das Experiment
Am nächsten Morgen war Sakura mal wieder spät dran. Sie lief die Straßen entlang und, während sie am Damm entlang lief, kam sie an vielen kleineren und größeren Häusern vorbei. Sie lief bewusst diesen Umweg. Denn eines dieser Häuser mochte sie am aller liebsten. Es war das kleinste, welches an dieser Straße stand. Auf jeden Fall kannte sie kein kleineres. Es stand schon seit Jahren leer und Efeu rankte die Wände hoch. Viel Unkraut wuchs im Garten, aber hier und da war eine wunderschöne Blume zu sehen. Doch als sie an dem Häuschen vorbei kam blieb sie abrupt stehen. Der Garten war relativ ordentlich. Es war zwar noch Unkraut zu sehen, aber es wuchs in einer gewissen Ordnung. Die Fenster waren heil und die Tür hing in ihren Angeln. Wenn man ins Haus hinein schaute sah man Möbel und Lampen. Im Garten bewegte sich ein alter Mann, der gebückt mal hier mal dorthin ging. Anscheinend machte er Gartenarbeit. Nach einer Weile stellte er sich aufrecht hin und dehnte seinen Rücken. Er nahm einen Korb zu seiner Rechten in seine Hand. Dann ging er zur Haustür und öffnete sie nicht, bevor er Sakura freundlich zu nickte. Als er endlich im Flur stand rief er eine Treppe hoch: "Mona! Beeil dich endlich. Du kommst zu spät! Und hier steht ein junges Mädchen vor deiner Tür. Ich glaube sie kommt von deiner Schule!" Dann ging er in die Küche. Auf der Treppe erschien ein blondroter Kopf. "Ein Mädchen von meiner Schule?", fragte sie mehr zu sich. Das Mädchen stürzte die Treppe hinunter und lugte aus der Haustür. Sie hatte die Uniform erst halb angezogen und ein Brot hing zwischen ihren Zähnen.
"Sakura! Hallo. Nett, dass du mich abholst.", schrie Mona aus dem alten Haus. Dann lief sie wieder 'rein. Man hörte allerlei rumpeln, bis man ein "Tschüss Großvater!" wahrnehmen konnte und Mona, ihr Halstuch bindend aus dem Haus lief. Sie schnappte sich die Tasche von einer Bank und rannte auf Sakura zu.
"Guten Morgen, Sake. Nett, dass du mich abholst. Wir müssen uns beeilen. Wir sind spät dran.", begrüßte sie ihre Freundin, während sie Sake mit sich zog. Die Beiden rannten die Straßen entlang und nahmen Abkürzungen über Zäune, Mauern und fremde Grundstücke. Um ziemlich genau acht Uhr stürzten sie die Klasse hinein, direkt in Frau Ransho. Diese ging Knock-out. Als sie wieder auf den Beinen war, stand niemand hinter, vor oder neben ihr. Sie schaute sogar kurz nach oben! Dann blickte sie streng auf Sakura und Mona, die auf ihren Plätzen saßen, als ob nichts geschehen wäre.
"Sakura Seki! Mona Druì! Ihr seit zu spät. Eure Entschuldigung?", schrie sie los. Sakura wollte gerade den Mund öffnen, doch Mona war schneller.
"Wieso zu spät? Wir sind doch schon die ganze Zeit hier.", wiedersprach sie mit einer Unschuldsmiene, die man mit Lämmern vergleichen konnte. Alle guckten sie verwundert an. Doch Mona zuckte mit keiner Miene. Es sah wirklich so aus, als ob sie vollkommen davon überzeugt war. Frau Ransho kniff die Augen zusammen und ging langsam auf die Neue zu. Sakura zog sofort den Kopf ein und kniff ihre Augen zusammen. Sie kannte diese Geste zur Genüge! Doch Mona schaute neugierig auf ihre Lehrerin. Man sah ihr richtig an, wie gespannt sie war, wie Frau Ransho reagieren würde.
"Dein Großvater hat mich schon über deine Frechheiten aufgeklärt. Du scheinst in Irland ziemlich viele Freiheiten gehabt zu haben, da dein Großvater sehr wichtig im Dorf war. Aber bei mir nicht Fräulein. Wenn sie zu spät kommen, dann stehen sie dazu und nehmen sie ihre Strafe an.", zischte die Lehrerin fast.
"Tut mir ja leid. Aber ich hab' mich nicht gemeldet, dass ich zu spät bin. Fakto, bin ich nicht zu spät gekommen!", lächelte Mona.
"Nein, dass hast du nicht." Eine kleine Pause trat ein. "Einen Moment, junges Fräulein!", platze die junge Frau. "Halte mich lieber nicht zum Narren. Du wirst jetzt deine Strafe entgegennehmen."
"Und sie glauben wirklich, dass so etwas hilft? Aus welchem Jahrhundert kommen sie?", provozierte Mona.
"Wie bitte?"
"Das ist doch die einfachste Psychologie. Wenn sie mich bestrafen, hab' ich zwei Gründe, weitere Strafen zu provozieren. Erstens: Mich interessiert, was für Strafen sie bringen. All zu schwere dürfen es nicht sein, da es Gesetzte gibt. Aber immer wieder die Gleichen? Nein, das bringt auch nichts, weil ich mich mit der Zeit daran gewöhnen würde. Zweitens: Interessiert mich, ob sie es wirklich durchziehen, mich jedes Mal zu bestrafen. Ich kann ihnen jetzt schon versichern, dass ich harte Arbeit gewöhnt bin, ich in allem etwas positives finde und es den meisten auf die Dauer schwerer fällt mich zu bestrafen, als mich ab und zu Mal meine Freiheit ausleben zu dürfen.", erklärte das Mädchen mit ihrem zuckersüßen Lächeln.
"Und ich kann die erklären, warum ich dich weiterhin bestrafen werde.", warf Frau Ransho den Ball zurück. "Erstens: Mich interessiert wie weit man bei dir gehen kann, da du, wie du schon sagtest allerlei gewöhnt bist. Zweitens: Mich interessiert, wer von uns Beiden als erstes aufgeben wird."
"Gut. Wie wäre es mit einem kleinen Experiment?", fragte Mona ganz sachlich. Die Beiden Gegenüberstehenden lächelten sich berechnend an. Ohne ein Wort weiter zu sagen drehte sich die Lehrerin um und fing mit dem Unterricht an. Aber das ganze, ohne ihr saures Lächeln zu verlieren. Mona war einer der wenigen, die in dieser Stunde wieder zum Alltag fanden. Alles, während sie schelmisch in sich hinein lächelte.
Die Stunde verging und die Schüler gingen nach draußen. Sie hatten jetzt Sport. Mona hatte ihr inneres Lächeln noch immer nicht verloren. Die Chaos-Clique schaute sie unentwegt an. Nachdem sich alle umgezogen hatten, ging Baji kopfschüttelnd auf die Neue zu.
"Sag mal Mona. Bist du verrückt, oder was?"
"Warum?", wunderte sich die Angesprochene.
"Warum? Du fragst, warum?", reagierte Baji über.
"Das ist ganz einfach, Mona.", mischte sich Ailin ein. "Unsere Lehrerin ist verdammt gerissen. Und du gehst mit ihr eine Wette ein. Und wiedersprichst ihr sogar! Die Wenigen, die das versucht haben, sind alle kläglich gescheitert."
"Erstens: Ich bin schon gegen schlimmere "Gegner" eine Wette eingegangen. Zweitens: Es ist keine Wette, sondern ein Experiment, welches uns Beide brennend interessiert. Drittens: Ich bin doch nicht gescheitert, oder?" Mona ging den Sportplatz entlang, zu den anderen Schülern ihrer Klasse.
"Experiment ist ein anderes Wort für Wette. Im großen und ganzem ist das das gleiche.", meldete Ryo sich nüchtern zu Wort. Er ging desinteressiert an den Anderen vorbei und setzte sich auf die Bank.
"Ryo? Musst du das nicht abnehmen?", fragte Mona während sie sich zu ihm setzte. Sie zeigte auf ein goldenes Kreuz, was an seinem linken Ohr hing.
"Das kannste gleich vergessen!" Sakura setzte sich auf die andere Seite Ryos. In der Tür der Umkleidekabine konnte man Joro erkennen, die ein saures Gesicht aufsetzte. "Der Sportlehrer hat auch schon aufgegeben. Er will es nicht abnehmen. Frag mich nicht, warum. Das weiß keiner außer Dämon selbst! Ach Joro, wolltest du hier hin? Tut mir leid. Das hab' ich wohl zu spät gemerkt.", fügte sie noch hinzu, als Joro Tepai an ihnen vorbei ging. Diese warf die Haare zurück und setzte sich auf die andere Seite der Bank.
"Schwesterchen. Du guckst, als ob die Apokalypse eintritt. Ist deine Schminke etwa alle? Oder gar dein Haarspray?", veralberte Baji sein Zwilling. Die Anderen fingen johlend zu lachen ein.
"Gut das ihr so guter Dinge seit! Dann kannst einer von euch ja gleich mal zeigen, wie man den Ball oben hält.", sagte der Sportlehrer, der gerade angekommen ist.
"Wo ist der Ball?" Ailin sprang sofort auf. Seine Augen leuchteten aufgeregt. Der Lehrer warf ihn einen Fußball zu. Ailin nahm ihn mit seiner Brust an und mit Hilfe seiner Beine, Füße, Brust und Kopf hielt er den Ball in der Luft. Er zauberte herum, dass die Klasse so gebannt war, dass der Lehrer in seine Pfeife blasen musste, damit die Aufmerksamkeit wieder auf ihn ging. Er dirigierte die Jungs zu den Bällen und scheuchte die Mädchen auf die andere Seite des Platzes. Sie mussten Hochspringen. Mona hasste Leichtathletik und Sakura schien es nicht anders zu gehen. Die Beiden schauten immer wieder sehnsüchtig zu den Jungs.
"Sake? Der Ball ist inzwischen nicht mehr bei Baji. Du musst jetzt zu Ailin schauen!", sagte Mona sehr langsam und jede einzelne Silbe betonend. Die Angesprochene schaute Mona mit bitteren Augen an.
"Du bist dran.", sagte sie nur. Mit einem Lächeln auf den Lippen ging Mona zur Anlaufstelle. Der Lehrer kam auf sie zu.
"Du bist also Mona Druì?", fragte er.
"Jep."
"Hast du schon mal Hochsprung gemacht?"
"Ja. Und ich hasse es. Ich hasse Leichtathletik irgendwie im allgemeinen. Irgendwie hasse ich diesen ganzen Mädchenkram. Kann ich zu den Jungs?", Mona bewegte sich in Richtung Fußball, doch der Sportlehrer hielt sie fest.
"Frau Ransho hat mich schon gewarnt. Ich werde jetzt schauen, wie gut du bist. Und du wirst gefälligst machen, was man dir sagt. Der Lehrer ging wieder. Hinter seinem Rücken meckerte Mona still vor sich hin. Hinter sich konnte sie deutlich Joro hören, die behauptete, dass Mona bestimmt kein Leichtathletik mochte, das sie es nicht konnte. Ihre Freundinnen lachten laut auf, doch Mona hatte dafür nur ein Augenrollen übrig.
"Bereit?!", hörte sie die Stimme des Lehrers. Mona blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.
"Los!"
Mona lief los. Sie war schnell. In einem Bogen lief sie auf die Matte zu und sprang. Sie flog höher und höher, drehte sich und landete wohlbehalten auf der Matte. Die Latte hoch über ihr wackelte nicht einmal. Sie war fast zwanzig Zentimeter über ihr geflogen. Sie ging wieder zu den Anderen, welche ganz still geworden sind. Als sie an Joro vorbei ging, lächelte sie und sagte:
"Falsch geraten. Ich mag es nicht, weil es langweilig ist." Wie schon so oft in letzter Zeit ließ Mona eine völlig überrannte Joro stehen. Sakura hielt sich den Bauch vor Lachen und auch die Jungs konnten sich nicht mehr halten. Aus Neugierde hatten sie zugeguckt, was Mona konnte. Als sie an ihnen vorbei kam, zwinkerte sie Ryo zu, welcher kaum merklich rot anlief. Er war es nicht gewohnt, dass ihn Jemand außer Joro anmachte. Und nie, war es so dezent!
Die Stunden vergingen und endlich war Schulschluss. Die fünf Freunde kamen aus dem Gebäude und wurden von Sunny begrüßt.
"Treffen wir uns heute, wie immer?", fragte sie sofort.
"'Türlich!", antwortete Baji.
"Wir bringen unsere Sachen am Dienstag immer nach Hause, ziehen uns um und treffen uns dann im Café, wo Ryo arbeitet. Wir bekommt da Rabatt und wir Mädchen auch des öfteren umsonst!", erklärte Sakura.
"Kommst du auch?", fragte Baji an Mona gewand.
"Ich hohl dich dann ab!", sagte Sakura, ohne die Antwort abzuwarten.
Eine Stunde später holte Sakura ihre neue Freundin ab. Sakura hatte eine schwarze Lederhose an, welche von einem Gürtel gehalten wurde. Dieser war mit einem silbernen Totenkopf als Schnalle verziert. Ihr Spagetti-Top dagegen war in einem hellen blau. Mona wiederum hatte einen schwarzem Ledermini an und ein grünes Top. Dazu schwarze Handschuhe! Sie gingen den Damm entlang, bis sie in die Einkaufstraße einbogen. Dort gingen sie wieder ein Stück und setzten sich dann in ein Café. Ryo war schon da. Er trug ziemlich alte und schäbige Klamotten, doch irgendwie passten sie zu ihm. Auch an ihm konnte man ein Totenkopf erkennen, diesmal auf dem T-Shirt. Ohne eine Bestellung aufzunehmen brachte er einen großen Eisbecher für Sakura. Dann fragte er, was Mona haben wolle. Kurze Zeit später brachte er eine große Schüssel mit Keksen und eine Kanne Saft. Mona inspizierte kurz die Kekse, warf einen in die Luft, fing ihn mit ihrem Mund auf, kaute kurz und fing dann an strahlend zu lächeln. Als sie endlich heruntergeschluckt hatte, sagte sie zu Ryo, dass die Kekse einfach genial schmeckten. Nach ein paar Minuten kamen auch Baji, Sunny und Ailin. Mona fiel auf, dass auch Ailin ein Totenkopf auf seinem T-Shirt hatte. Sunny und Baji dagegen hatten schwarze Kopftücher. Sakura fiel der Blick Monas auf und erklärte:
"Wir wurden früher immer Piraten genannt, weil wir die Anderen aus ihren Verstecken gejagt hatten. Und auch sonst nicht gerade manierlich mit ihnen umgingen. Das haben wir aufgegriffen und uns Piraten getauft. Wir alle tragen entweder Totenköpfe oder schwarze Kopftücher. Unser Haus hat auch ein Totenkopf und drinnen sind diverse Fahnen! In der Schule hat man uns aber verboten die Sachen zu tragen! Mona nickte kurz und aß dann ihre Kekse weiter. Nach einiger Zeit hatte Ryo Pause und er setzte sich mit einem Eis zu den Anderen. Sie redeten angeregt über alles mögliche, bis ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren auf sie zu kam. Sie stellte sich neben Ryo und zupfte daumenlutschend an seinem T-Shirt.
"Was ist denn los, Maja?", fragte er die Kleine.
"Papa sagt, du sollst auf mich aufpassen. Oma schafft das nicht und er hat keine Lust.", maulte sie.
"Ich muss aber gleich weiter arbeiten.", erklärte der große Bruder.
"Ryo...", jammerte sie auf einmal los.
"Möchtest du vielleicht ein paar Kekse?", schaltete sich Mona ein. Das Mädchen schaute erwartungsvoll auf Ryo.
"Mir macht das nichts aus. Ich hab früher des öfteren auf die kleinen im Dorf aufgepasst.", bekräftigte Mona schnell. Ryo seufzte kurz.
"Na gut. Aber benimm dich Maja!" das kleine Mädchen nickte freudestrahlend. Lächelnd half Mona ihr auf ihren Schoß und gab ihr eine Hand voll Kekse.
Ryo ging wieder an die Arbeit. Ab und zu hörte man Gemurmel wie: "Wenn ihr Papa das erfährt, dann bringt der mich um!"
Fast den ganzen Tag waren die Freunde im Café. Als sie gingen, bemerkte Mona, dass Ryo und das Mädchen in einer Wohnung direkt über dem Café wohnten. Baji und Ailin verabschiedeten sich und gingen in Richtung der Stadtmitte. Sunny wollte noch Blumen kaufen und Mona kam auf die Idee, dass es doch ganz interessant wäre zu wissen, wie das Blumenangebot in Tokyo ist. Sakura entschied sich die Beiden noch zu begleiten. Ein paar Häuser weiter war ein Geschäft, welches Sunny empfehlen konnte. Im Geschäft drinnen erfuhren sie die erste Überraschung. Joro Tepai war ebenfalls dort. Es gab ein paar giftige Blicke, aber Mona war so überwältigt, von der Angebotsvielfalt, dass sie Joro übersah. Sie sahen sich um, bis sie eine raue Stimme hörten.
"Kann ich euch behilflich sein?"