25.11.2024: weltweit
„Was darfs sein?“, mischte sich seine Stimme in die leise Melodie um sie herum und mit einem Nicken nahm er die Bestellung entgegen, um sie nur Augenblicke später zu servieren.
„Bitte sehr, Ihr Wasser“, stellte er das Glas vor seinem Gast auf der Steinplatte des Tresens ab und ging ein paar Schritte zu einem anderen Neuankömmling in seinem Arbeitsbereich. Nun waren es also schon zwei, die zu so später Stunde noch nicht auf ihre Zimmer gingen. Und plötzlich schoss Frido die Frage in den Kopf, ob es wohl eine Art weltweiten Codex gab, der dafür sorgte, dass sich Leute des nachts lieber an Hotelbars begaben, um ihren Gedanken nachzuhängen, anstatt grübelnd in ihren bequemen Betten zu liegen. War es also doch nicht nur ein billiges Klischee aus einfallslosen Filmen, wie er bisher immer gedacht hatte? Oder war er einfach selbst zu einem billigen Klischee geworden? Hatte Berlin ihn vielleicht dazu gemacht? Seine alte zweite Heimat, in die ihn die zweite Vernissage binnen weniger Wochen geführt hatte? Wochen, die viel mehr in Dominiks Leben auf den Kopf gestellt hatten, als in seinem und trotzdem auch Einfluss auf Frido nahmen. Spätestens jetzt, als es ihn wieder nach Berlin geführt hatte. Regelrecht angestachelt durch Jean-Pierre war Dominiks Neugierde auf die Hauptstadt erblüht gewesen und durch Fridos Antworten auf seine Fragen noch genährt worden. Aber was hätte man auch anderes erwarten sollen, wenn Dominik der Ausflug nach Frankfurt schon so gut gefallen hatte und er genau wusste, wie bedeutungsvoll Berlin für Fritz K. Klimlau gewesen war? Wer konnte es ihm da verdenken, dass er auch einmal dorthin wollte? Um in das kulturelle Leben einzutauchen – und bei einem kleinen Galeriebesuch mit einem der Galeristen ins Gespräch zu kommen, von denen Jean-Pierre versprochen hatte, sie ihm zu gegebener Zeit vorzustellen.
„Fast so, als würd er ihm die Welt zu Füßen legen wollen…“, murmelte Frido, während er sein Glas fasste und schwenkte, während er gedankenverloren auf dessen Inhalt starrte. So viele Parallelen trafen hier in dieser Stadt aufeinander, dass er ein wenig das Gefühl bekam, sie würden sich wie Schnüre um seinen Hals legen. Mit jeder Erinnerung, die ein Gebäude, ein Treffen oder ein Satz aus Jean-Pierres Mund in ihm weckte, war es für Frido, als zögen sich diese Schnüre fester und fester. Wollten sie ihm nur ein beklemmendes Gefühl verursachen oder gar einschneidend ihre Spuren hinterlassen? Noch wusste er es nicht. Nur, dass er froh war, wenigstens in diesem Hotel einen Ort gefunden zu haben, den er von früher noch nicht kannte, wusste er. Und dass er es gerade nicht ertrug, weiter neben Dominik zu liegen, während der seelenruhig schlief. Erschöpft von der Aufregung des Tages und davon, dass Frido ihn auf seine Weise zum Schweigen gebracht hatte. Mehr als ein Mal, damit er auch wirklich einschlief und vor allem, damit er endlich die Klappe hielt. Zärtlich und liebevoll war Frido dabei zwar gewesen, aber getrieben hatte ihn der Wunsch, nichts mehr über die künstlerischen Glanzpunkte Berlins hören zu müssen oder darüber, wie dankbar sein Freund ihm doch war. Hätte er ihn nicht so unterstützt! Hätte er ihn nicht immer wieder ermutigt und ihm sogar Jean-Pierre vorgestellt! Den ach so tollen Jean-Pierre mit seinen vielen Kontakten und Fäden, die er zog, um diese Kontakte auch möglichst gewinnbringend zu kombinieren! Was hätte sein vor Dankbarkeit überschwappender Dominik ohne die Hilfe seines Freundes doch nur gemacht? Eine Antwort auf diese Frage hatte Frido zwar nicht, aber dafür eine darauf, was er nun am liebsten beim Gedanken an diese Lobhudeleien an seine Person getan hätte: Gekotzt. Und gleichzeitig tat es ihm leid, dass er so dachte. Er verstand sich selbst nicht, dass Dominiks Entwicklung ihn einerseits so glücklich machte und andererseits das Schlechteste in ihm zu wecken schien. Ihm selbst hatte es doch auch gefallen, am gestrigen Abend noch einmal auf eine Vernissage zu gehen und dabei anregende Gespräche zu führen. Auch, wenn sie anders als zu der Zeit gewesen waren, als er sich noch selbst Künstler geschimpft hatte. Selbst, wenn er nicht mehr malte, konnte er doch noch immer problemlos beim Fachsimpeln mithalten, hatte manchmal sogar den Vorteil, mit etwas mehr Abstand auf Dinge zu blicken, als die Künstler, die mitunter wie gefangen von ihrer Kunst waren. Und auch das heutige Treffen mit dem Galeristen war doch gut gelaufen. Ganz selbstverständlich hatte er Dominik begleitet und dabei nie einen Zweifel daran verspürt, dass er seinen Freund auch bei dieser Sache unterstützen wollte. Im Gegenteil, ermutigt hatte er ihn sogar noch voller Inbrunst!
„Der Galerist war nicht abgeneigt von deinen bisherigen Bildern. Das war ein guter Anfang! Jetzt arbeite in Ruhe ein Konzept aus und bleib mit ihm in Kontakt. Du musst nicht alle Bilder neu malen. Überleg dir, welche du in einer Ausstellung präsentieren wollen würdest und welche Bilder dir aktuell noch fehlen. Wichtig ist der rote Faden!“, hatte er nach dem Gespräch zu ihm gesagt und ihm dabei auch verraten, wie er damals bei der Vorbereitung auf seine erste Ausstellung vorgegangen war.
Was also störte Frido jetzt so daran, dass Dominik sich von dieser Euphorie anstecken ließ? Dass ausgerechnet seine Worte ihn wirklich hatten ermuntern können, nachdem Jean-Pierres den Lockenkopf eher eingeschüchtert hatten. Nicht wegen ihrer Härte, sondern wegen ihrer Größe. Nichts weniger als weltweiten Ruhm könne er sich für den jungen Künstler vorstellen, wenn er nur hart genug daran arbeitete und die richtigen Personen kannte. Solche Sätze ausgerechnet für einen Skeptiker und Selbstkritiker wie Dominik, der von der Vorstellung einer eigenen Ausstellung zwar begeistert, aber gleichzeitig auch noch immer viel zu unsicher dafür war? Da musste man behutsam vorgehen. Mit Samthandschuhen und in kleinen Schritten, statt gleich mit der Tür ins Haus zu fallen! Das wusste Frido ganz genau – genauso, wie er wusste, dass er derjenige war, der diese Samthandschuhe am gekonntesten trug. War es vielleicht das, was ihm zu schaffen machte? Das Bewusstsein darüber, welche Verantwortung er damit trug, dass er Dominik so beeinflussen konnte? Er seufzte aus und stellte sein Glas ab, ohne einen Schluck getrunken zu haben.
„Möchten Sie etwas anderes?“, fiel seinem Gegenüber diese Tatsache viel mehr auf als ihm selbst und die Worte rissen ihn aus seinen Gedanken.
„Wie bitte?“, war er im ersten Moment so irritiert, dass die Frage wiederholt werden musste und lachte dann ertappt auf.
„Oh! Hab ich gar nicht gemerkt!“, leerte er den Inhalt nun in einem Zug, als müsse er sich auf diese Weise für seine Trödelei entschuldigen und nickte, als der Barkeeper ihn fragte, ob er nachfüllen solle.
„Ja, bitte…“, murmelte Frido und hob dann schnell die Hand, als der Mann eine Wasserflasche hervorzog.
„Dieses Mal vielleicht doch etwas mit ein paar Umdrehungen. Haben Sie Whisky?“, fragte er und sie schmunzelten einander an, weil dem einen schon beim Aussprechen der Frage auffiel, wie dumm sie angesichts der präsentierten Flaschen im Regal hinter seinem Gegenüber war und der andere sich höflich eines Kommentars enthielt.
„Jetlag vom Flug?“, fragte er stattdessen und Frido schüttelte den Kopf.
„Nein, ich bin mit dem Auto. Und war nur ein paar Stunden unterwegs. Keine Weltreise also. Ich glaub, ich bin einfach nur ein bisschen unausgeglichen, weil ich heute Morgen nicht beim Sport war“, scherzte er und ehe er sich versah, fand er sich in einer netten kleinen Unterhaltung mit dem Barkeeper wieder. Ein Smalltalk über Gott und die Welt, in dem die Kunst nur eine winzige Rolle spielte und sie stattdessen alle möglichen anderen Themen fanden, über die es sich zu reden lohnte. Ein bisschen wie die Unterhaltungen mit Bernd fühlte es sich an und doch ganz anders. Vielleicht wegen der Uhrzeit oder wegen der Anonymität im Gespräch mit einem eigentlich völlig fremden Menschen? So oder so trotzdem plauderten sie los, über Urlaubsziele, die sie bereits besucht hatten oder noch besuchen wollten. Über Automarken, Sportarten, Gerichte und Rezepte oder Kaffeesorten und vieles mehr. Scherzen und sich austauschen konnten sie sich und sich die Zeit dabei so gut vertreiben, dass Frido nach seinem zweiten Glas Whisky und einem Blick auf die Uhr ganz überrascht war, wie lange er bereits hier saß. Als einziger Gast inzwischen, wie er feststellte und das nicht nur am Tresen, sondern auch an den angrenzenden Tischen, die bei seinem Eintreffen noch teilweise besetzt gewesen waren.
„Oh, ich hoffe, ich halte Sie nicht vom Feierabend ab!“, meinte er dabei mit einem entschuldigenden Lächeln und spürte sogleich sein schlechtes Gewissen verschwinden, als sein Gegenüber ebenso lächelnd den Kopf schüttelte.
„Keine Sorge, meine Schicht endet erst in einer guten halben Stunde. Sie versüßen mir also die Zeit bis dahin. Die Gläser sind leider immer etwas einsilbig, wenn Sie verstehen“, scherzte er mit einem vielsagenden Blick zu dem frisch gespülten Glas in seiner Hand, das er gerade mit einem Tuch trocken rieb und brachte Frido damit zum Lachen.
„Wenn das so ist: Immer wieder gern!“, juxte er und leerte den Rest seines Whiskys, um dann unschlüssig den Kopf zu wiegen, als die Frage erklang, ob er noch einen dritten wolle.
„Ich weiß nicht, ob das nicht ein bisschen viel wird. Hinterher tanz ich hier noch aufm Tisch!“, grinste er und schob das leere Glas dann mit einem Kopfschütteln von sich.
„Nein, lieber nicht…“, beschloss er und war weniger abgeneigt, als ihm stattdessen eine Tasse Kaffee angeboten wurde.
„Ja, das klingt schon besser! Nach schlafen ist mir eh nicht zumute“, stellte er fest und wunderte sich selbst darüber. Lag es vielleicht an dem anregenden Gespräch und der momentanen Leichtigkeit? Seine Grübeleien hatten ihn jedenfalls die letzten beiden Stunden über nicht mehr wach gehalten und er fand es beinahe schon schade, dass sein Gesprächspartner in einer halben Stunde die Schürze an den Nagel hängen wollte.
„Was machen Sie denn mit der angebrochenen Nacht, Mike? Direkt nach hause oder noch auf eine Veranstaltung? Immerhin sind wir hier in Berlin!“, erkundigte er sich, während er sich mit einem Nicken für den Kaffee bedankte und dabei feststellte, dass er jetzt zum ersten Mal auf das Namensschild des Barkeepers achtete. Auch seinem Gegenüber schien das aufzufallen und ein kleines Grinsen aus ihm herauszukitzeln, das zwar nicht das erste an diesem Abend war, aber dafür ein ausgesprochen charmantes. Nun war es an ihm, den Kopf zu wiegen, während er überlegte, ob er noch in diese kleine Bar gehen wollte, die er so gern besuchte.
„Welche denn?“, fragte Frido wie aus der Pistole geschossen und schmunzelte in seinen Kaffee hinein, als er den Namen hörte. Denn der kam ihm nur allzu bekannt vor.
„Oh, da war ich früher auch oft! Sehr entzückendes Plätzchen. Hat mir immer sehr dort gefallen!“, plauderte er aus dem Nähkästchen und verriet damit mehr als nur seine Vorliebe für kleine, eher gemütlich gehaltene Gaststätten.
„Ach, Sie waren da schon öfter?“, fragte Mike mit einem verstehenden Nicken und einem noch aparteren Grinsen, als Frido die Frage bejahte.
„Als Student war ich fast schon Stammgast da! Na ja, so gut die Ersparnisse das halt mitgemacht haben“, schmunzelte er und verriet mit einem Zwinkern, dass er auch manchmal das Glück gehabt hatte, von jemanden eingeladen worden zu sein.
„Ist aber schon ewig her!“, machte er dann eine wegwerfende Handbewegung und schaute mit einem Schmunzeln auf seinen Kaffee. Seit Stunden war das gerade die erste Erinnerung an Berlin, die ihn einfach nur mit Glückseligkeit erfüllte, stellte er fest und schüttelte den Kopf, als Mike sich erkundigte, was ihn gerade so erfreue.
„Ich hab grad nur gedacht, dass das ein sehr schönes Gespräch ist… oder war“, zuckte er leicht die Schulter und sah mit einem Blick auf die Uhr, dass die Zeit immer weiter voranschritt. Schade, dachte er sich, aber so war es nun mal.
„So langsam sollte ich mal zum Ende kommen, damit du pünktlich Feierabend machen kannst“, prostete er Mike daraufhin mit seiner Kaffeetasse zu und bemerkte gar nicht, wie einfach er vom „Sie“ ins „Du“ gerutscht war. Mike schien es jedoch nicht zu stören.
„Lass dir Zeit. Für nette Gäste häng ich auch gern mal ein paar Minuten dran“, schmunzelte er und nahm die leere Tasse an sich, als Frido sie ihm rüber schob.
„Bring mich nicht auf Ideen, sonst bestell ich doch noch einen! Der ist echt gut! Verrätst du mir die Marke?“, zückte er sein Portemonnaie und sein Smartphone, um sofort aufzuschreiben, nach welchen Kaffeebohnen er demnächst mal Ausschau halten musste.
„Was schuld ich dir?“, wollte er dann wissen und zog neben der eigentlichen Summe noch ein gutes Trinkgeld mit hervor, das er Mike mit einem „Passt so. Danke für den schönen Abend!“ gab. Doch auch, wenn der es sofort dankend entgegen nahm, zögerte er damit, es einzustecken. War es doch schon so spät, dass Frido sich mit den Scheinen vertan hatte?
„Nein, nein…“, antwortete Mike auf die gleichlautende Frage hin und schüttelte den Kopf, um sich dann leicht auf den Tresen zu stützen und Frido in die Augen zu schauen.
„Hast du Lust, dass ich dich noch auf einen Kaffee einlade? Oder auf einen Drink?“, fragte er dann mit Worten, die unverfänglicher kaum sein konnten, aber mit einer Körperhaltung, einem Blick und einem Raunen in der Stimme, das keine Zweifel an seinen Intentionen ließ. Selbst für einen Frido, der in diesen Dingen manchmal etwas auf dem Schlauch stand und sich eingestehen musste, dass dieser Mike wirklich ein attraktiver Mann war – äußerlich und auch durch die Kurzweil, die ihr Gespräch ihm beschert hatte.