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Hana - Das Amulett des Feuers

von

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Die Blume des Lebens

Ein weiterer Tag war angebrochen. Alex und Hana saßen am Tisch und knabberten an den Schokokeksen.

Mai war seit dem vorigen Abend mal wieder im Hospital und Izzy saß auf seiner Matte, vertieft in ein Buch.

„Die schmecken echt gut.“, merkte Alex an. Er nahm die Schale und drehte sich zu Izzy um. „Auch ein Stück?“

Izzy blickte von seinem Buch auf und sah Alex mit solch einem finsteren Blick an, dass es Hana das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Bleib mir bloß vom Leib mit dem Zeug!“, murrte er und widmete sich dann wieder seiner Lektüre.

Alex zuckte mit den Achseln und wandte sich wieder zu Hana. „Dann halt nicht.“ Er stellte die Kekse zurück auf den Tisch und stand auf. „Na ja, ich muss dann mal los. Izzy, vergiss dein Training nicht. Und Hana, danke für die Kekse.“

Am frühen Morgen hatte er einen Auftrag bekommen. Die Schutzgeister auf der Erde brauchten Unterstützung.

„Bedank dich bei Meister Aaron. Pass gut auf dich auf!“ Hana winkte Alex zu, bis dieser das Haus verlassen hatte.

Nun saß sie allein am Tisch. Izzy würdigte sie keines Blickes. Kurz überlegte sie, ob sie versuchen sollte, ein Gespräch anzufangen. Doch als sie eine Weile seine hochkonzentrierte Miene beobachtete, entschied sie sich dagegen. Wahrscheinlich würde er sie nur dafür hassen, dass sie ihn beim Lesen störte.

Plötzlich bekam sie höllische Kopfschmerzen. Augenblicklich formten sich wieder fremde Bilder in ihrem Kopf.

Sie befand sich in einem Schlafzimmer. Es war nicht ihres. Vor ihr saß ein junges Mädchen auf einem alten roten Sofa und weinte. Hana beugte sich zu ihr herüber und berührte mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger die Stirn des Mädchens. Unter ihren Fingerkuppen erstrahlte ein sanftes blaues Licht. Das Schluchzen des Mädchens wurde leiser. Zuerst atmete sie noch unregelmäßig und zitterte am ganzen Körper. Doch nach und nach wurde sie immer ruhiger. Hana konnte ihr die Traurigkeit nicht nehmen, aber für den Moment würde das Mädchen etwas entspannter sein.

Da spürte sie die Anwesenheit einer dritten Person im Rücken. Sie schnellte herum.

Doch da war nur ein großes offenstehendes Fenster. Eine kühlte nächtliche Brise zerrte an den Gardinen, die immer wieder gegen die Scheiben schlugen. Aber ansonsten war dort nichts. Dabei war Hana sich sicher, dass jemand da gewesen war…

Die Erinnerungen schwanden aus Hanas Kopf.

Im nächsten Moment wurde die Tür aufgerissen und Mai platzte herein. Hana war ihr sehr dankbar dafür, so war sie nicht mehr allein mit Izzy.

„Hana! Hast du Lust, mit mir Kräutersammeln zu gehen?“, fragte Mai mit einem Leuchten in den Augen, das Hana nicht erlaubte, nein zu sagen.

„Ähm, okay.“ Hana sah zu Izzy, um zu prüfen, ob er irgendeine Regung zeigte. Nichts. Wie konnte jemand nur so desinteressiert und ignorant sein?

Dann folgte sie Mai, die so schnell wie sie gekommen, auch schon wieder verschwunden war.
 

Mai eilte durch den Wald, sodass Hana kaum hinter ihr herkam.

„Wo müssen wir eigentlich hin?“, wollte Hana wissen.

„Zum großen See.“, antwortete Mai, ohne sich umzudrehen.

Das sagte Hana nicht viel. Bisher hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass hier überhaupt ein See existierte.

Im Takt ihrer Schritte schwang Mai einen großen Binsenkorb in ihrer rechten Hand hin und her. Tatsächlich machte sie nicht viele Schritte und dennoch war sie wahnsinnig schnell.

Auch wenn Hana nicht mit ihr mithalten konnte, fühlte sie sich schneller als gewöhnlich. Die Leichtigkeit, die ihr gleich nach ihrem ersten Erwachen im Himmelreich aufgefallen war, war nicht verschwunden. Bei jedem Schritt schien sie kaum den Boden zu berühren und jede Bewegung war so viel einfacher, als sie als Mensch gewesen war.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Hana das Ende des Waldes erblicken konnte. Hinter den dicken knorrigen Stämmen setzte sich die grünflächige Landschaft fort und Wasser glitzerte im Sonnenschein.

Ergriffen von Neugier stürzte sie Mai hinterher und hatte nun beinahe dasselbe Tempo. Nachdem sie die Bäume hinter sich gelassen hatte, blieb sie stehen und sah sich bewundernd um.

Als Mai merkte, dass Hana ihr nicht mehr folgte, hielt sie ebenfalls an und ließ Hana Zeit, die neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen.

Der See, der vor ihnen lag, war unnatürlich rund, als hätte Gott einen gigantischen Kreis aus dem Boden gestanzt und mit Wasser gefüllt. Doch das Sonderbarste an dem See war die riesige rosarote Seerose, die exakt in der Mitte schwamm und dicke, fleischige, dunkelgrüne Ranken von sich streckte, die den gesamten See überquerten und sich schließlich am Ufer in den Boden rammten. Jede dieser Ranken war mit Knospen besetzt, die sich teilweise schon zu wunderschönen ebenfalls rosaroten Blüten geöffnet hatten. Die Farbe der Seerose war so kraftvoll, dass sie von sich aus zu leuchten schien und Hana glaubte, dass aus ihrem Inneren tatsächlich Licht gen Himmel drang.

Hana beobachtete, wie eine blaue Lichtkugel aus einer vollkommen geöffneten Blüte aufstieg und weit oben schließlich erlosch.

„Was war das?“, fragte sie Mai.

„Komm mit! Ich erzähle es dir, während wir Kräuter sammeln.“

Mai führte sie näher an den See heran. An einer der Stellen, wo sich eine Ranke im Boden festkrallte, ließen sie sich nieder. Die Ranke war umgeben von kleinen dunkelblauen Pflanzen. Sie sahen fast aus wie vierblättrige Kleeblätter, bis auf die Farbe und die Blätter, die spitz zuliefen. Die Mädchen begannen, das Kraut zu pflücken und in den Korb zu legen.

„Das sind die wichtigsten Heilkräuter überhaupt.“, erklärte Mai. „Sie helfen bei allen Verletzungen. Vermischt mit etwas Wasser aus diesem See hier ergeben sie eine wahre Wundersalbe. Oder du trinkst sie als Tee, sehr lecker!“

Hana sah immer wieder zu der faszinierenden Seerose auf dem Wasser hinüber. Hier spürte sie dasselbe Pulsieren in der Luft, wie es ihr schon im Palast des Meisters aufgefallen war, jedoch kam es ihr diesmal nicht mehr so bedrohlich vor.

„Das ist die Blume des Lebens.“, erzählte Mai. „Hier werden alle Schutz- und Heilgeister geboren.“

„Sie werden hier geboren?“

„Genau. Der Lichtball, den du vorhin beobachtet hast, das war ein neugeborener Geist.“

„Aber er ist verschwunden!“, sagte Hana erschrocken.

Doch Mai lächelte. „Ja, aber keine Angst, das ist ganz normal. Er ist in eine Art Neugeborenenheim gekommen. Alle Geister kommen nach ihrer Geburt dorthin. Da warten Heilgeister auf sie, die sich die ersten Tage um sie kümmern und dann werden sie eine der Hütten in der Siedlung zugewiesen. Nach ein paar Wochen beginnen sie dann mit ihrer Ausbildung zum Schutz- oder Heilgeist.“

„So schnell beginnen sie ihre Ausbildung?“, fragte Hana verblüfft.

„Ja. Du musst wissen, Geister werden sehr schnell erwachsen. Viel schneller als Menschen. Nach den paar Tagen im Neugeborenenheim sind sie bereits wie ein etwa dreijähriges menschliches Kleinkind. Der Beginn ihrer Ausbildung ist wie der Beginn der Grundschule. Und nach drei Jahren Ausbildung sind sie erwachsen und bereit, zu kämpfen und zu heilen, und zwar all die vielen Jahrhunderte lang, die sie leben.“

Das fand Hana kaum vorstellbar. Es war so anders, als das, was sie bisher gekannt hatte. Und hatte Mai gerade gesagt, dass sie mehrere Jahrhunderte lang leben würde?

„Wie funktioniert das?“ Hana deute mit einer Kopfbewegung zur Seerose. „Wie entstehen Geister?“

Mai sprach weiter, ohne von ihren Händen, die fleißig Kräuter aus dem Boden zupften, aufzusehen. „Die Blume des Lebens ist der Ursprung unserer Energie, der Energie der Pflanzen, der Energie von allem hier. Die Kraft, die diese Blume in sich birgt, kannst du dir nicht vorstellen. In der Rose selbst ist sie am stärksten. Aber sie fließt auch durch alle Ranken. Irgendwann bilden sich dort diese kleinen Knospen. Ganz langsam reifen sie heran. Es dauert einige hundert Jahre, bis die kleinen Blumen in voller Blüte stehen. In dieser Zeit wächst im Innern der Blumen ein junger Geist heran. Und dann, sobald sie sich öffnet, schwebt der Geist in Form eines hellen Lichts hinaus und den Rest kennst du ja.“

Hana versuchte sich bewusst zu machen, dass in jeder der Knospen neben ihr gerade ein kleiner Geist heranwuchs. Es war ein unfassbar schönes, belebendes Gefühl, an diesem Ort des Neuanfangs zu sein. „Also entsteht jeder Schutz- und Heilgeist in einer dieser kleinen wundervollen Blumen…“

„Fast jeder.“, betonte Mai. „Es gibt einen einzigen, der sich nicht mit einer kleinen Blume zufrieden gegeben hat.“ Sie sah Hana verheißungsvoll an. „Was meinst du, was dich zu einem so mächtigen und wichtigen Schutzgeist macht?“

„Ich weiß es nicht.“, sagte Hana kleinlaut.

„Du wurdest inmitten der Blume des Lebens geboren. Es heißt, je näher sich die Geburtsblüte an der Blume des Lebens befindet, desto mehr Kraft bekommt der Geist. Umgekehrt gilt, je weiter weg von der Blume des Lebens er geboren wird, desto schwächer wird er sein. Nun, ich denke, näher dran als du kann man nicht geboren werden.“

Sobald sie keine Kräuter mehr entdecken konnten, machten sie sich auf zur nächsten Ranke, an der es wieder nur so von dunkelblauen Blättern wimmelte.

„Alle sagen mir, ich sei so stark. Aber ich fühle mich nicht so.“, sagte Hana nach einer Weile traurig. „Ich meine, was kann ich denn schon? Vielleicht ist es wahr und ich habe Unmengen an Kraft in mir, aber ich weiß nicht im Geringsten, wie ich sie nutzen kann.“

„Das kommt noch. Meintest du nicht gestern, dass du ab morgen Unterricht bei Friedo hast? Er soll der beste Lehrer sein, den ein Schutzgeist sich wünschen kann. Und zweifle nicht daran, dass du die Kraft in dir trägst. Ach, Alex könnte dir eine Menge lustiger Geschichten aus eurer Kindheit erzählen. Du hattest oft wirklich Probleme, deine Energie im Zaum zu halten. Alex hat mir mal erzählt, dass du bei dem Versuch, das Wasser in dem See hier mit Magie in Bewegung zu versetzen, das ganze Umland überschwemmt hast. Das spricht schon für sich.“ Mai lachte auf.

Auch Hana musste bei dieser Vorstellung grinsen. Zu gerne hätte sie eigene Erinnerungen an diese Zeit gehabt.
 

Nachdem sie einige Stunden gesammelt hatten und ihr Korb beinahe bis zum Rand gefüllt war, machten sie sich auf dem Weg zum Hospital, welches nicht weit entfernt im Schutz des Waldes lag.

Sie betraten das längliche Bauwerk. Ein schmaler Gang führte durch das gesamte Gebäude und links und rechts reihten sich Türen aneinander, die vermutlich zu den Krankenzimmern gehörten. Auf dem Gang herrschte reges Treiben. Die Heilgeister hatten anscheinend viel zu tun.

Mai und Hana schlängelten sich zwischen den Beschäftigten hindurch, bis sie am Ende des Ganges, und damit der letzten Tür, angekommen waren.

Der Raum, den sie betraten, erinnerte Hana stark an ein Labor. Drei lange Tische füllten den Raum aus und auf jedem standen Reagenzgläser in dafür vorgesehenen Halterungen und einige Schalen mit Mörser. Außerdem waren Flaschen mit diversen Flüssigkeiten sowie Behälter mit unterschiedlichen Kräutern auf den Tischen verteilt.

Mai stellte den Korb auf dem mittleren Tisch ab und griff nach einem der Kräuterbehältnisse. Sie füllte die frisch gepflückten Kräuter um und verschloss den Behälter wieder gut. „So, das hätten wir. Daraus kann ich morgen neue Heilmittel herstellen. Vielen Dank für deine Hilfe!“

„Da nicht für. Ich hatte ja sonst nichts zu tun.“, entgegnete Hana.

Sie verließen das Hospital wieder. Es war bereits Nachmittag und die Sonne senkte sich allmählich zum Horizont herab. Da begegnete Hana ein bekanntes Gesicht

Mai kam ihr zuvor. „Guten Tag, Dorothea!“

Die alte Dame ging auf die beiden Mädchen zu. „Hallo Mai, hallo Hana!“, lächelte sie. „Wie sieht es im Hospital aus?“

„Nun ja, es gibt viel zu tun.“ Mai sah betreten zu Boden. „Ich habe das Gefühl, die Kämpfe auf der Erde werden immer schlimmer, besonders in den letzten Tagen.“ Sie warf einen kurzen Blick zu Hana herüber.

Hana verstand. Mai meinte, besonders seitdem sie wieder im Himmelreich war. Hanas Rückkehr hatte die Lage verschlimmert.

„Es kommen wieder bessere Zeiten. Wir dürfen nicht verzagen.“, meinte Dorothea aufmunternd und legte Mai eine Hand auf die Schulter.

Dann wandte sie sich an Hana. „Gut, dass ich dich treffe, liebe Hana.“ Sie öffnete ein kleines Säckchen, das sie an ihrem Handgelenk baumelnd mit sich trug. Dann griff sie hinein und zog einen silbernen Ring heraus. „Der ist für dich.“

Hana nahm den Ring verwundert entgegen. Er war schmal und etwas zerkratzt und mit einer fünfblättrigen stählernen Blume besetzt, die genauso aussah wie die Stickereien auf dem Gewand des Meisters und in der Mitte einen kleinen blauen Edelstein trug.

„Ich habe ihn früher während meiner Ausbildung von meiner Lehrerin bekommen. Er hat mir sehr geholfen, immer wieder an meine Stärken zu glauben. Du weißt, die Blume ist bei uns das Symbol der Kraft. Mittlerweile bin ich mir meiner Stärken bewusst und ich denke, dass du ihn momentan mehr brauchst als ich.“ Dorothea nahm Hana den Ring wieder aus der Hand und steckte ihn ihr dafür direkt auf den Finger.

„Danke…“, sagte Hana berührt. Sie betrachtete den im Sonnenlicht schillernden Diamanten.

„Nun, dann werde ich dort drinnen mal etwas aushelfen.“ Dorothea blickte zum Hospital. „Habt noch einen schönen Tag ihr zwei.“

„Vielen Dank! Auf Wiedersehen!“

Mai hob die Arme in die Höhe und streckte sich gähnend. „Jetzt will ich aber nach Hause.“ Mit ihren schwebenden Schritten eilte sie davon, froh darüber, endlich Feierabend zu haben.

Während Hana ihr hinterherlief, konnte sie nicht die Augen von dem glänzenden Ring an ihrem Finger lassen. Es kam ihr albern vor, aber seit sie ihn trug, fühlte sie sich wirklich stärker. Und je länger sie ihn ansah, desto fröhlicher wurde sie.

Sie verließen den Wald näherten sich ihrem Haus, als Alex ihnen plötzlich entgegenstürmte.

„Alex?“, fragte Mai verwirrt. „Solltest du nicht zur Erde?“

Alex blieb vor ihnen stehen. Gestresst wanderte sein Blick zwischen den Mädchen hin und her. „Da war ich auch. Aber ich wurde unerwartet zurückgeholt.“

Mai runzelte die Stirn. „Warum?“

„Friedo hat nach mir verlangt.“

„Was ist passiert? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, meckerte Mai aufgeregt.

Alex trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. „Es geht um Izzy. Ich soll ihn abholen. Es gab beim Training ein paar… Komplikationen.“



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