Der Himmel verdichtet sich über Nankatsu
Kapitel 159
Der Himmel verdichtet sich über Nankatsu
„Na ihr beiden? Ein schönes Bild, oder?“, kam von der anderen Seite, denn die Frau des Hauses war bereits wieder im Flur und hatte ihr Zimmer verlassen. Sie hatte sich die Haare gekämmt und hochgesteckt, frischen Lippenstift aufgelegt und sogar die Augen angemalt. Tina sah sie überrascht an.
‚Nanu? Wieso hat sie sich so geschminkt? War sie etwa die ganze Zeit in dem Zimmer, statt unten bei meinen Eltern? Sie hat doch nicht etwa meinetwegen geweint? Mama schminkt sich auch immer etwas mehr, wenn sie geweint hat.‘
„Ja, ein schönes Bild. Ich liebe Lavendel. Gibt es diese Aussicht auf den Vulkan wirklich?“
„Ja, den gibt es. Der Künstler reist hier durchs Land und malt was er so sieht. Natürlich am liebsten solche Motive mit dem Fuji-san zusammen.“
„Toll. Blüht der Lavendel hier in Japan auch bis zu zwei Mal, wenn man ihn rechtzeitig schneidet?“ Sie sah das Mädchen verwundert an.
„Äh, keine Ahnung. Meiner blüht nur einmal.“, antwortete sie.
„Okay, man muss ihn nur vor dem Abblühen früh schneiden, dann schafft er zwei Durchgänge. Wir haben da immer beide Varianten gemacht, damit die Bienen noch zwischen dem Abschneiden was davon haben.“, erklärte sie.
„Du kennst dich mit Blumen aus?“, kam Yuzo entgegen.
„Wieso? Wir hatten einen Garten und ich musste auch mithelfen. Da merkt man sich sowas eben.“, zuckte sie mit den Schultern. Dann ging sie zur Treppe voran.
„Wollen wir herunter gehen? Ich kann jetzt einen Kaffee gebrauchen.“, sprach sie und sah zu den beiden.
„Wir, sind gleich da. Du trinkst in deinem Alter schon Kaffee?“
„Klar, warum denn nicht? Bin doch schon sechszehn. Andere gehen schon arbeiten und trinken in ihrer Ausbildung auch Kaffee, wo ist da der Unterschied? Oder gilt Kaffee jetzt wie Alkohol erst ab 20?“, hob sie die Hand und ging die Treppe herunter. Die beiden sahen ihr verdutzt nach.
„Hm, ein sehr interessantes Kind.“, sagte die Japanerin und blickte dann zu dem Jugendlichen neben sich.
„Kind? Sag mal, Tantchen, wieso hast du dich plötzlich geschminkt?“, wunderte er sich ebenso und sah sie fraglich an.
„Äh, mir war danach.“
„Was sagen die Nähte? Tino sagte vorhin beim Schwimmen, ich soll nicht so doll wackeln, damit die Nähte nicht aufgehen. Er sei verletzt am Rücken.“
„Oh, äh, ja, die sind okay. Alles gut. Da ist nichts aufgegangen. Das hat…er gesagt?“, stockte sie plötzlich.
„Ja, hat ER.“, flüsterte er plötzlich.
„Yuzo…“, konnte sie nur sagen.
„Du weißt es, oder?“
„Natürlich, ich war vorhin sehr überrascht, dass sie sich als Jungen ausgegeben hat. Aber…woher weißt du es jetzt?“
„Naja, war ein dummer Zufall. Belassen wir es dabei. Sie weiß es nicht. Wie heißt sie denn wirklich?“
„Bettina, bzw. Tina. Genzo sprach damals von ihr, dass sie eine Klassenkameradin sei und sie sich angefreundet hätten.“
„Okay. Naja, ich…bin noch etwas verwirrt, aber…du wirst doch nichts sagen, oder? Du weißt, dass es Genzo und seinem Team extrem schaden würde, wenn es jemand erfährt?“
„Hm, was würde denn dann passieren?“
„Man würde vermutlich all ihre Erfolge und Titel aberkennen und der Verein würde eine große Klagewelle über sich ergehen lassen müssen. In Deutschland spielt bereits in dem Alter schon viel Geld dabei eine Rolle, schon alleine Schneiders Transfer zu den Bayern. Er spielt doch jetzt schon mit gerade mal 15 bei den Profis. Schon jetzt hatte er einen Transfer über mehrere Millionen. Das gab es noch nie. Ich kann mir vorstellen, dass die Bayern das annullieren würden.“
„Oha. Nun gut. Ich halte sowieso dicht. Sie hat mir eben erzählt, dass sie in Genzos Team der Keeper war. So richtig…kann ich mir das nicht vorstellen, aber diese Narben.“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich habe nur kleine Platzwunden. Ich kenne aber Genzos und Kens Rücken und die sehen echt schlimm aus, aber sie sagen immer, das erfüllt sie mit Stolz.“
„Meinst du das ist bei ihr auch so?“
„Ja, das glaube ich. Ich wäre an ihrer Stelle stolz darauf, denn es ist ein Zeichen, dass sie die harten Bälle vermutlich halten konnte. Und das als Mädchen. Naja, mal sehen wann ich so eine Narbe bekomme.“
„Wie meinst du das? Das ist ein Zeichen dafür? Warum?“
„Naja, mit dem Tor kann man nur vorne am Pfosten mit dem Rücken gegenprallen. Wir waren damals schon total begeistert, als wir in Hamburg ankamen. Die haben bereits die modernen Sicherheitstore mit kurzen Netzbügeln. Die sind oben an den Ecken der Pfosten angebracht, damit das Netz nur nach hinten geht, aber die Netzbügel, die bodenlang sind, die stellen eine Verletzungsgefahr dar. Wenn also jemand wie Schneider, Tsubasa oder Hyuga einen so starken Ball schießen, dass man mit ins Tor fliegt, dann landet man nur noch im Netz und hat höchstens Bauchschmerzen. Auch unten am Boden sind die neuen Tore durch einen speziellen Aufprallschutz am Bodenrahmen versehen und man fällt nicht mehr auf eine Kante. Das ist eine wirklich tolle Sache. Wenn sie und Genzo also solche Verletzungen haben, dann nur, weil sie den Ball noch vor der Torlinie aufgehalten haben müssen, oder sie sind seitlich irgendwie angestoßen, durch einen Ball von der Seite.“, erklärte er ihr.
„Wow, ein modernes Tor. Warum habt ihr sowas nicht?“
„Wir bekommen die jetzt, das wird alles modernisiert mit dem Umbau des Ministadions. Schulen wie Toho oder Musashi haben solche Tore bereits. Die Profis sowieso. Und in Genzos Garten steht auch so ein Tor. Wir haben damals mit Mikami dort einige Male trainiert.“
„Lass uns später nochmal reden.“
„Ja, aber sag mal. Was ist denn mit ihrem Bruder nun? Sie sagte nur, er war mit ihr im Team und er sei gestorben?“ Sie sah ihn traurig an.
„Erwähne ihn bitte nicht. Denke immer dran, es ist noch nicht lange her und ich…will nicht in ihrer Haut stecken. Also in der Haut von Frau Fuchs. Bettinas Eltern leiden sicher auch sehr und deswegen am besten gar nicht drüber reden. Ich…kann mir nicht annähernd vorstellen wie sehr es schmerzt, einen Sohn zu verlieren.“
„Das verstehe ich. Ich lass das Thema einfach.“
„Ach so, was war das vorhin genau? Sie erzählte es waren Volleyballer, die euch angegriffen haben?“ Yuzo zuckte etwas zusammen.
„Ja, tut mir leid. Deine beiden waren nicht dabei, keine Angst. Die hätten sicher auch nicht mitgemacht. Ich weiß doch selber nicht was plötzlich in die gefahren war. Wir haben zwar ab und an so unsere Differenzen, aber prügeln? Eigentlich sind die Jungs doch in Ordnung. Ich verstehe das selber nicht. Als die angekommen sind, habe ich nur damit gerechnet wieder mit ihnen zu diskutieren, aber dann hatte ich plötzlich die erste Faust im Gesicht.“
Unterdessen kam Tina die Treppe herunter, das Basecap auf dem Kopf, die Haare mit einem Zopfgummi zusammengebunden zum einfachen Pferdeschwanz. Geföhnt hatte sie die noch schnell. Der Herr des Hauses sah zur Treppe, als es alle bemerkten.
‚Diese Jungs-Rolle hat sie ja wirklich gut drauf. Dieser sichere aufrichtige Gang, Hände in den Taschen, fester Blick nach vorne. Wenn ich Satoshi richtig verstanden habe müssen wir vor Morisaki jetzt diese Rolle spielen? Wir wissen offiziell von nichts. Nun gut. Ich freue mich schon, dieses seltsame Mädchen kennenzulernen. Wenn man es jedoch weiß, dann sieht man ihre Mutter deutlich in ihr, da kann sie noch so burschikos wirken wie sie will.‘
Er saß mit Tinas Eltern zusammen am großen Esstisch und hatte vor sich einen Plan liegen, mit Lineal und Bleistift. Ihre Eltern sah zu ihr und lächelten.
„Das sieht doch gleich ganz anders aus. Ist alles soweit in Ordnung?“, kam von ihrem Vater.
„Ja, mir geht es gut. Ich habe nicht so viel abbekommen. Dieses Abwehrtraining und die Judo-Übungen in der Schule haben viel gebracht.“ Erklärte sie mit fester Stimme und ging direkt auf den Hausherren zu und blieb vor ihm stehen. Er stellte sich hin und sah zu ihr herab.
„Entschuldigen Sie unseren seltsamen Besuch. Es tut mir leid, dass ich hier jetzt alles durcheinanderbringe.“ Sie verbeugte sich respektvoll vor ihm. Danach reichte er ihr seine Hand.
„Alles gut. Ihr könnt solange ihr auf eure trockenen Sachen warten. Ihr könnt dort drüben am Fenster sitzen. Sagt unserer Haushälterin einfach was ihr haben wollt. Sie macht euch sicher einen Tee. Der ist immer beruhigend.“
„Vielen Dank. Das ist sehr nett.“ Sie nahm seine Hand an und ging dann zu ihren Eltern an den Tisch.
„Habt ihr echt schon eine Idee? Das ging aber schnell. Darf ich mal schauen?“ Sie stellte sich zwischen die beiden und sah auf den Plan.
„Oh, kein Bungalow? Auf zwei Ebenen?“
„Ja, das ist vom Platz her besser, denn die Grundstückspreise sind enorm. Genauer müssen wir das dann sehen, wenn wir ein Grundstück gefunden haben.“, erklärte Georg.
„Ach so. Okay. Das stimmt. Da bleibt dann für das Haus nicht mehr viel übrig und einen Garten soll es ja auch noch geben.“
„Genau. Für meine Kräuter und Rosen.“, brachte sich ihre Mutter ein.
„Aber die Wohnebene ist das so schön offen gestaltet wie hier? Ich finde das toll mit der offenen Küche. Die Treppe muss ja nicht sein, aber die Küche mit so einer Kochinsel ist total cool. Und dann diese großen Fenster mit Blick auf den Garten.“
„Ne, die Küche ist wieder extra. Wir schauen gerade wie das mit der Statik am besten passen könnte. Die Details kommen später noch.“, meinte Gesine.
„Echt? Och nö. Wie langweilig. Ich finde das viel schöner, wenn alle zusammensitzen und kochen und gleichzeitig kann man sich unterhalten und ich mache dann meine Hausaufgaben oder die Gäste hat man zeitgleich im Blick und man kann mit denen zusammen kochen oder an der Bar sitzen. Ist doch voll cool und gesellig.“, erklärte Tina ihre Meinung, richtete sich auf und zeigte zur Küchenseite des Hauses.“
„Nein, ich mag das gar nicht. Immer diese Essensgerüche dann in der Stube. Wo ist denn da noch die Gemütlichkeit? Und heizen muss man so einen Raum ja auch noch. Je größer er ist, desto schwerer hält sich das Klima darin.“
„Ist doch egal. Muss man eben mal die Fenster öffnen und den Dunstabzug nutzen. Und hat man einen großen Gemeinschaftsraum, heizt man doch die anderen Zimmer weniger.“
„Trotzdem ekelhaft, wenn alles nach Fett riecht, nur weil man mal ein Schnitzel macht.“, murrte ihre Mutter. Tina richtete sich auf.
„Ist euer Haus, macht doch wie ihr wollt. Und wo ist mein Zimmer geplant? Seid ihr schon soweit?“
„Hier oben, das soll das Schlafzimmer sein und das deins und dann daneben das Arbeitszimmer. Unten soll ein Gästezimmer mit eigenem kleinem Bad hin.“, erklärte ihr Vater. Tinas Blick wurde etwas skeptisch.
„Dann tauscht gedanklich schonmal die Zimmer hier. Ich nehme lieber das Arbeitszimmer oder das gegenüber von euch, da ist noch ein Bad dazwischen. Hm, wenn ich es mir recht überlege, ich nehme das neben dem Bad.“
„Aber wieso? Dein Zimmer war doch immer neben unseres.“, wunderte sich ihre Mutter. Tina ging zum Tisch am Fenster.
„Du kriegst deine komische Küche und will das Zimmer neben dem Bad. Ist doch ein Kompromiss, oder nicht?“
„Aber es ist viel kleiner als die anderen beiden.“, kam ihr Vater mit einem guten Argument.
„Ist egal, bin doch eh kaum zuhause und dann ist ja noch die Stube da oder das andere Zimmer. Und wenn ich mal Besuch habe, müssen die nicht immer an euch abends vorbei.“
„Na? Was wird hier diskutiert? Geht’s schon um die Zimmeraufteilung?“, brachte sich die Frau des Hauses ein, als sie mit Yuzo die Treppe herunterkam. Tina ging kurz zu Satoshi.
„Tut mir leid wegen vorhin. Ich wollte dich nicht so anfahren. Das war sicher noch die Aufregung.“, bat sie ihn um Entschuldigung.
‚Bettina, du bist wie immer eine Überraschung. So schlimm war es doch gar nicht. Natürlich warst du noch aufgebracht und dann tauchen wir auf einmal alle auf.‘ „Schon gut. Dass wir da plötzlich auftauchten, war sicher eine große Überraschung.“
„Oh ja. Das war es. Aber ich bin irgendwie froh darüber. So sind wir nicht bei ganz so fremden Leuten gelandet.“
„Das stimmt. Das war sehr klug von dir, diesen Weg als Fluchtweg zu nutzen.“ „Es war der einzige Weg.“, lachte sie etwas und sah dann zur Sitzecke am Fenster und enddeckte überrascht den kleinen Tisch mit einem Shogi-Spiel.
„Oh, seid ihr Spielpartner oder ist das eine andere Partie?“, fragte sie ihn begeistert und sah dann zum Hausherrn.
„Also wir können uns gerne auf Englisch unterhalten. Ich bin noch nicht so gut mit meinem Japanisch.“, brachte sich Georg plötzlich freundlich ein.
‚Es nervt gewaltig, wenn ich nicht alles verstehe. Bettina, du müsstest es eigentlich wissen.‘, warf er ihr einen grinsenden Blick zu.
„Ach, sorry. Ja. Ich habe nur gefragt ob die Schach-Partie zwischen Satoshi und dem Hausherrn ist.“ Dieser sah erstaunt auf.
„Ja, tatsächlich. Daher kennen wir uns. Satoshi und ich freundeten uns im Schachclub an und gingen später auch zu den Wettbewerben. Wenn er dann mal da ist, spielen wir wie zu alten Zeiten.“, berichtete Satoshis Freund begeistert. „Ich verstehe. Na dann lass ich das Spiel mal lieber stehen.“ Satoshi grinste plötzlich.
„Da du es ansprichst, hast du doch schon wieder einen Plan im Kopf. Ich kenne dich. Zieh ruhig an meiner Stelle.“ Yuzo und der erfahrene Architekt gingen zum Tisch.
„Wie jetzt? Du kannst das spielen?“, war der Jugendliche erstaunt.
„Jup. Satoshi hat es mir beigebracht.“
„Na dann, Kleiner. Setz einen Stein.“, forderte man sie auf.
„Ich kann nur das einfache Schach. Ich spiele dann gegen meinen Vater und mal gegen einen Onkel.“
„Yuzo, pass nebenbei mal mit auf, egal ob du die Figuren kennst. Ich gebe dir mal einen Tipp. Stell dich neben mich.“ Er stellte sich neben sie und sah auf das Spielbrett. Dann setzte sie einen Stein und ihr Gegner überlegte.
‚Gar nicht so übel, kleines Mädchen.‘
„Du erwähntest vorhin einen starken Gegner, bei dem du denkst, nicht zu siegen. Warum?“
„Äh, naja. Tsubasa war der Einzige, der den Gegner aufhalten könnte. Ohne ihn sehen wir alt aus, da er sehr stark ist. Im Sturm wie auch im Tor. Im Tor steht immerhin Nummer 2, wenn dir das hilft.“
„Gibt es einen guten Strategen in euren Teams?“ Es wurde gesetzt.
„Nicht wirklich. Bei uns war das auch der Kapitän und bei den anderen ist es wohl am meisten der Keeper.“
„Gut, dann bist du ab jetzt euer Mann für die Strategie. Im Tor hat man die beste Übersicht. Schau mal. Das hier, alle Steine, die mit der Spitze nach vorne schauen, das ist dein Team und du bist hier hinten der König, der im Tor steht. Du hast die Macht in der Hand alles von dir abzuwenden. Nutze die Schwächen des Gegners, um ihn zu besiegen. Welche Schwächen hat das Team?“ Sie setzte einen weiteren Zug. Ihr Gegenüber grinste etwas und zog sofort, nahm ihr einen Stein weg und legte diesen an die Seite.
‚Sie glaubt mich alten Hasen austricksen zu können. So so…Satoshi, du hast ganze Arbeit geleistet. Sie versteht den Sinn des Spiels.‘ Inzwischen kamen Georg und Gesine hinzu. Alle standen nun um die drei herum.
„Oh, Mist. Einer weniger.“, brummte Tina ein wenig und tat als würde sie über den nächsten Zug nachdenken.
„Hm, vielleicht weil sie sicher wissen, dass wir deutlich geschwächt sind. Eventuell gibt es dann eine gewisse Überheblichkeit oder Selbstsicherheit von ihrer Seite. Stark sind sie so oder so.“
„Sehr stark? Meinst du ihr könntet gegen eure Nummer 2 ein Tor machen?“
„Ungewiss. Unsere Teams sind beide neu aufgestellt. Sie haben einen neuen Trainer, wer weiß was der so macht.“
„Nun, du hast zwei Möglichkeiten bei einem extrem starken Gegner. Entweder angreifen oder für einen Ausgleich bzw. ein Unentschieden sorgen. Der Angriff sollte jedoch die höchste Priorität haben.“ Tina zog einen Stein und schlug einen Bauern vom Gegner. Sie legte ihn zur Seite.
‚Nanu, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Was hat sie vor? Ich dachte sie hat das Spiel wirklich verstanden, aber nun gut. Das scheint wohl nur so zu wirken. Dann war der Zug vorhin ein Zufallstreffer. Satoshi, du hast sie falsch eingeschätzt oder willst du unsere Partie opfern? Ich bin gespannt wie lange sie durchhält, wenn ich jetzt diesen hier mache.‘ Es wurde erneut gezogen.
„Hm, schau mal. Das hier ist das Spielfeld. Es spielt dabei gar keine Rolle welches Mannschaftsspiel es ist, aber in deinem Fall ist das hier deine Hälfte, das, die des Gegners und hier ist das Mittelfeld indem sich die meisten Dinge abspielen werden. Dein Team und du müssen natürlich die eigene Hälfte verteidigen, schau, hier sind einige deiner Leute. Dich darf niemand in die Finger kriegen. Du hingegen musst den Gegner schachmatt setzen, so wie beim normalen Schach. So die Grundidee.“ Tina flüsterte ab nun nur noch in Yuzos Ohr.
„Pass auf, du hast einen übermächtigen Gegner, der einen starken Angriff hat, denn genau das hat er gerade vorbereitet. Wenn so ein Gegner kommt, dem du alleine nicht entgegentreten kannst, machst du was?“
„Keine Ahnung, ich kenne die Steine nicht in ihrer Funktion.“
„Das ist egal. Sag einfach aus dem Bauch heraus, was du machen würdest.“
„Die Verteidigung ordnen?“
„Genau und welches Mittel hast du als der, der alles im Blick hat, dafür zu sorgen, dass es zu keinem Torschuss kommen kann?“
„Oh, da gibt es nur eins…das Abseits. Da haben wir im Nationalteam zwei Spezialisten für.“ Tina nickte und setzte eine neue Figur, um den Angriff abzublocken.
„Gut, erledigt. So kannst du Zeit schinden.“
„Hm, aber wenn der Sturm so stark ist, dass er von sehr weit hinten kommen kann?“
„Ein Typ wie unser deutscher Sturm?“
„Genau, so ähnlich.“ Der Hausherr legte seinen Stein aufs Feld, der am Rand lag.
‚Das hat sie immerhin erkannt.‘, ging ihm durch den Kopf.
„Ach, wir müssen uns beeilen.“, meinte sie für alle verständlich.
„Wieso?“
„Genzo taucht sicher gleich auf. Der meckert dann mit mir, wenn ich dir Tipps gebe.“ Sie setzte den nächsten Stein.
„Typisch für ihn.“, lachte er etwas.
‚Bettina, du bist schon witzig.‘
„Du als Keeper kannst die anderen anleiten. Stellt vorher die Leute mal anders auf, bringt euren Gegner dazu den eigenen Spielfluss zu durchbrechen. Wenn ihre eigene Technik nicht mehr aufgeht, dann wird es zu keinem Schuss mehr kommen. Damit meine ich nicht, den Sack hinten komplett dicht zu machen, sondern nur, ihn zu kontrollieren. Konzentriert euch in der ersten Halbzeit auf die Verteidigung und findet heraus was an neue Ideen kommen. Beobachte deinen Gegner, sein Verhalten, seine Fitness.“
„Okay, beobachten. Das hat Genzo auch gemacht, als er verletzt war. Und ich beobachte auch immer viel. Zu erkennen was passieren wird, ist nicht so das Problem, aber wenn der Ball erst unterwegs ist, dann fehlt die Technik ihn aufzuhalten.“
„Hm, da kann ich dir nicht helfen, die musst du selbst herausfinden. Aber was du machen kannst, ist den Gegner zu verunsichern.“
Es wurde wieder die gegnerische Seite gesetzt und nun war Tina erneut dran.
„Der Gegner denkt, dass ihr euch nur auf die Verteidigung konzentriert, aber stattdessen kontrolliert ihr nur eure Seite. Und dann…“ Sie nahm ihren Bauern, der an der Seite lag und zögerte kurz vor dem Absetzen.
„…du sorgst also für die Kontrolle deiner Hälfte und dann…dann holst du dir den Ball und spielt ihn direkt auf jemanden, der nicht gedeckt wird, lässt ihn vorlaufen und bringst so den Aufbau des Gegners völlig aus der Bahn.“ Dann setzte sie ihren Stein direkt neben den König des Gegners.
„Schach!“, sagte sie deutlich.
„Oh, du bist aber mutig.“, stieß der Architekt erstaunt aus und grinste dann. Er nutzte natürlich den König, um sich zu verteidigen, dann war wieder Ruhe auf seiner Seite. Es gab noch andere Möglichkeiten, aber er entschied sich für diese Variante der Verteidigung.
„Siehst du? So bringst du deinen Gegner dazu aus seinem Haus zu kommen. Damit hat er nicht gerechnet.“
„Hm, aber er hat deinen Stein jetzt.“
„Das ist nicht schlimm, denn ich…ich hole mir da jemand besseren.“, erklärte sie trocken. Ihr Gesicht verzog sie nicht. Im selben Atemzug zog sie und nahm den gegnerischen Turm vom Feld und legte diesen an die Seite.
„Das ist sowas ähnliches wie die Dame. Der Turm ist in deinem Fall ein starker Angriff und eine Verteidigung zugleich. Je nach dem an welcher Stelle er steht. Der gehört jetzt uns, weil uns der Gegner…unterschätzt hat.“
„Schach!“ sprach sie erneut, denn der König bzw. der Juwelengeneral des Gegners stand erneut im Schach.
‚Was war das denn? Sie ist wirklich gut. Ich habe sie unterschätzt. Nicht übel die Kleine.‘ Er schlug ihre Figur nun mit einer anderen Figur und konnte sich so wieder retten.
„Siehst du? Jetzt versucht der Keeper mit seiner Verteidigung zu reagieren.“ Tina nahm einen ihrer Steine zögerlich in die Hand und grübelte, setzte ihn auf ein Feld aber ließ ihn noch nicht los. Dann setzte sie ihn doch an einen anderen Platz. Yuzo wunderte sich, denn er wusste, beim Schach darf man das nicht machen. Berührt, geführt, so kannte er das.
‚Dieses Mädchen versucht mich hier an der Nase herumzuführen…sie ist keine Anfängerin. Nun gut. Dann komm mal damit klar. Ich bin gespannt.‘ Tina grinste plötzlich.
‚Jetzt hat er es doch bemerkt. Die Finte war dann wohl doch eins zu viel. Naja, egal. War ja klar, dass ein Gegner von Satoshi schnell dahinterkommt.‘
Tina sah zu ihrem Gegner auf und lächelte ihn an.
„Können wir trotzdem kurz da weitermachen? Ich wollte Yuzo noch was erklären, dann können wir gerne hier ernsthaft weiterspielen.“
„Hä? Wie jetzt? Wovon redest du?“, wunderte sich Yuzo.
„Er hat bemerkt, dass ich kein Anfänger mehr bin. Und es lief eben noch so gut.“
„Okay, dann mach mal. Ich spiel das Spielchen mal weiter.“ Tina setzte seinen Stein zurück.
„Jetzt nochmal das setzen, was Sie zuerst wollten. Ich habe Ihr Zögern erkannt. Da war ein erster anderer Ansatz da.“
„Oh, du hast mein Zögern erkannt? Du bist ein guter Beobachter.“ Er setzte seinen Stein.
„Ja, das bin ich. Deswegen war ich ja auch dafür zuständig.
Yuzo, also was glaubts du, hatte mein Zögern eben zu bedeuten? An was erinnert dich das im Spiel?“
„Hm, keine Ahnung, denn ich kenne die Funktionen der Figuren ja leider nicht.“
„Ich wurde gerade stark angegriffen, aber was habe ich gemacht, um den Gegner zu manipulieren? In meinem Fall hat er es nur leider bemerkt. Er ist nicht in die Falle getappt. Jetzt jedoch schon.“
„Ach, eine Falle war das? Wie sollte es denn ausgehen?“
Tina setzte ihren Turm ein und ihr Gegenüber reagierte wieder.
„Patt…es geht nicht weiter. So sollte es sein. Ein Gleichstand.“
„Du bist ein Genie…ein Patt während des Angriffs? Willst du mir das sagen?“
„Genau. Aber eben zum Vorteil des Angegriffenen.“
„Eine Falle mit einem Patt…aber ja. Die Abseitsfalle.“, haute Yuzo aus.
„Gut, ist gebongt. Wir haben leider keinen Profi dafür in unserem Team hier, aber jemanden im Nationalteam und auch er will nicht gegen die anderen verlieren und wendet diese Technik an. Aber dann kennen die das doch.“
„Das ist egal, denn von euch erwarten sie diese Technik nicht und jeder führt sie anders durch.“
„Stimmt. Okay. Ich werde ihn heute Abend noch anrufen und um Rat fragen.“
„Aber die Idee kommt nicht von mir.“
„Ich bin eher überrascht, dass du Shogi spielst.“, meinte Yuzo und sah ihr in die Augen.
‚Na toll. Jetzt wo ich es weiß…sie ist hübsch und klug.‘
„Bedanke dich bei Satoshi, er hat es mir beigebracht.“
„Genzo kann das glaube nicht. Dafür hat er nicht die Geduld.“, grinste er. Tina lachte etwas.
„Das stimmt. Du kennst ihn gut. Aber du, Yuzo…du wirst es jetzt lernen. Das wird dir helfen. Und wenn es hilft euren Strategen besser zu folgen und mit ihnen zusammen zu arbeiten.“
‚Sie hat Recht. Wenn ich mit unserem Kapitän Ryo Ishizaki und den Genies Taro Misaki und Teppei Kisugi zusammen an besseren Verteidigungen arbeite, dann könnte es gegen die Toho und auch gegen Musashi besser standhalten. Das stimmt. Eine gute Idee. Schade, dass uns Taro auch bald verlässt.‘
„Tino, warst du euer Stratege im Team?“ Tina wollte gerade darauf antworten, da klingelte es an der Haustür.
„Das wird Genzo sein.“, sprach Satoshi.
„Gut, ich gehe und hole ihn.“, sprach der Herr des Hauses.
An der Tür wurde Genzo empfangen.
„Guten Tag. Was ist denn genau passiert? Auf dem Weg hier her bin ich bereits Ryo begegnet und er hatte einen Anruf von Koji. Was soll das heißen, das Team deiner Jungs habe meine Freunde angegriffen und verprügelt?“, fauchte er ihn wütend an. Der Mann vor ihm sah ihn total verdutzt an.
„Was soll das heißen, meine Jungs?“
„Wo ist Tino? Ich will sofort mit ihm reden. Wie geht es ihm?“, wollte er ins Haus stürmen und war total aufgebracht.
‚Wehe diese Kerle haben Tina was angetan, dann kriegen die von mir persönlich eine drauf.‘ Er wurde jedoch am Arm gepackt und aufgehalten.
„Halt! Was haben meine Jungs damit zu tun?“, brummte er ihn an.
„Koji sagte, dass die Volleyballer sie angegriffen haben. Warum? Deine Jungs gehören doch dazu, wehe wenn jemand Tino angerührt hat!“ Genzo versuchte sich loszureißen und stieß jedoch erneut auf Widerstand. Sein Herz schlug enorm vor Wut.
„Reg dich ab, ihr geht es gut.“, wurde dann leise genug gesagt. Genzo sah ihn verdutzt an. Sein Puls sank etwas.
„Wirklich? Du weißt es?“
„Natürlich, pass auf. Du hattest uns damals von ihr erzählt. Aber egal jetzt. Meine Söhne können nicht dabei gewesen sein, die sind vorhin vorbeigekommen und haben ihre Zeitungen mit den Rädern abgeholt und sind los sie austragen. Wenn, dann waren sie nicht dabei. Das war zeitlich nicht möglich. Und…halt dich zurück. Yuzo weiß nichts, wir spielen mit, weil wir wissen, dass es deinen Eltern wichtig ist, aber vergreife dich nie wieder mir gegenüber im Ton. Verstanden?“, sprach er ernst, aber auch verständnisvoll. Was genau passiert war, wusste er noch nicht. Genzo sah ein, dass er übertrieben hatte. Er kannte seine Jungs doch und die waren keine Schläger, nein.
„Tut mir leid. Ich habe überreagiert. Du hast Recht, deine Jungs sind nicht so. Und ihnen geht’s gut?“
„Komm, rede am besten selbst mit deinen Freunden. Yuzos Eltern sind bereits informiert und seine Mutter kommt ihn abholen.“
Somit gingen sie beide Richtung Wohnzimmer und sahen zu den Keepern.
„Tino? Yuzo? Was ist passiert?“ Als er Tina unversehrt erblicken konnte und sie ihm zu grinste, ging sein Puls wieder deutlich zurück. Kaum hatte Ryo ihm von dem Vorfall am Telefon erzählt, kamen ihm die schrecklichen Bilder wieder und er befürchtete, dass Tina etwas zugestoßen sei, weil sie sich nicht als Mädchen outen konnte, um der Situation auszuweichen.
Er ging auf seine Freunde zu und sah dann zu Yuzo und betrachtete sein Gesicht genauer.
„Du meine Güte. Oha, das ist ja mal ein ganz anderer Anblick. Du Schlägertyp, also echt.“, versuchte er seine Angst, die er zuvor hatte in einem Scherz zu verpacken. In Wirklichkeit brodelte es enorm in ihm, als er seinen alten Freund so zugerichtet sah.
„Keine Sorge, ich habe auch ausgeteilt. So einseitig war das nicht.“, grinste dieser zurück.
„Wenn Ryo das sieht, dann flippt der aus. Wo hast du noch was abbekommen?“
„Na ja. Überall etwas, aber das wird schon.“
„Was soll das heißen?“
„Er hatte Glück, bis auf die eine größere Stelle sind es nur Blutergüsse.“, erklärte die Frau des Hauses noch etwas im Gedanken. Dann sah Genzo zu Tina. Durch das Basecap war nicht viel zu sehen, aber jetzt von Nahem war es deutlicher zu sehen, dass ihr Gesicht nichts abbekommen hat. Dann sah er zu ihren Händen, auch dort sah sie recht unverletzt aus.
„Was ist mit dir? Wieso hast du nichts abbekommen?“
„Na toll, statt zufrieden zu sein, würfst du mir Feigheit vor, als wäre ich einfach weggelaufen. Vielen Dank auch.“, murrte sie scherzhaft.
„Blödmann, echt mal.“, knurrte Genzo und grinste zufrieden.
„Selber Blödmann. Ich bin den Kerlen gut ausgewichen.“, lachte sie zurück. Er lächelte sie dann erleichtert an, sah sich endlich genauer um und entdeckte das Spielbrett.
‚Zum Glück hat sie nicht so viel abbekommen. Wenn sie schon wieder Schach spielen kann, muss es ihr gut gehen.‘
„Echt jetzt? Du schon wieder und dein langweiliges Shogi-Spiel. Wen hast du diesmal über den Tisch gezogen?“
„Das ist nicht langweilig, solltest du auch mal versuchen. Ich fand es spannend.“
„Wer waren die Typen denn nun und was wollten die?“
„Die Mädchen von heute Früh, welche eure Managerin angegriffen hatten, sie haben ihre Kerle auf uns gehetzt, weil sie behaupteten, dass ICH sie angegriffen und verletzt hätte.“ Tina versuchte so gut es ging die Situation zu beschreiben und berichtete auch davon, dass sie den Jungs vorher kurz begegnet war.
„Also, als ich sie spielen gesehen habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie so ticken würden. Wenn ich gewusst hätte, dass sie etwas mit diesen Mädchen zu tun haben, hätte ich nie den Kontakt zu deinen Leuten angenommen, sondern wäre gegangen. Tut mir leid. Ich habe sie unnötig in Gefahr gebracht.“
„Nun ist aber gut, du kannst doch nichts dafür. Die haben, warum auch immer, den Verstand verloren. Normalerweise ticken die auch nicht so, ich hätte mich sonst auch anders verhalten, als es seltsam wurde.“, ergänze Yuzo.
Einige Minuten später saßen Tinas Eltern noch für ein paar Absprachen mit dem Architekten zusammen am Tisch. Genzos Eltern saßen etwas abseits am Fenster. Satoshi ordnete das Shogi-Brett wieder und Nyoko sah den Jugendlichen zu, wie sie im Garten mit den Hunden spielten.
„Schatz, wie glücklich sie aussehen.“ Er sah ebenso raus und lächelte.
„Bettina war immer stark, du merkst, dass sie sich mit den Hunden jetzt nur ablenkt, bis sie alleine sein können.“
„Meinst du wirklich?“
„Ja, das war beim Spiel eben zu sehen. Sie war unaufmerksam und hat mit ihrem Flunkern übertrieben. Sie hätte meinen alten Freund beinahe gehabt, aber dann kam der Übermut. Das ist ihre Anspannung. Früher wäre ihr das nicht passiert.“