Picken (Kenma)
Schon den ganzen Morgen fühlt es sich an, als ob ich ein unsichtbares Gewicht mit mir herumtragen würde. Eine Schwere erfüllt meinen Körper und einfach jede Bewegung strengt mich an. Wahrscheinlich belastet mich das Spiel, welches meine Mannschaft gleich antreten wird, bei dem ich auf der Bank sitzen werde, da mein Finger immer noch zu angeschlagen ist, als dass ich eine Hilfe auf dem Feld wäre. Doch dies ist nicht der Grund, der mich immer wieder tief seufzen lässt, sondern unsere Gegner.
Karasuno.
Eigentlich nur ein Gegner.
Daichi.
Ich habe keine Ahnung wie Kuroo reagieren wird, haben die beiden kein Wort mit einander gewechselt, seit dem sie sich im Park getroffen haben und Daichi Kuroo das Herz brach.
Schon bei dem Gedanken spannen sich meine Hände an und formen Fäuste.
Es ist unmöglich, dass die beiden sich nicht wieder begegnen, das ist mir schon klar, aber dennoch hätte ich das Kuroo einfach gerne erspart.
Außerdem kann ich mich nicht davon freisprechen, dass eine gewisse Sorge in meiner Brust mitschwingt, auch wenn sie die Wut nicht übertrifft. Ihre Begegnung könnte mehr wieder entflammen als den Schmerz... davor habe ich Angst.
Kuroo ist unglaublich still heute, auch gerade jetzt, wo wir neben einander her laufen, auf dem Weg in die Halle. Sicher sind auch seine Gedanken vom Schleier aus Sorgen bedeckt. Ich würde gerne etwas sagen, etwas tun, dass die Situation auflockert, doch ich weiß nicht was.
Es ist ätzend...
Also gehen wir schweigend weiter bis zur Umkleidekabine und beginnen uns umzuziehen, während allmählich die anderen eintrudeln.
In den Gesprächen, die sich zwangsweise ergeben, wenn man einen gemeinsamen Raum betritt, setzt Kuroo sein Lächeln auf und macht Späße mit unseren Teamkameraden. Ich frage mich, ob ich wirklich der einzige bin, der sieht, wie gezwungen und falsch diese nach oben gezogenen Mundwinkel in Kuroos Gesicht sind. Es ist absolut nicht zu übersehen.
„Beeilt euch!“, ruft der Coach plötzlich in den Raum und alle wenden ihm den Kopf zu. „Karasunos Bus fährt gerade ein.“
Ich atme tief ein und halte die Luft kurz an, während er wieder aus dem Raum verschwindet.
„Ihr habt den Coach gehört“, ruft Kuroo, wirft sich schnell sein Shirt über. „Raus, zur Begrüßung!“
Ich schließe den Reißverschluss meiner Trainingsjacke, ziehe ihn hoch bis es nicht mehr geht und der Kragen sich bis zu meiner Nasenspitze aufstellt. Gemeinsam verlassen wir die Umkleide und gehen zum Hallenvorplatz wo der aufgewirbelte Staub noch die Reifen des Busses umspielt, während dieser gerade den Motor abstellt.
Ich stelle mich dicht neben Kuroo, der angespannt die Türe des Busses beobachtet. Wahrscheinlich wird Karasunos Kapitän sogar die erste Person sein, die heraustritt.
Sanft lasse ich meine Hand gegen Kuroos stoßen und er zuckt kurz zusammen. Er steht komplett unter Strom. Ich schiebe meine Finger zwischen seine und er wendet mir den Kopf zu, sieht mich überrascht an. Meinen Blick auf seine Augen gerichtet, festige ich meinen Griff um seine Finger und er senkt lächelnd den Kopf.
Es ist ein kleines, doch irgendwie erleichtertes Lächeln. Zumindest möchte ich mir das gerne einbilden.
Mit einem Zischen öffnet sich die Bustür und Kuroos Blick schießt augenblicklich zurück nach vorne. Coach und Lehrer verlassen das Fahrzeug zuerst, gefolgt von den Managerinnen, dann kommen Kapitän und Vizekapitän heraus.
Erst drückt Kuroo meine Hand leicht, doch als Karasuno beginnt sich aufzustellen, lässt er seine Finger aus meinen gleiten. Ich sehe nun auch nach vorne und es ist leider kein Zufall, dass Sugawara vor mir und Daichi direkt vor Kuroo zum Stehen kommt.
„Wir freuen uns, dass ihr den Weg auf euch genommen habt, für dieses Freundschaftsspiel“, beginnt Kuroo damit die Begrüßungsfloskel runter zu beten. Seine Stimme ist ungewohnt monoton, was wohl daran liegen wird, dass er gerade auf Autopilot läuft.
Ich warte, auch wenn ich lieber vorspulen würde, um diese unangenehme Nähe zu beenden.
„Auf ein faires Spiel“, beendet er seine Ansprache und wir alle heben mechanisch die Hand, strecken sie dem Gegner vor uns entgegen.
Ich sehe nicht auf, lasse meine Hand von Sugawara drücken während mein Blick auf Kuroos Hand liegt, die von den Fingern von Karasunos Kapitän umgeben sind.
Selbst mein Herz ist angespannt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es Kuroo gerade gehen muss.
„Lasst uns rein gehen“, übernimmt Coach Nekomata das Wort und der Griff um meine Hand lockert sich.
Auch Kuroo möchte sich wegdrehen, doch Daichi hält ihn fest.
Nicht nur Kuroo zuckt zusammen und sieht ihn mit großen Augen an, auch ich erstarre förmlich.
Was soll das? Was will er von Kuroo?
„Kenma!“
Abgelenkt wende ich mich Shoyo zu, der zu mir gestürmt kommt, ein breites Lächeln auf den Lippen. „Es ist so schön, dass wir uns endlich wieder sehen!“ Er strahlt über das ganze Gesicht.
„Ja“, gebe ich leise zurück, kann mich gerade nicht so sehr freuen, wie er es verdient hätte.
Seine Hand legt sich an meinen Rücken und ich gehe, ohne es zu wollen, mit ihm Richtung Halle.
„Ich habe mich die letzten Tage jede Minute darauf gefreut endlich wieder gegen dich zu spielen.“ Shoyo. „Bei dir ist es immer etwas besonderes und ich werde überrascht.“ Er lacht.
Wir treten gemeinsam über die Türschwelle, da wende ich den Kopf nochmal nach hinten. Es sind nur noch Kuroo und Daichi auf dem Platz, alle anderen sind bereits nach drinnen gegangen. Sie stehen sich gegenüber. Ich schlucke.
„Ist alles ok?“ Shoyo legt besorgt den Kopf zur Seite als ich ihn wieder ansehe.
Ich kann nicht... „Es tut mir leid. Ich komme gleich“, sage ich schnell, doch bevor ich mich abwenden kann, lächelt er mich an, voller Wärme.
„Gar kein Problem. Bis gleich. Ich freue mich schon.“ Er lacht vergnügt und läuft in die Halle, ohne eine Frage zu stellen. Erstaunlich.
Ich sehe ihm einen Moment nach, dann drehe ich mich zu Kuroo um, gehe leicht schräg näher, so dass mich die Bäume verdecken. Es geht mir nicht darum zu lauschen, zu erfahren, was sie besprechen. Ich will... einfach da sein, falls Kuroo mich braucht.
Ist das wahr?
Oder will ich es einfach mit eigenen Ohren hören?
Was will ich hören?
Ich will hören, wie Kuroo ihn zurückweist.
Meine Finger drücken sich an die raue Rinde des Baumes als ich endlich nahe genug bin, um das Gespräch zu verstehen.
„Nur einen Moment.“ Daichi neigt sich ein wenig zu Kuroo, der ihn angespannt ansieht. Sein ganzer Körper ist starr, diese Situation ist ihm sichtbar unangenehm.
Sollte ich sie einfach unterbrechen?
Dann wird Daichi ihn nur wieder kontaktieren. Vielleicht ist es besser, wenn sie sich aussprechen. Wobei sie das ja eigentlich schon getan haben. Warum also dies hier jetzt?
„Kuroo“, setzt Daichi an und Kuroo drückt die Arme enger an seinen Körper. Er würde am liebsten davonlaufen, das sehe ich. „Es tut mir leid.“
Kuroo und ich sehen ihn wohl gleichermaßen erstaunt an. Er entschuldigt sich?
„Es war nicht richtig von mir, dir diese Wörter an den Kopf zu werfen.“
Als Kuroo die Lippen zusammenpresst und den Kopf senkt, krallen sich meine Finger fester in die Baumrinde. Doch als Daichi Kuroos Hand nimmt, breche ich ein Stück von der Rinde ab und starre fassungslos ich ihre Richtung.
„Ich war so gemein zu dir. Das hast du nicht verdient.“ Daichi schließt beide Hände um Kuroos, dessen Finger regungslos bleiben. „Ich wollte, dass du es verstehst, dabei habe ich dich verletzt. Das hätte ich so nicht...“
Endlich unterbricht ihn Kuroo, mein Puls hätte es auch nicht länger ausgehalten Daichi sprechen zu hören. „Du hast mir das Herz gebrochen...“
Kuroos Stimme ist wackelig, seine Augen mit Tränen gefüllt. Kuroo...
„Ich...“, setzt Daichi an, die Augenbrauen mitleidig zusammen gezogen. Dann löst er seine rechte Hand von Kuroos und hebt sie langsam an, steuert auf seine Wange zu.
Was fällt ihm ein!
Ich verlasse mein Versteck und schreite mit entschlossenen Schritten auf die beiden zu.
„Hey!“, rufe ich mit fester Stimme und Daichi wendet mir den Blick zu, während seine Hand sich weiter Kuroos Gesicht nähert.
Er wird ganz sicher nicht über Kuroos Wange streichen! Das lasse ich nicht zu! Er hat kein Recht dazu!
Mit der Schulter voraus, dränge ich mich zwischen die beiden, wobei ich Kuroo den Rücken zuwende. Kuroos Hand gleitet aus Daichis als dieser einen Schritt nach hinten macht, um Distanz zwischen uns zu bringen.
„Was ist hier los?“, fauche ich Daichi wütend an. „Was willst du von ihm?“
Er blinzelt überrascht. „Ich.. wollte mich bei Kuroo entschuldigen“, sagt er schließlich.
„Aha. Wars das?“, blaffe ich zurück und er sieht mich irritiert an. „Dann können wir ja rein gehen.“
Daichi ringt nach Worten, während Kuroo in meinem Rücken still bleibt.
„Ich habe wirklich unangebrachte Dinge gesagt und es tut mir leid.“ Daichi senkt reumütig den Kopf. „Ich habe... wollte nicht so gemein sein... so verletzend.“
„Da hättest du dir ja auch mal früher Gedanken zu machen können“, fahre ich ihn an und er macht sich etwas kleiner vor mir.
„Es tut mir wirklich leid...“
Gerade als ich Luft hole, um ihm weiter die Meinung zu geigen, höre ich Kuroos Stimme hinter mir. „Ist schon in Ord...“, beginnt er mit dünner Stimme und ich drehe mich ruckartig zu ihm um.
„Ist es nicht!“ Seine großen Augen glänzen als er mich ansieht. „Du musst ihm nicht verzeihen, Kuroo.“ Er atmet leise durch und ich sehe mit gesenktem Kopf zu ihm auf. „Er ist schuld, dass du gerade hier stehst und weinst.“ Kuroo schluckt. „Es ist nicht in Ordnung, ist es ganz und gar nicht.“ Er senkt den Blick und ich atme durch. „Daichi ist hier, um sich zu entschuldigen. Nicht, damit es dir besser geht, sondern, damit es ihm besser geht.“ Jetzt sieht Kuroo wieder auf, die Tränen stehen nach wie vor in seinen Augen. „Nach all dem, was er dich hat durchleben lassen, hast du jedes Recht ihm auch nur den kleinsten Gefallen zu verweigern.“
„Kozume...“, setzt Daichi an und ich will gerade herumfahren und ihn anschnautzen als er weiterspricht. „... hat Recht.“ Ich halte inne. Natürlich habe ich Recht.
Er hebt die Hände, hält uns die Handflächen auf Brusthöhe entgegen. „Ich... Es tut mir leid. Mehr kann ich nicht sagen. Der Rest liegt bei dir.“
Er senkt den Blick und wendet sich ab.
Ich drehe meinen Kopf gerade so weit nach hinten, dass ich sehen kann wie Kuroos Hand zuckt. Möchte er ihn aufhalten? Will er ihm noch etwas sagen?
„Wegen mir musst du dich nicht zurückhalten“, sage ich leise zu Kuroo und höre, wie er zittrig einatmet.
Dann höre ich nur noch erstickte Laute. Schnell drehe ich mich wieder zu Kuroo, der den Kampf gegen seine Emotionen verloren hat und sehe die Tränen fließen. Es sticht in meiner linken Brust. Ich hebe beide Arme gehe einen Schritt auf Kuroo zu, da wirft es sich bereits zu mir, drückt mich fest an sich.
„Tut mir leid, Ken, dass du das alles...“, wimmert er und ich schüttle den Kopf.
„Nein, nein... Du brauchst dich nicht bei mir entschuldigen.“ Er hat doch nichts falsch gemacht.
„Als er meine Hand genommen hat... wollte ich sie weg ziehen... und als er mich trösten wollte... wollte ich ihn wegstoßen... doch es ging nicht...“ Er atmet stockend ein. „Und ich will auch nicht weinen, weil... das so aussieht als würde ich ihm nachtrauern, dabei habe ich doch dich... und...“
„Kuroo“, unterbreche ich ihn und er schluchzt in mein Ohr. Ich tätschle seinen Nacken. „Hier geht es gerade nicht um mich. Es geht um dich und das ist in Ordnung.“
Sein Atem geht etwas ruhiger und ich lehne mich gegen ihn. „Du bist verletzt also darfst du weinen.“
Er drückt mich fester an sich. „Als er so vor mir stand, war es als würden wir wieder im Park stehen. Alle diese schrecklichen Gefühle waren plötzlich wieder da...“
Ich schließe die Augen. Das habe ich vermutet. Ich konnte ja sehen, wie er erstarrt ist und Kuroo ist wirklich nicht der Mensch, der mit etwas hinter dem Berg hält.
Ich lasse es mir nicht nehmen noch ein wenig über die Haare in seinem Nacken zu streicheln und langsam kommt Kuroo in meinen Armen zur Ruhe.
„Danke, dass du eingeschritten bist.“ Ich blinzle überrascht. „Das hat dich sicher Überwindung gekostet.“
„Kein Bisschen“, entgegne ich und drücke ihn etwas fester an mich. „Ich habe einmal zugelassen, dass er dich verletzt. Das war einmal zu viel.“
Er lehnt sich zurück und lächelt traurig, woraufhin ich meiner Hand an seine Wange lege und vorsichtig eine Träne aus seinem Gesicht streiche.
„Ich werde alles versuchen, dass du nie mehr weinen musst.“ Seine Augen werden größer und ich wische eine andere Träne weg. „Und so lange werde ich es sein, der deine Wangen trocknet.“
Kuroo atmet erstaunt ein, dann werden seine Augen schmal und er lächelt mich liebevoll an.
„Kenma...“