Be strong
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn ich schwach bin? Alles, was ich kann, ist das Singen. Meine Kraft ist nutzlos, ich konnte dir nicht helfen. Wofür ist ein Apostel schon gut, wenn er nicht einmal dir helfen kann? Ich kann Menschen heilen, aber nur zu einem schrecklichem Preis: Ich bringe Unglück. Alle, die ich liebte, mussten mit dem Tod bezahlen. Meine Eltern, die Freunde aus dem Chor... und jetzt auch noch du, die du meine engste Freundin warst. Wie lange wird es noch dauern, bis ich wieder alleine bin? Bis auch Chrno und vor allem Joshua gegangen sind? Es ist nur eine Frage der Zeit. Zeit, die du nie hattest.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn ich einsam bin? Chrno ist kaum noch ansprechbar. Du solltest ihn sehen: Er hat sich zurückgezogen, spricht kaum mehr und seine schönen roten Augen sind trüb. Hast du eigentlich gewusst, wie viel du ihm bedeutet hast? Hast du je bemerkt, dass seine Augen wie flüssiges Purpur strahlten, wenn er dich ansah? Hast du je gesehen, dass sein Lächeln immer wärmer war, wenn es dir galt? Dass er nur dann entspannt war, wenn du in der Nähe und möglichst in Sicherheit warst? Was, da du dich gerne in die waghalsigsten Abenteuer stürztest, recht selten vorkam.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn mich niemand so ansieht? Oder bin ich noch zu jung dafür? "Jeder macht kleine Schritte, nicht wahr?". Das meintest du nur, als einmal sagte, dass ich endlich erwachsen werden wollte. Aber habe ich nicht schon viele dieser Schritte getan? Ich bin doch schon 15. Es tut weh, zu sehen, wie Andere sich verlieben und glücklich sind, auch wenn es immer wieder Leid und Tränen gibt, wofür Chrno und du ein gutes Beispiel sind. Eure Beziehung war etwas Besonderes, glaube ich. Ihr habt es nie ausgesprochen, doch wenn man euch kannte, merkte man schnell, dass ihr auf eine besondere Art verbunden wart. Es mag vielleicht seltsam oder kitschig, so á la die Schöne und das Biest, klingen, aber ihr wart ein Team, Partner, die sich vollkommen auf einander verlassen konnten-und mehr. Jeder Blick, jede Geste, jedes Wort, jede noch so kleine Berührung verriet, was ihr einander bedeutet. Doch nun fehlt ein Teil, eine Hälfte des Ganzen.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn eine solche Schuld auf mir lastet? Wir, also Chrno, Joshua und ich, müssen mit der schrecklichen Schuld leben, für deinen Tod verantwortlich zu sein, leben. Der Teufel und dein Bruder glauben, dass sie die Verantwortlichen für den Vertrag sind-was zwar teilweise stimmt. Sicher waren sie der Grund, aber derjenige, der dich überhaupt in diese Situationgebracht, war doch wohl Aeon, oder? Wärst du nicht diesen Bund eingegangen, wärst du schon damals gestorben. Natürlich hätte Joshua stärker sein können... aber wärst du dann nicht gewissermaßen um deine Zukunft betrogen gewesen? Nein, ich glaube nicht, dass die beiden der Grund für deinen Tod sind. Die Einzige, die eine Schuld trägt, diejenige, die verantwortlich für deine Qual ist, bin ich. Wäre ich nicht so schwach, hättest du mir nicht ständig helfen müssen, wärst du noch unter uns. War es das, was du mir mit deinen Worten zeigen wolltest? Wolltest du nur klar machen, dass ich Schuld an deinem Tod habe? Nein, dass glaube ich nicht. Das wäre nicht deine Art gewesen. Vor allem wäre es nicht nötig. Ich weiß, was ich alles zu verantworten habe. Die Liste der Toten ist lang, zu lang.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn ich alleine bin? Ich grenze mich aus, lasse niemanden mehr an mich ran, auch wenn es unendlich schwer fällt. Erst klammertern wir uns aneinander, immer in der Hoffnung, dass du noch lebtest. Doch als dieser Traum zerschmettert wurde, verschwanden wir in der Dunkelheit. Chrno ist in einer anderen Welt, er kann nicht mehr helfen. All seine Wärme ist mit dir gegangen. Vermutlich sollten Joshua und ich stärker zusammenhalten als je zuvor, aber genau davor habe ich -und ich glaube, er auch- Angst. Ich möchte nicht noch jemanden verlieren. Und das werde ich, sobald ich zulasse, ihn sehr zu mögen. Er wird sterben, qualvoll verenden, wie jeder, den ich liebte.Ich bringe Unglück. Ohne mich wäre auch dein Leben um einiges ruhiger verlaufen. Ich möchte ihm nicht auch noch so viel Leid bescheren, er hat schon genug, da braucht er mich nicht auch noch dazu.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn ich Angst davor habe? Vielleicht ist meine Kraft ja gottgegeben, aber das Risiko, sie zu missbrauchen, ist einfach zu groß. Wenn ich meine Gabe einsetze, dann mit aller Macht. Ich heile dann praktisch alle in der Umgebung, nicht stückchenweise wie Joshua. Und das ist gefährlich. Schon dreimal habe ich den Lauf der Astral Plane verändert. Die Straße der Seelen hat jedesmal Schaden genommen. Die Astral Plane... vermutlich ist deine Seele nun auch dort. Ach, wie sehr ich wünschte, ich könnte einfach dorthin fliegen und dich wieder holen. Doch dafür sind meine Flügel zu schwach... oder ich nicht stark genug, meine Macht so lange durchzuhalten. Selbst wenn ich es könnte, ich dürfte es nicht. Wir haben schon gesehen, was bei Einmischungen in den Lauf der Dinge und Wiederauferstehungen passieren kann. Leraye und Aeon sind einige der besten Beispiele dafür.
"Sei stark..."
Wie soll ich stark sein, wenn das Schicksal gegen mich? Du sagtest, du wolltest dich nicht fügen, bis zum Schluss gegen den Strom ankämpfen. Aber ich... wenn Gott wollte, dass ich diese Gabe besitze, dass wird er doch wohl auch mein restliches Leben vorherbestimmt haben, oder? Wenn er möchte, dass ich so viel Leid trage, dann hätte er mir doch längst ein Zeichen geschickt. Oder hat er es schon längst getan, und ich war nur zu blind, um es zu erkennen? So sehr ich es auch versuche, ich kann es nicht erkennen. Einst hoffte ich, du wärst es, und ließ mich mitreißen, doch auch du gingest und ich blieb stehn, aller Hoffnung beraubt.
"Are you swimming upstream
In oceans of blue
Do you feel like you're sinking?"
Musik? Ich hebe den Kopf. Sie kommt aus der Kirche. Eigentlich sollte ich jetzt auch dort sein und im Chor singen. Musik. Das Einzige, was mir über all die Jahre gebliben ist. Beinahe hätte ich gelächelt. Ich kenne dieses Lied zwar nicht, aber beide Fragen konnte ich bedenkenlos mit einem 'Ja' beantworten.
"Are you sick of the rain
After all you've been through?"
Regen? Ja, es regnet. Ich bin schon klitschnass. Doch das meiste Wasser fällt in meinem Herzen, tropft auf all die Gräber. Die Tränen, die ich vergossen habe, bilden ein Meer der Traurigkeit.
"Well I know what you're thinking
When you can't take it"
Woher wollen sie das wissen? Die Einzigen, die mich verstanden haben, wart ihr drei. Doch das ist nun endgültig vorbei, es gibt nur noch ein 'Ich' und den Tod.
"You can make it
Sometimes soon I know you will see"
Aber was? Was werde ich wissen, was kann ich tun? Diese Ungewissheit macht mich fertig. Du sagtest, dass wir unser Leben selbst bestimmen können. Doch was will ich? Eigentlich nur eins: Singen. Doch warum reicht es mir nicht mehr? Warum kann ich mich nicht mehr vor der Realität flüchten? Ist es das, was ich herausfinden soll?
"'Cause when you're in your darkest hour
And all of the light just fades away"
Stimmt. Es ist dunkel, alles Helle ist mit dir verschwunden. Und kein Engel da, um Licht zu bringen. Wieso auch? Ich bin ja selber dank meiner Flügel eine Art Engel, angeblich sogar heilig. ICH sollte helfen, doch ich habe keine Kraft mehr dazu.
"When you're like a single flower
Whose colours have tourned to shades of grey
Well hang on
And be strong"
Ein Seufzer entweicht mir. Da haben wir es wieder. Dabei hatte ich so gehofft, einen Moment lang von diesem Thema wegzukommen. Du willst mich wirklich nicht loslassen, oder? Ergeben lasse ich mich wieder zurück auf die Bank sinken und lausche weiter dem Lied.
"We're taking each step one day at time"
Nur wann? Wie lange muss ich noch warten? Oder gilt das für mich nicht, weil ich eine Art Engel bin? Ein schwacher Engel mit gebrochenen Flügeln.
"You can't lose your spirit"
Schade eigentlich. Mein Körper hätte eine stärkere Seele als die meine verdient. Nur weil ich so schwach bin, konnte Mindeater die Kontrolle über mich übernehmen. Damals hast du mich gerettet, doch nun ist niemand da, umd mir zu helfen.
""Let live and let live forget and forgive
It's all how you see it
And just rememder
Keep it together
Don't you know you're never alone"
Ist das wirklich so? Aber warum fühhle ich mich dann so? Oder habe ich mir das nur eingeredet, um nicht sehen zu müssen, wie die anderen sich Sorgen machen?
"'Cause when you're in your darkest hour
And all of the light just fades away
When you're like a single flower
Whose colours have tourned to shades of grey
Well hang on
And be strong"
Was ist das eigentlich, 'stark sein'? Immer seinen Willen durchzusetzen? Unempfindlich gegen Beleidigungen zu sein? Unbesiegbarkeit? Nein. Ich glaube, du warst stark weil du an dich glaubtest. An dich und deine Freunde, sogar an mich. Ist es das, was mir fehlt? Der Glaube an mich selbst?
"No you're not defaeted
And soon you will be smiling once again
Then you don't have to feel it
Let it go with the wind"
Ich werde durch leise Schritte aus meinen Gedanken gerissen. Sofort verspanne ich mich. Wer kann das das sein? Alle sind beim Gottesdienst. Dann legt sich eine Hand auf meine Schulter. Sie ist so warm...
"Warum bist du nicht in der Kirche?"
Joshua. Ich hätte seine Stimme unter Tausenden heraus gehört. Ich drehe mich nicht um, starre weiter auf den grau-grünen Wald vor mir. Er seufzt leise und und setzt sich neben mich. Ich bin überrascht, bisher hat er mich gemieden, aber dennoch sage ich nichts. Eine Weile schweigen wir.
"Time passes us by
And know that you're allowed to cry"
Ich weiß nicht genau, warum, doch auf einmal beginne ich lautlos zu weinen. Und hoffe dabei inständig, dass er es nicht bemerkt. Es tut weh, dass er so weit weg sitzt. Es sind nur einige Dezimeter, doch es könnten Universen sein. Einst waren wir uns so nah. Ich wusste, was er fühlte, denn wir waren gleich. Doch nun sind wir zusammen allein. Ich werfe ihm einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Sein Gesicht liegt im Schatten, ich kann kaum etwas erkennen. Anscheinend hat er seine Augen geschlossen. und plötzlich ist da etwas in mir, eine nie gekannte Wärme... Ich kann mich nicht mehr halten und vergrabe mein Gesicht in den Händen, hemmungslos, wenn auch leise, weinend. Und dann ist er da, hält mich fest, drückt meinen Kopf gegen seine Brust, vergräbt sein Gesicht in meinem Haar. Ich kann seine heißen Tränen spüren. Und ich? Ich klammere mich an ihn und weine.
"'Cause when you're in your darkest hour
And all of the light just fades away
When you're like a single flower
Whose colours have tourned to shades of grey
Well hang on
And be strong..."
Der Chor setzt aus, die Musik ist vorbei. Doch wir sitzen immer noch hier und halten uns fest, bewahren den anderen vor dem Fallen. Ich kann seinen Herzschlag spüren. Er lebt, ist wirklich da. Ist das Stärke? Denjenigen, den man am meisten braucht, der einem teurer ist als alles andere Welt, festzuhalten? Ist das 'stark sein'? Ja, denn Chrno und du wart es. Ich bin nicht schwach, denn ich liebe.
"Sei stark..."
Auftrag angenommen.