Fieber im Stadion
Kapitel 1
Fieber im Stadion
Es ist ein bedeckter Himmel über dem Stadion in Tokio, als endlich das langersehnte Spiel des Grundschul-Nationalturniers zwischen dem SC Nankatsu und dem FC Musashi aus Tokio stattfindet.
In der Halbzeitpause bittet Jun seine Managerin Yayoi um ein Gespräch unter vier Augen.
Einige Zeit zuvor erwacht Kojiro aus einem Fiebertraum. Er schreckt auf und bemerkt, dass er in einem Zimmer liegt und es draußen bereits hell ist.
‚Habe ich etwa die ganze Nacht durchgeschlafen?‘ Er blickt zur Uhr über der Tür.
„Verdammt! Das Spiel beginnt gleich.“
‚Ich muss unbedingt das Spiel zwischen Ohzora und Misugi sehen. Misugi wird neben ihm mein stärkster Gegner sein. Noch so eine Überraschung wäre fatal.‘ Er nimmt entschlossen das Tuch von der Stirn, rappelt sich auf und zieht sich an. Seine Klamotten liegen zum Glück im Schrank, der in diesem fremden Zimmer ist. Eine Jogginghose und ein T-Shirt sowie sein Basecap. Er geht ans Waschbecken und trinkt ein paar gute Schlucke, denn etwas anderes zur Erfrischung findet er nicht. Dann schlüpft er in seine Schuhe, schnappt sich seinen Rucksack und verlässt leise das Zimmer. Er schleicht sich durch die Gänge und nutzt statt des Lifts, das Treppenhaus, um die vier Etagen hinunter zu gehen.
Bald hat er das Stadion erreicht und wird zu seiner eigenen Verwunderung eingelassen. Das Eintrittsgeld reicht gerade so aus und erkannt hat ihn auch niemand. Nun ist nur noch etwas für einen kleinen Snack übrig. Er setzt sich ganz oben auf eine freie Treppe, statt auf einen Stuhl, denn er hat nur einen Stehplatz. ‚Puh, zum Glück hat mich niemand erkannt. Ich muss die beiden unbedingt sehen.‘
Nach dem Abpfiff der ersten Halbzeit verlässt er seinen Platz und geht zu einem Automaten, um sich eine Cola und einen Schokoriegel zu gönnen. Die Pause ist kurz und er muss sich beeilen. Viele verlassen gar nicht erst ihren Platz.
Als er die Tribüne herabgeht und in einer abgelegenen Ecke einen Automaten entdeckt, will er darauf zugehen. Plötzlich erscheinen Jun und ein Mädchen.
‚Ne, muss das jetzt sein? Ich warte lieber. Wenn der mich so rot im Gesicht sieht, voll peinlich. Mir ist noch immer nicht so gut. Scheiß Fieber. Und dann brummt mein Kopf so, nervig.‘ Er lehnt sich an eine Wand und denkt darüber nach, warum Tsubasa so seltsam spielt, denn gegen ihn war er deutlich stärker. Er hat das Gefühl, ihm habe die Motivation verlassen, aber warum?
Plötzlich hört er strenge laute Worte von Jun und er schaut um die Ecke, zu den beiden. Genau in diesem Moment gibt Jun Yayoi eine schallende Ohrfeige.
„Wie konntest du nur Tsubasa von meiner Herzkrankheit erzählen? Hast du überhaupt eine Ahnung was das bedeutet?“ Yayoi hält völlig verdattert ihre rote Wange und ihr kommen Tränen.
‚Er hat sie geschlagen?!‘, steigt Kojiros Puls plötzlich enorm an. Wie kann das sein? Das große Talent und Genie Misugi schlägt ein Mädchen? Nein, das kann er nicht ignorieren! Wütend kommt er aus seinem Versteck, rennt auf ihn zu, stellt sich zwischen ihn und Yayoi und verpasst Jun einen Faustschlag ins Gesicht.
„Du schlägst Mädchen?! Was bist du denn für Einer?! Schäm dich!“, haut er ihm zornig entgegen. Jun ist total verdutzt und kann so schnell gar nichts dazu sagen. Er hat nicht bemerkt, dass jemand in der Nähe ist und dann ausgerechnet Kojiro. „Halt dich da raus, Hyuga!“, murrt er ihn dann an. Kojiro jedoch beachtet ihn nicht, dreht sich zu Yayoi um und sieht sie besorgt an.
„Zeig mal her. Wie schlimm ist es denn? Sowas machen nur Feiglinge.“, spricht er liebevoll zu ihr, sieht in ihre irritierten braunen Augen, berührt ihre kleine zarte Hand, die auf ihrer Wange liegt und nimmt sie vorsichtig etwas zur Seite, um sich ihr Gesicht anzusehen. Die Wange ist knallrot und weist eine kleine Schmauchspur auf.
„So ein Arsch! Er hat dich sogar verletzt.“, wird sein Blick wieder zornig. „Ich…äh…ist…nicht so schlimm. Ich…bin ja selbst schuld.“ Yayois Herz schlägt so sehr, dass ihre Brust wehtut. Zuerst schimpft Jun so sehr mit ihr und sie hat ihn so unendlich doll gekränkt, dass es ihr selbst wehtut und dann taucht Kojiro plötzlich auf, den sie nicht einmal kennt, ein großer kräftiger fremder Junge, der gestern ein schweres Spiel gewonnen hat und keinen guten Ruf genießt. Er sei rücksichtslos seinen Gegnern gegenüber und grob und sehr stark. Ausgerechnet dieser große Junge steht plötzlich besorgt vor ihr und hat ihrem geliebten Jun eine reingehauen. Dann fasst er ihre Hand auch noch an.
„Nicht schlimm? Was redest du da?“, wundert er sich, lässt sie los und dreht sich zu Jun um.
„Du bist einfach nur ein Feigling! Warum hast du das getan? Weil sie sich um dich sorgt? Oder was war das eben wegen Herzkrankheit und Ohzora sagen?
Wenn du krank bist, dann geh nicht aufs Feld! Dann muss sich auch niemand sorgen.“, faucht er ihn an.
‚Hyuga, solche Worte von dir?‘ Juns Puls steigt extrem an. Er fasst sich ans Herz und versucht an Kojiro vorbeizuschauen, zu Yayoi.
„Yayoi. Es…tut mir leid. Kojiro hat Recht. Ich…bin zu angespannt. Ich wollte unbedingt noch einmal einen starken Gegner haben. Und wenn Tsubasa nicht mit voller Kraft spielt…ist der Sieg doch nichts wert. Verstehst du das? Das ist so, als würde man in einer Prüfung betrügen und die Antworten schon kennen. Worauf soll man denn dann stolz sein? Auf eine Leistung, die man nie geleistet hat? Alle Gegner vor ihm…waren zu schwach, um mich ernsthaft zu messen.“ Ein lauter Ton erhellt das Stadion.
„Ich muss los. Das Spiel geht weiter.“, horcht Jun auf. Er sieht Kojiro in die strengen Augen und legt dann seine Hand auf seine Schulter und mit der anderen wischt er sich die blutige Lippe trocken.
„Du bist okay. Danke. Vielleicht…habe ich das gebraucht. Du bist wohl der Einzige, der hier heute das einzig Richtige getan hat.“ Er schaut zu Yayoi.
„Tut mir leid, Yayoi, wirklich. Wir reden nach dem Spiel, okay?“ Kojiro ist erstaunt. Was hat das denn jetzt zu bedeuten? Er zeigt sofort Einsicht? Zuerst meinte er noch, er solle sich nicht einmischen und dann kommt eine Einsicht. „Wieso bist du eigentlich so rot im Gesicht, Hyuga? Du strahlst richtig Hitze aus. Hast du Fieber?“
„Ja, verdammt. Ich bin heimlich abgehauen, um euer Spiel zu sehen. Geh jetzt lieber.“, kommt ein Grummeln zurück. Der Fußballprinz grinst und entfernt sich von ihnen. Er läuft zum Spiel zurück.
Yayoi sieht nun auch besorgt zu Kojiro auf.
„Du hast Fieber? Das ist bei der Hitze aber gefährlich.“
„Ich kann das ab. Du solltest lieber deine Wange kühlen. Wie sieht das nachher aus? Ein hübsches Mädchen mit Schramme und blauem Fleck im Gesicht?“, spricht er etwas mürrisch und dreht sich zu ihr um.
‚Hat er eben…gerade „hübsch“ gesagt?‘ Er geht zum Automaten, bereits etwas taumelnd. Yayoi fällt es auf.
‚Wirklich fit auf den Beinen ist er aber nicht. Jun hat Recht. Er sollte sich lieber hinlegen und selbst schonen.‘ Kojiro holt ein paar Münzen aus seiner Tasche und holt eine Cola.
„Was willst du haben? Du kannst…es dann gleich…zum Kühlen nehmen.“, stottert er sich etwas zurecht.
„Äh, ich…äh. Ein Eistee bitte.“ Er schmeißt wieder Münzen ins Fach. Während er wartet steigt ihm das Fieber wieder deutlich in den Kopf. Er stützt sich sichtlich cool am Automaten ab, um nicht schwach zu wirken und starrt in die Auslage, wie der Greifer die Dose frei lässt, sie herunterpoltert und unten ins Greiffach kullert. Er zögert einen kurzen Moment, als er die Dose greift und lässt den Automaten los.
‚Verdammt…ich kann kaum noch was sehen. Ich hätte das Zimmer lieber nicht verlassen sollen.‘ In der einen Hand seine Cola und in der anderen der Tee, so versucht er zu ihr zu gehen, um sie ihr zu bringen. Plötzlich schwankt er etwas und sieht sie nur entsetzt an, reicht ihr die Dose, sie nimmt an und genau in diesem Moment verlässt ihn die Kraft in den Beinen und die furchtbaren Kopfschmerzen kommen wieder.
„Diese Hitze…scheiße…“, sagt er noch mit zornigem Ton, blickt auf sie herab und sackt vor ihr zusammen. Die Coladose rollt aus seiner Hand. Yayoi hält krampfhaft ihre Dose fest und weiß vor Schreck gar nicht, was sie machen soll. Nun liegt er vor ihr, dieser große doch eigentlich starke Junge, der ihre Ehre als Mädchen verteidigen wollte. Dass sie Jun nicht wirklich böse ist, konnte er ja nicht wissen. Er liegt auf der Seite, die Beine versetzt und halb angewinkelt. Sein Kopf liegt auf dem linken Arm.
„Hyuga, was…ist los?“ Sie kniet sich zu ihm und berührt zögerlich seine nasse Stirn.
‚Jun hat Recht. Er hat Fieber. Er schwitzt und ist ganz rot überall. Auch seine Ohren glühen richtig. Was mache ich denn jetzt?‘
„Hyuga! Wach auf! Wach doch auf!“, versucht sie ihn wachzurufen, aber keine Chance. Er reagiert überhaupt nicht. Nur schweres Atmen und angstmachendes Keuchen, vom Luftschnappen kann sie hören. Wieder zögerlich und mit starkem Herzklopfen berührt sie seine Brust, um seinen Herzschlag zu kontrollieren.
‚Es ist schneller als gewöhnlich, würde ich sagen.‘ Angst steigt in ihr auf. Besorgt steht sie auf, um Hilfe zu holen, denn ihn irgendwo hinbringen kann sie nicht. Sie rennt zur Tribüne und ruft nach Hilfe, nach einem Arzt. Niemand kann sie hören. Alle sind so in das Spiel vertieft, jubeln und feuern an, dass sie niemand wahrnimmt. Da packt sie die Wut und der Mut und sie geht einfach auf eine Gruppe Männer zu, die ihr recht stark erscheinen und packt einen von ihnen am Arm.
„Hilfe! Sie müssen uns helfen! Mein Freund ist umgekippt und hat großes Fieber. Er hat sicher einen Hitzeschlag. Er muss sofort zum Arzt!“ Der Mann sieht sie verdutzt an.
„Du meine Güte. Wo ist der Junge, Kleines?“
„Hinter der Tribüne beim Automaten. Bitte beeilen Sie sich!“ Der Mann tippt seinen Nachbarn an.
„Komm Bruder, deine Hilfe wird gebraucht. Ein kranker Junge!“ Beide Männer folgen Yayoi laufend und kurzerhand sind sie schon da.
„Das ist doch…ist das Hyuga?“, stutzt er und sieht Yayoi an.
„Ja, bitte helfen Sie ihm! Er ist plötzlich zusammengesackt.“ Der Mann geht in die Knie und hebt den Jungen hoch. Der Bruder sieht ihn sich skeptisch an.
„Hitze und Erschöpfung, würde ich sagen. Er ist doch gestern schon beim Spiel gegen Furano zusammengebrochen.“
„Er sagte, er habe sich davongeschlichen, um das Spiel zu sehen.“, erklärt Yayoi.