Durchgeknallt?
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67. Durchgeknallt?
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~Seto´s Sicht~
Ich bin scheinbar verrückt geworden. Wie komme ich auf die Idee, ich würde eine Wiederholung dieses eigentlich völlig unangebrachten und mit absoluter Sicherheit unschönen Ausrutschers wollen? Das ist Wheeler zum Teufel nochmal. Aber vermutlich war genau das der Grund für mein Verhalten. Es ist Wheeler und nicht dieses zusammengesunkene Etwas, das da vor mir saß. Dieses Etwas wollte ich nicht sehen. Ich wollte den Wheeler zurück, den Köter, die Nervensäge, den Idioten, den Loser, den Chaoten, den Kämpfer…
Verdammt! Und ich hab auch noch alles so gemeint, wie ich es gesagt habe! Verflucht!
Mürrisch trage ich dieses blonde Etwas durch die Gänge und steuere meinen eigenen Sitz an, allerdings muss ich erkennen, dass der Sitz neben mir schon von Mokuba besetzt wurde, was im Grunde natürlich logisch ist, mich aber dennoch sekundenlang innehalten lässt, weil es mich irritiert. Ich dreh mich ein wenig um, aber der einzige freie Platz ist der Sitzplatz direkt hinter mir, auf dem Yakou gesessen hat. Ich könnte Wheeler dort einfach absetzen und ich müsste ihn den ganzen Flug über nicht mehr sehen, aber irgendwie will mein Körper nicht gehorchen. Meine Hände krallen sich im Gegenteil noch mehr um diese blonde Klette in meinen Armen. Bin ich denn bescheuert?
„Sie können ihn auch hier hinsetzten, dann wäre er dichter bei seinen Freunden.“, höre ich Maico hinter mir sagen, ich dreh mich zu ihr um.
Sie hat sich erhoben und deutet auf den Sitz, auf dem sie kurz zuvor noch gesessen hat, direkt neben diesem Bakura und indirekt neben meinem Sitz, der sich auf dem Gang gegenüber befindet. Ja. Das würde gehen. Da kann ich diesen Köter zumindest ein wenig im Auge behalten, ohne ihn zu dicht in meine Nähe zu lassen.
Ohne ihr zu antworten, lasse ich Wheeler auf den Sitz gleiten, schnall ihn an und befestige seinen Infusionsbeutel oben an die Flugzeugdecke an einer kleinen Halterung. Er lässt es kommentarlos zu. Ohne ihm einen weiteren Blick zu gönnen, geh ich zu meinem eigenen Sitz, während Maico hinter mir, auf dem leeren Sitz, Platz nimmt. Mokuba greift sich fast automatisch meinen rechten Arm und klammert sich an mich, als wäre er ein kleines Kind und nicht schon 18 Jahre alt. Und einem plötzlichen Instinkt folgend, streiche ich ihm mit der linken Hand durch seine langen schwarzen Haare.
„Schon okay. Es ist vorbei, Moki. Alles in Ordnung.“, sage ich, in der Hoffnung, es würde ihn beruhigen.
Er schnieft ein wenig, nickt dann und kuschelt sich noch etwas dichter an mich. Ein paar Atemzüge später ist er dann tatsächlich eingeschlafen. Scheinbar hat ihn diese ganze Entführung ziemlich mitgenommen, was mich nicht sonderlich verwundert. Diese ganze Sache hätte wirklich schlimm enden können, besonders für Mokuba, wenn Wheeler nicht gewesen wäre. Hätte er nicht meinen Befehl, im Krankenhaus zu bleiben, missachtet, dann wäre Mokuba in dieser Nacht das Opfer des Scheichs geworden. Nicht auszudenken, was das bedeutet hätte…
Ich bin dem Köter tatsächlich dankbar. Mehr als ich ihm jemals sagen werde. Er hat meinen Bruder vor der schlimmsten Erniedrigung gerettet und es doch noch geschafft, selbst ziemlich heil aus der Sache rauszukommen. Es war leichtsinnig, ja, es war wahnsinnig, diese ganze Aktion. Doch es war so überaus typisch für ihn, dass es mich wirklich verwundert, warum ich nicht schon am Anfang damit gerechnet hatte. Wheeler war doch schon immer so. Was hat mich glauben lassen, dass er sich verändert hat? War es die Art und Weise, wie er in der Lage war, mich zu durchschauen? War es seine penetrante Art, mich zum Freund zu machen, egal was ich davon hielt? War es die Erleichterung, jemanden an meiner Seite zu haben, der mir willentlich half, meinen Bruder zu finden und das ohne eine Gegenleistung oder Dankbarkeit zu erwarten? Was auch immer mich dazu gebracht hat, den nervigen Köter wieder einmal zu unterschätzen, ich muss mir eingestehen, dass er noch immer derselbe blonde Idiot ist.
Und ganz ehrlich. Dafür bin ich ebenfalls dankbar. Menschen mögen sich ändern, wenn es die Situation erfordert. Aber, Wheeler bleibt Wheeler, ganz egal, was ihm passiert. Und wenn es mal nicht so sein sollte, dann sorge ich dafür, dass er es nicht vergisst. Er hat nicht das Recht, sich zu verändern, ich werde das zu verhindern wissen.
Egal auf welche Weise.
Ganz egal.
~Joey´s Sicht~
Etwas angespannt sitze ich neben Ryo auf dem Flugzeugsitz und muss mich zwingen, nicht auf die gegenüberliegende Sitzreihe und auf Kaiba zu starren, der sich seinen Laptop auf seinen Schoß gezogen hat und irgendetwas arbeitet, während Mokuba sich an seiner rechten Schulter bequem gemacht hat und augenscheinlich friedlich schläft.
„Ich hab mir solche Sorgen um euch gemacht, besonders um Dich, Joey! Ich hab die ganze Zeit im Rebellenlager auf Nachricht von Deiner und Mokubas Rettung gewartet und als dann endlich Mokuba gefunden wurde, Du aber nicht, da hab ich mir erst Recht Sorgen gemacht.“, sagt Ryo neben mir und zieht am Ärmel meines Jogginganzuges.
„Tut mir leid. Ich hatte einfach keine andere Möglichkeit. Ich weiß, ich hätte das Krankenhaus erst gar nicht verlassen dürfen, aber im Endeffekt war es die richtige Entscheidung.“, antworte ich beruhigend und ignoriere das leise Schnauben rechts von mir, das wohl von Kaiba kommt.
„Trotzdem! Es hätte wirklich schlimm ausgehen können! Du hast zwar Mokuba befreien können und mit ihm auch noch eine andere Sklavin, aber Du bist schwer verletzt! Dein Bein…“, flüstert er besorgt, ich greife nach seiner Hand, die sich schmerzhaft in meinen linken Arm verkrallt hat und schüttle den Kopf.
„Das mit meinem Bein kommt wieder in Ordnung, Du wirst schon sehen! So leicht haut mich nichts um!“, erwidere ich zuversichtlich.
Dass ich schon kurz vor dem Aufgeben gewesen bin, verschweige ich ihm besser. Reicht schon, dass Kaiba davon weiß, wie ich mich wirklich fühle. Seine Standpauke war jedenfalls nicht zu verachten und der Kuss, der mich aus meinem Stadium des Selbstmitleides rausgezogen hat, war ebenfalls nicht schlecht. Definitiv etwas, wovon ich mir eine Wiederholung wünschen würde, also von dem Kuss, auf eine Wiederholung der Standpauke kann ich verzichten.
Ich muss durchgeknallt sein, wirklich. Oder die Männer des Scheichs haben mir meine Gehirnwindungen durcheinandergewirbelt. Anders kann ich mir meine momentanen Gedankengänge nicht erklären. Oder dieser ganze Mist mit der Traumdeutung ist doch nicht so abwegig, wie ich gedacht habe.
‚Blaue Augen bedeuten heiße Liebe‘
Was wäre wenn? Aber Kaiba und Liebe? Und dann auch noch im Zusammenhang mit mir? Absolut unmöglich! Andererseits war er es, der mich geküsst hat. Ich scheine ihm also nicht egal zu sein, zumindest nicht völlig. Aber ob daraus Liebe entstehen kann? Warum sollte ich das überhaupt wollen? Er ist ein Mann, verflucht. Es ist Kaiba, verdammt! Und dennoch kann ich nicht verhindern, dass ich schon wieder rot werde, während sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitet.
„Joey?“, höre ich Ryo fragen, ich schau ihn überrascht an.
„Was?“, frage ich zurück.
„Hast Du mich nicht gehört? Ich hab Dir eine Frage gestellt!“, sagt er beleidigt und ich grinse ihn entschuldigend an.
„Sorry, ich war gerade in Gedanken. Frag mich bitte nochmal, ja?“, frage ich bittend, er seufzt leise und schüttelt den Kopf.
„Mensch, Joey! Du bist unmöglich! Ich hab gefragt, ob es stimmt, dass Du die nächste Zeit in Kaibas Villa verbringen wirst, während Deine Wunden verheilen?“, fragt er mich und ich kann den Blick von Kaiba ganz deutlich in meinem Nacken spüren, während sich das Flugzeug in die Luft erhebt, um uns nach Domino zurückzubringen.
„Ja. Es stimmt. Mokuba will sich um mich kümmern, weil er sich schuldig fühlt und die Kaiba Villa ist wohl für einen Rollstuhlfahrer wie mich im Moment wohl besser, als eine Mini-Wohnung in einem Haus wo es keinen Fahrstuhl gibt.“, antworte ich schulterzuckend und grinse über das ganze Gesicht. „Wie hätte ich so ein Angebot ablehnen können?“
Außerdem gibt es mir die Möglichkeit, Kaiba besser kennenzulernen, wenn er es zulässt. Denn ich will ihn besser kennenlernen. Um jeden Preis. Und ich werde nicht zulassen, dass er mich wieder von sich stößt, wie beim letzten Mal, als ich ihn zu sehr analysiert hatte, kurz vor unserer Ankunft in Kairo. Er hat nicht das Recht, sich vor mir zu verstecken, ich werde das zu verhindern wissen.
Egal auf welche Weise.
Ganz egal.
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