Außer Kontrolle
Mai sog erschrocken die Luft ein. „Oh nein“, seufzte sie. Sie schien vage zu wissen, was geschehen war.
Doch Hana hatte keine Ahnung. Ratlos sah sie von einem zum anderen, wartend auf eine weitere Erklärung.
„Möchtest du mitkommen, Hana?“, fragte Alex. Er war zutiefst angespannt.
Hana nickte.
Sie verabschiedeten sich kurz von Mai und stürzten dann hinunter ins Tal.
„Wo müssen wir hin?“, erkundigte sich Hana, während sie dem Jungen hinterherrannte.
„Zum Übungsplatz am anderen Ende des Dorfes.“, rief Alex zurück, ohne sein Tempo zu verlangsamen.
Hanas Gedanken rasten. Was konnte nur passiert sein, dass Izzy nicht alleine zurückkehren sollte? Hatte er sich beim Training verletzt? So schlimm, dass Alex von der Erde zurückgerufen worden war?
Die beiden Schutzgeister hasteten durch das Dorf, von verwunderten Blicken gefolgt. Hanas Schritte schienen sich zu überschlagen. Nie zuvor war sie so schnell gelaufen und dennoch spürte sie kaum eine Anstrengung.
Sie erklommen den Hügel, der aus der Siedlung führte. Von dort oben konnte Hana bereits ein großes rechteckiges Feld erkennen, dessen Fläche nicht von Gras übersät, sondern mit hellem Sand bedeckt war. Neben dem Platz stand eine kleine Hütte aus dunklem Holz, vermutlich mit Trainingsutensilien gefüllt. Hana konnte die Gestalt einer Person ausmachen, die vor der Hütte stand.
Alex hatte einige Meter Vorsprung zu Hana, doch wie er sich der Hütte näherte, wurde er langsamer und Hana konnte ihn einholen.
„Wo ist Izzy? Was ist denn genau passiert?“, wollte Hana erfahren. Sie waren nun fast angekommen.
„Vermutlich haben sie das Training etwas übertrieben. Es ist nicht gerade einfach für einen Schattengeist, sich Schutzgeistern gegenüber zu beherrschen. Es liegt in unserer Natur, uns gegenseitig zu hassen. Und auch, wenn Izzy es gut mit uns meint, ist und bleibt er ein Schattengeist und kann sich seinem Trieb nicht entziehen.“
Mittlerweile konnte Hana die Person neben dem Trainingsplatz genauer erkennen. Es war ein Mann mittleren Alters. Er war muskulös und breitschultrig und blickte den Ankömmlingen erwartend entgegen. Seine Arme hielt er vor der Brust verschränkt.
Hana starrte in seine Richtung, während sie sich Alex‘ Worte durch den Kopf gehen ließ. War es also gefährlich, in Izzys Nähe zu sein? Konnte es stets passieren, dass er die Selbstbeherrschung verlor und angriff?
Alex und Hana blieben vor dem Mann stehen. „Friedo!“, sagte Alex keuchend.
Ohne jeglichen Gruß begann Friedo sofort zu erzählen: „Ich fürchte, ich habe ihn heute etwas überfordert. Er ist plötzlich vollkommen durchgedreht. Eine gewaltige Kraft hat der Junge, wenn er nicht mehr versucht, sich zusammenzureißen. Deshalb hab ich mich dazu entschlossen, ihn fürs Erste in den Schuppen zu sperren.“ Das alles sagte er in einem gelassenen Tonfall, als wäre dies das Normalste der Welt. „Bis vor wenigen Sekunden hat er da drin noch ziemlich rumrandaliert. Ich hoffe, er hat sich nicht umgebracht.“
In dem Moment drang ein lautes Rumpeln aus dem Holzhaus.
Hana schluckte. Sie konnte kaum fassen, wie gleichgültig Friedo Izzys Verfassung zu sein schien.
„Lass ihn da raus.“, bat Alex. „Das ist ja Folter.“
Friedo drehte sich um und legte eine Hand auf das Schloss der Hütte. Daraufhin leuchtete das gesamte Häuschen auf. Hana vermutete, dass er es mit einem speziellen Zauber versiegelt hatte.
Das Licht erlosch.
Hana versuchte sich auszumalen, was sie hinter der Tür erwartete. Es kam ihr vor, als würden sie alle darauf warten, dass ihnen ein wildes Raubtier entgegengesprungen kam.
Das Schloss sprang auf. Mit einem lauten Knarren öffnete sich die Tür. Langsam, viel zu langsam ging sie auf, bis sie schließlich gegen die Wand schepperte und dort verharrte.
Es war dunkel in der Hütte. Hana konnte kaum etwas erkennen. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die Finsternis zu gewöhnen.
Hana wünschte, sie hätten es nie getan.
Erschüttert blickte sie in den Raum. In der Mitte lag quer ein umgeworfenes Regal, welches vermutlich ursprünglich an der linken Wand gestanden hatte. Zerbrochenes Glas und Porzellan bedeckten den Boden. Metallstäbe lagen verstreut umher und die Wände waren zerkratzt, als hätte ein unbändiges Monster sich daran ausgelassen.
Und zwischen all den Trümmern, an der hinteren Wand, saß Izzy.
Er hatte die Beine angezogen. Jede Faser seines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Und er zitterte. Er zitterte schrecklich. Seine Arme, die nun nicht mehr von einem dicken Pullover verdeckt wurden, waren blutverschmiert, von unzähligen Schnittwunden übersät. Als Hana die rot verfärbte Vasenscherbe neben Izzys Hand entdeckte, wurde ihr klar, dass er sich diese Verletzungen selbst zugefügt hatte. Doch beinahe noch entsetzlicher war sein Blick. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die drei Schutzgeister an, erfüllt von Wahnsinn, Panik und Angst.
Hana schlug die Hände vor den Mund. Das war nicht der Izzy, den sie kennengelernt hatte. Hier vor ihr saß ein kleines verängstigtes Kind. Ein einsames Kind, das Hilfe brauchte.
Da niemand sich rührte, trat Hana einen Schritt in die Hütte.
Sofort zuckte Izzy zusammen. „Bleib weg, Hana!“, schrie er. „Komm nicht näher!“
Die durchdringende Verzweiflung in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken und ließ sie innehalten.
„Izzy, es ist okay. Komm raus.“, sagte Alex sanft, aber bestimmt. Doch auch er schien völlig überfordert mit der Situation zu sein.
„Nichts ist okay!“, brüllte Izzy weiter, völlig außer sich. „Geht weg! Alle! Haut ab!“ Seine Hand krallte sich um die Scherbe.
„Izzy…“ Hanas Stimme war kaum mehr als ein Wimmern.
Izzys Atemzüge wurden immer schneller und kürzer.
„Hör auf…“ Hana stiegen die Tränen in die Augen. Sie kannte ihn nicht besonders gut. Bisher hatte sie auch eher Angst vor ihm gehabt. Doch nun schmerzte es, ihn so am Boden zerstört zu sehen.
Izzy ließ die Scherbe wieder fallen und schlug sich die Hände gegen den Kopf. Dann stieß er einen lauten Schrei aus, sprang auf, rammte Hana zur Seite und rannte davon.
„Izzy!“, rief Alex ihm nach und war im Begriff, ihm hinterherzulaufen. Doch Friedo hielt ihn zurück.
„Vielleicht braucht er eher noch etwas Zeit für sich.“
Alex starrte ihn entgeistert an. „Hast du ihn dir angesehen?! Der ist völlig durchgedreht! Wer weiß, was er noch anstellt?“
„Hat Meister Aaron nicht auch mit dir gesprochen? Er braucht die Freiheit, um wieder runterzukommen. Und solange er niemanden gefährdet, dürfen wir ihn laufen lassen. Im Moment denke ich, dass er keine Gefahr für jemanden darstellt.“
„Nur für dich selbst…“, murmelte Alex besorgt.
„Darum haben wir uns nicht zu kümmern.“, entgegnete Friedo schroff.
Alex schüttelte den Kopf. Es war ihm anzusehen, wie er mit sich kämpfte. „Ja, du hast recht.“
Hana war fassungslos. Er wollte Izzy einfach so laufen lassen?
„Komm Hana, ich denke, Izzy wird von allein zurückkommen.“, sagte Alex.
„Moment mal!“, protestierte Hana. „Warum sind wir denn überhaupt hergekommen? Sollten wir ihn nicht abholen?!“
„Das wäre für den Fall gewesen, dass Izzy noch eine Gefahr für andere gewesen wäre. Aber das sehe ich im Moment nicht.“, erklärte Friedo bedachtsam.
„Wie könnt ihr nur so kalt sein.“, flüsterte Hana und sprintete los.
„Hana, warte!“, brüllte Alex.
Doch Hana hörte nicht. Sie rannte immer weiter, in die Richtung, in die Izzy gelaufen war, in der Hoffnung, ihn wiederzufinden.
Sie flog über die grüne Hügellandschaft. Zwischendurch drehte sie sich um, um zu schauen, ob Alex ihr folgte. Doch er tat es nicht. Vielleicht war er tief im Innern froh, dass, wenn schon nicht er selbst, jemand anderes ihm folgte. Der Wind rauschte an Hanas Ohren vorbei und ihre Augen suchten die endlose Weite nach dem Schattengeist ab. Er war weit und breit nicht zu sehen. Allmählich war Hana doch außer Atem und sie überlegte schon, die Suche aufzugeben und wieder umzukehren. Aber sie konnte Izzy nicht alleine lassen. Nicht jetzt. Nicht in diesem Zustand.
Da erblickte sie vor sich einen See. Dieser war etwas kleiner als der See der Blume des Lebens und hatte nicht diese perfekte Kreisform. Vereinzelte Büsche und Bäume säumten sein Ufer und hingen ins klare Wasser.
Hana blieb stehen.
Im Schatten eines Baumes, den Rücken zu ihr gewandt, saß Izzy. Er hatte dieselbe Haltung wie in der Nacht, als Hana von ihrem Albtraum aufgewacht war und ihn beobachtet hatte. Der Schneidersitz, nach vorn gebeugt, die Arme auf die Beine gestemmt. Vermutlich hatte er auch seinen Finger wieder nachdenklich auf seine Lippen gelegt.
Mit langsamen, leisen Schritten näherte Hana sich dem Schattengeist. Dann ließ sie sich vorsichtig neben ihm nieder.
Er beachtete sie nicht. Mittlerweile hatte er wieder eine starre, emotionslose Miene aufgesetzt und blickte über den weiten ruhenden See. Es war, als hätte er die Stille des Wassers in sich aufgesogen und wäre eins mit ihr geworden. Er war wie verwandelt.
Hana schielte stumm zu ihm herüber. Unter den frischen Wunden auf seinen Armen entdeckte sie dicke, alte Narben. Es war also nicht das erste Mal. Sie hatte das Gefühl, dass die Verletzungen ihr mehr wehtaten als Izzy selbst.
„Warum tust du dir das an?“, hörte Hana sich fragen. Die ganze Zeit hatte sie überlegt, ob es besser wäre, zu schweigen. Nun waren ihr die Worte zögerlich über die Lippen gekommen.
Izzy ließ die Arme sinken und schaute auf sie hinab, als würde er erst jetzt selbst sie Schnitte bemerken. Dann drehte er seinen Kopf in die entgegengesetzte Richtung von Hana, sodass sie nicht einmal mehr teilweise sein Gesicht erkennen konnte.
Enttäuscht sah auch Hana weg. Vielleicht hätte sie ihm doch nicht folgen sollen. Hatte sie etwa gedacht, sie könnte ihm helfen? Hatte sie wirklich geglaubt, er würde mit ihr reden? Geglaubt hatte sie es nicht. Aber sie hatte es gehofft. Und nun saß sie hier und wusste nicht, was sie tun sollte. Aber sie wollte auch nicht einfach wieder aufstehen und gehen.
„Es holt mich wieder zurück.“
Hanas Augen wurden groß. Ungläubig blickte sie wieder zu Izzy. Hatte er das gerade gesagt? Hatte er ihr wirklich geantwortet?
Er hatte sein Gesicht mittlerweile zurück zum schimmernden Wasser des Sees gerichtet. Sein Ausdruck war unverändert kühl und ernst.
„Ich habe das Gefühl, dadurch wieder ‚normal‘ zu werden. Ich spüre wieder, was ich tue.“, sagte Izzy mit ruhiger, rauer Stimme.
Hana merkte, dass sie ihn schon eine Weile mit offenstehendem Mund anglotzte, weniger wegen seiner Antwort selbst, sondern aufgrund der Tatsache, dass er zu ihr sprach.
„Ach, dieser verdammte Mistkerl!“, fluchte Izzy plötzlich.
„Friedo?“, fragte Hana leise.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich dafür noch nicht bereit bin. Ich hab gewusst, dass das nicht gut gehen würde. Aber er wollte es ja unbedingt drauf ankommen lassen!“
„Was ist denn überhaupt passiert?“
Izzy verfiel eine Weile in nachdenkliches Schweigen und Hana befürchtete schon, er würde es sich anders überlegen und wieder aufhören zu reden.
„Dass ich ein Schattengeist bin, hast du ja höchstwahrscheinlich schon mitbekommen.“, erzählte er dann aber weiter, ohne Hana anzuschauen. „Dass ich hier sein kann, habe ich allein Meister Aaron zu verdanken. Er hat mich nach meiner Ankunft mit einem Zauber belegt, der es mir ermöglicht, meine Energie zu kontrollieren. Die Energien von Schutz- und Schattengeistern unterscheiden sich nämlich wesentlich voneinander. Während ihr Schutzgeister stets von einem gleichmäßig fließenden Energiestrom erfüllt seid, den ihr bei Bedarf bündeln und gezielt einsetzen könnt, tobt die Energie in uns Schattengeistern wie ein gewaltiger Sturm und wenn wir etwas zerstören können, dann zerstören wir es. Instinktiv. Unkontrolliert. Wenn du dich dagegen wehrst, es zu tun, dann ist es, als würde sich deine eigene Kraft mit Stacheln gegen dich richten, bis dein ganzer Körper brennt und du es nicht mehr aushältst und aufgibst und doch weitermachst zu zerstören und zu verletzen. Ohne diesen Zauber würde ich es nicht schaffen, längere Zeit hier zu sein. Aber ich muss vorsichtig sein. Ich kann nur einen Teil meiner Kraft verwenden, weil der Zauber ihr sonst nicht standhält. Und sobald das geschieht, überkommt mich die gesamte Wucht meiner Energie, die der Zauber bisher unterdrückt hat.“
Hana versuchte es sich vorzustellen und bekam eine Gänsehaut.
„Als würdest du in Flammen stehen und dein einziger Gedanke ist: Ich muss töten, ich muss sie alle umbringen, um diesem Wahnsinn zu entkommen!“ Izzy starrte immer noch aufs Wasser mit gespenstisch leerem Blick.
Unwillkürlich zog Hana die Beine an den Körper, um sich kleiner zu machen und vor einer Gefahr zu verstecken, die allein in ihrem Kopf Gestalt annahm.
„Friedo will, dass ich es ohne den Zauber schaffe.“
„Wie soll das gehen?“, fragte Hana.
Izzy senkte den Kopf und seine Augen wirkten nicht mehr so stumpf wie vorher, als wäre er aus einer fernen Welt zurückgekehrt. „Wenn ich das wüsste, säßen wir beide wohl jetzt nicht hier. Er meinte, ich solle versuchen, das Gefühl, das ich habe, wenn ich die vom Zauber abgedeckte Energie verwende, auf meine gesamte Energie zu übertragen. Wie genau das gehen soll, weiß er wohl selbst nicht. Wie auch? Er ist ja kein Schattengeist. Jedenfalls habe ich es versucht. Aber sobald ich meine eigene Energie anzapfe…“ Er beendete den Satz nicht. Den Rest kannte Hana.
Das Mädchen versuchte herauszufinden, was er fühlte. War er traurig, enttäuscht oder einfach wütend? Sie versuchte, es in seiner Stimme zu hören, von seinem Gesicht abzulesen – aber da war nichts.
„Wie war das, als ihr mich hierhergebracht habt?“, wollte Hana wissen. „Hat dich das nicht auch relativ viel Energie gekostet?“
Zum ersten Mal seit sie am See saßen, sah Izzy Hana an, auf diese durchdringende Weise, wie er es seit ihrer ersten Begegnung immer getan hatte. Doch mittlerweile wurde ihr dabei nicht mehr so unbehaglich zu Mute wie zu Anfang.
„Ja, hat es.“, antwortete Izzy. „Und ich habe zwischendurch auch schon befürchtet, dass ich es nicht schaffe. Aber der Gedanke daran, wofür ich das tue, hat mir irgendwie geholfen. Es war der Moment, für den ich so lange gekämpft hatte. Und ich war es dir schuldig, dich zu befreien.“
Hana spürte, wie ihre Wangen anfingen zu glühen. „Warum schuldig?“
„Weil ich deine Verbannung damals nicht verhindert habe.“
Hana wusste nicht, ob es ein schlechtes Gewissen war, das ihn dazu verleitete, ihr nicht länger in die Augen zu schauen, sondern seinen Blick wieder in die Ferne gleiten zu lassen.
„Aber du bist ein Schattengeist.“, merkte Hana an. „Warum hättest du sie verhindern sollen?“
Izzy ballte die Hände zu Fäusten und zog die Augenbrauen weiter zusammen. „Weil ich das Schattenreich und die Schattengeister hasse, ebenso wie ich es verabscheue, ein Teil von ihnen zu sein. Und du bist die einzige, die das alles beenden kann. Deswegen hätte ich es verhindern müssen. Aber ich war zu schwach.“
Hana konnte den Hass, der in Izzy brodelte, spüren. Die Luft um ihn herum war von beklemmender Spannung erfüllt.
„Ich war dabei, als es geschehen ist. Ich war direkt neben dir.“, fuhr Izzy fort. „Seit ich denken kann, ging es immer nur um diesen einen Tag. Den Tag, an dem wir angreifen würden, bewaffnet mit dem Amulett des Wassers, um dich an einen menschlichen Körper zu fesseln und deine verkommene Seele schließlich in der Hölle einzukerkern. Und nicht die erfahrensten Schattengeister sollten die Verbannung ausführen, sondern zwei von uns, die erst kurz davor waren, ihre Ausbildung abzuschließen. Ich wurde natürlich nicht dazu auserwählt, worüber ich recht froh war. Erstens war ich der Schlechteste von uns, eine absolute Niete was das Kämpfen anging. Und außerdem war allen bekannt, dass ich den Interessen der Schattengeister nicht gerade wohlgesinnt gegenüberstand.“
„Die anderen wussten davon?“, wunderte Hana sich.
„Ich würde eher sagen, sie hatten eine Ahnung. Ich wusste selbst noch nicht genau, was ich von unserem Dasein halten sollte.“, korrigierte Izzy. „Trotzdem wurde ich dazu eingeteilt, den beiden den Rücken freizuhalten. Ich war also dennoch eng in den Plan eingebunden. Ich bekam alles von ihrem Vorhaben mit. Wie sie dich auf den Hügel neben der Siedlung locken wollten, um dich dort zu überfallen, wie sie den Überraschungsmoment ausnutzen und die Kraft des Amuletts auslösen wollten. Und zugegeben, anfangs dachte ich noch daran, in ihrem Plan einfach zu funktionieren. Aber dann bin ich dir auf der Erde begegnet. Beinahe hättest du mich bei meiner Arbeit als Schattengeist erwischt. Ich Schwächling habe mich versteckt. Wahrscheinlich hättest du mich sonst einfach umgebracht. Und dann habe ich gesehen, wie du dieses Mädchen, das ich über Monate hinweg kaputtgemacht hatte, geheilt hast. Niemals zuvor hatte ich einen Schutzgeist beobachtet. Es hat mich fasziniert und erst da ist mir vollkommen bewusst geworden, was wir Schattengeister anrichten. Und ich wusste, dass das aufhören musste und wir dich deswegen nicht verbannen durften.“
Als Izzy davon erzählte, dass er sie beobachtet hatte, kam Hana ihre Erinnerung vom Vortag in den Sinn, in der sie einem Mädchen geholfen und plötzlich das Gefühl gehabt hatte, das noch jemand anderes in der Nähe war. Konnte es sein, dass er das gewesen war?
„Und was hast du dann gemacht?“
„Ich habe abgewartet bis zum Tag des Angriffs, immer mit dem Gedanken, dass ich sie aufhalten musste. Doch im Kampf war ich geradezu überfordert damit, die Schutzgeister, die auf mich einstürmten, abzuwehren. Ich habe kaum mitbekommen, wie du überhaupt auf den Berg gekommen bist und sie dich ohnmächtig geschlagen haben. Erst als Dave, einer der beiden zuständigen Schutzgeister, das Amulett in die Höhe hob, hab ich umgeschaltet. Ich habe mich zu ihm durchgeschlagen, bin gerannt wie ein Besessener, um ihm das Amulett aus der Hand zu reißen. Aber als hätte ich eine Chance gegen ihn gehabt! Gegen sie beide! Ich wollte weglaufen und mit dem Amulett verschwinden, aber Dave brauchte noch nicht einmal einen Finger zu krümmen, um mich mit seiner Magie zu lähmen. Ich fiel einfach zu Boden und konnte diesen verflixten Zauber nicht lösen. Er nahm das Amulett aus meinen steifen Fingern und vollzog mit Jonas die Verbannung. Und ich lag da wie der letzte Vollidiot und konnte nur zuschauen.“
Hana merkte, dass ihr wieder die Kinnlade runtergeklappt war. Izzys Mut beeindruckte sie und die Geschichte, die er ihr erzählte, war für sie unglaublich.
„Aber du hast es versucht. Du warst kein Vollidiot.“, versuchte Hana Izzys Härte gegen sich selbst zu mildern.
Izzy schwieg. Vermutlich würde es schwer werden und mehr Zeit kosten, ihn davon zu überzeugen.
„Und wie ist es dann weitergegangen?“, fragte Hana ihn weiter aus. Sie wollte nicht, dass das Gespräch endete. Viel zu gerne wollte sie erfahren, wie er es geschafft hatte, mit den Amuletten ins Himmelreich zu gelangen.
„Warum interessiert dich das alles?“, wollte Izzy wissen.
Sofort schämte Hana sich für ihre Neugier. „Du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst.“
„Doch, doch, ich bin es nur nicht gewohnt, dass sich jemand für meine Geschichte interessiert.“
Diese Situation kannte Hana nur zu gut.
„Die Zeit danach war ziemlich anstrengend.“, erzählte Izzy. „Ich hatte mich noch nie gut mit Dave verstanden, aber nach der Aktion mit dem Amulett hatte er es endgültig auf mich abgesehen und keine Gelegenheit ausgelassen, um mich fertigzumachen. Umso wütender hat mich meine Wehrlosigkeit gemacht und ich fing an zu trainieren, wann immer ich konnte. Ich wollte stärker werden. Stärker als alle anderen, stark genug, um dich zurückzuholen, stärker als Viktor. Es gab niemanden mehr, der an mich geglaubt hat. Meine Lehrer hatten schon längst die Hoffnung aufgegeben, dass aus mir noch ein kraftvoller Schattengeist werden würde. Aber ich musste es schaffen!“
In seinen Worten schwang so viel Energie und Nachdruck mit, dass Hana schon wieder vollkommen gefesselt war.
„Und irgendwann, als ich mal wieder außerhalb der Schule am üben war, hat Viktor mich gesehen. Und ausgerechnet er, der mächtigste Schattengeist, der existiert, hat in mir Potential entdeckt. Er kam zu mir und sagte: ‚Ich möchte, dass du in meinem Schloss lernst. All mein Wissen soll dir offen stehen. Du bist der fleißigste Schattengeist, dem ich je begegnet bin und du sollst derjenige werden, der das Himmelreich voll und ganz auslöscht‘. “
„Aber das war doch das Letzte, was du wolltest.“
„Nein“, widersprach Izzy. „Das war das absolut Genialste, was mir passieren konnte.“
Hana sah ihn verständnislos an.
„Ich zog in sein Schloss. Ich hatte Zugang zu seiner riesigen Bibliothek, die mit den ältesten und besten Werken rund um die schwarze Magie gefüllt war. Und ich war in unmittelbarer Nähe zu den Amuletten. Also begann ich, jeden Tag, jede Nacht die Bücher der Bibliothek zu studieren. Ich übte mich in der Kunst der schwarzen Magie und befolgte jeden Auftrag meines Meisters. Ich gab den perfekten Handlanger und er vertraute mir. Alles, was er plante, jeden seiner Gedanken wusste auch ich. Und damit wusste ich auch, wann er den nächsten Angriff auf das Himmelreich starten wollte, der es für immer zerstören sollte. Ich übte und lernte, schlief nachts über den Büchern ein. Den ganzen Tag verbrachte ich nur in der Bibliothek. Und Viktor dachte stets, ich würde das tun, um ihn bei der Erfüllung seiner Pläne zu unterstützen. Aber mein einziges Ziel war es, stark genug zu werden, um eines Tages ihm gegenübertreten zu können. Dann kam die Nacht vor dem großen Angriff. Viktor verließ das Schloss, um die letzten Anweisungen zu erteilen. Und ich stahl mich unbemerkt in sein Gemach. In der Schublade seines Nachtschranks versteckte er eine Schatulle. Ich wusste, dass sich darin die Amulette befanden. Zwar war mit mehreren Zaubern versiegelt, aber mit dem Wissen, das ich mir in der Zwischenzeit angeeignet hatte, war es ein Leichtes für mich, diese zu brechen. Also entnahm ich die Amulette und schlich mich aus dem Schloss.“
„Und dann bist du ins Himmelreich gekommen.“, setzte Hana fort.
Izzy nickte. „Richtig. Und ich habe inständig gehofft, dass sie mich hier nicht umbringen würden. Ich denke, ich habe viel Glück gehabt. Wenn ich ihnen gleich zu Beginn die Amulette zeige, dachte ich, würden sie merken, dass ich auf ihrer Seite bin.“
„Scheint geklappt zu haben. Und sind die Schattengeister trotzdem noch in das Himmelreich eingefallen?“
„Natürlich. Wie geplant sind sie am darauffolgenden Tag gekommen. Da ich die Schutzgeister gewarnt hatte, waren sie für die kurze Zeit, die ihnen geblieben war, aber relativ gut vorbereitet. Wir konnten sie in die Flucht schlagen. Und zwei Tage später durfte ich dann trotz der Verwüstung hier mit Alex, Mai, Vanny und Mike losziehen, um dich zu suchen.“
„Du musst ein sehr starker Schattengeist geworden sein.“ Mittlerweile blickte Hana wie Izzy auf das beruhigende Wasser. Ein sanfter Windhauch strich ihr durchs Haar.
„Vielleicht.“, sagte Izzy. „Wenn ich gerade nur nicht so eingeschränkt wäre. Deshalb muss ich es unbedingt schaffen, meine Kräfte vollkommen zu kontrollieren.“
„Du hast schon so viel geschafft, solltest du darauf nicht erst einmal stolz sein, bevor du schon wieder die nächste Hürde in Angriff nimmst?“, bedachte Hana.
„Solange Viktor nicht besiegt ist, habe ich nichts geschafft. Und auch wenn du da bist, brauche ich meine gesamte Kraft, um das Schattenreich aufzulösen.“
Einerseits fand Hana es schade, dass Izzy seine bisherigen Erfolge nicht beachtete, andererseits faszinierte sie sein Ehrgeiz.
„Was passiert eigentlich mit den Schattengeistern, wenn Viktor besiegt ist und das Schattenreich zerfällt?“, fragte Hana vorsichtig.
Eine kleine Pause entstand.
„Sie kommen in die Hölle.“
Hana spürte, wie ihre Glieder erstarrten. Izzy hatte es ihr mit monotoner Stimme gesagt, so als hätte er sich schon längst damit abgefunden.
„Aber… alle?“ Hana hoffte auf eine beruhigende Antwort.
„Alle. Ausnahmslos. Ein anderes Ende haben wir nicht verdient. Wir werden im Feuer geboren und werden im Feuer untergehen.“
„Aber du…“
„Hana“, unterbrach Izzy sie und schaute sie direkt an. „Auch ich habe bereits Menschen und Schutzgeister getötet.“
Das erste Mal drückte Izzys Gesicht nicht pure Gleichgültigkeit aus. Hana glaubte, tief in seinen Augen eine Spur von Schmerz zu erkennen.
„Aber du bist anders. Du hast einen anderen Weg eingeschlagen. Und egal wie viel Kraft es dich kostet, du willst ihn bis zum Ende gehen. Das kann doch nicht völlig unwichtig sein?“, erhoffte sich Hana.
„Mach dir nichts draus. Das ist schon in Ordnung. Am Ende dieses furchtbaren Kampfes wird kein Schattengeist mehr existieren. Auch ich nicht. Was auch immer ich mache, ich bin und bleibe ein Monster. Aber wenigstens habe ich dann alles für das Wohl der Menschheit getan, was ich tun konnte.“
Hana starrte auf ihre Hände. Das konnte nicht wahr sein! Das durfte nicht passieren! Izzy durfte nicht sterben! Gab es denn keine andere Möglichkeit?
„Du bist kein Monster.“, flüsterte sie betrübt.
„Und ob ich ein Monster bin. Sonst würden mich die Schutzgeister nicht so verachten.“, wandte Izzy ein.
„Sie haben einfach keine Ahnung! Sie kennen dich nicht. Und du lässt ja auch niemanden an dich ran.“ Der letzte Satz klang vorwurfsvoller, als Hana es beabsichtigt hatte. „Vielleicht aus Angst, du könntest jemanden verletzen.“, fügte sie etwas sanfter hinzu.
Izzy antwortete nicht, sondern schaute einfach nur wieder weg.
Hatte sie etwa recht? Und plötzlich fragte Hana sich, ob Izzy überhaupt schon einmal jemandem so viel erzählt hatte wie ihr gerade.
„Vielleicht weiß ich ein bisschen, wie es ist, sich wie ein Monster zu fühlen.“ Sie spürte, dass Izzy aufhorchte. „Als ich fünf Jahre alt war – also als Mensch, meine ich – ist mein Vater bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich saß mit im Auto. Und ich habe im Gegensatz zu meinem Vater beinahe unverletzt überlebt. Jede normale Mutter wäre vielleicht froh gewesen, wenigstens ihre Tochter noch lebendig in die Arme schließen zu können. Aber nicht meine. Sie hat mir die Schuld am Unfall gegeben. Sie hat mich gehasst. Dabei war ich noch ein kleines Kind gewesen. Wie hätte ich Schuld haben können? Doch irgendwann habe ich ihr geglaubt und selbst gedacht, ich sei ein Monster, ein Unglücksbringer. Ich weiß, ich hatte keine Schuld. Und auch du hast keine Schuld, weil du als Schattengeist geboren wurdest. Es gehört zu deinem Leben und du bist bloß deiner eigentlichen Bestimmung gefolgt. Und trotzdem fühlt es sich so schrecklich an. Vielleicht ist es ein ganz blöder Vergleich, aber…“ Sie versuchte zu erkennen, was Izzy von ihrer Rede hielt.
Er saß nur mit gesenktem Kopf da und schien nachzudenken. Dann plötzlich stand er auf. „Danke, Hana.“, sagte er. „Und es tut mir leid, dass ich all das, was dir widerfahren ist, nicht verhindern konnte.“
„Du bist wohl der Letzte, der sich dafür entschuldigen muss. Und außerdem habe ich mich zu bedanken!“, entgegnete Hana.
Izzy sah sie nochmals für lange Zeit an. Hana wusste nicht, wie sie das deuten sollte. Zu gerne hätte sie seine Gedanken erfahren.
„Du hast keine Angst vor mir, oder?“, fragte er.
Die Frage überraschte Hana. Sie dachte nach. Bis vor Kurzem war sie sich noch sicher gewesen, dass Izzy der gruseligste Typ war, dem sie je begegnet war. Doch während der letzten Stunde hatte sich das schlagartig geändert. Das, was er ihr erzählt hatte, hatte sie berührt und von seiner Gutmütigkeit überzeugt.
„Nein“, antwortete Hana nach einer Weile. „Ich habe keine Angst vor dir.“
Einen Moment lang blieb Izzy bewegungslos stehen. Seine Anspannung schien sich ein wenig gelegt zu haben. Weiterhin zog der stille See einen ziemlich großen Teil seiner Aufmerksamkeit auf sich.
„Gut.“, sagte er dann, drehte sich um und entfernte sich ohne ein Abschiedswort von Hana.
„Warte!“, rief Hana.
Izzy blieb stehen, ohne sich ihr zuzuwenden.
„Ähm… Du solltest dir das noch verbinden lassen.“, sagte sie und zeigte auf seine Arme, auch wenn er das nicht sehen konnte.
„Führ dich nicht auf, als wärst du meine Mutter. Ich brauch niemanden, der sich um mich kümmert.“, gab Izzy rüde zurück und ging dann weiter.
Aus irgendeinem Grund war Hana sich sicher, dass er trotzdem auf sie hören würde.