Wenn der Spendenball beginnt
Die Limousine, die vor dem Haus auf uns wartet, ist riesig und schaukelt ganz schön, als wir losfahren. Keine Ahnung, wie Lovin es schafft, seinen Champagner nicht zu verschütten. Mein Glas ist schon seit der ersten Kurve so gut wie leer, weil es mir ausgekippt ist. Aber das stört mich eigentlich nicht. Das Zeug ist eklig! Ich hatte nach einer Limo gefragt, aber darauf hat Lovin nur verächtlich gelacht.
Als wir endlich den großen Festsaal erreichen, kann ich draußen schon massig Lichter durch die verdunkelten Fensterscheiben sehen. Sogar Spotlights gibt es und ich kann Kameras klicken hören. Vermutlich würden sie sich gleich alle auf Lovin stürzen. Er war hier bei den Menschen ja ein berühmter Sänger, deshalb haben wir auch VIP-Karten.
Unser Wagen hält und Lovin steigt direkt elegant aus der Limousine, während Houx, Saule, Vanilla und ich etwas ungraziler hinterher klettern. Er geht natürlich vor, aber nicht, ohne sich einmal umzudrehen und uns auffordernd anzusehen. Sofort hält Houx Vanilla seinen Arm hin und ich schnappe mir automatisch den von Saule. Niemals hätte ich gedacht, mich irgendwann in so einer Szene wiederzufinden. Früher habe ich mit Houx und Saule im Dreck gespielt und jetzt sind wir hier auf so einem Schicki-Micki-Event.
Ganz durchdacht kommt mir das Ganze auch nicht vor; wie sollen Vanilla und ich Herzen sammeln, wenn wir hier mit zwei Kerlen am Arm aufkreuzen? Aber vielleicht ist das nur jetzt am Anfang so und später würde man uns alleine in die "Schlacht" schicken.
Lovin lächelt strahlend und winkt und verteilt Handküsse und ich wünsche mir wirklich, nicht hier zu sein. Saule stupst mich mit dem Ellbogen und wispert: „Hey, hättest du jemals gedacht, dass wir zusammen auf einen großen Ball gehen?" Ich sehe ihn skeptisch an. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals auf einen Ball gehe.", erwidere ich mit Galgenhumor, aber er lächelt nur. „Du siehst wirklich gut aus." Bilde ich mir das nur ein, oder ist Saule irgendwie komisch? Was weiß ich, von Jungs habe ich doch sowieso keine Ahnung. Das ist das Einzige, was ich sicher weiß.
Der Ballsaal ist riesig und wahnsinnig pompös; ganz Lovins Stil. Überall wird man darauf aufmerksam gemacht, für welchen guten Zweck dieser Ball ausgerichtet wird und es gibt mehrere Kollekten für Spenden. Wahrscheinlich hätte man auch einfach die ganze Deko weglassen können, um dann das gesparte Geld zu spenden. Wäre vermutlich auf das Gleiche hinausgelaufen, nur mit weniger Aufwand.
Wir durchschreiten den Ballsaal und kommen in einen Raum, an dessen Wänden ein riesiges Buffet aufgebaut ist. Daneben unzählige kleine, runde Tische mit aberwitzig viel Besteck und Gläsern. Houx und Saule rücken für Vani und mich die Stühle vor und ich sehe sie irritiert an. Sicher hatten sie mit Lovin noch einen Crash-Kurs für gutes Benehmen gemacht.
Das Essen, das vor dem eigentlich Ball stattfindet, zieht sich hin und immer wieder muss ich mich tadeln lassen, dass ich mich anständig benehmen soll. "Tu dies nicht, tu das nicht, das benutzt man so." Und so weiter. Wirklich ätzend!
Fast zwei Stunden später ist das Essen dann beendet. Die Band spielt fetzigere Nummern und immer mehr Leute erheben sich von den Tischen, um die Tanzfläche zu erobern. Lovin macht sich an seiner Serviette zu schaffen, dann mustert er uns reihum. „So meine Lieben. Ich schlage vor, ihr geht jetzt erst einmal tanzen. Ein, zwei Lieder vielleicht. Und danach sollten Vanilla und Chocola sich auf die Jagd nach Herzen machen." Ich schaue ihn entgeistert an. „Und wie?", fauche ich mit einer Stimme, die meine Überforderung deutlich verrät, doch er rollt nur mit den Augen. „Meine Güte! Flirtet, lernt Leute kennen. Ich kann doch nicht alles für euch machen." Das sagt er so leicht. Ich habe nur mühevoll Hirotos Herz ergattern können, der mir von Anfang an schon zugetan war. Ich habe gar keine Ahnung, wie man eigentlich flirtet. Deshalb hatte ich damals schon reichlich Pisse-Herzen gesammelt. Vanilla fliegt das nur so zu, aber mir? Dabei will ich wirklich das schaffen, was meiner Mutter nicht gelungen war...Allerdings hatte ich keine konkrete Idee, wie...
Wir gehen also zu viert tanzen und ich bin völlig überrascht von meinen beiden Kindergarten-Freunden. Anscheinend haben sie das auch geübt. Ich dagegen habe keine Ahnung, wie man tanzt. Also zumindest nicht, was Paartänze angeht. Ich kann mich auch nur schwer führen lassen, aber irgendwie klappt es trotzdem einigermaßen.
Vanilla und Houx wirbeln neben uns über die Tanzfläche. Ich bin mir sicher, dass ich nicht so anmutig aussehe, wie meine Freundin. Aber was schert mich das. Ich will ja auch nicht Saules Herz... Wieder habe ich das Gefühl, dass er mich so komisch anstarrt. Ich starre zurück und frage: „Ist alles okay?" Er sieht irgendwie ertappt aus. „Ja, klar. Ich denke nur nach. Ist doch eigentlich witzig, dass mein sein eigenes Herz nur an seinesgleichen verlieren sollte." Ich sehe ihn weiter an, ohne eine Ahnung zu haben, worauf dieses Gespräch hinaus laufen soll. „Und meistens verliebt man sich in denjenigen, der einem schon immer nahe stand." Ich stehe total auf dem Schlauch, habe keine Idee, was er meint, aber dennoch breitet sich ein ungutes Gefühl in meiner Magengegend aus. „Wie meinst du das?", frage ich unsicher. „Naja", fährt er fort. „Wir sind schon so lange Freunde und wenn ich später mal heirate, will ich eine Frau, die mich kennt und die nicht so... Tussig ist, weißt du? Ich will eine, mit der ich auch lachen kann, scherzen kann..." Als ich jetzt in seine dunkelblauen Augen sehe, wird mir mit Schrecken klar, was er meint.
Ich fühle mich, als hätte mir jemand einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf geschüttet. Fassungslosigkeit macht sich in mir breit und ich löse mich von Saule. Soll das hier in einem Liebesgeständnis enden? Ich bin nicht übermäßig feinfühlig, aber das schnalle sogar ich. Und es erschüttert mich zutiefst.
„Entschuldige mich, ich muss Herzen sammeln.", stammle ich und gehe ohne ein weiteres Wort oder einen Blick davon.
Den ersten klaren Gedanken kann ich erst wieder fassen, als ich an der Bar stehe. Ich weiß nicht, wieso es mich hier hin verschlagen hat. Ich bin nur ohne Nachzudenken möglichst weit weg von Saule und dem unangenehmen Gespräch gegangen. Zum Glück ist er mir nicht gefolgt.
Ich winke den Barkeeper zu mir und bestelle einen Sekt. Der Barkeeper nickt, und als er sich zu dem Regal hinter sich dreht, sehe ich mich ein wenig um. Dann entdecke ich etwas und kann nicht fassen, dass mein Leben wirklich so ein Arschloch ist. Dort, am Rande der Tanzfläche, wiegen Pierre und seine Freundin einander eng umschlungen im Takt der Musik hin und her. Wieso muss ich diesen Kerl überall sehen? Ich verziehe das Gesicht und greife nach dem Stielglas, das nun vor mir auf dem Tresen steht. Kurz entschlossen setze ich an und kippe mehr als die Hälfte mit einem Schluck in mich rein.
„Wow, für eine Dame haust du das Zeug aber ganz schön schnell weg." Ich sehe mich um und suche den Urheber der Stimme, die mich angesprochen hat. Sie gehört zu dem Kerl neben mir. Ich sehe ihn kurz an. Er lächelt freundlich und trägt einen schicken Anzug. Vermutlich ist er so Anfang 20. Ich sehe ihn weiterhin an. „Wenn dein Glas gleich alle ist, lade ich dich gerne auf einen Drink ein. Ich habe da was im Kopf und irgendwie das Gefühl, dass dir das zusagen könnte." Ich nicke und habe mich wieder gefangen. Ich werde einfach die Gunst der Stunde nutzen und ihm sein Herz stehlen. Aber erst einmal werde ich versuchen, ein wenig zu flirten. „Ja, gerne!", nehme ich sein Angebot fröhlich an.
„Trinkst du denn nur das oder auch was Richtiges?" Ich blicke ihn verwirrt an. Der Junge lacht wieder und bestellt dann einfach noch was zu trinken. Kurz darauf reicht er mir ein kleines Gläschen mit einer klaren Flüssigkeit. Sieht aus wie Wasser. Ich habe keine Ahnung, was das sein soll, aber der Typ neben mir gibt mir das Gefühl, dass ich es eigentlich wissen müsste. Dem Geruch nach zu urteilen ist es kein Wasser. Dennoch lasse ich mir nichts anmerken. Er hebt sein Glas und prostet mir zu. „Und da man ja nicht mit Fremden trinkt... Ich bin Taiki. Und du?" „Chocola.", antworte ich mechanisch. Dann stoßen wir an und trinken.
Huuh, was ist das denn? Nicht gerade lecker, aber irgendwie witzig, auch wenn es ein bisschen brennt. Taiki spendiert noch ein paar davon und schon bald fühle ich mich etwas beduselt. Na, ob das so gut ist? Schon bei klarem Verstand kann ich diesen Abend eigentlich nicht überleben. Aber es wird schon schiefgehen.