Kein Kind mehr
Lovin setzt uns vor den Toren unserer neuen Schule ab und verabschiedet sich mit einem Winken und brüllendem Motor. Ein paar Leute, die in Grüppchen an der Straße stehen, blicken ihm interessiert hinterher. Ich würde wetten, dass der eine oder andere ihn erkannt hat, immerhin ist er ein Promi; ein Star in beiden Welten. Und das versteckt er auch nicht gerade. Schon sein Auto ist ja nicht gerade 0815.
Vanilla durchwühlt die vielen Zettelagen, die sie im Arm trägt: Anmeldeformulare, Lagepläne, Hausordnung, ...Wie immer ist sie gut vorbereitet, aber ich merke, wie flach ihr Atem geht.
„Aufgeregt?“, frage ich mitfühlend und lächle ihr zu. Schließlich will ich heute für sie da sein, so wie ich es immer war. Und ohne sie würde ich mich bestimmt verlaufen. Sie nickt nur stumm und wir laufen auf die Eingangstür des Gebäudes zu. „Woah, es ist echt ganz anders als vorher, oder Vanilla?“, frage ich und erwarte eigentlich keine Antwort. Ich hoffe nur, Vanilla mit meinem Gequatsche ein wenig beruhigen zu können. „Kaum zu glauben, dass wir soo lange geschlafen haben.“ Ich hätte bestimmt noch weiter irgendein irrelevantes Zeug erzählen können, aber eine Stimme unterbricht uns. Es ist eine männliche Stimme, aber sie klingt, als wäre der Stimmbruch noch nicht ganz vollzogen. „Vanilla? Chocola?“, fragt sie unsicher und tritt an uns heran. Ein schlaksiger, blasser Junge mit schwarzem, stacheligem Haar sieht uns aus großen ungläubigen Augen heraus an. Dieser Anblick kommt mir doch bekannt vor...
„Akira.“, begrüßt Vanilla ihn, freundlich wie eh und je und damit geht auch mir ein Licht auf. Stimmt, Akira Mikado, der uns damals vehement für Aliens gehalten hatte. Irgendwie ist es beruhigend, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Auch wenn das Gesicht anders aussieht, als noch vor sechs Jahren. Es ist weniger kindlich und viel kantiger. Nur die Augen sehen noch genauso aus, wie früher. „Ja, hi.“, schließe ich mich dem allgemeinen Begrüßen an und füge hinzu: „Akira, altes Haus, wie geht's, wie steht's?“
Er starrt uns noch einen Moment ungläubig an und ich bete innerlich, dass er nicht wieder mit seiner Außerirdischen-Paranoia loslegt. „Ich habe schon nicht mehr geglaubt, dass ihr beiden zurückkommt. Dieser Unfall... Und ihr seid einfach nicht aufgewacht. Ich kann nicht fassen, dass ihr hier seid.“ Ich grinse nur und erwidere: „Doch, schau, wir sind ganz real.“ Wie um es zu beweisen, zupfe und zerre ich an meinen Klamotten und mache einen kleinen Sprung. Vanilla sah mit geröteten Wangen zu Boden und sagt kein Wort mehr.
Es ist merkwürdig, im Klassenraum zu sitzen. Es gibt bekannte Gesichter und gänzlich neue. Wobei das nicht wirklich einen Unterschied macht. Fremd sind sie alle irgendwie. Ich kenne sie nur noch von den Genesungskarten und -präsenten, die wir aus dem Krankenhaus hatten. Manche begrüßen uns auch gar nicht, aber das wundert mich nicht großartig. Für sie ist es schließlich auch seltsam und als einfache Menschen sind sie noch viel weniger außergewöhnliches Zeug gewöhnt, als wir Hexen.
Der Unterricht zieht sich endlos lang hin, genau, wie ich es in Erinnerung habe. Einfach öde. Die Lehrer siezen uns mittlerweile und die Themen sind viel unangenehmer und ernster, als noch in der Grundschule. Als die Klingel ertönt, die das Ende des Schultages verkündet, werfe ich alle meine Sachen in einem Rutsch in meine Tasche und springe vom Stuhl. „Fräulein Kato!“, ermahnt mich die Mathelehrerin, Frau Kanjuji, erbost. „Setzen Sie sich sofort wieder hin. Ich beende den Unterricht. Wir sind doch nicht mehr in der Grundschule!“ Mürrisch beuge ich mich ihrem Willen. Wenn sie doch nur wüsste, dass ich doch noch ein bisschen in der Grundschule bin. Schließlich wird man nicht von heute auf morgen erwachsen. Vanilla schreibt noch eifrig mit, bis Frau Kanjuji uns in den Nachmittag entlässt.
„Fräulein Kato, Sie noch nicht, Sie kommen bitte noch einmal zu mir.“ Genervt stöhne ich und quäle mich zum Lehrerpult, während meine Mitschüler dem Klassenraum den Rücken kehren können. Frau Kanjuji lässt sich Zeit. Sie deutet auf einen Stuhl neben ihrem Pult und ich setze mich darauf. Dann stapelt sie in aller Ruhe ihre Papiere und räumt Schreibuntensilien zusammen, bis wir schließlich alleine sind. Auch das Gelärme auf den Fluren wird immer leiser.
Sie setzt sich auf ihren Stuhl, verschränkt die Finger ineinander und sieht mir fest in die Augen. „Fräulein Kato, ich habe ja Verständnis für Sie und Fräulein Aisu, aber ich erwarte doch ein Mindestmaß an Benehmen. Nehmen Sie sich mal ein Beispiel an Fräulein Aisu. Sie zeigt viel mehr Engagement und Manieren, als Sie. Verhalten Sie sich also, wie die fast erwachsene Frau, die Sie sind.“ Sie hat eine ganz ernste, aber bedachte Stimme aufgesetzt, doch ich sage nichts, sondern murre nur leise. Ich will mich erheben, aber sie hält mich zurück. „Ich möchte Ihnen nichts Schlechtes. Beherzigen Sie meinen Rat. Dann wird schon alles werden. Und wann immer Sie Hilfe brauchen, können Sie sich an mich oder meine Kollegen wenden.“ Sie will eine Reaktion von mir, das macht sie mehr als deutlich. Und ich tippe, dass es kein genervtes Augenrollen ist. „Okay.“, entgegne ich ruhig. „Werde ich.“ Sie nickt und dann trotte ich ein wenig niedergeschlagen in den Schulflur und aus dem Gebäude hinaus.
Himmel, es ist wirklich nicht so einfach, wie sich das alle vorstellen; vor Allem nicht für mich. Ich hatte damals schon schnell gemerkt, dass ich in der Menschenwelt sehr oft anecke und das hat sich offenbar nicht geändert. Jetzt ecke ich höchstens noch mehr an, weil ich sechs Jahre meines Lebens verpasst habe. Zeit, in der ich hätte lernen können, mich hier zurecht zu finden. Wie soll denn einfach alles wieder seinen Gang gehen? Das kommt mir vor, wie eine unmögliche Aufgabe.
Der Schulhof ist schon relativ leer; leer und groß. Nur wenige Menschen laufen noch herum und alles ist grau betoniert. Es gibt keine Schaukel, kein Klettergerüst und keine Wippe, wie in meiner vorherigen Schule; nur einige Sitzgelegenheiten. Bänke und Tische reihen sich nebeneinander auf und ich kann auch drei Tischtennisplatten entdecken.
Die massive Größe des Schulhofs wundert mich nicht im Geringsten, immerhin liegen die Oberschule und die Hochschule direkt nebeneinander und teilen sich diesen Platz, der durch zwei Tore, soweit ich das weiß zumindest, zu erreichen ist. Aber vermutlich sind es nicht die einzigen Eingänge zu dem riesigen Schulzentrum.
Es ist keine Menschenseele mehr zu sehen, und ich bin wohl so sehr in meine Gedanken versunken, dass ich nicht zu dem Tor der Oberschule, sondern quer über den Schulhof gewandert bin. Und jetzt stehe ich vor der großen Universität und starre das kahle Gemäuer mit den vielen Fenstern an. Die tief stehende Sonne spiegelt sich in einer Scheibe und ich starre einfach nur. „Das dauert wohl noch ein wenig.“, stellt eine kühle Stimme hinter mir fest und ich wende mich erschrocken um. Ich kenne diese Stimme. Ich kenne sie nur zu gut. Aber das kann doch jetzt nicht wahr sein? Das ist doch nicht etwa...?
Ich hoffe, dass ich mich täusche. Ein kleiner Teil von mir will das zwar nicht, aber der hat nichts zu melden. Doch ich habe mich nicht verhört, das weiß ich ganz genau. Jede Faser meines Körpers weiß es und ich brauche mich gar nicht bemühen, mir etwas anderes einzureden.
Das Universitätsgebäude befindet sich nun hinter mir und mit weit aufgerissenen Augen starre ich völlig entgeistert Pierre an.