Das Echo im Stein
Domino City wirkte friedlich, doch für Yugi Muto fühlte sich der Frieden nicht vollständig an. Seit dem letzten Duell gegen Atem war Zeit vergangen, und obwohl sein Leben äußerlich wieder normal geworden war, schien jeder ruhige Nachmittag einen stillen Nachhall in sich zu tragen. Der Spieleshop seiner Großvaters roch noch immer nach Karton, altem Holz und frisch gebrühtem Tee, und genau das hätte ein Gefühl von Sicherheit geben sollen. Aber manchmal, wenn Yugi allein war, glaubte er noch immer, dass aus dem Schatten hinter der Treppe eine vertraute Stimme zu ihm sprechen würde.
Sie tat es nie.
Yugi saß im Laden hinter dem Tresen und sortierte Karten nach Typ und Seltenheit. Sein Großvater war im Hinterzimmer beschäftigt, Téa trainierte inzwischen fast täglich für ihre Zukunft als Tänzerin, Joey half irgendwo halbherzig einem Bekannten bei einem Nebenjob, und Tristan war wie immer schwer erreichbar, wenn man ihn brauchte. Alles hatte sich bewegt. Nur ein Teil von Yugi stand noch an derselben Stelle wie am Tag des Schicksalsduell.
Er zog eine Karte aus dem Stapel, hielt kurz inne und lächelte schwach.
Dunkler Magier.
Nicht die Karte selbst schmerzte. Es war die Erinnerung daran, dass sie einmal mehr gewesen war als bloß bedrucktes Papier. Jede Karte hatte eine Geschichte getragen. Jede Strategie war mehr als nur Gewinnen gewesen. Und jeder Zug, den er damals gemacht hatte, war ein Schritt auf dem Weg gewesen, den Pharao loszulassen.
„Du denkst wieder nach, statt zu arbeiten“, sagte eine Stimme an der Tür.
Yugi blickte auf. Joey Wheeler stand dort, die Hände in den Taschen, die blonden Haare zerzaust wie immer, mit jenem selbstsicheren Grinsen, das meistens nur dann auftauchte, wenn er entweder eine gute Laune hatte oder Ärger plante.
„Ich arbeite“, erwiderte Yugi.
„Klar. Du starrst Karten an. Wenn das Arbeit is’, dann bin ich Geschäftsmann.“
Joey trat ein, warf seine Tasche neben einen Stuhl und zog ohne zu fragen einen Booster aus einem offenen Karton. Aus dem Hinterzimmer rief Yugis Großvater sofort: „Ich habe das gehört, Joey!“
„Dann wissen wir beide, dass ich später bezahle!“, rief Joey zurück.
Yugi musste lachen. Es war genau diese Art von Alltag, die ihm half. Joey ließ sich auf den Stuhl sinken, zog eine Karte, verzog das Gesicht und warf sie wieder zurück.
„Müll.“
„Das sagt mehr über dein Glück als über die Karte.“
„Mein Glück?“ Joey zeigte auf sich. „Ohne mein Glück wären wir alle längst erledigt gewesen.“
„Ohne Atem auch“, sagte Yugi leise.
Die Worte standen kurz zwischen ihnen, und Joeys Ausdruck veränderte sich. Nicht traurig. Eher ruhig. Ernst.
„Ja“, sagte er schließlich. „Ohne ihn auch.“
Bevor das Schweigen schwer werden konnte, klingelte die Tür erneut. Téa kam herein, den Sportbeutel über der Schulter. Hinter ihr folgte Tristan, der so tat, als wäre er schon die ganze Zeit dabei gewesen.
„Ich wusste, dass ihr hier seid“, sagte Téa.
„Du hast uns angerufen“, meinte Yugi.
„Trotzdem wusste ich es.“
Tristan nahm sich einen Keks vom Tresen. „Wo ist dein Großvater?“
„Im Hinterzimmer“, sagte Yugi.
„Gut“, sagte Tristan und nahm einen zweiten.
„Ich habe das ebenfalls gehört!“, kam sofort die Stimme von hinten.
„Warum ist er immer allwissend, wenn es um Booster geht?“, murmelte Tristan.
Für einen Moment war es beinahe wie früher. Nur dass einer fehlte. Niemand sprach es aus. Das mussten sie nicht.
Téa legte ihre Tasche ab und sah Yugi an. „Du siehst müde aus.“
„Hab schlecht geschlafen.“
„Wieder dieser Traum?“
Yugi zögerte. Dann nickte er. „Nicht genau derselbe. Aber ähnlich.“
Joey lehnte sich vor. „Wieder der Korridor?“
Yugi nickte ein zweites Mal.
Seit einigen Wochen hatte er Träume, die sich seltsam real anfühlten. Keine gewöhnlichen Albträume. Immer derselbe Ort: ein langer Steingang, Wände voller Hieroglyphen, über denen Schatten wie Wasser glitten. Am Ende des Ganges stand eine Tür. Groß, schwarz, ohne Griff. Und jedes Mal, wenn Yugi sich ihr näherte, hörte er ein Geräusch.
Nicht Atems Stimme.
Etwas anderes.
Etwas, das seinen Namen kannte.
Bevor jemand etwas sagen konnte, vibrierte plötzlich der Boden.
Leicht zuerst. Dann stärker.
Die Karten auf dem Tresen rutschten. Eine Tasse fiel im Hinterzimmer um. Die Lampen flackerten, und für einen einzigen Augenblick verdunkelte sich das gesamte Geschäft, als hätte sich ein Schatten über das Gebäude gelegt.
Téa packte den Tresen. „War das ein Erdbeben?“
„Zu kurz“, sagte Tristan.
Joey ging zur Tür und riss sie auf. Draußen standen Menschen auf der Straße und sahen verwirrt nach oben. Keine Autos fuhren. Kein Wind. Keine Sirenen. Die Luft selbst wirkte falsch.
Yugi trat neben Joey — und erstarrte.
Über Domino City, hoch am Himmel, war ein Kreis aus goldenem Licht erschienen. Er war nicht groß wie ein Mond, aber deutlich sichtbar, pulsierend, als bestünde er aus ineinandergreifenden Symbolen. Linien drehten sich darin, uralt und mathematisch zugleich. Einige Zeichen erinnerten an Hieroglyphen. Andere an etwas, das Yugi nie zuvor gesehen hatte.
„Das … ist unmöglich“, flüsterte er.
Joey sah ihn an. „Sag mir bitte, du weißt nicht zufällig, was das ist.“
Yugi antwortete nicht. Denn in der Mitte des goldenen Kreises war für den Bruchteil einer Sekunde ein Symbol erschienen, das er nur einmal in seinem Leben gesehen hatte.
Nicht auf einer Karte.
Nicht in einem Buch.
Sondern im Gedächtnis des Königs.
Im nächsten Moment zersprang der Lichtkreis lautlos in Dutzende Fragmente, die wie gläserne Sterne über die Stadt regneten — und verschwanden, bevor sie den Boden berührten.
Dann war alles vorbei.
Die Luft wurde wieder normal. Die Lampen stabilisierten sich. Die Stadt atmete aus.
Und Yugi wusste mit schmerzhaft klarer Gewissheit, dass der Frieden geendet hatte.
~X~
Nur zwei Stunden später stand Yugi in der Eingangshalle der Kaiba Corporation und fragte sich zum wiederholten Mal, warum es immer mit Kaiba begann, wenn etwas Unmögliches geschah. Oder vielleicht war die ehrlichere Frage, warum Kaiba es jedes Mal schaffte, so zu tun, als hätte er auf das Unmögliche bereits gewartet.
Die automatische Glastür schloss sich hinter Yugi, Joey, Téa und Tristan. Schon am Eingang hatte man sie ohne Diskussion durchgewinkt. Das allein war beunruhigend. Noch beunruhigender war, dass Mokuba sie persönlich abholte.
„Danke, dass ihr so schnell gekommen seid“, sagte Mokuba und wirkte ernst. Ernst genug, dass Joey auf einen lockeren Spruch verzichtete.
„Was ist passiert?“, fragte Téa.
„Bruder sagt, er erklärt es selbst.“
„Na wunderbar“, murmelte Joey. „Wenn Kaiba persönlich erklärt, heißt das immer, dass wir kurz davor sind, in irgendeinen übernatürlichen Wahnsinn gezogen zu werden.“
„Oder in einen Vortrag“, ergänzte Tristan. „Was schlimmer sein kann.“
Mokuba führte sie in einen Besprechungsraum, der eher wie eine Kommandozentrale aussah. Riesige Bildschirme füllten die Wände. Techniker arbeiteten in Stille. In der Mitte des Raumes stand Seto Kaiba mit verschränkten Armen vor einer holografischen Projektion des Himmels über Domino.
Er drehte sich nicht um, als sie eintraten.
„Ihr seid spät.“
Joey explodierte sofort. „Was heißt hier spät?! Wir sind gekommen, sobald dein kleiner Bruder—“
„Beruhige dich, Joey“, sagte Yugi.
Kaiba aktivierte mit einer Geste eine neue Darstellung. Das goldene Symbol erschien wieder, jetzt eingefroren in mehreren Messdaten, Winkeln und Energiespektren.
„Vor zwei Stunden und dreizehn Minuten registrierte das Satellitennetz der Kaiba Corporation eine Anomalie über Domino City. Die Störung war lokal begrenzt, aber nicht atmosphärisch, magnetisch oder tektonisch. Sie hatte dennoch messbare Auswirkungen auf Energieversorgung, Datensysteme und neurologische Reaktionen in einem Radius von 14,8 Kilometern.“
Joey blinzelte. „In normal?“
Kaiba sah ihn endlich an. „Etwas hat den Raum über Domino geöffnet, Wheeler.“
Tristan hob eine Augenbraue. „Raum geöffnet?“
„Nicht physikalisch im klassischen Sinn“, sagte Kaiba. „Eher … überlagert.“
Mokuba trat an ein Pult und blendete weitere Daten ein. Gehirnströme. Frequenzlinien. Alte Steinmuster. Und dann Bilder aus Ägypten.
Yugi spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten.
„Diese Zeichen“, sagte er.
„Ja“, erwiderte Kaiba kühl. „Ein Teil davon stammt aus archäologischen Aufzeichnungen, die ich nach Battle City, dem Orichalcos-Vorfall und der Sache in Ägypten sichern ließ. Der Rest taucht in keiner historischen Datenbank auf.“
„Du sammelst also doch heimlich magisches Zeug“, sagte Joey.
„Ich sammle Beweise“, korrigierte Kaiba. „Nur weil dein Verstand zu langsam ist, zwischen Mystik und Datenanalyse zu unterscheiden, bedeutet das nicht, dass ich an Geister glaube.“
„Du hast buchstäblich mit uns gegen antike Bösheiten gekämpft!“
„Und dennoch bevorzuge ich Fakten.“
Yugi trat näher an die Projektion. In der Mitte des Symbols lag ein Muster, das wie ein Auge aussah — nein, nicht wie das Millennium-Auge. Etwas älter. Umgeben von konzentrischen Kreisen, in denen kleine Markierungen saßen wie Uhrziffern.
„Es sieht aus wie … Zeit“, sagte Téa leise.
Alle blickten zu ihr.
„Nicht im wörtlichen Sinn“, sagte sie rasch. „Aber diese Kreise … als würde etwas gezählt. Oder versiegelt.“
Kaiba schwieg einen Moment. Dann drückte er eine Taste. Das Hologramm wechselte erneut.
Jetzt erschien das Bild einer Steintafel.
Gebrochen. Teilweise verkohlt. Voller Risse.
Yugi erstarrte.
Auf der Tafel war ein Duell dargestellt — oder etwas, das wie ein protohistorisches Duell aussah. Zwei Gestalten standen einander gegenüber. Hinter einer erhob sich ein geflügelter Drache aus Licht. Hinter der anderen ein schwarzer, schlanker Schatten mit einer Krone aus gezackten Ringen. Zwischen ihnen schwebte kein Millennium-Puzzle, sondern ein kreisförmiges Artefakt, das dem Symbol am Himmel ähnelte.
„Woher hast du das?“ fragte Yugi.
„Vor drei Tagen wurde es in einer versiegelten Kammer unter einem Nebengrab im Tal der Könige entdeckt“, sagte Kaiba. „Das Team, das den Fund machte, schickte erste Scans. Wenige Stunden später brach die Verbindung ab. Seitdem ist das Lager verlassen.“
„Verlassen?“ fragte Téa.
„Keine Leichen. Keine Spuren von Kampf. Einfach leer.“
Selbst Joey sagte nun nichts mehr.
Kaibas Blick glitt zu Yugi. „Ich habe dich nicht hergebeten, weil ich deine emotionale Meinung zu antiken Steinen hören wollte. Ich habe dich hergebeten, weil du der Einzige hier bist, der bestätigen kann, was ich längst vermute.“
Yugi hob langsam den Blick.
„Das hat mit dem Pharao zu tun“, sagte Kaiba.
Im Raum entstand absolute Stille.
Yugi wollte sofort widersprechen. Es war fast ein Reflex. Atems Geschichte war beendet. Sein Weg war vollendet. Das Tor war geschlossen worden. Genau das hatte das letzte Duell bedeutet. Genau deshalb war es so schmerzhaft und richtig gewesen.
Aber die Bilder vor ihm, die Kälte in seinem Magen, der Traum vom Gang und der lautlose Riss am Himmel — all das weigerte sich, seine Überzeugung zu bestätigen.
„Ich weiß es nicht“, sagte Yugi ehrlich.
Kaibas Augen verengten sich. „Dann fang an, es herauszufinden.“
Noch ehe Joey protestieren konnte, ertönte ein Alarm. Rot. Scharf. Unüberhörbar.
Einer der Techniker rief: „Sir! Eine weitere Anomalie — diesmal unter dem Hauptgebäude! Energieanstieg im untersten Testsektor!“
Kaiba fuhr herum. „Zeigen.“
Auf dem zentralen Schirm erschien ein Bereich tief unter der Kaiba Corp., in dem Kaiba offenbar an irgendeiner neuen Duelltechnologie gearbeitet hatte. Die Anzeige sprang wild. Dann erschien für einen einzigen Augenblick dieselbe Kreisform wie am Himmel — diesmal mitten im Labor.
„Bruder—“ begann Mokuba.
Zu spät.
Das Bild riss auseinander. Die Monitore flackerten. Ein dunkler Puls raste durch den Raum, ließ Glas erzittern und mehrere Systeme ausfallen. Yugi griff sich an die Brust, weil er plötzlich das Gefühl hatte, als würde etwas Unsichtbares nach seinem Herzen greifen.
Und tief unter dem Gebäude öffnete jemand eine Tür, die verschlossen hätte bleiben müssen.
~X~
Der Fahrstuhl raste so schnell hinab, dass Joey sich am Geländer festhielt und dabei gleichzeitig so aussah, als wolle er auf keinen Fall zugeben, dass er sich festhalten musste.
„Ich sag’s nur einmal“, knurrte er. „Wenn da unten ein weiteres uraltes Übel wartet, dann zieh ich diesmal zuerst Kaiba vor Gericht.“
„Du wirst überleben“, sagte Kaiba, ohne ihn anzusehen.
„Dein Optimismus is’ wirklich inspirierend.“
Yugi spürte die sinkende Bewegung kaum. Sein Kopf war woanders. Seit dem Alarm hatte sich ein Druck hinter seinen Augen festgesetzt, als würde etwas versuchen, sich an der Grenze seines Bewusstseins bemerkbar zu machen. Kein Schmerz, eher ein Echo. Ein schwaches, fernes Zittern. Als würde irgendwo ein Name gesprochen werden, den er fast verstand.
Die Türen öffneten sich.
Das unterste Labor war riesig — mehr eine unterirdische Arena als ein gewöhnlicher Forschungssektor. Stahl, Glas, Hologrammschienen, Energieknoten. In der Mitte des Raumes stand eine kreisrunde Plattform, umgeben von Projektoren, die offenbar dazu dienten, Monster-Hologramme mit noch größerer Präzision als bisher zu materialisieren.
Doch jetzt war fast alles ausgefallen.
Funken sprühten aus mehreren Konsolen. Die Luft flimmerte. Und mitten über der Plattform hing ein schwarzer Riss, kaum zwei Meter breit, aber so dunkel, dass er die Umgebung zu verschlucken schien. Um ihn herum drehten sich dieselben goldenen Markierungen wie am Himmel, nur unruhiger, als kämpften sie gegen den Riss an.
„Was ist das?“, flüsterte Téa.
Kaiba trat vor, die Hände hinter dem Rücken, doch Yugi bemerkte, wie angespannt seine Schultern waren. „Ein Fehlereffekt meiner neuen Solid-Vision-Architektur. Theoretisch.“
Joey starrte ihn an. „Theoretisch?“
„Die Anlage arbeitet mit einem tieferen Resonanzmodell, um Duellmonster nicht nur visuell, sondern über energetische Muster erfassbar zu machen. Sie sollte ein realistisches, stabiles Kampffeld erzeugen.“
Tristan blinzelte. „Und stattdessen hast du ein Loch in die Hölle gebaut?“
„Eine primitive Formulierung, aber überraschend nah dran“, sagte Kaiba.
Yugi machte einen Schritt nach vorn. Sofort wurde der Druck in seiner Brust stärker. Der Riss reagierte auf ihn. Davon war er plötzlich überzeugt. Nicht auf Kaiba, nicht auf die Maschinen. Auf ihn.
Goldene Zeichen lösten sich aus der Rotation und formten kurz etwas, das wie Hieroglyphen aussah.
Dann hörte Yugi es.
„…Träger…“
Er fuhr herum.
„Habt ihr das gehört?“
„Was?“, fragte Téa.
„Da war eine Stimme.“
Kaiba verengte die Augen. „Von wo?“
„Von dort.“ Yugi deutete auf den Riss.
Ein Techniker rief von einer Seitenkonsole: „Wir erfassen eine Materialisierung! Irgendetwas kommt durch!“
Im selben Moment schoss ein schwarzer Lichtbogen aus dem Riss und traf die Plattform. Die Projektoren explodierten in einer Kette aus Funken. Wind peitschte durch die Halle, obwohl es unter der Erde keinen Wind hätte geben dürfen. Die goldenen Symbole beschleunigten sich — und dann trat eine Gestalt aus der Dunkelheit.
Ein Mann.
Groß. Schlank. In langen, schwarz-goldenen Gewändern, die an königliche Kleidung erinnerten, aber fremder wirkten als alles, was Yugi aus Ägypten kannte. Sein Gesicht war blass, fast steinern. Um seine Augen verliefen dunkle Linien wie eingravierte Zeichen. Auf seiner Stirn schimmerte kein Millennium-Symbol, sondern ein Kreis mit zwölf Einschnitten.
Und an seinem linken Arm befand sich kein normales Duel Disk-System.
Es sah aus wie eine Mischung aus antikem Artefakt und moderner Maschine.
Joey wich einen halben Schritt zurück. „Okay. Ich nehm alles zurück. Das is’ schlimmer als üblich.“
Die Gestalt hob langsam den Kopf. Ihre Augen glühten nicht. Sie wirkten leerer als das. Als würden sie nicht sehen, sondern messen.
„Bestätigung“, sagte der Fremde mit ruhiger, unnatürlich klarer Stimme. „Resonanzträger lokalisiert.“
Sein Blick fiel auf Yugi.
„Erbe des Namenlosen Königs gefunden.“
Yugis Herz schlug hart gegen seine Rippen.
„Wer bist du?“, rief er.
Die Gestalt legte die Hand an die Brust, fast wie in einer alten Zeremonie. „Ich bin Nefares. Hüter des versiegelten Zyklus. Zeuge des ersten Verrats. Vollstrecker der rückläufigen Krone.“
Joey beugte sich zu Tristan. „Hast du irgendwas davon verstanden?“
„Nicht ein Wort.“
Kaiba trat vor. „Was auch immer du bist — du befindest dich auf meinem Eigentum.“
Nefares sah ihn an, und zum ersten Mal erschien etwas wie Verachtung in seinem Gesicht. „Du. Der aus Glas und Stolz. Der Turmbauer. Der, der Tore öffnet, ohne den Preis zu kennen.“
„Das reicht“, sagte Kaiba scharf. Mit einem metallischen Geräusch sprang seine Duel Disk auf. „Wenn du Antworten verweigerst, nehme ich sie mir im Duell.“
Mokuba stöhnte auf. „Bruder…“
Doch Nefares’ Blick blieb auf Yugi gerichtet. „Nicht du.“
Kaiba erstarrte für einen Sekundenbruchteil.
„Der Träger“, sagte Nefares. „Nur der Erbe darf prüfen, ob das Vermächtnis weiter bestehen darf.“
Goldene Partikel wirbelten um die Plattform. Linien aus Licht zeichneten ein Duellfeld in die Luft, aber anders als gewöhnlich. Älter. Schwerer. Als würde ein Eid statt eines Spiels beginnen.
Yugi wusste nicht, warum er sich bewegte. Vielleicht weil er spürte, dass Verweigerung nichts ändern würde. Vielleicht weil er tief in sich denselben Zug kannte, der ihn schon immer vorwärts geführt hatte: Wenn Finsternis nach einem Spiel verlangte, musste jemand den ersten Schritt tun.
Er hob den Arm. Seine Duel Disk aktivierte sich.
„Yugi, warte!“, rief Téa.
„Ich muss“, sagte er leise.
Nefares nickte kaum sichtbar. „Dann beginne.“
Auf seiner Disk erschienen nicht fünf, sondern sechs Karten. Jede von ihnen von einem schwarzen Schimmer umgeben.
Kaiba starrte auf die Anzeige der Systeme. „Unmöglich. Seine Kartenwerte werden nicht korrekt gelesen.“
„Weil sie nicht vollständig hier sind“, flüsterte Yugi, ohne zu wissen, woher er diese Worte nahm.
Nefares zog die erste Karte und sagte: „Wenn der Erbe scheitert, wird die Zeit des Königs ausgelöscht.“
Yugi blickte hoch.
„Was meinst du damit?“
Nefares’ Antwort war kalt wie ein Grabstein.
„Nicht seine Zukunft. Seine Vergangenheit.“
Dann explodierte das Duellfeld in Licht.
~X~
„Duell!“
Die Worte hallten durch das Labor wie ein Urteil.
Yugi: 4000 LP
Nefares: 4000 LP
Doch selbst diese Zahlen wirkten seltsam verzerrt, als wären die Regeln des Spiels nur noch ein schwaches Gerüst für etwas viel Älteres.
Nefares begann.
„Ich aktiviere das Feldzauber-Monument Chronische Nekropole.“
Eine Karte glitt in seine Spielfeldzone, und sofort veränderte sich der Raum. Das sterile Kaiba-Labor verschwand nicht vollständig, aber über ihm legte sich ein zweites Bild wie ein Geist: gewaltige schwarze Säulen, endlose Steinplatten, ein Himmel aus bewegungsloser Dämmerung. Riesige Schattenstatuen standen rings um das Duellfeld, ihre Gesichter abgeschlagen, ihre Brust mit kreisförmigen Siegeln versehen.
Kaiba trat einen Schritt zurück. Selbst er konnte nicht verbergen, dass ihn die Materialisierung schockierte.
„Solid Vision allein kann das nicht sein“, murmelte er.
„Nein“, sagte Yugi. „Das ist mehr.“
Nefares setzte fort. „Solange Chronische Nekropole aktiv ist, gelten Karten im Friedhof als Fragmente ihrer früheren Form. Einmal pro Zug kann ich ein Fragment erwecken.“
Joey verzog das Gesicht. „Das klingt unfair.“
„Dann beschwöre ich Wächter der Ersten Stunde im Verteidigungsmodus.“
Ein Monster aus dunklem Stein erhob sich aus dem Boden. Ein Krieger mit zerbrochenem Schild und einer Sanduhr anstelle eines Gesichts.
ATK 900 / DEF 2000
„Und ich setze zwei Karten. Mein Zug endet.“
Yugi zog seine erste Karte. Seine Finger zitterten nicht, aber er spürte, wie sich seine Konzentration schärfte. Das war neu und vertraut zugleich. Er stand allein. Und doch erinnerte ihn jeder Atemzug daran, dass er es gelernt hatte, ohne allein zu sein.
„Ich spiele Königlicher Befehlshaber im Angriffsmodus!“
Ein gepanzerter Krieger erschien auf dem Feld, das Schwert erhoben.
ATK 1700
„Dann aktiviere ich Segen des Erwachens und ziehe eine zusätzliche Karte.“
Nefares beobachtete ihn, reglos wie eine Statue.
„Ich greife den Wächter der Ersten Stunde an!“
Yugis Monster stürmte vor. Das Schwert traf den Steinkrieger frontal — doch im Augenblick des Einschlags zersplitterte das Ziel nicht. Stattdessen floss der Körper des Wächters auseinander, als bestünde er aus schwarzem Sand.
„Effekt von Chronische Nekropole“, sagte Nefares. „Wenn ein Zeitfragment im Kampf zerstört würde, verbanne ich stattdessen die obersten drei Karten meines Decks. Das Fragment bleibt.“
Drei Karten glitten von seinem Deck in einen Bereich aus schwarzem Licht und verschwanden.
Der Wächter richtete sich wieder auf.
Yugi biss die Zähne zusammen.
„Dann setze ich zwei Karten. Ende.“
Nefares zog. In dem Moment, in dem seine Finger die Karte berührten, flackerte die gesamte Halle, und Yugi sah etwas, das nicht dort war — einen zweiten Nefares, hinter dem ersten, größer, älter, mit einer Krone aus zerbrochenen Ringen und einem leeren Gesicht.
Dann war die Vision weg.
„Ich beschwöre Chrono-Priester von Duat.“
Ein hageres Wesen mit langem Mantel und einem Stab aus aufeinandergeschichteten Uhren erhob sich neben dem Wächter.
ATK 1600
„Wenn der Priester beschworen wird, sende ich eine Karte meines Decks in den Friedhof und füge meiner Hand ein Zeit-Siegel hinzu.“
Eine Karte verschwand. Eine andere erschien in seiner Hand.
„Dann aktiviere ich die Zauberkarte Rücklauf der Grabkammer. Ich opfere den Wächter der Ersten Stunde, um ein verbanntes Fragment als Spezialbeschwörung zurückzubringen.“
Der schwarze Sand wirbelte zusammen und formte nicht den Wächter, sondern ein neues Monster — einen riesigen, halb mumifizierten Löwen mit einer Maske aus obsidianem Gold.
Sphinxlöwe des Nulltors – ATK 2400
Joey schlug gegen die Brüstung. „Was soll denn das heißen, neues Monster aus dem Nichts?!“
Kaiba sagte nichts. Er analysierte fieberhaft jede Anzeige.
Nefares hob die Hand. „Sphinxlöwe des Nulltors, greife Königlicher Befehlshaber an.“
Der Löwe sprang vor. Yugi aktivierte sofort seine Falle.
„Ich spiele Kraftspiegel! Dadurch werden die Angriffspunkte meines Monsters bis zum Ende des Damage Step verdoppelt!“
1700 → 3400
Joey grinste sofort. „Ja! Das war’s!“
Doch Nefares sagte nur: „Ich aktiviere die verdeckte Karte Vergessene Minute. Wenn mein Monster gegen ein stärkeres Monster kämpft, werden beide Werte auf null gesetzt, bis der Kampf endet.“
Yugis Augen weiteten sich.
3400 → 0
2400 → 0
Die beiden Monster prallten aufeinander und zerfielen beide in Licht.
„Was?“ rief Tristan. „Geht das überhaupt?“
„In diesem Duell anscheinend schon“, sagte Téa.
Nefares’ Stimme blieb kalt. „Wenn Sphinxlöwe des Nulltors den Friedhof erreicht, darf ich das oberste Siegel öffnen.“
Die zwölf Einkerbungen auf seinem Stirnsymbol glühten. Eine davon füllte sich mit goldenem Feuer.
Im selben Augenblick schoss ein Schmerz durch Yugis Kopf.
Er taumelte.
Vor seinen Augen blitzten Bilder auf: Sandstürme. Eine zerbrochene Halle. Eine Stimme, die Atems Namen rief — aber nicht ehrfürchtig, sondern voller Hass. Dann ein Thronraum, den Yugi nie zuvor gesehen hatte. Auf dem Boden lag das Millennium-Puzzle. Zerbrochen.
„Yugi!“ Téa machte einen Schritt nach vorne.
„Bleib zurück!“, rief Kaiba. „Das Feld reagiert auf ihn!“
Yugi presste eine Hand gegen die Stirn. Das Bild verschwand.
Nefares betrachtete ihn aufmerksam. „Ja. Du siehst es bereits. Gut.“
„Was … hast du getan?“, keuchte Yugi.
„Nur ein Siegel gelöst. Mit jedem geöffneten Tor kehrt zurück, was verborgen wurde.“
„Welche Wahrheit?“
Nefares zog seine nächste Karte langsam aus der Hand, und zum ersten Mal lag darin nicht bloß Kälte, sondern eine uralte Feindseligkeit.
„Die Wahrheit“, sagte er, „dass dein König nicht der erste war, der auf dem Thron saß.“
Stille.
Selbst Kaiba sagte nichts.
Nefares setzte eine Karte und hob dann den Blick direkt auf Yugi.
„Und nicht der einzige, der ihn hätte beanspruchen dürfen.“
Das Duellfeld bebte.
Die goldenen Symbole über ihnen begannen sich schneller zu drehen, und tief im schwarzen Riss hinter Nefares öffnete sich für den Bruchteil einer Sekunde ein riesiges steinernes Auge.
Kapitel 1 endete nicht mit einem Sieg, nicht mit einer Niederlage, sondern mit etwas viel Schlimmerem:
Mit der Erkenntnis, dass Atems Geschichte nie vollständig begraben worden war.
Und dass jemand gekommen war, um die verlorene Seite dieser Geschichte zurückzuholen — selbst wenn dafür die Gegenwart zerstört werden musste.
Das erste geöffnete Siegel
Das Labor der Kaiba Corporation war längst kein Labor mehr.
Zwar standen die Konsolen noch an denselben Stellen, die zersplitterten Monitore funkelten noch auf demselben Stahlboden, und die roten Notlichter warfen weiterhin harte Schatten über die Geländer und Plattformen. Doch all das wirkte nur noch wie eine dünne, kaum glaubhafte Schicht über einer zweiten Wirklichkeit, die sich mit jedem Herzschlag stärker in die erste hineinschob.
Chronische Nekropole lag über dem Feld wie ein Fluch.
Zwischen den Hologrammprojektoren ragten nun schwarze Säulen aus Stein empor, deren Oberflächen von Symbolringen bedeckt waren. Über ihnen spannte sich kein Dach mehr, sondern ein niedriger Himmel aus bleigrauer Dämmerung. Sand trieb in langsamen Spiralen durch die Halle, obwohl die Luft in der realen Welt still sein musste. Die Bruchlinien zwischen Technologie und uralter Magie waren mit bloßem Auge zu sehen: dort, wo Kabel aus dem Boden ragten, krochen nun goldene Hieroglyphen darüber hinweg wie lebendige Schrift; dort, wo Sicherheitsglas den Gang zur Plattform trennte, spiegelte sich nicht länger das Labor, sondern ein endloser Korridor aus schwarzem Stein.
Yugi rang nach Luft.
Der Schmerz in seinem Kopf war nicht verschwunden. Er war nur schärfer geworden, präziser, wie eine Klinge, die sich in denselben Gedankenraum schob, in dem früher Atems Gegenwart wie ein warmer Nachhall existiert hatte. Statt Trost brachte das geöffnete Siegel Bilder. Keine zusammenhängenden Erinnerungen, eher Fragmente. Ein Thron in Dunkelheit. Eine Stimme, die ein Urteil sprach. Goldene Ringe, die in einen steinernen Boden eingebrannt wurden. Und immer wieder dieses Gefühl von etwas Verdrängtem, das zu lange im Schatten gelegen hatte und nun mit kalter Geduld ins Licht zurückkehrte.
„Yugi!“
Téas Stimme schnitt durch das Dröhnen in seinem Schädel. Er hob den Blick. Sie stand hinter der Begrenzung des Duellfeldes, beide Hände auf das Geländer gepresst. Joey daneben sah aus, als würde er jeden Moment über die Sicherung springen wollen, und Tristan hielt ihn nur halbherzig zurück. Mokuba stand wenige Schritte hinter Kaiba, blass, angespannt, aber still. Kaiba selbst hatte die Arme nicht verschränkt wie sonst. Er stand leicht vorgebeugt, als würde er jede Bewegung des Feldes in sich aufnehmen, jede Abweichung, jede Unmöglichkeit.
„Ich bin okay“, sagte Yugi.
Es war nicht ganz die Wahrheit, doch es genügte, um Téa nicht noch weiter zu erschrecken.
Nefares ließ ihm keine Zeit, sich zu sammeln.
„Dein Ausdruck bestätigt es“, sagte er ruhig. „Die Resonanz ist stärker als erwartet. Das Vermächtnis antwortet auf dich.“
Yugi zwang sich, gerade zu stehen. Seine Duel Disk summte schwach, aber anders als sonst. Die Anzeige flackerte, als würden seine Karten nicht mehr nur Daten tragen, sondern etwas, das der Apparat nicht vollständig erfassen konnte.
„Du sprichst die ganze Zeit in Rätseln“, sagte er. „Wenn du etwas über den Pharao weißt, dann sag es direkt.“
Nefares’ Blick war unbeweglich. „Der Name, den du suchst, ist für mich ohne Bedeutung. Könige kommen. Könige vergehen. Doch der Thron vergisst nicht.“
Joey schnaubte. „Ich schwöre, diese Typen aus alten Gräbern lernen nie, normal zu reden.“
„Still, Wheeler“, sagte Kaiba scharf, ohne den Blick vom Feld zu nehmen.
„Nenn mich nicht—“
„Still.“
Zu Yugis eigener Überraschung war Joey tatsächlich still.
Nefares hob zwei Finger, und die Einkerbung auf seinem Stirnsymbol, die sich zuvor geöffnet hatte, begann heller zu glühen. Rund um das Feld kreisten die goldenen Markierungen schneller. Auf einer der schwarzen Säulen hinter ihm erschien nun ein Bild, flach und doch lebendig wie eine in Stein gebannte Erinnerung: zwei Gestalten vor einem Kreis aus Licht. Eine trug eine Krone mit nach hinten gezogenen Spitzen. Die andere hatte kein Gesicht, nur einen leeren Schatten, aus dem Ringformen wuchsen.
Yugi spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Ich setze meinen Zug fort“, sagte Nefares. „Der Effekt des ersten Siegels ist nun aktiv. Solange ein Tor geöffnet ist, verlieren alle Karten auf deiner Hand und deinem Feld ihre Namen, solange ich ein Fragment kontrolliere.“
Kaiba fuhr herum. „Was?“
Mokuba starrte auf eine Konsole. „Bruder, die Systeme bestätigen es. Yugis Karten werden nicht mehr korrekt benannt. Die Anzeigen zeigen nur noch leere IDs.“
„Unmöglich“, sagte Kaiba sofort.
„Sie tun es trotzdem!“
Yugi blickte auf seine Hand. Die Kartenbilder waren noch da. Er erkannte jede einzelne. Doch als er den Namen auf der obersten Karte fokussieren wollte, verschwamm die Schrift für einen Augenblick, als würde ein Schatten darüberziehen. Nur einen Wimpernschlag lang. Dann war der Name wieder lesbar. Aber das reichte. Nefares veränderte nicht die Karten selbst. Er griff die Ordnung an, durch die ein Duell Sinn ergab.
„Du willst meine Strategie stören“, sagte Yugi.
„Nein“, erwiderte Nefares. „Ich prüfe, ob sie ohne die Namen Bestand hat.“
Nefares legte die nächste Karte auf sein Feld.
„Ich aktiviere die permanente Zauberkarte Archiv der rückläufigen Stunden. Einmal pro Zug kann ich ein verbanntes Zeitfragment wählen; bis zum Ende des Zuges wird sein ursprünglicher Name zu dem Namen eines Monsters auf dem Spielfeld.“
Joey blinzelte mehrmals. „Das klingt illegal.“
„Das klingt effizient“, murmelte Kaiba.
Im Friedhofs- und Bannbereich hinter Nefares wirbelte schwarzes Licht. Eine Karte stieg daraus auf, ihr Rand von goldenen Partikeln umgeben.
„Ich wähle Wächter der Ersten Stunde und gebe ihm bis zum Ende dieses Zuges den Namen Chrono-Priester von Duat.“
Die goldenen Schriftzeichen auf dem Feld schoben sich übereinander. Für einen Augenblick sah Yugi zwei Monster auf demselben Platz der Wirklichkeit, so als würden sich Formen und Rollen überlagern.
„Dann aktiviere ich den Effekt meines Priesters“, sagte Nefares. „Wenn sich der Name eines Fragments ändert, darf ich eine Karte ziehen und eine gesetzte Karte meines Gegners aufdecken.“
Yugis linke verdeckte Karte wurde von einem kalten Licht erfasst. Sie drehte sich um und erschien vergrößert in der Luft.
Spiegelkraft.
Joey fluchte laut. „Na toll.“
Nefares nickte einmal. „Eine vertraute Schutzreaktion. Vorhersehbar.“
Er hob die Hand und sprach mit unveränderter Stimme weiter. „Ich aktiviere Ritus des stillstehenden Schattens. Solange ein offenes Siegel aktiv ist, kann ich eine aufgedeckte Falle auf dem Feld annullieren und unter ihr eigenes Bild versiegeln.“
Aus seiner Zauberkarte schossen schwarze Linien wie Tinte hervor und wickelten sich um Yugis Spiegelkraft. Die Falle erstarrte mitten in der Luft, wurde flach wie ein Relief und sank dann unter das Duellfeld, als hätte der Boden sie verschluckt.
„Meine Falle…“, sagte Yugi leise.
„Nicht zerstört“, korrigierte Nefares. „Begraben.“
Kaiba trat näher an die Feldgrenze. „Yugi, er baut Ressourcen über den Bannbereich und über Siegelstufen auf. Greif die Feldstruktur an, nicht seine einzelnen Monster.“
Nefares sah Kaiba kühl an. „Du verstehst schnell für einen Mann, der Magie mit Maschinen fesseln wollte.“
Kaibas Miene verhärtete sich. „Sprich weiter, und ich zeige dir, was Maschinen mit Königen tun.“
Für einen Augenblick zuckte etwas in Nefares’ Blick, vielleicht Belustigung, vielleicht Geringschätzung.
Dann hob er den Arm.
„Battle Phase. Chrono-Priester von Duat, direkter Angriff.“
Das hagere Monster glitt nicht vorwärts wie ein gewöhnliches Wesen. Es löste sich in mehrere Nachbilder auf, jedes um eine Sekunde versetzt. Der Stab in seiner Hand zeichnete eine Kreisbewegung in die Luft, und aus dem Kreis schoss ein dunkler Lichtstrahl auf Yugi zu.
Yugi riss den Arm hoch, obwohl das nichts nützen konnte.
Der Treffer schleuderte ihn einen Schritt zurück.
Yugi: 4000 → 2400 LP
Téa keuchte auf. Joey schlug mit der Faust gegen das Geländer. Tristan sagte nichts, aber seine Hände verkrampften sich an der Kante, bis die Knöchel weiß hervortraten.
„Yugi!“
„Ich steh noch“, presste Yugi hervor.
Seine Stimme war rauer als zuvor. Nicht nur wegen des Schadens. In dem Moment des Treffers hatte er mehr gesehen. Kein Bild diesmal, sondern ein Satz. Oder vielmehr die Hälfte eines Satzes. Eine Stimme, entfernt und doch nahe, hatte gesagt:
…der zweite Eid wurde gebrochen…
Und sofort war wieder Stille gewesen.
Nefares beendete die Battle Phase ohne Triumph, ohne jede sichtbare Freude. Genau das machte ihn unheimlicher als viele Gegner zuvor. Pegasus hatte gespielt, Marik hatte gehetzt, Dartz hatte gepredigt, sogar Kaiba kämpfte immer mit brennendem Stolz. Doch Nefares wirkte nicht wie jemand, der einen Gegner besiegen wollte. Er wirkte wie jemand, der ein altes Urteil vollstreckte.
„Ich setze eine weitere Karte“, sagte er. „Mein Zug endet.“
Die Düsternis der Chronischen Nekropole zog sich enger um das Feld, als wolle sie Yugis Antwort verschlingen, bevor er sie überhaupt geben konnte.
Yugi atmete tief ein.
Zwei verdeckte Karten des Gegners. Ein aktiver Feldzauber. Ein permanenter Zauber. Ein Monster mit 1600 ATK. Ein geöffnetes Siegel, das die Namen seiner Karten angriff. Dazu 2400 Lebenspunkte.
Es war eine schlechte Lage.
Aber schlechte Lagen waren nie das Ende gewesen. Nur der Ort, an dem er entscheiden musste, wer er inzwischen geworden war.
Yugi legte die Finger auf sein Deck.
„Ich bin dran.“
Als er zog, flackerte das Duellfeld erneut — und irgendwo tief unter dem Dröhnen der Magie glaubte er für einen einzigen, unmöglich kurzen Augenblick eine Stimme zu hören, die nicht fremd war.
Nicht deutlich genug für Worte.
Aber vertraut genug, um sein Herz einmal hart schlagen zu lassen.
~X~
Yugi sah die gezogene Karte an, und obwohl das Licht des Feldes unstet darüber flackerte, erkannte er sie sofort.
Magische Dimension.
Für einen Herzschlag wollte Hoffnung zu schnell wachsen. Zu schnell, zu grell, wie eine Kerze im Sturm. Er zwang sich, ruhiger zu werden. Das erste geöffnete Siegel griff die Namen seiner Karten an, nicht ihre Essenz. Wenn er hektisch wurde, würde Nefares genau das bekommen, was er wollte: einen Gegner, der sich nicht mehr auf sein Deck, seine Instinkte und seinen eigenen Stil verlassen konnte.
Kaiba hatte recht gehabt. Es reichte nicht, nur auf einzelne Monster zu reagieren. Nefares spielte nicht bloß Karten; er errichtete ein System, in dem Erinnerung, Identität und Zeit selbst Teil der Duellmechanik wurden. Die Frage war nicht, welches Monster Yugi zerstören musste. Die Frage war, welche Grundlage er dem Gegner entreißen konnte, bevor das nächste Siegel geöffnet wurde.
„Na los, Yugi!“, rief Joey von draußen. „Zeig diesem Grab-Model, was passiert, wenn er sich mit uns anlegt!“
Tristan verzog das Gesicht. „Grab-Model? Echt jetzt?“
„Mir fällt unter Stress nur das ein!“
Téa sagte nichts. Sie sah Yugi direkt an, und in ihrem Blick lag kein Drängen, kein bloßes Hoffen. Es war Vertrauen. Dass er den richtigen Zug finden würde. Nicht, weil er unfehlbar war, sondern weil er gelernt hatte, auch dann weiterzudenken, wenn Angst alles verengen wollte.
Yugi nickte kaum sichtbar, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
„Zuerst spiele ich die Zauberkarte Karten des Ausgleichs.“
Eine Karte schob sich aus seiner Hand in den Zauberbereich. Helles Licht sammelte sich darüber.
„Ich werfe eine Handkarte ab und ziehe zwei neue.“
Er legte eine Karte in den Friedhof. Für einen Moment flackerte der schwarze Schatten des Siegels über ihrer Schrift, doch der Effekt der Zauberkarte löste sich trotzdem aus. Zwei neue Karten glitten in seine Hand.
Eine davon ließ ihn unwillkürlich den Atem anhalten.
Dunkler Magier.
Nefares’ Blick veränderte sich nicht, aber Yugi hatte das Gefühl, dass selbst die Chronische Nekropole für einen Augenblick auf diese Karte reagierte. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht auch nicht. Im Feld zwischen ihnen war inzwischen längst bewiesen, dass Regeln hier nicht nur aus Spieltext bestanden.
„Ich beschwöre Befreiter Zauberer im Angriffsmodus.“
Ein junger Magier mit silbernem Mantel und einem Stab aus blauem Kristall erschien auf Yugis Feld.
ATK 1500
„Dann setze ich eine Karte verdeckt.“
Er schob Magische Dimension in die hintere Reihe, ohne sie sofort zu aktivieren. Noch nicht. Nefares kannte zu viele seiner offenen Optionen. Ein Teil von Yugis Stärke war immer darin gewesen, zum richtigen Zeitpunkt etwas zu riskieren, aber nicht alles gleichzeitig preiszugeben.
„Und jetzt aktiviere ich den Effekt von Befreiter Zauberer“, sagte Yugi. „Einmal pro Zug kann ich ein offenes Zauber- oder Fallenkarten-Ziel auf dem Feld bestimmen. Mein Monster verliert bis zum Ende des Zuges 500 Angriffspunkte, und die gewählte Karte wird annulliert.“
Kaiba hob leicht das Kinn. Er hatte den Plan verstanden.
„Ich wähle dein Archiv der rückläufigen Stunden!“
Der Kristallstab des Zauberers leuchtete auf. Ein Strahl blauen Lichts traf den permanenten Zauber auf Nefares’ Feld.
Befreiter Zauberer: 1500 → 1000 ATK
Das Archiv flackerte, die darauf eingravierten Kreise verloren ihre Bewegung, und mehrere der schwebenden Goldzeichen am Rand des Feldes kamen kurz zum Stillstand.
Joey grinste sofort breit. „Jawohl! Genau so!“
Nefares verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Temporäre Behinderung. Keine Lösung.“
„Vielleicht nicht“, sagte Yugi. „Aber ein Anfang.“
Er legte die Finger auf die nächste Karte. „Dann aktiviere ich die Schnellzauberkarte Magische Dimension! Ich opfere meinen Befreiten Zauberer, um einen Hexer als Spezialbeschwörung von meiner Hand zu rufen!“
Der silberne Magier löste sich in Spiralen aus blauem Licht auf, die über Yugis Disk kreisten. Die Karte in seiner Hand leuchtete auf.
Yugi hob sie an, und plötzlich war alles um ihn herum für einen Wimpernschlag still. Das Dröhnen des Feldes trat zurück. Die Säulen, der Schattenhimmel, die Konsolen, die Rufe hinter ihm — alles wurde dumpfer, ferner.
„Komm hervor… Dunkler Magier!“
Violettes Licht explodierte über dem Spielfeld.
Der vertraute Zauberer erschien in wirbelnden Roben, den Stab erhoben, die Augen unbewegt und doch lebendig wie immer. Ein Hauch von Wärme ging durch Yugis Brust, so unerwartet, dass er ihn beinahe körperlich spürte. Es war keine Stimme. Kein Geist. Keine Rückkehr dessen, was beendet worden war. Aber es war die Erinnerung daran, dass dieses Deck nicht nur aus Karten bestand. Es war ein Weg, den er gemeinsam gegangen war — und den er jetzt selbst weitergehen musste.
Dunkler Magier – ATK 2500
Mokuba trat unwillkürlich einen halben Schritt näher. „Er hat’s geschafft…“
„Noch nicht“, sagte Kaiba scharf, obwohl auch in seiner Stimme mehr Spannung lag als zuvor.
Yugi hob die Hand.
„Der zweite Effekt von Magische Dimension wird aktiv. Wenn ich einen Hexer spezialbeschwöre, kann ich ein Monster auf dem Feld zerstören. Ich wähle Chrono-Priester von Duat!“
Der Dunkle Magier senkte den Stab. Ein violetter Bannkreis erschien unter dem gegnerischen Monster. Der Kreis zog sich zusammen, das hagere Wesen wurde in Licht zerrissen und verschwand.
Joey riss die Faust hoch. „Da is’ es!“
Doch Nefares’ Antwort kam sofort.
„Kette. Ich aktiviere meine verdeckte Falle Grabrückstand des Augenblicks. Wenn ein Zeitmonster auf meinem Feld zerstört würde, kann ich es verbannen statt es auf den Friedhof zu legen und den Angriff eines gegnerischen Monsters bis zum Ende des nächsten Zuges halbieren.“
Der zerfallende Chrono-Priester verwandelte sich in schwarzen Staub und wurde in einen Ring aus Finsternis gezogen, noch bevor er ganz verschwinden konnte. Gleichzeitig legte sich ein dunkler Schatten über den Dunklen Magier.
Dunkler Magier: 2500 → 1250 ATK
Joeys Jubel brach mitten in der Bewegung ab. „…Okay, das is’ weniger gut.“
„Trotzdem hat Yugi das Monster vom Feld genommen“, sagte Téa leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Er zwingt ihn, Ressourcen auszugeben.“
Nefares nickte leicht, als hätte er diese Einschätzung gehört. „Du lernst. Der Erbe passt sich an.“
„Ich habe nicht vor, nur zu lernen“, sagte Yugi. „Ich habe vor, dich zu stoppen.“
Er sah auf das Feld. Der Priester war weg, das Archiv vorläufig annulliert, doch Chronische Nekropole lag weiterhin über allem. Zwei verdeckte Karten des Gegners waren zu einer reduziert, und der offene Siegeleffekt blieb aktiv.
Jetzt oder nie.
„Battle Phase! Dunkler Magier, greif direkt an!“
Der Magier hob den Stab. Ein violetter Energiespeer schoss über das Feld und traf Nefares mitten in der Brust. Anders als viele andere Gegner taumelte er kaum. Das Licht riss nur einen Fetzen aus dem dunklen Stoff seiner Gewänder und zerschellte dann an einem unsichtbaren Widerstand.
Nefares: 4000 → 2750 LP
Immerhin ein Treffer. Doch im Moment des Schadens reagierte das Stirnsymbol des Gegners erneut. Die erste geöffnete Einkerbung glühte heller, und auf den schwarzen Säulen ringsum erschienen weitere bruchstückhafte Szenen: eine Prozession von Priestern, die einen Kreis aus zwölf Toren umschritten; ein junger König mit dem Rücken zum Betrachter; ein zweiter Schatten rechts von ihm, kaum sichtbar, doch vorhanden.
Yugi sah es. Kaiba sah es auch.
„Da“, sagte Kaiba sofort. „Mokuba, vergrößere die Säulenprojektionen. Besonders den Bereich rechts vom Thronbild.“
„Die Systeme lesen sie nicht stabil ein!“
„Dann stabilisier sie!“
„Ich versuche es!“
Yugi setzte fort, bevor Nefares das Momentum zurückholen konnte.
„Ich spiele noch eine verdeckte Karte. Dann beende ich meinen Zug.“
Er legte sie mit ruhiger Hand. In Wahrheit pochte sein Herz viel zu schnell. Er hatte das Feld gedreht, aber nicht gewonnen. Nicht annähernd. Vor allem nicht, wenn Nefares bereits mit einem Siegel arbeitete und womöglich noch elf weitere besaß.
Der Gegner blickte auf sein geschrumpftes Feld, auf Yugis Dunklen Magier, auf das flackernde Archiv, das bis zum Ende des Zuges stumm blieb, und schließlich wieder in Yugis Gesicht.
„Ja“, sagte Nefares. „Das ist es, was geprüft werden musste.“
„Was?“
„Ob das Vermächtnis in dir nur Erinnerung ist. Oder Widerstand.“
Die erste geöffnete Einkerbung an seiner Stirn wurde dunkler — nicht erloschen, sondern tiefer, als würde sie nun tatsächlich offenstehen.
„Dann wollen wir sehen“, sagte Nefares, „ob du auch das zweite Tor überstehst.“
Als er seine Karte zog, fror die Luft im Labor ein.
Nicht bildlich. Wirklich.
Feiner Reif kroch über die Metallgeländer. Beschlag legte sich auf zersplitterte Monitore. Der Atem der Zuschauer wurde sichtbar. Sogar Kaiba riss den Blick für einen Augenblick von den Daten los, weil die Temperaturanzeige auf mehreren Konsolen in unmöglicher Geschwindigkeit fiel.
Yugi spürte, dass es nicht von einer Kältemechanik ausging.
Es war die Kälte eines Ortes, an dem etwas Begrabenes sich bewegte.
Und sie kam mit Nefares’ nächstem Zug.
~X~
„Ich aktiviere den Effekt von Chronische Nekropole“, sagte Nefares.
Seine Stimme war nicht lauter geworden, und doch schien sie nun von mehreren Punkten gleichzeitig zu kommen — von ihm, von den Säulen, vom schwarzen Riss hinter dem Feld und von den Bildern, die auf dem Stein lebten.
„Einmal pro Zug kann ich ein verbanntes Fragment in den Friedhof legen, um den Verlust einer Form in den Gewinn einer Erinnerung zu verwandeln.“
Eine Karte aus seinem Bannbereich sank in die Dunkelheit des Friedhofsfeldes. Schwarzer Sand sammelte sich darum, und für einen Moment sah Yugi die Umrisse des zuvor verbannten Chrono-Priesters, bevor dieser wieder zerrann.
„Dann löst sich der zweite Teil des ersten Siegels aus“, fuhr Nefares fort. „Wenn ein Fragment auf diese Weise zurückkehrt, muss mein Gegner eine Karte aus seiner Hand offenlegen. Ihr Name wird bis zu meinem nächsten End Phase zu einem vergessenen Namen.“
Kaiba rief sofort: „Zeig ihm nicht deinen Schlüssel—“
Zu spät. Das Feld zwang bereits eine Karte aus Yugis Hand nach oben. Sie schwebte offen über seiner Disk.
Aufziehender Kuriboh.
Schwarze Schrift kroch über den Kartennamen. Die Buchstaben verzerrten sich, zerfielen und wurden durch leere, glatte Zeichen ersetzt.
„Was passiert jetzt?“, fragte Tristan.
Mokuba sah hektisch zwischen Anzeigen hin und her. „Die Karte bleibt technisch dieselbe, aber ihre Identifikation wurde durch das Feld überschrieben. Wenn Yugi mit einem Effekt nach einem bestimmten Namen suchen will, zählt sie nicht mehr richtig.“
„Er raubt ihm Verbindungspunkte im Deck“, murmelte Kaiba. „Nicht nur Kartenwerte.“
Nefares zog seine nächste Karte mit einer fast zeremoniellen Ruhe.
„Ich normalbeschwöre Herald des zweiten Tores.“
Das neue Monster erhob sich aus einem Kreis gefrorenen Sands. Es war humanoid, hochgewachsen, in schwarze Priesterbinden gewickelt, das Gesicht hinter einer schmalen Goldmaske verborgen. Auf seinem Rücken trug es zwei kreuzförmige Stäbe, die wie verschlossene Schlüssel wirkten.
ATK 1800 / DEF 1200
Im Moment seiner Beschwörung flammte die Luft um das Monster herum auf — nicht heiß, sondern totenstill. Die Kälte im Raum nahm zu. Reif kroch nun sogar über das Geländer, an dem Joey lehnte.
„Wenn der Herald des zweiten Tores beschworen wird“, sagte Nefares, „darf ich ein weiteres Siegel öffnen, sofern sich mindestens ein Zeitfragment in meinem Friedhof befindet.“
Yugis Kehle wurde trocken.
„Nein“, sagte Téa leise. „Schon wieder?“
Nefares legte die Finger an das Symbol auf seiner Stirn.
Eine zweite Einkerbung begann zu glühen.
Dann riss sie auf.
Diesmal war das Licht nicht golden. Es war blass, fast weiß, wie der Schimmer einer uralten Klinge. Das gesamte Duellfeld erzitterte. Die schwarzen Säulen ringsum bekamen tiefe Risse, aus denen nicht Staub, sondern Bilder austraten — ganze Erinnerungsstreifen, die sich über die Halle legten wie durchsichtiges Tuch.
Yugi sah Sandstufen. Einen Palast bei Nacht. Männer in Priestergewändern, die einen Kreis auf den Boden zeichneten. Einen Jungen mit zwei Schatten. Und eine Stimme, weiblich und voller Furcht, die sagte:
Wenn beide schwören, wird einer vergessen werden müssen…
Dann brach die Vision ab.
Yugi griff nach seinem Kopf. Diesmal taumelte er wirklich. Der Boden unter ihm fühlte sich für einen Moment an wie glatter Stein, nicht wie Metall. Erst als der Dunkle Magier leicht den Stab drehte und sich vor ihn schob, fand sein Blick wieder einen Halt im Hier und Jetzt.
„Bruder! Seine Vitalwerte steigen und fallen gleichzeitig!“, rief Mokuba.
„Das ist Unsinn“, sagte Kaiba. „So etwas geht nicht.“
„Es passiert trotzdem!“
Nefares sprach weiter, unbeirrt von den Reaktionen um ihn herum.
„Das zweite Tor ist geöffnet. Solange zwei Siegel offen sind, wird jede Karte, die dein Friedhof berührt, nicht sofort erreichbar sein. Sie muss durch die verlorene Minute gehen.“
Yugi hob den Blick. „Verlorene Minute?“
„Ein Raum zwischen den Zügen“, sagte Nefares. „Ein Augenblick, in dem Erinnerung ohne Namen bleibt.“
Joey verzog das Gesicht. „Er redet wieder wie eine kaputte Grabinschrift.“
Diesmal reagierte Kaiba nicht darauf. Sein Blick war auf einen bestimmten Datenstrom gerichtet, und je länger er hinsah, desto schärfer wurde sein Ausdruck.
„Yugi“, sagte er. „Er lügt nicht, jedenfalls nicht komplett. Deine in den Friedhof gelegten Karten werden verzögert erfasst. Eine Art Zwischenspeicher, aber nicht technisch. Sie sind kurzzeitig aus dem System und aus dem Spiel gleichzeitig.“
Yugi verstand sofort, was das bedeutete. Viele seiner Strategien bauten darauf auf, dass abgelegte Karten sofort bestimmte Zustände oder Synergien erzeugten. Mit dem zweiten Siegel schnitt Nefares diesen Fluss auf.
„Dann aktiviere ich jetzt den Effekt des Heralds des zweiten Tores“, sagte Nefares. „Einmal pro Zug kann ich eine Karte auf dem Feld wählen. Bis zum Ende des Zuges verliert sie ihren Ursprungstyp.“
Joey blinzelte. „Ihren was?“
„Er verändert Klassifikationen“, sagte Kaiba, jetzt endgültig im analytischen Modus. „Monster sind keine Monster, Zauber keine Zauber, Fallen keine Fallen — je nachdem, was der Effekt meint.“
„Und das darf er einfach?“
„Im Moment offenbar ja.“
Nefares deutete auf Yugis stärkstes Monster.
„Ich wähle Dunkler Magier. Bis zum Ende des Zuges verliert er seinen Ursprung als Monster.“
Das traf Yugi härter als die direkten Angriffe zuvor.
Der Dunkle Magier verschwand nicht. Er fiel nicht in sich zusammen. Doch sein Körper begann zu flackern, als wäre er nur noch ein Bild, das sich nicht entscheiden konnte, ob es greifbar sein wollte oder bloß Symbol bleiben sollte. Die Werteanzeige auf Yugis Disk sprang zwischen Zahlen und leeren Feldern.
Dunkler Magier – ATK ? / Status instabil
„Nein…“, sagte Téa.
„Yugi, pass auf!“, rief Tristan.
Nefares hob den Arm.
„Dann aktiviere ich die Schnellzauberkarte Stillstand vor Mitternacht. Wenn zwei Siegel offen sind, kann ich ein Monster mit instabilem Ursprung nicht durch Kampf, sondern durch den Verlust seines Platzes entfernen.“
Unter dem Dunklen Magier erschien ein Kreis aus weißen Linien. Kein Angriff. Kein Feuer. Kein Aufprall. Das Monster sank einfach lautlos ab, als würde die Wirklichkeit selbst seinen Standort vergessen.
Yugi riss die Augen auf. „Dunkler Magier!“
Er aktivierte sofort seine verdeckte Karte.
„Falle offen! Magierabwehr-Barriere! Wenn ein Hexer durch einen Karteneffekt vom Feld entfernt würde, annulliere ich den Effekt und zerstöre die Karte!“
Ein Schutzkreis aus violetter Energie sprang auf. Für einen Augenblick schien er die weißen Linien zurückzudrängen.
Dann lächelte Nefares zum ersten Mal. Es war kein freundliches Lächeln. Es war die Gewissheit eines Richters, der das Ende einer Debatte längst kennt.
„Das zweite Tor verändert die Regeln der Abwesenheit“, sagte er. „Dein Monster wird nicht entfernt. Sein Platz wird vergessen. Deine Falle findet kein gültiges Ziel.“
Die Magierabwehr-Barriere zersplitterte in violette Scherben. Der Dunkle Magier sank weiter, sah Yugi noch einen letzten Augenblick lang unverändert entgegen — und verschwand dann völlig.
Nicht zerstört. Nicht in den Friedhof geschickt. Nicht verbannt.
Einfach fort.
Yugis Atem stockte.
Joey fluchte so heftig, dass selbst Tristan ihn schockiert ansah. Téa presste sich die Hand vor den Mund. Mokuba wich unwillkürlich zurück. Kaiba dagegen trat einen Schritt vor, weil er in genau diesem Moment etwas begriffen hatte.
„Er entfernt keine Karten“, sagte Kaiba. „Er greift den Zustand an, in dem das Spielfeld sie hält. Deshalb versagen normale Antworten.“
Nefares’ Blick glitt zu ihm. „Gut. Du beginnst die Form der Strafe zu sehen.“
„Nenn es, wie du willst“, sagte Kaiba. „Es bleibt besiegbar.“
„Alles ist besiegbar“, erwiderte Nefares. „Auch Könige. Auch Eide.“
Er hob die Hand in Richtung Yugi.
„Battle Phase. Herald des zweiten Tores, direkter Angriff.“
Das Priesterwesen glitt nach vorn und stieß einen der kreuzförmigen Stäbe in die Luft. Der Angriff war kein Strahl, kein Hieb, sondern ein Riss. Für einen Augenblick sah Yugi hinter dem Angriff einen dunklen Gang mit zwölf Türen, von denen zwei offenstanden. Aus jeder der geöffneten Türen trat kalter Wind.
Der Treffer traf ihn frontal.
Yugi: 2400 → 600 LP
Téas Schrei hallte durch die Halle. Joey sprang nun tatsächlich gegen die Feldbegrenzung, nur um von einer unsichtbaren Kraft zurückgeworfen zu werden.
„Lass mich da rein!“, brüllte er. „Verdammt, lass mich—“
„Das Feld blockiert jede physische Einmischung!“, rief Mokuba. „Es reagiert nur auf die Duellanten!“
Yugi ging auf ein Knie.
Die Welt kippte kurz aus dem Gleichgewicht. Nicht, weil er den Schmerz nicht aushielt, sondern weil mit dem Schaden weitere Bilder in ihn schlugen: ein zweiter Thron, kleiner, im Schatten des ersten; ein zerbrochener Kreis; Blut auf poliertem Stein; und eine Stimme, älter und schwerer als alle bisherigen, die sagte:
Nur einer darf erinnert werden.
Er zwang sich wieder hoch.
600 Lebenspunkte.
Kein Dunkler Magier auf dem Feld. Zwei geöffnete Siegel. Ein Gegner, der das Wesen des Spiels in Schichten zerschnitt, statt nur Karten zu spielen.
Und doch stand Yugi noch.
Nefares setzte eine Karte verdeckt.
„Ich beende meinen Zug.“
Die Kälte im Raum blieb.
Das zweite Tor blieb offen.
Und Yugi wusste, dass sein nächster Zug mehr sein musste als eine Antwort. Er musste beweisen, dass ein Vermächtnis nicht daran zerbrach, dass jemand seine Vergangenheit in Frage stellte.
Es zerbrach nur, wenn der Erbe daran glaubte.
~X~
Yugi hob den Blick nur langsam.
Die Welt um ihn herum wirkte fern, als stünde eine Glasschicht zwischen ihm und allem anderen. Er sah Joeys hektische Bewegungen hinter der Feldgrenze, sah Téa, die etwas rief, ohne dass die Worte klar bei ihm ankamen, sah Mokuba von Konsole zu Konsole laufen und Kaiba mit dieser unbeirrbaren, kalten Konzentration jede Unmöglichkeit zu analysieren, als könne schierer Wille sie in Daten übersetzen.
Aber all das war für einen Moment nur Hintergrund.
Im Vordergrund standen zwei Dinge: seine verbleibenden 600 Lebenspunkte und die Leere auf seinem Feld.
Keine Monster. Nur einige Karten in Hand, von denen eine bereits unter dem Effekt des ersten Siegels in ihrem Namen beschädigt war. Ein Friedhof, der wegen des zweiten Tores nicht mehr sofort verlässlich war. Ein Gegner mit 2750 Lebenspunkten, Herald des zweiten Tores auf dem Feld, Chronische Nekropole aktiv und mindestens eine verdeckte Karte.
Die Lage war schlechter, als sie auf den ersten Blick wirkte.
Und doch lag genau in solchen Momenten eine besondere Art von Klarheit.
Yugi hatte oft geglaubt, dass Stärke vor allem darin bestand, in entscheidenden Zügen das Richtige zu erkennen. Doch seit dem Abschied von Atem war ihm etwas anderes deutlicher geworden: Wahre Stärke war nicht, nie zu zweifeln. Sie bestand darin, trotz des Zweifels weiterzudenken. Nicht weil die Angst verschwand, sondern weil etwas Wichtigeres blieb.
„Yugi!“
Diesmal drang Téas Stimme wirklich durch.
Er sah zu ihr auf.
„Du bist nicht allein!“, rief sie.
So einfach die Worte waren, so hart trafen sie den Punkt. Nicht allein. Nicht mehr im Sinn des alten Zusammenlebens mit Atem, nicht als geteilte Seele. Sondern anders. Durch Menschen. Durch Erinnerungen. Durch all die Kämpfe, in denen er gelernt hatte, dass Mut nicht bedeutete, niemanden zu brauchen.
Joey schlug sich mit der Faust gegen die Brust. „Und wenn du den Kerl nicht sofort umhaust, mach ich das später! Irgendwie!“
„Das ist keine Hilfe!“, fuhr Tristan ihn an.
„Ich versuch’s!“
Sogar Mokuba rief von der Seite her: „Yugi, die Feldwerte von Nefares schwanken jedes Mal, wenn eines seiner Siegel reagiert! Es muss irgendwo eine Rückkopplung geben!“
Kaiba sagte nichts sofort. Er starrte eine Projektion an, auf der das Symbol mit den zwölf Einschnitten rotierte. Dann hob er den Kopf.
„Yugi“, sagte er scharf. „Der Fokus ist nicht sein Monster. Es ist das Feld. Die Siegel hängen an der Chronischen Nekropole wie Verankerungen. Zerstörst du den Feldzauber nicht komplett, musst du ihn zumindest überschreiben oder seine zentrale Resonanz blockieren. Sonst öffnet er das dritte Tor.“
Yugi nickte langsam. Er brauchte keine langen Erklärungen. Kaibas Tonfall allein genügte, um klarzumachen, wie ernst es war. Noch ein Siegel, und vielleicht würden nicht bloß Karten ihren Namen oder Platz verlieren.
Vielleicht würde etwas viel Größeres verschwinden.
Er legte die Finger auf sein Deck und zog.
Die Karte glitt in seine Hand.
Yugi sah sie an — und sein Atem stockte.
Tausend Messer.
Allein wäre sie nutzlos ohne den Dunklen Magier auf dem Feld. Aber fast im selben Moment spürte er etwas anderes. Ein Ziehen im Raum vor ihm, knapp links von dort, wo sein Monster verschwunden war. Kein sichtbares Licht. Kein klarer Umriss. Nur eine Stelle, an der die Chronische Nekropole für einen Wimpernschlag unstet flackerte, als sei etwas dort nicht vergessen worden, sondern nur unvollständig ausgelöscht.
Das zweite Tor hatte den Platz des Monsters vergessen lassen.
Nicht unbedingt den Bund.
Yugi schloss kurz die Augen.
Und da war sie wieder — jene kaum hörbare Regung hinter der Stille. Nicht wirklich eine Stimme. Mehr eine Richtung. Eine Erinnerung, wie sich Vertrauen anfühlte, wenn man sie lange genug mit einem bestimmten Kartenstapel, einer bestimmten Figur, einem bestimmten gemeinsamen Weg verbunden hatte.
Als er die Augen öffnete, war sein Blick ruhig.
„Ich ziehe.“
Nefares beobachtete ihn ohne Regung. „Ein formeller Satz. Ohne Bedeutung, wenn der Zug bereits verloren ist.“
„Vielleicht“, sagte Yugi. „Oder vielleicht glaubst du zu sehr, dass Vergessen dasselbe ist wie Ende.“
Die Luft änderte sich.
Kaiba sah es zuerst. „Was macht er da…?“
Yugi legte eine Karte aus seiner Hand in den Zauberbereich.
„Ich aktiviere die Zauberkarte Pfad der Wiedererinnerung! Wenn ich keine Monster kontrolliere und mein Gegner ein offenes Effektmonster besitzt, kann ich eine Karte in meinem Friedhof wählen. Solange ihr ursprünglicher Typ Hexer war, wird für diesen Zug der Ort ihrer letzten Präsenz als gültiger Anker behandelt.“
Mokuba riss die Augen auf. „Bruder, das könnte funktionieren! Die Karte greift nicht den Friedhof direkt an, sondern den letzten bestätigten Feldzustand!“
Kaiba nickte knapp. „Ja. Wenn Nefares nur den Platz vergessen ließ, aber nicht den vollständigen Verlauf der Beschwörung, kann Yugi eine Spur rekonstruieren.“
Joey sah zwischen ihnen hin und her. „Ich hab kein Wort verstanden, aber es klingt gut!“
Yugi deutete auf die leere Stelle neben sich.
„Ich wähle Dunkler Magier!“
Die Chronische Nekropole bäumte sich auf. Schwarze Linien zuckten über den Boden, als wollten sie den Effekt im Keim ersticken. Doch Pfad der Wiedererinnerung leuchtete heller. Nicht aggressiv, sondern beharrlich. Wie jemand, der eine Tür nicht aufsprengt, sondern sich daran erinnert, wie sie geöffnet wird.
An der leeren Stelle auf Yugis Feld entstand ein Kreis aus violettem Licht.
Keine vollständige Beschwörung. Kein triumphales Erscheinen.
Nur eine Kontur.
Eine Silhouette des Dunklen Magiers, halb in der Wirklichkeit, halb außerhalb davon.
Phantom-Anker aktiv
Nefares’ Blick verengte sich zum ersten Mal spürbar. „Improvisation auf Grundlage emotionaler Bindung. Instabil.“
„Stabil genug“, sagte Yugi.
Er hob die nächste Karte.
„Solange mein Hexer-Anker existiert, kann ich Tausend Messer aktivieren!“
Jetzt veränderte sich Nefares’ Ausdruck tatsächlich. Nur minimal, aber deutlich genug.
„Ich wähle deinen Herald des zweiten Tores!“
Der Phantom-Dunkle Magier hob den Stab. Aus dem violetten Kreis schossen unzählige Lichtklingen hervor, schlank und messerscharf, jede begleitet von einem kurzen Aufflackern goldener Schrift. Sie bohrten sich nicht nur in das gegnerische Monster, sondern auch in die Luft um es herum, als würde der Angriff die Verbindung zwischen Monster und Siegelstruktur auftrennen.
Der Herald des zweiten Tores zersplitterte.
Doch diesmal blieb es nicht dabei. Mit dem Monster brach etwas im Feld selbst.
Die zweite geöffnete Einkerbung auf Nefares’ Stirn flackerte wild. Auf den schwarzen Säulen gingen mehrere Bilder gleichzeitig aus. Risse jagten durch die Chronische Nekropole. Der Himmel aus Dämmerung bekam helle Bruchlinien, als würde hinter ihm eine andere Wirklichkeit wieder gegen die Finsternis drücken.
„Ja!“, schrie Joey.
„Das Siegel hängt an den Trägermonstern!“, rief Mokuba. „Zumindest teilweise!“
Kaiba sagte sofort: „Yugi, jetzt das Feld! Sofort!“
Yugi hatte die Karte bereits in der Hand.
„Ich setze meine letzte Zauberkarte ein“, sagte er. „Mystischer Raum-Taifun!“
Ein Wirbel aus Wind und Licht schoss aus der Karte hervor und traf Chronische Nekropole direkt im Zentrum des Symbolkreises. Die schwarzen Säulen zitterten. Der Himmel aus Dämmerung riss auf. Die goldenen Markierungen rotierten erst schneller, dann chaotisch, dann in entgegengesetzte Richtungen.
Nefares hob den Arm.
„Falle aktivieren: Bestattung der bleibenden Stunde. Wenn mein Feldzauber zerstört würde, kann ich ein offenes Siegel schließen, um ihn bis zum Ende des Zuges zu bewahren.“
Die erste Einkerbung auf seiner Stirn verlöschte.
Sofort brach eine Welle aus Licht durch das Feld. Die Kälte ließ nach. Der Reif schmolz von den Geländern. Eine der Säulen zerfiel vollständig zu Staub.
Chronische Nekropole blieb bestehen — aber nur knapp, sichtbar beschädigt, ihre Struktur instabil, ihr Druck deutlich schwächer.
„Er musste ein Siegel opfern“, sagte Kaiba scharf. „Gut. Sehr gut.“
Yugi atmete aus. Das war nicht der Sieg. Aber es war der erste echte Riss in Nefares’ System.
„Battle Phase“, sagte Yugi.
Joey blinzelte. „Mit was denn?“
Genau da reagierte der Phantom-Anker.
Die Kontur des Dunklen Magiers wurde klarer, nicht vollständig materiell, aber gerade genug. Werte erschienen flackernd über ihm.
Dunkler Magier – Phantomzustand – ATK 1500
„Wenn ein Hexer durch Pfad der Wiedererinnerung verankert wurde“, sagte Yugi, „kann er in diesem Zug angreifen, auch wenn seine Beschwörung unvollständig ist. Seine Angriffspunkte werden zu 1500.“
Nefares’ Lebenspunkte lagen bei 2750.
Kein tödlicher Angriff.
Aber ein Zeichen.
„Dunkler Magier“, sagte Yugi ruhig, „direkter Angriff!“
Der Phantommagier senkte den Stab. Ein violetter Lichtstoß traf Nefares und ließ ihn diesmal tatsächlich einen Schritt zurückweichen.
Nefares: 2750 → 1250 LP
Die Halle wurde hell.
Für einen Herzschlag verschwand die Überlagerung des Feldes fast vollständig. Das Labor war wieder klar zu sehen. Stahl statt Grabstein. Monitore statt Dämmerhimmel. Menschen statt Schatten.
Nefares richtete sich langsam wieder auf.
Sein Gewand war an der Schulter zerrissen. Unter dem Stoff schimmerte kein gewöhnlicher Körper, sondern etwas, das eher wie Stein unter Haut wirkte, durchzogen von feinen Goldlinien. Seine Stirn trug nun nur noch ein geöffnetes Siegel. Das zweite war wieder geschlossen.
Und zum ersten Mal lag in seiner Stimme etwas anderes als Kälte.
Anerkennung vielleicht. Oder wachsender Ernst.
„Also doch“, sagte er leise. „Die Erinnerung widersetzt sich.“
Yugi senkte seinen Arm nicht. „Ich habe dir gesagt, dass Vergessen nicht dasselbe ist wie Ende.“
Nefares blickte ihn lange an. Hinter ihm zitterte der schwarze Riss, aus dem er gekommen war. Für einen Augenblick glaubte Yugi, tiefer darin eine riesige Halle zu sehen — zwölf Tore im Kreis, neun verschlossen, eines halb offen, zwei dunkel versiegelt.
Dann schloss sich das Bild wieder.
„Dies war nur die erste Prüfung“, sagte Nefares. „Nur die Frage, ob der Erbe stehen bleibt, wenn der erste Schatten auf den Namen des Königs fällt.“
Kaiba trat bis an die Feldgrenze. „Dann hör gut zu. Die nächste Prüfung beendest du nicht mit einem Monolog. Beim nächsten Mal zerlege ich dein gesamtes System, Stein für Stein.“
Nefares schenkte ihm einen kalten Seitenblick. „Du wirst es versuchen, Turmbauer.“
Yugi setzte seine letzte Karte verdeckt.
„Mein Zug endet.“
Stille breitete sich aus. Keine friedliche. Eher die Art von Stille, in der beide Seiten begriffen hatten, dass das hier weit über ein einzelnes Duell hinausging.
Ein geöffnetes Siegel war gefallen.
Das zweite war wieder geschlossen.
Die Chronische Nekropole war beschädigt, aber nicht vernichtet.
Und irgendwo in den flackernden Resten des Feldes war etwas passiert, das Yugi selbst noch nicht ganz verstand: Zum ersten Mal seit dem Schicksalsduell hatte sich die Grenze zwischen Erinnerung und Gegenwart nicht wie Verlust angefühlt.
Sondern wie eine Verbindung, die auf neue Weise weiterbestand.
Doch bevor jemand sprechen konnte, schlugen sämtliche Warnanzeigen der Kaiba Corporation gleichzeitig an.
Nicht wegen des Duells.
Wegen etwas anderem.
Auf dem größten Hauptschirm erschien eine Weltkarte. Über Ägypten, Domino City, dem Atlantik, Nordafrika und drei weiteren Punkten pulsierten dieselben goldenen Kreissymbole wie am Himmel zuvor.
Mokuba wurde kreidebleich. „Bruder… es sind nicht nur wir.“
Kaibas Blick wurde messerscharf.
Nefares schloss langsam die Augen, als hätte er genau darauf gewartet.
„Natürlich nicht“, sagte er.
Dann öffnete er sie wieder und sah direkt Yugi an.
„Das erste Siegel war nur der Anfang. Jetzt beginnen die anderen zu erwachen.“
Und tief im beschädigten Feld der Chronischen Nekropole hörte Yugi für den Bruchteil eines Augenblicks erneut jene ferne, vertraute Regung — nicht als Stimme, nicht als Erscheinung, sondern als stilles Versprechen:
Der Weg war noch nicht zu Ende.
Die Karte der erwachenden Punkte
Das Duellfeld war noch nicht vollständig verschwunden, als die Weltkarte auf dem Hauptschirm der Kaiba Corporation erneut aufflammte.
Die beschädigten Überreste der Chronischen Nekropole lagen wie ein halber Alptraum über dem Labor: schwarze Säulen, die in digitale Störungen zerfielen; goldene Markierungen, die nur noch in Schüben rotierten; ein Himmel aus Dämmerung, der zwischen Rissen aus Licht und Finsternis hing. Doch all das trat für einen Augenblick in den Hintergrund, weil auf dem Schirm über ihnen nun sechs Punkte pulsierten, jeder von einem vertrauten Kreis aus Symbolen umgeben.
Domino City.
Das Tal der Könige in Ägypten.
Ein Punkt über dem Atlantik.
Ein weiterer tief in Nordafrika.
Dann zwei, die Yugi auf den ersten Blick nicht zuordnen konnte — einer im Bereich des Mittelmeers, der andere weiter östlich, nahe einer Wüstenregion, in der die Karte kaum Städte markierte.
Mokuba stand an der Hauptkonsole, die Finger wie erstarrt über den Bedienelementen. „Die Signaturen sind fast identisch mit dem, was wir über Domino registriert haben“, sagte er. „Aber nicht völlig. Jeder Punkt hat leichte Abweichungen in Frequenz, Temperaturverhalten und Energiemuster.“
Kaiba trat direkt neben ihn. Sein Blick war kühl, aber jeder im Raum kannte ihn gut genug, um zu sehen, dass er mit maximaler Konzentration arbeitete.
„Abweichungen wie?“
Mokuba schaltete mehrere Datenfenster auf. „Der Punkt über Domino ist instabil und reagiert eindeutig auf das Feld hier unten. Ägypten zeigt eine ältere, tiefere Signatur. Der Atlantik hat starke Interferenzen, als wäre etwas im Wasser oder unter dem Wasser aktiv. Und die anderen drei…“ Er zögerte. „Die sehen fast aus, als hätten sie auf ein Signal gewartet.“
Nefares stand noch immer auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes, die Gewänder vom letzten Angriff gezeichnet, die Stirn mit einem wieder geschlossenen und einem noch offenen Siegel versehen. Doch trotz seiner Verletzung oder vielleicht gerade deshalb wirkte er nicht schwächer. Eher so, als sei mit dem ersten Bruch etwas in Bewegung geraten, das selbst er nicht mehr zurückhalten wollte.
„Nicht gewartet“, sagte er ruhig. „Gezählt.“
Yugi wandte sich zu ihm um. Noch immer spürte er das Echo des Duells im ganzen Körper. Seine Lebenspunkte waren niedrig gewesen, der mentale Druck der geöffneten Tore saß wie ein Nachhall in seinen Nerven, und doch stand er fester als zu Beginn. Etwas hatte sich verändert. Nefares hatte versucht, ihm den Boden unter den Füßen zu nehmen, indem er Namen, Orte und Zusammenhänge angriff. Stattdessen hatte Yugi zum ersten Mal verstanden, dass sein Deck, seine Erinnerungen und sein eigener Wille inzwischen enger miteinander verwoben waren, als er es selbst begriffen hatte.
„Was wird gezählt?“, fragte er.
Nefares sah ihn an. „Die Reihenfolge der Erwachungen.“
Joey hob sofort die Hände. „Nein. Nein, heute nicht mehr. Ich schwöre, wenn du wieder so tust, als wärst du ein lebendes Rätselbuch, dann—“
„Wheeler“, sagte Kaiba ohne jede Lautstärkeveränderung.
„Ja, ja, ich weiß. Still sein. Aber ernsthaft, jemand muss doch mal sagen, dass der Typ klingt, als hätte er eine Bedienungsanleitung für einen Untergang auswendig gelernt.“
Tristan fuhr sich durchs Haar. „Diesmal hat er nicht mal unrecht.“
Téa trat einen Schritt näher zu Yugi. „Kannst du stehen?“
Yugi nickte. „Ja.“
Es war keine heldenhafte Lüge. Er konnte wirklich stehen. Aber Téa sah trotzdem, wie viel Anstrengung es ihn kostete, die Schmerzen im Kopf und das Flackern der Bilder auszublenden. Sie sagte nichts weiter, doch ihre Nähe allein machte den Raum greifbarer, echter.
Kaiba verschränkte endlich wieder die Arme, allerdings nicht aus Arroganz, sondern weil er dachte. „Wenn diese Punkte zusammenhängen, dann ist Domino nur einer von mehreren Aktivierungsorten.“
„Korrekt“, sagte Nefares.
„Und das hier“, Kaiba deutete erst auf das beschädigte Feld, dann auf den Schirm, „war ein Testlauf.“
„Eine Öffnung“, korrigierte Nefares. „Ein Beweis, dass der Erbe reagiert.“
Yugi trat an die Grenze des Duellfeldes, so weit das flackernde System es zuließ. „Du hast von einem ersten Verrat gesprochen. Von einem Zyklus. Von einem Thron, der mehr als einen Anspruch kannte. Wenn diese Punkte erwachen, was passiert dann?“
Nefares schwieg.
Yugi spürte, dass dies nicht bloß Schweigen aus Stolz oder Bosheit war. Es wirkte eher, als bewege sich Nefares selbst innerhalb eines Gesetzes, das bestimmte Antworten erst dann zuließ, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt waren.
Schließlich sagte er: „Mit jedem erwachten Punkt nähert sich die Welt dem Zustand, in dem Erinnerung und Gegenwart nicht länger getrennt bleiben. Orte, Eide, Namen und Kronen werden sich wieder gegenseitig erkennen.“
„Das soll eine Antwort sein?“, fuhr Joey auf.
„Für dich nicht“, sagte Nefares. „Für ihn schon.“
Yugi dachte an die Bilder während des Duells. Den zweiten Schatten neben dem Thron. Die Stimme, die gesagt hatte, nur einer dürfe erinnert werden. Und jene andere, weibliche Stimme, die davon gesprochen hatte, dass einer vergessen werden müsse, wenn beide schworen.
Beide.
Nicht zwei Feinde.
Nicht zwei zufällige Gestalten.
Zwei Schwörende.
Ein kalter Gedanke schob sich in sein Bewusstsein: Was, wenn Atems Geschichte nicht mit einem Rivalen begann, sondern mit einem anderen Erben? Jemandem, der nicht bloß nach Macht griff, sondern ursprünglich Teil eines Eides gewesen war?
„Bruder“, sagte Mokuba plötzlich.
Kaiba sah auf.
„Der Punkt im Tal der Könige sendet jetzt Live-Daten. Oder irgendetwas, das wie Live-Daten aussieht.“
Auf dem Schirm wechselte die Darstellung. Erst nur Störungen. Dann ein Bild. Unscharf, grau, verrauscht von Sandpartikeln.
Ein archäologisches Lager.
Leere Zelte.
Zerrissene Seile.
Kisten, deren Deckel offenstanden.
Und am Rand des Bildes eine Steinwand, in die derselbe Kreis aus zwölf Einschnitten eingebrannt war, den Nefares auf der Stirn trug. Nur war der Kreis dort viel größer, mannshoch, und in der Mitte befand sich ein vertikaler Spalt.
Eine Tür.
Yugis Magen zog sich zusammen. Der Korridor aus seinen Träumen. Die schwarze Tür ohne Griff. Alles rückte mit einem Mal näher zusammen.
„Kannst du das Bild stabilisieren?“, fragte Kaiba.
„Ich versuche es.“
Das Bild flackerte, wurde schärfer. Jetzt war der Bereich vor der Steintür sichtbar. Auf dem Boden lagen keine Leichen. Keine Ausrüstung. Keine erkennbaren Spuren von Gewalt. Aber es gab Linien im Sand. Halbkreisförmige Schleifspuren, als hätte etwas Schweres dort gestanden und sei dann nicht weggetragen, sondern weggezogen worden. Weg in die Tür.
„Wo ist das Ausgrabungsteam?“, fragte Téa leise.
Niemand antwortete.
Nefares tat es schließlich. „Jenseits des ersten Eingangs.“
Kaiba drehte den Kopf zu ihm. „Sind sie tot?“
„Nicht zwingend.“
„Das war keine Antwort.“
„Es war die präziseste, die du erhalten kannst.“
Joey stieß hörbar Luft aus. „Ich werd mit dem nie warm.“
Yugi ließ den Schirm nicht aus den Augen. Die Tür im ägyptischen Lager wirkte nicht einfach alt. Sie wirkte wartend. Als sei sie nicht nur architektonisch gebaut, sondern absichtlich versiegelt worden, damit etwas Bestimmtes erst dann zurückkehren konnte, wenn bestimmte Konstellationen erfüllt waren.
Sechs Punkte.
Sechs Erwachungen.
Zählung.
„Du bist nicht hier, um uns alle direkt zu vernichten“, sagte Yugi plötzlich.
Nefares antwortete nicht sofort.
„Du bist hier, um etwas in Gang zu setzen. Das Duell war dafür nötig. Nicht weil du mich einfach besiegen wolltest, sondern weil du prüfen musstest, ob ich als… Träger reagiere.“
Ein kaum sichtbares Nicken.
„Und wenn ich nicht reagiert hätte?“
Diesmal dauerte es länger, bis Nefares sprach. „Dann wäre Domino gefallen, ohne dass der Name des Königs noch Bedeutung gehabt hätte.“
Im Raum wurde es still.
Selbst Joey brachte nichts dazwischen.
Kaiba hingegen verengte die Augen. „Du meinst, der Ort wäre verloren gegangen?“
„Nicht der Ort“, sagte Nefares. „Die Ordnung, die ihn noch an den Zyklus bindet.“
Kaiba sah für einen Moment aus, als wolle er direkt eine weitere Frage stellen, doch dann entschied er sich um. „Mokuba. Isolier alle Daten dieser sechs Punkte. Priorität Eins. Ich will Satellitenbilder, historische Schichten, Wetterdaten, Meereskarten, Grabungsberichte, Energieprofile, alles.“
„Schon dabei.“
„Und sperr den gesamten unteren Sektor. Niemand geht ohne meine Erlaubnis rein oder raus.“
Joey starrte ihn an. „Äh, Kaiba? Da steht immer noch der Grab-Typ mit dem Arm-Ding. Sollten wir vielleicht damit anfangen?“
Alle Blicke wandten sich wieder Nefares zu.
Die Restenergie des Feldes flackerte um seine Gestalt wie Nebel.
„Du wirst nicht bleiben“, sagte Kaiba.
Es war keine Vermutung. Es war eine Feststellung.
Nefares sah ihn an. „Nein.“
„Weil du es nicht kannst oder weil du es nicht willst?“
„Beides.“
Yugi machte einen Schritt nach vorn. „Wenn du gehst, kommst du wieder.“
„Ja.“
„Dann sag mir wenigstens eins.“ Yugi hielt seinem Blick stand. „Ist das alles wirklich gegen Atem gerichtet? Oder gegen etwas, das schon vor ihm begonnen hat?“
Nefares schwieg so lange, dass sogar die Monitore lauter zu summen schienen.
Dann sagte er: „Nicht gegen ihn. Gegen die Lücke, die sein Sieg hinterlassen hat.“
Und ehe jemand darauf reagieren konnte, begann der schwarze Riss hinter ihm zu wachsen.
~X~
Das Aufweiten des Risses geschah lautlos.
Gerade das machte es schlimmer.
Keine Explosion, kein donnernder Zusammenbruch, nicht einmal das Dröhnen einer Maschine. Das Schwarz hinter Nefares dehnte sich schlicht aus, als wäre die Luft selbst bereit, einen Teil ihrer Form aufzugeben. Die goldenen Symbole, die bisher ungeordnet darum kreisten, richteten sich neu aus und bildeten einen Ring aus rotierenden Zeichen, die nur Yugi in ihrer ganzen Schärfe zu erkennen glaubte. Es waren keine gewöhnlichen Hieroglyphen. Einige erinnerten an ägyptische Zeichen, andere an Sternkarten, wieder andere an Kreise und Bruchlinien, als ließe sich Zeit selbst in Schrift pressen.
Mokuba wich instinktiv einen halben Schritt zurück. Mehrere Techniker im hinteren Bereich des Labors taten es ihm nach. Nur Kaiba blieb stehen, als wollte er dem Riss allein durch Haltung klarmachen, dass auch diese Unmöglichkeit sich in seinem Gebäude nicht das letzte Wort nehmen durfte.
„Messwerte steigen!“, rief einer der Techniker. „Die Randenergie überschreitet die Belastungsgrenze der Projektoren!“
„Notabschaltung?“, fragte Mokuba.
„Unwirksam“, knurrte Kaiba. „Das Ding hängt längst nicht mehr von meinen Projektoren ab.“
Joey streckte sofort den Arm aus. „Dann ist jetzt offiziell der Punkt erreicht, an dem du zugeben darfst, dass Magie nicht nur alte Geschichte ist.“
Kaiba ignorierte ihn vollständig.
Yugi dagegen sah nur Nefares an.
In dem flackernden Halbdunkel des beschädigten Feldes wirkte dessen Gestalt gleichzeitig realer und ferner als zuvor. Sein zerrissenes Gewand bewegte sich nicht im Wind, sondern im Zug des Risses. Die goldenen Linien unter seiner Haut pulsierten jetzt sichtbarer, vor allem um Hals und Schläfen. Und das offene Siegel auf seiner Stirn glomm nicht nur. Es schien mit etwas jenseits des Risses im Takt zu stehen.
„Du bist an den Ort gebunden, von dem du kommst“, sagte Yugi.
Nefares wandte langsam den Kopf. „Teilweise.“
„Du kannst nicht lange hier bleiben.“
„In dieser Form nicht.“
Kaiba schaltete sich sofort ein. „Form?“
Nefares blickte ihn nicht an. „Manifestationen folgen Regeln. Jede Welt hält andere besser aus als die nächste. Eure ist laut. Dicht. Schwer. Sie stößt ab, was nicht sauber zu ihr gehört.“
„Und trotzdem bist du hier“, sagte Téa.
„Weil eine Tür geöffnet wurde.“
Kaiba verzog keine Miene, aber Yugi wusste, dass ihn das traf. Nicht als Schuld im moralischen Sinn. Kaiba dachte selten so. Doch als Ursache. Als Fakt. Und für Kaiba waren Ursachen nie belanglos.
„Meine Anlage“, sagte er kalt. „Du hast sie benutzt.“
„Ich habe nur den Weg genommen, den du gegraben hast.“
Joey schnaubte. „Das ist ziemlich eindeutig ein Ja, Kaiba.“
„Halt den Mund, Wheeler.“
„Kann ich nicht. Bin emotional investiert.“
Tristan trat zwischen Joey und die Feldbegrenzung, ehe der sich noch weiter vorlehnte. „Konzentrier dich lieber darauf, nicht wieder von unsichtbarer Magie gegen eine Wand geworfen zu werden.“
Yugi trat nun selbst näher an die flackernde Grenze. Die beschädigten Energielinien zischten, als wollten sie ihn warnen. Doch sie ließen ihn bis auf wenige Schritte an Nefares heran. Vielleicht, weil das Feld ihn inzwischen als zentralen Punkt erkannte. Vielleicht, weil es noch immer auf ihn reagierte.
„Du hast gesagt, es geht um eine Lücke, die Atems Sieg hinterlassen hat“, sagte Yugi. „Was für eine Lücke?“
Nefares’ Blick war schwer zu lesen. Nicht leer. Eher wie der Blick eines Menschen, der eine Wahrheit zu lange allein getragen hat und nicht mehr weiß, wie sie klingt, wenn man sie ausspricht.
„Euer König gewann das Recht, erinnert zu werden“, sagte er schließlich. „Aber jeder Sieg, der auf einem geteilten Anspruch ruht, erzeugt einen Rest.“
Yugi dachte an die Bilder des zweiten Schattens. An die Worte: Nur einer darf erinnert werden. An die andere Formulierung: Wenn beide schwören, wird einer vergessen werden müssen.
„Es gab also wirklich einen zweiten Anspruch.“
„Ja.“
Im Raum bewegte sich niemand.
Kaiba hob nur leicht das Kinn. „Auf den Thron?“
„Auf die Krone.“ Nefares’ Stimme wurde kühler. „Der Thron war nur das sichtbare Zeichen.“
„Wer war es?“, fragte Yugi.
Nefares schloss die Augen, als müsse er gegen eine unsichtbare Grenze anreden. „Der Name darf nicht vor dem dritten Tor gesprochen werden.“
Joey warf die Hände hoch. „Natürlich nicht. Warum sollte heute mal irgendwas einfach sein?“
Téa aber ließ Nefares nicht aus den Augen. „Und was ist mit den Menschen in Ägypten? Mit dem Ausgrabungsteam? Mit den anderen Punkten auf der Karte? Wenn überall solche Türen sind, dann sind da vielleicht noch mehr Menschen in Gefahr.“
Das offene Siegel auf Nefares’ Stirn glomm heller, als Téa sprach. Yugi bemerkte es sofort. Nefares antwortete ihr mit derselben ruhigen Schwere wie bisher, aber etwas an seinem Ton veränderte sich. Nicht weicher. Eher… präziser.
„Gefahr beginnt nicht erst mit dem Tod“, sagte er. „Sie beginnt dort, wo Orte wieder erkennen, was einmal unter ihnen versiegelt wurde.“
Téa wich nicht zurück. „Das ist immer noch keine Hilfe.“
Nefares sah sie einen Moment lang an. „Dann dies: An drei der sechs Punkte sind bereits Menschen verschwunden. Nicht getötet. Verlagert.“
Mokuba schluckte. „Verlagert wohin?“
„In die Räume zwischen den Öffnungen.“
Kaiba fuhr herum. „Kannst du das technisch übersetzen?“
„Nein“, sagte Nefares.
„Natürlich nicht.“
Yugi spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Menschen waren verschwunden, nicht nur ein Team in Ägypten. Es ging längst nicht mehr um eine abstrakte antike Bedrohung, sondern um reale Orte, reale Opfer, reale Zeit. Jeder Moment, den sie brauchten, um zu verstehen, war ein Moment, in dem weitere Punkte erwachen konnten.
„Dann gib uns wenigstens einen Anfang“, sagte Yugi. „Welcher dieser Orte ist als Nächstes dran?“
Nefares drehte den Kopf zur Weltkarte. Der Punkt über dem Atlantik pulsierte nun stärker als zuvor. Gleichzeitig flackerte der mediterrane Punkt unruhig auf und ab, als kämpfe er gegen eine unsichtbare Strömung.
„Nicht der nächste“, sagte Nefares. „Die nächsten.“
Kaiba trat sofort an Mokubas Konsole. „Kannst du die beiden Schwerpunkte isolieren?“
„Ja.“
Zwei Fenster sprangen auf. Eines zeigte Meeresdaten, Schifffahrtslinien, Tiefenkarten. Das andere historische Layer aus einer Wüstenregion im östlichen Mittelmeerraum. Alte Handelswege, Ruinenzonen, archäologische Sperrgebiete.
„Atlantik und—“ Mokuba stockte. „Bruder, der zweite Punkt liegt nahe einer alten Ruinenstätte, die vor Jahrzehnten gesperrt wurde. Mehrere Länder streiten seit Jahren über Zuständigkeiten. Es gibt fast keine aktuellen Daten.“
Kaiba lächelte dünn. Es war kein angenehmes Lächeln. „Dann besorgen wir sie.“
Joey sah zwischen Schirm und Riss hin und her. „Moment. Gehen wir gerade wirklich von null auf weltweite antike Katastrophe?“
„Ja“, sagte Tristan.
„Nur damit ich weiß, ob ich mich mental beschweren oder panisch werden soll.“
„Beides“, sagte Téa.
Der Riss hinter Nefares zog nun sichtbar an seiner Gestalt. Seine Konturen wurden an den Rändern unscharf, als ob feine Teile von ihm in das Dunkel zurückfielen. Yugi bemerkte auch etwas anderes: Die goldenen Linien unter seiner Haut waren nicht bloß Energieadern. Sie wirkten stellenweise wie Bruchstellen.
„Du zerfällst“, sagte Yugi.
Nefares’ Blick kehrte zu ihm zurück. „Diese Welt duldet keine Boten ohne Preis.“
„Bote“, wiederholte Kaiba sofort. „Also bist du nicht das Zentrum von all dem.“
Ein winziger Moment verging.
Dann sagte Nefares: „Nein.“
Das war fast schlimmer als alles andere.
Wenn Nefares nicht der Ursprung war, sondern lediglich ein Hüter, Vollstrecker oder Bote — dann stand hinter ihm etwas Größeres. Etwas, das nicht nur alte Kräfte besaß, sondern Strukturen, Siegel, Zyklen und vielleicht sogar mehrere Diener.
Yugi machte noch einen Schritt nach vorn. „Wessen Bote?“
Diesmal lag die Antwort bereits in Nefares’ Gesicht, bevor er sie aussprach. Nicht Furcht. Nicht Ehrfurcht. Eher die starre Loyalität eines Menschen, der eine Grenze auch dann nicht überschreitet, wenn er daran zerbricht.
„Desjenigen“, sagte er, „der niemals hätte vergessen werden dürfen.“
Ein leises, hohes Summen durchschnitt die Halle.
Mokuba riss den Blick zu den Anzeigen. „Der Riss kollabiert!“
„Rückzug vom Feld!“, rief Kaiba den Technikern zu.
Yugi blieb stehen.
Denn in genau diesem Moment passierte etwas Unerwartetes.
Zwischen ihm und Nefares, knapp über der zersplitterten Mitte des Duellfeldes, entstand für den Bruchteil einer Sekunde ein drittes Bild. Kein Mensch. Keine Tür. Keine Karte.
Ein Auge.
Nicht das Auge des Millenniums, nicht das steinerne Auge aus der Chronischen Nekropole, sondern ein menschliches Auge, golden, wach, traurig und zugleich unerbittlich.
Yugis Herz stoppte beinahe.
Dann war es verschwunden.
Nefares’ Kopf ruckte herum, als hätte auch er es gesehen. Zum ersten Mal wirkte er nicht kontrolliert.
„Unmöglich“, sagte er.
„Was?“, fragte Yugi sofort.
Doch der Riss zog an.
Nefares’ Gestalt wurde vom Dunkel gepackt, die Goldlinien unter seiner Haut rissen auf wie versiegelte Fugen, und seine letzten Worte trafen Yugi, Kaiba und die anderen wie ein Befehl, der selbst gegen den eigenen Willen ausgesprochen werden musste:
„Findet den Ort unter dem Wasser, bevor das zweite Erwachen die Tiefe öffnet.“
Dann verschwand er.
Der Riss schloss sich in einem einzigen, lautlosen Schnitt.
Und zum ersten Mal seit Beginn dieser neuen Krise war absolute, unnatürliche Stille im Labor.
~X~
Die Stille hielt nur drei Sekunden.
Dann brachen überall gleichzeitig Systeme in Alarme aus.
Mehrere Konsolen warfen rote Warnfenster aus. Ein Schaltkreis an der südlichen Projektorreihe explodierte in Funken. Zwei Techniker riefen durcheinander, während ein dritter versuchte, ein brennendes Modul mit einem Notlöscher abzudecken. Das beschädigte Restfeld der Chronischen Nekropole flackerte noch ein letztes Mal auf, zeigte einen halben Himmel aus schwarzer Dämmerung und zerfiel dann zu einem Regen aus dunklen Partikeln, die nicht auf dem Boden landeten, sondern mitten in der Luft verblassten.
Yugi stand noch immer an derselben Stelle.
Das Auge.
Er hatte es gesehen. Ganz sicher. Kein verzerrtes Datenartefakt, keine Restprojektion, kein Duellphantom. Es war anders gewesen als alles zuvor. Es hatte nicht gedroht. Nicht geprüft. Es hatte nur einen Augenblick lang existiert — und in diesem Augenblick hatte Yugi etwas gespürt, das er nicht einordnen konnte.
Kein klares Erkennen.
Keine Stimme.
Aber die Ahnung, dass noch eine weitere Präsenz zwischen den Fronten stand.
„Yugi.“
Er blickte auf. Téa war bei ihm. Irgendwann in den letzten Sekunden musste die Feldsperre endgültig gefallen sein, denn nun gab es nichts mehr, das sie zurückhielt. Joey war dicht hinter ihr, Tristan ebenfalls. Mokuba blieb zunächst an der Konsole, doch er sah immer wieder herüber.
„Alles okay?“, fragte Téa.
Yugi antwortete nicht sofort. Joey legte ihm eine Hand auf die Schulter, diesmal ungewöhnlich vorsichtig.
„Du musst nicht so tun, als wär nichts“, sagte Joey. „Der Typ hat dir im Duell fast den Kopf verdreht.“
Yugi atmete aus. „Ich bin okay genug.“
„Okay genug klingt ziemlich mies“, meinte Tristan.
„Ist es vielleicht auch.“
Téa sah ihn genauer an. „Du hast am Ende etwas gesehen, oder? Nicht nur Nefares.“
Yugi nickte langsam.
Joey hob sofort eine Augenbraue. „Noch so ein Antike-Weltuntergangs-Ding?“
„Nein“, sagte Yugi. „Anders.“
Kaiba trat zu ihnen, während hinter ihm Techniker damit begannen, zerstörte Leitungen zu sichern. „Später“, sagte er. „Jeder Eindruck, jede Vision, jedes Detail ist wichtig. Aber zuerst müssen wir verhindern, dass der nächste Punkt erwacht.“
„Du glaubst ihm also“, sagte Joey.
Kaiba warf ihm einen Blick zu, der allein schon eine Beleidigung war. „Ich glaube Daten. Und die sagen mir, dass wir gerade ein lokales Ereignis erlebt haben, während fünf weitere Signaturen aktiv sind. Dass unser Gegner verschwand, bedeutet nicht, dass das Problem es auch tat.“
„Er sagte, wir sollen den Ort unter dem Wasser finden“, erinnerte Téa.
Mokuba hatte inzwischen mehrere Fenster aufgezogen und rief ohne sich umzudrehen: „Ich arbeite schon daran! Der Atlantik-Punkt liegt nicht an einer Schifffahrtsroute. Eher am Rand eines alten Grabens. Aber da ist etwas Seltsames.“
Kaiba war sofort bei ihm. „Was?“
„Die Signatur liegt nicht direkt über dem Wasser. Eher darunter. Tief darunter. Und sie bewegt sich nicht.“
„Ein Wrack?“, fragte Tristan.
„Zu regelmäßig“, murmelte Kaiba.
Yugi trat langsam näher. Auf dem Schirm war nun ein komplexes 3D-Modell des Meeresbodens zu sehen. Tiefseegräben, Bruchlinien, Unterwasserplateaus. Und inmitten eines besonders alten Grabenverlaufs pulsierte der goldene Kreis.
„Das sieht nicht natürlich aus“, sagte Yugi.
Kaiba nickte knapp. „Ist es vermutlich auch nicht.“
Joey stemmte die Hände in die Hüften. „Moment. Willst du damit sagen, da unten liegt irgendein antikes Ding? Unter dem Atlantik? Seit wann bauen alte Könige Unterwasser-Fallen?“
„Seit Geschichten, die wir nur teilweise kennen, länger existieren als dein Vorstellungsvermögen“, sagte Kaiba.
„Unnötig gemein, aber fair.“
Mokuba zoomte weiter hinein. Mehrere Scanebenen legten sich übereinander. Sonar, Geologiedaten, historische Anomalien, alte Satellitenmessungen.
Dann hielt er inne.
„Bruder.“
Kaiba beugte sich vor.
„Da ist eine Struktur.“
Der Bildschirm zeigte jetzt deutlich Kanten. Keine natürlichen Formationen, sondern geometrische Linien, halb im Sediment verborgen. Große Kreise. Ein langgestreckter zentraler Bereich. Und außerhalb davon zwölf ringförmige Vertiefungen, die in unregelmäßigen Abständen um die Hauptstruktur lagen.
Yugi spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Zwölf.
Natürlich zwölf.
„Das kann kein Zufall sein“, sagte Téa.
„Ist es nicht“, sagte Kaiba.
Joey starrte den Schirm an, dann Yugi, dann wieder den Schirm. „Sagt mir bitte, dass wir nicht wirklich ins Meer müssen.“
„Wir müssen wahrscheinlich wirklich ins Meer“, sagte Tristan.
„Ich hasse diese Antwort.“
Kaiba richtete sich auf. „Mokuba. Ich will alles, was wir über versunkene Strukturen in diesem Gebiet haben. Alte Expeditionen, abgebrochene Sonarmessungen, militärische Sperrprotokolle, Ozeanographiedaten. Und ich brauche in weniger als einer Stunde ein einsatzfähiges Fahrzeug.“
Joey blinzelte. „Warte. Was?“
„Ein Tauchsystem.“
„Du hast natürlich ein Tauchsystem.“
„Mehrere.“
„Warum hast du mehrere?“
Kaiba sah ihn an, als sei die Frage unter seiner Würde. „Weil die Welt größer ist als Domino City, Wheeler.“
Joey drehte sich zu Tristan. „Sag du mal, dass das nicht normal ist.“
„Das ist nicht normal“, sagte Tristan. „Aber bei ihm leider erwartbar.“
Yugi hörte nur einen Teil davon. Sein Blick blieb an der Struktur unter Wasser hängen. Zwölf ringförmige Vertiefungen. Ein Zentrum. Ein Ort, der nicht nur alt, sondern bewusst angelegt wirkte. Und Nefares’ Warnung hallte noch nach: bevor das zweite Erwachen die Tiefe öffnet.
„Wenn dieser Ort wirklich als Nächstes aktiv wird“, sagte Yugi, „dann reicht es nicht, nur hinzufahren und zu schauen. Wir müssen verstehen, was die Erwachungen auslöst.“
„Das Duell war ein Schlüssel“, sagte Téa. „Zumindest teilweise.“
Kaiba nickte. „Domino reagierte eindeutig auf dich und auf Nefares. Aber die anderen Punkte könnten andere Auslöser haben. Ort, Objekt, Person, Resonanzmuster.“ Er sah zu Yugi. „Oder Erinnerungsfragmente.“
Mokuba drehte sich im Stuhl zu ihnen um. „Es gibt noch was.“
Kaiba hob das Kinn. „Sprich.“
„Die Weltkarte. Die sechs Punkte sind nicht einfach sechs einzelne Signaturen. Wenn ich die Aktivitätsmuster übereinanderlege, bilden sie…“ Er zögerte, dann blendete die Grafik ein. „…eine Bahn.“
Goldene Linien verbanden die Punkte. Nicht direkt, sondern in einer gebogenen, fast spiralförmigen Anordnung. Domino lag nicht im Zentrum, sondern auf einer äußeren Linie. Ägypten und der Atlantik dagegen schienen zwei größere Knotenpunkte zu bilden.
„Eine Route“, sagte Tristan.
„Oder ein Ritualpfad“, murmelte Téa.
Yugi dachte an Nefares’ Worte über Zählung und Reihenfolge. An das Gefühl, dass Orte sich wieder erkennen würden. Vielleicht waren die Punkte nicht bloß Siegelstationen. Vielleicht waren sie Teil einer Wiederzusammensetzung. Einer Karte, die nur erschien, wenn genug Stellen gleichzeitig reagierten.
Kaiba hatte denselben Gedanken. „Mokuba, projizier die Linie in historischen Layern.“
Das Bild wechselte erneut. Alte Küstenverläufe. Verschobene Wüstenzonen. Antike Handelsrouten. Und plötzlich deckte sich die Spirale nicht mehr bloß mit modernen Koordinaten, sondern mit etwas viel älterem: einer Reihe von Regionen, die einst über Wasser, später versandet, versunken oder begraben worden waren.
„Das ist kein zufälliges Netzwerk“, sagte Kaiba. „Das ist ein altes System.“
Joey stöhnte. „Ich mochte die Zeiten, in denen Turniere einfach nur Turniere waren.“
Niemand antwortete, weil jeder wusste, dass diese Zeiten endgültig vorbei waren.
Yugi ging einen Schritt vom Schirm zurück und schloss kurz die Augen.
Da war er wieder. Der Nachhall der fernen, vertrauten Regung. Nicht als Stimme, nicht als echte Gegenwart. Aber als Richtung. Als Erinnerung daran, dass man manchmal keine vollständige Antwort brauchte, um den nächsten richtigen Schritt zu gehen.
Als er die Augen öffnete, wusste er bereits, was gesagt werden musste.
„Wir fahren hin“, sagte er.
Kaiba sah ihn direkt an. „Natürlich tun wir das.“
„Nicht nur du.“
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
Joey hob die Hand. „Ich protestiere grundsätzlich gegen alles, was nach Unterwasser-Grab klingt. Aber ich bin dabei.“
„Ich auch“, sagte Téa sofort.
Tristan seufzte. „Als ob ich euch allein lassen würde.“
Mokuba sah zu seinem Bruder. „Ich komme auch.“
Kaiba schwieg einen Moment.
Dann sagte er: „Ja.“
Das eine Wort änderte die Atmosphäre mehr als vieles zuvor. Keine Diskussion. Kein Protegieren. Kein Zurücklassen. Mokuba war Teil der Sache.
Yugi sah noch einmal auf die Struktur unter dem Atlantik.
Irgendwo dort unten wartete das zweite Erwachen.
Und vielleicht mehr als das.
~X~
Die Vorbereitungen begannen noch im selben Labor, aber der Raum wirkte nun eher wie eine militärische Einsatzzentrale als wie ein Forschungsbereich.
Techniker schoben mobile Arbeitsstationen herein. Beschädigte Projektormodule wurden aus der Nähe der Hauptplattform entfernt. Sicherheitskräfte sperrten den unteren Sektor vollständig ab. Auf mehreren neuen Bildschirmen liefen parallel Karten, Sonarprofile, Wetterdaten, Unterwasserströmungen und historische Archivbilder. Kaiba Corp. hatte binnen Minuten auf höchste Krisenstufe umgeschaltet, und es war zugleich beeindruckend und beunruhigend, wie nahtlos Kaibas Organisation auf etwas reagieren konnte, das selbst in ihren Systemen nicht vorgesehen sein durfte.
Yugi saß auf einer Metallbank am Rand des Raumes, ein Glas Wasser in der Hand, das er bisher kaum angerührt hatte. Téa hatte darauf bestanden, dass er sich zumindest für ein paar Minuten setzte. Joey stand in unmittelbarer Nähe und tat so, als bewache er die gesamte Bank gegen unsichtbare Feinde, während Tristan mit verschränkten Armen die verschiedenen Einsatzanzeigen beobachtete.
„Sag mir ehrlich“, sagte Joey. „Wie schlimm war das wirklich?“
Yugi verstand sofort, was er meinte. Nicht der körperliche Schaden des Duells. Das, was Nefares mit den geöffneten Siegeln in seinem Kopf ausgelöst hatte.
Er sah auf das Wasserglas. Die Oberfläche war ruhig, spiegelte aber das kalte Licht der Monitore in zitternden Linien.
„Es war, als würde etwas durch Erinnerungen gehen, die nicht meine sind“, sagte er schließlich. „Nicht so wie früher mit Atem. Damals war da immer auch Klarheit, selbst wenn etwas überwältigend war. Diesmal war es eher…“ Er suchte nach dem richtigen Wort. „…ein Archiv, das sich gegen mich öffnet, aber nur in Rissen.“
Téa setzte sich neben ihn. „Und du denkst, dass diese Bilder echt sind?“
„Ja.“
„Nicht bloß Fallen?“
Yugi schüttelte den Kopf. „Vielleicht teilweise verzerrt. Aber nicht erfunden.“
Tristan sah zu ihnen herüber. „Dann haben wir jetzt also nicht nur ein antikes Problem, sondern eins mit unvollständigen Erinnerungen. Super.“
Joey stöhnte auf. „Warum können Bedrohungen nie mal einfache Schwächen haben? So was wie: ‘zerstör die große Kristallkugel und alles ist gut’.“
„Weil du dann das Gespräch verpassen würdest, in dem du dich beschwerst“, sagte Téa.
„Das stimmt.“
Yugi lächelte kurz. Es war klein, aber echt.
Ein Stück weiter diskutierten Kaiba und Mokuba mit mehreren leitenden Technikern. Auf einem der großen Schirme war bereits das Modell eines hochmodernen Tiefseefahrzeugs eingeblendet, schlank, dunkel, mit mehreren modularen Armen und einem Druckkörper, der eher wie ein Raumfahrzeug als wie ein klassisches U-Boot aussah.
Joey bemerkte es ebenfalls. „Natürlich ist sein Tauchboot futuristisch.“
„Es ist kein Boot“, sagte Tristan trocken. „Es ist wahrscheinlich ein ‘abyssales Mehrzweck-Interventionssystem’ oder so.“
Mokuba drehte sich zu ihnen um und grinste trotz der Lage kurz. „Fast. Es heißt Leviathan-01.“
Joey zeigte stumm in die Luft, als wolle er sagen: Siehst du?
Kaiba trat nun zu ihrer Gruppe. „Abflug in fünfundvierzig Minuten.“
„Abflug?“, wiederholte Joey. „Warte, wir fliegen erst zu einem Tauchboot?“
„Das Fahrzeug befindet sich auf einer mobilen Plattform im Atlantik“, sagte Kaiba. „Sie wird von einem Trägersystem aus gestartet.“
„Natürlich wird sie das.“
Yugi stand langsam auf. Die kurze Pause hatte geholfen. Nicht genug, um die Bilder in seinem Kopf verschwinden zu lassen, aber genug, um wieder ganz im Raum zu sein.
„Was wissen wir über den Ort?“, fragte er.
Kaiba aktivierte ein Hologramm zwischen ihnen. Die Unterwasserstruktur erschien als leuchtendes Drahtmodell.
„Nicht genug“, sagte er. „Aber mehr als vor zwanzig Minuten. Die Hauptanlage liegt in großer Tiefe auf einer geologisch alten Platte. Sie ist nicht natürlichen Ursprungs. Sonardaten deuten auf ringförmige Außenanlagen, einen zentralen Korridor und mindestens drei größere Hohlräume hin. Zwei frühere zivile Messungen wurden vor Jahren abgebrochen, nachdem Geräteausfälle und Orientierungsstörungen auftraten. Die Daten verschwanden aus öffentlichen Archiven.“
„Und du hast sie natürlich trotzdem gefunden“, sagte Joey.
„Ja.“
„Ich frag schon gar nicht mehr wie.“
Kaiba ignorierte das. „Das Problem ist nicht nur der Ort selbst. Kurz nach Nefares’ Verschwinden stieg die Aktivität dort um vierzehn Prozent. Wenn seine Aussage stimmt, dann beginnt das zweite Erwachen bereits.“
„Was bedeutet ‘die Tiefe öffnet’ überhaupt?“, fragte Téa.
Kaiba hob eine Datenreihe hervor. „Im besten Fall strukturelle Aktivität. Im schlechtesten Fall eine räumliche Überlagerung wie hier in Domino, nur unter Wasser und in deutlich größerem Maßstab.“
Tristan verzog das Gesicht. „Das klingt absolut nicht nach bestem Fall.“
Mokuba verschränkte die Arme. „Es gibt noch etwas, das wir nicht ignorieren sollten. Die Ringstrukturen um den Hauptkomplex ähneln nicht nur den zwölf Einschnitten aus Nefares’ Symbol. Ihre Abstände passen auch zu den sechs aktiven Punkten auf der Weltkarte, wenn man das Muster halbiert.“
Yugi sah ihn an. „Halbiert?“
„Sechs aktive Punkte“, sagte Mokuba, „zwölf Gesamtpositionen. Vielleicht sind nur die Hälfte bereits erwacht.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann sprach Kaiba den Gedanken aus, den alle hatten. „Also könnten noch sechs weitere folgen.“
Joey schloss die Augen. „Ich hätte wirklich gern einmal einfach nur ein Kartenladenproblem. So etwas wie ‘wer hat die neue Boosterbox geklaut’.“
„Du vermutlich“, sagte Tristan.
„Unverschämte Unterstellung.“
Yugi trat an das Hologramm heran und betrachtete den zentralen Korridor der Unterwasseranlage. Irgendetwas daran fühlte sich falsch vertraut an. Nicht, weil er ihn kannte, sondern weil sein Traum vom langen Steingang und der schwarzen Tür sich in diese Linien drängte. Vielleicht war es nicht derselbe Ort. Vielleicht nur eine ähnliche Struktur. Aber inzwischen schien alles darauf hinauszulaufen, dass Türen, Korridore und Siegel keine Einzelphänomene waren, sondern Teile desselben Systems.
„Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass dort unten nicht nur Maschinen versagen“, sagte Yugi. „Wenn die Erwachungen mit Erinnerungen, Namen und Orten arbeiten, kann der Ort selbst auf uns reagieren.“
Kaiba nickte. „Darum nehme ich mobile Resonanzanker mit. Sie stabilisieren lokale Felder.“
Joey starrte ihn an. „Hattest du die einfach rumliegen?“
„Ich habe sie vor Jahren entwickelt, nachdem ich mehrmals unfreiwillig in übernatürliche Konflikte verwickelt wurde.“
„Das ist erschreckend vernünftig.“
Téa sah von Yugi zu Kaiba. „Und wenn dort unten wieder ein Duell nötig ist?“
Kaiba antwortete ohne Zögern. „Dann führen wir es.“
„Wir?“, fragte Joey.
„Ja, wir“, sagte Kaiba. „Ich habe nicht vor, Yugi diesmal allein das Zentrum jeder Resonanzreaktion tragen zu lassen.“
Yugi sah ihn kurz an. Zwischen ihnen hatte es immer Konkurrenz, Reibung, Stolz und den Schatten des letzten Duells gegeben. Aber genau deshalb wusste Yugi, dass dieses Angebot Gewicht hatte. Kaiba sagte so etwas nicht aus Sentimentalität. Er sagte es, weil er beschlossen hatte, dass es notwendig war. Und bei ihm war das oft die deutlichste Form von Rückhalt.
„Gut“, sagte Yugi.
Mokuba bekam über Ohrkontakt eine neue Meldung und blickte sofort auf. „Die Plattform meldet Startbereitschaft. Wetterfenster stabil für die nächsten drei Stunden. Danach wird’s deutlich schlechter.“
„Dann verschwenden wir keine Zeit mehr“, sagte Kaiba.
Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Techniker wichen zur Seite, Türen öffneten sich automatisch, Sicherheitslichter sprangen entlang des Korridors an. Yugi ging neben Téa, Joey und Tristan, während Kaiba und Mokuba vorausliefen. Hinter ihnen blieb das beschädigte Labor zurück — die erste offene Wunde dieses neuen Konflikts.
Kurz bevor Yugi den Ausgang des Sektors erreichte, hielt er noch einmal inne.
Er drehte sich um.
Zwischen den letzten Resten der gelöschten Chronischen Nekropole war nichts mehr zu sehen. Kein Riss. Kein schwarzer Himmel. Kein Nefares.
Und doch glaubte Yugi für einen winzigen Moment erneut, jene andere Präsenz zu spüren. Nicht feindlich. Nicht klar. Aber aufmerksam. Als beobachte jemand aus einer Tiefe jenseits aller geöffneten Tore, ob er den nächsten Schritt wirklich gehen würde.
Yugi senkte den Blick nicht.
Dann wandte er sich um und lief den anderen nach.
Über ihnen wartete der Himmel.
Vor ihnen der Atlantik.
Und unter den schwarzen Wassermassen wartete ein Ort, der vielleicht seit Jahrtausenden darauf gewartet hatte, dass endlich wieder jemand an seine Türen klopfte.
Der Abstieg zur versiegelten Tiefe
Der Wind über dem Atlantik war härter, als Yugi erwartet hatte.
Nicht einfach kalt, nicht bloß feucht, sondern von jener rohen, offenen Gewalt, die nur das Meer tragen konnte, wenn ringsum nichts war als Wasser, Himmel und die Ahnung von Tiefe. Die mobile Plattform der Kaiba Corporation lag wie eine dunkle Festung auf den nächtlichen Wellen. Stahlträger, Landeflächen, Antennen, bewegliche Kräne, versenkte Hangartore und ein zentraler Kontrollturm aus blau getöntem Sicherheitsglas gaben ihr das Aussehen eines schwimmenden Militärkomplexes, nicht einer zivilen Forschungsbasis. Überall liefen Crewmitglieder in Kaiba-Corp.-Anzügen zwischen Konsolen, Sicherungspunkten und Transportwagen hin und her. Scheinwerfer tasteten über die aufgewühlte Oberfläche des Meeres, wurden aber schon wenige Meter weiter von schwarzer Gischt verschluckt.
Yugi stand nahe der Reling des oberen Decks und sah hinaus in die Dunkelheit.
Die Reise von Domino bis hierher war schnell gewesen. Zu schnell vielleicht, um die Ereignisse im Labor wirklich zu verarbeiten. Kaiba hatte einen Hochgeschwindigkeitstransporter eingesetzt, der sie in Rekordzeit auf die Plattform gebracht hatte. Joey hatte den halben Flug damit verbracht, sich über Sitzgurte, Turbulenzen und Kaibas „unnötig dramatische Maschinen“ zu beschweren. Tristan hatte versucht, ruhig zu wirken und war dennoch bei jeder abrupten Kurskorrektur sichtbar blasser geworden. Téa hatte die meiste Zeit geschwiegen, dafür Yugi mit genau jener stillen Aufmerksamkeit im Blick behalten, die ihm mehr Halt gab, als er zugeben musste. Mokuba war zwischen Cockpitdaten, Einsatzplänen und Kaibas knappen Anweisungen hin- und hergesprungen, als gäbe es keinen Zustand, in dem er nur Zuschauer war.
Und nun waren sie hier.
Über dem Ort unter dem Wasser.
Über dem zweiten Erwachen.
„Sieht aus wie das Ende der Welt“, sagte Joey, der sich neben Yugi an die Reling stellte und sofort einen Schritt zurückwich, als eine besonders harte Windböe Gischt über das Deck trieb. „Oder wie der Anfang von etwas, das mich sehr, sehr unglücklich machen wird.“
„Beides ist möglich“, sagte Tristan.
„Warum bist du heute so unterstützend?“
„Ich arbeite an meinem Stil.“
Yugi lächelte kurz, doch sein Blick kehrte sofort zum Meer zurück. Es war nicht einfach die Dunkelheit, die ihn beschäftigte. Es war das Gefühl darunter. Seit sie in den Luftraum über der Plattform eingeflogen waren, hatte sich das Ziehen hinter seinen Augen wieder verstärkt. Nicht schmerzhaft wie im Duell mit Nefares, eher ein beständiger Druck. Als läge unter den Wellen ein Ort, der auf seine Nähe reagierte. Kein Ruf. Kein Befehl. Eher eine alte Struktur, die bemerkte, dass jemand mit der richtigen Resonanz an ihre Schwelle getreten war.
Téa trat zu ihnen. Ihr Haar wurde vom Wind erfasst, und sie musste eine Hand heben, um es aus dem Gesicht zu halten. „Kaiba lässt uns in fünf Minuten in den Hauptkontrollraum kommen.“
Joey machte ein Gesicht. „Wetten, er sagt irgendwas wie: ‘Hört genau zu und haltet euch aus dem Weg, wenn ihr nicht stören wollt’?“
„Das wäre fast freundlich formuliert“, sagte Tristan.
„Er hat es ungefähr so gesagt“, meinte Téa trocken.
Von der anderen Seite des Decks rief Mokuba: „Ihr solltet wirklich kommen! Mein Bruder hat die endgültigen Scans!“
Joey schob die Hände in die Jackentaschen und stöhnte leise. „Da ist es. Das Geräusch meines friedlichen Lebens, das sich weiter entfernt.“
Sie folgten Mokuba durch eine Schleuse in den inneren Bereich der Plattform. Sofort wurde der Wind gedämpft, ersetzt durch das tiefe Summen von Maschinen, Schritten auf Metall und dem gedämpften Stimmengewirr einer Einsatzmannschaft, die längst verstanden hatte, dass dieser Auftrag außerhalb aller gewohnten Protokolle lag. Mehrere Crewmitglieder sahen Yugi und die anderen kurz an, dann wieder auf ihre Arbeit. Man sah ihren Blicken an, dass sie Fragen hatten. Aber Kaiba Corp. funktionierte in Krisenlagen so, dass Fragen hinter Ausführung zurückstanden.
Der Hauptkontrollraum erstreckte sich über zwei Ebenen. Im Zentrum hing ein dreidimensionales Modell des Meeresbodens, in dem der Zielbereich als goldener Lichtkreis markiert war. Daneben liefen Sonarschnitte, Druckprofile, Temperaturkurven und Tiefenkarten. Die Unterwasserstruktur war mittlerweile deutlich klarer erfasst als noch im Labor unter Domino. Sie bestand aus einem langgezogenen zentralen Komplex, der wie ein versunkener Tempel oder Palast wirkte, flankiert von ringförmigen Nebenanlagen. Zwölf Vertiefungen lagen darum wie eingefasste Plätze oder ehemalige Außentore. Sechs davon zeigten keinerlei Aktivität. Einer pulsierte schwach. Einer deutlich stärker. Die restlichen waren nur als tote Schatten zu erkennen.
Seto Kaiba stand vor der größten Projektion, die Arme hinter dem Rücken, die Miene scharf und vollkommen wach.
„Da seid ihr endlich“, sagte er, ohne Begrüßung. „Wir haben ein engeres Zeitfenster als gedacht.“
Joey hob sofort eine Hand. „Nur aus Interesse: Gab es jemals in deinem Leben einen Moment, in dem du Menschen ganz normal informiert hast, ohne so zu klingen, als wären sie Personal?“
„Ja“, sagte Kaiba. „Mit wichtigeren Menschen.“
„Unglaublich. Wirklich inspirierend.“
Mokuba rollte kurz mit den Augen, bevor er auf die Projektion zeigte. „Wir haben den Komplex weiter kartiert. Der Hauptzugang liegt an der Oberseite einer zentralen Struktur, fast wie ein versiegelter Hof. Aber die aktivste Resonanz sitzt tiefer — unter dem Hauptkorridor, in einer Kammer, die von außen nicht direkt zugänglich sein sollte.“
„Sollte?“, fragte Téa.
„Die Wände verhalten sich auf den Scans nicht stabil“, sagte Mokuba. „Sie sind da, aber nicht immer auf dieselbe Weise.“
Tristan verzog das Gesicht. „Das klingt unangenehm poetisch für Architektur.“
Kaiba übernahm wieder. „Anders gesagt: Die Anlage reagiert nicht wie tote Ruinen. Teile ihrer inneren Struktur scheinen sich bei bestimmten Energiespitzen neu anzuordnen. Nicht mechanisch. Eher… zustandsabhängig.“
„Also magisch“, sagte Joey.
Kaiba ignorierte das Wort, aber nicht den Inhalt. „Wir steigen mit Leviathan-01 ab. Das Fahrzeug ist auf extreme Tiefe ausgelegt und mit Resonanzankern ausgestattet, die lokale Überlagerungen stabilisieren können. Ich lasse außerdem ein Fernmodul vorausfahren, um die Zugangszone zu testen.“
Yugi trat näher an die Projektion. Das Modell des Hauptkorridors wirkte auf seltsame Weise vertraut. Wieder dachte er an seinen Traum vom langen Steingang und der schwarzen Tür. Doch nun kam eine weitere Erinnerung hinzu: die Steinwand im Livebild aus Ägypten, mit dem Kreis aus zwölf Einschnitten und dem vertikalen Spalt in der Mitte. Vielleicht war diese Unterwasseranlage kein abgetrennter Ort. Vielleicht war sie mit den anderen Punkten architektonisch, rituell oder symbolisch verbunden.
„Gibt es dort unten auch ein Tor?“, fragte er.
Mokuba sah zu Kaiba, dann wieder auf den Schirm. „Nicht genau wie in Ägypten. Aber ja. Im Zentrum des inneren Korridors ist eine versiegelte Zone. Kreisförmige Einfassung. Vertikale Trennlinie. Fast dieselben Proportionen.“
Yugis Nackenhaare richteten sich auf.
Kaiba bemerkte es. „Du kennst dieses Muster.“
Es war keine Frage.
„Aus meinen Träumen“, sagte Yugi. „Und aus dem Bild aus dem Tal der Könige.“
Stille breitete sich kurz aus.
Téa war die Erste, die sprach. „Dann ist das kein Zufall mehr.“
„Das war es vorher schon nicht“, sagte Kaiba.
Er vergrößerte die zentrale Kammer der Anlage. Jetzt war klarer zu sehen, dass der Hauptkorridor in einen kreisförmigen Raum führte. In dessen Mitte lag eine abgesenkte Fläche, vielleicht ein Podest, vielleicht ein Schacht. Darum herum verliefen Linien in der gleichen radialen Anordnung wie auf Nefares’ Stirnsiegel.
„Das zweite Erwachen“, sagte Yugi leise. „Es passiert dort.“
„Vermutlich“, sagte Kaiba. „Und wir werden verhindern, dass es vollständig einsetzt.“
Joey sah auf die Tiefenanzeige und stöhnte auf. „Wie tief genau ist ‘tief’ eigentlich? Nur damit mein Körper rechtzeitig damit anfangen kann, sich zu beschweren.“
Mokuba räusperte sich. „Sehr tief.“
„Mokuba.“
„Tief genug, dass normales Tauchen keine Option ist.“
„Mokuba.“
„Mehrere tausend Meter.“
Joey starrte ihn an. „Mehrere—? Nein. Nein, das ist nicht okay. Da unten gehören wir biologisch einfach nicht hin.“
„Das ist richtig“, sagte Tristan. „Und trotzdem gehen wir.“
Kaiba wechselte die Anzeige. Nun erschien ein Schnittmodell von Leviathan-01. Der Druckkörper bot Platz für sechs Personen. Vorne befand sich ein Hauptsichtbereich mit verstärkten Panzerscheiben und holografischer Überblendung. Dahinter lagen Steuer- und Sensorsysteme, ein kleiner Ausrüstungsraum und zwei abkoppelbare Außenmodule.
„Die Besatzung steht fest“, sagte Kaiba. „Ich gehe runter. Mokuba kommt mit in die Leitsektion. Yugi ebenfalls. Téa, Joey und Tristan bleiben—“
„Nein“, sagte Joey sofort.
Kaiba sah ihn kühl an. „Du hast den Satz noch nicht zu Ende gehört.“
„Muss ich nicht. Wenn Yugi da runtergeht, dann geh ich auch.“
„Und ich auch“, sagte Téa, ohne zu zögern.
Tristan hob nur eine Hand. „Offensichtlich.“
Kaiba ließ den Blick einmal über alle drei gleiten. „Ihr seid nicht ausgebildet für Tiefseeeinsätze.“
„Wir sind auch nicht ausgebildet für antike Weltenkrisen“, sagte Joey. „Und irgendwie sitzen wir trotzdem jedes Mal mittendrin.“
Mokuba musste unwillkürlich grinsen.
Kaiba schwieg einen Moment zu lange, um noch wie routinierte Ablehnung zu wirken. Schließlich sagte er: „Gut. Dann bleibt ihr im inneren Druckraum, bis ich etwas anderes sage.“
„Das klang fast wie ein Kompromiss“, murmelte Tristan.
„Genieß ihn, solange du kannst“, sagte Kaiba.
Yugi blickte wieder auf die versunkene Anlage.
Irgendwo in dieser Tiefe wartete ein Ort, der längst aufgewacht war oder gerade dabei war, es zu tun.
Und irgendetwas in ihm wusste, dass sie nicht zu spät kommen durften.
~X~
Der Hangar der Plattform lag tief im Bauch der Anlage.
Man erreichte ihn über einen Lastenaufzug, der lange genug nach unten fuhr, dass Joey ab der Hälfte der Strecke erklärte, er fühle sich „emotional bereits versenkt“. Die Türen öffneten sich zu einer riesigen Kammer, in deren Zentrum Leviathan-01 in einer Startvorrichtung ruhte wie ein Raubtier im Schlaf.
Yugi hatte viele von Kaibas Maschinen gesehen. Duel Disks, Luftschiffe, Jets, holografische Arenen, Satellitensysteme. Aber dieses Fahrzeug war anders. Weniger auf Schauwert gebaut, mehr auf Funktion, und gerade deshalb wirkte es noch eindrucksvoller. Der Rumpf war dunkel und glatt, stromlinienförmig, ohne unnötige Aufbauten. Verstärkte Segmentplatten überlappten sich wie Panzerung. Schmale Leuchtlinien zogen sich entlang der Seiten, unterbrochen von mehreren ringförmigen Modulen, die offenbar die Resonanzanker beherbergten. Vorne saßen die Hauptsensoren wie die Augen eines metallischen Tiefseewesens. Unter dem Bauch des Fahrzeugs war eine zweite, kleinere Einheit eingehängt — vermutlich das Fernmodul, das Kaiba erwähnt hatte.
Mehrere Techniker bewegten sich mit geübter Präzision um das Fahrzeug herum. Kabel wurden gelöst, Druckschotts geprüft, Versorgungseinheiten versiegelt. Über Lautsprecher liefen Statusmeldungen in knappen Intervallen. Alles klang nach einem Einsatz, für den diese Crew trainiert hatte. Nur das Ziel dieses Einsatzes passte in kein normales Trainingsprotokoll.
Joey blieb mitten auf dem letzten Steg stehen. „Das Ding sieht teuer aus.“
„Es ist teuer“, sagte Kaiba.
„Das hilft mir nicht.“
Mokuba deutete nach oben. „Die Außenhülle ist mehrfach verstärkt und kann extremen Druck aushalten. Zusätzlich haben wir aktive Stabilisierung, ein Trägheitskompensationssystem für abrupte Strömungen und die Resonanzanker, falls der Zielort dieselben Überlagerungen erzeugt wie Domino.“
„Du erklärst das viel freundlicher als dein Bruder“, sagte Téa.
„Ich übe noch.“
Tristan ging langsam um die seitliche Einstiegsschleuse herum und sah auf mehrere Anzeigen. „Bitte sag mir, dass das hier ein Autopilot-Ding ist.“
„Teilweise“, sagte Kaiba. „Aber ich steuere selbst.“
„Natürlich.“
Yugi trat an den Rumpf heran. Das dunkle Material war kühl, doch nicht so kalt, wie Metall in dieser Umgebung hätte sein sollen. Als er die Hand fast unbewusst auf die Außenhaut legte, lief für einen Moment ein feines, blaues Lichtband unter seiner Berührung entlang.
Mokuba bemerkte es sofort. „Interessant.“
Kaiba ebenfalls. „Die Außenresonanz reagiert auf dich.“
„Ist das schlecht?“, fragte Joey.
„Noch nicht“, sagte Kaiba.
Yugi zog die Hand zurück. „Vielleicht nur, weil das System auf den Ort abgestimmt ist.“
„Oder weil du auf den Ort abgestimmt bist“, sagte Téa leise.
Keiner widersprach.
Ein Techniker trat an Kaiba heran und übergab ihm ein Datenpad. „Druckkörper versiegelt, Energieversorgung nominal, Außenmodule einsatzbereit. Fernsonde gekoppelt und startklar.“
Kaiba prüfte die Angaben mit einem Blick. „Gut. Start in zehn Minuten.“
Die Einstiegsschleuse öffnete sich zischend. Im Inneren von Leviathan-01 war alles kompakt, funktional und von derselben klaren Designhärte geprägt, die Kaiba überall bevorzugte. Zwei Sitze standen vorne an der Steuersektion, drei weitere dahinter entlang einer seitlichen Konsole, ein sechster etwas erhöht mit Zugang zu den Kommunikations- und Scanmodulen. Mehrfachverriegelte Fächer enthielten Sicherheitsausrüstung, Notmasken, Magnetgurte und kleine technische Geräte, die Yugi nicht einordnen konnte. Entlang der Innenwände verliefen dieselben ringförmigen Elemente wie außen — die Resonanzanker, nur hier besser sichtbar. Sie waren nicht einfach technische Module. In ihre Metalloberflächen waren feine Linien eingelassen, die fast an modernisierte Siegelmuster erinnerten.
Yugi sah Kaiba an. „Du hast diese Anker nicht nur nach wissenschaftlichen Prinzipien gebaut.“
Kaiba legte das Datenpad in eine Halterung. „Ich habe nach allem gebaut, was wiederholt verhindert hat, dass übernatürliche Zwischenfälle uns sofort töten.“
Joey hob einen Finger. „Unfassbar. Tatsächlich vernünftig.“
„Missbrauch meine Vorhersicht nicht für Lob, Wheeler.“
Mokuba nahm den erhöhten Sitz hinter seinem Bruder ein. „Alle anschnallen. Sobald wir ausklinken, wird’s wahrscheinlich etwas unruhig.“
„Wahrscheinlich?“, wiederholte Joey, während er sich mit sichtlichem Misstrauen in den Sitz sinken ließ. „Ich mag dieses Wort nicht mehr.“
Téa setzte sich neben Yugi. Tristan auf die andere Seite. Kaiba nahm vorne links Platz, legte die Hände an die Steuerung und verwandelte sich in derselben Sekunde in etwas, das Yugi inzwischen nur zu gut kannte: absolute Konzentration in menschlicher Form. Jede ironische Schärfe, jeder sichtbare Stolz trat zurück, wenn Kaiba eine Maschine an eine Grenze führte, die andere nicht einmal betreten wollten. Dann war er nicht bloß arrogant. Dann war er präzise.
Die Schleuse schloss sich.
Mit einem tiefen metallischen Klang verriegelte der Hangar die Startkammer. Lichtleisten schalteten von Weiß auf Blau. Eine weibliche Bordstimme meldete Druckangleichung und Startfreigabe. Vorne auf den Sichtflächen erschien zunächst nur das Innere des Hangars, dann öffneten sich unter dem Fahrzeug die unteren Segmente der Startvorrichtung, und darunter wartete kein trockener Schacht, sondern schwarzes Wasser.
Joey erstarrte sofort. „Oh nein.“
„Oh doch“, sagte Tristan.
Kaiba betätigte die Hauptsteuerung. Leviathan-01 senkte sich langsam ab.
Für einen Moment wirkte es, als würde das Meer das Fahrzeug prüfen. Schwarzes Wasser stieg über die Frontscheiben, über die seitlichen Sensoren, über den Rumpf. Das Licht der Startkammer brach in wogenden Mustern auseinander. Dann löste sich das Fahrzeug vollständig aus der Plattform und glitt in die offene Tiefe.
Yugi spürte den Übergang körperlich.
Nicht nur, weil Druckanzeigen, Lagewinkel und Trägheitsausgleich das Fahrzeug in einen anderen Zustand versetzten. Sondern weil gleichzeitig das Ziehen hinter seinen Augen stärker wurde. Noch nicht schmerzhaft. Aber deutlicher. So, als würden sie mit jeder Sekunde näher an eine Frequenz, einen Raum oder eine Erinnerung heranrücken, die ihn bereits bemerkt hatte.
„Abstieg stabil“, sagte Mokuba. „Außenbedingungen innerhalb der Erwartungen. Strömung moderat.“
„Fernmodul ausklinken“, sagte Kaiba.
Auf einem Nebenbildschirm sah Yugi, wie sich die kleinere Einheit unter dem Fahrzeug löste und nach vorn beschleunigte. Sie trug stärkere Scheinwerfer und zusätzliche Sensoren. Wenige Sekunden später erreichten erste Bilder die Hauptansicht.
Zuerst nur dunkles Wasser.
Dann Schwebstoffe, glitzernd im Licht.
Dann ein Fischschwarm, der blitzartig zur Seite ausbrach, als die Sonde vorbeizog.
Und schließlich Tiefe. Reine, drückende Tiefe.
Téa sah ruhig hinaus, doch Yugi merkte, dass sie ihren Gurt etwas fester hielt. Tristan schwieg, was bei ihm meist ein klares Zeichen dafür war, dass die Lage auch ihn beschäftigte. Joey versuchte angestrengt, cool zu wirken, scheiterte aber jedes Mal, wenn das Fahrzeug leicht in eine neue Strömung kippte.
„Ich sag nur“, murmelte er, „an Land würde ich jetzt deutlich besser funktionieren.“
„Wir alle“, sagte Téa.
Kaiba blendete eine neue Anzeige ein. „Der Zielbereich sendet jetzt stärkere Ausschläge. Das zweite Erwachen beschleunigt.“
„Wie lange?“, fragte Yugi.
„Bis zum kritischen Punkt? Schwer zu sagen. Vielleicht Stunden. Vielleicht weniger.“
„Das ist keine besonders beruhigende Skala“, sagte Tristan.
Mokuba zoomte auf das Ringsystem der Resonanzdaten. „Es gibt noch etwas. Seit wir abgestiegen sind, reagiert die Anlage auf uns. Nicht auf das Fernmodul. Auf Leviathan-01 selbst.“
Joey seufzte. „Klar tut sie das.“
„Woran siehst du das?“, fragte Yugi.
Mokuba zeigte auf die Datenkurven. „Die Hauptresonanz ändert ihr Muster jedes Mal, wenn du dich bewegst oder wenn die Außenanker deinen Sektor der Kabine stärker erfassen. Es ist, als würde der Ort versuchen, dich innerhalb des Fahrzeugs zu lokalisieren.“
Stille.
Kaibas Hände blieben ruhig auf der Steuerung. „Dann bleibt jeder an seinem Platz, bis ich etwas anderes sage.“
Yugi nickte. Er musste sich nicht bewegen, um zu wissen, dass Mokuba recht hatte. Er spürte es längst selbst. Die Tiefe dort draußen war nicht blind.
Sie wartete.
Und während Leviathan-01 weiter in die Finsternis sank, entstand auf dem Hauptschirm plötzlich ein neues Bild: ein schwacher, goldener Halbkreis im Sediment unter ihnen. Dann ein zweiter.
Und dazwischen, kaum sichtbar, der Beginn eines langen, geraden Korridors.
~X~
„Kontakt mit der äußeren Struktur“, sagte Mokuba.
Seine Stimme war leiser geworden, nicht aus Angst, sondern aus jenem instinktiven Respekt, den Menschen oft entwickelten, wenn sie etwas sahen, das größer wirkte als jede vernünftige Erwartung. Auf der Frontansicht von Leviathan-01 glitt die Sonde nun entlang des Randes der versunkenen Anlage, und was zunächst wie einzelne geometrische Linien aus dem Sediment geragt hatte, wuchs mit jedem Meter zu etwas heran, das eher einer ganzen unterseeischen Stadt ähnelte als einer bloßen Ruine.
Massive Steinformen ruhten auf dem dunklen Grund, halb begraben, halb freigelegt. Breite Terrassen, eingefallene Arkaden, gebrochene Obelisken oder Säulenreste erhoben sich in schrägen Winkeln aus dem Schlamm. Zwischen ihnen verliefen Wege, Plätze und eingefasste Segmente, die einst offen gewesen sein mussten und nun unter Jahrtausenden aus Ablagerung und Druck lagen. Manche Wände waren glatt wie bearbeiteter Basalt, andere mit Reliefmustern bedeckt, die selbst durch Sediment und Korrosion noch erkennbar wirkten. Und über allem lag das künstliche Licht der Sonde wie ein ungebetener Gast, der in etwas hineinleuchtete, das nicht bloß alt war, sondern absichtlich vergessen worden war.
Yugi presste die Hand gegen die Armlehne seines Sitzes.
Der Druck in seinem Kopf wurde wieder stärker.
Nicht in Stößen wie im Duell gegen Nefares. Eher in Wellen. Jedes Mal, wenn die Sonde an einer bestimmten Struktur oder Inschrift vorbeiglitt, breitete sich kurz ein Echo in ihm aus. Kein klares Bild. Nur Splitter. Schwarzer Stein. Wasser, das über Stufen lief. Fackeln in einer Halle, die nicht unter Wasser lag. Dann Stimmen. Viele Stimmen. Ein Eid. Eine Antwort. Und immer wieder das Gefühl, dass die Anlage nicht aus einer Kultur stammte, die Yugi verstand. Sie trug ägyptische Anklänge, ja — Kreisformen, Königssymbole, Begräbnisstrukturen. Aber gleichzeitig war sie älter oder zumindest anders, als habe eine noch frühere Ordnung sich später in bekannten Formen gespiegelt.
„Das ist unmöglich“, murmelte Téa.
„Ja“, sagte Kaiba. „Und dennoch messbar.“
Joey starrte auf die Frontansicht. „Sag mal… soll das da vorne ein Platz sein?“
Es war einer. Die Sonde glitt über einen riesigen offenen Bereich hinweg, eingefasst von halb zerbrochenen Mauern. In seiner Mitte lag ein kreisförmiges Relief, dessen Ränder selbst unter einer dicken Sedimentschicht noch deutlich als Ring mit Einkerbungen zu erkennen waren.
Zwölf Einkerbungen.
Natürlich.
Mokuba vergrößerte das Bild. „Außenring Nummer Eins. Er ist aktiv.“
Auf der Anzeige glomm tatsächlich ein schwaches, pulsierendes Licht unter dem Schlamm hervor.
„Nummer Eins?“, fragte Tristan.
„Die Struktur besteht aus zwölf solchen Außenringen“, sagte Mokuba. „Wie in den Scans. Wenn Nefares’ Symbol ein Modell ist, dann könnte jeder Ring einer Position, einem Tor oder einem Abschnitt des gesamten Systems entsprechen.“
Kaiba ließ eine weitere Datenebene einblenden. Goldene Linien zogen sich nun durch das Modell der Anlage und verbanden Außenringe, Seitenkorridore und den Hauptkomplex miteinander. Es sah aus wie ein Schaltkreis aus Stein.
„Nicht bloß Dekoration“, sagte Kaiba. „Die Anlage ist ein Netzwerk.“
„Ein Netzwerk wofür?“, fragte Téa.
Yugi antwortete, bevor Kaiba es konnte. „Für Erinnerungen.“
Alle sahen ihn an.
Yugi hielt den Blick auf die Ruinen gerichtet. „Nicht nur für Macht oder Schutz. Für Erinnerungen. Oder dafür, Erinnerungen an Orte zu binden. Vielleicht auch an Menschen.“
Joey rieb sich über das Gesicht. „Das klingt nach etwas, das ich hasse, bevor ich es überhaupt ganz verstehe.“
„Das macht es leider nicht falscher“, sagte Tristan.
Die Sonde bewegte sich weiter.
Jetzt tauchte links eine Reihe großer Steinfiguren auf, die halb umgestürzt im Sediment lagen. Keine Sphinxen, keine Götterbilder, keine bekannten Wächterfiguren. Es waren humanoide Formen mit langen, schlichten Gewändern und kreisförmigen Kronen, deren Gesichter absichtlich geglättet worden waren. Nicht vom Zahn der Zeit. Vom Werkzeug. Jemand hatte sie unkenntlich gemacht.
Ein kalter Schauer lief Yugi über den Rücken.
„Ihre Gesichter wurden entfernt“, sagte Téa.
„Absichtlich“, bestätigte Kaiba.
„Warum würde jemand eine ganze Reihe solcher Statuen entstellen?“ fragte Tristan.
Niemand antwortete sofort.
Dann sagte Yugi: „Damit niemand mehr weiß, wen sie darstellen.“
Stille.
Die Sonde glitt zwischen zwei der entstellten Statuen hindurch und näherte sich einem breiten Korridor, dessen Seitenwände erstaunlich intakt geblieben waren. Darin verlief dieselbe Kreis- und Linienornamentik, die Yugi schon aus den Bildern und Träumen kannte. Je tiefer die Sonde in den Korridor vordrang, desto schwächer wurde das umgebende Sediment. Fast, als sei der Weg immer wieder auf geheimnisvolle Weise freigespült worden.
„Bruder“, sagte Mokuba, „die Innenzone zeigt kein normales Verfallsprofil. Der Korridor ist viel freier als der Außenbereich.“
„Weil etwas ihn offen hält“, sagte Kaiba.
„Oder benutzt“, sagte Téa.
Yugi sagte nichts, aber genau das dachte er ebenfalls.
Die Sonde erreichte eine Kreuzung. Von links und rechts führten kleinere Gänge in die Dunkelheit. Geradeaus aber lag der Hauptweg — lang, geradlinig, aus schwarzem Stein.
Yugis Atem stockte.
Das war er.
Nicht exakt wie in seinem Traum. Aber nah genug, dass ihm augenblicklich klar wurde, dass sein Unterbewusstsein nicht bloß irgendetwas verarbeitet hatte. Dieser Ort oder ein Ort wie dieser hatte ihn bereits berührt, bevor er überhaupt wusste, wonach er suchte.
„Yugi?“ Téas Stimme war vorsichtig.
„Das ist der Gang“, sagte er. „Nicht derselbe vielleicht. Aber… ja. Genau so.“
Joey blickte sofort von ihm auf den Schirm. „Und am Ende ist wieder die Tür, oder? Bitte sag nicht ja.“
Die Sonde flog weiter voran.
Wandreliefs zogen vorbei. Kreise. Zerbrochene Kronen. Zwei einander zugewandte Figuren vor einem Ring aus Licht. Dann wieder dieselbe Darstellung, diesmal mit einer Figur teilweise ausgemeißelt. Dann eine Szene, in der mehrere Priester oder Wächter einen Kreis um einen vertikalen Spalt bildeten.
„Stop“, sagte Yugi plötzlich.
Kaiba reagierte ohne Kommentar. Die Sonde hielt.
Yugi beugte sich leicht nach vorn. „Da. Auf der linken Wand.“
Mokuba vergrößerte den Reliefausschnitt.
Es zeigte zwei Gestalten, beide mit erhobener rechter Hand, als leisteten sie einen Schwur. Zwischen ihnen stand kein Thron. Kein Schwert. Kein Gottessymbol. Sondern ein kreisförmiges Objekt, unterteilt in zwölf Segmente.
Unter der linken Figur war die Inschrift beschädigt. Unter der rechten vollständig ausgelöscht.
„Beide schwören“, murmelte Yugi.
Téa sah ihn an. „Wie in den Bildern, die du gesehen hast.“
Er nickte.
Kaiba verschränkte die Arme. „Dann war Nefares’ Hinweis eindeutig. Es gab zwei rechtmäßige Bindungen an dieses System. Nicht nur einen König.“
„Oder zwei Erben“, sagte Mokuba.
Joey sah alles andere als begeistert aus. „Heißt das, wir reden hier nicht nur von irgendeinem vergessenen Widersacher, sondern vielleicht von jemandem, der ursprünglich gar nicht böse war?“
„Das wäre leider typisch“, sagte Tristan.
Die Sonde setzte sich wieder in Bewegung. Am Ende des Korridors trat endlich die Struktur aus der Dunkelheit hervor, auf die alles zugelaufen war.
Die Tür.
Sie war riesig.
Schwarzer Stein, glatt, ohne sichtbare Griffe, eingefasst von einem gewaltigen Kreis aus zwölf tiefen Einschnitten. Zwei davon glommen schwach. Einer heller, einer unstet. Sediment lag in den unteren Fugen, doch der vertikale Spalt in der Mitte wirkte sauberer als alles andere in diesem Bereich, als würde die Tür in unregelmäßigen Abständen minimal auseinanderweichen und sich wieder schließen.
Joey schloss kurz die Augen. „Natürlich gibt’s die Tür. Warum hab ich überhaupt gefragt.“
Doch noch bevor jemand mehr sagen konnte, sprang eine Warnanzeige rot auf.
Mokuba fuhr herum. „Starke Resonanzspitze! Direkt hinter dem Tor!“
Kaiba zog sofort mehrere Parameter auf. „Welche Art?“
„Nicht nur Energie. Bewegung auch. Und—“ Mokuba stockte. „Bruder… irgendwas bewegt sich auf die Sonde zu.“
Die Frontansicht flackerte.
Im schmalen Lichtkegel vor der Tür zog etwas durch das Wasser. Nicht schnell. Eher mit der seltsamen Gelassenheit eines Wesens, das seit Ewigkeiten in genau dieser Dunkelheit zuhause war. Erst war nur eine Verzerrung zu sehen. Dann eine Kontur. Lang. Schlank. Menschlich und doch nicht menschlich. Als hätte sich ein Steinrelief vom Tor gelöst und sei lebendig geworden.
Dann öffneten sich zwei goldene Augen in der Finsternis.
Yugi spürte augenblicklich denselben Druck wie im Labor, nur schärfer.
Nicht Nefares.
Etwas anderes.
Etwas Wächterhaftes.
„Sonde zurückziehen“, sagte Kaiba sofort.
Zu spät.
Die Gestalt hob langsam den Arm — und das Bild brach ab.
~X~
Der plötzliche Verlust des Sondenbildes ließ den Innenraum von Leviathan-01 schlagartig kleiner wirken.
Eine Sekunde zuvor hatte die Frontansicht noch den schwarzen Korridor und die riesige Tür gezeigt. Jetzt war auf dem Hauptfenster nur noch ein Wirbel aus statischem Rauschen, zerrissenen Lichtstreifen und Störsignalen zu sehen. Die roten Warnanzeigen auf Mokubas Konsole überschlugen sich. Mehrere Sensorlinien sprangen gleichzeitig aus dem normalen Bereich. Ein scharfes Tonsignal füllte die Kabine, bis Kaiba es mit einem einzigen Befehl stumm schaltete.
„Status“, sagte er.
Mokuba arbeitete bereits. „Fernmodul antwortet nicht. Verbindung unterbrochen. Ich versuche, die letzte Telemetrie zu rekonstruieren.“
„Versuch es nicht. Tu es.“
„Ich tu’s bereits!“
Joey hatte sich instinktiv nach vorne gebeugt, als könne er durch pure Willenskraft das Bild zurückholen. „Sag mir bitte, dass das Ding nur einen schlechten Empfang hat.“
„Das war kein Empfangsproblem“, sagte Tristan.
„Ja, danke, das hilft.“
Yugi konnte den Blick nicht von dem gestörten Bildschirm lösen.
Die goldenen Augen.
Für nur einen Moment hatte er sie gesehen, und doch hatte es gereicht. Diese Präsenz war anders als Nefares. Nicht so sehr ein Bote, nicht so sehr ein Vollstrecker. Eher etwas, das nicht hinausging, sondern blieb. Etwas, das an einen Ort gebunden war und ihn verteidigte. Ein Wächter, vielleicht. Oder ein Siegel in lebendiger Form.
Und gleichzeitig war da noch etwas anderes gewesen: der kurze, brutale Druck im Inneren, als hätte die Gestalt ihn erkannt.
Nicht allgemein. Nicht als Eindringling unter mehreren.
Als Ziel.
„Yugi.“ Téa sprach ruhig, aber sofort. „Was hast du gespürt?“
Er brauchte nicht zu überlegen. „Dass es wusste, dass wir hier sind. Nein…“ Er korrigierte sich. „Dass ich hier bin.“
Stille.
Kaiba schob die Hauptsteuerung leicht nach vorn. Leviathan-01 beschleunigte. Nicht hektisch, aber entschieden.
Joey fuhr herum. „Äh, Kaiba? Wir fahren doch jetzt nicht direkt auf das Ding zu, oder?“
„Doch.“
„Wunderbar. Einfach wunderbar.“
„Wenn die Sonde zerstört oder abgefangen wurde, brauche ich direkte Sicht.“
„Das ist die schlechteste gute Begründung, die ich je gehört habe.“
Mokuba blendete die letzten Sondendaten ein. Ein schematisches Modell der letzten Sekunden vor dem Abriss entstand aus Telemetriefragmenten. Die Sonde hatte sich etwa dreißig Meter vor dem Tor befunden. Die unbekannte Gestalt war aus einem Seitenwinkel des Korridors gekommen — nicht aus dem Tor selbst. Bewegungsgeschwindigkeit zunächst gering, dann plötzlich extrem hoch. Keine klassische Kollision registriert. Stattdessen ein gleichzeitiger Ausfall von Bild, Ortung und Energiesystem.
„Es hat das Modul nicht einfach getroffen“, sagte Mokuba. „Es hat seine Systeme… überschrieben.“
Kaiba nickte knapp. „Wie Nefares bei Karten und Feldzuständen. Gleiche Logik, andere Anwendung.“
Yugi dachte an die Siegel. An Namen, Plätze, Ursprünge. Wenn diese Kräfte nicht nur auf Duelle beschränkt waren, dann bedeutete das, dass ihre Grundmechanik Realität und Information zugleich angreifen konnte. Ein Wächter musste also nicht zerschlagen, was sich ihm näherte. Es konnte ihm den Zustand rauben, in dem es funktionsfähig war.
„Dann wird es mit Leviathan dasselbe versuchen“, sagte Téa.
Kaiba sah nicht von vorne weg. „Dafür sind die Resonanzanker da.“
„Und wenn sie nicht reichen?“, fragte Tristan.
„Dann improvisieren wir.“
Joey sank in seinen Sitz zurück. „Ich wollte wirklich nie wieder ein ‘dann improvisieren wir’ von Kaiba hören.“
Das Fahrzeug glitt tiefer in den Hauptkorridor.
Jetzt hatten sie keine Sondensicht mehr, sondern den direkten Blick durch die verstärkte Frontansicht und die aktiven Sensorüberlagerungen. Das Licht von Leviathan-01 fraß sich in den schwarzen Gang. Die Seitenwände zogen langsam vorbei, und jedes Relief darauf wirkte im direkten Nahbereich noch verstörender. Mehrfach wiederholte sich das Motiv zweier Gestalten vor einem Kreis. Dann Szenen, in denen eine der beiden Figuren ausgemeißelt war. Schließlich Bilder von ringförmigen Kammern, in denen Menschen oder Priester auf ein zentrales Tor blickten.
Und immer wieder entstellte Gesichter.
Nicht zerstört vom Meer.
Gelöscht von Hand.
„Da“, sagte Yugi plötzlich.
Rechts an der Wand war ein Relief anders als die übrigen. Nicht frontal. Es zeigte eine einzelne Gestalt in langer, schmaler Gewandung mit einem Stab oder einer Klinge in der Hand, halb vor einem Seitenkorridor stehend. Das Gesicht war nicht völlig entfernt. Nur die Augen waren ausgemeißelt worden.
Goldene Augen, dachte Yugi sofort.
„Wächterdarstellung“, sagte Kaiba.
„Oder Warnung“, sagte Téa.
Mokuba zoomte die Daten des Reliefs auf. „Unter der Figur ist Text. Stark beschädigt, aber ein paar Muster ähneln den Zeichen, die wir schon im Labor und in Ägypten gesehen haben.“
„Kannst du irgendwas lesen?“, fragte Tristan.
Mokuba schüttelte den Kopf. „Nicht direkt. Aber das letzte Zeichenblockpaar tauchte auch auf Nefares’ Stirnsiegel auf.“
Yugi sagte das Wort, bevor er wusste, dass er es sagen wollte.
„Torhüter.“
Alle blickten ihn an.
„Was?“, fragte Joey.
Yugi starrte weiter auf das Relief. Wieder schob sich ein Rissbild in sein Bewusstsein. Keine vollständige Vision — nur eine Stimme, fern und doch seltsam klar, die ein Wort aussprach, das seine Gedanken jetzt wie eine Übersetzung zurückgaben.
„Torhüter“, wiederholte er. „Oder Schwellenwächter.“
Kaiba zog die Konsequenz sofort. „Dann ist das Ding vor der Tür kein zufälliges Monster. Es ist ein fester Teil des Systems.“
„Super“, sagte Joey. „Ein offizieller, zertifizierter Unterwasser-Torhüter. Das macht es viel besser.“
Leviathan-01 erreichte die letzte Gerade vor dem Tor.
Dort, wo die Sonde ausgefallen war, trieben noch kleine Fragmente durch das Wasser. Oder etwas, das wie Fragmente aussah. Einige Metallteile der Sonde rotierten langsam im Lichtkegel, doch andere Elemente wirkten falsch: halb transparent, unstet, als wüssten sie selbst nicht mehr, ob sie Materie oder bloß Restzustand sein sollten.
„Systemauflösung“, murmelte Kaiba. „Es hat die Sonde nicht nur zerstört. Es hat ihr die Eindeutigkeit genommen.“
„Das ist ein furchtbarer Satz“, sagte Joey.
„Und wieder nicht falsch“, meinte Tristan.
Dann trat die Gestalt erneut ins Licht.
Diesmal vollständig.
Sie war ungefähr menschlich groß, vielleicht etwas größer. Der Körper war schlank, fast elegant, in dunkle, eng anliegende Schichten gehüllt, die eher wie polierter Stein als wie Stoff wirkten. Über Schultern und Brust verliefen feine Goldlinien. Die Arme endeten in schmalen, langen Händen, die zu präzise für gewöhnliche Anatomie wirkten. Das Gesicht war glatt und schmal, beinahe maskenhaft, doch nicht leblos. Dort, wo die Augen saßen, brannten zwei goldene Lichtpunkte. Hinter dem Kopf schwebte kein Heiligenschein, sondern ein halber Ring aus sechs kleinen Segmenten.
Sechs.
Nicht zwölf.
Yugi spürte sofort, dass das kein Zufall war.
Der Torhüter schwebte nicht. Er stand auf dem Korridorboden, obwohl dort genug Sediment lag, dass jede Bewegung etwas hätte aufwirbeln müssen. Doch das Wasser um ihn blieb unnatürlich ruhig. Nur die Goldlinien an seinem Körper pulsierten schwach.
„Es blockiert den Zugang“, sagte Kaiba.
„Brillante Analyse“, murmelte Joey.
„Still.“
Der Torhüter hob den Kopf.
Yugi hatte das irrationale Gefühl, dass die goldenen Augen erst alle anderen streiften und sich dann exakt auf ihn einstellten.
In der Kabine fiel die Temperatur.
Kein normaler technischer Fehler. Nur wenige Grad, aber abrupt genug, dass selbst Joey es sofort bemerkte. „Okay. Das mag ich gar nicht.“
Mokuba starrte auf die Anzeigen. „Die Resonanzanker reagieren von selbst! Bruder, sie fahren hoch, ohne dass du sie manuell aktivierst!“
„Weil das Ding versucht, das Fahrzeug zu erfassen“, sagte Kaiba. „Halte die Werte stabil.“
Der Torhüter hob einen Arm.
Keine Waffe erschien. Kein Angriff im üblichen Sinn.
Stattdessen liefen feine Goldlinien durch das Wasser auf Leviathan-01 zu, als würde sich die Umgebung selbst in ein Netz aus Zeichen verwandeln. Über den Frontscheiben flackerten die Anzeigen. Ein Teil der Außenbeleuchtung erlosch. Dann sprang die linke Seitenkonsole kurz auf Schwarz.
„Es greift die Systeme an!“, rief Mokuba.
„Gegenfeld aktivieren“, sagte Kaiba.
Die Resonanzanker im Inneren des Fahrzeugs glühten auf. Ringförmige Lichtwellen liefen durch die Kabine und entlang der Außenhülle. Für einen Augenblick schien das goldene Netz vor dem Fahrzeug zurückgedrängt zu werden.
Doch der Torhüter bewegte sich endlich.
Nur ein Schritt.
Und trotzdem raste die Druckwelle seiner Präsenz durch Yugi wie ein Schlag gegen eine längst angerissene Tür. Bilder blitzten auf. Wasserlose Hallen. Eine Reihe von Wächtern vor mehreren Toren. Jemand, der sagte: Nur der benannte Erbe darf durch die zweite Schwelle. Dann ein anderer Satz: Wenn der benannte fehlt, prüfe den Tragenden.
Yugi riss die Augen auf.
„Es prüft mich“, sagte er.
„Nein“, sagte Téa sofort. „Du gehst da nicht allein raus.“
„Es geht nicht um rausgehen.“
Kaiba sah ihn kurz an. „Dann erklär’s schnell.“
Yugi blickte zwischen dem Torhüter und dem riesigen schwarzen Tor dahinter hin und her. „Nefares hat mich Träger genannt. Das Ding… erkennt nicht nur Eindringlinge. Es sucht nach einer bestimmten Resonanz. Wenn es mich als möglichen Zugangsschlüssel identifiziert, dann greift es nicht einfach an. Es testet, ob ich berechtigt bin.“
Joey starrte ihn an. „Und woran erkennt man den Unterschied zwischen ‘testen’ und ‘uns alle zerlegen’?“
„Vielleicht gar nicht“, sagte Tristan.
Kaiba ließ den Blick eine Sekunde zu lange auf Yugi ruhen. Dann traf er eine Entscheidung.
„Mokuba. Halte die Anker auf maximal stabil. Téa, Joey, Tristan — niemand öffnet die Schleuse, egal was passiert. Yugi.“
Yugi nickte bereits.
„Du redest mit ihm“, sagte Kaiba.
Joey fuhr herum. „Moment, was?! Mit dem Ding? Unter Wasser? Durch was, Handzeichen?“
Doch in genau diesem Moment geschah etwas, das alle weiteren Einwände verschlang.
Der Torhüter blieb stehen.
Die goldenen Linien im Wasser sammelten sich vor ihm, verdichteten sich zu einem Kreis aus sechs Segmenten — und in der Mitte des Kreises erschien kein Angriff, sondern ein einzelnes Symbol.
Dasselbe Symbol, das Yugi in seinem Traum an der schwarzen Tür gesehen hatte.
Die Prüfung hatte begonnen.
Die Prüfung an der zweiten Schwelle
Das Symbol schwebte im dunklen Wasser wie ein stiller Befehl.
Es bestand aus einem Kreis, der nicht vollständig geschlossen war, durchzogen von einer senkrechten Linie und sechs kleinen Einschnitten entlang des oberen Bogens. Kein Lichtkegel von Leviathan-01 traf es direkt, und doch leuchtete es klarer als alles andere im Korridor. Die goldenen Linien, die der Torhüter zuvor gegen das Fahrzeug ausgesandt hatte, waren nicht verschwunden. Sie hatten sich nur zurückgezogen und bildeten nun um das Zeichen herum einen langsamen, rotierenden Kranz, als warteten sie darauf, dass jemand den nächsten Schritt tat.
In der Kabine sagte für einen Augenblick niemand etwas.
Selbst Joey, der sonst selbst in den absurdesten Situationen als Erster irgendeinen Kommentar herauspresste, blieb stumm. Téa saß vollkommen aufrecht in ihrem Sitz, die Hände am Gurt, den Blick abwechselnd auf Yugi und auf den Torhüter gerichtet. Tristan wirkte nicht weniger angespannt, aber bei ihm zeigte es sich in der Härte seines Kiefers und in der Art, wie er jede neue Bewegung auf dem Hauptschirm verfolgte, als wolle er sie durch reine Konzentration begreifen. Mokuba tippte mit maximaler Geschwindigkeit über seine Konsole, doch als die Anzeigen sich nicht sofort in etwas Klareres übersetzen ließen, wurde selbst sein Gesichtsausdruck ernster.
Kaiba hingegen sah das Symbol an, als sei es ein Rätsel, das es nicht wagen dürfe, unlösbar zu sein.
„Reaktion statt Angriff“, sagte er schließlich. „Gut.“
„Gut?“, wiederholte Joey sofort. „Kaiba, ein Unterwasser-Torwächter aus einer antiken Albtraumstadt hat gerade ein komisches Lichtsymbol in den Ozean gemalt und du nennst das gut?“
„Ja“, sagte Kaiba. „Weil es bedeutet, dass die Struktur noch nach Regeln funktioniert.“
„Und wann genau beruhigt mich das?“
„Nie“, sagte Tristan.
Yugi hörte nur die Hälfte davon.
Sein Blick hing an dem Zeichen. Nicht nur, weil es dasselbe war wie in seinem Traum. Sondern weil er im selben Moment erneut dieses seltsame Ziehen hinter den Augen spürte, stärker als bisher, aber nicht schmerzhaft. Es war eher, als würde das Symbol nicht von außen auf ihn wirken, sondern etwas in ihm ansprechen, das längst still gelegen hatte und sich nun langsam in Erinnerung verwandelte.
Bilder kamen.
Keine vollständigen Visionen. Nur Fragmente, die sich in den Zwischenräumen seines Bewusstseins formten.
Ein steinerner Boden.
Eine Halle mit sechs geöffneten Flammenbecken.
Jemand, der vor einer Tür stand und die Hand auf denselben Kreis legte.
Ein Satz, fern und schwer wie ein alter Eid:
Nicht jeder Träger ist Erbe. Nicht jeder Erbe ist benannt.
Yugi zog scharf Luft ein.
Téa bemerkte es sofort. „Yugi?“
„Ich hab wieder etwas gesehen.“
Kaiba drehte leicht den Kopf. „Sag es.“
Yugi zwang sich, den Blick vom Symbol zu lösen und klar zu sprechen. „Ein Satz. Oder eher ein Teil von etwas. ‘Nicht jeder Träger ist Erbe. Nicht jeder Erbe ist benannt.’“
Mokuba sah auf. „Das passt zu dem, was wir schon vermutet haben. Nefares hat dich Träger genannt, aber nie direkt Erbe.“
„Vielleicht, weil er sich nicht sicher war“, sagte Téa.
„Oder weil es einen Unterschied gibt, der für das System entscheidend ist“, ergänzte Tristan.
Kaiba nickte einmal. „Dann ist der Torhüter nicht einfach ein Verteidiger. Er prüft Klassifikation.“
„Klassifikation?“, sagte Joey. „Was bin ich, eine Archivbox?“
„Im Moment eher Ballast“, sagte Kaiba.
„Ich hasse, wie schnell du sowas sagen kannst.“
Draußen im Wasser blieb der Torhüter unbewegt. Die goldenen Augen glühten unverändert. Weder näherte er sich weiter, noch wich er zurück. Er stand vor dem großen versiegelten Tor, als gehöre er nicht bloß zu diesem Ort, sondern zu einem Gesetz, das durch ihn sprach. Hinter ihm ragte die schwarze Tür reglos in die Tiefe. Zwei ihrer zwölf Einkerbungen glimmten schwach, eine davon unstet, als ringe im Inneren etwas darum, sich zu stabilisieren.
„Er wartet“, sagte Yugi leise.
Kaiba sah ihn direkt an. „Dann gib ihm etwas, worauf er reagieren kann.“
Joey fuhr herum. „Was soll das heißen? Yugi soll dem Ding zuwinken?“
„Nicht dem Ding“, sagte Kaiba. „Dem System.“
Yugi verstand sofort, was er meinte. Im Labor hatte Nefares nicht nur auf gesprochene Fragen reagiert, sondern auf Resonanz. Auf Haltung. Auf Duellenergie. Auf das, was Yugi durch sein Deck, seine Entscheidungen und seine Gegenwart verkörperte. Vielleicht funktionierte auch dieser Ort nicht primär durch Sprache, sondern durch Anerkennung von Mustern.
Anerkennung von Rollen.
Träger. Erbe. Benannt. Unbenannt.
Yugi löste langsam einen Arm aus dem Gurt und legte die Hand auf seine Duel Disk, die er beim Abstieg angelegt hatte, obwohl sie hier unten bisher eher wie ein Symbol aus einer anderen Welt gewirkt hatte. Doch seit Nefares wusste er, dass Duel Monsters längst nicht mehr bloß Spiel oder Projektion war. Wenn die antiken Kräfte nach Regeln von Prüfung und Anspruch arbeiteten, dann war das Duell vielleicht nicht ihr Gegenteil, sondern ihre modernste Sprache.
Als seine Finger das Gerät berührten, flackerte das Symbol im Wasser.
Nur leicht.
Aber deutlich genug, dass Mokuba sofort eine Reihe neuer Daten aufrief. „Da! Die Resonanz schlägt aus. Yugi, mach das nochmal.“
Yugi konzentrierte sich und ließ die Hand fester auf der Duel Disk ruhen.
Das Symbol reagierte stärker.
Die goldenen Linien darum schoben sich enger zusammen, und entlang der Außenhülle von Leviathan-01 pulsierten die Resonanzanker im selben Rhythmus.
„Es synchronisiert“, sagte Kaiba.
„Mit Yugi?“, fragte Téa.
„Mit seiner Signatur.“
Joey sah aus, als würde ihm diese Formulierung nicht im Geringsten gefallen. „Das klingt wieder nach ‘Yugi ist das Zentrum eines Problems, das ihn fressen will’.“
„Im Moment klingt es eher nach Zugang als nach Angriff“, sagte Tristan.
„Heute seid ihr alle viel zu wenig panisch.“
Yugi hob langsam den Blick und sah direkt in die goldenen Augen des Torhüters.
Ein Teil von ihm wollte blinzeln, wegsehen, den Kontakt brechen. Nicht aus Feigheit, sondern weil diese Augen nicht wie die eines gewöhnlichen Gegners wirkten. Sie urteilten nicht aus Hass. Sie maßen. Sie ordneten ein. Und etwas daran war fast schlimmer als offene Feindseligkeit, weil es bedeutete, dass das System selbst nichts Persönliches gegen ihn hatte. Es würde ihn ablehnen, prüfen oder vernichten, wenn seine Rolle nicht passte — mit derselben Kälte, mit der ein Schloss auf den falschen Schlüssel reagierte.
Yugi hielt den Blick.
„Wenn du mich prüfst“, sagte er leise, obwohl er wusste, dass normale Worte hier vielleicht keine direkte Funktion hatten, „dann zeig mir, was du wissen willst.“
Der Torhüter bewegte sich.
Nicht vorwärts.
Nicht mit einem Angriff.
Er hob die rechte Hand und legte sie langsam an die eigene Brust. Genau dort, wo bei Nefares die Kleidung aufgerissen gewesen war und darunter goldene Linien wie Bruchfugen verlaufen waren. Dann öffnete der Wächter die Hand wieder und streckte sie in Yugis Richtung aus.
Zwischen den Fingern entstand ein zweites Symbol.
Diesmal kein Kreis.
Eine Krone.
Keine üppige Königskrone, sondern eine schlichte, schmale Form mit zwei nach hinten gezogenen Spitzen und einem offenen Zentrum.
Yugis Herz schlug einmal hart.
Denn diese Krone hatte er schon gesehen.
Nicht bewusst, nicht in Büchern oder auf Karten — sondern in jenen Bildsplittern während der geöffneten Siegel. Über einem Thron. Über einem Schatten. Über etwas, das nie klar genug gewesen war, um es sicher zu benennen.
„Die Krone“, murmelte er.
„Was ist?“, fragte Téa sofort.
„Ich kenne sie“, sagte Yugi. „Aus den Visionen. Sie gehörte zu…“ Er stockte. „Nicht direkt zu Atem. Oder nicht nur.“
Kaibas Blick wurde noch schärfer. „Nicht nur.“
Yugi nickte langsam. „Es gab immer zwei Bezüge. Den Thron, den wir automatisch mit dem Pharao verbinden. Und diese Krone… als wäre sie an denselben Ort gebunden, aber nicht identisch.“
„Zwei Ansprüche“, sagte Mokuba leise.
„Oder zwei Rollen im selben System“, sagte Kaiba.
Draußen änderte sich das Wasser.
Das erste Symbol – der Kreis mit den sechs Einschnitten – und die neue Krone schoben sich nebeneinander, dann übereinander, dann auseinander, bis sie schließlich eine Art Abfolge bildeten. Prüfung. Krone. Prüfung.
Yugi verstand nicht den ganzen Satz, aber den Kern.
„Er fragt nicht nur, wer ich bin“, sagte er. „Er fragt, in welcher Beziehung ich zur Krone stehe.“
„Und?“, sagte Joey.
Yugi blickte auf seine Duel Disk, dann wieder hinaus zum Torhüter. „Ich weiß es noch nicht.“
Für einen Moment war nur das tiefe Summen von Leviathan-01 zu hören.
Dann sagte Kaiba etwas, das Joey sichtbar aus dem Konzept brachte.
„Dann finden wir es jetzt heraus.“
~X~
Kaiba zog das Steuer leicht zurück, und Leviathan-01 hielt auf der letzten freien Strecke vor dem Tor vollständig an.
Draußen trieb feiner Schwebstoff durch das Licht der Scheinwerfer. Die schwarze Tür wirkte aus dieser Nähe noch größer, noch stiller, noch absichtsvoller. Sie war nicht bloß ein verschlossener Durchgang. Sie fühlte sich an wie eine Grenze zwischen Zuständen. Vor ihr der Korridor, die Prüfung, die Wächterfigur. Hinter ihr etwas, das noch nicht in den Raum durfte, den sie aktuell teilten.
Oder nicht ohne Preis.
„Mokuba“, sagte Kaiba, ohne den Blick vom Hauptschirm zu lösen. „Kannst du die Symbolbildung in ein Interaktionsmuster übersetzen?“
„Teilweise.“ Mokubas Finger flogen wieder über die Konsole. „Die Symbole verhalten sich nicht wie Sprache im linearen Sinn. Eher wie logische Marker. Status, Rolle, Zugriffsebene.“
Joey sah ihn schief an. „Das sagt ein Jugendlicher über leuchtende Magiezeichen unter dem Meer. Nur, damit wir alle denselben Wahnsinn wahrnehmen.“
Mokuba grinste nicht. „Ich meine es ernst. Das System scheint nicht in Sätzen zu ‘reden’. Es stellt Zustände dar. Yugi, die erste Form war wahrscheinlich Prüfung der Schwelle. Die Krone könnte Anspruch oder Bindung bedeuten. Vielleicht will der Torhüter wissen, ob du durch Abstammung, Ernennung, Trägerschaft oder etwas Vergleichbares legitimiert bist.“
Téa nickte. „Also keine normale Frage, sondern mehrere Kategorien auf einmal.“
„Genau.“
„Und wenn Yugi nicht die richtige Kategorie ist?“, fragte Tristan.
Kaiba antwortete zuerst. „Dann wird der Zugang verweigert.“
„Verweigert klingt erstaunlich nett.“
„Es gibt schlechtere Varianten.“
„Wunderbar.“
Yugi spürte das Gewicht von allem, was nicht gesagt wurde. Im schlimmsten Fall bedeutete verweigert nicht bloß, dass eine Tür geschlossen blieb. Es konnte heißen, dass die Anlage mit denselben Logiken reagierte wie Nefares’ Duell: Verlust von Namen, Plätzen, Zuständen. Unter Wasser. In einer versiegelten Ruine. Vor einem Wächter, der Sondensysteme ausgelöscht hatte, indem er ihre Eindeutigkeit aufhob.
Und dennoch blieb eine seltsame Ruhe in ihm.
Nicht weil die Gefahr klein war. Sondern weil die Situation so eindeutig geworden war, dass Zweifel sich in Richtung verwandeln konnten. Der Torhüter hatte nicht direkt vernichtet. Das System hatte nicht blind zugeschlagen. Es prüfte. Das bedeutete, dass etwas an Yugi tatsächlich relevant war — auch wenn noch unklar war, in welcher Rolle.
„Wenn es Statusmarker sind“, sagte Yugi, „dann reicht Reden allein vielleicht nicht.“
Kaiba sah ihn nur einen Augenblick lang an, aber das genügte. „Du meinst Resonanzhandlung.“
Yugi nickte.
Joey hob beide Hände. „Ich brauch bitte eine Übersetzung für normale Menschen.“
„Eine Handlung, die einem Status entspricht“, sagte Téa, bevor Kaiba es tun konnte. „Nicht nur sagen, wer man ist. Etwas tun, woran das System diese Rolle erkennt.“
„Danke“, sagte Joey. „Deine Version klingt deutlich weniger beleidigend.“
„Das liegt daran, dass ich nicht Kaiba bin.“
Yugi blickte auf seine Duel Disk. Seit der Begegnung mit Nefares war ihm klar geworden, dass das Duell in dieser Geschichte nicht bloß Kampf war. Es war Test, Sprache, Spiegel von Anspruch und Wille. Vielleicht konnte dieselbe Energie hier als Beweis dienen — nicht im Sinn eines vollständigen Duells, sondern als strukturierte Antwort.
„Wenn die Krone nach Anspruch fragt“, sagte Yugi langsam, „dann antworte ich nicht mit einem Namen. Ich antworte mit dem, was ich geworden bin.“
Er aktivierte seine Duel Disk.
Das Geräusch war im Inneren von Leviathan-01 vertraut und zugleich fremd, als käme ein Stück Oberfläche in diese Tiefe, das hier unten eigentlich nichts verloren hatte. Doch im selben Augenblick reagierte der Torhüter. Die goldenen Augen wurden heller. Um seine Füße auf dem Steinboden entstanden sechs kleine Lichtkreise. Das Symbol der Schwelle rotierte neu. Die Krone trat etwas zurück, als hätte das System anerkannt, dass Yugis Antwort zumindest den richtigen Kanal gefunden hatte.
„Ja“, murmelte Mokuba. „Das war richtig.“
Kaiba aktivierte seinerseits seine Duel Disk.
Joey blinzelte. „Moment. Du auch?“
„Natürlich“, sagte Kaiba. „Wenn das System auf strukturierte Willenssignaturen reagiert, erhöhe ich den Druck von unserer Seite.“
„Kaiba, du klingst, als würdest du eine Tür einschüchtern.“
„Wenn es funktioniert, ist mir das egal.“
Tristan schnaubte kurz. „Leider passt das erschreckend gut zu ihm.“
Nun standen zwei aktive Duel Disks in der engen Kabine. Das Licht beider Geräte spiegelte sich an den Scheiben und überlagerte sich mit den Resonanzmustern der Anker. Für einen flüchtigen Moment hatte Yugi das Gefühl, dass Oberfläche und Tiefe, Gegenwart und etwas viel Älteres an einem gemeinsamen Punkt aufeinandertrafen.
Der Torhüter hob beide Hände.
Die Krone im Wasser glitt nach oben. Darunter erschien ein neues Zeichen: zwei einander gegenüberstehende Linien, verbunden durch einen Kreis.
„Was ist das?“, fragte Téa.
Mokuba starrte auf die Daten. „Nicht sicher. Vielleicht… Bindung? Eid? Dualität?“
Yugi brauchte keine Anzeige. Das Zeichen traf etwas in ihm sofort.
Die Vision kam härter als zuvor.
Eine Halle voller Flammen.
Zwei Gestalten, beide mit erhobener Hand.
Zwischen ihnen ein Kreis mit Segmenten.
Jemand spricht: Wenn einer die Krone trägt, muss der andere den Schwur halten.
Dann eine andere Stimme: Und wenn einer fällt?
Antwort: Dann wird der andere erinnert.
Yugi presste kurz die Zähne zusammen.
„Yugi!“ Téa beugte sich zu ihm.
„Ich hab’s“, sagte er atemlos. „Es geht um zwei Rollen. Nicht zwei Könige im gleichen Sinn. Einer trägt die Krone. Der andere hält den Schwur.“
Kaiba reagierte sofort. „Krone und Eid. Anspruch und Bindung. Das erklärt die Darstellungen mit zwei Gestalten.“
„Und vielleicht auch, warum einer vergessen wurde“, sagte Mokuba. „Wenn das System im Notfall nur einen erinnert, bleibt einer offiziell sichtbar und der andere verschwindet aus der Geschichte.“
Joey schüttelte den Kopf. „Das ist gleichzeitig genial und komplett furchtbar.“
„Ja“, sagte Tristan. „Leider.“
Draußen glitten die Symbole ineinander. Schwelle. Krone. Bindung.
Dann kam das nächste Zeichen.
Ein einzelner offener Kreis, darunter eine leere Vertikallinie.
„Das kenne ich nicht“, sagte Yugi.
„Vielleicht fragt es jetzt nach Zuordnung“, sagte Kaiba.
„Oder nach Verlust“, sagte Téa leise.
Denn genau so wirkte das Zeichen: offen, unvollständig, als fehle etwas oder jemand darin.
Yugi spürte, wie sich der Druck im Kopf wieder verstärkte. Diesmal kam kein klares Bild. Nur ein Gefühl, das schwerer war als die bisherigen Fragmente. Verlust, ja. Aber nicht der Verlust eines Menschen durch Tod. Es war eher das Gefühl, dass eine Rolle, ein Platz oder eine Benennung ausgelöscht worden war, während der Rest des Systems weiterlief. Nicht zerstört. Überdeckt.
„Es fragt nach dem Fehlenden“, sagte Yugi.
Joey rieb sich über das Gesicht. „Kannst du bitte kurz aufhören, Dinge zu sagen, die die ganze Lage noch unheimlicher machen?“
„Er hat recht“, sagte Kaiba. „Wenn das System zwei Rollen kannte und heute nur noch eine in der Geschichte übrig ist, dann ist die Frage nach dem Fehlenden logisch.“
„Und wie antwortet man darauf?“, fragte Tristan.
Yugi sah das Symbol an.
Dann verstand er, warum das hier nicht zufällig ihm gegenüber geschah. Nicht wegen Stärke allein. Nicht wegen Atems vergangener Präsenz. Sondern weil Yugi selbst in einer Form von Übergang lebte, die diesem System vielleicht näher war, als irgendjemandem lieb sein konnte. Er war nicht der Pharao. Nicht Atem. Nicht der ursprüngliche Träger einer alten Krone. Aber er war jemand, in dem Erinnerung, Vermächtnis und eigenständiger Wille sich bereits einmal überlagert hatten — und sich dann getrennt hatten, ohne dass die Verbindung bedeutungslos wurde.
Vielleicht war genau das die Antwort.
„Nicht Besitz“, sagte Yugi leise. „Weitergabe.“
Kaiba sah ihn an.
Yugi hob die Hand leicht, ohne die Duel Disk zu lösen. „Die Krone gehört nicht mir. Der Schwur vielleicht auch nicht vollständig. Aber ich bin der Punkt, an dem etwas weitergegeben wurde, statt verloren zu gehen.“
Für einen Augenblick sagte niemand etwas.
Dann murmelte Mokuba: „Das ist es.“
Die Daten auf seiner Konsole sprangen. Das leere Symbol im Wasser begann sich zu schließen. Die Vertikallinie füllte sich mit goldenem Licht. Der Torhüter senkte langsam den Kopf, nicht unterwürfig, sondern bestätigend.
„Er akzeptiert die Antwort“, sagte Téa.
Joey atmete hörbar aus. „Endlich mal gute Nachrichten.“
Doch Kaiba hob sofort eine Hand. „Noch nicht.“
Denn hinter dem Torhüter begann das schwarze Haupttor zu reagieren.
Eine der beiden glimmenden Einkerbungen wurde heller.
Und tief aus dem Inneren der Anlage kam ein langsames, steinernes Geräusch, als würde irgendwo etwas aufgleiten, das sehr lange nicht mehr bewegt worden war.
~X~
Das Geräusch war selbst durch Wasser und Druck hindurch zu hören.
Nicht laut im gewöhnlichen Sinn. Es vibrierte eher durch den Stein, durch die Struktur, durch den Korridor und schließlich bis in den Rumpf von Leviathan-01, als hätte die ganze Anlage eine tief liegende Saite, die nun angeschlagen wurde. Im selben Moment zog sich der vertikale Spalt im schwarzen Tor um einen kaum sichtbaren, aber eindeutigen Abstand auseinander. Sediment wirbelte an den unteren Kanten auf. Die beiden glimmenden Einkerbungen am Ring der Tür pulsierten im Wechsel, und entlang des Korridorbodens liefen feine Goldadern auf, die vorher noch unter einer Schicht aus Dunkelheit verborgen gewesen waren.
Der Torhüter trat nicht zurück.
Er drehte sich lediglich halb zur Seite und gab damit gerade genug Raum frei, dass kein Zweifel blieb: Die Prüfung war nicht abgeschlossen, aber der Zugang wurde gewährt.
Vorläufig.
„Das Tor öffnet sich tatsächlich“, sagte Mokuba, und seine Stimme verriet zum ersten Mal so etwas wie Staunen ohne unmittelbare technische Einordnung.
„Natürlich tut es das“, sagte Kaiba. „Wir haben gerade mit einem antiken Zugangssystem verhandelt.“
Joey starrte ihn an. „Es ist absolut wahnsinnig, dass du diesen Satz sagen kannst, als wäre das ein normaler Dienstag.“
„Es ist kein Dienstag.“
„Du weißt genau, was ich meine.“
Téa sah auf den Schirm, dann zu Yugi. „Was jetzt?“
Yugi antwortete nicht sofort.
Er konnte den Blick nicht von dem sich öffnenden Spalt lösen. Dahinter war noch keine Kammer zu sehen, nur Schwärze. Keine normale Dunkelheit, wie sie in den unbeleuchteten Teilen der Ruine herrschte, sondern etwas Dichteres, fast Glatteres. Ein Raum ohne sichtbare Tiefe, als wäre der Bereich hinter der Tür noch nicht vollständig in dieselbe Wirklichkeit eingetreten wie der Korridor davor.
Kaiba traf die Entscheidung zuerst.
„Wir gehen näher ran.“
„Natürlich tun wir das“, murmelte Tristan.
Joey hob beide Hände. „Ich möchte fürs Protokoll festhalten, dass ich mich gegen fast alles davon ausspreche, aber aus Loyalität trotzdem da bin.“
„Vermerkt und bedeutungslos“, sagte Kaiba.
Leviathan-01 setzte sich langsam in Bewegung.
Diesmal fuhr Kaiba nicht einfach entschlossen voran, sondern mit einer Präzision, die selbst Joey vorübergehend vom Kommentieren abhielt. Meter für Meter glitt das Fahrzeug durch den Korridor, vorbei an den entstellten Reliefs, an den Überresten der Sonde, an dem Torhüter, dessen goldene Augen das U-Boot im Vorbeiziehen weiter verfolgten. Yugi hatte das Gefühl, dass dieser Blick nicht bloß Wachsamkeit war. Der Torhüter prüfte weiter. Nicht nur den ersten Zugang, sondern die Art, wie sie sich nun verhielten.
Erst als Leviathan-01 fast auf Höhe des Wächters war, trat ein neues Symbol im Wasser auf.
Nicht vor dem Tor.
Direkt neben dem Torhüter.
Ein langer vertikaler Strich mit zwei kurzen Querlinien.
Mokuba reagierte sofort. „Neues Statuszeichen.“
„Bedeutung?“, fragte Kaiba.
Mokuba schüttelte den Kopf. „Ich… bin nicht sicher. Es hängt mit dem Torhüter selbst zusammen. Vielleicht Begleitung. Autorisierung. Oder Grenze.“
Yugi spürte die Antwort, bevor sie sich ganz formte.
„Nicht alle dürfen durch“, sagte er.
Téa sah ihn an. „Weil?“
„Weil die Prüfung bisher nur mich betroffen hat. Vielleicht uns als Träger der Resonanz. Aber nicht die ganze Gruppe.“
Joey fuhr sofort herum. „Moment. Nein. Auf gar keinen Fall geht jetzt irgendwer allein durch ein antikes Unterwassertor.“
„Ich hab nicht gesagt, dass ich allein gehe.“
„Es klang sehr danach.“
Kaiba verlangsamte das Fahrzeug noch weiter. „Es wäre logisch. Die Schwelle reagierte auf Yugi. Wenn die innere Kammer stärker auf dieselbe Signatur abgestimmt ist, könnte zu viel zusätzliche Präsenz die Reaktion destabilisieren.“
„Oder es könnte uns alle fressen, wenn wir den falschen Schritt machen“, sagte Tristan.
„Das wäre die weniger hilfreiche Version derselben Aussage“, meinte Téa.
Yugi sah auf seine Hände. Die Duel Disk an seinem Arm glomm noch immer schwach. Nicht aggressiv. Eher wie ein fortbestehender Schlüsselzustand. Seit der Torhüter die Antwort anerkannt hatte, fühlte sich die Luft in der Kabine – oder das, was unter diesen Bedingungen als Luftgefühl durchging – anders an. Gespannt, aber geordnet. Als hätte sich zum ersten Mal in diesem ganzen Konflikt eine Linie geöffnet, die nicht nur aus Angriff und Reaktion bestand.
Eine Linie nach innen.
„Vielleicht müssen wir die Schwelle nicht mit dem Fahrzeug passieren“, sagte er.
Alle sahen ihn an.
„Was meinst du?“, fragte Téa.
Yugi deutete auf die Resonanzanker entlang der Innenwand. „Wenn das Tor auf Signatur reagiert und nicht nur auf Materie, dann gibt es vielleicht eine Möglichkeit, die Verbindung zu mir nach vorn zu projizieren. Nicht physisch. Eher wie… wie der Phantom-Anker des Dunklen Magiers. Eine Präsenzspur.“
Mokuba sog scharf Luft ein. „Bruder, das könnte gehen.“
Kaiba hatte den Gedanken bereits weitergeführt. „Nicht mit den Hauptankern allein. Aber in Kombination mit den Feldstabilisatoren und Yugis aktiver Disksignatur…“ Er brach ab und blickte auf die Anzeigen. „Ja. Vielleicht.“
Joey starrte zwischen ihnen hin und her. „Ich hab das Gefühl, ihr redet schon wieder in einer Sprache, die normale Panik komplett ausschließt.“
„Sie wollen eine Projektion von Yugi durch das Tor schicken, ohne dass er körperlich raus muss“, sagte Téa.
„Ah.“ Joey blinzelte. „Das ist immer noch furchtbar, aber immerhin versteh ich’s jetzt.“
Kaiba ignorierte ihn. „Risiko?“
Mokuba wurde ernst. „Wenn die innere Kammer die Projektion akzeptiert, können wir einen ersten Blick ins Innere kriegen und vielleicht die Struktur des zweiten Erwachens verstehen. Wenn nicht…“ Er sah zu Yugi. „Dann könnte die Rückkopplung ziemlich heftig werden.“
„Wie heftig?“, fragte Tristan.
Mokuba zögerte. „Visionen. Orientierungsausfall. Kurzzeitiger Identitätsstress. Vielleicht mehr, wenn die Kammer aktiv versucht, Rollen neu zuzuweisen.“
Joey riss die Augen auf. „Identitätsstress? Was ist das denn für ein Horrorausdruck?!“
„Ein präziser.“
„Ich hasse präzise heute.“
Yugi dachte nicht lange nach.
„Mach es.“
Téa legte sofort eine Hand an seinen Arm. „Yugi.“
Er sah sie an. In ihren Augen lag Sorge, ja — aber auch das Wissen, dass sie ihn nicht würde aufhalten können, wenn er bereits wusste, dass der Schritt notwendig war.
„Wir müssen verstehen, was hinter der Schwelle liegt“, sagte er leise. „Wenn das zweite Erwachen dort beginnt, können wir es nicht stoppen, ohne wenigstens zu sehen, womit wir es zu tun haben.“
Kaiba nickte einmal, knapp und endgültig. „Mokuba. Kopplung vorbereiten. Ich halte uns exakt auf Grenzdistanz.“
Joey lehnte sich zurück und strich sich über das Gesicht. „Natürlich machen wir das. Warum auch nicht. Wir projizieren jetzt also Yugis Seele oder was auch immer durch ein antikes Unterwassertor.“
„Nicht seine Seele“, sagte Kaiba.
„Aha.“
„Seine Resonanzidentität.“
Joey starrte ihn an. „Das ist kein bisschen besser.“
Die Anlage erwachte weiter.
Der Spalt im Tor wurde um einen weiteren Fingerbreit breiter. Von innen schimmerte nun gelegentlich ein fahles Licht auf, nicht regelmäßig, eher wie das langsame Öffnen eines Auges in großer Tiefe.
Der Torhüter blieb stehen.
Doch seine goldenen Augen richteten sich nun nicht mehr nur auf Yugi.
Sie richteten sich auf das Tor.
Als erwarte selbst er, was nun kommen würde.
~X~
Mokuba verband die Systeme in weniger als einer Minute, aber für Yugi fühlte es sich an, als würde die Zeit währenddessen in mehreren Schichten laufen.
Da war die äußere Realität: das Summen von Leviathan-01, die ruhigen, präzisen Bewegungen von Kaibas Händen an der Steuerung, das kalte Leuchten der Anzeigen, Téas Hand, die noch immer kurz seinen Unterarm berührte, bevor sie sie bewusst zurücknahm, damit er sich konzentrieren konnte. Joey, der mit zusammengebissenen Zähnen zusah und sich sichtbar dagegen wehrte, zehn Dinge auf einmal zu sagen. Tristan, der nichts sagte, aber so aufmerksam war, dass er wahrscheinlich selbst einen kleinen Fehler in den Instrumenten bemerkt hätte, bevor die Hälfte der Crew es tat.
Und darunter lag eine andere Zeit.
Die Zeit des Tores.
Die Zeit der Symbole.
Die Zeit eines Systems, das nicht nach Sekunden maß, sondern nach Zuständen, Rollen und der Frage, wer etwas weitertragen durfte.
„Kopplung läuft“, sagte Mokuba. „Yugi, ich leite einen Teil der Ankerleistung über deine Duel Disk. Du musst nicht aktiv etwas ‘tun’, außer dich auf den Übergang zu konzentrieren. Wenn die Kammer reagiert, versuch nicht, dagegen anzukämpfen. Sonst bricht die Projektion ab.“
„Das klingt besorgniserregend“, murmelte Tristan.
„Ist es auch“, sagte Kaiba.
„Danke für die Ehrlichkeit.“
Yugi schloss kurz die Augen.
Nicht um sich abzuschotten, sondern um die Geräusche in eine Reihenfolge zu bringen, in der er sie loslassen konnte. Er hörte seinen eigenen Atem. Das leise Surren der Disk. Die minimalen Bewegungen des Fahrzeugs. Irgendwo tief im Material ein Vibrieren, das nicht von Leviathan-01 stammte, sondern vom Tor selbst.
Dann öffnete er die Augen wieder.
Vor ihm auf dem Hauptschirm erschien ein neues Muster. Goldene Kreise liefen von den Resonanzankern zu seiner Duel Disk, von dort in die Frontsysteme, dann durch die Scheibe hinaus in den schmalen Spalt des Tores. Nicht als direkter Lichtstrahl, sondern als netzartige Struktur, die sich durch das Wasser schob und dabei gleichzeitig technisch und vollkommen untechnisch wirkte.
Der Torhüter hob leicht den Kopf.
Keine Abwehr.
Keine Zustimmung im menschlichen Sinn.
Nur Feststellung: Der nächste Schritt wurde registriert.
„Jetzt“, sagte Mokuba.
Yugi legte die Hand flach auf seine Duel Disk.
Der Übergang war nicht wie die Visionen zuvor.
Die Visionen hatten ihn überfallen, aufgerissen, mit Fragmenten getroffen. Das hier war kontrollierter — zumindest im ersten Moment. Er spürte, wie sich seine Wahrnehmung streckte, als würde ein Teil von ihm nach vorne gezogen, nicht körperlich, sondern als Spur, als Muster. Das Innere der Kabine blieb da. Er verlor nicht sich selbst. Doch gleichzeitig trat eine zweite Ebene ins Bewusstsein.
Der schmale Spalt im Tor.
Das Wasser davor.
Das Schwarze dahinter.
Und dann war er auf der anderen Seite.
Nicht mit einem Körper.
Aber mit Perspektive.
Yugi stand — oder war — in einer kreisförmigen Kammer aus schwarzem Stein. Das erste, was er wahrnahm, war Stille. Keine Meeresstille, keine technische Stille. Es war die Art von Stille, die an Orten lag, die für Urteile gebaut worden waren. Rund um die Kammer liefen zwölf Nischen im Kreis, von denen zwei schwach leuchteten. In der Mitte befand sich ein abgesenkter Ringboden, darin eingraviert dasselbe System aus Kreis, Vertikallinie und Segmenten, das ihm schon in Träumen, Visionen und am Tor begegnet war.
Doch das war nicht das Wichtigste.
Das Wichtigste war der Thron.
Er stand nicht erhöht am Ende eines Saales wie ein königlicher Sitz in einem Palast. Er stand am Rand des inneren Rings, halb frontal zur Kammer, als diene er nicht bloß zum Herrschen, sondern zum Entscheiden. Er war aus dunklem Stein gefertigt, mit Goldadern durchzogen, und über seiner Lehne schwebte dieselbe schmale Krone, die der Torhüter im Wasser gezeigt hatte.
Die Krone war real.
Nicht nur Symbol.
Yugis Herz zog sich zusammen.
Denn der Thron war nicht leer.
Keine Person saß dort.
Aber auf der Sitzfläche lag etwas.
Ein Stück Metall? Nein.
Ein Fragment.
Eine gebrochene Goldspange oder ein Ringsegment, das aussah, als sei es einst Teil von etwas Größerem gewesen. Und als Yugi es sah, traf ihn ein neuer Riss von Erinnerung, scharf genug, dass seine Resonanzsicht kurz flackerte:
Eine Hand, die denselben Gegenstand hält.
Blut auf Stein.
Jemand sagt: Wenn die Krone getrennt wird, darf nur einer den Namen bewahren.
Dann eine Stimme, jünger, voller Wut: Das ist Verrat.
Die Vision brach ab.
Yugi taumelte — wenn man in einer Projektion taumeln konnte — und merkte gleichzeitig, dass aus der realen Kabine Stimmen zu ihm drangen, dumpf und fern.
„Yugi!“
Téa.
Dann Kaiba, schärfer: „Bleib fokussiert! Beschreib, was du siehst!“
Yugi zwang sich, die Wahrnehmung zu stabilisieren.
„Eine Kammer“, sagte er, und hörte die eigene Stimme doppelt, einmal in sich, einmal fern aus dem Fahrzeug. „Zwölf Nischen. Zwei aktiv. Ein… ein Entscheidungsraum. Und ein Thron.“
„Ein Thron?“, kam Joeys Stimme, voll ungläubiger Spannung.
„Ja.“
Er trat näher an den inneren Ring. Auf dem Boden erschienen unter seinen nicht ganz vorhandenen Schritten schwache Lichtspuren. Die Kammer erkannte ihn. Nicht vollständig, nicht als Besitzer. Aber als zugelassenen Prüfpunkt.
Dann sah er die zweite Form.
Sie stand nicht im Zentrum. Sie stand im Schatten rechts hinter dem Thron, so reglos, dass Yugi sie zuerst für eine Statue gehalten hatte.
Menschlich.
Schlank.
Dunkle Gewänder.
Der Kopf gesenkt.
Und um die Stirn ein Ring aus sechs offenen Segmenten.
Nicht Nefares.
Nicht der Torhüter.
Etwas dazwischen.
Oder jemand.
Langsam hob die Gestalt den Kopf.
Yugi konnte das Gesicht nicht klar erkennen. Es war, als lägen mehrere Zustände übereinander — jung und alt, menschlich und steinern, vertraut und vollkommen fremd. Doch die Augen waren sichtbar.
Nicht gold.
Dunkel.
Lebendig dunkel.
Und in genau dem Moment, in dem sich dieser Blick auf Yugi richtete, sprach die Gestalt das erste klare Wort, das aus dem Inneren der zweiten Schwelle jemals direkt an ihn gerichtet war.
„Endlich.“
Dann zerbarst die Projektion.
