Zum Inhalt der Seite

You are not alone "Du bist nicht allein."

Kojiro und Tina
von

Vorwort zu diesem Kapitel:
FROHES NEUES Ihr LIEBEN!!!

Langsam nähern wir uns dem 100. Kapitel und ich hoffe euch gefällt die Fanfiction bisher.

Ich würde mich sehr über Meinungen und Anregungen freuen.

EURE Megu82 Komplett anzeigen

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Die Hantelbank und der Vertrauensbruch

Kapitel 83
 

Die Hantelbank und der Vertrauensbruch
 

Tina geht den Flur entlang Richtung Ausgang zu den Waschbecken.

„So, ich erkläre dir gleich alles. Aber zu aller erst. Hast du den Vertrag für Fane fertig? Also für Frau Ohzora?“

„Ja, ihr müsst euch nur über eine monatliche Summe einigen.“

„Ich habe keine Ahnung was man so einem Manager zahlt. Was meinst du wäre denn in ihrem Fall angemessen? Ich will ihr nicht zu wenig geben.“

„Wieso lässt du sie nicht über deinen Verein oder den Verband bezahlen? Die wollen doch, dass du jemanden hast.“

„Ich will nicht, dass sie von denen abhängig ist. Womöglich setzen sie sie dann wegen irgendwas unter Druck und dann kürzen die ihr Geld. Da habe ich lieber alles selbst in der Hand. Immerhin ist sie eine sehr gute Freundin.“

„Ich verstehe, sie soll unbefangen bleiben.“

„Genau, so würdest du das nennen.“ Egon nennt ihr seine Vorschläge und was andere in ihrer Position ihren Managern zahlen und zählt ihre Aufgaben und Pflichten und Rechte auf.

„Das klingt gut. Dann mach mal die dritte der fünf Vorschlagssummen. Immerhin kommen bei der ganzen Rumfliegerei noch Fahr- und Verpflegungskosten dazu. Ich muss erst einmal abwarten, was die nächsten Monate auf mich zukommt. Aber ich frage sie gleich, ob das für sie passt. Ich rufe dich gleich zurück. Du hast doch sicher alles mit ihr besprochen, also die ganzen Bedingungen, die du mir eben aufgezählt hast?“

„Natürlich, das haben wir alles gestern Abend und heute Früh nochmal durchgesprochen. Sie wird sicher zustimmen, denn sie hatte meinen ersten Vorschlag mit der kleinsten Summe bereits zugesagt.“

„Ach so? Echt? Dann mach das fest und wann können wir unterschreiben?“

„Ich füge die Summe jetzt handschriftlich hinzu und dann könnte ich direkt zu dir kommen oder ihr kommt zu mir.“

„Wir können im Moment nicht weg. Du musst herkommen. Ich bin an meiner alten Schule. Fane ist auch hier. Am besten du bestellst dir schon ein Taxi und kommst her und ich erkläre dir inzwischen alles Weitere. Ruf mich bitte an, wenn du im Taxi sitzt. Setz die Taxirechnung dann auf meine Kostenstelle.“

„Alles klar. Ich wusste gleich, mit dir als Klientin wird es nicht langweilig. Wir haben viel zu bereden, liebe Bettina.“ Sie lacht leise.

„Freu dich lieber nicht zu früh. Ich muss dich leider jetzt schon nerven. Tut mir leid. Im Moment überschlagen sich die Dinge, deswegen bin ich ja auch endlich auf dein Angebot eingegangen. Abgesehen von deiner Kompetenz kann ich dir wenigstens vertrauen. Ich bin dir jetzt schon unendlich dankbar dafür. Das weißt du hoffentlich.“

„Natürlich. Bis gleich.“ Etwa fünf Minuten später ruft Professor Dr. Dr. Egon Katsuo Kudo zurück.

„Dann leg mal los. Wo genau muss ich jetzt hin?“ Tina gibt ihm die Adresse der Schule durch und erklärt ihm, dass er zum Einlass des Sportplatzes muss.

„Am besten der Taxifahrer sagt dir etwa zehn Minuten vor der Ankunft Bescheid, dann kannst du mich anrufen und ich hole dich am Eingang ab. Ohne Einladung kommst du hier nicht aufs Gelände.“

„Oh, klingt spannend. Hast du nicht dein Spiel heute Abend erst? Das ist doch aber in eurer Tokio-Halle. Wieso jetzt deine alte Schule?“ Tina versucht ihm so kurz wie möglich die Lage im Laden und auf dem Revier zu erklären und warum sie hier sind. Sie lässt den Part aus, dass Kojiro den Vorschlag gemacht hat, aber das ist ja auch noch nicht relevant für ihn.

„Wir können dann aber hier mit Fane alles klären, du kannst mit Takeru einiges wegen der heutigen Angelegenheit bereden und ich kann dir sogar jemanden vorstellen. Du wolltest ihn ohnehin kennenlernen.“ Egon ist irritiert und völlig von den Socken. Seit wann geht Tina auf Fußballer zu? Sie hat sich die ganzen Jahre von ihnen ferngehalten. Dass sie mit Jun befreundet ist, ist ihm bekannt. Der überraschende Besuch gestern hat ihn schon sehr verwundert und nun kann sie direkt zu einem Team gehen und hat sie ins Programm aufgenommen? Das kommt ihm sehr seltsam vor. Er ist jedoch auch ein überaus neugieriger Mensch. Er war schon immer ein begeisterter Volleyballfan und seit er vor sechs Jahren das erste Nationalturnier gesehen hat, in dem Tina mitgespielt hat, wurde er ein treuer Fan und hat versucht jedes Spiel von ihr zu sehen. Ihn faszinierte es wie schnell und mit welchem Elan sie in so kurzer Zeit zu einer so starken Spielerin wurde. Ihm blieb dann fast der Atem stehen, als er mitbekam, dass sie plötzlich in seinen Vorlesungen saß und sein Interesse an Psychologie teilte. In der Regel interessierte er sich nicht für die Studenten, wenn er Frischlinge vor sich hatte, aber sie fiel ihm dann doch sofort auf und er musste in der Anwesenheitsliste sofort nach ihr suchen. Sie stellte sehr interessante Fragen und gab sonderbare Antworten. Das wunderte andere Studenten und auch er war immer wieder verdutzt. Nach den Vorlesungen ergaben sich viele nette Unterhaltungen und sie verblieben dann beim Schachspielen und trafen sich einmal die Woche dazu und philosophierten über viele verschiedene Themen. Ihre Gemeinsamkeit aus Deutschland zu kommen ließ sie sich dann auch etwas anfreunden. Dann eines Tages bot er ihr an sie als Rechtsbeistand zu vertreten. Leider lehnte sie ab, sie wolle dem Anwalt ihrer Eltern nicht vor den Kopf stoßen.
 

Wenige Minuten nach dem Anruf steht Tina im Fitnessraum, welcher in der Turnhalle ist. Wehmütig streift sie mit der linken Hand über ihre Lieblings-Hantelbank und lächelt vor sich hin. In ihrer Erinnerung erscheint Martin, wie er eines Tages mit ihr schimpfte. Nach dem Vorfall an der Toho fing sie an sich wieder intensiv fürs Training einzusetzen und um ihre Schlagkraft zu verbessern ging sie regelmäßig zu ihm in das Studio wo er derzeit arbeitete. Er hatte ausdrücklich gesagt wie sie es richtig angehen kann und statt auf ihn zu hören setzte sie sich zusätzlich noch hier hin und trainierte heimlich weiter. Immer dann, wenn sie wieder nicht schlafen konnte und sie die Wut im Bauch loswerden musste, wenn die Bilder von dem Überfall kamen oder sie sich an die Gemeinheiten der Jungs an der Eliteschule erinnerte. Deswegen musste sie doch ganz schnell stark werden, immerhin gab es bald das Weihnachtsturnier und da mussten Yako und sie ihnen doch ihre Stärke zeigen. Sie wollte bis dahin einen eigenen starken Ball entwickeln.

Etwa zwei Monate ging das gut, dann eine Woche vor dem Turnier gelang ihr endlich der besondere Ball und dann an einem Freitag nach der Schule holte Martin sie unangekündigt von der Schule ab. Sie hatte so viel von dem Ball geschwärmt und ihn neugierig gemacht.

Er durfte aufs Schulgelände und man zeigte ihm wie er zur Halle käme. Yoko führte ihn dann zu ihr in den Fitnessraum, da sie wusste, dass sie dort ihre Übungen machte. Plötzlich stand er irritiert in der Tür.

„Tina, was machst du hier? Ich dachte du zeigst mir deinen tollen Ball, stattdessen sitzt du ohne Anleitung an den Geräten?“

Das enttäuschte Gesicht ist ihr noch immer in Erinnerung und Tina stellt die Gewichte ein und stellt sich die Größe der Bank zurecht.

Damals kam Martin zu ihr und bat sie dann nur noch darum ihr mal den Ball zu zeigen. Er wolle ihn sehen. Nichtsahnend ging sie dann mit ihm und Yoko in die Halle und die Mädchen zeigten ihm den starken Ball. Er war natürlich begeistert, aber er konnte es nicht wirklich zeigen.

„Komm nicht zu spät nach Hause.“, sagte er nur nachdenklich und verließ ohne sie die Halle.

Während sich Tina heute auf die Bank legt und das leicht eingestellte Gewicht drückt, um etwas herunterzukommen, kommen ihr die Erinnerungen wie erst gestern vor.

Kaum war sie nach der regulären Trainingszeit zu Hause, ging sie unter die Dusche und machte sich fertig. Beim Abendessen war es wie immer. Danach klopfte es an ihrer Tür.

„Ich bin es. Kann ich reinkommen?“ Tina bat ihn natürlich herein. Er schloss die Tür und sah sie ernst an. Tina saß am Schreibtisch und war mit Lernen beschäftigt.

„Was musst du heute lernen?“

„Japanische Geschichte. Wir schreiben morgen einen Test.“

„Und was genau müsst ihr da wissen?“

„Kaiser Meiji. Ist sehr interessant. Trotz seiner Jugend hat er versucht die Menschen zusammenzuführen und wollte mit Weltoffenheit Völker miteinander einen und die Wirtschaft ankurbeln. Diesen Mut muss man bewundern.“, berichtete sie begeistert.

„Warst du deswegen gestern unterwegs und hast dir den Schrein angesehen, den man ihm zu Ehren erbaut hat?“

„Ja genau. Da standen noch ein paar mehr Informationen als in den Büchern.“ „Du kommst mit der Sprache immer besser klar. Das ist bewundernswert. Ich brauche sicher Jahre dafür.“ Er setzte sich in den Besucherstuhl und holte drei ausgedruckte Fotos hervor.

„Sag mal, meinst du der Kaiser hat in seinen jungen Jahren immer die richtigen Entscheidungen getroffen? Du bist doch ein Typ, die immer selbst entscheidet. So wie er.“

„Martin, komm zum Punkt. Du bist sauer auf mich, weil ich mich nicht an deinen Plan halte, oder?“, lehnte sie sich dann stöhnend zurück und sah ihn an.

„Sauer ist das falsche Wort dafür. Enttäuscht trifft es eher.“ Er legt ihr drei Fotos von verschiedenen Sportlerinnen auf den Tisch. Eine Langläuferin, einer Volleyballerin und einer Bodybuilderin.

„Wie siehst du dich in zwei bis drei Jahren? Du musst dich nur entscheiden welchen Sport du machen willst. Ich helfe dir, aber du musst dich entscheiden und auch dabeibleiben. Ich weiß, dass du vorher intensiv Fußball gespielt hast und ein anderes Training gewohnt bist, Ausdauer wie auch Krafttraining. Aber du musst dich für irgendwas entscheiden. Für deinen Sport brauchst du nicht nur Kraft, sondern auch gutes Reaktionsvermögen und Beweglichkeit vor allem. Wie möchtest du denn als Frau aussehen und welchen Sport willst du machen?“

„Ich habe es schon kapiert. Du hast ja Recht. Tut mir leid.“ Sie nahm das mittlere Foto mit der hübschen Volleyballerin.

„Natürlich ist die hier am hübschesten. Stark, aber sehr weiblich.

Kann ich jetzt weiterlernen?“

„Du vertraust mir doch, oder? Privat wie auch fachlich.“

„Natürlich. Es tut mir wirklich sehr leid. Ich werde mich in Zukunft an deinen Plan halten. Aber es war so wichtig diesen Ball rechtzeitig zu können. Wie findest du ihn denn?“

„Wenn du Sondertraining für eine bestimmte Zeitspanne brauchst, musst du nur mit mir reden. Dann stelle ich deinen Plan entsprechend um, aber es läuft kontrolliert ab. Du darfst nicht vergessen, dass du noch im Wachstum bist. Du willst doch sicher später irgendwann auch eine Familie gründen. Wenn du dich jetzt falsch trainierst, kann es dann Probleme geben. Das willst du doch sicher nicht.“

„Tut mir leid. Natürlich will ich später mal Kinder haben, aber im Moment habe ich dafür echt keine Nerven. Von Jungs habe ich erstmal die Nase voll. Die können mir alle den Buckel runterrutschen.“, ertönte sie dann grummelig.

„Hast du nicht erzählt, dass du dich mit einem Klassenkameraden angefreundet hast? Ist das nur eine Freundschaft?“ Tina fing an zu grinsen.

„Natürlich, abgesehen davon, dass er weder mein Typ ist, noch würde ich etwas mit einem Fußballer anfangen, ist er bereits vergeben. Und die beiden passen so gut zusammen. Jun und Yayoi voll niedlich. Wir freunden uns auch an. Sie ist in meinem Französischkurs. Wir helfen uns dann immer gegenseitig.“

„Verstehe, ich wusste, dass du hier schnell Freunde finden wirst.

Der Ball ist wirklich klasse. Ich kann aber nicht beurteilen wie stark er im Gegensatz zu anderen ist. Woher weißt du denn, dass du ihn hinbekommen hast?“ „Weil das Netz fast kaputt ging. Yakos Bälle können das nicht und sie ist immerhin mit ihren starken Bällen Nationalmeisterin.“

„Warum ist dir denn der Ball so wichtig, dass du deine Gesundheit aufs Spiel setzt? Du bist doch sonst auch viel weitsichtiger.“ Tina stand auf, drehte sich mit dem Rücken zu ihm und zog plötzlich ihr Nachtshirt hoch.

„Die vielen kleinen Narben, Yako sieht noch schlimmer aus.“ Sie ließ das Shirt wieder fallen, zeigte dann ihre Arme und sah zu ihm.

„Deswegen. Das, was vor zwei Monaten passiert ist soll die Schule zurückkriegen. Aber auf sportliche Art und Weise. Im Weihnachtsturnier zahlen wir ihnen alles heim. Ich will gleich im ersten Satz mitspielen und mache die Mädchen fertig. Nur so sieht die Schule was sie davon haben.“

„Das sieht ja schlimm aus. Was ist passiert?“ Tina erzählte ihm die Geschichte in Kurzfassung.

„Solche Feiglinge.

Wenn du mir erlaubst nur kurz zu prüfen welche Stellen wir eventuell wieder abtrainieren müssen, kann ich das bereits einplanen. Da ich dich in letzter Zeit nur noch langärmlig sehe, ist mir das auch nicht gleich aufgefallen, dass du heimlich zusätzliches Krafttraining machst.“ Tina zeigt ihm wieder ihre Arme und zieht auch die langen Hosenbeine hoch, damit die Muskulatur zu sehen ist. An ihren Beinen hat sie natürlich wegen der Sprungkraft gearbeitet. Sie war zwar gut trainiert, aber es war doch etwas anders beim Fußball als jetzt, wo sie deutlich beweglicher sein muss. Neben dem Training ging sie noch schwimmen. Sie hat begonnen dreimal die Woche zum Flossenschwimmen zu gehen. Das Training hat viel gebracht und ihren Rücken und ihre Füße deutlich gestärkt und gelenkiger gemacht. Martin zeigte ihr die Stellen, die anders trainiert werden müssen. Dann verließ er das Zimmer.

Schmunzelnd liegt sie nun auf der Hantelbank und zählt nebenbei ihre Züge. Plötzlich geht die Tür auf und Pierre steht verwundert da.

„Oh, sorry. Ich dachte das sind die Toiletten.“ Tina schaut gar nicht zu ihm. Sie erkennt ihn an seiner Stimme.

„Kannst du nicht lesen? Du musst eine Tür weiter.“ Überrascht sieht er zu ihr rüber.

„Du Bettina? Was machst du denn hier?“

„Wonach sieht das denn aus?“, reagiert sie gereizt.

„Sorry.“, antwortet er nur und verlässt den Raum wieder. Er bleibt noch kurz vor der Tür stehen.

‚Wow, so einen Anblick hat man auch noch nicht gehabt. Sie nimmt ihr Training genauso ernst wie wir. Ich habe noch nie eine Frau beim Krafttraining gesehen. Ich bin eindeutig zu selten unter Menschen.‘ Dann geht er eine Tür weiter und nachdem er mit allem fertig ist steht er vor dem Waschbecken und betrachtet sich im Spiegel. Er trocknet sich die Hände ab und legt das Papier in den Abfallbehälter.

‚Das ist heute wirklich ein seltsamer Tag. Zuerst ruft mich Karl-Heinz an und dann taucht Bettina hier auf.‘ Der junge Franzose entscheidet sich erneut zu ihr zu gehen und klopft am Fitnessraum an.

„Herein.“ Er öffnet die Tür und sieht zu ihr rüber.

„Ich bin es wieder. Können wir reden?“

„Was haben wir denn zu bereden?“, kommt unmissverständlich zurück.

„Ich dachte nach so vielen Jahren hätte man was zu bereden, wenn unser Start auch unhöflich war.“, spricht er ruhig und schließt die Tür plötzlich hinter sich. „Ich wüsste nicht was wir zu bereden hätten, Pierre.“, murrt Tina, hängt vorsichtig das Gewicht ein und richtet sich mit einem ernsten Blick auf.

„Mach die Tür wieder auf!“, fordert sie streng und greift zum Handtuch neben sich. Sie tupft sich den Schweiß vom Gesicht und vom Oberkörper.

‚Was denkt er sich dabei? Kommt einfach rein und macht die Tür zu. Dafür, dass er aus einer Adelsfamilie kommt hat er echt keinen Anstand.‘

„Das werde ich jetzt nicht tun. Was erwartest du von mir? Soll ich hier auf Knien vor dir rumrutschen und unendlich um Verzeihung bitten?“, verschränkt er die Arme und sieht sie ernst an. Tina legt das Handtuch um ihre Schulter und steht dann auf.

„Das wäre doch mal ein Anfang.“, grinst sie und kurz darauf setzt sie wieder ein ernstes Gesicht auf. Plötzlich geht er auf sie zu und kniet sich unerwartet auf ein Bein und schaut zu Boden, als würde er wie ein Ritter vor seiner Königin knien. „Es tut mir leid. Ich weiß, dass es falsch war.“ Entsetzt faucht sie ihn an.

„Du hast doch echt nicht alle Latten am Zaun! Steh wieder auf! Das war nicht wörtlich gemeint.“ Er bleibt in dieser altmodischen Pose stur vor ihr.

„Ich habe es aber ernst gemeint. Was soll ich denn tun, damit du mir verzeihen kannst?“

„Pierre, dein Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Da kannst du solange vor mir rumhocken wie du willst. Hast du überhaupt eine Ahnung wie herabwürdigend das für mich war? Mitten im vollen Geschäft? Vor meinen vielen Gästen? Was hast du dir denn überhaupt dabei gedacht? Du konntest nur froh sein, dass ich wusste wer du bist, dass Kojiro in diesem Moment in der Küche war und ich diesen blöden Umsatz brauchte. In der Regel erlaubt sich das keiner in meinem Lokal und wenn, dann hat er schnell mal eine sitzen und ich schmeiße die Person hochkant raus. Ich wollte aber vor Kojiro und Genzo keine Szene machen. Und dann stellte sich noch heraus, dass Kojiros Mutter und seine Schwester anwesend waren, das war sowas von peinlich, echt. Ich will gar nicht wissen was die zuerst gedacht hat, als du mich da so angebaggert hast und ich zuerst nicht darauf reagiert habe.“ Er richtet sich auf und schaut dann zu ihr herab in die türkiesen Augen. „War es wirklich so unangenehm?“

„Na hör mal, ich muss diesen Laden leiten und ich kann nur froh sein, dass mein Personal einen viel zu hohen Respekt vor mir hat, dass es mir das nicht übelgenommen hat, sondern gleich auf meine Änderungen eingegangen ist. Das hätte nicht jedes Personal gemacht.

Ich muss aber auch ehrlich zugeben, dass ich mir zuerst selbst die Schuld an deiner Anmache gegeben habe, weil ich eventuell zu freundlich war. Das habe ich dir ja schon gesagt. Aber als ich die Hand weggezogen habe, da hättest du schalten müssen, dass es unpassend ist. Aber nein, stattdessen treibst du es auf die Spitze und benimmst dich wie ein Flegel in irgendeiner Kaschemme. Was hast du denn gedacht was ich bin? Die dumme hübsche Kellnerin, die nur ihren Job hat, weil sie Französisch sprechen kann? Denn davon bist du scheinbar ausgegangen, wenn du meinen Küchenchef nach der Chefin fragen musst, als er erwähnte, dass das Rezept von ihr kommt. Dein Versuch dich noch vor Ort zu entschuldigen, kam doch nur, weil du plötzlich mitbekommen hast, dass ich nicht nur das dumme Blondchen bin.“

„Bist du fertig?“ Sie ist erstaunt. Plötzlich so ein ernster Ton.

„Du bist auch nicht fehlerfrei, Bettina.“

„Das habe ich auch nie behauptet. Und was meinst du genau?“, stutzt sie.

„Ganz einfach. Du bist jetzt mit Hyuga zusammen und vorher hattest du was mit Karl-Heinz laufen. Du weißt doch genau in welcher Rivalität die beiden zueinanderstehen. Aber mich verurteilen, wenn ich eine hübsche Kellnerin anmache. Und dumme Frauen, mache ich übrigens nie an.“

Total baff blickt sie ihm in die ebenso türkiesblauen Augen. Sein Blick ist sehr ernst und bestimmend. Das kennt sie von ihm gar nicht. Ihr Puls steigt etwas an und ihr ist überhaupt nicht klar woher er das wissen könnte.

„Was meinst du genau? Du weißt selbst, dass wir seit Kindertagen eng befreundet waren. Du warst doch selbst ein Teil davon. Oder hast du unsere Treffen nach den Turnieren und nach dem letzten Freundschaftsspiel vor der WM vergessen?“ „Natürlich habe ich das nicht. Was meinst du wieso ich mit Karl-Heinz privat noch im Kontakt bin? Wir haben uns vor einigen Jahren mal wieder gesehen und seitdem verabreden wir uns ab und an. Aber genau das ist es ja.

Nie wollte er über euch reden. Du leugnest also mit ihm zusammen gewesen zu sein?“

„Woher willst du denn wissen, dass es so gewesen sein soll? Das Team wusste nichts, nur Genzo wusste wer ich bin.“

„Ich weiß ja nicht wann, aber irgendwas lief mal zwischen euch. Seine Reaktion vorhin bei unserem Gespräch im Taxi sprach Bände. Und vorhin hat er schon wieder so eine seltsame Bemerkung gemacht. Er verhält sich heute schon die ganze Zeit so seltsam.“ Tina weicht ihm aus und geht zur anderen Hantelbank. Sie bestückt die Gewichte an der Langhantel neu und schaut auf die Größeneinstellung.

„Setz dich.“ Pierre ist etwas irritiert.

‚Was soll das jetzt werden? Es ist wirklich schwer sie einzuschätzen. Was hat sie vor, wenn ich da nun auf der Bank liege und sie die Macht über die Hantel hat? Hyuga vertraut ihr und sie vertraut ihm scheinbar sehr, das war eindeutig zu merken, sonst hätte sie uns in dieser Situation nicht alleine gelassen. Es ist beeindruckend, dass sie sich so sehr vertrauen. Nun gut, Bettina, du warst immer eine sehr gerissene Verteidigung und wusstest genau wie du mich auszutricksen hattest, aber hier ist eine andere Situation.‘

„Hast du Bedenken, wenn ich dich dabei begleite? Du weißt schon, dass ich einen Trainerschein dafür habe, oder?“, schaut sie ernst und erklärt sachlich. Er kommt langsam auf sie zu und schaut auf die Gewichte.

„Du kannst auch etwas drauflegen, ich kann den Ausgleich brauchen.“, meint er dann mit sicherer Stimme, setzt sich hin, lehnt sich zurück und prüft die Arm- und Beinlänge.

„Ein wenig musst du die Füße noch einstellen. Aber sonst super. Woher wusstest du, dass es passen wird?“ Tina geht zum Fußteil und stellt es genauer ein. Dann steht sie wieder an der Langhantel.

„Ich habe lange genug im Fitnessstudio gearbeitet und den Schein nicht grundlos erworben. Mehr darf ich dir nicht draufpacken, tut mir leid. Ich könnte, aber ich lasse es lieber. Meine Freundin da draußen, die sich um Marie kümmert, die kann deutlich mehr begleiten, denn es ist ihr Job. Sie ist auch ganz anders trainiert als ich. Ich brauche das nur für meine VIP-Stunde und es macht mir Spaß.“ Er schaut nachdenklich zu ihr auf.

‚Dieses Volleyball-Trikot steht ihr wirklich gut.‘

„Zeig mal deine Hände.“, fordert sie freundlich. Er öffnet sie und Tina holt eine Tube Flüssigkreide hervor, gibt ihm welche zum einreiben und tut es ebenso.

„Sag, wenn du dann nochmal welche brauchst.“

„Okay, die fühlt sich gut an. Bisher habe ich immer Trockenkreide genommen.“

„Probiere sie aus, wenn es dir gefällt, kann man die in unserem Shop bestellen. Ich nutze die sehr gerne. Extra für verschiedene Hauttypen. Du hast jetzt die für trockene und empfindliche Haut. Kommt doch hin, oder?“

„Passt genau.“

„Kann es losgehen? Bist du soweit?“ Er nickt und greift die Stange.

„Nun konzentrierst du dich auf deine Gewichte und deine Atmung und hörst mir einfach nur zu oder beantwortest mir meine Fragen, okay?“

„Okay.“

„Ich werde jetzt einfach ausblenden was in meiner Gaststätte war, verstanden? Wir unterhalten uns als wären wir noch die alten Freunde von früher, okay?“

„Okay, heißt das jetzt du verzeihst mir?“

„Nein! Niemals!“, faucht sie.

„Ich blende es jetzt nur aus.“, erklärt sie erneut und ruhig.

„Sorry.“

„Das was ich jetzt hier mache, lasse ich mir in der Regel teuer bezahlen. Wenn ich als VIP gebucht werde, wollen die Fans in der Regel etwas mit mir plauschen und mich als Mensch kennenlernen. Genieße es also. Ich trete ungern irgendwo mal auf oder halte Reden oder mache Werbung im Fernsehen. Meine Sponsoren akzeptieren das, denn ich wollte das bisher nicht. Ich werbe in der Regel nur mit Fotos und Plakaten. Einen persönlichen Kontakt zu meinen Fans habe ich eher selten. Der läuft nur über das Studio oder ergibt sich mal zufällig im Park oder wenn ich unterwegs bin. Solche ungeplante Momente. Ich beschränke Menschenmassen auf Pressekonferenzen und meine Turniere und Spiele. Autogrammstunden nach den Spielen oder mal im Sportshop und dann war es das.

Das hat auch seine Gründe. Es hat etwas damit zu tun, dass ich Fußballern allgemein ausgewichen bin.

Pierre, was ich dir jetzt erzähle muss unbedingt unter uns bleiben, klar?“

„Natürlich.“

„Was genau hast du überhaupt mit Kojiro besprochen? Ihr habt lange geredet. Ich dachte er sagt dir nur kurz seine Meinung und das wars. Darf ich das wissen?“ Pierre ist überrascht.

„Das hat er auch. Und dann habe ich ihm gesagt, dass ich es bewundere, dass du ihm so sehr vertraust. Das war alles.“

„Wie meinst du das? In wie fern vertraue ich ihm?“

„Du lässt einen so impulsiven Mann mit mir alleine, nach der Aktion. Das nenne ich blindes Vertrauen. Du musst gewusst haben, dass wir uns nicht das Prügeln kriegen, das wäre vermutlich bei jedem anderen passiert.“, versucht er locker zu bleiben und es zu erklären. Tina ist natürlich sehr überrascht.

„Echt? Okay.

Und was um alles in der Welt hat Karl-Heinz von sich gegeben, dass du der Annahme bist, wir hätten mal was gehabt? Und wieso machst du mich da so grundlos an? Traust du mir nicht über den Weg?“

„Es waren zwei komische Momente, die mir seltsam vorkommen. Wirklich gesagt hat er gar nichts. Wir haben nicht darüber gesprochen, wenn du das meinst.

Als wir uns vorhin getroffen haben wir uns wie immer unterhalten, belangloses Zeugs und dann sind wir auf dich zu sprechen gekommen. Naja, am Ende des Gesprächs fragte ich ihn nur ob ihr es sehr ernst meint miteinander und dann machte er eine sehr leise Bemerkung, die so klang wie „ja, leider“.

Und vorhin als wir mit diesem Mädchen gesprochen haben und sie so von dir schwärmte, dass du damals mit uns mithalten konntest, da murrte er nur, dass du hättest locker mit nach München gehen können mit deiner Leistung. Dort gab es bereits ein gutes Frauenteam. Aber du wolltest wohl nicht. Das war es, was mich stutzig gemacht hat. Er muss gewusst haben wer du bist und deswegen ist er vermutlich auch hier.“

„Typisch, Karl war immer ein schlechter Lügner. Er hasste es auch belogen zu werden. Unehrlichkeit war ihm ein Graus.“, schmunzelt sie.

„Pierre, du hast Recht. Etwa einen Monat vor unserem Freundschaftsspiel damals kam er hinter mein Geheimnis. Wir haben uns total zerstritten. Das ging etwa drei Wochen so, aber dann drehte sich plötzlich das Blatt und wir waren zusammen bis zu diesem Überfall.“, erklärt sie kurz und knapp. Pierre setzt die Langhantel ab und sieht zu ihr auf.

„Echt? Also eine harmlose Jugendliebe?“ Sie nickt und geht einen Schritt zurück und geht dann um die Bank herum. Er richtet sich auf, setzt sich seitlich auf die Bank und sie reicht ihm ein frisches Handtuch und eine kleine Wasserflasche.

„Kann man so nennen, genau.“, spricht sie leise. Der Franzose trocknet sich ab und fährt sich dann mit den Händen durch seine langen lockigen goldblonden Haare und richtet sie wieder her. Dann nimmt er die Wasserflasche und dreht den Deckel auf.

„Und wieso ging es schief? Karl scheint ja noch was zu empfinden, sonst würde er nicht so reagieren.“

„Es gab mehrere Faktoren. Der ausschlaggebende Faktor jedoch war natürlich der Überfall. Als Stephan starb hatte ich versucht mit ihm zu reden und wollte mich verabschieden, aber das konnte ich nicht. Ich konnte es ihm weder sagen, sonst konnte ich mich von ihm verabschieden. Jetzt im Nachhinein ist mir klar wieso.“ Pierre setzt an zum trinken und dann schaut er sie neugierig aber ehrlich an.

„Was ist dir jetzt klar geworden?“

„Dass es keine wahre Liebe gewesen sein konnte. Wenn es das gewesen wäre, dann hätte ich niemals weggehen können. Jetzt wo ich Kojiro kennengelernt habe und wir uns nicht mal zwei Wochen kennen, könnte ich mir nicht annähernd vorstellen nur wenige Tage von ihm weg zu sein. Und statt der Bilder von damals, von den Tätern zu sehen, welche ich leider auch vor mir hatte, als ich Karl gesehen habe, sehe ich jetzt nur noch schöne Erinnerungen. Vorher konnte ich den Anblick von Fußballtrikots nicht ertragen. Jedes Mal erinnerte mich das an den Überfall und jetzt, jetzt habe ich die schönen Erinnerungen an die tolle Zeit von damals. Die Zeit im Team und auch die Zeit mit euch und dem Europaturnier. Tag für Tag kommen Erlebnisse in meinem Kopf zurück. Hauptsächlich die schönen.“


Nachwort zu diesem Kapitel:
Ich arbeite noch an der Charaktergestaltung von Pierre. Sicher habt ihr bereits bemerkt, dass er eine meiner Nebenfiguren wird, die eine wichtige Schlüsselfigur ist.

Man weiß nicht viel über ihn, aber mal sehen was mir einfällt.

Habt ihr Vorschläge?

Ihr könnt sie mir gerne per Kommentar oder ENS mitteilen.
Vielen lieben Dank für Eure Unterstützung. Komplett anzeigen

Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (0)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.

Noch keine Kommentare



Zurück