Ein alter Bekannter
Mary...
„Gute Nacht, Schätzchen!“, rief mir meine Mutter zu, als ich aus dem Badezimmer kam, um in meinem Zimmer zu verschwinden.
„Nacht, Mom!“, rief ich zurück und schloss die Tür hinter mir. Erst schmiss ich die Sachen vom Vortag auf mein Bett, setzte mich an meinen Schminktisch und bürstete mir mein Haar durch.
„Du hast einen guten Geschmack.“, hörte ich eine amüsierte Männerstimme, die zugleich arrogant und selbstverliebt klang, hinter mir.
Ich drehte mich erschrocken um, wobei ich meine Bürste fallen ließ. Ein blonder Mann hatte sich auf meinem Bett breitgemacht. Er lag auf meinem Armanishirt!!!
Ich sprang auf und quietschte ihn an: „Sag mal, hast du sie noch alle? Weißt du eigenltich wie viel dieses Shirt kostet? Anscheinend nicht, sonst hättest du dich nicht darauf gesetzt!“
Blondie sah mich argwöhnisch an. Dabei fielen mir seine roten Augen auf.
„Die sind echt cool. Aber erst einmal: Was willst du hier und woher kommst du?“, keifte ich ihn wütend an.
Er wirkte ein wenig verwirrt. „Äh... ich komme direkt aus Missouri und will mich an meinem Bruder rächen?“
Ich sah seine Klamotten missbilligend an. „In diesem Aufzug?“ Er sah skeptisch auf seine Sachen. Er trug ein schwarzes Shirt und eine schwarze Hose. Dann zog er an seinem Shirt. „Das ist John Varvatos!“, sagte er aufgebracht.
„Na und?“, sagte ich ironisch. „Die Kombination macht’s. Und du siehst aus wie ein Gothic. Das ist sooo out!“
Er schüttelte den Kopf und atmete tief durch. „Du bist Mary Diamond Stewart. Diamond... ein ziemlich überheblicher Name, meiner Meinung nach.“
Sie schnaubte. „Also das geht zu weit. Erst kommst du hier... Wie bist du eigentlich reingekommen?“
„Deine Mutter hat mich reingelassen.“, sagte locker.
So wie er aussah, hätte meine Mutter ihn bestimmt nicht reingelassen. „Du lügst!“
Er hob eine Augenbraue. „Bist du dir da ganz sicher?“
Ich nickte abrupt.
„Liegt daran, dass sie mich nicht freiwillig reingelassen hat.“ Er wirkte total gelangweilt.
„Du weißt ganz schön viel über mich... Wie heißt du eigentlich? Und was habe ich damit zu tun, dass du deinen Bruder rächen willst? Ich meine, ich kenne ihn doch gar nicht.“
Er lächelte schief. „Entschuldige meine Unfhöflichkeit. Jason Benett. Und du kennst meinen Bruder vielleicht nicht, aber seinen Großneffen.“
Ich kniff ungeduldig die Augen zusammen.
„Sagt dir der Name Nicholas Richfield, was?“
Ich nickte schnell. Mein Herz machte einen Satz. Wieso eigentlich? Nic war nur ein ZIEMLICH höflicher Junge und er war verdammt heiß! „Und was ist mit Nic?“
Seine Pupillen verkleinerten sich. „Du wirst mir helfen. Du wirst dich von deinem Freund trennen und dich Nicholas annähern. Ich habe beobachtet, wie er dich anguckt und wird darauf eingehen. Du wirst mit ihm zusammenkommen und zusehen, dass er dich nach Hause einlädt. Ab da komme ich ins Spiel.“
Ich konnte nicht anders, als zu nicken. Ich würde einem wildfremden Mann helfen. Kränker ging’s nicht.
Jason lachte. „Doch es geht.“
Ich runzelte die Stirn. „Hast du meine Gedanken gelesen?“
Er nickte. „Jep!“
Ich wollte ihn gerade anbrüllen, doch es ging nicht.
Er stand plötzlich direkt vor mir und legte seinen Kopf schief. „Küss mich!“, säuselte er.
Ich schlang plötzlich meine Arme um seinen Hals und küsste ihn. Wieso küsste ich diesen Jason? Ich war wirklich bescheuert! Obwohl... Er küsste wirklich gut. Aber ich hatte doch Brandon... Mit dem sollte cih doch sowieso Schluss machen, also was sollt’s?
Jason schnurrte leise und zog sich zurück. „Es ist schön, nach beinahe 17 Jahren vernünftig geküsst zu werden.“
Ich sah ihn fragend an. „Du bist doch aller höchstens... 20?“
Er lachte dreckig. „Ein wenig älter bin ich schon, glaub mir.“ Er schmiss sich wieder aufs Bett und sah mich schieflächelnd an. „Ich bin ein Vampir, weißt du?“
Ich sah ihn wie einen Psychopathen an. Okay, er war ein Psychopath.
„Das habe ich gehört.“ Währrendessen sackte sein Mundwinkel herunter und er hob eine Augenbraue.
Ich wurde rot und sah schuldbewusst auf mein Parkett. Im nächsten Moment fiel mir ein, was er gesagt hatte. „Du willst ein Vampir sein?“, fragte ich ungläubig.
Er schüttelte lachend den Kopf. „Nein, ich BIN ein Vampir. Das ist ein Unterschied.“
Ich runzelte die Stirn und schnaubte. „Beweis es!“
Als ich wieder zu meinem Bett schaute, war er weg. Jemand tippte auf meine Schulter. Ich drehte mich abrupt um. Jason lächelte mich schelmisch an.
Ich war absolut fasziniert. „Wow! Wie hast du das gemacht? Mach das noch einmal!“
Ich blinzelte nur einmal und er war schon wieder weg. Ich sah an den Wänden hoch. Hinter mir ertönte ein melodischer Pfiff. Ich drehte mich wieder um und lachte leise, als Jason wieder grinste. „Das ist echt so cool! Ich will das auch können!“
Er lachte kurz, schon wieder so ein dreckiges Lachen. „Das könntest du.“ Er stand plötzlich wieder vor mir und hob mein Kinn an. „Du wärst bestimmt ein ausgezeichneter Vampir. Du würdest jeden um den Finger wickeln. Das tust du ja jetzt schon! Mein Gott! Du bräuchtest dein Leben noch nicht einmal verändern. Ich meine, du müsstest nur Blut trinken. Der Rest ergibt sich schon.“
Ich war völlig berauscht von der Tatsache ein Vampir sein zu können. Ich meine, Vampire waren verdammt sexy und bekamen alles, was sie wollten. Ich nickte. „Ich will auch einer sein!“
Er strich über meine Wange. „Aber noch nicht jetzt.“
Ich machte einen Schmollmund. „Bitte.“
„Nein, meine Schöne.“ Er küsste meine Kehle. Plötzlich spürte ich einen Stich in meinem Hals. Meine Sicht wurde verschwommen, als ich ein sanftes Saugen spürte. Ich verlor langsam das Bewusstsein, bis ich schließlich einschlief.
***
Nic
Der Samstag verlief ziemlich normal. Emmett, Tyler und ich waren den ganzen Tag am Jagen, damit Tyler und ich den kommenden Abend überlebten.
Nachdem Charles mir die Haare gegelt hatte, hupte es auch schon vor der Haustür.
„Das ist Renesmee.“, stellte Des fest.
Ich schüttelte grinsend den Kopf. „Nein. Ty holt uns ab.“
Des sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Wieso sagt mir das keiner?“
Ich lachte. „Du hast nicht gefragt.“
Sie schlug mir leicht gegen den Hinterkopf.
Wir gingen nach draußen. Ich sah Tylers Wagen entzückt an. Er fuhr einen Maserati GranCabrio. „Genau so einen habe ich dir zugetraut.“, sagte ich und schlug in seine Hand. Er lachte.
Ich sah den Wagen skeptisch an. „So... Vicky? Wo sitzt du?“
Ein Kichern kam von der Rückbank. Ich lachte. „Pass auf! Ich springe!“
Sie gab sich zu erkennen. Mir fielen beinahe die Augen aus dem Kopf. Sie sah einfach nur perfekt aus. Ihr Haar hing ihr locker über die Schulter, doch sie trug eine schwarze Rose in ihm. Sie blinzelte verlegen auf den Boden des Wagens.
„Du siehst atemberaubend aus.“, gestand ich und schwang mich neben sie.
„Danke. Und du bist James Bond persönlich?“, fragte sie schieflächelnd.
„Nein. Meine Name ist Richfield, Nicholas Richfield.“
„Mit der Lizenz zum Töten?“, fragte sie und musste wirklich an sich halten um nicht loszulachen.
Ich kniff grinsend die Augen zusammen. „Das auch. Aber hauptsächlich die Lizenz zum Verführen eines Mädchens durch Tanzen.“
Nun musste sie wirklich lachen. Renesmee schwang sich direkt zwischen uns. „Das werde ich später auf die Probe stellen. Und jetzt hört auf, ihr Turteltauben!“
Ich sah betreten zur Seite. Turteltauben? Spinnte sie? Vicky und ich waren alles, aber keine Turteltauben. Sie hatte sie doch nicht mehr alle! Gut, Vicky war verdammt sexy in ihrem Outfit, aber das hieß nicht, dass wir sofort Turteltauben waren.
Nachdem Des sich auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, fuhren wir schweigend zu Mary. Erst dort redeten wir.
„Also, Großer. Einmal bitte die Zeit anhalten.“, sagte Des amüsiert.
Ich verdrehte die Augen. „Aber beeil dich!“
„Vicky, du kannst gleich mitkommen. Dann brauchst du dich nicht unsichtbar machen und deine Energie verschwenden.“
Vicky nickte. Ich schnippte und alle, bis auf die im Wagen saßen, erstarrten.
Wir sprangen alle aus dem Auto und gingen zur Haustür. Renesmee, Tyler und ich blieben vor der Tür stehen. Des öffnete kichernd die Tür und ging mit Vicky rein, die sich sofort unsichtbar machte. Wahrscheinlich wollte sie nicht gesehen werden.
Sobald sie die Tür wieder schloss schnippte ich wieder. Renesmee klingelte.
Mary persönlich öffnete die Tür. Sie hatte das Kleid, dass ich ihr gegeben hatte, tatsächlich an. Ich lächelte sie breit an. Sie grinste zurück. „Hey! Freut mich, dass ihr da seid. Kommt doch rein!“
Wir brauchten noch nicht einmal die Einladungen zeigen. Sie hatte wahrscheinlich einfach nur ein gutes Gedächtnis.
Das ganze Haus war rappelvoll. Die Musik dröhnte überall. Mary stellte sich auf die Zehenspitzen um an mein Ohr zu kommen, damit ich sie hören konnte. Doch sie wusste nicht, dass ich sie auch so verstand. Ich beugte mich runter.
„Bekomme ich den ersten Tanz?“, fragte sie hinterhältig.
Ich lächelte und nickte. Sie ergriff meine Hand und zog mich in einen Raum, der aussah wie ein Wohnzimmer. Es lief richtige Disko-Musik. Sie schmiegte sich wie eine rollige Katze an mich, was mich ehrlich gesagt ziemlich verwirrte, da sie ja einen Freund hatte, und bewegte sich zum Rhythmus.
Ich erhaschte Des’ Blick, die nachdenklich die Stirn runzelte. Das hieß nichts Gutes. Des war nie wirklich nachdenklich.
„Entschuldige mich einen Moment!“, flüsterte ich Mary ins Ohr und eilte zu Des. „Was ist los?“, fragte ich unsicher.
Sie blinzelte ein paar Mal. „Ich habe gerade an Mary geschnuppert. Sie riecht nach Jason und hast du dir mal ihren Hals angesehen?“
Ich schüttelte den Kopf. Jason. Von Charles’ Bruder hatte ich schon viel gehört und meine Vermutung bewahrheitete sich. Es hieß nichts Gutes. Ich sah zu Mary. Dort war ein kleiner Kreis aus Punkten an ihrem Hals. Es waren eindeutige Bissspuren eines Vampirs.
„Du glaubst doch nicht, dass...“, setzte ich an, beendete den Satz aber nicht, denn Des nickte. „Ich glaube, dass er mir einen Denkzettel verpassen will. Er wird dir Mary irgendwie, auf irgendeine Weise wegnehmen und somit auch dich mir.“
Ich sah sie fragend an.
„Guck nicht so! Ich kenne Jason besser, als jeder andere, bis auf Charles. Er ist so kaltblütig. Er wollte es sogar mit mir durchziehen, als ich mich nach meiner Wandlung an nichts erinnern konnte.“
„Hmmm... stimmt.“ Ich beobachtete Mary weiter. Aus dem Augenwinkel sah ich wie Brandon sich zu Mary begab und seine Arme um ihre Taille legte.
Irgendwie störte mich das überhaupt nicht. Das verwirrte mich ein wenig.
Plötzlich wehrte sie ihn ab und keifte ihn an. Brandon wirkte ein wenig überrumpelt.
Mary sah sich kurz um und zog ihn dann wütend mit sich. Ich wollte gerade hinterher, da hatte ich einen blonden Lockenkopf vor Augen. Stacy grinste mich an.
Ich sah prüfend an ihr herunter. Sie sah aus wie -pardon- eine Dorfschlampe. „Hey Nic!“, trällerte sie mich an.
Ich lächelte verbissen. „Hi Stacy.“
Sie ließ ihren Finger über mein Hemd von der Brust aus über mein Bauch gleiten. „Willst du mit mir tanzen?“
Ich knurrte innterlich. Nein, das wollte ich nicht!
„Amüsier dich ruhig!“, flüsterte Des, die wieder neben mir auftauchte. „Ich werde mich um Mary und das „kleine Problem“ kümmern.“
Ich verfluchte sie innerlihc. Hatte sie mich nicht einfach mitschleppen können?
„Ich glaube, Nic hat mir schon einen Tanz versprochen.“ Renny stand neben mir und grinste Stacy arrogant an. Stacy sah giftig zurück. „Stell dich hinten an!“
Gut, einerseits war es schön, wenn sich zwei Mädchen sich um mich stritten, aber andererseits... Mein Gott! Ich war doch auch nur ein Mann!
Renesmee fixierte Stacy mit einem vampirischen Blick. Stacy gab nach, stapfte wütend auf und ging so an Renny vorbei, dass Stacy sie anrempelte. Doch Renny streckte ihren Fuß aus, sodass Stacy stolperte. Sie fiel nach vorne, doch versuchte ihr Gleichgewicht zu halten, indem sie ein paar Schritte nach vorne taumelte, doch das Einzige, was dies brachte, war, dass man eine gute Sicht auf ihren Teletubbie-Slip hatte.
Alle um sie herum fingen an zu lachen. Stacy wurde knallrot und verschwand schnell, damit es nicht noch peinlicher wurde.
Renesmee und ich gingen auf die „Tanzfläche“ und bewegten uns zur Musik.
Nach einer halben Stunde blieb Renny plötzlich stehen. Ich sah sie fragend an.
„Wir werden beobachtet.“, sagte sie leise. Ich sah in die Richtung, in die sie schaute.
Vicky’s schleierhafte Gestalt stand in einer dunklen Ecke. Sie sah auf den Boden.
„Ich bin ihr einen Tanz schuldig.“, sagte ich leise. Renny sah mich verständnisvoll an und lächelte.
Ich ging in die Ecke. „Es lässt sich schlecht tanzen, wenn man sich durchsichtig macht.“, sagte ich leise, allerdings amüsiert.
Erst jetzt bemerkte sie mich und schaute auf. Sie wurde immer durchsichtiger.
Ich lachte leise. „Hey! Du brauchst nicht verlegen sein. Es bin doch nur ich.“
Sie lächelte und ihre Gestalt verfestigte sich. Passend in diesem Moment wurde ein langsames Lied gespielt. Es war eindeutig aus den Neunzigern. Vicky grinste. „Das war früher das Lieblingslied von Tyler, als er noch ganz klein war.“
Ich lächelte. „Ein Grund mehr mit dir zu tanzen.“ Ich nahm ihre Hand und zog sie auf die Tanzfläche. Dort legte ich die Hand um meinen Hals und die andere direkt hinterher. Dann zog ich sie an der Taille an mich und wiegte sie leicht zum Rhythmus.
„Wieso läufst du gehst du eigentlich in einem Smoking zu einer Party für Jugendliche?“, fragte Vicky neugierig.
Ich lächelte, doch als mir der Grund einfiel, schaute ich nur auf den Boden.
„Jetzt hättest du auch gerne meine Gabe, oder?“
Ich nickte lachend. „Ja, sehr gerne.“
Plötzlich stieg mir der Geruch von warmen Blut in die Nase. Er schwebte sinnlich und verführerisch in meinen Lungen.
„Alles okay, Nic?“, fragte Vicky besorgt.
Ich riss mich zusammen, atmete aus und hielt dann die Luft an.
„Du riechst das Blut, nicht?“
Ich nickte wieder und lief dann dem Duft nach, nachdem ich weitergeatmet hatte. Vicky rief beinahe panisch nach Tyler und rannte mir hinterher.
***
Des
Ich lief Mary und Brandon nach. Sie gingen ins erste Geschoss, um eine Ecke, und dann in ein Zimmer. Ich stellte mich an die bereits geschlossene Tür und lauschte.
Sie küssten sich ziemlich drängend, dem Geschmatze nach zu urteilen.
„Warte, Brandy!“, rief Mary plötzlich ein wenig unsicher. „Ich muss mit dir reden.“
Oh oh! Das hieß nichts Gutes.
„Worum geht’s?“, sagte Brandon nichtsahnend.
„Um uns. Ich empfinde nichts mehr für dich.“
Uh! Das war hart!
„Wie...Bitte was?“ Brandon wirkte ein wenig - sehr - überrumpelt. Er tat mir jetzt schon leid.
„Es ist aus, Brandon.“
Ich hörte, wie er zur Tür rannte und versteckte mich deshalb schnell. Er stürmte schnell raus und war einfach weg. Ich wollte gerade wieder runtergehen, da hörte ich die Stimme, die mir immer wieder einen Schauer über meinen Rücken laufen ließ.
„Gut gemacht, Mary! Das war Schritt Nummer 1. Ist dir auch sicher keiner gefolgt?“, hörte ich Jason sagen. Ich hatte seit 16 Jahren nichts mehr von ihm gehört und jetzt traf mich alles wie ein Schlag.
„Ich weiß nicht. Ich denke nicht, dass jemand mitgekommen ist.“, sagte Mary unsicher.
Jason wirkte, als wolle er was sagen, stockte dann aber. „Riechst du diesen Duft?... Ach quatsch! Du bist kein Vampir.“
Mary wusste also über Vampire bescheid. Ich war wirklich verwirrt.
„Egal.“, sagte er dann.
„Und? Beißt mich jetzt wieder?“ Mary wirkte beinahe euphorisch. Jason hatte sie also schon gebissen.
Bevor ich auch nur einmal blinzeln konnte, stand ich in Mary’s Zimmer. Jason hatte mich reingezogen und sah mich nun verträumt an. „Meine Traumfrau.“, sagte er so leise, dass Mary es nicht hören konnte.
Unbehagen tauchte in mir auf. Seine Stimme schnurrte wie vor fast 17 Jahren. Ich riss mich zusammen. „Hast wohl immer noch kein neues Opfer gefunden.“, knurrte ich, während ich mich fragte, wie er mich bemerkt hatte.
Jason lachte auf. „Schon vergessen? Ich kann deinen Geist bestimmen.“
Verdammt!, dachte ich mir. Wenn ich nicht aufpasste, würde er mich komplett beherrschen.
„Das ist nicht auf meinem Niveau.“, sagte er ein wenig -sehr- arrogant.
„Kannst du aufhören meine Gedanken zu lesen?“, fauchte ich.
„Wie wäre es mit einem ‘Hallo Jason! Schön, dich wiederzusehen?’“
Ich sah ihn skeptisch an.
„Unwahrscheinlich. Ich weiß.“, sagte er lächelnd. Er breitete seine Arme aus. „Eine kleine Umarmung ist aber schon drin, oder?“
Ich spürte, wie er meinen Verstand einlullte. Ich gab mich geschlagen. „Okay.“, seufzte ich ergebend.
Er schloss mich in seine Arme und atmete tief ein.
„Wieso bist du so nett zu mir?“, fragte ich. Na ja, es platzte eher aus mir raus.
Er lachte leise und wich zurück. „Wie meinst du das?“
Ich schnaubte. „Du hast mir meinen Tod geschworen, als wir uns das letzte Mal gesehen haben.“
Er seufzte und lächelte sarkastisch. „Ich bin erwachsen geworden. Verzeihst du mir?“
Ich sah unschlüssig auf den Boden.
„Äh Leute? Ist ja schön, dass sich alle wieder liebhaben, aber ich bin auch noch da!“, meldete sich Mary zu Wort.
Jason stöhnte genervt, biss ihr ins Handgelenk und brachte sie zum Schweigen. Er tötete sie nicht. Sie war halt... ohnmächtig.
„Das war jetzt nicht gerade nötig.“, sagte ich leicht gereizt, denn er provozierte mich direkt, denn Mary blutete noch leicht und Jason wusste, dass ich Menschenblut vermisste. Ich hielt die Luft an.
„Doch! Sie nervt mich gerade. Nützlich ist sie eigentlich, aber, aber da meine Pläne jetzt sowieso zunichte sind, dank dir. Übrigens ist sie eigentlich unbrauchbar und den letzen Liter Blut könnte ich ihr auch noch nehmen... oder möchtest du das tun?“
Er sah mich herausfordernd an. Meine inneren Inneren Instinkte schrien nach diesen 1000 ml, doch mein Verstand war noch voll da.
„Was ist...“ Jason wirkte plötzlich ein wenig überrumpelt. Ich sah zur Tür. Tyler, Vicky und Nic sahen uns entsetzt an.
***
Nic
„Was geht denn hier ab?“, fragte Tyler ein wenig verwirrt. Ich hingegen fragte mich erstens, wie es Mary ging und zweitens, wer dieser blonde Kerl war, der neben ihr stand. Ich sah zu Des. Sie stand wie versteinert in einer Ecke und wirkte ziemlich verstört. „Vicky? Bring Des bitte raus.“, sagte ich ruhig. Sie nickte, legte einen Arm um Des’ Schulter und führte sie behutsam raus.
Ich stürmte zu Mary und legte sofort meinen Zeige- und Mittelfinger auf ihre Pulsader. Sie lebte noch.
„Wie die Mutter.“, hörte ich den blonden Mann süffisant sagen.
Ich sah ihn fragend und wütend zu gleich an. „Wer sind Sie?“
Er wirkte überrascht. „Hat dir deine Tante nie etwas von mir erzählt?“
Ich runzelte die Stirn. Was hatten Des und meine Mum mit ihm zu tun?
„Deine Familie hat ziemlich viel damit zu tun. Genaugenommen bin ich sozusagen dein... Großonkel zweiten Grades.“
Ich rechnete nach... kam aber nicht drauf.
Der Mann stöhnte genervt. „Sag mal, was bringt dir eigentlich diese Schule bei? Algebra anscheinend nicht.“
Ich sah ihn fragend an. Wovon redete er eigentlich?
Er seufzte. „Ich lese deinen Geist. Also, ich bin Charles’ Bruder, Destiny’s Schwager und dein Großonkel zweiten Grades. Keine weiteren Erklärungen.“
Ich riss meine Augen auf. „Jason.“, hauchte ich.
Er grinste breit. „Jep. Der bin ich. Und du bist Nicholas, bevorzugst es aber, Nic genannt zu werden. Liege ich da etwa falsch?“
Ich schüttelte geistesabwesend den Kopf. Mir fiel die Story von Jason und meiner Tante ein. „Du wirst mich jetzt doch nicht...“, stutzte ich. Wenn er mich umbringen würde, dann... was weiß ich?
Jason lachte schallend auf. „Ach quatsch! Ich würde dich nie umbringen.“ Er hielt mir seine Hand hin. Ich nahm sie. Daraufhin zog er mich auf die Beine und legte Mary ins Bett. „Sie wird morgen aufwachen und denken, dass sie zu viel getrunken hat. Keine große Sache.“ Er sah mich wieder an. „Du bist Teil der Familie. Ich könnte dich nicht umbringen.“
Ich sah ihn skeptisch an.
Er seufzte erneut. „Klar, dass du mir nicht vertraust. Das ist verständlich. Ich habe ziemliche Scheiße gebaut. Aber das ist jetzt Vergangenheit. Ich will ein neues Leben anfangen und vorallem meien Ruhe haben.“
Nach Des’ Beschreibung hörte sich das nicht nach Jason Benett an.
Jason verdrehte die Augen. „Ja, ich weiß. Für Des bin ich ein kalter, gefühlsloser...“ Jason wollte gerade ausholen, um sich weiter zu erniedringen, da hörte ich plötzlich Charles sagen: „... arroganter, widerlicher und selbstverliebter Bastard.“ Er klang nicht wütend, eher amüsiert. Was suchte er überhaupt hier?
Jason sah ihn verdutzt an. „Ist jetzt der ganze Benett, Richfield, Cullen-Clan hier, oder was?“
Charles lachte. „Fast!“
Jason sah ihn misstrauisch an, als er locker auf ihn zu schlenderte.
„Alles okay mit dir?“, fragte Charles immernoch amüsiert.
„Das sollte ich eher dich fragen. Seit wann kannst du mich leiden?“
„Das Gespräch hatten wir vor ein paar Jahren schon einmal.“
„Ich weiß. Eben deshalb ja!“
Charles grinste. „Du bist mein Bruder. Ich hasse dich nur aus familiären Gründen.“
Jason lachte auf. „Konntest du mir das nicht so... 150 Jahren früher sagen?“
Charles lachte und schloss Jason in die Arme. „Gut siehst du aus, Bruder!“
Jason grinste. „Ich weiß!“
„Und was hast du hier gemacht? Immernoch Spaß am Stalker spielen?“
Jason setzte ein gespielt entsetztes Gesicht auf. „Also wirklich, Charly. Was denkst du eigentlich von mir?“
Charles lachte.
Ich war nun offiziell verwirrt. „Schlägt mich mal einer? Ich glaub, ich träume!“, sagte ich. Kneifen würde da nicht mehr helfen.
Beide sahen mich verdutzt an. „Wieso sollten wir?“, fragte Charles.
Ich wollte gerade antworten, da sagte Jason plötzlich: „Eine kleine Frage. Wieso bist du ein Vampir? Dein Vater war ein Mensch, deine Mutter ist einer. Wer hat dich gewandelt?“
Ich wusste nicht, ob ich ihm wirklich antworten sollte.
„Carlisle.“, sagte Charles sofort. „Etwas längere Geschichte. Ich erzähl sie dir bei Gelegenheit.“
Jason lächelte schief. „Das brauchst du gar nicht.“
Charles kniff die Augen zusammen. „Du weißt, dass ich es schon immer verabscheute, dass du meinen Geist kontrollierst.“, sagte er schmollend.
Jason lachte. „Ja, das weiß ich allerdings. Und ich weiß auch, wie gerne du jetzt lieber bei Des wärst.“
„Ich fände es toll, wenn ich ihre Gabe hätte.“
Jason lachte. „Da kann ich jetzt auch nichts dran ändern.“
„Was sagen eigentlich die Volturi dazu, dass du hier bist?“, fragte Charles wie ein Vater, der seine Tochter dabei erwischt hatte, dass sie zu spät nach Hause gekommen war, nachdem sie bei einem Date war.
Jason zuckte die Schultern. „Ich habe mich aus ihrem Clan entfernt.“
„Wieso?“, fragte Charles mit zusammengekniffenen Augen.
„Weil ich es langsam satt habe, andauernd den Bimbo von irgendjemandem zu sein. Und dieser Jemand heißt Dimitri.“
„Hattet ihr Streit?“
Jason schüttelte den Kopf. „Charly, ich bin seit über hundert Jahren bei den Volturi. Es wird langweilig.“
Ich stöhnte genervt. „Können wir jetzt bitte gehen? Ich glaube, wir haben schon für genug Aufsehen gesorgt. Und außerdem möchte ich wissen, wie es Des geht.“
Charles’ Miene war plötzlich total besorgt. Na super! Er hatte seine eigene Ehefrau vergessen. Das nannte man einen Ehemann!
Ich ging nach unten. Vicky stand nervös an der Tür. Als sie mich sah, fiel sie mir um den Hals. „Alles in Ordnung mit dir? Ich dachte, dir würde sonst was passieren.“
Ich lachte leise. „Du machst dir also Sorgen um mich?“
Sie wurde wieder leicht durchsichtig und schaute auf den Boden. „Ja, sieht ganz so aus.“, murmelte sie.
„Süß.“ Verdammt! Das war mir so rausgerutscht! „Tut...“
„Nein.“, sprach sie mir dazwischen und lächelte. „Wer ist das?“ Sie machte eine Andeutung mit dem Kopf in Jason’s Richtung. Ich drehte meinen Kopf in seine Richtung. „Wie hast du... ich darf doch du sagen, oder?“
Jason lachte. „Na klar.“
„Okay, wie hast du das noch mal genannt? Also, ich meine unser ‘Familienverhältnis’?“
„Ich bin dein Großonkel zweiten Grades.“
Vicky nickte mit zusammengekniffenen Augen. „Ja, so in der Art habe ich auch geguckt.“, sagte ich grinsend. „Komm Vic! Wir fahren nach Hause.“
Sie nickte lächelnd.
„Wo sind Ty und Des?“, fragte ich ein wenig besorgt.
„Sie sind draußen am Auto. Des meditiert vor sich hin. Ich glaube, sie macht sich Vorwürfe.“
Ich seufzte. Jep, das würde ein ziemlich lange Nacht werden.