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You are not alone "Du bist nicht allein."

Kojiro und Tina
von

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Wie eine Gefangene

Kapitel 108
 

Wie eine Gefangene
 

Naoko sitzt bei ihrer Mutter am Bett und wartet bis die Ärztin von ihrer Pause wieder da ist. Sie schaut zu Karl-Heinz. Dann bewegt er sich und dreht sich auf die rechte Seite. So schaut er direkt zur Tür, aber die Augen bleiben verschlossen und er schläft weiter tief und fest. Das Tuch auf seiner Stirn jedoch fällt durch die Schräglage herunter auf den Boden. Naoko steht leise auf und geht zu ihm. Sie hockt sie sich hin und hebt das Tuch auf. Es ist schon durchgewärmt. Also legt sie es zur Seite auf den Tisch. Dann schaut sie noch in der Hocke zu ihm, direkt in sein freundliches schlafendes Gesicht. Ihr Herz schlägt plötzlich ganz doll und ihr wird ganz heiß. Sie ist ihm plötzlich so nah, dass sie seinen Atem im Gesicht spüren kann.

‚Du bist also der berühmte Karl-Heinz Schneider. Stark und stolz wie großer Bruder. Auch wenn ich noch klein war, aber ich kann mich noch daran erinnern wie er sich geärgert hat dir das erste Mal gegenüber zu stehen. Er hätte niemals gedacht, dass ihn mal jemand so weitaus überlegen ist. Dann schwor er sich dich zu bezwingen. Dich, den großen Fußballkaiser. Mit gerade mal Fünfzehn Jahren wie ich jetzt, wurdest du bereits in einen der größten Teams in die Profiliga geholt. Du warst stark genug, um mit den Erwachsenen mitzuhalten. Wie konnte das sein? Wie stark muss Tina damals gewesen sein, dass sie mit dir mithalten konnte?

Warum wolltest du dich vorhin nicht zu uns setzen, weil Kojiro dein Rivale ist? Oder gab es einen anderen Grund? Mama scheint dich zu mögen.‘ Im Gedanken vertieft bekommt sie nicht mit, dass sie unbemerkt beobachtet wird.

‚Wieso steht sie nicht wieder auf und sieht ihn so an?‘, geht durch den Kopf von Tina.

Dann ist ein leises Geräusch hinter Naoko zu hören und sie dreht sich um. Eines der Wadenwickel ist heruntergefallen. Durch das Wechseln der Liegeposition löste es sich langsam vom rechten Bein. Sie steht auf und bückt sich, um es ebenso aufzuheben. Dann legt sie es zum anderen Tuch und schaut erneut zu ihm. Die Decke ist natürlich ebenso verrutscht. Sein rechter Arm und seine Beine liegen etwas frei.

‚Bei diesen Muskeln wundert es mich gar nicht, dass du so schnell und stark bist.‘ Sie wirft einen Blick zu den Sachen auf dem Stuhl neben der Liege. Seine Beinschoner und Socken liegen darauf. Fein ordentlich zurechtgelegt und unter dem Stuhl stehen die Stulpen sehr genau nebeneinander mittig zwischen den Stuhlbeinen. Sogar die Schnürsenkel sind gebunden. War das die Ärztin oder hat er sich seine Sachen selbst so perfekt hingelegt?

‚Was bist du privat für ein Mensch, Karl-Heinz Schneider?‘ Naoko betrachtet seinen gesamten Körper und bleibt mit dem Blick bei seinem starken Arm und der großen Hand hängen.

‚Ob du eine Freundin hast? Wenn ja, wie mag sie sein? Warum bist du überhaupt hier in Japan? In der Regel kommen nur die Franzosen her und heute bist du plötzlich da. Das war nicht geplant, das ist zu merken. Ich habe das Gefühl, dass sich alle etwas anders verhalten.‘ Unbewusst kommt ihre Hand näher an seinen Kopf. Dann stoppt sie, zieht die Hand zurück und dreht sich zu ihrer Mutter um. Diese schläft tief und fest. Daraufhin wendet sie sich wieder dem Mann zu, der vor ihr liegt.

‚Jetzt liegst du hier, der vermutlich begehrteste Mann Deutschlands. Schade, dass du die Augen zu hast. Wie du mich vorhin angesehen hast. So schöne blaue Augen habe ich noch nie gesehen. Mein Herz pocht so doll und du riechst sogar so angenehm. Wie kann das nur sein?

Diese schönen blonden Haare, wie fühlen sie sich an? Wie fühlst du dich an? Wie würdest du eine Frau mit deinen großen Händen berühren? Wie würde sich das anfühlen? Wie fühlt es sich an, wenn ein Mann eine Frau berührt, vor allem dann, wenn sie es will? Es muss etwas Schönes sein, sonst würde es doch zwischen den Menschen nicht funktionieren.

Was ist überhaupt Liebe? Ständig liest man davon und keiner kann einem genau erklären was es ist. Woran erkennt man denn, ob man verliebt ist?

Es sah sehr interessant aus wie sich Kojiro und Tina angesehen haben. Ich habe noch nie so einen liebevollen Blick in seinem Gesicht gesehen. Und wie sie zu ihm aufsah und überhaupt wie die sich beide ansehen. Er hat noch nie jemanden mit nach Hause gebracht und ich habe überhaupt keine Vorstellung davon was da so los ist bei ihm? Hatte er denn in Italien mal eine Freundin?

Mama sagt immer, das ist ein schweres Alter für Männer. Was meint sie damit? Ist das nur für Japaner so oder trifft das auch auf Europäer zu? Sie meint bestimmt diese Zeit zwischen der Volljährigkeit und der Jugend.

Mama sagte mal, als ich sie fragte woran sie es erkannt hat, damals bei Papa, da sagte sie, alles was er tat fühlte sich gut an. Es war schön und sie hatte immer das Gefühl, er solle sie nie loslassen. Das war bis zu seinem Tod so. Deswegen wusste sie, er muss der Richtige sein.

Das klingt so schön und so einfach und wie findet man das denn aber heraus? Sie war selbst noch jung, gerade mal neunzehn, als Kojiro geboren wurde. Und Papa, er war schon fünf Jahre älter als sie. Ihre Familie hat sie deswegen verstoßen. Weil sie für das Kind ihre Karriere am Theater aufgegeben hat.

Und wie ist es bei dir? Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dir die Mädchen in meinem Alter genauso hinterher jubeln und hoffen, dass du ihnen mal begegnest oder du ihnen die Hand geben würdest, genauso wie sie es hier hoffen bei Kojiro. Es ist manchmal wirklich schrecklich mit anzuhören wie die Mädchen in der Schule über ihn reden. Sie machen es bewusst nur wenn ich nicht da bin. Ich kann ja nicht mal irgendeinem Mädchen vertrauen, weil ich nie weiß, will die jetzt mit mir befreundet sein oder will sie nur meinen Bruder kennenlernen.

Geht es deiner Schwester auch so? Sie scheint mir ebenso deutlich jünger zu sein. Ich würde mich gerne mit ihr mal unterhalten und fragen wie sie damit umgeht. Ihr scheint wie wir auch sehr liebevoll miteinander umzugehen.

Manchmal komme ich mir vor wie in einem Gefängnis. Nie weiß ich wann ich jemanden trauen kann. Ich kann nie ausgehen oder mich mal mit jemanden treffen, ohne dass Ken an meiner Seite ist. Das nervt richtig. Und wenn sich mal Mädchen mit mir treffen wollen, dann nur, weil er dabei ist. Ihn wollen sie kennenlernen, nicht mich. Er ist genauso beliebt und immer im Gespräch wie Kojiro.

Und mich sprechen die Jungs gar nicht erst an. Ich weiß nicht wie ich bei ihnen überhaupt rüberkomme oder es jemanden gibt, der mich mag. Die haben sicher alle Angst was falsch zu machen. Keiner will sich mit Ken oder gar Kojiro anlegen. Wie soll ich denn je erfahren wie sich Liebe anfühlt, wenn mich nie jemand anspricht?‘ Plötzlich merkt sie, wie ihr ein paar Tränen kommen und sie nimmt die Hand ins Gesicht und wischt sie schniefend weg. Um sich abzulenken von ihrem Kummer nimmt sie die Tücher vom Tischchen, geht zum Waschbecken und wäscht sie mit kaltem Wasser aus. Sie wringt sie kräftig aus und dann hängt sie diese zum Trocknen auf die kleine Leine. Dann holt sie aus dem Schränkchen neue Tücher und lässt sie unterm Wasser schön kalt werden, wringt sie ebenso aus und legt sie dann so zusammen, wie es Dr. Daniele gezeigt hatte. Das größere der beiden Tücher nimmt sie und geht zurück zu Karl-Heinz, bleibt vor seinen Beinen stehen und schaut sie sich genauer an. Sie entdeckt einige Schürfwunden und ältere kleine und auch etwas größere Narben. Sie kennt solche Verletzungen, denn Kojiro sieht ebenso aus. Das ist ihr schon als Kind aufgefallen. Da weiß man mal wie anstrengend so ein Sport sein kann. Sie traut sich zuerst nicht sein Bein einfach zu berühren, aber dann entscheidet sie sich schlicht dafür das Tuch nur auf das Bein zu legen, statt es richtig einzuwickeln. Danach geht sie zum Waschbecken und nimmt das andere Tuch, welches sie kleiner gefaltet hat. Kurz darauf steht sie wieder vor ihm und betrachtet sein Gesicht. Sie hält nachdenklich das feuchte kalte Tuch in der linken Hand.

‚Was für ein gutaussehender Mann du bist. Schon wieder wird mir so warm, nur weil ich dir so nah bin. Seltsam, als ich vorhin gestürzt bin und der große Junge von dieser deutschen Familie mich sogar getragen hat, da habe ich gar nichts dabei empfunden. Er hat mich doch so liebevoll und behutsam berührt, war sehr freundlich und fürsorglich und trotzdem kam da keine Wärme rüber oder irgendetwas anderes. Dabei ist er doch auch gutaussehend, finde ich. Groß und stark und sogar ein Volleyballer. Perfekter geht’s doch nicht und ich kann dabei nichts empfinden? Seltsam. Ich dachte in diesem Moment eher, dass es daran liegt, weil er kein Japaner ist und ich vielleicht nur für sie Augen habe. Aber wenn ich hier so neben dir stehe und deinen angenehmen Atem rieche, dann habe ich plötzlich das Bedürfnis zu erfahren wie du dich anfühlst. Wie würde es sich anfühlen, wenn du mich getragen hättest, statt dieser Andreas?‘ Sie geht in die Hocke, hält noch immer das Tuch in der Hand und dann schaut sie direkt in sein Gesicht, ganz nah ist sie ihm und dann hebt sie zögerlich die rechte Hand und legt ihren Handrücken dann doch mal auf seine Stirn. Es sieht danach aus, als würde sie nur seine Temperatur prüfen, aber nein. Das ist es nicht.

‚Wie angenehm du dich anfühlst. Wie würde sich dann eine richtige Berührung von dir anfühlen? Wie fühlt sich die Berührung eines Mannes an? Eine warme große Hand auf der Wange?‘ Ihre Hand auf seiner Stirn dreht sich um, macht eine streichelnde Bewegung und fährt dann etwas durch sein Haar, schiebt es hoch und dann legt sie das Tuch etwas schief auf seine Stirn, damit es nicht gleich wieder herunterrutscht. Ihr trauriger nachdenklicher Blick geht ins Lächelnde über.

‚Wie weich es ist. Obwohl es vom Schweiß und vom Wasser so nass ist, fühlt es sich gut an. Und wie schön es im Licht glänzt. Genauso wie das schöne blonde Haar von Tina.‘ Das Mädchen mustert Karl und schaut direkt auf seinen linken Arm, welche auf seiner Seite liegt. Seine Hand berührt seitlich seinen Oberschenkel. Die Finger sind wie eine Schale geformt, stehen aber voneinander ab. Bei der Vorstellung alleine, diese Hand würde ihre Hand berühren, wird es Naoko ganz warm und ihr laufen plötzlich wieder ein paar Tränen über die Wange. Aus ihrem Hocken wird ein Knien und sie starrt wie angewurzelt auf seine Hand.

‚Wie nur, wie fühlt es sich an?‘ Ihr Herz schlägt immer doller und sie fasst sich selbst an die Brust, weil es so doll schlägt. Dann wirft sie einen prüfenden Blick auf ihre Mutter. Diese regt sich kein Bisschen.

„Wie nur? Wie denn nur?“, haucht sie leise aus.

‚Wie fühlt sich eine zarte Berührung an? Ich tue ihm doch nicht weh, oder? Das würde ich niemals, jemandem weh tun, nein. Es weiß doch niemand. Die Ärztin ist immer noch in der Pause und ich bin alleine. Alle schlafen tief und ich tue niemanden weh, wenn ich es einfach tu.‘, geht in ihrer Verzweiflung durch den Kopf. Fest entschlossen richtet sie sich auf ihren Knien auf und berührt zum Testen seine Hand. Keine Reaktion seinerseits, zu tief ist er eingeschlafen. Er kennt das von ihrem großen Bruder. Wenn der erst einmal schläft, war er auch nie aufzuwecken. Ken wiederum wacht bei jeder Kleinigkeit auf. Der hat Sensoren wie eine Fledermaus. Es ist unmöglich sich mal aus dem Haus zu schleichen. Naoko nimmt seine Hand sanft in die Hände und führt sie ganz langsam zu ihrem Gesicht, während sie in Karls Gesicht blickt und ihre Tränen nicht zurückhalten kann. Ihr wird extrem heiß als sie seine Wärme in den Händen fühlen kann. Dann kommt sie mit seiner Hand ihrem Gesicht immer näher und merkt wie warm es wird, je näher sie ihrer Wange kommt.

Genau in dem Moment, als sie seine Handfläche auf sich legen will, um endlich zu erfahren wie es sich anfühlen könnte, wenn ein Mann sie berührt, spürt sie unerwartet eine kalte Hand, welche jedoch deutlich kleiner ist als seine. Sie zuckt zusammen.

„Was soll das werden?“, hört sie eine leise, aber zornige Stimme. Im letzten Moment ist Tina dazwischengegangen. Sie war bereits neugierig in den Raum gekommen und hat das Schauspiel hinter Naoko beobachtet. Dann wird es ihr zu seltsam und sie schleicht im passenden Moment an sie heran und hält ihre beiden Hände vor ihre Wange. Mit der Linken berührt sie ihre Wange und mit der Rechten hält sie Karls Hand fest, damit sie nicht herunterfällt, wenn Naoko sich erschreckt.

Völlig entsetzt sieht sich das Mädchen um und blickt dann hinter sich in Tinas sehr ernstes Gesicht. Vor Schreck lässt sie natürlich Karls Hand los und Tina kann sie auffangen.

„Ich…es tut mir leid. Ich wollte nur…“, stottert sie sich zurecht und fängt bitterlich an zu weinen, dreht sich zur Seite und hält sich mit beiden Händen das Gesicht.

Tina nimmt Karls Hand und legt sie wieder behutsam so, wie sie vorher war.

„Was wolltest du nur? Es ist völlig egal was du nur wolltest. Es war falsch.“ Tina hockt sich zu ihr, berührt ihre Schultern und sieht sie ernst an.

„Schau mich an, Naoko.“ Die Jugendliche schüttelt nur den Kopf.

„Ich würde niemals jemandem weh tun. Das musst du mir glauben.“, versucht sie sich zu erklären.

„Naoko, das glaube ich dir doch auch. Aber darum geht es nicht. Jemanden wehtun heißt nicht immer nur einfach jemanden körperliche Schmerzen zuzufügen. Man kann Menschen auch anders wehtun, weißt du? Bitte schau mich an. Ich erkläre es dir.“

Naoko richtet ihren Kopf auf und sieht ihr endlich in die Augen.

„Hör mir gut zu. Beantworte mit vorab zwei Fragen. Okay?“ Sie nickt.

„Würdest du wollen, dass eine Krankenschwester das was du tun wolltest jemals bei deinem Bruder tun würde? Ihn mehr als nötig berühren und dann seine Hand an eine Stelle führen, die er nicht von sich aus anfassen will? Und das nur, weil er es nicht mitbekommt?“ Entsetzt sieht sie ihr großes Vorbild an und schüttelt den Kopf.

„Nein, niemals.“, schnieft sie.

„Und was wäre, wenn DU hier liegen würdest und ein fremder Mann würde das mit dir machen, dich einfach anfassen, nur weil du es nicht mitbekommst?“

„Igitt, auf keinen Fall!“

„Erkennst du deinen Fehler schon selbst?“, spricht sie ruhig und besonnen. Sie nickt und dann umarmt sie Tina stürmisch und weint bitterlich.

„Es tut mir so leid. Ich wollte…ich würde doch niemals…ich bin ein schrecklicher Mensch.“ Weinend steht Naoko kurz darauf auf und geht aus dem Zimmer. Tina sieht ihr nach und kurz darauf bemerkt sie wie sich Karls Hand bewegt. Sie steht auf und sieht zu ihm.

„Du bist wach? Wie lange schon?“

„Lange genug. Was meinst du hatte das eben zu bedeuten? Ich denke nicht, dass sie böse Absichten hatte.“ Er richtet sich auf und setzt sich in ihre Richtung.

„Das kann ich dir nicht sagen. Wir müssen uns erst kennenlernen. Ich denke mal sie mag dich irgendwie, keine Ahnung wieso. Ich werde später mit ihr reden. Es ist ein schweres Alter.“

„So so, ein schweres Alter. Wie alt ist sie?“

„Sie ist fünfzehn.“

„Ich verstehe, da ist alles um einen herum durcheinander.“ Sein Blick schweift zum Behandlungszimmer rüber und er sieht das junge Mädchen wie sie sich über die Liege lehnt und mit verschränkten Armen weint.

„Willst du nicht zu ihr gehen?“

„Lass sie, sie soll darüber nachdenken, was sie getan hat.“, murrt Tina und sieht ihm streng in die Augen.

„Du bist aber streng. Wieso ist Hyugas Mutter hier? Was ist passiert?“

„Manchmal muss man eben mal streng sein.

Ich denke mal so ähnlich wie bei dir. Schlafmangel und die Hitze.“

„Sie wirkt noch etwas jung, dafür, dass sie einen Sohn in meinem Alter hat, oder kommt mir das nur so vor? Ich kann das Alter von Japanern schlecht schätzen.“, meint er und schaut zu ihr.

„Ich weiß nicht wie alt sie ist, aber du hast Recht. Ich glaube, sie ist jung Mutter geworden. Sie wird meiner Meinung nach nicht viel älter sein als 40. Aber meine Mama ist auch mit gerade mal achtzehn mit Stephan schwanger gewesen. Meine Eltern haben sich damals kurz nach ihrem achtzehnten Geburtstag kennengelernt. Sie war auch ein Sommerkind und mein Vater studierte bereits und jobbte dann in genau diesem Jahr in Opas Bäckerei. So lernten die sich kennen. Deswegen hat sie nicht studiert, sondern eine Ausbildung in der Gastronomie gemacht. Und ihr Hobby waren die Sprachen. Da ging sie dann regelmäßig zu verschiedenen Sprachseminaren.“

„Sie war erst so alt wie Marie jetzt?“, ist er erstaunt.

„Ja, also behandle sie nicht mehr wie ein kleines Mädchen. Sie ist alt genug ihren eigenen Weg zu gehen.

Wie fühlst du dich jetzt nach der Pause? Geht es dir etwas besser?“

„Dein Rechtsanwalt hatte Recht. So ein kleines Schläfchen macht viel aus. Er sagte, du machst sowas öfters?“

„Ja, ich habe eher wenig Zeit, findet sie sich, dann lege ich mich auch einfach mal bei Gelegenheit für ne halbe Stunde hin.“

„Hast du das auch schon früher gemacht oder erst seitdem du hier bist?“

„Erst hier in Japan, ich konnte doch nachts kaum durchschlafen.“ Tina geht zu ihm und reicht ihm die Hand.

„Was meinst du, brauchst du noch mal einen Wickel?“ Er schüttelt den Kopf, nimmt die Tücher ab und gibt sie ihr. Er lässt die Tücher von oben auf ihre Hand herab ohne ihr zu nahe zu kommen.

„Du musst das nicht machen, wenn du nicht willst.“

„Schon gut. Ich mache das gerne.“ Sie geht zum Waschbecken und stellt den Wasserhahn an.

„Manchmal stelle ich mir vor wie das Spiel verlaufen wäre, wenn ihr beide noch dabei gewesen wärt. Was meinst du, wie wäre es wohl dann ausgegangen? Weißt du überhaupt wie es ausging?“, stellt er plötzlich in den Raum. Tina atmet tief durch. Dann schaut sie zu Kaoru, welche noch immer schläft und dann an die Kachelwand am Waschbecken.

„Keine Ahnung. Ich hätte vermutlich jämmerlich versagt. Es ging 5:1 für dich aus. Es ist gut so wie es dann war.“

„Sie waren wirklich stark, aber es fehlte an Erfahrung. Immerhin, ein Tor hat er noch gemacht.“

„Ein tolles Tor, wenn Genzo den Ball durchgehen lässt! Wäre ich damals dabei gewesen hätte er von mir vermutlich auch eine rein bekommen. Lieber kein Tor, als ein unehrenhaftes. Diese Provokation hätte nicht sein müssen.“, legt sie ihren Standpunkt dar. Karl ist erstaunt. Wie kommt es, dass sie überhaupt davon weiß? Er ist davon ausgegangen, dass sie sich nie darüber unterhalten haben.

„Du weißt was passiert ist? Du weißt, dass sich die beiden geschlagen haben? Mitten auf dem Platz?“

„Es wurde bei einem Gespräch zwischen meinen Eltern mal erwähnt und ich habe es quasi nur aufgeschnappt. Mein Vater hat das Spiel später über eine Aufnahme angesehen.“

„Erstaunlich, dass es trotzdem zwischen euch klappt.“, meint er plötzlich und sieht zu ihr. Tina dreht sich zu ihm um und sieht ihn zornig an.

„Wieso versuchst du mich jetzt zu provozieren? Du weißt schon, dass ich deine Spielchen kenne. Egal was du sagst, es wird nichts an meinen Gefühlen ändern.“ Er grinst sie an und steht auf.

„Das weiß ich, versuchen kann man es doch mal.“ Dann geht er in ihre Richtung und bleibt direkt vor ihr stehen und sieht zu ihr herab.

‚Ach Tina, wie schön du doch bist. Schade, dass es mit uns nicht mehr sein darf. Hättest du Hyuga jetzt nicht plötzlich kennengelernt, vielleicht hättest du es sogar versucht? Wir hätten einfach neu angefangen. Es war doch damals alles erst am Anfang und wir waren zu jung, um wirklich zu wissen was das alles war und werden könnte.‘

„Das was du mir gestern auf den Ball geschrieben hast, das meinst du auch so, oder?“, spricht er dann gefühlvoll und sieht ihr tief in die türkiesen Augen. Tina verschränkt ernst die Arme und weicht seinem Blick nicht aus.

„Ich weiß, dass ich dich damit verletze, aber es ist nun einmal so. Ich sage in der Regel genau das was ich auch meine. Das müsstest du noch wissen, auch nach den Jahren.

Karl, tu mir bitte einen Gefallen. Wenn du diese Herausforderung nicht annehmen kannst, dann können sich unsere Wege in Zukunft nie wieder kreuzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das wirklich willst.

Es wird nie wieder sein wie früher, das muss es auch gar nicht. Eine neue Freundschaft ist alles was ich anbieten kann und mehr wird es auch nie wieder sein.“

„So ähnlich hast du es gestern auch formuliert. Nun gut. Dann ist es so. Eine wahre Freundschaft braucht Herausforderungen. Damit hast du vollkommen Recht. Dann war es damals immerhin etwas.“ Er reicht ihr die Hand und lächelt.

„Ich nehme also deine Herausforderung an. Sollte es doch nicht klappen, dann trennen sich unsere Wege.“ Tina ist erstaunt. Dann nimmt sie seine Hand an und lächelt ernst.

‚Karl, wie kommt es, dass du plötzlich doch nachgibst? Wir müssen es einfach versuchen, anders geht es nicht.‘

‚Ich weiß nicht, ob ich das kann, aber ich muss es versuchen, sonst habe ich dich endgültig verloren. Das will ich auf gar keinen Fall. Macht er einen Fehler, bin ich da. Wer weiß wie lange es mit euch überhaupt gut geht? Ihr seid noch ganz frisch zusammen und richtig kennenlernen konntest ihr euch auch nicht. Lebt erstmal zusammen und dann werdet ihr merken ob es überhaupt zusammen auf Dauer geht, denn ihr habt beide euren Stolz und euer Temperament. Das kann auch schief gehen. Aber du musstest das auch durchmachen. Ich hatte auch die eine oder andere Freundin bevor wir uns hatten. Da musstest du die ganze Zeit zurückstecken. Jetzt bin ich mal an der Reihe.‘ Er lässt ihre Hand los, weicht ihrem Blick aus und dreht sich um zu dem Stuhl auf dem seine Sachen liegen. „Okay, ich weiß bereits wer sich darüber freuen wird, dass du es versuchst.“ Karl nimmt seine Sachen vom Stuhl.

„Ach so, wer denn?“

„Hast du schon mit Genzo gesprochen? Jetzt hattet ihr beide die Gelegenheit dazu.“

„Das werde ich jetzt tun. Da ich noch etwas angespannt war, wegen dieser üblen Kerle, war mir noch nicht danach. Was wird jetzt mit deinem Spiel? Darf ich es auch ansehen? Ich muss doch wissen wie du spielst. Immerhin warst du früher eher in der Verteidigung und weniger im Angriff.“

„Ach das Spiel, ja es ist verflucht, eindeutig.“, stöhnt sie auf und rollt mit den Augen. Karl-Heinz wundert sich und sieht zu ihr.

„Wie verflucht? Was meinst du damit?“

„Zuerst kann das Team aus Italien nicht kommen und es fiel aus. Dann fand sich endlich ein anderes Team und dann wurde es zweimal verschoben. Und eben gerade kommt mein Trainer hier her und teilt mir mit, dass es nicht wie geplant in unserer Vereinshalle stattfinden kann, weil Leute vom deutschen Verband aufgetaucht sind und unbedingt hier an meiner Schule das Spiel sehen wollen. Sie wollen sich ein Bild von mir machen ob meine Behauptung, wegen meiner Freunde spielen zu wollen, auch wahr ist. Also wollen sie hinter die Kulissen schauen und die Teams live sehen und kennenlernen.

Das bringt mich in extreme Schwierigkeiten. Ihre Anwesenheit macht schon wieder meinen ganzen Plan zunichte. Es nervt langsam.“

„Oha, wieso wollen die hierherkommen? Weil das mal deine Schule war?“

„Genau. Weil ich hier spielen gelernt habe. Sie wollen sich die Schule ansehen und meine Teams persönlich treffen. Das ist aber ein Problem.

Zum einen ist hier in den Hallen alles auf Sommerpause und es wird aktuell nur die kleine Trainingshalle genutzt. Da passen keine Zuschauer rein. Sie Abstände zu den Zuschauern ist auch zu klein für ein Spiel dieser Größenordnung. Wir sind die stärksten Teams in ganz Japan. Das ist als würdest du gegen deinen stärksten deutschen Gegner spielen. Ich weiß ja nun nicht wer das jetzt ist, aber eventuell Genzo.“

„Und was machst du jetzt wegen der Halle? Ich habe sie noch nicht gesehen.“

„Es gibt drei Hallen hier. Die kleine, die jetzt benutzt wird, sie ist aber nicht in diesem Komplex. Und die zwei großen hier. Ich müsste sie mir jetzt erstmal ansehen, um zu wissen welche wir nutzen können und dann steht da alles Mögliche drin rum, das Spiel soll in nicht mal drei Stunden beginnen.“

„Dann lass uns die Hallen ansehen und schauen mal ob wir alle mit anpacken können. Was meinst du? Sind doch genug Leute da und wenn ich das so nebenbei mitbekommen habe ist das Nationalteam doch eh eingeladen. Und wohl auch das Tokio-Team von Wakashimazu? Hatte er nebenbei erwähnt.“

„Da sind wir beim nächsten Problem. Die wundern sich bestimmt wieso die Fußballer alle da sind, immerhin habe ich sonst nichts mit ihnen zu tun. Das mit Kojiro und mir muss noch warten bis wir in Italien sind.“

„Die sind eben hier, weil sie den Platz gemietet haben und dann ist es doch nur höflich sie deswegen einzuladen. Zumal sie dann beim Aufräumen helfen.“, du hast Recht, klingt gut. Es ist trotzdem wieder eine unnötige Anspannung da, denn alle müssen wieder den Mund halten und das nervt gewaltig. Und ich wollte die restliche Zeit zum Trainieren nutzen. Jetzt mache ich nachher ein Nationalmeisterschafts Spiel und habe die letzten Tage kaum trainieren können. Meine Verletzung von gestern muss ich auch nochmal ansehen lassen.“

Genau in diesem Moment klopft es an der Tür.

„Hallo ihr beide. Geht es Ihnen wieder besser, Herr Schneider?“ Die Ärztin steht in der Tür und lächelt.

„Ja, vielen Dank.“

„Dann würde ich Sie mir gerne nochmal ansehen. Und du Bettina, du willst deinen Rücken nochmal ansehen lassen, sagtest du vorhin.“

„Ja genau. Kannst du mich zuerst untersuchen? Ich bin etwas in Eile.“

„So ist das also, einfach vordrängeln, das hat man gerne.“, schmunzelt er und lacht etwas dabei.

„Kommen Sie erstmal beide vor. Ich habe jemanden mitgebracht. Wir haben schon gute Erfahrungen ausgetauscht.“

Tina ist erstaunt und schaut zu der Frau neben ihr. Es ist Ann-Kathrin. Sie lächelt beide an. Karl steht unmittelbar neben ihr und sie sehen beide neugierig in ihre Richtung.

‚Oha, Uwe hat tatsächlich Recht. Die beiden haben ähnliche Gesichtszüge. Es fällt vermutlich nur einem geschulten Auge auf, ja aber sie sind da. Ich würde gerne die kleine Schwester von ihm mal mit daneben sehen. Einfach als Vergleich. Sollte das stimmen was er sagt, dann dürfte sie ihm nicht ähnlich sein, da sie unterschiedliche Eltern haben.‘, fällt ihr sofort auf.

Tina geht auf sie zu.

„Ach wie schön. Das freut mich, dass Sie sich kennengelernt haben. Ärzte unter sich.“

„Pathologen unter sich. Und noch dazu helfen wir beide ehrenamtlich aus, wenn mal jeweils der Mannschaftsarzt krank oder verhindert ist. Wir helfen Volleyballspielerinnen wie Ihnen.“ Tina ist begeistert.

„Ach wirklich? Das ist ja toll.“ Die beiden Sportler betreten den Behandlungsraum und sehen kurz zu Naoko, welche auf einem Hocker vor dem Arbeitsplatz am PC sitzt. Sie hat sich inzwischen die Tränen weggewischt und versucht normal zu wirken.



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