Traufe (Kuroo)
Trotz Kenmas schöner Worte, kann ich mich fast gar nicht auf das Spiel konzentrieren.
Ich habe das Gefühl nicht richtig reagiert zu haben als Daichi sich entschuldigt hat. Statt wütend zu werden, habe ich nur dagestanden und geweint. Es war mir nicht mal möglich ihm zu sagen, wie sehr er mir weh getan hat. Stattdessen lasse ich zu, dass er sanft zu mir ist, er meine Hand nimmt und sogar...
Ich will mir nicht vorstellen, wie es sich angefühlt hätte, wenn er meine Wange berührt hätte.
Als seine Finger sich um meine Hand gelegt haben, türmten sich bereits die Gefühle in mir und ich wusste gar nicht mehr was ich tun sollte.
Warum nimmt es mich so sehr mit, wenn er so wohlwollend ist? Wieso tut es so weh, wenn sich seine Wärme auf mich überträgt?
Ich habe keine Gefühle mehr für ihn, jedenfalls keine die auch nur ansatzweise an die Verliebtheit erinnern, die ich mal verspürt habe.
Vor einiger Zeit hätte ich mir gewünscht, dass Daichi mich so behandelt.
Vielleicht ist es deswegen... Weil er mir nach einer gefühlten Ewigkeit gibt, was ich so lange ersehnt habe, doch es jetzt einfach nicht mehr will. Nichts davon.
Ich will nicht, dass er nett zu mir ist, will nicht seine Berührung und auch kein Lächeln von ihm.
Ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Mein Blick gleitet rüber zu Kenma, der in der Trinkpause mit Hinata spricht.
Kenma hatte Recht. Ich habe Daichi nicht verziehen und werde es vielleicht auch nie.
„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du verletzt bist...“, murmelt Hinata mit gezogener Schnute.
„Ja“, gibt Kenma zurück. „Hab ich wohl vergessen.“
„Mies!“, quietscht Karasunos Lockvogel und verschränkt die Arme vor der Brust.
Kenma senkt den Blick. „Sorry.“
„Es ist nicht, weil du nicht spielen kannst. Okay, das fuchst mich auch, aber nur weil ich so gerne gegen dich spiele!“ Kenma legt den Kopf zur Seite und Hinata lässt die Arme sinken. „Ich dachte einfach, dass du mir sowas wichtiges erzählst.“ Er wirkt sichtlich geknickt.
„Tut mir leid“, sagt Kenma in den Kragen seiner Jacke.
„Weißt du was, ist okay.“ Er sieht zu Hinata auf, dessen Lippen ein Lächeln umspielt. „Und wenn nochmal sowas blödes passiert, dann texte mir, ok? Ich werde dich trösten.“ Jetzt grinst Hinata.
Kenma nickt und ich spüre ein Lächeln auf meinen Lippen.
Süß, die zwei.
Nach dem Spiel bin ich gezwungen nochmals Daichis Hand zu schütteln, doch dieses Mal sehe ich nicht zu ihm auf. Ich drücke seine Hand keine Sekunde, gerade so lange, dass es überhaupt als ein Händeschütteln gewertet werden könnte.
Auf dem Weg in die Umkleide, sehe ich zur Seite, zu den großen Fensterscheiben, durch welche man den Hof vor der Halle sehen kann. Es hat angefangen zu regnen und der Boden ist schon sichtlich aufgeweicht.
Ohne mein Zutun bewege ich mich auf die Türe zu, merke nur im Augenwinkel, wie Kenma an meine Seite tritt. Ich sehe hinauf in den grauen Himmel der meine Gefühle nur allzu exakt widerspiegelt. Der Regen ist stärker geworden.
Ich mache einen Schritt nach vorne, da höre ich Kenmas Stimme. „Was hast du vor?“
Das ist eine gute Frage. Dennoch mache ich einen weiteren Schritt und die Regentropfen treffen mich kalt.
„Ich brauche einen Moment“, sage ich leise und gehe noch ein paar Schritte bis mich kein Dach und keine Wände mehr vor dem prasselnden Regen schützen.
Ich schließe die Augen, strecke das Gesicht zum Himmel hinauf und lasse mich durchnässen von Wind und Regen.
Auch wenn mir schlagartig kalt wird, so fühlt es sich doch schön an, wie die Wassertropfen über meine Haut fließen.
Als würden sie einfach alles mit sich nehmen... wie in einem unrealistischen Traum.
Zwischen dem Prasseln des Regens höre ich die klatschenden Geräusche von Schuhen, die auf den Schlamm treten.
Sie kommen schnell auf mich zu.
Noch bevor ich die Augen öffnen kann, werfen sich zwei Arme um meinen Hals und eine Wange presst sich gegen meine. „Kuroo!!“
… Bokuto?!
Sein Schwung reißt mich mit und wir fallen beide zu Boden, wobei er halb auf mir landet.
Lachend rollt er sich von mir runter, auf den Rücken, wobei sein Kopf auf meinem Oberarm liegen bleibt. Ich sehe ihn schockiert an, habe immer noch nicht ganz begriffen, was gerade passiert ist.
„Bokuto...“, kommt es schließlich über meine Lippen und ich drehe den Kopf zu ihm.
„Wir haben uns echt lange nicht gesehen.“ Er grinst und strahlt dabei, dass die Sonne glatt neidisch werden könnte. „Was machst denn du hier draußen im Regen?“
Ich blinzle ihn an, bemerke, dass wir beide patschnass sind und im Schlamm liegen.
„Ist doch voll Käse hier draußen.“ Er rollt sich auf den Bauch, halb auf mich drauf und schützt mein Gesicht mit seinem Oberkörper vor dem Regen. „Lass uns zu den anderen rein gehen. Da ist es viel toller.“ Er grinst Zähne zeigend und ich erwische mich dabei zu lächeln.
Er steht auf und reicht mir die Hand, zieht mich so schwungvoll nach oben, dass ich kurz hüpfen muss, um nicht gleich wieder hinzufallen.
„Akaashi ist auch hier“, meint er und wirft den Arm über meine Schultern, dreht mich mit sich zur Halle um.
Dort stehen Kenma, der etwas überfordert die Hände gehoben hat und zu uns blinzelt und Akaashi, der sich kopfschüttelnd die Schläfen massiert.
„Was macht ihr denn hier?“, frage ich, bin immer noch nicht ganz in der Situation angekommen.
Bokuto zieht mich mit sich in Richtung Halle, den Arm fest um meine Schultern gelegt. „Wir waren in der Nähe und da ist mir eingefallen, dass ihr heute spielt!“ Er lacht und wir treten über die Türschwelle, sind nun wieder im Trockenen.
„Eigentlich ist es mir eingefallen, Bokuto-San. Du bist nur sofort losgestürmt.“ Akaashis Stimme wirkt wie ein Flüstern neben Bokutos Präsenz. Er kramt ein Handtuch aus seiner Tasche und beginnt damit Bokutos Arm abzutrocknen. „Du könntest auch direkt duschen gehen“, meint er und hebt resignierend die Hände.
„Hast du noch ne Hose für mich?“ Bokuto grinst mich an und ich kann nur lächelnd den Kopf schütteln.
„Tatsächlich habe ich noch ne Jeans dabei. Dann zieh ich die an und du bekommst meine Trainingshose.“
„Nice!“
Der Kerl ist echt ne Marke.
„Bokuto-San!“, quietscht Hinata und rennt zu uns, bleibt haarscharf vor uns stehen.
„Hey hey hey, mein Lieblingsschüler!“ Sie strahlen um die Wette. „Wie war das Match?“
„Gut!“ Jetzt erst sieht er an Bokuto runter und wieder auf, dann zu mir rüber. „Was...?“
„Müsst ihr gleich wieder los, oder habt ihr noch was Zeit?“, fragt Bokuto Hinata, drückt mich immer noch an sich.
„Leider nein. Der Coach sagt, wir müssen noch das Match besprechen und dann gehen wir zu Hause noch zusammen in den Clubraum.“
„Okay, schade.“ Bokuto dreht mir den Kopf zu. „Dann lass uns duschen gehen und dann gehen wir mit Akaashi und Kenma was essen.“
Ich sehe ihn überrascht an. „Ähm...“
„Okay“, sagt Kenma aus dem Nichts und ich bin noch irritierter als vorher.
Hat Kenma gerade zugestimmt eine gesellschaftliche Aktivität zu begehen, die Bokuto einfach beschlossen hat?
„Super! Wo sind die Duschen?“
Ich gehe mit Bokuto in Richtung der Umkleide, da spüre ich, wie mir ganz langsam Warm ums Herz wird.
Ja, ich möchte wirklich gerne etwas essen gehen, mit den Menschen, die ich von ganzen Herzen liebe.