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Eden

von

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Un

EDEN war mein Beitrag zum Europäischen Literaturwettbewerb 2006 und hat es unter die besten Beiträge geschafft.

+freu+

Bin ja gespannt, ob es euch auch gefällt.
 

____
 

~Un~
 

für Jan
 


 

Neuerdings hat sich mein Leben gewaltig verändert, denn ich bin jetzt Inhaber und alleiniger Bewohner einer einsamen Insel. Wie ich hier her gekommen bin?

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, ich weiß es nicht.
 

Gestern war ich da.

Ich stand im weißen Sand, als wäre ich schon immer hier gewesen. Meine Füße wurden von warmen Wellen umspielt. Irgendwie war die Situation schon... unwirklich. Das Meer war so blau, dass es schon fast in den Augen wehtat und das Kreischen von Papageien dröhnte mir in den Ohren. Ich war vorher anderswo gewesen, das war klar. Aber wo?

Fest stand, dass ich gekleidet war wie ein Pirat. Trotzdem war ich mir hundertprozentig sicher, dass ich kein Pirat war. Wieso sollte ich auch? Piraten waren böse Menschen, die andere umbrachten, um an ihr Geld zu kommen, und ich war nicht böse, ganz bestimmt nicht.

Ich war... Wer war ich? Um mich wurde es still, als ich nachdachte, doch es wollte mir nicht einfallen. Ich wusste einfach nicht, wer zur Hölle ich war.
 

Irgendwann war ich dann zu dem Entschluss gekommen, mir einfach einen Namen zu geben, bis mir der richtige wieder einfiel. Der Name? Nenn mich Claude. Irgendwie war ich mir sicher, dass ich aus einem Land komme, das Frankreich heißt und deshalb muss es so ein Name sein. ich weiß zwar nicht, wo Frankreich liegt und was ich dort getan habe, aber ich bin Franzose.
 

~~
 

Die Insel ist nicht sehr groß, vielleicht ein Hektar, vielleicht ist sie kleiner. Da ich kein technisches Gerät zur Verfügung habe, kann ich das auch nicht nachprüfen. Aber wenigstens gibt es eine Höhle auf der Insel, in der ich schlafen und leben kann. Wasser ist auch vorhanden und da sind noch die Obstbäume. Auch Tiere scheint es zu geben, kleine Affen und Vögel. Ich höre sie, wenn ich mich schlafen lege. Verhungern werde ich nicht, ganz sicher nicht.

Aber trotzdem sträubt sich mein Innerstes bei dem Gedanken einen Affen zu jagen und zu töten. Womit überhaupt? Ich könnte ihn höchstens mit Steinen bewerfen.
 

Tag und Nacht grüble ich, warum ich hier gelandet bin. Wenn ich tatsächlich ein Pirat bin, dann muss mein Schiff gekentert und untergegangen sein. Aber meine Kleidung war trocken, als ich erkannt habe, dass ich hier bin, geschwommen kann ich also nicht sein. Überhaupt ist das sehr unwahrscheinlich, da ich panische Angst vor Wasser und vor dem Ertrinken habe.

Oder hat mich jemand hier ausgesetzt? Ja, das muss es sein. Aber wieso kann ich mich nicht daran erinnern?
 

~~
 

Eintönig ist das Leben auf einem tropischen Eiland, wenn man niemanden außer den Stechmücken zum Reden hat. Ich weiß, dass ich immer sonderbarer werde. Wie ich wohl aussehe? Ich bin jung, siebzehn. Mein Bartwuchs war immer spärlich und ist es wahrscheinlich noch. Trotzdem glaube ich, dass ich langsam aber sicher einen Vollbart bekomme.
 

Mir ist langweilig. Ich habe zwar gelernt zu töten, trotzdem macht es keinen Spaß. Es ist Mittel zum Zweck, damit ich nicht verhungere. Manchmal rede ich mit einem Papagei. Er antwortet mir zwar nicht, sieht mich aber gelehrig an. Vielleicht kann ich ihm ja das Sprechen beibringen, wenn nicht, werde ich noch verrückt werden vor Einsamkeit und Langeweile. Was würde ich für eine Zeitung geben, ja sogar die Bibel hätte ich gerne, um etwas darin zu schmökern.

Eigentlich sollte ich mich darum kümmern, dass ich täglich was im Magen habe, doch ich habe keine Lust zu jagen, nicht jeden Tag. Das ist das Schöne an so einer tropischen Insel, es wächst dir alles in den Mund hinein: Wenn ich ganz schwach und müde bin, dann muss ich nicht einmal aufstehen. Die essbaren Pflanzen haben sich bis vor meine Höhle ausgebreitet und wuchern dort den Eingang zu.
 

____
 

Betadanke geht an [[zoeS]].

Noch ist nicht viel passiert, Aber das kann ja noch werden...
 

spross

Deux

Deux
 

~Deux~
 

für Jan
 

_______
 

Ich habe ein Floß gebaut, weißt du? Ich ertrage diese Einsamkeit nicht mehr.

Allein auf der Welt bin ich nicht, ich habe doch meine Familie, die irgendwo auf mich wartet, oder?
 

Es war gar nicht so einfach, ein Floß zu bauen, hier gibt es ja keine Hilfsmittel wie Sägen und Äxte. Ich habe die schwächeren Palmen umgehauen, mit meinen Händen und mit Steinen. Frag mich nicht, wie ich das geschafft habe. Es war eine Heidenarbeit und ich bin wirklich froh, dass ich noch lebe. Eine der Palmen hätte mich fast erschlagen. Das lange, biegsame Gras, mit dem ich die Stämme zusammengebunden habe, hat mir die Handinnenflächen aufgeschlitzt und die Wunden haben sich entzündet. Ich habe einige Tage pausiert, in denen ich die Schnittstellen mit kaltem Quellwasser ausgewaschen und sie in der Sonne getrocknet habe.
 

Jetzt habe ich rote Striemen auf der Handinnenfläche. Sie schmerzen bei jeder unbedachten Handbewegung, die ich mache. Aber mittlerweile habe ich gelernt, nicht wegen jedem Problem, das ich habe, in Tränen auszubrechen.

Meine Fingerspitzen sind rau, als ob ich täglich stundenlang Gitarre spielen würde. Ich erinnere mich an jemanden in meiner schwarz verhangenen Vergangenheit, der immer Gitarre spielte und davon Hornhaut auf den Fingern bekam. Aber was eine Gitarre ist, kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn ich versuche, mir dieses Ding vorzustellen, bekomme ich Kopfschmerzen. Ich habe sowieso pausenlos Kopfschmerzen, was vielleicht auch daher kommt, dass ich viel zu oft in der Sonne sitze und ziellos vor mich hinstarre...
 

Meine Haut ist sonnenverbrannt. Aber heute werde ich von dieser Insel verschwinden, darauf kannst du dich verlassen.
 

~~
 

Ich habe es wirklich versucht. Ich habe mein Floß ins Wasser geschoben und habe gerudert wie ein Verrückter. Hinter mir wurde die Insel immer kleiner, doch irgendwann veränderte sich nichts mehr, obwohl ich mich wirklich ins Zeug gelegt habe... Es passierte nichts. Der Horizont kam nicht näher, fast so, als wäre das Meer eine eingefrorene Fläche.

Irgendwann gab ich auf.

Jemand oder etwas will nicht, dass ich von dieser Insel verschwinde. Man will, dass ich hier bleibe und elendig verrotte.

Aber ich will weg. Ich gehöre nicht hierher. Alles tut mir weh nach diesem verzweifelten Fluchtversuch, der irgendwie von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.
 

Resigniert sitze ich hier im Sand und starre auf das Meer hinaus, auf dem mein Floß auf den Wellen tanzt. Das Wasser sieht künstlich aus. 'Normales' Meer ist sicher nicht so blau, und halte mich nicht für verrückt, irgendwie scheint mir der Sand viel zu weich zu sein. Er müsste mich kratzen, aufscheuern, aber er tut es nicht. Er ist weich, so weich, dass ich ihn in meine Höhle geschaufelt habe, um auf ihm zu schlafen.
 

Was tue ich eigentlich hier? Wütend springe ich auf, trete gegen einen Sandhaufen und schreie wie ein Verrückter. Die Tiere in den Bäumen hinter mir kreischen und schreien, ich kreische und schreie mit. Irgendwann beginne ich hysterisch zu lachen. Die Situation ist ja wirklich zu abgedreht. Ich sitze hier auf einer verdammten tropischen Insel, habe keinen Schimmer, wer ich bin und spreche mit mir selbst.

Aber was soll man hier sonst tun? Es gibt hier nichts. Ich fühle mich wie ein Vogel im Käfig, mein Gefängnis ist viel zu klein. Schreien hilft nicht, weinen ist ebenfalls sinnlos. Es ändert sich nichts. Kurz kommt mir in den Sinn, dass ich mich umbringen könnte, aber irgendwie habe ich das dumme Gefühl, dass das auch nicht funktionieren würde...
 

Resigniert lasse ich mich wieder in den Sand zurücksinken. Die Sonne geht unter, langsam und rot.
 

______
 

Anscheinend liest ja doch jemand diese Geschichte... +freu+

...

Danke fürs Beta, zoeS. +abwuschl+

Trois

Trois

~für Jan~
 

Wenn ich ganz still liege, dann höre ich ein leises Atmen vor meiner Höhle.

Da liegt jemand, schon den ganzen Tag.

Ich habe ihn vom Himmel fallen hören, ein Geräusch, das ein Vogel macht, wenn er abstürzt, nachdem ich ihn mit der Steinschleuder verwundet habe. Irgendwie habe ich Angst. Was mache ich, wenn der Mensch verletzt ist? Ich kann ihm nicht helfen. Ich bin jung und im Erste-Hilfe-Kurs in der Schule habe ich immer geschlafen. Nun, ich beschließe hiermit, ihn zu ignorieren und zwar konsequent.
 

Meine Erinnerungen sind langsam zurückgekehrt. Ich weiß zwar immer noch nicht, warum ich hier bin, aber ich kann mich wieder an Dinge erinnern, die früher waren.

An die Schule.

An meine Clique.

An meine Freundin Christine.

An Mama und Papa.

An Mimi, meine kleine Schwester.

Meinen Namen weiß ich auch wieder, aber ich sage ihn dir nicht, wir kennen uns doch kaum.
 

Langsam setze ich mich auf. Mein Rücken tut weh, ich merke, dass ich zu lange in der Höhle herumgelegen habe. Draußen höre ich ein Rascheln. Okay, ignorieren funktioniert wohl in diesem Fall nicht. Die Neugier siegt, ich krieche doch langsam aus der Höhle.
 

Es ist so gleißend hell draußen, dass ich zuerst gar nichts erkennen kann.

Doch dann beruhigen sich meine Augen und ich sehe ihn im Sand sitzen.

Wie verloren er aussieht... Niedlich. Doch im gleichen Moment durchzuckt mich ein seltsamer Gedanke. Er passt nicht hierher, er ist ein Fremdkörper auf MEINER Insel.

Ich mustere ihn abweisend, er sieht auf den Boden. Sein Haar hat eine seltsame Farbe, wie ein Getränk, das einen englischen Namen hat und schwarzbraun schimmert, wenn man die Glasflasche, in dem es sich befindet, in die Sonne hält.

Wie heißt es? Ich strenge mich wirklich an, doch es will mir nicht einfallen.

Englisch habe ich nie gemocht.
 

Der Junge bewegt den Kopf, die Perlen, die in seine Haare eingearbeitet sind, klappern gegeneinander. Er gibt einen seltsamen Laut von sich, der fast wie ein Wimmern klingt. In mir steigt plötzlich Zorn hoch. Was will er hier? Ich war so lange allein... Er soll verschwinden. Ich will ihn nicht sehen.
 

"Hau ab", murmle ich leise, fast unhörbar, doch er bewegt sich nicht.

Als ich ihn anschreie, zuckt er nur leicht zusammen. Wieder dieses Perlengeklapper... Ich schließe mit einem gequälten Stöhnen die Augen.

Weg mit ihm. Weg, weg, weg!
 

Ich bücke mich und hebe einen der Steine hoch, die am Boden liegen. Blutrot und schwer liegt er in meiner Hand. Ich könnte ihn damit töten. Nur ein Schlag gegen sein hübsches Köpfchen und der Sand würde sich blutrot färben.
 

Kurz blitzt Angst in den blauen Augen des Kleinen auf. Er scheint zu wissen, was ich vorhabe.

Unheimlich.
 

"Hau ab."

Leise zische ich die harten Worte noch einmal, die mir im gleichen Moment schon wieder leid tun. Aber ich ertrage seine Anwesenheit einfach nicht.

Er stört mich. Er macht mich... nervös.
 

Langsam und bedächtig steht er auf. Äußerlich sieht er jung aus. Aber er scheint nicht jung zu sein, er wirkt auf mich wie ein alter Mann, wenn er geht. Noch einmal sieht er mich an. Dann verschwindet er hinter einem kleinen Hügel.

Hoffentlich verreckt er dort.
 

Ich muss grinsen. Ha, ich habe mein Heim verteidigt, siehst du? Du kannst stolz auf mich sein.
 

_________________
 

Habt ihr gesehen? Es ist etwas passiert.

Danke für die vielen lieben Kommentare zum letzten Teil.
 

spross

Quatre

Quatre

~für Jan~
 

So kann das nicht weitergehen.

Er macht mich verrückt... Zwar habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen, aber ich weiß, dass er da ist. Ich spüre, dass er da ist.

Er liegt da hinten in einer Kuhle zwischen Felsen und Sand, rührt sich nicht und hat Schmerzen. Frag mich nicht, woher ich das weiß, ich weiß es einfach.

Genau so wie ich weiß, dass ich hier ganz sicher nicht hergehöre und dass hier einiges nicht stimmt. Menschen fallen nicht einfach vom Himmel und überleben die ganze Sache dann auch noch.
 

Ich muss mit ihm reden. Es ist auch nicht normal, dass ich so seltsam auf ihn reagiert habe. Was soll das? Diese Insel macht mich irre.
 

Ich schleiche um die Grube, in der er liegt. Wie lange ich das schon mache?

Ich weiß nicht, seit Stunden? Viel zu lange, das ist klar. Er bewegt sich nicht. Vielleicht hat er sich bei seinem Sturz doch etwas gebrochen. Mir fällt Ikarus ein, der vom Himmel fiel, weil er die Sonne berühren wollte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ikarus deshalb gestorben ist. Das macht mich traurig.

Ikarus muss einer meiner Freunde gewesen sein...
 

Ich lasse mich in den heißen Sand fallen. Neben mir stecken zwei Meerkatzen ihre Köpfchen aus dem Gebüsch. Sie keckern und lausen sich gegenseitig. Irgendwie sind sie niedlich. Und nebenbei schmecken sie auch gar nicht so schlecht. Nur die Beinchen sind mir zu zäh. Die Kleinere springt her und sieht mich vorwurfsvoll, aber zugleich zutraulich an. Wahrscheinlich will sie etwas zu fressen. Normalerweise gebe ich den Tieren immer meine Reste, doch ich habe nichts dabei. Ich schüttle den Kopf. Das Tier scheint zu verstehen und läuft zu seinem großen Freund. Wieder sitzen sie eng aneinandergepresst da.
 

Ich will auch jemanden haben, zu dem ich gehen kann.
 

Entschlossen stehe ich auf und gehe auf die Kuhle zu. Der Sand knirscht unter meinen nackten Füßen, Schuhe trage ich schon lange keine mehr. Es ist heiß. Ich habe schrecklichen Durst, aber ich ignoriere das würgende Gefühl in meiner Kehle. Weiter.
 

Ich komme der Kuhle näher. Langsam steige ich über einige scharfkantige rote Steine, dann sehe ich ihn. Er sieht erbärmlich aus. Sein Haar ist verklebt, seine Augen sind geschlossen, er seufzt leise. Seine Haut ist verbrannt.

Warum liegt er hier in der prallen Sonne? Bin ich daran schuld?
 

Fast stolpere ich über ein Stück Holz und fluche. Er schlägt die Augen auf und sieht mich an. Zuvor ist er ängstlich gewesen, jetzt scheint er mir überlegen zu sein. Seltsam, er ist es doch, der hier am Boden liegt.
 

David gegen Goliath. Der Kleine tötet den Großen, Übermächtigen mit einer Steinschleuder.
 

Er wird mir wohl nichts tun?
 

Ich zucke zurück. In mir steigt das Bedürfnis hoch, ihn zu verprügeln.

Nein, ich darf das nicht tun. Er ist hilflos, wahrscheinlich ist er krank.

Ich darf keinen Schwachen angreifen.
 

Langsam komme ich näher und hocke mich neben ihn. Er knurrt mich an.

"Hey", murmle ich und versuche zu lächeln. Er sieht mich ausdruckslos an. Seine Augen sind verklebt.Dann bäumt er sich auf und umarmt mich. Ich schreie auf und falle nach hinten.
 

Eigentlich rechne ich ja jede Sekunde damit, dass er mir die Kehle zudrückt, doch er liegt nur auf mir. Sein Herz rast, doch ich spüre, wie er sich langsam beruhigt, seufzt und sich noch enger an mich schmiegt. Ich spüre, dass er zu weinen begonnen hat, seine Tränen benetzen meine Brust. Mir wird warm und das kommt sicher nicht nur von der Mittagshitze, in der wir hier liegen. Vorsichtig beginne ich, tröstend seinen nackten Rücken zu streicheln, der, wie ich jetzt feststellen muss, voller Narben ist.
 

Diese Insel... Wer auch immer uns beide hierher gebracht hat, er muss ein böser Mensch sein. Der Kleine mit den uralten Augen scheint Schmerzen zu haben und ich kann ihm nicht helfen. Ich kann ihn nur festhalten, bis es ihm wieder besser geht.
 

_______
 

Betadank geht an Tsuya.

Also dann, bis bald.

spross

Cinq

Cinq

~für Jan~
 

Ich habe ihn in die Höhle geschleppt.

Er stöhnt bei jeder meiner Berührungen, doch ich muss ihn ausziehen. Viel hat er ohnehin nicht an. Außer einer blauen kurzen Hose trägt er nur noch seltsame Schuhe. Sein Oberkörper ist unbedeckt. Die Narben auf seinem Rücken machen mir Sorgen. Einige sind noch frisch, andere fast zur Gänze verblasst. Es sieht fast so aus, als hätte ihn jemand geschlagen. Als ich fertig bin, presst er sich Schutz suchend an mich.
 

Er wimmert, als ich mich von ihm löse und ihn hinlege. Es tut mir Leid, aber ich habe nichts anderes als den Sand, in den ich ihn betten kann. Obwohl er mich nicht wund scheuert, ihm scheint er Schmerzen zuzufügen.

Weißt du, diese Vorwürfe bringen mich fast um. Ich weiß zwar, dass ich nichts für die Narben kann, aber ich bin schuld an seinem verbrannten Gesicht und an seinem fast unstillbaren Durst nach Wasser und Berührungen. Und deshalb kümmere ich mich um ihn.
 

Obwohl... das ist nicht der einzige Grund.
 

Irgendwie ist es doch seltsam. Kaum, dass ich ihn gefunden habe, scheint es mir so, als könnte ich ohne ihn nicht mehr leben. Ich versorge ihn mit Essen und Wasser und wenn er will, dann bekommt er Körperkontakt. Durch diese Aufgaben kann ich meine eigenen Probleme vergessen. Ich muss nicht mehr darüber nachdenken, wie ich hierher gekommen bin und kann mich ganz ihm widmen.
 

Seine Narben sind teilweise aufgeplatzt. Ich kämpfe regelrecht mit der gelblichgrünen Flüssigkeit, die aus ihnen herausquillt. Meerwasser hilft gut, obwohl der Kleine vor Schmerzen schreit, wenn ich die Wunden damit auswasche.

Manchmal wünsche ich mir so sehr, dass ich hier irgendwo Verbandszeug finde. Natürlich gibt es keines. Es gibt nur Sand, rote Steine, Wasser, Palmen und die Affen.
 

Obst isst er gerne, besonders Bananen haben es ihm angetan. Ich hasse Bananen. Wahrscheinlich habe ich schon zu viele gegessen. In der ersten Zeit habe ich mich fast nur von ihnen ernährt. Dann habe ich gelernt zu töten.
 

Früher ist töten einfacher gewesen. Ich erinnere mich an Spielhallen, wo man Spiele spielen konnte, in denen man gegen virtuelle Gegner kämpfen konnte. Ich bin gut darin gewesen. Mein Lieblingsspiel war [Eden]. Ich glaube mich zu erinnern, dass man dabei auf einer tropischen Insel gegen Soldaten kämpfen musste.
 

Ich bin dazu übergegangen, mein Gefängnis Eden zu nennen. Den Namen habe ich mit einer Muschel in eine Felswand geritzt.

Warum?

Ich weiß nicht. Ich wollte sichergehen, dass ich noch schreiben kann. Und vielleicht wollte ich ein Andenken für die Nachwelt hinterlassen. Könnte ja schließlich sein, dass noch jemand hier landet.
 

Mir ist heiß. Der Kleine hat sich an mich geschmiegt und atmet leise. Er schläft, das ist gut. Er schläft nur selten. Meistens weint oder wimmert er.

Seine Wunden heilen langsam zu, das Meerwasser scheint zu helfen.

Vorsichtig streiche ich über sein Haar und über die Perlen, die leise klappern.

Eine fällt ab und rollt schnell über den steinigen Boden der Höhle, bis sie in einer Kuhle stecken bleibt. Ich hebe sie auf und betrachte sie. Was steht da eingedruckt, winzigklein und leicht zu übersehen? Ich muss die Augen fest zusammenkneifen, um es lesen zu können. Plötzlich erschrecke ich.
 

Sallust Inc.
 

Ich kenne diese Firma. Ich... weiß nur nicht woher. Mein Kopf dröhnt, als die Erinnerungen an den Namen regelrecht zu rasen beginnen.
 

Ich war dort. Ich war in dieser Firma. Mit Leuten. Meinen Freunden?

Ich habe ihn gesehen, den Kleinen.

Und dann?

Dann... Dann war mir schwarz vor Augen. Glaube ich zumindest.
 

Ich presse dieHandinnenflächen an die Schläfen, um den Druck in meinem Kopf etwas zu lindern, doch er lässt nicht nach. Seufzend ergebe ich mich meinem Schicksal. Ich drücke den Kopf fest gegen die Wand der Höhle und versuche zu schlafen.
 

--
 

Wieder mal ein kurzes Chap...

Aber es werden langsam Rätsel gelöst, oder?

...

Los, spekuliert.
 

Der Betadank geht diesmal an Innocent.
 

spross

Six

Six

~für Jan~
 

Er liegt da und sieht mich mit großen blauen Augen an, als ich ihm eine Geschichte erzähle. Sie handelt von zwei Jungen, die auf einer einsamen Insel gestrandet sind. Etwas anderes kann ich ihm doch nicht erzählen, wie sollte ich auch? Ich weiß keine Geschichten mehr. Keine Bilder in meinem Kopf, nur Bruchstücke. Früher, das weiß ich noch, da hat mir mein Vater Märchen erzählt.

Doch jetzt? Ich weiß sie nicht mehr. Sie sind mit meiner Vergangenheit aus meinem Kopf gespült worden und leben nur noch als Erinnerungsbrocken weiter.
 

Der Kleine scheint aufmerksam zuzuhören. Ob er mich versteht, weiß ich nicht.

"Hey. Sag doch was."

Er verzieht seinen Mund für einen kurzen Augenblick zu einem Lächeln, dann sieht er mich wieder groß an.
 

Er versteht mich nicht. Zumindest versteht er kein Französisch. Verdammt... Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Hoffentlich ist er nicht taub.
 

Ich versuche es mit den wenigen Brocken Deutsch, die ich mir aus dem Unterricht gemerkt habe. Er hört mir zwar aufmerksam zu, antwortet aber nicht.

Und was jetzt?

Ich kann es nur noch mit Englisch probieren. Da kann man nur hoffen, dass er meinen französischen Akzent versteht.
 

"What's your name?", murmle ich probeweise und kann kaum glauben, was ich sehe.

Seine Augen beginnen zu strahlen und er lächelt. Er lächelt!
 

"Myself."
 

Was soll ich mit diesem Wort anfangen? Ich weiß nicht, was ich sagen soll und lasse es bleiben. Er kriecht auf mich zu. Langsam hebt er seine rechte Hand und legt sie auf meine. "Thanks", flüstert er und schmiegt sich an mich. Hilflos umfasse ich seinen schmalen Körper und ziehe ihn zu mir. Niemals war ich so verwirrt wie jetzt. Ich traue mich fast nicht, ihn zu streicheln, doch als ich meine Finger vorsichtig durch seine Haare streichen lasse, lässt die Anspannung nach.
 

Ich warte, bis er eingeschlafen ist, dann löse ich mich von ihm und gehe nach draußen. Es dämmert auf meiner Insel. Feuchter Sand, der mir so vertraut ist wie alles hier, klebt unter meinen Füßen und ich atme tief ein.
 

Wie lange ich wohl schon hier bin? Ich muss vor Wochen aufgehört haben, Striche in die Höhlenwand zu ritzen, so wie ich es am Anfang getan habe. Irgendwie ist ja der Kleine schuld. Ich habe mich nur noch um ihn gekümmert.

Ich habe ihn versorgt, ihn gehalten, ihn gefüttert.
 

Aber ist es nicht ungerecht, ihm allein die Schuld zu geben, was meinst du?

Bin ich schwach geworden, weil er jetzt da ist und mein Leben ausfüllt?
 

Ich drehe mich um und werfe einen Blick auf die Höhle, die hinter mir im Halbdunkel liegt. Wahrscheinlich würde ich sterben, wenn ihm jetzt etwas zustoßen würde. Obwohl er der Hilflose ist, brauche ich ihn umso mehr.

Und ich werde auf ihn aufpassen, koste es, was es wolle.
 

Jetzt, wo er endlich mit mir spricht, kann ich ihn sogar nach seinem Namen fragen.

Moment, was ist das? Was macht eine gottverdammte Dose hier? Langsam beuge ich mich hinunter und greife nach dem Ding. Ich habe mir ordentlich die Zehen daran gestoßen. Klar, schließlich brauche ich doch auf meiner Insel nicht mehr auf den Weg zu blicken, wenn ich gehe. Ich finde blind überall hin.
 

Es ist schon so dunkel, dass ich die Augen zusammenkneifen muss, um den weißen Schriftzug zu entziffern. Coca-Cola.
 

Woher weiß ich, dass die Flüssigkeit, die sich irgendwann einmal im Inneren der Dose befunden hat, rotschwarz ist? Genau diese Farbe hat das Haar des Kleinen.

Aber wo kommt die Dose her? Ich bin diesen Weg schon so oft gelaufen, dass ich jeden Stein hier kenne. Und eine Coladose hat es hier gestern definitiv noch nicht gegeben.
 

"Strange."
 

Ich zucke zusammen, als er plötzlich hinter mir steht. Langsam, schwankend tapst er auf mich zu und fällt stöhnend auf die Knie. Der Weg von der Höhle bis hierher muss ihn erschöpft haben. Ist er überhaupt schon einmal so weit gelaufen, seit er krank geworden ist?

Sofort lasse ich die Dose fallen und hocke mich neben ihn.

"Shall I help you?"

Er schüttelt den Kopf. "Nein danke."

"What?" Ich bin so perplex, dass ich nach Luft ringen muss.

Der Junge atmet schwer. "Ich verstehe dich." Dann schließt er die Augen. Ich spreche ihn noch ein paar Mal an, doch er reagiert nicht, also nehme ich ihn auf die Arme und trage ihn nach Hause.

Wie oft ich ihn schon durch die Gegend getragen habe? Ach, frag doch nicht so dumm.

Die Coladose bleibt im Sand liegen. Dunkel hebt sie sich ab wie ein düsteres Omen.
 

___
 

Spekulationen at moi, per favore~

Betadank geht an Innocent. Danke, meine Retterin *.*
 

spross

Sept

Sept

~für Jan~
 

Wir gehen spazieren. Okay, das war gelogen: Ich gehe, er läuft.

Zum Glück wird er schnell müde. Seine Beine tragen ihn nur kurze Zeit, dann braucht er eine Pause. So kann ich auch ab und zu verschnaufen.

Warum wir spazieren gehen? Weißt du, es ist nicht bei einer Dose geblieben.
 

Ich habe es ignoriert, habe mich in meiner Höhle verkrochen. Sie ist mein Zuhause und gibt mir in dieser seltsamen Welt Geborgenheit. Das Dumme ist nur, dass ich in Lethargie versinke, wenn ich sie länger nicht verlasse. Er hat mich gedrängt, doch einmal wieder hinauszugehen und ich habe es getan. Jetzt denke ich mir, es wäre klüger gewesen einfach drinnen zu bleiben.
 

Der Müll ist mittlerweile überall. Am Morgen ist der Strand noch sauber, am Abend spielen die Affen mit Plastiktüten am Strand und ersticken daran. In den Palmenhainen wachsen Dosen, alte Flaschen und anderer Unrat wie Pilze aus dem Boden. Und deshalb sammeln wir den Müll ein und vergraben ihn. Ich will nicht sehen, wie die Idylle auf meiner Insel zerbricht.
 

Der Kleine hilft mir gerne. Dem Müll begegnet er mit Ekel und Abscheu, genau wie ich. Nur die Coladose, über die ich damals gestolpert bin, ist sein bevorzugtes Spielzeug. Wenn er damit vor der Höhle spielt, benimmt er sich wie ein kleines Kind. Seine schwarzen Haare sind durch die salzige Luft ausgebleicht und glänzen jetzt in einem tiefen Braun. Wenn die Sonnenstrahlen auf seinen Haaren tanzen, funkeln sie rötlich. Ich bin fasziniert von der Haarfarbe. Er hat mir nie gesagt, wie alt er ist, aber so alt kann er nicht sein. Vielleicht ist er fünfzehn oder sechzehn Jahre. Und doch, seine Augen wirken viel älter. Wenn er mich direkt ansieht, erschrecke ich fast vor der unendlichen Leere und Klugheit in den melancholischen Augen.
 

Seit wir miteinander gesprochen haben, ist er regelrecht aufgeblüht. Wie gesagt, er läuft und isst wieder selbst, ohne dass ich ihm helfen muss. Trotzdem, er kommt immer wieder nach seinen Streifzügen zu mir zurück und will in meine Arme.

Er schmiegt seine Wange an meine und genießt meine Nähe. Und ich seine.
 

Wenn wir den Müll sammeln, sieht er immer gut gelaunt aus, doch ich weiß, wie sehr es ihn traurig macht. Mich kann er nicht täuschen. Ich würde ihn so gerne trösten, ihm sagen, dass der Müllregen irgendwann aufhört, doch er lässt mich nicht. Wenn ich davon anfange, blockt er ab, ganz so, als wüsste er, dass wir im Unrat ersticken werden.

Ob er etwas weiß?

Er ist doch auch vom Himmel gefallen. Vielleicht fühlt er sich schlecht, vielleicht fühlt er sich selbst wie Müll. Plötzlich da und von mir zuerst ungewollt.
 

"Erzähl mir eine Geschichte."

Er geht einige Meter vor mir, als er mir die Frage stellt. Wir schlendern langsam durch den Palmenhain, der immer lichter wird, je näher wir uns dem Strand nähern. Als er sich erwartungsfreudig umdreht, lächle ich ihn an und schüttle dann den Kopf.

"Nein. Heute bist du dran."

Der Kleine antwortet nicht. Gedankenverloren streicht er beim Vorübergehen über die Stämme der Palmen. Affen kreischen.
 

Er ist wunderschön, sogar wenn er mir nur seinen Rücken zudreht. Aber wieso dreht er sich jetzt um und sieht mich so unendlich traurig an? Habe ich etwas Falsches gesagt?
 

"Gut, ich werde dir eine Geschichte erzählen. Aber denke daran..."

Ich merke, dass ihm die Worte fehlen. Wie sooft wird er bei komplizierten Sätzen unbewusst ins Englische wechseln.

"You know, every story contains a grain of truth.*"
 

A grain of truth.

Ich weiß, was das heißt, verstehe aber Igraine of Truth. Und als er beginnt, denke ich schon darüber nach, was für ein wundervoller Name das für den Kleinen wäre.
 

______
 

*) In jeder Geschichte steckt ein Körnchen Wahrheit.
 

Der Name...

Ich finde, er passt zu dem Jungen.

Mir fiel dieses Wortspiel im Englischunterricht ein und noch bevor der Kleine überhaupt auf der Insel aufgetaucht ist, wusste ich schon, dass er so heißen wird.

Name vor Charakter?

Das ist mir noch nie passiert.
 

Betadank geht diesmal an Tsuya und zoeS.

spross

Huit

Huit

~für Jan~
 

"Der Junge fühlte sich wohl in dem großen Saal. Er stand unter dem Einfluss von Drogen und schlief so tief, dass ihn die anderen Patienten, die sich ebenfalls in dem Raum befanden, nicht wecken konnten.

Er schlief schon lange.

Man hatte ihn am Hafen gefunden, leblos und ruhig. Zuerst hatte man gedacht, er sei hirntot, doch das stimmte nicht. Die Ärzte, die ihn untersuchten, stellten eine rege Gehirntätigkeit fest: Er träumte. Daher wurde der Junge in die städtische Nervenklinik überstellt, wo sich Tag und Nacht Ärzte und Schwestern um ihn kümmerten.

Aber der Junge wollte das nicht. Er wollte in Ruhe gelassen werden. Zuerst merkten die Angestellten nicht, was mit ihnen passierte. Doch als die ersten Schwestern, die den kleinen Schlafenden einmal ohne Handschuhe versorgten, leblos zusammenbrachen, bekam man Angst. Niemand wollte den Jungen versorgen. Er magerte ab und stank.
 

Irgendwann kam ein grau gekleideter Mann in die Klinik.

"Ich nehme den Träumer mit", waren seine einzigen Worte. Er trug lange Handschuhe aus glänzenden Metallfäden. Die Ärzte waren gespannt, als er den Jungen aus seinem Bett hob. Würde er auch zusammenbrechen? Doch nichts geschah. Der Fremde trug den kleinen geschwächten Körper fort.
 

Als der Junge das erste Mal seit drei Jahren erwachte, erblickte er eine in beruhigendem Grün gehaltene Wand. Er versuchte den Kopf zu drehen, doch das war nicht möglich.

"Deine Muskeln sind verkümmert", murmelte jemand.

Der Junge erschrak fast zu Tode. Er wollte weg. So laut und ungedämpft hatte er Stimmen schon lange nicht mehr gehört.

"Beweg dich nicht, Du könntest an der Anstrengung sterben."

Was blieb ihm anderes übrig als zu gehorchen? So verharrte er, Stunden, Tage, Wochen. Irgendwann fielen ihm wieder die Augen zu.
 

Als der Junge das zweite Mal erwachte, fühlte er sofort, dass etwas anders war.

Um ihn herum waren Menschen, die hektisch an elektrischen Geräten herumhantierten oder ihn neugierig anstarrten. Es war entsetzlich laut und viel zu hell. Ein kleiner dicker Mann befühlte seine flache Brust. Er trug Metallhandschuhe. Der Junge schloss gequält die Augen und ließ die Prozedur über sich ergehen. Er fühlte sich wie ein Stück Fleisch. Irgendwann bemerkte er, dass ihm nicht nur Kabel unter die Haut, sondern auch in den Kopf gebohrt wurden. Das Hineindrücken und Schrauben fand er entsetzlich, doch es war nichts gegen das Gefühl des Skalpells, dass sich in seine Schläfen fraß. Er wollte schreien, doch seine Stimme versagte ein ums andere Mal.
 

Wo war er hier?

Was machten all diese Menschen mit ihm?

Wer oder was gab ihnen das Recht, ihn zu quälen?

Wieder zuckten Schmerzen durch seinen Körper.
 

Dann wurde es schlagartig still. Totenstill, weich, warm. Genießend gab er sich der neuen Situation hin. Es war so gemütlich... Wunderbar, so zu träumen.
 

Er schlief lange und tief. Manchmal hörte er die Stimmen von Menschen in seinen Träumen, die sich leise in seiner Nähe unterhielten.
 

"Bald ist er bereit", murmelte jemand.

"Nein, Herr Doktor. Er braucht noch etwas, um sich an die Fremdkörper in seinem Kopf zu gewöhnen", sagte ein anderer, der aufgeregt und jung klang.

"Wenn wir ihn zu früh einsetzen, dann wird er sie abstoßen und das könnte katastrophale Folgen für sein Gehirn haben!"

Ein Lachen. "Welche Folgen denn? Das, was wir bis jetzt vermuten ist, dass er nie mehr erwachen wird. Er ist in ein Wachkoma gefallen."

"Aber Doktor!"

"Verstehen Sie doch, Eisner. Der Träumer wird wahrscheinlich nie wieder erwachen."
 

Doch der kluge Mann hatte sich getäuscht.
 

Als der Junge das dritte Mal erwachte, sah er direkt in das panische Gesicht eines bärtigen Mannes. Zwei weißgekleidete Männer hielten den hysterisch um sich Schlagenden mit eisernem Griff fest, ein dritter presste die zitternde Hand auf die nackte Brust des Jungen. Der Mann schrie auf und erschlaffte augenblicklich.

Es wurde warm, nein, unerträglich heiß im Raum. Und der Junge begann zu weinen, als er das erste Mal bewusst wahrnahm, was er getan hatte.
 

Die sanften Hände in silbrig glänzenden Metallhandschuhen, die seine Tränen rasch trockneten, bemerkte er kaum. Die Wärme verflog schnell, doch die Hitze in seinem Körper blieb. Sein Kopf dröhnte.
 

Er beschloss, nicht noch ein viertes Mal aufzuwachen.
 

In seinen Träumen wurde es eng. Immer mehr schreiende, verzweifelte Menschen tauchten in seinen ausgedachten Wüsten, Schluchten und eisigen Landschaften auf.

Nicht einmal im Dschungel war er noch vor den Verrückten sicher, die auf ihn und seine Gedanken losgelassen wurden. Irgendwann zog er sich als letzten Ausweg tief in sich selbst zurück, dorthin, wo ihm niemand nachfolgen konnte."
 

___
 

Wir nähern uns dem Ende, liebe Leser.

Ich hoffe, die ,Lösung' des Rätsels ist euch nicht auf dem Silbertablett serviert und ihr müsst selbst noch etwas denken.

+lächel+
 

Der Betadank geht wie so oft an zoeS.

Vielen Dank für deine Kritik und seine Anmerkungen.
 

spross

Neuf

Neuf

~für Jan~
 

Es ist still, als er aufhört zu reden, nur die Palmen rauschen im Wind.

Ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Was sagt man in so einem Fall?

Und wieso glaube ich überhaupt, was ich da höre?

Ist es diese Insel, die so aussieht, als wäre sie nur aus wagen Erinnerungen entstanden, diese kleinen ,Fehler', die sich hier überall eingeschlichen haben?

Dinge wie die blutroten Steine und der unnatürlich blaue Ozean?

"Igraine."

Idiot. Wieso sollte er auf den Namen hören? Er weiß doch noch nicht einmal, dass ich ihn in Gedanken so nenne. Trotzdem, er sieht mich eine Zehntelsekunde lang an. Dann wendet er sich ab und geht langsam den Trampelpfad zum Strand entlang.

Ab und zu bückt er sich, um etwas Müll aufzusammeln.
 

Er spricht nicht mehr, ich bin knapp davor, zu verzweifeln. Seit dieser verdammten Geschichte hat er keinen Ton mehr von sich gegeben, ganz so, als hätte ihn das Erzählen seine gesamte Kraft gekostet. Es ist anders als damals, als er vom Himmel gefallen ist. Sein Herz ist damals zerbrochen, der Glanz in seinen Augen erloschen. Ich habe alles heil gemacht. Aber jetzt, jetzt gibt es nichts mehr, dass ich heilen kann. Er scheint innerlich tot zu sein.
 

Was soll ich nur tun?

Sag du es mir. Hilf mir, diese künstliche Einsamkeit zu ertragen. Sie ist künstlich, weil ich sie gemacht habe. Seine Nähe und diese gottverdammte Stille machen mich verrückt, also halte ich mich von ihm fern und versuche, ohne ihn zu leben. Es gelingt mir mehr schlecht als recht, denn er fehlt mir. Deshalb lege ich mich jede Nacht wieder zu ihm in die Höhle, obwohl ich mir jeden Tag aufs Neue schwöre, es nie wieder zu tun.
 

Ich liege am Strand und starre in den Himmel. Die Sterne sind in völlig widersinnigen Sternbildern angeordnet, die man so sicher auf keiner Sternkarte findet. Ein weiterer Fehler, einer von vielen. Ich habe in den letzten Tagen einige entdeckt. Die ganze Insel ist ein Sammelsurium von Erinnerungsfetzen und Gesprächen, die Igraine aufgeschnappt hat, dessen bin ich mir mittlerweile sicher.
 

Hat er jemals wirklich das Meer gesehen?

Hat er jemals richtige Speisen gegessen?

Hat er jemals einen Menschen gekannt, der ihn geliebt hat?
 

Mir wird kalt, der Nachtwind hat eingesetzt. Wie still es auf der Insel ist...

Ich muss in die Höhle.

Der Weg dorthin erscheint mir kilometerlang. Was ist nur mit mir los? Gut, ich breche gerade zum wiederholten Mal mein eigenes Versprechen, Igraine in Ruhe zu lassen. Aber warum kann ich meine Füße jetzt kaum noch heben? Ich fühle mich fast so, als würden Bleigewichte an ihnen hängen.
 

Ich werde panisch, als mir die Beine einknicken. Eine Lähmung auf einer einsamen Insel, das fehlt mir gerade noch. Hysterisch keuchend krieche ich weiter auf den Eingang der Höhle zu. Ich weiß, dass der Kleine mir helfen kann, ich muss ihn nur erreichen.
 

Als ich ihn plötzlich vor mir stehen sehe, zucke ich zusammen. Langsam hebe ich den Kopf. Er hat sich vor mich hingehockt und sieht mich mitleidig an. Dann greift er sich ins Haar und zieht eine der perlendurchsetzten Strähnen heraus.
 

"Willst du wissen, was das ist?"
 

Ich wimmere. Was soll das, wieso spricht er plötzlich wieder mit mir?
 

"Das ist ein Kabel."
 

Er zerrt an der Perlenschnur und wickelt sie um seine Hand. Ich traue meinen Augen nicht. Sie hat kein Ende. Immer länger wird das Knäuel um die Hand des Kleinen, bis er schließlich loslässt und sich das Kabel blitzschnell wieder in ihn zurückzieht. Entsetzt stöhne ich auf.

Mittlerweile hat er sich vor mich hingesetzt und meinem Kopf in seinen Schoß gelegt. Zärtlich streicht er durch mein vom Salzwasser und dem ewigen Wind steif gewordenes Haar und murmelt beruhigende Worte.
 

Oder sollte mich erschrecken, was er von sich gibt?
 

"Du bist ein Fehler im System. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, zu mir zu kommen, aber eigentlich ist das unmöglich..."
 

Ein Fehler im System. Ich? Wie soll ich denn das verstehen? Igraine lächelt, ich weiß und spüre das. Wir sind uns nah und gleichzeitig so fremd, dass es mir fast körperlich wehtut.
 

"Hilf mir... Ich will mich erinnern."

Mehr kann ich nicht sagen, ich kann kaum atmen. Irgendetwas nimmt mir die Kraft. Ist es die Insel oder er selbst, der mich schwächt? Weißt du, ich glaube fast, wenn nicht bald ein Wunder geschieht, werde ich ersticken. Seltsam, dass ich in all der Zeit nie einen Gedanken daran verschwendet habe, was wohl passieren könnte, wenn ich krank werde...
 

"Willst du dich wirklich erinnern?"

Igraines Mund ist an meinem Ohr, ich spüre seinen Atem. Langsam nicke ich.
 

__
 

...

Whatever~
 

spross

Dix

Dix

~für Jan~
 

"Wenn wir das Firmengebäude betreten, will ich, dass ihr euch an die Anweisungen der Führer haltet, ist das klar?"

Die ganze Klasse murmelt zustimmend. Ich klammere mich müde an meine Freundin Christine und gähne. Wieso müssen die Busfahrten auf Schulexkursionen immer so verdammt lange dauern? Wir waren drei Stunden unterwegs.

Monsieur Bernard sieht uns, seine müden Schüler, resigniert an.

"Na kommt schon. Es wird sicher interessant."

"Klar. Was könnte an einer Mikrochipfabrik auch uninteressant sein?", murmelt jemand und leises Gelächter ertönt.
 

Wir werden in Gruppen aufgeteilt, Mädchen und Jungen werden getrennt.

Was soll das bringen? Unser Führer Pascal sieht mich nur verzweifelt an.

"Sallust Inc. besteht darauf, dass alles seine Ordnung haben muss. Wir arbeiten auch getrennt nach Geschlechtern."

"Soll das heißen, ihr kriegt nie Frauen zu Gesicht?"

"Gibt es bei uns überhaupt welche?", kommt die sarkastische Antwort.

Die Stimmung steigt. Auf dem Weg in die erste Produktionshalle ist das einzige Thema, ob das Mysterium Frau hier wirklich ein Mysterium ist und ob unser lieber netter Führer schon einmal ein Mädchen aus der Nähe gesehen hat.
 

Langsam beschleicht mich der Gedanke, dass Schlafen doch keine so schlechte Idee gewesen wäre. Aber was hätte ich denn machen sollen? Wenn mir schon einmal in hundert Jahren erlaubt wird, bei Christine zu übernachten, dann muss ich das doch ausnutzen. Schließlich ist sie meine beste Freundin und der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde, mit dem ich die ganze Nacht Videospiele spielen kann.
 

Anfangs habe ich mich noch bemüht, Pascal zuzuhören, als er uns die einzelnen Produktionsschritte von Mikrochips erklärt, aber jetzt reicht es mir. Ich will schlafen.
 

"Hey Alter, was ist denn mit dir los?"

Ich zucke zusammen, als mich jemand fest am Arm packt.

Es ist einer meiner Freunde, der mich hier erstaunt ansieht. Anscheinend bin ich im Stehen eingeschlafen.
 

Pascal kommt auf uns zu.

"So kann ich dich nicht belehren, Kleiner", grinst er, obwohl er sicher nicht viel älter und mindestens einen halben Meter kleiner als ich ist.

"Möchtest du dich ein bisschen ausruhen?" Er lächelt mich an. "Kann ja verstehen, dass du das Programm hier nicht so spannend findest."
 

Wenige Minuten später liege ich auf einer mehr oder weniger bequemen Couch und versuche zu schlafen. Es ist laut, von den Produktionshallen dringt Lärm herein.

Müde wälze ich mich auf dem Sofa und versuche, mich wenigstens ein bisschen auszuruhen. Schlafen kann ich hier sowieso nicht. Nach wenigen Minuten komme ich zu der Erkenntnis, dass auch ,Ruhen' keinen Zweck hat, es ist einfach zu laut.

Na toll. Ich bin hellwach. Wütend setze ich mich auf und beuge mich hinunter, um mir meine schwarzen Converse wieder anzuziehen, die ich erst vor wenigen Minuten abgestreift habe, um mich hinzulegen.
 

Als ich aufstehen und zur Tür gehen will, um meine Gruppe zu suchen, fällt mir wieder ein, was Pascal mir zuvor eingebläut hat: "Warte hier, bis ich wiederkomme. Die Fabrik ist groß. Es kann leicht passieren, dass du dich verirrst und dann bekomme ich Probleme."

Hmmm... Will ich hier wirklich warten? In dem verdammten Raum gibt es nichts, womit ich mich beschäftigen könnte. Außerdem bin ich ein Mann. Ich werde doch den Weg zurückfinden, das wäre ja gelacht.
 

Mit diesen Gedanken begebe ich mich auf den Gang. Eine Metalltür reiht sich an die nächste und ich habe ziemlich schnell den Überblick verloren. Warum kann ich mich nicht mehr erinnern, welchen Weg wir hierher genommen haben? Ich muss wirklich knapp vor dem Delirium gewesen sein. Ich merke zuerst gar nicht, dass ich immer schneller laufe.
 

Was geht hier nur vor sich? Der Lärm aus den Hallen ist immer gleich laut, egal, vor welcher der Türen ich mich befinde. Trotzdem kann ich keinen Weg in die Produktionsstätte finden. Laufe ich hier im Kreis? Irgendwo muss es doch einen Ausgang geben. Doch es gibt hier nur weiße Wände und blitzendes Metall.

Kein Staub wird aufgewirbelt, als ich hektisch durch die Gänge haste. Kein Mensch kommt mir entgegen, als ich um Hilfe schreie.

Jetzt verstehe ich, warum mir Pascal aufgetragen hat, in ,meinem' Zimmer zu bleiben und auf ihn zu warten.

Ich muss wieder in das richtige Zimmer. Aber welches war es nur? Die Tür ist vorhin hinter mir ins Schloss gefallen und ich kann mich nicht erinnern, mit welcher Nummer sie bezeichnet war.
 

Vorsichtig öffne ich die Tür, die mir am nächsten ist und werfe einen Blick hinein.

Gummizelle.

Gummizelle?! Was soll denn das?

Erschrocken drücke ich die Tür zu und hole tief Luft. Sollten hier nicht eigentlich Büros sein?
 

Ich versuche die nächste Tür.
 

Langsam bin ich knapp davor, alles hinzuwerfen, mich auf den Gang zu setzen und einfach zu warten, bis mich jemand holen kommt. Hinter jeder Tür wartet etwas Neues auf mich. Eigentlich wäre das ja spannend... Doch dieser Gang ist ein Horrorkabinett. Ich habe strenge Kammern, Operationssäle, Leichenhallen gesehen.

Aber keine Menschen.

Und das, was mich am meisten erschreckt, ist die Tatsache, dass ich keines der Zimmer zweimal sehen kann. Sobald ich die Tür geschlossen und wieder geöffnet habe, befindet sich ein anderer Raum darin.
 

Einmal werde ich es noch versuchen, dann lasse ich es sein. Es hat ohnehin keinen Zweck.
 

Leicht lässt sie sich nicht öffnen, aber ich schaffe es schließlich doch, die Klinke herunterzudrücken.

Irgendetwas ist hier anders.

Als ich das Zimmer betrete, ist es dunkel. Vorsichtig taste ich nach dem Lichtschalter, finde und betätige ihn. Neonröhren erhellen ein Krankenzimmer, in dessen Mitte sich ein metallenes Krankenbett befindet. Darauf liegt eine kleine, rothaarige Gestalt, unzählige Kabel führen aus ihrem teilweise rasierten Kopf und laufen hinter dem Kissen in einen gigantischen Rechner. Anscheinend misst das graue Ding die Hirnströme des bemitleidenswerten Wesens. Über dem Bett hängt ein rotes Schild, auf dem in weißen Lettern eine Warnung gedruckt ist.
 

Don't touch

Ne pas toucher

Nicht berühren
 

Sogar auf Deutsch kann man hier lesen, was verboten ist. Aber was darf man nicht berühren? Das Bett?

Ich komme näher. Die Gestalt entpuppt sich als hübscher Junge mit hohen Wangenknochen. Nur die kahlen Stellen am Hinterkopf desillusionieren mich, was seine perfekte Schönheit angeht. Er schläft. Ab und zu flattern seine Lider, als würde er träumen. Nun erst bemerke ich, dass er mit Handschellen ans Bett gefesselt ist. Auch seine Beine sind zusammengebunden. Neben dem Bett steht ein kleiner Schreibtisch und ein Klappsessel. Müde lasse ich mich darauf nieder und betrachte den Jungen mitleidig. Warum man ihn wohl gefangen hält... Wirklich gefährlich sieht er ja nicht aus.

Auf dem Tisch liegt eine noch dampfende halbvolle Kaffeetasse und eine geöffnete Packung Kekse. Abwesend greife ich hinein und nehme mir ein paar. Erst jetzt spüre ich, wie hungrig ich geworden bin. Die trockenen Krümel spüle ich mit dem Koffeingebräu nach unten.

Der Junge seufzt und öffnet für einige Augenblicke seinen kirschroten Mund, um tief Luft zu holen.

Wie in Trance stehe ich auf und beuge mich über das Bett, peinlich darauf bedacht, nicht an das Bett zu stoßen. Vorsichtig will ich sein Gesicht berühren, ihm eine vorwitzige Locke aus dem Puppengesicht streichen. Plötzlich starrt er mich an. Ich schreie auf und halte mir noch im selben Moment den Mund zu. Die blauen Augen des Jungen sind blutunterlaufen und trübe. Er beginnt zu weinen und zu jammern, doch er scheint nicht wirklich wach zu sein. Nein, er wirkt eher wie jemand, der einen Alptraum hat.

"Sei still", zische ich dem Liegenden nervös zu, der jetzt auch noch beginnt, wie wild an seinen Fesseln zu reißen. Was ist, wenn jetzt jemand kommt? Ich bekomme sicher Probleme. Verzweifelt halte ich ihm den Mund zu.
 

Der Schmerz, der mir von meinen Fingerspitzen durch den ganzen Körper bis ins Gehirn rast, ist unbeschreiblich. Ich will meine Hand zurückziehen, kann mich aber nicht bewegen. Irgendeine unsichtbare Kraft scheint mich zu zwingen, meine Finger dort zu lassen, wo sie sind. Riesige blaue Augen starren mich an.

"Was tust du hier?", schreit eine Frau , doch ich kann ihr nicht antworten.

Die Augen kommen immer näher und verschlingen mich.
 

Es beginnt nach Meer zu riechen.
 

___________
 

So, das hier was das vorletzte Chap.

+lächel+

Betadank geht an zoeS.
 

spross

Onze

Onze

~für Jan~
 

"Manchmal kann ich die, die zu mir kommen, zurückschicken. Ich habe es versucht, doch es hat nicht geklappt. Anscheinend wehrt sich etwas in deinem Unterbewusstsein, mich zu verlassen. Wenn ich dich wirklich zurückschicke, wirst du auf der Reise zurück sterben, da bin ich mir sicher."

Igraine lächelt mich traurig an. "Was soll ich denn machen? Du bist bis in mein Innerstes gekommen und ich weiß nicht, wie du das gemacht hast. Hierher hat es noch niemand geschafft."
 

Ich spüre, dass ich wieder leichter atme. Vorsichtig versuche ich mich aufzusetzen und schaffe es schließlich. Wie erleichtert ich doch bin, nicht ersticken zu müssen...

"Igraine?", murmle ich, verwundert darüber, wieder sprechen zu können.

"Ja?"

"Ich hatte damals große Angst vor dir. Damals, als ich zu dir gekommen bin."
 

Fast traue ich mich nicht, das zuzugeben. Zeugt das nicht von Schwäche? Schwäche kann ich hier nicht gebrauchen. Bei meiner Ankunft habe ich mich schrecklich schwach gefühlt, hilflos und allein. Ich will das nicht mehr.
 

Verwirrt sehen mich blaue Augen an. Sie sind klar und rein, nicht blutunterlaufen wie damals.

"Hast du jetzt Angst vor mir?", flüstert der Kleine. Seine Augen füllen sich mit Tränen. Ich spüre, wie sich meine Wangen vor Verlegenheit röten. Warum habe ich ihm gesagt, dass er mich erschreckt hat? Er mag zwar wie ein Erwachsener wirken, der schon alles gesehen hat, doch in seinem tiefsten Inneren ist er noch ein Kind, ich weiß es.

"Es tut mir Leid." Aufrichtig lächle ich ihn an. "Und nein, ich habe keine Angst vor dir."

Abwesend streicht sich Igraine durch die roten Locken. Tränen tropfen von seinem Gesicht auf den sandigen Boden und hinterlassen dort kleine nasse Gruben.

"Die Kabel zerstören mich... Niemand kann von einem menschlichen Gehirn verlangen, dass es diese Prozeduren lange aushält. Ich bin doch nur ein Mensch..."
 

Wieso erschreckt mich diese kleine Rede so? Fast kommt es mir so vor, als hätte Igraine mich angeschrieen, doch er hat geflüstert. Was passiert eigentlich, wenn er stirbt? Muss ich dann auch fort von hier?
 

Es donnert.

Erschrocken hebe ich den Kopf. Der Kleine quietscht auf und presst sich erschrocken an mich. Donner? Seit wann gibt es hier so etwas?

Mit einem Mal fallen Konservendosen vom Himmel. Ich zucke zusammen, als sie knapp neben uns scheppernd auf dem Boden aufschlagen. Der Himmel verfärbt sich schwarz und zum allerersten Mal, seit ich hier bin, bricht ein Sturm los.

Infernalische Wassermassen stürzen auf die Insel und mischen sich mit Papierfetzen, Plastik und anderem Müll, der vom Himmel fällt. Affen kreischen. Wahrscheinlich haben sie noch nie in ihrem Leben Regen gesehen. Als ein Blitz in eine der Palmen einschlägt, die sich in unserer Nähe befinden, springe ich auf und zerre Igraine mit mir. Wir eilen in die Höhe, um uns dort zitternd und frierend niederzulassen. Der Kopf des Kleinen liegt an meiner Schulter, mit seinen zarten Fingern hat er meine Hand umklammert. Er sucht Schutz bei mir.

Doch was soll ich tun?

Ich entscheide im Stillen, dass wir beide warten werden. Wir werden einfach hier sitzen bleiben, bis die Sonne wieder über unserer Insel scheint.
 

__
 

Ende und aus.
 

spross

Douze

Ich habe mir den gesamten Text durchgelesen. Und das Ende kam mir so nicht richtig vor...

Also habe ich noch ein bisschen weiter geschrieben, um der ganzen Geschichte eine andere Färbung zu geben.

Enjoy reading.
 

DOUZE

~für Jan~
 

Die Insel wird von Tag zu Tag kleiner und versinkt im Meer, aber irgendwie erschreckt mich diese Tatsache gar nicht. Vielmehr wandere ich interessiert durch die Palmenwälder und sehe dem Strand beim Schrumpfen zu. Igraine begleitet mich schweigsam, nur ab und zu seufzt er leise, wenn er in den ewig grauen Himmel blickt.
 

Es ist so merkwürdig. Ich habe diese ganze Sache akzeptiert, die Geschichte, die er mir erzählt hat, als wahr abgestempelt. Und jetzt fühle ich mich gut. Nichts kann mir mehr Leid antun.

Das alles ist nicht real, zumindest gibt es Eden nicht im konventionellen Sinne.

Ich werde hier zwar irgendwann sterben, aber immerhin entkomme ich der Insel dann. Und wenn ich Glück habe, muss Igraine nicht alleine bleiben, denn mittlerweile bin ich mir ziemlich sicher, dass wir gemeinsam gehen werden...

So wie wir fast alles zu zweit tun, seit ich hier angekommen bin.
 

Die meisten Vögel haben uns schon verlassen. Nein, sie sind nicht gestorben, sie sind nur fort geflogen. Wie haben sie es nur über die unsichtbare Grenze geschafft, die mein Rettungsboot damals nicht durchdringen konnte? Als ich den Kleinen danach gefragt habe, habe ich keine Antwort bekommen. Vielleicht weiß er es selbst nicht, vielleicht haben sich die Vögel auch schon verselbstständigt und sind nun kein Teil seiner Fantasie mehr, genauso wie die Insel, die ja schon lange ein Eigenleben hat.
 

Ich bleibe stehen, um nach einer Banane zu greifen, die im Gras liegt.

Mittlerweile hasse ich diese Früchte. Wer könnte es mir verdenken? Aber essen muss ich doch etwas. Das leere Gefühl in meinem Magen ist keine Illusion, es ist real. Langsam ziehe ich die Schale ab und lasse sie fallen. Ob sie verrottet oder einfach nur gelöscht wird, kann ich nicht sagen.

"Willst du auch eine?", frage ich meinen Begleiter, er nickt. Guter Junge.
 

Unser täglicher Weg setzt sich fort, ich gehe voran, Igraine läuft einige Meter hinter mir. Wehmütig denke ich an die Zeit zurück, als er so schnell gegangen ist, dass ich ihm kaum nachfolgen konnte. Doch diese Zeiten sind vorbei, er verfällt. Es ist nicht so wie damals, als ich ihn gesund gepflegt habe, nein.

Fast kommt er mir vor, als wäre er in den letzten Wochen um Jahre gealtert, obwohl er rein körperlich immer noch gleich aussieht. Verdammte Kabel.
 

Ein Blinken am Horizont lässt mich aufblicken. Schafft die Sonne es etwa durch die Wolken?

Nein...

Das ist etwas anderes, etwas viel Helleres.
 

Ein Riss in der Unwirklichkeit.
 

Ungläubig sehe ich Igraine an, der plötzlich an mir vorbei an den Strand läuft.

"Siehst du? Es gibt sie noch, die Hoffnung!", ruft er freudig und springt im Wasser auf und ab. Ich komme ihm nach, langsam, nicht verstehend

Wie soll ich denn das verstehen, kannst du es mir sagen? Wieso sollte mir dieses Leuchten Hoffnung geben?
 

Aber ein Blick in Igraines Augen und ich bin vom Gegenteil überzeugt.

Dieser Gesichtsausdruck... So muss sich Robinson Crusoe gefühlt haben, als ihn das Schiff gefunden hat.



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Von: abgemeldet
2006-10-28T23:59:05+00:00 29.10.2006 01:59
Okay - also erstmal bin ich wohl an der Reihe meine Gedanken zu sammeln..

Was spüre ich im Moment?
Angst? Verwirrung? Trauer? Sentimentalität? Furcht? Das Nichts? Wahrheit? Frieden?

Ich mach es kurz. Es ist eine Mischung aus allem.

Diese Gechichte hat mich mehr als nur beeindruckt, zumal es selten passiert ist (bis jetzt nie, außer bei der Lektüre von Gedichten eines Gewissen Hernn namens Gottfried Benn), dass ich kaum einen klares bzw stringentes Handlungsmotiv des Autoren finde.

Nichtmal bei Kafka war es so schlimm *lächeL* ^^

Das ist einfach ... es haut mich grad sprichwörtlich um. weiß nicht was ich dazu sagen soll...

Ich leben bzw lese *g* nach dem Motto, dass jede Story wohl ihre individuelle Wirkunge auf den sie lesenden Kopf besitzt und somit auch ihren Nachgeschmack behält.

Ich sehe nun mehrerlei Sachen in der Geschichte... (sie genauer auszubreiten, würde wohl in ein langes Gespräch ausweiten ^^'' es handelt sich also mehr um emotionale Eingenungen o.o)

- Ein Spiegelbild der Gesellschaft in Igraines Schicksal..hmm Schicksal klingt zu dramatisch, sagen wir Leben..

- einen einsamen Weisen (Claude) in der Welt der "Sallust Inc." (welche für die Moderne steht)

- das Spiegelbild menschlicher Emotionen und einer eigentlichen Geschlechtslosigkeit zwischen Seelen (ich sag nur die Stelle mit Counterstrike als Grund dafür, dass Claude sich freute bei Christine zu sein XD leiß mich schlucken...), die Hingabe zu Igraine

und mit dem Müll und dem Licht, da weiß ich mir erstmal nicht so recht einen Reim daruß zu machen... das wäre wohl dann ZU individuell XD was ich mir erhoffen würde (in der Psyche der Welt) ._.

Kannsu mir büüüüde deine Gedanken dazu mal Mitteilen :)
Oder, wenn es keine direkten Gedanken waren, dein Gefühl, welches dich zu diesen Stellen brachte !

Das wäre soo lieb

huch ^^... jetzt geht es mir besser :)
Dank dir für deine wundervollen Geschichten ^^ (schon insg. 3 durch hab :).. n Kommie aber hierfür aufgespart hab XD)

LG und eine bezaubernde Nacht dir ^^ (welche ich nach dem Genuss solch guter Lektüre gewiss haben werde... und das obwohl du noch so eine junge Autorin bist *staun*)

JK ^-^
Von: abgemeldet
2006-05-31T16:09:49+00:00 31.05.2006 18:09
Achso... wen spricht er in der Story immer persönlich an??? Igrain?
Die Frage hatte ich noch vergessen :)

LG
Von: abgemeldet
2006-05-31T16:07:25+00:00 31.05.2006 18:07
Hm... *skeptisch guck*
Das Ende ist sicher besser, als das erste, aber ob es nun unbedingt ein Happy End sein musste?

Es gibt noch voll viele Fragen:
>Warum viel der Kleine plötzlich vom Himmel, obwohl er doch schon vorher dagewesen sein musste? Hätte nicht Claude fallen müssen?
>Warum viel der Müll vom Himmel??? Sollte es ein Vorbote sein?
>Warum geht die Insel unter? Bedeutet das den Tod von Igrain?
>Wo war Claude´s Körper, während er quasi im Koma lag? Ist das Ganze nur für ihn so ein langer Zeitraum gewesen, oder auch in der realen Welt?

Ich hätte gern noch mehr über die Geschichte in der realen Welt erfahren, die erschien mir weitaus ereignissreicher und informativer.

Alles in allem, hat mich diese FF erst ab ungefähr der Mitte angesprochen, wo endlich die eigentliche Story ins Rollen kam.
Den Teil, wo sich die beiden kennen gelernt haben, hätte ich persönlich nicht so ausgeschmückt und ihm weniger Beachtung geschenkt. Dem ganzen vier Kapis zu geben, finde ich eindeutig zu viel.

Ansonsten finde ich die Story wirklich gelungen. Ich hab sie in einem Stück durchgelesen, weil ich Angst hatte, ich vergesse sonst die Hälfte und sehe nicht mehr durch :)

Besonders gut finde ich, dass die Kapis nicht so ellenlang sind. (Dieses Problem hab ich *hihi*) Dann ließt man auch mal gern eine FF von 12 Kapis.

Fazit: Der Anfang war mit zu langartmig, weil die Story nicht weiterging, das erste Ende war mit zu spontan und das zweite fand ich besser, hätte ihm aber kein Happy End verpasst.
Ansonsten sehr interessant und leicht verständlich. (Vom Schreibstil meine ich. Keine meterlangen Schachtelsätze und sowas)

Lass dir von niemandem einreden, du könntest nicht schreiben, das wäre geloooogen :)

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:44:05+00:00 31.05.2006 17:44
Das gleiche denke ich auch...
Ein bischen sehr schnell würde ich sagen.
jetzt bin ja mal gespannt.

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:38:23+00:00 31.05.2006 17:38
Ich finde noch immer, das die Geschichten, die in der eigentlichen Geschichte erzählt werden, am interessantesten sind. Davon hätte ich gerne mehr erfahren. Aber vielleicht kommt das ja noch.

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:27:51+00:00 31.05.2006 17:27
Ich hatte bei der Szene mit dem Kabel plötzlich einen Staubsauger vor Augen, bei dem man auf den Knopf drückt, und er das kabel automatisch wieder einzieht.
Oje... :)

Bis jetzt hab ich noch keinen Plan, was eigentlich passiert.

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:17:03+00:00 31.05.2006 17:17
Also dies war mit Abstand der interessanteste Teil der Story.
Was soll man dazu noch sagen? :)

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:10:24+00:00 31.05.2006 17:10
Der letzte Abschnitt dieses Kapis zeigt, dass endlich der wahre Hintergrund der Story ans Tageslicht kommt.
Ich denke, diese FF wird noch sehr lehrreich für uns alle sein.

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T15:03:17+00:00 31.05.2006 17:03
Die kleinen Wortwechsel fand ich sehr niedlich. Ich freu mich, dass endlich etwas Kommunikation in die Story kommt.
Das mit der Coladose ist schon recht seltsam. Wäre sie nicht plötzlich aufgetaucht, hätte ich die FF wahrscheinlich nur zuende gelesen, weil ich sie angefangen habe.
Aber jetzt scheint es spannend zu werden :)

LG Aja-san
Von: abgemeldet
2006-05-31T14:54:55+00:00 31.05.2006 16:54
Er hat ihn mitgenommen... na gut, irgendwas musste ja passieren, damit die Story weitergehen kann :)

Hui... ich lag gar nicht so falsch damit, dass sie sich kennen. War das von dir so eingeplant, dass man diesen Eindruck bekommt?

Zu mir meintest du, dass T-san und M-san sich zu schnell ineinander verlieben, aber ich glaube Claude geht es da nicht anders :)
>Kaum, dass ich ihn gefunden habe, scheint es mir so, als könnte ich ohne ihn nicht mehr leben.<

LG Aja-san


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