-Team
Kurz nach Tinas Erklärungen im Beratungsraum zieht sich auch ihr Team zurück in die Umkleide und als sich die Tür schließt, ist es plötzlich ganz leise. Tina schaut ihre Spielerinnen noch etwas angespannt an und sie kann die Anspannung in ihren Gesichtern sehen. Die Einzige, die fröhlich schaut ist Yoko.
„Mädels, ich glaube es ist besser, wenn ich euch kurz alleine lasse. Ich bin gleich wieder da. Ihr müsst das sicher erst einmal verdauen. Yoko, du übernimmst für mich.“ Alle sehen sie erstaunt an. Normalerweise überlässt sie die Vertretung an Yako. Dann verlässt sie den Raum, geht durch den Flur und findet sich im Trainerbüro bei ihrem Trainer ein.
Die Frauen hingegen fangen endlich an zu reden.
„Hat sie das eben echt gesagt? Wir müssen das verdauen? Sie hat uns doch noch nie alleine gelassen, wenn irgendetwas war.“, äußert eine Spielerin.
„Stimmt. Ich glaube eher, sie wollte selbst alleine sein.“ Plötzlich ist ein Weinen zu hören. Die Frauen sehen zu Mila, die jüngste und talentierteste Angreiferin im Team. Sie kam erst jetzt kurz vor den Ferien offiziell ins Team und wird die nächste Saison bei ihnen spielen, während sie ihre Oberschule beendet und sich auf die Uni vorbereitet.
„Mila, was ist los?“, kommt Yako auf sie zu und nimmt sie in die Arme.
„Es ist so schrecklich, Yako. Tora-sans Bruder, auf so eine furchtbare Art und sie musste das mit ansehen? Und dann kann sie trotzdem so stark und fröhlich sein? Ich könnte das nicht. Ich liebe meinen Bruder so sehr, dass könnte ich nicht verkraften, wenn ihm jemand so wehtun würde.“, weint sie sich an ihrer Schulter aus. Die anderen haben ebenso Probleme ihre Tränen zurückzuhalten.
„Warum musste sie uns das denn unbedingt noch vor dem Spiel erzählen? Das ist echt doof. Jetzt können wir uns kaum darauf konzentrieren und bis jetzt war das so ein toller Tag. Manno!“, haut Honoka gnatzig raus.
„Sie musste es doch tun. Wäre der deutsche Verband nicht aufgetaucht, hätte es heute nach dem Spiel gereicht. Aber wenn wir dann ihnen oder unseren oberen Leuten gegenüber was Falsches sagen und irgendwelche Spekulationen äußern, dann werden die doch gleich stutzig. Es war genau richtig uns das alles schon zu erzählen. Ihr habt euch doch vorhin schon gefragt wieso sie auf einmal kein Problem damit hat, die Fußballer um sich zu haben.“, erklärt Yoko sachlich.
„Du hast Recht. Es fühlte sich an, als wäre es für sie ganz normal. Aber wenn sie sogar mit einigen von ihnen befreundet ist, kein Wunder.“
„Jetzt sagt mir doch mal bitte einer wieso sie Kojiro nicht kennenlernen wollte. Das verstehe ich nicht und jetzt soll es die große Liebe sein und sie wussten anfangs nicht wer der andere ist?“
„Das liegt doch auf der Hand. Sie hatte Angst vor einem Fußballer Schwäche zu zeigen. Das hat sie doch gesagt. Sie war sich bestimmt nicht sicher wie sie darauf reagieren würde obwohl sie weiß, dass er mit einigen ihrer Freunde oder des Teams befreundet ist. Und ihr war das immer unangenehm, wenn wir sie Tora-san nannten oder die Presse ihr einfach diesen Namen verpasste. Sie war bis dahin immer die Füchsin wegen ihrer gerissenen Taktiken und dann kamen die auf dem Trichter sie mit Kojiro zu vergleichen, nur weil ihre Bälle so stark sind und sie ebenso temperamentvoll sein kann. Ihren Dickkopf konnte sie ja schon immer durchsetzen.“, erklärt eine weitere ehemalige Musashi-Spielerin.
„Genau. Das denke ich auch.“, bestätigt es Yako.
„Es gab noch einen anderen Grund. Und ich glaube der war viel wichtiger. Damals fragte ich sie, warum sie es nicht für die Fans tun will und dann sagte sie mir nur, sie möchte nicht, dass er sie wiedererkennt.“, bringt sich Yoko ein. Alle sehen sie verwundert an.
„Wie jetzt? Woher sollten die sich denn kennen?“ Yako wundert sich besonders und ihr Puls steigt plötzlich an.
„Yoko, hat sie es dir erzählt?“
„Was erzählt? Wo sie ihm begegnet ist?“
„Ja genau.“
„Das hat sie, ja. Aber es ist ein Geheimnis. Ich sollte es niemanden sagen. Daran werde ich mich auch halten.“ Yako lässt Mila los, welche sich inzwischen etwas beruhigt hat und stellt sich vor das Team.
„Ich kann das aufklären. Das kann natürlich möglich sein. Es fehlt die Zeit alles zu erzählen, aber kurzum, sie hat mir mal sehr geholfen oder vielleicht sogar sowas wie das Leben gerettet. Und bei der Aktion könnte es möglich sein, dass sie Kojiro über dem Weg gelaufen ist. Es könnte sein, denn es passierte auf dem Schulgelände der Toho-Schule.
Es…es war ein Erlebnis, das wir für uns behalten haben, aber das uns antrieb zusammenzuwachsen.“
„Wie jetzt? Hat das was damit zu tun wie euer komisches Weihnachtsspiel lief?“, merkt Honoka an.
„Ja genau, das war Toras erstes Spiel und sie machte die Mädels derart fertig, schon im ersten Satz. Keine von ihnen konnte mehr spielen. Ihr wart beide so komisch drauf und trainiertet speziell nur dafür.“ Yako nickt.
„Es…es war eine Art Racheakt. Wir wollten Rache üben an die Toho-Leitung und einigen ihrer Schüler.“, beginnt sie. Es ist ruhig.
„Moment mal, wieso Rache? Was meinst du damit? Ich kam erst ein Jahr später auf die Toho und jeder berichtete nur davon wie ihr unser Team fertig gemacht habt und warnten mich vor Tinas Bällen.“, bringt sich die Libero-Spielerin ein.
„Nicht für ungut, es ging nicht gegen die Frauen, sondern um andere, aber das war eben ihre Art sich an der Schule und an unserer Schule einen Namen zu machen. Es ging darum, es gab einen Vorfall und sie hat versucht das alleine zu klären, aber man nahm sie mit ihrer Nationalität sowie ihren damals noch geringen japanischen Sprachkenntnissen nicht ernst und dann sah sie sich gezwungen die Polizei mit einzubeziehen. Nur dann waren sie im Zugzwang ihr zuzuhören.“ „Yako, was ist denn an der Schule passiert?“
„Ihr könnt euch doch daran erinnern, dass ich ne Weile privat Probleme hatte. Man griff mich an und man warf mir Steine ins Fenster zu Hause. Ich bekam Drohbriefe und wurde sogar auf dem Weg nach Hause mal überfallen und bedroht.
Das alles hatte damit zu tun. Eines Tages war Tina bei mir zu Hause, um mit mir zu reden, warum ich sie nicht leiden kann und genau bei ihrem Besuch kam ein Stein ins Fenster und sie wusste nun Bescheid.
Ich konnte später mal unten auf der Straße noch jemanden weglaufen sehen. Der Junge trug eine Uniform der Toho. Jedenfalls machte ich mich eines Tages auf und wollte das Team der Mädels besuchen, um sie zu fragen, ob sie wüssten wer zu sowas fähig wäre. Mir war klar, dass sie selbst damit nichts zu tun haben können. Sie hatten es gar nicht nötig und ich konnte es ihnen auch nicht zutrauen.
Als ich dann zu ihnen wollte tauchte Tina auf und hatte mich verfolgt. Sie wollte mir helfen. Da tauchten plötzlich 10 Jungs auf und griffen uns an, bedrohten uns und wir rannen weg, aber sie holten uns ein und schupsten uns dann in einen Dornenbusch. Naja, die waren echt eklig zu uns und einer tritt bei mir noch richtig nach. Die Narben sieht man heute noch.
Worauf ich hinaus will ist, als wir dann alles mit der Polizei und auch mit den Eltern und den Schülern abklärten, da kann es sein, dass Kojiro, Ken und wie heißt der jüngere von ihnen? Sawada? Ja, Sawada, der geht ja jetzt auch nach Italien. Egal. Die drei sind ihr begegnet, weil das Arztzimmer gegenüber der Besprechungsräume lag. Also ist es möglich, dass sie sich gesehen haben.
Diese ganze Sache haben wir bewusst nicht an die große Glocke gehängt. Wir beide hätten sonst als die „armen Opfer“ dagestanden und das wollten wir beide nicht.“ Yoko ist verdutzt.
„Ist das dein Ernst? Wie wurden die Jungs dann bestraft?“
„Sie mussten alle die Schule verlassen, aber nicht einfach so. Sie mussten selbst dafür sorgen. Einer nach dem anderen ließ sich also was einfallen, gab seinen Sport auf oder behauptete den schulischen Druck nicht gewachsen zu sein. Irgendetwas was nicht auf die Tat hindeutet aber was sie bei ihren Familien unehrenhaft aussehen ließ. Und niemand durfte etwas sagen, sonst landeten die Beweise bei der Presse. Sogar die Leitung und ihre Angestellten und dieser furchtbare Arzt durften nichts nach außen tragen. Der behandelte Tina als wäre sich nicht wichtig, das kam richtig rassistisch rüber. Er hat sich hauptsächlich um mich gekümmert. Sogar dem Kommissar fiel das damals auf und er hat sich das notiert. Der verließ sogar zeitnah noch die Schule, keine Ahnung wieso. Ich habe ihn nur beim Weihnachtsspiel im Publikum gesehen.“
„Äh, welcher Kommissar?“, fragt Yoko.
Yako tut etwas muffig und sieht sie nur grimmig an.
„Ist doch egal, der, der halt damals kam. Ich sagte doch, es wurde die Polizei geholt.“
„So ist das. Ich verstehe.“, murrt sie zurück.
‚Tina, du kennst diesen Mann schon so lange und hast es mir nie erzählt. Deswegen versteht ihr euch so gut. Das erklärt einiges. Yako tat doch so seltsam als wir herkamen und fragte sie dann noch so leise, in der Hoffnung keiner hört es, was der Kommissar hier will. Sie hat ihn erkannt. Also ist dieser Kommissar, welcher von einem Samurai abstammt, der Ermittler damals gewesen.
Ob Ken ihn gesehen hat? Sie sagte doch, Tina könnte die drei gesehen haben, also hat er vielleicht ja auch den Kommissar gesehen?‘
„Yako, hast du Tina deswegen so von einem Tag auf dem anderen in unser Team aufgenommen?“, fragt sie.
„Ja genau. Wir haben uns an diesem Tag endlich ausgesprochen. Daraufhin bot ich ihr an endlich richtig das Spielen beizubringen. So ist dann die Drachenfaust entstanden. Sie wollte unbedingt einen eigenen Ball entwickeln. Er ist so hart, weil sie dabei an diese feigen Jungs denkt.“
„So, Mädels, jetzt aber wieder was anderes. Lasst uns später reden. Sie kommt sicher gleich wieder.
Habt ihr euch schon jemanden ausgeguckt?“, haut plötzlich eine begeistert raus und will die Stimmung wieder heben. Immerhin hatten sie zuvor eine so gute Laune, weil es so viel Spaß gemacht hat die Halle herzurichten. Alle sehen sie verwundert an.
„Na? Was ist nun? Wir müssen doch absprechen wer hier mit wem flirten darf, ich will nicht, dass mir eine von euch in die Quere kommt, klar!?“, macht sie eine laute Ansage.
„Hm, also da waren echt einige nette Herren dabei. Aber man weiß ja gar nicht wer von denen überhaupt noch Single ist. Mir gefiel schon immer Tsubasa, aber der ist ja verheiratet.“, kichert eine und fasst sich an den Kopf. Endlich lockert sich die Stimmung und das Thema Männer tritt in den Vordergrund.
„Also ich für meinen Teil bin raus. Mein Kandidat ist bereits vergeben und mit der Frau lege ich mich lieber nicht an.“, meint eine andere.
„Jo, so geht’s mir auch. Bin da raus und es scheint wohl was Ernstes zu sein.“, grinst die ehemalige Toho-Spielerin.
„Dieser Sawada, ui ui, Takeshi Sawada. Er war echt charmant und sieht verdammt gut aus.“, grinst die Libero-Spielerin.
„Der ist vergeben. Und zu jung ist er für dich auch. Er ist erst zwanzig.“, bringt sich Yoko ein.
„Hm, dann Wakabayashi. Der ist echt sexy, nur doof, dass er in Deutschland lebt.“, meint diese dann.
„Oh ja, den müssten wir uns aber teilen, das geht nicht. Also eins ist klar, wenn der einen Urlaubsflirt sucht, ich stoß den bestimmt nicht von der Bettkante.“, kichert die Mittelbloggerin.
„Der ist vergeben, ihr seid zu spät.“, meint Yoko.
„Verdammt, wieso weißt du das?“
„Weil es eine Klassenkameradin von mir ist.“
„Honoka, wer würde dir denn gefallen? Was hast du überhaupt für einen Männergeschmack? Du bist ja noch nicht lange bei uns.“, fragt man sie.
„Gar keinen. Ihr wisst doch, dass mich Männer nicht interessieren.“, knurrt sie und verschränkt die Arme.
„Oh, sorry, ich dachte das war nur ein Gerücht.“, kommt als ehrliche Antwort.
„Ne, ist es nicht, man kann das ja nicht jedem auf die Nase binden.“, grinst sie sie an.
„Das stimmt, Tina hatte es damals von dir verlangt, dass du es uns erzählst. Sie sagte, es ist für dich besser, dann kannst du dich voll auf den Sport konzentrieren, weil wir alle keine Probleme damit haben.“
„Das stimmt. Ich glaube jetzt kann ich sie verstehen warum sie das wollte. Ihr ging es doch selbst jahrelang so. Hat sich als Jungen ausgegeben und es durfte keiner mitbekommen. Wie doof ist das denn?“
„Könnten wir das Thema wechseln?“, murrt Honoka und schaut dann zu Mila. „Mila, unser Küken, du hast doch vorhin mit einem der Herren richtig heftig geflirtet. Ihr hattet scheinbar viel Spaß, wenn ihr so viel gelacht habt.“, lenkt sie ab. Mila wischt sich die letzte Träne ab und lächelt.
„Wie? Das hast du gesehen?“, spricht sie schüchtern.
„Ja klar. Das war doch nicht zu übersehen. Wer war das? Die Nummer 20, wenn ich mich nicht irre.“
„Oh…die Zwanzig, ja, der ist niedlich. Ihr passt optisch schonmal zusammen.“, meint Yako.
„Das ist Shingo. Shingo Aoi, ein kleiner Wirbelwind wie du, Mila. Aber da gibt es ein Problem.“, meint Yoko.
Mila schnieft aber lächelt glücklich. Ihr gefällt Shingo, er war sehr nett und lustig.“
„Ich weiß, er spielt wie Hyuga in Italien. Nur in einem anderen Team. Sie sind dort Gegner. Deswegen…deswegen ist es echt schade. Mein Herz hat richtig geklopft als wir uns unterhalten haben.“, gesteht sie zurückhaltend.
„Na dann weißt du ja was du zu tun hast, wenn Tina weg ist.“, haut Yoko raus. Mila sieht sie verwundert an.
„Was meinst du?“, wundert diese sich.
„Du bist unwahrscheinlich talentiert und hast starke Angriffe, ich denke mal du holst Tina innerhalb eines Jahres ein und dann….dann wirbt dich Italien auch an und du kannst gegen sie spielen. Was meinst du? Dann bist du bei diesem Shingo und bei Tina.“ Die Frauen lachen herzlichst und auch Mila kann plötzlich wieder lachen.
„Wer war denn euer Favorit, wenn ihr sagt, der ist schon vergeben?“, werden die beiden ersten Frauen nochmal angesprochen.
„Äh, naja…das sag ich jetzt lieber nicht.“
„Ich lass es auch lieber.“, meinen sie beide nur und dann bringt sich eine weitere Spielerin mit ein.
„Also ich für meinen Teil war immer schon total in Kojiro verknallt, was für ein Mann. Das muss doch mal gesagt werden. Und immer, wenn ich diese Werbung sehe, dieser wahnsinnige Blick, zu schade…alle Hoffnung dahin.“, lacht sie dann.
„Oh ja, ich hab´s mir nur nicht getraut zu sagen. Mir blieb fast das Herz stehen als er dann in den Raum kam. So nah und dann so sexy in diesem Hemd und der Anzugshose. So elegant und trotzdem diese Oberarme…Wer kann dem schon widerstehen?“, gesteht nun doch eine.
„Mir auch, aber ich hatte schon so eine Ahnung, als Tina anfing davon zu reden, es sei jemand aus dem Team…da war es mir total klar. Der wilde Tiger und unsere gelbe Tigerin, wer hätte das gedacht. Das passt aber irgendwie. Das Temperament und diese Hingabe an Leidenschaft beim Spielen, diesem Mann muss man erstmal bändigen können und ganz ehrlich…ich will nicht mit ansehen wollen wie er ständig von anderen angehimmelt wird. Wenn er irgendwo offiziell unterwegs ist und die Weiber alle wie die Blöden jubeln und sonst was sagen, das würde mich echt eifersüchtig machen. Ich bin gespannt wie lange Tina das aushält.“
„Naja, bei ihr ist es doch genauso. Was meinst du was da manchmal los ist, wenn sie ihre Show im Studio abzieht oder einen Kurs in einer Mall abhält, nur um Kunden zu gewinnen? Ich habe die eine oder andere Vorstellung live erlebt. Was die Männer da so glotzen und für Dinge sagen, das geht auf keine Kuhhaut. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Hyuga das so toll finden würde, wenn er danebensteht.“
„Das stimmt. Wie hat das dieser Martin, also ihr jetziger Geschäftspartner nur ausgehalten? Der stand doch im Studio auch noch direkt daneben.“, haut eine raus.
„Vermutlich gar nicht, vielleicht ging das deswegen schief.“, meint jemand.
„Das kann natürlich sein. Aber ich glaube dieser Unfall mit Tinas Eltern und dieser Presserummel um sein Alter gab dann den Rest.“
„Ganz bestimmt.“
Es klopft an der Tür. Alle sind leise.
„Herein.“ Es ist Tina, sie hat den Trainer bei sich. Tina schaut in die heiteren Gesichter der Frauen.
„Na? Habt ihr euch schon die Männer da draußen alle aufgeteilt?“, lacht sie spaßig und steckt die Zunge raus. Yoko kommt auf sie zu und lacht.
„Ja genau. Du hast echt viel Konkurrenz und auf Genzo musst du auch aufpassen.“ Tina grinst.
„Ach ja? Na ja. Warum soll es mir anders gehen als Kojiro.
Und die arme Hinata. Du meine Güte.“ Die Betroffenen Frauen sehen Tina verdutzt an.
„Stört dich das gar nicht? Wir haben uns gerade gefragt wie du das aushalten willst, wenn Hyuga irgendwo auftaucht, dann ist doch gleich die Hölle los.“, meint Honoka.
„Das kann ich mir vorstellen. Aber macht euch da keine Gedanken. Wir haben beide unsere Fans und wir wissen das auch. Und wir hatten beide vorher ein Leben, also wird da noch einiges auf uns zukommen, das ist uns bewusst. Deswegen müssen wir auch noch so vorsichtig sein. Wir haben zwar schon die wichtigsten Leute informiert, aber meine Familie zum Beispiel steht noch aus. Denen sagen wir es dann in unserem Urlaub, der übermorgen beginnt. Das wird sicher noch lustig. Das sind totale Fußballfans und feuern natürlich das deutsche Team an. Und für Genzo drücken sie die Daumen.“, lacht sie herzlich.
„Oh, na das klingt spannend. Da würde ich zu gerne Mäuschen spielen.“, lacht Yako.
„Ich auch.“, lachen die anderen wieder.
Dann tritt eine von ihnen hervor.
„Tora-san, eins musst du uns mal verraten. Wie konntest du Kojiro nicht erkennen, wenn ihr euch doch vorher sogar begegnet seid?“ Tina ist verwundert. Plötzlich steigt ihr Puls etwas an. Fragend sieht sie zu Yoko und dann zu Yako.
„Ja genau und zeigst du sie uns mal? Du hast es immer versteckt, jetzt wo wir wissen was war, verständlich, aber zeigt es uns bitte?“, spricht die ehemalige Toho-Spielerin mitfühlend.
„Yako? Steckst du dahinter?“, murrt sie diese an. Yako verschränkt die Arme.
„Ich kann nichts dafür, Yoko hat bereits verlauten lassen, dass ihr euch begegnet seid. Ich habe das nur aufgeklärt.“ Tina fasst sich an den Kopf.
„Yoko, du also? Wieso hast du das gesagt?“
„Jetzt wissen es doch eh alle. Wo ist das Problem? Man hat sich gefragt wieso du ihn nicht kennenlernen wolltest und du hast doch gesagt, dass du ihm einmal begegnet bist und nicht willst, dass er dich erkennt.“
„Ach man. Das stimmt ja auch, aber diese Sache mit Yako war eine andere.
Yako, an diesem Tag bin ich den Jungs aus dem Weg gegangen, sie haben mich alle drei nicht gesehen, nicht mein Gesicht. Ich wollte nicht, dass sie mich erkennen, weil wir uns bereits in Deutschland kurz begegnet sind. Das war doch zu diesem Zeitpunkt erst zwei Monate her. Und wenn sie mich erkannt hätten, dann hätten sie gewusst, dass ich Genzo und das Team kenne. Genau aus diesem Grunde habe ich dann später auch den Kontakt zu Kojiro abgelehnt. Ich war zum einen unsicher wie ich auf einen Fußballer reagieren würde und zum anderen war noch viel wichtiger, dass er oder Andere die Verbindung nicht erkennen. Stellt euch doch mal vor, er hätte mich dann vor laufender Kamera erkannt und erwähnt, dass wir uns am Flughafen begegnet sind und ich ihn mit Tsubasa verwechselt habe. Dann wäre alles aufgeflogen. Das Risiko war viel zu hoch.
Wenn irgendjemand erfährt, dass ich als Mädchen im HSV gespielt habe und sogar bei einer Europameisterschaft dabei war, dann könnte man alle ihre Siege aberkennen oder sogar die ganze Meisterschaft anzweifeln. Immerhin haben wir damals gegen die Franzosen im Finale gewonnen. Das würde nicht nur den alten Verein ruinieren, sondern auch die Karriere der Jungs, die alle mit mir gespielt haben. Das Deutschlandteam wie auch der HSV.
Ich…ich glaube nicht, dass das jemand will. Genzos Erfolge wären ungültig gewesen, dabei ist er so talentiert und ein Spitzen Keeper. Es hätte also auch dem japanischen Team geschadet. Von dem Megatransfer von Karl-Heinz ganz zu schweigen. Mit gerade mal Fünfzehn hat ihn Bayern bereits zu den Profis gesteckt. Der HSV hatte gerade zu dem Zeitpunkt einen großen Skandal in der Profimannschaft wegen einer Trainerentscheidung seines Vaters und es gab viele Anfeindungen ihm gegenüber. Dann kam das mit Stephan dazu, einer seiner besten Freunde, und dann von Fußballfans. Wenn dann noch meine Angehörigkeit zum Team aufgetaucht wäre, dann hätte es alle Arbeit zunichte gemacht.
Als Stephan starb, blieb mir gar nichts anderes übrig als das Land zu verlassen. Ohne irgendein Tam Tam. Hätte man davon erfahren, dann auch von mir und dann wären alle in Gefahr gewesen. Ich habe letztendlich nur versucht das alte Team und meine alten Freunde zu beschützen. Der Einzige Freund, der mir geblieben ist war Genzo, aber vermutlich auch nur, weil er wusste, dass ich ein Mädchen bin und auch weil wir uns daher alles anvertrauen konnten und dann half er uns in der Not. Das schweißt unglaublich zusammen. Mit allen anderen konnte ich mich nicht mehr unterhalten oder ihnen gegenübertreten.“ Die Frauen sehen sie an. Yako kommt auf sie zu.
„Damals, als wir da bei dem doofen Arzt saßen und uns aussprachen, da hast du einen Spruch gesagt. Du hast ihn später im Team verwendet, wenn es etwas Wichtiges zu klären gab.
„Alles fürs Team…und darüber hinaus.“.“, sagt sie dann wehmütig und umarmt sie. Ihr kommen ein paar Tränen. Tina nimmt sie auch in den Arm.
„Das hast du mal gesagt, als du mir geholfen hast diesen ekelhaften Stalker loszuwerden“, meint Honoka plötzlich. Dann bringt sich eine weitere Spielerin ein.
„Mir hast du das auch gesagt, als ich die Fehlgeburt hatte. Du hast jeden Tag vorbeigeschaut und manchmal bist du über Nacht geblieben.“, sagt die zweite Bloggerin.
„Du hattest eine Fehlgeburt? Wann das denn? Das ist ja furchtbar.“, äußert Yoko plötzlich.
„Na als ich mal die drei Wochen komplett krank war. Zuerst wusste ich nicht, das ich schwanger war und dann hatte ich plötzlich starke Blutungen. Ihr dachtet es war nur eine Verletzung am Bein.“ Die anderen sehen sie überrascht an und schauen dann zu Boden.
„Auch mir hast du es gesagt.“, bringt sich plötzlich Trainer Schmitt ein.
„Damals musstest du mir deine Geschichte erzählen, damit ich dich ins Team lasse. Und kurz bevor du es erzähltest meintest du, ohne das Team kannst du nicht mehr sein und dann hast du diesen Spruch leise gesagt und mir ganz ernst in die Augen geschaut.
Und dann wusste ich es, so hast du dich damals in dem Team gefühlt und, dass du es wahnsinnig vermisst. Ich hatte damals das Gefühl, dass du ohne ein richtigen Teamsport keine Motivation finden könntest hier in Japan Fuß zu fassen. Das Schwimmen und Laufen alleine hat dich nicht glücklich gemacht, aber als du dann auf dem Feld standest und den Ball in den Händen hieltst, da konnte man sogar als Außenstehender sehen wie sehr du ihn liebst, den Mannschaftssport.“, erklärt er. Dann schaut er auf und lächelt.
„Mit deiner Lebenseinstellung und deinem Einbringen ins Team hast du auch mir den Lebensmut wieder gegeben. Yako und Yoko können es bestätigen, bevor du ins Team gekommen bist, war ich nach dem Unfall nicht zu gebrauchen. Ich habe dem Team sich selbst überlassen und deswegen auch anfangs nicht bemerkt wie es dir ging oder was mit Yako los war. Du aber hast es bemerkt und dich dann darum gekümmert. Plötzlich war da ein richtiges Team da.“
„Mädels, ich muss noch etwas Wichtiges ergänzen.
Tina, hat ihr Leben für mich riskiert, denn als wir wegliefen war ich zu langsam. Nur meinetwegen holten uns diese Kerle ein. Tina hätte einfach weglaufen können. Sie hätte mich zurücklassen können, aber nein. Sie ließ sich extra für mich zurück, um an meiner Seite zu bleiben was auch immer passiert. Das war ein unglaubliches Risiko.“ Plötzlich kommen alle auf Tina zu und wollen sie umarmen.
„Tora-san! Wir…wir werden heute ganz alleine für dich spielen.“
„Ja nur für dich. Unser letztes Spiel und wir werden siegen.“
„Akane kann sich warm anziehen.“
„Wir spielen für DICH und für DEINEN Bruder. Der sieht uns zu und wird stolz auf dich sein!“ Tinas Herz rast vor Verwunderung und sie weiß gar nicht so richtig wie sie reagieren soll.
Plötzlich kommen ihr die Tränen. Sie kann gar nicht glauben was sie hört. Nie hätte sie gedacht, dass dieses Team, was ein so großer zusammengewürfelter Haufen war, ihr jemals so tröstend sein kann.
Plötzlich klopft es an der Tür. Es wird hereingebeten. Vor der Tür steht Makoto. „Entschuldigt die Damen, aber ihr werdet erwartet. Was beredet ihr denn so lange?“, ist er zwar freundlich, aber mit strengem Blick.
„Ui, der wäre doch was für dich, Mila.“, haut plötzlich eine Spielerin raus.
„Äh, hallo? Mit wem willst du mich denn jetzt noch alles verkuppeln?“
„Hallo Makoto, lange nicht gesehen.“, grinst Yako. Die anderen grinsen auch. Mila ist etwas irritiert.
„Jedenfalls wohnt Makoto nicht in Italien, sondern hier in Tokio.“
„Spinnt ihr jetzt? Was soll Tinas Personal denn von mir denken? Ihr seid peinlich.“, faucht sie. Makoto ist etwas verdutzt und schaut Tina an.
„Was ist denn hier los? Deine Frauen wollen mich jetzt verkuppeln, oder was?“ Er schaut zu Mila.
‚Hübsch ist sie ja. Mein Alter scheinbar, sonst würden die das nicht sagen.‘
„Nichts für ungut, aber ihr Frauen solltet euch lieber aufs Spiel konzentrieren statt euch über Männer den Kopf zu zerbrechen.“, macht er eine klare Ansage.
„Oha, jetzt wird er auch noch frech.“, wird gelacht.
„Ihr nervt echt.“, knurrt er und geht dann wieder.
„Ihr seit echt peinlich!“, murrt Mila.
„Sag jetzt nicht, du hast ihn nicht erkannt?“, wundern sich die Frauen und lachen.
„Wie meint ihr das? Wer soll das denn gewesen sein?“
„Na Makoto, Makoto Ichii aus dem Tokio-Team. Quasi unsere Männerseite.“, lacht Yako. Mila ist etwas verdutzt. Sie hat ihn tatsächlich nicht erkannt. So in seiner Kochkleidung mit Hut und Halstuch seitlich gebunden.
„Ihr wollt mich doch veralbern.“ Tina muss lachen.
„Nicht wirklich, aber gemein seid ihr wirklich.“
„Wieso ist der denn in deiner Küche?“, fragt sie neugierig.
„Aus dem selbem Grund wie Fane, damit er seine Ruhe vor der Presse und den Fans hat und damit er beim Besten lernt. Beide wollen Diätköche werden. Kochen ist sein Ding, neben dem Sport, so wie bei mir.“
Dann hebt sie die Hand und winkt alle zur Tür.
„Also los, ihr Lieben. Denkt aber dran, ich musste nochmal die Taktik etwas überarbeiten. Den ersten Satz spielt ihr ohne mich.“, sagt sie noch kurz bevor sie die Tür öffnet.
Erinnerungen an Olympiaden
Kapitel 121
Erinnerungen an Olympiaden
Stolz begrüßt der Direktor die Leute vom deutschen Verband als er sie am Einlasstor beim Security abholt. Er verbeugt sich vor ihnen.
„Es ist mir eine große Ehre, Sie in unserer Schule willkommen zu heißen.“ Die deutschen Gäste verbeugen sich ebenso respektvoll und sind ihm gegenüber sehr freundlich.
„Die Ehre ist auch auf unserer Seite, Herr Direktor.“, spricht der Verbandsvizepräsident Herr Müller. Neben ihm steht die aktuelle Talentbeauftragte, welche selbst noch vor zwanzig Jahren als Angreiferin im Nationalteam der BRD gespielt hat, Alexandra Wünsche. Mitgebracht haben sie den Haupttrainer des aktuellen Europa-Nationalteams und Anke Schumacher, seine beste deutsche Angriffs-Spielerin, sowie einer der stärksten Libero-Spieler der Männerteams, welcher jedoch nicht für die Europameisterschaft eingetragen ist.
Der Direktor führt sie in die Halle auf der Zuschauereinlass-Seite, also gegenüber der Sportlerseite. Der Einlass befindet sich neben dem großen Tor für das Catering oder für Gerätewagen. Oben in der VIP-Lounge angekommen begrüßen sie neugierig die Leute vom japanischen Verband so wie vom Tokio-Verein. Sie nehmen alle oben in der Loge Platz. Fane steht neben der Vereinschefin und wird ebenso begrüßt. Sie stellen sich alle nacheinander mit Namen vor.
„Und Sie sind jetzt wer?“, wundert man sich.
„Nakazawa, Sanae Nakazawa. Ich bin die Managerin von Frau Fuchs. Meine Aufgabe ist es zwischen den Verbänden zu vermitteln und dafür zu sorgen, dass Frau Fuchs sich ganz auf ihr Training für die kommende Saison und die Weltmeisterschaft konzentrieren kann. Wenn es also Fragen gibt, dann müssen Sie mit mir Vorlieb nehmen.“, antwortet sie freundlich und in Englisch.
„So jung und schon Managerin. Das mag man gar nicht glauben.“, äußert der Trainer Herr Oliver Baum und lächelt sie freundlich an.
‚So ist das. Als Bindungsglied zwischen uns. Vermutlich wissen sie, dass wir versuchen Frau Fuchs umzustimmen. Hat sie jedoch eine Japanerin als Managerin ist da nicht viel Hoffnung. Aber nun gut. Warten wir es ab. Was ich bisher über Frau Fuchs weiß ist, dass sie am Ende immer ihren eigenen Kopf durchsetzt und ihr eine Managerin vorzuschreiben, wo sie doch scheinbar lieber alles alleine macht, kam sicher nicht gut an. Am Ende entscheidet sie es und nicht ihr Verband. Es wäre gut, wenn sie noch ins Team käme, sie spielt in Europa keine Konkurrenz zu Japan dar. Aber uns ist eine der besten Spielerinnen leider ausgefallen. Und das mitten in der Trainingszeit für die Europameisterschaft. Nun brauchen wir sofort eine weitere Angreiferin.‘
Es klopft an der Tür. Die fünf Trainer der Fußballteams und Herr Katagiri treten ein. Alle stellen sich vor und begrüßen sich freundlich.
‚Bettina, du hast ganz schön was aufgewirbelt. Da reisen die Leute extra spontan hier her, nur um dich vermutlich zu überreden. Das habe ich nicht einmal gemacht. Wenn, dann um jemanden zu ermutigen, aber nicht, um ihn zu überreden statt für andere für uns zu spielen. Da steckt bestimmt etwas dahinter. Etwas was kein Zeitverlust zulässt.‘, ist der Talentscout sehr erstaunt. Die Japaner begrüßen die Damen zuerst und stellen sich vor.
„Das wird hier eine interessante Partie. Haben Sie schon einmal ein Volleyballspiel gesehen?“, werden sie von der Vereinschefin gefragt. Alle Fußballtrainer des Nationalteams schütteln den Kopf und lächeln.
„Wir sind wahnsinnig gespannt was uns hier erwartet.“, vermerkt Gamo. Herr Katagiri grinst.
„Ich habe diese Teams bisher nur einmal im Fernsehen gesehen und hier und da kenne ich sie aus den Sportzeitschriften.“
Kozo zuckt nur mit den Schultern und Mikami lächelt begeistert.
„Ich schließe mich Herrn Gamo an. Ich bin sehr gespannt was uns die Frauen hier bieten werden. Wir waren gestern sehr überrascht, dass man uns mit den Teams eingeladen hat.“ Der Trainer des FC Tokio, welcher gestern anwesend war, bringt sich ebenso ein.
„Ich bin auch neugierig wie es heute läuft. Ich habe schon einige Spiele gesehen. Man hat Frau Fuchs Sport- und Fitnessprogramme in den Zeitschriften beworben und das hat mich dann neugierig gemacht, dass ich mir mal ein paar Spiele angesehen habe. Man hört von anderen Sportlern nur Gutes über ihre Arbeit. Sie sollen wirklich deutlich fitter geworden sein und das Kochbuch soll auch sehr gut sein.“, spricht er überzeugt.
‚Bettina Fuchs, mit deinem Auftritt gestern hast du mich völlig überrascht. Ich war dumm, dass ich den Männern damals davon erzählt habe, dass man uns angeblich abgelehnt habe. Wie konnte ich das nur falsch verstehen? Du hast Recht, Herr Müller hat nicht gesagt, dass er uns nicht annehmen wird, sondern nur, dass du uns persönlich nicht betreuen kannst. Natürlich kam das dann gestern seltsam rüber, als du das Nationalteam wiederum betreuen willst, aber uns nicht. Die Männer kamen sich plötzlich vor wie vor den Kopf gestoßen. Dabei sind wir doch im selben Team, wir spielen für Tokio.‘ Er blickt daraufhin aus dem Fenster hinaus auf die Halle. Neugierig betrachtet er sein Team, wie es in den Zuschauerrängen sitzt. Beide Teams haben sich etwas vermischt und einige haben Angehörige dabei. Die Männer wirken sehr fröhlich. Dann schaut er auf das Spielfeld und wundert sich über die kleine Blondine, die am Feldrand sitzt. Er nimmt sie nur von hinten wahr und betrachtet sie, wie sie ihren großen Block aus ihrer Tasche nimmt, ihn auf den Tisch legt und ihre Aquarellfarben herausnimmt. Dann stellt sie einen Wasserbecher auf den Tisch und nutzt ihre Wasserflasche zum Auffüllen.
„Hm, wer ist denn eigentlich diese kleine Künstlerin dort unten? Will sie die Frauen während des Spiels etwa malen?“ Alle sehen ebenso zum Spielfeld und begeben sich zum Fenster. Herr Mikami bringt sich ein.
„Das ist Frau Krause, eine junge Künstlerin aus Hamburg. Sie ist zufällig heute Morgen in Frau Fuchs Laden erschienen und hat sie gemalt. Dann hat sie sie gebeten heute das Spiel zu begleiten und die Bilder sollen unter anderem dann der Schulchronik zugutekommen.“
„Das ist ja eine echt tolle Idee. Ich will später dann eine Kopie haben. Sie muss sehr talentiert sein, dass sie sich traut aus den schnellen Bewegungen zu malen.“, vermerkt die Talententdeckerin der Deutschen. Sie erntet durch ihren Kommentar einen überraschten Blick von Herrn Katagiri. Anke schaut sich die junge Frau genauer an.
„Eine Künstlerin aus Hamburg? Hat die Dame auch einen Vornamen?“
Mikami zögert einen kleinen Moment und antwortet dann, denn wenn nichts kommt, dann fällt es noch viel mehr auf.
„Die junge Frau heißt Marie, Marie Krause.“, sagt er dann freundlich und schaut einfach nur hinaus, statt die Frau neben sich anzusehen.
‚Marie? Das ist aber ein seltsamer Zufall.‘, wundert diese sich.
Plötzlich verlautet Frau Wünsche völlig aus dem Häuschen, dass sie jemanden entdeckt hat.
„Ich glaub ich sehe nicht richtig! Was macht die denn hier?“ Alle sehen sie verdutzt an.
„Wen meinen Sie?“, erkundigt sich Anke.
„Na sehen Sie denn nicht dort unten bei den Zuschauern. Diese Familie mit den vier Kindern. Selbst Sie junges Küken müssten die Dame erkennen.“, meint sie nur. Anke schüttelt den Kopf.
„Ich verstehe nur Bahnhof. Da ist eine Familie, ja. Aber bekannt kommt mir die Mutter nicht vor. Ich überlege eher bei den Kindern. Die beiden großen habe ich schonmal gesehen.“ Sie geht an ihre Handtasche und holt ein kleines Fernglas heraus.
„Tatsächlich. Sie haben Recht. Das ist Frau Heinemann, ich kenne sie noch aus Schwerin, aus meiner Anfangszeit. Sie hat die kleineren Mädchen ehrenamtlich trainiert. Sie ist doch immer noch dort, oder?“, vermerkt der vierundzwanzigjährige Spieler.
„Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein? Wissen Sie nicht, wer sie war?“, meint diese dann nur.
„Moment, ich erkenne die Kinder jetzt doch. Der große Junge war im Volleyball-Kader der letzten Olympiade. Und das große Mädchen, das spielt kein Volleyball, sondern ist die Nationalkeeperin der U16 gewesen. Sie spielt beim HSV im Jugendteam. Ist ja ein Ding. Die Kleinen werden sicher auch irgendwas machen.“
„Sagten Sie Heinemann?“, meint der Trainer überrascht.
„Darf ich mal?“, hält er die Hand zu Ankes Fernglas. Sie gibt es ihm rüber. „Tatsächlich. Uwe, ist ja ein Ding. Wieso sind die hier? Dann ist seine Frau…“, spricht er und wird unterbrochen.
„Ann-Kathrin Voß! Die beste Zuspielerin welche die DDR zu bieten hatte. Was für eine Legende, was haben wir uns duelliert. Das letzte Mal, als ich ihr begegnet bin, war meine Talentsuche in Schwerin vor gut drei Jahren. Ich habe sie aber nur gesehen, nicht mit ihr gesprochen. Ich muss mich ja immer zurückhalten, wenn ich mal auf der Suche nach Talenten bin. Ich hätte zu gerne mit ihr gesprochen.“ „Wie jetzt? Das ist Ann-Kathrin Voß? Sie wird in den Zeitschriften ab und an mal genannt, um zu vergleichen.“, äußert Anke. Dann schaut sie zu ihrem Trainer.
„Ihr Mann heißt Uwe? Und woher kennen Sie den?“ Er gibt ihr das Fernglas wieder.
„Vor seinem Armeedienst haben wir gegeneinander gespielt. Er war sehr stark und talentiert. Nach der Armee entschied er sich für die Laufbahn bei der Volkspolizei. Freizeitlich spielt er sicher noch heute. Und seine Frau hat er, wenn ich mich richtig erinnere, bei der Olympiade 1980 in Moskau kennenlernt. Da hat er noch gedient und wurde nach Moskau abkommandiert, weil ein Teil des Betreuerstabs fürs Olympiadorf ausgefallen war.“
„Wieso sind sie denn ausgefallen? Die können doch nicht alle gleichzeitig krank gewesen sein.“, vermerkt Anke.
„War eben eine andere Zeit. Die Welt war etwas kompliziert und damals gab es Unruhen vor der Olympiade. Die Sowjetregierung befürchteten Unruhen im Dorf, weil einige Länder wegen politischen Gründen boykottierten und nicht dabei waren. Sie trauten einem Teil der Betreuer nicht, linientreu zu sein. Daher entschied man sich unteranderem junge Soldaten vom ASV (Armeesportverein) zu schicken, von denen man glaubte sie seien es. Staatstreuer und gehorsamer ging es ja nicht. Die Leute hatten alle einen Eid geschworen.“
Alexandra Wünsche verschränkt mit einem betrübten Gesicht die Arme. Ihr wird etwas kalt und ihr kommt eine kleine Gänsehaut.
„Erinnern Sie mich nicht daran. Noch immer muss ich daran denken, wenn wieder der 15. Mai kommt. Da schuftet man jahrelang und trainiert bis zum Umfallen und dann plötzlich, geht’s nicht zur Olympiade. Bei diesem dämlichen Boykott hat niemand an die Gefühle von den Sportlern gedacht. Viele haben deswegen ganz aufgehört, wozu sich abrackern, Geld gab es so gut wie nichts und das Studium litt unter dem Druck.
Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit und ich kann später mal mit ihr reden. Das wäre sicher ein interessantes Gespräch.“, spricht sie leise.
„Aber Sie waren doch dann vier Jahre später dabei.“, meint Anke.
„Schon, aber wenn ich da gewusst hätte, dass die Sowjets kurz vorher selbst boykottieren und die DDR auch nicht dabei sein durfte, hätte ich nicht spielen wollen. Was bringt dir so eine Meisterschaft wo sich die Stärksten messen sollen, wenn die Stärksten deiner Sportart fehlen? Die Motivation war derart bei allen im Keller, das hat man in jeder Disziplin gemerkt. So richtig Stimmung kam nie auf. Wir blieben nur Sechste. Danach habe ich mich dann nur noch um mein Studium gekümmert.“
„Könnten wir mal das Thema wechseln? Wir wollten uns das Spiel ansehen und nicht über alte verpatzte Olympiaden reden.“, spricht Kira plötzlich ernst und laut. Alle sehen verdutzt zu ihm. Seine japanischen Altersgenossen können seinen Einwurf nachvollziehen. Auch sie haben damals darunter gelitten, dass sie entweder nicht gehen konnten, weil auch Japan boykottierte oder die Qualifikationen nicht schaffte. Die Volleyballer unter ihnen wissen auch noch wie schade es war, dass so starke Gegner fehlten, als sie dann doch dabei waren.
„Sie haben Recht, Herr Kira. So schnell schweift man vom Thema ab.“, unterstützt ihn Katagiri. Dann atmet er tief ein und wieder aus. Sein Blick ist auf die Zuschauer gerichtet.
„Wissen Sie was? Wenn ich die vielen begeisterten jungen Talente da unten alle so sehe, kann ich nur…daran denken wie gut sie es haben. Ich glaube wir alle hier oben sind sehr froh darüber, dass sie deutlich sorgloser ihren geliebten Sport ausüben können als wir zu der damaligen Zeit. Ich kann nun nicht für die Frauen sprechen, aber unsere Männer da unten, alle die, die zur Olympiade letztes Jahr gingen, sie konnten unseren Traum erfüllen, das ist doch auch etwas ganz Besonderes.“
„Da haben Sie Recht. Dem kann ich nur zustimmen.“, untermalt der japanische Verbandsvorsitzende, Herr Keita Kagejama. Es ist für eine Weile still. Plötzlich klingelt Sanaes Handy.
„Bitte Entschuldigen Sie mich kurz.“ Sie holt das Handy aus ihrer kleinen Tasche und geht ran.
„Frau Nakazawa? Hier ist der Sicherheitschef vom Tokio-Team, Hiro. Frau Fuchs teilte mir Ihre Nummer für Eventualitäten mit.“
„Oh, ja, guten Tag. Was gibt es?“
„Hier steht ein Herr Hongo, er ist der Meinung er dürfe eventuell eintreten, wie er als Freund von Herrn Ohzora zählt. Er würde gerne zum Nationalteam. Sein Besuch sei unangekündigt als Überraschung gedacht. Können Sie Frau Fuchs fragen ob das okay ist?“
Roberto Hongo steht neben Herrn Hiro und wundert sich über den Namen der Managerin.
‚Hä? Hat er eben etwa Nakazawa gesagt? Na das kann doch nur ein Zufall sein. So selten ist der Name nicht.‘
„Oh, das ist ja wirklich eine Überraschung. Da wird er sich aber freuen. Ich kläre das kurz ab. Haben Sie sich bereits den Ausweis zeigen lassen?“
„Ja, scheint alles zu stimmen. Ich kann jedoch nicht abschätzen, ob er wirklich zu Herrn Ohzora gehört. Mit den Fußballern habe ich es nicht so.“
„Ich rufe gleich zurück. Ich muss Frau Fuchs fragen, aber ich denke dem steht nichts im Weg.“ Sie legt auf und ruft Tina an. Diese geht sofort ran.
„Na? Aufgeregt?“, kommt Sanaes Stimme an Tinas Ohr.
„Es geht so. Was gibts?“
„Es steht ein Überraschungsgast vor dem Tor. Er wollte das Team besuchen und ist sicher von jemanden hier her verleitet worden. Darf er dir zusehen? Es ist Hongo, Roberto Hongo.“
„Fane, willst du mich gerade veralbern? Im Ernst? Der Brasilianer?“
„Ja genau.“
„Klar, lass ihn rein. Er kann, wenn er will oben bei euch sein. Er gehört ja dann auch fast zum Trainerstab. Das verursacht glaube am wenigsten Aufsehen und er hat vertraute Leute um sich. Am besten du lässt ihn von Basa selbst abholen und hochbringen, dann können die in Ruhe vorher reden.“ Fane legt auf.
Dann ruft sie ihren Mann an. Dieser bemerkt das Telefon jedoch nicht. Nachdenklich geht sie zum Fenster und kann ihn sehen wie er gerade mit Jun am Buffet steht.
‚Perfekt, dann fällt das nicht so auf.‘, stellt sie fest und wählt eine andere Nummer.
Roland geht ran.
„Fane, was gibt’s?“
„Gib Tsubasa bitte mal das Telefon. Es ist dringend.“
„Natürlich, Moment.“ Roland schaut zu Tsubasa und spricht ihn an während er sich gerade an den Äpfeln bedient.
„Deine Frau will mit dir sprechen.“ Er nimmt das Handy überrascht und schaut dann zu ihr hoch.
„Was gibt es denn, Schatz?“
„Du musst jemanden vom Eingangstor abholen. Beeilt euch, nicht, dass du das Aufwärmtraining verpasst. Das könnte bald beginnen.“
„Hä? Wieso muss ich das denn machen?“
„Der Überraschungsbesuch ist für dich. Bring ihn bitte dann zu uns hoch. Anordnung von meiner Chefin.“, schmunzelt sie. Tsubasa lacht und winkt.
„Das klingt jetzt komischer als früher. Muss ich mich jetzt dran gewöhnen.“ Dann gibt er Roland das Handy wieder und macht sich mit Jun zusammen auf dem Weg.
„Habt ihr alles geklärt? Ist alles okay?“
„Ja, danke Dir. Warte kurz.“
Fane dreht sich um und fragt in die Runde, ob jemand Kaffee oder etwas anderes möchte.“
„Tee, gerne für mich.“
„Und Kaffee und Wasser.“
„Am besten Ihr macht uns eine Kanne Tee und zwei Kannen Kaffee. Dazu vier Flaschen Wasser.“
„Alles klar, ich schicke die Jungs dann hoch.“
Beide legen wieder auf und Roland gibt die Arbeitsaufteilung weiter. Die Jungs machen die Getränke fertig und Heidi und Anja bestücken die Tablets mit Geschirr und Besteck, sowie einer großen Keksschüssel und was sonst so gebraucht wird.
Kaum hat Fane aufgelegt, wird sie von Herrn Kaufmann fraglich angesehen.
‚Erstaunlich. Sie duzen sich? Und sie spricht mit dem Koch und dem Japaner, der bei ihm steht so vertraut? Tsubasa? Der Name sagt mir doch was.‘, geht durch seinen Kopf. Niemand der Anwesenden weiß, dass der deutsche Volleyballer sehr gut Japanisch spricht und versteht. Schon als Kind interessierte er sich für Japan, zuerst aus Hobby und dann später träumte er davon jemals das Land kennenzulernen. Er wollte vorbereitet sein, wenn es soweit ist und nutzte seine Heimat Düsseldorf, um dort auch mit Hilfe von Freunden schnell und gut diese Sprache und Kultur zu erlernen. Nun kommt es ihm zugute, denn er kann Informationen aufschnappen, die nicht jeder seiner Leute versteht.
‚Und wer ist dieser Hongo? Roberto Hongo, wer ist das?‘
Mikami spricht Fane erstaunt auf Japanisch an.
„Habe ich das eben etwa richtig gehört, Hongo steht am Tor?“ Fane lächelt fröhlich.
„Ja, ich bin auch sehr überrascht. Ich wusste nicht, dass er uns besuchen wollte.“
„Dieser Mann ist doch immer für eine Überraschung gut. Ihm wird das Spiel gefallen, immerhin ist Brasilien neben Fußball auch eine Volleyballnation. Er hat sicher schon einige Spiele dort gesehen.“, bringt sich Gamo mit ein und spricht jedoch Englisch. Die Deutschen sehen ihn verwundert an.
„Worum geht es? Wieso reden wir jetzt über Brasilien?“, wundert sich der Volleyballtrainer. Fane klärt auf.
„Der brasilianische Nationaltrainer, ehemals selbst Nationalspieler, Herr Roberto Hongo, wartet aktuell vor dem Tor und wollte den Japanern einen spontanen Freundschaftsbesuch abstatten. Frau Fuchs hat beschlossen, dass er sich hier zu uns gesellen darf. Ich hoffe Sie haben nichts dagegen?“ Niemand hat ein Problem damit, im Gegenteil. Sie sind neugierig auf den Mann. Anke ist etwas verdutzt und sieht sie verblüfft an.
‚Ist das ihr Ernst? Roberto Hongo? Das ist ja Wahnsinn. So ein Star, hier jetzt gleich bei uns? Oh man, ich darf mir echt nichts anmerken lassen. Er hat Ohzora als Kind trainiert und später dann bei den Brancos in Sao Paulo in Brasilien. Seinetwegen ist er in Brasilien gewesen bis er zum FC Barcelona ging.
Ich wollte doch nur Bettina treffen und jetzt stehen hier solche Leute bei uns. Dass die japanische Mannschaft hier ist, verwundert mich ohnehin sehr.‘ Sie schaut neugierig im Publikum umher.
‚Hm, wo ist denn eigentlich Genzo?‘
„Das klingt interessant. Ein Brasilianer, vielleicht interessiert er sich ja wirklich für Volleyball. Die Liga dort ist wahnsinnig stark, bei den Frauen wie auch bei den Männern. Die mischen ganz oben mit.“, berichtet der Trainer den Fußballern.
Andy Kaufmann wundert sich ein wenig, immerhin sprach die Managerin von „uns“, als sie die Information weiterleitete und jemanden losschickte ihn zu holen. Sie meinte doch, er sei für ihn zu besuch, nicht für das Team.
Makoto schnappt sich die Flaschen und Gläser. Carsten hat die Kannen in der rechten Hand und ein rundes Tablett mit Geschirr in der Linken. Beide laufen los, Anja folgt mit einem Tablett mit Löffeln, Zucker, Keksen, Milch und Servietten. Carsten voran betritt zuerst die Treppe. Fane kann es durch das Fenster sehen und geht zur Tür, um sie zu öffnen.
„Oh, da kommen die Damen.“, wird plötzlich aufgerufen. Alle sehen neugierig zum Feld hinab und sehen wie das Tokio-Team und das Uni-Team das Spielfeld anlaufen. Großes Gejubel ist angesagt und es wird laut gepfiffen. Die Frauen sehen zu ihren Zuschauern an die Seitenlinien und winken ihnen zu. Die Zuschauerränge sind mittlerweile fast halb gefüllt und die meisten Leute sitzen so nah wie möglich am Spielfeldrand, die Kinder teilweise auf dem Fußboden.
Tina schaut sich einmal gründlich um und entdeckt viele bekannte Gesichter. Ihr fröhliches Lächeln wird bejubelt. Viele rufen Tora-san und Saito-san, schwenken Fahnen oder halten Schilder hoch.
Die Trainer der Teams begeben sich direkt zu ihren Posten.
‚Ich bin froh, wenn das hier vorbei ist. Mein Magen knurrt.
Und wer sind die Leute, die hier in Zweiergrüppchen verteil sind? Sogar eine ganze Familie sitzt hier, die mir nichts sagt. Alles Europäer. Da stimmt was nicht.‘, bemerkt Tina, lässt es sich aber auf keiner Weise anmerken. Damit es nicht so seltsam aussieht, geht sie vor der Dehnübung zum Buffet und erkundigt sich beim Naschen bei Roland. Es ist gerade niemand weiter da, nur er und Heidi.
„Roland, schicke Fane bitte mal eine SMS, dass sie das Sicherheitsteam fragen soll wer die große europäische Familie ist. Im Publikum sitzen Leute, die ich nicht eingeladen habe. Oder waren die schon bei dir und du hast was bemerkt?“ Er schaut sich nicht groß um, da es auffallen würde.
„Das kann ich dir nicht sagen. Aber ja, ich sende ihr eine Nachricht. Eine große Familie, sagst du. Ich berichte, wenn sich was ergibt. Wenn ich was weiß, dann fange ich an die Teller mal wieder zu richten.“ Er holt sein Telefon aus der Tasche und senden die SMS ab.
„Wo sind Makoto, Anja und Carsten?“
„Auf dem Weg zu den VIPs. Getränkeversorgung. Makoto sagt, er riskiert es einfach, solange es die Fans nicht wissen, reicht das ja. Er will sich mal die Deutschen ansehen. Heidi kann die Stufen nicht hochgehen und ich muss hierbleiben.“
„Wenn er meint. Ist seine Entscheidung. Nun gut. Wenn sich Fane meldet und Infos hat, dann denk für mich an die Teller. Ich stelle mich so, dass ich nebenbei sehe, ohne dass es auffällt. Ich gehe jedoch mit Akane gleich hoch zu ihnen, Begrüßung und eine Durchsage machen.
Weißt du wo Karl-Heinz ist? Ich denke mal er müsste sich irgendwo versteckt haben.“
„Ich habe keine Ahnung. Aber wo würdest du dich denn an seiner Stelle verstecken? Du kennst ihn doch am besten.“
„Du hast Recht, aber ich kenne die Halle sehr gut, er nicht. Er musste sich auch nie verstecken.“
„Naja, Hauptsache ist doch, dass er von niemanden gesehen wird und trotzdem dein Spiel sehen kann, oder?“
„Du willst mich nur beruhigen.“ Sie greift zur Suppe, nimmt sich eine Kelle in eine Schüssel und schlürft sie schnell aus.
„Und die hat Makoto wirklich ganz alleine gemacht?“
„Ja, wieso? Er sagte bereits, dass du ihn gelobt hast. Sie schmeckt auch wirklich klasse. Aber ist letztendlich nur eine einfache Kartoffelsuppe. Er lernt aber sehr schnell.“
„Naja für mich ist es nicht nur das. Vorhin war ich etwas abgelenkt, aber so im Nachhinein kam mir der Geschmack bekannt vor. Es ist Mamas Suppe, das weißt du doch. Und das was er verändert hat…so schmeckte es bei meiner Uroma. Mama hat es immer versucht, und ich auch sie zu kopieren. Und Makoto, der nicht weiß wie sie geschmeckt hat, der macht es einfach so. Aus der Not heraus, sagte er.“ Tina grinst.
„Aber ja, ich bin so doof. Aus der Not heraus. Natürlich, ein Rezept aus der Kriegszeit. Das bringt mich auf eine Idee fürs Spiel.
Also gib Bescheid, wenn du was weißt. Wenn du es mir so mitteilen kannst, ohne mich ran zu ordern, dann versuche es unauffällig. Ich signalisiere dann mit unserem Zeichen.“ Somit verlässt sie die Tische und geht zu Akane.
„Wollen wir hoch gehen, die Leute begrüßen und die Durchsage machen?“
„Gerne. Willst du ihnen sagen wer das eigentliche Team war?“
„Wenn du nichts dagegen hast? Die Frage wird von euren Fans eh aufkommen. Also werden wir dieses Spiel den Verunglückten des Busses widmen. Das liegt doch sicher auch in deinem Interesse?“ Sie nickt und lächelt sie an. Auf dem Weg zu den VIPs erklärt Tina ihr die Idee.
‚Ach Tora-san, du hast immer so ein großes Herz für alle.‘
Das Kompliment
Kapitel 122
Das Kompliment
Makoto betritt als Erster die VIP-Lounge. Alle Blicke sind vorerst auf die Halle gerichtet, da die beiden Teams endlich aufs Spielfeld laufen und ihre Zuschauer begrüßen. Es wird immer lauter und Makoto nutzt die Gunst und stellt die Tablets auf die Buffet-Tische hinter den Stühlen mit den kleinen Tischchen. Fane lächelt ihn nur überrascht an. Sicherheitshalber sagt sie weiter nicht, außer sich zu bedanken.
„Super, das ging aber schnell.“ Carsten folgt ihm und Anja ergänzt das Buffet dann mit den Keksen, legt das Besteck auf eine frische Serviette auf den Tisch und richtet es hübsch her. Kurz bevor Makoto den Raum verlässt, wirft er neugierig einen Blick zum Fenster zu den Deutschen. Dann stutzt er plötzlich. ‚Moment mal, ist das nicht Kaufmann? Vielleicht täusche ich mich auch. Aber die Größe käme hin. Er müsste kleiner als ich sein. Wenn ich mir neben ihm die Frauen ansehe, kann er nur um die maximal 1,65m sein. Für einen Deutschen sehr klein, eindeutig perfekt für einen Libero.‘ Er schaut dann zu Fane und gibt ihr ein kurzes Zeichen, dass sie gleich auf Handy schauen soll.
Dann plötzlich dreht sich der deutsche Trainer um und beachtet das Personal und möchte sich bedanken.
„Das ist sehr nett von Ihnen. Was für einen Tee haben Sie gemacht?“, geht er auf Makoto zu und spricht ihn in Englisch an. Er mustert ihn, den jungen Japaner mit seinen bereits 1,80m, Brille, schicker japanischer weißen mit schwarzem Rand versehenen Kochkleidung und einem schwarzen Kopftuch, welches nach hinten gebunden ist. Die Hose ist weit geschnitten und ebenso schwarz und elegant. Auf der Kochjacke steht ein Schild mit englischen Worten „Trainee 1 Year“. Darunter kleingedruckt der Name der Gaststätte.
„Guten Tag, es ist ein Kräutertee. Eine Spezialmischung der Chefin. Ideal für diese Jahreszeit.“, antwortet er ihm höflich auf Deutsch. Nun drehen sich die anderen alle zu ihnen um und sind erstaunt. Sie blicken zu ihm und betrachten auch das restliche Personal.
„Sie sprechen Deutsch? Das ist ja fantastisch.“, äußert der Trainer. Makoto erklärt sich höflich und zeigt auf sein Schild.
„Ich arbeite in einem deutschen Restaurant, da sollte das wohl normal sein.“, verbeugt er sich dann und will sich verabschieden, um nicht unnötig mehr Aufsehen zu erregen. Anja bringt sich höflich in Englisch ein.
„Wenn Sie Fragen haben, wenden Sie sich bitte an mich. Die Lehrlinge sind nicht berechtigt Ihnen zu antworten, solange ich danebenstehe.“ Sie schaut streng zu den Jungs und gibt ihnen ein Zeichen den Raum zu verlassen.
Dann tritt der deutsche Verbandsvizepräsident Herr Kurt Müller hervor und spricht Anja freundlich und höflich an.
„Seien Sie nicht so spreng zu ihnen. Wir müssen uns doch irgendwie bei Ihnen allen bedanken. Immerhin haben Sie es möglich gemacht, dass trotz unserer unangekündigten Anwesenheit und dem Ortswechsel alles so gut geklappt hat. Ich hörte bereits, dass spontan ein anderer Caterer einspringen musste. Es ist bemerkenswert, dass Sie das so schnell und mit so viel Liebe organisieren konnten.“ Er reicht ihr die Hand. Anja nimmt an.
„Vielen Dank. Das hören wir gerne. Jeder hat dazu beigetragen, dass es rechtzeitig fertig war. Wir werden uns jetzt wieder hinabbegeben.“ Somit verlassen sie den Raum und Anja geht voran die Treppe hinab. Ihnen kommen Tina und Akane entgegen. Makoto als letzter in der Reihe stutzt plötzlich und bleibt stehen.
‚Was hat das zu bedeuten? Es gibt doch gar keinen Grund einen männlichen Spieler mitzubringen. Es geht doch um die Frauen. Wieso ist er hier? Soweit ich weiß ist er in Düsseldorf aufgewachsen. Und bei unserem Spiel letztes Jahr kam es mir bereits seltsam vor. Ich hatte das ungute Gefühl er könne uns etwas verstehen. Tina wird ihn nicht erkennen, da sie sich nur um die Frauen informiert. Sie kennt nur unsere Männer und die wenigen, die im Ausland in ihrem Programm sind.‘
„Jetzt weiß ich es.“, sagt er plötzlich vor sich hin und starrt Tina an, als sie entgegenkommt.
„Tina? Eine Frage: Sagt dir der Name Andy Kaufmann etwas?“
„Makoto. Was ist los? Nein, der Name sagt mir nichts.“, spricht sie ernst und sieht in sein etwas besorgtes Gesicht. Dann streckt er seine Hand kurz vor.
„Wartet kurz. Ich muss was klären. Tut mir leid, aber ich muss mich mal einmischen.“
„Was soll das heißen? Lass es. Was soll mit ihm sein?“
„Ich muss mich erst vergewissern. Wartet bitte.“
„Was ist denn? Ich kläre das selbst. Du fliegst nur unnötig auf.“
„Jede Sekunde zählt, vertrau mir bitte. Ich kläre das. Ich erkläre es danach.“, sagt er eilig und fasst sich an die Brust. Tina nickt ab.
„Gut, aber vergiss nie warum die Deutschen da sind. Sie wollen mich sicher überreden oder wissen warum ich nicht für sie spiele, sondern für euch.“
„Eben darum. Danke.“, meint er dankend. Dann kehrt er die vier Stufen zurück, klopft an, öffnet leise die Tür und tritt ein. Hinter ihm schließt er sie wieder und stellt sich direkt davor und schaut zu Fane rüber. Diese ist überrascht.
„Frau Nakazawa? Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich habe ein paar Fragen an Sie.“, spricht er sie auf Japanisch an. Alle sehen ihn verwundert an und in seinem Blickwinkel ist der Volleyballer zu sehen.
„Wieso sind Sie nicht mit den Anderen gegangen. Was soll das?“, kommt sie streng auf ihn zu.
„Was ist rot und hat grüne Streifen?“ Fane und die anderen Japaner sehen ihn verdutzt an. Was soll das denn jetzt? Makotos Blick ist streng und ernst, als würde er etwas sehr Wichtiges erzählen.
„Was hat er gesagt?“
„Was ist los?“, wundern sich die Deutschen natürlich, außer Andy, er kann die Worte verstehen und versucht cool und unwissend zu bleiben. Auch seine Landsleute wissen nicht, dass er es kann.
„Was soll das jetzt? Kannst du dich nicht benehmen? Halt dich zurück, sonst fliegst du…“, antwortet Fane zornig und wird dann aber von ihm mit festem Ton unterbrochen. Sein Blick ist nur auf sie gerichtet.
„Eine Tomate mit Hosenträgern!“, kommt dann deutlich. Einige Japaner beginnen nach ein paar Sekunden zu kichern. Danach kommt erneut eine Frage.
„Wann sollte man anfangen mit einer Diät aufzuhören?“ Es ist ruhig. Alle sind gespannt. Die Leute wundern sich, warum er plötzlich Witze macht.
„Wenn man mit beiden Augen durchs Schlüsselloch schauen kann.“, wieder fangen die anderen an zu lachen.
„Zwei Tomaten gehen die Straße entlang. Sagt die eine zur anderen: Vorsicht, da kommt eine Trep..pe..pe..pe.“, spricht er noch immer mit ernster Miene. Plötzlich grinst er und schaut auf.
Dann schaut er zu Andy, welcher sich das Kichern kaum noch verkneifen kann. Dann sieht er ihn zwar lächelnd, aber herausfordernd an.
„Jetzt aber. Sie müssen noch lernen sich das Lachen zu verkneifen, wenn es keiner wissen soll.“ Andy muss lachen und grinst. Er war diesmal der Erste, der reagierte.
„Sie haben vollkommen Recht. Die Witze waren eine sehr kluge Idee mich aus der Reserve zu locken. Sie sind schlau. Wer sind Sie?“, entgegnet er ihm cool und geht auf ihn zu und schaut ihm in die Augen.
„Wie haben Sie das vorhin erkannt? Für einen einfachen Küchenlehrling haben Sie echt viel Mut. Tauchen hier auf und testen ob ich Japanisch verstehe. Was hat mich vorhin verraten?“ Makoto grinst.
„Nichts. Aber ich kann mir sehr gut Gesichter merken und vor allem dann…“, er nimmt seine Brille ab und schaut ihn herausfordernd an.
„…wenn man meine Bälle fast alle annehmen kann, Herr Andy Kaufmann aus Düsseldorf, der deutschen Stadt mit der größten japanischen Gemeinde.“ Dieser sieht ihn sehr überrascht an.
‚Dieser Blick, wie eine Raubkatze. Dieser Junge, stimmt…letztes Jahr bei der Olympiade war er dabei. Er wurde im letzten Satz eingewechselt, dieser Frischling hat uns den Sieg gekostet.‘
„Die Nummer 15, ist ja ein Ding.“ Makoto grinst.
„Genau, aber Sie haben sich sehr bemüht nicht zu lachen. Tora wäre es jedoch nicht passiert. Die verzieht keine einzige Miene. Da bleibt sie knallhart.“ „Kaufmann, Sie sprechen Japanisch?“, bringt sich Herr Müller ein. Seine Worte erreichen die Volleyballer gar nicht, denn diese geben sich plötzlich streng und herausfordernd die Hände.
„Ishii, Sie sind ein großes Talent. Mit gerade mal sechszehn zur Olympiade, alle Achtung. Und jetzt im September der Asien-Cup. Diesmal gleich im Start. Ich drücke Ihnen die Daumen.“
„Danke. Wieso sind Sie in Europa nicht dabei?“
„Hat persönliche Gründe, dafür kann ich hier sein. Aber meine Kollegin hier, die ist dabei.“
Es klopft an der Tür. Tina und Akane wollen nicht länger warten und treten ein. „Habt ihr jetzt alles geklärt? Wir haben keine Zeit zu quatschen, Männer. Uns rennt die Aufwärmzeit davon.“, spricht sie streng und kaum hat sie es gesagt, lassen sich die Männer auch wieder los. Makoto setzt seine Brille wieder auf.
„Sie wissen ja, wo Sie mich finden.“, spricht er in Deutsch. Akane und Tina sehen verwundert in die Runde und verstehen nur Bahnhof.
Makoto geht an ihnen mit erhobenem Haupt vorbei.
„Was war denn nun? Was war so wichtig?“, spricht sie ihm hinterher. Er winkt nur.
„Es ist alles geklärt, Chefin. Konzentriert euch aufs Spiel. War letztendlich nur so ein typisches Männerding.“
„Also echt, und deswegen mussten wir jetzt warten, oder wie?“
„Sorry, ich erkläre es dir nach dem Spiel in Ruhe.“
‚Nanu, er hat es ihr jetzt gar nicht gesagt. Aber war das nicht der Zweck der ganzen Übung? Sie vorwarnen, dass ich sie verstehen kann?‘
Herr Müller spricht Andy etwas brummig aber leise an.
„Darüber reden wir noch. Das hätten Sie uns auch sagen können.“ Tinas Ohren sind zwar gut, aber worum es geht, kann sie jetzt nicht nachvollziehen. Stattdessen betreten beide Frauen nun endlich den Raum und verbeugen sich vor allen. Dann gehen sie zu den unangemeldeten Besuchern und Tina reicht ihnen nacheinander die Hand. Aus Höflichkeit allen anderen gegenüber wird wieder Englisch gesprochen.
„Frau Fuchs, endlich lernen wir uns mal persönlich kennen.“, beginnt Herr Müller, da er genau vor ihr steht. Tina lächelt den Mann an.
„Ah, die Stimme kenne ich doch. Sie sind Herr Müller. Wir haben telefoniert.“
„Genau.“
„Sie sind eindeutig ein Mann, der nie aufgibt, oder?“, lächelt sie. Er grinst.
„Würden Sie denn jemals aufgeben?“ Tina schmunzelt.
„Stimmt. Aufgeben ist keine Option. Herzlich willkommen hier in Japan.“ Mikami grinst etwas, als er den Spruch hört.
‚Das kommt mir aber bekannt vor. Bettina, du hast noch viel von damals in dir. Dein Durchhaltevermögen war immer erstaunlich. Hast du dich verletzt, musste man dich vom Platz zerren.‘
Anke grinst ebenso.
‚Was hat das zu bedeuten? Wieso grinst Mikami? War das eventuell ein Spruch von damals und er weiß wer sie ist? Das wäre aber interessant.‘
‚Wieso hat Makoto etwas klären müssen? Hatte das nicht für später Zeit? Manchmal wüsste ich zu gerne was in seinem Kopf vorgeht. Dieser Junge hat manchmal echt eine Portion zu viel Selbstbewusstsein. Er hat eben seine Brille wieder aufgesetzt. Ich gehe also davon aus, dass nun alle wissen wer er ist und das was er zu klären hatte, war ihm scheinbar wichtiger als sein Gesicht zu verbergen. Worum ging es nur?‘
Als nächstes wird Frau Wünsche begrüßt.
„Guten Tag, Wünsche mein Name.“
„Oh, ein hübscher Name, er klingt nach Hoffnung. Trainerin sind Sie aber nicht, dann hätte ich Sie bereits irgendwo mal in den Zeitschriften gesehen. Welche Funktion haben Sie im Verband?“
„Ich bin Talentscout der Frauen. Es gibt mehrere Leute, die sowas machen und ich bin eine von denen, die das ehrenamtlich neben dem Job tun.“ Tina stutzt plötzlich und lächelt wieder.
„Ihr Gesicht kommt mir aber trotzdem bekannt vor. Haben Sie früher selbst gespielt?“
„Ja tatsächlich. Im Angriff so wie Sie, deswegen bin ich heute hier. Ich wollte Sie persönlich kennenlernen.“
„Das ehrt mich wirklich sehr. Was machen Sie denn beruflich?“
„Ich bin Augenärztin und betreibe eine Spezialklinik. Aber vom Ball kann man nie die Finger lassen.“, lacht sie dann fröhlich.
„Das kenne ich sehr gut. Wenn ich einen Ball in der Hand halte, dann ist es als würde jeder Kummer oder jede Sorge weit weg sein.
Wie heißen Sie mit Vornamen?“
„Alexandra.“
„Hm. Es gab mal eine Alexandra Schmidt, sehr starke Angreiferin der BRD, noch vor der Wende aktiv. Aber die hatte blonde Haare wie ich.“ Alexandra grinst. Die anderen sind erstaunt.
„Genau die bin ich.“ Tina ist sehr erstaunt.
„Wow, heute muss der Tag der Legenden sein. Haben Sie Ihre Rivalin da unten schon entdeckt? Sie stand heute Morgen zufällig mit ihrer Familie in der Sportboutique. Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen mit ihr heute Mittag zu trainieren. Perfekter ging es nicht. Nach so kurzer Zeit kann sie meine Bälle zuspielen. Aus der Übung ist sie jedenfalls nicht. Wir reden später weiter, die Zeit drängt.“
„Oh, ja, ich habe Ann-Kathrin gesehen. Dann habe ich mich also wirklich nicht getäuscht.“ Tina wendet sich nun an Anke. Die jungen gleichaltrigen Frauen sehen sich freundlich an.
‚Wieso kommt mir ihr Gesicht so bekannt vor? Mir ist klar, dass es Frau Schumacher ist, aber warum habe ich das Gefühl ihr bereits persönlich begegnet zu sein? Es muss sehr lange zurück liegen und hat definitiv nichts mit Volleyball zu tun. Seltsam.‘ Anke hat ebenso ihre Gedanken und reicht Tina die Hand.
‚Wie hübsch du geworden bist, alle Achtung, Bettina, das hätte ich gar nicht gedacht. Wie mag es nur deinen Brüdern gehen? Diese Ähnlichkeit ist nicht mehr zu leugnen. Der Name stimmt und auch das Lächeln. Ihr seid euch wahnsinnig ähnlich. Du und Tino.‘
„Endlich darf ich dich persönlich mal kennenlernen. Japans gelbe Tigerin, ich freue mich sehr. Du bist noch viel hübscher als auf den Bildern oder im Fernsehen.“, spricht sie so total begeistert, ihr Herz klopft vor Aufregung und sie nimmt ihre Hand an.
„Oh, äh, danke. Das Kompliment gebe ich gerne zurück. Wenn man die Leute immer nur beim Spiel sehen kann und in den Kameras wirkt man live ganz anders. Das stimmt, Frau Schumacher.“
„Du hast mich gleich erkannt? Einfach nur Anke für dich. Oder Siezt du deine Frauen da unten auch alle?“
„Nein, du hast Recht. Okay, Anke, dann bin ich für dich Tina.“
Nun ist der Trainer Herr Baum dran und gibt ihr die Hand.
„Sehr erfreut, Frau Fuchs. Ich bin Herr Baum.“, lächelt er freundlich.
‚Frau Schumacher hat Recht. Sie ist live wirklich viel hübscher. Sie wirkt auf den Bildern entweder burschikos und frech oder im Studio etwas zu freizügig und naiv. Ich habe jetzt aber eher das Gefühl, dass beides gar nicht stimmt.‘
„Ebenso sehr erfreut. Sie sind der aktuelle Nationaltrainer des Teams für den Europa-Cup. Wieso sind Sie nicht mit Frau Schumacher im Trainingslager?“, entgegnet sie freundlich.
„Ach das, ja, ich war neugierig auf das Spiel und man kann ja immer Ideen gebrauchen, nicht wahr?“
‚Was meint er jetzt damit? Blöde Ausrede, da die Deutschen gar nicht wussten, dass das Spiel überhaupt stattfindet.‘
„Ein Hellseher also. Das kann sehr praktisch sein. Ich denke mal, Sie werden bestimmt ein paar Anreize für Ihr Team bekommen. Dieses Spiel wird sehr ausgewogen sein. Ein höheres Niveau finden Sie in Japan nicht, nicht bei den Damen.“, grinst sie und verweist auf Akane neben sich.
„Frau Saito ist hier die Nummer Eins, meine stärkste Gegnerin.“
„Wieso Hellseher?“, wundert sich der Mann.
„Reden wir später drüber.
Wie ich sehe haben Sie auch Jemanden vom Männerteam mitgebracht?“, lenkt sie ab und sieht dann zur Seite zu Kaufmann. Er ist ihr auf Augenhöhe.
„Eindeutig ein Spieler, vermutlich Libero? Ich muss mich verzeihen, mit den Herrenmannschaften kenne ich mich nicht so aus. Da bin ich nur hier in Japan informiert.“, lächelt sie ihn freundlich an und reicht ihm die Hand. Als er ihr in die Augen sieht, fängt sein Herz plötzlich an wie wild zu schlagen.
Eigentlich hat er sich die Begegnung mit ihr ganz anders vorgestellt. Er ist doch nur hier, um ihren starken Ball zu sehen und um sie herauszufordern oder zu bitten diesen Ball einmal selbst annehmen zu dürfen. Einen Ball annehmen, vor dem sogar die japanischen Männer ausweichen, weil sie sich nicht verletzten wollen. Wie mag sich so ein Ball anfühlen? Das war doch seine Intension, als man ihn fragte, ob er mitkäme und Frau Schumacher begleite. Denn mit ihr wollte niemand mitkommen. Er ist zwar der beste Libero, aber zum Europa-Cup konnte er nicht gehen, da die Zeit der Spiele plötzlich unpassend war.
Schon immer war er interessiert daran wie die kleine Frau hier lebt. Sie kam als Unbekannte mit gerade mal Anfang siebzehn her und mischte plötzlich ihre Gleichaltrigen und deutlich erfahrenere Spielerinnen auf. Innerhalb kurzer Zeit lernte sie diesen Sport und legte so eine Leistung hin. Das war zu bewundern, denn jeder weiß wie stark die Japanerinnen im Volleyball sind. Sein Interesse an dem Land und seine Kultur ganz zu schweigen, sagte ihm sofort, dass er herkommen muss. Wenn diese teure Reise dann auch noch der Verband bezahlt, na dann erstrecht.
Obwohl er glaubt ihr gegenüber cool bleiben zu können, beginnt plötzlich sein Herz so zu reagieren. Das kann doch nicht normal sein. Warum ist das so? Wie oft hat er schon schönen Frauen in die Augen gesehen und interessierte sich auch für sie, aber eine solche Reaktion hat er noch nie erlebt.
Mit coolem Lächeln und einem festen Händedruck nimmt er ihre Begrüßung an und sieht ihr statt in die Augen auf die Stirn. Man darf ihm nicht anmerken, was da plötzlich in ihm vorgeht.
‚Oha, wie sieht er mich denn an? Und seine Hand fühlt sich so impulsiv an. Was hat das zu bedeuten? Er hat kurz gezögert, wieso? Den Anderen ist es vermutlich nicht aufgefallen, aber ich bemerke das sofort. Er scheint etwas nervös zu sein.‘, wundert sich Tina selbst und beendet den Händegrüß kurz darauf und lenkt ihm zuliebe von der Begrüßung ab.
„Sind Sie nun Libero, oder nicht? Wie heißen Sie?“ Er stutzt etwas. Aber dann antwortet er natürlich.
„Ja genau. Mein Name ist Andy Kaufmann.“ Im selben Moment wird Tina von Akane angestoßen.
„Beeil dich, du wolltest noch eine Durchsage machen. Und du wolltest schauen ob du von hier die unbekannten Gesichter erkennst. Es können nur eingeladene Gäste da sein, von mir kommen die nicht.“ Tina lächelt freundlich und sieht dann zu Anke.
„Anke, wenn ich das vorhin von unten sehen konnte, hast du ein Fernglas dabei? Darf ich es mir mal kurz ausleihen?“ Anke kramt das Fernglas aus ihrer Tasche und gibt es ihr. Kaum hat Tina es in der Hand und schaut erneut zu den Zuschauern, erkennt sie plötzlich jemanden, gleich ohne das Fernglas zu nutzen. Der Mann, der ihr bekannt vorkommt trägt eine Brille obwohl er normalerweise keine trägt. Sie grinst und gibt Anke das Fernglas sofort wieder.
„Danke, ich habe schon was ich wissen muss.“ Dann dreht sie sich zu den Japanern um.
„Ich habe vorhin gedacht wir haben unangemeldeten Besuch da, weil ich sie nicht erkannt habe. Sehen Sie dort unten? Da sitzt einerseits eine Familie mit sechs Kinder, vermute ich mal. Da sind kleine und große dabei. Und dann sind ein paar Leute in Zweiergruppen verteilt und noch eine unbekannte Familie mit zwei Kindern. Nun habe ich jemanden erkannt. Die Person fehlte vorhin noch.“, spricht sie in Rätseln. Die Vereinschefin kommt auf sie zu.
„Sie haben jemanden erkannt?“
„Ja, Herrn Stéphane Jean-Baptiste. Er ist der Einzige, den ich kenne. Sehen Sie dort neben dem anderen Herrn, der eher wie ein Italiener aussieht. Als ich letzten Sommer das Team besucht habe, war er der Trainer, der die Frauen und mich begleitet hat. Dass wir heute alle hier sind, war eigentlich seine Idee. Martina und ich haben das dann nur in die Tat umgesetzt. Ich kann zwar nicht für den anderen Trainer sprechen, da ich ihn nicht kenne, aber Herr Jean-Baptiste ist definitiv einer der besten Trainer, die ich je kennenlernen durfte.“, berichtet sie begeistert.
„Oh, ja tatsächlich. Das ist er und neben ihm ist Herr Esposito.“, spricht die Vereinschefin.
Es klopft an der Tür und Tsubasa kommt herein. Begleitet wird er von dem brasilianischen Trainer Roberto Hongo. Alle sehen neugierig zur Tür und betrachten den braunhaarigen Mann mit kurzen Locken, brasilianischen Teint und einem blauen enganliegendem Shirt mit Jeans. Als er mit seinem fröhlichen Lächeln in die Runde schaut und seine Bekannten erblickt, winkt er kurz als Begrüßung.
„Hallo Männer.“ Er möchte nicht unnötig ablenken, indem er in freudiger Wehmütigkeit verfällt, und lieber vorerst alle anderen begrüßen und sich bei Tina bedanken, dass er hier sein darf.
Die anwesenden Frauen sind ganz leise. Tina lächelt Tsubasa an.
‚Nie konntest du ihn mir vorstellen, dabei hast du es dir immer so sehr gewünscht. Damals als wir uns auf der Brücke kennenlernten, da erzähltest du mir, dass er dich als Kind trainiert hat und sogar etwa ein Jahr lang bei dir wohnte. Man kann in deinen Augen genau erkennen wie sehr du ihn noch immer verehrst und als Freund liebst. Du hast ihn immer als Freund bezeichnet. Und nun steht er hier, hier vor mir, eine Legende wie Cusavier, etwa im Alter von Dreißig Jahren musste er wegen eines Augenleidens mit dem Sport aufhören. Also müsste er jetzt so um die vierzig sein. Genauer weiß ich es nicht mehr.‘ Tina grinst und ihre Gedanken sind bei Kojiro.
‚Ach Liebster, so langsam kommen so viele Erinnerungen und altes Fachwissen wieder. Genzo hat damals auch immer so von diesem Mann geschwärmt. Auch ihn hat er dann trainiert, als sich eure Schulen zusammengeschlossen hatten. Ohne dich, Kojiro, ohne dich könnte ich noch immer nicht Tsubasas Wunsch nachkommen, ihn mir mal vorzustellen oder euch allen endlich beim Spielen zuzusehen.
So, Tina, du musst jetzt wieder die Coole sein, Schluss mit den sentimentalen Gedanken. Das muss warten. Wieso ist es eigentlich so leise? Was hat das zu bedeuten?‘, wundert sie sich und schaut sich dann um.
‚Wow, dieser Mann ist ja eine echte Erscheinung. Dem laufen doch die Frauen scharenweise hinterher. Also wenn man sich ein Bild Mann aus Brasilien vorstellt, dann wohl ein Typ wie er, oh la la…‘, geht in Frau Wünsche vor sich. Diese schaut etwas verstohlen zu den japanischen Herren an ihrer Rechten. Die ehemaligen Fußballer sind ebenso auf Roberto fixiert. Einige grinsen, einer schaut grummelig und Herr Katagiri verzieht keine Miene.
‚Also von den Japanern ist er der Interessanteste. Geheimnisvoll und elegant. Irgendetwas Besonderes hat dieser Mann an sich, und das ist nicht seine Sonnenbrille, die er hier im Gebäude trägt. Jedoch macht sie ihn besonders attraktiv. Es ist eher seine Distanziertheit und seine Art sich zu bewegen, so erhaben und stolz.‘, lächelt sie etwas seicht.
Anke ist ebenso etwas angetan von Herrn Hongo. Jedoch freut sie sich auch Tsubasa von so Nahem mal zu sehen. Das erste Mal als sie ihn bei einem Spiel gesehen hat, da war sie etwa fünfzehn und feuerte natürlich ihr Lieblingsteam, die deutschen Jungs bei der Weltmeisterschaft 1998 an.
‚Ach Bettina, das fühlt sich hier alles so seltsam an. Wo hast du nur deine Brüder gelassen? Ob etwas passiert ist? In der deiner Biografie werden sie in keiner Weise erwähnt, warum? Als wären sie vom Erdboden verschwunden. Dann tauchte plötzlich dein Name in einer Fachzeitschrift auf, das deutsche Volleyballwunder in Japan. Spielt einen starken Ball, dass die Gegner sie meiden. Es ist schon seltsam, da du doch nie gespielt hast. Dann hätten wir uns gekannt. Immerhin war ich damals schon die beste Angreiferin der Stadt.
Und dein Zwilling, Tino, er war immer so fröhlich und stark. Schade eigentlich, dass er mich an jenem Abend nicht beachtet hat. Was macht er denn jetzt?‘
Im Raum herrscht eine unausgesprochene Spannung und Tina versucht die Situation etwas zu lockern indem sie freundlich und lächelnd auf den neuen Gast zugeht und ihm die Hand reicht.
„Guten Tag Herr Hongo, ich habe gehört, Sie wollten Ihre ehemaligen Schützlinge mal besuchen und zufällig findet nun das Spiel hier statt.“ Er begrüßt sie ebenso freundlich und nimmt ihre Begrüßung fröhlich an.
„Ja, das stimmt genau. Es ist mir eine Ehre, Sie persönlich kennenzulernen. Ich habe Sie schon einige Male spielen sehen, sogar zum Finale in Ho-Chi-Minh-Stadt vor zwei Jahren.“ Alle sind erstaunt. Tina ist selbst verwundert und sieht begeistert zu ihm auf.
„Wirklich? Erstaunlich. Und ich habe vermutet, Sie haben wie Tsubasa nur Fußball im Kopf.“
‚Hat er sich das jetzt nur angesehen, weil Tsubasa es ihm gesagt hat oder weil er sich wirklich dafür interessiert? Das ist auf jeden Fall interessant.‘
„Ich mag Volleyball schon seit meiner Jugend. Fußball machte mir nur mehr Spaß.“
„Schade, dass wir jetzt keine Zeit zum Reden haben. Später mal. Nun gut. Herzlich willkommen jedenfalls. Als Frau Nakazawa mir sagte, dass Sie da sind, dachte ich mir Sie fühlen sich hier oben bei Ihren Bekannten am wohlsten. Hier kann niemand stören. Genießen Sie das Spiel. Frau Saito und ich müssen jetzt noch etwas erledigen.“ Tsubasa betrachtet voller Begeisterung seinen Freund Roberto und seine Freundin Tina, wie sehr hatte er sich seit ihrer Begegnung gewünscht, dass sich die beiden mal begegnen und vielleicht auch über alte Fußballthemen reden. Immer wollte er mit ihr über seinen Sport sprechen, aber er durfte nicht und er akzeptierte das auch. Und jetzt plötzlich kann sie es, sich mit Fußballern unterhalten und sie um sich haben.
‚Tina, du hast keine Ahnung wie glücklich ich bin und was das für ein Anblick ist euch endlich miteinander bekannt zu machen. Du weißt doch ganz genau wer das ist. Genzo hat ihn sicher damals ausreichend erwähnt, als ihr noch zusammengespielt habt.‘ Sein Herz klopft laut und er fasst sich an die Brust vor Freude. Er weiß, sagen darf er nichts, aber er kann einfach nicht anders. Fane vernimmt seine Reaktion und spricht ihn plötzlich leise an.
„Lass uns kurz rausgehen.“ Beide verlassen den Raum und Fane schließt hinter ihnen die Tür. Roberto ist sehr erstaunt wie sehr Tsubasa reagiert und er macht sich ebenso seine Gedanken als er Tina das erste Mal so persönlich in die Augen sehen kann.
‚Sie ist wirklich sehr hübsch, kein Wunder, dass sich Hyuga in sie verguckt hat. Tsubasa meint, sie sind sich charakterlich auch sehr ähnlich. So richtig habe ich das jetzt noch nicht bei seinem vielen Geschnatter vorhin verstanden. Frau Fuchs ist die Freundin, von der er mir nie erzählen durfte, wer sie wirklich ist. Hm, und sie hat Fußballer immer gemieden, weil sie schlechte Erinnerungen habe, wenn sie welche sehe. Was kann das gewesen sein?
Und jetzt sei das alles plötzlich nicht mehr so, seitdem sie mit Hyuga zusammen ist. Und ich soll auf gar keinen Fall darauf eingehen, dass sie diese Erinnerungen mal hatte. Die Beziehung zu Hyuga ist ebenso noch nicht offiziell, da es sonst unter anderem Probleme mit ihrem Transfer nach Italien gebe. Und auch das wisse niemand, außer natürlich ihr Verein und der Verband. Und der deutsche Verband sei hier, um sie eventuell zu überreden doch für Deutschland zu spielen, statt für Japan.
Tsubasa, du machst es mir nicht leicht, denn so viele neue Infos und ich darf mich nicht mal mit ihr richtig unterhalten, das ist ja auch komisch. Er will uns später nochmal in Ruhe miteinander richtig vorstellen.
Und was ist nun mit Fane? Wieso ist sie ihre Managerin? Das verstehe ich nun gar nicht. Das ist sicher ein toller Job, aber wieso sie? Weil sie Freunde sind und sich gegenseitig vertrauen?‘
Er lächelt, lässt Tinas Hand los und schaut in die restliche Runde zu den Japanern der Volleyballfraktion.
‚Nun gut, ich versuche mich so viel wie möglich aus allem rauszuhalten. Meine Gesprächspartner habe ich ja. Ich sollte erstmal noch die anderen alle begrüßen. Oh, wer ist das? Sie ist sehr schön.‘, entdeckt er die hübsche Japanerin im figurbetonten, langen eleganten weißen Sommerkleid mit roten Streifen an der rechten Seite. Ihre Haare sind kurz bis knapp über die Ohren, sehr modern, aber streng geschnitten mit Pony und ihre Augen sind etwas deutlicher geschminkt als normal im Alltag. Die Lippen sind rot und matt bemalt. Ihr strenger Blick gemischt mit der sehr hellen Haut und ein dezenter Ton Ruge auf den Wangenknochen fasziniert ihn. Natürlich lässt er sich nichts anmerken.
„Tina, lass uns jetzt.“ Sie stimmt ihr zu und wendet sich an Herrn Mikami.
„Herr Mikami, haben sie das Mikrofon für mich und haben sie das Gerät vorbereiten lassen?“ Er geht zum Pult und holt ihr das Mikrofon. Fane ist inzwischen wieder im Raum und Tsubasa geht die Treppe herunter.
Nach der kurzgehaltenen Ansprache der beiden Frauen, wollen sie den Raum verlassen. Da bringt sich Anke plötzlich ein, kurz bevor Tina die Tür öffnet.
„Tina, wir sind vorhin unterbrochen worden. Ich wollte doch noch gerne was fragen, zum Thema Trainer.“ Tina dreht sich zu ihr um und lächelt.
„Was möchtest du denn wissen?“ Anke geht auf sie zu und bleibt vor ihr stehen.
„Na in deiner Biografie steht, dass du selbst gerne Trainerin sein möchtest. Deswegen hast du damals das Psychologiestudium angefangen. Seit wann ist das denn dein Traumberuf?“ Es ist etwas still und Tina lächelt sie an.
„Lass mich überlegen, eigentlich schon seit meiner Kindheit und als Jugendliche bemerkte ich dann, dass es mein Traumberuf nach dem Sport ist. Das Kochen und die Fitnesspläne kamen erst viel später dazu. Das ist erst hier entstanden, durch den Kontakt zu Jun Misugi und seiner Frau Yayoi. Herr Müllers Fachkenntnisse und die Kochkünste meines Chefkochs rundeten dann die ganze Sache erst ab und machten es handfest. So habe ich später ausreichend Standbeine, neben meinen Sprachen. Und gerade jetzt, wo das mit Viola und Ludovica passiert ist, ist es umso wichtiger Pläne für sofort oder später zu haben.“
„Das ist wirklich sehr klug. Das sage ich meinen Männern auch immer. Lernt nebenbei einen Beruf.“, bringt sich der Trainer des Tokio-Teams ein.
„Genau richtig. So wie Yamamoto, er ist in meiner Berufsschulklasse und lernt einen Beruf, den er liebt. So hat er dann erstmal was in der Tasche bis er später studieren kann. Sein Abitur in Frankreich wird hier in Japan noch nicht anerkannt. Aber die Ausbildung in der Gastronomie öffnet ihn hier wie auch in Europa die Türen, später oder wann auch immer.“
„Tina, was war denn der Auslöser, dass es ein Traumberuf wurde?“, hinterfragt Anke erneut.
„Hm, sagen wir mal so. Ich habe eines Tages einen Trainer kennengelernt, welcher mich sehr beeindruckt hat. Er war und ist sicher heute noch modern eingestellt, erpicht die Verletzungen seiner Schützlinge so gering wie möglich zu halten und trotzdem konnte er alles aus ihnen herausholen. Es ging mit Strenge, Leidenschaft und Motivation und Spaß am Sport einher. Ich wünschte, ich schaffe eines Tages mal nur halb so gut zu sein wie er.“
Ihr Blick ist voller Überzeugung auf Anke gerichtet, aber in Wirklichkeit ist sie gedanklich bei Mikami, welcher direkt hinter ihr steht, da sie die Sicht fast komplett versperrt.
„Hat dieser Mann auch einen Namen?“, ertönt plötzlich die Stimme des japanischen Verbandsvorsitzenden. Tina grinst.
„Natürlich hat er einen Namen, aber den sage ich nicht. Wichtig ist doch nur, dass er es selbst weiß, weil ich es ihm eines Tages gesagt habe, kurz nachdem ich es für mich beschlossen hatte.“
‚Bettina, ist das dein Ernst? Und ich dachte damals, als wir uns kennenlernten, du willst dich nur bei mir einschleimen, als du mir das gesagt hast.‘
Hitomi Toshikos Ansprache
Kapitel 123
Hitomi Toshikos Ansprache
Dann wendet sich Tina plötzlich mit einem herausfordernden Blick zu Kaufmann. Er steht direkt neben ihr.
„Nun sind wir gerade beim Thema Ausbildung.
Jetzt erklären Sie mir bitte mal was mein Kochlehrling von Ihnen so Wichtiges wollte, dass er bereit war seine Tarnung auffliegen zu lassen? Es muss ihm sehr wichtig gewesen sein, da er es eigentlich nicht wollte, dass unser Verband und der Verein mitbekommen, dass er in meiner Küche steht. Es ging ganz sicher nicht um seinen Sport. Und ein Männerding war das auch nicht, wie er mir sagte. Er würde niemals während der Arbeit solche Dinge klären. Jetzt bin ich zu neugierig.
Was wollte er klären, das wichtiger ist als sein Stolz?!“, wird sie immer lauter und strenger.
Plötzlich sind alle ruhig. Keiner kann etwas sagen. Andys Puls steigt bei dem Blick in ihre strengen Augen bis ins Unermessliche.
‚Was ist das für ein Blick? Bettina Fuchs, was hast du denn für einen Blick drauf? Der kann ja richtige Angst machen. Was bist du für eine Frau, dass du solche Blicke machen kannst?‘, geht in ihm vor. Er ist schlagartig völlig verunsichert und weiß nicht richtig wie er jetzt darauf reagieren soll. Er kann doch nicht auf ihren Angriff genauso eingehen wie auf die Herausforderung eines Mannes?
Hinter ihm stehen die Fußballer und sind selbst alle sehr erstaunt.
‚Oha, das nenne ich einen Blick. Da kommt die Tigerin aus ihr raus. Das hat Tsubasa vermutlich gemeint, als er meinte, sie sind sich ähnlich. Er meint sicher auch ihr Temperament.‘, bemerkt Roberto.
‚Diesen Blick mal live und von so nahem zu erleben wirft mir eher die Frage auf, kannst du mit so einem Temperament überhaupt umgehen, Kojiro? Du bist doch selbst so. Wie soll das funktionieren? Kann das auf Dauer gut gehen mit euch? Und wenn ich das richtig verstanden habe, dann kennt ihr euch noch nicht mal zwei Wochen? Seid ihr euch da beide sicher, dass ihr dann zusammengehört? Ihr seid doch beide noch sehr jung.‘
Unterdessen will Andy auf ihre Frage ehrlich antworten, aber irgendwie bleibt ihm die Stimme weg, als sich seine Lippen bewegen.
‚Wow, dem Herrn bleibt ja richtig die Spucke weg. Vorhin war er doch gleich bereit auf die Herausforderung des Jungen einzugehen und der hat auch nicht gerade schlecht geguckt. Was wird er gerade denken? Ich glaube damit hat er überhaupt nicht gerechnet und schon gar nicht jetzt. Bettina Fuchs, du hast es tatsächlich drauf einen Blick wie Kojiro zu werfen und andere, sogar Männer, völlig aus dem Konzept zu bringen. Der ist ja wie gelähmt.‘, stellt Kira fest.
„Er hat Witze erzählt und das in so einem trockenen Ton, dass es einfach nur komisch war.“, berichtet Mikami dann. Er möchte die Situation auflösen und den armen Mann von seinem Elend befreien. Es ist eindeutig zu sehen, dass er sich nicht äußern kann. Er kennt diesen Blick noch zu gut, jedoch waren es andere Situationen. Für die Gegenseite gab es diesen Blick von einem Jungen aus, nicht von einer hübschen Frau. Und dass Andy zuvor auf Tina reagiert hat, das ist ihm bereits aufgefallen. Sie hat es eindeutig bemerkt und ist ihm vorhin noch bewusst ausgewichen. Genau diese Schwäche hat sie vermutlich jetzt ausgenutzt.
Als Tina Mikamis vertraute Stimme hört grinst sie.
„Ach so? Etwa diese Tomaten-Witze?“ Ihr Blick wird weicher, aber weiterhin ist er auf Andy gerichtet. Sie sieht ihm direkt in die blauen Augen.
„Ja, irgendwas mit einer Treppe.“, meint Gamo kichernd.
„Oh, wow, verstehe. Und Sie haben als Einziger gelacht?“ Sofort löst Tina ihren Blick von dem Mann und nimmt Akanes Hand.
„Lass uns gehen. Wir haben alles geklärt.“
Kurz darauf verlassen die Frauen den Raum. Akane hakt nach.
„Und was wollte er nun?“
„Er muss irgendetwas bemerkt haben. Er wollte wissen ob er Japanisch spricht.“ Sie kichert.
„Den armen Mann hast du ganz schön durcheinandergebracht. Ich glaube der hat sich vorhin schon in dich verguckt und dann machst du ihn so an. Der kann einem ja leidtun.“ Tina grinst.
„Das war seine Schwachstelle, du kennst mich doch.“ Beide gehen die Treppe herunter.
Im VIP-Bereich ist es kurz ruhig.
„Dass es hier heute noch so interessant wird, habe ich gar nicht vermutet.“, äußert Tinas Vereinschefin Hitomi Toshiko grinsend und mit begeisterter Stimme. Sie erntet neugierige und auch erstaunte Blicke. Herr Baum schaut noch immer auf Andy, welcher etwas perplex zur Tür starrt. Dieser ist tief im Gedanken.
‚Was für eine Frau. Wie kann das sein, dass sie mich dazu bringt nichts mehr sagen zu können? Ich wollte, aber es kam kein Ton raus. Wie hat sie das gemacht? Dieser wahnsinnige Blick und diese schönen Augen. Bettina Fuchs, wer bist du? Was bist du für ein Mensch? Zuerst bist du so freundlich und dann wie aus dem Nichts kommt so eine Provokation.‘
‚Was war das denn eben? Wieso hat sie ihn so angefahren, statt normal zu fragen? Sie war doch die ganze Zeit so höflich und freundlich. Dann fährt sie ihn einfach so an. Was ist das denn für eine seltsame Person?‘ Herr Baum berührt Andy an der Schulter.
„Alles okay?“ Dieser grinst plötzlich begeistert und dreht sich zu ihm um.
„Was für ein Auftritt. Kein Wunder, dass man sie als Angreiferin so fürchtet. Wenn sie so die Frauen angreift, dann können die einem ja nur leidtun.“ Frau Toshiko kichert etwas und spricht ihn freundlich an.
„Machen Sie sich nichts draus. Solche Aktionen hat sie öfters drauf. Die Presse hat ihr damals nicht ganz grundlos den Spitznamen der Gelben Tigerin verpasst. Aber es war eben nicht persönlich gemeint, bedenken Sie das. Sie haben nur genau in ihren Plan gepasst.“ Andy sieht sie erstaunt an.
„Was meinen Sie damit? Welcher Plan?“, hinterfragt der Trainer Baum skeptisch.
Alle sehen gespannt zu ihr. Dann stützt sie sich auf ihr linkes Bein und hebt die rechte Hand. Mit dem Blick auf die Männer gerichtet erklärt sie es.
„Sie hat eine Schwachstelle gefunden und es ausgenutzt. Vielleicht hat sie sogar mehrere Schwachstellen unter Ihnen allen gefunden, aber sie entschied sich für diese, oder sie bot sich für sie besonders gut an.
In dem Moment, als Frau Fuchs den Raum betrat, suchte sie eine Schwachstelle. Außenstehende wissen es nicht, aber wir kennen sie schon sehr gut. Wenn ihr irgendetwas nicht passt, dann nutzt sie diese Schwachstelle aus, die sie finden kann. Dummerweise war Herr Kaufmann Derjenige, der es abbekommen hat.“ Herr Müller ist überrascht.
„Welche Schwachstelle? Und wieso muss sie dann so unhöflich sein? Herr Kaufmann ist ebenso nur ein Spieler wie sie und Frau Schumacher. Beide sind wohl eindeutig hier, um eine persönliche Verbindung herzustellen. Das sollte ihr klar sein. Sie sollen unseren Besuch etwas abrunden. Er stellt als Mann keinerlei Konkurrenz für sie dar. Jeder hätte es verstanden, wenn sie Frau Schumacher als Konkurrentin sieht und ihr gegenüber so eine Äußerung tätigt.“, erklärt er seinen Standpunkt. Sie schmunzelt.
„Genau das war ihr klar. Aber ein Angriff mit dem keiner rechnen würde, das ist es doch womit man am besten seine Stärke und Macht demonstrieren kann, oder meinen Sie nicht? Sie wollte Ihnen allen, die Sie aus Deutschland kommen, etwas sehr Wichtiges mitteilen, aber eben auf ihre Art. Und da bot es sich an die stärkste Person in Ihrer Runde dazu zu bringen vor aller Augen vor ihr einzuknicken, deutlich zu machen, dass SIE die Hebel in der Hand hat und niemand anderer.“ Dann schaut sie wieder zu Andy.
„Und Sie Herr Kaufmann, zum Einem hat Herr Ichii zuvor mit Ihnen gesprochen, was sie vermutlich missbilligt, er wird sicher noch eine Standpauke von ihr bekommen. Aber es machte sie besonders stutzig.
Und dann, als Sie sich vorstellten, merke sie sehr wohl, dass Sie nicht als Spieler, sondern als Mann auf sie reagierten. Das war Ihr Schwachpunkt. Deswegen wusste sie sofort, wenn es die Gelegenheit zulässt, schafft sie es bei Ihnen besonders schnell Sie zum Schweigen zu bringen und wenn man einen stolzen starken Mann zum Schweigen bringen kann, hat er schon verloren. Ihr war völlig klar, dass Sie ihr als Frau keinen Konter geben werden, vor allem nicht, weil Sie hier höflich bleiben wollen. Unterschätzen Sie niemals die Waffen einer Frau. Sehen Sie es als Kompliment. Als Sie antworten wollten und kein Ton herauskam, erkannte sie, dass Sie an sich eine ehrliche Person sind. Vermutlich auch, weil Ichii nur behauptete, dass es ein Männerding war. Sie erkannte, dass er Sie mag.“
„Wieso wollte sie uns ihre Macht demonstrieren? Warum ist das wichtig? Wir waren doch alle freundlich, oder nicht?“, kommt von Andy selbst.
„Ganz einfach. Sie sind nicht Teil ihres Plans. Bringt man ihre Pläne durcheinander, oder mischt sich zu sehr ein, dann passiert es eben, dass sie darauf reagiert. Und wenn sie merkt, dass man sie oder ihr Team entweder hintergeht, sie anlügt oder etwas Wichtiges vorenthält, dann greift sie eben mal an und äußert ihre Meinung.“ Sie pausiert und fängt die Reaktionen der Deutschen und auch der Fußballer ein. Dann deutet sie mit der Hand hinter sich.
„Wir hier alle, wir haben in den Jahren gelernt wie wir mit ihr umgehen müssen, damit es funktioniert. Das hat auch ein paar Jahre gedauert. Und sie lässt sich in der Regel von niemanden was sagen, außer sie hat mehr als nur großen Respekt vor der Person, oder sie vertraut ihr. Geschlechter spielen da keine Rolle, im Gegenteil; Männer haben es besonders schwer ihren Respekt oder ihr Vertrauen zu gewinnen.“ Sie grinst und schaut zu den Herren hinter sich. Herr Kagejama, der Verbandsvizepräsident und ihr Herr vom Aufsichtsrat, des Vereins sehen sie erwartungsvoll an.
„Da geben Sie mir doch Recht, oder? Sie drei haben es bis heute nicht geschafft ihr volles Vertrauen zu gewinnen.“ Die Herren staunen nicht schlecht, als sie das ausspricht.
„Ich war die Einzige, die wusste wie man mit ihr richtig umgehen muss. Erst als ich Ihnen davon erzählt habe, dann klappte es deutlich besser, ohne unnötige Diskussionen oder Provokationen.“
„Das ist wohl wahr. Sein Sie froh, dass Sie keine so anstrengende Person in Ihren Rängen haben. Hier passt ihr was nicht und da nicht, ständig kam und kommt sie an, wenn was ist oder setzt sich über Vorgaben hinweg. Wenn ich nur an die Asienmeisterschaft denke. Es gab nur Ärger.“, bringt sich der Verbandsvizepräsident plötzlich ernst ein.
„Das mag sein. Sie hat zwar ihren Dickkopf durchgesetzt, aber die Ergebnisse haben gestimmt. Hätte das Team eine ähnliche Taktik gehabt wie immer, hätten wir nicht gewonnen. Ihre Taktik mag für uns unlogisch erscheinen, aber am Ende war sie die Lösung nicht nur im Finale.
Letztendlich will sie nur, dass man mit ihr redet. Gibt es Änderungen, dann bindet man sie einfach mit ein. Gibt es Vorschläge oder Probleme, lässt man sie es wissen. Entweder sie akzeptiert es dann oder bringt eigene Ideen mit ein. Meist haben die dann auch Hand und Fuß oder bringen den richtigen Anstoß zu einer besseren Idee bzw. Lösung.
Lässt man sie jedoch einfach mit wichtigen Entscheidungen auflaufen oder vors Messer laufen, funkt man ihr also zu sehr in ihre eigenen Pläne hinein, dann kann sie extrem unangenehm werden, so wie eben. Denn das passierte vermutlich nur, weil Sie hier einfach ohne Ankündigung auftauchen, dann erfuhren Sie von diesem Spiel und verlangten von unserem Verband auch noch hier her zu kommen. An ihre alte Schule. In unserer Vereinshalle war alles vorbereitet und die ist auch größer und schöner, aber nein, es musste hier sein. Sie nutzten unsere Kultur unserer Gastfreundlichkeit aus und dass wir bekanntlich zu allem „Ja“ sagen, nur um keine schlechte Schlagzeile zu bekommen oder in Ihrer Presse dumm dar zustehen.“, beginnt Toshiko erneut.
„Und genau das ist es was Frau Fuchs hat so reagieren lassen. Sie hat mir vorhin einen versteckten Hinweis hinterlassen. Sie wollte, dass ich das Thema anspreche und Ihnen mit meinen Worten IHRE Meinung sage.
Hätten Sie vor Ihrer Abreise oder als Sie den Entschluss gefasst haben herzukommen, angerufen und sich angekündigt, dann wäre sie deutlich freundlicher gewesen.
Wir hätten alles so organisieren können, dass es nicht so hektisch ablaufen muss. Unsere Frauen mussten statt vor dem Spiel zu trainieren die Halle putzen und Frau Fuchs hat auf die Schnelle ihre eigenen Leute verdonnern müssen das Catering auszurichten und hier alles organisiert statt zu trainieren.
Wir konnten nur von Glück reden, dass die netten und hilfsbereiten Herren von den Fußball-Teams und ihre Verantwortlichen vor Ort zugestimmt und mitgeholfen haben dies hier alles möglich zu machen. Das ist nicht selbstverständlich.
Oder mögen Sie es zu Hause von wichtigem Besuch einfach überrascht zu werden und diese betreten dann einfach ihr Wohnzimmer oder gehen an Ihren Kühlschrank und mischen ihre eigene Party auf und verlegen diese dann in die Nachbarwohnung? Ohne Ankündigung und ohne Absprache?“, beendet die hübsche Japanerin mit fester Stimme und sieht den deutschen Verbandsvizepräsidenten an. Es ist ruhig.
„Wenn das so rüberkam, dann müssen wir in aller Form um Entschuldigung bitten. Wir waren neugierig darauf wie Frau Fuchs hier groß werden konnte und wollten nicht unhöflich sein.“, sagt er daraufhin und verbeugt sich vor ihr, so wie es in der japanischen Kultur üblich ist.
„Jetzt ist der Drops gelutscht. Wir machen alle das Beste draus.“, bringt sich der Vorsitzende vom Vereins-Aufsichtsrat ein und beendet die Diskussion mit seinem strengen Ton.
„Wer ist Yamamoto? Frau Fuchs hat ihn Ihnen gegenüber erwähnt. Er sei ein Klassenkamerad in der Berufsschule?“, lenkt Frau Toshiko selbst vom Thema ab. Es wurde bereits alles gesagt was nötig war und es gibt noch offene Fragen für sie.
„Ja. Shinichi Yamamoto ist unser Neuling seit Dezember. Er ist erst Zwanzig, hat in Frankreich gelebt, dort gespielt und sein Abi gemacht. Letztes Jahr dann wollte ihn der Topklub Real Madrid haben, als Stürmer. Der Transfer lief jedoch schief. Er hing den Sport an den Nagel und zog mit seiner Mutter nach Japan und spielte etwa ein halbes Jahr nicht mehr. Eines Tages tauchte er bei uns auf und fragte ob er bei uns spielen darf. Wir haben ihn dann erstmal Probetraining machen lassen und er hat ein Trainingsspiel mitgespielt. Der Junge ist ein Naturtalent. Obwohl er so lange nicht gespielt hat, kamen die Pässe perfekt und sein Angriff war fast unaufhaltsam. Er war besser als unser aktueller Stürmer. Herr Wakashimazu, unser Keeper und Kapitän, hat sich dann für ihn eingesetzt, dass er einen ordentlichen Vertrag mit angemessenem Gehalt bekommt. Seitdem ist er bei uns. Wir hatten seit gut drei Jahren keinen so starken Stürmer mehr im Team und ohne unseren Keeper wären wir vermutlich kaum noch in den obersten Rängen der Tabelle gewesen. Durch seinen Zugang konnten wir die Rückrunde in die ersten Ränge schaffen. Man merkte stark, dass unser Star fehlte.
Er macht nebenbei seine Ausbildung zum Restaurantfachmann, deswegen ist er in derselben Klasse wie Frau Fuchs, vermute ich mal. Ich wusste bis eben nicht, dass sie sich kennen. Ich war erstaunt, dass sie ihn erwähnte.“ Plötzlich mischt sich Katagiri ein.
„Mit dem Transfer lief überhaupt nichts schief!“, murrt er ihn etwas an. Beide Männer sehen sich streng an.
‚Was murrt er mich denn jetzt an?‘
„Shinichi hat den Transfer von sich aus kurz vor der Unterzeichnung abgelehnt. Zur Strafe brummte ihn der Pariser FC noch eine heftige Strafgebühr auf. Eine Ablöse sozusagen. Die hatte es echt in sich. Immerhin ist nicht nur der Transfer geplatzt, sondern ihnen ist auch noch ein top Stürmer durch die Lappen gegangen. Die Summe war nicht ganz ohne. Somit lief das nicht schief, sondern er hat ihn abgelehnt. Das ist etwas ganz anderes“, erklärt er sachlich, aber etwas aufgebracht.
„Wieso fährst du mich jetzt so an? Ich kann nur wiedergeben was man mir erzählt hat und was die Medien in Europa schreiben. Und wenn der Junge sich bei mir vorstellt, er habe so einen Deal platzen lassen, um wieder herzuziehen, dann kann ich da nichts weiter zu sagen.“, kontert dieser.
„Dann hat er es Ihnen nicht erzählt? Er hat nicht gesagt was der Grund war?“ Der Trainer verneint. Katagiri beruhigt sich etwas, geht zum Fenster und deutet unauffällig auf die Zuschauer herunter.
„Ich erkläre es. Schauen Sie alle mal zu der Malerin, neben ihr steht gerade eine junge Frau mit einer Dame im Rollstuhl. Die Dame ist Shinichis Mutter. Sie ist bereits um die sechzig und kurz nachdem der Megatransfer für ihn kam und sich sein größter Wunsch erfüllen sollte, gegen Herrn Ohzora in Spanien spielen zu dürfen, kam die Diagnose. Sie ist schwer an Krebs erkrankt und hat es zu spät bemerkt. Man gab ihr nicht mehr viel Zeit, vor allem, weil sie die Chemo ablehnte. Da seine Eltern in Paris ein altes Anwesen übernommen haben, um es zum Hotel umzubauen und es zu betreiben kann sein Vater sich nicht um sie kümmern. Er ist das einzige Kind und dort mit dem Umbau und dem Betrieb des Hotels aufgewachsen. Er kennt nichts anderes. Seine Mutter hat für sich entschieden in Japan sein zu wollen, ihrem Geburtsland, um hier den Rest ihrer kurzen Zeit zu verbringen. Er hat beschlossen ihr diesen letzten Wunsch zu erfüllen.
Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie mit nach Spanien genommen, ihr die nötigen Behandlungen oder Pflegekräfte besorgt und wäre seinem Traum trotzdem gefolgt. Mit dem Gehalt als Spieler hätte das ohne Probleme funktioniert. Jedoch wollte sie lieber nach Japan, sie will hier ihre letzten Tage verbringen wo sie geboren wurde. Also blieb ihm nichts anderes übrig als abzusagen und sich ebenso vom Pariser FC zu trennen.
Die junge Frau dort ist seine Cousine. Sie hat alle Hebel in Bewegung gesetzt und ihn mit seinen bisherigen Kenntnissen in ihrem Betrieb und somit in der Internationalen Berufsschule unterbringen können und nun sind beide im selben Betrieb, wechseln ihre Schichten, kombinieren mit seinem Training und der Pflege der Mutter, bzw. Tante. Sie lässt sich leider von niemand Fremden betreuen, aber ihr vertraut sie. Neben dem Sport pflegt er also seine Mutter und geht auch wie Frau Fuchs arbeiten und zur Berufsschule.
So ist es wirklich. Aktuell macht er ein Fernstudium von Frankreich im Managementwesen und die Ausbildung, damit er eins davon in der Tasche hat, wenn er wieder nach Europa geht. Wann das sein wird, weiß er noch nicht. So war sein ursprünglicher Plan. Er wollte nach dem Sport dann das Hotel übernehmen und dem Vater helfen. Im Dezember dann konnte er endlich mit der Ausbildung beginnen und kurz darauf war seine Motivation wieder da zu spielen. Ich habe ihn oft besucht und versucht ihn wieder zum Spielen zu bringen, aber Nichts half. Seine Motivation war total am Boden, weil sein Traum mit den ganz großen zu spielen geplatzt war und er kümmerte sich nur noch um sein Fernstudium und hielt sich mit Laufen und Krafttraining weiter fit. Bis er eines Tages zu Ihnen kam. Ich war wirklich sehr überrascht, als er mich informierte, dass er wieder dabei sei und einen neuen Traum hätte. Kurz davor hatte ich ihn besucht, aber wieder vergeblich.“
„Oh, so ist das. Das klingt wirklich anders. Das hätte er doch ruhig erzählen können.“
„Achtung. Die Italiener kommen. Sie müssen sich jetzt alle etwas zurücknehmen.“, äußert Fane plötzlich ernst. Alle verhalten sich ruhig.
Die Tür öffnet sich nach einem kurzen Klopfen und Tina betritt zuerst den Raum.
„Ich bin es nochmal. Ich habe unsere ursprünglichen Gäste mitgebracht. Trotz der Absage ist der Verein neugierig, als bekannt wurde, dass es trotzdem ein Spiel gegen starke Gegner gibt.
Wenn ich vorstellen darf, der Vereinsvorsitzende De Luca, die beiden Trainer des Frauenteams, Esposito und Jean-Baptiste und Herrn Rossi.
Geplant war das Spiel gegen den Chieri Torino bereits gestern. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie trotzdem kommen, dann hätte ich Sie gleich hier oben mit eingeplant. Nun hat ja noch alles geklappt.“ Dann geht sie zu Fane.
„Ich benötige kurz dein Handy. Ich muss Andrea anrufen.“ Sie stellt sich mit dem Telefon kurz in die Ecke, während sich alle miteinander vorstellen.
„Andrea, ich bin es. Tut mir leid, ich muss dich leider verdonnern zu arbeiten.“ „Was ist denn? Ich habe mich jetzt schon so sehr auf dein Spiel gefreut.“, murrt sie etwas.
„Ich musst dich leider heute nochmal für Personenschutz buchen.“
„Ist das dein Ernst? Kann das nicht euer Team machen? Und wer ist es diesmal?“
„Nein, du hat die besten Referenzen dafür. Du sollst die Kids der Italiener in deiner Aufsicht haben. Sie haben stundenlang im Flieger gesessen und werden sich bewegen wollen. Heute sind scheinbar allgemein mehr Kinder da als ich vernutet habe und deine Aufgabe wird es sein sie in der kleineren Halle zu beaufsichtigen. Ich mache gleich einen Ausruf, dass alle Kids, die nicht zusehen wollen zu dir kommen sollen. Du gehst dann mit ihnen in die Halle in der wir vorhin trainiert haben. So fällt der Personenschutz nicht auf und die Kids haben alle Bewegung und springen uns nicht zwischen den Zuschauern rum. Ich lasse noch jemanden aus dem Sicherheitsteam dazu kommen, aber du hast die Leitung, verstanden? Mach ein paar Übungen mit ihnen, wenn nötig. Das kann nicht schaden.“
„Ich bin also Babysitter, na toll. Nun gut. Schade, dann verpasse ich dein Spiel.“ „Tut mir leid, ich werde es wieder gut machen. Ich weiß, du hattest einen langen Tag.“
„Ist schon gut, natürlich mache ich es. Kein Ding. Für dich mache ich alles, Liebes.“ Kurz darauf kommt Rossi auf Tina zu und reicht ihr die Hand in die Höhe des Hörers.
„Darf ich mit ihr sprechen? Wie heißt sie?“ Tina sieht ihn verdutzt an.
„Hopkins, Andrea Hopkins. Moment.“ Er ist erstaunt.
„Andrea, der Vater der Kids möchte kurz mit dir reden, Herr Rossi.“
„Okay.“ Tina gibt ihm das Handy.
„Guten Tag Frau Hopkins, hier ist Vincenzo Rossi, wir sind spontan mit dem Privatjet los und die Kinder wollten unbedingt mitkommen. Daher plane ich hier einen Urlaub mit ihnen und nun sind sie natürlich müde oder ihnen fehlt die Bewegung. Es wäre sehr gut, wenn Frau Fuchs Angebot stehen würde. Sie sagte, Sie seien die perfekte Person für diesen Job. Die Kids mögen keine Securities, daher ist eine optische Zivilperson günstiger. Darf ich fragen welche Referenzen Sie vorweisen?“
„Guten Tag Herr Rossi. Ich war Captain bei den US-Marines. Ich gehörte zur Hubschrauberstaffel und habe mich dann aber auf den Personenschutz spezialisiert und hatte sogar Angebote vom Festland für hochrangige Prominente. Erfahrung mit Kindern habe ich durch die Lizenzen für das Fitnessstudio. Ich leite dort neben den Frauenkursen auch die der Kinder und Jugendlichen.“ Er staunt nicht schlecht.
„Das klingt gut. Dann haben Sie den Job. Ich zahle Ihnen für die Stunde das Vierfache wie sonst. Ist das ein Deal?“ Andrea ist etwas verwundert, aber sie stimmt natürlich zu.
Es ist endlich alles geklärt und Tina macht ihre Durchsage.
„Liebe Damen und Herren, liebe Kinder. Auf Grund, dass heute viele Kinder da sind und vermutlich jetzt zu so später stunden doch Bewegungsdrang herrscht, laden wir die Kinder und Jugendlichen gerne ein in die kleinere Trainingshalle zu gehen. Wenn Sie einmal neben das Feld sehen würden, dort ist eine Markierung mit einem Kreis. Es kommt gleich meine Kollegin aus dem Fitnessstudio Frau Hopkins. Sie leitet die Kinder- und Jugendkurse. Bitte finden Sie sich innerhalb der nächsten fünfzehn Minuten dort bei ihr ein und sie wird mit Ihnen dann in die Halle gehen. Kinder unter 14 Jahren bitte stets mit einer Begleitung. In der Halle stehen dann Bälle und einfache Turngeräte zur Verfügung. Wir wünschen somit allen Zuschauern und Kindern eine schöne Zeit hier an der Musashi-Schule.“ Es wird geklatscht und man merkt plötzlich wie die Leute sich zum Teil bewegen und einige zeitnah zu Markierung gehen.
Kurz nach der Ansage spricht Tina Mikami und Katagiri an.
„Würden Sie mich kurz hinausbegleiten? Frau Nakazawa und ich möchten uns unter uns vieren persönlich nochmal für die Hilfe bedanken.“ Die beiden folgen ihrer Bitte und schon stehen sie vor der Tür.
„Nur kurz. Es ist sehr wichtig für Sie und für dich, Fane. Ich hatte im Laufe des Tages ein Telefonat mit dem Hauptgeschäftsführer vom Chieri Torino. Es stellte sich dabei heraus, dass die von meiner Person als Tino im HSV wissen. Zum Erläutern ist keine Zeit. Und ich weiß auch noch nicht welche Personen es alle wirklich sind. Die vier da drin sind es auf jeden Fall, denn sie waren bei den Verhandlungen des Transfervertrags dabei. Ich hatte jedoch nicht das Gefühl, dass es in dem Moment bereits bekannt war. Herr Valentini versicherte mir, es dringe nicht nach außen und es störe sie nicht, dass dem so war. Sie wissen also vermutlich, dass wir uns kennen, Herr Mikami.“
„Alles klar. Wir passen auf. Wie konnten die davon erfahren?“
„Es gab Fotos von Stephan und mir mit Namen darunter auf Karls Webseite. Er hat sie aber bereits löschen lassen, jetzt wo er hier war und weiß, dass ich Prominent bin. Ich wusste von den Bildern nichts.“
„Bettina, es läuft ein Transfer?“, ist Katagiri erstaunt.
„Ja, deswegen die ganze Anspannung jetzt hier. Mir gefällt das gar nicht. Wenn die Deutschen nicht aufgetaucht wären, hätte es so locker laufen können mit Ihnen, aber so ist es wirklich ungünstig. Den Vertrag habe ich vorhin unterschrieben, als meine Leute gekommen sind. Es fehlt jetzt nur noch die Unterschrift der Italiener, deswegen sind sie hier, sie waren jedoch erst für morgen Mittag eingeplant. Dass sie schon hier sind, ist eher verwunderlich.
Mein Transfer ist vorerst im Verborgenen, damit sie die restlichen Frauen in Ruhe zusammenstellen können. Neben den beiden fehlen weitere drei Frauen aus dem Team und es werden demzufolge weitere gesucht. Ich kann mir vorstellen, dass es natürlich für die Öffentlichkeit ein Problem wäre, wenn es alle wissen würden, denn der Markt ist wie auch bei Ihnen immer in Bewegung. Ich weiß nicht wen die noch haben wollen. Ich bringe Hikari mit, die Zuspielerin aus Akanes Team. Sawadas Freundin. Das war so spontan schon eine heikle Geschichte, aber zum Glück passt es perfekt für sie. Er weiß bereits Bescheid. Sie werden es an seiner Laune gemerkt haben. In Italien müssen sich die beiden wenigstens nicht mehr verstecken.
Nun aber zu dir Fane. Du musst versuchen alles soweit in den laufenden Gesprächen so zu lenken, das bestimmte Themen nicht angesprochen werden oder wenn es brenzlich wird einfach mal ablenken…ich weiß ja nicht worüber geredet wird. Und dann noch etwas. Das betrifft Sie beide.“ Sie sieht Katagiri an.
„Darf ich fragen, wie lange Sie sich schon kennen?“
„Wieso? Na seitdem wir zusammen im Nationalteamgespielt haben, vorher waren wir nur Gegner, ähnlich wie bei Genzo und Kojiro oder Ken und Tsubasa.“, antwortet Mikami.
„Okay, also haben Sie zusammengespielt und erst dann trennten sich die Wege?“
„Ja. Warum ist das so wichtig?“, hinterfragt er wieder.
„Bettina, wenn du auf das hinauswillst, was ich denke, bist du dir da sicher?“, murrt Katagiri plötzlich.
„Nur ein wenig, das Wichtigste, es muss sein. Wenigstens so, dass im Notfall keine Missverständnisse laufen. Also Missverständnisse hatte ich die Tage schon genug. Das bringt alles durcheinander.“, lächelt sie ihn an. Er Atmet tief durch. „Und was genau ist notwendig?“ Mikami wird plötzlich stutzig.
„Wieso duzt du sie eigentlich plötzlich? Was meint sie?“, schaut er ernst zu seinem alten Rivalen und Freund.
„Erzählen Sie ihm in Kürze von unserer ersten Begegnung, nur kurz.“ Fane schaut überrascht.
„Tina, also echt. Meinst du das passt jetzt?“
„Ja, ich will nicht mehr Geheimnisse als nötig.“ Katagiri schaut ernst zu Mikami.
„Bettina und ich sind uns im Jahre 1987 begegnet.“
„Willst du mich jetzt verarschen? Was meinst du damit? Da war sie doch ein kleines Kind.“
Ein neuer Ball?
Kapitel 124
Ein neuer Ball?
„Das stimmt, etwa fünf Jahre alt. Ihr Vater und ich waren befreundet. Ich habe ihn und seine Familie nach ein paar Jahren mal besucht. Er wollte mir seinen talentierten Jungen vorstellen. Dabei lernten wir uns kennen. Die Freundschaft verlief jedoch nach der Wende bewusst im Sand. Danach haben wir jeglichen Kontakt abgebrochen, dafür hatten wir unsere Gründe. Es war aber kein Streit oder so. Ich bin seinen Kindern auch nur einmal an diesem Tag begegnet.“
„Sag jetzt nicht, ihr Vater war einer der Drei im Bunde, wenn du damals von alten Freunden aus Deutschland redest?“ Er nickt.
„Genau, Georg und Rudi Schneider. Wir trafen uns immer in den Ferien am Strand.“ Mikami ist fassungslos.
„Oh man. Schneider, echt? Dann kannten sich Karls und Bettinas Väter? Darüber reden wir später in Ruhe.“ Er dreht sich zu Tina um.
„Warum war dir das jetzt so wichtig?“
„Naja, als ich vorhin diese Fragen zum Trainer beantworten musste fiel mir dann wieder mehr als deutlich ein, dass wir uns endlich ausgesprochen haben und Sie mir sehr wichtig waren und sind und jetzt, wo ich es weiß, wo ich weiß wer der Mann mit der Brille war, kann ich nicht zulassen, dass dieses Geheimnis zwischen uns steht. Ich möchte keine unnötigen Geheimnisse mehr. Und Ihnen beiden geht es vielleicht auch besser, jetzt wo Sie mich kennen, wenn Sie miteinander mehr als nur die Arbeit verbindet.
Wir haben uns gestern erst gegenseitig erkannt, da wir nie etwas miteinander zu tun hatten.“
„Aber wie konntest du sie denn da erst jetzt erkennen? Du hast doch gestern noch gewusst wer sie ist.“, spricht er Katagiri an.
„Das ist noch eine andere Geschichte.“, meint er dann nur.
„Er konnte mich weder in Hamburg noch hier erkennen. Wir haben damals den Namen ändern lassen. Und er kannte den neuen Namen nicht. Das ist jetzt auch nicht so wichtig. Wir müssen jetzt nur aufpassen, dass die Deutschen nichts bemerken. Deswegen hat mein Lehrling sicher vorhin auch den Drang gehabt Ihnen allen mitzuteilen, dass jemand von ihnen uns alle versteht. Er weiß genau was auf dem Spiel steht, wenn jemand erfahren könnte, dass ich Tino war und dass ein Transfer läuft. Ich gehe mal davon aus, dass er von meinem Küchenchef informiert wurde. Er hat seine Tarnung auffliegen lassen, um mich, Kojiro und die anderen alle zu schützen.“
„Daher die Aktion. Er ist mutig, das stimmt.“
„Ja, so ist er. Makoto, noch sehr jung, aber stark, stolz, mutig und sehr klug. Er wird es später sehr weit bringen. Nun gut. Wir müssen wieder, sonst fällt es auf.“
„Das stimmt. Ach noch was Bettina. Danke für das Kompliment.“, grinst Mikami plötzlich.
„Gern geschehen.“
„Ich habe damals tatsächlich gedacht du willst dich nur bei mir einschleimen, als du mir das mit deinem Berufswunsch erzählt hast. Das kam so blauäugig und kindlich rüber.“
„Wirklich? Also echt. Dann muss das ja echt kindlich rübergekommen sein. Nein, das war wirklich so. Deswegen fand ich hier beim Volleyball erneut diesen Wunsch bis heute und ich verrate Ihnen ein Geheimnis. Der Transfervertrag sichert mir nicht nur einen sportlichen Fortschritt, sondern einen Ausbildungsplatz bei einer der besten Trainerschulen Europas. Diese Ausbildung wird neben dem regulären Training sein.“ Die Männer sehen sie freudig und überrascht an.
„Dann kommst du deinem Traum einen großen Schritt näher?“, sagt Katagiri.
„Bettina, du wirst garantiert eine gute Trainerin. Ich bin gespannt wie du jetzt dein Team leitest. Vielleicht kann ich dir dann später ein paar Tipps geben? Oder vielleicht schaue ich mir was bei dir ab?“
Kurz darauf gehen sie wieder in den Raum und die beiden stellen sich nun auch den anderen vor. Etwas später als Tina den Raum verlassen will, bringt sich Anke ein und geht auf sie zu.
„Tina, eine Frage hätte ich noch.“
„Was gibt es denn? Aber nur kurz, ja?“
„Wo hast du deine goldene Spange? Ich war vorhin verwundert, dass du jetzt eine andere trägst.“ Tina ist diese Frage bereits gewohnt. Das fragt sie heute bestimmt schon die hundertste Person. Sie lächelt sie an und antwortet mit sicherer Stimme.
„Die passt besser zum Schmuck.“
„Glaubst du das wirklich? Wenn du mich fragst ist die genauso altmodisch wie die andere. Du verkörperst doch hier für die Jugend ein modernes Frauenbild, oder nicht? Stark, stolz und selbstbestimmend. Warum hältst du dann an so einer altmodischen Frisur fest? Ist dir die Spange so wichtig? Nur weil sie silbern ist, passt sie trotzdem nicht zu dem schönen Schmuck, den du jetzt trägst.“, erklärt Anke sachlich und freundlich. Sie erntet einen sehr ernsten Blick von der Tigerin.
„Altmodisch? Wirklich?“, kommt ein Kontern.
„Ja, als wärst du in den 70ern oder 80ern hängengeblieben. Als du die andere abgelegt hast, hättest du sie gleich ganz weglassen können. Das sieht viel besser aus. Und jetzt mit den etwas kürzeren Haaren fällt sie unnötig mehr ins Gewicht, finde ich.“
„Ist mir egal, die hat mir meine Mutter zur Jugendweihe geschenkt. Seitdem trage ich immer eine Spange. Willst du etwa behaupten, dass meine Mutter keinen Modegeschmack hatte?“ Alle sind still um sie herum.
‚Oha, die Mutter von jemanden beleidigen kommt in der Regel nicht gut an. Wie wird sie darauf reagieren?‘, denkt Andy.
„Ich habe deine Mutter nicht beleidigen wollen, darum geht es nicht. Natürlich wird dir die Spange dann wichtig sein, ich habe auch alten Kram von meinen Eltern und trage sie trotzdem nicht, wenn es unpassend ist. Du wirkst dadurch etwas konservativ und jetzt im Trikot sogar kindlich. Das bist du doch gar nicht. Eins ist fakt, ohne sie würdest du noch viel hübscher aussehen. Das kannst du mir ruhig glauben.“ Tinas Puls steigt etwas an. Kann sie wirklich Recht haben? Niemals hat ihr jemand gesagt, dass die Spange total aus der Mode ist. Ist das denn so? Ihre Mutter hat immer eine Spange getragen und hatte jedoch lange lockige blonde Haare. Da wirkte sie etwas anders als bei ihr, das stimmt schon. Altmodisch, kindisch oder konservativ will sie nicht für andere wirken.
„Ist es wirklich so? Das hat mir noch nie jemand gesagt.“ Sie schaut sich neugierig um und schaut in die Runde. Dann bleibt ihr Blick bei ihrer Vereinschefin hängen.
„Was meinen Sie denn dazu? Wenn es so ist, warum haben es mir die Mädels nie gesagt? Und vor allem wieso haben Sie es mir nie gesagt? Sie sind doch modisch immer auf dem neusten Stand?“
„Hm, mir ist das doch völlig egal wie Sie aussehen, solange es ein gepflegtes Äußeres ist. Das Team soll Siege heimbringen, mehr verlangen wir nicht von Ihnen. Die Spange ist inzwischen Ihr Markenzeichen, egal wie sie wirkt. Sie erfüllt ihren Zweck. In einem Interview vor Jahren haben Sie mal gesagt, sie verleiht Ihnen Kraft. Ich wäre also dumm, wenn ich darauf verweisen würde, dass sie überhaupt nicht zu Ihnen passt. Sie sind bei uns, um Punkte zu machen, nicht um zu modeln. Das übernehmen die anderen Frauen. Solange die Sponsoren stimmen und die Ergebnisse ist doch alles gut. Einige Fans kaufen sogar bewusst so einen Spangentyp, damit sie Ihnen verbunden sind. Wenn es etwas gibt, was unserem oder Ihrem Image schaden würde, dann hätte ich schon was gesagt.“, macht sie ihr deutlich klar. Tina nimmt die Spange aus den Haaren und betrachtet sie in der Hand.
‚Mama, von Mode hattest du wirklich nie Ahnung. Deine Kleider suchten Vater und ich immer aus. Auch das schöne lilafarbene Kleid von gestern hast du mit Vater zusammen ausgesucht. Dass die Spange auch dazugehörte ist mir nie so wirklich bewusst gewesen. Immer habe ich sie mit Stolz getragen. Du wolltest mir damit mitteilen, eine Frau zu sein, kein Junge. Immer hast du versucht aus mir ein Mädchen zu machen.‘ Sie schaut auf, geht kurz mit der Hand durch ihre Haare und blickt sich dann die Leute im Raum erneut an.
‚So wie die mich jetzt plötzlich alle erstaunt ansehen, scheint Anke Recht zu haben. Es wirkt wirklich ganz anders.‘
„Was meinen denn die Herren der Schöpfung dazu? Sie sind doch zum großen Teil auch international unterwegs. Sieht es jetzt besser aus? Ich trage sie jetzt eigentlich nur noch aus Gewohnheit. Es fühlt sich komisch an, wenn da nichts ist.“, zeigt sie auf die Stelle im Haar. Kira meldet sich erstaunlicherweise zuerst zu Worte.
„Mir ist das egal, aber zum roten Kleid heute passt es ohne auf jeden Fall besser. Auch zum Kleid von gestern. Das Ding ist unnötiger Schnickschnack.“, sagt er dann ganz offen.
‚Also wenn sie schon den teuren Schmuck von Kojiro trägt, dann sollte es auch mehr auffallen und jeder soll ihn sehen. Er hat noch nie einer Frau Schmuck geschenkt, außer seiner Familie.‘ Tina schaut dann zu Kens Trainern und Herrn Katagiri.
„Und was meinen Sie?“ Die Trainer trauen sich nicht etwas zu sagen.
‚Bettina, du siehst deiner Mutter wahnsinnig ähnlich. Sie war immer wunderschön, aber von Mode der heutigen Zeit hatte sie vermutlich wirklich keine Ahnung. Damals war sie sehr modern angezogen. Ich weiß nicht wie sie jetzt zum Schluss aussah. Wir haben uns das letzte Mal gesehen als ich euch an dem seltsamen Tag besucht habe.‘
„Ich gebe Kira Recht. Auch zu dem gestrigen langen Kleid wirkte es etwas fehl am Platz. Aber ich glaube darum geht es gar nicht.
Sie müssen doch nicht genau daran festhalten was Ihre Mutter vor vielleicht zehn Jahren schön fand. Da passte es ja eventuell zu Ihrem jugendlichen Aussehen besser als heutzutage. Jeder Mensch verändert sich in den Jahren, charakterlich wie auch äußerlich. Und wenn Sie bereits vor haben eine Veränderung herbei zu wohnen, dann ist es doch der richtige Zeitpunkt. Ich denke nicht, dass es Ihre Mutter gewollt hätte zu lange an alten Erinnerungen zu hängen. Auch ohne die Spange ist sie bei Ihnen.“ Tina schaut auf die Spange in ihrer Hand.
‚Er kennt dich von früher. Er will mir damit sicher sagen, dass du nicht willst, dass ich nicht mehr modern bin.‘
„Und was sagen Sie Herr Mikami? Sie haben eben als Erster gegrinst als ich die Spange abgenommen habe. Was meinen Sie denn dazu?“ Dieser sieht sie verdutzt an.
„Wie jetzt, ich? Also von Mode habe ich ja nun gar keine Ahnung.“, meint er trocken.
„Aber Sie müssen doch eben irgendwas gedacht haben, als ich die Spange abgenommen habe. Was war Ihr erster Gedanke?“
‚Ist dir meine Meinung so wichtig? Natürlich bist du ohne die Spange viel hübscher und siehst reifer aus. Eben nicht wie ein Mädchen, sondern eher wie eine junge Frau. Mehr als ohnehin schon.‘
„Nun, meine ehrliche Meinung? Sie sollten die Spange weglassen! Sie bringt das ganze System ihrer Persönlichkeit und Optik durcheinander. Ich stimme Ihrer deutschen Sport-Kollegin vollkommen zu. Sie untergräbt Ihren Charakter und Ihre Botschaft an die Jugend. Und was noch viel schlimmer ist…“, spricht er streng und wird dann zum Schluss sanfter.
„…sie lenkt vom restlichen Schmuck ab. Das hat Herr Kira sicher gemeint. Es stört optisch die Symmetrie Ihres Gesichts und lenkt vom Wesentlichen ab.
Und wäre ich ein Volleyballtrainer würde ich sagen: Beim Spiel kann Ihr Gegner schneller erahnen was Sie tun, wenn Sie ihm einen Beobachtungspunkt bieten, und das ist die Ungleichheit in Ihren Haaren. Das wäre bei uns wie eine Verletzung am Bein.“ Tina sieht ihren ehemaligen Trainer überrascht an.
„Sie lenkt ab?“, sagt sie ganz leise und nachdenklich. Und dann greift sie die Spange fest entschlossen und schaut zu Frau Toshiko.
‚Er hat Recht, würde sie irgendetwas im Haar tragen, dann würde man immer darauf sehen statt ihr in die Augen zu schauen, weil sie diese so schön auffällig und traditionell schminkt. Sie trägt so gut wie kaum Schmuck, nur das kleine dünne Kettchen am Arm und die winzigen Perlen im Ohr. Mehr nie und trotzdem ist sie so schön, nur alleine durch ihr gleichmäßiges Gesicht und diese immer perfekte Frisur. Jeder, der sich mit ihr unterhält kann nur in ihre Augen sehen, da gibt es keinerlei Ablenkung. Sie nötigt quasi ihr Gegenüber sie anzusehen.‘ Tina lächelt plötzlich, berührt kurz ihre Halskette und geht zum Buffet. Dort legt sie die Spange an der Seite ab.
‚Von Kojiro ablenken, nein, das hätte Mama nie gewollt. Sie hätte ihn sehr geliebt, da bin ich mir sicher. Vater ebenso, die hätten sich sehr gut verstanden. Er war doch sogar derjenige, der versucht hat uns miteinander bekannt zu machen als er vorschlug, dass ich in die Toho-Schule gehen soll. Das wurde mir jetzt im Nachhinein klar. Er muss bemerkt haben, dass am Flughafen damals etwas anders war, als ich ihm gegenüberstand.‘, lächelt sie.
„Gut, so soll es sein!“, sagt sie dann, dreht sich zu allen um und grinst siegessicher.
„Dann werde ich Akanes System mal durcheinanderbringen und die anderen ablenken.“ Mit diesen Worten verlässt sie festentschlossen den Raum. Alle im VIP-Raum sehen sich fragend an. Keiner sagt etwas und alle sehen nur hinaus zum Spielfeld und in den gegenüberliegenden Zuschauerrang. Herr Rossi hingegen löst seinen Blick vom Spielfeld und schaut sich im Raum um. Dann geht er zum Getränkebuffet. Er betrachtet es und blickt dann auch auf die Haarspange.
‚Wieso hat sie die jetzt abgenommen? Und warum vor allem hat sie die hier hingelegt? Hinten in der Ecke auf den Tisch. Es gab genug andere Möglichkeiten, aber nein. Statt sie mitzunehmen und nur in die Tasche zu stecken oder ihrer Managerin zu geben, nein, sie legte sie ganz bewusst hier hin.‘ Fane bemerkt seinen fragenden Blick auf den Haarschmuck. Um ihn abzulenken geht sie auf ihn zu und spricht ihn höflich an.
„Herr Rossi, bedienen Sie sich ruhig. Vielleicht ist ja statt Kaffee auch der Tee etwas für Sie. Er besteht aus einer sommerlichen Kräutermischung, die Frau Fuchs persönlich zusammengestellt hat.“ Er dreht sich zu ihr um.
„Oh, vielen Dank für den Tipp. Ich trinke tatsächlich lieber Tee als Kaffee. Leider bin ich jedoch etwas verwöhnt. Sie hat eine eigene Mischung zusammengestellt? Dann muss ich die auf jeden Fall probieren.“ Fane lächelt freudig.
‚Der Gedanke scheint ihm sehr zu gefallen. Wer ist dieser Mann überhaupt? Er hat sich selbst nicht vorgestellt und scheint sich eher bedeckt zu halten.‘
„Sie werden es bestimmt nicht bereuen. Ich trinke den selbst jeden Tag.“ Er lächelt sie fröhlich an und schaut zu ihr herab.
‚Nakazawa, eine Managerin in dem Alter schon? Die Frau macht mich neugierig. Hübsch ist sie, verheiratet auch, das ist an ihrem Ring zu sehen. Ein schöner Ring, schlicht, aus Gold und mit einem deutlich sichtbaren Brillanten. Ihr Mann muss sehr gut verdienen. Das spart sich kein Student zusammen.‘ Er nimmt sich die Kanne und ein Teeglas und schenkt sich den Tee zur Hälfte ein.
„Oh, er riecht schon gut.“, lobt er und schaut dann erneut nachdenklich zur Haarspange.
„Sagen Sie, Sie kennen Frau Fuchs sicher sehr gut. Wissen Sie warum sie ihre Spange nicht einfach in eine Tasche legt oder Ihnen gegeben hat? Hat es einen Grund, dass sie dort liegt, für alle sichtbar?“, fragt er leise.
„Oh, genau weiß ich das auch nicht, aber vielleicht weil die Spange von ihrer Mutter ist. Ich glaube sie soll hier oben auf uns alle aufpassen. Immerhin hat sie sich jedes Spiel angesehen. Egal was in der Gaststätte los war, sie ist zu jedem Spiel gefahren. Immer war sie dabei.“
„Oh, ich verstehe. Der Schmuck, den sie trägt, der scheint ihr vermutlich wichtiger zu sein.“
‚Was stellt er denn für komische Fragen?‘
„Vermutlich ist das so.“, reagiert sie ohne weiter darauf einzugehen. Er dreht sich zu den großen Fenstern und hält sein Glas vorsichtig mit der Untertasse fest. „Schade, dass das Spiel wegen des schrecklichen Unfalls nicht stattfinden konnte. Ich finde es jedoch schön, dass sich ein anderes starkes Team aufgetan hat. Man sagte mir, die beiden Teams seien die stärksten im Land und teilen sich die Rangliste ganz oben.“
„So ist es. Es wird spannend. Zur Studienzeit hat Frau Fuchs mit Saitos Team zusammengespielt. Dann verließ sie die Uni und wurde vom Verein natürlich sofort angenommen.“
„Erstaunlich, an ihrer Stelle hätte ich mich erst auf den freien Markt gestellt und hätte die Vereine dazu gebracht die höchsten Angebote zu machen und hätte mich dann entsprechend entschieden.“, merkt er an.
„Naja, es war von vornherein klar, dass sie wenn, dann dorthin geht. Immerhin war Yoko Fuma bereits dort und sie war bisher die einzige Zuspielerin, die sie bedienen konnte. Frau Kuraiko kam erst durch die Unizeit und die Asienmeisterschaft dazu.“
„Warum ist sie denn nicht gleich nach der Schule in den Verein gegangen? Sie hätte doch trotzdem studieren können. Im Uni-Team verdient sie doch nichts.“ Fane grinst.
„Das haben sich viele gefragt, aber sie hat dann nur gesagt, sie will lieber dazulernen als auf einer Ebene zu schweben.“
„Dazulernen? Es war ihr also wichtiger neue Erfahrungen zu machen, als ein gutes Gehalt zu bekommen?“
„So kann man das auch sagen.“ Er mustert sie kurz, unauffällig und nimmt dann einen Schluck aus dem Glas.
„Wow, der schmeckt wirklich sehr angenehm. Sommermischung trifft es genau.“, lobt er wieder.
„Ist ne ganz schön steife Gesellschaft hier, oder was meinen Sie?“, merkt er an. „Das stimmt, aber lieber so als würden alle wild durcheinanderreden. Das mag ich gar nicht.“, grinst sie etwas.
„Für eine Managerin sind Sie recht jung, oder kann ich das nur schlecht einschätzen? Verheiratet sind Sie immerhin schon.“
„Das stimmt, seit drei Jahren bereits. Aber ja, ich bin etwa ein Jahr jünger als Frau Fuchs. Ich mache jedoch den Job auf vielleicht noch etwas andere Weise schon seit gut zehn Jahren. Als Kind und Jugendliche habe ich bereits das Team meines Mannes betreut und dann gemanagt. Es ist nur etwas anders als mich wie bisher um ihn, jetzt auch um Frau Fuchs zu kümmern. Aber es ist ein sehr spannender Job.“
„Oh, Sie kümmern sich schon so lange um Ihren Mann. Erstaunlich. Klingt nach einer Jugendliebe. Ist das so?“ Sie grinst etwas verlegen.
„Kann man so sagen, ja. Es hat nur etwas gedauert bis er es selbst bemerkte.“, kann sie sich dabei nicht verkneifen.
‚Ist ja niedlich. Und ich hatte schon gedacht sie ist auch so verkrampft wie die anderen.‘
Die Stille im Raum wird plötzlich erhellt durch das leise Kichern von Roberto. Der Brasilianer muss sich bei diesem Gespräch plötzlich daran erinnern wie lebhaft Fane als Kind war und wie schnell sie eifersüchtig wurde, wenn nur eine andere ihren Tsubasa angesehen hat oder womöglich mit ihm redete. Gleich vom ersten Tag an, als sie ihn kennenlernte war sie nicht nur sein größter Fan, sondern half ihm wo sie nur konnte. Ihr ganzes Leben drehte sich von da an nur noch um diesen Jungen bzw. um ihren jetzigen Mann. Alles tat sie für ihn und jeder bekam es mit, aber Tsubasa, der hatte nur Augen für seinen Sport. Erst die lange vierjährige Trennung von ihr und Japan, ließ ihn endlich erkennen, dass Fane, welche immer an seiner Seite war, nicht nur ein Fan gewesen ist, nein, sie war mehr. Roberto kann sich noch gut erinnern, als er Tsubasa jeden Tag in Brasilien um sich hatte, wie oft dieser nach ihr fragte und anfing sie anzurufen, um ihr von seinen neuen Erlebnissen zu erzählten.
Robertos Kichern hört so schnell nicht auf und Mikami stößt ihn an.
„Reißen Sie sich zusammen, also echt.“ Er kann jedoch nicht an sich halten, lacht richtig los, wischt sich die Lachtränen aus den Augen und grinst Mikami an.
„Sorry, ETWAS, sagt sie. Da muss man doch lachen.“, spricht er ganz leise, aber hören kann es trotzdem jeder. Dann kommt plötzlich ein Räuspern von Fane, welche es gar nicht lustig findet, dass er sich nicht zurückhalten kann. Roberto dreht sich zu ihr um.
„Es tut mir leid. Das muss die Müdigkeit sein, vom Fliegen.“, versucht er sich rauszureden. Dann sieht er in ihr ernstes Gesicht und ihm überkommt schon wieder ein Lachen. So richtig geht es nicht in seinen Kopf, dass die kleine wilde Fane jetzt plötzlich ernst sein kann und Managerin geworden ist. Natürlich ist sie in den letzten Jahren deutlich ruhiger und reifer geworden, aber die Erinnerungen aus der alten Zeit, als er noch Tsubasas Team in der Kindheit betreute, sind einfach zu lustig. Was war das für eine schöne sorglose Zeit?
„Könntest du aufhören zu lachen? Das ist nicht lustig! Was sollen die Leute denn von ihm denken?“, faucht sie ihn ernst auf Japanisch an. Sie weiß, dass er neben Portugiesisch und Spanisch mittlerweile auch Japanisch spricht. Plötzlich kichert Kira los und grinst.
„Oha, der Arme. Jetzt muss er sich warm anziehen.“
„Jup, er hätte sich zurückhalten sollen. Das ist sicherer.“, kommt ernst von Mikami. Fane will gerade wieder etwas sagen da piepst ihr Handy. Eine Kurzmitteilung geht ein. Sofort schaut sie rauf und grinst.
„Ihr habt Glück. Es geht gleich los.“, sagt sie ernst und mit einem begeisterten Blick. Sie schaut zu Herrn Rossi, der neben ihr steht.
„Stellen Sie lieber die Tasse solange ab, das ist besser.“ Er sieht sie nur verwundert an.
„Warum? Was passiert denn jetzt? Das Spiel beginnt doch erst in 20 Minuten.“ „Glauben Sie mir, jetzt passiert gleich etwas, da möchten sie die Tasse nicht in der Hand halten. Danach gerne.“, grinst sie. Alle sehen sie verdutzt an und wundern sich was sie meint.
„Wenn ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit auf das Spielfeld lenken darf? Frau Fuchs hat für den heutigen Anlass etwas ganz Besonderes für ihre Zuschauer und Fans geplant. Das gab es noch nie, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. In der Regel können das, was sie jetzt mit Frau Fuma zusammen zeigt, nur das Team und die Trainer sehen.“
„Wie meinen Sie das jetzt? Was zeigen die denn?“, haut Kira raus.
„Ein kurzes aber intensives Aufwärmtraining. Das darf man sich nicht entgehen lassen.“ Alle Blicke sind nach unten gerichtet. Mikami bemüht sich sein Grinsen zu verbergen und Frau Toshiko geht auf Fane zu.
„Sagen Sie nicht, sie zeigt dieses Duell mit Stein, Schere, Papier?“, flüstert sie ihr ins Ohr. Es kann wirklich niemand weiter hören, so leise ist es. Fane nickt grinsend. Sie weiß, dass Frau Toshiko die Einzige im Raum ist, die das Spektakel kennt, denn sie hat Tinas Team für eine kurze Zeit mal vertretungsweise Trainiert. Das Teeglas wird auf einen Tisch gestellt und Rossi geht ebenso zum Fenster. Alle sind wahnsinnig gespannt. Tina geht zu Marie und spricht etwas mit ihr ab, dann geht sie wieder aufs Feld, schnappt sich Yoko und beide stellen sich genau gegenüber an die Außenlinie des Spielfeldes. Vorerst spielen sie leichte Bälle, um etwas in Fahrt zu kommen. Tinas Blick ist ab und an bei Marie, welche in der Zwischenzeit eine Digitalkamera aus ihrer Tasche genommen hat, diese mit einem kleinen Stativ auf den Tisch stellt und sie positioniert. Dann gibt es wenig später von ihr einen Daumen hoch. Die Kinder stehen hinter ihr, so sind sie nicht auf dem Film zu sehen. Marie betätigt die Aufnahme und entfernt sich wie abgesprochen vom Tisch und stellt sich zu Hinata und deren Tante.
Erneut sind die achtzehn Meter zwischen den beiden Freundinnen. Diesmal schlägt Tina auf und spielt direkt zu Yoko.
Der Ball wird baggernd angenommen und hochgespielt, Yoko schlägt ihn dann zurück. Nun ist Tina dran und macht genau die gleichen Bewegungen. Es geht genauso wie beim letzten Mal immer hin und her.
„Was wird das? Sieht doch normal aus.“, meint Kira skeptisch.
„Abwarten! Dieses Spielchen machen sie etwa 5 Minuten lang. Einfach genießen, das zeigen Sie sonst nie dem Publikum.“, sagt Hitomi bestimmend. Es herrscht eine unbeschreibliche Spannung im Raum.
Plötzlich geht Yoko einen Schritt weiter vor. Tina tut es ihr gleich. Nun stehen beide in der Hinterzone des Feldes. Ihr Wechselspiel scheint langsam schneller zu werden.
„Heute lassen sie sich etwas mehr Zeit als sonst. Bestimmt damit es die Kinder besser sehen können.“, kommentiert Hitomi Toshiko erneut.
„Oh, jetzt werden sie schneller.“, bemerkt Roberto.
Ihre Schrittfolge wird kürzer und die beiden gehen langsam weiter aufeinander zu, immer weiter zum Netz. Niemals berührt der Ball den Boden oder weicht von seinem Weg ab. Heute lassen sie wirklich etwas mehr Zeit zwischen den Schrittfolgen, aber dann auf einmal geht es ganz schnell und die schnelle Phase kurz vor dem Netz wird länger ausgespielt und dann stehen sie sich fast gegenüber und fangen an zu pritschen bis sie direkt am Netz stehen und als der Ball direkt über dem Netz ist springen sie wieder synchron hoch und jede pritscht mit nur einer Hand den Ball gemeinsam ganz weit hoch.
Kaum berühren sie den Boden spielen sie unterm Netz schnell Papier-Stein-Schere. Yoko gewinnt diesmal mit der Schere gegen Papier und springt begeistert und schnell hoch und schmettert den Ball ins gegnerische Feld.
Yoko ruft total begeistert auf.
„Ausgleich! Ausgleich! Ich habe diesmal gewonnen!“ Das Publikum jubelt. Dann geht Tina auf Yoko zu und sie geben sich unter dem Netz die Hand.
„Das fordert eine Revenge.“ Sie klatschen sich ab und wechseln die Seiten.
Oben im VIP-Bereich ist es still. Niemand sagt etwas. Und kaum stehen die zwei Frauen wieder am Feldrand, gibt Tina ein Zeichen zu Marie. Sie stellt die Kamera wieder ein und beginnt den zweiten Film. Kaum beginnt Tina den ersten Ball zu spielen geht es diesmal alles deutlich schneller. Sie legen diesmal gleich zu Beginn richtig los und die Bälle werden richtig geschmettert und angenommen und wieder treffen sie sich in kürzester Zeit in der Mitte und pritschen ihren Ball weit hinauf. Beim Duell gewinnt Yoko erneut, diesmal wird der Stein vom Papier eingewickelt und schon erhebt sich ihr sportlicher Körper und schmettert den Ball auf den Boden.
„Was um alles in der Welt ist das?“, kommt plötzlich erstaunt aus Trainer Baums Mund. Sein Puls steigt enorm an, als er das Schauspiel diesmal noch schneller sieht.
„Wahnsinn!“
„Schaut, die machen das nochmal!“, sagt Anke total begeistert.
„Wie jetzt? Nochmal? Sind die nicht langsam aus der Puste?“, wundert sich Kira.
Und tatsächlich, wieder wurden die Seiten gewechselt und es gibt ein sehr schnelles Zuspiel zwischen den beiden. Diesmal jedoch, gewinnt Tina und sie schmettert den Ball so stark ins gegnerische Feld, dass er beim Aufprall zur Seite rutscht und mit einem zitternden Drall ins Publikum saust. Er prallt zum Glück auf einen leeren Stuhl ab und fliegt nochmal in die Höhe wo er dann endlich an Kraft verliert und beim Herabfallen von einem Kind aufgefangen wird. Das Publikum ist total baff und es herrscht in diesem Moment eine Art Stille in der Halle, eine unheimliche Stille. Nur das jubelnde Kind ist zu hören.
„Was war das denn? Das ist ja der Wahnsinn.“, äußert Trainer Esposito plötzlich begeistert.
„DAS war PERFEKTION!“, bringt sich Mikami unerwartet ein. Er steht mit verschränkten Armen vor dem Fenster und lächelt stolz vor sich hin.
‚Bettina, dass du dieses Spielchen gleich dreimal machst, Wahnsinn deine Ausdauer. Du und deine Partnerin seit beide nicht einmal außer Atem.‘ In dem Moment beginnen die Zuschauer sich endlich zu bewegen und fangen an zu klatschen. Große Begeisterung kommt auf und alle sind aus dem Häuschen und jubeln.
„Wohl wahr. Das ist reinste Perfektion. Besser kann man es wirklich nicht ausdrücken. Ich habe schon viel gesehen, aber als ich sie das erste Mal so gesehen habe, wusste ich, die beiden wissen genau was blindes Vertrauen heißt.“, meint Hitomi.
„Moment mal. Das war keiner ihrer bekannten Bälle. Der war auf jeden Fall neu.“, meint der Franzose im Raum.
„Es spielt gar keine Rolle was das war. Er ist wertlos. Das wissen Sie auch.“, spricht Hitomi ernst und gleichzeitig betrübt.
„Wertlos? Haben Sie sich mal diese Wucht angesehen? Der hatte einen Drall drauf, sowas habe ich noch nie gesehen.“, meint Kira total begeistert.
„In einem regulären Spiel kommt dieser Drall niemals zustande. Das ist ganz einfach. Er entstand durch die ständige Hin-und-Her-Bewegung und dann kam vermutlich die Kraft mit dem Drall des Feuerdrachen oder der Drachenfaust dazu. Ich tippe auf die Drachenfaust, wegen der Rotation. Eine solche Bewegung findet in einem Spiel nicht statt. Es gibt mal hier und da ähnliche Abläufe, die werden wir heute vermutlich sogar sehen, aber es wird nicht zu dieser enormen Rotationsentwicklung kommen, da man ja am Gegner vorbeischmettern will und nicht ihnen direkt in die Arme spielt. Sie schießen doch auch nicht direkt auf den Keeper, wenn Sie Tore machen wollen.“, meint sie.
„Das nenne ich wirklich blindes Vertrauen. Ein winziger Fehler und eine von ihnen hätte sich vermutlich schwer verletzt.“, stellt Roberto begeistert und nachdenklich in den Raum.
„Das können Sie laut sagen.“, meint Andy deutlich. Er schaut zu Anke rüber.
‚Ich wüsste niemanden mit dem sie das auch könnte und Anke ist sehr genau und hat starke Bälle. Aber Vertrauen zu anderen hat sie nicht.‘
Kira verschränkt die Arme.
„Also ich habe da keinen Drall gesehen. Die Frauen haben dem Ball doch durch das Netzspiel am Ende den Drall genommen und ihn nur gerade hochgespielt, um ihr kleines Duell zu machen. Das Ding fiel einfach nur herunter und hatte keinerlei Bewegung. Vielleicht täusche ich mich, weil ich es von Weitem nicht so genau sehen kann, aber das Muster vom Ball hat sich bei allen drei Malen kein bisschen bewegt.“, erklärt er seine Beobachtungen.
„Und wenn es aus dem Drall heraus wäre, kann es auf den Ablauf eines Volleyballspiels treffen, aber im Fußball kann es zu einem solchen Austausch kommen, wenn die Spieler perfekt eingespielt sind. Es wäre ähnlich wie beim Eifelturmangriff der Franzosen. Wenn Pierre und Napoleon freie Bahn haben und ihr Zuspiel intensivieren können, dann bekommt ihr Ball auch einen Wahnsinnsdrall. Wir haben ein paar Kandidaten auf denen das auch zutreffen würde.“, meint er plötzlich und grinst.
‚Ich bin doch nicht blind. Da war kein Drall und wenn ich mir Tinas eigene Reaktion so ansehe, hat sie es selbst gemerkt. Der Ball ist neu und unerwartet. Damit hat sie gar nicht gerechnet. So sehe ich das.‘ Die Volleyballprofies sehen ihn verwundert und überrascht an.
‚Wow, das hat er erkannt? Von hier oben ist kaum was so genau zu sehen, ob sich der Ball dreht oder nicht. Erstaunlich, dass ein Fußballer sowas erkennen kann.‘, ist nicht nur Trainer Stephane Jean-Baptiste überrascht.
„Kira, wenn du Ideen fürs Team hast, kannst du die gerne noch für dich behalten.“, murrt ihn Minato Gamo an. Roberto grinst etwas und meldet sich kurz zu Wort. „Keine Sorge, die Art der Technik bringt meinem Team nächstes Jahr gar nichts. Ich schau euch nichts ab. Ihr müsst nur hoffen, dass die Argentinier nicht auf die gleiche Idee kommen. Bei ihren Spielern und ihrer Spielweise könnte es eher sein.“, äußert Roberto ernst und hat einen starren Blick zu Tina, wie sie in dem Moment zu den Zuschauern läuft und für das Kind, welches den Ball gefangen hat, ein Autogramm darauf gibt.
‚Ach Rivaul, du bringst plötzlich alles durcheinander, verdammt.‘
Der Weg zum ersten Ball Teil I
Kapitel 125
Der Weg zum ersten Ball Teil I
Etwa zehn Minuten bevor der Ball von Tina ins Publikum flog, steht sie mit Yoko auf dem Feld und spricht mit ihr alles ab.
„Wo ist deine Spange? Das verwirrt mich total.“, wundert diese sich.
„Die scheint wohl altmodisch zu sein, sagte die deutsche Spielerin, Schumacher. Die anderen da oben waren auch der Meinung.“ Yoko ist erstaunt.
„Wie jetzt? Und dann nimmst du sie einfach ab?“
„Jup. Wollen wir jetzt? Ich würde gerne drei Durchgänge machen, jedes Mal schneller. Was sagst du dazu? Egal wie unsere Duelle ausfallen.“ Yoko stimmt zu und kurz darauf positionieren sie sich und machen sich warm. Dann schaut Tina kurz ins Publikum auf beide Seiten. Sie entdeckt Kojiro und lächelt als sie Marie dann das Zeichen für die Kamera gibt. Sie hat ihm bewusst dort hinsetzen lassen, damit sie unauffällig zu ihm sehen kann, da Marie gleich hinter der Bande sitzt und es nur aussehen würde, als gäbe sie ihr ein Zeichen oder schaut zu ihr.
‚Kojiro, mein Liebster. Endlich kann ich dir mal mein Spiel zeigen. Es war so schön gestern euch zuzusehen und heute darfst du mir zusehen. Vergiss bitte nicht, dass wir nachher gleich verabredet sind. So kurz vor dem Spiel dann. Aber jetzt sind erstmal meine Fans dran.‘ Neben Kojiro sitzt Takeshi Sawada und Ken und auf der linken Tsubasa und um diesen herum wie eine Traube drei junge Männer, die sie ebenso noch gar nicht hier gesehen hat und einen etwas reiferer Herr, eventuell im Alter von fünfzig Jahren sowie eine Frau etwa im Alter von Kojiros Mutter. Die Herren und die Dame sehen weder europäisch, noch asiatisch aus. Sie machen ihr eher den Eindruck wie Roberto aus Südamerika zu stammen. ‚Komisch, wer sind die? Hat Hongo jemanden mitgebracht? Ich kenne den Mann ja nicht wirklich. Er stand auch damals nicht wirklich auf meiner Spielerliste, zu Jugendzeiten. Mir sagt nur der Name was und dann war er schon kein Spieler mehr. Wer könnten dann die anderen sein? Frau und Kinder? Aber wer ist dann der andere Mann?‘
Yoko lässt Tina den Ball zukommen und sie fängt ihn auf. Kaum hat sie das runde Ding in den Händen ist auch schon der Gedanke an die neuen Zuschauer verflogen. Nun kann sie sich endlich konzentrieren. Sie schaut zu Yoko und lächelt sie an.
„Los geht’s.“, sagt sie leise und schlägt auf. Nichts ist mehr wichtiger als ihre Übungseinheit. Die Übungseinheit, welche sie zu Beginn ihrer Zeit in der Musashi gemeinsam entwickelt haben.
Warum eigentlich? Warum ist sie entstanden? Eines Tages stand Tina da, kurz nach dem Ereignis in der Toho, und spielte wie eine Besessene gegen die Wand auf dem Sportplatz. Eigentlich war es die Wand der Halle und sie konnte noch immer nicht damit umgehen, ständig in der Halle zu sein. Tina nutzte jede mögliche Trainingseinheit an der frischen Luft. Um ihren geplanten Ball zu erlernen dachte sie, einen Ball so stark schlagen zu können wie ihn Karl schießen kann, eine Art Feuerball, nur aus der Hand geschlagen. Die Technik ist ihr zwar vertraut und sie hat hunderte Male gesehen wie er geschossen wurde, Karl hat ihr die Technik sogar beigebracht, nachdem sie sich vertragen hatten und er sie nicht mehr als Konkurrenten wahrnahm. Aber es auf die Hand zu übertragen, das ist die Schwierigkeit dabei. Natürlich kann sie die Wucht des Balls niemals erreichen, aber die Technik ist vorrangiger als die Kraft. Wenn sie die erst einmal draufhat, kann sie mit dem Krafttraining anfangen. Also markierte sie sich eine bestimmte Stelle mit Kreide an der Hauswand und versuchte den Ball immer wieder dort hinzulenken. Jeden Tag vor dem regulären Unterricht tat sie dies. Immer auf der Rückseite des Hallenkomplexes, da wo die Zuschauereingänge und das Tor für Lieferanten für die Halle sind. Bei jedem Wetter tat sie das.
Eines Tages kamen einige der Jungs aus Juns Mannschaft um die Ecke und wunderten sich was das für Geräusche sind. Dann beobachteten sie sie, sagten jedoch nichts und gingen wieder. Das Mädchen war ihnen zu seltsam, immerhin wurden sie von ihr einfach als Rüpel bezeichnet, das blieb noch gut in Erinnerung. Also ließen sie die Blondine lieber in Ruhe, Fußballer mochte sie sowieso nicht. Jun hingegen ging an einem weniger schönen Tag zu ihr. Die beiden hatten sich inzwischen etwas angefreundet. Er sprach sie an und fragte ob alles okay sei. Sie könne doch in der Halle trainieren mit der Maschine. Diese jedoch schüttelte den Kopf.
„Ich kriege da drinnen nicht genug Luft zum Nachdenken. Außerdem kann mir die Maschine dabei nicht helfen. Ich will einen eigenen Schmetterball entwickeln, da bringt mir eine Maschine gar nichts. Die Wand ist viel zuverlässiger und durch den Rückprall kann ich einschätzen wie stark der Ball ist und wo er hinfliegt. Jeden Tag mache ich das und probiere immer wieder andere Berührungen aus. Irgendwann kann ich ihn nicht mehr ausweichen, dann ist es soweit…dann kann ich mir darüber Gedanken machen welchen Drall ich ihm wirklich verpasse.“, erklärte sie ihm.
„Ein eigener Ball. Okay. Solltest du aber nicht erst einmal die Grundlagen lernen und dir ein paar Grundtechniken aneignen?“
„Das mache ich doch den ganzen Tag schon. Aber außerhalb der Trainingszeit übe ich meinen Ball.“
„Verstehe. Deswegen hat dich neulich der Lehrer wieder rausgeschickt. Ständig musst du auf den Flur und die Wassereimer tragen. Ist das nicht langweilig? Du musst den Stoff dann immer nachholen.“
„Das muss ich doch sowieso, weil ich noch nicht so gut verstehe. Er kann da vorne was vom Pferd erzählen und mein Tonband läuft weiter, ob ich drinsitze oder nicht. Zuerst habe ich mich geärgert aber jetzt sehe ich das als Trainingseinheit. Perfekte Zeit zum Krafttraining. Die Eimer eignen sich super als Hantelersatz. Und weil die so voll sind, muss ich besonders aufpassen und langsam machen, das ist zusätzlich genial. Meine Armmuskulatur ist in der letzten zwei Monaten deutlich besser geworden.“
„Oh, echt? Machst du das etwa absichtlich?“, vermutete er plötzlich, weil er bemerkt hatte, dass sie öfters mal in Unterricht einnickte oder unaufmerksam war.
„Klaro. Ich kann doch nachts eh kaum schlafen, da passt das gut. So halte ich mich wach und es fällt nicht auf.“
„Wieso kannst du nachts nicht schlafen? Liegt es am Umzug oder der kleinen Wohnung? Du sagtest mal ihr wohnt noch in einer sehr kleinen Wohnung solange die Gaststätte gebaut wird.“
„Nein, das stört mich nicht. Außerdem habe ich mein eigenes Zimmer, das ist also nicht schlimm, ist zwar winzig, aber mein Reich.“ Jun ging dann direkt auf sie zu und versuchte ihr gut zuzureden.
„Tina, hat es etwas damit zu tun, dass ich in deiner Gegenwart immer meine Trainingsjacke tragen muss, wenn wir uns unterhalten wollen? Darf ich es wirklich nicht wissen?“ Sie sah zu Boden und überlegte ob sie ihm endlich die Wahrheit sagen kann.
„Ja, Jun. Es hat etwas damit zu tun. Aber ich will dich wirklich nicht damit belasten. Konzentriere dich lieber auf deinen Sport und auf dein kommendes Studium. Das ist wichtiger.“, sagte sie betrübt und lächelte dann aber.
‚Ach Jun, du bist wirklich sehr nett. Als ich neulich mit Genzo telefoniert und ihm von dir erzählt habe, erinnerte er mich daran, dass ich seine Freunde von ihm grüßen soll, wenn ich ihnen begegne. Er sagte, ich könne dir vertrauen. Ich dürfe dir von ihm erzählen.‘ Sie atmete tief durch und sah ihn noch skeptisch an. „Warum ist dir das denn so wichtig? Ich bin kein Typ, der gerne Geheimnisse ausplaudert, vor allem nicht, wenn sie zu wichtig sind.“ Jun lächelte sie freundlich an.
„Naja, du sagtest, wir könnten vielleicht Freunde sein, wenn ich es zulassen könnte. Yayoi mag dich doch auch sehr, sie bewundert dich sehr, weil du dich nicht unterkriegen lässt.
Und richtige Freunde halten doch zusammen, oder nicht? Man unterstützt sich gegenseitig und hält sich den Rücken frei oder ist für sie da, wenn man Kummer hat. Ist das nicht überall so? Du musst dir darüber keine Gedanken machen, was auch immer es für ein Geheimnis ist, es bleibt unter uns, so wie das mit der Jacke.“ Während er es sagte, fing es an zu regnen.
„Gut, ich erzähle es dir. Aber auch nur, weil mir ein gemeinsamer Freund versichert hat, dass ich dir vertrauen kann und ihm vertraue ich blind.“, sagte sie dann lächelnd. Jun wunderte sich sehr, war jedoch auch gespannt was sie zu erzählen hatte. Er schlug des Regen wegen vor in die Halle zu gehen. Sie lehnte ab.
„Nein, es ist perfekt oder stört dich der Regen?“
„Nein, ich dachte dich.“
„Nö, ich kann das ab.“ Sie schaute sich um und dann forderte sie ihn auf sich mit an die Wand zu lehnen. Beide schauten zum Wäldchen.
„Wir haben einen gemeinsamen Freund? Bist du sicher?“
„Etwa zwei Wochen bevor ich hier her zog hatte ich einen großen Bruder. Er spielte wie ich auch leidenschaftlich Fußball.“, begann sie. Jun sah verdutzt zu ihr und betrachtete ihr Profil. Sie standen direkt nebeneinander, damit sie ganz leise reden konnten.
„Du hast selbst gespielt?“ Sie nickte.
„Ja, zuerst im Tor, ich war sehr gut und dann später in der Verteidigung. Welche Position hast du im Nationalteam? Hier bist du im Angriff und Mittelfeld, wenn ich das richtig mitbekommen habe. Ich glaube aber, du bist im Herzen ein Verteidiger, so wie ich.“
„Stimmt, ich bin in der Verteidigung und auch mal je nach Teamaufstellung im Mittelfeld. Ich glaube es nicht, Du hast gespielt? Wow. Deswegen bist du ständig draußen und hast schon seit deiner Ankunft eine enorme Kondition.“
„Genau. Naja, nach einem Spiel der Profis gingen wir zu dritt heim, aber mein Bruder und ich erlaubten uns einen kleinen Scherz mit unserem Freund und dieser regte sich jedoch so sehr darüber auf, dass er alleine ging und wir nur zu zweit unterwegs waren.
Dann plötzlich, da kamen fünf große Männer auf uns beide zu und zerrten uns in eine Seitengasse.“ Tina sah zum Himmel hinauf und ließ sich die Regentropfen aufs Gesicht laufen. Dann erzählte sie ihm was passiert war und schloss dabei die Augen.
„Als er am Boden lag fingen sie an mich anzufassen. Ich weiß nicht was noch passiert wäre, wenn Genzo nicht plötzlich aufgetaucht wäre und die Typen in die Flucht geschlagen hätte. Er entdeckte uns und rann sofort zu mir, schlug einen von ihnen ins Gesicht und sie ließen dann von mir. Alle fünf ließen uns dann in Ruhe und liefen weg und er konnte den Notruf rufen. Zum Glück hatte er schon ein Handy. Mein Bruder jedoch, er wurde ins Krankenhaus gebracht und notoperiert. Jedoch…hat er es nicht geschafft. Die inneren Verletzungen waren zu groß, obwohl er so ein kräftiger großer Typ war.“ Es war plötzlich ganz still und Jun sah ebenso zum Himmel.
„Es tut mir leid. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.
Hast du eben Genzo gesagt? Ist er unser gemeinsamer Freund? Er hat dich gerettet?“
„Ja, Genzo Wakabayashi, mein bester Freund und nun auch Lebensretter. Ihm kann ich alles anvertrauen. Er war auch zur Beerdigung. Und seinetwegen bin ich hier in Japan.“
„Das verstehe ich jetzt nicht. Seinetwegen bist du hier? Woher kennt ihr euch? Wie habt ihr euch angefreundet? Er ist ein sehr schwieriger Typ, wenn ich das so sagen darf? Nicht jeder kommt gut mit ihm aus.“ Tina grinste.
„Es ist ähnlich wie bei uns, nur umgedreht. Als Genzo nach Deutschland kam, musste er auf eine öffentliche Schule. Und naja, er landete in meiner Klasse. So kam das dann. Mit meinem Bruder freundete er sich ebenso sehr an. Er hatte seine Freunde im Team und mich.
An Arroganz und Selbstvertrauen fehlt es ihm nicht. Das stimmt. Was haben wir uns schon gezofft. Aber er ist auch sehr mutig, ehrgeizig, ein sehr guter Zuhörer und Ratgeber und er gibt niemals auf, egal wie schwer etwas ist. Er boxt sich wortwörtlich durch und trägt die Nase nicht grundlos hoch.
Als er plötzlich in der Gasse auftauchte, war ich sehr erleichtert. Hinterher machte er sich Vorwürfe, dass er uns überhaupt alleine gelassen hatte. Nur wegen seines Jähzorns sei das passiert. Auf dem Weg fiel ihm das dann selbst auf und er war der Ansicht er habe überreagiert und lief deswegen zurück in unsere Richtung, um sich bei uns wegen des Streits zu entschuldigen. Naja, dann entdeckte er uns.“ Es war wieder still.
„Und was hat das jetzt mit meiner Jacke zu tun? Wenn du und dein Bruder Fußball geliebt haben und du sogar mit Genzo befreundet bist, wieso magst du dann keine Fußballer? Weißt du noch wie du mir immer ausgewichen bist und mich beleidigt hast? Erst als du plötzlich wusstest, dass ich was mit dem Herzen habe, da hast du mich mehr beachtet. Das war nicht gerade nett von dir.“
„Ich konnte nicht, Jun. Tut mir leid. Diese Männer, sie waren Fußballfans und trugen Fantrikots. Und…jedes Mal, wenn ich jetzt jemanden darin sehe oder ein Spiel sehe, dann…dann kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Ich habe es versucht, Jun, ich habe mehrmals versucht euch zuzusehen. Ihr seid bestimmt ein tolles Team, ich merke auch, dass ihr euch sehr gut versteht. Ich merke es an Yayoi, sie erzählte mir nach unserem Kennenlernen, dass sie sich nur bei euch Jungs im Team sicher fühlt. Und trotzdem…trotzdem kommen diese Bilder immer wieder und ich habe nachts diese schrecklichen Träume. Das hört einfach nicht auf. Deswegen, deswegen ist es besser wir sehen uns auf diese Weise oder nur in Uniform oder Privatkleidung, Jun. Ich neige leider dazu Fußballer zu provozieren. Deswegen war ich so gemein zu dir.“
„Oh man. Das kann ich verstehen. Fans also, wie konnten sie nur?“, er machte Fäuste und konnte es einfach nicht glauben.
„Und wieso bist du dann jetzt hier? Was hat Genzo damit zu tun?“
„Naja, ich wollte nur noch weit weg von dort, weit weg von dem was mich täglich daran erinnerte und er hat doch hier seine Freunde von denen er immer geschwärmt hat und seine Familie. Auch meine Eltern sind mit ihnen befreundet, jetzt durch den Vorfall noch mehr. Wir besuchen uns hier regelmäßig und besuchen sie in Nankatsu, wenn die hier sind oder seine Brüder. Die sind alle sehr lieb. Eine tolle Familie. Er sagte, wenn ich schon die Wahl habe hinzuziehen wohin ich will, dann Japan. Und dann entschied ich mich für Tokio, hier bin ich anonym, und ich fand die Regenbogenbrücke immer so toll. Ich gehe regelmäßig dort laufen und genieße die Aussicht zur Stadt.“
„Oh, wenn du willst können wir ja mal gemeinsam dort laufen.“
„Das klingt gut.“
„Jun, es ist sehr wichtig, dass Niemand von meiner Freundschaft zu Genzo erfährt und auch nicht, dass jemand meine Schwäche kennt. Niemals, hast du verstanden? Meine Gegner könnten es sonst gegen mich verwenden und Genzo würdest du auch sehr damit schaden. Niemand darf es wissen, okay? Auch nicht deine Freundin Yayoi. Die heult sonst gleich rum, wenn sie mich sieht. Sie ist doch so nah am Wasser gebaut. Ich brauche kein Mitleid oder Heulsusen um mich herum. Ich bin hier, um neu zu beginnen.“, sprach sie plötzlich sehr ernste Töne und sah ihn streng an. Er blickte sie ernst an und dann reichte er ihr die rechte Hand.
„Euer Geheimnis bleibt natürlich bei mir.“
„Danke. Sprich Genzo aber nicht von dir aus darauf an, er ist selbst noch in der Trauerphase, immerhin hat er einen sehr engen Freund verloren und sein Team ist auch nicht mehr so wie es mal war. Er hat nur noch einen Freund in Hamburg, wie du schon sagtest, er ist ein schwieriger Typ. Ich werde ihm mitteilen, dass wir uns ausgesprochen haben, damit er es weiß, aber wenn er darüber reden will, dann lass ihn von sich reden, okay?“, grinste sie.
Endlich hatten sie sich ausgesprochen und der nächste Tag verging wie im Flug bis Yoko sie an einem Tag draußen besuchte und ebenso fragte warum sie denn nicht drin sei. Sie gab ihr dieselbe Antwort wie Jun.
„Vielleicht kann ich dir ja helfen. Es sind nur noch fünf Grad hier draußen. Friert dir nicht der Arm bald ein?“ Tina lachte.
„Ne, ich bin doch in Bewegung und habe meine Jacke an und eine lange Hose.“ „Na immerhin trainierst du beide Arme, das ist sehr klug. Was genau willst du erreichen? Du musst dir doch einen Plan gemacht haben? Langsam kenne ich dich gut genug, um zu wissen, dass du immer was planst. Deine Strategien gegen die anderen Teams gehen langsam auf und du verstehst schon deutlich besser wie das Spielen funktioniert. Willst du wirklich erst spielen, wenn es gegen die Toho geht?“
„Ja, mir reichen die Übungsspiele innerhalb des Teams. Sonst ist es doch keine Überraschung mehr, wenn ich meinen Ball fertig habe.“
„Lass uns in die Halle gehen, du willst einen eigenen Ball haben, aber hast du schon vergessen, dass ich dir den zuspielen muss? Vielleicht finden wir ja eine gemeinsame Lösung dafür. Komm rein und erkläre mir was der Ball können soll. Das ist besser als hier draußen so alleine zu sein.“, forderte diese sie auf und hob belehrend die Hand.
„Was willst du mir dabei helfen? Am Ende muss ich ja den Ball schlagen, nicht du.“ Yoko grinste.
„Was bringt dir Yako denn bei? Hat sie dir noch nicht erklärt was meine Aufgabe wirklich ist?“
„Naja, du spielst ihr den Ball zu und sie kann dann angreifen. Ihre Bälle sind stark, das weiß ich, aber meiner muss stärker sein, wenn die Toho ebenso stark ist wie wir, dann muss es besser sein als jetzt. Ich habe schon richtig Fortschritte gemacht. Mein Ball ist bereits recht schnell und prallt deutlich besser ab als vor ein paar Tagen.“
„Ich erkläre es dir, komm rein. Es ist nicht nur die Kraft entscheidend, sondern auch die Technik. Ich zeige es dir an deinem eigenen Ball, okay?“ Somit betraten sie die kleine Übungshalle und Yoko stellte sich vor sie hin, mit einem Korb voller Bälle neben sich.
„So, jetzt lass mal das Netz außen vor. Ich spiele dir ein paar Bälle zu und du schlägst sie dann genauso wie du es eben draußen gemacht hast. Immer auf dieselbe Art, okay?“ Tina nickte ab und machte was sie sagte. Sie warf den ersten Ball in die Luft und Tina sprang und schmetterte ihn weit durch die Luft. Wieder warf Yoko einen Ball hoch und erneut, dies taten sie mehrere Male und Tina bemerkte plötzlich, dass der Ball immer mal etwas anders reagierte obwohl sie doch immer dasselbe machte. Sie sah sich ihre Hand an.
„Ich mache doch immer das Gleiche, wieso sind die Ergebnisse verschieden?“, wunderte sie sich.
„Ganz einfach, weil ich dir den Ball immer wieder anders zuspiele. Er wird von mir nicht nur hochgeworfen, sondern ich versetze ihm immer wieder verschiedene Drehungen oder ein anderes Tempo. Es gibt unzählige Arten davon und in Kombination mit deinem Ball kommt daher immer etwas anderes dabei raus, auch wenn du selbst immer gleich schlägst.“ Plötzlich schlägt sich Tina auf die Stirn. „Aber natürlich. Ich bin so dumm! Ich war so blind vor Zorn, dass ich das Wesentliche völlig übersehen habe.“, haute sie, wütend auf sich selbst, aus. Dann grinste sie Yoko an.
„Gib mir mal den Ball.“ Tina nahm den Ball und betrachtete ihn. Sie drehte ihn in den Händen in verschiedene Richtungen, dann ging sie zielstrebig zum Netz und hielt ihn daran und drehte ihn wieder hin und her. Yoko wunderte sich dann und folgte ihr nur.
„Was machst du? Wozu soll das gut sein?“
„Yako sagte mal nebenbei, dass du die beste Zuspielerin bist, die sie je kannte, was meinte sie damit? Meint sie dann, du kannst besonders viele Varianten spielen? Und dann entsprechend gut zuspielen für die Person?“ Das Mädchen neben ihr nickte fröhlich.
„Genau, erstaunlich, dass sie das gesagt hat. Mir hat sie das noch nie gesagt. Loben ist nicht so ihr Ding, weißt du ja.“
„Oh, echt? Sie hat dir das nie gesagt? Nun gut. Schau mal her.“ Sie zeigte ihr eine bestimmte Bewegung des Balls.
„Den Ball, den ich spielen will, der muss am Ende diese Drehung machen. Wie ein Wirbel, der zwar in eine Richtung dreht, aber auch nach vorne. Siehst du, so als wäre er ein Bohrkopf. Wenn du mir einen Ball so zuspielen kannst, dass er in der Luft einen solchen Drall in Richtung Gegner macht, wenn ich ihn mit der Wucht schlage, dann wäre das perfekt. Geht das? Also in der Theorie?“ Yoko ist verwundert und nimmt den Ball in die Hände.
„Naja, ich kann nur eine Drehung machen, die zweite musst du selbst herbeirufen, durch die Handbewegung beim Berühren des Balls. Aber, wenn wir es hinbekommen und einen Ball aus der Bewegung der Annehmerin oder des Gegners abfangen, statt selbst zu drehen, dann kann ich ihm eine zweite Bewegung hinzufügen und du musst dann nur noch schlagen. Eventuell mit einer dritten Drehung. Theoretisch ist das möglich, aber um das umzusetzen musst du echt sehr gut sein. Das ist eher was für die Profis. Du bist noch Anfängerin. Und mit Profis meine ich zwar auch Yako aber nicht die anderen im Team, sondern die Erwachsenen, die auch auf die Weltmeisterschaften fahren wie sie. Die können sowas eventuell.“
„Wie ist das von den Regeln her, kann ich auch direkt einen Angriff annehmen und sofort zurückschlagen, wenn er kommt? Also wie beim Badminton? Ball kommt übers Netz und man nimmt gleich an und schlägt zurück.“
„Ja, man muss nicht dreimal berühren, einmal reicht. Du darfst das nur nicht beim Aufschlag machen. Dann höchstens, wenn du den Ball unterhalb der Netzoberkante annimmst und gleich schmettern kannst. Aber da müsste man ja einen Bogen schlagen, ist schwer, aber erlaubt.“
„Hm, kannst du mir den Ball nun so zuspielen, dass er sich dreht?“
„Klar kann ich das, aber du darfst bei der ganzen Sache nicht vergessen, dass es immer ein optimaler Ausgangspunkt ist, den wir jetzt üben. Im Spiel kommt der nur wenige Male pro Satz vor. Probieren können wir das aber erstmal. Dann hast du einen Anfang.“
„Genau, schauen wir erstmal was daraus wird. Gut, bitte spiel ihn mir jetzt so zu.“ Sie übten diese Bälle und er wurde tatsächlich deutlich schneller und Tinas Bälle landeten immer auf einer anderen Stelle obwohl er immer gleich geschlagen wurde. Yoko holte einen großen Hula-Hoop-Reifen und legte ihn an eine bestimmte Stelle aufs Feld.
Tina versuchte nun den Ball immer dort hinein zu zielen, aber vergeblich. Der Ball war zwar schnell und stark, aber ohne festes Ziel. Sie fluchte und legte sich dann auf den Boden und sah zur Decke.
„Verdammt. Ich bin voll der Trottel. Yako kann das alles so gut.“ Yoko stellte sich neben sie und nahm einen Ball.
„Tina, du bist kein Trottel. Im Gegenteil. Du bist total talentiert. Überlege doch mal, du bist gerade mal zwei Monate hier und hast vorher nie Volleyball gespielt, also nicht professionell. Und trotzdem kann man dich schon von Beginn an baggern lassen oder bloggen. Du scheust dich keineswegs vor dem Ball, auch wenn er noch so schnell auf dich zukommt. Das ist die schwerste Überwindung in unserem Sport. Und wenn du ihn doch abbekommst, dann stehst du auf und machst weiter. Du hättest dir neulich beinahe die Nase gebrochen, wenn du nicht rechtzeitig dein Gesicht mit beiden Fäusten abgeblockt hättest. Das war echt knapp. Und wenn ich mir überlege wie dich die anderen drangsaliert haben als du angefangen hast. Alle gleichzeitig mit den Bällen zu dir, das war schon gemein. Und trotzdem, du hast sie alle abgewehrt oder aufgefangen. Keinen hast du durchgelassen oder nicht berührt. Immer rennst du jedem Ball hinterher und bist nie aus der Puste. Im Gegensatz zu den anderen. Du hast sie alle besiegt, ganz alleine. Du hast sogar ihre Prügel eingesteckt und nie gejammert. Du hast auch irgendwas mit Yako gemacht, dass sie dich plötzlich in Ruhe lässt und sich endlich darum kümmert, dass du richtig spielen lernst. Was auch immer da bei euch war, es hat vorher kein anderer geschafft. Sie ist zu uns auch anders geworden.“
„Ach Yoko, ich hätte nie gedacht, dass ich mal jemanden zum Aufmuntern brauche. Bisher war ich immer für das Aufmuntern anderer zuständig. Es ist nur einfach wahnsinnig schwer. Mir rennt die Zeit davon. Mir ist klar, dass man das alles nicht in ein paar Tagen lernt, vor allem nicht, wenn man auch noch Schule hat. Aber auch da muss ich mithalten, ich fange ja quasi teilweise bei null an. Du hast gar keine Ahnung was ich alles aufholen muss, nur um deinen Jahrgang zu schaffen. Ich habe Stoff zu pauken, den hattet ihr gefühlt im Kindergarten. Furchtbar, echt. Das deprimiert schon sehr, kann ich dir sagen. Am liebsten wäre ich schon so alt wie Martin. Abitur und abgeschlossenes Studium was hier anerkannt wird. Kein Mensch fragt ihn nach japanischer Geschichte oder komplizierten Mathesachen. Was ihr hier behandelt, haben bei uns erst die obersten Stufen. Das nervt gewaltig.“
„Ist das so?“
„Ja, wirklich. Ich kann froh sein, dass man mich ein Jahr zurückgestuft hat, das tut schon echt weh. Ich war immer Klassenbeste, wollte studieren und jetzt? Jetzt bin ich auf dem Niveau eines Fünftklässlers. Echt toll. Der Inhalt wäre nicht so schwer, wenn diese Sprache nicht wäre. Ich beherrsche schon so viele Sprachen, aber Japanisch haut echt alles raus. Wenn es nicht so wichtig wäre könnte ich mir etwas Zeit lassen damit, aber es ist wirklich schwer. Ich…ich vermisse sie so. Es ist alles noch so komisch.“ Sie hebt ihre Hände und streckt sie in die Luft.
„Was ist komisch? Du vermisst deine alten Freunde bestimmt, oder?“ Tina nickte nur und drehte dann ihren Kopf zur Seite. In dem Moment überkam sie ein paar Erinnerungen an ihre schöne Zeit mit dem Team und die unvergessliche Freundschaft zwischen ihnen. Niemand hätte sie trennen können. Das dachte sie damals. Sie hatte nur Angst, dass die Freundschaften durch ihre Lüge kaputt gehen könnte. Das war ihre einzige Befürchtung.
Yoko war erstaunt, als sie ein paar Tränen an ihrer Wange herunterlaufen sah. ‚Tina, du kannst ja weinen. Tränen habe ich noch nie bei dir gesehen. Was ist denn nur passiert? Der Direktor meinte damals nur, dass du einen schweren Schicksalsschlag hattest, wegen eines Freundes nach Japan gekommen bist und ich dir als Ansprechpartnerin am besten zusagen könnte. Er meinte, ich soll versuchen dich zum Sport zu lotsen, und es war scheinbar genau richtig. Seitdem du hier bist kannst du lächeln und lachen und fröhlich sein.‘, machte sie sich Gedanken.
Kurz darauf wischte Tina sie sich wieder weg und stand entschlossen auf.
„Weiter dann heute Nachmittag, okay? Wir müssen eh zur Schule. Gehst du schon vor? Ich komme gleich nach. Ich will noch was ausprobieren und komme dann nach. Wir sehen uns im Klassenraum.“, sprach sie bestimmend und lächelte. Yoko erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie tief im Gedanken war und verließ ohne weiter etwas zu sagen die Halle. Sie war jedoch neugierig und schlich sich auf der anderen Seite leise wieder hinein und stellte sich hinter eine Kletterwand. Erstaunt betrachtete sie ihre neue Freundin wie sie sich selbst den Ball hochwarf und versuchte ihn zu schlagen. Zufrieden sah sie nicht aus und dann fluchte sie laut und warf sich auf die Knie und schlug mit den Fäusten auf den Boden. Dann hielt sie inne und stand entschlossen auf, starrte zum Tor und holte sich dann wieder einen Ball aus dem Korb und sah ihn sich an. Dann schüttelte sie den Kopf und legte ihn auf den Boden, sah sich um und holte sich aus der Geräteecke einen Fußball heraus. Sie legte die Bälle nebeneinander und sah sie sich genauer an. Dann nahm sie den Fußball, warf ihn hoch und versuchte diesen zu schmettern. Yoko wunderte sich natürlich. Tina wiederholte dies ein paar Male und dann ging sie zum Tor. Sie stellte sich davor und wiederholte es erneut. Der Ball landete im Netz und sie ging zum Tor, sah sich das Netz an der berührten Stelle an und blieb plötzlich einfach so stehen. Sie fasste das Netz vom Tor an und hielt es dann an die Wange. Plötzlich sank sie zu Boden, hielt weiter unten das Netz wieder fest und fing an zu weinen.
‚Tina, was ist los? Ob du mir irgendwann erzählst was passiert ist?‘
Nicht mal drei Minuten später richtete sich Tina wieder auf, wischte sich die Tränen weg, drehte sich um und berührte die Pfosten vom Tor. Dann lächelte sie vor sich hin und griff zur Latte hoch und positionierte sich genau in die Mitte des Tors. Dann legte sie sich auf den Boden, mit dem Kopf genau auf die Torlinie und nahm den Fußball neben sich in die Hände und hielt diesen über sich. Sie drehte ihn hin und her, so wie zuvor mit dem Volleyball, als Yoko neben ihr stand.
„Wie nur? Wie nur kann ich ihn umsetzen, Charly?“ Sie stand auf, nahm den Ball und rann mit ihm auf die Position des sechs Meter Strafstoßes. Tina legte den Ball auf den Punkt und stellte sich davor. Sie machte ein paar Fußbewegungen bevor sie schoss und dann nahm sie etwas Anlauf und es sauste der Ball mit einem Affenzahn genau in die rechte obere Ecke. Das Tor wackelte wie verrückt. Es riss beinahe aus der Verankerung. Yoko staunte nicht schlecht.
‚Aber natürlich. Tina, du hast vorher Fußball gespielt. Weswegen gehst du ihnen aus dem Weg? Und wieso spielst du es denn nicht mehr?
Wenn du so einen Ball mit den Armen hinbekommst, dann wirst du unschlagbar sein.‘
Tina lief aufs Tor zu und sah sich dann das Netz an der berührten Stelle an. Dann nahm sie sich den Volleyball und wiederholte den Schuss. Sie rann erneut zum Tor und sah sich wieder die Stelle an.
„Perfekt!“, sagte sie sich lobend selbst und nahm den Ball in die Hand.
Dann lief sie mit dem Volleyball auf die Stelle und warf den Ball mit einer Drehung in die Höhe und schmetterte ihn dann ins Tor.
‚Deswegen hat sie mir eine bestimmte Drehung gezeigt. Sie will einen Schuss nachahmen. Das war ein echt toller Schuss. Ich sehe den Jungs ja nun ab und an zu und es gibt nur wenige, die so einen Schuss hinbekommen. Die Schnelligkeit war schon super. Und dann triffst du scheinbar genau da hin wo du treffen willst. Was für ein Ballgefühl, wow. Da kommen nur die besten in Juns Team ran.‘
Tina nahm sich erneut einen Ball aus dem Korb und schmetterte ihn wieder. Yoko schmunzelte und ging dann endlich los. Zu spät zum Unterricht kommen wollte sie lieber nicht, sie wusste, das würde Ärger geben.
Die Strafe
Kapitel 126
Die Strafe
Als Yoko im Klassenraum stand und auf die Uhr sah, ihre Sachen auf den Tisch legte und die Zeit immer knapper wurde, wunderte sie sich.
‚Wo bleibst du denn nur, Tina? Das gibt doch wieder Stress.‘ Und genau das passierte natürlich auch. Gut zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn klopfte es an der Tür. Der Lehrer bat brummig herein und sah Tina natürlich wütend an. Sie verbeugte sich höflich und versuchte sich zu entschuldigen, dass sie verschlafen hätte.
„Sie sind jetzt schon das dritte Mal diese Woche viel zu spät. Macht man das bei Ihnen in Deutschland auch so? Ich denke die Deutschen sind immer pünktlich und fleißig.“
„Das sind sie ja auch, aber Ausnahmen bestätigen die Regel, oder nicht?“, versicherte sie und grinste ein wenig dabei.
‚Egal, Hauptsache ich weiß jetzt was ich machen muss. Der Ball sah schon gut aus. So einen guten Start in den Tag hatte ich lange nicht mehr.‘
„Haben Sie keinen Anstand? Zuerst kommen Sie ständig zu spät und dann lachen Sie auch noch darüber, dass Sie mitten in einer Arbeit ihre Mitschüler stören?“ Er zeigte mit der Hand auf ihren Platz.
„Setzen Sie sich. Das Arbeitsblatt liegt auf Ihrem Tisch. Vielleicht schaffen Sie ja noch ein paar Punkte. Von den fünfundzwanzig Minuten haben Sie noch fünfzehn übrig. Danach gehen Sie raus und können wieder Eimer tragen.“ Tina schaute freundlich zu ihm, nickte und ging sofort zu ihrem Platz und holte einen Stift aus der Tasche. Dann schaute sie auf das Arbeitsblatt. Daraufhin schielte sie zu Yoko rüber. Sie konnte sehen, dass ihre Aufgaben auf Englisch gestellt wurden, auf ihrem eigenen Zettel standen die Aufgaben jedoch auf Japanisch drauf. Zornig sah sie ihn an.
„Das ist ja total gemein. Wieso sind meine Aufgaben alle in japanischer Schrift? Die anderen dürfen ihre Aufgaben in Englisch lesen. Das ist viel einfacher.“ Der Lehrer kam zu ihr an den Tisch und legte seine Hand auf ihr Blatt.
„Sie haben mich darum gebeten die Aufgaben anders zu gestalten, damit Sie statt Englisch, Japanisch lernen können. Genau das habe ich getan. Zeigen Sie mir wie gut Sie bereits Japanisch verstehen und was Sie bisher in unserer Schrift gelernt haben.“, sprach er bestimmend. Leise aber gereizt antwortete sie ihm.
„Das ja, aber doch nicht in den Arbeiten. Das ist unfair. In Französisch darf ich auch normale Arbeiten schreiben.“ Dann machte sie sich sofort an ihre Aufgaben. Ihr war klar, wenn sie noch länger diskutiert, dann wird die Zeit noch knapper. ‚Der wird sich wundern, das kann er wissen. Sowas gemeines.‘, grummelte sie vor sich hin und versuchte die Aufgaben zu schaffen, die sie verstand. Zum Schluss kam eine Frage, die sie nur zum Teil erlesen konnte. Sie weiß, dass es ums Thema Eigenschaften ging und dann konnte sie in der Frage zwei Schriftzüge erkennen, welche „Spiel“ und „Eigenschaften“ hießen. Sie unterstrich die beiden Wörter bzw. Schriftzeichen und in Windeseile schrieb sie das restliche Blatt voll und nutze noch die leere Rückseite. Alles komplett in der japanischen Schrift. Als der Lehrer dann die Zettel einsammelte und sie ihm ihren reichte, staunte er nicht schlecht wie viel sie in der kurzen Zeit noch ausgefüllt hatte und was für einen langen Text sie geschrieben hatte. Sie grinste und stand dann ohne etwas zu sagen auf, legte ihren Stift in die Tasche, befüllte die beiden Fünf-Liter-Eimer im Raum mit Wasser, öffnete die Tür und ging mit ihnen hinaus, stellte die Eimer ab und schloss die Tür leise hinter sich. Dann stellte sie sich mit den Eimern in den Händen und dem Rücken zur Glaswand, welche zwischen Raum und Flur war, auf den Flur.
In der restlichen Zeit des Unterrichts ließ der Lehrer die Schüler das nächste Kapitel lesen und sie sollten sich ein paar Notizen über das neue Thema machen. In der Zwischenzeit widmete er sich den Arbeiten. Plötzlich hob Yoko die Hand. Er ging auf sie ein.
„Ja bitte?“
„Schimpfen Sie nicht zu sehr mit Tina, sie hat gar nicht verschlafen. Wir haben vor der Schule noch kurz trainiert und ihr ist dann etwas eingefallen und da hat sie sicher nur vor Eifer die Zeit vergessen. Das war keine Absicht.“ Er sah sie verwundert an.
„Trainiert? War das die anderen Tage auch so?“, kam er skeptisch entgegen. Yoko bestätigte es.
„Warum sagt sie das dann nicht? Entschuldigen tut es das Zuspätkommen trotzdem nicht.“ Kurz darauf hob auch Jun die Hand.
„Ich kann das auch bestätigen. Am Montag als es so doll geregnet hat, hat sie draußen trainiert, nicht nur ich, sondern mein ganzes Team kann das bezeugen. Da kam sie bestimmt zu spät, weil sie wie wir vom Platzregen überrascht wurde und sich noch umziehen musste. Ich war doch auch sehr knapp da und hatte noch nasse Haare. Sie musste sich bestimmt noch föhnen.“ Ein anderer Klassenkamerad erhob sich ebenso.
„Das kann ich bestätigen, Tina kommt nie zu spät, sie ist doch jeden Tag schon gegen halb sechs Uhr auf dem Schulhof. Seitdem sie hier ist kam sie nie später. Meine Jungs aus dem Baseball-Club können das bestätigen, da sie jeden Tag gegen Sechs Uhr um unseren Sportplatz Lauftraining macht. Schon bevor sie überhaupt im Volleyballteam war. Sie läuft gut neunzig Minuten und dann geht sie wieder und ist immer pünktlich hier. Diese Woche lief sie jedoch schon seit halb sechs. Also war sie dann sicher schon gegen Fünf Uhr hier.“ Der Lehrer war etwas irritiert.
„Sie ist schon so lange wach bevor die Schule beginnt und trainiert? Doch nicht etwa an jedem Tag? Auch jetzt im Herbst bei fast Null Grad und Regenperioden?“
„Ja, so ist es. Bei jedem Wetter. Sie läuft immer. Die ist echt total durchgeknallt. Bei der Kälte freiwillig draußen laufen, statt in der Halle. Die Halle ist doch schon ab 5 Uhr auf. “, bestätigte dann eine weitere Klassenkameradin etwas abwertend, welche Bodenturnerin ist. Yoko drehte sich zu ihr um und fauchte sie an.
„Nimm das gefälligst zurück! Tina ist überhaupt nicht durchgeknallt. Sie trainiert eben anders als wir. Mir erzählte sie mal, dass sie schon als kleines Kind immer nur draußen war, bei jedem Wetter war sie am Strand spielen, ging dort baden und laufen. Deswegen kann sie auch so gut schwimmen und laufen und deswegen ist ihr nicht so schnell kalt. Sie muss sich erst an die Halle und die stickige Luft hier in Tokio gewöhnen. Sie ist also überhaupt nicht durchgeknallt, klar?! Von ihrer Fitness können wir uns vermutlich jeder hier noch eine Scheibe abschneiden.“ „Das kann durchaus sein, wir sind ja immer draußen. Uns stört das Wetter auch nicht. Wenn es Spiele gibt, dann sind die da und werden gespielt, egal wie das Wetter ist.“, äußerte der Baseballer erneut.
„Jo und wenn es stürmt, muss sie doch auch bei jedem Wetter ins Meer springen und jemanden retten. Das ist ihr Job.“, äußerte Yoko plötzlich stolz und stellte sich selbstsicher auf und legte die Hand an ihre Hüfte.
„Was meinen Sie damit? Ihr Job?“, unterbrach der Lehrer verwundert.
„Na letzte Woche Mittwoch, da durfte sie eher vom Training gehen und hat eine Prüfung für den Rettungsschwimmer abgelegt. Natürlich bestanden. Nun ist sie eine richtige Rettungsschwimmerin. Das wollte sie in Deutschland schon machen, aber der Umzug kam dazwischen. Jetzt kann sie überall jobben gehen und sich etwas Geld verdienen, wenn sie will. Solche Leute werden überall gesucht.“ Alle sahen sie überrascht an.
„Wow, die soll schon schwer sein. Da muss man echt gut sein.“, meinte plötzlich ein anderer Schüler, welcher Wasserball spielte. Dann erhob sich ein Mädchen, welches sonst eher sehr zurückhaltend war.
„Also ich…ich bewundere sie total. Tina ist immer nett zu jedem und hilfsbereit und dann versucht sie so schnell wie möglich unsere Sprache zu lernen. Ich finde das gemein, dass Sie ihr die Fragen vorhin nicht wie uns normal in Englisch stellen. Tina bemüht sich wirklich sehr in jedem Fach mitzukommen und sie ist immer froh, dass sie mal etwas so gut kann, dass sie sich nicht darum kümmern muss. Auf die Sprachen freut sie sich doch immer so, weil sie dort immer gute Noten kriegen kann. Und dann geben Sie ihr solche Aufgaben auf, voll fies.“ Wieder erhob sich ein Junge.
„Ja, finde ich auch. Tina muss doch auch die Chance haben sich einzufinden. Wie soll sie denn nach gerade mal zwei Monaten Japanisch können und vor allem lesen? Sie hat doch Recht, wenn sie sagt, man soll erstmal selbst versuchen nach der kurzen Zeit Deutsch zu lernen. Wir quälen uns schon mit Englisch ab und Deutsch ist komplizierter, sagte sie mal. Es sei wohl aktuell besonders schwer, weil es bald eine neue Rechtschreibreform gäbe. Und Japanisch ist doch nun mal eine der schwersten Sprachen überhaupt, vor allem, wenn Sie dann auch noch traditionell geschrieben wird, statt im lateinischen Alphabet. Das wissen Sie als Sprach-Lehrer doch selbst. Deswegen haben wir Japaner doch auch angefangen in dieser Schrift zu schreiben und müssen beides lernen, damit jeder die Sprache schneller lernen kann und wir es später leichter haben die anderen Sprachen zu lernen.“, äußerte der Junge, welcher sich sehr für Sprachen interessiert und später Sprachwissenschaften studieren will.
„Oh ja, das stimmt. Und sie spricht doch schon einige Sprachen, wissen Sie das nicht? Sie wird sicher schnell lernen, dafür darf sie doch immer ihr Tonband nutzen. Das hat sie in den anderen Fächern immer die ganze Zeit an, um später alles abzuhören und in Ruhe zu übersetzen. Wir reden doch so schnell.“, brachte sich ein weiterer Junge ein.
„Tina wollte bewusst an unsere Schule gehen wegen der Sprachen. Sie sagte, sie hätte auch an die teure Toho gehen können, wegen des Sports, aber sie wollte zu uns. Das hat sie mir gestern gerade erzählt.“ Der Lehrer war erstaunt, blickte dann nachdenklich auf die Arbeiten vor sich und suchte ihre heraus.
„Mehrere Sprachen? Ich dachte sie kann nur zusätzlich noch Französisch?“, merkte er an.
„Spanisch kann sie auch, und sie hatte vor ihrer Abreise angefangen Italienisch zu lernen. Jetzt muss das warten, sagte sie.“, erklärte Yoko.
„Das stimmt. Sie beherrscht jetzt schon drei Fremdsprachen. Das müssen wir erstmal hinbekommen. Soweit ich verstanden habe, war der Umzug hier her sehr spontan und sie hatte wohl nur eine Woche Zeit sich auf unsere Kultur vorzubereiten. Deswegen muss sie alles erst hier lernen. Das sagte sie gleich am ersten Tag, als sie sich vorstellte.“, sprach ein weiterer Junge aus.
„Nun gut. Sie sind also alle der Meinung ich sollte ihre Arbeit nicht bewerten und sie nochmal schreiben lassen? Aber zu spät kommen ist ganz und gar nicht gut. Sie wissen, dass ich das nicht billigen kann.“, meinte der Lehrer dann einsichtig aber belehrend. Plötzlich stutzte er. Er nahm Tinas Zettel in die Hand und wunderte sich.
„Hm, seltsam. Daisuke, kommen Sie bitte mal vor? Vielleicht können Sie mir helfen. Ich habe hier Frau Fuchs Arbeit.“, sprach er den Schüler an, der sich für Sprachen interessierte. Der Schüler, klein und schmächtig, kam zu ihm.
„Was kann ich denn helfen?“
„Sehen Sie hier, der Text. Sie hat diese zwei Schriftzeichen unterstrichen und schreibt total wirres Zeug. Das ergibt keinen Sinn. Können Sie als angehender Sprachexperte etwas damit anfangen?“ Daisuke schaute sich den langen Text an, welcher sich auch auf der Rückseite erstreckte.
‚Du meine Güte, wie konnte sie denn in so kurzer Zeit noch so viel schreiben? Und die Aufgaben sind auch alle ausgefüllt, nur eben sehr krakelig.‘, wunderte dieser sich. Dann las er sich den Text durch und stutzte. Er grinste und gab ihm den Zettel wieder.
„Das ist eine Botschaft, welche nur an Sie gerichtet ist. Ich glaube, sie hat die zwei Wörter, die sie kennt markiert, damit sie die Frage trotzdem beantworten kann. Und dann hat sie diese auch beantwortet. Auf Grund der kurzen Zeit sind es nur sehr knappe Stichpunkte, bzw. Aufzählungen geworden.“
„Wieso schreibt sie aber etwas von Pferden und Türmen und Zahlen dazu? Was hat das mit den Begriffen Spiel und Eigenschaften zu tun? Sie sollten mir alle nur ein Spiel beschreiben und die erlernten Eigenschaftswörter benutzen. Und warum schreibt sie mir das dann alles mit den Schriftzeichen? Jetzt hätte sie es doch auf Englisch schreiben können.“ Daisuke lachte etwas gefällig und sah seinen Lehrer an.
„Verstehen Sie es wirklich nicht? Das ganze hier ist ein Angriff. Sie will Sie herausfordern. Und zwar so, wie man es in einem Krieg tun würde.“, meinte er. Der Rest der Klasse wurde unruhig und sah sich fragend an. Der Lehrer ist noch immer irritiert.
„Wie angreifen? Was hat das denn jetzt zu bedeuten?“ Plötzlich eilte ein Junge aus der Theater- und Kultur AG nach vorne. Er war etwas untersetzt und trug eine dickglasige Brille.
„Darf ich es sehen? Das erinnert mich an etwas.“, meinte dieser dann.
„Was wird das da vorne jetzt? Aufstand der Nerds, oder was? Ihr braucht beide gar nicht so tun als würdet ihr irgendetwas von dem verstehen was Sportlerinnen denken!“, lachte einer der sportlichen Jungs aus dem Tenniskader.
„Bildet euch also bloß nichts ein, nur weil ihr ihr versucht zu helfen, dass sie einen von euch Langweilern mögen könnte.“, haute ein Mädchen heraus und lachte gehässig los. Ihre zwei Freundinnen um sie herum taten es ihr gleich.
„Haltet euch mal zurück. Oder habt ihr erkannt worum es geht? Wenn ich das richtig verstanden habe, geht’s hier um Schach. Da habt ihr dummen Zicken doch gar keine Ahnung von!“, maulte ein anderer Junge aus dem Basketballteam zurück und ging auch vor.
„Was hat sie denn genau geschrieben?“, erkundigte er sich voll begeistert. Nun endlich standen die anderen Jungs ebenso auf und gingen vor.
„Ein Angriff? Aber wenn sie nur beschreibt wie das Spiel geht, was hat das mit einem Angriff zu tun? Vielleicht spielt sie wirklich Schach, das spielt man ja überall auf der Welt gerne.“, meinte noch jemand. Alle sind etwas aufgeregt und neugierig was es denn nun auf sich hat. Daisuke schüttelte den Kopf.
„Falsch, nicht Schach…Shogi. Sie beschreibt die Positionen der Figuren und ist bereits drei Züge gegangen. Das Spiel hat bereits begonnen.“
„Wie jetzt? Wie geht das denn? Woher will sie das denn können?“, meinte der Basketballer erstaunt. Daisuke sah den Lehrer fragend an.
„Darf ich mein Brett rausholen? Dann beweise ich es Ihnen allen.“ Er nickte ab und das Spielbrett wurde aus dem Rucksack geholt. Der Junge aus der Theater AG legte die Figuren auf. Er spielte das Spiel sehr gerne und kennt sich gut aus. Daisuke begann vorzulesen und die Namen der Figuren bzw. Steine stimmten genau mit ihren Ausgangspositionen und den angegebenen Koordinaten überein. Dann wurden die drei Züge erwähnt, und gesetzt. Die Jungs staunten alle nicht schlecht. Jeder, der etwas von dem Spiel verstand war leise.
„Und was bedeutet das jetzt? Ich kenne das Spiel nicht. Und warum hat sie gedanklich schon gezogen? Ich hätte verstanden, wenn sie die Eigenschaften der Steine beschreibt.“, sprach der Lehrer.
„Sie sind am Zug. Tina hat sicher keine Zeit gehabt die vielen Möglichkeiten aufzuschreiben, daher die Idee mit den drei Zügen, so denke ich mal. Diese Züge sind ein frontaler Angriff. Jetzt sind Sie dran und müssten sich verteidigen oder zurückschlagen.“
„Ich bin erstaunt, dass sie so ein Spiel spielen kann und dann einfach so auf die Schnelle aus dem Kopf mit den Koordinaten. Das können nur wenige.“, vermerkte ein Junge.
„Wohl wahr. Wo hat sie das gelernt?“ Alle sahen dann zur Scheibe und beobachteten Tina von hinten wie sie gerade die Eimer in der Waagerechten hielt, diese wieder herunternahm und dann wieder hochhielt. Ganz langsam, so dass das Wasser nicht überschwappte.
„Sagt mal, was macht sie denn da? Die Eimer sind doch schon schwer genug. Was soll das dann?“, fragte ein Junge verwundert.
„Ja, das macht sie jedes Mal, wenn sie draußen mit den Dingern steht.“, ertönte die Stimme eines Mädchens. Der Lehrer überlegte und jetzt fiel es ihm auch auf. Als sie ihn vorhin angesehen hat, da hatte sie gelächelt, als sie rausging.
‚Die Schüler haben Recht. Jetzt wo ich darüber nachdenke, jedes Mal, wenn ich sie rausschicke, dann kam sie entweder zu spät oder sie ist mit ihren Aufgaben fertig und wird unruhig. Damit sie nicht weiter stört, schicke ich sie zur Strafe raus. Aber es sieht tatsächlich aus, als wäre es Absicht. Sie benutzt die Eimer wie Gewichte. Ob das der Sinn ist? Sie nutzt ihre Zeit zum Trainieren? Wie oft macht sie das denn am Tag? Ob sie das bei den anderen Lehrern auch macht? Führt sie uns etwa alle an der Nase rum und für sie ist das keine Strafe, sondern eine Trainingseinheit, also eine Belohnung?‘ Er ging langsam zur Tür und schaute von der Seite durch die Scheibe wie sie die Eimer stemmte. Und tatsächlich, ihre Beine stehen etwas auseinander als würde sie mit einer großen Hantel oder Gewichten im Fitnessstudio stehen. In dem Rock der Schuluniform sieht dies natürlich etwas wunderlich maskulin aus.
‚Bettina Fuchs, was bist du nur für ein seltsames Mädchen? Du benimmst dich manchmal wie ein Junge.‘ Er gab den Schülern ein Zeichen sich zu setzen und öffnete dann die Tür und bat sie wieder herein.
„Fuchs, Sie können wieder reinkommen.“ Tina wunderte sich und tat natürlich was er sagte, stellte die Eimer in die Ecke und sah sich um. Dann grinste sie, weil sie das Shogi-Brett entdeckte und setzte sich auf ihren Platz.
‚Sie sagt ja gar nichts. Ich hätte jetzt erwartet, dass sie irgendeinen Kommentar macht, weil das Brett hier steht. Stattdessen verhält sie sich wie immer, wenn ich sie wieder einhole.‘
„Ich habe eine Frage. Wie soll ich Ihnen für den Englischtest eine Note geben, wenn Sie die letzte Frage auf Japanisch beantworten, statt auf Englisch?“ Tina schaute ihn verwundert an.
„Sie haben doch vorhin ganz deutlich gesagt, ich soll Ihnen zeigen was ich bereits in der japanischen Schrift verstehe. Also habe ich die zwei Schriftzüge aus der Aufgabenstellung genutzt, die ich erkannt habe und habe darauf geantwortet. Das ist ein Spiel und jeder Stein hat seine eigenen Eigenschaften, zum Erklären hatte ich keine Zeit und deswegen habe ich drei von ihnen nur wie im Spiel gesetzt. Das da, das kann ich schon, die Schriftzeichen sind mir vertraut, genau das habe ich genutzt, um Ihre Frage zu beantworten. Hätte ich auf Englisch geantwortet, dann hätte ich ja Ihre Aufgabe nicht richtig beantwortet. Es sollte auf Japanisch sein, also habe ich dies getan. Mehr kann ich noch nicht.“, antwortete sie dann selbstsicher und lehnte sich zurück in ihren Stuhl und verschränkte die Arme. „Und wie soll ich das jetzt bitte bewerten? Ich muss Englisch zensieren, nicht Japanisch.“ Tina sah ihn verdutzt an.
„Wieso? Sie wollten, dass ich Japanisch schreibe, das habe ich gemacht. Englisch kann ich doch schon.“
„Das stimmt, das ist nicht zu überhören. Aber ich muss den anderen gegenüber auch fair bleiben.“
„Dann hätten Sie meine Fragen normal in Englisch stellen können und ich hätte sie normal beantwortet, aber Sie wollten das doch so. Sie müssen sich doch selbst etwas dabei gedacht haben wie Sie das dann bewerten? Wie war denn die Frage zum Schluss genau?“
„Sie sollten ein beliebiges Spiel beschreiben. Die Antwort an sich ist richtig.“, antwortete er dann.
„Und wo ist dann jetzt das Problem? Weil ich nicht auf Englisch geantwortet habe?“ Er griff erneut zum Zettel, las sich die anderen Aufgaben durch, alles war richtig. Ihre Schrift war zwar schlecht zu lesen, aber er kennt ihre schlechte Handschrift und kann sie trotzdem noch lesen. Er weiß, dass sie sich sehr beeilen musste.
„Wenn man bedenkt, dass Sie zehn Minuten weniger Zeit hatten, dafür haben Sie ein gutes Ergebnis gehabt.“
„Für meine Verspätung können Sie ja nichts, Sie können den anderen gerne einen Punkt mehr vergeben, dafür, dass ich sie gestört habe. Und mir ziehen Sie dann eben die letzte Frage ab. Dann ist es eben ne schlechte Note. Habe ich Pech gehabt.“, legte sie die Hände flach auf den Tisch und sah zu ihm. Plötzlich erhob sich jemand.
„Das wollen Sie doch wohl jetzt nicht im Ernst tun? Ich will keinen geschenkten Punkt. Tina hat doch ihre Frage beantwortet und wir haben es bewiesen, dass alles stimmt.“
„Genau, ich will den auch nicht haben. Das ist doch doof.“
„Ich verzichte auch und kann jeden Punkt brauchen.“ Immer mehr Schülerinnen und Schüler standen auf. Auch Yoko und Jun erheben sich diesmal und bringen sich bewusst mit ein. Bis auf drei Mädchen stand plötzlich die ganze Klasse und sah zu ihm.
‚Das ist interessant. Mit dieser Aktion hat sie plötzlich die ganze Klasse auf ihre Seite gebracht. Nun gut, freches deutsches Mädchen, du scheinst sehr klug zu sein. Das war ganz sicher dein Plan.‘ Er hob die Hand.
„Kommen Sie her. Mir fehlen bei Ihrer Beschreibung die Eigenschaften der Steine. Erklären Sie mir mündlich wie sie gezogen werden und was jetzt bei dem aktuellen Spielstand passieren könnte.“ Tina war erstaunt, stand auf und ging zu ihm.
„Daisuke, Sie kommen dazu. Und Sie, Misugi, als Klassensprecher ebenso. Verstehen Sie dieses Spiel? Sie sind doch auch der Stratege in Ihrem Team.“
„Ja, ich kenne das Spiel, bin da aber sicher nicht so fit drin wie die beiden. Aus dem Stehgreif die Koordinaten kennen ist jetzt nicht so meins. Und ja, ich bin unser Stratege hier an der Musashi, aber im Nationalteam ist es in erster Linie Matsuyama aus Hokkaido.“
Alle drei standen nun vorne und Tina erklärte auf Englisch die Zugmöglichkeiten der einzelnen Figuren. Dann sah der Lehrer erneut auf und rief das Mädchen herbei, welches zuvor so abwertend über die Jungs hergezogen ist. Etwas murrend kam sie vor.
„Was soll ich denn jetzt hier?“
„Ich habe eben Ihre Arbeit kurz überflogen, da sind unzählige Fehler drin. Ich müsste Ihnen die Note zwei geben. Wenn Sie es aber schaffen mit Nachhilfe von Ihrer neuen Klassenkameradin die Aufgaben nächste Woche selbstständig zu schaffen, dann gebe ich Ihnen beide eine Eins für die heutige Arbeit. Die Note nächste Woche kommt hinzu.“, machte er eine klare Ansage. Beide Mädchen sahen sich verblüfft an.
„Wie jetzt? Ich soll mir von der helfen lassen?!“ Tina murrte auch etwas.
„Soll das jetzt meine Strafe sein? Ich soll ihr helfen?“
„Sie können froh sein, dass ich Sie habe überhaupt mitschreiben lassen. Eigentlich hätte ich das nicht gemusst. Ich bin Ihnen damit bereits entgegengekommen. Ich hätte auch eine Fehlstunde eintragen können und dann Note Eins. Wollen Sie das? Das ist mein Kompromiss und dem können Sie beide zustimmen oder eben nicht. Sie haben das Spiel so gut erklärt, dass sogar ich anfange es zu verstehen.“ Genau in diesem Moment klingelte es endlich zur Pause. Tina ließ sich vom Lehrer die Arbeit von der Schülerin geben und sah es sich an.
„Oha, da haben wir ja zu tun.“, rollte sie mit den Augen. Alle anderen Mitschüler kamen zu ihnen.
„Tina, du kannst Shogi? Woher das denn?“, wurde sie gefragt und plötzlich standen fast alle Jungs begeistert um sie herum.
„Ja, wie cool ist das denn? Ein Mädchen, dass Schach kann und dann auch noch japanisches Schach.“
„Wo hast du das gelernt?“ Die Schülerin, welche Tina nicht leiden konnte, verzog sich mit den beiden anderen Mädchen auf den Flur und fluchte nur vor sich hin. Tina sah ihr nach.
‚Was hat die überhaupt für ein Problem mit mir? Ich habe ihr doch gar nichts getan. Ständig macht sie Stunk. Und Yayoi nervt sie auch ständig. Naja, vielleicht sollte das jetzt so sein? Ich wollte sowieso mal mit ihr reden, besser früher als später. Dann kann ich diese Gelegenheit gleich nutzen, es ist es zu wichtig, um länger zu warten.‘ Sie wand sich dann aber den anderen zu und beantwortete ihre Fragen.
„Ich hatte das Glück in Deutschland auf einen ehemaligen Jugend-Schach-Meister zu treffen. Er hat es mir beigebracht, weil ich das andere schon kannte. Das ist schon alles.“
„Oh, echt? Wie hieß der denn?“
„Das bleibt mein Geheimnis.“, grinste sie dann nur.
„Und was würdest du jetzt ziehen? Der Angriff ist ziemlich gewagt.“, fragte Daisuke nachdem er an der Lehrerstelle gezogen hat. Tina setzte einen Stein zur Seite. Dann zog sie als Nächstes und muss einen Stein opfern.
Daisuke zog und Tina konterte und nahm einen Stein an sich. Das ging etwa fünf Minuten so und dann legte sie den gewonnenen Stein wieder aufs Feld und da war Daisuke schon schachmatt. Alle staunten nicht schlecht.
„Das ging aber schnell. Also mein Opa sitzt manchmal tagelang mit seinem Spielpartner da.“, meinte jemand erstaunt.
„Naja, viel Chance war da auch nicht mehr. Ich hatte ja bereits ein paar Züge vorgelegt.“, grinste sie nur und gab Daisuke die Hand.
„Das war sicher leichter, als die nächste Aufgabe, die ich zu meistern habe. Danke für die Partie. Ich hatte schon Entzugserscheinungen, weil ich keinen Spielpartner mehr habe.“
Der Lehrer staunte selbst nicht schlecht und zog sich dann an die Tafel zurück, um die nächste Stunde vorzubereiten.
‚Es ist wirklich erstaunlich, dass sie dieses Spiel scheinbar wirklich beherrscht. Ich glaube, würde sie unsere Sprache bereits besser verstehen, dann könnte sie viele Freunde finden.‘
Es wurde das Schachbrett zusammengeräumt und wieder in die Tasche gesteckt. Als die nächste Stunde begann, konnten die Texte endlich gelesen und bearbeitet werden. Tina war mit dem Thema Großbritannien fertig und lehnte sich zurück. Dann sah sie gelangweilt zur Tafel. Dort standen ein paar Fragen, die allgemein auf Europa bezogen waren. Sie beantwortete diese schnell und sah sich dann um. Nachdenklich schaute sie zu Sayaka, das Mädchen aus der Bodenturn-AG.
‚Um diese Zicke muss ich mich jetzt auch noch kümmern. Als hätte ich nichts Besseres zu tun. Mal sehen wie das läuft? Wir müssen unbedingt mal unter vier Augen reden.‘ Sie sah dann zum Lehrer vor und fragte, ob sie ihr helfen darf. Er war verwundert und stimmte natürlich zu. Sie stand auf und nahm sich ihre Unterlagen mit. Sayaka sah sie brummig an.
„Was willst du hier?“, sprach sie natürlich Japanisch. Tina lächelte nur, setzte sich neben sie und sah auf ihre bisherigen Antworten.
„Wo kann ich dir helfen?“, sprach sie sie in Englisch an.
„Geh einfach. Ich brauche deine Hilfe nicht.“
„Willst du echt zwei schlechte Noten haben? Und es wird nicht besser, wenn du es nicht kannst.“, versuchte sie ihr mit leichten Worten zu erklären.
„Ist mir egal, ich will eh nicht studieren.“, murrte sie.
„Was hat das mit studieren zu tun? Du brauchst Englisch für das Leben. Sogar die Reinigungsleute hier in der Schule sprechen Englisch.“
„Wozu denn, wenn ich nach der Schule einen gutverdienenden Mann heirate, bleibe ich eh zu Hause.“ Tina sah sie verdutzt an. Die wenigen Worte konnte sie bereits zusammenfügen.
„So denkst du? Willst du nicht mal irgendwann etwas erreicht haben?“
„Was arbeiten deine Eltern?“
„Mein Vater ist Professor an der Uni.“
„Welches Fach?“
„Religion und Philosophie. Voll langweilig.“
„Und deine Mama? Was macht die?“
„Die ist zu Hause, was sonst? Was soll die Fragerei?“
„In Deutschland wusste ich mit vierzehn bereits was ich werden will und erkundigte mich. Dann war mein erstes Ziel zu studieren. Mal sehen wie weit ich hier komme und ob mein Lernen hier dafür reicht bei euch an die Uni zu gehen. Wenn nicht, habe ich meine Sprachen und lerne was anderes. Die nimmt mir niemand weg, und ich brauche dafür keinen Universitätsabschluss. Aber eins ist klar, Sayaka…egal wie weit ich hier komme, von einem Mann will ich bestimmt nicht abhängig sein. Ganz sicher nicht.“ Sayaka sah sie nur verwundert an.
„Abhängig? Wie meinst du das?“
„Was würde denn passieren, wenn deinem Vater etwas zustoßen würde? Könntet ihr wohnen bleiben wo ihr seid? Kannst du dann deinen Sport noch machen? Und wenn du selbst verletzt bist und ihn nicht ausüben kannst, um zu verdienen? Was dann? Irgendeinen Beruf sollte man immer haben.“ Tina nahm einen Zettel, schrieb ihre Handynummer auf, legte ihr die hin und stand auf.
„Jede Frau ist mehr wert als nur für Bett, Herd und Kinder. Aber mehr geht nie von alleine. Wenn du es verstanden hast, ruf durch und ich sehe mir mal dein Training an. Ich kann sicher auch etwas von DIR lernen.“ Dann ging sie wieder an ihren Platz.
Bloßgestellt
Kapitel 127
Bloßgestellt
Der Englischlehrer kam zu Tina und sprach sie freundlich an.
„Haben Sie sich verabredet?“
„Noch nicht, zwingen kann ich sie nicht. Wir haben erstmal nur geredet und sie hat meine Nummer. Abwarten und Tee trinken. Sagt man das hier auch?“, schmunzelte sie ihn an. Er grinste etwas.
„Hier nicht, aber in England schon.“ Er ging zurück nach vorne und klappte dann die Tafel auf.
„Wer möchte nach vorne kommen und seine Antworten vorstellen?“ Tina meldete sich sofort als Einzige und er nahm sie dran. So konnte sie sich eine gute Mitarbeitsnote holen und endlich verlief die restliche Zeit ganz normal.
Am Ende der Stunde verließen alle den Raum und der Lehrer sprach Tina unter vier Augen an.
„Ich war vorhin sehr erstaunt, dass Sie gar nicht gegen meine Anordnung waren, der Klassenkameradin zu helfen. Wie kommt das?“ Sie lächelte nur.
„Sie haben sicher überlegt wie Sie mich am meisten fürs Zuspätkommen bestrafen können und dann war ich auch noch so frech. Die Strafe ist angemessen, also akzeptiere ich sie. Ich habe die anderen alle gestört, also ist es nur richtig dem schwächsten Glied in der Kette zu helfen.“
„Hm, und es stört Sie gar nicht, dass sie so gehässig war? Wissen Sie, dass sie Sie nicht mag?“
„Das ist mir egal. Sie muss mich nicht mögen. Ich nehme nur Ihre Herausforderung an, das ist alles. Wenn mich jeder mögen würde, hätte ich gar keine Zeit mehr für das was wichtig ist.
Ich brauche keine hundert Freunde um mich rum, ich mag nur die, auf die ich mich verlassen kann. Und zurzeit sind das Yoko, Jun und Yayoi.
Und Sayaka, die ist eine eingebildete Diva, sie lebt auf hohem Ross, aber sie wird irgendwann herunterfallen, wenn sie sich nicht langsam bemüht. Ich kenne ihren Notenspiegel nicht, aber sie scheint in den anderen Fächern auch keine Leuchte zu sein. Und bevor sie das nicht alleine begreift, kann ich ihr auch nicht helfen. Genau das habe ich ihr versucht begreiflich zu machen. Mal sehen ob sie anbeißt und sich bei mir meldet.“
„Ich bin eher verwundert, dass Sie sich überhaupt bemühen.“
„Sie sind ein Mann, Sie können das nicht verstehen. Jede Frau hat ein Recht darauf ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Sogar eine unangenehme Person wie sie. Sie muss es nur wollen.“
„So sehen Sie das? Eine interessante Lebenseinstellung.
Mit dem Spiel haben Sie mich wirklich überrascht. Wussten Sie, dass ich es nicht spielen kann?“, sprach er, während er seine Tasche packte.
„Nein, woher denn? Mir sieht das doch auch keiner an. Ich habe eher gehofft, Sie kontern indem Sie mir einen Zug zurückgeben. Aber nun gut. Daisuke hat es nun getan und Sie kontern auf Ihre Weise und hängen mir die Diva an den Hals.“
„Sie sind eine Strategin, oder? Ohne Plan läuft bei Ihnen nichts. Solche Typen, die immer alles durchplanen, mögen es nicht unterbrochen zu werden. Diese Leute werden in der Regel unangenehm und können schnell jähzornig werden. Ich habe jedoch bei Ihnen nicht den Eindruck, dass es auf Sie zutrifft. Sie gehen damit anders um. Sie haben mich bewusst in Bedrängnis gebracht, als Sie sagten, Sie verzichten auf ihre Note und geben lieber den Anderen Punkte ab. Das kam sehr gut in der Klasse rüber. Sie wissen aber schon, dass ich sowas gar nicht machen kann.“
„Natürlich, das wissen die anderen auch, aber es hat doch funktioniert, oder nicht?“
„Was hat funktioniert?“
„Na dass die anderen endlich anfangen mich mal anzusprechen. Vor allem die Jungs, außer Jun traute sich niemand mit mir zu reden. Ist doch doof. Haben die immer gedacht ich beiße?“
„Haben Sie denn Ziele? Sie sagten vorhin, dass Sie sich nicht ablenken lassen wollen.“
„Naja, ich muss so schnell wie möglich Japanisch lernen, mir viel Wissen über Volleyball aneignen und hart trainieren, damit ich endlich mitspielen kann und dann muss ich versuchen in der Schule mitzukommen. Dann sehe ich weiter.“ „Ich sage ja, ohne Plan läuft bei Ihnen nichts. Ich habe Ihren Plan nun ganz schön durcheinandergebracht. Ihnen wird klar sein, dass ich Sie ab jetzt nicht mehr mit den Wassereimern bestrafen werde, oder? Es scheint keine Strafe zu sein.“ Tina sah ihn überrascht an und lächelte dann aber.
„Oh, Sie haben es bemerkt. Ich fand die Strafe toll. So konnte ich viel Zeit sparen bestimmte Muskeln zu trainieren. Es war letztendlich nur eine Frage der Zeit bis es jemand merkt. Aber letztendlich sitze ich eher gelangweilt im Unterricht, da ich eh kaum was verstehe und muss alles nachholen. So ist die Zeit nicht verschwendet.“
„Sehr raffiniert, wirklich. Wenn ich Ihre Unterhaltung vorhin ein wenig mitbekommen habe, sagten Sie, Sie hatten in Deutschland vor zu studieren? Was wäre denn Ihr Fach gewesen? Uns Lehrern teilte man nur mit, dass Sie eine sehr gute Schülerin waren.“
„Psychologie und später eventuell Vertiefung Kinderpsychologie.“ Er sah sie erstaunt an.
„Mit Sechszehn wollen Sie so ein trockenes Fach lernen? Ich hätte jetzt an etwas anderes gedacht.“
„Oh, an was denn?“
„Keine Ahnung, wenn was Geistiges, dann eher an Jura oder sowas.“
„Ne, das wäre mir nichts. Mein Vater ist Rechtsanwalt, das reicht mir. Ich habe es nicht immer so mit den Regeln, wissen Sie? Da passt das dann gar nicht.“
Nach den beiden Englischstunden war Mathematik und Geografie dran. Alles verlief wie gewohnt. In der Mittagspause ging Tina an diesem Tag ohne Yoko zur Kantine. Diese wollte noch etwas mit Yako bereden und wollte nachkommen. Tina stellte sich wie immer an, wählte ihr Essen, wollte sich an einen freien Tisch setzen und ging mit ihrem Tablett durch den breiten Gang zwischen den Tischen. Plötzlich stellten sich Sayaka und ihr Anhang vor sie mitten in den Weg. Sie verschränkten die Arme und sprachen sie natürlich auf Japanisch an.
„Hier geht’s nicht lang. Erst musst du dich bei Sayaka entschuldigen.“ Tina verstand natürlich nicht viel, aber ihr war klar, dass sie Ärger machen wollten. Also lächelte sie freundlich, um dem Konflikt aus dem Weg zu gehen und ging ein paar Schritte zurück, um dann an ihnen vorbeizugehen.
„Ich verstehe euch noch nicht so gut, dass wisst ihr genau. Sprecht bitte in Englisch mit mir, wenn ihr was Wichtiges wollt.“ Eine der Mädchen tat dies dann auch und wiederholte die Aufforderung.
„Ich verstehe nicht. Warum? Ich habe nichts getan.“
„Doch, du hast ihre Eltern und besonders ihre Mutter beleidigt. Sie sei dumm und faul. Sowas können wir nicht tolerieren! In diesem Fall brauchst du dich gar nicht hinter Yako verstecken.“, meinte die größere von den beiden. Tina war verdutzt. „Wie bitte? Ich habe niemanden beleidigt. Entweder Sayaka versteht das bisschen Englisch so schlecht, dass sie es falsch verstanden hat oder sie lügt euch an. Ich habe das niemals gesagt. Ich würde niemals jemanden beleidigen und schon gar nicht jemanden, den ich nicht kenne.“ Dann sah sie auf ihr Essen, der Warmanteil wurde immer kälter und das ärgerte sie sehr, denn sie hatte sich schon auf das heutige Essen gefreut. Ihr Magen knurrte außerdem wie bei einem Tiger.
Tina wartete ab was übersetz wurde und Sayaka ging dann auf sie zu und sah sie wütend an.
„Natürlich hast du das. So gut habe ich es verstanden. Du hast eindeutig gesagt, dass meine Mutter zu nichts anderem taugt als für Bett und Herd. Das ist echt eine Frechheit.“
„Spinnst du? Das habe ich nicht gesagt. Du drehst mir die Worte im Mund um. Wir sollten das in Ruhe nach dem Essen aussprechen. Meine Zeit ist begrenzt, frage mich in zehn Minuten nochmal. Jetzt würde ich gern essen, denn ich habe Hunger.“
„Du willst nur ablenken.“
„Ich möchte nur was essen, ihr wollt mich nicht kennenlernen, wenn ich Hunger habe. Lasst mich bitte durch und danach können wir gerne reden.“, antwortete sie höflich und wollte an ihr vorbei gehen.
„Und wenn nicht? Was dann? Kommt dann das Raubtier aus dir raus, oder was?“
Tina sah ernst zu ihr auf. Das Mädchen war gut einen Kopf größer als sie. Sie bäumte sich vor ihr auf.
„Das wollt ihr nicht wissen, mich jetzt zu reizen ist der falsche Zeitpunkt. Und in eurem eigenen Interesse solltet ihr euch gedulden bis ich fertig bin. Vor allen Leuten solche Missverständnisse klären, wäre nicht so gut.“, versuchte sie ruhig klarzumachen. Die Große grinste und ging ihr dann aus dem Weg. Sayaka gab ihr kurz eine leise Ansage, grinste und ging vor. Dann langte ihre Freundin plötzlich mit der Hand zurück und riss Tinas Tablett herunter, sodass ihr Teller, die Nachspeise wie auch der Saft auf dem Boden lagen. Tinas Puls stieg wütend an und sie sah entsetzt auf den Fußboden. Alle anderen im Saal waren entsetzt. Sie kannten Sayaka und ihre Truppe. Wenn die erst einmal jemanden am Wickel hatten, dann wurde man die so schnell nicht wieder los. Niemand wollte etwas mit ihnen zu tun haben und ging ihnen so gut es ging aus dem Weg. Es wunderte sie jedoch jeder, dass Tina es überhaupt wagte ihnen zu kontern. Tina hatte das bereits zu Beginn bemerkt, als das schreckliche Gerücht über die tote Schülerin die Runde machte, welche nach den Ferien in der Nähe der Schule gefunden wurde. Diese ging zum Glück auf eine andere Schule, welche weit entfernt war. Sie sah den Mädchen nach, wie sie hochnäsig zur Essenausgabe schritten und sich jeweils ein Tablett nahmen.
„Das war ein großer Fehler.“, sagte sie leise auf Japanisch, aber laut genug, dass es alle hören konnten. Sayaka drehte sich dann grinsend zu ihr um.
„Ach, wirklich? Willst du mir jetzt eine reinhauen? Das wagst du dich sowieso nicht.“ Dann trafen sich ihre Blicke.
„Was hat sie gesagt? Übersetzt das einer für mich?“, rief sie in die Runde und hielt noch immer entsetzt das leere Tablett fest. Drei Jungs aus ihrer Klasse kamen zu ihr. Es waren Daisuke, der Junge aus der Theater AG und der Baseballer. Man übersetzte ihr und die drei bückten sich dann, um ihr zu helfen.
„Stimmt, das werde ich nicht tun. Das ist nicht mein Niveau.“, gab Tina ihr nur zu verstehen und erntete gehässiges Gelächter von allen dreien Mädchen. Die Anwesenden wunderten sich jedoch alle, dass Tina nach der Aktion weder weinte, noch fluchte oder ihr provozierend hinterherlief. Im Gegenteil, sie blieb einfach cool, äußerte diesen Spruch und dann drehte sie sich zu den hilfsbereiten Jungs um.
„Lasst es liegen. Ich mache das selbst, danke sehr. Ihr solltet euch da lieber nicht einmischen. Ihr wollt doch nicht zwischen die Fronten geraten, oder? Ich kann mir selbst helfen.“ Plötzlich rief Sayakas große Freundin etwas Gehässiges zu ihnen.
„Ihr Weicheier braucht gar nicht versuchen bei ihr Eindruck zu schinden. Wenn die überhaupt mal einen Kerl ranlässt, dann bestimmt keine Vogelscheuchen wie euch!“ Die Mädchen lachten alle drei gehässig und einer der Jungs im Raum, welcher zu ihren festen Freunden gehörten, tat es ihnen gleich.
„Jo, Langweiler wie euch will keine haben. Sucht euch lieber langweilige hässliche Mädchen. Die passen besser zu euch!“, grölten diese ebenso abwertend. Tina bat um eine Übersetzung. Die Jungs waren eher ruhig und wollten ihr lieber nicht sagen, was die beiden von sich gegeben haben. Sie sah in die Runde.
„Wer übersetzt mir das von den Beiden?“ In diesem Moment kam Jun auf sie zu und flüsterte ihr die Übersetzung ins Ohr. Er wusste, was auch immer er tat, IHN, den Fußballprinzen und neuerdings Weltmeister, ihn würden sie niemals anfassen. Er wusste, dass er diese Macht besaß.
„Du solltest die aber nicht weiter reizen, das ist keine gute Idee. Die werden dich nicht in Ruhe lassen. Ihretwegen ist Yayoi immer in unserer Begleitung.“, warnte er sie vor. Sie grinste, schickte ihn und die drei Jungs dann weg, legte das Tablett auf den Boden und sammelte ihr Geschirr ein. Tina nutzte die Stäbchen und den Löffel, um die Speisereste zusammenzusammeln und legte diese wieder auf den Teller. Das Geschirr war zum Glück aus Kunststoff. Es war nichts kaputt gegangen. Dann ging sie zur Speisenausgabe und bat um einen großen Lappen. Man gab ihr diesen und sie wischte den Saft auf und legte den Lappen aufs Tablett neben den Teller. Dann ging sie mit allem zusammen zum Servicetisch. Alle sahen ihr zu und inzwischen standen die Mädchen bei der Ausgabe. Tina fragte eine der Küchenhilfen höflich ob man beim Stolpern ein Ersatzessen bekommen könnte. Das könnte ja jedem mal passieren. Es wurde verneint, die Speisen wurden genau abgezählt.
„Okay, aber Sie könnten mir doch sicher einen neuen Becher und zwei große Schüsseln geben? Neues Besteck wäre auch gut.“, sprach sie freundlich und bekam natürlich was sie wollte. Kaum hatten sich die drei Mädchen an den Tisch ihrer drei Schönlinge gesetzt, folgte sie ihnen mit ihrem Tablett, mit den Resten auf dem Teller, den beiden großen Salatschüsseln und dem Becher mit frischem Besteck, ein paar Servietten hatte sie auch dabei. Dann stellte sie sich direkt neben den Tisch der sechs Jugendlichen, stellte ihr Tablett sorgsam ab und sah Sayaka ernst an.
„Ich habe euch gewarnt, legt euch nicht mit mir an, wenn ich Hunger habe.“
„Was willst du hier? Verzieh dich.“ Plötzlich schnappte sie sich ihren Löffel, griff nach den Tellern von Sayaka, den anderen Mädchen und schob sich in Windeseile ihre drei Gerichte in eine Schüssel. Dann nahm sie sich ihre Stäbchen, ging zwei Schritte zurück, um Abstand zu halten und aß im Stehen so schnell sie konnte was sie davon am liebsten mochte und stopfte sich zum Schluss ein Reisbällchen in den Mund. Ihr Blick war nebenbei herausfordernd. Alle waren total verblüfft und sahen sich das Schauspiel an. Es sah nicht gerade elegant aus, aber nun hatte sie keinen Hunger mehr. Ihr war schon etwas übel vor Hunger. Die Mädchen und ihre Freunde wussten so schnell gar nicht was sie machen sollten. Der ganze Essensaal war auf einmal so leise, dass man nur noch Tinas Schmatzen hörte.
„Du hast sie doch nicht alle! Was sollen wir jetzt essen?“, maulte das große Mädchen sie an und erhob sich. Die Jungs standen auf und sahen zu ihr herab. Sie waren ebenso recht groß gewachsen und Tina ist es bereits aufgefallen, dass sie sich für besonders toll fanden, weil sie scheinbar für die Mädchen sehr gutaussehend waren. Neben Jun in ihrer Altersklasse, waren sie die begehrtesten Jungs wiederrum in der Oberstufe und vermutlich bereits mindestens achtzehn Jahre alt. Ihre genaue Klassenstufe wusste sie noch nicht. Aber sie waren in ihren Augen vermutlich in Yakos Alter. Tina hob den rechten Finger, während sie noch den Reis kaute und dann nach und nach herunterschluckte.
„Moment. Ich muss noch nachspülen.“, meinte sie selbstsicher zu ihnen und bediente sich dann dem Becher mit Saft des Mädchens, welcher ihr am nächsten stand, und trank ihn aus. Dann stellte sie ihn wieder hin, griff nach dem nächsten Becher und trank die Hälfte davon ebenso. Nach dem Abstellen des Bechers, benutzte sie eine Serviette und sprach endlich die Mädchen an.
„Ihr habt aber auch Pech, nachholen dürft ihr nicht und eure Freunde haben schon ausgetrunken und aufgegessen. Teilen ist also nicht mehr.“ Tina sah dann zu den großen Jungs, wie sie zornig vor ihren Stühlen standen und zu ihr herabsahen. „Wie alt seid ihr eigentlich, wenn ich fragen darf? Ihr seid doch sicher schon in den obersten Oberstufen?“ Sie sahen sie verwundert an.
‚Was geht denn nur in der vor? Wieso will die jetzt wissen wie alt wir sind? Ist doch egal. Die hat aber auch einen Blick drauf, wieso habe ich plötzlich das Gefühl, dass es ein Fehler war sich mit ihr anzulegen? Soviel Mut muss man erstmal haben, sich alleine gegen die Mädchen und uns aufzulehnen. Und wie stolz und ruhig sie vorhin einfach nur dastand und dann alles in der Hocke, statt auf den Knien aufsammelte. Wenn die Mädels letztes Jahr solche Aktionen gemacht haben, saßen die anderen heulend da und knieten sich beim Saubermachen hin. Sie aber nicht, mit erhobenem Haupte machte sie es weg und kam dann hier her. Sie scheint genau zu wissen was sie tut.
Wie wird das hier weitergehen, kleines deutsches Mädchen mit türkiesen Augen?‘, ging in einem von ihnen vor.
„Du hast Recht, wir sind aus der Abgangsklasse. Wir bereiten uns bereits für die Uni vor.“ Tina grinste nur und wendete sich dann den Mädchen zu.
„Ihr jammert rum, dass ihr jetzt nichts zu essen habt? Das können wir gerne ändern. Das gute Essen der Kantine ist so oder so zu schade für euch.“
„Was erlaubst du dir?“, fauchte Sayaka rum und sah sie wütend an.
„Ich habe nicht alles aufgegessen. Es ist noch was da. Wollt ihr den Rest haben oder hungrig bleiben?“, reichte sie ihr die Schüssel hin. Zornig entgegnete sie ihr.
„Igitt, davon hast du schon gegessen. Ist ja ekelhaft!“, warf man ihr an den Kopf. Tina bot den Mädchen die Schüssel erneut an.
„Wenn ihr richtig aufgepasst hättet, dann hättet ihr gesehen, dass ich nichts weiter berührt habe außer das, was ich auch genommen habe. Da ist gar nichts Ekelhaftes bei. Es wäre wie eine Art Buffet.“, versuchte sie weiter höflich zu bleiben und beinahe hätte Sayako die Schüssel heruntergeschlagen, aber Tina hatte es geahnt und rechtzeitig weggezogen.
„Leg dich ja nicht mit mir an, du Weißbrot!“, kam plötzlich von Sayaka. Tina grinste kurz, setzte sich auf den Tisch und hob die Schüssel über ihren Kopf, als würde sie diese besonders präsentieren.
„Leute, ihr habt alle genau gesehen, dass die drei Hübschen noch nichts angerührt hatten und ich, so wie es sich gehört, mit den Stäbchen nichts weiter berührt habe! Wer möchte?“, sprach sie plötzlich mit den anderen in der Kantine. Niemand antwortete, aber es ging plötzlich Getuschel los.
„Traut sich keiner? Die Drei wollen es nicht haben und woanders müssen Kinder verhungern. Wer von den großen sportlichen Jungs braucht noch eine Portion, weil ihm die hier zu klein sind? Die reichen ja gerade mal für meinen kleinen Energiehaushalt.“ Es wurde still und sie sah sich im Raum um und merkte, dass sich zwar der eine oder andere große Schüler bewegte und gierig zu ihr sah, aber richtig trauen konnte sich niemand. Dann setzte sie ein freundliches Lächeln auf und sah zu einer Gruppe Jungs, welche noch etwas schüchtern wirkten. Sie waren alle etwas größer und teilweise stämmiger.
„Na? Hat keiner Mut zu mir zu kommen? Ich beiße nicht. Die Pause ist bald rum, denkt dran.“ Und da traute sich doch tatsächlich jemand aus der hintersten Ecke und hob die Hand.
„Hier, ich hätte es gerne.“, rief er etwas zurückhaltend und die Leute vor ihm machten ihm Platz. Er trat hervor und ging zu ihr.
„Super, welchen Sport machst du?“, sprach Tina ihn höflich an, lächelte und musterte ihn, während er auf sie zuging.
„Ich…ich bin im Rugbyteam.“ Sie reichte ihm die Schüssel und sah ihm in die Augen.
„Also ein Mann mit Muskeln und Verstand, dann lass es dir schmecken. Und herzlichen Glückwunsch nachträglich für die gewonnene Nationalmeisterschaft.“, fügte sie noch hinzu. Er nahm die Schüssel freundlich an, sah ihr in die Augen und fasste sich dann schüchtern an den Kopf.
„Äh, danke sehr. Du…du weißt davon?“
„Steht doch alles im Flur. Euer Pokal steht direkt neben dem Frauen Volleyballteam.“
„Stimmt, danke. Du…du bist nett.“, sagte er dann plötzlich und ging mit hoch rotem Kopf schnell wieder zurück in seine Ecke.
‚Wow, die hat aber schöne Augen und so ein hübsches Lächeln. Wie hübsch sie ist. Die meisten Jungs finden sie sehr hübsch und keiner traute sich bisher mit ihr zu reden. Aber ich hatte jetzt endlich meine Chance. Und wie mutig sie ist sich mit der Truppe anzulegen. Ich habe gehört, sie will im Volleyballteam Angreiferin werden. Ich glaube das passt zu ihr.‘ Seine Kumpels klopften ihm neidisch auf die Schulter, als er zu ihnen kam.
„Hey, das war unser Essen.“, kam plötzlich eine Stimme hinter Tina. Diese drehte sich um und sprach ernst.
„Ich habe es euch angeboten, ihr wolltet es nicht haben. Aber keine Angst, ihr bekommt auch noch was ab. Hier soll keiner hungrig den Saal verlassen.“
„Hä? Was meinst du?“ Tina stellte sich wieder hin und sah sie herausfordernd an.
„Alle hinsetzen, sonst passiert was!“, forderte sie streng. Erstaunlicherweise zuckten alle sechs zusammen und setzten sich tatsächlich. Sie waren alle so sehr auf ihren Blick fixiert, dass sie plötzlich wie reaktionslos ihren strengen Augen folgten.
Tina war es bereits aufgefallen, dass inzwischen, Yako, Yoko, einige Lehrer und sogar der Direktor in den Saal gekommen waren. Ihre Anwesenheit konnte sie mehr als nur nutzen. Sie blieb bei ihrem Vorhaben, nahm sich die drei Teller der Mädchen, füllte ihnen liebevoll die Reste von ihrem Teller mit dem Löffel auf und drapierte es gleichmäßig zu einem hübschen Kreis und dann nahm sie die Petersilie, welche sie sich vorher noch von der Küchenhilfe hat geben lassen, zupfte sie in drei kleine Blümchen und legte jeweils eine auf die Speisereste, welche zuvor noch am Boden gelegen haben. Dann schob sie die Teller vor ihre Nasen.
„So ihr Hübschen, ihr wolltet etwas essen wovon nicht gegessen wurde. Ich habe es hübsch zusammengestellt und sogar noch mit Liebe verziert. Es wurde direkt von der Ausgabe hergebracht und unterwegs von euch persönlich gewürzt.
Guten Appetit.“ Sie lächelte freundlich und wendete sich dann den Bechern zu, schüttete den Inhalt aller drei Becher gleichmäßig auf die drei Becher, sah dann zu den Freunden der drei Mädchen und nahm auch ihre Becher einfach weg. Diese waren leer. Sie stellte die Becher auf das nasse Tablett, legte drei Servietten auf den Tisch und sprach die drei höflich an.
„Euch tue ich einen großen Gefallen. Ihr seid doch hier die angeblich beliebtesten Herren der Oberschule? Ihr wollt studieren? Welche Fächer, wenn ich fragen darf?“, versuchte sie es mit freundlichen Worten. Keiner Antwortete, im Gegenteil, sie stellten sich alle drei plötzlich vor ihr hin und der große bäumte sich direkt vor ihr auf und sah zornig zu ihr herab. Er war mindestens 1,90 m groß.
„Wage es nicht noch eine Aktion gegen unsere Mädchen zu starten! Dann wirst du uns kennenlernen!“, erhob er plötzlich seine dunkle Stimme und sah sie wütend an.
„Was wollt ihr tun? Mich verprügeln? Dumm nur, wenn alle wissen wer es dann war! Zu Dritt auf eine Minderjährige, sieht gut aus bei der Uni-Bewerbung und ich habe gehört der japanische Knast sei echt hart.“, grinste sie ihn an. Er stutzte plötzlich und sah auf.
„Keine Angst, mit den dreien hinter mir bin ich erstmal fertig, jetzt seid ihr dran.“, äußerte sie provokativ. Die drei sahen sie nur verdutzt an. Dann zeigte sie auf einen von ihnen.
„Welches Studienfach? Sag!“
„Äh, Chemie.“, zuckte dieser plötzlich zusammen. Ihr Finger zeigte auf den nächsten.
„Bioprodukttechnologie.“, konnte er ebenso nicht ausweichen. Dann war der Große vor ihr dran.
„Und Du, Großer? Baust dich hier vor mir auf wie ein Baum. Glaubst, du ich würde vor dir einknicken? Glaube mir, ich habe mich schon mit größeren und kräftigeren Kerlen angelegt als dir. Was willst du studieren? Eine einfache Frage.“ Es kam jedoch keine Antwort, stattdessen blickte er sie nur starr an. Ihr herausfordernder Blick hatte bei ihm eher einen lähmenden Effekt.
„Er will wie ich Medizin studieren.“, rief Jun dann plötzlich in den Raum.
‚Tina, ich hoffe du weißt was du tust. Soviel Mut habe ich dir gar nicht zugetraut. Du legst dich gleich mit beiden Problemgruppen gleichzeitig an. Unsere Eliteherren und die drei Damen drangsalieren die anderen schon seit Jahren. Yayoi ist ihretwegen auch zu uns gekommen, nie geht sie ohne einen aus dem Team durch die Schule, damit man sie in Ruhe lässt. Wir haben sie dann als Managerin aufgenommen, denn wer zum Fußballteam gehört, darf nicht angerührt werden.‘ „Oh, das ist ja perfekt, dann muss ich nicht viel erklären.“, begann Tina, nahm dann den großen Lappen und wrang ihn über die Becher aus, so dass sich überall etwas gleichmäßig verteilte. Dann legte sie diesen wieder auf das Tablett, säuberte mit Servietten die Becher von außen und stellte sie dann auf jeweils eine Serviette auf dem Tisch. Sie schob die Becher zu den jungen Männern.
„Nun gut, ein paar einfache Fragen an euch, keine Angst, nichts Schlimmes.“ Sie zeigte auf die Mädchen.
„Wisst ihr eigentlich was die drei so eng zusammenschweißt? Was bindet sie so sehr aneinander, dass sie sich blind vertrauen können?“ Alle stutzten. Die Mädchen wurden plötzlich etwas unruhiger. Der einen wurde bereits etwas übel bei dem Anblick der Becher und dem Essen, welches auf dem Boden lag und es kam der natürliche Hunger hinzu. Die jungen Männer sahen sich fragend an und dann sahen sie zu ihren Freundinnen. Sayaka stand auf und sah Tina zornig an. „Wage es nicht!“ Die Große stand ebenso auf und wurde wütend.
„Wehe dir! Du hast es versprochen.“, kam diese an.
„Wovon redet sie?“, schaute dann plötzlich der eine Herr zu Sayako. Die sah ihn nur verdutzt an. Keine Antwort.
„Mädels, glaubt mir, ihr habt damals nicht auf meinen Rat gehört, als ich euch das erste Mal erwischt habe. Stattdessen habt ihr mich lieber verprügelt, weil ihr euch nicht anders zu helfen wusstet. Zu Dritt auf einen, wie feige. Es ist immer leichter auf andere rumzuhacken, statt die eigenen Probleme zu lösen. Aber glaubt nicht, dass ich mich nicht währen kann. Ich hatte nur einen schlechten Tag und hatte keine Lust mich lange mit euch zu beschäftigen. Und etwas gegen euch in der Hand zu haben ist scheinbar sehr praktisch. Und mein Versprechen habe ich gehalten. Ich hatte euch unter Zwang versprechen müssen keinem davon zu erzählen. Ich jedoch ergänzte es mit dem Zusatz: „bis ich es für angemessen finde“. Ich hatte ohnehin vor mit dir zu reden, und dann ergab sich heute die Möglichkeit wegen der Englischnachhilfe. Aber nun gut. Statt auf mein Angebot der Nachhilfe einzugehen, ziehst du hier so eine Show ab. Sayaka, du stehst scheinbar auf die große Show. Die kannst du haben. Vor der ganzen Schule wolltest du mich jetzt plötzlich kleinkriegen. Daraus wird aber nichts, mich kriegt keiner klein. Ganz im Gegenteil, ich habe heute einen guten Start gehabt und dann kommt ihr daher und bringt mich um mein Mittagessen. Ich habe euch sogar jetzt noch die Möglichkeit gegeben in Ruhe mit mir zu reden. Ich habe euch gewarnt. Aber…ihr werdet mir hinterher irgendwann dankbar sein, glaubt mir.“
Plötzlich setzte sie sich auf den Tisch, richtete ihren Blick zu den Freunden und schlug die Beine elegant übereinander.
„Wollt ihr etwas trinken? Hier, ich habe euch Nachschub besorgt.“, deutete sie auf die Becher.
„Du bist eklig, echt. Was willst du bezwecken?“, kam der Große wieder frech. „Wieso eklig? Ihr seid doch die festen Freunde von den Mädels, oder nicht?
Wie ist es denn mit euch? Liebt ihr sie oder ist das hier nur so ein Schutzgehabe zwischen euch sechsen damit euch alle in Ruhe lassen und ihr tut nur so als ob ihr zusammenseid? Vorhin klang das noch danach, als würden die Mädels keine Nerds mögen, aber wenn ihr so gut seid, müsst ihr doch auch welche sein?“ Zuerst kam kein Ton und dann äußerte der kleinste von ihnen seine Meinung.
„Natürlich sind wir jeweils Paare. Was geht dich das denn überhaupt an?“
„Okay, dann ist ja nichts dabei aus den Bechern zu trinken, denn dann wird es vielleicht weniger unangenehm im Geschmack, wenn ihr Paare euch wieder mal küsst.“, provozierte sie die drei enorm. Im Saal war es unerträglich ruhig. Keiner wagte es etwas zu sagen und jeder war extrem gespannt was als nächstes passieren würde.
„Die Mädels essen fein ihr Mittag und ihr trinkt etwas, weil ihr noch durstig seid. Das passt doch dann besser zusammen.“
„Du bist sowas von ekelhaft. Hör auf hier so eine Show abzuziehen, sonst.“, kam plötzlich von dem Großen und er berührte ihre Bluse am Kragen und sah sie wütend an. Die Schleife verrutschte etwas. Tina hingegen grinste zu ihm auf.
„Nun erklärt ihr Spezialisten mir mal was gesünder für den menschlichen Kreislauf und die Speiseröhre ist. Das hier, was jetzt im Becher drin ist und das speziell gewürzte Essen auf den Tellern oder eine mittlerweile fast tägliche Mischung Salzsäure mit Pepsinogen?“, haute Tina raus. Entsetzt und erschrocken ließ er sie los und starrte sie an.
„Was?!“
„Ich weiß ja nicht wie lange das schon geht. Vor etwa sieben Wochen habe ich die drei dabei erwischt. Ich habe ihnen dann geraten sich hilf zu suchen. Dies wurde aber abgelehnt, auf ihre übliche Art und Weise.
Ich habe dann versucht es zu beobachten und mittlerweile seit gut vorletzter Woche konnte ich sehen wie sie sich gefühlt täglich nach dem Unterricht, vor dem Training verabreden und heimlich auf eine leere Toilette gehen.
Was passiert? Sag es ihnen selbst? Du als angehender Mediziner weißt das bestimmt. Und ihr beide als Bio- und Chemiefreaks? Wie lange haben sie bei ihren paar Gramm auf den Rippen noch, wenn sie nicht aufhören?“ Keiner konnte etwas sagen.
„Was…was meint sie damit? Worauf will sie hinaus? Ich verstehe nicht.“, kam von einem Schüler ein paar Tische weiter. Tina rutschte vom Tisch und stellte sich mit der Schüssel neben das kleinere Mädchen der dreien und hielt ihr die große Schüssel vor die Brust. Sie konnte ihre Aufregung spüren und ihre Blässe war deutlich. Sie hielt bereits eine Weile schon die Hand vor dem Mund.
„Wer einen schwachen Magen hat, sollte sofort den Saal verlassen!“, rief Tina plötzlich in den Speisesaal. Es wurde unruhig und einige Mädchen gingen tatsächlich schnell raus. Sie ahnten was es mit der Schüssel auf sich hatte.
„Was ich andeute, wollt ihr wissen? Ganz einfach.
Die drei Grazien hier, sie gehen zu dritt aufs Klo und weil sie zu feige sind es selbst bei sich zu tun, hält eine derjenigen die Haare zurück, die über der Kloschüssel hockt und die dritte steckt ihr den Finger in den Hals. Dann wird gewechselt. Das ist ihr Geheimnis. Sie haben scheinbar keine Ahnung was sie sich auf Dauer damit wirklich antun.
Und ich rede hier nicht nur von Verlust von Mineralien oder von Konzentrationsmangel.“, erklärte sie laut. Jun brachte sich plötzlich ein und zählte die Folgen eines regelmäßigen Erbrechens auf.
„Zahnschäden wie Karies, Muskelkrämpfe, Verstopfung, Kreislaufprobleme, Nierenschäden, Verätzung der Speiseröhre und des Rachenraums, um nur einiges zu nennen. Was besonders gefährlich ist, sind die Herzrhythmusstörungen und am Ende oder irgendwann dazwischen kann es zum plötzlichen Herztod führen.“ Dann wand sich Tina den Mädchen zu. Die Schüssel ist noch leer, aber sie wird bereits krampfhaft festgehalten. Tina sah in Sayakas erschrockene Augen. Sie waren deutlich glasig. Die Große fing bereits an zu weinen.
„Ich hätte es euch gerne in Ruhe nochmal deutlich gemacht, aber ihr wolltet es auf die harte Tour!
Wenn ihr drei in dem Tempo weiter macht und nicht behandelt werdet, dann könnt ihr euch die Hochzeit mit euren Freunden abschminken, denn ihr werdet vermutlich nicht einmal ihren Schulabschluss nächstes Jahr miterleben!“, sprach sie dann gefühlvoll und ernst. Genau in diesem Moment würgte das blasse Mädchen und übergab sich in die Schüssel. Tina hielt ihre langen Haare hoch. „Gut so, lass es raus. Diesmal ist es ein natürlicher Reflex.“ Sie hob die Hand und sah zu den Oberschülern am Tisch.
„Wer von euch gehört zu ihr? Bring sie zum Doktor!“, forderte sie auf. Der kleinere der dreien ging zügig um den Tisch herum und nahm seine Freundin in die Arme und führte sie mit der Schüssel in der Hand und vielen Tränen in den Augen hinaus.
Plötzlich stellte sich Sayaka vor Tina hin und wollte ihr eine Langen, doch Tina blockte ab und hielt ihre Hand fest.
„Lass es. Was soll das bringen? Fühlt sich echt furchtbar an, oder?“ Sie sah dann auch zum anderen Mädchen, welche sich die Tränen abwischte und zu ihrem Freund sah.
„Jetzt wisst ihr mal wie es sich anfühlt vor allen Leuten weinend den Saal zu verlassen. Ihr hättet es ruhig haben können, aber nein.
Was auch immer ihr drei für Probleme habt, behebt sie und bringt es in Ordnung oder holt euch Hilfe. Ihr müsst sie aber auch annehmen.“
„Was hätte das schon gebracht? Was hättest du uns schon helfen können?“, murrte Sayaka sie an.
„Da ich eure Probleme nicht kenne, kann ich es nicht sagen. Aber es gibt immer eine Lösung. Alles ist besser als sich seinen Körper zu zerstören. Oder ist es euch bereits egal?“
In diesem Moment riss sich Sayaka von ihrem Blick und rann heulend zum Ausgang. Das andere Mädchen tat es ihr sofort gleich.
Alle sahen ihnen nach. Ihre Freunde sahen verdattert zu Tina. Diese sah wütend zu ihnen und fauchte sie an.
„Wenn ihr sie wirklich mögt, dann lauft ihnen nach, oder wollt ihr die Gefahr eingehen, dass sie sich etwas noch Schlimmeres antun? Sorgt gefälligst dafür, dass man ihnen hilft!“ Kaum hatte sie es gesagt, stürmten die beiden ebenso los und liefen ihnen hinterher. Der Große blieb nochmal kurz stehen und sah zu ihr zurück.
‚Wie konnten wir das übersehen? Dieses seltsame Mädchen hat den dreien vermutlich eben gerade das Leben gerettet.‘, ging ihm durch den Kopf.
„Danke.“, sagte er dann plötzlich leise, aber hören konnten es fast alle.
„Beeil dich, bedanken kannst du dich später!“ Er verließ dann sofort den Saal. Kaum war er aus der Sichtweite fingen die anderen Schüler an zu tuscheln und aufgeregt zu reden. Plötzlich ertönte ein Klatschen und andere schlossen sich diesem an. Tina war etwas verwundert und sah sich im Saal um.
„Was gibt es da zu klatschen?“, murrte sie etwas, schnappte sich das Tablett, stellte die Teller und die Becher darauf und ging zur Abräumstation.
„Ganz toll! Den hast du es aber gezeigt. Ganz große Klasse.“, äußerte jemand begeistert.
„Sind wir die jetzt für immer los? Die waren immer so gemein.“, meinte jemand anderes. Tina äußerte sich vorerst nicht dazu und räumte nur das Tablett leer und sortierte das Geschirr vor. Den Lappen ließ sie auf dem Tablett liegen. Dann drehte sie sich um und einige kamen auf sie zu.
„Das war toll. Die lassen uns jetzt sicher alle in Ruhe. Danke. Wie mutig du bist.“
„Das war riskant. Ich habe nur meine Pflicht getan.
Die Show ist jetzt vorbei und ihr könnt alle wieder euren eigenen Kram machen!“, wurde sie dann lauter, ging zur Essenausgabe, schnappte sich einen Pudding und einen Löffel und setzte sich an einen Tisch. Trotz ihrer Ansage klatschten die anderen weiter und nur wenige hielten sich zurück.
‚Ich habe nur getan, was sein musste. Dieser Terror konnte zum einen nicht weitergehen und die drei wussten scheinbar wirklich nicht was sie sich selbst antun. Zu beklatschen ist dabei nichts. Schlimm genug, dass ich sie vor allen so bloßstellen musste.‘
Die Konferenz der Musashi-Schule
Kapitel 128
Die Konferenz der Musashi-Schule
Die Lehrer und der Direktor staunten nicht schlecht.
„Ich glaube, Sie können jetzt gleich in Ihr Büro gehen. Sie müssen die Eltern informieren. Diese Selbstverletzungen müssen gemeldet werden.“, meinte der Englischlehrer zum Direktor. Dieser lächelte etwas vor sich hin.
„Das ist wohl wahr. Da kommt Arbeit auf mich zu. Veranlassen Sie für heute Nachmittag eine Sondersitzung im Besprechungssaal. Ich möchte auch die Trainer aller Teams und Sportarten dabeihaben, inklusive unseren Vertrauenslehrer und den Schulpsychologen. Mit dem Doktor rede ich nachher selbst gleich. Ich gehe gleich zu ihm.“, orderte der Direktor an, ging zur Essenausgabe, holte sich sein Gericht und setzte sich an den Lehrertisch. Die anderen begleiteten ihn. Dann holte er das Schul-Handy aus der Tasche und rief den Schularzt an.
„Ist eine Schülerin bei dir?“ Er bestätigte es.
„Wie geht es ihr?“
„Sie hat sich übergeben und extrem niedrigen Blutdruck. Ich habe sie erstmal stabilisiert und hingelegt. Sie müsste etwas essen. Dann kann ich weiterschauen. Ihr Freund kommt gleich in die Kantine mit einem kleinen Essenplan. Wo bist du?“
„Okay, ich bin hier in der Kantine. Ich esse schnell auf und komme dann zu dir. Ich möchte mit dir reden.“
‚Bettina Fuchs, wie konnte es sein, dass niemanden dieser Zustand der Mädchen aufgefallen ist? Was ist, wenn weitere Kids davon betroffen sind? An den Reaktionen unter den Zuschauern konnte man teilweise großen Zweifel erkennen. Durch die Aufzählung der Schäden und Folgen hast du einige scheinbar verunsichert. Wir müssen sofort etwas unternehmen, damit hier nicht doch noch jemandem etwas passiert. Bisher hatten wir viel Glück, dass unsere Schule seit einigen Jahren keine Suizidfälle hatte. Andere Schulen sind weitaus mehr betroffen. Ich werde nachher gleich den Schülersprecher zu mir ordern. Er hat das hier eben von beginn an mitverfolgen können und wie man sehen kann, sind einige sofort zu ihm gegangen.‘
Nach der regulären Unterrichtszeit fanden sich alle Lehrkörper und Trainer im großen Beratungssaal ein. Es wurde unruhig, denn jeder hatte etwas zu erzählen bis der Direktor und sein Stellvertreter die Bühne betraten und die spontane Versammlung eröffneten.
„Herzlich Willkommen alle zusammen. Einige von Ihnen waren heute selbst anwesend, als der Vorfall in unserer Schulkantine stattfand. Der Rest von Ihnen wird sicher bereits davon gehört haben.
Ich möchte es so kurz wie möglich halten, damit die Trainer wieder an ihre Arbeit gehen können. Bevor ich selbst etwas dazu sage, möchte ich Sie anhören.
Wer hat Fragen dazu?“ Einige Hände wurden hochgehalten.
„Was genau ist denn passiert? Man hört nur davon, dass die neue Schülerin aus Deutschland irgendwas gemacht hat und die Schulchaoten dann heulend wegliefen. Die Kids feiern diese Situation richtig ab.“, äußerte ein junger Lehrer, welcher selbst ab und zu Probleme mit den Schülern hatte. Der Direktor rief den Schülersprecher auf die Bühne, er soll die Situation berichten. Alles wurde ruhig im Saal.
„Du meine Güte. Was haben sich die drei denn nur dabei gedacht? In welchem Zustand sind sie jetzt?“, meinte eine Lehrerin entsetzt.
„Sie sind stabil und ich habe sie mit Absprache ihrer Eltern vorerst an ihre Hausärzte verwiesen. Den Rest erledigen die. Nach dem was ich selbst untersuchen konnte und der Aussage der Schülerinnen, sowie der neuen Schülerin, ging das wohl schon einige Wochen. Es begann wohl zur Anfangszeit der Schule. Ich habe alle drei Mädchen für zwei Wochen krankgeschrieben, damit sie wieder Energie tanken können und ihre Arztbesuche wahrnehmen können. Keiner von uns will, dass eine von ihnen hier plötzlich umfällt.“, berichtete der Schularzt.
„Wieso machen die das? Warum kommen sie denn nicht zu mir? Ständig kommen die Kids zu mir und berichten welchen Kummer sie haben, aber warum die drei nicht?“, wunderte sich der Vertrauenslehrer. Der Schülersprecher bringt sich ein. „Sir, ich will da nicht unhöflich sein, aber dasselbe Problem habe ich auch. Es kommen in der Regel die Jungs zu mir, oder vermutlich auch zu Ihnen. Nur wenige Mädchen glauben, dass ich ihnen helfen kann. Wie ist es denn bei Ihnen? Wie viele Mädchen im Verhältnis zu den Jungs besuchen Sie?“ Der Schulpsychologe brachte sich ebenso ein.
„Ich für meinen Teil bin bei einigen Situationen dabei und meistens sind es wirklich die Jungs. Mädchen kommen in der Regel nur, wenn sie schulische Probleme haben. Mobbing, ja, auch das ist mal Thema, aber zum Großteil eher die Ängste, dass sie den Leistungen nicht gerecht werden oder mit einzelnen Lehrern oder Trainern Probleme haben. Was da privat los ist, da kommt mehr von den Jungs.
Ich für meinen Teil habe die Befürchtung, dass die drei nicht die einzigen sein könnten, die an Essstörungen leiden. In den letzten zwei Monaten sind erstaunlich viele Mädchen krank. Das ist zu Beginn eines Schuljahres eher außergewöhnlich.“
„Das stimmt. Meist sind die Kids hoch motiviert, damit es besser läuft als das Jahr davor oder weil sie endlich ihre Freunde wiedersehen oder ihrem Sport oder ihren Interessen nachgehen können. Unsere AGs sind sehr beliebt und jeder darf machen was ihm Spaß macht. So sind wir den anderen öffentlichen Schulen bereits einen guten Schritt voraus.“, erklärte eine Lehrerin.
„Was machen wir denn jetzt? Ob diese seltsame Aktion dazu führt, dass sich jetzt doch mehr Schülerinnen bei uns melden? Dieses Mädchen ist schon seltsam. Zuerst hört man von ihr gar nichts und dann löst sie auf einmal so eine Lawine los.“, meinte ein Lehrer.
„Das stimmt. Sie war immer ruhig und hat sich aus allem rausgehalten. Sogar vorhin bei der Situation hat sie erwähnt, die Mädchen hätten sie verprügelt? War das denn wirklich so? Sie lässt sich verprügeln, aber kommt nicht zu uns? Und dann jetzt plötzlich hat sie den Mut sich gegen alle sechse gleichzeitig zu stellen?“
„So richtig schlau wird man nicht aus ihr. Kommt hier ohne Sprachkenntnisse nach Japan. Was haben sich ihre Eltern denn dabei gedacht?“
„Das ist unverantwortlich, unsere Sprache ist wirklich sehr schwer zu lernen. Wir Lehrer helfen ja schon wo wir können. Sie hatten uns damals nur gesagt, dass sie spontan hergezogen sind. Ich muss sagen, dieses Mädchen ist nicht dumm. Sie beherrscht bereits jetzt schon drei Fremdsprachen. Ich glaube sogar, dass sie schon mehr spricht als sie uns weismachen will. Das ist mir in einem netten Gespräch mit ihr mal aufgefallen. Bei mir in Französisch versucht sie über die französischen Aufgaben alles in Japanisch zu beantworten. In der Lateinschrift kommt sie bereits gut klar.
Einen schüchternen Eindruck machte sie mir bisher nie. Immer Kopf hoch und sehr aufgeweckt und dem Unterricht folgt sie aufmerksam und hilft den anderen Mitschülern. Sie ist in meinem Unterricht sehr beliebt.“
„Nun gut. Schülersprecher, haben Sie bereits das Gespräch mit ihr finden können? Also heute nach dem Vorfall?“
„Ja, ich habe sie gefragt wie sie den Mut finden konnte zu tun, was andere sich nie gewagt hätten. Sie meinte dann nur, dass es irgendjemand ja tun musste. Es habe sich in dem Moment so ergeben. Diese Sache mit der Essstörung wollte sie eigentlich mit den Mädchen in Ruhe klären, aber nun musste es so sein, da sie scheinbar keinen Redebedarf hatten. Und wenn es alle wissen, muss man ihnen helfen, ob sie es wollen oder nicht.“ Es wurde wieder ruhig, aber untereinander wurde etwas getuschelt.
„Was meinen Sie, was können wir tun, dass solche Sachen nicht mehr an unserer Schule passieren?“
„Da gibt es eine einfache Lösung. Ich spreche sie schon seit gut zwei Jahren an, aber man hat mich nie ernst genug genommen.“, beginnt er plötzlich ehrlich und streng.
„Was meinen Sie?“
„Mir ist bereits seit Langem aufgefallen, dass mich mehr Jungs als Mädchen ansprechen. Der Psychologe und unser Vertrauenslehrer bestätigen dies scheinbar. Sie machen sicher ihren Job so gut es geht, das zweifle ich nicht an, aber manchmal gibt es Probleme, da möchte man als Junge, junger Mann oder vor allem auch als Mädchen oder junge Frau, nicht zu einem Mann gehen. Wir hier an unserer Schule haben alle Stellen, die für Ansprechmöglichkeiten ideal wären aber nur Männer in der Position. Auch ich gehöre dazu. Ich hatte damals bereits mehrfach auf Wunsch der Schülerinnen und auch Schüler den Wunsch geäußert zwei dieser Posten mit Frauen zu besetzen oder zusätzlich ins Team zu holen. Unsere Schule lebt gut mit ihren Sponsoren und sportlichen wie geistigen Erfolgen, dass wir dafür bestimmt die Gelder hätten, die wir einfach aus dem Spendentopf nehmen könnten. Das läge doch auch im Sinne der Eltern. Dafür müsste keine Extragebühr für die Eltern anfallen, sondern man könnte zwei fachorientierte Damen und eine Schülersprecherin einfach ins Team einfügen. Meine Stellvertretung ist auch ein Junge. Ist also auch nicht praktisch.“
„Was sollen denn das bitte für Themen sein, dass die Mädchen nicht zu den Männern gehen können? Aus Scharmgefühl? Aus der Zeit sind wir doch wohl schon raus, oder? Und Jungs? Was haben die mit Frauen zu bereden?“, fragte ein Trainer. Der Schülersprecher holte einen Zettel aus seiner Jackentasche.
„Ich habe hier mal ein paar Beispiele aufgezählt, die mir bereits ans Herz gelegt wurden.
An oberster Stelle steht natürlich das Thema Mobbing. Das betrifft beide Seiten. Schüler wie auch Lehrer. Unser Schulpsychologe ist im Gegensatz zum Vertrauenslehrer auch für das Personal zuständig. Nur mal so angemerkt.
Dann Thema Leistungsdruck, aber das kennen wir ja alle. Jeder geht mit diesem Druck anders um. Manch einer verkriecht sich und andere äußern es mit Gewalt, so wie die drei Mädchen. Ich habe mit ihren Freunden gesprochen, sie wussten nichts von dem Problem.
Sexuelle Belästigung und mehr, das betrifft ebenso beide Geschlechter. Außerhalb der Schule wie auch hier. Kommt so etwas zu mir, dann kann ich nichts weiter tun als ihnen raten zu einer Hilfsorganisation oder zur Polizei zu gehen. Ich denke aber, das verläuft in den meisten Fällen nur im Sand. Ich als Schüler kann da gar nichts machen, vor allem nicht, wenn es außerhalb der Schule ist oder zu Hause. Dann ein Thema der Jungs, ich nenne es mal Selbstfindung. Das beinhaltet nicht nur ihre berufliche Laufbahn, weil sie verunsichert sind was sie mal machen wollen oder ob ihr Notenspiegel reicht, sondern auch ihre Sexualität, also wo sie sich einordnen können. Hier ist Japan wissen Sie, dass es rechtlich keine Probleme gibt, aber es darf auf keinen Fall jemand wissen, wenn man zum Beispiel homosexuell ist, oder noch verunsichert. Natürlich wollen Jungs und die jungen Männer solche Gefühle nicht einem Mann gegenüber äußern. Da sind Frauen die besseren Ansprechpartner, da sie bei ihnen eher auf einen guten Rat hoffen können und keine vorurteiligen Blicke bekommen.
Was haben wir noch, häusliche Gewalt. Ganz großes Thema. Oft betrifft es die Schüler nicht selbst, sondern sie melden es für jemand anderen oder weil es jemanden in ihrem Umkreis betrifft oder es bei einem Mitschüler vermuten. Ich gehe aber davon aus, dass es oft sie selbst sind und sie es nur umschreiben. Das kennt man ja.
Sogar Rassismusvorwürfe stehen hier im Raum. Es hat in den letzten Jahren zugenommen. Es fällt nicht auf, aber es kommt vor.
Und noch etwas. Sportlicher Leistungsdruck. Einige Sportarten stehen weniger im Fokus und wollen den anderen nicht hinterherhängen. Scheinbar wird etwas mehr von den Schülern verlangt als es in diesem Alter und neben der Schule üblich sei. Manche kommen mit, andere weniger. Darunter leidet ihre schulische Leistung. Also am besten alle Trainer gehen mal in sich und überlegen ob es auf ihre Schüler zutrifft. Lassen Sie sich von allen die aktuellen Notenspiegel zeigen und vergleichen Sie diese mit dem der letzten Jahre, gibt es eventuell Abweichungen seitdem die Trainingsmethoden verändert wurden?
Und was die Schüler seit Schulbeginn besonders beschäftigt hat ist dieser schreckliche Vorfall mit der toten Schülerin vor unserem Schulgelände. Es herrschten etliche Gerüchte unter ihnen und es wurde dadurch sogar jemand Unschuldiges verdächtigt, dabei gab es keinerlei Beweise für die Anschuldigungen. Zum Glück klärte sich das dann nach etwa zwei Wochen Schule auf und wir wissen nun alle wer es war. Die Unsicherheit jedoch ging weiter.“ Er machte eine kurze Redepause.
„Was ging weiter? Der Kioskmann wurde doch gefasst. Also war alles wieder okay.“, brachte sich jemand ein.
„Das ja, aber es häuften sich trotzdem wieder Vorfälle, die bereits letztes Jahr vor der Ferienzeit begannen und Anfangs mit diesem Fall in Verbindung gebracht wurden.
Einige Mädchen trauten sich kaum noch alleine nach Hause. Es ging die Vermutung um es würden einige Mädchen angegriffen werden, außerhalb der Schulzeiten. Dann kam dieser Fall mit dem Mädchen auf und machte noch mehr Angst. Laut meinen Informationen hörte das Melden dieser Angriffe erst auf seid Mitte letzter Woche. Seitdem kommen mir keine Informationen mehr dazu. Es wurde ruhiger.“ Es war auf einmal ruhig im Saal.
„Seit Anfang letzter Woche, sagen Sie?“, stand eine Lehrerin plötzlich auf.
„Ja genau. Ich weiß ja nicht was es damit auf sich hatte, aber vorher kamen von Mädchen wie auch von den Jungs Berichte rein, man greife angeblich Mädchen an. Es scheint besonders unser Volleyballteam betroffen gewesen zu sein. Die Mannschaftskapitänin jedoch stritt es ab. Frau Kawasaki wollte sich dazu auch nie äußern, es begann nach ihrem letzten Turnier.“
Ein Lehrer erhob sich und kommentierte diese Aussage.
„Das ist interessant. Wissen Sie, mein Mann ist doch Trainer der Volleyballer in der Oberschule auf der Toho. Letzte Woche erzählte er mir, dass seine Jungs neuerdings die Mädchen aus den Teams heimbegleiten. Diese Angst scheint sich rumgesprochen zu haben und dort haben wohl die Jungs der Oberschüler aus Eigeninitiative beschlossen solange die Mädchen zu begleiten bis sich diese Vorfälle wieder legen oder aufgeklärt sind. Ich finde das eine tolle Sache. Unsere Mädchen hatten ja vielleicht auch Angst.“
„Das stimmt. Davon habe ich auch gehört.“
„Ich habe auch davon gehört. Es soll wohl irgendwas in der Schule vorgefallen sein. Keiner bekommt heraus was da war. Es sind wohl schon ein paar Schüler gegangen.“
„Wie jetzt, zum Schulbeginn? Ist ja komisch.“
„Dazu kann ich auch etwas sagen. Mein Kapitän, Misugi berichtete mir letzte Woche von seinen Freunden aus dem Nationalteam, dass sie diesen Begleitschutz auch für seine Schule empfehlen. Es sollen Angriffe auf das Volleyballteam gegeben haben. So sprach man darüber auf der Toho. Er beschloss dann mit den Jungs auch so etwas anzubieten, aber die Kapitänin Kawasaki lehnte diese Hilfe ab.“ Alle sahen ihn verdutzt an.
„Wieso das denn? Ist doch eine gute Idee, wenn sie in Gefahr sein könnten?“
„Sie bedankte sich zwar, aber meinte zu ihm, sie bräuchten diesen Schutz nicht mehr.“, berichtete der Trainer des Fußballteams.
„Nicht mehr? Das heißt, dass er vorher nötig gewesen wäre? Klingt ja seltsam. Dann wusste sie davon?“ Ryoga Schmitt richtete sich plötzlich auf.
‚Wovon reden die denn da? Was war denn letzte Woche?‘ Er überlegte und dann fiel es ihm ein. Als Tina ins Team kam, wurde sie von den anderen nicht gerade nett empfangen. Nur Yoko hielt zu ihr und half ihr sich einzugliedern. Yako wiederum hetzte gefühlt die anderen auf sie, um ihr zu beweisen, dass sie nichts für den Sport taugt. Und dann plötzlich, seit Mittwoch, letzte Woche kam sie dann zum Training und machte eine große Ansage, dass Tina plötzlich offiziell ins Team gehört. Dienstag kam sie nicht zum Training. Seitdem hörten auch die Reibereien mit den drei Mädchen auf dem Schulgeländer auf. Die drei haben sicher eine ähnliche Ansage bekommen. Ein paar schülerinterne Regeln kannte er. Das Fußballteam und das Volleyballteam, so wie die Rugbyspieler und die Baseballer waren die Teams für die großen Sponsoreneinkünfte und durften daher nie angegriffen werden. Die sind der ganze Stolz der Schule und halten sie finanziell über Wasser. Am Dienstag kam Tina deutlich zu spät zum Training und redete sich mit Bestrafungen der Lehrer raus, Yako rief in der Schule an und meldete sich wegen Krankheit ihrer Mutter ab. Er hakte da nicht weiter nach, denn Tina machte einfach ihr Training wie üblich und Yako musste öfters mal zu Hause bleiben, weil ihre Mutter keine Pflegekraft bezahlen kann, wenn es ihr mal schlecht geht. Aber was hat das denn mit diesen Vorfällen und der Eliteschule zu tun?
Plötzlich wurde sein Name genannt und er sollte laut des Direktors nach Vorne kommen. Also tat er was verlangt wurde und kam vor.
„Herr Schmitt, was sagen Sie denn dazu? Haben Sie etwas bei Ihrem Team bemerkt? Hat sich Frau Kawasaki oder eine andere Spielerin in den letzten Monaten anders verhalten als sonst?“, fragte der Direktor.
„Nein, da war nichts anders. Sie hatten ihre gleiche Stärke wie immer und mir hat auch niemand etwas dergleichen erzählt. In der Regel kommen die Mädchen zu mir, wenn was ist.
Ich werde jedoch nachher mit ihr reden.“
„Das ist gut, vielleicht erzählt sie ja was war, wenn nun angeblich alles wieder okay ist.
Was ist eigentlich mit der Neuen? Sie haben sie seit gut fünf Wochen im Team und kennenlernen können. Wie macht sie sich dort?“, hakte der Direktor nach. „Was hat das jetzt mit diesem Thema zu tun? Frau Fuchs hat sich mittlerweile ins Team eingegliedert und ist ein offizielles Mitglied wie alle anderen auch. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“
„Nun aber mal halblang. Sie nehmen eine Ausländerin, welche keinerlei Erfahrungen hat einfach in ihr Profiteam auf. Das kann doch nicht nur an ihrer guten Fitness gelegen haben. Also ich würde niemanden ins Profi-Team aufnehmen, wenn er nicht mal die einfachsten Regeln kennt und nie professionell gespielt hat. Dann gehört man in ein Team der Anfänger. Sie hätte eher ins zweite Team gemusst.“, brachte sich plötzlich der Rugbytrainer ein.
„Ich habe meine Gründe dieses Mädchen aufgenommen zu haben und diese Entscheidung bereue ich auch nicht. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie in kürzester Zeit eine starke Bereicherung für uns sein kann, vor allem in der Hinsicht, dass uns nächstes Jahr drei Spielerinnen fehlen werden. Alle diese sind Angreiferinnen. Was soll ich nächstes Schuljahr denn ohne Angriff anfangen? Frau Fuchs hat sich bereits entschieden im Angriff zu spielen. Ich sehe da sehr viel Potenzial.“
„Eine blutige Anfängerin in einem so komplexen Sport, also wirklich. Sein Sie ehrlich. Sie haben sie nur aufgenommen, damit Sie jemanden zum Reden haben.“, warf er ihm vor. Ryoga war perplex.
„Nein, ich hatte meine Gründe. Natürlich war es nicht nur ihre Fitness, die bei Weitem meinen Mädchen voraus war und noch ist. Wen ich jedoch für mein Team aufnehme, ist ganz alleine meine Sache. Mir vorzuwerfen meine Entscheidung ihrer Herkunft wegen anzudeuten das beweist letztendlich nur was unser Schülersprecher bereits angedeutet hat. Weiter werde ich auch dazu nichts sagen.“
„Was für Fitness? Ihre Mädchen sind doch sehr fit, was soll denn da noch besser sein? Als Angreiferin im Volleyball taugt sie doch gar nichts, sie ist zu klein. Was mag sie sein, gerade mal 1,60m? Dann muss sie aber echt gut springen können. Frau Kawasakis Angriffe sind sehr hart, glauben Sie im Ernst, sie könnte diese Kraft aufbringen? Diese kleine zarte Person?“ Der Volleyballtrainer war gereizt und fauchte zurück.
„Bettina Fuchs kann ausgezeichnet hochspringen und ihre Ausdauer ist enorm. An Kraft in den Armen fehlt es ihr ebenso nicht. Sie muss lediglich die richtige Technik erlernen und genau das macht sie zurzeit. Ich habe seit Jahren keine so gute Spielerin gehabt, die mit einer solchen Energie und Motivation alleine nur im Training dabei ist. Ihr Anfang in Team war schwer, die anderen haben sie wirklich sehr hart drangenommen und dreimal können Sie raten wer am Ende den Kürzeren gezogen hat. Während die Mädels beim Training bereits aufgegeben haben oder sich nicht mehr bewegen konnten, kam sie teilweise nicht mal richtig ins Schwitzen. Sie können sich sicher sein, sie könnte ohne Probleme locker mit den Jungs der Volleyballer mithalten, ebenso mit den Fußballern. Wenn alle so einen Ehrgeiz an den Tag legen würden, dann wären wir nicht nur knapp die Sieger neben der Toho-Schule, sondern ihnen weit überlegen. Genau das werden wir zur Weihnachtsveranstaltung sehen. Sie trainiert derzeit speziell für dieses Turnier und möchte dann endlich mitspielen. Das ist ihr Ziel, es bis dahin schaffen technisch mitzuhalten.“
„Das glaube ich nicht, nicht in der kurzen Zeit.“ Ryoga grinste nur und wollte das Pult verlassen.
„Mir ist völlig egal ob Sie mir glauben oder nicht. Ich weiß es. Glauben Sie im Ernst, ein Mädchen, dass so eine Show wie heute abliefert, lässt sich irgendwie von ihrem Weg abbringen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat? Unterschätzen Sie sie niemals! Was dabei rauskommt, haben heute alle gesehen. Bettina Fuchs ist eine ausgezeichnete Strategin. Obwohl sie die Regeln noch nicht alle komplett verinnerlicht hat konnte sie bereits nur Theoretisch mit Tipps zu den letzten Spielen betragen. Sie mag bisher auf der Bank sitzen, aber bei der Auswertung hinterher lernt sie wahnsinnig schnell dazu. Sogar Frau Kawasaki hat es erkannt und sie deswegen ins Team aufgenommen. Das muss wohl was heißen. Sie arbeitet nur mit Profis. Sie hat mittlerweile ihr Talent und ihre Stärke erkannt.“
„Strategin? Das mag sein. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie mit meinen Jungs mithalten könnte. Sie erzählen nur von ihrer Ausdauer, aber gesehen habe ich davon noch gar nichts.“
„Ist mir egal.“, äußerte Schmitt selbstsicher, grinste vor sich hin und ging wieder auf seinen Platz. Der Rugbytrainer stand auf und forderte ihn plötzlich heraus. „Sie nehmen den Mund ganz schön voll! Beweisen Sie es mir! Beweisen Sie es, dass dieses kleine Mädchen mit der Ausdauer meiner Nationalsieger mithalten kann!“ Schmitt ist verdutzt und wütend zugleich. Warum provoziert er ihn auf einmal so sehr? Sie hatten doch nie Probleme miteinander.
„Was soll das? Wie soll das denn gehen? Die Sportarten sind völlig verschieden.“
„Ganz einfach, sie läuft mit meinen Schnellsten Männern um die Wette. Was ist dabei? Lassen Sie es wie ein Sondertraining aussehen.“
„Um was wetten wir dann? Akzeptieren Sie dann, dass sie zu uns passt?“
„Ja, dann kann ich es akzeptieren. Wann wollen wir? In einer Woche?“
Ryoga ging zu ihm.
„Nein, morgen früh noch vor der Schule. Da sind alle fit und wach. Sagen wir Sieben Uhr auf Ihrem Sportplatz!“ Er reichte ihm die Hand und grinste. Beide sahen sich herausfordernd an.
„Wow, so früh schon auf den Beinen? Aber das passt.“
„Abgemacht. Ich rede mit ihr. Es wird einen Wettkampf geben und Sie werden sehen, sie steckt sogar Ihre erfahrenen Männer in die Tasche!“
Sie gaben sich die Hände.
„Wir werden sehen.“ Dann setzten sich beide wieder auf ihre Plätze.
„Was war das denn eben? Ein Hahnenkampf? Was hast du plötzlich für Probleme mit Schmitt? Und dann dieser unangemessene Kommentar, er wolle jemanden zum Reden haben. Was sollte das denn?“, sprach der Fußballtrainer von Juns Team ihn an.
„Ich kann diesen Namen schon gar nicht mehr hören, Fuchs hier, Bettina da. Nervig. Seitdem die Kleine da ist gibt es kaum ein anderes Thema mehr im Team. Du hättest sie mal vorhin alle erleben sollen. Statt sich aufs Training zu konzentrieren ging es nur um diesen Vorfall in der Kantine. Irgendetwas muss da vorgefallen sein, dass sie plötzlich der Meinung sind, dass sie Männer wie sie mag. Sei bloß froh, dass deine Jungs da fein raus sind. Jeder weiß, dass sie Fußballer nicht leiden kann und die Jungs wissen es wohl auch.“
„Du hättest Schmitt nicht provozieren sollen.“, meinte dieser.
„Er hat mir den Mund echt zu voll genommen. Oder glaubst du im Ernst, die Kleine könnte mit deinen Jungs mithalten? Wie anmaßend.“
„Das kann sie. Ich hätte ihn niemals herausgefordert. Als das Schuljahr begannt, rann sie jeden Tag um unseren Sportplatz, jeden Morgen gegen Sechs Uhr für gut eine Stunde. Nach der Schule lief sie dann im Park. Sie hat echt ein Tempo drauf, da kann sie gut mit meinen Jungs mithalten, vor allem, wenn sie das Tempo gut drei Stunden durchhält. Irgendwann ging sie dann zu den Baseballern rüber. Deswegen wusste Schmitt, dass sie eine große Ausdauer hat. Der Baseballtrainer und ich haben ihm davon berichtet, als es hieß, dass sie in sein Team kommen will. Er hatte davon gehört und sprach uns an. Sie soll laut ihrer Angaben und der Akte eine Läuferin und Schwimmerin gewesen sein. Deswegen wohl auch diese kräftigen Arme und ihre Beinmuskulatur. Als Schwimmerin kann es durchaus sein, dass sie Kraft besitzt. An Durchhaltevermögen kann es also auch nicht mangeln.“
„Oh, tatsächlich? Ist sie so gut?“
„Auf jeden Fall. Wenn du willst, dass deine Jungs nicht vor ihr einknicken, dann solltest du dir etwas einfallen lassen, was sie eventuell nicht kann. Ich habe sie nie beim Sprinten gesehen oder etwas wie Hindernisse überwinden. Vielleicht kriegst du sie damit? Mit einem normalen Lauf könnte es knapp werden. Ich kenne deine Jungs, die sind super, aber mit meinen können sie mithalten. Also kann es knapp werden. Und wenn du sagst, dass die sie auch noch mögen, also als Mädchen, dann sind sie sicher Kavalier und lassen sie womöglich noch gewinnen.“
„Hm, da hast du vermutlich Recht. Meinst du, sie würden sich ihr gegenüber zurücknehmen? Dann hätte sie besonders leichtes Spiel.“
„Jup. Eine ähnliche Situation war das auch in der Kantine. Ich kann dir sagen was da vorgefallen ist. Ich habe das Schauspiel mit ansehen dürfen. Sie hat es mit ihrer Art geschafft, dass die Oberschüler, also die Freunde der Mädchen, keinen Ton mehr sagten und einfach taten was sie verlangte. Und die waren alle drei größer als sie. Einer von ihnen bedankte sich sogar noch bei ihr. Und der Junge, der erwähnt wurde, der sich die Schüssel nehmen durfte, das war einer von deinen großen Jungs in der Front.“
„Ach echt?“
„Als sie ihn nach seinem Sport fragte, machte sie ihm ein Kompliment. Es klang sehr ehrlich.“
„Und welches?“
„Sie nannte ihn einen Mann mit Muskeln und Verstand. Du solltest also nicht so schlecht über sie reden. Sie scheint deinen Sport zu mögen. Vielleicht mag sie ja wirklich solche Typen. Du weißt wie schwer es einige von deinen Herren haben eine Freundin zu finden. Die meisten Mädels schwärmen hier an der Schule doch eher für meine Jungs und die Baseballer und die großen schlanken Basketballer.“ Er staunte nicht schlecht und sah dann zu Ryoga rüber.
„Wow, das hat sie gesagt? Kein Wunder, dass die dann alle so aus dem Häuschen waren. Das ist wirklich interessant.“
‚Schmitt, du musst sehr von ihr überzeugt sein, dass du meiner Wette zugestimmt hast. Ich hätte eher gedacht du lehnst ab. Du warst doch sonst nicht so für solche Duelle oder Auseinandersetzungen? Aber überhaupt. In den letzten Wochen bist du allgemein anders drauf. Wenn wir Mannschafts-Trainer mal etwas gemeinsam bereden kannst du neuerdings Scherze machen. Seit dem Unfall und dem Tod deiner Frau warst du eher abweisend und distanziert.‘
Wenn Trainer wie Kinder sind
Kapitel 129
Wenn Trainer wie Kinder sind
„Kann ich wieder um Ihre Aufmerksamkeit bitten? Wir kommen vom Thema ab. Die Probleme, die unser Schülersprecher angesprochen hat sind uns allen wichtig.
Unsere Schule hat einen guten Ruf und das soll auch so bleiben. Wenn ich anmerken darf, zu unserer Versammlung habe ich auch unseren Buchhalter mit eingeladen. Die Ideen vom Schülersprecher finde ich ebenso sehr gut.
Was also sagen unsere Finanzen? Könnten wir uns zwei weitere Sozialstellen leisten? Welche Möglichkeiten haben wir?“ Der Buchhalter trat hervor.
„Guten Tag, es gibt da ein Problem mit dem Personalschlüssel. Wären wir eine Privatschule, wäre das kein Problem. Finanziell ist es auch kein Problem, das stimmt. Jedoch sieht die staatliche Verordnung vor nur einen Psychologen pro Schule. Es gäbe jedoch andere Möglichkeiten.
Unsere ärztliche Versorgung dürften wir aufstocken mit einem zweiten Arzt bzw. einer Ärztin und zusätzlich Studenten oder Assistenten und statt eines richtigen Psychologen gibt es Sozialpädagogen oder Jugendhelfer. Die Anzahl derer ist unbegrenzt solange wir es uns leisten können. Bei einer Schule mit über 500 Schülern, wie unserer, kriegen wir das gut durchgesetzt. Vor allem, wenn wir anmerken, dass wir sie brauchen. Ich würde da mit unserem Schulanwalt ein entsprechendes Schreiben aufsetzen.
Einen weiteren Lehrkörper als Ansprechpartnerin zu ernennen, ist auch kein Problem, da dies ehrenamtliche Arbeit ist. Es muss sich nur jemand finden.
Was den Schülerrat betrifft, da gäbe es die Möglichkeit komplett den Rat zu überarbeiten. Bei der Schüleranzahl haben andere Schulen teilweise auch zwei Räte, einen für Jungs und einen für Mädchen. Es ist finanziell ebenso machbar, da sie ehrenamtlich diesen Posten beziehen. Wir müssten nur komplett eine Neuwahl machen. Für die Jungs wie auch für die Mädchen, da aktuell die Klassensprecher gemischt sind. Also je Klasse zwei Schülervertreter, ein Junge und ein Mädchen.“
„Was sagen Sie dazu? Das Lehrerkollektiv muss dem zustimmen. Sollen wir weitere Leute ins Team holen oder möchte sogar jemand von Ihnen noch ein weiterer Vertrauenslehrer sein, bzw. eine Lehrerin?“
Es war ruhig und dann stand eine Lehrerin auf.
„Ich würde mich als Vertrauenslehrerin anbieten. Ich habe vor dem Lehramt zehn Jahre als Sozialpädagogin in der Jugendfürsorge gearbeitet und kenne die Probleme von Heranwachsenden. Bisher sind auch schon viele Mädchen zu mir gekommen, weil sie sich mir anvertrauten. Der Kontakt ist also bereits da. Als offizielle Ansprechpartnerin kann ich meine Arbeitszeiten besser einteilen, wenn ich die Probleme nicht zwischen Tür und Angel klären muss. Ich würde mich zur Wahl stellen.“ Eine weitere Lehrerin meldete sich.
„Ich würde mich ebenso zur Wahl stellen oder unterstützen. Jeder kann mal krank sein und die Kids brauchen jeden Tag einen Ansprechpartner. Ich glaube auch, dass es jetzt nach dem Vorfall in der Kantine einen Ansturm geben wird. Vor allem, wenn die Mädchen wissen, dass sie Ansprechpartnerinnen haben. Vor meiner Lehrerlaufbahn war ich als Betreuerin für sozialschwache Familien zuständig. Mir sind viele Probleme bekannt und kann durch meine alten Beziehungen auch gut an Fachleute weitervermitteln. Auch mir haben sich schon viele Schüler anvertraut.“
„Das ist super. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Am besten kommen Sie beide nachher gleich zu mir ins Büro.“ Der Schülersprecher meldete sich erneut.
„Darf ich noch etwas anmerken? Ich würde einen Briefkasten aufstellen. Einen Kummerkasten, das kennst man in anderen Schulen auch schon. Dort können die Schüler entweder Sorgen loswerden oder einfach mal Vorschläge zur Verbesserung des Schulalltags machen. Alles ist ja auch nicht immer für mich bestimmt, sondern nur an die Leitung zum Beispiel gerichtet. Man könnte festlegen, dass die Briefe mit einem Umschlag sein müssen oder einem zusammengefalteten Brief, auf dem der Empfänger steht.“
Weitere Vorschläge wurden gemacht und die Lehrerschaft und Trainer stimmten ab, dass es unter Anderem neues Personal geben sollte.
Als die Besprechung beendet wurde kam der Rugbytrainer auf Schmitt zu.
„Können wir kurz unter vier Augen reden?“ Er willigte natürlich aus Höflichkeit ein und sie gingen in einen kleineren Raum und schlossen die Tür hinter sich.
„Was gibt’s? Wollen wir bereden wie wir uns das alles nun vorstellen?“, entgegnete Ryoga.
„Vielleicht. Ich wollte mich erst einmal bei Ihnen versuchen zu entschuldigen. Mein dummer Kommentar vorhin war völlig unangebracht und auch gar nicht so gemeint. Ich war nur so aufgebracht, weil ich schon wieder nur den Namen von diesem Mädchen gehört habe und da platzte das so unbedacht heraus. Es tut mir leid.“
„Was ist nur im Moment mit Ihnen los? Sie sind doch sonst nicht so streitsüchtig? Was meinen Sie damit, Sie können den Namen schon nicht mehr hören?“
„Naja, privat läuft es aktuell nicht so gut und dann ging dieses Schuljahr los und meine Jungs kennen plötzlich kein anderes Thema mehr als die neue Schülerin. Zuerst dachte ich es beruhigt sich langsam, aber nach der Sache heute ging es wieder los. Kaum einer konzentrierte sich auf das Training. Das nervt gewaltig.“ Ryoga schmunzelte.
„Ihre Jungs, echt? Glauben Sie mal nicht, dass das bei den anderen Teams besser läuft. Die Jungs reden alle an der Schule. Sie ist halt anders als die anderen, geheimnisvoll kommt sie ihnen sicher rüber und hübsch ist sie auch. Was verlangen Sie von dieser Altersgruppe? Sie wissen doch genau wie Jungs in dieser Zeit ticken. Das ist bei meinen Mädels anfangs nicht anders gewesen. Da ging alles immer nur um Herrn Misugi und sein Team, dann nach den Ferien die Weltmeister. Misugi hier und dort…das war schlimm. Dann brummte ich den Mädels so viel Training auf, dass sie gar keine Zeit mehr hatten darüber zu reden. Das sollen sie außerhalb der Trainingszeit machen. Da können sie reden soviel sie wollen. Und kaum fiel der Name oder es wurde getuschelt und es ging nicht ums Training, mussten sie Liegestützen machen. Das mögen die ja gar nicht. Machen Sie also nur eine klare Ansage und schon haben Sie das Problem aus der Welt geschafft.“
„Guter Tipp. Habe ich zwar schon versucht, aber vermutlich nicht streng genug. Nun gut.
Glauben Sie wirklich die Kleine ist so gut, dass sie mit meinen Jungs mithalten kann?“ Tinas Trainer grinste.
„Oh, kriegen Sie Muffensausen? Der Fußballtrainer hat wohl geredet?“
„Kann man so sagen. Sie läuft bereits vor dem Unterricht ne Stunde?“
„Eher neunzig Minuten, jetzt hat sie ja durch die Hallennutzung die Möglichkeit zu duschen. Ja, das kann sie. Glauben Sie mir. Wollen Sie die Herausforderung zurücknehmen?“
„Das geht jetzt nicht mehr. Die Anderen zerreißen sich bereits das Maul. Ich glaube die schließen schon Wetten ab. Die stellen sich vermutlich für morgen alle den Wecker eher, damit sie schon zeitig auf dem Schulgelände sind.“, lachte er plötzlich spaßig. Ryoga lachte mit.
„Das kann ich mir so richtig vorstellen. Was ist denn überhaupt privat bei Ihnen los? So angriffslustig kenne ich Sie gar nicht.“ Er schwieg etwas.
„Mein Sohn, er…er kommt neuerdings erst so spät nach Hause, manchmal erst am nächsten Tag. Er verhält sich seit Monaten seltsam und verheimlicht etwas. Er will mir jedoch nicht sagen was los ist.“
„Oh. Wie alt ist der denn?“
„Achtzehn. Ich hatte schon den Verdacht, es steckt eventuell ein Mädchen dahinter, aber irgendwie scheint dies nicht der Fall zu sein. Er behauptet das jedenfalls.“
„Ich verstehe. Naja, du kannst dann erstmal nur hoffen, dass es nichts Schlimmes ist. Hast du denn den Eindruck es macht ihn unglücklich?“
„Nein, das nicht. Im Gegenteil. Ich habe eher den Eindruck es macht ihn glücklich, zumindest solange ich nicht nachfrage.“
„Das ist doch dann okay. Dann ist es entweder doch ein Mädchen oder vielleicht eine Volljährige. Vielleicht will er ihr nur keine Probleme bereiten. Oder es ist etwas anderes. Aber wenn es ihn glücklich macht, dann ist es doch okay. Mach dir keinen Kopf deswegen. Er wird es sicher irgendwann erzählen.“
„Du hast Recht.“ Ryoga pausierte plötzlich.
„Oh, jetzt muss ich um Entschuldigung bitten. Ich habe Sie einfach geduzt.“, fasste er sich an den Kopf und lachte.
„Alles gut. Dann bleiben wir doch gleich dabei.
Ichiro, dann ab heute für dich Ichiro.“
„Ryoga. Oder wenn du es in Deutsch haben willst, Konrath. Das ist mein deutscher Name.“
„Oh, klingt wirklich mal anders.“. Beide gaben sich die Hand.
„Willst du sie denn mal kennenlernen? So ganz persönlich? Dann weißt du wenigstens was dich morgen erwartet.“, grinste er freundlich.
„Eine gute Idee. Ich hatte ja noch nie Zeit dazu oder die Gelegenheit. Und was sagen wir, warum ich dich begleite?“
„Ganz einfach, du bedankst dich für das Kompliment an deinen Schützling und bietest ihr an dir zu beweisen, dass sie so fit ist wie ich sie beschrieben habe. Ich habe so viel vor dir geschwärmt, dass du es gerne sehen würdest. Vielleicht geht sie von alleine darauf ein. Wenn ich sie bisher richtig eingeschätzt habe, steht sie auf Herausforderungen.“
Einige Minuten später fanden sich die Trainer in der kleinen Halle im Hallenkomplex ein und betraten den Trainingsbereich von Schmitts Team. Sie standen eine Weile abseits, sodass es nicht gleich jeder bemerkte, dass sie da waren. Doch Tina bemerkte es sofort. Ihre Annahmeübungen an der Wand mit Yoko waren zwar sehr intensiv, aber im Blickwinkel konnte sie Gestalten wahrnehmen.
„Wer ist das?“, fragte sie Yoko. Diese blickte nur kurz und gab ihr dann zu verstehen, dass es der Rugbytrainer sei.
„Was will der hier?“
„Woher soll ich das wissen? Vielleicht wegen deiner Aktion heute in der Kantine? Immerhin war der Große, dem du die Schüssel gegeben hast einer von seinen Jungs.“
„Stimmt. Meinst du echt, er ist deswegen hier?“
„Naja, du hast bei den Herren genug Aufruhe ausgelöst. Schon zu Beginn des Schuljahres fanden die dich toll. Die Jungs sind okay. Mach dir also darüber keine Gedanken.“
„Echt? Die mögen mich? Ich kenne doch niemanden von ihnen.“, wunderte sie sich.
„Hi hi, was nicht ist, kann ja noch werden. Wer weiß…vielleicht trauen sie sich jetzt dich anzusprechen?“
Inzwischen bemerkten die anderen ebenso die Anwesenheit des Besuchers und unterbrachen ihre Aktivitäten.
Schmitt gab Tina ein Zeichen zu ihnen zu kommen. Natürlich folgte sie seiner Aufforderung, behielt den Ball in der Hand und lief auf die beiden zu. Sie blieb direkt vor ihm stehen und sah dann zu dem anderen Trainer auf. Dieser war zwar Japaner, aber gut 1,90m groß und recht stämmig.
„Trainer? Was gibt es?“, sprach sie in Englisch und wendete sich ihrem Trainer zu.
„Darf ich dir einen Trainerkollegen vorstellen? Das ist der Trainer von unserem Rugbyteam, das Team, welches wie wir letztes Jahr den Nationalcup gewonnen haben.“ Tina blieb natürlich cool und lächelte ihn freundlich an.
„Guten Tag. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.“
„Das ist Bettina Fuchs, sie kommt aus Deutschland und verstärkt in Zukunft unser Team. Nachdem ich sie habe auf verschiedenen Positionen spielen lassen habe, hat sie sich von sich aus für den Angriff entschieden. Ich hätte sie tatsächlich als Bloggerin oder Libero haben wollen, aber nein. Sie möchte Angreiferin werden.“
„Oh, das ist aber auch mutig. Die Sportart ist neu für Sie und Sie wollen gleich zum Angriff gehen?“ Sie lächelte ihn selbstsicher an.
„Ja, genau. Sie wissen doch: „Angriff ist die beste Verteidigung.“. Das kennen Sie sicher in Ihrem Sport auch. Was nützt die beste Verteidigung, wenn vorne keiner Punkte macht?“
„Da haben Sie vollkommen Recht. Sie verstehen etwas von Mannschaftssport obwohl Sie aus der Rubrik Einzeldisziplin kommen? Ich habe gehört Sie waren Läuferin und Schwimmerin.“
„Diese Logik spiegelt sich doch auch im normalen Leben wider, nicht nur im Sport. Aber ja, Schwimmen und Laufen. Ich habe letzte Woche sogar meinen Rettungsschwimmer gemacht. Jetzt kann ich mir nebenbei etwas Taschengeld verdienen.“, fing sie an ihr Schwimmen in den Fokus zu lenken.
„Wow, echt? Super. Jemanden im Team zu haben mit Erste-Hilfe-Kenntnissen kann auch nie schaden.“ Plötzlich sah Tina zu ihrem Trainer.
„Ach ja, da komme ich gleich dazu es anzusprechen, Trainer. Ich hatte es ohnehin vor. Ich wollte fragen ob ich die Mädels nebenbei in Erste-Hilfe etwas fit machen darf? Wenn mal doch was ist, dann kann man sofort helfen und muss nicht erst auf ein Rettungsteam warten. Privat braucht man es vielleicht auch mal.“
„Meinen Sie wirklich, dass das nötig ist? In der Regel sind bei einem Spiel doch einige Sanitäter und ein Notarzt da.“, meinte der Rugbytrainer.
„Na ich weiß nicht. Also wenn neben mir eine Spielerin plötzlich umfällt, dann bin ich doch viel schneller da als ein Sanitäter. Ich kann ja erstmal anfangen bis der da ist. Haben Sie nie davon gehört, dass auch in den Sportarten wie Ihren, einfach wer auf dem Feld zusammenbricht? Top Fit der Mann und dann einfach Herzinfarkt. Gab es alles schon. In Europa habe ich davon in den Zeitungen gelesen. Und hier in Japan, wir sind doch ständig in Hallen und Gebäuden. Was ist, wenn es ein Erdbeben gibt und wir niemanden haben, der uns helfen kann? Selbsthilfe ist die einzige Option, oder nicht?“ Die beiden Männer sahen sie verdutzt an und stimmten ihr zu.
„Da hast du Recht, Tina. Nun gut. Wir hatten das Thema ja schonmal kurz angesprochen. Du sagtest, du hast es mit Misugi besprochen, weil er selbst einmal in der Situation gewesen ist und das Spiel einfach weiterlief. Das hätte auch böse enden können.“
„Genau. Das ist doch unverantwortlich, dass der Schiri für eine Unterbrechung nicht abgepfiffen hat. Immerhin waren es noch Kinder.“
„Da ist was Wahres dran. Von solchen Fällen habe ich wirklich schon gelesen. Hätte der Spieler neben den Betroffenen gleich reagieren können, hätte eventuell der Betroffene noch leben können. Die Wege auf dem großen Feld sind weit. Bis der Arzt da ist kann es zu spät sein. Und das Argument mit dem Erdbeben ist auch nicht ganz ohne.“ Das Mädchen vor ihm lächelte ihn an.
„Vielleicht ist das auch was für Ihr Team? Man weiß nie wann man es braucht? Und wenn es später im Beruf ist.“
„Im Beruf? Da haben sie Recht. Sie denken aber gleich weit voraus. Wissen Sie denn überhaupt schon was Sie mal machen wollen?“ Nachdenklich sah sie ihn an.
„Ich wusste es mal. Aber hier muss ich sehen wie weit ich komme. Vielleicht ändert sich mein Berufswunsch, vielleicht auch nicht. Das kann ich erst sagen, wenn der richtige Zeitpunkt da ist. Jetzt muss ich mich auf Volleyball konzentrieren und dass ich die Schule irgendwie packe. Danach sehe ich weiter. Viel Zeit habe ich ja nicht mehr.“
„Immerhin haben Sie Ziele. Das ist doch gut. Glauben Sie, Sie kommen weit in diesem Sport?“
„Komische Frage. Das weiß ich doch jetzt noch nicht. Ich versuche erstmal so gut zu werden wie meine Mädels hier um mich herum. Dann sehe ich, ob es weiter geht.“
„Können Sie denn schon mit ihnen mithalten? Also technisch, meine ich. Frau Kawasaki schlägt ja sehr harte Bälle, sie steht in ihrer Altersklasse ganz oben auf dem Posten. Nicht mal die Frauen in der oberen Liga kommen alle an sie heran. Da gibt es nur wenige Ausnahmen. Sind Sie schon in der Lage ihre Bälle zu erkennen?“, erkundigte sich der Trainer.
„Erkennen? Was meinen Sie damit?“
„Sie werden sie doch sicher noch nicht annehmen können. Harte Bälle annehmen ist immerhin eine große Überwindung.“ Tina grinste selbstsicher.
„Wenn Sie meinen? Ich habe keine Angst vor Bällen, wenn es darum geht.“
„Zeig es ihm ruhig. Wir haben es gut geübt. Er zweifelt etwas an deinen Fähigkeiten, weißt du? Weil du so neu in einer so komplexen Sportart bist.“, erklärte Ryoga ehrlich.
„Sagen wir so, ich würde mich gerne davon überzeugen, dass Sie bereits ins Erste Team passen.“, versuchte er es netter auszudrücken. Tina legte den Ball an die Hüfte und mit der anderen Hand fasste sie sich ebenso an die Hüfte. Dann sah sie die beiden ernst an.
„Daher der Besuch. Sie wollen nur wissen ob ich mithalten kann. Nicht, dass ich den Mädchen eher im Wege bin. Sagen Sie es doch gleich. Dann hätten wir Zeit sparen können.“ Sie drehte sich um und gab Yako sowie Yoko ein Zeichen.
„Ihr dürft mich mal eine Runde durch die Gegend scheuchen.“, rief sie ihnen zu und lief dann aufs Feld. Die Mädchen sprachen miteinander und Yoko holte ein paar Ballkörbe und Yako und Tina positionierten sich.
Ryoga grinste und sprach seinen Nachbarn an.
„Nun kannst du dich persönlich überzeugen. Du hast ihren Ehrgeiz angestachelt, das hat doch gut geklappt.“
„Ihren Ehrgeiz? So so. Naja, auf den Mund gefallen ist die Kleine jedenfalls nicht.“
„Natürlich nicht, oder hätte sie sich sonst mit den anderen angelegt?“
„Das stimmt. Dazu gehörte echt viel Mut. Schade, dass ich nicht dabei war. Ich hätte diese Ziegen zu gerne heulend rausrennen sehen.“, grinste er.
„Ich auch. Zu dumm, dass ich noch unterwegs war.“ Die Mädchen fingen an Annahmen zu üben und Yoko nahm sich einen Ball nach dem Anderen, spielte ihn Yako zu und diese schmetterte sie übers Netz ins Feld, indem Tina ganz alleine mittig stand und einen nach dem anderen annahm. Sie hechtete von einer Seite zur anderen und lief auch rückwährts und schmiss sich dabei teilweise auf den Boden wie es die Männer in der Regel taten. Trotzdem stand sie sofort auf und lief dem nächsten Ball nach. Nach etwa zwanzig Bällen war der erste Korb leer und es wurde der zweite angefangen. Tina stellte sich vorne ans Netz und nun wurde gezielt so gespielt, dass sie den Block nutzen musste. Völlig verdattert sah der Rugbytrainer wie sicher und furchtlos sie die harten Bälle von Yako blocken konnte und wie erstaunlich hoch sie sprang. Oft sogar aus dem Stand heraus. Wieder waren die nächsten zwanzig Bälle dran. Diesmal gab Tina eine andere Ansage.
„Mädels, diesmal so wie wir es vorhin zu Beginn geübt haben.“ Sie wurden diesmal hoch geschmettert als würden sie bis ans Ende des Feldes aufprallen wollen. Diesmal sprach Tina ihnen mit voller Wucht entgegen und schmetterte sie zurück ins Gegnerische Feld. Sie landeten ohne Orientierung auf der anderen Seite des Feldes, manchmal auch im Netz. In der Zwischenzeit wurden die anderen Bälle von den Mitspielerinnen eingesammelt und die Körbe befüllt wieder zu Yoko gestellt.
„Wow, die legt ja ein Tempo vor. Ich habe deinen Mädchen schon einige Male zugesehen, aber sowas kenne ich gar nicht. Mal sehen wie lange sie dieses Tempo durchhält. Hochspringen kann sie tatsächlich.“
„Das kann noch dauern. Habe ich dir doch gesagt. Glaubst du immer noch, dass sie ins Anfängerteam gehört? Sie muss technisch noch viel lernen. Einige Feinheiten wie die richtigen Annahmen, Treffsicherheit und die neuen Regeln üben wir aktuell ein. Bis Weihnachten will sie sogar einen eigenen Ball entwickelt haben.“
„Echt? Einen eigenen Ball? Sie ist doch erst einen Monat bei euch. Ist das nicht üblich zuerst die Standards zu lernen?“ „Muss man nicht, wichtig ist doch nur, dass die Punkte kommen. Solange sie lernt die anderen Bälle anzunehmen oder abzuspielen ist doch egal was sie zum Angriff nutzt. Mit Standards rechnen die Gegner doch, vor allem, weil sie neu im Sport ist.“
„Hm, so kann man das auch sehen. Kann sie einen eigenen Ball, dann ist das sicher eine große Chance gegen Toho. Sowas Spezielles entwickeln in der Regel die Profis, oder?
Wir haben da weniger die Möglichkeiten. Wir müssen mehr Wert auf Technik, Kraft, Schnelligkeit und Strategie setzen.“
„Ja, das stimmt. Yakos Bälle sind zum Beispiel wahnsinnig schnell und hart, aber sie sind nicht speziell. Bettina versucht einen Ball zu schlagen, der eine bestimmte Drehung hat. Ich weiß zwar nicht was es bringen soll, aber in der Regel sind spezielle Drehungen dafür verantwortlich, dass sich ein Ball in bestimmte Richtungen bewegt. Ihr kennt das ja auch. Mit eurem speziellen Ball muss man völlig anders spielen als die Fußballer zum Beispiel, wo der Ball einfach rund ist.“
„Das kannst du laut sagen.“ Er beobachtete, wie die anderen Mädchen die fliegenden Bälle einsammelten und wieder in die Körbe taten.
„Wie ein eingespieltes Team, deine Mädchen. Erstaunlich, dass die anderen ihr die Bälle hinterhertragen.“
„Das war eine Idee von ihr, ein zusätzliches Bewegungstraining für die anderen, um ihre Ausdauer zu fördern. So kann die übende Person einfach solange spielen wie sie durchhält und das Hin- und Herlaufen mit Stopp und Go und bücken fördert ihre Reaktionsfähigkeiten. Die Anordnung kam von Kawasaki, aber in Wirklichkeit steckt Fuchs dahinter. Ich finde die Idee gut, es stärkt gleichzeitig das Teamplay. Ist eine andere Spielerin dran, dann müssen sie eben laufen.“
Etwa eine halbe Stunde später nachdem diese Übungen wiederholt wurden legte Tina eine Pause ein. Die Mädchen, die die Bälle einsammeln mussten stöhnten vor sich hin und setzten sich auf den Boden. Yako fauchte, dass sie keine Pause gemacht hatte und Tina grinste nur und lief voll motiviert zu den beiden Männern. Sie blieb freudestrahlend mit dem Ball in der Hand vor dem fremden Trainer stehen und sah zu ihm auf.
„Reicht das aus als Beweis? Kann ich jetzt wieder weitertrainieren?“ Sie wurde total verblüfft angesehen. Dem Mann fehlen plötzlich die Worte.
‚Hä? Ist sie noch nicht am Ende? Die anderen liegen am Boden und sie hat sich aufgewärmt, oder wie? Ryoga hatte Recht. Die anderen sind fertig und sie kann ganz normal mit uns reden, ohne groß nach Luft zu schnappen. Und was um alles in der Welt hat dieses Mädchen denn für einen seltsamen Blick drauf? Sie wirkt plötzlich wie ein kleines Kind, welches einfach nur spielen will. Vorhin wirkte sie noch wie die anderen in ihrem Alter. Beim Spielen eben sah sie wiederum sehr ernst und konzentriert aus. Aber von der Seite konnte man kaum etwas sehen.‘
„Erzähle ihm von deinem Ball.“, brachte sich Schmitt plötzlich ein. Tina sah ihn daraufhin streng an.
„Wieso? Das geht niemanden was an! Das soll doch eine Überraschung werden.“, murrte sie plötzlich. Das seltsame Verhalten machte sie stutzig.
„Keine Sorge, er behält das für sich. Magst du ihn uns zeigen? Also das was du heute Früh entdeckt hast? Du hast ihn mir vorhin nur kurz gezeigt.“
„Nein! Dann ist es kein Geheimnis mehr. Ich möchte nicht, dass andere davon wissen. Das gehört nur in unsere Reihen!“, machte sie deutlich klar und setzte einen sehr strengen Blick auf. Nicht einmal Ryoga hat jemals so einen Blick von ihr gesehen.
‚Tina, was ist das denn für ein Blick? Ist dir der Ball so wichtig?‘
„Schade, aber was halten Sie von einem kleinen Wettkampf? Ich habe gehört, Sie mögen Herausforderungen und sind bereits früh auf den Beinen und trainieren schon vor der Schule. Aber alleine ist es doch sicher langweilig. Einige meiner Jungs sind auch früh auf und vielleicht könnte man ein paar Laufübungen gemeinsam machen. Sprinten oder Hindernislauf um die Hütchen. Was halten Sie davon? Sie können doch sicher Abwechslung gebrauchen.“
„Ich verstehe jetzt nicht ganz. Wieso soll ich mit Ihren Jungs um die Wette laufen? Außerdem müssen Sie nicht mich, sondern Frau Kawasaki fragen. Sie ist unsere Kapitänin.“
‚Das ergibt doch gar keinen Sinn. Was soll das bringen? Wir können uns doch gar nicht miteinander vergleichen. Da stimmt doch irgendwas nicht.‘ Ryoga rief Yako zu sich.
„Was halten Sie davon? Könnte Tina oder das Team das mal machen? Sie und seine Jungs um die Wette laufen, quasi als Trainingseinheit?“
„Ich sehe da keinen Sinn dahinter, also echt. Nichts gegen Ihre Jungs, das sind alles feine Kerle. Hier in der Halle oder draußen auf dem Rasen? Wir sind viel zu verschieden und haben jeweils nicht mal die passenden Schuhe. Um die Wette laufen, und Hindernislauf brauchen wir ohnehin nicht. Das ist bei uns etwas anders geregelt.“
„Ach nun sein Sie doch nicht so stur. Die Abwechslung kann dem Team guttun. Laufen kann man doch mit normalen Turnschuhen auf dem Granulat der Rennbahnen.“, meinte Ryoga und versuchte sich herauszureden.
„Nichts da. Und dann so früh am Morgen. Wann soll das bitte sein?“
„Morgen früh sieben Uhr, dachten wir so. Nur das eine Mal.“, sagte Ryoga.
„Nö, ist mir zu früh. Sag mal Tina, haben wir dir diesen Quatsch zu verdanken?“, fauchte Yako sie an.“ Tina sah sie verdutzt an und reagierte natürlich darauf.
„Wer ich? Wieso? Ich habe damit nichts zu tun.“, verteidigte sie sich.
„Diese Idee klingt nach dir. Vielleicht willst du uns ja alle vorführen, damit wir endlich begreifen, dass du mit solchen Jungs mithalten kannst und wir nicht?“, warf sie ihr vor. Ihr Puls stieg etwas an und sie sah Yako ernst an.
„So eine Unterstellung. Du spinnst doch. Also wenn ich vorhätte dein Team vorzuführen, dann hätte ich das wohl anders gekonnt. So gut müsstest du mich mittlerweile kennen.“ Yako sah sie nachdenklich an und sie erinnerte sich an ihre Aussprache im Ärztezimmer der Toho-Schule. In ihren Erinnerungen erschienen die kleinen runden Brandnarben welche sie beim Arzt gesehen hatte und ihr wurde bewusst, dass es nicht hätte sein dürfen. Letztendlich haben die Mädchen auf ihrer Anweisung hin so derart übertrieben. Sie sollten doch lediglich dafür sorgen, dass sie nicht mehr so stolz und übermütig durch die Schule läuft und die Jungs nicht nur noch von ihr sprechen. Tina hätte sie in dem Moment oder auch vorher schon als Team bzw. sie verraten können.
„Du hast Recht. Tut mir leid. Jedenfalls brauchen wir das nicht. Wir haben genug anderes zu tun.“
„Genau, sehe ich auch so. Ich habe da keine Lust zu. Gut, dass wir einer Meinung sind.“, lächelte Tina sie an. Yako ging wieder zu den anderen und machte sich wieder an ihr übliches Training.
„Kannst du nicht eine Ausnahme machen? Wir stehen sonst doof dar.“, sprach Ryoga sie plötzlich leise auf Deutsch an. Sie war verwundert und blickte dann zu dem anderen Trainer auf.
„Was soll das heißen? Hier stimmt doch was nicht. Wieso muss ich das machen? Das stinkt doch zum Himmel.“, meinte sie zu beiden in Englisch. Der große Trainer fasste sich dann an den Hinterkopf und lächelte zurückhaltend.
„Ähm, naja, wir alten Herren haben da einen Fehler gemacht. Geben Sie Ihrem Trainer keine Schuld. Das ist auf meinen Mist gewachsen. Er hat sich von mir hinreißen lassen und nun haben wir diese dumme Wette am Hals.“
„Wie jetzt? Geht’s hier etwa nur um einen Hahnenkampf oder was? Was habe ich damit zu tun, wenn Sie Männer sich irgendwas beweisen müssen? Wieso muss ich das ausbaden? Um die Wette laufen mit Rugbyspielern, was soll das?“
„Es tut mir leid. Wie er sagte, ich habe mich hinreißen lassen. Ich habe so von deiner Fitness geprahlt, dass er mich herausgefordert hat und behauptete, du könntest niemals gegen seine Jungs ankommen. Ich war so wütend darüber, dass ich dummerweise darauf eingegangen bin.“, sprach Ryoga.
„Echt? Oh man. Wie alt sind Sie beide? Na ja, ist ja nun egal. Wozu noch das Wettlaufen? Sie haben doch gesehen, dass ich nun hier her passe.“
„Wir haben uns zwar schon ausgesprochen, aber wir kommen da nicht mehr wieder raus, denn die Wette haben wir mitten in der Versammlung geäußert. Wir sind also beide im Zugzwang.“, erklärte Ryoga.
„Ist jetzt nicht wahr? Dann habe ich also keine Wahl?“ Sie ging kurz in sich und sagte dann nur, dass sie es unter einer Bedingung tun wird.
Vollmond
Kapitel 130
Vollmond
„Wie lautet die Bedingung? Wenn du Bedingungen stellst, dann hat das immer einen Haken.“, meinte Ryoga skeptisch.
„Ich werde mit dem Team vorher alleine sprechen. Heute noch. Nur wir gemeinsam bestimmen wie dieser Wettkampf auszusehen hat. Worum gehts genau in der Wette? Ums Laufen oder um was anderes?“
„Hm. Eher um die allgemeine Fitness. Also das Durchhaltevermögen.“
„Okay. Damit kann man was anfangen. Unsere Sportarten sind aber sehr verschieden. Dann sehen wir uns morgen früh, sieben Uhr. Auf dem Rugbyplatz.“
„Das klingt nur fair. Ich informiere meine Jungs und nach der Trainingszeit wird sich sicher ein Treffen finden. Wir sind hier am Ende des großen Ganges in der Umkleide neben dem Fitnessraum.“
„Okay.“
Nach dem Training klopfte es an der Umkleide der Männer.
„Wer ist da?“, kam eine kräftige Stimme auf Japanisch.
„Hi. Ich bin es, Bettina, Bettina Fuchs. Ich will jetzt auch nicht stören, aber wir müssen wegen morgen reden. Ich muss mit eurem Kapitän reden. Wenn es jetzt schon geht, gerne jetzt.“ In der Umkleide wurde es unruhig.
„Wie jetzt? War das echt Bettina?“
„Wie kräftig sie klopft, meine Güte.“
„Ich komme gleich raus, einen Moment bitte.“, kam wieder die kräftige Stimme. Tina ging etwa zwei Türen weiter und blieb im Flur stehen. In der Umkleide redeten die Oberschüler aufgeregt durcheinander.
„Soll das jetzt heißen der Trainer hat das ernst gemeint? Ich dachte das war vorhin ein Scherz?“
„Das stimmt, wir sollen jetzt gegen sie laufen oder wie? Ich habe keine Ahnung wie schnell sie überhaupt ist.“
„Unterschätzt sie lieber nicht. Unsere Klassen haben doch zeitgleich Schulsport. Sie ist die Beste im Sprint von unseren Mädchen. Vom Ausdauerlauf rede ich mal lieber gar nicht erst. Ich glaube sogar, sie hält sich dabei zurück, um die Klassenkameraden nicht zu blamieren.“
„Echt, glaubst du?“
„Ja, ganz sicher.“
„Scheint so. Ich hätte nicht gedacht, dass sie da überhaupt zustimmt. Das passt doch gar nicht zu ihr. Bisher hielt sie sich immer aus allem raus und dann dieser Auftritt heute. Die haben echt doof aus der Wäsche geguckt.“, lachte jemand.
„Oh ja. Das kannst du laut sagen. Da mischt sie plötzlich die Schul-Idioten ganz alleine auf und bringt sie zum Heulen. Die hat echt Mut. Das war echt genial.“ „Ja, jetzt steht sie hier vor der Tür und wartet auf dich, Kapitän.“, grinste einer. „Niedlich ist sie ja.“, grinste dieser.
„Ja, das ist sie.“, schwärmte der Große aus der Kantine. Er erinnerte sich an die kurze Begegnung mit ihr, als er sich die Schüssel geholt hat. Ihre schönen türkiesblauen Augen die funkeln wie ein tropisches Meer, gingen ihm seitdem gar nicht wieder aus dem Kopf. Sie erinnerten ihn an seine Heimat, die neuseeländische Küste und die Bucht an der er aufgewachsen ist.
„Na Tangaroa, dann musst du nachher deine Chance wahrnehmen. Du bist immer viel zu schüchtern, wenn es um Frauen geht. Alle haben vorhin richtig gesehen wie du rot angelaufen bist. Nach dem ganzen Theater morgen fragst du sie nach einem Date. Mach dir also schonmal Gedanken wie du das anstellst.“ Dieser wiederum fasste sich nun verunsichert an den Kopf. Sein Herz schlug etwas schneller. Nur die Vorstellung, er würde ihr wieder gegenüberstehen und er würde sie womöglich fragen.
„Ich weiß nicht. Sie ist doch drei Jahre jünger als ich.“
„Das ist ihr bestimmt egal. Immerhin hat sie dich als Mann bezeichnet, das ist doch schonmal was. Hat das jemals ein Mädchen zu dir gesagt?“ Er schwieg und wurde wieder verlegen.
„Ich würde auch sagen, dass sie auf dich steht. Sonst hätte sie dir kein solches Kompliment gemacht. „Ein Mann mit Muskeln und Verstand“, das nenne ich mal eine klare Ansage. Also mir hat das noch keine gesagt und ich bin schon mit vielen ausgegangen.“, prostete sich einer aus dem Team.
„Du Casanova bringst eher unser Team in Verruf, wenn das mit deinen Flirtereien so weitergeht. Du machst ja alles an was nicht bei drei auf den Bäumen ist.“, murrt der Kapitän in an.
Einige Minuten später öffnete sich die Umkleide und der Kapitän des Teams trat heraus und schaute sich verwundert um: keine Tina zu sehen. Stattdessen flatterte ein kleiner Zettel durch den Flur, er hing vermutlich an der Tür. Er hob ihn auf. „Kapitän des Rugbyteams: Ich musste ganz kurz weg, wir treffen uns in fünf Minuten im Fitnessraum Nummer 3. Tina.“
‚Was war denn so Wichtiges zu erledigen? So lange hat sie doch gar nicht warten müssen. Kleines deutsches Mädchen, du bist schon sehr eigen.‘
Er faltete ihn zusammen und begab sich auf dem Weg zum Fitnessraum. Es klopfte. Tina öffnete von innen die Tür und bat ihn freundlich herein. Zu seinem Erstaunen war Tina nicht alleine, wie es zuerst klang, Yako, ihre Mannschaftskapitänin war ebenso da.
„Oh, Hallo erst einmal, Kawasaki, Fuchs.“, sprach er freundlich und begrüßte beide. Tina schloss hinter ihm die Tür und Yako begann das Gespräch.
„Hallo Tsunashi.“, entgegnete Yako ihrem Klassensprecher. Er lächelte sie an. ‚Yako, so freundlich, das sind ja ganz neue Töne. Und so hübsch wie immer.‘ „Kommen wir gleich zum Punkt. Tina hat keine Lust sich mit deinen Jungs zu messen. Diesen Mist haben wir deinem und leider auch unserem Trainer zu verdanken, weil die sich scheinbar wie Gockel aufgeführt haben und das vor versammeltem Kollegium. Voll peinlich, echt. Wir haben Schmitt schon zusammengepfiffen. Dein Trainer habe ihn wohl so sehr provoziert und ihm nicht geglaubt was Tinas Fitness angeht, dass Schmitt sich auf diesen Mist eingelassen hat. Was sagst du denn dazu?“, fauchte sie auf ihre übliche Weise plötzlich los. „Wow, jetzt bin ich schuld daran oder was? Kannst du auch normal mit mir reden?“, grunzte er zurück. Tina stand etwas verdutzt daneben und wunderte sich, wieso sich die beiden anfauchten. Sie verstand kaum etwas und mischte sich dann ein.
„Redet in Englisch, das nervt! Und hört auf euch anzugiften!“, sagte sie streng mit klaren Worten.
„Ich möchte wissen was ihr redet. Immerhin geht es hier auch um mich.“, sprach sie dann ruhig und besonnen, aber deutlich. Sie verschränkte die Arme. Der junge Mann übersetzte in Kürze was bisher gesprochen wurde und sah sie dabei höflich an. Er stand überrascht in seiner Schuluniform vor ihr und schaute zu ihr herab. Im Gegensatz zu ihm waren beide Mädchen noch in ihrem Volleyballtrikot.
‚Auf dem Mund gefallen ist sie wirklich nicht. Was war das nur vorhin für eine starke Aktion?‘
„Nun gut, was machen wir jetzt? Soll ich mal unsere Läufer herholen und ihr sprecht miteinander oder wie soll das jetzt laufen?“, erkundigte er sich und war wieder freundlich zu Yako.
„Sorry. Tina hast recht.
Naja, ich habe da eher an etwas anderes gedacht. Wir dachten wir werden die Lehrer und Trainer alle mal so richtig an der Nase herumführen.“, begann sie. Tina ging derweil zu einer Hantelbank und stellte sich die Größe für sich richtig ein. Während Yako ihrem Klassensprecher alles erklärte sah er Tina verdutzt zu wie sie das Gerät präparierte.
‚Nanu. Das sieht ja sogar echt professionell aus wie sie das macht. Sie scheint sich damit auszukennen? Komisch. Die Mädels benutzen die Dinger doch gar nicht.‘ Dann ging sie zu den Gewichten und schaute sich am Ständer um, an dem die Gewichte hingen. Sie ging an die Hantelbank und nahm das erste Gewicht ab und hing es in den Ständer. Dann ging sie auf die andere Seite und machte dies mit dem nächsten ebenso. Dann ist das große Gewicht von gut zehn Kilogramm dran.
„Warte, ich helfe dir.“, brachte sich der Mann im Raum ein und ging zu ihr.
„Danke, brauchst du nicht. Beredet lieber alles. Das ist wichtiger.“, bedankte sie sich und sah nur kurz zu ihm als er neben ihr stand und die Hand schon fast an der Hantelscheibe hatte.
„Na gut, warte, dann lieber gleichzeitig, das meinst du?“ Er ist erstaunt und redete sich raus. Somit ging er auf die andere Seite der Langhantel.
„Ja, genau. Nicht, dass es ein Ungleichgewicht gibt.“, meinte er und griff zeitgleich zum Gewicht wie sie.
„Auf drei. Eins, zwei und drei.“, sagte Tina und schon zogen beide die Scheiben ab und hingen sie in die Vorrichtung.
„Danke, aber du weißt, dass es auch alleine gegangen wäre, oder?“, schmunzelte sie und zeigte auf die Sicherheitsvorrichtung. Er grinste.
„Stimmt. Erwischt. Erstaunlich, dass du dich damit auskennst.“
„Ich benutze die Dinger schon seit Jahren, kein Ding. Das scheinen sehr neue Geräte zu sein.“, winkte sie nur ab und ging an den Ständer und holte sich eine kleine Scheibe von fünf Kilogramm. Sie bestückte die Langhantel und er tat es dann ebenso.
„Du willst jetzt echt zwanzig Kilogramm stemmen? Ist das nicht etwas viel?“, wunderte er sich. Tina grinste und setzte sich hin, legte ihre Füße zurecht und griff in die Kreide.
„Nö, meine Eimeraktion ist ja heute etwas kurz ausgefallen, und da ich noch etwas hier trainieren muss, nutze ich die Zeit. Heute Abend bin ich eh wieder im Fitnessstudio. Jetzt lasst euch nicht stören von mir und besprecht alles.“ Somit begab er sich wieder an seinen Platz und redete mit Yako. Tina hörte nebenbei zu. Sie standen seitlich zu ihr. Tina berührte die Hantel und setzte an. Nach etwa zehn Zügen setzte sie wieder ab und zog sich plötzlich das Trikot aus, sodass sie nur noch im Sport-BH dasaß und legte sich wieder hin. Natürlich entging das den beiden anderen nicht und der Zwanzigjährige wurde etwas verlegen und sah aus Höflichkeit lieber gleich in die andere Richtung. Der BH sah aus wie ein gewöhnliches Top, oben kurz unter dem Hals mit einem geraden Ausschnitt, so dass kein Brustansatz zu sehen war und unter der Brust war es etwas länger und ging fast bis zum Bauchnabel. Es wirkte fast wie ein Unterhemdchen oder ärmelloses kurzes Shirt. Tina dachte sich in diesem Moment nichts dabei.
„Echt jetzt, Tina?! Du bist peinlich. Zieh dich wieder an!“, fauchte Yako ihre Neue an. Tina erschrak etwas, als sie die Hantel ansetzen wollte, lag sie wieder in die Vorrichtung und atmete tief durch.
„Bist du verrückt?! Erschreck mich doch nicht so! Oder willst du mich loswerden?!“
„Was ziehst du dich denn hier einfach aus? Wir sind doch nicht alleine!“
„Ich bin doch nicht nackt, also echt mal. Da ist doch eh noch nichts zu sehen. Da hast du ja mehr.“
„Das gehört sich aber nicht. Zieh dich wieder an!“
„Das Trikot stremmt dabei zu doll und ich will es doch nicht kaputt machen.“, murret sie.
„Trotzdem. Und wie du da liegst und jetzt sitzt, so breitbeinig, also wirklich. Willst du mein Team entehren mit deinem scharmlosen Verhalten?“ Tina glaubt nicht richtig zu hören.
„Wow, seid ihr Japaner alle so spießig? Wieso darf ich jetzt nicht einfach hier gezielt ein paar Muskulaturen trainieren? Was hat das denn jetzt mit Ehre zu tun?“
„Nicht vor einem Mann. Was soll der denn denken?“
„Er schaut doch weg, ist doch dann egal.“
„Das sehe ich aber anders. Du denkst auch, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen, was? Wir sind hier immerhin an einer Schule und nicht in einer Muckibude!“
„Diese Doppelmoral in diesem Land nervt gewaltig, echt!“, murrte Tina, stand auf, nahm ihr Trikot und zog es wieder an.
„Wir sind nicht zum Streiten hier. Klär den Kram für morgen und dann mach es gut für heute. Ich geh laufen. Ich habe keine Zeit zu vertrödeln.“ Tina stellte die Größe des Vorgängers wieder ein und wechselte die Gewichte wieder in ihren Ursprung zurück.
„Was meinst du denn mit Doppelmoral?“, brachte Tsunashi sich plötzlich nebenbei ein und drehte sich wieder zu ihr um.
„Merkt ihr es selbst nicht? Wieso hat unser Team eigentlich keinen Krafttrainingsraum wie ihr? Die anderen haben sowas sicher auch, aber wir nicht. Hier sind drei solche Räume und keiner ist für uns. Sogar die Volleyballmänner haben einen. Wir könnten uns den doch teilen, oder nicht?“
„Keine Ahnung, hat was mit den Sponsoren zu tun oder den Fördergeldern.“, meinte er.
„Ich denke unser Team ist genauso erfolgreich wie ihr? Sogar Juns Team hat hier ihren Raum und die bringen keine Nationaltitel nach Hause. Eigentlich steht uns das zu. Das ist unfair, echt. Immer müssen wir Frauen zurückstecken. Was gab es denn für das Preisgeld vom letzten Turnier? Bälle und ein neues Netz, na toll.“ „Tina, halt mal die Luft an. Wir brauchen doch sowas gar nicht. Wir sind doch die ganzen Jahre ohne ausgekommen. Und für das Geld bekamen wir neue Trikots und eine moderne Schmetterballmaschine. Du benutzt das Ding doch jeden Tag.“
„Vermutlich, weil ihr gut genug seid, aber glaubst du im Ernst das geht weiter so gut, wenn du die Schule verlässt? Eins ist klar, egal welchen Sport man betreibt, eine gleichmäßige Muskulatur ist immer das Wichtigste, egal welche Seite man am meisten beansprucht. Willst du zwar mit rechts schlagen, brauchst die trotzdem einen starken linken Arm, sonst kommst du aus dem Gleichgewicht. Das Gerät ist echt cool, aber reicht nicht aus und trainiert nicht deine Muskeln, sondern nur deine Ausdauer und das Reaktionsvermögen. Und wenn unsere Blockerinnen und Annahme zum Beispiel zusätzlich jeden Tag an so einem Gerät sitzen könnten, dann gäbe es stärkere Muskulatur in den Händen und Fingern. Was meinst du warum ich das gleich konnte ohne vorher gespielt zu haben? Ich kann deine Bälle doch nur abwehren, weil ich die Kraft in den Fingern sowie in den Händen habe. Und das kommt bestimmt nicht nur vom Schwimmen und Laufen. Ebenso, dass ich so hochspringen kann. Das geht nur, weil ich die richtigen Muskeln gezielt trainiere und das geht am besten mit solchen Geräten, da es dann gleichmäßig ist. Wenn ich also so „breitbeinig“ hier liege, dann, weil ich genau das tue.
Und denk mal nicht nur an dich, meine Gute. Nur weil etwas bisher gut lief, muss es das später nicht auch so sein. Du kannst dich doch nicht immer auf das verlassen was du hast. Was ist, wenn ihr Großen unser Team nächstes Jahr verlasst? Glaubst du im Ernst, dass es dann nochmal einen Nationalsieg geben wird? Könnten wir dann überhaupt die Qualifikationen schaffen? Wer sagt denn überhaupt, dass ihr Zeit für den Sport habt, wenn ihr eure Prüfungen ablegt und noch diese vielen Aufnahmetests für die Universität machen müsst? Also stehen wir schon in diesem Schuljahr ohne euch da. Denk mal drüber nach und sorge vor.“ Dann blickte sie zum Oberschüler neben ihr.
„Und ihr? Wie macht ihr das denn? Bei euch sind doch auch einige nächsten Frühling nur mit dem Lernen beschäftigt. Das halbe Jahr ist schneller rum als man gucken kann. Ihr lernt doch sicher jetzt schon nebenbei.“
„Das stimmt, wir sorgen bereits seit letztem Jahr vor und lernen die Neulinge auf ihren Positionen ein, die sie später bedienen müssen.
Aber was hat das jetzt mit einer Doppelmoral zu tun?“
„Ganz einfach, als Frau wird man hier echt diskriminiert. Auf der einen Seite dürfen keine Zuneigungen auf offener Straße gezeigt werden aber anderseits laufen wir als Jugendliche gezwungen herum und regen unnötig die Fantasien der Herrschaften an.“
„Hä? Wie meinst du das?“, fragte Yako und sah dann zu dem großen jungen Mann neben ihr auf. Dieser sah nur nachdenklich zu Tina.
„Auf der Straße dürfen sich Liebespärchen nicht einmal die Hände halten oder sich umarmen und wehe sie würden sich sogar küssen, aber wir Schulmädchen werden genötigt Röcke zu tragen. Nicht einmal eine Leggings darf man dazu anhaben oder eine Strumpfhose. Stattdessen lange Kniestrümpfe. Dann diese ausgedehnte Alterseinteilung vom Jugendschutz. Erwachsen erst mit 21? Leben wir hier hinterm Mond? Viele Länder haben solche Regelungen überarbeitet und zeitlich an die Gesellschaft und den Fortschritt angepasst.
Aber wehe FRAU zieht draußen privat einen Minirock mit Strapsen und Pumps und dazu ein Matrosenblüschen an. Dann wird FRAU gleich als Prostituierte oder als vulgär gehalten.
Das, meine ich mit einer Doppelmoral. Offiziell verkauft man das Ganze dann als Ordnung und lernen von Strukturen und Disziplin und Gleichstellung der Menschen, egal welchen Rang sie in der Gesellschaft haben. Die Schüler sollen sich gegenseitig nicht ablenken indem sie bunte oder teure Kleidung tragen. Aber das geht doch auch, wenn wir Frauen alleine entscheiden dürften ob wir Rock oder Hose tragen wollen. Manchmal reicht schon die Länge oder ob man was drunter anziehen darf. Was ist denn im Winter oder wenn der Wind weht? Dann dürfen die Herren auf der Straße gaffen und Frau sitzt am Ende mit einer Blasenentzündung flach oder was?
Statt das wirklich Wesentliche der Uniform in den Fokus zu setzen, ist in den Medien überall eindeutig zu erkennen, dass es sich nicht um eine Schutzkleidung handelt, sondern viel mehr um ein Sexsymbol.
Mir muss hier echt keiner was von Moral erzählen. Oder wie siehst du das als Mann?“ Er ist verdutzt und blickt sie nur verwirrt an.
„Was soll ich wie sehen? Du hast jetzt so viel gesagt, jetzt weiß ich nicht was du genau wissen willst.“ Tina schaute ernst und grinste etwas.
„Warum hast du eben weggeschaut?“
„Aus Höflichkeit natürlich.“, sagte er schnell und ehrlich.
„So so, aber als ich heute in der Kantine auf dem Tisch saß und meine Beine übereinandergeschlagen habe, da hast du geguckt. Und an sich haben so gut wie alle geguckt. Keiner hat weggesehen. In dem Moment al sich bereits das erste Mal auf dem Tisch saß, da haben doch alle schon darauf gewartet was passiert. Und dann brauchte ich eure Aufmerksamkeit, damit jeder mitbekommt wovon ich rede. Hat ja geklappt, oder? Und zu sehen war das sicher gar nichts.“
Er war ganz still und wollte gar nicht darauf antworten.
„Was ist also für einen Mann interessanter? Wenn ich da so wie eben auf der Hantelbank liege und etwas Haut zu sehen ist und den Fantasien weniger Spielraum lässt oder ein kurzer Rock, der einen vielleicht mal einen kurzen Blick ermöglicht?“, provoziert sie ihn. Sein Blick wurde überraschender, aber er blieb diesmal cool.
„Naja, es kommt eher darauf an wer die Person ist, also was sie für ein Mensch ist, nicht was sie anhat und was sie damit tut.“ Tina kichert etwas und sieht dann zu Yako.
„Siehst du, ich habe nichts anderes von ihm erwartet. Glaube mir, ich weiß schon vor wem ich was tue oder sage. Er ist durch und durch ein Gentleman.“, grinst sie diese an und dann geht sie zur Tür.
„In Wirklichkeit musst du mir doch aber Recht geben, oder? Ich halte es wie in der Psychologie: Nichts ist spannender als eine verschlossene Tür!
Ihr besprecht noch den Rest, informiert die Teams und denkt an den DJ. Was ihr sonst noch macht, könnt ihr ja selbst entscheiden. Tschüss.“
Daraufhin verlässt sie den Raum und geht durch den Flur in Richtung Waschbecken nach draußen. Dort angekommen nutzt sie die frische Luft und atmet tief durch. Sie zieht die Turnschuhe und Socken aus, nimmt sie in die Hand und geht etwas in dem Wäldchen spazieren. Dann bleibt sie nach etwa einer Stunde unter einem Baum stehen, lehnt sich an und starrt in die Wolken, die sich hinter den Baumkronen bewegten.
‚Oh man. Was ist das nur heute für ein komischer Tag? Zuerst finde ich raus wie der Ball sein könnte und dann dieser Ärger mit den Mädels.‘ Plötzlich musste sie gähnen. Die Luft hier draußen war so angenehm, es war zwar frisch, aber das störte sie nicht und es wehte auch kein einziges Lüftchen. Nachdenklich setzte sie sich hin und lehnte sich an den großen Baum und starrte in die grüne und herbstliche Parkanlage.
‚Es ist hier alles so hübsch bunt. Ein schöner goldener Herbst. Es stehen zwar andere Bäume hier als zu Hause in Deutschland, aber den goldenen Herbst gibt es hier auch.‘ Während sie dort so vor sich hinträumte und an die Herbsttage in ihrer alten Hütte zwischen Strand und Wald dachte und zur Ruhe kam, bemerkte sie nicht wie sie plötzlich vor Müdigkeit einschlief. Lehnend am Baum und mit den Beinen voran liegend. Nach etwa zehn Minuten fiel sie richtig in den Tiefschlaf und ihr Körper sackte zusammen und fiel zur Seite auf die Laubblätter und die Wurzel des Baumes. Wie immer konnte sie nachts nicht schlafen und nun legte sich der Druck und die Anspannung. Die frische Luft tat ihr so gut und es war wie eine vertraute Umgebung. Statt die Wellen am Strand war es das sehr seichte Rauschen der Blätter, die herunterfielen.
Es verging etwa eine Stunde und während inzwischen etwas Wind den Abend auffrischte und die Dämmerung im vollen Gange war, waren schwere schnelle Schritte auf den Laubblättern auf dem Weg zu hören. Plötzlich wurden sie langsamer und leiser. Jemand blieb stehen und sah sich verwundert um.
‚Nanu? Wieso ist dort so ein seltsamer Schatten? Da war doch noch nie einer. Was ist dort am Baum? Ein Tier kommt doch sicher nicht bis hier rein. Die Zäune sind zu hoch.‘, wunderte er sich. Die große Gestalt ging langsam auf den seltsamen Schatten zu und dann sah er plötzlich nackte Füße zwischen den Blättern, die etwas seitlich lagen. Sein Herz raste plötzlich wie wild. Angst stieg in ihm auf, als er sie erblickte. Ihm spukten plötzlich schreckliche Bilder im Kopf herum, weil ihn der Anblick an das schreckliche Foto in der Zeitung erinnerte, welches verpixelt gezeigt wurde. Das Mädchen, welches man kurz nach Schulbeginn in der Nähe ihrer Schule fand, hatte auch keine Schuhe an. Er ging weiter auf sie zu, nur um sicher zu sein was wirklich los war. Sein Puls stieg immer mehr an. Und dann sah er sie, die kleine Blondine in ihrem gelben Volleyballoutfit. Ihr Oberkörper war etwas mit Laub bedeckt, da der Wind schon eine Weile sehr kräftig geworden war. Ihre schwarze kurze Hose war kaum noch zu sehen. Es war in diesem Moment nicht einmal zu erkennen ob sie eine trug. In der fast endenden Dämmerungsphase konnte man nicht viele Details erkennen, außer ihre helle Haut der nackten Beine und Füße so wie das gelbe Oberteil und ihre hellen Haare und das Gesicht. Die hellen Arme und Hände waren ebenso kaum noch zu deuten, da der Schatten der Bäume unter dem Mondlicht etwas über sie ragte.
Und ausgerechnet heute, als sich die hübsche und mutige Tina mit den Schul-Chaoten angelegt hatte, ausgerechnet heute fand er sie hier so vor. Was war passiert? Hatte man ihr jetzt etwas Schlimmes angetan?
Regungslos stand er vorerst da. Es war der große Oberschüler aus dem Rugbyteam, welcher sich die Schüssel erobert hatte. Wie so oft nutzte er die Ruhe im Park der Schule, für sein Lauftraining. Er war kein Typ, der gerne viele Leute um sich hatte. Alleine zwischen den Bäumen fühlte er sich immer am wohlsten. Nur auf dem Spielfeld fühlte er sich mit anderen Menschen wohl, umgeben von Gleichgesinnten und in einem Sport wo er sich austoben konnte, ganz vorne bei den großen starken, die sich nicht wegdrängen lassen dürfen. Schon sein Vater hatte damals Rugby gespielt. Das lag ihm mehr als die Fischerei in der Familientradition. Er hatte wie Tangaroa große Hände und keinerlei Feingefühl für das Knüpfen von Fischernetzen oder das Ausnehmen der Tiere mit einem scharfen Messer. Als Kind hatte er sich ständig geschnitten. Tangaroa wollte immer seinem Vorbild treu bleiben und plante zu studieren, statt nur im Dorf auf die nächste Gelegenheit zu warten, wenn die Flut kam und die Bucht für die Nahrung der Leute genug an Fischen brachte.
Nun stand er da, der große neunzehnjährige Maori, geboren in einem kleinen Fischerdorf. Er stand wie gelähmt da und starrte zu ihr herab und sein Puls wurde immer kräftiger vor Angst, vor Angst was passiert sein könnte.
Dann etwa eine Minute später bewegte sie die Hand und fing an zu brabbeln. Sie lächelte plötzlich.
„Lauf…ja lauf…halt…halten.“, hörte er, aber konnte nichts damit anfangen. Jedoch versuchte er sich die Worte zu merken. Er fasste sich ans Herz und atmete tief durch.
‚Tina, zum Glück. Ich dachte schon dir ist was Schreckliches passiert. Aber wenn du im Schlaf redest und lächeln kannst, dann bist du nur eingeschlafen. Aber hier? Mitten im Park?‘ Er schaute sich um und zu sehen war kaum noch etwas, nur die warmen Lampen der Parkbeleuchtung. Er stellte sich vor sie und hockte sich hin. Neugierig betrachtete er sie. Dann fasste er ihren Arm vorsichtig, um ihre Körpertemperatur zu prüfen.
‚Oh, ich hätte gedacht sie fühlt sich kälter an. Ob die Blätter etwas Wärme gespendet haben? Naja, sie muss aufwachen, ob ich will oder nicht.‘, beschloss er und versuchte sie mit einer Berührung im Gesicht und am Arm und einem mehrmaligen Ansprechen zu wecken, aber vergebens. Nichts passierte. Sie war nur noch ruhiger geworden. Ihre Atmung wurde leiser und dann beschloss er sie vorsichtig hochzunehmen. Er befreite sie von den vielen Blättern, berührte sie vorsichtig und hob sie dann hoch. Nun bemerkte er, dass sie doch etwas kühl war.
‚Ach die Schuhe. Hm wie jetzt? Die müssen doch hier irgendwo sein.‘, fiel ihm noch ein und schaute sich im Dunkeln um. Es war einfach nichts zu sehen. Das Laub verdeckte jegliche Sicht und es wurde schlagartig dunkel. Somit beschloss er sie später mit der Taschenlampe zu suchen oder eben morgen Früh, wenn es hell genug ist. Der Weg durch den Park war weitläufig. Während er sie so behutsam auf dem Arm hielt sah er ab und an zu ihr herab, statt nur den Weg zu betrachten.
Im Licht der Laternen und des Mondes kann er ihr schlafendes Gesicht sehen und er bemerkte wie sie langsam wieder an Temperatur bekam. Seine großen Arme hielten sie ganz fest an sich, damit sie ihm beim zügigen Gehen nicht herunterfallen konnte und auch damit sie wieder an Körperwärme bekam.
‚Wie hübsch du bist, kleine Bettina Fuchs. Was ist passiert? Bist du nur im Wald eingeschlafen? Wie kann ein kleines Mädchen, wie du so mutig sein? Legst dich einfach mit diesen furchtbaren Mädchen und ihren Freunden an. Wie du den Großen von ihnen angesehen hast. Und dann sagtest du, du hast dich schon mit größeren angelegt. Was meintest du damit? War das nur eine Finte, um ihm gegenüber nicht klein bei zu geben?‘
Plötzlich bewegte sie sich in seinen Armen und öffnete ganz wenig ihre Augen. Schlaftrunken und noch halb am Träumen sah sie Umrisse eines Kopfes, die Baumkronen und dahinter den Vollmond, der sie eher blendete. Sie lächelte wieder.
„D…danke. Danke großer Bruder.“, hauchte sie sehr leise aus und kurz darauf berührte sie seinen Kragen vom Trainingsanzug, schloss die Augen wieder und schmiegte sich an ihn. Der Augenblick war sehr kurz und Tangaroa blieb verdutzt stehen.
„Bettina, ich…ich. Wach auf.“ Durch ihre Bewegung musste er sie nun etwas anders festhalten, weil sie drohte herunterzurutschen und seine Hand wanderte von ihrer Schulter aus eher zu ihrem Kopf und plötzlich bemerkte er, einerseits etwas Kaltes und doch etwas Warmes, nasses an seinen Fingern. Es klebte teilweise in ihrem schönen blonden Haar. Er ging zur nächsten Laterne und versuchte sich seine Hand anzusehen. Dann erschrak er, es war Blut an seiner Hand. Es schien zwar schon geronnen zu sein, aber es beunruhigte ihn trotzdem. Es war nicht gerade wenig in seiner Hand. Herzklopfend lief er dann doch lieber, statt nur zu gehen und konzentrierte sich sehr darauf wo er hintrat. Vielleicht waren ihre Worte keine Träumerei, sondern schon irgendwelche Fantasien, weil sie zu viel Blut verloren hatte? Durch die Dunkelheit konnte er doch auf dem Boden gar nichts davon sehen, aber ihm fiel in dem Moment ein, dass ihr Kopf ja auf der Wurzel gelegen hatte. Was ist, wenn es Verunreinigungen gab und sie schnell gesäubert werden musste? Nicht auszudenken wie lange sie eventuell dort schon gelegen hatte. Nach seiner Erinnerung könnten das gut an die zwei Stunden gewesen sein. Länger nicht, denn da hat er die Umkleide erst verlassen und kurz vorher hatte sie sich doch mit seinem Kapitän getroffen. Dieser kam dann vielleicht nicht mal eine halbe Stunde später nochmal in die Umkleide und erzählte kurz was morgen geplant war. Dann ging er wieder alleine los. Mit ihrem Team hatten sie sich dann am Ende gar nicht getroffen. Alle sollten nur morgen sechs Uhr rum bereits auf dem Rugbyfeld stehen. Auf dem Weg zum Hauptgebäude des Schulgeländes, wo bis zur später Stunde für Notfälle eine Abendschicht im Krankenzimmer stand, musste er am großen langen Hallenkomplex vorbei. Er hätte zwar auch in die Halle gehen können und von dort aus, einen Notruf senden, aber ehe da Hilfe kommen würde, wäre er vermutlich schneller selbst im Hauptgebäude. Somit lief er quer über das Fußballfeld, niemand war mehr da. Sogar die Fußballer waren schon weg. Es gab kein Flutlicht, daher gingen diese, wenn sie noch trainieren wollten, auf einen anderen privaten Platz in der Nähe. Tangaroa lief so schnell er mit ihr in den Armen nur laufen konnte, ohne, dass sie ihm aus den Händen rutschte und kam dann endlich am Hauptgebäude an. Vor der großen Treppe machte er endlich eine kurze Pause, um zur Ruhe zu kommen. Er atmete mehrmals tief durch und konzentrierte sich auf Tina, dass sie ihm nicht doch in letzter Minute entglitt. So ein Leichtgewicht war sie mit ihren 1,65m ja doch nicht. Er merkte deutlich, dass er eigentlich mit seinem Ausdauertraining gerade fertig war, als er sie fand. Er wollte doch nur noch die Runde zurücklaufen und wählte mal einen anderen Weg im Park als sonst. Dann stieg er endlich die Treppe hinauf und die Tür öffnete sich von selbst durch den Bewegungsmelder.
Gleichgesinnte
Kapitel 131
Gleichgesinnte
Er ging sofort in Richtung Ärztezimmer. Kurz vor der Tür machte er Halt und sah nochmal jetzt im Hellen zu ihr herab. Ihr hübsches Gesicht lächelte nicht mehr und da er selbst so stark atmete und seinen Puls mehr als ihren spürte, wusste er nicht wie es ihr jetzt überhaupt ging. Dann sah er sich endlich seine Hand im Licht an und erschrak erneut. Es war wirklich viel Blut, so kam es ihm vor. Besorgt klopfte er mit dem Ellenbogen hastig an die Tür. Es klang eher wie ein Wummern.
„Herein.“, kam eine freundliche männliche Stimme.
„Machen Sie auf, ich kann nicht!“, rief er dann laut. Die Tür hatte leider einen Knauf, statt eines Drückers. Kurz darauf öffnete sich die Tür und der Arzt sah ihn total entsetzt an. Sofort erkannte er die Lage, denn die blutige Hand und Tinas blutiger Kopf standen ihm quasi direkt vor der Nase.
„Du meine Güte. Was ist denn passiert? Legen Sie die Kleine auf die Liege, am besten auf die rechte Seite zur Wand hin.“, meinte er schnell und ernst. Er schaute sich die Sachlage auf seinem Armen an und sah sofort, dass die Kopfverletzung das Problem sein könnte.
„Was ist passiert?“, fragte der Arzt erneut als Tangaroa Tina endlich auf die Liege gelegt hatte. Der Arzt holte sich ein Tischchen auf Rädern, nahm die Schüssel darauf und füllte es mit warmem Wasser. Dann zog er es mit an die Liege, setzte sich auf seinen Drehstuhl und sah sich endlich vorsichtig ihren Kopf an.
„Ich…weiß…nicht…was…passiert…ist. Ich…habe…sie im…Wäldchen…unter einem…Baum gefunden. Es lagen…schon Blätter auf ihr. Sie hat…mindestens…eine Stunde…dort gelegen. Unser Captain…hatte noch…was mit ihr…besprochen.“
„Herr Taylor, es ist erstmal soweit alles okay am Kopf. Die Blutung hat schon aufgehört und sie hatte Glück, dass keine Verunreinigung reingekommen ist.“ Tangaroa schaute kurz zu Tina und lächelte fröhlich.
„Gut. Das beruhigt mich.“ Der Arzt versuchte sie nun selbst zu wecken, mit Berührungen am Arm oder Ansprechen, genauso wie es der Oberschüler versucht hatte.
„Keine Chance. Sie schläft sehr tief. Das habe ich alles schon versucht.“, sagte er dann und drehte sich von ihr weg und wollte zur Tür gehen. Als er die Klinke berührte stoppte er verdutzt und sah noch mal zu ihr.
„Wo ist ihre Haarspange?“, fiel ihm dann auf. Der Doktor war ebenso verwundert.
„Sie haben Recht. Sie trägt doch immer diese goldene Spange. So ein altmodisches Ding.“ Er sah sich nochmal die Wunde genauer an.
„Das ist doch genau diese Stelle wo sie immer hängt. Sie könnte sogar noch am Ort liegen, wo sie mit dem Kopf aufgeschlagen ist. Oder Sie haben Pech und das Ding ist unterwegs beim Laufen heruntergefallen. Aber es kann gut möglich sein, dass es sogar den Aufprall abgefedert hat. Vielleicht ist die Wunde dadurch nicht zu groß oder nur klein. Wie genau hat sie denn gelegen?“
„Sie lag am Baum mit dem Kopf auf einer Baumwurzel. Barfuß war sie auch schon. Aber die Schuhe habe ich auf die Schnelle nicht gleich gefunden, es war schon so dunkel. Dann werde ich am besten mal los und die Haarspange suchen. Die ist ihr bestimmt sehr wichtig. Sie wissen ja, Frauen und Schmuck.“, schmunzelte er ihn an.
„Das kann ich mir gut vorstellen. Vielleicht ein Erbstück. Immerhin schien sie aus Gold zu sein.“ Der Doktor zeigte dann auf eine Schublade.
„Gehen Sie sich die Taschenlampe aus der Schublade holen. Sie finden sonst nichts. Vielleicht haben Sie Glück. Ich werde ihre Eltern informieren.“ Der große Oberschüler des Abschlussjahres nickt nur nachdenklich und verlässt dann mit der Taschenlampe das Zimmer. Dann klopfte er wieder an und kam wieder rein. „Doktor, wenn Bettina wieder wach ist, sagen Sie ihr doch nicht, dass ich sie hergebracht habe, oder?“
„Warum denn nicht?“, wunderte dieser sich.
„Ähm, naja…ich…äh. Hauptsache ihr geht es gut, das ist doch das Wichtigste, oder?“, fasste er sich wieder an den Kopf. Der junge Arzt grinste.
„So ist das. Sie mögen sie, nicht wahr? Aber dann ist es doch besonders praktisch. Frauen mögen Helden, merken Sie sich das gleich fürs Leben.“ Tangaroa wird gefühlt knallrot im Gesicht, auch wenn man es nicht so deutlich sehen konnte, da er ohnehin ein etwas dunklerer Typ war.
„Ich…ich hatte morgen vor…sie…äh…naja…zu fragen ob…“, stotterte er sich was zurecht.
„Oh man, Sie wollen sie morgen um ein Date bitten? Ist doch okay. Sie sagt sicher zu.“, glaubte er ganz sicher.
„Aber…dann…würde es nicht mehr zählen.“, murrte er etwas skeptisch und schaute verlegen zu Boden.
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, wenn sie nur aus Dankbarkeit zusagt, dann…ist es doch unehrlich.“ Es war plötzlich etwas still.
„Sie haben Recht. So kann man das auch sehen. Sie hatten das nun vor, und nun kam diese Sache dazwischen. Naja, wir müssen sehen ob sie morgen überhaupt da ist und ob dieser komische Wettkampf da zwischen ihren Teams laufen wird. Ich gehe mal eher davon aus, dass es abgesagt wird. Mit der Verletzung.“
„Danke, sagen Sie es bitte auch niemand anderen, okay?“
„Ich muss nur später Ihren Namen im Protokoll festhalten, aber das muss niemand sehen, solange es keinen Grund dazu gibt.“
„Okay, wenn es so sein muss.“ Diesmal verließ er den Raum endgültig und schloss die Tür hinter sich.
Der Arzt nahm sein Stethoskop, setzte es auf und kontrollierte nun endlich ihre Atmung und den Herzschlag so gut es ging.
‚Sie schläft nur, alles gut. Unterkühlt ist sie auch nicht. Ein Wunder, aber sicher war das auch sein Werk, immerhin hat er sie ein ganzes Stück getragen. Der Junge war ja völlig außer Atem und durchgeschwitzt. Seine Körperwärme wird ihr geholfen haben.
So so, Tangaroa Taylor, wer hätte das gedacht? Der schüchternste von allen Riesen an der Schule holt sich zuerst die Schüssel und dann rettet er mal so eben Leben. Hätte er sie nicht gefunden, wäre es morgen früh zu spät gewesen. So tief wie sie schläft, weiß man nie wann sie von selbst aufgewacht wäre.‘, schmunzelte er dann vor sich hin, während er seine Patientin betrachtete.
‚Und du, wildes Mädchen aus Deutschland? Was wolltest du denn zu dieser Jahreszeit und abends im Park? Hast du wirklich nur an einem Baum gelegen und bist eingeschlafen? Aber es ist doch schon so kalt, um einfach nur draußen zu sein. So ganz ohne Jacke.‘
Er machte die Wunde sauber und schaute sie sich genauer an. Sie war wirklich nicht sehr groß, vermutlich hat der Druck und die Kälte mit ihrem steigenden Blutdruck zusammen dazu geführt, dass es mehr geblutet hatte als es nötig war. Er entschied sich die Haare später zu reinigen, wenn sie endlich wieder wach ist und griff nach dem Blutdruckgerät und legte die Manschette um ihren linken Oberarm. Er stellte sich hin, für den Fall der Fälle, dass sie aufwacht und sich bewegen könnte. Die Gefahr herunterzufallen war auf der schmalen Liege groß. Ihr Arm lag auf ihrem seitlich liegenden Körper, als er ihn hochhob, die Manschette anbrachte und den Klettverschluss schloss. Dann hielt er das Stethoskop fest, konzentrierte sich auf die Geräusche im Ohr und sah auf seine Druckanzeige. Er begann zu pumpen und der Zeiger bewegte sich vorerst normal wie er es gewohnt war. Der Druck stieg weiter an und die Nadel ging mit. Er ließ nach, alles normal, doch dann konnte er plötzlich etwas hören, dass der Blutdruck etwas ansteigen könnte. Zur Kontrolle wiederholte er den Vorgang, pumpte wieder die Manschette auf und genau in dem Moment stieg ihr Puls extrem hoch, sie zuckte plötzlich mit dem gesamten Körper zusammen, drehte sich auf den Rücken und ehe er sich versah, schreckte sie hoch, stieß dabei mit der Schulter gegen sein Kinn und dann schrie sie laut auf und schlug und trat um sich. „Loslassen! Lasst ihn los! Nein! Stephan NEIN!“ Tränen kamen ihr plötzlich und wie wild trat sie weiter um sich und schubste ihn mit ihrer linken Hand zur Seite. Der junge Arzt stürzte durch die Wucht beinahe zu Boden, wenn er sich nicht rechtzeitig am Wägelchen festgehalten hätte, dessen Rollen blockiert waren. Ihre Augen waren noch geschlossen. Er ließ den Blasebalg los. Dann fiel Tina durch die starken Bewegungen von der Liege gegen seinen kleinen runden Drehstuhl und lag am Boden. Der Arzt wusste gar nicht wie ihm geschah, er konnte gerade noch das Stethoskop von ihr nehmen, um seine Ohren zu schützen und hielt fest und starrte zu ihr. Hätte sie ihn nicht so doll geschubst, dann wäre sie auch nicht heruntergefallen. Dann bemerkte er einen bekannten Geschmack im Mund und spürte einen unangenehmen Schmerz. Durch den Stoß gegen sein Kinn hatte er sich auf die Lippe gebissen und blutete stark.
‚Verdammt. Wieso musste sie denn so plötzlich hochschnellen und um sich schlagen? Das ist kein gutes Zeichen. Dieser Aufschrei deutet eindeutig auf einen Albtraum oder auf ein Trauma hin.‘, ging ihm besorgt durch den Kopf.
Kaum prallte Tina auf den Fußboden, schnellte sie auch schon wieder hoch und saß aufrecht. Sie atmete in sehr kurzen Zügen und hielt sich dann die Brust. Ihre Augen waren aufgerissen und sie starrte kurz zum Fenster gegenüber. Dann sah sie die Hose und den Kittel vom Doktor und sah erschrocken zu ihm auf.
„Was war? Wieso…bin ich hier?“, sprach sie noch kurzatmig. Der Arzt hielt sich die Hand unter sein Gesicht, um das Blut abzufangen und sprach nur kurz.
„Man hat Sie im Wald gefunden.“ Tina erschrak, als sie sein Gesicht sah.
„War ich das etwa?“ Er hielt nur die andere Hand vor und versuchte sie zu beruhigen.
„Sie können nichts dafür. Sie haben mich nur überrascht.“, sagte er leise, denn richtig sprechen fiel ihm schwer. Tina sah sich kurz um, bemerkte die Manschette um ihren Arm und machte diese dann ab. Sie begann geübt ihre Atmung zu kontrollieren und kurz darauf wurde sie wieder ruhig. Sie kannte diese Situation von ihren Schwimmübungen und vom Intensivtraining. Manchmal hat man Zeit und manchmal muss es schnell gehen, wieder zur Ruhe zu kommen. Und nun sah sie einen Mann vor sich stark bluten, den sie in ihrem Wahn verletzt hatte.
‚Daher der Traum. Kein Wunder. Das fühlte sich an als würde mich dort jemand wieder festhalten. Das war ein seltsamer Traum. Zuerst träume ich von meiner schönen Kindheit am Strand und dann tauchten plötzlich diese Kerle wieder auf, hielten mich fest und taten meinem Bruder weh.
Der Arme Doktor, der kann auch nichts dafür.‘ Sie stand eilig auf und sah sich im Zimmer etwas um. Dann griff sie sich ein Tuch aus der Taschentuchbox, öffnete mit der anderen Hand eine bestimmte beschriftete Schublade und griff mit dem Taschentuch hinein und holte etwas zur Blutungsstillung heraus und ging zu ihm. Sie lächelte den jungen Arzt an und gab ihm eine Kompresse.
„Sie kennen ja die Benutzung. Ich muss Sie ganz schön überrascht haben. Tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ Sie ging zum Waschbecken, wusch sich Hände und Arme, nahm dann ein Handtuch und trocknete sich ab. Dann benutzte sie das Desinfektionsmittel und verteilte es an denselben Stellen und ließ es kurz eintrocknen.
„Wow. Das riecht aber angenehm. Das andere Zeug beißt manchmal in der Nase und in den Augen.“, meinte sie angeheitert und sah dann in den Spiegel, um ihre Haare zu richten. Diese waren total zerwühlt. In dem Moment als sie sie sich mit den Händen richten wollte, rief er ihr warnend zu.
„Nicht! Lassen Sie es so!“ Sie stutzte und sah nur seinen ernsten Blick im Spiegel und ließ die Hände weg. Dann drehte sie ihren Kopf etwas und sah im Spiegel die roten Haarstellen.
„Was…oh nein. Aber…es ist trocken. Fühlt sich wie eine Beule an.“
„Ja, ich wollte es gleich weiter säubern. Es ist zwar nicht tief, aber es wird sicher noch eine ganze Weile wehtun.“
„Müssen Sie es nähen, oder geht es so?“ Er wunderte sich, dass sie gar nicht maulte und jammerte.
„Äh, das muss ich nochmal genauer schauen. Aber dazu kam ich noch nicht. Ich wollte erstmal die Blutung abwarten, ob noch was kommt und deswegen habe ich Ihren Blutdruck gemessen.“
„Okay. Und meine Haarspange? Wo liegt die?“, fragte sie und ging zu ihm, reichte auch ihm ein trockenes Handtuch, damit er seine Hände reinigen kann und sah sich um.
„Die muss noch im Wäldchen liegen. Es wird nach ihr gesucht.“
„Wer sucht die denn? Sie ist mir sehr wichtig.“
„Der Schüler, der Sie gefunden hat.“, sagte er dann.
„Und der wäre?“, hakte sie nach.
„Er möchte nicht, dass Sie es wissen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“ Tina wunderte sich. Wieso will er das nicht? Was ist denn dabei, immerhin hat er sie in der Dunkelheit gefunden. Sie beließ es jedoch dabei, wenn die Person das nicht möchte, dann muss sie das so akzeptieren.
„Ich werde jetzt Ihre Eltern benachrichtigen lassen. Man muss Sie abholen und das Unfallprotokoll unterzeichnen.“
„Können Sie von hier aus direkt anrufen oder geht das über Weiterleitung?“
„Das geht auch von hier aus.“ Er zeigte aufs Telefon an der Wand neben der Tür.
„Gut, ich rufe meinen Vater an und Sie kümmern sich jetzt endlich mal um ihre Lippe. Wie siehts denn aus? Was sagt die Blutung?“, sprach sie besorgt und ging zu ihm. Dann sah sie ihn an, er war vielleicht fünf Zentimeter größer als sie. Sie lächelte und hielt ihre Hand mit einer Geste vor ihn.
„Darf ich selbst schauen? Ich will ja nicht aus der Übung kommen.“ Er sah sie nur verwundert an. Was meinte sie denn damit?
„Übung? Wie meinen Sie das?“
„Naja, ich habe sowas schon öfters gesehen und behandeln müssen. Erste Hilfe, wissen Sie?“, grinste sie. Dann nahm er die Kompresse von seiner Lippe und sie konnte schauen.
„Das wird wieder. Sehen Sie selbst.“ Er ging zum Spiegel und sah sich endlich das Ganze selbst an.
„Sie haben Recht. Wenn das nicht so höllisch weh tun würde. Und dann ausgerechnet heute.“, brummte er etwas und kümmerte sich um seine Verletzung.
„Warum? Was ist denn heute?“
„Schon gut. Ist privat.“, sagte er dann nur kurz. Tina ging zu ihm.
„Darf ich es nicht wissen? Ist es zu privat?“ Er nickte nur. Dann grinste sie frech.
„Ah, dann geht es sicher um eine Frau. Wenn Männer eitel werden, dann ist es immer so.“
„Sie sind ganz schön frech.“, schmunzelte er.
„Wenn es sich lohnt? Hat doch geklappt. Jetzt weiß ich, dass Sie sicher ein Date haben und nicht mit der dicken Lippe auftauchen wollen. Eine feste Partnerin würde sich nur Sorgen machen, aber das klang vorhin anders.“, meinte sie und grinste ihn an.
„Oha, Sie sind gut. Sie haben mich ganz schön aus der Reserve gelockt.“, kicherte er etwas.
„Machen Sie sich keinen Kopf darum, wenn die Dame Sie wirklich mag oder kennen lernen will, dann wird sie das mit oder ohne dicke Lippe. Und wenn nicht, dann hat sie sowieso kein Interesse oder ist es nicht wert.“, grinste sie.
„Ich rufe jetzt meinen Vater an.“ Sie nahm das Telefon und wählte die Handynummer. Es piepste nur wenige Male und schon ging er ran.
„Hallo?“
„Papa, nicht wundern und nicht erschrecken. Ich rufe von meiner Schule aus an und bin beim Arzt. Holst du mich ab? Du musst ein Unfallprotokoll unterschreiben.“ Natürlich stieg der Puls des Mannes etwas an.
„Was hast du jetzt schon wieder angestellt? Soweit alles gut?“
„Ja, ich bin okay. Ist nur eine Beule am Kopf, deswegen musst du kommen. Ich habe gar nichts angestellt.“, murrte sie etwas zurück.
„Natürlich. Eine Beule? Du meinst vermutlich eher, du hast dir den Kopf aufgeschlagen? Ich bin noch auf der Baustelle, rechne nicht vor einer halben Stunde mit mir. Eher geht es nicht.“
„Ja, meine Güte. Eben das. Okay.“ Sie erklärte ihm wo er dann hingehen musste und legte auf. Der Arzt sah verdutzt zu ihr.
„Das klang nach Streit?“ Tina murrte etwas.
„Naja, er dachte natürlich gleich, ich hätte was angestellt. Eltern eben.“
„Ach so. So kann man das nicht sagen, das stimmt. Warum sollte er das denken? Ich habe zwar nur die Abendschichten, aber ich wüsste nicht, dass mir was zu Ohren gekommen wäre, bei denen Sie etwas Schlechtes getan hätten.“
„Ist auch so. Ich halte mich so gut es geht aus allem raus. Aber manchmal geht es eben nicht und naja…wenn ich Pech habe, dann werden meine Eltern angerufen.“, sprach sie leise und ging zum Fenster, sah in die Dunkelheit und stützte sich auf das Fensterbrett.
„Verdammt. So ein Mistwetter. Ausgerechnet jetzt.“
„Oh, tatsächlich. Das ist ja wie eine Sintflut.“
„Und dann dieser Wind. Der Arme, ich hoffe er holt sich keine Erkältung, und dann meinetwegen. Er ist sicher total durchnässt. Nur wegen der Haarspange. Das hätte er nicht machen müssen. Ich wäre sie selbst suchen gegangen.“, sprach sie dann besorgt.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Er hat eine Taschenlampe dabei und er ist das Wetter gewohnt.“, meinte der Arzt.
„Gewohnt? Ich hoffe er tut das nur aus Höflichkeit, denn wenn er sie findet und die Gravur liest, wird er unnötig enttäuscht sein.“, stöhnte sie leise auf und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen.
„Eine Gravur? Dann ist die Haarspange kein Erbstück?“, wunderte er sich. Tina schüttelte den Kopf.
„Nein, wie kommen Sie denn darauf? Ist er deswegen los?“ Er nickte.
„Ja, wir dachten beide es sei ein wichtiges Erbstück.“
„Sie ist…ein Geschenk.“
Einige Minuten später saß Tina auf dem Stuhl und der Arzt kümmerte sich endlich um ihre Kopfwunde.
„Ich würde empfehlen sie zu nähen, aber es ist kein Muss.“, meinte er dann, als er nochmal in Ruhe alles betrachtet hatte.
„Dann ist das eben so. Sie heilt schneller, wenn Sie genäht ist. Bringen wir es hinter uns und fertig.“ Er bereitete alles vor und setzte sich dann hinter sie und begann ein Gespräch, um sie abzulenken.
„Wie fühlen Sie sich denn inzwischen hier an der Schule? Die Schule wechseln ist immer schwer.“
„Es geht so, muss ja irgendwie gehen.“
„Ich war heute wie immer erst für die Spätschicht da und habe nur diese Versammlung mitgemacht. Was ist denn überhaupt passiert heute Mittag?“
„Sie versuchen mich doch nur abzulenken. Das müssen Sie nicht.“
„Sie wollen nicht drüber reden, oder?“
„Richtig. Ich ärgere mich mehr über mich selbst. Das hier hätte nicht passieren dürfen. Ich war dumm. Wie konnte ich so dumm sein und nur spazieren gehen statt zu laufen und dann setze ich mich auch noch hin. War doch klar, dass ich um diese Zeit einschlafe. Das hätte echt schief gehen können.“, grummelte sie dann vor sich hin und seufzte etwas.
„Das stimmt. Es war riskant. Aber so spät war es doch noch gar nicht. Es ist jetzt gerade mal 19 Uhr.“, wunderte er sich.
„Schon, aber ich habe kurze Nächte und dann hätte ich es besser wissen müssen, dass ich nicht zur Ruhe kommen darf, nicht vor der Nachtruhe. Aber das war so ein aufregender Tag und ich wollte nur in Ruhe nachdenken und abschalten. Sowas darf nie wieder passieren.“
„Oh, wie meinen Sie das mit kurzen Nächten? Schlafen ist sehr wichtig, das wissen sie doch.“ Sie stöhnte auf.
„Natürlich weiß ich das, aber…diese Sache…mit Ihrer Lippe…sie passiert jede Nacht. Und dann…kann ich nur aufstehen und die Nacht ist vorbei.“ Es blieb ruhig und keiner sagte etwas. Die Naht war schnell fertig, da die Patientin keine Probleme machte und der Arzt sich voll auf seine Arbeit konzentrieren konnte. Das Garn wird gekappt und der Lappen wird geholt und warmes Wasser vorbereitet.
„Es sind Albträume, oder? Und der Druck vorhin von der Manschette hat es ausgelöst?“, nahm er seinen Mut zusammen und sprach seine Vermutung aus. Tina antwortete nicht darauf und blieb einfach nur stillsitzen, damit er ihre Haare und die restliche Kopfhaut in Ruhe säubern konnte.
„Ich kenne das. Als Kind hatte ich einen Hund. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und dann eines Tages, da wurde er vor meinen Augen angefahren und …“, er stoppte kurz und tauchte den Lappen erneut ins Wasser.
„…er überlebte es leider nicht. Es dauerte sehr lange bis ich diese Bilder loswerden konnte. Ich wachte auch oft nachts auf und musste an ihn denken. Manches braucht leider seine Zeit.“, erzählte er dann weiter.
Tina atmete tief durch und sah dann plötzlich nach oben zur Decke.
„Fällt so ein Gespräch unter ärztliche Schweigepflicht?“, fragte sie plötzlich. „Natürlich. Alles was wir hier bereden bleibt im Raum. Oder würden Sie das mit dem Hund jemanden erzählen?“
„Nein, bestimmt nicht. Das geht doch niemanden etwas an. Ich erzähle es Ihnen, aber Sie dürfen es wirklich niemanden erzählen. Auch keinem anderen Arzt, verstanden? Das ist sehr wichtig, sonst hätte ich mir die ganze Aktion heute Mittag sparen können.“, sprach sie sehr ernst. Dann sah sie wieder zum Fenster. „Natürlich nicht. Aber was hat das mit den Mädchen zu tun?“
„Gar nichts, aber ich kann weder Mitleid gebrauchen, noch dass man weiß, dass ich eventuell einen Schwachpunkt haben könnte. Deswegen. Und nach der Sache heute, denke ich mal, kann ich mich endlich in Ruhe auf meine eigentlichen Aufgaben konzentrieren, da mich keiner mehr davon abhalten wird. Das hoffe ich jedenfalls. Mitleid ist dann völlig fehl am Platz.“
„Mitleid? Mitleid ist ein Schwachpunkt?“, wunderte er sich.
„Was denken die Leute denn jetzt plötzlich über mich? Was glauben Sie, denken die Schüler und was die Lehrer? Ich habe dafür gesorgt, dass diese drei Mädchen und ihre Jungs niemanden mehr nerven. Das wird mit Sicherheit nun vorbei sein. Was glauben Sie denken die anderen nun?“, versuchte sie ihm ein paar Informationen über die Konferenz zu entlocken.
„Naja, die mögen Sie natürlich. Sie werden unter ihnen wie eine Art Heldin bezeichnet, weil Sie den Mut dazu hatten. Ich habe es leider nicht gesehen. Aber wenn es so war, wie man es mir beschrieben hat, dann muss es ein toller Auftritt gewesen sein. Und die Kollegen, na da kamen einige Dinge ins Gespräch und es wird sicher einiges Neues in der Schule passieren. Sagen darf ich dazu aber nichts.“
„Sagen Sie als Fachmann, glauben Sie, ich habe den Mädchen das Leben gerettet? Das ist doch am Ende das Wichtigste, oder?“ Er schwieg kurz.
„Also wenn ihr Zustand so ist, wie es beschrieben wurde, dass sie das bereits seit Wochen und mittlerweile fast jeden Tag machen, dann auf jeden Fall. Aber die drei müssen auch in eine psychologische Behandlung gehen, sonst wird es so schnell nicht besser.“
„Danke, dann lag ich ja nicht so falsch. Und ja, letzte Woche konnte ich das bereits jeden Tag beobachten, dass sie sich heimlich auf den leeren Toiletten versteckten. Meist hier in den Turnhallen, weil es außerhalb der vielen Bewegungen liegt.“
„Okay, ich verstehe.“ Tina atmete tief durch.
„Es war mein Bruder. Wir wurden überfallen und man hat ihn vor meinen Augen verprügelt. Er hat es nicht überlebt. Ich hatte nur Glück, weil ein Freund mich rechtzeitig retten konnte. Wir sind hier, um neu anzufangen.“, haute sie dann plötzlich leise aber ganz schnell heraus. Dem jungen Arzt fiel vor Schreck der Lappen aus der Hand und er starrte sie nur an. Sein Puls stieg enorm in die Höhe.
‚Ihr Bruder? Ein Überfall?‘ Er betrachtete sie, wie sie aufrecht saß und sich nicht bewegte. Ihr stolzer Gang, den er immer bei ihr vernommen hatte, wenn er sie mit den anderen Schülern gesehen hatte und als sie vorhin am Fenster war. Immer nur den Kopf geradeaus. Niemals würde jemand nur ansatzweise vermuten, dass sie ein Trauma hinter sich hatte und deswegen schlecht schlafen würde. Sie hat Recht, wenn die Schüler diese Information kennen würden, dann hätte man sie entweder nie so stolz wahrgenommen, wie es bisher der Fall war und man hätte sie nicht so aufmerksam beachtet.
Er hob den Lappen auf, ging damit zum Waschbecken, legte ihn in die Schüssel der anderen Dreckwäsche und wusch sich die Hände. Dann nahm er sich einen neuen. Nebenbei betrachtete er das Mädchen durch den Spiegel und dachte nach.
‚Nun gut, deutsches Mädchen. Ich lag vorhin also nicht falsch, als ich ein Trauma vermutete. Erstaunlich, dass du es mir erzählt hast. Du willst stark sein und deswegen sollen es die anderen nicht wissen. Wenn du solche Aktionen öfters durchführen willst, kannst du wirklich kein Mitleid gebrauchen. Mit dieser Sache hast du plötzlich sehr viel bewirkt, ohne es wirklich zu wissen. Die Gespräche nach der Konferenz waren sehr aufregend und morgen Früh will nun jeder zu diesem Wettlauf kommen. Aber das wird nichts. Mit deiner Verletzung wirst du nicht antreten können.‘
„Der Direktor hat angekündigt das Personal der Schule aufzustocken. Mein Kollege und ich werden eine Fachkollegin bekommen und statt eines Studenten als Hilfskraft, eine Studentin. Es haben sich zwei Lehrerinnen gemeldet, die sich zusätzlich zum Vertrauenslehrer als Vertrauenslehrerinnen einsetzen wollen. Er wird beim Schulamt eine zusätzliche Sozialpädagogin anfordern und uns je Schicht eine dauerhafte Krankenschwester an die Seite stellen. Also keine Studenten, sondern fest angestelltes Personal. Der Schülerrat wird sich neu aufstellen. Es wird Neuwahlen geben und jeweils pro Klasse ein Junge wie ein Mädchen dabei sein.
Außerdem wird es für die Schüler in Zukunft einen Briefkasten geben, wo sie auch anonym zu Wort kommen und ihre Sorgen, Bedenken, Wünsche und auch Lob äußern können. So haben alle Schüler und Schülerinnen ausreichend Möglichkeiten sich bei Sorgen und Redebedarf jemandem anzuvertrauen.“, berichtete er dann einfach frei heraus. Er weiß, sie wird diese Informationen nicht weitergeben, aber vielleicht kann sie diese für die nächsten Tage irgendwie gebrauchen, damit es den Schülern allgemein besser geht. Er selbst weiß wie schwer es immer an der Schule war. Wie sehr haben seine Freunde unter dem enormen Druck gelitten und haben sich entweder verzweifelt gewalttätig geäußert, angefangen Drogen zu nehmen, haben aufgegeben oder sich sogar etwas angetan. Er möchte nicht einer der Schulärzte sein, die jemals eine solche Verzweiflungstag ansehen oder behandeln müssen. Er kennt das von Kollegen an anderen Schulen. Bisher ging hier alles gut, aber diese drei Mädchen waren ein eindeutiges Warnsignal, dass auch hier irgendetwas nicht stimmt. Durch die Beobachtungen und Rücksichtnahme unter den Schülern selbst kann dagegen angegangen werden. Alleine können es die Kinder nicht erkennen oder sich äußern.
„Sie wirken selbst recht sportlich. Welchen Sport betreiben Sie selbst?“, brachte Tina unerwartet als Reaktion darauf als neues Thema an. Der Arzt ging zu ihr und wusch weiter ihre Haare.
„Ich bin Schwimmer wie Sie. Ich bin Turmspringer und war Jugendmeister. Jetzt ist es nur noch Freizeit. Aber das wird wohl jetzt eine Weile warten dürfen. Ist halt Trockenübung angesagt.“, grinste er dann aber.
„Wow, jemand, der sich vor der Höhe nicht scheut. Ich bin in Deutschland auch Turmspringen gewesen. Das war neben dem Schwimmen echt aufregend. Eine sehr gute Abwechslung und man konnte den Kopf frei machen, wenn man da oben stand und sich nur auf den Sprung konzentrieren musste.“
„Das stimmt. Das ist wirklich ein ganz tolles Gefühl. Wie schnell schwimmen Sie?“
„Oh, es ist nicht besonders, aber es reichte letzte Woche für die Rettungsschwimmer-Prüfung. Zum Glück ist die jetzt nicht morgen. Das wäre wohl mit der Kopfverletzung doof. Ich hätte sie sicher verschieben müssen.“
„Oh, das ist doch super. In den Bädern und an den Stränden werden immer Rettungsschwimmer gesucht. Es kann gar nicht genug davon geben. Dann sind Sie doch aber gar nicht schlecht. Die Zeiten muss man erst einmal schaffen. Ich habe diese Prüfung auch gemacht und bin bis heute Rettungsschwimmer. So hat sich das Interesse für diesen Job hier ergeben. Die Erste Hilfe war dabei so eine tolle Erfahrung, dass ich beschloss es zum Beruf zu machen. Mit Menschen arbeiten und Sportler, wie ich einer war, zu unterstützen. Nach dem Studium fing ich an mich zu spezialisieren für die Sportmedizin. Deswegen bin ich auch hier an der Schule. Die nächste Schule mit Schwerpunkt Sport, hier in der Nähe hatte bereits genug Personal und ich kann aktuell nur Abendschichten machen. So ergab es sich dann, dass ich hier die Abendschicht von 17 Uhr bis 24 Uhr mache, so habe ich tagsüber Zeit mich um meinen dreijährigen Sohn zu kümmern bis er von seiner Mutter abgeholt wird. Wir teilen uns das Sorgerecht und sie muss tagsüber arbeiten. Sie hat ihn morgens und abends und ich habe ihn dafür den Tag über, wenn er nicht in der Kita ist.“
„Wow, das ist aber auch anstrengend. Ich stelle mir das schwer vor mit so einem geteilten Sorgerecht. So ein kleines Kind braucht echt viel Aufmerksamkeit. Was arbeitet seine Mutter denn?“
„Sie ist auch Ärztin wie ich, jedoch hat sie eine eigene Praxis und daher feste Zeiten. Dadurch passt das zum Glück alles sehr gut. Wir haben beide feste Zeiten und sind nie auf Abruf.“ Er legte den Lappen zur Seite in die Schüssel und griff nach einem Handtuch zum Trockentupfen.
„Ich bin soweit fertig. Wenn Sie nichts dagegen haben würde ich dann jetzt nochmal Ihre Atmung und das Herz kontrollieren. Ebenso ihre Augen. Das konnte ich vorhin nur sehr sporadisch. Und Sie wissen ja, im seitlichen Liegen ist das etwas schlecht mit den Werten.“
„Natürlich, Moment.“ Tina zog sich vorsichtig das Shirt und das Top aus und drehte sich dabei zu ihm um, damit er abhorchen konnte. Sie atmete tief und gleichmäßig durch und er legte das Stethoskop auf und horchte sie ab.
„Das klingt schonmal alles gut, einmal drehen, bitte.“, bat er und sie tat es natürlich.
‚Nanu? Was hat sie denn mit ihrem Rücken gemacht?‘, wunderte er sich natürlich über die kleinen frischen Narben.
‚Was mag passiert sein? Und dann
„Ob Sie das Top etwas hochnehmen würden, wenn es für Sie okay ist? Dann kann ich Ihre Lunge besser kontrollieren.“ Tina zog das Top aus und atmete wieder ruhig und ausgiebig durch. Sie spürte das Metallplättchen auf ihrer Haut und gab keinen Ton von sich. Innerlich hoffte sie einfach nur, dass er keine Fragen stellte, so wie es sonst alle Ärzte tun, die sie sehen.
„Es ist alles okay. Sie können sich wieder anziehen.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und zog ihr Top und das gelbe Shirt wieder an.
„Sie sind bis Mitternacht hier? Dann kann ich ja auch länger in der Halle bleiben. Wieso muss ich die dann immer so früh gegen 20 Uhr verlassen?“
„Das müssen Sie nicht. Wer sagt denn sowas?“
„Na Trainer Schmitt. Wenn wir mit dem regulären Training fertig sind müssen wir alle die Halle verlassen, sagt er. Deswegen bin ich doch jetzt immer schon so früh auf dem Schulgelände, damit ich meinen neuen Ball üben kann. Normalerweise würde mir das Laufen reichen vor dem Unterricht.“ Der Doktor legte sein Stethoskop zur Seite und nahm das Ophthalmoskop, um ihre Augen zu kontrollieren. Er drückte auf einer Fernbedienung und dimmte das Licht im Raum.
„Sehen Sie zum Bild an der Wand hinter mir.“ Nach der Kontrolle wurde es wieder heller, er befand alles für in Ordnung und ging zum Fenster. Noch immer war es ein windiges und sehr regnerisches Wetter.
„Laut der Hausordnung darf niemand alleine in der Halle sein. Deswegen hat er das sicher gesagt. Wenn Sie jedoch jemanden als Ansprechpartner haben oder für Notfälle anrufen können, ist es an sich kein Problem länger zu bleiben. Tagsüber ist ja auch unser Student dann im Notfall in Ihrer Halle. Bei den Fußballern und dem Rugbyteam passiert ja deutlich schneller was. Auch Ihr Männerteam ist oft verletzt und dann ist er da. Deswegen ist es gar nicht so schlecht, wenn wir nun weiteres Personal bekommen. Immerhin sind die Zeiten viel zu knapp bemessen.“
„Die Männer sind noch da, wenn wir gehen? Also unsere Volleyball-Männer bleiben noch? Die nutzen ja die große Turnierhalle. Deswegen kriege ich das wohl nicht so mit. Wieso kann ich dann nicht auch einfach bleiben? Ich bin lieber abends länger hier als morgens so früh nur draußen gegen die Wand zu spielen. Und am Montag hat es so doll geregnet, da ging das mit dem Ball gar nicht mehr. Das macht keinen Sinn, wenn er nass ist. Er rutscht mir nur unnötig von den Händen und das ist ja kein Zustand, den er im Fall eines Spiels haben kann. Die Kälte kommt auch dazu. Wenn er durch die Feuchtigkeit halb einfriert und sich der Luftdruck ändert, bringt mir das ebenso wenig. Dann kann ich mit seinem Verhalten und dem Effekt gar nichts anfangen.“
„Ja, einige von denen bleiben gut bis 23 Uhr.
Sie sind wirklich witzig, Frau Fuchs. Sie reden vom Ball, aber was ist mit Ihnen? Stört Sie der Regen und die Kälte nicht selbst? Es war heute sehr leichtsinnig ohne Jacke oder weitere Kleidung im Park spazieren zu gehen. Es sind doch aktuell nur noch um die zehn Grad, das ist zu kalt für einen Spaziergang und dann barfuß.“, klang er plötzlich belehrend.
„Ich weiß, aber ich kann das ab. Das ist nicht schlimm. Kann ich Sie denn von der Halle aus direkt anrufen, wenn mir mal was passiert und ich alleine bin? Ich habe ein Handy.“, lenkte sie ab.
„Ja, am Telefon hängt meine Nummer. Die können Sie sich notieren. Im Arztzimmer der Turnhalle hängt sie als Durchwahl zwei am dortigen Telefon.“ Tina ging zum Telefon und nahm sich einen Notizzettel vom Stapel und einen Stift. In diesem Moment klopfte es an der Tür.
„Herein!“, rief der Arzt und Tinas Eltern betraten den Raum.
Der Unbekannte oder die Nummer 3
Kapitel 132
Der Unbekannte oder die Nummer 3
Ihre Mutter stürmte sofort zu ihr und umarmte sie und Georg musterte Tina kurz, sah ihr fröhliches Lächeln und dann wand er sich dem Arzt zu und musterte diesen und erkannte sein Namensschild.
„Guten Abend Doktor Sato. Wie schlimm ist es? Meine Tochter neigt dazu mit ihrer Beschreibung gerne zu untertreiben.“ Dieser sah ihn natürlich verblüfft an. „Guten Abend Herr Fuchs. Es ist eine kleine Platzwunde und ich habe sie genäht. Es ist soweit alles okay.“
Tinas Mutter fing an ihre Tochter überall anzutatschen. Ihr Herz klopfte wie will, denn sie machte sich große Sorgen.
„Mein Mädchen, was ist denn nur wieder passiert? Wer hat dir das angetan?“, schluchzte sie, als sie die Naht unter ihren Haaren entdeckte.
„Mama, alles ist gut. Das war meine eigene Dummheit. Ich war im Park spazieren und habe mich dann unter einen Baum gesetzt und bin eingeschlafen. Dann bin ich sicher umgefallen und…“, sie unterbrach und sah zu Doktor Sato.
„Dr. Sato, was sagte der Junge zu Ihnen?“
„Oh, er sagte, Sie lagen mit dem Kopf auf einer Baumwurzel. So tief wie Sie vorhin noch geschlafen haben, vermute ich mal, sie sind einfach umgefallen zur Seite. Zum Glück war Ihre Haarspange genau an der Stelle, denn die Wunde wäre bestimmt deutlich tiefer gewesen ohne die Abfederung und ohne als Druckpunkt zu dienen.“, erklärte er.
„Eine Naht? Ich möchte sie sofort sehen.“, merkte Georg streng an und ging zu Tina rüber und betrachtete sie.
‚Na das sieht diesmal wenigstens ordentlich aus. Schlimm genug, dass schon wieder was ist. Bettina, meine Liebe. Du musst echt besser aufpassen. Der Schock letzte Woche reicht noch.‘
„Danke Doktor. Das sieht sehr sauber aus. Haben Sie Bettina schon komplett untersucht?“
„Ja, das habe ich. Zuerst dachte ich, sie sei bewusstlos, aber nein. Sie lag nur im Tiefschlaf. Dann kam sie auch schon zu sich.“
„Und was ist mit ihrer Lippe passiert? Das sieht ja böse aus.“, fragte er skeptisch.
„Oh, das wird schon wieder. Berufsrisiko.“, lächelte er höflich.
„Bettina, also echt. Was war los?“, knurrte er sie plötzlich an.
„Das war ich. Ich bin beim Aufwachen aufgeschreckt und habe ihm mit der Schulter am Kinn erwischt. Er kann nichts dafür. Dr. Sato wollte gerade in dem Moment meinen Puls messen.“, erklärte sie sachlich und fasste sich an den linken Oberarm.
„Was meinst du mit aufgewacht? Du hast wirklich noch geschlafen? Wie bist du dann hierhergekommen? Dann hat dich jemand hergetragen?“, erkundigte sich Georg. Gesine sah Tina genauer an und fasste ihre Hand.
„Dich hat jemand angefasst? Ein fremder Mann?“, schreckte sie etwas zusammen.
„Es war einer unserer Oberschüler. Er ist im Moment dort draußen und sucht die Haarspange und ihre Schuhe.“ Georg sah zum Fenster.
„Bei dem Wetter und dann im Dunkeln? Das hätte auch morgen gereicht. Wie soll man das nur wieder gutmachen?“, war es ihm unangenehm. Dann ging er zur Tür und schnappte sich den Regenschirm.
„Das ist doch wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ich schau ob ich ihn finde und dann wird die Suche verschoben. Er holt sich ja das draußen unnötig den Tod.“, meinte er überzeugt und griff zur Türklinke.
„Papa, das bringt doch nichts. Du weiß doch gar nicht wo das ist. Der Weg ist weit. Bis zu dem Baum sind es bestimmt gut über ein Kilometer. Du musst erst bis zur Turnhalle, dann an Juns Sportplatz vorbei und dann ins Wäldchen. Die Wege sind zwar ausgeleuchtet, aber bei dem Wetter sieht man eh nichts. Am Ende suchen wir dich dann auch noch.“, erklärte Tina ernst und berührte seine Schulter.
„Herr Fuchs, Ihre Tochter hat Recht. Dieser Oberschüler kennt sich hier auf dem Gelände sehr gut aus. Er ist schon seit gut zehn Jahren hier und weiß genau wo er suchen muss. Ich habe ihm eine Taschenlampe mitgegeben. Und er möchte unerkannt bleiben.“
„Er will unerkannt bleiben? Warum das denn?“
„Papa, er will nicht, dass ich weiß wer er ist. Er hat mich gerettet und hergebracht. Er hat also seine Pflicht getan und will nur helfen. Das ist doch auch zu respektieren, wenn er das dann nicht will.“
„Bettina, ich will mich doch nur bei ihm bedanken. Du musst ja nicht erfahren wer es war, wenn er das nicht möchte. Okay? Ich bin nur hier auf dem Flur.“ „Papa, muss das sein? Er wird seine Gründe haben.“, murrte Tina ihn etwas an. Er sah sie liebevoll an und berührte kurz ihre Wange.
„Ich gehe keine Risiken mehr ein. Ich verrate es dir auch nicht. Ich muss doch wissen wer mein kleines Mädchen gerettet hat und so selbstlos nach deinen Sachen sucht.“
„Wehe du verrätst es mir. Und sei vor allem nett zu ihm!“, sprach sie leise zu ihm auf. Er lächelte kurz und dann verließ er den Raum.
Zeitgleich öffnete sich wieder die Eingangstür des Hauptgebäudes. Der große Rugbyspieler betrat den Vorsaal und ging zuerst direkt in die Toiletten. Er versuchte die Schuhe etwas auszuwringen, jedoch war dies sehr schwer. Aber er wollte nicht, dass sie so sehr nass sind, wenn er sie zurückbringt. Dann betätigte er den Stöpsel des Waschbeckens und ließ etwas Wasser hinein. Er griff in die Jackentasche und holte die Haarspange heraus und legte sie ins Wasser. Jetzt im Licht konnte er genau sehen, dass Blut an ihr klebte. Er machte etwas Seife ins Wasser und hoffte, dass es damit etwas ablöste. Und tatsächlich. Dann lächelte er beruhigt.
‚Zum Glück. Ich habe sie gefunden und sie scheint heile zu sein. Sie ließ sich vorhin noch zumachen. Ob ihr die Spange wirklich sehr wichtig ist? Sie trägt sie jeden Tag, auch beim Training, soweit ich weiß.‘ Neugierig sah er sie sich an und strich vorsichtig mit seinen Fingern über die Bereiche wo noch etwas Blut dran war. Die Steinapplikation mit der Edelweißblüte wurde endliche wieder weiß.
‚Sie ist sicher traurig, wenn sie so dreckig ist.‘ Dann nahm er sie aus dem Wasser, ließ das dreckige Wasser ab und spülte die goldene Spange vorsichtig unter klarem Wasser ab. Dann nahm er Papiertücher und trocknete sie ab. Tangaroa legte sie dann an die Seite und wickelte sie in ein sauberes Tuch ein. Danach wrang er seine eigenen Sachen alle so gut es ging aus und zog die Schuhe aus. Er trocknete seine Füße mit den Tüchern ab. Nass mochte er ganz sicher nicht durch die Gänge laufen. Endlich hatte er es geschafft, dass seine Kleidung nicht mehr so doll tropfte und er stellte seine Schuhe und nassen Socken hinter die Tür, dass sie nicht gleich auffallen, wenn man hineinkäme.
Er stopfte noch ein paar Tücher in Tinas Turnschuhe, griff sie und mit der anderen Hand das Tuch mit der Haarspange und verließ die sanitären Räume. Er ging zügig durch den Gang und bog in den letzten Gang in dem das Arztzimmer war. Dann blieb er plötzlich stehen. Er sah einen Fremden. Einen blonden Mann, welcher am Fenster stand und hinaus in die Dunkelheit sah. Er trug einen schwarzen eleganten Anzug. Tangaroas Puls stieg an.
‚Wer ist das? Etwa Bettinas Vater? Der junge Mann, der sie anfangs immer begleitet hat ist es nicht. Dr. Sato musste ihre Eltern informieren, das war zu erwarten. Was mache ich denn jetzt?‘, ging ihm durch den Kopf.
„Haben Sie die Haarspange gefunden? Auch die Schuhe?“, kam überraschend eine dunkle Stimme von Tinas Vater ohne, dass er sich umdrehte. Eine Antwort kam jedoch nicht zurück.
„Der Arzt und Bettina sagten, dass Sie nicht möchten, dass sie erfährt, wer sie gerettet hat. Das akzeptiere und respektiere ich. Bettina ebenso. Sie wäre mir sehr böse, wenn ich es ihr verraten würde. Das können Sie mir glauben. Jedoch sehe ich mich in der Pflicht als Vater, mich bei dem Mann zu bedanken, der meinem Mädchen vermutlich das Leben gerettet hat. Ich hoffe Sie können das verstehen und ebenso akzeptieren.“ Es blieb still. Ein paar wenige Tropfen fielen zu Boden und belebten den stillen Flur.
‚Ein großer kräftiger Typ ist er. Wer ist er? Ob er schüchtern ist und sich nicht traut zu mir zu kommen? Nun gut. Wir werden schon einen Weg finden. Ich will wissen wer das ist.‘
„Sie verstehen doch mein Englisch, oder?“ Langsam ging Tangaroa auf ihn zu, blieb neben ihm stehen, legte die Spange neben Tinas Vater auf das Fensterbrett und stellte die nassen Schuhe auf den Boden. Dann stellte er sich ebenso ans Fenster und sah hinaus.
„Ja. Ich verstehe Sie.“, sagte er dann leise, aber deutlich und mit fester Stimme. Seine Aufregung war groß, jedoch konnte er sie verbergen. Im Fenster spiegelte sich seine große Gestalt. Auch Tangaroa konnte das Gesicht des deutschen Mannes nun erkennen.
„Warum wollen Sie nicht, dass Bettina es weiß?“ Es war wieder eine Weile still. „Ich möchte keinen Dank von ihr oder Ihnen. Tina ist sehr mutig und klug. Dass ich sie rechtzeitig gefunden habe, ist mir Dank genug.“ Sagte er dann nur und drehte sich wieder weg.
„Ich kann spüren, dass Sie Sportler sind. Außerdem müssen Sie sehr gut trainiert sein, so einen weiten Weg womöglich noch gelaufen. So leicht ist Bettina nicht. Welchen Sport machen Sie?“
„Ich spiele Rugby, in zweiter Generation.“ Georg drehte sich nun zu ihm um und betrachtete Tangaroa von hinten.
„Mit Ihrer Statur sicher vorne bei den ersten fünf. Sie sind Nummer drei.“ Tangaroa antwortete nicht darauf und verabschiedete sich nur mit einem Guten Abend.
„Ich habe die letzten Spiele gesehen. Sie sollten Ihrem Kapitän sagen, dass er die 7 und die 6 tauschen soll. Jetzt mag es noch funktionieren, aber in Hinsicht auf nächstes Jahr, wenn einige von Ihnen gehen, könnte das Team stärker sein. Ihre Talente würden besser genutzt werden. Und wenn es keinen anderen gibt, würde ich Ihre Position später mit Nummer 4 besetzen. Nur mal so als Tipp, den haben Sie aber nicht von mir.“ Tangaroa blieb verwundert stehen. Er war erstaunt, dass er sich überhaupt mit seinem Sport auskannte. Die Deutschen sind nicht unbedingt bekannt dafür, dass sie Rugby mögen. Da stehen doch Fußball, Eishockey und Handball mehr im Vordergrund.
„Okay. Warum die Tipps?“
„Danke darf ich ja nicht sagen. Aber einen sportlichen Rat geben ist sicher erlaubt.“
„Okay.“ Dann ging er ohne sich umzudrehen weiter durch den Flur.
„Eine Frage hätte ich noch.“, sprach Georg etwas lauter, es klingt zwar etwas herausfordernd, aber trotzdem freundlich.
„War heute irgendetwas in der Schule? Wissen Sie vielleicht warum Bettina den Drang hatte spazieren zu gehen und unbedacht ihr Handy nicht bei sich hatte? Das ist nicht ihre Art. Das macht sie nur, wenn sie etwas bewegt und abschalten muss. Wie ich sie kenne, wird sie mir nicht erzählen was los war.“ Tangaroa machte eine Faust und dann löste er seine Hand wieder.
‚Ach Bettina, da hast du deine Art her Leute aus der Reserve zu locken. Auf diese Weise hast du die drei so richtig auffliegen lassen. Nun nicht zu antworten wäre sehr unhöflich und einfach verneinen, das würde er sicher merken, dass ich dann lüge. Und lügen will ich so oder so nicht.‘ Er atmete einmal tief durch und drehte sich mit seinem aufrichtigen Blick und einem selbstsicheren Stand um und sah ihn freundlich kan. In seiner Vorstellung stand er vor einem Gegner, höflich bleiben, aber ernst und konzentriert.
„Tina hat heute vermutlich drei anderen Mädchen das Leben gerettet und der ganzen Schule einen großen Gefallen getan. WIR haben ihr alle zu danken.“ Georg ging plötzlich auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen. Die Männer sahen sich beide in die Augen und Georg schmunzelte dann und wich ihm aus. Ohne ein einziges Wort zu sagen ging er zum Fenster zurück, schnappte sich die Haarspange und die Schuhe und verschwand im Arztzimmer. Tangaroa stand etwas irritiert im Flur und atmete dann erneut tief durch.
‚Was war das denn eben? Wieso hat er mich so angesehen und ist einfach gegangen ohne etwas zu sagen?‘ Dann ging er selbst endlich seine Schuhe holen, verschwand in Richtung Turnhalle und holte seine Sachen aus der Umkleide. Ohne sich heute groß umzuziehen, denn auf dem Weg heim würde er ohnehin wieder nass sein, ging er nach Hause. Sein Weg war nicht weit, denn er wohnte gleich neben dem Schulgelände.
Er schloss die Tür zum Elternhaus auf und verschwand sofort im Bad. Zum Abendessen rief ihn seine Mutter und er hatte einen Bärenhunger. Sein Vater und sein etwas jüngerer Bruder saßen am Tisch und legten jeweils ihre Bücher zur Seite, als er kam. Sein Bruder, welcher im selben Alter wie Tina war, aber eine Klasse über ihr, hatte mehr Interesse an Kunst und Kultur als an Sport. Jedoch mangelte es ihm nicht am Selbstvertrauen und er fand es ab und an sehr amüsant, seinen großen Bruder etwas zu necken. Er tat es aber nicht aus Gehässigkeit, sondern eher, weil er ihn aus der Reserve locken will. Die Brüder verstanden sich in der Regel sehr gut.
„Na Großer, wie war deine Schule heute?“, begann sein Vater und grinste etwas. Tangaroa wunderte sich eher, denn das kannte er nun gar nicht. Aber er setzte sich einfach auf seinen Stuhl und sah auf die leckeren Sachen, die auf dem Tisch standen.
„Ich bin etwas müde.“, sagte er nur nachdenklich. Seine Gedanken waren noch bei Tina. Vor seinen Augen spielte sich die Situation ab als er Tina so regungslos in der Dämmerung fand und Angst in ihm aufstieg. Dieses Gefühl kannte er bis dahin noch nicht. Noch nie hatte er Angst. Wovor denn auch?
Mitten in seinen Gedanken legte ihm seine Mutter das Rindersteak auf den Teller und wünschte ihm einen guten Appetit. Er schreckte etwas auf, als er das eigentlich geliebte Rindersteak sah und die Pommes mit der roten Barbecue-Soße daneben. Er liebte es gerne RAR, also noch sehr saftig und innen roh. Doch heute…heute sah ihm das gar nicht appetitlich aus. Als er es anstarrte, kamen ihm die Bilder wieder, wie er in der Dunkelheit unter der Laterne seine Hand sah, die mit Blut beschmiert war. Und die Pommes mit der Soße dazu erinnerten ihn an Tinas blonde Haare, welche ebenso blutverschmiert waren. Er legte plötzlich das Besteck wieder hin und stand auf. Etwas irritiert sah er auf seine Hände, dann zu seiner Familie, welche sehr verwundert schaute und dann über den Tisch. Hunger hatte er, aber ausgerechnet das, was er doch sonst so gerne mochte, das ging heute gar nicht. Tangaroa ging um den Tisch herum und schnappte sich stattdessen den Kuchen und den Obstsalat.
„Sorry, mir ist nicht nach Steak.“, sagte er dann nur und verzog sich sofort nach oben auf sein Zimmer.
Die Schüssel und der Teller wurden auf den kleinen Tisch in der Sitzecke gestellt und er griff zur Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Dann setzte er sich an den Tisch und sah auf den Kuchen. Natürlich hatte er bei der Aufregung das Besteck und einen Extra Teller vergessen. Also stand er auf und ging wieder heraus zur Treppe. Da kam ihm dann auch schon sein Bruder entgegen. Er hatte Teller und Besteck, Gläser sowie eine Flasche Wasser bei sich.
„Du hast was vergessen, Roa.“, grinste dieser nur und statt ihm die Dinge einfach zu geben, ging er direkt in sein Zimmer und legte es ihm auf den Tisch.
„Willst du wirklich alleine essen? Das sieht dir gar nicht ähnlich.“ Der große Bruder ging wieder in sein Zimmer und setzte sich hin.
„Mir ist wirklich eher nach „alleine sein“. Danke dir aber.“, klang er betrübt. Sein Bruder schloss plötzlich die Tür.
„Es geht um die Kleine, oder? Sie ist wirklich süß, das stimmt. Glaube mal nicht, dass du der Einzige bist, der sich in sie verguckt hat. Und heute nach der Geschichte wird sie sich bestimmt vor Dates nicht mehr retten können. Du solltest also schnell sein, wenn du was von ihr willst.“ Tangaroa begann einfach zu essen und machte sich erst über den halben Kuchen her. Dann griff er zur Schüssel und lud sich den Teller voll.
„Komisch drauf bist du schon. Hast so einen Hunger und verzichtest auf dein geliebtes Steak. Mutter stellt es zur Seite, falls du es dir später doch noch gönnen willst. Es wird dann nur nicht mehr so saftig sein wie du es magst.“ Eine Antwort kam nicht, aber das Schlingen war deutlich zu hören.
„Oh man. Naja. Wenn du lieber alleine bist, ist das so. Esse dich erstmal satt und wenn du reden willst, dann weißt du ja wo ich bin. Ich mache mich jetzt über deine Pommes her.“ Keinerlei Reaktion.
„Wenn du sie nicht fragst, dann werde ich es übrigens tun. Und wenn ich es wenigstens schaffe sie in den Schachclub zu holen.“, provozierte er ihn etwas auf seine neckische Art. In dem Moment erntete er dann doch endlich mal einen Blick von seinem großen Bruder. Er legte das Besteck beiseite und sah ihn verdutzt an. Der letzte Bissen wurde heruntergeschluckt.
„Meinst du das jetzt im Ernst, oder willst du mich nur aus der Reserve locken?“, kam dann als Frage. Der Jüngere grinste.
„So so…du magst sie also doch. Keine Angst, ich finde sie zwar auch niedlich, aber bei so viel Stolz und Mut, ist sie bestimmt nicht leicht als Freundin festzuhalten. Aber die Idee mit dem Schachclub werde ich trotzdem mal in Angriff nehmen. Ich wüsste zu gerne wie gut sie ist.“, berührte er sein Kinn und schmunzelte.
„Gut, denn ich hatte vor sie morgen zu fragen. Ich befürchte, mein Team wird mich vermutlich eh dazu zwingen.“, grummelte er plötzlich und lehnte sich an und benutzte die Serviette.
„Echt? Das hast du vor? Wow. Soviel Mut hätte ich dir gar nicht zugetraut. Bist du deswegen so angespannt? So schlimm kann das doch nicht sein.“
„Das…das hat damit nichts zu tun. Was meinst du mit Schach? Wieso soll sie in euer Schachclub gehen?“, wunderte er sich.
„Na weil sie spielen kann. Die Jungs aus ihrer Klasse redeten über gar nichts anderes mehr, abgesehen von der Vorstellung, die sie da abgeliefert hatte.“
„Das mag ja sein, aber ihr spielt doch hauptsächlich dieses Shogi. Was soll sie denn dann dort? Ich Europa wird doch eher das einfache Schach gespielt.“
„Das ist es ja, sie kann Shogi spielen. Wer hätte das je gedacht? Sie muss gut sein, denn sie hat einen von uns, der in ihrer Klasse ist, mit nur wenigen Zügen besiegt.“ Er staunte nicht schlecht. Wenig später ging sein Bruder wieder runter und vergriff sich an seinen Pommes. Tangaroa machte den Fernseher wieder aus, so richtig hatte er nun doch keine Lust mehr und mit Essen war er fertig. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und holte seine Schulsachen aus dem Rucksack. Er starrte sein Matheheft an und hielt den Stift in den Händen.
‚Morgen ist eine Mathe-Klausur. Na gut. Dann werde ich mich da jetzt mal reinstürzen. Das lenkt bestimmt ab.‘
Währenddessen wurde unten am Esstisch wieder abgeräumt.
„Und? Was sagt er? Geht es wirklich um das Mädchen, was du vorhin vermutet hast?“, begann sein Vater.
„Ich glaube schon, aber trotzdem stimmt irgendwas nicht. Es war eine komische Unterhaltung. Ich musste ihn ganz schön aus der Reserve locken.“ Die Mutter schlug die Hände zusammen und lächelte verträumt.
„Tangaroa ist verliebt? Du hast vorhin nur kurz die Vermutung geäußert. Wer ist es denn? Sie ist bestimmt eine hübsche kleine Japanerin, die mal keine Angst vor so großen Jungs hat. Bestimmt auch so schüchtern wie er. Mein Großer ist doch immer so zurückhaltend, wenn es um Mädchen geht. Ist sie aus seiner Klasse?“ Der Bruder lachte.
„Alles völlig daneben. Sie ist das totale Gegenteil. Sie ist zwar nicht groß, aber schüchtern schon mal gar nicht. Sie ist seit diesem Schuljahr erst an unserer Schule und alle reden über sie.“, berichtete er stolz.
„Oh, ist sie so hübsch, dass echt alle über sie reden?“
„Das auch, aber Tina fällt anders auf. Sie kommt aus Europa, aus Deutschland und spricht noch kein Japanisch, aber dafür super Englisch und wenn ich den Gerüchten glauben mag, sogar Spanisch und Französisch.“
„Oh, eine Deutsche? Hat sie dann so typisch goldene Haare und blaue Augen?“, merkte die Mutter an.
„Du und deine Klischees. Aber ja, tatsächlich. Sie ist gelbblond und hat blaue Augen. Sie trägt auch immer eine goldene Haarspange. Aber das ist es gar nicht wieso die anderen so reden. Es ist ihre Art, ihre Art sich zu bewegen, wenn sie nur alleine durch die Gänge läuft und wie sie mit den Leuten umgeht. So erhaben, stolz und selbstbewusst. Obwohl sie noch kein Japanisch kann, kommt sie irgendwie klar und kommuniziert mit Gesten und natürlich in Englisch. Sie ist zu jedem freundlich und hilfsbereit und scheut sich nicht auf Gespräche einzugehen, wenn sie jemand anspricht.“
„Sie spricht jetzt schon so viele Sprachen? Ist sie deswegen an eurer Schule? Sprachen, Kultur und Sport sind doch die Schwerpunkte.“, vermutete der Vater. „Ich denke mal schon, dass das der Grund war, aber sie macht auch Sport. Tina ist im Volleyballteam von Yako Kawasaki. Das Team ist sehr stark und gewann schon mehrmals gegen die Toho und vor allem auch die Nationalmeisterschaft. Aber Tina ist ganz neu im Sport, soweit ich gehört habe. Bisher saß sie immer auf der Bank. Ich habe keine Ahnung wie gut sie ist, aber sie soll sehr sportlich sein und hat wohl eine große Ausdauer. Jeden Morgen läuft sie eine Stunde lang in unserem Park, noch vor der Schule.“
Die Familie bekam nicht mit, dass sich Tangaroa inzwischen auf die Treppe gestellt hatte. Er wollte das Geschirr zurückbringen und sich einen Tee machen. Statt aber zu ihnen zu gehen, blieb er stehen und lauschte ihnen interessiert zu. „Oh, dann hat sie sicher vorher schon etwas gemacht.“, kam wieder vom Vater. „Sie war laufen und schwimmen. Mehr weiß keiner. Das macht sie so geheimnisvoll. Alle Jungs reden nur noch von ihr. Jeder hat da so seine eigene Meinung. Aber keiner traut sich sie mal anzusprechen. Nur ein paar Mädchen haben es bisher gewagt. Sogar die Lehrer reden untereinander über sie. Vor allem die, die mit ihr Unterricht haben. Sogar unsere Lehrer werden dann von Schülern angesprochen und erkundigen sich wie sie sich im Unterricht so macht. Die halten natürlich den Mund oder sagen nur, dass sie aufmerksam mitmacht.“
„Hm, aber ist Volleyball nicht sehr komplex? Als Einsteigerin wäre ein weniger starkes Team doch sicher besser. Vor allem so kurz vor Schulende. Und wie will sie denn hier arbeiten gehen, wenn sie nur noch ein Jahr hat?“, stellte die Mutter verdutzt in den Raum.
„Wer sagt denn, dass sie nur ein Jahr hat? Tina ist erst so alt wie ich und ist eine Klasse unter mir. Sie hat noch ein paar Jahre. Aber trotzdem wird es sicher nicht leicht, denn immerhin muss sie noch Japanisch lernen. Also wenn ich mir jetzt vorstelle, erst jetzt hier in Japan zu sein und das alles in so kurzer Zeit lernen zu müssen, das könnte ich bestimmt nicht. Die Sprache und den ganzen Schul-Stoff. Oh man. Das ist sehr mutig. Aber sie scheint sowieso sehr mutig zu sein.“, grinste er dann.
„Warum? Wie kommst du darauf?“, fragte die Mutter.
„Sie ist erst sechzehn?“, merkte der Vater verdutzt an.
„Ist doch egal, ihr seid doch sogar sechs Jahre auseinander.“
„Das kannst du doch nicht vergleichen.“, konterte er dann.
„Wieso nicht? Mama war mit achtzehn schwanger. Also spiel hier nicht den Moralapostel.“, kam er ihm etwas gereizt entgegen. Die Mutter stöhnte genervt auf.
„War ja klar, dass uns das irgendwann auf die Füße fällt.“ Alle drei begannen zu lachen.
„Macht euch gerne lustig darüber, aber Tina mag auf dem Papier vielleicht erst so alt sein wie du, Brüderchen, aber im Kopf ist sie schon viel weiter. Und ich bin davon überzeugt, dass sie das selbst ganz genau weiß.“, brummte Tangaroa plötzlich deutlich und ging am Esstisch vorbei in Richtung Abwäsche. Er stellte seine Sachen ab und öffnete die Spülmaschine. Alle sahen zu ihm und wunderten sich über sein Erscheinen sowie über seine Worte.
„Wie meinst du das im Kopf? Und woher willst du das denn überhaupt wissen? Nur weil du ihr mal kurz in die Augen gesehen hast, weil dich dein Hunger gepackt hat?“, grinste er und neckte ihn ein wenig. Er mochte es noch nie, wenn sein großer Bruder sonst wie erwachsen tat.
„Dann erzähle doch mal was heute gewesen ist. Jetzt hast du es schon erwähnt. Und nein, ich hatte zwar noch etwas Hunger, aber eigentlich habe ich nur die Gelegenheit genutzt. Es hat sich ja sonst niemand getraut und die Situation sollte sich bestimmt nicht ewig in die Länge ziehen.“, erklärte er lächelnd und sah dann zu ihm.
„Was ist denn passiert?“, fragte der Vater. Der Bruder berichtete ganz begeistert von dem Vorfall in der Kantine. Dass sie das Essen aufsammelte und sich dann zu den sechsen begab und sich sogar mit den Freunden von ihnen anlegte, die ihn auch schon geärgert hatten. Die Mädchen seien die Zicken der Schule und drangsalierten alle, die ihnen irgendwie nicht passten.
Er machte ihre Bewegungen nach wie sie die Teller der Mädchen in ihre Schüssel füllte und dann in kürzester Zeit ihre gewünschte Ration aß. Dann hob er die Schüssel hoch und sagte ihren Satz, dass sich doch einer der großen Jungs melden solle.
Seine Eltern staunten nicht schlecht, als es dann natürlich Tangaroa war, der sich traute vor versammelter Mannschaft die Schüssel zu nehmen, obwohl er sich da schon in sie verguckt hatte.
Dann lachte er los und setzte sich auf den Esstisch und machte Tina nach, wie sie die Teller hinstellte und die Gläser befüllte. Dann schlug er die Beine übereinander und amüsierte sich köstlich darüber wie sie behauptete, dass sich die drei gegenseitig dazu brachten, sich zu übergeben und das wohl schon einige Wochen ginge und vermutlich nun täglich. Und dann stand er vom Tisch auf und lachte begeistert darüber wie sich das eine Mädchen noch vor allen anderen übergab und Tina ihr die Schüssel gab und die Mädchen dann heulend aus dem Saal rannten und Tina ihre Freunde noch hinterherschickte.
„Das hättet ihr sehen müssen. Alle haben geklatscht und gejubelt. Den Rest des Tages gab es kein anderes Thema mehr. Sogar der Direktor hat es gesehen. Und dann ging sie einfach cool zur Essenausgabe und nahm sich noch einen Pudding.“, war er dann endlich mit seiner Ausführung zu ende. Tangaroa grinste etwas und ihm wurde etwas warm, als er daran dachte, wie Tina ihn ansah, als er sich die Schüssel holte. Die Eltern sahen sich nur total verdutzt an.
‚Du meine Güte. Was ist das denn für ein Mädchen? Dazu gehörte wirklich viel Mut.‘, fiel es beiden auf. Der Vater lehnte sich nachdenklich zurück.
„Du hast ein paar Fakten ausgelassen. Weißt du denn überhaupt warum sie das getan hat?“, brachte sich der große Bruder ruhig ein.
„Was meinst du? Ist doch logisch. Sie hat doch gesagt, dass die drei sie sogar selbst angegangen sind. Sie hat sich eindeutig dafür gerächt und damit die das nie wieder tun, hat sie es vor allen Leuten gemacht. Sie hat die drei und ihre blöden arroganten Freunde so richtig vor der ganzen Schule schikaniert und bloßgestellt. Jetzt haben sie alle sechs keinen Grund mehr jemanden zu nerven.
Du hast ja keine Ahnung wie das ist, wenn man nicht zum Rugbyteam oder Fußballteam gehörte. Ihr wart ja immer fein raus. Ich hatte nur Glück, dass die mich wegen meiner Größe nicht mehr angemacht haben.“
Tangaroa schüttelte den Kopf und sah zu seinem Vater rüber. Dieser fasste sich mit der Hand an die Stirn und war etwas verwundet, dass sein Jüngster die Lage nicht ganz verstand.
„Tina hat noch einiges vorweggesagt und zwar, dass sie die drei erwischt hat und gewarnt hatte, aber diese wollten natürlich nicht auf sie hören. Das ist einige Wochen her und nun beobachtete sie, dass die drei das wohl mittlerweile jeden Tag machen und wollte eigentlich mit der Anführerin von ihnen reden, da es sich nun zufällig ergeben hätte. Immerhin gingen die drei in ihre Klasse. Doch dann waren die der Meinung sie vor der ganzen Schule zu schikanieren und dann hat sie diese Chance nur ergriffen das Problem anders anzugehen. Mehrmals gab sie ihnen die Möglichkeit sich noch mit ihr zu unterhalten, aber die drei waren ja zu stur, also musste sie es vor allen anderen machen.“ Er ging auf ihn zu und sah seinen kleinen Bruder ernst an.
„Die Schüssel, die sie als zweite bei sich hatte, das war geplant. Ihr war scheinbar vollkommen klar, dass eine von ihnen eventuell die Nerven verlieren würde. Sie war eindeutig für genau diesen Fall bestimmt, denn sie hielt sie bereits weit vor dem Würgen bereit. Eine von ihnen musste die Erste sein. Und sie hat kurz vorher noch alle gewarnt, dass die, die einen schwachen Magen haben den Saal verlassen sollten.
Und Misugi, er hat sogar noch vorher erklärt was passiert, wenn sie nicht damit aufhören. Denn Tina hatte vollkommen recht, sie sagte den Dreien ganz deutlich, dass sie die Prüfungen ihrer Freunde nächstes Jahr vermutlich nicht mehr miterleben werden, wenn sie sich nicht endlich helfen lassen.
Sie lobte das Mädchen sogar noch, das in die Schüssel erbrochen hat und nannte es einen natürlichen Reflex.“ Der Vater stand plötzlich entsetzt auf. Der jüngere Bruder sah seinen Bruder verdutzt an und dann setzte er sich auf seinen Stuhl. „Wow, du hast Recht. Das wird mir jetzt erst klar. Misugi hat es genau beschrieben, in diesem Zustand könnte es im schlimmsten Fall…“, begann er zu verstehen.
„Es könnte im aktuellen Zustand zum Herzstillstand kommen.“, haute der Vater raus und sah Tangaroa an.
„Und dieses deutsche Mädchen hat das schon beobachtet und die Mädchen gewarnt? Dann wollte sie ihnen doch nur helfen, aber sie haben es nicht verstanden.“, sprach die Mutter nachdenklich und hielt ihre Hand vor den Mund.
Tangaroa nickte und ging an den Kühlschrank, holte sich eine Dose Sprite heraus und trank sie in einem Stück aus.
„Genauso ist es. Als die Leute dann anfingen ihr zu applaudieren und jemand sie lobend ansprach, meinte sie dann nur, dass es nichts zu klatschen gibt und jeder wieder sein Ding machen soll.
Sie setzte sich und aß ihren Pudding, aber beachtete keine weitere Person mehr, die zu ihr ging. Sie war dann wieder so distanziert wie zuvor. Ich hätte danach auch meine Ruhe haben wollen. Ich habe nur die Schüssel leer gemacht und sie dann zur Abwäsche gestellt. Dann kam sie auch, um ihre kleine Schale wegzubringen und sie sprach mich nochmal kurz an. Und fragte ob es mir trotzdem geschmeckt hat.
Ihr kennt mich ja. Mich stört sowas nicht. Ich stand ja auch nicht direkt daneben. Ich konnte nur Danke sagen. Dann bedankte sie sich bei mir für meine Hilfe und ging dann.“
„Und du bist deswegen so durch den Wind, weil sie dich nochmal angesprochen hat? Das hübsche mutige blonde Mädchen mit den blauen Augen.“, vermutete seine Mutter. Tangaroa drehte sich um und spülte die Dose aus und stellte sie dann in den Pfandkorb.
„Ihre Augen sind nicht blau. Sie sind eher eine Mischung aus Blau und Grün. Sie leuchten türkis wie die Lagune bei unserem Dorf.“, sprach er plötzlich gefühlvoll und dann sah er seien Mutter liebevoll an.
„Es ist danach noch etwas passiert. Das ist es, wieso ich vorhin so durch den Wind war. Direkt mit der Sache hat es nichts zu tun, aber ich denke mal, es ist deswegen passiert.“, begann er.
Die Kampfansage der gelben Tigerin
Kapitel 133
Die Kampfansage der gelben Tigerin
Er wusste, seiner Familie kann er es erzählen, denn sie waren immer eine sehr ehrliche und offene Familie, wenn es um Sorgen und Probleme ging. Sie erzählten sich fast alles und konnten sich auch gegenseitig gut durch Krisen bewegen, ohne in Verzweiflung zu verfallen. Sei es durch Schule und Beruf wie auch privat in der Familie.
„Sie heißt übrigens Bettina, Bettina Fuchs, aber sie möchte nur Tina genannt werden.“, lächelte er und setze sich endlich auf seinen Stuhl. Dann sah er zu seinem Vater auf, welcher noch etwas aufgebracht wirkte.
„Es ist noch etwas passiert?“, hinterfragte dieser dann.
„Ja, bitte setz dich wieder. Und du, Tane, du musst versprechen nicht einen einzigen Ton darüber in der Schule zu verlieren. Das was ich jetzt erzähle muss unter uns bleiben. Du willst doch später wie Vater Arzt werden, dann sehe das gleich als Test wie eine Schweigepflicht, klar?“, machte er plötzlich eine klare Ansage.
„Du meine Güte. Du machst es aber spannend.“, meinte die Mutter.
„Du kannst dich auf mich verlassen. Wir sind doch eine Familie.“
„Nach der Aktion in der Kantine gab es überall Getuschel, aber eben auch die Lehrer und Trainer redeten über nichts anderes mehr. Immerhin darf man nicht vergessen, dass die Vermutung nahe liegt, dass auch andere Mädchen sowas machen. So eine Essstörung ist nicht selten in der Altersklasse, da stimmst du mir doch zu, Vater?“
„Ja leider. Gerade hier in der Gesellschaft der Japaner wo alles auf Leistungsdruck aufgebaut ist, kann es schnell zu solchen Störungen kommen. Jeder versucht anders durch die schwere Schulzeit zu kommen und das ist eine der häufigsten Ursachen für Erkrankungen und teilweise eben mehr. Tangaroa, du bist ein sehr guter Beobachter. Hast du denn selbst etwas in der Sache mitbekommen?“
„Nein, ich gehe ja nicht zu den Mädchen aufs Klo. Was soll ich da wissen was dort passiert? Aber ich werde sicher so wie andere nun aufmerksamer sein, wenn sich jemand auf die Toilette schleicht.
Nun ja, jedenfalls gab es heute Nachmittag dann eine spontane Lehrer- und Trainerkonferenz. Alle waren dort und wir standen alle eine Weile ohne Trainer da. Soweit so gut.
Unser Trainer jedoch war irgendwie schon länger seltsam drauf und ich habe keine Ahnung warum, aber er muss den Volleyballtrainer wohl richtig provoziert haben. Er wollte nicht glauben, dass Bettina so eine gute Fitness hat wie dieser behauptete. Immerhin ist sie neu in ihrem Sport und für ein Profiteam spielen, konnte er nicht glauben. Die beiden ließen sich dann zu einer Wette hinreißen und das vor den ganzen Kollegen. Sie sprachen sich zwar später aus, aber es war nun zu spät. Naja, jedenfalls soll morgen früh auf unserem Trainingsplatz eine Art Wettkampf oder Wettlauf stattfinden, denn die Wette war, ob sie mit unseren Läufern mithalten könnte. Angeblich könne sie mit Misugis Team mithalten. Und das konnte er natürlich nicht glauben.“ Die drei sahen ihn verwundert an.
„Wie soll ich das jetzt verstehen? Jetzt soll dieses Mädchen etwa gegen deine Läufer sprinten oder wie soll ich mir das vorstellen?“, ertönte die Stimme des Vaters.
„So sollte es wohl laufen, ja. Tina jedoch hat wohl mit ihrem Trainer geschimpft und will das gar nicht. Also trafen sie und ihre Kapitänin sich mit unserem Kapitän und sie sprachen gemeinsam ab was morgen passieren wird. Ich weiß nur so viel, es wird zwar einen Wettkampf geben, jedoch zwischen ihrem und unserem Team, aber er wird nicht so laufen wie es die Trainer und Lehrer erwarten. Kein Einzelwettkampf wo sie sich beweisen soll.“
„Und wo ist jetzt das Problem?“, wunderte sich der Bruder. Tangaroa lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.
„Das ist es auch nicht, aber ich kann nicht mal sagen ob morgen überhaupt dieser Wettkampf stattfinden wird.
Hm, nach unserem Training und dieser Absprache beschloss ich noch etwas Lauftraining zu machen, etwas abzuschalten und nutzte das Wetter bevor es schlechter wurde. Ausnahmsweise lief ich neben der üblichen auch eine andere Strecke im Park und es fing schon an zu dämmern und die Sicht war eingeschränkt.“ Er pausierte kurz und atmete tief durch.
„Plötzlich bemerkte ich einen ungewöhnlichen Schatten unter einem großen Ahornbaum. Ich ging hin und entdeckte zuerst nur nackte Füße. Und dann…sah ich sie dort liegen, unter dem vielen Laub in ihrem gelben Trikot. Bettina…sie lag einfach neben dem Baum auf der Seite und bewegte sich nicht.“ Er wurde ruhig und sah nur zu seinem Vater, der ihm gegenübersaß. Seine Familie war total baff und ihre Herzen schlugen schneller, denn was war denn nur passiert?
„Oh mein Gott. Was ist passiert?“, sprach die Mutter entsetzt.
„Ihr könnt euch sicher denken was meine ersten Gedanken waren.“
„Aber dieser Typ ist doch gefasst worden. Der…Täter, der dieses Mädchen vor unserer Schule abgelegt hatte.“, äußerte Tane aufgebracht.
„Beruhigt euch wieder. Aber ja, genau das war auch mein Gedanke. Ich sah sie mir jedoch genauer an und sie schien nur zu schlafen. Ich versuchte sie zu wecken, aber da ging gar nichts. Also nahm ich sie hoch und ging mit ihr Richtung Hauptgebäude, um sie zu Dr. Sato zu bringen. Es wurde immer kälter und der Wind nahm weiter zu.
Dann fing sie plötzlich an im Schlaf zu reden und bewegte sich etwas. Ich musste sie anders festhalten und erst dann bemerkte ich ihre Kopfverletzung.“ Er hielt seine Hände auf dem Tisch mit der Handfläche zu sich und sah diese an.
„Das ist gar nicht gut. Wie lange mag sie gelegen haben?“, brachte sich sein Vater ein. Der Vater Hone Taylor war Sportmediziner und hatte einige Jahre Profi-Teams betreut.
„Irgendwo zwischen 60 und 90 Minuten, denke ich. Der starke Wind begann erst vor einer Stunde etwa, als ich anfing zu laufen. In dieser Dunkelheit war ja nicht viel zu sehen und meine Hand war voller Blut, ebenso ihre Haare. Ich lief dann los und brachet sie so schnell es ging zum Doktor. Aufgewacht ist sie trotzdem nicht. Das machte mir wirklich Angst.“ Der Vater stand plötzlich auf.
„Was hat er gesagt?“
„Dass sie schläft. Er hat auch versucht sie zu wecken, aber nichts. Sie muss in einem sehr tiefen Tiefschlaf gewesen sein. Dann hat er sich um ihre Verletzung gekümmert und ich bin wieder los, ihre Schuhe und ihre Haarspange zu suchen. Wir gehen beide davon aus, dass die Spange ihr wichtig ist, immerhin trägt sie die immer. Vielleicht ein Erbstück oder sowas. Dann ging der Regen los und es war bereits dunkel.“
„Deswegen warst du so durchnässt? Ah man. Großer Bruder…du bist ein Held.“, grinste Tane und klopfte ihm stolz auf die Schultern.
„Wie geht es ihr jetzt? Und hast du die Spange gefunden?“, war die Mutter neugierig.
„Ja, ich habe sie gefunden auch ihre Schuhe. Ich weiß es nicht. Ich wollte nicht, dass sie hinterher weiß, dass ich es war. Aber es muss ihr gut gehen, denn als ich wiederkam, um die Sachen abzugeben, wurde ich auf dem Flur von ihrem Vater abgefangen.“
„Oha. Und was ist das für ein Menschentyp? Was hat er gesagt?“, kam vom Vater.
„Väter sind bei Töchtern besonders empfindlich. Ich glaube, wenn wir auch eine Tochter hätten, würde euer Vater wie ein Wachhund auf sie aufpassen. Wehe einer fasst sie an.“, grinste die Mutter dann und stupste ihren Mann etwas an.
„Er hat mich abgefangen, weil Bettina nicht wollte, dass sie es erfährt. Er sagte, sie akzeptieren es beide, dass ich das nicht möchte und dann fragte er mich natürlich warum. Ich sagte dann nur, dass ich keinen Dank möchte.“
„Ach so. Jetzt verstehe ich. Wenn sie jetzt weiß, dass du es bist, brauchst du sie morgen gar nicht erst fragen, denn du weißt dann nicht, ob sie nur aus Dankbarkeit und Höflichkeit ja sagen würde, oder?“, grinste Tane seinen großen Bruder an. „Wie jetzt? Was fragen?“, waren die Eltern verwundert.
„Du bist ein Plappermaul, echt mal.“, murrte Tangaroa Tane an. Der Vater fing an zu lachen.
„Ach, sieh mal einer an. Du wolltest sie nach einem Date fragen, stimmts? Aber du willst natürlich eine ehrliche Zusage, wenn sie denn zusagen würde.“, sprach er seine Vermutung aus. Plötzlich wird sein Großer etwas rot im Gesicht.
„Ihr seid einfach nur gemein. Aber ja. Das hatte ich vor, aber wer weiß ob diese Sachen morgen Früh überhaupt laufen wird. Da wollte ich danach eventuell fragen. Mein ganzes Team wird mich quasi wegen der Sache mit der Schüssel dazu drängen.“
„Ach Großer…Mann wie ein Baum, schupst die starken Gegner nur so weg und wenn es um Frauen geht, kriegst du den Mund nicht auf. Was ist da nur so schwer dran mit ihnen zu reden? Ich kann das doch auch. Und Tina scheint ja eindeutig solche Männer wie dich zu mögen, immerhin hat sie dich als einen Mann mit Muskeln und Verstand bezeichnet, als sie nach deinem Sport fragte.“
„Ach ja? Hat sie das?“, sah der Vater erstaunt zu Tangaroa. Dieser verschränkte die Hände vor seinem Gesicht. Ihm war es peinlich.
„Ich weiß es doch auch nicht. Ist halt so.“ Alle fingen an zu lachen.
Etwa zwei Stunden später ging im Eltern-Schlafzimmer der Familie das Licht an und der Roman wurde aus den Nachtschrank geholt. Mutter Thanee setzte ihre Lesebrille auf und lehnte sich ans Kissen zur Wand hin. Beide hatten sich zum Abend ihren Tee an die Seiten gestellt und als Hone das Zimmer nach dem Duschen betrat und sich ins Bett setzte, holte auch er sein Buch aus der Schublade.
„Ich gehe mal davon aus, dass die beiden noch wach sind.“
„Tangaroa schläft schon. Zumindest versucht er es und hat Kopfhörer auf. Tane lernt noch etwas. Er hat wohl morgen einen Test. Wie ich ihn kenne hat er auch Musik an.“, meinte Hone. Es vergingen ein paar Minuten und dann legte Thanee das Buch zur Seite und nahm die Brille ab. Sie nahm einen Schluck von ihrem Tee.
„Schatz…ich kann nicht mal lesen, dabei ist es so spannend.“, stöhnte sie leise und betrübt aus.
„Ich auch nicht.“, meinte er dann nur und legte sein Buch ebenso zur Seite und machte die Nachttischlampe aus. Sie legte sich dann bereits doch hin und drehte sich zu ihrem Mann und sah ihn nachdenklich an.
„Schatz, hat unser Sohn etwa heute das Leben dieses Mädchens gerettet? Und hat sie vorher das von drei anderen gerettet? Irgendwie will das Ganze noch nicht in meinen Kopf.“, sprach sie leise und betrübt. Ihre Hände berührten sein Bein unter der Bettdecke und streicheln es. Er sah zu ihr herab und lächelte. Dann legte er sich neben sie und berührte ihre Wange. Sie sahen sich tief in die Augen.
„Ich glaube genau das ist passiert, Liebling. Hätte er sie in ihrem Tiefschlaf nicht rechtzeitig gefunden, wer weiß ob sie aufgewacht wäre. Nachts wird es schon an die null Grad und dann der Regen. Wenn es nicht die Kopfverletzung gewesen wäre, dann wohl die Kälte. Sie schien ja weiter nichts angehabt zu haben außer ihre kurzen Sportsachen und dann keine Schuhe.“, erklärte er lächelnd. Ihre Hände wanderten plötzlich auf seinen Oberkörper und sie grinste ihn neckisch an.
„So so, dann hast du uns also einen Helden geschenkt?“ Beide sahen sich verliebt an und er beugte sich über sie und küsste sie leidenschaftlich. Diese Einladung ließ er sich natürlich nicht entgehen, immerhin lag die Frau seiner Träume neben ihm. Beide wussten genau was sie jetzt wollten.
Plötzlich hielt sie inne, als er anfing ihr Nachthemd über ihren Kopf zu ziehen. „Hast du abgeschlossen?“, fragte sie. Er nickte nur und küsste sie dann wieder. Beide vergaßen eine Zeit lang alles um sich herum und genossen einfach ihr glückliches Eheleben.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker und das Paar erwachte und sah sich verliebt an.
„Gute Morgen Schatz. Hast du gut geschlafen?“
„Ja, aber ich musste bei unserem Großen nochmal nachhelfen. Ich war kurz wach und kontrollierte nochmal bei ihm. Er war noch wach und saß am PC. Er konnte nicht schlafen.“, erklärte Hone.
„Konntest du ihn beruhigen? Es wühlt ihn sehr auf, das kann ich mir vorstellen.“
„Ja, alles gut. Er hatte wohl ein paar Worte aufgeschnappt, weil das Mädchen im Schlaf gesprochen hatte. Er hat sich die Wörter notiert und wollte wissen was sie bedeuten. Ich habe sie ihm dann übersetzt.“
„Oh, im Schlaf gesprochen. Und was waren es für Wörter? Ergab das einen Sinn?“
„Sie hat wohl einen großen Bruder und muss ihn beim Tragen im Schlaf mit ihm verwechselt haben. Er sagte jedoch, sie hat keinen Bruder. Es gäbe wohl einen jungen Mann, der sie anfangs zur Schule brachte und abholte, aber es scheint kein Bruder zu sein. Aber mehr wüsste er nicht.“
„Hm, wer weiß. Im Tiefschlaf hat sie vielleicht geträumt und durch die Berührungen hat sie vielleicht von ihrem Bruder geträumt, dass er sie trägt. Das kann doch gut möglich sein. Vielleicht gab es ja mal einen großen Bruder und deswegen kann sie schlecht schlafen, denn wenn man so früh am Vorabend einfach tief einschläft, ist das eine Folge von Schlafmangel. Wenn nicht sogar einer Schlafstörung.“
„Darüber habe ich gestern auch schon nachgedacht. Wie läuft eigentlich deine Professur? Hast du nicht das Thema Traumata?“ Beide standen auf und machten sich im elterlichen Bad fertig.
„Ja, ich habe da ein Fallbeispiel und muss es psychologisch analysieren. Mein Patient schlafwandelt, weil er seine Frau bei einem Rettungseinsatz im brennenden Haus verloren hat. Sie waren beide bei der Feuerwehr und hatten einen gemeinsamen Einsatz nach einem Erdbeben. Er wollte sie natürlich noch retten, aber das Gebäude stürzte dann ein und er konnte gerade mal sich selbst retten. Tagsüber merkt man dem Mann nichts an, er macht seinen Job weiter und kümmert sich um die Kinder, aber nachts kommt das eben ab und an vor. Deswegen ging er ins Schlaflabor und dann wurde das festgestellt.“
„Hm, eine wirklich tragische Geschichte. Ich weiß schon warum ich lieber in einer Praxis arbeite.
Was ist, wenn dieses deutsche Mädchen auch so eine Geschichte hat? Immerhin ist es doch seltsam so ganz ohne Sprachkenntnisse nach Japan ziehen. Also wir mussten doch erst einen Sprachtest machen und Arbeit vorweisen.“
„Das stimmt, war ne harte Zeit.“ Nachdenklich stand er vor dem Spiegel und putzte sich die Zähne. Dann stellte er den Becher zur Seite.
„Was ist das nur für eine Familie? Kommt vollkommen unvorbereitet hier her und statt erst die Sprache zu lernen stecken sie das Kind gleich in die normale Schule. Die Musashi mag ja staatlich sein, aber sie hat einen Ruf zu verlieren. Neben der Eliteschule Toho ist sie die mit den besten Abschlüssen und Zugängen zur Uni auf dieser Seite der Stadt.“
„Das stimmt. Sie ist zwar staatlich, aber dadurch hoch angesehen. Die Kleine kann ja dann nicht dumm sein. Der Direktor muss sich doch etwas dabei gedacht haben sie trotz der Umstände aufzunehmen.“ Sie verließen das Bad, zogen sich an und gingen zur offenen Wohnküche.
„Ob heute dieser komische Wettkampf überhaupt stattfindet?“, wechselte Thanee das Thema.
„Mal sehen, ich denke mal nicht. Immerhin ist sie verletzt.“, meinte er und kurz darauf betrat der Jüngste den Raum.
„Guten Morgen.“, murrte dieser etwas und setzte sich gähnend an den Tisch. Er legte den Kopf auf den Tisch.
„Du meine Güte. Wie lange hast du denn noch gelernt?“, kam als Frage vom Vater.
„Mit Lernen war ja nicht mehr viel.“, brummte er wieder.
„Wieso?“, wunderte sich seine Mutter und stellte ihm den Obstsalat auf den Tisch.
„Echt jetzt? Kannst du es dir nicht selbst denken?“, fauchte er und sah sie ernst an. Sie wusste wirklich nicht was er meinte und zuckte mit den Schultern.
„Soll ich das jetzt etwa echt aussprechen?“, wunderte er sich.
„Du nervst. Was weiß ich denn was du lernen musst?“, murrte sie plötzlich etwas zickig zurück.
„Ihr wart zu laut! Hebt euch eure Liebeleien für später auf, wenn keiner da ist! Ist ja nicht zu ertragen!“ Sie sah ihn total entsetzt an und wurde knallrot im Gesicht. Vor Schreck konnte sie nichts sagen. Hone grinste vor sich hin und sah lieber weiter aus dem Fenster über der Arbeitsplatte der Küchenzeile.
„Hast du keine Kopfhörer?“, kam er nur streng entgegen.
„Wie soll ich denn damit Latein lernen? Ist wohl schlecht bei Vokabeln!“, grunzte er ihn an, schnappte sich sein Frühstück und stand auf. Er zog sich vorher seine Kapuze so weit wie möglich herunter, damit man nicht sehen konnte, dass er selbst verlegen wurde.
„Die Vorstellung alleine war ja schon immer schlimm, aber diese Geräusche und Töne. Also echt.“, gab er dann noch von sich und verzog sich in Richtung Treppe, um in seinem Zimmer zu essen. Tangaroa kam ihm entgegen und wunderte sich natürlich.
„Nanu, wieso willst du oben essen?“
„Frag lieber nicht. Wir sehen uns dann nachher in der Schule. Und lass mich wissen, ob sie mit dir ausgeht.“
‚Ihm jetzt zu sagen was war würde ihn vermutlich nur unnötig entmutigen.‘, beschloss er für sich und beließ es lieber dabei.
„Oh man, Schatz. Wir müssen besser aufpassen.“, schmunzelte Thanee dann verlegen und ging zu Hone und umarmte ihren Mann.
„Wohl wahr. Er wird schon drüber wegkommen.“, grinste er dann und sah verliebt zu ihr herab.
„Stimmt, so wie unser Großer, und der hat damals nicht nur was gehört.“, kicherte sie.
„Deswegen schließen wir immer ab.“, schmunzelte er zurück und berührte zärtlich ihren Kopf. Genau in dem Moment als Tangaroa den Raum betrat, wollten sich die beiden küssen, jedoch räusperte er sich dann, um seine Anwesenheit anzukündigen.
„Verschont mich bitte.“, brummte er etwas und grinste trotzdem. Er wusste, dass sich seine Eltern sehr liebten und dass es eben dazugehörte. Ohne weiter darauf einzugehen setzte er sich an den gedeckten Tisch und begann zu frühstücken. Klassisch Speck mit Eiern und dunkles Brot mochte er besonders gerne. Die Eltern ließen sich los und taten als wenn nichts gewesen wäre und setzten sich mit an den Tisch.
„Willst du das Mädchen denn heute trotzdem fragen, ob sie mit dir ausgeht?“, erkundigte sich seine Mutter etwas später dann neugierig und lächelte ihn an. Er zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß noch nicht. Mal sehen was überhaupt passieren wird jetzt.“
„Wir wünschen dir jedenfalls viel Glück. Vielleicht mag sie dich ja wirklich.“, meinte sein Vater dann ermutigend.
Endlich war es soweit, die Uhr zeigte 06:15 Uhr an und Tina befand sich beim Laufen auf dem Rugbyplatz. Sie hatte inzwischen die zehnte Runde um das Spielfeld hinter sich und stand am Rand, um sich von ihrer Trinkflasche zu bedienen. Sie genoss den warmen Tee und sah zum Himmel, welcher noch mitten in der morgendlichen Dämmerung war.
‚Wie schön es aussieht. Das genieße ich jeden Morgen. Heute wird es sehr schön, dafür dass es gestern noch geregnet hatte. Wer mag nur der Oberschüler gewesen sein, der mich gestern im Wäldchen gefunden hat? Und dann hat er mich den ganzen Weg zum Arzt getragen. Er hat sich sicherlich ganz schön gequält, so leicht bin ich doch gar nicht. Wie konnte es sein, dass ich nicht aufgewacht bin davon?‘ Während sie zum Himmel starrte und mehrmals tief durchatmete kamen Yako und der Kapitän des Rugbyteams Sora Tsunashi auf sie zu. Beide trugen ihre Schuluniformen und Jacken.
„Guten Morgen, Tina.“, war eine freundliche Frauenstimme zu hören. Tina sah überrascht zu den beiden. Sie kamen ihr sehr fröhlich vor.
„Guten Morgen euch beiden. Wo habt ihr den Rest der Teams gelassen?“
„Meine Männer ziehen sich schon um.“, kam Sora freundlich entgegen und schmunzelte etwas.
‚Nanu, wieso grinst er denn so? Irgendetwas ist doch anders als gestern.‘, wunderte sie sich.
„Und unsere Mädels sind auch gleich da?“
„Die werden schon noch kommen, keine Bange.“
„Habt ihr denn noch alles besprochen? Habt ihr einen DJ? Ohne wird das nichts.“, fing sie an ernst zu werden.
„Jo, der werde ich sein. Deswegen habe ich auch gestern noch speziell dafür ein Tape aufgenommen, bzw. zusammengestellt. Musik ist mein Ding.“, grinste Sora.
„Oh, das ist natürlich gut.“ Kurz darauf schmunzelte Yako und sah zu ihm auf. „Ja, die ist gut geworden. Es wird dir gefallen.“ Dann drehte sie sich um und ihre Hände berührten sich bewusst.
„Ich hole dann mal die Mädels.“
Tina stand nun mit Sora alleine da und er sah Yako lächelnd nach.
„Also gestern habt ihr euch noch angefaucht und heute geht ihr miteinander, oder was ist das jetzt hier? Woher will sie sonst wissen wie die Musikzusammenstellung ist?“, brummte sie ein wenig rum, aber grinste dabei, als er sich zu ihr umdrehte.
„Was dagegen? Und ja, wir haben gestern noch einen schönen Abend gehabt.“ Sie grinste ihn skeptisch an und verschränkte die Arme.
„Sicher, dass das nur ein Abend war? Es sieht eher danach aus, als hättet ihr die Nacht miteinander verbracht. Und sie war bei dir.
Aber soll mir ja egal sein, Hauptsache ihr lenkt euch jetzt nicht von euren Prüfungen ab.“, äußerte sie und nahm erneut einen Schluck von ihrem Tee.
Er sah sie nur verdutzt an. Woher will sie denn nun wissen, dass Yako bei ihm war? Es könnte doch auch andersherum sein oder es war wirklich nur ein Abend.
„Wie kommst du darauf?“
„Na ganz einfach, Yako zieht niemals dreimal hintereinander dieselbe Schleife an. Und ihre Schuhe sind von gestern noch etwas mit Wassertropfen bedeckt. Sie sind eingetrocknet. Niemals würde sie mit ungeputzten Schuhen aus dem Haus gehen. Da ist sie sehr eigen. Also kann es doch nur so sein, dass sie nicht zu Hause war. Und ihr zwei taucht dann hier auf und grinst vor euch hin.“, berichtete sie ihre Beobachtungen.
„Wow, du bist gut. Was du so beobachtest. Nun gut. Es stimmt. Sie war bei mir. Ich wohne alleine, daher ist das manchmal recht praktisch.“
„Verstehe. Das kann wirklich praktisch sein. Bei uns zu Hause ist es aktuell noch sehr beengt. Das kann echt nerven. Aber muss halt erst einmal gehen. Wir ziehen erst später wieder um. Auf die Schnelle hat sich hier nichts in der Nähe gefunden.“
„Sag jetzt nicht, du musst dir mit deinem großen Bruder das Zimmer teilen?“, wunderte er sich. Tina sah ihn verdutzt an.
„Ach du meinst Martin? Er ist nicht mein Bruder. Martin ist ein Freund der Familie. Und nein, er muss im Wohnzimmer schlafen und meine Eltern haben ihr Zimmer und ich meins. Ist eindeutig eins zu wenig. Martin wollte sich ne eigene Bude suchen, aber als Ausländer ist das gar nicht so einfach. Man weist ihn ständig ab bevor er sich überhaupt vorstellen kann. Ich war mal dabei. Da kam gleich die Hand hoch und wurde gesagt, kein Amerikaner, kein Ausländer. Dabei hat er bereits einen guten Job, er kann sich eine gute Wohnung leisten. Und Amerikaner ist er schonmal gar nicht.“
„Oh, das ist natürlich wirklich ärgerlich. Was arbeitet er denn?“
„Er ist Sportwissenschaftler, hat mehrere Wettkämpfe im Judo und Aikido gewonnen, war quasi Landesmeister. Deswegen ist er mitgekommen und hat die Chance genutzt sich hier im Kampfsport weiterzubilden. Er arbeitet jetzt in einem Fitnessstudio als Trainer und Rausschmeißer. Er kümmert sich auch um Abrechnungen und solche Dinge. Deswegen kann ich auch abends an die Geräte gehen. Der Chef ist sehr nett und unter Martins Aufsicht kann ich die nutzen. Er hat speziell für mich ein Trainingsprogramm erstellt, damit ich meine Muskulatur fürs Volleyballspielen auf Springen, Füße und Arme konzentriere. Das klappt wirklich gut. Er weiß genau was er da tut. Es hat mir schon sehr geholfen.“ „Deswegen gestern das Bedürfnis an die Langhantel zu gehen. Das erklärt es natürlich.“ Sie rümpfte etwas die Nase und sah zur Seite.
„Naja, nicht wirklich. Ich nutze die Geräte schon ein paar Jahre. Aber ist jetzt auch egal.“ Von Weitem waren bereits die Herren des Teams zu sehen, wie sie zum Platz gingen. Beide sahen zu ihnen.
„Tina, bevor ich keine Chance mehr habe, eins noch. Wir sind noch alleine.
Danke. Danke, dass du für Yako da warst.“ Sie sah ihn verdutzt an.
„Wovon redest du?“
„Du weißt genau was ich meine. Danke, dass du sie nicht alleine gelassen hast. Wer weiß was sonst noch passiert wäre. Keine Angst, ich werde es niemanden sagen. Versprich mir nur eins:
Zahlt es der Schule heim. Doppelt und dreifach! Verstanden?!“, sprach er dann herausfordernd. Tinas Blick wurde etwas gnatzig. Was erlaubte sich Yako einfach ihr Geheimnis auszuplaudern? Aber dann wurde es ihr doch klar.
„Du hast sie natürlich gesehen. Ihre Narben, stimmts? Sie hätte trotzdem den Mund halten müssen.“, murrte sie dann leise. Dann sah sie ihn wütend an, als würde sie ihn herausfordern und angreifen.
„Aber glaube mir! Das werden wir, verlass dich drauf! Die bekommen ihre Packung!“ Der große Japaner war total erstaunt. Sein Puls stieg plötzlich an, als hätte ihm einer seiner Gegner eine Kampfansage gemacht. So einen ernsten Blick von einem Mädchen zu bekommen, hätte er nie gedacht. Yako konnte ja zornig und grimmig schauen, aber dieser Blick war mehr als das. Er war voller Leidenschaft und Wut. Ihre Augen waren wie glasig und durchdringlich.
‚Das ist ja ein Blick. Wenn sie so ihre Gegnerinnen ansieht, dann prost Mahlzeit. Da können ja noch ein paar meiner Jungs sich was abgucken. Das muss der Blick gewesen sein, den sie dem Oberschüler gestern in der Kantine entgegengesetzt hat. Der kam mir wie erstarrt vor, aber ihren Blick konnte ich nicht sehen. Aber mich wundert ihre Wut gar nicht. Diese Feiglinge, wie hätte das ohne ihre Hilfe ausgesehen? Was wäre passiert?‘
Kurz darauf lächelte Tina wieder, als sein Team neben ihnen stand und die beiden begrüßte.
Die mutige Frage
Kapitel 134
Die mutige Frage
Das Team der Herren hatte sich entsprechend umgezogen und war belustigt drauf. Tangaroa in seiner Nummer 3 stand eher weiter hinten zwischen den meisten Spielern und beobachtete von der Ferne. Er war verwundert, dass Tina tatsächlich da war und sie trug sogar ihre Spange wie immer. Einen müden oder verletzten Eindruck machte sie ihm nicht.
„Ja ja, der Captain flirtet hier rum und wir müssen uns umziehen.“, kam eine scherzende Begrüßung von einem der schnellen Läufer, der Nummer 14. Sora sah ihn überrascht an und brummte etwas.
„Wir flirten nicht. Wir besprechen nur was wir jetzt machen werden.“, gab er deutlich zu verstehen.
„Okay, besser ist das auch.“, grinste dieser ihn an und sah dann zu Tina und lächelte freundlich. Sehr viel größer als sie war er nicht.
‚So nah habe ich sie auch noch nie gesehen. Was für schöne Augen sie hat. Sie ist wirklich niedlich. Aber wir haben alle beschlossen, wer sie zuerst fragen darf.‘ Die anderen Spieler hielten sich dezent und höflich zurück und sagten nur guten Morgen. Alle sprachen natürlich in Englisch mit ihr.
„Guten Morgen, die Herren.“, lächelte Tina höflich in die Runde und wand sich wieder dem Jungen vor ihr zu, der in ihrem Alter zu sein schien.
„Du bist also Nummer 14. Bist du der Schnellste von euch? Was läufst du auf 200m Sprint?“, sah sie ihn plötzlich eher ernst an. Dieser wunderte sich sehr.
„Äh, ja. Ich bin der schnellste von uns.“ Er nannte ihr seine beste Zeit und lächelte stolz. Jedoch erntete er ein Grinsen.
„Captain, wir bleiben bei der Absprache. Besser ist das.“, meinte sie dann nur und sah zu Sora auf. Die Nummer 14, war perplex. Was meinte sie denn damit? Ist sie etwa wirklich schneller als er? Das konnte doch aber nicht sein, immerhin war er doch aktuell der Schnellste im letzten Turnier? Wie konnte ein Mädchen behaupten schneller zu sein?
„Alles klar, Tina.“, schmunzelte der Kapitän, wunderte sich zwar auch, aber durch die Gespräche mit Yako wusste er bereits, dass sie bessere Werte hatte.
„Äh, sag jetzt nicht, du bist schneller?“ Die anderen um sie herum waren ganz gespannt auf die Antwort. Tina sah zu ihm und antwortete höflich.
„Ich sage ja auch nichts.“ Dann ging sie ihm aus dem Weg und marschierte an den gut 35 Spielern vorbei in Richtung Halle. Von Weitem hatte sie ihr Team bereits gesehen. Die Oberschüler sahen ihr alle etwas verdattert nach. Auch Tangaroa war verwundert wie selbstsicher sie einfach seinen Freunden gegenüber auftrat und seiner Nummer 14 begegnete.
‚Bettina, du bist so mutig. Ich bin erstaunt, dass du da bist und man sieht dir gar nicht an was gestern war. Du wirkst wie immer. So stolz und hübsch.‘
„Wow, was war das denn eben? Hat sie dir jetzt einen Korb gegeben oder war das eine Herausforderung?“, fragte jemand leise.
„Ich glaube das war beides gleichzeitig.“, meinte ein anderer.
„Also eins muss ich ja mal loswerden. Von ihrer Selbstsicherheit kann sich noch manch einer eine Scheibe abschneiden. So einen stolzen Gang habe ich noch nie bei einer neuen Schülerin gesehen und ihre Nase trägt sie weit oben. So niedlich die Kleine auch ist, ich glaube mit der Aktion gestern hat sie sich bereits einen Namen gemacht.“
„Ja das stimmt. Manche grübeln doch ernsthaft darüber nach, ob sie nicht sogar selbst die Schule kontrollieren will und nur ihre größte Konkurrenz aus dem Weg geschafft hat. Man weiß ja gar nicht wie sie in Deutschland an der schule war.“
„Hallo!? Hast du sie noch alle?! Das glaubst du doch wohl nicht!“, war Tangaroa plötzlich aufgebracht. Natürlich sahen ihn alle an.
„Natürlich nicht. Ich sagte ja, einige. Von mir war da keine Rede. Krieg dich wieder ein.“, murrte er zurück.
„Ich dachte jetzt schon, du glaubst das auch noch. Ihr wisst doch wohl alle schon was da gestern wirklich passiert ist, oder?“
„Klar, wir haben endlich unsere Ruhe vor denen. So schnell wird da nichts mehr kommen und keiner wird sich noch wagen sich mit Tina anzulegen.“, meinte einer ganz begeistert. Tangaroa sah sich im Team um und sah zu denen, die direkt dabei waren.
„Ihr wisst aber schon, dass es gar nicht darum ging, oder? Sie hat den drei Mädchen letztendlich geholfen und ihnen vermutlich das Leben gerettet. Dass die drei nun suspendiert sind, bzw. krankgeschrieben wurden, ist nur ihr zu verdanken. Denen war anscheinend nicht anders zu helfen und so hat sie den Direktor und die Eltern gezwungen sich endlich um ihre Essstörung zu kümmern.“ Es wurde ruhig und dann meldete sich noch jemand.
„So habe ich das auch verstanden. Solche Vorfälle müssen dem Schulamt gemeldet werden und dann sind noch einige Schülerinnen aus dem Saal gegangen, als sie vorwarnte, dass sich die eine noch erbrechen könnte. Was ist, wenn sie damit alle anderen, die auch sowas machen, gleich vorgewarnt hat? Vielleicht sind die deswegen gegangen, weil sie geahnt haben was kommt?“
„Oh man, könnt ihr das Thema wechseln? Da kommt einem ja gleich das Frühstück hoch.“, murrte jemand los.
„Aber ist doch wahr. Schlimm genug, dass die sowas machen.“
„Kann mir mal jemand sagen warum Mädchen sowas überhaupt tun? Wenn man krank ist, ist das schon furchtbar und dann machen die das freiwillig. Was stimmt denn bei denen nicht?“
„Glaube mal nicht, dass das nur Mädchen machen.“, brachte sich jemand weiteres mit ein.
„So Männer! Themawechsel! Jetzt kommt mal alle her und ich erkläre was jetzt hier passieren wird.“ Alle wurden hellhörig, als die laute kräftige Stimme ihres Kapitäns ertönte.
Währenddessen trat Tina an ihr Team heran. Alle waren noch in ihrer Schuluniform.
„Guten Morgen alle zusammen.“, entgegnete sie ihnen freundlich.
„Und was soll jetzt hier laufen? Ich laufe mit den Jungs jetzt sicher nicht um die Wette, oder wie hat sich unser Trainer das vorgestellt?“, murrte die Erste rum. „Keine Angst, es wird wie folgt laufen.“, brachte sich Yako ein und erklärte alles.
Yoko ging zu Tina und flüsterte ihr ins Ohr.
„Das ist doch sicher deine Idee gewesen?“, grinste sie dabei.
„Wir machen einfach was der Kapitän sagt und fertig.“, schmunzelt diese zurück.
Langsam füllte sich das Spielfeld. Immer mehr Lehrkörper betraten das Feld wie auch den Spielfeldrand.
„Nun gut, es geht gleich los. Lasst uns etwas warm machen.“ Das Team öffnete ihre Taschen und holte ihre Turnschuhe für draußen heraus und zogen diese an. Dann gingen sie zum Spielfeld und begrüßten die große Mannschaft der Jungs. Die Mädchen waren ja leider nur an die 20 Personen und nach der Begrüßung versuchten sie sich so gut es in der Kleidung ging ein paar Dehnübungen zu machen und liefen etwas hin und her wie bei einem Warmmachprogramm. Inzwischen trafen immer mehr Erwachsene ein und auch einige Schüler gesellten sich dazu. Einige hatten natürlich von der Aktion Wind bekommen und andere waren ohnehin schon in der Schule und wurden neugierig was denn heute früh los sei. Die Morgendämmerung war auch schon fast abgeschlossen und die Sonne kam zum Vorschein und leuchtete das Spielfeld gut genug aus.
Die beiden Trainer der Teams erschienen nun auch und gingen jeweils zu ihren Teams und begrüßten diese. Dann stellten sie sich an die Seite zu den anderen Trainern und Lehrern.
„Was passiert denn jetzt eigentlich?“, wurde Schmitt von der Lehrerin gefragt, die sich auch als Vertrauenslehrerin gemeldet hatte.
„Ich weiß es selbst nicht. Die Wette besagt, es soll um die Ausdauer und Fitness gehen. Ich gehe aber mal nicht davon aus, dass es hier jetzt in ihrer Schuluniform ein Wettlauf geben wird.“, antwortete er nachdenklich.
‚Was hast du vor, Tina? Warum sagst du es mir nicht wenigstens?‘ Dann schlug die Uhr auf Stunde sieben und die beiden Teams stellten sich komplett in drei Linien hintereinander auf und verbeugten sich vor den Zuschauern. Vorne die Frauen und neben und hinter ihnen das Rugbyteam. Dann traten jeweils die Kapitäne hervor und machten eine gemeinsame Ansage.
„Herzlich willkommen zur Morgendämmerung! Wir haben etwas Besonderes für Sie vorbereitet. Wir hoffen, dass Ihnen unsere Duelle gefallen und Sie hinterher endlich wissen wer von uns besonders fit und ausdauernd ist. Fachliches Können und Eleganz spielen heute mal ausnahmsweise keine Rolle beim Leistungssport dieser Art, denn heute geht es nur darum eine vorgegebene Zeit durchzuhalten!“, sprach Yako laut genug, dass es jeder verstehen konnte. Die Zuschauer waren sehr gespannt was nun passieren würde. Was meinte sie denn damit?
„Wir möchten die anwesenden Damen und Schülerinnen bitten vor die Herren zu treten, denn auch sie sollen alles gut sehen können und die Show genießen.“, wurde höflich von Sora gefordert. Etwas irritiert aber verständnisvoll ließen die Männer die Frauen und Mädchen vor sich, wenn dies nötig war und es begann großes Getuschel unter ihnen allen.
Kurz darauf ging Sora zur Ersatzbank am Feldrand und holte eine große Kiste, die mit einem Tuch bedeckt war und stellte sie dann hinter sein Team auf einen Klapptisch, der bereits auf dem Spielfeld stand, sodass sie später trotzdem vom Publikum gut wahrgenommen werden konnte. Er ließ einen seiner Männer an dieser Kiste positionieren und begab sich dann mit über dreißig anderen zum Feld. Sein Stammteam und fünf weitere Jungs stellten sich in einer Linie auf und die Volleyballerinnen stellten sich jeweils davor, so dass sie in einer Gasse standen und sich ansehen konnten. Ihre Entfernung zueinander war etwa zehn Meter. Ganz vorne zu den Zuschauern gerichtet standen Sora und Yako, danach kam Tina und dann Yoko. Sie hatten alle jeweils zwei Armlängen Abstand zueinander. Dann gab Sora ein Zeichen und der Spieler neben dem Kasten hob das Tuch an und ein großer moderner Ghettoblaster kam zum Vorschein und das Tape wurde gestartet. Es ertönte in voller Lautstärke ein Ausschnitt der Karneval der Tiere. Zuerst passierte gar nichts und das Publikum fing an sich sehr zu wundern was das soll. Schmitt und der Rugbytrainer fassten sich an die Stirn, stöhnten auf und sahen sich grinsend an.
„Das haben wir verdient.“, meinte Schmitt nur.
Plötzlich gingen die Sportler langsam im Rhythmus aufeinander zu und trafen sich mittig. Im Kopf konzentrierten sich alle, denn sie haben eine genaue Sekundenanzahl abzuzählen, damit sie wissen wann es losgeht. Es ertönte endlich die erste moderne Melodie und Sora und Yako nahmen sich an die Hand und begannen zu tanzen. Alle anderen machten ihnen auf ihre eigene gewollte Art nach und im Nu tanzten alle zusammen nach der aktuellen Musik der Welt-Charts. Nach dem ersten Lied gingen dann die restlichen Spieler des Teams auf die Zuschauer zu und forderten wie Gentlemen einige Damen und Mädchen auf mitzutanzen. Und tatsächlich. Die flippige Musik brachte Gute Laune am frühen stressigen Morgen und in den kommenden Minuten tanzten fast alle Anwesenden mit irgendwen oder bewegten sich einfach selbst nur nach der Melodie und sangen teilweise mit. Auch Tina tanzte und ging mit Yoko zum Publikum und sie schnappten sich die beiden Trainer und nötigten sie quasi zum Paartanzen in Eins-Zwei-Tipp.
„Und Trainer? Was sagen Sie zu dem Wettkampf?“
„Die Frage ist eher was die anderen dazu sagen.“
„Was interessieren mich die anderen? Wir fassen uns doch nur an den Händen an, das kann doch nicht verboten sein. Außerdem wissen doch alle, dass es in der deutschen Kultur üblich ist. Da tanzt doch jeder mit jedem.“
Etwa nach 45 Minuten ertönte wieder ein Ausschnitt aus dem klassischen Stück, um das Ende einzuleiten. Die Spieler wie auch die Spielerinnen stellten sich wieder auf und das Publikum verließ angeheitert den Rasen.
Sie verbeugten sich vor ihnen und Yako trat erneut hervor.
„So wie wir das sehen, haben alle gut durchgehalten in der Hochleistungssportart Tanzen.“
„Es ist eindeutig ein unentschieden.“, fügte Sora hinzu.
„Wir bedanken uns für Ihre zahlreiche Unterstützung und Teilnahme.“ Erstaunlicherweise wurde kräftig geklatscht und gelacht und die große Menge löste sich langsam auf und ging wieder zu den Schulgebäuden. Jeder ging seine Wege und bereitete sich langsam auf die Schulzeit vor. Beide Teams verließen den Sportplatz und wollten zu ihren Umkleiden gehen. Nebenbei wurde aufgeregt miteinander geredet. Einige der Volleyballerinnen waren angeregt in Unterhaltungen mit den Jungs verwickelt. Der Kapitän des Rugbyteams kam auf Tina zu und reichte ihr die Hand.
„Das lief ja besser als gedacht. Wie bist du nur auf so eine lustige Idee gekommen? Ich hätte nicht gedacht, dass es aufgeht. Die sind sonst immer alle so spießig.“ Sie lächelte fröhlich.
„Manchmal geht’s nur mit Humor und Spaß, wenn man Probleme lösen muss. Es lenkt ab und schaden kann es doch niemanden vor der Schule eine Runde zu tanzen. Da hat man gleich bessere Laune.“ Er lachte.
„Das stimmt. Warte bitte kurz, ich habe da jemanden, der würde gerne mit dir reden.“, grinste er freundlich.
‚Tangaroa, so leicht kommst du mir nicht davon. Nutz die Gelegenheit, mein Lieber.‘, ging in ihm vor. Er ging zurück zu seinen Männern und forderte Tangaroa auf ihm zu folgen. Dieser ahnte bereits was er von ihm wollte und folgte ihm einfach belustigt, denn mit den anderen lachte er gerade über die lustigen Tanzeinlagen der Lehrerschaft und seines Trainers. Das lenkte ihn gut ab. Dann stand er plötzlich vor Tina. Die wunderte sich warum der Kapitän seinen stärksten Frontmann holte. Kaum stand er vor ihr, ging Sora nach seinem kurzen Kommentar ein paar Schritte zurück und ließ seinen Mann einfach stehen.
„Trau dich, frag sie, wenn nicht jetzt, wann dann?“ Der große Neunzehnjährige starrte irritiert zu ihr herab. Sie war fast zwei Köpfe kleiner als er und wirkte in seinen Augen recht zierlich, dabei wusste er doch bereits, dass sie es gar nicht war. Aber im Gegensatz zu seinem Armumfang und seinen Schenkeln, kam es ihm vor als könnte sie in seinen großen starken Händen zerbrechen, wenn er sie berühren würde. Als er sie gestern notgedrungen tragen musste und berührte, dachte er darüber gar nicht nach, denn er sorgte sich viel zu sehr um ihren Gesundheitszustand. Wie sehr wünschte er sich bis jetzt sie einmal wirklich kennenzulernen. Jetzt war sie ihm bereits so nah gewesen und schlief wie ein Engel in seinen Armen und schmiegte sich an ihn, aber ein Kennenlernen war es nicht. Schon seitdem er sie auf dem Schulhof das erste Mal in ihrer Schuluniform gesehen hat, hatte er sich in sie verguckt. Und dann gestern, endlich, nach so langer Zeit konnte er ihr das erste Mal so nah sein, dass er ihre wahre Augenfarbe erkennen konnte. Sie waren gar nicht blau oder grün, nein eine Mischung daraus. Sein Herz schlug bis zur Sonne und zurück, als er ihr nun in die Augen sah. Sein Puls stieg enorm an und er wollte etwas sagen, aber ihm fehlte der Mut und die innere Ruhe dazu. Vor seinen Augen spielte sich eine kurze Szene ab wie sie beide eventuell ins Kino gehen würden oder wie sie ein Eisbecher naschen.
„Ich...äh. Ich…“, stammelte er verlegen. Er traute sich kaum ihr in die schönen Augen zu sehen. Durch die Sonne funkelten sie richtig wie eine Meeresbucht. Tina deutete seine Reaktion und lächelte.
„Du tust mir leid. Wer solche Freunde hat, braucht echt keine Feinde mehr.“, grinst sie dann aber auch. Seine Anspannung verflog ein wenig durch ihren Humor und endlich konnte er etwas sagen.
„Das stimmt. Sie…sind tolle Freunde.
Tina, ich…ähm…darf ich…dich zum Eisbecher einladen?“, haute er dann plötzlich ganz schnell raus, lächelte und fasste sich verlegen an den Hinterkopf. „Du bist Tangaroa, nicht wahr?“, lächelte sie ihn an.
„Ähm. Ja.“
„Habe ich dich richtig ausgesprochen?“
„Ja. Woher…weißt du…wer…ich bin?“
„Hm. Naja. Dein Name fällt schon auf in der Bestenliste des letzten Jahrgangs und wie ein Sechzehnjähriger siehst du nicht aus. Und auf der Spielerliste stehst du doch auch.“
„Oh. Verstehe.“ Er nahm die Hand runter und sah ihr etwas verlegen in die Augen.
„Wir können gerne ein Eis essen gehen, wenn du möchtest. Ich will aber ehrlich sein. Der Zeitpunkt ist ungünstig. Denn für mehr werde ich leider dieses Jahr noch keine Zeit haben. Ich will ja auch irgendwann wieder auf so einer schönen Liste weiter oben stehen, so wie du.“
„Noch keine Zeit?“
„Na wegen der neuen Sprache, Schule und Sport. Da bleibt leider keine Zeit mehr für Verabredungen.“
„Du brauchst jede Minute zum Lernen?“
„Genau, und für das Training. Du hast doch selbst keine Zeit, wenn deine Prüfungen dann sind. Wenn du das akzeptieren kannst, dann gehe ich mit dir gerne Eis essen.“, lächelte sie ihn an. Tangaroa zögerte etwas. Natürlich würde er sie lieber näher kennenlernen, aber ihre Ehrlichkeit fand er ebenso anziehend.
Seine Teamkollegen kicherten etwas vor sich hin und weil Tangaroa nichts darauf mehr sagte, sprach einer ein Machtwort.
„Nimm es an, Großer. Das war noch kein NEIN!“ Er zuckte etwas zusammen. Etwas unter Druck setzten ihn die anderen schon, aber klar würde er mit ihr auch ausgehen, wenn es erstmal nur ein freundschaftliches Treffen wäre. Er möchte sie doch erstmal nur kennenlernen.
„Okay. Sehr gerne. Wann hast…du…denn Zeit?“, wagte er seine Frage zu stellen, die er sich schon lange vorgemerkt hatte.
„Am Wochenende. Während der Schulzeit ist es schwer. Wir bereden das am besten in der Mittagspause, wenn wir keine Zuschauer haben, okay?“ Er nickte nur zurückhaltend und dann zog einer von seinen Freunden an seinem Arm. „Herzlichen Glückwunsch. Jetzt müssen wir uns aber umziehen, sonst kommen wir zu spät zum Unterricht.“, grinste dieser, sah grinsend auch zu Tina und gab ihr ein winkendes Handzeichen.
„Nichts für ungut, Tina, wir müssen dann.“
„Entschuldige mich bitte.“, sagte Tangaroa nur noch höflich zu ihr und dann wurde er mit den anderen mitgezogen und sie gingen endlich in die Umkleide.
Nachdem alle gegangen waren und die Mädels in der Halle verschwanden, sprach Tina ihren Trainer an, ihn nochmal persönlich sprechen zu wollen. Sie gingen ins Trainerbüro und schlossen die Tür hinter sich.
„Möchten Sie einen Kaffee?“, war Tina freundlich und ging zur Kaffeemaschine.
„Gerne. Du bist sicher noch sauer auf mich. Tut mir leid. Ich hätte mich nicht dazu hinreißen lassen dürfen.“ Er stand neben dem Tisch und sah auf das Mannschafts-Poster der letzten Saison.
Was sie beide nicht mitbekommen hatten, war, dass der Direktor, die Französischlehrerin, der Fußballtrainer und der Rugbytrainer sich im Beratungsraum nebenan unterhielten. Es ist nur langjährigen Trainern bekannt, dass es die Möglichkeit gab über die Sprechanlage auch zu hören was gesagt wurde. Um dies zu verhindern musste man an der Sprechanlage einen Schalter umkippen. Herr Schmitt jedoch war erst seit einem Jahr in der Schule und kannte diese Funktion nicht. Es ergab sich auch nie es zu nutzen.
Die anderen bekamen es natürlich mit, dass jemand ins Trainerbüro ging und erkannten die Stimmen.
„Oh, das wusste ich jetzt nicht. Die Funktion ist eingeschalten.
Frau Simon, Sie müssen uns das übersetzen. Ich verstehe kein Wort Deutsch.“, sagte der Direktor überrascht und war nun aber auch neugierig.
„Ich werde sehen was kommt.“, meinte sie nur skeptisch. So ganz wohl war ihr dabei noch nicht. Sie mochte Tina eigentlich sehr. Schon am ersten Tag, als sie in ihren Unterricht kam, strahlte sie ihr gegenüber so viel Freude aus. Sie kam die Tür herein, kurz vor dem Unterrichtsbeginn und stellte sich ihr im perfekten Französisch vor. Noch nie kam jemand so motiviert in ihren Unterricht. In der Regel wollten die Schüler die Sprache nur lernen, um später in Europa beruflich Fuß zu fassen.
„Oh, Sie beherrschen die Sprache doch schon. Warum sind Sie dann in meinem Kurs?“, fragte sie neugierig und überrascht.
„Na, weil ich Japanisch lernen will. Quasi umgedrehtes Lernen. Und spanisch war schon voll.“, gab sie ihr dann mit witzigen Worten zurück und drehte sich gleich zu den anderen um und begrüßte diese auf Französisch und setzte sich auf den leeren Platz ganz vorne neben Yayoi. Seitdem verlief ihr Unterricht etwas fröhlicher.
Tina stellte sich zu ihrem Trainer an die Kaffeemaschine und sprach ruhig.
„Es ging ja zum Glück noch alles lustig aus, nicht wahr? Waren Sie doll enttäuscht, als es kein Wettrennen gab?“
„Hm, es wäre schon sehr spannend gewesen. Die anderen waren sehr gespannt wer gewinnen würde.“
„Das kann ich mir vorstellen. Wieso kam der Trainer überhaupt darauf mich gegen seine Jungs antreten lassen zu wollen? Haben Sie so sehr geprahlt, dass er sich provoziert gefühlt hat? Klingt schon komisch, wenn es hieße, dass ein Mädchen mit Männern wie seinen mithalten könnte. Wenn es um die Ausdauer geht, ist das Team sehr stark. Ich habe bereits ein Spiel gesehen und ihr Training ebenso nebenbei beobachtet.“
„Was meinst du, hättest du gegen sie gewonnen?“
„Keine Ahnung. Das ist auch vollkommen egal. Was halten Sie davon, wenn wir ab jetzt Japanisch reden? Ich habe gestern Abend noch gut geübt.“, sah sie ihn freundlich an.
„Oh, wirklich. Sehr gerne.“
„Wie ist das Training heute geplant? Ich für meinen Teil will meinen Ball weiter üben, damit er gut läuft und dann muss er mit Yoko und den anderen eingeübt werden.“, sprach sie erstaunlich gut.
„Wow, du bist ja wirklich gut geworden. Wieso sprichst du dann nicht mit den anderen Schülern oder Lehrern? Das übt sehr.“, wunderte er sich.
„Hm. Ich telefoniere jeden Abend gut eins bis zwei Stunden mit Genzo, das hilft schon. Und wenn wir uns nichts zu erzählen haben, dann liest er mir aus einem Buch vor und die Kinder-Krimis sind so spannend. Und wenn er mal keine Zeit hat, telefoniere ich mit seinen Eltern. Und an den Wochenenden besuchen wir seine Familie.“, schmunzelte sie.
„Und wieso redest du nicht mit den Leuten hier? Warum nur mit ihm und seiner Familie?“
„Na ganz einfach.“ Sie sah zu ihm auf und zeigte auf ihre Haare.
„Ich nutze das aus. Ich bin neu, blond, ein Mädchen und viel verlangt man nicht von mir. Das ist auch gut so. Manchmal muss man die Nachteile als Vorteile nutzen. Wenn es alle wüssten, müsste ich mich ja mit jedem unterhalten. Dazu habe ich keine Zeit. Wenn man mich unterschätzt, umso besser. So habe ich noch meine Ruhe und wenn wir dann zu Weihnachten gegen die Toho spielen, denken die, sie sind im klaren Vorteil, wenn ich mit auf dem Feld stehe. Aber das werden sie nicht sein. Leute, die einen unterschätzen, sind unachtsam und machen Fehler. Genau das müssen wir dieses Jahr noch ausnutzen. Immerhin wollen Sie doch den Nationalpokal behalten, oder nicht? Wenn uns im Turnier vier Spielerinnen fehlen und zwei davon sind die starken Angriffe, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass wir wieder gewinnen. Und wenn die Toho so stark ist, dass sie uns die Qualifikation versauen könnte, dann sollten wir dafür sorgen, dass sie von Vornherein wissen mit wem sie es in Zukunft zu tun haben. Erfahrenheit und Fachkenntnisse kann man nur mit Stärke und Ausdauer besiegen. Deswegen ist das Weihnachtsspiel so wichtig. Sie sind zwar dann bei der Qualifikation vorgewarnt, aber wenn mein Ball erst fertig ist und funktioniert, dann geht mein Plan schon auf. Dieses Spiel wird kein Freundschaftsspiel wie sonst, sondern es bereitet uns auf die nächsten Spiele vor. Vertrauen Sie mir einfach.
Ich kenne Yakos Bälle und ich kann sie als Anfängerin ohne Probleme halten. Das heißt doch nur, dass es die Profis erst recht irgendwann können oder vielleicht können sie es schon? Ich kenne die erwachsenen Spielerinnen nicht. Aber wenn Yakos Bälle die aktuell stärksten in ihrer Altersgruppe sind, dann sind sie noch nicht stark genug. Es gibt immer eine Steigerung, egal wie gut man ist.
Ich hatte gestern Früh einen Durchbruch. Ich weiß nun wie ich den Ball hinbekommen kann, den ich haben will. Ich muss ihn jedoch noch einüben und verinnerlichen und dann mit Yoko einspielen. Meine Aufschläge muss ich auch noch üben, die müssen besser werden. So habe ich zwei Angriffsmöglichkeiten, ohne zu sehr im Spieltempo zu stecken. Leider hatte ich gestern nach dem Training keine Zeit mehr es einzuüben.“, erklärte sie und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Es herrschte eine Pause und beide tranken von ihrem Kaffee.
Die Personen hinter der Wand waren etwas irritiert.
„Eine interessante Unterhaltung. Wie gut sie plötzlich Japanisch kann.“, äußerte der Rugbytrainer. Aber bevor er weiter etwas sagen konnte, waren strenge Worte zu hören.
„Trainer! Machen Sie das nie wieder! Was dachten Sie sich denn dabei?! Und dann ziehen Sie auch noch unser Team und die Jungs mit rein, nur weil Sie einen auf Obergockel machen wollen! Sie können doch nicht einfach Teams derselben Schule gegeneinander antreten lassen. Wir sind doch keine Gegner, sondern sitzen alle im selben Boot.
Merken Sie sich eins: ICH lasse mich nicht vor der ganzen Schule wie einen dressierten Affen vorführen! Und die anderen ebenso nicht.
Was bilden Sie sich eigentlich ein, vertraute Informationen von mir so auszunutzen? Was wäre denn gewesen, wenn Juns Trainer es gewesen wäre? Was dann? Sollte ich dann wieder im Tor stehen, oder was?!
Wenn Sie nicht klar denken können, dann hören Sie endlich mal auf mit ihrer Trauerphase. Ziehen Sie uns da nicht mit rein. Stehen Sie auf und leben endlich weiter! Meine Güte, ich kann das doch auch! Ich lass andere doch auch nicht im Stich, nur weil ich trauere. Unser Team braucht ihren Trainer. Fangen Sie wieder an zu leben und zwar heute und jetzt!
Und noch etwas: Nehmen Sie mal den Stock aus dem Hintern und seien Sie ein richtiger Trainer und nicht nur ein Statist! Es kann doch nicht sein, dass Yako mehr zu sagen hat als Sie! Ich wäre schon deutlich besser, wenn Sie das Team richtig führen würden. Stattdessen musste ich mich selbst trainieren. Das kann doch nicht sein. Ich habe über einen Monat Zeit vertrödelt, nur weil ich so geduldig war und hoffte, dass Sie von selbst mal aufwachen. Aber damit ist jetzt Schluss!
Ein Gutes hatte das ja letzte Woche an der Toho. Yako hat mich endlich akzeptiert und fängt an mich richtig zu trainieren und ich kann mich nur noch aufs Training konzentrieren, statt darauf zu achten wer mir was in den Drink mischt oder einen Ball an den Kopf haut!
Erste Aufgabe! Gehen Sie dem Direktor auf den Sack, fordern Sie unsere Spenden- und Sponsorengelder ein und besorgen Sie für uns einen Krafttrainingsraum wie es die Männer haben! Ich stell den Mädels mit Martin zusammen die Geräte auch ein. Kann doch nicht sein, dass man uns mit Bällen und einem neuen Netz abspeist und die Männer haben moderne Geräte bekommen. Die Mädels wären deutlich besser, wenn sie ihren Körper gleichmäßiger trainieren könnten.“ Es war still, der Trainer setzte sich an den Tisch.
„Du hast Recht, Tina. Ich habe mich ganz schön rar gemacht.“, kam eine verständnisvolle Aussage.
„Rar machen, ist gar kein Ausdruck dafür! Sie machen ja gar nicht erst Ihren Job. Damals als ich Sie bat ins Team kommen zu dürfen, ließen Sie mich überall ausprobieren und ich dachte ich bekomme einen Trainer, der genau weiß was er tut. Sie verlangten von mir, dass ich Ihnen alles erzähle, aber als Dank dafür bekomme ich hier so einen Kinderkram serviert, statt eines professionellen Aufbautrainings.
Sie waren doch selbst Spieler, Sie müssten doch wissen, dass man sich niemals mit dem zufrieden geben kann, was man hat, sondern, dass es immer eine Steigerung geben muss. Warum sorgen Sie dann nicht dafür, dass es bei unserem Team so ist? Nur weil es bisher so ging? Yako sagte, es sei immer ein knapper Sieg gegen die Toho. Sie seien das stärkste Team überhaupt.
Knapp heißt aber doch, dass es schief gehen kann. Also müssen wir deutlich stärker werden als die und zwar bevor die es sind.“ Sie pausierte und sah dann zu ihrem betrübten Trainer, der seinen Kopf auf die Hand aufstützte und nur auf den Tisch starrte.
„Trainer, ich wollte damals selbst immer Trainer werden. Das war seit gut zwei Jahren mein Traumberuf und heute…heute weiß ich nicht mehr wen ich als Vorbild habe. Ich…ich hätte gerne noch ein zweites Vorbild. Ein Vorbild für den schönen Volleyball, es macht mir doch so viel Spaß und lenkt mich ab. Beweisen Sie mir, dass auch Sie ein Vorbild für mich und andere sein können. Ich kenne japanische Trainingsmethoden, immerhin durfte ich mich gut ein Jahr lang erfolgreich von einem Japaner trainieren lassen.“
„Hör auf. Das kann ich nicht, Tina. Ich werde dir diesen Trainer niemals ersetzen können.“
„Ach man. Das will ich doch auch gar nicht. Sie sollen doch nur für uns alle da sein. Zeigen Sie mir nur, dass Sie genauso stark sind, ehrgeizig und niemals aufgeben. Das passt doch gar nicht zu Ihnen. Also ich dachte immer Japaner geben niemals auf.“
„Du sagst das so einfach. Ich wollte doch genauso neu anfangen. Aber immer, wenn ich das Team, also euch spielen sehe, dann würde ich euch zu gerne auch mal etwas vorzeigen, aber dann…“, er legte seinen Arm auf den Tisch.
„…wird mir wieder klar, dass ich nicht einmal das mehr kann. Am Anfang hat es gut funktioniert und ich habe die einfache Trainerausbildung gemacht und konnte hier an die Schule. Aber dann kamen ständig Momente, die mich daran erinnern, dass ich nur noch das habe.“, sah er seinen Arm an und machte eine Faust.
Trainer Schmitt und seine neue Spielerin
Kapitel 135
Trainer Schmitt und seine neue Spielerin
Sie setzte sich zu ihm an den Tisch.
„Sie machen es mir echt nicht leicht, Trainer. Sie müssen sich doch nach dem Unfall etwas dabei gedacht haben als Trainer zu arbeiten. Nun sind Sie hier und haben ein starkes Team übernommen. Ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass die Frauen Sie nicht mögen. Wieso ist das nicht Motivation für Sie genug, dass sie unter Ihrer Führung das Nationalturnier erneut gewinnen konnten? Wären Sie ein schlechter Trainer, dann hätte man Sie doch nicht für so ein Team angestellt. Es ist doch gar nicht nötig uns irgendwelche Techniken vorzuführen. Wenn Sie es gut erklären, reicht das doch aus.“, versuchte sie ruhig auf ihn einzugehen. Er atmete nur tief ein und sagte gar nichts.
„Und Sie haben mich als Anfängerin ohne jegliche Erfahrung ins Team aufgenommen, warum denn? Warum denken Sie, dass es das wert war?“ Er richtete seinen Kopf etwas auf und sah sie an.
„Wegen deiner Fitness. Das wird die anderen anspornen.“, meinte er dann nur trocken.
„Na das nehme ich Ihnen nicht ab. Da muss noch mehr sein. Machen Sie mir mal ein Kompliment und sagen mir, was Sie bei unserer ersten Begegnung gedacht haben?“ Er sah ihr in die Augen und setzte sich endlich richtig aufrecht. Er öffnete seine Hand, die auf dem Tisch lag und zuvor noch eine Faust war.
„Was soll ich denn da gedacht haben? Ich konnte sehen, dass du Potenzial hast, das ist alles.“
„Potenzial für was? Sie wussten da noch nicht wer ich bin.“
„Na deine Annahmen waren zwar seltsam, aber du warst schnell und hast keine Angst vor dem Ball. Nicht einmal beim Blocken hast du gescheut und das können Anfänger gar nicht. Das hat mich neugierig gemacht. Deswegen wollte ich auch, dass du mir sagst, was du vorher gemacht hast. Damit ich weiß wie ich dich trainieren kann.“
„Okay und warum trainieren Sie mich dann nicht dementsprechend? Warum merke ich davon nichts?“
„Du kommst doch gut alleine klar. Außerdem musste dich das Team erst einmal von sich aus akzeptieren und aufnehmen. Wenn Yako dich als Kapitän nicht annimmt, bringt jedes Training nichts. Mir war jedoch klar, dass du das irgendwann schaffst.“ Tinas Puls stieg plötzlich an und sie stand wieder auf.
„Ist das Ihr Ernst? Sie haben bewusst weggeschaut? Warum?“, stellte sie ernst in den Raum.
„Ganz einfach, du solltest die Erfahrung machen wie man sich als Ausländer fühlt, wenn man neu in ein Team kommt. Frag mal deinen guten Freund Wakabayashi, wie er sich gefühlt haben muss, als er bei euch ins Team kam und ihr ihn verprügelt habt! Und rausreden brauchst du dich da gar nicht. Ich habe mich erkundigt. Meine Quelle ist zuverlässig. Es ist erstaunlich, dass ihr überhaupt Freunde seid.“, sah er sie provokativ an.
„Wollen Sie etwa behaupten, dass unser Team…etwas gegen Ausländer hatte?“, fragte sie völlig entsetzt und versuchte sich etwas zurückzuhalten.
„Genau das will ich damit sagen.“, warf er ihr an den Kopf und grinste. Plötzlich knallte es laut und er schreckte entsetzt auf. Tina stand zornig vor ihm und hat vor seinem Gesicht kräftig in ihre Hände geklatscht. Ihr zorniger Blick ließ ihn erstarren. In ihrer Wut verfiel sie wieder in ihrer Muttersprache.
„Wagen Sie es nie wieder so ein Gerücht zu verbreiten! Leute, die so denken, hatten keinen Platz bei uns! Die wurden gleich wieder rausgeschmissen! Dass die Jungs Genzo so angegangen sind, hatte völlig andere Gründe!“ Der Trainer konnte vor Erstaunen gar nichts sagen. Er sah sie nur mit großen Augen an.
„Sie glauben mir nicht, oder? Das ist ganz einfach. Das haben die Jungs mit jedem neuen Keeper getan. Und als ich dann im Team war, erst recht. Jeder, der eine Konkurrenz für mich darstellte, wurde so vertrieben, denn wer nicht den richtigen Schneit hatte das zu überstehen, der hätte nicht zu uns gepasst. Und glauben Sie mir, das habe ich selbst erst später durch ihn mitbekommen. Danach habe ich das unterbunden.
Ich wurde selbst auch nicht gerade nett empfangen, aber ich hatte Glück, dass ich als Teamgeschwister am ersten Tag nur den üblichen Spott ertragen musste.
Es hatte also überhaupt nichts damit zu tun wo jemand herkam. Die deutschen Jungs wurden genauso behandelt wie er.
Aber Sie, Trainer, sollten sich vielleicht mal ein Beispiel an Genzo nehmen. Denn er hatte genau das, was man im Team am meisten schätzte. Wer das nicht hatte, der konnte auch gleich wieder gehen. Und genau deswegen konnte er sich mit uns anfreunden. Nicht nur, weil der Kapitän sein Talent erkannte. Das Team hat ihn dann auch akzeptiert und seine Stärke und Potenzial erkannt.“ Ryoga sah sie verdutzt an.
„Wirklich? Das haben sie bei jedem gemacht?“
„Ja, Jungs halt. Das ist letztendlich so ein typisches Männerding. Es waren ja nur eine Hand voll Jungs und im Gegensatz zu anderen, wussten sie wann genug ist. Und was ist das hier? Was war es hier im Team? Ich stelle doch für niemanden eine Konkurrenz dar? Und als Anfängerin doch schon mal gar nicht. Die Mädels spielen mich doch in Grund und Boden. Was war ihr Problem?“ Er zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Sind Mädchen, woher soll ich das wissen?“
„Wären Sie nicht nur mit sich selbst beschäftigt, dann hätten Sie es gewusst. Und Sie hätten auch gewusst was mit Yako los ist. Haben Sie nicht mitbekommen, dass sie bedroht wurde und dass man ihr aufgelauert hat? Diese ganzen Einschüchterungsversuche von diesen Feiglingen haben Sie wirklich nicht bemerkt?“
„Was genau meinst du mit Bedrohungen und Einschüchterungen?“, machte er große Augen.
„Sagen Sie jetzt nicht, Sie wissen nicht wovon ich rede? Ich war selbst dabei, als man ihr mit einem Stein durchs Fenster warf, mit der Forderung, sie solle mit dem Spielen aufhören. Yako und ich sollten Ihnen doch am Freitag alles erzählen. Sie haben uns extra zu sich gerufen.
Sitzen Sie auf Ihren Ohren, oder wie?
Wir haben Ihnen doch erzählt warum wir an der Schule waren bzw. wieso Yako mit dem Team reden wollte.“ Er richtete sich plötzlich auf und sah zornig zu ihr herab.
„Wie redest du eigentlich mit mir? Du solltest mal anfangen dein Temperament zu zügeln und mir mehr Respekt entgegenbringen, Fräulein! Und überhaupt, was fällt dir ein, mir so eine Standpauke zu halten!? Ich kann dich auch ganz schnell wieder aus dem Team werfen!“, fauchte er sie laut an. Tina grinste daraufhin zu ihm auf und nahm ihren letzten Schluck von ihrem Kaffee.
„Oh, na endlich.“, sagte sie dann selbstsicher und ging zum Geschirrspüler. Es kam kein Wort und Ryoga drehte sich nur zu ihr um und sah ihr verwundert nach.
Tina sah zu ihm und grinste weiter.
„Jetzt sind Sie platt, oder? Dieses Spielchen funktioniert doch irgendwie immer wieder. Man muss nur den richtigen Zeitpunkt dafür abfangen.“
„Wie jetzt? Was für ein Spielchen?“, murrte er noch und sein Blick blieb etwas zornig. Tina ging zum Schreibtisch, nahm sich einen Zettel und einen Stift. Auf der einen Seite des Zettels schrieb sie einen kurzen Satz und auf der anderen Seite notierte sie versetzt drei einzelne Wörter. Dann faltete sie den Zettel zusammen, dass man nicht lesen konnte was dort stand.
„Jetzt beantworten Sie mir mal ein paar Fragen und zwar ganz ehrlich.“
„Wie? Was um alles in der Welt willst du von mir?“, knurrte er wieder. Tina ging lächelnd auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen.
„Was tat Ihnen weh? War es etwas da oben im Kopf oder tat es hier weh, hier unter Ihrer Brust? Sagen Sie schon. Wo tat es eben weh, kurz bevor Sie aufgestanden sind, um mich zu beleidigen und mit dem Rauswurf zu drohen?“, sie zeigte auf sein Herz. Er sah sie nun misstrauisch an. Sein Puls stieg etwas an und ja, sie hatte Recht, auch jetzt wieder tat es ihm unter der Brust weh. Es verging etwas Zeit. „Ich kenne Sie bereits gut genug, um die Frage selbst beantworten zu können. Es tat Ihnen bestimmt unter der Brust weh, oder? Es schmerzte im Herzen, stimmts? Ganz besonders als ich Sie an ihrer Ehre als Trainer kratzte und ich Sie erneut an dem Vorfall in der Toho erinnerte. Da mussten Sie an Yako denken und das tut Ihnen jetzt noch weh, dass Sie es nicht selbst bemerkt haben. Oder sehe ich das falsch? Ich kränkte Sie, weil es an Ihrer Trainerehre kratzte, an Ihrer Ehre als Mann und als Beschützer des Teams.“ Sie verschränkte die Arme und sah zu ihm auf. Dann schloss er die Augen und grinste. Kurz darauf öffnete er sie wieder und schaute wieder ernst.
„Was versteht ein kleines Mädchen wie du schon von Ehre? Du bildest dir etwas auf deine Leitungen ein und willst mir erzählen wie ich das Team zu führen habe? Du hast doch noch gar nichts in deinem kurzen Leben geleistet.“, versuchte er sie erneut zu provozieren. Wieder grinste sie ihn an.
„Wir kommen der Sache schon näher, gut.“, meinte sie dann plötzlich.
„Welcher Sache? Weißt du selbst was du noch sagst?“
„Sie versuchen mich zu provozieren. Sie werden besser. Prima.“, lobte sie ihn. „Nächste Frage:
Was haben Sie gedacht, als Sie vorhin, als wir reingekommen sind, das Poster Ihres Teams angesehen haben? Sie haben beim Betrachten etwas gelächelt. Was war das Erste was Sie dabei gedacht haben?“ Sie erntete nur einen weiteren skeptischen Blick.
‚Dieses Mädchen ist wirklich sonderbar. Worauf will sie denn nur die ganze Zeit hinaus? Was macht sie hier gerade? Spielt sie irgendwelche Psychospielchen mit mir? Diese Sache gestern in der Kantine, das war schon eine harte Nummer. Warum habe ich das Gefühl, genau das macht sie hier mit mir? Aber warum und worauf will sie hinaus?‘
„Du solltest langsam mal wieder zur Schule gehen. Es wird knapp.“, lenkte er ab.
„Ablenkung, wieder was Neues.
Mir ist egal ob ich zu spät komme oder nicht. Ich verpasse in Erdkunde nichts. Es verschafft mir nur eine zusätzliche Trainingseinheit, weil wir ja kein Krafttraining machen können.“
„Die Eimer?“, schaute er plötzlich total baff.
„Eine tolle Erfindung, die Dinger. Hat schon gut geholfen. Was andere hassen, das mag ich manchmal.
So, genug. Was haben Sie gedacht?“
„Keine Ahnung, gar nichts. Was soll ich denn dabei gedacht haben?“
„Das müssen Sie doch wissen. Ich kann keine Gedanken lesen.“ Er zuckte nur mit den Schultern.
„Sagen Sie es mir?“ Tina ging ihm aus dem Blick und setzte sich plötzlich auf den Tisch.
„Hm, ich glaube, dass Sie dasselbe gedacht haben, wie das was Sie dachten und empfunden haben, als Sie neben dem Team standen, als Yako die Fahne in der Hand hielt. Die Fahne des Siegers. Genau das haben Sie vorhin gedacht. Wie nennt man das? Dafür gibt es ein Wort.“, sprach sie ruhig und sah dann zum Fotoposter an der Wand. Er sah zum Poster und atmete tief durch.
„Was wohl, ich war unglaublich stolz auf die Mädels. Willst du darauf hinaus?“, vermutete er nun endlich. Er bekam ein glückliches Lächeln als Antwort.
„Und was macht das mit Ihnen? Dieses Gefühl auf die Leistung der Mädels stolz zu sein? Wo merken Sie es? Wo fühlen Sie diesen Stolz? War es nur der Stolz, dass sie es geschafft haben oder waren Sie auch auf sich selbst stolz?“ Er steckte seine Hand in die Hosentasche und ging zum Poster.
„Es…es war beides. Irgendwie war es beides.“
„Das dachte ich mir schon. Und haben Sie das auch gefühlt, als wir heute getanzt haben? Statt eines sinnlosen Wettkampfes, welcher niemanden etwas gebracht hätte, haben wir uns alle am frühen Morgen amüsiert und gelacht. Ist das ein ähnliches Gefühl gewesen? Ein Glücksgefühl, ähnlich wie das Gefühl von Stolz?“ Erstaunt drehte er sich um und sah sie mit großen Augen an.
‚Bettina Fuchs, ich dachte eben noch, du versuchst mich irgendwie übers Ohr zu ziehen. Stattdessen versuchst du mich zu motivieren?‘
„Trainer, Sie erkennen langsam worauf ich hinauswill, oder?“, schmunzelte sie ihn fröhlich an.
„Was haben Sie empfunden als wir getanzt haben? Sie haben glücklich gelächelt und auch Ihrem Team lächelnd zugesehen, wie sie lachten und tanzten. Was war das für ein Gefühl?“
„Tina…es…hat…Spaß gemacht.“, haute er dann plötzlich heraus und setzte sich wieder hin.
„Und wie nennt man das dann, wenn es Spaß gemacht hat? Was ist man dann auch, und wenn es nur für diesen Moment ist?“
„Hm, fröhlich? Meinst du das?“
„Ja auch, aber es gibt noch eine stärkere Form davon. Etwas was mehr ist als Fröhlichsein. Man fühlt es oft zeitgleich mit dem stolzen Gefühl, welches Sie empfunden haben. Und man kann es Ihnen auf dem Foto dort genau ansehen. Und vorhin beim Tanzen, da hatten Sie diesen Blick auch wieder drauf. Und auch einige andere Erwachsene haben dieses Gefühl heute Morgen gespürt.“ Er schwieg einen Moment und überlegte.
„Hilf mir auf die Sprünge. Mir fällt nichts ein. Etwas was stärker ist als Fröhlichkeit?“
„Es war ein besonderer Moment. Wir Sportler kennen den auch, wenn die anderen einen Fehler machen und wir es ausnutzen können. Wie nennt man das ganz einfach gesagt? Was haben die und was haben wir dafür? Umgedreht genauso.“ „Ein Fehler? Wenn die anderen einen Fehler machen haben sie Pech und wir…Glück?“, war er wieder skeptisch.
„Genau. Und was ist das dann für ein Moment, wenn man Glück hat?“
„Ein Glücksmoment? Dann ist man glücklich…Tina…“
„Waren Sie nicht glücklich, als Sie merkten, dass ich gar nicht auf die eigentliche Herausforderung eingegangen bin? Sie beide wollten es doch ohnehin nicht mehr und waren nur noch im Zugzwang wegen der Anderen im Saal. Das haben Sie doch beide gestern noch gesagt, dass Sie sich ausgesprochen hatten und es selber albern fanden. Und dann haben Sie den Rugbytrainer mit zu uns zum Training genommen. Sie konnten ihm beweisen, dass ich ins Team passe und dann war doch wieder so ein Lächeln in Ihrem Gesicht.
Sehen Sie, Sie können doch glücklich sein, wenn das Team siegt und wenn Sie sich vom Stress ablenken. Das ist doch ein gutes Zeichen.
Warum sitzen Sie dann hier rum wie ein Häufchen Elend und behaupten, Sie könnten kein Trainer mehr sein? Das ist doch Quatsch. Natürlich können Sie das. Sie müssen nur endlich wieder anfangen einer zu sein.
Eine letzte Frage noch: Was ist der Sinn des Lebens?“ Verwundert sah er sie an. „Wie? Der Sinn des Lebens? Naja, was schon? Essen und Schlafen.“, musste er etwas grinsen.
„Ich bin alt genug, Sie können es ruhig beim Namen nennen. Das Leben besteht nicht nur aus Essen und Schlafen, weder beim Menschen noch beim Tier. Bei Tieren ist es sehr oft nur ein Instinkt, aber bei uns Menschen kann es mehr sein als das.“
„Also echt, ich rede doch jetzt nicht mit dir über sowas.“ Tina musste etwas lachen.
„Nein, aber Sie wissen jetzt was ich meine. Nennen wir es wie in der Biologie „Reproduktion“ oder auch „einen Abdruck hinterlassen“. Es ist also der Sinn des Lebens das Leben zu erhalten, indem man einen Abdruck hinterlässt. Wollen wir uns darauf einigen?“ Er nickte nur etwas pikiert.
„Und Sie wollen eindeutig Abdrücke hinterlassen. Deswegen sind Sie Spieler gewesen und deswegen haben Sie sich entschieden als Trainer zu arbeiten, weil das andere nicht mehr ging.“ Sie stand auf und ging zum Schreibtisch zurück, holte einen Stift und stellte sich zu ihm und reichte ihm den zusammengefalteten Zettel und den Stift.
„Jetzt schreiben Sie hier auf dieses Stück genau das auf. „Abdruck hinterlassen“ und dann falten Sie den Zettel nur einmal auf und lesen das Wort vor, was dort steht.“, forderte sie auf. Er tat was sie sagte und dann staunte er nicht schlecht. „Glücksmoment!“, las er leise vor.
„Lauter, so dass Sie es verinnerlichen können. Wenn Ihr Team siegt und dadurch einen Abdruck hinterlässt, dann haben alle einen?“
„Glücksmoment!“
„Nochmal und dann fröhlicher, so als wollten Sie es den Mädels mitteilen.“ Er stieg erstaunlich auf ihr Spielchen ein.
„Glücksmoment!“, sagte er nochmal. Diesmal konnte sie ein kleines Leuchten in seinen Augen sehen. Dann sah er sie verblüfft an.
‚Ist das dein Spiel? Ein Motivationsspiel?‘
„Super. Lassen Sie sich einfach mal auf das Spielchen ein, Sie werden sehen, es wird Ihnen helfen.“, lächelte sie ihn an. Er nickte dann nur und sah auf den Zettel.
„Jetzt folgt das Gelernte, Trainer. Was sind wir dann, wenn wir glücklich sind und einen Abdruck hinterlassen können? Es erfüllt uns dann mit…?“
„Stolz?“ Sie nickte.
„Super, noch einmal aufklappen bitte und laut vorlesen.“
„Stolz!“
„Nochmal bitte, mit mehr Inbrunst, wenn ich bitten darf!“, forderte sie ihn quasi auf und er erhob sich plötzlich und wiederholte das Wort mehrmals.
„Für was hinterlassen wir Menschen oder auch wir Sportler Fußabdrücke? Für unsere…?“
„Ehre?“
„Ja, gut aufgepasst. Klappen Sie den Zettel wieder ein Stück weiter auf.“
„Ehre!“, machte er das Spiel plötzlich mit Begeisterung mit und wiederholte auch dieses Wort mehrmals.
„Jetzt sagen Sie diese ganzen Worte hintereinander weg. Laut, deutlich und mit ehrlicher stolzer Stimme. Die kenne ich von Ihnen noch gar nicht.“ Er lächelte plötzlich etwas und legte dann los.
„Abdruck hinterlassen, Glücksmoment, Stolz und Ehre!“
„Das Ganze dann gleich wiederholen und zwar auch auf Japanisch. Das klingt noch besser und ich kann was lernen dabei.“ Tina war selbst erstaunt, dass er plötzlich dabei lächeln konnte und mit vollem Elan diese Worte sagte.
„Prima. Das ist schon sehr gut. Sie sind ein Naturtalent.
Nun dürfen Sie wieder etwas rätseln und was schreiben.
Was hatten wir eben gesagt welchen Sinn haben wir gesucht?“
„Hm, den Sinn des Lebens?“
„Genau, also was tun alle Lebewesen die es gibt?“
„Äh, sie leben?“, wunderte er sich etwas.
„Genau. Und der Mensch ist wieder speziell. Um zu leben brauchen sie einen…?“ Er überlegte und schüttelte den Kopf.
„Anders gefragt. Wenn das Team spielt und es soll gewinnen, was brauchen sie dann? Einen Sieges…?“
„Oh, einen Siegeswillen!“
„Sie sind voll bei mir, perfekt. Also braucht der Mensch einen Lebens…“
„Willen. Einen Lebenswillen.“, kaum hatte er es ausgesprochen sah er sie wieder verblüfft an. Sie grinste.
„Merken Sie es schon?“ Er nickte.
„Du kennst komische Spiele, also echt.“, lachte er dann auf einmal und er wusste gleich was er zu tun hatte und schrieb das Wort „Lebenswillen“ auf den Zettel. Dann sagte er das Wort mehrmals laut und mit einem Lächeln auf den Lippen. „Warum lächeln Sie?“, neckte sie ihn dann auf einmal. Er lachte etwas.
„Irgendwie macht dein Spielchen Spaß, deswegen. Ist das der Sinn dabei? So ein Glücksmoment dabei zu spüren?“ Sie lächelte.
„Vielleicht. Warten Sie das Ende ab. Die letzten zwei Sachen sind die wichtigsten.“ Er war überrascht. Was soll denn da noch kommen? Er hatte das Gefühl schon motiviert zu sein.
„Gut, was haben die anderen gestern am meisten an der Kantinenaktion bewundert?“
„Wie jetzt? Themenwechsel?“
„Nein, nur eine andere Situation. Was war das? Was haben die meisten nicht gehabt und sie denken, dass ich es habe.“
„Immer diese Rätsel.“
„Nicht ablenken. Nun anders, nehmen wir nur eine einzelne Person.
Was hatte der Junge gestern in der Kantine, als er sich die Schüssel holte. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Hunger oder sowas.“, grinste sie.
„Hm, keine Ahnung. Was hatte er? Hilf mir, ich bin zu müde dafür.“, grinste er dann.
„Hm. Haben Sie vorhin mitbekommen, dass er mich angesprochen hat?“ Er lachte kurz auf.
„Oh ja, das haben wohl alle mitbekommen. Er war wirklich mutig, vermutlich der Erste, der dich um ein Date bittet. Sehr niedlich.“ Sie grinste.
„Sie haben es gerade gesagt. Er hatte also was?“
„Mut. Stimmt, du hast Recht.“
„Gut, dann schreiben Sie neben das Wort „Lebenswillen“ das Wort „Lebensmut“, denn den brauchte ich gestern. Ich war ganz schön lebensmüde mich mit den Kerlen von den Mädels auch gleich anzulegen. Aber da musste ich irgendwie durch, oder? Immerhin habe ich sie auch schonmal dabei gesehen, wie sie jemanden verprügelt hatten. Da habe ich dann einen Lehrer geholt, damit er dazwischen ging.“
„Das war auch mutig.“
„Anders ging es ja nicht. Aber ich hatte auch Glück bei der Sache, dass die drei einsichtig waren und vermutlich wirklich etwas für ihre Freundinnen empfinden. Das war ein riskantes Spiel. Es hätte ja sein können, dass ich sie mir jetzt als Feinde angelacht hätte.
Nun zu Ihnen. Es kommt der wichtigste Punkt und das ist diesmal ein ganzer Satz. Er zählt im Sport wie auch im Leben. Ich sage ihn mir im Gedanken jeden Morgen und immer dann, wenn ich ihn brauche.“ Er lächelte sie an.
„Ich bin gespannt.“ Tina wurde etwas skeptisch.
„Ich habe das Gefühl, dass Sie mich nicht ernst nehmen.“
„Du musst schon zugeben, dass das ein witziges Psychospielchen ist, oder?“, lachte er sie etwas aus.
„Ach, glauben Sie das, ja? Sie sehen es noch immer nur als Spiel? Was war es dann, als Sie noch auf dem Feld standen? War das auch nur ein Spielchen für Sie?“ Er sah sie plötzlich erstaunt an.
„Als Spiel würde ich das jetzt nicht sehen.“, murmelte er dann. Er sah sich seine Hand an.
„Als was denn dann? Das was ich hier mache, ist kein Spielchen mehr. Es klingt nur netter, wenn ich es so nenne. Wenn es kein Spiel für Sie war, was war es dann? Vor allem dann, wenn es eng wurde?“
„Hm, wir haben manchmal schon echt kämpfen müssen.“, meinte er dann.
„Darauf wollte ich hinaus. Es war also irgendwann kein Spiel mehr, sondern ein Kampf, ähnlich wie es die Boxer haben oder die Judoka. Merken Sie sich das Wort.“
„Was sind denn jetzt die letzten Worte? Etwa dass man kämpfen soll?“
„Das ist sehr nah dran. Falten Sie das Blatt auf und lesen es laut vor und zwar so, als würden Sie es am Spielfeldrand zu den Mädchen rufen, die sich gerade gegen einen schweren Gegner quälen. Und dann denken Sie an Ihre Eltern und Großeltern, eventuell an meine Eltern, denn auch sie sagen sich das jeden Tag. Sie haben mit Stephan nicht nur einen Sohn verloren, nein, sie haben mit ihm bereits den zweiten Sohn verloren und jetzt sind sie noch für mich da.“, sprach sie dann sehr streng und herausfordernd. Er war neugierig und etwas erstaunt, was meinte sie denn nur mit seinen Eltern?
„Meine Familie? Ihre Eltern und wenn die Mädels auf dem Feld stehen? Das soll ich alles dabei denken?“ Er zögerte plötzlich den Zettel aufzuklappen. Tina sah ihn fordernd an und ihr Blick war streng. Dann nach etwas Überlegung tat er es, faltete das Blatt auseinander und war zuerst stumm, als er es las.
„Aufgeben ist keine Option!“, stand dort. Er setzte sich plötzlich wieder hin und sein Herz schlug deutlich schneller.
„Aufgeben ist keine Option?!“, hauchte er leise vor sich hin und vor ihm erschien das Bild, als er mit ansehen musste wie seine Frau neben ihm eingeklemmt im Auto saß, mit einer starken Wunde am Kopf und der kaputten Frontscheibe. Der Airbag auf ihrer Seite hatte versagt, ein technischer Defekt, hieß es später. Die Feuerwehr kam und schlug die Seitenfenster vorsichtig auf und versuchten sie herauszuziehen. Es gelang ihnen jedoch nicht. Dann waren sie auf seiner Seite und auch bei ihm gelang es ihnen nicht. Sein Arm war zu sehr eingeklemmt. Sie mussten sich beeilen, da bereits Betriebsstoffe ausliefen und drohten durch das nebenstehende brennende Auto ebenso Feuer zu fangen. Plötzlich ging alles so schnell und er erinnerte sich nur noch daran, wie man seine Tür aufschnitt, ihn aus dem Auto zog, er unbeschreibliche Schmerzen hatte und er in ihr scheinbar schlafendes Gesicht sah. Jedoch war es für sie zu spät, ihre Verletzung war zu groß und sie erlag noch neben ihm auf dem Beifahrersitz. Die Rettungskräfte konnten ihr nicht mehr helfen und gaben sie auf.
Erst später wachte er auf und fand sich im Krankenhaut wieder, alleine und mit einem amputierten Arm. Zuerst nahm er an, sie läge in einem anderen Zimmer, aber die Nachricht, sie hätte es schon vor Ort nicht mehr geschafft und man habe nur noch ihn retten können, und auch nur unter den schwersten Bedingungen, das warf ihn völlig aus der Bahn.
Plötzlich starrte Tinas Trainer nur noch auf den Zettel und legte den Stift beiseite. In dem Moment legte Tina ihm die Hand auf die Schulter.
„Ich sagte ja, es ist kein Spiel. Was fühlen Sie jetzt? Das mit Ihrem Unfall ist doch mittlerweile ein Jahr her, oder? Wann haben Sie das letzte Mal…“, sie unterbrach kurz, stellte sich hinter ihn und legte auch die zweite Hand auf seine Schulter. „…geweint? Männer tun sich damit immer schwer. Aber das müssen sie gar nicht. Ihr Japaner seid besonders schwer zu knacken. Man muss es ja nicht vor den anderen tun, das mache ich auch nicht, aber manchmal muss es mal sein, damit man loslassen kann.“ Kurz darauf lehnte er sich zurück in an die Stuhllehne, berührte ihre Hand auf seiner Schulter und kniff die Augen zu. Es kamen einige Träne über seine Wangen gekullert.
„Mich stört das nicht. Lassen Sie es einfach raus. Ich werde es doch niemanden sagen. Ich weiß genau wie Sie sich jetzt fühlen. Hilflos und Sie denken, Sie hätten mehr tun können. Aber es ist nicht so. Ich kenne das Gefühl auch. Aber auch als diese Feiglinge meinen Bruder so zurichteten konnte ich nichts mehr tun. Ich konnte nur zusehen, wegsehen ging nicht.“ Sein Atmen veränderte sich und sein Puls stieg etwas an und ihm wurde etwas wärmer. Er schniefte und begann bitterlich zu weinen. Wie eine Befreiung aus einem beengten Raum fühlte es sich für ihn an.
Einige Minuten vergingen und es war neben seinem Weinen ganz still im Trainerbüro.
„Es…es war nicht nur sie…die ich verloren habe.“ Tina ging wieder auf ihn ein. „Trainer?“, sagte sie nur ganz leise und hörte ihm aufmerksam zu.
„Franziska, sie…sie war…schwanger. Sie war im dritten Monat.“, er richtete sich wieder etwas auf, als er den Gedanken aussprach, der ihn die ganze Zeit verfolgte. Er ließ sie los und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Tina zuckte etwas zusammen.
‚Oh nein. Das ist ja furchtbar. Deswegen ist er so durcheinander.‘
„Ich…dachte damals immer, was wäre, wenn es geboren wäre. Wenn man sie und das Baby hätte retten können. Es wäre jetzt gut ein halbes Jahr alt.
Ich musste meinen Sport aufgeben und dachte, als Trainer könnte ich wenigstens für die anderen Kinder da sein. Ohne den Volleyball wollte ich nie leben, es wäre nie gegangen. Und jetzt sehe ich dieses tolle Team, so stark und erfolgreich und ich habe immer das Gefühl neben ihnen zu stehen, statt dabei zu sein.
Du hattest völlig Recht, als du behauptet hast, ich sei mehr ein Statist als ein Trainer. Bis zur Meisterschaft ging alles gut und dann wurde mir immer mehr bewusst, dass ich nicht mehr so richtig weiß wofür ich das überhaupt mache.“ Er pausierte kurz und atmete tief durch.
„Die Euphorie der Meisterschaft verschwand und dann kamen die Ferien und auch das Team machte Pause. Es war als hätte man sie mir weggenommen, die Mädchen, die mich doch immer ablenkten.
Nach den Ferien fand ich nicht zurück…zurück zu meiner Aufgabe als Trainer. Und dann tauchtest du plötzlich auf mit deiner fröhlichen und selbstsicheren Art. Als ich dich gesehen habe wie du an deinem ersten Tag den Ball angesehen hattest wusste ich, du gehörst hier in unser Team. Keine außer dir und Yoko haben jemals den Ball so angesehen und angefasst. Dann berührtest du das Netz und legtest sogar dein Gesicht daran und schautest darüber und lächeltest. Ich habe damals nicht verstanden wieso, aber als du mir deine Geschichte erzählt hattest, war es mir klar. Es war genauso wie du es vorhin beschrieben hattest. Du liebest es gleich zu Beginn.“
„Trainer…nehmen Sie den Stift und schreiben Sie ein letztes Wort unter den Spruch. Es können auch mehrere sein.“, forderte sie plötzlich mit ruhiger Stimme.
„Für wen sind Sie Trainer geworden? Für wen geben Eltern niemals auf, egal wie schwer sie es haben? Für wen sind die hinterlassenen Fußabdrücke, der Stolz, die Ehre und die glücklichen Momente? Sie sind nicht nur für uns selbst. Für wen geben wir und die Erwachsenen niemals auf?“
Er nahm den Stift und schrieb ein Wort auf.
„Und nun müssen Sie nur noch alle Wörter, die Sie auf dem Blatt stehen haben am besten hintereinander sagen. Und wenn möglich machen Sie einen richtigen ganzen Satz daraus. Und vorher, vorher sagen wir gemeinsam den wichtigsten Satz überhaupt, okay?“
Er sah sie verwundert an.
„Gemeinsam?“ Sie nickte.
„Aufgeben ist keine Option!“, sagte sie dann laut und voller Überzeugung. Sie wiederholte den Satz und rief ihm den quasi entgegen, als sie sich wieder vor ihn stellte.
„Was Trainer? Was müssen Sie uns sagen, wenn wir gewinnen müssen!“ Er stieg endlich mit ein.
„Aufgeben ist keine Option!“
„Was, Herr Schmitt? Was haben Ihre und meine Großeltern jeden Tag gedacht? Was haben sie sich jeden Tag gesagt, als sie jeweils ihr Land wieder aufgebaut haben!!?“ Er stockte kurz und begriff aber worauf sie hinauswollte.
„Aufgeben ist keine Option!“
„Genau! Lauter!! Es müssen alle in der ganzen Halle hören, dass Sie im Spiel bei uns sind!!“ Er stand auf und wiederholte die Worte mehrmals und mit immer mehr Überzeugung und seiner endlich erstaunt kräftigen Männerstimme.
„Aufgeben ist keine Option!“ Tina rief mit ihm zusammen. Auch sie selbst konnte die Aussage im Moment mehr als nur brauchen.
Frau Delfine Simon
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Lob und böse Blicke
Kapitel 137
Lob und böse Blicke
Es klopfte an der Tür des Unterrichtsraumes. Kurz darauf öffnete sich die Tür und
Tina verbeugte sich vor dem Lehrer, um sich in höchster Form zu entschuldigen. Ein erstauntes, „Setz dich bitte.“, kam ihr entgegen und sie sah den Direktor, welcher Geografie und Geschichte unterrichtete, nur total verwundert an. Sie sah zur Uhr, während sie sich setzte und es waren nur noch zehn Minuten vom Unterricht übrig.
„Kommen Sie an die Tafel, Frau Fuchs. Wir haben angefangen Afrika zu behandeln. Können Sie uns etwas über diesen Kontinent sagen? Geografische Lage, Grenzen und einige wichtige Berge und Gewässer?“ Tina war erstaunt, letzte Woche waren sie doch mitten in Europa beschäftigt. Sie lächelte jedoch und ging natürlich mit dem Laserpointer, den der Direktor ihr gab, an die Blanko-Landkarte.
‚Na, Frau Fuchs. Soviel zum Thema Europa. Mit Afrika hast du jetzt nicht gerechnet. Das fällt den meisten schwer.‘ Er gab ihr ein Zeichen anzufangen. „Was genau wollen Sie denn jetzt wissen? Wenn ich jetzt alles sage, was ich weiß, reichen die zehn Minuten nicht aus.“, meinte sie nur höflich in Englisch. Er sah sie erstaunt an.
„Fangen Sie mit den Grenzen an.“ Tina ratterte alles im Norden beginnend herunter und ging von einem Küstenstück zum nächsten. Als sie im Landinnerem beim Viktoriasee endete, klingelte die Schulglocke. Alle sahen sie total verdutzt an, dass sie kaum, dass ihr jemand folgen konnte, überhaupt alles wusste. Der Direktor sprach sie lobend an.
„Ich bin erstaunt. Das war eine gute Vorstellung heute früh. Die Kollegen sind alle total begeistert.“ Sie lächelte ihn an.
„Das freut mich. Etwas Spaß am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen, oder?“ Ihre Klassenkameraden sahen nur nachdenklich zu den beiden, denn wenn der Direktor mit ihr sprach, wollten sie lieber nicht stören.
„Das stimmt, aber groß wiederholen werden wir es wohl nicht. Was glauben Sie, hätten Sie gegen die Jungs im Sprint gewonnen?“ Tina rollte mit den Augen.
„Was spielt das denn für eine Rolle? Meine Gegner sind Volleyballerinnen, keine Rugbyspieler.“ Sie ging ihm dann aus dem Blick und holte ihre Schulsachen aus der Tasche. Als nächstes war Japanisch angesagt und sie wollte sich vorbereiten. Der Direktor sprach sie noch einmal leise an.
„Wegen gestern, Ihr Vater hat sich heute Morgen bei mir gemeldet, er möchte mit mir reden. Ich möchte, dass Sie dabei sind. Das ist doch sicher in Ihrem Sinne?“, erklärte er und sie sah ihn verdutzt an.
„Wieso will er mit Ihnen reden? Woher weiß er denn überhaupt davon? Ich habe zu Hause nichts erzählt.“
„Das weiß ich nicht. Er sagte nur, es ginge um gestern. Sie haben jetzt Japanisch und danach Englisch. Er ist bereits da und wartet nur auf das Gespräch. Welche Stunde wollen Sie opfern? Freigestellt sind Sie natürlich.“ Sie sah ihn etwas genervt an.
„Ich würde lieber beide Stunden machen. Manno. Ich will ihn aber auch nicht unnötig warten lassen. Ich frage den Lehrer jetzt was wir machen wollen und ob er mir Aufgaben mitgibt. Ausgerechnet in Japanisch fehlen, ist ja doof. Das ist mein Lieblingsfach.“
„Das verstehe ich. Jedoch hätte ich ohnehin heute mal mit Ihnen reden müssen. Es geht um die Wahlpflichtfächer. Das können wir dann auch gleich erledigen.“
„Wie, was ist damit?“
„Wir reden dann gleich. Ich gehe vor und sage Ihrem Vater Bescheid, dass Sie kommen.“ Sie nickte ab und packte ihre Sachen wieder ein. Kaum hatte der Direktor den Raum verlassen, traf er im Flur auch schon auf den Japanisch-Lehrer.
„Frau Fuchs hat jetzt mit mir eine wichtige Besprechung. Keine Angst, sie hat nichts angestellt. Es eilt nur leider. Aber sie wird jetzt nach Aufgaben fragen, damit sie trotzdem am Unterricht teilnehmen kann.“ Der Lehrer nickte ab.
Währenddessen standen Tinas Eltern im Flur vor dem Büro des Direktors und warteten. Sie beobachteten die Schüler, die durch den Flur gingen und einige sie fragend ansahen. Tinas Mutter konnte ebenso wie sie langsam deutlich mehr Japanisch verstehen.
„Das sind sicher ihre Eltern.“, kamen solche und ähnliche leise Gespräche zustande, wenn jemand zu jemanden etwas sagte.
„Eindeutig ihre Eltern. Wie nett die aussehen.“, kicherten einige Mädchen.
„Wow, das sind sicher ihre Eltern und sie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich.“
„Ja, die ist auch so hübsch. Aber mit dem Vater würde ich mich lieber nicht anlegen.“, tuschelte eine Jungengruppe.
„Besser nicht, der sieht streng aus.“
„Na bei dem Blick gestern, irgendwo muss der ja herkommen.“
Die Meisten Jugendlichen hielten sich distanziert, aber einige mussten doch an ihnen vorbeigehen und verbeugte sich höflich, so wie sie es sonst auch taten, wenn Erwachsene dort standen. Die meisten lächelten die beiden höflich an. Beide wunderten sich etwas über das Verhalten der Jugendlichen. Bei ihrem ersten Besuch kamen eher skeptische Blicke und weniger freundliche Gesichter. „Irgendwas muss hier passiert sein. Die sind so freundlich.“, äußerte Gesine leise zu Georg.
„Das sehe ich auch so. Der Junge gestern sagte, sie habe der Schule einen Gefallen getan. Ich bin gespannt was damit gemeint ist. Was auch immer das war, es muss die anderen fröhlich stimmen. Da hast du Recht.“ Sie lächelten beide auch jedes Mal zurück, wenn jemand grüßte.
Plötzlich kam eine kleine Gruppe Mädchen mutig auf die beiden zu und sprach sie in Englisch an.
„Guten Tag, sind Sie Tinas Eltern?“
„Guten Tag, ja, das sind wir.“
„Sind Sie wegen gestern hier? Tina ist eine Heldin. So mutig und klug.“, äußerte eine von ihnen total begeistert. Die Elternteile sahen sich nur total verdutzt an. „Oh, wirklich?“, kam nur von Georg.
„Ja, sie hat uns alle gerettet. So viel Mut muss man erstmal haben.“, meinte eine weitere Schülerin. Dann wurde es im Flur etwas belebter und auch andere Schüler und Schülerinnen kamen auf die beiden zu und es bildete sich eine Traube um die beiden herum.
Alle plapperten plötzlich los und wiederholten immer wieder die gleichen Worte. Einige lachten dann sogar und machten sich etwas über die Mädchen lustig, die sie vorher ständig gemobbt und drangsaliert haben. Plötzlich wurde es sehr leise und die Gruppe, die bei den Eltern stand, sahen auf und schauten durch den Flur zu den drei Freunden der Mädchen, da sie in diesem Moment in ihre Richtung kamen. Georg sah auf und konnte über die vielen Köpfe gut hinwegsehen und sah zu den Jungs. Diese schienen eher verwundert zu sein was im Flur für eine Unruhe herrschte.
„Was ist denn da los?“, vermerkte einer von ihnen zum Großen, welcher in der Mitte stand.
„Keine Ahnung. Der Direktor sagte, wir müssen unsere Entschuldigungen für gestern abgeben.“ Sie gingen in ihrem aufrichtigen Gang wie gewohnt auf die Gruppe zu und kurz davor erst entdeckte der Große Georg, welcher etwas über den Köpfen der anderen herausragte. Ihre Blicke trafen sich und sie waren eine Mischung aus Neugier und Ernsthaftigkeit.
‚Wer sind die Jungs? Die anderen sind leise und sehen zu ihnen und die drei stolzieren hier rum, als wären sie die Kings auf dem Flur.‘, fiel Georg gleich auf.
‚Wer ist das? Das wird doch nicht etwa Tinas Vater sein? Aber wer soll das sonst sein.‘ Er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Zeit hatten sie nicht mehr, denn die Entschuldigungen für die letzten Stunden gestern, mussten jetzt abgegeben werden. Also gingen die drei weiter in Richtung Direktorbüro. Die Schülerinnen und Schüler tuschelten leise und sahen die drei nur kichernd an. Der ganze Flur vor der Bürotür war voll und ein Durchkommen gab es nicht. Normalerweise gingen die Schüler etwas zur Seite, wenn die drei kamen, aber heute war dies nicht der Fall. Der Große sah einige von ihnen grimmig an.
„Geht uns aus dem Weg! Wir müssen zum Direktor!“, fauchte er streng. Tinas Eltern hielten sich raus und blieben einfach am Fenster stehen.
‚Was sind das denn für unfreundliche Jungs? Können die das nicht netter sagen?‘, ging Gesine durch den Kopf und sie sah verdutzt zu ihnen. Inzwischen kamen immer mehr Schüler dazu und der ganze Flur war irgendwie voller Leute. Einige Lehrer traten ebenso hinzu, da sie sich wunderten was denn nun plötzlich hier los sei. Zeitgleich kam Tina die Treppe herauf, blieb verdutzt stehen und sah dann durch den Flur.
‚Nanu. Was ist denn hier los? Und wo sind jetzt meine Eltern?‘, wunderte diese sich sehr. Zwischen ihr und ihren Eltern waren die Schüler, die diese umgaben, die drei Jungs und eine weitere Schülerschaft mit Lehrern von etwa zwanzig Leuten. Um irgendetwas zu sehen, ging Tina dann zur Fensterseite und sah an ihr entlang bis zu ihrem Vater, dessen Blick in eine andere Richtung gewandt war. Das Schöne an dem Gebäude war die lange Fensterfront auf den Fluren. So eine Fensterfront hatte die Toho-Schule auch. Sie hatte ihren Sinn und diente der Sicherheit durch Sichtbarkeit und natürlich bei Erdbeben oder Bränden der Fluchtmöglichkeiten.
Die Unruhe im Flur wurde erneut gestört durch einen leisen Aufruf.
„Da ist sie. Da ist Tina.“, zeigte jemand in ihre Richtung. Sie rollte mit den Augen, stand weit genug weg, dass dies keiner sah und nahm ihre Schul-Handtasche von der Schulter. Sie trug sie nun am Griff neben sich.
‚Na toll. Arme Mama, wieso bringt er sie mit? Sie mag es nicht zwischen vielen Leuten zu sein.‘ Mit einem ernsten Blick und einem aufrichtigen Gang ging sie dann schnurstracks in ihre Richtung. Alle Leute sahen plötzlich zu ihr und die erste große Gruppe machte ihr unaufgefordert Platz in der Mitte des Flures. Keiner sagte etwas. Auch die Lehrer nicht, die ihr ebenso nur sehr verwundert nachsahen.
‚Bettina, mein Mädchen. Was um alles in der Welt ist denn hier gestern passiert, dass die alle so aus dem Häuschen sind? Ich habe bewusst gestern nicht nachgefragt, in der Hoffnung du erzählst es von selbst. Du hast dich gestern lieber nur mit Genzo unterhalten. Aber auch nicht über das was wohl passiert war. Ihr redetet über belangloses Zeugs und er las dir wieder etwas vor.
Aber wie du hier jetzt gerade empfangen wirst und deinen stolzen Gang aufsetzt, das wundert mich schon sehr. Was hast du gemacht?‘, vernahm ihr Vater und grinste stolz. Der Freund von Sayaka blickte zu Tina und ihm wurde plötzlich bewusst, dass sie nun plötzlich alle Blicke in Zukunft auf sich ziehen wird. Dann sah er zu ihrem Vater und konnte das stolze Lächeln in seinem Gesicht deuten. Ihre Mutter hingegen wirkte etwas distanziert und sah eher wie ein scheues Reh durch die Menschenansammlung. Er wusste, dass ihre Nähe zu ihrem Mann bewusst war und ein verbotenes Händchenhalten bedeuten könnte. In Europa wäre das völlig normal. Aber hier, und an einer Schule wäre es sehr verpönt, wenn man sich die Hände hält oder zu nahe ist.
‚Ihre Mutter ist genauso hübsch wie sie, aber sie wirkt eher ängstlich. Ihre selbstsichere Art hat sie eindeutig vom Vater. Der hat auch so einen Blick drauf und wirkt sehr standhaft. Ihre Mutter hingegen scheint eher das Bedürfnis zu haben wieder gehen zu wollen.‘
Tina ging durch die erste Menschentraube hindurch und konnte nun endlich auch die anderen sehen, die um ihre Eltern herumstanden. Den Blondschopf ihrer Mutter sah sie neben ihrem Vater und dann entdeckte sie zeitgleich die drei Freunde der Mädchen. Tinas Blick wurde streng, aber sie lächelte dabei und machte eine laute freundliche Ansage auf Englisch.
„Könntet ihr alle bitte so freundlich sein und den Flur wieder verlassen? Ihr bedrängt meine Eltern zu sehr, ich kann sie nicht einmal sehen.“ Plötzlich wurde es unruhig und die Schüler gingen zum größten Teil in die andere Flurrichtung. Einige kamen ihr entgegen, lächelten sie an oder sahen ehrfürchtig zu ihr, verbeugten sich teilweise, als sie an ihr vorbei gingen und rannen dann den Flur entlang weg zur Treppe. Einige blieben auch weiterhin stehen, aber sahen sich alles Weitere von Weitem an. Als Tina bei ihren Eltern ankam, standen noch die drei Jungs da und die Lehrer. Die anderen waren ihr aus dem Weg gegangen.
Tina sah zu ihren Eltern. Sie gab ihrem Vater ein Augenzwinkern, er wusste dann schon was sie damit sagen wollte. Dann stellte sie sich direkt vor Sayakas Freund und sah zu ihm auf.
„Die Bitte galt auch euch.“, sprach sie streng. Er blickte ihr nur ernst in die Augen.
‚Wieder dieser Blick. Du bist ein wirklich interessantes Mädchen, Kleine.‘ Er grinste dann und antwortete auf seine übliche unhöfliche Art.
„Wir müssen etwas beim Direktor abgeben und warten auf ihn.“
„Macht das bitte später, jetzt passt es nicht.“
„Du hast das doch selbst verbockt. Es sind die Entschuldigungen für die letzten Stunden gestern.“
„Nur abgeben?“ Er wunderte sich, auf diese Frage war er nicht vorbereitet.
„Ja genau. Nur abgeben.“, meinte sein Freund neben ihn. Tina hielt ihm ihre Hand auf.
„Gut, dann gebt sie mir, ich erledige das für euch. Dann könnt ihr wieder in eure Klassen gehen. Es klingelt ohnehin gleich.“, vermerkte sie dann. Er antwortete darauf nicht und sah sie nur streng an, als würde er sie herausfordern wollen. Im Inneren hoffte er ihren Vater aus der Reserve zu locken. Ist sie nur so frech, weil er da ist oder greift er ein, wenn es ihm zu bunt wird? Was passiert als nächstes, dachte er bei sich. Er verharrte in ihren Augen.
‚Das wird wohl etwas dauern.‘, bemerkte Tina es. Die anderen im Flur, die noch etwas mitbekommen konnten sahen sich verwundert das Schauspiel an.
Tinas Hand an der Tasche machte eine leichte Bewegung nach außen und ihr rechter Fuß drehte sich plötzlich etwas. Sie tarnte es in einer Bewegung. Ihr Vater deutete die Zeichen und forderte seine Frau auf sich zum Fenster zu drehen, was er dann ebenso tat. Dann berührte er kurz die Fensterscheibe, als würde er sich auf das Fensterbrett aufstützen.
‚Halte dich bitte raus. Ich mache das.‘, sagte sie ihm damit. Die drei ihr gegenüber wunderten sich, dass sich ihre Eltern plötzlich umdrehten und aus dem Fenster sahen.
‚Was hat das denn zu bedeuten?‘
„Ich wiederhole mich ungern. Meine Zeit ist begrenzt. Gebt mir einfach die Entschuldigungen und ich reiche sie weiter. Der Direktor wird sie sicher auch akzeptieren, wenn ich sie ihm gebe.“, begann Tina erneut ein vernünftiges Gespräch. Es kam wieder keine Antwort und dann platzte Tina der Kragen und sie sah zu den anderen Jungs neben ihm. Ihr Blick war zornig und ihre Hand fordernd. Plötzlich hielt ihr der erste einen Zettel hin und sie nahm diesen entgegen. Er wurde von dem Großen angeschubst.
„Verräter!“, knurrte dieser ihn an.
„Idiot. Ist doch praktisch. Wir kommen nur unnötig zu spät.“, fauchte dieser zurück und hob die Hand und lächelte Tina an.
„Danke. Ich bin dann mal weg.“, meinte er dann und ging einfach. Kurz darauf holte der andere etwas zögerlich seinen Zettel aus der Tasche und hielt auch ihr diesen hin.
„Danke Tina, ich gehe auch.“, sagte er und verzog sich ebenso. Nun blieb nur noch einer übrig.
„Na? Bist du auch endlich soweit? Geh ihnen lieber nach, sonst bist du sie für immer los.“, sah sie ernst zu ihm auf.
Plötzlich grinste er und holte seinen Zettel ebenso aus der Tasche. Er wedelte vor ihr damit herum und hielt den Zettel dann etwas höher, so dass sie nur herankommen könnte, wenn sie springen würde.
„Gut Kleine, hol ihn dir doch.“, versuchte er sie plötzlich zu provozieren. Tina wusste in dem Moment echt nicht was sie davon halten sollte. Sie sah ihn zornig an.
„Wie alt bist du? Ist dir das nicht peinlich? Und sowas will mal Arzt werden.“, konterte sie ihm.
„Du hast auch immer das letzte Wort, oder?“
„Nein, aber ich benehme mich nicht wie ein Kleinkind.“ Sie reichte ihm ein letztes Mal die Hand hin, aber statt ihr den Zettel in die Hand zu geben, ließ er ihn von oben herabsegeln und auf den Boden fallen.
‚Dann bück dich doch, wenn du ihn haben willst.‘, grinste er vor sich hin und ging ihr dann aus dem Weg und schritt den Flur mit den Händen in den Taschen entlang.
Sein Zettel lag etwas weiter weg von ihr auf dem Boden.
„Was soll das denn? Willst du die Entschuldigung nicht aufheben?“
„Das wolltest du doch machen.“, meinte er dann nur und verließ den Flur. Tina stand etwas verdutzt da und ihre Eltern drehten sich dann wieder um.
„Wer war dieser unhöfliche Junge?“, fragte ihre Mutter und kam auf sie zu.
„Nicht der Rede wert, Mama.“, meinte sie nur. Gesine sah sich um und ging dann zu dem Zettel, der am Boden lag und wollte ihn aufheben.
„Nein, lass ihn liegen. Er wollte es so.“, sagte sie ihr dann und kurz darauf erschien der Direktor endlich und kam auf die drei zu. Der Flur war inzwischen wieder leer und auch die Lehrer hatten sich in ihr Lehrerzimmer verkrümelt.
„Das war genau richtig. Du hast erkannt, dass er mich herausfordern wollte.“, grinste ihr Vater. Tina grinste ihn an.
„Das war ja wohl sehr offensichtlich.“ Er grinste sie an.
‚Mein Mädchen, lässt sich nie aus der Ruhe bringen. Man merkt, dass sie sich ständig gegen Jungs durchsetzen musste. Ich muss mir in Zukunft niemals Sorgen darum machen, dass sie sich von einem Mann ausnutzen lassen würde. Aber sie wird es später auch nicht immer leicht haben. Die Jungs oder später die Herren werden es nicht leicht haben.‘
Der Direktor stand kurz vor ihnen und sah zu Boden. Er wollte den Zettel ebenso aufheben. Tina jedoch ging wieder dazwischen.
„Sie wollen doch nicht wirklich den Müll anderer Leute aufheben?“ Er sah sie sehr verdutzt an. Ihm war klar was es für ein Zettel war, aber liegen lassen wollte er ihn eigentlich nicht.
‚Bettina Fuchs, was ist das jetzt für ein Spielchen von dir? Du weißt doch genau was es ist und wie wichtig es ist.‘ Er lächelt sie freundlich an und hebt den Zettel trotzdem auf.
„Meine Schule bleibt sauber, da muss jeder mal mit anpacken.“, sagte er dann nur und sah zu ihren Eltern, um sie höflich zu begrüßen.
„Sie sind ja gleich zu zweit gekommen. Das ist sehr gut. Folgen Sie mir.“ Wenige Minuten später saßen alle in seinem Büro und er bot Kaffee und Tee an. Tina wählte einen Kakao. Der Direktor bereitete einen großen Bildschirm vor und holte eine VHS-Kassette aus einem abgeschlossenen Schrank. Sie war mit dem gestrigen Datum und einer Uhrzeit beschriftet.
„Was passiert jetzt? Ich denke wir wollen uns über einen Vorfall von gestern unterhalten?“, sprach der Vater ihn erstaunt an.
„Das werden wir auch, aber die Sache ist etwas zu umfangreich, um nur darüber zu berichten und ich weiß ehrlichgesagt nicht wirklich, wie ich das alles richtig wiedergeben kann. Sie wissen doch sicher, dass wir der Sicherheit und zum Schutz der Schüler gesetzlich verpflichtet sind öffentliche Räume und Flure mit einer Videoüberwachung auszustatten. Das zeugte vor Jahren aus dem Grunde, weil es in Japan eine hohe Selbstmordrate unter Kindern gibt. Um uns als Schulleitung vor Klagen zu schützen, wurde dies eingeführt, und es ist den Schülern auch bekannt. Das hat seine Vor- und Nachteile. Wir nutzen dies ab und an auch, um bestimmte Vorkommnisse später im Team auszuwerten. Genau das haben wir gestern auch gemacht und dabei kamen sehr interessante Fakten zum Vorschein.
In unserem Falle möchte ich Ihnen gerne den Vorfall mit Ihnen, Ihrer Tochter wie auch Trainer Schmitt, welcher in jedem Moment zustoßen wird, ansehen und gemeinsam darüber reden. Ich würde gerne Ihre Meinung als Eltern dazu hören.“ Tinas Blick wurde etwas kritisch, so richtig gefiel ihr der Gedanke nicht, dass sie sich selbst dabei sehen würde und dass vor allem ihre Mutter es sehen wird. Sie hatte keine Ahnung wie sie darauf reagieren könnte.
„Mir war das aber nicht bekannt. Warum wusste ich nichts von den Kameras? Hier stehen keine Schilder.“, murrte Tina plötzlich etwas rum.
„An jeder Tür von Gemeinschaftsräumen steht ein Schild.“, wunderte sich der Direktor und ging zu einem Regal und holte aus einem Ordner eine Folie heraus. Er zeigte ihr den Zettel auf dem der Hinweis stand.
„Videoüberwacht“, stand dort in Kanji geschrieben.
„Voll gemein, echt mal. Kann man da nicht ein Bild dran machen mit einer Kamera? Oder es in Englisch schreiben? Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich das ganz anders angehen können. Jetzt kann sich jeder noch über die drei lustig machen, oder wie? Das war nicht meine Absicht. Die Aktion kam eher aus der Notwendigkeit heraus, damit man ihnen hilft, weil es scheinbar nicht anders ging.“, knurrte sie ihn zornig an, verschränkte die Arme und lehnte sich im Stuhl zurück. Ihre Eltern sahen sie etwas pikiert an. Dass sie sich dem Direktor gegenüber so äußerte, hatten sie nicht vermutet. Sie kannten Tina sehr gut, ihre Launen und ihre Art, aber einer Autoritätsperson gegenüber war sie nie frech. Sie wusste doch, was hier auf dem Spiel stand.
„Bettina, entschuldige dich sofort.“, sprach ihr Vater etwas streng und sah sie ernst an. Diese jedoch sah ihn in ihrer Wut ernst an.
„Nein. Tut mir leid. Seht euch bitte erst den Film an, dann wisst ihr, warum ich das nicht gut finde. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Mama ihn sehen sollte.“ „Warum darf ich ihn nicht sehen? Also wenn ich die Schüler vorhin alle so richtig verstanden habe, mögen die dich doch. Du bist für sie eine Heldin, was soll denn dann so schlimm sein?“, brachte diese sich etwas verdutzt ein.
Es klopfte an der Tür und der Trainer wurde hereingebeten. Trainer Schmitt verbeugte sich vor den Eltern und begrüßte sie auf Deutsch.
„Guten Tag Familie Fuchs. Es ist mir eine Ehre, Sie endlich mal kennenzulernen. Mein Name ist Ryoga Conrath Schmitt. Ich bin der Volleyballtrainer der Mädchen.“ Gesine und Georg standen auf und begrüßten ihn ebenso.
„Gut, Schmitt, Sie setzen sich bitte zu mir. Gut, dass Sie spontan kommen konnten.“
„Warum haben Sie mich gerufen, wenn Sie doch Besuch haben?“, wunderte er sich.
„Herr Fuchs bat mich zu erfahren was gestern passiert war und da passt es gut, dass Sie bereits im Hause sind. Sie als Trainer von Frau Fuchs, sollten sich das mit ansehen. Ich weiß, Sie waren gestern etwas später erst da, so wie ich, aber der Anfang ist schon interessant.“
„Wie jetzt? Wir sehen uns doch nicht etwa die Aufnahmen von gestern an? Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Spielerin das wünscht.“, kam eher überrascht und er sah dann zu Tina.
„Was sagen Sie denn dazu? Sie können das doch auch so erzählen.“, versuchte er ihren Unmut zu bestätigen, denn ihr brummiges Gesicht hatte er bereits bemerkt.
„Machen Sie es einfach an. Dann haben wir es hinter uns. So viel Zeit habe ich auch nicht.“, murrte sie wieder.
Der moderne Flachbildschirm wurde angeschaltet und der Videorekorder lief an.
„Wow, das ist aber ruhig bei euch in der Mensa. Alles so geordnet und leise.“, merkte die Mutter verwundert an.
„Mit Deutschland kann man das hier nicht vergleichen. Dass wir eine Mensa bzw. Kantine haben, ist eher selten. Das konnte ich nur mit Hilfe von Sondergenehmigungen durchboxen. In den anderen Schulen wird oft nur in den Klassenräumen gegessen. Aber da wir als internationale Sprachschule laufen dürfen, ging das mal durch. Zur Förderung der Sprachen.“
Kurz nach dem Start tauchte Tina auch schon bei der Ausgabe auf und ging dann den Gang entlang, um sich einen Platz zu suchen.
Sie stand plötzlich leise auf und stellte sich mit verschränkten Armen hinter den Stuhl. Ihr war es nun lieber zu stehen, denn sitzen war ohnehin nicht ihr Ding. Trainer Schmitt ging zu ihr und stellte sich neben sie.
Plötzlich war der Lärm vom Herunterfallen des Geschirrs zu hören.
„Wieso sind die so gemein zu dir?“, knurrte ihre Mutter los.
„Aus Angst, Mama.“, sagte sie dann nur trocken.
„Wie jetzt aus Angst? Vor dir muss doch keiner Angst haben.“, wunderte sie sich und sah zu ihrer Tochter. Das Video wurde pausiert.
„Schau weiter, es klärt sich dann noch auf.“
„Kurz noch ne Frage. Was meinte sie denn damit, du hättest ihre Eltern beleidigt? Seit wann würdest du jemanden beleidigen? Der Vorwurf klang wirklich hart.“, brachte sich der Vater ein. Er saß auf dem Stuhl und schlug seine Beine übereinander.
„Das hat sie nur falsch verstanden. Zumindest könnte man es denken.“ Tina erklärte es kurz. Der Direktor kannte die Geschichte ebenso noch nicht und war sehr erstaunt.
„Das kann man natürlich wirklich schnell falsch verstehen. Du musst echt lernen die richtigen Worte zu finden. Pass in Zukunft auf.“, sprach Georg dann belehrend.
„Ich denke nicht, dass sie es falsch verstanden hat, sondern eher, dass sie sich beleidigt gefühlt hat und es demzufolge als Angriffsgrund gesehen hat. Eigentlich gingen mir die drei schon eine Weile lang aus dem Weg. Ich denke mal, es hat mit meiner Kapitänin zu tun. Da sie mich jetzt akzeptiert, gehöre ich zum Team und wer zu ihrem Team gehört, darf nicht angegangen werden. Hier scheint es ein paar solche Regeln zu geben, die ich vorher nicht kannte. Ich weiß nicht welche Teams das noch betrifft. Juns Team gehört auch dazu.“
„Das stimmt. Es sind vier Sportarten und ihre Teams und ein paar einzelne Sportler, welche quasi bei solchen Leuten unter Welpenschutz stehen. Die Rugbyspieler, die Baseballer und die Fußballer sowie die Mädchen der Leichtathletik und Rhythmischen Sportgymnastik gehören auch dazu. Das System hat mir Frau Kawasaki, also unsere Kapitänin, erklärt als ich vor einem Jahr das Team übernommen habe.“, erklärte Trainer Schmitt.
„Und welchen Grund gibt es dafür?“, wunderte sich die Mutter.
„Ganz eindeutig das Geld.“, haute Georg selbst etwas überrascht heraus.
„Geld?“, hinterfragte sie.
„Wenn ich der Liste auf den Sponsorentafeln richtig gelesen habe, sind es die stärksten Teams und Sportarten, die hier gefördert werden. Also laufen die Sponsoren für die Schule komplett über sie hier rein. Es geht also nur ums Geld. Und wenn man dem Team schaden würde, welches dafür sorgt, dass die Schule gut ausgestattet ist, besser als andere staatliche Schulen, dann würde man sich selbst schaden.“
„Genauso ist es. Wir haben keinen Einfluss darauf wen wer so alles mag, aber diese interne Regelung kam von ganz alleine. Gibt es Stänkereien, dann niemals mit jemanden aus den geldbringenden Sportarten. Das ist wie ein Piratenkodex.“, erklärte der Direktor.
„Piratenkodex. Naja. Ich sag da lieber nichts zu. Aber das meinten die vermutlich, als sie meinten ich könne mich nicht hinter Yako verstecken. Dann verstehe ich das wenigstens auch mal. Dann hat sie ihnen vermutlich gesagt, dass sie mich in Ruhe lassen sollen?“
„Das würde ich so sehen, ja.“, sagte er. Dann wurde kurz darauf das Video wieder angemacht. Georg war sehr erstaunt, als er sah wie Tina die Essenreste vom Boden aufsammelte.
Trainer Schmitt sprach sie flüsternd auf Deutsch an. Sie standen hinter den Eltern und dem Direktor.
„Du weißt schon, dass die drei zu Yakos Truppe gehörten, oder? Dass sie da auch ihre Fäden im Spiel hatte.“
„Natürlich, das hat sie mir schon alles erzählt. Deswegen wunderte ich mich ja, dass das passierte.“
„Wusste sie von der Sache? Also von der Essstörung?“
„Nein, sie war selbst schockiert.“
„Das andere werde ich nachher bereden. Mal sehen was er sagt.“
„Was meinen Sie? Das mit dem Geräteraum?“
„Genau. Mir ist dazu noch etwas Gutes eingefallen. Da kann er nicht mehr nein sagen.“
„Gut.“
„Sag mal, wieso lässt du dir denn immer alles übersetzen, wenn du es doch schon verstehst?“, fragte er etwas später als der Film weiterlief.
„Das habe ich doch vorhin schon erklärt. Der große Taktiker sind Sie nicht, oder? So wusste ich doch gleich, wer wirklich auf meiner Seite ist.“
„Das ist klug. Wer dich nicht mag, hätte den Mund gehalten.“
„Pause bitte!“, bestimmte Georg als Tina im Video zur Speiseausgabe ging und sich einige Dinge geben ließ.
„Wer waren die Jungs, die dir geholfen haben?“, fragte er höflich. Seine Hand war neben ihm auf den Tisch gelegt. Tina wusste was das bedeutete.
„Oh, das waren vier Klassenkameraden. Unter anderem unser Klassensprecher Misugi.“, antwortete sie mit ernster Stimme.
‚Ah, habe ich ihn doch erkannt. Die Nummer 24. Das ist er also und ihr habt euch langsam angefreundet, das sagtest du ja neulich schon. Sehr gut.‘
„Bettina, er scheint sehr nett zu sein.“, äußerte ihre Mutter und grinste sie etwas an.
‚Ein hübscher Junge und wie elegant er sich bewegt. Der würde zu ihr passen.‘, dachte sie sich.
„Mama, also echt. Seine Freundin geht übrigens in meinen Französischkurs und ist auch sehr nett.“, murrte sie sie etwas an. Trainer Schmitt und der Direktor mussten sich etwas das Kichern verkneifen. Immerhin haben beide heute früh noch mitbekommen, dass Tina dem Date mit Tangaroa nicht wirklich abgeneigt war.
„Ach schade.“, grinste sie erneut und drehte sich wieder zum Bildschirm um. „Und wer sind die Jungs dort am Tisch? Die waren vorhin doch hier auf dem Flur und der Große hat versucht dich zu provozieren.“
„Das erklärt sich gleich noch.“, sagte Tina.
‚Das ist wohl wahr, aber er hat bei seinem Versuch versagt. Das ist das Wichtigste.‘, grinste Georg in sich hinein.
„Also der war ja wohl echt unhöflich. Ein furchtbarer Mensch. Und so respektlos. Wie konnten die alle überhaupt so etwas gemeines über den anderen Jungs sagen? Die haben dir immerhin helfen wollen und waren sich nicht zu schade dazu. Nett muss man sein, höflich und klug. Herz muss man haben. Das haben die komischen Mädchen und diese Jungs von vorhin jedenfalls nicht.“, brummte ihre Mutter dann und sah zu Georg. Er nickte nur und gab ihr Recht.
„Also wenn ihr das jetzt wirklich ansehen wollt, dürft ihr nicht ständig unterbrechen. Wenn ihr den Schwung rausnehmt, versteht man kaum worum es ging.“, erklärte Tina dann plötzlich. Sie fühlte sich etwas genervt, dass ihre Eltern alles kommentieren mussten.
„Gut, du hast Recht. Spielen Sie bitte weiter ab.“ Der Film lief wieder und alle sahen interessiert zum Bildschirm.
„Wozu denn jetzt die Schüsseln und das andere?“, kam dann neugierig von Gesine. Georg hielt nur seinen Finger vor den Mund.
Plötzlich fing Gesine an zu lachen.
„Herrlich. Das haben die Ziegen verdient.“, sagte sie begeistert, als Tina sich am Essen der Mädchen bediente und alle um sie herum staunten.
„Das ist ja niedlich, wie schüchtern er ist.“, schmunzelte ihre Mutter kurz nachdem sich Tangaroa die Schüssel geschnappt hatte.
„Schüchtern ja, aber er war mehr als das, Liebling. Dir ist es sicher entgangen.“ Der Direktor stoppte erneut.
„Was meinen Sie damit, Herr Fuchs?“, sprach er ihn neugierig an.
„Vater hat recht. Tangaroa, so heißt er übrigens, war der erste, der überhaupt helfen wollte. Noch weit bevor die anderen überhaupt davon etwas mitbekamen, dass es eventuell nötig wäre.“, erklärte sie stolz.
„Verstehe ich jetzt nicht. Was hat er denn gemacht?“
„Hier in der Aufnahme kann man es gut sehen. Spulen Sie mal zurück bis Frau Fuchs den Raum betrat.“, merkte Trainer Schmitt an.
Die goldene Spange Teil I oder Die Krähe im Wappen
Kapitel 138
Die goldene Haarspange Teil I oder Die Krähe im Wappen
Tina ließ sich einen Laserpointer geben.
„Dort betreten die Mädchen den Raum und reden und er stellt sich vor sie. Irgendetwas sagt er. Sie unterhalten sich. Kann man das lauter machen?“, fragte Tina nach. Der Direktor drückte ein paar Knöpfe und der Ton wurde lauter. Es waren viele Stimmen zu hören, wobei gar nicht viele Leute redeten. Die Mädchen traten herein und unterhielten sich.
„Schaut, da ist sie. Die kann was erleben.“
„Jo, mal sehen ob sie diesmal heult.“
„Alle heulen und laufen weg. Da wird dieses Flittchen keine Ausnahme sein!“
In diesem Moment stellte sich Tangaroa den Mädchen in den Weg.
„Ihr solltet Tina lieber in Ruhe lassen, was auch immer ihr vorhabt!“, sprach er leise aber bestimmend. Sein Blick war ernst.
„Wieso? Nur weil sie zum Volleyballteam gehört? Ist uns egal. Sie hat meine Eltern beleidigt, dafür muss sie sich rechtfertigen.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. Tina ist nicht so gehässig wie ihr.“, warf er Sayaka vor. Diese brummte ihn gehässig an und erhob die Hand.
„Du bist wohl auch in sie verknallt? Ihr Jungs seid doch alle gleich. Kaum taucht eine Blondine auf, drehen alle am Rad. Was ist an der denn so toll?
Was willst du schon tun? Wenn du mich anfasst, dann verklage ich dich, kapiert?“ Er wich etwas zurück.
„Wenn du meinst. Wehe du fasst sie an, dann bin ich da. Dann verklage mich ruhig, bei Notwehr zählt es nicht!“, sagt er dann nur streng und geht ihr aus dem Weg.
„Zieh einfach Leine, ihr Ausländer müsst natürlich zusammenhalten. Du kannst sie gerne haben, Hauptsache sie lässt unsere Jungs in Ruhe.“, murrte sie dann noch und ging an ihm vorbei.
Die Aufnahme wurde angehalten und Tina fragt, ob es ihr jemand übersetzen kann. Schmitt übernahm das. Sie fühlte sich in ihrer Annahme bestätigt. Sie hat zwar nicht mitbekommen was beredet wurde, aber als sie die Kantine betrat, schweifte ihr Blick wie immer durch den gesamten Saal und somit konnte sie einige Gesichter bereits wahrnehmen. Zwar ging sie zur Essenausgabe, aber trotzdem konnte sie im hintersten Blickwinkel sehen, wie die Mädchen kurz mit jemanden geredet haben.
„So etwas in der Art habe ich mir gestern schon gedacht. Ich habe ihn nicht gleich erkannt, weil ich diese Unterhaltung nur eher im Rücken gesehen habe und er mit dem Rücken zu mir stand, aber als er dann die Schüssel holte, habe ich ihn erkannt.
Direktor, bitte lassen Sie den Film jetzt komplett durchlaufen.“, bat Tina höflich. Der Film wurde wieder angemacht und der Ton angepasst. Diesmal lief er bis zum Schluss. Es war extrem ruhig im Raum, nur der Film war zu hören und dann schaltete der Direktor ihn ab.
Tinas Mutter stand plötzlich auf, ihr Puls stieg enorm an und ihr kamen Tränen. Sie drehte sich zu ihrer Tochter um, ging zu ihr und umarmte sie ganz doll. Sie weinte und ihre Tränen kullerten auf ihre Schuluniform. Tina stöhnte etwas genervt auf und dann nahm sie sie natürlich in die Arme.
„Ach Mama. Wieso musst du denn jetzt wieder weinen?“
„Ich…bin so stolz auf dich, mein Kind. Die Schüler hatten Recht, vorhin auf dem Flur. Du bist so mutig. Und dann hast du den Mädchen vermutlich das Leben gerettet. Du bist wirklich eine Heldin.“ Georg stand auf und sah zu Tina und Gesine. Tina blickte zu ihm rüber und ihre Blicke trafen sich. Er lächelte nicht, aber er sah sie stolz an, sagte in knappen Worten was er dachte und stellte eine Frage.
„Das war eine sehr riskante Kiste. Ich weiß, dass dir das bewusst war und ist.
Was meinst du waren meine Lieblingsszenen?“ Sie zuckte mit der Schulter. „Keine Ahnung. Als ich mir das letzte Reisbällchen reingestopft habe?“, grinste sie belustigt. Sie kannte ihren Vater. Er hatte immer seltsame Anwandlungen, wenn es um solche komischen Fragen ging.
„Ja tatsächlich. Die gehört dazu. Dich an ihrem Essen zu bedienen war das einzig Richtige. Laut dem Motto: Nicht die starken fressen die schwachen, sondern…?“
Tina kicherte und ergänzte den Spruch.
„Die Schnellen die Langsamen.“ Der Direktor und Trainer Schmitt waren erstaunt.
„Es gab noch eine. Und die ist am wichtigsten.“
„Oh man. Dafür habe ich jetzt echt keine Nerven. Sag bitte einfach.“, lächelte sie ihn an.
„Deine Antwort auf die Danksagungen. „Was gibt es da zu klatschen? Das war riskant. Ich habe nur meine Pflicht getan. Die Show ist jetzt vorbei und ihr könnt alle wieder euren eigenen Kram machen!“. Das gefällt mir am besten.“, sagte er zitierend, ganz stolz und lächelte sie dann seicht an.
‚Papa, dieser Blick. Den habe ich zwar letzte Woche auch von dir gesehen aber heute wird mir erst bewusst, dass es sehr lange her war, dass du mich so angesehen hast. So stolz, als wäre das was ich getan hätte, plötzlich das Wichtigste von der Welt. Du übertreibst damit maßlos. Ich konnte doch nur nicht weiter mit ansehen was die sich antun.
Aber ein wenig habe ich auch die Situation ausgenutzt, um mir die anderen endlich vom Hals zu halten.‘
Abends nach dem Abendessen ging Tina in ihr Zimmer, um noch ihre Japanisch-Aufgaben zu machen. Ihre Eltern schauten noch einen Film mit Martin zusammen und wollten dann bald ins Bett. Es klopfte an ihrer Tür. Gesine kam herein. „Bettina, Schatz. Gute Nacht.“, sprach ihre Mutter liebevoll und umarmte sie. Sie sah auf Tinas Aufgaben.
„Wie lange willst du das Übersetzungsspiel noch durchziehen? Du kannst doch schon ausreichend verstehen und sprechen, dass es alltagstauglich ist. Sogar ich kriege das mittlerweile gut hin. Du warst doch immer schnell im Sprachenlernen, schneller als ich.“
„Wenn wir gegen die Toho gespielt und gewonnen habe, werde ich es auflösen. Die Zeit ist lang genug und die Gegner sollen es nicht wissen. Probleme habe ich eher mit der Schrift. Da kannst du mir sicher noch helfen.“
„Gerne, kann ich denn jetzt was helfen?“ Tina zeigte ihr das Gedicht, welches sie lernen sollte und es war natürlich ein Ausdruck einer alten Schriftrolle mit einer schönen Tuschezeichnung von Bäumen, Laubblättern, Bambus, dem Mond und einer Krähe.
„Das ist sicher hübsch, aber ich krieg einfach nicht alles übersetzt und dann kommt ja die alte Sprachkultur dazu. Wie soll ich das denn vortragen?“, sah sie verzweifelt zu ihr auf. Gesine nahm das Gedicht in die Hände und las es ihr laut vor.
„Das sind gleich drei Gedichte. Pass auf:
Der Herbstmond leuchtet,
durch den Bambushain
zieht der kühle Wind.
Morgentau
Auf jedem Halm
schimmert der Herbst.
Eine Krähe ruft,
und durch das dichte Laub
sickert das Morgenlicht.
Von Chiyo-ni.“
Tina sah ihre Mutter ganz verdutzt an.
„Wow, sind die schön. Jeder muss andere Gedichte lernen und die hat er mir gegeben. Er kennt meinen Geschmack. Die sind aber echt kurz.“, grinste sie. „Dein Lehrer scheint dich zu mögen. Diese Gedichte hat er sicher extra für dich ausgesucht. Die Gedichte stammen von einer Frau. Ich kann mir denken, das gibt es nur sehr selten. Sogar bei uns gab es kaum weibliche Autoren und Dichterinnen. Es waren doch eher Männer. Frauen hatten nur ihre Aufgaben zu erfüllen und sich nicht um Poesie zu kümmern. Ich glaube er weiß, dass du auch eine selbstdenkende Frau bist und stark genug sein kannst, dich gegen die Männerdomäne zu stellen.
Die Kürze ist mit unseren Elfchen zu vergleichen. Es ist genau das was es ausmachen soll. In so wenigen Worten wie möglich ganz viel zu sagen.“
„Ja ganz sicher. Die sind sehr hübsch. Ich mag die Krähe. Bei der Krähe muss ich an Genzo denken. Und wenn ich an ihn denken muss, denke ich an etwas Lustiges.“, lächelte sie.
„Seltsame Einstellung. Du bist manchmal lustig. Wieso Genzo?“ Tina lehnte sich zurück und sah zur Decke.
„Naja, damals, als wir alle uns so toll unterhalten haben, gleich zu Beginn, als er in unser Team kam, da machte er so Bemerkungen zu unserem Bundesadler. Dann erklärte er es und sagte, was unser Adler ist, ist für Japan die Krähe und für die Franzosen der Hahn, für die Amerikaner auch ein Adler. Das fand er lustig. Im Japanwappen, auf seinem Nationaltrikot sei ein Wappen mit der Krähe.
Deswegen muss ich an Genzo denken, wie er da mit einer Krähe auf der Brust stolz bei der Siegesehre auf dem Platz gestanden haben muss.“, erklärte sie liebevoll und lächelte dabei. Es war plötzlich still. Tina sah dann zu ihrer Mutter, die wie erstarrt neben ihr stand und das Gedicht krampfhaft festhielt und sie anstarrte. Ihre Augen wurden glasig und Tina bemerkte, dass sie etwas Falsches gesagt haben musste. Sie stand auf und wollte sie in ihre Arme nehmen, um sie zu trösten, aber sie wies sie nur von sich, legte das Gedicht auf ihren Tisch und verließ, ohne ein Ton zu sagen, das Zimmer. Wie ein Stechen tief in ihrer Brust fühlte es sich für Gesine an, als hätte man ihr ein Messer ins Herz gerammt. Bei Tinas Erzählung erschien plötzlich ein Bild von Stephan vor ihr. Wie stark und stolz er damals zur Europameisterschaft fuhr. Ganz stolz zeigte er ihr vorher zu Hause noch sein Deutschlandtrikot und sein Finger zeigte direkt auf den Bundesadler.
Warum musste ausgerechnet Bettina sie plötzlich daran erinnern, dass sie ihren großen Sohn verloren hatte? Nein, nicht nur das…auch ihren zweiten Sohn hatte sie durch seinen Verlust verloren. Denn ihr kleiner Henry war doch immerhin immer in ihrer Nähe…nun sind beide weg, der große wird nie wieder bei ihr sein und er war noch so jung und den anderen wird sie nie wieder sehen, sein Lachen hören oder mit ihm Brötchen aus dem Ofen holen. Schon, dass sie ihn nie in die Arme schließen konnte oder ihm sagen konnte, wie stolz sie auf ihn war, tat immer sehr weh, nein auf alles das musste sie doch schon jahrelang verzichten und dann passierte diese grausame Sache und alles stellte sich erneut auf den Kopf. Diese schrecklichen Männer nahmen ihr den einzigen Sohn, der ihr noch geblieben war.
Als ihre Tochter sie dann einsichtig in die Arme nehmen wollte, konnte sie nicht…nein, sie konnte ihr nicht in die Augen sehen, denn es erinnerte sie noch mehr daran, dass sie gleich zwei geliebte Kinder verloren hatte. Sie ging durch den kleinen Flur und ohne einen Laut von sich zu geben, öffnete sie die Schlafzimmertür, um sich zurückzuziehen. Kurz hinter ihr öffnete sich Tinas Tür und sie kam heraus, um ihr zu folgen. Dann stand sie unentschlossen vor dem Elternzimmer und lauschte. Natürlich konnte sie ihr Weinen hören. Sie klopfte an.
„Mama, kann ich reinkommen? Es tut mir leid. Ich werde in Zukunft besser aufpassen was ich sage.“, sprach sie besorgt und mitfühlend. Statt einem Herein, oder einer Aussage, dass sei nicht ihre Schuld, kam nur ein eher bockiges Fauchen zurück.
„Lass mich einfach allein! Versuch gar nicht so zu tun als ob du wüsstest wie das ist. Wieso musstest du mich jetzt daran erinnern?!“, schluchzte sie laut. Gesine lag auf dem Bett und weinte bitterlich in ihr Kissen. Tinas Herz tat weh, wie konnte ihre Mutter nur so gemein zu ihr sein? Wütend öffnete sie die Tür und sah zu ihr. Natürlich legte sich ihre Wut sofort, als sie ihre Mutter so weinend sah. Es gab nie etwas Schlimmeres als ihre Mutter weinen zu sehen. Diese Laute waren nicht auszuhalten und sie ging auf sie zu, hockte sich neben sie ans Bett und berührte streichelnd ihren Kopf.
„Ach Mama. Es tut mir wirklich leid. Mir geht es doch genauso wie dir, aber wir müssen doch irgendwie weitermachen. Ich kann doch nicht immer ignorieren, dass ich einen Bruder hatte. Es ist schlimm genug, dass ich es offiziell nicht einmal sagen darf. Meinst du das ist immer leicht?“ Es kam keine Reaktion. Tina beugte sich über sie und wollte sie etwas in die Arme nehmen und sich neben sie legen. Vielleicht röstet es sie dann, wenn sie weiß, dass sie für sie da ist, dachte sie. Als sie sich neben sie legte und ihren Arm um sie legte, sprach sie leise und mitfühlend auf sie ein.
„Mama, ich bleibe jetzt so lange bei dir, um dich zu trösten bis Papa da ist, okay? So macht er das doch auch immer, oder? Er legt sich zu dir und nimmt dich in den Arm.“ Dann kam plötzlich doch eine Reaktion und sie drehte sich zu ihr um und sah sie mit verweinten Augen an.
„Ach Betty, ich weiß doch, dass du genauso leidest. Aber Schatz, kannst du mir einen Gefallen tun?“ Sie richtete sich langsam auf und sah ihr liebevoll in die Augen. Tina tat es ihr gleich und lächelte sie erwartungsvoll an.
„Welchen denn, Mama? Ich tue alles, damit es dir wieder besser geht.“ Gesine wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und genoss kurz die frische feuchte Luft, welche in dem Moment durch das offene Fenster kam. Es fing an zu regnen und die Autos auf der Straße erhellten immer mal wieder das Zimmer. Dann sah sie zu ihr in die Haare und betrachtete die Haarspange.
‚Auch wenn sie es nicht sagt. Diese Spange ist von Henry, ich bin mir sehr sicher. Das Edelweiß verrät es. Sie trägt sie seitdem er das erste Mal in Bayern war und sich seinem neuen Team vorgestellt hatte und sein Vorstellungstraining bestand. Seitdem trägt sie die jeden Tag. Meine liebste Betty, weißt du eigentlich wie sehr mich das jeden Tag wieder daran erinnert damals einen großen Fehler gemacht zu haben? Wir hätten euch niemals trennen dürfen.‘ Gesine reichte ihr die Hand und lächelte sie an.
„Betty, darf ich sie mal sehen? Darf ich deine schöne Spange mal ansehen?“, sprach sie ruhig. Tina war erstaunt. In der Regel wusste jeder, dass niemand die Spange anfassen durfte und ihre Eltern waren da keine Ausnahme. Aber um sie etwas zu trösten, dachte sie, kann es doch nicht schlimm sein. Das hätte Karl-Heinz sicher auch gewollt. Er mochte ihre Mutter immer sehr.
Tina nickte und nahm die Spange aus ihrem Haar und legte sie ihr in die Hand. „Fühlst du dich jetzt besser?“ Ihrer Mutter tat noch immer alles unter der Brust weh. Ihr Herz schmerzte bei dem Gedanken daran, dass sich ihre Kinder nähergekommen waren als es je hätte sein dürfen. Wie dumm waren sie doch zu glauben, dass sie nur Freunde sind und es bleiben würden. Wie dumm war es zu glauben, dass Karl-Heinz es nicht irgendwann doch herausfinden könnte, dass sie ein Mädchen ist. Es gab doch schon Anzeichen dafür, dass sie sich beide mochten, aber ihnen den Kontakt zu verbieten war der falsche Weg. Leider bemerkten sie es zu spät.
Ihr liefen plötzlich wieder ein paar Tränen über die Wange, während sie die Spange in der Hand hielt und ansah. Ihre Erinnerungen holten sie ein und sie sah sich plötzlich in Tinas altem Jugendzimmer in Hamburg vor den Sommerferien wieder. Sie wollte nur Staubsaugen. In der Regel machten ihre Kinder ihre Zimmer immer selbst sauber und es war auch stets aufgeräumt und ordentlich. Sie hielten sich ja auch kaum darin auf. Aber an diesem Tag war ihr mal danach und sie nahm selbst den Sauger in die Hand und hob die Überdecke von Tinas Bett an, um unter diesem zu saugen. Dann plötzlich wurde es laut und es hing ein kleines Buch am Rüssel.
Es wunderte sie und dann nahm sie es hoch und sah hinein. Es war ihr Tagebuch. Aus Respekt legte sie es wieder unters Bett und sah nicht hinein.
Den ganzen Sonntagvormittag ging ihr dann dieses Buch nicht aus dem Sinn und dann mittags kam sie doch wieder ins Zimmer und bückte sich, holte es hervor und sah sich die letzten Einträge an. Vor Schreck fiel es ihr aus der Hand. Was bitte stand denn da nur? Karl-Heinz wisse jetzt wer sie ist? Er habe sie unter der Dusche erwischt?
Das schockte sie sehr. Dann nahm sie das Buch wieder an sich und las die nächsten Einträge und es wurde immer schlimmer. Sie legte es wieder unters Bett und schob es nach ganz hinten. So sah es später nur so aus, als hätte die Staubsaugerbürste es nach hinten geschoben. Weinend verließ sie das Zimmer. „Nimmst du sie in Zukunft ab? Trägst du stattdessen wieder meine, die silberne, die ich dir zur Jugendweihe geschenkt habe? Du würdest mich sehr glücklich machen.“, sprach sie ihren sehnlichsten Wunsch aus. Tina war sehr verwundert. Was störte sie denn an ihrer Spange so sehr? Sie nahm sie ihr wieder aus der Hand und steckte sie vorsichtig an, denn ihre kleine Platzwunde vom Vorabend war noch immer darunter.
„Tut mir leid, Mama, Alles, aber das nicht. Sie ist alles was ich noch aus Hamburg habe. Alles andere habe ich zurückgelassen. Sie verleiht mir Kraft und Mut.“, versuchte sie zu erklären und lächelte dabei. Gesine sah sie weinerlich an.
„Sie ist dir wichtiger als ich?“, warf sie ihr dann vor. Ein überraschter Blick sah sie an.
„Mama, das habe ich doch gar nicht gesagt.“ Gesine richtete sich ihr zu und berührte ihre Haare.
„Doch, statt meine, trägst du neuerdings immer die.“, murrte sie plötzlich. Plötzlich griff sie an die Spange, knipste sie ab und hatte sie in der Hand. Tina wusste gar nicht wie ihr auf einmal geschah, als ihre Mutter die Spange abmachte, an ihr zog und zwei oder drei Haare, die noch daran klemmten, mit einem Schwung rausrissen. Dann warf ihre Mutter in ihrer Verzweiflung die Spange in Windeseile und mit kräftigem Schwung aus dem weit geöffneten Fenster. Tina tat der Kopf weh von den ausgerissenen Haaren und dann lagen die Wurzen von ihnen auch noch an ihrer Wunde. Entsetzt stand sie auf und schrie ihre Mutter an.
„Bist du verrückt? Was soll das?“ Dann rann sie sofort zum Fenster und sah hinaus. Es goss in Strömen und durch die Lichter der Autos konnte sie gar nichts sehen. Wäre es ein ruhiger Abend gewesen, hätte sie die Spange eventuell irgendwo liegen oder glitzern sehen. Aber so gab es keine Chance. Sie prägte sich den Winkel ein und merkte sich genau die Flugbahn. Eine bestimmte Weite musste sie geflogen sein. Laut Theorie konnte sie gut auf der Straße gelandet sein. Und bei dem Verkehr könnte auch schon ein Auto darüber gefahren sein. Wütend schnaufte Tina auf und sah zu ihrer Mutter, wie sie auf dem Bett saß und nicht einmal zu ihr sehen konnte. Sie ging zur Tür und schrie sie zornig an.
„Wenn sie weg ist oder kaputt, dann werde ich dir das nie verzeihen! Hast du verstanden!? Wehe ich finde sie nicht wieder! Dann…dann…“ Sie pausierte plötzlich, um Luft zu holen.
„Dann fliege ich zurück nach Deutschland und…wohne bei Genzo…oder bei Opa…oder ich ziehe gleich nach München in irgendeine Wohngruppe! Dann muss ich nicht zwei Jahre warten und mir hier diesen ganzen Scheiß antun!“
„Bettina.“, kam plötzlich zurück und ihre Mutter sah sie entsetzt an und weinte wieder los.
„Es…es tut mir leid.“
„Mir egal! Immer muss ich Rücksicht nehmen auf dich! Und wer nimmt mal Rücksicht auf mich?! Ich kann mich bei niemanden ausheulen, so wie du! Ich habe doch nur das, woran ich mich festklammern kann!“
„Bettina…ich…du…kannst das Land doch gar nicht ohne uns verlassen.“, sprach sie dann leise.
„Dann zieh ich nach Nankatsu, Genzos Familie nimmt mich bestimmt auf und ich liege ihnen ja auch nicht auf der Tasche, weil ich bereits arbeiten gehen kann! Sieh doch zu wie du alleine klarkommst. Ständig heulst du rum, das nervt sowieso!“ Mit diesen Worten verließ Tina das Elternzimmer und auf dem Flur kamen ihr die Männer entgegen. Ihr Vater sah sie entsetzt an und sprach zornig.
„Was erlaubst du dir denn so mit deiner Mutter zu sprechen?! Was ist los?!“, waren seine kräftigen Stimmbänder in Wallung und seine Stirn schlug Falten. Er wunderte sich zum einen, warum Tina so mit Gesine sprach und andererseits, wunderten ihn die Worte, die sie sagte.
Tina sah ihn nur selbst grimmig an und so schnell kam sie nicht von ihrem Zorn runter. Ihr Herz schmerzte zu sehr. Wie konnte ihre Mutter so derart gemein sein und ihre Spange wegwerfen?
„Frag doch Mama! Kannst sie ja wieder trösten gehen! Ich kann nicht mehr! Ich bin weg!“, haute sie ihm an den Kopf und rann in ihr Zimmer. Dort knallte die Tür. Sie schnappte sich einen Rucksack und packte das Nötigste ein, Geld, Handy mit Ladekabel und Schülerausweis mit Fahrkarte und eine Taschenlampe. Dann kam sie wieder raus und ging zur Wohnungstür, zog Schuhe an und schnappte nach einer Regenjacke. Plötzlich stellte sich Martin vor die Tür.
„Was soll das werden. Sei doch vernünftig. So kenne ich dich gar nicht.“, sprach er ruhig auf sie ein und sah zu ihr herab.
„Geh mir aus dem Weg. Ich habe was Wichtiges zu tun.“, murrte sie noch im Angriffsmodus.
„Ich werde nicht gehen und das weißt du auch. Ich lass dich doch jetzt nicht im Dunkeln alleine bei dem Wetter draußen rumlaufen. Nichts kann so wichtig sein, dass man da raus muss.“, brummte er zurück.
„Dann komm eben mit raus. Dann hilf mir bei der Suche!“, maulte Tina zurück.
„Was suchen?“, wunderte er sich.
„Mama hat meine Spange rausgeschmissen. Das wird eine lange Nacht.“ Er war sehr verdutzt und zog sich dann auch eine Regenjacke über und griff zwei Regenschirme und den Schlüssel.
„Dann lass uns anfangen zu suchen. Den Rucksack kannst du hierlassen.“ Natürlich stellte sie ihn dann an die Seite und sie verließen gemeinsam die Wohnung und gingen die Treppen herunter.
Im Elternzimmer schaute der Vater aus dem Fenster.
„Es war eine sehr gute Idee Martin mitzunehmen. Er ist der Einzige mit dem sich Bettina mal etwas austauschen kann. Und wir können ihm vertrauen. Wenn er nicht wäre, hätte ich ihr hinterher gemusst und müsste dich jetzt alleine lassen. Es war klar, dass solche Situationen passieren könnten.
Sie sind unten und suchen das Ding. Das kann dauern. Zum Glück ist sie so ein Wetter gewohnt und wird nicht so schnell krank.
Was hast du dir nur dabei gedacht?“, sprach er ernst aber ruhig zu seiner Frau, drehte sich zu ihr um und lehnte sich ans Fensterbrett. Er beobachtete sie nachdenklich. Gesine hockte nur verzweifelt auf dem Bett. Sie hatte sich inzwischen in die Decke gekuschelt, die Beine angezogen und weinte bitterlich in ihre Knie hinein.
„Es tat so weh. Sie fing plötzlich an von Genzo und ihrer Zeit zu reden. Dann ging es um die Krähe in seinem Nationaltrikot und es tat plötzlich so weh. Wie schön war es doch, als sie mit Stephan zusammen zu dieser Europameisterschaft fuhr und er so stolz war mit seinen Freunden gemeinsam gegen die starken Teams zu spielen. So stolz war er auf sein Trikot mit dem Adler. Er liebte den Seeadler als Kleinkind immer schon so sehr. Und dann fing sie an darüber zu reden. Ich musste einfach gehen.
Die Spange, sie erinnert mich jedes Mal daran was wir falschgemacht haben. Heinrich, ich…vermisse sie beide. Unsere Jungs.“, weinte sie bitterlich und schluchzte. Dann sah sie plötzlich zu ihm auf und sprach ihre Gedanken frei aus.
„Arme Betty. Sie kann doch nichts dafür. Es tut mir so leid. Ich…ich habe alles kaputt gemacht. Jetzt wird sie mich hassen. Was ist…was ist, wenn sie mich jetzt auch verlässt? Ich…ich bin eine furchtbare Mutter.“
„So ein Quatsch! Rede dir das doch nicht ein. Das wird sie nicht. Niemals könnte sie das. Du reagierst doch auch über, da kannst du davon ausgehen, dass auch Bettina mal überreagiert. Was hast du denn erwartet, wenn du ihr das Wertvollste, was sie noch hat, einfach aus dem Fenster wirfst? Du würdest doch genauso reagieren und schlimme Sachen sagen, wenn man deinen Ehering aus dem Fenster werfen würde, oder?“ Entsetzt sah sie ihn an.
„Das kannst du doch nicht vergleichen.“
„Bist du sicher? Ich kann das nicht einschätzen, wir können doch gar nicht mit ihr darüber reden. Sie kann mit niemanden darüber reden, über das was sie empfindet. Ich denke mal das hat sie vorhin auch gemeint, als sie sagte, dass sie sich bei niemanden Trost suchen kann. Früher hatte sie Stephan und dann Genzo zum Aussprechen.“ Er schloss das Fenster, ging zur Tür, drehte den Schlüssel um und ging dann auf sie zu und setzte sich neben sie aufs Bett. Er nahm sie in seine Arme.
„Heidi, mein Engel, wir kriegen das schon wieder hin. Du bist eine wundervolle Mutter. Bettina ist stärker als wir beide zusammen. Das hat sie doch auch dir zu verdanken. Glaube mir, sie kann verzeihen. Diesmal musst du nur die Erste sein, die ihr entgegenkommt, okay? Nicht sie, wie es sonst der Fall ist.“ Blaue verweinte Augen sahen ihn an und blinzelten durch die Tränen etwas mehr als sonst und dann sah sie nur noch wie er ihr näher kam und spürte seine sinnlichen Lippen auf ihren. Ihr Herz schlug bis ins Unermessliche und ihre Tränen liefen an ihren Wangen herunter. Georg berührte ihr Gesicht und fing diese auf. Gesine schloss ihre Augen und genoss einfach nur noch jede Sekunde, in der sie die Wärme und Geborgenheit ihres Mannes spüren konnte. Kaum spürte sie seine starken Hände auf dem Rücken, wie sie ihren inzwischen kaltgewordenen Leib an sich drückten, war der Kummer um sie herum kleiner. Plötzlich hielt sie inne und sah ihn verliebt an.
„Ich liebe dich. In deinen Armen kann ich immer alles vergessen.“ Sein Blick wurde weicher und auch ihm entwichen ein paar Tränen.
„Ich liebe dich auch. Mir geht es doch genauso wie dir, Schatz. Glaubst du an mir geht das immer spurlos vorbei? Ich denke auch den ganzen Tag darüber nach wie schön es war und wie sehr ich unseren Sohn vermisse. Aber…dann sehe ich Bettina, wie stark sie ist und wie sie es schafft damit umzugehen. Du musst ihr mehr Freiheiten lassen, wenn sie sich austauschen will. Sie ist doch der Grund warum wir hier sind und glaube mir, nach den letzten Tagen hier und ihrem neuen großen Ziel, sie geht nicht weg. Dafür sind ihr die neuen Freunde viel zu wichtig. Und uns…uns liebt sie doch abgöttisch, so wie wir sie und das haben wir dir zu verdanken, weil du so viel Herz hast und sie auch so viel Liebe erfahren hat. Du bist es doch, die ihr gezeigt hat zu lieben, das war nicht ich. Von mir hat sie doch nur den bösen Blick.“, grinste er dann und verpackte seine eigene Trauer um seinen einzigen leiblichen Sohn in eine Schublade der Freude an seine Tochter, die er wie ihn, über alles liebte. Wenn er sie bei sich hatte und sie fröhlich und motiviert war, stolz und stark, dann wusste er, dass sie Diejenige ist, die noch alles am Laufen hielt. Es waren nicht sie, die Eltern, sondern ihr Lebensmut war es. Das war es schon als sie noch ein Kleinkind war. Immer war sie fröhlich, nie traurig und immer versuchte sie ihre Eltern und ihren großen Bruder zum Lachen zu bringen.
„Heinrich, du hast Recht. Manchmal frage ich mich, wie wäre es gelaufen, hätte es mit der zweiten Schwangerschaft geklappt. Wie wäre es gewesen? Mit fünf Kindern?“, schluchzte sie dann plötzlich.
„Ach Schatz, das weiß man nie. Wir können froh sein, dass es danach nicht schief ging. Das war ein großes Risiko für dich.“ Plötzlich konnte sie lächeln.
„Ja, aber…“, sie legte ihre Hände um seine Schultern.
„…es war das Risiko wert. Diesmal waren sie gesund.“, sagte sie dann leise und beide küssten sich erneut. Um sie herum wurde es in ihrer Welt leiser und sie versanken in ihrem Trost und ihrer Ablenkung. Endlich konnten sie sich heute wieder nah sein und den ganzen Kummer um sich herum vergessen.
Die goldene Spange Teil II oder frische Nudelsuppe
Kapitel 139
Die goldene Spange Teil II oder frische Nudelsuppe
Der starke Regen rauschte nur so neben der belebten Straße und das Laub am Straßenrand machte es den beiden nicht leicht überhaupt irgendetwas zu sehen. Tina stand auf dem breiten Gehweg und sah zum Schlafzimmerfenster hoch in die sechste Etage des Hochhauses. Sie nutzte den Regen im Gesicht, um ihre Tränen zu verbergen, während sie überlegte wo die Spange hingefallen sein könnte. Sie blickte auf die Straße, aber dort waren zu viele Autos und der starke Regen überforderte sogar den Regeneinlauf am Straßenrand und die Autos fuhren wegen Aquaplaning sehr langsam. Martin war mit der Taschenlampe in der Baumreihe neben dem Gehweg am Suchen. Jedoch war das Laub ebenso nicht gerade förderlich, da es die Suche deutlich erschwerte. Tinas Herz tat ihr weh und der Gedanke daran, sie habe plötzlich die Spange nicht mehr und sie würde ihr nicht mehr die nötige Kraft geben, die sie doch brauchte. Was hatte Karl-Heinz damals gesagt, als er sie ihr mitgebracht hatte? Wenn er in München ist, dann soll sie an seiner Stelle auf sie aufpassen und ihr immer Kraft und Mut schenken. So lange bis sie sich wieder sehen können. Sein liebevoller Blick ging ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Sie fasste nachdenklich unter ihrer Kapuze auf die Naht am Kopf und starrte zum Fenster.
‚Mama, warum hast du das nur getan? Du mochtest Karl-Heinz doch immer so sehr. Was hast du nur dann plötzlich gegen ihn gehabt? Weißt du, dass sie von ihm ist? Was stört dich denn nur so an der Spange, dass ich sie nicht tragen darf? Sie macht dich traurig, aber wieso? Erinnert es dich etwas daran wie wir immer bei dir im Imbiss waren? Wir alle zusammen mit Stephan? Das muss es sein.‘ Das Licht im Schlafzimmer wurde plötzlich dunkler. Das Fenster war bereits geschlossen und eine kleine Lampe ging an. Es war nur zu erahnen, dass es Licht war, denn die Helligkeit von der Straßenbeleuchtung und der Regen verdeckte dieses Detail.
„Martin! Lass gut sein!“, sagte sie dann laut genug, dass er es hören konnte und er richtete sich erstaunt auf und sah zu ihr. Noch immer starrte sie hoch zum Fenster und er betrachtete sie von der Seite, wie sie hochstarrte und ihr nasses Gesicht berührte.
‚Tina, was ist los? Ich dachte die Spange ist dir so wichtig. Was geht nur manchmal in deinem Kopf vor?‘
„Willst du die Suche abbrechen?“, kam er zu ihr.
„Es ist jetzt zwecklos. Entweder wir sehen sie wegen des Regens und des Laubs nicht oder sie wurde bereits weggespült. Bei den Wassermassen auf der Straße vermute ich das eher.“
„Okay, du hast Recht. Ich sehe das auch so. Es tut mir sehr leid. Sie war dir sehr wichtig.“ Sie atmete tief durch.
„Das ist sie. Vielleicht ist das Wetter morgen besser und ich kann nochmal schauen, wenn es trockener ist und Tageslicht hilft auch viel.“
„Vermutlich. Sag mal, ich habe nie gefragt, aber von wem war sie? War sie wertvoll?“
„Ach Martin, ja, sie ist aus echtem Gold, aber darum geht es nicht. Sie wurde mir geschenkt, weil sie mir Kraft und Mut schenken soll. Das ist es was sie wertvoll für mich macht.“
„Kraft und Mut? Das klingt schön. Das kannst du immer gebrauchen.“, lächelte er sie an und berührte dann verständnisvoll ihre Schulter.
„Lass uns reingehen. Ich kann nach dieser Dusche eine Dusche gebrauchen.“, lachte er etwas. Sie stöhnte etwas auf.
„Lass uns mindestens eine Stunde joggen. Ich hatte ohnehin noch nicht genug Lauftraining heute.“ Er war erstaunt.
„Ist das jetzt dein Ernst? Bei dem Wasserfall?“ Sie drehte sich zu ihm um.
„Ja, genau jetzt ist es richtig schön angenehm.“, sagte sie dann nur und lächelte. „Man merkt, dass du bei jedem Wetter draußen warst. Ich wäre viel lieber jetzt drinnen.“
„Glaube mir, da willst du jetzt eh nicht sein. Lass die beiden mal eine Weile alleine. Lass uns langsam laufen und wir bereden gleich etwas Wichtiges.“
„Wieso will ich jetzt nicht drin sein? Was meinst du?“, wunderte er sich. Tina sah ihn verdutzt an.
„Wer von uns beiden ist denn jetzt der Erwachsene? Sogar du müsstest mitbekommen haben, dass die beiden lieber alleine sind, wenn Mama geweint hat. Also die unruhige Nacht gestern hat ja wohl gereicht.“, grinste sie dann und joggte einfach langsam los. Martin war nun wirklich verwundert und sah kurz zum Fenster.
‚Tina, du kennst das schon? Sag nicht du bekommst das immer mit und sagst nur nichts dazu? Wenn ich nicht auf dich aufpassen müsste, wäre ich schon längst aus dieser Wohnung raus. Die Wände sind eindeutig zu dünn. Ich bin froh, wenn wir dort in zwei Wochen raus sind und endlich in das Lokal ziehen können. Da habe ich dann mein eigenes Reich.‘ Noch mitten in seinen Gedanken fing er an ihr nachzulaufen.
Nach etwa einer Stunde hielt Tina in einer etwas belebteren Gegend an und stellte sich unter eine Markise. Er tat es ihr gleich.
„Wollen wir eine Pause machen? Ich habe Hunger.“
„Hast du denn überhaupt Geld dabei?“
„Klar, ich habe. Ich habe mir doch noch die Bauchtasche genommen.“
„Gut, eine gute Idee. Gleich hier? Eine schöne warme Nudelsuppe würde mir gefallen. Die liegt auch nicht so schwer im Magen.“, meinte er dann begeistert.
Beide nickten ab und hoben jeweils ein Fähnchen hoch und traten ins Lokal. „Guten Abend, dürfen wir bei Ihnen noch eine Nudelsuppe bekommen?“, sprach Tina den Herren an, der mit dem Rücken zu ihr in der offenen Küche stand. Er drehte sich um und begrüßte die beiden sehr freundlich.
‚Oh, Touristen? Bei dem Wetter haben sie sich sicher etwas verlaufen.‘
„Herzlich willkommen. Natürlich, kommen Sie ruhig rein. Sie können gerne hier drinnen Platz nehmen. Das Wetter ist heute nicht so gnädig für die Hochstühle vorne.“, bot er ihnen sogar einen trockenen Platz mit Blick zum Fenster an. Die beiden nahmen ihre nassen Regenjacken ab und hängten sie an der Garderobe auf. Der Wirt ging kurz an die Tür neben der Küche und rief jemanden zu sich.
„Neffe! Kundschaft!“, klang er streng. Tina und Martin wunderten sich, dass er so streng klang. Tina saß mit dem Rücken zur Küche und Martin hatte den vollen Überblick. Das Lokal war vermutlich des Wetters wegen leer.
„Wer will denn um diese Zeit noch ne Nudelsuppe?“, murrte der Neffe, als er aus der Tür kam, in den Gästeraum sah und sich die Speisekarte schnappte. Sein Onkel stupste ihn mit dem Fuß unauffällig und knurrte ihn an.
„Es sind Touristen. Sie sprechen Englisch. Sei höflich, völlig egal wann Leute Hunger haben, man bedient und behandelt sie immer mit Respekt und Würde! Lächeln ist angesagt.“ Martin verstand zwar so gut wie nichts, aber Tina konnte die Worte bereits verstehen.
‚Nanu, was sind das denn für Worte? Die verstehen sich aber nicht gut. Die Stimme von dem Neffen kommt mir bekannt vor.‘ Der junge Mann ging zum Tisch und begrüßte seine neuen Gäste. Als er Tina als erstes die Karte geben wollte, hielt er plötzlich inne.
‚Oh nein. Das ist sie. Diese Füchsin. Verdammt. Was macht die hier? Und wer ist der Mann?‘, erkannte er sie natürlich sofort wieder. Tina sah freundlich zu ihm auf und lächelte. An seiner Schmarre am Hals konnte sie ihn dann erkennen. Es war der Junge von der Toho, welcher sie geboxt hatte und sie ihm eine ausgeteilt hatte.
„Guten Abend. Ich möchte bitte Ramen, nach Hausrezept. Ich muss mich noch durchprobieren.“, sprach sie freundlich und ließ sich nichts anmerken. Er zuckte etwas zusammen und starrte sie an. Tina wich seinem Blick dann aus und wand sich an Martin.
„Weißt du schon was du willst?“
‚Puh, ich glaube sie hat mich nicht erkannt. Es kam keine Reaktion. Zum Glück.‘ Der Neffe des Chefs wand sich Martin zu und reichte ihm die Karte. Dieser war erstaunt über seine Reaktion als er Tina ansah.
„Danke, ich nehme das auch und eine Tasse Kaffee.“
„Ach, die nehme ich auch noch. Stimmt.“, brachte Tina sich erneut ein.
„Es kann einen Moment dauern mit dem Kaffee, da wenig los ist, brühen wir ihn frisch auf.“
„Super, das ist nett. Wir haben Zeit.“, kam Tina freundlich entgegen. Der junge Japaner verbeugte sich erneut und bedankte sich für die Bestellung. Dann ging er zurück und gab die Bestellung an seinen Onkel weiter. Danach begab er sich in den hinteren Raum an die Kaffeemaschine und brühte einen frischen Kaffee auf.
Martin kicherte ein wenig und grinste Tina an.
„Der hat sich bestimmt in dich verguckt. So wie er dich angestarrt hat. Mit so einem hübschen Gast hat er sicher nicht gerechnet.“
„Blödsinn. Das denke ich weniger.“, grinste sie zurück. Martin wusste nichts von dem Vorfall an der Privatschule. Er wusste nur, es war was passiert.
„Du hast mich vorhin stutzig gemacht. Wieso hast du die Suche doch abgebrochen? Du hast vorher noch gesagt die Nacht durchzumachen.“ Tina stöhnte auf und sah nur Seite.
„Naja. Mama hatte Recht. Sie fragte mich ob mir die Spange wichtiger ist als sie.
Natürlich nicht. Ich habe ihr wirklich böse Sachen an den Kopf geworfen. Jetzt tut es mir richtig leid. Aber es hat mich so wütend gemacht, als sie sie rausgeschmissen hat.“
„Okay. Ich verstehe. Die Suche ist echt schlimmer als die Nadel im Heuhaufen. Das Ding ist sicher jetzt in der Kanalisation gelandet.“
„Das vermute ich auch. Das hat sich erledigt.“ Sie griff an die freie Stelle an ihrem Kopf.
„Fühlt sich komisch an.“
„Das kann ich mir vorstellen. War es ein Junge, der sie dir geschenkt hat?“ Tina schwieg einen Moment und starrte aus dem Fenster.
„Du musst es mir nicht sagen. Tut mir leid.“
„Ja, war es. Mehr kann ich dir nicht sagen.“
„Okay.“, sagte er schlicht und lehnte sich zurück. Dann fuhr er fort.
„Wusstest du eigentlich, dass ich mal verlobt war? Als ich den Ring wieder abgenommen habe, fühlte es sich irgendwie nackt an. Ich kann also etwas nachempfinden was du vielleicht fühlst. Ich habe ihn gut ein halbes Jahr lang getragen.“ Sie sah ihn überrascht an.
„Oh. Echt? Davon weiß ich gar nichts. Wann war das denn?“
„Naja. Woher sollst du das auch wissen? Wir haben uns doch kaum gesehen.“
„Stimmt.“
„Es ist etwa ein Jahr her.“
„Was ist passiert?“ Er sah betrübt zur Seite.
„Sie hat sich plötzlich in jemand anderes verliebt. Sie meinte es war wohl doch nicht die große Liebe und dann gab sie mir den Ring zurück. Mit dem Anderem ist sie jetzt verheiratet und erwartet auch ein Kind.“, sprach er gefühlvoll und nachdenklich.
„Wie gemein. Was hatte denn der andere, was du nicht hast? Du müsstest doch alle Kriterien erfüllen.“, sprach sie etwas spöttisch. Martin sah sie verdutzt an. Er zuckte mit der Schulter.
„Keine Ahnung. Was denn für Kriterien?“
„Naja, du bist doch gebildet, intelligent, führsorglich, liebevoll und zielstrebig, stark und hast das Glück noch gut auszusehen. Was soll denn da gefehlt haben?“ Er war etwas verwundert.
„Wir reden aber schon noch von mir, oder?“, grinste er und beobachtete wie sie nur nachdenklich zur Seite blickte.
‚Tina, an wen denkst du jetzt? War dir dieser Junge so wichtig, der dir diese Spange geschenkt hat?‘ Von Tina kam keine Antwort.
„Vom Männertyp waren wir optisch ähnlich. Mehr weiß ich nicht von ihm. Ich habe die beiden nur mal zusammen gesehen. Vielleicht sollte das noch nicht sein. Wir waren ja auch noch jung.“
„Wie alt bist du jetzt?“
„Dreiundzwanzig, wieso?“
„Und sie?“
„Gleichalt.“
„Ich weiß ja nicht. Mama war auch erst achtzehn, wo die beiden sich kennengelernt haben. Und wie du siehts, passt das immer noch. Am Alter lag es also nicht. Darauf kann man das nicht schieben.“
„Könnten wir das Thema wechseln? Du sagtest, du hast was mit mir zu bereden?“, klang er betrübt und sah sie dann ernst an.
„Eine gute Idee. Tut mir leid.
Ja, also wir wollen unseren Direktor, bzw. die Schulverwaltung dazu bringen, für unser Volleyballteam ein Fitnessraum zu organisieren. Die Jungenteams haben sowas und wir nicht. Aber wir können das brauchen. Da kommst du jetzt ins Spiel. Ich habe mit meinem Trainer besprochen eine Liste der Geräte zu machen, die wir brauchen. Einen Raum bekommen wir eventuell, da das Rugbyteam umzieht und seine Geräte mitnimmt. Dann haben wir einen großen Raum zur Verfügung wo aktuell noch dreißig Hantelbänke und zwanzig Kraftstationen stehen. Das nehmen die alles mit in ihren großen neuen Raum und bekommen selbst noch neue Geräte dazu. Die Jungs sind ja bereits so an die 40 Mann. Der Raum ist für uns groß genug, aber für sie zu klein. Nun brauche ich eine Liste mit den benötigten Geräten für uns zwanzig Mädels. Was meinst du brauchen wir kostengünstig und Platzgünstig am besten? Du kennst dich doch auch mit den Marken der Hersteller aus. Ich habe selbst an Kraftstationen gedacht, da sie für uns am flexibelsten sind und wir definitiv Laufbänder brauchen. Und dann kommt ein Trainingsplan dazu, da wäre es toll, wenn du dich mit meinem Trainer austauschen würdest.“
„Hm, das klingt sehr interessant. Ich verstehe. Wieso gibt es keine Geräte für euch? Haben eure Volleyball-Männer denn auch keine?“
„Doch, die haben einen Raum. Das wusste ich ja auch noch nicht. Ich wusste bis vor Kurzem nicht, dass die Männer alle was haben, aber wir Frauen nicht. Und das obwohl wir so erfolgreich sind und zu den Profis zählen. Ist doch unfair.“ „Klingt wirklich unfair. Ich müsste mir eigentlich deine Mädels dazu ansehen, um einen Plan zu erstellen, aber ich kann ja mal mit deinem Trainer sprechen. Ich kann mir vorstellen was ihr gebrauchen könntet, aber die Frage dabei ist tatsächlich eher welches Budget euch zur Verfügung steht. Weißt du das zufällig?“
„Hm, keine Ahnung.“ Tina stand auf und ging zur Theke.
„Entschuldigung, hätten Sie zufällig einen Stift und ein größeres Blatt Papier?“ Der Herr lächelte freundlich und nickte.
„Natürlich, ich lass es Ihnen an den Tisch bringen.“ Tina bedankte sich und dreht sich wieder um. Als sie wieder ging, bemerkte der Mann einen großen Bluterguss an ihrem Oberarm. Unter ihrem kurzen Ärmel des Shirts kam es durch die Bewegung zum Vorschein. Während sie zurück ging, betrachtete er sie nachdenklich. Bei dem Blick bemerkte er einen weiteren Bluterguss, welcher innen am Unterarm zu sehen war. Er unterbrach seine Arbeit kurz und ging dann unauffällig in den Hinteren Raum zu seinem Neffen, welcher den Kaffee vorbereitete.
„Sag mal, du hast vorhin so komisch reagiert. Warum? Ist dir an den beiden etwas aufgefallen?“ Er zuckte etwas zusammen und sah ihn verdutzt an.
‚Onkel, das hast du bemerkt?‘
„Ich weiß nicht was du meinst. Warum fragst du?“
„Du hast etwas zusammengezuckt. Warum? Oder jetzt nur, weil sie so hübsch ist?“, schmunzelte er dann.
„Weiß nicht, vermutlich.“, behauptete er einfach, denn die Erklärung rettetet ihn den Verdacht auf andere Gedanken.
„Naja, was schätzt du wie alt könnte die junge Frau sein? Ich kann das schlecht einschätzen? Sie kommt mir deutlich jünger vor als er.“, war er etwas verunsichert.
„Ich denke mal eher etwas jünger als ich. Ich glaube sie könnte eine Schülerin sein. Warum? Wunderst du dich wegen der Uhrzeit? Es ist doch erst gegen dreiundzwanzig Uhr.“, versuchte er sich normal zu verhalten und schenkte den Kaffee in die Tassen.
„Etwas spät für eine Schülerin, oder meinst du nicht? Mir ist eben etwas an ihr aufgefallen. Sie kam doch an die Theke und bat um Stift und Zettel. Da habe ich plötzlich an ihrem rechten Oberarm einen großen Bluterguss bemerkt. Vielleicht ne Woche alt? Und am Unterarm war auch einer, etwas kleiner, aber vielleicht auch nur wenige Tage alt?“ Der Oberschüler wurde plötzlich etwas nervös und stellte die Kanne ab, weil er anfing zu zittern.
„Und was soll damit sein?“, sprach er nur leise. In seiner Erinnerung wiederum kam ihm natürlich der Vorfall in seiner alten Schule hoch, wie die beiden Mädchen sich anfingen zu währen und er Tina kräftig in ihren Arm boxte, um sie einzuschüchtern. Statt dies zu erreichen, verpasste sie ihm einen gezielten Schlag an den Hals und er bekam die Schmarre an der linken Seite von ihrem Fingernagel ab.
„Dieser Typ ist doch deutlich älter als die Kleine. Was ist, wenn er sie…“, sprach er seinen Verdacht lieber gar nicht aus. Ihm war seine Vermutung selbst unangenehm, da ihm die beiden doch sehr nett und freundlich vorkamen. Seinem Neffen wurde etwas übel und er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.
„Du siehst Gespenster, Onkel. Das glaube ich nicht. Vielleicht sind das nur Geschwister.“ Der Onkel weiß nicht was passiert war, denn sein Bruder gab ihm nur die Aufgabe seinen Neffen bis zum Schulabschluss nach der Schule arbeiten zu lassen, statt zu trainieren. Er solle streng zu ihm sein.
„Ich weiß nicht. Das schließt das andere aber nicht aus.“
„Misch dich doch da nicht ein. Wir wissen nichts.“ Die beiden Kaffeetassen wurden in die Hände genommen und er ging zu den Gästen. Bei ihnen angekommen servierte er Tina zuerst und dann Martin.
„Die Nudelsuppen sich bestimmt auch gleich fertig. Lassen Sie es sich dann schmecken.“ Als er zu seinem Onkel zurückkam sah er, wie er das Telefon im Hinterraum in der Hand hatte. Etwas murrend ging er dann zu ihm.
„Wen rufst du an? Wolltest du nicht die Suppe fertig machen?“, fragte er skeptisch.
„Pst.“, murrte dieser ihn an. Dann legte er auf.
„Ich erfülle nur meine Pflicht. Glaube mir, besser man lässt das prüfen. Ich habe sowas schon zu oft gesehen, als ich noch als Pfleger in der Klinik gearbeitet habe.“
„Du übertreibst maßlos. Was ist…was ist, wenn es nicht so ist?“
„Du bist noch grün hinter den Ohren, Neffe.“, behauptete er und griff dann in die Schublade, holte einen Block und zwei Stifte heraus. Dann ging er selbst zu den Gästen und brachte es ihnen mit einem freundlichen Lächeln natürlich.
„Vielen Danke.“, sprach Tina und schaute dann auf die Uhr und griff in ihre Bauchtasche, die sie sich noch statt des Rucksacks für das Handy und die Taschenlampe umgeschnallt hatte. Sie wählte eine Nummer. Es klingelte bei ihrem Trainer. Der Wirt lächelte sie nur an und ließ seinen Blick unauffällig an ihren Arm schweifen. Die Stelle war durch das Sitzen kaum zu sehen. Jedoch fiel die zweite blaue Stelle auf und von der Lage her kam ihm das einfach zu verdächtig vor. Bevor er sich entschied Koch zu werden, lernte er als Krankenpfleger und arbeitete in einer Notaufnahme. Ihm sind oft solche Flecken begegnet und meist waren Frauen und sogar auch Kinder betroffen.
‚Ich hoffe doch, dass ich mich täusche, die beiden kommen mir so freundlich vor und gingen bis jetzt so nett miteinander um. Soll die Polizei sich darum kümmern. Ich hoffe die machen das unauffällig genug. Wenn ich doch falsch liege, will ich keine Neukunden vergraulen.‘ Er ging zurück und kümmerte sich dann um die Ramen.
„Guten Abend Trainer.“
„Tina, guten Abend. Was gibt es?“
„Ich sitze hier gerade mit Martin, also Herr Müller, er fragt ob Sie das Budget kennen, welches uns eventuell zur Verfügung steht. Wissen Sie das?“
„Hm, genau nicht, ich kenne nur die Preisgelder, jedoch nicht die Sponsoreneinnahmen.“ Er nannte ihr das letzte gewonnene Preisgeld und Tina schrieb es auf das Blatt. Dieser überlegte einen Moment und bat sie sich selbst mit Herrn Schmitt zu unterhalten. Tina gab das Handy weiter. Sie unterhielten sich eine Weile und sie schaute der Weile aus dem Fenster. Der Regen hatte etwas nachgelassen und es nieselte nur noch vor sich hin. Dann kam der Wirt und brachte ihnen die Suppen an den Tisch.
„Guten Appetit.“, lächelte er. Beide bedankten sich und Martin legte auf.
„Wow, das roch schon so gut und sieht wirklich lecker aus.“, lobte Martin ihn freundlich.
Es vergingen ein paar Minuten und es war nur noch ihr Schlürfen und Schmatzen zu hören. Tina zog sich gerade ein paar Nudeln von den Stäbchen und sah dann erstaunt auf, als zwei Polizeibeamte auf das Lokal zugingen und unter den Fahnen hervorkamen. Sie staunte nicht schlecht, als sie die Gesichter sah. Es war Kommissar Saito und eine junge Polizistin. Beide lächelten und wünschten allen einen Guten Abend.
‚Nanu, das Gesicht kenne ich doch, Bettina Fuchs. Das geheimnisvolle Mädchen aus Deutschland. Wieso ist sie um diese Zeit noch unterwegs? Und wer ist ihre große Begleitung? Er ist deutlich älter als sie. Von Geschwistern wüsste ich nichts.‘, lächelte er und tat unauffällig und nahm seine Mütze ab. So tat er dies immer, wenn er in sein Lieblings-Ramen-Lokal ging und Gäste da waren.
„Guten Abend, die Dame. Der Herr.“ Tina sah nur zu ihm auf und schlürfte die Nudeln hoch und schluckte sie herunter. Erst dann konnte sie ihm und seiner Kollegin antworten.
„Guten Abend, Sir. Ma´am.“ Martin tat es ihr gleich.
‚Was will die Polizei hier?‘ Takeru Saito ging wie gewohnt an die Theke und legte seine Mütze auf den Stuhl neben sich. Dann setzte er sich hin und beide begrüßten den Wirt.
„Kommissar, haben Sie Feierabend? Schön, dass Sie mich mal wieder beehren.“ „Ganz im Gegenteil, mein Dienst hat eben erst begonnen, abends ist es immer langweilig. Machen Sie uns zwei Ramen mit extra Ei zum Mitnehmen fertig?“ „Aber natürlich. Immer wieder gerne.“ Er drehte sich zur Tür um und rief erneut seinen neuen Helfer.
„Neffe, wir haben neue Gäste.“ Der Oberschüler kam hervor und bereitete sich bereits darauf vor, der Polizei zu begegnen. Als er um die Ecke kam, starrte er nur irritiert und sah den Kommissar entsetzt an. Auch dieser erblickte ihn, aber ließ sich nichts anmerken. Er lächelte nur freundlich.
‚Oha, das wird ja hier eine interessante Aktion. Das ist sein Neffe? Der Oberschüler, der zugeschlagen hat. Und wir wurden gerufen wegen Verdacht auf häusliche Gewalt? Was hat das zu bedeuten?‘
„Guten Abend, also Sie sind bestimmt der Neffe, der so gut boxen kann und auf diese teure Schule geht? Ihr Onkel hat mir schon einige Male von Ihnen erzählt. Hier abends zu helfen, ist bestimmt eine sehr gute Erfahrung für das weitere Leben. Ihr Onkel kann sehr stolz auf Sie sein.“, entgegnete er ihm. Dem Oberschüler stieg der Puls enorm an.
Martin sprach Tina in diesem Moment ganz leise an.
„Sag mal, was meinst du? Wollen die was essen oder warum sind sie hier?“
„Sie wollen sich was holen und mitnehmen. Ist doch normal. Das Revier ist gleich um die Ecke.“, erklärte sie ihm.
„Stimmt. Wir sind eben daran vorbeigelaufen. Trotzdem kommt mir das seltsam vor.“
„Das bildest du dir ein. Nun schreib mal auf was du meinst, was wir so brauchen.“, lenkte Tina ab, stellte die leeren Schüsseln zur Seite, legte die Stäbchen ebenso an die Seite und zeigte auf den Zettel. Er schnappte sich den Zettel und einen Stift. Inzwischen ging die Polizistin scheinbar gelangweilt durch den Gästebereich und sah sich die Bilder und Deko an den Wänden an. Sein Blick schweifte ab und an etwas verstohlen zur jungen Beamtin.
„Du hast Recht. Irgendwann nervt es nur noch. Ständig werde ich hier für einen Amerikaner gehalten, da kann man jawohl mal skeptisch werden. Du glaubst ja nicht was manchmal im Studio so los ist, nur weil man verwechselt wird.
Der Herr sieht richtig streng aus. Er tut sicher nur so freundlich. Hoffentlich wollen die nichts von uns. Durch deine dämliche spontane Aktion vorhin, habe ich keinen Ausweis dabei.“ Tina grinste ihn plötzlich an.
„Echt? Ich gehe ohne nicht aus dem Haus. Mach dir keinen Kopf. Was sollen die schon von uns wollen? Wir essen nur was. Und ja, ich glaube er ist ein strenger Typ, bei dem Job muss man so sein.“ Er nickte ab und notierte sich ein paar Dinge.
„Sie ist echt hübsch, oder? Eine richtige Schönheit, finde ich. Und wie aufrecht und stolz ihr Gang ist. Beneidenswert.“ Martin war etwas irritiert und blickte Tina an.
„Das nenne ich mal ein Themenwechsel. Du läufst doch selbst so rum. An deine Selbstsicherheit muss erstmal jemand in deinem Alter rankommen. Du solltest dich selbst mal beobachten.“, schmunzelte er etwas verlegen zurück und versuchte abzulenken. Natürlich hat er die hübsche Polizistin bemerkt. Aber er ließ es sich nicht anmerken. Ihre Blicke trafen sich nur wenige Sekunden bei der Begrüßung und statt streng zu schauen, lächelte sie kurz.
„Der Blick verriet es eben. Du leugnest es. Sie hat dich angelächelt und du wirst gerade etwas verlegen.“
„Unsinn.“, klang er etwas unsicher und konzentrierte sich dann auf das Blatt Papier vor sich. Kurz nach seiner Aussage war ein leises Räuspern zu hören und die junge Beamtin ging zu ihrem Vorgesetzten.
„Oh wirklich? Sie haben uns vorletzte Woche von ihm erzählt.“, sprach sie den Wirt an und sah dann zum Oberschüler. Er wirkte etwas nervös und sah ihr nur in die Augen. Der Onkel legte seinen Arm um ihn und grinste etwas.
„Großer, du kannst dich schon daran gewöhnen die beiden zu bewirten. Sie sind Stammgäste. Es kommen viele Leute aus dem Revier vorbei, jetzt weißt du auch warum ich noch nachts aufmache und Hilfe brauche. Mach Hauptkommissar Saito und seiner Kollegin mal auch einen Kaffee. Die gehen aufs Haus.“ Er sah den Kommissar nur irritiert an.
‚Das ist ja klasse. Ob Vater das wusste und mich deswegen hierhergeschickt hat, statt in seine Werkshallen? Er hat es sicher gewusst, dass hier ständig die Polizei auftaucht und dann ausgerechnet dieses Revier.‘
„Mein Neffe wird mich ab diese Woche tatkräftig unterstützen. Er hat sich nun statt für Sport und Uni, für die Arbeit entschieden. Er will sich nur noch auf seinen Abschluss und eine Ausbildung konzentrieren. Also ist er ein Jahr bei mir und schaut was er nächstes Jahr als Ausbildung machen wird. Vielleicht wird er ja Koch wie ich.“ Kommissar Saito staunte nicht schlecht. Tina hatte damals Recht, als sie sagte, die Familien würden sich schon darum kümmern, dass die Jungs ihre Strafe bekommen werden. Statt einen hochangesehenen Abschluss an einer der besten Privatschulen Japans muss er hier abends arbeiten und geht vermutlich auf eine staatliche Schule, nur um den Abschluss noch zu machen.
„Das ist interessant. Das Land besteht nicht nur aus Akademikern. Wir brauchen auch fleißige Leute in der Gastronomie, im Bau und im Handwerk oder sogar bei uns bei der Polizei. Da gibt es auch viele Posten, die man ohne Studium besetzen kann. Ich habe damals auch nach der Schule einfach nur die Ausbildung gemacht und erst dann auf der Akademie studiert. Ich wollte sofort loslegen, Geld verdienen und raus auf die Straße.“, berichtete Saito freundlich und deutete dann auf seine Kollegin.
„Meine Kollegin hier ist auch Auszubildende.“ Sie grinste ihn an.
„Das stimmt. Ich bin im letzten Ausbildungsjahr und kann bei guter Empfehlung auf die Akademie. Wenn Sie jetzt Ihr Abitur beenden und noch unentschlossen sind, dann kann ich Ihnen das nur empfehlen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass wir definitiv große kräftige Männer für den Nachwuchs brauchen. Wir haben zwar Männerüberschuss, aber die mit Ihrer Statur sind Mangelware. Und wenn Sie als Profiboxer gut genug sind, haben Sie gute Voraussetzungen. Einen Kampfsport und Ausdauer mitzubringen, ist perfekt. Das Weitere wird in der Ausbildung gelernt und den Sporttest können Sie ja mal machen. Kann nie schaden. Es gibt alle zwei Monate Sporttests, damit die neuen Rekruten gleich wissen was von ihnen verlangt wird und dann können die entscheiden, ob das was für sie ist oder nicht. Man darf auch mehrmals daran teilnehmen.“ Der Onkel war total begeistert und stupste seinen Neffen an.
„Siehst du, das wäre auch eine Idee. Du gehst wie deine Groß-Cousine zur Polizei. Wenn du sowieso noch nicht weißt was du machen willst. Aber erstmal bleibst du hier bei mir und machst dein Abitur an der neuen Schule fertig.“ Er sah ihn nur verwundert an. Wenn sein Onkel wüsste, welchen Mist er wirklich gebaut hatte, würde er nicht so reden. Er weiß, dass sein Vater nichts sagen durfte und der Onkel nur weiß, dass er an der Schule großen Mist gebaut hatte, aber dass er an einer so schweren Straftat beteiligt war und sogar ein Mädchen verletzt hatte, das wusste er natürlich nicht. Er schielte plötzlich zu Tina rüber und senkte etwas den Kopf. Ihm wurde bewusst, dass er ohne dieses Abkommen statt hier im Jugendgefängnis sitzen würde. Seine Schuld war zu groß für Sozialstunden.
„Das klingt zwar interessant, aber ich denke nicht, dass die Polizei etwas für mich ist. Vielleicht gehe ich eher in die Richtung Handwerk. Schreiner oder sowas, so wie mein Vater in der Möbelfabrik seine Leute hat.“, gab er dann als Antwort, stahl sich aus dem Blickwinkel und ging zu den Gästen. Im Moment war es ihm lieber bei Tina den Tisch abzuräumen, als vor dem Kommissar zu stehen, der ebenso wusste was er getan hat. Er konnte sich noch ganz gut an seine bösen Blicke und die eintrichternden Worte erinnern, als er mit seinem Vater vor ihm stand.
Tina sah zu ihm auf, als er an den Tisch kam.
„Es hat sehr gut geschmeckt. Ein wenig Hunger habe ich noch. Ich würde gerne noch eine Portion davon.“ Sie sah zu Martin.
„Und du, Martin? Bis jetzt war das die beste Nudelsuppe, die wir probiert haben.“ Er sah auf.
„Das stimmt. Ich nehme auch noch eine Portion. Und einen zweiten Kaffee.“
„Ich auch. Sagen Sie, haben Sie auch eine Toilette?“
Er sah verwundert und bedankte sich.
„Sehr gerne. Die Toiletten finden Sie hinter dem Vorhang neben der Palme. Wir haben moderne getrennte Toiletten.“ Mit diesen Worten verließ er den Tisch.
Die goldene Spange Teil III oder Nudelsuppen
Kapitel 140
Die goldene Spange Teil III
Tina stand auf und verschwand hinter der Palme im Sanitärbereich. Sie öffnete die Tür und ein Vorraum mit Waschbecken und Handtuchhalter begrüßte sie. Dann waren jeweils für Männer und für Frauen eine Tür da. Sie war erfreut, tatsächlich auf getrennte Toiletten zu treffen. Sie stellte sich an den Spiegel und holte ihren Kamm aus der Tasche und ging vorsichtig durch ihr Haar. Der Regen und die Kapuze hatten es doch recht durcheinandergebracht. Kurz darauf öffnete sich die Tür neben ihr und der Kommissar trat grinsend ein.
„Eine gute Idee, so können wir reden.“, meinte er leise.
„Ein dummer Zufall trifft es eher. Ich wusste nicht, dass der Junge hier ist. Wir sind zufällig hier gelandet.“, meinte sie und sah ernst durch den Spiegel als er etwas mit Abstand hinter ihr stand und zu ihr sah.
„Das glaube ich Ihnen. Was machen wir jetzt?“
„Was meinen Sie? Wir sind Gäste, Sie holen sich Ihren Mitternachtssnack und dann hat jeder seinen Weg zu gehen.“ Er antwortete nicht und sah sie nur ernst durch den Spiegel an. Tina legte den Kamm zurück und drehte sich dann zu ihm um.
„Kommissar Saito, was wollen Sie von mir hören? Warum ich mitten in der Nacht noch unterwegs bin und meine Begleitung älter ist als ich, oder worum geht’s jetzt hier?“ Er grinste.
„Zum Beispiel. Sie wissen sicher, dass man uns gerufen hat, oder?“ Ihr Gesicht wurde strenger.
„Was veranstaltet Ihre niedliche Kollegin jetzt mit meinem Freund da draußen? Nimmt sie ihn auseinander oder wie?“
„Vermutlich, nein…sie täuscht einen netten Plausch vor und horcht ihn aus. Was wird sie denn finden?“ Tina grinste.
„Na hoffentlich geht das nicht nach hinten los. Ihnen ist schon aufgefallen, dass die beiden sich vorhin angelächelt haben, oder? Ich glaube nicht, dass Ihre Kollegin das sonst macht. Sie hat ein Auge auf ihn geworfen und er auf sie.
Was passiert, wenn die miteinander ausgehen würden? Der Plausch wird vermutlich eher ein Flirt.“
„Ich weiß von gar nichts, wenn da was sein sollte. Was wird sie finden? Wer ist der Mann?“
„Er ist ein Freund der Familie. Aktuell wohnen wir alle noch zusammen, meine Eltern, ich und Martin, Herr Müller, wenn Sie es genau wissen wollen. Sie wird bei ihm nichts finden, außer dass er seinen Ausweis vergessen hat. Aber das wird sie schon wissen. Er ist eher der Typ großer Teddybär. Aber wenn es drauf ankommt, kann er austeilen. Er war Regionalmeister in Judo und Aikido. Bei uns in Deutschland. Als wir spontan beschlossen herzuziehen, nutzte er die Gelegenheit und kam mit, damit er sich hier in seinem Kampfsport weiterbilden kann. Er ist Sportwissenschaftler und arbeitet aktuell in einem Fitnessstudio ein gutes Stück weiter weg von hier.“
„Oha, na das klingt aber interessant. Also ist er wirklich nur ein Freund?“
„Richtig, er ist der beste Freund meines Onkels, daher kennen wir uns. Er kennt mich also schon seit ich ein Kind war.
Wieso hat man Sie gerufen? Ich gehe davon aus, dass es nicht unser gemeinsamer Bekannter war. Der findet die Situation sicher nicht gerade toll. Seine Anspannung kann man sehen. Er muss noch lernen sich zu tarnen.“
„Der Wirt, wir kennen uns. Das haben Sie sicher mitbekommen. Er muss etwas gesehen haben, das ihn stutzig gemacht hat. Zeigen Sie mir mal Ihren rechten Arm. Ich kann mir denken was er gesehen hat.“ Natürlich war ihr klar worum es ging, als er dies sagte.
„Sie wissen doch wer das war. Er hat es gesehen? Das ist natürlich dumm gelaufen. Martin und ich sind so spontan zum Joggen aufgebrochen, dass ich nur das kurze Shirt anhabe. Die nasse Jacke musste ich ja abnehmen. Fällt das noch so sehr auf?“, kam sie ihm verständlich entgegen und zeigte ihm ihren Arm.
„Ja, das fällt wirklich auf. Sie müssen wissen, der Herr hat früher im Krankenaus gearbeitet und viele Opfer von häuslicher Gewalt gesehen. Deswegen ist er da sehr hellhörig. Sie sind ihm doch nicht böse, weil er einen Verdacht hatte?“ Sie sah ihn überrascht an.
„Ein geschulter Blick? Nein, ich bin nicht böse auf ihn. Er hat doch alles richtig gemacht. Es hätte ja auch so sein können.“
„Und der Fleck hier unten? Der war letzte Woche noch nicht da.“
„Ach der, der ist mir am Wochenende im Fitnessstudio passiert. Beim Benutzen der Kurzhanteln ist mir die rechte aus der Hand gerutscht, weil ich unachtsam war. Dann fiel sie mir auf den Arm. Es gibt auch ein Unfallprotokoll dazu. Es liegt bei Herrn Odas Studio in den Akten. Es ist dort passiert unter seiner eigenen Aufsicht.“ Saito sah sie überrascht an.
„Oda? Reden Sie jetzt vom großen Fitnessstudio im 87. Revier? Also in Flughafennähe?“
„Ja genau das. Ich sagte ja, ist eine gute Ecke weg von hier. Kennen Sie das?“
„Alles klar, ich lass das prüfen. Den alten Oda kenne ich sehr gut. Ein feiner Kerl. Als ich damals in meiner Jugend noch Leistungsschwimmer war, habe ich viel Zeit bei ihm verbracht. Er war immer Profi und mit viel Leidenschaft dabei. Und dort arbeitet Herr Müller jetzt?“
„Ja, als Trainer und Rausschmeißer. Um einiges in der Buchhaltung kümmert er sich auch. Er muss ja noch Japanisch lernen, aber es läuft dort viel auf Englisch. Er kümmert sich vorerst hauptsächlich um die ausländischen Kunden oder Touristen. Erstaunlich, Sie waren also wirklich Schwimmer?“
„Ja, das war ich. Nun gut. Dann haben wir ja alles aufgeklärt.“
„Zum Glück. Zum Glück sind Sie gekommen und nicht andere Kollegen.“
„Das stimmt. Die anderen hätten Ihre Familienverhältnisse auseinandergenommen und dann wären sie irgendwann auf mich gestoßen, weil Ihr Name in den Akten steht. Am besten Sie verdecken die beiden Flecken so gut es geht. Dann passieren diese Missverständnisse nicht nochmal.“
„Okay. Ich stehe echt in den Akten? Ich denke das weiß keiner was war?“
„Das ist auch so, trotzdem muss ich einen Bericht schreiben. Nur weil wir das anders gelöst haben, heißt es nicht, dass es nirgends steht. Der Fall ist abgeschlossen und daher geht da keiner weiter bei. Der Name taucht aber nun mal auf, die Namen der Jungs wiederum nicht. Die habe ich separat notiert. Nur für den Fall der Fälle, da kommen nur mein Kollege, der anwesend war, und ich ran.“
„Ich verstehe, einfach auch falls jemand sich nicht an die Vereinbarungen hält? Was ist mit Ihrem Vorgesetzten? Sie leiten das Revier nicht, also muss jemand über Ihnen sein.“
„Wenn der Fall abgeschlossen ist und die Opfer nicht klagen, dann passiert da weiter nichts. Wir haben genug andere Fälle um die er sich kümmern muss.“
„Okay, dann bin ich da erstmal fein raus?“
„Genau. Aber um Sie mache ich mir da keine Sorgen.“ Er betrachtete aufmerksam ihre Haare und war etwas verwundert.
„Sagen Sie, wo ist denn diese goldene Spange? Oder tragen Sie die doch nicht ständig? Der Zweifler hatte sie noch extra gebracht und sie war Ihnen wichtig.“ Tina rollte mit den Augen.
„Erinnern Sie mich bloß nicht daran. Ich befürchte die ist weg. Irgendwie scheint sie verflucht zu sein. Sie war gestern auch schon wieder verschwunden. Ich habe sie quasi verloren und da waren Martin und ich vorhin auf der Suche und haben aufgegeben. Dann haben wir spontan beschlossen noch zu joggen. Kopf frei kriegen und sind hier gelandet. Deswegen sind wir so nass, er hat keinen Ausweis bei sich und das war es auch schon.“
„Schade, sie sah wertvoll aus.“ Sie zuckte nur mit der Schulter.
„Sind wir jetzt fertig? Unsere Suppen sind sicher fertig.“
„Frau Fuchs, am besten Sie notieren sich mal meine Dienstnummer. Wenn es nochmal so eine Situation geben sollte oder Sie ernsthafte Hilfe brauchen, rufen Sie mich gerne an. Egal zu welcher Zeit, okay?“
„Okay, sagen Sie an.“
„Wollen Sie sich die nicht notieren?“
„Ich kann mir das merken. Ich speichere sie mir nachher gleich ein.“ Er staunte nicht schlecht und sagte ihr die Nummer an.
„Gut.“ Dann wusch sie sich die Hände.
„Ach so, Moment. Vielleicht können Sie mir da was zu sagen. Ich habe vorhin bei Dienstantritt ein paar vermehrte Anzeigen auf dem Tisch gehabt. Ich konnte noch nicht genauer reinschauen, weil ich erst hier her bin. Es ging um Körperverletzungen und starkem Mobbing unter Jugendlichen. Es fielen immer wieder dieselben Namen und das war an Ihrer Schule. Wissen Sie was davon?“ Tinas Gesicht wurde plötzlich wieder streng.
„Wie vermehrt? Was meinen Sie damit?“
„In der Regel trudeln solche Sachen einzeln auf und dann verlaufen sie meist im Sand. Aber ich habe da bestimmt zwanzig Anzeigen liegen. Es muss also irgendetwas an der Schule gewesen sein, dass sich die Leute plötzlich trauen was zu sagen.“ Sie grinste dann selbstsicher.
„Da halte ich mich raus. Am besten Sie geben Ihrer jungen Kollegin die Fälle und dann kann sie gerne zu uns an die Schule kommen. Darf ich nach den Namen fragen, also die Täter?“ Er nannte ihr sechs Namen und natürlich waren es die drei Mädchen und die drei Oberschüler.
„Ich verstehe. Das Problem hat sich erledigt. Die werden nichts mehr machen.“, meinte sie überzeugt.
„Was meinen Sie damit? Erledigt?“, wunderte er sich sehr. Tina stellte sich dann plötzlich mit einer Hand an der Taille vor ihn und sah zu ihm auf.
„Also Kommissar Saito, so langsam müssten Sie mich doch kennen. Mir ist das Problem aufgefallen und als der passende Moment kam, habe ich mich darum gekümmert, dass es aufhört. Die sechs Jugendlichen werden niemanden mehr anfassen, das können Sie mir glauben.“ Sein Blick wurde selbst streng und er sprach ernst auf sie ein.
„Was soll das heißen darum gekümmert?“
„Oh man. Dass da Anzeigen kommen, hätte ich jetzt gar nicht gedacht. Das waren sicher ein paar der Eltern. Hm. Am besten Sie sprechen einfach mal mit dem Direktor darüber. Er ist komplett im Bilde und hat auch eine Videoaufnahme, die er Ihnen zeigen kann. Aber bitte tun Sie mir einen Gefallen, wenn Sie da was ermitteln. Halten Sie Yako und mich da vollkommen raus. Wenn Sie mich für eine Aussage brauchen, gerne, aber Sie lassen sie damit in Ruhe, sonst war die ganze Aktion letzte Woche und gestern für die Katz. Ich bin froh, dass sie endlich wieder motiviert ist und mich im Team akzeptiert.“
„Okay, eine Videoaufnahme. Das klingt spannend. Und da ist dann WAS drauf zu sehen?“
„Na wie ich das Problem gelöst habe. Also wirklich, Kommissar, ich wusste jedoch nicht, dass es das gibt. Wenn ich das gewusst hätte, dass bestimmte Räume gefilmt werden, hätte ich das anders gelöst, aber nun ist es so. Es wird Ihnen sicher gefallen. Aber sagen Sie nicht, dass Sie wissen, dass es eins gibt. Mich würde interessieren ob der Direktor das zeigt.
Aber da er es mit so einer Selbstverständlichkeit heute meinen Eltern und Trainer vorgeführt hat, kann ich eh nicht verhindern, dass es nun alle sehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er es auch den Eltern der Mädchen vorspielt.“
„Gut, ich schau mal wie ich das angehe. Ich sehe mir nachher die Unterlagen erstmal in Ruhe an. Wird eine tolle Nacht. Für jetzt muss ich mir auch eine interessante Sache einfallen lassen.“
„Wieso? Vielleicht erledigt das schon Ihre schicke Kollegin für uns? Und wenn Sie im Bericht nur den unteren Fleck erwähnen wird nicht gelogen. Den oberen sieht man doch nur, wenn der Ärmel etwas hochrutscht.“ Er grinste.
„Ich sagte ja, an Ihnen geht eine gute Ermittlerin verloren. Überlegen Sie es sich noch, vielleicht ist ja die Polizeilaufbahn doch was für Sie.“
„Ne, das habe ich schon gesagt. Ich habe meine Ziele und muss jetzt zusehen welche Umwege ich hier in Japan gehen muss. Jetzt ist Sport und Schule dran, nach wie vor.“
„Kein Psycho-Studium mehr?“
„Ich muss erstmal die Schule packe, bevor ich darüber nachdenke irgendwas zu studieren.“
„Und die Sprache, das stimmt.“, schmunzelte er. Sie grinste und kicherte plötzlich etwas.
„Was ist so lustig?“
„Können Sie ein Geheimnis behalten? Eine Woche ist viel Zeit, wissen Sie?“ Er nickte natürlich.
„Das kennt bis jetzt nur mein Trainer. Es muss noch bis zu unserem Spiel gegen die Toho geheim bleiben.“
„Ich fühle mich geehrt.“
„Ich habe vorhin alles ganz genau verstanden, was am Tresen besprochen wurde. Und meine Ohren waren auch gut genug, um den Anruf zu registrieren. Auch da habe ich fast alles verstanden. Ich war nur erstaunt, dass Sie der Angerufene waren. Und…ich glaube Ihre Kollegin…die hat ähnliche Waffen bzw. ähnliche Macht wie ich.
Ich bin nun endlich über das Touristen-Japanisch hinaus. Wie gesagt, eine Woche ist viel Zeit. Ich verstehe sogar das gesamte Tonband und weiß nun was die Jungs gemeines gesagt hatten.“, plapperte sie ihn plötzlich in einen zwar noch gebrochenem, aber gut verständlichem Japanisch voll. Er war sehr überrascht. „Wow, dann hätten wir uns die ganze Zeit auch auf Japanisch unterhalten können?“ Sie nickte grinsend.
„Und Ihr Freund da draußen?“
„Der braucht länger als ich. Ich war schon immer sprachbegabt. Das habe ich von meiner Mutter. Die spricht auch schon besser als ich und sie beherrscht zwanzig Sprachen.“
„Oha, mir reicht Englisch schon aus. Und was meinen Sie mit Waffe und Macht meiner Kollegin?“, sah er skeptisch.
Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Kommissar, die Suppen sind fertig.“, kam die zarte aber ernste Stimme seiner Kollegin.
„Moment.“, sagte er laut.
„Grüßen Sie mir Ihre Eltern von mir.“, flüsterte er dann leise und öffnete die Tür. „Ich bin schon da. Wie schön, mein Magen knurrt schon.“ Er verließ den Raum und Tina ging nun wirklich auf Toilette. Danach verließ auch sie die Sanitärräume und ging wieder zu Martin an den Tisch. Die Suppe wurde kurz darauf gebracht. Tina konnte es kaum erwarten, denn die Suppe war wirklich zu lecker. Martin begann ebenso gleich zu essen und sah ab und an zur Theke rüber, während der Wirt die Suppen der Beamten einpackte.
„Du hast hoffentlich die Zeit genutzt. Ich habe extra langsam gemacht.“, flüsterte sie grinsend und schielte hoch zu ihm, als sie eine Portion Nudeln auf die Stäbchen nahm und anfing zu schlürfen. Er schluckte verdutzt sein Gemüse herunter.
„Also echt. Du wieder. War das echt Absicht?“
„Jo, konntet ihr euch verabreden? Oder muss ich nachhelfen?“
„Wie sollte das bitte gehen, wenn sie im Dienst ist? Halte dich da raus.“, knurrte er etwas, aber grinste dabei. Tina grinste zurück.
„Gut, ich verstehe.“, flüsterte sie wieder.
„Wieso flüstern wir jetzt?“, wunderte er sich. Sie grinste ihn wieder an und aß einfach weiter.
Wenig später gingen die Beamten an ihrem Tisch vorbei, verabschiedeten sich und wollten das Lokal verlassen.
„Moment bitte. Verraten Sie mir wie viele Sprachen Sie sprechen können? Ich spreche mittlerweile sechs Sprachen und nun bin ich mit Japanisch beschäftigt.“, hörte die junge Polizistin plötzlich hinter sich freundlich auf Arabisch. Sie blieb total verdutzt stehen. Dann drehte sie sich um. Takeru war auch verwundert und verstand natürlich wie alle anderen im Raum kein einziges Wort. Es war für sie nicht einmal wirklich zu erkennen welche Sprache gesprochen wird. Die Auszubildende sah Tina völlig überrascht an.
„Wow, was hat mich verraten?“, antwortete sie ebenso in dieser Sprache.
„Sie müssen noch lernen Ihre Macht zu verbergen. Ich hatte zwei Hinweise. Und Sie haben nicht einmal mit mir gesprochen.“, lächelte Tina freundlich.
„Welche Hinweise waren es?“, war sie ernst bei der Sache.
‚Dieses Mädchen, Saito hatte Recht. Er sagte vorhin noch, ich muss aufpassen, aber ich könne ihr vertrauen. Wer ist das?‘
„Zum einem haben Sie reagiert, als ich vorhin mit meiner Begleitung gesprochen habe und Sie in unser Gespräch eingebunden habe. Da haben Sie kurz ihren Mundwinkel verändert und geräuspert. Dann standen Sie danach am Tresen und reagierten auf die Reportage über Alexandrien im Fernsehen. Als die Information über das Leuchtfeuer lief, reagierten Sie auf die falsche Übersetzung des Redners, indem Sie den Text gelesen haben und dort etwas anderes gesagt wurde, als dastand. Ich konnte ihre Kopfbewegung im gespiegelten Fenster sehen. Deswegen habe ich jetzt auch Arabisch gewählt, um Sie zu fragen. Keiner wird es jetzt verstehen. Und siehe da. Ich hatte Recht.“ Die hübsche Japanerin kam auf sie zu und sah lächelnd zu ihr herab.
„Sie sind echt gut. Sie haben Recht. Ich war tatsächlich durch Ihr Gespräch etwas abgelenkt. Aber wissen Sie was mir aufgefallen ist?“, kam ein ernster Blick, fast wie eine Herausforderung. Tina blickte begeistert zu ihr auf und legte aus Respekt die Stäbchen zur Seite.
„Was ist Ihnen aufgefallen?“
„Dass Sie mein Sprachwissen über Deutsch bereits eher erkannten und mich mit der Erwähnung, in Ihrer Unterhaltung, nur aus der Reserve locken wollten. Stimmts? Wann haben Sie es wirklich bemerkt, dass ich Ihre Muttersprache verstehe?“
„Wahnsinn. Sind Sie gut. Der Wirt hat am Telefon von Touristen gesprochen, als er Sie gerufen hat und als ich Ihren Kollegen gesehen habe und er mich, hat er Ihnen ein kleines Handzeichen gegeben. Glaube ich zumindest. Also nahm ich an, er hat bewusst einen Kollegen dabei, der bzw. Kollegin die viele Sprachen spricht. So kann er bei dem Verdacht, der im Raum stand, besser ermitteln. Wir hätten ja auch etwas absprechen können, damit der Verdacht von uns ablenkt.“
„Klingt logisch. Es gab aber kein Handzeichen. Da irren Sie sich.“, sprach sie ernst.
„Hm, was hatte das Ziehen an seiner Jacke denn sonst zu bedeuten? Glauben Sie mir, da war ein Zeichen. Ich bin Profi im Zeichengeben.“
„Oh, das haben Sie bemerkt? Das bedeutete was anderes.“
„Und was?“
„Dass er Sie kennt und ich Ihnen vertrauen kann. Aber...ich soll trotzdem aufpassen.“, grinste sie dann. Tina stand plötzlich auf und reichte ihr die Hand. Sie waren sich gleichgroß.
„Ich mag Sie. Ich habe noch nie jemanden getroffen, die nur annähernd meine Klasse in Beobachten hat. Und wie viele Sprachen sprechen Sie nun?“
„Fünfzehn, aber ich bin ja auch schon 21 und Sie?“
„Ich bin 16 und spreche eben 7 Sprachen plus etwas Japanisch. Diese verflixte Schrift...die macht es mir sehr schwer.“
„Das kann ich nachvollziehen. Ich empfehle Ihnen danach gleich Mandarin zu lernen, wenn Sie eh schon drin sind. Ich spreche neben einigen europäischen Sprachen, viele asiatische und chinesische Sprachen und einige gängige Dialekte.“
„Dann sind es mehr als fünfzehn, wenn man sie einzeln sieht, oder?“
„Ja, kommen wir auf über 20.“
„Wow, meine Mama spricht 20 Sprachen. Und würden Sie mit meinem Freund hier ausgehen wollen? Er ist wirklich sehr nett.“, lächelte Tina und verpackte ihre Frage in die Unterhaltung. Die hübsche Japanerin in ihrer blauen strengen Uniform grinste dann wieder und nahm ihre Hand an.
„Ich bin im Dienst und darf nicht flirten.“
„Dann ermitteln Sie mal sein Alibi. Ihr Kollege weiß wo das Unfallprotokoll liegt. Vielleicht fällt Ihnen dann mal eine Telefonnummer aus der Tasche oder ein Hinweis?“, grinste sie zurück und setzte sich nach dem Händegeben.
„Es ist wirklich niedlich, wie Sie versuchen uns zu verkuppeln. Aber wir haben das schon geklärt. Er kam Ihnen zuvor. Ich habe seine Nummer bereits. Die lange Quatscherei mit meinem Vorgesetzten hat sich gelohnt.“, grinste sie und dann ging sie endlich mit ihren Suppen in der Hand hinaus. Kommissar Saito stand vor dem Eingang und wartete.
‚Was quatschen die beiden so lange rum? Mir war klar, dass es um die Sprachen geht, aber welche ist das? Klingt orientalisch. Dieses Mädchen ist wirklich seltsam. Ich dachte sie bemerkt, dass sie Deutsch spricht, aber eine vollkommen andere Sprache zu erraten oder zu erkennen, die hier gar nicht hingehört, ist schon erstaunlich.‘
Draußen vor dem Eingang wurde mit den Händen kontrolliert, wie sehr es noch nieselt und es hielt sich eindeutig in Grenzen.
„Was haben Sie denn noch so lange gequatscht? Und welche Sprache war das überhaupt?“
„Das war Hocharabisch. Ich war echt erstaunt, dass sie es kann, erkannt hat und vor allem wie gut sie es spricht. Besser als ich.“
„Echt Arabisch? Und was wollte sie wissen?“
„Sie hat mich gefragt wie viele Sprachen ich kann. Und dann haben wir uns darüber unterhalten welche Hinweise es gab und wie sie es herausgefunden hat. Das war beeindruckend.“
„Was halten Sie von dem Mädchen?“
„Sie hat es faustdick hinter den Ohren, Kommissar. Also als Gegenspielerin würde ich sie nicht haben wollen. In dem Alter schon so eine gute Beobachtung, sie wäre eine gute Polizistin. Ich glaube sie ist ein ehrlicher Mensch.“
„Das stimmt. Das habe ich ihr bereits gesagt, aber darauf springt sie gar nicht an.“
„Naja, ohne japanische Staatsbürgerschaft ginge es sowieso nicht.“
„Allgemein scheint es nicht ihr Ding zu sein. Dabei kann sie gut kombinieren. Naja. Wir haben jetzt zwei Fälle zu erledigen. Einmal diesen kleinen Einsatz hier und dann der Stapel Anzeigen auf unserem Tisch.“
„Meinen Sie die Mobbing-Anzeigen?“
„Ja, ich habe sie danach gefragt und sie scheint genau zu wissen worum es geht. Als ich vorhin kurz reinschaute, bemerkte ich gleich, dass die alle an ihrer Schule sind. An der Musashi-Schule. Es hatte sich ja nun zufällig ergeben. Also fragte ich ob sie was weiß. Sie empfahl mir zum Direktor zu gehen und zu hoffen, dass er uns ein Video zeigt. Also haben wir morgen was zu tun. Zuerst das Unfallprotokoll organisieren und dann ein Besuch in ihrer Schule. Jetzt bereiten wir die Anzeigen vor und schrieben das Protokoll für den kleinen Einsatz hier.“
„Woher kennen Sie das Mädchen? Wer ist das? Wie heißt sie überhaupt?“ Er grinste plötzlich kurz vor dem Eingang der Polizeistation.
„Geben Sie es zu, Sie haben sich in Ihren Begleiter verguckt. Haben Sie die Zeit denn wenigstens genutzt?“ Sie sah ihn verdutzt an.
„Also Kommissar, ich bin im Dienst. Da flirte ich nicht rum.“, sprach sie ernst.
„Wir haben Sie doch nun beide lange genug alleine gelassen. Ich habe nichts gesehen.“, erklärte er schmunzelnd.
„Glauben Sie das war Absicht von ihr, dass sie auf Toilette ging? Sie wusste übrigens warum wir da waren. Sie hat das Telefonat mitbekommen.“
„Ich weiß. Das hat sie mir erzählt. Ihr Japanisch ist deutlich besser geworden. Das war Absicht. Wir hätten uns nicht unterhalten müssen. Ich weiß wo die Verletzung herkommt. Wir müssen nur leider unsere Bekanntschaft leugnen. Aber nun ja nicht mehr.“
„Wer ist das denn nun?“
„Das Mädchen ist mir letzte Woche bei einem Fall begegnet. Mehr kann ich dazu nicht sagen, nur dass sie den Fall eher alleine gelöst hat. Ich hatte da nicht viel zu tun. Es kam mir vor, als hätten Sie die ganze Sache in der Hand gehabt.“
„Wirklich? Allein, wie meinen Sie das?“
„Wir belassen es mal dabei. Ich bin gespannt was mir die Schule zeigen wird. Vielleicht beantwortet das Ihre Fragen, ohne, dass ich was sagen muss.“, grinste er und öffnete endlich die Tür und ließ sie eintreten. Etwa eine viertel Stunde später saßen beide im Büro des Kommissars, gönnten sich die letzten Schlucke Suppe, während sie anfingen die Anzeigen durchzusehen. Die Nacht verlief danach sehr ruhig auf dem Revier.
Es vergingen gut vier Stunden und dann plötzlich kam eine Meldung rein. Die Durchsage gab Code 13 an. Beide ließen alles stehen und liegen und stürmten sofort raus zu den anderen Kollegen. Der neue Einsatz wurde besprochen und es gingen so viele Beamte wie möglich sofort auf die Straßen. Der Regen hatte erneut losgelegt und es stürmte gut seit drei Stunden zusätzlich.
Noch während die Anzeigen beim Nudelsuppengenuss durchgesehen wurden, genossen Martin und Tina ihre zweite Nudelsuppe und stellten dann die Schüsseln an die Seite.
„Jetzt bin ich aber wirklich satt bis morgen Mittag.“, haute Tina begeistert raus und musste sich tatsächlich einen großen Rülpser verkneifen. Martin grinste sie an, als er es bemerkte und ebenso sehr satt war.
„Da hast du Recht. Die schmeckt echt zu gut.“
„Was meinst du, ob sie sich meldet?“, grinste sie ihn dann an. Er wunderte sich.
„Sprichst du von der Polizistin?“
„Jo, von wem denn sonst? Sie hat mir gesagt, du hast ihr deine Nummer gegeben.“
„So so, hat sie das.“, grinste er und sah dann zum Tresen und gab ein Zeichen.
„Wollen wir wieder heim?“ Tina nickte und sah auf ihre Uhr.
„Wir können es ja versuchen. Aber zum Laufen habe ich echt keine Lust mehr. Gehen reicht aus, haben es ja nicht weit.“, grinste sie. Somit bezahlten sie und verließen das Nudelrestaurant.
Vor der Haustür sah sich Tina nochmal mit Martin etwas um, aber es brachte einfach keinen Erfolg. Die Suche wurde erneut abgebrochen und das viele nasse Laub klebte mehr an ihren Klamotten als dass man darunter etwas finden würde.
Vor der Wohnungstür wurde der Schlüssel von Tina rausgeholt und die Tür geöffnet. Es ist ruhig und sie betraten die Wohnung. Endlich, konnten sie unter die Dusche gehen. Tina ging zuerst und machte sich bett-fein, danach begab sich Martin ins Bad und nahm ebenso eine warme Dusche. Währenddessen ging Tina leise zur Schlafzimmertür und horchte, ob ihre Eltern noch wach sind. Sie hörte die beiden sehr leise reden und klopfte dann an.
„Mama, kann ich mit dir reden? Papa, alles gut?“
„Kleinen Moment, Schatz.“, kam als Antwort von ihrer Mutter. Ihre Stimme klang wieder angenehm und nicht verweint. Ihre Eltern waren erstaunt, dass Tina trotz dieser Situation von selbst auf sie zugehen wollte. Sie richteten das Bett her und Gesine setzte sich an die Bettlehne. Georg stand auf, öffnete das Fenster weit und kurz darauf öffnete er die Tür.
„Habt ihr sie gefunden?“, sprach er sie freundlich an. Tina schüttelte nur den Kopf.
„Das ist bei den Bedingungen wirklich zwecklos. Wir waren noch joggen und haben Nudelsuppe gegessen.“
„Es tut mir leid. Hat die Suppe geschmeckt?“, kam ihr Vater entgegen und setzte sich dann zu seiner Frau ins Bett.
„Ja, sehr gut sogar. Mama?“, ging sie zu ihr und setzte sich an ihre Bettseite zu ihrer Mutter. Diese sah sie ganz überrascht an.
‚Meine liebe Betty.‘
„Es tut mir wirklich leid. Ich…ich weiß gar nicht was mich da geritten hat dir so schlimme Sachen zu sagen.“ Plötzlich umarmte sie ihre Mutter herzlichst und sprach ihre Gedanken aus.
„Mama, ich würde dich doch niemals alleine lassen. Das weißt du doch, oder? Natürlich bist du mir wichtiger als die Haarspange, aber sie war mir wirklich wichtig. Sie…sie soll mir doch Kraft und Mut geben und das hat bis jetzt auch geklappt.“ Ihre Mutter fing plötzlich wieder an zu weinen, aber diesmal aus Freude. Sie nahm ihre Tochter in die Arme und schluchzte los.
„Ach meine liebe Betty. Es tut mir so unendlich leid. Das war falsch von mir und ich habe überreagiert. Kannst du mir jemals verzeihen?“
Die goldene Spange Teil IV oder Der kaputte Schirm
Kapitel 141
Die goldene Spange Teil IV oder Der kaputte Schirm
„Mama, das habe ich doch schon. Weine nicht immer gleich.“, schmunzelte Tina und sah dann zu ihrem Vater rüber, der seine Frauen nur lächelnd ansah.
‚Mein Mädchen, ich wusste, du kannst verzeihen. Auch heute hast du uns das bewiesen, so wie du die Mädchen versucht hast zu schützen, sie haben es in ihrer Dummheit nur nicht erkannt und du musstest eine andere Lösung finden. Du hast erkannt, dass sie Hilfe brauchen und hast deine eigene Wut auf sie zurückgesteckt und abgewartet. Das ist deine große Stärke. Dein Herz wird immer größer sein als dein Zorn, egal wie sehr dir jemand weh tut. Aber das ist gut, denn so verlierst du nie deinen Weg aus den Augen. Ich bin unendlich stolz auf dich.‘ Plötzlich beugte er sich zu ihnen rüber und berührte zärtlich Tinas Wange. Er sah sie stolz an. „Bettina, wir sind unendlich stolz auf dich. Ihr Frauen solltet mal mehr Zeit miteinander verbringen. Das wird euch sicher guttun. Es hat euch schon immer gefehlt. Unternehmt am Wochenende was zusammen, nur ihr beide.“ Tina nickte und ließ ihre Mutter dann los.
„Das wollte ich auch gerade vorschlagen. Ich habe einen Plan, Mama.“, sah sie ihre Mutter liebevoll an.
„Einen Plan?“
„Ja. Mach aus mir ein Mädchen, eine richtige Frau.“ Sie sah ihre Tochter verdutzt an.
„Wie meinst du das? Du bist doch ein Mädchen.“
„Ich bin doch wohl eher immer wie ein Junge gewesen. Ich will doch neu anfangen. Mein Entschluss steht fest! Ich will auch so eine schöne Frau werden wie du. So hübsch und elegant und eine tolle Mama will ich später doch auch mal sein, so wie du es bist. Du hast mir schon Nähen und Tanzen beigebracht, jetzt kommt der ganze Rest. Was hältst du davon? Das wolltest du doch schon seit Jahren und jetzt haben wir alle Zeit der Welt dazu.“ Gesines Herz schlug wieder enorm und freudig umarmte sie ihre Tochter.
„Ach Herzchen. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Aber natürlich mache ich das. Du bist doch aber schon so hübsch und so klug. Was kann ich denn da nur noch tun?“
„Wir können es mal mit schminken versuchen oder ein paar tolle neue Kleider shoppen gehen, oder du bringst mir bei mich weiblicher zu bewegen. Meine Team-Mädels machen sich immer über mich lustig, weil ich so klumpige Bewegungen mache und die Bälle annehme wie ein Mann. Die sehen alle so elegant aus, beim Spielen. Das will ich doch auch.“ Im Flur stand Martin, welcher zuvor aus der Dusche gekommen ist und mit einem Handtuch um die Hüfte in die Küche gehen wollte, um sich etwas zu trinken zu holen. Als er die Versöhnung mitbekam, lächelte er.
‚Ich bin froh, dass sie sich wieder versöhnen konnten. Da sind vorhin viele böse Worte gefallen. Sie will also weiblicher sein? Naja, burschikos war Tina ja schon immer. Immer mehr Junge als Mädchen, anders kenne ich sie gar nicht. Diese Situation im Nudelrestaurant war jedoch sehr seltsam.‘ Er ging in die Stube, holte sich seinen Schlafanzug und begab sich wieder ins Bad. Nachdenklich stand er vor dem Spiegel und putzte sich die Zähne.
‚Als Tina zur Toilette ging und der Kommissar statt der hübschen Polizistin ihr folgte, wunderte mich das sehr. Was hatte das zu bedeuten? Es konnte doch nicht normal sein, dass er sie als Auszubildende bei mir lässt. Da stimmte was nicht. Hm. Aber die hübsche Japanerin hat doch wirklich mit mir geflirtet, ob das eine Finte war? So wirklich sicher bin ich mir da noch nicht. Ich muss Tina nachher fragen, was sie von ihr hält. Sie hat doch noch so lange mit ihr geredet. Erstaunlich was Tina alles für Sprachen spricht. Wieso spricht sie so gut Arabisch?‘ Dann schmunzelte er vor sich hin. Die hübsche Polizistin erschien ihm im Gedanken. ‚Diese Augen, wie hübsch sie ist. Ob sie es wirklich ehrlich meinte damit, dass sie mich anruft, wenn sie Zeit hat? Ich bin sehr gespannt. Bis jetzt hatten meine Flirtversuche bei Japanerinnen keinen Erfolg. Entweder ich bin nicht ihr Typ oder ich mache eindeutig etwas falsch. Sie sind etwas anders als Europäerinnen.‘ Mit diesen Gedanken ging Martin ins Wohnzimmer, klappte das Schlafsofa aus und holte das Bettzeug aus dem Schrank.
Inzwischen war gut eine Stunde vergangen und alle lagen in ihren Betten und schliefen. Kaum hatte sich Tina hingelegt, schlief sie auch schon ein. Nur einer bekam diesmal die Augen nicht zu. Es war Georg. Normalerweise ist er schnell am Schlafen und wenn ihm doch mal einiges durch den Kopf ging, konnte er es sich gut für den nächsten Tag aufheben. Aber diesmal war er doch unruhig. Ihm ging diese Aufnahme nicht aus dem Kopf und dann die Aufregung zwischen seinen Liebsten. Es war lange her, dass sie sich so doll gestritten hatten und Tina hatte ihrer Mutter noch nie angedroht einfach wegzugehen. Wenn sie mal stritten endete das meistens nur in einer Diskussion, aber nicht in Tränen und bösen Worten oder Drohungen. Und ihm gegenüber war Tina noch nie aufmüpfig. Er konnte seine Tochter doch immer zügeln, wenn er etwas strenger wurde, aber diesmal half auch das nicht. Ohne Martin wäre sie einfach in die Dunkelheit gerannt, in den starken Regen. Ein Kind, das wegläuft. Nie hätte er sich vorstellen können, dass ihm das mal passieren könnte. Sie waren doch liebevolle Eltern, da konnte doch so ein Gedanke niemals bei seinen Kindern auftauchen. Nein, es war doch immer harmonisch zwischen ihnen. Und nun machte sich plötzlich dieser Gedanke bei Tina breit ihre Familie zu verlassen? Das konnte es doch gar nicht geben. Seine kleine Bettina, die immer über allen Dingen stand und trotz ihres jungen Alters schon wichtige Entscheidungen alleine treffen konnte, hatte plötzlich das Gefühl sich bei einer anderen Familie wohler zu fühlen als bei ihnen? Wenn es auch nur ein kurzer Moment war, er war da und Georg wusste, wenn Tina etwas sagte, meinte sie es auch so. So war sie eben. Immer ehrlich und direkt. Sie hielt mit ihrer Meinung selten hinter den Berg und wusste aber wo und wann sie ihren Mund zu halten hatte.
Mitten in seinen Gedanken vernahm er ein dumpfes Geräusch hinter sich. Er schreckte auf.
‚Nanu, was war das?‘, wunderte er sich. Dann stand er auf und verließ leise das Zimmer. Gesine schlief sehr tief und bemerkte nichts. Hinter der Schlafzimmerwand war Tinas Zimmer. In der Stube lag Martin, welcher eindeutig im Tiefschlaf war. Georg öffnete Tinas Zimmertür leise und vorsichtig. Dann entdeckte er sie. Seine Tochter lag am Boden auf dem Plüschteppich neben dem Bett. Das Zimmer war sehr klein, gerade mal fünf Quadratmeter groß und sehr schmal. Es passte tatsächlich nur ein Schreibtisch und ein Bett hinein. Ihre Kleidung hing im Elternzimmer mit im Schrank. Martins Sachen waren im Kleiderschrank im Flur, da auch die Stube sehr klein war.
Nun sah er sie, sein kleines Mädchen, aus dem Bett gefallen und zusammengekauert und mit feuchten Augen. Sie zuckte dann plötzlich auf und fing an zu strampeln, als würde sie vor Panik laufen. Ihre Arme bewegten sich dann als wollten sie nach etwas greifen und plötzlich fing sie an zu reden.
„Nein. Los, Lasst ihn los! Nein…aufhören.“ Entsetzt blieb er neben ihr stehen. ‚Bettina, du hast Albträume? Passiert das etwa jede Nacht? Ich bekomme davon gar nichts mit, weil ich so tief schlafe. Wolltest du deswegen diesen kitschigen Plüschteppich haben? Als wir zum Möbelhaus gingen und du dir dein Zimmer ausrichten durftest, kam dir der Wunsch nicht. Und dann nach ein paar Tagen hast du dir dieses bunte Fransenmonster selbst gekauft. Es liegt tagsüber an der Seite, damit der Bürostuhl Platz hat und abends legst du ihn vor dein Bett.‘ Er hockte sich hin und versuchte sie zu wecken. Ihre Bewegungen wurden heftiger und sie stieß dabei auch mit dem Arm an das Bein vom Schreibtisch.
„Bettina, wach auf. Ich bin es. Papa.“ Dann berührte er mit einem kräftigen Griff ihren anderen Arm und da schreckte sie dann auf. Sie saß plötzlich aufrecht, riss ihre Augen auf und schrie kurz.
„Lasst ihn los!“ Georg erschrak, kniete sich hin und nahm sie dann sofort in die Arme. Ihr Puls raste wie wild. Das konnte er ganz genau spüren.
„Bettina, alles ist gut. Ich bin da. Sie sind weg. Hörst du?“, sagte er dann deutlich. Sie sah ihn total verwirrt an und zitterte am ganzen Leib. In ihr waren immer noch die schrecklichen Bilder, die sie kurz zuvor im Traum hatte.
„Stephan…lasst ihn los!“, sagte sie dann nochmal und registrierte ihren Vater noch nicht wirklich. Erst als er sie dann losließ, mit beiden Händen ihr Gesicht nahm und sie zu sich drehte und ihr liebevoll in die Augen sah, kam sie wieder zu sich und sah ihn an.
„Ich bin es, Papa. Du bist in Sicherheit, Bettina. Hörst du? Ich bin es. Du bist bei mir. Es war nur ein Traum.“, sprach er sanft auf sie ein.
„Papa?“, kam dann endlich ein Zeichen von ihr, dass sie aufgewacht war.
„Ja, ich bin es. Du bist aus dem Bett gefallen.“ Sein Herz raste vor Wut an den Gedanken daran was man seinen Kindern angetan hatte und er nahm seine Tochter in die Arme und diese ließ ihrem Kummer endlich freien Lauf. Das war das erste Mal, dass Tina es wagte ihren Eltern gegenüber zu weinen. Sie vermied es bewusst, um ihre Mutter nicht zusätzlich zum Weinen zu bringen. Und ihr Vater war in der Regel immer bei ihr. Beide waren sehr selten getrennt, seitdem das mit Stephan passiert war. Tina wusste das und konnte es verstehen. Wäre sie eine Mutter, die ihr Kind nicht mehr bei sich hatte, dann wäre sie sicher auch immer traurig und wäre froh ihren geliebten Mann um sich zu haben, der ihr immer Trost spenden kann.
Aber jetzt nach diesem schrecklichen Traum, weinte sie immer etwas, leise, unter der Decke, aber sie tat es. Meist kam Martin ins Zimmer, weil er den Sturz aus dem Bett mitbekam, aber dann schickte sie ihn höflich wieder weg. Er sollte sie doch nie weinen sehen, nein. Soweit war sie noch lange nicht, dass sie vor einem Mann oder einem Jungen weinen würde. Das hätte ihr Bruder auch nie gewollt, denn er bewunderte immer ihre Stärke und ihr Talent ihre wahren Gefühle zu verbergen, wenn es wichtig war. Ihm fiel es deutlich schwerer.
Georgs Schulter nässte sich von Tinas Tränen und aus seinem Knien wurde inzwischen ein Sitzen, lehnend ans Bett.
„Es tut mir leid, meine Kleine. Es tut mir so leid, dass ich nicht mitbekommen habe wie schlecht es dir geht. Ich dachte tatsächlich du kommst klar und findest genug Trost in deinen neuen Aufgaben und bei deinen neuen Freunden.“, begann ihr Vater ruhig zu ihr zu sprechen und auch über seinem Gesicht huschten ein paar Tränen. Seine Tochter so bitterlich weinen zu sehen und ihre Tränen und ihren Kummer zu spüren, das ließ auch einen sturen Knochen wie ihn nicht los. Er ertrug es ebenso wenig, wenn seine geliebte Frau, seine schöne Heidi, wie er sie gerne nannte, weinte. Sie trösteten sich in der Regel gemeinsam.
Tina richtete sich auf und sah ihn überrascht an. Dann lächelte sie.
‚Vater, du weinst ja auch.‘ Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und dann nahm sie ihren Ärmel vom Schlafanzug und wischte ihm seine Tränen aus dem Gesicht.
„Tut mir leid. Jetzt hast du gleich zwei Heulsusen um dich herum und lässt dich anstecken.“, schmunzelte sie dann.
„Nein, das siehst du falsch.
Ich vermisse deinen Bruder doch genauso. Er war mein großer Junge. Unser erstes Kind…und…“, er unterbrach kurz, nahm Tina an seine Seite, ebenso anlehnend und legte seinen Arm um ihre Schulter und hielt ihren Arm fest. Dann sah er gegenüber an die Wand. Dort hing ein Poster von einer Hello Kitty. Sie stand mit einem Kimono vor einem Abendfoto Tokios.
„…jede Träne ist es wert. Wusstest du, dass wir seinetwegen geheiratet haben?“ Tina kicherte plötzlich und sah ebenso auf das Foto.
„Ja, er kündigte sich an und da musstet ihr ja. Du warst noch Student.“
„Ja, ich hatte ohnehin vor deine Mutter zu fragen, aber dann sah das natürlich nach außen hin so aus. Uneheliche Kinder wurden nicht gerne gesehen. Heute ist das ja etwas lockerer als damals. Hier in Japan jedoch ist das auch noch ein großes Problem für junge Leute.“
„Stimmt. Davon habe ich gehört.“
„Deine Großeltern waren begeistert, kannst du dir vorstellen, oder?“, schmunzelte er und seine Gedanken an Damals waren wehmütig.
„Das kann ich mir gut vorstellen. Mama sagte immer, sie war sofort in dich verliebt, als ihr euch das erste Mal gesehen habt. War das bei dir auch so?“
„Auf jeden Fall. Ich dachte, ich sehe ein Engel, als ich deine Mutter das erste Mal sah. Hat sie dir die Geschichte mal erzählt?“
„Ja, also sie sagte, du warst plötzlich neu in Opas Bäckerei und hast neben dem Studium nachts gearbeitet, um dir Geld dazuzuverdienen. Und abends war sie immer bei ihm und lernte ihre Sprachen bis sie dann erst spät ins Bett ging. Da tauchtest du eines Tages kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag auf.“
„So war das, ja. Wir unterhielten uns immer auf Englisch. So konnten wir beide etwas üben. Ich für mein Jura-Studium und sie ihre Sprachen. Sie hatte damals einen Freund. Ihr Vater wusste nichts davon.“
„Ach, das ist mir neu.“, wunderte sie sich.
„Er war ein furchtbarer Kerl. Eines Tages kam ich zur Arbeit, stand vor der Backstube und sah wie er sie mit seinem Auto brachte. Ich war erstaunt, dass er überhaupt eins hatte. Sowas gab es eher selten bei jungen Leuten. Da ich wegen meines Studiums zu sehr von dem Zuverdienst abhängig war, mischte ich mich nie in die Angelegenheiten der Familie ein. Auch diesmal gab ich mir Mühe, ich hatte mich in sie verguckt und hatte das Gefühl, dass es auch bei ihr der Fall war, aber da war ja nun mal jemand und den Job brauchte ich auch.“
„Und dann?“
„Sie stieg aus und verabschiedete sich nicht einmal von ihm, sondern ging einfach weg. Aber nicht zur Backstube, wo sie doch sonst jeden Abend war. Kaum fuhr er weg, lief sie stattdessen in den Wald hinter der Bäckerei. Ich war zwar spät dran, aber das wunderte mich doch sehr. Also ging ich ihr nach und fand sie dann weinend auf einem umgefallenen Baumstamm. Sie hatte die Hände im Gesicht. Sie trug ein kurzes Kleid mit langen Ärmeln.
Ich ging langsam auf sie zu und sprach sie an was los sei. Sie schrie mich dann an, ich solle sie alleine lassen. Aber ich hörte natürlich nicht darauf und hockte mich vor sie und sprach sie nochmal an. Diesmal sagte sie nichts und schluchzte nur. Dann hob ich ihre Haare hoch, nahm sachte ihre Hand, um ihr in die Augen zu sehen und da erschrak ich. Sie hatte über der Stirn am Haaransatz eine Platzwunde und am Ohr im Gesicht einen Bluterguss. Am Hals waren auch Spuren. Ich fragte dann was er getan hatte und sie schüttelte nur den Kopf. Aber du kennst mich. Ich nahm vorsichtig ihren Arm und machte den Ärmel von ihrem Kleid hoch. Mehrere Blutergüsse. Auch an ihren Beinen konnte ich diese dann plötzlich sehen.“ Tinas Puls stieg vor Wut an.
„Dieser Arsch! Und dann? Arme Mama. Er hat sie verprügelt?“
„Sagen wir mal so, er wollte etwas tun, aber sie wollte es eben noch nicht und dann versuchte deine Mutter wegzulaufen, aber er hielt sie fest und weil sie sich wehrte, verprügelte er sie.“ Tina stand plötzlich auf, ihr Herz raste und in ihr stieg eine große Wut auf. Georg nahm ihre Hand.
„Beruhige dich wieder. So weit kam es nicht. Seine Mutter kam plötzlich nach Hause und bemerkte was los war. Deswegen hat er sie auch nach Hause gebracht.“ Sie beruhigte sich etwas und setzte sich wieder zu ihm.
„Was hast du dann gemacht?“ Diesmal stand er auf und grinste.
„Was glaubst du denn? Was könnte ich getan haben?“ Seine Tochter sah grinsen zu ihm auf.
„Ich glaube so wie ich dich kenne, hast du ihn auf seiner Arbeit besucht und ihn auflaufen lassen. So richtig vor all seinen Kollegen oder war er Student? Dann im Hörsaal. Und dann hast du die Polizei gerufen.“ Georg grinste und stützte sich dann an ihrem Schreibtisch auf und sah zu ihr.
„Du sagst es, so wie du mich kennst. Aber…bevor ich deine Mutter kennenlernte war ich etwas anders.
Ich sagte ihr, ich werde ihn zur Rede stellen und dann lenkte sie ein und sagte, sie dürfe nichts sagen. Dann zeigte sie mir einen Umschlag. Darin lagen etwa über zwanzig Zweihundert-Mark-Scheine. Da platzte mir erst recht der Kragen. Ich ließ mir von ihr die Adresse geben und fuhr mit meinem Moped los.
Dann stand ich vor einem Haus. Das war damals recht selten, aber das Auto stand auf dem Hof und ich wusste gleich, dass ich richtig war.“ Tina hörte ihm sehr aufmerksam zu, stand auf und setzte sich erwartungsvoll aufs Bett.
„Du hast jetzt sicher die Polizei gerufen und aufgepasst, dass er das Haus nicht verlässt, damit die ihn festnehmen.“, vermutete sie voller Überzeugung. Sie kannte ihren Vater, er war immer so korrekt und beherrscht und tat niemals etwas ohne Bedacht. Ihre strategischen Fähigkeiten hatte sie eindeutig von ihm, erst alles genau begutachten und dann mit voller Macht kontern.
„Ich klingelte und gab mich als einen Freund von der Uni aus. Ich nutzte die Info seinen Spitznamen zu kennen. Sein Vater ließ mich eintreten und begrüßte mich freundlich. Als ich ins Wohnzimmer kam saß er da, mit seiner Mutter und einem jungen Mädchen am Abendtisch. Natürlich erkannte er mich nicht, da wir uns nie begegnet waren. Mit dem Mädchen hatte ich natürlich nicht gerechnet. Dann begrüßte ich weder ihn noch seine Mutter, nur seine Schwester und fragte ihn ob er wisse warum ich da sei. Er stand auf und ahnte nichts. Dann knallte ich den Umschlag so auf den Tisch, dass die Scheine herausschauten und fragte nochmal ob er es sich vorstellen könnte, immerhin gab es Schweigegeld.
Dann brachte sich plötzlich seine Mutter ein und bat mich wieder zu gehen, ich würde es nur schlimmer machen. Das machte mich dann richtig wütend und ich verpasste ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht, so dass seine Nase brach. Ich ging zu seiner Mutter und forderte sie auf mir ihre Arme zu zeigen. Da sie sich weigerte und der Vater sich mir entgegenstellte, verpasste ich auch ihm Eine auf die Nase. Das war mir in dem Moment sowas von egal wer er sein könnte. Dann zeigte sie mir doch ihre Arme und es sah bei ihr genauso aus wie bei Mama. Das Mädchen fing an zu weinen und kam dann auf mich zu und umarmte mich. Ihr Vater und ihr Bruder seien wohl öfters gemein zu ihnen beiden. Auch sie zeigte mir ihre Arme und Beine. Sie war erst dreizehn Jahre alt.“, berichtete er und sah Tina dabei streng an. Ihr Blick verriet ihm, dass sie nicht damit gerechnet hatte. Ihr Vater teilte aus? Nein, das konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Er war nach außen immer streng und ernst und für andere unnahbar, aber doch eigentlich viel zu sanft im Inneren und er hatte immer viel Humor.
„Der Blick sagt alles.“, grinste er dann.
„Papa, ich bin platt. Du hast denen echt die Nasen gebrochen?“
„Ja, sie hatten es mehr als nur verdient, oder siehst du das anders?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Oh man. Ich habe echt gedacht du hast nur die Polizei gerufen und die Sache mit dem Geld als Beweis benutzt. Immerhin sind da Fingerabdrücke drauf gewesen. Wo solltest du es sonst herhaben.“
„Hör zu, Bettina. Ich habe dir das jetzt aus einem bestimmten Grund erzählt. Das Ganze hatte natürlich noch seine Folgen. Der Vater von ihm war ein recht hohes Tier und ging natürlich gerichtlich gegen mich vor. Aber er verlor, ich hatte Glück und Mutter und Tochter sagten aus und legten amtsärztliche Untersuchungen vor. So stand deine Mutter nicht alleine da. Das war eine sehr enge Kiste. Du sollst nur wissen, dass ich nicht immer so beherrscht und besonnen war. Das war ich erst danach. Deine Mutter machte aus mir einen besseren Strategen und brachte mich dazu mich immer zurückzuhalten. Ich wusste, wenn ich mich nicht zurückhalten kann, dann ist sie weg. Die Liebe hielt mich stets davon ab so einen Fehler zu wiederholen. Deswegen, Bettina, deswegen sind wir so unendlich stolz auf dich. Das was du letzte Woche und gestern gemacht hast, das zeugt unseren vollsten Respekt. Du bist charakterlich eher wie ich, frei raus und sehr temperamentvoll, eigentlich auch etwas jähzornig. Aber das haben wir dir gut aberziehen können. Als Kleinkind fiel uns das gleich auf und ich lenkte dann alles auf den Sport. Jetzt ist davon nur noch dein stolzes Temperament übrig und es kommt, wenn, dann nur in solchen Extremsituationen wie vorhin aus dir raus. Ich denke mal das kam von der Anspannung der letzten Tage und deiner Schlafstörung. Und als du vorhin nach eurem Streit von selbst zu deiner Mutter gegangen bist, um dich bei ihr für deine Worte zu entschuldigen, das zeigte uns beiden, dass wir dir immer vertrauen können. Wir haben eine sehr selbstbewusste Tochter, die ihre eigenen Entscheidungen trifft und bis jetzt waren es auch gute Entscheidungen. Nicht alle, aber die meisten weisen dir einen bestimmten Weg. Und das ist es was du hast und behalten musst. Du darfst niemals deinen Weg aus den Augen verlieren. Ich bin davon fest überzeugt, dass du das kannst und ich glaube, sogar du selbst weißt das. Du weißt, dass du das kannst.“
„Wow, seit wann bist du so gesprächig? Aber ich weiß was du meinst.“, lächelte sie.
„Weißt du, ich kann jetzt immer noch nicht schlafen, ich bin hellwach.“, stöhnte er plötzlich spaßig auf. Tina gab ihm Recht, ihr ging es genauso, also schlug sie vor einfach spazieren zu gehen. Er stimmte zu und meinte ihr etwas zeigen zu wollen. Es passe jetzt zu ihrer Unterhaltung. Somit holten sie leise Sachen aus dem Schrank und schnappten sich jeweils Bauchtaschen und Regenschirme.
Auf den Küchentisch wurde ein Zettel gelegt, damit die anderen beiden wussten, dass sie unterwegs waren und Handys dabeihatten.
Sie stiegen in die nächste U-Bahn und fuhren an einen berühmten und beliebten Aussichtspunkt Tokios. Der Regen hatte eine Pause und es nieselte nur etwas. Dann sahen sie beide nebeneinanderstehend auf die Regenbogenbrücke und im Hintergrund war die Stadt mit ihren vielen bunten Lichtern und dem Tokio-Tower zu sehen. Das Wasser war wegen des Regens am anderen Ufer in Bewegung und spiegelte alles lustig wider.
„Papa, warum hier?“
„Naja, du hast doch damals gesagt, du willst wegen dieser Brücke hier her nach Tokio. Wir hätten auch woanders hingehen können. Also dachte ich mir, hier gefällt es dir.“
„Du hast Recht. Es ist einfach traumhaft schön. So bunt und immer belebt.“
„Warum diese Brücke? Was magst du an ihr so sehr? Leider können wir um diese Zeit nicht darüber laufen. Das holen wir dann mal nach.“
„Hm, weil es ein Regenbogen ist. Als Kind fand ich die Vorstellung toll, dass am Ende ein Schatz läge. Und hier ist ja ein Ende und ein Anfang. Vielleicht gibt es an beiden Stücken einen Schatz. Oder nur an einem? Die Frage stellt sich hier welches der Anfang und welches das Ende ist?“
„Klingt niedlich. Was könnten das für Schätze sein?“ Tina blieb eine Weile ruhig und schmunzelte dann.
„Naja, wenn das hier der Anfang ist und wir waren doch vorhin vom Wohnort noch auf der anderen Seite, dann ist dort Mama. Dann ist Mama unser Schatz und wir ihrer, oder?“ Georg sah seine Tochter verdutzt von der Seite an und lächelte. „Und was liegt dann dazwischen?“, fragte er neugierig.
Sie atmete tief durch und sah ihm in die Augen.
„Der Weg…der neue Weg zueinander, ein neuer Weg mit ganz viel Hoffnung.“ Georg war sehr überrascht über diese Worte.
„Das klingt so weise. Du bist viel zu jung für so ein weises Gerede, oder?“, kicherte er etwas und stupste sie leicht an die Seite. Tina lachte etwas und stupste zurück in seine Taille. Das kitzelte ihn natürlich.
„Na warte…“, grinste er neckisch und stupste wieder zurück. Beide fingen an zu lachen und sahen dann wieder auf die atemberaubende Metropole.
„Ab Heute treffen wir uns immer an dieser Brücke, wenn wir reden wollen, okay? Nur wir beide. Und wenn du weinen musst, dann bin ich für dich da, okay? Deine Mama und ich haben uns und du hast mich…bis es irgendwann jemand anderes übernimmt, okay?“ Sie nickte lächelnd und berührte seine große warme Hand. „Papa, ist das nicht komisch? Wir steigern uns. Was kommt nach Tokio?“
„Oha, du hast Recht. Eine gute Frage. Eine winzige Hütte am Strand, ein Haus in Warnemünde, also Rostock, dann Hamburg und nun…leben wir in der größten Stadt der Welt. Wer hätte das jemals gedacht?“
„Was kommt danach?“
„Größer geht’s nicht. Vielleicht bleiben wir für immer hier? Wer weiß das schon? Immerhin will deine Mutter endlich ihren Traum wahrmachen. In Deutschland ging das ja leider nicht. In Hamburg war die Konkurrenz einfach zu groß und du weißt ja, dass wir uns etwas bedeckt halten mussten. Hier kennt uns keiner und das lässt uns deutlich freier leben.“
„Ich bin gespannt was als nächstes kommt. Ich muss dir übrigens noch was sagen. Ich soll dir nette Grüße vom Kommissar ausrichten.“ Georg sah sie verdutzt an. „Ach, wie kommt das? Kommissar Saito?“ Tina berichtete von den Geschehnissen und so langsam verließen sie beide die Aussichtsplattform und gingen wieder zurück zur U-Bahn. Um diese Zeit war die Bahn sehr leer und nur wenige Leute waren unterwegs. Sie unterhielten sich leise.
„Übrigens, deine Mutter hatte vorhin einen Wunsch geäußert. Ich würde ihr diesen gerne erfüllen, vielleicht hast du Lust mir dabei zu helfen?“
„Oh, welchen denn? Ich helfe doch gerne.“
„Sie möchte nicht mehr in einer kleinen Wohnung wohnen. Zwar war geplant in die Anliegerwohnung über der Gaststätte zu ziehen, die ist auch nicht so klein und jeder hätte sein Reich, aber direkt neben der Arbeit ist ihr das doch unangenehm. Sie sagte, sie fand das damals bei ihren Eltern furchtbar direkt neben der Bäckerei zu wohnen. Zwar hatte man kurze Wege und wenig Kosten dadurch, aber ein wirkliches Familienleben hatte sie nicht mehr. Und sie möchte gerne einen normalen Arbeitsweg haben, auch um unter die Leute zu kommen, sonst würde sie ja nur auf Arbeit sein und nur Gäste kennenlernen.
Also haben wir beschlossen uns in Tokio ein Haus zu kaufen oder eins bauen zu lassen. Das Ganze ist jedoch sehr kostenintensiv. Du kannst das hier nicht annähernd mit Hamburg oder anderen Großstädten in Deutschland vergleichen. Ich müsste zu einem Makler, um mir überhaupt eine Übersicht zu verschaffen. Die Wohnungssuche war schon schwer.“
„Wow, das nenne ich wirklich einen großen Wunsch. Wie groß soll denn das Haus sein? Und dann mit einem Garten bestimmt, oder?“
„Genau. Du bist ja immer so pfiffig und hast überall deine Augen und Ohren. Sollte dir mal was auffallen oder zu Ohren kommen, gib mir bitte Bescheid. Und ich wollte dich dann gerne bei Gelegenheiten auch mit zum Makler nehmen oder zu den Besichtigungen. Es kommt sicher gut, wenn die gleich das Kind dazu kennenlernen. Dann wissen sie, dass sie nicht irgendwelche Touristen bespaßen. Und du kannst doch mittlerweile schon recht gut Japanisch und kannst mich da unterstützen, wenn man uns übers Ohr hauen will. Ich bin da noch nicht ganz so gut wie ihr zwei. Deine Mutter würde nur mit ihnen Japanisch reden und das hilft mir dann auch wieder nicht viel.“
„Ach na klar. Das mache ich. Unterhaltet euch mal miteinander was ihr genau wollt, damit wir dann auf die Suche gehen können.“
Mit diesen Worten setzten sie ihre Unterhaltung fort und stiegen dann nach gut einer halben Stunde aus und gingen diesmal im strömenden Regen die letzten fünfhundert Meter bis zur Haustür. Plötzlich blieb Tina stehen und entdeckte einen kaputten offenen schwarzen Regenschirm unter einem Baum. Er steckte wie festgebunden im Gebüsch und ihr kam das seltsam vor. Als sie losgegangen waren, war der Schirm noch nicht da und wenn der Wind wieder zunehmen sollte, dann könnte er auf die belebte Straße fliegen und einen Unfall verursachen. Also entschied sie sich ihn wegzunehmen und wegzuschmeißen. Sie bückte sich und zog an der Spitze, doch er hing vermutlich mit dem Griff fest. Also bat sie ihren Vater ihren mal zu halten und nutzte beide Hände, um ihn freizumachen. Sie packte den Stoff vom Schirm und zog erneut daran. Plötzlich bewegte er sich und sie hatte den Schirm in der Hand, aber total verdattert sahen sie und ihr Vater in das Gebüsch. Da hockte völlig nass und zusammengekauert ein kleiner Junge, etwa zehn Jahre alt. Er hatte eine Regenjacke an und einen Rucksack auf und er weinte und hatte zuvor vermutlich den Schirm festgehalten, um sich vor dem plötzlichen Regen zu schützen.
„Junge, was machst du denn hier draußen? Mitten in der Nacht?“ Er sah sie total verweint und verzweifelt an.
„Mama, wo ist Mama? Ich will zu Mama. Wo ist Ichiro? Ichiro?“
„Wer bist du denn? Wie heißt du?“
„Makoto, ich heiße Makoto und ich suche Ichiro und Mama.“, weinte er bitterlich.
Die goldene Spange Teil V oder Der kleine Kitsune (Fuchs)
Kapitel 142
Die goldene Spange Teil V oder Der kleine Kitsune (Fuchs)
Vater und Tochter sahen sich fragend an.
„Was wirst du tun? Du hast ihn gefunden, deine Entscheidung.“, sprach Georg ernst zu ihr. Tina überlegte nicht lange und holte ihr Handy raus und suchte Takerus Nummer heraus. Plötzlich legte ihr Vater seine Hand auf ihre.
„Überlege zuerst, hier in Japan ist nicht immer die Polizei die Lösung. Dieser Junge, Bettina, er könntest du sein. Genau in dieser Nacht. Oder gestern Nacht. Was glaubst du wäre passiert, hätte der Oberschüler dich nicht zum Arzt gebracht, sondern er hätte nur die Polizei oder den Notarzt gerufen? Die hätten alles auf den Kopf gestellt. Der Junge ist alt genug, um die Polizei zu rufen, wenn sie ihm helfen könnte, oder? Da drüben ist eine Ministation, nur zweihundert Meter weiter. Aber nein, er versteckt sich lieber hier, statt dort hinzugehen und sich Hilfe zu suchen.“
„Ich…habe an Saito gedacht. Er hat mir seine Nummer für Notfälle gegeben. Auch für einen Rat.“
„Er ist hier der falsche Ansprechpartner. Es ist sein Revier. Weiß er es, ist er im Zugzwang. Immerhin geht es hier um ein Kind.“ Tina sah ein, dass ihr Vater Recht hatte. Wenn der Junge Hilfe von der Polizei erwarten würde, wie es Kindern beigebracht wird, dann wäre er in der Lage sich Hilfe zu holen. So klein ist er nicht mehr. Wäre er ein Kleinkind, welches sich nicht ausdrücken könnte, dann würde das anders aussehen. Also beschloss sie sich erstmal noch mit ihm zu unterhalten.
„Du bist also Makoto? Du suchst deine Mama? Wo hast du sie denn das letzte Mal gesehen?“
„Zu Hause. Aber sie ist nicht nach Hause gekommen. Ich habe lange gewartet und dann war Ichiro auch nicht mehr da.“
„Wer ist Ichiro?“
„Mein großer Bruder. Ich wollte ihn fragen ob er weiß wann Mama kommt. Und da war sein Zimmer leer. Ich suche ihn und Mama.“, sprach der Junge immer klarer und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und schniefte.
„Warum gehst du denn nicht zur Polizei? Die finden bestimmt deinen Bruder und deine Mama.“ Er schüttelte entsetzt den Kopf.
„Nein, nein…dann sehe ich doch Mama und Papa nie wieder. Und Ichiro sehe ich auch nicht wieder.“, erklärte er. Tina richtete sich auf.
„Du hast Recht, Papa. Das klingt komplizierter als ich dachte. Er sollte sich erstmal aufwärmen, was meinst du? Das kann doch nicht verboten sein, oder?“ Er schüttelte den Kopf.
„Wir müssen es nur im Notfall rechtfertigen können. Im Moment wissen wir nichts und wenn man ihn bereits suchen würde, wären hier überall die Beamten unterwegs. Er wird vermutlich noch nicht vermisst.“ Tina bückte sich zu ihm runter und lächelte ihn an.
„Sag mal, Großer. Wollen wir später deine Mama und deinen Bruder gemeinsam suchen? Möchtest du erstmal zu uns und dich aufwärmen und etwas essen oder etwas warmes trinken?“
„Ich darf aber nicht mit Fremden mitgehen.“
„Das ist richtig, aber zur Polizei willst du auch nicht und wir wollen dir und deiner Familie helfen. Hm. Was machen wir da? Du kannst doch nicht hier draußen bleiben, dann wirst du krank. Schau mal, das Haus hier gleich neben uns, da wohnen wir. Wo wohnst du? Wir können dich auch nach Hause bringen.“
„Ich will nicht nach Hause. Papa schläft und schimpft dann bestimmt.“, meinte er überzeugt.
„Ich heiße übrigens Tina, eigentlich Bettina, Bettina Fuchs. Und der Mann hier neben mir, das ist mein Papa. Er hat mir auch beigebracht niemals mit Fremden mitzugehen. Das ist genau richtig.“ Plötzlich lächelte der Kleine sie an.
„Dein Name klingt wie Fox, wie der Fuchs, nur in Englisch. Welche Sprache ist das?“
„Oh, du sprichst Englisch? Ich spreche Deutsch.“
„Ja. Englisch und Spanisch.“ Tina grinste ihn begeistert an.
„Wahnsinn, bist du klug. Ja, Fuchs heißt Fox. Also Kitsune, der Fuchs.“, erklärte sie ihm dann auf Spanisch und Japanisch.
„Du sprichst auch Spanisch? Und du heißt wie der Fuchs? Zorro? Ich liebe Zorro. Der ist klug und stark. Mama sagt immer, ich sei ihr Zorro.“ Plötzlich richtete er sich auf, wühlte in seinem Rucksack und holte ein kleines Plüschtier heraus und zeigte ihn ihr begeistert. Es war ein kleiner Fuchs.
„Kitsune, den hat Mama mir geschenkt. Wenn sie auf Reisen ist, ist er bei mir. Und sie hat den Gleichen, dann bin ich bei ihr.“, reichte er ihr seine andere Hand.
„Wenn wir Freunde sind, dann sind wir doch nicht mehr fremd, oder?“ Georg war sehr erstaunt wie schnell der Junge seine Meinung änderte und doch Vertrauen zu seiner Tochter hatte. Tina lächelte den kleinen Makoto an und nahm seine Hand. „Bin ich denn jetzt deine Freundin? Das ging aber schnell. Einen tollen Fuchs hast du da. Der ist niedlich.“, grinste sie und streichelte das Plüschtier.
„Ja, du bist lieb und nett, dein Papa sieht auch lieb aus und du bist eine Füchsin und ich ein Fuchs. Und wir sprechen sogar drei gleiche Sprachen. Das kann doch nur Schicksal sein, oder?“, plapperte er los und strahlte zu ihr auf. Gemeinsam gingen sie ins Haus und betraten leise die Wohnung. Inzwischen waren Martin und ihre Mutter natürlich wach. Gesine musste auf Toilette und bemerkte den Zettel. Besorgt setzte sie sich in die Küche und dabei wurde auch Martin wach. Nun saßen beide in der kleinen Küche und gönnten sich seit gut einer halben Stunde einen Kaffee und ein paar Kekse.
Als die Wohnungstür aufging, standen sie sofort auf und gingen in den Flur. Sie waren beide sehr verdutzt, als sie nicht nur Tina und Georg erblickten, sondern auch einen kleinen Jungen. Er hielt Tinas Hand und mit der anderen den kleinen Kitsune. Gesine kam langsam auf sie zu und sah zu ihm runter. Er war komplett durchnässt.
„Wer bist du denn kleiner Mann? Und dann so nass.“, lächelte sie ihn an.
„Was ist passiert? Wer ist der Junge?“, fragte Martin skeptisch.
„Das ist Makoto. Er saß unten neben dem Haus im Gebüsch. Wir wissen bis jetzt nur, dass er seine Mutter und seinen Bruder sucht. Ihn scheint jedoch noch niemand zu suchen. Sein Vater sei noch zu Hause, aber da will er nicht hin.“, erklärte Georg trocken und mit einer seltsamen Selbstverständlichkeit, als wäre es das Normalste von der Welt.
„Spinnt ihr? Ihr könnt doch nicht einfach ein fremdes Kind anschleppen? Abgesehen davon, dass er zur Polizei gehört, woher wollt ihr wissen, dass er kein Schmarotzer ist? In dem Alter können Kinder schon ganz schön pfiffig sein und dir die Taschen leer klauen. Das müsstet ihr beide doch wissen.“, murrte er und verschränkte die Arme.
„Also wirklich, Martin. Sei mal nicht so voller Vorurteile. Ich glaube nicht, dass der Junge etwas Böses vorhat. Er sucht doch seine Mama und seinen Bruder. Und was soll er denn hier mitnehmen? Es gibt hier nichts Wertvolles. Nur Alltagsplunder.“ Sie stand auf und nahm ihn Tina aus der Hand.
„Komm Kleiner Makoto, wir machen dir einen Kakao oder einen Tee und du ziehst dir was Trockenes an. Was hältst du davon?“ Der Kleine strahlte Gesine an.
„Du bist auch ein Engel, oder? Bist du Tinas Mama?“, sprach er dann endlich mal.
„Ich bin Tinas Mama, genau. Ich heiße Gesine.“, schmunzelte sie. Georg kicherte etwas und sah seine Frau an.
„Siehst du, du bist ein Engel, ich wusste es. Der Junge hat es erkannt, Kinder eben.“, sprach er dann in Englisch. Martin und Gesine sahen ihn verdutzt an. „Wieso redest du auf Englisch?“, fragte Martin verwundert.
„Was hast du vorhin gesagt? Das klang streng. Bist du der große Bruder?“, sprach der Junge Martin plötzlich auf Englisch an und sah ernst zu ihm auf.
„Nein, ich bin ein Freund der Familie, aber mich täuschst du nicht, du halbe Portion! Ich behalte dich im Auge!“, sagte Martin dann streng und sah den Kleinen brummig an. Makoto ließ dann plötzlich Gesines Hand los und drückte ihr stattdessen seinen kleinen Fuchs in die Hand. Dann kramte er wieder in seinem Rucksack rum und holte seine Geldbörse raus. Der Junge hielt es noch in der Hand und sah dann ganz streng zu Martin auf und zeigte mit dem Zeigefinger auf sein Gesicht hoch. Von seiner Größe ließ er sich überhaupt nicht beeindrucken.
„Ich lasse mich nicht als Dieb bezeichnen! Ich bin kein Dieb, klar?! Ich würde niemals jemanden bestehlen. Und ich habe es auch gar nicht nötig. Hier…kontrolliere doch. Du Möchtegern-Bodyguard.“ Plötzlich drückte er Martin die blaue Geldbörse an seinen Oberkörper. Er nahm ihn diese total baff ab und sah ihm dann nach, wie er wieder Gesines Hand nahm und sich nochmal zu ihm umdrehte.
„Ich trinke jetzt einen Kakao. Ich mag dich, du bist ehrlich und klug.“, sagte er dann lächelnd und streckte ihm die Zunge raus. Martins Gesicht machte eine Gradwandlung durch und er starrte total verwundert zu dem Kind, wie es vergnügt an Gesines Hand in die Küche ging.
„Wie jetzt? Er mag mich? Ist das jetzt eine Verarsche, oder was?“, sprach er aus. Tina und Georg fingen plötzlich an zu lachen und gingen auf ihn zu. Tina stupste ihn an und grinste zu Martin auf.
„Ich glaube du hast hier in Japan deinen ersten Freund gefunden. Jetzt wirst du ihn nicht mehr los. Der Kleine fetzt. Vorhin noch so schüchtern und niedlich und jetzt zeigt er was er kann. Ganz mein Geschmack.“ Georg grinste und stimmte ihr zu.
„Und was sagst du dazu, dass er so frech ist und mir die Zunge rausstreckt? Also eine Erziehung hat er nicht genossen. Hätte ich mir sowas vor Erwachsenen geleistet, hätte es gleich Ärger gegeben.“
„Ach Martin, echt mal. Du übertreibst aber auch gleich. Das war doch nur ein Test. Er hat erkannt wer du bist und dich getestet.“, grinste Tina.
„Ein Test? Und wer soll ich bitte sein?“ Tina drückte ihm mit dem Zeigefinger spaßig den Pyjamastoff auf sein Sixpack und sah zu ihm auf.
„Na wer schon. Du bist groß und stark und kannst beißen, aber im Herzen bist du ganz lieb und eher ein Teddybär. Kinder erkennen das. Da kannst du noch so grimmig gucken. Du tust keiner Fliege was zuleide. Das spüren die.“
„Na toll. Ist das dein Ernst? So siehst du mich? Als Teddybär? Und warum gehen mir die Leute hier regelrecht aus dem Weg, nur weil ich eine Wohnung suche?“, murrte er etwas beleidigt zurück und sah zu ihr herab in die hellen Augen. ‚Teddybär, also wirklich. Hast du eine Ahnung davon, dass das eher eine Beleidigung ist? Du meinst es sicher im Scherz, aber ich finde das nicht lustig.‘ „Am besten du schaust in Zukunft mal etwas ernster, wenn du unterwegs bist. Dann nehmen dich die Leute anders wahr und zeugen dir mehr Respekt. Du guckst viel zu lieb. Das bringt sie durcheinander. Schau ernster und wenn es passt, dann lächeln. Und verbeug dich nur, wenn es nötig ist. Nicht gleich zur Begrüßung, sondern dann, wenn die respektvoll mit dir umgegangen sind zum Abschied oder als Dank. Niemals zu Beginn. In Deutschland gibst du doch auch nicht jedem gleich die Hand.“
„Das ist aber unhöflich.“, brachte er sich ein.
„Lege mal deinen Judo- und Aikido-Modus ab. Hier geht’s nicht um sportliche Höflichkeiten. Du sagtest mal die Leute beleidigen dich oder halten dich für einen Amerikaner, einen Soldaten, aber das ist unhöflich, respektlos und rassistisch. Und vor solchen Menschen willst du dich verbeugen? Du stellst dich damit unter sie. Das geht gar nicht.
Also sei nur höflich, sachlich und ernstzunehmend. Ist man dann passend auf dich eingegangen, wie du es von anderen erwartest, dann kannst du dich vor ihnen verbeugen. Wenn man dir also in Zukunft begegnet, dann ist man bestrebt deinen Respekt zu bekommen. Und deinen Respekt bekommen sie als Dank in Form der Verbeugung. Nur streng Untergebene, Heuchler und Unterdrückte und klassische Arschkriecher verbeugen sind ständig und überall. Wer den Ton angeben will, der muss sich den Respekt der anderen verschaffen und nicht nur Respekt zeigen. Das gelingt aber nur mit viel Geduld und Feingefühl. Bei Gelegenheit werde ich dir das mal demonstrieren.“
„Der Junge erinnert mich an jemanden.“, meinte Georg plötzlich und grinste ablenkend vor sich hin. Tina sah ihn verwundert an.
„An wen denn?“, fragte sie ihn.
„Na an wen wohl. Kannst ja mal raten.“
„Redest du etwa von mir? Ich habe aber niemandem die Zunge rausgestreckt, also echt. Da hättest du aber gebrummt.“, kicherte sie dann.
„Hm, na gut. Das stimmt. In dem Alter nicht mehr. Moment, wie alt ist der Kleine überhaupt? Ich kann das echt schlecht schätzen.“ Kurz darauf steckte Gesine ihren Kopf aus der Küche und grinste ihn an.
„Er ist zehn Jahre alt und geht auf die Musashi-Mittelschule in die erste Klasse. Bettina, hast du gehört? Er ist an deiner Schule?!“, war sie total begeistert und ging wieder zurück und stellte den Milchtopf auf die Herdplatte. Tina und ihr Vater sahen sich verwundert an. Da stimmte doch was nicht.
„Möchte noch jemand einen Kakao?“, fragte Gesine.
„Ja, ich bitte.“, meldete Tina sich, ging in die Küche und setzte sich neben Makoto. Dann sah sie ihn bestimmend an.
„So kleiner Mann, du gehst jetzt duschen, raus aus den nassen Sachen, sonst wirst du krank. Wärme dich auf und ich suche dir was zum Anziehen für die Nacht raus, dann kannst du deinen Kakao trinken und uns alles erzählen. Danach gehst du schlafen. Ist das ein guter Plan?“ Der Kleine lächelte sie an und legte seinen Fuchs auf den Tisch.
„Ein guter Plan.“, sagte er nur trocken und stand auf.
„Wo ist das Bad? Aber ich dusche alleine, ich brauche keine Hilfe. Ich bin schon groß.“, sagte er noch und ließ sich von Tina das Bad zeigen. Sie ging hinein, schnappte sich den Kosmetikkorb und räumte sämtliches Zeug zusammen, leerte den Spiegelschrank, ließ das Seifenstück liegen und legte zwei kleine frische Handtücher und zwei Waschlappen hin. Sie holte aus ihrem Zimmer das frischgewaschene Trikot und legte es ihm hin. Dann verließ sie das Bad.
„Aber nicht abschließen. Wenn du fällst, können wir nicht helfen.“, sprach sie ernst und stellte dann den Korb in den Flur auf die Kommode. Als sie wieder im Flur war, wurde sie von den anderen dreien verwundert angesehen.
„Was ist? Ihr seht aus, als hättet ihr einen Geist gesehen.“
„Wow, das ist sehr interessant.“, meinte ihr Vater und grinste. Ihre Mutter hingegen war etwas entsetzt.
„Wie redest du denn mit ihm? Das ist doch noch ein kleines Kind und er kennt uns nicht. Du kannst ihm doch nicht einfach solche Befehle geben, wenn er erst Vertrauen zu uns aufbauen muss.“, sprach sie besorgt.
„Wieso nicht? Es hat doch geklappt. Behandle ihn nicht wie ein Kleinkind. Das ist er nicht mehr. Hast du schonmal nachgerechnet?“ Ihre Mutter sah sie fragend an.
„Was meinst du? Ich bin zu müde dazu.“
„Bettina hat Recht. Je nachdem, wann er genau Geburtstag hat, hat er entweder eine oder sogar zwei Klassen übersprungen. Oder er lügt uns mit seinem Alter an. Ich tippe aber auf Ersteres. Das würde sein selbstsicheres Verhalten erklären.“ Martin überlegte und blickte auf die kleine Geldbörse in seiner Hand.
„Er hat sicher seinen Schülerausweis dabei, immerhin hat er mir das Ding hier gegeben, damit wir es überprüfen können.“ Georg nahm die Geldbörse an sich und ging zur Badtür.
„Makoto, dürfen wir in der Geldbörse nach deinem Ausweis schauen?“, fragte er ihn durch die Tür.
„Natürlich, deswegen habe ich es euch doch gegeben.“, kam prompt als Antwort. „Wieso bist du mit zehn Jahren bereits in der Mittelschule? Müsstest du nicht erst in der fünften Klasse sein?“
„Ich bin zwei Klassen weiter, weil ich mich gelangweilt habe. Ich dusche jetzt.“ Tina brachte sich kurz ein.
„Moment, wieso bist du dann nicht an einer speziellen Schule? War die euch zu teuer?“
„Die sind auch langweilig und ich wollte an die Musashi, weil ich dort meinem Vorbild näher bin.“
„Oh, welches Vorbild denn?“, wunderte sie sich.
„Na dem Fußballprinzen Jun Misugi! Ich will auch mal so stark und klug werden wie er.“, kam als Antwort und dann fing das Rauschen der Dusche an. Alle sahen sich verwundert an. Georg öffnete das Leder in seiner Hand und sah sich um. Es gab ein Foto mit einer Familie. Eltern und ein großer Bruder, soweit stimmte alles. Dann fand er seinen Schülerausweis und auch da passten alle Daten. Dann fand er eine Kreditkarte mit seinem Namen darauf und eine Bankkarte sowie ein paar Geldscheine und Kleingeld.
Er nahm sich einen Zettel und notierte sich seine Daten und forderte Martin auf sich umzuziehen.
„Wieso? Willst du kontrollieren was bei ihm zu Hause los ist?“
„Genau. Hier stimmt was nicht. Schau, was will ein kleines Kind mit einer Kreditkarte? Die läuft sogar auf seinen Namen. Kinder haben in der Regel nur Bargeld dabei, wenn überhaupt. Und diese Adresse, wenn mich da nicht alles täuscht, dann habe ich mir die Gegend bei der Wohnungssuche angesehen. Da stehen nur Villen rum mit großen Grundstücken.“
„Hm, er sagte ja, er hätte es nicht nötig zu stehlen. Dann wird er aus reichem Hause sein?“, vermutete Martin auch. Georg nickte nur.
„Er sucht Mutter und Bruder. Wenn das stimmt, klingt es komisch.“ Wieder wurde nur genickt. Martin schnappte sich seine Klamotten und verschwand im Schlafzimmer, um sich schnell umzuziehen. Tina ging zu ihrem Vater und sah sich das Familienfoto an.
„Oh, den habe ich tatsächlich schon gesehen. Ichiro Ichii, er ist in einer der Abschlussklassen. Persönlich kenne ich ihn aber nicht. Jetzt habe ich ein Gesicht dazu. Er war bei der Schüsselaktion als Zuschauer dabei und steht unter den besten fünf in der Rangliste der Noten seiner Altersklasse. Er scheint eher einer der schüchternen Typen zu sein.“ Gesine brachte sich auch ein und sah sich das Familienfoto an.
„Ich erkenne den Jungen auch. Er war auf dem Video zu sehen. Er stand bei der Essensausgabe und wurde von den Mädchen angesprochen. Sagt mal, was ist, wenn der Kleine doch gezielt hier bei uns ist? Vielleicht ist es Zufall, aber vielleicht auch nicht?“, äußerte sie plötzlich.
„Ach ne, jetzt wirst du selbst skeptisch? Ich werde verrückt. Ich dachte vorhin schon du bekommst Milcheinschub.“, haute Martin plötzlich raus, als er aus dem Schlafzimmer kam. Er erntete einen bösen Blick von Tinas Vater.
„Martin! Pass auf was du für Worte wählst, verstanden?“, knurrte er. Tina war etwas irritiert. Wieso redeten die beiden plötzlich so komisch?
„Pst, seid ihr verrückt? Kommt mal beide wieder runter! Wir hatten alle zu wenig Schlaf und wir müssen aufpassen was wir sagen.“ Alle sehen sie verwundert an.
„Wieso?“, wunderte sich Martin.
„Der Kleine hat vorhin mit mir Spanisch gesprochen. Er spricht also Spanisch und Englisch. Wer sagt uns denn, dass er nicht wie ich, noch mehr Sprachen kann? Immerhin scheint er eines dieser hochbegabten Kinder zu sein. Das liegt doch nahe. Also passt bitte auf was wir sagen. Nicht nur, weil er ein Kind ist, sonders ihr wisst schon wieso.
Schon alleine, dass ich mit dem Jungen so gut Japanisch gesprochen habe, war ein Risiko. Das soll doch erst bekannt werden, wenn wir gegen die Toho gewonnen haben. Offiziell beherrsche ich nur ein wenig Touristen-Japanisch und spreche grundsätzlich Englisch, Spanisch und Französisch. Mehr weiß niemand.“
„Du hast Recht. Wir müssen aufpassen, nicht nur weil er ein Kind ist.“, äußerte Georg dann streng.
„Dusche ist aus. Leise sein.“, flüsterte Martin dann.
„Ihr geht jetzt wie geplant zu der Adresse und schaut euch mal um, ob ihr was erfahrt. Wir bleiben telefonisch im Kontakt.“, sprach Tina zu den Männern. Martin grinste sie an.
„Befehle geben kannst du immer gut. Alle Achtung. Wer dich mal abkriegt hat nix zu melden.“, kicherte er und zog seine Regenjacke an. Er sah sie dabei nicht an. „Entschuldige dich lieber bei Mama. Das war wirklich böse.“, forderte sie als Konter. Martin gab ihr Recht und ging zu Gesine und reichte ihr seine Hände. „Gesine, es tut mir wirklich leid. Das war nicht böse gemeint. Ich war ein Trottel.“ Sie lächelte ihn an.
„Schon gut, wir sind alle müde und die Nacht ist bald vorbei. Ich weiß doch, dass du es nicht böse meintest. Es war doch eher wie ein Scherz gemeint, oder?“ Er nickte und sie nahm seine Hände in ihre Hände und sah zu ihm auf.
„Danke. Ja, eher wie ein Scherz, kam nur doof rüber.“, sagte er dann verständnisvoll.
„Jetzt los, ihr beiden. Den Rest machen wir.“
„Einen Moment noch. Wir warten bis er in der Küche sitzt. Ich würde gerne ein Foto von euch dreien machen, das wird den Vater beruhigen, wenn wir dann zu ihm gehen. Dann weiß er, es geht ihm gut und wird gut versorgt, vor allem, wenn er es nicht machen kann.“, meinte Georg und holte die Polaroid aus der Schublade. In diesem Moment kommt der Kleine aus dem Bad. Er sah verdutzt in den Flur. ‚Nanu. Alle sind hier im Flur. Es wurde auf einmal so leise und ich dachte die Männer sind weg.‘ Er lächelte und streckte seine Arme fröhlich aus.
„Wie cool ist das denn? Das ist doch das Volleyballtrikot von unserer Schule. Du gehst wirklich auf unsere Schule? In welcher Klasse bist du denn? Vielleicht kennst du meinen Bruder?“
„Ich bin in der ersten Klasse der Oberschule. Ich bin aber schon sechszehn und durfte wegen der Sprache eine Klassenstufe runter gehen, damit ich mehr Zeit zum Lernen habe. Man schenkt mir also ein Jahr. Und ja, ich bin im Volleyballteam bei Yako und Yoko.
Deinen Bruder kenne ich nicht, aber gesehen habe ich ihn schonmal.“, antwortete sie und zeigte ihm das Familienfoto.
„Er steht auf der Bestenliste auf Rang Vier. Er muss also auch sehr klug sein.“, lobte sie ihn. Makoto wich ihr aus und ging in die Küche. Der Kakao war noch im Topf und es hatte sich inzwischen eine dünne Haut auf ihm gebildet, da Gesine im Flur blieb statt aufzupassen.
„Ich nehme die Haut. Die sieht besonders lecker aus, so schön dick schokoladig.“, sagte er dann nur und setzte sich an den kleinen Tisch. Gesine und Tina folgten ihm und Georg nutzte die Gelegenheit und machte sein Foto. Es wurden zur Sicherheit gleich drei mit einem fröhlichem Makoto darauf.
„Sag mal Kleiner, was ist nun mit deinem Vater? Du sagtest, dass er schläft? Wieso bist du um diese Zeit alleine draußen und suchst deine Mutter und deinen Bruder?“, klang Georg freundlich, aber mit fester Stimme.
„Also das war so. Mama arbeitet oft noch abends in ihrem Büro und kommt manchmal mitten in der Nacht erst heim. Ich habe schon geschlafen und wurde wach. Sie hätte schon da sein müssen. Dann wollte ich Ichiro fragen, aber der war auch nicht da. Und Papa hat so doll geschlafen, dass ich ihn nicht wachbekommen habe. Er stank nach Alkohol, aber das ist noch nie so gewesen. Keine Ahnung. Und deswegen habe ich mir meine Sachen gepackt und bin los und wollte zu Mamas Büro. Dann kam dieser doofe Regen und ich habe den Schirm gefunden und habe mich darunter versteckt.“
„Klingt ja seltsam. Und wieso bist du nicht einfach zur Polizei oder hast sie zu Hause gerufen? Die hätten doch kontrollieren können ob deine Mutter im Büro ist.“
„Nein, das bringt nichts. Und ich wollte Papa keinen Ärger machen. Er war schon so traurig als er heute nach Hause gekommen ist.“
„Wir werden dann mal. Handys sind voll. Wir rufen an, wenn wir mehr wissen.“
Etwa eine halbe Stunde später so gegen halb 4 Uhr morgens standen die Männer kurz vor dem Anwesen der Ichiis. Auf dem Weg dorthin unterhielten sie sich zuerst gar nicht und schwiegen sich an, bis Martin das Wort ergriff.
„Es tut mir leid, Georg. Du hattest vorhin völlig Recht. Ich habe mich gegenüber deiner Frau mehr als nur im Ton vergriffen. Ich weiß gar nicht wieso ich so einen Blödsinn gesagt habe.“, sprach er ruhig.
„Sie hat doch deine Entschuldigung angenommen, das reicht mir. Ich denke wir sind alle einfach zu müde.“
„Trotzdem war es falsch.“
„Lass jetzt gut sein. Ich werde dir helfen eine eigene Wohnung zu finden. Gesine möchte jetzt nicht mehr über der Gaststätte wohnen. Wir werden sehen, dass wir uns ein Haus kaufen. Zum Mieten reicht es nicht, was Eigenes ist immer besser für uns und Bettina hat später was davon, falls wir hierbleiben bzw. sie hierbleibt. Wir werden sehen was die Zukunft bringt.“
„Okay, ich verstehe. Und wenn ich statt euch über der Gaststätte wohne?“
„Von der Sache her eine gute Idee, vor allem günstig für dich, aber der Weg zu deiner Arbeit ist schon recht lang. Wie lange brauchst du mit der Bahn?“
„Ist doch nicht lange, nur eine halbe Stunde, und davon sind zehn Minuten Gehweg. Es ist nicht weit weg. Mit Auto bei bestem Verkehr vielleicht ne Stunde.“
„Hm, vielleicht findet sich ja was in deiner Nähe des Studios? Dort sind die Grundstücke nicht so teuer, wegen des Flughafens und der belebten Touristenecke. Die Ecke lebt doch mehr von der Wirtschaft als vom Wohnen.“ „Das ist eine gute Idee, ja. Die Flieger halten sich in Grenzen. Ich habe ja nun die eine oder andere Nachtschichte schon gemacht und so laut sind die Dinger dort nicht. Die fliegen eher zur anderen Seite hoch und runter. Ich kann mich ja bei der Kundschaft mal umhören oder einen Aushang machen ob wer was verkauft oder Makler auf der Ecke ist.“
„Das wäre super. Ich muss mir noch einen Überblick verschaffen was überhaupt die Preise aktuell sind. Es kann auch ein Grundstück sein, dass wir bebauen dürfen. Das wäre uns lieber. Dann kannst du ja hier die kleine Wohnung nehmen und wir ziehen in die Anlieger des Lokals bis das Haus fertig ist.“
„Das klingt gut. Die Wohnung ist an sich sehr schön, nur eben für uns vier zu klein. Tinas Zimmer ist auch auf Dauer keine Lösung. Das ist ja kein Zimmer, sondern eher eine Abstellkammer. Kein Wunder, dass sie dort nicht schlafen kann. Sie hat ja nicht einmal ein Fenster.“
„Da hast du Recht, wir sind nun echt schon lange da drin, aber was anderes haben wir leider nicht gefunden. Wir konnten nicht ewig im Hotel bleiben bzw. in der schönen Ferienwohnung.“
Inzwischen standen sie vor dem Anwesen und schauten auf eine Mauer und ein großes Tor fürs Auto und einen extra Fußweg mit eigenem Eingang.
„Wir sind da. Das muss es sein.“
„Und nun? Klingeln und schauen ob der Vater jetzt wach ist?“
Georg betätigte die Klingel. Es tat sich nichts. Er läutete erneut, wieder nichts. Das Haus war vom Tor aus zu sehen und es bewegte sich jedoch nichts. Kein Licht ging an oder aus.
„Seltsam. So tief kann man doch nicht schlafen.“
„Was ist, wenn er in Gefahr ist? Der Kleine sagte etwas von einer Alkoholfahne. Immerhin konnte er ihn nicht wecken.“, erwähnte Martin.
„Das war auch mein Gedanke. Das ist mir echt zu heikel. Frau weg, großer Sohn weg, kleiner weg und er alleine im Suff? Klingt echt seltsam.“ Genau in diesem Moment klingelt Georgs Handy. Es ist Gesine.
„Ja Schatz? Wir stehen vor dem Haus, aber kommen nicht rein.“
„Makoto sagte, es gibt noch einen kleinen Bruder. Er ist erst sieben Monate alt und müsste im Bettchen schlafen. Er hat vergessen ihn zu erwähnen. Vor seinem Gehen habe er dem Baby aber noch eine Flasche gemacht und sie neben ihn gelegt, falls er wach wird und sein Vater es nicht hört. Und er ist jetzt schon zwei Stunden weg.“
„Du meine Güte. Das geht ja gar nicht. Hätte er das nicht gleich sagen können? Dann wären wir gleich los.
Also es macht hier niemand auf und da es eine Mauer gibt mit Sicherheitssystem, werden wir hier garantiert nicht einsteigen. Wir werden die Polizei rufen müssen. Wir wissen ja nicht was los ist.“ Makoto hörte mit und sprach ins Telefon.
„Es tut mir leid. Ich wusste doch noch nicht wer ihr seid und ob ich euch vertrauen kann. Gebt in den Alarmfeld folgenden Code ein, dann kommt ihr rein, ohne Alarm auszulösen. Die Hunde werden auf meine Stimme hören, wenn ihr mich am Telefon lasst. Also wenn die Tür aufgeht und ihr sie hinter euch schließt, dann kommen zwei große Hunde. Sagt denen meinen Namen und legt das Handy auf den Boden vor eure Füße. Dann wissen sie Bescheid. Das ist ein Code.“
Die Männer machten sich auf und es lief genauso wie der Junge sagte. An der Tür wurde nochmal geklopft und gerufen, aber es tat sich nichts. Sie gaben einen weiteren Code ein und die Haustür öffnete sich. Im Haus sahen sie sich um. Es schien erstmal alles ruhig zu sein. Sie riefen erneut höflich nach dem Vater, aber es kam keine Antwort.
„Was nun? Kleiner? Wo geht’s zum Kinderzimmer vom Baby?“, war Georg ernst am Handy. Der Weg wurde beschrieben und das Baby lag noch ruhig im Babybettchen und schlief.
„Gut, dem geht’s gut. Das ist sicher. Die Flasche hat er noch nicht angerührt, würde ich sagen. Martin, du bleibst erst einmal hier vor dem Schlafzimmer. Ich klopfe jetzt und schau ob er wach wird. Du wartest erstmal. Ich will ihn auch nicht gleich erschrecken, wenn wir da zu zweit stehen.“
„Gut, solange ich nicht zu den Viechern da unten muss. Hunde kann ich ja gar nicht leiden.“
„Echt? Ich dachte du warst dir nur nicht sicher. Die sind gut erzögen, mach dir keine Gedanken darüber.“
„Das sind Tiere, was weiß ich schon was die machen?“
„Na nichts, weil sie nun wissen, dass wir Freunde sind.“
„Kennst du dich mit sowas aus?“
„Ja, so nun leise.“
Er klopfte leise, dann etwas lauter. Keine Reaktion. Dann öffnete er die Tür und sah vorsichtig hinein. Auf dem Bett lag ein Mann in seinem vornehmen Anzug auf dem Bauch liegend. Das Zimmer war normal aufgeräumt und auf dem Nachttisch stand eine große Flasche Sake.
‚Das erklärt schonmal den Gestank. Das hat der Kleine gemeint.‘ Er ging auf das Bett zu und blieb vor dem Nachttisch stehen und sah zu dem Japaner herab. Er kontrollierte die Fülle der Flasche, sie war leer und etwa ein Liter groß.
Dann trat er plötzlich auf etwas, was knisterte und raschelte. Unter dem Bett war etwas, also hockte er sich hin und hob die Decke an. Mit Entsetzen fand er eine große Packung Tabletten. Es waren bestimmt zwei Packungen von dem Hunderterset leer. Also so an die zwanzig Tabletten wurden vermutlich genommen. Dann sah er nochmal genauer auf den Nachttisch und sah sich das Glas genauer an. Es waren noch kleine weiße Spuren im Glas, das konnte niemals vom Sake kommen. Sein Puls stieg enorm an und er berührte den Mann auf dem Bett und drehte ihn so, dass er sein Gesicht sehen konnte. Er war blass, hoch temperiert und hatte etwas erbrochen. Er versuchte ihn wachzurütteln, aber keine Reaktion. Sofort legte er das Handy auf. Nicht, dass am anderen Ende der Kleine etwas mitbekam.
„Martin, komm sofort her. Kennst du dich mit Tablettenvergiftung aus? Erste Hilfe?“ Martin stürmte ins Zimmer und erschrak.
„Nein, nur Erbrechen, aber das hat er wohl schon. Was sagt sein Puls?“ Er kontrollierte diesen so gut er in seiner Aufregung konnte, er war schon flacher als gewöhnlich und griff dann zum Telefon und wählte den Notruf.
„Die Kollegen sind unterwegs. Was hat er genommen?“
„Das kann ich leider nicht lesen, es ist alles auf Kanji. Die Packung ist weiß, von der Firma mit der Krähe und hier ist sowas wie eine Nummer zu sehen. Vielleicht hilft das?“
„Ja, das ist ein Code. Sagen Sie an.“ Er gibt es durch und folgt den Anweisungen des Notdienstes. Es waren starke Schlaftabletten.
„Informieren Sie auch die Polizei, es werden zwei Personen vermisst. Eine Frau, die Frau des Patienten und der jugendliche Sohn, sechszehn Jahre alt.“
Die goldene Spange Teil VI oder Die Falle
Kapitel 143
Die goldene Spange Teil VI oder Die Falle
Georg rief Tina an. Sie nahm überrascht ab.
„Und? Was wisst ihr?“
„Geh ins Schlafzimmer und schließ die Tür.“, sprach er sehr ernst.
Zeitgleich stand Makoto auf und wollte ihr folgen.
„Es ist was passiert. Warum geht sie weg? Dein Mann hat einfach aufgelegt, als er Papa gefunden hat.“
„Warte! Was auch immer ist, bleib hier bei mir und trinke deinen Kakao aus. Du kannst doch sowieso nichts helfen. Wenn sie deine Hilfe brauchen, werden sie sich melden.“ Er blieb im Flur stehen und sein Puls stieg an.
„Verdammt. Irgendwas ist passiert. Ich hätte zu Hause bleiben sollen.“, knurrte er plötzlich, drehte sich zu ihr und kam mit gesenktem Kopf wieder zu ihr zurück.
‚Es nervt so sehr so klein zu sein. Nie kann ich helfen. Sie hat ja Recht.‘ Er setzte sich wieder an den Tisch und griff sofort nach seinem Fuchs und fing an mit ihm etwas zu spielen und ihn zu streicheln. Gesine setzte sich ihm gegenüber und trank ihren Kakao.
„Erzähl mal, wie war dein Tag? Es lenkt sicher etwas ab oder es kann uns helfen deine Mama oder deinen Bruder zu finden.“
„Was soll da helfen?“
„Vielleicht gibt es einen Hinweis wo sie sein könnten. Manchmal sieht man selbst nicht alles oder du als Kind kannst es nicht erkennen und deuten. Das könnte doch möglich sein.“
„Ach so. Das kann natürlich sein.
Also der Tag ging ganz normal los. Ichiro war jedoch seit Langem mal richtig gut gelaunt. Er hatte gut geschlafen und war gestern Abend schon super drauf und wir haben zusammen Karten gespielt. Dann gingen wir zur Schule und er brachte mich zu meinem Gebäude vom Schulcampus. Wie immer eigentlich. Wir haben es nicht weit. Früher hat uns Papa gefahren, aber seine Zeit ließ es nicht mehr zu und dann hatte er einen Fahrdienst organisiert, aber ich wollte das nicht mehr. Die paar Meter, ist ja Quatsch.
Naja, jedenfalls kam er gestern Abend fröhlich nach Hause und wir spielten wieder Karten und gingen wie immer schlafen.
Dann wachte ich wie gesagt nachts auf, weil ich auf Toilette musste und stellte fest, dass Mama immer noch nicht da war. Den Rest kennst du schon.“
„Hm, aber du sagtest vorhin, dass dein Vater traurig heimkam. Wie war das denn?“
„Naja, wir spielten wie gesagt Karten und er kam dann wie immer von der Arbeit. Jedoch etwas später als sonst. Etwa eine Stunde später. Dann grüßte er nur und ging gleich ins Büro und sah Fern. Ich ging dann ins Bett. Gegessen hatten wir schon. Das war es. Bestimmt haben sich die beiden noch unterhalten. Das machen sie in der Regel, wenn ich ins Bett gegangen bin. Sich unterhalten oder einen Film ansehen.“
„Hm, also ging es beiden gut, nur dein Vater war traurig? Wie machte sich das denn bemerkbar? Was war anders als sonst?“ während er den kleinen Plüschfuchs streichelte und ansah berichtete er weiter.
„Na ja, Mama ist morgens nicht beim Frühstücken dabei. Das ging jetzt schon gut seit einem Monat so. Sie war nur noch arbeiten und kam dann erst spät. Vater war immer lange wach, auch um auf sie zu warten. So wie an diesem Abend eben auch.“
In diesem Moment stand Tina in der Tür.
„So, ich störe ungern. Dem Baby geht es gut. Makoto, dein Vater ist inzwischen aufgewacht. Das ist ein sehr gutes Zeichen. Verrat uns schnell was ihr mit den Hunden macht, wenn Rettungsdienste kommen? Da dein Bruder und deine Mama immer noch nicht da sind, mussten sie Notarzt und Polizei rufen. Sie treffen jeden Moment ein. Vater will die Hunde sichern.“ Er griff nach dem Handy in ihrer Hand.
„Geht’s ihm gut?“
„Die Hunde, Kleiner. Das geht jetzt vor.“, kam ein strenger Ton von Georg.
„Du musst im Kühlfach zwei große Stücken Fleisch nehmen und sie in den Zwinger bringen und in die Näpfe legen. Sie werden dir dann folgen, spätestens, wenn sie die Sirenen hören, kommen sie in den Zwinger und bleiben auch dort. Schließ dann einfach ab. Den Zwinger hast du sicher gesehen, er steht gleich unter dem Küchenfenster.“, erklärte er und gab das Handy zurück.
„Wie geht’s ihm denn nun?“, fragte er dann forsch. Tina legte auf und wand sich dem Jungen zu.
„Er hatte neben der Flasche Sake noch Schlaftabletten genommen. Aber zum Glück nicht zu viel. Die Männer haben ihn mit kaltem Wasser endlich wecken können. Sie halten ihn jetzt wach, damit er nicht wieder einschläft, bis der Notarzt da ist. Wie viele es waren und wie stark die sind, wissen wir ja nicht. Ich gehe mal davon aus, dass er ins Krankenhaus muss, eventuell Magen auspumpen. Aber er wird wieder. Solange er wach ist, alles wird gut.“, erklärte sie ernst und beruhigte ihn aber auch gleich. Er atmete tief durch und trank einen Schluck von seinem Kakao. Makoto konnte dazu nichts sagen. Sein Herz schlug dafür zu doll und Angst machte sich in ihm breit.
‚Papa, was ist denn los? Warum machst du das? Du hast nie etwas getrunken, um einzuschlafen.‘ Er stellte die Tasse zur Seite, versuchte sich seine Angst nicht anmerken zu lassen und griff nach seinem Fuchs. Der Junge legte seinen Kopf auf ihn auf den Tisch und es kamen ihm dann doch ein paar Tränen. Sein Blick war zur Wand gerichtet.
„Was weißt du darüber? Hat er abends immer Tabletten benutzt, um einzuschlafen?“
„Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Ich habe im Schlafzimmer nichts zu suchen.“, brummte er wieder und schniefte dabei. Er machte sich große Sorgen um seine Familie.
„Wie ging es denn deiner Mutter in den letzten Tagen? Du hast vorhin erwähnt, dass es deinem Vater komisch ging und deine Mutter nur noch arbeiten geht.“
„Da weiß ich nichts. Ich habe sie ja kaum noch gesehen. Sie kam nachts nur kurz rein und weckte mich, um mir Gute Nacht zu sagen. Da war sie wie immer fröhlich und lieb.“
„Und wie war das früher, wo alles normal lief? Also bevor deine Mama so viel arbeiten war?“
„Ganz normal eben, wir haben morgens gefrühstückt und am späten Nachmittag kam sie heim, genauso wie Papa. Wir konnten noch spielen oder fernsehen. Und am Wochenende haben wir immer was unternommen. Das haben wir auch schon lange nicht mehr. Ständig ist sie arbeiten.“ Tina setzte sich neben ihn und nahm ihre Tasse.
„Was arbeiten deine Eltern denn?“, fragte Gesine liebevoll.
„Papa hat eine Spedition und ganz viele LKWs und Container für die Waggons auf Güterzügen. Und Mama hat mit ihrem Bruder zusammen eine Bank. Die haben sie vor meiner Geburt neu gegründet.“ Tina schaute zu ihrer Mutter und sprach sie auf Russisch an.
„Und ich habe schon an was ganz anderes gedacht. Es geht scheinbar um die Arbeit, sonst wäre das Wochenende normal. Du warst auch immer am Wochenende da und wir haben viel unternommen.“ Sie stieg darauf ein und antwortete ebenso auf Russisch.
„Das stimmt, ich habe tatsächlich wirklich zuerst an was anderes gedacht. Das klang so, lange arbeiten und nur noch kurz Zeit für die Kinder.“
„Jo, dachte ich auch, der Klassiker. Wer weiß was da so für gutaussehende Männer in der Bank arbeiten, man weiß ja nie. Sie ist bestimmt auch sehr hübsch.“, grinste Tina und trieb es auf die Spitze. Ihr Gedanke war es aber tatsächlich zuerst. Plötzlich richtete sich der Junge auf und sah die beiden zornig an.
„Niemals!! Mama würde niemals bei einem anderen Mann sein! Sie liebt Papa!“, war er laut und sprach plötzlich auch Russisch. Die Füchsinnen sahen sich grinsend an.
„So so, das ist eine wichtige Information, kleiner Mann.“, gab Tina dann zu verstehen. Er sah sie verdutzt an.
‚War das eine Falle? Verdammt. Die sind gut.‘
„Welche Sprachen sprichst du noch? Deutsch verstehst du scheinbar auch.“, lächelte Tina ihn an.
„Nur weil ich Russisch spreche, heißt das doch lange nicht, dass ich Deutsch kann.“, meinte er skeptisch auf Japanisch.
„Also Martin hat vorhin nichts vom Stehlen gesagt oder dich als Dieb bezeichnet. Das warst du selbst. Er hat nur gesagt, dass er dich im Auge behält.“ Er legte seinen Kopf wieder auf den Tisch und kuschelte sich an den Fuchs.
„Tut mir leid. Du hast Recht. Ich spreche bereits zehn Sprachen. Während andere sich mit langweiligen Zahlen beschäftigen, lerne ich eben lieber sowas. Das ist viel spannender. Ich finde es aufregender den Menschen zuzuhören, als irgendwelche Formeln zu entwickeln. Alleine sein mag ich schonmal gar nicht. Deswegen wollte ich auf die Musashi, wegen der Sprachen und wegen Misugi. In so einer Besonderen-Schule wollen immer alle Mathematiker aus einem machen und ich finde das total langweilig. Ich wollte damals am liebsten gleich in Misugis Klasse, aber mehr als zwei Klassenstufen durfte ich nicht vorrücken. Das würde die homogene Altersstruktur durcheinanderbringen, meinten die.“
„Ich verstehe. Sowas in der Art habe ich mir schon gedacht. Ich bin auch der Sprachen wegen auf der Musashi.“ Der Junge schwieg eine Weile und dann richtete er seinen Kopf wieder auf, hielt sich die Hand vor den Mund und gähnte.
„Wo schlafe ich eigentlich? Und was ist mit der Schule morgen? Oder sollte ich lieber sagen, heute?“
„Du solltest hierbleiben und ausschlafen. Es würde ohnehin nichts bringen so müde und voller Sorgen in die Schule zu gehen.“, beschloss Gesine.
„Und wer sagt der Schule Bescheid?“
„Ich denke mal da wird sich was finden. Da mache dir mal keinen Kopf. Im Notfall mache ich das selbst.“, sprach Tina einfühlsam.
„Okay, wenn du dann in der Schule bist, kannst du dort nach Ichiro schauen? Vielleicht ist er nur über Nacht weg und geht aber zur Schule. Seine Schultasche war weg.“, meinte er dann. Die Frauen sahen sich verdutzt an.
„Wie jetzt? Er ist mit Schultasche los?“
„Ja, habe mich auch gewundert. Ich dachte er sucht Mama. Sein Handy hat er auch mit, aber es ist aus. Mamas Handy ist an, aber sie geht nicht ran.“
„So ein Detail ist sehr wichtig. Du meine Güte.“, haute Tina plötzlich heraus und griff sofort zum Handy. In diesem Moment bekam sie einen Anruf rein. Es leuchtete eine unbekannte Nummer auf.
Etwa fünfzehn Minuten zuvor kam auf dem Revier 18 der Code 13 und alle versammelten sich und hörten dem Revierleiter zu.
„Wir haben zwei Vermisste. Mutter, fünfzig Jahre alt und Sohn, sechszehn Jahre alt. Sie könnten getrennt wie auch gemeinsam unterwegs sein. Das ist noch unklar.“, kam als große Information und die bekannten Informationen wurden an alle weitergegeben und die Leitung übertrug er seinem besten Mann und seinem neuen Lehrling.
„Saito, Sie schnappen sich Ihre Rekrutin und fahren zum Wohnhaus der Familie. Der Vater wird aktuell ins Krankenhaus gebracht, Verdacht auf versuchten Suizid. Die Männer, die ihn gefunden haben, sind noch für Fragen vor Ort. Die Familie hat drei Kinder. Das Baby ist im Haus, ihm geht’s gut und der mittlere Sohn soll bei Freunden sein, welche nun gerade vor Ort sind. Sie sorgten sich und waren zur Kontrolle im Haus.“, sprach er den Kommissar an und gab ihm die Akte mit den Daten in die Hand.
„Kommissar, den Jungen kennen wir doch.“, sprach sein Lehrling gleich aus, als sie den Namen und die Adresse gelesen hatte.
„Wohl wahr, holen Sie mir sofort seine Anzeige.“, befahl er und sie ging sofort ins Büro und organisierte sie.
‚Oh, das ist ja interessant.‘, grinste er plötzlich, als er die zweite Seite las und klappte die Akte zu. Natürlich kamen ihm die Namen der Zeugen bekannt vor. Sein Vorgesetzter wunderte sich nur, beließ es aber dabei. Er kannte seinen Besten und wenn er ihm etwas mitzuteilen hatte, dann tat er es in der Regel auch. Auf ihn war immer Verlass.
Kaum kam die junge Polizistin aus dem Büro, warf Saito einen Blick in die Akte und drückte der Frau neben sich den Autoschlüssel in die Hand.
„Sie fahren heute.“
Kurz darauf saßen sie schon im Polizeiauto und fuhren los. Takeru griff zum Handy und rief die Streife vor Ort an.
„Kommissar Saito, gut, dass Sie den Fall übernehmen. Wir können aktuell bei den Vermissten noch keine Straftat ausschließen.“
„Lassen Sie sich von den Zeugen eine Nummer geben, damit ich bei ihnen zu Hause anrufen kann, um die Anwesenheit des Jungen zu bestätigen. In diesem Fall übernehme ich die Kontrolle wie es dem Kind geht. Das machen wir nachdem wir im Haus alles geklärt haben.“
„Sollten wir nicht sofort eine Streife hinschicken?“, wunderte sich die Kollegin. „Stellen Sie neuerdings meine Anweisungen in Frage?“, kam streng zurück.
„Nein, Sir.“ Die Beamtin vor Ort ließ sich von Georg eine Handynummer geben und gab sie dann weiter.
„Wir sind gleich da.“ Er wählte sie sofort und es wurde sich mit einer netten zarten Stimme gemeldet.
„Guten Tag, wer ist da bitte?“
„So so, man meldet sich natürlich mit Bedacht. Ich habe schon damit gerechnet, dass ich nicht mit Ihrer Mutter telefonieren werde.“, kam es keck zurück.
„Herr Kommissar. Jetzt bin ich aber gespannt. Wo haben Sie meine Nummer her?“
„Ihr Vater hat sie meinen Kollegen gegeben. Ist der kleine Makoto wirklich bei Ihnen?“
„Ja, er ist hier. Sie sind für den Fall zuständig?“
„So ist es. Dass wir uns heute ein zweites Mal begegnen, hätte ich nicht gedacht. Warnen Sie ihren Vater gerne vor.“
„Das muss ich nicht. Er wird es sich denken.“
„Sagen Sie mir jetzt aber nicht, Sie sind wirklich mit dieser Familie befreundet?“
„Das stimmt, aber anders erklärt sich Makotos Anwesenheit und der Kontrollgang von Vater und Martin in seinem Haus nicht. Was wird jetzt? Und vor allem mit dem Baby?“
„Wir sind noch unterwegs. Ich melde mich von dort aus. Bis dahin. Ich muss nur wissen, ob der Kleine in guten Händen ist, das reicht mir vorerst. Wir werden nachher vorbeikommen, für das Protokoll.“
„Kommissar, wichtige Info: Der Kleine hat uns eben erst erzählt, dass der Bruder mit Schultasche weg ist. Sein Handy ist aus und die Mutter geht nicht ans Handy. Außerdem geht der Junge auf meine Schule, er ist eine Klasse über mir und auf der Notenliste auf Platz vier, also ein kluger Bursche, nur etwas schüchtern, wie ich ihn bisher beobachten konnte.“
„Danke für die Infos. Rufen Sie an, wenn es neue Infos gibt.“, legte er einfach auf. Tina stutzte und sah ihr Handy verwundert an.
„Äh, einfach aufgelegt. Ich war noch gar nicht fertig.“
„Bettina, wer war das? Etwa dieser Kommissar?“ Sie drehte sich zu ihr um.
„Ja. Aber eine andere Nummer. Naja egal jetzt. Er ermittelt in diesem Fall und hat natürlich nach dem Jungen gefragt.“
„Kommissar Saito, mit wem haben Sie telefoniert? Kennen Sie etwa die Männer, die dort im Haus sind?“
„Kennen ist vielleicht das Falsche Wort. Wir sind uns bereits begegnet.“ Sein Handy klingelte. Er erkannte die Nummer.
„Jetzt schon neue Infos?“
„Nein, aber Sie haben einfach aufgelegt. Ich war noch nicht fertig.“ Sie erzählte ihm schnell das was der Junge über seine aktuelle Familiensituation berichtete und er bedankte sich natürlich, denn die Infos waren sehr hilfreich.
Zeitgleich traf Takeru vor dem Tor der Villa ein. Das Tor wurde geöffnet und sie konnten auf das Grundstück fahren. Es waren bereits drei Streifen anwesend. Vier Beamte durchsuchten das Haus nach Hinweisen, um die Vermissten zu finden und die anderen beiden blieben bei Georg, Martin und dem Baby. Nebenbei sahen sie sich im Baby-Zimmer und im Schlafzimmer um.
Takeru und seine hübsche Auszubildende kamen die Treppe rauf und die junge Frau an seiner Seite staunte nicht schlecht, als sie Martin erblickte.
‚Das ist ja interessant. So schnell sieht man sich wieder. Wie kommt es, dass er mit dieser Familie zu tun hat? Jetzt weiß ich was mein Ausbilder meinte, dass er den beiden bereits begegnet war.‘ Es wurde sich kurz begrüßt.
„Herr Fuchs, Herr Müller, meinen Informationen zufolge ist der mittlere Sohn bei Ihnen. Ich habe bereits Ihre Familie erreicht und es bestätigen lassen.“
„Meine Frau und meine Tochter passen auf Makoto auf.“, war Georg ernst.
‚Als die Beamtin mich nach der Telefonnummer fragte, kam mir das gleich so komisch vor. Dann ist die junge Frau neben ihm sicher seine Auszubildende. Martin scheint sie zu mögen, sagte Bettina. Er habe ihr seine Telefonnummer gegeben. Sie spricht ebenso viele Sprachen. Das ist interessant.‘
„Kommissar Saito, wir haben etwas gefunden! Das sollten Sie sich ansehen!“, war plötzlich eine dunkle Stimme eines Streifenpolizisten zu hören.
„Ich bin sofort da.“ Er gab der jungen Kollegin ein Handzeichen und folgte dem Mann, der ihn gerufen hatte und ging ins Jugendzimmer von Ichiro.
„Während die Kollegen hier alles durchsehen und die anderen nach den Vermissten suchen, können wir auch runter in das Wohnzimmer gehen. Sie müssen nicht mehr hier oben im Baby-Zimmer stehen. Die Kollegin wird sich um den Kleinen kümmern, sollte er aufwachen. Sie hat selbst ein Baby und wird wissen was sie tut.“, sprach sie ernst und höflich zu den Männern. Sie gab den Kollegen ebenso ein Zeichen und verließ mit den beiden das Zimmer. Martin wollte ihr aus Gewohnheit natürlich den Vortritt an der Treppe lassen, jedoch schritt sie höflich ein und sah zu ihm auf. Ihre Blicke trafen sich kurz und ihre Herzen schlugen etwas schneller, jedoch konnten beide cool bleiben und es niemanden anmerken lassen.
„Das ist nett gemeint, aber Sie gehen vor und ich behalte den Überblick.“ Somit gingen die Männer hinunter zum offenen Wohnbereich und stellten sich mit dem Rücken ans bodentiefe Fenster.
„Was wissen Sie über die Familie?“, begann sie ernst mit ihren Fragen und holte ihr Notizblock raus und sah zuvor nochmal kurz in die Akte.
„Wir wissen gar nichts über diese Familie. Wir sind dem kleinem Makoto vorhin erst begegnet.“ Sie war erstaunt und sah Georg verwundert an.
„Wie meinen Sie das? Meinen Kollegen gegenüber haben Sie behauptet Freunde der Familie zu sein.“ Ihr strenger Blick war auch auf Martin gerichtet.
‚Dieser Wahnsinnsblick. Sogar streng sieht sie so hübsch aus.‘, ging ihm in dem Moment durch den Kopf.
„Das Eine muss ja das Andere nicht ausschließen. Sagen wir es so; der Junge vertraut uns und wir freunden uns an. Er war in Not und wir helfen. Das ist alles.“, erklärte Martin dann fest überzeugt. Georg grinste plötzlich trotz der Anspannung im Raum, er hatte nicht damit gerechnet, dass Martin sich überhaupt äußern würde. Und dann bezeichnete er das Kind plötzlich als seinen Freund.
„Besser hätte ich es nicht sagen können, Frau Arai. Oder wie spreche ich Sie richtig an?“, sprach Georg sie an.
„Oh, das passt schon. Noch bin ich in der Ausbildung. Und so sind wir schon bei den Namen. Sie sprechen gerade mit dem dritten Ausbildungsjahrgang Mila Arai.
Ich muss nochmal die Daten abgleichen, ob meine Kollegin alles richtig notiert hat. Sie wissen ja, doppelt hält besser.“ Sie sah wieder zu Georg.
„Sie sind Herr Georg Erich Fuchs, im August hergezogen, Wohnhaft Tokio unter folgender Adresse?“ Er nickte ab.
„Stimmt alles.“ Dann wand sie sich Martin zu und wiederholte die Fragen.
„Herr Martin Müller, ebenso Wohnhaft selbiger Adresse. Sind das zwei Wohneinheiten oder sind Sie miteinander verwandt?“
„Wir wohnen aktuelle noch in derselben Wohnung. Ich bin leider noch auf Wohnungssuche. Wir sind nicht verwandt.“
„Herr Müller ist ein Freund der Familie, genauer gesagt ein Freund meines Schwagers.“
„Warum sind Sie nach Japan gezogen? Als Berufe haben Sie, Herr Fuchs, Rechtsanwalt und Bäcker angegeben. Wie ist das zu verstehen?“
„Ich bin Rechtsanwalt, darf hier aber als Solcher nicht arbeiten. Aktuell wird eine Gaststätte mit einer Bäckerei gebaut und dort werde ich dann mit meiner Frau zusammen als Selbständige arbeiten. Sie als ausgebildete Hotelfachfrau wird das Unternehmen mit ihrer kaufmännischen Ausbildung leiten und ich werde die Backstube führen. Also mache ich nun aus meinem Hobby einen Beruf. Ich bin neben dem Studium und danach in die Bäckerlehre gegangen und habe dementsprechend einen Abschluss, der hier als Handwerk anerkannt wird. Wir sind hergezogen, um dieses Unternehmen aufzubauen und die deutsche und europäische Kultur herzubringen.“
„Und Sie Herr Müller? Hier steht, Sie arbeiten als Fitnesstrainer in einem Fitnessstudio? Welchen Beruf genau haben Sie?“
„Ich habe Sportwissenschaften studiert und bin hier, um meine Fähigkeiten zu verbessern und Erfahrungen in japanischen Kampfkünsten zu sammeln. Neben dem Studium habe ich Trainerscheine für die Begleitung für Krafttraining gemacht. Da ich das spezialisieren möchte arbeite ich seit vier Wochen neben der Weiterbildung wieder in einem Studio. Aktuell nur als Sicherheitspersonal.“
„Sie sind dann aber ohne richtige Anstellung hergekommen? Ausländer dürfen nur mit nachgewiesenem Arbeitsplatz einwandern. Das klingt nicht danach.“ Georg brachte sich ernst ein.
„Herr Müller hat seit der Ankunft einen festen Job. Statt zum Grundwehrdienst zu gehen, macht er Zivildienst und passt auf meine Tochter auf. Seine Arbeitszeiten sind ihren Schulzeiten angepasst. Vertraglich ist er bei der Bundeswehr und mir als Auftraggeber angestellt. Der Vertrag läuft noch einige Monate. Danach ist seine Weiterbildung abgeschlossen und er kann im Studio offiziell voll arbeiten. Aber sagen Sie das nur nicht meiner Tochter, die geht gleich an die Decke, wenn sie das erfährt.“, grinste er dann. Sie konnte sich selbst das Grinsen nicht verkneifen.
„Das kann ich mir gut vorstellen. Dann sind Sie sozusagen als Personenschützer bei Herrn Fuchs angestellt? Und das läuft über die Deutsche Bundeswehr?“
„Genau.“ Derzeit kam der Kommissar die Treppe herunter. Sein Handy klingelte und er ging ran. Mit einem ernsten Gesicht legte er wieder auf und sprach Frau Arai an.
„Sie müssen für mich die Fahrzeuge und die Garage kontrollieren. Nehmen Sie sich Kollegen B mit, er ist auf Fahrzeuge spezialisiert und kann Ihnen bei der Kontrolle helfen.“, befahl er ihr bestimmend aber freundlich.
„Sir!“, kam als Antwort und schon übergab sie ihm ihre Notizen und ging zu einem Kollegen, welcher etwa so alt war wie Takeru. Er hatte den Rang eines Polizeihauptmeisters und stand kurz vor seiner Beförderung zum Kommissar. Er kam in diesem Moment gerade aus dem Gästebad und machte sich Notizen. Arai sprach den Vorgesetzten an und sagte ihm was der Hauptkommissar angeordnet hatte.
Noch immer am Fenster stehend sprachen Georg und Martin mit Saito darüber, dass sie der Junge sie durch das Eingangssystem gebracht hatte. Plötzlich blickte Martin skeptisch auf und machte einen kleinen Schritt vor. Sein Blick war auf Mila gerichtet. Irgendetwas sagte ihm, dass da was nicht stimmte. Auch Georg setzte einen skeptischen Blick auf. Seine linke Hand, welche zu ihm gerichtet war, spreizte kurz den kleinen Finger. Martin verstand das Zeichen und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Saito hingegen sah ihn dann streng an.
„Was haben Sie gesehen?“, sprach er ihn leise an.
„Ich…ich weiß nicht. Vielleicht täusche ich mich auch.“
„Beschreiben Sie einfach was Sie denken und gesehen haben. Vielleicht ist es richtig.“
„Hm. Frau Arai ist hier die rangniedrigste Person, warum geht sie dann voran? Ich kenne es eher so, der Ranghöchste geht voraus und das Gefolge hinterher. Das wäre bei uns so. Und da wir uns heute schon begegnet sind habe ich das auch so beobachtet. Bei Ihnen ist es genauso. Sie gehen immer voran und Ihre Kollegin hinterher. So war es bisher bei den anderen Kollegen hier auch die ganze Zeit. Aber jetzt lässt er sie vorgehen. Da stimmt doch etwas nicht.“ Der Kommissar grinste.
„Sie haben Recht. Das ist seltsam, aber Sie haben noch etwas anderes gesehen. Was war das? Was hat Sie dazu veranlasst reagieren zu wollen?“ Martins Augen verschmälerten sich.
„Als sie ihn angesprochen hatte war er sehr freundlich und lächelte dabei. Und dann hatte sie wiederum einen skeptischen Blick. Und nun irritierte mich sein Blick und seine Körperhalten, als sie sich umgedreht hat und er ihr hinterher sah.“
„Sie glauben also, er habe keine netten Absichten zu ihr so freundlich zu sein?“
„Gehen Sie jetzt hinterher?“, war er stutzig und sah ihm ernst in die Augen.
„Herr Müller, Sie müssen sich darüber keine Gedanken machen. Das Ganze ist ein Test. Ein Test für beide. Der Polizeihauptmeister ist in meinem Alter und steht kurz vor der Beförderung als Kommissar. Bisher war er auf mehreren Revieren und er kam Anfangs sogar aus der Provinz. Man hat mir den Mann für eine Weile unterstellt, damit ich ihn mir menschlich wie auch fachlich ansehe. Nun hat es sich ergeben, dass er hier ist.
Bei Frau Arai ist es ähnlich. Innerhalb der letzten zwei Jahre hat sie bereits fünf Mal das Revier gewechselt. Das ist außergewöhnlich für eine Polizeianwärterin. In der Regel bleiben die Rekruten im selben Revier oder wechseln höchstens einmal, um auch andere Erfahrungen zu machen. Da ich meinem letzten Rekruten gebeten habe sich einen anderen Job zu suchen, da er nicht für die Polizei taugte, kam sie nun zu mir. Sie hatte sich von sich aus in meinem Revier vorgestellt und wollte diesen Platz nun abdecken.
Ich bin gespannt wie gut die beiden auskommen werden. Ich habe da so meine Vermutungen.“
„Ein Test? Ich weiß ja nicht. Sie lassen die beiden bewusst alleine?“, brachte sich Georg ein. Wieder grinste Saito.
„Im Gegensatz zu dem Hauptmann B weiß ich wer Frau Arai ist. Die kurze Zeit, die wir bisher miteinander zusammen unterwegs waren hat mir viel verraten. Sie wird eine hervorragende Polizistin und hat jetzt bereits das Talent auch bis zum Kommissar oder weiter aufzusteigen. Fachlich ist da gar nichts auszusetzen. Arai ist die beste Ihres Jahrgangs und zwar auf jeder Hinsicht. Sie hat nur ein einziges Problem.“, erklärte er leise. Es war weiter niemand im Raum, alle waren oben oder auf dem Hof beschäftigt.
„Was denn für ein Problem?“, wunderte sich Martin.
„Das was immer ein Problem ist, wenn man in einem Beruf einer Männerdomäne mitspielen will. Sie ist eine Frau und sie ist sehr hübsch. Und Ihre Beobachtung eben, die sagt mir nur, dass der Kollege das Problem ist, nicht sie. Solche Leute gibt es überall, aber nicht unter mein Kommando. Er traut sich jetzt so eine Show nur, weil ich es nicht sehen konnte und weil die beiden alleine im Flur waren.“ „Und warum lassen Sie die beiden jetzt trotzdem alleine, obwohl Sie wissen was sein könnte?“
„Ich für meinen Teil würde mich lieber nicht mit ihr anlegen. Frau Arai stammt aus einer Familie, die traditionell noch Karate beherrscht und eine Schule hat. Sie ist schon seit sie siebzehn ist, Meisterin und unterrichtet mit ihrem Vater und Brüdern zusammen im Dojo. Sagen wir es so…“, er drückte den Kugelschreiber zu.
„…sie nutzt es aus, dass es keiner soweit weiß, außer unser Revierchef und ich als ihr neuer Ausbilder. Wenn hier also irgendjemand am Ende eine Beule hat, dann nicht sie.“, schmunzelte er.
Die goldene Spange Teil VII oder Martins Fehler
Kapitel 144
Die goldene Spange Teil VII oder Martins Fehler
Nachdem im Elternhaus des Jungen alles soweit geklärt wurde, gingen die beiden Zeugen, Saito, Arai und die Kollegin, welche selbst vor Kurzem Mutter wurde und vor ihrer Polizeiausbildung bei einer Adoptionsvermittlung gearbeitet hatte, zu den Streifenwagen und verteilten sich auf zwei Fahrzeuge. Es wurden ein zweiter Fahrer organisiert und sie stiegen ein. Saito mit Martin und Arai als Fahrerin in Saitos Wagen. Georg fuhr mit der anderen Kollegin und dem Fahrer zusammen dem anderen Wagen hinterher zu sich nach Hause. Auf dem zweiten Sitz neben ihm wurde das Baby in einer Babyschale platziert und angeschnallt. „Herr Fuchs, wir müssen nur schauen ob es dem Jungen gut geht und ob er bei Ihnen bleiben will. Wenn wir Sie offiziell als Freunde der Familie betrachten, ist das mal eine Ausnahme, denn solange der Vater nicht ansprechbar ist und im Krankenhaus liegt, wird es schwer. Laut unseren Informationen gibt es weiter keine Verwandten außer den Bruder der Mutter und dieser ist ebenso nicht zu Hause und unerreichbar.“
„Kein Problem. Wir helfen gerne, wir müssten dann nur etwas Platz für die beiden schaffen. Unsere Wohnung ist aktuell etwas klein, da wir einer zu viel sind. Und wenn meine Frau den Kleinen erstmal sieht, dann wird sie sich sicher gerne um ihn kümmern.“
„Es ist ja nur für höchstens drei Nächte. Bis dahin haben wir garantiert eine Lösung gefunden und ohne rechtliche Zustimmung geht es nicht länger. Wir müssen erst einmal sehen was überhaupt passiert ist und wo die Vermissten sind. Vielleicht klärt sich alles schnell auf.“ Georg lehnte sich etwas angespannt zurück und stöhnte etwas auf.
„Das hoffe ich auch. Aber viel Hoffnung habe ich da nicht. Für mich sieht die ganze Sache gar nicht gut aus. Wir können jetzt nur versuchen die Kinder etwas abzulenken und ihnen die Angst nehmen. Der Kleine hier bekommt nichts mit, außer, dass es was anderes ist. Aber Makoto scheint schon sehr viel zu verstehen. Er wirkte sehr angespannt und als wir ihn gefunden haben, hat er geweint. Er spielt es herunter, aber es war echt. Ich glaube er will schon groß sein und tut nur so, als würde es ihn nicht zu sehr mitnehmen.“
„Ich schau mal ob die beiden zusammenbleiben können. Wenn das Baby komplett nur bei Fremden ist, wäre es für ihn wirklich furchtbar. Lieber Fremde um ihn herum, wenn der Bruder dabei ist. Dann hat er eine vertraute Person an seiner Seite.“
„So sehe ich das auch. Wenn es doch nicht passen sollte, müssen beide sicher in irgendein Heim oder eine Fürsorge, oder?“
„Ja, leider. Je nachdem wie lange es dauert, kommen sie erstmal aufs Revier und werden von jemanden vom Amt betreut bis sich alles klärt. Dauert es zu lange kommen sie in eine Pflegefamilie oder ins Heim. Aber wir malen mal den Teufel nicht an die Wand. Der Vater lebt und wir werden abwarten was wird. So oder so muss der Vater, wenn er wieder soweit wach und nüchtern ist, ein psychologisches Gutachten machen lassen. Also da kommt er nicht drumherum. Man muss herausfinden was sein Zustand beim Auffinden wirklich zu bedeuten hatte. Das werden uns meist die Ärzte schon sagen können. Diese Packung Tabletten kann ja einfach nur ein Vorrat sein und es heißt nicht, dass er alle zwanzig Stück genommen hat. Meiner Meinung nach waren es nur ein paar, sonst wäre er nach so langer Zeit gar nicht erst wieder aufgewacht.“
„Das denke ich auch. Ich kenne die Dosis nicht. Aber Alkohol und Schlaftabletten können einen müden und erschöpften Mann richtig umhauen. Laut Makotos Aussage hin, hat sein Vater wohl eher weniger was getrunken. Er sagte, er kenne das nicht. Also wenn er es nicht gewohnt ist, wirkt das noch intensiver.“ Er sah nachdenklich aus dem Fenster und es begann erneut zu regnen.
„Das Wetter ist heute sehr ungünstig. Wir sind da. Hier das Hochhaus ist es.“, sprach Martin zur Fahrerin. Sie hielten auf einem Parkstreifen vor dem Haus und stiegen aus. Der Weg war nicht weit und da es nur normal regnete, wurden sie nicht zu sehr nass bis sie das Haus betraten. Der Kommissar war erstaunt, als er die Lobby betrat.
„Kein Empfang hier? Das ist aber außergewöhnlich.“
„Georg, äh, Herr Fuchs hat nichts anderes bekommen. Anfangs wohnten wir in einem Ferienhaus, aber dauerhaftes Wohnen ist dort natürlich verboten. Und Ausländer will kaum jemand aufnehmen. Offiziell waren wir ja für die Vermieter auch noch nicht in fester Arbeit.“
„Okay. Ist recht einfach gehalten. Wir warten jetzt auf die Kollegin und Herrn Fuchs. Die Kollegin schaut sich die Wohnsituation an und entscheidet für diese Nacht bzw. den ersten Tag ob die Kinder bei Ihnen bleiben dürfen. Um diese Zeit kommt auch niemand vom Jugendamt. Sie hat vor dem Polizeidienst in der Adoptionsvermittlung gearbeitet und ständig Haushalte geprüft. Daher wird ihre Meinung entscheidend sein.“
Nachdem Tina aufgelegt hatte, als der Kommissar mit ihr sprach, ging sie in ihr Zimmer und holte ihr Bettzeug, nahm Martins vom Schlafsofa und legte ihres darauf.
„Was meinst du, Großer? Du kannst hier im größten Raum schlafen. So sind wir alle um dich herum und du findest alleine auch schnell den Weg zum Bad.“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich schlafe viel lieber in deinem Zimmer. Das sieht viel gemütlicher aus.“ Tina war erstaunt.
„Du willst freiwillig in meiner kleinen Kammer schlafen? Ich habe nicht mal ein Fenster. Hier hast du eins und viel Platz und Luft.“
„Mir egal, ich schlaf doch nicht im Wohnzimmer.“, knurrte er und gähnte. Dann ging er zu ihrer Zimmertür.
„Das ist ausreichend. Mich stört es nicht, wenn kein Fenster ist. Im Gegenteil, dann weckt mich nachher nicht gleich die Sonne. Ich soll doch ausschlafen. Am Wochenende mache ich mir immer die Rollläden runter, dann ist es ganz dunkel und ich kann lange schlafen. Und du hast sogar ein paar Plüschtiere und schöne Poster. Und einen flauschigen Teppich. Der ist cool. Darf ich darauf schlafen?“, strahlte er sie an und legte sich gleich begeistert auf den Fußboden.
„Äh, ich weiß ja nicht. Wenn hier nachher jemand von der Jugendführsorge kontrollieren kommt, sieht das ja echt doof aus, wenn du auf dem Boden schläfst. Dieses kleine Zimmer und wir haben kein Futon und dann wirkt das ärmlich, weißt du? Ein Kind was auf dem Fußboden schläft, das geht nicht. Das sieht ja aus, als hätten wir kein Bett für dich.“, versuchte Tina ihm zu erklären.
„Glaubst du? Ich schlafe doch zu Hause auch auf dem Boden. Wir haben es auch wie ihr so westlich eingerichtet, aber ich falle immer aus dem Bett, weil ich so viel rumwühle. Besser ich liege gleich unten. Mama hat mir dann so einen Kuschelteppich geschenkt, weil ich das Futon nicht mag. Dann habe ich ganz viele Plüschtiere liegen und das ist fast wie bei dir.
Tina, fällst du denn nachts auch aus dem Bett? Hast du deswegen auch so einen Teppich?“ Der Puls der Jugendlichen stieg plötzlich etwas an und ihr wurde unwohl dabei, ehrlich auf seine Frage zu antworten. Immerhin stand ihre Mutter daneben und die sollte das doch nicht mitbekommen. Sie war froh, dass sie es bisher nicht bemerkt hatte.
„Nein, ich falle nicht aus dem Bett. Ich mag es gerne weich und warm an den nackten Füßen.“, meinte sie dann ernst und wusste, dass er ihre Lüge bestimmt erkannte. Sie hoffte, dass er es verstand, dass sie dies jetzt nicht zugeben kann. Gesine stand hinter ihr und wunderte sich nur über die strenge Antwort. Aber sie kannte ihre Tochter zu gut, wenn sie doch mal flunkerte.
‚Meine Kleine, soll das etwa heißen, du fällst nachts aus dem Bett? Willst du es mir nur nicht sagen, damit ich mir keine Sorgen mache? Früher ist sowas doch nie passiert.‘ Gesine war nie der Typ, der ihre Gefühle zurückhalten konnte und auch diesmal fiel es ihr sehr schwer. Ihr war klar, dass Tina nicht möchte, dass sie es weiß, aber sie weiß auch wann sie lügt. Ihre Bettina lügt gewöhnlich nie, wenn dann lässt sie Details aus.
Makoto war verwundert, denn Tina lief bereits die ganze Zeit ohne Socken und Schuhen auf den Fliesen herum. Die waren definitiv nicht warm.
„Betty.“, hauchte sie dann nur leise aus und sah ihre Tochter traurig an.
„Na toll. Aber wehe du fängst gleich wieder an zu weinen, Mama. So schlimm ist es nicht.“, stöhnte Tina auf Arabisch, in der Hoffnung der Junge konnte es nicht verstehen. Gesine legte nur ihre Hand auf Tinas Schulter und seufzte.
„Einigt euch einfach wer wo schläft und um den Rest kümmere ich mich.“
„Also ich gehe jetzt bestimmt nicht mehr schlafen. Ich stehe ja quasi gleich wieder auf. Ich mache dann heute früher Schluss und schlafe eher als sonst.“, meinte Tina dann fest entschlossen, als sie zur Uhr sah. Es vergingen ein paar Minuten und der kleine Makoto legte sich dann doch ins Wohnzimmer auf die Couch und legte sich dann aber den Teppich davor. Er kuschelte sich mit seinem kleinen Fuchs unter die Decke und machte die Augen zu.
„Gute Nacht Kleiner. Es wird sicher alles wieder.“, meinte Gesine und streichelte über seinen Kopf und sah ihn liebevoll an.
‚Ach Kleiner, wenn du wüsstest was ich empfinde, jetzt wo du plötzlich hier bist. Zum Glück siehst du meinen Söhnen kein Stück ähnlich. Das würde mir sehr weh tun. Und dann spielst du auch gerne Fußball, das ist ein seltsamer Zufall.‘ Plötzlich macht der Junge die Augen wieder auf.
„Ich habe noch was vergessen.“, sagte er dann und richtete sich auf.
„Was denn? Bleib liegen. Du musst mal zur Ruhe kommen. Ich bleibe auch hier bei dir, bis du eingeschlafen bist. Also wenn du möchtest.“, sprach Gesine besorgt. Er sah sie dankbar an.
„Das ist sehr lieb von dir. Du bist eine perfekte Ersatzmama. Bringst du mir dann bitte meinen Rucksack? Ich will nur etwas rausholen.“ Gesine lächelte ihn an und stand auf. Als sie ihm den Rucksack gab und er darin rumwühlte, holte er völlig unerwartet die goldene Spange von Tina heraus und gab sie ihr.
„Bist du so lieb und machst sie mir etwas sauber? Ich will sie Mama schenken, wenn sie wieder da ist.“ Total irritiert sah sie ihn an und starrte auf die Spange. Sie nahm sie an sich und ging nachdenklich ins Bad, um sie zu reinigen. Es war Erde daran und ein paar Reste von Blättern.
‚Diese Spange ist verflucht. Ich dachte sie ist endlich weg. Der Kleine wird sie gefunden haben. Bettina, meine Liebe, was wirst du dazu sagen? Wie wirst du reagieren, wenn du es merkst, dass sie wieder aufgetaucht ist?‘ Neugierig betrachtete sie das Schmuckstück in ihren Händen. Noch nie durfte sie die Spange anfassen. Ihre Tochter mochte es gar nicht. Warum eigentlich? Es ist doch nichts dabei? Und ist die Spange wirklich von Henry? Die Vermutung lag sehr nah, in ihrem Tagebuch stand jedoch nichts darüber. Alles hatten sie aber auch nicht gelesen. Dann sah sie die Gravur auf der Innenseite.
„Mut und Stärke für immer“, stand da.
‚Das hast du vorhin damit gemeint, dass sie dir Mut und Stärke verleihen soll. Hm. Von Liebe steht da aber nichts. Was hat das denn zu bedeuten? Auch kein Name. Die Spange könnte am Ende von jedem sein.‘ Sie nahm ein Handtuch und trocknete sie ab. Dann brachte sie die Spange zu Makoto. Inzwischen war Tina wieder aus dem Schlafzimmer und legte sich frische Sachen ins Bad. Dann kam sie zu Makoto ans Bett, um ihm eine Gute Nacht zu wünschen und war total irritiert, als sie ihre Spange in seinen Händen sah, wie er sie liebevoll aufknipste und ans linke Ohr seines Fuchses klemmte. Er lächelte dabei.
„Wo…wo hast du die her?“, kam plötzlich von ihr. Ihr Herz blieb fast stehen. Die Vorstellung, dass die Spange doch noch greifbar war, machte sie übermäßig glücklich. Makoto legte sich mit dem Fuchs zusammen wieder hin und zog sich die Decke bis an die Ohren.
„Die habe ich vorhin auf dem Weg gefunden, kurz bevor ich mich vor dem Regen verstecken musste. Sie lag zwischen dem ganzen Laub. Ich will sie Mama schenken. Sie wird ihr sicher gefallen.“
„Äh, wenn du sie gefunden hast, warum bringt du sie dann nicht zur Polizei für das Fundbüro? Vielleicht vermisst sie jemand.“, sprach Tina vorsichtig ihre Gedanken aus.
„Dann wäre ich doch eben bei der Polizei gewesen. Ich kann doch nicht zu ihnen gehen. Und sie wird sicher nur irgendeiner Touristin gehören, hinten steht was auf Deutsch drauf. Mut und Stärke steht da drauf. Das kann ich jetzt gebrauchen und Mama dann auch. Gute Nacht.“ Er schloss einfach die Augen und versuchte einzuschlafen. Tina sah ihre Mutter fraglich an. Beide gingen mit ihren Gedanken in die Küche.
„Gesine? Du wolltest doch bei mir bleiben.“, kam plötzlich leise aus dem Wohnzimmer. Sie sah ihre Tochter dann nur verdutzt an.
„Wir reden später.“, sagte sie leise und ging zu Makoto, setzte sich neben ihn auf die ausgeklappte Couch und streichelte ihn wie versprochen bis er einschlief. Es dauerte nicht lange, da er wirklich sehr müde war. Trotz seiner Sorgen konnte er schnell einschlafen.
Inzwischen waren einige Tage vergangen und es war Freitagabend. Die Familie Fuchs packte ihre paar Sachen zusammen und holte Zugtickets heraus.
„Na dann, auf geht’s nach Nankatsu.“, sprach Georg ein fröhliches Machtwort und Tina grummelte etwas vor sich hin.
„Wieso müssen wir so spontan zu Genzos Eltern? Das war doch erst nächste Woche geplant?“
„Wir müssen etwas Wichtiges bereden, das geht nicht am Telefon.“, erklärte ihr Vater dann und lächelte dabei.
„Außerdem sind sie zufällig da. Das ist doch toll.“ Tina fasste an ihre Taille und knurrte.
„Jetzt muss ich schauen wie ich mein Date abgesagt bekomme. So ein Mist. Hättet ihr mir das nicht schon gestern sagen können? Dann hätte ich heute in der Schule noch absagen können.“ Ihre Eltern sahen sie verdutzt an.
„Wie jetzt? Welches Date?“, sprach Georg.
„Du hast dich mit einem Jungen verabredet?“ Tina nickte nur und sah dann zur Seite.
„Dann ruf ihn an und verschiebe es einfach.“, meinte ihr Vater.
„Ich habe seine Nummer nicht. Wir hatten uns zum Eisessen morgen Mittag verabredet.“ Martin kam in diesem Moment aus dem Bad und wunderte sich über die Diskussion im Wohnzimmer.
„Was ist hier los?“
„Bettina hat ein Date und will nicht mit zu Genzos Eltern.“, sprach Gesine frei raus. Irgendwie lächelte sie dabei. Die Vorstellung, dass sich Tina für andere Jungs interessierte, machte sie etwas fröhlich. Vielleicht war es die Tatsache, dass ihre Haarspange nicht mehr bei ihr war. Makoto hatten sie beide nichts gesagt. Er nahm sie einfach mit und behielt sie. Sie klemmte vermutlich noch immer an dem Plüschohr seines Fuchses.
„Sie wollen morgen Mittag Eis essen gehen.“, brachte sich Georg ein und grinste. Ihm gefiel der Gedanke ebenso, dass es einen Jungen gab, den sie zu mögen schien.
„Eis? Seit wann magst du denn Eis? Du lehnst doch sonst alles an Fett und Zucker ab.“, wunderte sich Martin. Tina brummte ihn etwas an und verschränkte die Arme.
„Damit ist jetzt Schluss. Ich will irgendwann mal wie eine echte Frau aussehen und da brauche ich mal das eine oder andere Pölsterchen.“
„Was denn für Pölsterchen? Als Sportlerin verbrennst du doch eh alles wieder. Willst du jetzt dick werden oder was meinst du?“
„Du bist doof, also echt. Das meine ich nicht, nennen wir es eher Rundungen. Polster halt, wo man sie haben will.“
„Oha, und ich dachte, ich bleibe davon verschont.“, fasste sich Georg plötzlich grinsend an den Kopf. Martin sah ihn nur verdutzt an.
„Tina, du sprichst in Rätseln. Wieso Rundungen? Du bist doch ein sehr sportliches Mädchen mit der passenden Figur. Der Rest kommt später von ganz alleine, wenn du mal eine Familie hast.“, versuchte er ihr den Wind etwas aus den Segeln zu nehmen.
„Quatsch. Andere sind viel fraulicher als ich und treiben auch Sport. Ich sehe furchtbar aus. Wie ein Junge. Ich will jetzt endlich ein Mädchen sein und auch so aussehen. Stell mir ein Fitnessprogramm zusammen mit einem Ernährungsplan, damit ich HIER und HIER weiblicher werde. Ich kann doch nicht warten bis ich erst Mutter bin.“, forderte sie ihn plötzlich auf und zeigte auf ihren Busen und auf ihren Hintern. Martin wusste so schnell gar nicht was er sagen sollte. Ihm war es eher unangenehm dazu irgendetwas zu sagen, vor allem, wenn Georg und Gesine danebenstanden. Ihre Eltern sahen sich schmunzelnd an.
„Und wer ist dein Date?“, fragte er dann nur, statt auf ihre Forderung einzugehen.
„Das wüsstest du wohl gerne. Du kennst ihn nicht. Und Date kann man das so auch nicht nennen. Wir gehen nur einen Eisbecher essen.“, sagte sie grinsend. „Hat der Junge einen Namen?“, fragte Georg dann neugierig und nahm die Koffer von dem Sofa.
„Papa, du kennst ihn vom Spielen. Er ist im Rugbyteam. Es ist die Nummer drei Tangaroa Taylor.“, sagte sie dann einfach. Verblüfft stellte er die Koffer auf den Boden und sah sie überrascht an.
„Ach ne, der Eroberer der Schüssel?“ Tina grinste.
„Sozusagen, ja.“ Gesine sah zu Georg.
„Wie jetzt? Dieser große Junge, der die Schüssel genommen hat?“ Georg nickte nur.
‚Erstaunlich. Wie hat sich das denn ergeben? Wollte er deswegen nicht, dass sie es weiß?‘
„Wann hat er dich denn gefragt?“, kam dann von Georg.
„Hm, am Morgen nach der Tanzaktion gleich. Sein Team hat ihm etwas Mut gemacht.“
„Also Dienstagmorgen?“
„Ja, wieso?“
„Taylor? Klingt aber nicht gerade japanisch.“, brachte sich Martin ein. Tina grinste ihn an.
„Er ist ja auch kein Japaner. Tangaroa kommt von Neuseeland und ist vor zehn Jahren wegen der Arbeit der Eltern hergezogen. Nun spielt er hier Rugby, so wie sein Vater damals auch. Der war aber in Neuseeland.“
„Du kannst ja auch morgen nach deiner Verabredung nachkommen. So lange dauert die Fahrt ja nicht. Mit dem Shinkansen bist du nicht mal ganze drei Stunden unterwegs. Du bist dann aber spätestens 20 Uhr in der Villa, sonst haben die beiden ja nichts mehr von dir.“, beschloss Georg und griff wieder nach den Koffern. Martin war erstaunt, keine Widerworte? Er sagte nichts dazu, dass sie sich mit einem Jungen treffen will? Er als Vater hätte garantiert darauf bestanden entweder dabei zu sein oder genauer zu wissen wer das ist. Tina war selbst auch erstaunt.
„Wie jetzt, Papa, ich darf so lange bleiben und mich mit ihm treffen?“ Er lächelte und ging dann zur Tür.
„Schatz, gibst du ihr bitte das Ticket?“ Gesine war selbst etwas verdutzt.
„Bist du sicher, dass du sie alleine lassen willst? Der Junge ist doch keine sechzehn mehr und so groß.“, murmelte sie skeptisch zu ihm.
„Das passt schon. Sie gehen doch nur ein Eis essen und mehr nicht. Kein Kino, keine Spielhöhle, keine Disko!“, versuchte er sie zu beruhigen und sah dann aber auch streng zu Tina rüber.
„Ja, ja. Ich habe es schon verstanden. Und wenn doch, dann rufe ich Martin an und störe ihm bei SEINEM Date.“, brummte sie etwas und sah dann aber neckisch zu Martin auf und streckte ihm die Zunge raus.
„Am besten abends, wenn es zur Sache gehen soll.“, haute sie dann raus. Sie bekam einen verlegenen Blick zurück und dann brummte er aber etwas.
„Was weißt du denn schon, was SO SACHEN sind?“, klang er erwachsen und streng. Ihm war es unangenehm, dass sie ihn darauf ansprach. In seinen Gedanken kam die Erinnerung an das bisherige Treffen letzte Nacht mit Mila in den Sinn. Wie schön sie war und wie außergewöhnlich es sich alles mit ihr angefühlt hatte. So eine besondere Frau hatte er noch nie kennengelernt.
„Martin, was meint sie damit, du hast ein Date?“, brachte sich Georg plötzlich ein.
Dieser wiederum sah Georg verdutzt an und hielt die Hand an den Hinterkopf. „Ähm naja. Ich hatte mir tatsächlich heute Abend was vorgenommen. Aber morgen Mittag kann ich aufpassen und Tina auch noch zum Zug bringen.“
„Was heißt hier aufpassen? Ich geh da alleine hin! Was soll er denn von mir denken?“
„Was soll das überhaupt für ein Typ sein? Er ist älter als sie und groß? Was meinst du damit?“, sprach er Gesine fragend an.
„Oh man. Ist schwer zu sagen. Er ist sicher so groß wie du und die Arme kommen sicher auch in etwa hin. Und er ist schon Oberschüler, aber ein sehr schüchterner Typ.“, versuchte sie zu beschreiben. Sein Blick wurde skeptisch.
„Ich will ja nichts sagen, aber die Schüchternen sind die Schlimmsten.“, klang er belehrend.
„Hey! Hallo! Ich stehe daneben. Was fällt dir denn überhaupt ein so über jemanden herzuziehen, den du gar nicht kennst!?“
„Nun gut, wir werden dann mal. Ihr klärt das unter euch. Unser Zug fährt bald. Wenn es nicht der Letzte für heute wäre, kein Problem.“, meinte Georg dann. Somit verabschiedeten sich beide von ihnen und verschwanden.
Kaum waren Tina und Martin alleine, knurrte Tina ihn erneut an.
„Was erlaubst du dir überhaupt? Und wehe ich sehe dich morgen irgendwo in unserer Nähe. Ich kann selbst auf mich aufpassen und Tangaroa würde nie jemanden weh tun, klar? Das liegt gar nicht in seiner Natur. Ist das klar!? Soviel Menschenkenntnis kannst du mir zutrauen.“
„Ich habe es verstanden, du wiederholst dich.“, murrte er.
„Ich reg mich einfach nur so auf. Du beschwerst dich über Vorurteile und bist selber so. Echt traurig!“ Er ging ihr aus dem Weg und setzte sich dann aufs Sofa. „Ist ja schon gut. Sorry.“
‚Meine Güte, regt die sich aber auf.‘
„Darf ich wissen wie alt er ist?“
„Er ist neunzehn, das ist hoffentlich nicht auch ein Problem für dich.“, murrte sie noch immer und setzte sich dann an den Esstisch.
„Wow, schon neunzehn? In Deutschland wäre euer Date nicht gerade passend, meinst du nicht?“, vermerkte er nur mal, um sie daran zu erinnern, dass da ein Altersunterschied bestand.
„Echt jetzt? Wir gehen nur Eisessen. Da spielt das Alter keine Rolle. Ist hier doch egal. Hier ist es eben mal anders. Pass du mal lieber bei deiner angehenden Polizistin auf!“ Er hob den Kopf.
„Hey, Mila ist schon zweiundzwanzig. Wir sind also nur zwei Jahre auseinander.“, protestierte er plötzlich.
„Ach ja? Hast du schon in ihren Ausweis geschaut? Das würde ich an deiner Stelle machen. Wieso gehst du davon aus, dass sie 22 ist?“
„Na hör mal. Sie ist wie alle anderen mit neunzehn oder zwanzig von der Schule und jetzt im 3. Lehrjahr. Zwanzig kann sie also nicht mehr sein.“
„Hast du es echt nicht überprüft? Was ist, wenn sie wie der kleine Makoto ein oder zwei Klassenstufen übersprungen hat? Dann hat sie die Oberschule mit 17 oder 18 verlassen. Also könnte sie erst 20 sein, je nachdem wann genau sie Geburtstag hat. Immerhin spricht sie bereits fünfzehn Sprachen und scheint sehr klug zu sein.“ Entsetzt sah er sie an.
‚Sie hat Recht. Ich habe mich einfach auf meine Milchmädchenrechnung verlassen. Verdammt. Der Kleine wäre ja auch erst siebzehn, wenn er die Schule verlässt.‘ Sein Puls stieg plötzlich an.
„Jetzt wirst du unruhig, oder? Hast du denn jemals nach ihrem Alter gefragt? Wie alt du bist, das weiß sie. Du kannst dich doch nicht darauf verlassen, dass sie ehrlich zu dir ist, nur weil sie eine Polizistin werden will. Unterschätze niemals eine Frau, die sich in einen Mann verguckt hat. In der Liebe sind manchmal alle Mittel recht.“ Martin wurde immer unruhiger und sah nachdenklich auf seine Hände. Vor ihm erschien die hübsche Mila, wie sie sich leidenschaftlich küssten, zärtlich berührten und sie sich ihm hingab.
„Sag jetzt nicht, ihr habt es schon getan? Ich denke dein Date mit ihr ist heute erst?“ Er sah zur Seite und fasste sich an die Stirn.
„Echt jetzt? Du meine Güte. Ich hätte gar nicht gedacht, dass du so ein Typ bist. Ihr seid euch doch erst Mittwochnacht begegnet. Da wart ihr aber schnell.“, lachte sie und ging grinsend an ihm vorbei in die Küche.
„Du hast doch noch gar keine Ahnung von solchen Dingen! Sowas…sowas passiert manchmal einfach.“, haute er dann mit etwas verzweifelter Stimme raus. „Keine Ahnung. Was weiß ich Küken denn schon von SOWAS.“, lachte sie wieder.
„Ja lach nur. Ich kann doch aber jetzt nicht mehr erst nach ihrem Alter fragen...was ist, wenn du Recht hast? Jetzt ist es zu spät.“, klang er etwas verzweifelt.
„Dann weiß es die Polizei immerhin schon.“, kicherte sie weiter und amüsierte sich köstlich. Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen und musste sich sogar den Bauch dabei halten.
„Na toll. Das ist nicht lustig.“
„Und du regst dich über einen Neunzehnjährigen auf. Das spielt hier doch keine Rolle. In Deutschland würde ich auch nicht mit ihm ausgehen. Das bringt ihm nur unnötig Probleme.
Stephan hatte auch eine Freundin, die etwas jünger war. Er war aber noch keine 18. Aber eben bald. Ihre Eltern hätten sicher Stress gemacht.“
„Was mache ich jetzt?“
„Vertraust du ihr denn? Glaubst du, sie hätte es dir gesagt, wenn es für dich Probleme geben könnte?“ Es war eine Weile still.
„Eigentlich schon. Sie kam mir ehrlich und auch nicht so jung vor.“, murmelte er etwas vor sich hin.
„Wie jetzt? Wie meinst du das? Wie kam sie dir denn vor?“ Er sah sie verlegen an.
„Äh, naja. Nicht ganz so jung eben.“, stockte er etwas.
„Man, dir muss man echt alles aus der Nase ziehen. Das nervt. Sag doch einfach, dass sie scheinbar vor dir jemanden hatte. Das eine schließt doch das andere nicht aus.“ Sie kam zu ihm zurück und hatte zwei Gläser Wasser in der Hand. Dann sah sie zu seinem betrübten gesenkten Gesicht herab und stellte ihm sein Glas auf den Tisch.
„Worüber denkst du jetzt nach? Glaubst du, sie lässt dich auflaufen?“ Er atmete tief ein und aus und irgendwie wollte nicht wirklich etwas aus ihm herauskommen.
„Ich denke nicht. Wir…wir empfinden doch was. Ich denke nicht, dass sie mich belügt oder es nicht ehrlich meint. Da ist mehr.“, sprach er plötzlich sehr überzeugt und richtete seinen Blick wieder auf und sah Tina in die Augen. Sie lächelte ihn an, nahm einen großen Schluck und stellte das Glas auf den Tisch.
„Du hast Glück im Unglück, mein Lieber Martin. Sie muss mindestens 21 sein.“ Verblüfft sah er sie an.
„Woher willst du das jetzt wieder wissen?“
„Hast du mal auf ihren Schmuck geachtet?“
„Äh, nein. Ehrlichgesagt…konnte ich nur in ihre Augen sehen.“
„Sie hat eine Halskette mit zwei Anhängern getragen. Eine Waage und eine Schlange. Wir haben jetzt den 30. Oktober 1998. Die Schlange ist ein chinesisches Sternzeichen und ihrem Alter nach müsste sie dann 1977 geboren sein. Dann kommt die Waage ins Spiel. Das endet bekanntlich am 23.10. Also hast du nochmal Schwein gehabt. Wenn es hochkommt, hatte sie vor sieben Tagen ihren 21. Geburtstag und du hast dich also nicht strafbar gemacht.“ Er sah sie total verblüfft an und lehnte sich dann erleichtert zurück ins Sofa.
„Worauf du so achtest. Meine Güte. Also ist sie 21. Wie kannst du mich nur so erschrecken?“, seufzte er erleichtert aus.
Die goldene Spange Teil VIII oder Machtwechsel
Kapitel 145
Die goldene Spange Teil VIII oder Machtwechsel
Die Uhr schlug auf 20 Uhr und es klingelte an der Haustür eines kleinen alten Häuschens. Es hatte ein typisch für japanische Architektur gewölbtes Dach und bodentiefe Fenster. Die Tür öffnete sich und eine hübsche Japanerin stand in einem schicken leichten Kimono in der Tür und staunte nicht schlecht. Sie lächelte den großen gutaussehenden deutschen Mann an.
„Oha, beim zweiten Date schon Blumen und Pralinen?“, kam ihre zarte Stimme in seine Ohren. Er lächelte und hielt ihr den bunten Blumenstrauß und die Schachtel bunte Pralinenmischung vor die Brust. So konnte er ihr bezauberndes Lächeln genießen.
„Guten Abend, Mila. Ich dachte, wenn ich schon deinen Geburtstag verpasse, dann kann ich es ja einfach trotzdem nachholen. Gestern fand ich es für das erste Treffen etwas unpassend. Alles Gute nachträglich. Du musst mir nur noch verraten wann genau es war?“ Mila bat ihn herein und schloss die Tür hinter ihm. Dann nahm sie völlig überwältigt die Blumen und die Pralinen an.
„Ich bin platt. Vielen herzlichen Dank. Du bist immer so aufmerksam. Ich hatte am 4. endlich meinen 21.“ Sie legte die Pralinen auf den Tisch und die Blumen daneben. Plötzlich trat sie wieder an ihn heran und sah verlegen zu ihm auf. Ihre Hände streiften seine Arme hinauf und fassten sein Gesicht.
„Nicht auszudenken, wenn ich mich hätte vor einem Mann wie dir zurückhalten müssen. Ich bin so froh, dass wir uns erst jetzt begegnet sind. Du bist so liebevoll und klug. “ Ihr Herz schlug bis zum Anschlag, als sie in seine blauen Augen sah und sie zog zärtlich an seinem Kopf. Er beugte sich zu ihr herunter und sie küssten sich sinnlich. Martin nahm sie glücklich in die Arme und drückte sie fest an sich.
‚Ach schöne Mila, du bringst mich ganz durcheinander. Was ist das nur, dass ich dich gar nicht wieder loslassen will?‘
Plötzlich unterbrach er den Kuss und lächelte sie verliebt an.
„Hast du eine Vase?“ Sie sah ihn verblüfft an und ihre Augen wurden feucht. „Martin, äh. Ja.“, konnte sie nur sagen und ließ ihn dann los. Herzklopfend nahm sie die Blumen und ging zum Schrank, holte eine Vase aus dem untersten Regal, ging in die Küche und füllte Wasser ein. Martin folgte ihr, nachdem er die Schuhe ausgezogen hatte und beobachtete wie sie liebevoll die Stängel anschnitt und die Blumen in die Vase steckte und zurechtmachte.
„Am besten du nimmst einen kleinen Löffel Zucker, statt des Zeugs, was die da dran gemacht haben ins Wasser. Dann halten sie noch länger.“ Sie sah zu ihm auf.
„Du hast Ahnung von Blumen?“
„Nicht wirklich, aber Gesine macht das auch immer so. Und ihre Mutter ist Gärtnerin, muss also was dran sein.“
„Ich verstehe. Ich habe leider kein Zucker im Haus. Was nun?“
„Hast du sowas wie eine Zitronenlimonade da?“
„Oh, ja tatsächlich.“ Sie griff in den Kühlschrank und holte eine Flasche heraus. Dann nahm er sie ihr liebevoll ab und gab etwas in die Vase.
„Sie sind sehr schön, vielen Dank. Das ist der erste Blumenstrauß, den ich bekomme. So bunt sehen sie besonders schön aus. Und wie sie duften. Die Rose von gestern war schon so schön. Danke nochmal.“ Er sah sie verwundert an.
„Die ersten Blumen? Hat dir wirklich noch nie jemand welche geschenkt?“ Sie schüttelte den Kopf und schaute zu Boden. Plötzlich berührte er zärtlich ihr Kinn, führte ihren Kopf zu sich hoch und sah ihr tief in die Augen.
„Schönen Frauen…schenkt man…doch aber Blumen.“, sprach er leise und mit kurzen Absätzen. Kurz darauf beugte er sich zu ihr runter, küsste sie leidenschaftlich und nahm sie in seine Arme. Ihr Herz sprang wie wild und sie wusste gar nicht was sie dazu sagen sollte. Noch nie hatte sie jemand wahrgenommen, wie sie es gerne hätte. Zuerst war sie immer die Kleine, die niemand wahrnahm und wollte wahrgenommen werden und musste sich immer zurückhalten. Hätte sie jemanden gezeigt, was sie konnte, dann hätte man sie nicht in der Schule eine Klassenstufe hochgestuft und eher einen Abschluss machen lassen. Endlich hatte sie die Aufnahme zur Polizeischule geschafft und konnte ihre wahren Fähigkeiten zeigen. Jeder hatte sie dann plötzlich akzeptiert und keiner wagte es sie anzufassen. Das war ein angenehmes Gefühl, aber auch hinderlich, wenn sie doch mal mit jemanden ausgehen wollte. Zum einen war sie den Männern an der Polizeischule zu jung oder sie trauten sich nicht sie anzusprechen. Und wenn es doch jemand tat, entpuppte sich der Typ als Flegel. Oft dachten die Männer, nur weil sie stark im Kampfsport ist, dass sie es auch aufregend im Schlafzimmer mag oder viel Erfahrungen hatte. Sie schmiss die Männer wieder raus, die nur das EINE wollten.
Seitdem sie endlich volljährig wurde, wurde es nur schlimmer und einige Kollegen und Vorgesetzte dachten seit eh und je, sie einfach anmachen zu müssen. Aber natürlich ließ sie sich das nicht gefallen und stieß oft an ihre Grenzen der Rangordnung. Ein falsches Wort und sie würde die Ausbildung abbrechen müssen. Dabei wollte sie doch immer zur Polizei. Sie wollte immer da sein, wo ihre Hilfe gebraucht wurde. Also ließ sie sich versetzen, angeblich wegen Sammeln an Erfahrungen.
Und plötzlich wurde sie mit ihrem neuen Ausbilder zu einem gewöhnlichen Einsatz gerufen und sah in liebevolle blaue Augen und sprach das erste Mal mit einem Mann, der sie einfach nur als Frau und nicht als Polizistin sah. Er zeugte ihr den angemessenen Respekt und trotzdem war er ein Gentleman und hob ohne zu zögern ihren Stift auf, als er ihr aus den Händen fiel. Entweder die Männer waren in ihrer Gegenwart angespannt oder eingeschüchtert. Obwohl sie sich ein weiteres Mal trafen und diesen schweren Fall zu erledigen hatte, entpuppte er sich als Kavalier und der Mann an seiner Seite war ebenso die Höflichkeit und Professionalität persönlich.
Kaum hatte sie am Folgetag der Führsorge die Kinder morgens übergeben und legte sich noch aufgewühlt von diesem Fall ins Bett, konnte sie nicht einschlafen. Zu viele Ereignisse sprudelten auf sie ein. Sie war doch immer Profi und machte sich nie etwas persönlich, wenn es auch um Kinder ging. Genau deswegen wusste sie, dass dieser Job etwas für sie war. Nur diesmal ging ihr das weinende Kindergesicht nicht aus ihrem Kopf. Wie der kleine Junge sich an seinen Plüschfuchs festhielt, welcher eine seltsame goldene Spange am Ohr hatte. Sie drehte sich von einer Seite zur anderen und am Ende stand sie auf und trank einen Kaffee. Der Kommissar hatte ihr einen Tag frei gegeben, somit musste sie nicht sofort schlafen, sondern konnte es sich diesen Donnerstag einteilen. Also entschied sie sich etwas Fernzusehen und hoffte dabei einzuschlafen. Das half in der Regel immer. Sie stellte sich einen Kindersender ein und ließ sich von lustigen bunten Bildern und quietschenden Stimmen berieseln und dann schlief sie nach etwa zwei Stunden doch ein.
Gegen Mittag wachte sie wieder auf, ging duschen und schaltete das Programm um. Es war Zeit für die regionalen Mittagsnachrichten. Sie gönnte sich einen Kaffee und lehnte sich zurück. Neben ein paar üblichen und belanglosen Informationen kam plötzlich eine Eilmeldung rein. Sie richtete sich an die Kunden und Investoren der „Geschwister Ichii Bank“. Auf Grund von falschen Anlagen und falschen Investitionen meldete die Bank in der Nacht vom Dienstag auf Mittwoch Insolvenz an. Es seien vermutlich noch einige Privatkunden mit der Einlagensicherung ausgelöst worden, aber die großen Firmen und Investoren gingen leer aus. Am frühen Mittwochmorgen fand man die Geschwister tot in ihrem Büro des Bankkomplexes auf. Der Pressesprecher der Bank sprach nach Untersuchungen der Kriminalpolizei von Selbstmord. Es gäbe einen gemeinsamen Abschiedsbrief. Die Geschwister hinterließen insgesamt fünf Kinder und ihre Ehepartner.
„Oh man. Das ging ja schnell. Hoffentlich sehen es die Kinder nicht.“, stöhnte sie nachdenklich aus.
Sie griff zu ihrem Handy und überlegte noch etwas, ob sie die neueingespeicherte Nummer jetzt überhaupt wählen konnte.
Wenige Minuten später klingelte Martins Handy, als er gerade die Rudermaschine für den Kunden einstellte. Er konnte in diesem Moment nicht rangehen und erledigte vorerst seine Arbeit. Etwa eine halbe Stunde später sah er dann auf sein Handy und es war eine fremde Nummer. Da nur einmal angerufen wurde, vermutete er bereits, dass es die hübsche Polizistin sein könnte. Er ging ins Büro und schloss die Tür. Dann rief er zurück. Es dauerte einen Moment bis jemand abnahm.
„Hallo. Ich bin es.“, kam nur von ihr.
„Guten Tag, ich freue mich sehr, Ihre Stimme zu hören.“
„Ich…habe Hunger. Hätten Sie spontan Zeit für eine Mittagspause?“, kam dann von ihr.
„Da muss ich meinen Chef fragen. Wie lange haben Sie denn Zeit und wo könnten wir uns treffen?“
„Gerne bei mir. Ich…habe heute nicht das Bedürfnis auf viel Gesellschaft. Frei habe ich jetzt auch. Morgen ebenso.“ Martin war erstaunt. Was hatte das denn zu bedeuten? Sie sind sich doch noch nie wirklich in Ruhe begegnet, um sich kennenzulernen und sie lud ihn jetzt gleich bei ihrem ersten Date zu sich nach Hause ein?
„Ich rufe gleich zurück und kläre meine Schicht. Hier ist heute nicht viel los.“ „Das ist schön. Bis gleich.“, sagte sie nur und legte auf. Ihr Herz klopfte bis an die Decke und sie legte sich auf ihre Couch.
Kurz darauf ging die Bürotür auf und Herr Oda kam herein.
„Herr Müller, ist alles okay?“, sprach der etwas im Gedanken.
„Ja, bei mir schon. Ich…ich hatte nur einen Anruf. Chef, wie sieht es heute aus? Könnten Sie für den Rest des Tages auf mich verzichten?“
„Oh, das klingt aber wichtig. Ist etwas passiert? Sie waren gestern schon etwas durch den Wind.“ Martin erzählte ihm kurz was passiert war und dass er soeben einen Anruf von der Polizistin bekommen hatte. Herr Oda setzte sich an den Tisch und atmete tief durch.
„Oh man. Ich habe es eben gerade in den Nachrichten gehört. Wie schrecklich. Die Kinder tun mir so leid. Und die hübsche Polizeianwärterin hat Sie eben angerufen? Die Kleine, die hier wegen des Unfallprotokolls war? So jung bei dem Job und musste vermutlich noch den Bericht schreiben.“, war er sehr einfühlsam.
„Ja genau. Vermutlich. Ich habe mich nur sehr darüber gewundert, dass sie mich zu sich nach Hause eingeladen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das üblich ist für das erste Date?“, sprach er nachdenklich und lehnte sich zurück. Er wusste, dass er mit Herrn Oda über solche Dinge reden konnte.
„Machen Sie frei für heute. Im Notfall auch morgen, okay? Nehmen Sie sich die Zeit für diese Frau. Ich habe gesehen wie sie Sie angesehen hat. Sie wird es sicher wert sein, wenn sie Ihnen so sehr vertraut, ohne Sie weiter zu kennen, ist das ein gutes Zeichen. Sie mögen sie doch sicher sehr, oder ist da nur eine eher kurzweilige Zuneigung geplant?“, schmunzelte er dann plötzlich.
Martin war baff und schüttelte den Kopf.
„Natürlich. Wenn, dann ist da mehr, von meiner Seite zumindest. Auf irgendwelches Wischi-Waschi lasse ich mich nicht ein.“, brummte er etwas pikiert.
„Na dann, nehmen Sie sich alle Zeit die Sie brauchen. Lassen Sie es mich nur rechtzeitig wissen. Der Liebe will ich bestimmt nicht im Wege stehen.“, lachte er dann und stand wieder auf.
„Aber Sie müssen mir dann soweit berichten, ob da was weitergeht oder nicht.“ Der junge Mann ihm gegenüber stand auf und nickte grinsend.
„Das mache ich. Vielen Dank, Herr Oda.“ Der Mann verließ wieder das Büro und Martin rief Mila zurück.
„Ich kann mir viel Zeit nehmen. Ich muss nur dann wieder nach Tinas Training zu ihr. Das ist aber erst gegen 19 Uhr rum. Sie ruft mich dann an.“
„Wie schön. Ich koche uns was. Ich wohne übrigens gleich in der Nähe von dem Studio. Sie haben es nicht weit. Gibt es etwas was Sie gar nicht mögen?“, fragte sie begeistert.
„Oh, das klingt gut. Soweit esse ich alles, ich mag es nur nicht zu scharf. Also wenn, nur etwas pikant. Ich lasse mich gerne überraschen.“, lächelte er beim Reden und beide sprachen die Adresse ab und legten dann angeheitert auf. Martins Herz fing jetzt plötzlich auch an sehr laut zu klopfen. Was war das denn eben? Das ging alles so schnell.
‚Wie hübsch ihre Stimme klingt. Sie kocht uns was? Und nun? Ich habe nicht mal was Anständiges zum Anziehen hier, nur Trainingsklamotten. Verdammt. Und duschen muss ich auch noch.‘ Er stand aufgeregt auf und ging zum Fenster und blickte um die Ecke in die große Einkaufspassage.
‚Hm. Hier ist an sich alles in der Nähe was ich brauche. Aber wo gibt es was in meiner Größe? Ich war bisher erst auf der anderen Ecke nach einer passenden Boutique schauen. Hemd und Hose wäre schon gut, Zeit um nach Hause zu fahren habe ich nicht mehr.‘
Er ging sich duschen und umziehen. Dann fragte er Herrn Oda, ob er in der Nähe jemanden kennt, der in seiner Größe etwas Elegantes anbietet, was zu einem Date passt. Immerhin ist er hier aufgewachsen und betreibt sein Studio schon gut über fünfzig Jahre. Natürlich kannte er eine alte Schneiderei. Er sagte, die habe auch einiges für große Leute fertig zum Kaufen so wie eine normale Modeboutique und biete traditionelle wie auch westliche Mode an. Man biete eher für Stammkunden Maßanfertigungen an. Er solle sagen, dass er zu seinem Personal gehöre, das könnte ihm etwas Geld sparen.
Gut eine Stunde später läutete es an Milas Haustür. Genau dieser Moment, als sie die Tür öffnete und in sein freundliches Gesicht sah und sich in seine Augen verliebte, genau das war der Moment, als sie wusste, dass sie ihn näher kennenlernen möchte.
Nun spürte sie seine starken warmen Arme erneut und wusste genau, dass sie den Tag zuvor keinen Fehler gemacht hatte. Noch nie hat sie je ein Mann so zärtlich berührt und unbekannte Gefühle in ihr ausgelöst. Auch Martin empfand mehr denn je. Zuerst war er sich nicht sicher, ob die besonderen Gefühle in der vorherigen Nacht nur ein Trost waren oder eine Entspannung nach den vielen aufregenden, traurigen und spannenden Monaten und Tagen. Nein, es war eindeutig mehr als das und am liebsten hätte er sie nie wieder gehen lassen. Dieser schöne Freitagabend ging für beide gefühlt unendlich und doch zu schnell vorbei.
Tina hingegen machte es sich nach langer Zeit mal wieder auf dem Sofa bequem und wollte sich eine Videokassette anmachen. Wie sehr mochte sie ihren Lieblingstrickfilm „Arielle, die kleine Meerjungfrau“. Also ging sie an die Schublade und holte die VHS heraus, um sie in den Recorder zu schieben, doch da war bereits etwas drin und sie ließ die Kassette rausfahren. Es stand nur ein Datum und ihr Nachname darauf. Es war der Montag dieser Woche. Natürlich wunderte sie sich. Neugierig schob sie die Kassette wieder rein und ließ sie zurückspulen. Als sie die Aufnahme abspielte, war sie total perplex. Es war die Aufnahme aus der Kantine. Warum haben ihre Eltern diese Aufnahme zu Hause? Es machte sie nachdenklich und gleichzeitig so wütend. Sofort griff sie zum Telefon und wollte ihre Eltern anrufen und eine Erklärung dafür haben, doch dann stoppte sie ihr Vorhaben. Was hatte ihr Vater immer wieder gesagt? Nicht immer ist der erste Gedanke der Richtige, vor allem nicht, wenn man aufgebracht ist und es um geliebte Menschen geht. Und ja, das war doch genau der Grund, warum er ihr von seiner Spontanaktion erzählt hatte, als er diesen gewalttätigen Männern ins Gesicht schlug. Es war ein Fehler, sagte er, es hatte Konsequenzen, weil er es falsch angegangen war.
Also legte sie den Hörer wieder zurück und wartete etwas ab, bis sie nochmal zur Fernbedienung griff, um den Film zu starten.
Nun sah sie sich statt des Märchens lieber diese Aufnahme in Ruhe an. Diesmal alleine und ohne, dass ihr jemand dazwischenreden konnte. Ihr fielen dadurch plötzlich einige Details auf, die sie vorher nicht bemerkt hatte, denn so schnell kann man ja gar nicht alles ansehen. Auch als am Mittwoch ins Büro des Direktors gerufen wurde und der Kommissar wegen der Mobbinganzeigen zusammen mit ihnen das Video ausgewertet haben, kam ständig irgendetwas an Gerede dazwischen. An der Stelle als die Mädchen an der Ausgabe standen und Sayaka kurz mit Ichiro sprach wurde zwar betrachtet, aber jeder ging einfach davon aus, dass es sich um eine typische Einschüchterung handelte. Und nun? Nun sah sie sich den Moment mehrmals hintereinander an und stellte fast jede Bewegung kurz still.
„Hier stimmt doch was nicht. Verdammt, ich muss diese Aufnahme größer haben. Man kann gar nichts im Gesicht erkennen. Es ist verdeckt und dann viel zu viele Geräusche.“, brabbelte sie ihre Gedanken vor sich hin.
Dann aber entdeckte sie etwas, als sie mit der Nase quasi am Bildschirm hing. Die Mundwinkel des großen Bruders. Sie warfen seltsame Schatten. Es war nur auf einem stillen Bild zu sehen, weil er sonst verdeckt war oder die Aufnahme zu unscharf. Sie schrieb sich ihre Beobachtung auf, notierte die genaue Sekunde des Films und spulte den Film erneut zurück und sah sich nun alles erneut an und hielt immer wieder mal an und machte Notizen.
„Verdammt. Das ist mir entgangen.“ Ihr kamen dann einige seltsame Ereignisse und Aussagen wieder in Erinnerung, die eventuell damit zu tun haben könnten. Sie schnappte sich ihre Kopfhörer und schloss sie an den Fernseher an. Der Funk wurde angestellt und sie drehte den Ton auf vollste Lautstärke. So war es zwar sehr laut, aber sie konnte einige Stimmen filtern. Das Gespräch zwischen Tangaroa und den Mädchen war auch zu verstehen. Dann versuchte sie zu verstehen was die Jungs am Tisch zueinander sprachen.
„Wir sollen sie doch in Ruhe lassen, hieß es. Was machen die denn jetzt?“, konnte sie verstehen.
„Dachte auch, dass er das gesagt hatte.“, meinte einer der Jungs zurück. Ihr Gespräch fand während der Aktion statt, als die Mädchen Tina unfreundlich ansprachen. Genau in diesem Moment bewegte sich Ichiro von seinem Platz und ging zur Essenausgabe und holte sich eine Nachspeise und ließ sich viel Zeit. Dann setzte er sich neben der Ausgabe an den Tisch, statt wieder zum alten Platz zurückzugehen. Das kam Tina jetzt seltsam vor.
Er war nun nicht mehr in ihrem eigenen Blickwinkel zu sehen, das wurde ihr jetzt besonders bewusst. Denn als sie sich bückte, um die Dinge aufzuheben, fand das Gespräch statt. Tinas Blick war zum Fußboden gerichtet.
Jetzt fiel es ihr erst genau auf. Erneut wurde das Video gestartet und diesmal komplett durchgespielt. Zum Schluss war dann zu sehen, dass er es war, der als erster geklatscht hatte. Leise und etwas zurückhaltend, aber alle anderen ließen sich davon anstecken. Sie bekam nicht mit, wer der Erste war. Sie machte wieder Pause und setzte sich dann nachdenklich hin.
‚Ichiro Ichii, wer bist du und welche Rolle spielst du hier?‘ Diese Frage stellte sie sich. Sie schloss die Augen und versuchte die letzten Tage zu rekonstruieren. Was war denn alles passiert?
Diese Bloßstellung am Montag, ihre Einschlafaktion im Wäldchen und dann am nächsten Tag die Tanzerei am frühen Morgen, als sie sich auch endlich mit ihrem Trainer aussprach. Danach der Besuch beim Direktor mit ihren Eltern. Da stoppte sie ihre Gedanken. Ja, nach dem Gespräch kam ihr in der Hofpause der Freund von Sayaka entgegen, als sie von der Toilette kam. Er stellte sich plötzlich einfach vor ihr hin, sie waren alleine im Flur und dann tippte er einfach mit dem Finger auf ihre Stirn. Er sagte gar nichts und lächelte nur. Sie wunderte sich, denn sie sah ihn wieder so streng an. Das war eine seltsame Situation. Sie kam den Gang entlang und plötzlich tauchte er auf und stellte sich einfach vor sie und grinste. Sie hatte die Hände mit den Büchern voll, die sie sich gerade aus der Bibliothek geholt hatte. In diesem Moment tat sie es als ein Dankeschön ab, denn er war es doch, der sich umdrehte und sich bei ihr bedankte, vermutlich, weil er verstanden hatte, dass sie seiner Freundin das Leben gerettet hatte. Was ist, wenn es aber etwas anderes zu bedeuten hatte? Seine seltsame Art ihren Vater zu provozieren, kam ihr auch wieder in den Sinn. Dann am Mittwoch wo Makoto bereits bei ihrer Mutter zu Hause war und ausschlief, da fing er sie erneut ab, als sie alleine unterwegs gewesen ist. Wieder stellte er sich einfach vor sie, sah zu ihr herab und stupste sie einfach an der Schulter. Wieder mit einem Finger. Aber diesmal sagte er etwas Seltsames, was sie nicht richtig deuten konnte. Er grinste wieder. „Kleines Mädchen, stolzes Herz.“ Sie wunderte das schon die ganze Zeit. Warum machte er sowas? Vor allem war er im Beisein der Anderen immer anders und eher provozierend zu ihr. Aber das war sie gewohnt und damit konnte sie umgehen. Am Donnerstag dann, das gleiche Spielchen nochmal. Wieder auf einem Flur, aber diesmal auf der Treppe. Dann stellte er sich einfach vor sie und zeigte auf sie herunter. Dann hob er die linke Hand und tat nur so, als würde er sie an der Stirn anstupsen wollen. Sein Blick war ernst.
„Kleines Mädchen, großes Herz.“, kam dann nur ganz leise und weg war er auch schon wieder. Und am Freitag als bereits die schrecklichen Nachrichten zwei Tage lang durch die Presse gingen und die ganze Schule in Aufruhe war, weil sie Ichiro und Makoto kannten, ging er wieder zu ihr, als sie kurze Zeit auf dem Schulhof alleine auf einer Bank unter einem Baum saß und ein Buch las. Plötzlich stand er vor ihr, weil er sich von hinten angeschlichen hatte und nahm ihr das Buch aus der Hand.
„Kleines Mädchen bildet sich?“, grinste er sie provozierend an.
„Du nervst langsam, echt mal! Lass mich in Ruhe. Ich habe keine Zeit für so einen Kinderkram!“, fauchte sie ihn wütend an. Inzwischen hatten sich einige um sie versammelt und stellten sich vor allem hinter Tina.
„Gib ihr sofort das Buch wieder, klar?!“, wurde von mehreren Leuten gerufen. Er sah sich sehr überrascht um. Dann grinste er und sah sich das Buch genauer an. „Was liest ein kleines Mädchen wie du überhaupt?“ Tina stellte sich nur vor ihn und reichte ihm die Hand hin, damit er es ihr wiedergeben konnte.
„Du kannst es ja mal laut vorlesen, vielleicht ist es bereits auf deiner Bildungsebene?“ Erstaunt sah er sich das Buch genauer an und lachte laut los.
„Ist das dein Ernst? Ein Märchenbuch für Kleinkinder?“
„Na immerhin kannst du es schon lesen. Da bist du mir ja mal was voraus. Dann kannst du uns bestimmt etwas daraus vorlesen.“, haute sie dann raus. Die anderen fingen an zu lachen.
„Wieso liest du sowas?“
„Kannst ja mal raten.“
„Hm, um unsere Sprache zu lernen?“ Tina klatschte freudig in die Hände und drehte sich zu den anderen um.
„Wahnsinn, dieser Teilnehmer erhält hundert Punkte!“ Wieder wurde gelacht und gekichert.
„Das ist gut, dann kann ich mir sicher etwas für die einhundert Punkte aussuchen, so wie bei der Losbude. Was steht denn zur Auswahl?“, konterte er und gab ihr dann das Buch und sah ihr grinsend in die Augen.
In der Zwischenzeit wurde es um sie herum immer voller mit Schülern und auch Lehrern, jedoch hielten die sich in der Regel aus solchen Dingen raus, solange niemand handgreiflich wurde. Die Kids sollten lernen ihre Konflikte alleine zu regeln.
Sie waren natürlich neugierig. Nur einige wenige dachten da etwas anders drüber. Jun zum Beispiel fand die Situation eher beängstigend. Er war sich noch immer nicht so sicher wie Tina vom Wesen her tickte und hatte Befürchtung, sie könnte trotz ihres Mutes den Boden unter den Füßen verlieren.
Tina nahm das Buch an und machte eine Bewegung mit der linken Hand zur Seite.
„Du kannst dir gerne den bequemsten Weg aussuchen, mir in Zukunft aus dem Weg zu gehen.“, kam als Antwort und sie steckte das Buch in ihre Tasche. Dann wollte sie an ihm vorbei gehen, doch er sprach sie an, als er auf ihrer Höhe war. „Kleines Mädchen zieht also doch den Schwanz ein und weicht mir aus.“
„Meine Zeit ist mir nur zu kostbar, um sie mit dir zu vertrödeln.“
„Sag mal Fuchs, wo ist eigentlich deine dämliche Haarspange?“ Sie kicherte etwas und sah ihn gar nicht erst an.
„Ich verstehe deine Frage nicht. Wie kann ein Gegenstand dämlich sein? Es hat doch gar kein Gehirn?“
„Wo ist sie denn? Schon seit Mittwoch trägst du die andere. Gold passte viel besser zu deinem Haar.“ Tina hob die Hand und machte eine Wink-Bewegung. „Verloren, passiert halt.“
„Das stimmt doch gar nicht. Du hast sie nicht verloren. Du weißt doch genau wo sie ist. Hol sie dir einfach wieder oder war sie nicht wichtig?“ Tina blieb dann doch stehen und atmete tief durch. Sie wunderte sich woher er wissen könnte wo ihre Spange war? Dann drehte sie sich zu ihm um und sah ihn genervt und streng an.
„Du nervst sowas von! Sag doch einfach mal klar raus was du von mir willst! Dieses seit Tagen Umhergeeier raubt nur unnötig Zeit!“ Er stellte sich dann plötzlich mit einem ernsten Blick etwa zwei Meter vor sie und verschränkte seine Arme.
„Ich will ein Date mit dir!!“, haute er dann plötzlich laut hörbar für alle raus. Sein Blick war weiter streng und ihre Augen sahen ihn überrascht an. Durch die Mengen raunten viele leise Stimmen.
„Oha, jetzt werden aber ganz harte Spielregeln aufgestellt. Du weißt schon, dass du dich gerade voll lächerlich machst?“
„Warum?“
„Du warst doch dabei, als ich bereits einer Verabredung zugestimmt habe. Abgesehen davon ist das jetzt nur eine Ausrede. Statt mir wirklich zu sagen, was du sagen willst, spielst du hier so eine Schmieren-Komödie vor. Aber nun gut. Dass du zu feige bist, war mir klar.“ Sie drehte sich wieder um und ihr Blick war auf das Gebäude gerichtet. Sie hob die linke Hand. Dann streckte sie die Finger hoch und zog den Daumen ein, dann kurz darauf den Zeigefinger.
Er wunderte sich und die anderen waren auch etwas verdutzt. Was zählt sie ab?
„Letzte Chance! Du hast noch fünf Sekunden. Danach höre ich dir nie wieder zu!“, rief sie dann plötzlich laut. Sein Puls stieg enorm an und er fasste sich plötzlich ans Herz und rief laut.
„Danke!“, kam seine kräftige Stimme für alle hörbar. Tina nahm die Hand runter und grinste für die anderen sichtbar.
„Na geht doch!“, haute Tina lobend raus.
„Danke dafür, dass du Sayaka gerettet hast!“, fügte er hinzu und hatte plötzlich das Gefühl Luft lassen zu können. Kaum war der Satz raus, kamen ihm endlich die anderen Gedanken über die Lippen.
„Danke! Denn auf mich wollte sie nicht hören, aber jetzt können sich ihre Eltern nicht mehr rausreden und müssen sich um sie kümmern!
Danke, dass du es erkannt hast und versucht hast es ihr begreiflich zu machen. Dass es schon so schlimm ist, haben wir nicht gemerkt.“ Er ging auf sie zu und stellte sich hinter sie.
„Und Danke, dass du und deine Familie dem kleinen Makoto geholfen haben.“, sagte er dann etwas leiser. Es konnte trotzdem von ausreichend Anwesenden gehört werden. Tina spürte plötzlich seine warme Hand in der Nähe ihrer Schulter und wich ihm sofort aus.
„Fass mich nicht an!“, knurrte sie deutlich genug und sah ihm dabei in die dunklen Augen.
„Einem Kind in Not zu helfen, bedarf keinen Dank. Es ist eine Selbstverständlichkeit! Dass er diese Hilfe angenommen hat, indem er uns vertraute, das war eine Ehre!“, sprach sie mit sehr ernstem Ton und hatte Mühe ihre Tränen zurückzuhalten.
„Und warum hast du ihm nicht gesagt, dass es deine Spange ist, die er gefunden hat?“, haute er dann noch raus und Tina wich seinem Blick diesmal aus und ging ein paar Schritte bevor sie antwortete.
„Sie verleiht Mut und Stärke. Er kann sie besser brauchen als ich.“, kam als Antwort, dann ging sie in zügigen Schritten ins Schulhaus. Die Schulglocke läutete und auch die anderen lösten sich so langsam auf.
Einige blieben stehen und sprachen den Großen an.
„Sag mal. Was meinst du mit „Makoto helfen“?“, konnte sie noch hören und ging davon aus, dass er erzählte was passiert war. Jedoch wunderte sie sich woher er es wusste.
Die goldene Spange Teil IX oder Zugfahrt
Kapitel 146
Die goldene Spange Teil IX oder Zugfahrt
Tina stand gegen 16 Uhr am Bahnhof und buchte ihr Ticket um. Leider gab es nur noch nicht reservierte Plätze und durch die Rush Hour konnte es gut sein, dass sie sogar stehen musste. Jedoch störte sie das nicht, denn auf lange rumsitzen hatte sie eh keine Lust. Nur stehen wäre zwar auch für über zwei Stunden langweilig, aber was sollte man machen? Hätte sie den Luxus haben wollen, dann hätte sie mit ihren Eltern fahren müssen. Sie freut sich stattdessen für die Person, die ihren leeren Platz nutzen durfte. Ihre Eltern haben sicherlich einer älteren Person oder einem kleinen Kind den Platz überlassen, welche sonst hätte stehen müssen.
Die Maschine am Einlass zog die Fahrkarte durch und sie nahm sie sich wieder und steckte sie nach dem Durchgehen in ihre kleine Tasche an der Rückseite des Rucksacks. Dann betrat sie später den Zug und wie vermutet waren alle Plätze belegt. Also ging sie gleich an die hintere Stelle zum Stehen und sah neugierig durch den Wagon. Es war tatsächlich jeder Platz besetzt und auch zum Stehen gab es nur noch wenige Möglichkeiten.
Der Zug fuhr kurz darauf schon an und verließ den Bahnhof. Er machte noch einmal Halt und die letzten Leute stiegen zu. Es wurde immer enger im Stehbereich. Tina hielt sich oben fest und holte vorher ein Buch und ihre Kopfhörer aus dem Rucksack. Dann hielt sie sich wieder oben fest und verfolgte ihre Gedichte mit dem passenden Hörbuch und der Übersetzung dazu. So konnte sie am besten die japanische Schrift nachvollziehen. Sie kannte dieses System zwar gut, aber ihr war noch nicht so klar welches Buch sich am besten eignete. Ihr Japanisch-Lehrer empfahl ihr gestern diese Variante der kurzen Texte. Sie sind oft mit einfachen Worten geschrieben, damit es auch die einfachen Bürger verstehen. Sie war vertieft in ihr Buch und lauschte begeistert der angenehmen Stimme. Ab und an schmunzelte sie vor sich hin. Etwa drei Reihen von ihr entfernt saß ein Mann mit Lockiger Frisur, Brille und etwa um die fünfzig Jahre alt. Er war gleich verdutzt, als er sah, dass sie Gedichte las und dann auf Japanisch. Sie schien zu verstehen was dort stand, sonst würde sie nicht manchmal etwas grinsen.
Plötzlich ging die Tür zum nächsten Wagon auf und ein junger Mann kam durch den Gang. Er sah sich neugierig bei den stehenden Leuten um und dann entdeckte er Tina.
‚Oh, da ist sie ja. Die Süße ist mir vorhin schon auf dem Bahnsteig aufgefallen. Die Jungs haben plötzlich kein anderes Thema mehr, seitdem sie sie gesehen haben, dass sie bei uns eingestiegen ist.‘, ging in ihm vor. Er blieb einfach vor ihr stehen und sprach sie an. Es klang höflich und freundlich, aber Tina und alle anderen erkannten natürlich seine Absicht dahinter. Er war gut einen Kopf größer als sie und trug nur ein Tanktop und eine lange enge Hose mit einem silbernen breiten Gürtel.
„Hallo, wir haben im anderen Wagon noch einen Platz frei. Vielleicht hast du Lust ihn zu nutzen?“ In diesem Moment war Tina konzentriert auf ihr schönes Gedicht und fühlte sich natürlich gestört. Sie hob den linken Zeigefinger hoch, mit deren Hand sie das Buch festhielt. Es war eindeutig eine Geste, dass er zu warten hatte. Das wunderte ihn sehr, denn was gab ihr bitte das Recht ihn hinzuhalten und auf ihre Antwort zu warten? Er empfand das als sehr frech, aber er ließ es sich vorerst nicht anmerken, sein Gesicht machte nur eine verdutzte Erhöhung der Augenbrauen. Nach ein paar Sekunden sah sie kurz hinter dem Buch vor zu ihm auf. Sie wollte doch ihren Gedanken zu Ende denken.
„Ich stehe lieber, danke.“, kam nur als Antwort.
„Du hast es sicher noch weit. Bis wohin musst du denn?“, versuchte er nochmal sein Glück und blieb freundlich. Inzwischen hielt er sich, bei dem hohen Tempo von gut 250 Sachen, am Griff eines Sitzes fest. Die anwesenden Fahrgäste sahen überrascht zu. Bisher äußerte sich jedoch niemand. Tina stöhnte genervt auf und klappte ihr Buch mit einer Hand zu. Dann drückte sie in ihrer Jackentasche unter anderem auf die Pause-Taste des CD-Players. Wieder ließ sie ihn dadurch etwas auf die Antwort warten.
„Das werde ich Ihnen ganz bestimmt auf die Nase binden. Gehen Sie einfach zurück und lassen mich in Ruhe lernen. Sie stören.“, macht sie eine klare aber noch höfliche Ansage.
„Entschuldige, ich wollte nur ein Gentleman sein. Was bitte lernt man denn mit Gedichten? Und du hast es doch gar nicht nötig sowas Langweiliges zu lernen. Du bist viel zu hübsch, um dir Gedanken um Poesie zu machen.“, grinste er plötzlich, um seinen eigentlichen Unmut zu vertuschen.
‚Dieses Mädchen ist ne harte Nuss. Das hätte ich gar nicht gedacht.‘
„Dann könnten Sie den freien Platz auch jemanden anbieten, der ihn nötiger braucht, als ich junges Ding. Fragen Sie einfach rum, wer ihn nutzen möchte. Ich stehe hier gut und es ist ruhig.“
„Der Platz war jetzt aber nur für dich gedacht. Was spricht denn dagegen? Ich bin doch freundlich, oder nicht?“
„Und was passiert dann, wenn ich mit Ihnen mitgehe? Soll ich dann Gedichte vorlesen, oder wie stellen Sie sich meine Gesellschaft vor?“
„Das wäre doch eine gute Idee. Dann wird die Fahrt nicht so langweilig.“, lächelte er. Seine Hoffnung sie für seine Zwecke rumzukriegen, war noch nicht verschwunden.
„Und Sie denken echt, ich bin so naiv, dass ich das glaube und mitgehe? Ich weiß, dass Sie dort mit sieben weiteren Herren sitzen, die zuvor die Leute auf dem Bahnsteig schon belästigt haben, vor allem die jungen Mädchen und Frauen sind Ihnen nicht grundlos aus dem Weg gegangen, weil sie bemerkt haben, dass Sie ihnen nur unter den Rock gucken wollten. Die eine oder andere haben sie auch berührt. Ich bin doch nicht blöd und gehe mit Ihnen jetzt mit.“, kamen nun ernste Töne und ein letzter höflicher Blick.
„Da hast du dich eindeutig verguckt. Diese Truppe von vorhin waren andere.“ „Sie waren selbst einer von ihnen. Meine Güte. Was ist an einem NEIN nicht zu verstehen? Oder spreche ich die Worte vielleicht falsch aus? Es könnte ja auch an meiner schlechten Aussprache liegen.“, sprach sie laut genug und sah sich dann etwas um, damit die anderen sich angesprochen fühlten. Es war leise.
„Nein, Sie sprechen deutlich genug.“, brachte sich plötzlich nur ein einziger Mann ein. Die Stimme kam hinter dem jungen Unfreundlichem hervor und alle sahen dann zu ihm. Es war der Mann aus der dritten Reihe. Er stand daraufhin auf, um anzuzeigen, dass er nicht zusehen würde, wenn etwas sein sollte.
‚Was will der alte Sack?‘
„Mischen Sie sich da nicht ein, Alterchen.“, sagte er klar und brummig. Dann ging er auf Tina zu und grinste.
„Komm einfach mit, dann kriegt der Opa dort keine Probleme.“ Sie sieht kurz darauf mit ihrem strengen Blick zu ihm auf.
„Sie drohen mir? Sie wollen mich erpressen? Glauben Sie wirklich, ich gehe darauf ein?
Wie alt sind Sie? Sie benehmen sich wie ein Kleinkind, dass seinen Lolli nicht bekommt und sich dann vor Wut auf den Boden wirft oder Dinge aus dem Regal schmeißt. Ist Ihnen das nicht peinlich?“
„Wie bitte? Du kleine Schlampe willst dich ernsthaft mit mir anlegen?“, fauchte er sie plötzlich an und in diesem Moment öffnete sich die Tür erneut und zwei weitere Kumpel von ihm kamen in den Wagon.
„Was dauert denn so lange?“
„Die Kleine zickt rum. Haltet den Alten hinter mir in Zaun. Der glaubt sich einmischen zu müssen!“, machte er plötzlich eine Ansage.
‚Na toll, jetzt das auch noch. Können die uns nicht einfach in Ruhe lassen?‘ Tinas Puls stieg deutlich an. Sie wollte doch nur ihre Ruhe haben. Mit einem unerwarteten Schwung spürte der Mann vor ihr kurz vor seinen Augen eine Ecke ihres Buches. Es hatte ein Hardcover und die Ecke wollte er garantiert nicht zu spüren bekommen. Sein Puls stieg ebenso rasant an.
„Wehe, wenn jemand diesen Mann anfasst!“, schaute sie an dem Typen vorbei und blickte erbost zu seinen Kumpels, welche bereits auf Höhe des Mannes standen. Dieser sah verdutzt zu ihr.
‚Dieses Mädchen ist aber echt mutig. Jetzt droht sie ihnen zurück? Dass sie bis jetzt so taff war, kann man nur bewundern, aber jetzt den Spieß umdrehen, ohne eine Möglichkeit zu haben sich zu wehren, das ist dumm.‘
„Kümmern Sie sich nicht um mich.“, sagte er dann ernst zu ihr. Sein Blick war streng, als hätte er ihr eine Ansage gemacht.
„Was dann? Was willst du kleine Schlampe schon machen? Das Zugpersonal braucht zu lange, um hier zu sein und dann kümmern sich meine Männer um die eine Person. Am besten du beendets das hier und kommst mit mir mit, dann gibt es auch keinen Stress.“, machte er ihr eindeutig klar.
Tina blickte zornig in sein Gesicht.
„Sich mit mir anzulegen war ein großer Fehler! Letzte Chance: verlassen Sie alle den Wagon und Sie werden keine Probleme bekommen! Bedenken Sie doch, hier sind überall Kameras. Am Ende weiß doch jeder was passiert ist.“ Er grinste nur und drängte sie mit einem Näherkommen an die Wand. Natürlich wollte Tina nicht, dass er sie berührte und ließ ihm das Aufdrängen zu und sah ihn total verdutzt an, als würde er es geschafft haben sie einzuschüchtern. Dann lehnte er sich mit einem Arm gegen die Wand hinter ihr und sah ihr in die Augen.
‚Wow, was die für einen Blick hat. Ist ja der Wahnsinn. Und dann glaubt sie noch, sie kann mich mit so einem bösen Blick einschüchtern? Dass sie mich stattdessen damit so richtig anmacht, scheint ihr nicht klar zu sein. Die gefällt mir.‘
„Die Kamera nimmt nichts auf, die läuft nur Live. Und das hier ist der letzte Wagon im Zug, also brauchen die Typen ewig, um herzukommen. Also lassen wir doch das ganze Theater und du kommst brav mit uns. Hier wird dir sowieso keiner helfen. Niemand schert sich hier um eine kleine Ausländerin, eine kleine Amerikanerin, womöglich die Brut eines dieser Soldaten. Das erklärt warum du Japanisch sprichst.“ Kaum hatte er das gesagt, kam seine andere Hand ihrem Gesicht näher, als wollte er sie direkt am Mund berühren wollen. Plötzlich duckte sie sich, rollte sich an der Wand entlang unter seinen Arm hindurch, sodass seine Hand ins Leere verlief. Tina richtete wieder das Buch auf ihn.
„Fassen Sie mich nicht an!“ In diesem Moment kam ein lautes Brüllen in seine Richtung.
„Lassen Sie sie in Ruhe!“, war die Stimme des älteren Mannes zu hören. Doch dieser wurde dann plötzlich von seinen beiden Leuten an den Armen gepackt. „Siehst du, Kleines. Da gibt es keinen Ausweg. Komm mit und wir können gleich zusammen aussteigen.“ Tina wunderte sich eher darüber, dass keiner außer des einen Mannes, den Mut hatte, sich irgendwie einzumischen. In Deutschland wären sicherlich schon längst weitere Männer aufgestanden, um zu helfen. Aber die Blicke der anderen waren sehr eingeschüchtert. Sie kannten diese Männer und waren immer froh, wenn es keinen Ärger auf ihrem Weg nach Hause oder zur Arbeit gab. Jeder Ärger und verspätete Termine könnte ihnen den harterarbeiteten Job kosten.
Der lästige Typ grinste und fühlte sich nur angestachelter als zuvor und drehte sich zu ihr.
„So Kleine. Jetzt bist du hier in der Ecke und kannst nicht wieder abhauen. Wie nun weiter?“ Tina steht genau vor einer Tür.
„Viele Helden finden sich hier ja scheinbar nicht! Echt peinlich. Wo sind denn diese vielen bunten Superhelden aus euren vielen Mangas? Gibt es denn niemanden außer den einen, der sich erhebt?! Ein kleines wehrloses Mädchen ist in Gefahr und keiner will helfen? Wie peinlich ist das denn? Echt mal. Mir hat man gesagt, Japaner sind mutig und ehrenvoll. Scheinbar hat man mir vergessen zu sagen, dass es davon nur wenige gibt.“ Tina schaute durch die Sitze und wurde von mehreren skeptisch und ängstlich angesehen. Bei den Damen konnte sie das ja verstehen, aber auch die jungen Männer waren eher verängstigt. Es waren aber auch eher alles schmächtige Typen. Es ging die Tür wieder auf und die restlichen ihrer Truppe standen plötzlich in der Tür.
„Was dauert denn so? Das kann doch nicht so kompliziert sein.“, kam als Aufruf. „Da kannst du noch so lange betteln, dass man dir hilft. Die haben alle Schiss. Im Gegensatz zu dir, wissen die vermutlich mit wem sie sich anlegen würden.“ Tina stellte sich selbstsicher vor ihn, verschränkte die Arme und sah ihn ernst an.
„Mir ist egal wer Sie und Ihr Gefolge sind. Und ich wüsste übrigens nicht, dass ich Ihnen das DU angeboten hätte.“
„Oha, die kleine hats ja drauf.“, richtete sich plötzlich einer der anderen an seinen Kumpel und ging zu ihnen.
„Wir tauschen jetzt mal die Plätze.“, meinte er zu ihm und berührte ihn an der Schulter.
„Nichts da. Die Süße gehört mir.“, murrte er ihn an.
„Nun mal halblang. Geh zur Seite.“, forderte der andere. Er lächelte Tina an und reichte ihr seine Hand.
„Ich hoffe mein Kollege hier war nicht zu unhöflich? Er hat es leider nicht drauf immer freundlich zu bleiben. Er hat sicherlich gefragt, ob Sie zu uns rüberkommen, weil ein Platz frei ist.“
‚Nanu, was wird das denn jetzt? Der ist mir zu freundlich.‘
„Zuerst war er höflich, aber er kann kein NEIN akzeptieren.“, erklärte sie freundlich zurück. Er sah sie erstaunt an und blickte dann zu seinem Kollegen. „Was soll das heißen? Sie sagt „Nein“ und du lässt sie nicht in Ruhe, oder was?“ Der Typ sah ihn verdutzt an.
„Äh, Chef…ich.“, fing er plötzlich an zu stottern.
„Schäm dich was! So, Männer, wir gehen jetzt wieder zurück und lassen die Leute in Ruhe.“, befahl er mit fester Stimme und stand etwa zwei Meter von ihr entfernt. Die Männer grunzten etwas und der eine ließ den Mann endgültig los.
‚Na das wurde ja auch Zeit. Einer scheint ja doch vernünftig zu sein.‘, dachte dieser und rieb sich die berührte Stelle. Tina wiederum war skeptisch. Ihr ging das plötzlich zu schnell. Sie hatte sich doch nun schon einen guten Plan einfallen lassen und dann haute das alles nicht mehr hin, weil sie nicht mehr ins Profil der Gruppe mit ihrem Verhalten passten. Sie ließ sich ihre Skepsis nicht anmerken. Die Männer gingen langsam auf die andere Wagon-Tür zu. Der Anführer der Gruppe ging auch einen Schritt und plötzlich blieb er stehen.
„Ach so…beinahe hätte ich es vergessen. Bitte entschuldigen Sie das Missverständnis. Das kommt nicht wieder vor.“ drehte er sich mit einem Lächeln zu ihr um. Der junge Mann war kein Riese, vielleicht nur zehn Zentimeter größer als sie, aber er hatte eine muskulöse Statur und wirkte sehr drahtig in seinem bunten, gemusterten, langärmligen Hemd und seiner langen schwarzen Hose. Darunter trug er ein paar Ketten, die nicht zu sehen waren, da sein Kragen bis oben zugeknöpft war. Sein Halsschmuck war jedoch zu hören. Tinas Puls stieg wieder enorm an, denn irgendwie machte ihr seine Freundlichkeit Angst. Instinktiv kam sie ihm gut einen halben Schritt entgegen, aber nicht, um ihm entgegen zu kommen, sondern um hinter sich die Barriere der Ausgangstür nicht mehr zu spüren. So hatte sie mehr Spielraum um sich herum. Sie ließ es wie ein freundliches Ansprechen aussehen. Ihre Augen trafen sich und blickten sich beide ein paar Sekunden an.
„Du kleine Ami-Schlampe kommst jetzt mit uns!“, verlautete er dann plötzlich laut und zornig.
„Wenn der Zug jetzt hält, dann gehst du mit uns zusammen aus dieser Tür und wirst keinen einzigen Ton von dir geben! Hast du das kapiert?!“
‚Ich wusste es, das war die Ruhe vor dem Sturm und sein Kumpel war nur die Ankündigung.‘, wurde ihr die Situation bewusst. Sie sah ihn dann selbst zornig an.
„Das werde ich nicht!“
„Doch! Das wirst du!“ Genau in diesem kurzen Moment machte er eine ruckartige Bewegung in ihre Richtung und griff mit der rechten Hand von oben auf ihren Kopf zu, als wolle er ihre Haare packen. Jedoch bevor er ihre Haare packen konnte, machte sie ihre Hände wie eine zusammengegriffene große Faust, duckte sich ein wenig und schlug mit voller Wucht gegen seinen Unterarm. Er schrie auf. Ihre Füße hatten einen außergewöhnlich festen Stand, da sie den Platz nach hinten nutzen konnte. In ihrer Erinnerung war es gefühlt eine solche Situation als würde der Ball im unglaublichen Tempo aufs Tor zufliegen und einen Bogen über ihren Kopf hinwegmachen wollen. Ähnlich wie eine Art Topspin oder ein Schuss von weit oben aus einem nahen Fallrückzieher. Der Blick des Mannes war völlig verdutzt. Er versuchte dann mit Kraft ihre Arme herunterzudrücken, aber sie konnte ihm standhalten. Der Zug begann langsamer zu werden. Der Zorn des Anführers stieg an.
„Was bist du denn für Eine? Glaube ja nicht, dass dir das jetzt hilft.“, brüllte er sie an. Plötzlich grinste Tina.
„Oh, keine Angst. Sie sind genau da, wo ich Sie haben wollte.“ Das Bremsen des Zuges wurde immer deutlicher, denn der nächste Halt stand kurz bevor. Unerwartet standen zwei Männer auf und einige der Zugestiegenen Damen und Herren bewegten sich.
„Ach glaubst du?“ Er wollte mit der linken Hand ihren Arm greifen, aber da bekam er plötzlich einen Schlag von einem Schlagstock auf den Rücken und wurde ohne mit der Wimper zu zucken zu Boden gedrückt.
„Polizei! Die Herren ergeben sich sofort, sonst wird es hier ungemütlich!“ Sein Puls stieg enorm an und der Kerl sah Tinas Füße mehr als nur zornig an. Die erste Handschelle klickte ein.
„Eine Falle?“, haute er überrascht aus.
„Als Anführer taugen Sie nichts. Wie dämlich sind Sie denn, jedes Mal dieselbe Route zu nehmen?“
„Wie bitte? Woher?“ Sie grinste nur.
„Du verdammte Ami-Schlampe!“, fluchte er wütend
„Mund halten!“, wurde er dann mit dem Gesicht zu Boden gedrückt, damit er nichts mehr sagen konnte. Kurz bevor der Eingriff losging, wurde von der anderen Seite des Wagons die Tür unbemerkt verriegelt, damit die acht Männer nicht weglaufen konnten, denn es konnte nun jederzeit eingegriffen werden.
Kurz nach dem schnellen Eingriff waren die anderen ebenso dran. Schon bevor sie es groß mitbekamen, wurden ihnen die Handschellen umgelegt. So schnell konnte keiner reagieren, denn fast neben jedem standen bereits Zivilpolizisten und konnten sie festhalten. Am Ende waren es mehr als Tina vermutete.
„Ich bin keine Amerikanerin, nur mal zur Info. Ich bin Deutsche. Und eine Schlampe schonmal gar nicht. Ich bin nur eine einfache kleine blonde Schülerin, die versucht hier in Japan klarzukommen. Und wenn mir jemand in mein Leben pfuscht, dann pfusche ich zurück!
Und wenn Sie nicht wissen wohin mit Ihrer überschüssigen Energie, dann tun Sie lieber was Sinnvolles. Machen Sie Sport oder gehen arbeiten. Gehen Sie mal Laufen, schwimmen oder spielen Sie eine Teamsportart, was glauben Sie wie befreiend das sein kann, wenn man sich auspowern kann, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben? Sollten Sie jemals wieder aus dem Knast kommen, dann denken Sie darüber nach. Es baut Frust ab, macht den Kopf frei, fördert das Denkvermögen und zügelt Ihr überflüssiges Testosteron. Das ist alle Male besser, als andere Leute zu drangsalieren!“ In diesem Augenblick hielt der Zug endgültig und die Tür hinter Tina ging auf. Tina stieg aus und ging gleich bei Seite, hinter eine Beamtin, um aus dem Schussfeld zu sein. Ebenso öffnete sich die Tür am anderen Ende und dort stürmten weitere Zivilpolizisten hinein und scheuchten die Täter der Reihe nach durch den Gang nach draußen direkt in die Arme der Polizeibeamten auf dem Bahnsteig. Man hatte die Fahrgäste auf die anderen Eingänge umgeleitet, so hatten die Beamten freie Bahn. Als die Täter den Zug verlassen hatten, konnte Tina wieder einsteigen und zwei Beamte folgten ihr nach drinnen. Die Türen schlossen sich wieder und der Zug fuhr planmäßig weiter. Es wurden die nötigen Personalien aufgenommen und der leitende Kommissar griff zum Funk.
„Wir haben sie. Danke für die Infos.“, sprach er hinein und bekam dann eine Frage zurück.
„Hat Sie Ihnen schon das Tonband gegeben?“
„Welches Tonband?“, kam zurück. Tina wurde stutzig, als sie die Frage hörte. Sie sah den Kommissar verwundert an.
„Na sie macht, wenn es geht, eine Aufnahme. Vielleicht hat sie es diesmal auch gemacht, weil sie vorgewarnt wurde. Fragen Sie mal danach.“ Der Kommissar sah zu Tina und fragte sie natürlich nach einem Tonband.
„Ja, ich habe eine Aufnahme. Ich habe es ja schon geahnt. Ist er dran?“ Der Mann sah sie verdutzt an.
„Wer soll denn da dran sein? Ein Kollege.“ Tina holte ihr Tape aus der Tasche und übergab es dem Kommissar. Sie deutete freundlich an den Funk wieder anzumachen.
„Sagen Sie Ihrem KOLLEGEN, dass ich eine Tonbandrechnung von ihm brauche. Guten Abend noch. Und Gruß an die Frau neben ihm, Danke für die Warnung.“
Etwa eine halbe Stunde später stand Tina wieder an ihrem Platz und es war etwas leerer im Wagon, denn die sitzenden Polizisten waren weg und die Stehplätze fast leer, da fast alle zu ihnen gehörten oder nun die leeren Sitzplätze nutzten. Es waren nur noch die zwei Beamten da, welche die Aussagen aufgenommen hatten und wollten an der nächsten Station aussteigen. Tina war die Einzige, die wie sie, noch stand. Sie war zuvor auf Toilette und richtete ihre Haarspange her. Als sie in den Spiegel sah und sich betrachtete, lächelte sie. Endlich hatte sie ihre Spange wieder. Es stimmte sie sehr fröhlich und andererseits auch traurig, wenn sie an den kleinen liebenswerten Makoto dachte. Im Gedanken ging sie wieder raus und stellte sich an die Stelle zuvor. Sie holte ihr Buch wieder raus und machte aber diesmal eine andere CD in den Player. Es war etwas Instrumentales, aber irgendwie passte es nicht zu den Gedichten. Also legte sie das Buch wieder in ihren Rucksack und lauschte nur den Instrumenten. Um zu entspannen, sah sie aus dem kleinen Fenster in der ersten Sitzreihe. Viel konnte man nicht sehen, aber die Landschaft draußen war so gut wie schwarz, da die Dämmerung bereits abgeschlossen war. Ihre Gedanken waren bei ihrer Verabredung mit Tangaroa. Sie lächelte vor sich hin. Er stand wie abgesprochen vor ihrer Wohnungstür und klingelte. Sie öffnete und bat ihn herein.
„Hallo Tangaroa, dann hat es bei dir ja noch alles geklappt. Komm doch rein, ich bin gerade erst nach Hause gekommen, weil ich noch etwas erledigen musste. Meine Eltern sind nicht da, da sie spontan zu Freunden gefahren sind.“
„Oh, ja gerne. Wie geht es dir?“, sprach er etwas zurückhaltend, zog seine Schuhe aus, stellte sie neben ihre an die Seite und trat in die Wohnung.
„Naja, ging so. Die Woche war echt anstrengend. Und du? Kommst du mit in die Küche, dann kann ich nebenbei mein Brot fertig machen für die Fahrt heute Abend.“ Er nickte und folgte ihr einfach. Neugierig sah er sich etwas um, aber nur so, dass es nicht unhöflich schien.
„Sag nix, ist echt klein hier alles. Was anderes haben wir aber nicht gefunden. An Ausländer will ja keiner vermieten und schon gar nicht auf ungewisse Zeit.“ „Naja, ist doch gemütlich. Ihr seid doch eh nur zu dritt, solange du dein Zimmer hast, ist doch alles gut.“, versuchte er etwas Heiterkein reinzubringen. Tina sah ihn fröhlich an.
„Du bist auch süß. Du bist ein richtiger Sonnenschein, nicht wahr? In allem siehst du etwas Positives. Das ist wirklich zu beneiden.“ Er fasste sich verlegen an den Kopf und lächelte sie an.
„Äh, das hat…mir echt noch nie…ein Mädchen gesagt.“, sprach er dann leise. Tina grinste ihn an.
„Na dann wird’s mal Zeit. Wir sind jedoch zu viert hier. Martin wohnt auch noch hier. Ich hatte es bereits erwähnt. Er müsste jeden Moment vom Einkauf zurückkommen.“
„Ach stimmt. Ich…war wohl zu aufgeregt. Das ist mir dann untergegangen, sorry.“
„Ach was. Kann ich verstehen. Willst du mal probieren?“, reichte sie ihm einen Löffel und zeigte auf die Schüssel auf dem Tisch.
„Ähm, ja gerne. Was ist das? Es sieht nach Kartoffeln aus.“
„Das ist Kartoffelsalat mit Gurke und Ei.“
„Ich probiere gerne. Wir essen den anders.“ Er nahm einen Löffel aus der Schüssel und war begeistert.
„Das ist wirklich sehr lecker. Danke. Hast du den gemacht?“
„Ja, ich habe ihn heute ganz früh noch für Makoto und seinen Bruder gemacht. Das ist nur meine Portion für die Zugfahrt. Deswegen musste ich eben noch los, den Salat zur Polizeistation bringen. Die Polizistin, die weiß, wo die beiden aktuell sind, bringt es ihnen dann vorbei.“
„Oh, das ist aber wirklich sehr lieb von dir. Sie werden sich bestimmt sehr darüber freuen.“ Genau in diesem Moment war das Klacken der Wohnungstür zu hören. Martin kam rein und zog seine Schuhe aus.
„Tina? Ist deine Verabredung etwa hier bei uns?“, kam eine verwunderte Stimme.
„Ja, wir sind in der Küche.“, kam in Englisch zurück. Kurz darauf schaute er in die Küche.
„Hallo. Ich dachte ihr wollt ins Eiscafé?“
„Guten Tag. Mein Name ist Tangaroa Taylor. Wir gehen nachher auch ins Eiscafé.“, entgegnete Tangaroa höflich und beide Männer sahen sich an. Martins Blick war skeptisch, aber Tangaroa lächelte freundlich und ließ sich von Martin nicht beeindrucken. Immerhin waren die beiden sich fast gleichgroß mit ähnlicher Statur, nur dass Tangaroa deutlich mehr Sonne abbekommen hatte. Er trug eine marineblaue, sportliche Strickjacke mit Kragen und einer Jeans. Auf der Jacke war ein kleines nautisches Motiv mit einer Windrose und Koordinaten.
„Tina, als du erwähnt hast, dass er aus Neuseeland kommt, hast du nicht gesagt, dass er ein Maori ist.“, meinte Martin plötzlich frei raus und sah Tangaroa grinsend an. Tinas Puls stieg an. Ihr war seine Art unangenehm. So kannte sie Martin gar nicht.
„Du bist total peinlich und unhöflich. Was soll das?“, murrte sie ihn an und setzte einen ernsten Blick auf. Sie füllte sich nebenbei den Salat in ihre Dose und stellte alles wieder in den Kühlschrank.
„Ich mein ja nur. Ich kenne ja deinen Jungs-Geschmack nicht.“
„Echt mal. Lass das. Was ist denn nur los mit dir? Pack lieber die Sachen aus. Da muss doch bestimmt noch was in den Kühlschrank oder ins Eisfach?“ Er stimmte ihr dann zu und Tangaroa war ganz ruhig. Er hatte nur die Hände in den Hosentaschen und sah den beiden zu, wie sie den Einkauf in der kleinen Küche verteilten. Tina drückte Martin die Sachen in die Hand, die weiter oben in einen Schrank mussten und das was in die unteren Fächer musste, räumte sie ein.
„Ihr wirkt wie ein eingespieltes Team, wenn ich das mal so sagen darf.“, vermerkte er dann spaßig. Die beiden sahen sich verdutzt an und lachten.
„Kann sein, ist halt unsere Aufgabe hier. Viel bewegen ist hier ja auch nicht und Zeit haben wir in der Regel auch selten.“, erklärte Tina. Dann wand sie sich ihrem Brot zu und schmierte sich schnell ein paar Klappstullen, packte sie in Butterbrotpapier und darüber Alufolie und legte sie in den Kühlschrank neben Joghurtbecher und Gurke und kleinen Tomaten.
Danach zeigte Tina ihrem Besuch noch in groben Zügen die kleine Wohnung. Sie begann mit ihrem Zimmer, soviel mehr, war jedoch auch nicht zu zeigen.
„Kein Fenster? Du bist aber mutig. Ich schlafe grundsätzlich nur mit offenem Fenster.“
„Ich eigentlich auch. Naja, dafür hat die Küche eins. Kann man nicht ändern. Klein aber gemütlich. Meine Klamotten habe ich dann im Schrank meiner Eltern. Martin hingegen muss im Wohnzimmer schlafen, das ist viel doofer.“
„Das kannst du laut sagen. Ich bin froh, wenn ich hier raus bin.“, brachte dieser sich mit ein.
„Es dauert ja nicht mehr lange, dann hast du dein eigenes Reich hier. Wenn wir über der Gaststätte einziehen, dann kannst du die Wohnung ja alleine nehmen.“
„Genau, das ist für mich alleine eine ideale Wohnung.“, lächelte er.
„Ihr zieht bald um?“
„Ja, das kann ich dir nachher alles erzählen. Lass uns jetzt gehen. Du zeigst mir jetzt wo es das leckerste Eis gibt.“, lächelte sie ihn an.
„Okay, eine gute Idee. Wo willst du denn heute noch mit dem Zug hinfahren? Deine Verpflegung ist recht groß. Wird es eine lange Fahrt?“
„Ja, ich bin fast drei Stunden unterwegs. Ich folge meinen Eltern nach Nankatsu und fahre mit dem Shinkansen.“
„Oh, eine weite Fahrt. Ja mit dem normalen Zug bist du sonst gut sechs Stunden und länger unterwegs. Der hält nur an sehr wenigen Stationen.“
„Wohl wahr. Der ist schon echt schnell.“
Als die beiden zur Tür gingen, griff Tangaroa in seine Jackentasche und holte eine kleine Schachtel heraus.
„Tina, bevor ich es nachher vergesse. Ich habe es eben schon vergessen dir gleich zu geben.“ Er reichte ihr die kleine Schachtel. Sie war schlicht in gelb und hatte eine schwarze Schleife drum. Tina staunte nicht schlecht.
„Tangaroa. Was soll das sein?“, wunderte sie sich.
„Ähm, naja. Eine kleine Aufmerksamkeit. Aber mach es erst auf, wenn du wieder zu Hause bist oder gerne im Zug. Wie du willst. Nicht jetzt schon. Es ist für hinterher.“, schmunzelte er etwas zurückhaltend.
„Aber…du musst mir keine Geschenke machen.“, kam von ihr.
„Ein Geschenk ist es irgendwie nicht, eher eine Art Ersatz. Etwas für den sportlichen Notfall.“, redete er sich schüchtern raus und fasste sich an den Kopf. Martin hatte sich bereits auf das Sofa gesetzt und hielt eine Zeitschrift in den Händen.
„Oh, danke sehr. Das klingt ja wie eine Art Erste Hilfe Set.“, lächelte sie und legte es auf die Kommode.
„Vielleicht ist es das für dich ja auch.“, schmunzelte er zurückhaltend.
Die goldene Spange Teil X oder Der falsche Fotograf
Kapitel 147
Die goldene Haarspange Teil X oder der falsche Fotograf
Etwa nach fünf Minuten verließen die beiden die Wohnung. Sie gingen durch einen kleinen Park und setzten sich bei dem schönen Wetter draußen an einen Tisch eines italienischen Eiscafés.
„Wow, hier bin ich bisher nur früh morgens vorbeigelaufen, wenn die noch zu haben.“
„Und ich wohne hier gleich um die Ecke und muss jeden Tag hier lang, wenn ich zur Schule gehe. Das ist die reinste Qual.“, lächelte er.
„Ich weiß, du hast gesagt, dass es nur ein freundschaftliches Eisessen ist, aber ich würde dich trotzdem gerne einladen, wenn ich darf. Als Freund?“
„Oh, ist dir das echt so wichtig? Ich bin da ehrlichgesagt nicht der Typ, der es ausnutzt, wenn es…sowieso nicht mehr wird. Tut mir leid. Ich…weiß auch nicht.“, stammelte sie plötzlich selbst etwas verlegen und griff dann nach der Karte und schlug sie auf, um sich etwas abzulenken.
‚Wie peinlich. Was stottere ich mir denn da zurecht? Er macht mich doch nicht etwa verlegen?‘ Ihr Herz schlug plötzlich etwas doller und sie sah etwas irritiert auf die Karte. Auch ihr Gegenüber nahm die Karte in die Hand und sah hinein. Er sagte nichts und lächelte nur vor sich hin. Kurz darauf legte er die Karte wieder hin.
„Ich weiß schon was ich nehme.“
„Du kennst die Karte vermutlich auswendig? Das ging aber schnell. Ich weiß so gar nichts was ich nehmen soll. Am liebsten würde ich nur die Früchte nehmen und dazu eine Kugel Vanille. Mehr Eis brauche ich nicht. Das Obst sah bei den anderen schön frisch aus.“
„Dann bestellst du das eben. Einfach Obst und nur eine Kugel. Das geht bestimmt.“, sagte er motivierend und lächelte sie an.
‚Du bist scheinbar wirklich ein sehr fröhlicher Mensch, so wie Yoko, immer gut gelaunt und freundlich.‘, fiel ihr auf. Der Kellner kam und nahm die Bestellung auf.
„Ich hätte gerne das gemischte Obst und eine Kugel Vanille, keine Soße und keine Sahne.“, sprach Tina freundlich auf Englisch. Der Mann sah sie verdutzt an. „Naja, wir bieten nur an was genau in der Karte steht. Sie müssen sich da leider entscheiden.“ Tina überlegte und sah nochmal genauer alles an.
„Gut, wenn ich die Dinge einzeln als Zusatz bestelle, wie hier steht, dann liegt alles einzeln auf jeweils einem Teller?“ Er staunte und bestätigte.
„Gut, dann nehme ich eine Extra-Kugel Vanille, die Extraportion gemischtes Obst und einen Cappuccino und ein Glas stilles Wasser bitte.“ Die Männer sahen sich verdutzt an.
„Das ist doch genau dasselbe.“, äußerte der Kellner.
„Aber einzeln, so wie es hier steht. Sie haben doch gesagt, dass alles so bestellt werden kann, wie in der Karte steht. Oder habe ich jetzt was Falsches gesehen? Das hier sind doch Auflistungen, diese Bilder hier. Und das Bisschen Italienisch kann ich auch noch, was dazu steht.“
„Aber um die Extras zu bestellen, müssen Sie einen Becher bestellen. Ich kriege sonst Ärger mit meinem Chef. Es sind eben Extras und keine Einzelteile.“, sprach der Mann leise, aber freundlich. Tangaroa mischte sich ein.
„Dann bestelle ich zuerst. Ich nehme den Bananeneisbecher, eine Extraportion Vanilleeis, eine Extraportion gemischtes Obst und ein Glas Wasser.“ Er sah zu Tina und grinste.
„Und du nimmst dann sicher einen Cappuccino und ein Glas Wasser?“ Sie war verdutzt und musste sich eher das Lachen verkneifen.
„Genau. Dann bestelle ich eben nur meine Getränke.“ Etwas überrascht notierte sich der Kellner dann die Bestellung und bedankte sich.
Die beiden sahen sich nur fragend an.
„Äh, was war das denn? Man kann sich die Welt auch komplizierter machen als sie ist, oder? Er hätte uns doch nur sagen müssen, dass wir es auf diese Weise bestellen müssen.“, meinte Tina zu ihm. Er lachte seicht.
„Das stimmt. Ich war schon so oft hier und das habe ich noch nie bemerkt. Aber ja, in Japan tickt es etwas anders. Sonderwünsche sind hier so gar nicht beliebt. Alles nur streng nach Vorgaben. Dass das auch hier jetzt so ist, erstaunlich. Ich bestelle immer einfach den Becher und daher ist mir das nie aufgefallen.“
„Ist ja jetzt egal. Wie war der Rest deiner Woche, Tangaroa?“
„Das war irgendwie komisch. Aber du kannst dir sicher denken warum.“
„Das stimmt. Eine wirklich komische Woche. Irgendwie fällt es mir schwer fröhlich zu sein. Tut mir leid. Du versuchst mich aufzuheitern und ich kann gar nicht darauf reagieren. Ich bin dir sicher eine furchtbare Verabredung. Bitte entschuldige.“, sprach sie ruhig und betrübt. Dann sah sie sich um und sah den Kellner mit dem Eis kommen.
„Tina, mir fällt das auch schwer. Du kannst doch nichts dafür. Aber ich freue mich sehr, dass wir uns jetzt etwas kennenlernen können.“ Der Eisbecher und die restliche Bestellung wurden auf den Tisch gestellt.
„Lassen Sie es sich schmecken.“ Tina nahm sich das Obst und die einzelne Kugel.
„Nicht zu fassen, er hat echt keinen zweiten Löffel hingelegt. Zum Glück gibt’s zum Obst eine Gabel.“, wunderte sich Tina und greift dann zu ihrem kleinen Löffel, der am Cappuccino liegt.
„Tatsächlich. Er wusste doch, dass es für dich ist. Tut mir leid.“
„Du musst dich doch nicht dafür entschuldigen. Alles nur halb so wild. Ist mir nur aufgefallen.“ Sie lehnt sich lächelnd zurück.
„Gibt Schlimmeres. Vielleicht bin ich nur etwas empfindlich heute. Dann lass es dir schmecken. Es sieht alles sehr gut aus.“
„Danke, du auch.“ Beide genossen ihr Eis und das frische Obst dazu.
„Ich bin irgendwie neugierig, Tangaroa. Aber bitte nicht böse sein, wenn ich das jetzt frage. Da ich aber die eine oder andere Meisterschaft im Rugby angesehen habe und da natürlich die Neuseeländer dabei sind, sagen die Kommentatoren manchmal zu den Namen ihre Bedeutungen, wenn es interessant klingt. Hat dein Name auch eine Bedeutung?“
„Ja, tatsächlich ist das so. Ich bin in einem kleinen Fischerdorf aufgewachsen. Man hat mich nach dem „Gott des Meeres“ benannt. Meine Mutter zum Beispiel ist die „Göttin der Natur“ und mein Bruder der „Gott des Waldes“. So passt das gut zusammen.“
„Wow, so ein schöner Name. Und dein Vater?“
„Der wäre dann einfach der „Krieger“.
„Wie heißt denn deine Mutter? Ein Name mit so großer Bedeutung, muss sehr hübsch klingen. Sie ist sicherlich auch sehr schön.“ Verlegen sah er sie an.
„Äh, ja, das ist sie. Thanee, heißt sie.“
„Das klingt wirklich sehr hübsch. Bei mir ist das etwas unspektakulärer.“
„Das sehe ich nicht so.“ Tina sah ihn verwundert an und schluckte ihr Orangenstückchen herunter.
„Du kennst die Bedeutung meines Namens?“ Plötzlich begann er etwas zu stottern.
„Ähm, naja…ja. Bettina kommt von Elisabeth...und das bedeutet „Gott ist der Eid“ oder „Gott ist Vollkommenheit“. Also…während ich nur auf das Meer aufpasse…bist du wiederum treu und ehrlich zu dir selbst und…vollkommen.“, sprach er ganz leise und wurde etwas rot dabei. Tina wurde es warm ums Herz, als er das so einfach sagte. So etwas hatte bisher noch niemand zu ihr gesagt. Sie wusste gar nicht was sie darauf sagen sollte. Einerseits empfand sie es als ein großes Kompliment, aber dann hatte sie auch das Gefühl, dass es überhaupt nicht zu ihr passte. Ehrlich und vollkommen? Davon war sie doch nun wirklich sehr weit entfernt, so lange wie sie ihre Freunde belogen hatte. Da kann nichts ehrlich sein und vollkommen schonmal gar nicht. Sie sah verlegen und nachdenklich auf ihren Kaffee, rührte mit dem Löffel den Schaum umher und grinste dann.
„Davon bin ich aber weit entfernt. Trotzdem danke.“ Es kam keine Antwort dazu, dann sah sie wieder auf und sah ihm in die liebevollen Augen.
‚Wie kannst du nur sowas sagen? Du kennst mich doch gar nicht. Wer bist du Tangaroa? Du strahlst irgendwie eine Wärme aus. Was hat das denn zu bedeuten? Seltsam. Noch nie haben mich Komplimente verlegen gemacht. Bin ich durch das Training bei den Jungs so derart abgestumpft? Auch damals haben mich Komplimente nie berührt. Ich nahm sie wahr, aber entweder ich tat es einfach für mich beiseite oder ich wusste im Innersten, dass sie nicht ehrlich gemeint waren. Und jetzt? Jetzt werde ich auch noch verlegen? Das kann doch gar nicht sein. Was ist nur die letzten Tage mit mir los? Zuerst schlafe ich einfach ein, dann streite ich mich mit Mama und dann tauchte der kleine Junge auf und bringt irgendwie was aus dem Gleichgewicht.‘ Genau in diesen Gedanken sah Tangaroa etwas ernst auf und blickte in die Ferne hinter Tina. Sie wunderte sich natürlich und sah ihn fragend an.
„Alles okay? Was ist los?“
„Ich weiß nicht. Ich kenn diese drei Typen, die dort gerade in unsere Richtung kommen.“, flüstert er leise und trank einen Schluck aus seinem Glas.
„Du klingst besorgt. Die scheinen nicht nett zu sein, oder?“ Er nickte nur, schnappte sich die Karte und hielt sie vor sein Gesicht, als würde er sie lesen. Tina tat es ihm gleich, damit es nicht so seltsam von Weitem wirkte.
Sie konnte die seltsamen Personen hinter sich näherkommen hören und blieb ruhig. Sie wusste ja auch nicht wer die waren. Sie gingen langsam an ihnen vorbei. Tina nahm dann neugierig die Karte etwas runter und tat als würde sie fertig sein und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Als sie die drei Typen sah, kamen sie ihr nicht bekannt vor. Plötzlich drehte sich einer von ihnen um und sah zu ihnen. „Moment mal. Habe ich es mir doch gedacht.“, kam als Ausruf und die anderen hielten auch an und sahen nun in ihre Richtung.
„Wow, sie haben mich trotzdem erkannt? Sorry. Bleib einfach ruhig.“, flüsterte er leise und ruhig in ihre Richtung. Sein Blick war ernst. Die drei kamen dann auf sie zu und der eine von ihnen sah Tina gezielt an.
„Sag mal, ist das etwa die Kleine, von der alle reden?“, meinte einer zum anderen.
„Das denke ich. Das werden wir gleich erfahren.“ Sie blieben vor ihr stehen.
„Hallo, gehst du auf die Musashi?“, wurde sie gefragt. Der Ton klang einerseits freundlich, aber andererseits unehrlich. So richtig wusste sie noch nichts damit anzufangen. Tangaroa wiederum war etwas verdutzt, dass nicht er angesprochen wurde, sondern Tina.
„Hi. Wer seid ihr?“, kam von Tina freundlich in Englisch zurück.
„Nun sag schon, bist du das blonde Mädchen, was jetzt auf die Musashi geht?“, wurde er etwas ungeduldig. Tina sah ihn ernst an.
„Unfreundlich seid ihr gar nicht, oder? Ich sag doch nicht gleich jedem auf welche Schule ich gehe. Könntet ihr euch erst einmal vorstellen?“
Der scheinbare Sprecher der Dreiergruppe lächelte sie an.
„Hm, das tut nicht wirklich zur Sache. Aber es ist höflicher, das stimmt.“ Er nannte ihr kurz von welcher Schule sie kamen und fuhr dann fort.
„Wir haben gehört, du hast dort jetzt das Sagen. Wie ist das so als Ausländerin plötzlich der Chef zu sein?“ Sie sah ihn verdutzt an.
„Wie jetzt, ich verstehe nicht was ihr meint? Ich bin wie jede andere nur Schülerin.“
„Da wurde uns aber was anderes gesagt. „Der Große“ hat dir das Zepter überlassen, das wurde uns aus sicherer Quelle zugetragen.“
„Also echt mal. So ein Quatsch. Ihr müsst was falsch verstanden haben. Ich bin von gar nichts irgendein Chef. Und ich will auch keiner sein.“, meinte sie dann fest überzeugt.
Tangaroa nahm nun endlich die Karte herunter und legte sie auf den Tisch.
„Sie haben Recht, Tina.“, sagte er dann mit fester Stimme. Die anderen sahen ihn verdutzt an.
„Ach siehe an, der große Tangaroa. Was ist das hier? Etwa ein Date?“, grinste er dann und kicherte etwas.
„Was ist daran so lustig? Ihr stört uns und ihr stört die anderen hier.“
„Wow, du bist genauso wie man dich beschrieben hat.“
„Was soll das heißen? Wie hat man mich denn beschrieben?“
„Hm. Nun gut. Wir werden dann mal wieder.“
„Tangaroa, wir sehen uns.“, sagte er und berührte kurz seine Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Was das hier auch immer ist, pass auf die Kleine auf.“, verabschiedete er sich einfach und grinste vor sich hin. Tina sah den Jungs nach. Sie waren etwa in Tangaroas Alter. Ihr Japanisch reichte, um sein Geflüster zu verstehen. Jedoch konnte sie so richtig nichts damit anfangen.
„Was hat er damit gemeint? Womit hat er Recht?“
„Dass der Große dir die Schule überlassen hat. Das hat er gemeint.“
„Ich verstehe nicht ganz. Ehrlichgesagt blicke ich da bei diesem Machtgehabe noch nicht durch. Bei uns läuft das alles etwas anders ab, wenn es solche Gruppen gibt. Die drei und die Mädels waren Paare und haben die Schüler drangsaliert. Mehr habe ich da nicht bemerkt. Es war bisher schwer wegen der Sprache und die vielen neuen Gesichter irgendwie die Leute überhaupt zu filtern oder zueinander zuzuordnen. Meist kann ich das gut, aber wenn alle die gleichen Sachen anhaben, wird es schwer. Und Kleidung sagt viel über eine Person aus.“
„Hm.“ Er legte seinen Löffel zur Seite und trank einen großen Schluck.
„Das war nicht alles.“ Tina sah ihn fragend an.
„Als Itachi gestern versucht hat dich zu provozieren und du konntest dich aber gegen ihn durchsetzen, da hat er sich plötzlich vor allen Leuten laut und klar bei dir bedankt. Sayaka ist nicht seine Freundin. Sie...sind sowas ähnliches wie Geschwister.“ Tina sah ihn verdutzt an.
„Wie jetzt? Aber sie haben sich doch beide eindeutig als Paar ausgegeben.“
„Das hatte seine Gründe. Sayaka hat einen Freund, aber er ist es nicht. Wer, keine Ahnung, aber Itachi ist es nicht. “, erklärte er schlicht.
„Tina, willst du wirklich jetzt darüber reden?“
„Tut mir leid. Es beschäftigt mich doch schon sehr, weißt du? Ich…habe bei dem ganzen Chaos in den letzten Tagen den Verdacht, dass Ichiro etwas mit denen zu tun hat. Aber ich kann es einfach nicht zuordnen. Du scheinst da ja was zu wissen?“
„Ich verstehe. Dir geht der Kleine nicht aus dem Kopf.“
„Genau. Irgendwas stimmt da nicht und mich macht das wahnsinnig, weil ich als Neue keine Ahnung habe. Das Schuljahr geht ja auch schon länger als ich da bin und das ist schon komisch.“
„Ich kann es dir gerne erzählen, aber du musst es für dich behalten. Wir sollten dazu jedoch woanders hingehen.“
Sie aßen in Ruhe die restlichen Teller leer und tranken aus.
„Was meinst du, wo wollen wir jetzt hin?“, fragte Tina.
„Hm, wenn wir uns auch in Ruhe unterhalten wollen, was sagst du zum kleinen Tierpark hier um die Ecke. Der Zoo ist soweit weg und der kleine Park reicht doch. Du sagtest ja, dass du nicht ganz so viel Zeit hast.“ Tangaroa bezahlte die Rechnung. Kaum waren sie aufgestanden, kamen plötzlich zwei Mädchen aus Tinas Team vorbei.
„Oh, Tina, wie kommts? Ihr habt doch nicht etwa euer Date?“, kam als Begrüßung.
„Hi, wo wollt ihr denn hin? Ihr habt euch ganz schön aufgebrezelt.“ Die Mädchen haben jeweils kurze Kleider an und waren deutlich geschminkt. Ihre Haare waren sehr schön zurechtgemacht, Pumps an den Füßen und Schmuck trugen sie auch. „Naja, wir haben einen Termin bei einem Fotografen. Der Macht Fotos für ein Sportmagazin und er suchte noch Models, die Volleyballerinnen sind. Wir haben auch unser Trikot und einen Ball eingesteckt, damit wir damit auch Bilder machen können.“ Tina und Tangaroa sahen sich fragend an.
„Ich weiß ja nicht. Was soll das für ein Magazin sein und habt ihr mit Yako oder dem Trainer gesprochen?“
„Nö, wieso?“
„Was bekommt ihr für die Fotos und was sollen das für Fotos werden?“
„Na so ganz normale Fotos eben. Wir kriegen dann einen Sponsoren- oder Modelvertrag. Damit können wir später unser Studium bezahlen und nebenbei kommt immer mal ein Bonus. So kann man sich auch mal was nettes leisten wie eine Handtasche oder Schuhe. Ist doch echt cool. Das machen viele Sportler hier.“
„Tangaroa, du kennst das doch. Du bist doch auch in der Sportzeitschrift und machst Fotos für die große Herrenmode.“
„Äh, das schon, aber das ist auch mit dem Trainer, meinen Eltern und dem Verband abgesprochen. Da wurden entsprechende Verträge gemacht. Wissen eure Eltern denn davon?“ Die Mädchen sahen sich fragend an.
„Er sagte nicht, dass die alle informiert werden müssen. Und nun?“
„Doch das müssen sie, und eure Eltern müssen dabei sein, wenn Fotos oder Filme gemacht werden. Ihr seid beide noch keine 21. Seid ihr überhaupt schon 18?“
„Äh, nein. Wir sind beide noch fünfzehn.“
„Ich glaube da steckt keine gute Absicht dahinter, wenn ihr mich fragt.“, sprach er ruhig.
„Das ist auch meine Vermutung. Wisst ihr was? Wir begleiten euch einfach. Mal sehen wie die reagieren, wenn wir auch auftauchen. Was sagt ihr dazu?“ Die beiden willigten ein und somit gingen sie zusammen zu der Adresse.
„Wie hat der Mann euch denn kontaktiert?“
„Oh, er tauchte nach dem letzten Spiel vor den Hallenausgang auf. Ihr wart schon los und wir sind dann noch zu den anderen rüber, wir kennen uns noch von der Mittelschule. Von dem anderen Team kommen auch zwei Mädchen. Sie müssten schon da sein. Ihr Termin war eine Stunde vor uns. Denkt ihr wirklich, das könnte was anderes sein?“
„Tina, sei ehrlich, sind wir denn hübsch genug zum Modeln?“ Sie sah beide ernst an.
„Ihr seid doch doof, echt mal. Natürlich seid ihr das, aber darum geht es nicht. Haben die denn wenigstens gesagt für wen die arbeiten oder welche Sponsoren dahinterstecken?“
„Wir haben uns erkundigt, der Fotograf selbst ist sehr bekannt. Er hat schon einige der ganz großen Sportlerinnen unter Vertrag gebracht. Die Sponsoren suchen oft spezielle Motive und dann suchen die sich anhand dieser was raus und machen die Verträge.“, erklärte eine von ihnen. Sie reichte ihr die Visitenkarte.
„Sieht normal aus. Wir werden sehen. Ich denke, das ist eine Gruppe, die so junge Dinger wie uns anlocken wollen. Ich will lieber nicht wissen, was das dann am Ende ist.“ Der Mann an ihrer Seite stimmte ihr zu.
„Das klingt wirklich komisch. In der Regel kommt ein Sponsor oder eine Firma zu dir persönlich, dann spricht man ab was vertraglich möglich ist, setzt diesen auf und dann erst gibt es Fotos oder Werbefilme. Alles andere ist nicht sauber.“ Die Mädchen sahen ihn beide an.
„Ihr macht uns Angst, echt mal. Was ist, wenn ihr Recht habt? Wie konnten wir so dumm sein?“, kamen einer von ihnen die Tränen. Tina hielt ihre Schulter. „Beruhige dich wieder. Noch wissen wir nichts, euch wird ja nun nichts mehr passieren. Die anderen beiden müssen wir jedoch warnen oder da rausholen. Wir werden erstmal die Lage checken. Vielleicht ist es ja doch nichts Schlimmes. Könnt ihr die zwei anrufen?“, versuchte sie sie zu beruhigen. Es wurde versucht anzurufen, aber es kam nur die Nachricht, dass der Teilnehmer nicht erreichbar sei.
„Also aus oder kein Empfang.“, meinte Tangaroa.
Sie standen etwas später vor einem älteren Gebäude. Es gab weder ein Schild noch ein Plakat, lediglich die Hausnummer war mit einem recht neuwertigen Schild versehen und die Tür war erneuert worden. Das Gebäude stand in einer etwas abgelegenen älteren Geschäftsstraße, die kaum noch benutzt wurde. Einige Autos parkten vor der Tür. Der Gehweg war wenig gut gepflegt als gewohnt. Das ganze Viertel war nicht so sehr einladend.
„Das hat aber auch schon sein Alter, oder? Also eins ist klar, wenn dieser Fotograf berühmt ist, dann nutzt er sicher kein eher einsturzgefährdetes Wohnhaus mit Keller.“, vermerkte Tangaroa.
„Meint ihr echt? Er meinte, die Lokation ist rustikal, damit die Motive besonders gut wirken. Loft-Look ist total angesagt.“
„Sieht nicht einladend aus. Das stinkt eindeutig zum Himmel. Wartet bitte mal. Ich will vorher jemanden anrufen.“ Tina stellte sich etwas versetzt von den dreien weg und wählte Takerus Nummer. Er ging nicht ran. Sie ließ es lange klingeln. Etwas betrübt legte sie auf. Vermutlich war er mitten am Arbeiten oder schlief. Was soll sie nun tun? Direkt die Polizei auf Verdacht anrufen? Was ist, wenn sie doch unnötig die Pferde scheu macht und hinter der Tür ist tatsächlich ein gut ausgestattetes Fotografenteam? Vorstellen konnte sie sich das nicht, aber auf Verdacht ist das so eine Sache.
„Sagt mal ihr zwei. Wieso habt ihr nicht wenigstens Yoko mitgenommen? Habt ihr sie an eurer Seite, kann doch so schnell nichts passieren. Da müsste man schon Schusswaffen haben, um diesen Wirbelwind aufzuhalten.“, fragte Tangaroa die Mädchen ernst. Diese sahen ihn nur skeptisch an.
„Hä? Wieso Yoko? Was meinst du denn jetzt damit?“ Auch Tina wurde stutzig. „Das wüsste ich jetzt auch gerne. Warum Yoko? Weil sie im Judo die Beste an der Schule ist?“
„Was heißt hier Judo? Yoko ist bereits mit ihren 15 Jahren Karatemeisterin, mehrmalige Landesmeisterin und leitet als Trainerin neben der Schule das Familien-Dojo. Ich wundere mich jetzt aber, ihr seid im selben Team und wisst das nicht? Ihr Feingefühl ist der Grund, wieso sie so eine gute Zuspielerin ist und die harten Bälle so zielgenau annehmen kann.“, erklärte er sachlich. Tinas Puls stieg etwas an. Was hatte das denn bitte zu bedeuten? Warum hat ihr Yoko das nie erzählt?
Dann plötzlich wurde die Straße voll. Der Verkehr blieb stehen und aus einigen Autos stiegen mehrere Polizisten aus. Die Jugendlichen gingen auf die andere Gehwegseite und dann ging plötzlich alles ganz schnell. Es wurde die Tür leise geöffnet und einige Leute gingen teils bewaffnet hinein.
Dann wurde es etwas lauter und es dauerte nicht einmal zehn Minuten, da kamen schon die ersten Beamten wieder raus und zehn Männer und eine Frau waren in Handschellen und wurden in Polizeiautos gedrängt, die in der Zwischenzeit mit stillem Alarm angekommen waren. Der Einsatz wurde ruhiger und kurz darauf kamen einige Beamte wieder aus dem Haus. Eine Person, die beim Einsatz im Gebäude war, welche auch einen Helm trug, wurde auf die vier aufmerksam und gab jemanden ein Zeichen. Dann kam sie herüber und blieb vor ihnen stehen.
Die goldene Spange Teil XI oder Die Krähe und der Apfel
Kapitel 148
Die goldene Spange Teil XI oder die Krähe und der Apfel
„Hallo, seid ihr zufällig hier oder gezielt?“, sprach die Person freundlich. Es war eindeutig eine Frau. Unter der strengen Sonderausstattung mit Schussweste und Halfter mit Schusswaffe und Schlagstock, sah sie sehr beeindruckend aus.
„Guten Tag, sie mal einer an. Diese Dienstnummer kenne ich doch.“, grinste Tina plötzlich und verschränkte die Arme.
„Wie genial. Du bist einfach nur gut. Der Kommissar hatte Recht. Du musst später zu uns kommen. Kam der Tipp von dir?“
„Nö, noch immer keine Lust. Was für ein Tipp denn nun wieder? Und wir waren neuerdings schon beim DU?“, kam Tina entgegen.
„Oh, stimmt, sorry.“ Mila öffnete das Visier.
„Und wie läuft euer Date, Tangaroa?“ Als er sie erblickte lief er verlegen rot an und brummte etwas.
„Woher weißt du denn von unserer Verabredung? Kennt ihr euch?“ Plötzlich klingelte Tinas Handy.
„Ist alles okay bei Ihnen?“, kam die Stimme von Kommissar Saito.
„Ja, es hat sich bereits erledigt. Wo sind Sie?“
„Arbeiten, ich musste einen Einsatz beenden.“
„Zufällig was mit Fotografen und jugendlichen Mädchen?“ Er antwortete nicht gleich.
„Sind Sie etwa hier vor Ort?“ Sie legte einfach auf und grinste. Kurz darauf öffnete sich eine Tür von einem dicken Einsatzwagen und ein großer schlanker Hauptkommissar stieg aus und sah sich kurz um. Dann kam er auf die Gruppe zu.
Etwas später, nachdem die Mädchen zum Revier mitgegangen sind, standen Tina und Tangaroa im kleinen Tierpark vor dem Eselgehege.
„Jetzt erzähl mal, was ist das jetzt für eine Geschichte mit dieser Chefsache? Mich klärt ja immer keiner auf.
Du sagst die beiden sind Geschwister? Oder sowas ähnliches?“
„Naja, das Ganze liegt schon ein paar Jahre zurück. Es weiß auch kaum jemand. Bevor Sayaka in die Schule kam, war auch alles normal mit den Jungs. Die Typen von vorhin gingen übrigens damals auch auf unsere Schule. Sie wechselten jedoch vor einem Jahr. Sasuke, der uns angesprochen hat, war einer unserer Läufer im Team. Sehr talentiert. Die sechs Jungs und Sayaka mit ihren beiden Mädels kommen ursprünglich aus derselben Wohngruppe. Die sechs Jungs sind ohne Eltern aufgewachsen und waren im Heim, dann gab es die Wohngruppen und in so einer Gruppe sind so um die 20 Kids und zwei Betreuer. Das war so ein neues Projekt und noch in der Anfangsphase. Anfangs waren die Gruppen altershomogen und auch Jungs und Mädchen getrennt. Aber irgendwann ging es mit dem Personalschlüssel und der Zusammensetzung der Kids nicht mehr auf und man hat alles zusammengewürfelt, egal welches Alter oder welches Geschlecht. So kam Sayaka mit einem weiteren Mädchen in die Gruppe voller Jungs. Sie und das andere Mädchen waren jedoch keine Weisen, sondern stammten aus verschiedenen Haushalten. Sie war bereits in der Grundschule eine klassische Ausreißerin und hat ständig die Schule geschwänzt. So haben ihre Eltern sie dann in diese Gruppe gesteckt. Dort mussten alle Kids zusammen zur Schule gehen. Fehlte einer, gab es Ärger für alle anderen mit. Die Jungs hatten keine Probleme in der Schule, denn sie waren sehr zielstrebig und orientiert. Sie wussten immer was sie machen wollten, studieren. Man merkte ihnen also ihre Situation nicht an. Auch dafür ist die Uniform gedacht, dass man den Armen und Waisen ihre Lebenssituation nicht ansieht und sie ganz normal wie alle anderen in der Schule sind.
Naja, dann kamen die Mädchen irgendwann auch auf die Schule, das ältere hatte keine Probleme, aber Sayaka hatte wohl schon immer Lernprobleme und das merkte man ihr dann auch an.
In der Gruppe waren die anderen Jungs ständig gemein zu ihr und hänselten sie, weil sie nicht alles gleich verstand oder teilweise wurde sie auch körperlich angegangen, also geschlagen. Als Itachi das bemerkte und den anderen Jungs davon erzählte, beschlossen sie zusammen sich darum zu kümmern, dass die Mädels keine Probleme in der Gruppe mehr haben. Die Betreuer bekamen nichts mit oder wollten es auch nicht wirklich und das andere Mädchen versuchte ihr zwar zu helfen, aber gegen die anderen großen Jungs hatten sie natürlich keine Chance. Also wurde dann jedenfalls später eine große eingeschworene Truppe daraus. Durch den Wechsel der anderen Kids in der Gruppe kamen auch mal neue dazu und dann kamen später noch die zwei anderen aus deiner Klasse dazu und ein weiteres Mädchen und ein weiterer Junge. Es wurden auch ständig die Betreuer gewechselt und die Gruppe war sich meist eher selbst überlassen.
Um in der Schule nicht unterzugehen hat sich die ganze Gruppe als Paare ausgegeben, so konnte Sayaka mit den Mädchen ohne Probleme in die Schule gehen und niemand bekam mit was wirklich los war. Diese 12er Gruppe ging auf unsere Schule. Die Großen waren bereits da und die anderen kamen dazu. Um sich bei den Jungs zu bedanken, nutzten sie ihre Möglichkeit aus und fingen irgendwann an ein paar klügeren, die etwas schüchterner waren, Probleme zu machen. Ihr Ziel war es, diese von ihrem Lernen abzuhalten, dass den Jungs weniger Konkurrenz im Weg steht und sie die Schulbesten werden konnten, denn sie Mädchen waren nicht in der Lage es zu schaffen. Bis auf eine natürlich. Die konnte ihren Weg schulisch gehen. Ich weiß jedoch nicht wer sie ist. Aber auch ihr haben sie hier und da die Konkurrenz aus dem Weg räumen wollen.
Seitdem kam ihnen schon eine ganze weile niemand mehr in den Weg. Und dann tauchst du auf. Plötzlich gab es wieder Konkurrenz. Eine Gefahr, die die Gruppe und ihre Macht in der Schule zerstören könnte. Immerhin sind die Jungs schon nur noch zu dritt und bald sind auch sie nur noch zu dritt.“ Während er die lange Geschichte erzählte, spazierten sie an den Ziegen vorbei und hielten nun bei den Pferden.
„Wow, Tangaroa…ich…ich bin total platt.“, haute Tina plötzlich raus und sah lächelnd zu ihm auf. Er war etwas verwundert.
„Wie meinst du das? Die Geschichte hat man mir so erzählt.“
„Das meine ich gar nicht. Du bist doch sonst so zurückhaltend, aber jetzt redest du wie ein Wasserfall. Ist das jetzt der Tangaroa, den ich nicht kenne?“ Er sah sie verdutzt an.
„Ähm. Ich…naja…also.“ Sie kicherte plötzlich.
„Jetzt wieder schüchtern?
Was hältst du davon, wenn wir uns jetzt ein paar Möhren kaufen und die Pferde füttern und streicheln? Ich komme gerne hier her. Die sind so hübsch und neugierig.“
„Äh, ja klar.“, kam nur schüchtern und er folgte ihr zur Station des Tierpflegers. Die Zeit passte genau und Tina kaufte ein Körbchen gemischtes Futter mit Möhren, Äpfeln und Gras. Dann gingen sie zu einem braunen Pferd und Tina streichelte es und lächelte es an.
„Na du Schöne? Wie geht es dir? Wir haben hier was für dich.“ Sie nahm die Karotte und streichelte die Stute. Tangaroa war sehr erstaunt, denn dass Tina Tiere bzw. Pferde mag, das wusste bisher niemand. Er nahm sich den Apfel und wartete bis die schöne Stute sich ihm zu wand. Dann war er dran und sie schnappt fast gierig nach dem Obst und man konnte ihr ihre Begeisterung richtig ansehen.
„Du magst Pferde? Oder eher allgemein Tiere?“, fragte er dann.
„Oh, ja. Die erinnern mich an meine Kindheit. Mein Onkel, also der große Bruder meiner Mutter, er eine Pferdezucht für Nutztiere. Nebenbei betreibt er dann einen kleinen Reiterhof, um die Kinder für die Tiere zu begeistern. Demzufolge habe ich auch reiten gelernt. Ich komme öfters hier her und füttere die Pferde und Esel oder mal die Ponys. Immer das was zeitlich gerade geht. Und wenn sie schon gefressen haben, dann streichle ich sie eben nur.“
„Dann liebst du Pferde besonders gerne. Ich mag am liebsten Hunde, wenn man dann mit ihnen spielen kann. Wir haben jedoch keinen. Dafür ist keine Zeit.“
„Naja, besonders mögen kann man nicht sagen. Sie sind für mich hübsch und erinnern mich eben an schöne Zeiten und deswegen kann ich hier entspannen. Wenn ich viel laufe, bin ich hier und mache meine Pause. Hunde mag ich tatsächlich lieber. Wie du schon sagtest, man kann mit ihnen spielen. Ich bin tatsächlich auch mit Hunden aufgewachsen. Das war wirklich schön.“ Als Tina die nächste Möhre rausrückte und das Pferd anfing sie zu knabbern, sah er liebevoll zu ihr herab und lächelte als sich ihre Blicke trafen.
„Das stimmt…wir…wir hatten auch Hunde im Dorf. Sie…mussten nachts den Fang bewachen und wir…haben tagsüber mit ihnen gespielt.“, stotterte er sich etwas zusammen und streichelte nun auch endlich das weiche Fell des anmutigen Tieres zwischen ihnen beiden.
Tinas Herz fing plötzlich an stärker zu schlagen und ihr wurde etwas wärmer, dabei schien die Sonne doch bereits genug. Es war ein seltsames Gefühl, als sie ihm so in die dunklen Augen sah.
„Ich…ich bin auch…am Meer aufgewachsen. Wir hatten…nur eine Hütte…und…drei Hunde. Nur das Meer und der Strand. Deswegen…deswegen schwimme ich so gerne. Und wir…waren viel fischen. Vater und ich…mit einem Paddelboot mit kleinem Motor dran.“, stammelte sie sich zurecht und merkte es selbst kaum, dass sie plötzlich nicht klar sprechen konnte. Ihr Blick verharrte etwas und ihr gingen einige Dinge durch den Kopf.
‚Was ist das plötzlich? Warum wird mir auf einmal so warm? Was ist das plötzlich? Ich konnte doch immer jedem in die Augen sehen.‘ Noch bevor sie ihre Gedanken zu Ende bringen konnte, wurden sie von jemanden unterbrochen. Eine freundliche Mädchenstimme sprach sie an und als Tina zur Seite sah, erblickte sie Yayoi.
„Ach wie schön, habt ihr etwas heute eure Verabredung?“, stand sie einfach da und lächelte beide glücklich an und hielt ihre Hände vor sich zusammen. Tina sah sie verdutzt an.
„Yayoi? Was machst du denn hier?“
„Wir sind mit Freunden spazieren. Wir sind drei Pärchen und zwei Freunde. Alles Freunde von Jun und mir. Ihr könnt gerne dazukommen. Das stört die anderen bestimmt nicht.“ Tina sah sie skeptisch an.
„Welche Freunde? Aus seinem Team?“ Yayoi war irritiert.
„Ähm, ja und nein. Irgendwie aber schon. Also nicht aus dem Musashi-Team, wenn du das meinst. Wieso? Ist das nicht egal?“
„Nicht das Musashi-Team? Also dann das Nationalteam?“ Yayoi lächelte sie an.
„Je genau. Die sind aber alle ganz nett.“ Sie schüttelte den Kopf.
„Nein danke. Grüß Jun lieb von uns. Wir wollten sowieso nicht mehr so lange. Ich muss später noch einen Zug erwischen.“, meinte Tina dann trocken. Dann sah sie zu Tangaroa auf.
„Stimmt, den darfst du nicht verpassen.“, fasste er sich an den Kopf und war etwas verlegen.
Tina schielte kurz zu der Gruppe herüber. Sie standen alle mit dem Rücken zu ihnen, nur Jun sah in ihre Richtung und winkte ihnen plötzlich zu, als er bemerkte, dass sie zu ihnen sah. Dann löste er sich von seinen Freunden und ging zu ihnen. Als die anderen sich dadurch umdrehten, wich Tina ihren Blicken aus.
‚Verdammt, Jun. Jetzt sehen sie doch erstrecht hier her. Sie dürfen mich nicht erkennen. Das sind bestimmt die drei von der Toho. Das ist viel zu riskant.‘
„Hallo ihr beiden. Tina, tut mir leid. Yayoi ist einfach zu euch gegangen.“, sprach er sie verständnisvoll an.
„Schon gut. Wir wollen lieber nur unter uns bleiben, falls deine Freunde sich wundern.“
„Okay. Bis Montag dann. Euch noch einen schönen Samstag.“
„Jun, wieso entschuldigst du dich für mich? Ich wollte doch nur nett sein? Was ist denn so schlimm daran? Die anderen hätten sicher kein Problem damit.“ Er zögerte ihr zu antworten.
„Später.“, sagte er dann nur ernst.
„Später? Was später?“ Tina sah Jun an und flüsterte ihm etwas zu.
„Erzähl es ihr, aber wenn ihr alleine seid. Es ist wohl doch besser so.“ Er nickte ab und sie verabschiedeten sich wieder.
Kaum waren die beiden wieder bei der Gruppe kam ein kleiner Windhauch und eine Krähe flatterte plötzlich an Tina vorbei. Sie schnappte nach dem Apfelstücken, was der Stute beim Fressen heruntergefallen war. Tina sah zu ihr herunter und wunderte sich.
„Nanu, hast du Hunger? Frechdachs, also echt.“, sprach sie mit ihr etwas schimpfend und dann hielt sie inne.
‚Mama…wieso muss ich jetzt an dich denken?‘, starrte sie den schönen schwarzen Vogel an. Dann flog er wieder fort und setzte sich auf einen Zaun, um den Rest von seinem Apfelstückchen zu fressen. Tina und Tangaroa sahen ihm nach, da mussten beide stutzen. In diesem Moment kam eine etwas reifere Dame mit einem Zehnjährigem am Zaun entlang. Voller Begeisterung sah er Tina an und riss sich von der Frau los. Der Junge rann durch das Tor auf Tina zu und klammerte sich an ihr fest. In den Händen hatte er seinen Fuchs. Das Plüschtier hatte jedoch keine Spange am Ohr.
„Tina, wie schön dich zu sehen.“, lächelte er sie an und hatte Freudetränen in den Augen.
„Makoto, was…machst du denn hier?“
„Die Tante von der Führsorge geht mit mir spazieren, ist das nicht toll? Die ist ganz doll lieb, wie eine Oma ist sie zu mir.“, erklärte er dann. Die Frau blieb vor ihnen stehen.
„Makoto, du kannst doch nicht einfach loslaufen. Ich habe mich richtig erschreckt.“, lächelte sie etwas streng und stellte sich kurz vor.
„Ich hoffe der Kleine ist auch lieb.“
„Ja, ein Engelchen, nicht wahr, Makoto?“ Dieser grinste nur.
„Danke für den Salat. Der war total lecker. Machst du uns irgendwann nochmal einen?“
„Du machst ihn dir am besten selber. Ich gebe dir das Rezept, was sagst du dazu? Dann könnt ihr euch den so oft machen wie ihr wollt.“
„Oh ja. Das ist eine tolle Idee. Mit Mama habe ich auch immer gekocht.“, meinte er dann begeistert und kurz darauf verzog er das Gesicht. Tina bemerkte es und nahm ihn in den Arm.
„Bleib stark und mutig, Großer. Irgendeiner muss doch auf Papa und Ichiro aufpassen. Und das bist jetzt du. Wenn Papa aus dem Krankenhaus zurück ist, dann machst du ihm sein Lieblingsessen und den Salat. Da wird er sicher schneller wieder fröhlich sein und arbeiten gehen können.“ Er nickte betrübt und dann lächelte er wieder, ließ sie los und griff in seinen Rucksack. Er holte einen weiteren Fuchs heraus und diesmal hat er die Spange am linken Ohr geklemmt. Er gab ihr den Fuchs.
„Hier, es ist doch deine, oder? Ich habe es auf einem Foto gesehen. Warum hast du nichts gesagt?“
„Du kannst sie doch viel besser gebrauchen. Sie verleiht Mut und Stärke.“
„Das hat sie auch. Aber ich wollte sie Mama schenken und was soll der Fuchs denn damit? Behalte ihn und die Spange. Als Dankeschön für eure Hilfe. Wenn eure Gaststätte fertig ist, dann kommen wir mal zum Essen vorbei und ich gehe deinem Koch auf die Nerven. Der war so lieb und lustig zu mir.“
„Roland? Ja, das ist er wirklich. Ein toller Kerl.“
„Ich will auch mal Koch werden. Ich wusste nie was ich werden will, aber das weiß ich jetzt schon.“
„Oh, ein toller Beruf. Das ist sehr praktisch.“
„Ja, so kann ich etwas machen was andere glücklich macht und dazu noch satt.“, grinste er und lachte.
Tina fragte nach seinem Handy und dem Notizbuch darin. Dann schrieb sie ihm das Rezept auf und gab es ihm wieder. Makoto schaute zu Tangaroa auf und sah ihn skeptisch an.
„Der Mann ist aber groß. Ist das dein Freund?“ Die beiden laufen etwas verlegen rot an und sehen sich an.
„Ähm, naja. Wir äh, wir lernen uns kennen.“, stotterte Tangaroa zusammen. Tina bestätigte es schlicht mit einem „Genau.“.
„Wenn Ichiro keine Freundin hätte, dann hätte ich dich mit ihm verkuppelt.“, haute er plötzlich aus.
„Er hat eine Freundin? Hat die auch einen Namen?“
„Na klar, die ist sehr hübsch, aber du bist viel hübscher. Sie heißt Sayaka.“, meinte er dann. Tina und Tangaroa mussten sich ansehen und grinsen.
„Unser Puzzleteil passt jetzt.“, meinte Tina.
„So ist das.“
„Alles klar. Du musst sicher weiter.“
„Tina, komm mal runter zu mir.“, forderte der Junge auf seine kindliche Art und lächelte. Tina tat ihm den Gefallen und da griff er nach der Spange an dem Fuchs in Tinas Hand, machte sie ab und klemmte die Spange so vorsichtig wie möglich an ihr Haar.
„Oh, danke. Genau der richtige Platz. Ohne sie fühlte sich alles komisch an.“, grinste sie und ihr Herz schlug enorm. Plötzlich erschien Karls Gesicht vor ihr. Sein Lächeln und auch seine ernsten Blicke, wenn er spielte und dann wieder sein Jubeln, wenn er seine Tore schoss. Seine angenehme Stimme, wenn er ihr etwas Besonderes erzählte. Und besonders war immer alles was er sagte. Nie redete er langweiliges Zeug oder lange um etwas herum.
Kurz darauf forderte die Dame von der Führsorge weiterzugehen. Sie bedankte sich für das nette Gespräch und zog Makoto quasi hinter sich her. Dieser drehte sich zu Tina nochmal um.
„Tschüß, Tina. Wir sehen uns irgendwann wieder.“
Kaum war Makoto gegangen, berührte sie ihre Spange und sie sah gleichzeitig zu Tangaroa auf. Er lächelte sie an.
„Da gibt er sie dir einfach wieder. Sie…steht dir…nach wie vor…sehr gut. Sie passt perfekt zu deinen goldenen Haaren.“, äußerte er verlegen ein Kompliment. Tina wiederum starrte ihn plötzlich an, nahm die Haarspange aus ihrem Haar und dann sah sie in ihre Hand, wie diese das Schmuckstück festhielt. Sie streichelte es und plötzlich schlug ihr Herz ganz doll und ihr tat es in der Brust weh, als hätte sie etwas ganz Schlimmes getan. Sie fühlte sich beschämend und hilflos zugleich. Es war ein furchtbares Gefühl, was in ihr aufstieg. Ihr wurde fast übel und wütend zugleich. Was hatte sie getan? All die vielen Jahre war sie nur für ihren Bruder und für das Team da. Nie gab es andere Leute um sie herum, die ihr wichtiger waren, nur die Familie und das Team. Nie hatte sie sich für andere Jungs interessiert und dann bemerkte sie die starken Gefühle zu Karl-Heinz. Warum waren die denn überhaupt da? Ihr Herz schmerzte in diesem Moment so sehr, wie damals, als sie Karl-Heinz mit dem anderen Mädchen gesehen hatte, wie er sie küsste. Dieser Anblick war so furchtbar für sie, wie ein Messer, das sich in ihr Herz rammte und sie wollte nur noch weg. Weg von dort, weg von ihm und weg von Allem. Dann war sie doch endlich alleine…alleine in ihrem Zimmer und weinte bitterlich. Was hatte sie nur getan? Sie gab allen vor, ein Junge zu sein und unter ihrem Trikot schlug doch aber das Herz eines Mädchens, eines Mädchens, was sich dem Kapitän so derart hingezogen fühlte, dass es dachte, unsterblich in ihn verliebt gewesen zu sein. Egal wie sehr sie sich auch die Augen ausweinte und dann sogar unter die Dusche ging, um sich allen Kummer wegzuwaschen…nein nichts half. Trotzdem schmerzte ihre Brust so sehr bei dem Gedanken daran, er küsse eine andere, dass sie in ihr Zimmer ging und verzweifelt nach etwas suchte was ihr den Schmerz nahm. Dann fand sie in der Schublade das alte Taschenmesser, was Karl-Heinz ihr den Tag zuvor geschenkt hatte und starrte es an. Sie dachte an die schönen Tage mit dem Team und die schöne Zeit, die wollte sie niemals missen. Sie hatte also keine Wahl, sie musste im Team bleiben oder es ihm sagen. Was aber war richtig? Es ihm sagen und vermutlich verstoßen werden oder so lange es noch durchstehen bis sie gegen Genzos Freunde gespielt haben? Dafür trainierten sie doch so hart. Für die Meisterschaft und die Freundschaftsspiele. So lange muss sie durchhalten, das war doch ihr einziges Ziel. Danach wollte sie das Team verlassen und sich nur aufs Schwimmen konzentrieren. Wenn sie es doch nicht schafft, dann ist es so. Sie muss das Team sowieso verlassen und Karl-Heinz wird es sicher auch bald verlassen. Dann sehen sie sich so schnell nicht wieder, denn es standen schon so viele Clubs vor seiner Tür. Ohne, dass sie es wirklich merkte, klappte sie das Messer auf und betrachtete die stumpfe Klinge. Sie schloss die Augen und bekam kaum mit wie sich ihre Hand um die Klinge schloss und wie verbittert sie zudrückte, nur um etwas zu spüren, was mehr wehtat als ihr Schmerz in der Brust. Kurz darauf fing es an kräftig zu regnen und das Wasser klopfte kräftig auf ihr Fensterbrett und sie öffnete die Augen wieder und sah mit Entsetzen in ihre blutige Hand. Vor Schreck stand sie auf und ließ das Messer fallen. Es polterte auf den Teppich in ihrem Zimmer und hinterließ auch dort kleine rote Flecken. Tina schnappte sich sofort die Taschentuchbox neben sich, wickelte mehrere Tücher um ihre Hand, legte einige auf die roten Flecken in ihrem Teppich und legte dann ein Kissen darauf. Dann stürmte sie ins Bad, wusch sich die Hand bis das Blut aufhörte zu laufen. Zum Glück war die Wunde nicht tief, eher so in der Art, als hätte sie versehentlich in die Klinge gegriffen, die im Abwaschwasser lag. Wie konnte ihr denn sowas nur in den Sinn kommen? Warum konnte sie nicht wie sonst einfach zu Genzo gehen, sich ins Tor stellen und sich von ihm die Bälle um die Ohren hauen lassen, damit der Schmerz in den Händen, im Bauch und in den Muskeln ihren Schmerz im Herzen übertönte? Warum nicht heute? Wie sollte sie diese seltsame Verletzung denn nur erklären, wenn sie jemand sah? Sie eilte in die Küche, griff im Vorratsschrank nach dem Salz und streute etwas genau auf die Flecken im Teppich, in der Hoffnung es funktioniert wie bei einem Weinfleck. Sie legte das Kissen wieder darauf, damit man es nicht sehen konnte, falls doch jemand heimkam. Zum Glück war sie alleine zu Hause.
Und nun stand sie hier im Tierpark vor den Pferden und hielt die Haarspange von Karl-Heinz in den Händen. Was sagte er damals, als er sie ihr schenkte?
„Damit du immer an mich denkst, wenn du mich brauchst. Bleibe mutig und stark. Vergiss nie was uns verbindet. Es ist mehr als nur Freundschaft.“ Vor ihr erscheint Karls Gesicht, wie er sie liebevoll ansieht und ihr vorsichtig die Spange ins Haar steckt. Ihr Herz schlug bis ins Unermessliche. Sein angenehmer Geruch ist ihr noch gut in Erinnerung und die wohlige Wärme, die er immer ausstrahlte brannte sich in ihr Gedächtnis. Kaum hatte er ihr die Spange angesteckt, betrachtete er sie mit seinem sanftmütigen Blick.
„Sie steht dir besser als die andere. Sie passt perfekt zu deinem goldenen Haar.“, sagte er ihr kurz bevor er sie in die Arme nahm und küsste.
Genau das fühlte sie in diesem Moment, Karls warme Umarmungen und ihre tiefen Gefühle zueinander. Niemals könnte sie sich vorstellen ihn zu vergessen…und nun stand sie hier, mit einem anderen Jungen und bei ihm schlug ihr Herz ganz doll. Das durfte nicht sein, nein, was war nur in sie geraten? Wie konnte sie nur diese Einladung annehmen? Sie wollte cool sein und ihm vor seinen Freunden keinen Korb geben, denn er war doch ohnehin schon so schüchtern. Aber sie spürte doch, dass er etwas Besonderes ist und eigentlich gar nicht so zurückhaltend ist. Es schien nur dann so zu sein, wenn er jemanden mag. Nie hätte sie gedacht, dass ihr Herz überhaupt mal bei jemand anderem so doll schlagen würde, wenn sie ihm in die Augen sieht. Wenn ihr Herz nicht Karl-Heinz gehören würde, wäre er sicher ein Mann, der ihr gefallen könnte. Sie sah zu Tangaroa auf und blickte in sein freundlich lächelndes Gesicht.
Tina schloss plötzlich die Augen und griff die Spange stark in der Hand in der die Narbe vom Taschenmesser war. So alt war diese doch noch gar nicht, gerade mal etwa ein halbes Jahr. Ihr Herz unter der Brust tat ihr sehr weh und es kamen plötzlich wahnsinnig große Schuldgefühle auf. Wenn sie doch Karl liebt, wie konnte sie da nur etwas für jemand anderen empfinden? Nein, das ging nicht. ‚Karl, wie geht es dir jetzt nur? Geht es dir wie mir? Willst du vergessen, aber kannst es nicht? Das…das darf nicht sein, nein. Ich will doch eigentlich bei dir sein und nicht bei jemand anderem. Ich darf nicht, nein ich kann noch nicht…du wirst immer bei mir sein, mein Liebster. Deine Stärke, deine Wärme und deine Liebe. Nein…niemals werde ich dich vergessen, versprochen. Immer wirst du in meinem Herzen sein. Vielleicht…vielleicht sehen wir uns doch eines Tages wieder. Und dann, dann können wir zusammen sein und man hat mich vergessen. Dann kann ich einfach bei dir sein. Du denkst bestimmt genauso.‘
Sie trat dann zu Tangaroas Überraschung einen Schritt zurück, wich seinem Blick aus und blickte in ihre Hand.
„Es…es tut mir leid. Ich…ich kann nicht. Ich…will…ehrlich zu dir sein…“, begann sie zu stottern, griff entschlossen die Spange und steckte sie sich wieder ins Haar an ihren Platz, genau dort wo Karl-Heinz sie damals angesteckt hatte über der neuen Narbe am Kopf. Dann atmete sie tief durch und sah traurig zu ihm auf.
„Tangaroa, ich…ich habe es versucht und…es tut mir leid. Aber…es ist zu früh. Unter anderen Umständen…vielleicht.“
„Tina…ist schon gut. Wir wussten doch beide, dass es…nur ein Test war.“, sprach er plötzlich klar, aber mit einer kleinen bewussten Pause.
„Mein Herz pocht, aber…es tut auch weh, als wäre es ein Fehler…es schlägt noch für jemand anderes. Bitte sei mir nicht böse. Es ist zu früh…vielleicht ist das irgendwann weg, ich weiß…nicht, aber ich…kann noch nicht. Es…war zu…bedeutend.“, sammelte sie verzweifelt ihre Worte und wollte so ehrlich wie möglich zu ihm sein, denn sie spürte, dass er auch ein sehr ehrlicher Mensch sein musste. Sie bemerkte seinen Blick zu ihrer Spange.
„Sie ist von ihm, oder? Deswegen ist sie dir wichtig?“ Mit glasigen und fast weinerlichen Augen sah sie ihn an und nickte nur. Ihr Herz raste zwar noch, aber es fühlte sich befreiend an, es ihm gesagt zu haben. Sie kniff den Fuchs in ihren Händen zusammen. Etwas anderes zum Festhalten hatte sie in dem Moment nicht. Es tat ihr selbst weh, es ihm sagen zu müssen. Sie erntete zu ihrer Verwunderung ein Lächeln.
„Viele Dinge brauchen ihre Zeit, weißt du?“, sprach er plötzlich ruhig und sanft. Der junge Mann vor ihr griff in das Futterkörbchen und nahm den letzten Apfel heraus, den die Stute bereits gierig versuchte zu schnappen, nachdem sie mit dem Gras fertig war. Dann streichelte er ihre Ohren und fuhr langsam durch ihre schwarze Mähne, die auf seiner Seite an ihr herunterhing. Tina konnte nichts sagen. Sie wunderte sich nur so sehr, dass er Verständnis für sie zeigte.
„Du bist doch erst seit wenigen Monaten hier und musstest alles zurücklassen. Und wenn du da jemanden hattest, dann war das sicher sehr schwer.“
„Es…es tut mir leid. Ich hätte deine Einladung nicht annehmen dürfen. Jetzt wirst du sicher noch mehr enttäuscht von mir sein.“
„Nein, ganz und gar nicht. Tina, ich hatte den Wunsch dich mal kennenzulernen und du hast ihn mir doch erfüllt. Jetzt weiß ich, dass du nicht nur hübsch, mutig und klug bist, sondern auch ehrlich. Das alleine war es doch wert, oder nicht? Und du hast vollkommen Recht, wir haben beide dieses Jahr keine Zeit für irgendwelche Ablenkungen.“
„Danke.“, sagte sie nur und reichte ihm dann den Korb hin. Statt ihm in die Augen zusehen sah sie auf seine Hand welche nach dem Korb griff.
„Ich muss jetzt gehen. Du bist mir doch hoffentlich nicht böse, wenn ich dich jetzt einfach alleine lasse?“, sprach sie sehr leise.
„Nein, ich sagte ja, ich wir haben uns kennengelernt und das war ein schöner und sogar aufregender Tag.“
„Danke, dass du das verstehst.“
„Ich weiß doch wie das ist, wenn man alles plötzlich hinter sich lassen muss, seine Familie und auch seine Freunde. Sie sind alle plötzlich so weit weg und wie unerreichbar. Man fängt im Prinzip von ganz vorne an. Ich kann mir vorstellen, du hattest in Deutschland sehr viele Freunde.“
„Ich verrate dir zwei Geheimnisse, als Geschenk für das, was auch immer in der Schachtel ist. Okay?“, lächelte sie ihn plötzlich an.
„Geheimnisse?“
„Ja, ich habe das Gefühl dir vertrauen zu können, aber du darfst es noch niemanden sagen bis ich es selbst tue. Es ist ein wichtiger strategischer Punkt, wenn wir gegen die Toho im Dezember spielen.“ Er sah sie überrascht an.
„Oh, okay. Ich behalte es für mich.“ Sie kam ihm etwas näher und flüsterte. Es war niemand in der Nähe, aber sie ging lieber auf Nummer sicher.
„Ich will bis dahin einen so starken Ball entwickeln, dass sie sich erschrecken, denn sie denken, dass ich als Anfängerin nichts draufhabe. Und jeder der mich auslacht, weil ich noch kein Japanisch spreche oder Anfängerin bin, der bekommt ihn als erstes zu spüren. Dann wissen alle, dass sich in Zukunft niemand mit mir anlegt oder mich jemals wieder unterschätzt. Zittern sollen sie vor mir. Was hältst du von dieser Strategie? Wird sie aufgehen?“, sprach sie in einem verständlichen Japanisch. Sehr überrascht sah er sie an.
„Ich…ich sagte ja, du bist klug. Ist das…dein erstes großes Ziel hier in Japan?“ Sie nickte und lächelte ihn an.
„Ja. Mein erstes sportliches Ziel.“ Er nahm seine linke Hand und machte eine Faust. Dann streckte er sie ihr entgegen, als würde er es bei einem seiner Kumpels machen.
„Du schaffst das und ich werde dir dabei helfen, wenn ich irgendwie kann. Und ich feuere euch an.“ Tina nahm seine Faust mit ihrer an und grinste.
„Danke. Ich schaffe immer was ich mir vornehme.“
„Welche ersten Ziele hast du noch?“
„Oh, ich will die Schule schaffen, am besten mit super Noten und wenn ich das geschafft habe, will ich studieren.“
„Oh, das packst du ganz sicher. Welches Fach? Ich werde Jura studieren.“
„Das passt zu dir. Ich wollte in Deutschland damals Psychologie studieren und dann mit Kindern im Sportbereich arbeiten. Als Trainerin zum Beispiel. Mal sehen ob ich das in ein paar Jahren noch will.“
„Das schaffst du ganz bestimmt auch.“ Mit einem Lächeln dreht sie sich dann zur Seite und will gehen.
„Bis dann Tan-kun. So sagt man doch, bei den großen Oberschülern, oder?“ Er schmunzelte sie an und bestätigte.
„Tina, wenn du irgendwann deine wichtigsten Ziele hier erreicht hast und genug Zeit vergangen ist, darf ich dich dann, wenn es bei uns passt, nochmal zum Eis einladen?“ Ihre Blicke trafen sich erneut, doch eine Antwort kam keine. Tina schloss nur kurz die Augen, lächelte und drehte sich dann um und ging aus dem Pferdebereich. Sie spürte wie sein Blick ihr folgte bis sie dann endlich außer Sichtweite war.
Die Brotdose
Kapitel 149
Die Brotdose
Der Shinkansen raste mit gut dreihundert Sachen durch die schöne japanische Landschaft mit dem großen Ziel Osaka. Die größte Stadt der Welt wurde schon lange hinter sich gelassen und Tina hatte noch etwa zwei Stunden Fahrt vor sich. Während sie so vor sich hinträumt und in den Erinnerungen des heutigen Tages schwelgte reduzierte sich das Tempo des Zuges. Eine letzte Station vor ihrer eigenen wurde angefahren und es stiegen einige Leute aus und neue wieder ein. Als es wieder losging hörte sie plötzlich eine freundliche Stimme, die zu ihr sprach.
„Entschuldigen Sie, wenn Sie möchten, können Sie sich auch setzen.“ Es war der freundliche Mann, der ihr beigestanden hatte. Er lächelte ihr höflich zu und zeigte auf seinen freien Platz. Tina sah ihn erstaunt an.
„Oh, das ist aber sehr nett. Vielen Dank.“, nahm sie die Einladung gerne an. Er fragte welchen Platz sie gerne nehmen möchte und sie entschied sich für den Sitzplatz am Fenster.
„Sehr nett, ich mag die Fensterseite am liebsten.“
„Leider kann man von der schönen Landschaft nicht mehr viel sehen.“
„Das stimmt, aber das ist nicht schlimm, ich fahre öfters mal hier lang und wenn ich zurückfahre ist es dann hell.“
„Ach so. Darf ich denn fragen wo es hingeht?“
„Ich möchte nach Nankatsu, Freunde besuchen.“ Er sah sie erstaunt an. Was könnte dieses deutsche Mädchen denn nur in Nankatsu wollen?
„Freunde sind wichtig. Ich besuche auch einen alten Freund, aber ich fahre bis Osaka durch.“
„Oh, da haben Sie aber noch eine lange Fahrt vor sich.“
„Das stimmt.“ Sie reichte ihm ihre Hand.
„Nennen Sie mich gerne Tina, eigentlich heiße ich Bettina, aber Tina reicht.“ Er war erstaunt sie offen sie ihn ansprach und nahm an.
„Dann nennen Sie mich einfach Makoto. Das reicht auch aus.“
Sie musste schmunzeln.
„Oh, dann kenne ich jetzt zwei Makotos. Das ist witzig.“
„Oh, wirklich? Ist das auch ein Mann?“
„Ja, aber sagen wir mal so, er will noch einer werden. Kleiner Mann ist erst Zehn Jahre alt.“, grinste sie dann knurrte ihr Magen plötzlich etwas und sie kramte aus ihrem Rucksack ihre Brotdose und die Box mit dem Salat heraus und richtete sich in Ruhe ein. Sie holte das Besteck aus der Dose und biss zuerst von ihrem belegten Brot ab.
„Guten Appetit.“ Sie lächelte.
„Danke, haben Sie schon gegessen?“
„Nein, ich hatte es leider etwas sehr eilig und hätte die Bahn beinahe verpasst.“, lächelte er zurück und genau in dem Moment knurrte sein Bauch ebenso. Ihr Blick wurde skeptisch.
„Sagen Sie bloß, Sie haben jetzt nichts für die lange Fahrt? Sie sind doch noch gut über drei Stunden unterwegs.“
„Kann man nichts machen. Um an den Automaten zu gehen, war keine Zeit mehr.“ Tina sah in ihre Hand und nahm sich dann nur einen Apfel raus und reichte ihm dann den ganzen Rest rüber und drückte ihm die große rote Brotdose in die Hand.
„Hier, ich habe ja nur noch zwei Stunden und mir reicht das Bisschen heute.“ Er sah sie erstaunt an.
„Aber…sind Sie sicher? Das kann ich nicht annehmen. Ihnen reicht jetzt nur das eine Sandwich und der Apfel?“
„Ja, alles gut. Ich hatte ja kein Training heute mehr und wie ich meine Freunde kenne, steht da massig Zeug rum, weil sie denken, ich verhungere.“, grinste sie.
„Langen Sie ruhig zu, alles selbstgemacht. Sogar das Brot habe ich gebacken.“ Er war erstaunt.
„Oh, wirklich? Auch das Brot? Vielen lieben Dank. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.“
‚Dieses Mädchen ist wirklich nett. Selbstgebackenes Brot? Es sieht gut aus mit dem Käse darauf. Es nicht anzunehmen, wäre auch unhöflich.‘
„Ich werde es genießen. Danke.“ Kurz darauf griff er nach der zweiten Klappstulle und biss hinein. An seinem Blick konnte sie erkennen, dass es ihm schmeckte. Tina genoss dann in Ruhe den Rest von ihrem Brot und biss danach in den Apfel und ließ am Ende nur noch den Stiel übrig und legte ihn in eine kleine Tüte, die sie für Abfälle immer dabeihatte. Kurz darauf klingelte ihr Handy leise.
„Hi, was gibt’s?“, ging sie in Englisch ran.
„Yayoi hier. Tina…es tut mir so leid. Ich wollte euch nicht stören vorhin.“, kam eine betrübte Stimme.
„Yayoi? Ach, ist alles gut. Du musst doch deswegen nicht anrufen.“, antwortete Tina auf Französisch. Zuerst dachte sie Jun sei dran, da es seine Nummer war. Aber mit Yayoi hat sie abgesprochen Französisch zu sprechen, damit sie es noch besser lernt.
„Es tut mir wirklich leid. Ich…wenn du mal jemanden zum Reden brauchst, ich, also wir sind für dich da, okay?“
„Er hats dir erzählt?“ Es kam keine Antwort, nur ein Schluchzen.
„Heul jetzt nicht rum, ja?“, kam von Tina streng.
„Es tut mir leid. Jun hat mir deine Geschichte erzählt, ja. Ich wollte nur…ich behalte es natürlich für mich. Verlass dich drauf.“, meinte Yayoi dann plötzlich und legte auf. Tina war verwundert und sah aufs Handy.
‚Nanu, einfach aufgelegt. Dieses Mädchen, also echt. Mir war klar, dass sie heult, wenn sie es erfährt, aber ich weiß, dass ich ihr genauso trauen kann wie Jun.‘ Kaum legte sie das Handy zur Seite, klingelte es erneut. Diesmal ging sie zwar ran, sagte aber nichts. Es war erneut Juns Nummer.
„Ich bin es. Wie geht’s dir? Wie war euer Date?“, klang er fröhlich.
„Neugierig bist du gar nicht, oder? Und das war kein Date, nur ein Eisbecher und Spazierengehen, klar?“, antwortete sie etwas gereizt.
„So nennt man das also heute. Alles klar. Das sah aber irgendwie anders aus, so wie ihr euch angesehen habt. Tangaroa ist ein netter Kerl. Du kannst ihm ruhig vertrauen, auch wenn er etwas älter ist.“
„Ich weiß, aber…das ist er. Wieso rufst du denn jetzt an?“
„Moment mal…spricht du etwa schon Japanisch? Das klingt sehr gut.“, vermerkte er plötzlich erstaunt.
„Oh, verdammt. Na gut, sag es aber keinem weiter, klar? Das ist ganz wichtig. Hast du verstanden?“
„Was meinst du damit? Was ist denn so schlimm, wenn es die anderen wissen? Das ist doch total toll. Wahnsinn, dass du das so schnell hinbekommen hast.“
„Wir haben doch im Dezember dieses Freundschaftsspiel, da ist es besser die denken, ich verstehe sie noch nicht so gut, das verschafft mir einen großen Vorteil. Und du als Stratege müsstest doch wissen, dass man Vorteile ausnutzen muss.“ „Hm, das kann tatsächlich sein, ja. Also danach dann machst du es offiziell, dass du schon unsere Sprache beherrschst?“
„Genau. Aber ich habe jetzt auch den Vorteil, dass mich die anderen in der Schule nicht ständig ansprechen und nerven. Genug Unruhe herrscht ja nun, wie ich mitbekommen habe.“
„Das stimmt, du bist Thema Nummer eins in der Schule, nach wie vor. Wie schaffst du das nur immer so cool zu bleiben?“
„Alles antrainiert.“
„Was ist denn eigentlich so wichtig, dass du unbedingt dieses Spiel mitspielen musst?“
„Es ist halt wichtig für mich. Warum ist doch egal. Hauptsache die verlieren haushoch. Und wenn ich meinen Ball erst fertig habe, dann werden die ihr blaues Wunder erleben.“, grinste sie stolz.
„Oh, wie weit bist du denn jetzt damit?“
„Naja, ich habe heute früh nochmal ein wenig trainieren können und ich glaube, ich bekommen den Drall schon fast richtig hin. Das muss ich dann mit Yoko nochmal einüben, wenn ihre Drehung dazukommt.“
„Ich verstehe. Das klingt doch gut. Du musst ihn mir dann mal zeigen, deinen tollen Ball. Was glaubst du, ist er dann stärker als Yako ihre Bälle?“
„Keine Ahnung. Yakos Bälle sind schon echt hart, aber da ich sie gehalten bekomme, sind sie nicht stark genug für die Profis. Ich denke mal, genau darin liegt unsere Schwäche. Übrigens, weil wir gerade dabei sind. Wir bekommen endlich einen Fitnessraum. Ist das nicht cool? Die Männer haben alle einen, sogar ihr habt einen, obwohl ihr vorher drei Jahre verloren habt. Ist doch voll unfair. Tangaroas Team zieht mit seinen Geräten um in die neue Halle und dafür bekommen wir jetzt ihren Raum. Aber das dauert noch etwas. Ich muss noch zu Martin ins Studio gehen, ist doof, denn es liegt so weit weg. Aber wenn der erstmal da ist und wie die Elite an die Geräte kommen, dann werden auch die Bälle stärker, oder was meinst du?“
„Das ist super, ja. Ich wusste gar nicht, dass ihr keinen Raum habt.“
„Und ich wusste anfangs nicht, das die anderen einen haben. Kann doch echt nicht sein. Wir gewinnen ständig die Nationalmeisterschaften und dann werden wir nur mit neuen Bällen abgespeist. Frechheit. Ich kenne ja die Preisgelder nicht, aber bei euch scheint es ja auch dafür zu reichen, obwohl ihr verliert.“
„Hey, das klingt gemein. Aber ich weiß was du meinst. Sag mal, wo bist du denn? Ich höre ständig so ein seltsames Klacken. Sitzt du im Zug?“
„Ja, im Shinkansen. Ist das echt so laut, dass man das hört?“
„Um diese Zeit? Wo geht’s denn hin?“
„Nach Nankatsu natürlich, wohin denn sonst? War diesmal spontan. Meine Eltern sind gestern schon gefahren, damit ich noch meine Verabredung wahrnehmen konnte.“
„Die lassen dich alleine diese lange Tour fahren?“
„Klar, warum denn nicht? Ich habe sogar einen netten Sitznachbaren.“, grinste sie und sah kurz zu dem Mann neben sich.
„Verstehe. Nun gut. Dann eine gute Fahrt noch. Grüß ihn von mir.“
„Er wird nicht da sein. In Deutschland sind keine Herbstferien mehr.“
„Also ich habe gehört, dass Genzo da ist.“ Tina war plötzlich erstaunt.
„Hä? Von wem hast du das denn gehört? Also ich wüsste nichts davon.“
„Ähm, naja. Von unserem Captain. Er kommt doch auch aus Nankatsu. Er war vorhin bei unserer Gruppe dabei und hat es erwähnt.“
„Dieser Kerl…bis dann erstmal.“, legte sie dann einfach auf. Dann wählte sie eine neue Nummer. Natürlich wurde abgehoben.
„Du bist hier?“, kam sofort von ihr, noch bevor er überhaupt was sagen konnte. Genzo grinste dann.
„Äh, ja. Verdammt. Wer hat geplaudert?“
„Blödmann, echt mal. Jun hat es mir gerade erzählt. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich meinen Termin verlegt.“
„Woher weiß er das denn?“
„Angeblich von eurem Captain?“
„Das kann natürlich sein. Wir haben uns heute früh getroffen. Aber nun sag mal. Ich bin dir wichtiger als dein Date?“
„Natürlich bist du das. Idiot. Wie geht’s dir?“
„Gut, lass uns nachher reden.“
„Okay. Bis dann erstmal. Ich hoffe du kannst nachher noch etwas trainieren. Ich muss dir meinen Ball zeigen. Du musst mir deine Meinung dazu sagen.“
„Wie jetzt? Ist er fertig?“
„Noch nicht ganz und ohne Zuspielerin sowieso noch nicht, aber ich glaube, die Technik passt schon so wie ich sie haben will.“
„Das klingt doch gut. Dann bereite ich schonmal alles vor, damit wir nachher noch etwas Zeit haben. Gut, dass wir ein Flutlicht haben.“
„Ja, gute Idee, das Flutlicht. Ich freue mich schon. Bis nachher.“
„Ja, ich hole dich ab. Dann können wir schon reden. Brüderchen und ich holen dich dann ab. Dann musst du keinen Bummelzug nehmen.“
„Super. Bis nachher.“ Beide legten auf. Tina legte das Handy bei Seite und griff nach ihrem Buch in der Tasche, da fiel ihr die kleine Schachtel von Tangaroa in die Hand.
‚Oh, stimmt. Die habe ich noch gar nicht geöffnet. Was da wohl drin sein mag?‘, lächelte sie etwas vor sich hin.
Sie betrachtete die Schachtel und schüttelte sie neugierig. Ihr Nachbar legte den Löffel in die Box, nachdem er den Kartoffelsalat aufgegessen hatte und benutzte die Serviette, welche er sich jedoch zusammen gefaltet in die Tasche steckte.
‚Das waren interessante Gespräche. Ich gehe mal davon aus, dass der Jun eher Zufall war. Aber sie sprach von Ferien in Deutschland? Wen mag sie dann in Nankatsu besuchen wollen? Warum muss ich dabei an Wakabayashi denken?‘
„Es hat sehr gut geschmeckt. Vielen Dank. Hatten Sie Geburtstag?“, sprach er sie freundlich an.
„Nein, es…ist von einem netten Jungen.“, antwortete sie ehrlich.
„Dann haben Sie einen Freund?“ Sie schüttelte den Kopf und sah etwas betrübt auf die Schachtel.
„Nein. Er ist wirklich sehr nett, aber dafür habe ich noch keine Zeit. Wir würden uns nur zu sehr von unseren Aufgaben ablenken und außerdem wäre es viel zu früh. Ich muss hier erstmal Fußfassen und er muss für die Prüfungen lernen.“, sprach sie nur ganz leise.
„Hm. Entschuldigen Sie, das geht mich auch nichts an.“ Er klappte die leere Box zu und hakte die Halterungen an den Seiten fest.
‚Sie ist sehr jung, jetzt schon einen Freund? Meine Tochter war auch in dem Alter und was war am Ende das Ergebnis? Sie brach die Schule ab, als sie schwanger wurde und zog zu diesem Kerl. Wir haben uns gestritten und seitdem nie wieder gesehen. Ich weiß nicht einmal was es am Ende wurde. Mein Enkelkind müsste jetzt gut fünf Jahre alt sein.‘, ging ihm durch den Kopf.
„Sie sind noch jung, nichts zu überstürzen, ist eine gute Entscheidung.“, murmelte er dann leise vor sich hin und starrte auf die rote Box mit einer niedlichen Hello Kitty darauf. Sie trug eine rote Schleife am linken Ohr, ein rotes Kleid und grinste ihn gefühlt an, obwohl sie gar keinen Mund hatte.
‚Yumi, wie mag es dir und dem Kind jetzt gehen? Seid ihr gesund? Geht dieser Kerl ordentlich mit euch um?‘ Tina bemerkte seinen trüben Blick.
„Sie verstehen das falsch. Ich habe Deutschland so spontan verlassen, dass ich mich nicht einmal von meinen Freunden verabschieden konnte, auch nicht…von meinem Freund. Deswegen ist es zu früh.“ Er sah sie verwundert an.
„Ich verstehe, Sie hatten einen Freund? Darf ich fragen seit wann Sie hier in Japan sind?“
„Erst seit Anfang August. Das ist es ja. Es ist noch nicht lange her. Manches braucht eben seine Zeit, wissen Sie?“
„Das war sicher schwer, seine Freunde zurückzulassen. Aber Sie können sie ja sicher besuchen, wenn Sie mal Ihre Familie besuchen, zu Weihnachten oder im Sommer?“, versuchte er sie etwas aufzumuntern.
„Nein, das geht nicht. Es würde leider nur Probleme machen. Aber egal jetzt. Einen Freund habe ich ja noch und den werde ich heute treffen. Mein bester Freund, einen besseren kann man sich gar nicht vorstellen.“, lächelte sie ihn glücklich an. Der Gedanke daran Genzo endlich wieder zusehen, nach all der ganzen Zeit, das erfüllte sie mit Freude und tröstete sie über den Schmerz hinweg, die anderen und vor allem Karl-Heinz, nie wieder zu sehen.
„Eine große Freundschaft mit der man durch Dick und dünn geht? So klingt es.“, schmunzelte er.
„Ja genau, ganz viele „Dicks“ und ganz große „Dünns“. Er hat mir sogar mal das Leben gerettet. Wir sind eher wie richtige Busenfreundinnen, nur mit dem Unterschied, dass er ein Junge ist.“, grinste sie und nahm ihm dann die Brotdose ab.
„Es freut mich sehr, dass es Ihnen geschmeckt hat.“ Sie öffnete ihren Rucksack und steckte die Dose hinein.
„Es war mal was ganz anderes, aber es hat nicht nur sehr satt gemacht, sondern auch geschmeckt. Ich habe noch nie deutsche Küche probiert.“
„Es gibt für alles ein Erstes Mal. Ich habe mich auch erst durch die japanische Küche probieren müssen und nun habe ich so meine Lieblinge gefunden.“
„Das kann ich mir vorstellen. Die Küche ist schon ganz anders und mit Stäbchen essen ist auch nicht immer leicht.“
„Ach das, das konnte ich schnell. Aber Anders ist gut, es ist nicht so langweilig. Stellen Sie sich vor, es würde überall auf der Welt oder in jedem Haushalt und in jeder Gaststätte gleich schmecken? Das wäre ja langweilig.“
„Das stimmt. Das wäre es. Manchmal ist etwas, was anders ist, etwas Besonderes.“
„Genau und Menschen sind auch verschieden und manche sind besonders anders als die anderen, so wie Sie. Sie waren der Einzige, der aufgestanden ist, um mir zu helfen. Das war mutig, selbstlos und besonders. Danke nochmal dafür.“ Er sah sie plötzlich etwas verdutzt an.
‚Anders sein kann mutig und besonders sein?‘
„Selbstlos? Ich weiß nicht, ich würde es Zivilcourage nennen. Es hat zwar nicht wirklich was gebracht, aber es ändert die Lage ja dann doch.“
„Nicht viel gebracht? Im Gegenteil. Durch Ihr eingreifen konnte ich viel Zeit schinden und der Typ, bzw. die Typen haben sich noch ein paar Straftaten zusätzlich angelacht und werden vermutlich so schnell nicht wieder frei rumlaufen. Belästigung, versuchte Körperverletzung und vermutlich Entführung einer Minderjährigen, Androhung von Gewalt mit der Absicht einer Erpressung und körperlicher Angriff auf Sie. Da kommt einiges zusammen. Ich kenne da die fachlichen Begriffe nicht, auch nicht die Rechtsprechung hier, aber da es in Japan an sich strenger zugeht als bei uns in Deutschland, wird da einiges auf die Herren zukommen. Sie wurden bereits gesucht und haben sich einiges mehr geleistet. Es ist also nur eines von Vielem.“
„So sehen Sie das? Diese Kerle waren auch anders, aber kein gutes Anders.“, meinte er dann nur nachdenklich.
„Anders ist seltsam und nicht immer zu erklären, aber vielleicht ist anders sein ja nur ein anderes Wort oder ein Hinweis auf Veränderung? Ein Hinweis, dass sich etwas ändern wird oder ein Hinweis, dass sich etwas ändern muss? Wenn manche Menschen in unserer Menschheitsgeschichte nicht anders als die anderen gewesen wären und ihren Sturkopf gegen Tradition oder überholten gesellschaftlichen Regeln durchgesetzt hätten, dann würden wir alle immer noch in einer Höhle wohnen. Wir hätten keine Räder, die uns Menschen verbinden oder die Medizin wäre noch lange nicht soweit. Wir könnten nicht in diesem Zug sitzen oder Wolkenkratzer bauen, die einem Erdbeben standhalten. Wir beide würden uns nicht einmal begegnet sein, denn auch die große, wenn auch schwere Veränderung in Ihrer Gesellschaft, die Tore für die Welt zu öffnen, führte zu einer Veränderung.
Im Sport ist es genauso. Ich kämpfe mich aktuell noch durch die Veränderungen der neuen Volleyballregeln. Zwar habe ich zuvor nicht professionell gespielt, aber die Grundlagen waren ja da. Und jetzt gibt es plötzlich einen neuen Spieler, den Libero. Vielleicht ist diese Veränderung aber gut. Es bringt das Spiel etwas anders ins Laufen und die Rotation funktioniert anders. Die Strategischen Abläufe sind anders. Die Abseitsregeln im Rugby oder anderen Sportarten, sind doch auch später erst gekommen und sie erfüllen durchaus ihren wichtigen Zweck. Oder empfinden Sie diese Regeln als eine falsche Veränderung?
Meistens braucht es eine neue Idee oder eine Anpassung von alt und neu, um die richtige oder gewollte Veränderung zu erreichen damit man vorankommt.“ Der erfahrene Fußballtrainer sah sie verdutzt an. Er blickte dann nachdenklich auf seine Ledermappe auf seinem Schoß, welche er nachdem er ihr die Brotdose gegeben hatte wieder positioniert hatte. Seine Hände hielten die Riemen der Verschlüsse.
‚Hyuga, hat sie damit Recht? Hat sie damit Recht, dass eine andere und mutigere Spielweise nur ein Anfang einer Veränderung ist? Vielleicht hätte ich dich ganz anders trainieren sollen und deine Spielweise und deinen starken Charakter besser mit den anderen verbinden müssen. Als du mit deinem Team Meiwa spieltest und man dich anwarb, da war das Team komplett auf dich abgestimmt. Nur deswegen konntest du mit ihnen so stark sein. Und dann bei uns…da respektierten dich die Jungs gleich von Anfang an. Es war erstaunlich wie schnell du dich ins Team fügen konntest, obwohl du so ein Sturkopf warst. Wakashimazu und Sawada kamen doch erst später dazu. Jedoch hat deine Abwesenheit das Team sehr gestärkt. Das Miteinander klappte besser als vorher. Aber…ich glaube im Nachhinein, dass du schon hättest die letzten drei Jahre auf deine Weise spielen sollen, damit das Team stärker wird. Vielleicht wäre das die Veränderung gewesen, die wir gebraucht hätten, um gegen einen so starken Gegner wie Nankatsu zu gewinnen. Vielleicht ist es das was Frau Matzumoto damals in dir gesehen hatte, als sie dich anwarb und sehr von deinem Stil überzeugt war. Ich hätte einen Weg finden müssen dich und das Team spielerisch besser zusammenzuführen. Du bist doch gar kein Einzelgänger, wenn du weißt, dass du dich auf deine Mitspieler verlassen kannst. Das hast du in der WM bewiesen.‘ Vor ihm erschien plötzlich die unglaubliche Situation, als Kojiro ihm die Herausforderung auf den Tisch legte und sie sich dann im Dunkeln auf dem Platz trafen.
Völlig verdattert stand er da, als sein stolzer Hyuga sich auf allen Vieren vor ihm hinkniete, ihn anflehte ihn für das Finale des Nationalturniers aufzustellen. Die ganze Zeit hat er geschwiegen und vermutlich gehofft, dass er endlich mitspielen durfte. Sogar seinen neuen Ball, den Tigerschuss, hatte er vor aller Augen präsentiert und jedem bewiesen, dass er mehr als bereit für den Endkampf gegen Tsubasa war. Dann gab er ihm trotzdem einen Korb und sagte ihm knallhart ins Gesicht, dass er ihn nicht aufstellen werde, weil er an seinen Prinzipen festhält und nie davon abweicht. Er wusste wie sehr sich der Junge für seine Verhältnisse vor ihm gedemütigt hatte. Niemals hätte er geglaubt, dass er mal vor ihm knien und ihm auf allen Vieren um etwas bitten würde. Nicht der stolze und immer erhabene Hyuga. Aber er hatte einfach ohne ihn und sein Team zu informieren oder um Erlaubnis zu fragen, mit seiner Abwesenheit geglänzt. Gleich nach dem Qualifikationsspiel gegen Musashi war er plötzlich verschwunden. Keiner wusste genau wo er war, bis er es erst später erfuhr, dass er zum Spezialtraining zu Trainer Kira auf Okinawa gewesen war. Dieser Mann hatte seinen Schüler einfach am Ehrgeiz gepackt und ihn zu sich eingeladen. Er hatte ihn angestachelt zu ihm zu kommen, ein Sondertraining zu absolvieren, statt bei seinem Team zu bleiben. „Herr? Makoto? Ist alles in Ordnung?“, kam plötzlich eine zarte freundliche Stimme in seine Gedanken. Gerade noch hatte er Kojiros verzweifelten Blick vor Augen, da sah er zur Seite und blickte in ein fröhliches Lächeln einer Sechzehnjährigen, eines blonden Mädchens, welches so alt war wie dieser Schüler.
„Sie glauben also, eine Person, die sehr „anders“ ist kann zu einer guten Veränderung führen? Aber diese Männer eben, die können doch keine gute Veränderung herbeiführen, oder?“ Tina lächelte ihn an.
„Naja, nicht so wie sie eben waren, das stimmt. Aber haben Sie vorhin der Polizei und dem Personal des Zuges genau zugehört? Ihre Anwesenheit wird vermutlich in Zukunft dafür sorgen, dass in jedem Wagon ein Zugbegleiter steht und dass die Kameras nicht nur live übertragen werden, sondern in Zukunft auch Aufnahmen machen. Somit also wird es am Ende doch eine gute Veränderung geben, denn wir alle hier werden jetzt viel sicherer den Zug nutzen können. Denn eins ist klar, wenn die Herren klüger und nicht so unüberlegt gehandelt hätten, dann wäre das hier nicht so harmlos ausgegangen. Wir hatten nur Glück, dass ich vorgewarnt wurde, eine Art Notruf gesendet habe und die Typen bis zum passenden Moment hinhalten konnte. Auch danke Ihnen.“ Er blieb stumm und sah sie einfach nur erstaunt an.
„Hinhalten? Sie waren sehr mutig und haben sich gegen den Kerl gestellt und ihm gut Parole geboten. Diese Selbstsicherheit muss man in Ihrem Alter erst einmal haben. Mit Ihrem Kontern hat er nicht gerechnet.“, grinste er.
„Genau, wenn wir ehrlich sind, hätten die doch mit mir machen können was sie wollen, aber durch meine Provokation habe ich Zeit gewonnen und die haben sich total aus dem Konzept bringen lassen und Fehler gemacht. Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung, denn wenn man einer Übermacht gegenübersteht, dann kann man sie nur besiegen, indem man Ruhe bewahrt, einen guten Plan in der Tasche hat und den Feind bzw. Gegner mit Stärke oder Selbstbewusstsein solange in die Enge treibt, bis er Fehler macht. Manchmal genügt es den Gegner aus seinem gewohnten Rhythmus zu bringen, so ist er irritiert und je nachdem wie klug er ist, muss man die Gelegenheit nutzen, wenn sie kommt und Punkte machen. Ist der Gegner aber sehr klug und einem technisch überlegen, dann ist es von Vorteil ihn mit Stärke zu begegnen, damit er Angst bekommt und von alleine weggeht bzw. sich zurückzieht. Das hilft auch nur für einen kurzen Moment, um sich selbst wieder einen neuen Plan zu machen. Im Sport wäre es eine Art Rückzug. Ist der Gegner in der Übermacht, kann man nur verteidigen, aber man läuft Gefahr nicht mehr nach vorne zu kommen, um zu punkten.“ Interessiert hörte er ihr zu.
„Sie sind wohl eine sehr leidenschaftliche Sportlerin? Wie lange spielen Sie schon Volleyball?“
„Ja. Leider erst seitdem ich hier bin. Als Neue ist das gar nicht so einfach. Deswegen ja die vielen neuen Regeln. Und professionell spielen ist was anderes als nur in der Freizeit.“
„Sie sind ganz neu in diesem Sport? Ist es da nicht etwas zu spät für, wenn es mal für große Teams reichen soll? Die meisten spielen sicher schon seit mindestens sechs bis zehn Jahren in Ihrer Altersklasse.“
„Das stimmt. Ich habe vorher was anderes gemacht. Aber ich habe eine super Fitness und kann mit den Profis mithalten. Mir fehlt es nur leider an Erfahrung und Technik. Da kann ich noch so viel trainieren, das kommt eben nur in den Spielen.“
„Das stimmt. Sie spielen trotzdem professionell? Wie professionell muss ich mir denn Ihr Team vorstellen? Von Volleyball habe ich da nicht so die Ahnung.“
„Hm, bevor ich ins Team kam, haben die Mädels bereits mehrmals hintereinander den Nationalpokal gewonnen. Ich bin so richtig stolz, jetzt eine von ihnen sein zu dürfen.“, strahlte sie glücklich.
‚Soll das etwa heißen, dass die Kleine im Team der Musashi spielt? Das kann ich mir kaum vorstellen. Als Anfängerin? Die sind doch wahnsinnig stark. Zwar gewinnen sie immer gegen uns, aber es ist oft ein knapper Sieg.‘
„Wow, das ist sicher der höchste Pokal, den man hierzulande gewinnen kann. Erstaunlich, dass Sie da als Einsteigerin mithalten können.“
„Naja, ich bin noch dabei mitzukommen. Die Mädels sind wirklich sehr stark und ich sitze vorerst auf der Bank und beobachte.“, erklärte sie dann überzeugt und stolz.
„Beobachten? Sie geben sich damit zufrieden auf der Bank zu sitzen? Also haben Sie noch kein einziges Spiel mitgespielt?“
„Natürlich würde ich am liebsten mitspielen, aber da ich neu bin, muss ich doch auch erst einmal lernen wie alles ganz genau funktioniert und wenn mir etwas auffällt, dann gebe ich es dem Trainer oder den Mädels auch weiter. Aber ich werde bald spielen, das ist mein Ziel. Ich trainiere jetzt ganz hart und dann stehe ich im Dezember mit auf dem Feld und die anderen können sich warm anziehen. Ich bin gut vorbereitet und werde die anderen überraschen, weil sie mich unterschätzen werden.
So ähnlich wie jetzt. Man unterschätzt mich und dann kommt das große Erwachen. Das kann sehr praktisch sein.“, grinste sie vor sich hin.
„Sie unterschätzen? Ich verstehe. Die Gegner werden denke, dass Sie noch nicht gut genug sind mitzuhalten, aber in Wirklichkeit wissen Sie bereits, dass Sie es sind? Und genau das nutzen Sie aus?“
„Genau. Ich habe eine Überraschung für sie dabei. Wenn bis dahin alles läuft wie es soll, dann wird das eine interessante Partie.“
„Sie sind sich also noch nicht sicher?“
„Nein, aber in der Regel schaffe ich was ich erreichen will. Ich muss quasi nur am Ball bleiben.“, grinste sie und dann sah sie endlich wieder auf ihr Geschenk in den Händen.
„Sie können sich ja das Spiel gerne ansehen. Vielleicht dürfen Sie es sehen, auch wenn es nur intern zwischen zwei Schulen stattfindet.“
„Intern? Wie meinen Sie das? Ist das nur ein Freundschaftsspiel, das Sie anstreben?“
„Ja, so etwas in der Art. Es soll wohl Tradition zwischen unseren Schulen sein. Die stärksten Teams Tokios gegeneinander. Das findet jedes Jahr im Dezember statt.“ Verblüfft sah er sie an.
‚Moment mal, dann spielt Musashi gegen die Toho.‘, stellte der ehemalige Trainer der Fußballmannschaft fest. Nach den Ereignissen mit Kojiro und seiner Sturheit ihm gegenüber, sah er am Ende des gewonnenen Spiels den Beweis dafür, dass der Junge auf seine offensive Art Recht hatte und er als Trainer falsch lag mehr Wert auf die Defensive zu legen. Er kündigte seinen Trainerjob und ging seinem eigentlichen Beruf wieder nach.
„Ich würde mir das Spiel dann sehr gerne ansehen. Jetzt haben Sie mich neugierig gemacht.“ Tina lächelte ihn an und holte einen Notizblock und einen Stift aus dem Rucksack. Darauf notierte sie ihm Ort, Datum, Zeit und die Namen der Schulen. Dann reichte sie ihm diesen rüber. Er betrachtete den kleinen Zettel mit einer Hello Kitty darauf. Diesmal saß sie auf einem Delfin und hatte statt einer Schleife, eine Blume am linken Ohr. Er grinste.
„Oh, die Namen der Schulen sagen mir etwas. An welche der beiden gehen Sie denn?“, tat er unwissend, denn er konnte sich nicht vorstellen, dass sie als Anfängerin auf die Toho gehen würde. Wissen könnte er es nicht, da er schon während der Ferien gekündigt hatte.
„Auf die Musashi. Das andere ist so eine private Elite-Sportschule. Meine Eltern wollten mich anfangs auf dieser Schule anmelden, aber ich habe mich dann für die Musashi entschieden.“ Er sah sie mit großen Augen an.
„Wie soll ich das jetzt verstehen? Ich denke Sie haben erst mit dem Sport angefangen? Was wollten Sie dann auf einer Sportschule?“
„Ich habe doch vorher schon Sport gemacht. Ich war Läuferin und Schwimmerin. Das Volleyballspielen entdeckte ich nur durch meine Klassenkameradin. Sie schliff mich mal zum Training und zeigte es mir und dann…dann hielt ich den Ball in den Händen und konnte ihn nicht loslassen. Das war wie Magie oder Liebe auf dem ersten Blick. Der Ball und ich.“, lachte sie leise.
„Liebe auf dem ersten Blick? Das hört sich gut an. Und seitdem sind Sie dem Ballsport verfallen?“
„Könnte man so sagen ja.“ Sie sah zur Decke hinauf.
„Das ist als würden plötzlich alle Sorgen weit weg sein, jeder Kummer und alles was einem sonst traurig stimmt, wissen Sie? Wie Magie fühlt sich das an, wenn man den Ball in den Händen hält. Dieses Gefühl hatte ich sonst nur beim Schwimmen. Aber auch nur, weil ich mich dann so sehr auf die Bewegungen und die Atmung konzentrieren muss, dass für andere Gedanken keine Energie da ist. Nur ich, meine Flossen und das Wasser.“
„Nun verstehe ich aber nicht warum Sie dann nicht an diese Sportschule gehen, wenn Sie es gekonnt hätten? Soweit ich weiß sind die meisten Schüler über Stipendien an solchen teuren Schulen. Wenn sich Ihre Eltern das hätten leisten können, warum sind Sie da nicht hingegangen?“
„Hm, anfangs hätte es mich interessiert, aber dann habe ich mir die ganze Schulordnung durchgelesen und was man dort alles machen kann und welche Fächer es so gibt. Das sagte mir nicht zu und auf unnötigen Leistungsdruck wollte ich mich schonmal gar nicht einlassen. Was weiß ich denn jetzt schon, wie gut ich hier an der Schule bin. Ich war zwar immer auf der Bestenliste, aber deutsche Schulen kann man nicht mit denen hier vergleichen. Und dann gab es ja auch noch die Musashi und die ist spezialisiert auf Sprachen. Sport steht auch im Fokus, also passte das perfekt. Ich bin also wegen der Sprachen dort und meinen Eltern liege ich zusätzlich nicht mehr als nötig auf der Tasche. Sowas mag ich ja gar nicht. Und überhaupt kamen mir die ganzen Regeln viel zu elitär rüber. Ich bin viel zu temperamentvoll, um an so einer Schule zu sein. Die hätten keine Freude mit mir gehabt und mich am Ende nur geduldet, weil wir selbst zahlen, statt über ein Stipendium da zu sein. An einer öffentlichen Schule bin ich zwar auch sehr eingeschränkt, aber es gibt doch ein paar wenige Freiheiten mehr.“
„Wegen der Sprachen? Das klingt interessant. Dann ist das Ihr Interesse, neben dem Sport?“
„Ja, eine Art Talent und Hobby zugleich. Ich spreche jetzt bereits mehrere Sprachen und nun ist Japanisch auch dabei.“
„Was sprechen Sie denn alles? Ich habe vorhin nur nebenbei mitbekommen, dass Französisch gesprochen wurde. Das kann man noch erkennen.“
„Ja, darüber hinaus spreche ich Spanisch, Englisch, etwas Italienisch und eben Deutsch und Japanisch. Und Schullatein, natürlich.
Sagen Sie, was sind Sie eigentlich von Beruf?“, drehte sie den Spieß der Fragen um.
„Ich…arbeite in der Verfahrenstechnik und bin Chemieingenieur. Derzeit in der Forschung tätig.“, kam wie aus einer Pistole geschossen. Tina machte dies stutzig.
„Oh, eine Laborratte sozusagen? Das hätte ich jetzt gar nicht vermutet.“, kam als Antwort darauf.
„So zusagen, ja. Ach, warum?“
„Sie sehen eher aus als würden Sie ständig an der frischen Luft sein. Deswegen. Labor klingt ja eher nach Räumlichkeiten.“
„Das kann ich auch von Ihnen behaupten. Schwimmhalle und Turnhalle klingt auch nicht nach Ihrem äußeren Teint.“, schmunzelte er dann.
„Stimmt, aber ich schwimme im Meer und in Gewässern, weniger in Hallen und laufen tu ich auch immer und bei jedem Wetter draußen. So kommt das.“
„Sehen Sie und ich halte mich auch mit Ausdauerlauf fit. Das tut sehr gut bei so einem Job.“
„Stimmt, das ist gut. Sie sind klug und bewegen sich.“
Ein wenig unterhielten sich die beiden noch und dann fing sie endlich an, an der Schleife zu ziehen, damit sie aufging und genau in diesem Augenblick klingelte ihr Handy erneut. Martins Nummer blinkte auf.
„Hi, ist das der Kontrollanruf?“
„Genau. Wie geht es dir? Was sagt die Zugfahrt und wie war dein Date?“
„Du bist echt neugierig. Aber ich bin stolz auf dich.“
„Oha. Was habe ich angestellt?“
„Du bist nicht aufgetaucht, um uns zu kontrollieren. Das meine ich. Ich hätte verstanden, wenn du ihm nicht trauen würdest, weil du immerhin Zweifel hattest.“
„Ach, verstehe. Naja, ich gebe zu, ich wäre euch beinahe gefolgt, aber Mila hat mir gesagt, dass er okay ist.“
„Diese Frau ist nicht nur hübsch, sondern auch klug. Ja, die kennen sich, das ist mir schon aufgefallen. Sie ging früher an unsere Schule.“
„Ich habe dir die Schachtel in deinen Rucksack gelegt, damit du sie nicht vergisst. Das war doch okay so, oder?“
„Ja, danke dir. Ist mir aufgefallen. Ich halte sie gerade in den Händen und wollte reinsehen.“
„Oh, echt? Was ist denn nun drin? Das klang vorhin so doppeldeutig.“
„Moment. Sind sicher nur Pralinen, er sagte doch, eine sportliche Notreserve.“ Tina hielt mit der einen Hand das Handy am Ohr und mit der anderen zog sie am Schleifenband weiter, bis sie den Deckel öffnen konnte. Kaum hatte sie den Deckel in der Hand und sah in die Schachtel, erblickte sie ein Pärchen weiße Sportsöckchen und ein kleines Netz mit Schokokugeln, welche in weißem Silberpapier gewickelt waren. Die weiße Alufolie war mit einem Muster bedruckt, das wie die Nähte von Volleybällen aussahen.
„Es sind Socken und Schokobälle.“
„Hä? Wieso Socken?“
„Das wundere ich mich jetzt auch.“ Tina sah fraglich in die Schachtel und wunderte sich sehr. Dann erkannte sie, dass unter den Sachen ein Brief lag. Sie öffnete ihn. Er war in Englisch und handgeschrieben. Als sie zu lesen begann, stieg ihr Puls an und es wurde plötzlich alles warm um sie herum. Vor Schreck legte sie einfach auf, um das Handy aus der Hand zu nehmen.
‚Oh mein Gott, Tangaroa…du…du warst das? Du warst mein Retter und hast dann noch die Spange gesucht?‘
Das Duell der Torhüter
Kapitel 150
Das Duell der Torhüter
Ein frischer Wind weht durch die Hauptstadt Frankreichs. Er bahnt sich durch die Stahlkonstruktion des Eifelturms und hinterlässt interessante Töne. Sie klingen wie eine Melodie, als die deutsche Junioren-Nationalmannschaft U16 an einem Fuß des Turms steht und voller Begeisterung hinaufschaut. Es ist Anfang Juli 1996.
„Wahnsinn das Teil. Und dann noch alles genietet. Mega cool!“, haut Karl-Heinz begeistert aus.
„Oh, ja. Das ist was Besonderes. Wir kennen das aus Dresden, dort wurde das Blaue Wunder auch genietet.“, bringt sich Stephan mit ein.
„Ja genau. Das ist auch cool.“, meint Tino. Kaltz und die anderen sehen die drei nur fraglich an.
„Wovon redet ihr denn?“
„Das ist eine Brücke. Statt Schrauben oder Bolzen zu nutzen, wurden die Teile genietet, also mit einzelnen Stücken verbunden.“, erklärt Karl-Heinz begeistert. Die drei müssen lachen.
„Och nööö…laaangweilig!“, stöhnt Kaltz aus und wird von den Anderen bestätigt. „Wir wollen nur da hochfahren, völlig Wurscht wie das Ding gebaut wurde. Wir wollen die Aussicht genießen und schauen ob man das Stadion von da oben sehen kann.“, haut Keeper Stein aus.
Etwas später kommt der Stadtführer und hat einen altersgleichen Jungen dabei. Er hat längere blonde lockige Haare und trägt eine weiße feine Stoffhose und ein blaues Poloshirt mit einer kleinen französischen Flagge drauf. Statt der Erwachsenen begrüßt er die Mannschaft und ihre Trainer Schmidt und Schneider.
„Herzlich willkommen Jungs. Ich bin Eru Shido Pierre und werde euch heute etwas in Paris rumführen.“, spricht er sie auf Französisch an.
„Was hat er gesagt? Verstehe gar nichts.“, meint jemand und dann kommt Karl-Heinz zu dem französischen Jungen und gibt ihm die Hand.
„Sei ihnen nicht böse, mit Französisch haben wir es nicht so. Wir können doch sicher auch auf Englisch reden? Ich bin der Kapitän des Teams, Karl-Heinz Schneider.“ Er erntet ein Lächeln.
„Natürlich, ein Versuch war es wert.“, lacht dieser und nimmt seine Hand an.
„Wir freuen uns sehr, dass wir hier sein können. Der Eiffelturm ist total klasse.“, haut Tino plötzlich begeistert in Französisch aus, kommt auf den Jungen zu und stellt sich neben Karl. Pierre starrt ihn verdutzt an.
„Oh, so ein gutes Französisch. Und warum sagt mir niemand, dass ihr eure hübsche Team-Managerin mitgebracht habt? Ich wusste nicht mal, dass ihr eine habt.“, schmunzelt er freundlich und geht davon aus, ein Kompliment gemacht zu haben. Karl und Kaltz müssen plötzlich herzlichst lachen und der Rest des Teams grölt begeistert mit und hält sich vor Lachkrämpfen den Bauch. Tino wiederum findet das gar nicht lustig und knurrt den Jungen empört und beleidigt an.
„Ich bin kein Mädchen! Klar?! Wehe du beleidigst mich nochmal!“ Stephan kommt dazwischen und lacht ebenso laut mit.
„Das war ein großes Fettnäpfchen. Hi, ich bin Stephan Fuchs und der Typ hier, der wie seine Zwillingsschwester aussieht, ist mein jüngerer Bruder Tino.“ Beide reichen sich die Hände. Tinos böser Blick schaut nun beleidigt zur Seite.
„Ich kann nichts dafür, dass Stephan im Gesicht die ganzen Kanten unseres Vaters abbekommen hat und nicht ich.“
„Es tut mir leid. Das war nicht böse gemeint. Aber…wenn du der Zwillings-Bruder bist, dann muss eure Schwester ja besonders hübsch sein.“ Tino ist etwas verdutzt, denn dieser Junge kennt sie doch gar nicht. Und hübsch fand sie noch nie jemand. Weder als Mädchen noch als Junge. Hübsch, nein, das ist sie nicht. Sie verhält sich doch ständig nur wie ein Junge. Wenn die Familie sowas sagt, dann zählt das nicht für sie.
„Hey Pierre, bist du nur ein Fremdenführer oder spielst du auch Fußball? Du siehst so sportlich aus!“, kommt eine laute Frage von Franz Schester.
„Ja, soweit war ich noch gar nicht. Wenn ich mich soweit vorstellen darf, ich bin der Kapitän des französischen Teams und spiele im Mittelfeld. Und wenn ich den Tipps hinsichtlich der Favoriten glauben darf, sehen wir uns bestimmt im Finale. Zumindest wenn wir die starken Niederländer, Engländer und Italiener schlagen. Aber ihr habt einen sehr starken Sturm und sollt eine spitzenklassige Abwehr und einen unschlagbaren Keeper haben. Also ich bin sehr gespannt was da auf uns zukommt.“, lächelt er fröhlich und seine Augen blinzeln voller Kampfeslust.
„Na dann, du hast gerade die Verteidigung vor dir, mein Bruder steht im Tor und Karl-Heinz, er ist unser stärkster Stürmer. Aber unterschätze unser Mittelfeld nicht. Das wirst du in den ersten Spielen sicher noch alles sehen.“, spricht der Teamälteste. Pierre blickt zu Tino.
„Du bist der Keeper? Bist du nicht etwas klein dafür?“ Karl-Heinz kichert etwas.
„Mit dem hast du es dir verscherzt, der wird kein Wort mehr mit dir reden.“
Endlich findet das Europa-Turnier statt und das Spiel gegen Italien im Halbfinale läuft. Es steht 2:2 und der Ball wird in diesem Moment kurz vor Ende der zweiten Verlängerung direkt in die deutsche Hälfte gedribbelt, abgegeben und das Tor anvisiert. Doch genau in diesem Moment stellt sich Stephan in den Weg und der Ball prallt an seiner Brust ab. Der Ball ist so stark, dass er einen größeren Abprall macht als gewöhnlich und statt zum Mitspieler rollt er dem Gegner direkt vor die Füße und der Stürmer setzt zum Schuss an. Kein Abseits in Sicht, ein direkter harter Schuss zur linken Torecke. Er saust in einem Affenzahn auf den Kasten zu, aber Tino sprintet zur richtigen Seite und lenkt den Ball mit einer Traumparade und flachen Händen übers Tor. Der Drall geht durch seine zusätzliche Handbewegung in Richtung Publikum. Die deutschen Fans jubeln und der Schiedsrichter pfeift die zweite Halbzeit der Verlängerung ab.
Tino fällt bei der Aktion unsanft auf den Boden und stößt sich die linke Hand etwas am Pfosten. Sein Sprung war hoch und mit voller Kraft gegen den Ball gedrängt. Er lässt sich seine Verletzung nicht anmerken, denn nun geht es gleich ins Elfmeterschießen. Gewechselt werden kann nicht mehr und wenn der Gegner eine Schwachstelle kennt, kann es heikel werden.
Nach einer kurzen Pause und Besprechung wer die Bälle schießt, geht es gleich weiter. Italien steht als erstes im Tor und Karl-Heinz schießt natürlich mit voller Wucht und versenkt den Keeper mitsamt dem Ball im Netz.
„3:2 für Deutschland“ Nun muss Tino ins Tor und der Italiener schießt ihm direkt in die Hände. Mit ordentlich Gegendruck und einem festen Stand wird der Ball gefangen. Ein Kinderspiel. Es wird wieder gejubelt.
„3:2 noch immer für Deutschland. Nun hat jedes Team noch vier Schüsse offen.“
Nun muss Kaltz schießen. Seine Wucht bringt den Keeper sehr ins Straucheln, aber leider wird der Ball gehalten. Der Keeper Gino Hernandez ist einfach zu gut. Nur mit der vollen Wucht von Karl-Heinz hat er bisher Probleme gehabt. Nun ist Tino wieder im Tor und der nächste Italiener setzt zum Schuss an und das Leder saust geradezu auf die Latte, Tino springt sicherheitshalber hoch und hält die Hände schützend unter die Latte, aber der Ball fliegt über das Tor hinweg. Wieder kein Tor für Italien. Tino grinst und geht wieder aus dem Tor raus, sieht grinsend zu ihrem Artgenossen auf, als er an ihr vorbeigeht und stellt sich zu den anderen ihres Teams. Als nächstes soll Stephan schießen. Tino gibt ihm noch einen kleinen Tipp, den er natürlich befolgt. Jeder aus dem HSV weiß, dass Tinos Tipps die besten sind, immerhin ist er nicht nur ihr bester Keeper, sondern auch ein sehr guter Beobachter und Stratege. Mit Psychospielchen kennt er sich aus. Der große Verteidiger stellt sich bereit, legt den Ball ganz genau auf den weißen Punkt und grinst dann etwas vor sich hin. Sein Blick ist in die linke untere Ecke anvisiert und kurz darauf schießt er den Ball mit voller Wucht in genau diese Richtung. Hernandez hechtet los und greift hinunter in die untere linke Ecke, aber zu seinem Entsetzen saust der Ball mit einem kleinen Drall wieder Richtung Mitte, sodass er dann am Ende zwischen seinen Beinen und den ausgestreckten Händen ins Tor fegt. Er kann ihn zwar noch mit dem Knie etwas abfälschen, aber die Wucht ist einfach zu stark. Das Netz hinter ihm wackelt und die deutschen Fans jubeln was das Zeug hält. Das Team jubelt erfreut mit und versucht sich auch gleich wieder auf die nächste Runde zu konzentrieren. Was sagte Tino immer beim Training? „Egal was passiert, bleibt konzentriert und voll dabei, es könnte unerwartet eine Wendung geben, wenn man unachtsam ist. Jubeln kann man hinterher. Aber für den Moment jubeln unsere Fans. Das ist ihre Aufgabe.“ So ist sein Motto und die Trainer sind mit der Einstellung voll dabei.
Hernandez flucht zornig und boxt auf den Boden. Dann steht er erst auf und geht wieder zu seinem Team. Beide Keeper sehen sich erneut in die Augen. Dann spricht er Tino plötzlich wütend an.
„Den nächsten hältst du nicht. Der fegt dich weg.“ Tino lächelt ihn nur glücklich an.
„Danke für den Tipp. Du bist doch gut, aber eben nicht unschlagbar. Das ist niemand.“
„Ich glaube kaum, dass du Zwerg Schneiders Bälle halten kannst. Bilde dir ja nicht zu viel ein!“, knurrt er.
„Ich kann nichts dafür, wenn dein Mann danebenschießt.“, lächelt Tino.
„4:2 für Deutschland.“
Tino steht wieder im Tor und hält sich bereit. Die Blicke sind auf ihn gerichtet und er konzentriert sich sehr, hat die bisherigen Bewegungen des jetzigen starken Stürmers noch genau im Visier. Das erste Tor von ihm hat er schon kassiert, aber es war aus einem sehr bewegten Spielmoment heraus, nicht so schlicht einfach gegenüberstehend. Ihre Blicke treffen sich. Der Stürmer nimmt Anlauf, zögert kurz vorher und donnert dann gegen den Ball. Tino stürmt aus dem Tor heraus und schmeißt sich mit voller Wucht gegen die Kraft, welche etwas zur rechten Ecke hin geht. Er hat den Ball fest in den Händen, aber die Wucht ist zu stark und der Drall drückt ihn immer weiter zurück ins Tor, kurz vor der Linie findet er endlich Halt, aber der Drall ist so stark, dass der Ball sich aus den Händen bewegt und neben ihn auf den Boden fällt. Er will sich noch in letzter Sekunde vor die Linie grätschen, aber zu spät. Das Leder kullert in aller Ruhe über die Torlinie und stupst das Netz sachte an der Seite an. Das italienische Fanlager ist außer sich vor Freude. Auch das Team jubelt ebenso, umarmt sich glücklich, denn wäre es danebengegangen, wäre das Spiel für sie gelaufen.
„4:3 für Deutschland, es ist wieder alles offen.“ Tino steht sofort wieder auf und nimmt den Ball in die Hand, sieht ihn kurz an und lächelt dann. Erneut gehen die Keeper aneinander vorbei. Diesmal soll Manfred Magath schießen. Der Trainer jedoch entscheidet sich um und beschließt, dass Tino schießen soll und danach Franz Schester. Tino ist überrascht, aber eigentlich war es genau das was er wollte. Wenn er alleine die Entscheidung hätte treffen dürfen, hätte er genauso entschieden. So geht vielleicht seine jetzige Taktik besser auf.
Also stellt er sich an den Punkt und lächelt den Keeper an, der im Tor steht und noch eindeutig angespannt wirkt.
Das Publikum ist plötzlich ganz leise. Jeder weiß wie wichtig das Tor ist und wie wichtig es ist, dass es nicht fällt. Jeder ist gespannt. Keeper gegen Keeper. Laut des bisherigen Verlaufs der Meisterschaft sind sich beide mit ihrer Leistung ebenbürtig. Sollte Tino nun ein Tor schießen, dann wäre er der einzige Keeper, der eins in dieser Meisterschaft geschossen hat. Das Tor zählt dann nicht nur als Tor für das ganze Team, sondern noch einmal gesondert.
Tino zieht die Handschuhe aus und gibt diese dem zweiten Keeper Andy Stein. Der deutsche Keeper fährt sichtlich angespannt durch seine Haare, um einen klaren Gedanken zu haben und wartet auf den Pfiff. Kurz darauf positioniert er sich zum Anlauf und atmet ganz tief durch und lächelt wieder glücklich, als hätte er bereits ein Tor geschossen. Kurz darauf läuft er los und in Windeseile bleibt er mit dem rechten Fuß vor dem Ball stehen und schießt verzögert mit dem Linken. Der Ball hat einen außergewöhnlichen Bogen drauf und Hernandez sprintet sofort in seine Richtung, denn er fliegt direkt auf die linke obere Ecke zu. Er ist bereits da und will den Ball auffangen, denn eine große Wucht steckt nicht dahinter. Er grinst und ist sich seines Sieges sicher. Doch plötzlich wird der Ball langsamer und fällt fast wie ein Stein vor seiner Nase herunter, aber nicht einfach senkrecht, nein, er bewegt sich beim Abfallen etwas nach weiter rechts und kullert zwischen seine Beine hindurch über die Linie. Er versucht noch mit dem Fuß ihn raus zu angeln, aber vergeblich, denn der Schiedsrichter hat das Tor bereits gesehen und kurz darauf anerkannt.
„Es steht nun 5:3 für Deutschland. Italien muss jetzt zwei Tore machen und darf keines mehr kassieren. Nur dann haben sie noch eine Chance.“, ertönt wieder die Durchsage für das Publikum. Die Deutschen sind außer sich vor Freude und die Jungs im Stadion spüren ihre Begeisterung als würden sie direkt vor ihnen stehen.
Tino grinst und Gino flucht vor sich hin. Er steht auf und beide gehen auf einander zu.
„Du hattest nur Glück. Den nächsten lasse ich nicht durch, ist das klar?“
„Wir werden sehen. Jetzt müsst ihr erst eins schießen, sonst ist es aus für Italien.“ Tino lässt sich die Handschuhe geben und begibt sich wieder ins Tor. Der Trainer ordert seinen stärksten und größten Jungen ran. Er hatte zuvor das zweite Tor im Spiel geschossen und nun muss er seine Stärke in den Beinen beweisen. Die einzige Schwäche, die dieser deutsche Keeper hat, scheint sein Gewicht zu sein. An Technik und Schnelligkeit mangelt es ihm nicht. Der große Mittelfeldspieler positioniert sich und die Blicke der Duellanten treffen sich.
„Ich feg dich weg, hast du gehört?“, ruft er zum Tor. Tino jedoch konzentriert sich auf ihn und bleibt cool. Dann gibt ihm Karl-Heinz plötzlich ein Zeichen.
„Alles geben, keine Zurückhaltung“, bedeutet es. Tino lächelt und weiß was zu tun ist. Der Kapitän hat vorhin bemerkt, dass er sich zurückgehalten hat, um nicht zu zeigen wie man seinen harten Ball parieren kann ohne selbst im Tor zu landen. Der Spieler positioniert sich zum Anlauf und dann plötzlich mischt sich Hernandez ein und der Trainer pausiert.
„Moment, wir wechseln. Unser Keeper schießt!“ Die Spieler wechseln die Position und nun geht es wieder Keeper gegen Keeper.
„Was soll das? Ich wollte den Kleinen wegfegen.“, murrt dieser Gino an.
„Ich glaube das haben die so geplant. Das ist ein Trick, glaube mir. Du schießt stark aber direkt. Dieser Keeper kennt solche Schüsse ganz genau und Schneider hat eben irgendein Zeichen gegeben. Da stimmt was nicht. Ich mach das selbst. Mit mir rechnet er genauso wenig wie ich mit ihm.“, kann Tino die Worte hören.
„Wieso der Wechsel? Er ist stark.“
„Hab da so meine Gründe.“, grinst dieser zu Tino. Tino jedoch lächelt nur fröhlich. Der italienische Keeper positioniert sich zum Anlauf, läuft dann, macht unterwegs ein paar Stopps, um den Lauffluss zu irritieren und dann schießt er mit dem linken, statt mit dem rechten Fuß in Richtung rechte untere Ecke. Tino hat es natürlich erkannt und springt rechtzeitig in die richtige Richtung. Der Ball ist sehr stark und er kommt gerade mal so noch mit der Faust ran, kann ihn jedoch abfälschen und der Ball rollt außerhalb des Tores neben dem Torpfosten Richtung Außen-Linie. Durch den Hechtsprung und die Wucht des Balls stößt Tino mit dem linken Arm gegen den Pfosten und bleibt davor liegen. Ein lautes Jubeln durchdringt das Stadion. Das war die letzte Chance für Italien, aber auch der Sieg für Deutschland.
„Sieg für Deutschland. Es bleibt bei einem 5:3 nach Elfmeterschießen. Deutschland ist im Finale gegen Frankreich!“, kommt durch die Ansage. Das deutsche Team stürmt aufeinander zu und beglückwünscht ihren Keeper. Tino steht auf und hält sich den Arm. Der Jubel ist riesig und fast allen kommen vor erlöster Anspannung die Freudetränen. Auch Tino kann sich die Tränen nicht verkneifen und im Inneren ist er bzw. sie wahnsinnig stolz, dass dieses starke Team besiegt wurde. Es war sehr knapp, aber sie haben es geschafft. Ihre Mitspieler sorgen sich etwas um ihr Wohl, doch ihre Verletzung hält sich in Grenzen. Es ist nur eine größere zweite Prellung am Arm. Plötzlich kommt der Kapitän der Italiener Gino auf sie zu und reicht ihr die Hand.
„Jetzt weiß ich, dass ich ernsthafte Konkurrenz im Tor habe. Beim nächsten Spiel, siegen wir! Wehe du lässt ein Tor von Pierre rein!“, lächelt er und dreht sich dann zu Karl-Heinz und gibt auch ihm die Hand. Karl ist erstaunt.
„Ich warne dich, wenn du nicht gegen Frankreich siegst, hast du einen Feind mehr! Den eingebildeten Franzosen musst du es an unserer Stelle so richtig zeigen! Hau sie weg mit deinen Schüssen, dann kann ich damit prahlen gegen den Sieger verloren zu haben, nicht gegen Nummer Zwei!“ Karl grinst und nimmt seine Hand an.
„Das werden wir und du kannst dich darauf verlassen, dass es beim nächsten Mal gegen euch nicht einmal bis zur Verlängerung kommt.“ Tina grinst und Stephan umarmt sie herzlichst.
„Das war einsame Spitze. Mit Dir im Tor kann gar nichts passieren.“ Die Geschwister sehen sich glücklich an.
(11-Meter-Schießen: Jedes Team hat 5 Schüsse. Wer die meisten Treffer hat gewinnt.)
Notiz der Ergebnisse: Vorher 2:2 – Ende 5:3
1. D 0
2. 0 0
3. D I
4. D 0
5. - -
Plötzlich wurde Tina von ihrem Wecker im Handy geweckt und aus ihrem Traum gerissen. Sie öffnete die Augen und sah etwas verdattert zur Lehne vor sich. Vor Schreck rutschte ihr das Buch aus der Hand und fiel auf den Boden. Das erste Mal seit sie ihn Japan ist, träumte sie von einer schönen Erinnerung aus ihrer Keeper-Zeit. Das wunderte sie sehr. Wie konnte das sein? Nein, nicht das erste Mal, sondern das Zweite Mal, aber diesmal war es ein langer Traum, nicht nur etwas ganz Kurzes wie an dem Montag, als sie im Wäldchen einschlief.
„Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich muss tatsächlich tief eingeschlafen sein.“ Der freundliche Japaner neben ihr lächelte sie nur an und war jedoch etwas verdutzt. ‚Sie muss sehr tief geschlafen haben, aber wovon um alles in der Welt hat sie geträumt? Ihre Bewegungen eben und dann fiel dieser Name, Karl. Bettina, wer bist du? Diese Bewegung vorhin, als du dich vor dem Kerl verteidigt hast, sah aus, als hätte man ein Tor verteidigt und dann eben gerade, diese Andeutung zur rechten Seite und die Hand, die beinahe ausgefahren wäre.
Du bist vorhin einfach beim Lernen eingeschlafen und zur Seite gefallen. Plötzlich warst du komplett weg, völlig weggetreten. Dann hast du angefangen im Schlaf zu lächeln.‘ Tina räumte ihre Sachen zusammen und packte alles in den Rucksack.
„Ich muss dann gleich aussteigen. Vielen Dank für die angenehme Unterhaltung, Herr Makoto.“, lächelte sie ihren Sitznachbarn an.
„Ich habe zu danken für die angenehme Bekanntschaft. Ich versuche zu Ihrem Spiel zu kommen. Sie haben mich sehr neugierig gemacht. Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg und dass Ihnen alles gelingt, was Sie sich vorgenommen haben.“ Plötzlich klingelt ihr Handy.
„Papa. Vermisst ihr mich schon?“, ging sie grinsend ran.
„Ich stehe hier mit Genzo auf dem Bahnsteig.“
„Wieso du auch? Ich wollte mich doch alleine mit ihm unterhalten.“
„Ich dachte ich bin mal lieber dabei, bevor du ihn gleich zur Schnecke machst, dass er nichts gesagt hat.“
„Ist egal, ich mache ihn trotzdem zur Schnecke, wenn ich das gewusst hätte, hätte ich Tangaroa abgesagt und das Treffen verschoben.“
„Oh, wirklich. Wie lief denn dein Date?“
„Also echt, nochmal, das war kein Date, klar. Und DU, du hättest mir ruhig sagen können, dass er es war.“
„Oha, er hat es dir also gesagt. Ich musste es versprechen. Na dann bis gleich. Schimpf ruhig mit mir. Ich bin hart im Nehmen.“, lachte er ins Telefon und legte auf. Tina rümpfte die Nase und sah zu ihrem Nachbarn.
„Väter, also echt. Sind die alle so?“
„Äh, warum? Was ist denn passiert? War das Ihr Vater?“
„Ja, dieser Schlingel hat mir eine wichtige Information vorenthalten. Das hat mit dem Jungen zu tun, der mir die Schachtel geschenkt hat. Naja. Nun ist es zu spät und ich habe ihm auch noch einen Korb gegeben. Aber nun gut. Letztendlich scheint es ja besser so zu sein. Haben Sie eigentlich Kinder?“ Er sah sie etwas betrübt an.
„Ja, eine Tochter. Sie ist einundzwanzig.“
„Oh, was macht sie?“ Er sah nur betrübt.
„Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich…weiß es…nicht. Wir…wir haben uns seit gut fünf Jahren nicht gesehen.“. sprach er dann offen und leise zu ihr. Tina setzte einen traurigen Blick auf.
„Nein, darf ich fragen was passiert ist?“
„Wir…wir hatten einen großen Streit und dann…ist sie einfach zu ihrem Freund gezogen und wollte mich nie wieder sehen.“, erklärte er knapp und leise. Sein Blick war auf wieder nachdenklich auf seine Ledertasche gerichtet.
„Hatten Sie vorher ein gutes Verhältnis miteinander?“ Er sah auf und blickt ezu ihr.
„Ja, eigentlich schon.“
„Dann liebt sie ihren Vater bestimmt immer noch und ist nur traurig, dass er sich nicht traut sich zu entschuldigen. Manchmal muss man über seinen eigenen Schatten springen oder seinen Stolz hinter sich lassen, wenn man etwas erreichen will was einem über alles anderem wichtig ist. Das tut zwar in dem Moment weh, aber es kann wie eine Befreiung sein.“
„Eine Befreiung? Den Stolz überwinden und sich befreit fühlen?“, sprach er ihr erstaunt nach.
„Ja, wenn es dann erstmal gut läuft, dann ist es wie eine Befreiung, als hätte man die Mauern um sich eingerissen. Aber manchmal ist es die letzte Lösung. Es ist die Hoffnung, die einen dazu drängt dieses Wagnis einzugehen.
Glauben Sie mir, sie wird Ihnen bestimmt verzeihen, wenn Sie den ersten Schritt machen. Ich habe das gerade selbst hinter mir. Ich hatte diese Woche einen bösen Streit mit meiner Mutter und sie hat sich von mir wirklich böse Sachen anhören müssen. Aber dann habe ich meine Nachdenkzeit genutzt und mir ist aufgefallen, dass ich selbst im Unrecht war oder dass das was ihr so wehtat, wichtiger war als mein eigener Schmerz. Also habe ich mich wieder entschuldigt bei ihr. Ich glaube aber, diesmal hatte sie es sogar selber vor. Auch sie hatte ihren Fehler eingestanden. Sogar mein Vater hat sich diesbezüglich noch bei mir entschuldigt, da er nicht ganz unschuldig bei der Sache war. Auch er musste über seinen Schatten springen. In der Regel mache ich das, weil er eh immer Recht hat und ein sturer Bock ist und seine grundlegenden Prinzipien hat.
Also: Versöhnen Sie sich mit ihr. Versuchen Sie Kontakt mit ihr aufzunehmen. Vielleicht treffen Sie sich an einem öffentlichen Ort, denn da kann sie von sich aus wieder gehen oder nicht. Und man vergreift sich vor anderen Leuten nicht im Ton, wenn es doch nicht klappt. Zu Hause kann man nicht weggehen und die Verlockung sich anzuschreien oder böse Dinge zu sagen, ist deutlich größer.“
‚Hat sie damit Recht? Über den eigenen Schatten springen, fühlt sich befreiend an?‘
„Währte Fahrgäste, wir erreichen in Kürze den Bahnhof C, mit der Regionalverbindung unter anderem nach Nankatsu. Bitte begeben Sie sich langsam zu den Ausgängen. Wir danken Ihnen für Ihre Mitfahrt und freuen uns auf ein Wiedersehen.“, ertönte die freundliche Stimme in der Durchsage.
„So, ich muss jetzt wirklich los. Meine Freunde warten und ich will noch trainieren. Das Nickerchen war genau richtig zum Energietanken.“ Sie stand auf und schnappte sich ihren Rucksack. Makoto Kitasume stand auf und machte ihr Platz.
„Danke.“
„Training? Jetzt noch?“
„Ja, gerade jetzt, ich muss meinem Freund meinen Ball zeigen. Wenn er sagt, der ist gut, dann ist er das auch. Bis dann und vielleicht sehen wir uns bei dem Schulturnier.“
„Ja, ganz sicher. Ach, einen Moment haben wir ja noch. Zehn Minuten fahren wir noch.
Sagen Sie, darf ich Sie noch etwas fragen? Mich würde Ihre Antwort interessieren.“
„Gerne, schießen Sie los.“
„Wenn Sie einen Ball eintrainieren, dann sind Sie Angreiferin, oder?“
„Ja genau. Ich brauche einen harten Ball, da ich mit Technik und Erfahrung noch nicht punkten kann. Deswegen der Ball, damit ich eine Waffe habe.“
„Ich verstehe. Und wenn ich Sie richtig einschätze, sind Sie eine sehr stolze Sportlerin und würden Sie jemals für ein Spiel auf Ihren Stolz verzichten und jemanden anbetteln?“ Tina wunderte sich über diese Frage.
‚Was ist das denn für eine Frage? Das klingt irgendwie nicht nach jemanden, der nur im Labor sitzt. Was mag ihn nur so beschäftigen?‘ Tina lächelte ihn an.
„Herr Makoto, so richtig weiß ich jetzt nicht was genau Sie wissen wollen. Wie meinen Sie das für ein Spiel betteln?“
„Hm, also angenommen man würde Ihnen das Mitspielen für das kommende Spiel verweigern. Das scheint Ihnen ja sehr wichtig zu sein. Würden Sie Ihren Trainer anbetteln doch mitmachen zu dürfen?“
„Also echt, eine komische Frage. Sie wollen vermutlich darauf hinaus, weil ich vorhin sagte, dass man über seinen eigenen Schatten springen soll. Und nun wollen Sie wissen ob ich das für den Sport und nicht nur für die Familie tun würde?“
„Ja, genau. Das meine ich.“
„Ja, das würde ich. Als ich hier her kam musste ich bereits über meinen Schatten springen und meinem Trainer ein Geheimnis anvertrauen, damit ich ins Team komme. Und dann teilte mir ein sehr stolzer Japaner mit, ich soll mich niemals jemanden unterordnen oder vor jemanden verbeugen, nur um ihm zu gefallen oder weil es Tradition ist, sondern nur dann, wenn ich ihm wirklich Respekt erweisen will. Und genau daran halte ich mich auch. Ich lerne die Menschen erst kennen bevor ich mich bedanke oder mich vor ihnen respektvoll verbeuge.
Und nun zu Ihrer Frage:
Ja, ich würde mich für dieses besondere Spiel opfern, wenn es der einzige Weg ist. Das Spiel ist mir sehr wichtig und nicht nur mir, sondern auch meiner Kapitänin. Wir…wir haben mit der Schule eine Rechnung offen und die MÜSSEN wir begleichen, aber sportlich. Und wenn es sein muss, dann würde ich mich für mein Team opfern und ihn anflehen, denn nur mit meiner Anwesenheit würde die Rechnung aufgehen und der Stolz meines Teams gewahrt bleiben. Es hängt zu viel davon ab.
Herr Makoto, ich habe es meiner Kapitänin geschworen ihre Ehre zu wahren und genau das ist mir wichtiger als mein eigener Stolz. Das Team! Das Team zu schützen und zu stärken ist wichtiger als mein eigenes Wohl, es steht wie in einer Familie über allem.“ Sie kam ihm plötzlich etwas näher und flüsterte noch leiser als zuvor.
„Was ich jetzt sage, dürfen Sie nur denken, niemals aussprechen, okay?“ Er war verdutzt und nickte nur.
„Alles fürs Team und darüber hinaus! Sich mal für das Team aufzuopfern ist der Punkt, der darüber hinaus geht. Und ich gehe schon seit Jahren darüber hinaus, aber deswegen verliere ich niemals meinen Stolz. Ich selbst weiß wer ich bin und zu was ich fähig bin. Mir ist völlig egal was andere darüber denken, Hauptsache ich kann meine Freunde beschützen. Und die wissen das auch, dass sie sich immer auf mich verlassen können und ich mich auf sie.“ Dann lächelte sie nur noch und verbeugte sich vor ihm.
„Bis irgendwann oder vielleicht zum Turnier.“, grinste sie und verließ den Wagon, denn der Zug begann nun stärker zu bremsen. Herr Kitasume stand wie angewurzelt da und wusste nicht so richtig was er davon halten sollte. Was waren das denn für seltsame Worte. Sich für das Team und seine Freunde opfern? Was genau meinte sie damit? Ein Opfer indem man auf seinen Stolz verzichtet? Nachdenklich setzte er sich hin. Plötzlich trat er auf etwas drauf, das ein leises knisterndes Geräusch machte. Er sah unter seinen Sitz und entdeckte plötzlich den Brief, der in der Schachtel lag.
‚Verdammt. Sie hat ihn beim Einpacken übersehen und vergessen. Er muss vorhin nach ihrem Aufwachen runtergefallen sein.‘ In dem Moment jedoch kam bereits das Signal zur Abfahrt. Der Halt war nur sehr kurz. Er sah dann aus dem Fenster, um zu sehen wo sie ist und ob sie in seine Richtung schaut, damit er ihr den Zettel zeigen könnte, aber nein. Stattdessen sah er wie sie voller Begeisterung auf einen jugendlichen Japaner zulief, ihm direkt in die Arme sprang und er sie wie wild um sich drehte. Neben den beiden standen zwei Männer, ein blonder Herr, der vermutlich ihr Vater war und ein junger Mann. Ebenso Japaner. Beim Rumwirbeln erblickte er völlig überraschend das Gesicht des Jungen.
‚Wakabayashi? Genzo? Was…‘, er blickte noch weiter hin, während der Zug anfuhr. Dann sah Genzo auf zum Zug und er konnte ihn diesmal eindeutig erkennen und ging vom Fenster weg. Er setzte sich diesmal ans Fenster und hielt noch immer den Brief in der Hand und betrachtete ihn.
‚Geheimnisvolles deutsches Mädchen, wer bist du, dass du mit Wakabayashi befreundet bist? Er ist doch so ein schwieriger Typ. Ihr kennt euch bestimmt aus Deutschland. Du hast so etwas in der Art erwähnt.
Hm, was mache ich jetzt mit deinem Brief? Du hast so verdutzt auf den Inhalt reagiert, dass du plötzlich gar nichts mehr gesagt hast. Was kann dir dieser Junge denn nur geschrieben haben? Ist es ein Liebesbrief?‘ Er hielt den Brief in den Händen und sah ihn starr an.
‚Meiner Frau habe ich damals auch Liebesbriefe geschrieben. Dass es heutzutage noch sowas gibt? Jungs, die Mädchen Briefe schreiben? Erstaunlich. Und dann schenkt er Socken?‘ Mit dem Daumen fuhr er zwischen die Blätter als würde er die Zettel öffnen wollen. Dann aber lies er sein Vorhaben sein und legte den Zettel in seine Tasche an eine Seitentasche.
‚Nein, es wäre falsch. Es zählt doch unter Briefgeheimnis. Ich werde ihr den dann wiederbringen, wenn sie ihr Spiel hat und ich sie dabei sehe. Vielleicht ergibt es sich dann. Was hat es nur damit auf sich, dass ihr das Spiel gegen meine ehemalige Schule so wichtig ist? Und was um alles in der Welt hat Genzo Wakabayashi mit ihr zu tun?‘ Er sah aus dem Fenster und dachte noch über einiges nach.
Kein Liebesbrief
Kapitel 151
Kein Liebesbrief
Liebe Tina,
du wirst dich sicherlich wundern, was es mit den Socken auf sich hat. Nachdem du am Montag die Schulidioten aufgemischt hast und später mit unserem Kapitän gesprochen hattest, da habe ich mir vorgenommen dich endlich zu fragen, ob du mit mir ausgehen würdest. Es war ein sehr aufregender Tag und nach dem Training musste ich den Kopf frei kriegen und bin eine andere Strecke als sonst gelaufen. Dann fand ich dich plötzlich unter dem Baum. Ich dachte, dir sei etwas Schreckliches passiert und brachte dich zu Dr. Sato. Du hast zum Glück nur geschlafen und deine Platzwunde am Kopf war nicht so schlimm wie es aussah. Ich ging davon aus, dass dir deine Haarspange wichtig ist, als ich bemerkte, dass sie fehlte und deswegen ging ich nochmal los, um sie zu suchen, ebenso deine Schuhe. Ich fand die Schuhe unter dem Laub und deine Spange später auf dem Fußballfeld.
Was ich damit sagen will; Sei Dr. Sato und deinem Vater nicht böse, ich wollte nicht, dass du es weißt. Wenn, dann sollte deine Zustimmung zum Eisessen von dir kommen, nicht aus einer Dankbarkeit heraus.
Wie auch immer der Tag heute ausgeht, ich freue mich, dass du mir die Möglichkeit gibst, dich einfach nur kennenzulernen.
Du hast jedoch Recht damit, als du sagtest, es würde uns beide nur ablenken. Das stimmt, denn ich bin bereits mit meinen Vorbereitungen für die Prüfungen beschäftigt. Die Aufnahmetests der Todai sind hart und ich brauche sie, damit ich auch im Fernstudium studieren kann. Ja, Fernstudium. Ich werde nach dem Abschluss wieder nach Neuseeland zurückkehren. Das betrifft jedoch nur mich, nicht meine Familie. Man hat mir dort ein Platz in der Zweiten Liga angeboten und es ist in der Nähe meiner alten Heimat. Das Angebot konnte ich nicht abschlagen und das kam bereits vor dem Ende des letzten Schuljahres. So kann ich viele Erfahrungen sammeln und mein Studium selbst finanzieren.
Wir würden uns demzufolge ohnehin nicht lange sehen können und du wolltest dich auch erst einmal nur in deine Aufgaben stürzen. Das ist klug, alles andere lenkt nur unnötig ab, denn die Energie und die Zeit wirst du für deine Ziele brauchen. Den nötigen Mut und deinen Stolz hast du bereits. Das bewundere ich sehr. Du wirst ganz sicher alle deine Ziele erreichen.
Wusstest du eigentlich, dass Sora jetzt mit deiner Kapitänin zusammen ist? Laut seiner Aussage hast du die beiden zusammengebracht. Er war schon seit Jahren in sie verliebt, aber da kam nie etwas rüber. Yako ist sehr speziell.
Er erwähnte bei meiner Frage, wie es sich plötzlich ergeben hat, dass es etwas mit dem Weihnachtsturnier zu tun habe. Sie habe ihm wohl etwas erzählt, was nur ihr beide erlebt habt und es hat etwas mit der Toho zu tun. Mehr sagte er, darf er nicht erzählen. Aber sie akzeptiert dich seitdem endlich und das ist sehr gut, denn sie hat viel Einfluss an der Schule und sie ist sehr stark im Spiel.
Danke übrigens, dass du und deine Familie euch um den kleinen Makoto gekümmert habt. Wir waren alle sehr erstaunt, als wir es gestern erfahren haben und dass du ihm deine Spange überlassen hast, weil sie Kraft und Mut spendet. Das ist sehr lieb und er wird sie brauchen. Ich hoffe seinem Vater geht es schnell wieder besser und die drei kommen trotz der Umstände klar.
Ein kleiner Tipp noch für die nächsten Jahre an unserer Schule:
So wie ich das bisher beobachten konnte, hast du dich mit Misugi und seiner Freundin Yayoi angefreundet. Auch wenn du den Rest seiner Mannschaft nicht magst, mit ihnen und Yoko hast du auf jeden Fall gute Freunde gefunden, denn auf sie ist immer Verlass und Misugi hat nach Yako und Sora den größten Einfluss an der Schule. Er ist immerhin der Erste, der einen Weltmeistertitel an die Schule gebracht hat. Und er ist sehr klug und hat auch meinem Team schon hin und wieder in strategischen Abläufen geholfen. Dein Tipp mit der Positionsänderung von 6 und 7 hat der Trainer übrigens gerne angenommen. Er denkt, er kam von Sora, aber wir wissen beide, dass er von dir kommt, denn dein Vater hat mir denselben Tipp als Dank hinterlassen, weil ich keinen Dank von ihm annehmen wollte. Ich sagte ihm, dass ich dich rechtzeitig gefunden habe, ist mir Dank genug. Du verstehst sicher was ich damit meine. So etwas Ähnliches hast du bezüglich Makoto auch gesagt.
Warum ich dir das alles jetzt schreibe?
Du hast sicher mitbekommen, dass ich eher zurückhaltend bin, aber das betrifft nicht jeden Lebensbereich. Ich wollte diese Worte gerne loswerden und ich weiß nicht wie unser Treffen verlaufen wird. Daher der Brief.
Warum die Socken, fragst du dich noch immer?
Als ich deine Schuhe fand und die Socken darin, waren diese nicht nur nass, sondern auch kaputt. Daher dachte ich mir, dir geht es genauso wie mir und du kannst immer eine Notreserve brauchen. Ich empfehle dir diese Firma, die halten erstaunlich lange und sind bequem in den Sportschuhen.
Ich wünsche dir alles Gute auf deinem Weg und dass du hier in Japan weiterhin gut ankommst und dich wohl fühlst. Ich habe dazu lange gebraucht, schon weil ich die Sprache erst lernen musste wie du, das ist ein hartes Stück Arbeit, aber du hast zum Glück das Talent für Sprachen.
Somit auf ein gutes letztes Schuljahr meinerseits und wir sehen uns.
Tangaroa Taylor
PS: Nein, das ist kein Liebesbrief, nur eine Aussprache, falls ich nicht dazu komme alles bei unserem Treffen zu erzählen. =)
Völlig überwältigt lehnte sich Makoto Kitasume zurück in seinen Sessel im Hotel. Er legte den Brief auf den Tisch und atmete tief durch. Es war bereits spät abends.
‚Ich habe mich also nicht getäuscht, du kennts Misugi. Das erklärt das Telefonat.‘
Was war passiert? Warum hat er den Brief nun doch gelesen, obwohl er es zuerst nicht wollte? Der ehemalige Trainer des Mittelstufen-Teams der Toho-Fußballer hatte unter anderem ein Telefonat geführt. Gleich am frühen Morgen nach dem Frühstück, welches er sich aufs Zimmer hatte bringen lassen. Er holte nach einer gefühlten Ewigkeit einen Zettel aus seiner Geldbörse. Er trug den Zettel gut über fünf Jahre mit sich herum, in der Hoffnung irgendwann einmal über seinen Schatten springen zu können und diese Nummer zu wählen. Die Telefonnummer gab ihm vor Jahren seine Schwester.
„Alles für die Familie!“, schossen ihm die Worte Tinas durch den Kopf.
Es tutete, als er anrief und es meldete sich eine zarte Kinderstimme.
„Hallo hallo?“ Er stockte zuerst und dann sprach er ruhig in den Hörer.
„Guten Tag, ist deine Mama zu Hause?“
„Ja, aber wer ist denn dran?“, kam es klar und deutlich zurück.
„Sag ihr bitte, Makoto ist am Hörer, dann weiß sie es schon.“
„Moment.“ Es war kurz still und dann raschelte es etwas und kurz darauf hörte er die Stimme seiner Tochter.
„Papa? Jetzt bin ich aber baff.“, kam als Begrüßung. Er konnte auf die Schnelle gar nicht reagieren und genoss nur ihre sanfte Stimme. Sie klang erstaunlich fröhlich. Damit hatte er gar nicht gerechnet.
„Yumi, wie geht es euch?“, versuchte er seine Freude zurückzuhalten und seine Tränen, die fast kamen. Sein Herz sprang bis an die Decke, als er ihre Stimme hörte.
„Wir sind gesund und uns geht es gut. Wie geht es dir?“
„Ich bin gesund, ich…habe meinen Job an der Toho gekündigt. Ich…wollte deine Stimme hören und wissen…wie es euch geht.“, stammelte er sich zusammen. „Oh, deswegen warst du bei den letzten Spielen nicht mehr als Trainer zu sehen. Herzlichen Glückwunsch übrigens für den Nationaltitel. Du musst ein guter Trainer sein, wenn vier Jungs aus deinem Team sogar den Weltmeistertitel mitbringen. Wahnsinn, Papa. Die Spiele waren der Wahnsinn. Die vier Jungs sind echt gut. Wo bist du gerade?“ Er war irritiert, dass sie davon wusste und starrte zum Spiegel im Zimmer neben der Ausgangstür.
„Ich…danke…ich bin in Osaka.“
„Ich habe heute frei. Wollen wir uns sehen? Wir wollten heute in den Park. Dann kannst du deine Enkel kennenlernen und wir können reden.“ Sein Puls schlug immer doller und er setzte sich erstaunt hin. Mit so einer herzlichen Einladung hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er dachte sie schreit ihn an oder sei wütend auf ihn.
„Kinder? Wirklich? Das…klingt schön. Wann?“ Makoto fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht, als er merkte, dass die ersten Tränen einfach über seine Wange liefen.
„Wir wollen nachher los und haben den ganzen Tag Zeit. Am besten du machst dich in Ruhe los, wenn es passt und dann rufst du mich an und wir treffen uns dann dort.“
„Okay. Ich…freue mich sehr.“
„Schon gut, du musst mir aber mal was verraten. Wieso hast du diesen Jungen beim Nationalturnier nicht gleich zu Beginn mitspielen lassen? Der ist doch sehr stark und hätte sicher Torschützenkönig werden können.“ Er stockte und dann gab er ihr eine ehrliche Antwort.
„Weil…weil ich ein alter, dummer, sturer Bock bin!“, haute er dann raus. Es wurde kurz gekichert.
„Ja, das bist du. Aber du rufst an…endlich. Ich habe nur darauf gewartet, okay? Du hast den ersten Schritt gemacht und die Kinder freuen sich bestimmt, endlich ihren Opa kennenzulernen. Jetzt legst du auf, ruhst dich aus und wenn du soweit bist, sehen wir uns nachher, okay? Dann gehen wir alle zusammen ein Eis essen.“ Sein Herz unter seiner Brust fühlte sich plötzlich an, als würde es jemand zuschnüren. Vor Freude und voller Erwartungen.
„Okay. Danke, Yumi.“
„Bis nachher, Papa. Danke, dass du dich meldest und neu anfangen willst. Ich habe dich lieb, Papa.“, kam noch zurück und dann legte sie einfach auf. Kitasumes Herz klopfte wie wild. Er ließ sich nach hinten aufs Bett fallen und egal wie sehr er dagegen ankämpfte, die Tränen liefen nur so an ihm herunter.
„Yumi…ich hätte niemals für möglich gehalten, dass du mir verzeihen kannst.“, sprach er leise aus und sah dann auf seine Hände, nachdem er sich die Tränen weggewischt hat.
‚Und du kleines deutsches Mädchen? Du hast es endlich geschafft, dass ich es wage. Den Mut aufbringe und es riskiere, egal welche Folgen es haben würde. Ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe sie angerufen. Du hattest Recht mit allem.
Sie kann verzeihen und…es fühlt sich wie eine Befreiung an.
Den ersten Schritt hast du gemacht, Hyuga. Dein Einsatz für das Team, damit ihr endlich einen Sieg heimbringen könnt. Du hast dich für sie geopfert und den Buh-Mann riskiert, für dein Team. Und sie…sie haben sich für dich ebenso eingesetzt und sich vor mir auf allen Vieren gekniet und mich angefleht, dass du endlich mitspielen kannst.
Und nun, nun habe ich für die Familie meinen Beitrag geleistet und jetzt…oh mein Gott. Jetzt sehe ich meine Tochter das erste Mal als erwachsene Frau und Mutter und ihre Kinder…wie viele werden es sein? Zwei?‘ Er richtete sich hastig auf und eilte aufgeregt zum Spiegel.
‚Oha, ich sehe alt aus. Was sollen die denn von ihrem Opa denken? Der erste Eindruck ist doch der Wichtigste.‘ Er sah auf seine Uhr, es war erst acht Uhr durch. Dann ging er zur Garderobe, schnappte sich seine Tasche und verließ das Hotel mit einem Taxi.
„Bitte bringen Sie mich in eine gute Geschäftsstraße. Eine wo es gute moderne Herrenmode gibt und einen Frisör.“, forderte er den Taxifahrer auf und los ging es.
Zwei Stunden später verließ er eine angesagte Boutique mit Modeberatungsservice und sah nochmal als letztes zum Ganzkörperspiegel am Eingang. Er lächelte.
‚Na das sieht doch eher nach einem coolem Opa und Vater aus. Wenn Neuanfang, dann richtig.‘ Im nächsten Taxi zum Park machte er sich noch ein paar Notizen in seinem Büchlein. Eine To-Do-Liste wurde geschrieben. Ganz oben auf dem Zettel stand „Yumis Familie kennenlernen“ und gleich darunter schrieb er lächelnd folgende Aufgabe, gleich vor allen anderen. „mit Hyuga aussprechen“.
Nach weiteren Notizen lehnte er sich zurück und versuchte zur Ruhe zu kommen. Er stellte sich vor wie seine Tochter jetzt aussehen mag und wie du Kinder so sein könnten. Dann hielt das Taxi auch schon, er bezahlte und verließ das Auto. Im Park stellte er sich vor das große Ziegengehege, denn dort waren die meisten Familien. In der Nähe gab es einige Spielplätze und ein paar Sitzgelegenheiten. Er sah sich vorerst um, in der Hoffnung er würde sie von alleine erkennen. Er dachte sich, hier bei den Ziegen ist der richtige Ort, denn sie mochte den Park damals als Kind besonders gerne und streichelte und fütterte diese Tiere am liebsten. Außerdem sagte er ihr doch vorhin auch, dass er ein sturer Bock sei und da passte das am besten. Vielleicht hatte sie denselben Gedanken? Es waren zu viele Familien da und die jungen Mütter wollte er auch nicht zu unhöflich anstarren, nur um sie von weitem irgendwie zu erkennen. Was wusste er denn schon von ihrem aktuellen Modegeschmack oder wie sie die Haare trug? Nicht einmal die Anzahl ihrer Kinder oder ob der Mann noch dabei ist, alles das wusste er doch nicht. Plötzlich wurde er von einem kleinen Mädchen im rosafarbenen Mantel an der Hose gezogen und angesprochen.
„Bist du Opa? Opa Makoto?“ Die Kleine strahlte ihn glücklich an. So einen herzlichen Empfang hatte er nicht erwartet. Er sah zu ihr und lächelte.
„Ja, der bin ich.“ Dann sah er auf und entdeckte endlich seine Tochter. Sie stand freudestrahlend vor ihm, trug einen pinken langen Mantel, offen, darunter eine weiße Rüschenbluse, einen gemusterten weißen Rock und rote Ballerinas. In ihren langen schönen schwarzen Haaren waren Haarspangen mit herbstlichen Blumen wie Dahlien und Rosen verziert.
„Yumi, wie schön du geworden bist.“, konnte er in diesem Moment nur sagen, denn das war sein erster Gedanke. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Er wurde von fünf Kindern umzingelt und ein großer schlanker Mann, ebenso bunt und modern angezogen wie der Rest der Familie, kam mit einem großen Kinderwagen auf ihn zu.
‚Nanu, auch so bunt, aber das ist nicht der Junge von damals. Der sah ganz anders aus und war kleiner.‘, wunderte er sich. Yumi nahm ihn einfach in die Arme, auch wenn es sich eigentlich in der Öffentlichkeit nicht schickte, aber das war ihr völlig egal.
„Hallo Papa, mit diesem Ansturm hast du nicht gerechnet, was?“, lächelte sie ihn glücklich an und die Kinder fingen an alle an ihm rumzuziehen.
„Opa Makoto. Nimmst du mich hoch?“
„Opa…Balla.“
Alle freuten sich sehr. Dann stand endlich der Mann neben seiner Yumi und begrüßte ihn und reichte ihm die Hand.
„Guten Tag Schwiegervater. Ich freue mich dich endlich kennenzulernen.“ Als er das hörte schielte Makoto natürlich auf die Hände der beiden. Und siehe da. Sie waren tatsächlich verheiratet. Aber es war ein anderer Mann.
„Das freut mich ebenso. Schwiegersohn.“, grinste er noch etwas unsicher, aber er versuchte auf die lockere Art einzugehen und nahm seine Hand natürlich an.
‚Er macht einen netten Eindruck. Den anderen konnte ich gar nicht leiden. Zum Glück habe ich mich so modern gekleidet, das wäre ja richtig peinlich geworden bei so viel Farbe.‘
„Schatz, von wegen er hat keinen Geschmack, sieht doch gut aus.“ Yumi grinste etwas.
„Ja, das stimmt. Darf ich dir alle vorstellen? Mein Mann Kankuro, meine älteste Yumi, fünf Jahre alt, dann gefolgt von unseren gemeinsamen Kindern, die Zwillinge Junge und Mädchen, drei Jahre alt, Junge zwei Jahre alt, Junge ein Jahr alt und nochmal Zwillinge zwei Mädchen geboren im August.“, beendete sie die Vorstellrunde und zeigte auf den Kinderwagen in dem zwei Babys unter einer roten Decke lagen und schliefen.
Er lächelte glücklich und der Rest des Tages war der schönste Tag den er jemals erlebt hatte. Das erste Mal nach dem Tod seiner Frau hatte er wieder richtig viel Freude am Leben und all der Zweifel an ihm selbst war wie weggefegt. Das Lächeln seiner Enkelkinder gab ihm viel neue Energie.
Am Abend erst kamen sie dazu sich bei Yumi zu Hause zu unterhalten.
„Papa, ich bin so froh, dass du dich endlich getraut hast. Die Kinder brauchen ihren Opa. Und ich…ich brauche dich auch, weißt du? Die letzten Jahre waren schwer. Mit Kankuro konnte ich endlich glücklich sein. Er ist so liebevoll und gibt mir immer wieder Halt. Die Kinder sind mein Segen und meine Kraft.“
„Das verstehe ich, tut mir leid. Ihr seid eine wundervolle Familie und ihr habt sehr leibreizende Kinder. Ich werde ab jetzt bei euch sein, okay? Wenn du das wirklich willst.“
„Natürlich will ich das. Sie scheinen dich auch sehr zu mögen. Was hat dich bewegt endlich anzurufen?“ Er sah zum Sternenhimmel auf, während sie beide alleine auf der großen Terrasse in der großen Villa standen.
„Zum einem tatsächlich Hyuga, weißt du? Unser Konflikt während des Turniers hat mir viele Fehler meinerseits aufgezeigt. Und dann dieses Mädchen, welches ich auf dem Weg hier her im Zug getroffen habe. Sie hatte ein paar gute Sachen gesagt und dann habe ich es gewagt, gewagt über meinen Schatten zu springen. Ich hatte Angst, dass du mich abweist.“
„Ach Papa. Du warst sicher verwundert, dass ich einen anderen Mann an meiner Seite habe, oder?“
„Ja, das war ich. Aber er ist ein feiner Kerl. Er scheint gut mit euch umzugehen und versorgt scheint ihr auch zu sein, wenn ich mir das hier ansehe. Ich muss mir also keine Sorgen machen. Du und die Kinder, ihr seht sehr glücklich aus.“
„Das sind wir auch. Kankuro ist Modedesigner und konzentriert sich auf Kleidung wie auch auf Möbel und Inneneinrichtungen. Er ist Künstler und alles was wir heute anhatten und das ganze Zeug was du hier im Haus siehst, das hat er entworfen und teilweise selbst geschneidert und getischlert. Toll, oder?“
„Oh, ein sehr kreativer Mann. Das sieht alles sehr fröhlich und geschmackvoll aus.“
„Ja, und sehr liebevoll und jede Minute nutzt er für uns. Keine Partys oder sowas. Er arbeitet hier im Haus und geht nur für Veranstaltungen und Termine aus, so kommt das mit den Kindern gut hin. Ich bin hauptsächlich hier und ab und an zu ein paar Vorlesungen an der Uni.“ Er sah sie erstaunt an.
„Du studierst nebenbei?“
„Ja, ich habe meinen Abschluss noch gemacht. Die Trennung zu meinem Ex war hart, er hat uns viele Probleme bereitet. Du hattest damals Recht. Er war ein Arsch und hat uns schlecht behandelt. Yumi und ich sind dann eines Tages nachts abgehauen und ins nächste Frauenhaus gegangen. Es war zu diesem Zeitpunkt ihr kleiner Bruder unterwegs, aber…er hatte uns dann plötzlich gefunden und mal aufgelauert…“ Sie sah zu ihm und machte die Ärmel ihres Kleides bis zur Schulter hoch. Es kamen tiefe Narben zum Vorschein. Sein Puls raste plötzlich vor Wut.
„Er ist…mit einem Messer auf mich los und dabei habe ich den Jungen verloren.“, sprach sie ganz leise und schnell. Dann machte sie die Ärmel wieder runter. „Aber…dann lernte ich Kankuro im Krankenhaus kennen. Er war ehrenamtlich mit einfachen Zaubertricks zur Bespaßung der Leute da und ich habe mich sofort in ihn verliebt. Als es mir besser ging, gingen wir miteinander aus und auch er hat sofort etwas gespürt. Es war als hätten wir nur beide darauf gewartet uns endlich kennenzulernen. Das Feuer ist noch immer da, wie du siehst.“, lächelte sie.
„Yumi, es tut mir wirklich sehr leid, dass ich nicht für euch da war.“
„Schwamm drüber, ich hätte ja auch einfach zu dir gehen können. Wir waren beide Sturköpfe und Fehler machen alle mal. Ich komme eben viel zu sehr nach dir.“
„Was studierst du denn eigentlich?“
„Nichts Besonderes, Betriebswirtschaft und danach will ich ins Management. So können wir dann ein richtiges Familienunternehmen sein, weißt du? Und irgendeiner der Zwerge wird es vielleicht mal übernehmen oder wenigstens leiten, wenn es soweit ist.“ Beide sahen nachdenklich in Richtung Mond und nahmen einen Schluck von ihrem Wein. Hinter ihnen stand Kankuro in der Zwischenzeit an der Terrassentür und beobachtete sie lächelnd.
„Yumi, wenn ich darf. Ich kann nicht nachholen, was ich versäumt habe, aber bin für euch da. Egal was ist, okay?“ Sie lächelte und lehnte sich an seine Schulter. „Danke, sehr gerne und wir sind für dich da.
Sag mal, denkst du manchmal noch an Mama?“
„Jeden Tag…jeden Tag, Yumi. Sie war meine große Liebe und sie lebt jetzt in dir und deinen Kindern weiter. Sie war es doch, die uns immer zusammenhielt, mit ihrer Liebe und mit ihrem Humor.
Sie schaut bestimmt jetzt hier runter und lacht sich über unsere Sturheit kaputt und freut sich wieder.“ Er hob den Arm und legte ihn um ihre Schulter.
„Ganz sicher. Was machst du jetzt? Willst du kein Trainer mehr sein?“
„Ich bin noch unschlüssig. Ich muss erstmal über alles nachdenken. Im Moment bin ich befristet für ein halbes Jahr im Labor, so wie früher. Das hält mich ausreichend über Wasser.“
„Ausreichend oder knapp?“
„Keine Sorge. Es ist ein guter Job bei einem großen Umweltkonzern. Alternative Energien und schonende Verfahrenstechnik, sowas. Ein alter Studienfreund arbeitet dort und hat es mir vermittelt. Ich bin jetzt sein Assistent.“, grinste er.
„Du und Assi, so so.“
„Es macht Spaß und ist eine gute Ablenkung.“
„Aber das willst du doch sicher nicht bis zur Rente machen. Das war doch nur Plan B.“
Einige Wochen später:
„Das ist sie? Das blonde Mädchen vom Musashi-Team?“, sprach Mama Yumi ihren Vater an.
„Genau. Ich bin gespannt was heute passiert.“ Kitasume setzte sich neben sie. Die Zuschauertribüne füllte sich langsam in der großen Sporthalle der Musashi-Schule. Neben ihr die drei großen Kinder und zum Abschluss Kankuro. Die vier kleineren Kids sind bei den anderen Großeltern.
„Opa Makoto, warum sind wir heute hier? Du magst doch Fußball und nicht Volleyball.“
„Man kann ja mal was anderes ansehen. Vielleicht bringt es mich auf neue Ideen.“
Vor ihnen setzten sich die nächsten Zuschauer. Es war eine kleine Familie, Vater und beide Söhne. Es waren Ichiro, Makoto und ihr Vater.
„Ich bin sehr gespannt. Und du bist sicher, dass sie heute auch mal spielt?“, sprach er seinen Jüngsten an.
„Ja, Papa. Das hat sie gesagt. Deswegen hat sie doch so hart trainiert.“
„Tina spielt ganz bestimmt.“, war Ichiro fest überzeugt.
Der erste Satz war schneller vorbei als alle vermutet hatten. So schnell war noch nie ein Spiel zwischen den beiden gleichstarken Teams beendet. Der Trainer des Toho Teams fluchte vor sich hin und die Sanitäter gaben kein Okay für die Spielerinnen, die bereits an der Seite saßen und versuchten ihre Hände zu ordnen. Ihnen taten die Arme weh und sie waren plötzlich nicht einmal in der Lage den Ball normal in den Händen zu halten. Einigen fielen die Trinkflaschen aus den Händen und so richtig erklären konnte es niemand. Sie klagten, dass sich ihre Hände taub anfühlten und ihnen das Gefühl fehlte. Das Publikum der Musashi jubelte wie wild und riefen begeistert Tinas Namen.
„Tina, Tina…Wahnsinn! Was für Bälle sind das denn?“
„Musashi vor…Musashi vor…Ihr seid die stärksten!
Nichts hält euch mehr auf!“
Der Toho-Trainer gab dem Schiedsrichter Bescheid, dass das Spiel beendet werden musste. Seine Mädchen waren alle verletzt und konnten nicht mehr spielen. Einige von ihnen jammerten und weinten sogar. Ausgerechnet vor ihrer ganzen Schule und ihren vielen Verwandten wurden sie derart vorgeführt. Das tat ihnen noch mehr weh als ohnehin schon. Eine solche Blamage, damit hatten sie nicht gerechnet. Nicht nur die harten neuen Bälle der Blondine hielten sie in Schuss, nein auch die gesamte Stärke des Teams war enorm gestiegen. Auf diese Kraft waren sie nicht vorbereitet.
„Papa! Ich weiß jetzt was ich werden will.“, stand Makoto plötzlich energisch auf als das Spiel abgepfiffen wurde.
„Was meinst du?“
„Ich werde Anwalt und der beste Volleyballer der Welt und ein Koch will ich auch werden, so wie der coole Koch in Tinas Gaststätte, Herr Saito.“ Jun sah ihn verdutzt an. Er saß neben ihm.
„Wie jetzt? Du wolltest doch Fußballer werden.“, brachte sich Jun ein.
„Den Fußball hänge ich an den Nagel. Ich werde jetzt Volleyballer, das ist viel cooler. Und mein erstes Ziel wird sein, so stark zu werden, dass ich Tinas Bälle halten kann und selbst so starke Bälle schlagen können.“ Alle sahen ihn total verdutzt an.
„Jun, ich bleibe dein größter Fan, aber ich…ich wechsle die Sportart.“, sprach er ihn fröhlich und voller Überzeugung an. Dann wand er sich zu dem großen Mann vor sich.
„Martin, und du wirst mir dabei helfen. Du musst mir auch einen coolen Fitnessplan aufstellen wie den für Tina.“
„Äh, hallo? Wie wäre es mal mit fragen? Du bist ein Kind, ich trainiere Erwachsene und Jugendliche.“
„Dann erweitere dein Horizont! Du bist mir noch was schuldig, immerhin hast du mich als Dieb bezeichnet. Ich verklage dich wegen Beleidigung.“, kam ernst zurück.
„Ist das dein Ernst? Ist ja wie Erpressung hier.“ Er sah zu Mila rüber.
„Geht das überhaupt?“ Mila neben ihm fing an zu lachen.
„Wieso lachst du da?“, murrte Makoto sie an.
„Wenn, dann muss das dein Vater machen und ich glaube kaum, dass er seinen eigenen Lebensretter verklagt. Oder was meinst du?“ Ichiro grinste ebenso. „Genau. So ein Quatsch. Frag ihn doch einfach lieb. Du bist manchmal echt peinlich.“, schlug der große Bruder vor.
„Manno, ich mag nicht fragen. Wenn ich frage, könnte er ja Nein sagen.“ Martin grinste nun selbst.
„Du bist echt ne Nuss, wirklich, Kleiner.“
„Ich bin nicht klein! Kapiert?!“, machte er ein grimmiges Gesicht. Alle lachten ein wenig.
„Ich werde sehen was ich für dich tun kann, okay? Volleyball also. Dann werden wir zuerst sehen wie fit du aktuell bist und was deine Altersgruppe können muss. Ich kann mir vorstellen, dass du wie Tina erst einmal etwas abtrainieren musst. Dein neuer Fokus liegt dann in besonders schnellen Bewegungen und da du im Sturm warst, könnte man zuerst mit deiner Armmuskulatur anfangen. Such dir ein Team und lass mich dann mit deinem Trainer reden.“
„Okay, mache ich. Musste Tina das mit den Armen auch machen?“
„Nein, ihre Arme und Hände waren bereits sehr gut trainiert, sie stand doch im…“ Plötzlich mischte sich Georg mit fester Stimme ein und Jun stieß ihn zeitgleich an den Fuß.
„…sie ist Leistungsschwimmerin gewesen. Das stärkt die Arme besonders gut und das kannst du auch schon machen. Gelenke schmieren und Muskelaufbau. Im Volleyball musst du sehr beweglich sein.“, war Georgs Stimme freundlich, aber fest.
„Äh, genau, dann musst du nicht an die Geräte, denn die sind erst für die Großen.“
„Also schwimmen? Okay. Ich werde gleich rüber gehen zum Trainer. Der steht da unten hinter Tinas Trainer wo die anderen stehen.“
„Mach das doch in Ruhe morgen.“
„Nein, jetzt wollen das sicher andere auch und bevor das Team voll ist, gehe ich lieber gleich zu ihm.“
„Bist du sicher, dass das nicht nur eine Laune ist? Du bist noch jung. Bleibe doch erst einmal bei dem was du hast. Du bist doch sehr talentiert für den Fußball.“
„Ist mir jetzt egal. Ich will das machen was Tina macht. Ich wusste gar nicht, dass Volleyball so spannend sein kann.“ Makoto stand bereits und wollte sich an seinem Vater vorbeidrängeln.
„Kommst du mit, Papa? Wir müssen uns beeilen.“
„Und wie stellst du dir das vor? Dein Studium, Makoto…ich…das…geht nicht mehr.“, flüsterte er ihm zu. Der Junge blieb verdutzt stehen.
„Was meinst du damit?“
‚Ach Kleiner, wie soll ich dir das denn sagen? Wir haben doch alles verloren, nicht nur eure Mutter. Das Haus war nur der Anfang. Meine Firma…sie steckt doch auch da mit drin und das Ersparte geht für Ichiros Studium drauf. Wir haben…gar nichts mehr.‘
‚Papa. Was meinst du damit? Was soll das heißen, ich werde nicht studieren können? Warum denn nicht?‘ Sein Vater fasste seinen Arm und sah ihn fast weinerlich an. Er konnte es ihm nicht sagen, nicht hier und jetzt.
„Zu Hause, Makoto. Ich erzähle es dir später.“, brachte er nur kurz über die Lippen. Doch dann zog der Junge an seinem Arm.
„Komm mit Papa, melde mich an und dann werde ich der stärkste Volleyballer Japans und verdiene genug, um alles alleine zu bezahlen. Vielleicht bekomme ich ja auch ein Stipendium, so wie Misugis Freunde auf der Toho. So wie die Mädchen da unten. Ich habe doch noch genug Zeit. Ich werde keine Handbremse mehr ziehen wie bisher und kann nebenbei schon alles lernen was ich brauche, damit ich schneller fertig bin.“
„Wie…du hältst dich immer noch zurück?“, kam plötzlich von Ichiro.
„Natürlich, oder glaubst du etwa, ich könnte deinen Kinderkram nicht auch schon? Ich bin deine langweiligen Mathe- und Physikbücher schon dreimal durch und habe schon die Aufnahmetest der Unis in der Bibliothek durchgeprüft. Ich weiß sowieso nicht was die anderen immer daran finden? Mathe ist sowas von langweilig und voraussehbar. Nichts kann man damit anfangen, deswegen wollte ich doch auch nicht auf diese doofe Begabtenschule. Ich habe mich extra blöd genug angestellt, damit die mich nicht haben wollen. Ich lerne lieber meine Sprachen und mache Sport. Das kann man nicht voraussehen. Ich langweile mich jeden Tag in der Schule zu Tode und bin froh endlich wieder Sport zu machen.“ „Ist das dein Ernst? Wenn du so klug bist, dann hättest du Mama auch helfen können, dann…dann wäre sie vielleicht noch am Leben!“, haute Ichiro raus. Makoto sah ihn verblüfft an und wusste gar nicht so richtig was er damit meinte. Von den eigentlichen Umständen der Privatbank seiner Mutter wusste er nichts. Er kannte nur die Medienerstattung, dass Fehler gemacht wurden und die Bank kein Geld mehr hatte. Ihm war nur klar, dass ein Verdienender in der Familie fehlte und deswegen das Haus und das Grundstück verkauft werden muss.
„Du bist gemein! Jetzt gibst du mir die Schuld?“ Ichiro stand wütend auf und fuhr ihn erneut an.
„Irgendwie schon. Du bist ein total verwöhnter Egoist! Alles muss nach deiner Pfeife tanzen und wenn du helfen könntest, dann tust du es nicht einmal. Von wegen: Mit Zahlen kann man nichts anfangen. Ihre ganze Arbeit bestand doch nur aus Rechnerei. Sie hätte ein Genie wie dich, spätestens als es den Bach runterging,
an ihrer Seite gebrauchen können. Hätte Mama gewusst, dass du so derart begabt bist, dann hätte sie deine Hilfe sicher angefragt und dieser ganze Mist mit ihrer Bank wäre gar nicht erst passiert! Dann…dann hätte sie sich nicht vor Sorgen um uns erhängt.“, sprach er wütend, aber wurde dann leiser und es kamen ein paar Tränen. Alle sahen zu ihnen. Georg und Martin verstanden nur Bruchteile und Gesine sah völlig verdutzt zu Ichiro.
‚Was hat er da gerade gesagt? Mama hat…sich erhängt? Was…meint er damit? Ich dachte…es war ein Unfall.‘
„Ichiro, was…was meinst du damit?“ Der Vater stand aufgebracht auf, sah seinen Großen enttäuscht an und nahm Makoto an die Hand.
„Komm, wir gehen jetzt zu dem Volleyballtrainer runter. Dein Bruder…er hat da was falsch verstanden, weil er Mama so sehr vermisst wie wir. Er meint es nicht so.“
Das Geheimnis
Kapitel 152
Das Geheimnis
Ein frischer Herbstwind wehte durch die Dunkelheit der Kleinstadt Nankatsu. Auf dem Privatgelände einer sehr wohlhabenden Familie fielen die bunten Blätter nur so von den Bäumen und ein Flutlicht erhellte einen Sportplatz. Zwei Jugendliche standen auf dem Granulat und ein Volleyballnetz war aufgespannt. Kaum hatte Tina Genzo von ihrem Ball erzählt und die ganze Fahrt über von ihrer Zeit in der neuen Schule gesprochen, da kamen sie auch schon an der Villa Wakabayashi an. Sofort stürmten beide in die kleine Hütte und zogen sich um. Das Flutlicht wurde angemacht.
„Bist du bereit, Genzo?“
„Ich war total erstaunt, als ich ankam, dass meine Eltern extra für dich einen Platz eingerichtet haben. Ganz cool. Jetzt kannst du dich hier immer austoben.“
„Ja echt mal. Ich wusste auch nichts davon, war vorhin eine riesige Überraschung. Deine Eltern sind einfach nur total verrückt.“
„Ja das sind sie, aber sie mögen dich eben sehr. Nun zeig mal deinen Ball. Ich bin gespannt.“
„Versprechen kann ich nichts, denn ohne Zuspielerin ist er unfertig. Aber die Wucht kannst du ja mal beurteilen. Ich arbeite an einer bestimmten Drehung.“
Er ging in Position und hielt sich bereit. Tina stellte sich in die Mitte des Feldes und der Korb mit den Volleybällen stand neben ihr.
Sie warf einen Ball hoch, sprang und donnerte ihn in seine Richtung. Genzo rann zum Ball und fing ihn mühelos auf. Natürlich trug er keine Handschuhe. Er hatte wie sie nur normale Sportkleidung an, Turnschuhe, lange Hose und Shirt.
„Das war er nicht, oder?“ Tina schüttelte den Kopf und die nächsten Bälle sausten alle nur in Genzos Richtung. Jedes Mal fing er sie auf.
„Du musst es mir aber auch schwerer machen. Ich kann den immer fangen. Das bringt nichts.“
„Ach man. Er soll eine bestimmte Rotation haben und dazu spielt meine Zuspielerin den Ball bereits drehend zu und ich gebe dem Ding dann meinen Drall dazu. Du kennst doch noch meinen Ball von damals. Der war eine Mischung aus der Rotation von Karl und meinem Spezialschuss, der kurz vor dem Ziel so komisch langsam wurde, runterfiel und zur Seite abdrehte. Weißt du was ich meine?“
‚Nanu, was war das denn? Seit wann reden wir wieder über alte Zeiten? Bis auf die Schule sind doch alle anderen Themen zum Thema Fußball verboten.‘, wunderte er sich.
„Klar, der Schuss ist genial, ich vermisse ihn im Training. Dann nutze doch mal die linke Hand. Du hast ihn damals mit beiden Beinen schießen können. Vielleicht bringt es was.“
„Vielleicht. Aber ich habe links noch nicht die nötige Kraft und das Feingefühl fehlt noch.“
„Dann wird es Zeit es zu lernen. Leg los.“ Sie versuchte ihr Glück, aber auch da wurde nichts draus.
„Dann schieß mal mit dem Fuß, nur eben mit diesem Ball. Die Bälle sind ja auch total verschieden. Vielleicht kriegst du diesen gewünschten Drall erstmal mit den Füßen hin und kannst dann prüfen wie der Ball sich verhält, um ihn anders zu schlagen als zu treten. Was meinst du?“
„Aber…der Ball geht vielleicht kaputt?“
„Ach was. Es sind ja auch genug da. Probiere einfach mal aus. So wie du ihn sonst auch geschossen hast.“ Genzo ging zum Netz und stellte sich nun an die Seite, so, dass er den Schuss sehen konnte, um den Drall richtig zu erkennen.
„Na dann. Schieß als wäre das Netz das Tor. Du musst ja nicht mit voller Wucht schießen, das war doch damals auch nicht nötig.“ Sie probierte es mehrmals und stellte fest, dass es tatsächlich immer besser ging und sie bekam ihren alten Ball wieder hin mit dem sie damals das Keeper-Duell zwischen Italien und Deutschland in der Europameisterschaft gewonnen hatte. Einer der besten Keeper in ihrer Altersklasse hatte ihren Ball nicht halten können, sie seinen jedoch schon. Und auch gegen Frankreich konnte sie dann im Finale ein Tor mit diesem Ball erreichen. Er musste also etwas Besonderes sein.
Vom Balkon aus wurden die beiden von ihren Eltern beobachtet.
„Nanu, sie schießt den Ball? Ist was passiert? Wie kommt es?“, wunderte sich Genzos Mutter.
„Auf der Fahrt hier her erzählte sie nur, dass sie etwas geschlafen hätte und sie habe von der Europameisterschaft geträumt.“, erzählte Georg dann fröhlich. Auch Gesine war erfreut.
„Ja seltsam, sonst kann sie gar nicht schlafen und hat oft Albträume. Wir haben es auch erst diese Woche bemerkt, dass es so schlimm ist. Martin hat es schon die ganzen Wochen gewusst, aber er hat uns nichts gesagt.“
„Sie hat Albträume? Trotzdem ist sie so stark.
Tina ist jedoch trotzdem anders als sonst. Sie kommt mir etwas fröhlicher vor.“ „Sie hatte heute ein Date. Vielleicht liegt das daran.“, haute Gesine begeistert raus.
„Ach, echt? Das war ihre Verabredung? Ich dachte eine Freundin. Was ist das für ein Junge?“, hakte Genzos Vater nach.
„Ein gutaussehender großer starker Typ, sehr nett scheint er zu sein.“, grinste Gesine zu Genzos Mutter rüber.
„Jetzt musst du mir mehr erzählen. Tina hat also jetzt einen Freund. Das klingt doch niedlich. Groß und stark? Das passt aber zu ihr.“, grinste Genzos Vater.
„Wie alt ist er und macht er auch Sport?“, beginnt Genzos Mutter zu fragen.
„Er ist zwar schon neunzehn, letztes Schuljahr, aber er ist Sportler wie sie. Ein Rugbyspieler aus Neuseeland. Ich glaube er passt zu ihr. Martin hat ihn schon kennengelernt und er soll wirklich nett sein, er ist so seine Größe. Er hatte zuerst Bedenken, aber Martins Freundin kennt ihn und sie meinte wohl auch, dass er ein netter Typ sei.“
„Wie jetzt? Schon neunzehn und dann so ein kräftiger Typ wie Martin? Und ihr lasst die beiden doch nicht etwa alleine?“, war Nyoko überrascht.
„Das ist wirklich riskant. Also wenn sie meine Tochter wäre…“, begann Genzos Vater besorgt seine Meinung zu äußern.
„Ist sie aber nicht. Wir lassen sie weiterhin selbst entscheiden mit wem sie ausgeht oder befreundet sein will. In diesem Fall konnte ich den jungen Mann bereits kennenlernen. Er ist wirklich okay und hat keine bösen Absichten. Wenn er ihr gefallen sollte, ist das eben so. Es ist ihr Leben und sie entscheidet wie sie es führen will.“ Die Wakabayashis sahen sich fragend und skeptisch an.
„Echt? Aber sie ist doch erst sechszehn. Was ist, wenn da schon was passiert? Ein Mann in dem Alter hat so seine Vorstellungen, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ihr müsstet es doch selbst wissen. Ihr wart auch noch so jung.“
„Ey, ich war keine sechszehn mehr, klar? Wir waren bereits volljährig, verkenn da mal nichts.“, murrte Gesine plötzlich.
„Aber hier wäre es nicht der Fall. Für deutsche Verhältnisse war unsere Generation damals im durchschnittlichen Alter zwischen 18 und 20 rum zum Heiraten, das stimmt. Verkennt aber bitte nicht die japanischen Gesetze. Wenn ihr Freund erst 21 ist, dann gibt es Probleme und Gerüchte, solange der Altersunterschied zu groß ist und sie nicht verlobt sind.“, hob der Vater den Finger.
„Wir haben unsere Gründe, wieso wir Bettina etwas freier erziehen.“, ertönte Georgs feste Stimme. Er blieb in seinem Tonfall weiter freundlich, immerhin war ihm seine Freundschaft sehr wichtig und erst der Tod ihres Sohnes hat sie wirklich zusammengeführt. Vorher waren sie eher gute Bekannt, weil sich die Kinder mochten. Auch Genzos Vater war es plötzlich unangenehm überhaupt etwas zu dem Thema gesagt zu haben. Er blickte Georg in die Augen.
„Bitte entschuldigt. Wir haben kein Recht uns in eure Erziehungsmethoden einzumischen. Wir wollten nur sagen, dass wir es anders handhaben würden.“ Gesine ging zur Brüstung des Balkons, lehnte sich darauf und richtete ihren Blick zum Volleyballfeld, welches eine schöne blaue Farbe unter dem hellen Flutlicht hatte.
„Wir sind euch nicht böse, aber wir…haben in jungen Jahren auch mal einen großen Fehler gemacht und…etwas sehr Wichtiges über den Köpfen unserer Kinder hinweg entschieden. Deswegen versuchen wir das Beste daraus zu machen. Wenn es also wichtige Entscheidungen gibt, die das Leben der Kinder beeinflusst, dann haben wir es sie immer selbst entscheiden lassen. Natürlich ab einem bestimmten Alter erst, aber so handhaben wir es weiterhin. Wir stellen Bedingungen, wenn solche Entscheidungen getroffen werden. Es wird darüber geredet und war es ein Fehler, dann muss man auch dazu stehen und den Fehler wieder beheben so gut es geht. Der Umzug hier her…auch der war nicht unsere Entscheidung, sondern Bettinas. Sie wollte unbedingt bei eurer Familie sein und weit weg von dem vielen Fußball in Europa. Sogar die Schule hat sie selbst ausgesucht. Wir haben zwar versucht sie etwas zu lenken, aber letztendlich war ihr zum Beispiel die Privatschule nichts und sie wollte lieber zur öffentlichen Schule. Bettina soll später nie sagen können, dass wir falsche Entscheidungen für sie getroffen haben. Deswegen mischen wir uns da nicht ein und schon gar nicht, wenn es um Jungs geht.“ Sie wurde immer leiser und Georg ging besorgt auf sie zu.
„Gesine, Schatz…hör auf. Ist gut.“, sprach er sanft zu ihr.
„Das…das steht uns gar nicht mehr zu! Wir…wir haben ihre Gefühle völlig durcheinandergebracht! Das hätte nie passieren dürfen.“, schluchzte sie plötzlich.
„Lass uns reingehen, Liebling.“ Sie verkrampfte etwas und krallte sich förmlich an der Steinbrüstung fest und starrte wie verharrt zu Tina. Ihr Herz pochte wie wild und tat ihr weh.
„Was ist denn los, Gesine? Bitte entschuldige. Wir wollten dich nicht kränken.“ „Wir…dachten es sei Genzo, als wir bemerkten, dass sie sich plötzlich für Jungs interessierte und machten uns keine Sorgen dabei. Sie hingen doch ständig zusammen und verbrachten sehr viel Zeit. Er ist doch so ein lieber Junge. Aber…dann…fand ich ihr Tagebuch und…“, Georg unterbrach sie und berührte ihr Gesicht und sah sie ernst an.
„Beruhige dich bitte. Wir gehen am besten jetzt rein. Du bist sehr müde.“ Er sah seine Frau mit liebevollen Augen an und wunderte sich, dass sie plötzlich so unvorsichtig war.
‚Schatz, was ist denn nur plötzlich los? Du redest dich gerade um Kopf und Kragen.‘ Sie jedoch ließ sich diesmal nicht von ihm einfach wegziehen und zog ihre Arme zurück und sah weinend zu ihm auf.
„Nein, ich…ich kann das nicht mehr, Georg…ich…dieser schreckliche Streit…er kam doch nur…weil wir…weil auch wir niemanden zum Reden haben, Liebling. Nie…nie hatten wir jemanden, außer die Familie, aber…die ist nicht hier. Betty hatte Recht, dieser furchtbare Streit kam nur davon.“
‚Ach Heidi, mein Engel. Du hast so Recht, aber wir müssen doch aufpassen.‘ Genzos Mutter sah fragend zu ihrem Mann auf.
„Schatz, wir sollten reingehen und sie alleine lassen. Es war sehr unfreundlich und unpassend von uns.“, flüsterte sie ihm zu.
„Gesine? Georg, uns tut es sehr leid. Wir wollten uns da nicht einmischen. Wir werden uns jetzt etwas zurückziehen, damit ihr alleine sein könnt.“, sprach er ernst, aber mit Gefühl. Gesine wiederum zog an Georgs Pullover und sah ihm tief in die Augen.
„Lass uns reden.“ Er verstand seine Frau sofort und nickte nur.
„Nyoko, Satoshi, wartet ihr bitte einen Moment?“ Sie nickten ab und Tinas Eltern entfernten sich ein Stückchen von den beiden. Georg nahm seine Frau in die Arme, sah ihr tief in die Augen und sprach sanft auf sie ein.
„Bist du dir sicher? Willst du es ihnen sagen?“ Sie nickte nur und lächelte ihn an als würde sie ihn auf der Stelle küssen wollen. Natürlich war das ein Schritt zu weit, aber ihre Gedanken waren ganz nah bei ihm.
„Ich vertraue ihnen und sie haben uns doch so sehr geholfen. Es wäre nur fair ihnen gegenüber auch ehrlich zu sein.“ Er sah sie dann an, als würde er sie gleich küssen, aber natürlich hob er sich das für später auf. In ihren Gedanken jedoch war es bereits soweit. Ihre Herzen schlugen stark und schnell.
Sie lösten sich voneinander und gingen wieder zu Genzos Eltern zurück.
„Wir würden euch gerne etwas wichtiges erzählen.“, begann Georg mit einem ernsten Ton. Satoshi nickte ab und alle vier verließen die Terrasse. Sie fanden sich im Arbeitszimmer wieder, in dem sie vorher bereits waren, um ihre Angelegenheiten zu bereden.
Die Tür wurde abgeschlossen und Gesine setzte sich auf das Ledersofa, Georg setzte sich neben sie und hielt ihre Hand.
„Willst du beginnen?“, fragte er Gesine. Sie nickte und klammerte sich an seinen Arm.
„Ihr solltet euch auch hinsetzen. Wir…wollen euch…unsere Geschichte erzählen.“, begann sie leise. Das Paar setzte sich ins Sofa gegenüber und sah sich vorerst fragend an.
‚Was kommt jetzt?‘, waren ihre Gedanken. Georg hielt die rechte Hand seiner Frau auf ihrem Schoß, sah zu Satoshi und Nyoko und begann.
„Wir haben Euch sehr viel zu verdanken, auch, weil ihr uns jetzt erneut helft bis alles läuft wie es soll. Gesine hat vorhin einen Fehler erwähnt. Und wir vertrauen euch daher sehr und da ist es nur fair und richtig, dass wir euch, als unsere Freunde, nun unsere Geschichte erzählen. Wir hatten diese Woche einen Streit mit Bettina. Gesine und sie haben sich böse Dinge an den Kopf geworfen. Es sind unschöne Äußerungen gefallen und das kennen wir von ihr eigentlich gar nicht. In der Regel fallen unsere Streitereien eher in Diskussionen oder Aussprachen aus. Es hat natürlich die Anspannung etwas angefochten, weil das mit Stephan passiert ist. Sie liebte ihren Bruder sehr und sie vermisst ihre alten Freunde auch sehr. Bettina…sie ist eigentlich unser drittes Kind.“, sagte er dann plötzlich frei raus. Die beiden sahen sie verdutzt an.
„Euer drittes Kind? Dann…dann stimmt es also?“, äußerte Nyoko überrascht. Tinas Eltern sahen sie überrascht an.
„Was wisst ihr denn darüber?“, hakt Georg vorsichtig nach.
„Hm, also. Zu einem von Genzos Geburtstagen ist Stephan das mal rausgerutscht. Er fand es so schade, dass Bettinas Zwillingsbruder nicht dabei sein kann. Er habe sich vorstellen können, dass er Genzo auch gemocht hätte. Wir haben da weiter nicht nachgehakt.
Wir gehen mal davon aus, dass ihr es uns jetzt erzählt?“ Diesmal ergriff Gesine das Wort.
„Sie haben nicht erzählt was passiert ist?“
„Naja, schon, aber ich…wollte es jetzt nicht sagen.“
„Sag es ruhig. Es ist okay für uns.“, lächelt Gesine sie an. Diese wunderte sich etwas.
‚Es stört sie nicht, wenn ich von dem Tod ihres Kindes rede? Gesine ist manchmal wirklich komisch. Aber kaum wird über Stephan gesprochen, da muss sie den Raum verlassen und weint oft. Ich verstehe das, ich wäre genauso, aber…wieso stört es sie dann jetzt nicht?‘
„Bettina erzählte, er sei mit etwa zwei Jahren eines Nachts aus dem Bett geklettert, aus dem Haus gelaufen und ins Meer gegangen. Man habe ihn dann ertrunken gefunden.“, versuchte sie ganz vorsichtig erläutern.
„Das ist die Version für unsere Kinder gewesen, richtig. In Wirklichkeit…ist etwas anderes passiert.“, sprach Gesine und sah in Nyokos Augen.
„Version? Wie…wie meint ihr das? Was ist denn passiert? Komisch klingt das schon.“ Diesmal ergriff Georg das Wort.
„Henry, Bettinas Zwillingsbruder, er lebt noch.“ Genzos Eltern sahen sich verdutzt an.
„Wie jetzt? Aber…das ist doch schön. Wo…wo ist er dann? Und warum…warum kennt ihn keiner?“
„Es ist etwas kompliziert. Als die Zwillinge geboren wurden, war alles soweit schön, wir hatten ein schönes Familienleben. Und dann tauchten plötzlich zwei Männer auf. Wir dachten, sie seien im Gefängnis, aber sie wurden früher als gedacht freigelassen. Man hatte uns nicht informiert. Diese Männer hatten es auf Gesine abgesehen und haben sie mit den Zwillingen zusammen entführt.“
„Nein…das ist ja furchtbar. Wie…“
„Diese Männer, es waren mein Ex und sein Vater.“ Gesine berichtete kurz von den Ereignissen vor dem Kennenlernen Georgs und seinem Eingreifen. Georg ergänzte seine Version und Gesine fuhr dann fort. Zuvor brachte sich Satoshi ein.
„Oh man. Georg, das war kein Fehler. Ich hätte genauso gehandelt, glaube mir…diese Schweine. Mir wäre bestimmt nicht nur einmal die Hand ausgerutscht.“, machte er eine Faust.
„Das…war nicht der Fehler, auf den wir hinauswollen. Aber ja, ich würde es an sich wieder tun, aber anders, weißt du? Deswegen haben wir unseren Kindern auch immer eingetrichtert, dass eine emotionale Reaktion niemals Gewalt sein darf. Hätte ich damals einfach nur die Polizei gerufen und die Frau und die Tochter zum Reden gebracht, wäre es vielleicht etwas anders verlaufen. Ihr kennt mich, ich löse meine Probleme in der Regel mit Besonnenheit und Kopf, nicht mit meinen Fäusten.“
„Das stimmt, deswegen finde ich die Vorstellung gerade gut.“, grinste er auf einmal.
„Die beiden haben uns voneinander getrennt. Mich haben sie in einen Keller gesperrt und meine Kinder…sie wurden irgendwo anders hingebracht. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht wo. Es hieß nur, dass man dort auf sie aufpasst. Aber wenn ich versuche wegzulaufen, dann würde man sie dort alleine lassen und sie würden verhungern.“, erklärte Gesine leise und sah dann zur Seite.
„Ich…konnte sie nicht hören, also mussten sie wirklich weit weg sein.“
„Aber…warum? Warum haben die euch denn entführt? Was wollten die?“, kam Nyoko.
„Rache…sie wollten sich an uns rächen. Mir wollten sie aufzeigen, dass nicht ich Gesine haben kann, sondern er, der Sohn. In seinen Augen hatte ich ihm seine Freundin ausgespannt und dazu seine Familie zerstört. Dass sie es selbst waren, dazu waren die beiden einfach zu dumm. Und Gesine gegenüber wollten sie ihre Macht demonstrieren.“
„Sie…sie verlangten schreckliche Dinge von mir, damit sie den Kindern nichts antun.“ Es wurde geschwiegen und Gesine musste sich sehr zusammenreißen, dass sie nicht zu weinen begann. Georg nahm sie in die Arme.
„Wollen wir pausieren und kurz rausgehen?“, sprach er sanft zu ihr.
„Schon gut. Es geht.“
„Die Polizei fand Gesine nach ein paar Tagen in diesem Keller. Die Kinder dann zwei Tage später. Als man die Kinder dann gefunden hatte, haben die Männer sie noch festgehalten und sie jeweils mit einem Messer am Hals vor den Beamten bedroht. Mehr weiß ich nicht. Es wurden bei der Übergabe der beiden in ihrem Hals ein Pflaster geklebt. Beide trugen bei der Rettungsaktion eine kleine, aber tiefe Schnittwunde am Hals, im Nackenbereich.“
„Die Täter entkamen leider und man konnte sie nicht finden. Dann sorgte man dafür, dass wir isoliert wohnten, damit man uns nicht findet. Jedoch war die Gefahr zu groß gefunden zu werden, denn unsere Familienkonstellation war zu auffällig. Man riet uns diese…zu ändern.“, sprach Georg weiter.
„Wir waren mit einem anderen Paar befreundet und diese nahmen Henry zu sich. Sie flohen offiziell 1984 über die Grenze, aber in Wirklichkeit wurde das eingefädelt und nur so verkauft, damit sie auf der Westseite als Flüchtlinge besser aufgenommen wurden. Deswegen…deswegen lebt Henry noch und wir haben den Kindern nur nach der entscheidenden Nacht, diese Geschichte mit dem Ertrinken erzählt. Sie haben ihren Bruder sehr vermisst, ich spüre das noch heute bei Bettina, dass sie darunter leidet. Sie hatte als Kind immer das Gefühl, als würde ihr etwas fehlen.“
„Oh man. Das ist. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.“
„Der Fehler war, die Zwillinge zu trennen. Im Nachhinein ist uns in der isolierten Wohnsituation nie etwas passiert und vermutlich hätten die uns auch ohne die Trennung nicht gefunden, aber man wusste es eben nicht.“
„Wisst ihr denn wenigstens wie es dem Jungen geht? Habt ihr noch Kontakt?“ „Ja, ihm geht es gut, Kontakt gibt es keinen mehr, aber wir…beobachten trotzdem wie es ihm in etwa geht.“
„Hm, wieso habt ihr nach der Wende nicht den Kontakt zwischen den Kindern wieder hergestellt?“
„Das ging leider nicht mehr, dazu war es zu spät. Es war tatsächlich mal zu geplant.“, sagt Georg traurig.
„Wie zu spät? Verstehe ich jetzt nicht. Die wollten den Jungen sicher nicht mehr hergeben und haben ihn als ihren eigenen erzogen? Er ist sicher ein genauso nettes Kind wir Tina.“, vermutet die Mutter aufgebracht.
„Nein, das Problem war, dass der Vater und der Junge bereits in der Öffentlichkeit standen. Ein Zusammenführen hätte die Medienwelt auf sie und uns aufmerksam gemacht und das war zu riskant und hätte beiden in ihrer Arbeit bzw. Karriere geschadet. Und es hätte die Kinder und uns vielleicht dadurch wieder in Gefahr gebracht. Die Täten waren noch immer frei. Es hätte sie eventuell wieder aktiv werden lassen.“
„In der Öffentlichkeit? Wie prominent sind denn die beiden?“ Nyoko stand plötzlich auf. Ihr Puls stieg enorm an.
„Oh mein Gott…Gesine…ich…kann es sein, dass ihr die Kinder zusammengebracht habt, aber eben nicht als Geschwister? Also inoffiziell?“ Die Frauen sahen sich an. Gesine wich ihrem Blick aus.
„Ja, das haben wir. Und das war…das erste Mal, dass sie sich…“komplett“ gefühlt haben. Stephan wie auch Bettina.“
„Ich…Satoshi…“, sah sie zu ihm.
„Ich glaube…ich weiß wer es ist, wer…der kleine Henry ist.“
„Woher willst du es wissen?“
„Es ist…ich bin mir sicher…es ist Karl-Heinz!“, haute sie voller Überzeugung aus. Plötzlich stand er auf und sah verblüfft zu ihr herab.
„So ein Blödsinn! Woher willst du das wissen? Der Junge sieht seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten aus und du behauptest, er sei Bettinas Zwilling? So ein Quatsch!“ Sie stand auf.
„Nein, pass auf. Als du den beiden das Shogi-Spielen beigebracht hast, hast du selbst gesagt, dass sie eine ähnliche Denkweise haben, und dann…an einem Tag, als Karl Genzo besuchen wollte und er aber noch nicht da war, hast du mit ihm gespielt und ich habe ihm eine heiße Milch mit Honig gebracht, weil er so erkältet war. Da stellte ich die Tasse auf den Tisch und mir ist an seinem Hals eine kleine tiefe Narbe aufgefallen. Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht.“ Sie hielt ihre Hand an die Stelle.
„Hier in etwa. Das könnte doch…von einem Messer kommen.“ Beide sahen dann zu Georg und Gesine.
„Es stimmt. Aber Karl-Heinz, ist bei seinem leiblichen Vater. Bettina und er sind nicht von mir, deswegen fehlt auch die Ähnlichkeit. Im Herzen, sind sie jedoch meine Kinder, genauso wie es Stephan war.“
Es wurde wieder geschwiegen und beide setzten sich irritiert hin und starrten die beiden an.
„Aber…wie…Gesine? Was…hast du gemacht?“
„Das verstehe ich jetzt nicht.“ Georg stand auf und stellte sich mit verschränkten Armen hinter Gesine an die Sofa-Lehne.
„Rudi und ich, wir waren alte Jugendfreunde. Wir haben anfangs nur gerne miteinander gespielt und dann wurde es so gut, dass wir in die gleiche Mannschaft kamen und wir waren wirklich sehr erfolgreich. Er im Mittelfeld und ich im Sturm. Er war der, der immer die Übersicht hatte und ich eher, der der immer nach vorne wollte. Kurz vor dem ersten großen Turnier, der auch die anderen europäischen Teams eingeladen hatte, da unternahmen wir als Freunde eine Radtour und ich hatte einen Unfall mit einem Auto. Wir waren zu dritt unterwegs und ich war Nummer Drei und beim Abbiegen übersehen worden. Naja, die Verletzung am Arm war zu groß und ich musste so lange aussetzen, dass es für den Profisport vorbei war bevor es wirklich angefangen hatte. Er fuhr mit den anderen zum Turnier und holte den Titel und ich stürzte mich in mein Studium. Das war Plan B und so fing ich schon mit 15 an mich auf das alles vorzubereiten und spielte dann nur noch freizeitlich.
Wir waren in den Ferien zu dritt, der dritte Junge kam nur in den Ferien und wir waren sehr viel am Strand. Wir haben uns lange noch getroffen, trotz des Unfalls. Bald dann kamen die ersten Mädchen zu unserer Runde dazu. Das war zuerst Ute und erst später dann Gesine.
Zum dritten Jungen brach dann der Kontakt etwas ab. Er und Rudi verstanden sich nicht mehr so gut. Wir blieben dann im Briefkontakt.
Dann…dann kam Utes 20. Geburtstag. Naja…es wurde sehr ausgiebig gefeiert. Es gab viel Alkohol. Die Frauen gingen schon weit vor uns Männern ins Bett und dann wir. Einen wirklich festgelegten Schlafplatz gab es nicht. Stephan war bei seinen Großeltern und die beiden wie auch waren bereits verheiratet.
Am nächsten Morgen…wachten wir jedoch genau bei der falschen Frau auf.“
„Damit es niemanden auffällt, tauschten wir schnell die Betten. Jedoch…naja. Ich stellte leider dann fest, dass ich schwanger war.“
„Äh…dann…war das nur eine Verwechslung im Suff? Wart ihr echt alle so benebelt, dass ihr nichts mitbekommen habt?“ Gesine hielt ihre Hand zu Georg hoch und er nahm sie an. Dann schmunzelten sie und nickten.
„Ja, es war…dumm.“, sagte Gesine dann lächelnd.
„Oh man. Und Ute ist aber nichts passiert?“
„Ich weiß nicht…ob da überhaupt was passiert ist, aber ihr konnte nichts passiert sein. Gesine jedoch…sie hat zu diesem Zeitpunkt nicht verhütet, denn…es war nicht nötig. Kurz nachdem Stephan geboren wurde, hatte Gesine eine Fehlgeburt mit Zwillingen. Sie kommt aus einer Zwillingsfamilie. Es hätte beinahe ihr Leben gekostet und die Ärzte warnten uns vor der nächsten Schwangerschaft. Es war wohl nur ein Glück, dass der erste Sohn gesund war. Da haben wir uns dann dafür entschieden, dass ich derjenige bin, der dafür sorgt, dass nichts mehr passieren kann. Die Probleme kamen von meiner Seite aus. Deswegen war uns sofort klar, als die Schwangerschaft feststand, dass es von Rudi sein muss. Dass es dann Zwillinge waren, das war Fluch und Segen zugleich. Diesmal waren sie gesund und es war eine normale Geburt, alles verlief super. Sie wuchsen ganz normal bei uns auf, Rudi und Ute kamen ab und an zu Besuch vorbei, denn wir einigten uns einfach darauf, dass es unsere Kinder sind. Nur unsere Eltern und unsere damals erwachsenen Geschwister wissen davon. Es war eine schöne Zeit bis zu der Entführung. Freunde und jüngere Verwandte wissen es nicht.
So war das damals. Nach dem Vorfall riet uns dann die Polizei die Konstellation auseinander zu nehmen. Deswegen nahmen die Beiden Henry mit, änderten seinen Vornamen und gaben ihn als ihr Kind aus, welcher angeblich erst ein Jahr sei. Es würde in der Regel auffallen, aber darüber hat man weggeschaut, solange ein Vaterschaftstest vorlag. Später kam das nie zur Sprache, denn er wuchs nur zuhause auf und war erst wie unsere Kinder in der Schule zwischen unter anderen Kindern.
Das haben wir ja noch vergessen. Bettina und Stephan sind durch die Isolation immer nur zusammen gewesen und hatten keinerlei Freunde oder andere Kinder gehabt. Wir waren also ihre frühe Kindheit über immer nur in dieser kleinen Hütte am Strand und haben nur mit uns gespielt. Erst zu Bettinas Einschulung, als dann auch schon die Wende war, da kamen beide in die Schule. Vorher haben wir sie zuhause unterrichtet, das hat hauptsächlich Gesine getan. Ich war tagsüber ganz normal arbeiten. Aber das haben wir euch ja bereits erzählt. Gesine hat zu Hause gearbeitet und ihre Übersetzungen gemacht. Ich brachte ihr immer die nötigen Dokumente und Tonbänder vorbei und nahm diese dann auch wieder mit. Dadurch sind beide dreisprachig aufgewachsen.“
Nyoko atmete tief durch. Gesine ergänzte in ihrer Unterhaltung noch die Umstände, dass die Männer erneut gefasst wurden, aber dann später wieder frei waren und dass sie deswegen ihre Namen haben ändern lassen.
Währenddessen ließ sich Tina erschöpft und zufrieden zu Boden fallen, streckte auf dem Rücken liegend die Arme aus und sah zum Sternenhimmel hinauf.
„Ach tat das jetzt gut. Genzo…ich habe ihn hinbekommen…mit deiner Hilfe. Ich habe den Ball so wie ich ihn haben will und das ganz ohne Yoko. Ist das nicht genial?“
„Ich freue mich sehr für dich.“, äußerte er begeistert und legte sich mit dem Kopf an ihren Kopf und streckte auch seine Arme und Beine aus. Von oben betrachtet sahen sie fast aus wie ein Geweih.
„Jetzt muss ich den nur noch mit Yoko eintrainieren und immer mehr die Kraft steigern, damit er nicht annehmbar ist. Ich kenne die Toho-Mädels nicht und sie werden nicht grundlos neben uns die Stärksten sein.“
„Wieso die Toho?“ Tina stand auf.
„Weißt du worauf ich jetzt so richtig Bock habe? Wenn ich sonst hier bin, dann gehe ich gerne in die Sauna. Kommst du diesmal mit? Dann bin ich nicht alleine und ich kann es dir erzählen. Dann erzähle ich dir von dieser Woche. Jetzt Duschen und dann Sauna und danach wieder duschen.“
„Äh, wie jetzt Sauna? Wir beide alleine?“ Er richtete sich etwas verdutzt auf und sah sie verlegen an. Tina kicherte etwas.
„Sag jetzt nicht, du hast Angst, ich schau dir was ab. Schon vergessen, ich weiß doch wie ihr alle nackt ausseht. Mich stört das nicht.“ Er grinste dann.
‚Also mit Scharmgefühl hattest du es wirklich noch nie. Manchmal bist du echt ein komisches Mädchen, liebe Tina.‘
„Und dich stört es nicht, wenn ich dich nackt sehe?“, konnte er sich sein Grinsen nicht verkneifen.
„Nö, als ich die zwei Wochen bei dir war, hast du mich doch auch mal nackt gesehen. Weißt du noch? Bei mir gibt’s nix zu sehen. Aber wenn es dich stört, dann behalte ich das Handtuch um. Oder du eben deins. Dann sieht keiner was.“, streckte sie die Zunge raus und lief dann los.
‚Genzo, seit wann hast du ein Problem damit, dass ich dich sehe? Ihr wart doch in der Umkleide alle nackt voreinander und seid in die Dusche gegangen. Ich war die Einzige und habe mich wegen der angeblichen OP-Narbe alleine oder nur mit dir und Stephan zusammen geduscht. So konnte niemand Verdacht schöpfen.‘
Genzo stand etwas verdutzt da. Dann rann er ihr nach und sie trafen sich im Hausflur wieder. Tina ging bereits zum kleinen Schwimmbad, in dem die Sauna war durch und Genzo ging in den Hauswirtschaftsraum, um frische Handtücher zu holen. Auf dem Rückweg kam er am Arbeitszimmer seines Vaters vorbei und wunderte sich, dass dort Licht brannte. Neugierig blieb er stehen und lauschte an der Tür.
‚Seltsam. Wieso sind sie nicht in der Stube am Kamin? Dort ist es doch viel gemütlicher.‘, ging ihm durch den Kopf, als er die Stimmen seiner Eltern erkannte.
„Und was können wir da tun? Was können wir dafür tun, dass die Kerle Karl-Heinz nicht finden oder euch?“
„Ihr könnt erstmal gar nichts machen, nur in Ruhe beobachten, ob es ihm gut geht. Henry ist vorerst in Sicherheit, denn unter dem Schutz der Bayern kommt keiner so schnell darauf, wer er wirklich ist. So schnell kommt auch niemand an ihn heran, da er bereits jetzt schon von anderen abgeschirmt wird, seitdem er in der Profimannschaft spielt. Was das betrifft, ist das sogar besser als vorher. Und Rudi wird schon aufpassen. Unser Kontakt wurde komplett eingestellt, damit jetzt niemand Verdacht schieben kann.“
„Und Bettina? Ich kann es irgendwie immer noch nicht glauben, dass sie…Zwillinge sind. Es ist so unwirklich.“
„Hier in Japan wird ihr nichts passieren, es ist allgemein ein sicheres Land und überall ist Polizeipräsens. Direkt vor unserem Wohnhaus ist eine Ministation und sie hat mittlerweile sogar mit einem Hauptkommissar Kontakt, dem sie vertrauen kann. Keiner weiß, dass wir hier leben und in dieser Stadt findet man uns schlecht. Hier wird ihr nichts passieren, man wird sie nicht finden. Gesine ebenso nicht. Für Notfälle haben wir ja Martin dabei.“
Vor Schreck fiel Genzo der Stapel Handtücher aus der Hand.
‚Henry? Was meinen die damit? Henry ist doch tot, aber…wenn er Karl-Heinz ist? Was hat das zu bedeuten? Henry sei in Bayern sicher? Vor wem denn? Zwillinge? Oh man Tina, was hat das zu bedeuten?‘ Sein Herz schlug enorm und es machte sich Bedenken in ihm breit. Warum soll Tinas verstorbener Zwillingsbruder denn jetzt plötzlich Karl-Heinz sein? Das ergibt doch gar keinen Sinn. Er ist doch in Hamburg geboren. Hastig bückte er sich, um die Handtücher wieder aufzuheben, stieß jedoch ausversehen mit dem Kopf gegen die Tür. Er erschrak und rann sofort durch den Flur zum Schwimmbad.
Die Erwachsenen schreckten ebenso auf und Satoshi ging zur Tür und öffnete diese. Er sah durch den langen Flur und niemand war zu sehen.
‚Hm, war nun jemand hier oder nicht?‘ Dann stellte er fest, dass im Flur die Fenster noch offen waren und ein frischer Wind aufgezogen war.
‚Das kann natürlich auch sein, der Druck von der Zugluft hat die Tür etwas angestoßen, doll war es ja nicht.‘ Dabei beließ er es dann und ging wieder rein. „Es war nur der Wind. Draußen zieht jetzt der starke Wind auf, der angekündigt war.“
Genzos Entscheidung
Kapitel 153
Genzos Entscheidung
Der Kräuteraufguss wurde endlich angenehm und vor der Sauna-Tür standen Tina und Genzo jeweils in Handtücher gewickelt und Genzo öffnete noch immer nachdenklich die Tür. Seine Gedanken waren noch bei dem Gespräch. Was hatte das nur alles zu bedeuten? Er betrachtete Tina, wie sie sich das zweite Handtuch auf das Holz legte und sich dann mit dem Bauch darauflegte.
„Guck weg, wenn es dich so sehr stört. Wir können auch reden, ohne uns anzusehen.“, kicherte sie und ihr Gesicht kam auf ihren Armen zum Vorschein und grinste ihn an. Genzo hatte sich das Handtuch nur um die Hüfte gewickelt und setzte sich seitlich von ihr hin.
„Schon gut.“, stöhnte er etwas.
„Ich nehme aber das Handtuch jetzt weg, sonst lohnt es sich ja gar nicht, hier drin zu sein.“
„Mach das. Ich schau nicht hin.“ Tina zog am Tuch und es fiel zu Boden. So richtig wohl war ihm dabei nicht. Ja, er hatte sie schon nackt gesehen und das auch nicht so selten, denn damit keiner Fragen stellte, gingen sie nach dem Training ab und an zu dritt duschen. So konnte niemand anzweifeln, dass Tino ein Junge sei. Eine bessere Tarnung gab es nicht. Ein japanischer Junge würde doch niemals mit einem Mädchen duschen gehen, bei Geschwistern hätte man da eher Verdacht geschöpft. Und bevor Genzo überhaupt ins Team kam, da war noch weniger als ohnehin bei ihr zu sehen. Tina war nie der wirklich weibliche Typ. Und für ihn war sie ein Junge, nur eben kleiner als er und die anderen. Dann später auch, wo er es bereits wusste und sie doch eindeutig ein Mädchen war, sah sie in seinen Augen einfach nur wie ein Mädchen aus, aber im Herzen war sie wie ein Junge, genauso wie die anderen alle. Er bewunderte sie nur noch mehr, eben weil sie kein Junge war und trotzdem ihm, dem Mann des Strafraums, sogar noch etwas beibringen konnte und das harte Training durchhielt.
„Genzo, was ist los? Du bist schon die ganze Zeit so still. Da lässt man dich nur Handtücher holen und du verstummst.“
„Äh, entschuldige bitte.“ Genzo wagte nun doch einen Blick zu ihr, um ihr zu antworten.
„Was ist das denn? Was hast du gemacht?“, haute er plötzlich laut aus. Eben war er noch im Gedanken was es mit der Zwillingsgeschichte auf sich habe und dann sah er ihre neuen Narben auf dem Rücken.
„Hallo? Lass einfach gut sein. Deinen Ekel kannst du auch anders ausdrücken.“, mault sie zurück und drehte ihren Kopf weg.
„Ekel? Hast du sie noch alle? Wer war das? Die können was erleben!“, machte er Fäuste und stand auf. Er starrte auf ihren Rücken und war außer sich vor Wut. „Sie haben ihre Strafen schon bekommen, beruhige dich also. Irgendwann erfüllen auch die mich mit Stolz, so wie die anderen.“, knurrte sie.
„Wirklich? Was ist denn passiert?“ Tina schwieg einen Moment und entschied sich dann für die halbe Wahrheit.
„Mich haben ein paar dummer Jungs in einen Brombeerbusch geschubst. Das wars schon.“
„Diese Feiglinge. Warum haben die das getan? Wann müssen die Fäden raus?“ „Nächste Woche. Der Schularzt macht das.“
„Na hoffentlich macht er das ordentlich, die Nähte sehen echt mies aus. War er das?“
„Nein, ein anderer Arzt.“ Genzo ging dichter an sie heran und entdeckte die Brandblasen.
„Sag mal, und die Kreise hier. Die sind auch neu. Ist das das, was ich denke?“
„Mach dir keinen Kopf. Die sind gestrafter als ich.“
„Na toll. Damit speist du mich jetzt wieder ab?“
„Du hast doch damit angefangen. Du wolltest nicht gucken, soviel dazu.“
„Das fällt doch auch auf, wenn man wegsieht. Tina, du hast doch vorhin noch gesagt, du willst jetzt auch so hübsch und elegant sein wie deine Mutter. Aber wenn du nicht langsam auf dich aufpasst, dann wird das bald nichts mehr. Noch sieht man das nicht, wenn du später was drüber anziehst, aber lass dir mal etwas im Gesicht passieren, was dann? Und wenn ein Arzt sowas sieht, der denkt ja gleich bei dir zu Hause ist die Hölle los.“
„Du bist aber auch charmant wie ein Panzer, echt mal. Sag doch gleich, ich sehe scheiße aus und mich will später kein Mann mehr haben.“ Genzo schwieg. Sein Puls stieg weiter an und er wusste nicht so richtig was er dazu sagen sollte.
‚Tina, du bist so doof, echt mal. Wie kannst du nur so über mich denken?‘
„Du weißt, dass ich auf solche Äußerlichkeiten keinen Wert lege. Auch nicht bei einem Mädchen, klar!? Und wenn dich jemand wirklich liebt, dann ist dem das egal, aber…er wird bestimmt irgendwann fragen. Am besten aber, der bleibt höflich und fragt nicht wo sie herkommen.
Und wenn der Kerl mit dem du heute aus warst, irgendetwas in der Art gesagt haben sollte, dann lernt der mich kennen! Ist das klar?! Dann steig ich morgen in den Zug und fahr zu ihm und geige ihm meine Meinung!“, brüllte er wütend. Tina war sehr erstaunt und sie lächelte plötzlich, richtete sich auf und sah ihren besten Freund an. Ihr Herz schlug enorm und es war nicht nur feuchte Hitze, die sie warm werden ließ.
„Danke.“ Er war der Einzige, der sie jemals weinen sehen hat und sie war die Einzige, die ihn weinen gesehen hat. Verbittert klammerte sie sich plötzlich an ihn und weinte bitterlich los. Genzo wusste gar nicht was er davon halten sollte. Er stand nur mit dem Handtuch da und sie saß vor ihm, komplett nackt und hielt ihn ganz doll fest.
„Du musst…du musst ihn ersetzen. Ich…ich kann sonst nicht mehr!“, jammerte sie deutlich und schluchzte nur so in sein Handtuch.
‚Geht es dir so schlecht? Ich kann das gar nicht mit ansehen.‘ Er berührte ihre Schulter und deutete an, sich lieber neben sie setzen zu wollen. Diese Situation überforderte ihn deutlich, denn was ist, wenn ihm doch plötzlich das Handtuch herunterfallen würde? Dann ist ihr Kopf plötzlich dort, wo er sicher nicht sein sollte.
Sie ließ ihn etwas los und er setzte sich tröstend neben sie. Sein Blick ist nur in ihr Gesicht gerichtet, denn er will ihr doch weiterhin ein Freund sein, nicht mehr und nicht weniger.
„Wen soll ich ersetzen?“ Er nahm sie etwas zurückhaltend in die Arme.
„Stephan und alle anderen, Genzo. Ich…vermisse alle so sehr…es tut so weh, wenn ihr wenigstens um mich rum wärt, irgendwo in der Nähe. Dann wäre Stephan immer irgendwie da, und wenn nur in unserem Herzen. Er hat sich doch mit allen am besten verstanden. Jeder mochte ihn.
Aber…jetzt ist schon so viel Zeit vergangen und trotzdem tut es noch so weh. Ich werde sicher niemals wieder…solche Freunde um mich herumhaben. Und jetzt…bin ich ganz alleine. Jetzt habe ich das Gefühl niemanden mehr bei mir zu haben. Alle sind weg. Ich darf sie nicht mal sehen, das ist das Schlimmste…und du…du musst jetzt mein Bruder sein. Kannst du das? Ich kann…sie alle in deiner Nähe spüren.“
„Ich soll dir ein Bruder sein?“ Sie hob ihren Kopf und sah verweint zu ihm auf.
„Ja, nur in deiner Nähe kann ich ihn spüren und auch die anderen alle, als wären sie hier und würden mit uns lachen und Spaß haben. Du musst sie jetzt beide ersetzen, Zuerst musste Stephan für unseren Bruder mit herhalten und nun, ist er auch nicht mehr da, also…kannst du das? Kannst du für mich zwar ein Freund, aber auch ein Ersatz-Bruder sein? Ich…ich habe doch sonst niemanden zum Streiten.“, erklärte sie.
„Du brauchst mich zum Streiten? Na toll.“, grinste er plötzlich.
„Ja, ich…ich habe mich mit Mama die Woche gestritten. Das war ganz furchtbar und wir haben uns böse Dinge gesagt und das darf nicht nochmal passieren. Da hatte sich vermutlich zu viel aufgestaut. Vorher hatte ich immer einen guten Ausgleich mit dem ganzen Team. Irgendwer hat sich doch immer angeboten, und wenn es ein Gegner war, mit dem ich mich messen musste. Ich weiß sonst auch nicht, warum das dann gleich so doll war. Ich kann sonst immer Rücksicht auf sie nehmen. Gerade jetzt, immerhin hat sie noch viel mehr verloren als ich.“
„Sie hat mehr verloren? Was meinst du damit?“ Tina sah zu ihm auf.
„Na ihren zweiten Sohn. Davon rede ich doch gerade. Ich habe mit zwei Jahren meinen Zwillingsbruder verloren. Das haben wir doch mal erzählt. An ihn erinnern kann ich mich ja nicht.“ Er stutzte plötzlich und es wurde ihm auf einmal unwohl bei der ganzen Situation. Die komische Unterhaltung im Arbeitszimmer und jetzt saß die eher nackte Tina bei ihm, er hielt sie fest, um sie zu trösten und sie bat ihn, ihr Bruder zu sein. Sie kannten sich doch erst etwas mehr als zwei Jahre und trotzdem hatten sie bereits so viel miteinander durchgemacht.
„Hatte dieser Bruder auch einen Namen?“, kam nur als Gegenantwort.
„Er hieß Henry, aber du kennst doch den Namen. Du darfst ihn aber niemanden sagen. Das ist sehr wichtig.“
‚Henry, dann…stimmt es also…verdammt. Tina…dein…Bruder…wenn ich das richtig verstanden habe…lebt er noch. Aber was hat das alles zu bedeuten?‘
„Wieso? Wieso darf niemand seinen Namen kennen?“
„Naja, unsere Familie, die musste vor meiner Einschulung den Namen ändern und deswegen. Was genau war, weiß ich nicht, nur, dass es zu unserem Schutz war. Also bekamen wir alle neue Namen. Und Henry war da ja nicht mehr da und hat nie einen neuen Namen bekommen. Jedoch darf das eben nicht so an die große Glocke gehängt werden, das reicht schon. Genauer kann ich dir das nicht sagen.“
„Dann…hast du vorher anders geheißen?“, hakte er nach.
„Ja, aber Bettina klingt eh schöner, mich stört das nicht.“
„Oh, echt? Hast du dir dann den neuen Namen selbst ausgesucht?“
„Ein wenig. Wir wurden tatsächlich gefragt wie wir heißen wollen. Stephan war das total egal, er hatte mir die Wahl gelassen. Dann entschied ich mich für diesen Namen, weil er für mich immer das Wichtigste war und ich sehr zu ihm aufblickte. Wie ein König eben. Modern war der Name ja auch. Und ich…liebte die Musik von Tina Turner, noch immer. Die Frau ist so stark und macht so tolle Musik. Und ich wollte auch stark sein, eine starke Frau. Und dann kam Mama mit ihrem kindischen Betty an. Betty hier und Betty da. Sie sagte, hätte sie damals schon mehr darüber nachgedacht, hätte ich gleich zu geheißen. Also standen wir da und hatten nichts. Dann sagte Stephan einfach, wir sollen die Namen kombinieren und wir wollten ohnehin immer nach Italien reisen und dort Urlaub machen. Also kam ihm Bettina in den Sinn. So waren beide Namen dabei. Deswegen nennt mich Mama meist Betty, außer ich habe was ausgefressen und ich will halt nur Tina heißen.“ Genzo musste etwas schmunzeln.
„Wieso Betty?“
„Oh, sie hat doch wegen der Sprachen viele Bücher aus dem Ausland gelesen und darunter war ein Roman, eine Familiengeschichte mit vier Mädchen, also Schwestern. Und eine davon hieß Beth. Und daraus wurde Betty. Sie mochte die Figur am liebsten.“
„Äh, wie jetzt? Eine Romanfigur? Wieso kommt mir diese Geschichte bekannt vor? Erinnert mich irgendwie an einen Trickfilm.“ Tina grinste.
„Jo, und der Trickfilm wurde hier produziert, hier in Japan. Hat mir Mama erzählt, als ich den Vorschlag machte, dass wir herziehen sollen. Sie sagte dann, „Dann ist die kleine Betty jetzt in Japan. Dort wo man sie so liebevoll gezeichnet hatte. So wie eine Wiedergeburt.“ Die Figur stirbt leider in dem Roman.“
„Oh. Okay. Nun gut. Darf ich dir als Bruder einen Rat geben?“, lächelte er sie an.
„Klaro.“, lächelte sie zurück.
„Du solltest mehr Rücksicht auf dich und deine Umgebung nehmen und dich mehr wie ein Mädchen verhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du jetzt…so hier mit deinem Bruder in unserem Alter…sitzen würdest…du solltest…dir das Handtuch wieder umlegen.“, stotterte er sich zurecht, denn er wunderte sich ohnehin schon, warum sie gar keine Scham vor ihm hatte. Tina ließ ihn los und sah ihn verdutzt an.
„Oh, stört dich das so sehr? Tut mir leid.“
„Ähm…naja…warm ist es eh schon hier drin. Und du hast vorhin noch im Auto gesagt, du willst wie deine Mutter werden, also musst du dich auch mehr wie sie verhalten. Oder nicht?“ Tina tat was er ihr riet und stimmte ihm zu.
Endlich war Bettruhe angesagt und Tina kam aus dem Bad und legte sich in ihr Bett, welches mit in Genzos Zimmer war. Sie unterhielten ich och ein wenig und dann schlief Tina schnell ein.
Als Tina endlich eingeschlafen war, stand Genzo auf. Er tat nur so, als würde er schlafen, denn er konnte den Kopf nicht frei bekommen. Ihm war übel, bei dem Gedanken daran, dass sein Freund, nein auch ihr Freund, Karl-Heinz, Tinas Bruder sein soll. So richtig wollte das nicht in seinen Kopf und dann, dann erzählte sie ihm vorhin doch auch noch vor dem Schlafen, dass sie ihn liebt und sie seien ein Paar gewesen? Es war schon mehr als nur das passiert? Das war zu viel. Deswegen der Streit mit der Haarspange. Er wusste es doch nicht, dann hätte er aufgepasst. Er hätte dann niemals zugelassen, dass sich Tina mit ihm heimlich trifft. Er wusste doch nicht, dass die Warnung ihrer Eltern nur eine Ausrede war. Sie sagten ihr, ein Freund im Team würde die Freundschaften kaputt machen. Ja, klar, dass kann natürlich passieren, aber wenn das stimmt, was er heute gehört hatte, dann ist es viel schlimmer als ohnehin schon. Entschlossen ging er leise aus dem Zimmer und klopfte an die Schlafzimmertür seiner Eltern. Licht war noch an, das wunderte ihn.
„Ja?“
„Ich bin es Genzo, störe ich euch? Oder kann ich mit euch reden?“
„Komm rein, wir sind noch wach.“, kam die kräftige Stimme seines Vaters. Sein Sohn öffnete die Tür leise und schloss sie hinter sich wieder. Er sah zu seinen Eltern und diese legten die Bücher jeweils zur Seite. Sie saßen im Bett angelehnt. Um diese Zeit war das nicht gewöhnlich, aber die Zeitverschiebung tat ebenso ihr Bestes und ließ die beiden neben ihren Gedanken auch nicht schlafen. Sie machten sich Sorgen, Sorgen um Familie Fuchs und um Karl-Heinz. Natürlich sorgten sie sich auch um ihren Jüngsten, denn der steckte da irgendwie nun mit drin.
„Was hast du Großer?“
„Ich…ich kann nicht schlafen…und…ich muss mit euch reden. Es geht nicht anders. Ihr…habt immer den besten Rat und im Moment…bin ich total ratlos. Aber…es geht nicht nur um einen Rat, eher, um eure Hilfe.“, stotterte er sich zurecht, kam auf die beiden zu und setzte sich auf einen der Sessel vor dem großen Ehebett. Die Eltern sahen sich fragend an.
„Du warst der Windhauch an der Tür?“, haute sein Vater plötzlich aus. Genzo sah ihn verwundert an und dann nickte er.
„Ja, sozusagen. Ich…ich habe nur Handtücher für uns für die Sauna geholt und da kam ich am Büro vorbei. Ich war zu neugierig, denn ihr hattet vorher schon ein Gespräch gehabt. Naja.
Stimmt es? Ist Karl-Heinz der kleine Henry? Ist er Tinas Zwilling?“ Beide sahen ihn mitfühlend an und nickten nur.
„Und…warum sind sie in Gefahr? Warum…ist Martin hier, um auf Tina aufzupassen?“
„Wir erklären es dir, aber du darfst es wirklich niemanden sagen, auch Tina nicht. Sie baut sich doch gerade ein neues Leben auf.“ Genzo nickte.
„Keine Sorge. Ich muss…vorher noch was loswerden. Ich musste es nur jetzt wissen. Denn wenn es so ist, dass die beiden Zwillinge sind, dann gibt es noch ein Problem dabei. Und ich…ich befürchte, ich bin da nicht ganz unschuldig dran.“
„Wie meinst du das, Junge?“
„Kurz nach dem Testspiel gegen Pierres Team, fand Karl-Heinz heraus, dass Tini ein Mädchen ist.“
„Oh. Er weiß das?“
„Ja. Ich habe mich natürlich nicht eingemischt und weiterhin normal getan. Er sollte ja nicht wissen, dass ich Bescheid weiß. Tina hat es mir jedoch gleich am selben Tag gesagt.
Naja...die beiden haben sich sehr gestritten, das könnt ihr euch sicher vorstellen. Er hasst Lügen. Es war gut zwei Wochen zwischen den beiden still. Karl stimmte nur noch zu, das Spiel gegen meine Freunde zu machen. Danach muss sie das Team verlassen. Er war ja ohnehin schon fast weg. Sie heulte sich dann bei mir aus und hatte Angst ihn nie wieder zu sehen, wenn er erst in München ist.“
„War ihre Freundschaft so eng, dass sie ihn so vermissen würde?“, fragte sein Vater erstaunt.
„Pa, das ist es ja....es war mehr als das. Sie waren ein Paar, nein Sie sind ein Paar. Stephans Tod kam und danach haben sie sich nie wieder gesehen. Tina konnte sich nicht einmal von ihm verabschieden.“
„Herrje...das ist ja furchtbar.“, sprach seine Mutter entsetzt.
„Als sie so rumjammerte riet ich ihr, ihm nochmal klar zu machen, dass sie ihn liebt und er soll sich entscheiden, ob er in München auf sie warten will oder ob er nichts empfindet. So mein Rat damals.
Soweit so gut...aber...das...ging etwas nach hinten los. Sein Liebesbeweis ist die goldene Spange. Er hat sie ihr aus München mitgebracht, damit sie es weiß, dass er immer bei ihr ist und auf sie warten wird.
Und...es...gab noch einen Beweis, einen Liebesbeweis. Tina hat es mir jedoch eben erst erzählt und jetzt wo ich das im Kopf hatte...was ich eben hinter der Tür gehört habe…die beiden...“ Er verschränkte seinen Kopf hinter den Händen und stütze sich auf den kleinen Tisch auf.
„Sie haben...es...schon...getan.“, haute er dann plötzlich raus und sein Puls stieg noch mehr an als ohnehin schon.
„Was getan?“, fragte der Vater verwundert. Mit der Jugendsprache hatte er es nicht so. Genzo stöhnte genervt auf.
„Na was wohl? Ich klopfe hier doch nicht grundlos an, bevor ich reinkomme.“, maulte er ihn an. Nyoko stand völlig entsetzt auf und hielt die Hände vor.
„Das haben sie gemeint...Schatz...die beiden...wissen es. Gesine sagte doch, ihnen stehe es nicht zu, zu urteilen, mit wem sie ausgehe. Du hattest doch den Altersunterschied angezweifelt zwischen diesen Jungen und Tina, mit dem sie sich heute getroffen hatte. Und da meinten beide nur, es sei Tinas Entscheidung wen sie mag oder nicht und nicht ihre. Ich glaube sie wissen es und deswegen mischen sie sich da nicht mehr ein. Jeder Junge ist okay, solange es nicht Henry ist.“ Satoshi stand nachdenklich auf und ging zum Fenster.
„Das kann natürlich sein. Das haben sie damit gemeint. Gesine sagte noch, dass sie ihre Gefühle durcheinandergebracht hätten. Ich wusste nicht was sie damit meinten, aber das ergibt dann natürlich einen Sinn.“ Es war für eine Weile ruhig, dann ergriff Genzo den Ton.
„Ich habe mir schon Gedanken gemacht. Ihr wisst, ich habe auch immer einen Plan, sonst wäre ich nicht zu euch gekommen.
Ich werde es ihnen natürlich nicht sagen, aber ich werde dafür sorgen, dass sich die beiden so schnell nicht wieder sehen. Sie möchte mich informieren, wenn sie soweit sein sollte, Karl doch zu kontaktieren, um ihm von Stephans Tod zu erzählen.
Und ihr, ihr müsst hier dafür sorgen, dass sie auf andere Gedanken kommt. Sie soll sich um den Sport kümmern, sich von Karl ablenken und fertig. Zum Glück sieht sie das genauso. Ich kann weiter nichts tun, als mit ihr regelmäßig zu telefonieren und sie im Notfall immer wieder daran zu erinnern, dass sie ihm nur Probleme machen würde, wenn sie sich sehen würden.
Da ist aber noch etwas. Und ich glaube, dass ist nicht ganz unwichtig.
Ich vermute, dass Stephan es wusste. Und Karls Vater, er muss es auch wissen. Wieso?“
„Moment, warum denkst du, dass Stephan es wusste?“
„Seine letzten Worte, Mutter. Als…er ins Krankenhaus gefahren wurde und auf der Liege in den OP gebracht wurde, war er noch ansprechbar, für eine kurze Zeit. Tina war etwas weiter weg von mir und er zog mich plötzlich zu sich runter und flüsterte etwas in mein Ohr.“
„Und was?“ Genzo machte eine längere Pause um die Worte richtig wiederzugeben. Dann zitierte er seinen Freund.
„Pass…auf Betty und…Karl auf. Sie dürfen…nicht…zusammen sein.“
„Ich fragte dann noch warum, aber da kam nur noch ein „Sie sind…Ul…ri…Schwes…und…“
Mehr kam nicht mehr, da fiel er ins Koma. Ich habe mir darüber weiter keine Gedanken gemacht. Aber jetzt ergibt es einen Sinn.
Mama, er muss gewusst haben, dass die beiden Zwillinge sind. Aber was hatte das nur zu bedeuten?“
Seine Eltern erzählten ihm die Geschichte, die sie zuvor von Tinas Eltern erfahren haben und Genzo legte verwirrt den Kopf auf den Tisch.
„Verdammt nochmal. Echt jetzt? Eine Party und zu viel Alkohol?
Wenn Karl-Heinz das jemals erfahren sollte…nicht auszudenken. Und jetzt? Wenn er genauso alt ist wie Tina, dann…wäre…alles kaputt…alles was er je hart erarbeitet hat.“ Seine Eltern gaben ihn Recht.
„Was machen wir jetzt? Du musst in Deutschland auf Karl aufpassen. Wir…wir wollten eigentlich erst übernächstes Jahr wieder herziehen und England verlassen. Aber wir können das auch vorziehen.“, sprach sein Vater ein ernstes Wort. „Schatz, geht das wirklich? Dann…dann können wir hier etwas auf sie Acht geben und für die drei da sein.“, lächelte Nyoko und freute sich schon mehr mit Gesine zusammen zu sein, denn eine richtige Freundin hatte sie bisher nie, seitdem sie verheiratet ist. Sie wusste nie wem sie wirklich vertrauen konnte und alte Freunde wendeten sich teilweise von ihr ab oder der Kontakt brach ab.
„Wirklich? Dann macht das doch. Ich komme alleine klar. Im Notfall muss ich Kaltz mit einbeziehen, nicht alles, aber das Nötigste, damit er einfach mit aufpasst. Bitte passt auf meine Schwester auf!“, machte Genzo dann plötzlich ernste Töne und stand auf. Er sah zu seinen Eltern. Seine Mutter ging plötzlich auf ihn zu und umarmte ihn einfach. Ihr liefen wie auf Knopfdruck Tränen herunter.
„Mein großer Kleiner, wir…schaffen das schon irgendwie. Sie vertraut uns und wenn sie Kummer hat, dann kann sie immer zu uns kommen. Jederzeit, okay? Sag ihr das bitte.“
„Deine Schwester? Genzo, was meinst du damit?“
„Tina…hat mich vorhin um einen Gefallen gebeten. Sie sagte, dass sie nicht nur Stephan, sondern auch alle anderen unwahrscheinlich vermisst. Und sie bat mich in Zukunft wie ein Bruder zu ihr zu sein.“
„Ach so, kannst du das denn?“, hinterfragte sein Vater skeptisch. Genzo ließ seine Mutter los und sah ihn verwundert an.
„Hä? Wie meinst du das denn jetzt? Natürlich kann ich das. Sie ist doch schon die ganze Zeit wie eine große Schwester zu mir.“
„Ich frage ja nur. Es…hätte ja sein können…dass du da mehr…denkst als sie.“ „Och nö, ne? Kommt das schon wieder? Wieso denkt immer jeder, wir passen zusammen? Also echt mal.“ Seine Mutter musste etwas lachen.
„Sie ist doch wirklich sehr hübsch und klug. Wir haben tatsächlich am Anfang alle gedacht, ihr würdet euch sehr mögen.“
„Man ey, natürlich mögen wir uns, aber doch nicht so. Ich steh ja nicht mal auf Blondinen, also echt mal.“
„Ach, was für ein Mädchentyp magst du denn dann?“, grinste seine Mutter. „Japanerinnen zum Beispiel. Irgendwie komme ich nicht mit den deutschen Mädchen klar. Die sind immer so zickig. Tina ist da echt eine Ausnahme. Aber…ich sehe sie durch unser Training mehr als Kumpel, Freund, als einen Jungen eben, so wie Kaltz und Karl. Sie war einfach nur eine von ihnen und…das wird sie auch bleiben.“ Genzo ging etwas brummig zur Tür.
„Versprecht es mir. Tina ist mir wirklich sehr wichtig.“
„Du kannst dich auf uns verlassen. Ich werde unseren Umzug sofort in die Wege leiten. So richtig Lust auf London habe ich so wieso nicht mehr, oder Schatz? Die Geschäfte können wir auch von hier aus weiterführen. Dieses Internet ist eine tolle Erfindung und wir haben vor Ort dann unsere Ansprechpartner und der Rest läuft auch telefonisch und per E-Mails. Für besonders Gespräche kann ich immer noch hinfliegen. Ich bin ohnehin nicht nur in London, sondern fliege ständig in Europa hin und her. Es kommt also auf dasselbe raus.“
„Okay, abgemacht. Ab jetzt aber kein Wort mehr darüber. Wir wissen von gar nichts.“
Er verließ das Schlafzimmer seiner Eltern und ging zu seinem Zimmer zurück. Genzo kam unterwegs am Gästezimmer vorbei. Er überlegte kurz und hielt an. ‚Am liebsten würde ich es ihnen gleich sagen, dann können sie beruhigter sein. Tina meinte ihr streit war wirklich doll und Gesine hätte ihre Spange rausgeschmissen. Das tat ihr sicherlich sehr weh. Das kann ich mir vorstellen. Gesine, du musst sehr leiden, Mutter sagte, sie könne sich nicht annähernd vorstellen wie sehr es wehtun kann einen Sohn zu verlieren. Das ist ein Schmerz, den sie auch niemals fühlen will. Mutter, das verstehe ich. Auch einen Bruder will ich niemals verlieren und unsere Bindungen sind nicht annähernd so eng wie die zwischen Tina und Stephan.
Nun gut. Ob sie auch noch wach sind? Hier kann man leider kein Licht sehen. Die Gästezimmer sind etwas abgeschirmter. Ich kann es ja versuchen.‘ Der Jugendliche hob die Hand und wollte gerade zum Klopfen ansetzen, als er unbekannte Geräusche hörte und zusammenzuckte. Es klang wie ein dumpfes Klopfen und es waren Stimmen zu hören.
‚Was ist das denn? Also wach sind sie scheinbar noch. Hm. Ob ich einfach störe? Die haben doch gerade was gesagt und miteinander gesprochen.‘ Voll entschlossen klopfte er trotzdem an. Ihm war es zu wichtig seine Gedanken loszuwerden und die beiden zu beruhigen. Es dauerte einen Moment bis eine Antwort kam.
„Wer da?“
„Ich bin es, Genzo. Ich muss dringend mit euch reden. Es geht um Tina.“, kam seine kräftige Stimme zurück.
„Kann das nicht bis morgen warten?“, ertönte Georgs Stimme etwas muffig.
„Nein, ich kann sonst nicht schlafen.“
„Warte einen Moment.“ Es dauerte ein paar wenige Minuten bis die Tür geöffnet wurde. Gesine bat ihn freundlich herein. Es waren die kleinen Nachttischlampen an und Georg saß mit einem Buch im Bett und nutzte seine Beine scheinbar als Stütze. Gesine trug einen Morgenmantel. Genzo schloss die Tür hinter sich und stellte sich nur weiter weg vom Bett zum offenen Fenster.
„Ich muss es kurz wieder schließen. Nicht, dass Tina uns doch hört. Unser Fenster ist auch offen.“, flüsterte Genzo und schloss das Fenster wieder.
„Was gibt es denn so Dringendes um diese Zeit? Du hast Glück, dass wir noch wach sind.“, sprach Gesine mit ihm und setzte sich auf ihre Bettkannte.
„Ich…wollte nicht stören, aber bis morgen warten will ich auch nicht. Tina hat mir vorhin etwas erzählt und das ging mir nicht aus dem Kopf. Sie hat mich gebeten wie ein Bruder für sie zu sein. Ich nehme meine neue Aufgabe sehr ernst und deswegen bin ich auch hier.
Und…ich…habe dummerweise…einen Teil eurer Unterhaltung mit Mutter und Vater gehört.“ Beide sahen ihn total verwundert an.
„Welchen Teil hast du denn gehört?“, kam plötzlich von Georg. Er hatte einen ernsten Blick drauf.
„Genug, um zu wissen, dass ich mit meinen Eltern darüber reden musste. Wir haben eben miteinander gesprochen und ich will, dass ihr es wisst. Sie werden schon früher wieder herziehen, für euch da sein und ich werde mich in Deutschland darum kümmern, dass sich die beiden so schnell nicht wieder begegnen. Ihr könnt euch auf mich verlassen.“ Es wurde etwa eine Minute lang geschwiegen und die Blicke waren auf Genzo gerichtet.
„Genzo…du musst diese Bürde nicht auf dich nehmen.“, sprach Georg. Gesine stand wieder auf und ging nachdenklich zum Fenster und sah hinaus in den großen Garten der Herrschaftsvilla. Der Mond erleuchtete genug, um einige Bäume und Rosenbeete zu deuten.
„Danke, Genzo.“, sprach sie ganz leise und hatte eine verweinte Stimme. Sie umarmte sich selbst und fing etwas zu weinen an.
„Es tut uns so leid. Wir wissen, dass alles ein Fehler war, sie miteinander bekannt zu machen, aber…es…war so schön…so unglaublich schön und ich…war endlich so glücklich.“ Sie pausierte kurz und sah hoch zum Mond.
„Als wir nach Hamburg zogen, da hatte ich das erste Mal seit vielen Jahren all meine Kinder um mich herum. Du kannst dir als Kind nicht vorstellen wie es ist so lange auf dieses Glück zu verzichten. Es war so unglaublich schön und Karl-Heinz…er ist ein so lieber kluger Junge geworden. Auch als du später dazugekommen bist und mich mit den anderen oft besucht hast. Immer habe ich mir in meinen Träumen so eine tolle Kindheit für meine Kinder gewünscht, eine Kindheit miteinander. Ich habe jede einzelne Sekunde mit euch allen zusammen genossen, bitte habe das immer im Blick. Ich konnte dieser Versuchung, ihn kennenzulernen nicht widerstehen. Es tut mir sehr leid und Betty…hat natürlich nicht verstanden warum wir irgendwann meinten, sie solle sich als Mädchen von eurem Team fernhalten, um es nicht zu Problemen kommen zulassen. Wir haben ihr bewusst nur den Kontakt zu dir erlaubt.
Genzo, kannst du das irgendwie verstehen?“ Sie drehte sich plötzlich um.
„Ich weiß nicht. Warum…warum habt ihr sie getrennt? Wie konntet ihr das tun?“, brummte er etwas zurück und setzte sich dann auf den Sessel. Gesine wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und antwortete leise.
„Nach Stephans Geburt war ich wenig später erneut schwanger. Auch mit Zwillingen, aber…wir…haben sie verloren. Und dann…war diese Party, die so aus dem Ruder gelaufen war, aber…als es dann klar war was passiert ist, haben wir nicht gezögert und mit Rudi und Ute vereinbart, dass die Kinder einfach als unsere aufwachsen und sie die beiden jederzeit besuchen können. Es gab keinen Grund sich darum Gedanken zu machen. Die Fehler lagen auf beiden Seiten. Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass ich sehr glücklich war, erneut Zwillinge und dann verlief diesmal alles gut und sie kamen gesund und sogar auf natürliche Weise zur Welt. Alles war schön bis zu der Entführung.
Die Schneiders hatten bis dahin keine Kinder und wünschten sich welche, aber es hatte nie geklappt und da die Gefahr zu groß war und die beiden sich anboten einen zu nehmen, war es uns lieber so. Lieber sie wachsen getrennt auf, als dass sie in Gefahr sind. Immerhin ist Rudi Karls leiblicher Vater, das würde auch heute niemand anzweifeln. Er sieht ihm viel zu ähnlich. Wir wurden per Briefkontakt regelmäßig informiert wie es ihm geht und umgedreht ebenso.“
„Hm. Das tut mir sehr leid, Gesine. Ich verstehe es. Lieber so als das Risiko erneut beide zu verlieren?“
„Genau.“, brachte sich Georg mit ein. Er hatte inzwischen sein Buch bei Seite gelegt und war aufgestanden und zu Gesine gegangen. Er fasste ihre Hand und sah aus dem Fenster.
„Das Risiko, dass sich die beiden mal mehr mögen als geplant, das haben wir zwar im Hinterkopf gehabt, aber dann erst zu spät bemerkt. Ich…ich war einfach nur so glücklich, wenn ihr alle um mich herum wart und ich euch beobachten konnte. Durch eure Besuche im Imbiss konnte ich Karl-Heinz auch besser kennenlernen und das war zu schön, als dass ich über solche Folgen nachgedacht habe.
Wenn Betty irgendwann mal die Wahrheit erfährt, dann wird sie mich sicher dafür hassen, aber wir können jetzt nichts mehr tun. Und der Kontakt ist nun unterbrochen und wir haben nicht grundlos zugestimmt, dass wir herziehen. So sind sie weit voneinander entfernt. Es soll sie auch auf andere Gedanken bringen, denn Karl wäre in Deutschland sicher ständig in den Medien und irgendwann hätte sie sich doch in den Zug gesetzt. So wie neulich bei unserem Streit. Hier kann sie nicht einfach wegfliegen.“ Genzo stand plötzlich auf.
„Gut, macht euch jetzt keinen Kopf mehr darum. Meine Familie wird ab jetzt für euch da sein, okay?“
Eine besondere Begegnung
Kapitel 154
Eine besondere Begegnung
Es schlug 8 Uhr in der Früh, die Vögel zwitscherten im Garten der Wakabayashis und die Eltern wie auch die Brüder von Genzos Familie saßen bereits am Frühstückstisch und warteten auf ihren Besuch.
„Nanu, sie sind doch sonst immer so früh wach und pünktlich zum Frühstück da.“, wunderte sich einer der Brüder.
„Ja, seltsam. Genzo fehlt auch. Da stimmt was nicht.“, äußerte der Vater und stand auf. Genau in diesem Moment kommen Tinas Eltern mit Genzo zusammen durch die Tür des großen Esszimmers.
„Guten Morgen.“
„Wo habt ihr Tina gelassen?“
„Die ist nicht zu finden. Sie schrieb nur einen Zettel, dass sie schon draußen laufen ist, aber gefunden habe ich sie nicht.“, berichtete Genzo verwundert.
„Und wenn sie das Grundstück zum Laufen verlassen hat?“, vermutete Nyoko. „Na toll. Das würde nur zu gut zu ihr passen. So weiß am Ende keiner wo sie ist. Und ich muss nachher los zum Team, Tsubasa verabschieden.“
„Naja, sie wird sich schon nicht verlaufen. Macht nicht so ein Drama draus.“, fügte der älteste Bruder an.
„Hm, sie wird schon zurechtkommen und weiß ja wo wir sind. Sie hat ein Handy dabei. Ich versuche sie mal anzurufen.“ Georg holte sein Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer. Es ging jedoch niemand ran.
„Naja, sie weiß jetzt, dass sie sich melden muss.“, versuchte er ruhig zu bleiben. „Dieses Mädchen, manchmal macht sie es einem aber auch schwer.“, hauchte Gesine etwas entnervt aus und grinst dann aber. Sie vertraute Tina. Verlaufen kann sie sich nicht, dafür waren sie immer viel zu viel in fremden Gegenden unterwegs und sie hat einen guten Orientierungssinn.
„Dann lasst uns erstmal essen. Spätestens wenn sie Hunger hat, dann kommt sie wieder.“, lachte Satoshi.
„Stimmt, und es ist hell. Was soll passieren?“
„Das stimmt. Und wenn ihr doch mal wer zu nahekommt, kann sie sich jetzt auch verteidigen, denn Martin hat ihr viele Tricks beigebracht und Judo haben die Kinder ja hier auch alle in der Schule. Das passt doch gut.“, sprach Gesine beruhigt mit stolzer Stimme und setzte sich neben Nyoko.
„Das hat auch was Gutes. So können wir reden.“, sprach Satoshi und forderte das Personal auf den Raum zu verlassen und die Türen zu schließen, nachdem sie jedem Kaffee eingeschenkt hatten.
Zur selben Zeit bewegten sich leichte schnelle Schritte durch den Park auf dem Hügel des Nankatsu-Schreins. Schon seit Tinas Ankunft in Japan sah sie immer hier hoch, direkt auf diesen Hügel, denn er war von Genzos Grundstück aus gut zu sehen und strahlte eine besondere Magie aus. Er erzählte damals, als er zu ihnen kam, von seinem Freund, der ihm von hier oben aus, einen Ball mit einer Herausforderung zugeschossen hatte. Direkt auf sein Grundstück, dabei war das so weit weg. Natürlich nahm er diese Herausforderung an und so begegnete er das erste Mal seinen nun besten Freund Tsubasa. Er erzählte so viel von ihm und als Tina damals am Flughafen die Verwechslungsaktion hatte, hielt sie einen anderen Jungen für diesen, weil sie davon ausging, es sei er, der die Kapitänsbinde trug und so stark aussah. Denn in ihrer Vorstellung musste dieser Junge unwahrscheinlich stark sein, wenn er so einen Schuss draufhatte.
Tina freute sich endlich mal hier hochzulaufen, denn das wollte sie schon sehr oft, aber immer musste sie auf dem Grundstück bleiben oder ihre Eltern waren irgendwie dabei. Endlich stand sie nach gut einer Stunde angenehmem Laufen an der Stelle, die diese unbeschreibliche Aussicht bot. Sie lief sofort direkt an die Brüstung, ohne sich weiter umzusehen und hielt die Arme weit auseinander.
„Wie schön es hier ist! Das ist ja traumhaft!“ Sie sah sich die Aussicht genauer an und begann links von sich bei den Bergen im Hintergrund der Stadt. Sie ragten hinter den bewirtschafteten Feldern der Bauern stolz und mit viel Wald in die Höhe. Dann kamen ein paar einzelne Häuser, die vermutlich zu den Ländereien gehörten und dann war das Wasser von der schönen Bucht und die Hügel dahinter zu sehen. Der Hafen erstreckte sich einmal von dort bis nach ganz weit Rechts, wo sich dann das Zentrum mit dem Fluss mit seinen Ausgleichflächen und ganz weit hinten ein großes Kraftwerk befand. Die meisten Kühltürme hatten heute Pause, sonst hat sie diese immer in Aktion gesehen, wenn der Wasserdampf hochstieg.
„Perfekt der Tag. Sogar dieses Monster macht mal eine kleine Pause. Nur die kleinen sind heute an.“ Etwas seltsam kam es ihr vor, aber egal, denn heute war ein schöner sonniger Tag und der herbstliche Wind war nicht unangenehm, sondern sogar recht warm und roch angenehm sauber mit einer Prise Meeresduft mit Wald zugleich. Das mochte sie besonders gerne. Dann erblickte sie Genzos Grundstück mit der großen schönen herrschaftlichen Villa, die nach europäischem Vorbild gebaut worden war. Das Grundstück nahm eine sehr große Fläche ein. Von hier oben konnte man das mal so richtig wahrnehmen. Es war ein gutes Stück weg, aber sogar Nyokos Rosenbeete konnte sie deuten. Das Volleyballfeld stand direkt neben Genzos Tor mit dem etwas kleinerem Fußballfeld.
Tina legte ihren Rucksack ab, holte eine Decke heraus, legte diese direkt an die Brüstung und kramte dann ihre Frühstücksbox raus und eine kleine Thermosflasche. Sie setzte sich im Schneidersitz auf ihre Decke und genoss ihr Frühstück. Eine unbeschreiblich angenehme Morgenstimmung umgab sie mit dem Rauschen des Herbstlaubes in den Bäumen, den zwitschernden Vögeln und dann waren sogar die kleinen Glocken vom Windspiel des Schreins hinter ihr zu hören. Einen schöneren Morgen konnte man sich gar nicht vorstellen. Da beschloss sie als Erinnerung ihr Tonband anzumachen. Naturaufnahmen mochte sie auch sehr gerne. Dabei konnte sie gut einschlafen, wenn es ihr mal schlecht ging.
Während sie ihr zweites Stück Brot aß und dann vom Apfel abbiss, ertönten plötzlich hinter ihr ein paar unangenehme Laute und Stimmen. Die passten so gar nicht in diese schöne Stimmung. Tina sah sich um, plötzlich kamen ein paar jugendliche Mädchen an ihr vorbeigelaufen. Voran ein einzelnes Mädchen in einer weißen Jacke mit blauen Punkten, das scheinbar vor den anderen weinend weglief. Das eher zarte Mädchen wurde von den anderen umzingelt und lief dann in ihre Richtung, sie wollte zur großen Treppe neben der Aussicht. Es stellte sich jedoch jemand davor.
‚Was hat das denn zu bedeuten?‘ Tina sah sich die vier Mädchen genauer an, sie hatten es eindeutig auf das Mädchen abgesehen.
„NA, Nakazawa? Heulst du dir wieder die Augen aus? Wenn dein angeblicher Liebster erst weg ist, kommt er ganz sicher nicht deinetwegen wieder zurück. Der hat bald eine ganz andere Freundin. Kannst uns glauben.“ Plötzlich blieb das Mädchen stehen und schrie die anderen wütend an.
„Ihr habt doch keine Ahnung! Lasst mich einfach nur in Ruhe!“
„Du bist doch sowas von naiv. Komm her, wir zeigen dir was dich bald erwarten wird.“
„Dann kommt doch her, ihr Feiglinge! Was soll das bringen? Wollt ihr mich jetzt verprügeln oder was soll das werden?“
„Glaubst du echt einer von den anderen heult dir eine Träne nach? Ohne ihr Zugpferd bist du doch gar nichts mehr wert.“
„Das…das stimmt nicht! Alle sind meine Freunde und wenn ich nicht alleine wäre, würdet ihr euch das nicht wagen! Verzieht euch, sonst…“
„Sonst was?“, kam die Eine weiter auf das Mädchen zu und diese stolperte plötzlich über ihre eigenen Beine und fiel zu Boden und schrie laut auf vor Schmerzen. Tina sah genervt zu ihnen und sprach endlich ein Machtwort.
„Ihr stört mich beim Frühstücken! Tragt euren Zicken-Kram woanders aus!“ Alle sahen verdutzt zu ihr. So richtig wahrgenommen hatte sie noch niemand und dann tauchte aber ihr Gesicht hinter Nakazawa auf und stopfte sich den letzten Happen vom Apfel in den Mund. Noch saß sie auf der blauen Decke in ihrem Schneidersitz.
„Wer bist du denn? Seit wann laufen um diese Zeit Touristen hier rum?“, fauchte eine zurück. Tina kaute ihren Apfel zu Ende und schluckte das Stück dann herunter. Ihre Ruhe ließ die anderen verdutzt schauen.
„Ich bin kein Tourist. Oder laufen Touristen mit Jogginganzug durch eure Parks?“, kam dann als Konter. Sie sprach bewusst mit sehr fester Stimme.
„Werde ja nicht frech du Amerikaner. Was hast du schon zu melden? Pass also auf was du sagst.“
„Pass du mal auf was du sagst. Ich komme nicht aus Amerika, sondern aus Deutschland!“, kam von Tina zurück. Fane sah total verwundert zu Tina.
‚Wer ist der deutsche Junge? Warum legt er sich jetzt mit den Mädels an? Will er mir etwa wirklich helfen?‘
„Spiel hier nicht den Helden! Was willst du schon gegen uns ausrichten? Wenn du eine von uns anfasst, dann regnet es Anzeigen, klar?!“ Tina war etwas verwundert. Was waren denn das plötzlich für seltsame Töne? Sie hatte auf einmal den Anschein, dass die Mädchen sie für einen Jungen hielten. Natürlich war das für sie ein gefundener Aspekt, den sie in diesem Fall sehr gut für sich nutzen konnte, denn mit dieser Rolle war sie noch sehr vertraut.
Entschlossen stand sie mit maskulinen Bewegungen auf und stellte sich elegant neben Fane, bat ihr ihre Hand an, lächelte smart zu ihr herab und fragte höflichst, ob es ihr gut gehe.
„Alles okay, Süße?“ Diese war plötzlich etwas verlegen, als sie zu ihr hochsah und in die türkiesblauen Augen blickte, die sich unter der Kapuze versteckten.
‚Wer ist das nur? Der ist ja charmant. Aber irgendwie auch frech. Nennt er mich einfach „Süße“, echt mal.‘ Statt jedoch Tinas Hand anzunehmen stand sie von sich aus auf und stellte sich hinter sie.
„Danke, es muss. Du…du musst mir nicht helfen.“, sagte sie nur schnell und verlegen. Dann sah sie auf den schwarzen Trainingsanzug, welchen Tina noch trug und etwas zu groß für sie war. Sie hatte ihre Haare darunter zusammengebunden zu einem Zopf, so wirkte sie vermutlich unter der Kapuze weniger wie ein Mädchen. Die Kapuze verdeckte ihre Haare und man konnte von Weitem nur die schattigen Gesichtszüge sehen.
„Ehrensache. Wenn ich einer Frau in Not helfen kann, dann ist das eine Ehre.“ Mit einem stolzen aufrechten Stand und den Händen als Fäuste in den Taschen, etwas unauffällig mit der Schulter seitlich vorgeneigt, damit sie bedrohlicher wirkte und einem zornigen Blick, wand sie sich den Mädchen vor sich zu.
„Und jetzt zu euch Vorstadtgrazien. Verzieht euch gefälligst, ich mag es überhaupt nicht, wenn mich jemand beim Essen stört. Ihr habt die ganze Stimmung und die Ruhe gestört! Ich mag keinen Lärm um mich!“, kam eine strenge brummige Stimme mit dem zornigen Blick.
‚Wow, der hat ja einen Blick drauf. Wer ist das überhaupt? Was bildet sich dieser Schönling denn überhaupt ein?‘
„Was heißt hier Vorstadt? Was bildest du dir ein?“
„Mit euren niedlichen 30.000 Leuten seid ihr doch Vorstadt. Ich komme aus Tokio, und da habe ich mich schon mit ganz anderen Kalibern von eurer Sorte angelegt. Geht also, ich mach da keine Unterschiede, wenn jemand bedroht wird.“
„Du glaubst was Besseres zu sein als wir, nur weil du aus Tokio kommst?“
„Nein, ich weiß es. Aber nicht, weil ich von dort komme, sondern weil ich solche Feiglinge wie euch hasse. Solche Weiber regen mich einfach nur auf!“
Zwei von den Mädchen gingen plötzlich auf Tina los und sie musste die Hände aus den Taschen nehmen und ihre Hände festhalten, als jeweils eine Faust kam. Doch sie hielt ihnen Stand und grinste nur selbstsicher. Sie war selbst erstaunt wie gut sie beide Fäuste abblocken und festhalten konnte. Sie drückte ihnen entgegen und zwang die beiden deutlich zurück. Sie drückte dann plötzlich so doll, dass die Mädchen ihre Arme runterließen. Ihr Training musste eindeutig Spuren hinterlassen haben. So schwach schienen die Mädchen gar nicht zu sein.
„Gut, dann so. Ich würde mich an eurer Stelle nicht mit jemanden anlegen, der regelmäßig Gewichte drückt, Leistungsschwimmen macht und Marathons läuft, aber bitte.“ Total verdutzt sahen die Mädchen zu ihr und gingen dann einen Schritt zurück.
„Nakazawa, wir sehen uns. Dein neuer Held wird nicht immer da sein!“
„Verzieht euch!“ Tina steckte ihre Hände wieder in die Hosentaschen und knurrte die Mädchen zornig an. Plötzlich machte sie einen stampfenden Schritt nach vorne und diesmal zuckten sie alle zusammen. Fane sah erstaunt zu ihrem Helden, der in ihren Augen einen sehr starken Eindruck machte und er war zwar nicht viel größer als sie, aber er erinnerte sie an den Mut ihrer Freunde aus dem Nankatsu-Team. Wäre nur einer von ihnen hier gewesen, dann hätten sie auch geholfen. Die Hilfe hätte je nach der Person zwar anders ausgesehen, aber geholfen hätten sie auf jeden Fall. Sie starrte auf den schwarzen Nacken der Person vor ihr. Die etwas zu groß geratene Jacke und etwas zu lange Hose wunderte sie, aber es war ihr egal. Dieser Fremde hatte ihr geholfen und dafür wollte sie sich natürlich bedanken. Die Mädchen entfernten sich langsam. Sie stellte sich neben die unbekannte Person und sah zu ihr auf.
„Vielen Dank, Fremder.“
„Keine Ursache. Du weißt aber schon, dass das hier eben noch Potenzial haben wird. Wie oft kommt das vor?“, kam nur als Antwort.
„Wie meinst du das?“ Tina drehte sich zu ihr um und sah sie ernst an.
„Na diese Drohung. Haben die das schonmal gemacht oder versucht?“
„Hm, naja, ein paar Mal. Aber es kam immer was dazwischen. Diesmal war ich wirklich mal alleine unterwegs und da haben sie mich wohl abgefangen.“
„Was wollen die von dir?“
„Ich weiß es auch nicht so genau.“
„Kennst du die Mädchen?“
„Ja, die waren schon immer solche Zicken. Aber früher haben sie es nicht gewagt mich anzugreifen. Gemeine Sachen haben sie schon immer mal gesagt, aber das geht einfach wieder am anderen Ende raus. Handgreiflich wurden die erst seit ein paar Wochen. Ich weiß nicht was los ist.“
„Geht ihr auf die gleiche Schule?“
„Ja, naja, was soll ich machen? Ist eben so.“, ließ sie den Kopf hängen. Dann reichte sie ihm die Hand.
„Ich bin übrigens Sanae, aber Freunde nennen mich Fane.“ Freundlich nahm Tina ihre Hand an und lächelte.
‚Wieso sagt mir der Name was?‘
„Bettina, aber nenn mich einfach Tina.“ Fane sah sie total verdutzt an.
„Wie jetzt? Ist das nicht…ein…Mädchenname? Oder…ist das wie so oft bei uns für beide?“ Tina grinste und nahm kurz die Kapuze ab. Ihr Zopf war mit der goldenen Spange am Hals zusammengeklemmt.
„Ne, Bettina ist nur für Mädchen. Kommt aus dem italienischen Raum.“
„Oh, ich glaube wir haben alle echt gedacht, du bist ein Junge. Bitte entschuldige.“ Tina kicherte etwas.
„Das ist mir aufgefallen, also dachte ich, ich spiel das Spielchen mal mit, das kann in dem Fall ja nur hilfreich sein.“ Beide fingen an zu lachen und Fane sah sie begeistert an.
‚Wie mutig sie ist. Als Mädchen ist sie ja dann noch mutiger.‘
„Und was hättest du gemacht, wenn es Jungs gewesen wären?“
„Oh, dann hätte ich die Mädchenkarte ausgespielt. Von einem Jungen in meiner Größe lässt sich so schnell niemand beeindrucken, aber wenn ihnen ein Mädchen Parole bietet, dann verunsichert es sie und sie machen Fehler. So wie die Mädchen eben auch.“
„Fehler? Welchen Fehler haben sie gemacht?“
„Oh, das waren mehrere. Zuerst haben sie mich beim Essen gestört, das mag ich so gar nicht. Ich bin dann wie ein Hund der knurrt oder eine Katze, die um sich faucht. Und dann, schau mal oben an die Laternenmasten.“ Fane sah hoch wo sie hinzeigte.
„Oh, Kameras. Ist mir noch nie aufgefallen, aber ja. Wir sind hier an einem öffentlichen Raum und hinter uns ist ein Abgrund. Manche solche Gegenden werden wegen der Selbstmordrate Japans überwacht.“
„Genau. Und wenn die keinen Ton haben, dann gibt es zufällig noch diesen hier.“ Tina zog wie von Zauberhand ihr Tonbandgerät aus der Jackentasche.
„Oha. Wieso hast du das Ding denn mit?“
„Ich lerne damit meine Sprachen. Und vorhin habe ich die schönen Naturklänge aufgenommen, damit ich was Schönes zur Erinnerung habe.“
„Das ist genial. Du bist echt klug.“
„Die Mädchen waren einfach dumm. Wie konnten sie mich für einen Jungen halten, wenn die Indizien doch für mich sprechen.“
„Oh, welche?“ Tina drehte sie zu ihrer Decke.
„Na ganz ehrlich, welcher Kerl sitzt hier einfach rum und picknickt auf einer Decke? Ein Typ hätte sich einfach auf die Bank gesetzt, oder? Und dann…schau mal genauer hin, das war von weitem ja wohl zu sehen.“ Fane sah sich die Decke und was darauf lag, genauer an.
„Ach ne…du hast Recht. Das habe ich nicht gesehen, weil ich so aufgeregt war.“ Sie ging zur Decke und zeigte auf die Flasche wie auch auf die Brotdose.
„Alles Hello Kitty. Du magst die Katze wohl?“
„Oh ja, ich liebe sie. Das soll übrigens ein Mädchen sein, keine Katze.“
„Echt? Ich habe mich damit noch nie beschäftigt.“
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt beide einfach weiter picknicken? Oder hast du es eilig? Was sagt denn eigentlich dein Bein? Bei der ganzen Aufregung habe ich das ganz vergessen. Du bist echt böse gefallen und hast verdächtig geschrien.“
„Wird schon nicht so schlimm sein. Unter der Strumpfhose ist eh nichts zu sehen.“
„Oh, unter der Hose hast du noch eine Strumpfhose an? Dann zeig mal lieber doch gleich her. Das kann sich doch durch den Hautkontakt viel schneller entzünden, wenn doch was ist. Setz dich mal auf die Bank bitte. Hast du denn Schmerzen?“ Sie nickte und setzte sich hin. Jetzt merkte man, dass sie etwas humpelte.
„Es tut wirklich weh. Kennst du dich damit aus?“
„Ein wenig, ich habe schon seit Jahren Erste Hilfe gelernt und jetzt habe ich gerade meinen Rettungsschwimmer gemacht. Wo genau tut es weh? Am Knie?“ „Ja, ach dann war das eben keine Finte, als du was von Schwimmen und Laufen erzählt hast?“
„Etwas. Das war früher mal, jetzt spiele ich Volleyball.“ Fane kniff die Augen zu, als sie das Hosenbein hochkrempelte.
„Es tut dir sehr weh, oder?“, sprach sie besorgt und kurz darauf war die Bescherung schon zu sehen. Die braune dünne Strumpfhose war kaputt und das Knie blutete. Es war erstaunlich tief, aber es war eine große Abschürfung mit mehreren Stellen über das gesamte Knie versehen. Unter der Hose hätte man das mit dem Bisschen Abrieb gar nicht so schlimm vermutet. Das Blut lief die Strumpfhose herunter, wurde aber zum Glück von ihr auch etwas aufgehalten. „Das sieht nicht gut aus. Das muss sofort gereinigt werden und die Blutung muss gestoppt werden. Es ist schlimmer als ich vermutet habe.“, sprach Tina ernst. Sie griff zum Handy und bemerkte endlich, dass ihr Vater angerufen hatte.
„Oh, mein Vater hat mich angerufen. Hast du ein Handy oder die Nummer deiner Eltern im Kopf? Dann kann man dich hier abholen kommen.“
„Nein, sowas habe ich nicht. Meine Eltern sind unterwegs, sie könnten nicht helfen.“
„Hm, Dein Hausarzt hat sicher heute auch zu, wie alle anderen, oder?“
„Ja, ist ja Sonntag. Bleibt leider nur die Klinik.“
„Wo ist die denn?“ Fane stand auf und humpelte mit Tina zusammen zur Aussicht vor.
„Siehst du dort unten rechts neben der großen Villa? Wenn du von deren Mauer aus zehn Häuser abzählst Richtung Hafen, dann ist es dort das große Haus mit dem grauen flachen Dach.“
„Oha, das ist ein gutes Stück. Oh man. Abe rimmerhin haben die einen Hubschrauberplatz. Wäre jetzt nur etwas übertrieben für dich.“, grinst sie und setzte sie wieder auf die Bank.
„Mein Fuß tut leider auch weh. Ich glaube der ist verstaucht. Deswegen bin ich ja hingefallen, weil ich umgeknickt bin.“
„Ja, das sehe ich. Es wird schon dick, stimmt. Verdammt. D kannst unmöglich laufen.“
„Hast du sonst noch irgendeine Nummer, die wir anrufen könnten?“
„Die habe ich alle nicht im Kopf. Tut mir leid,“
„Für einen richtigen Krankenwagen ist es glaube nicht schlimm genug. Dann bleibst du auf den Kosten hängen. Ich werde dich jetzt erstmal so gut es geht versorgen und dann bringe ich dich runter zur Klinik.“, sprach sie ein ernstes Wort. Sie griff zum Handy und rief nun endlich ihren Vater zurück.
„Papa?“
„Bettina, na endlich. Wo bist du so früh schon hin?“
„Ich war laufen und picknicken. Aber jetzt egal erstmal. Ich habe hier ein Mädchen, die gestürzt ist. Sie müsste zur Klinik. Für einen RTW ist es sicher nicht schlimm genug. Ich könnte sie zwar tragen, aber auf dem Rücken wird es auf Dauer schwer, nicht, dass die Narben wieder aufgehen.“
„Wo seid ihr denn?“
„Auf dem Aussichtshügel beim Schrein. Du weißt sicher wo ich meine. Du müsstest nur gerade zu gehen und die Treppe hochkommen. Ich würde dir mit ihr entgegenkommen. Ein paar Meter schaffe ich sicher.“
„Okay, dann versorge sie erstmal und ich komme dir entgegen, dann geht es schneller. Die anderen sind leider alle unterwegs. Kläre aber bitte erst ab, ob sie sich überhaupt von mir als Fremden tragen lassen würde.“ Tina wand sich an Fane.
„Fane, würdest du dich von meinem Vater zur Klink tragen lassen? Ich würde es gerne selber machen, aber ich bin selbst am Rücken verletzt und kann das nicht für die ganze Strecke machen.“
„Wie jetzt, du willst mich tragen? Äh, ja. Meinetwegen. Du bist nett, also muss er auch nett sein. Ist okay. Laufen kann ich ja leider nicht mehr.“
Nachdem Tina ihre Wunde so gut es ging versorgt hatte, packte sie ihre Sachen ein und gab Fane den Rucksack, damit sie sie Huckepack nehmen konnte. Wenig später ging sie die große Treppe neben der Aussichtplatte herunter und endlich kamen sie nach gut 400 Stufen unten an.
„Was sagt dein Bein? Tut es doll weh, durch den Druck von meinem Festhalten, oder geht es so?“
„Es geht. Der Verband ist echt gut und angenehm. Ein Freund von mir hier will Arzt werden, er hätte es sicher auch nicht besser hinbekommen.“
„Seine Nummer hast du auch nicht?“
„Ich sagte doch, ich kenne keine Nummern von jemanden. Wir rufen uns hier selten an, sondern besuchen uns dann einfach.“ Gut, dann ab Richtung Villa. Soweit weiß ich noch von oben gesehen.“ Sanae war zwar an sich nicht schwer, aber im Verhältnis zu dem was Tina sonst an Gewichten drückte, war sie natürlich mit ihren 45 Kilogramm eine ganz andere Hausnummer.
„Es tut mir leid, dass ich dir solche Umstände mache. Ich bin erstaunt, dass du mich überhaupt tragen kannst, und dann so lange. Bei der Treppe war mir tatsächlich etwas mulmig dabei.“, gestand sie ihre anfängliche Furcht.
„Oh, glaube mal nicht was Adrenalin so alles auslösen kann.“ Plötzlich klingelte Tinas Handy. Sie machte neben einer Straße auf einem Gehweg eine Pause und rief dann zurück. Fane stand, aber musste mit ihrem Fuß auspassen. Sie bewunderte Tina, wie sie nicht einmal aus der Puste war.
„Ich bin es, Jun. Wie war dein Tag bisher? Hast du Genzo von uns gegrüßt?“
„Hi, ja klar habe ich das. Ich muss jetzt weiter, ein Mädchen in die Klink bringen.“
„Wie jetzt? Was ist passiert?“
„Sie ist auf die Knie gestürzt und hat es sich aufgeschlagen. Gleicher Fuß ist dummerweise umgeknickt. Gebrochen scheint er nicht zu sein.“ Tina reichte Fane das Handy und nahm sie diesmal mit beiden Armen vor sich hoch, so konnte Fane etwas am Bein entspannen und Tinas Schulter konnte etwas entlastet werden.
„Halt mir bitte das Handy ans Ohr. Ich kann auch nebenbei reden.“, sagte sie Fane an und los ging es wieder, nachdem der Rucksack auf Fanes Bauch gelegt wurde.
„Hm, vielleicht ist es eine Prellung und keine Stauchung. Aber ein offenes Knie ist riskant. Habt ihr es noch weit? Hast du es gut abgebunden?“
„Ja, Dr. Jun, habe ich. Noch irgendwelche klugen Ratschläge?“
„Klaro. Was sagt denn ihre Temperatur?“
„Sie hat noch kein Fieber, so lange ist das noch nicht her, dass da war passiert ist.“, brummte Tina spaßig zurück. Fane wiederum war plötzlich etwas verwundert.
‚Nanu, wen meint sie denn mit Dr. Jun? Sie kann doch unmöglich Misugi kennen.‘
„Tina, wer ist das? Ein Freund aus Tokio?“, fragte sie ganz vorsichtig.
„Ja, genau. Er will wie dein Freund, auch Arzt werden.“
„Oh, auf welche Schule gehst du eigentlich?“
„Also Tokio hat unzählige Schulen. Ob du da nun meine kennst, weiß ich nicht. Ich bin auf der Musashi wegen der Sprachen.“ Fane war plötzlich total erfreut, als sie das hörte.
„Oh wirklich? Und in welche Klasse gehst du? Ich habe dort Freunde, die heißen Jun und Yayoi.“ Plötzlich hielt Tina an und sah sie verdutzt an.
„Na so ein Zufall. Jun, hast du das gehört? Kennst du eine Fane und ist Yayoi bei dir?“
„Ist nicht wahr. Sag jetzt nicht die Verletzte ist Fane Nakazawa?“
„Hallo Jun! Ich fass das nicht.“, nahm Fane den Hörer selbst in die Hand und sprach hinein. Dann machte sie den Lautsprecher an.
„Das ist ja wohl nicht wahr...“ Er pausierte.
„Du schleppst dann aber eine echt wertvolle Ware mit dir rum. Was heißt hier eigentlich in die Klink bringen? Du kannst doch noch gar nicht fahren, oder habt ihr ein Fahrrad dabei?“
„Tina trägt mich, so wie ein Junge. Hi hi. Ist komisch, ja. Sie ist echt stark. Wir sind schon die große Treppe runter und gleich bei der Villa.“
„Bei der Villa? Aber von dort aus sind es noch über zwei Kilometer. Kann dich keiner von den anderen bringen?“
„Nein, die sind doch alle am Bahnhof sich verabschieden. Ich wollte auch nur noch schnell das Essen zum Schrein bringen und dann zum Bahnhof. Aber naja, hat sich ja nun erledigt.“
„Soll das jetzt heißen du kannst dich jetzt nicht mal richtig verabschieden?“ Fane wurde traurig.
„Ist...nicht schlimm. Ich...wir haben uns doch gestern im Park gehabt. Das war so schön mit euch allen. Es...geht ja jetzt nicht anders. Alles nur wegen diesen dummen Ziegen.“, begann sie plötzlich zu weinen und hielt sich an Tina fest.
„Es tut mir leid. Er wird mir sicher verzeihen. Der Zug fährt schon in einer Stunde ab und ich schaffe es nicht mehr. Anrufen kann ich auch niemanden.“
„Fane, wie meinst du das? Wer wird dir verzeihen? Du willst jemanden verabschieden?“, brachte sich Tina ein.
„Ja, meinen Freund, weißt du? Er...er geht für einige Jahre ins Ausland und wir...werden uns lange nicht sehen.“
„Und ihr wart gestern mit Jun im Park in Tokio, oder wie soll ich das verstehen?“
„Ja, er wollte sich dort von seinen Freunden verabschieden. Das war ein ganz toller Tag.“ Tina stutzte und blieb stehen. Am Wegesende konnte sie ihre Eltern entdecken. Ihr Herz schlug bis zum Anschlag. Was hatte das jetzt zu bedeuten? Dann gehörte dieses Mädchen etwa zu Juns und Genzos Fußballfreunden?
„Tina...hör zu. Du kannst ihr vertrauen, glaube mir. Okay? Sanae ist wie Yayoi Managerin, nur ein anderes Team, das Siegerteam der letzten Jahre. Du weißt doch sicher was das heißt? Spreche mit ihm darüber. Unser gemeinsamer Freund wird mir zustimmen.“ Dann legte Tina einfach auf. Sie starrte Fane mit ihrem weinenden Gesicht an und wartete auf ihre Eltern.
‚Fane? Die Managerin vom FC Nankatsu? Genzo hat sie hin und wieder erwähnt. Er meinte sie war eine bessere Hilfe als die Mädels, die uns unterstützten. Sie war zwar sehr zickig, aber stets für sie da und hat ihnen jede Arbeit abgenommen.
„Fane...jetzt...sagt mir der Name doch was.“, hauchte sie plötzlich aus. In diesem Moment waren ihre Eltern nah genug, um sich endlich zu begrüßen.
„Bettina, was ist denn nur passiert?“, sprach ihre Mutter besorgt und berührte ihre Schulter. Sie sah zu Fane, welche inzwischen neben ihrer Tochter stand. Fane sah ihre Mutter total verblüfft an.
„Wow, Sie sind ja schön. So habe ich mir als Kind immer eine echte Prinzessin vorgestellt. So schöne lange blonde Haare und diese Locken. Wie ein Dornröschen.“, haute Fane ihr gleich um die Ohren. So schnell ihre Tränen auch da waren, waren sie nun wieder weg. Dann sah sie an ihr vorbei zu Tinas lächelnden Vater. Er verstand zwar nicht wirklich, was sie gesagt hatte, aber es klang nett. Er trug schlicht blaue Jeans und ein blaues T-Shirt mit dicken Querstreifen sowie eleganten Turnschuhen. Seine Hände waren in den Hosentaschen. Das war so seine Art.
‚Der Vater sieht auch nett aus. Sehr groß scheint er aber nicht zu sein. Ich dachte deutsche Männer sind größer, eher so groß wie Jito, unser Verteidiger.‘
„Papa, Fane muss zum Bahnhof. Es eilt. Das kann sie noch vor der Klinik machen. So schlimm ist die Verletzung auch nicht. Ich habe sie bereits gereinigt und ihr eine Kompresse gemacht. Sie darf nur halt nicht groß auftreten und sollte Bewegungen meiden, wegen der Verstauchung oder Prellung. Ihr Fuß ist dick. Aber der Zug fährt in einer Stunde.“
Tina will zum Tor der Villa gehen, um dort den Fahrdienst zu rufen.
„Das ist zwecklos. Wir rufen ein Taxi, es ist niemand mehr da.“
„Ich freue mich schon dir meine Freunde vorzustellen. Die werden dich sicher alle mögen, schon alleine, weil du mich gerettet hast und weil du Jun und Yayoi kennst.“
„Fane, ich...kann euch nicht begleiten. Tut mir leid. Bitte, wir reden später. Sag ihnen nicht, dass ich es war, die dir geholfen hat. Das ist ganz wichtig, okay? Sag dann einfach, es war ein fremder Junge. Ich kann es dir jetzt nicht auf die Schnelle erklären, aber es ist wirklich sehr wichtig. Jun sagt, ich kann dir vertrauen, aber es ist jetzt keine Zeit.“ Es wurde ein Taxi gerufen.
„Aber Tina, warum denn? Warum willst du denn nicht mitkommen? Das sind zwar alles Jungs, aber die sind alle total nett.“
„Nein, ich...fahrt alleine. Ich kann nicht, tut mir leid. Mama, Papa? Passt auf, dass euch keiner sieht. Nicht, dass euch jemand erkennt. Bleibt am besten im Taxi. Fane, bitte, wende dich später nur an Genzo, okay? Fahr mit seiner Familie zur Klinik. Wir...sind Freunde, aber es darf niemand wissen. Wir…wir müssen ihn beschützen. Wir müssen Genzo beschützen.“, sagte sie flüsternd und fasste kurz Fanes Hand und sah ihr streng in die Augen.
„Bettina, wir passen auf.“, sprach Georg mit fester Stimme.
‚Tina? Was hat das zu bedeuten? Ihr müsst Genzo beschützen? Aber wovor denn nur?‘
„Mama, willst du wirklich zum Bahnhof?“ Sie strahlte sie plötzlich an.
„Ja, die Gelegenheit bekomme ich sicher nie wieder. Ich will Genzos Freunde wenigstens mal sehen. Er hat immer so von ihnen geschwärmt.“
Fane sieht Tinas Mutter überrascht an.
„Sie sind Freunde von Genzo?“ Alle drei nicken und Gesine und Georg stiegen mit Fane ins Taxi, als es vor ihnen anhielt.
Wer ist der Fremde?
Kapitel 155
Wer ist der Fremde?
Es war bereits mittags und Genzo war noch immer bei seinen Freunden auf dem Fußballfeld und kickte mit ihnen einfach nur aus Spaß. Eigentlich wollten die beiden den Nachmittag gemeinsam verbringen, aber durch die Verabschiedung von Tsubasa ergab es sich, dass alle zusammen wieder zu ihrer Schule gingen und sich noch amüsierten, denn auch Genzo war lange nicht mehr da und das musste genutzt werden. Wenn er nicht mit ihnen spielen würde, wäre es aufgefallen, denn jeder wusste, dass ihm seine Freunde das Wichtigste waren.
Tina hatte sich mit ihm zur Kaffeerunde bei seinen Eltern verabredet, sie wollten dann noch etwas miteinander trainieren und von dort aus sollte es dann mit Taxi direkt zum Bahnhof gehen, um die letzte Shinkansen-Tour nach Tokio zurück zu nehmen. Sie kämen dann zwar erst gegen Mitternacht an, aber das war egal, vorher konnte ohnehin niemand schlafen. Wenn sie Genzos Eltern besuchten, dann fuhren sie immer mit dem letzten Zug.
Somit schnappte sie sich wieder ihren Trainingsanzug, die schwarze Bauchtasche mit Handy, Tonband sowie Geldbörse und verließ das Anwesen. Gesine und Georg nutzten das schöne Wetter und gingen mit Genzos Eltern Spazieren, um dann jemanden zu besuchen.
Sie blieben nach gut einer Stunde vor einem modernen Wohnhaus stehen. Es wirkte wie eine Mischung aus japanischer und mediterraner Architektur, irgendwie dazwischen. Gesine war sofort begeistert von der Optik des Einfamilienhauses.
„Das ist sehr geschmackvoll. Wow. Und diesen Architekten kannst du uns empfehlen?“
„Ja, er ist ein alter Schulfreund von mir und wir sind noch immer befreundet. Er ist ein Genie in seinem Beruf und seine Frau ist Innenarchitektin und Raumdesignerin. Sie agieren im gesamten Land, aber sind besonders viel in Tokio unterwegs, denn dort sind nach wie vor viele Flächen frei, wo Häuser wegen Baumängel abgerissen wurden und nicht alles darf Gewerbe sein. Oft wird gemischt. Ihr habt doch schon das Viertel neben dem Flughafen angesprochen, wegen der besseren Grundstückspreise. Wenn euch die beiden dort was ausfindig machen, dann brummt da gar nichts im Haus. Da können die Flugzeuge fliegen wie sie wollen, denn sie bauen auch viel für Musiker und große Veranstaltungshallen, die mitten in Wohngebieten stehen. Da hört keiner was. Ich habe euch angekündigt.“, erklärte Satoshi und betätigte die Klingel.
„Hallo, kommt rein. Die Hunde sind schon angeleint, also keine Angst.“, kam eine freundliche männliche Stimme durch die Sprechanlage.
Am anderen Ende der Leitung stand der Herr des Hauses und sah sehr überrascht durch die Kamera.
„Eindeutig Freunde aus Deutschland. Ob das die Eltern von diesem Mädchen sind?“, vermerkte er zu seiner Frau, die neben ihm stand.
„Meinst du das, welches mit Genzo in derselben Klasse war und sie sich angefreundet haben?“
„Ja, was mag das für ein Mädchen sein, dass sich mit einem arroganten Dickkopf wie ihm anfreunden kann?“
„Keine Ahnung. Er hat sie sicher immer vor den anderen beschützt. Du kennst ihn doch, er mag sonderbar und eingebildet sein, aber einem Mädchen in Not würde er natürlich immer helfen.“
„Ich bin gespannt, hast du ihre Haare gesehen? Wie schön lang die sind. Sie sieht in der Kamera schon total schön aus.“, ergänzte sie noch.
„Du erst wieder. Sei einfach Profi wie immer und gut ist. Hauptsache du zickst mit Nyoko nicht rum. Wenn wir die beiden von unserer Arbeit überzeugen können, dann könnte man eventuell mal über ein richtiges Standbein in Europa nachdenken. Das wäre was für die Kinder, die doch eh mal ins Ausland wollen.“ „Du hast Recht, eine normale Familie ist etwas anderes als Empfehlungen von Geschäftspartnern. Das ist viel authentischer und mir machen die Privathaushalte viel mehr Spaß, als die gewerblichen Einrichtungen.“
Es wurde die Haustür geöffnet und der Besuch ging ruhig und gelassen durch den Vorgarten. Etwas abseits saßen die zwei Dobermänner, angeleint an einem großen Baum im Schatten. Einer saß, der andere lag auf dem Rasen. Gesine sah begeistert zu ihnen, lächelte und winkte ihnen zu.
Zum Erstaunen der Hausbesitzer standen beide überrascht auf ihrer Veranda und sahen zu, wie Gesine aus der Ferne mit den Hunden kommunizierte.
„Ihr seid aber zwei hübsche Wachhunde. Ich habe leider keine Zeit für euch.“, sprach sie liebevoll und beide fingen an zu hecheln und wedelten freudig aufgeregt mit den Schwänzen und dem gesamten Körper, als würden sie am liebsten gleich mit Gesine spielen wollen. Sie blieben jedoch genau auf ihrem Platz stehen.
„Sieh dir das an, Schatz. So haben die ja noch nie auf fremden Besuch reagiert. Nicht mal Satoshi und Nyoko lösen diese Reaktion aus.“, vermerkte die Frau. „Wohl wahr. Erstaunlich. Vielleicht planen wir nachher mal ein paar Minuten mit den Hunden zusammen ein. Mich würde sehr interessieren wie sie miteinander umgehen. Die beiden sind sehr streng erzogen und nicht mal unsere Kinder trauen sich mit ihnen zu spielen.“
„Das stimmt, war mir immer viel zu gefährlich. Sind doch Wachhunde und keine Spielhunde zum Knuddeln. Dafür sind die anderen beiden da.“
Kaum standen die Besucher vor ihnen, wurde sich höflich verbeugend begrüßt. „Herzlich willkommen. Treten Sie ein.“ Gesine wand sich gleich an die Dame des Hauses.
„Sehr schön sieht das alles aus. Ich mag es sehr, wenn man Stile kombiniert. Von außen wirkt das Haus, als würde man in Italien sein und habe einen japanischen Touch eingebracht.“
„Das war auch so gewollt. Sie haben es gleich erkannt. Das ist schön.“, freute sich die Japanerin. Die Frauen begaben sich in den großen Wohnbereich, dort war bereits der Esstisch gedeckt mit Kaffee, Tee und Keksen und kleinen japanischen Snacks.
Zeitgleich etwas weiter entfernt am anderen Ufer des Flusses, welcher aus den Bergen kam, friedlich an den Atommeilern vorbeizog und sich bis zum Hafen erstreckte, lief Tina den Weg am Strom entlang. Sie hatte ein zügiges Tempo drauf und diesmal hatte sie ausnahmsweise ihre Kopfhörer nicht auf, obwohl sie mit dem Tonbandgerät in der Bauchtasche lagen. Nach einer Weile kam sie an mehreren Sportplätzen vorbei. Es wurde alles Mögliche gespielt, aber Fußball stand bei den Freizeitkickern im Vordergrund. Da die meisten Trainingsanzüge oder normale Sachen trugen, störte es sie nicht so sehr und sie beachtete die Kinder und Jugendlichen gar nicht und sah einfach nur geradeaus. Auch Volleyball wurde gespielt, da machte sie dann mal endlich eine Pause, stellte sich an die Seite der Laufstrecke und sah von Weitem zu. Es waren Jungs in ihrem und etwas höherem Alter, vermutlich Oberschüler. Sie sah ihnen eine Weile zu.
‚Nicht schlecht, das ist kein freizeitliches Spielen mehr. Ob das das Team von hier ist? Die Männer sollen gar nicht so schlecht sein. Die Frauen haben es hier nicht ganz so drauf, aber die Herren standen soweit ich weiß bei unseren Jungs mit auf der Liste. Aber der Platz war etwas weiter unter unseren.
Gegen meine Mädels hätten die jedoch keine Chance. Ich glaube ihnen fehlt eindeutig die Kraft in den Armen und die richtige Technik. Den Libero setzen sie auch noch nicht gut ein.
Hm. Ob das unser Verteil sein wird, wenn die anderen immer noch nicht nach den neuen Regeln spielen können? Der Aufbau ist doch dadurch anders. Unsere Mädels haben auch Probleme sich an den neuen Spielfluss zu gewöhnen.‘
Nach ein paar Minuten wurde sie von jemandem auf dem Feld bemerkt und die Jungs schauten alle zu ihr hoch.
„Wer mag das sein? Ein Neuer, hier in der Gegend?“
„Immerhin hat er Geschmack, uns schaut schon ne Weile keiner mehr länger zu.“
„Ja echt mal, ständig reden die nur noch vom Fußball, das nervt gewaltig. Nationaltitel drei hier und Weltmeister dort. Nervig, echt mal. Das kann keiner mehr hören.“
„Auf jeden Fall und dann bilden die sich auch noch was drauf ein.“
„Ja, echt, sogar die Fördergelder der Stadt landen seitdem nur noch bei denen. Wir brauchen ne neue Halle, die hingegen bekommen mehr Tribünen und einen neuen Sportplatz. Alles nur für die Weltmeister. Das kotzt mich sowas von an.“, knurrte
„Was haltet ihr davon, wenn wir fragen, ob er mitmachen will? Mich würde interessieren, ob er spielt und welche Position er ist.“
„Dann frag mal. Wir machen eine Pause und fragen wo unsere Mädels bleiben.“ „Gut, bis gleich.“ Der Junge, der die Position des Liberos hatte, läuft in Tinas Richtung und die anderen gönnen sich etwas zu Trinken.
‚Oh. Was nun? Er will doch jetzt nicht etwa fragen, ob ich mitmachen will?‘
‚Wer mag der Junge sein? Er trägt trotz der Sonne seine Kapuze? Ob er neu ist oder nur bei jemanden zu Besuch?‘
Als er vor ihr steht und sich grüßend verbeugt, entgegnet Tina höflich, aber ohne Verbeugung.
„Hi, Du schaust uns so interessiert zu. Hast du Lust eine Runde mitzuspielen?“ „Hi. Tut mir leid, das ist nett gemeint, aber ich laufe lieber noch etwas.“
„Schade, wir haben angenommen du bist auch Volleyballer.“ Tina war verwundert und grinste etwas in sich hinein, denn schon wieder hielt man sie für einen Jungen. Das Gute war, sie musste ihn nicht einmal anlügen, als sie sagte, sie sei kein Volleyballer.
„Ich bin kein Volleyballer, aber trotzdem danke für die freundliche Einladung. Du kannst wieder zu deinen Freunden gehen.“, kommt mit fester freundlicher Stimme zurück.
„Ach so, verstehe. Bist du neu hier oder nur bei jemanden zu Besuch?“
„Zu Besuch. Ich werde dann wieder. Die frische Luft nutzen.“
„Okay, du sprichst aber gut japanisch, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Naturtalent. Chiao.“ Tina nahm ihre Hände aus den Taschen. Sie wollte loslaufen und dann hielt sie doch kurz Inne.
„Seid ihr ein richtiges Team?“
„Äh, ja, das stärkste hier in der Präfektur Shizuoka.“
„Kleiner Tipp, du willst der Libero sein?“
„Äh, ja der bin ich, warum?“
„Such dir einen anderen Außenangreifer, der nimmt dich mit deiner neuen Position nicht ernst. Sag das dem Trainer.“
„Ich…ich denke du bist kein Volleyballer, woher kennst du dann den neuen Libero?“
„Ich spiele auch kein Basketball und verstehe trotzdem ihre Regeln und Strategien.“ Dann lief sie los und ließ den Jungen stehen.
‚Man, reizen würde mich das ja. Aber ich kann mich hier nicht zu erkennen geben und vor dem Toho-Spiel schonmal gar nicht. Danach kann man vielleicht mal auf so eine nette Einladung eingehen. Das war doch früher auch so schön, egal wo man hingegangen ist…irgendwo fand man immer jemanden zum Spielen.‘ Plötzlich stutzte sie und lief bewusst immer schneller, als würde sie vor jemanden weglaufen. Ihr Puls stieg plötzlich an.
‚Verdammt…warum? Warum musste das passieren?‘ Ihr Tempo wurde immer schneller und plötzlich fing sie an so schnell zu laufen, als würde sie sprinten und ins Nirgendwo eilen. Neben dem angenehmen Wind von vorne liefen ihr dabei Tränen die Wangen herunter und sie schloss beim Laufen die Augen. Vor ihr erschienen die schrecklichen Bilder, die sie doch nicht sehen wollte. Sie sah sich weder um, noch wusste sie wo sie genau war, denn sie lief einfach nur weiter. ‚Stephan…ich…ich vermisse dich so sehr…warum kannst du nicht bei mir sein? Warum…warum durftest du nicht bei mir bleiben? Es tut so weh…‘ Ihre Brust fühlte sich plötzlich an, als würde sie sich zuschnüren. Ihr Herz schlug enorm hoch und in ihrer Verzweiflung lief sie bis sie sich nicht mehr bewegen konnte, stolperte über eine kleine Schwelle über einer Baumwurzel im Asphalt und schwankte dadurch nach links zur Seite zum Rasen, der neben dem Weg die Böschung herunter bis zu den Sportplätzen ragte. Ehe sie sich versah, stürzte sie die Böschung herunter und rollte auf dem Rasen herab, bis der Schwung raus war. Dann lag sie der Länge nach da, auf dem Gras und auf dem Bauch. Ohne weiter darüber nachzudenken wo sie war, weinte sie bitterlich in ihre Arme, die sie unter den Kopf legte.
‚Was soll denn nur werden ohne euch alle? Stephan…wie geht es dir da oben? Kannst du mich sehen? Jungs…auch ihr fehlt mir alle…so sehr…Karl-Heinz. Was wird nur? Wie geht es dir? Mögen dich die anderen in München? Wie geht es dir dort? Ich vermisse dich…ich…fühle mich schon wieder so alleine…das hasse ich so sehr…ich…will nicht alleine sein…Ich…will nicht mehr.‘ Ihre Gedanken sind völlig durcheinander und wie in einem Moment eines Traumes streckt sie den linken Arm zur Seite und greif ins Leere. In ihren Gedanken steht Genzo plötzlich vor ihr und ihr Herz fängt an etwas ruhiger zu atmen.
‚Genzo…wo bist du nur so lange? Genzo…ich…ich kann dich plötzlich spüren…bist du in meiner Nähe?‘ Plötzlich konnte sie etwas in der Hand spüren. Es war wie ein Seil, ein dünnes Tau oder eine kräftige Kordel. Noch hatte sie die Augen geschlossen und ihre Hand fing an sich langsam voranzutasten. Dann wurde es ihr immer vertrauter, denn es war kein Seil, nein, es war ein Netz, ein geknüpftes Netz. Sie öffnete die Augen und sah direkt auf das Netz eines Fußballtores.
„Genzo…deswegen…“, hauchte sie leise und schniefend aus und fing wenig später an sich aufzurichten. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und kniete nun hinter dem Tor und berührte mit beiden Händen das Netz. Sie lächelte plötzlich und zog sich mit Hilfe des Netzes hoch.
‚Genzo…unser Zuhause…unser großer eckiger Freund…deswegen kann ich dich in meiner Nähe fühlen.‘
Nur etwa 140 Meter von ihr entfernt, einige Minuten zuvor, standen zwei Jungs in Genzos Alter am anderen Ende des Feldes hinter dem hohen Zaun vor dem Tor des Nachbarfeldes und unterhielten sich. Beide trugen rote Keeper-Trikots.
„Ein seltsamer Gedanke, wenn Tsubasa jetzt für immer weg ist. Wie lange bleibt er denn in Brasilien?“
„Ich denke mal mindestens bis er die Schule dort beendet hat, also mindestens drei Jahre. Diesmal ist er endgültig fort. Komisch, ja. Aber er wird dort sicher ein großer Spieler.“
„Ja, das glaube ich auch. Die arme Fane…hast du die beiden vorhin gesehen?“ Es wurde gekichert.
„Oh ja, ich glaube die beiden haben sich ausgesprochen. Hat er es endlich geschnallt?“
„Ja, das glaube ich auch. Ich glaube so wie die sich vorhin angesehen haben, war da was. Er hat sie ja richtig in die Arme genommen und besorgt nach ihren Verletzungen geschaut.“
Plötzlich vernahmen die beiden Jungs einen Läufer, welcher oben auf dem Fuß- und Radweg wie ein Blitz auf sie zukam und an ihnen vorbeisauste.
„Moment, was ist das denn?“
„Drück die Uhr.“, sprach der eine zum anderen, denn sie hatten selbst gerade ein paar Übungen der Schnelligkeit wegen gemacht. Die Stoppuhr wurde gedrückt und sie sahen der schwarz gekleideten Person verdutzt hinterher, wie sie am benachbarten Fußballfeld vorbeifegte und noch von Weitem gesehen plötzlich stürzte und die Böschung herunterrollte. Die Stoppuhr wurde erneut gedrückt.
„Ist der etwa gerade gestürzt? Sah so aus.“
„Verdammt.“
„Lass uns hinlaufen, heute ist ja nix los hier. Nicht, dass er verletzt ist.“
„Jo, schau mal…die Zeit. Wahnsinn.“
„Du meine Güte, das waren über 130 Meter, wenn der da hinten am Tor erst stoppte und das waren gerade mal 12 Sekunden.“
„Deine Uhr hat ne Macke, echt mal. Komm jetzt.“
Die Jungs machten sich auf dem Weg und liefen in Richtung des Tores, neben dem Tina lag. Etwa auf höhe der Strafraummarkierung stoppten sie.
„Warte.“, flüsterte der Kräftigere und größere von beiden.
„Wieso?“
„Hörst du das nicht? Lass uns wieder gehen. Ich glaube der Typ ist nicht verletzt.“
„Oh, ich höre es. Oha, er weint?“
„Gehen wir zum anderen Tor, so sind wir näher dran, wenn er wieder zu sich kommt. Er will sicher alleine sein.“ Beide machten kehrt und auf dem Mittelfeld stoppte der größere erneut.
„Geh schonmal vor. Ich kontrolliere lieber doch nochmal.“
„Okay, Yuzo. Wenn du doch Hilfe brauchst, mach dich bemerkbar.“
Yuzo ging langsam und fast lautlos auf die Person zu und blieb zwischen den Pfosten stehen. Er beobachtete den vermutlichen Jungen und plötzlich bewegte dieser sich und streckte den linken Arm in seine Richtung. Dann griff die Hand das Netz vom Tor. Langsam griff die Hand immer mehr zu.
‚Was hat das zu bedeuten? Er scheint gar nicht zu wissen wo er ist. Ich habe noch nie einen Jungen beim Weinen gesehen. Das klingt echt furchtbar.‘ In dem Moment des Gedankens, konnte er leise Worte hören und verstand Genzos Namen daraus.
„Genzo…deswegen…“, sagte die Person. Er schreckte zurück.
‚Genzo? Warum...spricht er von ihm? kennen die sich?‘ Yuzo schlich zurück und entfernte sich lieber. Er wollte nicht neben dem Jungen stehen, wenn er aufwachte und ihn womöglich erkennen könnte. Immerhin war er Keeper Nummer 3 im Jugend-Nationalteam gewesen und ist mit Genzo seit der Schulzeit schon zusammen im selben Team als seine Nummer 2. Immer stand er in seinem Schatten und als Grundschüler war er weniger gut auf ihn zu sprechen, denn Genzo bildete sich schon als Kind ein, der BESTE zu sein und spottete auch über ihn, wenn er mal nicht die perfekte Parade lieferte oder für ihn leichte Bälle durchließ. Das änderte sich erst, seit des Zusammenschlusses der beiden Schulen mit Tsubasa im Team. Dieser hatte es als erster Gegner drauf Genzo in seine Schranken zu weisen und mehr Respekt und Verständnis für alle anderen im Team zu zeigen. Erst zusammen mit dem neunen Team konnten sie sich als Keeper besser respektieren und dann ging er bereits nach ihrem ersten Nationalturnier nach Deutschland. Das machte ihm vor zwei Jahren zwar zum Stammkeeper, aber er wusste, ohne die starke Front mit Tsubasa und Taro Misaki, hätte das Team niemals so lange gegen Toho standhalten können. Es grauste ihn schon jetzt, dass die nächsten Nationalspiele gegen Hyuga viel zu schwer würden, denn Tsubasa fehlte nun im Team und auch Taro hat bereits angekündigt nach Frankreich zu gehen, noch diesen Winter. Statt hier bei ihnen und der Mutter zu bleiben, will er lieber weiter mit seinem Vater durch die Lande ziehen. Das Jahr war komisch, denn es hatte den Anschein, dass das Team langsam auseinanderfiel, einfach, weil die Jungs sich in die Winde zerstreuten.
Auf dem Rückweg zum anderen Tor machte er sich Gedanken und sah ab und an zurück. Dabei konnte er bald sehen, dass sich die Person langsam aufrichtete, am Netz hochzog und aufrecht stand. Ohne sich überhaupt umzusehen ging die Gestalt mit heruntergezogener Kapuze ums Tor herum, ließ jedoch das Netz nicht los und dann setzte sie sich an den linken Pfosten lehnend auf dem Boden. Mit dem Blick zum Fluss und die Gegenseite des fließenden Gewässers. Es wurde das rechte Bein angewinkelt und nach oben geschaut. Yuzo Morisaki ging zu seinem Freund ans andere Ende des Spielfeldes.
„Und? Alles gut? Er kann sich bewegen und laufen, das ist ein gutes Zeichen. Sah zwar komisch aus, aber nach Humpeln sah es nicht aus. Hat er was gesagt?“
„Ich weiß nicht, ich glaube, er hat Genzos Namen gesagt. Aber das zweite Wort habe ich nicht verstanden. Es war sehr leise und mich hat er nicht einmal bemerkt.“
„Oh, echt? Vielleicht ein Freud von ihm? Er hatte vorhin erwähnt, dass er nicht alleine gekommen ist und nicht zu lange bleiben kann, weil er noch was mit dem Freund unternehmen will. Weißt du was mir da einfällt?“
„Was denn?“
„Na als wir doch vorhin am Bahnhof waren und Tsubasa und Roberto verabschiedet haben, da hatte Fane doch nachher noch erzählt von einem fremden Jungen, der ihr geholfen hatte. Wenn ich der Beschreibung Glauben schenken soll, könnte er es doch sein. Immerhin hat sie später noch alleine mit Genzo gesprochen. Ich glaube dieser Junge könnte das sein. Er hatte nur einen Trainingsanzug an, in schwarz und eine Kapuze auf, sagte sie.“
„Ich weiß ja nicht. Warum sollte der denn weinend hier rumliegen? Sie sprach doch davon, dass er mutig war und sogar so stark, dass er sie gut zwei Kilometer getragen hat bis das Taxi dann gerufen wurde.“
„Das eine muss doch mit dem anderen nichts zu tun haben. Wir wissen ja gar nicht wer das ist und wenn ich da so schaue wie er da nachdenklich am Pfosten sitzt, bestimmt ist mal was gewesen und vielleicht wollte er deswegen nicht mit zum Bahnhof kommen. Er wollte uns vielleicht bewusst nicht kennenlernen, weil er wusste wer wir alle sind. Fane hatte es ihm doch angeboten, sagte sie, als wir sie fragten, warum sie ihn nicht gleich vorstellen wollte.“
„Meinst du echt? Ich glaube das Tor mag er, denn als Genzos Name fiel, da hat er es berührt und bemerkt, dass er neben dem Tor liegt. Kam mir so vor.“
„Lass uns jetzt einfach weitermachen. Vielleicht taut er irgendwann auf und kommt zu uns?“ Dabei beließen es die Jungs und probierten ihre neuen Ideen weiter aus. Es verging etwa eine halbe Stunde und ab und an wurde bereits vom anderen Tor aus neugierig zu ihnen geschaut. Die Jungs vernahmen dies natürlich.
„Was meinst du? Wollen wir es nochmal probieren? Er hat uns immerhin schon bemerkt, das ist doch was.“
„Gut. Lass uns schauen wie es ihm geht. Dann sehen wir weiter.“
Tina sah unterdessen zum Fluss und betrachtete die Sonne, wie sie das Wasser in weiße Lichter spiegelte. Am anderen Ufer waren große schöne Villen zu sehen. ‚Ach man. So friedlich hier. Und mein geliebtes Tor.‘ Sie sah hoch zur Latte.
‚Auf dich ist immer verlass. Niemals würdest du etwas tun, was du nicht sollst. Der Sturm in der Brandung und immer treu, ganz ohne dumme Fragen zu stellen. Du tust niemanden weh, außer er tut dir weh. Ich glaube ohne dich…ohne dich geht es doch nicht. Ich habe es versucht, aber nein…obwohl mir immer gleich übel wird, wenn ich die Fußballer sehe, dich…dich kann ich in meiner Nähe gut gebrauchen. Du gibst mir nach wie vor Halt und Stärke.‘ In ihrem Gedanken nahm sie die Schritte der Jungs wahr. Sie drehte sich bewusst nicht zu ihnen, sondern sah weiter stur hoch und dann wieder zum Fluss.
‚War klar, dass die irgendwann herkommen. Und schon wieder habe ich das Gefühl, als wäre Genzo da. Wie kann das sein? Sind das seine Freunde? Kann ich ihn spüren, wenn Leute von ihm in der Nähe sind?
Damals am Flughafen war das auch so seltsam. Aber nicht ihn habe ich dort gespürt, das war anders. Was war das nur, dass ich keine Angst hatte und plötzlich nur gesehen habe, wie schön es war?
Ich konnte meinen eigenen Jungs nicht mehr beim Spiel zusehen, geschweige denn zu dir gehen, Karl-Heinz und die Japaner, Genzos Team, da kam gar keine schlimme Erinnerung in dem Moment rüber. Lag das nur daran, dass sie alle in Hemd und Hose vor mir standen? Aber warum ist das bei Jun so? Er war damals nicht am Flughafen, das weiß ich, aber warum kann ich ihm nicht beim Spielen zusehen oder überhaupt…mit ihm reden? Es dauerte etwas und dann geht es nur mit umständlichen Umständen.
Und dann diese Verwechslung. Wie konnte ich Tsubasa verwechseln mit dem anderen Spieler? Voll peinlich. Dieser Junge muss gedacht haben, ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Genzo erwähnte ihn doch einige Male, Hyuga, nannte er ihn immer nur. Er hat uns vor seinen Schüssen gewarnt, seinetwegen wollte er Karls Bälle halten können, um jeden Preis, um ihn zu bezwingen…diesen starken Stürmer, der ihn vor seinem ganzen Team herausgefordert und bloßgestellt hatte. Warum habe ich das nicht richtig gedeutet, als ich die Jungs gesehen habe? Ich kann doch sonst auch alle Details deuten und bin vorsichtig. Wie konnte ich in dem Moment so unvorsichtig sein?
Ach Genzo…wie gerne hätte ich noch gegen deine Leute gespielt. Stephan hatte auch so viel Freude sich darauf vorzubereiten und wir hätten sicher keinen einzigen Ball durchgelassen.‘
„Hallo, wir wollten nur mal fragen wie es dir jetzt geht und ob du verletzt bist.“, kam eine freundliche Stimme von Yuzo. Tina sah nicht zu ihnen.
„Danke der Nachfrage, ich bin unverletzt. Ihr könnt wieder gehen. Ich möchte alleine sein.“
„Das klingt gut. Deine Sturz mit der Rolle sah schon seltsam aus. Spielst du auch Fußball?“
„Das stimmt, aber du bist gerannt wie der Blitz.“
„Ja, Hammer schnell.“ Tina hob die Hand zu ihnen hoch und spreizte die Finger.
„Bitte geht einfach. Ich will alleine sein.“, knurrte sie ein wenig mit fester Stimme.
„Entschuldigung. Wenn du dich doch ablenken willst, wir sind noch ne Weile da. Kommst dann einfach zu uns rüber.“ Eine Antwort kam keine. Sie nahm nur die Hand wieder runter und legte sie auf den Rasen.
„Danke, für die Einladung. Ihr seid nett, aber könntet ihr jetzt gehen?“
‚Komisch ist der Typ schon. Und wie seltsam er spricht. Den Dialekt kenne ich gar nicht.‘
„Okay, wir gehen. Aber Danke dürfen wir doch wenigstens sagen, oder?“, kam Yuzo fragend. Tina stutzte. Was meinten die denn damit?
„Wofür?“
„Dass du unsere Managerin gerettet hast. Sie ist uns allen sehr wichtig. Wer weiß was diese dummen Weiber mit ihr angestellt hätten, wenn du ihr nicht geholfen hättest.“ Tinas Hand machte plötzlich eine Faust und griff in die Rasenfransen. ‚Sie hat es erzählt?‘
„Ah, also warst du es wirklich. Cool, die Beschreibung passte. In der Regel ist sie nie alleine unterwegs, aber heute ist sie noch schnell Essen für die Alten Leute neben dem Schrein ausliefern gewesen und das haben die Weiber sicher bewusst genutzt und sie abgefangen. Das macht sie nun seit zwei Wochen, alle zwei Tage. Wir haben vorhin gleich besprochen, dass sie nicht mehr ohne uns hingeht oder alleine unterwegs ist. Es werden jetzt immer mindestens zwei von uns bei ihr sein.“
„Managerin? Ehrensache.“, stöhnte sie etwas genervt aus und winkelte das zweite Bein an und legte ihre Arme auf die Knie.
„Ja danke dafür. Ach so und in die Klinik musste sie doch nicht. Unser Mannschaftsarzt war auch am Bahnhof und hat sie sich gleich angesehen. Das wird alles wieder. Du hast die Wunde gut versorgt, kann ich nur bestätigen, ich bin bei der freiwilligen Feuerwehr und kenne mich mit Erste Hilfe aus.“
„Ähm, darf ich fragen, aus welcher Präfektur du kommst? Dein Dialekt kenne ich nicht und ich kenne sehr viele.“, sprach Yuzo sie freundlich an.
„Ihr nervt langsam. Das ist kein Dialekt, ich lerne nur eure Sprache. Das ist wahnsinnig schwer.“
„Oh, wo kommst du denn her? Und ja, wir nerven schon wieder…aber…wir glauben du bist eigentlich nett. Immerhin hast du Fane gerettet und sie sagte, du bist sehr stark. Das…macht uns neugierig.“
„Stimmt, tut uns leid, jetzt hast du uns an der Backe.“ Die beiden lachten etwas und glaubten so die Stimmung etwas zu heben und den Fremden aus der Reserve locken zu können.
„Geht endlich wieder, ich…ich habe keine Lust mich mit euch zu unterhalten! Ich will meine Ruhe haben, ist das klar?!“
‚Ich halte das bald nicht mehr aus hier. Die sollen gehen. Es verwirrt mich, dass ich mit ihnen reden kann, aber mit meinen eigenen Freunden konnte ich das nicht mehr? Wieso nur?‘ Die Jungs zuckten zusammen und sahen verwundert zu ihm. ‚Oha, der ist ja wirklich gut drauf. Dem ist scheinbar nicht zu helfen. Was auch immer er hat.‘, vernahm Yuzo und zog dann die Reißleine.
„Gut, wir gehen, sorry.“, sagte er nur und deutete seinem zweiten Keeper an, ihm zu folgen. Somit gingen sie wieder langsam in Richtung ihres Tores.
„Der hat echt schlechte Laune, meine Güte. Was ist dem nur über die Leber gelaufen?“
„Hm, keine Ahnung, aber ich werde mal ne Tsubasa-Taktik anwenden. Das würde er sicher auch so machen. Pass mal auf.“, flüsterte er und grinste, aber Tina konnte ihn noch etwas verstehen.
‚Tsubasa-Taktik? Was meint er damit?‘ sie sah nicht zu ihnen, aber plötzlich nahm sie ein bekanntes leises Geräusch wahr und es kam immer näher.
Kurz zuvor legte Yuzo seinen Ball, den er in den Händen hielt auf den Rasen, genau auf den Elf-Meter-Punkt und stieß ihn nur mit ausreichend Schwung an, so dass er Richtung rechte Ecke des Tores rollte.
„Ach, ich verstehe. So im Motto: „Der Ball ist dein Freund“. Gute Idee.“
Tina saß aber in der linken Ecke und die beiden Jungs staunten nicht schlecht, als sie sich dann plötzlich bewegte, obwohl sie nicht einmal zu ihnen sah, nur gerade zu zum rechten Pfosten, wie auf der Lauer, dass der Ball kommt. Sie krabbelte schnell zur passenden Position, legte sich dann hin und griff das Leder fest von oben auf den Rasen, genau vor der Torlinie. Dazwischen hätte höchstens noch ein Finger breit gepasst. Es sah aus, als hätte sie ihr krabbelndes Tempo zeitlich ganz genau so eingeplant, dass es so passt.
„Wahnsinn…du bist ein echter Keeper. So wie wir. Es geht um NICHTS, aber über die Linie darf auch NICHTS gehen.“, haute Yuzo aus und ging dann mit den anderen weiter Richtung andere Spielfeldhälfte. Er wank mit der Hand hoch und rief noch was zu.
„Wenn du soweit bist, komm einfach rüber und bring ihn uns wieder, „Keeper“ aus welchem Land auch immer.“
‚Mikami, das haben Sie aber immer anders gesagt.‘
„Der…Spruch…ist falsch!
„Auch wenn es um NICHTS geht, geht es am Tor immer um ALLES. NICHTS kommt über die Linie!“, zitierte sie den Trainer, der sie bisher immer am meisten beeindruckte und durch seine besondere Art ihren Traumberuf entdecken ließ.“ ‚So so, Fremder. Du bist eindeutig Genzos Freund aus Deutschland. Er erwähnte dich in seinem ersten Brief, danach nie wieder.‘
Schleierwolken über Nankatsu
Kapitel 156
Schleierwolken über Nankatsu
Tina lag der Länge nach im Tor und hielt noch immer den Ball fest. Ihr Gesicht war vom Feld abgeneigt und ihr liefen ein paar Tränen die Wangen herunter. ‚Warum nur? Warum kann ich das machen? Was sagtest du vorhin? Was sagt euer Freund? Genzos Freund? Er schwärmte immer so von diesem Tsubasa. Was mag das für ein Junge sein? Und du, kleine hübsche Fane? Du scheinst ihn zu lieben, so habe ich das verstanden?‘ Verwirrt mit ihren seltsamen Gedanken drehte sie sich auf den Rücken, hielt den Ball jedoch weiter fest vor der Linie. Sie öffnete die Augen und sah zum Himmel hoch. Die Latte vom Tor wurde fokussiert. ‚Stephan? Spielst du da oben jeden Tag mit den Engeln? Du hast sie sicher alle dazu gebracht, dass sie mit dir spielen, den ganzen Tag, so wie damals, als wir jeden Tag am Strand waren. Sie lieben dich sicher abgöttisch, weil du immer so liebevoll zu allen warst, so einfühlsam und ein guter Zuhörer…für alle im Team. Du warst der Einzige, den alle wirklich mochten, egal wer es war. Mit dir konnte jeder reden.
Was würdest du denn jetzt machen? Wenn du hier liegen würdest, was würdest du jetzt machen?‘ Ihre linke Hand griff nun auch zum Ball. Sie spürte das Leder und nahm die Kugel mit beiden Händen hoch, öffnete die Augen und sah ihn sich an. ‚Du sollst ein Freund sein? Sowas sagte Genzo auch immer. Er sagte, das sagt sein Freund immer, wenn es schwer wird. Dieser Tsubasa, was mag er für ein Mensch sein, dass er so viele Menschen so begeistern kann? Brüderchen, ihr hättet euch sicher ein tolles Duell geliefert und ihr hättet euch sicher gemocht, wenn er so ein lebensfroher Mensch ist. Brüderchen…was soll ich jetzt machen? Ich kann doch nicht ewig hier rumliegen…?‘
„Schwesterchen! Liebe kleine Schwester…steh auf…gib niemals auf…ich werde immer da sein. Steh für mich auf…spiel doch einfach…mach doch einfach was du willst. Lass dir nichts sagen. Lass die Angst nicht siegen…hast du gehört?! Lass die Angst niemals siegen!“ Tina lächelte, als sie in ihrer Fantasie Stephans schöne Worte hörte. Sie warf den Ball hoch, genau gegen die Latte und fing ihn dann wieder auf. Sie lag genau darunter, sodass der Winkel perfekt stimmte. „Schwesterchen…ich wünsche mir…dass du immer nur tust…was du willst. Die ganze Welt steht dir offen! Du hast neue Freunde…lass sie nie im Stich…so wie du uns…nie im Stich lassen wirst. Sei für deine neuen Freunde genauso da, wie für uns alle!“ Sie sah sich den Ball genauer an und das Gesicht ihres Bruders erschien ihr.
„Lächle wieder, du hast das Mädchen gerettet, du hast den anderen geholfen und dein neues Team gerettet. Jetzt…steh auf und sei ein letztes Mal, nur das eine Mal…mein kleiner Bruder…und mach einfach was du jetzt willst! Sei ein letztes Mal mein kleiner Tino, der alle so begeistern konnte und jedem eine Chance gibt.“ Sie atmete tief durch.
„Stephan…ja…das werde ich. Du willst, dass ich noch einmal Tino bin? Ein letztes Mal?“, grinste sie und richtete sich dann auf. Sitzend sah sie zu den Jungs ans andere Ende des Spielfelds. Tinas Herz schlug bis zum Anschlag, als sie den Ball nahm, sich hinstellte und anfing ihn mit ihren Füßen, Knien und Kopf zu balancieren. Sie begann langsam und vorsichtig, als würde sie erst einmal austesten, wie gut sie es noch kann. Mit den Händen in den Hosentaschen und den Blick auf den Ball fokussiert, jonglierte sie den Ball elegant und immer schneller und sicherer hoch und runter, zwischen den Beinen und nutzte auch mal den Kopf. Mit der Kapuze ging natürlich nicht alles und ihre Bauchtasche war etwas im Weg, so dass sie die dann auf den Rücken drehte. Nach einer Weile und vielen schönen Glücksgefühlen, endlich den Ball wieder zu benutzen, nahm sie den Ball in die Hände und sah zum Himmel.
„Du hast Recht. Ich kann zwar nicht mehr spielen und ihnen zusehen, aber…das hier…das hier war immer unser Ding. Das kann ich noch. Und das kann ich auch mit dem Volleyball machen. Ich kann dich spüren…ganz nah bei mir, wenn ich das mache, lieber großer Bruder.“ Ihr lief eine Träne herunter und sie lächelte. „Schwesterchen, liebe Bettina…spende mir jeden Tag ein paar Minuten und spiel mir etwas vor! Das wünsche ich mir. Das gibt uns beiden Kraft.“, glaubte sie von oben aus den Schleierwolken zu hören. Sie wusste, dass es nur eine Vorstellung war, aber es half ihr wieder klar zu werden. Niemals würde sie aufgeben…nein…niemals. Das hätte ihr Bruder nie gewollt und sie musste doch für ihre Eltern da sein…und jetzt…musste sie für ihre neuen Freunde da sein. ‚Fane, was bist du für ein Mädchen? Die Managerin von Genzos altem Team? Du armes Ding musstest dich mit ihm rumärgern und hast ihn in die Schranken weisen können? Er sagte damals, du seist zickig und bist schnell an die Decke gegangen, wenn die Jungs nicht gespurt haben. Er habe sich lieber nicht mit dir angelegt. Wie schön…das muss eine tolle Zeit gewesen sein.
Unsere Mädchen waren nicht so. Sie sahen uns nur zu, jubelten, hielten die Getränke parat und kümmerten sich um die Wäsche. Das war es auch schon. Sie hofften immer, mit einem von uns mal mehr Kontakt zu haben, aber das ließen die Trainer nicht zu. Kurz nachdem du zu uns kamst, wurden sie gegen ältere nette Damen und Herren ausgetauscht, damit wir uns nicht ablenken lassen von den Mädchen. Wir hatten uns nur auf den Sport zu konzentrieren.
Ich werde dann mal…für dich Brüderchen. Ich bin nur für dich ein letztes Mal dein Tino.‘, grinste sie und sah dann zu den beiden Keepern.
Von der anderen Spielfeldseite wurde sie beobachtet.
„Siehst du…Tsubasa-Taktik. Die geht immer auf. Er ist ein Genie und der dort, scheint ein wahnsinniges Ballgefühl zu haben. Sieh dir das an.“
„Echt mal. Das erinnert mich an Taro. Der jongliert auch so ähnlich, so elegant. Das hat er sicher in Frankreich gelernt.“
„Stimmt, Taro war nur etwa ein halbes Jahr damals dort und trotzdem hat er so viel gelernt.“
„Europa wäre schon cool. Würdest du auch wie Genzo nach Europa gehen, wenn es dir jemand anbieten würde?“
„Ich weiß nicht. Ich muss erstmal hier weiterkommen, glaube ich. Aber jetzt wäre mir das eh zu früh. Nach der Schule oder so vielleicht.“
„Schau mal…jetzt pausiert er. Ob er gleich zu uns rüberkommt?“
„Vielleicht, mal sehen. Was auch immer er für Probleme hat, es scheint ihm jetzt besser zu gehen.“ Beide sahen zu Tina und beobachteten sie. Dann sah sie zu ihnen, der Ball landete auf dem Rasen, wurde etwas angestoßen und dann kam ein Anlauf und das Leder machte einen großen Bogen einmal quer über das Feld. „Wow, was für eine Power. Und dann so geradlinig.“, haute der zweite Keeper des Nankatsu-Teams aus. Morisaki hingegen ging ins Tor, ihm war nicht ganz sicher, ob es dabei einen Trick gab, denn der Fremde ging während des Schusses langsam auf sie zu und fing ab Ende seines Strafraums an im höchsten Tempo zu laufen. Noch war der Ball in der Höhe, er wurde wirklich sehr hochgeschossen und trotzdem kam er etwa zwanzig Meter vor dem Tor nach dem Aufprall und etwas Rollen zum Stand. Inzwischen stand der Fremde vor dem Ball und stellte den Fuß darauf.
„Wahnsinn. Du bist gut.“, kam eine begeisterte Äußerung. Mit Händen in den Taschen und einem selbstsicheren Stand, etwas die Kapuze zurückgezogen und einem herausfordernden Blick, kamen ernste Worte.
„Nun…du zuerst, oder wie?“ Morisaki sah Tina verdutzt an.
‚Dieser Blick…er erinnert mich an Schneider. Dann muss es stimmen. Der hätte auch so eine Nummer draufgehabt.‘ Sein Puls stieg enorm an, er war gespannt auf das was kommen könnte.
„Ich denke du bist Keeper?“, meinte Morisaki zu ihr.
„Na und? Deswegen kann man doch trotzdem auch Tore schießen, oder nicht? Immerhin bin ich als Keeper Spezialist für die Elfer, oder was meinst du? Ich bleibe auch fair und schieße von hier aus. Von außerhalb des Strafraums, oder wie war das hier bei euch in der Grundschule?“
„Wird das jetzt ne Genzo-Nummer?“, haute Yuzo grinsend raus. Er stellte sich genau in die Mitte des Tores und hielt sich bereit.
„Ich bin auch vorsichtig. Mal sehen was du drauf hast, Japans Nummer 3!“, kam als Konter.
„Mal sehen ob ich es noch kann. Dass der Ball hier gelandet ist, wo er landen sollte, erstaunt mich bereits. Du hast einen großen Vorteil mir gegenüber.“
„Ach so? Welchen?“
„Du bist im Training und ich habe gut drei Monate nicht einen Ball angefasst!“ Die Japaner sahen sich fraglich an.
‚Drei Monate nicht gespielt? Warum das denn? Und trotzdem gelingt ihm so ein passgenauer Schuss in den Strafraum-Halbkreis?‘ Das ist Wahnsinn. Na dann. Ich ahne Schlimmes. Aber es kribbelt mir in den Händen.‘
„Rede nicht so lange. Mach endlich!“, forderte er nun endlich. Tina grinste, nahm Anlauf und schoss einen geradlinigen Ball in die obere rechte Ecke. Morisaki hechtete in die Richtung und faustete den Ball hoch. Er kam jedoch wieder ins Feld, statt über das Tor hinwegzufliegen. Tina nahm kräftig Anlauf und sprang dem Ball entgegen, drehte sich in der Luft und wollte den Ball seitlich volley nehmen, jedoch kam ihr Yuzo zuvor, sprang ihr entgegen und fing den Ball mit beiden Händen vor ihrem Schussversuch auf und drehte sich dann zur Seite, damit er den Fuß nicht abbekam. Beide landeten auf dem Rasen.
„Wow, du bist echt gut. Und mit der Parade bist du zur WM gefahren?“, hörte Yuzo ernste Worte. Beide standen auf und Tina gab ihm die Hand.
„Naja, und wo warst du?“, kam er ihr entgegen. Es kam keine Antwort. Sie schnappte sich den Ball und stellte sich an den Elf-Meter-Punkt.
„Habe ich noch einen Versuch?“ Morisaki stellte sich wieder ins Tor, direkt auf die Linie.
„Zeig was du kannst, deutscher Keeper!“ Tina zog die Kapuze wieder etwas ins Gesicht, nahm Anlauf und schoss ihren Spezialschuss, den sie einen Tag zuvor gerade mit Genzo wieder eingeübt hatte, um ihren neuen Ball zu üben.
Der Ball sauste auf ihn zu, er bewegte sich in seine Richtung, um ihn abzuwehren, doch plötzlich wurde er langsamer und fiel fast wie ein Stein vor seiner Nase herunter, aber nicht einfach senkrecht, nein, er bewegte sich beim Abfallen etwas nach weiter rechts und drohte durch seine Beine zu kullern, doch Yuzo schloss in letzter Sekunde die Beine, ließ den Ball an sich hochkullern und machte aus sich selbst eine Kugel und fing somit den Ball mit Schenkeln, Bauch und Armen auf. Zufrieden fiel Yuzo zu Boden und Tina war total verdutzt. Falsch gemacht hatte sie nichts. Sie ging auf ihn zu und reichte ihm erneut die Hand.
„Du bist echt spitzen Klasse. Und das ohne den Ball zu kennen. Wenn du als Nummer 3 so gut bist, wie gut ist dann erst eure Nummer 2?“ Yuzo grinste sie an.
„Danke. Der ist auch gut drauf. Deswegen haben wir ja auch gewonnen.“
„Dieser Ball, zur Europameisterschaft vor zwei Jahren...die U16, da habe ich als Keeper im Elfmeterschießen damit ein Tor gegen Italien geschossen. Ich gehe mal davon aus, dass du den Keeper kennst? Er steht gleich hinter Genzo, zumindest war das zu meiner Spielzeit noch so. Aber du hast es geschafft.“
„Wie jetzt? Du hast vor zwei Jahren gegen Hernandez ein Tor damit geschossen?“
„Jup.“
„Hat er auch eins gegen dich geschossen?“
„Nö. Den habe ich gehalten.“
„Sag mal, wie heißt du eigentlich? Wir sind Yuzo Morisaki und Koji Ohara.“ „Tino, einfach Tino.“
„Und du bist ein Keeper aus Deutschland? In welchem Verein hast du gespielt und wieso bist du jetzt hier? Immerhin warst du gut genug bei einer EM mitzumachen, wow.“
„Also echt, er spielte bei Genzo, ist dir das nicht aufgefallen? Deswegen hat er ihn sicher mitgebracht.“
„Wie jetzt? Du warst in Genzos Team? Bist du dann dort seine Nummer 2 gewesen?“
„Nö.“, wurde trocken gesagt. Sie schnappte sich den Ball und fing wieder an zu jonglieren.
„Er hat dich in seinem ersten Brief erwähnt. Du warst der Stammkeeper, als er kam.“
„Jup. Vor etwa einem Jahr löste er mich dann endlich ab und ich konnte in die Verteidigung gehen. Das mochte ich auch sehr. So...so konnte ich wieder mit meinem Bruder zusammenspielen.“ Sie sah zum Himmel und hielt den Ball plötzlich fest.
„Bist du ohne ihn hier? Dein Bruder spielt auch im HSV? Wieso bist du dann alleine unterwegs?“
„Bist du jetzt nach Nankatsu gezogen oder warum kannst du schon so gut Japanisch?“
„Ja, wo ist dein Bruder? Ist er noch unterwegs?“ Tina hob die Hand und zeigte zum Himmel hoch.
„Der lacht sich da oben vermutlich gerade über mich kaputt, weil ich kein Tor geschossen habe. Und dann amüsiert er sich mit den Engeln und mischt die richtig auf, bis sie endlich mit ihm spielen.“ Die Keeper sahen sich nachdenklich an. „Wie doof, er war sicher auch so nett und talentiert wie du.“, meinte Koji.
„Ja. Ihr hättet mit uns eure Freude gehabt. Er…er war der mit dem Talent…ich bin nur hinterhergelaufen.“, stöhnte sie auf.
„Bestimmt. Dann war er älter als du? Ich kenne das, ich hatte eine ältere Schwester. Sie war leider sehr krank.“, kam von Koji. Tina sah ihn überrascht an.
„Was hatte sie?“
„Sie hatte einen Tumor. Am Ende hat sie sich nur noch gequält.“, er sah dann selbst zum Himmel hoch.
„Sie liebte Volleyball. Sie hat mir jedoch immer zugesehen. Vielleicht mischen die beiden die Engel da oben zusammen auf?“, lachte er plötzlich und in seiner Vorstellung kickten die beiden auf einer Wolke miteinander, denn das tat sie immer, wenn sie zu Besuch kam.
„Ganz bestimmt. Ich…wohne in Tokio. Mein Bruder hat mich kurz vor dem Freundschaftsspiel gegen euer Nationalteam verlassen. Und jetzt bin ich mit meinen Eltern für einen Neustart hergezogen…“
„Tokio? Und für welche Schule wirst du jetzt spielen? Mit deinem Talent könntest du sicher auch an eine Privatschule gehen mit einem Stipendium.“, sprach Yuzo. „Keine Sorge. Wir werden uns niemals als Gegner begegnen, denn ich spiele nicht mehr. Ich konzentriere mich jetzt auf etwas Neues.“
„Was Neues? Und was machst du jetzt? Das ist doch verschwendetes Talent.“ „Was Neues eben.“, murrte sie etwas und schnappte sich den Ball und fing an wieder zu jonglieren. Dann bewegte sie sich ein Stück weg von den beiden und spielte an sie ab. Yuzo erkannte sofort was sie wollte und stieg darauf ein. Ohne weiter zu reden, spielten sie ein wenig miteinander. Jeder war mit seinen Gedanken in sich gekehrt und sie versuchten sich dann aber nur noch auf den Ball zu konzentrieren.
„Danke…ich danke euch. Ihr seid sehr nett, genauso wie Genzo euch beschrieben hat.“, begann Tina leise und ruhig.
„Dafür musst du dich doch nicht bedanken.“
„Ich danke euch, für ein letztes kleines Kicken. Ihr habt mir vorhin geholfen, wieder klar zu sehen. Dafür danke ich euch.“
„Was war denn vorhin überhaupt? Du bist gerannt wie der Blitz. Wir hatten zufällig die Uhr in der Hand. Dann bist du gestürzt. Hast du eine Ahnung was das für ein Tempo war?“
„Ich kann es mir denken. Was sagte denn die Uhr?“
„Die hatte ne Macke. Ich habe sicher zu früh gedrückt.“
„Nun sag schon.“
„Na wir haben doch vorhin noch auf der anderen Seite auf dem zweiten Platz am Tor gestanden, noch nicht hier. Also musst du bis zum Ende dort hinten gute 130 Meter gelaufen sein und dann gerade mal bei 12,5 Sekunden.“
„Wow, das kann aber hinhauen. Ich war immer am schnellsten, das war als kleiner Mensch neben der Technik mein Vorteil den Großen gegenüber. Brüderchen war der Riese und ich der kleine Flinke, deswegen habe ich je nach Spiel auch auf beiden Positionen gespielt. Zum Finale gegen Frankreich war ich nicht im Tor. Die Franzosen waren nur zu besiegen, wenn man ihnen schon vorher den Wind aus den Segeln nahm. Es ging auf und wir siegten.“, lächelte sie.
„Das klingt nach einer sehr guten Strategie.“
„Das war es auch.
Sagt mal, Jungs. Wie gut seid ihr mit Genzo wirklich befreundet?“, wechselte sie das Thema.
„Oh, naja…eigentlich…“, begann Koji.
„Ich hatte anfangs eher weniger eine freundschaftliche Beziehung zu ihm. Das kam erst durch den Zusammenschluss der Schulen.“, war Yuzo ehrlich.
„Das kann ich mir vorstellen. Und du?“
„Ich kenne Genzo nur durch seine Besuche. Ich kam erst vor einem Jahr her und bin seitdem im Team. Von Freundschaft kann man da nicht reden. Ich bewundere ihn, weil er so gut ist, aber ich denke mal, ich werde da nie rankommen.“
„Könnt ihr ein Geheimnis für euch behalten? Er haut mir wörtlich die Rübe ab, wenn er mitbekommt, dass ich mit euch geredet habe. Könntet ihr das hier heute für euch behalten? Wenn jemand fragt, bitte niemals meinen Namen sagen. Ich bin einfach der Fremde, so wie es Fane tun wird. Geht das? Ich bin nicht grundlos aus dem Team raus und hergekommen. Wir haben beschlossen den anderen keine unnötigen Sorgen zu machen. Mein Bruder…er…war im Team besonders beliebt und jeder mochte ihn sehr und…es reicht, wenn Genzo und ich trauern müssen. Wir wollten das Spiel gegen euch und die WM nicht gefährden. Deswegen…haben Genzo und ich beschlossen, es nur wie ein Umzug wegen des Jobs meines Vaters, aussehen zu lassen. Das Team weiß nichts von seinem Tod, damit sie sich auf ihre Zukunft konzentrieren können.“, versuchte Tina die aktuelle Situation zu retten. Sie hatte ihnen gegenüber seit Beginn ihrer Begegnung ein gutes Gefühl.
‚Bitte Jungs, wir bekommen sonst riesigen Ärger. Genzo und ich haben keine andere Wahl. Ich habe einen Fehler gemacht und mich aus meiner blöden Verzweiflung heraus dummerweise mit euch eingelassen. Es war ein angenehmes Gefühl, aber das darf es nie wieder geben. Es war ein großer Fehler. Statt zu euch zu gehen, hätte ich gehen müssen. Das war dumm. Ich habe jetzt gar keine andere Wahl, als euch zu vertrauen.‘
Einige Zeit zuvor auf dem Volleyballfeld, an dem Tina vorbeigelaufen war und der freundlichen Einladung widerstehen musste, kamen drei Mädchen zu den Jungs und setzten sich wie gewohnt auf die Bank, um ihnen zuzusehen.
„Wie war euer Tag? Wieso seid ihr heute so spät dran?“, wurden sie gefragt.
„Ach, wir brauchten erstmal ewig, um unsere Eltern zu überreden überhaupt das Haus zu verlassen. Diese Tage nerven gewaltig.“
„Ach so, deswegen. Wir haben auch behauptet in der Halle zu sein, aber das Wetter ist so schön. Das wäre echt ein Jammer es nicht zu nutzen. Und hier ist kein Dach, das zu tief hängt.“
„Das stimmt. Diese Halle nervt gewaltig. Hauptsache die Fußballer kriegen einen schöneren Platz für mehr Zuschauer. Und dann bildet sich diese Nakazawa auch noch sonst was darauf ein.“
„Ja, und dann taucht dieser Ausländer auf und spielt vor ihr den Helden, dabei haben wir nur mit ihr geredet.“
„Ja, echt mal. Da müsst ihr euch mal vorstellen, bezeichnete er uns doch echt als Vorstadtgören, nur weil er aus Tokio kommt.“
„Und bedroht hat er uns auch noch und dann macht er sich an die Tussi ran und geht ihr ans Knie.“ Die Jungs unterbrachen ihr Spiel und gingen zu ihnen. „Welcher Ausländer?“
„So ein komischer Typ komplett in Schwarz mit Kapuze.“
„Wie jetzt, er hat euch bedroht und ging wem ans Knie?“
„Na der Nakazawa. Sie ist über ihre eigenen Füße gestolpert und hingefallen. Als wir dann weg sind, haben wir noch von Weitem gesehen, wie er ihr Hosenbein hochzog und ihr ans Knie fasste.“
„Dann war sie vielleicht verletzt und er hat ihr natürlich geholfen.“, vermutete der Libero.
„Na so schlimm war es sicher nicht, sie ist doch gleich wieder aufgestanden. Die hat sich bestimmt an ihn rangemacht. “
„Was für eine Drohung denn?“
„Er hat uns mit Schlägen gedroht.“
„Ein Ausländer mit schwarzer Kapuze? Der kam hier doch vorhin vorbei. Zumindest kommt die Beschreibung hin.“
„Ja, aber er war freundlich, ich kann mir das nicht vorstellen. Er sah uns zu und da wollten wir ihn zum Spielen einladen. Ich habe ihn dann gefragt, aber er wollte lieber Laufen. Er ist kein Volleyballer.“, berichtete der Libero. In dem Moment klingelte sein Handy und er ging zu seinen Sachen und telefonierte kurz. Dann kam er wieder und sprach seinen großen Bruder an.
„Wir müssen los, die Lieferung ist schon da. Wenn wir gleich losmachen, sind wir schneller fertig.“ Einer der großen Blocker stimmte ihm zu und beide verabschiedeten sich von ihrem Team und den Mädchen.
Etwas später waren viele Schritte zu hören. Sie gingen von sieben Oberschülern im Alter von 17 bis 19 Jahren und drei Mädchen etwa 16 bis 17 Jahren alt, aus und endeten dann beim Fußballfeld.
„Schaut euch das an. Das ist der Typ. Wieso sitzt der jetzt im Tor?“
„Wisst ihr was, der ist einer von denen. Ganz sicher.“ Sie sahen neugierig zu ihm.
„Jetzt, seht, jetzt kommen die anderen auf ihn zu.“
„Lasst uns mal außer Sichtweite gehen. Ich würde mir das erstmal ansehen. Was ist, wenn er ein Neuer ist? Immerhin fehlt nun Ohzora und Misaki wird auch bald gehen.“ Die zehn Jugendliche gingen einige Schritte zurück neben den Weg auf die andere Gehwegseite, weg vom Spielfeld, so, dass sie nur noch knapp das Geschehen beobachten konnten und sie von unten nicht zu sehen waren. Zu hören war nichts, aber die Keeper gingen zum Fremden und sprachen ihn an.
„Jetzt gehen sie wieder. Er will wohl nicht mit ihnen spielen.“
„Also zu ihnen scheint er schonmal nicht zu gehören.“
„Die kannten sich auch nicht. Zumindest kam das so rüber.“
„Naja, aber wieso sitzt der Kerl im Tor?“ In dem Moment wurde der Ball leicht in Richtung Tor geschossen und es wurde sich am Tor bewegt und der Ball festgehalten.
„Jetzt bin ich aber gespannt. Komische Art, diese Fußballer sind manchmal seltsam. Jetzt hauen die ab und lassen ihren Ball bei ihm?“ Wenig später:
„Oh man, der gehört doch zu ihnen? Zumindest ist er eindeutig Fußballer. Dieses Jonglieren hat er voll drauf.“
„Deswegen wollte er nicht bei uns mitspielen. Mich regt das alles so auf. Diese Arroganz. Er laufe lieber, auch noch lügen. Er kann doch gleich sagen, dass er Fußballer ist.“
Tina nahm Anlauf und versetzte dem Ball seinen Weg. Sie lief los und blieb am Ball vor dem Strafraum stehen.
„Wow, was für ein Schuss. Und dann dieser Sprint...das ist ja Wahnsinn. Ist der schnell.“
„Ja echt mal. Wie groß ist so ein Feld eigentlich?“
„120m. Das sind hier schon die großen für die Profis. Und dort wo er jetzt steht, da sind noch 20m bis zum Tor.“, erklärte einer von ihnen.
„Eindeutig ein Fußballer. So einen Sprint hinlegen und dann eben dieser passgenaue Schuss. Der hat nicht mal einen Bogen gemacht.“ Die nächsten Minuten wurden gespannt beobachtet.
„Oha, habt ihr das eben gesehen? Das war echt Mega, dieses Duell. Der hat auf jeden Fall was drauf.“
„Passt auf, da kommt noch was. Was wird das jetzt? Ein Elfer?“
„Ja, bestimmt.“
„Oh, interessanter Schuss. Aber gehalten.“
„Nein, er ist gut, würde ich mal behaupten. Ein Tor gegen Morisaki zu schaffen, ist eine echte Glanzleistung. Vergesst mal nicht, dass er immerhin zu den Weltmeistern gehört. Die werden ihn nicht umsonst mitgenommen haben.“, wurde wieder erklärt.
„Du verteidigst ihn auch noch? Seit wann bist du ein Fan von denen? Ihretwegen fließt das ganze Fördergeld nur noch in ihr Stadion. Und wir können nicht mal richtig trainieren. Wie sollen wir jemals mit den Großen wirklich mithalten, wenn wir ständig im Spiel unterbrochen werden? Wir könnten deutlich besser sein, wenn wir dieselben Bedingungen hätten wie die anderen Teams. Aber nein, alles seit Jahren nur noch für den Fußball. Das ist echt nicht mehr auszuhalten, diese Ungerechtigkeit.“, schaukelte sich der Teamchef und Angreifer erneut hoch.
„Echt mal, Jungs. Mich kotzt das total an. Die sollten mal langsam begreifen, dass sie hier nicht die Fördergelder gepachtet haben, nur weil sie sich sonst was einbilden und ein paar von ihnen Weltmeister wurden.
Und dieser Kerl war echt frech und hat uns sogar angegriffen. Vergesst das mal nicht.“, kam von einem der Mädchen.
„Euch Gören zu nennen und euch zu bedrohen und sogar anzugreifen ist definitiv ne Schweinerei. Das können wir nicht durchgehen lassen. Wenn der jetzt hier an die Schule kommen sollte, dann sollte er gleich wissen, dass es hier sowas nicht gibt.“
„Genau! Unschuldige Mädchen angreifen, das ist sowas von unter aller Sau. Vielleicht kennt er das ja von sich zu Hause, aber das muss man gleich unterbinden!“
„Vielleicht wusste er ja doch wer Nakazawa ist, hat nur gelogen und er ist hier, um Ohzora zu ersetzen? Ich glaube nicht, dass die ohne ihn nächstes Jahr nochmal einen Nationaltitel gewinnen. Nicht gegen die Toho. Ihre Teams sind oft die besten, nicht nur im Fußball und bei uns.“
„Wo soll der herkommen?“
„Aus Deutschland, sagte er.“, gab eines der Mädchen als Antwort.
„Ob es einer von Wakabayashis Freunden dort ist? Lasst es uns herausfinden. Ich bin gespannt, was er zu seiner Verteidigung zu sagen hat.“
„Gut, dann lasst uns jetzt runtergehen. Mal sehen wie angenehm es ihm ist, vor seinen neuen Freunden bloßgestellt zu werden, dass er die Mädchen angegriffen hat.“
Vor dem Tor wurde heiter miteinander jongliert und über den Alltag in Japan erzählt.
„Tino, du bist echt nett. Wenn wir schon dein Geheimnis behalten sollen, dann verrate uns doch wenigstens was du jetzt machen willst, statt Fußball zu spielen.“ Tina schwieg einen Moment.
„Ich spiele jetzt Volleyball. Vorhin musste ich sogar ein paar Jungs ne Absage erteilen. Ich habe ihnen kurz zugesehen und hätte echt Bock gehabt, aber ich muss mich ja noch bedeckt halten und so gut wie die, bin ich noch nicht. Ich fange ja erst an.“
„Ach so. Ja, die spielen viel draußen. Du bist tatsächlich aus ihrer Richtung gekommen.“ Yuzo sah auf und wunderte sich dann.
„Äh, wenn man vom Teufel spricht. Schaut mal. Da kommen einige von ihnen. Was wollen die hier?“ Tina sah hinter sich und hatte den Ball dann unterm Arm. „Keine Ahnung. Der, der mich angesprochen hatte war nett, aber er ist nicht dabei. Ich habe ihm als Ausrede gesagt, dass ich kein Volleyballer bin. Wäre gut, wenn wir erstmal dabeibleiben.“, flüsterte Tina skeptisch. Die Jungs nickten ab.
‚Jetzt muss ich sehr aufpassen. Ich wusste, es war ein Fehler mich hier mit den beiden zu unterhalten. Muss ich durch, bringt ja nichts. Was wollen die Volleyballer aber jetzt hier?‘
„Morisaki, altes Haus. Wie geht es dir so?“ Wurde er angesprochen.
„Gut, warum? Hi. Was wollt ihr von uns?“
„Darf man nicht einmal Guten Tag sagen? Sind wir nicht mehr euer Niveau?“ ‚Was hat das denn zu bedeuten? Wie redet er denn mit ihm? Das klingt gar nicht gut.‘, fiel Tina auf.
„Wovon redest du? Ich frage mich eher was ihr wollt? Ihr redet doch schon lange nicht mehr mit uns.“
„Wie wir sehen, habt ihr einen Neuzugang. Soll er euren Kapitän ersetzen, oder wer ist das?“ Alle Blicke sind auf Tina gerichtet. Ihre Kapuze ist noch bis zur Stirn gezogen, dass man ihre Frisur nicht genau erkennen kann. Die zusammengebundenen Haare sind nur ansatzweise zu sehen, sodass man nur erkennen kann, dass sie blond sind.
„Yuzo, habt ihr irgendwelche Probleme mit denen?“, flüsterte sie zu ihm.
„Nicht wirklich, aber in letzter Zeit sind sie etwas unfreundlicher als früher.“, flüsterte er zurück.
„Lasst uns vom Tor weggehen, neben die linke Seite. Besser wir sind auf Nummer sicher.“, flüsterte Tina zurück. Yuzo und Koji sahen sie überrascht an.
‚Was meint er damit? Wieso vom Tor weg?‘, wunderten sie sich und dann sahen sie zu den Jungs und bemerkten, wie sie sie langsam scheinbar umstellten.
‚Die wollen uns doch nicht etwa angreifen? Warum stehen die so seltsam und schauen so zornig? Und was wollen diese Mädchen hier?‘, fiel Yuzo auf. Die Keeper folgten Tinas Vorschlag neben das Tor zu gehen, so hatten sie eine Seite weniger, von der sie etwas erwarten mussten und sie konnten im Notfall fliehen.
„Was soll das werden? Zieht Leine.“
„Neuer! Jetzt hast du die Chance, entschuldige dich bei den Mädchen.“, wurde eine wütende Stimme laut und der große Teamchef kam auf sie zu und stellte sich direkt vor sie hin und sah zu ihr herab. Tina sah nicht zu ihm auf, sondern stattdessen an ihm vorbei.
„Warum soll ich mich bei den Mädchen entschuldigen? Gehören die etwa zu euch?“ Natürlich hat sie die drei Mädchen erkannt, als sie hinter der Jungengruppe hervortraten und endlich zu sehen waren.
„Das ist er doch, oder?“, wurden die Mädchen angesprochen.
„Ja, der war das. Hier…schaut.“ Eine von ihnen ging zu ihm und zeigte ihm die rechte Hand. Es waren kleine Schmauchspuren und ein kleiner Kratzer am Handgelenk.
„Das ist von ihm, er hat mich dort einfach angefasst und festgehalten und dann nach hinten gestoßen.“, berichtete sie zurückhaltend.
„Ja genau, das hat er bei mir auch gemacht. Aber noch viel doller. Das tut total weh.“ Die andere kam ebenso an und zeigte ihren Arm, an dem ein großer blau-lila Fleck war.
‚Moment mal. Das ist doch gar nicht von mir. Diese dummen Weiber wollen mir was unterschieben. Der kleine Kratzer kann passiert sein, als ich sie zurückgestoßen habe, um ihnen entgegenzuwirken, aber der blaue Fleck ist nicht von der Aktion.‘ Yuzo und Koji sehen sich verblüfft an.
„Ihr habt sie doch nicht alle. Seid ihr etwa die Weiber, die sich über unsere Managerin hergemacht haben? Er hat ihr nur geholfen. Sie ist euretwegen gestürzt und hat sich das Knie aufgeschlagen und einen verstauchten Fuß. Euretwegen kann sie jetzt nicht mehr arbeiten und uns helfen geht auch nicht mehr so gut. Schämt euch was!“, kam Koji energisch und wütend entgegen.
„Schon gut, ich regle das selbst.“, sprach Tina dann streng und ging einen Schritt zur Seite.
„Ich werde mich nicht dafür entschuldigen einem Mädchen geholfen zu haben, das von fünf anderen gejagt wurde und dadurch gestürzt ist.
Und diese Verletzungen bei euch beiden, die sind nicht alle von mir. Ihr zwei habt mich gleichzeitig angegriffen und wolltet mir ins Gesicht schlagen, da habe ich euch nur abgewehrt und zurückgestoßen. Das war es also schon. Der Kleinkram an der Hand kann also sein, aber eure Arme habe ich dabei nicht berührt.
Ihr solltet also lieber mal in euch gehen und überlegen wer das am Arm wirklich war, von heute ist das nicht. Dafür sieht der Fleck viel zu dunkel aus.“
„Du lügst und willst dich nur rausreden! Der ist von dir!“, brüllte das Mädchen mit dem Bluterguss.
„Die denken sich das schon nicht aus. Außerdem, ist die Kleine hier meine Cousine. Sie würde mich niemals belügen, klar?!“ Tina sah ihn verblüfft an. „Deine was? Kannst du es bitte in Englisch sagen? Alle Wörter kenne ich noch nicht.“
„Cousine. Also das Kind einer Tante oder eines Onkels.“, kam von Koji dazwischen.
„Oh, okay. Warum sollte eine Verwandte nicht lügen? Das kann doch trotzdem sein.“, versucht Tina ruhig zu erklären und sah dann zu dem Riesen vor sich auf.
„Du kleine Ratte…was nimmst du dir raus? Niemand beleidigt meine Familie oder greift sie an! Ist das klar?!“
„Ich habe niemanden beleidigt. Angegriffen auch nicht. Ich habe wie gesagt dem anderen Mädchen nur geholfen und sie sowie mich verteidigt.“
„Du hast sie Vorstadtgören genannt. Das ist ja wohl beleidigend und jetzt behauptest du auch noch, dass gelogen wird. Natürlich sind die Verletzungen von dir! Gestern war der Fleck noch nicht da.“
‚Was bildet sich dieser Ausländer eigentlich ein? Der taucht hier auf, greift meine Cousine an und dann behauptet er auch noch, unschuldig zu sein.‘ Sein Puls stieg enorm an und er bäumte sich vor Tina auf.
„Vorstadtgrazien, habe ich gesagt. Das ist eigentlich ein Kompliment. Ich würde niemals Mädchen beleidigen, allgemein niemanden. Das habe ich gar nicht nötig.“, kam sie ihm mit erhabener Stimme und einem sehr ernsten Blick entgegen. Ihre Hände waren einerseits in der linken Hosentasche und die andere am Rücken und fummelte unauffällig in der Bauchtasche rum. Ihr Puls war ruhig, denn sie wusste, ein Fehler und irgendwas würde schief gehen. Provozieren war definitiv der falsche Weg, um irgendwie heile hier rauszukommen.
‚Bei dem hat sich ganz schön was aufgestaut.‘
„Sagt selbst was dazu. Ihr müsst ja beschreiben können wie der Fleck angeblich zustande kam.“ Das Mädchen sah die anderen fraglich an und dann zu ihrem Cousin auf. Sie griff an seinen Oberarm.
„So hat er mich einfach festgehalten. Dann konnte ich nicht weglaufen. Richtig doll hat er zugepackt.“, erklärte sie überzeugend für ihn und die anderen.
„Du bist so ein Feigling, echt mal. Das bekommst du zurück!“, kam plötzlich eine Stimme von der Seite und einer der anderen Jungs ging auf Tina los, doch Koji stellte sich in dem Moment dazwischen und fing die Faust mit beiden Händen ab.
„Wage es ja nicht uns anzugreifen.“, fauchte er den Angreifer an, der gut einen Kopf größer war als er.
„Hört auf! Ich kann es beweisen!“, brachte Tina sich laut und ernst ein. Ihr Puls stieg nun doch etwas an.
„Schaut her!“ Sie nahm ihre Hände hoch und zeigte sie dem Team-Kapitän und seiner Cousine.
„Schaut, meine Hände sind viel zu klein, um deinen Oberarm zu umschließen. Dieser Abdruck, kann nur von einem sehr festen Druck kommen, aber von einer größeren Hand.
Darf ich? Ich fass sie auch nicht an.“, versuchte sie ganz ruhig zu erklären und zu zeigen, aber genau dann fing das Mädchen an zu keifen, dass er sie niemals wieder anfassen soll und die anderen wurden immer unruhiger.
„Alles Ausreden!“, rief einer und ging plötzlich auf Morisaki los und verpasste ihm ein blaues Auge. Das hatte er nicht kommen sehen.
„Ihr habt immer nur Ausreden und alles dreht sich nur noch um euch! Ihr nehmt euch hier alles raus und nicht mal vor unseren Mädchen macht ihr Halt!“, kamen die nächsten Ausrufe und alle gingen immer weiter auf sie zu, bis der erste Schlag in Yuzos Bauch landete und Tina sich ebenso vor dem Großen währen musste. Er wollte ihr an den Arm boxen und sie drehte sich jedoch rechtzeitig weg und stieß ihn zur Seite, so wie sie es bei Martin gelernt hatte.
‚Verdammt, wieso sind die denn nur so uneinsichtig? Und was haben die gegen Genzos Team?‘ Alle drei versuchten sich zu verteidigen und Tina sah sich zu Koji um, als er etwas freie Bahn hatte.
„Koji!! Lauf und hol Hilfe!!“, rief sie ganz laut und mit sehr fester Stimme. Er sah sie verdutzt an.
„Ich…ich lass euch doch jetzt nicht alleine mit denen und lauf weg!“, kam als Antwort.
„Wir kommen schon klar! Einer muss Hilfe holen!! Hol die Anderen!! Nur du kannst jetzt laufen!!“, machte sie ihm klar und dann verstand er es. Noch kurz bevor er loslaufen wollte, bekam er erneut eine Faust ab und hielt sich das Gesicht.
„Du bleibst schön hier!“ Koji jedoch schubste den Kerl weg und konnte sich freilaufen und rann so schnell er konnte zum Gehweg die Böschung hoch. Es waren noch immer keine Fußgänger oder Radfahrer da wie es sonst bei schönem Wetter und Wochenenden der Fall war. So lief er nach einem kurzen Rückblick in Richtung Schule, um irgendjemanden zu holen.
‚Verdammt. Warum greifen die uns denn nur plötzlich an und dann gleich mit Sieben Mann? Sonst sind die doch auch nicht so aggressiv. Ich verstehe das nicht. Ich habe damit echt nicht gerechnet.‘
Nach etwa zehn Minuten kam er endlich bei der nächsten Einkaufsstraße an und rann sofort ins Fitnessstudio eines Schulkameraden zu. Er wusste, wenn er ihm und seinen Boxfreunden davon berichtete, würden sie ihm am besten helfen können.
„Kanda!! Ist er da?“, stöhnte er am Empfangstresen völlig außer Atem auf.
„Ja, du meine Güte. Was ist denn mit dir passiert?“
„Wir brauchen eure Hilfe. Die…die Kerle verprügeln Morisaki und einen Touristen. Ich sollte Hilfe holen!“ Der Herr am Empfang rann mit ihm sofort zu den anderen. Kaum ging die Tür zum Boxstudio auf und die laute Stimme des Keepers hallte durch die große Halle, waren alle Blicke auf ihn gerichtet.
„Koshi Kanda! Hilf uns bitte! Morisaki wird von den Freunden verprügelt, die zu den Mädchen gehören, die Fane heute Morgen angegriffen haben. Die haben es auf den Jungen, der ihr geholfen hat und uns abgesehen! Wir brauchen Hilfe!“ Der große Boxer nahm seinen Mundschutz raus und sah ihn verblüfft an.
„Fanes Retter und Morisaki?“ Er hob die Hand. Er wusste genau wen er meinte, da er auch am Bahnhof Abschied nahm.
„Männer! Wir helfen, ist ja wohl klar!
Wie viele sind es?“
„Sieben und drei von den dummen Mädchen, die Fane gejagt haben. Sie behaupten plötzlich, dass der Fremde sie angegriffen hätte, dabei hat er sich doch nur verteidigt und Fane beschützt.“
„Diese Feiglinge. Wir sind dann auch sieben! Mann gegen Mann. Männer, folgt uns.“ Er rief die Namen und die jungen Männer machten sich auf dem Weg.
Unten am Fluss spiegeln sich Schleierwolken
Kapitel 157
Unten am Fluss spiegeln sich Schleierwolken
Unterdessen wich Tina wieder einem Angriff aus, sie hatte Glück in ihrer Größe und durch die Tricks bekam sie nicht so viel ab, aber sie konnte sich durch ihre eigene Abwehr nicht um Yuzo kümmern. Sie versuchte ihm näher zu kommen und dann machten die Jungs eine kleine Pause und quatschten wieder dummes Zeug. Sie sah zu Yuzo. Er lag fast am Boden und hielt sich den Bauch.
„Yuzo! Steh auf!“
„Ich…kann nicht mehr. Mein Bein.“, kniff er die Augen zu, denn die Tritte gegen seine Beine machten ihm Probleme.
„Ihr seid solche Feiglinge! Mit sieben Mann auf zwei. Schämt euch! Sowas sind keine Sportler!“, haute Yuzo dann plötzlich keuchend und zornig aus. Tina konnte sich freilaufen und ging zu ihm, nahm seinen Arm auf die Schulter und richtete ihn auf.
„Tut mir leid. Das ist alles meine Schuld. Kannst du so jetzt etwas laufen?“, sprach sie leise.
„Ja, so geht’s. Du kannst nichts dafür.“
„Ihr habt es nicht anders verdient! Lauft doch weg, wenn ihr könnt. Ihr seid doch so gut im Laufen.“, kam es gehässig.
„Feiglinge seid ihr!“, fauchte Yuzo wütend.
„Ihr habt zwei Minuten. Ich schau auf die Uhr. Zwei Minuten habt ihr Vorsprung. Ist das fair genug?“ Tina sah sich um, ihr war klar, dass der Vorsprung nicht viel bringen würde, aber es gab noch eine letzte Möglichkeit den Jungs in der kurzen Zeit aus dem Weg zu gehen. Bleiben konnten sie nicht.
„Gut, zwei Minuten und dann? Wann soll das enden?“, waren ihre ernsten Worte. Es wurde auf die Uhr geschaut.
„Ich zähle bis 120!“, grinste der Spieler neben dem Teamchef.
‚Das lass ich mir nicht zweimal sagen. Wir müssen das nutzen.‘ Sie zog Yuzo mit sich und näherte sich dem Flussufer und lief mit ihm dort entlang.
„Sagt mal, wieso laufen die nicht einfach hoch zum Weg? Ist denen das jetzt zu steil?“
„Das denke ich auch.“
„Sagt mal Jungs, ich…ich glaube…wir haben da etwas übertrieben, oder?“, kamen plötzlich von jemanden Zweifel auf, als er seine Hände ansah und den beiden Jungs hinterher blickte, wie sie verzweifelt so schnell sie konnten wegliefen. Alle sahen sich an und blickten ihnen nach.
‚Haben wir das wirklich? Der Kleine konnte gut ausweichen, aber Morisaki hat echt was abbekommen. Er sieht schon doll aus.‘, fiel dem Kapitän auf und sah auch auf seine Hände.
„Ihr wollt die doch wohl jetzt nicht entkommen lassen?“, fauchte eines der Mädchen.
„Wir werden ihnen nur noch mal eine ordentliche Portion Angst einjagen, dann sind wir fertig mit ihnen.“, bestimmte der Chef dann und ließ wieder den Coolen raushängen.
„Chef, was meinst du mit Angst einjagen? Ich denke es ist genug. Wenn ein Mann am Boden liegt…dann tritt man nicht nach.“, sah es plötzlich einer der Zuspieler ein und berührte seinen Arm.
„Das war gemeint, keiner wird mehr angefasst. Du hast völlig Recht.“
„Die Zeit ist rum.“
Zeitgleich standen Tina und Yuzo am Flussufer und sahen zu ihren Angreifern zurück.
„Die Zeit ist um. Sie kommen her. Uns bleibt nichts anderes übrig, als rüber zuschwimmen.“
„Ne, ich kann nicht schwimmen, tut mir leid. Und da geh ich nicht rein.“, sagte er total überrascht und etwas angeekelt. Tina wunderte sich sehr.
„Wie jetzt? Du kannst nicht schwimmen? Dann hältst du dich an mir fest und ich schwimme.“
„Wie jetzt? Du meinst das Ernst?“
„Du willst doch wohl nicht, dass sie dich wieder in die Finger kriegen. Das werde ich nicht zulassen, klar!? Wenn du noch mehr abbekommst, wird das böse enden.“ Er sah zu den heraneilenden Jungs. Sie liefen auf sie zu und machten typische Andeutungen.
„Schau dir doch ihre Gesichter an und diese Körperhaltungen. Die wissen eindeutig nicht wann Schluss ist, da gibt es nur noch die Flucht und laufen kannst du nicht. Uns ins Wasser zu folgen hat keinen Sinn für sie.“
„Dann lauf alleine und lass mich hier. Ich bin hart im Nehmen und irgendwann kommen die anderen.“
„Idiot! Yuzo, hier, meine Tasche. Mach sie auf deinen Rücken nach ganz oben am Nacken. Sie darf nicht nass werden, da sind unsere Beweise drin, wenn wir sie brauchen.“, gab sie ihm die Bauchtasche und half sie umzumachen. Beide zogen ihre Schuhe noch schnell aus und sie wurden mit an die Tasche geschnürt.
„Du hältst dich jetzt gleich, wenn wir ins Wasser gehen, nur an meiner Schulter fest, klar? Beide Arme unterhalb meines Halses zusammenhalten, wenn es mit Schwimmen losgeht. Und dann einfach von mir ziehen lassen. Und bloß nicht rumzappeln. Die Tasche muss trocken bleiben.“ Der Junge schluckte etwas und schielte dann zum Kraftwerk Flussaufwärts rüber.
‚Ausgerechnet heute…aber er hat Recht. Wenn wir nicht ausweichen, dann kriegen die uns wieder in die Finger. Die wissen genau, dass wir zusammen nicht weglaufen können, jetzt wo ich diese Schmerzen am Bein habe. Wir müssen dieses Risiko eingehen.‘
„Verdammt. Du hast so Recht. Und du glaubst, du schaffst die ganze Strecke mit mir? Du hast doch auch was abbekommen.“
„Keine Sorge, ich bin Rettungsschwimmer. Ich bin hauptsächlich ausgewichen, du bist hier das Sorgenkind. Die vielleicht 300 Meter sind kein Problem und so kalt ist das Wasser noch nicht.“ Kurz darauf ging Tina langsam ins Wasser. Es war für sie selbst nicht unangenehm kalt und die Strömung war ebenso nicht groß. Es erinnerte Tina eher an ihr altes Zuhause in Warnemünde. Die Warnow konnte man vor Rostock super zum Schwimmen und Kanufahren nutzen. Der Fluss war diesem sehr ähnlich von der Breite und der Strömung her.
„Äh, sagt mal. Die wollen doch nicht etwa ins Wasser?“
„Die bluffen doch.“
„Ich glaube nicht. Oha…Morisaki kann wohl nicht mehr schwimmen?“
„Vielleicht kann er gar nicht schwimmen.“ Sie blieben dann stehen und sahen den beiden überrascht hinterher. Es wurde bereits zwanzig Meter hinter sich gelegt, als sie am Ufer standen und ihnen nachsahen.
„Hm. Und nun?“
„Wo wollen die denn überhaupt landen? Am anderen Ufer sind doch nur diese Villen von unseren Snobs.“
„Keine Ahnung, aber lasst das bloß nicht die anderen hören. Halte dich zurück, wenn es um diese Reichen geht.“
„Wieso? Ist doch wahr. Darf man das nicht sagen?“
„Du verkennst da was, Neuer. Einige aus unserem Team sind auch von solchen Familien.“
„Oh, echt?“
„Ja, die beiden, die vorhin zum Beispiel schon gegangen sind. Sie mögen jetzt Zeitung austragen, aber die sind aus einer solchen reichen Familie.“
„Wow, wieso tragen die dann Zeitungen aus, wenn sie es nicht müssen?“ „Schonmal was von Unabhängigkeit gehört? Du kennst die beiden noch nicht gut genug. Sie sind voll in Ordnung und wollen von ihren Eltern nicht alles geschenkt haben. Sowas gibt es eben auch.“, erklärte der Kapitän. Es war plötzlich ganz still, während sie den Fußballern hinterher sahen.
„Kapitän! Ich glaube…wir haben eben…voll Scheiße gebaut?“, stöhnte plötzlich einer aus. Alle sahen sich selbst entsetzt an.
„Verdammt. Er hat Recht. Wie…wieso? Warum haben wir so übertrieben?“ Der Kapitän sah zu seinen Jungs und dann zu den drei Mädchen, die weiter hinten standen. Seine Cousine hielt sich den Mund und dann sah sie mit einem verweinten Gesicht zu ihm.
‚Cousin…ich…es tut mir leid. Wir…ich hätte euch nicht…jetzt sind die beiden ins Wasser gegangen? Was ist, wenn sie ertrinken, weil sie nicht an Land kommen? Ich bin so dumm.‘
‚Du weinst? Hatte er etwa doch Recht? Aber…Cousine…wenn der Fremde es nicht war…wer dann?‘
„Verdammt! Wir müssen abhauen!“, wurde plötzlich laut gerufen. Es wurden mehrere große kräftige Kerle gesichtet, die auf sie zuliefen.
„Wer sind die denn?“
„Das sind die Boxer…dieser Keeper…er hat die Boxer geholt!“
„Lauft! Wir sehen uns dann heute Abend nochmal an unserem kleinen Platz im Park!“, wurde eine Ansage gemacht, noch bevor die anderen sie hören konnten, denn sie kamen schnell näher und liefen geradewegs über das Fußballfeld.
„Seht, da sind sie. Aber wo sind Morisaki und der Andere?“, fragte Koji.
„Dort hinten, sind die verrückt?“, haute Koshi aus.
„Die Kerle versuchen abzuhauen!“
„Hinterher!“
Koji lief zum Flussufer und versuchte den beiden zuzurufen, dass sie umkehren können, aber sie waren schon so weit weg, dass man ihn nicht mehr hören konnte.
Die Boxer versuchten den anderen hinterher zu laufen und holten sie jedoch nicht wirklich ein. Dann plötzlich stolperte eines der Mädchen und fiel zu Boden. Der Kapitän sah sich um und rann natürlich zu ihr zurück. Sie sah weinend und mit angsterfülltem Blick zu Koshi Kanda, dem großen starken Boxer, hoch, als er plötzlich vor ihr stand und wütend zu ihr herabsah. Er stellte sich drohend vor ihr und schlug eine Faust in seine eigene Hand.
„Ihr seid so ein Haufen Feiglinge! Ihr dummen Weiber habt grundlos meine Fane angegriffen.“, knurrte er. Sein Puls stieg immer weiter an.
„Wie konntet ihr nur? Und dann holt ihr so einen Haufen feiger Kerle als euren Schlägertrupp und hetzt sie auf?!“, warf er ihr vor und sah dann direkt in die Augen ihres Cousins.
„Es…war ein Missverständnis.“, versuchte der Volleyballer zu retten was er konnte.
„Ein Missverständnis? Ihr verkloppt zu siebt drei Jungs, die auch noch jünger und kleiner sind? So ein feiges Gesindel! Und kaum kommt Gegenwind, dann haut ihr ab wie die Hasen.“ Respektlos spuckt er wütend neben sich auf den Rasen. ‚Verdammt. Wie konnte das auch alles plötzlich so ausarten? Er hat vollkommen Recht. Aber…‘ Er sah skeptisch zu seiner Cousine runter und half ihr hoch.
„Es tut mir alles so leid. Ich…bin an allem schuld.“, weinte sie bitterlich los, fasste sich an die Arme und wollte alleine weiterlaufen, doch dann stolperte sie erneut und knickte sich diesmal den Fuß um. Sie schrie auf vor Schmerzen und hockte zitternd und weinend am Boden.
‚Hier stimmt doch was nicht.‘
„Ich schlag keine Mädchen, vor mir musst du keine Angst haben. Aber es war echt feige Fane mit vier anderen anzugreifen. Was habt ihr euch dabei gedacht? Vor allem warum? Was hat sie euch denn getan? Fane hat doch nur für die alten Leute Essen ausgeliefert.“
„Lass sie bitte. Wie gesagt, ein Missverständnis.“, hockte sich der junge Mann vor ihn und nahm das Mädchen hoch in die Arme. Sie krallte sich verzweifelt an ihm fest und weinte bitterlich weiter. Sie vergrub ihren Kopf an seine Brust und ließ sich einfach von ihm tragen.
„Was ist mit ihr? Wieso heult sie und zittert so? Ich habe schon gesagt, dass ich sie schlage.“ Es wurde sich nur von ihm abgewandt und der Weg in die Gegenrichtung eingeschlagen.
‚Hier stimmt was ganz gewaltig nicht.
Moment…was war das eben? Ihr Ärmel ist verrutscht und da war doch eben ein großer Fleck? Ist das das, was Koji meinte? Er sprach doch von einer Verletzung am Arm.‘
„Halt!“, sagte er dann laut, aber es wurde ignoriert.
„Halt, sagte ich!“ Koshi kam auf die beiden nochmal zu und berührte einfach den Arm des Mädchens und schob den Ärmel hoch.
„Was ist das? Warst du das etwa?!“ Sein Blutdruck stieg enorm an.
„Nein! Was denkst du von mir? Das ist meine Cousine! Geh einfach. Und wenn du dich besser fühlst, dann hau mir gerne eine rein. Dann bin ich dich wenigstens los. Verdient wäre es nach dieser Aktion wohl.“, haute er ihm an den Kopf.
„Das ist egal, noch nie was von häuslicher Gewalt gehört?
Und im Gegensatz zu euch, schlage ich keinen wehrlosen Mann.“ Er sah ihn ernst und wütend an. Der Volleyballer stand mit dem Mädchen in den Armen vor ihm. „Lass sie los! Das ist unsere Angelegenheit.“, drehte er sich weg und Koshi ließ natürlich den Ärmel los.
„Wenn du es nicht warst, dann finde raus wer es war! Sowas darf man nicht durchgehen lassen. Der Fleck könnte von heute Nacht oder gestern Abend sein. Ich kenn mich damit aus. Meine Gegner sehen oft so aus. Und das sind keine kleinen zierlichen Mädchen. Wer auch immer das war, das muss sich ein Arzt ansehen.“
„Danke für den Hinweis.“
„Wer war das denn? Mädchen? Rede schon.“ Sie sagte natürlich nichts und drehte sich nur weg.
Der Boxer sah den beiden nur etwas verwundert und nachdenklich hinterher.
‚Was hatte das denn jetzt zu bedeuten? Die zettelt so eine Prügelei an und dann versteckt sie sich hinter ihrem Cousin? Und dann diese Verletzung. Das muss ein heftiger Griff gewesen sein. Was ist, wenn sie…? Moment.‘
„Hey! Volleyballkapitän!“, rief er ihm plötzlich nach. Der junge Mann blieb stehen und drehte dich aber nicht um.
„Kontrolliere, ob es noch mehr davon gibt! Und wenn nicht du, dann bitte deine Mutter darum.
Und wenn du Feigling mal ne Tracht Prügel brauchst, dann weißt du ja wo du mich findest! Das Boxstudio ist nur wenige Minuten von hier entfernt.“
Unterdessen wurde mitten im Fluss vorsichtig Acht gegeben, dass sich Yuzo nicht zu doll bewegte.
„Du bist echt stark, also Rettungsschwimmer bist du?“
„Ja. Ich habe vorletzte Woche gerade meine Prüfung abgelegt.“
„Und da steigst du trotzdem in einen Fluss, wo das restliche Kühlwasser von diesem Atommeiler reinfließt?“, haute er trocken raus. Tina stoppte plötzlich und sah zu den Kühltürmen, Fluss aufwärts.
„Du spinnst doch. Wenn da was von dem Ding im Wasser wäre, dann hätten wir es am Ufer schon bemerkt und ihr währt doch alle schon krank in der Stadt. Je nachdem wie doll es wäre. Ich denke da ist nichts.“, war sie überzeugt und schwamm dann weiter.
„Wenn du meinst. Bitte schwimm, wenn möglich dort hinten zwei Häuser weiter an Land. Das Haus gehört einer Freundin meiner Mutter. Sie war Krankenschwester und arbeitet manchmal ehrenamtlich in der Schule, wenn Veranstaltungen sind. Dann kann sie uns gleich helfen und wir müssen auf kein fremdes Grundstück treten.“
„Okay, meinst du das dort mit der großen Terrasse?“
„Ja genau das. Da ist dann sogar ein Zugang an Land, ohne Zaun.“
„Alles klar, passt schon.“ Tina schwamm so schnell sie konnte und musste sich doch sehr darauf konzentrieren, dass ihr Yuzo nicht vom Rücken rutschte. Es war eine ganze Weile ruhig, denn viel reden konnte sie nicht.
„Tino? Ich hoffe du denkst jetzt nicht schlecht über Japaner. Das eben, das war komisch und kam bisher nie vor. Tut mir leid.“
„Mach dir keinen Kopf. In der Regel war ich Profi solchen Ärger aus dem Weg zu gehen, aber irgendwie zieht er mich hier magisch an. Aber dann auch noch zweimal heute. Manno.“
„Manchmal gibt es wohl solche Tage. Und du wohnst jetzt in Tokio. Die Stadt wäre mir echt zu groß, ich mag die Kleinstadt hier viel lieber. Hast du dort schon neue Freunde gefunden?“
„Habe ich, ja.“
„Das kann ich mir vorstellen. Du bist nett und talentiert. Und jetzt willst du Volleyballer werden?“
„Genau. Es war wie Magie, als ich den Ball in den Händen hielt. Ein Ball und ein Netz, passt doch super zu mir, oder?“
„Das stimmt. Schau mal dort. Da ist es schon. Du bist wirklich sehr stark. Du läufst wie der Blitz und schwimmst wie ein Fisch. Das kann man nur bewundern. Danke für deine Hilfe.“ Tina schwamm aufs Ufer zu und versuchte den Boden abzutasten, ob sie schon stehen könnte. Aber nein, es war noch zu tief und dann wurde es nur schleimig.
„Hier gehts nicht, kein fester Boden. Ich schwimm dort zum Stek, dann kannst du als Erster die Leiter hochklettern.“, entdeckte sie den kleinen Anlieger. Yuzo kletterte so gut er konnte die Leiter hoch und setzte sich aufs Holz. Tina tat es ihm gleich und dann stand sie auf.
„Komm, wir müssen vom Holz runter, nicht dass wir hier ausrutschen.“
„Okay, da spricht der Profi, was?“ Tina nickte nur und klemmt ihn sich wieder über die Schultern und er ließ sich von ihr auf den Rasen schleppen. Erschöpft ließen sich beide einfach nieder und legten sich hin. Tina auf den Bauch und Yuzo auf den Rücken. Sie atmeten tief durch und kamen endlich zur Ruhe.
„Wow, danke. Du hast uns gerettet. Wer weiß was die noch mit uns angestellt hätten.“, sprach er aus und kurz darauf war plötzlich Hundegebell zu hören. Yuzo schreckte auf und richtete sich auf.
„Verdammt, die habe ich ja total vergessen.“ Tina hob ihren Kopf und sah förmlich direkt in eine Hundeschnauze, die sie jedoch neugierig beschnupperte. Die Tiere waren zu ihnen geeilt und hörten dann jedoch gleich auf zu bellen. Sie knurrten auch nicht und waren nur aufgeregt.
„Was seid ihr denn für Schönheiten? Passt ihr auf das Haus auf? Richtig so. Seid lieb, dann spiele ich auch mit euch.“, versuchte sie die Situation zu retten, denn immerhin war sie die Fremde, nur Yuzo kennen die beiden, aber er schien ihnen nicht zu trauen.
„Tino, was machst du da? Die sind gefährlich.“, war er verwundert als sie ihre Hände vorstreckte und die Hunde zu sich lockte.
„Hey, schaut mal was ich habe? Ich bin keine Gefahr für euch.“ Sie hatte die Hände geschlossen und die beiden Hunde schnupperten neugierig. Dann setzt sie sich langsam hin und öffnete die Hände wieder.
„Oh, das ist aber schade. Ich habe doch nichts. Ich kann euch nur streicheln.“
In dem Moment kam der Hausherr um die Ecke und lief über den Rasen.
„Aus! Sitz!“, rief er und hatte die Leinen in der Hand. Die Hunde gehorchten aufs Wort, setzten sich und machten keinen Mucks mehr. Jedoch sahen sie Tina und Yuzo neugierig an. Ihre Gerüche irritierten die beiden. Einerseits freuten sie sich und andererseits waren sie verunsichert. Warum kamen die Menschen übers Wasser und nicht durch den Eingang?
„Nanu? Yuzo Morisaki. Was hat das zu bedeuten? Und wer bist du?“
‚Ein blonder Junge? Wieso kommen die beiden aus dem Wasser? Was hat das zu bedeuten?‘ Tina sah zu ihm auf und lächelte seicht. Sie hätte ihn gerne dankend anders angesehen, aber dann könnte er sie eventuell für ein Mädchen halten.
„Guten Tag. Es tut mir leid. Ich bin nur zu Besuch hier.“ Sie drehte sich zu Yuzo um.
„Erklär du ihm, was los ist. Ich kümmere mich um die beiden hier.“, erklärte sie und grinste dann die Hunde an.
„Na ihr Lieben? Ob Herrchen mir erlaubt euch zu streicheln? Wollt ihr denn? Ihr seid doch so artig, da ist eine Belohnung sicher drin.“, sprach sie liebevoll und hielt ihre Hand auf den Rasen.
‚Er hat wohl gar keine Angst? Er kennt die Hunde doch gar nicht und traut sich sie zu streicheln? Seltsamer Junge.‘ Er sah seine Hunde an und wunderte sich sehr, denn die beiden wedelten freudig mit dem Schwanz, während sie neben ihm saßen und nur darauf lauerten zu dem Fremden zu gehen.
‚Diese Reaktion. Das haben die beiden vorhin bei unserem Besuch auch gemacht. Das ist sehr verwunderlich. Aber überhaupt. Der Junge spricht auch so liebevoll mit ihnen.‘
„Guten Tag erst einmal. Also das war so. Koji und ich waren auf dem Platz dort hinten, eigentlich wie immer, wenn wir nicht mit dem Team unterwegs sind. Und dann lernten wir…diesen Jungen hier kennen und er war nett und hat mit uns etwas gespielt. Dann tauchte eine ganze Horde Kerle auf und griffen uns an. Koji lief los Hilfe holen aber dann mussten wir fliehen und da ich nicht mehr laufen konnte, blieb nur noch der Fluss übrig.“
„Du sieht aber auch schlimm aus, Junge. Man hat euch also verprügelt? Aber du kannst doch gar nicht schwimmen?“
„Naja, er ist Rettungsschwimmer und deswegen ging das. Er hat mich auf den Rücken genommen, also wie Huckepack quasi.“ Der Mann sah erstaunt zu Tina und betrachtete sie, wie sie weiterhin zu den Hunden schaute.
„Ich lasse die Leine etwas lockerer, aber sei vorsichtig, Junge. Hast du auch einen Namen?“ Er machte ein schnalzendes Geräusch mit der Zunge und die Hunde wussten bescheid, dass sie nun etwas freiere Bewegung hatten. Sofort fingen sie wieder an Tina zu beschnüffeln und sie lächelte die beiden an und berührte ihr kurzes braunes Fell.
„Seid ihr schön. Ihr seid brav. Ganz toll.“, lobte sie und fing endlich an beide zu streicheln. Dann hockte sie sich hin. Die beiden schleckten ihre Hände und freuten sich sichtlich über Tinas Zuneigung ihnen gegenüber.
„Die scheinen dich zu mögen. Normalerweise sind die nicht so verschmust.“, meinte der Herr des Hauses.
„Ach, jeder Hund ist verschmust, man muss es ihnen nur zutrauen. Dass sie mich als Fremden jedoch mögen, wundert mich auch. Ein richtiger strenger Wachhund jedoch wäre vorsichtiger, aber vielleicht mögen sie mich, weil ich mit Yuzo gekommen bin und sie ihn kennen.“, versuchte sie zu erklären.
‚Das glaube ich kaum. Er kann die beiden nicht leiden und hat Angst vor ihnen. Auf ihn haben sie auch nie groß reagiert.‘
„Hast du keine Angst?“, wunderte sich Yuzo noch immer.
„Hunden sollte man niemals Angst zeigen. Sei einfach freundlich und behandle sie wie einen Freund. Wenn sie dann positiv darauf reagieren, dann hast du schon gewonnen. Man muss sich ja erst kennenlernen, aber manchmal kann gleich eine Sympathie da sein, genauso wie bei Menschen. Ihr beide wart mir doch auch gleich sympathisch, ohne dass ich euch kenne. Aber ihr wart auch nett, obwohl ich euch ignoriert habe.“
„Du hast Yuzo durch den ganzen Fluss geschleppt? Du musst sehr kräftig sein. Hast du auch einen Namen, Junge?“, kam eine etwas strengere Stimme. Tina stand auf und verbeugte sich vor dem Mann.
„Als Rettungsschwimmer sollte ich das wohl können. Kräftig ist relativ. Ich bin klein und drahtig, das ist alles. Mein Name ist Tino.“
„Tino?“, stutzte er dann plötzlich.
‚Er sieht aus wie mein Besuch. Das nenne ich ja einen Zufall. Aber…es hieß doch, die beiden haben eine Tochter. Das ist interessant. Es sind eindeutig die Gesichtszüge von Frau Fuchs zu sehen. Wieso gibt sie sich als Jungen aus? Genzo sprach damals von einer Klassenkameradin, mit der er sich angefreundet hatte und auch ganz zu Anfang mal von den Jungs im Team. Ich glaube, da kam der Name auch mal vor. Aber jetzt, nicht einmal mehr. Wenn dann sprach er bei seinen Besuchen von einer Freundin und von Schneider und diesen Herrmann.‘
„Ist das jetzt ein Jungenname? Ich kenne mich da nicht so aus.“
„Ja.“, brummte sie etwas und sah ihn ernst an.
‚Blöde Sache jetzt. Was soll ich denn tun? Ich muss ihm ja die Jungenrolle vorspielen. Yuzo sollte es nicht wissen und andere lieber auch nicht. Das war ein ganz dummer Fehler von mir. Ich hätte mich nicht auf die beiden einlassen dürfen. Diese Tino-Nummer beende ich nach dieser Sache lieber gleich ganz. Ich will doch auch ein Mädchen sein. Verdammt. Das nervt alles so.‘ Tina wich ihm daraufhin aus und sah zu Yuzo. Sie zog sich die Jacke vom Körper weg und wedelte mit dem Stoff umher.
„Nass das Zeug. Es klebt alles. Zum Glück ist es warm heute. Bei dir soweit alles klar? Was sagen deine Beine? Lass mal sehen ob da was offen ist. Das Wasser war sauber und klar, kühl genug zum Kühlen auch. Das war sicher gar nicht so schlecht. Aber der Stoff muss dann ab, wenn du Schürfungen oder mehr hast.“, erklärte sie belehrend.
„Kommt rein, Jungs, meine Frau sieht sich das an.“ Yuzo zog vorsichtig sein rechtes Hosenbein hoch. Er wollte ebenso wissen ob der Schmerz nur Blessuren sind oder doch mehr.
„Hier ist nichts. Moment.“ Das andere Bein jedoch war angeschlagen und wies eine Platzwunde an der äußeren Wade auf.
„Das muss du offenlassen. Durchs Wasser ist es jetzt nicht getrocknet. Es muss sofort gereinigt werden. Nähen muss man es aber nicht.“, erklärte sie.
„Hast du nichts von den Kerlen abbekommen?“
„Oh, nein, ich konnte gut ausweichen. Nur ein paar kleine blaue Flecken vermutlich. Da sollte nichts sein.“
‚Hm, und wenn sie doch was hat und es nur nicht sagt, weil sie jetzt einen auf Jungen macht? Kleines Mädchen aus Deutschland. Was hat das zu bedeuten?‘ Er atmete tief durch und vernahm plötzlich Stimmen hinter sich. Alle sahen Richtung Haus. Die anderen kamen auf sie zu.
„Was ist denn los? Du brauchst ja ewig hier draußen?“ Gleichzeitig drehten sich die Hunde um und hechelten aufgeregt.
„Nanu? Was macht Morisaki hier? Und dann so nass?“, kam von Satoshi.
‚Morisaki? Der Name sagt mir doch was.‘, fiel Georg auf. Und dann juchzte Gesine auf und entdeckte ihre Tochter.
„Kind. Was…was machst du denn hier?“ Sie lief sofort zu ihr.
„Äh, ja. Euren Tino hats hier wohl an Land gespült.“ Sie sah ins fragende Gesicht ihrer Mutter. Sie begriff natürlich sofort, dass sie plötzlich wieder einen Jungen vor sich hatte. Aber was hatte das nur zu bedeuten?
„Vater? Was macht ihr denn hier? Und Satoshi und Nyoko? Ihr seid auch da? Und Genzo? Ist er noch bei den anderen?“ Georg kam auf sie zu.
„Tino, was ist passiert? Wieso seid ihr so nass?“
„Da war ne Gruppe Jungs und die haben uns verprügelt. Yuzo hat jedoch am meisten abbekommen und als die wieder auf uns losgehen wollten und wir wegen seinem Bein nicht laufen konnten, gingen wir ins Wasser.“, erklärte Tina sachlich und mit fester Stimme. Georg drängte sich neben seine Frau und berührte Tinas Arm leicht.
Komm, zeig mir mal ganz genau von wo ihr hergekommen seid.“ Beide entfernten sich etwa zwei Meter bis zum Ufer, so dass alle hinter ihnen standen. Dann zog Georg sein Jackett aus, nahm Tina die nasse Anzugsjacke ab und hing sein Jackett über sie, so konnte man den nassen klebenden Stoff nicht so an ihrem Körper sehen und Tina musste nicht mehr so gebückt stehen, um ihre wenigen weiblichen Formen zu verbergen.
‚Das macht er auch ganz geschickt, entfernt sich von uns, damit sie die Jacken austauschen können. Kluger Mann, ruhig und scheinbar sehr besonnen. Vorhin bei den Gesprächen war er eher zurückhaltend und ließ seine Frau so gut wie alles entscheiden.‘ Satoshi sah seinen alten Freund an.
‚Tina passt auf und versucht ihre Situation so gut wie möglich zu retten. Dass passt zu ihr. Sie ist klug und Georg weiß gleich was zu tun ist. Gesine hat vorhin auch wie früher neutral reagiert, damit sie alle die Zeit finden herauszufinden wie sie sich richtig verhalten sollen.
„Was soll das heißen, euch haben welche verprügelt?“, kam von Gesine und sie ging auf ihre Liebsten zu.
„Hast du mit ihnen gespielt, oder was soll die Tino-Nummer jetzt?“, erkundigt sich Georg leise auf Deutsch.
„Ich…habe mich hinreißen lassen. Tut mir leid. Er und der andere Keeper, sie wissen nur, dass Tino im Team war und hergezogen ist und Genzos Freund ist. Tut mir leid. Sie haben aber versprochen nichts zu sagen. Und dann tauchten diese Kerle auf. Damit habe ich nicht gerechnet.“, erklärte sie flüsternd, während sie mit dem Finger auf die Stelle zeigte wo sie herkamen.
„Schatz. Der Junge sieht ja schlimm aus. Was ist mit dir?“
„Alles gut. Ich konnte ihnen gut ausweichen, die waren recht groß.“
„Wow, ich habe echt nicht wirklich glauben wollen, dass Tino ein Freund von Genzo ist. Stimmt es also doch? Er ist der Keeper, den er in seinem allerersten Brief erwähnte, stimmts?“ Satoshi sah ihn ernst an.
„Ja, Yuzo. Das ist er. Lass uns nachher in Ruhe reden.
Was ist passiert? Man hat euch verprügelt? Du siehts echt schlimm aus. Warum?“, fragte er mit strengem Blick.
„Heute Morgen wurde Fane doch angegriffen, von fünf Mädchen und Tino hatte ihr geholfen. Sie hatte doch bei Tsubasas Verabschiedung danach davon erzählt. Und vorhin haben Koji und ich Tino zufällig kennengelernt und da tauchten diese Kerle plötzlich auf. Sieben Mann. Sie wurden eindeutig von den Mädchen von heute Früh angestachelt und behaupteten Tino hätte sie Mädchen angegriffen. Eine von ihnen hatte sogar eine große Verletzung am Arm. Ein riesiger Bluterguss. Aber Tino versuchte zu erklären, dass der nicht von ihm sein kann. Naja, irgendwie hetzten die sich dann gegenseitig auf und gingen auf uns los.“
„Du meine Güte. Und wo ist Koji jetzt?“
„Ach so, Tino hat ihn losgeschickt, um Hilfe zu holen. Keine Ahnung wo er jetzt ist. Wir mussten dann schon abhauen.“
„Wie schlimm hat es ihn erwischt?“
„Ein blaues Auge hat er. Mehr war glaube noch nicht. Ich habe das meiste abbekommen.“ Satoshi griff zum Handy und rief Genzo an.
„Genzo? Wo steckst du gerade?“, kamen ernste Töne durch die Leitung.
„Ich stehe vor unserem Tor. Ich wollte gerade selbst anrufen. Wo seid ihr?“
„Wir sind bei meinem alten Freund, dem Architekten. Komm bitte sofort hier her.“
„Hä? Was soll ich dort? Ich habe mich mit Tina verabredet. Wir wollten noch trainieren und ihren Ball üben.“
„Genzo, Tino ist hier bei uns. Er hat Yuzo dabei. Komm sofort her, damit ihr euch sehen könnt. Hast du zufällig was von Koji gehört?“
„Hä? Wie jetzt? Äh, nö. Warum?“ Er machte sich sofort auf dem Weg.
„Kannst du ihn zufällig erreichen?“
„Nicht direkt, ich höre mich um. Warum fragst du denn?“
„Erklären wir dir hier.“
„Gibst du mir Tino bitte mal?“ Satoshi ging zur Familie Fuchs.
„Genzo will dich sprechen. Fass dich kurz.“, klang er streng. Tina nahm das Handy.
„Brumm mich aber nicht gleich an, ja?“, sprach sie streng in den Hörer.
„Wieso bist du Tino? Was soll der Quatsch?!“, war Genzos brummige Stimme zu hören.
„Das hat sich so ergeben. Erkläre ich dir später. Tut mir leid.“, war sie ernst.
„Tut dir leid? Du weißt doch genau wie riskant das ist!“
„Schrei mich nicht an, klar!?“
„Dummkopf!!“
„Nervensäge!!“
„Vollidiot!!“
„Blödmann!!“, haute Tina zum Schluss raus und steckte wütend die Zunge vor dem Telefon raus und machte das entsprechende Geräusch dazu.
„Bäh!“ Dann legte sie sofort auf und gab Satoshi das Handy wieder.
„Also echt mal. Kannst du dich nicht zurückhalten?“, murrte er etwas und sah sein Handy an, ob es nass geworden war. Georg stieß sie etwas an.
„Er hat Recht. Benimm dich.“
„Ich sollte mich kurzhalten, der hätte sonst noch ewig rumgemeckert!“, argumentierte sie dann fester Überzeugung. Plötzlich war ein herzliches Lachen zu hören. Yuzo musste sich vor Lachen den Bauch halten und ihm tat plötzlich alles weh.
„Das sah ganz nach Genzo aus. Ich habe zwar kein Wort verstanden, aber so lief das hier auch immer ab.“ Er kniff die Augen zu und versuchte seine Schmerzen zu ignorieren.
„Yuzo, du bist echt stark. Dir muss doch alles wehtun und dann kannst du noch lachen.“, lobte Tina und ging auf ihn zu.
„Ach…das ist nichts Neues. Ich halte das schon aus.“
„Oh, das ist dann eine deiner Stärken? Niemals aufgeben. Gut so.
Gibst du mir meine Tasche wieder?“ Kurz darauf war die Tasche wieder bei ihr und sie holte ihr Tonband heraus und drückte auf Stopp.
„Hä? Was ist das denn? Ein Walkman?“
„Ne, aber sowas ähnliches. Zum Sprachenlernen nutze ich immer ein Hörbandgerät für Aufnahmen und Abhören. Dann kann ich den Unterricht zum Beispiel erneut zuhause abhören und besser lernen. Und vorhin…habe ich Aufnahme gedrückt. Ich sagte doch, die Tasche darf nicht nass werden, es sind Beweise drin.“
Das Bild im Flur
Kapitel 158
Das Bild im Flur
Es waren einige Minuten vergangen und die Hausherrin hatte schnell alles vorbereitet, damit die Jugendlichen sich waschen konnten. Bis dahin standen sie auf dem Balkon mit ihren nassen Sachen und unterhielten sich.
„Sag mal Yuzo, was meinten die Typen den vorhin damit, du seist nur ein Schatten? Ich habe das nicht so richtig mitbekommen. Oder habe ich da was falsch verstanden?“
„Ach das. Naja…sie meinten damit, als Nummer 3 bin ich nichts wert und sitze eh nur auf der Bank. Sie haben ja Recht, aber so ist es eben. Ich war ja bei den großen Spielen gar nicht im Einsatz.“
„So ein Blödsinn. Lass dir sowas bloß nicht einreden. Du bist wirklich ein guter Keeper. Das hast du vorhin bewiesen. Ich mag zwar aus dem Training sein, aber trotzdem hätte Koji vielleicht die Bälle beide nicht gehalten. Oder was meinst du? Hätte er es gekonnt?“
„Ich glaube nicht. Ich bin Das Training mit den Besten ja auch mehr gewohnt. Und Tsubasa hat auch solche Nummern abgezogen, die du da gemacht hast.“
„Eben. Übung macht den Meister und in einem starken Team wird man automatisch auch stärker.“
„Ich weiß nicht. Vorhin, als die Typen auf uns los sind…da musste ich an unsere Nummer 2 denken. Ist das nicht bescheuert? In so einer Situation habe ich gehofft, dass er da wäre und hilft. Sowas beklopptes, und in ein paar Wochen müssen wir gegen ihn spielen und ich verzweifle jetzt schon daran, dass wir ein Tor machen.“
„Oh, wieso musstest du an seine Hilfe denken? Hätte er denn helfen können?“
„Auf jeden Fall. Wir drei hätten vermutlich in Ruhe nen Tee getrunken, während er die alle vermöbelt. Ken ist Karatemeister und unglaublich stark.“
„Oh, cool. Das ist dann wohl seine Stärke? Schnelligkeit, Ruhe und Präzision? Ich glaube Genzo hat von ihm erzählt.“
„Ja, alles was ich nicht bin. Und jetzt fehlt uns der stärkste Sturm.“
„Morisaki! Du bist nicht einfach Nummer 3. Du bist der Stärkste von allen, denn du bist Derjenige, der die schwierigsten Schlachten am Ende entscheidet!
Wenn Nr. 1 und Nr. 2 nicht siegen oder bereits verletzt sind, dann musst du bereit sein, deinen Freunden zu helfen. Diese Bereitschaft, immer für sie in der Not da zu sein, das ist deine Stärke. Du bist eindeutig ein Mann, der niemals aufgeben würde.“
„Du brauchst nicht versuchen mir sowas einzureden. Ich kenne diese Sprüche schon. Es…ist trotzdem blöd, erst da zu sein, wenn es die anderen nicht können. Sie sind zugegeben auch viel besser als ich. Was soll ich da schon reizen? Und jetzt gegen das stärkste Team Japans, ohne unseren Kapitän hätten wir niemals die letzten Jahre gewonnen.“ Tina ging zu ihm und berührte seine Schultern und sah ihm streng in die Augen.
„Falsch! Zum Gewinnen gehören alle, nicht nur die Front. Sehe das mal anders, nicht als Reserve, sondern als Trumpf, so wie manche Spieler auf der Bank, die nicht als Ersatz, sondern als Trumpf strategisch eingesetzt werden. So wie Jun, der wegen seines Herzfehlers nur kurz spielen darf.
Schau mal, vergleiche das mit einem Krankenhaus. Du bist der Chirurg.“ Er sah sie verdutzt an.
„Der Chirurg? Na toll, der Schnippler…der nur die feinen Hände hat?“ „Blödmann! Nein, stell dir vor, der Ersthelfer und der Sanitäter konnten nicht mehr helfen, sondern nur Zeit gewinnen. Dann kommt der Notarzt, genau in dieser Reihenfolge, aber auch er kann nur Zeit schinden und muss den Patienten zur Not-OP schicken. Und DU, du bist der Chirurg, der die Macht hat, das Leben doch noch zu retten. Ohne DICH würde das ganze System zusammenbrechen, wenn die Kacke so richtig am Dampfen ist. Und genau dafür musst du vorbereitet sein. Ruhe, Besonnenheit und Nerven aus Stahl, denn ein Fehler…und es geht schief. Sei für dein Team der, der ihnen in der Not das Leben rettet, weil er die Ruhe bewahrt, denn alle verlassen sich auf dich, weil sie wissen, dass du das kannst!“ Er sah sich seine Hände an.
„Ich…rette ihr Leben?“ Sein Puls stieg etwas an und er lächelte dann.
‚So habe ich das noch nie gesehen.‘
„Genau, willst du noch ein Beispiel aus dem Alltag?“
„Oh, Leben retten klingt gut. Dann sag. Es fühlt sich gut an.“, lächelte er sie plötzlich an. Tina stellte sich an die Balkonbrüstung.
„Gut, magst du das Meer? Die Seefahrt ist sehr gefährlich.“
„Oh, das stimmt. Tsubasas Vater ist Kapitän auf einem Kreuzfahrtschiff.“
„Mag sein. Ich war mal mit meinem Vater und mit meinem Bruder mit einem kleinen Segelboot auf dem Meer angeln. Da kam plötzlich ein Sturm auf und wir kamen trotzdem heile wieder zu Hause an. Und weißt du warum?“
„Ihr wusstet wohl genau was ihr machen musstet?“
„Das auch, stimmt. Es lag aber auch am Boot.
Stell dir vor, du bist der Rumpf eines Schiffes.“
„Hä? Wie jetzt?“
„Das Team ist das ganze Schiff. Genzo ist der Kapitän und euer zweiter Keeper der Motor oder das Segel. Jetzt kommt ein Sturm, so wie bei uns damals. Er kommt ganz plötzlich auf euch zu, der Sturm und die hohen Wellen dazu. Was macht Genzo, also der Kapitän?“
„Hm, er sagt den anderen was sie tun sollen? Segel einziehen, ankern oder sowas, keine Ahnung, kenn mich nicht aus damit.“
„Er sorgt dafür, dass alle ihre Aufgaben erfüllen, damit das Schiff nicht kentert, genau. Und wenn er sich nicht mehr zu helfen weiß, weil der Sturm zu stark ist? Wer hat die nächste Macht in der Hand?“
„Naja, Keeper Nummer 2? Du sagst er sei das Segel oder der Motor.“
„Genau, er fängt die Stärke der Wellen oder des Sturms ab indem er ihn entweder an sich vorbeiziehen lässt, also Segel einzieht oder gegenankämpft, direkt gegen die Wellen. Diese Taktik gibt es auch. Das Schiff muss dann direkt in die Wellen reinfahren, damit es die Wellen nicht von der Seite abbekommt. Da gibt es nur noch Augen zu und durch. Und was glaubst du…wo sind ihre Gedanken dabei? Alle Leute auf dem Schiff hoffen, aber worauf hoffen sie?“
„Wieso muss ich da an die Titanic denken?“
„Hm, okay, dann so. Was haben die Leute auf der Titanic denn gehofft, als was passierte?“
„Sie glaubten, dass das Schiff unsinkbar ist. Sie hofften also sicher, dass es nicht sinkt.“
„Genau, aber damit lagen sie falsch, aber weißt du warum? Es lag nicht nur an der Bauweise, bei der man heute weiß, dass es Fehler gab.“
„Keine Ahnung.“
„Ganz einfach, im Gegensatz zur Titanic habt ihr ein stabiles Schiff, welches unter Führung kluger und selbstbewusster Leute geführt wird. Wenn ihr als Team also in so einen Sturm geraten würdet, werden die richtigen Entscheidungen getroffen, um alle über Wasser zu halten. Und DU bist ihr stabiler Rumpf, der ihnen bei so einem Sturm Hoffnung geben kann. DU musst also stark genug sein, um ihnen Hoffnung zu geben, sonst hätte man DICH nicht für die Nr. 3 ausgesucht. Einer Welle entgegenfahren kann man nur, wenn der Rumpf des Schiffes stabil und zuverlässig ist. Also sei der Rumpf eures Schiffes.“ Er sah sie überrascht an.
„So habe ich das auch noch nie gesehen. Also muss ich noch mehr trainieren, um die Nr. 3 zu bleiben, weil sich alle im Notfall auf mich verlassen?“
„Vielleicht schaffst du es sogar auch die Nr. 2 zu werden. Vergiss nicht…du bist zwar im Nationalteam Nr. 3, aber hier bist du Nr. 1, und in Japan…folglich Nr. 2.“ Sie drehte sich zu ihm und lächelte ihn herausfordernd an.
„DU bist der EINZIGE, der ALLE Keeper-Positionen kennt und genießen darf! DAS macht DIR keiner nach! Und genau diese Erfahrungen machen dich stark.
Nur DU bist die Nr. 1, die Nr. 2 und auch die Nr. 3!“
„Alle Nummern? Stimmt. Warum habe ich das nie so gesehen?“
„Das kann ich dir sagen: Du bist viel zu bescheiden. Du kannst dir was auf deine Position einbilden, warum denn nicht? Selbstbewusstsein ist immer ein guter Antrieb, aber im Gegensatz zu anderen, bist du sogar in der Lage bescheiden wie auch selbstsicher zu sein, denn sonst könntest du deine Aufgabe nicht erfüllen. Und der Rumpf, er basiert auch auf die Hoffnung all eurer Fans, also die Japaner, die euch mit anfeuern. Denk also dran, dass du nicht nur der Hoffnungsträger deines Teams bist, sondern auch eurer Fans.“
„Wow, wieso hat Genzo dich nie wieder in seinen Briefen erwähnt? Du hast es echt drauf zu motivieren. Vielleicht ist er deswegen mit dir befreundet?“
„Er hatte seine Gründe. Ich werde auch in Zukunft nicht in seinen Briefen auftauchen. Das ist sehr wichtig. Niemand darf von mir erfahren, das hat seine Gründe.“
„Schade eigentlich. Die anderen hätten dich gemocht. Ganz sicher auch die Jungs in Tokio.“
„Mag sein, wird jedoch nie passieren. Ich wollte nach dem Spiel gegen euch sowieso aufhören und mich auf anderes konzentrieren.“
„Du wolltest kein Profi werden?“
„Nein, so ähnlich. Versprich es mir einfach. Niemand darf von mir erfahren, das würde Genzo, unser altes Team, wie auch sogar euch sehr schaden. Hast du verstanden?“
‚Warum denn nur? Ich verstehe gar nicht warum das so geheimnisvoll ist. Wieso wollte er kein Profi werden? Und warum darf es keiner wissen? Wirklich nur, weil sein Bruder tot ist?‘ In dem Moment kam die Frau des Hauses um die Ecke.
„So, ihr zwei. Die Duschen sind vorbereitet.“
„Okay, dann bis gleich.“, kam Tina ihr entgegen und ging an ihr vorbei. „Duschen? Sie hätten nicht extra zwei Bäder machen müssen, es ist so schon unangenehm, dass wir hier so einen Dreck hinterlassen. Sorry nochmal.“
„Es geht so schneller, wenn ihr nicht aufeinander warten müsst. Deine Mutter kommt nachher vorbei und holt dich ab.“
„Ach so. ich verstehe. Trotzdem hätten wir nicht zwei Bäder einsauen müssen. Danke nochmal.“
„Ach Yuzo, ist doch alles gut. Ihr seid in Not und wir helfen. Das ist nur selbstverständlich. Die Jungs müssen ihre Strafe kriegen, hast du gehört? Tinos Eltern haben da schon was zu gesagt.
Komm jetzt, ich zeige euch die Bäder.“ Er folgte ihr und beide verschwanden jeweils in einem der kleinen Gästebädern im Obergeschoss.
„Yuzo, wenn die dich so zugerichtet haben, dann lass mich mal den Schaden betrachten, ist das okay? Deine Augenringe haben es ja schonmal in sich.“ „Natürlich.“ Er zog sich bis auf die Unterhose aus und sie sah sich die blauen Flecken an.
„Du meine Güte. Sag wenn es mehr als normal wehtut, okay? Ich prüfe nur, ob es nur Prellungen sind.“ Sie drückte eine Stelle nach der anderen vorsichtig ab und es schien keine Rippe oder Weiteres betroffen zu sein.
„Gut, das scheinen nur große Blutergüsse zu sein. Dein Bein muss ich aber dann gleich machen. Es ist jetzt schon gut getrocknet. Tino war klug, dass er gesagt hat, dass du die Hose schon hochziehen sollst. Du solltest aber morgen trotzdem zum Arzt gehen und es genauer ansehen lassen.“
„Okay, ich werde nachher gleich zu unserem Mannschaftsarzt gehen, wenn Mutter mich abgeholt hat. Er hat Fane vorhin auch untersucht und seine Praxis ist eh in seinem Haus.“
„Das ist natürlich noch besser. Gut, ich schau dann mal wie es nebenan aussieht. Bis nachher. Ich habe dir ein paar Sachen vom Großen rausgelegt, die sollten dir passen.“
„Danke.“ Sie verließ das Bad und er machte sich fertig. Es klopfte an Tinas Badtür.
„Ich bin es, kann ich reinkommen, mir deine Wunden ansehen?“
„Oh, müssen Sie nicht. Ist schon alles okay. Ich habe kaum was abbekommen, weil sie es eher auf Yuzo abgesehen hatten.“
„Bist du sicher? Also wenn es wegen was anderem ist, musst du dich nicht schämen. Ich…ich weiß es bereits. Ich weiß…dass du Genzos Freundin aus der Schule bist.“, sagte sie dann ganz leise. Tina öffnete verwundert die Tür und sah sie überrascht an.
„Sie wissen das?“, stand sie mit dem Handtuch umwickelt da.
„Ja. Lässt du mich nun rein?“ Tina nickte und zeigte ihr dann ihre Arme und hob vorne das Handtuch etwas hoch, damit man ihren Bauch einsehen konnte.
„Tut es weh, wenn ich jetzt hier drücke? Im Stehen ist es immer etwas schwer.“ „Es ist alles okay. So doll hat er mich nicht erwischt, weil ich ihm ausgewichen bin, kam da nicht mehr viel Wucht. Der Rest sind nur blaue Flecken. Die anderen sind vom Training, nicht wundern. Da kommen später eh noch welche dazu.“ „Welches Training?“
„Ich spiele Volleyball seitdem ich hier bin. Unser Team ist sehr stark und wir haben bald ein großes Spiel.“
„Ach so, okay. Ich verstehe. Meine Jungs spielen auch Volleyball.
Ich bewundere dich, dass du so viel Kraft hattest Yuzo über den Fluss zu bringen. Und du bist wirklich Rettungsschwimmerin?“
„Ja, das bin ich. Seit einer Woche etwa.
Ihre Jungs? Welche Positionen spielen sie denn?“
„Einer ist jetzt diese neue Position, Libero und der andere Blocker.
Es ist beachtenswert. Rettungsschwimmerin. Das war jetzt sehr praktisch.“
„Ach, das war nicht schwer. Die Strömung war auch nicht so stark wie ich vermutet hatte. So konnten wir gezielt hierherkommen.“
‚Ich dachte jetzt schon. Dann sind es bestimmt die Jungs, die nicht dabei waren.‘
„Wo sind Ihre Jungs jetzt?“
„Dir sind Zeitung austragen. Vorhin kam die Lieferung und da sind gleich los. Bettina, dein Vater bat mich um etwas. Wäre es okay, wenn ich nachsehe, ob eine deiner Nähte Probleme machen könnte? Ihr wart doch lange im Wasser und dann lag Yuzo auf deinem Rücken, stimmst?“ Tina sah sie nachdenklich an.
‚Wieso sagt er sowas? Ich finde das echt doof. Ich will nicht, dass das jemand sieht. Und dann eine Fremde.‘
„Die sind okay. Ich habe sie mir eben schon angesehen, durch den großen Spiegel. Da ist alles zu und nicht auf gequillt. Alles okay. Aber danke.“
„Okay, aber nicht lügen.“, lächelte sie.
„Ich lüge nicht. Es ist wirklich okay.“
„Gut. Die Sachen liegen dort auf dem Stuhl. Ich habe dir frische Unterwäsche von mir hingelegt und einen Trainingsanzug von meinem Jüngsten Sohn. Der sollte passen. Ich gehe mal davon aus, dass du weiter vor Morisaki den Jungen spielen musst.“
„Okay, ja, danke. Es tut mir leid, dass wir Ihnen jetzt solche Umstände machen.“
„Alles gut. Er ist der Sohn einer Freundin.“
„Sagte er, deswegen sagte er, sollen wir auch hier ans Ufer gehen und nicht bei Fremden.
Und Sie sind Freunde von Satoshi und Nyoko? So habe ich das verstanden. Und Sie sind Architekten und planen unser Haus? Deswegen sind meine Eltern hier?“
„Genau. Also die Männer sind Freunde, Nyoko und ich eher weniger.“
„Ich verstehe. Ist das Haus hier auch von Ihnen entworfen?“
„Ja, auch das der Wakabayashis. Das war jedoch nicht schwer, weil es einfach einem alten europäischem Stil gleichen sollte. Die mögen sowas. Wir mögen es etwas moderner und individueller.“
„Es ist ein sehr schönes Haus. Wenn ich das entscheiden dürfte, würde ich es ähnlich bauen. Die Innenaufteilung ist soweit ich sehen konnte schön. Führen Sie mich nachher mal rum?“
„Na klar, gerne.
Du, Bettina, sag mal. Warum…warum darf denn Yuzo nicht wissen, dass du ein Mädchen bist? Das ist doch nicht schlimm.“ Tina sah sie nachdenklich an.
„Woher wissen Sie denn, dass ich eins bin?“
„Naja, als Genzo damals nach Deutschland ging, hat er von einer Freundin aus seiner Klasse erzählt. Ein Mädchen, mit dem er viel unternehmen kann.“
„Das hat er erzählt? Wow, immerhin hat er von mir erzählt.“
„Naja, wir…wir fanden es interessant, dass er sich dort überhaupt mit jemanden so schnell anfreunden konnte. Genzo ist schon etwas speziell mit seiner persönlichen Art. Hier hatte er anfangs nicht wirklich Freunde, das kam erst mit dem Zusammenschluss der Schulen und dem neuen Kapitän. Er hat Yuzo damals schon dolle Dinger an den Kopf geworfen.“
„Genzo war bei seiner Ankunft ein rechthaberischer, schnell reizbarer und arroganter Typ, der sich ziemlich plötzlich umsehen musste, als man ihn in seine Schranken wies. Unsere erste Begegnung war lustig und aber auch etwas angespannt.“, fing sie an zu berichten schnappte sich eine Bürste, um ihre bereits schulterlangen Haare zu richten. Sie sah dabei in den Spiegel.
„Angespannt? Warum?“
„Sagen wir es so, wir hatten zwei Erste Begegnungen und bei unserer ersten kam er ins neue Team, stellte sich vor und behauptete sonst was, was er alles könne. Ein richtiges Großmaul, Genzo eben. Er sagte aber auch gleich, dass er gekommen ist, um noch stärker zu werden und freue sich auf das neue Ziel. Die Jungs machten sich natürlich einen Spaß daraus ihn nur so mit Bällen zu bombardieren.“
„Er erzählte, dass man ihn verprügelt habe, stimmt das? Etwa weil er Ausländer war? Ich weiß nicht.“
„Nein, nicht deswegen. Die haben jeden verkloppt, der neu ins Tor wollte. Leider habe ich das erst später bei ihm mitbekommen.“
„Du hast das mitbekommen? Also hast du dann seine Wunden versorgt, so wie die von der kleinen Nakazawa?“
„Nein, da kommen wir zu unserer zweiten Begegnung. Die war in der Schule. Er kam in meine Klasse…und er kam…zufällig hinter mein Geheimnis.“
„Dein Geheimnis?“
„Ja, deswegen musste ich vorerst mit ihm eine symbiotische Freundschaft eingehen. Er behielt mein Geheimnis für sich und ich sorgte dafür, dass ihn die anderen so schnell wie möglich akzeptieren. Dazu musste ich jedoch nichts tun, denn er hatte Talent, genau das hat auch jeder gesehen. Später wurde daraus eine wirkliche Freundschaft, denn Genzo mag sein wie er ist, aber er ist stark, stolz, talentiert und zuverlässig. Er ist immer für einen da, wenn man ihn braucht. Und er ist ein wahnsinnig guter Zuhörer und Ratgeber. Wir haben uns schnell richtig angefreundet.“
„Das klingt schön. Eine feste Freundschaft ist sehr wichtig. Und…darf ich…wissen welches Geheimnis das war?“
„Das ist es noch immer und muss es bleiben. Wenn es jemals jemand Falsches herausfindet, dann…schadet es dem gesamten Team und auch Genzo.“
„Seinem Team? Was hast du damit zu tun?“ Tina dreht sich zu ihr um und sah sie sehr ernst an.
„Sie sehen ehrlich aus und würden den Wakabayashis sicher niemals schaden, oder?“ Sie sah das Mädchen überrascht an.
‚Was meint sie damit? Den Jungs und der Familie schaden?‘ Sie betrachtete das Mädchen vor ihr. Ihre Arme und Beine wiesen eindeutig eine kräftige Muskulatur auf und es passte nicht so richtig zu einem Mädchen. Es war zwar nicht so kräftig wie bei einem Jungen, aber für ihre Verhältnisse sah es sehr nach viel Krafttraining aus.
‚Sie muss wirklich stark sein, wenn sie Yuzo den weiten Weg herschwimmen konnte und Fane so lange tragen konnte. Was bist du nur für ein geheimnisvolles Mädchen? Deine Eltern sind sehr nett und klug, deine Mutter sehr hübsch. Du siehst ihr ähnlich, aber ich glaube du bist deinem Vater ähnlicher. Was ist das nur für ein Geheimnis?‘
„Niemals, darauf kannst du dich verlassen.“
„Mein großer Bruder und ich…wir spielten mit Genzo zusammen…im selben Team. Er in der Verteidigung und ich im Tor.“, begann sie leise und griff das Handtuch, welches sie noch umhatte.
„Ich…ich war vier Jahre lang der Stammkeeper vom Juniorenteam des HSV.“ Im selben stolzen Atemzug legte sie das Handtuch ab, hing es auf den Handtuchhalter, drehte sich um und öffnete die Duschkabine. Dann sah sie sich kurz zu ihr um.
„Deswegen…deswegen darf es niemand wissen. Es weiß nur Genzos Familie.“ Tina geht unter die Dusche und schließt die Duschkabinentür.
‚Was meint sie damit bei ihm im Team? Als Mädchen hat sie dort als Keeper…aber…die sind doch so stark. Und…was um alles in der Welt…was waren das für Narben? Wollte sie deswegen nicht, dass ich es sehe? Wo kommen die her? Doch nicht etwa…vom Training dort. Aber…es würde erklären warum sie so stark ist.
Aber Moment…ihr Bruder? Ihre Eltern sprachen doch vorhin nur davon, dass sie drei hier neu anfangen wollen. Er ist doch nicht etwa?‘
„Sie sind noch da, oder?“ Tina schaute zur Wand und schnappte sich das Shampoo.
„Bettina, deswegen bist du so stark?“, konnte sie nur sagen, zu fragen wo der Bruder ist, war ihr extrem unangenehm und sie empfand es als unangebracht.
„Es waren fanatische Fans, mich konnte Genzo noch rechtzeitig retten. So die Kurzversion. Deswegen der Neuanfang hier. Ohne ihn, ohne meinen Bruder.“ Sagte Tina leise und schnell.
„Ich…will hier nur als Mädchen leben, neu anfangen…aber die Mädchen heute früh haben mich für einen Jungen gehalten und deswegen musste ich die Rolle jetzt so beenden, als die beiden Keeper mich ansprachen und ebenso für diesen Jungen gehalten hatten. Sie dachten, ich sei der junge, der ihre Managerin gerettet hatte. Dann tauchten diese Volleyballer auf. Wäre ich nicht zuvor so dumm gewesen und hätte mit den Jungs gekickt, da hätte ich noch die Mädchenkarte ausspielen können, dann hätten sie uns sicher nicht angegriffen, aber so…ging es nicht mehr. Es…darf doch niemand wissen…wer ich war.“, plapperte sie verzweifelt und pausierte kurz.
„Keine Sorge, Ihre Jungs waren nicht dabei. Der Libero hatte mich angesprochen, daher wie ich, dass er nicht dabei war. Einer der Blocker fehlte auch. Sie hatten mich auch für einen Jungen gehalten und wollten mich zum Spielen einladen.“ Kurz darauf hörte sie die Tür einklinken. Die Frau des Hauses hatte das Bad verlassen. Sie stand völlig benommen vor der Tür und starrte auf das Bild gegenüber an der Wand. Es war eine Landschaft mit dem Fuji-san und einem Lavendelmeer davor. Sogar die Bienen wurden gemalt und die Sonne ist zu sehen. Eine so schöne Malerei gab es nicht oft.
‚Jungs? Was hat sie da eben gesagt? Euer Team war das? Aber…die Jungs sind doch alle so nett? Wie konnte das denn dann sein?
Fußballfanatiker? Oh nein. Das ist also euer Schicksal? Gesine Fuchs, du bist so hübsch und du hast einen Sohn verloren? Wie schrecklich. Es klang, als war es auch eine Prügelei? Hast du deswegen so krampfhaft die Hand deines Mannes gehalten, als Yuzo davon erzählte?‘ Ihre Brust schnürte sich gefühlt zu und sie ging nachdenklich durch den Flur. Dann verschwand sie am Ende des Flures in ihrem Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich zu.
Etwa zur gleichen Zeit war Yuzo bereits fertig mit Duschen, trocknete sich ab und zog sich an.
‚Komisch, jetzt muss ich auch noch die Sachen von jemand anderen anziehen. Und dann auch noch von jemanden aus dem Team. Aber ihr beide wart nicht dabei, das beruhigt mich. Ich hätte sonst auch nicht herkommen können. Was war nur mit euren Jungs los?
Ob Tino das auch seltsam findet? Immerhin kennen die sich nicht einmal. Irgendwie seltsam ist er schon. Aber er hat Recht. Ich bin der Einzige, der alle drei Positionen kennt und bedienen kann. Ob er das seinem Zweiten und dritten Keeper damals auch gesagt hat? Ich bin eher überrascht, dass ein recht kleiner Typ in einem so starken Team so lange Keeper war. Genzo ist groß genug, aber auch kein Riese, Ken und ich sind nur für japanische Verhältnisse recht groß, aber auch nicht sehr. Aber Tino ist doch nicht mal 1,70, denke ich. Etwas klein für einen deutschen Keeper.‘ Er kämmte sich die Haare nach dem Abtrocknen nach hinten und verließ das Bad. Auf dem Flur sah er zum anderen Bad.
‚Er sollte auch fertig sein, am besten wir gehen zusammen wieder runter.‘ Er stellte sich vor die Tür, nichts war zu hören.
‚Dann ist er sicher fertig und kommt gleich raus.‘, dachte er und klopfte an.
„Tino? Ich bin es. Bist du fertig?‘, fragte er, jedoch kam keine Antwort. Er klopfte erneut, etwas kräftiger, aber wieder keine Antwort.
‚Dann ist er sicher schon fertig und unten?‘, war seine Vermutung und zur Probe klinkte er die Tür auf, sie war nicht verschlossen und er sah vorsichtig ins Bad hinein. Es wurde noch geduscht, das wunderte ihn. Es war doch gar nichts zu hören. Dann entdeckte er den Stuhl auf dem die frischen Sachen lagen und wunderte sich jedoch über die Auswahl der Kleidung.
‚Hä? Ein Basecap? Und wieso liegen denn da keine Shorts, sondern ein einfacher Slip? Und was soll die goldene Spange daneben?‘ Skeptisch und misstrauisch schaute er dann doch in Richtung Dusche. Da sah er sie, mit dem Rücken zu ihm stehend. Es wurde gerade der Schaum aus den langen blonden Haaren gewaschen und etwas vor sich hin gesummt. Danach griff sie zur Seife und fing an sich einzuseifen. Yuzos Gesicht wurde plötzlich immer roter und sein Herz schlug enorm hoch.
‚Diese Narben…so sieht Genzo auch aus, aber…diese Taille. Tino…du…bist…doch nicht etwa…ein Mädchen?‘, wurde es ihm dann bewusst. In diesem Augenblick rutschte Tina die Seife aus der Hand und sie bückte sich etwas seitlich gedreht zu ihm und hob die Seife blind wieder auf. Vor Schreck trat der junge Keeper wieder zurück und schloss ganz leise die Tür hinter sich.
‚Ein Mädchen…oh mein Gott. Du bist…ein Mädchen…aber…wieso kann das sein?‘ Er stand noch kurz vor der Tür und sah zum Gemälde an der Wand. Nachdenklich betrachtete er es und sah auf die Signatur.
„Misaki.“, stand dort und er sprach es leise aus.
„Taros Vater, ja…er hat es gemalt und verkauft. Daran kann ich mich noch erinnern. Das ist etwa ein Jahr her. Aber Tino…ist ein Mädchen? Genzo? Ist es das Geheimnis, was ihr habt?
Taro…Tsubasa…Ryo…ihr alle…wir…wir hätten beinahe gegen ein Mädchen gespielt?‘ Sein Puls geht so schnell nicht runter und er geht wieder zurück zum Balkon, statt runter zu den anderen. Er lehnte sich nachdenklich über die Brüstung und sah zum anderen Ufer.
‚Tino, wenn du ein Mädchen bist…wie konntest du so ein hartes Training jeden Tag überstehen? Diese Narben…sind die etwa von Kaltz und Schneider? Dass du ihre Schüsse abbekommen hast…das würde ja bedeuten, dass du sie halten konntest, oder zu mindestens hast du sie erwischt.‘ Er stützte seine Ellenbogen auf und hielt sich die Hände vors Gesicht.
‚Ein Mädchen…und du warst vor Genzo der Stammkeeper? Und du…du hast doch vorhin noch erzählt, dass du diesen Schuss, den du uns gezeigt hast gegen Hernandez, bei einem 11-Meterschießen reingemacht hast, aber seinen Ball hast du gehalten? Und ihr habt als deutsches Team gegen Frankreich im Finale gewonnen? Als Verteidiger gegen Pierre gespielt. Du meine Güte…Genzo…deswegen macht ihr so ein Geheimnis daraus. Wenn das rauskommt, dann…kann das deutsche Team einpacken. Deswegen darf es keiner wissen, denn das hätte auch negative Auswirkungen auf dich. Deine Erfolge würden vermutlich nicht anerkannt werden. Verdammt nochmal.‘ Plötzlich richtete er sich auf und starrte zum Himmel.
‚Und dein Bruder, Tino? Er war auch im Team? Was ist passiert? Irgendetwas ist passiert, eine Krankheit? Du sagtest nur, dass du nicht mehr spielen kannst und ab nun Fußballern aus dem Weg gehst, mit Ausnahme von Genzo und mit uns…mit uns konntest du nur reden, weil wir Keeper sind? Keeper wie du einer warst. Warum ist dein Bruder da oben?
Ein Neustart, hier machst du mit deinen Eltern einen Neustart.‘
Unten auf dem Rasen unter dem Balkon lagen die Hunde. Sie hofften vermutlich, dass Tina wieder zu ihnen schaute. Auf ihn reagierten sie nicht groß. Als sie ihn entdeckten und merkten, dass er alleine kam, legten sie sich einfach wieder hin und dösten rum. Yuzo sah sie nachdenklich an.
‚Ihr mögt sie eindeutig. Warum? Als ihr vorhin angerannt kamt, habt ihr euch plötzlich nicht mehr wie Wachhunde verhalten. Ihr habt mich sicher erkannt, aber Tino kanntet ihr doch gar nicht. Vielleicht weil ihre Eltern hier sind und sie für euch ihr Geruch hat?‘
Es dauerte nicht mehr lange, da öffnete sich die Tür von Tinas Bad und sie trat heraus. Ihr Blick warf sie natürlich ebenso auf das schöne Gemälde.
„Wie schön das ist. Wow. Das würde ich mir auch hinhängen. Die Leute haben wirklich Geschmack.“, äußerte sie leise vor sich hin. Yuzo bemerkte ihre Anwesenheit und entschied lieber selbst zu ihr zu gehen. Von Weitem beobachtete er sie, wie sie mit voller Bewunderung um das Bild herumschaute, als würde sie es von allen Seiten betrachten wollen.
„Ein schönes Bild, oder?“
‚Ich versuche jetzt einfach ganz normal zu wirken. Ich hoffe das gelingt mir. Sie darf es auf gar keinen Fall erfahren, dass ich es nun weiß.‘, beschloss er für sich.
Tina sah ihn begeistert an.
„Ja, wirklich sehr fein und so realistisch. Warum sagt mir der Name vom Künstler etwas? Oder gibt es den so oft wie Yamamoto und Sato und so?“, fragt sie.
„Misaki? Nein, so oft gibt es den Namen nicht.“
Der Himmel verdichtet sich über Nankatsu
Kapitel 159
Der Himmel verdichtet sich über Nankatsu
„Na ihr beiden? Ein schönes Bild, oder?“, kam von der anderen Seite, denn die Frau des Hauses war bereits wieder im Flur und hatte ihr Zimmer verlassen. Sie hatte sich die Haare gekämmt und hochgesteckt, frischen Lippenstift aufgelegt und sogar die Augen angemalt. Tina sah sie überrascht an.
‚Nanu? Wieso hat sie sich so geschminkt? War sie etwa die ganze Zeit in dem Zimmer, statt unten bei meinen Eltern? Sie hat doch nicht etwa meinetwegen geweint? Mama schminkt sich auch immer etwas mehr, wenn sie geweint hat.‘
„Ja, ein schönes Bild. Ich liebe Lavendel. Gibt es diese Aussicht auf den Vulkan wirklich?“
„Ja, den gibt es. Der Künstler reist hier durchs Land und malt was er so sieht. Natürlich am liebsten solche Motive mit dem Fuji-san zusammen.“
„Toll. Blüht der Lavendel hier in Japan auch bis zu zwei Mal, wenn man ihn rechtzeitig schneidet?“ Sie sah das Mädchen verwundert an.
„Äh, keine Ahnung. Meiner blüht nur einmal.“, antwortete sie.
„Okay, man muss ihn nur vor dem Abblühen früh schneiden, dann schafft er zwei Durchgänge. Wir haben da immer beide Varianten gemacht, damit die Bienen noch zwischen dem Abschneiden was davon haben.“, erklärte sie.
„Du kennst dich mit Blumen aus?“, kam Yuzo entgegen.
„Wieso? Wir hatten einen Garten und ich musste auch mithelfen. Da merkt man sich sowas eben.“, zuckte sie mit den Schultern. Dann ging sie zur Treppe voran.
„Wollen wir herunter gehen? Ich kann jetzt einen Kaffee gebrauchen.“, sprach sie und sah zu den beiden.
„Wir, sind gleich da. Du trinkst in deinem Alter schon Kaffee?“
„Klar, warum denn nicht? Bin doch schon sechszehn. Andere gehen schon arbeiten und trinken in ihrer Ausbildung auch Kaffee, wo ist da der Unterschied? Oder gilt Kaffee jetzt wie Alkohol erst ab 20?“, hob sie die Hand und ging die Treppe herunter. Die beiden sahen ihr verdutzt nach.
„Hm, ein sehr interessantes Kind.“, sagte die Japanerin und blickte dann zu dem Jugendlichen neben sich.
„Kind? Sag mal, Tantchen, wieso hast du dich plötzlich geschminkt?“, wunderte er sich ebenso und sah sie fraglich an.
„Äh, mir war danach.“
„Was sagen die Nähte? Tino sagte vorhin beim Schwimmen, ich soll nicht so doll wackeln, damit die Nähte nicht aufgehen. Er sei verletzt am Rücken.“
„Oh, äh, ja, die sind okay. Alles gut. Da ist nichts aufgegangen. Das hat…er gesagt?“, stockte sie plötzlich.
„Ja, hat ER.“, flüsterte er plötzlich.
„Yuzo…“, konnte sie nur sagen.
„Du weißt es, oder?“
„Natürlich, ich war vorhin sehr überrascht, dass sie sich als Jungen ausgegeben hat. Aber…woher weißt du es jetzt?“
„Naja, war ein dummer Zufall. Belassen wir es dabei. Sie weiß es nicht. Wie heißt sie denn wirklich?“
„Bettina, bzw. Tina. Genzo sprach damals von ihr, dass sie eine Klassenkameradin sei und sie sich angefreundet hätten.“
„Okay. Naja, ich…bin noch etwas verwirrt, aber…du wirst doch nichts sagen, oder? Du weißt, dass es Genzo und seinem Team extrem schaden würde, wenn es jemand erfährt?“
„Hm, was würde denn dann passieren?“
„Man würde vermutlich all ihre Erfolge und Titel aberkennen und der Verein würde eine große Klagewelle über sich ergehen lassen müssen. In Deutschland spielt bereits in dem Alter schon viel Geld dabei eine Rolle, schon alleine Schneiders Transfer zu den Bayern. Er spielt doch jetzt schon mit gerade mal 15 bei den Profis. Schon jetzt hatte er einen Transfer über mehrere Millionen. Das gab es noch nie. Ich kann mir vorstellen, dass die Bayern das annullieren würden.“
„Oha. Nun gut. Ich halte sowieso dicht. Sie hat mir eben erzählt, dass sie in Genzos Team der Keeper war. So richtig…kann ich mir das nicht vorstellen, aber diese Narben.“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe nur kleine Platzwunden. Ich kenne aber Genzos und Kens Rücken und die sehen echt schlimm aus, aber sie sagen immer, das erfüllt sie mit Stolz.“
„Meinst du das ist bei ihr auch so?“
„Ja, das glaube ich. Ich wäre an ihrer Stelle stolz darauf, denn es ist ein Zeichen, dass sie die harten Bälle vermutlich halten konnte. Und das als Mädchen. Naja, mal sehen wann ich so eine Narbe bekomme.“
„Wie meinst du das? Das ist ein Zeichen dafür? Warum?“
„Naja, mit dem Tor kann man nur vorne am Pfosten mit dem Rücken gegenprallen. Wir waren damals schon total begeistert, als wir in Hamburg ankamen. Die haben bereits die modernen Sicherheitstore mit kurzen Netzbügeln. Die sind oben an den Ecken der Pfosten angebracht, damit das Netz nur nach hinten geht, aber die Netzbügel, die bodenlang sind, die stellen eine Verletzungsgefahr dar. Wenn also jemand wie Schneider, Tsubasa oder Hyuga einen so starken Ball schießen, dass man mit ins Tor fliegt, dann landet man nur noch im Netz und hat höchstens Bauchschmerzen. Auch unten am Boden sind die neuen Tore durch einen speziellen Aufprallschutz am Bodenrahmen versehen und man fällt nicht mehr auf eine Kante. Das ist eine wirklich tolle Sache. Wenn sie und Genzo also solche Verletzungen haben, dann nur, weil sie den Ball noch vor der Torlinie aufgehalten haben müssen, oder sie sind seitlich irgendwie angestoßen, durch einen Ball von der Seite.“, erklärte er ihr.
„Wow, ein modernes Tor. Warum habt ihr sowas nicht?“
„Wir bekommen die jetzt, das wird alles modernisiert mit dem Umbau des Ministadions. Schulen wie Toho oder Musashi haben solche Tore bereits. Die Profis sowieso. Und in Genzos Garten steht auch so ein Tor. Wir haben damals mit Mikami dort einige Male trainiert.“
„Lass uns später nochmal reden.“
„Ja, aber sag mal. Was ist denn mit ihrem Bruder nun? Sie sagte nur, er war mit ihr im Team und er sei gestorben?“ Sie sah ihn traurig an.
„Erwähne ihn bitte nicht. Denke immer dran, es ist noch nicht lange her und ich…will nicht in ihrer Haut stecken. Also in der Haut von Frau Fuchs. Bettinas Eltern leiden sicher auch sehr und deswegen am besten gar nicht drüber reden. Ich…kann mir nicht annähernd vorstellen wie sehr es schmerzt, einen Sohn zu verlieren.“
„Das verstehe ich. Ich lass das Thema einfach.“
„Ach so, was war das vorhin genau? Sie erzählte es waren Volleyballer, die euch angegriffen haben?“ Yuzo zuckte etwas zusammen.
„Ja, tut mir leid. Deine beiden waren nicht dabei, keine Angst. Die hätten sicher auch nicht mitgemacht. Ich weiß doch selber nicht was plötzlich in die gefahren war. Wir haben zwar ab und an so unsere Differenzen, aber prügeln? Eigentlich sind die Jungs doch in Ordnung. Ich verstehe das selber nicht. Als die angekommen sind, habe ich nur damit gerechnet wieder mit ihnen zu diskutieren, aber dann hatte ich plötzlich die erste Faust im Gesicht.“
Unterdessen kam Tina die Treppe herunter, das Basecap auf dem Kopf, die Haare mit einem Zopfgummi zusammengebunden zum einfachen Pferdeschwanz. Geföhnt hatte sie die noch schnell. Der Herr des Hauses sah zur Treppe, als es alle bemerkten.
‚Diese Jungs-Rolle hat sie ja wirklich gut drauf. Dieser sichere aufrichtige Gang, Hände in den Taschen, fester Blick nach vorne. Wenn ich Satoshi richtig verstanden habe müssen wir vor Morisaki jetzt diese Rolle spielen? Wir wissen offiziell von nichts. Nun gut. Ich freue mich schon, dieses seltsame Mädchen kennenzulernen. Wenn man es jedoch weiß, dann sieht man ihre Mutter deutlich in ihr, da kann sie noch so burschikos wirken wie sie will.‘
Er saß mit Tinas Eltern zusammen am großen Esstisch und hatte vor sich einen Plan liegen, mit Lineal und Bleistift. Ihre Eltern sah zu ihr und lächelten.
„Das sieht doch gleich ganz anders aus. Ist alles soweit in Ordnung?“, kam von ihrem Vater.
„Ja, mir geht es gut. Ich habe nicht so viel abbekommen. Dieses Abwehrtraining und die Judo-Übungen in der Schule haben viel gebracht.“ Erklärte sie mit fester Stimme und ging direkt auf den Hausherren zu und blieb vor ihm stehen. Er stellte sich hin und sah zu ihr herab.
„Entschuldigen Sie unseren seltsamen Besuch. Es tut mir leid, dass ich hier jetzt alles durcheinanderbringe.“ Sie verbeugte sich respektvoll vor ihm. Danach reichte er ihr seine Hand.
„Alles gut. Ihr könnt solange ihr auf eure trockenen Sachen warten. Ihr könnt dort drüben am Fenster sitzen. Sagt unserer Haushälterin einfach was ihr haben wollt. Sie macht euch sicher einen Tee. Der ist immer beruhigend.“
„Vielen Dank. Das ist sehr nett.“ Sie nahm seine Hand an und ging dann zu ihren Eltern an den Tisch.
„Habt ihr echt schon eine Idee? Das ging aber schnell. Darf ich mal schauen?“ Sie stellte sich zwischen die beiden und sah auf den Plan.
„Oh, kein Bungalow? Auf zwei Ebenen?“
„Ja, das ist vom Platz her besser, denn die Grundstückspreise sind enorm. Genauer müssen wir das dann sehen, wenn wir ein Grundstück gefunden haben.“, erklärte Georg.
„Ach so. Okay. Das stimmt. Da bleibt dann für das Haus nicht mehr viel übrig und einen Garten soll es ja auch noch geben.“
„Genau. Für meine Kräuter und Rosen.“, brachte sich ihre Mutter ein.
„Aber die Wohnebene ist das so schön offen gestaltet wie hier? Ich finde das toll mit der offenen Küche. Die Treppe muss ja nicht sein, aber die Küche mit so einer Kochinsel ist total cool. Und dann diese großen Fenster mit Blick auf den Garten.“
„Ne, die Küche ist wieder extra. Wir schauen gerade wie das mit der Statik am besten passen könnte. Die Details kommen später noch.“, meinte Gesine.
„Echt? Och nö. Wie langweilig. Ich finde das viel schöner, wenn alle zusammensitzen und kochen und gleichzeitig kann man sich unterhalten und ich mache dann meine Hausaufgaben oder die Gäste hat man zeitgleich im Blick und man kann mit denen zusammen kochen oder an der Bar sitzen. Ist doch voll cool und gesellig.“, erklärte Tina ihre Meinung, richtete sich auf und zeigte zur Küchenseite des Hauses.“
„Nein, ich mag das gar nicht. Immer diese Essensgerüche dann in der Stube. Wo ist denn da noch die Gemütlichkeit? Und heizen muss man so einen Raum ja auch noch. Je größer er ist, desto schwerer hält sich das Klima darin.“
„Ist doch egal. Muss man eben mal die Fenster öffnen und den Dunstabzug nutzen. Und hat man einen großen Gemeinschaftsraum, heizt man doch die anderen Zimmer weniger.“
„Trotzdem ekelhaft, wenn alles nach Fett riecht, nur weil man mal ein Schnitzel macht.“, murrte ihre Mutter. Tina richtete sich auf.
„Ist euer Haus, macht doch wie ihr wollt. Und wo ist mein Zimmer geplant? Seid ihr schon soweit?“
„Hier oben, das soll das Schlafzimmer sein und das deins und dann daneben das Arbeitszimmer. Unten soll ein Gästezimmer mit eigenem kleinem Bad hin.“, erklärte ihr Vater. Tinas Blick wurde etwas skeptisch.
„Dann tauscht gedanklich schonmal die Zimmer hier. Ich nehme lieber das Arbeitszimmer oder das gegenüber von euch, da ist noch ein Bad dazwischen. Hm, wenn ich es mir recht überlege, ich nehme das neben dem Bad.“
„Aber wieso? Dein Zimmer war doch immer neben unseres.“, wunderte sich ihre Mutter. Tina ging zum Tisch am Fenster.
„Du kriegst deine komische Küche und will das Zimmer neben dem Bad. Ist doch ein Kompromiss, oder nicht?“
„Aber es ist viel kleiner als die anderen beiden.“, kam ihr Vater mit einem guten Argument.
„Ist egal, bin doch eh kaum zuhause und dann ist ja noch die Stube da oder das andere Zimmer. Und wenn ich mal Besuch habe, müssen die nicht immer an euch abends vorbei.“
„Na? Was wird hier diskutiert? Geht’s schon um die Zimmeraufteilung?“, brachte sich die Frau des Hauses ein, als sie mit Yuzo die Treppe herunterkam. Tina ging kurz zu Satoshi.
„Tut mir leid wegen vorhin. Ich wollte dich nicht so anfahren. Das war sicher noch die Aufregung.“, bat sie ihn um Entschuldigung.
‚Bettina, du bist wie immer eine Überraschung. So schlimm war es doch gar nicht. Natürlich warst du noch aufgebracht und dann tauchen wir auf einmal alle auf.‘ „Schon gut. Dass wir da plötzlich auftauchten, war sicher eine große Überraschung.“
„Oh ja. Das war es. Aber ich bin irgendwie froh darüber. So sind wir nicht bei ganz so fremden Leuten gelandet.“
„Das stimmt. Das war sehr klug von dir, diesen Weg als Fluchtweg zu nutzen.“ „Es war der einzige Weg.“, lachte sie etwas und sah dann zur Sitzecke am Fenster und enddeckte überrascht den kleinen Tisch mit einem Shogi-Spiel.
„Oh, seid ihr Spielpartner oder ist das eine andere Partie?“, fragte sie ihn begeistert und sah dann zum Hausherrn.
„Also wir können uns gerne auf Englisch unterhalten. Ich bin noch nicht so gut mit meinem Japanisch.“, brachte sich Georg plötzlich freundlich ein.
‚Es nervt gewaltig, wenn ich nicht alles verstehe. Bettina, du müsstest es eigentlich wissen.‘, warf er ihr einen grinsenden Blick zu.
„Ach, sorry. Ja. Ich habe nur gefragt ob die Schach-Partie zwischen Satoshi und dem Hausherrn ist.“ Dieser sah erstaunt auf.
„Ja, tatsächlich. Daher kennen wir uns. Satoshi und ich freundeten uns im Schachclub an und gingen später auch zu den Wettbewerben. Wenn er dann mal da ist, spielen wir wie zu alten Zeiten.“, berichtete Satoshis Freund begeistert. „Ich verstehe. Na dann lass ich das Spiel mal lieber stehen.“ Satoshi grinste plötzlich.
„Da du es ansprichst, hast du doch schon wieder einen Plan im Kopf. Ich kenne dich. Zieh ruhig an meiner Stelle.“ Yuzo und der erfahrene Architekt gingen zum Tisch.
„Wie jetzt? Du kannst das spielen?“, war der Jugendliche erstaunt.
„Jup. Satoshi hat es mir beigebracht.“
„Na dann, Kleiner. Setz einen Stein.“, forderte man sie auf.
„Ich kann nur das einfache Schach. Ich spiele dann gegen meinen Vater und mal gegen einen Onkel.“
„Yuzo, pass nebenbei mal mit auf, egal ob du die Figuren kennst. Ich gebe dir mal einen Tipp. Stell dich neben mich.“ Er stellte sich neben sie und sah auf das Spielbrett. Dann setzte sie einen Stein und ihr Gegner überlegte.
‚Gar nicht so übel, kleines Mädchen.‘
„Du erwähntest vorhin einen starken Gegner, bei dem du denkst, nicht zu siegen. Warum?“
„Äh, naja. Tsubasa war der Einzige, der den Gegner aufhalten könnte. Ohne ihn sehen wir alt aus, da er sehr stark ist. Im Sturm wie auch im Tor. Im Tor steht immerhin Nummer 2, wenn dir das hilft.“
„Gibt es einen guten Strategen in euren Teams?“ Es wurde gesetzt.
„Nicht wirklich. Bei uns war das auch der Kapitän und bei den anderen ist es wohl am meisten der Keeper.“
„Gut, dann bist du ab jetzt euer Mann für die Strategie. Im Tor hat man die beste Übersicht. Schau mal. Das hier, alle Steine, die mit der Spitze nach vorne schauen, das ist dein Team und du bist hier hinten der König, der im Tor steht. Du hast die Macht in der Hand alles von dir abzuwenden. Nutze die Schwächen des Gegners, um ihn zu besiegen. Welche Schwächen hat das Team?“ Sie setzte einen weiteren Zug. Ihr Gegenüber grinste etwas und zog sofort, nahm ihr einen Stein weg und legte diesen an die Seite.
‚Sie glaubt mich alten Hasen austricksen zu können. So so…Satoshi, du hast ganze Arbeit geleistet. Sie versteht den Sinn des Spiels.‘ Inzwischen kamen Georg und Gesine hinzu. Alle standen nun um die drei herum.
„Oh, Mist. Einer weniger.“, brummte Tina ein wenig und tat als würde sie über den nächsten Zug nachdenken.
„Hm, vielleicht weil sie sicher wissen, dass wir deutlich geschwächt sind. Eventuell gibt es dann eine gewisse Überheblichkeit oder Selbstsicherheit von ihrer Seite. Stark sind sie so oder so.“
„Sehr stark? Meinst du ihr könntet gegen eure Nummer 2 ein Tor machen?“
„Ungewiss. Unsere Teams sind beide neu aufgestellt. Sie haben einen neuen Trainer, wer weiß was der so macht.“
„Nun, du hast zwei Möglichkeiten bei einem extrem starken Gegner. Entweder angreifen oder für einen Ausgleich bzw. ein Unentschieden sorgen. Der Angriff sollte jedoch die höchste Priorität haben.“ Tina zog einen Stein und schlug einen Bauern vom Gegner. Sie legte ihn zur Seite.
‚Nanu, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Was hat sie vor? Ich dachte sie hat das Spiel wirklich verstanden, aber nun gut. Das scheint wohl nur so zu wirken. Dann war der Zug vorhin ein Zufallstreffer. Satoshi, du hast sie falsch eingeschätzt oder willst du unsere Partie opfern? Ich bin gespannt wie lange sie durchhält, wenn ich jetzt diesen hier mache.‘ Es wurde erneut gezogen.
„Hm, schau mal. Das hier ist das Spielfeld. Es spielt dabei gar keine Rolle welches Mannschaftsspiel es ist, aber in deinem Fall ist das hier deine Hälfte, das, die des Gegners und hier ist das Mittelfeld indem sich die meisten Dinge abspielen werden. Dein Team und du müssen natürlich die eigene Hälfte verteidigen, schau, hier sind einige deiner Leute. Dich darf niemand in die Finger kriegen. Du hingegen musst den Gegner schachmatt setzen, so wie beim normalen Schach. So die Grundidee.“ Tina flüsterte ab nun nur noch in Yuzos Ohr.
„Pass auf, du hast einen übermächtigen Gegner, der einen starken Angriff hat, denn genau das hat er gerade vorbereitet. Wenn so ein Gegner kommt, dem du alleine nicht entgegentreten kannst, machst du was?“
„Keine Ahnung, ich kenne die Steine nicht in ihrer Funktion.“
„Das ist egal. Sag einfach aus dem Bauch heraus, was du machen würdest.“
„Die Verteidigung ordnen?“
„Genau und welches Mittel hast du als der, der alles im Blick hat, dafür zu sorgen, dass es zu keinem Torschuss kommen kann?“
„Oh, da gibt es nur eins…das Abseits. Da haben wir im Nationalteam zwei Spezialisten für.“ Tina nickte und setzte eine neue Figur, um den Angriff abzublocken.
„Gut, erledigt. So kannst du Zeit schinden.“
„Hm, aber wenn der Sturm so stark ist, dass er von sehr weit hinten kommen kann?“
„Ein Typ wie unser deutscher Sturm?“
„Genau, so ähnlich.“ Der Hausherr legte seinen Stein aufs Feld, der am Rand lag.
‚Das hat sie immerhin erkannt.‘, ging ihm durch den Kopf.
„Ach, wir müssen uns beeilen.“, meinte sie für alle verständlich.
„Wieso?“
„Genzo taucht sicher gleich auf. Der meckert dann mit mir, wenn ich dir Tipps gebe.“ Sie setzte den nächsten Stein.
„Typisch für ihn.“, lachte er etwas.
‚Bettina, du bist schon witzig.‘
„Du als Keeper kannst die anderen anleiten. Stellt vorher die Leute mal anders auf, bringt euren Gegner dazu den eigenen Spielfluss zu durchbrechen. Wenn ihre eigene Technik nicht mehr aufgeht, dann wird es zu keinem Schuss mehr kommen. Damit meine ich nicht, den Sack hinten komplett dicht zu machen, sondern nur, ihn zu kontrollieren. Konzentriert euch in der ersten Halbzeit auf die Verteidigung und findet heraus was an neue Ideen kommen. Beobachte deinen Gegner, sein Verhalten, seine Fitness.“
„Okay, beobachten. Das hat Genzo auch gemacht, als er verletzt war. Und ich beobachte auch immer viel. Zu erkennen was passieren wird, ist nicht so das Problem, aber wenn der Ball erst unterwegs ist, dann fehlt die Technik ihn aufzuhalten.“
„Hm, da kann ich dir nicht helfen, die musst du selbst herausfinden. Aber was du machen kannst, ist den Gegner zu verunsichern.“
Es wurde wieder die gegnerische Seite gesetzt und nun war Tina erneut dran.
„Der Gegner denkt, dass ihr euch nur auf die Verteidigung konzentriert, aber stattdessen kontrolliert ihr nur eure Seite. Und dann…“ Sie nahm ihren Bauern, der an der Seite lag und zögerte kurz vor dem Absetzen.
„…du sorgst also für die Kontrolle deiner Hälfte und dann…dann holst du dir den Ball und spielt ihn direkt auf jemanden, der nicht gedeckt wird, lässt ihn vorlaufen und bringst so den Aufbau des Gegners völlig aus der Bahn.“ Dann setzte sie ihren Stein direkt neben den König des Gegners.
„Schach!“, sagte sie deutlich.
„Oh, du bist aber mutig.“, stieß der Architekt erstaunt aus und grinste dann. Er nutzte natürlich den König, um sich zu verteidigen, dann war wieder Ruhe auf seiner Seite. Es gab noch andere Möglichkeiten, aber er entschied sich für diese Variante der Verteidigung.
„Siehst du? So bringst du deinen Gegner dazu aus seinem Haus zu kommen. Damit hat er nicht gerechnet.“
„Hm, aber er hat deinen Stein jetzt.“
„Das ist nicht schlimm, denn ich…ich hole mir da jemand besseren.“, erklärte sie trocken. Ihr Gesicht verzog sie nicht. Im selben Atemzug zog sie und nahm den gegnerischen Turm vom Feld und legte diesen an die Seite.
„Das ist sowas ähnliches wie die Dame. Der Turm ist in deinem Fall ein starker Angriff und eine Verteidigung zugleich. Je nach dem an welcher Stelle er steht. Der gehört jetzt uns, weil uns der Gegner…unterschätzt hat.“
„Schach!“ sprach sie erneut, denn der König bzw. der Juwelengeneral des Gegners stand erneut im Schach.
‚Was war das denn? Sie ist wirklich gut. Ich habe sie unterschätzt. Nicht übel die Kleine.‘ Er schlug ihre Figur nun mit einer anderen Figur und konnte sich so wieder retten.
„Siehst du? Jetzt versucht der Keeper mit seiner Verteidigung zu reagieren.“ Tina nahm einen ihrer Steine zögerlich in die Hand und grübelte, setzte ihn auf ein Feld aber ließ ihn noch nicht los. Dann setzte sie ihn doch an einen anderen Platz. Yuzo wunderte sich, denn er wusste, beim Schach darf man das nicht machen. Berührt, geführt, so kannte er das.
‚Dieses Mädchen versucht mich hier an der Nase herumzuführen…sie ist keine Anfängerin. Nun gut. Dann komm mal damit klar. Ich bin gespannt.‘ Tina grinste plötzlich.
‚Jetzt hat er es doch bemerkt. Die Finte war dann wohl doch eins zu viel. Naja, egal. War ja klar, dass ein Gegner von Satoshi schnell dahinterkommt.‘
Tina sah zu ihrem Gegner auf und lächelte ihn an.
„Können wir trotzdem kurz da weitermachen? Ich wollte Yuzo noch was erklären, dann können wir gerne hier ernsthaft weiterspielen.“
„Hä? Wie jetzt? Wovon redest du?“, wunderte sich Yuzo.
„Er hat bemerkt, dass ich kein Anfänger mehr bin. Und es lief eben noch so gut.“
„Okay, dann mach mal. Ich spiel das Spielchen mal weiter.“ Tina setzte seinen Stein zurück.
„Jetzt nochmal das setzen, was Sie zuerst wollten. Ich habe Ihr Zögern erkannt. Da war ein erster anderer Ansatz da.“
„Oh, du hast mein Zögern erkannt? Du bist ein guter Beobachter.“ Er setzte seinen Stein.
„Ja, das bin ich. Deswegen war ich ja auch dafür zuständig.
Yuzo, also was glaubts du, hatte mein Zögern eben zu bedeuten? An was erinnert dich das im Spiel?“
„Hm, keine Ahnung, denn ich kenne die Funktionen der Figuren ja leider nicht.“
„Ich wurde gerade stark angegriffen, aber was habe ich gemacht, um den Gegner zu manipulieren? In meinem Fall hat er es nur leider bemerkt. Er ist nicht in die Falle getappt. Jetzt jedoch schon.“
„Ach, eine Falle war das? Wie sollte es denn ausgehen?“
Tina setzte ihren Turm ein und ihr Gegenüber reagierte wieder.
„Patt…es geht nicht weiter. So sollte es sein. Ein Gleichstand.“
„Du bist ein Genie…ein Patt während des Angriffs? Willst du mir das sagen?“
„Genau. Aber eben zum Vorteil des Angegriffenen.“
„Eine Falle mit einem Patt…aber ja. Die Abseitsfalle.“, haute Yuzo aus.
„Gut, ist gebongt. Wir haben leider keinen Profi dafür in unserem Team hier, aber jemanden im Nationalteam und auch er will nicht gegen die anderen verlieren und wendet diese Technik an. Aber dann kennen die das doch.“
„Das ist egal, denn von euch erwarten sie diese Technik nicht und jeder führt sie anders durch.“
„Stimmt. Okay. Ich werde ihn heute Abend noch anrufen und um Rat fragen.“
„Aber die Idee kommt nicht von mir.“
„Ich bin eher überrascht, dass du Shogi spielst.“, meinte Yuzo und sah ihr in die Augen.
‚Na toll. Jetzt wo ich es weiß…sie ist hübsch und klug.‘
„Bedanke dich bei Satoshi, er hat es mir beigebracht.“
„Genzo kann das glaube nicht. Dafür hat er nicht die Geduld.“, grinste er. Tina lachte etwas.
„Das stimmt. Du kennst ihn gut. Aber du, Yuzo…du wirst es jetzt lernen. Das wird dir helfen. Und wenn es hilft euren Strategen besser zu folgen und mit ihnen zusammen zu arbeiten.“
‚Sie hat Recht. Wenn ich mit unserem Kapitän Ryo Ishizaki und den Genies Taro Misaki und Teppei Kisugi zusammen an besseren Verteidigungen arbeite, dann könnte es gegen die Toho und auch gegen Musashi besser standhalten. Das stimmt. Eine gute Idee. Schade, dass uns Taro auch bald verlässt.‘
„Tino, warst du euer Stratege im Team?“ Tina wollte gerade darauf antworten, da klingelte es an der Haustür.
„Das wird Genzo sein.“, sprach Satoshi.
„Gut, ich gehe und hole ihn.“, sprach der Herr des Hauses.
An der Tür wurde Genzo empfangen.
„Guten Tag. Was ist denn genau passiert? Auf dem Weg hier her bin ich bereits Ryo begegnet und er hatte einen Anruf von Koji. Was soll das heißen, das Team deiner Jungs habe meine Freunde angegriffen und verprügelt?“, fauchte er ihn wütend an. Der Mann vor ihm sah ihn total verdutzt an.
„Was soll das heißen, meine Jungs?“
„Wo ist Tino? Ich will sofort mit ihm reden. Wie geht es ihm?“, wollte er ins Haus stürmen und war total aufgebracht.
‚Wehe diese Kerle haben Tina was angetan, dann kriegen die von mir persönlich eine drauf.‘ Er wurde jedoch am Arm gepackt und aufgehalten.
„Halt! Was haben meine Jungs damit zu tun?“, brummte er ihn an.
„Koji sagte, dass die Volleyballer sie angegriffen haben. Warum? Deine Jungs gehören doch dazu, wehe wenn jemand Tino angerührt hat!“ Genzo versuchte sich loszureißen und stieß jedoch erneut auf Widerstand. Sein Herz schlug enorm vor Wut.
„Reg dich ab, ihr geht es gut.“, wurde dann leise genug gesagt. Genzo sah ihn verdutzt an. Sein Puls sank etwas.
„Wirklich? Du weißt es?“
„Natürlich, pass auf. Du hattest uns damals von ihr erzählt. Aber egal jetzt. Meine Söhne können nicht dabei gewesen sein, die sind vorhin vorbeigekommen und haben ihre Zeitungen mit den Rädern abgeholt und sind los sie austragen. Wenn, dann waren sie nicht dabei. Das war zeitlich nicht möglich. Und…halt dich zurück. Yuzo weiß nichts, wir spielen mit, weil wir wissen, dass es deinen Eltern wichtig ist, aber vergreife dich nie wieder mir gegenüber im Ton. Verstanden?“, sprach er ernst, aber auch verständnisvoll. Was genau passiert war, wusste er noch nicht. Genzo sah ein, dass er übertrieben hatte. Er kannte seine Jungs doch und die waren keine Schläger, nein.
„Tut mir leid. Ich habe überreagiert. Du hast Recht, deine Jungs sind nicht so. Und ihnen geht’s gut?“
„Komm, rede am besten selbst mit deinen Freunden. Yuzos Eltern sind bereits informiert und seine Mutter kommt ihn abholen.“
Somit gingen sie beide Richtung Wohnzimmer und sahen zu den Keepern.
„Tino? Yuzo? Was ist passiert?“ Als er Tina unversehrt erblicken konnte und sie ihm zu grinste, ging sein Puls wieder deutlich zurück. Kaum hatte Ryo ihm von dem Vorfall am Telefon erzählt, kamen ihm die schrecklichen Bilder wieder und er befürchtete, dass Tina etwas zugestoßen sei, weil sie sich nicht als Mädchen outen konnte, um der Situation auszuweichen.
Er ging auf seine Freunde zu und sah dann zu Yuzo und betrachtete sein Gesicht genauer.
„Du meine Güte. Oha, das ist ja mal ein ganz anderer Anblick. Du Schlägertyp, also echt.“, versuchte er seine Angst, die er zuvor hatte in einem Scherz zu verpacken. In Wirklichkeit brodelte es enorm in ihm, als er seinen alten Freund so zugerichtet sah.
„Keine Sorge, ich habe auch ausgeteilt. So einseitig war das nicht.“, grinste dieser zurück.
„Wenn Ryo das sieht, dann flippt der aus. Wo hast du noch was abbekommen?“
„Na ja. Überall etwas, aber das wird schon.“
„Was soll das heißen?“
„Er hatte Glück, bis auf die eine größere Stelle sind es nur Blutergüsse.“, erklärte die Frau des Hauses noch etwas im Gedanken. Dann sah Genzo zu Tina. Durch das Basecap war nicht viel zu sehen, aber jetzt von Nahem war es deutlicher zu sehen, dass ihr Gesicht nichts abbekommen hat. Dann sah er zu ihren Händen, auch dort sah sie recht unverletzt aus.
„Was ist mit dir? Wieso hast du nichts abbekommen?“
„Na toll, statt zufrieden zu sein, würfst du mir Feigheit vor, als wäre ich einfach weggelaufen. Vielen Dank auch.“, murrte sie scherzhaft.
„Blödmann, echt mal.“, knurrte Genzo und grinste zufrieden.
„Selber Blödmann. Ich bin den Kerlen gut ausgewichen.“, lachte sie zurück. Er lächelte sie dann erleichtert an, sah sich endlich genauer um und entdeckte das Spielbrett.
‚Zum Glück hat sie nicht so viel abbekommen. Wenn sie schon wieder Schach spielen kann, muss es ihr gut gehen.‘
„Echt jetzt? Du schon wieder und dein langweiliges Shogi-Spiel. Wen hast du diesmal über den Tisch gezogen?“
„Das ist nicht langweilig, solltest du auch mal versuchen. Ich fand es spannend.“
„Wer waren die Typen denn nun und was wollten die?“
„Die Mädchen von heute Früh, welche eure Managerin angegriffen hatten, sie haben ihre Kerle auf uns gehetzt, weil sie behaupteten, dass ICH sie angegriffen und verletzt hätte.“ Tina versuchte so gut es ging die Situation zu beschreiben und berichtete auch davon, dass sie den Jungs vorher kurz begegnet war.
„Also, als ich sie spielen gesehen habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie so ticken würden. Wenn ich gewusst hätte, dass sie etwas mit diesen Mädchen zu tun haben, hätte ich nie den Kontakt zu deinen Leuten angenommen, sondern wäre gegangen. Tut mir leid. Ich habe sie unnötig in Gefahr gebracht.“
„Nun ist aber gut, du kannst doch nichts dafür. Die haben, warum auch immer, den Verstand verloren. Normalerweise ticken die auch nicht so, ich hätte mich sonst auch anders verhalten, als es seltsam wurde.“, ergänze Yuzo.
Einige Minuten später saßen Tinas Eltern noch für ein paar Absprachen mit dem Architekten zusammen am Tisch. Genzos Eltern saßen etwas abseits am Fenster. Satoshi ordnete das Shogi-Brett wieder und Nyoko sah den Jugendlichen zu, wie sie im Garten mit den Hunden spielten.
„Schatz, wie glücklich sie aussehen.“ Er sah ebenso raus und lächelte.
„Bettina war immer stark, du merkst, dass sie sich mit den Hunden jetzt nur ablenkt, bis sie alleine sein können.“
„Meinst du wirklich?“
„Ja, das war beim Spiel eben zu sehen. Sie war unaufmerksam und hat mit ihrem Flunkern übertrieben. Sie hätte meinen alten Freund beinahe gehabt, aber dann kam der Übermut. Das ist ihre Anspannung. Früher wäre ihr das nicht passiert.“
Abenddämmerung in Nankatsu
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Die Schachpartie im Zug
Kapitel 161
Die Schachpartie im Zug
Am Bahnhof wurde Tina abends vom ältesten Bruder Genzos verabschiedet. „Gute Fahrt, pass auf dich auf und melde dich, wenn du angekommen bist.“
„Klar, bis dann. Euch noch einen schönen Abend.“
„Ach, ich finde es übrigens total toll, dass meine Eltern schon eher wieder herziehen wollen. Deine Eltern waren auch gleich begeistert.“
„Ja, das ist super. Ich freue mich schon. Bis dann Großer.“ Tina stieg in den Shinkansen und betrat dann platzsuchend die 1. Klasse. Sie schaute auf ihr Ticket und suchte nach der Sitz-Nummer. Kurz darauf ging sie durch den Gang und nahm an einem Fenster Platz. Sie klappte den Tisch vor sich auf und legte ihr neues Buch darauf sowie ihr Tonbandgerät und kramte im Rucksack nach den Kopfhörern. In diesem Moment vernahm sie eine freundliche männliche Stimme. „Entschuldigung. Ich hoffe, ich störe nicht.“, sprach er sie wie gewohnt auf Japanisch an. Tina richtete sich auf und sah in das Gesicht eines Japaners, etwa Mitte Vierzig und lächelte.
„Ja bitte?“ Er zeigte sein Ticket und darauf stand die zweite Nummer der beiden Sitzplätze, die gegenüber waren.
„Oh, Guten Tag. Setzen Sie sich doch bitte.“
„Danke. Guten Abend.“ Er war überrascht, dass sie Japanisch sprach, nahm ihr gegenüber Platz und stellte seinen Aktenkoffer neben sich an den Stuhl. Er vernahm natürlich die Dinge auf dem Tisch und grinste etwas. Daraufhin holte er seinen Laptop raus und stellte ihn auf seine Tischhälfte.
‚Ich bin überrascht. Meistens wird gleich der ganze Tisch eingenommen, nur weil noch niemand da ist, aber sie hat obwohl sie so viele Ginge hat, nur ihre eigene Hälfte des Tisches benutzt. Sie ist hübsch und noch sehr jung. Was mag sie sein? Auf keinen Fall schon 18. Ihre Literaturauswahl ist sehr interessant.
„Japanische Lyrik in der Zeit der Meiji-Ära“ in zwei Sprachen, Japanisch und Englisch. Wenn sie so etwas liest, scheint sie sehr klug zu sein. Auf jeden Fall interessiert sie sich für japanische Kultur.‘
Tina lehnte sich an, als sie ihre Kopfhörer endlich gefunden hatte, legte einen Bleistift neben das Buch und schloss den Rucksack. Dann machte sie sich das Band fertig und steckte die Kopfhörer in die Ohren. Sie nahm das Buch in die Hände, öffnete die hintere Coverpappe und entnahm eine MC (Kassette/Tonband), legte es in das Gerät und nahm den Stift. Die erste Seite wurde geöffnet und sie lauschte dem Vorleser und folgte dem Text. Der Schnellzug fuhr an und erreichte sein gewohntes Tempo.
Sie war so richtig in ihrem Text vertieft und versuchte der Stimme zu folgen, als plötzlich ihr Handy klingelte. Tina zuckte zusammen, drückte auf Pause, ließ die Kopfhörer baumeln und nahm ab.
„Du hast mich erschreckt, ist das jetzt ein Kontrollanruf?“, grinste sie vor sich hin und sah aus dem Fenster. Es war schon dunkel. Satoshi war am Telefon.
„Hast du wenigstens einen netten Nachbarn am Tisch? Ich finde diese Plätze immer besonders gut, da ist es nicht so stickig und voll.“
„Du bist total verrückt, Erste Klasse und dann dieses Sonderabteil für Deinesgleichen, also echt mal. Was soll ich hier? Ich passe doch gar nicht hier rein. Ein Stehplatz in der Zweiten hätte mir auch gereicht. Und ja, ich glaube schon. Er macht einen netten Eindruck, ein wenige jünger al du, würde ich sagen.“, lächelte sie weiter, aber hatte einen kleinen vorwurfsvollen Unterton. „Ach, du hast das auch mal verdient. Du musst doch wenigstens mal wissen was Luxus heißt, damit du weißt was du alles erreichen kannst, wenn du es hier in Japan richtig angehst. Und doch, du passt genau dort rein.“, grinste er vor sich hin und lachte etwas.
„Ihr sollt nicht so viel Geld für mich ausgeben, ich mag das nicht. Aber trotzdem danke.“
„Hast du schon in das Geschenk geschaut?“
„Ja, ich bin gerade dabei es zu lesen und zu hören. Ist sehr interessant. In der Schule kann ich das jetzt gut gebrauchen. Wir haben gerade mit dieser Ära angefangen.“
„Das Buch, ja, hast du auch das zweite angeschaut? Es sind doch zwei Pakete gewesen. Schau mal in die Schachtel.“
„Oh man. Ich dachte ich mache das zweite zu Hause auf. Ist dir das jetzt so wichtig? Ich kann doch eh nur ein Buch lesen.“
„Es ist kein Buch. Bitte schau rein. Es ist für die Reise.“
„Na gut.“ Tina legte das Buch zur Seite und holte aus ihrem Rucksack das zweite Geschenk heraus. Es ist auch so schwer wie ein Buch. Ihr Gegenüber war sehr erstaunt, denn er verstand jedes deutsche Wort. Mit dem Blick unauffällig in seinen Bildschirm vertieft machte er sich so seine Gedanken.
‚Also ist sie Deutsche, sie denkt vermutlich, dass ich nicht viel verstehe.‘
Tina betrachtete das Geschenkpapier. Es war rot mit Hello Kitty Stickern darauf. Die kleine Figur wurde in verschiedenen japanischen Kleidern und typischen Berufen dargestellt. Das Papier war nicht geklebt, sondern mit einem weißen dicken Schleifenband liebevoll zugebunden. Sie hielt inne und betrachtete das Paket.
„Ist es dir sehr wichtig? Ist es auch von dir?“
„Offiziell ja, aber irgendwie auch von Genzo. Er hat es für dich mit Nyoko zusammen verpackt. Das Papier hat er beklebt.“
„Sowas kitschiges, echt mal. Ich bin doch kein Kind mehr.“, lächelte sie. Ihr Herz pochte schneller, das war ihr deutlich anzusehen.
„Also ist es von euch beiden? Ich lege erstmal auf, dann melde ich mich, wenn ich es geöffnet habe.“
„Okay. Es liegt ein Brief mit ein paar Worten dabei.“
„Danke schonmal, was auch immer ihr da wieder ausgeheckt habt.“ Dann legte sie auf.
‚Satoshi, was soll diese Heimlichkeit?‘ Sie fasste die Schleife an und zog vorsichtig am Band. Dann atmete sie tief durch bevor sie das Papier auffaltete. Sie zögerte und war verunsichert. Was könnte das sein, wenn es doch Genzo gehört und doch wieder ihm? Das ergibt doch gar keinen Sinn.
Ihr gegenüber wurde plötzlich über den Bildschirm geschaut und sie verwundert betrachtet.
„Ist alles in Ordnung, junge Frau?“, sprach er sie besorgt an. Ihre Stimmungsschwankung machte ihn stutzig, denn sie sah plötzlich so trüb auf das Geschenk und war so ruhig. Sie blickte zu ihm auf.
„Alles okay. Danke. Ich…ich bin nur etwas angespannt…tut mir leid.“ Er klappte den Laptop zu und sah sie freundlich an.
„Angespannt? Hatten Sie Geburtstag? Das sieht nach viel Liebe aus, wer es auch immer für Sie eingepackt hat. Das kommt bestimmt von Herzen.“, versuchte er sie zu ermutigen.
„Nein. Hm, bestimmt. Ja, es kommt von sehr liebevollen Freunden.“
„Was stört Sie an dieser Figur? Ist sie Ihnen wirklich zu kitschig?“ Tina grinste plötzlich. Seine sanfte Stimme beruhigte sie etwas.
„Sie haben recht. Ich liebe diese Kitty. Und ich mag es, wenn sie was Rotes dabeihat. Das…erinnert mich an Japan.“
„Dann machen Sie es ruhig auf. Es wird sicher etwas sein, das Sie glücklich macht.“
Sie lächelte dann glücklich und nahm endlich das Papier weg und blickte plötzlich auf einen alten Holzkasten mit vielen Einkerbungen und unzähligen Abnutzungsspuren. Sogar Kindergekritzel war darauf zu sehen. Es war ein zusammengeklappter Koffer mit einem Haken an der Seite zum Öffnen. Sie drehte ihn um und auf der anderen Kofferseite war ein japanisches Haus gemalt worden und ein Berg im Hintergrund. Eindeutig der Fuji-san.
„Ich ahne Schlimmes.“, hauchte sie aus und dann endlich öffnete sie den Koffer und klappte ihn auf. Mit großen Augen sah sie hinein und legte den Koffer offen auf den Tisch vor sich.
„Sieht nach einem sehr alten Shogi-Brett aus.“, sagte der Mann ihr gegenüber leise und ruhig. Auch er war begeistert von diesem Geschenk.
‚Wieso schenkt man ihr sowas? Und dann sowas altes? Das Ding ist älter als ich, es könnte meinem Großvater schon gehört haben. Dieses Holz wird schon seit dem Krieg nicht mehr benutzt, weil es dann verboten war die Bäume zu schlagen.‘
Tinas Puls stieg enorm an und sie sah sich die Holzkiste genauer an und klappte sie dann wieder zu.
‚Kein Name drauf.‘ Sie griff den Brief, der im Kasten war und öffnete diesen. Als sie anfing zu lesen, klappte sie ihn sofort wieder zu. Sie stand auf und sah höflich zu dem Sitznachbarn.
„Könnten Sie kurz aufpassen? Ich müsste kurz mal ins andere Abteil.“ Er lächelte freundlich zurück.
„Das kann ich machen. Darf ich es aufbauen?“
Tina stand auf, sah auf den Brief in ihrer Hand und lächelte.
„Sehr gerne. Wie ich den alten Kerl kenne, war genau das sein Ziel, dass ich mich die Fahrt über nicht langweile.“
„Das klingt doch gut.“ Sie griff nach ihrem Rucksack und ging dann zur Toilette. Kaum schloss sie die Tür hinter sich, öffnete sie den Brief erneut und las wieder von Beginn an.
„Liebe Bettina,
dieses alte Spiel war eigentlich für Genzo bestimmt. Jedoch hat er sich entschieden es dir zu schenken, da er es in deinen Händen wissen will.
Es ist das Spiel mit dem mein Vater und auch ich Spielen gelernt habe. Er hat es mir damals zum 5. Geburtstag geschenkt und ich schenkte es Genzo zum 5. Geburtstag. Er hatte jedoch nie Interesse daran und war dem aktiven Sport verfallen. Ich bin trotzdem sehr stolz auf ihn.
Du bist ein großes Talent und weißt schon jetzt das Spiel sinnvoll zu nutzen.
Ich habe das Spiel überall mit mir rumgetragen und daher sieht es so furchtbar aus. Habe viel Spaß damit und hab keine Angst es mit Fremden zu nutzen. Unsere Gravuren habe ich noch entfernt.
Dein Satoshi“
Während sie alles las, liefen ihr Tränen übers Gesicht. Tina klappte den Brief zusammen, legte ihn in den Rucksack und nutzte die Gelegenheit an diesem Ort zu sein. Man soll bekanntlich gehen, wenn man kann, nicht erst wenn man muss. So hatte sie es immer gelernt und bei den Spielen, Trainingseinheiten und auf den langen Reisen ergab diese Regel einen Sinn.
Am Waschbecken holte sie ihre Schminke heraus, die sie von ihrer Mutter geschenkt bekam und heute Morgen das erste Mal aufgetragen hatte. Sie lächelte und sah in den Spiegel. Vor ihr war eine schöne Erinnerung an den Abend mit ihrer Mutter und Nyoko, wie die beiden ihr zeigte wie man es aufträgt und sie probierten verschiedene Varianten zusammen aus bis etwas dabei herauskam, was Tina auch selbst gefiel. Es war ein schlichter Stil, nur Augenbrauen nachziehen, ein minimaler Lidschatten, die Wimpern und die Lippen. Sie steckte den rosafarbenen Lippenstift wieder ein und auch die anderen Dinge und schloss den Rucksack.
„Tina, sei jetzt nur noch ein Mädchen. Du bist klug, hübsch und stark“
„Sei stark, klug und hübsch.“, hörte sie die Stimmen der beiden Frauen im Ohr und lächelte.
Es dauerte nicht lange da kam sie zu ihrem Platz zurück und der nette Herr hatte das Spiel sorgsam aufgebaut und die Steine platziert. Er sah sie fröhlich an, als sie in seiner Sichtweite war und ihn anlächelte.
„Oha, das wurde aber bespielt. Meine Güte. Das waren sicher viele tausende Spiele. Man kann die Steine kaum noch alle richtig lesen.“
„Ich finde es schön. Mein erstes sieht auch so aus. Das ist normal.“, unterhielten sie sich weiter in Englisch.
‚Sie hat sich geschminkt, alles nachgezogen. Der Brief hat sie sicher sehr bewegt und sie musste etwas weinen. Sicher ist sie deswegen weggegangen.‘
„Wirklich? Ich mag es auch. Neue Dinge sind langweilig. Altes Spielzeug, sagt man doch, schreibt Geschichte. Ist das hier in Japan auch so?“
„Ja, auf jeden Fall. Möchten Sie beginnen? Oder möchten Sie auslosen?“
„Ich habe es da nicht so mit Traditionen. Bei uns in Deutschland heißt es bei Spielen, der Jüngste beginnt.“
„Das ist okay. Mir ist es egal. Ich finde es spannend, dass Sie in so jungen Jahren spielen können.“ Tina setzte sich und sog den ersten Stein.
„Ich spiele noch nicht lange und bin die letzten Monate total eingerostet.“ Er setzte seinen ersten Stein.
„Wann war denn das letzte Spiel?“
„Hm, gestern, aber ich habe total versagt und war bei einem schweren Gegner unaufmerksam. Eindeutig eingerostet.“, schmunzelte sie dann. Es wurden einige Steine bewegt und auch erobert.
Sowas nennt sie eingerostet? Gute, dass ich sie nicht unterschätzt habe.
Plötzlich klingelte Tinas Handy erneut. Sie entschuldigte sich bei ihm und ging ran. Es war Genzo.
„Was hast du dir dabei gedacht? Bist du verrückt? Wieso schenkst du mir das Spiel?“
„Ich spiele das doch sowieso nicht. Was soll ich damit? Du hast deine Freude damit.“
„Dann hebst du es eben für deine Kinder auf. Echt mal. Wenn der Brief von deinem Vater nicht dabei gewesen wäre, hätte ich gedacht, du willst mich veralbern.“
„Nö, kann denen das doch eh nicht beibringen. Und wer weiß wann das ist?“
„Aber es ist doch ein Erbstück und gehört in eure Familie.“
„Aber du bist doch jetzt meine große Schwester. Also bist du Familie.“
„Blödmann, echt mal. Das ist doch nur symbolisch gemeint.“
„Für uns nicht. Wir lieben dich doch mittlerweile genauso sehr. Meine Eltern wissen doch sonst auch nie wie sie es mal ausdrücken können.“
„Nun gut, du Sturkopf bist eh nicht zu belehren. Wenn dann mal Nachwuchs kommt, dann kriegst du das Spiel zurück und ich bringe es deinem Kind bei, wenn es Opa nicht tut. Ist das ein Deal? Mit einer Leihgabe kann ich leben. Das ist ja unbezahlbar.“
„Dumme Liese, echt mal. Wir wollten dir einen Gefallen tun und dir mal was schenken.“
„Das habt ihr doch schon. Diese Fahrt zum Beispiel oder das Netz. Das ist mehr als genug.“
„Sturkopf.“
„Blödmann.“
„Melde dich, wenn du angekommen bist.“
„Mache ich.“
„Hast du denn jemanden zum Spielen?“
„Ja, meinen Sitznachbarn.“
„Und gewinnst du?“
„Also echt mal, keine Ahnung, ich denke nicht.“
„Deswegen spiele ich das nicht. Du spielst, obwohl du weißt, dass du verlierst?“ „Du bist ne Nervensäge, echt mal. Ist doch egal, ob ich gewinne. Der Weg zum Ziel ist der Sinn dabei. Du weißt doch auch nicht wie es sein wird, wenn du als alter Mann stirbst, Hauptsache du lebst, bist glücklich und nutzt deine Zeit sinnvoll. Und wenn du Glück hast, dann hinterlässt du Fußspuren. Wir machen doch jetzt auch einfach nur das Beste draus. Bis dann, ich melde mich. Du störst jetzt.“ Es wurde aufgelegt.
„Tut mir leid.“
„Mich stört das nicht.“
„Wirklich?“ Sie setzte ihren Stein und legte den gewonnenen zur Seite.
„Ich dachte es ist total unhöflich in der Bahn zu telefonieren.“
„Ach, mich persönlich stört das nicht. Ich bin da nicht so streng mit. Ich bin auch viel im Ausland, da ist das normal. Und ich telefoniere auch oft in der Bahn. Die anderen sind mir da so ziemlich egal.“, grinste er.
„Okay, ich verstehe. Ich gebe mir wirklich Mühe hier klarzukommen, aber manchmal...ist es wirklich schwer. Japaner sind halt total anders, aber manchmal auch besser zu verstehen. Immer verschieden. Meine Zeit ist im Moment sehr begrenzt und da muss man eben mal telefonieren. Vor allem am Abend. Jetzt kommen die Leute von der Arbeit oder aus der Schule.“
„Das stimmt. Wie gesagt, es ist okay. Sie sind dran.“
„Ich überlege schon. Sie sind ein harter Gegner. Es ist mir eine Ehre, da Sie mich nicht unterschätzen. Danke dafür.“, kam trocken aber lächelnd.
„Ist das sonst der Fall? Nimmt man Sie hier in Japan nicht ernst?“
„Ja, aber auch manchmal ist das auch mein Vorteil.“
„Ihr Vorteil? Wenn ich spiele, dann immer nur richtig. Ich nehme in der Regel jeden Gegner ernst. Wenn ich das nicht täte, würde ich meinen Job falsch machen.“
„Ja, für Fremde bin ich klein, dumm, blond und ein junges Mädchen, hier sogar die unwissende Ausländerin, aber in Wirklichkeit…wissen die Leute gar nichts über mich. Das kann ich noch ab und zu ausnutzen. Bis jetzt ging das gut auf.“ „Ich sehe das nicht so. Sie sind sehr klug, selbstbewusst und mutig. Das kann nicht jede Person in Ihrem Alter von sich behaupten.“, sprach er locker und setzte den nächsten Stein.
„Ich arbeite dran. Darf ich nach Ihrem Beruf fragen?“
„Hm, können Sie. Das heißt aber nicht, dass ich es Ihnen verrate. Was denken Sie denn?“ Tina sah zu ihm auf und blickte ihm ernst in die dunklen Augen.
„Sie sind Stratege, können bestimmt böse und sehr streng gucken und Ihr Sozialstand muss sehr hoch sein. Vielleicht sind Sie sogar eine berühmte Person, die ich neue Einwohnerin noch nicht kenne und Sie haben privat ein Problem, aber wissen nicht, mit wem Sie darüber reden sollen, vielleicht sogar, weil Sie sehr bekannt sind.
Ich tippe mal auf einen Juristen oder einen knallharten Geschäftsmann, der sich keine Fehler erlauben darf. Ihre Arbeit wird sehr wichtig sein und es geht bestimmt immer um viel Geld oder um das Wohl von Menschen, wenn nicht sogar beides.“ Er sah sie sehr überrascht an. Ihre Blicke trafen sich.
‚Wer ist dieses Mädchen? Sie ist interessant. Wie kann sie das in so kurzer Zeit alles über mich erkennen?‘ Plötzlich klingelte erneut ihr Handy. Sie grinste.
„Ich sage ja, die Leute haben Feierabend.“ Sie sah auf die Nummer und es war Jun.
„Guten Abend.“, nahm sie ab und sprach Englisch.
„Wieso redest du plötzlich wieder Englisch?“
„Ich bin nicht alleine.“
„Ach so, du sitzt schon im Zug, oder?“
„Ja. Wie wars heute? Habe ich was verpasst?“
„Natürlich hast du das. Die haben dich alle vermisst. Jeder fragte uns wo du bist. Was hast du dir dabei gedacht?“
„Wieso? Was war denn? Ich wollte noch eine Nacht länger bleiben, wo ist das Problem?“
„Klingt ja wie Schwänzen.“
„Ich habe nicht geschwänzt. Meine Eltern haben mich krankgemeldet. So viel kann ich doch nicht verpasst haben.“
„Ich weiß ja nicht. Wir haben in zwei Fächern Kontrollen geschrieben.“
„Und in welchen?“
„Englisch und Französisch.“
„Also habe ich nichts verpasst, oder glaubst du in Französisch verpasse ich was? Wie lief es für Yayoi?“
„Sie hat ein gutes Gefühl, dank deiner Tipps.“
„Ich sage ja, immer reden und dann geht das von selbst. Was glaubst du wie ich das immer mache? Ich lerne nur eine Sprache, wenn ich auch jemanden zum Reden habe, sonst bringt das herzlichst wenig. Es nervt gewaltig, wenn man anfangs kaum was versteht, aber dann geht es schon irgendwann.“
„Das stimmt. Rechne mal damit, dass du morgen die Arbeiten nachschreiben musst und ich warne dich vor, wir werden morgen die neuen Klassensprecher wählen.“ Tina setzte ihren Stein wieder ins Spiel. Ihr Gegenüber war überrascht. ‚Das nenne ich aber mal einen Angriff. Dieses Mädchen ist wirklich nicht zu unterschätzen, nun gut. Das kann ich auch. Ihre Denkweise ist anders.‘
„Was soll das heißen: neue Klassensprecher? Du bist doch ein guter Klassensprecher.“
„Deine Aktion mit der Schüssel hat die Lehrer doch zu einer großen Konferenz gezwungen und dort wurde mit dem Schülerrat zusammen beschlossen, dass es in Zukunft zwei Sprecher gibt, ein Junge und ein Mädchen. Die sollten heute gewählt werden, aber du hast eben gefehlt.“
„Ihr hättet auch ohne mich abstimmen können.“
„Naja, wäre unfair gewesen, weil immerhin drei Mädchen aktuell fehlen und du dann auch noch. Es wurde bereits darüber diskutiert wer das Mädchen sein soll.“
„Und? Bestimmt Yoko. Die wäre sicher eine gute Sprecherin, weil sie zu allen Mädchen einen guten Draht hat.“
„Nein, sie wollen dich, sogar die Jungs haben dich empfohlen.“
„Mich? So ein Blödsinn. Ich war noch nie Klassensprecherin. Ich habe auch gar keine Zeit für so einen Posten. Das weißt du doch, oder?“
„Die wollen dich sicher trotzdem. Deswegen warne ich dich ja vor. Es soll auch ein neuer Schülerrat gegründet werden. Die Wahl ist in zwei Wochen.“
„Ein neuer Schülerrat?“
„Ja. Und es soll dann sowas wie einen Kummerkasten geben.“ In diesem Moment wurde wieder ein Stein gesetzt.
‚Oha, na das war ja klar. Dieser Mann hat es echt drauf. Gut, dann ziehe ich mal ne Karl-Heinz-Nummer ab.‘, entschloss sie für sich und zog den nächsten Stein. „Du meine Güte. Jetzt drehen die aber gleich ganz durch. Sag jetzt nicht das kommt alles wegen der Schüsselaktion?“
„Das ist zu vermuten, denn unsere Schule hat einen sehr guten Ruf zu verlieren, keiner will hier solche Skandale haben und bevor was passiert, da sorgen sie wohl vor.“
„Nun gut. Ich verstehe. Dann hat der ganze Ärger doch was gebracht. Lass uns später nochmal darüber reden. Gib mir mal die ganzen Aufgaben per SMS durch, die ich nachholen muss. Dann habe ich heute Nacht noch was zu tun.“
„Okay, mache ich, bis morgen dann.“
„Sag mal, wie lange hat jetzt die Turnhalle geöffnet? Ich wollte nachher nochmal rein und etwas trainieren.“
„Nur bis 22 Uhr. Echt jetzt? Wann kommst du denn an?“
„Na drei Stunden fahre ich noch, aber ich wollte noch was ausprobieren.“
„Übertreibe es nicht. Schlaf lieber und komm morgen früher.“
„Ist das ein Rat oder eine Anordnung?“
„Eine Anordnung.“
„Okay, wenn Herr Doktor in spe das sagt. Bis morgen früh.“
„Bis morgen, sende mir bitte eine SMS, wenn du zu Hause bist. Ich habe gehört auf der Strecke soll es manchmal zu Zwischenfällen kommen.“
„Was für Zwischenfälle?“
„Na irgendwelche Gerüchte machen die Runde, dass auf der Strecke Richtung Osaka und zurück manchmal Leute angepöbelt werden.“
„Ach das, das Problem ist erledigt. Außerdem sitze ich diesmal in der 1. Klasse.“
„Oh, wie meinst du das erledigt?“
„Diese Typen wurden neulich festgenommen. Die machen also keinen Ärger mehr. Mach dir also keinen Kopf. Bis morgen dann.“ Sie legte auf.
„Es macht wirklich Spaß mit Ihnen zu spielen. Sie haben interessante Angehens Weisen.“, sprach sie ihren Schachpartner erfreut an und versuchte ihm zu kontern. In dem Moment klingelte ihr Handy erneut.
„Sie sind sehr gefragt, oder?“ Tina nickte.
„Ja, Martin? Ist das ein Kontrollanruf?“
„Kann man so sagen, aber es geht auch um den Fitnessraum.“
„Oh, ich bin mit dem Zug unterwegs, erstmal das.
Hast du denn mit meinem Trainer geredet? Weiß er schon welche Gelder wir zur Verfügung haben?“
„Ja, mit der Summe haben wir guten Spielraum. Ich war mit ihm zusammen beim Direktor und dem Buchhalter der Schule. Wir haben eine gute Grundlage und ihr könnt sogar noch den Raum gestalten, ohne alten Kram zu benutzen. Er fragte dann noch ob ihr die Gestaltung selbst machen wollt oder ob es ein Malerteam machen soll.“
„Oh echt? Das ist doch mal eine gute Nachricht. Wann kann es denn losgehen? Wann sind die Rugbyspieler denn raus aus dem Raum?“
„Diese Woche bereits. Der neue Raum ist morgen fertig und dann fangen die an umzuräumen.“
„Wow, morgen schon, cool. Und wann wären die Geräte da, die ihr abgesprochen habt?“
„Die brauchen etwa eine Woche. Also wenn die Männer raus sind, kann der Raum gemalert werden und ich kann die Standpositionen bereits absprechen und das mache ich am besten mit euch als Team oder mit deiner Teamchefin zusammen.“
„Dann machen wir das nur mit Yako zusammen. Das reicht. Ich rufe sie gleich mal an. Wenn wir da freie Hand haben, ist das super. Mal sehen was sie selbst dazu sagt. Welche Geräte hat er denn springen lassen?“
„Ich darf euch Pro Mitglied eine Kraftstation einrichten und Laufbänder. Das ist auch genug.“
„Wow, ist ja Wahnsinn. Das ist gut, dann können wir die Zeit vor dem Weihnachtsspiel noch nutzen. An Technik und Erfahrung mangelt es den Mädels ja nicht, aber ihre Ausdauer kann verbessert werden. Für jeden eine Kraftstation, echt klasse. Und du stellst uns allen dann einen passenden Plan zusammen?“ Tina zog erneut einen Stein und legte den Eroberten zur Seite.
„Aber alles selbst zu gestalten, das wäre schon wichtig, das stärkt das Teamgefühl. Dieses Zicken untereinander muss aufhören. Ein gemeinsames Ziel und es gemeinsam erreichen. Das muss nicht immer ein Spiel oder eine Trainingseinheit sein. Wenn die Mädels etwas mit Spaß und Freude gestalten können, dann festigt es ihre Bindung untereinander. Es wird sie auf andere Gedanken bringen und die Stimmung auflockern.“
„Das stimmt. So sehe ich das auch. Also sprechen wir alles mit Yako ab?“
„Genau. Ich rufe sie gleich an oder rede mit ihr morgen früh.“
„Okay. Bis dahin.“
„Sag, wenn du am Bahnhof ankommst, dann hole ich dich ab.“
„Ich nehme ein Taxi. Das reicht doch, oder? Wenn es dich beruhigt, dann hole mich ab. Aber ich dachte ein Taxi reicht.“
„Deinen Eltern aber nicht. Und mir auch nicht.“
„Manchmal nervt es, echt mal.“
„Sende mir die Ankunftszeit.“
„Mache ich. In drei Stunden etwa. Ach so, stellst du uns die Kraftstationen denn ein? Wer macht die Einweisungen?“
„Das wird Herr Oda mit einem anderen Kollegen zusammen machen. Ich halte mich da lieber raus, immerhin ist der ganze Ärger mit dem Missverständnis noch nicht lange her und du hast ja selbst gesagt, die Mädchen können mich nicht so wirklich leiden. Das soll also lieber jemand Neutrales machen.“
„Schade, aber ja. Da hast du Recht.“
„Bis dann erstmal.“
„Bis dann. Danke für deine Arbeit. Und sag deinem Chef lieben Dank von uns für seine Hilfe. Ich hoffe die Schule lässt auch etwas für eure Dienstleistung springen.“
„Keine Sorge, es wird normal als Arbeitszeit berechnet. Alles gut.“
„Schön. Dann bis nachher. Bist du zu Hause oder bei Mila?“
„Bei Mila, aber sie muss gleich zum Dienst.“
„Oh, hat sie wieder Nachtschicht? Die Arme. Dann schläfst du nachher wieder bei uns?“ Es wurde ein Stein gesetzt und sie verzog plötzlich das Gesicht.
„Man, ich bin echt abgelenkt. Bis nachher.“
„Wovon redest du?“
„Ach, ich spiele gerade Shogi und jetzt war ich unaufmerksam und werde verlieren…du bist schuld.“, lachte sie etwas vor sich hin.
‚Nanu, sie erkennt es, aber sie regt sich nicht wirklich auf. Interessant.‘
„Sowas kannst du spielen?“
„Jo, wusstest du das nicht?“
„Nein, woher denn? Schach ja, aber dieses japanische Schach wusste ich nicht.“ „Ergab sich auch nie, das kann sein.“
„Spiel doch mal gegen Mila, die kann das auch.“
„Natürlich kann sie das, sie ist eine Hochbegabte und steht auf sowas. Aber nein danke, dann lieber gegen den kleinen Makoto. Da habe ich wenigstens annähernd eine kleinste Chance, weil ihm die Lebenserfahrung fehlt. Bis dann.“ Sie legte auf und sah nachdenklich aufs Spielbrett.
„Sie sind einfach zu gut für mich Anfängerin.“, sagte sie grinsend.
„Ich sagte ja, ich nehme da keine Rücksicht.“, grinste er zurück.
„Das ist ja auch gut, ich will ja was lernen…hm.“, atmete sie tief durch. Ihr nächster Zug dauerte etwas und dann legte sie ihren Stein doch wieder ins Spiel. „Sie sind mutig, dass Sie nicht mehr gewinnen können, wissen Sie aber schon, oder?“
„Ja, aber…das heißt ja nicht, dass ich mich nicht zur Wehr setzen werde.“, sah sie ihn ernst an.
„Gute Einstellung.“ Sie lachte etwas und lehnte sich zurück.
„Sie kennen mich nicht, aber…aufgeben ist für mich keine Option!“
‚Aufgeben ist keine Option?‘ Und schon wieder klingelte ihr Handy und ihr Vater war dran. Als sie abnahm kam sie versehentlich mit dem Knie ans Spielbrett und die Steine rutschten alle auf den Boden und polterten teilweise weit weg von ihrem Sitz. Ihr Spielpartner fing noch rechtzeitig das Brett selbst auf, damit es nicht abstürzte.
„Nein…verdammt.“, sagte sie überrascht und genau das waren die ersten Worte, die ihr Vater hörte.
„Äh, hallo? Wie redest du denn mit mir?“
„Äh, sorry. Nicht du, Papa. Ich habe gerade das Schachbrett umgehauen.“
„Ach so. Okay. Ich habe dich wohl so erschreckt?“
„Nein, ich habe nur ne blöde Bewegung gemacht. Ist nicht schlimm, ich bau es wieder auf. Ich rufe dich zurück, okay?“
„Ist okay. Es ist also alles okay bei dir? Ich wollte nur kurz anfragen wie es dir in der 1. Klasse in diesem Speziellen Abteil gefällt.“
„Alles schick hier. Ich habe jemanden zum Spielen. Bis gleich.“
„Okay.“ Es wurde aufgelegt und Tina stand auf.
„Tut mir leid, ich bau es wieder auf. Dann können wir weiterspielen.“
„Wir können auch neu anfangen. Das Spiel war ohnehin entschieden.“, schlug er vor. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich will aber wissen wie es weiter geht.“ Sie hockte sich hin und begann die Steine einzusammeln. Zuerst auf ihrem Platz und unter ihrem Tisch. Ihr Spielpartner bückte sich sitzend ebenso und hob die Steine unter seinem Stuhl auf und legte sie auf den Tisch.
‚Mit welcher Selbstverständlichkeit sie so ruhig bleibt und glaubt die Steine wieder richtig aufzubauen. Dieses Mädchen ist wirklich seltsam.‘
Während Tina Stück für Stück auf dem Fußboden absuchte und einen Stein nach dem anderen aufsammelte, stand ein Fahrgast auf, kam hinter ihr an ihr vorbei und sein Bein stieß sie am Rücken an, so dass sie etwas nach vorne wippte. Durch ihr gutes Gleichgewichtsgefühl und ihr Reaktionsvermögen passierte weiter nichts, als ein kurzes Aufstützen mit der Hand, aber jeder andere wäre vermutlich nach vorne gefallen. Tina stutzte und sah verwundert hinter ihm her, wie er Richtung Toiletten ging. Es kam keine Reaktion.
‚Was sollte das denn? Kann der sich nicht wenigstens entschuldigen? War das Absicht?‘ Die anderen im Abteil bekamen es teilweise mit. Einige schüttelten nur mit dem Kopf und andere ignorierten es. Durch das Umstoßen der Steine wurde es vorhin etwas lauter und natürlich sah man ihr beim Einsammeln zu. Einige Leute bückten sich selbst und gaben ihr auch den einen oder anderen Stein. Tina stand nun auf und ging zu den freundlichen Personen, die ihr die Steine zum Einsammeln auf die Tische legten und sie bedankte sich mit einer Verbeugung höflichst.
„Lieben dank. Das ist sehr freundlich. Es tut mir leid, dass ich so einen Lärm gemacht habe.“ Tinas Sitzpartner war selbst verwundert über diese Situation. ‚Was hatte das zu bedeuten? Wieso hat er sie angestoßen? Und das war nicht gerade harmlos. Sie macht mir einen recht stabilen Eindruck und jeder andere wäre vermutlich umgefallen. Ihren Gesprächen zu urteilen ist sie Sportlerin.‘
Der Trick
Kapitel 162
Der Trick
Immer wenn Tina Steine hatte, brachte sie diese zum Tisch und legte sie nach und nach wieder auf das Spielbrett. Sie begann mit den Steinen ihres Gegners und dann folgten ihre eigenen und die, die an der Seite lagen. Am Ende fehlten zwei Steine. Sie sah sich nochmal genauer um und entdeckte einen am Nachbartisch von dem unfreundlichen Herrn und einen direkt unter dessen Tisch, etwas weiter hinten zum Fenster hin. Sie ging zum Nachbartisch und hockte sich kurz vor den Tisch und hob den Stein auf. Sie entschuldigte sich für die Umstände und stand wieder auf. Die Leute hatten scheinbar nicht bemerkt, dass der Stein vor ihrem Tisch lag. Inzwischen kam der Mann wieder in ihre Richtung.
‚Diese Person…sowas unanständiges. Was hat so ein Kind hier überhaupt zu suchen? Die soll sich bloß von mir entfernen.‘ Sein Blick war verachtend und er kam auf sie zu und setzte sich auf seinen Platz. Tina hielt den einen Stein in der linken Hand und sah den Herrn skeptisch an. Dieser ignorierte sie eindeutig und begann einfach mit seinem Sitzpartner zu reden. Vor ihnen standen jeweils Laptops und eine Tasse Tee. Sein Gegenüber war selbst etwas irritiert und sprach ihn auf Japanisch an.
„Sag mal, was sollte das? Willst du dich nicht bei ihr entschuldigen? Das war doch Absicht.“
„Ganz sicher nicht. So eine Göre hat hier gar nichts zu suchen. Spielt sich hier auf und tut als würde sie Shogi spielen können.“ Natürlich reagierte Tina nicht auf seine Beleidigungen, sondern stellte sich nur vor den Tisch, sah zu dem anderen Herrn und lächelte dann.
„Guten Tag, wären Sie so freundlich und könnten mir den letzten Stein geben? Er ist bei Ihnen bis hinten ans Fenster gerutscht.“ Er sah sie überrascht an.
‚Sie ist freundlich und hübsch. Was hat er für ein Problem?‘
„Oh, ja natürlich. Einen kleinen Moment.“, antwortete er freundlich und wollte sich gerade bücken und unter den Tisch greifen.
„Nichts da. Sie kann sich selbst bücken. Wo kommen wir denn da hin?“, meinte der unfreundliche Mann zu ihm. Er sah nur zu ihm und wand sich ihrem Blick ab, als sie ernst zu ihm sah.
‚Was hat der überhaupt für ein Problem? Ich bin doch freundlich. Es war also eindeutig kein Versehen und er hatte bewusst in Kauf genommen, dass ich stürze? Jetzt glaubt er im aller Ernste, dass ich mich vor ihm bücke und unter den Tisch krauche? Womöglich zwischen seine Beine vor allen anderen oder was?‘ Es wurde etwas unruhig im Abteil, denn die anderen Leute sahen zu den beiden und wunderten sich. Sie begannen zu tuscheln.
„Ich bitte Sie höflich mir den Spielstein zu geben. Das wäre wirklich sehr nett, dann könnten wir unser Spiel fortfahren und jeder hat seine Ruhe.“
„Dein Spiel? Dass ich nicht lache. Glaubst du im Ernst jemand ist davon überzeugt, dass du kleine Göre weißt wie sowas geht?“
„Wie bitte?“ Tinas Puls stieg zwar etwas an, aber sie behielt die Ruhe und sah ihn nur entsetzt an.
„Gut, ein letztes Mal. Es wäre wirklich sehr nett, wenn Sie mir den Stein geben würden, mir ist das Spiel sehr wichtig, da es ein Geschenk ist.“ Sie versuchte ein letztes Mal freundlich zu sein, versetzte dem etwas Druck, aber leider wurde sie erneut ignoriert. Tina sah in ihre Hand und schaute welcher Stein es war.
„Es ist ein Bauer. Der letzte Stein ist ein Bauer. Er wird gebraucht.“, kam plötzlich ernst aus ihrem Mund. Wieder kam keine Reaktion. Dann sprach sie leise und mit sanfter Stimme, als würde sie einem Kind etwas erklären.
„Ich werde jetzt diesen Stein auf seinen Platz legen und dann komme ich wieder. Inzwischen können Sie sich überlegen, ob Sie mich weiterhin ignorieren oder mir den Stein aufheben.“ Erstaunt sah er ihr nach, als sie in die Richtung der Gegenseite ging.
„Sie haben es nicht leicht mit dem Kerl. Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie Bescheid. Im Notfall helfe ich Ihnen, das war eben eindeutig Absicht. Ich glaube nicht, dass er den Stein rausrückt. Was dann?“ Tina grinste ihn etwas an und legte lächelnd den Stein an seinen vorherigen Platz.
„Ich brauche keine Hilfe, danke. Solche Typen verspeise ich inzwischen zum Frühstück.“, flüsterte sie ihm zu. Sie ließ sich bewusst lange Zeit mit ihrem Handeln und blieb prüfend mit dem Blick über dem Spielbrett. Plötzlich ertönte eine feste Stimme.
„Sie können sich den Stein gerne holen.“
„Das ging ja schneller als gedacht. Geben Sie mir zehn Minuten.“ Sein Blick war ernst und neugierig zugleich. Was hatte dieses Mädchen nur vor? Wie will sie das anstellen? Diesmal ignorierte sie den Ausruf und setzte sich auf ihren Platz, als wäre nichts passiert oder sie hätte nichts gehört.
„Der Bauer lag eh am Rand, denken wir ihn uns einfach dazu?“ Er nickte und zog seinen Stein.
‚Erstaunlich, dass sie tatsächlich noch genau wusste, wo die Figuren alle lagen. Das ist sehr beeindruckend.‘ Sie setzte einen Stein.
Etwas verwundert waren alle Anwesenden, als der unfreundliche Mann sich erhob und zu ihr ging und neben ihr stehen blieb. Er sah auf ihre Seite und betrachtete die Dinge, die sie bei sich hatte.
‚So ein Kind, das Spiel war eingepackt in ein Kinderpapier und dann dieser alte Walkman, sitzt hier in der 1. Klasse und kann sich weder einen Discman, noch eine ordentliche Garderobe leisten. Sitzt hier in solchen billigen Jeans und einem einfachen Strickpullover. Ob der Typ ihr was spendiert und sich über ihre jugendliche Gesellschaft freut? Sieht alles danach aus. Ein ernsthaftes Spiel kann das doch nicht sein. Und dann diese seltsamen Telefonate. Dann ignoriert sie mich einfach?‘ Er sah sich dann den Mann ihr gegenüber an. Er war mit edlem Anzug, schlichter schwarzer Krawatte und eleganter Frisur bekleidet.
‚Ein Edelmann, er gehört eindeutig zu einem der Besserverdienenden. Aber was denkt der sich dabei mit einer jungen Amerikanerin hier zu spielen? Er muss doch wissen wie das wirkt.‘
„Sir, dieses Kind ist doch garantiert nicht ihre Kragenweite.“
‚Oha, jetzt wird’s langsam peinlich. Was hat der Typ nur für ein Problem mit mir? Jetzt spricht er tatsächlich meinen Spielpartner an.‘ Der Mann setzte seinen Stein ins Spiel und sah nicht zu ihm auf.
„Was wollen Sie damit sagen? Ich spiele mit wem ich will.“
„Wenn Sie ein Problem mit mir haben, dann reden Sie mit mir, nicht mit anderen. Das ist unhöflich.“, sagte Tina leise, ruhig und freundlich. Dann setzte sie ihren nächsten Stein.
„Nun, schade, dass der Bauer fehlt.“, grinste sie ihren Spielpartner an. Der Unfreundliche sah aufs Spielbrett und deutete die Lage. Ja, wenn der Mann einen Bauern weniger hat, dann könnte es eng für ihn werden.
„Sie sind einfach zu gut, es liegt nicht am Bauern.“
„Ein ziemlich altes Spiel ist das. Man kann kaum die Steine lesen und es ist überall bekritzelt und bestoßen. Über sowas freuen Sie sich?“ Tina war erstaunt, dass er sie endlich ansprach. Seine Frage war nicht das, was sie zuerst vermutet hatte, aber es brachte sie nicht von ihrem Plan ab, sie änderte ihn nur etwas um.
„Es ist egal wie alt etwas ist oder in welchem Zustand, wichtig ist doch nur, dass es seinen Zweck erfüllt und wenn möglich mit Liebe gefüllt ist oder von Herzen kommt. In diesem Fall ist es alles zusammen.“, sprach sie ruhig, überzeugt und sah dann freundlich zu ihm auf.
‚Was…was ist das für ein seltsames Mädchen? Dieser Blick. Was hat sie nur für schöne Augen?‘
„Ist das dann bei Ihrer altmodischen Garderobe auch so?“ Tina lächelte.
„Oh ja, den hat mir meine Mutter auf dem Flug hier her gestrickt. Zeit hatte sie ja genug und schlafen konnte sie auf dem langen Flug nicht.“ Sie strich mit der Hand liebevoll über den langen Ärmel und lächelte dabei.
„Eine Handarbeit? Sieht von Weitem nach Maschine aus.“
„Dann muss es ja gut sein, wenn keine Fehler auftauchen?“, grinste sie dann zu ihm auf.
‚Oha, seine Reaktion ist interessant. Er hat ihr vorher nie in die Augen gesehen, das wird es sein. Er hat irgendwelche Vorurteile und jetzt…jetzt sehen wir mal weiter.
Und dieses Mädchen, obwohl er sie bzw. ihre Mutter gerade beleidigt hat, bleibt sie freundlich. Ich glaube zu ahnen was sie vorhat.‘
„Es kommt von Herzen? Ist das die naive Art Ihres Glaubens? Ausgerechnet eine Amerikanerin spricht von Liebe, die in einem Gegenstand steckt.“ Verwundert sah sie ihn an.
„Mein Glaube? Sprechen Sie vom Christentum? Ich wüsste nicht, dass da was in der Bibel steht, da geht es wohl eher um den Menschen selbst.
Ich habe keinen Glauben, wenn Sie das meinen. Ich weiß, dass es von Herzen kommt, das ist was ich nicht nur glaube, sondern ich weiß es. Und…ich bin keine Amerikanerin. Wie kommen Sie denn darauf?“ Er machte große Augen.
„Sind Sie nicht? Ich dachte, wegen des perfekten Englischs.“
„Nein…ich komme aus Deutschland. Wenn Sie genauer hingehört hätten, dann wäre Ihnen aufgefallen, dass ich kein amerikanisches Englisch spreche, sondern das Oxford, das in den Schulen gelehrt wird.“
„Gut, das stimmt. Dafür sprechen Sie aber gut. Man merkt es Ihnen nicht an, dass es eine Fremdsprache für Sie ist.“
„Kann sein, ich spreche mehrere Sprachen.“
„Wirklich? Nun gut. Sie wissen aber schon, dass Sie am Verlieren sind, oder?“ „Meinen Sie wirklich?“
„Das ist recht eindeutig. Aus dieser Situation kommen Sie nicht wieder raus.“ Sie sah kurz zu ihrem Spielpartner.
„Wir spielen später weiter?“ Er verstand ihr Anliegen und nickte ab. Tina stand auf und dann sah sie zu dem Mann neben sich mit einem strengen herausfordernden Blick auf.
„Beweisen Sie es! Beweisen Sie mir, dass ich aus dieser Situation nicht herauskomme!“ Er machte ein beeindrucktes Gesicht und sah überrascht zu ihr herab. Er ist gut zwei Köpfe größer als sie, etwas außergewöhnlich für einen Japaner.
‚Ist das jetzt eine Herausforderung? Sie glaubt doch wohl nicht, dass sie gegen mich gewinnen könnte? Was bist du für ein seltsames Mädchen?‘
„Gut, irgendjemand muss Ihnen ja beweisen, dass Sie zu jung sind, ein solch komplexes Spiel zu verstehen. Nur zu wissen wie die Steine gelegt werden reicht hier nicht.“ Der Platz wurde frei gemacht und Tinas Spielpartner stellte sich neben seinen Stuhl. Der Mann setzte sich hin und bedankte sich bei ihm.
„Das ist sehr freundlich.“
„Hm. Sie wissen hoffentlich, dass der Bauer, der unter Ihrem Tisch liegt, Ihre Figur ist? Sie wollen bestimmt nicht auf sie verzichten.“, schmunzelte sie ihn an, als er sich setzen wollte. Er sah sie etwas verdutzt an.
„Wirklich?“
„Ja, das war meiner.“, brachte sich der Mann neben ihm ein.
‚Ich will wissen was die Kleine draufhat. Da habe ich dann wohl keine andere Wahl.‘ Er stand auf, ging zu seinem Tisch, setzte sich auf seinen Platz, beugte sich und griff unter dem Tisch nach dem Stein. Als er auf sie zuging und Tinas Blick ernst wirkte, fiel es ihm selbst auf.
‚War das ihr Plan? Sie hat es geschafft mich dazu zu bringen, dass ich ihr den Stein bringe oder ist das Zufall?‘ Er grinste als er sich setzte und legte den Bauern neben das Brett.
„Wo gehört er hin?“
„Sie können ihn neben sich legen, das passt. Er war zuerst meiner.“, sprach sie mit fester Stimme.
„Sie sind dran.“ Nachdem er den Stein geholt hatte, kamen ein paar neugierige Leute zu ihnen und fragten, ob sie zu sehen dürfen. Es wurde abgenickt und die zwei spielten die Partie zu ende. Tina versetzte ihm ein Patt. Alle waren überrascht und klatschten.
„Sehen Sie, ich habe gewonnen.“, lächelte sie ihn an. Ihr eigentlicher Spielpartner grinste vor sich hin.
„Ein Unentschieden ist kein Gewinnen.“, wollte er sie belehren.
„Aber ja, Sie wissen scheinbar doch wie das Spiel funktioniert. Sie sind klug.“ „Ich habe gewonnen. Sie sollten mir beweisen, dass ich verloren habe, das haben Sie aber nicht geschafft. Und Sie haben mir meinen Stein gebracht, also habe ich am Ende gewonnen, weil mein Stein wieder hier ist. Somit bin ich die Gewinnerin.“
„Und mit wem hatte ich das Vergnügen? Sie haben Recht. Eine gute Taktik.“
„Ist das denn so wichtig wer ich bin? Ich bin doch nur ein dummes blondes kleines Mädchen, was soll da so wichtig sein, dass jemand wie Sie meinen Namen kenne muss?“ Er grinste plötzlich.
„Sie haben es geschafft meine Vorurteile auszublenden. Das ist es wert. Eine deutsche Strategin trifft man hier nicht so oft. Dass Sie daraus noch ein Patt erreichen konnten, immerhin.“ Tina stand auf und reichte ihm die Hand.
„Mein Name ist Bettina, Bettina Fuchs. Ich bin die neue Außenangreiferin des Volleyballteams der Musashi-Schule in Tokio. Und mit wem habe ich nun gespielt?“
„Eine Volleyballerin?“ Er stand ebenso auf.
„Mir gehört eine große Textil- und Bekleidungsfirma. Wir stellen unter anderem auch Schul- und Sportbekleidung her.“
„Und welche ist das? Also unsere Trikots taugen schonmal gar nichts. Die gehen beim Laufen ständig kaputt. Die scheuern immer so schnell und der Stoff wird dünner. Das geht gar nicht. Am besten Sie kommen mal vorbei und stellen unserer Schule Ihre vor, vielleicht halten die besser.“ Er gab ihr die Hand.
„Das werde ich machen. Die Musashi? Die National-Sieger der letzten Jahre?“ Tina nickte.
„Ich bin neu, mein erstes Spiel kommt erst noch. Die Erfolge gehen also nicht auf meine Kappe. Die Mädels sind stark.“
Der Herr von der Textilfirma blickte zu Tinas Sitznachbarn herab und grinste.
„Jetzt zeigen Sie uns wie Sie das Spiel beendet hätten.“ Es trafen sich jeweils herausfordernde Blicke und es wurde Japanisch gesprochen.
„Das werde ich sehr gerne. Ich bin erstaunt, dass Sie Ihre Meinung über meine Spielpartnerin geändert haben. Sie ist wirklich gut, sonst hätte sie nicht so lange durchgehalten. Ich bin ein ziemlich harter Hund und hätte Sie, ihn ihrer Position sogar noch besiegen können. Sie muss einen guten Lehrmeister gehabt haben.“ Es wurde sich wieder auf den eigenen Platz gesetzt und Tina baute das Spiel wieder auf ihre Position um, wie es unterbrochen wurde. Er sah Tina in die Augen und lächelte.
‚Fuchs also, der Name sagt mir leider gar nichts. Aber sie ist gut. Der Name passt zu ihr. Aus der Situation ein Patt herausholen…das können nur die Wenigsten. Sie wäre gut genug für Wettbewerbe in ihrer Altersklasse.‘
„Fuchs heißen Sie also, eine Volleyballerin. So so. Ich mag Volleyball. Ich bin großer Fan.“
„Wirklich? Dann verpassen Sie lieber nicht die Qualifikationen nächstes Jahr. Mal sehen wie gut ich bis dahin sein werde. Ich bin erst neu dabei, wissen Sie?“ Tina legte ihren Stein aufs Feld und bereitete im Gedanken einen Gegenangriff vor, den sie von Satoshi gelernt hatte. Die Taktik passte zu ihrem Gegner und seine Spielweise.
„Die werde ich dann erst recht nicht verpassen. Also die Qualifikationen soll ich sehen? Warum die und nicht schon das Turnier selbst?“ Er legte seinen Bauern ins Spiel.
„Das werden Sie dann sehen, bis dahin ist noch viel Zeit. Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen? Ich wollte eigentlich nicht fragen, aber jetzt wissen Sie ja auch wer ich bin. Das wäre nur fair.“ Er sah ihr genau zu wie sie den nächsten Zug machen wollte.
„Mein Name ist Dr. Dr. Egon Katsuo Kudo. Aber wie Sie sagten, Sie werden mich nicht kennen.“ Er vernahm plötzlich ein kurzes Zögern, als Tina den Stein in der Hand absetzen wollte. Statt ihren eigentlichen Zug zu tätigen, legte sie den Stein wieder hin und nahm einen anderen und platzierte ihn. Dann sah sie zu ihm auf. „Der Anwalt aus der Zeitung? Ich glaube Ihren Namen mal in Deutschland gelesen zu haben.“, sprach sie ihn überrascht auf Deutsch an.
‚Kudo…das erklärt so einiges. Er war wirklich zu gut für mich. Kein Wunder, immerhin hat Satoshi mal von ihm gesprochen. Er war damals in seinen Jugend-Wettbewerben sein stärkster Gegner. Unser Architekt und dieser Mann, ein jüngerer Mann als die beiden. Sie haben sich ständig den Platz streitig gemacht. Wenn ich jetzt hier Satoshis Taktik anwende, könnte er es eventuell erkennen und vermuten, dass wir uns kennen. Das wäre gefährlich. Der Verdacht, dass ich Satoshi kenne, wenn ich gerade aus der Ecke von Nankatsu komme, das fällt ihm sicher auf.‘
„Wow, mein Ruf eilt mir voraus. Wissen Sie noch wann es war?“
„Hm, ich glaube Sie waren der Anwalt, der vor einem Jahr diesen Tennisspieler verteidigt hatte, welcher wegen Dopingvorwürfe vor Gericht stand. Ich hatte mir den Namen gemerkt, weil er japanisch war. Der Mann wurde freigesprochen wegen fehlender Beweise. Er war wohl sauber?“, richtete sie sich auf und lehnte sich an.
Es wurde im Abteil allgemein etwas unruhiger und es wurde getuschelt.
„Dieser Kudo ist das?“
„Oha, ein harter Hund. Gerade mal Mitte Vierzig und schon will ihn keiner als Gegner im Gericht haben.“
„Und er war als Jugendlicher Schachmeister, mehrere Jahre lang ungeschlagen.“
„Ja, der beste Nachwuchs seit der letzten vierzig Jahren.“
„Ein unschlagbarer Stratege. Kein Wunder, dass die Kleine keine Chance hatte.“
Tina grinste und setzte ihren letzten Zug.
„Nun gut. Tun Sie was Sie nicht lassen können. Da wird nichts mehr kommen, stimmts?“
„So schlecht war Ihr erster Gedanke gar nicht.“
„Na ja. Gegen einen Meister komme ich nicht an. Meine geplante Patt-Variante habe ich ja nun schon ausgespielt gehabt.“ Sie gab die Partie auf, denn es wären eindeutig nur noch zwei Züge gewesen und aus ihrer Situation gab es keine anderen Möglichkeiten mehr.
„Sie geben doch auf?“
Tina setzte die Steine in den folgenden Zügen und es war vorbei.
„Ist nicht schlimm. Es war mir eine große Ehre gegen Sie zu spielen und verloren habe ich doch nicht. Mein Stein ist wieder da wo er hingehört, das ist viel wichtiger.“, lächelte sie, sammelte die Steine ein, klappte die Kiste um und befüllte die Vorrichtungen mit den Steinen und den Ablagekästchen. Dann klappte sie diese zu.
„So. Jetzt kann sich wieder jeder auf seinen Platz setzen. Danke für Ihr Interesse.“, sprach sie freundlich und lächelte in die Runde. Die Leute wunderten sich, aber sie taten einfach was sie sagte, denn das Spiel war ohnehin vorbei.
„Ich werde dann mal endlich meinen Vater anrufen, der wird sich wundern, dass der Rückruf so lange dauert.“, grinste sie ihn an, packte das Spiel in den Rucksack und nahm das Handy in die Hand.
„Du meine Güte. Hast du mich vor lauter Spielen vergessen?“
„Nein, es hat etwas länger gedauert als gedacht. Wie gehts Mama?“
„Ihr geht es gut. Wir haben gerade Besuch. Der will dich unbedingt sprechen, denn er muss bald wieder los.“
„Oh, Besuch? Wer ist denn da?“
„Makoto, aber mit seiner Betreuerin. Er will dich mal sprechen.“
„Oh, Makoto? Wie kommts denn? Dann gib ihn mir mal.“ Tina sah nachdenklich aus dem Fenster.
„Tina! Hallo! Wie ist deine Zugfahrt und hast du das Spiel gewonnen?!“, kam eine sehr laute Kinderstimme an den Höher. Tina erschrak und hielt den Hörer weiter vom Ohr weg.
„Wow, leiser Kleiner…schrei doch nicht so.“
„Ich bin nicht klein!“ Tina legte auf. Das war ihr zu doof. Makoto sah total verdutzt zu Georg.
„Aufgelegt. Wieso legt sie denn einfach auf?“
„Weil du sie anschreist. Das ist nicht nötig. Man konnte alles gut verstehen.“, lachte Gesine.
Kudo grinste vor sich hin und musste sich das Kichern verkneifen.
„Ein Kind? Das denkt sicher, man versteht im Zug nichts.“
„Diese Quietsche-Stimme und dann durchs Telefon. Meine Güte. Da platzt ja gleich das Trommelfell.“ Kurz darauf klingelte es erneut.
„Hast du dich jetzt eingekriegt?“
„Ja, entschuldige. Du musst mir helfen.“
„Wie helfen? Was kann ich denn helfen?“
„Wir müssen das Haus verlassen und ich will da aber nicht weg.“
„Das Haus verlassen? Was meinst du damit? Müsst ihr es verkaufen?“
„Ja. Papa ist endlich aus dem Krankenhaus gekommen und nun muss er das Haus verkaufen und auch seine Firma. Die muss er schließen. Aber…wo sollen denn die Hunde hin? Da können sie also auch nicht auf den Hof, um die LKWs zu bewachen. Wir müssen in eine kleine Wohnung ziehen und da sind große Hunde nicht erlaubt.“, berichtete der Junge und fing plötzlich bitterlich an zu weinen. „Ich will doch mit ihnen spielen und…es waren Mamas Hunde. Sie hat sie ausgesucht.“, weinte er. Tinas Puls stieg etwas an und ihr wurde etwas unwohl. „Ach man. Ich kann dir da aber auch nicht helfen. Wir haben doch nur die kleine Wohnung und Zeit für zwei große Hunde haben wir nicht. Ich habe nicht mal eine Ahnung was die Unterhaltung kostet. Was sind das denn für Hunde?“
„Das sind Rottweiler.“
„Rottweiler? Die sind echt groß. Bei uns wäre die Steuer hoch bei denen, weil die als Listenhunde gelten. Tokio ist bestimmt alles viel strenger, auch die Haltung. Ich glaube auch nicht, dass die sich bei uns wohl fühlen würden. Die kennen uns doch gar nicht. Zu eng ist es ohnehin.“
„Gesine hat sie besucht und die mögen sich. Sie mag die beiden und die beiden mögen sie. Das klappt bestimmt. Sie sagte ihr hattet auch mal solche Hunde. Ich will sie ja behalten, aber das geht nicht. Gesine sagt, ihr baut bald ein Haus und dann könnten die zu euch kommen. Tina…sie vermissen Mama und uns so sehr und fressen kaum noch was. Sie…sind schon beim Tierarzt.“ Sie sah traurig aus dem Fenster in die Dunkelheit.
„Sie…fressen nicht genug? Kann man sie nicht vorübergehend in eine Hundepension geben? Gibt es hier sowas in den Tierheimen? Dann kannst du die so oft besuchen wie du willst, bis sich alles wieder geregelt hat. Wie alt sind die denn überhaupt?“
„Sieben Jahre. Mama und ich haben sie doch aufgezogen. Sie liebte sie genauso sehr wie uns. Ich…ich will nicht, dass die woanders hinkommen. Papa will sie aber nicht mehr haben. Für so eine Pension habe ich kein Geld. Ich komme auch nicht ins Haus. Da sind überall so doofe Aufkleber an den Türen.“
„Oh, er will sie nicht haben? Also brauchst du etwas wo ihr sie besuchen könnt und auch mit ihnen spielen könnt? Ich überlege mir was, Kleiner. Wo sind deine Brüder jetzt?“
„Die sind mit mir in der Wohngruppe. Warum fragst du?“
„Und dein Vater? Du sagst, er ist aus der Klink?“
„Er wohnt bei Tante, weil doch Onkel auch…“
„Pst…ist okay. Du musst es nicht aussprechen. Ist die Führsorgefrau die, die mit dir im Park war? Die kam mir sehr nett und erfahren vor.“
„Ja, die ist wirklich lieb, aber total streng.“
„Na bei dir muss man ja streng sein. Du bist ein Naseweis. Das ist schon gut so. Jetzt hör bitte auf zu weinen. Wir finden irgendeine Lösung. Verhungern dürfen sie natürlich nicht. Gib mir bitte mal meine Mutter.“ Der Hörer wurde weitergereicht.
„Schätzchen. Hast du eine Idee?“
„Mama…was soll das? Wieso machst du ihm so viele Hoffnungen? Wo sollen die Tiere denn hin? Und ehe das Haus fertig ist, dauert sicher noch ein Jahr. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Papa das abgesegnet hat.“
„Natürlich will ich ihm Hoffnung machen. Immerhin haben die Jungs genug mitgemacht.
Unsere Gaststätte ist doch bald fertig, also die Wohnung darüber. Die hat immerhin gut 120 Quadratmeter und es gibt einen Innenhof, wo die Hunde solange bleiben könnten. Da haben sie auch Auslauf.“
„Aber du hast gar keine Zeit für sie, wenn das Lokal fertig ist. Sei doch mal ehrlich zu dir selbst. Ich weiß, dass du gerne helfen willst, aber du überschätzt dich, wenn du dir diese großen Tiere aufhalst. Du solltest dich jetzt lieber um Personal kümmern. Setz dich mit Roland zusammen und stellt das Personal zusammen, sonst fehlt es, wenn es losgehen soll.“
„Du bist herzlos. Die Hunde mögen mich und haben auch aus meiner Hand gefressen. Ich kriege die bestimmt wieder hochgepäppelt.
Um das Baby habe ich mich doch auch gekümmert. Der Kleine war so niedlich.“
„Mama…du bist müde. Verwechsle das Baby nicht mit Hunden.
Und…ich…bin nicht herzlos, nur Realist. Gib mir bitte Papa.“, sprach sie plötzlich streng, als wäre sie selbst die Mutter. Tina atmete tief durch. Sie wusste wie sehr ihre Mutter Hunde liebte und vor allem die Hunderassen, die sie jahrelang am Strand bei der Hütte um sich hatte. Tina wusste doch genau wie sehr es ihr leidtat, mit anzusehen, dass die Tiere nicht bei den Kindern bleiben konnten.
„Papa? Was sagst du denn dazu? Wie groß ist denn dieser Innenhof? Der ist doch aber sicher noch ewig eine Baustelle. Viel zu viel Lärm und Dreck.“
„Ach Bettina, du weiß doch, deiner Mutter kann ich keinen Wunsch ablehnen, solange es irgendwie machbar ist. Das kann ich doch bei dir auch nicht.“
„Du bist mir ja ne tolle Hilfe. Aber wer soll sich denn um die kümmern? Ihr stellt euch das alles so einfach vor. Ich habe keine Zeit.“
„Meine Bäckerei dauert sowieso noch etwas. Ich kann mich vorübergehend darum kümmern.“
„Du weißt genauso gut wie ich, dass solche Wachhunde nicht auf die Kommandos anderer hören. Redet euch das nicht schön. Unsere Hunde hätten auch niemanden gehorcht. Lass mich nachdenken. Ich rufe dann gleich nochmal an.“ Tina legte auf, atmete nochmal tief durch und lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück. ‚Verdammt. Natürlich will ich das auch nicht. Sie fressen nicht mehr genug? Ach Mama, wieso sagst du wieder sowas gemeines zu mir? Ich bin nicht herzlos. In Hamburg, in dem großen Haus, da hätte ich nicht nein gesagt und du hättest die Hunde vielleicht mit zum Imbiss nehmen können.‘
Ihr Gegenüber sah sie überrascht an. Er vernahm wohl, dass ihr nicht wohl war. Kudo verstand jedes Wort.
„Frau Fuchs, vielleicht kann ich helfen? Was gibt es für ein Problem?“, sprach er sie in Deutsch an. Sie öffnete die Augen und sah zu ihm.
„Es ist kompliziert.“
„Es scheint Sie sehr zu bedrücken. Wenn Sie sogar mit Ihrer Mutter schimpfen müssen. Es scheint um Hunde zu gehen?“
„Ja, so ist es. Ein Freund…er muss das Haus wohl verkaufen. Ich verstehe nur nicht…die Türen sind zugeklebt. Es darf wohl niemand rein.“
„Versuchen Sie es mal. Vielleicht kann ich rechtlich einen Tipp geben.“
„Hm. Wenn jemand mit seiner Firma insolvent ist. Haftet dann nicht nur das Geschäftsvermögen? So kenne ich das. Privat dürften doch da keine Folgen sein. Das ist doch abhängig von der Gesellschaftsform.“
„In der Regel ist das so, aber es kommt auf das Unternehmen an. Was hat das mit Hunden zu tun?“
„Sagen wir mal so, eine Familie, beide Elternteile sind selbständig und einer von ihnen geht insolvent. Warum muss dann die Firma des anderen auch zu machen und das Privathaus vermutlich verkauft werden?“
„Das klingt nicht gut. Deswegen die Hunde? Sie gehören zum Privateigentum?“
„Ja, sie gehören zur Familie, aber sie dürfen nicht in die neue Wohnung. Die Kinder wollen sie behalten und sie scheinen schon krank zu sein.“
„Was würden Sie denn in Deutschland machen? Sie fragten bereits nach einer Pension oder ein Tierheim? So etwas gibt es hier auch, aber das ist teuer. In einem Tierheim würden die Tiere vermittelt werden.“
„Die Kinder wollen aber mit ihnen spielen. Und es sind wirklich gute abgerichtete Wachhunde und bestimmt nur auf die Familie fixiert. Die sind nicht vermittelbar, vielleicht schläfert das Tierheim sie dann ein?“
„Was genau ist mit dem privaten Haus? Soll es wirklich verkauft werden? Es klang, als würden Sie mit einem Kind reden, nicht mit dem Hausherrn.“
„Hm. Ich weiß es nicht. Ja, der mittlere Sohn ist unser Freund. Er sagte, die Türen seien verklebt und er käme nicht ins Haus.“
„Das Abkleben machen nur zwei Leute, die Polizei oder die Pfändung. Könnte es denn die Polizei gewesen sein?“
„Vielleicht, aber ich dachte die haben schon alles untersucht. Warum sollte da also so lange was verklebt sein?“
„Die Situation erinnert mich an einen aktuellen Fall, den betreue ich jedoch nicht. Es stand in der Zeitung, vielleicht haben Sie es gelesen. Eine Bank ist insolvent und die Geschäftsvermögen waren leider mit den Privatvermögen etwas verbunden, da man das Private mit den Krediten der eigenen Bank finanziert hatte. Ebenso die Firma des Ehepartners. Da es hohe Schulden an die Bank-Kunden gibt, wird aus allen Ecken gepfändet, auch privat. Wenn dem so ist, dann werden die Behörden das Haus pfänden müssen. Fragen Sie den Jungen, ob das Band an den Türen rot oder gelb ist.“ Tina sah nachdenklich zur Seite auf ihren Rucksack. Sie griff zum Handy und sendete ihrem Vater eine SMS. Es kam eine Antwort.
„Gelb. Es steht Polizei drauf.“
„Gut. Dann laufen noch Ermittlungen. Eine Pfändung kann erst danach stattfinden. Die Kinder könnten versuchen über die Polizei ins Haus zu kommen. Sagen Sie, reden wir von derselben Familie?“ Sie nickte betrübt.
Hilfe für die Hunde
Kapitel 163
Hilfe für die Hunde
„Okay, dann sollten die Kinder wirklich versuchen mit der Polizei zu reden, ob sie noch ein paar Dinge aus dem Haus holen dürfen, Spielzeug oder sowas. Vielleicht ist es möglich ein paar Wertgegenstände zu nehmen, um die Tierpension für ein paar Monate zu bezahlen. Mehr können sie nicht machen. Manche Ermittler sind bei Kindern etwas nachsichtiger, vor allem dann, wenn sie selber Kinder haben. Vielleicht haben Sie Glück und der Ermittler ist so ein Typ mit Herz, der es mit den strengen Regeln manchmal nicht so genau nimmt.“
„Also den Ermittler fragen?“ Tina überlegte kurz und rief Martin dann an.
„Sag mal, wann hat Mila Dienst? Jetzt gleich?“
„Sie will gleich los, ja. Warum?“
„Gib sie mir bitte mal.“
„Warum?“
„Mach bitte einfach, oder seid ihr zu beschäftigt?“
„Du erst wieder. Du bist manchmal echt frech.“
„Hey Tina, wie lief euer Date?“
„Wie oft denn noch? Das war kein Date. Wir waren nur Eis essen. Was anderes.“
Sie sprach leise mit ihr auf Arabisch weiter. Dann legte sie auf. Kudo sah sie verwundert ab.
„Meine Güte. Wie viele Sprachen sprechen Sie denn bereits?“ Tina grinste.
„Ich komme gut klar. Danke der Nachfrage.“
„Welche Sprache war das, wenn ich fragen darf?“
„Hocharabisch, aber bitte behalten Sie das für sich. Ich ging nur davon aus, dass Sie es nicht verstehen.“ Er grinste zurück.
„Stimmt, das verstehe ich nicht. Und wann sprechen Sie Japanisch?“ Sie grinste wieder.
„Wer weiß das schon? Die Sprache ist schwer und diese Schrift erst, nervig.“
„Was haben Sie erreicht?“
„Mal sehen. Ein Telefonat kommt noch.“ Sie wählte die Nummer vom Kommissar.
„Guten Abend Frau Fuchs. Was gibt es diesmal?“
„Guten Abend Kommissar, sagen Sie, wäre es möglich, dass Makoto nachher, wenn Mila da ist, mit Ihnen zusammen zur Villa fahren könnten, um sich noch ein paar Schulsachen, Spielzeug und andere Erinnerungsstücke ihrer Mutter zu holen? Der Kleine leidet wirklich sehr darunter, dass er nicht mehr ins Haus kommt, um sich seine wichtigsten Dinge zu holen.“
„Sie wissen schon, dass ich das nicht einfach machen darf, oder? Die Ermittlungen laufen noch. Danach wäre das kein Problem.“
„Wie lange laufen die denn noch? Bis dahin…sind die Hunde verhungert.“
„Die Hunde? Ach so, die sind aktuell beim Tierarzt. Meine Kollegen haben sie dort hingebracht. Was soll mit ihnen werden?“
„Das frage ich Sie? Die Tiere sind nicht nur Wachhunde, sie sind auch Teil der Familie und die Kinder wollen mit ihnen weiterhin spielen. Das geht aber nur, wenn die in eine Pension kommen. In die Wohnung dürfen sie nicht.“
„Sie machen es mir nicht leicht. Die können doch in die Pension.“
„Aber die ist nicht kostenlos. Verstehen Sie? Die Tiere liegen ihnen sehr am Herzen.“
„Und dafür brauchen die Kinder Schulsachen und Spielzeug?“
„Ja, Spielzeug, Schulsachen und persönliche Dinge der Mutter, wenn Sie verstehen was ich meine?“
„Das bringt mich in Teufelsküche.“
„Ach nun sein Sie nicht so streng. Geht es oder geht es nicht? Die Hunde fressen nichts mehr und brauchen eine bessere Unterbringung. Meine Mutter kümmert sich dann um sie, bis sie ein neues Zuhause finden.“
„Ihre Mutter?“
„Ja, sie hat sich mit den Hunden schon getroffen und da scheint zwischen ihnen eine Bindung zu sein, denn sie fressen ihr quasi aus der Hand. Sie würde die beiden wieder auf die Beine bringen.“
„Na gut. Aber das muss dann schnell gehen, nicht dass der Kleine ewig im Haus rumrennt.“
„Nein, alles gut. Mila würde ihm helfen. Sie hat schon zugesagt, sollten Sie zusagen.“
„Oh. Okay. Aber Sie sind mir dann einen großen Gefallen schuldig.“
„Einen Gefallen? Welchen denn? Was kann ich denn schon helfen?“
„Wenn mir da was einfällt, dann melde ich mich bei Ihnen. Oder Sie versprechen mir, dass Sie nach der Schule zu uns kommen. Sie wären eine gute Polizistin, besser noch als Mila.“
„Danke, nein, die Polizei ist immer noch nicht meins. Da muss ich mich an zu viele Regeln halten.
Danke für Ihre Hilfe. Einen angenehmen Dienst, wünsche ich. Bitte senden Sie mir eine SMS, wenn alles geklappt hat.“ Tina legte auf. Dann wählte sie die Nummer ihres Vaters. Er ging ran.
„Hast du was erreicht?“
„Ja, gib mir bitte Makotos Betreuerin.“ Er reichte das Handy weiter.
„Guten Abend, Sie möchten mich sprechen?“
„Oh, sprechen Sie kein Englisch?“
„Nein, nur Japanisch und Französisch.“
„Okay, dann so. Das geht auch. Guten Abend. Ich habe eben mit dem Kommissar gesprochen, der den Fall von der Familie betreut und es wäre möglich nachher, dass Makoto mit Ihnen, ihm und seiner Kollegin für kurze Zeit ins Familienanwesen zu gehen, um dort ein paar Dinge zu holen. Könnten Sie das jetzt mit einplanen? Ich gehe mal davon aus, dass die Kollegin von der Polizei Sie beide gleich abholt und sie hinfahren.“, redeten die beiden Französisch.
„Natürlich, wenn es den Kindern hilft die Hunde zu retten und sie dadurch glücklicher zu machen. Wir kriegen das hin.“
„Das ist sehr lieb. Bitte geben Sie mir Makoto.“
„Tina? Hast du einen Plan?“, klang er total begeistert.
„Ja. Hör zu. Die Polizisten holen dich gleich ab und werden mit dir zu eurem Haus fahren. Überlege dir vorher ganz genau was du alles holen kannst. Ich habe bereits mit der Polizistin gesprochen, dass sie dir hilft und du ihr nur genau sagen musst wo ihr was holt. Du kannst mit ihr auch in einer anderen Sprache sprechen, falls du nicht willst, dass es jemand mitbekommt. Hat deine Mutter wertvollen Schmuck oder andere hochwertige kleine Dinge, die du einfach in deinen Rucksack stecken kannst? Vielleicht gibt es einen Tresor im Haus oder ein Versteck für Notfälle an Bargeld? Überlege genau.“
„Ja, der Tresor. Da ist Mamas Schmuck drin. Und alles Mögliche an Papierkram.“
„Papierkram? Du meinst Dokumente?“
„Keine Ahnung, die durfte ich ja nicht sehen. Aber an den Tresor komme ich ran. Jetzt wo du es sagst, sie hat mir vor ein paar Wochen mal den Code verraten. Ich wusste ihn aber eh schon. Das habe ich natürlich nicht verraten.“
„Wie jetzt? Sie hat ihn dir gegeben? Warum?“
„Sie sagte, wenn das Haus mal abbrennt und ich es noch schaffen sollte, dann soll ich alles aus dem Tresor einpacken und mitnehmen. Mehr weiß ich nicht.“
„Na dann, das war sicher für genau unseren Zweck. Mach das und pack was Vertrautes für die Hunde ein. Ihre Futternäpfe oder ne Kuscheldecke. Irgendwas wo du weißt, dass sie es lieben und vermissen würden.“
„Okay mache ich.“
„Gut, dann bis irgendwann. Mit dem was da drin liegt, könntest du bestimmt die Hunde für eine Weile in eine Hundepension bringen, die kümmern sich um die Tiere als würden sie Urlaub machen, verstehst du? Das ist kein Tierheim. Und dann kann sich meine Mutter nebenbei auch um sie kümmern bis eine bessere Lösung da ist. Und ihr könnt sie jederzeit besuchen.“
„Wirklich? Das klingt toll.“
„Gut, denk nebenbei nach was noch besonders wertvoll ist, damit es nicht mit dem Haus verkauft wird. Aber zu groß darf es nicht sein. Du hast nur diese eine Chance jetzt an die Dinge zu kommen.“
„Das mache ich. Danke dir. Du bist die Beste.“
„Wart ihr beide heute in der Schule?“
„Ich schon, Ichiro nicht. Dem geht es nicht so gut.“
„Das ist verständlich. Grüß ihn von mir. Er soll den Kopf nicht hängen lassen. Pass auf deine Familie auf, Großer. Du musst das jetzt in die Hand nehmen, wenn du merkst, dass es die anderen beiden nicht schaffen.“
„Das mache ich.“
„Makoto?“
„Ja, was noch?“
„Benutz stets dein Verstand und dein Herz, dann machst du nichts falsch. Und sträube dich nicht auch mal Dinge zu tun, die du eigentlich langweilig findest. Okay?“
„Wie meinst du das? Was ich nicht mag?“
„Ja. Genau was du nicht magst, aber es wird jetzt gebraucht.“
„Tina? Ich…ich vermisse Mama so.“, wurde er plötzlich ruhig und traurig.
„Ich weiß, das dauert und du musst aber jetzt für euch da sein. Sei du der, der noch fröhlich sein kann. Halt alles am Laufen. Das kannst nur du. Versprichst du es mir?“
„Ja, danke.“
„Makoto, ich komme dich morgen mal besuchen, mit Jun und Yoko, ist das eine gute Idee? Heitert dich das auf?“
„In der Schule?“
„Ja, in der Schule, wir kommen in deine Klasse und ärgern euren Lehrer etwas. Ist das was?“
„Oh ja. Ich freue mich jetzt schon. Wann denn?“
„Mal sehen, muss ich mit unserem Direktor absprechen, aber der schuldet mir noch einen Gefallen.“
„Oh wie schön…Tina das wird lustig. Und ich kann Jun endlich mal kennenlernen. Toll.“
„Jun muss doch seinen größten Fan mal kennenlernen, oder?“
„Bis morgen Tina.“
„Bis morgen und bedanke dich nachher bei den Polizisten. Sie machen nur für DICH diese Ausnahme. Du darfst es später niemanden sagen, hast du verstanden?“
Einige Minuten später hatte Tina ihre Pausenbox ausgepackt, öffnete die Dose mit dem mediterranen Nudelsalat und die Box von Nyoko mit frischem Sushi und Reisbällchen. Tina lehnte sich lächelnd an und sah aufs Essen.
‚Oha, wer soll das alles essen?‘
„Sieht gut aus. Interessante Kombination.“, grinste Kudo und öffnete sein Sandwich mit Käse.
„Sie mögen es schlicht und auf deutsche Art?“
„Ja, ich bin in Deutschland aufgewachsen. So ein Brot mit Wurst oder Käse ist eine feine gesunde Sache.“
„Das stimmt. Meine Mama übertreibt immer gerne und das Sushi kommt von einer Freundin. Die übertreibt auch gerne. Als hätte man zwei Mamas.“, grinste sie. In diesem Moment klingelte das Handy des Anwalts. Er sah auf das Display und ging dann ran.
„Kudo, gibt es Neuigkeiten?“, klang er sehr ernst.
„Ja, sie haben die Unterlagen geprüft und wir haben folgendes gefunden.“, kam ein längeres Gespräch zustande. In der Zwischenzeit genoss Tina ihr Sushi und hielt ihr neues Buch in der linken Hand.
Das Gespräch ihr gegenüber endete und das Handy wurde wieder in die Tasche gelegt.
Plötzlich klingelte Tina Handy und Yakos Nummer blinkte auf.
„Guten Abend, Captain.“, wurde freundlich gegrüßt.
„Sag mal Tina, wo treibst du dich rum?! Ich denke du willst den neuen Ball trainieren? Die ganze Schule fragt schon nach dir. Kannst du dich nicht abmelden?!“, brüllte sie in den Hörer. Tinas Ohr dröhnte und vor Gnatz legte sie einfach auf und sah brummig aus dem Fenster.
‚Was brüllt sie mich denn gleich an? Da müssen wir echt dran arbeiten.‘ Etwa zwanzig Sekunden später rief Yako erneut an. Tina nahm wieder ab und hielt den Hörer etwas weg vom Ohr.
„Was legst du denn einfach auf!? Du nimmst dir echt zu viel raus!“, kamen erneut viel zu laute Worte. Tina legte wieder auf, ohne ein Ton zu sagen. Wieder klingelte es.
„Was bildest du dir eigentlich ein?! Legst einfach auf!“, wurde wieder gebrüllt. Und erneut legte die Jugendliche auf.
„Langsam nervt es.“
„Nanu? Sagen Sie jetzt nicht, das war Ihr Mannschaftskapitän Kawasaki?“
„Jup. Langsam müsste sie wissen, dass sie so nicht mit mir reden braucht.“
„Sie meinen das laute Sprechen?“
„Sprechen? Sie brüllt mich an. Mal sehen wie lange sie braucht.“
„Wie oft wollen Sie auflegen? Das Spiel gefällt mir.“, grinste er vor sich hin.
„Ich habe noch gut zwei Stunden Zeit.“, grinste sie zurück und sah aufs Handy. Da blinkte erneut Yakos Nummer auf.
„Sorry. Wo bist du denn?“, kam dann als normale Stimme, zwar ernst, aber in normaler Lautstärke.
„Ich bin im Zug. Ich hatte vor dich gleich anzurufen, wenn ich mit Essen fertig bin.“
„Wieso legst du einfach auf?“
„Weil du so laut warst. Jeder kann dich hier hören.“
„Oh, nun gut. Wieso warst du heute nicht in der Schule? Und jetzt zum Training auch nicht? Wo warst du denn?“
„Ich war bei Freunden. Und trainiert habe ich bei denen. Der Ball sitzt soweit jetzt. Ich hatte gute Hilfe. Wir müssen ihn nur noch an Yoko und ans Team anpassen. Das können wir dann morgen gleich alles ausprobieren.“
„Das klingt gut. Wie stark ist er?“
„Hm, schwer abzuschätzen. Sagen wir mal so, ein Mann muss ihn mit Handschuhen annehmen. Reicht das als Referenz?“
„Mit Handschuhen? Dann müssen das unsere Männer mal testen. Na da bin ich gespannt. Und warum wolltest du mich jetzt anrufen?“
„Eine gute Idee, meinst du die helfen uns? Die Idee hatte ich auch schon, aber ich war nicht sicher.“
„Natürlich, die sind alle sehr nett.“
„Okay. Dann gehe ich morgen zu ihnen, wenn wir erstmal selbst getestet haben.
Ich hatte eben einen Anruf von Martin. Er sagte das mit dem Raum klappt und wir bekommen unsere Geräte. Sein Chef stellt die dann mit uns zusammen ein. Jede bekommt eine Kraftstation und ein Laufband. Das ist gut, denn dann muss man nichts umstellen und kann schnell mal nur ein paar Minuten damit trainieren. Wir dürfen uns den Raum selbst gestalten. Da habe ich an Farbe und Poster gedacht. Was sagst du dazu? Unser gesamtes Team mit Pinsel und Malerhut. Ist doch mal was.“
„Wie jetzt? Also mit Malen habe ich es ja echt nicht. Ich habe da keine Ahnung von. Poster klingen gut. Da kann ich welche besorgen. Wir haben vom Freilichtmuseum noch ganz viele Naturaufnahmen übrig, die haben so kleine Fehler und verkaufen sich schlecht. Für uns reichen die voll und ganz. Da sind echt schöne Fotos und Kunstdrucke bei.“
„Das klingt schön. Eine gute Idee. Bring die dann mal mit. Der Raum wird noch diese Woche leergeräumt. Hat Sora was gesagt? Macht das sein Team oder machen das andere?“
„Keine Ahnung. Die machen das sicher selbst. Hier steht vor der Halle schon das Auto vom Gärtner. Der hat hinten so eine Ladefläche für Grünschnitt. Da passen sicher ein paar Geräte drauf.“
„Das kann sein. Unsere Geräte sollen jedenfalls schon nächste Woche da sein. Also müssen wir uns mit der Gestaltung etwas beeilen. Wenn der Raum morgen leergeräumt wird, dann schauen wir beide mal rein und machen uns einen Plan. Okay? Ich wollte mit dir und dem Trainer dann zu einem Baumarkt oder was es hier so gibt. Ich kenne mich nicht aus.“
„Können wir machen. Du willst Farben raussuchen? Weißt du denn wieviel wir brauchen?“
„Keine Ahnung, das müssen wir morgen im Raum dann ausmessen. Per Augenmaß kann ich dir das auch nicht sagen. Wir müssen erstmal sehen ob überhaupt gestrichen werden muss. So schlimm sahen die Wände gar nicht aus. Nur Streifen da wo es dreckig ist reichen doch und dann Poster und fertig.“
„Gut, dann lass uns mal Yokos Mutter mitnehmen. Die hat Ahnung von Wandmalerei. Ich könnte mir vorstellen, das wäre was für sie. Sie hat in ihrem Dojo mit dem Großvater zusammen auch die Wände bemalt. Mit Schriftzügen, Bäumen und Blüten, total schön und traditionell.“
„Wow, sowas kann die? Also ich habe es so gar nicht mit Malen und sowas. Kreativität ist jetzt echt nicht so meins.“
„Das sieht man, deine Handschrift ist echt ein Graus.“, lachte Yako los.
„Ja, ja. Lach nur. Hauptsache man kann es lesen. Ich kann immerhin nähen, das ist doch auch Handarbeit. Dafür habe ich Ruhe in den Fingern. Nun haben wir ja alles. Bis morgen dann erstmal.“
„Jo, bis morgen Nachmittag.“
„Ach, warte. Ist Yoko zufällig bei dir? Oder bist du schon zu Hause?“
„Ja, sie ist hier. Willst du sie noch sprechen?“
„Gerne.“
„Hey Tina, alles klar bei dir?“
„Ja, danke dir. Yako sagt, deine Mutter kann Wände bemalen? Das klingt toll.“ „Ja, das stimmt. Das macht sie bestimmt gerne. Wir müssten nur die richtigen Farben und Pinsel besorgen.“
„Okay, das planen wir dann mit ein. Sag mal, hast du Lust morgen mal zur Mittelschule rüber zu gehen, um Makotos Klasse zu besuchen? Mit Jun zusammen. Ich dachte, es heitert ihn etwas auf, wenn er seinen Helden endlich mal kennenlernt.“
„Das klingt toll. Da bin ich dabei. Wann denn?“
„Ich weiß nicht. Was meinst du, welchen Lehrer kriegen wir dazu überredet? Mit dem Direktor kann ich ja reden.“
„Puh. Ist schwer. Morgen sollen die neuen Klassensprecher gewählt werden. Am besten du fragst Jun selbst. Aber die erste Stunde habe wir doch eh mit dem Direktor. Da ist japanische Geschichte.“
„Gute Idee. Das passt doch. Da Jun mich bereits angerufen hatte und das da noch nicht in Planung war, denke ich mal er ist selbst noch im Training. Ist dem so?“ „Oh, ja. Die sind noch da. Ich gehe raus und rede mit ihm. Ich rufe dich dann zurück.“
„Das ist gut. Danke dir.“ Yoko legte auf. Tina lächelte und legte das Handy zur Seite.
„Sie sehen glücklich aus. Klappt nun alles wie geplant?“
„Das wird sich zeigen. Aber jetzt muss ich abwarten.“ Sie atmete tief durch, griff nach ihrer Thermosflasche und gönnte sich einen Schluck Tee.
„Sagen Sie, wie schwer war es für Sie Deutsch zu lernen?“ Kudo war erstaunt, als die Frage kam und lächelte sie an.
„Das war nicht schwer für mich. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, das volle Programm: Kindergarten, Schule und Studium. Meine Eltern sprachen beide bereits Deutsch und so bin ich damit einfach nur aufgewachsen. Ich bin quasi zweisprachig aufgewachsen.“
„Oh, ich verstehe. Das kenne ich. Ich bin dreisprachig aufgewachsen. Dann ist das wohl mehr Heimat als Japan?“
„Kann man tatsächlich so sagen, ja. Ich bin dann zum Zweitstudium hier her und wegen der Liebe hiergeblieben und habe dann ein zweites Fach studiert.“
„Ihre Frau ist Japanerin? Sie ist sicher auch sehr klug, arbeitet und ist vielleicht sogar sehr hübsch? Haben Sie Kinder?“
„Das ist sie. Was Sie sich so in ihrer Fantasie vorstellen. Das ist schon bemerkenswert. Wie kommen Sie darauf, dass meine Frau arbeiten geht? Ich habe zwei Söhne, ja.“ Tina grinste.
„Sie sind doch nicht so konservativ erzogen worden, dass es nicht so sein wird. Also meine Mama war auch immer arbeiten, sie wäre ohne zu Hause verrückt geworden. Anfangs war sie zwar viel zu Hause, aber sie hat dann dort gearbeitet, sie war Übersetzerin, saß also ständig an der Schreibmaschine und konnte daher ihre Zeit gut einteilen. Dann hatte sie einen Imbiss und war immer viel dort. Jetzt macht sie ihren alten Job, das hält uns aktuell hier in Japan über Wasser. Mein Vater kann ja hier nicht in seinem Job arbeiten und deswegen wird er später nur als Bäcker arbeiten gehen. Neben dem Studium hat er da seine Ausbildung gemacht und der Vorteil, Handwerk wird hier anerkannt. Zuerst steckte sie zurück, jetzt macht er es. So gleicht es sich aus. Ich will auch arbeiten gehen, meinen ersten Plan B habe ich schon, und ich kann auch hier jetzt bereits etwas Geld verdienen, wenn ich das will.
Ich glaube Sie würden es nicht wollen, wenn Ihre Frau nur von Ihnen alleine abhängig wäre und ohne Sie nicht auf eigenen Beinen stehen könnte. Und sie ist klug, dann will sie das auch nicht.“
„Unabhängigkeit? Sie würden niemals von einem Mann abhängig sein wollen, richtig?“
„Richtig. Bloß nicht. Ich könnte von der Sache her jetzt schon arbeiten und für mich alleine sorgen, aber ich will wissen wie weit ich hier komme. Ich bin neugierig ob ich den Abschluss schaffe.“
„Hm. Darf ich fragen, wie alt Sie sind? Was haben Sie in Deutschland für eine Schule besucht?“
„Ich bin bereits sechszehn und war auf einer Gesamtschule, Klassenbeste und wollte Abitur machen und später studieren. Aber das sagt letztendlich hier gar nichts. Ich fühle mich hier als wäre ich Grundschüler. Das nervt. Alles muss ich neu lernen und da rede ich nicht von Geschichte und Kultur. Hier sind viele Fächer deutlich weiter als bei uns. Mathe und Physik und Chemie und Biologie auch. Ich lerne Dinge, die stehen im Grundschulbuch.“, stöhnte sie genervt aus und sah dann aus dem Fenster.
„So ging es mir auch, glauben Sie mir. Das Studium hier war wirklich schwer. Ich musste auch die Aufnahmeprüfungen schaffen, das ging nur, weil mich meine Eltern gut darauf vorbereitet hatten.
Welchen Beruf hat Ihr Vater denn?“ Tina grinste.
„Er ist wie Sie Anwalt. Aber hier neu anfangen kam für ihn nicht in Frage. Sprachbegabt ist er auch nicht, so wie Mutter und ich. Deswegen kümmert er sich jetzt um andere Dinge und meine Mutter geht für eine große Firma voll arbeiten und macht die Dolmetscherin. Anders geht’s aktuell nicht.“
„Anwalt, ja, deswegen musste ich hier auch neu anfangen. Aber ich wollte das so. Mein Ziel war es international zu arbeiten. Als Dolmetscherin müsste sie doch aber gut verdienen, weil Sie von einer kleinen Wohnung sprachen.“
„Dabei geht’s nicht um die Kosten, eher, weil wir Ausländer sind. Keiner will uns was vermieten. Da blieb dann nur so eine kleine Wohnung übrig, da wir es dann irgendwann eilig hatten. Anfangs haben wir in einer Ferienwohnung gewohnt. Das geht leider nicht auf Dauer. Dafür gibt es hier eine Regelung.“
„Das stimmt. Das ist streng. Und nun bauen Sie?“
„Genau. Wir waren bei einem Architekten und jetzt suchen wir noch ein passendes Grundstück. Wenn wir bauen, müssen wir nicht mieten und können einfach wohnen wie wir wollen.“
„Das stimmt. Mieten ist immer schwer und meist an die unteren Sozialschichten oder Studenten gerichtet.“
„Das stört uns nicht, aber dass man nichts Größeres findet, ist halt ungünstig. Unsere Nachbarn waren bisher sehr nett. Aber Japaner neigen ja sowieso dazu nichts zu sagen, auch wenn ihnen mal was nicht passt. Das nervt und kann aber manchmal auch gut sein. Naja, ist ja bald vorbei.“
Tina Handy leuchtete wieder auf.
„Mama, hat es geklappt? Sind sie unterwegs?“
„Ja, Schätzchen. Ich wollte mich entschuldigen. Meine Anmerkung war unpassend. Tut mir leid. Du hast ja Recht. Wir schaffen das schon irgendwie.“ „Ich sagte ja, du bist müde. Dann geh jetzt schlafen. Du musst doch wieder früh raus.“
„Ich kann erst schlafen, wenn du wieder da bist. Wir sehen solange Fern.“
„Alles klar. Grüß Papa. Martin holt mich doch ab, was soll da passieren?“
„Stimmt. Melde dich, wenn du da bist.“
„Mache ich.“
Die restliche Zugfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle und Tina konnte noch etwas in ihrem neuen Buch stöbern.
Am nächsten Morgen betrat sie wie gewohnt das Schulgeländer und lief ein paar Runden um das Baseball-Feld. Die Jungs kamen langsam eingetrudelt und begannen ebenso mit ihrem Aufwärmen und liefen selbst ein paar Runden mit. Ihr Klassenkamerad sprach sie dann während des Laufens an.
„Wo warst du gestern?“
„Krank, was sonst?“
„Was hattest du denn?“
„Fieber, geht meist ein Tag und dann ist wieder gut.“
„Nimmst halt ne Tablette.“
„Und was dann? Dann falle ich irgendwann eine ganze Woche aus, weil ich es verschleppe. Das bringt doch auch nichts. Ich kenne meinen Körper, wenn Fieber, dann richtig. Aber dann schwitze ich es aus, schlafe den ganzen Tag und dann geht’s wieder.“, flunkerte sie, aber wenn Tina mal Fieber hatte, dann war es wirklich immer genau so.
„Ich verstehe. Ist bei mir auch so, aber man hat ja nur wenige Fehltage frei.“
„Ein Grund mehr nur den einen zu opfern, oder?“ Von Weitem sah Tina Juns Team auf den Platz laufen.
„Bis später. Ich muss mit Jun was bereden.“ Sie lief plötzlich deutlich schneller und rann auf das Gebäude zu. Jun stand bereits an den Waschbecken und kam dann auf sie zu. Sie begrüßten sich.
„Und? Was hast du noch erreicht?“
„Wir haben Glück. Mein Vater hat seine Beziehungen spielen lassen. In der Regel werden solche Hunde nirgends angenommen, weil es einfach zu gefährlich ist. Aber neben den vielen anderen teuren Immobilien, die er vermietet, ist auch eine alte Hundepension. Die würde die Hunde aufnehmen und so können die Jungs sie jederzeit sehen und dort auf dem freien Geländer spielen. Es ist hier in der Nähe. So kommt auch deine Mutter gut dorthin.“
„Oh das ist super. Da wird er sich freuen. Wollen wir dann nachher gleich vor der ersten Stunde rübergehen?“
„Gerne. Der Direktor weiß schon bescheid. Es ist ohnehin seine Stunde die wir als erstes haben. Gib mir die eine Stunde und dann treffen wir uns am Ausgang des Schulhofes?“
„Super. Alles klar. Bis nachher. Ich trommle Yoko mal herbei.“, grinste sie.
Eine Stunde später standen die drei am Tor und gingen zum Schulgeländer der Mittelschule.
„Oh man. Da kommen alte Erinnerungen hoch.“, haute Yoko raus. Jun lachte. „Das geht mir genauso.“
„Redet ihr bitte Englisch? Das nervt. Ich muss mich doch noch zurückhalten.“, brummte Tina die beiden leise an.
„Was meinst du mit zurückhalten?“, fragte Yoko. Jun lachte etwas.
„Jetzt hast du dich aber selbst verquatscht.“ Yoko blieb stehen.
„Sag jetzt nicht, du machst uns allen die ganze Zeit was vor?“, wurde entsetzt gefragt.
„Bist du mir jetzt böse? Ich halte mir damit nur die nervigen Leute vom Hals und die Toho soll doch denken, ich bin die dumme Neue. Das gehört bis zum Spiel zu meiner Taktik. Tut mir leid.“
„Tina, echt? Das gehört zu deiner Taktik dumm zu tun?“
„Klappt doch immer wieder.“, grinste sie dann.
„Wie gut sprichst du denn schon Japanisch?“
„Es hält sich in Grenzen. Ich kann mich gut unterhalten, mehr auch nicht. Eure Schrift bricht mir noch das Genick.“, lachte sie leise auf Japanisch. Yoko sah sie überrascht an.
„Wow. Und seit wann kannst du so gut sprechen?“
„Noch nicht lange. Vielleicht ne Woche.“
„Wie konntest du das so schnell lernen, wenn du nicht mit uns sprichst?“
„Hm, meine Mutter kann es schon und wir lernen zusammen viel.“
„Ach so. Du sagtest ja, sie sei sprachbegabt wie du.“
„Genau. Sie kann auch schon die Schriften lesen. Da muss sie mir jetzt noch helfen. Jetzt lernt sie schon Mandarin. Das hatte sie in Deutschland nebenbei schon angefangen.“
„Du meine Güte. Deine Mutter hats echt drauf, was?“, haute Yoko begeistert aus.
„Wahnsinn. Wie viele Sprachen spricht sie denn mittlerweile?“, erkundigte sich Jun.
„20, jetzt auch Japanisch.“
„Oha. Mir reicht Englisch. Und groß ins Ausland will ich eh nie, also wozu dann so viele Sprachen lernen?“, meinte Yoko.
Makotos Klasse
Kapitel 164
Makotos Klasse
„Und wenn dich später ein anderes Land anwirbt, damit du dort spielst? Willst du dann nicht weg?“, wunderte sich Jun.
„Ich kann ja eh nicht gehen. Meine Eltern wollen das nicht. Die sind total spießig, wenn es um Traditionen geht. Vor allem mein Vater.“
„Echt? Du wirkst aber immer so modern eingestellt, finde ich.“, meinte Tina.
„Ich bin ja auch so, aber nicht meine Eltern. Wenn es um die Familie geht, da gibt’s gar nichts. Ihr müsst euch mal vorstellen, jetzt verlangen die plötzlich von mir, dass ich mit 18 heirate, nur damit das Dojo weitergeführt wird. Ohne Mann, geht das angeblich nicht. Sie haben auch schon jemanden für mich ausgesucht. Wenn ich Brüder hätte, wäre das egal. Dann könnte ich es mit ihnen einfach leiten, so wie Mila. Aber ich bin leider alleine.“
„Wie jetzt? Eine Zwangsheirat? Sowas gibt’s hier noch?“, sah Tina erstaunt. „Leider ja. Aber nicht mit mir. Ich heirate doch niemanden, den ich nicht kenne.“
„Würde ich auch nicht. Was soll das denn für ein Junge sein? Oder ist der schon älter als du?“
„Nein, mein Alter wohl. Ein Sohn von irgendeinem alten Bekannten meines Vaters. Er ist auch Einzelkind und wie ich Meister seiner Schule. Naja. Ist mir auch egal, ich kenne den nicht und will ihn auch nicht kennenlernen. Ich kenne einige solche Jungs, die Erben ihrer Schulen sind und die bilden sich sonst was ein und am Ende haben die nicht mal was drauf oder wollen nur den Macho raushängen lassen. Die bilden sich ein die Größten zu sein, vor allem, weil sie dann das Dojo ihrer Frau mit übernehmen dürfen und ihren Stil weiterführen wollen. Wenn der Junge so ein toller Kerl wäre, hätte der schon ne Freundin oder er will wie ich keine, die er nicht kennt. Eins von beiden. Was soll das dann also?“ Tina und Jun sahen sich an und lachten.
„Wieso lacht ihr denn jetzt? Ich finde das nicht lustig.“, grummelte Yoko sie an. Sie blieben vor dem Eingang der Mittelschule stehen.
„Frag lieber nicht was ich grade denke. Dieses Kopfkino ist der Knaller.“, haute Tina raus.
„Was für ein Ding?“
„Kopfkino. Kennst du das nicht? Bilder, die sich im Gedanken vor deiner Nase abspielen.“
„Ach so. Und was spielt sich da ab?“ Jun lachte weiter und beide sahen sich erneut an.
„Ich kann nicht mehr.“, hielt sich Tina den Bauch.
„Deine Männer tun mir jetzt schon alle leid. Die Vorstellung, du haust sie alle auf die Matte und der, der dich mal besiegt, nur der darf dich daten, das ist doch lustig.“ Auch Jun kann sich vor Lachen nicht mehr zurückhalten. Plötzlich mussten alle drei lachen und krümmten sich dabei.
„Yoko…wie muss denn der Mann deiner Träume sein?“
„Da fragst du mich was. Hm.“ Sie sah zum Himmel hoch und fasste sich ans Herz.
„Mein Traummann? Der ist klug, sportlich hat viel Herz und mutig muss er sein. Wenn ich Glück habe sieht er umwerfend aus und er muss ein Typ sein, der nicht immer nur den Ton angeben will. Er muss also auch Kompromisse eingehen können. Solche Machos oder Chauvinisten können mir gestohlen bleiben. Kinder muss er mögen und er muss mich abgöttisch lieben.“, grinste sie dann zum Schluss.
„Oha, na da hast du aber lange zu suchen. Muss er Japaner sein?“, fragte Tina. „Hm, weiß nicht. Das muss er glaube nicht, aber gibt schon gutaussehende Schauspieler, die keine Japaner sind. Also ein Muss ist es nicht, von Vorteil vielleicht schon. Ich will das Dojo ja wirklich übernehmen und das wäre natürlich dann von Vorteil. Das Dojo ist mein Plan B und alles was nach dem Sport kommt.“
„Tina, was ist dein Plan B?“, fragte Jun.
„Die Frage ist eher, wie soll dein Traummann sein? Tangaroa war es ja anscheint nicht. Ich dachte der passt zu dir. So ein großer starker Typ mit viel Herz.“, grinste Yoko sie an. Tinas Puls stieg plötzlich an. Vor ihr erschien das liebevolle Lächeln von Karl-Heinz.
‚Karl? Wie mag es dir jetzt gehen? Wie ergeht es dir in München bei den anderen? Du ganz alleine zwischen den vielen Erwachsenen Spielern? Du warst zwar immer der Jüngste im Team und wusstest dich durchzusetzen, aber zwischen echten Männern? Ich hoffe das geht gut und die sind doch auch alle viel größer als du. So richtig vorstellen kann ich mir das nicht.‘ Dann sah sie plötzlich in Juns lächelndes Gesicht.
‚Jun, du warst sein Gegner? Wie habt ihr gespielt? Wie konntet ihr nur gegen Karl und die anderen gewinnen? Das lag doch nicht alleine an Genzo.‘
„Tina, nun sag schon. Wie muss dein Traummann sein?“ Tina zuckte etwas zusammen.
„Keine Ahnung. Sportlich und klug? Ich habe doch eh keine Zeit für einen Freund, also ist das doch jetzt egal.“
„Das klingt doch nach Tangaroa, er ist sportlich und klug. Dein Spruch war so genial. Ein Mann mit Muskeln und Verstand. Den Spruch hat sich jetzt jedes Mädchen gemerkt. Also es muss mehr sein als das. Warst du noch nie in einen Jungen verknallt? Was war das dann für ein Typ? Bestimmt total der Hingucker. Ein Mädchenschwarm wie Jun. Jedes Mädchen war schonmal in jemanden verknallt, egal ob er einen mochte oder nicht.“ Yoko stieß sie provokativ an und grinste. Jun verdrehte nur die Augen.
„Typisch Mädchen. Ich stehe übrigens neben euch, wenn ihr schon meinen Namen erwähnt.“ Tinas Puls stieg weiter an und ihr wurde plötzlich warm, dann fasste sie sich doch an die Brust und sah ernst zu Yoko.
„Natürlich…war ich mal verliebt in jemanden…aber…es spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich bin hier und er in Deutschland, also was solls? Könnten wir das Thema wechseln? Ich…ich vermisse meine alten Freunde auch ohne, dass du mich daran erinnerst.“ Tina wand sich ihr ab und wollte dann gehen. Doch da hielt Yoko plötzlich ihre Hand fest und zog sie zu sich.
„Tut mir leid. So war das nicht gemeint. Er…er war einer von ihnen? Einer von den Freunden, die du zurücklassen musstest?“ Tina blieb stehen und spürte Yokos warme und sehr bestimmende Hand in ihrer. Dann fasste sie mit ihrer anderen Hand an ihre.
„Yoko. Ja. Mir tut es leid. Ich…wollte dich nicht anfahren, du kannst ja nichts dafür.“ Sie sah dann zur Seite.
„Du hast Recht mit deiner Vermutung. Er ist ein Mädchenschwarm, ja, aber das ist es nicht, was ich an ihm mag. Er…er ist liebevoll, sanft, einfühlsam, er liebt seine Familie, er ist sehr klug, mutig und stark…und…er ist unwahrscheinlich stolz.“, sprach sie leise.
„Ein stolzer Typ? Stark, klug, sanft und stolz? So einen Jungen gibt es?“ Tina grinste und sah ihr dann in die braunen Augen.
„Ja, solche Männer soll es geben.
Yoko…wollen wir jetzt rein gehen? Uns…rennt die Zeit davon?“
„Ja, geh du voraus. Ich weiß ja nicht wo wir hinmüssen.“
„Aber ich kenne mich doch hier gar nicht aus.“
„Ach, das ist nicht schwer. Einfach den Pfeilen folgen.“
Tina folgte Yokos Anweisungen und Yoko und Jun blieben etwas hinter ihr.
„Ich dachte schon, ihr fangt jetzt an zu streiten. Lass das Thema lieber sein. Das scheint ihr wehzutun, ich kann das nachvollziehen. Alle Freunde plötzlich hinter sich lassen. Das ist sicher schwer. Und dann versucht sie hier neue zu finden.“, flüsterte Jun.
„Ja, ich weiß. Aber wieso redet sie dann nie mit mir? Sie redet ja mit niemanden, aber dann tut sie wieder, als würde sie für alle da sein wollen. Ich werde immer noch nicht schlau aus ihr.“
„Vielleicht weiß sie nur noch nicht genau wem sie wirklich vertrauen kann.“ „Vertrauen? Wie meinst du das? Was ist so schlimm daran, wenn sie früher wie du Fußball gespielt hat?“ Er sah sie verdutzt an.
„Woher…?“
„Ach, dir erzählt sie das und mir nicht. Na toll. Seid ihr deswegen plötzlich so dicke?“
„Pst. Wie hast du es erfahren?“
„Das muss ich dir bei Gelegenheit eher zeigen. Warum macht sie ein Geheimnis daraus?“
„Hm…sie…war in einem Jungen-Team. Sie…hat sich als Jungen ausgegeben. Wenn das rauskommt, dann könnte es große Probleme geben. Mehr weiß ich nicht.“
„Wie, bei Jungs wie Ihr? Deswegen die Ausdauer?“
„Genau, sie war Keeper.“
„Wow…deswegen das Blocken und Annehmen. Da sind die Bälle deswegen nicht zu hart für sie. Jungs schießen viel härtere Bälle.“
„Deswegen, genau. Spreche sie nicht drauf an. Warte einfach bis sie es alleine erzählt. Egal wann das sein wird.“ Sie nickte.
„Und…was war das für ein Schicksalsschlag? Der Direktor sprach davon.“
„Das hat er gesagt? Er weiß es also? Ich…weiß nicht, ob ich es sagen darf…ich bin unsicher.“
„Jun? Ist es so schlimm?“ Er sah zur Seite.
„Warte bis sie es mal von sich aus erzählt, okay? Sei einfach für sie da, wenn du eine Freundin sein willst. Reicht dir das?“ Yoko sah zum Himmel.
„Sie hat jemanden verloren, jemanden, den sie sehr geliebt hat? Es war sicher ein Fußballer, deswegen spielt sie nicht mehr?“ Jun wich ihr aus und murmelte nur leise ein „Vielleicht.“ aus.
Einige Minuten später standen die drei vor der Klassenzimmertür von Makotos Klasse. Es war die 1. Klasse der Mittelschule und es saßen hauptsächlich zwölf- bis dreizehnjährige Kinder im Raum. Es war ruhig und Makoto saß ganz vorne direkt vor dem Lehrertisch.
„In der Uniform sieht er echt niedlich aus.“, flüsterte Tina zu den beiden neben sich.
„Das stimmt. Wir waren auch mal so klein.“
„Wieso sitzt er hier bei den Großen? Ist er nicht erst 10?“, fragte Jun.
„Makoto ist einer von den Hochbegabten und durfte zwei Klassenstufen aufsteigen. Mehr wurde ihm nicht zugelassen, dabei hätte er wohl vom Intellekt bereits in die Oberschule gekonnt. Er wollte eigentlich gleich zu dir ins Team kommen, aber das wurde abgelehnt wegen der großen Altersdifferenz.“
„Und wieso geht er dann nicht auf eine Begabtenschule? Die fördern solche Kinder doch viel besser.“
„Nicht in seinen Augen. Er hat sich wohl so eine Schule angesehen und fand die langweilig. Er will kein Mathe und Technik lernen. Seine Interessen sind die Sprachen und der Sport. Er spricht jetzt schon mehr Sprachen als ich. Wir unterhalten uns zum Beispiel gerne auf Deutsch und Französisch.“
„Dann passt das ja jetzt. Es ist Französischunterricht.“
„Jo, perfekt.“
Es wurde geklopft und schon wurden alle Blicke zur Glasfront gerichtet. Die drei winkten im Flur, als die Kinder zu ihnen schauten. Makoto stand freudestrahlend auf. Der Lehrer bat ihn, den angekündigten Besuch herein zu lassen.
Kaum ging die Tür auf, wurde Tina auch schon umarmt.
„Hey, nicht so stürmisch.“ Die Klasse wurde unruhig und der Lehrer hob die Hand.
„Bleibt ruhig. Wir schließen erstmal die Tür.“ Tina stellte sich dann mit den anderen beiden vor die Klasse und begrüßte zuerst den Lehrer höflich.
„Guten Morgen, ich hörte hier gibt es einen richtig coolen Französisch-Unterricht. Davon muss ich mich doch persönlich überzeugen.“
Es wurde viel gelacht und Tina erzählte den Kindern ein paar Witze auf Französisch. Einige lachten und andere mussten es übersetzen lassen. Dann brachte sich Jun ein und sprach mit den Kindern auch Französisch und las etwas aus dem Lehrbuch vor. Dann wurde er nach seinem Aufenthalt in Paris gefragt, denn die Jugend-Weltmeisterschaften fanden in Paris statt. Tina beschloss nur die Stadt und die Leute und das Leben dort zu beschreiben. Sie war wie er ja auch schon in Paris. Beide schwärmten vom Eiffelturm und den leckeren Gebäcken und der tollen Küche. Dann behauptete Tina auf witzige Art auf Toilette zu müssen und verließ den Raum. So fiel es nicht auf, als Jun anfing die Fragen zur Meisterschaft zu beantworten.
„Ihr seid ja so cool. Ein echter Weltmeister bist du. Und das an unserer Schule.“ „Ja Mega toll.“
„Wie cool du gegen diesen Schneider gespielt hast. Und dann nimmst du ihm einfach den Ball weg. Einfach klasse.“
Die Kinder waren hin und weg, dass sie endlich mal ihren großen Star der Oberschule kennenlernen durften.
„Und euer Spiel gegen Pierre war auch sowas von toll. Kannst du mal die anderen vier aus Tokio mitbringen? Die von der Toho?“, haute ein Schüler raus.
„Da muss ich schauen ob die dazu Lust haben. Ich muss fragen und sie müssen ja auch irgendwie die Stunden frei bekommen.“
„Das wäre auch toll. Hyuga ist auch cool, ihr seid alle zusammen ein wahnsinniges Team.“
„Hyuga…oh ja…ob der mal an unsere Schule kommt? Er ist so cool.“
„Und der sieht ja so gut aus…wow.“
„Also ich finde den Keeper ja viel besser. Der ist toll.“
„Ich weiß nicht, Sorimachi ist süß.“, schwärmten die Mädchen alle etwas durcheinander.
„Stimmt das, dass dieser deutsche Fußballkaiser eine Mischung aus Ohzora und Hyuga ist, also von seiner Spielweise?“
„Das kann ich nur bestätigen. Ich bin nie einem stärkeren Gegner begegnet. Er ist aber noch mehr als die beiden an Stärke und Talent sind. Karl-Heinz Schneider ist auch wahnsinnig klug und ein ausgezeichneter Stratege. Das macht ihn so gefährlich. Das erste Spiel gegen ihn und seinem jahrelang eingespieltem Jugendteam haben wir leider haushoch verloren. Das lag nicht nur daran, dass Genzo im Tor stand, sondern auch, weil er und das Team wie eine Einheit waren. Das machte uns deutlich, dass wir noch viel zu lernen haben.
Man darf sich also weder im Sport noch in der Schule jemals ausruhen. Wenn man ein Ziel hat, muss man hart daran arbeiten.“
„Jun, ich gehe auch kurz.“ Yoko verließ den Klassenraum und ging zu den Mädchentoiletten. Bewusst öffnete sie die Tür ganz leise. Kaum war ein kleiner Schlitz auf, konnte sie leises Schluchzen hören.
‚Tina? Bist du das?‘ Sie betrat die Waschräume und schloss unauffällig die Tür hinter sich. Sie gab keinen Ton von sich.
Hinter einer der Kabinentüren saß Tina, die Füße hochgenommen auf dem Toilettendeckel, und weinte leise in ihre Knie. Sie wusste, da der Rock jetzt über den Knien hängen durfte, könnte man das Nasse darunter nicht sehen.
‚Ach man. Ich wollte doch durchhalten. Aber…es tut mir leid, Jun, Makoto. Ich würde euch so gerne zuhören, aber das kann ich nicht. Es geht einfach noch nicht. Es war doch so schön und trotzdem kann ich nicht mal zuhören, wenn man über euch spricht.‘
„Stephan, Karl, Franz, Kaltz…es…tut mir so leid.“, schluchzte sie vor sich hin. „Karl…wie soll ich es nur schaffen? Wenn ich nicht mal das kann, wie soll ich jemals wieder vor dir stehen? Karl…ich…es tut mir leid.“
‚Ich dachte, als ich mit den anderen Keepern so toll gekickt habe, dann geht es mir bestimmt wieder besser. Es tat so gut und irgendwie war es schön, aber…warum konnte ich das bei euch, aber ich kann Karl-Heinz nicht mal Lebewohl sagen? Ich…liebe ihn doch…ich…wollte doch nie ohne ihn sein? Warum nur? Und jetzt? Es fällt nicht mal dein Name, es war doch nur der kurze Moment, dass wir über Paris gesprochen haben. Und dann kamen schon diese Bilder? Das kann doch nicht sein.‘ In ihrem traurigen Moment holte sie aus ihrer Tasche ein Foto heraus und betrachtete es nachdenklich.
Dabei entdeckte sie dann, dass jemand da war.
„Tina? Ist alles okay?“, kurz darauf erklang die Klospülung. Natürlich musste Tina ihr Weinen verbergen.
„Alles gut. Es dauerte nur länger als geplant.“
„Es ist keine Schwäche, wenn man mal alleine sein will. Du hast dir das hier glaube anders vorgestellt, oder? Wenn du mal reden willst, dann bin ich jederzeit für dich da.“ Eine Antwort kam keine, stattdessen stand Tina nur auf, wischte sich die Tränen weg und öffnete dann die Tür. Sie sah Yoko lächelnd an.
„Mach dir um mich keinen Kopf. Ich vermisse die anderen, ja, aber ich habe doch jetzt euch. Dich, Jun und das Team.“ Yoko machte ein strenges Gesicht und völlig unerwartet nahm sie Tina in die Arme.
„Tina, du bist total anstrengend und nervig und schwierig. Ständig machst du irgendeinen Ärger. Ich mag dich doch trotzdem. Aber du bist auch mutig, stark, talentiert, liebevoll, stolz und wahnsinnig klug. wenn du meine Freundin sein willst, dann kannst du es mir gerne auch mal zeigen. Ich bin da nicht so distanziert wie die anderen alle. Okay?“ Tinas Puls stieg etwas an und ihr wurde angenehm warm. Es fühlte sich ähnlich an, als würde ihre Mutter sie in den Arm nehmen, als sie noch ein kleines Kind war.
„Yoko, danke. Du kannst dir wirklich vorstellen, dass ich Nervensäge deine Freundin sein könnte? Nicht nur eine Spielpartnerin?“
„Dummkopf. Natürlich, um ehrlich zu sein…die Frage ist eher, ob du das kannst.“ Tina richtete sich auf.
„Wie meinst du das? Du bist doch so nett, hilfsbereit und jeder an der Schule mag dich.“
„Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit kann mich kaum einer leiden. Die sind alle nur so freundlich, weil sie Angst haben vor mir.“
„Angst? Vor dir? Warum denn?“
„Weil ich doch Karatemeisterin bin. Immerhin habe ich die letzten zwei Jahre die Tokio-Meisterschaften gewonnen. Das hänge ich jedoch nicht an die große Glocke.“
„Yoko, zeigst du mir das mal? Ich würde mir gerne deine Karateschule ansehen und du bringst mir ein paar Tricks bei.“
„Sehr gerne. Wann passt es denn bei dir?“
„Ich muss sehen. Heute geht’s schonmal nicht. Ich muss das Training nachholen. Wir finden einen Zeitpunkt. Spätestens bestimmt am Wochenende. Wann passt es denn bei dir?“
„Immer nach dem Training. Deswegen bin ich recht fix weg. Dann gehe ich zum nächsten Training. Ich unterrichte die Frauen in Selbstverteidigung. Das ist meine Arbeit neben Schule und Sport.“
„Das klingt toll. Ich schau mal wann es passt. Du weißt, aktuell muss ich jeden Tag für den neuen Ball nutzen. Ich freue mich, wenn ich ihn dir heute zeigen kann.“ Beide sahen sich fröhlich an.
„So du Heulsuse, keine Angst, ich sag keinem was.“
„Besser ist das auch, sonst legst du dich mit mir an.“, brummte Tina grinsend. „Ich zittere schon…“, lachte Yoko. Tina ging ihr aus dem Blick und wusch sich Gesicht und Hände. Sie sah schweigend durch den Spiegel zu Yoko.
‚Du bist eine tolle Freundin, Yoko. Leider kann ich dir mein Geheimnis nicht anvertrauen. Wer weiß wie unsere Wegen noch verlaufen. Noch sind wir im Team, aber irgendwann werden wir vielleicht auch mal Gegner sein. Solange ich bei solchen Sachen wie eben, einen Rückzug brauche, solange musst du leider warten.‘ Als Tina zu den Papiertüchern griff und sich abtrocknen wollte, rutschte das Foto aus ihrer Jackentasche, welches sie zuvor angesehen hatte. Es glitt im Flug über die Fliesen und landete direkt vor Yokos Füßen. Das Foto war nach oben gerichtet und es waren mehrere Jungs auf dem Bild zu sehen. Sie hatten alle normale private Kleidung an und lachten glücklich in die Kamera. Im Hintergrund war der Eiffelturm. Yoko wollte nichts falsch machen und sah zu Tina.
„Darf ich es sehen? Sind das deine alten Freunde?“ Tina sah zur Seite, stellte sich ans Fenster und sah in den Park.
„Ja, kann man so sagen. Einige von ihnen waren Freunde. Es ist schon über zwei Jahre alt.“ Die junge Japanerin hob das Bild auf und betrachtete es.
„Da sind ein paar sehr hübsche Burschen dabei. Welcher von ihnen war dein Freund?“
„Der Junge links neben mir.“
„Oh, ich sagte ja. Ein Mädchenschwarm. Du hast Geschmack.“ Yoko ging auf sie zu und reichte ihr das Bild.
„Gut, dass du es gesagt hast. Ich hätte fast auf den anderen neben dir getippt. Der große hier. Auch ein hübscher Kerl, groß und sicher sehr stark.“ Tina sah sie entsetzt an.
„Ne…das…war doch mein…“, plötzlich stockte sie.
„Dein Bruder, stimmts? Er sieht genauso aus wie dein Vater. Nur jünger.“ Tinas Blick wurde grimmig und sie nahm ihr das Foto aus der Hand.
„Dann…weißt du ja nun genug, oder? Erwähne ihn niemals in meiner Gegenwart und schon gar nicht vor meinen Eltern.“, sprach sie ernst und steckte das Foto dann in ihre Handtasche.
„Ist okay. Ich kann das verstehen. Er ist der Grund für euren Neuanfang?“ Tina nickte.
„Versprich mir, dass es niemand erfährt. Es ist leider sehr wichtig. Dieses Foto…das hat es nie gegeben. Niemand darf von ihm erfahren. Es würde…unser Team schwächen.“
‚Tina…du denkst an unser Team? In so einer Situation denkst du an uns? Siehst du seinen Verlust als Schwäche? Manchmal bist du schon komisch. Im Gegenteil, wenn sie es wüssten, dann würden sie deine Stärke und deinen Lebensmut noch viel mehr respektieren und bewundern.‘
„Ich will kein Mitleid! Verstanden? Das hätte er nicht gewollt.“, kamen strenge Worte und dann öffnete sie die Tür.
„Wollen wir wieder?“ Die Mädchen gingen zum Klassenraum zurück und dann stellten sie sich vor die Kinder und zeigten ein paar kleine Handgriffe für das Volleyballspielen.
„Tina-kun, du bist total mutig. Wir haben von deinem Mut gehört, als du diese nervigen Typen fertiggemacht hast. Alle reden davon. Das war bestimmt total lustig.“
„Ja, eins der Mädchen hat sogar vor allen anderen gekotzt. Das haben sie verdient.“, kamen ein paar Anmerkungen von den Schülern auf Englisch.
„Ja, kannst du unsere Typen auch verjagen? Die verkloppen auch ständig jemanden und nehmen uns einfach was weg.“, kam eine Stimme aus dem hinteren Raum. Der Lehrer sah etwas pikiert zu dem Jungen.
„Wovon redest du bitte? Wir haben solche Schüler nicht an der Schule.“ Tina stellte sich vor die Klasse.
„Moment. Ihr versteht da etwas falsch. Herr Lehrer? Könnten Sie bitte ins Japanische übersetzen, damit es alle richtig verstehen?“ Er nickte ab.
‚Frau Simon hatte Recht, dieses Mädchen ist ein Naturtalent für die französische Sprache. Aber sie hat auch Köpfchen. Das was da letzte Woche passiert ist, das haben wir uns hier auch alle angesehen und auf Grund dessen ein paar neue Änderungen vorgesehen.‘
„Zuerst muss ich dazu sagen, ich hatte in erster Hinsicht die Absicht den drei Mädchen zu helfen. Ich weiß nicht in welcher Form die Situation von letzter Woche hier angekommen und erzählt wird. Kann mir jemand etwas genaueres dazu sagen?“ Makoto stand auf.
„Es wird sich erzählt, dass du die drei Mädchen und die drei Jungs vor allen Augen in der Kantine lächerlich gemacht hast. Und sie seien weinend aus der Kantine gelaufen.“
„Das ist alles?“
„Ja. Genau. Ich weiß ja was wirklich war, aber so wird es hier erzählt.“
„Und was weißt du mehr?“
„Na, dass die sich gegenseitig dazu gebracht haben, sich zu übergeben. Und das darf man doch nicht, weil es dem Körper schadet. Du wolltest ihnen helfen und die Hilfe haben sie nicht angenommen.“
„Soweit stimmt das. Und weißt du denn auch warum die Mädchen das getan haben?“
„Woher soll ich das wissen? Ich bin ein Junge.“ Tina sah zur Klasse.
„Was denkt ihr denn darüber? Was glaubt ihr, warum die Mädchen es getan haben könnten?“ Es wurde geschwiegen und dann meldete sich ein Mädchen.
„Vielleicht wollten die dünner sein.“
„Das könnte ein Grund sein. Aber warum? Und was könnte noch ein Grund sein?“
„Wieso wollen die dünner sein? Die waren doch alle schlank.“, brachte sich Makoto ein.
„Hm. Warten wir ab. Was sagen die anderen noch? Traut euch ruhig oder soll der Lehrer kurz raus gehen? Ist es euch lieber?“ Einige trauten sich nicht zu nicken, aber ihre Blicke sagten alles. Sie sah zum Lehrer.
„Wäre es für Sie okay? Sie könnten durch die Scheibe sehen und alles mitverfolgen.“
„Sie möchten die Kinder aufklären, stimmts?“
„Genau. Nur so kann man dafür sorgen, dass sowas nicht mehr passiert.“ Er nickte ab und sah dann zu Makoto.
„Am besten du kommst mit raus. Manchmal gibt es Dinge, die sind nur für eine bestimmte Altersgruppe gedacht.“
„Ich will aber hierbleiben. Ich will das auch wissen.“, protestierte er. Tina sah ihn ernst an.
„Geh mit, wir reden beide gesondert darüber, okay? Dein Lehrer hat Recht. Ich hätte dich jetzt auch gleich rausgeschickt. Manches ist nicht für jedes Alter bestimmt, dafür kannst du nichts. Das hat was mit Hormonen zu tun. Weißt du was das ist?“, sprach sie leise auf Deutsch.
„Hormone? Meinst du das was man kriegt, wenn man erwachsen wird?“
„Ja so kann man das sagen. Die sind schon da, aber sie entwickeln sich unabhängig vom Gehirn. Deswegen ist es bei solchen Themen eine andere Aufklärung. Für jedes Alter muss diese Aufklärung anders sein.“ Er stand auf und ging zum Lehrer.
„Gut, ich verstehe das. Ich bin zu jung für das hier, aber du machst das dann auch mit mir?“ Tina lächelte liebevoll.
„Ja, und dreh dich weg. Du weißt wieso.“, grinste sie dann.
Die ganze Klasse war erstaunt. Es gab nur wenige Momente, dass es Makoto mal ohne große Proteste schaffte einer Aufforderung, die er nicht verstand, folgte.
Die Tür fiel zu und der Lehrer stellte sich auf den Flur.
„Kinder, wir haben nicht mehr viel Zeit. Wir kürzen es also etwas ab.
Jun, kannst du mir helfen? Könntest du mir hinter dem Tafelflügel, der zum Flur hin zeigt, im Grundzug den Verdauungstrakt anzeichnen?“ Er nickte ab und ging an die Tafel.
„Yoko. Könntest du mir hinter der anderen Tafel eine Tabelle mit vier Spalten zeichnen? In jeder Spalte machst du dann beliebig viele Striche, so als wären bereits welche gemacht worden? Immer mal anders und verschieden, damit es nach verschiedenen Personen aussieht. Merke dir selbst wie viele Striche du gemacht hast. Wenn die Kids nachher eintragen sollen, darf für die nachfolgenden nicht zu erkennen sein, was der Vorgänger angestrichen hat. Es soll eine anonyme Abstimmung werden.“, erklärte sie ihr und sie ging hinter die Tafel und zeichnete die Tabelle.
„Nun erzählt mal, was sollten die beiden nicht hören? Es bleibt alles im Raum. Wenn ihr redet, legt die Hand in Flurrichtung vor euren Mund. Ich weiß ja nicht, ob jemand Lippenlesen kann.“, grinste sie.
‚Tina ist total cool. Schade, dass sie schon in der Oberschule ist.‘, dachten einige von ihnen. Eine Hand hob sich.
„Meine Schwester macht das.“, kam eine ganz leise zarte Jungenstimme. Yoko übersetzte.
„Wie alt ist sie? Und was genau macht sie?“
„Sie…ist vierzehn und…manchmal steht sie nachts auf und geht an den Kühlschrank, isst ganz viel Zeug und dann geht sie ins Bad und…macht das auch. Ich werde immer wach davon. Das nervt.“
Der erste Schritt war getan und plötzlich kamen mehr Hände hoch.
„Ich möchte euch allen nochmal sagen, alles was wir hier bereden, muss auch hier unter uns bleiben. Es sind eure Geheimnisse und wir sind nur hier, um zu helfen. Okay? Dieses Gespräch wird euch als Klasse festigen, aber nur, wenn ihr auch ehrlich zu euch seid.“ Yoko übersetzte.
Die nächsten Schülerinnen und Schüler berichteten von ihren Erfahrungen. Nachdem sich niemand mehr meldete, ging Tina hinter die Tafel auf der Fensterreihe. Sie bat Yoko über den Spalten eine Frage zu schreiben und die Spalten zu beschriften. Leise, sodass es keiner hören konnte.
„Bist du sicher, dass du sowas fragen willst? Überlege mal das Alter?“
„Das passt schon. Ich habe diese Übung aus einem Buch über Kinderpsychologie und Prävention. Das passt ab diesem Alter von 12 bis in unseres.“
„Echt? Nun gut. Frag mal Jun. Ich bin echt unsicher. Sinn macht es ja.“ Tina wank Jun heran und zeigte ihm die Tabelle.
„Du bist aber mutig. Sowas willst du die Kinder fragen?“
„Du hast doch gehört was sie schon gesagt haben. Und jetzt nebenbei diese Unterhaltungen. Du solltest ihnen mal zuhören.“
„Frag den Lehrer, nicht dass es Ärger gibt. Wir sind nur Schüler. Wo hast du das denn her?“
„Aus einem Fachbuch. Es ist von einer Japanerin geschrieben worden, die das Schulsystem analysiert hat.“
„Okay, klingt toll. Frag ihn trotzdem.“, war er streng. Tina sah zur Klasse.
„Eine Frage kurz vorweg, ich möchte gleich einen kleinen Test mit euch machen. Anhand der Ergebnisse können wir euch bessere Möglichkeiten bieten zu helfen.
Wie sehr mögt ihr euren Französisch-Lehrer?“ Die Kinder meldeten sich und sagten, er sei sehr nett.
„Dem stimmen alle zu? Es gibt hier jetzt keinen Gruppenzwang oder sowas. Wenn eine Hand unten bleibt, dann werde ich den Test nur anders durchführen.“ Alle Hände gingen hoch und jeder bestätigte es. Tina ging zur Tafel, zeichnete eine weitere Tabelle an und wand sich wieder an die Kinder.
„Wer hat die schönste Handschrift für die Tafel?“ Ein Junge kommt vor. „Eigentlich ist das Makoto.“
„Alles ist schöner als mein Gekrakel.“, grinste sie ihn an.
„Schreib folgendes oben drüber. „Die Schule ist für mich…“ Darunter folgendes in die Spalten: „leicht“, „ich komme noch mit“, „ich brauche Hilfe“, „Ich bekomme Hilfe“.“ Er staunte nicht schlecht und fertigte die Tabelle an. Dann schrieb er von sich aus seinen Namen in zwei Spalten ein.
„Oh, du machst es gleich richtig. Super. Ich sage gleich noch was dazu.“ Der Junge setzte sich wieder hin und dann ging Tina zu Juns Zeichnung und sah sie sich an.
„Wow, du bist ja ein Künstler. Das Wesentliche hätte gereicht.“, grinste sie ihn an.
„Für die Kids gebe ich mir besonders viel Mühe.“, lachte er.
„Ich kenne euren Lehrstoff nicht. Kids, hattest ihr schon den menschlichen Körper und seine Organe im Unterricht?“ Es wurde genickt. Sie klappte das Bild auf und zeigte es den Kindern.
„Diese Abbildung ist euch also bereits vertraut?“
„Ja, das kennen wir schon.“, rief ein Mädchen dazwischen.
„Super. Ich rede jetzt kurz mit eurem Lehrer und dann fangen wir an. Ihr könnt gerne bereits anfangen eure Namen in der Tabelle einzutragen. Mindestens einmal oder bei Bedarf zweimal. Wer mag darf auch reinschreiben, wenn Hilfe benutzt wird, wer euch hilft. Familie, Freunde oder Nachhilfelehrer, Schüler, wer mag auch den Namen. Das ist freiwillig.“ Tina ging selbst an die Tafel und schrieb ihren Namen in zwei Spalten hinein.
„Ich brauche Hilfe und Ich bekomme Hilfe. Ich bin neu hier und muss sehr viel lernen. Dazu gehören Sprache und eure Kultur. Ebenso habt ihr Themen in eurem Schulsystem, das haben wir noch nie behandelt oder es ist bei uns in Deutschland nicht wichtig. Mir helfen meine Eltern, Lehrer und Freunde, zum Beispiel Jun und Yoko.“ Daraufhin bittet sie die beiden ebenso in der Tabelle einzutragen wie sie es empfinden.
Jun trägt sich in der ersten Spalte ein, er hat keine Probleme und Yoko ist auch ehrlich und trägt sich bei „Ich komme mit“ ein, lässt aber die Hilfe aus. Tina verließ kurz den Raum und sprach mit dem Lehrer. Makoto fragte, ob er sich eintragen darf und natürlich durfte er reingehen und schrieb seinen Namen ganz stolz in die erste Spalte.
„Ich bin erstaunt. Sie lesen interessante Literatur.“, meinte der Lehrer zu Tina noch bevor sie ihn angesprochen hatte, um ihm zu erklären was sie spontan mit den Kindern vorhatte.
Ein ernstes Thema
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Der Aushang oder Das erste Mal verliebt
Kapitel 166
Der Aushang oder Das erste Mal verliebt
Während der langen Mittagspause wurde es unruhig im großen Flur und alles versammelte sich vor der großen Aushängetafel. Tina stand etwas mittig und hinter ihr kamen immer mehr Schüler und schauten auf die Tafel mit den aktuellen Notenspiegeln und den neuen Klassensprechern. Tina war entsetzt, als sie ihren Namen auf der Liste der Klassensprecher sah.
‚Ich wollte doch gar nicht. Die nehmen mich nicht ernst. Na toll. Jetzt habe ich noch einen Job mehr. Zum Glück ist Jun trotzdem dabei. Ich hoffe er kann mir das meiste abfangen.‘ Etwas brummig drehte sie sich um und wollte gehen. Dann sprach man sie begeistert an einige fingen an zu klatschen.
‚Ist das peinlich. Manchmal verstehe ich diese Japaner echt nicht. Bei uns hat da keiner so einen Aufriss drum gemacht.‘
„Herzlichen Glückwunsch Tina, du wurdest auf die Beliebtesten-Liste gesetzt und wurdest neben drei anderen Mädchen für den Schülerrat vorgeschlagen.“, knallte man ihr an den Kopf. Sie musste tun als hätte sie kaum etwas verstanden und sah nur überrascht in die Augen des Mädchens.
„Was bitte?“ Sie zeigte zur Tafel. Unten war noch eine Liste. Die wurde in der Regel nur aufgehängt, wenn Schuljahresbeginn war. Sie konnte ihren Namen lesen.
‚Oh nein. Das auch noch. Ich habe keine Zeit für solche Sachen.‘ Mehrere Leute waren total begeistert davon und gratulierten ihr. In ihren Bemerkungen konnte sie die eine oder andere Meinung darüber hören, einige waren total begeistert und andere fanden es unpassend. Tina stand direkt vor der Tafel, denn die anderen machten ihr Platz, als sie ankam, um die Liste genauer zu betrachten. Dann hielt sie plötzlich die Hand hoch, als würde sie etwas halten wollen.
„Hat jemand einen Stift?“, fragte sie laut in die Runde. Jemand gab ihr einen und kaum hatte sie ihn in der Hand, strich sie ihren Namen auf der Schülerrat-Liste durch und hielt den Stift wieder hoch.
„Danke.“
„Aber…warum? Warum willst du denn nicht?“
„Ich habe dafür keine Zeit, ich helfe gerne, aber ich muss mich vorerst um den ganzen Schulstoff kümmern. Ich danke euch sehr für euer Vertrauen. Ein Posten reicht aus.“ Sie drängelte sich an allen vorbei und erblickte dabei Tangaroa. Er stand mit seinen Freunden etwas entfernter und lächelte in ihre Richtung.
‚Liebe Tina, in so kurzer Zeit hast du so viele für dich begeistern können. Wenn nächste Woche die Wahlen sind, dann wirst du die Siegerin sein. Du bist es von den Ergebnissen her jetzt schon.‘ Zwangsläufig musste sie an den großen Jungs vorbei und ging auf sie zu. Das Team klatschte und gratulierte ihr.
„Ihr müsst nicht klatschen, ich stehe nicht mehr auf der Liste. Aber danke für euer Vertrauen.“ Sie ging nachdenklich durch den langen Flur. Noch waren die Schüler alle bei der Tafel und dann in der Kantine. Ihr war jedoch der Appetit vergangen, somit schnappte sie sich nur die Nachspeise, eine Banane und ein Apfel, und ging Richtung Klassenzimmer. Vor ihrem Klassenzimmer stand Itachi. Er lehnte am Fenster und schien auf etwas zu warten.
‚Was will der denn jetzt schon wieder? Er nervt.‘ Itachi sah auf und blickte in ihre Richtung.
„Gratuliere dir zum Klassensprecher und zur Auswahlliste. Jetzt hast du bald die Zügel in der Hand.“ Tina blieb vor ihm stehen, hielt das Obst in den Händen und sah ernst zu ihm auf.
„Geh einfach. Ich stehe nicht mehr auf dieser Liste. Und hör auf mich ständig anzusprechen.“
„Du hast gesagt, ich soll dir immer gleich sagen, was ich sagen will. Das mache ich jetzt.“
„Gut, dann kannst du ja jetzt gehen.“
„Wieso stehst du nicht auf der Liste? Ich habe es doch eben gelesen.“
„Ich habe mich durchgestrichen.“
„Warum?“
„Keine Zeit.“
„Was ist jetzt mit Tangaroa? Geht ihr nun miteinander oder nicht?“
„Das geht dich nichts an. Ich habe keine Zeit für eine Beziehung und er ebenso wenig.“
„Keine Zeit für einen Freund und keine Zeit für den Schülerrat. Das sind doch Ausreden. Was hat dir an ihm nicht gepasst? Er hat doch Muskeln und Verstand. Was fehlte denn?“
„Wie? Gar nichts.“, fauchte sie ihn plötzlich an. Ihr Puls stieg enorm an und sie sah ihn streng an.
‚Dieser Blick…und diese wahnsinnig schönen Augen.‘ Sein Puls stieg enorm in die Höhe und er konnte seinen Blick nicht mehr von ihr lassen.
„Es fehlt nichts und trotzdem gehst du nicht mit ihm? Du bist schon ein komisches kleines Mädchen. Dabei war er so mutig und hat dich als Erster gefragt. Nicht einmal ich habe es mir gewagt.“ Sie wusste bald gar nicht mehr was sie sagen sollte. Es war ihm scheinbar vollkommen egal, denn er hörte nicht auf sie zu nerven. In ihrer linken Hand hatte sie noch das Obst. Tina wich seinem Blick aus und wollte an ihm vorbei und die Tür zum Klassenraum öffnen.
„Du weißt schon, dass wir in den Pausen ohne Lehrer nicht in den Räumen sein dürfen?“ Sie berührte mit der Rechten die Türklinke.
„Ist mir egal. Verpetz mich doch! Mir ist heut nicht nach Kantine.“, knurrte sie nur und drückte die Klinke herunter.
„Ich wusste es…so ist das. Jetzt weiß ich was dir an ihm fehlt.“, meinte er frei und drückte die Tür zu. Sie sah überrascht zu ihm auf.
„Was soll das? Und was soll angeblich fehlen?“
„Er ist ein Softi und du...du stehst auf Bad-Boys. Du liebst es aufregend. Ohne Action in deinem Leben kannst du nicht sein. Du magst Typen, die klar und deutlich sagen was sie wollen. Du magst es nicht, wenn man drumherum redet oder dir was vormacht.“
„Gar nichts weißt du! Geh mir aus dem Weg, sonst lernst du mich kennen!“, brummte sie ihn zornig an. Sie sah ihm direkt in die schwarzen Augen und ihr Herz schlug bis zum Anschlag. Sein Jackett und ihre Bluse berührten sich bereits und er konnte ihren starken Herzschlag deutlich hören. Ihr Puls stieg enorm an. ‚Was bildet sich dieser Kerl überhaupt ein?‘
‚Wahnsinn. Diese Augen, dieser Blick…und diese…Lippen. Sie riecht so anziehend…ihre schönen Haare durften…nach Kamille und Orange?‘
„Das will ich doch, dich kennenlernen. Ich will noch immer ein Date mit dir, das Angebot steht noch, kleines Mädchen.“, haute er dann raus und lächelte sie plötzlich freundlich an, als würde er freundlich gefragt haben.
„Niemals. Und ICH BIN KEIN KLEINES MÄDCHEN! Kapiert!?“ Er grinste plötzlich und atmete tief durch. Dann flüsterte er ihr etwas hauchend ins Ohr.
„Ich weiß, du bist auf dem Papier zwar erst 16, aber im Kopf…bist du deutlich reifer.“ Sie spürte wie er ihr näher kam und sie knurrte.
„Du weißt schon, dass hier Kameras im Flur sind? Geh jetzt weg!“
„Ist mir egal…ich mag es auch aufregend. Gut, lassen wir das Daten aus, wenn dir das lieber ist.“ Plötzlich griff er nach ihrem rechten Handgelenk. Die Banane fiel zu Boden. Er zog sie etwas von der Tür weg, drehte sie zu sich rum und drückte sie dann mit seinem Körper gegen die Tür. Seine linke Hand hielt ihre fest neben ihrem Kopf an die Tür. Seine Finger waren zwischen ihren und er starrte sie lächelnd an. Tina wusste in diesem Moment nicht was sie sagen oder tun sollte. Es tat an sich nicht weh, aber unwohl war ihr trotzdem dabei. Mit dieser Art angefasst oder so überrumpelt zu werden, konnte sie nichts anfangen. Jetzt drängte sie dieser über einen Kopf größere Japaner einfach an die Tür und kam ihr so nahe, dass sie sein Atem spüren, seinen starken Herzschlag hören und sein Aftershave riechen konnte. Sein Blick irritierte sie so sehr, dass sie sich nicht einmal zu wehren wagte.
‚Ich habe gedacht sie wehrt sich. Ich habe also Recht. Ängstlich sieht ihr Blick nicht aus, eher überrascht und fragend.‘ Kurz darauf lässt er etwas Druck an ihrer Hand nach, so dass sie sich, wenn sie wolle, befreien könnte, berührte mit der rechten Hand leicht und sanft ihren Arm, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie.
Genau in diesem Moment kam jemand die Treppe herauf und blickte irritiert durch den Flur. Es war Tangaroa, dessen Herz plötzlich schneller schlug, als er sah wie sich die beiden küssten und sich so nah waren. In seinen Augen sah es so aus. Er wollte doch nur wissen wie es ihr ging, jetzt wo sie sich gegen den Posten entschieden hatte.
‚Bettina…was…was hat das zu bedeuten?‘ Es waren nur wenige Sekunden und schon ging er sofort wieder die Treppe herunter und verschwand mit schmerzendem Herzen in einem kleinen Raum wo er alleine sein konnte. Er schloss die Tür und lehnte sich an die Wand. Schwer atmend legte er seine Hände an die Brust und sah zur Decke hinauf. Sein Puls raste vor Eifersucht und Unverständlichkeit.
‚Ich verstehe es nicht. Was hat das zu bedeuten? Ich…ich dachte wirklich, dass du anders bist…aber…dass du ehrlich bist. Warum? Und wieso Itachi? Warum warst du gestern nicht da, Bettina? Was war denn los?‘ Dann sah er hinunter auf seine Hände. Vor ihm spielte sich die Rettungsaktion ab und er sah sie vor sich, wie sie so zart und weich in seinen Armen lag. Er hatte ihr doch sogar noch gestanden, dass er der Retter war, damit sie weiß wer sie berührt hatte. So müsse sie sich keine Gedanken machen wer der Fremde war und sie so intim berührt hatte. Und nun küsst sie sich mit einem Anderen und dann ausgerechnet mit Itachi? Warum denn nur? Sie sagte doch, sie habe keine Zeit und es sei zu früh für einen neuen Freund. Verzweifelt schlug er gegen die Wand hinter sich.
‚Bettina? Was…was habe ich denn falsch gemacht? Du bist doch in meiner Gegenwart sogar verlegen geworden und hast mich so besonders angesehen und dann küsst du IHN? Ausgerechnet diesen arroganten Blödmann!‘ Er schloss die Augen und vor ihm spielte sich das grauenvolle Bild ab. Es war so kurz und nur die paar Sekunden konnte er es schon nicht ertragen.
Seitdem sind etwa zehn Minuten vergangen und es klopfte an der Tür des Schularztes. Eine Stimme ertönte und Itachi betrag das Behandlungszimmer. „Herrje. Was haben Sie denn angestellt? Wie sieht der Andere aus?“, kam der Arzt sofort auf ihn zu, schob ihn beiseite und sah in den Flur.
„Hä? Wo ist das Gegenstück?“
„Ein Missverständnis. Ich bin allein.“, sprach er leise und grinste etwas frech. Die Tür wurde geschlossen. Der Arzt forderte ihn auf, sich auf den Stuhl zu setzen und er wusch sich zuerst die Hände, dann holte er etwas zum Reinigen des Gesichts und öffnete den Kühlschrank und holte ein Kühl-Pat heraus und drückte es ihm in die Hand.
„Aufs Auge damit.“, meinte er streng. Er kannte Itachis Art. Normalerweise kam die Gegenseite zu ihm, sagte nichts und ging wieder. Er griff seine Hände, um nach Schmauchspuren zu suchen.
„Keine Prügelei? Ich dachte jetzt jemand hat sich endlich mal gewehrt.“, meinte er und begann seine aufgeplatzte Wunde im Gesicht zu reinigen. Er schloss die Augen und grinste verliebt vor sich hin.
„Das…war auch irgendwie so. Aber…das war es wert.“
„Verstehe ich nicht. Sie wollten wieder jemanden verprügeln und er war schneller, oder wie soll ich das verstehen? Was kann daran ein Missverständnis sein?“ ‚Wieso war es das wert? Dieser Junge ist manchmal wirklich nicht zu verstehen.‘
Itachi träumte während der Behandlung etwas vor sich hin und vor ihm spielte sich die Situation erneut ab.
Kaum berührten sich ihre Lippen und er spürte ihre zarte feuchte Haut, so wie ihre Hand in seiner, schlug sein Herz außergewöhnlich schnell. Noch nie hatte er etwas so Intensives gefühlt. Er hatte doch schon ein paar Freundinnen gehabt, auch wenn er mit Sayaka dieses Spielchen an der Schule abzog. Diese Mädchen und später junge Frauen, waren teils älter als er. Aber diesmal, diesmal war es als Provokation gedacht und plötzlich sah er in ihre schönen Augen, ließ sich von ihrem Duft betäuben und konnte bei der sinnlichen Berührung gar nicht wieder aufhören. Er riskierte eine Ohrfeige, denn er konnte gar nicht anders, als sie zu berühren. Bis er plötzlich einen dumpfen Schlag an die rechte Schläfe bekam, von ihr ließ, sie überrascht ansah, ihre rechte Hand sich von seiner löste und einen unglaublich festen Schlag ins Gesicht verspürte, weil ihre rechte Faust ausholte. Am schlimmsten war der darauffolgende Knie-Tritt in seine weiche Mitte. Er sah alles schwarz, konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und sank zu Boden. Seine Hände hielten seine Weichteile vor unbeschreiblichen Schmerzen und er sah völlig verdattert zu ihr auf. Aus seinem Blickwinkel wirkte Tina plötzlich viel größer und sie stand vor ihm und warf ihm einen zornigen Blick zu. Ihre Hand war auf ihn gerichtet und ihr Zeigefinger zeigte auf sein Gesicht.
„Wage es nie wieder mich anzufassen! Ist das klar!? Was bildest du dir überhaupt ein? Nur damit du es weißt, du glaubst ein Mann zu sein? Du glaubst über anderen zu stehen? Du bist noch lange kein echter Mann! Ich kenne Jungs, die jünger sind als ich und sie sind jetzt schon mehr Mann als du!“ Sie holte tief Luft und legte ihre Hand in die Taille.
„Und weißt du warum?“ Er konnte darauf durch die Schmerzen nicht antworten. „Weil sie bereits jetzt genau wissen was sie wollen und wofür sie einstehen. Ihr ganzes Handeln und Streben hat ein festes Ziel und sie wissen genau wofür sie stehen und einstehen. Das, Itachi, das macht einen echten Mann aus. Nicht seine Noten oder sein Gutes Aussehen oder sein sozialer Stand. Es ist einzig und alleine ein ehrliches Herz und den Mut zudem zu stehen was man für richtig hält. Und das hast du nicht! Also rede niemals wieder schlecht über Andere denen du nicht annähernd gewachsen bist.“ Sie drehte sich um und öffnete die Tür.
„Und noch was. Ich meine immer was ich sage. Wenn ich sage, man soll gehen, dann meine ich das auch so. Bei mir gibt es keine Zweideutigkeiten.
Und du küsst wie ein Anfänger!
Nähere dich mir nie wieder unter zwei Meter, hast du verstanden?“ Die anderen Worte verstand er kaum noch, weil ihm sein Schmerz einfach zu sehr beschäftigte. Sie bückte sich kurz, hob die Banane auf, griff nach ihrer Tasche und verschwand im Klassenzimmer. Er hockte mit zusammengekniffenen Augen da und starrte an die Tür vor sich.
‚Tina…du hast ja so Recht. Zu dem stehen was man wirklich will. Wenn du wüsstest…das tue ich doch.‘ Dann öffnete er seine Augen und er versuchte sich endlich aufzurichten. Der Schmerz ließ langsam nach und ewig rumhocken konnte er ja auch nicht. Er berührte seine Schläfe und sah in seine Hand. Sie war mit Blut verschmiert.
„Verdammt. Was war das denn?“ Er sah sich um und entdeckte den zerdrückten Apfel, bemerkte den Fruchtsaft auf seinem Anzug und neben ihm einen kleinen Zettel.
‚Der Apfel? Und was ist das?‘ Er hob den Zettel auf und las nur ein Datum. „Gewinner 1996“, stand darauf. Dann drehte er es um und sah auf das Foto vor dem Eiffelturm.
‚Was hat das zu bedeuten? Wer sind diese Jungs? Und Tina, du bist mittendrin? In Paris?‘ Er richtete sich auf und klopfte an die Tür.
„Geh weg.“, kam als Antwort. Sie stand eindeutig hinter der Tür.
„Du…hast…was verloren.“, stotterte er sich unter Schmerzen zurecht.
„Ausrede. Den Apfel kannst du behalten.“, fauchte sie. Itachi ging an die Fensterfront und hielt das Foto dran, damit sie es sehen konnte.
„Sind das die „Männer“ von denen du geredet hast?“ Sie kam ans Fenster und sah ihn entsetzt an. Jetzt konnte er einen ganz anderen Blick in ihren klaren Augen sehen. Ihr Blick war dann genau aufs Bild gerichtet.
‚Tina…was ist das für ein Blick? Das sieht ängstlich aus. Warum? Wer sind die Jungs?‘
„Sind sie das? Diese Kinder sind mehr Mann als ich?“ Ihr Blick wurde plötzlich zornig.
„Gib es unter der Tür durch, sofort!“, forderte sie plötzlich. Doch dann grinste er sie an.
„Oha, ist dir das so wichtig? Sind das deine Freunde? Wer von ihnen war es? Tina? Wer von den Jungs kann angeblich so gut küssen?“ Plötzlich stürmte sie aus der Tür und stellte sich vor ihn.
„Gibs mir wieder. Bitte.“, sprach sie leise, aber deutlich und ernst.
‚Sie bittet mich darum? Das Foto muss ihr aber sehr wichtig sein.‘, war er erstaunt.
„Du bittest mich darum? Ist dir das Foto so wichtig?“
„Ja, ist es. Es sind…meine Freunde. Mach da jetzt kein Drama draus und gib es mir einfach.“, sah sie ihn nun bittend an. Das verwunderte ihn sehr. Er reichte es ihr und sie griff vorsichtig zu. Dann hielt er es plötzlich hoch und Tina legte ihre Hände an die Taille.
„Letzte Chance. Gib es mir bitte und wir sind quitt.“
‚So ist das. Du kannst nicht ohne gehen. Na dann. Jetzt bin ich am Hebel.‘
„Hol es dir doch. Spring einfach.“
„Schöne Grüße von Sasuke und Mila.“, grinste Tina plötzlich. Er nahm völlig überrascht den Arm runter und hielt das Foto noch fest.
„Woher? Was weißt du?“ Sein Puls stieg plötzlich an. Woher kannte sie diese Namen? Die beiden waren schon von der Schule gegangen bevor sie herkam.
„Die Frage ist eher, woher wusstest du, dass Makoto meine Spange hatte?“ Er gab ihr das Foto.
„Und? Was weißt du?“
„Genug um dich zu warnen. Solltest du jemals jemanden von diesem Foto nur annähernd erzählen, dann landet die Liste eurer Wohngruppe an der Pinnwand. Hast du verstanden?“
„Du…du erpresst mich?“
„Nein, ich warne dich nur. Das ist normalerweise nicht meine Art und ich wollte das nicht, aber du zwingst mich dazu, tut mir leid. Wir halten beide die Klappe und wir haben in Zukunft beide unsere Ruhe. Und wehe du sprichst mich jemals wieder an.“
„Du bist trotzdem eine Erpresserin.“
„Für manche Freunde lohnt es durchs Feuer zu gehen, das solltest du doch verstehen, oder?“
„Durchs Feuer gehen? Dann hätte ich dich jetzt noch mal küssen können? Und ich hätte dir das Foto dann gegeben?“ Sie sah ihn brummig an.
„Durchs Feuer gehen, heißt nicht seinen Stolz zu verlieren. Du kapierst echt gar nichts.“ Er lachte plötzlich los und ging an ihr vorbei.
„Ich kapiere mehr als du denkst, blonde Füchsin.“ Diesmal ließ sie es unkommentiert und er drehte sich nochmal kurz um und grinste.
„Du solltest den Posten des Schülerrats ruhig annehmen. Du kannst es nicht wissen, aber…die Namen auf den beiden Listen…das sind alles neue Vorschläge. Die Leute werden mutiger und Du…du bist der Grund dafür.“
„Ich…ich habe trotzdem keine Zeit dafür. Ich war auch noch nie Klassensprecher oder Schülerrat.“
„Das wundert mich…du bist dafür geboren…blondes Mädchen. Werde Schülersprecherin und halte das Gleichgewicht aufrecht.“ Somit verließ er den Flur und ging um die Ecke in den anderen Flügel des Schulgebäudes.
„Hallo, träumen Sie, oder wollen Sie mir nicht erzählen was passiert ist?“ Der Neunzehnjährige blickte den Arzt an.
„Wie bitte?“ Er war so sehr in seinen Gedanken vertieft, dass er die Frage des Arztes nicht hörte.
„Ich fragte wer das war? Wer hat Ihnen das blaue Auge verpasst und was soll das für ein Missverständnis gewesen sein?“
„Ach…naja…ist egal. Es war verdient. Ich habe nur mit weniger Widerstand gerechnet. Ich dachte eher an eine Ohrfeige. Aber ein Schlag mit der Faust…eher weniger.“
„Eine Ohrfeige? Reden wir etwa von einem Mädchen?“, stutzte dieser und öffnete die Packung mit den Pflastern. Kurz darauf klebte er ihm ein großes Pflaster ins Gesicht. Der junge Mann vor ihm nickte grinsend.
„Das sollte nach einem Tag wieder okay sein, ist nur eine kleine offene Stelle.
Ein Mädchen?“
„Ja. Ich habe mit meiner Provokation eindeutig übertrieben. Das habe ich nun davon.“
„In der Regel flicke ich hier ein paar Jungs zusammen, aber Mädchen? Sie sind sich auch für nichts zu schade, was?“ Er erntete einen bösen Blick.
„Ich schlag doch keine Mädchen, hallo? Und wer sagt denn, dass die anderen meinetwegen hier landen? Sie übertreiben. Wann war das denn das letzte Mal? Vor drei Monaten?“ Erzürnt stand er hastig auf und kniff plötzlich die Augen zu.
„Was ist jetzt? Tut noch was weh?“, bemerkte es der Arzt.
„Verdammt, war wohl doch mehr als vermutet.“, äußerte Itachi.
„Was ist mehr als gedacht. Reden Sie. Was tut noch weh?“
„Sagen wir mal…Madam weiß wie man Männer loswird.“, grummelte er und deutete mit der Hand dezent auf seinen Hosenstall.
„Ich sollte mich dann wohl doch etwas hinlegen.“ Itachi ging in den Ruheraum und legte sich auf einer der Liegen.
„Sagen Sie meinem Lehrer Bescheid, dass ich eine halbe Stunde später komme. Ich hoffe das reicht als Ruhezeit.“, sprach er von sich überzeugt und holte sein Handy liegend aus der Tasche und spielte Snake, um abzuschalten und nachzudenken. Der Arzt ging ans Telefon und rief im Lehrerzimmer an, damit die Information an den Fachlehrer weitergegeben werden konnte.
„Soll ich es mir nicht lieber ansehen, wenn es dann doch noch wehtut? Wer war das Mädchen denn? Sie hat Sie ja regelrecht verprügelt…dazu gehört schon viel Mut und Kraft.“, stellte er sich in die Tür und sprach skeptisch.
„Es geht schon. Ich habe es schon kontrolliert. Raten Sie doch mal. Wem trauen Sie es denn zu?“
„Wenn Sie mich so fragen, der Neuen. Diese Bettina Fuchs hat es ziemlich drauf und ich habe Ihre Auseinandersetzungen gesehen. Zwar das mit den Mädchen nur auf dem Film, aber Sie waren dann ja selbst alle hier bei mir. Die Tanzaktion am Dienstag war auch toll. Ich mag sie. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie sich niemals unterbuttern lassen würde. Schon gar nicht von Ihnen.“, grinste er überzeugt.
„Wow, ich sagte ja. Sie erraten es auch ohne mich.“
„Jetzt sagen Sie mir aber mal was Sie gemacht haben, dass sie derart reagiert? Bisher machte sie mir nicht den Eindruck, dass sie Gewalt als Lösung sieht, dafür geht sie viel zu klug vor.“
„Ich habe ja gesagt, ich habe übertrieben. Ich wollte sie nur etwas aus der Reserve locken und dann…naja…ich…hatte plötzlich den Drang sie zu küssen.“, haute er einfach raus und spielte weiter sein Spiel auf dem Handy.
„Wie bitte? Was haben Sie?“, war der Arzt entsetzt.
„Ich weiß auch nicht. Das ist gar nicht meine Art, aber…ich sah in ihre Augen und dann dieser Geruch…keine Ahnung was da plötzlich war. Mein Herz schlägt jetzt noch wie wild, nur bei dem Gedanken daran. Ich habe wirklich nur mit einer Ohrfeige gerechnet, dass sie gleich so derart austickt, meine Herren. Dieses Temperament und dann ist sie so hübsch.“, schwärmte er dann weiter.
„Sie haben Frau Fuchs einfach geküsst? Sind Sie verrückt? Sie wissen, dass ich sowas melden muss, oder? Das könnte Ihnen eine Suspendierung einbringen und im schlimmsten Falle eine Anzeige und ein Eintrag in die Jugendakte.“
„Ich weiß, das war es trotzdem wert.“, stöhnte er aus.
‚Dieses Mädchen…sie ist deutlich klüger als ich. Nur sie ist in der Lage die Ordnung in der Schule wieder herzustellen. Unsere Art…war nicht die Richtige.‘
„Sie sind echt nicht normal. Sie riskieren für einen Überschuss der Hormone eine Suspendierung im letzten Schuljahr? Sie wissen, dass das in den Einstellungstests und für die Uni blöd aussieht. Sie wollten doch auch Medizin studieren. Glauben sie wirklich jemand will solche Leute in seiner Klinik arbeiten lassen? So eine sexuelle Belästigung und ein Bedrängen kann sehr ernste Konsequenzen haben, auch wenn Sie noch minderjährig sind.“
„Das ist mir bewusst. Ich habe es nicht eilig mit dem Studium, dann kann ich eben nur Sanitäter in irgendeinem Kleinkaff werden, ist dann so. An die Todai kann ich doch sowieso nicht, also ist die Uni am Ende unwichtig. Dieses ganze System kotzt mich sowieso an. Obwohl ich hier die besten Noten an der Schule habe und schon nebenbei Sanitäter lerne, das interessiert diese hochnäsigen Snobs sowieso nicht. Hauptsache ihre Schützlinge kommen aus den teuersten Schulen und Unis. Wenn da mal einer den Job einfach machen will, weil er es will, das zählt nicht, nur stupides Fachwissen und Hauptsache man funktioniert wie ein Roboter.“
„Wie meinen Sie das? Die Todai nimmt jeden, solange man die Tests besteht. Da wird kein Klassenunterschied gemacht. Ich komme auch aus einem sozialschwachen Haushalt.“
„Ja, aber Sie waren Sportler und sind an der Toho gewesen. Mit diesem Stipendium kommt man weiter als normale Leute. Der Abschluss dort wird höher gewertet als meiner, obwohl die Noten dieselben sind.“
„Mag sein, trotzdem musste ich denselben Test machen wie alle anderen.“
„Aber Sie mussten keine Studiengebühren zahlen, weil Sie für die Uni gespielt haben. Das glich sich aus. Den Rest zahlte die Schule.“
„Nun, das stimmt schon, aber Sie haben doch viel Talent für den Job, Ihnen fehlt nur der passende Charakter.“
„Meinen Sie? Wieso sind Sie Arzt geworden?“ Er nahm sein Handy runter und sah dann zum Doktor.
„Hm, meine ganze Familie war immer irgendwas mit Medizin. Pfleger oder Sanitäter, auch Ärzte. Ich fand das als Kind schon interessant und durch den Sport…passte das perfekt. Das Gehalt lässt sich auch nicht lumpen.“
„Familie? Verstehe…“
„Was verstehen Sie? Warum wollen Sie denn Medizin studieren?“
„Was glauben Sie denn?“
„Als Arzt kommt man überall gut an. Das Gehalt stimmt und gesucht werden sie mindestens auf dem Land immer.“ Itachi erhob sich und sah ihn ernst an.
„Sehen Sie, das interessiert mich gar nicht. Das Geld ist mir egal und in eine Praxis oder Klinik will ich auch nicht wirklich, wenn, dann nur eine mobile.“ „Eine mobile Praxis? Wie meinen Sie das?“
„Kennen Sie dieses „Ärzte ohne Grenzen“? Sowas in der Art will ich machen. In Europa und Amerika gibt es interessante Projekte. Ich will für die Leute hier in Tokio da sein, die nicht zum Arzt gehen können, weil ihnen das Geld fehlt, auch Obdachlose und Straßenkinder. Solche Patienten will ich haben. Da fragt niemand nach meinem Sozialstand oder nach meiner Schule oder wo ich studiert habe oder ob ich auf dem Papier nur Sanitäter bin, auch nicht nach meinem Charakter. Die Leute sind einem wenigstens dankbar und jammern nicht rum, weil mal ein Fleck auf dem Kopfkissen ist. Ich will nur an die Unis, um so viel wie möglich über das Fach zu lernen, damit ich eine Hilfe bin.
Geld verdiene ich damit nicht, aber ich finde Wege, um über die Runden zu kommen oder Spenden dafür zu sammeln.“ Der Mediziner sah ihn verwundert an.
„Und wovon wollen Sie dann leben?“ Er zuckte mit der Schuler.
„Das werde ich sehen. Das kommt darauf an wie weit ich wirklich komme. Deswegen, als Sanitäter kann ich arbeiten, studieren und um mich selbst kümmern und nach der Arbeit kann ich für die anderen da sein. So der Plan, wenn es kein Studium wird oder ich es nicht beenden sollte.“ Er stand auf und sah in den Spiegel.
„Jetzt sehe ich erstmal weiter. Melden Sie mich bitte beim Direktor an. Ich werde gleich zu ihm gehen, Sie müssen ihm kein Bericht erstatten, das mache ich selbst. Es ist doch eh alles auf der Kamera, da es im Flur passierte.“, sprach er selbstsicher und verließ dann den Ruheraum.
„Halt, Sie haben da was vergessen.“
„Habe ich das?“
„Wir kommen da leider nicht drum rum. Ich muss ALLE Verletzungen in Ihrer Akte vermerken, auch wenn es jetzt nicht mehr so weh tun sollte.“
„Echt?“
„Ja, tut mir leid. Es bekommt an sich ja niemand zu sehen, außer die Polizei steht plötzlich auf meiner Türschwelle. Wenn Sie angezeigt werden und ich keine richtige Untersuchung gemacht habe, komme ich in Teufels Küche.“ Nach einer kurzen Untersuchung stand Itachi wieder vor der Tür und wollte den Raum verlassen.
„Eine Frage müssen Sie mir mal beantworten.“
„Welche?“
„Wenn Sie den Leuten helfen wollen, wie Sie sagen, warum verprügeln Sie dann hier andere Schüler?“ Itachi sah ihn sehr ernst an.
„Das tue ich gar nicht. Das sieht nur so aus.“
„Wie meinen Sie das?“
„Die Ordnung unter uns Schülern ist kompliziert. Wir drei, wir gehen dazwischen, wenn jemand verprügelt wird und verdrängen so sie anderen. Wenn wir jemanden Eine reinhauen, dann um sie vor denen zu beschützen, die nicht wissen wann Schluss ist. Denn wen wir anfassen, den fassen die anderen nicht mehr an. Also haben die ihre Ruhe und uns und die Mädchen rührt keiner an.“
„Klingt unlogisch. Wer verprügelt denn die Jungs, wenn Sie es nicht sind?“
„Tja…diese Aufgabe, das herauszufinden, wird hoffentlich bald jemand anderes lösen müssen. Denn was auch immer der Direktor jetzt über mich entscheidet, das entscheidet über meinen weiteren Weg.“ Somit verließ er die Krankenstation und ging gleich ein paar Türen weiter und klopfte an der Tür des Direktors an.
Wer ist Itachi Okawa?
Kapitel 167
Wer ist Itachi Okawa?
„Herein.“, rief die Sekretärin.
„Guten Tag Frau Zen, ist der Direktor zu sprechen?“
„Was um alles in der Welt hast du angestellt, Junge?“, kam die kleine zierliche Frau mit großen Augen aufgeregt zu ihm und sah zu ihm auf. Sie wollte ihm führsorglich ans Pflaster fassen. Ihr Herz schlug enorm.
„Ich habe da etwas übertrieben…diesmal schmeißt er mich sicher raus.“, grinste er verlegen und fasste sich an den Kopf.
„Übertrieben? Womit denn? Wer hat dir das angetan?“
„Unsere kleine blonde Füchsin, was für eine Frau.“, haute er einfach frei raus und lachte.
„Willst du mich veralbern? Die schlägt doch niemanden und schon gar nicht so einen großen Kerl wie dich. Warum sollte sie das denn? Was hast du gemacht?“ Sie wich von ihm und war überrascht.
„Ist er nun da und hat Zeit, oder nicht?“
„Moment, ich klopfe mal. Er hat gerade Besuch.“
„Was gibt es so Wichtiges, Frau Zen?“
„Entschuldigen Sie, am besten Sie sehen selbst.“ Sie öffnete die Tür so, dass der Besuch nichts sehen konnte. Der Direktor jedoch machte große Augen.
„Was um alles in der Welt? Wie sehen Sie denn aus?“
„Direktor. Darüber müssen wir sofort reden, deswegen bin ich da.“, sprach er freundlich und ernst.
„Kommen Sie ruhig rein. Nun gut, dann muss ich meinen Besuch mal kurz vertrösten. Schüler gehen leider vor. Vor allem, wenn sie so aussehen wie Sie.“ ‚Was ist da nur passiert? Er lässt sich doch sonst nicht schlagen. Nicht dass plötzlich die alten Probleme wieder von vorne beginnen.‘, ging durch den Kopf des Direktors. Der Besuch stand auf, war in Itachis Augenhöhe und sah ihn überrascht an.
„Oha, ich hoffe doch der Andere sieht schlimmer aus.“, grinste dieser. Itachi sah ihm skeptisch in die Augen.
„Der Andere?“
„Das sieht nach einer Prügelei aus.“
„War es aber nicht.“
„Ach? Keine Prügelei? Und wieso riechen Sie wie ein Obstsalat mit Essig?“, rümpfte er die Nase.
„Hallo? Was kann ich dafür, wenn diese billigen Fasern aus etwas Apfelmus gleich Essig machen? Es kann ja nicht jeder so einen feinen Smoking tragen wie Sie oder die Kids auf den Eliteschulen.“, kam etwas pampig zurück.
„Itachi, also wirklich. Benimm dich! Entschuldige dich sofort.“, brummte Frau Zen.
„Wozu? Ich fliege sowieso, also ist es jetzt auch egal.“ Der Besucher grinste.
„Sie sind ganz nach meinem Geschmack. Sie haben Ahnung von Mode und sagen offen Ihre Meinung.“
„Ne…ich habe in Chemie aufgepasst und kann Etiketten lesen. Wer sind Sie überhaupt?“
„Gut, Sie zuerst.“
„Itachi Okawa. Letztes Oberschuljahr.“
„Oh, Sie stehen auf der Liste der Besten ganz oben. Also sind Sie hier der Klügste in der Schule. Solche Leute kann es gar nicht genug geben.
Mein Name ist Ryuzaki Seo von der Firma Seo Company.“
„Oha, doch nicht etwa dieser Textilguru mit den Nobelmarken?“ Seo grinste. „Genau der bin ich. Und Sie fliegen jetzt? Warum, wegen einer kleinen Keilerei?“
„Ich sagte doch, das war keine Keilerei. Sieht das so schlimm aus?“
„Das sieht nach Schmerzen aus.“, grinste der Textilprofi.
„Das ist nichts im Vergleich zu dem, was wirklich weh tut.“, grinste Itachi.
„Was ist denn nun passiert, wenn es keine Prügelei war?“, fragte der Direktor. „Hm, naja. Wenn Sie es genau wissen wollen…“, begann er leise und ging zu ihm an den Schreibtisch. Er fasste sich an den Kopf und sah den Direktor pikiert an. „…mir…sind da irgendwie…die Hormone durchgegangen?“ Vor Verwunderung setzte sich der Direktor wieder in seinen Stuhl.
„Hä? Ihre Hormone?“ Er sah zu Frau Zen.
„Bitte bieten Sie meinem Tagesgast ein Mittagsmenü an. Das könnte dauern.“ „Tut mir leid, Herr Seo, das kann leider nicht warten.“ Dieser nickte nur schmunzelnd und folgte Frau Zen zum Wartebereich. Sie ließ ihn sich in den Sessel setzten und zeigte ihm eine Art Speisekarte.
„Wenn Sie etwas essen möchten, bitte suchen Sie sich etwas raus, ich lasse es dann aus der Schulküche kommen. Kann ich noch Tee oder einen zweiten Kaffee bringen?“
„Gerne. Hm, ich nehme gleich das hier, den Salat mit den Hähnchenstreifen und der Joghurtsoße. Das reicht mir schon.“
„Bist du verrückt?!“, kam ein lauter Aufschrei aus dem Büro nebenan. Draußen wurde überrascht zur Tür geschaut.
„Wow, was hat der Junge denn jetzt wirklich angestellt? Klingt ja gar nicht gut. Er rechnet scheinbar mit einer Suspendierung?“, sprach er neugierig, in der Hoffnung die nette Frau ihm gegenüber verrät etwas.
„Das darf ich Ihnen nicht sagen. Sie verstehen.“ Sie rief in der Kantine an und bestellte das Mittagessen für den Ehrengast.
„Kann ich Ihnen eine Zeitung bringen?“ Er sah sich neugierig im Raum um und entdeckte ein Buch auf dem Tisch der Frau.
„Interessanter Titel. Ich kenne die Autorin, sie ist gut informiert. Warum lesen Sie es in Englisch?“
„Oh, das ist nur von einer Schülerin ausgeliehen. Sie hat heute Morgen der Mittelschule einen Besuch abgestattet und mit einer Klasse einen der Tests spontan durchgeführt. Da hat der Direktor nach dem Buch gefragt und sie hat es uns ausgeliehen. Ich schmökere ein wenig darin. Es ist wirklich interessant.“
„Das ist es. Eine Schülerin? Und warum liest sie das nicht einfach im Original?“ „Naja, sie lernt unsere schwere Sprache noch. Deswegen hat sie es auf Englisch.“
„Sie lernt noch Japanisch?“ Sie nickte und sah ganz begeistert auf das Buch und reichte es ihm stolz.
„Sie ist erst seit dem Sommer hier bei uns und spricht aber schon viele Sprachen und interessiert sich für sowas. Sie sagte, ein Freund hatte es ihr mal geschenkt, damit sie etwas über Japan lernt.“ Er blätterte etwas darin rum und sah dann an den Buchanfang und sah ein paar handschriftliche Worte. Es war leider in Deutsch geschrieben.
„Liebe Tina. Ich hoffe es hilft dir für dein Psycho-Studium. Dein Duweißtschonwer“
„Okay. Ist das Deutsch?“
„Ja, genau. Sie haben es erkannt?“
„Erkannt, ja. Das eine Wort hier vorne heißt „Liebe“. Das kennt man ja in vielen Sprachen.“, grinste er. Sie sah plötzlich etwas verlegen zu ihm auf.
„Äh, ja, stimmt.“
„Und das hier „Psych“ soll das Psychologie heißen? Möchte dieses Mädchen es eventuell studieren? Das würde doch zum Buch passen.“
„Oh, ja, das wollte sie damals. Also in Deutschland. Ich habe sie gefragt und da sagte sie, sie wollte in Richtung Sport und Kinder gehen.“
„Und jetzt nicht mehr?“
„Hm, keine Ahnung. Wenn ich das richtig verstanden habe will sie erstmal unsere Sprache lernen und dann schauen ob sie hier studieren kann. Sie muss ja jetzt erst einmal die Schule schaffen. Sie ist übrigens im Volleyballteam, Sie sind doch deswegen hier, oder?“
„Stimmt. Das war der Grund herzukommen.“ Plötzlich klingelte ihr Telefon und sie eilte zum Tisch zurück.
„Bitte?“
„Bestellen Sie mir Frau Fuchs her. Sie soll sofort zu mir kommen. Sagen Sie jedoch keinen Grund.“ Sie sah auf den Stundenplan der Klasse.
„Aber…sie hat jetzt Japanisch, kann das wirklich nicht warten?“
„Nein.“ Er legte brummig auf.
‚Oha, das klingt gar nicht gut.‘ Sie machte eine Durchsage und stellte diese direkt ins passende Zimmer wo die Klasse derzeit saß.
„Frau Fuchs, bitte kommen Sie umgehend ins Büro des Direktors.“, ertönte ihre zarte Stimme mit einem freundlichen Ton. Tina schreckte auf, als sie die Feder zum Schreiben ansetzte.
„Was jetzt los?“ Sie sah den Lehrer verwundert an.
„Nanu? Haben Sie was angestellt?“ Sie schüttelte den Kopf und zuckte mit der Schulter.
„Ich wüsste von nichts.“ Sie überlegte kurz.
‚Oder ist das jetzt wegen Itachi? Er war sicher beim Arzt und der hat es gemeldet? Habe ich zu doll zugetreten? Oha.‘ Sie wollte aufstehen und genau in dem Moment fiel ihr die Schreibfeder aus der Halterung und rollte auf ihre Bluse und hinunter auf ihren Rock. Sie fing sie dann auf, aber der Schaden war da. Die schwarze Tinte hatte sich bereits auf dem weißen und hellgrauen Stoff verteilt. „Na klasse.“, stöhnte sie leise aus und verdrehte die Augen. Dann legte sie die Feder wieder in die Halterung und verließ den Raum.
„So, was hast du diesmal angestellt? Was meinst du mit Hormonen?“, sprach der Direktor einige Minuten zuvor als die Tür hinter Itachi zuging. Der junge Mann setzte sich auf den Stuhl vor ihm und sah ihn verlegen an.
„Unser letzter Plan ging etwas nach hinten los. Ich glaube…ich Trottel…habe mich in sie verliebt.“
„Wie bitte? Ich verstehe nur Bahnhof. Reden wir hier von Bettina Fuchs?“ Er nickte nur und stützte sich dann auf seinen Händen an seinem Schreibtisch auf. Er starrte auf das Bild hinter dem Direktor.
„Genau. Ich…wollte sie nur etwas provozieren, damit sie sich doch noch für den Schülerrat entscheidet und dann…dann sah ich ihr in diese schönen Augen und dann kam da dieser Duft…ich habe…sie…dann einfach geküsst.“
„Bist du verrückt?!“, stand der Direktor wütend auf und sah zu ihm herab.
„Schreien Sie doch nicht so rum.“, murrte Itachi ihn an. Der Puls des Direktors stieg nur immer weiter an.
„Was haben Sie sich denn dabei gedacht? Und dann kam das dabei raus?“, zeigte er auf sein Gesicht.
„Das auch, ja. Man hat die einen Schlag drauf, echt nicht von schlechten Eltern.“
„Was war denn noch?“
„Ich…habe…ordentlich eins auf die Nüsse gekriegt. Berechtigt…man war mir schwarz vor Augen.“, berichtete er.
„Aua.“, verzog der Ältere das Gesicht.
„Was sagt der Arzt dazu?“
„Alles soweit okay. Ich hatte ja mit einer heftigen Ohrfeige oder sowas gerechnet, aber dass sie mich gleich komplett verdrischt…alle Achtung.“
„Du bist echt doof. Wie geht’s ihr jetzt? Was hat sie danach gesagt? Will sie dich anzeigen? Ihr gutes Recht ist es. Du weißt doch was das bedeutet?“
„Ist mir egal. Das war es wert.“
„Wie jetzt? Was war es wert?“
„Dieser Kuss war es wert.“, schmunzelte er vor sich hin. Der Direktor setzte sich wieder hin und sah ihn nur fassungslos an.
„Verdammter Mist. Du riskierst hier gerade dein Studienplatz, das weißt du genau.“
„Ich sagte doch, ist mir egal. Was machen wir jetzt?“
„Oh man. Ich muss erstmal überlegen. Was hast du dir nur dabei gedacht?“
„Nichts, ich sagte doch, meine Hormone gingen vermutlich mit mir durch, als sie…so vor mir stand und mich angesehen hatte.“
„Wann war das genau und wo?“
„Kann man alles schön auf den Kameras sehen. Genau vor ihrem Klassenzimmer. Vorhin, ich bin gleich zum Arzt und dann hier her. In der Mittagspause. Sie hatte sich aus der Liste gestrichen. Das wusste ich nicht und wollte sie abfangen, um ihr zu gratulieren. Und dann kam eins zum anderen.“
„Dann gibt es eine Aufnahme?“
„Sollte, ja.“
„Okay. Das kann natürlich sein, dass sie sich in der nächsten Pause bei mir meldet.“ Er sah zum Stundenplan der Klassen.
„Sie hat jetzt Japanisch, das mag sie gar nicht, dabei gestört zu werden. Das hat sie ausdrücklich gesagt. Dann weiß sie, dass es dringend ist. Sie soll herkommen und sich dazu äußern. Vielleicht hast du Glück und sie sieht von einer Anzeige ab, immerhin ist ihr Vater Anwalt. Wenn der erst davon erfährt, ich kann ihn schlecht einschätzen. Er ist ein zäher Hund. Ich glaube man kann froh sein, dass er hier nicht als Jurist arbeiten darf.“
„Echt? Ihr Vater ist Anwalt?“
„Ja. Du weißt hoffentlich schon, dass das in Deutschland für dich viel schlimmer ausgehen kann, weil du dort bereits volljährig währst.“
„Kann sein. Jetzt bin ich hier.“
„Klugscheißer.“, knurrte der Ältere und griff zum Telefon.
Es wurde an der Tür geklopft und Tina wurde hereingebeten. Sie sah überrascht in den Empfangsbereich des Büros und entdeckte natürlich sofort den Besuch. „Oh, wow. Guten Tag. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie vorbeikommen, Herr Seo. Und dann gleich Heute?“, kam sie freundlich auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
„Guten Tag Frau Fuchs. So schnell sieht man sich wieder.“
„Frau Zen, haben Sie mich deswegen gerufen? Das hätte doch bis zur Pause warten können. Sie wissen, dass ich in Japanisch ungerne fehle.“, sprach sie freundlich und lächelte sie an.
„Da muss ich Sie leider enttäuschen. Ich bin gerade eher verwundert, dass Sie sich kennen.“ Tina sah sie überrascht an.
„Ich verstehe nicht. Warum wurde ich dann ausgerufen?“
„Am besten Sie klopfen im Büro an und dann sehen Sie selbst.“, sprach sie etwas zurückhaltend.
„Das klingt aber nicht gut.“
„Frau Fuchs, ziehen Sie lieber die Strickjacke aus. Das sieht der Direktor gar nicht gerne. Sie sollten sich schon an die Vorschriften halten.“
„Hm und wenn mir kalt ist? Dann darf ich die auch nicht tragen?“
„Nein, Sie wissen das doch. Und Ihnen ist doch gar nicht kalt. Das glaubt Ihnen der Direktor nicht. Sie laufen bei 4 Grad draußen nur im Jogginganzug rum, hier sind 22 Grad. Sie reden sich raus.“
„Ich würde sagen, auf Grund der Gegebenheiten lasse ich sie lieber an.“, entschied Tina einfach und ging zur Tür des Büros und klopfte.
„Herein.“
„Moment, Ich habe Sie gewarnt. Er hat schlechte Laune.“
„Warum?“, drehte sich Tina zu ihr um.
„Machen Sie einfach. Das ist besser. Er regt sich nur unnötig noch mehr auf.“, kam es streng. Tina rollte mit den Augen, zog die Strickjacke aus und hing sie an die Garderobe. Sie tat es so, dass der Besuch die Flecken auf ihrer Uniform nicht sehen konnte. Dann öffnete sie die Tür und trat hinein.
„Direktor? Sie haben mich gerufen?“, kam sie freundlich in den Raum und sah zu ihm.
„Was haben Sie denn angestellt? Wie sehen Sie denn aus? Wie können Sie so hier erscheinen? Haben Sie nichts zum Drüberziehen da?“, brummte er etwas. Sie rollte erneut mit den Augen, ging rückwährts wieder zurück zur Garderobe, zog die Strickjacke wieder an und schloss die Knöpfe.
„Besser so. Das ging aber schnell. Schließen Sie bitte die Tür.“
„Ich hatte sie ja bereits an und sollte sie ausziehen.“, kam freundlich, aber ernst zurück. Genau in diesem Moment sah sie zur Ecke am Fenster und sah Itachi am Fenster stehen.
„Na toll, sagen Sie jetzt nicht ich musste seinetwegen schon wieder Japanisch unterbrechen. Können wir das nicht später klären?“ Sie schloss die Tür hinter sich.
„Was haben Sie denn dazu zu sagen? Was ist passiert?“ Tina sah zu Itachi, welcher nur starr aus dem Fenster sah und nicht zu ihr blickte.
‚Ich bin gespannt was sie jetzt macht. Wenn sie mich anzeigt, kann ich es verstehen. Ich würde es auch tun, wenn ich sie wäre. Ich bin wirklich blöd. Wie konnte ich in diesem Moment nur meine Beherrschung verlieren? Und sie hatte mich noch gewarnt.‘
„Keine Ahnung, was hat der Arzt denn gesagt?“
„Der Arzt? Herr Okawa hat mir von sich aus alles erzählt. Den Arzt habe ich noch nicht gefragt.“
„Was hat er denn erzählt?“ Itachi drehte sich plötzlich um und sprach sie mit fester Stimme an.
„Na was wohl, die Wahrheit natürlich. Ich habe dich ohne zu fragen geküsst und du hast dich gewährt. Was soll ich sonst erzählt haben?“ Tina war erstaunt, dass er das so frei raus erzählte und dann ohne rot zu werden.
„Bist du da so stolz drauf oder was? Du bist doch nur hergekommen, um mir zuvorzukommen und um deinen eigenen Arsch zu retten. Du befürchtest jetzt, dass ich dich anzeige, oder?“ Sie ging etwas gnatzig auf ihn zu und sah zu ihm auf. Dann fasste sie einfach sein Kinn an und drehte seinen Kopf zur Seite, um beide Seiten zu betrachten.
„Wow, ich habe es ja echt drauf. Sieht schlimm aus. Was sagt der Arzt? Wie gehts deinen Klöten? Kannst du noch pinkeln und Babys machen? Dann ist doch alles gut.“ Sie ließ ihn los und ging wieder zur Tür.
„Sind wir fertig?“
„Äh, Moment...so einfach ist das nicht. Wenn Sie Anzeige erstatten wollen, dann können Sie es natürlich und ich informiere die Polizei und ihre Eltern.“ Tina drückte bereits die Klinke herunter.
„Eine Anzeige? Wir haben doch bereits alles geklärt, oder haben wir das nicht, Itachi?“ Dieser war noch immer total verdutzt über ihren Auftritt und wusste so schnell nicht was er sagen sollte.
„Itachi? Haben wir doch, oder? Zwei Meter Abstand...oder ist dir eine Anzeige lieber?“
„Äh, ja, äh, nein. Stimmt. Zwei Meter Abstand.“, stotterte er plötzlich überrascht und sah zu ihr.
„Frau Fuchs. Das reicht aber nicht.“, brachte sich der Direktor ein. Tina ließ die Türklinke wieder los und sah dann zu ihm.
„Wieso?“
„Weil es eine Aufnahme gibt. Es gibt nun mal Dinge, die ich immer melden muss, auch wenn sich Schüler einigen.“
„Und welche Strafe muss er mindestens bekommen, damit wir fertig sind damit?“
„Eigentlich wäre es eine Suspendierung, da er schon über 18 ist. Im einfachsten Falle würde er nur ein Hausverbot bis zur Prüfungszeit bekommen. Das heißt, er darf das Schulgeländer nicht mehr betreten, außer zu den Prüfungen und auf Einladung der Konsultationslehrer.“
„Klingt doch nach einer angemessenen Strafe. Dann machen Sie das so und gut ist. Muss ich dafür was unterschreiben?“
„Ähm, ja. Moment.“ Er holte ein kleines Formular aus dem Regal und legte es mit einem Kugelschreiber auf den Tisch. Tina ging zu ihm, las es sich durch und unterzeichnete es. Daraufhin mussten es die anderen beiden auch und dann verließ sie endlich den Raum.
„Ich hoffe da steht genau das, was Sie mir gesagt haben? Ich komme mit der Schrift noch nicht klar.“ Der Direktor nickte.
„Natürlich.“ Die Tür schloss sich wieder. Tina stand im Vorzimmer und sah nachdenklich zu Frau Zen.
„Und? Was passiert jetzt? Zeigen Sie ihn an? Was hat er denn genau gemacht?“ „Nein, er hätte nicht herkommen müssen. Wir hatten bereits alles geklärt. Wegen so einem bürokratischen Kram musste ich wertvolle Zeit opfern.“ Tina sah auf die Uhr an der Wand.
„Ich bin dann wieder, ich habe noch 15 Minuten.“ Als sie zur Tür ging klopfte es. Sie öffnete die Tür und eine der Küchenhilfen stand in Kellnerkleidung mit dem Salat vor der Tür.
„Oh, hallo Tina-san. Was machen Sie denn hier?“
„Ich hatte Langeweile. Geben Sie es mir. Ich gebe es weiter. Das haben Sie aber hübsch angerichtet?“, lobte sie. Sie nahm den Teller und den Besteckkorb mit dem Brot an sich und brachte es dann persönlich Herrn Seo. Sie bediente ihn wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte.
„Lassen Sie es sich schmecken. Sehen wir uns heute nochmal?“
‚Oh, ihr war es wichtig mich persönlich zu bedienen? Gestern noch die bösen Blicke und heute so freundlich.‘
„Danke sehr. Ja, ich bin hier, um mir die Schule anzusehen und dann bei Ihrem Training reinzuschauen.
Sie erwähnten die Trikots, dass sie schnell kaputt gehen würden.“
„Das dachte ich mir. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind. Bis später und viel Spaß bei Ihrem Rundgang.“ Das Büro wurde verlassen. Als die Tür des Direktors hinter Tina schloss, sahen sich die beiden Männer total verwundert an.
„Was war das denn? Kannst du mir das erklären?“ Der Direktor setzte sich in den Stuhl und Itachi berührte etwas nachdenklich sein Kinn.
‚Da fasst sie mich einfach an, als wäre ich ein kleines Kind, dass mit einem anderen in der Sandkiste gerangelt hat. Irgendwie wie eine strenge Erzieherin. Und dann wieder diese klaren Augen. Wieso hat sie jetzt auf eine Anzeige verzichtet?‘
„Da hatte ich wohl echt Glück gehabt. Jetzt ging der Plan doch noch auf. Jetzt habe ich genug Zeit in Ruhe zu lernen und mich um Sayaka zu kümmern. Mehr wollte ich doch gar nicht.“
„So ein Ärger, da hatten wir wirklich noch Glück. Wie geht es ihr denn? Wo ist sie jetzt?“
„Organisieren Sie mal inzwischen das Video von unserer Aktion jetzt, dann fallen Sie vom Glauben ab. Ich habe das Gefühl, dass Tina etwas verbirgt. Das muss ihr wichtiger sein als mich anzuzeigen.“
„Ein Geheimnis? Wie meinen Sie das?“ Er griff zum Telefon und rief in der Sicherheitsabteilung an.
‚Nicht, dass ihr bei der ganzen Aktion selbst was rausgerutscht ist. Dann kann ich aber auch nichts dafür.‘
„Sie verheimlicht uns etwas und das macht mich neugierig. Sie heißt nicht nur Fuchs, sie ist auch eine Füchsin. Das hat sie bereits genug bewiesen.“
„Was soll sie denn verheimlichen? Du übertreibst. Am Ende ist sie nur eine Sechzehnjährige, was soll sie schon für Geheimnisse haben? Willst du einen Kaffee haben?“
„Gerne, den kann ich gut gebrauchen.“ Itachi wurde stutzig. Zuerst bittet ihn der Direktor ein Auge auf sie zu werfen und dann tut er so seltsam, wenn er sagt, er habe etwas über sie herausgefunden?
„Sie wissen es?“, haute er einfach raus und tat, als würde er etwas ganz Besonderes herausgefunden haben. Der Direktor zuckte zusammen und griff zum Telefon.
„Frau Zen? Bitte bringen Sie uns zwei Kaffee und es kommt gleich jemand wegen einer Aufnahme. Bitte bringen Sie diese dann zu mir. Wie geht es unserem Ehrengast?“
„Okay. Mache ich. Alles ist in Ordnung. Herrn Seo schmeckt es. Wie lange machen Sie noch?“
„Wir müssen das Video noch auswerten, dann kann Herr Okawa gehen. Gleich zu Ihrer Information, er wird nur noch zu Terminen und zu den Prüfungen das Schulgelände betreten. So unsere Vereinbarung.“
„Oh nein, und…was wird dann aus seinem Studium?“
„Ich regle das. Es gibt doch jetzt hauptsächlich nur die Wiederholungen. Der Stoff muss nur noch sitzen, neues kommt nicht mehr.“
„Okay. Das stimmt, war ja bei mir damals auch so. Am Ende hat man nur noch für die Aufnahmeprüfungen und den Abschluss gelernt. Das sollte für ihn kein Problem sein.“
„Genau. Bis gleich.“ Frau Zen legte ebenso auf und ging zur Kaffeemaschine, um zwei Tassen fertig zu machen.
„Möchten Sie auch noch etwas? Werden Sie auch satt von dem Salat?“
„Natürlich, alles in Ordnung. Sie können die Küche loben. Sind die Schüler davon auch begeistert?“
„Hm, eher weniger. Da bin ich ehrlich. Ihre Speisen müssen streng nach staatlichen Rezepten angefertigt werden, da ist kostenmäßig weniger Spielraum. Für Gäste und Veranstaltungen kann sich der Koch mal etwas ins Zeug legen.“, lächelte sie dann und sah zu ihm.
„Ich verstehe. Was bekommen die Sportler hier in der Schule? Die haben doch einen anderen Energiehaushalt.“
„Die bekommen alle das gleiche. Da machen wir keine Unterschiede.“
„Wirklich? Dann müssen die sich doch etwas zusätzlich mit in die Schule bringen?“
„Ja, das machen die so. Das fällt erstrecht bei den großen und bei unseren kräftigen Rugbyspielern auf.“ Plötzlich musste sie schmunzeln und kicherte leise. Vor ihr spielte sich die niedliche Situation mit der Schüssel ab, als Tina diese anbot und der große Tangaroa sich die Schüssel eroberte.
„Was ist so lustig? Darf ich mitlachen?“, versuchte er sie zum Reden zu bringen.
‚Ein niedliches Lachen hat sie.‘
„Ach nichts. Das ist zu komisch. Mir ist nur etwas niedliches eingefallen.“
In diesem Moment klingelte die Schulglocke und die kurze Pause begann. Es war eine kurze Fünfminuten-Pause. Sie brachte den Kaffee ins Zimmer und sah Itachi dabei fragend an.
„Nun sag, was hast du angestellt?“
„Wir sehen uns gleich die Aufnahme an.“, kam von ihm und er grinste.
„Auf keinen Fall. Das sehen wir uns schön alleine an. Danke Frau Zen.“
Es klingelte erneut für die nächste Unterrichtsstunde.
„Hier ist immer was los, oder?“
„Oh ja. Action jeden Tag. Aber das gefällt mir. Ich mag es nicht langweilig.“
„Wie lange arbeiten Sie jetzt schon hier? Langweilig mag ich es auch nicht, das stimmt.“
„Ich bin jetzt seit drei Jahren hier.“
„Es klang vorhin als hätten Sie studiert. Ich hoffe ich darf da so privat fragen?“, lächelte er sie an.
„Ach, das stört mich nicht. Ja, ich war tatsächlich studieren und habe auch zehn Jahre in meinem Job gearbeitet. Dann kam ich hier her.“
„Und was haben Sie gearbeitet bevor Sie hergekommen sind?“
„Ich war Ärztin und als Notärztin mit den Sanitätern unterwegs. Da war immer Action.“, lächelte sie glücklich und stellte ihm dann einen neuen Tee hin.
„Ärztin? Das ist aber eine große Veränderung.“
„Das stimmt. Was ist mit Ihnen?“
„Ich bin als Kind schon in den Nähereien meines Vaters aufgewachsen und habe neben der Schule ständig an der Nähmaschine gesessen. Ich war totaler Rugby-Fan und habe die Trikots meines Schulteams aus den guten Resten genäht. Das sah zwar nicht so edel aus wie heutzutage, aber die hielten. Dann studierte ich Betriebswirtschaft und Wirtschaftsökonomie, um die Firma zu übernehmen. Eigentlich sollte das mein Bruder machen, aber als er mit meinem Vater zusammen einen schweren Unfall hatte und beide seitdem gepflegt werden müssen, übernahm ich dann die Leitung. Es war immer Vaters Herzblut und so konnte ich jedoch meine neuen Ideen mit einbringen, die Sportbekleidung. Anfangs waren wir nur auf Anzüge und Uniformen und Schulbekleidung spezialisiert. Aber dann kam die Sparte dazu und seit gut zehn Jahren bieten wir für fast alle Sportarten spezielle Kleidung an, die strapazierfähig ist und nicht vom Waschen oder der Sonne an Farben und Form verlieren.“
„Oh, das tut mir sehr leid für Ihre Familie. Ich kenne das, mein Sohn ist auch ein Pflegefall. Er sitzt seit drei Jahren im Rollstuhl und ist fast erblindet. Ohne Pflegekraft kann ich ihn nicht mehr lassen.“
„Sie sind eine starke Frau, das kann man nur bewundern.“ Beide sahen sich nachdenklich in die Augen.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Frau Zen bat herein.
„Guten Tag Frau Zen, wenn ich mich vorstellen darf? Ich bin Herr Oda, vom Fitnessstudio Oda und das ist mein Mitarbeiter Herr Müller.“
„Kommen Sie herein.“
„Wir haben die Information erhalten, dass der zukünftige Fitnessraum der Volleyballerinnen eingerichtet werden kann. Er soll heute freigeräumt worden sein. Da wollten wir gleich alles ausmessen und die Standplätze der Geräte planen.“
„Oh, das trifft sich gut. Ich rufe gleich mal beim Rugbytrainer an, ob sie fertig sind. Einen kleinen Moment bitte.“ Beide Männer begrüßten ebenso auch den Besucher.
„Nehmen Sie gerne Platz.“
„Ist der Direktor zu sprechen?“
„Er ist aktuell in einem wichtigen Gespräch.“ Zen griff zum Telefon und rief den Rugbytrainer an.
„Wir sind eine Weile beschäftigt. Wenn er Zeit hat, kann er gerne vorbeikommen. Herr Müller hat die Unterlagen dabei für die Trainingseinheiten und Ernährungspläne für das Team. Es eilt nicht, aber darüber müssten wir dann noch reden.“
„Sie sind aber schnell. Sie waren doch gestern erst hier.“
„Oh. Wirklich? Ich mache in der Regel gleich fertig was ansteht. So im Motto: Was man heute kann besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen.“, lächelte er.
Martin wird skeptisch
Kapitel 168
Martin wird skeptisch
„Setzen Sie sich doch.“
„Ich stehe gerne. Herr Oda? Setzen Sie sich, der Tag wird noch lang genug.“
„Sagen Sie, Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Seo, sagten Sie?“
„Das kann gut sein. Oda sagt mir auch etwas. Ist das das Fitnessstudio um die Ecke vom 87. Revier am Flughafen?“
„Genau. Dann sind Sie einer der beiden Söhne vom Seo, der die Textilfirma hat?“
„Ja. Der bin ich. Mein Vater war früher gerne und regelmäßig bei Ihnen.“
„Das ist interessant. Warum sehen wir uns dann hier? Kommen Sie mal vorbei. Eine Auszeit vom stressigen Job kann nie schaden. Wie geht es Ihrem Vater und dem Bruder?“
„Naja. Es könnte besser sein. Wie geht es Ihnen?“
„Mir geht's super. Der Laden läuft. Ich strukturiere aktuell einiges um. Die Gebäude nebenan sollen abgerissen werden.
Die letzten Erdbeben haben dem sehr zugesetzt. Bei mir waren die Statiker auch drin, aber ich hatte Glück. Alles noch gut in Schuss.“ Der Blick ging zu Martin. „Und Sie sind ein Fitnesstrainer? Sie lernen unsere Sprache erst? Welche Sprachen sprechen Sie?“
„Ich komme aus Deutschland. Ich spreche neben Englisch noch Russisch.“
„Russisch? Ist das üblich in Deutschland?“
„Nein, nicht mehr. Aber ich habe es neben Englisch damals noch lernen müssen.“ „Okay.“
„Als wir noch geteilt waren, war es auf der russischen Seite so üblich beides zu lernen.“
„Sie haben studiert und arbeiten in einem Fitnessstudio?“
„Klingt komisch für Sie, das kann ich mir vorstellen. Ich habe Sportwissenschaften studiert, war Landesmeister in Judo und Aikido und nun hat sich das vor Kurzem ergeben, dass ich mit Freunden hergezogen bin. Ich möchte mich hier in den Kampfsportarten nebenbei verbessern. Der Kraftsport ist meine dritte Leidenschaft, daher das Studio. Trainerscheine habe ich teilweise in Deutschland schon gemacht. Die werden zum Glück hier anerkannt.“
„Und damit Herr Müller hier in Ruhe die Sprache lernen kann, ist er jetzt bei mir. Wir haben viele Touristen und Tageskunden, die Englisch sprechen. Da passt das super.“
„Herr Müller ist übrigens mit Frau Fuchs Familie hergezogen.“, brachte sich die Sekretärin begeistert ein.
„Okay. Dann ist ihre Familie mit Ihnen befreundet? So habe ich das jetzt rausgehört?“
„Ja. Wieso kennen Sie jetzt Bettina?“, wunderte sich Martin.
„Zufall. Wir sind uns gestern im Zug begegnet.“
„Ach, sagen Sie jetzt nicht, Sie waren der Sitznachbar, der mit ihr Schach gespielt hat?“
„Das nicht. Aber kurz gespielt haben wir trotzdem.“ Kurz darauf ging die Tür zum Direktor auf und Itachi stand im Türrahmen. Er sah sehr erstaunt in die Runde. ‚Nanu, was machen die denn alle hier? Ist das nicht Tinas Bekannter? Und wieso ist Herr Oda hier?‘
„Nanu? Itachi Okawa, was ist Ihnen denn passiert? Haben Sie verlernt sich zu verteidigen?“, kam dieser überrascht. Itachi lächelte ihn freundlich an.
„Nein, das war etwas anders. Aber was machen Sie hier, Herr Oda?“
„Mein neuer Mitarbeiter und ich wollen hier für das Volleyball-Mädchen-Team ein Fitnessraum einrichten.“ Itachis und Martins Blicke trafen sich.
„Okay, das können sie sicher gebrauchen. Was kommt denn da so rein?“
„Kraftstationen und Laufbänder. Wir stellen sie dann auf jedes Mädchen einzeln ein.“, erklärte Oda.
„Und Sie sind Tinas Bruder oder was sind Sie für sie. Die Gerüchte waren ja am Anfang extrem nervig?“, fragte er Martin skeptisch und blickte ihn etwas herausfordernd an.
„Nein, ich bin ein Freund der Familie Fuchs. Genauer gesagt der Freund des jüngsten Bruders von Tinas Mutter. Und wer bitte sind Sie? Ein Schüler?“ Itachi ging ihm aus dem Blick und bewegte sich zur Tür.
„Irgendein Schüler, genau. Ich werde dann mal, Frau Zen. Bis gleich.“
„Ich hoffe der Andere sieht schlimmer aus als Sie. Das sieht ja böse aus. Sie sollten wirklich zu einem Verteidigungskurs gehen.“, meinte Martin. Itachi drehte sich zu ihm um und grinste.
„Ich glaube nicht, dass Sie das hoffen. Ich sagte doch, es war keine Prügelei.“ Ihre Blicke trafen sich erneut.
‚Wer ist dieser Kerl wirklich? Und was hat er bei Oda zu suchen? Wie kommt es, dass er dort arbeitet?‘
‚Itachi Okawa, wer bist du? Was meinst du damit, dass ich es lieber nicht hoffe? Soll das eine Andeutung sein? Dieser Blick und dieses Grinsen. Wenn ich mir sein Mus Auge so ansehe, könnte der Winkel der ausführenden Hand… ‘
„Sagen Sie jetzt nicht, dass das Tinas Handschrift ist? Hat sich mein Training also schon bezahlt gemacht?“, grinste er zurück. Eine Antwort kam nicht, stattdessen verließ Itachi einfach den Raum. Martin sah zum Direktor, welcher noch an seinem Tisch saß, ging zur Tür und klopfte an.
„Direktor? Guten Tag. Herr Oda und ich sind da. Wir wollten später kurz reden, ob wir auch einen passenden Ernährungsplan aufstellen sollen, der direkt auf die Mädchen und ihre Trainingseinheiten abgestimmt ist.“
„Guten Tag Herr Müller. Darüber müsste ich noch mit der Buchhaltung reden. Ich rufe im Studio an, wenn wir das geklärt haben. Schicken Sie mir dazu einen Kostenvoranschlag.“
„In Ordnung.“
Skeptisch sah er den Direktor an.
Dieser stand auf und kam kurz zu ihnen, begrüßte auch Herrn Oda und entschuldigte sich sofort, dass er wieder die Tür schließen wolle.
‚Irgendetwas stimmt hier nicht. Nun gut, wenn Tina sich wirklich gegen diesen großen Jungen durchsetzen konnte, sollte wohl alles geklärt sein. Ich will mich auch ungern einmischen. Privat bin ich nicht hier.‘ Er beließ es erst einmal dabei und versuchte sich nur um seine Arbeit zu kümmern. Sein Chef wunderte sich jedoch sehr.
„So richtig ergibt das gerade keinen Sinn. Was war das eben für eine seltsame Unterhaltung? Nur Fragen, keine Antworten? Herr Müller, was meinen Sie damit? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Junge etwas mit Tina in dem Sinne zu tun hatte. Er ist ein feiner Kerl, der vor einiger Zeit bei mir zum Kickbox-Training kam. Und Tina, sie ist doch zu jedem nett.“
„Ich verstehe das auch nicht, irgendwas war, aber keiner will mir sagen was passiert ist. Ich kann mir das auch nicht vorstellen. Im Gegenteil, er mag hier an der Schule einen schlechten Ruf haben, aber in Wirklichkeit ist er sehr nett und hat meinem Sohn quasi das Leben gerettet, als er angegriffen wurde. Und Frau Fuchs, sie ist doch auch immer nur zu jeden höflich und freundlich. Die beiden hatten zwar ihren Disput, aber sowas. Keine Ahnung.“
„Was für einen Disput?“, fragte Martin plötzlich skeptisch. Frau Zen sah ihn verdutzt an.
„Na die Aktion letzte Woche, wissen Sie nichts davon? Ihre Eltern waren doch sogar hier und haben die Aufnahme gesichtet.“
„Reden wir von der Schüsselaktion?“
„Ja, sozusagen.“ Plötzlich klopfte es erneut an der Tür und Frau Zen bat herein. In der Tür stand Tangaroa und sah sehr überrascht in den Raum.
‚Oh man. Das auch noch. Wieso ist dieser Martin hier? Wie soll ich denn jetzt reagieren, nachdem ich nicht mal mehr weiß wie ich Tina gegenüberstehen soll?‘ Sein Puls stieg plötzlich an und er konnte zuerst nichts sagen. Er hielt nur das Schlüsselband in der Hand und stand einfach da.
„Herr Taylor, wie schön. Dann können die Männer ja loslegen. Kommen Sie ruhig rein. Gut, dass Sie es sind, dann kann ich Ihnen gleich etwas für Ihren Vater mitgeben.“, äußerte Frau Zen begeistert und ging auf ihn zu. Um nicht unhöflich zu sein, verbeugte er sich vor allen und sagte kurz Guten Tag. Er reichte ihr den Schlüssel.
„Wir…wir sind dann fertig mit Ausräumen.“, war er zurückhaltend und wollte gleich wieder gehen.
„Warten Sie doch. Die Unterlagen für Ihren Vater.“
„Ach, ja. Entschuldigen Sie.“
„Hallo Tangaroa. Wie geht es dir?“, sprach ihn Martin dann zu seiner Überraschung direkt an.
„Ist…nicht mein Tag. Und selbst?“
„Ich kann mich nicht beschweren. Bis jetzt lief alles super. Wir wollen den Fitnessraum für die Mädchen durchplanen.“
„Deswegen sollte ich den Schlüssel bringen, ich weiß. Viel Erfolg, es wird Zeit, dass sie auch einen Raum bekommen.“, meinte Tangaroa ruhig, nahm den Hefter für seinen Vater entgegen und verließ dann den Raum. Martin sah ihm nach. ‚Seltsam. Er ist mir ja förmlich ausgewichen. Was ist dem denn über die Leber gelaufen?‘ Kurz darauf klopfte es erneut und der Techniker kam vorbei und reichte das Video durch zum Direktor. Kurz danach war er wieder weg. Als die Tür erneut öffnete und Itachi wiederkam, wurde Martin dann doch stutzig. Er sah ihn fragend an. Er drehte sich zu seinem Chef um und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
„Ist es okay für Sie, wenn ich das kurz kläre? Irgendwas stimmt hier nicht. Wenn Tina ihm eine verpasst, muss was gewesen sein.“
„Natürlich. Ich gehe schonmal vor.“
Itachi klopfte an die Tür des Direktors und trat hinein. Martin nahm sich die Freiheit und folgte ihm einfach.
„Was soll das? Wieso folgen Sie mir?“, knurrte Itachi ihn an.
„Sie haben die Wahl, ich oder ich rufe Tinas Vater an. Irgendwas stimmt hier nicht.“ Martin nahm Blickkontakt mit dem Direktor auf.
„Wir haben bereits alles geregelt. Sie ist alt genug.“, kam als Argument.
„Bringst ja nichts. kommen Sie rein und schließen Sie die Tür ab.“, forderte der Direktor. Martin folgte der Aufforderung und die Tür schloss sich.
„Setzen Sie sich bitte und ich will hier keinen Ärger haben.“
„Was ist passiert? Besser Sie informieren mich vorher, bevor mir beim Ansehen des Films der Kragen platzt.“, fragte Martin streng aber ruhig.
„Sehen Sie es sich einfach an. Ich habe es auch noch nicht gesehen. Ich weiß nur was die beiden erzählt haben.“ Das Video startete und es war aus zwei Richtungen zu sehen wie Itachi vor dem Klassenraum an der Scheibe stand und wartete.
‚Tina, was machst du denn da? Du hättest ihm doch einfach aus dem Weg gehen können, aber stattdessen provozierst du ihn?‘, geht Martin durch den Kopf und er war sehr verwundert über ihre Art.
Dann kam die Situation, als Itachi ihr versuchte weis zu machen, dass sie keine Softies mag, und sie dann einfach umdrehte, kurz zögerte und sie küsste. Martins Puls stieg enorm an.
Es dauerte nicht sehr lange und da kam auch schon der Schlag mit dem Apfel an die Seite, die Faust ins Gesicht und der Tritt zwischen die Beine.
„Ich hoffe es war schmerzhaft genug.“, brummte er und machte eine Faust.
‚Was erlaubt sich dieser Kerl? Richtig so Tina, sowas darf man sich niemals bieten lassen. Mich wundert jedoch, dass du nicht eher reagiert hast. So eine Situation war doch voraussehbar.‘ Itachi stand nur am Fenster und sah hinaus.
„Was haben Sie sich dabei gedacht? Da konnte doch nur eine Gegenwehr bei rauskommen.“, knurrte Martin ihn an und stand auf. Itachi blickte selbstsicher zu ihm.
„Davon bin ich ausgegangen. Aber es kam keine, als ich ihr die Möglichkeit gegeben habe.“
‚Er hat Recht. Er hat gezögert. Ihre linke Hand war frei. Diese Situationen haben wir genug geübt. Tina weiß genau was sie machen muss, aber es kam erst später, erst einige Sekunden vergingen bis sie sich wehrte.
Tina, was hatte das zu bedeuten?‘ Er sah zu Itachi und musterte ihn. Durch die Uniform war nicht viel zu deuten, aber nur groß und schmächtig kam er ihm nicht vor, eher kräftig und sehr schlank. Oda meinte doch, dass er bei ihm früher zum Kickboxen war und ein netter Junge gewesen sei. Das würde doch gar nicht zusammenpassen. Die Sekretärin sprach auch nett über ihn. Er habe ihrem Sohn das Leben gerettet? Wie das? Was hat ihn denn dann dazu bewegt sie so anzupacken und einfach zu küssen?
„Wieso die Aktion?“ Der Schüler schwieg und sah dann nur etwas grinsend aus dem Fenster. Er reagierte dann erst wieder, als der Film weiterlief.
‚Moment mal. Das ist mir durch die Schmerzen gar nicht aufgefallen. Diese ganze Ansage kam nicht auf Englisch, sondern teilweise auf Japanisch?‘
„Direktor, stoppen Sie mal.“
„Wieso?“
„Na ist Ihnen nicht was aufgefallen, während sie mich da ausschimpft?“ Martin zuckte mit den Schultern.
„Was soll da sein? Sie hat doch Recht.“, redete er sich raus. Der Wechsel der Sprachen fiel ihm natürlich auf. Der Direktor gab Martin Recht und tat als wäre ihm nichts aufgefallen.
„Wollen Sie mich jetzt beide verarschen, oder was? Sie hat doch ein gutes Japanisch gesprochen. Das war nicht alles nur Englisch.“, murrte er plötzlich und kam zu ihnen an den Tisch.
„Zurück. Ich dachte da war noch was, aber das ist auch interessant. Spulen Sie nochmal bis dorthin. Stopp.“
„Tatsächlich. Und was hat sie in dem Moment gesagt? Ich bin noch nicht so gut.“, fragte Martin.
„Egal. Aber wieso spricht sie nicht mit uns allen, wenn sie es doch schon kann? Ihr ist es sicher nur rausgerutscht, weil sie so aufgebracht war.“ Der Direktor grinste etwas.
„Das hat einen taktischen Grund. Es geht ums erste Spiel beim Weihnachtsfest. Sie möchte diese Tatsache erst dann preisgeben, damit das gegnerische Team sie für unwissend hält.“
„Ich dachte damit sie ihre Ruhe hat und nicht jeder sie anspricht oder was von ihr wissen will. So ist mein Standpunkt.“
„Sie wussten das? Dann hat Tina die ganze Zeit alles verstanden und sie hat in Deutschland bereits Japanisch gelernt? Was ist das bitte für ein Spiel, Direktor?“ „Nein, sie ist nur sehr sprachbegabt und ihre Mutter spricht bereits sehr gut Japanisch und deswegen reden die beiden viel miteinander. Das ist schon alles. Wir haben innerhalb von gerade mal einer Woche entschieden herzuziehen, da gab es keine Vorbereitungen.
Wie gehts jetzt hier weiter?“, erklärte Martin locker und versuchte dann vom Umzug abzulenken.
Während der Direktor ihm erzählte was abgesprochen wurde, stand Itachi wieder am Fenster, sah nachdenklich raus und lächelte ein wenig vor sich hin.
‚Warum Tina? Warum verheimlichst du deine gute Sprachkenntnis? Das kann doch nicht an diesem Spiel liegen. Das glaube ich nicht. Da muss mehr dahinterstecken.‘ Plötzlich richtete er sich auf und sah zu Martin.
„Moment…mal ganz ehrlich, seit wann kann Tina so gut Japanisch verstehen?“ „Hm, so vielleicht nicht ganz zwei Wochen, ich habe den Übergang selbst kaum bemerkt, weil ich echt Schwierigkeiten damit habe.“, erklärte Martin.
„Direktor…wissen Sie was ich glaube? Ich glaube sie weiß bereits was hier los ist und verheimlicht es deswegen, damit sie…die anderen aus der Reserve locken kann. Sie sind ihr gegenüber sicher unvorsichtig und könnten sich verquatschen. Sie will sie bestimmt in eine Falle locken.“, erklärte er dann energisch. Der Direktor sah ihn überrascht an.
„Wie meinst du das denn jetzt? Äh, Sie?“ Itachi sprang auf und ging zur Tür. „Verstehen Sie denn nicht? Tina hat bestimmt schon bemerkt, wer hier den wirklichen Ärger macht und lockt sie in eine Falle. Ich muss ihr noch eine kleine Unterstützung geben, dann sollte sich das Problem in Kürze auflösen.“ „Itachi…bist du dir sicher? Pass auf…denk dran, ohne Beweise kann ich nichts tun.“, stand der Direktor auf.
„Ich werde für Beweise sorgen. Es muss aber heute sein, ich bin nur noch heute da.“
„Was hast du vor?“ Itachi stellte sich selbstsicher vor die Tür und sah ihn grinsend an.
„Ich werde für einen unvergesslichen Abschied sorgen.“ Dann öffnete er die Tür, verließ den Raum und schloss die Tür wieder. Martin sah ihm verwundert nach und dann wand er sich dem Direktor zu.
„Es nervt gewaltig, wenn man kaum was versteht. Was haben Sie eben geredet? Ich bin erstaunt, dass er so mit Ihnen sprechen darf.“ Der Direktor setzte sich wieder und trank einen Schluck aus seinem Kaffee.
„Er ist mehr oder weniger Verwandtschaft. Das weiß hier nur niemand und das ist auch gut so.“
„Sie sind verwandt?“
„Er ist das Pflegekind meiner Schwester. Sie hat vor etwa drei Jahren zwei Jungs im Alter von 16 Jahren bis zur Volljährigkeit in Pflege genommen. Einer von ihnen ist Itachi. Ich habe dann dafür gesorgt, dass er an meine Schule kommt, damit er gute Chancen bekommt, da er sehr klug ist. Das hat meine Schwester gleich bemerkt. Er will Arzt werden und hat schon immer hart dafür gearbeitet, macht neben der Schule seine Sanitäter Ausbildung und ist auf unserer Leistungstafel an der Spitze.
Mag er jetzt einen großen Fehler gemacht haben, weil er sich in Frau Fuchs verguckt hat, aber ein schlechter Kerl ist er nicht.
Ihm geht es ja nicht als Einziger so. Seitdem sie hier ist, gibt es so einige Jungs, die gerne mit ihr ausgehen würden. Sie zeigen es nur nicht. Itachi ist da weniger zurückhaltend.“
„Sie entschuldigen doch wohl nicht etwa was er getan hat?“, grunzte Martin deutlich.
„Ich missbillige es! Keine Frage. Wäre sie meine Tochter, hätte ich ihn angezeigt. Darum geht es aber nicht. Sie hat von sich aus nicht einmal an eine Anzeige gedacht.“
„Erstaunlich, eigentlich.“ Martin sah zum Monitor auf dem der Film angehalten wurde.
„Moment…lassen Sie mal weiterlaufen. Das Ende haben wir gar nicht gesehen.“
Der Direktor folgte seinem Vorschlag. Die Szenen mit dem Paris-Foto kamen und nun war es ihm klar.
„Verdammt. Deswegen will sie keine Anzeige.“, äußerte Martin.
„Was ist denn auf dem Foto?“
„Keine Ahnung, aber es muss ihr deutlich wichtiger sein. Er spricht doch von Kindern und Männern? Was ist, wenn es ein Foto mit ihrem Bruder und Wakabayashi ist?“
„Herr Müller, was meinen Sie damit?“, tat der Direktor unwissend.
„Tun Sie doch nicht so unwissend. Georg hat mir bereits gesagt, dass Sie über Tinas Vorgeschichte Bescheid wissen. Dass sie und ihr Bruder mit dem Keeper Wakabayashi befreundet waren bzw. sie es noch ist. Und was ihrem Bruder passiert ist.
Ich gehe mal davon aus, dass die beiden auf diesem Foto drauf sind. Wenn sie jetzt eine Anzeige machen würde, dann muss das gesamte Video gesichtet werden. Dann würde die Polizei sicher nach dem Foto fragen und alles würde auffliegen.“
„Okay. Sie haben Recht. Ich wusste nicht ob Sie es wissen.“
„Ich war auch sehr sauer, als er mir das erzählte, aber nach der Aktion von letzter Woche hat er es mir erzählt.“
„Nun, dann haben wir alles geklärt? Mein Besuch wartet draußen.“
„Noch nicht ganz. Ich will den Film nochmal von vorne sehen, aber aus einer anderen Perspektive. Die Seitenaufnahme wäre noch gut. Mir ist da vorhin noch was Seltsames aufgefallen. Ein Schatten. Ich habe immerhin auch schon im Sicherheitsdienst gearbeitet und habe jetzt ebenso die Aufgabe, da fällt einem mehr auf, als sonst. Ich glaube, jemand war noch da.“
„Oh, das wäre natürlich nicht gut. Ein Zeuge könnte alles durcheinanderbringen.“ Der Film wurde von der anderen Sicht abgespielt und dann kam der Kuss und tatsächlich. Im hinteren Bereich des Flurs stand plötzlich jemand und war schnell wieder weg.
„Das halten wir mal an. Kann man das etwas größer machen?“ Erstaunt sahen sich die Männer an.
„Tangaroa?“, haute Martin raus.
„Oh, das kann nein, könnte er sein, die Größe und Statur.“, vermutete der Direktor.
„Deswegen…deswegen war er vorhin so neben sich. Er hat ja auch nur den Kuss selbst gesehen.“
„Oha, der Arme. Na hoffentlich klärt es sich noch für ihn auf. Wie war denn überhaupt ihr Date?“
„Hm. Tina sagt immer nur, es war kein Date, sondern nur eine Art Treffen. Mehr weiß ich nicht. Er hat sie am Samstag abgeholt und dann waren sie den ganzen Tag unterwegs.“
Die Tür zum Klassenraum schloss sich und Tina entschuldigte sich leise für die Unterbrechung. Sie setzte sich wieder auf ihren Platz.
„Ist alles okay?“, fragte der Lehrer.
„Alles geklärt, ja.“
„Ich dachte, Sie ziehen sich gleich um.“
„Ich wollte nicht noch mehr verpassen. Das mache ich dann in der Pause.“ Er grinste sie an.
‚Während die anderen meinen Unterricht hassen, mag sie ihn umso mehr. Manchmal frage ich mich wie lange sie braucht, um unsere Sprache richtig zu sprechen und zu lesen. Dass sie nicht mit uns spricht macht mich eher stutzig. Das ist doch die einfachste Methode es zu lernen.‘
„Sagen Sie, haben Sie schon das Gedichte Buch durch, was ich Ihnen empfohlen habe?“
„Oh, ja, fast. Das ist sehr schön. Aber irgendwann bin ich mit Gedichten dann doch durch. Etwas Lustiges oder Spannendes wäre nicht schlecht. Ich höre mir in der Regel Hörspiele und Hörbücher an. Am liebsten Krimis oder einfache Kinderkrimis mit einfacher Alltagssprache. So habe ich mir bei Französisch und Spanisch beholfen. Meine Mama lernt ihre Sprachen etwas anders als ich, das ist nicht so meins…stupides Vokabellernen und am Tisch rumsitzen. Langweilig.“
„Hm, kurze Texte wären jedoch für den Alltagsgebrauch eine gute Idee.“ Es wurde sich gemeldet.
„Sie haben eine Idee?“
„Ja. Was wäre denn mit Comics und Mangas? Da sind nur kurze Texte und ab und an richtige Erklärungen. Je nachdem was es für eine Geschichte ist. Und es gibt passend zu einigen Geschichten auch Hörspiele.“, äußerte der Junge, der ebenso sehr sprachbegabt war. Der Lehrer fand die Idee gar nicht so schlecht.
„Das ist nicht übel. Es gibt durchaus vernünftige Geschichten, auch über Alltag und Leben in Japan. Es muss ja nicht gleich ein Krimi oder etwas mit Monstern sein.“ Tina hörte gespannt zu und brachte sich dann ein.
„Gibt es auch so lustige Sachen wie Asterix und Obelix? Oder der kleine Nick? Die habe ich für Französisch benutzt und das war immer sehr lustig.“
„Wirklich? Die habe ich auch dafür gelesen. Ja, solche Sachen gibt es auch als Mangas.“
„Okay, dann muss ich mal in eine Buchhandlung gehen und danach schauen. Danke für den Tipp.“, sagte sie dann dankend und lächelte ihn an.
„Daisuke? Wäre es nicht sinnvoll, wenn Sie Bettina begleiten? Sie kennen sich doch in dieser Szene gut aus und können sicher beraten. Es gibt ja auch viel, was sie sicher gar nicht erst interessiert.“ Er wurde plötzlich etwas verlegen, aber versuchte es sich nicht anmerken zu lassen.
„Äh, ich helfe gerne, wenn sie das möchte?“, sah er zu ihr. Er erntete ein dankendes Lächeln.
„Okay, wäre toll, wenn du mir hilfst, immerhin kennst du dich mit Sprachen aus.“
‚Wow, jetzt lächelt sie mich schon wieder an. Bettina ist wirklich sehr hübsch und sie würde mit mir in einen Buchladen gehen? Ich kann sie mal privat kennenlernen, Wahnsinn. Und die anderen werden mich vermutlich total beneiden.‘ Genau in diesem Moment klingelte es zur nächsten Pause. Tina stand auf und ging zu ihm.
„Wir müssten dann nur schauen wann es passt. Wie lange haben solche Läden denn auf?“
„Ähm, naja. Ich habe nach dem regulärem Unterricht Zeit. Wie lange geht denn dein Training?“
„Viel zu lange. Ich muss heute einiges nachholen. Sagen wir morgen oder übermorgen. Das kann ich dir morgen erst sagen. Ich weiß noch nicht wie weit ich mit meinem Trainingsziel bin, weil ich gestern nicht hier war.“
„Ich komme dann mit, Tina, wenn ich darf.“, kam Yoko begeistert dazwischen. „Oh, echt? Du kennst dich damit auch aus?“
„Ja, aber nicht so in dem Sinne. Ich habe da so meine Themen, die ich gerne lese. Und letzten Monat kam ein neuer Manga raus, den muss ich unbedingt haben. Ich kam nur noch nicht dazu den zu holen.“
„Meinetwegen gerne. Stört dich das denn, Daisuke?“
„Mir ist das egal.“, sagte er nur leise.
‚Oha, gleich zwei hübsche Mädchen auf einmal. Das glaubt mir keiner, wenn er es nicht sehen würde. Yoko, sticht doch schon so alle anderen hier aus.‘ Das schüchterne Mädchen kam zu ihnen und sah Tina zurückhaltend an und lächelte niedlich.
„Ich…äh…ich würde auch gerne mitkommen. Vielleicht…kann ich dich zum Thema Romantik und niedliche Tiergeschichten beraten.“ Tina sah sie freundlich an.
„Gerne, klingt auch toll.“ Der Basketballspieler meldete sich ebenso und dann kam der Junge aus der Theater AG dazu. Es wurden irgendwie immer mehr. Am Ende fehlten nur noch Jun und der Tennisspieler, welcher so gehässig gegen die anderen gesprochen hatte, als Tinas Schachspiel im Englischunterricht zur Sprache kam. Die Klasse war sich einig, dass sie bei Gelegenheit zusammen nach dem Unterricht in einen Manga-Store gehen wollten.
Die nächste Stunde begann inzwischen und Tina konnte sich nicht umziehen, weil die Zeit doch zu kurz war. Nun war Kunst und Kultur an der Reihe. Alle begaben sich in den Fachraum und packten ihre Federmappen auf den Tisch. Die Lehrerin betrat den Raum und es klingelte.
„Hallo ihr Lieben. Heute beginnen wir ein neues Thema. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es diesmal sogar unserem Neuzugang gefallen wird, denn wir werden uns eine Weile mit Europa beschäftigen. Wir hatten nun genug japanische Kunst aus der 1000jahrigen Zeit, nun ist Europa gefragt.
Es gibt mehrere Kunstepochen und ich dachte mir, ihr werdet den Unterrichtsstoff selbst bestimmen, da ich diesbezüglich mal freie Hand habe.“ Die Schüler sahen sie verdutzt an. Tina verstand zwar alles, aber sie konnte sich nicht dazu äußern.
‚Wie jetzt? Selbstbestimmen? Das sind ja ganz neue Methoden hier.‘ Die Lehrerin fragte nach den Kunstepochen, die man so kennt und sortierte mit den Schülern gemeinsam die Reihenfolgen zusammen und schrieb sie mit den Jahren an die Tafel.
„Sie dürfen Gruppen bilden und sich jeweils eine Epoche ausarbeiten. Jede Zeit hat ihren Reiz und in unserer wie auch der städtischen Bibliothek gibt es sehr viel Material. Andere Quellen dürfen ebenso genutzt werden, aber es muss immer die Quelle angegeben werden.
Dieses Thema habe ich diese Woche für alle drei Klassen in eurer Stufe und ihr werdet mit den anderen Klassen zusammenarbeiten, je nachdem wer welche Epoche hat. Ihr könnt euch also komplett frei auswählen was ihr machen wollt, solange alle Epochen mit mindestens vier Leuten besetzt ist.
In ein paar Wochen erwarte ich in eurer Eigenregie eine Kunstausstellung. Sie soll am Tag der Weihnachtsfeier und Turnieren ausgestellt werden. Ihr habt also jetzt gut sechs Wochen Zeit als großes Team jede Epoche so genau wie möglich mit Beispielen und ihren wichtigen Meistern ihrer Zeit mit Collagen und Plakaten und ähnlichem auszuarbeiten. Ich bewerte eure Mitarbeit, die Recherchen und eure kreativen Ideen die Ausstellung zu gestalten.
Für die Ausstellung habt ihr das gesamte Schulhaus mit den einzelnen Klassenräumen zur Verfügung. Das heißt, jede Epoche kann einen eigenen Raum bekommen und dort von der jeweiligen Gruppe betreut werden. Um diesen einzuräumen und zu gestalten wird euch der Tag zuvor nach der regulären Unterrichtszeit freigestellt.“ Tina hob den Kopf.
„Wie jetzt? Können Sie das nochmal auf Englisch sagen? Ich habe nicht alles verstanden.“ Die Lehrerin erklärte es erneut und ergänzte dann noch einiges.
„Am Weihnachtsturniertag werden die Räume als Ausstellung zur Verfügung gestellt und die Gruppen betreuen diese dann.“ Entsetzt stand sie auf.
„Das geht nicht. Wir haben doch das Spiel. Yoko und ich und auch zwei weitere Spielerinnen von uns aus den anderen zwei Klassen können sich doch nicht zerteilen. Und den Tag zuvor müssen wir trainieren oder wollen Sie, dass die anderen gewinnen?“
„Ich finde das auch doof. Ich bin doch auch mit dem Theater beschäftigt und wir müssen proben für unseren Auftritt. Die Ausstellung genau an diesem Tag zu begleiten ist ungünstig.“
„Und wir wollen uns die Spiele ansehen und die Teams anfeuern oder das Theaterstück sehen. Auch doof.“, kam ebenso aus den Reihen der Schüler. Jun stand ebenso auf.
„Ich kann auch nicht, ich bin nicht einmal im Haus, weil wir das Spiel gegen die Toho bei denen auf dem Platz haben. Unsere Familien müssen sich ohnehin schon aufteilen, wenn sie beide Spiele sehen wollen.“ Die Lehrerin sah betrübt in die Runde.
„Ach man. Daran habe ich gar nicht gedacht, stimmt. Schade. Ihr habt Recht.“ Sie setzte sich traurig auf ihren Stuhl. Dann sah sie in ihren Kalender.
„Warum haben denn die anderen vorhin nichts gesagt?“
„Frau Lehrerin, wieso ist Ihnen das denn so wichtig, dass es an diesem Tag auch ausgestellt wird?“, fragte Tina ruhig.
„Naja, jeder macht was und ich konnte nie etwas beitragen. Immer nur ein paar Bilder, aber so richtig dafür interessieren tut sich keiner, weil es so nebenbei läuft. Da kam dann die Idee, da ich plötzlich etwas Freiraum vom Schulamt bekommen habe, wenn es um die Kunst und Kultur anderer Länder geht. Wir sind doch eine Schule, die auch weltoffen wirken soll und so dachte ich, kann man das mal vor den ganzen Sponsoren zeigen, dass wir eine tolle weltoffene Schule sind und die Schüler super in Gruppen arbeiten können, nicht nur als Sportteam oder im Theater wie sonst immer.
Ich dachte, wenn wir jetzt schon ausländische Schüler aufnehmen, dann kann man doch auch mal ein Symbol setzen. Sie bringen sich doch nach so kurzer Zeit auch schon so gut in alles ein.“
Tina sah sie überrascht an.
„Sie wollen also zeigen, dass wir weltoffen sein können?“ Die Lehrerin nickte und lächelte sie an.
Itachi und die blauen Augen
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Der LKW
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Immer was los im Revier 87
Kapitel 171
Immer was los im Revier 87
Etwa eine halbe Stunde später kam Tina wieder aus dem Nudelsuppenrestaurant raus und wollte nach Hause joggen. Da kam ein Polizeiauto an ihr vorbei. Sie sah ihm nachdenklich hinterher.
‚Was mag das nur gewesen sein, dass er sie rufen musste? Ich muss Itachi morgen in der Uni abfangen und fragen. Das macht mich ganz nervös. Was meinte er nur damit, sie würde wieder in die Schule gehen können?‘ Plötzlich hielt es an und wendete.
‚Verdammt. Die wollen doch jetzt nicht etwa zu mir?‘, war sie unsicher und blieb einfach stehen und wartete ab. So zu tun, als würde sie es nicht bemerkt haben, würde vermutlich seltsam wirken und die Beamten nur unnötig provozieren. Sie hatte bereits einige Begegnungen dieser Art und das endete in der Regel in einer unnötigen Diskussion und klärte sich erst, wenn sie den Ausweis zeigte. Das Auto hielt tatsächlich neben ihr und die Beifahrertür öffnete sich. Mit Erstaunen stieg Kommissar Saito aus und grinste sie an.
„Habe ich mich doch nicht verguckt.“, sprach er sie leise an, nachdem er die Tür hinter sich schloss.
„Oh, was machen Sie denn hier?“, fragte Tina höflich.
„Ich wurde versetzt, das können Sie ja nicht wissen. Ich leite neuerdings das große Revier hier beim Flughafen, Revier 87. Und was treiben Sie um diese Zeit noch hier? Und dann alleine unterwegs? So sicher ist diese Ecke nicht.“ Tina war erstaunt und grinste zu ihm auf.
„Herzlichen Glückwunsch. Na wenn Sie jetzt hier den Hut aufhaben, kann es nur besser werden. Was machen Sie denn als neuer Revierchef im Streifenwagen?“ „Das neue Revier kennenlernen. Wir waren gerade im Einsatz und fahren wieder Streife.“
„Und was war das für ein Einsatz, wenn ich fragen darf? Ich bin doch so neugierig.“, grinste sie. Er schmunzelte und sah in Richtung Park.
„Ein Fremder hat ein verletztes Mädchen im Park gefunden und es zum nächsten Arzt gebracht. Eine erfolgreiche Aktion, ihr geht es deutlich besser. Das zeigt mir deutlich auf, dass hier viel zu tun ist. Passen Sie gut auf sich auf.“
‚Manchmal sind seltsame Zufälle da, die uns ständig begegnen lassen.‘, lächelt sie ihn an.
„Dann müssen Sie mehr Leute im Park in Zivil laufen lassen, dann kann so schnell nichts mehr passieren, wenn früher eingegriffen werden kann.“ Plötzlich grinste er sie an.
„Wer sagt denn, dass etwas passiert ist? Ich habe nichts von Fremdeinwirkungen gesagt.“
„Oh, klang so. Um diese Zeit wird sie doch wohl nicht nur gestürzt sein?“, tat sie dann unwissend.
‚Hat er mich doch erwischt. Dieser Mann ist einfach zu gut in seinem Job. Dem kann man nichts vormachen.‘
„Sie waren es, stimmts? Sie haben das Mädchen gefunden? Es kann kein Zufall sein, dass ich Sie in der passenden Entfernung finde und beim Arzt am Bett der Kleinen, blonde Haare und kleine Turnschuhabdrücke sehe. Der Student tat auch so seltsam und behauptete nur, es war eine anonyme Person.“
„Sie sind einfach zu gut in Ihrem Job, Kommissar. In Ihrer Gegenwart muss ich immer aufpassen wie ein Schießhund, was ich sage.“, grinste sie dann gestehend.
„Deswegen räume ich hier auch auf. Was war denn genau, als Sie das Mädchen gefunden haben? Reden konnte sie noch nicht mit mir.“ Tina erklärte ihm kurz wie ihre Begegnung ablief.
„In Ordnung. Danke. Ich werde Ihren Namen nicht erwähnen, oder wollen Sie das Sie im Protokoll erscheinen? Mir ist das egal.“
„Lassen Sie mich offiziell da raus, das wäre gut. Wichtig ist doch nur, dass sie es geschafft hat.“
„Meine Nummer ist übrigens noch aktuell, falls Sie mal wieder einen Rat oder Hilfe brauchen.
Wie geht’s Ihnen jetzt so als Studentin? Gratulation übrigens, dass Sie es geschafft haben. Ich wusste, dass Sie Ihren Traum verwirklichen können und es bis zum Studium schaffen.“
„Oh, naja. Wird ein hartes Stück Arbeit. Aktuell habe ich viel zu tun. Der Anfang ist immer schwer.“
„Das kann ich verstehen. Die vielen neuen Leute und dann die vielen Fächer. Was studieren Sie denn? Da stand in den Medien nur, dass Sie studieren.“
„Na Psychologie, so wie geplant. Nicht die Fächer machen mir Sorgen.“
„Ach, schön. Was sorgt Sie denn dann?“
„Das neue Team. Das wird eine Mammutaufgabe, aber auch das werde ich irgendwie hinbekommen.“ Er grinste.
‚Das kann ich mir vorstellen. Akane ist ein ziemlich harter Brocken. Sie hatte schon immer große Probleme ein Team richtig zu leiten.‘
„Das Team? Wieso sind Sie eigentlich nicht ins Tokio-Team gegangen? Da könnten Sie wenigstens richtig gut verdienen und zu Hause ausziehen und mit Ihrer Freundin Fuma und mit Kawasaki weiterhin spielen.“
„Wie langweilig…ich will doch was dazulernen und nicht stehenbleiben. Geld interessiert mich nicht. Ich habe mich bewusst für das Uni-Team entschieden, um von Ihrer Namensvetterin zu lernen. Akane Saito, das riesige Volleyball-Wunder ihrer Generation und ich habe die Ehre nicht nur sie persönlich kennenzulernen, sondern auch mit ihr spielen zu dürfen, statt wie andere nur gegen sie. Wer kann das schon von sich behaupten? Wenn ich ins Tokio-Team gegangen wäre, hätte ich wieder Yoko und Yako bei mir und unsere Taktiken würden sich ja weiter nicht groß ändern. Wir können uns alle so viel besser weiterentwickeln. Spiele ich aber mit der stärksten Angreiferin Japans zusammen, dann muss ich mir selbst auch mal was einfallen lassen und ich kann dadurch nur selbst stärker werden. Das nächste Spiel gegen Yoko und Yako wird bestimmt der Knaller. Die Halle ist jetzt schon ausverkauft. Ich darf mit den stärksten und erfahrensten Profis spielen. Das ist der Wahnsinn. Können Sie das verstehen?“ Er grinste.
‚Wow, das ist interessant. So sieht sie meine Tochter?‘
„Und wo sind da jetzt die Probleme, wenn Sie doch bewusst im Team sein wollen?“
„Hm, sagen wir mal so, ich will dort sein, aber andere wollen mich nicht haben. Aber das wird schon, die Anfänge waren in der Musashi ja auch nicht anders und am Ende kam Yako auf mich zu. Nun gut. Gehen Sie mal wieder auf Streife und passen schön auf Ihre neuen Schäfchen auf.“
„Ich werde mir Ihr Spiel bestimmt ansehen. Ich versuche eine Karte zu bekommen.“, grinste er. Dann verabschiedete sich der Kommissar und stieg wieder ins Auto. Seine Kollegin fuhr los.
„Wer war das, Kommissar?“
„Die Person, die das Mädchen gefunden hatte. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Die Aussage wird uns helfen die Täter zu finden.“
„Das ist aber auch eine heftige Sache. Es dauert sicher noch bis das Mädchen aufwacht. Morgen früh müssen wir also in die Klinik fahren und sie befragen.“ „Drehen Sie um, wir wollten doch jetzt zu den Eltern.“, kam streng. Saito notierte sich die Details, die Tina ihm berichtete.
„Stimmt, entschuldigen Sie.“
Tina sah dem Auto hinterher und es wurde wieder gewendet. Kaum war das Auto aus der Sichtweite, wollte Tina wieder ein Stück laufen.
„Hast du es so eilig?“, vernahm sie plötzlich eine kräftige, aber freundliche Stimme. Sie drehte sich um und hinter ihr stand Itachi.
„Oh, naja, ich wollte noch etwas laufen, ja. Das war der Sinn meiner abendlichen Runde.“, grinste sie. Er ging auf sie zu und sah ihr dann in die Augen.
„Hast du schon gegessen oder hast du noch etwas Hunger? Ich lade dich ein, wenn du möchtest.“
„Hunger habe ich keinen mehr, danke sehr.“
„Ich verstehe, hätte ja sein können, dass du reden willst. Ich gehe da jetzt rein und gönn mir eine Nudelsuppe mit viel Fleischbeilage. Die sind sehr lecker.“, drehte er sich einfach um und ging in die Richtung des Restaurants. Er hielt seine Hände in den Hosentaschen und schob zuvor seinen Mantel zurück. Tina sah ihm nachdenklich nach.
‚Itachi…du bist irgendwie seltsam. Damals konnte ich dir kaum ausweichen, weil du mir plötzlich gefühlt aufgelauert hast und jetzt, auch in der Uni, gehst du mir immer aus dem Weg, wenn du mich irgendwo bemerkst. Wir sind manchmal sogar in derselben Vorlesung und trotzdem hältst du immer mehr als nötigen Abstand. Du siehst nicht mal zu mir. Und jetzt? Du gibst dir nicht mal Mühe mich zu überreden, stattdessen versuchst du mich mit Distanz zu locken? Oder ist dir meine Anwesenheit einfach nur egal?‘
„Itachi…tut mir leid.“, haute sie dann plötzlich raus und rief ihm nach. Er drehte sich überrascht um.
„Was meinst du? Wofür entschuldigst du dich jetzt?“ In diesem Moment kam ein kräftigerer Wind über den kleinen Platz gefegt und sein grauer Mantel hob sich etwas an und wehte sachte.
„Ich…habe…damals etwas übertrieben. Tut mir leid.“
‚Was meinst sie denn jetzt damit?‘ Er ging langsam auf sie zu, während der Wind noch immer mit seinem Mantel spielte und blieb dann einfach direkt vor ihr stehen.
„Womit hast du übertrieben? Du hast auf die Anzeige verzichtet und mir durch den Schulverweis die Möglichkeit zum Lernen geschenkt. Du musst dich für gar nichts entschuldigen, denn ohne dich…würde ich nicht studieren können.“ „Aber…es…es tat sicher unglaublich weh. Ich…habe in dem Moment…überreagiert und…der Schlag mit dem Apfel hätte gereicht. Du…du hast mich doch…dann bereits losgelassen.“
‚Was ist los? Warum stotterst du jetzt? Wie siehst du mich überhaupt an?‘
„Ich habe dich schon vorher losgelassen, hast du das vergessen? Kurz vor dem Kuss…es war ein Test, ob du dich wehren würdest…hast du aber nicht. Ich habe dich also schon vorher losgelassen und dir die Möglichkeit gegeben mir auszuweichen. Dieser Überraschungsmoment…ich habe in dem Moment bereits mit einer Ohrfeige gerechnet, aber es kam keine.“ Verwundert sah sie ihn jetzt an und ihr Puls stieg immer mehr an, je mehr er sagte oder je länger er ihr in die Augen sah.
„Ich weiß…ich…habe das…nicht so wahrgenommen, stimmt. Das…ist mir erst danach aufgefallen. Tut mir leid. Du hast einen sehr ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Genau das Wochenende davor…am Sonntag, da war ich in einer Prügelei verwickelt und musste weglaufen und davor…hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Tut mir leid, das kam plötzlich alles wieder…in diesem Moment.“
„Eine Prügelei zwei Tage vorher? Hast du deswegen an dem Montag gefehlt?“ Sie nickte nur und starrte ihn an.
‚Tina, wenn ich das gewusst hätte, dann…wäre ich es alles anders angegangen.‘
„Ich war dumm, nicht du hast Fehler gemacht, sondern ich. Jugendlicher Leichtsinn oder sowas. Vielleicht…war ich auch nur ein hormongesteuerter Idiot? Keine Ahnung.“, sprach er ruhig mit kleinen Pausen. Dann drehte er sich um.
„So, ich habe jetzt Hunger. Kann ich dich wenigstens zum Kaffee oder Tee einladen?“ Genau in diesem Moment klingelte Tinas Handy.
„Sorry.“, sagte sie nur und sah dann auf die Nummer. Es war ihr Vater. Sie drehte sich um und ging ran.
„Kommst du heute noch heim oder wann bist du da?“
„Tut mir leid. Ich war noch eine Suppe essen.“
„Wann bist du dann zu Hause?“
„Wartet nicht auf mich. Ich weiß es noch nicht.“, sagte sie.
„Was meinst du damit? Du musst mir doch sagen können wann du kommst oder ob du noch über Nacht wegbleibst.“, knurrte er etwas.
„Ich trinke noch einen Tee und unterhalte mich und dann komme ich, okay?“
„In Ordnung. Und mit wem trinkst du Tee?“
„Sei nicht so neugierig. Mit dem Studenten, der in der Street-Klinik arbeitet. Wir kennen uns von früher.“, kam ehrlich zurück und sie legte auf. Itachi grinste. „Deine Eltern?“ Sie grinste zurück.
„Genau, es gibt Dinge, die sich nie ändern.“, schmunzelte sie.
„Vielleicht hättest du doch lieber ins Tokio-Team gehen sollen, dann hättest du deine eigene Wohnung und man telefoniert dir nicht hinterher.“, schmunzelte er. „Das glaubst du. Die würden trotzdem anrufen. Aber dann wäre ich ja alleine…wer will denn alleine sein?“, sagte sie dann überzeugt und steckte ihr Handy in die Tasche.
Wenig später saßen beide in der Nudelsuppenbar und Itachi genoss sein Abendessen und Tina trank ihren Tee. Sie redeten nicht viel. Er sah ihr nur in die Augen.
‚Du willst nicht alleine sein? Lieber wohnst du bei deinen Eltern, als auf eigenen Füßen zu stehen? Ich dachte du bist viel selbständiger. Dein Gehalt in so einem Team hätte für eine große Wohnung in Uni-Nähe gereicht. Und Sponsoren hast du doch auch schon. Am Geld kann es also nicht liegen. Ist dir deine Familie wichtiger als deine Individualität? Du überraschst mich immer wieder. Daran wird sich wohl nie etwas ändern.‘
„Wie bist du eigentlich auf das Fach Psychologie gekommen?“, stellte er einfach eine Frage, die ihn auf den Lippen brannte. Sie setzte den Tee ab und lächelte ihn glücklich an.
„Ich wollte das schon in Deutschland studieren. Mich faszinierte immer wie Menschen miteinander leben können. Was verbindet sie, wie funktionieren Gesellschaften und was bringt sie wiederum dazu sich nicht zu mögen. Warum führen sie Kriege und wie kann man Konflikte lösen.
Dann hatte ich plötzlich den Traum Trainerin zu werden und mit Jugendlichen und Kindern zu arbeiten. Also war die Vertiefung in diese Richtung und Sport in meinem Fokus. Ich bin aktuell so glücklich, dass ich es tatsächlich geschafft habe. Die Sprache, die Schule und dann diese Aufnahmeprüfungen. Ein hartes Stück Arbeit, aber ich bin da…da wo ich schon damals sein wollte. Als ich mich in den Volleyball verliebte, da hatte ich später wieder diesen Traum irgendwann Trainerin zu sein. Nur hier, nicht in Deutschland.“
„Dieses Fach ist ein Traum? Möchtest du also als Kinderpsychologin arbeiten und als Volleyballtrainerin?“
„Hauptsächlich als Trainerin. Ich will die Kinder für Sport begeistern. Sie sollen aber auch Spaß daran haben und trotzdem den Reiz des Leistungsdrucks genießen können. Ich treibe mich selbst auch immer wieder an, aber ich mache das freiwillig, nicht so wie es oft unter Zwang ist. Ein freiwilliger Druck, der aus dem Herzen kommt ist viel mehr wert und kann viel größere Leistungen abrufen, aber das begreifen viele Trainer und Eltern nicht. Beim Lernen ist es doch genauso. Davon muss ich dir sicher nichts erzählen, das was damals bei den Mädels war, sowas musste doch nicht sein. Der Druck in Schule, Sport und privat hat letztendlich das ganze ausgelöst.“
„Das stimmt. Ich sagte ja, du hast ein großes Herz. Du willst am liebsten jedem helfen, oder?“, lächelte er.
„Jedem kann man nicht helfen, aber man kann versuchen so vielen Leuten wie möglich den richtigen Weg zu weisen. Oft reicht das schon aus. Bisher kam ich damit gut klar und habe dabei gute Erfahrungen gemacht, Menschen nur einen Weg zu ebnen oder ihnen etwas auf die Sprünge zu helfen.“ Plötzlich klingelte ihr Handy erneut. Sie sah aufs Display.
„Moment bitte.“
„Guten Abend. Tut mir leid. Ich komme heute nicht mehr zum Skypen.“
„Bettina, also wirklich. Wir wollten doch weiterspielen. Was ist denn los?“
„Ich bin unterwegs. Und nachher muss ich schlafen, ich wollte nicht in einer Vorlesung einschlafen.“
„Na gut. Dann sag mir wenigstens was du ziehst, dann kann ich mir was überlegen.“
„Hm. Ich muss kurz überlegen wie weit wir waren. Sag mir kurz die letzten Züge an.“ Egon war am anderen Ende der Leitung und gab ihr die letzten Schritte durch.
„Oha, jetzt hast du mich aber. Moment.“ Sie stand auf und ging zum Regal, wo ein Shogi-Spiel für die Gäste stand. Sie änderte ein paar Positionen und überlegte dann. Sie gab einen Zug durch.
„Wow, du hast eine interessante Denkweise, Bettina.“
„Du doch auch.“ Er gab ihr seinen Zug durch.
„Wie jetzt? So schnell?“ Tina zog auf dem Brett und überlegte wieder.
„Gut, dann setze mal für mich folgendes und dann ist aber Schluss. Den nächsten gibt’s dann morgen.“
„Danke. Morgen Abend bin ich auch mal unterwegs. Gute Nacht.“
„Das wünsche ich euch auch. Bis morgen. Grüß deine Frau von mir.“ Tina legte auf, sortierte die Steine richtig und ging wieder an den Tisch. Als sie sich setzen wollte, sah Itachi sie erstaunt an.
„Was war das denn für ein seltsamer Anruf? Spielst du echt noch Shogi?“
„Ja, warum war das seltsam?“
„Na, du gibst da nur die Züge durch. Das ist komisch.“
„Das ist normal. Mein neuer Spielpartner telefoniert oder skypt mit mir und dann spielen wir, wenn wir nicht gerade Zeit haben direkt gegenüber zu sitzen.“
„Ach so, deswegen. Und das macht ihr jeden Abend?“
„Fast, wenn Zeit ist.“ Er legte seine Stäbchen zur Seite und bestellte die Rechnung. Beide verließen die Gaststätte und gingen Richtung U-Bahn.
„Wohnst du weit weg von hier? Ich bringe dich auch gerne nach Hause, immerhin ist es sehr spät.“, bot er höflich an.
„Lass mal lieber. Wir sehen uns sicher morgen an der Uni.“
„Vielleicht. Ich würde ja zu gerne mal bei einigen deiner Vorlesungen Mäuschen spielen. Du bist echt zu beneiden.“, sprach er offen und sorgte für Gesprächsstoff.
„Wie meinst du das? Welche Vorlesungen meinst du?“
„Na die für Psychologie in der Praxis. Ich habe gesehen, dass du bei Kudo drin bist. Das ist ein richtiger Fuchs als Anwalt. Wie der die Leute auseinandernimmt, Wahnsinn. Wie hast du das geschafft? Ich versuche seit meinen zwei Jahren in seine Vorlesungen zu kommen, aber der Herr sortiert aus, nach welchem Prinzip auch immer. Da ist kein Rankommen.“
„Er sortiert aus? Wie meinst du das? Ich habe mich gleich zu Beginn eingetragen, als ich ihn auf der Liste entdeckt habe und seine Vorlesungen sind wirklich spannend und aufregend.“
„Naja, er ist bekannt dafür, dass er Volleyball mag, also hat er dich sicher zugelassen, weil er dich als Spielerin kennt. Das könnte ja sein.“
„Wow, du bist eifersüchtig oder neidisch?“, grinste sie.
„Neidisch trifft es am ehesten. Ich muss wohl auch Volleyball spielen.“, lachte er.
„Ich weiß ja nicht. Soll ich mal ein gutes Wort für dich einlegen? Vielleicht darfst du mal kommen, wenn jemand fehlt.“
„Würdest du das?“ Sie nickte.
„Bis morgen?“, kam fragend von ihr.
„War das jetzt eine Frage oder eine verrutschte Verabschiedung?“ Sie zuckte mit den Schultern und er stellte sich vor sie und sah neugierig zu ihr herab.
‚Diese Augen, wie kannst du dir nur erlauben noch hübscher zu werden?‘
„Schlägst du mich wieder, wenn ich dir zu nahekomme oder äußerst du dich diesmal in Worten?“ Er sah sie fast herausfordernd an und ihr Blick war fragend und erwartungsvoll zugleich. Ihre Gefühle spielten etwas verrückt und so richtig wusste sie selbst nicht was sie wollte. Einerseits waren ihre Gedanken noch in München und andererseits fand sie den Mann vor sich irgendwie interessant. Sie seufzte laut auf und zuckte mit den Schultern.
„Ich…ich weiß im Moment überhaupt nichts mehr. Tut mir leid.“ Dann wich sie seinem Blick aus und drehte sich zur Seite. Vor ihr spielte sich die seltsame Situation ab, als sie in ihrem Urlaub ohne Abmeldung bei den Eltern im Zug saß, runter nach München fuhr, um Karl-Heinz endlich zu treffen. Sie dachte, jetzt wo sie beide vom Alter her zusammen sein dürften, würde sie es bestimmt schaffen, ihm endlich alles zu erzählen und dann würde sie weitersehen was passiert. Doch dann…dann stand sie vor dem Olympiastadion. Der Parkplatz war weiter weg, aber das Arsenal war gut mit dem Segeldach zu erkennen. Es war nachts und sie starrte nur auf dieses riesige Gelände und stellte sich vor, Karl würde darin gegen Genzo spielen, als wären beide bei den Profis.
Dann setzte sie sich wieder ins Taxi und wollte zum Hotel fahren. Sie plante am nächsten Tag zu der Adresse zu fahren, die Genzo ihr gegeben hatte. Das soll Karls Privatadresse sein, seitdem er alleine wohnte. Um diese Zeit aufzutauchen fand sie jedoch selbst als zu unhöflich und unpassend.
Es kam ein Auto auf den Parkplatz und hielt einfach an. Es war ein weißer kleiner Porsche. Der Fahrer stieg aus. Ein blonder Mann in feiner, sportlicher Kleidung, Pullover, lange Hose und eine kleine Frau, sehr lustig, kichernd drauf mit langen blonden Haaren und in einem schönen, kurzen, bunten Sommerkleid. Sie standen belustigt da und sahen sich das Stadion ebenso an.
„Warten Sie.“, forderte sie den Taxifahrer auf. Sie stieg erneut aus und setzte jedoch ihre Kapuze von der dünnen dunkelblauen Regenjacke auf. Das Pärchen lief Hand in Hand etwas auf das Stadion zu und sahen es sich zusammen an. Er zeigte darauf und erzählte etwas. Tina konnte es kaum glauben. Dann küsste er sie. Unter der Laterne konnte sie ihn erkennen. Es war eindeutig Karl-Heinz. Zuerst war sie sich unsicher, aber dann sah er nach dem Kuss kurz in ihre Richtung. Mit einem sehr ernsten Blick sah er zu ihr und stellte sich vor die Frau und stülpte ihr seine Jacke über. Ihr war klar, dass er sie nicht erkennen konnte. Woher denn auch. Ihr Herz schlug schneller und sie ging zwei Schritte auf ihn zu. Doch dann ertönte seine kräftige Stimme mit zornigem Unterton.
„Gehen Sie! Wehe ich sehe irgendein Foto von uns!“ Sie vermutete, er hielt sie für eine Paparazzi und statt sich erkennen zugeben, stieg sie sofort wieder ins Taxi. Dieser Anblick stach ihr mitten ins Herz. Dabei wusste sie doch, er müsste sicher hier und da mal eine Freundin haben. Natürlich würde er das…immerhin denkt er, dass er nicht mehr mit ihr zusammen sein könnte. Da er nicht wusste, wo sie ist…und er ist doch ein charmanter Typ und begehrt sowieso. Es wäre sicher eher seltsam, wenn er nicht mal eine Freundin hätte, schon gar nicht, jetzt wo er endlich volljährig war. Ein Mann, der seine Erfahrungen sammelt, könnte er doch auch sein. Trotzdem traf es sie sehr und sie zweifelte daran, jemals wieder in seiner Nähe sein zu können. Abgesehen davon, was würde sie denn jetzt alles durcheinanderbringen? Würde sie ihm diese Beziehung kaputt machen oder nur bei einem Flirt stören? Würde sie nicht alles das in Gefahr bringen, was sie die ganzen Jahre beschützt hatte? Wenn jemand jemals von ihr erfahren würde und es käme raus, dass sie in seinem Team war. Das wäre viel zu riskant und würde nicht nur seine Karriere und seiner Familie schaden, nein. Es wäre auch für alle anderen ein Risiko.
„Sorry, früher wusste ich mal…was ich wollte, aber jetzt? Jetzt weiß ich gar nichts mehr.“
„Was weißt du nicht? Hast du denn einen Freund? Oder was ist mit dem Mann in Deutschland? Der, der so gut küssen kann? Mittlerweile ist er sicher ein richtiger Mann geworden?“, forderte er sie etwas heraus. Tina fasste sich ans Herz und sah zum Himmel hoch.
„Es ist kompliziert. Jetzt, jetzt haben wir endlich das richtige Alter und ich…ich habe versucht ihn endlich wieder zu treffen und stand fast vor ihm…aber…ich konnte nicht. Ich…ich konnte ihm noch immer nicht gegenüberstehen. Es…ist riskant…und…am Ende bringe ich ihm und seiner Familie nur Probleme.“ „Probleme? Wieso? Was bringst du für Probleme? Ist das so ein Romeo und Julia Ding bei euch?“
„Sowas Ähnliches. Es ist eben kompliziert.“
„Aber du musst doch wissen ob du ihn liebst oder er dich oder wie jetzt?“ Plötzlich klingelte ihr Handy erneut. Sie zuckte zusammen und ging dann ran. Es war Genzo.
„Tina, wie geht es dir heute? Endlich habe ich Zeit dich anzurufen.“ Sie lächelte.
„Das ist schön. Wie geht es dir? Wie war dein Tag?“
„Ich habe einen ausgezeichneten Tag. Aber ich kann dir nicht viel davon berichten.“
„Erzähl einfach, vielleicht kann ich das gerade gebrauchen. Wir können es ja mal versuchen.“
„Tina, was ist los?“
„Erzähl einfach von deinem Tag. Aber in Kürze. Das was schön ist.“
„Hm, du wirst es nicht glauben, aber ich bin ins Profiteam beordert worden.“ „Wirklich? Bei den Profis? Das freut mich sehr. Das war immer dein Traum.“
„Ja, der Stammkeeper ist verletzt und so kam ich ins Spiel als Nummer Zwei. Kaltz kommt auch dazu. Wir können weiter zusammenspielen.“
„Oh, verletzt, der Arme. Das wünscht man niemanden, aber das macht mich trotzdem glücklich. Das war immer dein Traum.
Dann erzähl kurz, gibt es was Neues von IHM?“
„Das willst du nicht wissen. Lass mal.“
„Erzähl einfach. Vielleicht kann ich die Info gerade gebrauchen.“
„Hm. Die Presse schreibt viel, weißt du?“
„Nun sag einfach, was denn?“
„Karl…er hat sich wohl verlobt mit einem Model. Aber sicher sind sich die Leute noch nicht. Es gibt ein Foto. Du kennst ja die Klatschblätter. Sie ist sehr hübsch, aber an dich kommt sie nicht ran.“, berichtete er. Tina atmete tief durch.
„Dann stimmt es, ich…habe sie gesehen. Danke. Ich ruf morgen nochmal an.“, legte sie einfach auf.
„Tina? Du bist um diese Zeit sehr gefragt, was?“, brachte sich Itachi frei raus ein.
„Das war ein Freund. Er hat immer erst so spät Zeit.“
„Naja, wenn der Anruf aus Deutschland kommt…kann ich mir das vorstellen. Was ist nun? Wenn du irgendwann weißt was du willst, Tina, dann…dann steht mein Angebot noch. Die Gelegenheit ist günstig.
Ich würde dich immer noch gerne daten, aber du musst das auch wollen. Lass es mich dann wissen, wenn du dir sicher bist. Du kannst auch gleich sagen, wenn du kein Interesse hast. Mich würde das auch nicht wundern, immerhin war unser Start etwas komisch.“, sprach er ruhig und von sich überzeugt. Er ging auf sie zu und reichte ihr seine Hand. Tina drehte sich wieder zu ihm und sah zu ihm auf. „Dann…wärst du aber mein erstes offizielles Date hier in Japan.“, grinste sie. „Wow, echt? Ist das jetzt dein Ernst?“ Sie nickte und sah lächelnd zu ihm auf. „Nun frag schon, sonst überlege ich mir das gleich wieder. Wir können es doch einfach versuchen.“ Er nahm seine Hand hoch und berührte neugierig ihr Haar. „Bettina Fuchs…würdest du mit mir morgen Abend ausgehen? Ich habe nach den Seminaren frei.“ Sein Puls stieg plötzlich extrem an und so richtig war er noch nicht sicher, ob sie es wirklich ernst meinte damit. Tina stimmte zu und berührte seine Hand, die ihr Haar berührte.
„Du musst mir dann noch eine Uhrzeit und einen Ort nennen.“
„Den muss ich noch organisieren, aber ich habe da schon eine Idee. Wir sehen uns morgen in der Uni, am besten zur Mittagspause am Eingang drei der Mensa. Was meinst du?“
„Okay, vor der Palme?“
„Genau, okay. Aber…jetzt darf ich dich doch auch nach Hause bringen, oder? So sicher ist die Gegend hier auch wieder nicht. Du läufst ja sicher nicht grundlos wie ein Mann alleine durch die Gegend?“ Sie nickte und grinste etwas vor sich hin.
„Es ist mir allgemein lieber. Meine Haare fallen immer so auf.“ Sie zeigte kurz mit der Hand in die Richtung wo sie wohnte und drehte sich entsprechend in die Richtung. Itachi stellte sich neben sie und sie gingen los.
„Deine Haare sind doch schön, aber ja, die fallen auf. Wieso lachst du dabei? War der Tag auf meiner Station heute nicht aufregend genug für dich?“
„Oh doch. Das war er. Wie schaffst du das nur jeden Tag? Ist es immer so voll?“ „Nein, es ist immer verschieden. Es kam dir nur so voll vor, weil du es nicht gewohnt bist.“
„Das kann sein. Was wird denn nun mit dem Mädchen? Liegt sie immer noch dort und schläft?“
„Ihr geht es gut, mach dir keinen Kopf um sie.“ Plötzlich klingelte schon wieder ihr Handy. Sie sah, dass es Genzo war und drückte ihn weg.
‚Sie drückt den Anrufer weg? Interessant.‘, grinste Itachi vor sich hin. Kurz darauf klingelte es erneut. Wieder drückte sie ihn weg.
„Das ist die Hauptsache. Aber du hast Recht, wir wollen jetzt nicht über die Arbeit reden.“
„Das wäre mir auch lieber. War stressig genug heute. So eine Situation haben wir nicht jeden Tag. Du weißt hoffentlich, dass du heute ein Leben gerettet hast?“ Sie lächelte und sah nach vorne.
„Ich weiß…“, hauchte sie leise. Wieder klingelte ihr Telefon und gnatzig ging sie ran, in der Annahme es sei erneut Genzo.
„Merkst du nicht, dass du störst? Ich rufe zurück, wenn ich Zeit habe, Idiot.“, brummte sie in den Hörer und legte wieder auf.
„Oha, wer war das denn?“
„Der Freund. Manchmal merkt er nicht, wann er stört.“, grinste sie einfach.
Am anderen Ende der Leitung wurde total verdutzt auf das Telefon gestarrt. „Was…was war das denn eben? Ich glaube da lag eine Verwechslung vor. Das sieht ihr ja gar nicht ähnlich.“, murmelte Takeru vor sich hin und legte den Hörer in seinem neuen Büro wieder auf. Dann schnappte er sich sein Handy und schrieb eine Nachricht an Tina.
In Tinas Tasche klingelte es erneut. Diesmal jedoch anders als zuvor. Bevor sie ranging, rollte sie mit den Augen.
„Jetzt ist er sauer und kündigt mir die Freundschaft. Oha.“, lachte sie, griff nach dem Handy und sah sich die SMS an.
„Oha…noch schlimmer.“, schreckte sie dann auf und blieb stehen.
„Was ist los? Ist was passiert?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Warte bitte einen Moment. Da muss ich sofort zurückrufen.“ Sie stellte sich etwas von ihm weg und rief den Kommissar zurück.
„Es tut mir leid, ich war abgelenkt.“
„Das ist ja was ganz Neues. Was lenkt Sie denn so sehr ab, dass Sie nicht mal schauen wer anruft? Und wer ist ein Idiot?“
„Äh, natürlich nicht Sie. Ein Freund, der hat eben gefühlt ständig angerufen und gestört. Tut mir leid. Warum rufen Sie mich an?“
„Wobei hat er denn gestört? Ich dachte, Sie wollten nach Hause gehen.“
„Ich bin ja auch auf dem Weg nach Hause. Worum geht’s denn nun?“
„Wir haben die Täterinnen geschnappt. Die, die das Mädchen überfallen haben.“, berichtete er fröhlich.
„Wirklich? Alle? Waren das Frauen?“
„Es war eine Mädchenbande, die schon eine Weile Probleme machte. Aber die sitzen jetzt hier und ihre Anführerinnen haben wir auch gleich erwischt. Die gehen alle ne Weile ins Kittchen.“
„Das ist gut. Danke für die Information.“
„Ich habe zu danken, hätten Sie die Kleine nicht rechtzeitig gefunden, dann hätten wir kaum etwas ermitteln können. Euch noch einen schönen Abend.“, sagte er dann. Tina stutzte.
„Wieso euch?“
„Denken Sie doch mal nach…was glauben Sie wozu die Ministationen so alles gut sind? Beziehen Sie diese gerne in Ihre eigenen Pläne mit ein. Also, euch einen netten Abend noch.“ Dann legte er auf. Tina legte verdutzt das Handy in die Tasche und ging dann nachdenklich zu Itachi zurück.
‚Die Ministationen? Dieser Mann hat seine Augen also überall.‘
Mutter und Tochter oder Mutter und Freundin?
Kapitel 172
Mutter und Tochter oder Mutter und Freundin?
Langsam kamen sie auf die Einkaufspassage zu. Die hellen bunten Lichter beleuchteten die Straßen und es waren nun deutlich mehr Leute unterwegs. Zwar war es bereits etwa 22:30 Uhr, aber einige kleine Shops hatten für die Touristen noch auf und die Futterbuden waren ebenso noch belebt.
„Hm, gibt es eigentlich etwas, was du gar nicht essen magst oder kannst? Nicht, dass ich was Falsches raussuche?“
„Keine Sorge. Ich bin für alles offen. Ich lasse mich gerne überraschen und inspirieren. Nur Fugu muss nicht sein. Das ist mir zu albern, sein Leben riskieren für etwas zu Essen.“
„Das mag ich auch nicht. Naja, wenn du selbst gerne kochst, dann gibt es ja einen hohen Anspruch.“
„Echt? Machst du dir darüber Gedanken? Geh mit mir einfach dahin wo du auch gerne bist. Ich gebe mich auch mit einer ganz normalen Mahlzeit zufrieden, Hauptsache es schmeckt, macht satt und wir können uns unterhalten. Du musst dich jetzt nicht verschulden, nur um mich irgendwo einzuladen, weil du mich beeindrucken willst.“
„Das klingt ja echt profan. Nun gut, weiß ich Bescheid.“, lächelte er. An der nächsten Kreuzung kamen sie an Odas Fitnessstudio vorbei. Es stand genau in der Ecke. Tina sah grinsend hoch zu den verspiegelten Fenstern. Neben dem Gebäude waren die Lichter aus und die Gebäude waren alle gesperrt.
„Ob der Weinhändler morgen wirklich zu Sato geht? Glaubst du das wirklich?“, fragte Itachi.
„Bestimmt, wenn er unseren Koch wirklich kennt, es schien ja so zu sein. Dann lässt er sich das bestimmt nicht zweimal sagen.“
„Was meinst du, wann reißen die die Gebäude endlich ab? Die stehen mittlerweile schon gut die drei Jahre so rum.“
„Das ist übernächstes Jahr geplant. Also es soll aber nur teilweise eingerissen werden und dann soll saniert werden. Eher so wie ein Rückbau. Herr Oda versucht aktuell die anliegenden Gebäude zu kaufen und die Abriss- wie auch die Baugenehmigungen durchzukriegen. Das dauert, weil die Architekten jedes kleinste Detail mit den Baustatikern und aktuellen Besitzern absprechen müssen. Die Planung ist so umfangreich.“ Er sah sie überrascht an.
„Das weißt du so genau? Da sind schon Architekten am Start. Na dann sollte das bald was werden.“
„Ja, das gehört alles zu unserem Plan. Das Studio umbauen, Fitnesspläne und Ernährungspläne. Vieles passt nur, wenn das hier alles endlich fertig ist.“
„Ihr habt viel vor, was?“
„Ja, glaubst du wirklich ich werde mein Leben lang nur Volleyball spielen? Es ist immer gut mehr als nur einen Plan B zu haben. Ich habe lieber auch C und D.“ Sie verließen die Einkaufsmeile und es wurde wieder dunkler und deutlich ruhiger.
„Es ist schon ein gutes Stück bis zu dir, oder?“ Tina grinste.
„Wir sind gleich da. Nur noch um die Ecke.“ Sie bogen in ein Wohnviertel mit einigen größeren Grundstücken und einzelnen Wohnhäusern.
„Schau, dort das mit dem weißen Tor.“
„Hübsch. Es sieht europäisch, groß und sehr neu aus.“
„Das ist es. Es wurde doch erst gebaut, als wir hergezogen sind. Die Architekten und Baufirma waren übrigens dieselben, die jetzt auch das Studio umbauen sollen.“
„Oh, wirklich? Na dann kann es ja sicher jedes Erdbeben aushalten.“ Sie blieben vor dem Tor stehen und sahen sich in die Augen.
„Und nun? Weiter noch nicht?“
„Besser nicht, wenn dich meine Eltern sehen und erkennen, keine Ahnung wie die dann reagieren werden.“
„Mich erkennen? Ach stimmt ja, da war die Aktion vor dem Büro vom Direktor. Das war echt fies, stimmt. Glaubst du die erkennen mich nach der langen Zeit wieder?“
„Ja, aber vermutlich eher, weil sie die Aufnahme mit der Schüsselaktion gesehen haben. Der Direktor hat sie ihnen gezeigt. Ich fand das nicht gerade gut, aber naja. Nach deiner Aktion vor dem Büro haben wir uns gemeinsam die Aufnahmen angesehen.“
„Oha. Okay. Ich war echt ein Arsch, oder? Du weißt doch, dass ich das nur für die Jungs getan habe, oder? Damit du das Ruder in die Hand nimmst und sie noch ihre Prüfungen machen konnten. Ebenso die Aktion auf dem Schulhof.“, hinterfragte er vorsichtig.
„Lass uns morgen reden. Ich bin im Moment etwas zu müde für alte Geschichten. Du willst doch auch nicht, dass ich mir das jetzt wieder anders überlege?“ Er nahm plötzlich ihre Hand, nahm sie hoch bis zu ihrem Taillenbereich und hielt sie zärtlich fest. Dabei sah er ihr fragend in die klaren Augen.
„Und du meinst das mit dem Date wirklich so? Oder hast du nur aus einer dummen Laune heraus zugesagt? Dein Telefonat zuvor war so komisch. Du sagtest zuerst, du weißt gerade gar nichts. So deine Worte.“
„Natürlich meine ich das so. Ich würde niemals unehrlich sein oder jemanden etwas vormachen. Aber…aus einer Laune heraus ist es wirklich. Da hast du wohl Recht. Aber…ich kann ja nicht ewig warten, auf etwas, was ich sowieso nie bekommen kann. Also wenn du es trotzdem mit mir…versuchen willst…können wir ja schauen…wohin es uns führt?
Ich…ich weiß es im Moment nicht.“
„Das weiß ich, du warst damals auch zu Tangaroa ehrlich. Das fand ich wirklich sehr gut. Da kannte ich andere Mädchen. Du bist gleich ehrlich und das ist besonders. Ich wage es, vielleicht passt es ja doch…und wir werden es einfach ausprobieren?“ Sie nickte.
„Und du? Bist du denn ehrlich? Hast du jetzt wirklich niemanden? Können wir uns sehen, ohne, dass ich mich mit einer anderen anlegen muss? Willst du mich wirklich kennenlernen, oder bist du einer von denen, die nur eins wollen, am besten mit einer Ausländerin?“, kam sie provozierend zurück. In Wirklichkeit wollte sie nur von ihrer Aufregung ablenken. Beiden schlug das Herz bis zum Hals und er stellte plötzlich seine Tasche auf den Boden und fasste ihre Wange mit dem Zeigefinger.
‚Wie sehr deine Augen leuchten, Bettina. Und wie du mich jetzt ansiehst. Das alleine ist es wert, einfach das Risiko einzugehen, dich besser kennenzulernen.‘ „Wenn ich nur das Eine wollen würde…dann würde ich nicht um ein Date bitten, sondern nur um eine Nacht mit dir!“, machte er ihr deutlich klar. Sie konnte darauf gar nichts sagen, nur ihren eigenen Puls spüren, wie er weiter anstieg. Irgendwie kam er ihr schon wieder frech vor, aber es fühlte sich aufregend an. Wie sonderbar fühlte sich plötzlich so eine einfache Berührung im Gesicht an? Und dann sah er sie so anders an als zuvor. Ihr Händedruck stieg an, als würde sie versuchen sich an ihm festzuhalten.
„Und? Kriege ich wieder ein blaues Auge oder eine Schramme? Ein Tritt?“, grinste er und wollte sich lieber vergewissern. Sie schüttelte ganz seicht den Kopf, aber sagen konnte sie in dem Moment gar nichts. Plötzlich wurde aus der kleinen Berührung seines Zeigefinders eine sanfte Berührung mit der ganzen Hand und er fuhr an ihr Ohr und unter ihre langen Haare. Dann beugte er sich zu ihr herunter und gab ihr einen kurzen, aber sinnlichen Kuss. Bald ließ er von ihr, strich mit der Hand aus ihrem Gesicht und hielt sie nur mit der anderen an ihrer Hand fest. Er sah sie liebevoll an.
„Tina, du bist in den letzten Jahren noch viel hübscher geworden, das weißt du hoffentlich. Noch hübscher als du sowieso schon warst. Niemand würde dich heute noch als kleines Mädchen sehen, sei dir dem immer bewusst.“ Daraufhin ließ er sie los.
„Ich warte bis du hinter der Eingangstür verschwunden bist. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht. Wir sehen uns morgen in der Uni.“ Sie sah ihn überrascht an und ließ ihn los.
„Das…das wünsche ich dir auch.“, fing sie sich langsam und lächelte wieder seicht. Dann ging sie langsam auf die Haustür zu. Ihr Puls war enorm angestiegen. So ein sonderbarer Moment. Itachi blieb im Lichtschatten der Straßenlaterne stehen und sah ihr nach. Ihm war klar, mit der hellen Lampe hinter sich konnte man nur grob Umrisse sehen, sollte jemand aus dem Fenster sehen oder an der Tür stehen, wenn sie aufginge. Dann kramte Tina in ihrer Tasche nach dem Schlüssel und die Tür ging jedoch von alleine auf. Und tatsächlich, ihre Mutter stand in der Tür und lächelte sie an.
„Liebling. Wir haben uns Mühe gegeben nicht hinterherzutelefonieren.“, schmunzelte sie und schielte neugierig an ihr vorbei und sah zu dem jungen Mann neben dem Eingangstor.
„Ein großer schlanker Typ im Anzug? Wer ist der junge Mann?“ Tina drehte sich kurz um und wank ihm lächelnd zu.
„Komm gut nach Hause.“, rief sie ihm zu. Was anderes fiel ihr nicht ein und ohne wirkliche Verabschiedung kam es ihr doof vor, einfach ins Haus zu gehen. Er griff hinunter an seine Ledertasche, die noch auf dem Boden stand und wank ihr mit der anderen Hand zurück. Er sagte bewusst nichts und ging dann einfach auf die andere Straßenseite und verschwand zügig in Richtung U-Bahn.
Hinter Tina schloss sich die Tür und ihre Mutter nahm sie liebevoll in die Arme. „Erzähl doch mal. Wer war das?“ Nun kam auch ihr Vater aus Richtung Treppe durch den Flur. Er grinste vor sich hin.
„Es großer schlanker Typ. War das der Medizin-Student, dem du geholfen hast? Erzähl mal, was ist denn passiert?“ Tina nickte, wollte aber an den beiden vorbei, um ins Bad zu gehen.
„Jetzt ist sie schüchtern.“, neckte er sie etwas und grinste.
„Ich muss ins Bad. Er ist noch Student.“ Dann ging sie einfach an ihnen vorbei, zog unterwegs die Schuhe aus, drückte sie mit dem Fuß nur zur Seite an die Wand und verschwand im Bad. Ihre Eltern wunderten sich zwar, aber sahen sich dann wiederum grinsend an.
„Oha, das muss ja ein Kuss gewesen sein…ui ui ui.“, meinte Gesine zu ihm.
„Sah jedenfalls nicht harmlos aus.“, versuchte er es zu deuten.
„Nicht harmlos? Ich würde mal behaupten er ist etwas älter als sie. Wie sollen wir denn darauf reagieren?“ Georg sah sie an.
„Abwarten. Lassen wir sie erstmal alleine. Und ja, das glaube ich auch. Aber er scheint es ehrlich zu meinen, sonst hätte er sie nicht nach Hause gebracht und vor dem Haus geküsst.“
„Ich bin erstaunt, dass sie das überhaupt zugelassen hat. Sie zeigt sonst niemandem wo wir wohnen. Sie weiß, dass es immer ein Risiko ist, auch wegen ihrer Fans.“
„Das ist gar nicht das Entscheidende…sondern…sie hat es zugelassen, dass er sie küsst. Denk daran, was im Sommer war. Das war eine sehr knappe Sache. Das hätte schief gehen können. Wir hatten nur Glück, dass Genzo Bescheid wusste.“ „Du hast Recht, ein Glück, dass er Marie dazu bringen konnte sich spontan von Henry sein neues Zuhause zeigen zu lassen.“
„Richtig, wir warten jetzt erstmal ab. Wichtig ist nur, sie lenkt sich ab, kommt über ihn hinweg und wir müssen uns keine Sorgen mehr machen, wenn sich alles von alleine regelt.“ Gesine sah zu ihrem Mann auf und berührte seine Wange. Ihr lieblicher Blick verriet ihm ihre Gedanken. Er kam ihr entgegen und küsste sie sinnlich.
Im Bad ging kurz vorher die Tür zu und Tina stellte sich vor den Spiegel. Sie berührte ihre Lippen.
‚Was…was war das denn? Dieser Kuss…er war ganz anders…ganz anders als damals. Bin ich total bescheuert? Ich lasse es zu, dass mich ein anderer küsst? Karl-Heinz? Bist du mir jetzt böse? Was soll ich denn machen? Ich…weiß es einfach nicht. Du…du küsst doch auch eine andere…weißt du überhaupt noch wer ich bin? Kam dir nicht mal in den Sinn, dass ich es sein könnte, die du da so einfach anschreist? Du fragst auch nie nach mir, nicht ein einziges Mal hast du Genzo nach mir ausgefragt. Warum nur? Und dann…dann gehst du mit einem Model? Sie ist bestimmt sehr schön, keine Frage. Natürlich mit langen blonden Haaren. Blondinen waren immer sein Typ. Und dann diese freizügige Kleidung, natürlich gehst du mit so einer Schönheit. Sie ist sicher sehr glücklich, an der Seite eines Mannes wie dir, der auch den Blick dafür hat sie zu beschützen.
Und warum konnte ich nichts sagen? Du hast doch zu mir geschaut. Durch die Kapuze war ich sicher nicht zu erkennen. Und warum konnte ich nichts sagen? Ich weiß gar nichts mehr. Du warst mir so nah und ich konnte dich immer noch nicht ansprechen? Ich hätte dir ja wenigstens von Stephan erzählen können. Aber nein, das bekomme ich auch nicht hin. Ich bin einfach zu feige.
Es…es hat doch auch keinen Sinn. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Es wäre besser gewesen, ich wäre niemals nach München gefahren. Genzo hatte vollkommen Recht. Das war ein großer Fehler.‘ Sie sah zu sich herab und dann fasste sie ihre rechte Wange und schloss die Augen.
‚Was war das nur für eine Berührung? Wieso hat er das getan? Das fühlte sich an, als hätten wir bereits unser Date gehabt und das war der Abschied.‘
„Itachi…du hast Recht.“, sagte sie ganz leise vor sich hin.
‚Damals…als du mich geküsst hast…hast du gezögert…gedacht, dass ich mich wehre, weil du wusstest, dass ich es tun würde, wenn mir was nicht gefällt. Worte reichten Dir nicht aus. Mit einem Kuss habe ich in dem Moment nicht gerechnet. Du hast mich damals mit deinem Verhalten auch so durcheinandergebracht. Und eben…was war das plötzlich? Du küsst mich einfach, so…fühlt sich ein Kuss jetzt an? So fühlt sich ein Kuss an? Nun bin ich so viel älter und fühle etwas dabei, etwas was ich nicht wollte, niemals…niemals sollte mich je jemand anderer küssen. Ich…ich wollte doch nur von dir geliebt werden…Karl-Heinz? Wieso ist das alles so kompliziert?
Ich will nicht mehr…ich will nicht mehr das kleine Mädchen sein…und ich kann nicht mehr…ich kann nicht mehr darauf warten und hoffen, dass ich jemals bei dir sein kann. Es hat doch sowieso kein Sinn. Vielleicht weißt du das auch und lässt dich deswegen auf jemanden ein?‘ Plötzlich liefen ihr Tränen aus den Augen und sie fing an sich auszuziehen, schmiss ihre Sachen förmlich in die Ecke und sah nochmal zum bodenlangen Spiegel neben dem Waschtisch. Sie betrachtete sich und fuhr mit den Händen an sich herunter. Taille hatte sie schon immer, aber wie sah es mit dem Gesamtbild aus? Sie stellte sich seitlich, damit sie sich im Profil sehen konnte. Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und machte ihre langen Haare auseinander.
‚Hm, was meinte Itachi denn vorhin? Ich sehe nicht mehr aus wie ein Mädchen? Hat er damit wirklich Recht? Haben sich die drei Jahre harte Arbeit mit dem Ernährungsplan und dem neuen Trainingsplan wirklich gelohnt?‘ Sie berührte ihren Busen. Bisher hatte sie sich noch nicht viele Gedanken darum gemacht, ob ihr Trainingsplan von Martin wirklich große Erfolge in der kurzen Zeit zeigen würde. Aber doch, sie lächelte und sah ein, etwas rundlicher und figürlicher ist sie geworden. Zwar war oben nicht viel, aber das was da war, sah nach einer netten Form aus, nicht so wie früher, als sie auf jedes Gramm Fett verzichtet hatte, um Busen und Po bewusst flach zu halten. Aber jetzt, mit dem gezielten Training auch an den Geräten, für eine fraulichere Figur, das hatte eindeutig ein paar Spuren hinterlassen.
‚Viel zu sehen ist in der Uniform der Universität ja nicht, aber im lilafarbenen Trikot kommt doch einiges zum Vorschein. Er hat Recht. Sicher hat er sich das eine oder andere Spiel angesehen.
Itachi? Wie würde es sich denn anfühlen? Eine Berührung auf der Haut? Wie aufregend muss es sein, wenn mein Herz schon zerschlägt, wenn du mir nur an die Wange fasst und mich küsst?‘ Sei berührte dann ihre Wange.
‚Ein Kuss…ein Kuss von jemanden…der schon weiß wie es geht? Es war…so…seltsam. So zärtlich.‘ Bei dem Gedanken daran, dass es ein schöner Moment war, kamen ein paar Tränen, denn wie sehr hatte sie sich eigentlich gewünscht, dass sie Karl wieder sehen würde und er sie doch in seine starken Arme nehmen würde…aber nein. Das sollte nicht sein, das darf nicht sein…warum musste sie sich damals auch ausgerechnet in ihn verlieben?
Kurz darauf ging sie sofort unter die Dusche. Diesmal wollte sie nicht kalt duschen, wie sonst, nein…sie sehnte sich nach Wärme und drehte den Temperaturregler ein. Es wurde wärmer und sie hielt den Kopf einfach hoch zur Brause, ihre Arme hingen einfach an ihr herab und sie ließ das schöne warme Wasser über sich prasseln. Ihre Tränen vermischten sich und sie kniff die Augen zu. Es wurde kurz schwarz vor ihr, dann aber erschienen die vielen Gesichter vor ihr, die sie heute gesehen hatte. Die vielen Leute, die Hilfe brauchten, das Mädchen, das operiert werden musste und der Junge, der einfach nur Hunger hatte. Dann war da Itachis Lächeln, als er ihr mitteilen konnte, dass es das Mädchen geschafft hatte. Ihr war klar, dass er nur assistiert hatte, aber letztendlich hatte er schnell reagiert, erkannt, dass ein Arzt benötigt wurde und dieser kam dann so schnell er konnte und es ging alles gut aus. Sie war heute mal ein Genzo, der jemanden gerettet hatte so gut es ging. Ihre Hilfe kam rechtzeitig. Sie war zur richtigen Zeit am Richtigen Ort.
Auch wenn ihre Begegnungen damals so frech und ungehobelt waren, stellte sich doch letztendlich heraus, dass er gar nicht an den Vorfällen in der Schule wirklich beteiligt war. Alles war etwas seltsam, aber konnte es anfangs nicht richtig deuten, da ihr die Sprachkenntnisse fehlten. Itachi kann doch nicht wirklich ein schlechter Mensch sein, wenn er sich selbst so für andere aufopferte? Sie konnte sich gut vorstellen, dass seine Arbeit im LKW keine große Anerkennung fand, so wie er sagte, es gibt offiziell ja keine Leute, die unter dem Radar schweben und womöglich diese Hilfe brauchen.
Dann stellte sie das Wasser aus, griff nach der Seife und rieb sich überall ein. Plötzlich rutschte ihr die Seife aus der Hand. Sie sauste über die Fliesen durch das ganze Bad und stieß dann gegen die Tür. Tina trat vorsichtig aus der Dusche heraus, um die Seife einzusammeln, da klopfte es an der Badtür.
„Betty, ist alles okay bei dir?“, hörte sie die besorgte Stimme ihrer Mutter.
„Ja, alles gut. Mir ist nur die Seife runtergefallen.“
„Darf ich reinkommen? Ich kann dir den Rücken einreiben oder ich setze mich nur an die Seite auf den Stuhl und wir reden ein wenig. Ich kann mich ja wegdrehen. Wie du magst.“
„Okay, komm rein.“ Gesine betrat das Bad, setzte sich auf den Stuhl und Tina verschwand mit der Seife hinter der milchigen Duschwand.
„Ich höre nur zu. Erzähl mir einfach wie dein Tag war.“
„Du glaubst auch, ich fall darauf rein.“, lachte Tina etwas und seifte sich weiter ein.
„Hätte ja klappen können. Na dann…erzähl mir von diesem Mann. Wie heißt er und er ist also noch Student und arbeiten bei so einen Straßendoktor? Wie muss ich mir das vorstellen?“
„Frag doch gleich wie alt er ist. Du redest immer um den heißen Brei.“
„Ich…ich wollte nicht so direkt sein. Er wird älter sein als du, das ist mir klar. Wenn er als Arzt bereits arbeiten kann, dann muss er ja einige Semester hinter sich haben.“
„Er müsste drei oder vier Jahre älter sein als ich. Genau kann ich das jetzt noch nicht sagen. Wir kennen uns jedoch schon von der Musashi, da war er im letzten Jahrgang, als wir hergezogen sind. Er ist also jetzt im fünften Semester.“
„Ach, ein ehemaliger Schüler aus deiner Schule? Das ist doch schön. War er auch Sportler?“
„Nein, eher einer von den Leseratten. Aber Sport hat er neben der Schule gemacht. Ich glaube sowas wie Boxen oder so. Ich weiß es nicht genau. Wir hatten damals keinen größeren Kontakt, um darüber zu reden. Und heute war keine Zeit.“
„Wenn ich deinen Vater richtig verstanden habe, hast du heute ein Mädchen gefunden, zu ihm gebracht und dann hast du dich dort um andere Leute gekümmert?“
„Ich verschone dich mit den Details, ich sie dort hingebracht, weil sie es wollte. Man behandelt die Leute kostenlos oder gegen eine kleine Spende.“
„Morgen gehen wir aus. Er sagt mir mittags in der Uni dann noch Bescheid wo und wann.“
„Oh, ein Date? Ihr geht richtig aus? Wie niedlich.“, sprach sie dann und setzte einen verliebten Blick auf.
‚Mein Mädchen wird erwachsen…ich hoffe er ist ein feiner Kerl.‘ Tina schaute um die Scheibe herum und sah zu ihrer Mutter.
„Niedlich? Was soll das denn wieder heißen? Wie kann denn so ein Date mit einem Mann NIEDLICH sein?“ Gesine sah ihre Tochter verdutzt an.
„Äh, tut mir leid. Das…das war das falsche Wort.“
„Gibs zu, du sieht in mir immer noch ein kleines freches Mädchen, dass nur mit den großen Jungs spielen will.“, knurrte Tina etwas pikiert und betätigte die Duschbrause.
„Nein, das sehe ich nicht! Ich sehe eine junge starke schöne Frau, die mehr Mut hat als manch ein Mann. Glaubst du wirklich, ich sehe in dir noch ein Kind? Bettina…ich sehe dich schon seit Jahren nicht mehr als Kind, sondern als junge Frau…genau deswegen…deswegen bin ich doch jetzt hier…damit wir…von Frau zu Frau reden können.“
„Mama…manchmal…weiß ich nicht mehr…was ich wirklich bin.“, sprach Tina plötzlich leise unter dem Wasserstrahl. Gesine vernahm, dass sie etwas weinte und ging dann zu ihr.
„Betty, was…was meinst du damit?“
„Sieh mich doch mal an! Sieht so eine schöne Frau aus? Und dann weiß ich nicht…was ich überhaupt fühlen soll? Was darf ich denn fühlen, wenn mich ein Mann berührt?“ Gesine fasst plötzlich Tinas Schulter an.
„Du sagst immer, du bist stolz auf deine Narben und der Mann, der sie hässlich findet, der kann gehen. Das ist genau richtig. Und das weißt du auch.
Und das andere…du lässt es einfach geschehen und wenn es sich schön und angenehm anfühlt, dann ist es okay. Du musst es selbst herausfinden. Und wenn es so ist, dann gibst du es zurück, du gibst dem Mann Berührungen zurück, die ihm gefallen könnten. Welche das sind, das wirst du schon bemerken und erkennen. Aber sobald es sich nicht mehr angenehm anfühlt, das gilt für beide, dann musst du es beenden, genau an diesem Punkt oder etwas anders machen, damit es wieder schön ist. Darüber hinausgehen, das darfst du nicht. Und er darf das auch nicht.
Das ist ein langer Prozess und darauf müssen sich beide einlassen können. Kann es einer von euch nicht, dann hat es keinen Zweck. Dann passt das nicht oder nicht mehr.“
„Okay. Ich würde das jetzt auch nicht anders sehen…ich kann…mir bloß noch nicht vorstellen wie sich das anfühlt. Dieser Kuss vorhin…er war…so anders…“
„Wie fühlte er sich denn an?“
„Ich weiß nicht. Ich kann das nicht beschreiben.“ Tina stellte das Wasser ab und Gesine reichte ihr ein Handtuch.
„Würdest du es denn wieder zulassen? Würdest du dich wieder von ihm küssen lassen? Er hat dich doch auch berührt…könntest du dir das denn nochmal vorstellen? War es denn ein schönes Gefühl? Vielleicht ein Gefühl von Geborgenheit und Sehnsucht?“ Tina sah ihre Mutter erstaunt an.
„Ihr habt ihn gesehen, den Kuss?“
„Äh, ja. Wir waren doch neugierig.“, wurde sie etwas rot. Ihre Tochter fasste sich an die Wange.
„Ich glaube schon…du hast Recht. Wenn es sich gut und nach mehr anfühlt, dann ist es so wie es sein muss.“
„Genau. Und dann schaut man eben was und ob das mehr ist. Aber wenn man merkt, das ist nur etwas Kleines oder nur dieser kurze Moment, dann beendet man das. Dann ist ER noch nicht der Richtige oder der Zeitpunkt ist noch nicht der richtige. Umgedreht ist es genau dasselbe, aber Männer ticken von Natur aus etwas anders und gehen gerne über ihre zärtlichen Gefühle hinaus. Ist der Mann jedoch wirklich verliebt und will dich auf Händen tragen…dann kann er das gut steuern und…es passiert dann nur…genau das…was beide mögen.“, versuchte sie ihr zu erklären und ihre Gedanken waren bei ihrem Mann, wie sie ihn kennengelernt hatte und wie ihre ersten gemeinsame Stunden waren.
„Mama…danke. Ich habe schon so viel darüber gelesen und trotzdem ist dein Rat unverzichtbar.“
„Setz dich hin. Ich creme dir noch den Rücken ein, okay?“
„Gerne. Mama…ich war heute ein Genzo.“ Sie lächelte und nahm ihre Tochter in die Arme.
„Ich weiß. Du musst es ihm unbedingt erzählen. Du warst heute ein Retter.“
„Das muss ich unbedingt.
Sag mal, können wir beide mal mit Roland reden? Ihr schmeißt doch immer so viel Lebensmittel weg, wenn sie in der Gaststätte nicht verbraucht wurden oder die Reste vom Buffett nehmen die Gäste nicht mit. Kann man da nicht irgendwie einiges, was haltbar ist an eine Stelle für Obdachlose oder so bringen? Ich musste einem Jungen mein Brot geben und da waren noch eine Familie, die hat nur aus Geldnot alten Käse gegessen. Sie haben nicht gesehen, dass damit was war, weil sie es nicht kennen. Vielleicht kann man da was helfen?
Der Junge war erst zwölf und isst selbst zu Hause nichts, weil es nicht für alle reicht. Und trotzdem geht er in die Schule und muss lernen. Das geht doch nicht auf Dauer gut.“
„Ich rede mal mit ihm. An etwas ähnliches habe ich bereits gedacht, aber in Hamburg war das anders geregelt und die Bedürftigen sind auch oft von selbst gekommen und haben sich dann einfach an den Resten bedient, das tun die Leute hier weniger. Oft sieht man es ihnen nicht einmal an, dass sie Hunger haben.
Die Reste vom Buffett sind zum Beispiel wie auch bei uns nicht für Spenden geeignet. Wenn ich die einsammle, auch wenn sie theoretisch okay sind, dann bekomme ich Ärger.“
„Irgendwas kann man sicher tun. Ich horche mich mal um.“
„Betty, wie gut kennst du den Studenten denn? Was ist er für ein Typ?“, wechselte Gesine das Thema. Tina schwieg ein paar Sekunden.
„So gut kennen wir uns noch nicht, deswegen werden wir uns morgen ja treffen, um uns endlich richtig kennenzulernen.
Aber wenn jemand sich freiwillig noch nach der eigentlichen Arbeit als Sanitäter um arme Leute kümmert, ohne ein Yen dafür zu bekommen, dann kann man doch nur ein großes Herz haben, oder?“ Gesichte staunte nicht schlecht.
„Er ist bereits Sanitäter? Also hat er schon einen Job und studiert nebenbei?“
„Ja, irgendwie so. Das wird er morgen sicher genauer erklären.“
„Immerhin habt ihr schon was gemeinsam, ihr kümmert euch gerne auch um andere, nicht nur um euch selbst. Egoisten gibt es genug auf der Welt.“
Am nächsten Tag in der Mensa. Tina stand vor der Palme, wie abgesprochen. Es war wie immer gut besucht und viele Leute gingen an ihr vorbei.
„Auf wen wartest du denn?“, kam eine Stimme von der Seite. Sie klang etwas unfreundlich.
„Akane, hi. Du bist gar nicht neugierig, was?“, grinste Tina.
„Ich wundere mich nur, sonst bist du die Erste in der Reihe, wenn es was Europäisches zu essen gibt.“
„Ja, aber manchmal gibt es wichtigeres als das. Lass es dir schmecken. Ich empfehle dir die Salate und probiere mal das Pfeffersteak. Du magst es doch gerne pikant.“ Akane war verwundert und ging dann Richtung Mensa weiter.
‚Diese Bettina ist wirklich seltsam. Ich verstehe ihre Art überhaupt nicht.‘, ging Akane durch den Kopf.
„Na? Hast du gut geschlafen?“, folgte kurz darauf auch schon eine freundliche Begrüßung von der anderen Seite. Itachi stand in seiner Uniform da und sah liebevoll zu ihr herab. Tina blickte überrascht zu ihm auf. Dann lächelte sie.
„Das habe ich. Und du?“
„Ich kann nicht klagen. Hast du es dir nochmal überlegt oder bleibt es bei heute Abend?“
„Du machst Witze. Natürlich bleibt es dabei. Würde ich sonst hier auf dich warten?“ Er grinste und holte dann zwei Visitenkarten aus der Tasche und reichte sie ihr.
„Das eine ist meine, nur damit du im Notfall absagen kannst. Ich kenn dich ja, dir kommt gerne mal was dazwischen.
Und das andere ist das Lokal, wo ich mit dir hingehen möchte. Wir treffen uns jedoch vorher ein paar Häuser weiter. Die Adresse steht auch da drauf.“ Tina sah neugierig auf die Karten und staunte nicht schlecht.
„Ein Tanzlokal? Und das andere was ist das? Was muss ich denn da anziehen?“ „Lass dich überraschen. Beides ist in deiner Nähe, also musst du nicht lange mit Taxi fahren oder so. Ich kann dich auch wieder heimbringen, wenn du das dann möchtest.“, lächelte er.
„Aber…ich darf doch noch gar nicht in diese Tanz-Lokale.“
„Da findet eine Privatveranstaltung statt, also bist du wie bei einer Familienfeier einfach nur ein Gast. Du wirst nicht die Einzige Person in deinem Alter sein. Es wird auch keinen Alkohol geben.“
„Und…was ist der Anlass? Muss ich ein Gastgeschenk mitbringen oder etwas Besonderes anziehen?“
„Darum kümmere ich mich, lass dich überraschen. Du wirst meine Begleitung sein. Es wird dir ganz sicher gefallen.“
„Du musst mir aber wenigstens verraten ob ich beim Essen auf den Knien sitzen muss oder auf einem Stuhl. Ich weiß ja sonst gar nicht wie kurz mein Kleid sein darf.“, neckte sie ihn etwas. Plötzlich wurde er etwas verlegen. Der Gedanke, dass sie ein kurzes Kleid tragen würde, gefiel ihm natürlich sehr.
„Ähm…du kannst es tragen…wie du willst. Wir gehen nur in eine Sushi-Bar.“ Tina grinste ihn an.
„Geht doch, okay. Ich liebe Fisch. Dann bis heute Abend, Itachi.“, lächelte sie zu ihm auf. Er starrte sie nur an und dann grinste er plötzlich und schupste seine Ledertasche ganz sachte kurz an ihren Rock. Am liebsten hätte er ihre Wange berührt und ihr tief in die Augen gesehen, aber das durfte doch nicht vor den anderen sein.
„Jetzt hast du mich ausgetrickst. Ich wusste, mit dir kann es nie langweilig werden.“ Dann ging er ihr aus den Augen und verschwand einfach zwischen den anderen Studenten, die gerade wieder als Gruppe an ihnen vorbeikamen.
‚Mama hatte Recht, es gibt Dinge, da sind sie alle gleich, egal aus welcher Kultur sie kommen.‘ Sie steckte die Visitenkarten in ihre Tasche. Kurz danach wurde sie wieder angesprochen.
„Tina, hi. Was war das denn eben? War das nicht Itachi?“, begrüßte sie Jun.
„Hallo Jun, ja, warum?“
„Du redest mit ihm? Seit wann das denn?“ Tina grinste.
„Seit gestern, warum? Darf ich nicht reden mit wem ich will?“ Er sah sie überrascht an.
„Schon, aber…Worüber habt ihr denn geredet, wenn ich fragen darf? Das sah so komisch aus.“
„Wir…haben ein Date und haben uns abgesprochen.“ Vor Verwunderung blieb er still und starrte sie nur an.
„Wie jetzt? Dieser Casanova? Der passt doch gar nicht zu dir. Hast du eine Ahnung was die Leute hier über ihn reden?“, flüsterte er ihr streng zu. Tina sah ihn herausfordernd an.
„Was reden die Leute denn über mich?“ Er wurde verlegen, denn er würde ihr niemals sagen was die Leute so über sie reden. Das alleine auszusprechen fand er als respektlos und beschämend zugleich.
„Was immer die reden, es ist gelogen, das weiß ich doch.“
„Und wer sagt, dass das andere nicht auch gelogen oder nur halb so schlimm ist?“
„Ich weiß nicht. Fachlich steht er niemanden nach, er ist wirklich ein Genie, aber menschlich kann ich ihn nicht einschätzen…pass bloß auf. Bestimmt will er nur was von dir, weil du…“, begann er seinen Satz und ließ ihn dann aber so stehen. „Weil ich was? Sprich doch aus was die anderen sagen und denken…“
„Das…kann ich nicht. Gut. Pass einfach auf dich auf.“
„Weil ich Ausländerin bin? Weil ich blond bin? Weil ich nur wegen des Sports angenommen wurde? Weil ich mich hier mit irgendwelchen Professoren hochgeschlafen habe, um durch die Einstellungstests zu kommen? Glaubst du wirklich, dass er so über mich denken würde? Sowas sagst du mir auch noch ins Gesicht?“ Ihre Stimme wurde immer lauter und einige Leute blieben schon etwas verdutzt stehen und hörten sich die Diskussion an.
‚Oha, die hat ja ein Temperament.‘, fiel einigen auf.
„Tina…pst. Du bist so laut.“, versuchte er sie etwas zu beruhigen. Ihm war es etwas unangenehm, dass die anderen ihre Unterhaltung mitbekamen.
„Dann passt das doch. Der Casanova und die, die nicht durch harte Arbeit hier gelandet ist. Ist mir egal, was die reden.“, sprach sie laut und ging ihm dann aus dem Blickfeld und verschwand in der Mensa. Yayoi kam auf Jun zu und wunderte sich.
„Was ist denn los? Wieso wurde sie so laut?“
„Ich weiß auch nicht so genau. Irgendwas war los. Reden wir später drüber, wenn wir alleine sind.“
Gesines kleines Mädchen
Kapitel 173
Gesines kleines Mädchen
Inzwischen hatte sich Itachi sein Essen besorgt und ging auf einen freien Platz zu, wo bereits einige seiner Kommilitonen saßen. Einige von ihnen haben natürlich sein Gespräch mit Tina von weiter weg beobachtet. Kaum hatte er sich gesetzt und rollte seine Stäbchen aus der Serviette, sprach man ihn gleich an.
„Was hatte das denn vorhin zu bedeuten? Ist die kleine Blondine jetzt dein nächstes Ziel? Bei der wäre ich vorsichtig, die kann beißen.“, kam etwas gehässig und grinsend von seinem Gegenüber.
„Ich weiß. Das ist auch gut so.“, kam nur zurück.
„Du stehst auf Zicken, was?“
„Ne Blondinen, ich frage mich immer noch wie sie es hierhergeschafft hat. Was haben wir alle wie die Böden für diese Aufnahmetests lernen müssen. Extra Lehrer und schon Jahre vorher dafür geschuftet. Und diese Kleine schafft es einfach so mal nach nicht ganz drei Jahren ihren Schulabschluss zu machen und hier angenommen zu werden?“
„Das stinkt zum Himmel, sehe ich auch so.“
„Und mit so einer willst du gehen? Du verbrennst dir die Finger, bedenke, dass sie noch keine 21 ist.“
„Naja, eins muss man ja sagen, niedlich ist sie. Schade, dass man wegen der Uniform nicht viel von ihrer Figur sehen kann.“
„Dann sehe dir doch mal ein Spiel von ihr an. In ihrem Volleyballtrikot macht sie eine wahnsinnig gute Figur. Sie ist doch jetzt bei uns im Team, statt ins Profiteam der Tokioer zu gehen.“
„Ach so? Die macht Sport?“
„Du weißt nicht wer das ist?“
„Nö, ich sehe nur wie sie hier mit hochgehobener Nase durch die Uni läuft. Sie denkt vermutlich was Besseres zu sein, als die anderen. Nicht mal ordentlich grüßen kann sie. Wenn sie Dozenten und Professoren begegnet, sagt sie zwar Guten Tag, aber verbeugen kann sie sich nicht. Nur bei wenigen.“
„Ist doch egal, sie ist hübsch. Itachi, was meinst du? Ist sie doch. Willst du jetzt mit ihr gehen oder was hatte euer Gespräch zu bedeuten?“ Er hob seinen Kopf und schluckte den letzten Happen hinunter. Seine Ohren schalteten schon lange auf Durchzug, wenn man sich über Tina das maul zerriss.
„Unterschätzt sie nicht. Abwarten. Wir haben ein Date und dann sehen wir weiter. In die Zukunft schauen kann ich nicht.“
„Ich hoffe du vergeigst es nicht, sonst kriegst du es mit mir zu tun!“, kamen plötzlich strenge und herausfordernde Worte hinter Itachi. Dieser grinste und erkannte die Stimme von Jun.
„Jun, deine Freundschaft zu Tina ist bemerkenswert. Vergraulst du ihr die Männer immer auf diese Art? Kein Wunder, dass sich keiner traut sie anzusprechen.“ Jun kam an den Tisch und sah erbost zu Itachi herab.
„Pass auf was du sagst, klar? Ich vergraule niemanden.“
„Wow, diesen Blick hast du sonst nur drauf, wenn du auf dem Rasen stehst. Du solltest besser Acht auf deine Freundin geben, als auf Tina, die sich zu wehren weiß.“ Er blickte hinter Jun zu Yayoi.
„Ist das eine Drohung?“
„Nein, ein guter Rat unter Männern.“
„Lass die Finger von Tina, wenn du es nicht ehrlich meinst!“, sagte er dann nur noch und wollte gehen.
„Und wenn du es ehrlich meinst, dann heirate doch endlich. Reichen dir sechs Jahre feste Beziehung nicht aus, um zu wissen, wen du liebst?“, warf er ihm mit fester Stimme an den Kopf. Verdutzt blieb Jun stehen und sah zu ihm zurück. „Misch dich nicht in mein Leben ein!“ Itachi stand auf und ging zu ihm, um ihm etwas leise mitzuteilen. Er beugte sich hinter ihm etwas zu ihm herunter, damit es nicht alle hören konnten.
„Du bist ein Feigling und ein Weichei! Worauf wartest du denn? Wenn ihr endlich verheiratet seid, könnt ihr auch alleine wohnen, machen was und wann ihr wollt und müsst euch nicht immer vor allen verstellen. Warte nicht zu lange, du hast hier viel Konkurrenz. Dein Captain hat es doch auch gewagt und war schlau genug, weil er genau wusste, dass man hübsche Frauen nicht zu lange warten lässt, vor allem nicht, wenn sie schon so lange gewartet haben.“
Yayoi etwas weiter weg, sah verdutzt zu Jun, wie er sie irritiert ansah.
‚Jun, was redet ihr denn da? Warum schaust du mich so seltsam an? Was sagt Itachi denn zu dir?‘
‚Itachi…was…was sagst du denn da? Was sind denn das für Worte…von dir? Yayoi heiraten? Ich hatte das doch nach dem Studium vor. Jetzt lenkt das alles so ab. Die ganzen Vorbereitungen und diese ganze Planung.‘ Jun ließ die Bemerkung unbeantwortet und ging einfach in Yayois Richtung. Er machte ein sehr strenges Gesicht und sie war etwas überrascht, als er ihre Hand nahm und sie hinter sich herzog.
„Hey, Itachi, was hast du ihm denn noch gesagt?“
„Das geht euch nichts an.“, grinste dieser vor sich hin und setzte sich wieder hin. Er sah dem Paar hinterher, als Jun Yayois Hand griff.
‚Ich bin gespannt was jetzt passiert. Er hat nichts gesagt. Da habe ich wohl einen wunden Punkt getroffen. Dem Mann war noch nie zu helfen, wenn es um seine Yayoi ging. Sein Jähzorn treibt ihn vielleicht mal etwas an, nicht nur im Sport.‘ „Itachi…jetzt sag schon, wann datet ihr euch?“
„Heute Abend.“ Die drei sahen ihn verblüfft an.
„Aber da bist du doch auf der Veranstaltung. Zweiteilen ist wohl schlecht.“
„Das muss ich nicht, sie wird meine Begleitung sein.“ Er griff nach der Schüssel mit dem Pudding und genoss den Vanillegeschmack auf seiner Zunge.
„Als deine Begleitung? Dann…meinst du es wohl doch ernst mit ihr? Du willst also nicht nur…du weißt schon?“ Itachi brummte ihn an und setzte einen zornigen Blick auf.
„Ihr solltet euch mal hören. Da vergeht einem echt der Appetit. Mich nervt das schon die ganze Zeit. Seitdem das neue Semester mit den Neulingen begann haut ihr Sprüche um euch, das geht gar nicht mehr. Ihr wisst gar nichts über Bettina. Sie ist klüger als ihr denkt und hat hart gearbeitet, um hier zu sein. Was wisst ihr schon wie es ist in unserem Land plötzlich neun Schuljahre aufzuholen, neben dem normalen Stoff und die Sprache zu lernen? Ich gebe euch einen guten Rat: Unterschätzt sie niemals, denn sie steckt euch alle ohne Probleme in die Tasche. Sie hat es gar nicht nötig zu tricksen.“ Er leckte den Löffel ab und legte ihn neben den Teller auf das Tablett.
„Ich werde dann. Wir sehen uns in der nächsten Vorlesung. Und hört auf in meiner Anwesenheit so einen Mist von euch zu geben!“ Ohne sie weiter zu beachten, nahm er sein Tablett, ging zur Geschirrrückgabe und verließ daraufhin den Saal. „Also irgendwie verstehe ich diesen Typ nicht. Wieso nimmt er sie zu so einer wichtigen Veranstaltung? Und dann als erstes Date?“
„Finde ich auch unpassend.“
„Ja, und dann nimmt er sie auf einmal in Schutz? Die ganze Zeit hat er nichts gesagt.“
„Hm, eben drum…jetzt wo du es sagst. Er hat sich zu ihr nie geäußert.“
„Das stimmt. Kennen die sich etwa? Das klang, als würde er sie schon länger kennen. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass er ihr aus dem Weg gegangen ist.“
„Vielleicht war ja mal was. Keine Ahnung.“
„Ey, jetzt wo du es sagst. Ich glaube die waren auf derselben Schule. Immerhin kam Misugi gerade vorbei und hat sich eindeutig als ein Freund von ihr ausgegeben. Er muss ihn gut kennen. Und er war auf der Musashi.“
„Da war Bettina auch. Dort hat sie auch angefangen Volleyball zu spielen.“
„Was meinst du damit? Sie spielt erst seit drei Jahren Volleyball?“
„Ja, genau. Steht so in ihrer Biografie.“
„Wie jetzt? Man kann was über sie im Internet lesen oder wie? Ist sie so gut?“
„Du hast echt keine Ahnung, merke ich schon. Natürlich ist sie das. Obwohl die Kapitänin das Team noch vor den Prüfungen damals verlassen hat, blieb das Team die nächsten drei Jahre Nationalmeister. Und zwar ihretwegen, weil sie einen sehr starken Angriff spielt. Die Gelbe Füchsin, nennt man sie, Bettina Fuchs. Sie schlägt so harte Bälle, dass ihre Gegner, die sie annehmen wochenlang nicht spielen können.“ Alle anderen sahen ihn an.
„Oha…also wenn die mal zulangt, na dann prost Mahlzeit.“
„Oh ja…das kann ich nur bestätigen.“, meinte einer von ihnen.
„Wie jetzt? Hast du sie mal angemacht, oder was?“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich nicht, aber jemand, den ich kenne. Er hat jetzt noch ne riesige Schramme im Gesicht. Ich sagte doch, die beißt. Ich wenn ich Itachi eben richtig verstanden habe, weiß er es auch.
„Hm, na an der wird er sich so richtig die Zähne ausbeißen. Ich halte mich da am besten raus.“ Somit endet ihr Gespräch. Die jungen Männer aßen in Ruhe auf und waren erst einmal wieder mit ihren Fachthemen beschäftigt.
Etwa fünf Minuten später bemerkten sie Tina, als sie zur Speisenausgabe ging, alleine in ihre Richtung kam und einen freien Platz suchte. Es war mittlerweile sehr voll. Ihr Blick ging gut eine Runde rum und dann entdeckte sie die zwei freien Plätze neben den Männern. Sie überlegte jedoch noch, sie wusste, dass sie zu Itachi gehörten. Oft genug hat sie sie zusammen gesehen und ein paar gemeinsame Vorlesungen hatten sie auch.
Dann ertönte eine grelle Frauenstimme. Zwei Tischreihen weiter saßen ein paar gleichaltrige junge Frauen aus ihrem Studiengang.
„Tina! Kommst du zu uns? Hier ist noch Platz. Wir rücken einfach etwas zusammen.“ Mit fröhlichem Blick ging sie auf die Frauen zu und bedankte sich für das Angebot und alle rückten etwas dichter zusammen, damit sie noch mit auf die Bank passte.
Nach der Uni und einen etwas verkürztem Training ging Tina direkt nach Hause, zog sich um und schnappte sich ihren Roller und fuhr zur nächsten großen Mall. Sie parkte draußen an einer Bikerstation, schloss den Roller an und löhnte die Parkuhr. Dann sah sie sich um und ging in die Mall. Nach gefühlt dem vierten Laden für Abendgarderobe kam sie mit einer großen Tüte wieder heraus. Dann ging sie in einen Schmuckladen, suchte sich was Passendes aus und schon war ihre kurze Zeit vorbei. Bis zum Treffen waren nur noch zwei Stunden. Sie schwang sich wieder auf den Roller und wollte gerade ihren Helm aufsetzen, da wurde sie höflich angesprochen. Es war die Familie, die den Tag zuvor die Magenverstimmung hatte.
„Hallo, Sie sind doch die nette Krankenschwester von gestern, oder?“ Tina lächelte und hielt den Helm in der Hand.
„Ja die bin ich. Wie geht es Ihnen?“
„Uns geht es prima. Ihr Tipp mit dem Reisbrei und Kamillentee war sehr gut.“ „Das kann nie schaden. Wenn man mal was hat, ist Babynahrung fast immer richtig. Und es ist nicht teuer.“
„Wie heißen Sie eigentlich. Wir wissen gar nicht wie Sie heißen.“
„Mein Name ist Bettina Fuchs. Man nennt mich auch gerne einfach Tina.“, lächelte sie.
„Tina? Sind Sie diese Volleyballerin? Die mit den harten Bällen?“, haute eines der Kinder raus und sah sie ganz begeistert an.
„Genau die bin ich. Ich bin erstaunt, dass man mich schon so gut kennt.“
„Wir würden so gerne mal ein Spiel sehen, aber der Eintritt ist immer so teuer.“ Tina griff in ihre Tasche und holte eine Visitenkarte heraus.
„Meldet euch hier in diesem Laden, dann sagt, dass ich euch geschickt habe. Vielleicht können die euch helfen. Ich sag ihnen Bescheid, dass ihr kommt.“ Dann reichte sie diese rüber und die Kinder waren begeistert. Tina setzte ihren Helm auf.
„So, ich habe es leider eilig. Man sieht sich vielleicht. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“, lächelte sie und klappte dann das Visier herunter. Sie zog den Roller vor, damit sich die Stütze löste und ließ den Motor an. Dann wank sie den dreien zu und sauste los.
Kaum war sie zu Hause angekommen und die Tür ging auf, da kam ihre Mutter bereits entgegen.
„Mama, ich muss mich jetzt aber beeilen. Ich konnte mich zwischen vier Kleidern nicht entscheiden. Da musst du mir jetzt helfen. Und du musst mir die Haare machen und mich schminken.“
„Ich bin schon vorbereitet.“, grinste diese.
„Du hast dir extra frei genommen heute?“
„Genau, dafür ist man doch Chefin. Ich habe einen wichtigen Außerhaus-Termin. Dein Vater ist dafür früher los.“, lachte sie etwas. Tina lachte und öffnete das Gästezimmer.
„Wir probieren zuerst alles an.“ Alle vier Kleider wurden durchprobiert und Gesine war fassungslos.
„Äh, man ist das schwer. Die sind alle traumhaft. Was dachtest du denn als Frisur?“
„Ich wollte die Haare mal offen tragen, so wie du. Einfach so mit Korkenzieherlocken leicht runter und dann eben offen. Für den Notfall nehme ich was zum Zubinden mit.
Schmuck habe ich auch gekauft. Und eine Clutch. Meine schwarzen Tanzschuhe habe ich ja noch.“ Sie stürmte aus dem Zimmer und ging hoch, holte den Schuhkarton mit den Tanzschuhen und zog sie an.
„Dazu sollte es passen. Deswegen alles in Schwarz, ich weiß ja nicht welcher Anlass das ist. Ich dachte Schwarz geht dann immer und ich liebe schwarz sowieso.“
„Weißt du denn schon wo ihr essen geht?“
„In einer Sushibar.“
„Okay. Hm.“ Gesine sah aufs Bett und betrachtete nochmal alle Kleider.
„Betty, du musst mir da helfen. Was genau erwartest du denn heute Abend? Je nachdem was du willst, suchst du das Kleid aus, denn jedes hat auf seine Weise seine Reize, vor allem für einen Mann.“ Tina sah ihre Mutter überrascht an. „Keine Ahnung, muss man das nicht erst abwarten? Ich dachte wir sehen, ob da überhaupt was passt? Und dann muss man doch spontan entscheiden, oder nicht?“
„Ja, das stimmt. Die Frage ist nur…soll ich dich als Freundin oder als Mutter beraten? Bein Schminken muss das auch bedacht werden. Offene Haare sagen doch schon sehr viel aus.“ Tina stöhnte etwas auf.
„Wow, du machst da ne Wissenschaft draus. Stehst du deswegen immer so lange vor dem Schrank, wenn du mit Papa ausgehst?“ Ihre Mutter lachte seicht. „Genauso ist das. Ich muss doch vorher wissen, ob die anderen Männer auch was sehen dürfen oder nicht. Und der Anlass ist doch nicht unwichtig. So eine Tanzbar ist was anderes als ein Theater oder ein Rockkonzert.“
„Das stimmt. Hm. Ich will in erster Linie nicht aussehen wie eine Jugendliche, sondern wie eine richtige Frau. Jedoch kann es ruhig etwas frech sein, aber eben nicht zu viel. Einerseits, damit er nicht denkt, er kriegt gleich alles und weil ich nicht weiß wie gehoben diese Veranstaltung wirklich ist. Da Itachi garantiert im schicken Anzug erscheint, darf es gerne elegant sein, aber eben nicht festlich. Er will Arzt werden und legt scheinbar Wert auf seine optische Wirkung. Sein Anzug wird garantiert nicht der billigste sein, auch wenn er ihn ausleihen sollte.“
„Oh, also soll er eindeutig wissen, dass du zwar mit ihm ausgehst, die anderen sehen dürfen wen er da bei sich hat, aber haben darf er noch nicht alles?“, grinste sie.
‚Das ist meine Betty, sie weiß doch was sie will, warum fragt sie mich denn dann?‘ Tina nickte.
„Genau. Und jetzt beräts du mich als Freundin, nicht als Mutter.“ Gesine sah aufs Bett und griff ein Kleid.
„Das hier, aber dazu trägt man Strumpfhose.“
„Oha, daran habe ich jetzt nicht gedacht. Ich mag die Dinger doch nicht.“
„Ich habe welche da, die passen perfekt dazu.“
„Warum das denn?“
„Es betont alle Rundungen die du hast, aber die bleiben verdeckt. Jeder kann sehen was du hast, aber nicht wirklich. Es ist elegant und ein wenig verspielt, also lockt es neben deinen offenen Haaren, die sowieso auffallen werden, die Blicke aller auf dich, egal ob Frau oder Mann. Und…du wirkst darin gleich älter und keiner fragt dich groß nach deinem Alter.“
„Okay. Ich nehme das. Wenn dir was von den anderen gefällt, kannst es gerne auch mal anziehen.“, entschied Tina und ging dann ins Bad duschen und Haare föhnen.
Danach saßen die Frauen am Haare machen und schminken. Gesine griff zum roten Lipgloss. Tina griff ein.
„Kein Rot, wir wollten doch nicht übertreiben.“
„Aber…ich dachte, weil die Japanerinnen so gerne rot tragen. Das wird er sicher mögen.“
„Nein, ich nehme rosafarben.“ Gesine schüttelte den Kopf.
„Das passt jetzt nun gar nicht mehr zum Rest des Makeups.“ Ihre Tochter stand auf und sah zum Spiegel. Dann ging sie zur Tür und machte das Licht aus. Im Spiegel sah sie sich mit Schatteneffekten und dann entschied sie sich.
„Ich nehme gar keine Farbe, sondern nur den Lippenbalsam. Der glänzt, verschmiert nie und wirkt dann nicht so aufdringlich. Gut riechen tut er auch. Die Augen fallen jetzt schon genug auf.“
„Lass dich nochmal ansehen.“ Das Licht ging wieder an und beide sahen sich an.
„Wahnsinn. Du siehst aus wie vierundzwanzig oder so. Total schön. Pass bloß auf dich auf.“
„Oha, du machst mich gleich fünf Jahre älter?“
„Schau doch selbst mal in den bodenlangen Spiegel. Dein Vater würde vermutlich ein Déjà-vu haben. So sah ich auch mal aus. Ich habe nur nicht solche grün-blauen Augen und deinen unbändigen Mut und Stolz gehabt. Ich war in deinem Alter so eine zierliche kleine schüchterne Maus, ganz schlimm.“, hauchte sie träumend aus.
„Mama…du bist doch immer noch so schön wie damals. Du hast ja nicht mal eine Falte oder ein graues Haar. Und schüchtern? Ich weiß ja nicht. Du bist doch gar nicht schüchtern, nur manchmal etwas ängstlich. Das ist aber normal, du bist ja eine Mama. Mütter sind immer ängstlich, jede zeigt es nur anders.“ Tina berührte die Hände ihrer Mutter, als diese auf ihren Schultern landeten.
„Ach Kind. Ich wünschte manchmal, ich wäre damals so eine selbstbewusste Frau gewesen wie du. Das kam erst mit den Jahren durch deinen Vater und durch euch Kinder. Und jetzt hier in Japan…bin ich nur so mutig und glücklich, weil du es bist und weil mich dein Vater immer wieder auffängt und ihr beide mich aufmuntert.“
„Mama, werde jetzt nicht wieder traurig…das war nicht meine Absicht.“
„Alles gut, wenn jetzt Tränen kommen, dann weil ich glücklich bin. Du hast genau die richtige Entscheidung getroffen, als du entschieden hast, dass wir hierherziehen sollen. In die größte Stadt der Welt, wo uns alle Türen offen standen für einen Neuanfang. Und nun…nun warst du die letzten Jahre so derart fleißig und bist an einer der besten Unis der Welt. Bettina…ich, nein wir…wir sind so unglaublich stolz auf dich. Und dein Vater erst…was schwärmt er immer allen von dir vor.“
„Mama? Wann soll ich eigentlich wieder zu Hause sein?“ Gesine sah sie verblüfft an.
„Äh, keine Ahnung. Wann du willst. Ich weiß ja nicht wie lange sowas geht.“
„Ich weiß das doch auch nicht, es sollen wohl auch andere in meinem Alter dort sein, also kann es eventuell gar nicht so lange gehen? Es ist eine Privatveranstaltung. Ich habe wirklich keine Ahnung was das wird.“
„Ihm, er ist doch Medizinstudent, oder?“
„Ja. Wieso?“
„Zeig mal die Visitenkarte her.“ Tina ging an ihre Tasche und holte diese raus. „Ich wollte noch vorher vorbeifahren, ob da was über die Veranstaltung steht, aber die Zeit drängte dann zu sehr.“ Gesine grinste plötzlich.
„Das…das ist ja interessant. Da gehen Sato und Jun heute auch hin. Es gibt einmal im Jahr eine kleine Fachmedizinische-Veranstaltung für herzkranke Kinder. Dort werden renommierte Ärzte, Geschäftsleute und Prominent mit ihren Partnern als Geldspender und Betroffene eingeladen. Meist gibt es neue Behandlungsmethoden. Die werden vorgestellt und Führsprecher gesucht. Eine nicht zu große, aber gehobene Runde. Jun wurde dieses Jahr das erste Mal als betroffener Prominenter und angehender Mediziner eingeladen und bringt Sato und Yayoi mit.“ Tina war erstaunt.
„Eine Veranstaltung für herzkranke Kinder. Nun gut. Das meinte er, als er sagte, es würde mir gefallen. Das Thema passt zu beiden. Wieso weiß ich denn nichts davon?“
„Jun hat die Einladung erst gestern erhalten. Es sollte eine Überraschung werden. Jun wollte dich und Martin später dann einbinden welche Kontakte er für eure Idee knüpfen konnte.“
„Er wollte uns damit überraschen? Na das gelingt ihm aber. Nun gut. Dann überrasche ich ihn, indem ich dort auftauche...und Sato, der steckt mit ihm unter einer Decke. Dieser Halunke.“
„Genau, Jun nimmt ihn als Fachmann mit.“
„Die zwei werden sich noch umsehen. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich der Verabredung nicht zugestimmt. Dann hätten wir sie verschoben.“
Sie sah auf die Uhr und stutzte.
„Es wird Zeit. Mama, kann ich mir deinen schönen Mantel leihen? Was Elegantes hierzu habe ich nicht. Einen zu kaufen, dafür fehlte mir vorhin die Zeit.“
„Natürlich. Ich hole ihn raus und du kannst dich fertig machen.“
„Bringst du mich das kleine Stück schnell hin? Es ist zwar nicht weit, aber mit den Tanzschuhen wollte ich nicht so lange draußen rumlaufen, dann geht die Sole so schnell kaputt.“
Kurz darauf stiegen beide ins kleine Auto und Gesine hielt bei einer Ausfahrt, ihre Tochter stieg zügig aus und schon fuhr sie weiter.
Tina ging an den vielen Leuten vorbei. Sie erntete mehr Blicke als gewöhnlich, denn mit dem schwarzen langen Mantel und den offenen Haaren fiel sie doch sehr auf. Da sie alleine war, wirkte sie weniger wie eine Touristin.
Es vergingen gut zehn Minuten und es war mittlerweile fünf Minuten vor der abgemachten Uhrzeit. Sie sah auf die Uhr.
„Der lässt sich aber Zeit.“
Von Weitem kam Itachi bereits durch die sehr belebte Passage und schaute eilig auf die Uhr.
‚Verdammt. Das ist aber knapp. Ich hätte den Frisör weglassen sollen. Der war jedoch eindeutig mal wieder fällig, sonst wirke ich neben einer Schönheit wie Bettina wie aus dem Bett gefallen. Aber wenn ich laufe, dann bin ich gleich durchgeschwitzt, das passt so gar nicht.
Ich bin sehr gespannt welche Garderobe sie gewählt hat. Sie wird sicher umwerfend aussehen, wie immer.‘ Er sah vor in die Richtung des Lokals, in der Hoffnung Tina zwischen den vielen Leuten zu erkennen. Sie muss doch auffallen. ‚Sie ist sicher schon da, sonst hätte sie abgesagt oder angerufen.‘ Plötzlich hielt er inne, als er eine Blondine im langen Mantel und langen gelockten Haaren sah. Sie stand wartend da und sah auf die Uhr an ihrem Arm.
‚Ist sie das etwa? Du trägst deine Haare offen? Ich dachte du trägst eine Hochsteckfrisur, klassisch eben.‘ Sein Puls stieg enorm an, damit hatte er nun gar nicht gerechnet. Langsam ging er dann auf sie zu, sie stand mit dem Rücken in seine Richtung. Damit er sich nicht doch täuscht, geht er etwas weiter um sie herum, um ihr Gesicht zu erkennen.
‚Sie ist es tatsächlich. Bettina, du bist der Wahnsinn. Das wird ein sehr interessanter Abend. Ich hoffe nur, du nimmst es mir nicht übel, dass ich dich einfach zu so einer Veranstaltung mitnehme. Da fällst du dann natürlich mehr auf als ich ahnte.‘ Kurz darauf sah sich Tina nach einer Weile wieder etwas um und versuchte ihn zwischen den vielen Leuten und den blinkenden bunten Lichtern, zu finden. Dann glaubte sie ihn zu sehen, denn ein Mann seiner Statur und mit ähnlichem Trenchcoat wie am Vortag, kam langsam auf sie zu. Die Frisur stimmte jedoch nicht. Er kam näher und sie erkannte ihn dann doch und lächelte. Diesmal hatte er keine Ledertasche, sondern eine kleine Herrenhandtasche dabei. Seine Hände waren einfach in den Taschen des Mantels. Er hatte ein freundliches, aber selbstsicheres Lächeln aufgesetzt. Der Mantel war offen und sie sah sein graues Sakko, Hemd und Krawatte. Sie blieb einfach wo sie war und wartete bis er vor ihr stehen blieb.
‚Itachi, wie elegant du sein kannst. Warst du extra beim Frisör? So schlecht sah deine etwas lockige Frisur gestern doch noch gar nicht aus. Aber das ist auch nicht übel. Etwas sportlicher.‘, schmunzelte sie vor sich hin und dann sah sie zu ihm auf, als er direkt vor ihr stand und lächelte ohne ein Wort zu sagen. Beide sahen sich überrascht an und sagten für einen Moment gar nichts. Ihre Herzen schlugen jedoch deutlich schneller.
‚Wow, offene Haare, damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Und dann deine Augen, wie sie funkeln. Sie leuchten heller als sonst.‘
„Ich wusste, mit dir wird es nie langweilig, du siehst umwerfend aus. Mir war klar, dass du irgendwas Hübsches mit deinen Haaren machst, aber das übertrifft tatsächlich alles.
Ich war sicherheitshalber noch schneiden, deswegen die Verspätung, tut mir leid.“
„Du bist auf die Minute genau pünktlich. Bei uns sagt man dann „Pünktlich wie die Maurer“.“
„Klingt interessant, sagt man das den Handwerkern bei euch so nach? Ist das damit gemeint?“
„Ja, genau auf die Minute klingelt es oder fangen sie an zu arbeiten und hören dann auch wieder auf.“, grinste sie.
„Leider darf ich dich nicht an die Hand nehmen oder wie du es vielleicht kennst, einhaken, wir müssen uns vorerst als Freunde ausgeben.“ Tina grinste.
„Ich stelle es mir vor, ich weiß, das muss reichen.“ Er lächelte und konnte ihren Augen kaum ausweichen.
‚Sie strahlen noch heller als sie es sonst tun. Diese Art sich zu schminken ist ganz mein Geschmack. Es passt zu ihr. Die und dieses Lächeln…man…muss ich mich heute zurückhalten.‘
„Bist du hungrig auf Sushi?“, lenkte er sich selbst ab. Sie lächelte und nickte.
„Auf jeden Fall. Ich habe extra die Zwischenmahlzeit ausgelassen.“
Unterdessen hinter der Zubereitungstheke im Sushi-Restaurant:
„Ich bin gespannt wen Itachi da mitbringt. Er hat noch nie eine Frau mit hergebracht.“, sprach der Sohn zum Vater, welcher gerade stolz dabei war seine Messer erneut zu reinigen.
„Das werden wir sehen. Er sagte nur, sie sei besonders und eine Sportlerin an der Uni. Sie haben sich gestern spontan wiedergetroffen und sie habe ihm in seiner mobilen Klinik geholfen.“
„Dann muss sie schon recht klug sein. Eine Sportlerin und Studentin also. Die ist bestimmt total hübsch.“
„Ganz sicher. Nun gut, sie kocht gerne, sagte er, deswegen bringt er sie hier zu uns.“
„Mutter ist auch schon gespannt.“
„Kontrolliere nochmal alles, ich will hier keinen einzigen Wasserfleck sehen.“ „Schatz, ich glaube sie kommen.“, kam eine zarte leise Stimme aus der Richtung der Eingangstür. Es klopfte an der Tür.
‚Ich bin wirklich sehr gespannt. Wenn er sie zum Essen ausführt, muss sie wirklich etwas sehr Besonderes sein.‘, dachten sich der Sushiya und seine Frau. „Ich sehe ja nur Schatten, aber sie hat auf jeden Fall lange volle Haare. Wie schön.“, sagte sie noch schnell, bevor sie die Tür öffnete, die beiden völlig überrascht ansah und begrüßte. Auch die Männer staunten nicht schlecht.
‚Eine Ausländerin? Itachi…was soll das bedeuten? Du schleppst doch wohl nicht jemanden an, nur um sie zu beeindrucken? Das ist doch gar nicht deine Masche?‘
Total verknallt
Kapitel 174
Total verknallt
„Herzlich willkommen.“ Sie wurden traditionell begrüßt und der Sushikoch wie auch sein Sohn verbeugten sich ebenso vor ihnen. Tina lächelte sehr fröhlich in die freundlichen Gesichter und Itachi nahm ihr den Mantel vorsichtig ab. Natürlich staunten alle nicht schlecht. Ihr schönes knielanges Kleid hob ihre hellen Haare besonders hervor. Die Locken machten ein besonderes Lichtspiel mit den Wellenformen. Tina sah sich begeistert um und sah dann auf zu Itachi neben sich, welcher seinen Mantel gerade auszog, um auch diesen an die Garderobe zu hängen.
„Es ist sehr hübsch hier. Warum sind wir denn alleine? Das Lokal öffnet erst in drei Stunden?“
„Lass dich überraschen. Nun wusstest du ja schon wo es hingeht, ein wenig Spannung wirst du mir doch noch lassen?“ Sie schmunzelte.
„Stimmt. Ich bin schon sehr hungrig. Wo sitzen wir denn?“
„Such dir einen Platz aus. Wir haben genug Zeit, nur für uns zu sein.“ Tina sah sich nachdenklich um und alle Plätze hatten ihren Reiz.
„Stehen denn alle Plätze zur Verfügung? Also wirklich ALLE?“, fragte sie freundlich die Dame des Hauses. Diese bestätigte es lächelnd.
„Gut, ich wollte schon immer direkt beim Sushiya sitzen. Die Ehre hat man ja sonst nie. Da muss man ja Jahre vorbestellen und ich bin immer so spontan.“, äußerte sie ihren sehnlichsten Wunsch und blickte dann zu Itachi. Er lächelte und hob die Hand, als würde er sie berühren wollen, aber er zeigte nur seicht vor zu den Plätzen.
„Bitte, ich habe es gewusst. Du suchst dir natürlich die besten Plätze raus. Aber du hast Recht, um dort bei den großen Meistern zu sitzen, muss man ewig warten.“
Tina ging zielstrebig zum mittleren Bereich der Sitzgruppe und schaute kurz wie der sichtbare Bereich aufgeteilt war. Dann wählte sie einen Platz direkt vor den Schneidebrettern aus. Itachi ging ihr nach und hielt ihr den Stuhl, damit sie sich setzen konnte. Kaum saß sie, sah sie zu ihm auf.
„Du musst nicht extra für mich einen auf Gentleman machen. Klar, das mag ich, aber verbiegen musst du dich jetzt nicht.“, meinte sie etwas belustigt. Er grinste und setzte sich rechts neben sie.
„Man merkt, dass du mich kein bisschen kennst. Deswegen holen wir das heute nach.“
„Nachholen klingt komisch.“ Beide sahen sich nur kurz an und dann wurde bereits die Karte gereicht.
‚Als Kavalier habe ich dich wirklich nicht in Erinnerung. Wobei du in der Uni nie unhöflich rübergekommen bist, wenn ich dich irgendwo mit jemanden gesehen habe. Du wirkst dort ganz anders als früher.‘ Hinter ihnen gingen Vater und Sohn langsam wieder zurück zur Show-Küche.
„Die Kleine ist aber sehr hübsch. Sie kommt mir bekannt vor.“
„Das ist sie, aber mich wundert eher, dass sie so gut Japanisch spricht. Wobei, wenn sie an die Todai geht, muss sie ja gut Japanisch können. Mit Englisch alleine kommt sie da nicht weit. Woher willst du sie kennen? Du studierst doch gar nicht.“
„Irgendwie überlege ich noch. Sport kommt aber hin.“
„Jetzt mach den Kopf frei und konzentriere dich auf die Arbeit, Junge.“
‚Sie wird mindestens in Itachis Alter sein. Und wie elegant sie ist. Er hat Geschmack. Ich bin trotzdem erstaunt, dass er neuerdings auf Blondinen steht? Und er meinte, sie sei etwas Besonderes, ob er das meinte?‘ Tina klappte die Karte nur kurz auf und warf einen kurzen Blick hinein, dann legte sie diese zur Seite. Itachi war verwundert.
„Du kannst aber schnell lesen.“
„Oh, nein, ich habe lange genug draußen gewartet, da habe ich doch schon in die Karte geschaut. Ich weiß bereits was ich möchte. Lass dir ruhig Zeit.“
„Okay, dann sag gerne an, vielleicht mag ich dasselbe. Ich kann mich wie immer nicht entscheiden. Es schmeckt hier alles viel zu gut.“, grinste er und klappte die Karte zusammen. Tina gab ihre Bestellung auf und Itachi nahm genau das gleiche. Sofort machten sich die Männer an die Arbeit. Tina sah ihnen begeistert zu. „Wahnsinn. Das war eine ganz tolle Idee, Itachi. Hier kann ich direkt vom Meister persönlich lernen. Nun bin ich schon drei Jahre hier in Japan, aber einem Sushiya auf die Finger zu gucken, soweit kam ich noch nie. Das ist wirklich eine große Ehre.“
„Du sagtest, du kochst gerne und willst Kochbücher schreiben, da dachte ich, ich zeige dir mal was anderes als europäische Küche. Ich weiß ja nicht, was du schon kennst oder kochen kannst.“
„Hm, woher sollst du das auch wissen. Ich mache mein Sushi in der Regel selbst, aber ich bin ja nur ne blutige Anfängerin. Meine Spezialitäten sind Steaks aller Art, Eintöpfe, Salate und ganz besonders die mediterrane Küche. Und dazu kommt natürlich vieles mit Fisch. Unsere Gäste lieben zum Beispiel meinen Makrelensalat. Dazu dann selbstgebackenes Brot, frisch aus dem Ofen. Das darf gefühlt auf keinem Buffet fehlen.“
Kurz darauf wurde der Tee serviert und eingeschenkt.
„Lieben Dank. Der duftet sehr gut.“
„Ich mache die Kräutermischung selbst.“, lächelte die Frau.
„Wie schön. Das mache ich auch gerne. Ich nehme mir jeden Tag einen Liter frisches Wasser mit Kräutern mit.“
„Sie sind sehr an gesunder Küche interessiert, nicht wahr? Der Salat klingt wirklich interessant. Womit machen Sie den?“
„Mit Äpfeln und Zwiebeln, Zitronensaft und natürlich geräucherter Makrele.“ „Das klingt sehr erfrischend für heiße Tage. Ich mag Äpfel.“
„Das ist auch was für den Sommer. Das ist die Fangzeit. Aber schmecken tut er immer.“
„Das klingt wirklich sehr lecker. Schade, dass hier keine Makrele auf der Speisekarte steht, sonst hätte ich glatt gefragt, ob du uns den Salat mal machst.“, lächelte Itachi sie neugierig an. Sie war erstaunt.
„Ähm, naja…ich bin ja nicht zum Kochen, sondern zum Essen hier, oder?“ Plötzlich musste der Herr des Sushis grinsen und legte sein Messer zur Seite und griff nach dem Reis.
„Ich habe zufällig geräucherte Makrele im Tiefkühlhaus. Ich kann ihn gerne für nachher herausholen. In der Regel haben wir keine im Angebot, aber man hat mir neulich einen kleinen Schwung gratis dazugelegt. Ich hatte noch keine Idee damit. Der Salat klingt gut.“ Tina war erstaunt.
„Oh, wirklich? Und was bitte heißt nachher?“, wurde sie skeptisch und sah Itachi an.
„Jetzt ist die Überraschung dahin, schade. Naja, nach dem Essen war geplant mal hinter die Theke zu gehen und selbst Sushi zu rollen. Ich dachte, das ist was für dich.“
„Wow, du hast dir ja richtig Gedanken gemacht. Warum machen wir das denn nicht gleich? Wir essen jetzt die Suppe, damit wir nicht mehr ganz so hungrig sind und dann machen wir unser Sushi zusammen fertig und essen es danach. Das macht doch mehr Sinn. Wenn ich erst alles gegessen habe, passt das neue gar nicht mehr rein und aufheben können wir es doch nicht.“ Alle sahen sie erstaunt an. „Aufheben? Das stimmt. Bei dem Fisch ist das schwer. Du hast Recht, ich dachte so ist es aber eine bessere Überraschung.“
„Ich werfe doch nichts weg, nur weil ich es nicht mehr schaffe. Dann esse ich lieber das was nicht haltbar ist und den Rest kann man am nächsten Tag essen.“ „Das ist eine gesunde Einstellung. Wir können das gerne vorziehen. Dann gibt es erstmal nur die Suppe mit dem Lachs.“, brachte sich der Chef ein.
„Oh wie schön. Ich kann es kaum erwarten. Als erstes mache ich dann das Sashimi, das ist am leichtesten und geht schnell von der Hand. Dann muss ich unbedingt die Spezialrolle ausprobieren. Auf dem Bild sah die echt mal anders aus als sonst und danach zeigen Sie mir wie das mit dem Thunfisch geht. Den muss man sicher anders tranchieren als den Lachs. Das kenne ich noch nicht, weil wir keinen zum Sushi verarbeiten. Thunfisch wird bei uns nur als Steak gebraten. Das Filet ist ja deutlich anders in der Struktur als Lachs.“, plapperte sie begeistert los, lächelte Itachi an und stand dann auf. Der reife Herr sah sie überrascht an. „Ähm, das geht leider nicht. Ich kann Sie nicht einfach an die Messer lassen.“ „Oh, schade, kann man nichts machen. So sind die Regeln. Also dann nur rollen und die Deko?“, lächelte sie etwas betrübt.
„Naja, ist egal, ich sehe Ihnen zu und versuche es dann nachzumachen. Ich bin dann mal kurz hinter dem Vorhang.“, grinste sie höflich und schnappte sich ihre kleine Tasche und schritt elegant zum Vorhang, hinter dem sich die Toiletten befanden. Die vier sahen ihr verwundert nach. Als sich die Tür schloss, stöhnte Itachi erleichtert leise aus.
„Wow…was für eine Frau. Ich bin fix und fertig und das Date hat noch gar nicht richtig angefangen.“ Er stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tisch auf und wischte sich wie verzweifelt übers Gesicht und starrte dann verträumt zur Küchentür. Sein Herz schlug bis zur Decke, denn jedes Wort aus Tinas Mund klang für ihn wie ein Konzert. Und immer, wenn sie ihn ansah und anlächelte, dann glaubte er zu träumen. Dieses Gefühl hatte er damals schon, nicht so intensiv. Und normal mit ihr reden, ging in der Situation nie, deswegen die seltsamen Provokationen. Er mochte neben dem seltenen Lächeln, welches sie manchmal zeigte, auch ihre ernsten Blicke. Da es nicht anders ging, war es ihm bald egal wie, Hauptsache sie schenkte ihm Aufmerksamkeit. Und dann war da diese eine dumme Situation, wo er ihr zu nah kam, viel zu nahe. Da überkam es ihn und er nutzte es einfach aus. Er bekam seine Quittung dafür, aber auch wenn, dieser eine Kuss…der war zu viel. Zu viel für seine Nerven. Es war so ein dummer „Jetzt oder nie“ Moment.
„Itachi, wenn ich mir deinen liebevollen Blick so ansehe…du bist so richtig in sie verschossen, oder? Richtig verliebt? Wundert mich nicht, sie ist total hin reizend. Und so wunderschön…diese Haare und diese blauen Augen. Und dann dieses süße Lächeln. Und dann diese sportliche Figur. Da muss man sich als Mann ja vergucken. Ich würde auch mal zu gerne ihre Engelshaare berühren. Wie mögen die sich anfühlen?“, kicherte die Frau in der Runde und schwärmte.
„Wie Seide…Mutter. Wie Seide, die man nicht richtig spüren kann. Und ihre Augen sind türkiesblau, nicht einfach blau.“, erklärte er verträumt und dachte an den Kuss von gestern. Dabei wurde im ganz warm.
„Du bist echt total verknallt.“. lachte der Bruder.
„Du meine Güte, bei ihr hält der Mund ja gar nicht mehr still. Man kommt ja selber gar nicht zu Wort.
Aber du hast Geschmack. Sie ist wirklich sehr hübsch. Und sie ist sehr nett und scheint etwas Ahnung von Fisch zu haben. Das gefällt mir. Aber eine Ausländerin? Wie hat sie es an die Uni geschafft? Na ich weiß ja nicht.
Oder ist sie etwa eine Tochter von Denen, von diesen Amerikanern, die auf Okinawa geboren wurden? Das würde ihr gutes Japanisch erklären. Die wachsen dort sicher zweisprachig auf.“, grinste der reife Herr zuerst vor sich hin und kümmerte sich um die nächste Runde Makis. Er sah trotzdem auch etwas skeptisch zu Itachi.
„Wie bitte? Nein, Bettina kommt aus Deutschland.“, kam etwas pikiert von dem Studenten.
„Also Schatz, das ist unhöflich. Und wenn, diese Frau ist sehr nett. Ist doch egal wo sie herkommt. Du solltest dich mal hören.“, fauchte ihn seine Frau an.
„Hallo? Wie redest du auf einmal mit mir?“
„Ist doch wahr. Du bist manchmal wirklich ein alter Gnatz Kopf. Immer weißt du alles besser! Freu dich doch einfach für Itachi, dass er mal jemanden hat, den er herbringen kann. Er ist ja auch nicht gerade einfach, da muss eine Frau erstmal wissen wie sie mit ihm umgeht.“
„Hey, ich sitze neben euch, vergessen?“, lachte Itachi etwas, aber er wurde ignoriert.
„Du wieder. Er wird bei ihr ja gar nicht erst zu Worte kommen.
Etwas frech ist sie aber schon. Da bestimmt sie mit ihrer blumigen freundlichen Art einfach über meinen Kopf hinweg das Filet schneiden zu wollen und was sie alles machen will. Also wirklich. Was wir machen, das werde ich bestimmen. Es wurde nur vom Rollen gesprochen. Ich mache doch sowas sonst auch nicht. Für die Bespaßung ist unser zweiter Koch zuständig.“, knurrte er leise weiter. Itachi sah ihnen grinsend zu, wie sie sich unterhielten.
„Bettina…Bettina…jetzt weiß ich es.“, sprach der Sohn verdutzt lauter aus und legte das Messer ab. Dann sah er zu Itachi.
„Bist du verrückt! Jetzt weiß ich wer sie ist.“ Itachi sah zu ihm.
„Wow, und nun?“, haute er raus.
„Wieso verrückt? Wer ist das denn? Ist doch ein schöner Name.“, meinte die Mutter.
„Du begibst dich auf dünnem Eis, das weißt du doch. Wer weiß was die wieder im Schilde führt. Man kann ihr nicht trauen.“, meinte der Sohn streng.
„Könntet ihr mal sagen worum es geht? Wer ist sie denn nun?“ Itachi setzte sich aufrecht und sah streng in die Runde.
„Ich dachte eher ich kann euch vertrauen. Ich bringe doch niemanden her, dem man nicht vertrauen kann. Lasst euch einfach auf sie ein. Immerhin gibt sie ausgerechnet mir eine Chance sie kennenzulernen.
Wie ich sie kenne, hat sie sicher schon bemerkt, dass wir uns privat kennen. Sie weiß doch genau, dass ich mir so eine Show hier finanziell gar nicht leisten kann. Ihr könnt euch noch so sehr verstellen, Bettina hat eine so gute Beobachtungsgabe, dass sie euch vermutlich schon beim Begrüßen als meine Bekannten oder Familie erkannt hat.“
„Meinst du?“
„Ich weiß es.“ Es wurde etwas still und keiner sagte was.
„Ich mag sie, immerhin geht sie das Risiko ein mit dir verschrienen Casanova überhaupt auszugehen. Sie muss also etwas in dir sehen, was andere nicht sehen. Bestimmt dein großes Herz. Und deine Art selbstlos zu sein.“, grinste die Frau des Hauses und lachte dann etwas.
„Und dann klingt der Name so schön. Bettina…toll, richtig europäisch. Was bedeutet er?“, schwärmte die Mutter wieder vor sich hin. Itachi grinste und sah sie begeistert an.
„Das kommt von Elisabet. Eine Art Abwandlung. Unter anderem bedeutet er auch „Gott ist vollkommen“, also wäre sie vollkommen.“ Sie sah ihn verträumt an. „Wow, so schön und dann so einen schönen Namen. Ihre Eltern lieben sie sicher sehr, wenn sie ihr so einen Namen gegeben haben.“
„Gut…ich werde sie auf die Probe stellen.“, beschloss der Sushi-Meister plötzlich mit fester Stimme. Alle sahen ihn überrascht an.
„Eine deutsche Frau, die von sich aus glaubt mit Fisch und mit einem japanischen Messer richtig umgehen zu können? Das sehe ich mir an. Ein wahrer Koch ist mit Leidenschaft und Hingabe dabei, nicht nur mit Fachwissen. Wenn sie sich doch schneidet, kannst du sie zusammenflicken.“, sprach er überzeugt und grinste dann Itachi an.
„Hey…zusammenflicken. Klingt ja gemein. Gut, wir wetten. Bettina schneidet sich nicht. Sie kann garantiert sehr gut damit umgehen, sonst hätte sie es nicht erwähnt oder vor deinen Augen benutzen wollen.“
„Okay. Worum wetten wir?“
„Hm, wenn sie dich überzeugt, dann darf sie nochmal herkommen und mit dir kochen.“ Der Profi grinste.
„Und wenn nicht? Dann musst du das hier heute doch bezahlen.“
„Hilfe, du willst mich ruinieren.“, lachte er. Beide schlugen symbolisch ein und nickten ab.
„Du willst sie an die Messer lassen? Bist du verrückt? Der Frau ist alles zuzutrauen. Ich würde es lieber lassen.“
„Wovon redest du denn überhaupt? Sie ist total hübsch und sehr nett.“, meinte die Mutter.
„Man nennt sie nicht grundlos „Gelbe Füchsin“. Egal was sie tut, irgendwas heckt sie immer aus. Ich weiß noch genau wie sie das Volleyball-Team von meiner damaligen Freundin fertig gemacht hat. Bei den Qualifikationen ihrer ersten Meisterschaft. Die konnten hinterher alle mehrere Wochen lang kaum was machen, weil ihre Hände wie taub waren. Was hat sie geheult.“, brummte er. Itachi grinste nur dazu.
„Na und? Ist halt so im Sport. Wenn mir einer Eine reinhaut, weil ich nicht besser bin, habe ich halt Pech gehabt. Ist doch beim Ballsport genauso.“
„Ach ja? Das hat man ja gesehen, als sie dich damals in der Schule so zugerichtet hat.“
„Hey, jetzt halt mal die Luft an. Ich hatte doch selber schuld. Und jetzt wechsle mal das Thema. Ich war gestern so froh, dass sie trotzdem so spontan mit mir ausgeht.“, murrte Itachi ihn an.
„Äh, wie meint er das?“, fragte die Mutter.
„Das interessiert mich jetzt auch. Soweit ich noch weiß, hast du einen Schulverweis fürs restliche Jahr bekommen, weil du eine Prügelei angezettelt hattest und kamst hier mit zwei blauen Augen und Beulen an. So wie die anderen zwei Idioten. Das gab richtig Stress hier mit dem Jugendamt. Die hätten dich fast wieder mitgenommen. Was hat die Kleine jetzt damit zu tun?“, brachte sich der Herr des Hauses ein.
„Das ist zu kompliziert, es jetzt zu erklären. Später.“
Wenige Minuten darauf kam Tina wieder an den Tisch und die Suppe wurde serviert.
„Wow, ein Traum. Wie gut das duftet.“, äußerte sie begeistert.
„Lass es dir schmecken, Bettina.“ Nur die seichte Musik im Hintergrund war zu hören und das Schlürfen und Schmatzen der beiden Gäste. Die nächsten Gerichte wurden vorbereitet. Plötzlich musste Tina etwas lachen, als sie den Rest ausgeschlürft hatte und die Schüssel abstellte.
„Es war wirklich sehr lecker. Vielen herzlichen Dank.“, äußerte sie. Itachi sah überrascht zu ihr.
„Das war jetzt so lustig?“
„Nein, aber…unser Geschmatze und das Schlürfen, so ohne weitere Geräuschkulisse klang ja furchtbar. Also eins ist klar…bei meiner Familie kann ich das nicht machen. Und womöglich noch in einem edlen Lokal. Die meckern dann gleich, warum ich mich nicht benehmen kann.“, scherzte sie und kicherte wieder. Alle fingen an zu lachen. Sogar der strenge Koch konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Seine Frau sah ihn überrascht an.
‚Schatz, du lachst mit? Das habe ich ja schon lange nicht mehr erlebt. Immer bist du nur noch ernst und hoch konzentriert, wenn die Gäste da sind.‘
Bald standen Tina und Itachi im Zubereitungsbereich und hielten die Hände hoch, um die Handschuhe anzuziehen. Es dauerte nicht lange, da griff sie zum Messer und schnappte sich das Lachsfilet. Mit voller Begeisterung hatte sie den Fisch in passende kleine Scheibchen geschnitten, drehte sich an das Gemüsebrett, griff zum Rettich und dem Gemüsemesser und zerkleinerte ihn mit lächelndem Blick. Alle sahen sie erstaunt an.
„Ich bin total begeistert von Ihren Messern. Man merkt, dass Sie nicht so große Hände haben. Ich komme damit deutlich besser klar, als mit denen von unserem Küchenchef.“ Sie sah zu Itachi und lächelte ihn an.
„Du wiederum wirst sicher besser mit seinen klarkommen, da du auch große Hände hast.“ Itachi war total baff, so ein schnelles Arbeiten hat er gar nicht erwartet. Er konnte gar nichts darauf antworten und grinste nur. Der Sushiya staunte besonders und sah dann zu seinem Sohn.
‚Das sieht deutlich besser aus, als bei ihm und er ist bereits im vierten Lehrjahr. Wobei er sich auch manchmal viel zu sehr verkrampft. Bei ihr sieht das so locker und nebenbei, gemacht aus. Als würde sie nur nebenbei stricken, während sie sich unterhält.‘ Er sah ihr in die Augen und ihre zurückgesteckten Haare ließen es zu, ihren glücklichen Gesichtsausdruck deutlich wahr zu nehmen.
„Sie sind ein Naturtalent. Wo haben Sie das nur gelernt? Und seit wann kochen Sie denn?“
„Meine Eltern haben hier in Tokio eine Gaststätte mit deutscher, französischer und internationaler Küche. Ich bin nach dem Training viel in der Küche und habe so das Kochen für mich entdeckt. Unser Küchenchef ist total lieb und war Diätkoch in Frankreich. Das ist mein Ausgleich zum Sport und Schulstress.“ Tina sah zu Itachi.
„Willst du nicht? Oder habe ich dir gerade den Mut genommen?“ Er lächelte sie nur an.
‚Wahnsinn. Ich dachte eher an freizeitliches Kochen, weil es dir etwas Spaß macht, aber das sieht nach deutlich mehr aus.‘
„Du kannst gerne an meiner Stelle weitermachen, an dich komme ich echt nicht ran. Ich habe dann doch lieber ein Skalpell in der Hand. Das ist handlicher. Ich sehe dir gerne zu.“ Er ließ die gerollten Sushis los und legte sie ihr aufs Fisch-Brett.
„Tut mir leid, du weißt ja, wenn ich hungrig bin, habe ich es eilig oder darf bloß nicht gestört werden. Also geht’s bei mir immer zackig in der Küche zu. Und dann bei unserem Chefkoch ist das wie hier, kommt eine Bestellung, muss es schnell gehen. Bei uns gibt es doch auch a la Carte.“
„Oh ja…das wäre fatal.“, grinste er. Tina berührte das große Messer und die Rolle und wollte gerade zuschneiden, als es plötzlich klopfte. Sie hielt inne und sah auf.
„Nanu? Draußen ist doch ein Schild. Wer stört jetzt?“, brummte der Sushiya und schickte seine Frau zur Tür. Sie öffnete und erschrak ein wenig, denn vor ihr stand die Polizei.
Hauptkommissar Saito und zwei weitere Beamte standen vor der Tür. Er voran und die anderen beiden etwas weiter hinter ihm.
„Guten Abend, entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Hauptkommissar Saito. Ich bin seit Kurzem der neue Revierleiter des 87. Reviers und mache meine Vorstellungsrunde. Dürfte ich kurz eintreten?“
„Äh, ja natürlich. Bitte treten Sie ein, Hauptkommissar.“ Er lächelte freundlich und nahm aus Höflichkeit seinen Hut ab, statt sich zu verbeugen. Es wurde sich gewundert, dass er alleine hineintrat und von sich aus die Tür hinter sich schloss.
„Hm, hier riecht es aber lecker nach Suppe.“, äußerte er dann, um die Stimmung etwas anzuheben. Dann sah er prüfend durch den Gastraum und entdeckte die vier Personen an der Theke. Tina sah ihn überrascht an.
‚Ach…siehe da. Habe ich mich nicht verguckt. Der Medizinstudent von gestern. So ist das. Er war beim Frisör und sie trägt die Haare scheinbar offen und hat sie nur zum Kochen zurückgesteckt. Ich habe mich vorhin schon gewundert, was sie alleine so rumstand. Itachi Okawa…so so…wie kommt es?‘
„Guten Abend die Damen, die Herren.“ Alle verbeugten sich respektvoll, auch Itachi stand auf. Nur Tina blieb einfach stehen und wartete ab was als nächstes passierte.
„Verbeugen Sie sich lieber. Die Polizei ist streng.“, flüsterte der Herr des Hauses.
‚Sie müsste das doch wissen. Wieso steht sie nur da?‘, wunderte sich Itachi. Saito richtete seinen Blick auf sie und sah streng auf ihre Hände.
„Chefkoch? Sie lassen eine Touristin alleine an ihre japanischen Messer? Sie wissen, dass das nicht gestattet ist.“
„Ich bin keine Touristin, Herr Kommissar. Ich wohne offiziell in Tokio.“, lächelte sie freundlich.
„Hauptkommissar, wenn schon, denn schon. Okay, dann entschuldigen Sie bitte das Vorurteil.“, grinste er mit strenger Miene.
„Sie haben Recht. Herr Hauptkommissar.“
„Nehmen Sie das Messer aus der Hand, während ich hier bin.“, forderte er dann, als würde er streng mit einem Kind reden.
‚Wieso ist er hier? Er will doch nicht nur eine Vorstellungsrunde.‘ Sie tat natürlich was er sagte und legte das Messer bei Seite und hob die Hände seitlich hoch, damit man sehen konnte, dass sie nichts mehr festhielt.
„Wenn ich das richtig gelesene habe, öffnen Sie erst in etwa zwei Stunden?“
„Das stimmt, mein Herr.“, antwortete der Vater.
„Und was ist das dann hier? Eine Privatvorstellung oder wurde das Programm gebucht?“
„Es ist Privat. Mittwochs öffnen wir immer erst so spät. Es lohnt eher kaum.“
„Zur Kontrolle hätte ich gerne Ihre Ausweise gesehen.“
„Schatz, erledigst du das?“, wurde die Frau des Hauses angesprochen. Diese ging zügig hinter die Küchentür und holte die Ausweise der Familie. Inzwischen ging Itachi an seine Tasche und holte eine schmale Geldbörse heraus und zeigte seinen Ausweis vor. Itachi war nicht sehr begeistert davon, aber er fügte sich ebenso. ‚Was soll die Ausweisnummer? Und dann ist er alleine hier drin?‘ Dann sah Saito zu Tina.
„Und Sie?“
„Ich kann jetzt aber nicht, sehen Sie? Das müssen Sie machen. Meine Tasche hängt am Stuhl neben Ihnen. Da ist eine weiße Tasche drin, darin befinden sich die Ausweise. Aber passen Sie auf, dass Ihnen weiter nichts herausfällt. Ich musste etwas überstürzt die Tasche packen. Da können Sie ja gleich überprüfen, ob ich als dumme Ausländerin nichts falsch mache.“, sprach sie freundlich.
„Ich kann das auch für dich machen.“, wunderte sich Itachi.
„Nein, das ist schon okay. Der Kommissar hat ein ehrliches Gesicht.“, lächelte sie ihn an.
‚Ein ehrliches Gesicht? Ausgerechnet dieser Brummbär? Gestern war er ziemlich schlecht gelaunt oder er ist immer so streng. Diese Art gefällt mir nicht. Dann drängte er ständig darauf, dass ich ihm preisgebe, wer das Mädchen gebracht hatte. Das nervte. Ich muss ihm rein rechtlich gar nichts sagen, das ist doch der Sinn der Mini-Klinik. Anonymität.‘ Saito öffnete vorsichtig die Tasche und sah hinein.
‚So so…interessante Ansicht. Ob sie das mit Überprüfung meint? Hm…ah dort.‘, grinste er innerlich, als er die Packung Kondome entdeckte, einen prüfenden Blick auf die Größe legte und ihre weiße kleine Tasche vorsichtig herausholte. Er legte die Handtasche vorsichtig auf den Tisch und öffnete die weiße Tasche und holte den Reisepass und die Aufenthaltsgenehmigung heraus.
„Okay, Bettina Fuchs, aus Deutschland. Sie sind Studentin? Welches Semester sind Sie und was studieren Sie?“ So langsam kam Tina das etwas seltsam vor. „Psychologie im ersten Semester.“, antwortete sie jedoch noch höflich.
„Und Sie reisen viel.“
„Ich bin Profisportlerin, da bleibt das nicht aus.“
„Welchen Sport betreiben Sie denn?“ Tina verzog das Gesicht.
„Jetzt reichts aber. Sie ruinieren mir mein Date. Sie wissen doch genau wer ich bin, weil Sie privat schon zu einigen Spielen gekommen sind. Ich kann mir gut Gesichter merken, wenn sie in den ersten Reihen sitzen.
Wieso sind Sie wirklich unterwegs? Wenn Sie in diesem Tempo bei jedem Geschäft vorbeischauen, dann brauchen Sie Jahre für die Runde.
Und wann haben Sie überhaupt das letzte Mal was gegessen? Sie sehen verhungert aus.“, platzte Tina der Kragen und sie griff zum Messer und schnitt endlich ihre Röllchen fertig. Dann schnappte sie sich eine Schale, schaufelte Reis hinein, der eigentlich für sie selbst bestimmt war, nahm die nächste Schüssel und füllte sie mit Soße. Dann eine Schüssel mit Wasser. Saito lächelte plötzlich.
„Heute Morgen. Der Tag ist noch lang. Ich bin wirklich nur alles abklappert.“, meinte er grinsend und erleichtert, dass sie seine Not erkannte.
„Hinsetzen! Sagen Sie ihren Kollegen, es dauert etwas, wenn die fragen.“ Takeru setzte sich auf den Stuhl und sah ihr begeistert zu.
‚Ich wusste, dass sie meine Not erkennt. Gute Idee mich als unbekannten Fan zu bezeichnen. Das ist ja nicht einmal gelogen.‘ Tina reichte ihm die Schüsseln rüber und sah sich dann nach einem Teller um, nahm diesen, nahm Stäbchen und legte das fertige Sashimi mit dem Rettich darauf. Sie formte es schnell zu einem Röschen, legte noch drei Lachs Makis dazu und stellte auch diesen Teller zu ihm rüber.
„Fünf Minuten, Herr Hauptkommissar. Hauen Sie rein, sonst kippen Sie uns noch um. Sie müssen doch bei Kräften bleiben und klare Gedanken fassen.“ Das ließ sich der Kommissar natürlich nicht zweimal sagen und schlang so schnell und elegant er konnte, alles in sich hinein. Aber er versuchte es zu genießen und teilte seine Zeit etwas großzügiger als fünf Minuten ein. Alle sahen die beiden total verwundert an.
‚Was hat das denn zu bedeuten? Er ist ein Fan, oder wie?‘, wunderte sich Itachi.
Schnell hatte Takeru alles aufgegessen und reichte ihr die Schüssel rüber.
„Haben Sie noch ein bisschen? Ich muss ja gestehen, Sie haben recht. Ich bin ein Fan. Aber Sie können scheinbar nicht nur spielen, sondern auch kochen.“, grinste er.
„Nix da, das war genau richtig für Ihre Größe und ihre schmale Statur, sonst bekommen Sie Bauchkrämpfe. Ich wusste gar nicht, dass ich schon so große Fans habe.“ Tina griff zu einem Becher und füllte es mit dem restlichen Tee aus ihrer Kanne, welcher bereits gut abgekühlt war.
„Trinken Sie es langsam, damit es rutscht. Und dann schimpfen Sie bei Gelegenheit mal mit Ihren Kollegen. Es kann doch nicht sein, dass Sie keine Pausen machen können. Nicht nur die, sondern auch der Chef muss mal pausieren, sonst ist er bald nicht mehr der Chef, weil er unkonzentriert ist. Immerhin laufen Sie mit einer geladenen Waffe herum. Hungern, ist unverantwortlich in Ihrem Job.“, schimpfte sie ruhig.
„Wenn das immer so einfach wäre. Ich bin jetzt zwei Wochen hier und keiner bietet einem was an. Ich bezahle ja auch, aber irgendwie ist das hier komisch. Als wäre es Bestechung, obwohl ich bezahle. So eine verschlossene Gegend hatte ich noch nie. Dass es noch so unfreundliche Leute uns gegenüber gibt, ist mir bisher nicht untergekommen und ich habe schon einige Reviere kennengelernt. Da wir jetzt Stunden zu Fuß unterwegs sind, kann man nicht mal was am Automaten holen, wenn man nirgends stehen darf damit. Im Auto kommt man immer irgendwie nebenbei dazu was zu essen.“, äußerte er betrübt und lehnte sich für eine kurze Entspannung an und sah dann zu Itachi.
„Herr Okawa, wir haben die Täter übrigens noch gestern Abend gefasst. Sie sitzen alle in der U-Haft. Die Spurensicherung hat gestern noch viel gebracht und heute Mittag waren wir beim Opfer und haben die restlichen Beweise und Aussagen aufgenommen. Sie haben diesem Mädchen das Leben gerettet, das wissen Sie sicherlich. Ohne Ihr schnelles Handeln wäre es zu spät gewesen. Der Arzt in der Klinik bestätigte es nochmal.“, lobte er Itachis gestrigen Einsatz.
„Wow, das ging ja schnell. Super. Die bleiben hoffentlich auch lange oder für immer im Knast.“, sprach er mit festem Ton.
„Jo, die Staatsanwaltschaft hat das bereits auf dem Tisch. Soviel zum Thema Pausen heute. Hier gibt es viel zu tun. So habe ich zwar endlich wieder etwas Action, aber leider auch viel Stress.
Aber…der Stress zeigt mir nur, dass ich mich nicht wundern muss, warum niemand diesen Job hier auf der Ecke machen wollte. Das Revier ist wirklich sehr groß und man findet hier alle Art von Menschen und demzufolge gibt es viel zu tun.“ Er stand dann auf und sah sich um.
„Dürfte ich mal hinter den Vorhang?“
„Selbstverständlich, Herr Hauptkommissar.“, sprach die Mutter mit freundlicher Stimme. Takeru verschwand hinter dem Vorhang und die Tür klackte zu. Alle Blicke waren auf Tina gerichtet.
„Sag mal, für lebensmüde habe ich dich nicht gehalten. Da sagst du ihm einfach, er soll sich setzen und was essen?“, sprach Itachi erstaunt, aber er grinste lachend dabei.
„Mutig kann man das nur nennen. Was ist, wenn er genauso ein Typ ist, wie sein Vorgänger? Mit dem hatte man nur Ärger, weil er nichts gemacht hat. Der tat nur so nett und letztendlich war er es nicht. Auch wenn er ein Fan von Ihnen ist, das sagt nicht, ob er ehrlich ist.
Und dann ging er einfach an Ihre Handtasche. Das hätte er gar nicht gedurft, es gab keinen Grund für eine Durchsuchung dieser Art.“, erklärte der Vater. „Manchmal nimmt sich die Polizei echt zu viel raus.“, murrte er weiter. Tina schüttelte den Kopf.
„Hat es von Ihnen keiner bemerkt, wie es ihm ging? Und er wollte gar nicht an meine Tasche gehen, aber ich habe ihm darum gebeten.
Itachi? Er hatte schon kleine Schweißperlen auf der Stirn und als er nach den Ausweisen griff, kam er mir etwas zittrig vor. Bei meiner Handtasche fiel das richtig auf. Deswegen habe ich ihn rangehen lassen, um es zu testen. Er machte es so langsam, damit es nicht auffiel, aber ich sehe sowas.“
„Schweißperlen? Ich habe keine gesehen.“, wunderte sich Itachi.
„Kann ja am Blickwinkel liegen. Nimm mal seine Mütze hoch und fass den Rand an. Die ist sicher nass.“
„Ich fasse doch jetzt nicht die Mütze von einem so ranghohen Officer an. Bist du verrückt? Ich hatte früher genug Ärger mit solchen Typen. Die tun als würden sie helfen und am Ende geht das anders aus. Das Ding liegt sicher aus reiner Provokation hier. Man darf so eine Mütze nicht einfach anfassen. Ich glaube dafür gibt es sogar eine Ordnungswidrigkeit oder Schlimmeres. Gestern hat er auch so geknurrt. Ständig drängte er mich dazu zu sagen wer die Kleine gebracht hat. Das fand ich nicht so prickelnd, denn meine Aufgabe ist es meine Patienten und auch Helfer anonym zu behandeln. Und wenn mir jemand einen Patienten bringt, ist er genauso anonym wie der Patient selber. Mich kann dieser Mann jedenfalls nicht täuschen. Wir müssen abwarten wie er drauf ist. Der andere tauchte bei mir ständig auf und stellte dämliche Fragen und ließ die Spendenkasse abzählen und meine Abrechnungen durchsehen.“, flüsterte er verdutzt und mahnend. Tina sah ihn überrascht an.
‚Was meint er denn jetzt damit?‘
„Echt? Wozu? Was dachte der denn was er findet? Und wieso deine?“
„Der LKW ist meiner, inklusive Inventar. Alles durch Sach- und Geldspenden finanziert. Es gibt nur diese eine Mini-Klinik, wie ich sie gerne nenne.
Er hat sicher was Illegales gesucht. Keine Ahnung, Drogen oder verbotene Medikamente. Wir dürfen letztendlich keine Medikamente groß weitergeben, also mitgeben. Nur entweder direkt verabreichen oder verschreiben und über uns über eine Art Überweisung in der Apotheke von den Leuten abholen lassen. Zum Beispiel Antibiotikum oder Morphium, sowas eben.“ Sie lächelte ihn an.
‚Das gehört ihm? Trotzdem kann er Personal beschäftigen und für die schweren Fälle Ärzte auftreiben, die ihn unterstützen? Die Leute glauben also an dem was er tut. Das ist sehr beeindruckend.‘
„Ich verstehe. Es ist dein Projekt. Das kann natürlich sein.
Vertrau mir, der Kommissar ist sicher okay. Hab etwas Vertrauen in die Menschen. Es sind doch nicht alle gleich. Wenn der Kommissar gleich da rauskommt, dann wirst du sehen, dass er normal ist, weil er endlich eine Pause hatte. Stundenlang läuft er wohl schon rum, klappert einen Laden nach dem anderen ab und keiner bietet mal etwas zu Essen an oder scheint sich mit ihm zu unterhalten. Und das mit knurrendem Magen. Das ist doch die reinste Folter.“
„Stelle ich mir auch schlimm vor. Der Arme. Mann wie ein Baum und bekommt nichts zu essen. Wie soll er dann da arbeiten?“, kam eine mitleidige Stimme von der anwesenden Mutter. Ihr Mann sah sie gleich etwas verdattert an.
‚Was meint sie denn damit?‘ Itachi schaute auch auf und wurde skeptisch bei der Aussage.
‚Wie meint sie das jetzt?‘
Die wahre "Gelbe Füchsin"
Kapitel 175
Die wahre „Gelbe Füchsin“
„Darf ich fragen was der andere Revierleiter gemacht hat? Wenn die Leute so gar nicht reden, muss ja was gewesen sein.“, fragte Tina leise.
„Ach der, der kam einmal persönlich vorbei und behauptete wegen Schwarzarbeit zu ermitteln und forderte die Büchereinsicht und die Personalakten. Als er dann nichts fand, verschwand er etwas brummig. Bei anderen fand er tatsächlich mal was und dann bekamen sie regelmäßigen Besuch von seinen „Freunden“. Es waren auch Polizisten, aber ich war mir da echt nicht sicher was das sollte. Es redete ja keiner darüber.“
„Du redest zu viel, Frau. Lass das Thema jetzt lieber. Wir hatten keine Probleme und gut wars.“ Sie sah ihn zornig an.
„Natürlich hatten wir die, ständig wurden die Jungs von ihnen angehalten und kontrolliert, als hätten die was angestellt. Unsere Papiere wurden auch ständig vom Jugendamt untersucht. Manchmal glaube ich, die haben nur irgendwas gesucht, um uns loszuwerden oder uns die Kinder wegzunehmen. So wie diese Prügelei damals.“
„Itachi? Können wir mal kurz reden?“, kam der Sohn zu ihm und sprach ihn leise an. Tina grinste.
„Ihr müsst euch nicht verstellen, ich habe das schon nebenbei mitbekommen, dass ihr euch kennt. Wenn wir deine Familie besuchen, kannst du das auch sagen. Du musst mir da nichts vorspielen. Ich habe doch genau gesehen wie du bei der Begrüßung angesehen wurdest. So sieht man keinen Gast an, sondern eher einen Sohn oder höchstens noch einen Neffen. Jemanden den man mütterlich liebt.“, lächelte sie und sah dann zur Mutter. Die war total überrascht. Sie hatte sich doch so viel Mühe gegeben, dass man es nicht merkt.
„Das haben Sie gesehen?“ Tina nickte. Der Vater kam auf sie zu und stellte sich neben Sie.
„Gut, herzlich willkommen. Ich weiß trotzdem noch nicht wer Sie sind?“
„Itachi, vielleicht solltest du das selbst aufklären, ich weiß ja nicht in wieweit du mal was erzählt hast.“ Itachi sah in die Runde und lächelte.
„Nun gut, dann jetzt so. Bettina Fuchs, wir kennen uns noch von der Musashi. In meinem letzten Jahr kam sie im Sommer dann zu uns in die Schule und schloss sich dem Volleyballteam an. Sie spielte also bis vor der Uni noch mit Yako zusammen. Yako übergab ihr jedoch bereits im Winter die Teamleitung als Kapitänin.“
„Äh, Moment mal. Ich habe in der Zeitung mal etwas von einer deutschen Spielerin gelesen, sie sei noch sehr neu im Volleyball und habe trotzdem schon so starke Bälle drauf wie die Profis. Das sind Sie?“, kam von der Mutter.
„Genau, das bin ich. Ich spiele erst seit gut drei Jahren. Ich war vorher Schwimmerin und Läuferin. Durch das Training kam ich mit einer guten Kondition ins Team und so hat sich das dann ergeben.“
„Tina, wieso bist du eigentlich nicht ins Tokio-Team gegangen und willst stattdessen an der Uni spielen? Die haben dir ein wahnsinniges Gehalt und einen super Vertrag angeboten und du lehnst das ab? Das ist doch idiotisch.“ Tina sah überzeugt zu dem Bruder und nahm dann das Filetiermesser wieder in die Hand und griff behutsam das nächste Lachsfilet.
„Das ist es ganz und gar nicht.“, begann sie und gab dem Fisch seine gewünschte Form, während sie es erklärte.
„Mein Anstreben an die Uni zu kommen war erst in zweiter Hinsicht das Studium selbst. Ich wollte zuerst wissen wie weit ich es hier in Japan schaffen kann mit diesem Bildungssystem mitzuhalten.
Mein größter Antrieb war dieses Team. Wenn ich mit Yako und Yoko wieder zusammenspielen würde, dann kann ich mich nicht weiterentwickeln. Ich würde auf der Stelle stehen bleiben und hätte immer nur dieselben Gegner. Wie langweilig und sinnlos wäre das denn? Das gilt für die beiden genauso. Auch sie müssen sich weiterentwickeln, sonst bleiben sie stehen. Spiele ich aber im Uni-Team, spiele ich nicht nur in einer neuen Mannschaft, sondern mit der stärksten ganz Japans. Akane ist nicht nur die stärkste und hat wahnsinnige Strategien drauf, sondern auch ihre Zuspielerin Hikari ist ein Genie. Sie konnte meine komplizierten Bälle innerhalb von zwei Tagen erkennen, annehmen und perfekt zuspielen, damit ich sie bereits jetzt schon weiterentwickeln konnte.
Mit solchen Genies zusammenzuspielen, in Übungsspielen gegeneinander zu spielen, das ist es was ich will. Ich will mit und von den Besten lernen. Das Geld von irgendeinem Verein interessiert mich nicht die Bohne. Ich will im Sport auch sehen wie weit ich kommen kann. Ich werde also so lange in dem Team bleiben, bis ich ihre Stärken und Schwächen genau kenne, denn dann kann man perfekt miteinander spielen und später vielleicht mal gegeneinander.“
„Das klingt toll. Ich muss mir mal ein Spiel von Ihnen ansehen. Auf welcher Position spielen Sie genau?“, fragte die Mutter.
„Ich bin im Außenangriff.“ Zu diesem Zeitpunkt klackte die Tür wieder auf und der Vorhang bewegte sich etwas. Tina bemerkte diese natürlich und legte kurz die Hand auf den Mund.
„Ich liebe das Spielen sehr.“
„Und Sie studieren Psychologie? Das ist doch langweilig und trocken. Itachi hat mal gesagt, Psychologen sind nur bessere Wahrsager, alles Scharlatane.“, haute der junge Mann heraus.
„Das war vor vielen Jahren! Was soll das?“, knurrte der Große etwas, aber hatte auch ein Grinsen auf den Lippen. Tina kicherte daraufhin. Saito kam wieder an den Tisch und lächelte.
„Das sehe ich genauso. Alles Scharlatane.“, grinste er dann und setzte sich an den Tisch.
„Müssen Sie nicht wieder los?“, sprach Itachi freundlich.
„Ich habe dem Team meine offizielle Pause angesagt. Ich habe also jetzt 30 Minuten. Nur wenn was wirklich Wichtiges ist, dann funken sie mich an.“ Tina sah die beiden herausfordernd an.
„Was ist denn wirklich wichtig?“
„Oh, ne Schießerei oder ne Leiche?“, grinste er.
„Ach ja? Sind sie das? Es gibt in jeder Berufsgruppe die, die Ahnung haben und die, die ihren Job falsch oder schlecht machen. Hm, sehen wir mal in Ihren Job. Was auch immer die Leute haben, dass man Ihnen nichts zu essen angeboten hat oder mit Ihnen redet, es muss sie dazu gebracht haben. Sie ignorieren Sie und Ihre Kollegen so gut sie können, damit Sie es merken. So merken Sie, dass vielleicht was nicht stimmt. Das ist ein reines Psychospielchen.
Und noch ein Beispiel. Wenn Sie jemanden verhören oder aushorchen wollen. Da gibt es ja die verschiedensten Techniken, alles Psychospielchen. Ihre Verhörtechniken sind sicher von Psychologen erstellt worden.“, plapperte Tina los.
„Hm, das stimmt. Psychospielchen, das gefällt mir. Da kenne ich so einige Kandidaten, die sowas draufhaben. Die findet man auf allen Seiten.“, meinte der Kommissar, griff zu seinem Becher und trank einen großen Schluck.
„Haben Sie noch ein Beispiel? Wofür kann das Studium gut sein?“
„Es gibt unzählige davon.“
„Hm…Sie können erstaunlich gut mit so einem scharfen Messer umgehen. Und dann so schnell und ohne sich zu verletzen.“
„Alles eine Frage der Übung und der Konzentration, stimmt. Auch das gehört dazu. So wie Sie vermutlich regelmäßig am Schießstand stehen müssen, damit es klappt, wenn es nötig ist.“
„Ja, ein guter Vergleich.“ Tina sah zum Vater der Runde und lächelte.
„Kommen Sie wieder her? Ich wollte doch was von Ihnen lernen, deswegen sind wir doch hier. Sie müssen mir zeigen, wie man den Thunfisch richtig schneidet, das haben Sie vorhin anders gemacht als beim Lachs.“ Natürlich kam er sofort und stellte sich neben sie und nahm ihr das Messer ab und zeigte es ihr.
„Haben Sie es gesehen?“
„Oha, ja, ich versuche mal.“ Es wurde wieder getauscht und sie versuchte ihr Glück.
„Nein, anders.“, reagierte er. Itachi grinste etwas vor sich hin.
‚Typisch, sie heckt gerade wieder was aus. Ich glaube sie hat was erkannt und versucht es ihm nahe zu bringen. Aber was hat sie erkannt?‘ Es wurde das Messer wieder getauscht und vorgeführt. Tina nickte ab und versuchte es erneut. Diesmal beschrieb sie nebenbei was sie genau tat und fragte nach, ob das, was sie anders macht, auch richtig sei.
„Ja, genauso. Sie haben deutlich mehr Talent als mein Sohn, das muss man zweifelsohne sagen.“, sprach er begeistert und zugleich etwas betrübt. Dann sah er zu ihm. Dieser sah seinen Vater etwas skeptisch an.
„Hallo? Ich kann das viel besser und schneller.“, haute er dann nur raus. Tina kicherte etwas und sah ihn dann an.
„Dann zeigen Sie es uns mal. Ich glaube auch, dass Sie das viel besser können. Immerhin lernen Sie jetzt wie lange?“
„Vier Jahre bin ich schon in der Ausbildung.“
„Gut, dann ist das doch ein Kinderspiel für einen so erfahrenen Lehrling, bei einem so guten Meister seiner Kunst.“ Er kam dann zu ihr und nahm ihren Platz ein. Tina ging zur Seite. Er griff sich das Filet und das Messer und tat genau das, was er konnte.
„Falsch, großer. Schau mal.“ Er zeigte es ihm und er versuchte es erneut.
„Hm, besser aber das muss auch schneller gehen. Das muss doch Teil deiner Zwischenprüfung gewesen sein. Du hast doch dabei gut abgeschnitten.“, wunderte er sich. Vorher hatte er sich nie Gedanken dabei gemacht.
„Da kann ich das ja auch.“, knurrte er dann plötzlich.
„Versuchen Sie es mal da drüben, mit dem Rücken zu uns.“, zeigte Tina hinter sich an die Wand zur langen Arbeitsfläche.
Die Männer gingen darüber und Itachis Bruder versuchte sein Glück erneut. „Naja, etwas besser, aber noch nicht wie es wirklich muss. Du musst echt noch viel üben, Junge.“, sprach er dann geduldig und ging wieder zu Tina.
„Was möchten Sie denn als nächstes machen?“
„Hm, so eine Spezialrolle. Die mit dem gegrillten Lachsmantel.“ Er bereitete alles vor und zeigte es ihr. Dann griff sie die Stäbchen und legte die Lachsstreifen auf den Grill, um sie kurz anzubraten.
Kurz darauf erklärte er ihr, dass sie zu lange drauf waren und sie soll es doch nochmal versuchen. Natürlich ging es wieder schief und das nächste Stück wurde gegriffen.
„Wie viele Sekunden sollen sie denn drauf?“ Er zuckte plötzlich mit den Schultern.
„Ich mache das nach Gefühl, das sieht man doch, wann sie fertig sind.“
„Also wirklich, wenn Sie mir keine Zeit ansagen oder worauf ich visuell achten muss, dann kann ich ja nie wissen wann es soweit ist.“, sprach sie plötzlich klare Worte. Er legte das Messer zur Seite und sah sie verdutzt an.
‚Moment mal. Was meint sie damit?‘
„Ich zeige es nochmal, okay? Dann zählen Sie die Sekunden bis ich es herunternehme. Das Problem ist, jedes Stück ist verschieden, immerhin hat der Fisch mal gelebt. Etwas das mal gelebt hat, sich aktiv bewegte und roh zubereitet werden muss, das ist immer anders im Fleisch. Eine wirklich genaue Zeit kann man also nicht voraussagen, auch wenn es dieselbe Dicke hat.“
„Wow, das haben Sie jetzt aber schön erklärt. Jetzt ist es angekommen. Und woran erkenne ich den richtigen Grad der Garstufe, wann ich es herunternehmen muss? Beim Steak ist es ja auch immer anders und dann kommt es darauf an wie durch man es haben will. Da gibt es viele Garstufen. So ist es beim Fisch ja auch. Aber ich brate den in der Regel ganz durch, jetzt wollen wir das aber nicht, es muss sich ja drumwickeln lassen.“ Er sah ihr überrascht in die Augen, dann griff er zum Streifen und legte es auf den Grill. Dabei beschrieb er worauf er achtet, um den richtigen Zeitpunkt zu erkennen. Kurz darauf war der Streifen fertig und wurde um das fertige Sushi gerollt. Tina lächelte und alle anderen staunten nicht schlecht.
„Perfekt. Jetzt ich.“ Natürlich gelang es ihr diesmal und sie rollte das Sushi fertig.
„Sie haben großes Talent.“
„Ach was…ich habe einfach nur Spaß dran. Sie haben es mir jetzt sehr gut erklärt. Unser Koch sagt immer, wenn man kocht, dann ist das wie Gedichte oder Lieder schreiben. Man macht zuerst nach Gefühl, nutzt die richtigen Elemente und sorgt für gewisse Regeln und dann gibt man es später als Gedicht wieder. Man beschreibt also genau was man tut wie ein Gedicht.
Und ich liebe Gedichte. Da steckt so viel Leidenschaft drin, so wie bei Ihnen, wenn ich Ihnen zusehe, kann man genau spüren wie sehr Sie Ihre Arbeit lieben.“ Itachi sah sie nachdenklich an und trank aus seiner Tasse.
‚Du bist nur ein paar Minuten hie rund schon hast du ihn um den Finger gewickelt. Er liebt seine Arbeit wirklich sehr. Manchmal ein bisschen zu sehr. Alles dreht sich nur um das Lokal. In den letzten Jahren hat er sich nur noch darum gekümmert und dafür sorgen müssen, dass er perfekt ist, um gegen die viele Konkurrenz hier anzukommen. Keinen einzigen Fehler durfte er sich erlauben, sonst würden die Gäste wegbleiben.‘ Tina griff das nächste Stück Lachs, beschrieb in lieblichen Worten genau was sie tat und genau das machte sie mit jedem Stückchen und immer wieder verfeinerte sie ihre Wortwahl und fing an zu reimen.
‚Wow, beim Kochen habe ich ihr noch nie zugesehen. Roland hat auch solche Marotten. Beim Kochen mit sich selbst reden…und dann kam was Tolles dabei raus. Irgendwie vermisse ich es, ihn einfach mal zu besuchen und zu necken.‘ Er grinste und sah unauffällig zu Itachi.
‚Hm, so wie er sie ansieht, ob er sich damals schon in die verliebt hat, als sie ihn mit seiner Gruppe so vorgeführt hatte? Am Ende hat er sich doch gleich bedankt. Ich bin sowieso etwas erstaunt, dass sie mit ihm ausgeht, wenn da diese Vorgeschichte war.‘, war der Kommissar ganz leise und sah ihr nur interessiert zu.
„Itachi? Wollen wir jetzt endlich etwas essen? Ich habe Hunger.“ Er zuckte kurz zusammen.
„Ja, gerne. Mein Bauch knurrt auch schon. Aber dir zuzusehen ist trotzdem schön.“
„Das kann ich nur bestätigen. Wenn ich darf, komme ich öfters her. Hier ist es spannend wie in einem Krimi. Gibt es hier auch Nudelsuppen?
Sie schreiben mir doch nachher eine Rechnung?“, brachte sich Takeru ein und sah dann den Koch lächelnd an. Dieser nickte, bestätigte und sah zu seiner Frau rüber.
„Vater? Wenn wir später Ruhe haben, kannst du mir das dann auch nochmal zeigen und es mir so erklären?“ Der Chef drehte sich um und sah überrascht zu ihm auf.
„Koutaro.“, hauchte er total baff aus. Sein Herz schlug plötzlich schneller.
‚Du sagst Vater zu mir? Das…das hast du noch nie getan. Was hat das zu bedeuten?‘ Itachi war total irritiert.
‚Nanu, habe ich mich eben verhört? Vater? Wir haben beide immer nur Maki als Mutter bezeichnet, aber das ist neu.‘
Die Mutter sah ihren Mann und Sohn an und konnte gar nichts sagen. Dann blickte sie zu Itachi und ihr kam eine Träne über die Wange.
‚Itachi…wieso hat er Vater gesagt?‘ Dann sah sie zu Tina, wie sie die nächsten Gurken in Stücken schnitt.
‚Was hat sie gemacht, dass Koutaro plötzlich so reagiert?‘
„Ihr seid auf einmal so still. Habe ich was falsches gesagt?“, kam Tinas freundliche Stimme.
„Ich hätte gerne noch einen Tee und dann die Rechnung bitte.“, mischte sich Takeru ein und kramte in seiner Tasche rum und legte ein paar Visitenkarten auf den Tisch.
‚Was nun los? Dieser Kommissar ist wirklich seltsam.‘, wunderte sich Itachi.
„Ich mache Ihnen sofort die Rechnung fertig. Sie können natürlich gerne wieder zu uns kommen, Herr Hauptkommissar.“
„Super, es ist wirklich sehr lecker bei Ihnen.“ Die Rechnung wurde fertig gemacht und Tina ging ans Waschbecken, um sich die Hände zu waschen. Dann setzte sie sich auf ihren Platz neben Saito und Itachi.
„Gibt es hier auch ein Lokal wo man ein richtiges Steak essen kann? Frau Fuchs, Sie sind doch sicher nicht nur in Sushi-Restaurants unterwegs und könnten mir was empfehlen. Ich bin leider im alten Revier zu sehr verwöhnt worden.“, grinste er sie plötzlich an.
„Mag sein, dazu kann ich nichts sagen. Ich bin zu viel unterwegs, als mich hier wirklich umzusehen. Lassen Sie sich doch von dem Koch, der Sie vorher verwöhnt hat ein paar Tipps für Zu Hause geben. Manches ist gar nicht so schwer nach zu kochen.“
Die restliche Zeit wurde viel gelacht und der Kommissar verabschiedete sich bald und bat Tina noch um ein Autogramm.
„Wie jetzt? Was wollen Sie denn damit? Ich bin doch gar nicht berühmt.“, wunderte sie sich sehr.
„Oh, das kommt noch, dann bin ich der Erste, der eins hat. Ist doch genial. So gut wie Sie nach nur drei Jahren schon spielen können, da kommt noch was…glauben Sie mir.“
„Wenn Sie meinen. Wo kann das denn rauf?“ Er holte einen kleinen Notizblock heraus und blätterte seine benutzten Blätter hoch und reichte ihr den mit einem Kugelschreiber rüber. Tina sah verdutzt auf das leere Blatt und sah die Abdrücke von den Blättern davor.
„Da sind aber Ihre Notizen dann drauf. Darf ich mir hinten ein Blatt herausnehmen, dass noch keine Abdrücke hat? Sie werden es doch sicher aus dem Block nehmen wollen.“
„Natürlich können Sie das.“ Tina blätterte den Block bis hinten durch und entnahm vorsichtig das letzte Blatt vor der Pappe. Dann legte sie es auf den Tisch und sah zum Kommissar auf.
„Und Ihr Vorname? Saito heißt ja scheinbar halb Tokio. Und was soll ich schrieben? Meinen Namen oder Gelbe Füchsin?“, grinste sie freundlich.
„bitte Takeru. Was Sie immer schreiben. Ihr Team gibt doch nach dem Spiel Autogramme für die Kinder. Was schreiben Sie denn dann auf ihre Bälle?“
„Stimmt, da schreibe ich „Gelbe Füchsin Tina“., lächelte sie und schrieb los. Unter ihrem Namen zeichnete sie noch einen Kreis mit drei gewölbten Linien darin, damit es aussah wie die Nähte eines Volleyballs.“
Takeru steckte sich das Autogramm in seine Geldbörse zwischen die Scheine und verabschiedete sich dann endgültig.
„Vielen Dank. Das rahme ich mir dann zu Hause ein. Sie müssen wissen, ich bin großer Volleyballfan. Leider komme ich zu selten dazu mir Ihre Spiele anzusehen und lange zu bleiben. Das mache ich dann leider erst hinterher als Aufnahme.“ Er ging Richtung Tür, hielt noch seinen Hut und drehte sich zu ihnen um.
„Darf ich nochmal schnell? Man weiß ja nie.“, grinste er freundlich und deutete zum Vorhang. Kurz darauf verschwand er hinter der Toilettentür.
„Hm, vielleicht hast du Recht, Tina. Eventuell ist er kein übler Kerl und will nur seinen Job machen. Als er gestern Abend bei mir war, brummte er ganz schön rum. Eventuell war er da auch hungrig wie eben?“ Tina lächelte und sah zu ihm.
„Vielleicht, wer weiß was er gestern für eine Schicht hatte? Ich hätte bestimmt keinen Bock auf seinen Job. So ein großes Revier ist sicher sehr anstrengend. So viel Neues und so viele neue Leute. So eine Vorstellungsrunde ist eine gute Idee.“
„Du hast Recht, an sich ist das eine gute Idee.“
„Ich glaube, bei ihm musst du keine Angst haben, dass er dich nervt und deine Spendengelter abzählen lässt, oder? Wie er gesagt hat, er hat hier viel zu tun, da gibt es sicher wichtigeres als sich um ein paar Spenden für arme Leute zu kümmern.“ Itachi lächelte sie an.
„Das glaube ich auch. Ich glaube, er nimmt seinen Job sehr ernst. Vermutlich kommt er deswegen kaum dazu eine Pause zu machen.“, vermutete er.
„Wieso macht der andere den Job nicht mehr? Ich hatte nicht gerade viel Zeit in den letzten Wochen oder Monaten Zeitung zu lesen.“, erkundigte sie sich in die Runde.
„Ach der hatte einen tödlichen Unfall. Mehr sagt keiner was. Das war etwa vor vier Wochen. Und dann ging die Sucherei los. Wer übernimmt das Revier?“
„Ein Unfall? Das kann ja alles bedeuten.“
Es vergingen einige Minuten und endlich konnten die fünf eine ruhige lustige Zeit verbringen.
„Tina, es war sehr schön dich kennenzulernen. Passt gut auf euch auf.“, grinste die Mutter und sah ihnen nach.
Als Itachi Tina die Tür aufhielt und kurz zurückblickte, machte er sie ganz schnell wieder zu und sah zu seiner Familie.
„Seht ihr? Das ist die wahre Bettina. Zweieinhalb Stunden und alles um euch herum ist anders. Wir sehen uns.“ Dann ging er sofort wieder raus und die beiden gingen etwas in der Einkaufspassage spazieren, bis der Einlass zu der Veranstaltung losging.
Nach der Gala und dem anschließenden Tanzabend, verließen beide fröhlich das Tanzlokal und gingen in Tinas Richtung.
„Wow, das war eine interessante Runde, oder? Und wie du diesen Herren verarscht hast, herrlich. Sogar Kudo und sein Bekannter haben sich total amüsiert. Da staunten die beiden nicht schlecht, dass du so gut Shogi spielen kannst. Wo hast du das überhaupt gelernt?“, lachte er. Tina lachte auch etwas und sah zu ihm auf, wie er so neben ihr lachend herging.
‚So kenne ich ihn gar nicht. Diese seltsame Art von damals…wo ist das alles geblieben? Die Zeit in der Schule war nicht lange, aber so herzlich gelacht hat er bisher nur heute. Vorhin bei seiner Familie, wie auch auf dem Abend. Und trotzdem…wirkt er so geheimnisvoll.‘ Ihr Puls stieg etwas an und sie blieb plötzlich stehen und sah ihn nur an. Auch er blieb stehen, sah zu ihr zurück und lächelte sie an.
„Ist alles okay?“ Tina schüttelte den Kopf und lächelte ihn an.
„Ja, alles gut. Mir ist nur was aufgefallen.“
„Oh, was denn?“
„Ich habe dich noch nie so fröhlich erlebt wie heute.“ Er ging auf sie zu und sah zu ihr herab und lächelte.
„Das kommt nur, weil du da bist. Du bringst mich eben zum Lachen…weißt du? Und dich habe ich doch auch noch nie so fröhlich erlebt. Deine ernste Seite ist zwar aufregend, aber…fröhlich und lustig gefällst du mir besser.“, lächelte er.
„Wirklich? Ich bin doch so komisch und immer so ernst. Aber lustig und fröhlich?“
„Das mag ich doch aber an dir. Mit dir ist es nie langweilig. Hat dir denn der Abend gefallen? Also alles das, was irgendwie nach einem Date aussah?“, schmunzelte er und hielt seine Hände fest in den Taschen des Mantels. Am liebsten würde er sie ein klein wenig berühren und ihr seine Zuneigung zeigen, aber das ging im Moment mitten in der Passage nicht. Sie lächelte ihn fröhlich an.
„Ich hatte schon lange nicht mehr so einen amüsanten Abend, Itachi. Es war doch schön und wir haben sogar getanzt. Ich wusste gar nicht, dass du so gut tanzen kannst.“
„Ich muss gestehen, ich habe es erst lernen müssen. Deine Tanzaktion damals in der Schule…ich fand das so toll und da habe ich es dann gelernt, für den Fall der Fälle…dass ich mal mit jemanden so tanzen kann.“ Tina war still, es hörte sich seltsam an, als er das sagte.
„Du hast es…meinetwegen gelernt?“ Er nickte und sagte weiter nichts dazu. Sie starrten sich beide plötzlich nur noch an und ihre Herzen schlugen schneller.
„Tina, würdest du denn nochmal mit mir ausgehen wollen?“ Sie lächelte.
„Sehr gerne Itachi. Vielleicht diesmal mit weniger Publikum?“, kam ein Grinsen zum Ende hin. Plötzlich drehte er sich um und ging zwei Schritte, als würde er laufen wollen, weiter.
„Jetzt Tina…jetzt war es ein perfekter Abend.“
„Ach wirklich? Warum?“, fragte sie neugierig und ging ihm nach. Er drehte sich lächelnd zu ihr um und grinste, während der starke Wind seinen Mantel hochflattern ließ. Tinas Mantel wehte ebenso etwas doller und sie verstand natürlich was er meinte. Ohne weiter etwas zu sagen, gingen sie weiter und kamen langsam im Wohnviertel an. Itachi schaute plötzlich hoch zu einem Hochhaus und hielt an.
„Hier…hier ist der Punkt an dem ich dir die Wahl lasse. Ich bringe dich natürlich nach Hause, keine Frage, aber…vielleicht…hast du noch Bock auf einen Tee mit einer netten Unterhaltung, bei mir. Nicht mehr, versprochen.“ Tina lächelte ihn an.
„Hast du auch Kaffee da? Den könnte ich jetzt ab.“, stimmte sie ihm zu und kam auf ihn zu. Er war sehr erstaunt, dass sie so schnell zusagte.
„Wie schön. Das rundet den Abend so richtig ab. Schau das Hochhaus hier, da wohne ich.“, zeigte er zum Gebäude. Es war bereits ein altes Hochhaus, älter als das, in dem Tina vorher mit ihren Eltern gewohnt hatte. Beide sahen kurz hinauf und gingen dann zum Eingang. Es gab niemanden, der unten aufpasste, das wunderte Tina sehr. Dass es sowas auch gibt, war ich noch nie aufgefallen. Bei ihnen war es doch auch normal mit einem Concierge. Sie blieben vor den Briefkästen stehen, alles war beschmiert und man konnte kaum die Namen lesen. Die Wände waren ursprünglich vermutlich beige, aber viel davon zu erkennen war leider nicht mehr. Plötzlich griff Tina nach seiner Hand, als er sie wieder herunternahm, nachdem er den Knopf des Aufzugs gedrückt hatte. Er sah sie überrascht an.
„Ich hätte dich vorwarnen sollen, tut mir leid. Du musst keine Angst haben, dieser Mist ist schon lange dran. Die Leute, die das gemacht haben, wohnen schon lange nicht mehr hier. Die anderen Leute hier sind alle okay. Ganz normale Familien, alte Leute, Paare oder Singles wie ich.“
„Es macht mir keine Angst. Ich bin nur sehr erstaunt, dass es das auch in Japan gibt, wo doch angeblich alles so perfekt ist und sich anpasst. Ich kenne solche Schmierereien aus Deutschland genug, aber es sind andere Sprüche. Von außen wirkt das Haus zwar alt, aber doch saniert.“
„Das ist es auch, du kennst ja die Vorschriften sicher. Es sind nur die Nebenkosten, die die Vermieter dann so sparen wollen, indem sie nicht mehr ständig die Wände neu streichen.“
„Das kann ich auch verstehen. Wichtiger ist, dass alles heile ist, der Rest ist nur Schönheit.“, lächelte sie dann. Der Lift öffnet sich und innen sieht es natürlich nicht besser aus. Der Spiegel wurde bereits mit Folie beklebt und alles wieder beschriftet. Das Einzige was normal aussah, war die Notfalltoilette für die Erdbeben-Situation. Neugierig sah Tina dort hinein und öffnete den Deckel.
„Wow, alles sauber und komplett. Das will am Ende niemand missen, wenn es gebraucht wird.“, grinste sie und machte den Deckel wieder zu.
„Das ist wohl wahr.“
Im obersten Stockwerk angekommen öffnete sich der Lift und die Zahl 20 sah sie direkt an.
„Wir sind da, gleich hier um die Ecke ist mein kleines Reich, wie ich immer gerne sage. Nicht erschrecken, es ist wirklich kleiner, als das was du gewohnt sein wirst.“
„Mach dir doch nicht so einen Kopf. Mir ist egal wie klein sie ist, Hauptsache gemütlich.“, grinste sie und ließ seine Hand los, als er den Schlüssel aus der Manteltasche zog. Er öffnete die Tür und bat sie herein. Voller Neugier betrat sie die Wohnung, Itachi folgte ihr und sie zogen die Schuhe aus und stellten sie vor die Tür.
„Wow, das nennst du klein? Ist doch schön.“, sagte sie beeindruckt, beim Betreten des Wohnbereichs. Sie sah direkt auf ein Fenster, mit einer Aussicht auf die Straße und die belebte Passage, um die Ecke. Die Lichter leuchteten alles hell aus.
„Das sind nur 15 qm, also nicht ganz das was ihr habt. Da hängt sicher eine Null hinten dran.“, lacht er etwas und bleibt gleich im Küchenbereich stehen.
„Sieh dich einfach um. Ich mache uns einen Kaffee.“ Tina ging zum Fenster und sah hinaus, dann drehte sie sich zu ihm um und sah ihm dabei zu wie er die kleine Kaffeemaschine befüllte und anschaltete.
„Ach was. Glaube mal nicht, dass es immer so war. Als wir herzogen wollte uns niemand eine Wohnung vermieten. Am Ende landeten wir dann in so einer Sozialwohnung, auch in einem Hochhaus wie diesem, jedoch mit Empfangsbereich. Da wohnte Martin dann auch noch bei uns. Wir hatten kleine 40 qm, nur ein Schlafzimmer, eine Abstellkammer, die war dann mein Zimmer und Martin musste im Wohnzimmer auf der Schlafcouch schlafen. Wenn jemand mal musste, dann ist er immer wach geworden, das war echt doof.
Und bis zu meiner Einschulung wohnten wir auch nur auf knapp 20 qm und da war das wie hier, alles in einem Raum, nur das Schlafzimmer wo ich geschlafen habe, war etwas mit einer Wand abgetrennt. Die Toilette natürlich auch. Da stand aber nur ein Bett und weiter nichts drin. Es musste sogar noch Platz für einen Kamin sein. Also alles ganz winzig. Zwischen Bett und Wand war gerade mal so viel Platz, dass man die Betten machen konnte und das habe ich manchmal genutzt und mir eine Höhle gebaut mit den ganzen vielen Decken und Kissen. Das war dann meine Beschäftigung bei richtig schlechtem Wetter. Dann habe ich meine Eltern mit der Taschenlampe zu mir zum Tee eingeladen…quasi unter der Decke. Das war immer schön. Alles andere spielte sich im kleinen Wohnbereich ab. Da hatten meine Eltern nur eine große Ausklappcouch. Das wars und eben Tisch und Stühle und eine offene Küche wie du. Wir waren sonst immer nur draußen, da hatten wir dann natürlich wieder unendlich viel Platz. Direkt am Meer mit Strand und einem Wald. Das war eine wirklich tolle Zeit. Ich war den ganzen Tag nur draußen spielen. Und solange es ging, haben wir immer draußen gegessen und uns aufgehalten. Drinnen waren wir dann nur bei Regen und Kälte.“
Neugier
Kapitel 176
Neugier
„Echt? Martin, er wohnte bei euch? Ich dachte immer, der hatte seine eigenen vier Wände, vielleicht sowas in der Art hier.“
„Nein, er hätte sich das leisten können, nachdem er bei Oda angefangen hatte, aber er wurde ja immer von jedem abgewiesen. Es hieß immer, die Wohnungen seinen vergeben und das Schild wurde vergessen abzunehmen. Alles Ausreden…sie wollten keinen Ausländer bei sich haben und hielten ihn oft für einen Amerikaner, auch wegen seiner Statur. Das schreckte die Leute oft ab. Die Wohnung jetzt, die hat Oda ihn besorgt. Er zog damals aus und wohnte bei Mila. Dann war das vorbei und er war einige Monate wieder bei uns, aber wir hatten das große Haus, da konnte er unten das Gästezimmer mit dem separaten
Badezimmer nutzen. Ideal, da das Studio ja nicht weit weg ist.“
„Oda ist wirklich ein feiner Kerl. Er liebt seinen Job, ohne sein Studio wäre er sehr einsam.“ Tina ging auf ihn zu.
„Du kennst Oda?“ Er lächelte und holte zwei Tassen aus dem Schrank über sich. „Als ich mit sechzehn etwa in Mutters Pflegefamilie kam, da nahm mich Vater mit zum Training ins Studio. Er war dort, um etwas Gewichte zu heben und auf dem Band zu laufen. Er kam sonst nicht dazu groß sich auszupowern, wenn er nur am Kochen war. Da entdeckte ich die Kampfsportarten, die dort angeboten wurden. Zu diesem Zeitpunkt gab es ein Angebot für Kinder und Jugendliche im Kickboxen und das gefiel mir. Judo war nie so mein Ding. Ich habe immer schon gerne eher was mit den Händen gemacht. Also bin ich dann gut zwei Jahre lang regelmäßig zu diesem Kurs gegangen bis er eingestellt wurde, weil der Trainer wegzog.“
„Ich verstehe. Machst du das jetzt immer noch, nur woanders?“
„Wenn ich Zeit habe, dann ja. Schau mal über dich. Da hängt etwas, zieh mal an der Schnur neben dir an der Wand.“, grinste er. Tina sah zur Decke und tatsächlich, da war was an der Decke mit einem Tuch übergestülpt.
„Sag jetzt nicht, das ist ein Sandsack?“, vermutete sie gleich, als sie die Form und die Größe erkannte. Itachi schmunzelte.
„Du bist wie immer unschlagbar.“ Tina zog nicht an der Schnur und sah ihn nur überrascht an.
„Das ist sehr klug von dir. Vater und ich haben unseren in der Backstube hängen. Wenn uns mal was so richtig wütend macht und wir nicht an die Geräte kommen, dann muss das arme Ding dran glauben.“, kichert sie.
„In der Backstube? Du meinst die Bäckerei?“
„Genau, da wo der Ofen steht.“ Er greift vorsichtig die Kaffeekanne und schenkt ein.
„Setz dich gerne wo du möchtest. Brauchst du noch Milch oder Zucker?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Jetzt nicht, schwarz reicht mir, danke sehr.“ Tina ging zum Sofa und setzte sich neben das Fenster. Einige Minuten später stellte sie die Tasse ab und sah hinaus. „Lampen brauchst du keine, was? Obwohl es dunkel ist, scheint das Licht so gut hier rein.“
„Das stimmt, soll ich es mal ausmachen? Dann siehst du wie hell es hier wirklich ist, wenn nur die ganzen Lichter der Stadt an sind. Ich sitze oft ohne Lampe hier.“, schlug er vor. Sie lächelte nur seicht.
„Es ist deine Wohnung, entscheide du.“ Er stellte seinen Kaffee hin und sah sie etwas herausfordernd an.
„Hm, du machst es mir wirklich nicht leicht. Du bist der Gast und entscheidest.“ Tina stellte die Tasse ab, stand auf und ging in Richtung Toilette.
„Ach Itachi, du müsstest mich doch gut genug kennen. Ich habe es doch bereits entschieden und das weißt du auch.“, sah sie kurz zur Seite.
‚Dann hat sie es erwähnt, weil sie es so wollte? War das ein Hinweis für mich?‘ Er stand auf.
„Ich wollte lieber fragen, nicht dass ich was falsch verstehe und du denkst, dass ich irgendwelche Hintergedanken habe, nur weil ich dich eingeladen habe.“ Plötzlich lacht sie etwas und öffnet die Badtür.
„Du bist doch sonst nicht so schüchtern. Eins ist klar: Männer haben IMMER Hintergedanken, da bist du keine Ausnahme. Wichtig ist doch nur, ob sie ehrlich gemeint sind.“ Schon verschwand sie hinter der Tür.
Tina stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich nachdenklich. Ihre Hand wanderte zu ihren Lippen.
‚Itachi…was war das für ein seltsames Date? Und was war das nur gestern für ein Kuss? Und vorhin, was war das nur für ein Blick und für eine Berührung? Es fühlte sich so sonderbar an. Ich wollte in dem Moment gar nicht, dass es aufhört. Seltsam.‘ Es vergingen ein paar weitere Minuten und die Spülung wurde betätigt. Tina holte die Haarspange aus der Tasche und sah sie sich an.
‚Karl, wie ist das jetzt? Hast du aufgegeben auf mich zu warten? Bist du wirklich in diese Frau verliebt und hast dein Glück gefunden? Oder bist du nur dabei dir den Hörner abzustoßen? Ach…wenn ich das nur wüsste.‘, atmete sie tief durch. Dann packte sie die Spange wieder weg und richtete sich die offenen Haare.
‚Es ist ohnehin sinnlos…egal was wirklich los ist. Ich…ich kann doch sowieso nicht mit dir zusammen sein. Aber ich kann doch nicht ewig Single bleiben. Jetzt…bin ich offiziell alleine. Und Itachi…du…du bist der Einzige, der mich je nach ihm geküsst hat. Das erste Mal…war nur zu früh und ich wusste nicht wer du wirklich bist. Und überhaupt…das war einfach oberfrech.‘ Sie hielt sich die Arme und schloss kurz die Augen. Die Vorstellung er würde sie irgendwie in die Arme nehmen, das war eine schöne Vorstellung. Natürlich möchte sie das, dass man sie berührt und sie endlich ihre Erfahrungen machen kann.
‚Wie ist es denn überhaupt…von einem Anderem berührt zu werden?‘, kam der neugierige Gedanke und fest entschlossen öffnete sie die Tür. Es war inzwischen noch immer nicht dunkel im Zimmer, aber das Licht wurde etwas gedämmt und eine leise Musik ertönte. Als sie in den Wohnraum kam, bemerkte sie, dass der kleine Tisch zusammengeklappt zur Seite gestellt wurde, die Couch in die Ecke geschoben und die Leiter zum Hochbett auf der anderen Seite des Zimmers war.
„Nanu, willst du doch den Sandsack benutzen? Sieht das dann immer so aus?“, schmunzelte sie, blieb direkt vor ihm stehen und sah etwas verlegen zu ihm auf.
Plötzlich griff er zärtlich ihre Hand und lächelte.
„Wir wurden vorhin ständig unterbrochen und so richtig tanzen wie die ganzen Paare, konnten wir leider nicht. Ich dachte…das holen wir jetzt nach. Immerhin hast du extra dafür das schöne Kleid an.“ Ihr Puls stieg plötzlich enorm an, als er sie sanft an der Taille berührte und die Tanzposition einnahm. Es ging los und die ersten Schritte wurden getanzt. Es war zwar eng auf der kleinen Tanzfläche, aber diesmal war es egal, denn niemand konnte ihnen zusehen oder über sie urteilen, nur weil sie sich nicht zu nah sein durften.
„Ich muss sicher noch etwas üben, was meinst du? Mache ich es richtig?“, brachte er ganz leise als Gedanken in den Raum und sah ihr tief in die Augen.
‚Wie schön du bist, Bettina. Es fühlt sich so angenehm an, dich bei mir zu haben. Am liebsten würde ich einfach die ganze Nacht mit dir durchtanzen. Wenn es nicht mehr ist, dann wenigstens das.‘ Tina grinste etwas.
„Naja, eigentlich ist das ein deutlich…körperbetonterer Tanz, vor allem bei dieser schönen seichten Musik.“, sprach sie verlegen aus und ihre Hand auf seiner Schulter deutete an etwas näher kommen zu dürfen. Das ließ er sich natürlich nicht zweimal sagen und griff bestimmend um sie und berühre ihren Rücken, so dass sie sich berührten und ihre Herzeschläge spüren konnten.
„Meinst du so? Das habe ich bei den anderen teilweise gesehen. Bei den mutigen älteren Paaren. Zum Beispiel von Kudo und seiner Frau und bei seinem alten Schachpartner und seiner Frau.“ Tina musste etwas kichern.
„Stimmt, das sah romantisch aus. Das ist sicher wahre Liebe zwischen denen.“
„Sowas kannst du sehen?“ Sie schüttelte mit dem Kopf und ließ sich in dem Moment drehen und wieder berühren.
„Natürlich nicht. Ich…ich weiß es einfach.“ Plötzlich klingelte ihr Handy. Es lag auf dem Sofa. Itachi loslassen wollte sie jedoch nicht.
„Schau mal rauf, welche Nummer ist das?“, forderte sie liebevoll, weil Itachi direkt danebenstand. Er wunderte sich.
„Da steht kein Name.“
„Die letzten vier Ziffern, das reicht.“ Er nannte sie und sie grinste.
„Der kann warten. Warte mal 9x Klingeln ab. Dann legt er auf.“
„Okay. Ich bin gespannt. Ist das wieder dein Freund aus Deutschland? Die Vorwahl sah komisch aus.“
„Genau der ist das. Ist halt unsere Zeit.“
„Was ist da jetzt für eine Zeit?“ Tina sah auf seine Uhr an der Wand.
„Gegen 13 Uhr. Ende seiner Mittagspause. Wir sind 9 Stunden voraus.“
„Deswegen hat er gestern auch zu dieser Zeit angerufen?“
„Ja, sonst verpassen wir uns immer. Deswegen haben wir eine feste Zeit ausgemacht.“
„Ich verstehe. Eure Freundschaft muss ihm auch sehr wichtig sein.“
„Das ist es. Es ist fast so wie…bei Geschwistern, weißt du?“ Er verstand was sie meinte.
„Ich verstehe. Das kenne ich auch.“ Kurz darauf klingelte es erneut und Tina sah, dass er es erneut war. Diesmal ließ sie Itachi los und ging ran.
„Sorry, ich wimmle ihn ab. Das geht sonst wie gestern ohne Ende weiter.“
„Tina…was treibst du denn?“
„Nervensäge. Was denkst du denn? Du störst. Ich melde mich, wenn ich Zeit habe.“
„Und wann wird das sein?“
„Keine Ahnung. Weiß ich noch nicht.“
„Bist du etwa bei dem Typen? Was ist das für einer? Ein Arzt?“
„Hey, wer hat geplaudert?“
„Äh, sag ich nicht.“
„Viele Möglichkeiten gibt es ja nicht. Jun würde sich da nicht einmischen. Bis dann, ich habe jetzt keine Zeit für dich.“ Sie legte einfach auf und stellte gleich das Handy auf Lautlos.
„Tut mir leid, ist halt die Zeit. Jetzt ist aber Ruhe.“ Sie legte das Handy wieder hin und kurz darauf spürte sie hinter sich, wie es wärmer wurde, Itachi berührte plötzlich zärtlich ihren Oberarm mit den Fingern und war ihr sehr nahgekommen. Sie überkam auf einmal eine Gänsehaut und sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Herz raste schneller, als sie es bisher in der Nähe eines Mannes kannte. Es war zuvor bereits sehr schön, seine warmen Hände und seine Nähe beim Tanzen zu spüren und die Unterbrechung war ihr unangenehm, denn es war doch gerade so schön. Und jetzt kam er ihr einfach so nahe, ohne eine Andeutung zu machen, fast wie ein kleiner Blitzangriff in einem ihrer Spiele. Völlig unerwartet und aufregend zugleich. Sein Kopf kam ihr ans Ohr und flüsterte leise und liebevoll.
„Tina…du hattest Recht. Natürlich habe ich…Hintergedanken…aber…ich hatte mich leider schon…damals in dich verguckt…und war…dumm. Unsere Situation war so dumm.“ Seine Hand fuhr langsam ihren Arm hinauf und berührte langsam ihren Hals und dann das andere Ohr.
„Und dann standest du gestern so plötzlich vor mir…und du hast mich nicht gleich erkannt.“ Noch immer bewegte sie sich nicht. Sie schloss die Augen und versuchte sich nur auf ihn zu konzentrieren.
„Als ich dich dann erneut um ein Date bat, hoffte ich einfach, dass du mir eine zweite Chance gibst, dich kennenzulernen. Es war ein sehr schöner Tag heute. Und jetzt…stehst du hier vor mir…so schön und liebevoll…und…ohne, dass jemand stören kann.“
„Du…du meinst es ernst?“, hauchte sie plötzlich aus.
„Ja, und ich warte jede Zeit der Welt…aber…jetzt…bist du hier bei mir und ich…kann nicht widerstehen.
Tina, wenn ich zu schnell bin…dann gib mir ein Zeichen…aber bitte…ohne Schläge.“, sprach er leise, schmunzelnd und mit extrem hohem Puls. Ihr Atmen wurde deutlich schwerer und es fiel ihr sehr schwer etwas zu sagen. Sie nickte nur. Plötzlich griff er unter ihre Haare, fasste ihren Hinterkopf und die andere Hand glitt zu ihrer Schulter und drehte sie mit ihrem Kopf ein wenig in seine Richtung. Kurz darauf schmiegte er sich an ihren Rücken und küsste sie sinnlich. Beide genossen diesen unbeschreiblichen Moment. Es raubte ihr gefühlt den Atem.
‚Du vertraust mir diesmal? Wie schön du dich anfühlst und wie gut du schmeckst. Du machst mich so neugierig…neugierig wie weit wir zusammen gehen könnten.‘ Er unterbrach den Kuss langsam, strich durch ihr Haar und drehte sie dann komplett zu sich und sah ihr tief in die Augen, als er sie erneut küsste. Er war erstaunt, als er bemerkte, dass sie begann auf ihn einzugehen. Ihre Hände bewegten sich etwas, berührten seine Arme, glitten zurückhaltend mit den Fingerkuppen zu seinen Oberarmen und fassten zaghaft zu, als würde sie ihn erforschen wollen, aber traue sich nicht zuzugreifen.
‚Was fühle ich denn plötzlich nur? Was sind das für aufregende Gefühle in mir? Mein Herz schlägt so doll, das kenne ich gar nicht von mir.
Itachi…wieso…wieso habe ich damals gesagt, dass du nicht gut küssen kannst? Es…es ist doch so schön. Und es ist…wahnsinnig aufregend. Was…was kommt denn nur als nächstes? Es fühlt sich alles so anders an. Anders als damals.‘ Plötzlich spürte sie seine Hände, die nun ihren Rücken festhielten und sie zaghaft an sich drückten. Eine im Nackenbereich und die andere im Taillenbereich. Ihr Körper war nun fest an ihn gedrückt und sie konnte seinen starken Herzschlag spüren. Er genoss ihre Rundungen und ihre Wärme. Endlich konnte er sie festhalten. Die unnahbare Bettina, die sein Leben total auf den Kopf gestellt hatte. Das plötzlich begehrteste Mädchen an seiner Schule. Sie war bei ihm, dem Schulchaoten Nummer eins. Dem Schulschwarm seiner Altersklasse, gleich neben Jun Misugi.
‚Bettina…du fühlst dich jetzt schon so wundervoll an, dabei…ist noch gar nichts passiert. Wie weit, meine Liebe…wie weit kann ich schon gehen? Deine zarte Berührung fährt jetzt schon durch meine Knochen…und es war noch gar nichts. Es ist so wundervoll. Wie fühlst du dich an? Am liebsten würde ich dich sofort lieben, aber ich will keinen Fehler machen…dafür bist du mir zu wichtig. Und ich will…dich voll und ganz genießen.‘
‚Du fühlst dich angenehm an, so aufregend…wie du mich anfasst, das ist besonders. Wie…Itachi, wie fühlst du dich an, deine Haare? Würde dir das gefallen, wenn ich durch sie streife?‘ Sie fasste ihren Mut zusammen und ihre Hand fuhr langsam über seinen Hals zu seinem Kopf hinauf und während sie ihre Augen wieder öffnete und ihn ansah glitten ihre Finger an seinen Undercut und dann zu seinen längeren Haaren und spielten vorsichtig damit. Ihm wurde dabei noch wärmer als ohnehin schon und seine Hände wanderten neugierig ihren Rücken auf und ab und sein Kuss wurde etwas hastiger und fordernder. Sie ließ sich darauf ein und versuchte seiner Art zu folgen. Ihr gefiel es, dass sie spürte, dass er sie scheinbar berühren wollte. Es gab ihr plötzlich ein Gefühl von Selbstsicherheit.
‚Was machst du nur? Willst du doch schon mehr als ich dachte? Was bist du nur für eine besondere Frau? Du machst mich mit deinen Streicheleinheiten rasend…diese zarten Berührungen. Ich…ich will mehr von dir…mehr mit dir…‘
‚Lass mich nicht los, Itachi, es ist so schön deine warmen Hände zu spüren. So wundervoll fühlt es sich an? Der Kuss von einem Mann? Berührungen von einem Mann mit Erfahrungen?‘ Langsam ging er etwas zurück Richtung Sofa und zog sie sachte mit sich. Tina ließ sich auf ihn ein. Kurz vor dem Sofa ließen seine Hände sie sachte los und fuhren zu ihrem Kopf hinauf. Der Kuss wurde unterbrochen und sie sahen sich tief in die Augen.
‚Diese strahlenden Augen, du bist so schön. Was gefällt dir denn? Wie weit kann ich gehen und was willst du selbst?‘ Neugierig gingen seine Hände in ihre Haare und berührten zärtlich ihren Kopf. Er streichelte sie und spielte mit ihren Haaren. Sein Lächeln traf auf ein Lächeln ihrerseits.
„Hat dir schonmal jemand gesagt, wie schön du bist? Ich…ich kann dich gar nicht loslassen, aber, wenn du gehen willst…sag es nur…sag es, wenn es so sein soll. Ich…bringe dich dann heim.“
„Ich…ich will…ich bin…“, begann sie und fasste verlegen an seine Brust. Unter seinem Hemd wurde es wieder deutlich lauter, denn sein Herz schlug kräftiger und er bemerkte, dass so langsam einiges mehr in ihm pulsierte als zuvor. „…neugierig…und…möchte bleiben.“, beendete sie ihren Satz und lief knallrot an. Wie konnte sie auch einem Mann nur sagen, dass sie bei ihm bleiben will, weil ihr gefiel, was er tat? Sie würde sich niemals einem Mann unterordnen, aber warum kommt ihr dann jetzt der Gedanke daran? Er lächelte, berührte dann ihre roten Wangen und ihre glühenden Ohren und küsste sie sinnlich.
‚Schöne Bettina, du willst bei mir bleiben? Hast du eine Ahnung wie glücklich du mich damit machst? Wie kann das nur sein? Es muss ein Traum sein. Du tauchst so plötzlich auf, warst so nah bei mir und nun kannst du mir vertrauen? Und das nach dem was damals war?‘ Beide genossen diesen sonderbaren Moment. Er unterbrach bald den Kuss und flüsterte ihr ins Ohr.
„Du bist neugierig? Ich bin...auch neugierig.“ Plötzlich zog es ihr wie ein warmer Windhauch über die Haut, als sie seinen Atem im Ohr spürte.
„Itachi, ich...weiß noch nicht...wohin...das führt. Es...ist...schon...eine Weile her.“
„Pst…denk nicht darüber nach. Bleib einfach…nur hier bei mir. Lass deine Gedanken nur bei mir…entspann dich und vertrau mir einfach, okay?“ Sie nickte und lächelte ihn an.
„Okay, ich versuche es.“
„Es ist wie beim Tanzen, du musst nur bereit sein…dich führen zu lassen. Das hat doch vorhin gut geklappt.“
„Okay. Ich…vertraue dir.“ Er kam ihr wieder näher und berührte vorerst nur ihre Arme.
„Möchtest du dich setzen? Du sollst dich doch entspannen.“, bot er an und sie nickte und setzte sich hin. Ihr Blick war zu ihm hoch gerichtet. Itachi setzte sich neben sie und nahm ihre Hände. Er sah ihr in die Augen und sein Puls raste.
„Was muss ich tun, damit du dich etwas entspannst?“, flüsterte er. Sie sah ihn eher fragend an und dann nahm sie seine Hand und führte diese an ihre Wange. „Das…ist schön.“, lächelte sie seicht und ihr Kopf schmiegte sich an seine Hand.
„Du fühlst dich sehr schön an.“, streichelte er sanft ihre Wange und das Ohr. „Schön?“, fragte sie skeptisch. Er nahm mit der anderen Hand ihre und legte sie langsam auf sein Hemd und drückte sie fest auf seine Brust, damit sie seinen starken Herzschlag spüren konnte.
„Aufregend…passt wohl eher. Du bist…aufregend.“ Sie konnte sein starkes Atmen fühlen. Ihr Herz schlug ebenso bis zur Decke und sie wusste darauf nichts zu sagen. Ihr Mund stand nur etwas leicht offen und sie sah ihm erwartungsvoll in die braunen Augen. Dann spürte sie seinen Daumen auf ihren Lippen, wie er sanft über sie glitt und sein Lächeln näherkam. Kurz darauf küsste er sie wieder und Tina schloss ihre Augen und versuchte sich auf ihn einzulassen. ‚Itachi…warum…warum fühlt es sich so schön an? Wieso gefällt es mir? Es kribbelt überall. Warum nur?‘ Plötzlich ließ er langsam ihre Hand an seiner Brust los und fuhr den Arm zögerlich hinauf bis zu ihrem Hals. Seine Fingerkuppen berührten sanft ihre andere Wange und fuhr bestimmend in ihre langen gelockten Haare.
Es folgten weitere schöne Momente, die beide einfach genossen. Ihre Zungen spielten bereits miteinander und bald strich er über ihre Taille und fuhr langsam zu ihrem Rock auf ihren Schoß. Sie zuckte kurz etwas zusammen, als sie seine Hand auf ihrem Schenkel spürte.
‚Bettina, meine Schönheit. Du machst es sehr spannend…mir ist gleich zu Beginn aufgefallen, dass du eine Strumpfhose trägst. Das…das ist mal was Neues, etwas Aufregendes…aber zu diesem eleganten Kleid perfekt, so elegant.‘ In seiner Neugier fuhr er ihr Bein langsam hoch und runter, um ihre Rundungen zu ertasten und landete dann in der Aufregung, die sich langsam in ihm breit machte, etwas hastig an ihrem Oberschenkel im Gesäßbereich. Tina zuckte wieder zusammen und kurz darauf unterbrach sie den Kuss plötzlich und riss die Augen auf. Ihr entfloh ein leises Stöhnen, aber es war kein lustvolles Geräusch, eher wie das Gegenteil hörte es sich in Itachis Ohren an. Auch er öffnete wieder die Augen und sah sie überrascht an. Er zog seine Hand zurück und behielt nur die in ihrem Gesicht und streichelte ihre Wange mit dem Daumen.
„Alles okay? War ich zu schnell?“ Sie sah ihn etwas entsetzt an und schloss kurz die Augen. Aber dann machte sie diese wieder auf und lächelte.
„Schon gut…entschuldige.“ Sie drehte ihren Kopf, damit sie ihre Lippen an seine Hand legen konnte, um die Handfläche zu küssen.
„Du…machst nichts falsch.“, hauchte sie in seine Hand hinein und sah ihm in die Augen.
„Wir sind sicher beide müde. Ich war zu schnell, sag ruhig, wenn ich etwas falsch mache…ich will nur…dass du dich entspannst.“
„Entspannen? Ich…bin doch immer…nur angespannt.“, grinste sie plötzlich. „Eben drum.“, lächelte er und ließ ihr Gesicht los, hielt mit beiden Händen ihre Oberarme und fuhr dann mit den Händen ihre Arme herunter auf ihren Schoß. „Ich glaube, wir tanzen noch einmal etwas, was meinst du?“ Tina nickte und er stand auf und zog sie sanft mit sich. Nun bewegten sie sich langsam zur romantischen Musik. Aus dem Händehalten wurde eine Umarmung und engumschlungen hielt er ihren Rücken und sie legte ihre Arme um seinen Hals und genoss seine großen warmen Hände auf dem Rücken. Vorhin im Tanzsaal konnten sie nicht so tanzen, dort mussten sie sehr aufpassen wie sie sich berührten. Nur die Ehepaare hatten das Vergnügen sich wirklich besonders berühren zu können, wenn es romantisch wurde.
„Itachi? Danke.“, lächelte sie ihn liebevoll an. Er war überrascht.
„Danke, wofür?“, fragte er liebevoll.
„Für den schönen Abend. Du hast mir deine Familie vorgestellt und die sind sehr nett und liebenswert. Die Armen tun mir jetzt noch leid. Ich habe sie total vollgeplappert.“, grinste sie etwas.
„Oh, okay. Ja. Das sind sie. Aber du weißt, dass sie meine Pflegefamilie waren oder?“
„Das ist doch egal. Familie ist Familie. Eine Familie ist immer dort, wo man sich als Familie fühlt. Ist es denn so? Es machte für mich den Eindruck. Du hättest mich doch sicher sonst nicht zu ihnen geführt.“
„Du hast Recht. Sie sind im Herzen meine Familie. Du hast in nur so kurzer Zeit das geschafft, was ich seit Jahren versucht habe.“ Sie sah ihn überrascht an.
„Was meinst du?“
„Na das mit dem Kochen lernen. In der Regel kocht „Vater“ nur vor den Gästen und ist ein super Entertainer, aber er bringt es nicht fertig, es jemandem beizubringen. Du hast das in so kurzer Zeit genau erkannt und eine Lösung für das Problem gefunden. Und Brüderchen…er nennt ihn plötzlich Vater. Hast du seine Reaktion bemerkt? Er hat ihn mal gefragt wie etwas geht, das hat er noch nie getan.“ Sie lächelte und schmiegte sich noch mehr an ihn heran.
„Natürlich, dieser liebevolle Blick…wie ein richtiger Vater. Das war mein Lohn. Sag mal, haben sie ihn adoptiert? Also zuerst war er wie du ein Pflegekind und dann haben sie ihn adoptiert? So kam es mir rüber.“
„Ja, so war es. Ich ging zum Studium und er fing vorher schon die Ausbildung bei ihm an und dann kam die Adoption. Übrigens auch dein Werk.“ Tina sah ihn überrascht an.
„Was habe ich denn damit zu tun?“
„Naja, nach der Aktion mit meiner angezettelten Prügelei kam der Schulverweis und Ärger vom Jugendamt. Ein Jahr später dann aber haben sich die beiden dafür entschieden, statt nur Pflegeeltern, richtige Eltern zu sein. Sie haben Koutaro die Jahre zuvor so liebgewonnen und er die beiden, dass sie sich bereits wie eine Familie fühlten. Dieser Vorfall verstärkte die Verbundenheit zueinander, weil sie plötzlich in der Situation waren, dass man ihn ihnen wegnehmen könnte.“
„Wow, okay. Also ist es dein Werk, nicht meins.“
„Die Aktion war doch aber nur für dich gedacht. Also doch dein Werk. Du bist einfach wundervoll, Tina. Sogar diesen brummigen Kommissar hast du irgendwie rumgekriegt. Der war wohl hin und weg von dir. Wie der zugelangt hat. Er hatte wirklich einen Bärenhunger.“ Tina kicherte plötzlich.
„Ach was. Ja, er hatte Hunger, das sah man ihm an der Nasenspitze an. Und er hat es quasi sogar direkt gesagt. Zumindest klang das in meinen Ohren so.“
„Er hat es gesagt?“
„Als er deine Mutter begrüßt hat, meinte er, es rieche gut nach Suppe. So einen Kommentar abzugeben, ist unnötig. Ein Kommissar gibt niemals etwas von sich, wenn es nicht von Bedeutung ist. Es ist also anzunehmen, dass er in diesem Moment bereits verlauten hat, dass er hungrig war. Und dann diese unnötige Ausweiskontrolle…das war nur, um die Zeit zu schinden bis jemand auf die Idee kommt ihm etwas anzubieten, und wenn es nur dazu diente ihn loszuwerden. Er dachte bestimmt, endlich hat er hier die Möglichkeit für eine Pause.“
„Wie meinst du das?“, war er verdutzt. Sie grinste ihn an.
„Er hat dich doch erkannt. Vielleicht dachte er, es hilft, Kontakte zu knüpfen.“
„Hm, kann sein. Aber so gut haben wir uns jetzt nicht verstanden, als er in meinem Truck auftauchte.“ Tina grinste und legte plötzlich ihren Kopf an seine Schulter. ‚Tina? Du lehnst dich an mich? Es fühlt sich schön an, dich so nah bei mir zu haben.‘
„Darf ich wissen warum du die Polizei überhaupt rufen musstest? Lag es an ihrem Alter?“
„Nein und ja. Lass uns das Thema wechseln, okay? Wir wollen doch einen schönen Abend haben.“ Es wurde plötzlich still. Das Lied war vorbei und die Musik ging aus, weil die CD zu Ende war. Niemand sagte etwas. Itachi hielt sie nur in seinen Armen und genoss ihre Nähe, ihre zarten Hände und ihre Wärme. Kurze Zeit später flüsterte sie etwas.
„Es tut mir leid. Jetzt…habe ich die Stimmung ruiniert.“
„Das hast du nicht. Alles ist okay. Wenn man reden muss, dann muss man das mal tun. Und wenn einem etwas bedrückt, dann braucht es nur einen Zuhörer. Ich höre dir gerne zu, okay? Aber manchmal passt das Thema grad nicht.“ Tina sah plötzlich auf in seine Augen. Ihre waren ganz feucht und sein Puls stieg wieder an.
‚So ein trauriges Gesicht…Tina…trotzdem bist du so hübsch. Aber fröhlich mag ich dich lieber.‘ Er lächelte sie an.
„Ich kann uns neue Musik anmachen, wenn du möchtest.“ Tina nickte und wartete einen Moment, wie er etwas zur Seite mit ihr ging und nach der Fernbedienung des Radios griff. Er stellte die zweite CD an. Die Musik klang auch wieder romantisch und die Klaviertöne klangen für Tina sehr beruhigend und angenehm.
Kaum hielt er sie wieder in den Armen, lächelte sie ihn an. Seine warme große Hand am Rücken fühlte sich sehr angenehm an.
‚Das gefällt mir viel besser. Überhaupt, eine stille Tina…das sind ganz neue Seiten an dir. Heute durfte ich dich mal so kennenlernen, wie du wirklich bist. So liebevoll, fröhlich, bescheiden und schön. Nicht nur stark und stolz und mutig und klug. Liebe Bettina, ich habe mich damals zwar schon in dich verliebt, aber…aber heute…ich…befürchte, heute ist es endgültig. Ich will dich eigentlich gar nicht loslassen. Mein Herz rast wie wild, nur bei dem Gedanken daran, dass ich dich gleich nochmal küssen werde…wie sonderbar alles mit dir ist. Was habe ich nur für ein Glück, dass wir uns gestern plötzlich begegnet sind und dann…hast du meine Einladung angenommen. Das hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen niemals vorgestellt.‘ Lächelnd und mit starkem Herzklopfen griff er mit der linken Hand von ihrer Schulter zu ihrem Hinterkopf und beugte sich zu ihr und küsste sie leidenschaftlich. Es kam so plötzlich für sie. Ihre Hände hielten sich an seinem Nacken und am Hinterkopf fest. Ihr Körper war fest an ihn geschmiegt, er drückte sie zärtlich an sich und ihr Puls stieg enorm an. Sein Kuss verzauberte sie und ihre Zungen spielten miteinander.
Dann plötzlich bemerkte er ihre Gänsehaut und nahm es als ein Signal wahr, dass ihr gefiel, was er tat. Sein Kuss ging über zu mehreren feuchten langen Küssen ihres Gesichts, dem Kinn und ihrem Hals. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und genoss diese neuen aufregenden Gefühle, die sie entdeckte, als sie seine Lippen und seine Zunge auf ihrer Haut spürte.
‚Du bist einfach so wundervoll…ich wünschte…du könntest bei mir bleiben…die ganze Nacht. Ich will dich doch nur bei mir haben…du bist so liebevoll und schön. Und dieser Geruch von deinen weichen Haaren und wie aufregend du schmeckst. Es betäubt mich, als wäre ich irgendwo im Paradies und ich könnte dir nicht entfliehen. Du ziehst mich magisch an und verführst mich nur mit deiner bloßen Anwesenheit.
Deine Berührungen machen mich wahnsinnig, dabei machst du noch nicht einmal was. Wie fühlt es sich denn erst an, wenn wir uns wirklich richtig berühren würden? Wenn ich dich berühre und du dann mich? Wie nur? Du bist so wundervoll und bringst alles in mir zum Kochen.‘ Plötzlich stöhnte sie etwas auf und das gefiel ihm natürlich.
‚Es gefällt dir, meine Liebe? Dann kann ich…sicher…einen kleinen Schritt weitergehen…du machst mich so wahnsinnig. Tina…du schmeckst so gut und dieser anziehende Geruch. Du meintest, es sei lange her? Du sagtest aber auch, es wäre dein erstes Date in Japan? Das ist also wirklich lange her.‘ Seine rechte Hand wanderte langsam zu ihrem Nacken und hielt sie am Rückenbereich fest. Die linke Hand hingegen verließ den Rücken im Taillenbereich und fuhr bestimmend tiefer auf ihren wohlgeformten Po. Tinas Augen waren geschlossen und sie war fest entschlossen den mutigen Versuch zu wagen, einfach alles auf sich zukommen zu lassen. Genauso wie es ihre Mutter ihr geraten hatte.
Alles hat ein Ende
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Itachis Rückkehr
<em>[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Endlich der erste Ball!
Kapitel 179
Endlich der erste Ball!
Endlich war Training angesagt und Tina stürzte sich mit voller Begeisterung ins Training mit den Mädels. Schon den ganzen Tag lang sehnte sie sich so sehr nach dem Ball, dass sie zittrige Hände bekam, als sie ihn endlich berühren konnte. Yoko sah sie überrascht an.
„Du meine Güte. Was ist denn mit dir los? Wieso zitterst du so? War der Tag zu aufregend für dich?“
„Ach…mein lieber Ball…nein…ich…ich…bin voller Vorfreude. Yoko…jetzt muss ich Yako meinen Ball zeigen, den ich am Wochenende hinbekommen habe. Ich will wissen was sie dazu sagt.“
‚Der Tag war aufregend, viel zu viel ist passiert und dann…dieser Kuss…und dann dieses ganze Chaos auf dem Schulhof mit der Schlägerei. Jetzt…mein geliebter Ball…endlich halte ich dich in meinen Händen und alles ist wieder schön.‘, lächelte sie vor sich hin und atmete tief durch.
„Okay, na dann.“ Yako wurde gerufen und auch der Trainer war zur Stelle. Alle stellten sich ums Feld und waren gespannt auf Tinas Ball. Es sei dann endlich ihr erster.
„Aber…er muss dann noch eingespielt werden. Ich muss erstmal kurz sehen, dass ich ihn gleich hinbekomme. Ich bitte um Geduld, ich konnte ihn gestern Abend nicht mehr einüben.“
„Wo warst du denn gestern überhaupt?“
„Krank, was sonst. Deswegen konnte ich ja nicht trainieren. Son Mist.“
„Jetzt zeig her, deinen Wunderball.“, brachte sich der Trainer ein. Plötzlich ging die Hallentür auf und der Direktor mit dem „Textil-Guru“ traten leise ein. Tina reagierte nicht darauf, obwohl sie es registrierte. Ihre Anspannung war zu groß, ob es klappen würde und was die anderen sagen würden.
„Also wie gesagt, ich habe ihn erst am Sonntag hinbekommen.“ Yako stellte sich auf eine Seite des Feldes, um als Annahme zu fungieren. Tina jedoch schüttelte den Kopf.
„Nein, noch nicht. Ich muss ihn kurz vorher anders ausprobieren.“, erklärte sie und stellte sich mit dem Ball zusammen bereit. Sie warf ihn hoch und schmetterte ihn über das Netz.
„Naja, war jetzt nichts Besonderes.“, haute Yako raus. Die anderen waren derselben Ansicht.
„Das war er nicht. Lasst mich mal machen wie wir es sonst auch machen, dann wird es noch.“ Sie versuchte es immer wieder und der erste Zwanziger-Korb war leer.
„Man, nix.“ Tina hält einen der Bälle in der Hand und überlegt.
„Haben wir auch andere Bälle?“
„Das haben wir. Was hast du für einen Ball benutzt? Es kann natürlich daran liegen.“, sprach der Trainer.
„Meiner war nur weiß, aber er war aus echtem Leder und fühlte sich total schön an. Dieser ist aus Kunststoff.“, erklärte sie.
„Ah, ja. Gut.“ Schmitt holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und ging durch die Halle zu einem alten Geräteschrank. Dann schloss er den großen Schrank auf und holte ein Netz mit fünf weißen Bällen heraus.
„Diese sind noch aus Echtleder. Sie werden heutzutage nicht mehr benutzt. Man ist hauptsächlich auf Kunstleder übergegangen.“
„Oh, ich verstehe. Ist bei vielen Sportarten so.“
„Waren das denn alte Bälle oder neue, die Ihr Freund Ihnen zum Trainieren gegeben hat?“
„Oh, die waren schon neu. Er hat es sicher gut gemeint.“
„Das hat er, aber das wird Ihnen im Turnier nichts bringen. Probieren Sie es mal damit aus. Das Ergebnis muss erstmal stimmen. Der Rest ist später Trainingssache.“ Die Bälle wurden ausgepackt und auf Druck überprüft.
„Deswegen…steht man jetzt auf Kunstleder. Die Luft hält sich gefühlt ewig. Eine Pumpe bitte.“ Eine Spielerin eilte und holte Pumpen. Es wurden alle fünf Bälle aufgepumpt und nochmal getestet.
Dann warf er einen zu Tina. Sie fing ihn auf und war total begeistert.
„Wow, ja…so fühlten sich die anderen auch an. Gut. Dann jetzt aber.“ Tina positionierte sich wieder und wiederholte ihre Bewegungen und tatsächlich. Diesmal ging er gegen das Netz.
„Ah…schon besser.“, äußerte sie dann begeistert.
„Hä? Der muss doch aber aufs andere Feld.“, reagierte eine Spielerin.
„Naja, das Netz hat ganz schon gewackelt. Das war schon gar nicht übel. Wenn Yako so gegendonnern würde, wäre es sicher auch so wackelig.“, meinte Yoko. ‚Wahnsinn, Tina. Das war gar nicht schlecht.‘ Tina ging zum Netz und sah es sich an.
„Gut. Dann nochmal.“ Es wurde noch ein paar Male gegen das Netz geschlagen und dann drehte sich Tina zur Seite und visierte das Tor vom Hallenfußball an. „Jetzt…ein anderes Ziel.“ Sie ging in Stellung, warf den Ball hoch und schmetterte ihn mit mehr Wucht als zuvor Richtung Tor…und er traf direkt an die Latte und prallte ab. Der Ball flog sehr weit wieder ins Feld, dabei stand Tina über fünfzehn Meter vom Tor entfernt.
Alle sahen verdutzt zum Ball und dann zu Tina.
„Ach Mist, verfehlt. Nochmal.“, sagte Tina einfach und reichte die Hand hin, um den nächsten Ball von jemanden gereicht zu bekommen.
„Wie jetzt verfehlt? Bis dahin muss man erstmal so einen Druck noch draufhaben. Und dann hast du das Tor sogar berührt.“, haute Yako aus. Sie ging zu ihr und schnappte sich selbst einen Ball.
Sie versuchte ihren Schlag ebenso zu machen. In der Regel zielt sie aufs nächste Feld, aber diesmal aufs Tor, mit der gewohnten starken Wucht. Der Ball machte einen großen Bogen und landete im Tor, aber fiel am Netz einfach wie ein Stein herunter und kullerte etwa bis zur Torlinie.
„Siehst du? Ein Tor, aber deiner hatte viel mehr Wucht drauf.“
„Noch einmal, Frau Fuchs.“
Tina ging wieder in Stellung und diesmal landete der Ball wirklich im Netz, aber er fiel nicht wie bei Yako herunter, sondern zog förmlich am Torrahmen und brachte ihn zum Vibrieren.
„Wow, das ist er bestimmt. Ich muss es prüfen.“, haute Tina plötzlich selber raus.
Sie lief plötzlich los zum Tor und sah sich die Stelle an, wo der Ball getroffen hatte. Die Rotationsspuren waren deutlich zu sehen.
„Perfekt. Genauso wie gestern früh. Jetzt nur noch mit Yoko zusammen.“, murmelte sie leise vor sich hin. Ihr Puls stieg an und sie freute sich sehr, dass wenigstens das heute klappte. Dann sah sie hoch zur Latte und betrachtete die Stelle der Berührung. Dort war ebenso eine klitzekleine Spur zu sehen. Dieselbe Kreisform, nur sehr klein.
‚Auf mein liebes Tor ist doch immer Verlass. Wenn ich dich sehe, dann geht es mir auch gut und ich weiß ganz genau was du so alles kannst.‘, schmunzelte sie innerlich und lief dann mit den drei Bällen zusammen wieder zu den anderen. „Das ist er. Yoko, jetzt mit dir zusammen. Du musst ihn mir so zuspielen, wie wir es letzte Woche geübt hatten. Deine Drehung fehlt noch.“
„Okay, das ist ja Mega spannend. Das wird ein dickes Ding, sag ich dir.“, jubelte sie los und griff sich einen Ball. Beide gingen in Stellung. Es dauerte ein paar Anläufe, bis die Annahme passte, aber dann plötzlich beim zehnten Versuch landete der Ball wieder im Tor und diesmal zitterte der Rahmen enorm und der Ball fiel so schnell gar nicht zu Boden wie zuvor, sondern verharrte eine Weile im Netz, als würde man daran ziehen, weil der Druck zu doll war. Dann rollte er am angespannten Netz hinunter und rollte ein gutes Stück wieder zum Feld zurück. Etwa vier Meter noch bis er wirklich zum Stillstand kam. Es war auf einmal ganz leise in der Halle.
„Das…das war ja Wahnsinn!“, konnte sich der Trainer nicht verkneifen und ging diesmal selber zum Tor. Tina folgte ihm. Beide standen nun vor dem Tor.
„Wie hast du das nur hinbekommen? Diese Wucht.“
„Ich habe mit Genzo trainiert. Er musste Handschuhe tragen und ich habe ihn ganz schön gequält. Deswegen weiß ich, er muss gut sein.“, grinste sie dann. Er lächelte sie an.
„Das soll was heißen. Was ist das für eine Technik? Wie bist du darauf gekommen?“
„Naja, eine Mischung von meiner eigenen, fürs Elfmeterschießen und dem Feuerball von Karl-Heinz. Aber Pst.“ Der Trainer griff ins Netz.
‚Oha, das wird nicht mehr lange halten, wenn da noch so ein Wumms kommt…‘, stellte er fest. Das Netz war aufgeraut, als hätte jemand mit einer Bürste daran gerieben. Tina grinste Ihn frech an.
„Und? Bereuen Sie es, mich ins Team aufgenommen zu haben?“ Er schüttelte den Kopf und grinste zurück.
„Ich wusste, dass Sie eine Bereicherung fürs Team sein werden.“ Dann ging er ihr aus den Augen und ging zu den anderen zurück.
‚Bettina Fuchs, du bist echt ne Marke. In so kurzer Zeit kannst eine solche Wucht in einen Ball stecken. Kaum zu glauben. Ich glaube mittlerweile, das hier…das ist dein wahrer Sport, nicht der Fußball. Du hast damals nur dien Talent anders eingesetzt.‘ Unterwegs sammelte er den Ball ein und klemmte ihn sich unter den Arm. Inzwischen tuschelten die Mädchen und machten sich so ihre Gedanken. „Das war ja echt Wahnsinn. Jetzt müsst ihr das nur noch zusammen übers Netz schaffen. Diese Wucht ist schon echt beeindruckend.“, sprach Yako.
„Man, ein Ball, der es schafft das Tor zum Wackeln zu bringen…wieso kann sie sowas? So lange spielt sie doch noch nicht und dann…dieses geradlinige Schmettern. Es ergibt zwar zuerst keinen Sinn, aber gegen einen Block ist das eine starke Waffe.“, übermittelte eine der erfahrenen Blockerinnen ihre Einschätzung.
„Jo, das sehe ich auch so. Wenn sie das jetzt als Ball aufs Feld und als Block-Brecher nutzt, dann kann Toho wirklich einpacken. Es muss nur eben noch aus dem Spiel heraus funktionieren.“, grinste Yoko und sah zu Tina, wie sie begeistert zurückging.
‚Tina, das war der Hammer. So derart geradlinig will ich auch spielen können. Das kann kaum jemand. Ich kenne nur eine, die das kann. Sie spielt bereits mit 19 bei den Profis und ist eine wahre Volleyball-Schmettermaschine…als wäre sie ein perfekter Computer. Das Genie Akane Saito. Angefochtene Nummer eins in der Liga. Und du, Frischling…du kannst so einen Ball spielen?
Als du letzte Woche mit dem Fuß geschossen hast, war es genauso. Du musst eine sehr gute Spielerin gewesen sein.‘
Als Tina vor den Mädels stand, sah man sie noch immer überrascht an.
„Was habt ihr? Yoko, wir müssen gleich weitermachen. Jetzt habe ich einen Fluss. Misch die Bälle einfach und dann wiederhole ich das die ganze Zeit bis es bei allen passt. Aber jetzt mit dir zusammen, denn deine Drehung fehlt noch.“, schlug sie vor.
„Gute Idee.“, klang der Trainer überzeugt. Die restliche Trainingszeit übten Tina und Yoko alleine und die anderen machten ihre Übungen weiter.
Es wurde immer besser und beide Mädchen schlugen ein, als es genauso wurde, wie es sein sollte. Sie umarmten sich quasi und dann gingen sie aufs Feld, um das Ergebnis zu präsentieren. Die alten Bälle wurden komplett aussortiert, denn sie wurden nicht mehr benötigt und es ging los. Es gab wieder ein paar zögerliche Anfänge, aber dann plötzlich schlug der Ball auf den Boden auf und drehte sich quasi ins Holz. Erst dann sprang er zur Seite.
Tina rann zur Einschlagstelle und jubelte.
„Das muss er sein! Gleich nochmal!“ Und es wurde immer besser. Die anderen jubelten und machten dann aber endlich Feierabend. Die Mädchen, die ins Wohnheim des Internats mussten, verließen als erstes die Halle. Dann folgten die nächsten. Es blieben noch Yako, Yoko und Tina übrig. Auch der Trainer war bereits im Feierabend.
„Jetzt aber…jetzt will ich ihn annehmen.“, kam Yako.
„Nun gut. Aber zieh dir Handschuhe an.“, warnte Tina sie vor. Kaum hatte Tina den Ball geschmettert, sprang Yako ihm entgegen und nahm ihn an. Sie schrie zwar etwas auf, aber sie kam nicht groß ins Wanken. Etwas pikiert sah sie auf. „Äh…jetzt mal ehrlich…der sieht so voll der Hammer aus und er tut weh, ja, aber…er ist annehmbar. Da musst du dir doch was anderes einfallen lassen.“, sprach sie ernste Töne und nahm den Ball wieder in die Hand und warf sie ihr zu. Tina sah sie enttäuscht an. Diese sah den Ball an.
„Aber…die Drehungen…sie stimmen alle.“
„Was erwartest du denn von dem Ball? Welche Drehungen soll er denn machen? Und was ist dein Ziel?“
„Hm, naja, er soll wie ein Bohrer funktionieren. Eine Schlagbohrmaschine oder ein Bohrhammer eben, die sich nicht nur einfach in eine Richtung dreht, sondern mehr Druck ausübt eben.“
„Naja, also Handschuhe brauche ich dafür jedenfalls keine.“, war sie ruhig und warf ihr den Ball zu. Dann ging sie die Handschuhe zur Seite legen und schnappte sich ihre Trinkflasche und nahm einen ordentlichen Schluck. Dann setzte sie ab und wollte sie wieder zudrehen, da rutschte ihr plötzlich die Flasche aus der Hand. Diese rollte durch die Gegend und verteilte das Wasser.
„Nanu? Was jetzt? Ich sollte ins Bett gehen.“ Also drehte sie sich um und rief den Mädels zu.
„Ich mach mich los. Tina, war trotzdem ein guter Ansatz. Du musst noch weiter dranbleiben. Das wird schon noch irgendwann. Alles kann man nicht sofort.“ Tina sah sie total entgeistert an.
„Nein! Er muss stimmen! Irgendwas ist schiefgelaufen. Sehe dir doch mal das Netz da hinten an! Es ist kaputt. Wenn da nochmal so ein Ball rein fegt, dann ist es hinüber! Glaub mir. Die Wucht stimmt ganz sicher. Wenn von dir mal ein Ball im Netz landet bleibt es unversehrt. Also muss er stärker sein als Deiner und du bist doch die beste und deswegen gewinnt ihr immer.“ Ernst packte Tina einen Ball und zog an Yokos Arm.
„Komm…wir machen das nochmal. Genau jetzt von hier.“, bestimmte sie einfach. Dann spielte Yoko ihr erneut den Ball zu und er landete wieder an derselben Stelle wie vorher, das Netz spannte sich wie vorhin, aber etwas war anders. Er blieb stecken. Der Ball hing im Netz fest, statt runterzufallen. Alle drei waren verwundert und liefen zusammen zum Tor.
„Kaputt, du hast Recht.“, haute Yako aus, streckte ihre Hände aus und nahm den Ball an sich. Dann plötzlich fiel ihr der Ball aus der Hand…und sie fing an etwas zu zittern.
‚Was…ist denn jetzt los? Wieso…spüre ich nichts mehr?‘
„Was ist los? Nach Müdigkeit sieht das aber nicht aus.“, wunderte sich Yoko. Sie kannte solche Reaktionen und das Zittern war ihr auch vertraut. In ihrem Dojo passierte öfters etwas Ähnliches, wenn jemand einen neuen Schlag oder Tritt abbekam und eine Pause brauchte.
„Yako…was ist los?“ Diese bückte sich und hob den Ball auf, aber beim Aufrichten fiel er ihr wieder aus den Händen.
„Oh mein Gott…Tina…du hast Recht! Oh nein. Das darf nicht wahr sein. Dein Ball…er ist perfekt.“, haute sie völlig aufgelöst aus.
Die beiden jüngeren sahen ihre Kapitänin an.
„Wie jetzt? Weil du zitterst?“, vermutete Tina.
„Hör zu. Es gab mal in den 70ern eine Brasilianerin, die so starke Bälle schlug, dass ihre Gegner Angst hatten sie anzunehmen. Die riskierten lieber die Punkte, als die nächsten Spiele nicht mehr spielen zu können. Nie hat es sowas gegeben und dann hatte sie leider einen schweren Unfall und konnte nie wieder spielen. Sie rutschte plötzlich in Armut. Blöde Geschichte, aber worum es geht.
Die Gegner sprachen davon, dass sie nach der Annahme Taubheitsgefühle hatten. Und was meinst du, wie sich das jetzt gerade anfühlt? Als hätte ich sowas wie ne Zahn Op an der Hand und ich könnte nicht trinken. Und jetzt…ich hatte die Handschuhe sogar an. Du wolltest mich noch schonen. Ich habe wirklich shcon die härtesten Bälle unserer Japaner angenommen, auch welche der Männer. Ich bin echt viel gewohnt, aber jetzt.“ Tina war erstaunt.
„Wow, echt? So eine Spielerin gab es mal? Cool. Also ist mein Ball doch nützlich?“
„Ja, auf jeden Fall. Ich werde morgen sehen, ob ich spielen kann. Mal sehen.“ Yako wurde von ihrer Mutter abgeholt, nachdem sie beim Schularzt war.
Yoko und Tina trainierten noch etwas weiter und dann sprach Yoko Tina an.
„Sag mal. Dieses geradlinige Schmettern, es mag in erster Hinsicht nichts bringen außer einen Block zu verstören, aber könntest du es mir beibringen?“ Tina war total erstaunt.
„Ich und dir was beibringen? Du bist doch der Profi hier.“
„Du kannst den Ball herunterschlagen und das enorm gezielt und du kannst ihn auch geradeaus schlagen. Die Übungen eben, du hast immer genau in die Ringe getroffen. Eine normale Anfängerin kann sowas nicht...nicht gleich so früh. Das ist wirklich Wahnsinn. Du bist ein Naturtalent.“
„Hm. Was hältst du von einem Duell?“
„Wie ein Duell?“
„Wir stehen uns gegenüber und müssen immer dem anderen den Ball zuschmettern, nicht zu stark, aber so, dass diese Laufbahn funktioniert.“
„Coole Idee. Wie beim Pritschen zueinander, nur eben schmettern?“
„Genau.“
„Gut. Wollen wir das versuchen? Es ist sicher eine gute Übung auch für dich.“
„Gerne.“ Die nächste viertel Stunde wurde diese Übung ausprobiert und die beiden hatten einen riesigen Spaß.
Bald verließ auch Yoko die Halle.
„Bis morgen dann. Da können wir dann richtig loslegen.“, meinte Tina und freute sich schon riesig auf den nächsten Tag.
Nachdem Yoko gegangen war, trainierte Tina noch ihre Annahmen mit der Maschine. Bis sie in ihrem Eifer im Training mit der Schmetterballmaschine gegen eine Bank fiel und sich den Rücken stieß. Es tat weh, ja, aber das war nicht das Problem, aber sie bemerkte, dass es dort blutete. Sie vermutete, dass eine Narbe aufgegangen sein könnte. Sie ging in die Umkleide und tatsächlich. Die große Narbe hatte eine kleine Wunde und es blutete zu stark, um es zu ignorieren.
Fluchend zog sie die Schuhe um und verließ die Halle. Dann lief sie nur mit der dünnen schwarzen Jacke vom Trainingsanzug über ihrem Trikot bekleidet zum Schul-Hauptgebäude und klopfte direkt bei Dr. Sato an. Es war nur eine leise Stimme zu hören und diese war auch sehr gedämpft. Wirklich etwas verstanden hatte sie nicht, aber es war ihr egal. Der Sturz nervte sie enorm. Also trat Tina fröhlich ein. Sie freute sich ihn zu sehen, denn sie verstanden sich mittlerweile sehr gut. Sie hatte das Gefühl mit ihm auf einer Wellenlänge zu schwimmen. Sie konnten über dieselben Dinge lachen und er erzählte ihr immer was er so macht, wenn er sie behandelte. Dr. Sato war jedoch nicht zu sehen.
„Dr. Sato, ich bin es Tina. Sie müssen eine alte Narbe flicken, die ist mir eben aufgegangen und die Fäden von den anderen wollten Sie sowieso morgen noch ziehen, dann haben wir gleich alles heute erledigt.“, platzte sie einfach durch das Zimmer, in der Annahme er sei nur kurz im Ruheraum etwas holen.
Dann kam jedoch jemand anderes um die Ecke. Ein großer Mann, kein Japaner eher Polynesischer Herkunft. Er kam im weißen Kittel, freundlichem Lächeln und sehr kurzen Haaren auf sie zu. Er knöpfte sich kurz vorher noch den Kittel bis über den Hals zu und krempelte die Ärmel komplett herunter und knöpfte diese ebenso zu.
„Guten Abend. Bitte entschuldigen Sie, mein Dienst hat soeben erst begonnen. Ich hatte gebeten kurz zu warten.“, entgegnete er ihr höflich.
‚Oh, das ist doch die Kleine. Die Kleine mit der Tangaroa Eis essen war.‘, stellte er natürlich sofort fest, denn es war Tangaroas Vater, welcher Sportmediziner war.
Tina sah ihn verdutzt an und verzog dann das Gesicht. Es wurde ernst und war nicht mehr fröhlich wie zuvor.
„Guten Abend. Dr. Sato ist aber ganz schön gewachsen.“, versuchte sie ihren Unmut etwas in einen netten Scherz zu verpacken. Ausgerechnet sie machte Fehler und plapperte ohne darüber nachzudenken. Jetzt musste sie erst einmal schauen wer das ist und was er von ihrem Plappern noch behalten hatte.
„Ich bin die Vertretung. Dr. Sato ist leider krank.“
„Ich möchte Ihre Kompetenz nicht in Frage stellen, aber ich möchte aus bestimmten Gründen nur zu ihm.“, antwortete sie dann höflich, verbeugte sich vor ihm und ging zur Tür. Kaum hatte sie die Klinke in der Hand, sprach er sie natürlich ernst an.
„Sie sagten eben etwas von einer offenen Narbe. Damit ist nicht zu scherzen. Sie wollen doch keine Entzündung oder Infektion riskieren?“ Er ging zum Waschbecken und wusch sich die Hände und desinfizierte sie dann.
„Ich kann Sie verstehen, wenn Sie lieber zu ihm möchten, da er Ihnen vertrauter ist, aber ich würde mit solchen Sachen nicht lange warten. Das gibt nicht nur hässliche Spuren, sondern auch Risiken. Wo ist Ihnen denn die Narbe genau aufgegangen? Was ist passiert?“ Tina machte eine Faust und sah zur Seite. „Verdammt. Ich weiß das doch. Deswegen bin ich hier. Aber, ich mag nicht ständig neue Ärzte um mich haben. Wieso steht draußen kein Schild dran, dass und wer Vertretung macht?“
„Das wollte ich jetzt anhängen, nachdem ich mich umgezogen habe. Wenn Sie einen Schritt zur Seite machen würden, dann könnte ich dies jetzt nachholen.“, sprach er ruhig und freundlich. Sie trat zur Seite und sah ihm zu, als er das große Schild an die Tür klebte. Dann sah sie auf den Namen und verschränkte die Arme.
„Und wer schickt Sie, Dr. Taylor? Der Direktor?“, sah sie zu ihm auf, als er direkt neben ihr stand.
‚Oha, das ist ein sehr ernster Blick. Streng und ernst. Dass sie so ein Blick machen kann ist erstaunlich, als würde sie jemanden herausfordern.‘ Er lächelte sie nur an und deutete kurz an, die Tür schließen zu wollen.
„Dr. Sato persönlich hat mich um seine Vertretung gebeten. Er wusste, dass ich zufällig Zeit habe und in Zukunft auch an einer Schule arbeiten werde. Deswegen bat er mich die Abendschichten für zwei Wochen zu übernehmen.“ Tina trat wieder etwas zurück. Genau in diesem Moment verzog sie das Gesicht und kniff die Augen zu. Ihr Rücken schmerzte durch die Bewegung.
„Alles okay? Wo ist die offene Wunde?“, bemerkte er es natürlich und sprach besorgt.
„Auf dem Rücken.“, murrte sie etwas und ging dann freiwillig Richtung Liege und zog ihre Jacke aus, aber es tat ihr sehr weh. Jedoch kniff sie die Augen zu. Dann plötzlich bemerkte sie, dass Dr. Taylor hinter ihr stand. Er stellte sich dann neben sie, damit sie ihn sehen konnte.
„Lassen Sie mich helfen. Es scheint wohl mehr zu sein, als nur eine kleine Prellung.
Sie müssen keine Angst haben, ich bin ebenso Sportmediziner wie Dr. Sato. Wir kennen uns vom Studium und haben bereits zusammengearbeitet. Deswegen hat er mich auch um den Gefallen gebeten. Ihm sind seine Schüler sehr wichtig.
Augen zu und durch, sagt meine Frau immer, wenn es wehtut.“, schmunzelte er und versuchte damit etwas Heiterkeit zu verbreiten, jedoch ging es eher in die andere Richtung.
„Ich habe keine Angst, darum geht es nicht!“, sprach sie dann deutlich und fasste ihr T-Shirt vom Trikot und zog es sich selbst vorsichtig mit beiden Händen über den Kopf. Dr. Taylor legte die Jacke zur Seite auf den Stuhl und trat einen Schritt zurück. Er bemerkte trotz der kurzen Betrachtung des Shirts, dass etwas Blut an ihm war.
‚Etwas speziell ist dieses Mädchen tatsächlich. Mein Kleiner hatte vollkommen Recht. Sie hat eine recht stolze Art sich zu äußern und zu bewegen. Viel konnte ich jetzt nicht sehen, aber wie sie eben trotz der Schmerzen zur Liege ging war schon sehr eigen. Meistens jammern die Patienten rum, sogar die Jungs oder gestandene Männer halten sich ihre Stelle, die weh tut und krümmen sich oder ähnliches. Aber sie, sie geht einfach, als wenn nichts gewesen wäre und jetzt hat sie sich bestimmt den Schmerz verkniffen, damit ich es nicht merke, dass es ihr weh tut.‘ Er sah erstaunt auf ihren Rücken. Es war ein kleiner Verband um sie gewickelt und an einer Stelle etwas seitlich war eine Kompresse unter dem Verband. Der Verband schien vorne an ihrem Bauch festgebunden worden zu sein. Tina trug seit des letzten Arztbesuchs einen kurzen Sport BH und nicht mehr ihr Top. So musste sie sich diesmal nicht gleich komplett freimachen.
„Oh, wer hat Ihnen denn da schon geholfen? Das war eine sehr gute Idee, um die Blutung zu stoppen.“
„Das war ich selbst. Aber…Sie werden Recht haben. Es könnte mehr sein als das. Und genau das ärgert mich sehr.“, sagte sie selbstsicher und betrübt zugleich. Dann knotete sie die Schleife vom Verband auf und Dr. Taylor ging noch einmal zum Waschbecken, um sich die Hände erneut zu reinigen. Dann kam er wieder und Tina hatte sich inzwischen mit dem Bauch auf die Liege gelegt. Ihre Arme lagen neben ihr und ihr Blick zur Wand gerichtet, denn zum Arzt konnte sie gezwungenermaßen nicht sehen, da genau dort ihre Haarspange und darunter die Naht war.
Ohne weiter etwas zu sagen, begann er die Wunde zu versorgen und Tina war einfach nur still und starrte nachdenklich zur Wand. An der Wand war ein Poster mit einem Strand, Muscheln und einer Palme. Im Hintergrund waren Segelbote im Wasser und Möwen am Himmel. Die Sonne schien und ein paar Schleierwolken zogen auf.
In ihren Gedanken war sie am Strand mit ihrer Familie und sie spielten wieder den ganzen Tag im Sand und im Wasser. Sie lächelte während der Behandlung. „Sie sind erstaunlich tapfer. So eine ruhige Patientin habe ich noch nie gehabt.“ „Sie müssen mich nicht wie ein kleines Kind behandeln. Tapfer, also wirklich. Mich stört es nicht, wenn Sie nicht mit mir reden. Ich kann mich genug ablenken. Bei der schönen Aussicht ist das nicht schwer.“, brummte sie zuerst etwas und dann lächelte sie aber wieder.
„Etwas reden müssen wir aber. Erzählen Sie mir wie es passiert ist.“
„Ich habe mit der Schmetterballmaschine trainiert und bin den Bällen hinterher, dann stolperte ich und stieß gegen eine dieser Bänke. Das war es schon. War nicht ganz ohne, der Sturz, ich weiß. Ich vermute mal, ich muss sicher etwas pausieren, oder? Und Schwimmen darf ich jetzt auch nicht.“ Sie machte beide Fäuste und starrte wieder aufs Bild.
„Ich verstehe. Sind Sie dann direkt auf eine Kante gefallen oder eher mit dem gesamten Rücken? Wie muss ich mir das vorstellen?“
„Hm, schwer zu erklären. Es war eher eine Kante und nur diese eine Stelle. Deswegen sicher so doll, weil mein ganzes Gewicht drauffiel.“
„Okay. Ich schaue mir das noch genauer an. Bis jetzt sieht es aber bis auf die Verletzung der älteren Narbe eher nach einer Prellung aus. Wäre die nicht da, hätte es vermutlich auch nicht geblutet. Ich werde sie jetzt wieder vernähen, okay?“ „Okay.“ Tina spürte kurz darauf das Vereisungsspray und sie starrte wieder nur an die Wand und dachte über die nächsten Wochen nach.
„Wie lange darf ich nicht mehr trainieren?“, kam dann plötzlich einige Minuten später.
„Ich muss nachher noch genauer schauen, wenn ich mit dem Nähen fertig bin. Aber Sie müssen sich in Geduld üben und vermutlich zwei Wochen pausieren.“ Sie zuckte etwas zusammen und ihre Hände machten kräftige Fäuste.
Sie kniff die Augen verzweifelt zu und ihr wurde deutlich bewusst, dass sie hätte besser aufpassen müssen. Der Arzt bemerkte ihre Reaktionen und versuchte auf sie einzugehen.
„Das tut sicher sehr weh, das kann ich mir vorstellen. Ich bin auch gleich fertig. Die Fäden können wir auch morgen wie geplant entfernen, dann müssen Sie sich jetzt nicht so quälen.“
„Der Schmerz stört mich nicht. Diese dumme Maschine. Die benutze ich nie wieder. Statt zu helfen, wirft sie mich einen ganzen Monat zurück. Ich habe doch so schon keine Zeit. Ich muss meinen Ball fertigkriegen. Ich bin so kurz davor und dann das.“, murrte sie vor sich hin und riss die Augen wieder auf.
‚Ihren Ball? Was meint sie denn damit? Und wieso eilt es so? Ich dachte sie fängt gerade erst an diesen Sport zu lernen.‘
„Machen Sie sich nicht so viele Gedanken darüber. Sie haben doch noch viel Zeit bis zur Meisterschaft. Ich kann mir gut vorstellen, dass es schwer ist eine neue Sportart zu lernen. Aber Sie sollten nichts überstürzen.“ Er sah plötzlich eine Träne an ihrer Wange entlanglaufen.
„Ich habe aber keine Zeit bis dahin. Mein Ball muss bis zum Weihnachtsspiel fertig sein. Das sind nur noch wenige Wochen. Ich hatte jetzt endlich die richtige Technik raus und müsste ihn einspielen. Wir haben jetzt die letzte Oktoberwoche. Wenn ich jetzt zwei Wochen ausfalle und meinen Ball nicht übe, dann muss ich wieder komplett von vorne anfangen. Also geht es dann erst 9. November wieder los mit Training. Bestimmt brauche ich dann wieder eine Woche ihn mir anzueignen und dann erst kann ich ihn einüben mit meinem Team. Ich weiß nicht, ob das in zwei Wochen dann zu schaffen ist. Ich kenne mich da noch nicht so aus.“
Die Abendvertretung
Kapitel 180
Die Abendvertretung
„Sie wollen zur Weihnachtsfeier bei diesem Traditionsspiel mitmachen? Eilt es deswegen? Sie saßen bisher auf der Bank, nicht wahr? Kommen Sie denn mit den Grundtechniken schon klar, dass Sie bereits eine eigene Technik entwickeln wollen? Ist das nicht eher etwas für die Profis in der Liga?“, versuchte er etwas auf sie einzugehen.
„Keine Ahnung wie das beim Volleyball ist. Die Grundlagen muss ich ja eben auch üben, natürlich. Immerhin muss ich mindestens sechs Jahre Trainingserfahrung aufholen. Ich weiß, dass man das nicht schaffen kann, aber wenn ich statt Erfahrung mit Stärke punkten kann, ist es doch auch eine Bereicherung für das Team, oder wie sehen Sie das? Was bringt einem denn die Erfahrung und das Können bekannter Techniken, wenn man den Gegner nichts Außergewöhnliches entgegensetzen kann? Sie wissen doch ganz genau wovon ich rede. Punkte entstehen doch dann, wenn man den Überraschungsmoment auf seiner Seite hat oder wenn sich der Gegner unterlegen fühlt. Als Neuling habe ich doch gar keine andere Chance, als den Gegner zu überraschen. Vor allem, weil sie sich sicherlich das Maul darüber zerreißen, ob ich überhaupt in der Lage bin in einem Profiteam mitzuhalten.“
„Das stimmt. So ein Überraschungsmoment ist Gold wert. Das trifft wohl auf jede Sportart zu, vor allem, wenn es Ballsportarten sind, die in einem Team gespielt werden.
So, ich bin fertig.“
„Gut, dann können Sie mir ja gleich die Fäden ziehen und meinen Vater anrufen. Der muss mich bestimmt wieder abholen und dieses Protokoll unterzeichnen, oder?“
„Ja, weil es sich um Rücken und Kopf handelt. Ist leider Vorschrift.“ Wenig später ging er zum Telefon und Tina gab ihm die Nummer und er wählte durch.
„Fuchs hier. Dr. Sato? Was ist passiert?“, kam als abgenommen wurde.
„Oh, Guten Abend Herr Fuchs. Dr. Sato ist krank. Ich bin seine Vertretung, Dr. Taylor.“, war dieser überrascht. Scheinbar hatte sich der Vater die Nummer bereits notiert.
„Sie müssten Ihre Tochter abholen und ein Protokoll unterzeichnen. Sie ist beim Training gegen eine Bank gestürzt und hat sich am Rücken verletzt. Es ist nicht dramatisch. Alles Weitere dann vor Ort.“
„Okay, ich verstehe. Muss sie ihr Training für eine Weile aussetzen?“
„Ja, zwei Wochen mindestens.“
„Oha, da wird sie ja begeistert sein. Ich bin etwa in einer halben Stunde da. Kann ich sie kurz sprechen?“ Der Arzt drehte sich zu Tina um.
„Ihr Vater möchte Sie kurz sprechen. Können Sie aufstehen?“ Tina wunderte sich, saß auf der Liege und baumelte mit den Füßen gleichmäßig herum.
„Wenn es um die Blumen geht, sagen Sie einfach, die Rosen sehen im Garten am schönsten aus.“, meinte sie dann und lächelte etwas.
‚Was meint sie denn damit? Blumen?‘, wunderte er sich. Er nickte jedoch einfach ab.
„Ihre Tochter sagte, wenn es um die Blumen gehen sollte, dann sehen die Rosen im Garten am schönsten aus.“
„Okay, alles klar. Bis gleich, Dr. Taylor.“ Beide legten auf.
„War die Information zur Gartengestaltung so wichtig?“, fragte er verwundert und lächelte sie an. Tina grinste.
„Nein. Es war ein Code.“ Taylor wusch sich die Hände erneut und ging dann zu ihr.
„Ich gehe mal davon aus, dass ich nicht wissen darf worum es ging.“, grinste er. „Sie schon, aber meine Mutter eben nicht. Wenn sie wieder zufällig neben ihm steht, dann weiß er jetzt, dass sie nicht mit herkommen soll.“
„Ihre Mutter? Dann sorgt sie sich sicher sehr, wenn ein Anruf kommt.“
„Genau und dann fängt sie wieder an zu weinen und das will ich ja nicht. Sie ist sehr nah am Wasser gebaut. Und die Aktion letzte Woche mit dem Kopf hat erstmal gereicht. Deswegen haben wir uns jetzt diesen Code einfallen lassen. Immer wenn es um Rosen geht, die irgendwo schön sind, dann heißt es, Mama soll nicht mitkommen.“, lächelte sie ihn glücklich an.
„Interessant. Ihre Mutter ist die Rose. Naja, Mütter sind oft etwas empfindlicher. Das liegt in ihrer Natur. Ihre Babys müssen sie immer beschützen, egal wie groß oder alt sie sind.“ Tina sah ihn betrübt an und dann schaute sie zum Fenster.
„Das stimmt. Aber…meine Mutter ist trotzdem etwas speziell. Letzte Woche als diese dumme Sache passierte, da hat sie sich wieder zwei Tage lang die Augen ausgeheult. Ich hasse sowas.“ Tina stand auf und setzte sich auf den Stuhl.
„Machen Sie mir die Fäden am Kopf zuerst raus?“, fragte sie ihn.
„Ich sehe mir das mal an. Morgen sind erst zehn Tage rum. Ich habe eben noch in Ihre Akte geschaut.“
„Sie nehmen es aber genau.“
„Es gibt Dinge, die brauchen eben ihre Zeit. Und dazu gehören Nähte.“ Tina grummelte etwas und nahm ihre Haarspange vorsichtig ab. Dr. Taylor beobachtete sie von Weitem, während er an der Schublade stand. Wie sorgsam sie die Spange abnahm und dann mit einem liebevollen Blick in ihren Händen hielt und ansah. ‚Die muss ihr sehr viel bedeuten. Tangaroa musste es geahnt haben und hat sie deswegen noch gesucht. Er glaubt noch immer, es sei ein Erbstück. Ich glaube da nicht dran.‘ Er ging auf sie zu und sah sich vorsichtig die Kopfwunde an.
„Ich würde noch drei Tage warten. Sato hat mir jedoch eine Notiz hinterlassen, auch, dass es nicht in die Akte gehen soll. Sie sprachen selbst vorhin von weitern Fäden? Ich gehe mal davon aus, dass er die vier hier auf dem Rücken meint. Wenn ich das so sehe müssten die nun dran sein.“ Tina atmete tief durch.
„Machen Sie das bitte. Danke.“
„Möchten Sie sich wieder hinlegen?“
„Ich würde lieber sitzen bleiben. Auf dem Stuhl sitzt es sich gut.“
„Okay. Wir machen so, wie es für Sie angenehmer ist.“
„Danke. Schlimm genug, dass Sie es jetzt machen müssen. Ich bin schon überfällig damit. Leider sind sie nochmal etwas aufgegangen, aber Dr. Sato hat es dann nur abgeklebt. Deswegen sollen sie jetzt erst raus.“
Die erste Naht war dran und es wurde ruhig. Tina sagte weder etwas noch gab sie groß einen Ton von sich. Sie saß einfach nur aufrecht auf dem Stuhl und ließ es über sich ergehen. In ihren Erinnerungen spielten sich die Ereignisse an der Toho-Schule ab und es stieg etwas Wut in ihr auf. Ihr Puls stieg etwas an und der Arzt bemerkte es natürlich.
„Ist alles okay? So ganz ohne Schmerzen geht es nicht von statten, das stimmt. Es tut mir leid.“ Sie blickte zur Seite zum Waschbecken.
„Es ist okay. Machen Sie es einfach raus. Umso schneller werden sie richtig heilen. Man schläft so schlecht damit. Ich bin eigentlich ein Rückenschläfer.“
„Hm, das stimmt. Sind sie deswegen nochmal etwas aufgegangen? Es sieht danach aus.“
„Ja. Ich krieg ja nicht mit wie ich mich drehe. Jetzt sieht es sicher noch schlimmer aus als vorher.“, sprach sie betrübt.
„Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen eine Überweisung zu einem Laserspezialisten geben. Wenn diese Narben verheilt sind, könnte er sich ja mal alle ansehen und da lässt sich sicher etwas machen.“ Tina zuckte etwas zusammen.
„Lasern? Also weglasern? Sowas geht?“
„Ja, genau. Dann sind sie nicht mehr so sehr zu sehen. Vor allem die großen fallen schon sehr auf. Sie sind zum Glück sehr sauber genäht worden und gut verheilt.“
„Nein, auf gar keinen Fall! Ich creme sie ein und dann ist das so. Die drei bleiben auf jeden Fall!“, klang sie plötzlich bissig.
„Hm. Ich dachte Sie stören Sie, tut mir leid. Dann habe ich das falsch verstanden.“ Tina sah ein, dass sie überreagiert hatte.
„Alles gut. Sie können es ja nicht wissen. Tut mir leid, dass ich Sie so angefaucht habe. Ich bin einfach frustriert, weil ich nicht mehr spielen kann.
Die drei Großen sind für mich weniger Narben. Sie sind eher wie die Tattoos, die Sie unter Ihrem Kittel verstecken müssen. Sie haben eine wichtige Bedeutung für mich. Bei den anderen muss ich später sehen was sie mir bedeuten werden. Das kann ich noch nicht sagen, dazu sind sie noch zu frisch.“
„Ich verstehe. Sie werden es mir vermutlich nicht verraten, welche Bedeutung sie haben, oder?
Wieso gehen Sie davon aus, dass ich Tattoos habe?“
„Dr. Taylor, wir wissen doch wohl beide ganz genau wer wir sind, oder? Sie haben ja nicht einmal nach meinem Namen gefragt.“
Es blieb kurz ruhig und der Mann hinter ihr zog den letzten Faden heraus, versorgte die Narben und legte seine Utensilien auf das Wägelchen. Dann ging er um sie herum, um ihr in die Augen zu sehen.
„Sie haben Recht. Ich weiß wer Sie sind, Frau Fuchs. Sie kamen vorhin hier rein und nannten bereits Ihren Namen, zumindest Ihren Spitznamen, Tina. Ihnen ist sicher vorhin aufgefallen, dass ich mir nebenbei fix die Akte von Ihnen rausgesucht habe, da sie auf dem Stabel der aktuellen Behandlungen für morgen lag.
Mir ist klar, dass Sie wissen wer ich bin, aber darüber müssen Sie sich keine Gedanken machen. Ich kann Privates vom Beruflichem trennen.“ Es war eine Weile ruhig.
„Ist er sauer auf mich oder enttäuscht?“, fragte sie plötzlich leise und ruhig.
‚Sie macht sich Gedanken um Tangaroa? Das ist schon interessant.‘
„Das weiß ich nicht. Er war vorhin, nach seinem Training nur etwas betrübt, aber warum, keine Ahnung. Warum sollte er enttäuscht sein?“
„Was hat Tangaroa denn von unserem Treffen erzählt?“
‚Ihr Treffen? Sie scheint es nicht zu wissen…dass er sie mit dem anderen Jungen gesehen hat?‘
„Hm, eigentlich gar nichts. Sie waren Eisessen, im Park spazieren und haben Pferde gefüttert. Mehr weiß ich nicht. War es denn anders?“ Sie schüttelte den Kopf.
„Das stimmt alles. Mehr hat er wirklich nicht erzählt?“
„Wenn Sie das mit dem kleinen Jungen meinen, dann das noch. Es hat Ihnen wohl ein kleiner Junge noch Ihre Haarspange gebracht, die hätten Sie wohl verloren gehabt und er hat sie gefunden. Das war es dann.“, erzählte er weiter mit ruhiger Stimme.
„Wow, das hat er erzählt? Wer der Junge war, aber nicht?“
„Naja, es war ihm wohl nicht wichtig wer das Kind war, nur, dass er die Spange gefunden hatte. Sie muss Ihnen viel bedeuten. Er hatte sie ebenso gesucht.“
„Hm, das stimmt.“
„Bitte setzen Sie sich in Ruhe auf den Stuhl dort oder legen sich hin, wie Sie möchten. Während wir auf Ihren Vater warten, kann ich meinen Bericht fertig machen.“ Tina folgte seinem Vorschlag und machte es sich auf dem Stuhl mit der Lehne bequem. Es wurde sehr still. Es gab nicht einmal Musik, nur das Klimpern auf der Tastatur. Tina sah sich derweil im Raum um und stand dann auf, als sie merkte, dass sie langsam müde wurde. Sie ging im Raum langsam hin und her und schaute sich jedes Poster an. Dann ging sie zum Fenster, sah raus und griff es zum Öffnen.
„Moment, das kann gerne zu bleiben. Die Mücken kommen sonst rein.“ Sie sah irritiert zu ihm.
„Welche Mücken denn? Frische Luft ist doch gut, es ist hier sehr stickig drin.“ „Es ist draußen kalt, stimmt. Mückenzeit ist vorbei.“, sah er dann selbst ein.
„Das meine ich weniger. Bei den vielen Fledermäusen die hier rumschwirren, gibt’s da draußen keine Mücke mehr. Im Gegenteil, es ist schön ihnen zuzusehen.“
„Nun gut. Aber nur kurz.“, murrte er etwas. Dann war es wieder still. Nur der seichte Wind, der durch den Baum zog und die Fledermäuse belebten den Abend mit Geräuschen. Tina fing an zu gähnen und hielt die Hand vor dem Mund.
„Sie sagten, Sie haben hier studiert. Ich hatte gedacht, Sie sind erst mit den Jungs hierhergezogen.“, fing sie ein Gespräch an.
„Ich habe mein Grundstudium noch auf Neuseeland gemacht und habe es dann hier spezialisiert für die Sportmedizin. Das ist damit gemeint. Nach dem Studium zog ich wieder zurück und kümmerte mich um ein paar Profiteams in der Rugbyliga. Dann kamen die Kinder und es ergab sich hier eine bessere Chance. So kam das dann.“ Plötzlich klingelte Tinas Handy. Sie ging ran.
„Sorry, bin noch in der Schule.“, ging sie auf Genzos abendlichen Gruß ein.
„Oh, warum das? Training?“
„Ja, aber damit ist jetzt zwei Wochen Schluss. Ich bin verletzt. Ausgerechnet jetzt vor dem Spiel. Jetzt habe ich den Ball endlich drauf und dann das.“
„Spiel doch wie früher über den Schmerz hinaus. Was hast du denn?“
„Du spinnst doch wohl. Sowas mache ich nicht mehr. Das war damals auch schon ein großer Fehler, wer weiß was da noch später kommt. Du solltest in Zukunft auch vernünftiger sein. Keiner dankt es dir im Alter, wenn du im Alter, wenn du nicht mehr laufen kannst.
Mir ist die große Narbe unten etwas aufgegangen, weil ich gegen eine Bank gefallen bin. Zum Glück hat das keiner gesehen, das sah sicher total blöd aus. Aber das ist gleich ne heftige Prellung und nun ist Schluss mit Belastung.“
„Ach man. Sowas Dummes. Wo bist du denn jetzt?“
„Beim Schularzt. Er hat mich zusammengeflickt und die anderen Fäden gezogen. Jetzt warte ich auf Vater, weil er das Unfallprotokoll unterschreiben muss.“
„Der wird ja begeistert sein. Frag doch Martin mal, ob er eine Idee hat, wie du dich trotzdem sinnvoll trainieren kannst. Also ohne diese Partie zu sehr zu belasten.“
„Hm, ich habe tatsächlich schon darüber nachgedacht. Ihm fällt sicher mehr ein als nur leichtes Joggen. Mir tun doch immer alle Knochen weh, wenn ich nicht spielen kann.“
„Sag mal, reden wir bewusst Deutsch statt Japanisch?“
„Ja, ich bin doch nicht alleine. Außerdem soll das doch noch keiner wissen, dass ich schon so gut sprechen kann.“
„Du willst das echt durchziehen?“
„Klar. Was denkst du denn? Das gehört alles zur Strategie. Du kennst mich doch. Ich bin die neue Dumme, die keine Ahnung hat und noch nicht mal ihre Sprache spricht. Was hat die schon zu melden? Und wenn ich ihnen dann plötzlich diesen Ball liefere, dann schauen die richtig dumm aus der Wäsche.“
„Auf jeden Fall. Schade, dass ich mir das Spiel nicht ansehen kann.“
„Es wird aufgezeichnet, sagte der Trainer, weil es so bedeutend ist und wir doch auch Sponsoren anlocken wollen. Einen habe ich schon. Der Mann von gestern aus der Bahn. Er war heute da und hat beim Training zugesehen als ich den Ball gezeigt habe.“
„Echt? Du hast einen Sponsor organisiert? Der Anwalt mit dem du gespielt hast?“
„Nein, nicht der Anwalt, wobei ich mir bei ihm nicht sicher bin, ob da noch was kommt. Ich habe dir doch von dem Kerl erzählt, der mich geschubst hatte. Und dann zog er so über das Spiel her, weil es so alt und bemalt ist. Jedenfalls ist das ein gewisser Herr Seo, von der Seo Company, eine große Textilfirma. Mehr weiß ich noch nicht, ich hatte leider keine Zeit mit ihm wirklich zu reden oder mich zu informieren. Gestern hatte er sich mir nicht mit Namen vorgestellt, nur dass er eine Textilfirma habe. Ich habe nur verlauten lassen, dass unsere Trikots total schnell hinüber sind. Da taucht er doch glatt gleich heute auf. Es wird auf jeden Fall für unser Team neue Trikots geben. Das ist doch schonmal was. In der Regel stellt die Firma Schuluniformen und Fest- wie auch westliche Geschäftskleidung her. Sehr hochwertig. Der Sohn hat das aber übernommen und ist auch in die Sportsektion eingestiegen. Also Sportbekleidung.“
„Wow, ist schon cool. Wie war denn dein Tag heute?“
„Der Tag…war komisch. Gleich in den ersten zwei Stunden waren Jun, Yoko und ich in Makotos Klasse. Die waren wirklich eine tolle Truppe. Er sagte zwar schon, dass er eine gute Klasse habe, aber das kann ich nur bestätigen. Ich glaube das gibt es nicht überall hier. Jedenfalls hatte er endlich mal die Gelegenheit sein großes Vorbild kennenzulernen. Das hat ihn richtig aufgemuntert. Das war der Sinn der Sache.“
„Wie jetzt, sein Vorbild?“
„Na Jun natürlich. Er ist nur seinetwegen an die Musashi, und wegen der Sprachen. Er hätte auch an eine Privatschule gehen können. Aber er wollte zu ihm.“
„Ach so. Viel hast du noch nicht über den Jungen erzählt. Nur, dass das mit der Mutter war.“
„Viel Zeit hatte ich ja auch nicht. Aber, dass er an der Musashi ist hat jetzt einen großen Vorteil, er muss seine Klasse nicht verlassen und kann wenigstens hierbleiben. Ach und er hat gestern noch ganz aufgeregt angerufen, während ich auf dem Heimweg war. Er hatte Angst um seine Hunde. Die hatten doch auf dem Grundstück zwei Wachhunde und er und sein Bruder wollen sie behalten, aber in die Wohnung dürfen sie nicht. Jedoch fehlt das Geld sie zu unterhalten. Da haben wir es hingebogen, dass Juns Vater seine Beziehungen hat spielen lassen. Die zwei kommen jetzt in eine Tierpension und dort können sie die immer besuchen und mit ihnen spielen bis es eine bessere Lösung gibt. Das ist doch nett, oder? Er übernimmt sogar ihre Unterhaltskosten dafür. Ist das nicht lieb von ihm?“
„Juns Vater? Oh, ich hätte gar nicht gedacht, dass er ein Herz für Tiere hat.“ „Keine Ahnung, auf jedenfalls ein Herz für die Kinder. Makoto sagte, er habe die beiden Hunde mit seiner Mutter zusammen aufgezogen und sie gehörten genauso zur Familie wie er und seine Brüder. Er ist mit ihnen zusammen aufgewachsen.“ „Ja, so kenne ich das auch. Aber wir haben das nochmal getrennt gehabt. Hattet ihr nicht auch Hunde?“
„Ja, drei Stück. Das war aber vor Hamburg.“
„Was hat deine Kapitänin denn nun zum Ball gesagt? “
„Zuerst ging gar nichts, das lag an den Bällen. Dein Vater hatte es zu gut gemeint, und hat echte Lederbälle gekauft. Nun, der Unterschied ist zu groß zum Kunststoffball, den man heutzutage in den Turnieren benutzt. Aber wir hatten noch alte Bälle da und dann klappte es wie bei uns und als ich mit Yoko die Kombination draufhatte, Wahnsinn. Da habe ich doch glatt den Ball genauso hinbekommen, wie ich ihn haben wollte, nur vermutlich mit einer anderen Wirkung. Mit den anderen Bällen ging es dann auch.
Da musst du dir vorstellen, Yako hatte das Gefühl, dass ihre Hände wie taub sind. Ihr ist die Flasche runtergefallen und den Ball konnte sie nicht mehr halten. Dabei hat sie Handschuhe getragen und nur einmal angenommen. Ich war unsicher und habe es ihr lieber empfohlen. Du sagtest ja, es sei heftig und da war Yokos Drehung noch nicht dabei.
Sie war jedenfalls begeistert und erzählte von einer Brasilianerin aus den 70ern, die wohl so harte Bälle schlagen konnte, dass die Gegner ihnen lieber ausgewichen seien. Kannst du dir vorstellen, dass man mich mit so einer großen Nummer vergleicht? Sie sagt, die Gegner hätten von einem Gefühl von Taubheit gesprochen. Das Gefühl hat sie jetzt auch. Sie war sich unsicher, ob sie morgen überhaupt wieder spielen kann. Ich bin gespannt. Ich wünsche es ihr, aber sollte es nicht gehen, wissen wir…es ist eine Waffe. Und jetzt…man…jetzt hänge ich hier fest und nach zwei Wochen Pause müssen wir alles wieder neu machen. Ich will doch nicht vergessen wie ich ihn geschlagen habe. Es ist zum Heulen.“, stöhnte sie genervt auf.
„Gegen wen spielt ihr denn überhaupt?“ Tina sah kurz zum Doktor rüber, aber dieser schien nur in den Bildschirm zu schauen und weiter zu tippen.
„Gegen die Toho. Du kennst die Schule sicher.“
„Oh, echt? Wow. Ja, die waren nach der Musashi unser stärkster Gegner. Da war ich dann aber schon weg.“
„Ja, das sagt Jun auch. Wegen ihnen kommen sie nie über die Qualifikation hinaus. So ist das bei uns auch, nur genau umgedreht.“
„Ach echt? Wusste ich gar nicht.“
„Ja, Yako sagte, ihre Siege sind immer sehr knapp, aber bisher haben sie immer gewonnen. Deswegen muss das auch sein, denn sie und die anderen werden sicher nicht zur Meisterschaft fahren, weil sie ihre Prüfungen haben. Also bleibt uns gar nichts anderes übrig, als jetzt schon Gas zu geben. Es fallen uns die erfahrenen Angriffsspielerinnen alle weg.“
„Das klingt nach einem Plan.“
„Ach so. Schöne Grüße von Jun und Yayoi. Ihr solltet mal endlich die Nummern austauschen. Dann könnt ihr einfach reden. Soll ich ihm deine geben?“
„Das kannst du machen. Eine gute Idee. Dann habe ich jemanden, der mich auf dem Laufenden hält. Ich habe sonst nicht ganz so viele Kontakte. Nur den Captain. Und der ist ja nicht mehr in Japan.“
„Es ist besser ihr seid im Kontakt, dass stärkt eure Bindung. Du wirst beim nächsten Spiel miteinander merken, dass es besser laufen wird. Und so wie es von deinem Nachfolger herausgehört habe, hast du nicht den besten Ruf hinterlassen. Ich kann mir das so richtig gut vorstellen, der große Angeber.“ Tina grinste und stützte sich auf den Fensterrahmen und sah zum Baum.
„Tina, du klingst so nachdenklich. Alles okay?“
„Es nervt einfach, dass ich jetzt pausieren muss. Ich brauche die Bewegung, und…den Ball. Abgesehen davon, dass mir die Zeit davonläuft. Wir haben extra so viel geübt und dann das. Jetzt kann ich nicht mal mit Yoko den Spielfluss üben. Das war das Einzige was noch fehlte.“
„Naja, frag den Arzt doch was genau du nicht machen darfst.“, erinnerte er sie daran.
„Stimmt. Moment.“ Sie drehte sich zum Arzt um.
„Dr. Taylor? Was meinen Sie, kann ich mit der Verletzung wenigstens laufen? Ich roste ein, wenn ich mich nicht bewege.“ Er sah aufmerksam über den Bildschirm und blickte sie ernst an.
„Laufen ist okay, jedoch nicht zu schnell. Schwimmen oder direktes Volleyballspielen geht nicht. Es würde Sie auch viel zu sehr verleiten Ihren Rücken zu beanspruchen.“
„Hm, und wie ist es mit Krafttraining? So leichte Übungen an der Kraftstation oder nur Arme und Beine? Ich muss meine Gelenke beweglich halten.“
„Hm, das kommt darauf an wie sehr Sie den Rücken dabei wirklich belasten. Auch wenn es nicht wehtut, kann es Schäden hinterlassen. Also ohne einen richtigen Profi an Ihrer Seite, würde ich davon die Finger lassen.“ Tina grinste ihn an.
„Oh, den habe ich. Ein Freund ist Sportwissenschaftler und arbeitet hier als Fitnesstrainer in einem guten Fitnessstudio. Wenn er mir einen guten Plan macht, kann es doch okay sein, oder?“
„Das klingt gut. Er sollte das jedoch mit einem Mediziner zusammen absprechen. Er kann also gerne zu mir kommen, wenn das für Sie in Ordnung ist.“, bot er sich neugierig an.
‚Wen hat sie denn da an ihrer Seite? Da bin ich ja mal neugierig.‘
„Ich ruf zurück. Ich muss Martin anrufen.“, legte sie dann plötzlich auf und wählte sofort eine andere Nummer.
„Martin, wo bist du gerade?“
„Du hast Glück, ich bin mit deinem Vater auf dem Weg zu dir.“
„Oh wie praktisch. Wie kommts?“
„Warum rufst du an?“
„Ich wollte fragen, ob du herkommst, um mit dem Arzt einen Plan zu erstellen, weil ich nicht spielen darf.“
„Das war so unser Gedanke.“, schmunzelte er vor sich hin und Georg grinste. „Gut, bis gleich. Wann seid ihr da?“
„Kann noch etwa eine halbe Stunden dauern, weil ich nicht so schnell schlussmachen konnte.“
„Ach so, Vater hat noch auf dich gewartet?“
„Genau. Wir sitzen in der U-Bahn.“
„In der U-Bahn? Wieso?“
„Er war in meiner Nähe Grundstücke ansehen.“
„Grundstücke? Ach so. Aber das wollten wir doch gemeinsam machen.“
„Ist doch egal. Das hat sich spontan ergeben. Bis gleich.“ Er legte auf. Tina sah zu Tangaroas Vater und lächelte.
„Er kommt mit meinem Vater zusammen her. Dann können Sie alles bereden.“
Es vergingen etwa fünfzehn Minuten und es war ruhig. Tina sollte das Fenster wieder schließen, was sie auch tat.
„Ich bin soweit fertig mit allem. So konnte ich gleich etwas vorarbeiten.“, sprach er ruhig und lächelte sie an, als Tina sich auf den Stuhl setzte und etwas vor sich hin wippte.
„Alles in Ordnung? Sie wirken etwas aufgekratzt.“
„Alles okay. Es ist langweilig. Das ist schon alles. Normalerweise würde ich jetzt noch trainieren oder draußen laufen.“, murmelte sie leise und lehnte sich dann an, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Ihr Puls kam dadurch deutlich zur Ruhe. Während der Doktor etwas aufräumte war es wieder still.
„Dr.? Kann ich mich auf die Liege legen?“, kam plötzlich eine leise Stimme. Ihr wurde plötzlich etwas schwarz vor Augen und ihre Augenlider gingen häufiger zu. Es hatte den Anschein wie ein Sekundenschlaf.
„Natürlich, machen Sie ruhig.“, antwortete Dr. Taylor. Ihm fiel bereits ihre Unaufmerksamkeit auf. Zuerst war sie noch so agil und dann wurde sie schlagartig ruhig und ihre Augen verdrehten sich. Als Tina aufstand und zur Liege gehen wollte, wurde ihr wieder schwarz vor Augen und sie hielt sich krampfhaft an der Stuhllehne fest.
‚Da stimmt doch was nicht.‘, bemerkte er natürlich und eilte zu ihr. Kaum stand er neben ihr, sackte sie plötzlich in sich zusammen und er musste sie auffangen. „Frau Fuchs? Hallo? Wachen Sie auf.“, sprach er ernst und laut, damit sie es auch hören konnte. Zumindest glaubte er das, doch da kam gar keine Reaktion mehr. Besorgt trug er sie zur Liege und sah ihr ins schlafende Gesicht.
‚Weg ist sie. Nicht zu fassen.‘ Er öffnete zur Kontrolle ihre Augen und holte dann sein Anhörgerät und horchte sie nochmal ab.
‚Sie schläft nur, aber wie ein Stein.‘ Er versuchte sie zu wecken, indem er sie ansprach.
‚Zwecklos. Sie ist im Tiefschlaf.‘, war er sich sicher, entfernte sich von ihr und nahm ihre Patientenakte nochmal in die Hand. Er stellte sich sicherheitshalber neben die Liege, falls sie sich bewegen sollte. Dann sah er unter die Liege und stellte zur Freude fest, dass es eine Vorrichtung hatte, um ein Herunterfall zu verhindern. Also klappte er das Ding hoch und ließ die Sicherung einrasten. Während er die Akte las, kamen die Erinnerungen wieder, von denen sein Sohn so aufgelöst erzählte.
‚Kein Wunder, dass er so durch den Wind war. Wenn sie so weggetreten war wie jetzt. Dann die Kopfwunde. Dass sie einschläft, wenn sie sich hinsetzt, okay, aber sie hat doch eben noch gesprochen und wollte sich von sich aus hinlegen. Vermutlich hat sie selbst gemerkt, dass sie zu müde ist und wollte das hier vermeiden. Den Weg hätte sie doch noch schaffen müssen. Sie war noch wach.‘ Er prüfte erneut ihren Blutdruck, alles normal, wenn jemand schläft. Etwas niedrig, aber im Bereich des Normalen.
Sie bewegte sich plötzlich und drehte sich zur Seite. Dabei fiel die Spange aus ihrem Haar. Sie polterte auf den Fußboden und sprang auf. Der Arzt hob sie sorgsam auf und betrachtete sie in der Hand.
‚Die ist ihr sehr wichtig, das merkt man. Für ein Erbstück sieht sie nicht alt genug aus. Was mag sie überhaupt wert sein? Wie echtes Gold fühlst sie sich an.‘, er versuchte die Gravur der Legierung zu finden und stieß dann aber stattdessen auf eine andere Gravierung. „Mut und Stärke.“, konnte er die Worte lesen und legte die Spange dann auf den kleinen Tisch neben die Liege.
‚Was hat das zu bedeuten? Von wem mag die Spange sein?‘ Nicht weit von der Gravur ist auch die Punze des Goldanteils zu lesen.
‚555er Gold, okay. Also schon etwas mehr als sonst üblich in Deutschland. Sieht nach einer zarten Handarbeit aus, so mit der Blume.‘ Er legte die Spange neben die Liege auf den Tisch.
‚Laut der Akte war sie letzte Woche, als Tangaroa sie gefunden hatte, ebenso im Tiefschlaf. Das wäre beinahe schief gegangen. Wenn sie so schnell in einen tiefen Schlaf fällt, dann kann es nur eins heißen. Schlafmangel und Überanstrengung. Aber warum?
Und hier steht, sie sei im Schlaf aufgeschreckt und habe Sato verletzt. Ja, stimmt, seine aufgeplatzte Lippe, die kommt daher. Sie ist von der Liege gefallen, durch das Aufschrecken.‘ Er setzte sich auf den Stuhl mit der Lehne neben sie und sah zu ihr.
‚Sie ist schon hübsch, kein Wunder, dass sich meine Söhne in sie verguckt haben. Sie scheint ja so einige Jungs in der Schule durcheinander zu bringen. Aber es liegt vermutlich eher an ihrem Charakter. Obwohl sie doch genau weiß wer ich bin, hat sie ein offenes Gespräch mit mir geführt. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht, aber das haben die beiden ja bereits genug erwähnt.
Zuerst wunderte ich mich, warum sie nicht zu mir will und dachte, es läge daran, dass ich Tangaroas Vater bin. Es liegt aber eher an ihren Narben. Verständlich, dass es ihr dann unangenehm ist, wenn verschiedene Ärzte sie sehen. Vermutlich fängt man an sie auszufragen. Und dann tauche ich hier auch noch auf.
Nun gut, zum Glück ist sie letztendlich vernünftig und hat sich helfen lassen.‘ In dem Moment stand er auf, um sich sein Buch zu holen. Er hatte alles soweit fertig gemacht und konnte nur noch abwarten. Entweder es käme noch ein anderer Sportler herein, oder ihr Vater und der Freund kämen bald. Kaum war er an seiner Tasche und hatte den Krimi in der Hand, da vernahm er leises Gebrabbel. Tina drehte sich und lag auf dem Rücken. Ihre linke Hand fiel dabei ans Schutzgitter. „Nicht…nein…nicht der goldene General.“, kam ein seltsames Gemisch aus Deutsch und Japanisch aus ihr heraus. Dr. Taylor stutzte.
‚Nanu…hat sie eben was von goldenem General gesagt? Das kann doch gar nicht sein. Und dann auf Japanisch?‘ Er ging wieder zu ihr und setzte sich hin.
Ihre rechte Hand bewegte sich plötzlich seltsam leicht nach vorne und ihr Murmeln war wieder etwas zu verstehen. Sie lächelte und sah glücklich aus.
„Sa…sato…Satoshi…danke…fürs Spiel.“, kamen deutsche Worte. Dr. Taylor wunderte sich. Was meinte sie denn mit Spiel?
Die Therapie Teil I oder Zwangspause
Kapitel 181
Die Therapie Teil I oder Zwangspause
Die Kommissarin griff in ihr Halfter und zog den Revolver. Sie schlich sich unhörbar durch die schmalen dunklen Flure der verlassenen Psychiatrie. Die Wände waren weiß, aber es blätterte die Farbe ab und es hingen Spinnweben in den Ecken. Endlich stand sie hinter einer offenen Tür und horchte nach den seltsamen Geräuschen im Zimmer. Es wurde still und plötzlich raschelte es hinter ihr und sie sah in die Augen eines großen abgerichteten Hundes. Ihr Puls raste vor Schreck, denn mit Hunden kam sie noch nie gut aus. Tiere waren ihr viel zu unberechenbar. Er fletschte knurrend die Zähne und ging langsam auf sie zu. Wenn sie jetzt auf ihn schießen würde, dann wüsste jeder, dass sie da war und die restlichen drei Kugeln reichen nicht mehr für die vier Täter, denen sie auf der Spur ist.
Plötzlich klopfte es an der Tür des Schularztes. Herr Taylor schlug das Buch zu. „Das war so klar. Immer, wenn es spannend wird.“, seufzte er und stand auf. Sein Puls war ein klein wenig erhöht, denn die Heldin war vermutlich kurz davor den Mörder und seine Helfer zu schnappen und nun tauchte ihr Albtraum auf.
„Herein!“, kam seine freundliche dunkle Stimme. Georg betrat die Tür, hinter ihm stand Martin.
‚Das nenne ich eine Erscheinung, diese Körperhaltung hat sie eindeutig von ihrem Vater angenommen.‘ Es wurde sich kurz und freundlich begrüßt.
„Was ist passiert?“, erkundigte sich Georg und sah sofort besorgt zur Liege.
„Ihre Tochter ist plötzlich auf dem Stuhl eingeschlafen, da habe ich sie hingelegt. Wie ein Stein fiel sie plötzlich um. Aber es ist alles im grünen Bereich.“
„Wie jetzt? Einfach umgekippt?“, brachte sich Martin ein.
„Kann man so sagen. Sie hat versucht sich wach zu halten, das hat sie selbst bemerkt und wollte sich hinlegen.“, erklärte er.
„Hm, irgendwann musste das ja passieren. Das was da letzte Woche gewesen ist, war eine knappe Angelegenheit. Dein Kind muss sich an ihre Tagespläne halten, sonst geht das mal gewaltig schief. So richtig hat sie das wohl noch nicht verinnerlicht. Tina ist doch sonst immer so vernünftig.“, knurrte Martin.
„Später, Martin. Jetzt nicht.“, sprach Georg mit fester Stimme und sah zu seiner Tochter.
‚Ach Kleines, was machst du nur für einen Blödsinn. Er hat Recht. Du musst die normalen Trainingseinheiten einhalten, alles andere ist zu viel…vor allem solange du nachts noch nicht durchschlafen kannst. Früher bist du nie einfach irgendwo umgefallen und eingeschlafen. Immer war alles gut. Training, Schule, Training, Schlafen. Zu wenig Schlaf kennst du nicht.‘
„Dr. Taylor, ich würde gerne mit Ihnen unter vier Augen sprechen.“
„Das hätte ich ohnehin gewollt. Wir können nach nebenan gehen, in den Ruheraum.“ Georg richtete sich noch an Martin.
„Du kannst ja schonmal versuchen sie zu wecken.“
„Okay.“ Martin ging zum Waschbecken und holte sich ein paar Papierhandtücher und hielt sie unter den Wasserhahn. Der Arzt staunte nicht schlecht.
‚Was wird das denn? Nasse Tücher? Er scheint das Problem also zu kennen.‘ Martin ging dann zu Tina und berührte ihre linke Schulter.
„Tina…aufwachen. Frühstück.“, sprach er deutlich in Deutsch, erhielt jedoch keine Antwort.
„Du bist aber echt weg. Meine Güte.“, stöhnte er etwas und dann legte er das nasse Tuch auf ihr Gesicht und dann auf ihre Stirn.
„Bettina! Aufwachen, Duschen gehen! Frühstück ist fertig…der Kaffee wird kalt!“, sprach er dann laut und fröhlich. Kurz darauf bewegte sie sich und schreckte etwas hoch. Aber er hielt sie ja an der Schulter fest, wie jeden Morgen, wenn er sie wecken musste und er wusste, dass sie schlecht geschlafen hatte. Ging es ihr gut, wachte sie von alleine auf, wenn spätestens jemand ins Zimmer kam.
„Martin…du störst…“, kam aus ihrem Mund, als sie ihn erblickte und zu sich kam. Kurz darauf richtete sie sich auf.
„Wie jetzt? Wobei störe ich denn?“
„Na beim Schachspielen…ich war endlich mal am Gewinnen. Man…Jetzt weiß ich immer noch nicht wie ich gegen ihn gewinnen kann.“, brummte sie und lachte dabei. Der Gedanke daran, sie könne jemals gegen Satoshi gewinnen, jetzt wo sie sein schönes altes Brett hatte, stimmte sie sehr fröhlich.
„Wie langweilig, Schach ist sowas von langweilig. Dann lieber ne Partie „Mensch ärgere dich nicht“ oder „Malefize“. Da ist wenigstens Action angesagt.“, lachte er zurück. Martin ging die Tücher in den Mülleimer werfen und dann ging die Tür zum Nebenzimmer zu.
„Herr Fuchs, ich gehe mal davon aus, dass Sie schon wissen worum es geht? Vor Ihrem Bekannten kann ich das Thema nicht ansprechen, aber er scheint ja doch Bescheid zu wissen.“
„Bettina hat aktuell Schlafprobleme, das ist uns bewusst. Dass es so schlimm ist, dass sie einfach beim Sitzen umfällt, das war uns jedoch noch nicht so aufgefallen.“
„Ich gehe sogar davon aus, dass diese Verletzung mit der Müdigkeit zu tun hat. Könnten Sie sich das auch vorstellen?“
„Anders kann ich es mir nicht vorstellen. Ich denke sie weiß es selbst auch schon. Am besten Sie sprechen mit Herrn Müller zusammen ab, wie es die zwei Wochen laufen soll, denn die Zeit ohne Training wird sie hassen, aber sie kann sicher sinnvoll genutzt werden. Was meinen Sie?“
„Auf jeden Fall. Mit Schlafmangel ist nicht zu scherzen. Oft ist es nicht das Training oder Überanstrengung, denn ich glaube, das kann sie genau einschätzen. Es spielen meistens psychische Zustände eine Rolle.
In ihrer Akte steht, dass Ihre Tochter professionell schwimmt und läuft. Und jetzt hat sie den Ballsport entdeckt?“
„Das kann man so sagen, ja. Sie kennt ihren Körper, das stimmt.“
„Woran kann es denn liegen, dass ihr Schlaf fehlt? Herr Müller hatte eben eine interessante Art sie zu wecken. Es kommt also eindeutig öfters vor.“ Georg ging zum Fenster und verschränkte die Arme.
„Was schlagen Sie vor?“
‚Nanu. Er lenkt ab. Gut, darüber reden will er nicht, aber er weiß scheinbar worum es geht. Das ist schon ein Anfang. Die meisten Eltern wissen nicht was es für Probleme sind, die ihrem Kind den Schlaf rauben.‘
„Eine richtige Schlaftherapie. Die zwei Wochen könnte man gut nutzen und sie würden vermutlich auch reichen, wenn sie sich an den strengen Tagesablauf hält und danach dabei bleibt bis es nachts besser geht. Mit Abstimmung mit ihrem Fitnesstrainer, Volleyballtrainer und der Schulleitung könnte es hier unauffällig in der Schulzeit gemacht werden. Es würde quasi kein Außenstehender mitbekommen. Das wäre sicherlich in ihrem Interesse.“
Georg drehte sich zu ihm um und staunte nicht schlecht.
„Okay. Klingt gut. Wie lange vertreten Sie Dr. Sato noch?“
„Genau die zwei Wochen. Ich müsste nur mit dem Kollegen, der die Tagschicht macht, sprechen. Sie könnte nach der regulären Schulzeit jeden Tag für etwa eine bis zwei Stunden herkommen und hier im Raum schlafen. Das reicht vermutlich schon aus. Jeden Tag ein Power-Napping. Das machen sehr viele Leute hier in Japan. Es gibt extra Hotels dafür. Da checken die Leute dann nur mal für eine Stunde ein und schlafen dann in solchen Kapseln oder Minizimmern. Ich habe das früher auch in der Studienzeit gemacht, da ich morgens und abends trainieren war. Danach in der Klinik. Es gibt extra Ruheräume. Das macht sehr viel aus.“ Georg musste plötzlich etwas lachen.
„Klingt wie Mittagsschlaf. Das kennt man bei uns bei kleinen Kindern und älteren Leuten.“
„Ja, das ist hier in den Kindergärten auch üblich. Genau das ist es. Einfach nur eine Ruhepause mitten am Tag. Auch wenn man nicht schlafen kann, eine Pause von allem, was einen anstrengt, kann auch helfen. Auch das hilft auf Dauer. Ich würde das jetzt die zwei Wochen als Schlaftherapie durchziehen. Wann sie es nutzt, muss mit ihrer Unterrichtszeit abgestimmt werden. Aber es kann nur gut sein.“
„Wäre es dann möglich, dass Sie das betreuen? Noch einen dritten Arzt mit reinziehen, muss ja nicht unbedingt sein.“
„Hm, wenn Ihre Tochter nichts dagegen hat, gerne. Ich muss dann nur mit der Tagschicht wechseln. Ich hätte aktuell Zeit. Mein neuer Job beginnt erst in drei Wochen.“
„Okay. Wir fragen Bettina was sie selbst dazu sagt. Ich bin gespannt.“ Er ging zur Tür und öffnete diese.
„Dr. Taylor, viel Spaß.“, grinste er dann und ließ ihn vortreten.
‚Wieso grinst er jetzt? Er vermutet wohl, dass es ihr nicht gefallen wird.‘ Kaum hatte er jedoch den Raum betreten, da wurde sich schon angeregt unterhalten.
„Okay, dann nutze ich den neuen Fitnessraum gleich mit. Eine ganz tolle Idee, Martin.“, stimmte Tina ihm zu, sprang von der Liege und lächelte ihren Vater und den Doktor fröhlich an.
„Papa, Martin sagt, ich muss wie ein Kleinkind Mittagsschlaf machen und dann kann ich danach in den neuen Fitnessraum und er stellt mir dann die Geräte passend ein, damit ich genau für den Rücken jetzt richtig trainieren kann. Und das Laufband muss ich auch etwas nutzen, aber ich darf nur gehen, nicht schnell laufen.“ Die beiden Väter sahen sich plötzlich an.
„Wow, muss ich noch was sagen?“, sprach Tangaroas Vater erstaunt aus. Georg grinste.
„So ist sie, ein Sonnenschein. Sie haben Recht. Das war nur eine kleine Pause und schon ist sie wieder da. Diese Therapie wird sicher was bringen. Freiwillig wird sie es trotzdem nicht machen. Sie benötigen ein Lockmittel, nur mal als Hinweis.“
Am nächsten Tag ging Tina noch vor der ersten Stunde zum Direktor und klopfte. „Guten Morgen, Frau Fuchs.“, kam Frau Zen freundlich entgegen.
„Guten Morgen. Dr. Taylor sagte, dass ich mich gleich hier melden soll.“
„Ja das stimmt. Wenn Sie verletzt sind und nicht oder nur teilweise trainieren können, müssen wir nach einer Alternative Ihrer Ganztagszeit schauen. Das ist jedoch auch die Gelegenheit sich mal die anderen Kurse alle anzusehen. Ihnen fehlen ohnehin noch zwei Kurse. Das müsste Ihnen Ihr Klassenlehrer bereits mitgeteilt haben.
Schauen Sie, hier ist eine Liste von den Kursen, die noch Kapazitäten haben. Es gibt immer welche, die besonders beliebt sind und welche, wo Lücken bleiben. Sie suchen sich jetzt 4 Kurse raus. Alle Kurse finden jeden Tag zu den gleichen Zeiten statt wie Ihr Training ist. Ich habe extra eine Liste auf Englisch ausgedruckt. Die geistigen Kurse sind etwas kürzer von der Zeit her. Die enden dann schon 15:30 Uhr, statt 17 Uhr. Davon muss mindestens einer bestehen bleiben, den Sie neben dem Training mindestens einmal die Woche noch machen müssen. Da sie immer zur Verfügung stehen, können die Tage, an denen Sie diese belegen, auch variieren. Die Sportkurse fallen jetzt wegen der Verletzung aus, aber Sie könnten Ihren alten Schwimmkurs später auch neben dem Volleyball erneut belegen, wenn Sie es zusätzlich als zweiten Kurs wieder machen wollen. Das wäre ja nur einmal die Woche. Ein Wechsel ist jederzeit möglich, wenn der Lehrer oder Trainer dem zustimmen.“
„Oha, also muss ich so oder so einen Hauptkurs zusätzlich belegen?“
„Ja genau. Normalerweise sucht man sich vier geistige Kurse raus. Da Sie jedoch Sport machen, zählt dieser als zwei bis drei Kurse, wegen der vielen Turniere und das Angebot länger bleiben zu dürfen oder morgens zu trainieren. Das kommt auf den Erfolg der Sportart an. Wann Sie die Kurse besuchen, überlassen wir den Sportlern selbst oder es wird mit dem Trainer abgesprochen. Da Volleyball einer der erfolgreichen Sportarten bei uns ist, brauchen Sie nur einen festen geistigen Kurs. Aber die beiden Wochen jetzt, müssen es vier sein. Und wenn Sie wieder ausfallen sollten, kann man die gleichen Kurse behalten.“
„Okay. Wow. Da bleibt echt keine Zeit für Freizeit mehr. Ich dachte, ich kann die Zeit jetzt zum Lernen nutzen. Wie doof. Immerhin muss ich hier ein paar Lücken in Ihrem Bildungsstandard füllen. Aber nein…nicht mal zum Lernen bekommt man hier Zeit.“, seufzte sie etwas und rollte mit den Augen. Tina sah sich die Liste an. Dann kreuzte sie sechs Sachen an.
‚Wann soll ich denn da diesen Mittagsschlaf machen? Wie doof ist das denn? Wenn ich erst nach 15:30 Uhr ein Schläfchen mache, dann bin ich für den Abend viel zu wach, um wieder einzuschlafen.‘
„Das könnte mir zusagen, bin jedoch noch etwas unentschlossen. Kann ich da in die Kurse mal direkt reinsehen, was da so gemacht wird? So kann ich besser entscheiden was mir zusagt.
Kalligrafie, Shogi, Deutsch, erste Hilfe, Wirtschaft/Management und Theater.“ „Oh, ja gerne. Ich kann Sie dann persönlich rumführen. So kann ich Sie auch mal näher kennenlernen.“, lächelte sie.
„Sehr gerne. Das wird sicher lustig.“
Plötzlich klopfte es an der Tür.
Eine Trainerin stand in der Tür und grüßte freundlich. Dann erblickte sie Tina und brummte etwas herum.
‚Ausgerechnet die. Madam hat mich meinen Wettkampf gekostet.‘
„Guten Tag.“, grüßte auch Tina und stellte sich freundlich vor. Sie kannte die Frau bisher noch nicht.
„Frau Zen, ich müsste dringend zum Direktor. Es geht um das nächste Turnier.“ „Er kommt erst in zwei Stunden, da er Außerhalb einen wichtigen Termin hat.“ „Dann soll er sich bitte sofort bei mir melden. Er kann durchrufen. Und machen Sie bitte einen Ausruf, dass ich zwei neue Teilnehmerinnen brauche.“
„Wieso zwei?“
„Ich suche mir dann eine davon aus. Sie sollen sich erst beweisen.“, sprach sie streng aus und dann verließ sie den Raum.
Tina beachtete sie nicht ein einziges Mal und verabschiedete sich auch nur bei Frau Zen.
„Oha, die ist ja gut drauf. Wer war das?“, sprach Tina die Sekretärin neugierig an.
„Die Trainerin für die Gymnastik. So gut auch die Sache mit der Schüssel für die Mädchen war, sie kann dadurch nicht am Turnier teilnehmen und uns wird dieses Schuljahr die Teilnahme fehlen. Das ist natürlich nicht gut für ihren Sport. Sayaka war ihr großer Nachwuchs-Star.“
„Ach, die Trainerin von Sayaka? Ich verstehe. Okay. Geben Sie mir nochmal den Zettel bitte.“
‚Die Frau wollte ich ohnehin mal beim Training beobachten. Das passt ja dann. Ich wollte es über Sayaka machen, aber das ging ja nun nicht mehr.‘
Tina kreuzte die Gymnastik AG an und gab ihr den Zettel wieder.
„Da schauen wir heute an letzter Stelle vorbei, okay?
Also zuerst Erste Hilfe, dann Kalligrafie, Shogi, Theater, Wirtschaft, Deutsch und zum Schluss Gymnastik. Ist das möglich?“
„Oh, ja, wir rennen dann aber etwas hin und her, statt eben weg.“
„Das ist egal, die Bewegung tut gut. Oder ist es Ihnen unangenehm? Sie sind doch gesund, oder?“
„Ähm, ja klar. Alles gut.“
„Prima. Sie sitzen viel, da kann ein Spaziergang nie schaden. Laufen darf ich ja auch nicht, also gehe ich viel.“
„Hat die Reihenfolge einen Grund?“
„Ja, das hat sie.“, grinste Tina.
„Darf ich den wissen?“ Tina schüttelte den Kopf.
„Lassen Sie sich überraschen. Sie werden es dann selbst merken, wenn wir in die Kurse gehen. Aber nicht vorwarnen, dann geht die Taktik nicht auf.“
„Okay, ich bin ganz ruhig. Ich habe bereits mitbekommen, dass Sie sich immer Gedanken machen. Das ist gut. Einen klaren Kopf und eine gute Übersicht zu haben ist immer wichtig.“, schmunzelte sie und legte ihren Finger auf die Lippen.
Nach dem Unterricht trafen sie sich im Sekretariat. Frau Zen nahm den Zettel der Auswahlkurse und sie führte Tina direkt wenige Zimmer weiter in einen normalen Klassenraum. Der Kurs zur Ersten Hilfe begann gerade und Tina stellte sich höflich vor.
„Das ist schön, Sie interessieren sich für medizinische Berufe? Die meisten Schüler hier wollen in die Medizin und eignen sich daher Vorkenntnisse an.“, kam die Lehrerin begeistert auf sie zu.
„Hey Tina. Was willst du denn hier?“, kam Jun auf sie zu.
„Ich wollte mal schauen was anders ist. Man kann nie genug lernen.“, meinte sie und er grinste.
„Ich verstehe. Was könnte denn anders sein?“, wunderte er sich.
„Naja, deswegen bin ich hier. Mir sind bei meiner Prüfung ein paar Details aufgefallen, die anders sind und ich hatte Glück, dass man meine Art und Weise trotzdem akzeptiert hatte, weil sie nicht wirklich falsch war. Zum Beispiel die Herz-Druck-Massage. Ich hatte einen anderen Rhythmus.“
„Ach, echt?“ Die Lehrerin brachte sich ein. Die Schüler waren alle interessiert und hörten zu.
„Frau Fuchs, was meinen Sie damit? Welche Prüfung?“
„Oh, ja. Ich bin Rettungsschwimmerin und habe vor etwa zwei Wochen die Prüfung hier in Japan abgelegt. Das wollte ich in Deutschland noch machen, aber dann sind wir umgezogen. Und es gab ein paar Dinge, die ich anders gemacht habe.“
„Rettungsschwimmerin. Dann sind Sie ja schon Profi. Das ist gar nicht so schlecht. Man kann sicher voneinander lernen.“ Tina sagte dem Kurs fest zu. Auch schon, dass Jun dabei war, das freute sie sehr. So hatten sie etwas gemeinsam und er konnte ihr helfen. Immerhin wollten sie doch dafür sorgen, dass sich die Sportler in Erste Hilfe fortbilden. Danach ging es in den zweiten Kunstraum. Frau Zen klopfte an und Tina stellte sich freundlich vor. Die Schüler sahen sie überrascht an und Tina lächelte in den Raum.
„Das ist eine Überraschung. Frau Fuchs, möchten Sie zu uns kommen?“, sprach sie der Lehrer freundlich an.
„Sehr gerne, Sie stehen gleich an erster Stelle bei mir. Kann ich bei Ihnen dann die japanischen Schriftzüge üben? Ich tue mich damit echt schwer sie zu lesen und zu schreiben. Mit Kunst habe ich es an sich nicht so. Aber mit dem Pinsel oder Füller schreiben, dass ist was sehr Sinnvolles und voll Grundschule.“, lachte sie etwas über sich selbst.
„Aber ja, das können Sie. Schauen Sie, mein Kurs ist auf zwei Stufen aufgebaut. Die erste Stufe ist die Übungsstufe, um die Schrift zu verschönern, das wäre dann bei Ihnen der Fall. Und die gehobene Stufe wäre dann, das Wort wie ein Gemälde aussehen zu lassen. Also verschiedene Schriften und Zeichenstile können umgesetzt und ausprobiert werden. Wie bei Gedichten.“
„Das klingt gut. Dann kann ich für den Anfang auch erstmal meine bisherigen Grundschulhefte zum Üben nutzen und dann mit dem Pinsel die Schrift verfeinern?“
„Das klingt nach einem guten Plan, Frau Fuchs. Sie sind herzlich willkommen hier.“, lächelte er sie an.
‚Ich habe mich schon gewundert, dass sie erst jetzt zu uns kommt. Aber der Direktor hatte schon gesagt, sie soll sich erstmal einleben, bevor sie noch andere Kurse als den Sport besucht. Sich hier wegen der Sprache zu melden, ist sehr klug.‘
Etwas später ging die Tür zu einem Raum nebenan auf und es war sehr ruhig im Raum. Es gab gut 35 Schüler und nur zwei Mädchen. Alle saßen an einem eigenen Tisch und vor ihnen war ein Shogi-Brett. Der Lehrer war ein etwas älterer Herr und er kam zur Tür und begrüßte die Frauen freundlich.
„Herzlich willkommen. Ich hörte schon, dass Sie spielen können, Frau Fuchs.“ „Oh, echt? Das spricht sich wohl rum?“ Sie blickte in den Raum und entdeckte ein paar bekannte Gesichter. Unter anderem zwei Jungs aus ihrer Klasse und Tangaroas Bruder fiel ebenso auf. Ein weiterer Junge sah sie ebenso verdutzt an. Er war aus dem Männerteam der Volleyballer.
‚Oh, ich dachte das ist nur ein Gerücht. Wieso kann ein Mädchen aus Deutschland Shogi spielen? Wie gut mag sie sein?‘, geht diesem Jungen durch den Kopf. „Hallo zusammen. Lasst euch nicht stören.“, sprach Tina leise und freundlich in die Runde.
„Sie können gerne Platz nehmen und ich hole ein weiteres Brett heraus. Dann können Sie wie die anderen gegen mich spielen. Wir trainieren heute eine bestimmte Art des Turniers.“
„Oh, das kenne ich von dem normalen Schach. Sie gehen an allen vorbei und legen denselben Start vor und dann ergibt sich für jeden eine andere Partie?“ „Genau. Wäre das was für Sie?“
„An sich ja, aber das dauert mir jetzt zu lange. Ich will die anderen Kurse auch ansehen.“
„Dann setzen Sie einfach an meiner Stelle, also bei den Schülern? Wäre das was für Sie? So kann ich mir einen Überblick machen, wie gut Sie sind.“
„Das klingt toll. Sowas habe ich bei Shogi noch nie gemacht, es fehlten grundsätzlich die Anzahl der Spieler. Ich hatte immer nur mal einen Gegner. Mal sehen wie das wird. So viele Leute. Wow. Hoffentlich kann ich mir die ganzen Spielzüge merken.
Können Sie mir erst einmal zeigen wie Sie das jetzt machen? Ich will ja nichts falsch machen.“, lachte sie etwas. Er nickte und ging zu den Schülern, die die Uhr auf „bereit“ gestellt hatten. Das sagte ihm dann, dass der Zug gesetzt wurde und er wieder zu ihnen gehen konnte. Er ging los und Tina folgte ihm und sah sich an was er tat.
„Herr Lehrer, können Sie mir nebenbei etwas über sich erzählen, also wer Sie sind. Ein Lehrer hier an der Schule sind Sie glaube nicht, oder?“
„Gerne. Sie haben Recht. Ich bin kein Lehrer. Ich bin pensionierter Chirurg, Shogi war immer schon mein Ding und ich war in meinen jungen Jahren auch zu Turnieren. Jetzt leite ich den Schachverein Tokios und gebe hier jeden Tag Kurse. Ich wollte immer mit jungen Leuten spielen und ihnen das Spiel nahebringen. Jetzt habe ich die nötige Zeit dazu.“
„Wow, echte Turniere? Ich war nie auf einem Turnier. Mein Fokus liegt immer auf den Sport. Aber das gleicht gut aus. Wie gut waren Sie denn bei solchen Turnieren?“
„Oh, ich kam leider selten über die Top 10, aber darum geht’s auch nicht. Mir macht es einfach Spaß, das ist uns hier das Wichtigste. Den Kopf vom Alltagsstress frei machen und wenn sich doch jemand herausstellt, der besser ist als nur Spaß daran zu haben, dann fördern wir das und wir fahren zu Turnieren.“ „Das klingt sehr gut. Darf ich die nächsten Schüler machen?“ Er sah sie überrascht an.
„Ja, machen Sie so lange Sie wollen.“ Er zeigte auf den nächsten Schüler und sie gingen gemeinsam hin.
„Hi, Tina. Cool, dass du hier zu uns kommen willst.“, wurde sie freundlich begrüßt. Tina lächelte zurück, sah kurz auf sein Brett und machte einen Zug. „Schach matt.
Das überlege ich mir noch. Ich schaue mir ein paar Kurse an und dann…mal sehen was übrig bleibt.“, sagte sie freundlich und sah in sein verdutztes Gesicht.
„Äh, wie jetzt?“ Tina zuckte mit den Schultern und ging an den nächsten Tisch. Der Lehrer war erstaunt, dass das so schnell ging. Er sprach den Jungen an.
„Setzen Sie zurück und überlegen Sie nochmal.“ Er ging Tina hinterher und sah wieder beim nächsten nach.
„Patt.“, sprach Tina aus und zog zum nächsten. Nun stand sie vor Tangaroas Bruder.
‚Oha, die scheint wirklich zu wissen was sie tut. Ich bin gespannt.‘ Tina stand eine Weile vor seinem Spiel und musste deutlich länger überlegen. Dann nahm sie einen Bauern und schlug einen Bauern von ihm und legte diesen zu sich an die Seite. Ohne etwas zu sagen sah sie nochmal genauer hin und erst dann ging sie weiter.
‚Er ist gut.‘, ging ihr durch den Kopf.
‚Oha, sie ist wirklich nicht übel. Da muss ich erst was gegensteuern.‘
Dann kam sie beim Volleyballer vorbei.
„Hey Tina. Wie läufts bei dir? Verschone mich bitte.“, kam er freundlich entgegen und grinste zu ihr hoch.
„Mir geht’s beschissen. Ich bin verletzt und darf jetzt zwei Wochen nicht spielen, so ein Mist.“, war sie ehrlich.
„Oh, das ist echt doof. Bist du deswegen hier?“
„Jo. Ich muss noch Kurse aussuchen und das nutze ich jetzt aus. Du bist gut. Bis jetzt hast du das interessanteste Brett.“
„Oh, echt? Ich fühle mich geehrt, das von dir zu hören.“
„Ich habe eure Spiele gesehen, du bist der Stratege im Team oder?“
„Jo, der bin ich.“ Tina griff einen Stein und behielt ihn vorerst in der Hand.
„Du solltest deinen Libero etwas besser ins Spiel integrieren, ich weiß, ist schwer, weil er neu ist, aber je eher wir alle das machen, desto besser sind wir den anderen gegenüber. Man muss dem Gegner immer einen Schritt voraus sein, oder?“ Sie sah ihm in die Augen und dann legte sie den Stein wieder ab, griff stattdessen an die Seite zum Turm und setzte seinen alten Turm ins Spiel.
„Patt! Ein Unentschieden, Großer. Im Turnier bringt das aber nichts.“
„Wie jetzt? Ich hatte noch nie ein Patt. Moment.“ Er prüfte nochmal nach und der Lehrer stand daneben.
‚Dass sie das so schnell gesehen hatte, wow. Sie redet mit ihm und trotzdem kann sie sowas erkennen.‘
„Sag mal, ich würde euch gerne mal beim Training zusehen. Wann passt es euch? Du bist doch auch Kapitän.“
„Äh, verdammt. Du hast Recht.
Hm, hiernach vielleicht. Oder morgen, ich bin immer mittwochs hier und dienstags dann in Physik. Ansonsten immer Training.“
„Okay, dann vielleicht morgen. Muss ich schauen wie meine Kurse werden.“ Als Tina die erste Runde rum war, ging sie die nächste Runde rum. Die Hälfte der Schüler gingen ins Matt.
„Wow, Sie verstehen das Spiel tatsächlich. Wenn Sie also wollen, können Sie gerne zu uns kommen.“
„Sehr gerne. Muss ich ein eigenes Brett mitbringen?“
„Wenn Sie eins haben, gerne. Zur Not habe ich noch eins da. Aber es ist immer besser das eigene zu nutzen.“
„Okay, ich bringe meins dann mit. Ich überlege noch welchen Tag ich herkomme. Vielleicht wird es ja der Mittwoch. Ich habe hier schon interessante Gegner gehabt.“, schmunzelte sie und sah dankend dann in die Runde.
„Bis dann. Danke für euer Spiel.“ Sie verließ mit Frau Zen den Raum. Ihr nächstes Ziel war die Theater-AG.
„Wow, dass Tina überhaupt spielt, ist erstaunlich.“, haute ein Junge raus.
„Ich habe es euch doch gesagt. Ihr hättet mal sehen sollen wie sie den Englischlehrer veralbert hat. Sie hat ihre Züge einfach aufgeschrieben…mit den Koordinaten. Einfach mal so in der ganz kurzen Zeit. Und dann haben wir kurz gespielt.“, brachte sich Tinas Klassenkamerad Daisuke ein.
„Ich bin sehr gespannt, wenn ich mal gegen sie spiele.“, meinte der Lehrer.
„Ich auch. Da wollen wir zusehen.“ Der Volleyballer stand plötzlich auf.
„Sie hat mich total verarscht…schauen Sie mal.“, meinte er, aber es kam viel eher als respektvoller Ton rüber. Alle gingen zu ihm.
„Sehen Sie? Sie hat ein Patt verursacht…aber in Wirklichkeit hätten wir weiterspielen können und dann erst hätte sie eventuell auch gewinnen können. Ob das Absicht war? Das hat sie bestimmt erkannt.“
„Hm, das kann gut möglich sein. Vielleicht aber war sie doch zu sehr abgelenkt und wollte das Spiel nur schnell beenden. Ich kenne sie ja noch nicht gut genug.“
„Jeder spielt anders, das macht es ja so spannend.“, meinte eines der Mädchen. „Das glaube ich nicht. Sie hat es gesehen und mich wegen Sport angesprochen. Sie sagte noch, ich solle meinen Libero besser einsetzen. Das war nur symbolisch gemeint. Schauen Sie, hätte ich den Springer vorhin so und nicht so gesetzt, dann hätte sie kein Patt erreichen können. Sie hat doch vorhin schon gesehen, dass ich sie noch nicht gesetzt hatte, also wusste sie noch, dass der Zug neu war. Sie hat vom Springer gesprochen, denn er hätte ein Patt verhindern können, indem er angreift.“
„Sie haben Recht. Es könnte sein, dass das gewollt war. Aber warum? Warum ist sie dem Patt nicht ausgewichen und hat versucht Sie zu besiegen?“
„Tina hat doch gesagt, dass sie dich als Strategen erkannt hat? Nur weil sie eure Spiele gesehen hat?“, brachte sich Tangaroas Bruder ein.
„Ja, wir kennen uns soweit nicht. Das muss ein Hinweis sein.“
„Ein Hinweis? Worauf?“
„Ein Hinweis darauf, dass sie eine Strategin im Sport ist. Sie hat Recht mit dem Libero. Wir sind noch am Üben wie wir diesen neuen Spieler, also die Position am besten integrieren können. Ich glaube, sie hat da eine Idee und will deswegen mal beim Training zusehen.“
„Echt? Ich bin gespannt.“
„Moment. Wie soll sie eine Strategin sein, wenn sie vorher nur Schwimmerin war? Was gibt’s denn da für Strategien, die im Mannschaftssport relevant sein können?“
„Keine Ahnung. Vielleicht stimmt das mit dem Schwimmen ja auch gar nicht. Wer weiß das schon.“
„Ich finde es jedenfalls cool, wenn sie zu uns in den Kurs kommt. Das war eben ein starker Auftritt. Tina ist ja so cool und mutig. Ich wäre auch gerne so.“, schwärmte eines der Mädchen.
Die Therapie Teil II oder Das Theaterstück
Triggerwarnungen:
Gewalt.
Einordnung Gewalt, da es aus meiner Sicht eine Folge dessen ist.
Ich werde hier das Thema NS-Zeit und seine Folgen ansprechen.
Es ist zwar nicht viel, aber...später komme ich auf das Thema zurück.
Keine Angst, ich baue das, was erwähnt wird, nicht weiter aus, es wird nur eben erwähnt. Aber manch einen könnte es stören.
Triggerwarnung:
Gewalt an Kindern
Es wird nur andeutungsweise sexuelle Belästigung bzw. Anfassen angesprochen.
Ihr kennt mich, ich übertreibe bei solchen Themen nicht.
Es sind nur Andeutungen.
Kapitel 182
Die Therapie Teil II oder Das Theaterstück
An der Turnhalle Nummer 2 angekommen gingen die beiden in die große Halle in der schon sehr viel Betrieb war. Es wurde ein Bühnenbild aufgebaut und angeregt diskutiert. Mindestens zehn Leute liefen auf der Bühne umher und jeder wusste es besser. Als Tina mit Frau Zen in den großen Saal kamen, musste die Lehrerin schlichten und lief auf die Bühne. Tina grinste, als sie das Schauspiel sah.
„Wow, die brauchen gar kein Theaterstück mehr aufführen, es ist so schon aufregend und spannend.“, äußerte sie grinsend. Frau Zen wunderte sich nur und ging mit ihr zur Bühne.
„Nein, das sieht total doof aus. Was sollen die Leute denn von uns denken?“
„Aber so war das nun mal damals. Da kann ich doch nichts dafür. Es falsch darzustellen, ist auch nicht richtig.“
„Mag sein, aber ich finde das doof und ich will auch nicht darin rumlaufen. Bäh, ich mach ja alles mit, aber das nicht. Wir sollten was anderes machen.“, äußerte sich eines der Mädchen.
„Mir gefällt das auch nicht.“, kam ein Junge zu Wort. Die Diskussion ging noch ein klein wenig weiter und dann plötzlich klatschte und lachte Tina ganz laut. Es hatte den Anschein, als wäre sie ein Publikum.
„Prima! Ihr seid klasse. Ich weiß zwar nicht worum es geht, aber dieses Stück gefällt bestimmt allen. Das ist sehr amüsant und kann gut unterhalten.“ Es wurde ganz leise und alle sahen zu ihr. Niemand hatte sie zuvor bemerkt.
„Tina. Was…was machst du denn hier?“, kam ein der älteren Oberschüler auf sie zu.
„Ich bin verletzt und nutze nun die Zeit mir Kurse auszusuchen. Eurer steht auch auf der Liste, aber an letzter Stelle.“, grinste sie.
„Oh. Ich hätte nicht gedacht, dass Theater was für dich ist. Und du musst doch noch unsere Sprache lernen.“
„Naja, ich war neugierig was ihr hier so treibt und was wollt ihr nun zum Weihnachtsturnier spielen?“
„Naja, wir hatten da an was Italienisches gedacht. Meist machen wir Romeo und Julia. Irgendwie ist es immer gleich, aber diesmal dachten wir mal an etwas provokatives, Liebe, aber mit Provokation. Irgendwie so…wie du das machst. Etwas zum Nachdenken.“, berichtete er begeistert. Tina sah ihn verdutzt an.
„Wie jetzt? Ihr sucht ein Theaterstück aus, was mit mir zu tun hat und dann zieht ihr dabei NS-Uniformen und Lumpen an? Was soll das denn bitte für ein Stück werden?“, brummte sie plötzlich etwas. Er zuckte zusammen und sah ihr verdutzt in die ernsten Augen.
„Äh…naja…ähm…da kam letztes Jahr ein Film raus. Der war eigentlich sehr gut gemacht, mal was anderes und es ist auch eine Liebesgeschichte. „Das Leben ist schön“, heißt der. Kennst du ihn?“ Tinas Blick wurde immer verdutzter.
„Oha. Ja, den habe ich gesehen. Wer hat das Stück denn ausgesucht, was genau soll er provozieren und worüber habt ihr eben diskutiert?“
„Das war ich. Ich dachte man könnte etwas humorvoll Parodiertes auch mal spielen. Es bringt die Leute zum Nachdenken und kann wie ein Klassiker wie die Parodien von Charly Chaplin nachgespielt werden. Die Leute mit Humor zu provozieren und aufzurütteln ist doch gang und gäbe im Theater. Wo ist da dein Problem?“, versuchte er sich von sich überzeugt zu erklären. Ihr Puls stieg enorm an und sie sah sich entsetzt um. Sie antwortete nicht auf seine Frage.
„Ist das nicht ein Familienfest, wenn das Theaterstück gespielt wird?“, begann sie mit ernster Miene.
„Wie, äh, ja. Wieso?“
„Worum ging es in eurer Diskussion eben?“
„Also…Tina, wir wollten die Lumpen nicht anziehen. Es fühlt sich komisch an.“, sprach ein Mädchen.
„Ja…und ich will das hier auch nicht anziehen. Und dann dieses Bühnenbild…das geht gar nicht.“, griff einer der Jungs an seine Uniform.
„Welches Bühnenbild denn? Ich sehe da nicht viel von.“, fragte Tina neugierig und weiterhin mit ernstem Blick. Die Schauspielerinnen und Schauspieler gingen ihr aus dem Blickfeld und die großen Pappwände, die hintereinanderstanden, um sie zu wechseln, erschienen vor ihr. Die anderen Schüler, die im Raum verteilt an verschiedenen Aufgaben beschäftigt waren, kamen zur Bühne gelaufen und beobachteten wie Tina die Wände nach und nach betrachtete.
Auf der ersten Wand war ein Foto einiger Wohnhäuser einer europäischen Stadt, es folgte ein Festsaal. Das nächste zeigte einen Heuballen. Dann kam eine alte Dampflock mit einem Waggon und es folgten einfache gemauerte Ziegelsteine, die wie eine Wand wirkten und dann kam ein Bild mit einem Etagenbett und dann ein Bild nur mit weißen Kacheln und zum Schluss ein Bild von einem Panzer. Entsetzt sah Tina auf die Fotos und fasste sich ans Herz. Sie atmete tief durch. Im Saal war es still wie in einer Kirche. Es dauerte bis sie wirklich etwas sagte.
„Was…genau…soll…damit provoziert werden? Welche Reaktion erwartet ihr denn vom Publikum?“
„Es gefällt dir nicht, oder?“, fragte der Oberschüler.
„Ich…muss dir ganz ehrlich sagen. Ich bin entsetzt. Mir…fehlen die Worte.“, sprach sie leise, aber mit sehr fester enttäuschter Stimme.
„Warum denn? Du wirst ja wohl nicht eine von denen sein, die ignorieren was damals war?“, brummte er sie beleidigt an.
„Wie bitte?“ Tinas Puls fuhr mehr als nur hoch und sie versuchte sich sehr zurückzuhalten. Dann warf sie plötzlich einen Blick auf die Theaterlehrerin.
„Was sagen Sie denn dazu? Sie müssen das Stück doch genehmigt haben.“, versuchte sie höflich zu bleiben.
„Äh, naja. Die Kinder haben es letzte Woche geplant. Jetzt sind die Bühnenbilder da und sie studieren es nun ein. Ich fand die Idee gut, etwas anderes als Rome und Julia oder AIDA zu machen. Und es erweitert den Horizont. Es ist letztendlich ein humorvolles Stück. Der Direktor hat das Stück abgesegnet. Die Details werden ja jetzt erst besprochen.“
„Ich fass das nicht. Ständig wird hier alles zensiert und ober streng gehandhabt und Regeln hier und Benimmregeln da. Hauptsache unsere Krawatten und Schleifen und Röcke hängen perfekt. Aber wenn es um wirklich wichtige Themen geht, dann wird das einfach durchgewunken?“ Tina verließ nachdenklich die Bühne und betrachtete die Leute darauf und um sie herum. Es traute sich niemand etwas zu sagen. Ihr Puls raste vor Betroffenheit und Unverständnis. Ihre Ansage irritierte einige und andere fühlten sich wiederum in ihrer Meinung bestätigt, die sie jedoch eher nicht äußern wollten.
„Tina, was…was spricht denn gegen das Stück? Erkläre es uns bitte.“, kam der Oberschüler plötzlich auf sie zu und blieb vor ihr stehen.
‚Ich hätte nicht gedacht, dass sie sich damit so angegriffen fühlt. Das war eigentlich nicht meine Absicht. Irgendwie hatte ich gehofft, dass es ihr gefällt, dass wir uns mit einem Teil ihrer Landesgeschichte auseinandersetzen und ein Thema ansprechen, das es hier auch irgendwie gibt. Ich wollte die anderen, die schlecht reden, darauf aufmerksam machen, dass sie nur Vorurteile haben und das was sie sagen, rassistisch ist. Ob ich das doch falsch angehen wollte? Der Film ist doch wirklich nicht schlecht.‘ Tina sah ihn ernst an.
„Es ist gut zu wissen, dass du jetzt doch zweifelst. Das ist gut. Hier geht es nicht um mich. Ich persönlich würde mir das Stück auch ansehen. Ich kann damit umgehen, egal in welche Richtung es geht. Es wird sicher fantastisch. Ihr sollt alle gute Schauspieler sein, das bezweifle ich nicht.
Aber…willst du wahrhaftig an einem Familientag, der als Vorweihnachtszeit gedacht ist, sich zu amüsieren und zu unterhalten, einem Tag wo Kinder, Großeltern oder sogar Urgroßeltern anwesend sind, ein Stück zeigen, indem humorvoll auf grausigste Art Menschen wie Vieh in Zügen in ein KZ gebracht werden? Willst du wirklich, dass sie sehen oder daran erinnert werden, wie man die Menschen zur Zwangsarbeit trieb und zu tausenden grundlos umgebracht hat? Willst du wirklich, dass die Kinder sehen, dass auch unzählige Kinder umgebracht wurden?
Glaube mir, egal wie gut ihr das Stück spielt oder parodiert…es wird nach hinten losgehen. An einem Tag, wo die ganze Familie Spaß haben will, da passt das Thema grundsätzlich nicht. Die Leute würden den Saal verlassen oder heulend rausrennen.“, versuchte sie zu erklären. Sie wusste, wovon sie redete, denn ähnliche Situationen gab es, als sie den Film im Kino gesehen hatte.
„Und ihr als Japaner…ihr solltet ähnlich wie wir vorsichtig mit dem Thema, auf Grund eurer eigenen Geschichte, umgehen. Oder hast du vergessen, dass EURE Vorfahren nicht viel besser waren? Über 5 Millionen Zwangsarbeiter aus Korea und dadurch unzählige Tote? Sogar jetzt noch werden die Nachkommen hier nicht akzeptiert. Schon vergessen, dass unsere Nationen zu dem Zeitpunkt Hitlers auch Verbündete waren? Es ging am Ende beiden um dasselbe. Das nennt sich nicht nur Wirtschaft, sondern in diesem Punkt „Völkermord“.
Und EURE Großeltern, Urgroßeltern und auch sogar noch unsere Generation haben teuer dafür bezahlen müssen und bezahlen sogar heute noch mit den Folgen der Gegenwehr.“, sprach Tina ernste Worte.
Alle sahen sie sehr überrascht an. Es war sehr ruhig im Saal. Tina hatte zwar leise gesprochen, aber verstanden hat es trotzdem fast jeder, solange die Person gut Englisch verstand. Es vergingen ein paar wenige Minuten in Stille und einige bewegten sich und sahen sich um oder betrachteten das Bühnenbild.
Ein Junge trat hervor. Er ging auf sie zu und zog seine Schauspiel-Uniform aus. „Ich bin raus. Mein Vorschlag wurde ja leider abgelehnt. Ich mache viel mit, aber du hast Recht. Es passt nicht an so einem Tag.“ Tina lächelt ihn an.
„Was war denn dein Vorschlag?“
„Oh, wir hatten allgemein gedacht etwas zu spielen, damit die Leute mal darüber nachdenken, wenn sie etwas tun, dass es später dafür immer eine folgenschwere Reaktion geben kann. Es ist nicht immer richtig wegzusehen oder stur bei seinem Willen zu bleiben. Man soll für seine Entscheidungen einstehen und vorher an die Konsequenzen denken. Etwas Deutsches sollte es sein, eben weil das Interesse plötzlich dafür da war.“, erklärte er sachlich und drückte ihr die Jacke seiner Uniform in die Hand. Tina nahm sie an.
„Okay. Und welches Stück hättest du machen wollen?“
„Er wollte den Zauberlehrling spielen. Kennst du den?“, kam der Zuspruch eines der Mädchen. Sehr überrascht lächelte Tina und kicherte etwas. Ihre Anspannung löste sich etwas.
„Ob ich den kenne? Wollt ihr mich veralbern? Jedes deutsche Kind muss den doch lernen.
Wieso denn der Zauberlehrling? Wie kommst du denn auf den?“
Der Junge fasste sich etwas verlegen an den Kopf.
„Naja, seit du hier in an unserer Schule bist, reden alle von dir und…der eine oder andere fing halt an sich mal…mit deiner Kultur zu beschäftigen. Und…naja…ich bin dann auf Goethe gestoßen und den Film von Disney. In meinen Augen trifft die Geschichte und das was dahintersteckt, genau den Punkt. Und es ist…etwas Deutsches.“
„Ich bin der Auslöser? Oh, äh. Du hast Recht. Der Inhalt passt perfekt und die Handlung kann man so schön lustig und witzig rüberbringen. Ein Stück für die ganze Familie und sehr lehrreich, dass passt zu Japan. Gedichte sind doch sehr beliebt.“
„Also dann doch lieber das Gedicht?“, seufzte der Oberschüler. Tina sah ihn verständlich an.
„Ich finde das sehr passend. Was hatte denn der Direktor gegen den Zauberlehrling?“
„Er meinte, er wolle sich nicht mit Disney anlegen. Naja, er hat ja Recht.“ Tina war verdutzt.
„Wieso Disney? Das Gedicht ist doch von Johann Wolfgang von Goethe?“
„Na, weil die einen Trickfilm gemacht hatten, in den 40er Jahren.“
„Das ist doch egal. Ihr wollt doch nicht als Mickey Maus auftreten oder wie?“ Alle sahen sich gegenseitig an.
„Ne, wollten wir nicht. Einfach nur so als Personen. Der Lehrling und der Besen, der Zauberer und dann das Wasser. Also nur zwei Hauptrollen und als Nebenrollen eben die Wasserwellen.“, erklärte der Junge in ihrem Alter.
„Wenn ihr euch einfach nur an den genauen Text vom Gedicht haltet, dann kann da nichts passieren mit irgendwelchen Urheberrechten.“ Der leitende Oberschüler sah in die Runde seiner Schauspielfreunde.
„Wollt ihr denn lieber das Stück machen?“ Jeder stimmte zu und freute sich über die neue Idee.
„Wir brauchen nur noch eine gute Übersetzung. Ich bin der Meinung, dass im Englischem Text, kein Witz rüberkommt. Ganz sicher ist das Gedicht witzig und dann kann man das einbauen ins Schauspiel.“
„Oh, das kann meine Mama machen. Ich bringe euch morgen eine Übersetzung mit. Ich könnte es euch nur ins Englische witzig übersetzen.“
„Wirklich? Das ist ja toll. Wieso deine Mutter? Spricht die etwa schon Japanisch?“
„Sie ist Dolmetscherin und arbeitet in einer großen Firma. Sie macht das den ganzen Tag. Ja, sie hatte aber auch schon ein paar Jahre Zeit. Sie spricht mittlerweile gut seit zwei Jahren Japanisch. Und eine Übersetzung aus dem Altdeutschen ins Japanische ist eh speziell. Jemand, der einfach nur Deutsch spricht, muss noch lange nicht die altdeutsche Deutung und Dichtung verstehen. Deswegen geht dabei viel an Inhalt oder Witz verloren. Ich kenne das. Ich lerne ja auch mit Hilfe von Gedichten meine Sprachen. Das sind kurze Texte und der Inhalt kann schnell wiedergegeben werden.“
„Oh. Und ihr müsst echt alle das Gedicht lernen? In der Schule dann?“, fragte jemand überrascht.
„Ja. Das gehört quasi zum Kulturgut. Solche Gedichte habt ihr doch auch.
Darf ich? Wollt ihr es hören?“, grinste sie. Alle jubelten und Tina ging begeistert auf die Bühne, drehte die letzte Wand um, damit man nichts sieht und legte los. Damit jeder nachvollziehen konnte, an welcher Stelle sie sich befand, machte sie neben der lebendigen Betonung auch ein paar vortragende Bewegungen.
„Der Zauberlehrling
von Johann Wolfgang von Goethe
Hat der alte Hexenmeister
Sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
Auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort’ und Werke
Merkt’ ich und den Brauch,
Und mit Geistesstärke
Tu’ ich Wunder auch.
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß zum Zwecke
Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße!
Und nun komm, du alter Besen!
Nimm die schlechten Lumpenhüllen!
Bist schon lange Knecht gewesen;
Nun erfülle meinen Willen!
Auf zwei Beinen stehe,
Oben sei ein Kopf,
Eile nun und gehe
Mit dem Wassertopf!
Walle! walle
Manche Strecke,
Daß zum Zwecke
Wasser fließe,
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße!
Seht, er läuft zum Ufer nieder;
Wahrlich! ist schon an dem Flusse,
Und mit Blitzesschnelle wieder
Ist er hier mit raschem Gusse.
Schon zum zweiten Male!
Wie das Becken schwillt!
Wie sich jede Schale
Voll mit Wasser füllt!
Stehe! stehe!
Denn wir haben
Deiner Gaben
Vollgemessen! –
Ach, ich merk’ es! Wehe! wehe!
Hab’ ich doch das Wort vergessen!
Ach, das Wort, worauf am Ende
Er das wird, was er gewesen.
Ach, er läuft und bringt behende!
Wärst du doch der alte Besen!
Immer neue Güsse
Bringt er schnell herein,
Ach! und hundert Flüsse
Stürzen auf mich ein.
Nein, nicht länger
Kann ich’s lassen;
Will ihn fassen.
Das ist Tücke!
Ach! nun wird mir immer bänger!
Welche Miene! welche Blicke!
O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh’ ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.
Ein verruchter Besen,
Der nicht hören will!
Stock, der du gewesen,
Steh doch wieder still!
Willst’s am Ende
Gar nicht lassen?
Will dich fassen,
Will dich halten,
Und das alte Holz behende
Mit dem scharfen Beile spalten.
Seht, da kommt er schleppend wieder!
Wie ich mich nun auf dich werfe,
Gleich, o Kobold, liegst du nieder;
Krachend trifft die glatte Schärfe!
Wahrlich, brav getroffen!
Seht, er ist entzwei!
Und nun kann ich hoffen,
Und ich atme frei!
Wehe! wehe!
Beide Teile
Stehn in Eile
Schon als Knechte
Völlig fertig in die Höhe!
Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!
Und sie laufen! Naß und nässer
Wird’s im Saal und auf den Stufen.
Welch entsetzliches Gewässer!
Herr und Meister! hör’ mich rufen! –
Ach, da kommt der Meister!
Herr, die Not ist groß!
Die ich rief, die Geister
Werd’ ich nun nicht los.
„In die Ecke,
Besen, Besen!
Seid’s gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur zu seinem Zwecke
Erst hervor der alte Meister.“
Vielen Dank.“, verbeugte sie sich wie es im Theater so üblich war.
Alle klatschten und waren total begeistert. Es wurde viel gelacht über die lustigen Bewegungen und ihrer Aussprache.
Plötzlich stellte sich jeder vor, wie das Stück etwa sein könnte. Alle hatten Ideen was sie machen könnten. Und dann kam die Lehrerin dazwischen.
„So toll das Ganze auch ist, aber Sie haben da etwas sehr Wichtiges vergessen, meine Herrschaften!“ Alle wurden wieder ruhig und sahen verdutzt zu ihr.
„Was stimmt denn nicht damit?“, murrte Tina dann plötzlich selbst.
„Ganz einfach, es ist zu wenig Text. Der Inhalt ist das Eine, aber der Text ist viel zu kurz. Das Stück muss eine festgelegte Wortanzahl und Schauspielzeit haben.“
Der Oberschüler hob die Hand.
„Dafür findet sich eine Lösung.“, meinte er grinsend. Genau in dem Moment war ihm eine gute Idee eingefallen. Sie schaute zu ihm.
„Aber jetzt nicht, dass Sie da was dazu dichten wie das in der Disney-Variante mit den Musikstücken ist.“ Er ging etwas zur Seite und winkte ihr, ihm zu folgen. Sie war überrascht, dass er es nicht vor allen sagen wollte. Sie redeten sehr leise miteinander und begeistert lächelte sie und stimmte der Idee zu.
„Hervorragend, Sie sind ein Genie. Also wirklich. Das ist eine gute Idee.“ Sie kamen wieder zurück und die Lehrerin machte eine kurze Ansage.
„Das Stück wird auf kreative Art gedehnt, genaueres dann später. Und…wenn der Direktor zustimmt und Sie alle nichts dagegen haben, dann könnte man das andere Stück, was sicher gut wird, als klassisches Abendprogramm für einen späteren Termin festsetzen. Mit einem Mindestalter und Eintrittsgeld sowie einer Inhaltsbeschreibung. Wer dann also kein Interesse daran hat, bucht keine Karten. Dann wissen wir genau, ob es sich lohnt, es einzustudieren. Der Film ist neu, modern umgesetzt und moderne Filme kommen in der Regel gut an, auch wenn das Thema kritisch ist. Aber so kann sich jeder aussuchen, ob er sich in der Lage fühlt mit dem Thema konfrontiert zu werden.“ Tina klatschte begeistert. Alle anderen taten es ihr gleich.
„Ich komme auf jeden Fall zu beiden Stücken.“, lächelte sie. Ein Mädchen kam auf sie zu.
„Sag mal Tina. Wie ist das eigentlich bei euch? Äh…darf man in Deutschland über solche Themen sprechen oder ist das verboten?“ Ein überraschter Blick kam ihr entgegen.
„Redest du von dem, was in dem Film gezeigt wird?“
„Ja, das…mit den Juden.“
„Ja, natürlich darf man das. Sich mit solchen Dingen auseinanderzusetzen und sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen, um daraus zu lernen, dass es falsch war, das ist erlaubt. Im Gegensatz zu manch anderen Nationen dieser Welt sehen wir es als unsere Pflicht an, aufzuklären. Und das müssen wir auch. Nur so kann man dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Dazu ist es sehr wichtig, dass zum Beispiel die Familien miteinander reden. Unterschiedliche Meinungen und Erfahrungen sind sehr wichtig dabei. Wer nicht darüber redet oder gar leugnet, dass es das gegeben hat, der tut der nächsten Generation und den Überlebenden und ihren Nachkommen, keinen Gefallen.“
„Das stimmt. Bei uns in der Familie wird auch viel über die alte Zeit gesprochen.“, meinte ein Junge.
„Bei uns nicht. Keiner erzählt da was. Und wenn man Fragen hat, dann heißt es nur, schau doch in die Bücher. Voll nervig.“, knurrte ein anderer.
„Bei uns auch. Keiner kriegt den Mund auf, aber das ist ja normal. Wer mag schon darüber reden?“
„Bei uns ist das auch so.“
„Wir reden viel, aber das hat andere Gründe als bei euch.“, brachte sich ein Junge ein, der mehr im Hintergrund stand.
„Oh, wieso ist das anders bei euch?“
„Ganz einfach, weil wir keine reinen Japaner sind. Tina hat das Thema sogar als Beispiel gebracht. Ich…bin zum Teil Koreaner.“, äußerte er dann mit fester Stimme. Es wurde wieder still im Saal und alle Blicke waren auf ihn gerichtet. „Wie jetzt? Aber du hast doch einen japanischen Namen.“ Tina ging auf ihn zu. „Man hat deine Vorfahren dazu gezwungen japanische Namen anzunehmen, stimmts?“ Er nickte und bestätigte es und nannte seinen wahren Namen.
„Meine Ur Uroma ist Koreanerin gewesen und kam 1914 mit tausenden anderen Zwangsarbeitern als Köchin nach Japan. Sie musste für eine Fabrik in der Großkantine jeden Tag hart arbeiten bis sie eines Tages vor Erschöpfung umgefallen ist.“, begann er zu berichten.
„Das ist ja schrecklich.“, fasste sich eines der Mädchen an die Brust.
„Und wie…ging es dann weiter?“, wurde gefragt.
„Sie hatte Glück und kam auf eine Sanitätsstation, die von Studenten betreut wurde, um sich zu erholen. Die einfachen Krankenstationen waren voll. Dort kümmerte sich ein angehender Arzt um sie. Naja, sie verliebten sich. Er kaufte sie frei und zog mit ihr aufs Land. Sein Studium musste er an den Nagel hängen und viel Spott und Armut mussten sie ertragen. „Wie kann es ein Japaner wagen und so weiter.“ So ging das dann jedoch mit drei Kindern weiter. Also bin ich auch irgendwie noch ein Stück Koreaner. Man sieht es mir nur noch kaum an, da so viel Generationen dazwischen liegen und alle anderen der Familie immer Japaner waren. Das setzte sich optisch dann mehr durch.“
„Wow, das ist eine schöne Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte mit Happyend.“, lächelte Tina.
„Ja, finde ich auch. Sie ist trotzdem traurig.“
„Tina, und deine Familie? Du sagst, ihr redet über diese Zeit? Was…erzählen die denn so?“
„Oh, naja, ne Liebesgeschichte ist da leider nicht dabei. Eher Erlebnisse aus der Kindheit und in der Jugend.“
Nachdem Tina ihre Geschichten erzählt hatte, verließ sie mit Frau Zen den Saal. Sie gingen in die anliegende Turnhalle und betraten leise die Tribüne. Tina wollte vorerst nur zusehen und die Trainerin bei der Arbeit beobachten. Nach etwa zehn Minuten stand sie auf und begab sich an den Rand der Halle. Dort wurde ihr dann Aufmerksamkeit geschenkt. Der Trainer ging auf sie zu und begrüßte sie.
„Guten Tag Frau Fuchs. Wie kommen wir denn zu der Ehre?“, war er sehr freundlich. Tina lächelte fröhlich und reichte ihm die Hand.
„Ich war neugierig. Vielleicht kann ich hier ja noch was lernen. Ihre Mädchen und Jungen sind alle sehr elegant. Es macht Freude ihnen zuzusehen.“, lobte sie ihn. Dann endlich wurde sie auch von der Trainerin beachtet.
‚Was will die denn hier? Von der Tribüne aus zuzusehen hätte gereicht. Dieses freche Mädchen bringt so schon alles durcheinander.‘ Sie ordnete eine Übung an und ging dann ebenso zum Besuch.
„Was kann ich für Sie tun?“, sprach sie höflich, aber mit einem respektlosen Unterton zu Frau Zen.
„Frau Fuchs wollte gerne mal bei Ihnen reinschauen.“
„Bei mir? Wieso? Sie hat sich doch bereits für einen Sport entschieden und außerdem hat sie nicht annähernd eine elegante Haltung. Sie läuft ja wie ein Junge. Soll sie mal mit den Bällen spielen, das passt besser zu ihr.“, sprach sie deutliche Worte. Natürlich nahm sie an, dass Tina kein Wort verstand. Tina hingegen sah sich nachdenklich um und schaute hinter sich. Dann zuckte sie mit den Schultern.
„Junge? Wo ist ein Junge?“, fragte sie unwissend. Frau Zen sah sie überrascht an.
‚Interessant. Dafür, dass sie schon Japanisch spricht, stellt sie sich noch immer dumm.‘ Sie grinste etwas und schmunzelte. Frau Zen mochte Tina. Sie war mutig, klug und hatte es drauf, auf alle Art Menschen zuzugehen.
„Wieso Junge?“, hakte sie nach.
„Na die hübsche Trainerin hat doch eben gesagt, dass da ein Junge mit einem Ball geht. Oder was habe ich da jetzt falsch verstanden?“
„Ich habe gesagt, dass Sie wie ein Junge laufen. Um bei mir mitmachen zu können, muss man ein Minimum an Eleganz mitbringen. Das fehlt Ihnen jedoch. Was möchten Sie also hier bei mir?“, kam sie dann doch entgegen und sprach sie das erste Mal persönlich an. Tina lächelte freundlich.
„Ah, das meinen Sie. Ja, das kann sein. Irgendwie fehlt mir das total, deswegen bin ich ja hier. Sie sind doch eine gute Trainerin und könnten es mir bestimmt beibringen. Und diese coole Rolle, die Ihre Schülerinnen machen. Das sieht toll aus. Ich bringe das so gar nicht mit der Annahme als Rolle. Ich muss es zwar nicht können, aber es sieht doch tatsächlich besser aus und schont meine Knie.“, erklärte sie dann offen. Etwas pikiert sah die Trainerin sie an. Sie musterte Tina und schüttelte den Kopf.
„Das bezweifle ich, dass Sie das jemals hinbekommen.“, meinte sie dann. Tina grinste sie an.
„Ach ja? Warum das denn?“
„Na ganz einfach, Sie sind viel zu kräftig im Schulterbereich und diese Waden und Oberschenkel…da ist nicht viel mit Eleganz, wenn ich das mal so sagten darf. Und dann…wie Sie hier schon stehen. Fast breitbeinig und die Nase viel zu weit oben, wie ein Junge.“, erklärte sie. Tina war entsetzt. Wie konnte sie diese Frau denn derart beleidigen?
„Wie bitte? Was hat denn meine Statur mit Eleganz zu tun? Ich hatte nicht vor Prima Ballerina zu werden, sondern nur ein paar nützliche Bewegungen zu lernen. Das war es schon. Und ich kenne Leute, die sind das Dreifache von mir und strahlen unwahrscheinlich viel Eleganz aus und können sich passend bewegen.“ „Was bilden Sie sich eigentlich ein? Tauchen hier auf, bringen alles durcheinander und dann wollen Sie ausgerechnet von mir, dass ich Sie trainiere. Ich habe wirklich Besseres zu tun, als meine wertvolle Zeit mit Ihnen zu vergeuden.“
„Ach ja? Was denn? Was ist das hier eigentlich für eine Truppe? Sind alle Mädchen und Jungs für die Wettkämpfe hier oder auch einfach nur freizeitlich, weil sie Spaß am Sport haben?“, konterte Tina zurück.
„Also wirklich. Meine Kids sind alle für die Wettkämpfe und wir bringen sie entsprechend auf höchstes Niveau.“, prahlte sie plötzlich. Tina grinste und sah an ihr vorbei. Dann zeigte sie auf ein Mädchen, welches ihr vorhin schon beim Zusehen aufgefallen war.
„Und was ist mit ihr? Für richtige Wettkämpfe ist sie nicht geeignet. Sie hat viel Freude am Sport und Ehrgeiz, das sieht man. Aber sie wird niemals in der Lage sein, volle Punktzahlen zu erreichen, egal wieviel Mühe sie sich gibt.“, provozierte sie die Trainerin.
„Was erlauben Sie sich? Was fällt Ihnen ein meine Schülerin zu beleidigen?“
„Ich beleidige niemanden. Ich sage nur was Sache ist. Wie lange ist sie schon hier bei Ihnen?“ Es wurde immer lauter und alle hörten mit ihrem Training auf und sahen zu ihrer Trainerin und wunderten sich warum Tina da war. Auch das Mädchen, auf das Tina zeigte, sah überrascht zu ihr.
‚Oh, Tina ist hier. Wie cool ist das denn? Aber was hat sie denn mit der Trainerin zu reden? Und…wieso zeigt sie auf mich?‘
„Hey, Tina ist hier. Wow. Was sie wohl will?“, sprach ihre Freundin zu ihr.
„Keine Ahnung. Aber warum zeigt sie auf uns?“
„Ich glaube eher sie zeigt genau auf dich.“
„Ich weiß nicht. Warum denn? Und jetzt kommen sie her?“
„Wovon reden Sie bitte? Als ob Sie etwas von meinem Sport verstehen würden? Sie sollten sich lieber um Ihren Sport kümmern. Das Mädchen hat großes Talent und wen ich trainiere, das entscheide ich.“
„Wie lange ist sie hier, fragte ich.“
„Seit Schuljahresbeginn, also einige Monate.“, antwortete der Trainer. Er stellte sich neben Tina und sah sie höflich an.
„Okay. Dann kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen was ich meine.“ Tina ging zügig in die Richtung des Mädchens. Die anderen folgten ihr und die Trainerin wusste nicht so richtig was sie davon halten sollte und ging sicherheitshalbe direkt neben ihr vor allen anderen voraus.
„Nur mal unter uns; achten Sie mal darauf, dass Ihr komischer Trainer die Hände bei den Hilfestellungen da lässt wo sie hingehören.“, flüsterte Tina ihr plötzlich auf Französisch ins Ohr. Die Trainerin sah sie verdutzt an.
‚Woher weiß sie, dass ich Französisch spreche? Und jetzt auch noch so ein dämlicher Kommentar.‘
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein. Das hat Sie nicht zu kümmern.“, knurrte sie zurück.
„Das sehe ich anders. Ich weiß wie richtige Hilfestellungen aussehen und er übertritt festgelegte Regeln.“
„Sie übertreiben. Die Mädchen interessieren ihn nicht. Er ist schwul. Aber sagen Sie das niemanden, klar? Er bekommt sonst nur Ärger. Die Mädchen wissen das auch. Deswegen kümmere ich mich eher um die Jungs.“, knurrte sie weiter und flüsterte auf Französisch wieder zurück. Tina war erstaunt, ließ es sich jedoch nicht anmerken.
‚Der ist niemals schwul. Wieso fasst er dann die Mädchen so komisch an? Sie denken es sei okay, wenn sie davon ausgehen und melden es vermutlich deswegen nicht.‘
„Das…würde ich nicht unterschreiben. Ich werde es Ihnen auch beweisen.“, meinte sie dann nur leise und ging weiter.
‚Was bildet sich diese Göre überhaupt ein? Behauptet einfach er fasse die Mädchen unsittlich an. So eine Anmaßung. Wenn ich ihm zusehe, ist da nichts was den Rahmen zu sehr sprengt. Da bin ich mir sicher. An Frauen hat er ohnehin kein Interesse. Ich kenne seinen Lebenspartner, der ist auch völlig okay und kommt aus der Tanzsektion wie er.‘
Als Tina vor dem Mädchen stehen blieb, grüßte sie die beiden freundlich.
„Hallo, darf ich dich fragen, ob du auch an Wettkämpfen teilnehmen willst? Du hast viel Talent.“, machte sie ihr ein Kompliment. Das Mädchen fühlte sich geehrt und freute sich darüber. Schon alleine von ihr angesprochen zu werden, das imponierte ihr.
„Ich…äh. Ja. Das wäre schon toll. Ich trainiere extra viel und hart, damit ich es eines Tages schaffe.“
„Wie schön und dir macht der Sport viel Spaß?“
„Ja, auf jeden Fall. Die Trainerin sagte, dass ich nur viel üben muss.“
„Wow, das hat sie gesagt?“ Tina drehte sich zur Trainerin um und sah sie ernst an.
„Sie haben ernsthafte Hoffnung gemacht, dass sie jemals mit den Profis mithalten kann?“
„Was mischen Sie sich denn da überhaupt ein? Wenn Sie jetzt darauf hinauswollen, dass sie ab und an fällt oder im Ungleichgewicht steht, dann ist das eine reine Übungssache. Es dauert seine Zeit es perfekt zu können. Das sollten Sie doch selber wissen. Sie lernen doch auch eine neue Sportart.“, brummte sie Tina an. Diese wiederum sprach das Mädchen neben dem anderen an.
„Bist du so lieb und ziehst mal deine Schuhe aus und du, ziehst auch deine Schuhe aus? Dann stellen wir alle mal genau nebeneinander. Ich mache auch mit, okay?“ Tina bückte sich, zog ihre Schuhe und die Strümpfe aus. Alle sahen verdutzt zu ihnen auf den Boden.
„Du meine Güte.“, stieß die Trainerin plötzlich aus. Ihr Puls stieg deutlich an.
‚Oh nein. Das habe ich tatsächlich nicht bemerkt. Wie konnte ich das übersehen?‘
„Ich will nicht gemein klingen, aber…mit einem platten Spreizfuß wird es in dieser Sportart gar nichts werden. Freizeitlich immer und eine sehr gute Sportart, um den Fuß zu trainieren, also die tanzenden einfachen Elemente, aber nicht dann, wenn es in Richtung Ballett und Spitze geht. Das kann verheerend sein.“ Tina schaute zu dem Mädchen mit den kranken Füßen.
„Es tut mir sehr leid, wenn du wirklich mehr als nur Spaß haben willst, dann wirst du damit niemals in der Lage sein, volle Punktzahlen zu erreichen. Mit Training alleine ist es da nicht getan und die Bewegungen in der Spitze würde es auf Dauer nur verschlimmern. Irgendwann wirst du gar nicht mehr richtig laufen können. Durch diesen Fuß oder vermutlich mal beide Füße, fällst du auch so häufig aus dem Gleichgewicht oder stürzt.“ Das Mädchen fing plötzlich an zu weinen und hielt sich die Hände vors Gesicht.
„Aber…ich…ich will das doch so gerne machen. Mir ist es auch egal, ob ich zu den Wettkämpfen gehen kann. Und ich…will bei meinen Freunden sein.“
‚Sie will um jeden Preis bei ihren Freunden sein?‘ Tina erinnerte sich daran, dass sie selbst auch mal so war. Um jeden Preis musste sie so Einiges ertragen, nur um mitzuhalten, damit sie nicht aus dem Teamgeworfen wurde.
„Du wusstest es, oder? Du hast es trotzdem in Kauf genommen, nur um bei deinen Freunden zu sein?“ Weinend und schluchzend nickte sie. Dann nahm Tina sie plötzlich in die Arme, um ihr etwas Trost zu spenden.
„Tut mir leid, dass ich es jetzt verraten habe, aber du musst auch an deine Gesundheit denken. Vielleicht darfst du ja trotzdem hierbleiben. Du musst nur die gefährlichen Übungen auslassen und am besten barfuß trainieren und tanzen. Dann können sich deine Füße frei entfalten und du machst einfach nach Gefühl, niemals aber über den Schmerz hinaus. Es gibt sogar passende Übungen, um den Plattfuß etwas auszugleichen. Dann wirst du allgemein besser laufen können. Okay?“ Das Mädchen richtete ihren Kopf wieder auf und sah ihr in die Augen. „Ich muss…nur ein paar Übungen weglassen und dafür andere machen?“
„Ja, du solltest mal zu einem Orthopäden gehen und mit einem Sportmediziner reden. Die können dir sicher gute Tipps geben, was du machen kannst, damit du diesen Sport so gut wie möglich ausüben kannst.“ Sie schielte dann fragend zur Trainerin.
„Darf ich trotzdem bleiben? Ich…ich habe doch nichts anderes. Ich…ich helfe auch beim Aufräumen und kann doch bei den Wettkämpfen mithelfen.“ Die Trainerin lächelte sie an und sagte ihr zu.
„Natürlich darfst du bleiben. Ich will aber trotzdem, dass du weiterhin mit so viel Freude trainierst.“ Dann sah sie zu Tina. Diese grinste sie an und ließ das Mädchen los.
„Das ist sehr lieb von Ihnen. Sie beweisen neben der strengen Art ein großes Herz. Das macht eine gute Trainerin aus.“ Erstaunt vernahm sie das Lob.
‚Ein Lob an mich? Was bist du nur für ein seltsames Kind? Aber wie hast du das überhaupt erkannt? Du schaust uns hier ein paar Minuten zu und hast es vermutlich schon von Weitem erkannt?‘ Die Mädchen setzten sich auf den Boden und zogen ihre Schuhe wieder an.
„Und? Darf ich jetzt kommen? Sie haben ja nun mehr Zeit, weil Sie sich ne Weile nicht um sie kümmern müssen. Also ist mehr Zeit für mich? Das soll ja nicht für immer sein.“, grinste Tina. Die Frau stöhnte und rollte mit den Augen.
„Na gut, aber nur unter einer Bedingung. Sie müssen einen kleinen Aufnahmetest bestehen.“
„Oha. Jetzt gleich?“, machte Tina große Augen.
„Ja, oder fühlen Sie sich nicht in der Lage?“, grinste sie herausfordernd.
„Naja, ich bin am Rücken verletzt, deswegen bin ich ja hier. Leider muss ich zwei Wochen mit Training aussetzen. Total nervig.“, rollte sie ebenfalls mit den Augen.
„Oh, wie ungünstig. Na dann kann ich nichts für Sie tun.“
„Was hätte ich denn machen müssen?“
„Ohne einen ordentlichen Spagat kommen Sie hier nicht rein.“, grinste sie siegessicher.
‚Damit kriege ich sie. Sie mag ja hochspringen können und Tanzen können und Laufen, aber das…das kann sie unmöglich mit diesen Schenkeln hinbekommen.‘
Tina grinste und gab Frau Zen ihre Jacke.
„Na dann, es geht aber nicht aus einer Bewegung heraus, weil ich ja verletzt bin.“, sagte sie dann selbstsicher und es waren trotzdem einige Sekunden, da saß sie am Boden, hatte ein Bein vor und das andere zurück gestreckt und auch die Füße machten eine gute Figur. Dann stützte sie sich vorsichtig am Boden ab und drehte ihre Beine und den Körper so, dass sie jeweils zur Seite lagen. Alle waren total erstaunt.
„Na toll. Ich dachte so kriege ich Sie…Ich kann scheinbar nichts machen, um Sie loszuwerden? Wieso können Sie das?“, grinste sie plötzlich.
„Oh, das habe ich als Kind schon gelernt. Und dann durch die Schwimmübungen und das Trainieren an den Maschinen ging es immer besser. Und dann fing ich vor drei Jahren mit Yoga an. Dank meiner Mutter. Sie brachte es mir bei, sie war als Kind Eiskunstläuferin. Später dann tanzen.“ Dann sah sie zur Seite zu dem Trainer auf. Sie setzte ein liebliches Lächeln auf und bat ihn ihr hoch zu helfen. „Sie sind doch sicher so nett. Wenn mein Rücken nicht so weh tun würde, wäre das kein Problem.“ Sofort ging er auf ihre Bitte ein und schmunzelte etwas, als sie ihn anlächelte und er nahm ihre Hand und packte sie mit am Arm, damit sie sich wieder aufrichten konnte.
„Äh, ja, natürlich.“, sagte er dann etwas verlegen. Sein Puls stieg deutlich an, als er sie berührte und ihr in die schönen Augen sah.
‚Wie hübsch sie ist. Wieso wirkt sie nicht wie die anderen Mädchen? Als würde ich hier keine Jugendliche sehen, sondern…schon eine Frau? Wirken die europäischen Mädchen immer so?‘ Als Tina wieder stand und sich bei ihm bedankte, sah sie wie schmachtend zu ihm auf.
„Ich wusste, Sie sind ein richtiger Gentleman. Die Mädchen können sich glücklich schätzen, einen starken Mann wie Sie an ihrer Seite zu wissen.“, lobte sie ihn. Etwas irritiert und verlegen wich er ihrem Blick aus.
‚Wieso sagt sie denn solche Sachen? Und dann dieser Blick.‘, ging in ihm vor. Die Trainerin war erstaunt über seine Reaktion.
‚Was hat das denn zu bedeuten? Hat sie etwa doch Recht?‘ Die erfahrene Turnerin trat an ihn heran.
„Wieso werden Sie dabei gleich verlegen? Frau Fuchs hat sich nur bedankt.“, sprach sie ihn dann plötzlich offen an. Ihr Blick war skeptisch.
„Wie bitte? Was meinen Sie?“, war er überrascht und es wurde ihm langsam immer unangenehmer. Er versuchte seine Aufregung zu verbergen, aber so leicht ging das nicht mehr.
„Wenn Sie keinerlei Interesse an Frauen haben, warum weichen Sie ihrem Blick dann aus und jetzt werden Sie auch noch rot im Gesicht. Haben Sie mir etwa die ganze Zeit etwas vorgemacht?!“, brummte sie ihn streng an und ihre Augen wurden zornig.
„Aber…ich…nein…das habe ich nicht.“, stotterte er sich in seiner Verzweiflung zurecht. Tina nahm sich die Frechheit heraus und legte ihre Hand auf seine Brust. Da er nur ein leichtes Shirt und eine Leggings trug, konnte man seinen starken Herzschlag nicht nur spüren, sondern auch teilweise sehen. Die Aufregung war zu stark.
„Ihr Herz rast. Eindeutig ein Zeichen dafür, dass ich Recht hatte. Denn wenn Sie wirklich schwul wären, dann hätte ich Sie eben nicht so aus der Fassung bringen können. Ich weiß wie solche Männer ticken. Ich hoffe Sie lassen in Zukunft Ihre Hände da wo sie hingehören oder war da schon mehr? Mehr bei den Mädchen, als unangebrachte Berührungen?“, sprach Tina laut aus und sah ihm zuerst in den angespannten Gesichtsausdruck.
‚Verdammt. Wieso…was hat sie gesehen? Da war doch eben gar nichts.‘ Dann sah sie sich zu den Mädchen und den Jungs um.
„Und ihr? War da mal mehr, als eine komische Hilfestellung? Ich habe es vorhin mehrfach gesehen. Sagt ruhig. Jetzt habt ihr die Gelegenheit!“ Es wurde still und nach etwa einer Minute trat dann ein Mädchen hervor und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Ich…ich…habe…ihn mal in der Dusche gesehen. Er…sah mich so komisch an und war dann wieder weg.“, schluchzte sie. Entsetzt ging die Trainerin auf sie zu. „Aber…warum haben Sie nichts gesagt? Ein Mann hat dort nichts zu suchen.“, sprach sie sie besorgt an. Dann kam ein Blick durch die Reihen der Sportlerinnen und Sportler. Ein weiteres Mädchen meldete sich.
„Das…hätten Sie uns ja nicht geglaubt.“, sagte sie frei raus.
‚War ich so streng zu ihnen, dass sie sich nicht getraut haben, sich bei mir zu melden?‘
„Ihr hättet doch dann zu jemand anderen gehen können, wenn ich nicht eure Ansprechpartnerin bin. Wenn ihr nichts sagt, dann kann ich auch nichts unternehmen.“, sprach sie dann ernst.
„Er…hat Sayaka angefasst!“, ertönte plötzlich die Stimme eines der Jungen. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Der Mann im Saal zögerte nicht lange und ging langsam ein paar Schritte zurück und versuchte sich zu entfernen.
‚Verdammt. Das hat jemand gesehen? Was mache ich denn jetzt?‘
„Das stimmt. Das habe ich auch gesehen. Ich habe die beiden im Geräteraum gesehen und sie hatten einen Streit. Dann fasste er sie einfach fest am Arm an und zog sie an sich heran. Ich hatte Sayaka noch gesagt, dass sie es melden soll, aber diese sture Kuh wusste es ja besser. Und der Vertrauenslehrer sagt nur, ohne Beweise kann er nicht helfen. Sie müsse von sich aus zu ihm kommen oder sich jemanden anvertrauen.“, platzte plötzlich die Wut aus einem der anderen Mädchen heraus.
Als der Trainer nebenbei versuchte unbemerkt die Halle zu verlassen, stellte sich plötzlich der Direktor in die Tür.
„Stehen geblieben Freundchen!“, war er erbost und hielt ihn mit einem Trainer aus der Judo AG fest.
„Aber…das ist nicht wahr.“, klang der junge Mann dann unsicher. Der Judoka hielt ihn einfach fest, brachte ihn auf den Flur und setzte ihn auf den Boden an die Wand. Der Direktor griff zum Handy und rief die Polizei. Die Trainerin kam heraus, gefolgt von Frau Zen und Tina. Sie gingen zusammen in ihr Trainerbüro und kurz darauf verließ sie den Raum und ging zurück zu ihren Schülern.
„Das hat ja super geklappt, Frau Fuchs. Woher wussten Sie das?“, kam der Direktor zu ihr und lobte sie.
„Ich wusste gar nichts. Mir ist das nur aufgefallen, als ich dem Training zugesehen habe.“, meinte sie dazu.
„Eine gute Idee mich sofort dazu zu bringen herzukommen und einen starken Mann mitzubringen.“ Tina holte aus ihrer Tasche das Tonbandgerät heraus. Sie nahm die Kassette raus und drückte sie ihm in die Hand.
„Geben Sie das den Ermittlern. Sie werden es vermutlich brauchen. So kann sich der Herr hier nicht rausreden, dass wir ihn auf frischer Tat ertappt haben und die Kinder von sich aus, geredet haben. Und es könnte helfen im Falle von Sayaka. Wenn er etwas mit ihrem Zustand zu tun haben sollte, könnte sie sicher eine gute Therapie bekommen.“ Tina wendete sich an Frau Zen.
„Wir sind hier fertig. Jetzt gehen wir zum Deutschkurs?“
In der Halle wurde es inzwischen sehr unruhig und alle redeten durcheinander. Plötzlich war es, als wäre eine Mauer eingestürzt und jeder traute sich etwas dazu zu sagen. Die Trainerin beendete das offizielle Training und redete stattdessen mit ihren Schützlingen. Als die Polizei eintraf, betraten sie die Halle, um alle Zeugenaussagen aufzunehmen.
Es waren Kommissar Saito, Mila und eine weitere erfahrene Kollegin, welche auch Kommissarin war und spezialisiert war auf solche Vorfälle. Sie wusste genau wie die richtigen Fragen zu stellen waren. Mila und Takeru unterhielten sich mit der Trainerin. Der Hauptkommissar überließ Mila die Befragung.
„Und Ihnen ist das jetzt erst aufgefallen?“, fragte sie diese.
„Naja, wir nahmen alle an, es wäre nicht so schlimm und es könne nicht mehr passieren. Das war sehr leichtsinnig.“
„Also, wie ist es Ihnen denn nun aufgefallen?“, hakte sie nochmal nach.
„Einer Schülerin ist es aufgefallen. Sie hat mich dann davon unterrichtet und ihn aus der Reserve gelockt. Durch seine Reaktionen hat er sich dann verraten.“, erklärte sie und reichte das Tonband an den Kommissar.
„Hat die Schülerin auch einen Namen?“
„Bettina Fuchs, heißt sie. Sie gehört zum Volleyballteam.“ Mila sah sie überrascht an.
‚Ach…ist ja ein Ding. Typisch Tina.‘, äußerte sie nur und sah dann zum Kommissar.
‚Dieser Halunke hat das doch bestimmt genau gewusst. Er hat vorhin nur gemeint, dass wir gleich zu einem Einsatz fahren müssen und brach unsere Route ab. Kurz davor bekam er eine SMS. Das war Tina. Dieses Mädchen, also echt.‘
„Wieso sehen Sie mich dabei an? Ja, das ist die Blondine, die dem kleinen Makoto geholfen hat, wenn Sie das meinen.“, brachte er sie wieder auf den sicheren Pfad.
‚Ach stimmt, ich soll ihre Bekanntschaft so gut es geht ignorieren.‘
‚Also echt, das muss sie aber noch lernen, wenn sie mal in die Undercover-Einheit will. Diese Reaktion kann tödlich sein.‘
Die Therapie Teil III oder Deutsche Sprache schwere Sprache
Kapitel 183
Die Therapie Teil III oder Deutsche Sprache schwere Sprache
Es wurde an die Tür geklopft und hereingebeten. Die Lehrerin staunte nicht schlecht, als sie Tina mit Frau Zen zusammen erblickte.
„Herzlich willkommen Frau Fuchs. Das ist aber schön, dass Sie uns besuchen.“ „Oh, ich freue mich schon zu erfahren wie es ist meine eigene Heimatsprache zu lernen. Das ist sicher lustig.“, lächelte Tina in den Raum und setzte sich einfach auf einen Platz, der frei war. Neben ihr saß ein Mädchen. Alle Anwesenden waren ruhig und sehr erstaunt, dass Tina zu ihnen kam.
„Haben Sie kein Training, Frau Fuchs?“, fragte die Lehrerin.
„Leider nein. Ich bin dummerweise verletzt und darf mir jetzt mal die vielen Kurse ansehen.“
„Und da haben Sie an uns gedacht?“
„Genau. Vielleicht kann ich ja umgedreht besser Japanisch lernen. Verstehen Sie was ich meine? Wie in Englisch und Französisch.“
„Ja ich dachte mir sowas schon. Das klingt doch sinnvoll.“ Tina schaute an die Tafel und wunderte sich etwas. Jedoch hielt sie sich erst einmal zurück und beobachtete nur. Es vergingen zehn Minuten.
Erneut wurde ein Schüler zur Tafel geordert. Er sollte die Beispiele von Begriffen und anderen Wörtern mit dem ß oder mit einem doppelten S ausfüllen.
So wurden zum Beispiel die Wörter „Schloß“, „Kuß“, „äußerlich“, „Weiß“ oder „Flüsse“ und „Grüße“ an der Tafel mit den entsprechenden Buchstaben gefüllt. Es wurde gelobt und alles für richtig erkannt. Tina hob dann doch endlich die Hand.
„Möchten Sie uns die nächsten Lücken füllen?“, fragte die Lehrerin fröhlich.
„Ich wollte gerne fragen, wann Sie das letzte Mal in Deutschland waren?“ Sie war erfreut, dass diese Frage fiel.
„Leider ist das mittlerweile vier Jahre her. Meine Urlaubszeit reicht kaum aus alles anzusehen was ich möchte. Die letzten Jahre war ich in Italien und Frankreich. Ich spreche und unterrichte auch Englisch, Italienisch und Französisch. Hinzu kam die Geburt meiner Tochter, da war ich ein Jahr zu Hause.“
„Ich verstehe. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.“, grinst Tina.
„Danke sehr.“
„Welchen Duden benutzen Sie für den Unterricht? Den dort drüben?“
„Ja genau. Ich liebe den, der ist schon von meiner Mutter. Den habe ich im Studium auch immer benutzt.“, schmunzelte sie stolz und brachte ihr diesen.
„Ich kenne quasi jede Seite auswendig.“, schwärmte sie. Tina nahm ihn liebevoll in die Hände, als wäre er ein Bücherschatz
„Der ist aber schön, noch mit Ledereinband. Ich will Ihnen nicht zu nahetreten, aber…wenn Sie damit lernen, versäumen die Schüler den Übergang zur neuen Rechtschreibung.“, begann sie freundlich und liebevoll zu erklären. Tina stand auf und bittet darum an die Tafel zu dürfen, um es zu erklären.
„Eine neue Rechtschreibung? Ich hatte nur nebenbei gehört, dass es eine geben soll, ja.“
„Sie ist bereits amtlich und wird seit 2 Jahren in einer längeren Übergangszeit angewendet und an den Schulen gelehrt. Wir Schüler in Deutschland dürfen aktuell noch beide Schreibweisen nutzen, sollen jedoch bei jedem Test, einer Prüfung oder im Dokument dazu schreiben, wenn es in der alten Rechtschreibung geschrieben wird. Ich persönlich habe mich entschieden gleich die neue anzuwenden, denn letztendlich wird es diese Rechtschreibung sein, die uns im Beruf begleitet. Ob wir es wollen oder nicht. Sie sind ebenso davon betroffen. Und meine Schulkameraden hier alle ebenso, denn sie wollen die Sprache sicher ihrer Berufe wegen lernen. Davon gehe ich aus.“, blickte sie in die Runde.
Es wurde mehrfach bestätigt.
„Und jetzt gibt es kein ß mehr? Das wurde lange diskutiert, es eventuell abzuschaffen.“, vermutete sie enttäuscht.
„Nein, es bleibt, aber es gibt leichtere Regeln dafür.“ Tina nimmt die rote Kreide und unterstreicht zwei Wörter.
„In der neuen Regel steht, dass nach einem kurzen Vokal oder Umlaut, also a, e, i, o und u, wie auch ä, ö und ü ein Doppel s gehört.
Früher war also das schöne „Schloß“, mit einem ß, optisch hübscher, aber ebenso wie der „Kuß“ wird es nun mit jeweils zwei s geschrieben. Die anderen Wörter stimmen, aber nur, weil sie den neuen Regeln entsprechen.
Ein ß, kommt nur noch nach langen Vokalen und Umlauten oder zum Beispiel nach äu oder ei.
Ich persönlich finde die Regeln viel leichter als früher. Also am besten, gleich einprägen. Ab nächstem Jahr wird die neue Rechtschreibung amtlich und muss in jedem wichtigen Dokument stehen. Wenn also jemand von euch später nicht nur nette deutsche Literatur lesen, Filme sehen oder nette Gespräche führen will, der muss es jetzt lernen, sonst wird es euch in eurem Beruf auf die Füße fallen, da die Dokumente nicht anerkannt werden.“
Alle sehen sie verdutzt an.
„Oha. Das…ist ein guter Hinweis. Vielen Dank. Hat sich denn sehr viel geändert?“
„Hm, es hat sich eher einiges angepasst, wollen wir es so nennen. Sprachen sind nun mal immer im Wandel. Japanisch lerne ich auch nur mit den mordernsten Wörterbüchern und Hörbeispielen. Nebenbei lese und übersetze ich alte Gedichte. Die amüsieren mich, geben mir die Möglichkeit in eure Kultur zu tauchen, in eure alte wie neue Lebensweisen zu blicken. So mache ich das immer, wenn ich Sprachen lerne.“ Etwas betrübt setzte sich die Lehrerin auf ihren Stuhl.
„Es tut mir leid, Kinder, aber so schnell bekomme ich keine Weiterbildung dafür. Und dann wird es nächstes Jahr bereits offiziell in Amtswegen eingeführt? Hat man das dort in der Presse angekündigt?“ Tina bestätigte es.
„Ja, das auch, aber da meine Mutter hier als Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet, ist sie ständig nur dabei die bisher existierenden Verträge neu zu übersetzen, also ins neue Amtsdeutsch, wenn es nicht in Englisch reicht. Und neue Verträge oder andere Schriften, müssen gleich angepasst werden. Deswegen bin ich da auch so fit drin. In Deutschland hat sie das schon für ausländische Firmen nebenbei gemacht.“
„Ihre Mutter? Sie übersetzt hier in Japan für die Firmen Dokumente?“ Tina nickt stolz.
„Ja, Sprachen sind ihr Ding, so wie bei mir. Sie spricht mittlerweile 21 Sprachen, inklusive neuerdings auch Japanisch.“
„Wow, ist ja der Wahnsinn!“, haute eines der Mädchen heraus und unter den Schülern wurde es unruhiger.
„Dann sprichst du zu Hause jeden Tag Japanisch mit ihr und deswegen nicht mit uns?“, vermerkte einer der Jungs. Tina grinste etwas frech.
„Genau. Ich will mich ja vor euch nicht blamieren. Lieber sage ich erst einmal gar nichts, als Blödsinn zu reden und ihr lacht euch dann kaputt.“, kicherte sie und hielt die Hand vor den Mund.
„Und? Darf ich zu euch in den Kurs kommen? Wären auch nur zwei Wochen erst einmal. Ich kann euch ja dann deutsche Witze erzählen.“, grinste sie. Die Schüler lachten amüsiert und freuten sich bereits auf ihre Anwesenheit.
„Gut, dann müsst ihr aber bis nach dem Weihnachtsspiel ein Geheimnis für euch behalten. Und ich helfe mit der Sprache und ihr mir?“ Alle nickten und waren total begeistert. Dann drehte sie sich zu Frau Zen um und sprach sie auf Japanisch an.
„Gut Frau Zen. Ich habe meinen vierten Kurs gefunden. Bitte markieren Sie dann den Kalligrafie-Kurs als Dauerkurs. Den werde ich das ganze Jahr über brauchen. Ich habe eine echt miese Handschrift und mit dem Pinsel kann ich gar nicht umgehen.“
Alle sahen sie verdutzt an.
„Wahnsinn…ist das dein Geheimnis? Du sprichst ja schon gut genug Japanisch.“, ertönte die Stimme eines Jungen.
„Jo, ich bin halt sprachbegabt.“, lächelte sie ihn an.
„Aber…warum darf das denn keiner wissen?“
„Ganz einfach…wegen der Toho. Die sollen mich bei dem Spiel unterschätzen und das gehört dazu. Was meint ihr? Die wundern sich bestimmt, wenn ich so schnell verstehe. Ihr wollt doch sicher, dass unser Team weiter an der Spitze bleibt, auch wenn später die Großen fehlen?“
„Au ja. Natürlich. Die müssen mal haushoch verlieren. Immer sind die Siege so knapp.“, meinte einer der Jungs.
„Genauso. Komm doch nachher mal bei uns vorbei. Vielleicht kannst du dir ja noch eine Idee abschauen?“, brachte sich einer der größeren Jungs ein.
„Oh, sehr gerne, du bist einer der Blocker aus dem Volleyballteam.“
„Genau. Ich habe euch auch schon zugesehen, beim Training. Das wird sicher ein tolles Spielt, wenn du endlich mal mitspielst.“, sagte er begeistert.
„Erzählst du uns jetzt Witze? Es ist nur noch eine viertel Stunde Unterricht.“ Die Lehrerin stimmte zu, griff ihren Duden und schaute sich darin um, während Tina ein paar Witze erzählte und die Schüler zum Lachen brachte.
Frau Zen wartete noch die Witze ab, lachte beherzt mit und dann verabschiedete sie sich und verließ den Raum.
Tina blieb bis zum Ende der Kurszeit im Deutschunterricht und wartete bis alle raus waren und sprach die Lehrerin an.
„Frau Fuchs, haben Sie noch Fragen?“
„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht vor den Kopf stoßen, aber es ist zu wichtig und die Schüler und Ihnen ist es doch wichtig, oder?“ Sie setzt sich auf ihren Stuhl.
„Ja. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie es mir offen mitteilen. Ich war die letzten Jahre einfach zu beschäftigt und dann gleich wieder mittendrin und hatte kaum Zeit mich zu informieren, was sich am Ende bei den Gerüchten ergeben hat.“
„Ich verstehe das. Was wollen Sie jetzt machen?“
„Ich weiß nicht. Ich muss mir zuerst selbst alles ansehen, bevor ich den Kindern was beibringen kann. Das ist es ja.“
„Ich weiß ja nicht wie das hier mit Fortbildungen läuft. Könnten Sie denn in solchen Fällen Fortbildungen machen?“
„Nein, die Fortbildungen für dieses Schuljahr bin ich schon durch. Da gab es nur was in Französisch und Italienisch. Frei bekomme ich dafür nicht, das geht an einer staatlichen Schule nicht. Und meinen Urlaub und die Krankentage muss ich immer für Notreserven behalten. So viel ist das auf ein Jahr gesehen nicht.“
„So viele neue Regeln sind es nicht. Sie haben doch jeden Tag Ihren Kurs, oder?“
„Ja, deswegen fehlt mir echt die Zeit. Neue Materialien für die Kids brauche ich ja auch.“ Tina lächelt sie an.
„Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen dabei helfe? Oder ich frage meine Mutter, ob sie Ihnen eine Art Nachhilfe anbieten kann. Sie kann auch immer alles viel besser erklären als ich. Vielleicht findet sie etwas Zeit für Sie?“
„Ihre Mutter? Meinen Sie wirklich, sie könnte mir quasi „Nachhilfe“ geben?“, grinste sie Tina fröhlich an.
„Ganz sicher. Vielleicht kann sie Ihnen sogar das Ganze als Fortbildungskurs abrechnen, damit Sie zwar Ihre Freizeit opfern müssten, aber nicht ganz ohne Dokument, dass Sie es gemacht haben. Ich werde heute Abend mit ihr reden. Sie hat sowas schonmal an den Unis gemacht und Fortbildungen für einige Sprachen gegeben. Wenn es um ihre Sprachen geht, da ist sie immer aktuell informiert.“ „Das klingt gut. Ich rede dann mal mit dem Direktor. Vielleicht finden wir wirklich eine Möglichkeit.“ Erfreut stand sie auf und sah zu Tina auf.
„Vielen Dank.“
Etwas später klopfte es an der Tür zum Schularzt. Es war mittlerweile 15:50 Uhr. Herr Taylor war bereits im Abenddienst und sieht sie überrascht an.
„Guten Abend Frau Fuchs. Ich dachte, Sie haben Ihre Schlafenszeit vergessen.“ „Guten Abend, nein, aber dafür habe ich halt keine Zeit. Was muss ich jetzt machen? Mich für eine Stunde hinlegen oder soll ich gleich nach Hause gehen?“ „So einfach mache ich es Ihnen nicht. Legen Sie sich für mindestens 60 Minuten noch hin. Was war denn so wichtig?“
„Sie kennen meinen Tagesplan eindeutig nicht. Ich hatte normal Unterricht und dann musste ich zum Direktor und mir vier Kurse für die zwei Wochen raussuchen. Die gehen bis 15:30 Uhr. Und dann habe ich eine Pause gemacht und nun bin ich hier.“
„Was haben Sie danach vor?“
„Ich möchte den Volleyballern beim Training zusehen. Das hatte ich ohnehin mal vor und jetzt habe ich ja die Zeit dazu. Zwei von ihnen bin ich beim Reinschnuppern in den Kursen begegnet und sie haben mich eingeladen.“
„Eine gute Idee. Dann legen Sie sich jetzt schlafen. Danach sehe ich mir nochmal die Naht an und ebenso die am Kopf.“ Er zeigte auf den Ruheraum. Tina blieb höflich, auch wenn sie überhaupt keine Lust darauf hatte. Sie ging in den Raum und legte ihre Sachen neben der Liege ab.
„Es sieht hier aus wie im Krankenhaus. Ich kann nicht garantieren, dass ich einschlafe, nicht um diese Zeit. Und mir tut alles weh, weil ich kein Frühsport hatte und nachher auch keinen Sport machen kann.“
„Versuchen Sie es einfach mal. Kopfkissen und Decke liegen bereits da.“
„Ach so. Ich habe das Röntgenbild mit und den Bericht des Arztes.“, teilte sie ihm mit und holte das Bild mit den Notizen aus der Tasche und gab es ihm. Er bedankte sich und nahm es an. Als sich Tina hinlegen wollte und die Schuhe neben die Liege stellte, klingelte Ihr Handy. Es war ihre Mutter.
„Meine Mutter, darf ich kurz?“ Er nickte.
„Betty Liebes, du hattest durchgerufen? Ist alles okay bei dir?“
„Ja, alles okay. Ich muss jetzt gleich meinen Mittagsschlaf machen. Gut, dass du noch zurückrufst.“
„Das klingt ja auch niedlich. Warum rufst du dann an?“
„Es geht um die Deutschlehrerin. Ich habe mir heute meine Kurse angesehen und eben auch Deutsch. Ich habe mich unter anderem auch dafür entschieden. Also es ist so, zuerst muss ich dich fragen. Du hast doch damals nebenbei als Kursleiterin an den Unis unterrichtet. Würdest du sowas hier in Japan auch machen? Also solange du noch die Zeit hast. Es ginge nur um die neue Rechtschreibung. Die Sache ist die, unsere Lehrerin war schon lange nicht mehr in Deutschland und durch langes Fehlen und fehlende Schulungen wusste sie nicht, dass es einige neue Regeln gibt. Nun wird das doch aber schon nächstes Jahr für amtliche Abläufe verpflichtend. Die Schüler müssen also dringend die aktuelle Rechtschreibung lernen. Und da dachte ich, weil sie nur freizeitlich ihre Zeit opfern kann, dass du vielleicht mal Zeit hättest, ihr die neuen Regeln zu erklären. Mir reicht die Zeit nicht aus. Auch jetzt nicht. Ich bin mit Japanisch noch ausreichend bedient und muss die Zeit jetzt nutzen. Ich kann also nur in meiner eigenen Unterrichtszeit helfen.“
„Das klingt ja furchtbar. Nun gut. Ich verstehe was du meinst. Ich gehe mal die Regeln durch und rechne mir eine Kurszeit aus, die ich denke, als Schulung zu benötigen. Ich mache dann mal einen Kostenvoranschlag für sie oder für die Schule fertig.“
„Das ist super.“
„Alles klar. Reden wir dann heute Abend drüber. Wann bist du denn zu Hause?“ „Ich weiß es noch nicht genau. Nach dem Schlafen will ich noch zum Training der Männer und danach zu meinem Team und etwas laufen und Taktiken besprechen und dann müsste ich eigentlich noch an die Geräte. Mir tun alle Knochen weh.“
„Okay. Sei pünktlich da, spätestens 21 Uhr.“
„Oha, okay. Ich gebe mir Mühe. Bis dann, Mama.“ Tina legte auf und legte sich dann auf die Seite. Auf den Rücken konnte sie sich wegen der Narben nicht legen. „Dann schlafen Sie jetzt gut. Ich stelle den Wecker.“, sagte der Doktor und verließ den Raum.
Kaum war er hinausgegangen, da klingeltes Tinas Handy erneut. Sie ging ran.
„Hi, du schon um diese Zeit?“, kam sie Genzo entgegen.
„Jo, muss doch wissen, wie es dir geht. Außerdem vergisst du, dass ich noch hier bin.“
„Stimmt. Beschissen, wie denn sonst? Ich muss jetzt so eine Schlaftherapie machen. Nun liege ich hier beim Doktor und soll schlafen. Jeden Tag ne Stunde.“
„Oha, das ist sicher schwer. Wieso musst du eine Schlaftherapie machen?“
„Ja, nervig. Weil ich schon zweimal mitten am Nachmittag einfach eingeschlafen bin. Und die Verletzung kommt eindeutig von meiner Unaufmerksamkeit. Du kennst mich. Ich bin immer kontrolliert und aufmerksam, sowas kenne ich gar nicht. Ich rufe dich später an.
Wann fliegst du eigentlich wieder nach Hause?“
„Ich bin doch zu Hause.“, lachte er etwas.
„Stimmt, noch bist du hier. Hast du was von deinem Freund gehört? Ist er gut in Brasilien angekommen? Gestern habe ich ganz vergessen zu fragen.“
„Ja, dem geht es gut. Alles lief super. Na dann. Schlaf gut.“
„Das freut mich. Ich wünsche ihm viel Erfolg. Das klingt komisch. Ja, danke. Ich kann eh nicht schlafen. Dafür ist es zu früh. Als Kind konnte ich das auch nie. Meine Mutter hat es immer versucht, aber vergeblich. Mittagsschlaf, kein Rankommen.“
„Versuche es und wenn es nicht geht, ruf wieder an. Dann quatsche ich dich mit dummem Zeug voll und du verdrehst freiwillig die Augen.“
„Danke, das mache ich. Ich versuche es.“ Beide legten auf. Tina legte das Handy stumm auf den kleinen Tisch neben sich und machte die Augen zu.
Zeitgleich saß Doktor Taylor am PC und hatte kurz zuvor die Kamera angeschaltet. Mit Tinas Vater hatte er abgesprochen es ähnlich wie in einem Schlaflabor zu handhaben und jeden Tag einen Bericht zu schreiben, wie ihr Schlafverhalten ist. Statt sie zusätzlich an die Geräte zu schließen, werden nur Beobachtungen gemacht. Den Ton hatte er ausgeschalten, aufgenommen wird er jedoch trotzdem, denn anders könnte er die Atmung nicht kontrollieren. Bei Verdacht würde er ihn einschalten. Nebenbei sah er sich sporadisch das Röntgenbild an.
‚Hm. Muss ich mir nachher genauer ansehen, wenn sie wirklich schläft.‘
Ihm war klar, dass sie nicht gleich am ersten Tag einschlafen würde. Er fand es interessant, wie sie es jedoch zu versuchen schien. Dabei grinste er etwas vor sich hin und erinnerte sich an die Worte von Tinas Vater.
„Lassen Sie sie einfach selbst machen. Wenn sich meine Tochter etwas vorgenommen hat, dann zieht sie das auch durch. Sie wird ihren eigenen Weg finden, dass es funktioniert. Jetzt, jetzt hat sie endlich den Zwang, es zu wollen.“
‚Hm, ich bin gespannt wie lange sie braucht. Er wollte mir zwar nicht sagen, welche Probleme sie hat, aber immerhin weiß er es. Das ist viel wert.‘ Plötzlich wurde er stutzig, als Tina aufstand und zum Fenster ging, hinausschaute und es öffnen wollte. Doch dann ließ sie es doch zu, sah zur Tür und ging dann zum Ausgang und öffnete die Tür ein wenig.
„Dr. Taylor? Darf ich das Fenster öffnen? Die Luft ist so stickig.“, hörte er dann ihre zarte freundliche Stimme.
„Ja, das dürfen Sie. Aber wieder hinlegen, okay?“
„Ja, klar. Danke.“ Nun ging sie wieder zum Fenster und öffnete es, stand etwa für drei Minuten davor, atmete tief durch, machte es dann nur auf Klappfunktion und legte sich wieder hin.
‚Das ist interessant. Da fiel ihr ein, lieber vorher zu fragen. Was hat sie dazu gebracht, noch zu fragen?‘ Taylor holte sich nebenbei einen Apfel aus der Tasche und biss genüsslich hinein. Das Mädchen drehte sich von einer Seite zur anderen und lag dann irgendwann doch auf dem Rücken. Ihre Arme hielten die dünne Decke fest und zog diese bis zum Hals. Dann legte sie ihre Arme auf den Bauch. Ihre Augen waren mal offen und mal geschlossen. Bald gingen die Augen wieder auf und die Hände wanderten nach oben in die Luft. Sie formten eine Haltung, als würden sie einen Ball pritschen. Dann ahmte sie mit der rechten Hand eine Schlagbewegung nach, als würde sie schmettern. Immer wieder und wieder wiederholte sie diese Bewegungen bis ihre Hände schlagartig auf ihrem Gesicht lagen. Es sah für ihn seltsam aus. Ihre Beine winkelten sich plötzlich an und sie fing etwas an zu zittern. Dann drehte sie sich eher eingeigelt zur Seite. Er griff die PC-Maus und klickte auf den Lautsprecher.
‚Weint sie etwa? Warum?‘, vernahm er überrascht das leise Schluchzen. Kurz darauf klopfte es an der Tür. Er schaltete den Lautsprecher aus und machte die Aufnahme klein, damit sie vom Bildschirm verschwand.
„Herein.“ Es betraten Sora und sein großer Sohn das Krankenzimmer.
„Oh, was ist passiert?“
„Hallo Herr Taylor, oder muss ich jetzt Doktor Taylor sagen?“, grinste der Mannschaftskapitän.
„Das passt schon. Was ist passiert, Jungs?“ Die beiden großen Sportler betraten das Zimmer und schlossen die Tür hinter sich.
„Also Ihr Großer hier hat mich geschubst und da habe ich irgendwie das Gleichgewicht verloren und bin umgeknickt. Jetzt ist meine Hufe schon richtig dick geworden.“, grinste Sora und stieß Tangaroa freundschaftlich an den Arm. Tangaroa war nicht so begeistert, dass er sich seinetwegen verletzt hatte.
„Tut mir leid.“
„Blödmann. Wenn du es nicht bist, macht es ein Gegner. Kommt aufs Selbe raus.“, knurrte der Kapitän ihn an. Der Doktor grinste nur und zeigte an, er solle sich auf die Liege setzen. Sein Sohn stützte seinen Freund dabei ab. Dr. Taylor untersuchte notdürftig den dicken Fuß und organisierte etwas zum Kühlen.
„Das solltest du röntgen lassen. Ich schreibe dir eine Überweisung, damit du morgen früh gleich drankommst. Jetzt solltest du erst einmal Ruhen und viel kühlen.“, erklärte er.
„Eine Zerrung oder sowas?“
„Vermutlich, aber genaueres kann nur ein Bild liefern. Ich bin leider nicht Superman. Wir können hier leider nicht röntgen.“, grinste er und ging an den Schrank neben dem Waschbecken. Er holte zwei große Stützen heraus und kam wieder auf ihn zu und stellte diese neben die Liege.
„Och nee, echt jetzt?“, stöhnte Sora auf.
„Tut mir leid, aber du solltest kein einziges Risiko eingehen. Du willst doch Profi bleiben oder nicht?“
„Verdammt und übermorgen ist das Spiel.“, murrte Sora rum.
„Das wird jetzt ein paar Wochen nichts.“, belehrte der Doktor streng.
„Das wird ein hartes Spiel ohne dich.“, schaute Tangaroa ebenso betrübt. Sora stieß ihn wieder an.
„Spinnst du? Wo ist dein Optimismus hin? Du bist schon seit gestern so komisch drauf. Überhaupt nicht bei der Sache. Am Montag warst du noch gut drauf. Was ist denn plötzlich los mit dir?“ Tangaroa verschränkte die Arme und schaute zur Seite.
„Gar nichts. Was soll denn sein?“
„Irgendwas stimmt mit dir nicht. Hast du dir doch noch Hoffnungen gemacht bei Tina und bist nun traurig, dass da nichts wird?“, sprach er einen wunden Punkt an.
„Am besten du wechselst das Thema.“, knurrte er ihn etwas an.
„Also doch. Wie war denn euer komisches Date? Du hast noch gar nichts erzählt, nur dass es nichts wurde.“
„Das…war kein Date.“
„Was war das denn dann? Irgendwie muss es ja für dich Hoffnung gegeben haben, sonst wärst du am Montag schlecht gelaunt gewesen.
Aber seit gestern dann bist du so komisch drauf.“
„Hm, na ja…vermutlich. Ich…ich werde nur nicht schlau aus ihr.“
„Verstehe ich nicht. Warum?“ Tangaroa ging zum Fenster und atmete tief durch.
„Vater habe ich es gestern schon erzählt, was…passiert ist.“ Dieser hob die Hand und verkroch sich hinter dem Bildschirm.
„Ich bin gar nicht da. Mit einem Freund zu reden, ist jedoch immer eine gute Idee.“, meinte er nur ruhig, öffnete kurz das Kamerabild und kontrollierte seine Patientin. Er sah wie sie auf dem Bauch lag und das Handy in der Hand hielt. Dann legte sie es neben sich auf den Tisch, stand auf, schloss das Fenster, legte die Decke und das Kissen auf den Fußboden, nahm das Handy wieder und legte sich auf den Fußboden auf die Decke. Dann lag sie auf dem Bauch und legte das Handy neben sich. Es wunderte ihn, dass sie nicht im Bett liegen blieb.
‚Ob sie Angst hat aus dem Bett zu fallen? Ist es das, was sie sorgt?‘, vermutete er und machte dann die Aufnahme wieder auf Minimal.
„Gestern nach der großen Mittagspause…wollte ich zu ihr gehen. Ich wollte fragen warum sie den Schülerrat nicht machen möchte und ihr zusprechen, aber dann…sah ich…wie sie…sich geküsst haben.“, sprach Tangaroa leise und sehr betrübt, sah zu Boden und sein Puls stieg an. Dieser Anblick war einfach nicht zu ertragen.
„Wie jetzt? Wen denn? Das glaube ich dir nicht. Mit wem soll sie sich denn geküsst haben?“
„Ist…egal. Ich…verstehe es nur einfach nicht. Sie machte doch den Eindruck mich zu mögen, sie wurde sogar mal verlegen, ganz sicher und dann…bei unserem Treffen…da tauchte der kleine Makoto auf und brachte ihr ihre goldene Haarspange wieder. Danach war sie plötzlich wieder abweisender und erzählte mir, dass es zu früh für sie sei, einen Freund zu haben. Sie habe wohl jemanden in Deutschland zurückgelassen und es sei noch zu früh, zu viele Gefühle für ihn. Deswegen…deswegen verstehe ich es nicht. Es…klang doch so ehrlich…und…ich verstehe das doch auch, aber…dann das?“ Dann machte er eine Faust.
„Und dann ausgerechtet dieser Kerl.“, murrte er.
„Oh, echt. Das hat sie dir gesagt? Also ich weiß ja nicht. Ich glaube nicht, dass sie eine Lügnerin ist. Klaro hatte ein hübsches Mädchen wie sie schon einen Freund. Vielleicht hast du nur einen falschen Blickwinkel gehabt und es sah nur wie ein Kuss aus. Wer war es denn?“
„Die Sicht war frei. Da war nichts falsch zu sehen.“
„Und wer war es dann? Hier hat doch weiter keiner dem Mumm in den Knochen sie überhaupt anzusprechen.“
„Es war…Okawa.“, sprach er fast zornig und machte noch eine zweite Faust. Dann drehte er sich zu seinem Freund um.
„Itachi, ausgerechnet…der.“ Sora war verdutzt. Der Doktor sah ebenso auf.
‚Okawa? Der Name sagt mir doch was. Als ich gestern die Schicht übernahm, lag noch seine Akte mit einen dutzend anderen hier rum. Ich musste sie erst alle einsortieren. Seine war von allen nicht im PC eingetragen und ganz frisch.‘
„Das ergibt doch gar keinen Sinn. Bist du sicher? Den kann sie doch gar nicht leiden.“
„Ich weiß auch nicht. Immerhin…hat er sich bei ihr bedankt…dass sie Sayaka geholfen hat.“
„Naja, immerhin ist sie seine Freundin. Schon das würde mich wundern.“ „Quatsch…ist sie nicht. Sayaka…ist mit Ichiro zusammen. Das war die ganze Zeit nur ein Spiel. Wir sollten glauben, dass die ein Paar sind. Ich weiß nur nicht so richtig wieso. Meinen Infos nach, damit die anderen sie einfach in Ruhe lassen. Dass mit Ichiro weiß ich jetzt auch erst von dem kleinem Makoto, weil er es erwähnte, als er ihr die Haarspange wieder gab.“
„Oh, echt? Letztendlich kann ich mir das nach der Aktion gestern nach dem Unterricht, trotzdem nicht vorstellen. Diese Prügelei auf dem Schulhof war echt der Bringer. Okawa hat sich selbst übertroffen mit dieser Show. Ein gelungener Abschied“
„Die habe ich nicht gesehen. Die Leute reden nur drüber. Was war denn da wirklich?“
Sora erzählte von der Situation. Er war selbst auf dem Hof und bekam mit Yako zusammen alles von Beginn an mit.
„Die drei fingen plötzlich an sich zu prügeln und Itachi musste sich gegen beide gleichzeitig behaupten. Er ist gut und man merkt, dass er Ahnung vom Kämpfen hat. Dann mischten sich bald die sieben Kerlen ein, die sich sonst über die anderen hermachen. Alle auf Itachi bis seine Freunde sich unerwartet auf seine Seite schlugen. Statt ihn, griffen sie nun zu dritt die Sieben an und machten echt fertig. Irgendwann kamen dann andere dazu und halten den dreien bis auf einmal bestimmt an die 30 Leute in einer Massenschlägerei endeten und die Sieben am Boden lagen. Und dann…dann tauchte unsere gelbe Füchsin plötzlich auf.“, grinste er und erzählte die Geschichte weiter.
„Keine Ahnung was sie ihnen sagte, aber sie ging einfach nur um den ganzen Haufen herum, sprach einige der eigentlichen Opfer an und innerhalb weniger Minuten löste sich die Schlägerei auf und die machten alle was sie sagte. Ich wüsste zu gerne was sie ihnen gesagt hat, dass sie aufgehört haben.
Aber das Beste kam zum Schluss.
Da fragte er sie doch glatt lauthals, ob sie eine Sondererlaubnis hat sich die Beine zu rasieren. Ist ja an sich verboten.“ Tangaroas Vater stutzte und sah über den Bildschirm.
„Ist die Kleine nicht aus dem Schwimmerkader gekommen? Bei Wassersportlern ist das normal.“, meinte er dann nur, um die Frage gleich zu beantworten.
„Jo, das sagte sie ihm dann auch, und es sei gelasert, nicht rasiert. Und dann…ich weiß gar nicht ob ich das sagen kann, jetzt…hier vor deinem Vater?“
„Ich kann auch die Ohren zuhalten, aber letztendlich bleiben eure Gespräche hier im Raum.“
„Hm, nun gut. Stimmt. Aber ich will ja nicht, dass Sie was Falsches über dieses Mädchen denken. Wer weiß, ob sie hier mal während Ihrer Vertretung auftaucht.“
„Was hat er denn nun noch gesagt oder gemacht? Die anderen haben mich heute schon wieder so seltsam angeguckt.“, brummte Tangaroa plötzlich.
„Er…hat sie gefragt, ob sie…naja…gleich alles hat lasern lassen. Wenn du weißt, was ich meine?“ Soras bester Freund lief plötzlich rot an und drückte seine Fäuste fester.
„Was…das…geht doch niemanden was an!“, fauchte er wütend.
„Pst…nicht zu laut, Großer. Ich habe nebenan einen Patienten liegen.“, mahnte sein Vater leise.
„Klar, dass du da rot wirst. Die anderen auf dem Schulhof haben ähnlich reagiert, auch die Mädchen. Du hast aber vor allem…ihre Antwort verpasst. Eins ist klar, nicht mal Yako hätte so derart cool reagiert. Sie hat sich danach eher darüber amüsiert.“ Die Blicke waren auf ihn gerichtet.
„Darauf…hat sie geantwortet?“, stotterte Tangaroa leise.
„Es war weniger eine Antwort, eher eine Ansage, auf die typische Tina-Art. Die kam gleich darauf lachend aus ihr herausgeschossen. Sie hat nicht ein klein wenig Verlegenheit gezeigt.“, lehnte er sich zurück und grinste vor sich hin.
„Diesem Mysterium wirst DU jedenfalls niemals auf die Spur kommen.“, zitierte er sie auf ihre Art. Tangaroa wusste nicht was er dazu denken sollte und verstummte einfach nur. Sein Vater hingegen hielt sich die Hand vor den Mund und musste sich das Lachen verkneifen. Es kam stattdessen nur ein Kichern. „Wieso lachen Sie denn? Ich bin erstaunt, dass Sie überhaupt darüber lachen können.“, kam von Sora. Tangaroa brachte sich ebenso ein und sah seinen Vater überrascht an.
„Das ist ja wohl echt frech. Fragt er sowas vor allen Leuten. Was geht ihn das denn überhaupt an?“ Der gestandene Mann blickte seinen Sohn an.
„Ganz einfach…das war eindeutig eine Provokation. Ich kenne ja den Jungen nicht, aber, um die Antwort an sich, ging es ihm vermutlich nicht, sondern nur, darum, sie aus der Reserve zu locken.
Mit dieser Reaktion hat er vermutlich nicht gerechnet. Was war denn seine Reaktion darauf?“ Sora grinste und hob die Hand.
„Er forderte eine sofortige Wahl des neuen Schülervertreters. Er meinte dann, sie hätte bereits seine Stimme und fragte, wer sie noch als Mädchenvertreterin wählen will. Die Wahl soll eigentlich erst in einer Woche stattfinden. Die Vorschlagliste stand gestern seit der Mittagspause im Flur. Tina stand da mit drauf, aber sie strich sich selbst dann einfach durch. Keine Ahnung wieso.“
Die beiden Taylors sahen sich überrascht an.
‚Seltsamer Typ. Er würde sie wählen? Sohn, bist du wirklich sicher, dass du da nicht doch was falsch verstanden hast? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass sie sich mit jemanden einlässt, kurz nach eurem Treffen, der sie vor allen anderen herausfordert und versucht sie zum Schulsprecher zu machen?‘
„Ein Mädchen? Seit wann werden denn hier Mädchen gewählt?“, hinterfragte der Vater.
„Das ist neu. Durch die Schüsselaktion letzte Woche wurde eine neue Regelung eingeführt. Es sollen sich allgemein viele Dinge ändern. Am Montag gaben die Lehrer das alles bekannt. Es gibt nun als Klassensprecher immer ein Junge und auch ein Mädchen. Ebenso als Schülerrat. Tina wurde von ihrer Klasse neben Jun gewählt. Und dann soll es weitere Vertrauenslehrer geben. Bisher hat das ein Lehrer gemacht und der Schulpsychologe. Jetzt sind zwei Lehrerinnen dazugekommen.“, erklärte Sora.
Die Therapie Teil IV oder Erster Versuch
Kapitel 184
Die Therapie Teil IV oder Erster Versuch
Inzwischen war eine Stunde vergangen und die Uhr schlug 17:30 Uhr. Dr. Taylor klopfte an die Tür des Ruheraumes, um Tina zu wecken. Sie schlief gerade mal 30 Minuten. Eigentlich war ihre Zeit um, doch dann ist sie kurz vorher doch eingenickt und er hat sie natürlich schlafen lassen. Kurz nach ihrem Einschlafen ging er ins Zimmer und legte ihr eine Decke über sie, da sie auf der anderen lag und das Fenster offenblieb. Es kam keine Antwort, also ging er ins Zimmer und sah zu ihr herab. Sie war zwar auf dem Bauch eingeschlafen, aber inzwischen hatte sie sich aus Gewohnheit wieder auf den Rücken gelegt und lag nur noch zur Hälfte auf der Zudecke. Die zweite Zudecke war vom Bewegen nur noch über ihren Beinen. Er schloss das Fenster, bewusst nicht zu leise, in der Hoffnung sie würde davon wach werden. Dann sah er zu ihr herab und ihr Gesicht war fröhlich und lächelte. Tinas Arme waren jeweils weit von sich gestreckt und auch ihre Beine nahmen viel Platz ein. Er musste schmunzeln.
‚Ist schon niedlich, wieso hat sie Schlafprobleme, wenn sie doch schläft wie ein Baby? Ihre selbstbewusste Art spiegelt sich im Schlaf wider. Sie weiß scheinbar genau wie sie schläft und, dass sie sich so ausbreitet, deswegen war es ihr sicher hier unten sicherer. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihr den Futon hingelegt, statt ihr die Liege anzubieten.‘
„Frau Fuchs, aufwachen. Guten Morgen.“, versuchte er es auf die gleiche Art wie Martin es getan hatte. Zuerst sprach er sie an. Keine Reaktion. Dann ging er zum Waschbecken und bereitete ein feuchtes Tuch vor und hielt es unter den Wasserhahn. Kurz darauf vernahm er hinter sich ein leises Brabbeln.
„Lauf…lauf…Yako…schneller.“, konnte er nur deuten und wunderte sich sehr.
Was habe das nur zu bedeuten? Sie schient vom Spielen zu träumen. So seine Gedanken.
Tinas Augenlider bewegten sich aufgeregt hin und her und dann plötzlich bewegten sich ihre Hände vor und bevor sie ein weiteres Mal etwas zusammenzuckte, riss sie die Augen von selbst auf. Doktor Taylor stand mit dem feuchten Tuch noch am Waschbecken, denn er blieb bewusst außer Reichweite, solange es nicht gefährlich aussah.
‚Ein Spiel oder ein Albtraum? Was war das eben?‘, vermutete er.
Tina richtete sich ruhig auf, zwar war sie etwas aufgeregt, aber sie bemerkte sofort wo sie war und atmete mehrmals tief durch, um sich zu konzentrieren.
„Doktor Taylor, ich…bin eingeschlafen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich es schaffe.“, lächelte sie ihn glücklich an. Er grinste freundlich zurück, wrang das nasse Tuch aus und hing es auf den Abtrockständer.
„Das ist sehr gut. Ein gutes Zeichen. Ich würde mir jetzt gerne Ihre Narbe am Kopf ansehen. Es können sicher heute die Fäden raus.“ Er ging ohne weiter etwas zu sagen ins Behandlungszimmer zurück. Tina stand auf und zog sich ihre Joggingjacke wieder an. Sie hatte sich bewusst nur ihn ihren Laufsachen her begeben, damit sie nicht so viel ausziehen musste und im Rock wollte sie nicht schlafen gehen.
Bald saß sie auf dem Stuhl und hielt beim Ziehen der Fäden die Haarspange in den Händen.
„Am Kopf ist es besonders gemein, ich kenne das selbst. Mit langen Haaren ist es auch für mich gar nicht so leicht.“, versuchte der Doktor etwas locker mit der unangenehmen Situation umzugehen.
„Das geht schon, es gibt Schlimmeres. Letztendlich bin ich doch selbst schuld.“, meinte Tina locker und zuckte nur mit den Schultern.
„Was wäre denn schlimmer?“, hakte er nach und versuchte auf sie einzugehen. „Na ja, wenn mich Ihr Sohn nicht rechtzeitig gefunden hätte, das wäre sicher schlimmer gewesen, oder?“
„Er hat es Ihnen doch noch erzählt?“
„In einem Brief geschrieben, ja.
Wie geht das jetzt weiter hier? Ich muss nun jeden Tag herkommen?“
„Genau. Wir werten kurz noch das Röntgenbild aus und dann können Sie für heute gehen.“
„Das klingt aber nicht gut.“
„Hat Ihnen der Röntgen-Arzt denn bereits etwas dazu gesagt?“
„Nein, gar nichts. Ich habe es nicht einmal angesehen. Ist denn was zu sehen?“ „Ich erkläre es Ihnen dann gleich, wenn wir es ansehen, okay?“ Tina wurde etwas stutzig. Nicht gleich darüber zu reden, machte sie unruhig.
‚Irgendwas scheint nicht zu stimmen. Das gefällt mir gar nicht.‘
„Solange ich nicht noch länger pausieren muss oder kein Volleyball mehr spielen darf, ist alles gut.“, versuchte sie ihm gleich die wichtigsten Infos zu entlocken. Er grinste und beruhigte sie.
„Soweit alles okay. Letztendlich hängt alles von Ihnen selbst ab. Keine Sorge.“ Sie atmete tief durch.
„Dann ist ja gut.“
Bald wurde der letzte Faden gezogen und er versuchte so vorsichtig wie möglich die Haare zu richten.
„Sie können es auch selbst machen. Frauen und ihre langen Haare, da haben wir Männer meistens nicht mitzureden.“, lachte er etwas und gab ihr den Kamm. Sie sah grinsend zu ihm auf.
„Das ist wohl wahr. Ich bin froh, dass sie endlich so lang sind. Etwas abzuschneiden, wäre sehr schade gewesen.“ Tina stand auf und ging zum Spiegel, um sich die Haarspange wieder anzustecken.
„Ich würde Ihnen empfehlen die Spange eine Weile auf der anderen Seite oder woanders zu tragen. Durch ihr Gewicht liegen die Haare noch zu dicht an der Wunde.“, sprach er ruhig und hoffte, dass sie es verstand.
„Danke für den Tipp, aber sie muss genau an ihren Platz. Das geht schon. Ich passe auf.“
„Ich verstehe, sie ist Ihnen sehr wichtig.“ Tina atmete tief durch.
„Ja, das ist sie.
Ich will ehrlich zu Ihnen sein, ebenso wie ich es zu Tangaroa war.“ Sie drehte sich zu ihm um und sieht ihm ernst in die Augen.
„Sie war ein Geschenk, ein Geschenk von dem Jungen, den ich in Deutschland zurücklassen musste. Ich kann nicht ignorieren, was mal war und für etwas neues ist es zu früh. Ich benötige außerdem jede Minute, um hier in Japan endlich die Sprache richtig zu können, den ganzen Schulstoff aufzuholen und um zu einem sinnvollen Tagesrhythmus zu kommen, sonst wäre ich ja nicht hier. Dafür haben Sie doch sicher Verständnis.“ Er war sehr überrascht wie offen sie zu ihm sprach.
„Ich kenne solche Situationen. Es ist richtig, sich zuerst um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist. Ihren Abschluss.“ Tina lächelte ihn an.
„Genau. So ist es.“ Die Oberschülerin ging ihm aus dem Blickfeld und holte ihre Sachen aus dem Ruheraum. Dann kam sie wieder zur Tür herein und sah ihn fragend an, als sie mit ihm zusammen auf das Röntgenbild sah.
„Und? Wie schlimm ist es wirklich?“
„Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich bewusst keine unnötigen Fragen stelle, aber in diesem Falle, kommen wir da nicht drum rum. Sie wollen doch noch im Profisport bleiben?“
„Ja natürlich. Ich muss schauen ob ich gut genug dafür bin, aber im Grunde schon.“, meinte sie betrübt.
„Sehen Sie das hier? Und diese Stelle? Ich musste mir sie beide erst einmal einscannen und vergrößern.“ Er holte zwei Ausdrucke vom Tisch und zeigte sie ihr.
„Dieser winzige Riss, sieht aus wie ein unscheinbares Haar, ist vermutlich bereits ein Jahr alt. Das liegt ein wenig über der Narbe, die ich gestern genäht habe und zu Ihrer aktuellen Verletzung gehört. Das hier, ist die Prellung von gestern. Kurz darunter, sie ist nach den zwei Wochen nicht mehr zu spüren, solange Sie aufpassen.
Das ältere jedoch, es scheint nie richtig verheilt zu sein. Und dann das hier.“ Er zeigte das zweite Blatt.
„Das ist eine Rippe. Hier an der Seite, sehen Sie? Eine Spur von einer Prellung. Die scheint jedoch noch nicht alt zu sein, aber ebenso wenig auskuriert. Ich vermute die Verletzung stammt aus der Sommerzeit. Es ist unbedingt nötig, dass Sie sich jetzt extremst schonen. Diese zwei Wochen dürfen Sie weder laufen, noch sonst irgendeinen Kraftsport machen. Nur dann können wir hoffen, dass die alten Verletzungen sich mit regenerieren. Die neue ist gar nicht so schlimm, aber die beiden alten könnten später zu großen Problemen führen, nicht nur im Sport, sondern auch wenn Sie älter werden. Schonen Sie sich nicht jetzt, dann könnten Sie beim weiteren Profisport irgendwann plötzlich aufhören. Man weiß leider auch nie wann mal wieder etwas passiert. Verletzungen gehören dazu, aber…“
„Schon gut! Ich habe es verstanden. Ich kenn die Sprüche.“, unterbrach sie ihn laut und deutlich. Ihre feste Stimme verdutzte ihn sehr und als er in ihr Gesicht sah, konnte er viel Enttäuschung sehen.
„Sie kennen die Verletzungen und wissen genau was sie verursacht hat, nehme ich an.“ Tina nickte und starrte nur auf die große Aufnahme. Nun konnte sie die Unfeinheiten auch auf der normalen Aufnahme erkennen.
‚Karl-Heinz…wie konnten wir nur immer so dumm sein? Nein…wie konnte ich so dumm sein?‘ Sie kniff die Augen zu und ihr Puls stieg enorm an. Die Vorstellung, dass sie ihre Gesundheit so sehr mit dem Ignorieren ihrer Schmerzen gefährdet hatte, ließ sie auf sich selbst wütend sein. Sie wusste das doch eigentlich auch und Doktor Stein hatte es immer wieder betont, dass sie vorsichtiger sein muss und sich Auszeiten gönnen muss. Am liebsten hätte sie losgeweint, aber das konnte sie doch jetzt nicht vor Tangaroas Vater. Stattdessen lenkte sie sich wieder von ihrem Kummer ab und zeigte auf das Bild.
„Welche von den beiden Verletzungen ist die Schlimmste?“, fragte sie dann und zeigte auf die jeweiligen Stellen.
„Die auf der Rippe. Es ist zum Glück kein Bruch, aber bei einem schwereren Unfall kann es das noch werden. Sie haben Glück, denn durch Ihre allgemeine gute Muskulatur kann das schnell heilen. Vermutlich ist es deswegen auch etwas verheilt, aber eben nicht ausreichend, um Profisport zu betreiben.“, erklärte er. Tina fasste sich ans Herz und lächelte glücklich.
„Dann…bleiben die Narben wo sie sind. Ihnen…habe ich die schützende Muskulatur zu verdanken.“ Sie drehte sich plötzlich um, sah lächelnd zu ihm auf und legte eine klare Spielregel fest.
„Ich komme jeden Tag wie heute, werde morgen mein Schachbrett mitbringen und wir spielen. Anders halte ich das nicht aus.“ Irritiert sah er sie an.
„Wie, Ihr Schachbrett?“
„Sie spielen doch Shogi, oder nicht? Ich war heute im Kurs und Ihr Jüngster saß da. Ich nehme an, er hat das Spielen von ihnen gelernt?“
„Oh, ja. Das hat er wirklich. Okay. Sie bringen ein Spiel mit?“
„Genau. Denken Sie sich schonmal einen ersten Zug aus, Sie beginnen.“
„Ich bin erstaunt, dass Sie überhaupt spielen können. Spielt man in Europa nicht eher das normale Schach?“ Tina grinste.
„Komme ich Ihnen denn „normal“ vor?“ Er grinste und schüttelte den Kopf. Dann ging er zum Lichtbrett, schaltete das Licht aus und entfernte das Röntgenbild.
„Sie haben erneut meinen Respekt, Doktor Taylor.“ Er war erstaunt und sah sie verwundert an.
„Okay. Jetzt verwirren Sie mich aber. Warum das?“
„Sie fragen gar nicht nach dem Ding, was da in mir steckt. Sonst werde ich gefragt. Und Sie fragen wieder nicht, wo die Narben oder das mit der Rippe herkommen. Deswegen. Vielen Dank, dass Sie mich respektieren.“ Sie sahen sich für einen kurzen Moment einfach nur nachdenklich an.
‚So offen wie die Kleine hier mit mir redet…glaube ich immer mehr, dass Sora Recht hatte, als er meinte, dass das was Tangaroa gesehen hat, kein Kuss gewesen sein kann. Er habe sie nur mit ehrlichen und offenen Meinungen kennengelernt. Er glaube nicht, dass sie jemals jemanden etwas vormachen würde, auch wenn sie ihre Geheimnisse hat. Sohnemann, bist du sicher, dass du dich nicht getäuscht hast?‘
„Für die Behandlung ist es unerheblich wo die Verletzungen herkommen. Solange Sie selbst wissen was passiert ist und in Zukunft besser auf sich aufpassen, ist es irrelevant für mich und meine Diagnosen. Es ist nur wichtig, wenn es hier passiert.
Hinzu kommt es, dass dieses „Ding“, wie Sie sagten, keine Relevanz für mich darstellt. Es sagt mir lediglich einen medizinisch wichtigen Aspekt aus, dass Sie zum Frauenarzt gehen und einer regelmäßigen Kontrolle unterliegen. Das ist in Ihrem Alter sehr wichtig, aber viele machen es noch nicht. Für mich jedoch, ist es ansonsten bedeutungslos.“
„Hm, das sah der Röntgentyp aber anders. Er hielt mir einen halben Vortrag, dass ich zu jung dafür sei und was ich mir dabei denke und so weiter.“, plapperte sie frei raus und machte Fäuste, denn ihr kamen die unangenehmen Blicke des Mannes wieder in Erinnerung. Es war unangenehm, aber das Bild wurde ja gebraucht. Tina war alleine dort, da sie es gerne versuchen wollte, alles so gut es ging alleine zu klären. In Deutschland hätte sie doch auch alleine hingehen können.
„Das war sehr anmaßend. Ein Röntgenarzt hat allgemein keine Meinungen abzugeben, sondern nur die Fotos zu machen und sie weiterzuleiten. Nur wenn er selbst der behandelnde Arzt ist, dann kann er selbst entscheiden, ob er seine Patienten belehren will oder nicht.“
„So sehe ich das auch. Und wissen Sie was? Der Herr sollte lieber vor seiner eigenen Haustür kehren.“
„Wie meinen Sie das?“
„Naja, mir Vorwürfe machen wie ich zu leben habe, aber er selbst zog mich gedanklich ja quasi schon vor der Untersuchung halb aus. Ich kann zwar keine Gedanken lesen, aber den einen oder anderen Blick kenne ich schon. Und seine Äußerungen waren ziemlich vulgär und unangebracht. Der hat vermutlich noch nie eine Blondine gesehen. Ich will nicht wissen was der gedacht hat.“, machte sie sich freie Luft.
„Wirklich? Waren Sie alleine bei ihm?“, hakte er nach.
‚Das klingt komisch. Was ist das denn bitte für ein Arzt?‘
„Ja, war ich. Wieso?“
„Leider ist niemand weiter in der Nähe. Gehen Sie in Zukunft vielleicht nicht unbedingt alleine hin. Ich werde es den anderen in Zukunft auch raten.“ Tina machte große Augen.
„Oh, glauben Sie das kommt öfters vor? Lag es nicht an mir alleine?“
„Das weiß ich nicht. Ich kenne den Mann nicht. Es klingt aber komisch.“
„Sollte ich es der Polizei melden? Nachdem das hier mit diesem Mädchen vor meiner Ankunft passiert ist, sind viele noch immer nervös. Der Täter ist zwar gefasst und auch die ominösen Überfälle haben aufgehört, aber man merkt, dass die Leute noch vorsichtig sind.“
„Das stimmt. Aufmerksam sein, kann nie schaden. Die Polizei da gleich zu rufen, wäre sicher voreilig. Solange er nichts macht. Gedanken sind nicht strafbar.“ Tina nickte ab.
„Sie haben Recht. Gibt halt solche Menschen und solche. Nun gut.“, rollte sie mit den Augen und ging Richtung Ausgang. Doch dann hielt sie vor der Tür an und drehte sich erneut zu ihm um.
„Jetzt, muss ich doch was privates fragen.“, begann Tina ein anderes Thema.
„Ist okay.“
„Wie geht es Tangaroa heute? Ich habe das Gefühl, dass er mir bewusst ausweicht. Den ganzen Tag schon. Gestern hatte ich leider gar keine Möglichkeit ihn anzusprechen, um mich bei ihm zu bedanken. Heute Morgen war er plötzlich weg, als ich zu ihm gehen wollte, heute Mittag habe ich ihn in der Kantine gar nicht erst gesehen und vorhin wich er mir wieder aus.“
„Wofür wollten Sie sich bei ihm bedanken?“
„Na für sein Geschenk und für seine Hilfe, letzte Woche.“
„Hm, ich weiß zwar nicht was Sie für ein Geschenk meinen, aber für die Aktion im Wäldchen müssen Sie sich bei ihm nicht bedanken. Das war für ihn selbstverständlich.“, sprach er ehrlich und ernst zugleich. Tina stutzte.
„Und warum weicht er mir dann aus? Wenn ich jetzt gleich zu ihm zum Trainingsplatz gehe, weicht er mir dann auch wieder aus oder was wird er mir dann für einen Grund sagen?“, setzte sie unerwartet einen ernsten und herausfordernden Blick auf und sah direkt zu ihm auf.
‚Oha, das nenne ich mal einen Blick. Wie kann denn ein hübsches Mädchen wie sie nur so herausfordernd gucken?‘
„Sie wollen es wirklich wissen?“ Tina nickte und lächelte wieder.
„Wenn er es mir nicht sagen kann, weil er zu schüchtern ist, dann tun Sie mir bitte den Gefallen. Ich kann mir ja vorstellen, dass er auf mich sauer ist oder enttäuscht, aber eigentlich sagte er bei unserer Verabschiedung, dass es nicht so wäre und er mich versteht. Letztendlich hat er doch selber keine Zeit für irgendjemanden, wenn er lernen muss.“ Doktor Taylor ging zum PC.
„Hm, er ist etwas irritiert, um es genau zu sagen.“, sprach er dann deutlich und stellte sich ans Fenster und sah dann zu ihr.
„Irritiert? Warum das denn? Ich war doch sehr ehrlich zu ihm. Sogar von der Haarspange habe ich ihm erzählt, damit er weiß, dass ich es ehrlich meine und es keine Ausrede ist. Er wusste von Vornherein, dass wir kein Date hatten, sondern nur eine Art freundschaftliches Kennenlernen.“
„Das war auch so. Jedoch, als ich ihm gestern vor meinem Dienst begegnete und er mir die Unterlagen vom Direktor brachte, da war er sehr niedergeschlagen. Daraufhin fragte ich nach und ja, ich kann ihn verstehen. An seiner Stelle wäre ich auch etwas irritiert.“
„Aber wieso denn? Weil ich am Montag gefehlt habe? Ich war noch bei meinen Freunden und bin eine Nacht länger geblieben. Offiziell war ich krank. Das behalten Sie doch aber jetzt für sich?“
„Bei Ihren Freunden?“
„Ja, ich habe mit meinen Eltern Freund besucht und die sehe ich so schnell nicht wieder. Sie wohnen in Europa und waren mal wieder hier, bei der Familie. Und jetzt wo wir hier leben, muss man die Gelegenheit doch nutzen. Mir ging es nicht so gut und da bin ich gleich einen Tag länger geblieben.“
„Ich sage nichts. Nun gut. Mit dem freien Tag hat es nichts zu tun.
Nun gut, Sie versuchen sehr offen mit mir zu reden. Dann werde ich das jetzt auch auf meine private Art tun.“ Er verschränkte die Arme und sah sie streng an.
„Er…hat Sie gesehen. Das verwirrt ihn etwas.“, haute er dann offen raus. Tina stutzte.
„Was hat er gesehen?“, war sie verdutzt und ging auf ihn zu und sah zu ihm auf. „Sie waren vermutlich zu beschäftigt oder zu abgelenkt ihn zu bemerken. Tangaroa…hat…den Kuss mit einem anderen Jungen gesehen.“ Tinas Puls stieg enorm an, ihr Herz schlug enorm und aus ihrem ernstem Blick wurde ein verlegenes Wegsehen.
‚Tangaroa…oh nein. Das tut mir so leid. Wie konntest du es mitbekommen? Das muss…ein sehr kurzer Moment gewesen sein…sonst hättest du…es verstanden und sicher eingegriffen. Itachi bringt alles durcheinander…nervig.‘
„Das…ist ein Missverständnis. Er muss…zu wenig gesehen haben. Jetzt diese Gedanken zu haben…das hat Tangaroa nicht verdient.“ Sie wich ihm aus und ging Richtung Tür.
„Ich werde ihm sofort beim Training ansprechen und das klarstellen.“
„Was gibt es denn für ein Missverständnis bei einem Kuss?“, sprach er sie zwar ruhig, aber mit provozierendem Ton an. Wieder blieb sie stehen und drehte sich um.
„Sie glauben mir nicht? Denken Sie, er wird mir auch nicht glauben?“ Er zuckte mit den Schultern.
„Sieht schlecht aus, würde ich sagen. Sein Blickwinkel war scheinbar nicht so, dass es was falsch zu verstehen gab.“ Ein Schmerz machte sich in Tinas Brust breit. Die Situation im Flur mit Itachi war ihr ohnehin noch unangenehm, vor allem, weil er sie mit seiner Aktion völlig überrumpelt hatte und ihre Gedanken total durcheinanderbrachte. Diesmal konnte sie seinetwegen nicht ruhig schlafen. Ständig ging ihr dieser dumme Kuss und die seltsame Nähe nicht aus dem Kopf. Nachdenklich sah sie in den Raum hinein und suchte nach einer Lösung für ihr Problem.
„Es gibt Beweise.“, haute sie dann plötzlich raus und sah fester Überzeugung zu ihm auf. Er stutzte und war überrascht.
„Was denn für Beweise? Was sollen die denn beweisen? Dass es keinen Kuss gab?“ Dann grinste sie, hob die linke Hand und huschte schnell an ihm vorbei zum Patienten-Aktenschrank. Er war noch geöffnet, weil Taylor ihre Akte hineinlegen wollte. So wusste sie, dass es nicht abgeschlossen oder abgeriegelt war. Sie griff an die oberste Schublade und fing an sich durch die Namen zu lesen.
„Mist…diese doofen Schriftzeichen.“, fluchte sie dann vor sich hin und blätterte eine nach der anderen langsam durch, in der Hoffnung die richtige Kombination zu finden. Tangaroas Vater eilte zu ihr und stellte sich dann neben den Schrank und legte die Hand auf ihre.
„Schluss jetzt damit. Sie wissen genau, dass Sie hier nicht rangehen dürfen.“ „Aber…die Beweise…sie stehen bestimmt in seiner Akte. Er war auf jeden Fall gestern hier.“
„Hände aus dem Schrank!“, forderte er streng. Tina sah enttäuscht zu ihm auf und ließ sich von ihm nicht von ihrem Willen abbringen. Sie beließ die Hände im Schrank liegen.
„NEIN. Ich lass das bestimmt nicht auf mir sitzen, klar?! Tangaroa muss es ja nicht lesen, aber wenn Sie es lesen, dann können Sie es ja einfach bestätigen, nachdem ich es ihm selbst erzählt habe. Das ist doch dann kein „Reinsehen“, oder?“
„Doch das ist es trotzdem. Wen suchen Sie denn überhaupt?“
„Okawa, Itachi Okawa.“
„Ich weiß wo die Akte liegt. Nehmen Sie die Hände aus dem Schrank.“ Tina staunte nicht schlecht und diesmal gab sie nach. Er schloss den Schrank und verriegelte ihn diesmal gleich.
„Sie sind Gemein. Ich habe gedacht, dass Sie die Akte herausholen.“ Taylor ging zum Schreibtisch, ohne ein einziges Wort zu sagen. Dann griff er in eine Schulblade und holte einen Hefter heraus.
„Dann geben Sie mir mal einen wirklich driftigen Grund, warum ich jetzt hier aus privaten Gründen in diese Akte sehen soll? Was hat eine Krankenakte mit dem angeblichen Missverständnis zu tun?“ Tina staunte nicht schlecht.
„Nur ein Hefter? Da sind doch nicht mal vier Blätter drin? Von drei ganzen Schuljahren?“
„Dazu kann ich nichts sagen. Ich kenne weder den Jungen, noch seine Akte. Ich bin nur zur Vertretung hier.“
„Und wieso wussten Sie dann gleich, dass sie dort liegt?“, zweifelte sie an seiner Aussage.
„Weil ich gestern vor meine Ankunft einen riesigen Stapel wegsortieren musste und diese hier fiel auf, da sie keine Hängefunktion hatte, sondern nur ein einfacher Schnellhefter war. Deswegen ist sie in der Schublade gelandet. Das wars schon.“, erklärte er und war weiter ernst beim Thema. Tina ging zu ihm und grinste.
„Ein großer Stapel, so so. Dann öffnen Sie doch mal und lesen den letzten bzw. vorletzten Eintrag. Also den von gestern Mittag.“
„Was soll es beweisen? Ich darf da nicht so einfach reinsehen. Das darf nur die Polizei, der behandelnde Arzt oder der Patient selbst.“
„Sie tun es doch nicht für mich, sondern für Ihren Sohn. Sie wollen doch bestimmt, dass es sich aufklärt, oder nicht?“ Er überlegte, setzte sich hin und hielt nur den Hefter in der Hand.
‚Es ist eine schwere Entscheidung. Ich mag solche Spielchen nicht.‘
„Herr Taylor, ich habe bewusst auf eine Anzeige verzichtet, denn wir haben uns ohne geeinigt. Zwei Meter Abstand, muss er in Zukunft einhalten und…er wird die Schule nicht mehr ohne eine Einladung betreten dürfen. Das ist einer Suspendierung gleich.
Es mag zwar das gewesen sein, was Tangaroa gesehen hatte, aber es war nur einseitig.“, erklärte Tina ruhig und besonnen, in der Hoffnung, dass er über seinen Schatten springen könnte und ihr hilft, das Missverständnis aus der Welt zu schaffen. Er sah sie überrascht an.
‚Eine Anzeige? Zwei Meter Abstand?‘ Er Atmete tief durch und öffnete die Mappe. Er las sich einen kurzen Bericht des Hergangs durch und sah sich die Diagnosen an. Dann verzog er das Gesicht.
„Oha, das tat sicher weh.“, meinte er dann nur und klappte die Mappe wieder zu.
„Wieso…wieso haben Sie auf eine Anzeige verzichtet?“ Tina ging endlich wieder zur Tür.
„Herr Taylor, haben Sie in dem Alter nie Fehler gemacht? Fehler, die Sie eventuell das Studium kosten könnten?“, entgegnete sie ihm mit einer freundlichen Gegenfrage. Er lehnte sich zurück und schmunzelte.
„Sie haben Recht. Will dieser Junge denn studieren?“
„Er steht auf dem ersten Platz der Schulliste, dumm kann er also nicht sein. Er wird sicher ein guter Fachkollege. Jeder hat doch eine zweite Chance verdient, oder nicht? Ärzte kann es doch nie genug geben, oder?
Ich habe meine bekommen, ich darf hier Volleyball spielen. Hatten Sie auch mal eine zweite Chance?“
„Ja, tatsächlich. Nun gut.“ Er legte den Hefter zurück in die Schublade und stand auf.
„Wir sehen uns morgen. Sie sollten lieber gleich nach Hause gehen. Sie müssen sich jetzt im Dunkeln nicht bemühen noch zum Rugbyteam zu gehen. Die haben ohnehin Feierabend. Sie müssen sich schonen, schon vergessen?“, lächelte er wieder.
„Was meinen Sie? Werden die zwei Wochen Schonfrist reichen? Ich muss doch unbedingt an dem Turnier teilnehmen und vorher trainieren. Ich blamiere mich doch sonst total.“
„Wenn Sie jetzt wirklich alles komplett herunterfahren, dann wird es sicher gut verheilen, auch die alten Schäden. Ich habe das Gefühl, Sie haben nur nie eine richtige Pause gemacht. Kann das sein?“
„Ich…kann das nicht. Ich kann einfach nicht stillstehen oder lange sitzen…immer muss ich in Bewegung bleiben. Das war als Kind schon so. Das Sitzen im Unterricht nervt schon extrem und am liebsten würde ich aufstehen und einfach beim Arbeiten stehen, statt zu sitzen. Ich lerne viel beim Laufen, oder beim Gewichtheben. Irgendwas muss ich immer machen. Mir tut sonst alles weh.“
„Das klingt aber nicht nach einem normalen Zustand, Frau Fuchs. Was haben denn die Ärzte in Deutschland dazu gesagt? War das dort auch so?“
„Ja, schon seit ich laufen kann. Anfangs am Tisch zu sitzen und still zu sein, um zu essen, das ging gar nicht. In der Schule war es besonders schlimm. Ständig gab es Ärger, weil ich nicht lange rumsitzen wollte. Morgens schlimmer als abends. Man wollte mir dann schon irgendwelche Tabletten geben, aber meine Eltern lehnten das ab. Ich hatte meinen Sport und dann war auch alles gut. Die schulischen Leistungen stimmten ja soweit. Ich wusste alles was man wissen musste und trotzdem gab es immer Ärger.
Sagen wir es mal so: Ich habe eine Form von diesem ADHS. Als das ein Arzt mal sagte und mir Medikamente geben wollte, da fing ich an mich damit zu beschäftigen. Ich las mir viele Bücher darüber durch und diesen Büchern zu urteilen, habe ich hauptsächlich die Hyperaktivität abbekommen. Das nennt man dann im Fachlichem DSM-V ADHS vorwiegend hyperaktiv-impulsiver Typ. Ich kann also lernen, aber will mich viel bewegen.“, erklärte sie offen.
„Ihre Beschreibungen dazu passen. Ich habe selbst darüber einiges gelesen, weil ich jetzt in Zukunft mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben werde. Die zwei Wochen Vertretung sind ein guter Einstieg für mich. Warum steht davon nichts in Ihrer Akte?“
„Muss ich Ihnen das wirklich erklären? Was soll jemand in einer Gesellschaft wie dieser, wenn man so eine Diagnose bekommt? Sogar in Deutschland erkennt das nicht jeder an. Die Bücher, die ich gelesen habe, waren meist auf Englisch, aus Groß Britannien. Ich sagen Ihnen das jetzt nur, damit Sie es für die Schlaftherapie nutzen können. Aber bitte vermerken Sie davon nichts in meiner Akte. Wenn das erst da drinsteht, dann werde ich das nie wieder los. Dann kann ich doch niemals hier Profisport machen oder studieren.“
„Das stimmt. Sie lesen Bücher über Psychologie in Englisch?“
„Klar, wenn es auf Deutsch keine guten gibt.“
„Und nun befürchten Sie, man könnte es Ihnen negativ auslegen? Wo haben Sie denn diese Information her?“, wunderte er sich.
„Aus einem Buch von einer Japanerin über Kinderpsychologie und Prävention. „Das moderne Schulkind in Japan.“, heißt es. Kann ich nur empfehlen. Ich habe es schon zu Weihnachten in englischer Ausgabe gelesen.“
„Der Titel sagt mir was. Dafür, dass Sie sich viel bewegen müssen, lesen Sie erstaunlich viel.“
„Ach das. Ich lege mir die Bücher aufs Display vom Laufband und dann ist da schnell mal so ein gemütlicher Marathon hinter mir.“. grinste sie.
„Eine super Idee.“, lächelte er. Plötzlich klopfte es an der Tür. Beide sahen überrascht zur Tür.
„Einen Moment bitte.“ Tina hing sich ihre Schultasche um und griff nach ihrer Jacke.
„Sind Sie soweit?“ Tina nickte und dann öffnete sie die Tür und staunte nicht schlecht. Vor ihr standen die drei Polizisten, welche wegen des Trainers in der Turnhalle waren und der Direktor.
„Guten Abend. Wozu die Polizei?“, wunderte sich Taylor und begrüßte die drei Beamten.
„Guten Abend Herr Taylor. Die Polizei ist wegen eines Verdachts von Körperverletzung hier und müssen ermitteln. Sie kennen den Fall natürlich nicht, aber nun benötigen Sie einige Krankenakten. Es reicht, wenn Sie ihnen diese aushändigen und fachliche Fragen beantworten.“
„Bitte kommen Sie erst einmal rein, um mir die Sachlage zu schildern.“ Tina verbeugte sich förmlich und ging aus der Tür, an Kommissar Saito vorbei. Sie setzte ein neutrales freundliches Lächeln auf, als er ihr nachsah. Kaum war Tina an ihm vorbei, sprach der Doktor sie noch einmal kurz an.
„Frau Fuchs, Ihnen noch einen schönen Abend und denken Sie morgen an die Nachuntersuchung.“, gab er ihr in Englisch zu verstehen. Tina drehte sich um und lächelte bei ihrer Antwort.
„Natürlich, Doktor Taylor. Ihnen auch noch einen netten Abend.“ Somit drehte sie sich um und wollte gehen.
„Moment mal, Mädchen.“, kam eine strenge weibliche Stimme. Es war die Kommissarin, die als Fachfrau in Begleitung war.
„Sie sind Frau Fuchs? Die Schülerin Bettina Fuchs?“, fragte sie nach.
Die Therapie Teil V oder Satoshis langweilige Literatur
Kapitel 185
Die Therapie Teil V oder Satoshis langweilige Literatur
‚Oha, die Dame ist wohl die weibliche Form vom Kommissar. Eine strenge Person.‘
Freundlich drehte sie sich natürlich um und bestätigte.
„Ja. Was kann ich für Sie tun, Frau Kommissarin?“ Sie kam auf Tina zu und blieb mit einem ernsten Blick vor ihr stehen.
„Sie sprechen noch kein Japanisch?“
„Nicht genug, um mich mit jedem zu unterhalten, richtig.“
„Sie haben die Beobachtung während des Gymnastik-Trainings gemacht, dass der Trainer Schülerinnen unsittlich berühren würde?“
„Das ist richtig. Das habe ich so gesehen.“
„Kommen Sie mit zur Besprechung. Sie können sicherlich ein paar Details beitragen und wir hätten dann ein paar Fragen an Sie. Es ist gut, dass wir Sie hier noch antreffen.“
Nachdem die Polizei nach Tinas Befragung gegangen waren, konnte Doktor Taylor endlich durchatmen. Er schloss die Tür ab und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Schreibtisch, um endlich die wichtige Beobachtung auszuwerten. Er schaltete die Aufnahme aus. Durch den unerwarteten Besuch, kam er gar nicht dazu sie abzuschalten. Er öffnete zwei Dateien, die Kameraaufnahme und das Protokolldokument, um seine Beobachtungen nebenbei gleich zu notieren. Diesmal ließ er natürlich den Ton laufen.
Nachdem Tina mit ihrer Mutter telefoniert hatte und er den Raum verlassen hatte, erinnerte er sich noch, dass es erneut klingelte. Als er den Ton anstellte und den Film ab Beginn ansah, war er sehr nicht so gut darauf zu sprechen, dass sie wieder am Telefonieren war. Jedoch wollte er sie bewusst einfach machen lassen.
‚Wenn sie ständig telefoniert, dann wird das auch nichts. Der erste Tag ist ohnehin schwer.‘ Er genoss seinen Kaffee und hörte einfach nur zu.
„Nun liege ich hier beim Doktor und soll schlafen. Jeden Tag ne Stunde.“
„Ja, nervig. Weil ich schon zweimal mitten am Nachmittag einfach eingeschlafen bin. Und die Verletzung kommt eindeutig von meiner Unaufmerksamkeit. Du kennst mich. Ich bin immer kontrolliert und aufmerksam, sowas kenne ich gar nicht. Ich rufe dich später an.
Wann fliegst du eigentlich wieder nach Hause?“
„Stimmt, noch bist du hier. Hast du was von deinem Freund gehört? Ist er gut in Brasilien angekommen? Gestern habe ich ganz vergessen zu fragen. Da war ein Sturm auf der Route.“
„Das freut mich. Ich wünsche ihm viel Erfolg. Das klingt komisch. Ja, danke. Ich kann eh nicht schlafen. Dafür ist es zu früh. Als Kind konnte ich das auch nie. Meine Mutter hat es immer versucht, aber vergeblich. Mittagsschlaf, kein Rankommen.“
An dieser Stelle wurden sich Notizen gemacht.
‚Das spiegelt sich mit der Erwähnung des Bewegungsdrangs wider.‘
Bald war im Film zu sehen wie das Fenster geöffnet wurde.
Sie drehte sich nach einigen Minuten von einer Seite zur anderen und lag dann irgendwann doch auf dem Rücken. Ihre Arme hielten die dünne Decke fest und zogen diese bis zum Hals. Dann legte sie ihre Arme auf den Bauch. Ihre Augen waren mal offen und mal geschlossen. Es waren tiefe Atemgeräusche zu hören. So als würde sie bewusst mehrmals tief ein- und ausatmen. Bald gingen die Augen wieder auf und die Hände wanderten nach oben in die Luft.
„Hm, so? Oder so?“, murmelte sie vor sich hin und machte verschiedene Bewegungen mit den Händen und Armen. Diesmal konnte er es erkennen.
„Sag schon…Brüderchen…sag wie es richtig ist.“ Dann plötzlich kamen ihr Tränen.
„Verdammt…ohne Ball…bringt das doch nichts. Stephan? Warum?“ Tinas Hände landeten schlagartig auf ihrem Gesicht. Ihre Beine winkelten sich mit ihrem deutlichen Schluchzen plötzlich an. Sie fing an zu zittern. Dann drehte sie sich eingeigelt zur Seite. Ihr Weinen war diesmal nicht zu überhören.
„Warum nur? Ohne dich…ist doch alles doof! Warum nur?“ Taylor machte sich Notizen, bis sie wieder etwas sagte und mit dem bitterlichen Weinen aufhörte. „Ich…vermiss euch alle, Genzo…wie geht es ihnen allen nur? Ohne euch…ohne dich, Karl…ist alles so leer.“, sprach sie leise vor sich hin und drehte sich wieder auf den Rücken. Dann wischte sie sich die Tränen weg und richtete sich sitzend auf. Sie lächelte und griff zum Handy.
„Oh, Satoshi, warum bist du denn dran? Wo ist Genzo?“, schluchzte Tina noch etwas und wischte sich die nächsten Tränen weg. Der Doktor war beim Zuhören überrascht, dass sie plötzlich ein gut verständliches Japanisch sprach.
„Der ist wieder draußen trainieren. Er hat mir das Handy gegeben für den Fall, dass du wieder anrufst. Was höre ich da, du bist verletzt? Was hast du denn angestellt?“
„Ich…bin mit dem Rücken auf eine Bank gestürzt und nun muss ich ganze zwei Wochen mit Training aussetzen. Das ist so ärgerlich, weil ich den Ball kurz vorher genau so hinbekommen habe, wie ich ihn haben wollte.“
„Oh. Das ist sehr ärgerlich. Zwei Wochen, wow. Ja, ich habe schon davon gehört. Ich freue mich, dass du so schnell zu ihm gefunden hast.“
„Ja, aber nur dank dir, also dank euch. Danke nochmal für das Volleyballfeld und vor allem für dein Spiel. Ich darf es doch mit in die Schule nehmen, oder? Ich habe mich für die Auszeit in den Shogi-Kurs eingetragen. Da waren heute interessante Gegner.“
„Natürlich darfst du das. Wie gesagt. Wir haben zusammen nochmal alles genau begutachtet, dass auch ja nichts von mir draufsteht, dass es zu sehen ist, von wem es ist.“
„Okay. Danke. Ich habe auch nochmal kontrolliert. Kannst du Genzo holen? Ist er bei euch auf dem Platz?“
„Nein, er wurde abgeholt, von seinen Freunden.“
„Oh, ich versuche einzuschlafen, aber stattdessen…drehe ich mich nur hin und her.“
„Jetzt schon schlafen?“
„Ich muss so eine Schlaftherapie machen und liege beim Schularzt und muss jetzt jeden Tag eine Stunde schlafen.“
„Oha. Das wäre nicht meine Zeit. Schläfst du denn so schlecht, dass der Arzt etwas gesagt hat?“
„Naja, ich…bin doch letzte Woche einfach im Park eingeschlafen. Naja…egal jetzt. Ich gehe nicht eher, bevor ich hier schlafe. Das wäre mir echt zu peinlich.“
„Peinlich? Erzwingen kann man das nicht. Und wieso rufst du Genzo dann dabei an?“
„Er soll mir langweiliges Zeug erzählen, damit ich dabei einschlafe. Das klappt in der Regel ganz gut.“
„Da kann ich dir so gar nicht helfen.“
„Ja, Dummes Zeug redest du nie, stimmt.“, lacht sie etwas.
„Soll ich dir sonst was vorlesen?“
„Eine gute Idee. Das macht Genzo auch. Er liest mir manchmal auch was langweiliges vor.“
„Ich geh mal in die Bibliothek. An was denkst du denn?“
„Hm, keine Ahnung. Das Steuerrecht? Das ist sicher langweilig genug.“, lacht sie wieder.
„Für dich vielleicht. Ich muss mich jeden Tag damit beschäftigen.“
„Na dann. Lese mir was daraus vor. Aber bitte ohne große Betonungen oder so. Einfach wie ein Roboter.“
„In welcher Sprache?“
„In Englisch, sonst versuche ich es ständig doch zu übersetzen.“ Es war eine Weile still und Tina stellte das Handy auf Lautsprecher und legte es vor sich ab. Tina lag wieder auf dem Bauch, die Hände unter dem Kopfkissen und zur Seite gedreht. Bald hörte sie Satoshis vertraute Stimme wieder.
„Kann es losgehen? Oder bist du inzwischen schon eingeschlafen?“
„Leg los. Fang einfach an.“
Etwa einige vorgelesene Seiten später fällt Taylor beim Zusehen der Löffel vom Tee aus der Hand.
„Oh man. Das ist ja echt zum Einschlafen.“, spricht er mit sich selbst, denn er hofft, nicht einzuschlafen. Er entscheidet den Film nebenbei laufen zu lassen und steht auf, um sich einen starken Kaffee zu machen.
Als er sich die Tasse hinstellte und seinen Schreibtisch aufräumte, sah es endlich so aus, als wäre sie eingeschlafen.
‚Hat sie es endlich geschafft?‘, schmunzelte er und setzte sich wieder hin.
„Schatz, ist sie eingeschlafen?“, war eine zarte Frauenstimme flüsternd auf Japanisch zu hören.
„Keine Ahnung. Bettina? Schläfst du?“
„Also echt, erwartest du eine Antwort, wenn sie schläft?“, kam leise zurück.
„Nein, aber es kommt ja auch nichts. Dann leg auf. Genzo hat jemanden mitgebracht.“
„Oh und wen?“
„Yuzo Morisaki und Koji Ohara.“
„Ach. Interessant. Sind sie trainieren?“
„Sie wollen was essen und dann auf den Platz gehen, ja.“
„Erstaunlich, die haben sich doch sonst nicht so gut mit ihm verstanden. Zwar war Yuzo damals viel hier, aber auch nur, weil Mikami sie zusammen trainiert hatte. Hm. Ich glaube sie schläft jetzt, sonst käme längst eine neugierige Frage.“, sagte er leise und legte einfach auf.
‚Wer mögen diese Freunde sein? Japaner auf jeden Fall. Aber wenn ich das richtig verstanden habe, hat man ihr ein Volleyballfeld gebaut? Schon das Telefonat gestern klang so komisch. Warum sagen mir die Namen was?‘ Plötzlich klopfte es an der Tür. Er pausierte den Film und machte ihn auf Minimiert, dabei stieß er mit der Maus versehentlich an eine andere Taste, beließt es jedoch erst einmal dabei und ging dann zur Tür und begrüßte seine neuen Patienten. Es waren Jun und Yayoi.
„Guten Abend Doktor Taylor. Ich bin Jun Misugi, der Kapitän vom Fußballteam.“
„Guten Abend Herr Misugi. Kapitän ist wohl etwas untertrieben, oder? Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum Weltmeistertitel.“
„Oh, ja danke sehr.“
„Kommen Sie rein. Was fehlt Ihnen denn?“
Yayoi stützte ihn ab und begleitete ihn bis zur Liege. Etwas verstohlen sahen beide zur Tür zum Nebenraum.
„Ich bin gegen den Pfosten gelaufen. Ich sollte eindeutig nur bei Tageslicht in der Nähe des Tores trainieren.“, grinste er etwas und hielt sich die Seite.
„Warum hat Sie keiner Ihrer Kameraden gebracht?“
„Oh, das war bewusst. Oder ist Tina schon weg? So schlimm ist es nicht.“, erklärte er ehrlich.
„Ich verstehe. Ja. Sie ist schon wieder los. Sie wissen es also?“
„Sie hat es mir erzählt. Eine Schlaftherapie, sagt sie. Ist sie denn vorhin wirklich eingeschlafen?“
„Ja, es hat etwas gedauert, aber um diese Uhrzeit ist das normal.
Dann zeigen Sie mir doch mal die besagte Stelle, wo es wehtut und was genau ist passiert?“
„Ich war diesmal selber mal im Tor und bin beim Hechten zum Ball seitlich an den Pfosten gestoßen. Ich tippe mal auf eine Prellung. Mehr sollte es nicht sein.“ Doktor Taylor sah sich die Verletzung an und holte Juns Krankenakte heraus und kümmerte sich dann um ihn. Nach ein paar Minuten klopfte es erneut an der Tür.
„Einen Moment, bitte!“, rief er und bat die beiden ins Ruhezimmer zu gehen, damit Jun sich hinlegen konnte. Er sollte sich noch eine Weile ausruhen. Somit wurde die Tür geschlossen und der nächste Patient konnte sich vorsprechen. Überrascht sahen sich die beiden um. Jun legte sich auf die Liege und wunderte sich, dass die Decke und das Kopfkissen auf einem Zusammengerolltem Futon lagen. Der Doktor hatte zuvor noch alles für den nächsten Tag vorbereitet.
„Hat sie etwa auf dem Boden geschlafen? Das ist doch gar nicht typisch für Europäer.“, sprach er aus und Yayoi ging zum Futon.
„Hm. Es ist noch ganz kalt. Sie ist doch vorhin erst gegangen. Ich habe sie noch gesehen.“
„Die Liege ist auch total kalt. Müsste es nicht ein wenig angewärmt sein?“, stellte er fest. Yayoi berührte das Kissen und die Decken.
„Das Kissen ist an manchen Stellen etwas nass. Vielleicht hat sie beim Schlafen geschwitzt?“
„Quatsch. Wovon denn? So schnell schwitzt sie nicht. Es ist doch gar nicht so warm hier. Und viel Bewegung hatte sie nicht. Riech doch mal dran.“ Sie guckt ihn verdutzt an.
„Spinnst du? Wieso denn?“, flüsterte sie pikiert.
„Ist dir das jetzt zu komisch? Du wolltest doch unbedingt hier her, um herauszufinden wie es Tina geht. Jetzt musst du auch Detektiv spielen. Außerdem, wenn du später auch in die Medizin willst, dann musst du doch solche Sachen erkennen lernen. Sonst weißt du nicht was deinem Patienten fehlt? Sie können es dir nicht immer sagen.“ Sie fasste sich ans Herz und überwand ihre Skepsis.
„Du hast Recht.“ Yayoi nahm entschlossen das Kissen in die Hand und roch an dem nassen Fleck.
„Ich rieche nichts, nur eine kleine Spur Salz.“, meinte sie dann.
„Aber es riecht nicht nach Schweiß oder etwas in die Richtung?“
„Nein.“
„Was denkst du denn, könnte es dann sein, wenn es das nicht ist?“
„Hm. Doch nicht etwa Tränen? Was anderes fällt mir nicht ein.“
„Vermutlich. Damals, als sie mir von ihrem Bruder erzählte, da erwähnte sie auch, dass sie seitdem schlecht durchschlafen kann. Sie hätte oft Albträume von dem Überfall und wenn sie alleine ist…liegt es doch nahe, dass sie auch mal weint, oder?“ Yayoi nahm plötzlich das Kissen selbst an den Kopf und kuschelte ihr Gesicht hinein. Sie fing an zu schluchzen.
„Arme Bettina. Sie ist doch so lieb und so stark. Warum nur, mussten diese Kerle das tun?“
„Ich verstehe es auch nicht.“ Jun richtete sich auf und sah besorgt zu ihr. Plötzlich fing sie bitterlich an zu weinen und hielt das Kissen in den Armen, als wäre es ein tröstender Teddybär. Jun stand auf, nahm ihr das Kissen weg und nahm sie in seine Arme. Ihr Gesicht vergrub sich an seiner Brust und sie ließ ihrem Kummer freien Lauf.
„Es tut mir leid. Sie hat mich noch gewarnt, es dir zu sagen.“, versuchte er sich etwas die Schuld an der Situation zu geben. Sie jedoch schüttelte den Kopf und sah dann zu ihm auf.
„Nein, es ist gut. Aber…ich…kann jetzt selbst…kaum schlafen. Wie hält sie das nur aus? Wie kann sie trotzdem so voller Energie stecken? Ich könnte das nicht.“ Wieder vergrub sie sich und klammerte sich an ihn. Jun legte seine Arme um sie und hielt sie so doll er konnte fest an sich. Sein Herz raste vor Wut und zeitgleich vor Sorge. Es machte sich jedoch auch plötzlich ein weiteres Gefühl in ihm breit. Es fühlte sich im Gegensatz zu den anderen angenehm an. Es ließ ihn überall warm werden. So richtig etwas mit diesem neuen Gefühl anzufangen wusste er nicht.
„Jun…wie war er so? Weißt du das? Was…war ihr Bruder für ein Mensch? Ob er auch so nett war wie sie?“
„Ich…ich weiß nicht. Er muss aber…sehr stark gewesen sein. Immerhin hat er in Genzos Team gespielt, als Verteidiger. Wir…hätten Gegner sein können.“, sprach er ruhig.
„Wirklich? In so einem starken Team war er? Deswegen kennen die sich?“
„Ja, und weil…Genzo damals in ihre Klasse kam. So wie bei uns jetzt, nur umgedreht. Deswegen…soll ich aufpassen was ich ihm gegenüber sage. Tina sagte, er leidet auch sehr darunter, immerhin waren sie alle sehr gut miteinander befreundet.“ Wieder krallte sie sich fest an ihn.
„Schrecklich. Armer Genzo.“ Ein wenig verharrten sie noch in dieser Umarmung und in diesem Trost gegenseitig. Auch Jun stimmte es sehr traurig. Die Vorstellung, dass einem Freund so etwas passieren könnte, will er gar nicht haben. Nach einer Weile kam ihm plötzlich eine alte Erinnerung in den Sinn. Innerlich erschrak er und hielt das zarte Mädchen in seinen Armen plötzlich ganz doll fest und musste sich selbst die Tränen verkneifen.
„Jun…du…erdrückst mich. Was ist los?“, schluchzte sie weiter.
„Es…tut mir so leid…Yayoi…ich…es tut mir so leid.“
„Was denn? Jun…“ Sie schaute zu ihm auf und dann sahen sie sich in die Augen. Auch ihr Herz schlug bis an die Decke, als sie ihm so nahe war und seinen starken Herzschlag spürte und seinen liebevollen Blick sah.
‚Ach liebe Yayoi…ich war damals so dumm. Wie konnte mir das damals nur passieren? Wie konnte mir…bei dir…die Hand ausrutschen? Alles nur…weil du Tsubasa von meinem kranken Herz erzählt hast. Du wolltest mich doch nur beschützen. Deine Angst war zu groß. Niemals…niemals wird mir sowas nochmal passieren…nicht mir und schon gar nicht bei dir. Niemals könnte ich dir wehtun.‘ Plötzlich wanderte seine rechte Hand langsam zu ihrem Kopf hinauf und berührt sanft ihren Hinterkopf. Die Hand auf ihrem Rücken ging etwas weiter hoch bis auf Höhe der Schulterblätter. Es herrschte eine unbeschreibliche Stille im Raum und nur ihre schnellen Herzschläge waren zu hören.
‚Jun, Liebster, wie…wie siehst du mich auf einmal an? So einen seltsamen Blick hattest du noch nie. Was ist los? Und diese Berührungen…das…hast du noch nie gemacht. Wie schön es ist. Ich könnte ewig so in deinen warmen Armen bleiben. Du bist so stark und so liebevoll.‘
‚Wie hübsch du bist, Yayoi. Warum habe ich das denn noch nie so gesehen? Hier…an so einem unromantischen Ort habe ich plötzlich das Bedürfnis…dich zu berühren? Warum? Dein trauriges Gesicht kann ich gar nicht ertragen.‘ Kurz darauf kam er ihr näher und streichelte ihre Wange und drückte sie fest an sich, sodass er sie mehr spüren konnte. Dann plötzlich spürte sie seine Lippen auf ihren. Beide schlossen die Augen und genossen einfach nur ihren allerersten richtigen Kuss.
Einige Minuten später öffnete sich die Tür und der Doktor bat sie wieder herein. „Mein Patient ist gegangen. Ich gehe mal davon aus, dass Sie sich genug ausgeruht haben. Sie sollten jedoch mal ein paar Tage eine Pause einlegen, Herr Misugi. Und bringen Sie morgen ein Röntgenbild mit. Gehen Sie am besten mit einem Elternteil oder dem Trainer zum Labor.“
„Okay, ja, das mache ich. Wie viele Tage denn?“
„Der Rest der Woche und das Wochenende sollten reichen. Aber wirklich genauer kann ich Ihnen erst morgen sagen, wenn ich das Bild habe.“
„Okay. Laufen kann ich aber noch?“
„Ja, aber nicht zu viel. Leichtes Joggen, um die Ausdauer beizubehalten.“
„Ach Mist. Naja. Warum soll es mir besser gehen als Tina?“ Stöhnte er genervt aus und ging dann zur Tür.
„Also muss ich morgen nach der Schule nochmal vorbeikommen?“
„Genau. Sie können zwar auch zur Tagschicht gehen, aber so spät fange ich nicht an. Hauptsache Sie halten sich an die Anordnungen. Frühsport muss auch ausfallen, nur leichtes Laufen, wie gesagt.“, betonte er nochmal.
„Natürlich…ich bin der Letzte, der nicht aufpasst. Von meinen zukünftigen Patienten will ich das ja auch erwarten.“, grinste Jun.
„Ach? Möchten Sie Medizin studieren?“
„Ja. Ich will wie Sie in die Sportmedizin.“
„Eine weise Entscheidung. Dann nutzen Sie die Zeit, sich weiter Fachwissen anzueignen.“
„Das mache ich. Vielen Dank. Ihnen noch einen schönen Abend.“, verbeugten sich beide und verließen das Krankenzimmer.
Doktor Taylor ging wieder an den PC und öffnete die Aufnahme. Da bemerkte er ein kleines Lichtlein im Aufnahmeprogramm.
‚Oh, das war es vorhin. Irgendwie habe ich wieder auf „Aufnehmen“ getippt. Also echt mal. Dieses schreckliche altmodische Programm nervt. Mit der Maus muss man wahnsinnig aufpassen.‘, atmete er dann durch und stoppte die neue Aufnahme. Dann ging er in die aktuelle Wiedergabe und während er Tina schlafen sah, schrieb er seinen kleinen Bericht zum Sportunfall fertig, druckte ihn aus und legte ihn in Juns Akte. Dann hing er sie in den Schrank zurück.
Zeitgleich betrat Tina die Turnhalle und stellte sich nachdenklich an die Seite. Mit schweren Herzen sah sie ihrem Team beim Training zu.
„Na? Was sagt der Doktor?“, kam der Trainer auf sie zu.
„Zwei Wochen komplette Ruhe. Kein Spielen, kein Laufen, nix. Nicht mal Gewichte darf ich heben.“, murrte sie.
„Wie jetzt? So schlimm? Gestern klang das aber noch anders.“
„Er hat auf dem Röntgenbild was Altes gefunden. Wenn ich nicht jetzt sofort eine strenge Pause einlege, kann ich vermutlich nie im Profisport mithalten ohne Folgeschäden zu haben.“
„Verdammt. Ausgerechnet jetzt wo du den Ball einüben musst. Was sind das denn noch für Verletzungen? Hast du die nie richtig behandeln lassen, oder wie?“
„Die eine ist meine eigene Schuld. Ich habe sie nicht ausreichend auskuriert, ja. Hätte ich mal zu lange gefehlt, wäre es aufgefallen, also habe ich über den Schmerz hinweg gespielt. Alles Mist. Bringt ja nichts. Jugendlicher Leichtsinn, nennt sich das.“
„Und die andere?“
„Ist vom Überfall. Ich habe sie nicht so sehr beachtet, der Amtsarzt hatte auch nichts gesagt.“
„Er hat dich untersucht und dir nichts gesagt?“
„Richtig. Aber die Stelle, die kann nur von diesem Tag sein. Naja. Wie auch immer. 14 Tage Sense und dann darf ich wieder loslegen, wenn ich jetzt komplett den Ball flachhalte.“
„Ich hoffe es für dich und auch für uns. Yako hat schon so von deinem Ball geschwärmt, alle wollen ihn sehen.“
„Ich werde die Zeit nutzen, um mir Informationen für die nächsten Spiele einzuholen und jetzt gehe ich zu den Männern rüber, sie haben mich eingeladen. Sicher kann ich noch viel von ihnen lernen.“
„Eine gute Idee. Ein wenig anders als wir, spielen die aber schon. Sie sind jedoch sehr gut. Stehen derzeit hoch im Kurs und haben das letzte Nationalturnier als Nummer Zwei verlassen. Ein sehr knapper Sieg für die Toho. Ähnlich wie bei uns, nur umgedreht.“
„Ich weiß. Steht ja auf den Tafeln im Foyer.“
„Willst du den Mädchen was sagen, oder soll ich das für dich erledigen?“
„Ich will mit ihnen reden. Ruf sie bitte her. Und höre auf sie Mädchen zu nennen. Immerhin werden sie auch gesiezt, dann kannst du sie auch als Frauen bezeichnen. Oder kommen sie dir wie kleine Mädchen rüber oder würdest du es in Deutschland auch so handhaben?“ Er grinste.
„Stimmt, du hast Recht. Das sind sie schon lange nicht mehr. Vor allem nicht die Großen aus der letzten Oberstufe.“
Er winkte ihnen zu und das Team kam zu ihm. Yoko lief direkt zu Tina und fasste ihre Hand.
„Und? Wann können wir endlich üben?“
„Entschuldigt mich bitte, dass ich jetzt erst da bin. Ich musste gestern noch zum Arzt, weil ich hier beim Einzeltraining gestürzt bin. Ich habe mir den Rücken verletzt und muss für 14 Tage pausieren.“ Die Spielerinnen sahen sie entsetzt an.
„Aber…du kannst uns doch nicht einfach im Stich lassen.“, murrte Yako sie an. „Ich lass euch nicht im Stich! Habt ihr verstanden?! Sowas dürft ihr niemals denken!
Yako, du weißt es, NIEMALS!“, sprach sie streng und legte ihre Hand auf die Schulter ihrer Kapitänin. Diese war überrascht solche Worte zu hören.
‚Tina…du hast Recht. Ich kann mir das auch nicht vorstellen.‘
„Aber…der Ball? Du hast ihn hinbekommen. Er ist perfekt. Ich…ich kann immer noch nicht richtig spielen. Du hättest mal meine Handschrift heute sehen sollen. Eine Katastrophe!“
„Wirklich? Es tut mir leid. Ich…darf nicht einmal Lauftraining machen. Es ist wirklich sehr ernst, sonst kann ich den Profisport an den Nagel hängen.“, erklärte sie betrübt und sah ihr ernst in die Augen.
„Wirklich? Verdammt. Du bist ein Naturtalent. Ich will später in der Frauenliga gegen dich spielen…aber jetzt…jetzt müssen wir diese Toho schlagen…so wie du es geplant hast.“, sprach sie.
„Das werden wir! Habt ihr alle gehört? Ich werde die Zeit gut nutzen und mir Theorien aneignen und mir andere Spiele ansehen. So finde ich sicher eine noch bessere Strategie als jetzt. Ich werde die Zeit gut nutzen und dann komme ich in 14 Tagen wieder und wir trainieren bis uns die Hände bluten, verstanden!? Ich habe den Ball einmal hinbekommen…und bekomme ihn auch nochmal hin!“ „Das ist doch alles doof! Manno. Kannst du…ihn uns wenigstens einmal zeigen?! Der megastarke Ball, wie ihn Yako beschrieben hat.“, haute eine der älteren Spielerinnen aus. Tina seufzte und sah zu Yoko. Diese lächelte sie an.
„Einmal…versuchen wir es…okay? Nur einmal. Mehr lasse ich nicht zu.“, äußerte diese dann.
„Sag mal Tina. Eins verstehe ich nicht. Hast du nicht mal nebenbei erwähnt, dass du über den Schmerz hinweg spielen kannst. Warum…nicht diesmal? Ist es wirklich so schlimm?“, wurde gefragt.
„Ja, genau das war mein Fehler. Also, es sind durch die Untersuchung zwei weitere Verletzungen aufgetaucht, die ich damals nicht richtig verheilen lassen habe und genau das ist das Problem. Ich habe zu kurz und vermutlich falsch pausiert und dadurch sind sie nie richtig verheilt. Meine eigene Dummheit, letztendlich. Also muss es eben jetzt sein…sonst…ist es AUS mit dem Sport!“, kniff sie plötzlich die Augen zu. Kurz darauf schnappte sie sich den Ball in Yokos Händen und lief zum Spielfeld. Yoko lief ihr voll begeistert hinterher und stellte sich in Position. Kaum hatte Tina den Ball in die Luft zu Yoko gespielt schrie Yako laut und kräftig durch die Halle.
„Tina NEIN!! Das…ist es nicht wert!“ Yoko fing daraufhin den Ball auf und drehte sich zu Yako um.
„Nun sei nicht so…das ist doch nur das EINE Mal.“
„NEIN. Das ist einmal zu viel! Wehe euch, wenn ihr spielt!“ Sie lief auf die beiden zu und blieb direkt vor Tina stehen.
„Lass es, bitte. Das sind diese Typen echt nicht wert.“, flüsterte sie ihr leise zu. „Yako…du bist die Kapitänin…ich werde IMMER auf deinen Rat und deine Anweisungen hören.“, lächelte Tina sie an und legte wieder die Hand auf ihre Schulter. Sie sahen sich tief in die Augen und ihnen wurde plötzlich beiden klar, dass sie beide dasselbe dachten.
‚Ja, das ist es nicht wert. Wegen diesen Kerlen, lassen wir uns nicht die Zukunft verbauen.‘ Tina ging ihr aus dem Weg und nahm Yoko den Ball ab.
„Den leihe ich mir solange aus. Ich bringe ihn dann wieder, wenn ich mit dem Training anfangen darf.“, sagte Tina lächelnd und ging dann mit dem Ball unter dem Arm vom Feld, ohne sich ein einziges Mal nochmal umzudrehen. Einfach geradezu zum Ausgang und schloss die Tür hinter sich. Sie lehnte sich an die Wand neben der Tür und sah zur Decke hinauf. Sie hielt den Ball so fest sie konnte und kniff die Augen wieder zu. Diesmal konnte sie sich ihre Tränen nicht verkneifen. Ihr schmerzte das Herz jetzt schon, nur der Gedanke sie könne zwei Wochen lang nicht spielen oder gar an die Geräte oder Laufen…nein…das gab es noch nie in ihrem ganzen Leben. Niemals hatte sie so eine lange Pause. Mal eine Woche oder ein paar Tage, aber ganze zwei Wochen…krank war sie doch auch so gut wie nie. Mit einer Erkältung ging sie trotzdem an die Geräte oder sie nahm Tabletten gegen die Regelschmerzen…aber eine richtige Auszeit gab es nie. Endlich hatte sie ihren persönlichen Sport gefunden und dann gleich das.
‚Das ist jetzt der Preis. Der Preis für den ganzen Erfolg, den wir hatten. Tina du warst ja so dumm…hattest den besten Sportmediziner an deiner Seite, der dir beistand und dir half, aber auf seinen Rat…auf den hast du nicht gehört.‘ Doktor Stein ist doch ein Profi auf seinem Gebiet. Warum hat sie nicht auf ihn gehört? Und warum hat die Polizei damals nicht auf eine Krankschreibung bestanden, wenn die Ergebnisse doch so aussahen? Lag das nur daran, weil sie keine Täter gefunden haben und es nicht zu einer Anzeige gegen jemand Bestimmten gekommen war? Anzeige gegen Unbekannt…hieß es doch…eine Nadel im Heuhaufen. Ohne Verhandlung auch kein Attest? Alle Leute sahen an dem Tag fühlt gleich aus. Wegen der kommenden WM hatten sich gut über die Hälfte aller Fans bereits mit Deutschlandtrikots und Schals dekoriert. Wie sollte man da jemanden finden?
„Verdammter Mist.“, sprach sie laut aus und schlug mit der Faust gegen die Wand. Dann sah sie zur Seite in die Richtung, wo der neue Fitnessraum entstehen sollte. ‚Die Geräte…nicht mal die neuen Geräte kann ich dann ausprobieren. So eine verschenkte Zeit. Ich muss doch irgendwie in Form bleiben.‘ Fast wie instinktgesteuert ging sie dorthin, öffnete die Tür und ging hinein in den leeren großen Raum.
Nun stand sie da…ganz alleine in einem riesigen leeren Raum mit kahlen weißen Wänden. Sie sah sich nachdenklich um und ging dann ans Ende bis zur gegenüberliegenden Wand. Ihr war klar, sie müsse sich eine der Ecken aussuchen, immer war sie in den Ecken, denn von dort aus hatte sie stets die beste Sicht über den gesamten Raum. Welche war es hier in diesem Raum? Die beste Übersicht. Die Tür ging nach innen auf, zur rechten Seite. Also wählte sie die linke Ecke, so konnte sie sofort beim Aufgehen der Tür sehen wer eintrat. Fest entschlossen stellte sie sich in die Ecke, etwas mittiger, als wäre dort das Gerät oder das Laufband. Dann setzte sie sich im Schneidersitz auf den Boden und sah zur Tür.
‚Perfekt. Einen besseren Blick gibt es nicht. Ich muss nur schauen wie weit die Geräte im Raum stehen werden, nicht, dass mir etwas die Sicht versperrt.‘
Die Therapie Teil VI oder böse Worte
Kapitel 186
Die Therapie Teil VI oder böse Worte
Der Ball lag auf ihren Beinen und ihre Hände legte sie so, wie sie es beim Yoga ihrer Mutter gelernt hatte. Entspannung…ja, das war es was sie tun sollte. Sport gibt es doch in vielen Formen, auch die ruhigen Varianten. Statt Action, wählte sie nun fest entschlossen die Ruhe und Entspannung. Etwas die Gelenke dehnen, das wird doch wohl erlaubt sein, nur ganz langsam und ohne große Belastung. Es vergingen etwa fünfzehn Minuten bis plötzlich die Tür aufging.
„Bitte raus hier, egal wer da ist. Danke. Ich will alleine sein.“, kam mit einem angenehmen ruhigen Ton von ihr.
„Tina, ich bin es, Yoko.“, vernahm Tina die angenehme Stimme ihrer Freundin. „Liebe Yoko, was möchtest du hier?“, sprach Tina weiter ruhig. Ihre Augen ließ sie geschlossen.
„Ich wusste nicht, dass du hier bist.“ Sie schloss die Tür hinter sich und ging auf Tina zu.
‚Tina, du kannst meditieren? Was soll das für eine komische Nummer sein?‘
„Ich wollte mir den Raum ansehen, damit ich meiner Mutter berichten kann was sie für uns malen könnte.“
„Das klingt schön. Wann kommt sie her?“
„Sie steht in der Halle und spricht mit den anderen. Ich wollte mir aber selbst erst einmal ein Bild machen.“
„Eine gute Idee. Ihr müsst dann bedenken, dass die Geräte die eine oder andere Sicht versperren könnten. Bei einem großen Bild, wäre es eventuell schade drum.“
„Oh, wir dachten da eher daran, jeder bekommt ein eigenes. Yako hatte zwar ihre Poster bekommen, die stehen dort neben der Tür in dem Karton, aber persönliche Motive sind bestimmt besonders motivierend, meinte meine Mutter.“
„Also darf sich jeder bei ihr ein Motiv wünschen?“
„Genau. Du kannst ihr ja deinen Wunsch gleich mitteilen. Kann ich sie holen, oder stören wir dich bei deiner Meditation?“
„Nein, alles gut. Ihr stört mich nicht. Weißt du wie lange unsere Männer trainieren?“
„Welche? Unsere Volleyballer?“
„Ja.“
„Die sind oft bis 22 Uhr noch da. Einige von ihnen jedenfalls.“
„Kannst du kurz zu ihnen gehen und dem Kapitän mitteilen, dass ich nachher noch vorbeikomme, aber vorher etwas erledigen muss?“
„Kann ich machen. Was willst du denn bei ihnen?“
„Mir ihr Training und die Spielweise ansehen.“
„Okay. Bis gleich.“ Yoko verließ den Raum und Tina blieb einfach sitzen. Sie konzentrierte sich wieder auf die Stille. Sie tat ihr sehr gut, komisch war es trotzdem. Etwa weitere 15 Minuten später klopfte es an der Tür und Yoko kam mit ihrer Mutter und Yako herein.
„Na, was machst du da? Das soll eine Meditation sein? Sieht aber lustig aus.“, äußerte die Kapitänin grinsend und ging auf Tina zu. Diese hatte weiterhin die Augen verschlossen.
„Yako…das nennt sich Yoga. Hat mir meine Mutter beigebracht.“, kam als Antwort.
„Sieht aber echt lustig aus.“ Lachte sie trotzdem und betrachtete sie, wie Tina den Baum machte und den Ball zwischen den Händen festhielt.
„Mit Ball?“
„Wenn ich schon nicht mit ihm spielen kann, darf er gerne mithelfen.“, grinste Tina und öffnete dann die Augen. Sie erblickte Yako vor sich und sah an ihr vorbei und sah zu Yoko und ihrer Mutter.
‚Genauso eine Schönheit wir Yoko. Ich habe nichts anderes erwartet. Und dann etwas traditioneller gekleidet. So ein schöner Kimono.‘ Tina stand auf und ging zu ihnen. Dann verbeugte sie sich vor Yokos Mutter.
„Guten Abend Frau Fuma. Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen. Mein Name ist Bettina Fuchs.“ Yoko übersetzte ins Japanische. Die kleine Japanerin sah zu Tina auf, als sie vor ihr stand. Dann ging Tina zur Tür und schloss sie.
„Yoko, warum sagst du mir nicht, dass deine Mutter kein Englisch versteht?“
„Wie jetzt? Tina…willst du mich verarschen, oder was? Seit wann kannst du denn so gut Japanisch sprechen?“, haute Yako plötzlich aus.
„Sorry, habe nicht dran gedacht.“, fasste sich Yoko an den Kopf.
„Reg dich wieder ab, Yako. So lange ist das noch nicht. Ich übe seitdem offiziellen Beitritt ins Team jeden Tag mit meiner Mutter. Wir reden nur noch Japanisch miteinander. Da machen ein paar Tage viel aus.
Und wir müssen beim Plan bleiben. Denk an das Spiel. Danach werde ich es allen mitteilen, aber zuvor…müssen wir im Vorteil bleiben. Verstehst du?“ Tinas Kapitänin legt die Hände in die Taille.
„Deine Mutter?“
„Sie arbeitet doch als Dolmetscherin hier, deswegen sind wir doch hergezogen.“ „Ach so. Also gehört das nur zu deiner Taktik? Du willst sie nicht nur spielerisch an der Nase herumführen, sondern auch damit?“
„Genau, Yako. Schon vergessen? Tina ist eine gute Strategin. Bisher ging doch immer alles auf, ohne, dass sie überhaupt mitspielt. Die anderen sollen sie unterschätzen, umso größer wird die Überraschung sein.“, brachte sich Yoko begeistert ein.
„Na gut. Du Strategin. Was gibt es denn für Vorteile, dass die anderen nicht wissen, dass du es bereits kannst?“
„Das wirst du dann schon merken. Vertrau mir einfach.“, grinste sie. Die beiden standen sich gegenüber.
„Ich weiß nicht. Du bist viel zu unerfahren, was weißt du schon über sowas?“ „Ausgerechnet du vertraust mir nicht, wenn es um strategische Dinge geht? Ausgerechnet meine doofe Verletzung kann uns sogar noch einen weiteren Vorteil verschaffen. Das ist mir bereits bewusst geworden, auch wenn es weh tut. Aber das Einholen der Informationen über die anderen Spieler können wir gut nutzen.“
„Okay. Dann solltest du dir am Donnerstag das Spiel der Toho gegen die von Nagasaki ansehen. Zwei starke Teams.“, grinste sie plötzlich.
‚Tina hat Recht. Ihre Beobachtungsgabe ist wirklich gut. Und das kann uns nur voranbringen. Wenn sie wirklich im Profisport bleiben will, dann wird sie eine extrem starke Gegnerin werden.‘
„Du hast mich lahmgelegt. Mach das mit den Gegnern auch, ist das klar?“
„Wie geht es denn deinen Händen?“
„Echt mies. Ich muss immer noch aufpassen was ich anfasse. Irgendwie fühlen sie sich weiterhin an, als hätte ich eine Betäubungsspritze bekommen.“, lachte sie und zeigte die Hände hoch. Tina berührte sie sanft und sah sie sich an.
„Die blauen Flecken, sind die auch von mir?“
„Ja. Aber das ist gar nicht so schlimm. Das kann mal passieren.“
„Warst du gestern noch beim Schularzt?“
„Ne.“
„Bist du verrückt? Willst du, dass da was bleibt, so wie bei mir? Du solltest jetzt sofort zu Doktor Taylor gehen.“
„Wer ist denn Doktor Taylor?“, wunderte sie sich.
„Na Satos Vertretung für die Abendschichten. Er ist krank und wird zwei Wochen lang von ihm vertreten.“
„Ein Ausländer, oder was? Ist der nett? Ich wollte morgen zu Sato gehen, du weißt schon warum.“
„Sag bloß, das ist noch nicht erledigt?“
„Es…ging noch nicht.“
„Ich begleite dich. Dann müssen die Männer warten.“
Yokos Mutter wunderte sich sehr über diese Unterhaltung, jedoch ging sie nachdenklich auch durch den Raum und überlegte wieviel Farbe sie für die Motive brauchen könnte.
‚Dieses blonde Mädchen ist eine seltsame Person. Aber Yoko hält sehr viel von ihr. Jeden Tag hat sie was Neues zu berichten. Es ist interessant wie sie mit Frau Kawasaki redet. Das traut sich nicht einmal Yoko, so einen Ton an den Tag zu legen.‘
„Frau Fuchs, wissen Sie denn schon was Sie für ein Motiv an Ihrem Platz haben möchten?“, sprach sie dann einfach lauter und sah von Tinas Sitzplatz aus zu ihr.
„Oh, ja. Ich möchte ein Motiv vom Fuji-san, die Welle oder das Meer im Hintergrund und dann eine kleine niedliche Schnecke, die den Berg hinaufklettert. Ginge das? Sie können auch gerne über Eck malen, wenn Sie es angebracht finden.“ Die Frau staunte nicht schlecht.
„Das ist ein sehr interessantes Motiv. Natürlich geht das.“
„Stimmt. Ist speziell. Sie wissen sicher was es mit der Schnecke auf sich hat.“, schmunzelte Tina sie an.
„Hm, es erinnert mich an ein kleines Gedicht. Aber die Welle?“
„Oh, dann denken Sie bitte genau an das Gedicht und die Welle, ja. Ich liebe das Meer. Deswegen, und mein Leben ist immer irgendwie stürmisch, oder es passiert was Überraschendes, also passt es perfekt zusammen.“ Tina erntete ein Lächeln und sah zu Yako.
„Wollen wir? Deine Hände sind jetzt wichtiger, als meine Meditation oder die Bilder.“
„Gut, aber lass uns vorher bei den Männern vorbei gehen. Wir können sie ja gemeinsam besuchen. Auf die Stunde kommt es doch eh nicht an. Ich kann sowieso nicht mehr trainieren.“
„Stimmt. Ist okay.“ Beide gingen auf die Tür zu und plötzlich ging sie mit einem kühnen Schwung auf und Tina streckte vor Schreck den Arm aus, damit die Tür nicht Yakos Arm anstieß. Statt sie erwischt es ihren eigenen linken Arm.
„Pass doch auf!“, fauchte sie plötzlich streng, ohne zu sehen wer es überhaupt war. Vor ihr stand Sora und hinter ihm war Tangaroa. Tina nahm jedoch nur Sora wahr, weil er direkt vor ihr stand und ihr mit seiner kräftigen Statur die Sicht nahm. Die Tür tat ihr Übriges. Sie sah direkt zu ihm auf.
„Sorry, ich dachte hier ist niemand.“, kam trocken zurück. Sein Blick war ebenso streng.
‚Tina…jetzt kannst du dich nicht rausreden, wenn du schonmal vor mir stehst.‘ Mit seiner linken Hand wank er hinter seinem Rücken Tangaroa zu, dass er sich wegbegeben soll.
‚Das war doch Tinas Stimme. Sie ist da? Ich soll sicher außer Sichtweite gehen. Aber Sora, warum denn?‘, wunderte dieser sich, aber ging dann trotzdem einfach ein Stück zurück, so dass er nicht zu sehen sein konnte und blieb in Hörweite. „Du hast meinen Arm erwischt. Kann man nicht anklopfen? Der Raum gehört euch jetzt nicht mehr.“, sprach Tina dann etwas beruhigter, aber ernst.
„Reg dich ab. Ich wollte nur die Poster durchsehen, ob für uns was dabei ist.“ „Oh, ja, klar komm rein. Wir brauchen nicht alle. Es sind eh zu viele.“, lächelte Yako ihn an.
‚Sora, wie gut du wieder in deinem Trikot aussiehst. Ich freue mich schon auf heute Abend.‘, schmachtete Yako ihn an und ihr Herz schlug enorm hoch.
„Mag sein, Sorry, aber anklopfen hat was mit Höflichkeit zu tun.“
„Ach…und du bist perfekt, wenn es um Höflichkeiten geht?“
„Was willst du damit sagen? Ich bin immer höflich. Wenn ich kulturell Fehler mache, dann bewusst.“
„Ach…ist es denn in deiner Kultur üblich die Männer um dich herum anzulügen oder an der Nase herumzuführen? Oder wieso gibst du Tangaroa einen Korb, weil du noch keine Zeit für einen Freund hast, aber machst gleich darauf mit einem Idioten wie Okawa rum?“, provozierte er sie extrem. Tinas Puls stieg enorm an und Wut machte sich in ihr breit. Sein eher zorniger Blick brachte sie etwas in Bedrängnis. Es war irritierend, ihn so wütend zu sehen. Bisher kam er ihr sehr nett vor. Sie atmete tief durch, um die richtigen Worte zu finden.
„Mir ist klar, dass ihr gut befreundet seid und darüber sprecht, aber es ist nicht immer alles so, wie es zuerst aussieht. Und würde Tangaroa mir nicht den ganzen Tag schon ausweichen, dann hätten wir das eventuell schon geklärt. Ich wusste bis vor Kurzem nicht, dass er es überhaupt gesehen hat. Was auch immer er gesehen hat, es muss ein sehr kurzer Moment von wenigen Sekunden gewesen sein. Das Ganze ist ein Missverständnis.“
„Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass an eurem Küssen was zu klären wäre? Was soll das für ein Missverständnis gewesen sein? Entweder man küsst sich oder eben nicht. Ich dachte, du bist ehrlich zu uns allen, aber stattdessen entpuppst du dich als Schlampe. Das du es mit dem Schamgefühl nicht so streng nimmst, wusste ich ja bereits. Aber das…ist echt das Letzte.“, warf er ihr vor.
„Wow…ist das deine Art mit jemanden etwas zu klären? Provokationen und Beleidigungen?“, sprach sie mit fester Stimme und sah voller Überzeugung zu ihm auf in seine braunen Augen.
„Dass ausgerechnet DU mir nicht vertraust, das ist eine große Enttäuschung. Immerhin habe ich eurem Trainer zweimal den Arsch gerettet und damit auch deinem gesamten Team. Und wenn du als Freund Tangaroas Menschenkenntnis anzweifelst, dann kennst du ihn scheinbar weniger als ich.
Merke dir eins, Sora, ICH spiele niemals mit irgendjemanden dumme Spielchen, außer es ist auf dem Spielfeld selbst und es nennt sich Gegner! Hast du verstanden?
Du nennst mich eine Schlampe? Ist mir egal was du über mich denkst.
Wenn du wirklich so über mich denkst, dann schreib es doch ans schwarze Brett, damit es jeder lesen kann. Schreib ihnen deutlich, dass ich eine bin und jeder der mir wieder zu nahekommt, bekommt von mir auch eine rein, genau da, wo ihr Herren nur noch Sterne seht! Dann bin ich wenigstens die lästigen Anfragen zum Schülersprecher los. Ich habe selbst genug zu tun und keine Zeit mich nur um die Probleme Anderer zu kümmern oder euer Testosteron unter Kontrolle zu halten!“ Sora war platt. Diese Aussage war genau das was er eigentlich doch hören wollte, aber so richtig zufrieden war er damit noch nicht.
‚Man kriegt diese Frau echt nicht zum Ausrasten. Die hat sowas von „die Ruhe weg“. Immer findet sie Argumente und wie sie mir gegenüber überhaupt auftritt. Diese Selbstsicherheit. Als wären wir gleichgroß, als wäre sie es gewohnt größeren Männern gegenüber zu stehen.‘
„Du hast auch echt zu allem was zu sagen, was? Was soll das eigentlich mit dieser dämlichen Haarspange? Sowas ist doch voll aus der Mode. Darf ich sie mal sehen?“, langte er plötzlich mit der Hand zu ihrem Kopf. Plötzlich wich Tina einen Schritt zurück und hob ruckartig vor ihm den Zeigefinger und hielt ihn ihm unter die Nase. Er war so nah, dass er fast eines seiner Nasenlöcher berühren würde. Eine deutliche Androhung.
„Fass mich nicht an! Sonst lernst du mich kennen, Freundchen! Und an der Spange wirst du dir nur die Finger verbrennen! Die dürfen nicht einmal meine Eltern anrühren! Geh mir aus dem Weg, bevor ich meine Manieren vergesse!“ ‚Oha, das ist es…der wunde Punkt. Dieser böse Blick, den wollte ich sehen. Wow. Nein, du lässt dir nichts von einem Mann bieten, sei er noch so groß und stark. Niemals würdest du dich einem Mann unterordnen. Und schon gar nicht einem Kerl wie Okawa, der hier Ärger macht. Aber warum…warum hat er sie danach auf dem Schulhof noch so derart provoziert? Wollte er sich dafür rächen, dass sie ihm scheinbar wo hingetreten hat? Nach ihrer Aussage eben, scheint es doch so gewesen zu sein. Er muss sie überrascht haben und dann hat sie sich gewehrt. Anders kann ich mir das nicht vorstellen.‘ Diesmal ging Tina wirklich an ihm vorbei, nahm den Türgriff, verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich leise zu. Dann lehnte sie sich mit dem Rücken an die Tür und schloss die Augen. In der Rechten hatte sie den Ball fest und sie versuchte zur Ruhe zu kommen. In ihren Gedanken brodelte es wie wild. Wie konnte er es wagen solche schlimmen Dinge über sie zu sagen? Was bildete er sich denn auf einmal ein? Er war doch zuerst ein netter Typ und ging voll mit ihr, als sie den Vorschlag mit dem Tanz-Morgen hatte.
‚Warum Sora? Warum hast du mich so derart gemein angegriffen? Warum redest du nicht normal mit mir? Ich dachte…du bist ein vernünftiger Kerl und redest deutlich reifer mit mir, als andere.‘ Es tat ihr wirklich weh, dass er so gemeine Sachen gesagt hatte. Noch nie in ihrem ganzen Leben musste sie sich als „Schlampe“ bezeichnen lassen. Was ist nur hier los mit den Jungs? Warum benehmen die sich so komisch, ihr gegenüber? Sie versucht doch zu jeden nett zu sein. Und neben Schwärmereien kommen dann solche komischen Situationen zu Stande. Es tat ihr etwas im Brustbereich weh, so richtig konnte sie es nicht verstehen.
„Sora hat eindeutig die falschen Worte benutzt.
Tina…sei ihm nicht böse. Er meinte es nicht so.“ Völlig überrascht sah sie zur Seite zu Tangaroa, als sie seine dunkle, aber ruhige Stimme vernahm. Er stand noch ein gutes Stück weg und sah sie freundlich an. In seinem durchgeschwitzten gelben Trikot traute er sich nicht wirklich näher zu kommen. Er wollte ihr so doch nicht gegenüberstehen. Das war am Tanz-Morgen nicht so peinlich, weil es frisch angezogen war und das Tanzen nun nicht so anstrengend gewesen war, wie das Training vorhin.
Die hübsche Blondine vor ihm fasste sich ans Herz und stellte sich in den Gang und sah zu ihm.
„Tan-kun. Du bist hier?“
„Äh, sorry. Ja. Wir wollten zusammen die Poster durchsehen und ich wollte tragen helfen.“ Tina ging auf ihn zu und sah zu ihm auf. Dann blieb sie direkt vor ihm stehen.
„Bist du verletzt?“, fragte sie, als sie die Gehhilfen in deiner linken Hand bemerkte.
„Nein, aber Sora.“
„Das beruhigt mich.
Du hast alles gehört, oder?“ Er nickte und nahm die Hand an den Hinterkopf.
„Tut mir leid. Ich…wusste nicht, was er machen wollte. Ich sollte im Flur bleiben, als er dich bemerkt hatte. Sora…kann manchmal etwas überraschend sein.“ „Überraschend ist kein passendes Wort dafür.“
„Er denkt nicht so, genauso wie ich, weiß er, dass du...ehrlich bist. Im Gegenteil. Er hält sehr viel von dir und hat dich mir gegenüber verteidigt.“
„Und...warum sagt er...dann so gemeine Sachen? Und dann ausgerechnet vor dir und...vor meiner Kapitänin...Moment.“, fiel ihr etwas Entscheidendes auf.
„Jetzt weiß ich. Yako…sie ist die Ursache dafür.
Du glaubst mir doch, dass ich das nicht wollte?“, sah sie mit einem ernsten Blick zu ihm auf.
„Tina...ich…äh…es...sah...komisch aus. Und...es tat...weh.“
„Es tut mir leid...ich...wollte das nicht und...ich...kenne dieses Gefühl, glaube mir.“ Sie legte ihre linke Hand andeutungsweise an sein Trikot, ohne ihn wirklich zu berühren. Dann zog sie diese sofort wieder zurück, als sie zu ihm aufsah und in seine liebevollen Augen blickte.
‚Tangaroa…wie…siehst du mich denn an?‘, pochte ihr Herz plötzlich doller, aber nicht mehr vor Wut.
„Warte bitte kurz. Wir reden gleich. So lasse ich das jetzt nicht auf mir sitzen.“, kam dann ein festentschlossener Blick von ihr und sie wich von ihm und ging zum zukünftigen Fitnessraum zurück und klopfte an. Dann öffnete sie ruhig die Tür und sah in den Raum.
‚Wow, was war das denn eben für ein seltsamer Moment? Ob sie mich doch mag? Will sie es deswegen mit mir geklärt wissen?‘ Tangaroa war ihr nachdenklich und etwas irritiert gefolgt und stand nun neugierig in der Tür. Sora unterhielt sich mit Yako und die beiden sahen sich immer wieder in die Augen, während sie sich die Poster ansahen, aufrollten und dann wieder zusammenrollten.
„Was sagst du dazu? Das ist doppelt.“
„Ja, ein tolles Motiv. Das wird den Männern gefallen. Was hast du noch?“
„Sora! Auf ein Wort.“, kam eine ruhige, aber strenge Stimme durch den Raum und Tina deutete mit der Hand so, dass sie mit dem Daumen hinter sich an die Tür zeigte. Der Rugbyspieler drehte sich überrascht zu ihr und sah sie an.
„Was soll das?“
„Eine Aussprache. Entscheide, hier oder unter vier Augen.“, sprach Tina weiter streng, stellte sich dann direkt vor ihn und sah zu ihm auf.
‚Was wird das? Nun gut. Kleine Tina. Mal sehen was du zu sagen hast. Das Spielchen spiele ich gerne mal mit.‘ Er grinste und legte seine Arme an die Taille.
„Wenn du was zu sagen hast, dann gerne hier.“
„Gut, wie du willst. Dann wieder die harte Tour.“, blieb Tina ruhig und drehte sich um zur Tür.
„Tan-kun, bitte schließ die Tür.“
‚Tina, was hast du vor? Wird das jetzt so eine Nummer wie in der Kantine? Willst du dich jetzt wirklich mit Sora anlegen? Er hat es im Grunde doch nicht böse gemeint, auch wenn er weit über das Ziel hinausgeschossen ist mit seiner Beleidigung.‘ Tina sah wieder zu Sora auf, stand weiterhin direkt vor ihm und verschränkte die Arme, setzte einen sehr bösen Blick auf und sprach mit fester deutlicher Stimme in seiner Heimatsprache.
„Was fällt dir eigentlich ein, meine Kapitänin so derart zu beleidigen?! Und das vor Anwesenden!?“, begann sie ihre Standpauke. Verdutzt sah er sie an und blickte einfach zu ihr herab. Dann sah er zu Yako.
‚Wovon redet sie denn? Niemals würde ich Yako beleidigen.‘
„Was soll das? Ich würde Yako niemals beleidigen. Wie sprichst du überhaupt mit mir?!“ Er machte einen hohen Hals, um erhobener auf sie herabzusehen. Yoko und ihre Mutter staunten nicht schlecht. Frau Fuma war total überrascht, dass Tina sich mit diesem großen Jungen anlegte. Und Sora war erstaunt, dass sie doch Japanisch sprechen konnte.
„Doch, das hast du und zwar genau in dem Moment, als du mich eine Lügnerin und vor allem eine Schlampe genannt hast.“, sagte sie und wurde dann etwas lauter.
„Jetzt hörst du mir mal ganz genau zu, du toller Hecht! Hier vor Yako so eine Show abzuziehen, hätte ich mir an deiner Stelle verkniffen!
Du hast gemeint, ich sei sehr freizügig und hätte es nicht so mit Schamgefühl und ich würde mit sonst wem rummachen? Was willst du denn damit andeuten? Zweifelst du, als Yakos fester Freund, etwa wirklich an ihrer Menschenkenntnis? Yako nimmt bekanntlich nur Leute ins Team auf, von denen sie überzeugt ist, dass sie dem Team helfen voranzukommen. Glaubst du sie liegt falsch mit ihrer Einschätzung? Schlampen, wie du sie dir vorstellst, kann sie sicher nicht gebrauchen. Sie würden den Ruf des Teams und der Schule ruinieren, somit auch ihren eigenen.
Wenn sie sich also in mir getäuscht hat, dann…vielleicht auch…in DIR? In dir als MANN?“, redete sie fast ohne Punkt und Komma und sah ernst zu ihm. An seiner Reaktion, nichts sagen zu können, sah sie genau, dass er langsam einsah, dass sie Recht hatte.
‚An mir zweifeln? Tina…du ziehst Yako mit rein? So siehst du das? Ich beleidige sie, wenn ich dich beleidige?
Du hast Recht. Wenn jemand aus meinem Team als Casanova bezeichnet werden würde, dann fällt sein Verhalten auch auf das ganze Team.‘ Er lockerte seine Hände und reichte ihr die rechte Hand. Dann lächelte er freundlich.
„Du bist genial. Du hast mich durchschaut. Ich weiß genau, dass auf dich Verlass ist und du niemals etwas tun würdest, was dem Team oder der Schule schaden würde. Das hast du bereits mehrmals bewiesen. Gut, dass du es jetzt selbst so sagst und sogar Yako in Schutz nimmst.“
„Und was sollte das dann? Kannst du mit mir nicht reden, wie ein erwachsener Mann? Ich dachte du bist ein Gentleman, aber stattdessen benimmst du dich wie ein pubertierendes Kind, das seine Erhabenheit und Männlichkeit vor seiner Freundin demonstrieren muss.“
„Es tut mir leid. Kannst du meine Entschuldigung annehmen? Natürlich bist du keine Schlampe. Das weiß ich doch, immerhin hast du Yako so selbstlos gerettet.“ Plötzlich legte Yako ihre Hand ins Gesicht und schielte durch die Finger hindurch zu Tina.
‚Du Idiot, Sora, das darf sie doch nicht wissen. Jetzt weiß sie, dass ich es dir erzählt habe.‘ Tina war innerlich irritiert und wusste genau was er damit meinen könnte. Jedoch ließ sie es sich nicht anmerken und reagierte eher unerwartet.
„Um deine versuchte Entschuldigung anzunehmen, muss dir was Besseres einfallen.“ Tina nahm seine Hand nicht an und drehte sich nur zur Tür um, um den Raum erneut zu verlassen. Neben Tangaroa blieb sie stehen, als er sie erneut ansprach.
„Gut, das ist nur verständlich.“
„Jetzt kläre ich das mit Tangaroa alleine. Danach gehe ich zu den Volleyballern und Yako, du solltest zum Arzt gehen. Entscheide, ob ich dich noch begleiten soll, oder nicht.“ Ihre Kapitänin sah sie überrascht an.
„Äh, ja, bitte. Zu einem Fremden will ich nicht alleine gehen.“, antwortete sie irritiert.
„Oh, die Vertretung ist mein Vater, also nur halbwegs fremd.“, grinste Tangaroa sie an.
„Dein Vater ist Arzt?“, kam von Yako.
„Ja, genauso Sportmediziner wie Dr. Sato. Die haben beide zusammen studiert und er hat ihn gebeten sich um uns alle zu kümmern, solange er krank ist. Er wollte nicht irgendwen hier haben, deswegen hat er ihn gefragt. Derzeit hat er noch frei.“
„Ist der denn so nett und lieb wie du?“
„Klar ist er das. Das kann ich nur bestätigen.“, meinte Tina freundlich und lächelte endlich wieder.
„Und ist er auch so ein Riese wie du?“
„Äh, ja, er hat früher doch auch Rugby gespielt. Daher das Talent.“, lächelte er stolz.
„Das stimmt. Er ist wirklich sehr nett und er spielte in der obersten Liga bei den Kiwis. Nicht ganz unbekannt, der Mann.“, schmunzelte Sora und war bereit das Thema zu wechseln. Tina sah ihn plötzlich verdutzt an.
„Wie jetzt, bei den Kiwis? Reden wir etwa von dem Taylor, der in den 70ern der schnellste Läufer der Liga war? Es gab mal einen Taylor, der spielte hauptsächlich bei den Kiwis.“
„Äh, ja…genau das war mein Vater.“, schmunzelte Tangaroa.
„Wie gemein. Mein Vater hat ihn gestern sicher erkannt und sagt nichts. Martin doch bestimmt auch. Diese beiden…also echt.“, brummte Tina spaßig.
„Ihn erkannt? Wieso waren sie denn bei ihm?“, wunderte sich Tangaroa.
„Ich habe mich gestern Abend verletzt und musste zu ihm. Naja. Jetzt muss ich ganze Zwei Wochen komplett den Ball flach halten.“, rollte sie mit den Augen. „Du…bist verletzt? Was ist passiert?“, klang Tangaroa plötzlich besorgt.
„Ich bin mit dem Rücken auf eine Bank gefallen, ganz dumme Sache. Naja. Muss ich durch.“
Wenige Minuten später standen Tina und Tangaroa im Flur.
„Wollen wir uns kurz irgendwo unterhalten?“ Er sah sie überrascht an.
„Tina…ist schon gut. Ich…glaube dir.“
„Wirklich?“, sah sie überrascht zu ihm auf.
„Ja. Aber…du musst in Zukunft besser aufpassen. Versprichst du mir das? Ich…will nicht, dass dir…jemand wehtut.“
„Besser aufpassen? Was meinst du damit?“
„Naja, wenn du…jemanden…so nahe bist…wie…jetzt, dann…“, begann er schüchtern zu stottern und sah ihr in die schönen Augen.
‚Du bist so schön, Tina. Wer soll sich denn da auch zurückhalten können? Ein impulsiver Typ wie Itachi ganz bestimmt nicht.‘
„Du…musst einfach…aufpassen.“
„Aufpassen? Willst du mir sagen, dass ich…euch Männer…damit durcheinander bringe?“ Er fasste sich verlegen an den Kopf und schaute zur Seite. Ihr liebevoller Blick irritierte ihn zu sehr.
„Sagen wir es so: Es war auf jeden Fall falsch…was Itachi…gemacht hat und ich…war ein Dummkopf…statt gleich zu gehen…hätte ich…dir helfen müssen, und ich ärgere mich sehr, dass ich es falsch gedeutet habe.“, redete er sich plötzlich immer wütender in Rage. Vor ihm erschien dieser seltsame Moment und die Vorstellung, jetzt zu wissen, dass sie es gar nicht wollte und Itachi habe sie einfach angefasst und geküsst, ohne ihre Einwilligung, das machte ihn um so wütender. Sein Puls stieg an und er machte Fäuste. Vorwürfe machten sich breit. „Ich…war der Idiot. In so einer Situation habe ich…dich im Stich gelassen! Ich habe total versagt, weil ich…dir in der Not…nicht geholfen habe.“
„Hör auf! Du hast nichts falsch gemacht! Ich…ich war die Dumme!“, sprach sie plötzlich lauter und tippte ihn mit dem Finger kurz an seinen rechten Arm. Erschrocken blickte er sie wieder an.
„Nein, ich hätte dir helfen müssen.“, meinte er dann trotzdem. Tina schüttelte den Kopf.
„Du hast Recht…ich hätte aufpassen müssen. Ich…ich war es nicht gewohnt, dass man so…auf mich reagieren könnte. Tut mir leid und mir wird das sicher nie wieder passieren. Das verspreche ich dir.“
„Wie…meinst du das? Was wusstest du nicht?“ Tina ging einen Schritt zurück.
„Na…wie ich…auf Jungs oder auf Männer bereits wirke. Tut mir leid.“
„Ich denke…du hattest einen Freund?“
„Ja, aber…vielleicht…habe ich es nie bemerkt…wenn mich jemand mochte. Ich weiß nicht. Vielleicht hat sich auch niemand getraut es mir direkt zu sagen.
Du bist…der ERSTE, der je…wirklich…nach einem Date gefragt hat.“ Verdutzt sah er sie an.
„Echt? Und…dein Freund? Auch der nicht?“ Sie schüttelte erneut den Kopf.
„War und ist eine komplizierte Sache. Wir…waren jahrelang sehr gute Freunde und dann…war es eben mehr. Aber jetzt…dürfen wir uns nicht sehen.“, erklärte sie sich ehrlich und sah selbst zur Seite, fasste ihre Haarspange an und schloss dabei die Augen.
„Oh, dann ist das wie bei Romeo und Julia?“ Tina nickte.
„So ähnlich ja. Wir…müssen jetzt…drei Jahre abwarten.“, hauchte sie ganz leise.
„Drei Jahre warten? Warum?“
„Dann…ist er 18 und ich…kann ihn besuchen. Dann…sehen wir…ob noch was übrig ist, von uns.“
ENDE von
You are not alone – Du bist nicht alleine -
Zusatzkapitel nach Kapitel 37. + Tag X 2025 - In flagranti
Bitte erst nach Kapitel 37 lesen.
Es nimmt sonst etwas Spannung raus. Deswegen habe ich mich entschieden es nun als einzelne FF zu löschen und hier als Zusatzkapitel einzufügen.
Zusatzkapitel:
Kleine Überarbeitung 04/2025
Tag X
In flagranti
Alles war wie immer. Das Training war lustig und anstrengend zugleich. Alle im
Team sehnten sich nach der in den Sommerferien anstehenden U16-Weltmeisterschaft 1998 in Paris. Es ist Mai und wie immer recht luftig, aber angenehm. Tino Fuchs war wie immer der Erste und der Letzte auf dem Platz. Nach und nach verabschiedete sich jeder. Stephan, Kaltz, Genzo und Karl-Heinz waren die letzten Teamkollegen und gingen noch einmal zu Tino. Seit eh und je sind sie unzertrennliche Freunde geworden. Meist blieben sie länger als alle anderen oder trainierten heimlich woanders. Oft unternahmen sie auch etwas gemeinsam. So wie an diesem Tag. Alle wollten zuerst nach Hause und Hausaufgaben machen, um abends im Jugendklub gemeinsam Billard spielen zu können.
Wie jeden Tag war Tina als letztes unter der Dusche. Sie schnürte sich den Verband um ihre Brust ab und schnappte sich ein Shampoo und das Duschbad. Unterdessen war Karl-Heinz auf dem Weg und kramte vergebens in seiner Tasche.
‚Mist, ich muss mein Handy liegen gelassen haben.‘ Somit schlug er den Weg zurück ein. Gedankenvergraben stand Tina unter der Dusche und seifte sich ein. Karl-Heinz betrat die Halle und ging auf die Umkleide zu. Als er sein Handy aus dem Spinnt nahm, entdeckte er Tinos Klamotten und den Verband.
‚Hm. er ist immer noch da? Ob seine Narbe von der Herzoperation von damals wirklich so schrecklich aussieht, dass es niemand sehen möchte? Er sagte ja, dass er ein krankes Herz hat und deswegen niemals Profi werden könnte. Schade eigentlich, er ist sehr talentiert. Das wären tolle Duelle geworden.‘ Mit diesen Gedanken schlich er in den Duschraum. Plötzlich blieb er stehen. Sein sturer Blick war auf die ihm vertraute und doch fremde Person gerichtet.
Tinas weibliche Gestalt schäumte sich mit geschlossenen Augen gerade die Haare
ein, drehte dann ihren Körper in seine Richtung, um unter der Brause den Schaum
abzuspülen.
Karl-Heinz nahm vor Entsetzen nur das Geräusch der Duschbrause wahr. Vor ihm spielten sich Bilder der Vergangenheit ab. Bilder einer tiefen und treuen Freundschaft. Bilder einer Freundschaft, die ihm mehr bedeuteten als alle Erinnerungen sensationeller Tore oder Siege. Bilder, welche eine ehrliche Freundschaft bewiesen und nie anzweifeln lassen würden. Eine Freundschaft, die ihm oftmals an sich selbst zweifeln ließ. Zweifel an seine Persönlichkeit, an seine Sexualität. Eine Sexualität, die er nie zugegeben hätte.
Und nun? Nun stand sie vor ihm.
IHM, dem deutschen Fußballkaiser. Ein Mädchen, das ihn jahrelang belogen hat.
Ein Mensch, der ihm jahrelang etwas vorgespielt hat. Sein bester Freund und Kumpel, der ihm öfters die Nächte raubte.
Sein leeres Bewusstsein musterte noch einmal die Gestalt unter dem Wasserstahl.
Sie hatte kurze blonde Haare, welche mit Schaum bedeckt waren, Brüste die eindeutig hervorragten, eine Taille, die niemals hätte einem Mann gehören können und ein rundgeformtes Becken, welches ihm eine feminine Intimsphäre zeigte. Einfach einen Anblick weiblicher Reize!
Tina war in Gedanken vertieft.
‚Ach Karl, wenn ich doch nur wüsste wie es weiter gehen soll. Ich kann dieses Versteckspiel einfach nicht mehr ertragen. Ich will doch nur bei dir sein. Aber nicht als Freund, sonders als Frau. Ich habe plötzlich das Gefühl, du wärst bei mir, ganz nah. So nah, dass ich glaube mein Herz würde zerspringen. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen, wie du andere Mädchen ansiehst, wie du über sie redest und was du über sie denkst. Ich will das alles gar nicht wissen.
Zur WM muss ich euch sowieso verlassen. Jetzt Ende des Schuljahres. Ich werde es dir heute sagen. Nach unserem Treffen mit den Jungs. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich muss es tun, bevor du es von selbst herausfindest. Immer wieder habe ich es mir vorgenommen, aber dann kam was dazwischen.‘
Plötzlich klingelte das Handy in Schneiders Hand. Eine Kurzmitteilung ging ein.
Tina öffnete verwundert ihre Augen und sah direkt zu Karl-Heinz, welcher sie noch immer mit fast leeren Gedanken stumm anstarrte. Vor Schreck viel ihm das
Telefon aus der Hand und ohne es zu registrieren, rutschte ihm ein „Tino?“ über die Lippen. Sie war wie gelähmt. Entsetzt starrte sie in seine hellblauen Augen, welche vor Enttäuschung nur so funkelten.
„Charly!“, hauchte sie nur, während das nicht ganz lauwarme frische Wasser auf sie herabprasselte und ihre Tränen verschleierte. Die unzähligen Wassertropfen liefen an ihrem Körper herab. Ihre Gedanken waren leer. Ihr Herz fing an lauter zu pochen. Das Pochen kam ihr vor wie ein Trommeln. Ein Trommeln, das ihr Schmerzen bereitete. Fürchterliche Schmerzen in der Brust. Angst machte sich in ihr breit. Angst, Karl-Heinz könnte sie jetzt hassen, so dass sie einfach langsam auf ihn zu ging.
„Charly...ich...äh...“ Sie blieb vor ihm stehen, nackt und sah ihm in die Augen. ‚Ich habe noch nie so einen leeren Blick von ihm gesehen. Karl, bitte, du darfst mich nicht hassen. Ich liebe dich doch, ich liebe dich so sehr...viel zu sehr...ohne dich kann ich nicht leben...ohne dich kann ich gar nichts...ohne dich will ich nichts...gar nichts...auch nicht leben.‘
Sein Blick änderte sich. Er war wütend. Stink wütend, so wütend, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte.
„Spar dir deine Worte! Es gab von Anfang an keinen Tino, sondern nur eine Tina, stimmts?!“ Sie senkte den Kopf.
„Es tut mir leid.“, hauchte sie. Ehe sie sich versah verpasste er ihr eine heftige Ohrfeige. Tina kassierte sie mit Fassung, sie war verdient. Ihr liefen unendliche Tränen über das Gesicht.
„ES TUT DIR LEID?! MEHR HAST DU NICHT DAZU ZU SAGEN?!
Du verlässt das Team! Mit Heuchlern können wir nichts anfangen!“, brüllte er
sie an. Somit drehte er ihr den Rücken zu und ging in Richtung Umkleide.
„Und zieh’ dir was an. Hast du auch dein Scharmgefühl verloren?“, murmelte
er, aber deutlich genug. Daraufhin blickte sie auf und sah ihm nach.
‚Warum sagt er so was?‘
„Karl, das stört mich schon lange nicht mehr.“, sprach sie laut.
„Wieso? Was meinst du damit?“, wunderte er sich.
„Mich stört es nicht, dass du mich so siehst. Ich wollte nur nicht, dass du mich siehst, nicht jetzt und nicht heute.“, erklärte sie ruhig.
„Ich verstehe kein einziges Wort.“ Es war stumm im Duschraum. Nur die laufende Duschbrause erhellte die Luft mit Geräuschen.
Plötzlich sank Tinas Gestalt zu Boden. Ihr tat so fürchterlich das Herz weh, dass sie sich nicht mehr halten konnte. Die Angst von dem Menschen verachtet zu werden, den sie am meisten liebte.
Seinetwegen nahm sie damals das Angebot des Trainers an in die Mannschaft zu
kommen. Nur seinetwegen gab sie sich weiterhin als Junge aus und belog die ganzen Leute. Auch das harte Training und die Sondertrainings hielt sie immer
nur seinetwegen durch. Aber er war auch der einzige Grund, weshalb sie so hart
trainierte. Natürlich wollte sie weiterhin mit ihrem Bruder spielen, aber seitdem sie ihn kannte, spielte er eine größere Rolle als er. Sie hielt ihre wahren Gefühle vor allen zurück, als sie diese erkannte, damit sie in seiner Nähe bleiben konnte. Seiner Nähe, die ihr immer Mut gab und Stärke verlieh. Sie hatte als Kind immer das Gefühl etwas würde ihr fehlen, aber seitdem sie sich kennen, war das Gefühl weg. Auch in diesem Moment, verlieh er ihr unbewusst Mut. Den entsprechenden Mut, ihm zu sagen, was sie fühlte.
Er sah kurz zu ihr herab. Sie keuchte leise auf, um Luft zu schnappen.
„Ich...mein...mein Herz...tut so weh...bitte...geh nicht.“, stotterte sie sich mühsam zurecht. Karl- Heinz betrachtete sie respektlos. Entblößt und klitschnass saß sie auf den Knien, hielt sich krampfhaft die Brust und kniff die Augen zusammen. „Wie tief bist du gesunken, dass du zu solchen Mitteln greifst? Merkst du nicht wie lächerlich du dich machst? Deinen Verband trägst du nicht wegen einer Narbe von einer Herzoperation, sondern nur, um deine Weiblichkeit zu vertuschen. Warum sollte ich jetzt auf deinen Herzanfall hereinfallen?!“, schnauzte er sie an und drehte sich um.
Tina glaubte nicht richtig zu hören. Karl war wie immer so direkt und sagte ganz genau das, was er denkt, ohne auf sein Gegenüber Rücksicht zu nehmen. Genau davor hatte sie auch Angst. Er sagte selten etwas, aber wenn, dann hatte es Gewicht. Mit einer seiner persönlichen Eigenschaften konfrontiert zu werden, die sie selbst am meisten an ihm schätzte und liebte; seine Ehrlichkeit.
Sie sah zu ihm auf.
„Karl...bitte...das ist kein Anfall. Ich bitte dich...hasse mich nicht!“, flehte sie ihn an, doch er griff sein Handy und ging weiter.
„Bitte...bleib...bitte...Karl...ich...ich Karl...ich bitte dich. Du darfst mich nicht hassen.“, stotterte sie verzweifelt und mit verweinter Stimme, während sie sich versuchte aufzurichten.
„NENN’ MIR EINEN EINZIGEN GRUND, WESWEGEN ICH DAS NICHT TUN SOLLTE?!“, brüllte er wütend ohne sie auch nur anzusehen.
Tina stand auf den Knien, sah ihm nach und streckte den Arm aus, als ob sie ihn
festhalten wollte.
„Bitte geh` nicht...ich...ich...kann…nicht.
Ich bin...nicht...nein...ich kann es dir nicht sagen.“, versuchte sie zurecht zu stammeln. In diesem Moment machte sie eine falsche Bewegung, rutschte auf den nassen Fliesen aus und lag der Länge nach auf dem kalten nassen Boden. Weinend lag sie nun da, ihr wurde kalt, so kalt, als würde sie ins Nordmeer springen.
„Bitte...“, schluchzte sie.
„Bitte Charly...tu mit mir, was du willst...aber hasse mich nicht. Verpasse mir unzählige Ohrfeigen, aber hasse mich nicht. Sag es den anderen, auch wenn sie mich hassen werden, aber ich bitte dich...DU darfst mich nicht hassen! Sag es mir…sag es mir wenigstens, ignoriere mich, aber bitte sag mir, dass du mich nicht hassen wirst!“, versuchte sie mühselig klar zu machen wovor sie am meisten Angst hatte und warum ihr das Herz weh tat. Karl blieb stehen und blickte zu ihr herab.
‚Tina, warum machst du mir das so schwer? Wenn du wüsstest was in mir vorgeht. All die Jahre zweifelte ich schon an mir selbst. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich normal bin. Ich dachte schon ich sei schwul, nur weil du mir nachts nicht aus dem Kopf gingst. Ich wusste nicht, warum ich so große Gefühle für dich hatte. Ich wusste auch nicht, warum ich trotzdem den Mädchen hinterher sah und es anziehend fand. Und trotzdem war es auch bei dir so. Was sollte ich denn tun?‘ Er senkte den Kopf und bemerkte nicht, wie auch ihm Tränen kamen.
„DICH IGNORIEREN?!?!?!? DAS KANN ICH NICHT!!“, schrie er sie an.
„Ich kann DICH nicht ignorieren! Ich kann Dir nicht mehr vertrauen! Mir bleibt nur noch dich zu hassen!! Auch wenn ich das wahrscheinlich auch nicht kann!! Aber warum...?
WARUM UM ALLES IN DER WELT, DARF ICH DICH NICHT EINMAL HASSEN, VERDAMMTE SCHEIßE?????!!!!!!“, brüllte er verzweifelt, sah ihr in die türkisfarbenen Augen und schlug mit seiner Faust aufgebracht gegen den Spinnt neben sich. Entsetzt sah sie ihn an.
‚Er weint ja.‘, stellte sie fest und begann zu stottern.
„Na weil...weil...ich...ich...dich...dich...na weil...
ICH DICH LIEBE!!! DU VOLLIDIOT!!!“, brüllte sie ernst zurück, blickte in seine blauen leeren Augen und wartete seine Reaktion ab.
Seine noch am Spinnt aufstützende Faust löste sich auf, sein Blick wurde
weicher und ihm fehlten zum ersten Mal in seinem ganzen Leben die Worte.
.
..
...
....
.....
......
‚Was hat sie da eben gesagt? Ist das etwa ihr Ernst?‘, ging in ihm etwas Seltsames vor sich.
„Seit wann?“, hauchte er nach unzähligen Momenten der Erinnerung. Tina wich seinem Blick aus und schloss die Augen.
„Schon immer. Anfangs wollte ich nur mit Stephan zusammenbleiben, aber dann faszinierte mich deine Art zu spielen so sehr und das trieb mich an. Und es dauerte nicht lange, da erkannte ich es dann. Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Zuerst war es nur Zuneigung, ein Gefühl als wäre mein Tag ohne Training mit dir unvollkommen. Ich versuchte dagegen anzukämpfen, aber es ging nicht. Ich wollte nur dein Freund sein, aber es ging nicht. Ich versuchte mich für andere zu interessieren, aber das konnte ich nicht. Ich wollte meine Gefühle ignorieren, aber dazu war ich zu schwach. Ich schrieb alles in mein Tagebuch, aber auch das half nicht. Ich wusste einfach nicht mehr was ich tun sollte. Um es dir zu sagen, war es schon zu spät, ich war bereits dein Freund, Tino. Wenn ich es dir gesagt hätte, hättest du mich für blöd verkauft und mich abserviert, mich aus dem Team geschmissen. Aber das Team und das Training war alles was ich noch hatte, um in deiner Nähe zu bleiben. Privat hattest du doch nie Zeit. Also beließ ich es dabei und zog mein Ding durch. Ich weiß nicht warum, aber es gab für mich nichts Schöneres, als mit dir zusammen zu sein. Die Blicke und Jubelschreie der Fans zu genießen. Jedes Sondertraining gab mir wieder neue Kraft, um alles durchzustehen, aber seit einem halben Jahr...ich stellte fest, dass es nicht das entscheidende war.
Es war nicht das, was ich alles wollte. Es war Teil von dem was ich wollte, aber
ich merkte auch, dass ich anders war. Schon früh fing ich an zusätzlich zur Abbindung meines Busens weniger fettiges zu essen, damit ich keinen rundlichen Hintern bekomme. Wenn ich dich mit anderen Mädchen sah, konnte ich es nicht ertragen. Am schlimmsten war es vor einer Woche. Ich habe durch Zufall gesehen wie du ein Mädchen geküsst hast. Ich kochte vor Eifersucht, aber ich konnte nichts tun. Ich war komischerweise nicht eifersüchtiger auf dich als auf sie. Sie konnte ja nichts dafür, außerdem konnte ich’s dir nicht übelnehmen, da sie viel hübscher war als ich, als Tina. Doch mein Herz schmerzte so sehr.
Einen Tag zuvor hattest du mir doch dein altes Taschenmesser geschenkt. Es war
von deinem Vater. Er hatte dir ein neues geschenkt. Ich holte es raus und klappte es auf. Es war recht stumpf geworden...ohne nachzudenken legte ich es quer über meine Pulsader...aber...ich stockte. Das würde keinen Sinn ergeben, dachte ich, also nahm ich die Klinge direkt in meine Hand.“, plapperte sie einfach nur vor sich hin und redete sich alles von der Seele.
„Du wolltest dir wegen mir...?“, äußerte Karl benommen.
„Nein! Ich wollte nur etwas spüren, das stärker war als mein Gefühl. In der Regel war es beim Training so, ich ging immer nur an meine Grenzen, damit ich nichts anderes spüren konnte als den Schmerz.
Du konntest sein wie du bist. Ein ganz normaler Junge mit ganz normalen Gefühlen...und ICH? Ich fühlte in diesem Moment, dass ich gar nichts war. Ein NICHTS! Ich war so wütend auf mich selbst, dass ich eine Faust machte, all meine Kraft darin steckte und das Blut gar nicht mehr spürte...“
„HÖR AUF! ICH WILL’S GAR NICHT WISSEN!!“, schrie er plötzlich auf. Er sah auf ihren nackten Körper herab, blickte sich daraufhin um und schnappte sich ihr Handtuch. Dann ging er zu ihr, legte es über ihren Rücken und griff mit dem Handtuch kräftig und unbedacht ihre Oberarme. Karl kniete sich vor ihr nieder und zog ihren zitternden Körper an sich heran. Ihm war es egal, ob seine neue Hose nass würde, oder sein frischgebügeltes Hemd zerknittern könnte. Er löste seine groben Hände und berührte sanft ihren Rücken. Zärtlich trocknete er sie ab. Dabei sahen sie sich kein einziges Mal in die Augen. Kein einziges Wort wechselten sie miteinander. Sie spürte deutlich seine Wärme. Er vernahm wohl, wie ihr Zittern langsam nachließ und ihre Körpertemperatur wieder anstieg. Seine Tränen waren im Gegensatz zu ihren bereits getrocknet, nur eine einzige huschte ihm erneut über die Wange.
‚Warum ist er so lieb zu mir? Will er mir damit weh tun? Ich dachte er hält mich für bekloppt und haut einfach ab. Warum tut er das jetzt? Seine Wärme gibt mir Kraft, aber will er mir wirklich Kraft geben, oder will er mich aus Rache leiden lassen? So wie er es sonst mit seinen Rivalen tut?‘
‚Warum mache ich das eigentlich? Sie hat mich belogen und uns allen etwas vorgemacht. Ich hasse sie dafür, aber ich kann ihren Anblick nicht ertragen. Ich kann ihre Hilflosigkeit nicht ertragen. Warum nur? Warum werde ich so weich bei ihrem Anblick? Warum wollte sie sich verletzen? Wegen mir? Warum geht mir das einfach nicht aus dem Sinn, dass ich mich schuldig fühle? Schuldig dafür,
dass sie es getan hat, schuldig dafür, dass sie mich belogen hat? Sie tut mir einfach leid, obwohl ich stinksauer auf sie bin. Jetzt wo ich weiß, dass Tino ein Mädchen ist, dass Tina, Stephans jüngere Schwester, die ich einst für kurze Zeit in mein Herz geschlossen hatte, mein bester Kumpel und vertrautester Busenfreund Tino ist. Nein, dass Tino Tina ist.‘
Plötzlich kommt ihm alles wie ein Traum vor. Er bewunderte Tino so sehr. Tino war so talentiert und ehrgeizig. Er hatte noch nie so einen ehrgeizigen Sportler kennengelernt. Nicht einmal er selbst hat je so lange trainiert bis er an den Händen blutete oder total erschöpft und reglos am Boden lag. Tino konnte das. Er ging ständig an seine Grenzen. Natürlich ging auch er an seine Grenzen, aber Tino...Tino überschritt sogar seine Grenzen. Er steckte Schmerzen weg, die ihn stärkten. Sein Kampfgeist war mit niemanden zu vergleichen. Ihm war jede Verletzung egal, Hauptsache er hielt das Training durch und siegte im Spiel. Er spielte nicht einfach nur, des Spaßes wegen, sondern als ginge es um sein Leben. Wenn jemand lustlos war oder schlechte Laune hatte, brachte er wieder Heiterkeit ins Spiel und bewegte jeden zum Lachen. Er war auch der Erste, der Karl-Heinz wirklich regelmäßig zum Lachen bringen konnte.
Die Minuten schwanden. Die Kälte in Tinas Körper wich davon. Wärme machte
sich breit. Karls Wärme.
„Wie konnte ich nur?“, flüsterte er. Sie sah verblüfft auf.
„Wie konnte ich das nur übersehen?“
„Was?“, schluchzte sie.
„Dass du ein Mädchen bist. Ich habe dir geglaubt, dir vertraut. Hast du überhaupt eine Ahnung wie ich mich fühle? Du warst nicht einfach nur ein Freund. Du warst immer wie ein Bruder für mich. Und nun? Nun soll alles vorbei sein?“
„Nein.“, schluchzte sie noch immer.
„Ich...ich will im Team bleiben.“ Karl stöhnte genervt auf.
„Hör’ auf zu träumen! Das geht nicht. Spätestens zur WM fliegst du auf.“
„Ich weiß, leider. Ich möchte gerne so lange bleiben bis wir gegen Genzos Freunde aus Japan gespielt haben. Dann gehe ich. Versprochen. Ich…ich kann es doch eh nicht mehr verstecken.“, versuchte sie verzweifelt klar zu stellen, mit der Voraussetzung, Karl würde sie eventuell sofort aus der Mannschaft schmeißen. „Okay.“, hörte sie plötzlich. Ein schlichtes einfaches, Okay.
Erstaunt sah sie zu ihm auf. Seine blauen klaren Augen sahen sie intensiv an. Sie spürte seine warmen Hände am ganzen Körper.
„Meinst du das im Ernst?“, hinterfragte sie sicherheitshalber. Er nickte entschlossen und schloss dabei die Augen. In seinem Kopf spielte sich eine Zukunftsvision ab. Er würde mit dem „kaiserlichem Quartett“ gegen Japan auftreten und danach würde es nur noch eine Tina, keinen Tino geben. Doch bevor er weiterspinnen konnte, vernahm er ein schüchternes „Danke.“ und spürte einen kurzen zärtlichen Kuss auf den Lippen. Er riss die Augen auf und ließ sie erschrocken los. Verlegen stand Tina auf und verließ die Dusche. Erstarrt blieb Karl-Heinz in der Hocke und bewegte sich nicht. Seine Gedanken schweiften im Kreis. Sein Herz klopfte so laut, dass er nichts mehr wahrnahm. Die Dusche lief noch immer. Es hatte sie noch keiner abgestellt.
‚Warum? Warum tut sie das? Will sie mich damit verwirren?‘ Er berührte nachdenklich seine Lippen.
‚Es war so weich, so lieblich. Anders als sonst. Was hat das nur zu bedeuten?‘, stellte er fest.
„Beeile dich, Charly! Sonst bist du heute Abend nicht pünktlich.“, erklärte Tina locker, als wenn nichts wäre. Aber in Wirklichkeit klopfte ihr Herz mindestens genauso laut.
Die Bahnhofsuhr schlug 20 Uhr. Stephan und Tino standen vor dem Klub und warteten auf ihre Freunde. An diesem Abend war Tino ruhiger als sonst. Normalerweise redete er über das Training, aber dieses Mal stand er einfach nur da. Bald trudelten Genzo und Kaltz ein.
„Hey, wo habt ihr Schneiderlein gelassen?“, erkundigte sich Stephan.
„Keine Ahnung. Lass uns einfach rein gehen. Er geht nicht ans Handy und zu
Hause ist er auch nicht.“, murrte Kaltz. Tino fing an sich Sorgen zu machen.
‚Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Vielleicht hat das nicht einmal etwas mit mir zu tun. Stress in der Familie oder so, immerhin liegen seine Eltern noch immer in Trennung.‘
„Vielleicht hat er ja mehr Hausaufgaben auf und kommt später.“, versuchte sich Tino in Mutmaßungen.
„Quatsch! Wir gehen doch in dieselbe Klasse. Wir haben heute gar nichts auf.“, erklärte Kaltz muffig und ging voran. Genzo und Stephan folgten ihm. Genzo blieb stehen.
„Willst du hier auf ihn warten?“
„Ja, vielleicht bin ich auch schuld daran.“
„Verstehe, ihr habt euch mal wieder gestritten?“
„Ja.“
„Doll?“
„Mehr als nur doll.“, grinste Tino.
„Na ja, falls du wieder jemanden zum Reden brauchst, ich habe immer ein Ohr
frei.“, schmunzelt er zu seinem besten Kumpel.
„Er weiß es jetzt.“, haute sie plötzlich raus. Überrascht sieht er sie an.
„Und was sagt er?“
„Ich muss abwarten. Bis zu unserem Spiel gegen deine Freunde, bleibe ich noch. Dann bin ich weg.“, sagt sie nur ganz leise und nachdenklich. Er legt seine Hand auf ihre Schulter.
„Verstehe. Wir reden später.“
Zehn Minuten später erschien Karl-Heinz, aber er war nicht alleine. An seiner Seite befanden sich fünf hübsche gleichaltrige Mädels. Unter anderem auch das
Mädchen, welches Tina neulich mit ihm gesehen hatte. Tina hockte besorgt an der Wand und sah betrübt zu Boden. Sie überlegte, wie sie ihm gegenübertreten konnte. Doch da hörte sie schon das Lachen und Schnattern und schaute verwundert auf.
‚Was um alles in der Welt ist das?‘ Dann entdeckte er Karl. Genau in der Mitte und beidseitig eingehakt.
‚Was hat das denn zu bedeuten?‘
„Schau mal, Karl. Dort ist Tino. Wartet er etwa auf uns? Wusste er, dass wir
kommen?“, meinte eines der Mädchen.
„Nein. Ihr seid eine Überraschung.“, er schwieg daraufhin. Tina stand auf und sah sie an.
„Er schaut so traurig. Ist heute beim Training etwas passiert?“, hinterfragte seine Begleiterin und feste Freundin Steffi.
‚Ausgerechnet mit der Tussi muss er hier aufkreuzen. Will er sich jetzt an mir rächen, oder wie?‘, stöhnte Tina leise vor sich hin.
Steffi hatte lange blonde Haare und trug eine weiße Figurbetonte lange Hose, ein rosé farbiges bauchfreies Shirt, welches mit Blümchen und Schmetterlingen bestickt war. An der Seite trug sie eine gleichfarbige Handtasche und an den Füßen ebenso betonte Absatzschuhe. Tina kochte nur so vor Eifersucht.
‚Gegen so eine Schönheit habe ich doch nicht mal als Tina eine Chance. Wie gemein. Wenigstens hat er Geschmack. Aber wer weiß, vielleicht ist sie ja total dumm im Kopf. Karl mag nur kluge Mädchen.‘
Karl sah in Tinas Gesicht. Jetzt wo er wusste, dass sie ein Mädchen ist, erkannte er auch ihre weiblichen Gesichtszüge. Früher war ihm das nie aufgefallen. Bisher dachte er die Ähnlichkeit zu Tina wäre so groß, weil sie Zwillinge sind. Sie hatte noch immer denselben traurigen Blick drauf wie vor einigen Stunden im Duschraum.
„Warum bringst du die Mädchen mit?“, entgegnete sie zynisch.
„Ich wollte mal etwas Farbe ins Spiel bringen.“, lächelte er gezwungen, aber war ehrlich.
„Die Kugeln sind bunt genug.“, antwortete sie neckisch, damit ihre wahren Gefühle nicht auffielen. In Wirklichkeit pochte ihr Herz so sehr, dass es zu zerspringen drohte. Eines der Mädels kam auf sie zu.
„Hallo, Tino. Ich freue mich riesig, dich und die anderen endlich einmal kennen zu lernen. Ich heiße Anke.“ Tina lächelte höflich. Anke hatte halblange blonde Haare und zwei kleine Zöpfe.
‚Hübsch ist die Kleine ja. Alle Mädchen sind hübsch. Und ich? Ich werde in seinen Augen immer der freche Junge sein, toll.‘ Dann kam Steffi auf sie zu.
„Hi, ich bin Steffi. Karl-Heinz und ich kennen uns schon eine Weile. Ich hoffe wir kommen auch gut miteinander aus.“, lächelte sie überzeugt. Sie sahen sich auf gleicher Höhe in die Augen.
‚Was will sie damit sagen? Will sie etwa mit jedem von uns etwas anfangen oder was? Wie kann man so durchtrieben sein?‘
Ihre blauen Augen leuchteten auf und ihre Lippen waren rosé angemalt. Man sah
aber, dass der Lippenstift ein wenig verschmiert war und nicht frisch aufgetragen. Tina erkannte, dass sie eventuell geküsst wurde. Unabhängig davon, ob es ihre Mutter war, um ihr beim Date Glück zu wünschen, oder ob es Karls Lippen waren, welche ihre berührt haben könnten; Tino spielte seine Rolle, so wie es die Fans von ihm verlangten. Doch das Herz schmerzte mehr als zuvor.
Nachdem die anderen sich vorgestellt hatten, gingen sie rein. Die Mädels vorneweg.
„Charly?“, rief Tina ihm zu, als die Mädchen außer Hörweite waren. Er blieb stehen und drehte sich um.
„Ja?“
„Ist das deine Rache?“, stellte Tina in den Treppengang.
„Die Sache war bereits geplant. Wenn ich abgesagt hätte, wären sie enttäuscht gewesen. Und die Kleine, die dich angesprochen hat, sie ist deinetwegen hier.“ „Sondertraining, keine Zeit, fertig. Dafür hätten sie schon Verständnis gehabt.“ Plötzlich verzog er sein Gesicht. „Was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Tino?!“, murrte er sie an. Seine klaren Augen funkelten vor Enttäuschung.
ZUSATZ:
Kommentare:
Von: abgemeldet
12.09.2006 17:04
hey dat war echt nen tolles kappi^^
ich hoffe du machst bald weiter
will nämlich unbedingt wissen wies weiter geht...^o^
freu mich schon
bis denne
Kommentar zu: Kapitel 1: In flagranti 2024
Von: KatieBell
05.09.2006 17:20
Wow echt klasse^^
musst auf jeden fall weiter schreiben!
Entschukdige das ich jetzt erst ein Kommi da lass, denn ich hab mom voll viel Stress und so wegen Schule...und so
*Verbeug* -__- Entschuldigung
Bey Bey
Bulma4554
Ps: Danke für den GB eintrag! =D
Kommentar zu: Kapitel 1: In flagranti 2024
Von: abgemeldet
16.08.2006 17:26
Super Kapitel. Danke dass du mir bescheid gesagt hast. Bitte schreib schnell weiter und wenns dir ncihts ausmacht, geb mir bitte wieder bescheid. Danke und schön weiterschreiben.
Kommentar zu: Kapitel 1: In flagranti 2024
Von: igorrrr
12.08.2006 22:16
Ich finde das Kap super. Das hatte ich bei dir allerdings noch nicht gelesen. In welchem Buch hast du das versteckt?
HDGDL néko
Kommentar zu: Kapitel 1: In flagranti 2024
Von: abgemeldet
08.08.2006 21:22
Hi^^
Danke das du mir bescheid gesagt hast.
Bis jetzt gefällt mir deine FF sehr gut.
mach schnell weiter.
Daisukifan
4. Kapitel Körperkontakt I (U18) 2026
Kapitel 4 (U18-Version)
Körperkontakt
„Hey!“, meint sie ernst, packt ihn am Arm und schleift ihn mit ins Lokal.
„Du ziehst dir erst mal was Trockenes an, sonst holst du dir noch den Tod.“, wirkt sie sehr streng, schließt hinter sich die Tür zu und lässt den Schlüssel stecken.
„Ja, aber ich kann das bisschen Regen schon ab. So leicht hole ich mir nichts weg. Du musst dich da nicht sorgen.“, ist er etwas verwirrt und kommt sich vor, als könne er sich nicht gegen sie wehren.
„Unsinn! Weißt du nicht wie viele Menschen heutzutage noch an Lungenentzündung sterben? Ich möchte nicht, dass du einer davon bist!“, erklärt sie ernst.
„Ich habe genug Menschen verloren.“, fügt sie leise hinzu und deutet an, ihr in den Personal-Umkleideraum zu folgen.
‚Ach Tina. Wieso sorgst du dich so? Bin ich dir etwa wirklich wichtig? Wir kennen uns doch kaum.‘ In der Umkleide angekommen, holt sie einen schwarzen Trainingsanzug und ein Handtuch aus ihrem Spint und reicht es ihm.
„Hier, das könnte dir passen. Ich gehe mich im Wäscheraum von vorhin umziehen. Da liegen noch meine Sachen.“ Kurz darauf verschwindet sie aus der Tür.
‚Besser wir sind nicht im selben Raum. Ich kann in seiner Nähe keinen klaren Gedanken fassen. Aber er kann doch nicht so durchnässt nach Hause gehen.‘ Verdutzt starrt Kojiro den Trainingsanzug an, dann in den Spiegel ihm gegenüber. ‚Eigentlich könnte ich meine eigenen Sachen anziehen, aber dann würde sie sehen, dass ich kein Baseballspieler bin. Wie armselig, ich habe noch nie jemanden aus Eigennutz belogen. Ich muss das in den kommenden Tagen so bald wie möglich beenden. Wie konnte ich nur?‘ Der junge Mann schaut nachdenklich sein Spiegelbild an. Seine wilden schulterlangen Haare hängen nass an ihm herunter. Natürlich weiß er warum, warum er Tina belogen hat. Als er in ihre klaren Augen sah musste er es tun, denn sonst hätten sie sich nie wirklich kennengelernt. Der unbeschreibliche Moment vorhin wäre niemals passiert. Nein, er hat wirklich keinen Fehler gemacht.
Erst nach einiger Überlegung entschließt er sich tatsächlich den Trainingsanzug anzuziehen. Also entledigt er sich seinem T-Shirt, der nassen Hose und beginnt zuerst die Lange Sporthose anzuziehen.
‚Hm. Wem der Anzug gehören mag? Meine Größe scheint es tatsächlich so in Etwa zu haben. Es wirkt weder zu klein noch zu groß.‘
Plötzlich ist ein lautes Gepolter aus Tinas Richtung zu hören.
„So ein Mist!!“, flucht sie laut auf Deutsch.
„Was war das?!“, spricht er überrascht.
‚Was hat sie gerufen? Ich habe nichts verstanden. Ihr ist doch hoffentlich nichts passiert?‘ Besorgt stürmt Kojiro in den Personalgang und stürzt wenig später ins Wäschezimmer.
„Ist dir was passiert? Was war das?!“, spricht er besorgt, ohne darauf zu achten was auf dem Boden liegt. Sein Blick ist auf sie gerichtet. Vor seinen Augen, in so greifbarer Nähe, steht sie. Die Frau, die er nur wenige Augenblicke zuvor im Arm hielt und nie wieder loslassen wollte. Ausgerechnet diese Schönheit steht in jenem Moment nur in knapper Wäsche vor ihm.
‚Wie schön und begehrenswert sie ist…‘
„Vorsicht! Die Kleiderbügel!“, warnt sie ihn noch. Doch genau in diesem Moment tritt er unachtsam auf die Plastekleiderbügel, welche am Boden liegen, verliert das Gleichgewicht und stürzt ihr entgegen. Er reißt Tina unwillkürlich mit sich, welche ihn mit großen, erstarrten Augen ansieht. Sie spürt nur noch einen gewaltigen Schrecken, stürzt mit starkem Herzklopfen zu Boden, direkt auf die frisch gebügelte Wäsche, welche zuvor im Regal lag und prallt beinahe mit dem Kopf auf die Fliesen. Noch in letzter Sekunde kann Kojiro seine Hand dazwischenschieben. Er kneift schmerzerfüllt die Augen zu und stützt sich mit dem Ellenbogen und der linken Hand neben ihrem Kopf ab. Sein linkes Bein stützt sich zwischen ihren Oberschenkeln ab. Beide Herzen rasen vor Schreck. Keiner kann etwas sagen. Sie spürt seine Beine, die ihr linkes Bein umschließen. Ihre Augen sind geschlossen, weil sie den heftigen Stoß am Hinterkopf zu verdrängen versucht. Wenn Kojiro seine Hand nicht dazwischen gehalten hätte, wäre sie direkt auf die Fliesen geknallt und hätte sich den Kopf aufgeschlagen.
Ihr schießen sämtliche Gedanken durch den Kopf.
‚Ah....tut mein Kopf weh. So ein Mist. Wieso ist das doofe Regal plötzlich zusammengekracht?
Moment mal, was ist das? Mir wird so warm. Was ist das in meinen Händen? Es ist so angenehm warm.‘ Ihre Hände berühren seinen durchtrainierten nackten Oberkörper.
‚Wie konnte ich nur so ein Trottel sein? So etwas passiert mir doch sonst auch nicht. Nur weil ich sie in Unterwäsche gesehen habe, hätte sie sich wegen mir beinahe verletzt. Warum bringt mich sowas so sehr aus der Fassung?‘ Erst dann öffnet er seine Augen.
‚Ob bei ihr alles in Ordnung ist?‘ Er betrachtet nachdenklich ihr Gesicht.
‚Du bist so schön, Tina. Was ist das für ein Gefühl, das mich plötzlich schwer atmen lässt und mir das Gefühl gibt um die Brust herum eingeschnürt zu sein? Wie ein Seil, welches sich immer fester zusammenzieht? Warum steigt so eine Wärme in mir auf? Genau wie vorhin. Sie verteilt sich überall. Was ist nur heute mit mir los? Ihre Hände fühlen sich so angenehm an. So warm und zart. Ihre Berührungen lassen mich nicht mehr los. Ist das…?‘
‚Was ist das für eine Wärme? Sie kriecht mir die Beine hinauf und verursacht plötzlich so eine Zuneigung. Aber Zuneigung zu was? Es fängt schon wieder an überall so seltsam zu kribbeln. Was bedeutet das?‘ Mit diesen Gedanken öffnet sie die Augen und blickt in seine dunkelbraunen Tigeraugen.
‚...Zuneigung? Ob ich wirklich ihre Zuneigung will? Ist es das? Macht mich das einerseits so zahm wie eine Hauskatze und andererseits wild und wollüstig wie einen einsamen Tiger? Wild...auf sie?
Ihre Augen, ich könnte darin versinken. Nein! Ich kann meinen Blick nicht mehr
von ihr lassen. Am liebsten würde ich sie jetzt küssen. Aber ob sie das auch will? Ihre Augen...so klar. Ihr sinnlicher Mund...so rot. Ihre helle Haut...so zart...und ihr Busen…so üppig. Ja...alles, alles ist an ihr so perfekt. Ob sie es zulassen würde? Würde sie sich wieder von mir küssen lassen? Ich befürchte, dass ich mich diesmal nicht wieder zurückhalten kann, wenn wir uns berühren. Was soll ich nur tun?‘, ist er verzweifelt und blickt ihr fragend und gleichzeitig lüstern in die Augen.
‚Sein verführerischer Blick, was mag er jetzt denken? Warum sieht er mich so an? Diese dunklen Augen, sie glänzen so. Sie schimmern wie die Augen einer wilden Raubkatze. Sie fesseln mich. Ich kann mich nicht mehr bewegen. Hat mich sein Blick hypnotisiert? Seine Nähe fühlt sich so gut an. Dieser kräftige Körper...so schützend und geborgen. Sein Atem...so stark und angenehm. Sein betäubender Geruch...so anziehend. Seine Lippen...so verlangend. Alles an ihm ist so...männlich und gleichzeitig so...geheimnisvoll. Was ist das? Was ist das plötzlich für ein Zucken? Warum verspüre ich plötzlich wieder so ein Verlangen nach ihm? Verlangen nach seiner Nähe, Sehnsucht nach seiner Wärme, Sehnsucht nach seinen Lippen...ICH muss verrückt sein! Wir kennen uns kaum. Was würde er denken, wenn ich plötzlich sein Gesicht berühren und seine verlangenden Lippen abtasten würde? Oh man, bitte erlöse mich von dieser Ungewissheit. Kojiro…bitte gib mir ein Zeichen. Ein Signal wie es hier jetzt weitergehen soll?‘
‚Ob ich es einfach wage? Ich muss es riskieren. Natürlich wird sie es wollen…vorhin ist sie mir doch auch entgegengekommen. Wie sie sich wohl diesmal anfühlt?‘, ist er sicher. Sie bemerkt plötzlich seine Bewegung. Seine linke Hand greift nach einem Stück weiche Wäsche neben sich. Dann nimmt er ihren Kopf ein wenig hoch, legt den weichen Stoff darunter und streichelt ihr nasses Haar, als er ihn wieder hinlegt. Dann fährt seine Hand langsam zu ihrem Gesicht. Sein Daumen berührt sanft ihren Mund und gleitet über die roten Lippen. Sie beobachtet seine Augen sehnsüchtig, wie sie immer näherkommen. Kurz darauf berühren sie sich. Zärtlich und zögernd tastet er ihren Mund ab und küsst sie sanft und sinnlich.
‚Die erste Hürde ist geschafft. Ihre Lippen sind so weich. Ob ihr das überhaupt gefällt?‘ Sie schließt die Augen.
‚Das fühlt sich so gut an. Er ist so zärtlich und verlangend zugleich. Ob er Angst hat? Angst davor, ich würde es nicht wollen? Wie kann er das nur denken? Kojiro, alleine deine zarten Küsse sind so intensiv. Nein...Nein...nicht, Kojiro. Bitte nicht aufhören. So etwas habe ich noch nie gespürt. So ein...Nein! Warum bringt er meine Knochen so zum Schmelzen? Wieso er? Bei Martin war das anders. Ja, er konnte auch gut küssen, aber nicht so. Nie war vorher eine noch so zarte Berührung so intensiv wie dies hier. Er macht mich rasend. Wie macht er das nur? Ich will seine Wärme fühlen. Ganz nah. Ich will alles von ihm fühlen. Warum nur? Warum nur ist er so anziehend? Bitte…Kojiro…das ist so unwirklich mit dir. Lass mich dich spüren!‘
Plötzlich kann er ihre Beine spüren, wie sie sich anwinkeln und an seinen Oberschenkel schmiegen.
‚Sein Körper fühlt sich so stark und warm an. Ich fühle mich so sehr zu ihm hingezogen, dass ich es kaum aushalten kann ihn ganz zu spüren. Aber wir kennen uns doch gar nicht. Ob er denkt, ich lasse jeden ran, wenn ich mich so schnell auf ihn einlasse?‘, zweifelt sie plötzlich.
‚Sie riecht so gut. Ob sie denkt, ich mach's mit jeder? Wir kennen uns doch kaum.‘
Beide halten plötzlich inne und sehen sich skeptisch an.
„Ähm...ich äh.“, stottert sie sich zurecht.
„Äh...auf gar keinen Fall.“, antwortet er schnell und ernst. Verdutzt sieht sie ihn an.
‚Wow. Wusste er denn überhaupt, was ich fragen wollte?‘
„Hm…na ja, was...ich sagen wollte...ich bin nicht...so...wie du...vielleicht...denkst.“, vervollständigt sie ihren Satz.
‚Was hat sie denn gedacht, was ich denke?‘
„Und ich...bin nicht so einer...wie du vielleicht denkst.“, stammelt er. Sie lächelt ihn an. Dann streicht sie mit ihren Händen seinem Oberkörper hinauf, streicht über seinen Hals bis hin zu den Ohren und fasst ihm durch die feuchte Mähne an den Kopf.
„Kojiro? Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?“
‚Es muss Liebe sein, sonst würde ich mich nicht so schnell auf ihn einlassen.‘, sind ihre Gedanken.
‚Liebe? Ich weiß nicht wann es Liebe ist. Wenn man es Liebe nennt, wenn ich sie begehre? Wenn man es Liebe nennt, wenn ich ab jetzt immer in ihrer Nähe sein will? Wenn man es Liebe nennt, wenn ich sie immer beschützen würde? Wenn man es Liebe nennt, wenn ich Angst hätte sie wieder zu verlieren? Wenn es Liebe ist, was mich an sie bindet und mich nicht mehr vorstellen lässt wie es ohne sie wäre? Dann; Ja!‘, zischt es in ihm. Glücklich streichelt er ihr langes blondes Haar. „Ich glaube ab heute schon. Ich wüsste sonst nicht…was es ist.“, lächelt er ihr entgegen. Sie führt zärtlich seinen Kopf zu sich runter und haucht ihm ein:
„Ich auch. Ich kann…dich nicht…loslassen.“ ins Ohr. Beide schließen ihre Augen und küssen sich innig und voller Leidenschaft. Sie genießen diesen Moment voller Züge.
‚Ich kann nicht genug davon kriegen. Bitte hör nicht auf, lass mich nie wieder los.‘, betet sie im Innersten.
‚Sie erwidert wieder meine Küsse. Was hat das zu bedeuten? Noch nie hat eine Frau mich so verlangend erwidert. Warum aber ist das bei ihr anders?‘
Plötzlich geschieht das Unbeschreibliche. Ihre Körper vereinen sich mit einem Gefühl, das sich einfach nicht beschreiben lässt. Ihr Puls ist eins und beide sind nicht mehr fähig klare Gedanken zu fassen.
7. Kapitel Erinnerung l. (U18) (06.05.2026 Anpassungen am Ende)
Kapitel 7
U18
Erinnerung 1
‚Ich weiß noch wie wir immer am Strand spielen waren. Durch den Wald gestöbert. Unzählige Baumhöhlen haben wir gebaut. Später dann mit unseren Freunden jeden Tag zusammengespielt. Ach war das eine schöne Zeit. Damals war noch alles in Ordnung.‘ Sie richtet sich auf und schaut sich in der Bahn um. „Hm. Er ist weg. Vielleicht auch besser so.“ Plötzlich erscheint Kens Gesicht vor ihr. Dann setzt sie sich wieder hin.
‚Alles Leer. Wie immer um diese Zeit. Bald steige ich aus.‘
„Nun ist auch egal. Entschuldigen kann ich mich jetzt auch nicht mehr.“, seufzt sie vor sich hin.
„Warum nicht?“, vernimmt sie plötzlich eine männliche Stimme hinter sich. Erschrocken schaut sie sich um, kann aber niemanden entdecken.
‚Habe ich mich verhört? Ich bin doch nicht taub. Komisch. War das nicht die Stimme von diesem Keeper?‘, beruhigt sie sich wieder. Doch dann entdeckt sie plötzlich seinen Kopf. Er liegt auf der Bank hinter ihr und war deswegen nicht gleich zu sehen. Ken richtet sich auf und lächelt sie an.
„Noch darfst du dich entschuldigen, ich habe Zeit.“ Erschrocken steht sie auf und sieht ihn überrascht an.
„Du...du bist also doch da.“, stottert sie.
„Wie du siehst. Und?“, grinst er, steht auf und steht direkt vor ihr. Der Puls der Frau ihm gegenüber steigt, welche gut einen Kopf kleiner ist als er.
‚Sie ist hübsch und geheimnisvoll.‘, geht ihm durch den Kopf.
‚Verfolgt der mich jetzt etwa? Der soll ja nicht auf dumme Gedanken kommen.‘ „Was? Und?“, versucht sie ruhig zu wirken.
‚Man ist die nervös. Sie ist sehr komisch.‘
„Willst du dich nun noch entschuldigen oder nicht? Der Alte ist auch nicht mehr da, falls es dir unangenehm war.“
‚Er sollte gehen. Er macht mir Angst. Er soll einfach weggehen.‘
„Lass´ mich in Ruhe.“, äußert sie ernst.
„Du bist schon komisch. Zuerst beleidigst du mich, dann willst du dich doch noch dafür entschuldigen und nun wieder nicht. Weißt du überhaupt was du willst?“, erklärt er unmissverständlich. Sie streckt ihm die linke Hand entgegen.
„Bleib ja wo du bist. Komm´ nicht näher.“, kann sie nur sagen. Er hält kurz inne.
‚Was soll das? Hat sie etwa Angst vor mir? Warum?‘
„Sag mal. Hast du Angst vor mir? Bist du deswegen so komisch? Ich habe dir doch gar nichts getan. Warum sollte ich was tun? Ich würde niemals jemanden etwas antun. Ich bin einfach nur Fußballer, mehr nicht.“ Entsetzt sieht sie ihn an.
Plötzlich erscheinen ihr fünf dunkle Gestalten im Fußballtrikot. In einer Straßengasse muss sie mit ansehen, wie ihr Bruder von zwei dieser Gestalten festgehalten wird und ein dritter ihn schlägt.
„Wir bringen dich schon wieder zur Vernunft.“ Immer wieder schlägt er zu. Stephan fällt zu Boden, aber sie lassen nicht von ihm.
Dann hört sie plötzlich Stimmen an ihrem Ohr. Die anderen zwei halten sie fest
und richten ihren Kopf, mit dem Blick auf ihren Bruder gerichtet.
„Du musst ihm nicht nachweinen, Süße. Er interessiert sich eh nicht für dich.“ „Hört auf!!!“, schreit sie verzweifelt.
„Lasst ihn in Ruhe!!! Was haben wir euch getan?!!!“ Ein letzter Augenkontakt von Stephan und er bleibt am Boden liegen.
„Hey. Ich rede mit dir!“, bringt Wakashimazu Tina wieder in die Gegenwart zurück. Noch in ihren Erinnerungen vertieft bemerkt sie, wie er sich ihr nähert. Plötzlich steigt eine so riesige Angst in ihr auf, dass sie ihm eine so heftige Ohrfeige verpasst, dass er ganz perplex zurückweicht, um nicht noch eine einzufangen.
‚Wow. Man hat die einen Schlag drauf. Ich fühle mich, als ob ich einen Ball ins Gesicht bekommen hätte. Warum hat sie das getan?‘
In diesem Moment bremst die U-Bahn ab und die Tür dicht neben den beiden geht auf. Eine Frau steigt ein. Verzweifelt sucht Tina einen Ausweg und rennt aus der Tür in die U-Bahnstation.
‚Nein, lass´ mich in Ruhe! Ich will hier weg! Ich will nach Hause! Ich will nicht mehr daran denken müssen!‘
Etwa eine Stunde ist seitdem vergangen. Tina liegt zu Hause in der Badewanne und entspannt sich.
‚Ach ja. So ein heißes Bad tut immer wieder gut. Diese Wärme erinnert mich an Kojiro. Obwohl es nicht zu vergleichen ist.‘ Sie schließt die Augen. Im Gedanken vertieft fährt sie mit der Hand über ihren Busen.
‚Er war so zärtlich, so sanft. Jede seiner Berührungen brachte mich zum Überkochen. Warum?‘ Sie erinnert sich an seine Berührungen und fährt mit der anderen Hand ihren Bauch entlang.
‚Wieso habe ich so etwas Intensives wie heute noch nie gespürt? Warum hat es mir so eine große Lust bereitet? Bei Martin war es anders, auch bei...meinem letzten Versuch. Irgendwie verspürte ich nie richtige Lust danach, nicht so wie vorhin. Es gehörte einfach irgendwann zur Beziehung dazu.
Aber Kojiro…deine Berührungen…warum war es bei dir so anders? Lag es an dir oder an mir? Das ging alles so schnell. Es war so schön und ich wollte nicht, dass es vorbei geht. Du hast anscheinend das Gleiche gefühlt. Diese Momente und diese unendlichen und extremen Gefühle und Empfindungen…Kojiro…was hast du nur mit mir gemacht?‘
Sie wusste auch nicht, dass auch sie mal echte Lust empfinden könnte, nicht nur Neugier.
‚Warum habe ich ihn tun lassen was er wollte? Warum? Warum war ich mir plötzlich so sicher, dass ich es will? Wieso kam mir nie in den Sinn, dass er mir weh tun könnte? Wie konnte ich mich so gehen und mich derart in Trance versetzen lassen?‘, geht ihr durch den Kopf.
‚Kannst du jetzt nicht bei mir sein? Kann der Morgen nicht schneller da sein? Was wird morgen sein? Werden wir uns dann nach der Arbeit wieder nah sein können?‘ Ihre linke Hand massiert zärtlich ihren Busen. Ihre Rechte wandert über den Bauchnabel hinweg.
‚Warum nur? Warum lässt er mich nicht mehr los? Warum bekomme ich so ein Herzklopfen, wenn ich nur an ihn denke? Die Gewissheit, dass du morgen wiederkommst, erfreut mich im tiefsten Herzen. Aber warum? Was ist das nur für eine unbekannte Sehnsucht nach Berührungen? Nach Berührungen von dir, Fremder, liebevoller Fremder, namens Kojiro?
Ich muss völlig bescheuert sein. Was ist nur los mit mir?‘ Daraufhin taucht sie unter, wäscht sich die Haare und steigt aus der Wanne.
Mit dem Handtuch um ihren Körper gewickelt und einem Handtuch auf dem Kopf
schlüpft sie in die Hauspuschen ihrer Mutter und trabt in das Wohnzimmer. Dann
greift sie zur Fernbedienung und macht den Fernseher an. Es läuft ein Musiksender. Während sie „Lady D´Arbanville“ mitsingt und sich in der Schlafstube das Nachthemd überzieht, denkt sie an den morgigen Tag. Ob sie auch ja nichts für die Geburtstagsfeier des deutschen Universitätsprofessors vergessen hat.
Nachdem sie noch die Wäsche aus der Waschmaschine genommen und aufgehängt hat, setzt sie sich vor den TV und genießt ein Glas frische Milch und das belegte Wurstbrot. Als in ihrer Aufnahme eine ihrer Lieblingsbands spielt, lehnt sie sich zurück und lässt sich den Titel „Hard Days Night“ durch den Magen gehen.
Bald schaltet sie den Fernseher und die Rekorder aus und geht in die Schlafstube ihrer Eltern, in der sie seit dessen Tod alles so belassen hat wie es war. Es dauert nicht lange bis sie tief eingeschlafen ist. Das kam bisher so gut wie nie vor.
‚Oh man. Wieso kann ich nicht schlafen? Diese Frau geht mir einfach nicht mehr
aus dem Kopf.‘, brodelt es in Kojiro zeitgleich, während er sich auf seinem Futon von einer Seite zur anderen dreht. Nun liegt er auf dem Rücken und betrachtet seine Hände.
‚Wie zart sie war. Ihre schöne Haut war so weich. Ihr ganzer Körper fühlte sich einerseits so sanft und andererseits so bestimmend an. Aber trotzdem ließ sie nicht einfach alles nur geschehen. Nein, sie küsste mich ja ebenso leidenschaftlich. Es kam so viel zurück.‘ Er nimmt seine Hände wieder runter und berührt mit der einen seinen Mund.
‚Noch nie hat mich eine Frau auf diese Weise geküsst. So etwas leidenschaftliches habe ich noch nie erlebt. Bis jetzt haben mich alle Frauen, mit denen ich geschlafen habe, einfach nur machen lassen was ich wollte, aber haben mich selten in eine bestimmte Richtung gelenkt. Aber bei ihr war das anders. Tina passte sich mir zwar an, aber sie wies mich ebenso auch in die Schranken. Abgesehen davon lenkte sie mich auch dazu bestimmte Dinge zu tun. Diese Ungewissheit, was sie als nächstes macht, ich glaube, genau das war es was mich dann noch rasender machte, als ich ohnehin schon war.
Zuerst war es diese Neugier, wie sie sich anfühlen würde und was es mit unseren plötzlichen Gefühlen auf sich hatte, aber dann…kam so viel zurück, als würde sie mich…herausfordern?‘ Es erscheint Tinas Gesicht vor ihm, ihre sinnlichen roten Lippen und ihre strahlenden Augen. Seine Erinnerung an die unbeschreiblichen Momente mit ihr, holen ihn ein. Der seltsame Moment, als sie in der Umkleide plötzlich innehält, ihm tief in die Augen sieht und ihr eine Träne herunterläuft. Sie nähert sich ihm und berührt seine Wange ganz zart. Er erstarrt und fragt sie, was los sei.
„Ich weiß es nicht. Kojiro…ich kann nicht…ich kann dich nicht loslassen. Ich…muss dich…berühren. Wieso?“ Ihm wird erneut ganz warm und er berührt ihre Arme. Seine Hände bemerken wie sie zittert. Ohne Vorwarnung schmiegt sie sich an seinen nackten Oberkörper.
‚Tina…was ist los? Du zitterst ja. Ich kann dich doch auch nicht loslassen.‘ Ihr Kopf lehnt an seine Schulter und sie spricht ganz leise.
„Ich habe noch nie so etwas Schönes gefühlt wie mit dir. Ich kann es nicht erklären, aber wenn ich dich spüre…dann habe ich…das Gefühl…zu leben.“ Kojiro spürt erneut wie eine verlangende Wärme durch seinen Körper fließt. Er beugt sich zu ihr herunter und spricht leise in ihr Ohr.
„Ich doch auch. Du bist zu schön…zu schön für mich.“
‚Ihr betörender Duft, so lieblich.‘ Seine linke Hand umfasst ihren trainierten Körper. Er küsst sie fordernd.
‚Sie schmeckt so gut. Alles fühlt sich so gut an.‘
„Ich muss dich fühlen! Halt dich diesmal nicht zurück. Bitte…ich bin dir…verfallen.“, spricht sie Worte aus, an die sie sich später nicht erinnern kann.
‚Oje, wenn ich nur an sie denke, kriege ich eine Gänsehaut. So etwas habe ich
noch nie gespürt. Diese Ungewissheit was als nächstes kommen könnte. Was habe ich nur getan? Wir waren aber beide völlig außer Sinnen.‘
Ohne es wirklich zu registrieren, dass seine Erinnerungen an die unbeschreiblichen Momente sein Glied erstarren lässt, dreht er sich zur Seite und versucht dagegen anzukämpfen. Vergebens, somit legt er sich auf den Bauch und stülpt sich verzweifelt das Kissen über den Kopf.
‚NEIN! Ich muss an was anderes denken! Nicht an SIE! Nicht an DIESEN Sex!
Mensch, so kann ich doch nicht schlafen!‘
Das letzte Mal in seinem Leben, als er nicht einschlafen konnte, war nach dem Tod seines Vaters. Damals hatte er sich Gedanken gemacht wie es nun weiter gehen soll.
Am folgenden Morgen klingelt ein schriller Wecker. Zwei dunkelbraune Augen öffnen sich langsam und eine große Hand haut auf das lärmmachende Gerät.
‚So was. Noch nie musste ich mich von dem Ding wecken lassen, das Geräusch ist ja nicht zu ertragen.‘, geht ihm durch den Kopf.
‚Oh, man. Kommt mir so vor, wie gerade erst eingeschlafen. Als hätte ich die ganze Nacht gefeiert.‘
Gähnend und streckend steht er auf und macht erst einmal zwanzig Kniebeuge zum Wachwerden. Zuvor öffnet er das Fenster und schnappt frische Luft. Danach geht er ins Bad und duscht kalt, wie er es immer vor und nach dem Schlafen macht. Dann schleicht er in die Küche und frühstückt. Nach ausreichender Stärkung weckt er seine Mutter. Leise betritt er ihr Zimmer.
Bearbeitungen: Teilweise handlungsrelevant.
1.
‚Ich weiß noch wie wir immer am Strand spielen waren. Durch den Wald gestöbert. Unzählige Baumhöhlen haben wir gebaut. Später dann mit unseren Freunden jeden Tag zusammengespielt. Ach war das eine schöne Zeit. Damals war noch alles in Ordnung.‘ Sie richtet sich auf und schaut sich in der Bahn um. „Hm. Er ist weg. Vielleicht auch besser so.“ Plötzlich erscheint Kens Gesicht vor ihr. Dann setzt sie sich wieder hin.
2.
„Willst du dich nun noch entschuldigen oder nicht? Der Alte ist auch nicht mehr da, falls es dir unangenehm war.“
3.
„Sag mal. Hast du Angst vor mir? Bist du deswegen so komisch? Ich habe dir doch gar nichts getan. Warum sollte ich was tun? Ich würde niemals jemanden etwas antun. Ich bin einfach nur Fußballer, mehr nicht.“
4.
‚Wieso habe ich so etwas Intensives wie heute noch nie gespürt? Warum hat es mir so eine große Lust bereitet? Bei Martin war es anders, auch bei...meinem letzten Versuch. Irgendwie verspürte ich nie richtige Lust danach, nicht so wie vorhin. Es gehörte einfach irgendwann zur Beziehung dazu.
Aber Kojiro…deine Berührungen…warum war es bei dir so anders?
5.
Sie wusste bis dahin nicht, dass es möglich wäre gar nichts zu denken. Sie wusste auch nicht, dass auch sie mal echte Lust empfinden könnte, nicht nur Neugier.
6.
‚Kannst du jetzt nicht bei mir sein? Kann der Morgen nicht schneller da sein? Was wird morgen sein? Werden wir uns dann nach der Arbeit wieder nah sein können?‘
7.
. Aber warum? Was ist das nur für eine unbekannte Sehnsucht nach Berührungen? Nach Berührungen von dir, Fremder, liebevoller Fremder, namens Kojiro?
Ich muss völlig bescheuert sein. Was ist nur los mit mir?‘
8.
Als in ihrer Aufnahme eine ihrer Lieblingsbands spielt, lehnt sie sich zurück und lässt sich den Titel „Hard Days Night“ durch den Magen gehen.
Bald schaltet sie den Fernseher und die Rekorder aus und geht in die Schlafstube ihrer Eltern, in der sie seit dessen Tod alles so belassen hat wie es war. Es dauert nicht lange bis sie tief eingeschlafen ist. Das kam bisher so gut wie nie vor.
9.
Nein, sie küsste mich ja ebenso leidenschaftlich. Es kam so viel zurück.‘
10.
Zuerst war es diese Neugier, wie sie sich anfühlen würde und was es mit unseren plötzlichen Gefühlen auf sich hatte, aber dann…kam so viel zurück, als würde sie mich…herausfordern?‘
17. Kapitel 25. Juli 1998 2024 U18
Kapitel 17
25. Juli 1998
„Du hast mir gesagt, dass du mich liebst. Und ich war bis dahin selbst noch unsicher. Aber mittlerweile weiß ich...“ Sie öffnet wieder ihre Augen und sieht ihn an. „…ich fühle dasselbe. Und genau deswegen…deswegen muss ich es dir sagen, denn ich habe in der Zeit in Hamburg zu viele Leute jahrelang belogen und…auch die, die ich liebte. Diesen Fehler werde ich nie wieder machen.“, berichtet sie ganz ehrlich und ihr Herz springt bis an die Decke, als sie diese vielen Worte versucht über die Lippen zu bringen.
„Tina…du bist doch immer so geradeaus. Du sagst doch immer was du denkst und…“ Er nimmt ebenso den Teller zur Seite und berührt ihre Hände mit seinen. „…sogar wenn wir uns so nahe sind…äußerst du deine Meinung.
Du wirst deine Gründe gehabt haben, dass es damals so gekommen ist.“
Beide sehen sich tief in die Augen.
„Ach Kojiro. Genau so ein Moment ist es, der mir sagt, dass ich es erzählen muss.“
Er nickt und lächelt sie an.
„Bettina…egal was du mir sagst, ich werde dich hier nicht alleine lassen, okay? Ich bleibe bei dir!“, versucht er nochmal deutlich zu machen, um sie zu motivieren. „Kojiro.“, ist sie sehr erstaunt. ‚Du meinst es wirklich ernst?‘
„Okay. Danke, dass du mir Mut machst.
Dann…“ Sie atmet wieder tief durch. „…noch eine Frage vorab. Wenn ich das richtige gedeutet habe neulich in der U-Bahn mit deiner Kapuze. Du stehst weit oben im öffentlichen Leben? Man würde dich auf offener Straße erkennen? Also deine Fans?“
Er nickt. „Genau, deswegen die Kapuze, denn ich wollte nicht, dass man uns stört.“
„Okay, dann wirst du verstehen, wenn ich jetzt bei meiner Geschichte erstmal noch keine Namen nenne, denn auch sie stehen sehr im Offenen Leben. Verstehst du das? Ich weiß ja nicht wie gut du dich in der Fußballwelt auskennst. Es geht ja nun nur um meine Geschichte, weniger um ihre. Aber es fällt mir leichter, wenn ich nicht ihre Namen nenne.“
„Alles gut. Ich verstehe was du meinst. Geheimnisse sind immer was für die gierige Presse. Du musst keine Angst haben. Ich schweige, was auch immer du mir erzählst.“
Sie lächelt. „Okay.
Ich habe als Kind und Jugendliche selbst Fußball gespielt.“, haut sie plötzlich raus.
„Oh.“, äußert er positiv überrascht.
„Damit hast du nicht gerechnet, oder? Ich stamme tatsächlich aus einer Fußballfamilie. Mein Vater war sehr talentiert und stand als Fünfzehnjähriger kurz vor seiner ersten Weltmeisterschaft als er plötzlich einen Fahrradunfall hatte und sich dabei einen Arm so sehr verletzte, dass es nie wieder heilte.
Er konnte nicht mehr spielen und entschied sich dann für ein Jura-Studium.
Mein Bruder und ich wurden von ihm von klein auf für das Spielen begeistert und wir waren auch wirklich nicht schlecht. Wir haben ständig gemeinsam gespielt und waren viel am Strand im Sand spielen. Unser Haus stand direkt am Meer, das war ideal. Jeden Tag bei jedem Wetter raus in die Wellen und in den Sand.
Deswegen liegt mir auch das Volleyballspielen sehr. Das war unsere Abwechslung.
Durch den Sport hatte er einen besten Freund, der kam aus Hamburg.
In meiner Heimat Rostock hatte ich das Problem irgendwann, dass ich zu gut für die Mädchengruppen im Verein war, deswegen spielte ich lieber mit den Freunden meines Bruders. Aber auch da gab es irgendwann nur Zoff. Die akzeptierten mich nicht als Gleichgesinnte, denn ich war ja ein Mädchen.
Nach der Wende dann verging nur wenig Zeit und mein Vater setzte alle Hebel in Bewegung, dass wir zu seinem Freund nach Hamburg zogen.
So konnte Stephan sein großes Potenzial besser ausleben und wurde in der damals besten Junioren Mannschaft der Stadt aufgenommen.
Immer wenn er nach Hause kam berichtete er davon und schwärmte so von dem Team und seinem neuen Kapitän. Was habe er alles von ihm gelernt.
Mich machte das so wahnsinnig, dass ich eines Tages mit ihm mitging. Ich war so neugierig auf das Team. Aber…“ Sie macht eine Pause und steht auf.
„…ich zog mich an wie ein Junge. Ich wollte nur anhand meiner Leistung beurteilt werden. Ich wollte nicht wieder das kleine Mädchen sein, dass niemand ernst nimmt.
Somit hatte mein Bruder plötzlich einen kleinen Bruder, um genauer zu sagen, seine jüngeren Zwillingsgeschwister Tino und Tina.“ Kojiro staunt nicht schlecht. „Du hast dich also als Jungen ausgegeben und dich so der Mannschaft vorgestellt?“
„Genau. Damit fing alles an. Ich wollte eigentlich nur mit meinem Bruder spielen, Zeit verbringen und nur zu zweit spielen ist ja auch irgendwann langweilig.“
„Warum bist du nicht in ein Mädchenteam gegangen?“
„Es gab damals keins im selben Verein und außerdem hätte ich ja dann nicht mit Stephan zusammen als Team spielen können. Aber genau das machte mir ja so viel Spaß. Wir waren super eingespielt.“
„Stimmt, sagtest du ja bereits. Verstehe. Und wie ging das dann weiter?“
„Am ersten Tag gleich lernte ich alle kennen und begegnete seinem Kapitän. Seine Art zu spielen faszinierte mich. Er war so außergewöhnlich gut, dass es mich reizte ihn ebenwürdig zu sein. Er war zwar der jüngste im Team, ein Jahr jünger als ich, aber der stärkste Spieler.
Jedenfalls kam ich dann einige Tage und konnte mich als Keeper wie auch als Angriffsspieler beweisen und wurde ins Team aufgenommen.
Das ging zwei Jahre soweit gut.“
Sie räumt den Tisch auf. „Möchtest du noch etwas? Bist du satt?“
„Ich danke dir, nein, kannst den Rest wegstellen. Vielleicht später.“, meint er nur nachdenklich. ‚Das klingt alles seltsam. Es klingt so, als würde sie den HSV meinen. Das kann ich irgendwie nicht glauben. Die waren damals echt stark. Meine erste Begegnung mit Karl-Heinz Schneider war sehr prägend. Auch jetzt noch sind wir uns derart ebenwürdig. Wenn wir gegeneinander spielen, dann brennt das Stadion. Noch immer ist er meine größte Herausforderung auf dem Rasen.‘
„Eines Tages kam ein neuer Junge ins Team. Ein Keeper, sogar aus Japan.“, grinst sie.
‚Tatsächlich. Es gibt nur einen Mann in meiner Altersklasse, der so jung schon nach Europa ging. Wie konnte sie das Training nur all die Jahre durchhalten?‘
Tina macht den Deckel auf die Schüssel und stellt den Salat wieder in den Kühlschrank.
„Er hatte es echt sehr schwer. Die Jungs brauchten lange um ihn zu akzeptieren, dabei war er so talentiert. Derzeit war ich jedoch unser Hauptmann im Tor. Sie mochten mich alle so sehr, dass er viel aushalten musste. Ich für meine Teil habe gemerkt, dass er mich irgendwann ersetzen muss, denn ich wurde auch älter und wer wusste schon wie lange das gut geht?“
Sie atmet wieder tief ein und spricht dann weiter, während sie eine Flasche Weißwein aus dem Kühlschrank nimmt.
„Möchtest du?“, zeigt sie ihn Kojiro.
Er nickt. ‚Den werde ich wohl jetzt brauchen. Wer weiß was da noch kommt.‘
Tina holt zwei Weißweingläser aus dem Schrank, entfernt den Korken und schenkt ein.
„Worauf ich hinauswill, trotz all dem harten Training und meiner Lüge, dem Team gegenüber…hatte ich eine traumhafte Kindheit.
Ein wahnsinnig tolles Team, was immer füreinander da war, viele wertvolle Freundschaften und viel Spaß miteinander. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es eine bessere Mannschaft geben kann.“
„Das klingt auch alles sehr schön. So ein Team kann was besonderes sein.“, bewundert er ihre wertvolle Erfahrung. ‚Ach Tina, wenn du wüsstest wie sehr sich das geändert hat. Euer Team ist total auseinandergebrochen. Aber das ist normal. Im Profisport geht es nicht mehr um Freundschaften und Spaß. Es geht nur noch ums Geld. Es zählt nur die Leistung und nichts Menschliches ist wichtig. Es ist sehr schwer sich durch diesen Irrgarten zu schlängeln ohne sich selbst zu verlieren. Das schaffen nur die starken, so wie Tsubasa, Ken und Misaki. Die haben sich all die Jahre nie verändert und spielen in den hohen Gehaltsklassen wie ich.‘ Er nimmt einen Schluck vom Wein.
„Kojiro? Verstehst du jetzt was ich damit sagen will? Warum mich das Spiel in der Schule so beschäftigt?“, fragt sie, blickt ihn fragend an und nimmt einen großen Schluck.
Er steht auf. „Du hast es damals geliebt zu spielen und dann ist es dir wieder eingefallen? Du hast diese Leidenschaft wieder entdeckt.“, äußert er überzeugt.
Verdutzt schaut sie ihn an. Plötzlich kommen ihr Tränen und sie lächelt ihn an.
„Du verstehst es.
Kojiro, wieso kannst du das verstehen?
Wieso fühlt es sich aber trotzdem so falsch an? Falsch, es zu mögen?“
Plötzlich fängt ihr Körper an zu zittern und sie stützt sich am Schrank ab. Krampfhaft hält sie das Glas fest.
„Warum nur? Kojiro, warum musste es passieren? Warum haben die das getan?“
‚Tina, was ist los? Du zitterst ja. Wer hat was getan?‘, stellt er erschreckend fest und geht zu ihr, um sie in die Arme zu nehmen.
Sie klammert sich fest an ihn. Er nimmt ihr vorher das Glas aus der Hand und stellt es auf die Arbeitsplatte. „Warum nur Kojiro?“ Sie schaut zu ihm auf. Ihre Augen sind ganz feucht und sie kann sich nicht mehr mit den Tränen zurückhalten. „Warum nur haben die uns…überfallen und …meinen Bruder umgebracht?
Es waren Fußballer, die meinen Bruder zu Tode prügelten. Wieso?!“
Er spürt nur benommen ihre Tränen auf seiner Brust. Ihre Hände halten ihn krampfhaft fest.
„Kojiro, diese Männer…sie…hielten uns fest und…schlugen auf ihn ein. Ohne Grund, einfach so.
Er lag schon am Boden und trotzdem…dann fingen sie an mich…anzufassen…sie wollten …ich konnte mich nicht wehren… wenn nicht in dem Moment Genzo zur Hilfe gekommen wäre…was dann? Er schlug sie in die Flucht und rief den Krankenwagen.“
Sie schaut wieder zu ihm auf. „Sie trugen Trikots und immer, wenn ich jemanden darin sehe muss ich daran denken. Nur deswegen meide ich den Kontakt, ich sehe mir seit Jahren kaum Nachrichten an. Ich lese keine Sportzeitungen oder vermeide jegliche Reklame im TV. So versuche ich zu vermeiden, dass mich etwas daran erinnert.
Nur bei dir…Kojiro. Bei dir sind diese Bilder weg. Ich muss den Gestank nicht riechen, ihr furchtbares Gelächter hören, ich spüre keine fremde Hand an mir und ich kann plötzlich ohne Alpträume schlafen.
Kojiro…warum ist das so? “
Kojiro kann gar nichts sagen, denn sein Herz scheint zu zerspringen. Was soll er denn darauf sagen?
„Tina…“, haucht er nur und drückt sie ganz fest an sich, streichelt ihr Haar und ihm fehlen einfach die Worte. ‚Tina, nein. Warum musste dir das passieren? Wie konnten die das tun?‘ Das erste Mal seitdem sie in Japan ist lässt sie ihren Tränen freien Lauf, wenn sie nicht alleine ist. Nie konnte sie sich bei jemanden ausweinen, niemals wollte sie seitdem Schwäche zeigen. Niemandem. Für ihre Eltern musste sie stark sein. Für sich selbst musste sie eine Entscheidung treffen.
Einen Neuanfang starten. Mit Tränen kommt man nicht weiter, so hatte sie es im Team gelernt. Nur mit Mut und Stärke kommt man voran.
Es vergehen einige Minuten.
Sie genießt die starken warmen Arme ihres Liebsten und so langsam verschwindet wieder der Gedanke an diese schreckliche Erinnerung. Die Kälte verschwindet langsam wieder aus ihrem Körper. Es erscheint wie eine Heilkraft. Kaum ist sie ihm näher, verschwinden diese Ängste in weite Ferne. Seine Wärme strömt durch ihren Körper und ihr Weinen geht in ein Schluchzen über.
Dann schaut sie plötzlich zu ihm auf und betrachtet sein Gesicht. Er kneift die Augen zu, drückt sie noch immer fest an sich und seine Gedanken sind völlig verloren. Sein Gesichtsausdruck wirkt sehr ernst und mitfühlend gleichzeitig. ‚Warum musste das passieren? Tina, wie soll ich nur jemals die Wahrheit sagen? Ich dachte immer, ich könnte irgendwann den Mut aufbringen es dir zu sagen, dich davon überzeugen, dass Fußballer keine Leute sind vor denen du Angst haben musst, aber jetzt? Wie soll das denn nur mit uns weitergehen?
Wie konnten diese Schweine dir so etwas antun? Vor deinen Augen? Gar nicht auszudenken was du für Bilder siehst, wenn deine Erinnerung hochkommt. Was ist, wenn du erfährst wer ich wirklich bin? Hast du dann auch vor mir Angst?‘ Vertieft in seinen verzweifelten Gedanken bemerkt er nicht wie sie ihre Arme von ihm befreit und langsam zu seinen Wangen wandern.
‚Kojiro, du bist so fürsorglich zu mir. Deine Wärme lässt jeden Kummer verschwinden.‘
„Kojiro…sorge dich nicht.“, spricht sie liebevoll, fasst zärtlich sein Gesicht mit beiden Händen und gibt ihm einen Kuss. Dann erst öffnet er die Augen. Erst dann kann er wieder etwas fühlen. Ihre warmen Hände, ihre zarten Lippen. Langsam verschwinden seine trüben Gedanken.
Sie unterbricht, als sie bemerkt, dass er wieder ansprechbar ist. „Sorge dich nicht, Kojiro. Denn wenn du bei mir bist, dann ist all die Erinnerung weg. Alles Schlechte. Ich bin so glücklich, dass ich dich jetzt habe. Niemals zuvor habe ich alles vergessen können. Nie gingen die Gedanken weg…und nun…nun bist du da und wenn du mich in den Arm nimmst und wenn du mich küsst, dann ist alles andere weg.
Nur DU machst mir Mut. Mut wieder das Gute zu sehen. All das Gute, was war und all das Gute was ist. Seitdem ich dich kenne sehe ich nur noch das Gute in den Leuten. Ich habe vergessen, dass es so viele gute Fußballer gibt.
Aber mit dir zusammen…fange ich an wieder zu leben!“
Verblüfft blickt er ihr in die klaren Augen, so klar wie das Meer. Sie funkeln als würden sie ihm etwas sagen wollen. „Tina…ich…bin…ich bin einer…ich bin einer von Ihnen. Ich spiele kein…Baseball. Ich bin…“ Er nimmt sie wieder fest in die Arme und schließt verzweifelt seine Augen. Er kann ihr nicht in die Augen sehen, wenn er es ihr sagt, aber er kann es nicht mehr aushalten. Die Spannung zwischen ihnen ist zu erdrückend.
„…Profifußballer.“, gesteht er mit ganz schnellen Worten.
Beide Herzen schlagen laut und schnell.
„Ich bin…Kojiro Hyuga und spiele mit deinen Freunden im Nationalteam. Ich bin der Junge, den du damals am Flughafen mit Ohzora verwechselt hast.
Als wir uns begegnet sind, fragtest du mich nach meinem Training. Du sagtest, „aber kein Fußball, oder?“ und ich wollte dich doch kennenlernen. Du bist so eine unglaubliche Frau, dass ich nicht darüber nachgedacht habe, als ich dir in die Augen gesehen habe.
Nur deswegen…nur deswegen…ist mir das Baseballspielen rausgerutscht.
Damit du mich nicht…abweist.“, sprudeln endlich seine Gedanken aus ihm heraus. Er, der Tiger auf dem Rasen war immer direkt und geradeaus. Das gefiel nicht jedem und auch heute eckt er damit an.
Wenn er was zu sagen hat, dann sagt er es einfach. Es gibt natürlich Situationen wo er sich seine Meinung verkneift, aber jetzt? Nie hat er jemanden belogen oder etwas vorgemacht. Dieser Druck ist endlich raus. Jetzt wo er weiß was passiert ist…das wäre noch falscher als zuvor, wenn er es ihr nicht sagen würde. Der Frau, die er liebt, der Frau, die er begehrt und nie wieder loslassen will. Die Frau, die ihm gerade ihre größten Ängste gestanden hat.
‚Kojiro…was sagst du da? Ist das wirklich wahr? Jetzt verstehe ich auch warum Fane so seltsam tat, als sie dich gesehen hat. Warum Basa dich angesehen hat wie einen Rivalen. Du warst und bist sein Rivale. Ich hatte da schon so ein seltsames Gefühl bei.
Aber es störte mich nicht.‘, werden ihr plötzlich einige Situationen klar. Ihr Herz rast, aber nicht aus Wut oder Enttäuschung.
Entschlossen sieht sie zu ihm auf. Ihre Hände sind immer noch in seiner Kopfhöhe und berühren nun sein Haar und seine linke Schulter.
„Kojiro Hyuga? Der Hyuga mit dem Tigerschuss?“, äußert sie plötzlich zu seiner Überraschung. Seine Augen öffnen sich und blicken verwundert.
„Ja, genau der.“
,Sie kennt meinen Spezialschuss?‘
„Weißt du eigentlich, dass ich auch Tigerin genannt werde?“, fragt sie benommen.
Er sieht sie fraglich an. „Seit gestern, ja.“
„Weißt du wieso?“, hakt sie nach.
Er schüttelt den Kopf.
„Deinetwegen.
Die Medien haben aus mir die „Gelbe Tigerin Japans“ gemacht, weil meine Schmetter-Bälle mit deinen Schüssen verglichen wurden. Und weil ich eine unglaubliche Ausdauer habe.“, sprudelt es aus ihr heraus und ihr Puls steigt erneut an, aber diesmal nicht vor Verzweiflung, wie zuvor, als sie ihm von Hamburg erzählte, nein, es ist eher wieder wie ein Kribbeln und Prickeln, wie in den Momenten, wenn er sie küsst. Jedoch intensiver als die anderen Male.
„Gelbe Tigerin Japans?“, stößt er nur überrascht aus und bemerkt wie sein Körper auf ihre Stimme reagiert. Ein seltsames Prickeln durchfährt ihn, ein anderes Prickeln als die Tage zuvor. Es scheint sich noch intensiver anzufühlen als die Tage zuvor. Ist das die Anspannung gewesen? Jetzt ist es endlich raus und sie reagiert überhaupt nicht so, wie er es sich ausgemalt hatte.
Tina berührt seinen linken Oberarm und streichelt ihn ganz zart.
„Kojiro! Mir ist egal, welchen Sport du magst. Es ändert nichts an meinen Empfindungen mit dir und meinen Gefühlen zu dir.“, sagt sie ganz schnell, als wenn sie es einfach loswerden wolle.
„Kojiro, ich liebe dich. In deinen Armen vergesse ich alles um mich herum. Jetzt weiß ich wieso.
Weil wir uns zu ähnlich sind.“
Dann greift sie überraschend seine rechte Hand und führt diese an ihre Wange. Danach lässt sie seinen Arm los und greift seine linke Hand, welche noch ihren Rücken berührt, und führt sie sanft etwas tiefer bis zum Ende ihres kurzen Kleides.
‚Tina…was wird das? Was hat das zu bedeuten? Du bringst schon wieder alles in mir in Wallung. Willst du das wirklich? Willst du wirklich bei mir sein obwohl du nun weißt wer ich bin?
Ist die Magie, die uns vereinte trotzdem da?‘
„Kojiro Hyuga, deine Wärme gibt mir Kraft und Halt. Lass mich wieder alles vergessen. Es ist zu extrem, zu extrem schön mit dir.
Ich kann nicht mehr…ich kann nicht mehr ohne dich sein.
Wenn du…auch so empfindest dann…lass mich deine Tigerin sein.“
Er spürt plötzlich eine unbekannte Wärme in sich. Sie sagt ihm, ja genau dasselbe fühlt er auch, wenn sie bei ihm ist. Wenn sie in seiner Nähe ist vergisst er die Sorgen, die ihn umgeben. Wenn sie sich nah sind, fühlt er sich sicher und stark. Stärker als sonst.
Seine Augen sehen sie durchdringlich an. Dann greift er ihr ganz zart mit den Fingern auf die sinnlichen Lippen.
„Bettina Fuchs…ich liebe dich auch und werde dich nie wieder loslassen. Du sorgst für meine innere Ruhe und du bist…“ Er hält inne, fährt nun durch ihr weiches blondes Haar und greift bestimmend ihren Hinterkopf. „…du bist zu schön…zu schön für mich. Zu schön um mich zurückzuhalten.“ ‚Kojiro…das wolltest du mir immer sagen?‘
Sinnliche Lippen berühren sich, während sie seine Hand am Gesäß spüren kann, wie sie ihren Körper leidenschaftlich an sich presst.
‚Du machst mich verrückt. Schon wieder…kann ich dir nicht entkommen. Mir ist egal was du machst, Hauptsache du bist bei mir.
Was fühle ich denn plötzlich? Warum fühlt es sich plötzlich noch intensiver an als vorher? Was ist nur auf einmal mit mir los?‘
Ihr Herzklopfen ist höher als zuvor und ihr überkommt ein so starkes Verlangen, dass sie instinktiv nach seinem Shirt greift, einen Schritt zurücktritt und ihm mit dem Ziehen in Richtung Wohnzimmer andeutet was sie will.
‚Tina…sind deine Gefühle auch plötzlich stärker als zuvor?‘, bemerkt er es und folgt ihrer Andeutung.
Ohne voneinander zu lassen bewegen sich die zwei Verliebten zum Sofa.
„Ko…ji…ro…mich…überkommt plötzlich so ein seltsames Gefühl…ich …kann es nicht deuten.“, hält sie plötzlich inne kurz bevor sie eigentlich seinen Hosenknopf öffnen wollte. „Warum…warum fühle ich jetzt mehr als vorher? Ist das bei dir auch so?“, äußert sie zurückhaltend.
„Ja, mir geht es genauso. Ich weiß es doch auch nicht. Aber ich glaube…“ Er fasst sanft ihr Kinn und blickt ihr tief in die Augen. „…dass wir uns ausgesprochen haben hat etwas ausgelöst.“
„Ich weiß es doch auch nicht genau. Ich weiß nur eins, dass…ich dich bei mir haben will.“, beichtet er ihr und küsst sie leidenschaftlich und verlangend.
‚Oh Kojiro…das will ich doch auch. Du hast Recht. Warum soll ich darüber lange nachdenken? Wir haben doch nichts mehr was zwischen uns steht. Niemand kann uns mehr stören oder im Weg sein. Niemand, denn ich vergesse alles in deinen Armen und ich vertraue dir so sehr, dass es schwer fällt es zu glauben.
Kojiro…ich will…dich jetzt…Ich will einfach nur bei dir sein und dich fühlen, dich spüren…egal was um uns herum passiert.‘
37. Kapitel Déjà-vu U18 (+ Tag X 2025)
37.Kapitel (U18)
Déjà-vu
Er sieht sie ebenso verliebt und verlangend an. „Von wegen, du kannst mich nicht überrumpeln.“, äußert er benommen. Seine Hände beginnen sie abzutasten, so als würde er prüfen müssen, ob sie wirklich vor ihm steht.
Das warme Wasser prasselt weiterhin auf sie herab und sorgt für eine saunaartige Geborgenheit von außen.
Ihre Körper versinken in unbeschreiblichen Gefühlen und befreien sich gegenseitig von jeglichen Sorgen und Gedanken.
Ein leises Rauschen durchdringt die leere Schwimmhalle des Fitnesscenters. In der Männerdusche herrscht eine Luftfeuchtigkeit wie es sonst an bewegten Tagen der Fall ist. Unter der Dusche steht eine junge blonde Frau und wäscht erneut ihre Haare. Der junge Japaner mit untypisch sonnengebräuntem Hautton trocknet sich gerade ab.
Plötzlich klingelt sein Handy und er geht zur Bank, auf dem seine Tasche steht. Tina dreht sich zu ihm um und beobachtet wie er das Handy aus der Tasche holt. Plötzlich erstarrt sie unter dem Wasser und eine alte Erinnerung holt sie ein. Der Anblick von Kojiro mit Handy in der Hand lässt sie plötzlich an den Tag erinnern, als Karl-Heinz erfuhr, dass sie ein Mädchen ist. In Ihrer Erinnerung war es unwahrscheinlich kalt um sie herum, sie war ebenso nackt und sie weinte.
‚Nein. Wieso fällt mir das jetzt plötzlich ein? Karl ist doch sonst immer weg, wenn Kojiro bei mir ist und überhaupt? Warum jetzt? Warum hier nach so einem intensiven Moment?‘
Sie schüttelt den Kopf, stellt die Dusche aus und geht zu ihren Sachen, welche sie sich vorher noch geholt hat. Dann greift sie zum Handtuch und trocknet sich ab.
Kojiro ist inzwischen ans Telefon gegangen und hat sich zuvor das Handtuch umgebunden.
Eine fremde Nummer blinkt auf und er geht vorerst nur mit einem Hallo ran.
„Hyuga? Bist du das?“
„Richtig, wer ist da?“, wundert er sich, obwohl ihm die Stimme bekannt vorkommt.
„Hier ist Wakabayashi. Ken hat mir deine Nummer gegeben.“, kommt als Antwort. ‚Hä? Wieso gibt er ihm meine Nummer? Und wieso ruft er mich an?‘
„Was gibt es?“, versucht er ruhig zu bleiben, denn so richtig kann er sich nicht erklären warum er ihn anrufen muss.
„Ich muss dir das persönlich erzählen. Es geht um Tsubasa. Mach du erstmal deine Prüfung und melde dich dann, wenn du Zeit zum Reden hast.“, spricht er angespannt und legt dann auf.
Tina hat es natürlich mitbekommen. „Wer war das? Du siehst so überrascht aus.“
Kojiro blickt sie nur an wie ein Fragezeichen.
„Genzo, keine Ahnung. Er will irgendwas mit mir bereden wegen Tsubasa.“
„Seltsam. Klang er besorgt?“
„Hm, eher wie immer. Etwas forsch. Ken hat ihm meine Nummer gegeben.“ ‚Seltsam. Er gibt meine Nummern weiter ohne mich vorher zu fragen. Dann muss es ihm wichtig gewesen sein.‘
Tina schaut auch auf ihr Handy und kann keinen Anruf von Genzo sehen. „Wenn es sehr wichtig wäre hätte er mich auch angerufen.“ Dann schaut sie die anderen unbeantworteten Nachrichten an.
„Fane…sie hat sich gemeldet.“
Sie wählt sie an. Etwas Sorgen macht sie sich nun doch.
Fane geht ran. „Hallo Tina.“
„Hi, ist alles okay bei euch?“
„Naja, soweit ja. Ist Kojiro in deiner Nähe?“
„Ja, wieso?“
„Dann lass uns bitte reden, wenn wir alleine sind. Ich rufe dich heute Abend nochmal an, okay?“
„Okay. Aber es ist doch nichts schlimmes passiert?“, sorgt sie sich.
„Nein, alles gut. So schlimm ist es nicht. Bis dann erstmal.“
„Ich habe mich erschreckt. Okay, dann ist ja gut. Bis dann erstmal.“
Dann legen beide auf.
„Kojiro, alles soweit gut sagt sie.“
Er nickt. „Trotzdem seltsam, er hätte doch meine Nummer auch bei dir oder Tsubasa erfragen können. Ich kann ja verstehen, wenn er sie nun für Notfälle gerne hätte, also wegen dir.“
„Das stimmt.“
Plötzlich klingelt Tinas Handy. Martins Nummer aus dem Büro erscheint.
„Hallo Martin, was gibt’s?“
„Bist du noch unten im Schwimmbad?“
„Ja, wieso?“
„Ich habe hier gerade Neukunden stehen. Ein Trainer einer Jugendmannschaft Volleyballer. Die Mannschaft würde gerne in unser Jugendprogramm einsteigen. Hast du dafür zufällig Zeit? Jetzt? Dein Training fällt ja eh aus.“
Es dauert kurz bis sie antwortet und dann sagt sie natürlich zu. „Ja, dauert aber etwa eine halbe Stunde. Muss noch Haare föhnen und mich fertig machen.“
„Das passt. Wir bereden schonmal die Eckpunkte und er hat die Mannschaft für den Fall der Aufnahme herbestellt. Die braucht eh ein paar Minuten.“
„Okay, prima. Wie viele Jungs sind das denn? Und welches Alter?“
„Na so zwischen vierzehn und siebzehn Jahre. Erstmal nur zehn Jungs.“
„Verstehe. Alles klar. Na ich bin dann gleich da.“
Er legt auf.
Inzwischen hat sich Kojiro fertig abgetrocknet und halb angezogen. Er knöpft gerade sein Hemd zu als Tina ihm von dem neuen Auftrag berichtet.
„Das ist doch schön, ihr habt sogar Jugendangebote, das hat nicht jeder. Gerade in dem Alter ist es echt schwer für Jungs. Pubertät, Stimmbruch und Wachstumsschübe.“ Er zieht seine Hose an.
„Und nicht zu vergessen der enorme Leistungsdruck von Schule, Sport und Elternhaus. Ich finde es dann immer gut, wenn die Kids wirklich mit Leidenschaft dabei sind, sonst schaffen sie es nicht. Glaube mir, ich weiß wovon ich rede.“, erklärt er.
Tina ist verblüfft, dass er so offen darüber reden kann. Hat er damals auch so viele Probleme in der Schulzeit gehabt? Sie weiß wie sehr sie sich gequält hat. Vieles hatte sie bisher nie behandelt und dann die schwere Sprache. Viele Fächer konnte sie ja nun gar nicht, da es ein anderes Land und andere Kultur war. Trotzdem hatte sie Glück und kam irgendwie mit und schaffte am Ende einen super Abschluss.
„Du hast Recht. Die Schule hier in Japan ist echt der Horror. Bei uns war ich immer die Beste und hätte problemlos mein Abitur geschafft, aber hier…der Druck war enorm. Einige meiner Mitschüler haben das nicht geschafft und sich gewundert wie ich es hinbekommen habe. Viele haben tatsächlich gedacht ich mogle mich durch. Ich habe aber echt viel gelernt…vor allem die Sprache. Ohne geht es gar nicht. Zum Glück habe ich neben dem Sport das Talent schnell Sprachen zu lernen. Immer wenn ich eine beherrsche, fange ich an die nächste zu lernen. Ich suche mir Bekannte oder Freunde mit denen ich dann regelmäßig schreibe und telefoniere, so bleibt Erlerntes frisch. Das Schöne daran ist, ich brauche keine Prüfungen dafür ableben oder irgendwelche Arbeiten schreiben. Ich lerne nach meinem Tempo. Und wenn ich keinen Sport mehr machen kann, oder die ganze Welt auseinander fällt…ich kann dafür sorgen, dass die Menschen miteinander reden können.“
Kojiro lächelt sie an. „So kann man das auch sehen. Stimmt.“
„Hast du denn in der Schule Probleme gehabt? Weil du das mit dem Leistungsdruck erwähntest?“, hinterfragt sie zurückhaltend.
Er schüttelt den Kopf. „Ich nicht, aber andere Mitschüler.“
Tina ist inzwischen auch angezogen. Sie hatte nur die kurzen Sportsachen an und muss dann nochmal hoch in ihren anderen Spint, um ihr Kleid wieder anzuziehen.
„An welcher Schule warst du denn eigentlich? Wo hast du deinen Abschluss gemacht?“
Er blickt sie nachdenklich an. Kojiro überlegt etwas länger bis er antwortet.
„Kojiro…diesen Blick kenne ich mittlerweile. Sag doch einfach. Was meinst du wieso ich dich bisher nie im Netz gesucht habe? Ich will dich auf normale Weise kennenlernen und nicht immer überlegen ob was so ist wie es dort steht oder nicht.“
Er macht seinen Gürtel zu.
„Du hast Recht, entschuldige. Manchmal bin ich unsicher, ob dir meine Antworten eventuell weh tun würden und das will ich ja nicht.“, meint er ehrlich.
„Also wirklich, du müsstest mich ja nun genug kennen. Ich bin doch nicht aus Watte. Als du mir gesagt hast wer du bist, bin ich doch auch nicht vor Wut geplatzt, oder?“, grinst sie.
Er lächelt und stellt sich mit stolzem Blick gerade hin.
„Ich war ab der Mittelschulzeit durch ein Stipendium an der Elitesportschule Toho und habe dort meinen Abschluss mit Bestnoten gemacht.“
Tina sieht ihn erstaunt an.
„Auf der Toho? Deswegen warst du verunsichert es mir zu sagen?“, meint sie im zarten Tonfall. Dann geht sie auf ihn zu und schmiegt sich an ihn. Sie schaut zu ihm auf und fasst seine Oberarme.
„Dass du es durch so eine schwere Schule geschafft hast kann man doch nur bewundern. Und heute…Kojiro…heute erntest du die Früchte von dem Baum, den du damals gesät hast.“ Daraufhin küsst sie ihn sinnlich.
Ein kurzer aber sehr gefühlvoller Kuss.
Tina zerrt danach liebevoll seine Ärmel auseinander, die er zuvor wie üblich hochgekrempelt hat.
„Wenn du deinen Anzug nachher anziehst, denk an mich. Ich bin bei dir. Und lenk die Professoren und Professorinnen nicht vom Wesentlichen ab.“
Einige Minuten später steht Tina wieder im Kleid bei Martin im Büro und begrüßt den Trainer des Volleyballteams.
„Oh wie schön. Die Tigerin persönlich. Es ist mir eine Ehre Sie endlich persönlich kennenzulernen.“, wird sie begrüßt.
„Mir ist es eine Ehre, dass Sie zu uns gefunden haben.“
„Wenn ich mich vorstellen darf. Ich bin der Trainer der Volleyball-Jungenmannschaft der Privatschule Fuji. Wir sind noch klein und uns gibt es noch nicht lange, aber wir sind spezialisiert darauf die Kinder individuell zu fördern. Daher haben wir inzwischen verschiedene Sportmannschaften und man hat uns Ihre Jugendangebote empfohlen. Man sagte mir, Sie gehen auch auf die Wachstumszeiten der Kids ein und können individuelle Ernährungspläne für sie erstellen.“
„Genau, das hat Ihnen Herr Müller sicher auch bereits genau erklärt.“
Etwa gegen halb Vier trifft Kojiro in der Uni ein und steigt aus dem Taxi. Er schaut sich auf dem großen Gelende um und entdeckt das Gebäude indem er auch das letzte Mal war um seine Arbeit abzugeben.
Zielgerade geht er darauf zu. Gedanklich berührt er seine schwarze Krawatte.
‚An die habe ich bei der ganzen Hektik gestern gar nicht gedacht. Mutter hätte sie mir normalerweise kurz vorher gebunden. Ich habe Glück, dass Tina das scheinbar heute früh beim Ausräumen des Kleiderschranks bemerkt hat. Sie ist gebunden, aber anders als ich es kenne. Naja, Hauptsache ich kann sie nutzen. Ohne wäre es nun echt unhöflich gewesen. Sie wird mir sicher Glück bringen.‘
An der Information meldet er sich an und man beschreibt ihm den Weg zu welchem Zimmer er gehen muss.
Seine Anspannung vor der Tür ist gering. Kojiro weiß, dass er durch die Einladung der Verteidigung bestanden hat, aber was werden die Professoren fragen? Wird es überhaupt Fragen geben? Er steckt so gut in seinem Thema drin, dass er nicht wüsste was es für offene Fragen geben könnte.
Zeitgleich unterhalten sich vier Professoren hinter der Tür.
„Du bist ja richtig begeistert von diesem Jungen, was? Seine Arbeit ist auch wirklich ohne Makel. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ein Typ wie er so eine Arbeit abliefert.“, meint der eine zu Kojiros Mentor Professor Kobayashi.
„Natürlich, unterschätze niemals einen Sportler. Ich kenne den Burschen schon lange und egal was er bisher angepackt hat, er macht es immer gewissenhaft und zieht durch was er anfängt. Das war schon damals in der Schulzeit so. Ich habe mit einigen Lehrern aus seiner Schule gesprochen. Als er sich für den Studiengang informierte, die schwere Aufnahmeprüfung mit Bestnoten bestand und sich dann bei mir vorstellte.
Egal was wir ihn fragen werden, er wird sich nicht aus dem Konzept bringen lassen.“, erklärt er mit fester Überzeugung.
„Genauso sehe ich das auch. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass er seine Ausbildung vor die Karriere stellt. Ihm ist beides wichtig, aber die Bildung ist ihm wichtiger.“, meint eine der Damen überzeugt.
„Genau, das denke ich auch. Ich bin ihm aber auch noch nie persönlich begegnet. Ich bin auf seine Persönlichkeit gespannt. Ob er die Bälle mithat?“, schmunzelt die andere Dame am Tisch.
Herr Kobayashi steht auf und geht zur Tür. „Ich hole ihn jetzt rein.“
Die Tür öffnet sich und Kojiro ist erfreut seinen Mentor zu sehen. Endlich geht es los und er kann das Thema abschließen. Beide begrüßen sich höflich und Kojiro betritt den Prüfungsraum und begrüßt alle Anwesenden. Respektvoll verbeugt er sich vor ihnen, nachdem er den großen Stoffbeutel mit den Bällen an die Seite des Raumes gelegt hat.
„Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer interessanten Arbeit, Herr Hyuga.“
Es werden nur zwei fachliche Fragen gestellt auf die Kojiro etwas umfangreicher eingeht und in seinen Worten nochmal genauer erklärt.
„Ich habe noch eine letzte Frage Herr Hyuga. Was haben Sie als nächstes vor?“, kommt von einer der beiden Damen.
„Ich habe mich bereits für den nächsten Studiengang eingeschrieben.“
Dann wird ihm zum Abschluss gratuliert.
Dankend verbeugt er sich.
Dann plötzlich spricht ihn eine der Damen nochmal an.
„Ich habe doch noch eine Frage.“, meint sie und lächelt ihn an.
Er schaut freundlich und wundert sich nur.
„Bei der Zwischenprüfung sah ihre Krawatte anders aus. Wer hat sie diesmal gebunden?“
Erstaunt blickt er sie an. Er kann ihr ja schlecht sagen wer sie gebunden hat. Außerdem, was geht sie das denn an?
Kojiro setzt einen freundlichen Blick auf und sieht ihr in die Augen.
„Das gehört nicht hier her.
Ich bedanke mich vielmals für ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“, antwortet er höflich und verlässt dann den Raum. Er schließt die Tür sachte hinter sich.
‚Puh. Dein Trick hat geklappt, Bettina. Die Frage war echt frech. Sie hätte mich beinahe aus der Reserve gelockt. Sich etwas vorzustellen was viel schlimmer wäre, wenn ich einen Fehler mache, das hat tatsächlich geholfen mich nicht zu verplappern, ohne zu lügen.‘
Hinter der Tür wird sich wieder ausgetauscht.
„Oha, typisch Frau. Was dir so auffällt, Megumi. Wer achtet denn auf den Knoten der Krawatte?“, wundert sich Takahiro Kobayashi.
Megumi Susuki grinst.
„Ist das echt nicht aufgefallen? Keiner hier in Japan würde eine Krawatte so binden. Das ist eher in Europa üblich. Er hat sich allgemein anders verhalten als beim letzten Mal.“
„Was meinst du damit? Er war selbstsicher und wusste genau wovon er redet, was war da anders?“
„Ich denke du kennst ihn so gut? Typisch Mann. Wenn ein junger Mann wie er plötzlich einen anderen Krawattenknoten trägt, seine Ärmel vom Hemd nicht mehr hochgekrempelt trägt und trotz jeder Ernsthaftigkeit seines Themas einen Scherz macht, dann ist da eine Frau im Spiel. Ihr Männer habt auch echt keine Ahnung.“, berichtet sie begeistert.
„Du erst wieder. Was gehen mich seine Frauen an? Dann hat er da halt jemanden, ein Typ wie er hat sicher ab und an jemanden.“, meint er gelangweilt.
„Männer…nicht Irgendeine, da ist definitiv Liebe im Spiel. Das ist was festes.“
Sie steht auf, geht zum Beutel und öffnet diesen. Dann holt sie einen Ball heraus.
„Er hat tatsächlich noch Bälle für unsere Kids besorgt, wow.“ Dann schaut sie nach dem Autogramm und wundert sich, dass es sogar zwei davon sind.
„Nanu, es sind zwei Autogramme drauf.“
Nun stehen alle auf und gehen zu ihr. Takahiro Kobayashi sieht sich den Beutel an und entdeckt darin einen Zettel.
„Eine Quittung. Nix Besonderes.“, äußert dieser.
Die Professorin nimmt ihm diesen ab und schaut rauf.
„Wow, er macht also doch Fehler.“, grinst sie.
Sie reicht den Zettel weiter und zeigt auf die Uhrzeit. „Das war nur kurz nachdem du ihn angerufen hast. Was hatte er denn am Telefon gesagt, als du ihm um die Bälle gebeten hast?“
„Hm. Er meinte nur, dass er zufällig im passenden Laden stehen würde. Wieso?“
Die zweite Professorin Naomi Kanai staunt nicht schlecht, als sie auf den Kassenzettel schaut.
„Moment mal, das ist seltsam. Das ist ja das Sportgeschäft im Fitnesscenter wo ich regelmäßig bin. Das ist hier gleich um die Ecke.“
Die anderen drei sehen sie verblüfft an.
„Du gehst in ein Fitnessstudio? Meinst du das hier um die Ecke von dem Deutschen Inhaber? Viele Studenten gehen dort gerne hin. Sogar unser Baseballteam ist dort. Es soll gut sehr sein.“, meint der andere ältere Herr in der Runde.
Die etwas sportlichere Naomi Kanai erklärt es begeistert.
„Ja genau, meinst du ich würde sonst noch so aussehen, wenn ich nur am Vorlesepult stehe und Arbeiten durchsehe? Nach der Arbeit gehe ich dort hin. Fast jeden Tag. Und dieses tolle Ernährungsprogramm zusätzlich zum Fitnessprogramm ist echt sehr professionell. Es sind einige Professoren von unserer und der Uni neben uns dort. Aber nicht nur deswegen. Diese deutsche Volleyballerin, die gelbe Tigerin, sie arbeitet dort und erstellt die Ernährungspläne. Ihre Rezepte sind echt lecker und einfach nach zu kochen. Seit ich das Fitness-Abo nutze bin ich viel ausgeglichener.“
„Fuchs, Bettina Fuchs heißt die Tigerin richtig. Sie hat mit ihren Mädels den Asientitel für uns geholt. Eine Deutsche, die für Japan spielt. Für die WM ist sie auch eingeplant.“, berichtet Professor Tetsuya Nakatani begeistert. Er ist ein Fan und ist daher gerne mal dort im Studio.
„Du kennst dich ja aus. Bist du Volleyballfan?“, fragt Megumi.
„Genau. Ist definitiv mehr Action als bei Baseball oder Fußball.“
Kobayashi ist verwundert und überlegt. Sein Schützling hat seine Arbeit vor nicht ganz zwei Wochen abgegeben und sie haben sich nett unterhalten wie immer. Von einer Freundin hat er nichts erzählt. Und er trug auch seine Ärmel wie immer. Aber irgendwelche Scherze, das kennt er wirklich nicht von ihm. Immer wenn sie telefonieren oder skypen, nie macht er Scherze oder lacht. Immer ist er ernst und genau im Thema. Aber Heute musste er schmunzeln, als er die erste Frage beantwortete und über eine neue Erfahrung gesprochen hat, die noch nicht in der Arbeit stehen konnte. Dabei war das Thema doch so ernst und wichtig.
„Vielleicht habt ihr Recht. Euch Frauen fällt das nur eher auf. Er hat noch nie gescherzt.“, gibt er dann zu.
Seine Kollegin Megumi geht zur Tür.
„Was jetzt?“, wundert er sich.
„Ich kann doch mal kurz neugierig raus sehen ob der nächste Prüfling schon da ist.“, redet sie sich raus. Dabei hofft sie, dass ihr letzter Prüfling zufällig noch da ist. Sie öffnet leise die Tür und schaut vorsichtig in den Flur. Dann entdeckt sie Kojiro, wie er telefonierend aus dem Fenster zum Campus runter schaut. Er steht zwar weiter weg, aber verstehen kann sie noch alles. Sie versteckt sich hinter dem Vorsprung der Tür und sieht vorsichtig zu ihm rüber.
„Oha, na das war ja ein interessantes Spiel. Ohne Tsubasa und Genzo? Ken auch nicht? Du hast den neuen hoffentlich nicht zu sehr geärgert. War er gut?“
„Alles klar, ich melde mich. Was ist dein Pan jetzt? Ich denke mal Bettina wird sich noch verabschieden wollen bevor du wieder fliegst. Mit zum Flughafen kann sie ja nicht kommen, das würde auffallen.“
„Okay, dann sehen wir uns nachher bei ihr. Die Adresse gebe ich dir noch durch. Bis nachher.“
Dann legt er auf und wählt die nächste Nummer.
Er lächelt plötzlich.
„Bettina, wie beruhigend deine Stimme zu hören. Ich bin nun kein Student mehr. Ab heute habe ich einen offiziellen Beruf in der Tasche. So wie du mit dem Diätkoch.“, spricht er sanft und mit stolzer Stimme.
„Und dein Trick mit der Konzentration hat funktioniert. Das Denken an was viel wichtigeres. Ich hätte mich doch am Ende fast verplappert.
Danke übrigens, dass du das heute Morgen noch mit der Krawatte gesehen hast, aber das ist natürlich einer der Damen aufgefallen.“
„Ach so, das hast du von deinem Vater gelernt, verstehe.“
„Was meinst du damit, dass der Beruf noch nicht ganz anerkannt ist? Was fehlt denn noch?“
„Ach so, eine Facharbeit. Ist dann so wie meine Bachelorarbeit?“
„Verstehe ähnlich, ohne Verteidigung. Nur abgeben und benoten.“
„Das ist gut. Du hast sie schnell fertig? Naja das schaffst du schon, wer die Aufnahmeprüfung in die Todai schafft, für den ist es ein Klacks.“
„Tsubasas Werte? Dann muss er nochmal zu dir kommen? Ich wusste gar nicht, dass du ihn in eurem Programm hast. Er hat doch nen Sportmediziner aus Brasilien an der Seite.“
„Okay, Seit wann macht ihr das mit diesen Programmen überhaupt schon?“
„Wow, drei Jahre? Du arbeitest seit drei Jahren schon in dem Beruf und die erkennen deinen Abschluss nicht an?“
„Die Praxis ja, aber diese Arbeit fehlt nur. Okay.
Wie sieht jetzt dein Plan aus? Was sagt die Kundschaft? Wie lange brauchst du noch dafür? Cusavier willst du sicher noch verabschieden. Bei der ganzen Aktion heute Früh habt ihr euch ja nicht mal wirklich kennengelernt. Das Spiel ist jedenfalls vorbei.“
„Naja, Unentschieden. Erzähle ich dann heute Abend alles.“
„Okay.“
„Ja, das nervt wirklich. Ich kann das auch bald nicht mehr. Ich muss auch noch mit meiner Managerin darüber reden.“
„Gut, du musst mir dann auch noch was erzählen? Dann bis nachher, melde dich, wenn du fertig bist.“
Er lächelt. „Ich mich doch auch.“
Dann legt er auf und wählt die nächste Nummer.
Kojiro verlässt das Fenster und geht dann durch den Gang. „Hallo Mutter, du hast ab jetzt einen waschechten Architekten als Sohn. Ich hatte eben spontan meine Verteidigung.“, berichtet er ganz stolz.
Die Professorin grinst vor sich hin.
‚So ist das. Bettina, schöner Name. Und wie liebevoll er mit ihr spricht. Deswegen war er in dem Fitnesscenter.‘
Dann schließt sie die Tür wieder leise und dreht sich zu ihren Kollegen um.
„Hat sich gelohnt. Er stand noch im Flur. Ich weiß sogar wer sie ist. Ich habe mich nicht getäuscht. Es gibt eine Frau an seiner Seite. Das muss noch ganz frisch sein.“, grinst sie.
Alle sehen sie verwundert an.
„Dann sag, wer ist es?“, fordert Kobayashi.
„Nein, ich behalte es erstmal für mich.“
„Dann hättest du auch nicht sagen dürfen, dass du es jetzt weißt. Jetzt wollen wir das auch wissen.“, meint Tetsuya ernst.
Megumi überlegt. „Na gut. Aber es muss hier im Raum bleiben. Ich glaube das darf noch niemand wissen, so hatte es den Anschein.“, meint sie streng, als würde sie mit ihren Studenten reden, statt mit ihren Freunden.
Alle nicken und sind gespannt.
„Also wenn ich es richtig verstanden habe ist es diese Bettina Fuchs von der ihr vorhin geredet habt. Er hat den Namen zweimal genannt und auch mit ihr telefoniert.“, sagt sie ehrlich.
„So ein Quatsch!“, äußert Tetsuya.
„Das kann gar nicht sein. Sie mag keine Fußballer.“, verkündet Naomi.
„Wieso das? Aber ich habe mich garantiert nicht verhört. Er hat eindeutig mit einer Bettina gesprochen und die haben sich über die Krawatte und irgendwelche Programme unterhalten.“
„Wäre aber seltsam, sie hält sich grundsätzlich von Fußballern fern. Sie wollte Herrn Hyuga nicht mal kennenlernen, weil er Fußballer ist.“, vermeldet der Fan.
„Das stimmt. Während der Asienmeisterschaft hat die Presse ihr den Namen der Tigerin gegeben, weil sie genauso stark spielt wie er. Man hat die beiden miteinander verglichen.“, erklärt Naomi.
„Hm. Hat die Frau an der Todai studiert? Das kam auch im Gespräch nebenbei vor.“
Tetsuya sieht sie verblüfft an. „Ja das hat sie. Sie hat damals ihre Oberschule mit super Noten verlassen und zwei Jahre an der Todai Psychologie studiert. Die Frau ist definitiv nicht dumm. Sie hat das Studium aber abgebrochen und sich nur noch um den Sport gekümmert. Ich glaube, weil ihre Eltern gestorben sind. Mehr weiß ich aus der Presse dann auch nicht.“
Notizen:
Professoren:
Takahiro Kobayashi
Megumi Susuki
Tetsuya Nakatani
Naomi Kanai
.......................................
Hinweis an neue Leser:
Da hier eine Anspielung angesprochen wird, dass Karl-Heinz hinter Tinas Maskerade kam empfehle ich ab hier an das Zusatzkapitel
Zusatzkapitel:
Kleine Überarbeitung 04/2025
Tag X
In flagranti
Alles war wie immer. Das Training war lustig und anstrengend zugleich. Alle im
Team sehnten sich nach der in den Sommerferien anstehenden U16-Weltmeisterschaft 1998 in Paris. Es ist Mai und wie immer recht luftig, aber angenehm. Tino Fuchs war wie immer der Erste und der Letzte auf dem Platz. Nach und nach verabschiedete sich jeder. Stephan, Kaltz, Genzo und Karl-Heinz waren die letzten Teamkollegen und gingen noch einmal zu Tino. Seit eh und je sind sie unzertrennliche Freunde geworden. Meist blieben sie länger als alle anderen oder trainierten heimlich woanders. Oft unternahmen sie auch etwas gemeinsam. So wie an diesem Tag. Alle wollten zuerst nach Hause und Hausaufgaben machen, um abends im Jugendklub gemeinsam Billard spielen zu können.
Wie jeden Tag war Tina als letztes unter der Dusche. Sie schnürte sich den Verband um ihre Brust ab und schnappte sich ein Shampoo und das Duschbad. Unterdessen war Karl-Heinz auf dem Weg und kramte vergebens in seiner Tasche.
‚Mist, ich muss mein Handy liegen gelassen haben.‘ Somit schlug er den Weg zurück ein. Gedankenvergraben stand Tina unter der Dusche und seifte sich ein. Karl-Heinz betrat die Halle und ging auf die Umkleide zu. Als er sein Handy aus dem Spinnt nahm, entdeckte er Tinos Klamotten und den Verband.
‚Hm. er ist immer noch da? Ob seine Narbe von der Herzoperation von damals wirklich so schrecklich aussieht, dass es niemand sehen möchte? Er sagte ja, dass er ein krankes Herz hat und deswegen niemals Profi werden könnte. Schade eigentlich, er ist sehr talentiert. Das wären tolle Duelle geworden.‘ Mit diesen Gedanken schlich er in den Duschraum. Plötzlich blieb er stehen. Sein sturer Blick war auf die ihm vertraute und doch fremde Person gerichtet.
Tinas weibliche Gestalt schäumte sich mit geschlossenen Augen gerade die Haare
ein, drehte dann ihren Körper in seine Richtung, um unter der Brause den Schaum
abzuspülen.
Karl-Heinz nahm vor Entsetzen nur das Geräusch der Duschbrause wahr. Vor ihm spielten sich Bilder der Vergangenheit ab. Bilder einer tiefen und treuen Freundschaft. Bilder einer Freundschaft, die ihm mehr bedeuteten als alle Erinnerungen sensationeller Tore oder Siege. Bilder, welche eine ehrliche Freundschaft bewiesen und nie anzweifeln lassen würden. Eine Freundschaft, die ihm oftmals an sich selbst zweifeln ließ. Zweifel an seine Persönlichkeit, an seine Sexualität. Eine Sexualität, die er nie zugegeben hätte.
Und nun? Nun stand sie vor ihm.
IHM, dem deutschen Fußballkaiser. Ein Mädchen, das ihn jahrelang belogen hat.
Ein Mensch, der ihm jahrelang etwas vorgespielt hat. Sein bester Freund und Kumpel, der ihm öfters die Nächte raubte.
Sein leeres Bewusstsein musterte noch einmal die Gestalt unter dem Wasserstahl.
Sie hatte kurze blonde Haare, welche mit Schaum bedeckt waren, Brüste die eindeutig hervorragten, eine Taille, die niemals hätte einem Mann gehören können und ein rundgeformtes Becken, welches ihm eine feminine Intimsphäre zeigte. Einfach einen Anblick weiblicher Reize!
Tina war in Gedanken vertieft.
‚Ach Karl, wenn ich doch nur wüsste wie es weiter gehen soll. Ich kann dieses Versteckspiel einfach nicht mehr ertragen. Ich will doch nur bei dir sein. Aber nicht als Freund, sonders als Frau. Ich habe plötzlich das Gefühl, du wärst bei mir, ganz nah. So nah, dass ich glaube mein Herz würde zerspringen. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen, wie du andere Mädchen ansiehst, wie du über sie redest und was du über sie denkst. Ich will das alles gar nicht wissen.
Zur WM muss ich euch sowieso verlassen. Jetzt Ende des Schuljahres. Ich werde es dir heute sagen. Nach unserem Treffen mit den Jungs. Ich weiß zwar noch nicht wie, aber ich muss es tun, bevor du es von selbst herausfindest. Immer wieder habe ich es mir vorgenommen, aber dann kam was dazwischen.‘
Plötzlich klingelte das Handy in Schneiders Hand. Eine Kurzmitteilung ging ein.
Tina öffnete verwundert ihre Augen und sah direkt zu Karl-Heinz, welcher sie noch immer mit fast leeren Gedanken stumm anstarrte. Vor Schreck viel ihm das
Telefon aus der Hand und ohne es zu registrieren, rutschte ihm ein „Tino?“ über die Lippen. Sie war wie gelähmt. Entsetzt starrte sie in seine hellblauen Augen, welche vor Enttäuschung nur so funkelten.
„Charly!“, hauchte sie nur, während das nicht ganz lauwarme frische Wasser auf sie herabprasselte und ihre Tränen verschleierte. Die unzähligen Wassertropfen liefen an ihrem Körper herab. Ihre Gedanken waren leer. Ihr Herz fing an lauter zu pochen. Das Pochen kam ihr vor wie ein Trommeln. Ein Trommeln, das ihr Schmerzen bereitete. Fürchterliche Schmerzen in der Brust. Angst machte sich in ihr breit. Angst, Karl-Heinz könnte sie jetzt hassen, so dass sie einfach langsam auf ihn zu ging.
„Charly...ich...äh...“ Sie blieb vor ihm stehen, nackt und sah ihm in die Augen. ‚Ich habe noch nie so einen leeren Blick von ihm gesehen. Karl, bitte, du darfst mich nicht hassen. Ich liebe dich doch, ich liebe dich so sehr...viel zu sehr...ohne dich kann ich nicht leben...ohne dich kann ich gar nichts...ohne dich will ich nichts...gar nichts...auch nicht leben.‘
Sein Blick änderte sich. Er war wütend. Stink wütend, so wütend, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte.
„Spar dir deine Worte! Es gab von Anfang an keinen Tino, sondern nur eine Tina, stimmts?!“ Sie senkte den Kopf.
„Es tut mir leid.“, hauchte sie. Ehe sie sich versah verpasste er ihr eine heftige Ohrfeige. Tina kassierte sie mit Fassung, sie war verdient. Ihr liefen unendliche Tränen über das Gesicht.
„ES TUT DIR LEID?! MEHR HAST DU NICHT DAZU ZU SAGEN?!
Du verlässt das Team! Mit Heuchlern können wir nichts anfangen!“, brüllte er
sie an. Somit drehte er ihr den Rücken zu und ging in Richtung Umkleide.
„Und zieh’ dir was an. Hast du auch dein Scharmgefühl verloren?“, murmelte
er, aber deutlich genug. Daraufhin blickte sie auf und sah ihm nach.
‚Warum sagt er so was?‘
„Karl, das stört mich schon lange nicht mehr.“, sprach sie laut.
„Wieso? Was meinst du damit?“, wunderte er sich.
„Mich stört es nicht, dass du mich so siehst. Ich wollte nur nicht, dass du mich siehst, nicht jetzt und nicht heute.“, erklärte sie ruhig.
„Ich verstehe kein einziges Wort.“ Es war stumm im Duschraum. Nur die laufende Duschbrause erhellte die Luft mit Geräuschen.
Plötzlich sank Tinas Gestalt zu Boden. Ihr tat so fürchterlich das Herz weh, dass sie sich nicht mehr halten konnte. Die Angst von dem Menschen verachtet zu werden, den sie am meisten liebte.
Seinetwegen nahm sie damals das Angebot des Trainers an in die Mannschaft zu
kommen. Nur seinetwegen gab sie sich weiterhin als Junge aus und belog die ganzen Leute. Auch das harte Training und die Sondertrainings hielt sie immer
nur seinetwegen durch. Aber er war auch der einzige Grund, weshalb sie so hart
trainierte. Natürlich wollte sie weiterhin mit ihrem Bruder spielen, aber seitdem sie ihn kannte, spielte er eine größere Rolle als er. Sie hielt ihre wahren Gefühle vor allen zurück, als sie diese erkannte, damit sie in seiner Nähe bleiben konnte. Seiner Nähe, die ihr immer Mut gab und Stärke verlieh. Sie hatte als Kind immer das Gefühl etwas würde ihr fehlen, aber seitdem sie sich kennen, war das Gefühl weg. Auch in diesem Moment, verlieh er ihr unbewusst Mut. Den entsprechenden Mut, ihm zu sagen, was sie fühlte.
Er sah kurz zu ihr herab. Sie keuchte leise auf, um Luft zu schnappen.
„Ich...mein...mein Herz...tut so weh...bitte...geh nicht.“, stotterte sie sich mühsam zurecht. Karl- Heinz betrachtete sie respektlos. Entblößt und klitschnass saß sie auf den Knien, hielt sich krampfhaft die Brust und kniff die Augen zusammen. „Wie tief bist du gesunken, dass du zu solchen Mitteln greifst? Merkst du nicht wie lächerlich du dich machst? Deinen Verband trägst du nicht wegen einer Narbe von einer Herzoperation, sondern nur, um deine Weiblichkeit zu vertuschen. Warum sollte ich jetzt auf deinen Herzanfall hereinfallen?!“, schnauzte er sie an und drehte sich um.
Tina glaubte nicht richtig zu hören. Karl war wie immer so direkt und sagte ganz genau das, was er denkt, ohne auf sein Gegenüber Rücksicht zu nehmen. Genau davor hatte sie auch Angst. Er sagte selten etwas, aber wenn, dann hatte es Gewicht. Mit einer seiner persönlichen Eigenschaften konfrontiert zu werden, die sie selbst am meisten an ihm schätzte und liebte; seine Ehrlichkeit.
Sie sah zu ihm auf.
„Karl...bitte...das ist kein Anfall. Ich bitte dich...hasse mich nicht!“, flehte sie ihn an, doch er griff sein Handy und ging weiter.
„Bitte...bleib...bitte...Karl...ich...ich Karl...ich bitte dich. Du darfst mich nicht hassen.“, stotterte sie verzweifelt und mit verweinter Stimme, während sie sich versuchte aufzurichten.
„NENN’ MIR EINEN EINZIGEN GRUND, WESWEGEN ICH DAS NICHT TUN SOLLTE?!“, brüllte er wütend ohne sie auch nur anzusehen.
Tina stand auf den Knien, sah ihm nach und streckte den Arm aus, als ob sie ihn
festhalten wollte.
„Bitte geh` nicht...ich...ich...kann…nicht.
Ich bin...nicht...nein...ich kann es dir nicht sagen.“, versuchte sie zurecht zu stammeln. In diesem Moment machte sie eine falsche Bewegung, rutschte auf den nassen Fliesen aus und lag der Länge nach auf dem kalten nassen Boden. Weinend lag sie nun da, ihr wurde kalt, so kalt, als würde sie ins Nordmeer springen.
„Bitte...“, schluchzte sie.
„Bitte Charly...tu mit mir, was du willst...aber hasse mich nicht. Verpasse mir unzählige Ohrfeigen, aber hasse mich nicht. Sag es den anderen, auch wenn sie mich hassen werden, aber ich bitte dich...DU darfst mich nicht hassen! Sag es mir…sag es mir wenigstens, ignoriere mich, aber bitte sag mir, dass du mich nicht hassen wirst!“, versuchte sie mühselig klar zu machen wovor sie am meisten Angst hatte und warum ihr das Herz weh tat. Karl blieb stehen und blickte zu ihr herab.
‚Tina, warum machst du mir das so schwer? Wenn du wüsstest was in mir vorgeht. All die Jahre zweifelte ich schon an mir selbst. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich normal bin. Ich dachte schon ich sei schwul, nur weil du mir nachts nicht aus dem Kopf gingst. Ich wusste nicht, warum ich so große Gefühle für dich hatte. Ich wusste auch nicht, warum ich trotzdem den Mädchen hinterher sah und es anziehend fand. Und trotzdem war es auch bei dir so. Was sollte ich denn tun?‘ Er senkte den Kopf und bemerkte nicht, wie auch ihm Tränen kamen.
„DICH IGNORIEREN?!?!?!? DAS KANN ICH NICHT!!“, schrie er sie an.
„Ich kann DICH nicht ignorieren! Ich kann Dir nicht mehr vertrauen! Mir bleibt nur noch dich zu hassen!! Auch wenn ich das wahrscheinlich auch nicht kann!! Aber warum...?
WARUM UM ALLES IN DER WELT, DARF ICH DICH NICHT EINMAL HASSEN, VERDAMMTE SCHEIßE?????!!!!!!“, brüllte er verzweifelt, sah ihr in die türkisfarbenen Augen und schlug mit seiner Faust aufgebracht gegen den Spinnt neben sich. Entsetzt sah sie ihn an.
‚Er weint ja.‘, stellte sie fest und begann zu stottern.
„Na weil...weil...ich...ich...dich...dich...na weil...
ICH DICH LIEBE!!! DU VOLLIDIOT!!!“, brüllte sie ernst zurück, blickte in seine blauen leeren Augen und wartete seine Reaktion ab.
Seine noch am Spinnt aufstützende Faust löste sich auf, sein Blick wurde
weicher und ihm fehlten zum ersten Mal in seinem ganzen Leben die Worte.
.
..
...
....
.....
......
‚Was hat sie da eben gesagt? Ist das etwa ihr Ernst?‘, ging in ihm etwas Seltsames vor sich.
„Seit wann?“, hauchte er nach unzähligen Momenten der Erinnerung. Tina wich seinem Blick aus und schloss die Augen.
„Schon immer. Anfangs wollte ich nur mit Stephan zusammenbleiben, aber dann faszinierte mich deine Art zu spielen so sehr und das trieb mich an. Und es dauerte nicht lange, da erkannte ich es dann. Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Zuerst war es nur Zuneigung, ein Gefühl als wäre mein Tag ohne Training mit dir unvollkommen. Ich versuchte dagegen anzukämpfen, aber es ging nicht. Ich wollte nur dein Freund sein, aber es ging nicht. Ich versuchte mich für andere zu interessieren, aber das konnte ich nicht. Ich wollte meine Gefühle ignorieren, aber dazu war ich zu schwach. Ich schrieb alles in mein Tagebuch, aber auch das half nicht. Ich wusste einfach nicht mehr was ich tun sollte. Um es dir zu sagen, war es schon zu spät, ich war bereits dein Freund, Tino. Wenn ich es dir gesagt hätte, hättest du mich für blöd verkauft und mich abserviert, mich aus dem Team geschmissen. Aber das Team und das Training war alles was ich noch hatte, um in deiner Nähe zu bleiben. Privat hattest du doch nie Zeit. Also beließ ich es dabei und zog mein Ding durch. Ich weiß nicht warum, aber es gab für mich nichts Schöneres, als mit dir zusammen zu sein. Die Blicke und Jubelschreie der Fans zu genießen. Jedes Sondertraining gab mir wieder neue Kraft, um alles durchzustehen, aber seit einem halben Jahr...ich stellte fest, dass es nicht das entscheidende war.
Es war nicht das, was ich alles wollte. Es war Teil von dem was ich wollte, aber
ich merkte auch, dass ich anders war. Schon früh fing ich an zusätzlich zur Abbindung meines Busens weniger fettiges zu essen, damit ich keinen rundlichen Hintern bekomme. Wenn ich dich mit anderen Mädchen sah, konnte ich es nicht ertragen. Am schlimmsten war es vor einer Woche. Ich habe durch Zufall gesehen wie du ein Mädchen geküsst hast. Ich kochte vor Eifersucht, aber ich konnte nichts tun. Ich war komischerweise nicht eifersüchtiger auf dich als auf sie. Sie konnte ja nichts dafür, außerdem konnte ich’s dir nicht übelnehmen, da sie viel hübscher war als ich, als Tina. Doch mein Herz schmerzte so sehr.
Einen Tag zuvor hattest du mir doch dein altes Taschenmesser geschenkt. Es war
von deinem Vater. Er hatte dir ein neues geschenkt. Ich holte es raus und klappte es auf. Es war recht stumpf geworden...ohne nachzudenken legte ich es quer über meine Pulsader...aber...ich stockte. Das würde keinen Sinn ergeben, dachte ich, also nahm ich die Klinge direkt in meine Hand.“, plapperte sie einfach nur vor sich hin und redete sich alles von der Seele.
„Du wolltest dir wegen mir...?“, äußerte Karl benommen.
„Nein! Ich wollte nur etwas spüren, das stärker war als mein Gefühl. In der Regel war es beim Training so, ich ging immer nur an meine Grenzen, damit ich nichts anderes spüren konnte als den Schmerz.
Du konntest sein wie du bist. Ein ganz normaler Junge mit ganz normalen Gefühlen...und ICH? Ich fühlte in diesem Moment, dass ich gar nichts war. Ein NICHTS! Ich war so wütend auf mich selbst, dass ich eine Faust machte, all meine Kraft darin steckte und das Blut gar nicht mehr spürte...“
„HÖR AUF! ICH WILL’S GAR NICHT WISSEN!!“, schrie er plötzlich auf. Er sah auf ihren nackten Körper herab, blickte sich daraufhin um und schnappte sich ihr Handtuch. Dann ging er zu ihr, legte es über ihren Rücken und griff mit dem Handtuch kräftig und unbedacht ihre Oberarme. Karl kniete sich vor ihr nieder und zog ihren zitternden Körper an sich heran. Ihm war es egal, ob seine neue Hose nass würde, oder sein frischgebügeltes Hemd zerknittern könnte. Er löste seine groben Hände und berührte sanft ihren Rücken. Zärtlich trocknete er sie ab. Dabei sahen sie sich kein einziges Mal in die Augen. Kein einziges Wort wechselten sie miteinander. Sie spürte deutlich seine Wärme. Er vernahm wohl, wie ihr Zittern langsam nachließ und ihre Körpertemperatur wieder anstieg. Seine Tränen waren im Gegensatz zu ihren bereits getrocknet, nur eine einzige huschte ihm erneut über die Wange.
‚Warum ist er so lieb zu mir? Will er mir damit weh tun? Ich dachte er hält mich für bekloppt und haut einfach ab. Warum tut er das jetzt? Seine Wärme gibt mir Kraft, aber will er mir wirklich Kraft geben, oder will er mich aus Rache leiden lassen? So wie er es sonst mit seinen Rivalen tut?‘
‚Warum mache ich das eigentlich? Sie hat mich belogen und uns allen etwas vorgemacht. Ich hasse sie dafür, aber ich kann ihren Anblick nicht ertragen. Ich kann ihre Hilflosigkeit nicht ertragen. Warum nur? Warum werde ich so weich bei ihrem Anblick? Warum wollte sie sich verletzen? Wegen mir? Warum geht mir das einfach nicht aus dem Sinn, dass ich mich schuldig fühle? Schuldig dafür,
dass sie es getan hat, schuldig dafür, dass sie mich belogen hat? Sie tut mir einfach leid, obwohl ich stinksauer auf sie bin. Jetzt wo ich weiß, dass Tino ein Mädchen ist, dass Tina, Stephans jüngere Schwester, die ich einst für kurze Zeit in mein Herz geschlossen hatte, mein bester Kumpel und vertrautester Busenfreund Tino ist. Nein, dass Tino Tina ist.‘
Plötzlich kommt ihm alles wie ein Traum vor. Er bewunderte Tino so sehr. Tino war so talentiert und ehrgeizig. Er hatte noch nie so einen ehrgeizigen Sportler kennengelernt. Nicht einmal er selbst hat je so lange trainiert bis er an den Händen blutete oder total erschöpft und reglos am Boden lag. Tino konnte das. Er ging ständig an seine Grenzen. Natürlich ging auch er an seine Grenzen, aber Tino...Tino überschritt sogar seine Grenzen. Er steckte Schmerzen weg, die ihn stärkten. Sein Kampfgeist war mit niemanden zu vergleichen. Ihm war jede Verletzung egal, Hauptsache er hielt das Training durch und siegte im Spiel. Er spielte nicht einfach nur, des Spaßes wegen, sondern als ginge es um sein Leben. Wenn jemand lustlos war oder schlechte Laune hatte, brachte er wieder Heiterkeit ins Spiel und bewegte jeden zum Lachen. Er war auch der Erste, der Karl-Heinz wirklich regelmäßig zum Lachen bringen konnte.
Die Minuten schwanden. Die Kälte in Tinas Körper wich davon. Wärme machte
sich breit. Karls Wärme.
„Wie konnte ich nur?“, flüsterte er. Sie sah verblüfft auf.
„Wie konnte ich das nur übersehen?“
„Was?“, schluchzte sie.
„Dass du ein Mädchen bist. Ich habe dir geglaubt, dir vertraut. Hast du überhaupt eine Ahnung wie ich mich fühle? Du warst nicht einfach nur ein Freund. Du warst immer wie ein Bruder für mich. Und nun? Nun soll alles vorbei sein?“
„Nein.“, schluchzte sie noch immer.
„Ich...ich will im Team bleiben.“ Karl stöhnte genervt auf.
„Hör’ auf zu träumen! Das geht nicht. Spätestens zur WM fliegst du auf.“
„Ich weiß, leider. Ich möchte gerne so lange bleiben bis wir gegen Genzos Freunde aus Japan gespielt haben. Dann gehe ich. Versprochen. Ich…ich kann es doch eh nicht mehr verstecken.“, versuchte sie verzweifelt klar zu stellen, mit der Voraussetzung, Karl würde sie eventuell sofort aus der Mannschaft schmeißen. „Okay.“, hörte sie plötzlich. Ein schlichtes einfaches, Okay.
Erstaunt sah sie zu ihm auf. Seine blauen klaren Augen sahen sie intensiv an. Sie spürte seine warmen Hände am ganzen Körper.
„Meinst du das im Ernst?“, hinterfragte sie sicherheitshalber. Er nickte entschlossen und schloss dabei die Augen. In seinem Kopf spielte sich eine Zukunftsvision ab. Er würde mit dem „kaiserlichem Quartett“ gegen Japan auftreten und danach würde es nur noch eine Tina, keinen Tino geben. Doch bevor er weiterspinnen konnte, vernahm er ein schüchternes „Danke.“ und spürte einen kurzen zärtlichen Kuss auf den Lippen. Er riss die Augen auf und ließ sie erschrocken los. Verlegen stand Tina auf und verließ die Dusche. Erstarrt blieb Karl-Heinz in der Hocke und bewegte sich nicht. Seine Gedanken schweiften im Kreis. Sein Herz klopfte so laut, dass er nichts mehr wahrnahm. Die Dusche lief noch immer. Es hatte sie noch keiner abgestellt.
‚Warum? Warum tut sie das? Will sie mich damit verwirren?‘ Er berührte nachdenklich seine Lippen.
‚Es war so weich, so lieblich. Anders als sonst. Was hat das nur zu bedeuten?‘, stellte er fest.
„Beeile dich, Charly! Sonst bist du heute Abend nicht pünktlich.“, erklärte Tina locker, als wenn nichts wäre. Aber in Wirklichkeit klopfte ihr Herz mindestens genauso laut.
Die Bahnhofsuhr schlug 20 Uhr. Stephan und Tino standen vor dem Klub und warteten auf ihre Freunde. An diesem Abend war Tino ruhiger als sonst. Normalerweise redete er über das Training, aber dieses Mal stand er einfach nur da. Bald trudelten Genzo und Kaltz ein.
„Hey, wo habt ihr Schneiderlein gelassen?“, erkundigte sich Stephan.
„Keine Ahnung. Lass uns einfach rein gehen. Er geht nicht ans Handy und zu
Hause ist er auch nicht.“, murrte Kaltz. Tino fing an sich Sorgen zu machen.
‚Das sieht ihm gar nicht ähnlich. Vielleicht hat das nicht einmal etwas mit mir zu tun. Stress in der Familie oder so, immerhin liegen seine Eltern noch immer in Trennung.‘
„Vielleicht hat er ja mehr Hausaufgaben auf und kommt später.“, versuchte sich Tino in Mutmaßungen.
„Quatsch! Wir gehen doch in dieselbe Klasse. Wir haben heute gar nichts auf.“, erklärte Kaltz muffig und ging voran. Genzo und Stephan folgten ihm. Genzo blieb stehen.
„Willst du hier auf ihn warten?“
„Ja, vielleicht bin ich auch schuld daran.“
„Verstehe, ihr habt euch mal wieder gestritten?“
„Ja.“
„Doll?“
„Mehr als nur doll.“, grinste Tino.
„Na ja, falls du wieder jemanden zum Reden brauchst, ich habe immer ein Ohr
frei.“, schmunzelt er zu seinem besten Kumpel.
„Er weiß es jetzt.“, haute sie plötzlich raus. Überrascht sieht er sie an.
„Und was sagt er?“
„Ich muss abwarten. Bis zu unserem Spiel gegen deine Freunde, bleibe ich noch. Dann bin ich weg.“, sagt sie nur ganz leise und nachdenklich. Er legt seine Hand auf ihre Schulter.
„Verstehe. Wir reden später.“
Zehn Minuten später erschien Karl-Heinz, aber er war nicht alleine. An seiner Seite befanden sich fünf hübsche gleichaltrige Mädels. Unter anderem auch das
Mädchen, welches Tina neulich mit ihm gesehen hatte. Tina hockte besorgt an der Wand und sah betrübt zu Boden. Sie überlegte, wie sie ihm gegenübertreten konnte. Doch da hörte sie schon das Lachen und Schnattern und schaute verwundert auf.
‚Was um alles in der Welt ist das?‘ Dann entdeckte er Karl. Genau in der Mitte und beidseitig eingehakt.
‚Was hat das denn zu bedeuten?‘
„Schau mal, Karl. Dort ist Tino. Wartet er etwa auf uns? Wusste er, dass wir
kommen?“, meinte eines der Mädchen.
„Nein. Ihr seid eine Überraschung.“, er schwieg daraufhin. Tina stand auf und sah sie an.
„Er schaut so traurig. Ist heute beim Training etwas passiert?“, hinterfragte seine Begleiterin und feste Freundin Steffi.
‚Ausgerechnet mit der Tussi muss er hier aufkreuzen. Will er sich jetzt an mir rächen, oder wie?‘, stöhnte Tina leise vor sich hin.
Steffi hatte lange blonde Haare und trug eine weiße Figurbetonte lange Hose, ein rosé farbiges bauchfreies Shirt, welches mit Blümchen und Schmetterlingen bestickt war. An der Seite trug sie eine gleichfarbige Handtasche und an den Füßen ebenso betonte Absatzschuhe. Tina kochte nur so vor Eifersucht.
‚Gegen so eine Schönheit habe ich doch nicht mal als Tina eine Chance. Wie gemein. Wenigstens hat er Geschmack. Aber wer weiß, vielleicht ist sie ja total dumm im Kopf. Karl mag nur kluge Mädchen.‘
Karl sah in Tinas Gesicht. Jetzt wo er wusste, dass sie ein Mädchen ist, erkannte er auch ihre weiblichen Gesichtszüge. Früher war ihm das nie aufgefallen. Bisher dachte er die Ähnlichkeit zu Tina wäre so groß, weil sie Zwillinge sind. Sie hatte noch immer denselben traurigen Blick drauf wie vor einigen Stunden im Duschraum.
„Warum bringst du die Mädchen mit?“, entgegnete sie zynisch.
„Ich wollte mal etwas Farbe ins Spiel bringen.“, lächelte er gezwungen, aber war ehrlich.
„Die Kugeln sind bunt genug.“, antwortete sie neckisch, damit ihre wahren Gefühle nicht auffielen. In Wirklichkeit pochte ihr Herz so sehr, dass es zu zerspringen drohte. Eines der Mädels kam auf sie zu.
„Hallo, Tino. Ich freue mich riesig, dich und die anderen endlich einmal kennen zu lernen. Ich heiße Anke.“ Tina lächelte höflich. Anke hatte halblange blonde Haare und zwei kleine Zöpfe.
‚Hübsch ist die Kleine ja. Alle Mädchen sind hübsch. Und ich? Ich werde in seinen Augen immer der freche Junge sein, toll.‘ Dann kam Steffi auf sie zu.
„Hi, ich bin Steffi. Karl-Heinz und ich kennen uns schon eine Weile. Ich hoffe wir kommen auch gut miteinander aus.“, lächelte sie überzeugt. Sie sahen sich auf gleicher Höhe in die Augen.
‚Was will sie damit sagen? Will sie etwa mit jedem von uns etwas anfangen oder was? Wie kann man so durchtrieben sein?‘
Ihre blauen Augen leuchteten auf und ihre Lippen waren rosé angemalt. Man sah
aber, dass der Lippenstift ein wenig verschmiert war und nicht frisch aufgetragen. Tina erkannte, dass sie eventuell geküsst wurde. Unabhängig davon, ob es ihre Mutter war, um ihr beim Date Glück zu wünschen, oder ob es Karls Lippen waren, welche ihre berührt haben könnten; Tino spielte seine Rolle, so wie es die Fans von ihm verlangten. Doch das Herz schmerzte mehr als zuvor.
Nachdem die anderen sich vorgestellt hatten, gingen sie rein. Die Mädels vorneweg.
„Charly?“, rief Tina ihm zu, als die Mädchen außer Hörweite waren. Er blieb stehen und drehte sich um.
„Ja?“
„Ist das deine Rache?“, stellte Tina in den Treppengang.
„Die Sache war bereits geplant. Wenn ich abgesagt hätte, wären sie enttäuscht gewesen. Und die Kleine, die dich angesprochen hat, sie ist deinetwegen hier.“ „Sondertraining, keine Zeit, fertig. Dafür hätten sie schon Verständnis gehabt.“ Plötzlich verzog er sein Gesicht. „Was spielt das jetzt noch für eine Rolle? Tino?!“, murrte er sie an. Seine klaren Augen funkelten vor Enttäuschung.
69. Kapitel Hingabe U18
Kapitel 69
Hingabe
Ein paar Minuten nachdem sich alle noch mal einen Kaffee gezogen haben tippt der Hauptgeschäftsführer auf seinem Laptop rum und beginnt ein weiteres Thema.
„So, nachdem wir wissen, dass Frau Fuchs kommen will und wir nur noch die üblichen bürokratischen Wege gehen müssen habe ich nun meine drei Trümpfe auf der Liste. Die Damen standen schon ne ganze Weile auf meinem Plan, aber nur wenn Frau Fuchs im Team ist, dann können wir es schaffen unseren Geldgeber davon zu überzeugen die drei Damen mit ins Boot zu holen. Und nur mit einer Person wie sie können wir dieses Risiko wagen, weil sie nicht nur des Geldes wegen hier sein will.
Wir benötigen zwei weitere Angreiferinnen und ein Libero.
Ihr Marktwert ist allen bekannt und sie warten alle drei nur auf eine Anwerbung und könnten recht kurzfristig kommen, wenn das Angebot passt und wir anfragen.
Es gibt nur ein Problem mit den Damen. Alle drei müssen zuerst zugesagt und unterschrieben haben bevor sie wissen wer die anderen alle sind und vor allem warum wir auch einen Libero brauchen. Die Öffentlichkeit darf unser Problem nicht kennen. Das zwei wegfallen, ja, ist klar und erklärt sich, wenn Angebote raus gehen, aber keine von ihnen darf wissen welche anderen Frauen wir auch anwerben, denn sonst kommen sie nicht. Es muss also alles still im Hintergrund bleiben bis es offiziell gemacht werden kann.
Am liebsten wäre mir, wenn alle fünf Neulinge sich erst hier begegnen. Konkurrenz belebt das Geschäft, wie Sie alle wissen. Und eine gewisse Konkurrenz innerhalb des Teams ist bei einer neuen Zusammenstellung sinnvoll. Es macht jede einzelne Spielerin für sich stärker, wenn sie auch innerhalb der Trainingszeit ihre starken Waffen nutzen.
Es belebt die Medienwelt und legt den Fokus auf uns. Aber das funktioniert nur, wenn wir alles zuerst im Hintergrund laufen lassen.
Wenn ich jetzt gleich die Damen zeige, an die ich denke, verstehen Sie wieso es so wichtig ist alles im Verborgenen zu lassen. Das gilt dann auch bei den Vereinen bzw. Verbänden der Frauen, denn wenn die plaudern, lehnen die Damen womöglich ab.“ Er pausiert und sieht gezielt auf Cotrainer Stéphane Jean-Baptiste.
„Sie haben eben berichtet, dass Frau Fuchs nur innerhalb einer Woche Urlaubsbesuch Motivation dagelassen hat, welche die ganze Saison über sichtlich da war? Habe ich das richtig verstanden?“ Der ehemalige französische Nationalspieler nickt ab.
„So würde ich das sagen, Sie haben doch alle gesehen wie motiviert die Frauen plötzlich in die Saison gestartet sind. Wenn die erst erfahren, dass es mit ihr klappt und sie kommt, wird das sicher noch mehr zu spüren sein. Immerhin wollen alle, dass Frau Fuchs zu ihnen kommt. Vor allem jetzt nach der Sache mit Viola und ihrer Hilfe für ihren Mann.“
Dann wird ebenso streng zum Cheftrainer Matteo Esposito geschaut.
„Und wie haben Sie das empfunden? Wie war die Moral innerhalb des Teams diese Saison über? War sie anders und besser? Wir sehen ja oft eher nur die Spiele und ihre Ergebnisse selbst, weniger was sich in der Trainingszeit abspielt.“
Der Trainer stimmt ebenso zu.
„Ja das stimmt tatsächlich. Deswegen waren sie auch so Feuer und Flamme dem Freundschaftsspiel zuzusagen, als Frau Fuchs sie darum bat. Sie wollten sich quasi dafür bedanken und helfen ihren Mädels mal europäisches Spielniveau zu zeigen. Immerhin sind drei Frauen in ihrem Team, die das erste Mal bei der Asienmeisterschaft mitgemacht haben und die anderen kennen diese Erfahrung gar nicht.“
„Okay, Sie sind also beide der Meinung das Team ist, so wie es jetzt wäre, absolut und hochmotiviert, wenn Frau Fuchs dabei ist?“
Beide Trainer nicken überzeugt ab.
Kurz darauf blendet er die Fotos und die dazugehörigen Namen an die Wand. Ein unbeschreibliches Raunen geht durch den Raum und jedem bleibt vor Schreck die Spucke weg.
Plötzlich steht der zweite Geschäftsführer zornig auf und brüllt ihn an.
„Marino Valentini! Bist du total durchgeknallt? Eine von denen wäre schon der Horror und du willst alle drei haben?!“
Herr Valentini grinst und benutzt die PC-Maus.
„Mir war klar, dass ich mit meinem Vorschlag alleine dastehe, aber ich habe mir heute Vormittag neben der Besprechung und den Ausschnitten der Spiele in der Asienmeisterschaft Notizen gemacht. Das ist Ihnen allen sicher aufgefallen.“
„Die Deutsche Angreiferin, okay, kann ich nachvollziehen, aber ganz im Ernst! Die anderen beiden mit dazu?“, setzt er sich wieder und ist jedoch noch immer nicht beruhigt.
„Also ich muss ganz ehrlich sagen, mir gefällt das nicht. Die Stärke und Spielqualitäten dieser Damen können wir mehr als brauchen, aber ihre Persönlichkeiten lassen ja wohl extrem zu wünschen übrig.
Während der einen gerne mal die Hand ausrutscht führt sich die andere auf wie eine Diva. Es gibt Gründe, wieso die drei noch immer dort sind wo sie herkommen und ihr Marktwert nicht so hoch ist, weil sie wegen ihrer Persönlichkeit keiner haben will. Kein Trainer will sich mit den Damen rumärgern. Und wir ganz bestimmt auch nicht.“, äußert sich der Cheftrainer brummig.
„Hm, wer sagt denn, dass Sie sich rumärgern müssen?“
Die Trainer sehen ihn ganz entsetzt an. Wie meint er das denn jetzt? Fragen sie sich beide.
Die weiße Wand bekommt wieder ein neues Bild von der Webseite, wo das Junioren HSV Mannschaftsfoto zu sehen ist. Er scrollt weiter runter wo ein Foto zu sehen ist wo nur fünf Jugendliche drauf sind. Es ist genau dasselbe Motiv wie das, was Karl-Heinz Andrea und Martin gezeigt hat und ebenso bei Tina an der Wand hängt. Ein Foto was nur fünf glückliche Jugendliche zeigt, die sich freundschaftlich umarmen und lachen. Herr Valentini vergrößert es so gut es geht und holt einen Laserpointer vom Tisch.
„Sehen Sie, dieses Foto habe ich auch entdeckt. Da kam mir dann die Idee mit den drei Spielerinnen. Anfangs habe ich nur an eine von ihnen gedacht, aber als ich dann vorhin diese Bilder gesehen habe und das was darunter steht „Bestes Team für immer“ war ich plötzlich davon überzeugt, dass ein Mädchen, welches damals nicht nur den nötigen Respekt in so einem starken Jungenteam erfahren konnte, sondern sogar Freundschaften dabei rumkamen, dann schafft sie es auch aus jedem Sauhaufen ein Team zu formen. Immerhin will sie selber Trainerin werden, da muss sie das sowieso können, aber im eigenen Team ist es natürlich schwieriger, da auch sie selbst bestimmt über ihren Schatten springen muss.“
„Soll das heißen sie wollen das Training ihr überlassen?“, wundern sich beide Trainer.
„Natürlich nicht, aber Sie beide müssen den Frauen dann einen gewissen Spielraum lassen, um sich zu entwickeln, denn da können Sie als Trainer anfangs gar nichts erreichen. Sie kennen das ja. In der Regel ist das am Anfang sinnvoll, wenn sich ein komplett neues Team bildet. Das wäre ja in diesem Falle fast auch so.“
„Wieso sind Sie so sehr überzeugt davon, dass das auf dem Foto dort wirklich Frau Fuchs ist? Und wenn es doch nur ein Bruder war?“, wirft jemand in den Raum.
„Ganz einfach, was sagt denn unser ehemaliges Model dazu? Frau Moreno, fällt Ihnen etwas auf dem Foto auf? Es ist auf der großen Version besser zu erkennen als auf dem Mannschaftsbild. Ich verweise bewusst auf Ihre Modekenntnisse hinsichtlich Frisuren.“ Gabriele steht auf und geht zum Foto an der Wand.
„Die Spange...aber natürlich!“, stößt sie grinsend aus.
„Wie, welche Spange? Die, die Frau Fuchs immer trägt? Aber da ist doch keine im Haar.“
„Nein, aber sehen Sie hier.“ Herr Valentini zeigt mit dem Laser auf die linke Seite der Haare.
„Diese kleine Welle im Haar. Das ist die Stelle, wo sonst die Spange steckt.
Ich bezweifle, dass ein Zwillingsbruder nicht nur die gleiche Frisur und Körpergröße hat, sondern auch eine Spange außerhalb des Sports trägt.“
„Genauso, Sie haben Recht. Auf der Nahaufnahme kann man es besser erkennen.
Diese Welle kann tatsächlich durch die Spange entstehen.“, erklärt die Pressechefin.
„Dabei fällt mir was auf, weil Sie die Spange erwähnen. Moment.“, sie ruft das Foto mit dem Armband auf und vergrößert es erneut, nur eben diesmal die Spange.
„Sehen Sie, es ist eine andere Spange. Das kam mir vorhin bei der Unterhaltung schon seltsam vor.“
Kurz nach der Videotelefonie lehnt sich Tina zurück und atmet tief durch. Kojiro steht auf und geht zu ihr. Ihr Blick ist auf ihn gerichtet.
‚Wie stolz du mich gerade ansiehst, Kojiro. Das ist bestimmt so ein Blick, wenn du deine Mannschaft motivierst. Und mir wird ganz warm dabei.‘ Kojiro geht auf sie zu, bleibt neben ihr stehen und sieht zu ihr herab. Tinas Herz fängt plötzlich an ganz doll zu schlagen. Verliebt schaut sie zu ihm auf und kann plötzlich gar nichts sagen oder sich bewegen. Wie erstarrt ist ihr Blick und auf seine Augen gerichtet, Augen, in die sie am liebsten ununterbrochen sehen würde.
Er vernimmt ihren starren Blick und wundert sich.
‚Bettina, Liebes, was ist los? Ich dachte eben du springst auf und fällst mir um den Hals vor Freude. Stattdessen sitzt du nur wie gelähmt da und starrst mich fragend an. Irgendetwas hindert dich jetzt daran fröhlich zu sein. Was kann es sein, was dir Sorgen bereitet? Das Angebot ist doch super. Und dir kann doch gar nichts Besseres passieren, als dass du sogar deine Freundin mitnehmen kannst. Sie wird sicher auch sehr erfreut sein.‘ Dann berührt er liebevoll ihre Wangen, beugt sich zu ihr runter und küsst sie zögernd. Er hofft ihr somit die Anspannung nehmen zu können. Plötzlich vernimmt er ihren lauten Herzschlag und kurz darauf spürt er warme Tränen an den Händen.
‚Nanu? Was hat das zu bedeuten? Bettina, wieso weinst du?‘ Kojiro unterbricht seinen Kuss und wischt ihre Tränen mit den Daumen weg. Er sieht sie verwundert an, hockt sich vor ihr hin und spricht ganz sanft.
„Was ist los? Ich dachte du freust dich über das Angebot und dass wir dann unbesorgt zusammen sein können.“
„Ach Kojiro. Das tue ich doch auch.“, sagt sie schluchzend und umarmt ihn plötzlich ganz fest und weint.
„Dann sind das Freudetränen?“ Sie schüttelt den Kopf.
„Ich…ich…kann die Bedingung … nicht erfüllen.“, schluchzt sie bitterlich und klammert sich verzweifelt an ihm fest.
„Was meinst du denn damit? Welche Bedingung?“, wundert er sich und nimmt sie liebevoll in die Arme.
„Ich…habe…keine…Zuspielerin. Ich kann niemanden mitbringen.“ Seine großen warmen Hände wärmen ihren Rücken und lassen Tina wieder etwas beruhigen. ‚Du bist so warm und du fühlst dich so tröstend an. Kojiro, in deinen starken Armen vergesse ich jeden Kummer. Ich habe immer das Gefühl dir alles sagen zu können.‘
„Warum nicht? Was ist denn mit deiner Freundin Yoko?“
Dann richtet sie sich ein wenig auf und sieht ihn traurig an.
„Sie…kann nicht mitkommen. Yoko leitet seit einem Jahr als Karatemeisterin das Dojo ihrer Familie. Sie kann nicht mehr weggehen.“
Kojiro ist überrascht.
„Ist sie wirklich die Einzige, die deine beiden Spezialbälle zuspielen kann?“, hinterfragt er.
„Von der Sache her gibt es zwei Spielerinnen. Die speziellen Rotationen und zeitlichen Zusammenspiele bekommen nur die beiden hin. Es gibt nur eine weitere Spielerin, aber wir müssten uns erst wieder einspielen und…ich glaube nicht, dass sie jetzt …ins Ausland will. Ich hätte kein gutes Gefühl dabei sie überhaupt zu fragen.“, spricht sie etwas weinerlich.
„Hm, hast du ihnen deswegen den neuen Ball schmackhaft gemacht? Und wieso weißt du, dass dieser ohne Yoko gehen würde?“
„Genau, damit sie wissen, dass ich eine starke Waffe mitbringen kann.
Der Cotrainer weiß, dass ich die beiden Bälle nur mit Ludovica spielen konnte, als ich im Urlaub letztes Jahr da war. Aber sie fällt ja nun leider aus. Er weiß also, dass sie eine neue Spielerin brauchen. Deswegen habe ich ja die letzten zwei Jahre an dem neuen Ball gearbeitet. Statt ihn jedoch hinzubekommen wie ich ihn haben will kamen andere Techniken dabei raus. Die sind zwar praktisch für einen Überraschungsangriff, aber weniger auf Dauer effektiv. Dafür werden die Mädels zu gut sein in der Italienischen Liga. Mit diesem Ball wollte ich mich unabhängig von Yoko machen, aber nun funktioniert er zwar in der Grundidee, aber eintrainieren muss ich ihn noch und das dann auch erst vor Ort und die Zeit eilt ja nun auch.
Ich weiß es, weil Tsubasa ihn mir doch zugespielt hat. Und es hat sogar gleich funktioniert. Diese Drehung bekommt eine sehr gute Spielerin hin, dazu wäre die andere Zuspielerin im Torino Team in der Lage.“
„Warum kannst du denn die andere Spielerin nicht fragen? Ist es nicht ein super Angebot von den Italienern für sie? Oder mögt ihr euch nicht?“
Tina sieht ihn verliebt an.
„Wir mögen uns, das ist nicht das Problem. Sie ist aus dem Todai-Team. Du wirst sie morgen sehen.
Aber … sie ist gebunden. Sie ist wie wir frisch verliebt. Und ich kann doch nicht fragen, ob sie mich begleitet, damit wir beide zusammen sein können, aber sie dann nicht mit ihrem Freund. Das ist doch herzlos.“, schnieft sie etwas und umarmt ihn wieder.
‚Ach Bettina, das ist ja wirklich ungünstig. Du machst dir immer viel zu viele Gedanken über andere.‘
„Bettina, wer genau ist es denn?“
„Kojiro…das ist es ja, es ist Hikari, die Freundin von deinem Spielpartner Sawada. Mir ist bei dem Treffen heute mit dir und deinem Team aufgefallen, dass er dir sogar sehr nah stehen muss. Er ist ein Freund wie Ken und Tsubasa für dich, oder? Was soll der denn von mir denken, wenn ich ihm seine Freundin wegnehme?“
Kojiro drückt sie ganz fest an sich und berührt dann ihren Kopf mit der linken Hand. Er sieht ihr tief in die Augen.
„Jetzt weine nicht mehr, es gibt eine Lösung dafür.“, lächelt er liebevoll und küsst sie kurz.
‚Kojiro…was meinst du damit? Welche Lösung?‘
Kurz darauf beendet er den sanften Kuss und sieht ihr wieder in die Augen.
„Ich habe vorhin, als du noch mit Schneider alleine warst, zwei Anrufe gehabt. Cusavier hat sich bei mir gemeldet.
Er hatte eigentlich vor diese Saison von Madrid aus wieder her zu uns nach Turin zu kommen, die Verträge sind alle schon fertig gewesen. Er hatte vor wieder zu Viola zu ziehen, um bei den Kindern zu sein. Sein letztes Jahr quasi.
Aber jetzt, nach dem Unfall…hat er den Vertrag heute ändern lassen. Er geht also schon dieses Jahr in die Fußballer-Rente und will lieber als Psychologe arbeiten und macht die Ausbildung zum Trainer. Er will in die Jugendförderung unseres Vereins gehen, so kann er bei seiner Familie sein und hat feste Arbeitszeiten. Bettina, damit ist dem Verein ein großer Mittelfeldspieler weggefallen mit dem mein Sturmpartner und ich gut eingespielt sind und Sawada…lag bereits seit einem Jahr auf ihrem Tisch. Für Notfälle wie diesen. Er hatte heute einen Anruf von meinem Verein und überlegt noch, weil er seine Freundin nicht alleine lassen will. Er rief mich ebenso an und hat mich um Rat gefragt. Ich sagte ihm, ich werde ihm morgen dazu antworten was er machen soll.“
Plötzlich lächelt Tina glücklich.
„Wirklich? Er könnte zu dir und an deiner Seite in Turin spielen?“ Er nickt und wischt ihr die letzten Tränen weg. Ihr Puls steigt plötzlich wieder an und verliebt blickt sie ihm in die Augen.
„Kojiro…ich bin so glücklich. Dann sagt sie bestimmt zu.“
„Lass uns morgen reden, okay? Jetzt kann…ich…nur noch...“, spricht er liebevoll. Tina spürt seine linke Hand am Hinterkopf. Kojiros rechte Hand fährt ihren Arm herab und fasst dann ihre Hand. Er greift zärtlich zwischen die Finger und hält die Hand etwas höher, in Kopfhöhe, dreht sie ein wenig, sodass er sie zärtlich küssen kann.
„…an dich denken.“, ergänzt er sehnsüchtig.
„Kojiro.“, haucht sie überrascht auf. Ihm überkommt ein Prickeln von oben bis zu den Füßen, als er daraufhin ihre Hand an seinem Oberarm spürt, wie sie ihn ganz zärtlich streichelt. Ein großes Verlangen macht sich langsam in ihm breit und plötzlich steht sie auf, lässt ihn los, greift mit beiden Händen in seine lange wilde Mähne und schaut verlangend auf ihn herab. Ihr lieblicher Duft bringt sein Herz zum Rasen. Er schaut überrascht zu ihr auf und blickt in leuchtende helle Augen, die ihm jedes Mal die Sinne rauben lassen. Das etwas gedimmte Licht in der Essecke der Wohnstube lässt ihre Augen besonders leuchten.
„Kojiro…ich liebe dich…so sehr. Ich … kann … nicht mehr …ohne dich sein!“, spricht sie verliebt, beugt sich zu ihm runter und küsst ihn sinnlich aber bestimmend. Ihr Körper schmiegt sich an ihn, sodass er instinktiv mit seinen großen Händen ihren umschlingt und ganz fest an sich drückt.
‚Bettina, was machst du nur immer mit mir? Du bist so liebevoll und leidenschaftlich, dass ich dich nicht loslassen kann. Immer wenn du mir so nah bist, dann kann ich an nichts anderes mehr denken als an deine Zärtlichkeiten, deine Schönheit und deine Liebe. Es ist immer noch so unwirklich, dass wir uns begegnet sind und dass wir beide dasselbe fühlen, wenn wir zusammen sind.
Ich kann dich nie mehr gehen lassen, das ist zu besonders mit dir. Mein Herz rast wie wild und ich will nur noch eins…dich berühren, dich überall fühlen und deine ganze Wärme spüren.‘ Seine Hände wandern nach und nach weiter runter und gleiten dann unter ihr kurzes blaues Kleid. Er tastet sich in zwei Richtungen vor und streichelt ihren Rücken und ihren Po. Wohlwollend vernimmt er ihre verlangenden Küsse und das zärtliche aber fordernde Greifen und Streicheln in seinem Haar.
‚Bettina, es fühlt sich irgendwie anders und neu an wie du mich küsst. Liegt das an der etwas anderen Position? Liegt es eventuell daran, dass wir nun endlich wissen, dass wir wirklich zusammen sein können? Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben, dass du zu mir ziehen willst. Das glaube ich vermutlich erst, wenn du wirklich bei mir bist und in meinem Zuhause stehst oder wir bei mir früh morgens aufwachen und uns glücklich ansehen werden. Erst dann kann ich es glauben, dass eine so wundervolle Frau bei mir ist, bei mir, für immer.‘
‚Wie weich du dich wieder anfühlst, Bettina. Deine Haut ist so zart und du bist so warm. Mich überkommt plötzlich wieder dieses Kribbeln und dieses Verlangen, Verlangen nach deiner Liebe.‘ Kojiro spürt plötzlich ihren schnellen Herzschlag und sie beendet den Kuss. Mit feuchten Augen sieht sie ihn an und lächelt. Dann lässt sie seinen Kopf los und berührt seine Oberarme sanft. Er bemerkt wie ihr Körper etwas angespannt ist.
„Kojiro, du bist…so wunderbar…und…ich kann…es gar nicht glauben. Ich fühle…plötzlich…so viel mehr als zuvor. Bitte…Kojiro…lass mich…nie mehr los.“ Ihm wird ganz heiß, während er ihre sanfte Stimme hört und ihre zarten Hände auf seinen Muskeln spürt.
‚Kojiro, mein Liebster, ich bin zu angespannt, um dich zu küssen. Was ist das plötzlich? Wieso komme ich mir plötzlich so hilflos vor und kann mich kaum bewegen? Ich sehne mich so sehr nach dir und deinen Berührungen, dass ich mich kaum bewegen kann. Ich verstehe das nicht. Was ist das, was mich plötzlich so lähmt? Zuerst überkommen mich so große Gefühle und ich kann mich gar nicht vor dir zurückhalten und dann auf einmal…spüre ich deine warmen Hände und kann nur noch erstarren. Kojiro, du musst meine Anspannung irgendwie lösen. Es ist irgendwie fast genauso wie an unserem ersten Tag. Da standen wir im Umkleideraum und ich konnte plötzlich nicht mehr von dir lassen. Wieso? Und dann plötzlich war ich wie erstarrt und du hast mich dann befreit.‘
Kurz darauf fasst Tina mit der rechten Hand selbst unter ihr Kleid und berührt seine Hand, welche sie an der Seite fasst und greift diese zärtlich und dann ganz fest.
„Ich weiß nicht…wieso…aber ich kann mich …nicht bewegen. Ich …brauche dich, jetzt. Jetzt…ganz nah…bei mir.“, sagt sie leise.
„Bettina…ich…“
Seine warme linke Hand wärmt ihren Rücken und er sieht verlangend zu ihr auf. Ihr verliebter Blick ist auf ihn gerichtet und ihre Hände lösen sich plötzlich von seinen Armen und berühren zaghaft seine Wange und seine Lippen.
„Bettina…ich…kann…“, beginnt er erneut seinen Satz, richtet sich nun endlich langsam auf. Sein Gesicht ist nun direkt vor ihrem und beide können den Atem des anderen spüren.
‚Du bist so betörend, Bettina. Ich kann ewig in deinen schönen Augen versinken und würde dich am liebsten unendlich lang in den Armen halten und deine zarte warme Haut fühlen. Jetzt sind wir endlich alleine und wir sind uns so nah, dass ich mich wieder in dir verliere, in deiner Liebe und in deiner Schönheit.‘
„Kojiro…“, haucht sie plötzlich und ihre Hände bewegen sich an sein unteres Ende seines Shirts und greift es. Beide sehen sich ganz tief in die Augen.
„…ich…kann…dich nicht mehr …loslassen!“, sagt er plötzlich bestimmend und sein Herz schlägt lauter als zuvor. Tina entweicht eine Träne, denn in ihr macht sich der Gedanke breit wie sie in Zukunft immer an seiner Seite sein wird. Es kann doch gar nichts Schöneres geben als immer in seinen Armen liegen zu können, seine Wärme zu spüren und für immer seine Küsse und seine Stärke zu fühlen. Eine Stärke, die ihr unendlich viel Kraft verleiht. Auch die Kraft endlich den Mut zu haben in ein neues Leben zu starten. Ihrem sportlichen Wunsch endlich nachzugeben neue Herausforderungen zu meistern. Sie weiß genau, dass es nicht leicht werden wird, denn diese Teams sind sehr stark und haben eine andere Art zu spielen. Die Menschen sind völlig anders als die Japaner und auch anders als die Deutschen. Aber sie weiß, mit ihrem Ehrgeiz und ihrem Stolz und mit seiner Liebe kann sie es schaffen jede Herausforderung zu meistern.
Er nimmt sie fordernd in die Arme.
„Ich liebe dich!“, sagt er schnell und als wenn er es unbedingt noch dringend loswerden muss. Fast im selben Augenblick küsst er sie auf die zaghafte sanfte Art, wie an ihrem ersten Tag. Ihm ist bereits aufgefallen, dass ihr das besonders gut gefällt, um ihre Anspannung zu lösen.
Und ja, er bemerkt wie ihre Hände plötzlich sein Gesicht berühren und sie sich von sich aus fest an ihn schmiegt, um ihn so nah wie möglich zu sein. Kojiro vernimmt ihre Erregung und ihr leichtes Zittern, während seine großen warmen Hände hastig ihren Rücken und ihr Gesäß berühren. Es dauert nicht lange bis er sie hochnimmt, sich ihre Beine leidenschaftlich an ihn klammern, ihre Arme sich dann an seiner starken Schulter festhalten und sie seine leidenschaftlichen Küsse erwidert. Mit festem Griff hält er sie fest und geht langsam zur Couch.
‚Kojiro, ich liebe dich…halt mich fest…ganz doll. Ich will nur noch bei dir sein, mehr will ich gar nicht…einfach unendlich lange bei dir sein und deine Wärme fühlen, dich fühlen und deine Stärke spüren. Was ist nur immer mit mir los, wenn wir uns so nahe sind? Warum habe ich das früher nie gefühlt? Bei niemanden habe ich das so intensiv gefühlt wie jetzt bei dir.
Ich weiß gar nicht warum das so ist, dass ich dir nicht widerstehen kann. Egal was du machst, alles ist nur wunderbar und jede Berührung fühlt sich so intensiv an. Gehört das auch zur Liebe dazu? Dieses Gefühl sich bedingungslos hingeben zu können?‘
‚Bettina, du fühlst dich irgendwie anders an als vorher. Was hat das zu bedeuten? Der Tag war zu aufregend, als dass ich ihn einfach hinter mich lassen kann.‘
Tinas Augen sind geschlossen während sie seine Liebkosungen im Gesicht spüren kann und sich sein warmer kräftiger Körper an sie schmiegt.
Plötzlich hält er inne und starrt sie nur an. Sie wundert sich und öffnet die Augen.
‚Was ist los? Nanu.‘
„Was ist? Habe ich was falsch gemacht?“ Er schüttelt den Kopf und schaut verliebt.
„Du…bist wie immer wundervoll.“, spricht er leise und langsam. Dann richtet er sich, stützend auf dem linken Arm, etwas auf. Seine rechte Hand streichelt zärtlich ihr Gesicht.
„Dieser seltsame Tag heute. Ich kann es noch nicht glauben, dass wir wirklich für immer zusammen sein können.“ Tina liegt mit dem Kopf auf der Seitenlehne und sieht verliebt in seine dunklen feurigen Augen.
„Ich auch nicht. Aber…ja, für immer, Kojiro.“, möchte sie ihm auch den letzten Zweifel nehmen. Ihr ist plötzlich klar geworden, dass auch er unter der seltsamen Begegnung vorhin mit Karl-Heinz sehr unter Druck gestanden haben muss. Was mag er sich die ganze Zeit nur für Gedanken gemacht haben, während sie mit ihm alleine war? Was würde sie denn eventuell denken, wenn er fast eine Stunde mit seiner Jugendliebe alleine ist? Auch ihr wäre es sehr unangenehm und sie wäre wahnsinnig angespannt und bestimmt auch etwas eifersüchtig. Man weiß ja nicht was passiert.
Sie spürt seine Hand am Hals wie er sie streichelt.
„Habe ich dir jemals gesagt wie unbeschreiblich schön du bist?“, kommt eine sanfte Stimme, welche jedoch auch ernst und ehrlich klingt. Ihr Herz schlägt bis an die Decke und ihre Knie werden ganz weich. Plötzlich legt er die Hand auf ihren Brustkorb, genau dort wo das Herz am besten zu spüren ist.
„Ich kann dein großes Herz spüren, so wahnsinnig liebevoll bist du und unglaublich stark. Und trotzdem findest du noch Platz für mich.“
Kurz darauf nimmt sie seine Hand und hält sie fest, ganz fest und atmet ganz tief durch.
„Kojiro, halt mich ganz doll fest für immer. Für immer und ewig, denn nur du…NUR DU bist die Liebe meines Lebens, niemand anderer!“, spricht sie ernst und sieht ihn streng an. Sein Puls rast und überall beginnt es wieder bei ihm zu kribbeln. Ihre linke Hand berührt seine Wange ganz sanft. Dann kommt sie ihm mit dem Gesicht bis zu seinen Ohren entgegen und flüstert ihm etwas hauchend ins Ohr.
„Ich kann mein Glück nicht fassen, dass es überhaupt einen Mann gibt, der so liebevoll, stark und stolz zugleich ist. Ich liebe dich und nur mit dir kann ich mich verlieren und nur dir kann ich mich voll und ganz anvertrauen. Ich…verliere immer den Boden unter den Füßen, wenn du mich küsst und ich kann nie aufhören dich spüren zu wollen…das alles kann ich nur bei DIR, Kojiro Hyuga. Meine Wahre Liebe!“
‚Nur bei mir? Deine Wahre Liebe?‘ Er lächelt sie verliebt an und antwortet.
„Ich fühle genauso für dich. Ich freue mich auf unsere aufregende Zukunft.“
Dann küsst er sie verlangend. Endlich können sie ihre Anspannung vom Abend verlieren und finden sich nur noch in ihren Gefühlen wieder.
Etwa eineinhalb Stunden später liegen beide bereits im Schlafzimmer und sind eingeschlafen. Plötzlich wacht Tina auf und vernimmt das Klingeln an der Haustür.
‚Nanu? Wieso klingelt es mitten in der Nacht? Wer ist das denn?‘ Sie schaut auf die Uhr. Es ist 1:08 Uhr auf ihrem Digitalanzeiger. Dann klingelt es erneut. Tina sieht zur Seite. Kojiro schläft tief und fest. Das Klingeln hat er nicht bemerkt. Er liegt auf der Seite zu ihr geneigt und wie üblich auf der Decke. Seine linke Hand liegt auf ihrem Brustkorb und Tina nimmt sie vorsichtig hoch. Sie möchte ihn nicht wecken. Wer weiß schon wer das wieder ist. Ein Einbrecher würde ja nicht klingeln. Dann steht sie auf, zieht sich den Morgenmantel über und geht zur Haustür runter. Als sie durch den Spion schaut erblickt sie Martin.
„Martin? Was ist denn ausgerechnet heute so wichtig, dass du jetzt störst? Du weißt doch, dass ich nicht mehr alleine bin.“, murrt sie durch die Tür.
„Jetzt mach einfach auf. Ich kann mir auch was Besseres vorstellen als nachts rumzulaufen und euch zu stören.“, murrt er auf Japanisch zurück. Tina öffnet verwundert, denn wieso spricht er plötzlich Japanisch mit ihr? Was hat das denn zu bedeuten? Kaum ist die Tür auf schaut sie total verwundert, denn er steht nicht alleine vor ihrer Tür. Er hat eine junge Blondine bei sich.
‚Nanu? Wer ist das? Sie kommt mir irgendwie bekannt vor.‘
„Oh, hallo. Wer sind Sie denn?“, spricht sie diese auf Japanisch an. Die junge Frau ist verwundert und starrt sie nur überrascht an.
‚Wow, bist du hübsch geworden. Viel schöner als auf den Bildern.‘
„Lass uns erstmal rein.“, spricht Martin ernst.
Kaum ist die Tür zu und die drei stehen im Flur fällt ihr die junge Frau plötzlich um den Hals und weint bitterlich.
„Ach Tina, es ist ja alles so furchtbar. Du hast mich sicher nicht gleich erkannt. Ich bin´s, Marie. Karl-Heinz´ s Schwester.“, schluchzt sie. Martin steht nur etwas verdattert da und wundert sich über das Vertrauen zu Tina.
‚Oha, sie muss Tina ja wirklich sehr mögen und vertrauen, wenn sie so reagiert. Als sie vorhin sagte, sie habe in meiner Nähe keine Angst, weil sie weiß, dass Tina mir vertraut, habe ich es nicht wirklich für wahr gehalten. Es klang in meinen Ohren einfach nur naiv.‘
„Kannst du das bestätigen, Tina? Ist sie es?“, spricht Martin liebevoll. Bis eben war er noch etwas brummig, weil ihm die Situation mit Karl-Heinz noch immer zu schaffen macht und er eh schon kaum schlafen konnte. Dann plötzlich ruft die Nachtschicht vom Studio an und ordert ihn ran. Ausgerechnet er muss sich plötzlich um Karl-Heinz seine Angelegenheiten kümmern. Natürlich kann er eine junge Frau ohne Unterkunft nicht einfach im Stich lassen, aber sie hat ihn überzeugen können wer sie ist und warum sie hier ist. Nur deswegen dachte er sich, könne er sie herbringen. Tina sieht in Maries Gesicht und bestätigt es.
„Man bist du eine hübsche junge Frau geworden, Marie. Bist du etwa alleine hier?“ sie nickt.
„Ja, ich mache mir Sorgen um Karl-Heinz, deswegen dachte ich, er ist hier in Japan und ich wollte ihn suchen. Aber…ich bin so spontan abgereist, dass ich kein Hotelzimmer mehr bekommen habe. Ich bin von einem Hotel zum nächsten, aber nichts frei, und dann…bin ich ins Studio, das auf deiner Webseite und habe gehofft dort Hilfe zu bekommen.“ Sie dreht sich dankbar zu Martin um und schaut zu ihm auf.
„Herr Müller war so freundlich und hat mich dann hergebracht. Er sagte, du hättest ein Gästezimmer.“
„Ich gehe dann mal wieder. Ich habe meine Pflicht getan. Frau Krause, ich wünsche Ihnen noch alles Gute. Es war richtig ins Studio zu kommen, statt alleine durch die Stadt zu irren.
Tina, bis morgen, spätestens zum Spiel sehen wir uns, oder?“
„Ja. Dann bis dahin.“ Die Tür geht auf und Martin holt den Koffer noch rein, den sie eben stehen lassen haben.
„Oh man, Marie. Du machst Sachen. Jetzt komm erstmal zur Ruhe.“ Tina öffnet die Gästezimmertür und stellt ihren Koffer hinein.
„Hier hast du dann nachher dein eigenes Reicht. Lass uns jetzt erstmal in die Küche gehen.“, spricht Tina ganz ruhig und leise. In der Küche angekommen bietet sie ihr einen Platz an.
„Möchtest du auch einen Kaffee? Ich brauche einen. Ich habe schon geschlafen.“
„Ich trinke keinen Kaffee. Danke dir. Einen schwarzen Tee nehme ich gerne, wenn du hast.“ Tina setzt den Wasserkocher auf. Marie bleibt stehen und beobachtet sie.
‚Wow ist sie hübsch geworden. Tina war damals schon so hübsch, aber jetzt? Auf den Bildern im Internet wirkt sie ganz anders. Dort wirkt sie stark, so wie sie früher auch war, aber jetzt merke ich wie hübsch sie ist. Ich mochte Tina schon immer. Als ich damals mitbekam, dass sie Tino ist, war ich total überrascht und sie war seitdem mein Vorbild. Wie stark sie war, dass sie mit den Jungs mithalten konnte. Als Mädchen die ganzen Jahre so hartes Training mitmachen. Wahnsinn. Kein Wunder, dass sich mein Bruder dann in sie verliebt hat.‘
„Tina, es ist mir wirklich sehr unangenehm, dass ich dich hier plötzlich nach so langer Zeit überfalle. Ich hoffe du bist mir nicht böse. Und ich hoffe dein Freund ist mir nicht böse. Herr Müller hat mich schon vorgewarnt, dass du jemanden hast und er hier ist.“
„Alles gut. Mach dir keinen Kopf. Er wird dafür Verständnis haben.“
„Wirklich?
Tina, ich...kann es gar nicht glauben. Stephan...Herr Müller hat es mir erzählt...ach Tina, es tut mir so leid. Es ist ja so schrecklich. Er war immer so lieb und wir...“ Sie fällt Tina erneut um den Hals und weint bitterlich los.
„Wir haben doch noch zusammengespielt. Er...hat immer mit mir gespielt, wenn ihr trainiert habt. Du, Genzo und Kaltz. Diese seltsame einsame Zeit nachdem Karl schon in München war und nur noch an den Wochenenden kam.“
Tina nimmt sie in den Arm und drückt sie fest. Marie war immer sehr emotional und sie weiß, dass sie es nie leicht hatte mit der ganzen Situation mit ihren Eltern und dann war plötzlich nicht nur der Vater weg, sondern auch ihr großer Bruder, der immer auf sie aufpasste und sie in den Arm nehmen konnte. Plötzlich war er weg und dann die Trennung der Eltern und die weite Entfernung zu den beiden. Zwar weiß sie nicht wie es ihr in den letzten Jahren erging, aber sie kann sich sehr gut vorstellen, dass es keine leichte Zeit war. Sie lässt ihr einfach freien Lauf und sagt in dem Moment gar nichts. Tinas Hände halten die junge Frau nur fest und sie versucht ihr ein Trost zu sein.
„Ach Tina, ich kann das nicht glauben. Wie konnte das passieren? Du tust mir so leid. Ich will mir gar nicht vorstellen, wenn Karl-Heinz sowas passieren würde. Wieso nur? Warum Stephan? Dein Bruder war immer nur zu jedem nett. Diese Schweine!“, redet sie sich ihre Gedanken von der Seele.
‚Tina, wie warm du bist und du strahlst wie früher immer noch so eine Stärke aus. Ob dieser neue Mann an deiner Seite wirklich zu dir passt? Für Karl-Heinz warst du immer sein Trost. Ich bemerkte es erst spät, weil ich noch so klein war, aber später dann etwa ab meinen 10. Geburtstag rum, verhielt er sich jeden Tag seltsamer. Abends nach dem Training kam er fix und fertig nach Hause und war einige Tage sehr traurig und konnte nicht einschlafen. Morgens dann jedoch war er wieder top fit und gut gelaunt. Er freute sich immer auf die Zeit mit seinen Freunden auf dem Rasen. In der Schule gab es keine Freundschaften. Meist haben sich eher die Mädchen um ihn getummelt und das störte ihn irgendwann auch. Wenn sich Jungs versuchten mit ihm anzufreunden, dann nur, weil er so erfolgreich war und weil die Mädchen um ihn herumschwirrten. So hatten sie die Hoffnung eine von ihnen abzubekommen oder irgendeinen Vorteil mit seiner Bekanntschaft zu haben. Niemanden hat er vertraut. Nur Hermann, der später wegen der Schließung seiner Schule auch in seiner Klasse war. Hermann Kaltz, nur ihn hat er innerhalb der Schule vertrauen können, weil sie ohnehin befreundet waren.
Ach Tina, was ist nur passiert, dass du einfach weggegangen bist und dich nie bei uns gemeldet hast? Warum nicht einmal bei Karl-Heinz? Und nun? Nun liebst du wirklich einen anderen Mann?
Karl-Heinz ist extra hergekommen und dann hast du es ihm gesagt? Dass du jemanden anderen liebst? Wie hat er das aufgefasst? Ich sorge mich wirklich sehr. Zum Glück hat mir dieser nette Herr Müller gesagt, dass er in der Nähe noch ein Zimmer bekommen hat. Ich werde ihn dann morgen gleich besuchen gehen. Was mag das für ein Mann sein, der dir wichtiger ist als er?‘ Die junge Frau richtet sich etwas auf und schaut Tina direkt in die Augen. Sie ist etwa fünf Zentimeter kleiner als Tina.
„Tina, darf ich dich was Persönliches fragen? Aber bitte nicht böse sein.“, spricht sie leise. Tina nickt.
„Was möchtest du denn wissen?“
„Dieser Mann, also…wie sehr liebst du ihn? Ist er wirklich der Richtige mit dem du den Rest deines Lebens zusammen sein willst? Woher weißt du das?“
Verblüfft sieht sie in die feuchten hellblauen Augen. Tina lässt sie los, berührt dann mit beiden Händen ihr Gesicht, lächelt und wischt die Tränen weg.
„Ganz einfach, Marie. Ich fühle es. Bei ihm kann ich das erste Mal in meinem Leben ICH sein. Immer musste ich mich oder meine Gefühle verstecken oder für jemanden stark sein. Aber jetzt, jetzt kann ich einfach eine Frau sein, die verliebt ist und ich kann ihm vertrauen und ihm alles erzählen was mich bewegt ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder irgendeine Angst zu verspüren.
Ich weiß ja jetzt nicht was dir Martin erzählt hat, aber die Männer, die Stephan das angetan haben…sie hatten Trikots an und seitdem habe ich jeden Kontakt zu Fußballern gemieden. Auch den zu deinem Bruder. Ich wollte es ihm erzählen, aber ich konnte es einfach nicht. Genau das habe ich ihm heute auch gesagt. Ich konnte es einfach nicht.
Aber bei ihm, bei Kojiro…ihm konnte ich es erzählen und weißt du wieso?“ Sie schüttelt natürlich den Kopf.
„Weil ich in seiner Nähe und auch ohne seine Nähe plötzlich keine Angst mehr habe. Ich sehe diese schlimmen Bilder nicht mehr, wie diese Kerle ihm weh taten, ich sehe nur noch die schönen Erinnerungen an euch. Die schöne Zeit mit dem Team und mit den Jungs. Nichts anderes mehr.
Und noch etwas kann ich bei ihm, das konnte ich damals auch nie und auch nicht bei deinem Bruder. Das ist mir heute erst wirklich bewusst geworden und sogar jetzt, vor dir…nicht mal vor dir kann ich das, aber bei ihm.“ Fragende Augen sehe sie an.
‚Tina, was meinst du denn nur? Die Typen hatten Trikots an? Fußballtrikots wie ihr sie selbst getragen habt? Das ist ja furchtbar. Dann waren es Fans?‘
Tina wischt die neuen Tränen in Maries Gesicht wieder weg.
„Das, Marie, das kann ich nicht. Niemals konnte ich vor jemanden weinen. Nicht einmal vor Karl-Heinz und nicht einmal jetzt vor dir. Aber bei ihm kann ich das. Weinen ging nur kurz nach Stephans Tod, und nur gegenüber von Genzo, weil er dabei war. Aber sonst niemanden. Und genau das ist es was ich sonst nie kann…Schwäche zeigen und mich jemanden hingeben, ihm blind vertrauen. Marie, das ist es, was mir in meinem Herzen sagt, dass es die Wahre Liebe ist. Ich hoffe, dass du das verstehst und mir nicht böse bist.“ Dann nimmt sie Marie erneut in den Arm.
„Und er empfindet das auch so?“ Tina nickt und haucht nur ein „Ja“. Dann schaut Tina plötzlich auf und entdeckt Kojiro in der Küchentür. Er ist etwas verwundert und verhält sich leise. Inzwischen ist er doch wach geworden und hat sich Shirt und Hose angezogen.
‚Nanu? Wer ist diese Frau? Und wieso ist sie so traurig? Was macht sie mitten in der Nacht hier? Habe ich da eben die Namen von Bettinas Bruder, Schneider sowie Genzo gehört?‘ Kojiro sieht Tina fragend an und macht Lippenbewegungen auf Japanisch.
„Ist alles okay?“ Tina staunt nicht schlecht.
Sie nickt und gibt ihm ein Daumen-Hoch zurück.
‚Kojiro, seit wann weißt du, dass ich Lippenlesen kann?‘
Marie hebt ihren Kopf und sieht verwundert in Tinas Gesicht.
„Was ist? Dein Herz schlägt so doll.“, stellt sie fest.
Tina lächelt liebevoll und berührt ihre Schulter.
„Beruhige dich. Du solltest den Tee trinken und dann erstmal schlafen gehen. Hast du Hunger? Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“
„Du bist immer noch so stark wie früher. Du warst damals immer schon für alle da und hast nie Rücksicht auf dich selbst genommen. Wie kommst du nur damit klar? Du standest deinem Bruder doch so nah? Und nun kannst du auch mal nicht stark sein? Habe ich das richtig verstanden?“ Tina zeigt auf ihre Lippen.
„Wir sind nicht mehr alleine.“, spricht sie leise. Marie steht plötzlich still und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht.
‚Wie peinlich. Ihr Freund steht hinter mir und ich bin total verheult. Was soll der von mir denken? Steht hier so eine Heulsuse mitten in der Nacht in ihrer Küche. Was mag das für ein Mann sein? Dieser Herr Müller scheint ihn immerhin zu mögen. Er erwähnte aber auch nur nebenbei, dass Tina einen Mann an ihrer Seite habe, der ihr sehr viel bedeutet. Und sie hat es ja eben wirklich sehr genau beschrieben was ihr wichtig ist. Warum ihr dieser Mann so viel bedeutet.‘ Langsam und neugierig dreht sie sich um und schaut zur Tür. Kojiro stellt sich bewusst locker hin, mit einer Hand in der Hosentasche und einem neutralen freundlichen Lächeln. Erstaunt über ihr jugendliches Äußeres sagt er nur ein:
„Hallo.“ Kojiro hat mit einer Frau mindestens in Bettinas Alter gerechnet. Es ist doch keine Uhrzeit für Jugendliche herumzulaufen.
‚Wer ist das Mädchen? Und wieso sind diese Namen gefallen?‘, wundert er sich nur. Maries Puls steigt deutlich an.
‚Das ist ihr Freund? Sogar ein Japaner. Ist der gutaussehend, und so männlich und groß. Mir war klar, dass sie Geschmack hat, aber diesen Mann liebt sie jetzt? Und was ist mit Karl-Heinz? Für diesen Mann empfindet sie mehr als für ihn? Und wieso kommt es mir vor, als hätte ich ihn schonmal gesehen? Seltsam. Ich kenne keine Japaner, nur Genzo.‘ Tina geht zu Kojiro und berührt seinen Arm. Sie schaut zu ihm auf und lächelt.
„Entschuldige, dass wir zu laut waren. Die Uhrzeit ist unpassend, aber Martin hat sie hergebracht, weil sie keine Unterkunft mehr gefunden hat.“
„Marie, das ist Kojiro.“
„Kojiro, das ist Marie.“, spricht sie Englisch.
Marie lächelt verlegen und reicht ihm aus Freundlichkeit und Anstand die Hand.
„Hallo.“, kommt von Marie ebenso nur und Kojiro nimmt ihre Hand an.
‚Das nenne ich mal eine zarte Person. Sie bietet mir zwar ihre Hand an, aber wirklich berühren mag sie mich nicht. Ich glaube, sie will nur höflich sein.‘ Marie sieht weiterhin zu Kojiro auf und betrachtet ihn wie er mit Tina redet.
‚Wow, hat der einen angenehmen Händedruck. Und so warm…Tina…ich kann dich voll und ganz verstehen. Und wie er duftet.‘
Kojiro nimmt seine Hand wieder weg, schaut zu Tina und spricht sie leise und ruhig auf Japanisch an.
„Die Marie, mit der Notoperation während eines Spiels?“, vermutet er, denn die Ähnlichkeit zu Schneider fällt ihm schon auf und so nimmt er an, sie weiß dann gleich, dass ihm bewusst ist wer die junge Frau ist. Tina nickt überrascht.
‚Oh, das habe ich ihm doch gar nicht gesagt. Ihr Name ist gefallen, ja. Das war sicher Genzo.‘
„Genzo hat es dir sicher erzählt, weil ihr Name gefallen ist?“, lächelt sie ihn liebevoll an und schaut zu ihm auf. Er nickt lächelnd. Marie schaut verwundert, denn sie kann in ihrem Gespräch Genzos Namen vernehmen.
‚Nanu. Wieso unterhalten die sich und Genzo ist Teil der Unterhaltung? Kennen die sich etwa?‘
Dann schaut Tina wieder zu Marie und ist etwas verwundert, denn ihr Blick ist immer noch auf Kojiro gerichtet, statt auf sie. Ein eher unbekanntes Unwohlgefühl macht sich plötzlich in Tina breit und ihr Herz schlägt etwas doller.
Daraufhin nimmt sie Kojiros Hand und spricht lieb mit ihm, dass er am besten wieder hoch gehen soll und sie gleich nachkommt. Sie gehen zusammen in den Flur und bleiben vor der Treppe stehen, sehen sich in die Augen und kurz darauf nimmt er sie in die Arme und küsst sie kurz.
„Bis gleich, ich bin gleich da.“
Marie ist neugierig und sie schaut unauffällig um die Ecke, um sie zu beobachten. ‚Sie wirken wirklich glücklich. Ein hübsches Paar. Ich kann sie aber auch verstehen. Ich würde mich vermutlich auch in so einen Mann verlieben.‘ Dann geht sie wieder in die Küche und bedient sich am Wasserkocher, um ihren Tee aufzubrühen.
‚Was wird jetzt nur werden? Und Karl-Heinz? Wie fühlst du dich jetzt, wo du weißt, dass sie jemanden hat, den sie mehr liebt als dich?‘
67. Kapitel Die Trainingsjacke U18
Kapitel 67 (U18)
Die Trainingsjacke
Es wird ganz warm um sie herum und sie genießen diesen ruhigen und zärtlichen Moment.
Es klopft an der Tür.
„Gebt ihr mir noch meine Reservierung und meinen Beutel raus? Oder ist das Telefonat zu Ende?“, ist Karls Stimme bestimmend zu hören.
Kojiro richtet sich auf und geht zur Tür.
„Es hat etwas gedauert. Es war wichtig.“, sagt er ruhig.
Karl betritt den Raum und geht zum Schreibtisch. Dort nimmt er Tina die Reservierung ab und greift neben den Tisch zu seinem Beutel mit dem Ball.
„Dann macht euch mal noch einen schönen Restabend.“, äußert er nur etwas zickig und sieht zu Tina.
„Moment! Nicht alleine losgehen! Das Hotel ist ein paar Straßen weiter.“
„Ich nehme ein Taxi.“, meint er nur. Tina jedoch schüttelt den Kopf.
„Lass mal, das lohnt nicht und du willst doch sicherlich anonym einchecken? Deine Anmeldung läuft zu deinem eigenen Schutz über Martins Firma.“
„Andrea begleitet dich und die frische Luft wird dir guttun.“ Sie greift zum Telefon und ruft Andrea an, welche sich auch gleich auf dem Weg zu ihnen macht.
„Du hast sogar etwas im Laden unten gekauft? Einen Ball?“, wundert sie sich.
„Ich dachte du kannst ihn gebrauchen, wenn ich schon unangekündigt vorbeikomme.“, antwortet er nachdenklich. Tina lächelt dezent.
‚Karl-Heinz? Jetzt bin ich platt. Dass du das noch weißt? Es ist also doch was übrig geblieben vom alten Karl.‘
„Das war lieb gemeint. Was willst du jetzt damit machen?“
„Ich weiß noch nicht. Vermutlich jemanden auf der Straße schenken.“, sagt er nachdenklich und schaut auf den Beutel. Tina reicht ihm die Hand entgegen.
„Darf ich ihn mal haben?“ Natürlich reicht er ihr ihn rüber und sie holt den Ball raus, greift in die Schublade und holt einen Signierstift heraus. Dann schreibt sie einen Spruch zu ihrer Signatur und legt den Ball wieder in den Beutel.
„Ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk von mir. Du hattest doch vor zwanzig Tagen Geburtstag. Aber erst lesen, wenn du alleine im Hotel bist, versprochen?“
„Okay. Du hattest auch erst vor elf Tagen. Für dich habe ich jetzt bei der ganzen Aufregung nichts.“
„Doch natürlich hast du. Du hast mich besucht.“, grinst sie. Er wundert sich sehr.
„Seltsames Geschenk.“, murrt er.
„Finde ich nicht. Es sind acht Jahre vergangen und jetzt wissen wir endlich mal wie es dem anderen geht. Ist das nicht Geschenk genug?“ Plötzlich lächelt er.
„Du hast wie immer Recht.“ Dann klopft Andrea an die offene Bürotür.
„Wir können dann.“
Karl legt die Reservierung in den Beutel und geht zu Andrea.
„Ich gehe dann mal frische Luft schnappen. Bis irgendwann, Tina.“
Dann schaut er kurz zu Kojiro.
„Und wir, wir sehen uns spätestens in der Champions League.“, hebt er seine Hand und grinst. Kojiro grinst herausfordernd zurück.
„Den Blick kenne ich. Er ist ehrlich.
Bis dann, Karl-Heinz. Das wird ne spannende Nummer.“
Lachend verlässt Karl den Raum mit Andrea zusammen.
Kaum hat Karl den Raum verlassen und die Tür schließt sich, sehen sich Kojiro und Tina nachdenklich an.
‚Bettina, was ist das heute nur für ein seltsamer Tag? Ich bin froh, dass es vorbei ist und Schneider weg ist. Diese Anspannung war schlimmer als alles was wir bisher ausstehen mussten. Geht es dir auch so? Und dann diese lange Unterhalten als du mit ihm die ganze Zeit alleine warst. Das war wirklich nicht auszuhalten. Am liebsten würde ich dich jetzt ganz fest in die Arme nehmen, wenn da nicht diese blöde…‘ Sein Gedanke wird von ihr unterbrochen.
„Kojiro…“, sagt sie ganz leise und steht auf. Ihr Herz schlägt ganz schnell und sie sieht ihn ganz sehnsüchtig an.
‚Kojiro, ich bin so froh, dass es am Ende noch so ruhig ausging. Kojiro...jetzt gibt es niemanden mehr, den wir groß informieren müssen. Morgen nur meine Teams und der Trainer. Dann im Urlaub meine Familie.‘ Tina geht um den Schreibtisch herum und wendet ihren Blick nicht von ihm. Er steht noch immer nachdenklich am Fenster und sieht etwas benommen zu ihr. Als Tina an der Tür vorbei geht dreht sie den Schlüssel um und geht langsam auf ihn zu.
‚Ich will nur noch bei dir sein. Ich bin total angespannt und müde. Ich will heute nur noch deine Zärtlichkeiten fühlen, Liebster. Wieso kommst du mir jetzt nicht entgegen? Bist du auch so angespannt, dass du dich kaum traust mich zu berühren?‘ Sie bleibt direkt vor ihm stehen und sieht verliebt zu ihm auf. Ihre Hände berühren seinen Oberkörper und sie hört sein Herz laut schlagen.
„Kojiro...ich...liebe dich.“, haucht sie mit feuchten Augen und hofft, dass er sie endlich in die Arme nimmt.
‚Was ist denn nur los? Kojiro, wieso kannst du mich plötzlich nicht in deine Arme nehmen? Irgendwas stimmt doch nicht.‘
Plötzlich schüttelt er den Kopf und nimmt sie endlich in die Arme.
„Bettina...lass uns nach Hause gehen.“, spricht er leise, bestimmend und seine starken Arme berühren ihren Rücken und drücken sie ganz fest an sich. Dann berührt er ihren Kopf, beugt sich zu ihr runter und küsst sie leidenschaftlich.
‚Bettina, wenn ich dich in den Arm nehme vergesse ich alles um mich herum. Warum soll ich Rücksicht nehmen? Ich kann nur hoffen, dass er sich an das hält, was er gesagt hat.‘ Kojiro sieht in ihre strahlenden Augen und kann in diesem Moment dann doch endlich für eine kurze Zeit ausblenden, dass im Büro eine Sicherheitskamera installiert ist.
‚Was für ein Tag. Ich will nur noch bei dir sein und deine Wärme fühlen.‘, denken sie und ihre Herzen schlagen schneller. Tinas Hände wandern zu seinem Gesicht hoch und berühren eine Wange und den Hinterkopf. Ihre Hand gräbt sich verlangend in seine Mähne und lässt ihn spüren, dass sie mehr von ihm will als nur einen Kuss.
‚Kojiro, mich überkommt schon wieder so ein seltsames Kribbeln überall. Lass uns schnell losgehen, damit wir einfach nur alleine sein können.‘
Er unterbricht sanft den Kuss als er bemerkt, dass auch in ihm ein Verlangen nach ihr auf kommt. Verliebt und etwas benommen sieht er in die liebevollsten Augen, die er je gesehen hat.
„Ich liebe dich auch, Bettina. Lass uns gehen.“, spricht er mit fester leiser Stimme. Tina sieht ihn ebenso verliebt an und lächelt verlegen.
„Kojiro…ich will…heute nur noch…ganz nah bei dir sein.“ Daraufhin fasst er mit beiden Händen zärtlich ihren Kopf.
„Ich auch, Liebes.“, haucht er leise und küsst sie erneut, ganz zaghaft und auch nur recht kurz.
‚Kojiro…das Gefühl…dieser Kuss…macht mich…wahnsinnig, wahnsinnig verlangend nach dir.‘
Einige Minuten später verabschieden sich beide an der Anmeldung bei Martin und Axel. Axels Abendschicht wird derzeit mit Martin besprochen und auch dieser begibt sich bald auf den Heimweg und wartet nur noch darauf, dass Andrea wieder da ist.
Als sie das Studio verlassen ist es bereits gegen 22:00 Uhr und draußen ist es dunkel. Die Ecke ist nicht so sehr belebt und es war zuerst nicht geplant im Dunkeln unterwegs zu sein. Plötzlich taucht Martin hinter ihnen auf, kurz nachdem sie das Center verlassen haben.
„Sorry ihr beiden, warum wartet ihr denn nicht und sagt mir Bescheid? Ich wusste nicht, dass ihr ohne Auto seid. Ihr wollt sicher laufen da ein Taxi nicht lohnt.“, spricht er deutlich. Beide sehen sich um.
‚Nanu, will er uns jetzt etwa begleiten?‘, wundert sich Kojiro.
„Martin, stimmt. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es schon dunkel ist, wenn wir wieder loskommen. Du willst uns sicher Begleitschutz geben.“, schmunzelt Tina.
„Natürlich, ich lass euch doch jetzt nicht hier alleine rumlaufen. Du bist doch sonst auch nie alleine unterwegs, schon gar nicht in deiner Aufmachung.“, grinst er und stellt sich neben sie.
Somit gehen sie zu dritt die Viertelstunde bis zu Tinas Haus und genießen die Ruhe wie auch die frische Luft.
Alle drei sind in ihren Gedanken vertieft. Kojiro spricht Tina an ob sie seine Jacke haben möchte, denn es weht ein laues Lüftchen und es herrscht eine gewisse Feuchtigkeit in der Luft, als würde es gleich anfangen zu regnen.
„Danke dir, aber lass lieber deine Kapuze auf, nicht dass dich doch noch jemand erkennt und uns unnötig stört.“, spricht sie liebevoll und lächelt.
„Bettina, also echt.“, sagt er bestimmend, schüttelt den Kopf und berührt ganz kurz mit dem Rücken seines Zeigefinders ihren Arm, um ihr zu signalisieren stehen zu bleiben. Was sie dann auch tut. Sie schaut überrasch zur Seite zu ihm und beobachtet ihn dabei, wie er den Reißverschluss öffnet und seine Trainingsjacke über seine Arme zieht. Kurz darauf legt er sie behutsam über ihre Schulter und verharrt kurz in ihren schönen strahlenden Augen. Tina blickt verliebt zu ihm auf. Ihr Herz klopft wie wild und die Wärme seiner Jacke strömt wie heißes Duschwasser durch ihren Körper. Wirklich kalt ist ihr nicht, denn sie ist es ja gewohnt von Kleinkindalter an bei jedem Wetter draußen zu sein. Aber jetzt wo sie seinen Geruch und die Wärme der Jacke spürt kommt es ihr so vor, als wäre ihr doch vorher kalt gewesen. Immerhin trägt sie noch immer nur das leichte lange Sommerkleid. Nun fühlt es sich an als würde er sie umarmen.
‚Kojiro…ich wusste immer, dass du sehr führsorglich bist. Danke. Ich danke dir.‘, spricht sie nicht aus, aber er kann es an ihrem Blick deuten und sieht sie ebenso verliebt an.
Martin begleitet die beiden mit einem kleinen Abstand und ist ebenso stehengeblieben. Er befindet sich etwa drei Meter hinter ihnen, damit er alles in der Umgebung im Blick hat und sie weiterhin wie eine Gruppe aussehen. Als er sie beobachtet, die Blicke der beiden deutet und sieht wie Tina Kojiros Jacke greift und sich hineinkuschelt und dann, ohne ein Ton zu sagen, mit ihm weitergeht, fällt es ihm sehr deutlich auf.
Nie hat sie ihn jemals so angesehen. Und wehe er hat ihr seine Jacke in so einer Situation angeboten, da kam gleich die Aussage ihr sei nie kalt, denn sie sei es ja von Kindesalter an gewohnt nur draußen zu sein und an der Ostsee ist fast immer etwas Wind oder eine frische Brise. Und nun? Nun sagt sie zwar kurz was sie denkt, aber ein NEIN war es nicht und dann lässt sie sich von diesem Mann einfach vorschreiben die Jacke anzunehmen und akzeptiert es ohne ein Wort dazu zu sagen. Nie hat sie sich etwas vorschreiben lassen. Er erinnert sich an ihre Beziehung zurück und ihm fällt auf, dass ihr Zusammensein hauptsächlich von ihr bestimmt wurde. Ihm war das gar nicht so bewusst gewesen. Aber jetzt wo er endlich weiß warum das vermutlich so war, warum sie sich kaum etwas von Jungs oder später von irgendwelchen Männern hat vorschreiben lassen. Es lag daran, dass sie wie Andrea in einer Art Männerdomäne aufgewachsen ist. Wenn sie schon mit etwa zehn Jahren in dieses Fußballteam kam und sich dort behaupten musste, wundert er sich jetzt gar nicht mehr. Dann dieser schreckliche Überfall und ihre plötzliche Angst davor mit Männern alleine zu sein, die ihr körperlich überlegen waren. Nur vor ihm hatte sie von Anfang an keine Angst. Sie kannten sich von früher und sie wusste, dass er ihr niemals etwas tun würde.
Einige Meter vor Tinas Haus verabschiedet er sich und bleibt stehen.
„Na dann wünsche ich euch eine ruhige Nacht. Der Tag war anstrengend genug für alle.“, sagt er noch nachdenklich und winkt ihnen zu, während sie ins Haus gehen und zurückwinken.
„Danke, Martin, das wünsche wir euch auch.“, entgegnet Tina lächelnd. Dann schließt sich die Tür.
Kojiro steht mit dem Rücken zur Tür und zieht seine Schuhe aus. Plötzlich spürt er Tinas Hände auf der Schulter. Er richtet sich auf und sieht ihr angespannt in die Augen.
‚Bettina, wie schön du bist. Deine warmen Hände bringen mich einerseits zur Ruhe und andererseits wie jetzt erinnern sie mich daran wie wahnsinnig du mich machst, wenn ich nur an deine Wärme denke.‘
„Ko…jiro, ich kann nach dem warmen Tag…eine Dusche brauchen.“, sieht sie ihn sehsüchtig in die dunklen Augen.
„Bettina…“, stößt er überrascht aus und berührt seine Jacke, die er ihr dann von den Armen streift und zu Boden fallen lässt.
„Das ist eine gute Idee.“, sagt er dann herausfordernd, aber liebevoll zugleich und leert seine Hosentaschen. Dann greift sie sein Shirt am unteren Teil, zieht es aus dem Hosenbund, bewegt es seinen Oberkörper hinauf, wartet bis er seine Arme hochstreckt und stülpt es ihm über den Kopf und dann die Arme. Auch dieses Kleidungsstück landet auf dem Boden. Dann berührt sie seinen durchtrainierten Oberkörper und streichelt vom Hals über die Arme, dann zurück und fasst seinen Brustbereich und sieht verlangend zu ihm auf.
Bei beiden steigt ein großes Verlangen auf und er kann sein Glück kaum fassen, dass dieser seltsame Tag endlich zu Ende ist. Endlich kann er seine geliebte Bettina in den Armen halten und es wird ihnen nichts mehr in dem Weg stehen, wenn sie dann nach Italien gehen. Er ist ihr nur noch wenige Wochen entfernt für immer mit ihr zusammen sein zu können. Instinktiv nimmt er sie fest in die Arme und küsst sie. Eine erotische Spannung liegt im Flur und ihnen ist wahnsinnig heiß.
Plötzlich ertönt Tinas Handy, doch sie lassen sich nicht davon stören. Wer soll das denn schon sein? Warum sollte jemand um diese Zeit schon anrufen, halb elf abends?
Die Person lässt lange klingeln und dann ist wieder Ruhe. Kaum sind sie dann im Bad angekommen und wollen die Tür hinter sich schließen, da klingelt es erneut. Ungewollt unterbricht Tina dann doch ihren intensiven Kuss und sieht ihn sehnsüchtig an.
„Tut mir leid. Es scheint doch wichtig zu sein. Nicht, dass etwas passiert ist.“, spricht sie besorgt. Kojiro nickt benommen.
Tina geht in den Flur zurück. Das Klingelt hört inzwischen auf und dann erreicht sie es erst. Sie schaut nachdenklich auf die Anrufliste und entdeckt die italienische Nummer von vorhin. Dann schaut sie zu Kojiro, welcher aus dem Bad kommt und in ihre Richtung geht.
„Es ist wieder aus Italien. Soll ich da zurückrufen?“ Kojiro staunt nicht schlecht.
Nach europäischer Zeit wäre es tatsächlich noch möglich, dass man anrufen könnte.
„Ja. Es wird wichtig sein, wenn er sich wieder meldet. Vielleicht haben sie schon entschieden?“ Tina geht mit dem Handy ins Wohnzimmer und drückt den Rückruf.
Etwa dreißig Minuten zuvor im Besprechungsraum des Vereinsvorstands des italienischen Erstligisten Chieri Torino wird sich begrüßt und die Vorstandsmitglieder wie auch andere Beteiligte ziehen sich einen Kaffee und setzen sich an den Tisch.
„Nun mal klare Worte, Trainer Esposito und Trainer Jean-Baptiste. Jean-Baptiste, Sie haben Frau Fuchs bereits letztes Jahr im Sommer kennengelernt? Wäre sie wirklich eine große Ergänzung für das Team? Den Referenzen nach zu urteilen passt es gut, und menschlich? Was hat sie für eine Persönlichkeit, dass sie im Stande wäre diese großen Lücken mit den anderen Neuzugängen zu füllen?“
Der ehemalige französische Nationalspieler und Co-Trainer des Teams spricht seine ehrliche Meinung aus.
„Auf jeden Fall wäre sie das. Als sie uns im letzten Sommer besucht hat, nur um Martina und ihr Team kennenzulernen, haben wir ein paar tolle Spiele und Übungen gemacht und die Frauen hatten nicht nur viel Freude, sondern konnten auch gegenseitig einiges lernen. Oft stehen sie wie alle anderen sehr unter Druck, aber in der Woche, als sie hier war wurde dann auch mal viel gelacht. Das kam ja eher selten vor. Aber Sie haben es selbst bemerkt, die letzte Saison lief hervorragend gut. Die Spielmoral der Frauen war etwas heiterer als zuvor, aber trotzdem sind wir im Ergebnis besser geworden. Ich weiß nicht was die Frau an sich hat, ich habe mich bei ihrem Besuch komplett aus allem rausgehalten und nur beobachtet. Sie hat ein motivierendes Wesen. Sie wird in Japan nicht grundlos seit der Oberschule die Mannschaftschefin sein. Nur das Nationalteam im Asien Cup hat jemand anderes als Kapitän belegt, aber ich vermute tatsächlich, es lag eher daran, dass sie es als Deutsche nicht sein sollte. Die Kapitänin war ihre damalige Kapitänin aus der Schulzeit, welche sie schon nach einem Jahr abgelöst hat. Außerdem spricht Frau Fuchs mehrere Sprachen, das kann innerhalb des Teams und in Gesprächen mit uns ein großer Vorteil sein. Sie muss nicht wie wir alle nur in Englisch reden und kann sich dadurch auch mit jeder einzelnen Spielerin unterhalten. Ihr Französisch ist wirklich super.
Wir haben nun das riesige Problem, dass uns plötzlich ganze fünf Spielerinnen fehlen. Die nächste Saison wird der Horror ohne unsere Anführerin Viola und ohne die beste Zuspielerin Ludovica. Dann die anderen drei, welche plötzlich durch den Unfall einen anderen Weg einschlagen wollen, fehlen uns zusätzlich zwei Angreiferinnen und ein Libero. Wir müssen zwangsläufig eine komplett neue Mannschaft aufstellen und auch später eine neue Kapitänin bestimmen. Zwar kann Martina das vorerst weiter übernehmen, aber das ist erstmal nur eine Notlösung. Wir brauchen wieder unsere vierzehn Frauen, aber auch ein eingeschworenes Team. Neue Leute sind immer ein großes Problem. Alle müssen sich kennenlernen und dann gleich fünf neue Frauen, aus verschiedenen Ländern, das dauert lange, bis die eingespielt sind.
Wenn wir also jetzt nicht einmal ordentlich investieren, stehen wir vermutlich vor dem Abstieg, noch bevor die Saison begonnen hat.“
Alle stimmen ihm zu.
„Okay, und was ist mit diesem Problem, was in den Medien in Japan ab und an aufkommt? Wenn sie ein Problem damit hat hier irgendwelchen Fußballern über den Weg zu laufen, ist das natürlich dumm. Was auch immer das für einen Grund hat, dass sie diesen Sportlern aus dem Weg geht, aber er war sicher der Grund neben dem Unfall der Eltern, wieso sie nicht hergekommen ist. Die Herren sind hier mehr als nur der ganze Stolz der Stadt und überall präsent.“, wirft die Pressesprecherin ein.
„Naja, am Telefon hat sie gesagt, dass sie bereit wäre das Land zu verlassen. Vielleicht gibt es dieses Problem ja gar nicht mehr und ihr ist das egal geworden. Wer weiß das schon, immerhin hat sie sich doch auch darum gekümmert, dass Violas Mann so schnell wie möglich wieder zu ihr kommen konnte. Laut Martina und Viola war der Kontakt zufällig, weil sie einen Imbiss über ihren Betrieb am Flughafen hat und dort auf ihn gestoßen ist, als er die Information vom Unfall erhalten hat. Durch ihre Französischkenntnisse und den Kontakt zum Team hat sie den Mann unterstützt, während er sich sorgte. Das ist nicht selbstverständlich. Das schätzen die Frauen sehr, deswegen auch die Idee sie erneut zu fragen.
Abgesehen davon sind ihre Bälle unwahrscheinlich gefährlich. Diese Drachenfaust oder auch Tigerfaust genannt, welcher ihr den Sieg der Finalkämpfe über die Vietnamesen, den Türken und den Russen beschert hat, hat sie aus Respekt zu den Frauen hier gar nicht erst direkt beim Spiel benutzt. Sie hat ihn nur ohne Annehmerin gezeigt. Zu viel Verletzungsgefahr, sagte sie damals. Und die Berichterstattungen zeigen es deutlich. Die Frauen, die den Ball angenommen haben sind ein paar Wochen ausgeschieden. In einem japanischen Artikel stand sogar, dass es der Männermannschaft ebenso ging, als sie gegen sie im Trainingsspiel spielte.
Der Feuerdrache ist auch sehr stark, er wäre mit der Wucht von Violas Schlag vergleichbar.
Und wenn sie tatsächlich einen neuen Ball hat, und diesen sogar ohne spezielle Zuspielerin spielen könnte, dann wäre es doch super. Für die anderen benötigt sie jemanden, das wäre in der alten Überlegung Ludovica gewesen. Wir haben weiter niemanden in ihrem Format.“
„Dann schauen wir mal was sie selbst noch dazu sagt. Und Sie haben Recht, wenn sie nicht herkommen wollen würde, also nach Italien, dann hätte sie gleich abgelehnt und nicht erst eine Verhandlungsbasis eröffnet. Vermutlich war es damals auch mal gewollt, sonst hätte sie ja nicht Italienisch gelernt. Sie spricht es fließend. Die Frau weiß was sie wert ist.“, äußert Trainer Esposito überzeugt. Es wird nochmal ein paar Minuten beraten.
Plötzlich grinst die Pressesprecherin vor sich hin. Alle sehen sie verwundert an.
„Nanu? Was finden Sie so lustig?“, spricht der Mäzen aus.
„Na ganz einfach, Sie wissen doch wie Frau Fuchs in Japan von der Presse genannt wird, oder? Die „gelbe Tigerin“ oder „Japans gelbe Tigerin“. Den Namen verpasste man ihr während des Asien Cups und er bezog sich auf den japanischen Fußballer, welcher doch hier seit drei Jahren bei Juventus spielt. Dieser Kojiro Hyuga. Seine starken Bälle nennen sich Tigerschuss. Er wird in Japan der „Wilde Tiger“ genannt wegen seiner Spielart und seines temperamentvollen Charakters.“
Einige grinsen auch mit.
„Stimmt, davon haben Sie ja ein paar Artikel gezeigt. Frau Fuchs hat sich dadurch und durch den seltsamen Aufruhr über ihr Privatleben mit diesem Chef von dem Fitnesscenter, für das sie arbeitet, aber auch schon pressetauglich gezeigt. Hier wird sie mit viel mehr Aufriss rechnen müssen, aber Italien hat eine ganz andere Art der Medienerstattung. Da passt so ein Temperament hin, Italiener mögen es mit viel Temperament. Dieser Fußballer wurde ja auch gut bei den Fans angenommen obwohl man ihm anfangs nicht zugetraut hat mit gerade mal neunzehn Jahren und dann Japaner hier Fuß zu fassen.“
„Was ich sagen wollte, wenn wir unsere eigene Tigerin kriegen, dann liest sich das sicher lustig in der Zeitung. Rechtlich müsste ich mich damit zurückhalten, denn der Herr hat sich diesen Titel rechtlich schützen lassen, aber wir können ja für gewisse Schlagzeilen ihre eigene Bezeichnung der Füchsin nutzen oder die Namen ihrer Bälle mit dem Drachen.“ Dann lacht sie laut.
„Ich stell mir das grad vor. „Der japanische Drachen mischt die europäische Märchenwelt auf!“. Klingt lustig.“ Alle lachen mit.
„Also echt, manchmal haben Sie aber auch kindische Ideen…“, äußert der Vorstandsvorsitzende grinsend.
„Wieso? Das wäre ein netter Spruch für die Jugendarbeit. Mit solchen Aufmachungen kriegt man die Kinder ran.“, äußert der französische Trainer Stéphane Jean-Baptiste und fügt noch etwas hinzu.
„So dumm ist die Idee gar nicht. Wir haben doch eben darüber geredet, dass wir sie in der Jugendförderung mit einbinden könnten, weil sie selbst Trainerin werden möchte und schon entsprechende Schulungen genossen hat. Dann passt sowas ähnliches ja dazu. Immerhin hat sie laut ihrer Angaben auf der Webseite Psychologie studiert und will mit Kindern arbeiten und den Nachwuchs junger Sportler fördern.“
„Gut, dann sehen wir mal was sie selbst sagt und wir kommen ihr entgegen. Sicher wird sie sich über das seltsame Angebot wundern.“, sagt Esposito und greift zum Telefon.
Niemand nimmt ab. Er versucht es eine Minute später erneut. Wieder Niemand.
„Wie dumm. Es ist sicher zu spät jetzt. In Japan ist es schon halb elf.“
Alle atmen tief durch und nehmen einen Schluck aus ihren Kaffeetassen.
„Schade, hätte ja klappen können. Vielleicht hat sie ihr Handy schon auf Lautlos. Würde ich auch machen, wenn ich Feierabend habe.“, äußert die Dame am Tisch.
„Naja, verständlich. Alle haben wir ein Privatleben. Es wäre nur gut, denn wenn wir jetzt einiges bereden und sie zustimmen sollte, können wir das Angebot gleich anpassen und direkt an ihren Verband und Verein schicken. Dann liegt es morgen Früh in Japan sofort auf den Tisch.“, meint der Vorsitzende.
„Das stimmt. Wenn es nicht so eilen würde…ohne neue Topspielerinnen überleben wir die Saison nicht. Wir können nicht mit Ersatzspielerinnen antreten und dann für sie keinen Ersatz haben. Sowas dummes aber auch. Für die drei anderen haben wir zwar etwas Zeit für einen Ersatz, aber die beiden Lücken müssen sofort geschlossen werden. Ohne einen starken Angriff ziehen wir den Kürzeren. Die anderen können alle noch nicht kommen. Uns bleibt nur entgegenzukommen, denn eine Transfersumme für jede neue Spielerin kommt ja auch noch dazu.“, grunzt der Geldgeber am Tisch.
„Ja, wir brauchen eine gute neue Mischung. Und sie wäre der ideale Anfang.
Das größte Problem ist, wenn die anderen Vereine erst mitbekommen, dass Frau Fuchs tatsächlich jetzt bereit ist für den internationalen Markt, dann kann es nur teurer werden. Sie steht wegen dieses Spezialballs recht hoch im Kurs. Laut der Medien vor Weihnachten rum kamen die Türken, die Amerikaner und Bulgaren auch schon auf den Trichter sie haben zu wollen. Von unseren Gegnern ganz zu schweigen. Andere weiß ich jetzt nicht. Wir können nur froh sein, dass wir den Geheimtipp von Martina und dem Team bekommen haben.“, verkündet Frau Moreno, welche in einem kleinen Dorf bei Barcelona aufgewachsen ist.
Betrübt sehen alle aus dem Fenster in die Baumkronen. Kurz darauf klingelt das Telefon und zeigt eine Handynummer an. Trainer Esposito erkennt sie wieder.
„Leise jetzt, das ist sie.“, sagt er schnell und geht dann ran.
„Guten Abend Frau Fuchs.“
„Guten Tag Herr Esposito. Sie haben mich vorhin erneut angerufen.“, wird er freundlich begrüßt.
„Bitte entschuldigen Sie die jetzt sehr späte Störung. Ich hoffe ich habe Ihnen jetzt nicht zu sehr in den Feierabend gefunkt.“, versucht er eine freundliche Atmosphäre zu schaffen.
„Das ist alles in Ordnung. Manches muss schnell geklärt werden, das kenne ich sehr gut.“, entgegnet sie höflich.
‚Die ist ja wirklich nett.‘
„Wir haben spontan eine Sondersitzung abgehalten und genau deswegen rufe ich zurück. Die Führungsebene und der Vorstand würden mit Ihnen persönlich sprechen und das Angebot vorschlagen. Wäre es möglich mit Ihnen jetzt per Skype mit einer Videotelefonie?“
„Ja, das wäre möglich, am besten Sie senden mir dazu die nötigen Daten per Mail, ich muss vorher noch meinen Laptop anmelden und würde dann online gehen.“
„Oh das klingt gut. Sie kennen sich aus damit?“ Tina schmunzelt.
„Natürlich, ich betreue meine Kunden viel über Skype.“ Sie gibt ihm ihre Emailadresse durch und beide legen auf.
Die Leute am großen Tisch sehen alle überrascht zu ihm.
„Welche Kunden denn?“, wundert sich der Geldgeber des Vereins.
„Ich weiß auch grade nicht was sie meint. Soweit ich weiß arbeitet sie nebenbei in diesem Fitnesscenter und laut der Homepage dieser betreut sie dort Kunden mit ihrem Ernährungs- und Fitnessprogramm. Das Center ist auf Sportler spezialisiert und betreut neben Einzelpersonen mehrere Teams wie beispielsweise das Nationalteam der Rugbyspieler oder einige der Volleyballteams in Japan. Da werden wohl gesundheitliche Daten aufgenommen und anhand ihrer Werte gibt es zusätzlich zum Trainingsprogramm Ernährungspläne und individuelle Kochbücher.“, erklärt die Pressesprecherin. Sie ruft über das Internet fix die Homepage vom Center auf und stellt auf die englische Seite um, damit alle mitlesen können.
„Wow, das sind aber viele Teams und seit Neuem werden diese Programme sogar für die Jugendlichen und Kinder angeboten. Sowas macht sie beruflich? Aber hatten Sie nicht vorhin noch erwähnt, sie habe eine Gaststätte?“, spricht der Geldgeber seine Gedanken aus.
„Ja, laut ihrer Webseite hat sie damals als ihre Eltern starben und wir sie kurz vorher angeworben hatten abgelehnt und die Gaststätte ihrer Eltern übernommen und eine kaufmännische Ausbildung angefangen. Sie wollte sie nicht schießen müssen. So sagte sie es damals, als sie hier war. Das steht aber nicht auf der Seite. Ich glaube die Fans sollen das nicht wissen. Dort ist nur vermerkt, dass sie das Studium abgebrochen hat, um sich nur noch auf den Sport und die Arbeit im Center zu konzentrieren. In Wirklichkeit macht sie nebenbei die Ausbildung und müsste jetzt im zweiten Lehrjahr sein.“, erklärt der Trainer Jean-Baptiste. Der gestandene Geschäftsmann, welcher den Verein finanziell unterstützt staunt nicht schlecht.
„Wenn sie die auch noch leitet und dort arbeiten muss mit Berufsschule und allem, wie schafft sie dann noch diese Leistung? Dann hat sie doch zurzeit eigentlich drei Vollzeit-Jobs. Den Sport, das Studio und die Gaststätte. Wie bekommt sie das alles unter einen Hut? Mir reicht meine Geschäftsführung und die Aufgaben hier im Verein völlig aus. Und ich muss keine sportliche Hochleistung erbringen.“
Alle sehen sich verwundert an.
„Sie haben Recht. Wenn man das mal bedenkt, wie stark könnte sie dann wirklich spielen, wenn sie sich nur noch auf den Sport konzentrieren würde? Denn ihre Leistung scheint ja nicht nachgelassen zu haben, wenn sie sogar für die Weltmeisterschaft im Nationalkader steht. Die Deutschen wollten sie auch haben, aber sie will für Japan spielen. Laut des Artikels, was ich online gesehen habe, will sie für ihre Freunde spielen, die seien ihr wichtiger als der Nationalstolz.“
„Stimmt, das sollte man bedenken. Sicher kann sie viel stärker sein, wenn ihr mehr Zeit zum Trainieren bleibt. Wenn sie zu uns kommt, fallen viele Dinge weg, die sie sonst gemacht hat. Eventuell kann sie auch weitere neue Techniken mit dem neuen Team entwickeln?
Frage ist nur, kann sie ihre Ausbildung auch als Fernstudium beenden? Ohne abgeschlossene Ausbildung kann sie nicht zur WM antreten. Als Ausländerin muss sie gewisse Bedingungen erfüllen und eine davon ist ein Beruf in der Tasche zu haben. Die Japaner haben sich ja da so streng.“
„Das erklärt sich dann in unserem Gespräch, denke ich mal. Sie wird sich was dabei denken.“
„Das stimmt. Sie scheint ja klug genug zu sein, sonst könnte sie das alles nicht machen. Ich höre ja zu und kann mich im Notfall einbringen. Wenn ich das so höre scheint sie wirklich etwas anders zu ticken als die anderen Frauen, die wir bisher kennen.“, ertönt die dunkle Stimme des Geldgebers.
Unterdessen ist Tina zu Hause nach oben ins Schlafzimmer gegangen und zieht sich schnell ein freundliches dezentes Sommerkleid an. Sie entscheidet sich spontan für das schlichte blaue Kleid, da es den Schmuck hervorhebt. Als sie vor dem Spiegel steht sieht sie die Nationalfarbe von Kojiros Trikot und seinen schönen Schmuck an sich. Es erfüllt sie mit ganz viel Stolz. Dann greift sie zum Tischchen und nimmt die Bürste und kämmt sich die Haare, setzt die silberne Spange wieder ein und lächelt.
Dann erscheint Kojiro an der Tür.
„Dein Laptop ist unten vorbereitet. Ich bin schon gespannt was sie dir für einen Vorschlag machen wollen.“, spricht er selbst etwas angespannt und geht auf sie zu. Beide lächeln sich wieder durch den Spiegel an. Dann dreht sie sich um und beide küssen sich kurz.
‚Du gibst mir so viel Kraft, Kojiro.‘
„Kojiro, dein schöner Schmuck und die schöne Farbe dieses Kleides wird mir ganz viel Kraft geben.“
Er blickt sie liebevoll an.
„Du bist doch auch ohne mich schon so stark. Ich habe noch nie so eine starke Persönlichkeit wie dich kennengelernt. Da komme ich nicht mal annähernd heran, Bettina. Du hast schon so viel in deinem Leben geschafft und bist immer wieder aufgestanden. Da kann dich doch so eine tolle Verhandlung nicht aus der Bahn werfen. Bleib einfach bei deinem Weg und verliere das Ziel nicht aus den Augen.“ Dann berührt er ihre Wangen.
„Was ist dein Ziel?“, spricht er streng aber liebevoll. Sie lächelt in verliebt an.
„Genau in dieses Team zu kommen und bei dir in Turin zu sein.
Kojiro…ich will nur bei dir sein!“ Dann küsst er sie zärtlich.
71. Kapitel Einsicht und Entschlossenheit U18
Kapitel 71
Einsicht und Entschlossenheit
Nachdem Marie einige Bilder skizziert hat legt sich Tina das Handtuch endlich ganz um und geht zu ihr. Dann lässt sie sich die Bilder zeigen. Ihr Herz klopft ganz doll.
„Wow…das soll ich sein? So siehst du mich?“
„Hm, sagen wir so, so siehst du halt aus. Du hast scheinbar keine Ahnung wie du auf andere wirkst. Aber das sind nur Skizzen, wenn ich dich erst mit Farben male und Zeit dafür habe mehrere Techniken auszuprobieren sieht es nochmal anders aus. Mit Farbe kommt es auch anders rüber…“, versucht sie zu erklären.
„Was hast du denn noch für Bilder bisher gezeichnet?“ Marie schließt den Zeichenblock und dann holt sie eine Mappe heraus. Fertige Zeichnungen heftet sie in der Regel gleich dort ab. Sie öffnet sie und Tina ist total erstaunt. Neben ein paar Leuten vom Flughafen und etwas Stillleben von einem leeren Terminal-Kaffeeshop und die Gebäudemerkmale von innen waren die letzten Bilder vertraute Motive. Sie sind eindeutig im Fitnessstudio entstanden. Unter anderem ein Bild vom Loungebereich, der Snackautomat und ein einzelnes Brötchen im Brotkörbchen. Dann die Zimmerpflanze und der Tresen von der Seite. Ihr letztes Motiv war der Clown vom gegenüberliegenden Spielzeuggeschäft. Sie hat scheinbar auf dem Kundenstuhl gesessen und hatte einen Blick durch das Fenster.
„Maria, das ist ja Wahnsinn. Die sehen sehr real aus. Wie lange hast du auf Martin gewartet, dass du so viel Zeit dazu hattest?“
„Bestimmt eine Stunde. Und dann hat er ein paar Hotels durchgeklingelt. Da ist dann der Clown entstanden, der ist lustig.“, lächelt sie.
Das letzte Bild ist Martin selbst. Er schaut darauf nachdenklich zum Fenster raus.
‚Martin hat sie auch gezeichnet? Er sieht so nachdenklich und betrübt aus. So kenne ich ihn gar nicht. Klar, er wird müde gewesen sein, aber ich glaube eher so wie er vorhin auch drauf war, als er Marie vorbeigebracht hat, war er noch angeschlagen durch die Situation mit Karl.‘ Tinas Blick ist trüb. Sie versucht sich vorzustellen wie die Situation zwischen Martin und Karl-Heinz verlaufen sein mag. So richtig kann sie es sich nicht vorstellen wie er ihn provoziert haben könnte. Es muss ihm sehr wehgetan haben, denn sie hat noch nie erlebt, dass er ausholt und sie hatten genug Situationen wobei er hätte nicht an sich halten können, wenn er ein anderer Typ gewesen wäre. Warum vor allem hat er Karl von Stephan schon erzählt? Sie wollte es doch selbst tun. Und was meinte Karl damit, er habe etwas gesagt, wie „Er komme nicht gegen Kojiro an“? Was meinte er damit und wieso musste er ihm das bereits mitteilen, dass sie jemanden hat?
„Marie, was hat Martin gesagt, als du dich ihm vorgestellt hast? Weiß er wer du wirklich bist?“
Die junge Frau wundert sich. Tinas Blick, wie sie die Zeichnung betrachtet und ihr dann so eine seltsame Frage stellt macht sie stutzig.
„Hm, ich habe mich zuerst nur mit meinem Namen vorgestellt, dass ich eine alte Freundin von dir aus Hamburg sei und auf der Suche nach Karl-Heinz bin. Ich sei ins Studio gegangen in der Hoffnung er wäre hier gewesen um dich zu suchen und man könne mir sagen wo er ist. Dann murrte er, er solle sich selbst um seine Liebschaften kümmern.“ Tina stutzt und grinst dann.
„Der Arme, was muss er nur gedacht haben? Das war sicher noch die Anspannung, denn dein Bruder war nicht gerade nett zu ihm.“, erklärt Tina und vermutet die Reaktion richtig.
Marie nimmt ihr den Hefter ab und schaut auf die Zeichnung. Sie lächelt und wird etwas rot im Gesicht.
‚Großer Bruder, was meint sie damit? Du bist doch zu jedem nett, warum solltest du zu ihrem Kollegen unfreundlich sein? Dieser Herr Müller ist doch sehr nett gewesen.‘
„So etwas meinte er auch. Ich kann mir das aber gar nicht vorstellen. Karl-Heinz war nie zu jemanden unfreundlich und gemein. Sowas gibt es, wenn dann nur auf dem Spielfeld. Du kennst ihn doch. Privat ist er immer sanftmütig, fürsorglich und hilfsbereit. Was soll denn da nur passiert sein, dass ein großer Mann wie dieser Herr Müller überhaupt davon reden muss? Ich fragte ihn was passiert sei, aber er wollte es mir nicht sagen. Er verwies nur auf die kaputte Vitrine hinter sich und meinte, die ginge auf seine Kappe.
Aber Herr Müller machte mir keinen aggressiven Eindruck. Ich hatte eher das Gefühl, er ist wie Karl-Heinz, nach außen groß und stark und im Inneren sanft. Er hat auch ganz liebevoll reagiert als ich ihm sagte, dass ich mich nur um ihn sorge und deswegen hier bin. Karl-Heinz hat sich immer um mich gekümmert und nun bin ich mal dran.
Dann kam er auf die Idee mich hier bei dir unterzubringen, weil ich nicht im Studio schlafen dürfe. Er sagt das könnte Ärger mit dem Jugendamt geben.“
„Verstehe. Ja, das sehen die nicht gerne. Du bist zwar achtzehn, aber nicht voll erwachsen nach japanischem Recht. Du kannst hier im Hotel schlafen und Autofahren oder so, aber im Studio übernachten könnte etwas komisch aussehen, wenn doch mal Kontrolle kommt. Unser Ruheraum ist nur für Kunden, die in ihren Pausen ne Stunde Schlaf brauchen oder sich unwohl fühlen. Also für Notfälle. Besser ist es, wenn du hier bist.“
„Ich verstehe nur nicht, wenn er weiß wo Karl untergebracht ist wieso er mich nicht zu ihm ins Hotel gebracht hat, dann hätte ich eben in seinem Hotelzimmer auf der Aufbettung geschlafen. Das hätte ihn sicher nicht gestört.“ Tina sieht sie nachdenklich an.
„Was weißt du über Martin und das Studio? Du hast mir noch nicht erzählt wie du darauf kommst, dass Karl überhaupt hier sein könnte?“ Marie überlegt kurz.
„Naja, ich habe zufällig einen Artikel gelesen über dich in der Zeitung und bin dann im Internet auf das Fitnessstudio gestoßen. Dort steht, dass ihr zusammenarbeitet und du hier für deine Fans nur über ihn ansprechbar bist. Deswegen dachte ich auch, Karl-Heinz hat es ebenso gelesen und ist hergekommen, um dich zu sehen.“, flunkert sie ein wenig, denn in Wirklichkeit hat sie nach dem Anruf ihres Vaters nur darauf gewartet wann ihre Mutter aus dem Haus ist und sie an den PC gehen konnte. Dann rief sie den Suchverlauf auf und entdeckte Tina als Volleyballspielerin. Sie fragte sich was das nur zu bedeuten hat, dass ihr Vater nach Jahren plötzlich anruft, auf der gesicherten Leitung, sich mit ihr streitet und sie dann kurz darauf am PC was vor ihr verheimlicht. Und dann taucht Tinas Name auf. Sie bekam mit, dass es um Karl-Heinz ging, aber was genau war denn so wichtig? Und was hatte der Streit mit Tina und Stephan zu tun? Ihr Ziel in Japan ist es, Karl-Heinz zu finden, ihm eine Stütze zu sein, wie er es früher immer für sie war und herauszufinden was wirklich los ist.
„Was ist mit dem Skandal? Hast du den im Netz gelesen?“ Marie stutzt und sieht überrascht.
„Was meinst du? Ich habe nur die Webseite von euch angesehen und bin auf deiner Webseite gewesen. Welcher Skandal? Du hast Skandale gehabt?“
„Ich verstehe. Nun gut. Belassen wir es dabei. Schlaf jetzt, denn ich habe heute Abend ein wichtiges Spiel und muss top fit sein. Die Nacht ist kurz genug.
Gute Nacht.“, legt sie streng fest und verlässt dann das Gästezimmer. Im Gedanken versunken geht sie Richtung Küche zu Kojiro zurück, bleibt vor der Tür stehen und beobachtet ihn, wie er am Tresen sitzt, einen Kaffee trinkt und ein Buch liest.
‚Ach Kojiro, ich glaube, ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich darf diesen Fehler bei dir nicht wiederholen. Wie dumm ich war. Wenn ich Marie heute Früh dann zu Karl gebracht habe werde ich zu Martin gehen und versuchen mich zu entschuldigen. Ich kann nur hoffen, dass er mir verzeihen kann. Ich habe die ganze Zeit immer so aufgepasst, dass ich es ihm nicht sage, um ihm nicht weh zu tun und ich dumme Kuh sage es ihm dann plötzlich doch. Wie konnte ich ihm sagen, dass Karl mir bis dahin nie aus dem Kopf ging? Warum? Das hat ihm sicher sehr weh getan.
Liegt das an dir, Kojiro? Zuerst rutscht mir raus, dass ich bei Karl im Team gespielt habe und dann das. Und dann taucht er ausgerechnet jetzt auf. Das konnte keiner ahnen, aber ich hätte es ihm trotzdem nicht sagen dürfen. Nur weil ich es dir sagen musste und du es hinnehmen kannst zählt das nicht für Martins Situation. Ich war so dumm.
Kojiro, ich bin so unglaublich glücklich und werde deswegen unvorsichtig. Das kann böse enden. Ich werde in Zukunft besser aufpassen und hoffe, dass ich dir niemals wehtun werde. Dieser Fehler darf mir bei dir nicht passieren. Überhaupt darf mir kein Fehler mehr passieren. Mein Drang ab nun in meinem Leben aufzuräumen und keine Heimlichtuerei mehr zu haben hat mich unvorsichtig werden lassen. Während ich eine Schwäche los bin, gibt es eine neue. Das darf nicht passieren.
Der liebe Martin, er tut mir leid. Ich glaube nicht, dass er sich nur verrannt hat, das hat er mir nur so gesagt, um mich nicht zu verletzen. Ich weiß, dass er sehr darunter gelitten hat, dass es mit uns nichts geworden ist. Erst als Andrea auftauchte konnten wir wieder über was anderes reden als über die Arbeit. Bis sie aufgetaucht ist haben wir uns nur noch darauf konzentriert und zogen unsere Pläne durch, die wir seit Jahren hatten. Zuerst war es die Arbeit, die uns zusammenbrachte und dann war sie es, die uns als Freunde und Geschäftspartner zusammenhielt, nachdem es schief ging.‘
In diesem Moment der Gedanken schaut Kojiro auf und bemerkt sie.
„Alles okay? Nanu? Wieso hast du das Handtuch um?“, wundert er sich natürlich. Tina geht auf ihn zu und überlegt was sie sagen soll.
„Ich musste ihr helfen und dabei bin ich nass geworden. Was liest du da?“
Er richtet das Buch auf und zeigt es ihr. Es ist ein englischsprachiges Buch über Tinas Heimatstadt Hansestadt Rostock.
„Oh, du informierst dich. Das ist ja schön. Ist es interessant genug für dich? Rostock ist nicht so groß wie die Städte, die du sonst so kennst, aber sehr hübsch.“ Er lächelt sie an.
„Hat eine interessante Geschichte hinter sich. Es hat auch ein paar interessante Gebäude, die ich mir gerne ansehen würde.“ Sie lächelt glücklich.
„Ich freue mich, dass es etwas Interessantes für dich gibt. Ich hatte schon Angst du kannst nichts Interessantes finden, wenn man sich Tokio und Turin so ansieht. Wer weiß was du schon alles so gesehen hast.“
Er steht auf und klappt das Buch zu. Dann geht er auf sie zu.
„Du machst dir zu viele Gedanken. Jede Stadt hat ihre interessanten Seiten und ich habe wirklich was gefunden was ich bisher nie gesehen habe. Und das will ich mir dann gerne mit dir ansehen.“ Tina schaut zu ihm auf, als er vor ihr stehen bleibt. Ihr Herz klopft ganz laut und ihr wird plötzlich wieder ganz warm.
‚Kojiro schon wieder kann ich dir nicht ausweichen, wenn ich dir in die Augen sehe und dir nah bin vergesse ich einfach alles um mich herum. Ich wünschte, du würdest mich jetzt wieder in die Arme nehmen und…‘, sind ihre Gedanken und kurz darauf spürt sie seine warmen Hände am Rücken und im Gesicht und er küsst sie. Sie bemerkt nicht wie ihr ein paar Tränen kommen. Sie genießt nur noch diesen magischen Moment.
‚Bettina, was war denn da eben los, dass du so traurig schaust und versuchst abzulenken?‘
Kurz darauf beendet er seinen Kuss und sieht sie liebevoll an.
„Lass uns schlafen gehen, wir haben einen aufregenden Tag vor uns.“, bestimmt er einfach und nimmt sie in die Arme und führt sie aus der Küche. Plötzlich bleibt sie stehen.
„Du hast Recht. Moment noch.“, lächelt sie wieder und dreht dann um, nimmt die Messer wieder von ihrem Platz und legt sie nun doch in die Schublade und schließt zu.
„Oh, jetzt doch?“
„Es ist mir einfach lieber, wenn wir einen Gast haben.“
„Hast du ernsthaft Bedenken?“ Tina schüttelt den Kopf.
„Das weniger, aber sollte sie vor uns wach sein und sich Brot schneiden wollen, könnte sie sich ja verletzen. Die normalen Küchenmesser lasse ich in der Besteckschulblade, das reicht.“ Sie dreht sich zu ihm um und grinst.
„Kojiro, wenn wir Kinder im Haus hätten, würde ich sie auch immer wegschließen.“ Etwas verlegen sieht er sie an und schmunzelt.
„Du hast Recht.“
„Es gibt Dinge, die nur in geübte Hände gehören.“, sagt sie noch, schließt ab und kommt zu ihm. Das Licht wird ausgemacht und beide gehen ins Obergeschoss.
Kaum haben sie sich hingelegt und unter die Decken gekuschelt schlafen sie Arm in Arm schnell ein.
Am Morgen gegen sechs Uhr wacht Kojiro auf. Noch immer liegt er auf der rechten Seite und hält Tina im Arm. Beide müssen so tief geschlafen haben, dass sie sich nicht einmal im Schlaf groß bewegt haben. Sonst dreht sich der eine oder andere doch mal und er ist es gewohnt meist die Decke unter sich zu finden, statt noch auf sich. Verliebt betrachtet er Tinas Hinterkopf und ihren freien Nacken.
‚Auch diesen Anblick kann ich dann jeden Tag genießen. Neben dir aufzuwachen ist wirklich das was mich morgens glücklich macht, egal wie anstrengend der Tag wird oder wie nervig er war. Jeden Tag liebe Bettina, jeden Tag, wenn wir nicht gerade wegen der Spiele unterwegs sind. Aber wir sehen uns ganz oft, da wir ähnliche Arbeitszeiten haben werden. Ich freue mich schon so sehr darauf mit dir in Italien zu leben.‘
Er beginnt sie zu streicheln und schiebt ihr Haar etwas zur Seite, um seine Kette zu sehen. Ihre Ohrringe hat sie abgenommen und auf den Nachttisch gelegt, aber die Kette und das Armband hat sie umbehalten.
‚Wie schön es an dir aussieht. Es ist wie für dich gemacht.‘, stellt er fest und dreht das Schildchen mit der Gravur um, sodass er es lesen kann. Bei dem morgendlichen Tageslicht fällt ihm plötzlich das erste Mal die kleine Narbe an ihrem Hals auf, welche der Ärztin ebenso schon aufgefallen war.
‚Nanu, die scheint aber sehr alt zu sein.‘ Neugierig berührt er sie und kurz darauf zuckt Tina zusammen und kichert.
„Das kitzelt, Kojiro.“, lacht sie und berührt seine Hand.
Als sie sich zu ihm umdreht sehen sie sich in die Augen und wünschen jeweils einen Guten Morgen.
„Ich liebe dich, Bettina.“ Ihr Herz schlägt lauter und ihr wird warm.
„Ich dich doch auch. Wie sehr freue ich mich auf Europa, wenn ich dann für immer bei dir sein kann. Jeden Tag, Kojiro. Das glaube ich erst, wenn wir wirklich dort sind und zusammenwohnen.“
Seine linke Hand berührt ihre Wange und dann küsst er sie glücklich.
‚Ach Bettina, wenn du wüsstest wie sehr ich mich danach sehne? Immer war ich alleine und halte es kaum bei mir zuhause aus. Meine Freizeit verbringe ich lieber unterwegs. Seit vielen Monaten habe ich angefangen mir Europa anzusehen, damit ich rauskomme, denn was habe ich schon in meinem Zuhause? Niemanden, aber jetzt wird alles anders sein. Du wirst mein ganzes Leben lebendiger machen. Früher waren es meine Geschwister, die mich aufheiterten und mit ihrer Art immer daran erinnerten, wofür ich das alles gemacht habe und mache. Und ab jetzt kommst du mit dazu, aber du bist dann bei mir und nicht am anderen Ende der Welt. Und du bist etwas ganz Besonderes. So besonders, dass ich nur noch an dich denken kann.‘
Er genießt den morgendlichen zärtlichen Kuss und dann spricht er ernst und hält sie fest in den Armen.
„Bettina, ich muss dir zwei Dinge sagen, die mich seit gestern beschäftigen. Gestern war ich zu müde und aufgewühlt es dir noch zu erzählen.“ Tina lächelt und zeigt Verständnis und lässt sich in aller Ruhe alles von ihm erzählen. Sie ist erstaunt, dass auch er sich sehr bemüht ein ehrliches offenes Verhältnis mit ihr zu führen. Das schätzt sie sehr, denn nichts kann ihrer Beziehung mehr schaden, als Geheimnisse, Geheimnisse die sie beide etwas angehen.
„Ich danke dir, dass du es mir gesagt hast.“ Sie steht auf und zieht einen anderen Morgenmantel über.
„Ich muss dir auch noch was sagen. Wir müssen uns in der Urlaubszeit auch darüber ein paar Gedanken machen was nun daraus wird.“ Erstaunt schaut er zu ihr auf.
„Das klingt ernst, was hast du jetzt wieder für eine Überraschung für mich?“, grinst er und steht auf. Tina lächelt.
„Keine Angst, es ist nichts schlimmes, aber bei der ganzen Aufregung die letzten Tage habe ich gar keine Zeit gehabt es dir zu erzählen und nun haben wir so viele Dinge schon besprochen und ich will dir ja nun nach Italien folgen, da ist es relevant geworden. Denn wenn ich wegziehe und das Haus verkaufe, nicht mehr hier in Japan bin, dann muss ich das anders aufbauen.“ Sie geht zur Tür.
„Folgst du mir bitte ins Zimmer gegenüber?“
Kojiro zieht sich fix die Trainingshose über seine Shorts und ein T-Shirt an. Immerhin ist noch ein Gast im Haus.
Tina wartet vor der Zimmertür an der ein Namensschild mit ihrem Namen drauf klebt. Dann holt sie einen Schlüssel heraus und schließt auf.
„Bitte nicht erschrecken, ich erkläre es gleich. Das hier ist mein altes Jugendzimmer. Also das war meins bevor ich nur noch das Schlafzimmer nutzte. Und bevor du dich zu sehr wunderst, nur eins vorweg.
Ich habe das Projekt schon kurz nach der Asienmeisterschaft begonnen. Also als die Sponsoren zu mir kamen und die Idee kam bei der Arbeit für das Studio und es ist leider noch nicht ganz abgeschlossen. Du kannst dich daran erinnern, dass ich Cusavier einen Ball geschenkt habe, oder?“ Kojiro nickt und hört weiter aufmerksam zu.
„Ja, ich dachte mir, was auch immer das zu bedeuten hat, du wirst es mir irgendwann erzählen. Ist es jetzt soweit?“ Sie nickt und öffnet nun die Tür.
„Das ist mein Arbeitszimmer. Aktuell Top-Secret. Nur wenige Leute wissen davon, meine Geschäftspartner, einige Sponsoren, Martin und eine Freundin. Noch ist es nicht offiziell. Ich bereite noch alles vor.“ Neugierig betritt er das Zimmer. Kojiro weiß plötzlich gar nicht was er sagen soll. Als das Licht angeht betrachtet er Werbeplakate mit Cremes und Sportmode, in der Ecke stehen Fitnessgeräte, in einer Glasvitrine stehen Powerdrinks und Kochbücher. Ein offener Kleiderschrank mit Sportbekleidung und Schuhen ist auch zu finden. Daneben ein Schminktisch mit Kosmetik und Schminke. Auf der anderen Seite stehen ein Laufband und ein Fitnessbike. An einer Wand ist ein Regal mit verschiedenen Bällen. Alle auf einem passenden Ständer drapiert. Unter dem Fenster ist ein Schreibtisch mit Laptop, Kameras und Stativen.
„Es war für später gedacht. Meine Absicherung fürs spätere Leben. Ich bin dabei meine komplette Fitness- und Sportline bzw. mein eigenes Label zu entwickeln. Es sollte spezialisiert sein auf Ballsportarten und für den Anfang modisch an Frauen orientiert sein.
Planmäßig ist es an die WM nächstes Jahr gerichtet. Die findet erst im Dezember statt, aber es soll ein paar Monate vorher im Laden sein. Die Vermarktung ist online sowie in Martins Fitnesscenter geplant.“
„Bettina, das ist ja Wahnsinn. Ist das die ganze Zeit neben deiner Arbeit gelaufen? Machst du das etwa alleine?“ Er schaut zur Wand mit den Bällen und entdeckt eine Lücke.
Tina bemerkt es und geht auf die Wand zu.
„Ja genau. Das läuft so nebenbei, aber in den letzten sechs Monaten hatte ich kaum Zeit mich intensiver damit zu befassen und es gibt ein Problem mit der Gesamtkollektion. Die Lücke war ein Problem. Ohne sie zu füllen komme ich nicht weiter.
Siehst du die Bälle? Du weißt doch sicher welcher fehlt.“ Natürlich ist ihm sofort aufgefallen, dass es der Fußball ist, der fehlt, aber trotzdem betrachtet er die anderen Bälle genauer. Es gibt neben dem Volleyball auch jeweils einen Handball, Basketball, Rugbyball, Baseball, Tennisball und Softball. Ein Aufsteller ist leer.
„Ist es der Ball, den du Cusavier mitgegeben hast? Du sagtest es ist ein Prototyp? Was genau meinst du damit?“
Tina geht zum Schrank und kramt in einer großen Kiste rum.
„Das stimmt. Kommst du bitte mal her?“, spricht sie leise und liebevoll.
Er bleibt vor ihr stehen und betrachte sie, wie sie eine Luftpumpe greift und einen Ball aus der Kiste nimmt.
„Als ich kurz vor Weihnachten die Prototypen bekam habe ich es bis jetzt nicht geschafft die Kiste überhaupt zu öffnen. Und dann…als Cusavier hier war ist es mir wieder eingefallen und ich habe die Kiste endlich geöffnet.“ Dann dreht sie sich zu ihm um und schaut verliebt zu ihm auf.
„Kojiro, jetzt wo ich sie endlich öffnen kann, um sie testen zu lassen, habe ich wieder eine Chance mit dem Label weiterzumachen. Und jetzt, bist du da und ich kann den Ball endlich berühren.“ Tina drückt den Ball an seine Brust und reicht ihm die Pumpe.
„Kojiro, würdest du mir die Ehre erweisen und ihn für mich in die Auslage legen? Neben die anderen Bälle?“
Er lächelt und tut ihr den Gefallen, pumpt den Ball auf und legt ihn dann an seinen Platz. Beiden schlägt das Herz etwas doller, denn es ist ein seltsamer Moment.
„Kojiro, danke. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich ihn jemals wieder anfassen und ansehen kann.“ Er dreht sich zu ihr um und nimmt sie in die Arme.
„Das mit deinem Label ist eine tolle Idee. Jetzt kannst du daran weiterarbeiten, oder? Und was meinst du mit testen? Ist der Ball frisch aus dem Werk? Hat noch niemand damit gespielt?“
„Naja, es gibt neben den Maschinen immer Testspieler von den Herstellern. Bei den anderen Bällen habe ich immer eine Mannschaft oder Person gefunden, die nach diesen Tests für mich selbst die Bälle in der Praxis testet. An sich hätte ich ihn ja schon Jun geben können, aber er ist nicht in das Projekt eingeweiht. Und Genzo und Tsubasa kamen auch nicht in Frage, weil die daraus gleich einen riesigen Trubel machen würden, du kennst die beiden doch. Wenn die von irgendwas begeistert sind können die doch den Mund nicht halten. Und den Trubel wollte ich ja nicht haben. Und bei Genzo ist es auch so, er will sich gerne überall einbringen. Er meint es gut, aber ich will alles selbst erreichen. Ich will keine Hilfe von ihm oder seiner Familie. Das mit Martins Fitnesscenter war nur aus der Not heraus und die beiden haben das ohne mein Wissen ausgeheckt.“
Kojiro wundert sich.
„Was meinst du damit? Was hat Genzo mit dem Studio zu tun?“
„Lass uns erstmal duschen und fertig machen, dann erkläre ich es dir beim Frühstück, okay?“
Tina geht als erstes duschen, und betrachtet sich danach im Spiegel, während sie sich ihre Haare abtrocknet.
‚Ach Kojiro, ich hätte viel lieber mit dir zusammen geduscht, aber heute ist es besser wir heben uns das für später auf. Wenn Besuch da ist, dann lieber nicht.‘, schmunzelt sie vor sich hin und stellt sich im Gedanken vor er würde hinter ihr stehen, sie durch den Spiegel ansehen, sie in den Arm nehmen und vielleicht am Hals küssen. Ihr wird warm bei dem Gedanken alleine sie würde seine Wärme im Rücken spüren. Ein Gedanke voller Geborgenheit. Dann legt sie das Handtuch um und putzt sich die Zähne.
Als sie das Bad verlässt und ins Schlafzimmer zurück geht steht Kojiro vor dem Schrank, legt seine Sachen aufs Bett, die er anziehen möchte und legt dann seine Sportsachen in die Sporttasche.
‚Ach Liebster, wird so unser Alltag morgens aussehen? Wir stehen gemeinsam auf, machen uns fertig, frühstücken und gehen dann zum Training? Ich freue mich so sehr darauf. Bei meinen Eltern lief das früher auch so ab. Wir gingen zur Schule oder waren wegen morgentlichem Training schon unterwegs und dann ging Mama ins Hotel und später dann zum Kiosk und Vater in die Kanzlei. Wie schön wird es werden? Ich kann es gar nicht abwarten.
„Ich bin dann fertig, du kannst jetzt gehen.“, sagt sie liebevoll als sie den Raum betritt. Er richtet sich auf und greift sich lächelnd das Badetuch. Dann geht er auf sie zu und bleibt plötzlich direkt vor ihr stehen. Unerwartet berührt er ihren Kopf, hält ihn fest und blickt ihr tief in die Augen.
„Am liebsten würde ich mit dir gemeinsam duschen. Das holen wir dann später nach?“, schmunzelt er und kurz darauf küsst er sie bestimmend.
‚Ach Bettina, du hast keine Ahnung wie sehr ich mir nach dieser Nacht wünschte jetzt mit dir alleine zu sein. Der Tag war so aufregend und endete dann so besonders und mit dir in meinen Armen bis wir nachts gestört wurden. Und nun stehst du hier vor mir, so hübsch und liebevoll wie immer. Ich spüre, dass du dich auch zurückhältst. Aber küssen können wir uns doch sicherlich. Das kann doch niemanden stören.‘ Beide genießen diesen leidenschaftlichen Kuss und beiden wird wahnsinnig heiß und am liebsten würden sie in diesem Moment verharren und sich nur noch ganz nah fühlen wollen. Kojiro beendet den Kuss verantwortungsbewusst, aber ungern und geht dann ins Bad gegenüber. Tina steht nur da, starrt ihm nach und kann sich plötzlich nicht rühren. Entsetzt berührt sie ihre Lippen, wie sehr sehnt sie sich jetzt in diesem Moment, dass dieser Moment länger dauern würde? Sie schließt die Augen und sie stellt sich vor wie Kojiro sie wieder in seine starken Arme nimmt und küsst. Ohne, dass sie es merkt, fällt ihr das Handtuch herunter und sie steht nur noch nackt im Schlafzimmer und ihr Blick ist noch immer zur Tür gerichtet. Ohne es zu merken entweichen ihr ein paar Tränen und nässen ihre Wangen.
‚Ausgerechnet heute darf ich deine Geborgenheit nicht spüren…ausgerechnet heute, wenn ich ständig im Gedanken bin und dich am meisten brauche?‘
Zeitgleich betritt Kojiro das Bad, legt das Handtuch auf das Waschbecken und entkleidet sich. Wie immer legt er die Sachen auf den Stuhl und schnappt sich seine Lotion. Dann plötzlich hält er inne als er den Wasserhahn betätigen will. ‚Ich bin doch voll blöd. Wie kann ich sie an so einem Tag einfach stehen lassen, nachdem ich sie so verlangend geküsst habe?‘ Er lässt den Wasserhahn los und berührt stattdessen nachdenklich seine Lippen.
‚Ich konnte nicht nur deine Liebe spüren, nein. Ich spürte eben noch etwas anderes, deine Sehnsucht? War es das? Konnte ich deine Sehnsucht spüren? Ich sehne mich wahnsinnig nach dir, auch heute, obwohl wir so einen schönen Abschluss hatten gestern, sehne ich mich trotzdem heute so sehr nach dir, dass ich dich am liebsten sofort in den Arm nehmen würde und dir zeigen würde wie sehr ich dich liebe und wie sehr ich dich einfach nur bei mir haben möchte und vor allem, dass du weißt, dass ich immer für dich da sein werde, immer wenn es dir schlecht geht oder du Sorgen hast. Ich will dir doch beistehen und dich ganz doll festhalten, immer an schlimmen Tagen und vor allem heute, an deinem schlimmsten Tag im Jahr!‘ In diesem Moment überkommt ihn der wohlige Duft von Tina, den er eben wahrgenommen hat, als sie aus der Dusche kam.
‚Kojiro Hyuga, nimm nicht zu viel Rücksicht auf andere…was gehen dich die Gefühle Fremder an? Dein ganzes Leben lang hast du nur Rücksicht auf dich und deine Familie und Freunde genommen, warum also zögern? Weil Besuch da ist? So ein Blödsinn! Es gibt nur zwei Dinge die immer zählen, deine Gefühle und deine Familie und alle die du liebst. Ja genau, alle die du liebst.‘, geht in ihm vor.
Er berührt nun doch den Wasserhahn und braust sich aber nur unterhalb des Halses ab, seift sich kurz ein und braust sich wieder ab. Dann trocknet er sich ab und wickelt das Handtuch um die Hüfte, verlässt das Bad, greift zur Seite an die Flur-Tür, welche zur Treppe steht und immer offen ist, schließt diese und geht leise ins Schlafzimmer zurück, schließt die Tür hinter sich ebenso, dreht den Schlüssel um und sieht bestimmend auf seine Liebste, wie sie noch immer starr in Richtung Tür schaut.
‚Bettina, du bist wieder wie versteinert? Habe ich dich eben tatsächlich so durcheinandergebracht? Dann habe ich mich nicht getäuscht.‘
Er nimmt sie plötzlich liebevoll in die Arme und spürt ihre noch etwas feuchte aber heute auch kühle Haut.
‚Bettina, ich werde immer für dich da sein! Egal wer uns im Wege steht.
Nur wir bestimmen wann wir uns nah sein wollen!‘, geht in ihm vor und endlich bemerkt er wie ihre Anspannung durch seinen Kuss und seine Nähe gelöst wird und die Kälte aus ihr verschwindet.
Er blickt verliebt in ihr glückliches Gesicht, welches ihn plötzlich ansieht und ihre feuchten Augen lassen seinen Puls noch höher ansteigen als er sowieso schon ist.
„Kojiro, danke.“, sagt sie langsam und leise als der Kuss unterbrochen wird. Seine starken großen Hände kann sie endlich auf ihrem Körper spüren und ihr wird deutlich wärmer.
‚Ich bin so froh, dass du doch noch gekommen bist. Du hast es alleine bemerkt. Du hast bemerkt wie sehr ich deine Nähe brauche. Das ist die wahre Liebe, daran gibt es keinen Zweifel…immer wieder beweist du mir, dass es gar nicht anders sein kann.‘ Tina schließt die Augen und signalisiert ihm damit ihr unendliches Vertrauen. Kojiro beginnt ihre Wangen und die Augen zu küssen. Ihre Tränen verschwinden.
‚Kojiro…ich kann dir nicht widerstehen. Du machst mich immer so willenlos und ich genieße es so sehr, wenn ich mich in deiner Liebe verliere. Immer fühlt es sich so intensiv und schön an, dass ich nie genug davon bekommen kann. Dieser Tag heute soll etwas Besonderes werden und du, mein Liebster, du bist und wirst immer der Höhepunkt des Tages sein. Denn ich kann mich deiner Magie und deiner Wärme nicht entziehen. Überall spüre ich so viel und fühle unendlich viel von dir und deiner Liebe. Noch nie hat mich jemals jemand so berührt, dass ich derart alles um mich herum vergessen kann und mehr davon will. Alles Kojiro…sogar diesen schrecklichen Jahrestag.
Und jetzt, Liebster, jetzt will ich nichts mehr denken und nur noch bei dir sein.‘, entschließt sie innerlich.
‚Bettina, Liebste…heute bekommst du ein besonderes Verwöhnprogramm von mir. Du sollst heute nur noch an uns denken, wie sehr wir uns lieben.‘
Sie öffnet die Augen und sieht ihn verliebt und gedankenverloren an.
Beide geben sich ihren Gefühlen voller Leidenschaften hin.
84. Kapitel Kleine Auszeit U18
84.Kapitel
Kurze Auszeit (U18)
Kojiro und Tina stehen an den Waschbecken und beobachten die anderen wie sie zum Feld gehen und Katharina sich angeregt mit Ken und Karl-Heinz unterhält. Genzo entfernt sich nun auch und geht zu Ken und den anderen. Zeitgleich ist das Paar schnell im Notausgang verschwunden und steht nun hinter der Tür im Flur des Hallenkomplexes. Kaum hat sich die Tür geschlossen sehen sich die beiden verliebt an. Ihr Puls steigt und ihnen wird wärmer, als es ohnehin schon ist. Sie trauen sich beide gar nicht richtig sich zu berühren. Was würde passieren, wenn sie es täten? Es überkommt sie plötzlich ein unbeschreibliches Kribbeln in den Beinen und es durchfährt ihre Körper bis zum Kopf.
„Ich…ich kann…ich bin wie leer. Kojiro, ich kann plötzlich nur an dich denken. Als würdest du mich überall berühren. Was ist das?“, stammelt sie ganz leise und genießt seine Anwesenheit, so nah und so angenehm.
„Bettina…ich, ich würde am liebsten…“, spricht er mit fester Stimme und berührt ihr Haar und streicht mit der Hand zaghaft über ihr Gesicht.
‚Du bist so schön, Bettina. Wie soll ich mich nur immer zurückhalten, wenn ich doch deine Nähe brauche? Deine zarten Hände und deine Wärme?‘, geht in ihm vor und im nächsten Moment ist seine zweite Hand an ihrem Rücken und er zieht sie fest an sich und drängt sie dann an die Tür neben sich.
‚Kojiro, ich brauche dich. Aber ausgerechnet jetzt? Warum? Warum genau jetzt? Küss mich, ich erstarre sonst gleich wieder. Nimm mich einfach fest in deine starken Arme und küss mich.‘ In diesem Augenblick geht das Licht im Flur aus. Kojiro nutzt die Gunst der romantischen Situation und küsst sie sinnlich. Er weiß, solange der Flur dunkel ist, kann niemand in der Nähe sein. Plötzlich greift sie mit der linken Hand in ihre kleine Hosentasche und holt einen einzelnen Schlüssel heraus. Sie versucht ihn hinter sich ins Schlüsselloch zu stecken ohne den unbeschreiblichen Kuss zu unterbrechen, doch bei dem Versuch zittert sie zu sehr und er fällt ihr herunter. Kojiro bemerkt es in diesem Moment und ist verdutzt. Er unterbricht den Kuss abrupt und lächelt sie an. Durch seine Bewegung, sich zu bücken und den Schlüssel aufzuheben, reagiert der Bewegungssensor wieder und das Licht über ihnen geht an.
„Du willst hier rein?“, spricht er flüsternd. Sie nickt nur benommen und schaut ihm sehnsüchtig in die dunklen feurigen Augen.
„In die Umkleide?“ Wieder nickt sie nur und er vernimmt ihre Anspannung. ‚Bettina? Spüren wir gerade beide dasselbe? Haben wir beide plötzlich nur uns beide im Sinn? Fühlen wir beide, dass wir nur den anderen spüren wollen, egal was da draußen in der Welt passiert?‘ Er weicht ein klein wenig von ihr, streichelt mit der linken Hand ihren rechten Arm hinab und greift ihre Hand bestimmend, während er die Tür öffnet. Dann gehen sie um die Tür herum und verschwinden im dunklen Raum, welcher kurz darauf durch die Bewegungen ebenso das Licht aufweckt. Die Tür wird abgeschlossen und der Schlüssel von innen stecken gelassen.
„Bettina…“, sagt er leise, aber mit fester Stimme als könne er nichts anderes mehr sagen. Seine Gedanken sind gefangen im Moment des plötzlichen Verlangens nach ihrer Liebe. Sein Puls steigt enorm an und sein Griff ihrer Hand wird kräftiger bis sie anfängt ebenso kräftig zuzugreifen. Sie lächelt ihn an als würde sie ihm mitteilen wollen, dass sie ebenso seine Nähe spüren will. Ihr Herz schlägt lauter und sie überkommt schon wieder so ein Zittern und gleichzeitig ein Verlangen sich einfach nur in seinen starken Armen fallen zu lassen und seine Wärme und Stärke zu spüren.
„Kojiro, ich…liebe…dich.“, kommt über ihre Lippen, in der Hoffnung, dass er ihre Signale versteht. Dann berührt sie unerwartet sein Landeswappen auf dem blauen Trikot und kurz darauf nimmt er ihre Hand nach oben und lässt den Druck nach, aber greift nun zärtlich zwischen ihre Finger.
‚Wie schön es an dir aussieht. Es symbolisiert deinen großen Stolz.‘
„Ich…sorry. Ich…wollte dir nicht wehtun. Das…war…die Anspannung. Und…du bist…nur so…wunderschön.“, schaut er ihr verliebt in die hellen Augen und berührt dann ihren Rücken mit der anderen Hand.
Tina lächelt verliebt und dann schließt sie ihre Augen und haucht nur ein:
„Küss mich einfach.“ Die Anspannung löst sich in dem Moment, als sie sich voller Leidenschaft küssen und er ihre Hand loslässt, sie endlich wieder fest in die Arme nimmt und an sich drückt. Seine Arme sind um sie geschlungen und lassen sie deutlich spüren, dass er sie niemals wieder loslassen würde. Die extrem angespannte Situation zuvor an den Waschbecken, gegenüberstehend seine Rivalen auf dem Feld und nun auch privat, musste endlich aus dem Kopf. Wie sehr hat er sich zurückgehalten mit seinen Empfindungen ihnen gegenüber? Früher hätte er ihnen seine Meinung ohne Rücksicht auf ihre Gefühle an den Kopf geknallt, aber jetzt? Jetzt bemüht er sich extrem, sich zurückzuhalten. Warum eigentlich? Sie sind trotz allem Freunde oder gute Bekannte von Tina. Und es waren zwei Außenstehende dabei, die natürlich die Anspannung nicht bemerken durften. In dem Moment, als er Tinas Herzschlag spürt und sie sich endlich küssen können, löst sich langsam die unerträgliche Anspannung. Ihre Berührungen und Blicke lassen ihn deutlich wissen, dass nur er der Mann in ihrem Leben sein soll und ist. Nur ihm kann sie sich voll und ganz hingeben und ihm blind vertrauen. Nur er ist es, der ihr Herz endgültig erobern konnte und nur sie ist es, die in der Lage ist seine aufbrausende Art und sein Temperament so zu zügeln, dass er keine gravierenden Fehler mehr machen wird. Ohne dass es die beiden richtig realisieren folgen sie im nächsten Moment nur noch ihren Gefühlen. Tinas Arme umfassen seinen kräftigen Oberkörper und greifen dann verlangend im Taillenbereich den angenehmen Stoff seines Trikots. Wohlwollend vernimmt er ihre Berührungen und er tut es ihr gleich, indem er mit der rechten Hand hastig ihr Trikot nach oben schiebt und die Haut ihres warmen Rückens spüren kann. Dann spürt sie seine Linke auf dem Hot Pants und genießt seine bestimmenden Zärtlichkeiten. Ihre Küsse werden verlangender und plötzlich zieht sie ihm das Trikot mit dem Shirt zusammen aus der Hose und greift ebenso auf seinen Rücken, um seine Wärme zu fühlen. Tina versucht aus ihren Turnschuhen zu schlüpfen, was ihr jedoch nicht gelingt, da sie ihr dafür zu eng geschnürt sind. Kojiro geht es ebenso. Er drängt sie daraufhin langsam zurück bis fast an die Wand und deutet an, dass sie sich hinsetzen soll. Tina ist etwas benommen, seine Berührungen fühlen sich viel zu intensiv an, als sie unterbrechen zu wollen, aber sie weiß, wenn er eine Idee hat, kann es nur noch aufregender werden. Also beugt sie sich sofort seinem Vorschlag und setzt sich auf die Bank hinter ihr. Dann kniet er sich mit einem Bein vor sie hin und beginnt ihre Schnürsenken zu öffnen, zieht einen Schuh nach dem Anderen langsam ab, ebenso ihre Socken und dann fährt er mit seinen Händen ihr linkes Bein zärtlich hinauf, am Knieschutz vorbei bis zum Schenkel.
„Wollen wir uns abkühlen?“, fragt er leise und deutet mit dem Blick auf die Tür zu den Duschen. Ihre Augen leuchten und sie fasst ohne ein Wort zu sagen seine Wange. Sie ist viel zu aufgewühlt, um etwas zu sagen. Daraufhin zieht er sanft am Knieschutz und gleitet es hinunter bis über ihren Fuß. Ihr Herz rast und auch sein Puls steigt enorm an. Als er ihr rechtes Bein berührt und ebenso den Schutz abzieht beugt sie sich ihm entgegen und statt ihm in die Augen zu sehen greift sie zu seiner Stulpe und löst die Schleife.
In wenigen Minuten hat Tina ihm die Stulpen ausgezogen und seine Schienbeinschoner und Strümpfe ebenso. Kojiro steht vor ihr und sieht zu ihr herab. Beide blicken sich erwartungsvoll in die Augen und halten sich die Hände. Plötzlich steht sie auf und weicht mit dem Blick nicht aus.
„Kojiro…es fühlt…sich wieder…alles neu an.“ Er löst seine Hände und nimmt ihren Kopf zärtlich, streichelt ihr Gesicht und fährt durch ihr blondes Haar. Dann berührt er ihren Hals und ihren Nacken und fasst die Kette an. Er lächelt sie verliebt an und sagt nur, dass es sich immer besonders anfühlt und sie außergewöhnlich ist.
„Deswegen habe ich mich in dich verliebt.“, haucht er.
„Das bist du auch.“ Sie berührt dann sein Gesicht und führt es zu sich. Er geht auf sie ein, hält ihren Kopf und küsst sie sinnlich. Sie schmiegen sich wieder fest aneinander und bewegen sich langsam in Richtung Duschräume. Endlich können sie wieder den Puls des anderen spüren und hastig und verlangend werden ihre Berührungen intensiver.
‚Bettina, immer wenn wir zusammen sind ist alles so unglaublich intensiv. Du bist so liebenswert und so schön. Es fühlt sich wie ein Traum an in deiner Nähe zu sein und trotzdem kann ich dich mit allen Sinnen genießen.‘
Beide wissen, dass ihnen nur wenige Minuten vergönnt sind, sonst würde man sie vermissen. Sie haben sich bewusst verabredet und eine längere Pause angesagt, nur um beisammen zu sein, ohne die anderen, alleine wollten sie sein. Endlich ist der Moment gekommen und diese unbeschreibliche schöne Möglichkeit hat sich ergeben. Eigentlich wollten sie sich nur umarmen, küssen und reden. Endlich können sie die Aufregung vom Vormittag hinter sich lassen, die Sorgen um Andere und die ungewisse Situation in der Gaststätte. Wird alles gut ausgehen? Haben die wirklich etwas vor? Haben die Leute wirklich etwas mit ihren Eltern und dem Einbruch zu tun? Wie viele Leute sind das? Ist noch jemand auf der Suche nach Karl? Werden sie hier auftauchen?
All diese Fragen sind plötzlich gar nicht wichtig, denn sie haben sich. Für diese kurze Auszeit zählt einzig und alleine das Hier und Jetzt, nur ihr bedingungsloses Vertrauen zueinander und die Sehnsucht nach Liebe und starken Gefühlen.
‚Du bist so zärtlich und trotzdem so bestimmend. Kojiro, lass mich nie wieder los. Wie schön wird es nur werden, wenn wir uns jeden Tag haben? Wie besonders wird das sein? Ein Alltag mit dir, das wird eine sehr große neue Herausforderung. Aber jetzt, mein Liebster, jetzt zählt nur das Hier und Jetzt. Dieser Moment, deine Wärme und deine Sinnlichkeit.‘
Plötzlich sind jegliche Sorgen und Gedanken von ihnen gewichen und das unendliche Gefühl von absoluter Hingabe ist für beide zu spüren.
Tina schaut zum Himmel hinauf, als sie erneut am Waschbecken steht. Neben ihr hält sich Kojiro gerade den Kopf unter das kalte Wasser und genießt die Abkühlung. Das braucht er jetzt, denn dieser unbeschreibliche Moment zuvor mit Tina in der ungenutzten Umkleide war sehr berauschend und unendlich schön. Die Abkühlung lenkt ihn ab und wenn ihn jetzt jemand mit nassen Haaren sieht, schöpft niemand Verdacht, denn er macht das ständig, wenn ihm zu warm wird und das Wasser, was ihm dann aus den Haaren herunterläuft empfindet er immer als sehr angenehm. Es erinnert ihn auch immer an seine Trainingszeit mit seinen Freunden Ken und Takeshi und Trainer Kira auf der stürmischen Insel Okinawa. Tina tut es ihm gleich, so fällt es bei ihr nicht auf, dass ihre Haare nass sind. Genau in diesem Moment kommen Tsubasa, Trainer Mikami, Karl-Heinz und Andrea mit den beiden Hauptkommissaren um die Ecke und gehen auf die beiden zu.
„Tina, wir suchen Marie. Hast du sie gesehen?“, entgegnet Karl-Heinz besorgt. Das junge Paar ist verdutzt und beide richten sich auf. Tina greift zum Handtuch und trocknet sich die Haare ab.
„Wie kann das sein? Andrea, wie kann sie dir denn abhandenkommen?“, wirft sie ihr einen enttäuschten Blick zu.
„Ich kann nichts dafür. Sie hat mich plötzlich angeschrien und ist wütend in der Halle verschwunden. Ich dachte sie beruhigt sich dann wieder und kommt nach einem Toilettengang wieder raus, aber nein. Bis jetzt kein Zeichen vor ihr. Deswegen suchen wir sie ja überall. Ich war schon in der Halle, das ist zwar riesig, aber so viele Möglichkeiten gibt es ja nicht, wenn eh fast alles abgeschlossen ist. Sie kommt ja nirgends groß rein.
Ich denke nicht, dass ihr was passiert ist, von außen kommt ja keiner weiter aufs Gelände.“ Tina setzt einen ernsten Blick auf.
„Darum ging es mir weniger, als ich dir den Auftrag gegeben habe. Ich hatte dich gebeten Marie und das Sicherheitsteam im Auge zu behalten.“, erklärt sie streng auf Japanisch. Alle sehen sie verwundert an. Karl-Heinz und Uwe verstehen kein Wort und sehen sich daraufhin fragend an.
„Bettina, hat das was mit der seltsamen Verwechslungsaktion gestern zu tun?“, wirft Trainer Mikami ein. Ihm erscheint plötzlich das seltsame Bild, als der große Sicherheitschef Tina am Arm festhielt und dann behauptete sie wäre eine Betrügerin.
„Trainer, mussten Sie das jetzt unbedingt erwähnen? Ja, darum ging es. Ich wollte aber dem Team keine Probleme machen und ich war ohnehin genug angespannt, kurz bevor wir alles preisgegeben haben.“
„Wovon redest du?“, kommt fast zeitgleich von Tsubasa und Kojiro. Saito sieht Tina nur fragend an und ist etwas irritiert.
‚Was meint sie damit? Welche Verwechslung? Hat sie mich deswegen nach einer zusätzlichen Überprüfung gebeten?‘ Plötzlich platzt Karl-Heinz der Kragen.
„Könntet ihr mal auf Englisch reden?! Immerhin geht’s hier um meine Schwester! Was ist los?!“, äußert er wütend, verschränkt die Arme und sieht Tina und Mikami erbost an. Alle sind erstaunt, dass er mal richtig laut wird.
Tina versucht ruhig zu bleiben. Sie kennt Karl-Heinz, wenn er mal wütend wird, kommt er so schnell auch nicht wieder runter.
„Karl, mach dir keine Sorgen. Es wird schon nichts sein. Ich gehe sie gleich suchen.“, dann schaut sie zu Saito und spricht ihn ernst an.
„Kommissar, haben Sie die Person gecheckt, um die ich Sie gebeten habe?“ Er nickt.
„Der Mann ist laut Akten sauber. Mamoru Kato hat die Firma vor etwa zehn Jahren gegründet und es gab nur die besten Rezensionen. Er ist ein Profi auf seinem Gebiet und hat schon viele Prominente betreut. Unter anderem auch Herrn Hyuga und das Tokio-Team. Deswegen sind sie sicher hier, da man sein Team kennt und ihm vertraut.“, erklärt er sachlich.
„Also er hat jedenfalls nichts damit zu tun, was Marie betrifft. Herr Kato steht noch immer vorne am Einlass. Ich habe ihn selbst seit gestern mehr im Blick und deswegen weiß ich es, dass er bis jetzt dastand. Was auch immer gestern wirklich war, jetzt hat er nichts damit zu tun.“, erklärt Mikami sachlich.
Karl-Heinz sieht überrascht zu Tina.
„Was war denn gestern? Was hat der Sicherheitschef damit zu tun?“, brummt er sie an.
„Es war vermutlich nur ein Missverständnis aber ich kann ja nicht in die Leute reinsehen und gehe lieber auf Nummer sicher.“, versucht sie es herunterzuspielen und etwas drumherum zu reden.
„Ich werde nochmal ins Gebäude gehen und alle Räume absuchen. Sie wird sicher nur irgendwo sitzen und malen.“
„Du lenkst ab.“, murrt Karl-Heinz.
„Wenn der Mann nichts damit zu tun hat, ist es doch jetzt egal. Ich gehe und suche sie und gebe sofort Bescheid.“ Tina dreht sich zu Kojiro um und bittet ihn sie kurz zu begleiten. Natürlich willigt er ein und hofft, sie würde ihm erzählen was los war. Sie greift in ihre Hosentasche und holt den Schlüssel heraus und sie gehen zur Notausgangstür. Andrea ist überrascht.
„Tina, was hast du vor? Die Tür ist doch von außen verriegelt.“ Sie hebt ihre Hand.
„Nicht für mich, meine Liebe. Deswegen werde ich Marie auch finden. Ich komme in jede Tür.“ Kurz darauf sind beide im Gebäude.
‚Das erklärt natürlich einiges. Ich habe mich vorhin schon gewundert.‘, fällt Andrea auf. Als sie zuvor durchs Gebäude lief fielen ihr seltsame Fußspuren auf. Saito geht auf Trainer Mikami zu und spricht ihn ernst an.
„Was war gestern? Erzählen Sie es mir.“, sagt er sehr bestimmend.
Alle anderen sehen ebenso ernst zu ihm und fordern auch eine Erklärung. Trainer Mikami lehnt es jedoch ab.
„Da Bettina es nicht selbst erzählt hat, lasse ich es auch so. Sie wird ihre Gründe haben, warum sie nicht darüber reden will. Auf ihre Menschenkenntnis konnte man sich immer verlassen.“, erklärt er sachlich.
„Das sehe ich genauso und kann dem nur zustimmen. Jedoch kann diese Situation nicht ganz unwichtig sein, wenn es hier um den Schutz meiner Zeugen geht. Sie wissen doch weswegen wir hier sind.“, versucht Saito es auf die nette Art. Der Trainer jedoch macht dicht.
„Auf keinen Fall. Fragen Sie sie selbst.“ Mikamis Blick wird zornig und Saitos Puls steigt enorm an. Was wagt es dieser Mann überhaupt ihm als Hauptkommissar derart zu widersprechen? Und wieso ist ihm Bettinas Meinung derart wichtig? Wer ist er denn, dass er Bettina so gut kennt, dass er ihr derart viel Vertrauen entgegenbringt? Er ist doch nur der Trainer des Japan-Teams. Was hat er mit Bettina zu tun?
„Sie sind aber auch ein sturer Bock! Stur wie eh und je. Nun rücken Sie schon raus, Trainer. Was war gestern mit Tina und diesem Kerl?“, faucht Karl seinen ehemaligen Trainer an. Tsubasa ist entsetzt, denn plötzlich gehen irgendwie alle auf seinen Trainer los. Saito geht einen Schritt auf Mikami zu und bäumt sich provozierend vor ihm auf.
„Ich bitte Sie ein letztes Mal, als ein Freund von Bettina-san, uns, oder wenigstens mir, von dem Vorfall zu erzählen. Es könnte Relevant sein. Ich möchte den Fall heute gerne ohne Zwischenfälle abschließen. Und ich möchte vor allem Bettina-San helfen.“, erklärt er sehr ernst. Karl und Tsubasa sehen sich verdutzt an und dann den Kommissar. Mikami ist ebenso erstaunt.
„Freund? Sie sind befreundet? Ich dachte Sie seien der ermittelnde Kommissar?“
„Das bin ich auch. Ich habe bewusst diesen Fall persönlich übernommen. Ich bin eigentlich für die Leitung vom Revier 84 zuständig. Bettina und ich sind etwa seit vier Jahren befreundet. Wir kennen uns über meine Tochter, welche mit ihr zusammen an der Uni gespielt hat.“ Mikami zögert trotzdem etwas.
„Kommissar Saito? So heißen Sie doch, oder?“, kommt Tsubasa plötzlich auf ihn zu. Der Teamchef sieht freundlich zu dem strengen Kommissar auf.
‚Das ist also Japans Nummer 10. Ohzora. Der beste Spieler des Teams und Kapitän. Meinen Informationen zufolge soll er ein sehr netter Mann sein mit viel Einfühlungsvermögen und er ist wahnsinnig stark im Spiel. Er spielt im Top Verein FC Barcelona als Mittelfeldspieler. Er ist der Mann von Bettinas Lehrling. Frau Nakazawa hat sie bewusst mit Mädchennamen in den Akten stehen, damit es nicht gleich auffällt. Wieso spricht er mich jetzt so persönlich an? Weiß er etwa, dass wir befreundet sind?‘
„Genau, Hauptkommissar Takeru Saito.“ Tsubasa lächelt ihn freundlich an.
‚Dann ist er der Kommissar, der Tina damals bei der Toho angetroffen hat. Bei einem Gespräch ist ihr das mal herausgerutscht, dass sie einen Kommissar bei einer Volleyball-Freundin wiedergetroffen hat. Er habe die Situation an der Toho ermittelt. Das ist er also.‘, geht durch seinen Kopf.
„Kann ich kurz unter vier Augen mit Ihnen reden?“ Saito stimmt zu und beide entfernen sich etwas von der Gruppe.
„Ich mache es kurz. Ich habe nur eine kurze Frage. Ich weiß, dass Sie mir diese eigentlich nicht beantworten dürften, aber es wäre ratsam. Dann kann ich meinen Trainer überzeugen Ihnen zu helfen.“, spricht er ernst aber freundlich.
„Okay.“
„Sind Sie der Kommissar, der Tinas Vorfall an einer gewissen Schule aufgenommen hat?“ Saito ist sehr erstaunt. Wie kann es sein, dass er davon weiß? Sind die beiden durch seine Frau so eng befreundet, dass sie ihm gegenüber davon erzählt hat? Er nickt.
„Das bin ich, ja.“
„Beweisen Sie es. Sagen Sie mir welche Schule es war.“
„Es war die Schule auf der unter anderem Herr Hyuga ging. Es waren mindestens vier Männer aus Ihrem Team auf dieser Schule.“
„Stimmt. Und warum ist Ihnen Tina so wichtig, dass Sie den Fall selbst übernommen haben?“ Saito blickt ihm in die ehrlichen grauen Augen, klar und durchdringlich.
‚Er hat einen sehr ehrlichen Blick.‘
„Sie hat unserer Familie zweimal durch eine schwere Krise geholfen.“, kommt nur als knappe Antwort.
„Okay. Überlassen Sie mir den Rest, ist das in Ordnung für Sie?“
„Wenn es uns weiterhilft. Gerne. Aber sagen Sie, Herr Ohzora, warum? Warum helfen Sie mir?“
„Natürlich, weil Tina eine Freundin ist. Und ich weiß nun, dass Sie auch ein Freund sind.“, lächelt er und dann entfernt er sich und geht zu seinem Trainer. „Sie können ihm vertrauen. Sagen Sie es ihm ruhig.“
„Bist du sicher? Ist er wirklich ein Freund oder nur ein Kommissar, der sich wichtigtun will? Ich kann Wichtigtuer nicht leiden.“
„Ich bin mittlerweile lange genug mit Tina befreundet, um zu wissen welche Fragen ich jemanden stellen muss, um zu erfahren, ob die Person ein Freund ist oder nicht. Es muss eine enge Freundschaft sein, glauben Sie mir. Sie können ihm vertrauen. Er wird nichts tun, was ihr oder uns schaden würde.“
Trainer Mikami willigt plötzlich ein und fordert von Tsubasa Genzo zu holen, da er ebenso Zeuge der Angelegenheit war. Er macht sich sofort auf den Weg und pfeift ihn heran. Unterdessen spricht Mikami Karl-Heinz ernst an.
„Wieso bezeichnest du mich bitte als sturen Bock? Was meinst du damit?“
„Also echt, ist Ihnen das wirklich nicht klar? Was meinen Sie wieso wir ständig nach der normalen Trainingszeit noch heimlich Sondertraining gemacht haben? Immer wenn wir mal einen Vorschlag hatten für eine Veränderung oder Verbesserung haben Sie es abgelehnt, ohne es wenigstens mal auszuprobieren. Das nenne ich stur. Immer nur an alten Methoden festhalten.“ Plötzlich faucht Mikami ihn an.
„Du hast sie doch nicht alle. Von wegen alten Methoden. Das kam dir vielleicht so vor, denn im Gegensatz zu eurem alten Torwart-Trainer habe ich dafür gesorgt, dass ihr euch nicht zu sehr verletzt. Ich trainierte Genzo und euch damals nach den neusten Methoden und bin regelmäßig zu Schulungen gefahren die für Jungendförderung zuständig waren. Das mache ich auch heute noch. Was meinst du wieso Genzo, Ken und Morisaki so gute Keeper sind? Und nur durch euren jugendlichen Leichtsinn und eure eigene Sturheit habt ihr euch teilweise so sehr verletzt, dass man es teilweise heute noch sieht. Nicht mein Training war euch im Weg, sondern eure Besessenheit! Das hätte nicht sein müssen.“ Saito ist erstaunt. Nun wird ihm plötzlich einiges klar. Die Verletzungen an Tinas Rücken lassen sich erklären und warum sie es nicht sagen wollte wo diese herkommen.
‚Das steckt also dahinter. Hätte sie es verraten, dass es vom Training kommt, hätte der Verein und auch dieser Trainer eventuell Probleme bekommen, da sie als Mädchen im Jungenteam war. So langsam kommen die Puzzlestücke zusammen. Er war also damals ihr Trainer für die Keeper-Ausbildung. Dieser Mann muss viel von ihr halten, wenn er sie in Schutz nimmt, sogar vor mir, der Polizei.‘
Er spricht Mikami freundlich an.
„Sie haben Bettina-san ausgebildet? So richtig vorstellen kann ich mir das nicht. Ein Mädchen zwischen den Jungs, und dann mithalten mit so starken Sportlern, wie Sie zum Beispiel, Herr Schneider.“ Karl mustert den Kommissar genauer. ‚Was hat Ohzora ihn gefragt, dass er sich von seiner Freundschaft überzeugen lassen hat? Wer ist dieser Mann überhaupt? Wir haben vorhin miteinander telefoniert. Da klang er einfach nur wie ein Polizist. Ernst und versiert. Und hier, hier spielt er die Freundeskarte aus. Was verbindet die beiden und was weiß er über Tina?‘
„Darf ich das beantworten, Sir?“, entgegnet Karl dem Kommissar und schaut auch zu Mikami. Dieser willigt ein.
„Wir wussten alle nicht, dass sie ein Mädchen ist. Eines Tages kam ihr Bruder Stephan zu uns ins Team und dann nach ein paar wenigen Wochen brachte er seinen kleinen Bruder Tino mit. Unser Keeper war derzeit etwas verletzt und Tino sprang spontan ein und zeigte bessere Leistung als er. So wurde Tino schnell im Team akzeptiert. Das kam selten vor. Tino, bzw. Tina besetzte den Posten des ersten Keepers. Herr Mikami und Genzo kamen erst etwa zwei Jahre später zu uns. Er ist ebenso davon ausgegangen, dass Tino ein Zwillingsbruder ist. Der Zwillingsbruder von Tina, Stephans jüngerer Schwester. Letztendlich war sie es selbst. Später erzählte sie mir mal, dass sie in Rostock Probleme hatte. Die Jungs wollten sie nicht haben, weil sie ein Mädchen war und die Mädchen wollten nicht mit ihr spielen, weil sie zu gut war. Zu schnell oder keine Ahnung was.
Als sie dann nach Hamburg gezogen sind kam Stephan zu uns. Er hat ihr wohl so viel vom Team vorgeschwärmt und kaum noch mit ihr gespielt, dass sie uns kennenlernen wollte. Letztendlich wollte Tina immer nur mit ihm spielen.“ Kommissar Heinemann bringt sich ein.
„Also hat sie sich als ihren eigenen Zwilling ausgegeben?“ Karl nickt nur und schaut etwas nachdenklich.
„Und wann haben Sie erfahren, dass sie ein Mädchen ist?“ Der Stürmer schaut ihn verwundert an.
„Wie kommen Sie denn jetzt darauf, dass ich es wusste? Keiner der Jungs wusste es, außer Genzo.“
„Sie haben doch eben gesagt, dass Frau Fuchs es Ihnen mal erzählt hat, also wieso sie im Team war. Das kann also nicht erst heute oder vor Kurzem gewesen sein.“, stellt er ihn auf die Probe. Beide sehen sich ernst an. Dann weicht Karl ihm aus und blickt nachdenklich zur Seite.
„Das spielt doch gar keine Rolle. Es war erst kurz vor Stephans Tod.“
136. Kapitel Frau Delfine Simon U18
Kapitel 136
Frau Delfine Simon
Ein paar Minuten später sah Schmitt wieder auf das Foto und lächelte diesmal.
„Warum, Tina, warum hast du mir geholfen?“
„Weil Sie der Erste waren, der an mich geglaubt hat. Sie haben etwas in mir gesehen und mir einen neuen Lebensinhalt und eine neue Herausforderung gegeben. Deswegen.
Und!
Weil ich nur Profis um mich gebrauchen kann, wenn ich irgendwann etwas erreichen will. Und Sie, Sie sind doch ein Profi! Nicht wahr!?“ Er nickte nur und lächelte.
„Danke. Sehen wir uns heute Nachmittag zum Training?“
„Natürlich. Aber keine Ahnung wann. Ich bin jetzt echt spät dran. Da darf ich sicher nicht nur Eimer halten, wenn ich da gleich auftauche. Bei gut einer halben Stunde wird wohl nachsitzen angesagt sein. Umziehen muss ich mich ja auch noch. Mein Zeug liegt hier im Spint.“
„Tut mir leid. Jetzt bekommst du meinetwegen so einen Ärger. Wer weiß was da noch wegen der Tanzaktion kommt.“
„Ach, nicht schlimm. Sie sind doch viel wichtiger als der langweilige Unterricht. Und wie gesagt, im Moment verpasse ich da nichts. Europa kenne ich ja immerhin. Die Länder und ihre Hauptstädte sollten ja wohl kein Problem für mich sein, die kenne ich im Schlaf. Einige davon habe ich selbst besucht, also kein Ding.“
„Oh, stimmt. Was hat dir bisher am besten gefallen? Also welche Hauptstadt? Franziska hat immer von Paris geträumt. Die Stadt der Liebe.“ Tina lächelte und sah ihn dann fröhlich an.
„Es ist tatsächlich Paris, aber nicht der Stadt wegen, es sind eher die Erinnerungen daran.“
„Oh, welche Erinnerungen?“, war er erstaunt.
„Ich werde danach nie wieder über dieses Thema reden, ist das klar? Sie können sich ja wohl denken was das Ganze für einen Ärger gibt, wenn da jemand dahinterkommt.“
„Ach so, es geht um den Sport?“
„Ja. Ich war vor zwei Jahren mit zur Europameisterschaft und…wir haben den Titel geholt. Ich im Tor, aber im Finale dann in der Abwehr. Die Franzosen waren sehr stark und da wurde ich eher dort gefragt und es ging auf. So wie es jetzt geplant ist, ein Überraschungsmoment, Trainer. Keiner hat damit gerechnet, denn das Team stand anders dar.“
„So viel zum Thema Ehre und Stolz.“, grinste er sie dann an.
„Na ja. Kann man so sagen.
Trainer, machen sie jetzt was wir abgesprochen haben? Organisieren Sie uns einen Krafttrainingsraum? Auch Sie haben was davon. Stellen Sie sich mal bei Martin im Oda-Fitnessstudio vor. Er kennt sicher ein paar passende Übungen für Sie. Eine gewisse Fitness kann Ihnen bestimmt nicht schaden. Und es ist sehr befreiend sich etwas auszupowern. Das kennen Sie doch sicher noch selbst vom Training.“
„Okay, ich denke darüber nach. Ich versuche mal mein Glück beim Direktor.“
„Was heißt hier versuchen? Versuchen reicht nicht!“ Sie sah ihn ernst an.
„Ich muss schauen was die Gelder sagen. Darauf kommt es an.“
„Das verstehe ich. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Team weniger Sponsoreneinnahmen hat als die Volleyball-Männer oder die Juns Team. Immerhin haben die laut der Aushänge scheinbar die letzten vier Qualifikationen verloren und waren somit nicht mal zur Nationalmeisterschaft dabei. Und das viermal in Folge. Ihre Mädels jedoch schon. Und da Yako und ich an sehr interne Informationen der Toho gekommen sind, stocken die jetzt mächtig auf. Da sollen neue Spielerinnen und Spieler kommen und mit Sicherheit haben die sowas wie Krafttrainingsräume für alle ihre Sportler. Anders kann ich mir das an so einer Schule nicht vorstellen. Ich kann meinen Vater ja mal fragen, denn er hat sich die Schule angesehen. Ich sollte dort doch auch hingehen. Ich entschied mich aber für die Musashi.
Wenn die aber im nächsten Jahr die Spieler aufstocken, weil auch dort die großen gehen, kann es sicher eng für uns werden, wenn unsere Besten alle aufhören. Wir müssen also jetzt schon, wenn möglich sofort, etwas unternehmen.“ Sie grübelte einen Moment und dann hob sie den Finger.
„Ich habe eine Idee. Der dortige Direktor sagte, die Qualifikationsspiele zwischen unseren Schulen seien national in der Wertung genauso hoch angesehen wie ein Finale des eigentlichen Turniers und an diesem Tag kommen deswegen auch Talentscouts und Sponsoren. Was ist mit dem Freundschaftsspiel an dem Weihnachtsturnier? Ist das dann auch so gut besucht? Kommen diese Leute auch dann?“ Er grinste plötzlich.
„Was du schon alles weißt. Ja, in der Regel kommen die auch an diesem Tag, deswegen werden ja auch die stärksten Teams der Stadt eingeladen. Es gibt immer einen dreier Wettkampf. Wir, die Volleyballer, dann die Rugbyspiele rund die Baseballer. In unserem Fall sind es die Gegner der Toho, bei den anderen Sportarten sind es andere Schulen. Es gibt ein Preis, der besteht aus ein paar netten Weihnachtspräsenten und eine nette Urkunde für die Siegerteams. Alle Spiele finden hier bei uns statt. Deswegen kommen Sponsoren, Scouts wie auch als Zuschauer die Familien der Spieler. Die Halle ist voll. Es wird nur ein kleiner Eintritt für die Unterhaltungskosten verlangt, so kann es sich jeder mit der Familie leisten.“
„Okay, wir brauchen im Notfall die Sponsoren. Das trifft sich doch gut. Lassen Sie uns heute Abend reden. Ich will meinen Ball einüben, gestern und heute Früh ging es ja leider nicht mehr. Wenn ich da was vorzeigen kann, dann sehen sie sich das an und urteilen, ob das Potenzial hat. Fertig ist er noch nicht.
Aber wenn wir es schaffen durch einen Sieg an diesem Spiel die Sponsoren zu locken, dann könnte doch unter entsprechender Argumentation der Rest, der gebraucht wird zusammenkommen, oder? Wir mussten immer Sponsoren direkt sagen was wir wollten, dann konnte die ganz anders spenden und helfen als nur Geld zu senden. Das könnte hier doch auch ähnlich laufen, oder?“
„Das stimmt. Ja, eine direkte Sachspende ist immer leichter abzurechnen, als alles andere.“
„Okay, dann machen wir das so. Heute zeige ich Ihnen den bisherigen Ball, dann spreche ich mit Martin durch, was wir am besten und kostengünstigsten an Geräten gebrauchen könnten. Gibt es denn einen Raum, denn wir dafür nutzen könnten?“
„Eventuell der Trainingsraum der Rugbyspieler, denn die bekommen aktuell einen neuen. Der wird in der anderen Halle, welche näher an ihrem Sportplatz steht, renoviert. Ihre Geräte ziehen also um und dann wäre der Raum frei, würde ich sagen.“
„Das ist doch perfekt. Dann gehen Sie doch heute schon zum Direkter und sagen ihm, dass wir so einen Raum brauchen und zwar zeitnah. Vielleicht haben wir ja auch Glück und er stimmt ohne weiter zu murren zu. Das erleichtert uns die Arbeit und verlängert unsere Trainingszeit damit. Sagen Sie ihm das ruhig, dass es drängt. Morgen bringen Sie ihm dann die Liste mit, von dem was gebraucht wird. Wir stellen dann schon die Geräte ein, wenn sie da sind und inzwischen können wir einen passenden Trainingsplan erstellen. Vielleicht dürfen wir ja sogar den Raum etwas gestalten, das bringt Spaß, Ablenkung und das Team lernt sich mal außerhalb des normalen Trainings kennen und erschaffen etwas gemeinsam. Das stärkt den Teamgeist.“
„Selbst gestalten? Meinst du jetzt mit Postern oder Farben?“
„Ja, das soll ja nicht aussehen wie im Krankenhaus. Die Männer machen sich da nix draus, aber Frauen mögen es doch gerne etwas modern und farblich. Das muss ja nicht die Welt kosten. Ich kann ja mal in einen Baumarkt oder so fahren und schauen was da an Kosten kommen. Ich kenne mich hier ja nicht so aus. Vielleicht hat die Schule selbst noch ein paar Reserven im Lager von irgendwelchen Klassenraumaktionen oder einem Fest. Dann muss nicht so viel neu besorgt werden.“
„Sprich mit den anderen darüber, dann weißt du was sie wollen.“
„Ne, auf keinen Fall. Das machen Sie. Reden Sie mit Yako, was Sie vorhaben und machen ihr den Vorschlag. Vielleicht geht sie ja zusammen mit Ihnen zum Direktor.“
„Aber das war doch deine Idee, nicht ihre.“
„Kann man so nicht sagen. Wir waren gestern bei den Rugbyspielern im Trainingsraum und haben mit ihrem Kapitän für heute alles abgesprochen und da habe ich meinen Unmut bereits kundgetan. Sie wird wissen, dass das auf meinen Mist gewachsen ist. Sie ist vorgewarnt, dass ich eventuell das Thema mit Ihnen bereden könnte. Sie ist der Kapitän, und das soll sie erledigen. Ratschläge von einem Spieler anzunehmen ist nur normal. Ist doch egal wer die Idee hat, Hauptsache die Sache wird erledigt.“
„Gut, ich kümmere mich darum. Jetzt geh aber lieber, sonst kommst nicht nur zu spät.“ Tina sah auf ihre Uhr.
„Oha, ja. Das wird Ärger geben.“ Sie ging zur Tür.
„Ach, der Zettel, den stecken Sie sich, so wie er gefaltet war, ein. Dann können Sie ihn immer dann nutzen, wenn er gebraucht wird.“, lächelte sie.
„Mache ich. Danke nochmal.“, lächelte er zurück. Tina berührte die Türklinke und machte nochmal Halt und sah dann plötzlich ernst zu ich.
„Und noch etwas:
Wehe Sie ziehen noch einmal so über mein altes Team her. Das waren alles gute Jungs. Sie standen immer füreinander ein und als mein Bruder mit zwölf ins Team kam, da hatte er das erste Mal in seinem Leben richtige Freunde. Vorher gab es nur ein „Wir beide“. Sie waren die ersten, die ihn mal akzeptiert haben wie er war. Das traf auch auf mich zu. Die Mädchen mochten mich nicht, weil ich ihnen zu gut war und die anderen Jungs verspotteten mich, weil ich ein Mädchen war.
Hier, Trainer, hier kann ich endlich mal sein was ich bin, ein Mädchen in einem Mädchenteam. Und der Ball und das Netz, sie sind erneut meine treuen Weggefährten, nur anders. Und nur wenn ich ihn in den Händen halte und hier in der Halle bin, nur dann sind diese furchtbaren Bilder von diesem Überfall weg. Keiner darf je erfahren was Sache war, sonst würde man ihnen allen die Erfolge absprechen und ich will gar nicht wissen was das für Probleme für den Verein und den Verband geben würde.“ Dann verließ sie einfach den Raum.
„Ähm, was war das denn eben?“, kam total verdutzt aus dem Mund des Rugbytrainers.
„Wieso hat sie jetzt von Genzo Wakabayashi gesprochen? Ich denke sie mag keine Fußballer?“, fragte der Fußballtrainer. Inzwischen hatten sich alle hingesetzt und sehr aufmerksam das Gespräch verfolgt. Frau Simon hatte nebenbei übersetzt so gut sie in der Schnelle konnte und war selbst total verdattert. Ihr liefen ein paar Tränen die Wange herunter und ihr wurde plötzlich ganz kalt. Der Direktor fasste sich an die Stirn und fluchte etwas leise vor sich hin.
„Das konnte ja keiner ahnen.“
„Was konnte keiner ahnen?“
„Na, dass dieser Name fällt.“, murrte er weiter.
„Welcher? Wakabayashi? Reden wir jetzt hier ernsthaft von unserem Junioren Keeper Genzo Wakabayashi? Wie kann das sein?“
„Ähm, ja.“
„Lassen Sie sich doch jetzt nicht alles aus der Nase ziehen. Wieso kennen die sich? Und warum geht sie dann meinem Team aus dem Weg? Und was ist mit ihrem Bruder? So richtig kam das nicht rüber, was da jetzt war.“
„Es ist etwas kompliziert.“
„Oh man. Ich glaube zu wissen worum es geht. Sie kennt Wakabayashi vermutlich, weil sie selbst Fußball gespielt hat. Sie erwähnte doch eben, im Tor stehen zu müssen, hätte ich diese Herausforderung gemacht. Also kennen die sich daher. Wo hat sie denn gewohnt? Es klang alles so seltsam, dass es sogar klang als hätte sie mit ihm zusammengespielt. Aber das ist doch Unsinn. Ein Mädchen bei diesen starken Jungs? Wiederum erklärt es ihre Fitness. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt wie das sein kann.“
„Direktor, klären Sie uns mal auf. Wir werden es auch alle für uns behalten. Es muss ja sehr wichtig sein, dass es keiner erfahren darf, oder?“
„Verdammt. Ich habe es ihren Eltern versprochen. Ich musste sogar ein Schriftdokument unterzeichnen, dass die Infos nicht rausgehen. Die Kleine weiß es auch nicht, dass sie mich aufgeklärt haben. Ich habe aber damals, als sie sie angemeldet haben, darauf bestanden zu erfahren warum sie so kurzfristig umgezogen sind. Wir haben einen Ruf zu verlieren, wenn wir unnötig viele Schulabbrecher haben. Ich musste sichergehen, dass dieses Mädchen in der Lage ist mitzukommen. Immerhin bleiben nicht mehr viele Jahre.“
„Und? Was ist nun Ihre Geschichte? Vor allem, wie sie hier gerade mit Ryoga gesprochen hat. Meine Herren. Die Dame hat ganz schön was auf dem Kerbholz. Aber Recht hat sie. Er lässt sich seit dem Tod seiner Frau echt gehen und dann seit diesem Schuljahr überlässt er der Kapitänin die ganze Verantwortung des Teams. Interessant, dass sie das nach gerade mal nicht ganz zwei Monaten bemerkt hat.“, sprach der Rugbytrainer.
„Mal darüber nachgedacht, was sie da eben gerade mit ihm gemacht hat? Das war ein wirklich gutes Motivationsspiel. Ich glaube, Schmitt ist wieder da. Sie hat etwas mit ihm gemacht, damit er wieder richtig da ist.“, vermerkte der Fußballtrainer.
„Ryogas Frau war schwanger? Das ist ja…furchtbar.“, äußerte die Französischlehrerin weinerlich.
„Das wusste keiner von uns. Er redet ja nicht darüber.“, meinte der Fußballtrainer.
„Die waren wie Jun und sie in derselben Klasse, als er nach Deutschland kam. Die beiden kennen sich auch aus demselben Team. Sie war vor ihm der Stammkeeper. Das hat sie doch eben schon alles gesagt.“
„Sie wollen uns doch jetzt veralbern. War das echt so?“, fügte der Fußballtrainer an.
„Deswegen darf das keiner wissen. Sie hat sich als Jungen ausgegeben und war mindestens fünf Jahre in diesem Team. Sie spielte neben dem Tor mit ihrem älteren Bruder zusammen in der Verteidigung. Sogar die Europameisterschaft haben sie mit dem Deutschlandteam gewonnen. Das hat sie eben auch erwähnt. Deswegen ist sie so fit und deswegen kann sie sich auch so gut und selbstsicher mit den Jungs an der Schule oder eben heute mit dem Team, unterhalten. Das meinte sie auch gestern in der Kantine, als sie meinte, sie habe sich schon mit größeren Jungs angelegt als er.“
„Wie kann das sein? Sie war im Juniorenteam vom HSV? Die sind so derart stark. Sie wissen schon wie unsere Mannschaft gegen die verloren hat?
Ich habe das Spiel gesehenen. Es war ein Wunder, dass wir in so kurzer Zeit am Ende doch noch die WM gewinnen konnten. Gegen den Favoriten Deutschland im Finale. Das war ein Spiel, sag ich euch. Und Sie wollen mir weis machen, dieses kleine Mädchen hat mit Wakabayashi und Schneider zusammen all die Jahre trainiert und gespielt? Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“
„Das sollte ihr letztes Spiel sein. Sie wollte nur noch gegen Japan spielen und dann das Team verlassen und sich auf Schwimmen und Laufen konzentrieren. Aber dann...dann starb ihr großer Bruder. Kurz vor diesem Freundschaftsspiel.“ Es war plötzlich still, nur das Schluchzen von Frau Simon war zu hören.
„Was ist passiert?“, erkundigte sie sich.
„Ich weiß nur, dass es einen Überfall gab. Die beiden wurden überfallen und ihr Bruder kam noch ins Krankenhaus, aber es war zu spät.“
Die beiden Trainer sahen sich total verdattert an.
„Oh man. Das ist ja furchtbar.“, äußerte der Rugbytrainer. Sein Blick schweifte zu Frau Simon.
„Moment, das ist noch nicht lange her. Sie sagen, kurz vor dem Spiel? Dann war das jetzt in den Ferien. Das Spiel selbst fand Anfang August statt.“
„Richtig. Zwei Wochen vor dem Spiel ist das passiert. In der zweiten Woche fand die Beerdigung statt und dann flogen sie genau am Spieltag hier her. Die Eltern tarnten den Flug als Urlaub, wohnten die ersten Wochen im Hotel und einer Ferienwohnung, organisierten hier alles, um hier neu anzufangen und stellten sich bei mir vor.“
„Oh man, aber ich verstehe nicht, wenn sie doch so talentiert ist, warum geht sie dann nicht in unser Mädchenteam? Die könnten jemanden mit so viel Erfahrung gebrauchen.“, brachte sich Simon ein, um sich etwas abzulenken von ihren eigentlichen Gedanken.
„Du vergisst da etwas sehr Entscheidendes. Was glaubst du würde passieren, wenn sich herausstellen würde, dass in meinem Team ein Mädchen spielt?“ Sie sah Juns Trainer verdutzt an.
„Hm, keine Ahnung. Würde man euch dann die Titel etwa aberkennen? So etwas hat sie zum Schluss erwähnt.“
„Genau. Und wenn sie sogar den Europatitel haben, dann würde man den Deutschen auch diesen aberkennen oder sogar die ganze Meisterschaft anzweifeln. In Europa geht es beim Fußball immer um sehr viel Geld. Die Wettbüros stehen bei solchen Veranstaltungen ganz groß im Fokus. Was glaubst du würde das für eine Klagewelle entfachen, wegen Betruges? Irgendjemand muss doch davon gewusst haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass keiner ihrer Trainer etwas wusste.“
„Oh mein Gott!“, stieß Frau Simon plötzlich aus.
„Ich…ich habe sie gesehen. Aber ja.“ Sie stand plötzlich entsetzt auf und hielt die Hände vor den Mund.
„Was meinst du?“, sprach der Rugbytrainer.
„Na Bettina und ihren Bruder. Ich habe sie…spielen sehen. Vor zwei Jahren.“ Alle sahen sie verdutzt an.
„Wirklich? Bei dieser Europameisterschaft in Paris?“
„Ja. Ich habe mir doch alle Spiele von den Franzosen angesehen. Der Kapitän ist ein weiter Verwandter von mir. Eine Art Neffe. Wir kennen uns aber nicht persönlich, weil die Familie zerstritten ist. Er ist aber ein netter Junge. Eru Shido Pierre. Im Finale ging es gegen Deutschland, das stimmt. Und…da war ein Bruderpaar in der Verteidigung, die haben es ihm echt schwer gemacht. Der Große von ihnen hatte eine ähnliche Spielweise drauf wie er und der Kleine war echt schnell und flink und nahm ihn ständig den Ball ab. Das war ein wirklich spannendes Spiel. Und ihr Sturm, dieser Junge mit den starken Bällen machte ein Tor nach dem anderen.“
„Oh man oh man. Das glaubt einem keiner. Unser Team hat sich auch sehr gegen die Franzosen gequält. Die sind echt stark im Angriff wie auch der Verteidigung.“, fügte der Fußballtrainer an.
„Wir müssen, Leute. Wollen wir gehen? Ryoga ist jetzt auch raus. Ich habe die Tür gehört.“, brachte sich der Direktor ein.
„Das bleibt alles hier im Raum, das wissen Sie doch, oder? Ich will bestimmt keinen Ärger haben.“
Ein paar Minuten später verließen alle außer Frau Simon den Raum. Sie ging zum Kaffeevollautomaten und zog sich einen Kamillentee. Sie setzte sich an den Tisch und spielte nachdenklich mit dem Teebeutel, bis er endlich durchgezogen war.
Kurz nachdem die Männer ihre Wege gingen, kehrte der Rugbytrainer um und klopfte bei ihr an.
„Ich bin es, kann ich mit dir reden?“, sprach er sehr ruhig.
„Komm rein.“, kam als Antwort. Er betrat den raum und ließ die Tür wieder in die Klinke rasten. Er sah zu ihr und war etwas besorgt.
„Ist alles bei dir in Ordnung? Du hast vorhin geweint. Die Infos eben waren echt heftig. Das Mädchenkann einem nur leidtun.“ Er ging auch zur Maschine und zog sich einen Kakao.
„Mit dieser Idee der Trainingsräume hat die Kleine nicht gerade unrecht. Unsere Geräte wurden tatsächlich von ihrem Budget bezahlt. Das habe ich jedoch nicht gewusst, als ich damals danach fragte. Ist ja nun auch schon zwei Jahre her. Die Volleyballer haben auch einen Raum bekommen, so fiel das dann wohl nicht auf. Aber du weißt ja, leider muss sich hier jeder selbst der Nächste sein.“
„Ich…ich bin…im dritten Monat schwanger.“, haute sie plötzlich heraus und hielt ihre Hände ans Gesicht und stützte sich weinend mit den Ellenbogen auf den Tisch auf. Ihr bitterliches Weinen erfüllte den großen Raum und dann fiel dem Mann vor Entsetzen die Tasse aus der Hand. Sie verteilte sich mit dem gesamten Kakao auf dem Boden und die Scherben flogen überall quer durch den Raum.
„Delfine…“, kam nur aus ihm heraus. Sein Puls stieg plötzlich extrem an und in seinem Kopf wurden verzweifelt die Tage abgezählt. Ihm kam plötzlich die unbeschreibliche Nacht mit ihr in den Sinn. Wie war das noch? Könnte er es sein? Haben sie etwa nicht aufgepasst? An jenem Abend in der Tanzbar? Er war doch nur ausgegangen, um sich etwas abzulenken, bevor die stressige Schulzeit wieder beginnt. Ein letztes stressfreies Wochenende vor den Vorbereitungen. Und dann sah er sie, die schöne Rothaarige mit ihren langen schönen Locken und in ihrem bezaubernden grünen Kleid. Diese langen hellen Beine, der Wahnsinn, dachte er. Sie saß mit einer Freundin am Tresen und bewegte sich etwas zu der Musik, als wolle sie unbedingt tanzen. Keiner traute sich sie anzusprechen, aber er. Er nahm all seinen Mut zusammen, was sollte schon passieren, außer, dass sie nicht tanzen wolle? Er stellte sich vor sie und reichte ihr die Hand.
„Darf ich bitten?“, sprach er sie elegant an. Ihre hellblauen Augen sahen ihn leuchtend an und sie setzte ein bezauberndes Lächeln auf. Sie tanzten den ganzen Abend und genossen diese unbeschreibliche Zeit.
Später brachte er sie noch nach Hause und sie lud ihn zu einem Tee ein. Ihm war natürlich klar, dass dieser Blick nichts mit einem Tee zu tun hatte und beide versanken in dieser Nacht in unerwarteter Leidenschaft. Sie wollten sich bald wiedersehen und tauschten ihre Nummern aus, denn beide hatten sich doch irgendwie ineinander verguckt. Da war mehr als nur diese eine Nacht. Sie konnten es beide spüren. Und dann kam der Alltag wieder. Als er zur Arbeit ging und alle Kollegen den Versammlungsraum betraten und der Direktor die neuen Kollegen vorstellte, traf ihn der Schlag. Er war zwar kein Lehrer, aber auch als Trainer galten dieselben Regeln. Keine Beziehungen zwischen den Angestellten. Erlaubt wären nur direkt verheiratete Paare. Das waren sie aber doch nicht.
Um ihren neuen Job nicht zu gefährden, hielten sie bewusst Abstand zueinander. Niemand durfte etwas von ihrer Begegnung wissen.
Und nun? Nun saß diese Schönheit vor ihm, weinend und sagte ihm, dass sie schwanger war.
„Du musst nicht überlegen. Es gab niemanden sonst.“, merkte sie dann plötzlich an. Er ging auf sie zu und stellte sich neben sie.
„Delfine, was…was willst du jetzt machen? Hast du deswegen vorhin geweint?“ Sie schwieg und schüttelte nur den Kopf. Dann nahm sie etwas benommen den Teebeutel aus dem Glas und legte ihn auf das Tellerchen.
„Es…es ist nur so traurig. Ryogas Frau…sie war auch im dritten Monat.“ Plötzlich nahm er den Stuhl neben ihr, setzte sich hin und nahm sie in die Arme.
„Wir…kriegen das hin. Dann ist das jetzt so.“, sagte er dann einfach und vernahm dann ihre Hände an seinem Kopf und Nacken.
„Wirklich? Du bist nicht böse auf mich?“
„Nein, wir wissen doch beide, dass das passieren könnte. Wir haben doch nichts Verbotenes getan.“ Sie krallte sich an ihm fest und weinte bitterlich.
„Ich…kann nicht…ich kann es nicht…wegmachen. Das schaffe ich nicht.“ Entsetzt wich er etwas von ihr, hielt ihren Kopf liebevoll und sah sie an.
„Wieso wegmachen? Wie kommst du denn darauf? Das würde ich doch gar nicht wollen.“ Sie blickte ihn überrascht an. Ihre Augen waren ganz glasig vom Weinen.
„Wirklich? Was machen wir dann? Wir dürfen doch nicht, hier an der Schule und dann noch ohne Ehe? Du kennst doch die Vorschriften? Und wir…wir sind ja nicht mal ein Paar.“, schniefte sie dann. Er stand auf und zog sie ein wenig mit sich, damit sie auch aufstand. Dann nahm er sie erneut in die Arme.
„Delfine, das…das können wir doch ändern. Wir wollten doch eigentlich ein Paar sein, oder empfindest du das anders? Also mir fällt es wirklich sehr schwer dich hier zu ignorieren.“, gestand er ihr.
„Es war…nicht nur diese schöne Nacht mit dir. Ich habe wirklich große Gefühle für dich und wollte dich kennenlernen.“ Sie lächelte plötzlich und legte ihre Arme um ihn. Sie sah verlegen zu ihm auf. Es wurde wieder sehr warm um sie herum. Ihr Herz schlug deutlich schneller und es fühlte sich plötzlich alles so glücklich an. Dann spürte sie seine großen starken Hände auf ihrem Rücken und am Kopf. Kurz darauf versanken sie in einem langen leidenschaftlichen Kuss. Ihre Gefühle spielten wieder Achterbahn, so wie an dem magischen Tag am Ferienende.
„Ich…ich habe mich…auch gleich in dich verliebt. Das mit uns…das war zu bedeutsam. Ich…mein Herz schlug so doll und unser Tanz war so sonderbar.“, ließ sie etwas von ihm und gestand auch ihre Gefühle.
„Ich…liebe dieses kleine…Wesen jetzt schon. Weil es von dir ist. Und jedes Mal, wenn ich dich hier sehe, dann schlägt mein Herz wie wild und ich sehen mich danach in deinen Armen zu liegen. Es…war so unglaublich schön.“
„Das war es. Lass es uns wiederholen. Jetzt…jetzt ist eh alles zu spät.“, grinste er plötzlich.
„Stimmt, mehr kann nicht passieren. Tabito…ich…mein Herz zerspringt…jetzt…ich…will dich…jetzt sofort.“, kam sie ihm unerwartet entgegen, klammerte sich um seinen Hals und fing an ihn wild im Gesicht zu küssen. In ihr machten sich ganz plötzlich starke sehnsüchtige Gefühle breit und sie zog an seiner Trainingsjacke und sah ihn verlangend an.
„Hier? Sollten wir uns nicht lieber heute Abend…“, begann er und wurde mit einem sinnlichen Kuss unterbrochen. Wieder drückte er sie etwas von sich.
„Bist du sicher? Ich…will dich auch, aber…“
„Glaubst du es ist jemand hier?“
„Nein…jetzt bestimmt nicht. Um die Zeit ist hier niemand. Ich hätte auch später, so wie die anderen alle. Und die sind ins Hauptgebäude gegangen.“
„Lass mich jetzt nicht warten…jetzt…wo wir alleine sind.“, hauchte sie plötzlich in sein Ohr und knöpfte ihre Bluse auf. Sein Puls stieg enorm an und auch er bemerkte ein Verlangen in ihm, das er immer unterdrücken musste, wenn sie sich begegneten. Endlich ließ er sich überreden und stieg auf ihr Angebot ein. Was sollte denn schon passieren? Keiner war mehr da. Kurzerhand hatte sie ihren langen Rock ausgezogen und sorgsam mit der Bluse auf eine Stuhllehne gehängt.
In ihrer Trance versanken sie beide in ihren Gefühlen, auf die sie so lange gewartet hatten und bemerkten nicht, dass sich die Tür zu ihrem Besprechungsraum langsam öffnete. Genau in diesem Moment stöhnten beide heftig auf und die Gefühle waren zu stark, um sich zurückzuhalten.
„Ja, Tabito…ich…oh…ja…liebe dich!“, kam auf Französisch keuchend aus ihrem sinnlichen Mund.
„Ich…liebe…dich auch. Delfine.“, stieß er aus und sie stöhnte laut auf.
„Delfine…“, kam nur noch bei ihm heraus. Die Tür schloss sich leise wieder. „Tabito…ich…heirate mich.“, glaubte der Japaner plötzlich nicht richtig zu hören. Mitten in seinem unglaublichen Gefühl stellte diese Schönheit so eine Frage.
160. Kapitel Abenddämmerung in Nankatsu U18
Kapitel 160
Abenddämmerung in Nankatsu
Der Himmel zog sich weiter zu und der Regen, welcher gegen Mitternacht beginnen sollte, kündigte sich langsam über der Kleinstadt an. Die Sonne verschwand bereits hinter den Wolken noch bevor sie in der Abenddämmerung versank.
In einem kleineren Haus mit traditioneller Bauweise und vielen Schiebetüren und einem schönen kleinen Japanischem Garten im Hofe, öffnete sich die Tür zu einem Jugendzimmer.
„Guten Abend, Großer. Bist du wieder fleißig?“, kam eine freundliche Stimme, welche jedoch sehr betrübt klang. Der Familienvater kam endlich nach drei Tagen durchgängiger Arbeitszeit nach Hause.
„Vater, ja. Und? Geht das alte Ding wieder ans Netz?“, wurde gleich gefragt. Der Achtzehnjährige sah zu seinem Vater. Dessen Blick war nachdenklich. Er lächelte dann kurz.
„Lass uns später reden. Ich muss erstmal meinen Bericht schreiben.“
‚Vater…das klingt nicht gut. Was war denn nur los? Er sieht gar nicht gut aus. So blass.‘, stellte dieser fest.
„Gut, ich verstehe. Mein Tag war auch komisch.“
„Sohn, nutz die Zeit ruhig noch. Noch regnet es nicht.“ Er stand auf.
„Du hast Recht. Ich gehe ne Runde Laufen, ich kann mich sowieso nicht konzentrieren.“ Der Vater lächelte seinen Sohn an und verzog sich dann in sein Büro, stellte den PC an, machte sich einen Tee und holte sich eine Flasche Brandy aus dem Schrank und schenkte sich einen ein.
‚Was für ein Tag. Es kotzt mich so an…diese Hornochsen.‘ Mit dem Glas in der Hand stellte er sich zum Garten und schob die Tür auf. Sein Blick war starr und er beobachtete das kleine Wasserspiel am Gartenteich. Klack…klack…klack…machte es.
‚Manchmal frage ich mich was ich eigentlich noch hier soll. Als ich anfing zu studieren, habe ich mir die Arbeit anders vorgestellt. Wozu ist meine Arbeit überhaupt da, wenn am Ende andere entscheiden?‘, ging ihm betrübt durch den Kopf. Dann kurz darauf hörte er wie sein Sohn im Flur vermutlich seine Schuhe anzog. Er entschied ihm in den Flur zu folgen und nochmal kurz mit ihm zu sprechen.
„Sohn? Hast du zwei Minuten für deinen alten Vater?“
„Oh, ja. Vater?“
„Sag mal, nur mal angenommen? Wärst du bereit umzuziehen?“ Sein Sohn sah ihn verdutzt an.
‚Umziehen? Warum das denn?‘
„Warum?“
„Ich überlege einen neuen Job in Tokio anzunehmen. Dir gefiel es hier doch eh nie wirklich. Dort hättest du mehr Möglichkeiten auch in deinem Sport weiterzukommen.“
„Vater…und was wäre das für ein Job?“
„An der Uni als Professor für die Physikstudenten. Das Angebot kam letzte Woche von einem alten Studienfreund. Er sucht einen Partner für eine Forschungsgruppe und nebenbei wäre ich Professor.“
„Das musst du entscheiden. Was sagt Mutter denn dazu?“
„Hm, ich frage dich jetzt zuerst.“ Der junge Volleyballer atmete tief durch.
„Ich muss sowieso mit dir reden. Ich habe vorhin noch überlegt, ob ich nach dem Laufen mit dir rede.“
„Okay, was hast du denn zu bereden?“
„Ich…habe…“, fing er an zu stottern und richtete sich nach dem Schuhbinden auf und sah zu seinem Vater herab.
„Ich…habe Mist gebaut.“ Sein Vater sah ihn überrascht an.
„Oh, wie groß ist der Schaden?“, entgegnete er ihm.
„Schaden? Nein, es geht nicht um einen Sachschaden. Es ist viel schlimmer.“, stöhnte er aus.
„Wollen wir in den Innenhof gehen?“, schlug der Vater vor. Wenige Minuten später saßen sie auf der Veranda neben dem Wasserspiel.
„Was für Mist hast du denn gebaut?“
„Ich…nein wir…also…ein paar aus meinem Team und ich…wir…hatten eine Prügelei.“, sprach er die Situation direkt an und verschränkte seine Hände vor dem Gesicht.
„Sohn…was…was ist passiert?“
„Ich weiß auch nicht…es ging alles damit los, dass dieser seltsame Fremde uns beim Spielen zusah und dann unsere Einladung ablehnte. Dann kam Cousinchen mit zwei ihrer Mädels wie immer zum Zuschauen vorbei und berichteten von einem Ausländer, der sie angegriffen hätte. Es stellte sich dann raus, dass er es war und wir…irgendwie…ich weiß auch nicht, das ging alles so schnell und wir haben überhaupt nicht darüber nachgedacht…wir waren schon die letzten Monate immer so wütend auf die Fußballer und ihre Arroganz, dann bekommen sie noch ihr neues Mini-Stadion und alles neu und wir…wir müssen uns mit der kleinen Turnhalle zufriedengeben.
Dann stellte sich heraus, dass er wohl einer von ihnen ist und mit Morisaki und Ohara kickte und…dann wollten wir ihn zur Rede stellen, warum er die Mädchen angegriffen hat und…er redete sich raus, es sei anders gewesen…er hätte angeblich diese Nakazawa vor ihr und ihren Mädchen verteidigt…da sind wir total an die Decke gegangen und irgendwie…irgendwie kam dann eins zum anderen und wir gingen zu siebt auf die drei Jungs los.“, berichtete er schweren Herzens und konnte sich noch immer selbst nicht in seinem Handeln wiedererkennen. Sein Vater sah ihn mit ansteigendem Puls entsetzt an.
„Junge…was ist in dich geraten? Du bist…du bist doch kein Schläger!“
„Ich…ich weiß auch nicht…aber als…“, schluchzte er los.
„…als ich und die anderen Cousinchens Arm sahen und ihre Verletzung, da…kam auf einmal…wir…sind doch gar nicht so…“
„Ihre Verletzung? Hat der Fremde sie denn so sehr verletzt? Wie alt ist der denn, ein Junge wie ihr?“
„Ja…Vater…ich…wir haben es ja dann eingesehen, aber…dann gingen sie ins Wasser…um uns auszuweichen.“
„Ins Wasser? In den Fluss? Aber…“ Beide sahen sich dann nachdenklich an. „Sohn, das Wasser ist okay. Mach dir keine Gedanken darüber.“
„Wirklich? Wir waren…uns alle nicht sicher…wegen der Wartungsarbeiten.“ „Alles gut, Großer. Das Erdbeben neulich, so stark war es nicht. Okay?“ Der junge Mann nickte.
„Wir waren…so dumm. Was machen wir jetzt? Ich…habe mit den Jungs noch nicht wieder geredet. Wir waren alle…durch den Wind. Die sind…doch auch nicht so.“
„Wie viel haben die Jungs denn abbekommen? Zeig mal deine Hände.“ Er nahm sie runter und zeigte sie seinem Vater.
„Da ist ja kaum was zu sehen. Was soll das denn für eine Schlägerei gewesen sein?“
„Ach…ich habe mich hauptsächlich um den Fremden gekümmert, aber der konnte gut ausweichen und ich habe ihm kaum groß erwischt. Aber…Morisaki…der musste sich mit den anderen rumschlagen…er…er sah echt schlimm aus und konnte nicht mehr laufen. Deswegen…wohl…der Fremde hat ihn sich geschnappt und dann sind sie durch den Fluss ans andere Ufer geschwommen. Ich habe da nicht so genau hingesehen was die anderen gemacht haben.“
„Verdammt…das wird eine dicke Klage geben, das weißt du hoffentlich?“
„Damit ist zu rechnen.“, schnaufte er und vergrub sein Gesicht erneut in den Händen.
„Aber…was ist jetzt mit deiner Cousine? Was war das für eine Verletzung? Warum ist sie denn damit nach dem Angriff von ihm nicht zu ihren Eltern oder zur Polizei gegangen. Euch damit zu belasten war die falsche Adresse.“ Sein Sohn wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sah zum Teich.
„Ich…ich befürchte…der Fremde war es nicht.“
„Wie bitte?“
„Vater…deswegen erzähle ich es dir ja jetzt auch.
Sag mal…wie gut kennst du Onkel?“
„Wie meinst du das?“
„Cousinchen wollte nicht rausrücken wer sie verletzt hatte. Sie hat am Oberarm einen riesigen großen Bluterguss. Die Jungs meinten noch, wir sollen lieber überlegen wer es war, und dann…dann tauchte Kanda mit seinen Männern aus dem Boxstudio auf und wir liefen weg, aber…er bekam Cousinchen zu sehen. Statt mir eine reinzuhauen sah er sie und redete was von häuslicher Gewalt. Wir sollten das prüfen lassen, er meinte der Fleck kann nicht älter als von gestern Abend sein.
Vater…kannst du dir das vorstellen?
Jetzt…jetzt wo ich darüber nachdenke…ich habe mich immer schon gefragt, warum sie ständig in meiner Nähe rumhängen muss. Das ist schon seit vier Monaten so…ständig hängt sie plötzlich gefühlt jeden Tag nach der Schule bei uns Jungs rum und sieht uns zu.“ Der Vater sah ihn völlig entsetzt an.
„Was? Meinst du das im Ernst?“ Er wurde still und niemand traute sich etwas zu sagen.
‚Ich kann mir das nicht vorstellen…warum sollte er…der Kleinen wehtun?‘ Dann sah er ebenso zum Teich und versuchte nachzudenken. Sollte da etwas sein, dann müsste es doch Anzeichen gegeben haben.
Plötzlich fiel ihm eine seltsame Situation ein und er stand energisch auf.
„Sohn! Lass uns gehen! Jetzt sofort!“, haute er streng und energisch aus.
„Vater…glaubst du doch, da ist was dran?“
„Was war denn vorhin, als du sie heimgebracht hast?“
„Naja, Tantchen war nur da. Onkel war noch arbeiten. Cousinchen hatte sich beim Weglaufen den Fuß verstaucht, deswegen holte uns der Boxer ja ein und konnte sie sehen. Ich riet dann gleich morgen zum Arzt zu gehen und jetzt aber zu kühlen.“
„Und dann? Was war denn seltsam?“
„Naja, sie meinte dann nur, dass würde schon gehen, ich soll mir keine Sorgen machen.“
„Ja, weil dein Onkel es selbst ansehen kann. Er ist doch selbst Arzt.“
„Hä? Wie meinst du das? Er ist doch Apotheker und leitet die Kette mit den fünf Filialen hier bei uns.“
„Ja, das ist er jetzt. Aber er war vorher Kinderarzt und man hat ihm wegen eines Diagnosefehlers die Lizenz entzogen. Was keiner soweit weiß, er darf nicht mehr mit Kindern arbeiten. Deswegen die Umschulung zum Apotheker und als ehemaliger Mediziner…ist er vom Fachwissen her eine Bereicherung für die Kleinstadt.“
„Aber…“
„Deine Tante…das weißt du nicht…hat den Vater von deiner Cousine verlassen. Dann kam er in die Familie. Er ist nicht ihr leiblicher Vater.“, erzählte er aufgebracht, während er sich anzog, in die Schublade griff, etwas rausholte und dann mit ihm das Haus verließ.
„Wir werden ihnen einen Besuch abstatten und du überlässt nur mir das Reden, alles klar?“ Der Sohn nickte und kurz darauf waren sie zu Fuß unterwegs und klingelten zehn Häuser weiter. Der Onkel öffnete die Tür und wunderte sich über den spontanen Besuch.
„Guten Abend, wir wollten nur mal nachfragen wie es der Kleinen mit ihrem Fuß geht.“, wurde wie immer freundlich und nett gefragt.
„Oh, das ist nett, dass ihr euch deswegen extra herbemüht. Ihr geht es gut. Es ist nur eine Verstauchung und ich habe ihr bereits einen Verband gemacht, damit sie beim Laufen aufpasst. Nun ist erstmal kühlen angesagt.“, erklärte dieser schlicht und freundlich.
„Ist mein Schwesterchen zu sprechen? Können wir reinkommen?“
‚Was ist denn mit dem los? Seit wann lädt er sich selbst ein?‘
„Natürlich, kommt ruhig rein. Wollt ihr einen Tee?“ Der Besuch zog die Schuhe aus und folgte dem Hausherrn in den Wohnbereich.
„Oh, guten Abend. Was verschafft uns denn die Ehre?“, kam fröhlich von der Tante. Die Cousine saß am Tisch und sah die beiden sehr verwundert an.
„Wieso seid ihr hier?“
„Wir wollten wissen wie es dir geht.“, antwortete der Cousin und ging zu ihr.
„Ich habe nur einen verstauchten Fuß. Ihr könnt wieder gehen.“, zickte sie dann rum.
„So einfach wird das nichts. Ihr habt ganz schönen Mist gebaut und wir müssen wissen wie wir da jetzt rauskommen.“, knallte ihr Onkel ihr an den Kopf und setzte sich neben sie. Das Mädchen sah ihren Cousin wütend an.
„Du wolltest die Klappe halten.“, fauchte sie rum.
„Du steckst da genauso mit drin, Fräulein.“, kam von ihrem Onkel streng. Ihre Eltern sahen sie überrascht an.
„Was ist denn überhaupt los?“, fragte die Mutter.
„Wie redest du bitte mit meiner Tochter?!“, knurrte der Onkel.
„Mein Missratener hat mir eben gerade erzählt, dass er mit seinem Team ein paar von den Fußballern verprügelt hat. Das war wohl nicht ganz ohne. Wir müssen also sehen wie wir da jetzt wieder rauskommen.“
„Wieso habt ihr die verprügelt? Ihr seid doch gar keine Schläger. Und was hat unsere Tochter damit zu tun?“ Es wurde geschwiegen.
„Nun erzähl schon. Sag nicht, du hast es nicht erzählt, was heute Früh passiert ist?“, drängte der Professor. Das Mädchen schwieg und sah nur auf den Tisch. „Liebling, was war heute früh?“, fragte die Mutter besorgt. Plötzlich fing das Mädchen an zu weinen, stand auf und lief so gut sie konnte in ihr Zimmer.
„Es tut mir alles so leid!“ Die Mutter lief ihr sofort nach.
„Was hat das zu bedeuten? Was soll denn heute früh gewesen sein?“ Der Hausherr nahm die Kanne in die Hand und schenkte den Tee ein.
„Die Kleine wurde heute früh von einem Fremden angegriffen und hat eine Verletzung am Arm.“, kam trocken. Die Blicke waren auf ihn gerichtet. Völlig entsetzt sah er seinen Schwager an und ihm fiel vor Schreck die Kanne aus der Hand. Sie zersprang kurz vor seinen Füßen und der heiße Tee verteilte sich im Raum.
„Was!? Aber…aber warum? Warum…erzählt sie uns das nicht? Wer…wer war dieses Schwein?!“ Diese Reaktion war nicht das, was man von ihm erwartet hatte. Vater und Sohn sahen sich überrascht an. Der Onkel machte einen zornigen Blick und ging sofort zum Mädchenzimmer.
„Sagt mal, wieso erzählt ihr mir sowas nicht? Unsere Tochter wird angegriffen und verletzt und ihr erzählt mir nichts davon?!“, sprach er sehr ernst und sah seine Frau enttäuscht an.
„Ich…ich wusste davon auch nichts.“, schluchzte sie und hatte ihre Tochter im Arm. Vater und Sohn waren zum Zimmer gefolgt und sahen überrascht zu. „Engelchen…was…ist denn passiert? Zeig mal deinen Arm.“, sprach er sehr besorgt. Sie machte jedoch dicht und klammerte sich nur an ihre Mutter.
„Es ist der rechte Arm.“, äußerte der Cousin, ihm fiel auf, dass ihre Vermutung scheinbar in eine andere Richtung ging. Der ehemalige Kinderarzt griff einfach nach dem Ärmel und zog ihn hoch.
„Was…wer war das?! Sprich doch! Wer auch immer das war. Es ist jetzt vorbei, okay?“, war er zuerst zornig und dann versuchte er ruhig zu bleiben. Sie schüttelte den Kopf. In ihm staute sich Wut an und er versuchte ruhig zu bleiben.
„Ich…habe doch schon gesagt…das war dieser Ausländer.“, schluchzte sie verzweifelt.
„Das kann nicht sein. Die Färbungen sind eindeutig und können nur von gestern, späten Abend oder heute Nacht stammen, aber nicht von früh morgens.“ Das Mädchen schniefte.
„Ich…ich kann es nicht sagen. Sonst…sonst tut er ihr weh.“, weinte sie verbittert los.
„War gestern noch jemand hier, nachdem ich weg war?“, fragte er die Mutter. Diese sah ihn nur pikiert an und schüttelte den Kopf. Sie konnte doch in diesem Moment nicht die Wahrheit sagen.
‚Nein…nein niemals. Das kann unmöglich sein.‘, ging ihr durch den Kopf.
„Äh, wie meinst du das? Wieso verlässt du abends nochmal das Haus?“, wurde gefragt.
„Wir…wir stecken im Moment…mitten in der Scheidung.“, stammelte er und sah zur Seite.
„Ich bin nur noch…alle paar Nächte hier und schlafe im Gästezimmer, damit wir irgendwie noch eine Familie sind. So wie es heute der Fall wäre.“
„Warum wissen wir nichts davon? Meine Güte. Warum denn?“
„Das…das kann ich hier nicht sagen.“
„Wer will denn wem wehtun? Erkläre es uns. Wem tut er weh, wenn du was sagst?“ Es wurde nur geweint.
„Cousinchen! Hast du eine Ahnung was das bedeutet? Wir haben diese Jungs völlig grundlos angegriffen! Rede endlich, verdammt nochmal, wir haben gedacht, dieser Kerl war das. Er hatte Recht, mit seinen kleinen Händen konnte er es gar nicht gewesen sein. Und dieser Boxer…er hatte auch Recht. Zeig deine anderen Wunden, was hat dir dieser Kerl noch angetan? War es mehr als dieser Griff? War es mehr als das?!“, mischte sich der junge Mann endlich wieder ein. In ihm kam großer Zorn auf und er stellte sich direkt neben das Bett, auf dem sie saß. Es wurde geschwiegen. Der Vater setzte sich nun auf die andere Seite des Bettes.
„Liebling, sag wenigsten mit wem du reden willst? Einer von uns bleibt bei dir und dann redest du, okay? Egal wer. Suche dir jemanden aus. Alle anderen verlassen den Raum. Niemanden wird mehr wehgetan, dafür werden wir sorgen. Wer es also auch immer war, er wird ins Gefängnis kommen.“, sprach er ganz sanft und hielt ihre Hand. Dann sah sie plötzlich auf.
„Wirklich? Ihr geht dann alle raus?“
„Ja, alle bis auf eine Person. Okay? Such dir jemanden aus. Wir alle wollen nur helfen.“ Sie sah dann zu ihrem Cousin.
„Bleibst du?“ Er sah sie überrascht an.
„Wie jetzt? Wieso ich?“, kam als Antwort. Die Mutter war enttäuscht, warum wollte ihre Tochter ihr nicht erzählen was los war? Alle verließen nun den Raum und er ging auf sie zu.
Seine Cousine sah zur Seite und schwieg. Er setzte sich nur zu ihr und wartete darauf, dass sie was sagte.
„Ich...hört es dann auf? Hört es auf, wenn ich es dir erzähle? Glaubst du das wirklich?“
„Natürlich…wenn du willst, dass das aufhört, was auch immer es ist, dann wird es auch so sein. Ganz bestimmt.“
„Sieht Morisaki jetzt schlimm aus?“, schniefte sie dann.
„Vermutlich, ja.“
„Und der andere? Der Ausländer? Er hatte Recht. Er hat Nakazawa nur beschützen wollen. Wir waren so dumm. Und dann hatte ich die dumme Idee euch zu sagen, dass er es war, um abzulenken…Die drei…tun mir leid. Sie können nichts dafür.“
„Was ist passiert? Was war heute Nacht?“ Sie hockte sich aufs Bett und klammerte sich plötzlich an ihm fest.
„Er…schnief…er…besucht Mama abends, wenn Papa nicht da ist.“, sie begann endlich zu reden und weinte sich in seinen Armen aus. Er hielt sie nur starr und fassungslos fest, während sie erzählte.
Nach gut einer halben Stunde kam er aus dem Zimmer raus und schloss sie einfach hinter sich. Die Cousine lag weinend im Bett und versuchte zur Ruhe zu kommen. Sie vertraute ihrem Cousin. Er ging in die Wohneinheit und schloss die Tür hinter sich.
„Und? Hat sie es dir erzählt?“, kamen die neugierigen Blicke der Erwachsenen. Sie saßen am Tisch und tranken Tee. Er sah nur alle starr an. Dann ging sein Blick zur Mutter.
‚Ihr Freund? Tante…was hast du nur getan? Wie kannst du dich so in jemanden täuschen?‘
„Vater? Ruf die Polizei an. Sie muss sofort herkommen, noch bevor sie sich das wieder anders überlegt.“
„Junge…was ist denn nun passiert?“, brachte sich der Onkel energisch ein. Die Mutter fing an zu weinen, weil sie den Blick von ihrem Neffen scheinbar richtig deutete.
‚Nein…aber…warum sieht er mich so an? War er es? Das kann ich mir nicht vorstellen, er würde doch nie meine Kleine…NEIN…Es…ist doch immer so schön und aufregend mit ihm?‘ Der Vater stand auf und ging zu ihm.
„Sag, was ist passiert? Wer war das?“
„Tut mir leid. Wir machen es nur so wie sie es will. Wir haben alles besprochen. Vertrau mir. Die Polizei muss das jetzt klären und der Rest läuft dann auf dem Revier.“, sprach er streng und sah seinen Onkel ernst in die Augen.
„Neffe, wirklich? Sie hat dir alles erzählt? Dir vertraut sie es an?“ Er erntete ein Nicken.
Gut eine Stunde später saß der Atomphysiker und technischer Sicherheitsberater in seinem Büro und öffnete endlich die Dateien für seine Auswertung. Dann griff er zum Telefon.
Etwa eine halbe Stunde später wählte er eine weitere Nummer. Es klingelte in einer Bar in Tokio an einem Handy. Ein Herr ging ran.
„Kudo, alter Hund. Wie geht es dir?“
„Oha, was hast du diesmal angestellt? Was ist das für eine Uhrzeit?“
„Hey, ich habe nichts angestellt. Sagen wir mal so, mein Sohn hat Mist gebaut und ich brauche unbedingt nicht nur deinen rechtlichen Rat. Kannst du mir ein Psychologisches Gutachten erstellen?“
„Worum geht’s genau? Du weißt, dass das was kostet?“
„Natürlich. Ich habe bereits mit jemanden abgesprochen, dass ich dich ins Boot hole. Die übernehmen die Kosten.“
„Gut, rede.“
„Du musst mir nur sagen, ob du Lust hast, dich mit einem der größten Konzerne Japans anzulegen?“
„Wow, das klingt aber nicht nur nach einem Gutachten. Wie groß? Nenne einen Namen und worauf du am Ende hinauswillst.“ Es wurde ihm der Name genannt und sein Puls stieg deutlich an.
„Wow. Ich bin dabei. Wieviel Zeit haben wir?“
„Gestern.“
„Kriege ich hin. Ich bin morgen gegen Mittag bei dir. Ich war schon lange nicht mehr in Nankatsu. Da wohnen zwei alte Bekannte von mir.“
„Super. Das kann sein. Bis morgen dann.“
„Moment, was hat dein Sohn denn angestellt?“ Er berichtete kurz.
„Oha. Was habt ihr jetzt vor? In dem Fall kann ich wenig tun.“ Es wurde erklärt was versucht werden soll.
„Das ist eine gute Idee. Mehr könnt ihr nicht tun und dann abwarten. Bis morgen.“ Beide legten auf.
„Kommt er her, dein alter Studienfreund?“
„Freund kann man nicht sagen. Aber er hat mir tatsächlich mal aus der Klemme geholfen. Pass auf. Du trommelst deine Freunde zusammen, die bei eurem Mist-Bauen dabei waren und dann geht ihr noch heute zur Wakabayashi-Villa. Dann sprecht ihr mit diesem Genzo, er ist doch zurzeit da, weil er Ohzora verabschieden wollte und ihr lasst euch von ihm zu den anderen drei bringen, damit ihr euch gemeinsam bei den Jungs versucht zu entschuldigen. Euch bleibt keine andere Wahl, hast du verstanden? Vielleicht habt ihr Glück und die drei können verzeihen. Bietet ihnen einen guten Deal an und erklärt, dass ihr Angst um die Mädchen hattet.“
„Echt jetzt? Wieso bei dem? Der war doch gar nicht dabei.“
„Weißt du denn wo die anderen alle wohnen oder sind?“ Er schüttelte den Kopf. „Also, dann los. Sagt, dass ihr euch auch im Namen der Mädchen bei dieser Nakazawa entschuldigen wollt, aber die Mädchen um diese Zeit nicht mitkommen können. Und du bist morgen zu Hause. Ich stelle dich einen Tag frei. Damit du als erster mit meinem Bekannten sprichst.“
„Okay. Was wird nun mit Cousinchen? Wie geht es da weiter?“
„Sie ist in Sicherheit und wenn sie später erstmal bei uns wohnt. Das kriegen wir alles hin, Großer. Versuche du jetzt zu retten was noch möglich ist.“
Endlich konnten sich Genzo und Tina ihrem Training widmen. Tinas Eltern waren bereits mit dem Zug auf dem Rückweg nach Tokio und sie hatte gebeten noch eine Nacht länger zu bleiben. Somit beschlossen sie, sie einen Tag von der Schule zu befreien und sie käme dann abends wieder heim.
Die beiden Freunde standen auf dem Volleyballfeld und Tina übte wie eine Wilde ihren Ball. Genzo stand da und versuchte den Ball anzunehmen. Das gelang ihm auch, aber er jammerte plötzlich rum, dass ihm die Hand wehtat.
„Echt jetzt? Sag nicht, du brauchst deine Handschuhe?“
„Also echt mal. Was sind das für Bälle? Und du meinst, sie sind noch nicht stark genug?“
„Keine Ahnung, was heißt hier genug? Ich bin Anfänger, es kann also gar nicht genug sein.“
„Das stimmt auch wieder.“ Er zog sich die Handschuhe an und sie übten weiter.
Auf der anderen Seite der Mauer und der hohen Hecken gingen die Volleyballer Richtung Eingangstor der Villa.
„Ob das was bringt? Glaubst du echt?“
„Wir haben gar keine andere Wahl. Oder hast du Bock auf eine Anklage wegen schwerer Körperverletzung?“
„Naja, uns tut es ja auch wirklich leid. Wir sind doch nicht nur hier, weil wir müssen.“
„Eben…genauso muss das auch rüberkommen.“ Sie sahen über die Mauer und wunderten sich über das Flutlicht.
„Man, reich muss man sein. Und dann dieser Stromverbrauch. Wegen solcher Verschwendung muss dieses Riesenmonster überhaupt gewartet werden.“, stöhnte einer auf.
„Das stimmt. So ein Flutlicht frisst echt viel Strom.“
„Was sagt dein Vater? Schmeißen die die Kiste wieder an?“
„Keine Ahnung, das wird noch entschieden. Er hat nur gesagt, dass alles sauber ist.“
„Man man…was anderes wird er auch nie sagen, glaube mal.“
„Ja, sehe ich auch so. So eine Wartung ein Jahr vor Planung, kann nichts Gutes heißen. Schon gar nicht nach einem Erdbeben der Stärke 7.“
„Nun kommt mal wieder runter. Wenn er sagt, es ist alles sauber, dann ist das so. Er schreibt jetzt an der Auswertung. Also wartet ab. Es bringt doch jetzt gar nichts darüber zu diskutieren.“
„Gut, lass uns doch mal schauen was so wichtig ist, dass die Lichter brennen.“, schlug einer vor und sprang so hoch er konnte, jedoch kam er mit dem Blick nicht über die hohe Mauer.
„Verdammt. Macht doch mal Räuberleiter. Ich will wissen was so wichtig ist.“ Die Jungs waren alle neugierig und zwei Leute halfen dem Blocker hoch. Dieser sah über die Mauer hinweg und erblickte von Weitem nur das Volleyballfeld und das Tor. Dann war da weiter nichts zu sehen.
„Seit wann haben die ein Volleyballfeld?“
„Das habe ich mich neulich auch gefragt. Bestimmt für die Besuche. Genzos Brüder und die Frauen spielen glaube gerne mal.“
„Das kann natürlich sein. So als Familie quasi.“
„Genau. Siehst du was?“
„Nö, niemand da. Kannst mich wieder runterlassen.“ Genau in dem Moment, als die Jungs ihn runterlassen wollten kamen zwei Gestalten auf das Feld.
„Warte, da ist wer.“ Es wurde wieder gehalten.
„Wer denn?“
„Zwei Jungs. Dieser Genzo sicherlich und noch jemand.“
„Was machen die? Fußball spielen bestimmt.“ Es wurde gewartet und dann konnte er mehr erkennen.
„Moment mal…die trainieren ja Volleyball. Genzo nimmt nur an, aber mit Handschuhen? Was soll das denn?“
„Echt? Mit Handschuhen?“
„Keeper eben, muss so ein Tick sein.“
„Vermutlich. Aber wer ist denn der Andere?“
„Vielleicht der Fremde?“
„Quatsch, der ist eindeutig Fußballer wie er. Hast du nicht gesehen wie der jongliert hat und diese Duelle? Das war kein Freizeitkicker, glaube mir.“
„Nun gut. Aber er hatte uns doch zugesehen. Vielleicht hat er die Sportart gewechselt? Das gibt es doch auch.“
„Ich weiß ja nicht. Aber doch nicht, wenn man so gut ist. Das ist ganz sicher jemand anderes.“
„Wie sieht der Typ denn aus?“
„Der hat ein Cape auf, das sieht man nichts.“
„Darf ich auch mal sehen?“ Es wurde gewechselt und der Kapitän stieg nun hoch.
„Oh, also wenn ihr mich fragt, das ist er, der Deutsche. Seine Bewegungen erklären, warum er mir ausweichen konnte. Und der ist kleiner als dieser Genzo.“, fiel ihm auf. Danach wollte er runtergehen und dann stoppte er aber.
„Moment, Wartet kurz.“ Die beiden auf dem Feld wechselten die Position und nun wurden die Bälle von Genzo hart geworfen und Tina lief den Bällen entgegen, ihnen hinterher oder versuchte sie kurz über dem Boden anzunehmen.
‚Was ist das denn? Wieso nimmt er die Bälle denn mit einer Rolle auf? Zumindest hat es den Anschein, dass er es versucht.‘ Er sah ihnen etwas länger zu.
„Was siehst du?“
‚Er nimmt sie mit einer Rolle an, warum? Das machen doch nur die Frauen.‘
„Er ist echt schnell. Wartet bitte noch.“ Kurz darauf wurde ein längerer Weg bis zur Ballannahme gesprintet und der Ball wurde angenommen.
Dann wurde kurz pausiert, die Mütze abgenommen, ein Pullover ausgezogen und zur Seite gelegt. Als Tina zur Seite sah und sich den Bälle-Korb schnappte und den nächsten Ball entnahm, war von Weitem zu sehen, dass sie ein Mädchen war, denn ihre langen blonden Haare waren im Flutlicht plötzlich richtig gut zu deuten und eine kleine Windböe zog an ihr herüber.
Sie hielt sich ihre Haare etwas fest und wartete den Wind ab, bis sie wieder spielte.
‚Verdammt. Ein Mädchen, das darf doch wohl nicht sein. Dann…dann habe ich…ein Mädchen geschlagen? Konnte er mir deswegen so gut ausweichen? Bzw. sie? Wer ist das? Warum gibt sie sich als Jungen aus?‘
„Lasst mich runter. Dann wollen wir mal.“
„Und, ist es der Typ?“
„Ich denke mal schon. Das werden wir ja gleich erfahren.“
165. Kapitel Ein ernstes Thema U18
Kapitel 165
Ein ernstes Thema U18
„Oh, Sie wissen schon was das wird?“
„Ja, ich habe dieses Buch auch gelesen. Es kam vorletztes Jahr in den Handel und erntete viel Kritik. Welche Frage haben Sie jetzt passend zu den Kommentaren der Kinder rausgesucht? Was steht auf der anderen Tafel?“
„Deswegen soll ich lieber fragen. Welche würden Sie denn raussuchen? Immerhin ist das Thema Essstörung sehr umfangreich.“
„Ich kenne ja die Kommentare der Kinder nicht, weil sie den Mund verborgen haben. Sie gehen auf Nummer sicher, oder?“
„Ich kann selbst Lippenlesen und ich weiß, dass Makoto es kann. Es war so besser.“
„Sie können das? In welchen Sprachen?“
„Deutsch, Englisch, Spanisch.“
„Okay. Nicht übel. Nun gut. Welche Frage ist es?“
„Die vierte Frage, die im Buch vorgeschlagen wird und zur Altersgruppe passt.“ Er machte große Augen.
„Oha. Mutig. Nun gut. Ziehen Sie die Gardine vor das Fenster. Man könnte es von unten lesen. Es soll ja anonym sein.“
„Okay, ist das echt lesbar?“
„Vertrauen Sie mir einfach.“, zwinkerte er und steckte seine Hände in die Hosentaschen.
„Okay. Danke.“
„Wieso lesen Sie solche Bücher?“
„Oh, naja. Ich hatte in Deutschland vor Psychologie zu studieren und wollte mich auf Kinder- und Sportpsychologie spezialisieren. Das Buch hat mir ein Freund geschenkt. Es war eine englische Übersetzung. Ich durfte dann mit Abstimmung von Lehrern einige Tests an Grundschulen und auch dieser Altersgruppe durchführen. Es war wirklich interessant. Das Thema ist aktuell auch bei uns wichtig wegen der falschen Vorbildwirkungen einiger Promis und Zeitschriften. Hier ist das Thema wegen weiterer Einflüsse besonders aktuell und wichtig.“ „Okay. Das stimmt.“
„Wie ist das mit den Kameras im Flur? Können die durch das Fenster sehen und lesen was an der Tafel steht?“
„Ja, dem ist so. Unser Lehrerbereich ist immer im Fokus. Das soll uns schützen.“
„Vor was denn? Nun gut. Ich werde dann die Auswertung etwas abändern, damit nichts zu sehen ist. Danke für den Tipp.“
„Fragen Sie ruhig die Klasse, ob ich wieder reinkommen darf.“
„Ich frage. Aber Sie müssen dann auch in der Tabelle eintragen. Ich habe eine Idee.“
„Was ist mir Makoto?“
„Der bekommt eine Aufgabe und wird beschäftigt sein.“ Sie sah in den Raum und wank Makoto zu sich. Er kam zu ihr.
„Schau Tina, ich habe mich auch eingetragen.“
„Super Großer. Pass auf. Nachher sollen die Schüler alle nach und nach hinter die andere Tafel gehen und auch dort etwas in eine Tabelle eintragen. Du musst mein Assistent sein. Du bist doch so wahnsinnig klug und kannst dir unzählige Dinge merken. Ist es möglich, dass du dir im Kopf merken kannst wer wie lange hinter der Wand braucht, um wieder hervorzukommen?“
„Meinst du jetzt ich soll die Sekunden zählen, wie lange jemand hinter der Tafel steht?“
„Ja genau.“
„Ist doch leicht. Klaro. Ich brauche kein Zettel oder sowas. Ich kann dir auch sagen wie sie sich nebenbei bewegen. Brauchst du das für deine Auswertung?“ „Du bist einfach genial…ja. Das kann ich wirklich gebrauchen. Klasse. Aber du darfst das später niemanden sagen. Ich versuche es nebenbei, aber es wird sicher nicht für alle reichen. Gut. Dann bleibst du jetzt mal hier alleine. Ist das okay?“
„Ja. Ich helfe dir doch gerne.“
„Mache es aber so, dass es keiner merkt.“
„Ich habe es verstanden.“ Sie ging mit dem Lehrer zusammen in den Raum zurück und sie schlossen die Tür.
„Euer Lehrer wird jetzt auch in diese Tabelle eintragen. Er schreibt den Klassennamen so wie ihr in die Spalte oder Spalten was er glaubt was sein Fach für die ganze Klasse zählt. Also ob ihr zum Beispiel alle mitkommt, aber keine Hilfe braucht. Oder eben anders.“ Der Lehrer trug die Klassennummer in die „Ich brauche Hilfe“ spalte und Schrieb dann seinen eigenen Namen in die „Ich bekomme Hilfe“ hinein.
„Ich denke das sagt euch alles. Einige kommen super mit, aber die Sprache ist schwer, das wissen wir alle. Wenn ihr Hilfe braucht in meinem Fach, dann könnt ihr jederzeit zu mir kommen und auch nebenbei mal fragen.“, erklärte er freundlich.
„Ist es für euch okay, wenn er ab jetzt nur hinten in der Ecke dort, wo vermutlich sonst ein Student sitzt, bleibt und nur zusieht? Stört euch das? Wem es nicht stört bitte Hand heben. Und denkt wieder dran, ich frage jeden Einzelnen.“ Die Hände landeten alle oben.
„Ich danke Euch. Ich werde nichts sagen.“, bedankte er sich, ging zum Fenster, zog die Gardine zu und setzte sich hinter die Klasse auf den einzelnen Stuhl.
„Nun, wir haben vorhin gute Beispiele und Erfahrungen ausgetauscht und ihr hattet untereinander ein paar Gespräche. Was sagt ihr denn jetzt zu dem Ergebnis der Tabelle? Haben sich alle eingetragen?“
„Nein, ein Junge fehlt noch.“, rief jemand dazwischen und nannte den Namen. „Ich will da nicht eintragen.“, sagte dieser Junge leise.
„Das ist okay. Ich sagte ja, es ist freiwillig.“ Sie ging zu ihm und fragte ihn leise, ob er dann lieber nur für sie alleine sichtbar auf einen Zettel schreiben würde. Damit sie selbst nur für die Gesamtwertung seinen Wert hat.
„Nur du siehst das?“
„Ja genau. Nur ich. Das ist okay.“ Er nickte ab und holte einen Zettel aus seinem Block. Tina zeichnete die Tabelle schnell auf.
„Bitte schreibe deinen Namen entsprechend rein und wenn nötig eine Person.“ Tina stellte sich neben ihn und sah ihm beim Schreiben zu. Er zögerte etwas bis er sich eintrug und ihr dann den Zettel gab.
„Danke.“ Sie ging wieder vor und wertete nun die Tabelle mit den Kindern aus. „Also…was zeigt uns das Ergebnis? Es geht hier nicht um Einzelne, sondern um das große Ganze.“
„Es sind viele Schüler in der Nachhilfe, weil sie nicht mitkommen.“, sprach eine Schülerin offen aus.
„Super. Genau das sagt es uns. Und jetzt haben wir doch vorhin darüber gesprochen warum diese Mädchen aus unserer Klasse, so komische Dinge machen? Vorab, wir wissen es selbst nicht, aber es kann viele Gründe dafür geben und es kann verschieden sein. Ihr habt bereits Bespiele genannt, wie es auch sein kann. Das was unser Thema hier ist, schreibt Misugi jetzt mal über seine tolle Zeichnung und jeder von euch darf mit seinem Sitznachbarn darüber reden was normalerweise mit unserem Körper passiert, wenn wir gesund sind und uns gesund, also normal, ernähren.“ Jun schrieb das Thema: Essstörung an die Tafel. Alle sahen überrascht zu seiner Zeichnung. Er und auch Tina und Yoko vernahmen sehr wohl die verschiedenen Reaktionen.
„Ihr könnt euch jetzt kurz unterhalten. Dann geht’s weiter.“ Nach etwa fünf Minuten wurde es von sich aus leiser und Tina fuhr fort.
„Jun wird euch nun kurz erklären was das wirklich ist, denn es kann auch anders sein, als ihr jetzt im Kopf habt.“
Etwas später sah Tina symbolisch auf die Uhr und dann wieder zur Tafel.
„Habt ihr schon mal etwas von Statistik oder Wahrscheinlichkeit gehört?“ Es wurde sich gemeldet.
„Ja, das hatten wir schon in Mathematik. Da werden zum Beispiel Würfel geworfen und man muss ausrechnen wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass wie beim Casino-Spiel die Sieben gewürfelt werden könnte. Das Ergebnis ist dann je nach Anzahl der Würfe das Ergebnis.“
„Ja genau. Das ist das. Also hier in unserer Tabelle ist es ähnlich. Das was wir jetzt hier zusammen machen ist ein Test, als Spiel kann man es nicht mehr bezeichnen. Ich habe das aus einem Buch, welches sich unter anderem mit solchen Themen beschäftigt hat. Dort gibt es zwei Tabellen. Eine davon ist diese hier. Man hat diese Frage mit den Vorgaben mehreren hundert Schülern ausfüllen lassen, so wie wir jetzt. Und am Ende kam eine interessante Zahl dabei raus. Es gab verschiedene Gründe und Themen, diese Tabelle ausfüllen zu lassen unter anderem auch unser Thema mit der Essstörung.
Das Ergebnis war jedoch fast bei allen Themen in etwa gleich.“
Tina griff nach einem grünes Kreidestück und kreiste die dritte Spalte ein „Ich brauche Hilfe“.
„Bevor ich da etwas Weiteres sage. Was glaubt ihr, warum habe ich ausgerechnet diese Spalte grün gemacht?“ Eine Hand hob sich.
„Weil dort die meisten drinstehen?“ Tina schüttelte den Kopf.
„Nein, kann noch jemand eine Vermutung äußern?“ Keiner meldete sich. Dann blickte Tina zu Yoko.
„Was meinst du? Hast du eine Ahnung?“
„Oha, ich weiß ja jetzt gar nicht worauf du wirklich hinaus willst.“
„Hm, deswegen frage ich dich ja, den Lehrer und Jun brauche ich nicht fragen. Ich glaube die wissen das sowieso.“
„Keine Ahnung.“
„Dein erster Gedanke. Stell dir vor, das Ergebnis wäre unser Team. Was würdest du denken, wenn unser Team ein solches Ergebnis hätte?“
„Hm, naja, einige waren sich unsicher wo sie sich eintragen sollen, aber in der Spalte haben die meisten eingetragen, die nicht lange überlegt haben. Einige dann erst nach Überlegung und dann wurde überlegt ob und was sie in der letzten Spalte eintragen. Also sage ich mal so frei raus…die, die sich gleich dort eingetragen haben, die wissen genau was sie wollen und was sie können. Die sind sich sehr sicher.“
„Ja, das ist es. Du hast die Schüler beobachtet und anhand dieser Beobachtung deine Einschätzung gegeben. Und ja, die Entschlossenen haben sich sofort nach vorne begeben und sich dort oder auch bei anderen Spalten eingetragen. Und wenn es passt, das sieht man an den Namen, da sie oft gleich danebenstehen, bekommen sie Hilfe und genau das ist die Gruppe, die am wenigsten angreifbar ist. Diese Schüler sind am wenigsten anfällig für Probleme oder Krankheiten wie Essstörungen oder andere psychische Erkrankungen. Und wisst ihr auch warum?“
„Äh, Tina, heißt das jetzt, dass Jun und ich anfälliger sind als diese Gruppe?“, wunderte sich Yoko und sah sie überrascht an.
„Nein, dazu komme ich gleich. Ihr beide…ihr seid genauso wie ich, obwohl wir in verschiedenen Spalten eingetragen haben. Ich will es aber von den Kindern hören.“ Makoto meldete sich energisch.
„Ich weiß es, ich weiß es.“, zappelte er rum. Tina sah ihn liebevoll an und legte ihren Finger auf die Lippen.
„Ich weiß, lass den anderen auch eine Chance. Lernen durchs Selbstlernen, Großer.“ Er nickte und nahm die Hand wieder runter. Niemand meldete sich. Dann zeigte Tina auf eine Schülerin gleich in der ersten Reihe.
„Was glaubst du? Wo stehst du denn?“
„Äh, ich weiß nicht. Ich, ich habe mich gleich vorne eingetragen. Ich bin die Klassenbeste, nach Makoto.“
„Und warum steht dein Name dann trotzdem in der letzten Spalte? Wenn du alles kannst, wozu ein Nachhilfelehrer?“ Sie stockte und sah dann schüchtern auf den Tisch.
„Naja…weil…ich nicht gut genug bin.“ Makoto sah zu seiner Sitznachbarin.
„Du hast doch überall die besten Noten, was soll denn da besser werden?“ „Ich…könnte noch besser sein…sagt er. Ich…ich mache schon die Sachen für die nächsten zwei Klassenstufen. Umso besser ich bin, umso weniger habe ich später Probleme mit den Aufnahmetests der Todai.“
„Mehr zu wissen als die anderen, kann nie schaden. Was willst du denn studieren?“, brachte Tina sich freundlich ein.
„Ich…ich will Anwältin werden.“, sagte sie schüchtern und hielt sich die Hände auf dem Tisch. Tina legte ihre Hand auf den Tisch, direkt dort wo das Mädchen hinschaute.
„Du und Anwältin? DU wirst niemals eine Anwältin sein!“, sprach sie deutlich und mit fester Stimme auf Französisch. Völlig entsetzt sah das Mädchen zu ihr auf und hielt den Mund geöffnet, als würde sie etwas sagen wollen, aber es kam kein Ton heraus. Ihr Puls stieg enorm an und sie musste sich das Weinen verkneifen. Wieso war diese Oberschülerin denn plötzlich so gemein zu ihr? Nicht alle verstanden was Tina gesagt hatte, aber den Gesichtsausdruck ihrer Klassenkameradin vernahmen sie sehr wohl. Der Lehrer gab sich Mühe sich herauszuhalten. Man merkte ihm an, dass er am liebsten eingreifen würde. Plötzlich stand Makoto auf und fauchte Tina an.
„Wieso bist du denn auf einmal gemein zu ihr? Sie ist immer lieb und freundlich zu jedem und hilft mir, wenn ich was wegen meines Alters nicht gleich verstehe. Wie kannst du sie dann so anfahren?!“ Tina reagierte zuerst nicht. Kurz darauf standen drei weitere Schüler auf und sagten ebenso ihre Meinung.
„Makoto hat Recht. Du kennst sie gar nicht und urteilst einfach. Was weißt du schon über uns?“ Diesmal grinste Tina, und zeigte nach und nach auf die Jungs, die aufgestanden sind.
„Du, du, du und du, Makoto…ihr habt den Charakter Juristen zu werden. Sie jedoch nicht.“ Diese waren etwas verdutzt.
„Ihr könnt euch wieder setzen. Ich kläre das gleich auf.“ Sie hockte sich dann vor das Mädchen und sah sie liebevoll an.
„Was willst du denn selbst später machen? Du willst doch gar keine Anwältin werden, oder? Wer sagt denn, dass du das werden kannst?“
„Ich? Ich…mein Nachhilfelehrer sagt das immer. Er sagt zu meinen Eltern, dass er eine aus mir macht, wenn ich nur genug lerne.“
„Und was willst du selbst? Weißt du denn was ein Anwalt macht?“
„Naja, er verteidigt die Menschen, die vor ein Gericht kommen.“
„Und was muss man dann können außer Gesetze lernen? Es gibt ja den Richter und andere Anwälte im Gerichtssaal.“ Sie sah überrascht zu ihr auf.
„Ich…muss verteidigen können?“
„Richtig, konntest du das denn eben? Konntest du dich eben gegen mich verteidigen? Konntest du mir sagen, was du für ungerecht fandest oder konntest du mir sagen, dass ich falsch liege und du das wirklich werden willst?“ Mit großen Augen schüttelte sie den Kopf. Tina stand auf und sah in den Raum.
„Habt ihr alle mitbekommen worauf ich hinauswill? Warum konnte eure Freundin sich nicht selbst äußern?“
„Ihr fehlte der Mut?“ Tina schüttelte den Kopf.
„Das wäre nur eins von dem was ihr fehlt, aber das Ganze hat einen anderen Namen. Mut gibt es auf verschiedene Arten. Sie hat Mut, sie war ehrlich und hat vor euch in der Spalte trotzdem ihren Nachhilfelehrer eingetragen, obwohl es von euch vermutlich niemand wusste. Das ist wahnsinnig mutig. So mutig war nicht jeder, ehrlich zu seinen Mitmenschen und zu sich selbst sein. Was fehlt ihr also für eine Anwältin?“
„Selbstbewusstsein.“, haute plötzlich jemand raus. Tina sah zu dem Jungen. Er saß in der letzten Reihe am Fenster.
„Steh auf, Junge. Wo hast du dich eingetragen?“ Lässig stand er auf und antwortete mit fester Stimme.
„Ich stehe in Spalte zwei. So wie Fuma-kun.“
„Ihr seid die Einzigen, stell dich bitte mal zu ihr.“ Er wunderte sich zwar, aber ging mit selbstsicheren Gang nach vorne, hielt zwischendurch kurz bei dem schüchternen Mädchen, fragte wie es ihr geht und stellte sich nach ihrer Antwort neben Yoko. Tina grinste vor sich hin.
‚So einen Gang kenne ich nur zu gut. Sein ganzes Auftreten.‘
Sie richtete ihren Blick wieder dem schüchternen Mädchen zu.
„Was machst du gerne, wenn du mal Zeit neben der Lernzeit hast?“ Sie war erstaunt und lächelte.
„Ich spiele mit den Hunden vom Nachbarn, während sie arbeiten müssen. Und manchmal darf ich sogar bei der Arbeit helfen.“, berichtete sie mit einem fröhlichen Gesicht.
„Und was arbeiten die?“
„Sie haben eine Tierarztpraxis und wenn da eine Operation ist, dann darf ich manchmal assistieren und die Tiere waschen oder streicheln.“, schwärmte sie plötzlich total.
„Dann werde doch Ärztin, du kannst ja kurz vor dem Studium immer noch entscheiden ob für Mensch oder Tier. Vielleicht wirst du auch Kinderärztin, davon gibt es immer zu wenige, also wird man gebraucht.“ Alle sahen Tina überrascht an.
„Moment…wenn sie Ärztin sein will, dann muss sie sich doch genauso gegen die anderen durchsetzen können. Eben hast du noch gesagt, dass ihr das Selbstvertrauen fehlt. Das widerspricht sich.“
Plötzlich stand das Mädchen auf und fauchte ihn an.
„Traust du mir das etwa nicht zu? Ich kann das! Ich habe sowieso keinen Bock auf den ganzen langweiligen Gesetzeskram! Ich kann sogar schon mit dem Skalpell umgehen, weil ich ab und an üben darf. Oder ich rasiere das Fell oder nähe mal was zu!“, steckte sie ihm die Zunge raus und setzte sich dann wieder mit verschränkten Armen.
Tina war selbst sehr überrascht, dass sie plötzlich so außer sich war und ihre Meinung sagte. Sie zeigte dann auf sie und sprach herausfordernd.
„Das! Das war, was vorhin fehlte…dieses Feuer! Das Feuer zu dem zu stehen was man will! Du wirst auf jeden Fall eine Ärztin! Und zwar eine mit Leidenschaft! Du hast jetzt nur noch zwei Aufgaben zu erfüllen, bevor du auf dieses Ziel hinarbeitest.“ Sie pausierte kurz. Das Mädchen sah sie total begeistert an.
„Aber…was ist mit meinen Eltern?“
„Komm an die Tafel und passe deinen Wunsch der Tabelle an, wie es in Zukunft laufen kann oder wird. Erkläre es uns dann.“ Sie reichte ihr ein Kreidestück und das Mädchen stand nachdenklich vor der Tafel. Sie sah sich ihre Eintragungen an.
„Soll ich dann meinen Namen stehen lassen oder wegwischen oder wie?“
„Du schreibst dich einfach nochmal da rein, wo du dich in Zukunft siehst. Das Alte lässt du stehen.“ Sie schrieb sich dann mit glücklichem Grinsen im Gesicht in der ersten Spalte erneut rein. Dann sah sie zur Nachhilfe und legte jedoch die Kreide hin.
„Gut so. Was ist mit der Nachhilfe? Kommst du ohne ihn trotzdem mit?“ Etwas pikiert sah sie Tina an.
„Natürlich, ich kann doch alles schon und das Jahr ist noch nicht mal halb vorbei. Außerdem mag ich den Kerl sowieso nicht. Obwohl ich zu Hause bin, muss ich die Schuluniform beim Lernen tragen und dann guckt der immer so komisch und sitzt auf meinem Bett, statt auf dem Stuhl. Das ist total nervig.“ Sie setzte sich wieder auf ihren Platz und die anderen sahen sie alle etwas verwundert an.
‚Oha, ist da doch mehr, als ich dachte?‘
Der Junge, der vorne stand ging etwas wütend zu ihr.
„Was meinst du denn damit? Wieso erzählst du mir sowas nicht?“
„Ist doch peinlich, warum brauche ich denn schon Nachhilfe?“
„Davon rede ich gar nicht. Was macht der Typ denn noch?“
Plötzlich kam ein Räuspern des Lehrers. Er sah streng durch die Klasse. Tina sah zu ihm und lächelte.
„Lassen Sie laufen. Es ist perfekt.“, sagte sie ihm plötzlich auf Spanisch. Er staunte.
‚Woher weiß sie denn jetzt, dass ich auch Spanisch spreche?‘ Er sah sich im Raum um und dann war es ihm klar. An der Wand hinter ihm hingen ein paar Fotos und da war er mit jemanden zusammen in Barcelona.
„Nun sag schon, was hat er noch gemacht?“, brummte der Schüler.
„Keine Ahnung, was meinst du denn?“ Ein paar Klassenkameradinnen standen auf und gingen zu ihr.
Plötzlich wurde es immer unruhiger. Auch die Jungs brachten ihre Meinung dazu ein. Tina bemerkte, dass es langsam ernster wurde und bat Jun mit Makoto rauszugehen, bevor er groß mitbekam worum es wirklich ging. Der Lehrer stand auf und ging zu Tina.
„Genau das war Ihr Ziel, oder?“ Tina nickte und ging zur Tafelseite am Fenster. Sie sah sich die Tabelle an, die Yoko für sie angeschrieben hatte. Dann lächelte sie und ging zum Waschbecken, während sich die Kinder weiter angeregt unterhielten und ihre Erfahrungen und Lösungswege austauschten, und holte einen nassen Schwamm und ein Tuch. Sie wollte gerade die Tabelle wegwischen, da stand der Junge plötzlich neben ihr und sah fragend zu ihr.
„Was stand denn da?“
„Das ist nicht mehr wichtig für euch. Ihr seid eine tolle Klasse und ich glaube, du bist ihr Klassensprecher, oder?“
„Das hat dir Makoto sicher gesagt. Das ist keine Kunst.“
„Er hat mir gar nichts gesagt über euch. Er wollte mir nur seine Klasse vorstellen. Ich habe es ihm angeboten, als Trost und Ablenkung.“
„Wirklich? Ist echt verdammt scheiße, was seine Familie jetzt durchmachen muss.“
„Das ist wahr. Passt du weiter auf ihn auf?“ Er nickte grinsend.
„Und was steht da nun? Warum fällt das jetzt weg?“
„Sehe selbst und entscheide du für deine Klasse. Es sollte eine anonyme Abstimmung sein, aber wie gesagt, das ist gar nicht mehr bei euch nötig. Ihr passt doch jetzt alle noch mehr aufeinander auf.“ Er stellte sich ans Fenster und las die Frage und die Antwortmöglichkeiten durch.
„Mach es weg, du hast Recht.“, brummte er und machte Fäuste.
‚Sowas wollte sie uns noch fragen? Ist es das, was neben dem Leistungsdruck die anderen so stresst? Und dann lässt es sie Dinge tun, die so ekelhaft sind?‘
Tina wischte es sorgfältig weg und er half ihr sogar dabei, denn er wollte nicht, dass es die anderen noch sehen.
Danach brachte Tina den Schwamm und das Tuch zum Waschbecken zurück. Sie sah fröhlich zum Flurfenster und beobachtete wie Jun sich mit Makoto amüsierte und sich angeregt unterhielten. Sie wank die beiden wieder rein, was sie auch sofort taten und alle setzten sich wieder auf ihren Platz.
„So…ihr Lieben. Eins fehlt noch. Unsere zukünftige Ärztin muss noch eine Eintragung machen.“, brachte Tina sich wieder ein.
Es wurde wieder ruhiger und die Kinder setzten sich wieder auf ihre Plätze.
„Äh, wie, was muss ich denn noch machen?“
„Naja, komm bitte nochmal vor. Du willst das durchziehen?“ Sie nickte und griff nach der Kreide.
„Auf jeden Fall. Ich will Ärztin werden, keine Anwältin.“
„Nimm diesmal gleich eine grüne Kreide.“ Sie wunderte sich, aber folgte der Aufforderung.
„Um deine Eltern von deinem Ziel nun zu überzeugen musst du ihnen etwas anbieten. Der erste Schritt war, auf die Nachhilfe zu verzichten. Wichtig ist dabei, merkst du, dass du doch jemanden brauchst, wende dich an deine Klasse oder lass dir eine Frau als Lehrerin einstellen. Ich denke aber, dass du das nicht nötig haben wirst.
Das zweite ist die Alternative zum Lernen am Tisch. Schreibe etwas in die „ich bekomme Hilfe“ Spalte, die für deinen Berufsweg einen Sinn ergibt.“ Sie zögerte etwas und dann schrieb sie den Namen der Tierarztpraxis hinein.
„Ich werde fragen, ob ich noch öfters helfen darf. Das macht mir so viel Spaß.“
Tina schüttelte den Kopf.
„Falsch. Wie alt bist du?“
„Dreizehn. Wieso falsch?“
„Du fragst nicht, ob du helfen darfst, sondern du fragst ob du bei ihnen jobben darfst. Ein Schülerjob.“
„Ein Job? Also ich soll Geld dafür nehmen?“
„Genau, umsonst geht gar nicht, nicht mehr, denn du willst das für die Zukunft nutzen und so kannst du sogar zum Haushaltsgeld beitragen oder dein eigenes Taschengeld verdienen und musst deine Eltern nicht darum bitten. Immerhin sparen sie jetzt viel Geld, weil der Lehrer geht. Das wird ihnen zusätzlich gefallen.
Der Job in der Tierarztpraxis wird dich auch in der Humanmedizin weiterbringen, das spielt erst einmal keine Rolle, denn schon alleine, dass du mit den Werkzeugen umgehen kannst und weißt wie die heißen und wie eine Praxis eingerichtet wird, das hilft dir bereits für die Zukunft. Es gibt Vieles was du dort bereits vorab lernst.“
„Das mache ich. Ich frage meine Eltern gleich heute Abend.“ Sie setzte sich hin.
„Und du? Wieso meinst du, du brauchst keine Hilfe, aber du kommst mit?“
„Wie jetzt? Willst du jeden auseinandernehmen?“
„Nö, ich habe mir nur ein paar Leute rausgesucht.“
„Man, nun gut. Ich habe keine Probleme, das wars schon.“
„Und warum stehst du dann nicht wie Makoto und Jun in der ersten Spalte?“ „Wozu denn? Ich habe überall gute Noten und es reicht für ein normales Studium.“
„Darf ich wissen was du so für Noten hast? Was heißt denn gut?“
„Ist das nicht egal?“
„Er hat auch überall Einsen.“, haute das Mädchen raus, die nun Ärztin werden wollte.
„Oh, wirklich? Dann kannst du doch vorne stehen.“
„Da steht aber leicht. Nur weil ich gut bin, muss es mir ja nicht leichtfallen.“
„Das stimmt. Ich verstehe. Aber eine Nachhilfe hast du dann nicht. Weißt du denn schon was du mal werden willst?“
„Nö, mal sehen.“
„Hm, und nun stell dir mal vor, eines Tages weißt du es, oder du stehst vor der Wahl dir ein Studienfach auszusuchen und dann wird eine Mindestanforderung gefragt. Was dann?“ Er sah sie verwundert an.
„Ich will gar nicht studieren. Ich will irgendwas im Handwerk machen.“
„Oh, ein Handwerker. Ich verstehe, aber mit den Noten kann man ja seine Optionen nach oben offenhalten.
Welches Handwerk gefällt dir denn?“
„Hm, Schmiede, Schlüssel, Metallverarbeitung sowas und Holz. Ich mag es an den Maschinen zu sitzen.“, zählte er begeistert auf.
„Oh, das kann man immer brauchen. Und kannst du dir auch vorstellen solche Maschinen mal zu warten oder zu bauen oder vielleicht selbst eine ganz tolle zu erfinden?“, lächelte Tina ihn an. Er sah sie irritiert an und blickte dann auf seine Hände.
„Hm, ich weiß nicht…ob ich das kann. Interessant klingt der Gedanke.“, sprach er leise vor sich hin.
„Dann solltest du dich vielleicht mal in Richtung der verschiedenen Ingenieur-Fächer umsehen. Da gibt es ganz viele und nebenbei und jetzt als Schüler machst du des dann genauso wie unsere zukünftige Ärztin. Du gehst in verschiedene Werkstätten und probierst dich dort aus. Beim Schlosser, Schreiner oder dann in großen Fabriken. Vielleicht findest du dort Möglichkeiten etwas für dich zu finden. Und dann…dann kannst du entweder nach deinem Abschluss eine Lehre machen oder nach dem Studium. Ich würde die Optionen offenlassen und jede Tür öffnen, die ich öffnen kann.“
„So habe ich das noch nie gesehen. Ich dachte mit guten Noten kann ich in jede Werkstatt gehen die ich will.“ Er sah sie plötzlich an.
„Und du? Was willst du denn werden?“
„Ich muss sehen wie weit ich hier komme. Japan ist ganz anders als Deutschland. Also versuche ich mir so viele Türen wie möglich zu öffnen. Arbeiten gehen und mir mein Taschengeld nebenbei verdienen kann ich bereits. Also das erste Türchen ist offen.“, lächelte sie.
„Ach so? Was machst du denn?“
„Ich bin Rettungsschwimmerin. Die braucht man ja immer und wenn es Krankheitsvertretungen sind.“
„Und was wolltest du in Deutschland werden? Wie gut warst du da in der Schule?“, kam eine Frage aus der Menge.
„Ich war tatsächlich Klassenbeste. Ich wollte Psychologie studieren. Später sollte es in Richtung Sport- und Kinderpsychologie gehen. Jedoch wollte ich nicht in diesem Beruf selbst arbeiten, sondern als Trainerin für Kinder und Jugendliche. Also sowas was unser Trainer macht.“
„Hm, aber wenn du nur Trainerin werden wolltest, wozu dann das Studium?“ Sie grinste.
„Da kommt dann wohl etwas durch, was ihr Japaner so gut könnt. Den Drang nach Perfektionismus. Ich will das, wenn, dann richtig tun und ich kannte Trainer, die es falsch machten und die, die es richtig machen. Und ich will eine von denen sein, die mit ihrem Team immer Erfolg hat, und wenn es nur der Spaß am Sport ist und die Kinder glücklich sind. Sport macht den Geist frei und hält fit.“
„Oh, aber da verdient man doch nichts.“
„Ich weiß, das kommt aber auch auf die Qualität des Trainers an. Ich will alles richtig machen und deswegen ist das Fach ideal für mich. Das jetzt zu erklären, wäre zu umfangreich.“
„Yoko, was willst du machen? Warum gibst du dich mit dem zufrieden was du hast?“, kam eine weitere Frage.
„Oh, ich weiß genau was ich will. Ich werde das Dojo meiner Eltern übernehmen, dafür reicht mir eine einfache kaufmännische Ausbildung. Ich brauche also nur etwas Buchhaltung lernen, denn meinen eigentlichen Beruf habe ich bereits in der Tasche und arbeite auch schon darin.“, erzählte sie ganz stolz.
„Wie jetzt Dojo? Was denn für ein Dojo?“, fragte Makoto.
„Ich bin Karatemeisterin, meine Familie hat eine lange Tradition und das Familien-Dojo wird später von mir weitergeführt. Als Meisterin habe ich eine spezielle Prüfung abgelegt und kann jetzt schon jedes Alter unterrichten. Ich bin also Karate-Trainerin, wenn man das in Tinas Worten ausdrücken würde.“ Sie klopft ihr auf die Schulter.
„Ha, wenn ich darüber nachdenke, ist das doch dein Traumberuf, den ich mache? Trainerin sein und mit Kindern arbeiten.“ Tina grinste.
„Ja, voll fies, bei uns gibt es sowas nicht, dass man schon mit 16 einen abgeschlossenen Beruf hat. Da bliebe auch nur die Kleinigkeit als Rettungsschwimmerin. Aber was machst du, wenn du keinen Sport mehr machen kannst?“
„Ach, jetzt bin ich dran, oder was? Na die Finanzen des Dojos kann ich auch im Rollstuhl machen, das ist den Zahlen egal. Ich bin nicht die einzige Meisterin. Meine Cousins und Cousinen unterrichten auch.“, lachte sie.
„Das stimmt. So ist das mit meinen Sprachen. Die bleiben mir immer übrig, sogar wenn die ganze Welt zusammenbricht, ich kann ja so viele Menschen verstehen, dass man immer helfen kann. Aber jetzt mal der schwarze Humor weggelassen. Ein Hinweis für euch Kinder, denn wir haben ja jetzt gerade eine Fremdsprache als Fach. Wenn irgendjemand denkt, er braucht keine weiteren Sprachen, dann lasst euch mal einen Hinweis geben.
Ich bin ja nun erst hergezogen. Wegen der Arbeit meiner Eltern, in unserem Fall wegen meiner Mutter. Sie ist Dolmetscherin und beherrscht zwanzig Sprachen und nun auch Japanisch. Das ist ihr Talent, so wie meines. Sie arbeitet für eine große Firma und übersetz vor Ort im Gespräch oder den Papierkram und Dokumente. Mein Vater kann als Anwalt nicht hier arbeiten. Die Wohnung und alles andere, was wir haben, das verdient alles meine Mutter. Sie ist diejenige, die aktuell die Familie über Wasser hält. Genau das ist es was euch immer animieren sollte Sprachen zu lernen. Es müssen ja keine 20 sein, oder wie ich vier, aber Englisch und Französisch oder dann eventuell Spanisch, das kann euch in der Welt schon sehr weit bringen und weitere Türen öffnen. Wenn ich nicht auch so talentiert wäre, käme ich hier deutlich schlechter klar. Ich kann nur froh sein, dass hier viele von euch und den Oberschülern recht gut Englisch sprechen. Für einfache Gespräche reicht es immer aus.“
Ein paar wenige Minuten später wurden die letzten Tafelbilder abgewischt und Tina wand sich den Schülern wieder zu.
„Eine letzte Frage an alle. Ich glaube jedoch, ich kenne die Antwort bereits. Ihr könnt gerne durcheinander antworten, so wie ihr wollt. Ihr müsst euch auch nicht melden oder so, einfach frei raus mit euren Antworten. Miteinander reden ist auch erlaubt.“ Alle sahen sie verdutzt an.
„Wen in eurer Klasse mögt ihr am wenigsten? Irgendwen mag man ja immer gar nicht oder die Person ärgert einen. Irgendwas.“ Alle wurden etwas unruhig. Sie sahen sich gegenseitig fragend an und zuckten alle mit der Schulter.
„Eine blöde Frage.“, haute der Junge heraus, der nicht an die Tafel gegangen ist.
„Gut, andere Frage. Wen mögt ihr am meisten?“
„Na unseren Klassensprecher natürlich. Deswegen ist er der Klassensprecher.“, kam von den meisten. Tina schmunzelte und sah dann zu Makoto.
„Was wären denn deine Antworten?“ Er war überrascht.
„Darauf kann ich nicht antworten, ich mag alle und alle sind nett zu mir und wir spielen viel zusammen und helfen uns gegenseitig. Ich mache da keine Unterschiede. Ich sagte doch, dass ich eine tolle Klasse habe und meine Freunde hier sind.“
„Deine Freunde? Wer sind denn alles deine Freunde?“
„Na alle hier.“, wunderte er sich nur und dann sah er sie nach ein paar Sekunden glücklich an.
‚Tina, ist es das? War es das, warum du hergekommen bist? Wolltest du mir Mut machen und aufzeigen, dass ich noch meine Freunde habe?‘
Info
„Die Schule ist für mich…“
Darunter folgendes in die Spalten:
„leicht“, „ich komme mit“, „ich brauche Hilfe“, „Ich bekomme Hilfe“.“
Der Test ist einfach nur von mir ausgedacht worden. Nehmt es also alles nicht zu ernst. =P
169. Kapitel Itachi und die blauen Augen U18
Kapitel 169
Itachi und die blauen Augen U18
Tina überlegte kurz und hatte eine Idee.
„Was halten Sie davon, wenn wir die Ausstellung wie eine Art Museum gestalten? Die Räume werden bereits eine Woche vorher eingerichtet, so können es die eigenen Gruppen wie auch alle anderen Schüler und Lehrer bereits jederzeit ansehen und es darf mal in den Pausen in den Räumen geblieben werden. Später bei der Ausstellung bleibt nur einer pro Flur für mehrere Epochen als eine Art Aufsichtsperson. Hier geht doch niemand an die Sachen ran und Originale hängen auch keine rum. So kann sich abgewechselt werden, wer wozu Lust und Zeit hat. Das muss nur vorher alles genau miteinander per Zeitplan abgestimmt werden. So haben alle etwas davon und niemand verpasst das, was ihm wichtig ist. Wenn die Familien dann da sind, können sie sich alles in Ruhe ansehen, entweder während der Spiele oder eben dazwischen. Man kann es doch bewerben, dass es eine Ausstellung geben wird. So lockt es noch mehr Leute an und wir können mehr Eintrittsgeld kassieren. Vielleicht mag es auch der eine oder andere Sponsor oder Familienmitglieder, die dann da sind.“
„Das klingt auch gut. Eine tolle Idee.“, schlug die Lehrerin begeistert die Hände zusammen und sah Tina mit feuchten Augen an.
„Ja wirklich eine tolle Idee. Dann sehen wir uns alle schon vorher die Sachen an und können es unseren Familien in Ruhe zeigen und selbst erklären.“
„Genau, da haben alle Schüler mehr Lerneffekt, als dass die ganze Gruppe hier im Weg rumsteht und am Ende nur die Fragen beantwortet. Wir gestalten alles so, dass es jeder lesen kann. Oder man stellt vorher Spracheinheiten zusammen, wo was erklärt wird. So wie in einem modernen Museum, wo man auf einen Knopf drückt, wenn man etwas erklärt. Ich kann ja ein paar Einheiten passend zum Thema in den Sprachen ansagen. Immerhin ist Spanien und Frankreich, so wie Deutschland sehr viel vertreten. Das peppt die Sache sicher hier und da etwas auf.“ Die Lehrerin strahlte plötzlich über alle Ohren und stimmte natürlich zu. Einige Schüler fingen schon an sich dazu zu äußern, welches Thema sie nehmen würden. Sie wirkten sehr begeistert und interessiert.
‚Ich hatte schon die Befürchtung, dass ich wieder kaum etwas beitragen kann, außer nur ein paar Bilder und Skulpturen auszustellen. Das ist doch auch auf Dauer langweilig. Das wird bestimmt super laufen und lockt mehr Verwandte an. Immer kommen nur die für die Sportteams und für das Theater. Westliche Kultur und Kunst ist doch aber viel mehr als Alte Meister, Schauspielerei und Sportarten. Bettina, du rettest mir meinen Fachbereich und vielleicht interessieren sich dann die Kinder noch viel mehr dafür.‘
„Sagen Sie, dürfen wir dann auch selbst was ausstellen? Etwas was genau zu der Epoche passt? Zum Beispiel eine Skulptur oder ein Bild?“, fragte ein Mädchen. „Natürlich. Das war sonst immer das Einzige, was ich machen konnte. Aber es hat sich nicht jeder dafür interessiert und daher auch die Idee mit der Ausstellung. Dann kommen die Werke so richtig zur Geltung.
Ach Kinder, ich freue mich so. Wisst ihr was noch so richtig genial wäre?“, haute die Lehrerin total begeistert raus. Die Klasse sah sie erstaunt an, weil sie sich so jugendlich ausdrückte.
„Was denn?“, wurde gefragt.
„Wenn wir es schaffen würden einen echten Künstler zu organisieren. Ich kenne leider persönlich nur japanische Künstler, die auch nur japanische Techniken anwenden.“ Sie sah etwas verstohlen zu Jun, in der Hoffnung er würde sich dazu äußern. Alle überlegten und dann meldete sich Tina.
„Also, muss das denn ein Europäer sein? Ich habe neulich ein ganz tolles Bild vom Fuji gesehen. Da war Lavendel davor. Ich fand die Kombination sehr schön, als hätte man Kulturen gemischt. Es wurde von einem Japaner gemalt, aber mit einer Öl-Technik der alten Meister. Ich war schon in vielen Museen und kenne die alten Gemälde der großen Meister. Ihre Technik war eindeutig zu erkennen, nur eben natürlich mit helleren und lieblicheren Farben und noch nicht so flach eingetrocknet.“
„Oh wirklich? Ein Bild mit Lavendel und dem Fuji-san? Weißt du noch den Namen?“ Tina grinste und sah Jun an.
„Ich konnte mir den so gut merken, weil er ähnlich klingt wie Juns Nachname. Und er signierte nicht in japanischer Schrift. Misaki.“ Jun zuckte zusammen. Er hatte bereits die Befürchtung, dass der Blick der Lehrerin ihm deswegen galt. Die anderen sahen ihn fast alle überrascht an.
„Sag jetzt nicht, das ist der Vater von Taro Misaki?“, meinte jemand. Jun rollte mit den Augen.
„Ja, ja. Ich lass ja schon meine Beziehungen spielen. Aber nervt mich jetzt nicht damit, klar? Versprechen kann ich gar nichts. Herr Misaki ist sicher noch in Frankreich unterwegs. Keine Ahnung, das muss ich erst erfragen.“ Tina sah ihn verdutzt an.
‚Hätte ich bloß die Klappe gehalten. Verdammt. Wieso hat Yuzo mir das denn nicht gleich gesagt? Oder wollte er es nur nicht vor der Hausherrin machen, weil sie nicht wissen sollte wo ich hingehöre? Ich wusste gar nicht, dass Misakis Vater Maler ist, nur, dass er wegen des Jobs in Frankreich ist und deswegen dort spielte. Mehr hat Genzo damals nicht erwähnt. Das ergibt aber einen Sinn.‘ Die Lehrerin freute sich bereits und den Rest der Stunde ging sie alle Epochen kurz durch, zeigte ein Beispiel in den Büchern und auf Plakaten, gab die Liste der Schwerpunkte und Anforderungen der Ausstellung aus und die Schüler trugen sich in den Epochen ein, die sie besonders interessierten.
Nach der Doppelstunde und Biologie war erneut eine große Pause. Danach waren die Wahlpflichtstunden und die Sport- und anderen AGs angesagt. Tina freute sich schon sehr auf die Halle. Im Innerem legte sie sich bereits einen Plan zurecht wie sie mit Yoko ihren Ball üben wollte und ihn dann Yako zeigen könnte. Sie ging mit ihrer Klasse zusammen durch die Flure und sie unterhielten sich angeregt über das Kunstprojekt. Jun wurde angesprochen.
„Ruf Misaki doch nachher einfach an und frage mal.“, schlug ein Junge vor.
„Ich habe keinen direkten Kontakt zu ihm. Da muss ich jemanden anderes kontaktieren.“
„Dann ruf doch den Kapitän Ohzora an. Seid ihr nicht alle Freunde?“
„Äh, das weiß der doch auch nicht.“
„Wieso nicht? Die spielen doch jeden Tag miteinander.“
„Liest du keine Zeitung? Er ist doch jetzt in Brasilien und spielt im Jugendteam von Sao Paulo. Nankatsus Team ist ab diesem Jahr anders aufgestellt. Und Misaki ist nach ihm der stärkste Spieler. Den einzigen Kontakt den ich wirklich habe, ist Yayoi, weil sie mit der Managerin befreundet ist. Der Vorteil ist, sie ist in unserer Parallelklasse und muss sich am Projekt beteiligen. Sie könnte als Einzige einen Kontakt mit Taro direkt herstellen. Sicher hat die Managerin die Nummer. Ich mische mich da gar nicht ein. Abgesehen von Ohzora sind die anderen super Spieler, aber meine Freunde sind es nun nicht, eher noch Rivalen. Vor allem Misaki.“ Plötzlich wurde etwas gelacht und der Tennisspieler brachte sich ein. „Dann hättet ihr ja scheinbar mal eine Chance gegen das Nankatsu-Team, wenn es euch jemals gelingen sollte gegen Toho zu gewinnen.“ Juns Puls stieg plötzlich enorm an und er konnte nicht mehr an sich halten, als er das hörte. Diese abwertende Art nervte ihn schon eine ganze Weile. Er versuchte trotzdem ruhig zu bleiben. Vor dem Ausgangsbereich blieb er stehen und drehte sich zu ihm um. „Was mischt du dich denn da ein? Du hast doch gar keine Ahnung. Was verstehst du denn von Mannschaftssport? Der Sieg hängt doch nicht an einem alleine wie bei dir. Unsere Strategien sind viel komplexer, als du es dir vorstellen kannst. Und ich werde garantiert niemanden anbetteln, mit dem ich nicht einmal befreundet bin. Das kannst du wissen.“
„Das heißt also, du magst diesen Misaki nicht?“, haute er raus.
„Das habe ich nicht gesagt. Wir kommen super aus, sind spitze zusammen im Team und er ist ein prima Kerl, aber deswegen sind wir noch lange keine richtigen Freunde. Verkenn da also mal nichts.“
„Oh, ein wunder Punkt. Du hängst ja auch viel lieber mit deinem stärksten Rivalen rum, anstatt gegen sie zu gewinnen! So wird das natürlich nie was. Ihr werdet es doch nie schaffen mal zum Nationalturnier zu fahren und gegen irgendwen zu spielen. Wie auch, wenn du dich mit dem Feind verbündest. Hast du total vergessen wie dich der Kerl hat auf dem Rasen liegen lassen, als du neben ihm zusammengebrochen bist? Mit so einem Egoisten bist du befreundet und wanderst mit ihm durch den Park?“ Juns Gesicht wurde roter vor Wut. Noch immer versuchte er sich zurückzuhalten. Er wusste, dass er sich nicht zu sehr aufregen durfte. Doch als er sich so abwertend über seinen Freund Kojiro äußerte, da platzte es nur so aus ihm heraus.
„Wehe du beleidigst meine Freunde noch einmal! Und Hyuga hat mich da nicht einfach liegengelassen…ganz im Gegenteil! Er wollte mir helfen und hätte beinahe das Spiel sausen lassen, aber weil ich abgegeben habe, wusste er, dass er weiterspielen soll. Er hat mir also meine Ehre und meinen Stolz durch diese Aktion bewahrt. Das war ein klares und ehrliches Duell! Rede also nie wieder so abfällig über Leute, die du gar nicht kennst!“ Tina ging dazwischen und hielt die Hände vor jeweils einen der beiden.
„Stopp! Ruhe jetzt! Es ging hier nur um einen Kontakt für das Kunstprojekt. Ihr werdet persönlich.“ Dann sah sie zu Jun.
„Jun, wenn du keinen Kontakt aufnehmen willst, musst du das doch nicht. Beruhige dich bitte wieder.“, versuchte sie dann ruhig auf ihn einzureden und ihn vom anderen Thema abzulenken. Er brummte sie plötzlich etwas an.
„Darum geht’s nicht! Was bildet sich dieser Kerl eigentlich ein, wer er ist? Er hat überhaupt nicht das Recht über meine Freunde zu urteilen! Ständig macht er solche dämlichen Bemerkungen und immer versuche ich sie zu ignorieren und darüberzustehen…aber auch ich…habe meine Grenzen. Dieser Kerl hat weder Ahnung von meinem Sport, noch von Ehre und Stolz.“, kam er so richtig in Rage. „Was bildest du dir nur alles ein, „Gläserner Fußballprinz“?! Du wirst nie sein wie deine Freunde und dass du das eine Mal jetzt bei einer WM dabei warst, war sicher das letzte Mal. Am Ende hast du doch eh nur zugeschaut, von der Bank aus. Was hat das denn mit Stolz und Ehre zu tun?“ Jun riss sich von Tinas Blick los und fauchte den Tennisspieler erneut an. Seine Ohren wurden bereits roter und sein Blick immer zorniger.
„Ich saß nicht nur auf der Bank! Klar!? Ich habe auch gespielt und Tore gemacht, also halt dich gefälligst mit solchen Kommentaren zurück, sonst lernst du mich mal richtig kennen!“ Der große Schüler trat provozierend an ihn heran, sodass sie sich direkt in die Augen sehen konnten.
„Was dann? Willst du mir dann Eine reinhauen? Dazu bist du doch gar nicht in der Lage. Am Ende wirst du immer nur eine Reserve sein, weil der wirklich gute Nachwuchs fehlt. Da schleppen die lieber einen Herzkranken mit…als einen leeren Platz zu haben!“ Völlig entsetzt ging Tina dazwischen, als sie bemerkte, dass Jun die rechte Faust ballte und anhob, als ob er gleich zuschlagen würde. Sein Puls war auf 180 und diese Beleidigung machte ihn sehr zu schaffen.
‚Dieser arrogante Arsch nervt mich schon seit Ewigkeiten mit diesem dämlichen Gelaber. Wie kann er nur behaupten, ich sei für mein Team nicht wichtig? Gar nichts weiß der.‘
„NICHT! Er ist es gar nicht wert.“, sprach sie ruhig und hielt mit beiden Händen seine Faust fest und sah ihm in die Augen.
‚Tina…was…was machst du da? Wieso siehst du mich so liebevoll an?‘ Sein Puls sank ein klein wenig.
„Atme tief durch, ein und aus, als würdest du ein gemütliches Lauftraining machen.“ Er tat was sie sagte, weil er plötzlich einsah, dass er sich viel zu sehr hat hinreißen lassen. Er, der immer besonnene Misugi, der doch eigentlich immer ruhig und zurückhaltend sein kann, weil er weiß, dass er sich nicht so schnell aufregen darf.
„Tina…danke.“, hauchte er nur und löste seine Faust auf. Sie nahm seine nun offene Hand und legte sie auf ihre Hand.
„Geht es dir jetzt besser? Schön ruhig atmen. Jetzt durch den Mund ein und durch die Nase wieder aus. Ganz langsam.“
‚Wieso mache ich denn überhaupt was sie sagt? Ich weiß doch selbst wie man das macht. Manchmal ist Tina so seltsam. Aber es fühlt sich so angenehm an, wenn sie es sagt.‘
„Gut. Mir geht’s besser. Danke.“, sagte er dann in klaren Worten und nahm seine Hand wieder weg.
‚Ob sie das bei Genzo auch gemacht hat? Kommen die beiden deswegen so gut klar? Er ist viel reizbarer als ich und fährt schnell hoch. Ist es das, was euch so bindet? Haltet ihr euch so gegenseitig fest?‘
„Was mischt du dich da eigentlich ein? Das war ein Gespräch unter Männern.“, fauchte der Tennisspieler plötzlich Tina an. Tina hob die Hand und setzte einen ernsten Blick auf.
„Ruhe, um dich kümmere ich mich noch.“
„Was soll das denn heißen?“, wunderte er sich und dann bemerkte er an ihrer rechten Hand die Schmauchspuren und roten Stellen an den Knöcheln.
‚Wow, Itachi hatte Recht. Sein Versuch ihr näher zu kommen, endete unschön. Ich wusste vorhin nicht was er damit meinte, aber sein blaues Auge sprach Bände. Es ist wirklich von ihr?‘
„Du prügelst dich ja scheinbar selbst gerne, also tu nicht so, als wärst du ein Unschuldslamm. Deine Hand sagt ja wohl alles.“, grinste er und sprach seine Gedanken laut aus. Tina war überrascht, ließ es sich aber nicht anmerken.
„Das nennt man Selbstverteidigung. Leg dich also lieber nicht mit mir an, sonst geht’s dir wie dem Anderen.“, kam sie keck zurück und nahm die Hand wieder runter. Es wurde ruhig. Niemand sagte etwas. Dann entfernte sich der Schüler von der Klasse und ging einen anderen Weg. Er sah noch kurz zurück zu ihr. Ihr Blick war noch auf ihn gerichtet. Er war nachdenklich.
‚Bettina Fuchs. Du bist wirklich eine Nummer für dich. Es ist eine sehr gute Idee, dir die Zügel in die Hand zu geben. Itachi hat es erkannt. Ich bin gespannt was er mit seiner Aktion erreicht.
Und wie hübsch du bist, wenn du dich aufregst. Dieser Blick eben. Wahnsinn.‘ Er ging auf die nächste Jungs-Toilette. Seine Klasse machte sich wieder los.
Auf dem Weg zum Schulhof wurde es plötzlich laut. Es herrschte eine unerklärliche Unruhe auf dem Schulhof und ein paar Schüler kamen angerannt. „Eine Prügelei, Leute. Das müsst ihr sehen!“ Alle sahen sich verdutzt an. Dann liefen sie zum Hof und schauten sich das Spektakel an. Tina sah wie die anderen nur eine Menschentraube, aber dann von der Treppe aus erschien ihr das Schauspiel von Itachi und seinen drei Kumpels und etwa sieben anderen Schülern. Die drei schlugen sich recht wacker und heizten den anderen gut ein. Es kam jedoch ausreichend Gegenwind, sodass die drei jeweils ein paar blaue Augen verpasst bekamen.
‚Was machen die denn da?‘ Niemand wusste so richtig worum es ging.
„Worum gehts denn überhaupt?“
„Das weiß wohl niemand so richtig. Als wir vorhin auf dem Hof ankamen, prügelten sich die drei zuerst alleine, also Itachi gegen die beiden und dann gingen die anderen auch auf Itachi los. Und dann plötzlich waren seine Kumpels wieder auf seiner Seite und nun prügeln die sich zu dritt gegen die sieben.“, wurde vom Informanten erzählt.
„Wie meinst du das alleine?“, fragte Tina nach. Auch die anderen waren verwundert.
„Na Itachi gegen die anderen beiden. Was da los war, weiß ich nicht. So erzählten die anderen. Dann bildete sich eine Traube und warum auch immer gingen die anderen Kerle auch auf Itachi los.“
‚Eine Inszenierung? Es klingt danach. Die drei waren doch Freunde, in derselben Wohngruppe. Warum also sollten sie sich prügeln? Tangaroa sagte, es weiß niemand weiter von der Gruppe.‘
„Was bildest du dir überhaupt ein?“, kam Itachi an den Kopf geworfen und er kassierte einen Schlag ins Gesicht, dann teilte er selbst wieder aus. Es wurde einseitig und die sieben anderen Jungs wichen langsam wieder zurück.
Sie sahen sich gegenseitig fraglich an und verstanden plötzlich nicht mehr was das Ganze sollte.
„Wieso seid ihr plötzlich wieder auf seiner Seite?“, wurden Itachis Freunde gefragt.
„Wir waren nie auf einer anderen Seite…aber ihr seid nur zu dumm es zu verstehen.“, grinste einer der Jungs zurück und schon kam wieder eine Faust geflogen und landete im Auge eines der sieben Jungs.
Tina war total verwundert. Was sollte das denn überhaupt werden? Warum prügelten sich die drei jetzt mit ihren anderen Kumpels? Sie dachte bis dahin, dass sie zusammengehörten, nachdem sie mitbekam, dass sie einiges miteinander ab und an zu tuscheln hatten. Sie konnte es anfangs nur nie verstehen oder es war zu weit von ihr weg, um etwas aufzuschnappen. Plötzlich wurde die Prügelei etwas umgestaltet und es traten einige Jungs aus der Zuschauermenge hervor und gingen ebenso auf die sieben los. Es wurden wie von Geisterhand immer mehr, die sich einmischten. Aber niemand kam auf die Idee dazwischen zu gehen. Stattdessen machten sie mit. Nun waren aus den zehn Prügelnden plötzlich ganze zwanzig geworden und die drei von der Itachi-Truppe zogen sich plötzlich zurück, etwas distanzierter standen sie nur noch daneben.
„Das hat doch gut geklappt, oder, Männer?“, flüsterte Itachi zu seinen Freunden. „Jup, ging genau auf, hätte ich gar nicht gedacht. Das hätten wir schon eher machen sollen. Manchmal sind wir zu doof.“, grummelte der angehende Biologe.
„Kann man so nicht sehen. Das Highlight kommt schließlich noch. Ohne bringt das ganze Theater nichts.“, grinste Itachi ihn an.
„Ich bin gespannt.“
Kurz darauf wurde die Prügelei immer größer und die sieben Schüler, welche die Drei hervorgelockt hatten, waren mehr als nur in der Unterzahl und lagen dann teilweise schon auf dem Boden und hielten sich die Hände über die Köpfe. Plötzlich erschien der Schülersprecher mit einem Megaphon und ging auf die Gruppe zu und bat sie sich voneinander zu trennen. Das störte sie jedoch herzlichst wenig. Keiner ließ sich von ihm irgendetwas sagen. Seine lauten Ansagen interessierte niemanden. Die Zuschauer jubelten teilweise und gaben mit ihren Kommentaren weiteren Zunder dazu. Einige standen irritiert da und viele Leute, besonders von den Mädchen, hielten sich gänzlich eingeschüchtert zurück. Einige von ihnen fingen sogar an zu weinen.
Plötzlich tauchte Tina mit einem zornigen Blick auf. Sie marschierte zügig auf den Schülersprecher los, nahm ihm einfach das Megaphon aus der Hand und ging direkt zur wütenden Meute. Dann sprach sie einige im äußeren Bereich an und sagte ihnen ein paar klare Worte. Kurz darauf hörten diese auf und sahen ihr verunsichert nach.
„Ihr wisst schon, dass eure Anzeigen auf dem Tisch vom Direktor und bei der Polizei sinnlos sind, wenn ihr selbst zum Täter werdet, oder? Ihr vernichtet gerade eure eigenen Beweise und eure Glaubwürdigkeit. Info weitersagen.“
Innerhalb von nicht ganz fünf Minuten wurde die Schlägerei eingestellt. Tina war kaum die Runde ganz rum und hatte etwa sechs Jungs informiert, da wurde es schon deutlich ruhiger. Dann stellte sie sich genau neben die Horde, die ihre Ansage verstanden hatte, denn selbst Täter werden, das wollten sie doch gar nicht. Tina sah zur Mitte der Horde und ging einfach auf die Jungs zu, die am Boden lagen. Alle anderen machten ihr mehr als ausreichend Platz. Alle sahen sie überrascht an.
„Verdammt, sie hat so Recht. Wie konnten wir so dämlich sein?“, äußerte einer und es wurde um sie herum darüber getuschelt. Einige hielten sich die Hand vor dem Mund oder sahen ihre Hände an.
„Wie geht’s euch? Könnt ihr noch laufen oder braucht jemand einen Notarzt?“ Die sieben sah nur total verdattert zu ihr auf und schüttelten mit dem Kopf.
„So schlimm ist es nicht.“, sagte dann einer und die anderen bestätigten es.
„Steht auf!“, forderte sie streng. Die Jungs richteten sich nach und nach langsam auf. Einer blieb sitzen, dem tat das Bein zu sehr weh.
‚Wieso fragt sie denn nach uns?‘ Tina sah sie dann ernst an.
„Was ist mit dir?“ Er zog sein Hosenbein hoch und sein Knöchel tat sehr weh.
„Jetzt wisst ihr immerhin wie man sich dabei fühlt.“, kam vorwurfsvoll von ihr. „Zwei Mann nehmen ihn, und dann geht ihr alle zum Sportmediziner in der Turnhalle!“, machte sie eine Ansage.
„Wieso zu dem?“
„Ich rette euch den Arsch und du zweifelst an meiner Hilfe?! Tut es einfach!“, bestimmte sie laut und mit strengem Blick. Die Jungs machten sich langsam auf dem Weg und gingen an den anderen vorbei. Inzwischen war die restliche Klasse ebenso eingetroffen und Tina hob die Hand und wank Yoko zu sich. Sie lief zu ihr und wusste gleich was sie machen sollte, als Tina zu den Jungs zeigte.
‚Ich soll sie begleiten? Wieso das denn?‘
„Und nun zu euch. Ihr lasst euch vom Doktor im Schulhaus ansehen. So toll seht ihr nicht aus. Was habt ihr euch dabei gedacht? Zeigt die Kerle an und geht dann selbst auf sie los. So ein Irrsinn. Jetzt glaubt euch die Polizei eventuell nicht mehr. Das habt ihr gut hinbekommen. Und noch was:“, fuhr sie immer mehr hoch und diesmal nahm sie das Megaphon und sprach hinein, damit es alle auf dem Hof hören konnten.
„Ihr begebt euch auf ihr Niveau?! Wenn jemand auf dem Boden liegt, muss Schluss sein! So seid ihr doch nicht besser als die!“
Die Ohren dröhnten und viele Leute hielten sich vor Schreck die Ohren zu. Die anwesenden Lehrer waren total verwundert. Was um alles in der Welt hat sie ihnen gesagt, dass sich das Problem so schnell auflöste? Tina sah sich um und ging etwas auf die Itachi-Gruppe zu. Sie nahm das Megaphon bei Seite.
„Was sollte das? Habt ihr sie noch alle?“ Itachi fing plötzlich an langsam aber laut zu klatschen. Seine Freunde schlossen sich dem an. Tina verstand nicht worum es ging.
‚Was sollte das denn jetzt schon wieder?‘ Keiner sagte etwas, stattdessen fingen immer mehr Leute an ebenso im selben Rhythmus zu klatschen. Jeder fragte sich plötzlich wie sie es in so kurzer Zeit geschafft hatte, diesen ganzen Mob auseinander zu bringen. Nicht einmal die Lehrer hatten noch groß eine Chance. „Was soll der Quatsch?“, brüllte sie Itachi an.
„Ich sagte ja…Naturtalent. Innerhalb von nicht einmal fünf Minuten hast du einen gewalttätigen Haufen von gut dreißig Mann auseinandergebracht. Was hast du ihnen gesagt? Gab es ein Zauberwort?“
„Blödsinn! Das würde ich euch garantiert sagen. Sagen wir es so, ich bin gut informiert. Das kann helfen. Und du musstest den Blödsinn nicht anzetteln. Ich wusste bereits wer hier was macht. Das Problem hätte sich auch anders aufgelöst, ohne Schlägerei.“, erklärte sie, drehte sich um und ging wieder zu ihrer Klasse. Dann griff sie zum Megaphon und machte eine Ansage:
„Die Verletzten gehen jetzt zum Arzt! Alle anderen machen sich sofort wieder auf dem Weg in ihre Klassenzimmer oder zu ihren Kursen und AGs. Hier gibt es nichts mehr zu gucken!
Und noch was:
Einige von euch sind wohl nicht ganz richtig im Kopf! Schaut zu und feuert auch noch an! Wann sollte das denn enden?! Ihr seid ein Haufen Feiglinge! Wenn euer Freund nicht den Mund aufmacht, dann macht ihr es doch für ihn! Aber nicht das Caos hier befürworten!
Jeder einzelne von euch, der angefeuert hat, statt du helfen, ist mitschuldig! Denkt daran, jedes blaue Auge, jeder Kratzer, jeder blaue Fleck, den ihr jetzt jeden Tag sehen werdet…alles eure Mitschuld!“, machte sie sich dann Luft und holte erneut Luft. Das Klatschen ließ nach.
„Ach so, wer ist zwischen euch alles sowas wie Ersthelfer oder kennt sich mit Erste Hilfe aus? Einmal melden!“ Etwas zurückhaltend meldeten sich ein paar wenige Leute.
„Gut, ihr folgt bitte den Jungs zum Schularzt und helft ihm. Das meiste sind nur Kleinkram, aber es muss behandelt werden. Danke an Euch.
Ich bin fertig.
Und hört auf mit dem Geklatsche. Das nervt!“ Sie gab das Megaphon den Schulsprecher zurück.
„So macht man das.“, grinste sie ihn an. Plötzlich ertönte eine laute kräftige Stimme.
„Eine Frage habe ich noch…gelbe Füchsin!“ Sie kam von Itachi. Sie sah verdutzt zu ihm.
„Ich frage mich das schon die ganze Zeit. Sicher wundern sich die anderen auch. Immerhin ist es verboten. Aber DU hast wohl eine Sondergenehmigung!“
„Wovon redest du? Ich mache nichts Verbotenes.“, war sie skeptisch.
„Den Mädchen ist es verboten sich die Beine zu rasieren! Wieso aber darfst du das?“ Tina war verdutzt, was war das denn für eine belanglose und freche Frage?
„Die sind gelasert, war mein Geburtstagsgeschenk. Ich komme aus dem Profischwimmen und Laufen. Frag dich mal rum, da ist das so üblich. Also nichts mit Regelverstoß.“
„So so. Und da stellt sich doch die Frage, ob du gleich alles hast wegmachen lassen?“, grinste er sie frech und herausfordernd an. Tinas Puls raste plötzlich. Wie konnte er so eine Frage stellen, und dann auch noch vor allen anderen? Sie grinste und lachte plötzlich laut los und antworte frech.
„Diesem Mysterium wirst DU jedenfalls niemals auf die Spur kommen.“
Etwa drei Jahre später:
Tina war seit etwa zwei Monaten an der Uni und ging nach dem Training im Park in der Näher ihres Zuhauses joggen. Es war bereits Dämmerungszeit und nach einer Weile machte sie Pause und setzte sich auf eine Bank.
Plötzlich hörte sie Schreie. Sie hallten etwas durch die Bäume und klangen nach einer Frau. Es war kein Hilferuf, nur ein lautes Schreien, das nach einem Sturz klang. Sie stand auf und versuchte den Lauten entgegenzugehen. Dann wurden sie immer lauter und hinter einer Reihe Büsche entdeckte sie dann eine junge Frau, jünger als sie, vermutlich nicht mal 16. Sie hockte auf dem Boden und hielt sich den Bauch. Tina blieb vor ihr stehen.
„Was ist passiert?“ Das Mädchen sah auf und blickte sie verdutzt an. Dann sprach sie Tina brummig an. Sie hatte ein blaues Auge und aufgeplatzte Lippen.
„Verpiss dich! Ich brauche deine Hilfe nicht! Von einem Ausländer schon mal gar nicht! Wehe du fasst mich an!“ Tina zog kurz ihre Kapuze zurück, damit sie sehen konnte, dass sie eine Frau war.
„Ich wohne schon ein paar Jahre hier und bin kein Mann. So halte ich mir Ärger vom Hals.
Das sieht nach Hilfe aus. Ich kann Erste Hilfe leisten oder dich ins nächste Krankenhaus bringen.“
„Geh weg. Lass mich. Ich will nicht ins Krankenhaus. Und wehe du rufst die Bullen!“
„Wieso nicht? Dort hilft man dir doch. Was tut denn weh? Dein Bauch? Hat man dich verprügelt oder was ist passiert?“
„Verpiss dich endlich, du blonde Schlampe!“, brüllte sie Tina an und kurz darauf verkrampfte sie und legte ihren Kopf vor Schmerzen auf den Boden. Tina ging trotzdem zu ihr und sah sie sich genauer an. Sie fühlte ihren Puls, er war schwach, dann kontrollierte sie die Atmung und da das Mädchen zierlich aussah, packte sie sie sich und hob sie hoch. Davon wurde sie wieder etwas munterer.
„Dir kann man nicht helfen, was? Egal was ich sage.“, murrte sie dann einsichtig.
„Richtig, wenn keine Klinik, wo kann ich dich hinbringen? Du brauchst unbedingt einen Arzt, ich kann da nicht mehr helfen. Ich kann dich nicht einfach hier liegen lassen. Versteh das doch.“
„Dann...dann bring mich Richtung Klinik, unterwegs kommst du…an einem alten Haus vorbei. Daneben steht ein LKW mit der Aufschrift Street-Dok. Da muss ich hin.“
„Okay. Dort hilft man dir dann?“
„Ja.“ Sie krümmte sich wieder vor Schmerzen und schrie auf. Tina hatte Mühe sie festzuhalten und ging mit ihr los. Es waren nur zehn Minuten und schon kamen sie an dem alten abgesperrten Gebäude vorbei. Dort stand tatsächlich ein LKW und eine Treppe mit einer langegezogenen Rampe. Auf dem LKW waren Bilder von einem Kreuz-Symbol in einer Hand, einem Herzen und einem durchgestrichenem Yen-Zeichen daneben.
„Ich verstehe, dir gehts um die Kosten?“
„Ja. Ich...ich bin...“
„Schon gut. Du musst nichts sagen. Hauptsache dir wird geholfen.“ Tina war erstaunt, sie wusste natürlich, dass es Jugendliche gab, die auf der Straße lebten und trotzdem normal in die Schule gehen. Sie gingen oft der strengen Gesellschaft aus dem Weg und liefen von zu Hause weg oder wurden auch von ihren Familien verstoßen. Wenn sie dann nicht in Wohngruppen oder in Pflegefamilien landeten, dann auf der Straße oder wohnten illegal bei Freunden.
Sie ging mit ihr die Treppe rauf und betrat den Warteraum. Es saßen bereits fünf Leute da. Ihnen sah man ihre Armut überhaupt nicht an. Die zwei Männer trugen sogar Anzug und Aktenkoffer bei sich und die zwei Damen wiederum hatten hübsche Kimonos an. Sehr traditionell waren sie jedoch nicht geschminkt. Es begrenzte sich auf das Wichtigste und ein Junge in seiner Schuluniform saß ebenso da. Er war höchstens zwölf Jahre alt. Tina begrüßte höflich aber hastig alle mit einem Guten Abend. Das Mädchen in ihren Armen zuckte wieder krampfhaft zusammen und schrie auf vor Schmerzen.
„Wenn es drängt, klopfen Sie an. Notfälle werden vorgeschoben.“, sagte einer der Männer. Er stand auf und erledigte das für sie. Genau in diesem Moment ging die Tür auf und ein junger Mann mit Mundschutz und grünen Handschuhen stand an der Tür.
„Ein Notfall?“, kam als Begrüßung. Er trug einen grünen Kittel und war deutlich größer als Tina. Sie sah gar nicht erst groß zu ihm auf, weil ihr Blick eher auf das Mädchen fixiert war. Ein Namensschild trug der Mann ebenso nicht. Sie nahm einfach nur einen Arzt wahr.
„Ich habe sie im Park gefunden, sie hat sehr starke Bauchschmerzen und wollte zu Ihnen. Was genau passiert ist, hat sie nicht verraten. Ich vermute nur, dass man sie verprügelt hat.“, erklärte Tina kurz und er sagte ihr an einzutreten und das Mädchen auf die freie Liege zu legen und festzuhalten.
„Leg sie ab, wir kümmern uns darum.“ Seine Assistentin brachte ihm frische Handschuhe und er wechselte die Einweghandschuhe und warf die alten weg. ‚Bettina? Was ist das für eine Aufmachung? Du wirkst ja wie ein Mann und dann das Mädchen in den Armen. Diese tiefe Kapuze. Was soll das?‘, ging durch seinen Kopf.
„Wann hast du sie gefunden? Hast du noch gesehen wer es war?“, konzentrierte er sich auf seine Arbeit und fing an das Mädchen zu untersuchen. Es war Itachi, aber Tina erkannte ihn nicht sofort. Durch die Maske und das Geschrei und Gejammere des Mädchens, war nicht viel von seiner Stimme zu erkennen.
„Vor vielleicht zehn Minuten. Nein, sie war alleine. Ich bin nur den Schreien gefolgt. Niemand war in der Nähe. Ihr Puls ist sehr niedrig, die Atmung scheint stabil. Mehr weiß ich nicht. Sie könnte innere Verletzungen haben.“ Er sah sie verwundert an.
„Vermutlich. Willst du draußen warten oder traust du dir zu, uns etwas zu helfen?“, sprach er ruhig und bereitete die nächsten Schritte vor.
„Äh, ich helfe. Ich bin aber nur Rettungsschwimmerin, mehr als Erste Hilfe kann ich nicht.“, kam sie mit fester Stimme. Dann ging sie zum Waschbecken, zog sich ihre Trainingsjacke aus, hing sie an den Haken neben der Tür und wusch sich gründlich die Hände und Arme. Danach desinfizierte sie sich und drehte sich zu den beiden um.
„Am besten Sie sagen was ich helfen kann.“
„Drück den roten Knopf neben der Tür. Das ist das Zeichen für draußen, dass wir einen Notfall behandeln.“ Die Assistentin staunte nicht schlecht, als sie Tina erkannte.
„Äh, Sind Sie nicht diese Volleyballerin?“
„Konzentrieren Sie sich! Rufen Sie den Dr. an, damit er herkommt.“, forderte er seine Assistentin auf. Diese eilte natürlich zum Handy und rief jemanden an. Tina stand da und sah sich um, was sie helfen könnte. Dann sah sie die Stoffschere auf dem Wägelchen.
„Soll ich helfen die Kleidung aufzuschneiden?“
„Nein, die wird sie noch brauchen. Hilf der Schwester sie soweit auszuziehen, dass ich sie untersuchen kann. Oberkörper freimachen und Hose.“ Er bereitete den Ultraschall vor, während Tina und die Krankenschwester die Jacke, Pullover und Shirt auszogen. Die Patientin lag nur noch im kurzen Top auf der Liege und trotz der blauen Flecken gab es keine offene Wunde im Bauchbereich. Er schloss sie an die Geräte an, um alle Werte zu prüfen und begann zuerst mit dem Ultraschall, um den Bauchbereich zu kontrollieren. Sein Verdacht bestätigte sich leider.
„Verdammt. Ruf den Dr. nochmal an, er muss jemanden mitbringen für eine Notoperation.
Gib mir dann den Hörer, wenn er dran ist.“, war sein Ton sehr ernst.
„Wird sie es schaffen?“, fragte Tina besorgt und griff nach Handschuhen.
„Wir werden es sehen. Abwarten was der Doktor sagt. Wir sind hier nur die Studenten.“
„Sie können es noch nicht sagen?“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich sagte ja, abwarten.“ Ihr Herz klopfte so sehr. Die Situation war ihr noch sehr vertraut, nur etwas anders.
„Dann sind ihre inneren Verletzungen so groß?“ Er war erstaunt, als er ihr skeptisches und besorgtes Gesicht von der Seite sah. Sie kam ihm nicht so selbstsicher und cool rüber, wie er sie kannte und auch die letzten Jahre bei ihren Spielen sehen konnte.
„Du bist sehr besorgt. Das verstehe ich. Du musst nicht bleiben, wenn dir das doch zu viel wird. Wenn du mir umkippst, bist du mir auch keine Hilfe. Aber das ist okay.“, sprach er ruhig. Tina sah überrascht zu ihm auf.
„Entschuldigen Sie. Ich dachte zuerst, dass Sie der Arzt sind.“ Er sah sie erstaunt an und nahm seine Maske herunter.
„Dann wäre ich aber schnell mit dem Studium fertig, Tina.“
„Itachi? Ich dachte…du bist bei den Sanitätern.“, wunderte sie sich sehr.
„Das ist mein Job, um die Wohnung und das Studium zu bezahlen. Nach der Schicht bin ich hier.“ Er nahm der Schwester das Telefon ab und forderte sie auf das Mädchen festzuhalten. Dann ging er kurz in einen kleinen Nebenraum.
170. Kapitel Der LKW U18
Kapitel 170
Der LKW U18
„Was kann ich denn noch helfen?“
„Im Nebenraum ist eine Waschmaschine und ein Waschbecken. Da kannst du die Sachen waschen und danach in den Trockner tun. Es wird lange genug dauern, dass sie die später wieder anziehen kann.“ Tina sah zu ihrer Jacke und auf ihre Hose.
„Darf ich meinen Anzug gleich mit reinwerfen? Oder kann ich hier vorne noch was helfen?“
„Nein, ist okay. Bei der OP kannst du uns jetzt nichts mehr helfen. Du hilft bereits genug. Du könntest später, wenn du die OP noch abwarten willst, eventuell mal nach den anderen Patienten schauen, eventuell kannst du als Ersthelferin ein paar Kleinigkeiten erledigen. Wir müssen hier im OP bleiben. Nicht dass da jemand eine offene Wunde hat und noch zwei Stunden warten muss. Manchmal brauchen sie auch nur eine Schmerztablette oder ein offenes Ohr.“ Sie nickte nur ab, schnappte sich ihre Jacke und ging in den separaten Bereich. Itachi zog die Vorhänge vor, damit man die Patientin nicht mehr sehen konnte und die Krankenschwester reichte Tina die Wäsche in den Raum. Itachi bereitete alles Weitere vor, bis der richtige Arzt kam.
„Später bekommt sie neue Unterwäsche, nicht wundern. Die liegen dort drüben im Schrank. Wasch das bei 40 Grad Pflegeleicht, damit es besser mit dem Hygienewaschmittel wirkt. 60 ist leider zu heiß. Gallseife hast du dort drüben.“
„Gerne. Wie dosiert ihr das Mittel?“
„Eine Kappe von jedem. Das reicht. Das Pulver direkt rein zur Wäsche und das Flüssige beim Weichspüler. Und danke für deine Hilfe.“
„Schwester, haben Sie etwas zum Drüberziehen für mich? Ich würde meine Hosen auch waschen wollen und wenn ich vor zu den anderen Patienten gehe, ist es besser ich habe was offizielles an.“ Die Schwester holte frische Kleidung aus einem Schrank und es konnte ein Schwesternkittel zur Verfügung gestellt werden und dann kümmerte sich Tina um die Wäsche und rief zuerst ihre Eltern an, als die Maschine lief.
„Papa? Nicht wundern, wenn ich später komme. Ich habe beim Joggen ein verletztes Mädchen gefunden und musste sie zum Arzt bringen. Ich helfe hier etwas bis sie aus dem OP raus ist.“
„Wie aus dem OP? Was hilfst du denn?“
„Das ist so eine mobile Straßenklinik für arme Leute. Deswegen helfe ich bei den leichten Fällen, während der Arzt das Mädchen behandelt. Sie muss wohl operiert werden.“
„Okay. Pass auf dich auf und melde dich zwischendurch nochmal. Wo ist das denn?“
„In der Nähe von der Klinik. In einem LKW neben dem Abrisshaus.“ Sie gab ihm eine nahgelegene Adresse durch.
„Okay. Du willst wissen ob sie es schafft?“
„Ja, das auch. Ich kriege sonst kein Auge zu.“
„Wir sind stolz auf dich. Den anderen zu helfen ist eine gute Idee und eine gute Ablenkung.“
Nach gut zwei Stunden stand Tina draußen vor dem Eingangsbereich und gönnte sich einen Kaffee. Sie atmete tief durch, denn bei den paar Patienten im Warteraum blieb es natürlich nicht. Je später es wurde, umso mehr Leute kamen vorbei. Jedem konnte sie nicht groß helfen, aber die meisten brauchten einen Verband oder wirklich nur ein nettes Gespräch, damit sie sich wieder zugehörig der Gesellschaft fühlen konnten. Während sie draußen auf einem Baumstumpf saß, kamen wieder neue Leute zum Eingang.
‚Oh man. Ist das jeden Abend so? Bald gehen mir die Pflaster und Mullbinden aus. Kaum hat man einen Haufen fertig, kommt der nächste Schwung. Ich hätte gar nicht gedacht, dass es in Tokio so derart viele Bedürftige gibt. Man sieht es ihnen kaum an. Würden sie nicht herkommen, dann würde man es gar nicht vermuten. Nur den Wenigsten sieht man ihre Lage an.‘ Ihr kamen die Bilder von dem Jungen wieder in Erinnerung. Sie hatte sich um ihn als erstes gekümmert und stellte fest, dass er völlig unterernährt war. Sein Blutdruck war so niedrig, dass sie ihn erst einmal hinlegen musste, weil er ihr quasi in den Armen zusammenbrach. Sie holte dann einfach ihren kleinen Snack aus ihrer Tasche und gab ihn den zum Essen. Dann fing er sich wieder, trank etwas und ging heim. Sie fragte ihn wann er das letzte Mal etwas gegessen hatte. Das war mittags in der Schule gewesen. Aber man habe ihm das Essen dann weggenommen und zu Hause gab er seinen jüngeren Geschwistern den Vortritt, weil nur wenig da war. Er begnügte sich meistens nur mit den Resten und ging oft raus, um bei Gaststätten und Bäcker zu fragen, ob sie etwas vom Vortag übrighätten. Leider gaben ihn einige nichts, da er kein Japaner sei, sondern nur ein Koreaner. Tina sah nachdenklich zum Himmel. ‚Es geht also nicht nur mir manchmal so, dass Gefühl, nie hier angekommen zu sein. Ein Kind…hat Hunger und seine Eltern arbeiten beide und es reicht nicht für die eigene Familie? Wie armselig ist das denn nur? Ich bin so froh, dass Mama mit ihren Sprachen sofort Anschluss fand, sonst wäre es uns ja genauso ergangen, als wir angekommen sind. Sie hatte immer Recht…Sprachen verbinden die Menschen und führt sie zusammen. Schon jetzt kann ich mir, wenn ich möchte, nebenbei etwas verdienen und wenn es in der Schulzeit der Nachhilfeunterricht war. Ich half den anderen mit den Sprachen und sie halfen mir bei japanischer Geschichte oder Physik und Chemie. So halfen wir uns alle gegenseitig.‘
Plötzlich wurde sie von einem etwas älteren Mann angesprochen. Er trug einen feinen Anzug mit Krawatte und hatte wie einige Männer vor ihm auch einen Aktenkoffer dabei. Er war jedoch sichtlich Europäer, kein Japaner.
„Guten Abend, junge Frau. Sind Sie die Krankenschwester für diese kleine Krankenstation?“ Sie sah in sein freundliches Gesicht. Er sprach sie auch mit Englisch an.
„Das bin ich nicht, ich warte nur auf eine Patientin, die wird gerade operiert und solange helfe ich mit den einfachen Fällen. Kommen Sie gerne mit rein, ich muss ohnehin weiter machen.“
„Oh, Sie fragen gar nicht nach, ob ich Bedürftig bin? Meistens schickt man mich weg, wenn ich nach Hilfe bitte.“ Tina ging mit ihm lächelnd zum Eingang.
„Mir wurde gesagt, jeder darf herkommen. Und Sie sind heute nicht der Erste im Anzug, Krawatte und Trenchcoat. Nicht jeder, der Hilfe braucht, sieht gleich danach aus.“
„Darf ich fragen wo Sie herkommen? Sie sprechen gut Englisch. Amerikanerin sind Sie nicht, oder? Ich bin für ein Geschäftstreffen aus Frankreich hier.“ Tina grinste und sprach dann auf Französisch weiter.
„Ich komme aus Deutschland. Wie schön, kann ich wieder etwas mein Französisch auffrischen. Ihr Akzent kam mir schon so vertraut vor.“
„Wow, wie schön. Dann muss ich nicht verzweifelt versuchen dem Arzt mein Anliegen zu erklären. Sie können es vielleicht besser übersetzen.“ Sie betraten den Warteraum und sie ließ ihn Platz nehmen.
„So, der Reihe nach. Hat jemand etwas sehr Akutes, eine offene Wunde oder eine Verbrennung zum Beispiel? Wir sortieren vor, was eilt und was etwas Zeit hat.“ Zwei Leute meldeten sich und zeigten jeweils einen Arm und ein Bein mit Verletzungen.
„Gut, die größte Verletzung zuerst.“ Sie zog neue Handschuhe an und kümmerte sich um den Mann. Er legte ein paar Taler in die Spendenkasse und bedankte sich höflich als er ging.
Als nächstes war eine alte Frau dran. Tina verband auch ihren Arm und sie bedankte sich und ging.
Dann fragte sie als nächstes die zwei Kinder, die mit ihrer Mutter gekommen waren.
„Was habt ihr denn? Wem kann ich helfen?“
„Ich habe ganz dolle Bauchweh.“, sagte eines und das andere klagte wegen Übelkeit und Bauchweh. Die Mutter erklärte, was sie gegessen hatten und sie selbst habe etwas Durchfall gehabt. Tina überlegte und tippte dabei auf eine Lebensmittelunverträglichkeit oder sie haben etwas gegessen, was zu alt war und es nicht gemerkt.
„Habt ihr das denn vorher schonmal gegessen und war dann nichts?“ Es wurde von der Mutter bestätigt.
„Dann kommt mal alle drei mit in den kleinen Raum hier nebenan. Ich bin gleich wieder bei euch. Bedient euch schonmal am Wasser. Trinkt gerne viel, damit ihr auf Toilette müsst und Proben abgeben könnt. Hinter mir ist gleich die Toilette. Bestimmt war etwas in dem Essen, was zu alt war oder eine neue Zutat, die ihr nicht vertragt.“, erklärte sie und ging dann wieder vor zu den anderen. Der nächste Herr klagte wegen eines kleinen Splitters im Fuß, er könne ihn leider nicht selber herausziehen, weil er es nicht mehr sehen konnte und halb blind war. Tina kümmerte sich darum und es gab am Ende ein Pflaster. Kurz darauf ging die Tür hinter ihr auf und Itachi schaute um die Ecke.
„Wow, die wievielte Runde ist das jetzt schon?“, sah er fröhlich aus und lächelte sie an. Seine Maske war weg und Handschuhe trug er auch keine mehr. Tina lächelte erleichtert.
„Hat…hat sie es geschafft?“ Er nickte nur und grinste.
„Puh, da fällt mir ein Stein vom Herzen. Danke.“
„Ich warte nur noch auf meine Ablöse, dann habe ich Feierabend. Das Mädchen muss noch aufwachen. Das kann aber bis morgen dauern, da sie sich auch ausschlafen muss. Du kannst also ruhig gehen.“ Tina sah zu ihm auf und grinste dann.
„Ich gehe, wenn die Leute hier versorgt sind und deine Ablöse da ist, okay?“ Er lächelte und sah sich kurz die Leute alle an.
„Was ist mit der Familie? Was haben die?“
„Ich tippe auf eine kleine Lebensmittelvergiftung. Vielleicht was Falsches gegessen. Aber ich war unsicher und habe sie lieber erstmal gleich separiert. Am besten du schaust sie dir zuerst an. Nicht dass es doch ein Virus wie Noro oder so ist. Sie klagen wegen Übelkeit, Bauchweh und Durchfall. Ich habe gesagt, sie sollen viel trinken, damit sie alle Proben abgeben können.“
„Okay. Das war eine gute Idee. Was haben wir noch?“
„Diesen Herrn, ich wollte mich jetzt um ihn kümmern. Die anderen drei sind bereits fertig und gegangen. Ansonsten steht dann alles hier auf der Liste. Und wir brauchen Verbandszeug und Pflaster, die ganze Palette voll.“ Plötzlich wurde sie freundlich von dem Franzosen angesprochen und er ging auf sie zu.
„Mademoiselle, ich…habe…plötzlich…Hunger.“ Tina und Itachi wurden stutzig.
„Haben Sie das öfters mal?“, fragte sie dann, denn Itachi verstand kein Wort. „Ja…seit ein paar Tagen.“ Er fing an zu zittern und im Gegensatz zu vorhin, kam er Tina deutlich schwitziger vor.
„Itachi, das klingt nach Unterzuckerung.“, sagte sie laut zu ihm und deutete an den Mann sofort ins Behandlungszimmer zu bringen.
„Klagt er, dass er Hunger hat? Der Rest deutet daraufhin, das stimmt.“ Er packte ihn und beide brachten ihn schnell hinein und legten ihn auf die Liege. Tina drückte wieder den Knopf und schloss die Tür.
„Du hast Recht.“, erkannte er es selbst, nachdem er kurz einen Blick auf ihn warf und in die Schublade neben sich griff und einen Schnelltest herausholte. Die Werte waren eindeutig. Dann holte er zwei Traubenzuckerbonbons heraus. Kaum hatte der Mann sie im Mund und lutschte diese, dauerte es nicht sehr lange bis sein Zittern nachließ.
„Sir? Geht es Ihnen besser? Ist der Hunger jetzt etwas vorbei?“, erkundigte sich Tina bei ihm. Er öffnete die Augen und sah sie überrascht an.
„Hm…lecker. Bonbons?“ Sie lächelte.
„Ja, Traubenzucker, Sir. Sind Sie Diabetiker?“
„Was bin ich? Nein, noch nie gewesen.“ Er wollte sich aufrichten, aber Itachi hielt ihn fest, damit er liegen blieb.
„Ruhen Sie sich noch aus. Manchmal merkt man es erst dann, wenn eine neue Lebenssituation eintritt. Seit wann sind Sie hier? Und waren Sie früher schonmal so weit weg von Europa, dass Sie eventuell mit der Zeitverschiebung Probleme haben könnten?“
„Nein, das kann sein. Ich…ich war bisher nur in Europa unterwegs und hatte immer regelmäßige Mahlzeiten.“
„9 Stunden Unterschied…dann Schlafmangel…das kann der Auslöser sein, solche Krankheiten zu erkennen. Bleiben Sie noch etwas liegen und dann müssen Sie einfach nur etwas essen. Im Moment haben Sie zu wenig gegessen. Wann war das letzte Mal?“, erklärte sie dann. Er zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, heute Früh?“
„Das ist lange her.“
„Könnten wir Englisch reden?“, murrte Itachi etwas.
„Ja, entschuldige bitte.“ Tina erklärte ihm was sie mit dem Mann gesprochen hatte.
„Was war der Grund, warum Sie eigentlich zu uns wollten?“, fragte Itachi.
„Mir war plötzlich seit Tagen schwindelig und dann fielen mir bei einem Kunden einige Details nicht mehr ein, als hätte ich Aussetzer. Das kannte ich bisher nicht. Ich konnte mir immer alles gut merken. Deswegen ging ich zur Klinik, aber als ich davorstand und ein Arzt mit mir sprach…da…naja. Da konnte ich nicht wirklich reingehen und eine Schwester hat mich dann zu Ihnen geschickt. Sie hatte mir den Weg hierher beschrieben und man würde mir auch hier helfen.“ Tina sah nachdenklich zu ihm.
„Sie konnten nicht in die Klinik gehen?“, hakte sie nach.
„Richtig, altes Kindheitstrauma vermutlich. Ist irgendwie immer noch so. Aber keine Sorge, ich bezahle Ihnen natürlich alles. Sie müssen mir dann nur eine Rechnung zukommen lassen. Mein Bargeld wird sicher nicht ausreichen.“
„So eine Erinnerung aus der Kindheit dauert so lange an?“, hinterfragte sie neugierig.
„Keine Ahnung, ich kenne das nicht anders. Meine Mutter hatte damals einen schweren Unfall bei der Arbeit im Weinberg und dann brachte man sie ins Krankenhaus und wir Kinder sind alle mitgewesen. Leider konnte man ihr nicht mehr helfen. Das ist irgendwie zwar alles klar, aber ich kann kein großes Krankenhaus mehr seitdem betreten. Deswegen lasse ich mir in der Regel die Ärzte kommen.“
„So etwas kenne ich von einigen Patienten. Auch deswegen stehen wir hier in der Nähe, damit uns auch diese Leute aufsuchen können.“, erklärte Itachi.
„Jetzt habe ich echt Hunger. Also habe ich diese Zuckerkrankheit?“
„Vermutlich, es kann jetzt auch nur ein kurzer Mangel sein, das muss man mit einem speziellen Test herausfinden. Aber so oder so müssen Sie Ihre Ernährung umstellen. Egal ob Sie hier oder wieder in Europa sind. Das ist eine Warnung gewesen.“, erklärte Tina. Itachi sah sie überrascht an.
„Du kennst dich aber aus. Wie kommt das? Kommt das von Juns Einfluss?“
„Jun? Nein, hier geht’s eher um Diäternährung. Was glaubst du was ich neben dem Sport und der Uni noch so treibe? Nur Laufen und Sprachen lernen?“
„Dachte ich. Was machst du denn nebenbei?“
„Ich gehe seit der Eröffnung unterer Gaststätte ständig dort in die Küche und koche mit unserem Chefkoch. Er ist Diätkoch und bildet unsere Lehrlinge nach ihrer Kochausbildung zum Diätkoch aus. Und ich darf immer, wenn ich Lust und Laune habe zu ihm gehen und helfe aus. Wir testen auch ganz viele Gerichte und ich schreibe selber Rezepte und Menüs. Das macht riesigen Spaß. Deswegen komme ich darauf. Diabetes ist mittlerweile eine typische Krankheit. Die gibt es nicht nur in den USA oder in anderen Wirtschaftsländern. Darüber muss ich dir als angehender Arzt ja nichts erzählen.“
„Diätkoch ist der? Ich dachte nur ein gewöhnlicher Koch?“
„Nein, und er kommt auch aus Frankreich. Er war vorher in einem großen Hotel in Paris, hat dort kochen gelernt und auch mal ein Restaurant geleitet. Aber dann ist er wieder nach Japan zurück und hat bei uns angefangen.“
„Echt? Okay. Dann frage ihn doch, ob er dem Herrn hier einen passenden Ernährungsplan erstellen könnte. Ich gebe ihm dann die Werte mit.“
„Wieso soll Roland das machen? Ich mache das auch. Wir machen das dann zusammen.“ Der Franzose sah sie plötzlich überrascht an und richtete sich doch auf.
„Roland? Reden wir von Roland Saito? Einen Japaner?“ Tina war überrascht. „Äh, ja. Kennen Sie ihn?“ Er grinste.
„Natürlich kenne ich ihn. Er ist ein absolutes Genie auf seinem Gebiet. Er verschwand einfach von der Bildfläche und keiner wusste wo er ist. Man vermutete zwar, dass er wieder in Japan sei, aber so richtig wusste es keiner.“ Itachi nutze das Geplauder der Beiden und untersuchte den Mann, Blutdruck und Abhorchen.
„Echt? Das ist ja toll. Woher kennen Sie ihn denn?“
„Na aus dem Hotel. Er war einer meiner besten Kunden. Meine Weine passten immer perfekt zu seinen Gerichten.“
„Ihre Weine?“
„Ja, meine Familie hat seit Generationen Weinberge und wir beliefern viele Hotels und Edelrestaurants, eins davon war seins. Ich habe meine besten Stücke dort im Aktenkoffer.“, zeigte er auf den Koffer.
„Dann machen wir das so. Sie lassen sich jetzt erst einmal in Ruhe behandeln und untersuchen, dann gehen Sie zu Roland und er kann ihnen einen passenden Plan zusammenstellen oder wenigstens vorläufige Tipps geben. Ich habe morgen keine Zeit. Mein Terminplaner ist voll. Er freut sich bestimmt, er hat schon von den Weinen geschwärmt, die er in Frankreich verwenden konnte. Der wird begeistert sein und dann machen wir mal eine kleine Weinverkostung.“, sprudelte es aus Tina heraus. Itachi sah sie verdutzt an und schüttelte mit dem Kopf.
„Bist du schon 20?“ Er erntete einen skeptischen Blick.
„Ach stimmt. So ein Mist aber auch.
Du bist aber spießig geworden. Bei einer Weinverkostung kann man nicht wirklich von Alkohol reden.“ Er fing etwas an zu lachen.
„Ne, aber ich bin im Dienst.“ Ihre Blicke trafen sich.
„Sir, gehen Sie zum nächsten Restaurant und gönnen sich mal was und du, Tina, du schickst mir die Familie rein.“
„Und was ist mit dem Zuckertest? Er muss doch einen richtigen Test machen, jetzt wo der Verdacht besteht. Der lange Flug zurück kann böse enden.“ Itachi drehte sich um, holte einen neuen Schnelltest aus der Schublade und verlangte nach der Hand des Patienten. Es sah vorerst gut aus und der Blutdruck hatte sich ebenso geregelt. Er drückte ihm die Packung mit den Traubenzuckerbonbons in die Hand.
„Wie gesagt, suchen Sie jetzt das nächste Restaurant an, lassen Sie sich gleich etwas süßen Reis oder ein Kuchen geben und dann bestellen Sie was Sie wollen. Danach suchen Sie diesen Arzt auf. Schnappen Sie sich ein Taxi und fahren Sie morgen Früh nüchtern gleich zu ihm. Er hat eine Praxis und nimmt auch mal Ausländer und Urlauber an.“ Tina sah neugierig auf die Visitenkarte, die er ihm gab.
„Du schickst ihn zu Sato? Ich wusste gar nicht, dass ihr beide im Kontakt seid.“, stutzte sie plötzlich.
„Wir sind nicht wirklich im Kontakt, aber ich weiß, dass er perfekt für ihn ist. Wir haben uns vor einiger Zeit mal wieder getroffen und er erzählte mir, dass er sich mit Jun und weiteren Partnern zusammentun will, um ein gutes Programm zu erarbeiten. Er will dann der leitende Facharzt für Sportmedizin sein. Er hat da wohl auch einen Diätkoch an der Hand mit dem er zusammen arbeitet. Die Pläne klangen sehr gut. Es soll sogar später mal spezielle Kochbücher direkt für die Patienten bzw. Sportler geben.“ Tina grinste.
„So so, soll es die geben, ja? Er soll das nicht jedem erzählen. Der kann was von mir hören.“ Die Männer sahen sie verwundert an.
„Was weißt du denn davon?“
„Ich bin die, die die Kochbücher schreiben wird. Aber gut, so ersparst du ihm die Extrarunde zu Roland, denn er ist aktuell der Diätkoch, der mit ihm arbeitet.“ Tina ging zur Tür, drückte die Not-Fall-Lampe wieder aus und wollte den Raum verlassen.
„Du hast noch Patienten hier draußen.“ Sie sah zur Seite, zum Vorhang.
„Darf ich nach ihr sehen?“ Itachi stimmte nur schlicht zu.
‚Bettina Fuchs, du hattest immer schon ein großes Herz. Dieses Mädchen ist dir völlig unbekannt und du schleppst sie hier an, hilfst uns und willst nur wissen wie es ihr geht und ob wir sie retten konnten?‘ Tina sah zu dem Mädchen herab in ihr Gesicht. Sie schlief tief und fest. Dann sah sie sich um. Auf dem Tisch neben ihr lag ihre Akte. Als der Student bemerkte, dass sie danach greifen wollte, stellte er sich schnell hinter sie und hielt die Akte zu.
„Lass es. Ihr geht’s wieder gut, sie kommt durch und kann wieder in die Schule gehen. Mehr musst du nicht wissen.“, sprach er streng.
„War es mehr als eine innere Verletzung?“, fragte sie besorgt und sah zu einer seltsamen Box, die unter dem Bett stand und vermutlich zur Sonderentsorgung gedacht war.
„Die ärztliche Schweigepflicht gilt auch hier.“ Sie sah zu ihm auf.
„Du hast Recht. Tut mir leid. Die Kiste hat mich nur irritiert.“
Nachdem die nächsten Patienten versorgt wurden und auch die Familie herausgefunden hatte, dass sie nur etwas zu alten Käse auf dem Auflauf gegessen hatte, verlief alles wieder ruhig und Tina stand erneut draußen vor der Tür und gönnte sich einen Kaffee. Itachi verließ den LKW in Zivilkleidung und kam auf sie zu.
„Alles okay? Meine Ablösung ist jetzt da.“ Er stellte sich ein gutes Stück weiter von ihr entfernt vor einen Baum.
„Der Kaffee schmeckt. Eure Maschine taugt was. Die in der Uni-Mensa kannst du vergessen.“, lächelte sie ihn an.
„Das stimmt. Die hat uns die Klinik spendiert. Die haben eine neue bekommen und diese ging noch gut und da haben wir sie bekommen. Der Direktor ist recht nett und unterstützt uns, wenn es irgendwie geht.“
„Das klingt schön. Es gibt viel zu wenig Menschen, die sich um die kümmern, die sich nicht selbst helfen können.“
„Und? Willst du immer noch hier in Tokio bleiben, obwohl wir hier eine Unterwelt haben?“ Tina sah ihn verdutzt an.
„Glaubst du echt, ich kenne diesen Anblick nicht?“
„Es kam mir so vor. Du bist sicher überrascht wie viele Leute doch bedürftig sind, sie zeigen sich nur nicht am Tag. Deswegen ist es abends und nachts besonders voll hier.“
„Du warst scheinbar nie im Ausland. Ich komme aus Hamburg, und auch andere Städte sind voller Leute, die kein Zuhause haben. Das sieht man dort jeden Tag, wenn man zur Schule geht. Hocken in Schlafsäcken und in Zelten und unter Planen rum. Und neben ihnen stehen leerstehende Häuser, die nur saniert werden müssten. Ich bin nicht blind, Itachi. Natürlich gibt es das hier auch, nur es fällt nicht so auf und man sieht es den Leuten kaum an, weil sie nicht in Lumpen rumlaufen. Viele gehen arbeiten, das hat man doch gesehen, gehen arbeiten, aber ihre Krankenversicherung taugt nichts. Ist doch totaler Mist.“
Er nickte und sah dann zum Himmel.
„Du warst eine große Hilfe. In so einer Situation fehlt vorne eine dritte Person. Das hat man mal wieder gemerkt, aber viele wollen diesen Job nicht machen. Man könnte sich ja die Hände schmutzig machen und in den Akten für die späteren Referenzen steht dieser Einsatz nicht drin. Ehrenamt wird in dieser Hinsicht nicht angerechnet als Erfahrung im Job. Dadurch findet man auch schwer Helfer.“ „Echt? Also bei uns würde man das sehr hoch anrechnen. Eine Tante arbeitet auch ehrenamtlich in einer Sozialstation als Krankenschwester und das wird zwar nicht bezahlt, aber im Lebenslauf sieht sowas immer sehr gut aus.“
„Tja, so sind die Unterschiede der Kulturen. Da wir hier solche Leute angeblich ja nicht haben, benötigt es auch keine Hilfe…also…keine Anerkennung.“
„Ihr Japaner seid manchmal echt komisch. So gebildet, klug und belesen und trotzdem werden die Augen dort zugemacht, wo sie besonders aufgemacht werden müssten. Diese Ignoranz kotzt mich schon an seitdem ich hier bin.
Einerseits Probleme ignorieren und den Mund nicht aufkriegen, aber wenn es um ihren Nationalstolz geht, dann wird gemurrt. Wehe eine Ausländerin fasst sie an, als hätte ich die Krankheiten an mir.“, murrte sie dann und sah zu ihm rüber. „Wieso stehst du denn so weit weg?“, fragte sie verwundert. Er blickte zu ihr und grinste.
„Schon vergessen? Zwei Meter Abstand, waren deine eigenen Worte.“ Tina wurde es plötzlich etwas peinlich, dass sie das damals gesagt hatte.
„Idiot. Das ist doch Jahre her. Aber Schuld hattest du selbst.“
„Dann darf ich also neben dir stehen?“
„Du hast doch vorhin die ganze Zeit in meiner Nähe gestanden.“
„Das war dienstlich. Jetzt bin ich doch privat und mit dir alleine.“
„Du musst immer das letzte Wort haben, oder?“ Er nickte und kam langsam zu ihr.
„Ja, das muss ich. Ich bin doch schließlich ein Bad-Boy, oder wie nennt ihr Frauen das, wenn man nicht immer allen Regeln folgt?“ Er sah ihr in die Augen und lächelte etwas frech.
„Danke übrigens, ohne deine schnelle Hilfe, hätte das Mädchen nicht überlebt.“ Sie sah ihn mit großen Augen an.
„Wirklich? Ich habe sie rechtzeitig gefunden? War es so knapp?“ Er nickte und machte dann ein ernstes Gesicht.
„Ja. Jede Minute zählte.“ Ihr Herz klopfte plötzlich unbeschreiblich doll.
„Ihr…ihr habt sie aber gerettet. Nicht ich.“
‚Wie du mich schon wieder ansiehst. Tina, du bist so hübsch, noch viel hübscher als damals.‘
„Einigen wir uns doch, dass es Teamarbeit war?“, grinste er und sah dann plötzlich etwas auf. Auch Tina vernahm plötzlich Blaulicht, welches sich an den Bäumen und Fenstern des alten Hauses spiegelte.
„Tina? Geh rein und zieh dich wieder um. Ich muss noch was erledigen, danach ist erst Feierabend für mich.“, sprach er ernst. Sie nickte.
„Ist die Polizei ihretwegen hier?“ Er nickte und ging dann zurück zum LKW. ‚Itachi? Warum musstest du sie rufen? Ich dachte die Leute bleiben anonym? Ist das bei Minderjährigen etwa anders?‘ Sie ging selbst schnell zum LKW, verschwand in der kleinen Umkleideecke und zog schnell den Kittel und Hose und Shirt aus. Dann zog sie ihre trockenen Sachen wieder an. Itachi war erstaunt, dass sie es einfach neben ihm tat. Es eilte, ja, aber einen Vorhang hätte es doch gegeben.
‚Wieso ziehst du den Vorhang nicht vor? Ziehst dich einfach neben mir um.
„Geh erstmal raus. Die Polizei ist sicher gleich hier drin. Sie muss dich nicht sehen, ich gebe dich als anonymen Helfer an.“
„Okay. Ich…gehe eine Nudelsuppe essen.“, lächelte sie und verließ dann den LKW.
177. Kapitel Alles hat ein Ende (U18)
Kapitel 177
Alles hat ein Ende U18
Plötzlich zuckte sie zusammen und Itachi glaubte, es sei eine gute Reaktion auf seine zarte Berührung unter ihrem Rock. Seine Hand war kurz zuvor seitlich unter ihren Rock gefahren und fasste ihren Oberschenkel und fuhr dann in diesem Moment an ihren Hintern. Er griff ein wenig erregt an ihre Pobacke und flüsterte ihr etwas Romantisches ins Ohr.
„Du bist so schön.“ Er glaubte, sie damit etwas zu erregen, aber nein, sie riss die Augen auf und drückte ihn weg. Ihre Beine bewegten sich plötzlich hastig zurück, als würde sie sich von ihm entfernen wollen. Ein starrer und entsetzter Blick sah ihn an und hielt inne.
„Es…es…tut mir leid.“, sagte sie dann plötzlich hastig und ließ ihn komplett los. Ihr wurde plötzlich schwarz vor Augen und es wurde ihr kalt und ihr Herz schlug enorm hoch, aber eher vor Schreck, als vor Sehnsucht nach weiteren aufregenden Berührungen. Itachi sah sie total verdattert an.
‚Was hat sie plötzlich? War ich doch zu schnell? Aber…es war doch gerade so schön…was habe ich denn falsch gemacht? Ich dachte, es gefällt ihr.‘ Sein Puls raste ebenso, noch etwas in seiner Sehnsucht gefangen und dann in der plötzlichen Unterbrechung davon. Tina sagte weiter nichts und ging ihm nur noch aus dem Weg, schnappte sich ihre Tasche, den Mantel und die Schuhe und stand mit der Hand an der Ausgangstür.
„Ich…es tut mir leid. Ich muss gehen. Ich…ich bin zu müde…“, stammelte sie nur. Als sie die Tür öffnen wollte, trat er hinter sie heran und hielt die Tür zu. Ähnlich so wie damals.
„Ich…was ist los? Es war doch eben so schön. Ich dachte…dass es dir gefällt. Was habe ich falsch gemacht?“, sprach er leise und etwas aufgeregt. Sie schwieg eine Weile.
„Es tut mir so leid…du…du hast nichts falsch gemacht. Es…war doch auch schön und ich…ich dachte…ich…kann das schon…aber ich wusste nicht…“, stotterte sie verzweifelt. Noch immer schlug ihr Herz wie wild. Sie wollte ehrlich zu ihm sein. Plötzlich kamen ihr ein paar Tränen, aber zu ihm sehen konnte sie nicht. Sie liefen einfach nur an ihren Wangen herunter.
„Was wusstest du nicht? Tina, bitte…erklärst du es mir kurz? Ich…ich will doch nichts falsch machen und ich fühle mich so wohl und ausgeglichen in deiner Nähe…und…ich will…ja…natürlich will ich alles…mit dir…aber…nicht sofort, nicht wenn du es nicht willst und…ich will vor allem…dass du dich…auch bei mir wohlfühlst. Das will ich am meisten. Du bist mir zu wichtig. Zu wichtig, um Fehler zu machen.“ Tinas Hand ließ die Türklinke los und berührte mit einer Faust die Tür.
‚Ich…bin dir wichtig?‘ Sie sah hoch zur Decke, die sehr tief hing, weil das Hochbett darüber war.
„Ich dachte…nicht…dass es überhaupt ein Problem sein könnte…nicht nach der langen Zeit…es tut mir leid…bitte lass mich gehen.“ Natürlich nahm er seine Hand weg und ließ ihr die Wahl zu gehen, doch dann griff sie, nach einem kurzen Zögern, statt zur Klinke an seine Hand neben sich.
„Ich…ich wollte es doch…aber…ich war auch…vorbereitet…doch…damit habe ich nicht gerechnet.“ Sie drehte sich zu ihm um und sah zu ihm auf.
„Tina, du…musst es mir nicht sagen…wenn es dir unangenehm ist.“, spricht er plötzlich leise und behutsam.
„Danke. Du kannst nichts dafür. Es war…eine…dumme alte…Erinnerung. Als du…mir an den Po gegriffen hast…da…war sie plötzlich wieder da. Zuerst habe ich…versucht es zu ignorieren…wie einen Schmerz, aber…dann…war sie nochmal da. Es tut mir leid.“ Er sah sie überrascht an.
‚Schöne Bettina, was ist denn passiert? Und wann ist es passiert? Irgendwer hat dir wehgetan. Was anderes kann es doch nicht sein.‘ Tinas Puls sank etwas, ihr wurde bewusst, dass der Mann bei ihr nichts für diese Erinnerung konnte und er hatte doch schon einmal unter dieser Tatsache gelitten, dass sie damals etwas mehr als Überreagiert hatte. Denn als er sie so überraschend küsste, empfand sie es zwar als unerhört und frech, aber im Nachhinein…wurde ihr klar, dass es ihr doch irgendwie gefallen hatte. Dieses Überraschende und dann dieser eigentlich angenehme Kuss auf ihren Lippen. Sie konnte sich in diesem Moment nur nicht dagegen wehren, weil sie so überrascht war und weil es sich trotzdem aufregend anfühlte. Ein aufregend erotischer Moment und dieser kam nicht von Karl-Heinz. Aber das konnte sie doch nicht zugeben und schon gar nicht, weil sie noch so viel für ihre Jugendliebe empfand. Und dann war kurz davor die Übung, die Martin ihr gezeigt hatte.
Und jetzt stand sie da, an der Tür in der kleinen Miniwohnung, direkt vor Itachi, der ihr doch ganz sicher niemals wehtun würde. Da war sie sich sicher, denn dann hätte er es doch schon gemacht. Aber nein, er hat sie auch damals nicht festgehalten, sie hatte es nur anders empfunden und jetzt…will er sie einfach gehen lassen. Das beweist doch, dass er keine bösen Absichten hat und sich wirklich in sie verliebt hat? Er hätte doch sonst niemals seine Familie vorgestellt oder sie zu dieser wichtigen Veranstaltung mitgenommen. Plötzlich lehnte sie sich vor zu ihm an die Brust, krallte sich an seinem Hemd fest und schluchzte etwas. „Es…tut mir leid…ich…es kam plötzlich wieder…ich wusste nicht, dass es irgendwann ein Problem wird…weil ich…nie in dieser Situation war. Itachi, ich vertraue dir doch, sonst wäre ich doch gar nicht mit hochgekommen. Ich…mir war doch klar, dass wir…hier nicht nur Kaffee trinken werden.“ Er nahm sie in die Arme und wurde selbst auch wieder etwas ruhiger. Es machte sich zwar etwas Angst in ihm breit, was sie denn nun erzählen mag, aber es beruhigte ihn, dass sie es ihm vermutlich erzählen würde und sie scheinbar bei ihm sein möchte.
„Pst. Tina, wenn du mir was erzählen willst, dann bitte nur dann, wenn du es willst. Wir haben doch alle Zeit der Welt, oder hast du es eilig?“, sprach er ruhig auf sie ein. Sie schüttelte den Kopf und sah dann plötzlich zu ihm hoch. Sie genoss seinen Trost und sah ihm tief in die Augen. Es wurde ihr deutlich wärmer und sie vernahm unerwartet ein seltsames Gefühl wahr, das ihr sagte, dass sie ihm näher sein und gar nicht gehen wollte.
„Itachi…küsst du mich trotzdem noch?“, kamen völlig unerwartete Worte mit feuchten Augen.
‚Bettina, du verwirrst mich. Ich soll dich küssen, aber wenn ich dich berühre, soll ich scheinbar aufpassen? Die Berührung am Po? Das war der Auslöser?‘ Seine Hände, die auf ihrem Rücken sind, um sie an sich zu drücken, wanderten liebevoll zu ihr hoch. Er sah ihr tief in die Augen und sie spürte seine warmen Hände im Halsbereich und dann an ihren Wangen und eine von ihnen danach an ihrem Hinterkopf, wie sie sanft in ihre Haare fuhr und er beugte sich langsam zu ihr runter und berührte vorsichtig ihre Lippen. So zaghaft, als würde er das erste Mal jemanden küssen und wisse noch nicht wie es ginge. Es war ein kleiner Test ob Tina es wirklich ernst meinte mit ihrer Aussage. Ihm war sich etwas unsicher. Aber dann spürte er wie sie selbst auf ihn einging und dann fanden sie beide wieder zueinander und ihre Herzen schlugen schneller.
‚Warum denn nur, Itachi? Warum fühle ich mich dir jetzt plötzlich wieder so hingezogen? So sehr…dass ich…ganz nah sein will? Eben war noch dieses furchtbare Bild von diesen Widerlingen von damals vor mir, wie sie mich festhielten und an grabschten und nun…nun kribbelt es plötzlich überall und ich würde am liebsten deine Hände überall spüren wollen. Warum zum Teufel ist das so? Es ist, als würde ich gar nichts anderes mehr wollen? Nur noch deine Wärme spüren. Das verwirrt mich total. Was ist denn nur mit mir los? Was ist das denn nur?‘ Plötzlich unterbrach sie den Kuss und ihre Hände griffen fest an seinem Hemd. Sie sah in seine dunklen, verdutzten Augen und lächelte ihn mit ihren noch feuchten Augen an.
„Itachi…ich…will…ich weiß nicht wieso…aber…es kribbelt plötzlich überall und…ich…kann…nicht weggehen. Warum?“, stammelte sie verzweifelt vor sich hin und fing an sein Hemd aus der Hose zu ziehen. Ihm wurde plötzlich unwahrscheinlich heiß und er wusste vor Erstaunen nicht so richtig was sie wirklich damit sagen wollte. War sie es nicht, die eben noch gehen wollte und dann sogar weinte? Was war denn nur wirklich los und warum änderte sie plötzlich ihre Meinung?
„Wie…jetzt? Du bringst mich durcheinander.“, sprach er leise.
„Ich…ich will…ich will dich. Jetzt…ich will dich jetzt spüren…nicht…nicht erst in ein paar Tagen oder Wochen…jetzt…Itachi…ich wollte doch jetzt wissen…wie es ist…wie es ist…das Aufregende mit dir.“
„Bettina…du verwirrst mich. Ich…ich will keine Fehler bei dir machen…verstehst du? Und wenn du…Zeit brauchst, dann nehmen wir sie uns einfach.“ Sie schüttelte den Kopf und schmiegte sich einfach an ihn. Nebenbei knöpfte sie sein Hemd langsam auf. Sie begann am Kragen und sah nebenbei in seine freundlichen Augen.
„Ich wollte dich kennenlernen, Itachi, so wie du wirklich bist. Und das habe ich gestern und auch heute. Deswegen habe ich dein Angebot angenommen. Und ich weiß, dass ich dir vertrauen kann. Ich weiß doch, dass du mir niemals wehtun würdest, und es war doch so aufregend…der ganze Tag und auch damals…war es das, aber es war zu früh. Zu früh für uns…und für…aufregende Momente…und ehe ich bemerkte, was du wirklich…warst…an der Schule…Du hattest Recht…ich…mag Männer, die wissen was sie wollen und…es auch sagen. Ich stehe so gar nicht auf Wischi waschi…und irgendwelche Unklarheiten. Und ich mag…es aufregend…nicht immer und zu jeder Zeit, aber…manchmal schon.“ Sie stoppte kurz und der letzte Knopf öffnete sich. Das Hemd und seine Krawatte hingen einfach an seiner sehr schlanken, aber muskulösen Gestalt herunter und ihre Hände berührten seine nackte Haut, rechts und links neben der Krawatte und ihr Blick wich ihm nicht aus. Er sah wie sie deutlich errötete und ihr Herz noch lauter und schneller schlug. Unter ihren Händen spürte sie seinen starken Atem, er wurde deutlicher, als sie dann seine Hand nahm und diese auf ihren Brustkorb legte.
„Spürst du das? Ich weiß nicht warum…aber…es ist plötzlich stärker als vorhin. Ich…ich will jetzt bei dir sein…willst du denn, dass ich jetzt doch bei dir bleibe? Wollen wir da weitermachen…wo wir aufgehört haben?“ Er nickte nur wie benommen und berührte ihren Rücken und ihre Schulter.
„Wenn du es willst? Tina…du bist so aufregend…mit dir…ist es wirklich nie langweilig. Das…mochte ich gleich, als ich dich das erste Mal gesehen habe. Ich wusste sofort…mit dir kommt eine aufregende Zeit auf mich zu.“, begann er dann doch.
„Ich…will natürlich, dass du bleibst, schöne Tina.“, hauchte er dann aus und beugte sich über sie und genoss ihre zarten Streicheleinheiten. Ihre Hände wanderten über seinen Oberkörper und später wieder hinauf bis zu seinem Hals. Sie strich über sein Gesicht und fasste ihm an die Ohren und dann berührte sie bestimmend seinen Hinterkopf und sah ihn mit ihren leuchtenden Augen an und lächelte wie herausfordernd.
„Itachi…bitte schließ kurz die Augen und dann stell dir genau vor…was du mit mir machen willst…und dann machst du es einfach, okay? Wenn mir was nicht gefällt, dann gebe ich dir ein Zeichen und wir finden einen anderen Weg, damit es schön für uns beide ist. Okay?“
„Egal was? Bist du sicher?“, wunderte er sich.
„Frag doch nicht so viel…mach doch einfach was du fühlst. Du hast doch da oben etwas im Kopf, was du vorhast und das machst du einfach.
Damals hast du auch nicht gefragt…sondern aus einer Situation heraus gemacht was du wolltest, wie du wolltest. Du musst es nur…so machen…dass ich…gar keine Wahl habe, außer…nur an dich zu denken…wenn du dich zurückhältst…dann weiß ich doch gar nicht…wie es wirklich sein kann…wie es ist…wenn man erwachsen ist und sich so fühlen kann. Ich…ich bin doch keine Jugendliche mehr. Aber hier…hier kriege ich einen Maulkorb um und jeder behandelt mich wie ein Kind. Ich fühle mich eingeengt…damit ist Schluss…ich will…“, versuchte sie sich stotternd und zwischendurch mit klaren Worten, zu erklären und kurz bevor sie noch sagen konnte, dass sie ihn wie eine Erwachsene fühlen will, legte er den rechten Zeigefinger auf ihre Lippen, drängte sie plötzlich an die Tür, griff ihre rechte Hand so wie er es damals getan hatte, zwischen den Fingern, und sah ihr tief in die Augen. Sein Körper schmiegte sich an sie und er zögerte, genauso wie damals. Ihr Herz pochte so stark, dass er es spüren konnte und ihr Blick wurde diesmal auch verführerisch und überrascht, wie es damals zum Teil der Fall war.
‚Ich hoffe, ich habe deine Herausforderung richtig verstanden…wenn nicht…gibst du mir ein Zeichen. Ich bin mir sicher…nur ein Zeichen…keine Schläge, keine Tritte.‘, grinste er und dann ließ er etwas an Druck an der Hand weg, so wie damals im Flur der Schule. Ihr Kopf lehnte an der Tür und er küsste sie sinnlich. Diesmal kam eine Erwiderung und ihre Hände blieben bei ihm und griffen in sein Haar.
‚Hast du eine Ahnung wie wahnsinnig du mich machst? Dieses Hin und Her bringt mich einerseits etwas durcheinander, aber anderseits macht es mich auch besonders neugierig. Wie fühlst du dich nun an? So ganz nah bei dir und mit mir? Ich kann es kaum erwarten…aber…ich passe auf, meine Liebe…diesmal…probiere ich aus, ob du wirklich weißt auf was du dich einlässt. Dann lass ich dich zappeln und dann…wissen wir beide…ob und wie es weitergeht.‘ Er tat einfach was ihm in den Sinn kam, küsste sie leidenschaftlich und dann griff sie selbst seine Hand an der Tür, als würde sie sich festhalten wollen. Er liebkoste ihr Gesicht und genoss es, dass ihr Atem immer schwerer wurde und ihr Griff in seine Haare sich eher auf seine Schulter verlagerte. Sie schloss ihre Augen und konzentrierte sich nur auf seine Berührungen, um auch irgendwann auf ihn einzugehen. Es wurde immer aufregender für beide.
„Das Kleid ist sehr schön und steht dir ausgezeichnet. Du warst heute…meine Königin, das weißt du hoffentlich.“, lächelte er sie liebevoll.
„Du bist so schön…und so aufregend. Wie soll…ich mich da nur zurückhalten? Ich…ich will dich doch überall berühren und verwöhnen…so schön bist du…aber wie?“, sprach er etwas in seiner Verzweiflung, denn er hatte seine Vorstellungen und würde sie zu gerne einfach hochnehmen und zum Sofa tragen. Doch was ist, wenn es wieder schief geht, wenn er ihren schönen runden Hintern berührt? Zu seiner Verwunderung lächelte sie ihn daraufhin an.
„Ich…lass die Augen einfach auf, wenn es komisch wird…dann weiß ich doch…dass du es bist. Und du würdest mir nie wehtun.“
„Ich bin total verrückt nach dir…du weißt hoffentlich was das heißt?“, warnte er sie schmunzelnd vor. Plötzlich zog sie ihm zärtlich am Ohr und fasste auf seine Wange.
„Wenn du mich jetzt nicht ernst nimmst, dann gehe ich doch.“, forderte sie dann und haschte mit einem Grinsen nach seinem Mund.
‚Du meinst es scheinbar wirklich ernst. Nun gut. Du bist eine Frau, die immer weiß was sie will und es auch deutlich sagt. Ich wäre dumm, wenn ich es falsch deuten würde.‘
Ihre Augen wurden plötzlich ganz groß, als er sie wieder begann zu küssen, diesmal jedoch etwas hastiger und seine Hände fummelten an seiner Krawatte herum, öffneten den Knoten und ließ diese dann zu Boden fallen. Kurz darauf öffnete er seinen Gürtel, zog ihn langsam aus den Schlaufen und ließ auch diesen zu Boden fallen. Dann drängte er sie zärtlich an die Tür, berührte sanft ihre Seiten und streichelte ihren Oberkörper. Seine Hände wanderten immer tiefer und erreichten ihre Strumpfhose. Sie glitten zaghaft über ihre Oberschenkel. Plötzlich, zuckte sie an der Stelle etwas zusammen, unterbrach den Kuss und japste nach Luft. Itachi blickte sie an und sah ein Lächeln in ihrem Gesicht.
‚Es gefällt dir. Vorhin sah es anders aus. Gut.‘, lächelte er sie an. Dann küsste er sie wieder, diesmal etwas weniger hastig, aber ihre Zungen spielten leidenschaftlich miteinander und kaum waren seine Hände sanft an ihrem Gesäß, griff er sie plötzlich und sicher und hob sie schnell hoch. Sie sah ihn total überrascht an, aber noch immer war es eher ein neugieriges Funkeln in ihren Augen. Der Kuss wurde wieder unterbrochen und sie lächelte ihn an.
„Du…hast…mich einfach abgelenkt?“ Er schmunzelte und lächelte sie an.
„Lass es einfach…auf dich zukommen. Ich…will dich doch verwöhnen.“ Das ließ sie sich natürlich nicht zweimal sagen und hielt sich weiter an ihm fest. Sie küssten sich wieder.
„Du bist wirklich wunderschön, nicht nur in deinem Herzen, auch so, unbeschreiblich.“, flüsterte er. Er erntete ein bezauberndes Lächeln und ihre Hände berührten sanft seinen angespannten Oberkörper und seinen rechten Arm. Sie fuhr ihn hoch und hinunter.
„Ich hätte gar nicht gedacht…wie stark du bist. Das fällt unter der Uniform gar nicht so auf.“, lächelte sie bewundernd.
„Kann sein. Ist sehr praktisch, wenn sich mal jemand im LKW verirrt hat, schmeiße ich ihn einfach raus.“, grinste er. Dann berührt er mit der aufstützenden Hand mit dem Finger ihren rechten Oberarm.
„Hier…ist es doch auch so. Schlägst so harte Bälle, die nicht mal mehr die Männer annehmen wollen. Der muss extrem stark sein.“ Tina schmunzelte.
„Ach…das ist nicht die Kraft alleine…das ist eher die richtige Technik. Ein bestimmter Drall.“ Plötzlich beugte er sich zu ihr herunter, griff bestimmend in ihre weichen Haare und ihren Kopf und küsste sie. Aber diesmal nicht gleich auf den Mund, nein zuerst einige kleine Küsse an die Schläfe. Dann wanderte er langsam über das ganze Gesicht bis zu den Augen. Sie schloss diese wieder und genoss seine Liebkosungen. Zu viele neue Gefühle stürzten auf sie ein, als er unerwartet ihren Mund küsste und danach immer tiefer wanderte. Seine Streicheleinheiten gefielen ihr sehr. Es war so neu und so zärtlich und aufregend zugleich. Zum ersten Mal hatte sie plötzlich das Gefühl, nicht mehr wie ein Kind oder kleines dummes Mädchen angesehen zu werden. Der aufregende Abend endete mit seinen Höhepunkten und beide nahmen viele neue Gefühle wahr.
Es war eine aufregende Zeit in den nächsten zwei Monaten, bis eines Tages ein unvorhersehbares Ereignis einen großen Schatten über die beiden legte und Tina sich kurzerhand von ihm trennte.
Ihre letzte Begegnung war im De Mecklenburger. Itachi sah sie nachdenklich an, als sie endlich alleine waren. Ihre beider Puls sank etwas und sie atmeten tief durch.
„Ohne dich, Tina…ohne dich…hätte es böse enden können. Danke.“ Er kam auf sie zu und sah zu ihr herab und lächelte in der Hoffnung, sie ginge ebenso auf ihn ein. Er wusste, dass nach den Ereignissen keine große Hoffnung bestand.
„Danke…“, sagte er liebevoll und plötzlich hatte er die Hand im Gesicht, angedeutet, als würde sie ihm eine kräftige Ohrfeige verpassen. Stattdessen legte sie ihre Hand nur auf seine Wange und sah ängstlich zu ihm auf. Dann legte sie ihren Kopf gegen seine Brust und schlug symbolisch mit den Fäusten auf ihn ein, nicht mit Kraft, nur wie ein verzweifeltes Trommeln.
„Du Idiot! Wie konntest du nur? Du hast mich in Gefahr gebracht…uns beide, sogar meine Familie und meine Freunde. Wie konnte ich nur so dumm sein und mich auf dich einlassen?“ Er legte seine Hände um sie und drückte sie fest an sich. So konnte sie nicht mehr auf ihn eintrommeln. Itachi vernahm ihr verzweifeltes Schniefen, als würde sie weinen.
„Es tut mir wirklich leid...was sollte ich denn machen? Man sucht sich nicht immer aus in wen man sich verliebt. Das Ganze war so nicht geplant. Und von mir ohnehin nicht.“, streichelte er verzweifelt zärtlich ihren Rücken. Er wusste, dass sie es liebte, wenn er dies tat.
„Bekomme ich noch einen letzten Kuss, bevor wir uns für immer verabschieden?“ Tina sah zu ihm auf.
„Es tut mir leid, aber den hast du dir bereits geholt. Geh, Itachi...geh...ich will dich nie wieder sehen, verstanden? Such dir dein Glück....aber es wird nicht bei mir sein. Zwei Meter....Itachi...gehe mir einfach aus dem Weg. Aber diesmal für immer!“
„Ich weiß und ich...ich werde mich soweit es möglich ist...distanzieren. Aber...bitte...zum Abschluss...dafür, dass wir es können, dass ich...dich in den Arm nehmen kann...weil du in Sicherheit bist…nur das eine Mal noch...bitte.“, sah er sie liebevoll an. Er lächelte nicht, denn das konnte er in dieser Situation nicht. Sie sah zu ihm auf und ihr Herz schlug enorm, als würde sie wie früher wissen, dass er sie zärtlich in die Arme nehmen wird und sie würden schöne aufregende Momente miteinander erleben. Aber sie hielt sich einfach nur an seiner Brust mit den Fäusten fest, statt wie sonst die Handflächen auf ihn zu legen oder die Hände zu seinem Kopf hochzubewegen, um ihn zu berühren. Ihr Herz sagte letztendlich genau das, was ihr Vater zuvor sagte…noch bevor das ganze Chaos begann.
„Itachi, es...hätte schief gehen können...ich hätte...dich verlieren können...und...“, redete sie sich von der Seele und wurde immer lauter dabei, doch plötzlich berührte er ihre Lippen und ihre linke Wange. Er fasste dann ihren Kopf, beugte sich zu ihr runter und flüsterte leise.
„Ich liebe dich so sehr, meine liebe Tina. Ich bin einfach nur froh, dass du noch da bist. Irgendwann findest du den Richtigen, der dir alles bieten kann, was du brauchst. Ich wusste, dass ich es nie sein werde. Trotzdem…haben wir es versucht. Ich wollte dich nicht täuschen.
Dieser eine Kuss noch und du bist mich für immer los. Ich…ich nehme ihn mir jetzt einfach…und wenn du mich wieder schlagen willst…dann…dann tu es…jeder Schlag…ist es wert…nur alleine in deiner Nähe zu sein.“, stotterte er sich in seiner Verzweiflung zurecht, denn sein Herz sagte ihm, dass er niemals wieder jemanden so lieben könnte wie sie. Diesen Moment jetzt zu nutzen war der einzige Weg, sich zu verabschieden. Dann küsste er sie zum Abschied, ein sinnlicher Abschiedskuss für immer. Ihre Herzen schienen beide zu zerspringen, ihnen liefen ein paar Tränen über die Wangen, aber der Verstand siegte.
‚Meine liebste Bettina, irgendwann musste dieser Zeitpunkt kommen…ich habe jede Sekunde mit dir genossen und ich wusste, es konnte niemals auf Dauer gut gehen. Ich hoffte nur, dass die Zeit länger sein würde. Aber es war unbeschreiblich.‘
Mit diesen Gedanken verließ Itachi das Lokal und orderte sich das nächste Taxi.
Etwa eine Woche später in der Uni. Die beiden sind sich bewusst aus dem Weg gegangen und spielten ihre Rolle wie bisher, man kenne sich nur flüchtig und habe angeblich nichts miteinander zu tun. Ihre Bekannten und Freunde wussten zwar, dass es aus war, aber warum…das wusste niemand so genau. An jenem Tag, als Tina zur gewohnten Zeit in die Mittagspause gehen wollte und im Aufgang drei an der Palme vorbeilief, stand Itachi dort. Sie wunderte sich, denn er sollte doch Abstand halten. Sie ging einfach an ihm vorbei.
‚Ich habe nichts anderes erwartet. Nun gut. Dann muss ich es anders machen.‘ Er blieb etwas länger stehen und wartete auf Yako, welche ebenso gerne durch diesen Eingang ging.
„Yako, warte…“, sprach er sie an.
„Was willst du denn von mir?“, wunderte sich diese und blieb natürlich stehen. Er reichte ihr einen kleinen Brief.
„Kannst du Tina diesen Brief geben. Es ist sehr wichtig.“
„Wie jetzt? Was soll das sein? Ne Entschuldigung für was auch immer du angestellt hast?“
„Nein, es ist nur eine wichtige Information. Ich kann sie ihr nicht in den Briefkasten werfen, da ihre Eltern ihn auf keinen Fall in die Finger kriegen dürfen. Du aber, du siehst bestimmt nicht rein. Dir vertraue ich. Gib ihn den einfach. Du musst auch nicht sagen von wem er ist. Sie soll ihn lesen, wenn sie alleine ist.“ Sie nickte ab und nahm den Brief an sich.
„Aber nur der alten Zeiten wegen, Großer.“
Nach der Pause traf Yako auf Tina und sie reichte ihr den Brief.
„Was soll das sein?“, wunderte diese sich.
„Lese ihn einfach, wenn du alleine bist. Mehr darf ich nicht sagen.“
„Ist er von Itachi? Er schien mich heute aufsuchen zu wollen.“
„Ich weiß von nichts. Nimm ihn einfach.“ Tina nahm ihn widerwillig an sich und steckte ihn in die Tasche.
„Es soll hoffentlich keine sinnlose Entschuldigung sein.“, murrte sie dann.
„Er meinte, es sei nur eine Information.“, zuckte Yako mit der Schulter.
‚Eine Information? Itachi, was ist so wichtig, dass du die Regeln brichst?‘
Tina wartete einen passenden Moment ab, um den Brief zu lesen. Am Ende der Vorlesungen und dem Seminar ging sie in dem Park spazieren und stellte sich unter einen Baum, lehnte sich an den Stamm und öffnete endlich den Brief.
„Liebste Bettina,
ich weiß, ich breche unsere Abmachung, aber ich muss dir ein paar wichtige Informationen mitteilen.“
Sie atmete tief durch, als sie am Ende die letzte Zeile las und das Blatt zuklappte.
„Ich werde das Angebot aus New York annehmen. Ich weiß nicht für wie lange, aber die Arbeit wird mich ablenken und viel Erfahrung im Job einbringen.
Mach‘s Gut, du bist das Beste, was mir je passiert ist, wenn es auch nur kurz war.
Dein Itachi.
PS: Ich wünsche dir, dass du dein Glück bald findest. Ich war es nicht.“
178. Kapitel Itachis Rückkehr U18
Kapitel 178
Itachis Rückkehr
Eine männliche Gestalt schiebt ein Fahrrad neben sich und hält mit der anderen Hand den großen Regenschirm. Es gießt in Strömen.
‚So ein Mistwetter. Warum muss diese blöde Klinik auch so weit weg von meinem Container sein?‘ Er geht langsam, um nicht zu sehr nass zu werden. Nach einer Weile lässt der Regen etwas nach und regnet sich nur noch gemütlich ein. Jedoch ist die Straße viel zu nass und glatt, um mit dem Rad zu fahren. Das Risiko möchte er nicht eingehen und Zeit hat er noch genug. Er kommt an einem Comiccorner vorbei und blickt nachdenklich in die Nebenstraße am Blumenladen vorbei. Plötzlich öffnet sich die Tür des Restaurants neben dem Blumenladen und ein junger Mann kommt mit einem Regenschirm heraus. Er wundert sich etwas, denn er weiß, dieses Lokal hat in der Regel dienstags Ruhetag. In der Regel meidet er diesen Weg, aber da er der kürzeste ist, wählte er ihn heute, wegen des Wetters. Etwas zögerlich bleibt er stehen und beobachtet was weiter passiert. Der Mann geht langsam in seine Richtung, hat eine Sporttasche bei sich, trägt nur eine Art Trainingsanzug und sein Blick ist nachdenklich nach unten gerichtet. Plötzlich öffnet sich die Lokaltür erneut und die ihm sehr bekannte Blondine steht in der Tür. Der junge Mann dreht sich sofort zu ihr um. Sie spricht ihn zaghaft an. „Ähm...danke, Kojiro.“
„Wofür?“, reagiert er überrascht.
„Für Deine Hilfe. Danke...für alles.“, spricht sie leise und blickt scheinbar verlegen zu Boden.
‚Nanu, Bettina? Was hat das zu bedeuten?‘, geht durch den Kopf des angehenden Mediziners. Der junge Mann mit den langen Haaren geht langsam auf sie zu und bleibt direkt vor ihr stehen. Zu seinem Verwundern berührt dieser ihre Wange, und fasst dann ihr Kinn. Beide sehen sich an.
„Am liebsten würde ich bei dir bleiben, aber meine Pflicht ruft. Meine Familie macht sich sonst Sorgen.“, spricht er sanft und nur sehr leise hörbar. Dann beugt er sich zu ihr runter und küsst sie leidenschaftlich. Er lässt ihr Kinn los und berührt sie am Rücken und drückt sie einfach bestimmend an sich.
‚Dein neuer Freund, Bettina? Es war klar, dass du dein Herz nur an einen Sportler verlieren kannst. Das mit uns sollte nicht sein. Erstaunlich, dass ihr euch nicht versteckt.‘ Er kneift kurz die Augen zu. Der Anblick, dass jemand anderer sie küsst und es den Anschein hat, dass sie sich der Berührung dieses Mannes nicht entziehen kann, gefällt ihm nicht. Jedoch weiß er auch, dass es für sie niemals eine Zukunft gegeben hat.
Der Radfahrer greift wieder entschlossen nach dem Lenkrad und setzt seinen Weg fort. Nachdenklich geht er den Fußweg weiter und schiebt sein Rad weiter neben sich.
‚Ich hatte bereits befürchtet, dass wir uns hier irgendwann über den Weg laufen, wenn ich in der Nähe arbeite. Dass ich aber gleich so einen Anblick sehen muss…verdammt. Das macht es nicht gerade leicht, dich zu ignorieren.‘ Er bleibt ohne weiter nachzudenken stehen und sieht durch seinen transparenten Schirm nach oben in den Himmel. Sein Puls steigt etwas an, bei dem Gedanken daran wie ihre kurze Zeit miteinander war und auf welche seltsame Art und Weise sie auseinandergegangen sind. Nun ist es schon gut über drei Jahre her und er hatte kurz nach ihrer Trennung bewusst das Land verlassen. Die Ablenkung sich in seine Arbeit zu stürzen, tat ihm sehr gut. Er konnte sich beruflich ein paar Träume erfüllen und hat endlich anerkannte Referenzen für die weitere Laufbahn gesammelt.
Plötzlich läuft jemand an ihm vorbei. Es ist Kojiro. Er läuft schnell, aber die grüne Ampel schafft er trotzdem nicht mehr und er bleibt natürlich stehen. Viel los ist an diesem Tag nicht, denn die Gegend ist allgemein nicht so sehr belebt und das regnerische Wetter hält die Leute zeitgleich auch lieber in den Räumen. Der Student kommt ebenso an der Ampel an und wartet auf die nächste blaue Phase. Er schaut bewusst zu den Autos, die angefahren kommen und kann somit den Mann ein Stück weiter von ihm etwas genauer mustern. Es wundert ihn, dass er trotz der Wolkendecke eine Sonnenbrille trägt. Er macht ihm ansonsten einen sehr stabilen und athletischen Eindruck. Sein Blick ist neutral, etwas fröhlich und ab und an sieht er auf seine rechte Hand mit der er die Tasche trägt. Er hält sie seltsam vor sich hoch, öffnet sie mit der Handfläche zu sich gerichtet und schließt sie dann wieder zu einer Faust, die den Griff festhält.
‚Wie du dich angefühlt hast, schöne Tina. Was war das nur vorhin? Immer noch kribbelt es überall. Ich wollte dich gar nicht wieder loslassen. Es kommt mir wie ein realer Traum vor. Ist das vorhin tatsächlich passiert? Was um alles in der Welt haben wir gemacht? Was war das?‘, geht Kojiro durch den Kopf.
Es wird blau und noch etwas verträumt geht Kojiro zügig los. Kaum haben alle die Straße überquert, läuft Kojiro wieder los, aber nur wenige Meter später bleibt er stehen und schaut zur Seite an eine Ladentür, die zwar überdacht, aber geschlossen ist. Der Laden ist leerstehend und mit Werbeplakaten beklebt. Vor der Tür sitzt ein alter kleiner Mann und zittert. Er hat nur einen dünnen eleganten Pullover an und eine lange aufgerissene Hose. Kojiro geht auf ihn zu und reicht ihm den Regenschirm.
„Bitte nehmen Sie ihn. Ich besorge mir einen neuen. Ist Ihnen etwas passiert? Sind Sie gestürzt?“ Der Mann will sich zum Dank aufstellen und plötzlich sackt er vor ihm zusammen. Kojiro lässt seine Tasche zwar in der Hand, aber kann ihn trotzdem abstützen und auffangen. Er drängt ihn sachte zurück, damit er sich wieder setzen kann.
„Was haben Sie? Ich kann einen Notarzt rufen! Ich habe ein Handy dabei.“ „Ich…ich danke Ihnen…ich bin gestürzt…und…bitte kein Notarzt.“ Kojiro wundert sich und sieht sich um.
„Warum nicht? Kommt schon jemand, Sie abholen?“ Als er ihn genauer betrachtet, da kann er unter den aufgerissenen Hosenbeinen Blut entdecken.
„Ihre Beine? Das müssen Sie sofort behandeln lassen. Ich rufe jetzt den Notruf und die schicken dann Sanitäter vorbei, die Ihnen helfen können.“, beschließt er einfach.
„Kein Notruf bitte…ich…ich kann das nicht bezahlen.“, sagt er ganz leise. Genau in diesem Moment bemerkt der Radfahrer die Situation und geht auf die Männer zu. Er spricht sie beide an.
„Gibt es ein Problem? Herr B., wie geht es Ihnen? Was ist passiert?“, spricht er dann den alten Mann direkt an.
„Meine Rettung. Dr. Okawa…ich…habe auf Sie gewartet. Ich bin gestürzt. …“, spricht der alte Mann ihn zurückhaltend an.
„Das wird schon wieder. Sie hätten doch auch anrufen können, dann wäre ich nach Dienstbeginn zu Ihnen gekommen. Stattdessen sitzen Sie hier in der Kälte und bei dem Regen.“ Itachi wendet sich Kojiro zu.
„Danke, dass Sie ihn bemerkt haben. Ich habe es beobachtet. Es sind gefühlt mehr als dreißig Leute an ihm vorbei und das nur seitdem wir über die Ampel gegangen sind.“, spricht er Kojiro an.
„Mag sein. Ich sehe sowas eben. Sie sind Arzt und kennen den Mann?“
„Fast fertig. Ich bin noch Student, 12. Semester. Meine Patienten nennen mich trotzdem Doktor. Ich würde ihn jetzt in meine Praxis bringen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.“ Itachi stellt sein Fahrrad an die Laterne, schließt es an und hängt einen Zettel daran. (medizinischer Notfall) Dann sieht er sich den Mann genauer an.
„Laufen ist nicht mehr. Kommen Sie, ich nehme Sie hoch. Wann ist es passiert? Das muss ja schon lange her sein.“
„Heute Mittag, nach der Arbeit.“ Kojiro wundert sich etwas und spricht ihn darauf an.
„Ich kann den Mann auch tragen. Lassen Sie lieber Ihren Anzug sauber und nehmen das Rad mit meiner Tasche. Sie sollten Ihre Hände als Arzt besser schonen.“, legt er einfach fest und sieht ihn ernst an.
„Ist das wirklich okay für Sie?“
‚Er ist hilfsbereit. Wieso kommt er mir mittlerweile bekannt vor?‘
„Natürlich. Ich folge Ihnen. Ist es weit?“
„Nein, etwa zehn Minuten noch. Dann hängen Sie mal Ihre Tasche an.“ Das Fahrrad wird wieder abgeschnallt und die Sporttasche wird angehängt. Kojiro packt den Mann an, welcher nun den Schirm hält und trägt ihn. Die Männer gehen zügig den Nebenweg der Passage und biegen dann in eine etwas abgelegene Ecke ab und stehen vor einem kleinen Containerkomplex aus vier weißen großen Büro-Containern mit einer Rampe und einigen Aufschriften.
„Ich verstehe. Sie sind dieser Street-Doktor. Sie behandeln die Leute, die etwas unter dem Radar schwimmen? Ein Freund hat mir mal davon erzählt.“
‚Er kennt meine Arbeit? Das ist interessant.‘
„Genau der bin ich.“ Itachi stellt das Fahrrad in den Ständer und schließt es an. Dann geht er mit der Sporttasche und dem Schirm neben Kojiro her zum Hintereingang.
„Einmal bitte eintreten.“ Kurz nachdem sie im Container sind, beschreibt er Kojiro den Weg zum Behandlungszimmer und fordert freundlich, den Mann auf die Liege zu setzen. Kojiro schaut sich um, während sich der angehende Arzt umzieht, sich wäscht und dann seinen kurzen Kittel überzieht.
„Eine bunte Mischung, Ihre Ausstattung. Sind das Sachspenden?“
„Ja, die großen Geräte und Möbel. Anderes wird durch Spendengelder finanziert und hole dann was dringend benötigt wird.“
„Und das Zeichen da draußen mit dem durchgestrichenem Yen-Symbol heißt, dass die Leute nichts bezahlen müssen? Es kann also jeder zu Ihnen kommen?“ „Genau.“ Kojiro hat seine Hände in den Hosentaschen und schaut auf eine Liste, die an der Wand einlaminiert und an einem Bändchen hängt.
„Und wozu dann diese Liste?“
„Für mich, zum Abrechnen und für die, die doch bezahlen können oder etwas beitragen wollen. Manchmal kommen nur Leute, die einfach nur nicht in die Klinik gehen wollen. Oder es verirrt sich ein Urlauber her. Dann können diese die Gebühren in den Spendentopf legen oder mit der Versichertenkarte abrechnen.“ „Das klingt gut organisiert. Eine sehr gute Idee. Behandeln Sie auch Kinder?“ „Natürlich, jedes Alter darf herkommen.“ Der Mann auf der Liege hört interessiert zu, während sich der Student um ihn kümmert und den Verband aus einer Schublade herausholt.
„Sie können sich gerne vorne im Wartebereich mal umsehen. Ich habe offiziell erst in einer Stunde geöffnet.“ Kojiro nimmt die Einladung an und schaut sich neugierig um.
‚Sogar an eine kleine Spielecke für die Kleinen hat man gedacht. Alles sehr sauber und liebevoll eingerichtet hier. Ich habe sowas in Turin mal gesehen, aber dort war es sehr trist und sparsam eingerichtet. Es sah dort eher wie eine Massenabfertigung aus. Wie organisiert er das, wenn es so nett aussehen kann?‘ „Es sieht hier aus wie in einer normalen Praxis. Und die alten Geräte funktionieren aber zuverlässig?“
„Danke. Ja, wenn Sie mal auf die Prüfsiegel sehen, alles aktuell, nur eben alt. Aber für meine Zwecke reicht es. Das Einzige, was mal endlich neu sein müsste, wäre mein Ultraschallgerät. Das ist von der Technik zwanzig Jahre zurück. Es geht zwar, aber genauere Details kann man leider nicht so gut erkennen wie die neueren. Da ist es dann natürlich schwer wegen inneren Verletzungen oder Schwangerschaften alles genauer zu sehen. Wir führen im Notfall auch mal kleine Operationen oder auch Geburten durch, nebenbei muss es dann auch mal dafür benutzt werden.“
„Ich verstehe. Darauf wird gespart?“
„Aktuell ja.“
„Ihnen sind die Leute sehr wichtig. Das merkt man. Und das gehört alles Ihnen?“
„Ja, ich hatte Glück. Vor etwa vier Jahren habe ich damit angefangen und begann mit einem LKW in Flughafennähe. Den gibt es auch noch. Das hier ist nur die neue Praxis. Um die alte kleine kümmert sich ein Freund. Dann ging ich für gut dreieinhalb Jahre ins Ausland, Erfahrungen sammeln und dort fand ich viel Zuspruch und so fanden sich dann Sponsoren. Einer von ihnen spendierte mir diese Container, die extra zueinander passen und wie Bausteine zusammengestellt werden können. Hier in Japan ist es schwer Spender zu finden, da offiziell jeder versorgt wird und versichert ist. Sie kennen unsere Gesellschaft. Die Wahrheit sieht leider anders aus. Die Leute fallen nur nicht so auf wie in anderen Ländern wo sie auf Bänken oder in irgendwelchen Ecken liegen und schmutzige Kleidung tragen und sich nur mit Hilfe von ihren Vierbeinern und Alkohol wärmen können.“
„Dr. Okawa war auch einer von uns, müssen Sie wissen. Deswegen ist er jetzt für uns da.“, bringt sich der alte Mann fröhlich ein.
„Übertreiben Sie nicht so. Ich habe nie auf der Straße gelebt, wenn Sie das denken. Ich bin nur ein Waisenkind, das von einer Pflegefamilie zur nächsten ging. Dann landete ich in einer Wohngruppe mit vielen anderen und zum Schluss in der Oberstufe kam ich wieder in eine Pflegefamilie. Die waren endlich sehr nett und ich konnte mich auf meine Ziele konzentrieren. Das wars auch schon.“, grinst Itachi vor sich hin und schließt den ersten Verband mit einem dünnen Knoten. Kojiro ist erstaunt und fragt nicht genauer nach.
„Ich hatte auch nur Glück. Meine Mutter war nach dem Tod meines Vaters alleine mit uns vieren. So oft wie ich wegen des Sports verletzt war, hätte ich vermutlich auch so eine Praxis gebraucht. Meine Mutter war Krankenschwester, das war mein kleiner Vorteil. Sie konnte abgelaufene Mullbinden und Pflaster mitbringen. Das hätten wir uns sonst gar nicht auf Dauer leisten können.“ Kojiro schaut zur Uhr, die über der Tür hängt.
„Oha. Ich muss dann. Die wundert sich sicher wo ich bleibe.“ Er lächelt den alten Mann und den Studenten an und verabschiedet sich.
„Eine gute Sache, Herr Okawa. Ich habe meine Bürgerpflicht getan. Sie sind ja hier gut aufgehoben, Alter Mann.“, sagt er nur noch grinsend und verlässt den Container über den Hinterausgang. Kaum ist er weg, spricht der Alte Itachi an. „Haben Sie erkannt wer das war?“ Itachi schüttelt den Kopf.
„Keine Ahnung, Er kam mir bekannt vor und ich weiß nicht wo ich ihn einsortieren soll.“
„Er hat vermutlich bewusst seine komische Sonnenbrille getragen, damit man ihn nicht gleich erkennt. Ich bin erstaunt, dass er überhaupt hier ist. Dieser Mann müsste eigentlich in Italien sein. Vermutlich hat er Urlaub und besucht seine Familie.“ Itachi sieht ihn überrascht an.
„Italien? Helfen Sie mir auf die Sprünge. Ich war eindeutig zu lange im Ausland.“
„Das war dieser Fußballer. Kojiro Hyuga. „Der Wilde Tiger“. Der größte Transfer seit Jahren ins Ausland. Er hat einen Mega Vertrag bei Juventus Turin und ist einer der besten Stürmer der Welt. Er war schon zweimal Weltmeister und bei der Olympiade letztes Jahr Torschützenkönig. Sie kennen Ihn vielleicht nur aus der TV-Werbung mit der Tiger-Lotion und dem Tiger-Shampoo.
Oh man. Wenn ich das meinen Enkeln erzähle, die fallen aus allen Wolken. Die werden mir nur jetzt ohne Autogramm vermutlich gar nicht glauben. „Der Wilde Tiger“ persönlich hat mir geholfen und für Unsereiner Verständnis gezeigt.“, plappert der Mann ohne Luft zu holen und voller Freude. Itachi ist etwas platt. Er greift nachdenklich die neue Binde und beginnt das zweite Bein zu verbinden. ‚Bettina, was hat das zu bedeuten? Du und ein Fußballer? Du bist ihnen doch immer nur aus dem Weg gegangen. Und dann jemand aus Juns Nationalteam? Wie lange geht das denn schon? Ich habe zwar tatsächlich kaum die Presse in den letzten Jahren verfolgt, schon gar nicht von dir, damit ich mich voll auf meine Arbeit konzentrieren kann, aber ja, aus der Werbung kam mir sein Gesicht bekannt vor. Auch wegen der langen Haare.
Kojiro hatte sie gesagt, das stimmt. Es muss also stimmen.
So so, Kojiro Hyuga, ein Weltstar, Sportler natürlich, groß, kräftig, scheinbar ein Mann, der sich hart nach oben gearbeitet hat. Nun gut. Ich bin gespannt wann die Presse davon Wind bekommt.‘, schmunzelt er vor sich hin und beendet seine Arbeit bald.
„Dr. Was meinen Sie? Ob Herr Hyuga Ihnen etwas spendet? Er schien sehr angetan von Ihrer Arbeit.“
„Das wird sich zeigen. Manchmal tun die Leute auch nur so und lassen nie etwas von sich hören oder legen etwas in die Spendendose.“
Der alte Mann steht auf und testet seine Lauffähigkeiten.
„Da kennen Sie Herrn Hyuga aber schlecht. Man merkt, dass Sie scheinbar nichts über ihn wissen. Er ist einer von uns, ein Kind aus der Unterschicht. Mit etwa neun verlor er seinen Vater durch einen Unfall und stand mit seinen deutlich kleineren Geschwistern und seiner Mutter ohne Hilfe da. Das steht alles in seiner Biografie. Und dann ging er als Kind jeden Tag arbeiten, alles neben Schule und Sport. Dann hatte er Glück und man entdeckte sein Talent, das war immer sein größtes Ziel, ein Stipendium. So kam er dann hier um die Ecke an die beste Sportschule Japans, an die Toho. Dort machte er dann einen super Abschluss und spielte eine Weile für Tokio und dann kam der Transfer nach Italien. Etwa vor drei Jahren. Ein Mega Presserummel. Die Summe lag im Millionenbereich und das in Euro.“
„Oh, tatsächlich? Ich kenne mich da gar nicht aus. Aber so ein Transferbetrag ist doch nur Geld, was die Vereine sich gegenseitig zahlen, etwa wie ein Einkauf, oder?“
„Ja, schon, aber je nach Vertrag kommt auch eine gute Summe für den Sportler persönlich dabei rum. In Hyugas Fall hat es wohl dafür gereicht, dass er die restlichen Schulden seines Vaters bezahlen konnte. Der hatte kurz vor seinem Tod eine Werkstatt eröffnet und das natürlich durch Kredite. Deswegen hatte die Familie ja nichts mehr. Naja. Das meinte ich damit, er war einer von uns. Und irgendwann, Dr., sind auch Sie einer von ihnen, von denen da oben. So viel Leidenschaft wie Sie für uns hier in Ihren Beruf stecken, da finden Sie nach dem Studium sicher schnell eine sehr gute Anstellung in einer der besten Kliniken der Stadt. Die ganze Erfahrung, die Sie hier sammeln. Dann mischen Sie auch da oben irgendwo mit. Auch dann wird sich Ihr Traum endlich erfüllen. Ein Waisenkind, dass es als Arzt bis nach oben geschafft hat.“, spricht er total begeistert, aber auch etwas wehmütig. Itachi sieht ihn überrascht an.
‚Einer von uns? Die Familie war hoch verschuldet?‘
„Sie sagten er hatte einen guten Abschluss? Steht in seiner Biografie auch etwas davon, ob er nebenbei studiert? Neben dem Sport?“ Der Mann ist erstaunt, dass er plötzlich Interesse an ihm zeigt.
„Kein Ahnung, aber bestimmt. Es wäre dumm an seiner Stelle und da er schon als Kind strebsam gewesen sein muss, warum denn jetzt nicht mehr? Ein Unfall und schon wäre er doch wieder da, wo er mal war. Im Profisport kann das schnell passieren. Ein nur halbwegs kluger Mensch lernt neben dem Sport einen Beruf. Irgendetwas was man später auch nach einer Verletzung machen kann.“
„Ich verstehe. Nun gut. Wie fühlen sich Ihre Beine jetzt an? Geht es besser?“
„Ja, auf jeden Fall.
Aber Sie werden auch bald soweit sein. Ich werde Sie wirklich vermissen, wenn Sie da oben sind, bei der gehobenen Gesellschaft.“, grinst der Mann.
„Wie? Ach nein, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Ich bleibe Ihnen erhalten. Sie müssen sich auch weiterhin mit mir Brummbär rumärgern.“, grinst Itachi zurück.
„Wie meinen Sie das? Wenn Sie erst in einer gutbezahlten Klinik arbeiten, dann haben Sie doch für uns gar keine Zeit mehr und Ihre Bekannten kümmern sich um uns, so wie die letzten Jahre im LKW und jetzt.“, wundert er sich.
„Da täuschen Sie sich aber. Ich studiere nicht, um in irgendeiner schickimicki Klinik für die Oberen zu arbeiten, sondern, um Ihnen hier unten die beste Hilfe zu sein.“
„Ist das nicht Ihr Traum?“
„Mein Traum hat sich mit diesen Containern schon erfüllt. Der Abschluss rundet ihn nur ab, weil ich dann offiziell als Arzt eine Praxis leiten und hier praktizieren darf. Bisher musste ich jemanden bei wichtigen Dingen holen. Nach dem Abschluss aber kann ich selbst alle Entscheidungen treffen, alle Medikamente verschreiben und offiziell festes Personal einstellen.“
„Ihr Traum? Das hier?“ Itachi räumt die Utensilien weg und säubert seine Hände.
„Ja, genau das hier. Eine eigene kleine Mini-Klinik für die, die nicht in die großen Kliniken gehen können.“, lächelt er ihn glücklich an.
‚Mein Traum…so ist es. Der Anfang ist geschafft…und dann treffe ich auf dich, Bettina. Ein Fußballer also…da gehst du ihnen immer aus dem Weg und dann doch einer von ihnen.‘
Wenige Tage später, etwa gegen 19:30 Uhr gehen Kojiro und seine Managerin durch die Einkaufspassage in der Nähe seiner alten Schule. Sie biegen in eine Nebenstraße ab und befinden sich nun auf einem Hinterhof.
„Kojiro, wo führst du mich denn nur hin? Wer weiß wer sich hier so rumtreibt?“ „Ich sagte doch, Frau Matzumoto, dass ich Ihnen diese Straßenklinik zeigen will. Hier sind wir. Etwas versteckt, damit sich die Leute vermutlich auch trauen herzukommen. Vertrauen Sie mir, Jun hat mir bestätigt, dass dieser Herr Okawa, ein Fachmann auf seinem Gebiet ist und er unterstützt ihn sogar indem er sein Projekt hin und wieder erwähnt und selbst auch dafür sorgt, dass es Material-Nachschub gibt und nebenbei Spenden sammelt.“
„Na gut. Wenn Jun das sagt.“, lässt sie sich beruhigen und Kojiro klopft an der Hintertür, in der er neulich eingelassen wurde. Die Tür öffnet sich und sehr überrascht schaut Itachi in Kojiros Gesicht.
„Oh, guten Abend, Herr Hyuga. Haben Sie wieder jemanden mitgebracht, der Hilfe benötigt?“
‚Interessant, er kommt tatsächlich wieder.‘ Kojiro und Michiru Matzumoto nehmen die Sonnenbrillen ab. Kojiro grinst etwas.
„Nicht in diesem Sinne. Guten Abend. Sie haben mich doch erkannt?“
„Nein, aber der Patient hat mich dann aufgeklärt, als Sie gegangen sind.“
„Ich verstehe. Ich bin gewillt Ihnen etwas zukommen zu lassen. Ich übergebe mal das Wort an meine Managerin Frau Matzumoto. Sie regelt alles mit Ihnen.“
„Bitte treten Sie ein. So zwischen Tür und Angel ist es nicht so günstig.“, lächelt er höflich. Kojiro schließt hinter sich die Tür und Itachi bietet ihnen einen Kaffee an.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten? Er schmeckt wirklich gut.“ Michiru sieht ihn überrascht an und blickt dann verwundert durch den Raum.
„Du meine Güte. Das sieht ja sogar gemütlich aus.“
„Danke, das ist der Personalraum. Hier wird sich umgezogen und Pausen gemacht oder Besprechungen abgehalten, so wie auch diese. Die Spinte sind die des Personals, also der freiwilligen Helfer. Hier ist immer viel los, da kann man die Gemütlichkeit gut gebrauchen. Setzen Sie sich ruhig, wenn Sie möchten.“, deutet er auf den Sessel.“
„Ich nehme einen Kaffee. Schwarz bitte. Ich würde mich gerne nebenbei weiter umsehen, wenn es okay ist.“, kommt ein dunkler freundlicher Ton von Kojiro. „Ich nehme auch einen schwarzen Kaffee. Danke, ich stehe vorerst.
Kommen wir gleich zur Sache. Herr Hyuga hat mir von Ihrer Einrichtung, nenne ich es mal so, erzählt. Es ist grundliegend eine gute Sache und er möchte Sie gerne etwas unterstützen. Es war die Rede von einem Ultraschallgerät. Könnten Sie mir die Notwendigkeit genauer erläutern?“
„Vielen Dank im Voraus. Sehr gerne zeige ich es Ihnen.“, lächelt er freundlich und stellt zwei Tassen unter die Düsen des Kaffeevollautomatens.
„Folgen Sie mir bitte.“ Itachi geht vor und öffnet die Tür zum Behandlungsraum.
Michiru sieht sich wieder erstaunt um und fasst nebenbei reflexartig auf den Seifenspender am Waschbecken neben dem Eingang.
‚Wow, weder ein Fussel noch ein Wassertropfen zu sehen. Und überhaupt, es sieht hier so derart sauber aus, als wären wir in einer Privatklinik. Und sogar dort habe ich schon so einige Dreckecken gesehen.‘
Itachi registriert ihre Aufmerksamkeit und lässt es unkommentiert.
‚Sie kann suchen so lange sie will. Bei mir findet man nichts.‘, geht in seinem Innersten vor sich.
„Hier ist das aktuelle Gerät. Es ist gut zwanzig Jahre alt und tut noch seinen alten gewohnten Dienst. Er ist zwar zuverlässig und für die einfachen Bilder ausreichend, aber wenn es um die Details geht, dann merkt man ihm sein Alter eben an. Die Technologie ist weit voraus und da ich hier leider keine Röntgenaufnahmen machen darf, muss ich schauen, alles damit zu erkennen, was geht.“ Er zeigt ihr ein paar Ausdrucke und Vergleiche mit einem aktuelleren Modell in der Klinik.
„Was haben Sie denn als Letztes damit kontrollieren müssen? War es da sehr wichtig diese Genauigkeiten zu sehen?“
„Oh ja. Es war sogar ein schöner Anlass. Wenn man das so sagen kann.“, schmunzelt er.
„Ein schöner Anlass? Wie meinen Sie das?“
„Neben den vielen Verletzungen oder Brüchen etc. gibt es auch mal die eine oder andere Frau, die zwar alleine herkommt, aber dann zu zweit wieder heim geht.“ „Oh, doch nicht etwa eine Geburt?“
„Genau. Bei den unversicherten Frauen wird meist eine Hausgeburt geplant. Oft machen es die Familie unter sich, da sind dann andere Damen mit Erfahrung dabei. Aber ab und an sind die Frauen auf sich alleine gestellt und dann kommen sie hier her, wenn sie bereits wissen, dass was kommt. Hier gibt es dann regelmäßige Untersuchungen und im Falle der Fälle auch die Geburt. Dafür habe ich extra den separaten Raum eingerichtet. Er dient für kleine Operationen, Geburten und zum Ruhen danach. Gibt es Probleme, dann könnte ich mit einem moderneren Gerät bereits vorher deutlich mehr sehen und auch bei der Geburt oder OP beobachten was anliegt.“
Während sich Michiru weitere Dinge erklären und den separaten Raum zeigen lässt, schaut sich Kojiro interessiert um und entdeckt dann an einem Schrank einige kleine Figuren, die wie eine Sammlung von Schlüsselanhängern daran hängen.
‚Tina hat auch die eine oder andere Figur davon irgendwo drauf. Sie scheint diese kleine Katze zu mögen. Oh, hier ist eine mit einem Volleyball und einem roten Trikot. Ist ja witzig. Und statt einer roten, gibt es eine gelbe Schleife im Ohr? Komisch. Da muss ich an dich denken, meine schöne Tina. Ich bin gleich bei dir. Wenn du nachher Schluss hast, bringe ich dich nach Hause. Was war das heute nur für ein seltsamer Tag? Wenn ich nur daran denke nachher gleich bei dir sein zu können. Du bist so liebevoll und aufregend zugleich. Ich würde dich am liebsten jetzt sofort in die Arme nehmen, in deine wunderschönen Augen sehen und dich küssen.‘ In ihm spielen sich plötzlich Sehnsüchte ab. Die vorletzte Nacht geht ihm kaum noch aus dem Kopf und vor ihm spielen sich romantische und aufregende Szenen der Erinnerung ab. Seine Gedanken spielen verrückt, denn er sehnt sich in diesem Moment nach ihr und will nur noch bei ihr sein. Er nimmt seine Hände aus den Hosentaschen und schaut sie sich an, dann blickt er auf zu der kleinen Figur mit dem Volleyball.
‚In Rot, das ist die Farbe des japanischen Teams, deines Teams, Tina. Asienmeister. So stark bist du. Dein Bruder wäre sehr stolz auf dich.‘
Dieser seltsame Tag, an dem er seiner Schwester Ehre erweisen musste, Martin in seinem Studio antraf, Tina ihm die schrecklichen Artikel zeigte und er endlich eine Art erstes Date mit ihr hatte, dieser Tag, er war gespickt mit Wut, Zorn und Fröhlichkeit, als er mit den Kindern im Park spielte. Und nun folgt die Sehnsucht nach Zweisamkeit, Zweisamkeit mit Tina.
Nun hatte er die nötige Zeit gefunden seiner Managerin diese Institution zu zeigen. Wie sehr hätte er so eine nette Anlaufstelle damals ersehnt, als seine Mutter völlig überarbeitet heimkam. Es endete im Krankenhaus und er musste ins Ausland zu wichtigen Spielen. Ohne die Hilfe seiner Freunde Jun und Yayoi hätte er seinem Sport nicht nachgehen können.
„Kojiro, träumst du?“, hört er plötzlich seinen Namen, aber noch im Gedanken mit Tinas zarter Stimme. Er dreht sich um und schaut zu Michiru.
„Kojiro, komm bitte mal her.“ Er nickt, blickt kurz wieder zu den Figuren und tippt mit einem Grinsen ganz leicht die Figur an, so dass sie vor sich hinschaukelt. Dann geht er zu den Beiden.
„Was gibt es?“
„Soweit ist alles okay. Du hattest Recht. Jun kommt hier ab und an vorbei und unterstützt das. Herr Okawa hat es soeben bestätigt. Sie kennen sich vom Studium.“
„Sage ich doch. Wir haben gestern kurz beim Training drüber gesprochen.“
„Nun gut. Dann haben wir alles. Schau mal hier in den Katalog. Es gibt wie immer unzählige Modelle. Such selbst mal, die Preise stehen darunter. Und dann musst du noch entscheiden ob du es privat oder über die Firma spenden willst.“
„Privat.“, entscheidet er.
„Wieso denn das? So eine Spende wäre doch eine gute PR für dich.“
„In dem Fall ist es eher ungünstig. Wenn hier die Presse rumlungert, traut sich am Ende niemand her und das behindert die eigentliche Arbeit. Ich will doch nur helfen, keinen Presserummel verursachen. Oder wie sehen Sie das?“, schaut er zu Itachi.
„Mir ist das egal, aber Sie könnten Recht haben. Bei ihrem Bekanntheitsstatus wäre anzunehmen, dass sich auch Leute her begeben, nur um dabei zu sein. Das hindert uns an der Arbeit und schreckt die potenziellen Patienten ab. Es kommen auch viele Kinder her, sie würde es vermutlich am meisten irritieren.
Hier soll es anonym ablaufen, darum geht es ja. Ich frage nicht nach Namen. Stehen aber Fremde hier rum, fällt die Anonymität weg und die Leute trauen sich nicht mehr her.“
„Dachte ich mir doch. Sie sagten neulich etwas von einem LKW. Braucht der auch so ein Gerät?“, hakt Kojiro nach.
„Richtig, der LKW ist mit einer ebenso alten Technik ausgestattet. Dieses Gerät hier kam von einer alten Frauenarztpraxis, und das andere im LKW stand mal in einer Tierarztpraxis. Vom Alter her sind sie ähnlich.“ Itachi kreist das Gerät ein. „Dann bestellen Sie zwei von denen, die Sie bereits angekreuzt haben.
Und was ist das hier für ein Modell? Da steht was von transportabel. Sie haben es auch angekreuzt.“
„Vielen Dank. Das wäre als Option für die Hausbesuche gedacht. Es gibt ausreichend gute Bilder und ist natürlich praktisch in der Handhabung. Ich hatte es hauptsächlich für Schwangere, die nicht herkommen können und die Hausgeburten vorgesehen.“
„Dann setzen Sie davon auch zwei auf die Liste.“
„Kojiro, also echt. Übertreib nicht gleich.“, bringt sich Michiru skeptisch ein. „Die Idee mit den Hausbesuchen ist gut. Ich war auch so eine Hausgeburt. Ich hatte nur viel Glück, dass nichts schiefgelaufen ist, weil eine Nachbarin Hebamme war und geholfen hat.“
„Aber…wieso sind deine Eltern nicht ins Krankenhaus gefahren?“, wundert sie sich.
„Das waren sie ja, aber man hat sie abgewiesen. Obwohl sie schon verheiratet waren, warf man meinem Vater sonst was vor und so mussten sie dann wieder nach Hause. Meine Mutter wusste als Krankenschwester was zu tun ist und scheuchte Vater alles vorzubereiten. Er war sich jedoch nicht sicher ob er es alleine kann und fragte dann die Nachbarin, zwei Häuser weiter ob sie hilft. Natürlich kam sie und es ging alles gut, ich hatte es wohl sehr eilig.“, grinst er plötzlich und geht dann zum Schreibtisch.
„Ich darf doch einen Zettel nehmen?“, fragt er Itachi. Er nickt nur. Kojiro schnappt sich einen Stift, schreibt eine Zahl auf einen Notizzettel und gibt ihn ihm.
„Bestellen Sie die vier Geräte und was Sie sonst noch dringend brauchen bis diese Summe erreicht ist. Senden Sie dann die Bestellliste an die Adresse, die Ihnen Frau Matzumoto gibt. Sie wird die Bestellung dann sofort veranlassen und die Lieferung an Ihre gewünschte Adresse senden lassen.“ Kojiro geht dann wieder Richtung Personalraum.
„Ich hole mal das Buch.“, sagt er schlicht und geht an die Tasche, die er bei sich hatte. Michiru schaut ihm verwundert nach. Seine Hände wieder in den Hosentaschen und sein aufrichtiger Gang wie immer, aber irgendetwas stört sie an ihm. ‚Kojiro…was ist nur los mit dir? Du benimmst dich seltsam.
Seit wann redest du denn so viel und übernimmst einfach meinen Part? In der Regel stehst du daneben und sagst nur kurze knappe Worte. Aber dieser Redebedarf. Und dann…dann erzählst du hier einem Fremden einfach solche privaten Geschichten von dir? Das ist doch gar nicht deine Art. Es muss irgendwas passiert sein, aber was?‘ Ihr Blick wird skeptisch, aber sie versucht es sich nicht anmerken zu lassen. Sie ist immerhin Profi, vor allem in ihrem Job.
„Ein Buch für die Kinder?“, hinterfragt der angehende Arzt neugierig und lenkt sich selbst etwas von seinen Gedanken ab. Er geht Kojiro mit dem Katalog hinterher und schnappt sich einen Stift.
‚Inzwischen habe ich mich etwas erkundigt. Kojiro Hyuga, sehr stolz, sehr impulsiver Typ, jedoch geradlinig und zielstrebig. Der zweitwertvollste japanische Spieler auf dem Weltmarkt. An erster Stelle steht dein Kapitän Ohzora und danach der Keeper, der in Deutschland spielt. Durch ein Stipendium an die Toho gekommen, Abschluss und Zugang zur Uni durch das Stipendium. Du hast nur etwa ein Jahr in der japanischen Liga gespielt, sogar mit Jun zusammen und dann kam schon der Transfer mit einer sensationellen Summe nach Turin. Torschützenkönig der letzten Olympiade, zwar knapp an dem Deutschen vorbei, aber immerhin.‘
„Ja, es hat mich als Kind immer aufgemuntert. Ich dachte, jetzt wo es eine Neuauflage mit vielen Kurzgeschichten gibt, passt sie hier bestimmt her.“ Er holt das Kinderbuch aus der Tasche und dreht sich zu ihm um.
„Tao Tao, der kleine Pandabär - Geschichtensammlung“, steht auf dem Titel und auf dem Bild ist ein kleiner Pandabär mit seiner Mutter und anderen Tieren zu sehen.
„Das passt sehr gut hier her. Vielen Dank.“, ist Itachi erstaunt.
„Sie können es gerne selbst in die Kinderecke stellen. Ich werde mir inzwischen die Bestellliste vornehmen. Danke nochmal für Ihre großzügige Unterstützung.“ „Frau Matzumoto, kommen Sie mit? Sie müssen unbedingt den Warteraum sehen.“
„Wieso? Was soll denn da so interessant sein?“ Kojiro geht einfach an ihr vorbei, geht durch das Behandlungszimmer und öffnet die Tür. Sie folgt ihm neugierig und ist total erstaunt, als sie ins Zimmer sieht. Es ist wirklich liebevoll eingerichtet und es gibt 20 Stühle und eine große Kinderecke mit Bausteinen, Büchern und Stiften zum Malen. Sogar zwei Puppenwagen stehen in der Ecke mit einer Puppe und einmal einem Teddy darin. Auch ein Puppenhaus ist an die Wandgehängt worden. Darüber stehen auf dem Flachdach wie bei einem Regal die Taschentuchboxen und eine Packung Pflaster mit Kindermotiven darauf.
‚Es sieht wirklich nicht wie in einem Armenhaus aus. Sicher ist das ganze Spielzeug von den Patienten teilweise selbst geschenkt worden. Das kann ich mir gut vorstellen. Es ist zwar alles eindeutig gebraucht, aber sauber.‘ Sie folgt Kojiro zum Bücherregal. Er stellt das Buch offen auf den Tisch. Es ist dick genug aufgeklappt von selbst zu stehen und wirkt sehr einladend in der grünen Ecke.
Michiru greift ins Bücherregal und schaut sich ein paar von den Büchern an.
‚Sogar die sind sauber, das habe ich ja noch nie erlebt. Sie sind alt und etwas abgerieben, aber trotzdem klebt nichts daran oder Staub klebt drauf, wie ein ekelhafter Film.‘ Sie stellt das Buch wieder hin und schaut ins Puppenhaus. Auch da staunt sie, als sie eine Puppe in die Hand nimmt und sie begutachtet.
‚Nicht ein Staubkorn.‘
Plötzlich steigt ihr Puls etwas hoch, als sie ein bestimmtes Kinderbuch entdeckt. Sie nimmt es zögerlich in die Hand. In dem Augenblick als sie ihre Hand auf das Cover legt, kommt der jungen angehende Mediziner in den Raum und betrachtet seine Gäste. Er möchte ihnen mitteilen, dass der Kaffee auf dem Tisch steht.
‚Nanu? Wie schaut sie denn das Buch an? So betrübt.‘ Kojiro dreht sich zu ihr, weil er es auch bemerkt.
„Sieht alles nett aus für die Kinder, oder?“, spricht er. Sie sagt zuerst nichts und zuckt nur zusammen.
‚Ach…mein Kleiner…warum nur? Jetzt sehe ich hier dieses Buch liegen und ich muss an dich denken, an dein herzliches Lachen und an deine ersten Schritte.‘ Ihr läuft eine Träne über die Wange und dann bemerkt sie es und stellt das Buch schnell wieder zurück und wischt die Träne weg.
„Ja…es ist nett hier. Das stimmt.“
‚Nanu? Was war das denn? War das eben eine Träne?‘, fällt Kojiro auf.
„Ist alles okay, Frau Matzumoto?“ Sie atmet tief durch.
„Der Kaffee ist fertig und steht auf dem Tisch. Sie können gerne vorkommen.“, bringt Itachi sich ein, um abzulenken. Er kennt diesen Blick. Wie oft ist er diesem betrübten und nachdenklichem Blick bereits begegnet. Viel zu oft.
„Wir kommen gleich, vielen Dank.“, sagt Kojiro und stellt das Buch wieder auf den Tisch, welches er erneut in der Hand hatte. Itachi entfernt sich langsam, aber sehr leise.
„Alles okay. Ich…ich musste nur eben an jemanden denken.“
„Oh, an wen denn? Kennen Sie das Buch?“ Sie schaut wieder zum Buch mit dem Clown darauf und dem Zirkusbär.
„Er liebte es.“, haucht sie leise und greift danach.
„Wer?“, ist Kojiro irritiert.
„Mein Sohn, mein kleiner Lee.“
„Ihr Sohn?“, wundert er sich sehr. Kojiro wüsste nicht, dass sie Kinder hatte.
„Ja, er starb mit meinem Mann bei einem Autounfall. Er war…erst sechs Jahre alt. Lee liebte wie du das Fußballspielen und dieses Buch…ich musste es jeden Abend vorlesen und dann fing er an…es selbst zu lesen.“, spricht sie leise und wieder laufen Tränen über ihre Wange. Kojiro ist völlig von den Socken.
„Wie alt…wäre er jetzt?“, fragt er behutsam und stellt sich direkt vor sie. Sie schaut zur Seite.
„23, er wäre jetzt…23. Er hätte am 2. Juli Geburtstag gehabt.“ Der Fußballer geht etwas zur Seite, als wolle er an ihr vorbeigehen und legt dann einfach seine linke Hand auf ihre Schulter und bleibt kurz stehen.
„Er passt sicher mit meinem Vater zusammen da oben auf uns auf.“, flüstert er mit beruhigender Stimme. Itachi schmunzelt vor sich hin.
‚Bettina, du musst nicht einmal anwesend sein und trotzdem bringst du die Leute dazu in sich zu gehen und füreinander da zu sein.‘