22.5.2025: hehr
Heute war der Himmel blau, durchzogen von einigen dicken weißen Schäfchenwolken, aber nirgends ein Fitzel Grau ließ sich blicken. Das war gut! Dann kam er ja vielleicht trockenen Fußes ins nächste Dorf und konnte womöglich sogar eine weitere Nacht unter freiem Himmel wagen? Immerhin hatte es jetzt schon einige Tage keinen Regen mehr gegeben. Lange genug, damit die Bauern ihre diesmalige Heuernte eingefahren bekommen hatten – und zumindest dieser Bauer ihm dabei eine schöne Mitfahrgelegenheit bot. Zwar unentdeckterweise, aber am Ende zählte ja das Resultat und nicht der Weg, wie man dorthin gekommen war, oder? Das zumindest war seine Devise, die er wieder einmal sehr genoss, während er die Hände hinterm Kopf verschränkt hielt, sich vom wackelnden Heuwagen durchschaukeln ließ und dann und wann hörte, wie der Bauer auf dem Kutschbock seinem alten Gaul einen leisen Befehl gab. Meist nur ein kurzer Laut, ein Pfeifen oder Schnalzen.
Es war wunderbar idyllisch – und so anders als dieses hehre Ziel, das ihn einst in die weite Welt hinausgeführt hatte: Ritter werden! Oh, was hatte er schon als kleiner Bub davon geträumt, sich zum Knappen hochzuarbeiten und dann eines Tages edel dekoriert und angehimmelt auf einem stattlichen Ross daher zu reiten! Tja, aber wie es manchmal eben so ging im Leben: erstens kam es anders und zweitens als man dachte.
Nun also zog er zwar auch durchs Land, war aber froh, wenn er von Tag zu Tag kam. Er schlug sich als Taschendieb und Taschenspieler durch, suchte hier und da die Gelegenheit, sich durchzuschnorren oder für die Nacht ein Dach über dem Kopf zu finden. In irgendwelchen Scheunen, beim lieben Vieh im Stall oder manchmal auch bei der einen oder anderen einsamen Frau – oder ihrem verlassenen Gatten. Er war da nicht wählerisch! Zumindest nicht allzu sehr! Deswegen gab es durchaus auch Tage, an denen er für sein Geld sogar ehrliche Arbeit anbot. Als Gehilfe eines Bäckers hatte er beispielsweise bereits gearbeitet oder einem Schmied das Holz für seinen Ofen gehackt. Mistgruben graben hatte er geholfen, sich als Hofnarr versucht und so vieles mehr. Doch lange an einem Ort geblieben war er dabei nie. Nein, er liebte sein Nomadenleben, auch, wenn es manchmal anstrengend war. So, wie in Momenten wie diesem, als der Bauer plötzlich hielt, sich am nächsten Zaunpfahl erleichterte und dabei natürlich auch seinen Wagen und dessen Ladung kontrollierte.
„Siehst du wohl, dass du weg kommst!“, hörte er ihn noch hinter sich herbrüllen, während er bereits vom Weg hinunter in den angrenzenden Wald rannte.
„Habt Dank!“, war er trotzdem nicht unhöflich, lupfte einmal kurz seine Mütze und huschte lachend tiefer ins Unterholz, als der Bauer ihm mit der Mistgabel drohte.
Tja, dann musste er wohl auf die nächste Mitfahrgelegenheit warten. Oder mal wieder ein Stück des Weges zu Fuß gehen. Das Wetter war ihm ja glücklicherweise hold.