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The White Thread Below the City

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
↪ Ich muss gestehen, dass das ziemlich schwer wahr >.<
↪ es war nicht nur eine Generation übergreifend, sondern zwei... da musste man ziemlich kreativ werden :o Komplett anzeigen

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The White Thread Below the City

Es begann nicht mit Angst, sondern mit etwas viel Ärgerlicherem: mit Verwirrung.

Cedric Diggory blieb an einer Straßenecke stehen, blinzelte in den feinen Londoner Nieselregen und sah zum zweiten Mal innerhalb von zehn Minuten denselben Zeitungsladen. Das war an sich noch kein Grund zur Unruhe. London war groß, eng, laut und voll von Straßen die einander ähnlicher sahen als sie sollten. Trotzdem wusste Cedric sofort, dass etwas nicht stimmte. Er hatte ein gutes Gedächtnis für Wege, für Abzweigungen, für die Art, wie Orte zusammengehörten. Er verwechselte nicht einfach drei Fassaden, einen Schaufensterrahmen und einen schiefen Gullideckel hintereinander.
 

Er zog den Mantelkragen höher und blieb einen Moment reglos, während Menschen an ihm vorbeigingen ohne ihm Beachtung zu schenken. Muggel mit eiligen Schritten, hochgezogenen Schultern und Taschen dicht am Körper. Ein Mann stieß beinahe mit ihm zusammen, murmelte etwas Unverständliches und verschwand im grauen Strom aus Schirmen und nassen Jacken.

Cedric sah nach links, dann nach rechts. Die Straße lag vor ihm wie jede andere Londoner Straße auch: Geschäfte, Regen, vorbeiziehende Busse und graues Licht auf nassem Pflaster. Und dennoch hatte er plötzlich wieder dieses Gefühl, das ihn in den letzten Wochen immer häufiger erwischte, sobald er draußen unterwegs war. Nicht in Gebäuden, nicht in Korridoren, nicht in Klassenräumen oder Hallen. Nur draußen unter offenem Himmel zwischen Straßen und Wegen und Kreuzungen. Ein kurzer, kalter Ruck im Inneren als hätte jemand die Welt um einen Fingerbreit verschoben. Für ein paar Sekunden passte nichts mehr ganz zueinander. Richtungen verloren ihre Selbstverständlichkeit. Rechts war nicht mehr rechts. Geradeaus war kein Versprechen mehr, sondern nur noch eine Behauptung. Es ging vorbei. Bisher immer.
 

Allerdings heute war es störend, fast ein Hindernis das er nicht zu benennen konnte.

Cedric griff in die Manteltasche und zog den gefalteten Zettel heraus, den seine Mutter ihm am Frühstückstisch in die Hand gedrückt hatte. Nicht, weil sie glaubte er würde etwas vergessen sondern, weil sie die Angewohnheit hatte Dinge schriftlich festzuhalten sobald Sorgen im Spiel waren.

Darauf stand in ihrer sauberen, klaren Handschrift nur wenig: » St. Mungo – Apothekerabteilung. Gereinigtes Einhornhaar, wenn möglich in versiegelter Fassung. Frag nach Heiler Bletchleys Empfehlung. «

Seine Mutter hatte versucht, dabei beiläufig zu klingen. Cedric hatte so getan, als würde er es ihr abnehmen.
 

Seit einigen Wochen schlief sie schlecht. Nicht einfach unruhig, nicht die gewöhnliche Müdigkeit eines Erwachsenen, der zu viel zu tun und zu wenig Zeit hatte. Sie wirkte morgens angespannt, als wäre sie nachts mit etwas beschäftigt gewesen, das Kraft kostete. Zweimal hatte Cedric sie abends in der Küche angetroffen, barfuß mit einer Kerze in der Hand, weil sie überzeugt gewesen war im Flur Schritte gehört zu haben. Sein Vater hatte es zunächst für Nervosität gehalten, dann für Stress. Schließlich hatte ein Heiler erklärt, dass manche magischen Schlafstörungen auf bestimmte beruhigende Substanzen gut reagierten, darunter auch fein verarbeitete Einhornhaarfäden in einer Schutzfassung. Selten, teuer und nicht leicht zu bekommen. In St. Mungo aber vermutlich verfügbar.

Also war Cedric nach London gefahren, in den Osterferien, an einem Tag, der grau genug war, um die Stadt noch fremder wirken zu lassen.
 

Und jetzt stand er wieder vor demselben Zeitungsladen.

Er steckte den Zettel weg, atmete einmal langsam durch und zwang sich logisch zu denken. Das alte Kaufhaus. Schmutzige Scheiben. Eine Schaufensterpuppe. So hatte man ihm den Zugang zu St. Mungo beschrieben. Er hatte den Weg gehört, sich gemerkt, innerlich wiederholt. Er hätte inzwischen längst da sein müssen. Stattdessen bog er erneut um eine Ecke und sah auf der anderen Straßenseite einen Laden mit billigen Koffern im Fenster, die ihm unangenehm bekannt vorkamen.
 

Cedric blieb stehen. Diesmal war es nicht bloß Verwirrung. Etwas in ihm spannte sich an wie vor einem Quidditchspiel, kurz bevor der Quaffel angepfiffen wurde oder der Himmel zu viel Wind versprach. Sein Instinkt sagte ihm, dass diese Wiederholung nicht natürlich war. Sein Blick wanderte über die Fassaden, die Fensterscheiben, die schmalen Hauseingänge. Alles war da. Nichts wirkte verzerrt. Und doch lag über der Straße ein stiller Fehler, den nur er zu bemerken schien.

Er zog unauffällig seinen Zauberstab aus dem Ärmel, hielt ihn aber dicht am Körper. Zaubern mitten unter Muggeln wäre die dümmste Lösung überhaupt.
 

Das alte Kaufhaus stand plötzlich einfach da, als hätte es die ganze Zeit dort gestanden und nur darauf gewartet bemerkt zu werden. Die Schaufensterscheibe war staubig. Das Kleid an der Puppe war altmodisch und farblos. Alles passte. Cedric spürte Erleichterung aber sie hielt nicht lange. Denn kaum machte er zwei Schritte darauf zu hatte er wieder das Gefühl als würde der Boden unter ihm leicht nachgeben. Gerade so viel, dass er sich fragte ob er sich eben noch in dieselbe Richtung bewegt hatte.

Er zwang sich weiterzugehen. Noch sechs Schritte. Dann fünf.
 

„Cedric.“ Plötzlich hörte er seinen Namen.

Er drehte den Kopf so schnell zur Seite, dass ihm ein Tropfen Regen vom Haaransatz in den Kragen lief. Neben ihm war niemand der ihn hätte kennen können. Ein älteres Muggelpaar ging dicht aneinander vorbei. Ein Junge zog an der Hand seiner Mutter. Niemand sah ihn an. Cedric stand reglos. Vielleicht hatte er sich verhört.

Dann kam die Stimme wieder, nicht von der Straße, nicht aus einer bestimmten Richtung, sondern aus dem Raum selbst. „Nicht stehen bleiben.“

Sein Griff um den Zauberstab wurde fester. Die Stimme war männlich, ruhig und kühl, mit einer Art kontrollierter Schärfe die nichts Freundliches hatte. Nicht drohend, nicht laut, nur so als sei sie nicht daran gewöhnt ignoriert zu werden.
 

Cedric hob den Blick und sah in der trüben Scheibe des Kaufhauses für den Bruchteil einer Sekunde eine Spiegelung die nicht seine war. Ein Mann, blass, schmal, in dunkler, tadelloser Kleidung. Scharf geschnittenes Gesicht. Zurückgekämmtes helles Haar. Kein Geist im üblichen Sinn, nichts Durchscheinendes oder Nebliges. Eher wie ein altes Porträt, das für einen Moment vergessen hatte, still zu bleiben.

Cedric blinzelte und das Bild war weg.

Er hätte vernünftigerweise zurückweichen sollen. Vielleicht einen Heiler holen. Oder jemanden von der Aufsicht. Irgendwen, der für Dinge zuständig war die nicht dort sein sollten. Aber der Eingang zu St. Mungo lag direkt vor ihm und seine Mutter brauchte das Einhornhaar und irgendetwas in ihm begriff mit einem Mal, dass genau dieses Etwas vielleicht der Grund war, warum die Straße sich so falsch verhielt.
 

Der Übergang war unspektakulär, dass es fast beleidigend war. Ein Schritt noch Regen, der nächste Schritt Wärme, Lampenlicht, Stimmengewirr und der Geruch von Heiltränken, Pergament und antiseptischer Magie. St. Mungo war auf die gleiche Weise überfordert und geordnet wie jede große Institution: Hektik am Empfang, überarbeitete Heiler, Patienten mit verstörend spezifischen Problemen und Menschen, die aus Angst gereizter klangen, als sie eigentlich waren.

Cedric blieb kurz stehen um sich zu sammeln. Drinnen war das Gefühl der Orientierungslosigkeit verschwunden. Vollständig. Als hätte jemand einen Druckschalter umgelegt. Die Welt saß wieder an ihrem Platz.

„Natürlich“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst.
 

Er ging zur Apothekerabteilung und nannte Heiler Bletchleys Empfehlung. Die Hexe hinter dem Tresen, eine Frau mit kurzgeschnittenem grauen Haar und jenem nüchternen Blick, den Menschen entwickelten, die täglich mit Panik, Blut und Bürokratie arbeiteten, verlangte das Schreiben, las es rasch und verschwand zwischen hohen Regalen.

Cedric wartete, während er um sich herum Gesprächsfetzen hörte. Ein Zauberer mit verbundenem Arm diskutierte mit seiner Frau darüber, ob der Gartengnom verflucht gewesen sei oder nur besonders bösartig. Ein Kind mit grünen Punkten im Gesicht weinte so leise, dass es Cedric mehr mitnahm als jedes laute Geschrei. Zwei Heiler stritten gedämpft darüber, ob ein Fluchschaden in den dritten oder vierten Stock gehörte.
 

Die Apothekerin kehrte mit einem schmalen Kästchen zurück, dunkelblau, versiegelt mit Heilerwachs. „Eine versiegelte Fassung mit gereinigtem Einhornhaar. Nicht öffnen bis sie getragen wird. Direkter Hautkontakt ist in den ersten Nächten am wirksamsten.“

Cedric zahlte und nahm das Kästchen mit mehr Vorsicht entgegen als man für seine Größe erwarten würde. Allein zu wissen, dass er jetzt das besaß, weswegen er gekommen war löste einen Teil der Spannung in ihm.
 

Nachdem er das Kästchen in der Innentasche seines Mantels verstaut hatte, sprach er die Apothekerin an: „Entschuldigen Sie“, bevor er sich noch anders überlegen konnte, sprach er weiter, „gibt es hier unten irgendwo Verwahrungsräume für alte magische Gegenstände? Dinge, die man nicht einfach entsorgt?“

Die Apothekerin sah ihn über den Rand ihrer Brille an. „Warum möchte ein Schüler das wissen?“

Cedric zögerte. Er war kein geübter Lügner, nicht weil er moralisch vollkommen wäre sondern, weil er selten Anlass dazu hatte. „Ich habe draußen auf dem Weg hierher etwas Merkwürdiges bemerkt.“

„Etwas Merkwürdiges“, wiederholte sie.

„Ich habe die Orientierung verloren. Mehrmals. Immer an derselben Straße und ich dachte kurz, ich hätte in der Scheibe jemanden gesehen.“

Ihre Miene veränderte sich nur minimal aber genug, dass Cedric wusste, dass sie ihn nun ernster nahm. „Wen?“

„Einen Mann“, sagte Cedric. „Blass, sehr elegant angezogen. Er sah aus …“, er brach ab, weil ihm selbst der Satz unsinnig vorkam. „Wie ein Malfoy.“

Die Apothekerin sagte einen Augenblick lang nichts. Dann stellte sie beide Hände flach auf den Tresen. „Bleiben Sie hier.“
 

Sie war schnell zurück, diesmal nicht allein. Mit ihr kam ein älterer Heiler mit schmalem Gesicht, buschigen Augenbrauen und jener stillen Aufmerksamkeit die Cedric an Professor Dumbledore erinnerte, nur ohne Wärme. „Sie sind Mr. Diggory?“

„Ja.“

„Kommen Sie bitte mit.“

Cedric folgte ihnen in einen kleinen Arbeitsraum hinter der Apotheke. Dort roch es nach Kräutern, altem Leder und Staub.
 

„Ich bin Heiler Marchbanks“, sagte er, nachdem er die Tür hinter beiden geschlossen hatte, „und bevor Sie sich etwas Falsches vorstellen: Sie haben keine Vorschrift verletzt. Aber ich möchte gern genau hören, was Sie draußen gesehen haben.“

Cedric schilderte es möglichst sachlich: Zweimal dieselbe Straße, das Gefühl, dass Richtungen sich verschoben, die Stimme, die Spiegelung im Glas. Während er sprach, wechselten Apothekerin und Heiler einen Blick, den Cedric nicht deuten konnte.
 

„Sie glauben mir“, sagte Cedric schließlich.

„Ja“, sagte Marchbanks. „Leider.“

Cedric spürte, wie sich seine Schultern unwillkürlich anspannten. „Leider?“
 

Der Heiler ging zu einem hohen Schrank, öffnete ihn mit einem Zauber und zog eine flache Mappe heraus, die mit mehreren Schutzsiegeln versehen war. Er legte sie auf den Tisch, öffnete sie und schob Cedric ein Blatt entgegen.

Darauf war eine Aufnahme aus jüngeren Jahren zu sehen. Kein Foto im muggelartigen Sinn, sondern ein magisches Bild, dessen Konturen sich kaum bewegten. Ein Mann in dunkler Kleidung, blasses Haar, kalter Blick, aristokratische Haltung bis in die Fingerspitzen.

Cedric brauchte keinen zweiten Blick. „Das ist er.“

Marchbanks nickte. „Abraxas Malfoy.“

Cedric sah vom Bild auf. „Aber der ist tot.“

„Ja.“

„Dann … warum …?“

„Weil bestimmte Formen von Magie nicht sauber enden“, sagte Marchbanks ruhig. „Vor vielen Jahren wurde in St. Mungo ein Gegenstand aus dem Besitz der Familie Malfoy eingeliefert. Offiziell wegen möglicher Fluchspuren. Inoffiziell, weil man nicht sicher war, was genau daran falsch war. Das Objekt enthielt Einhornhaar aber nicht für einen heilenden Zweck. Es war Teil einer hochriskanten Bindungsmagie. Es wurde versiegelt, isoliert und nicht vernichtet, weil mehrere Versuche es zu zerstören Nebenwirkungen ausgelöst haben.“

Cedric blickte auf das Bild. Die unbewegte Kälte darin wirkte jetzt anders. Weniger wie Arroganz allein mehr wie etwas das zu lange in sich selbst eingeschlossen gewesen war.

„Und das hat mit mir zu tun, weil …?“

„Wir vermuten seit Längerem, dass der Restzauber sich vor allem an Menschen bemerkbar macht, die eine starke Orientierung im Raum besitzen. Solche, die Wege intuitiv erfassen. Bei den meisten zeigt sich das als Unbehagen. Bei manchen als Schwindel. Offenbar bei Ihnen als tatsächliche Verschiebung des Richtungssinns“, antwortete Marchbanks, während er Cedric musterte.

„Warum draußen?“

„Weil Gebäude Grenzen setzen, wie Wände, Schwellen, Raumordnungen und unter freiem Himmel hat Magie mehr Fläche um sich zu verzerren.“

Cedric schwieg einen Moment und sagte schließlich: „Die Stimme hat zu mir gesprochen.“

„Das ist neu“, sagte die Apothekerin leise.

„Was will er?“, wollte Cedric wissen und sah erneut auf das Bild.

Marchbanks antwortete nicht sofort,während sein Blick musternd blieb. „Vielleicht nichts. Vielleicht nur Aufmerksamkeit. Vielleicht einen Weg hinaus. Reste von Persönlichkeit können an magische Strukturen gebunden bleiben, besonders wenn Stolz, Angst oder Zwang bei der Entstehung im Spiel waren.“
 

Ein unangenehmes Frösteln lief Cedric über den Rücken. Nicht wegen des Übernatürlichen an sich. Hogwarts machte einen mit genügend Seltsamkeiten vertraut. Sondern wegen der Vorstellung, dass jemand wie Abraxas Malfoy nicht einmal mit dem Tod ganz zufrieden gewesen war und nun irgendwo zwischen Silber, Zauber und Erinnerung festhing. „Kann man es beenden?“, fragte er.

Marchbanks und die Apothekerin wechselten wieder diesen kurzen Blick. Bevor der Heiler beschloss zu antworten: „Möglicherweise“, fing Marchbanks an, seine Worte vorsichtig gewählt, „aber nicht ohne Risiko.“

Cedric wusste schon bevor der Mann weitersprach, dass er diesen Satz hassen würde.

„Das Objekt reagiert auf verwandte Substanzen. Auf Einhornhaar. Reines, heilend gefasstes Einhornhaar scheint die instabile Bindung zu stören. Wenn jemand mit starkem räumlichem Sinn den Anker lokalisieren und die Reaktion auslösen würde, könnten wir den Restzauber vielleicht endgültig auflösen“, erklärte der Heiler es Cedric sachlich.

„Sie möchten, dass ich dabei helfe.“

„Ich möchte“, sagte Marchbanks mit bemerkenswerter Ruhe, „dass Sie ablehnen, wenn Sie es nicht wollen. Aber ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie es in Erwägung ziehen.“

Cedric dachte an seinen Vater, der bei dem Vorschlag vermutlich laut geworden wäre. An seine Mutter, die wahrscheinlich sofort gefragt hätte, ob ein Heiler den Jungen noch bei Verstand nenne. Er dachte an das Kästchen in seiner Tasche, an die Straße draußen und an die Stimme, die ihm gesagt hatte, er solle nicht stehen bleiben. „Wo ist das Objekt?“
 

Eine halbe Stunde später stand Cedric mit Marchbanks in einem abgeschirmten Raum tief im unteren Bereich von St. Mungo. Die Luft war kühl, still und roch nach Metall. In der Mitte des Raumes ruhte auf einem steinernen Sockel eine silberne Fassung unter einer Glasglocke. Darin lag, fein wie ein Lichtfaden, ein einzelnes Haar von einem Einhorn.
 

Cedric trat näher und spürte sofort denselben Ruck wie draußen auf der Straße. Nur stärker. Nicht in den Beinen, sondern im Kopf, als würde etwas an seinem inneren Kompass drehen. Für einen Moment war oben unten und hinten vorn und er musste die Zähne zusammenbeißen um nicht einen Schritt zur Seite zu machen.

Dann hörte er die Stimme wieder. Nicht mit den Ohren. Direkt in der Stille. „So also sieht ein Diggory aus.“

Cedric hob den Kopf und über der Glasglocke erschien kein voller Mensch, kein Geist, sondern nur eine Andeutung von Gestalt. Blasses Profil, die Linie eines Kiefers. Eine Haltung, die selbst als Schatten noch Überlegenheit ausstrahlte.

„Sie sind Abraxas Malfoy“, sagte Cedric.

„Ein Rest davon.“ Die Worte klangen nicht laut aber klar genug, dass Marchbanks sie nicht hören konnte. Der Heiler stand am Rand des Kreises und beobachtete Cedric aufmerksam als wüsste er nur an dessen Reaktion, wann etwas geschah.

„Sie desorientieren draußen die Zauberer, Menschen“, sagte Cedric.

„Nicht absichtlich“, sagte Abraxas Malfoy nach einer Pause.

„Das macht es nicht besser.“

Wieder diese Pause. Cedric hatte plötzlich den absurden Eindruck, dass das was von Abraxas übrig war ihn kühl musterte und dabei zu einem Urteil kam, das ihm selbst genügte.

„Nein“, sagte die Stimme. „Vermutlich nicht.“
 

Cedric nahm das versiegelte Kästchen aus der Manteltasche. Marchbanks hatte erklärt, was zu tun war: den heilenden Faden an die Fassung halten, den Restzauber provozieren, standhaft bleiben bis die Bindung brach. Es klang einfacher als es war. Vor allem, weil Cedric inzwischen ahnte, dass die eigentliche Gefahr nicht in einem Fluch lag sondern in dem, was der Gegenstand mit dem eigenen Kopf tat.

Er brach das Siegel und öffnete das Kästchen. Im selben Augenblick wurde der Raum kälter. Nicht frostig, aber leer, als wäre Wärme etwas, das man hatte hinaus gebeten hatte. Das Einhornhaar im Kästchen leuchtete sanft. Die Faser unter der Glasglocke antwortete mit einem matten, fremden Schimmer.

„Tun Sie das nicht“, sagte Abraxas.

Es war das erste Mal, dass Cedric etwas in der Stimme hörte, das wie echte Regung klang. Nicht Befehl, nicht Stolz, sondern Angst und genau deshalb ging er einen Schritt weiter. „Wenn Sie mich wirklich hören können“, sagte er leise, „dann wissen Sie vermutlich auch, dass ich Menschen nicht absichtlich leiden lasse.“

„Sie wissen nichts von mir.“

„Ich weiß genug, um zu sehen, dass das hier niemanden in Ruhe lässt.“ Er hob das Kästchen. Die beiden Fäden berührten sich nicht direkt. Ein Fingerbreit Luft lag dazwischen, dennoch schoss ein weißer Riss durch die Stille des Raumes. Cedric verlor schlagartig jedes Gefühl für Richtung. Der Boden war weg. Die Wände standen nicht mehr, wo sie standen. Er sah für einen atemlosen Moment keine Kammer in St. Mungo mehr, sondern einen langen Korridor aus Spiegelungen, Türen, Stimmen, Regen auf Londoner Straßen, ein Familienanwesen in kaltem Licht, einen kranken Mann, der nicht sterben wollte, weil Sterben Niederlage bedeutete.

Cedric taumelte fing sich aber.
 

„Mr. Diggory!“ hörte er Marchbanks weit entfernt rufen.

Die Stimme von Abraxas war jetzt überall und nirgends. „Lassen Sie es fallen.“

Cedric dachte an seine Mutter in der Küche, an den Zettel in ihrer Handschrift, an all die Menschen draußen, die diese Straße überqueren würden, ohne zu verstehen, warum ihnen plötzlich kalt wurde oder warum sie sich an der falschen Ecke wiederfanden. Er presste die Lippen zusammen und hielt das Kästchen fester. „Nein.“

Das Licht brach mit einem Mal auf, nicht grell, sondern rein und scharf. Die Fassung unter der Glocke bekam Risse. Kein lautes Krachen, eher ein feines, entschiedenes Splittern. Die Gestalt über ihr flackerte.

Und dann sah Cedric ihn noch einmal deutlich.
 

Abraxas Malfoy, wie er vielleicht einmal gewesen war: stolz, krank, beherrscht bis in die letzte Linie des Gesichts. Kein netter Mann, kein guter Mann, soweit Cedric das beurteilen konnte. Aber auch kein Monster aus einem Kindermärchen. Nur jemand, der geglaubt hatte, selbst den Tod mit genug Willen und Gold in Schach halten zu können.

Sein Blick traf Cedrics. Etwas daran hatte nichts von Dankbarkeit. Eher die wortlose Anerkennung, dass einer dem anderen gerade etwas Unwiderrufliches zumutete.
 

Dann zerbrach die Fassung ganz. Die Kälte fiel aus dem Raum wie ein Mantel, der zu Boden glitt. Cedric blinzelte gegen das Nachbild des weißen Lichts. Als er wieder klar sah, war die Glasglocke gesprungen, die silberne Einfassung dunkel angelaufen, und die zweite Faser in seinem Kästchen lag still, warm und vollständig in ihrer eigenen heilenden Fassung.

Die Präsenz war weg.
 

Marchbanks war sofort bei ihm. „Setzen Sie sich.“

„Ich bin in Ordnung“, sagte Cedric automatisch, was natürlich bedeutete, dass er sich im nächsten Moment auf den bereitgestellten Stuhl sinken ließ.

Der Heiler ließ ihm keine Zeit für Stolz, sondern prüfte ihn mit zwei raschen Zaubern. „Schwindel?“

„Vorbei.“

„Übelkeit?“

„Nein.“

„Sehen Sie noch Dinge die nicht da sind?“

„Im Moment nicht.“

Marchbanks nickte langsam als wäre das besser als er erwartet hatte. Hinter ihm sammelte die Apothekerin bereits mit vorsichtigen Bewegungen die Reste der Fassung ein. „Dann“, sagte der Heiler, „haben Sie uns möglicherweise ein Problem abgenommen, das wir seit Jahren lieber ignoriert als gelöst haben.“
 

Cedric lehnte den Kopf kurz gegen die Wand. Er war müde, tiefer, als ein einfacher Einkaufstag rechtfertigen sollte. Aber die Müdigkeit war sauber. Ohne dieses verrutschte Gefühl im Inneren. Ohne das Kippen der Richtungen. „Bekomme ich wenigstens einen Rabatt auf das Einhornhaar?“ fragte er nach einem Moment.

Zu seiner Überraschung lachte Marchbanks leise. „Nein. Aber eine Tasse Tee vielleicht.“
 

Als Cedric St. Mungo später wieder verließ, war der Regen fast vorbei. Die Charing Cross Road lag vor ihm, grau, nass und völlig gewöhnlich. Er blieb trotzdem einen Moment auf dem Bürgersteig stehen und prüfte instinktiv die Straße, die Kreuzung, die Fassaden. Nichts verschob sich. Nichts zog an seinem Blick. Der Zeitungsladen war einfach ein Zeitungsladen. Der Kofferladen nur ein Kofferladen. Wege waren wieder Wege.

Er legte die Hand auf die Innentasche seines Mantels, in der das Kästchen für seine Mutter steckte, nun unberührt und sicher. Für einen kurzen Augenblick sah er in der staubigen Scheibe des alten Kaufhauses nur sein eigenes Spiegelbild: einen siebzehnjährigen Jungen mit nassem Haar, müden Augen und einem Ausdruck, der älter wirkte, als er sollte. Dann wandte er sich ab und ging los.

Nach Hause, dachte er und dieses Mal wusste die Straße ganz genau, was das bedeutete.


Nachwort zu diesem Kapitel:
↪ Danke fürs Lesen — Feedback ist Mondmagie ʕっ•ᴥ•ʔっ Komplett anzeigen

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