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Dorian

von

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Prolog

Es gab eine Zeit, da habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als anders zu sein, etwas besonderes zu sein.

Ich war siebzehn, aber anders sein wollte ich schon seit ich denken konnte. Als ich ein kleines Mädchen war, hatten meine Freunde und ich große Freude daran, so zu tun als ob wir andere Menschen, Tiere oder eine Mischung aus beidem wären. Bei meinen Freunden haben diese Spiele und Gedanken natürlich irgendwann nachgelassen, denn so ist das wenn man erwachsen wird. Die Fantasie lässt nach und man hat nur noch andere Dinge im Kopf. Auf dem Boden rumzukriechen und wie eine Katze zu schnurren, war nun undenkbar für sie und schließlich fanden sie sich damit ab, dass sie niemals etwas anderes sein würden als gewöhnliche Menschen. Ich aber behielt diesen ungewöhnlichen Wunsch. Es war mein Traum irgendwann jemand, vielleicht sogar etwas anderes zu sein. Ich konnte mich nicht mit meiner Normalität abfinden. Jeden Tag sah ich in den Spiegel und ein normales Mädchen erwiderte meinen Blick. Da waren normale braune Haare, normale blasse grüne Augen, ein normaler Mund und eine normale kleine Nase und das, was sonst noch alles zu einem Gesicht gehörte. Ein paar Unreinheiten, die auch alles andere als ungewöhnlich waren und natürlich die allseits bekannte Haut, die auch nur normal war. Absolut durchschnittlich, nicht mehr und nicht weniger.

Meine Mum verstand mein Unglück natürlich nicht. "Du bist ein wunderschönes Mädchen."

Der Standardsatz, den Eltern nun mal bringen mussten, wenn das Kind etwas an sich nicht mochte. Eine Mutter würde nie etwas anderes als das sagen, jedenfalls eine normale Mutter nicht und das war sie. Klischee, wie es im Buche stand. Eigentlich hätte ich mich nicht beschweren können. Ich war nicht hässlich, aber auch nicht außergewöhnlich hübsch. Dumm konnte man mich zwar nicht nennen, aber "superintelligent" wäre auch das falsche Wort gewesen. Auch die Beliebtheit war eigentlich an mir vorbei gezogen. Ich hatte meine Freunde, war aber nicht Teil der coolsten Clique, obwohl ich es hätte sein können. Nur ein bisschen mehr Make-up und ein bisschen weniger Stoff am Körper und schon gehörte man hier in Gaping Hill zu den Beliebten. Nicht zu vergessen natürlich die ausgesprochene Dummheit und ich war fest davon überzeugt, dass einige Mädchen nur so taten, als wären sie nicht die Hellsten, obwohl sie eigentlich sehr intelligent waren. Die Tatsache, dass sie sich so naiv und unreif benahmen, zeugte meiner Ansicht nach allerdings nicht gerade von einem hohen IQ.

Oft schlenderte ich nach der Schule durch den Wald, der dieses kleine Städchen quasi umschloss. Eigentlich bestand die Stadt mehr aus Bäumen als aus Häusern und Menschen, aber das war mir nur recht so.

Es gab einen sehr schönen und beliebten See im Wald, zu dem ich oft hin ging. Besonders im Herbst war es dort wunderschön. Außerdem konnte ich zu dieser Jahrezeit meistens alleine dort sein, Bücher lesen, oder meinen Gedanken nachhängen. Ich war aber auch oft mit meinen Freunden dort.

Wenn ich alleine dort hin ging, saß ich am Ufer und malte mir aus, wie es wohl wäre, eine besondere Fähigkeit zu besitzen, oder ähnliches. Ich stellte mir vor, welche Veränderung mein Körper machen könnte, was mir gefallen würde und die Rede ist nicht von einer anderen Haarfarbe oder lackierten Fingernägeln. Meine Vorstellung kreiste eher zu tiefgreifenden Veränderungen, wie etwa eine Verwandlung in ein anderes Wesen. Einfach etwas anderes sein. Mein Leben war mir praktisch schon vorbestimmt. Nach Beendigung der Schule käme studieren, einen Job machen, vielleicht sogar mal heiraten und Kinder bekommen und irgendwann sterben. Ein normales Leben wartete auf mich, in dem ich nie etwas anderes wäre als normal. Unglücklich hätte ich wohl akzeptiert, dass es nichts anderes als das hier gab. Mir blieb nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass ich ein Verfechter von Fantasy Büchern war und so ziemlich alles verschlang, was mir in die Finger kam. Angefangen bei den schnulzigsten Vampirgeschichten, die man sich vorstellen konnte, bishin zu geföhrlichen und düsteren Werwolfgeschichten. Es war mir eigentlich egal, ob Hexen, Zauberer, Elfen, Feen, Zwerge, Vampire, Werwölfe oder was es sonst noch gab. Hauptsache, es war nicht normal. Auf die schmalzigen Teile der Geschichten hätte ich zwar verziechten können, doch da mich alles andere so sehr faszinierte, nahm ich auch das gerne in Kauf.

Ich glaubte auch an alle diese Dinge. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mir einzureden, dass so etwas existierte, damit ich nicht einging, wie Zypergras in der Wüste. Meine Mum war der festen Überzeugung, dass ich irgendwann von diesem Unsinn ablassen würde. Spätestens, wenn ich mich mal verlieben würde, wäre das Anders-sein-Wollen nicht mehr so wichtig für mich. Schließlich vergaßen Verliebte die Welt um sich herum und die Wünsche und Träume, die sie einst hatten rückten in den Hintergrund. So hat meine Mum das zwar nicht ausgedrückt, aber ich war der Meinung, dass es nur so passieren könnte.

Ehrlich gesagt wollte ich das gar nicht, mich verlieben. Zu oft habe ich beobachtet, wie sich die Menschen verhielten, die sich verliebt hatten. Sie waren wie Zombies, die nur noch grinsen konnten, alles toll fanden und immer nur über diesen einen Menschen geredet haben.

Außerdem habe ich zu viele Liebesgeschichten gelesen, in denen eigentlich genau das Gleiche passiert war. Nur dieser eine Mensch war wichtig und niemand sonst, keine Freunde mehr und keine Hobbies. So jemand wollte ich nicht sein. Ich wollte meine Freunde behalten und sie nicht mit meinem Gesülze vergraulen oder keine Zeit mehr für sie haben, weil ich mit meinem Traumprinzen irgendwo auf einer Wiese lag und ihn die ganze Zeit anschmachten musste.

Das hatte ich meiner Mum natürlich nicht gesagt. Insgeheim hoffte ich aber, dass sich niemals jemand in mich verlieben würde und vor allem, dass ich mich niemals verlieben würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, noch ich selbst zu sein. Die Vorstellung, dass alle meine Gedanken nur um einen anderen Menschen kreisten bereitete mir eine Gänsehaut. Ich wollte zwar anders sein, aber kein Zombie, der nur noch rosa Einhörner und flauschige Wattewolken sah. Dann doch lieber ein Zombie, der immer auf der Suche nach dem nächsten Gehirn war, sabbernd und röchelnd und schon halb verwest.
 

So, nun wisst ihr, wie ich damals war. Damals, als ich siebzehn Jahre alt war und die meiste Zeit davon träumte, nicht so zu sein, wie ich nun mal war: normal.

Und jetzt werde ich erzählen, was wirklich interessant ist. Ihr werdet erfahren, wie und wieso ich tatsächlich anders wurde und ich werde beschreiben, wie ich mich jetzt fühle. Jetzt, wo ich niemals wieder normal sein werde.


Nachwort zu diesem Kapitel:
Wenn dieser Prolog jemanden neugierig gemacht hat, dann lies einfach weiter, obwohl das ist ja eine Aufforderung, also mach was auch immer du willst. Komplett anzeigen

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