Zum Inhalt der Seite

Yu-Gi-Oh! Das Vermächtnis des Königs

von

.
.
.
.
.
.
.
.
.
.

Seite 1 / 1   Schriftgröße:   [xx]   [xx]   [xx]

Die Karte der erwachenden Punkte

Das Duellfeld war noch nicht vollständig verschwunden, als die Weltkarte auf dem Hauptschirm der Kaiba Corporation erneut aufflammte.

Die beschädigten Überreste der Chronischen Nekropole lagen wie ein halber Alptraum über dem Labor: schwarze Säulen, die in digitale Störungen zerfielen; goldene Markierungen, die nur noch in Schüben rotierten; ein Himmel aus Dämmerung, der zwischen Rissen aus Licht und Finsternis hing. Doch all das trat für einen Augenblick in den Hintergrund, weil auf dem Schirm über ihnen nun sechs Punkte pulsierten, jeder von einem vertrauten Kreis aus Symbolen umgeben.

Domino City.

Das Tal der Könige in Ägypten.

Ein Punkt über dem Atlantik.

Ein weiterer tief in Nordafrika.

Dann zwei, die Yugi auf den ersten Blick nicht zuordnen konnte — einer im Bereich des Mittelmeers, der andere weiter östlich, nahe einer Wüstenregion, in der die Karte kaum Städte markierte.

Mokuba stand an der Hauptkonsole, die Finger wie erstarrt über den Bedienelementen. „Die Signaturen sind fast identisch mit dem, was wir über Domino registriert haben“, sagte er. „Aber nicht völlig. Jeder Punkt hat leichte Abweichungen in Frequenz, Temperaturverhalten und Energiemuster.“

Kaiba trat direkt neben ihn. Sein Blick war kühl, aber jeder im Raum kannte ihn gut genug, um zu sehen, dass er mit maximaler Konzentration arbeitete.

„Abweichungen wie?“

Mokuba schaltete mehrere Datenfenster auf. „Der Punkt über Domino ist instabil und reagiert eindeutig auf das Feld hier unten. Ägypten zeigt eine ältere, tiefere Signatur. Der Atlantik hat starke Interferenzen, als wäre etwas im Wasser oder unter dem Wasser aktiv. Und die anderen drei…“ Er zögerte. „Die sehen fast aus, als hätten sie auf ein Signal gewartet.“

Nefares stand noch immer auf der gegenüberliegenden Seite des Feldes, die Gewänder vom letzten Angriff gezeichnet, die Stirn mit einem wieder geschlossenen und einem noch offenen Siegel versehen. Doch trotz seiner Verletzung oder vielleicht gerade deshalb wirkte er nicht schwächer. Eher so, als sei mit dem ersten Bruch etwas in Bewegung geraten, das selbst er nicht mehr zurückhalten wollte.

„Nicht gewartet“, sagte er ruhig. „Gezählt.“

Yugi wandte sich zu ihm um. Noch immer spürte er das Echo des Duells im ganzen Körper. Seine Lebenspunkte waren niedrig gewesen, der mentale Druck der geöffneten Tore saß wie ein Nachhall in seinen Nerven, und doch stand er fester als zu Beginn. Etwas hatte sich verändert. Nefares hatte versucht, ihm den Boden unter den Füßen zu nehmen, indem er Namen, Orte und Zusammenhänge angriff. Stattdessen hatte Yugi zum ersten Mal verstanden, dass sein Deck, seine Erinnerungen und sein eigener Wille inzwischen enger miteinander verwoben waren, als er es selbst begriffen hatte.

„Was wird gezählt?“, fragte er.

Nefares sah ihn an. „Die Reihenfolge der Erwachungen.“

Joey hob sofort die Hände. „Nein. Nein, heute nicht mehr. Ich schwöre, wenn du wieder so tust, als wärst du ein lebendes Rätselbuch, dann—“

„Wheeler“, sagte Kaiba ohne jede Lautstärkeveränderung.

„Ja, ja, ich weiß. Still sein. Aber ernsthaft, jemand muss doch mal sagen, dass der Typ klingt, als hätte er eine Bedienungsanleitung für einen Untergang auswendig gelernt.“

Tristan fuhr sich durchs Haar. „Diesmal hat er nicht mal unrecht.“

Téa trat einen Schritt näher zu Yugi. „Kannst du stehen?“

Yugi nickte. „Ja.“

Es war keine heldenhafte Lüge. Er konnte wirklich stehen. Aber Téa sah trotzdem, wie viel Anstrengung es ihn kostete, die Schmerzen im Kopf und das Flackern der Bilder auszublenden. Sie sagte nichts weiter, doch ihre Nähe allein machte den Raum greifbarer, echter.

Kaiba verschränkte endlich wieder die Arme, allerdings nicht aus Arroganz, sondern weil er dachte. „Wenn diese Punkte zusammenhängen, dann ist Domino nur einer von mehreren Aktivierungsorten.“

„Korrekt“, sagte Nefares.

„Und das hier“, Kaiba deutete erst auf das beschädigte Feld, dann auf den Schirm, „war ein Testlauf.“

„Eine Öffnung“, korrigierte Nefares. „Ein Beweis, dass der Erbe reagiert.“

Yugi trat an die Grenze des Duellfeldes, so weit das flackernde System es zuließ. „Du hast von einem ersten Verrat gesprochen. Von einem Zyklus. Von einem Thron, der mehr als einen Anspruch kannte. Wenn diese Punkte erwachen, was passiert dann?“

Nefares schwieg.

Yugi spürte, dass dies nicht bloß Schweigen aus Stolz oder Bosheit war. Es wirkte eher, als bewege sich Nefares selbst innerhalb eines Gesetzes, das bestimmte Antworten erst dann zuließ, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt waren.

Schließlich sagte er: „Mit jedem erwachten Punkt nähert sich die Welt dem Zustand, in dem Erinnerung und Gegenwart nicht länger getrennt bleiben. Orte, Eide, Namen und Kronen werden sich wieder gegenseitig erkennen.“

„Das soll eine Antwort sein?“, fuhr Joey auf.

„Für dich nicht“, sagte Nefares. „Für ihn schon.“

Yugi dachte an die Bilder während des Duells. Den zweiten Schatten neben dem Thron. Die Stimme, die gesagt hatte, nur einer dürfe erinnert werden. Und jene andere, weibliche Stimme, die davon gesprochen hatte, dass einer vergessen werden müsse, wenn beide schworen.

Beide.

Nicht zwei Feinde.

Nicht zwei zufällige Gestalten.

Zwei Schwörende.

Ein kalter Gedanke schob sich in sein Bewusstsein: Was, wenn Atems Geschichte nicht mit einem Rivalen begann, sondern mit einem anderen Erben? Jemandem, der nicht bloß nach Macht griff, sondern ursprünglich Teil eines Eides gewesen war?

„Bruder“, sagte Mokuba plötzlich.

Kaiba sah auf.

„Der Punkt im Tal der Könige sendet jetzt Live-Daten. Oder irgendetwas, das wie Live-Daten aussieht.“

Auf dem Schirm wechselte die Darstellung. Erst nur Störungen. Dann ein Bild. Unscharf, grau, verrauscht von Sandpartikeln.

Ein archäologisches Lager.

Leere Zelte.

Zerrissene Seile.

Kisten, deren Deckel offenstanden.

Und am Rand des Bildes eine Steinwand, in die derselbe Kreis aus zwölf Einschnitten eingebrannt war, den Nefares auf der Stirn trug. Nur war der Kreis dort viel größer, mannshoch, und in der Mitte befand sich ein vertikaler Spalt.

Eine Tür.

Yugis Magen zog sich zusammen. Der Korridor aus seinen Träumen. Die schwarze Tür ohne Griff. Alles rückte mit einem Mal näher zusammen.

„Kannst du das Bild stabilisieren?“, fragte Kaiba.

„Ich versuche es.“

Das Bild flackerte, wurde schärfer. Jetzt war der Bereich vor der Steintür sichtbar. Auf dem Boden lagen keine Leichen. Keine Ausrüstung. Keine erkennbaren Spuren von Gewalt. Aber es gab Linien im Sand. Halbkreisförmige Schleifspuren, als hätte etwas Schweres dort gestanden und sei dann nicht weggetragen, sondern weggezogen worden. Weg in die Tür.

„Wo ist das Ausgrabungsteam?“, fragte Téa leise.

Niemand antwortete.

Nefares tat es schließlich. „Jenseits des ersten Eingangs.“

Kaiba drehte den Kopf zu ihm. „Sind sie tot?“

„Nicht zwingend.“

„Das war keine Antwort.“

„Es war die präziseste, die du erhalten kannst.“

Joey stieß hörbar Luft aus. „Ich werd mit dem nie warm.“

Yugi ließ den Schirm nicht aus den Augen. Die Tür im ägyptischen Lager wirkte nicht einfach alt. Sie wirkte wartend. Als sei sie nicht nur architektonisch gebaut, sondern absichtlich versiegelt worden, damit etwas Bestimmtes erst dann zurückkehren konnte, wenn bestimmte Konstellationen erfüllt waren.

Sechs Punkte.

Sechs Erwachungen.

Zählung.

„Du bist nicht hier, um uns alle direkt zu vernichten“, sagte Yugi plötzlich.

Nefares antwortete nicht sofort.

„Du bist hier, um etwas in Gang zu setzen. Das Duell war dafür nötig. Nicht weil du mich einfach besiegen wolltest, sondern weil du prüfen musstest, ob ich als… Träger reagiere.“

Ein kaum sichtbares Nicken.

„Und wenn ich nicht reagiert hätte?“

Diesmal dauerte es länger, bis Nefares sprach. „Dann wäre Domino gefallen, ohne dass der Name des Königs noch Bedeutung gehabt hätte.“

Im Raum wurde es still.

Selbst Joey brachte nichts dazwischen.

Kaiba hingegen verengte die Augen. „Du meinst, der Ort wäre verloren gegangen?“

„Nicht der Ort“, sagte Nefares. „Die Ordnung, die ihn noch an den Zyklus bindet.“

Kaiba sah für einen Moment aus, als wolle er direkt eine weitere Frage stellen, doch dann entschied er sich um. „Mokuba. Isolier alle Daten dieser sechs Punkte. Priorität Eins. Ich will Satellitenbilder, historische Schichten, Wetterdaten, Meereskarten, Grabungsberichte, Energieprofile, alles.“

„Schon dabei.“

„Und sperr den gesamten unteren Sektor. Niemand geht ohne meine Erlaubnis rein oder raus.“

Joey starrte ihn an. „Äh, Kaiba? Da steht immer noch der Grab-Typ mit dem Arm-Ding. Sollten wir vielleicht damit anfangen?“

Alle Blicke wandten sich wieder Nefares zu.

Die Restenergie des Feldes flackerte um seine Gestalt wie Nebel.

„Du wirst nicht bleiben“, sagte Kaiba.

Es war keine Vermutung. Es war eine Feststellung.

Nefares sah ihn an. „Nein.“

„Weil du es nicht kannst oder weil du es nicht willst?“

„Beides.“

Yugi machte einen Schritt nach vorn. „Wenn du gehst, kommst du wieder.“

„Ja.“

„Dann sag mir wenigstens eins.“ Yugi hielt seinem Blick stand. „Ist das alles wirklich gegen Atem gerichtet? Oder gegen etwas, das schon vor ihm begonnen hat?“

Nefares schwieg so lange, dass sogar die Monitore lauter zu summen schienen.

Dann sagte er: „Nicht gegen ihn. Gegen die Lücke, die sein Sieg hinterlassen hat.“

Und ehe jemand darauf reagieren konnte, begann der schwarze Riss hinter ihm zu wachsen.
 

~X~
 

Das Aufweiten des Risses geschah lautlos.

Gerade das machte es schlimmer.

Keine Explosion, kein donnernder Zusammenbruch, nicht einmal das Dröhnen einer Maschine. Das Schwarz hinter Nefares dehnte sich schlicht aus, als wäre die Luft selbst bereit, einen Teil ihrer Form aufzugeben. Die goldenen Symbole, die bisher ungeordnet darum kreisten, richteten sich neu aus und bildeten einen Ring aus rotierenden Zeichen, die nur Yugi in ihrer ganzen Schärfe zu erkennen glaubte. Es waren keine gewöhnlichen Hieroglyphen. Einige erinnerten an ägyptische Zeichen, andere an Sternkarten, wieder andere an Kreise und Bruchlinien, als ließe sich Zeit selbst in Schrift pressen.

Mokuba wich instinktiv einen halben Schritt zurück. Mehrere Techniker im hinteren Bereich des Labors taten es ihm nach. Nur Kaiba blieb stehen, als wollte er dem Riss allein durch Haltung klarmachen, dass auch diese Unmöglichkeit sich in seinem Gebäude nicht das letzte Wort nehmen durfte.

„Messwerte steigen!“, rief einer der Techniker. „Die Randenergie überschreitet die Belastungsgrenze der Projektoren!“

„Notabschaltung?“, fragte Mokuba.

„Unwirksam“, knurrte Kaiba. „Das Ding hängt längst nicht mehr von meinen Projektoren ab.“

Joey streckte sofort den Arm aus. „Dann ist jetzt offiziell der Punkt erreicht, an dem du zugeben darfst, dass Magie nicht nur alte Geschichte ist.“

Kaiba ignorierte ihn vollständig.

Yugi dagegen sah nur Nefares an.

In dem flackernden Halbdunkel des beschädigten Feldes wirkte dessen Gestalt gleichzeitig realer und ferner als zuvor. Sein zerrissenes Gewand bewegte sich nicht im Wind, sondern im Zug des Risses. Die goldenen Linien unter seiner Haut pulsierten jetzt sichtbarer, vor allem um Hals und Schläfen. Und das offene Siegel auf seiner Stirn glomm nicht nur. Es schien mit etwas jenseits des Risses im Takt zu stehen.

„Du bist an den Ort gebunden, von dem du kommst“, sagte Yugi.

Nefares wandte langsam den Kopf. „Teilweise.“

„Du kannst nicht lange hier bleiben.“

„In dieser Form nicht.“

Kaiba schaltete sich sofort ein. „Form?“

Nefares blickte ihn nicht an. „Manifestationen folgen Regeln. Jede Welt hält andere besser aus als die nächste. Eure ist laut. Dicht. Schwer. Sie stößt ab, was nicht sauber zu ihr gehört.“

„Und trotzdem bist du hier“, sagte Téa.

„Weil eine Tür geöffnet wurde.“

Kaiba verzog keine Miene, aber Yugi wusste, dass ihn das traf. Nicht als Schuld im moralischen Sinn. Kaiba dachte selten so. Doch als Ursache. Als Fakt. Und für Kaiba waren Ursachen nie belanglos.

„Meine Anlage“, sagte er kalt. „Du hast sie benutzt.“

„Ich habe nur den Weg genommen, den du gegraben hast.“

Joey schnaubte. „Das ist ziemlich eindeutig ein Ja, Kaiba.“

„Halt den Mund, Wheeler.“

„Kann ich nicht. Bin emotional investiert.“

Tristan trat zwischen Joey und die Feldbegrenzung, ehe der sich noch weiter vorlehnte. „Konzentrier dich lieber darauf, nicht wieder von unsichtbarer Magie gegen eine Wand geworfen zu werden.“

Yugi trat nun selbst näher an die flackernde Grenze. Die beschädigten Energielinien zischten, als wollten sie ihn warnen. Doch sie ließen ihn bis auf wenige Schritte an Nefares heran. Vielleicht, weil das Feld ihn inzwischen als zentralen Punkt erkannte. Vielleicht, weil es noch immer auf ihn reagierte.

„Du hast gesagt, es geht um eine Lücke, die Atems Sieg hinterlassen hat“, sagte Yugi. „Was für eine Lücke?“

Nefares’ Blick war schwer zu lesen. Nicht leer. Eher wie der Blick eines Menschen, der eine Wahrheit zu lange allein getragen hat und nicht mehr weiß, wie sie klingt, wenn man sie ausspricht.

„Euer König gewann das Recht, erinnert zu werden“, sagte er schließlich. „Aber jeder Sieg, der auf einem geteilten Anspruch ruht, erzeugt einen Rest.“

Yugi dachte an die Bilder des zweiten Schattens. An die Worte: Nur einer darf erinnert werden. An die andere Formulierung: Wenn beide schwören, wird einer vergessen werden müssen.

„Es gab also wirklich einen zweiten Anspruch.“

„Ja.“

Im Raum bewegte sich niemand.

Kaiba hob nur leicht das Kinn. „Auf den Thron?“

„Auf die Krone.“ Nefares’ Stimme wurde kühler. „Der Thron war nur das sichtbare Zeichen.“

„Wer war es?“, fragte Yugi.

Nefares schloss die Augen, als müsse er gegen eine unsichtbare Grenze anreden. „Der Name darf nicht vor dem dritten Tor gesprochen werden.“

Joey warf die Hände hoch. „Natürlich nicht. Warum sollte heute mal irgendwas einfach sein?“

Téa aber ließ Nefares nicht aus den Augen. „Und was ist mit den Menschen in Ägypten? Mit dem Ausgrabungsteam? Mit den anderen Punkten auf der Karte? Wenn überall solche Türen sind, dann sind da vielleicht noch mehr Menschen in Gefahr.“

Das offene Siegel auf Nefares’ Stirn glomm heller, als Téa sprach. Yugi bemerkte es sofort. Nefares antwortete ihr mit derselben ruhigen Schwere wie bisher, aber etwas an seinem Ton veränderte sich. Nicht weicher. Eher… präziser.

„Gefahr beginnt nicht erst mit dem Tod“, sagte er. „Sie beginnt dort, wo Orte wieder erkennen, was einmal unter ihnen versiegelt wurde.“

Téa wich nicht zurück. „Das ist immer noch keine Hilfe.“

Nefares sah sie einen Moment lang an. „Dann dies: An drei der sechs Punkte sind bereits Menschen verschwunden. Nicht getötet. Verlagert.“

Mokuba schluckte. „Verlagert wohin?“

„In die Räume zwischen den Öffnungen.“

Kaiba fuhr herum. „Kannst du das technisch übersetzen?“

„Nein“, sagte Nefares.

„Natürlich nicht.“

Yugi spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Menschen waren verschwunden, nicht nur ein Team in Ägypten. Es ging längst nicht mehr um eine abstrakte antike Bedrohung, sondern um reale Orte, reale Opfer, reale Zeit. Jeder Moment, den sie brauchten, um zu verstehen, war ein Moment, in dem weitere Punkte erwachen konnten.

„Dann gib uns wenigstens einen Anfang“, sagte Yugi. „Welcher dieser Orte ist als Nächstes dran?“

Nefares drehte den Kopf zur Weltkarte. Der Punkt über dem Atlantik pulsierte nun stärker als zuvor. Gleichzeitig flackerte der mediterrane Punkt unruhig auf und ab, als kämpfe er gegen eine unsichtbare Strömung.

„Nicht der nächste“, sagte Nefares. „Die nächsten.“

Kaiba trat sofort an Mokubas Konsole. „Kannst du die beiden Schwerpunkte isolieren?“

„Ja.“

Zwei Fenster sprangen auf. Eines zeigte Meeresdaten, Schifffahrtslinien, Tiefenkarten. Das andere historische Layer aus einer Wüstenregion im östlichen Mittelmeerraum. Alte Handelswege, Ruinenzonen, archäologische Sperrgebiete.

„Atlantik und—“ Mokuba stockte. „Bruder, der zweite Punkt liegt nahe einer alten Ruinenstätte, die vor Jahrzehnten gesperrt wurde. Mehrere Länder streiten seit Jahren über Zuständigkeiten. Es gibt fast keine aktuellen Daten.“

Kaiba lächelte dünn. Es war kein angenehmes Lächeln. „Dann besorgen wir sie.“

Joey sah zwischen Schirm und Riss hin und her. „Moment. Gehen wir gerade wirklich von null auf weltweite antike Katastrophe?“

„Ja“, sagte Tristan.

„Nur damit ich weiß, ob ich mich mental beschweren oder panisch werden soll.“

„Beides“, sagte Téa.

Der Riss hinter Nefares zog nun sichtbar an seiner Gestalt. Seine Konturen wurden an den Rändern unscharf, als ob feine Teile von ihm in das Dunkel zurückfielen. Yugi bemerkte auch etwas anderes: Die goldenen Linien unter seiner Haut waren nicht bloß Energieadern. Sie wirkten stellenweise wie Bruchstellen.

„Du zerfällst“, sagte Yugi.

Nefares’ Blick kehrte zu ihm zurück. „Diese Welt duldet keine Boten ohne Preis.“

„Bote“, wiederholte Kaiba sofort. „Also bist du nicht das Zentrum von all dem.“

Ein winziger Moment verging.

Dann sagte Nefares: „Nein.“

Das war fast schlimmer als alles andere.

Wenn Nefares nicht der Ursprung war, sondern lediglich ein Hüter, Vollstrecker oder Bote — dann stand hinter ihm etwas Größeres. Etwas, das nicht nur alte Kräfte besaß, sondern Strukturen, Siegel, Zyklen und vielleicht sogar mehrere Diener.

Yugi machte noch einen Schritt nach vorn. „Wessen Bote?“

Diesmal lag die Antwort bereits in Nefares’ Gesicht, bevor er sie aussprach. Nicht Furcht. Nicht Ehrfurcht. Eher die starre Loyalität eines Menschen, der eine Grenze auch dann nicht überschreitet, wenn er daran zerbricht.

„Desjenigen“, sagte er, „der niemals hätte vergessen werden dürfen.“

Ein leises, hohes Summen durchschnitt die Halle.

Mokuba riss den Blick zu den Anzeigen. „Der Riss kollabiert!“

„Rückzug vom Feld!“, rief Kaiba den Technikern zu.

Yugi blieb stehen.

Denn in genau diesem Moment passierte etwas Unerwartetes.

Zwischen ihm und Nefares, knapp über der zersplitterten Mitte des Duellfeldes, entstand für den Bruchteil einer Sekunde ein drittes Bild. Kein Mensch. Keine Tür. Keine Karte.

Ein Auge.

Nicht das Auge des Millenniums, nicht das steinerne Auge aus der Chronischen Nekropole, sondern ein menschliches Auge, golden, wach, traurig und zugleich unerbittlich.

Yugis Herz stoppte beinahe.

Dann war es verschwunden.

Nefares’ Kopf ruckte herum, als hätte auch er es gesehen. Zum ersten Mal wirkte er nicht kontrolliert.

„Unmöglich“, sagte er.

„Was?“, fragte Yugi sofort.

Doch der Riss zog an.

Nefares’ Gestalt wurde vom Dunkel gepackt, die Goldlinien unter seiner Haut rissen auf wie versiegelte Fugen, und seine letzten Worte trafen Yugi, Kaiba und die anderen wie ein Befehl, der selbst gegen den eigenen Willen ausgesprochen werden musste:

„Findet den Ort unter dem Wasser, bevor das zweite Erwachen die Tiefe öffnet.“

Dann verschwand er.

Der Riss schloss sich in einem einzigen, lautlosen Schnitt.

Und zum ersten Mal seit Beginn dieser neuen Krise war absolute, unnatürliche Stille im Labor.
 

~X~
 

Die Stille hielt nur drei Sekunden.

Dann brachen überall gleichzeitig Systeme in Alarme aus.

Mehrere Konsolen warfen rote Warnfenster aus. Ein Schaltkreis an der südlichen Projektorreihe explodierte in Funken. Zwei Techniker riefen durcheinander, während ein dritter versuchte, ein brennendes Modul mit einem Notlöscher abzudecken. Das beschädigte Restfeld der Chronischen Nekropole flackerte noch ein letztes Mal auf, zeigte einen halben Himmel aus schwarzer Dämmerung und zerfiel dann zu einem Regen aus dunklen Partikeln, die nicht auf dem Boden landeten, sondern mitten in der Luft verblassten.

Yugi stand noch immer an derselben Stelle.

Das Auge.

Er hatte es gesehen. Ganz sicher. Kein verzerrtes Datenartefakt, keine Restprojektion, kein Duellphantom. Es war anders gewesen als alles zuvor. Es hatte nicht gedroht. Nicht geprüft. Es hatte nur einen Augenblick lang existiert — und in diesem Augenblick hatte Yugi etwas gespürt, das er nicht einordnen konnte.

Kein klares Erkennen.

Keine Stimme.

Aber die Ahnung, dass noch eine weitere Präsenz zwischen den Fronten stand.

„Yugi.“

Er blickte auf. Téa war bei ihm. Irgendwann in den letzten Sekunden musste die Feldsperre endgültig gefallen sein, denn nun gab es nichts mehr, das sie zurückhielt. Joey war dicht hinter ihr, Tristan ebenfalls. Mokuba blieb zunächst an der Konsole, doch er sah immer wieder herüber.

„Alles okay?“, fragte Téa.

Yugi antwortete nicht sofort. Joey legte ihm eine Hand auf die Schulter, diesmal ungewöhnlich vorsichtig.

„Du musst nicht so tun, als wär nichts“, sagte Joey. „Der Typ hat dir im Duell fast den Kopf verdreht.“

Yugi atmete aus. „Ich bin okay genug.“

„Okay genug klingt ziemlich mies“, meinte Tristan.

„Ist es vielleicht auch.“

Téa sah ihn genauer an. „Du hast am Ende etwas gesehen, oder? Nicht nur Nefares.“

Yugi nickte langsam.

Joey hob sofort eine Augenbraue. „Noch so ein Antike-Weltuntergangs-Ding?“

„Nein“, sagte Yugi. „Anders.“

Kaiba trat zu ihnen, während hinter ihm Techniker damit begannen, zerstörte Leitungen zu sichern. „Später“, sagte er. „Jeder Eindruck, jede Vision, jedes Detail ist wichtig. Aber zuerst müssen wir verhindern, dass der nächste Punkt erwacht.“

„Du glaubst ihm also“, sagte Joey.

Kaiba warf ihm einen Blick zu, der allein schon eine Beleidigung war. „Ich glaube Daten. Und die sagen mir, dass wir gerade ein lokales Ereignis erlebt haben, während fünf weitere Signaturen aktiv sind. Dass unser Gegner verschwand, bedeutet nicht, dass das Problem es auch tat.“

„Er sagte, wir sollen den Ort unter dem Wasser finden“, erinnerte Téa.

Mokuba hatte inzwischen mehrere Fenster aufgezogen und rief ohne sich umzudrehen: „Ich arbeite schon daran! Der Atlantik-Punkt liegt nicht an einer Schifffahrtsroute. Eher am Rand eines alten Grabens. Aber da ist etwas Seltsames.“

Kaiba war sofort bei ihm. „Was?“

„Die Signatur liegt nicht direkt über dem Wasser. Eher darunter. Tief darunter. Und sie bewegt sich nicht.“

„Ein Wrack?“, fragte Tristan.

„Zu regelmäßig“, murmelte Kaiba.

Yugi trat langsam näher. Auf dem Schirm war nun ein komplexes 3D-Modell des Meeresbodens zu sehen. Tiefseegräben, Bruchlinien, Unterwasserplateaus. Und inmitten eines besonders alten Grabenverlaufs pulsierte der goldene Kreis.

„Das sieht nicht natürlich aus“, sagte Yugi.

Kaiba nickte knapp. „Ist es vermutlich auch nicht.“

Joey stemmte die Hände in die Hüften. „Moment. Willst du damit sagen, da unten liegt irgendein antikes Ding? Unter dem Atlantik? Seit wann bauen alte Könige Unterwasser-Fallen?“

„Seit Geschichten, die wir nur teilweise kennen, länger existieren als dein Vorstellungsvermögen“, sagte Kaiba.

„Unnötig gemein, aber fair.“

Mokuba zoomte weiter hinein. Mehrere Scanebenen legten sich übereinander. Sonar, Geologiedaten, historische Anomalien, alte Satellitenmessungen.

Dann hielt er inne.

„Bruder.“

Kaiba beugte sich vor.

„Da ist eine Struktur.“

Der Bildschirm zeigte jetzt deutlich Kanten. Keine natürlichen Formationen, sondern geometrische Linien, halb im Sediment verborgen. Große Kreise. Ein langgestreckter zentraler Bereich. Und außerhalb davon zwölf ringförmige Vertiefungen, die in unregelmäßigen Abständen um die Hauptstruktur lagen.

Yugi spürte, wie ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. Zwölf.

Natürlich zwölf.

„Das kann kein Zufall sein“, sagte Téa.

„Ist es nicht“, sagte Kaiba.

Joey starrte den Schirm an, dann Yugi, dann wieder den Schirm. „Sagt mir bitte, dass wir nicht wirklich ins Meer müssen.“

„Wir müssen wahrscheinlich wirklich ins Meer“, sagte Tristan.

„Ich hasse diese Antwort.“

Kaiba richtete sich auf. „Mokuba. Ich will alles, was wir über versunkene Strukturen in diesem Gebiet haben. Alte Expeditionen, abgebrochene Sonarmessungen, militärische Sperrprotokolle, Ozeanographiedaten. Und ich brauche in weniger als einer Stunde ein einsatzfähiges Fahrzeug.“

Joey blinzelte. „Warte. Was?“

„Ein Tauchsystem.“

„Du hast natürlich ein Tauchsystem.“

„Mehrere.“

„Warum hast du mehrere?“

Kaiba sah ihn an, als sei die Frage unter seiner Würde. „Weil die Welt größer ist als Domino City, Wheeler.“

Joey drehte sich zu Tristan. „Sag du mal, dass das nicht normal ist.“

„Das ist nicht normal“, sagte Tristan. „Aber bei ihm leider erwartbar.“

Yugi hörte nur einen Teil davon. Sein Blick blieb an der Struktur unter Wasser hängen. Zwölf ringförmige Vertiefungen. Ein Zentrum. Ein Ort, der nicht nur alt, sondern bewusst angelegt wirkte. Und Nefares’ Warnung hallte noch nach: bevor das zweite Erwachen die Tiefe öffnet.

„Wenn dieser Ort wirklich als Nächstes aktiv wird“, sagte Yugi, „dann reicht es nicht, nur hinzufahren und zu schauen. Wir müssen verstehen, was die Erwachungen auslöst.“

„Das Duell war ein Schlüssel“, sagte Téa. „Zumindest teilweise.“

Kaiba nickte. „Domino reagierte eindeutig auf dich und auf Nefares. Aber die anderen Punkte könnten andere Auslöser haben. Ort, Objekt, Person, Resonanzmuster.“ Er sah zu Yugi. „Oder Erinnerungsfragmente.“

Mokuba drehte sich im Stuhl zu ihnen um. „Es gibt noch was.“

Kaiba hob das Kinn. „Sprich.“

„Die Weltkarte. Die sechs Punkte sind nicht einfach sechs einzelne Signaturen. Wenn ich die Aktivitätsmuster übereinanderlege, bilden sie…“ Er zögerte, dann blendete die Grafik ein. „…eine Bahn.“

Goldene Linien verbanden die Punkte. Nicht direkt, sondern in einer gebogenen, fast spiralförmigen Anordnung. Domino lag nicht im Zentrum, sondern auf einer äußeren Linie. Ägypten und der Atlantik dagegen schienen zwei größere Knotenpunkte zu bilden.

„Eine Route“, sagte Tristan.

„Oder ein Ritualpfad“, murmelte Téa.

Yugi dachte an Nefares’ Worte über Zählung und Reihenfolge. An das Gefühl, dass Orte sich wieder erkennen würden. Vielleicht waren die Punkte nicht bloß Siegelstationen. Vielleicht waren sie Teil einer Wiederzusammensetzung. Einer Karte, die nur erschien, wenn genug Stellen gleichzeitig reagierten.

Kaiba hatte denselben Gedanken. „Mokuba, projizier die Linie in historischen Layern.“

Das Bild wechselte erneut. Alte Küstenverläufe. Verschobene Wüstenzonen. Antike Handelsrouten. Und plötzlich deckte sich die Spirale nicht mehr bloß mit modernen Koordinaten, sondern mit etwas viel älterem: einer Reihe von Regionen, die einst über Wasser, später versandet, versunken oder begraben worden waren.

„Das ist kein zufälliges Netzwerk“, sagte Kaiba. „Das ist ein altes System.“

Joey stöhnte. „Ich mochte die Zeiten, in denen Turniere einfach nur Turniere waren.“

Niemand antwortete, weil jeder wusste, dass diese Zeiten endgültig vorbei waren.

Yugi ging einen Schritt vom Schirm zurück und schloss kurz die Augen.

Da war er wieder. Der Nachhall der fernen, vertrauten Regung. Nicht als Stimme, nicht als echte Gegenwart. Aber als Richtung. Als Erinnerung daran, dass man manchmal keine vollständige Antwort brauchte, um den nächsten richtigen Schritt zu gehen.

Als er die Augen öffnete, wusste er bereits, was gesagt werden musste.

„Wir fahren hin“, sagte er.

Kaiba sah ihn direkt an. „Natürlich tun wir das.“

„Nicht nur du.“

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

Joey hob die Hand. „Ich protestiere grundsätzlich gegen alles, was nach Unterwasser-Grab klingt. Aber ich bin dabei.“

„Ich auch“, sagte Téa sofort.

Tristan seufzte. „Als ob ich euch allein lassen würde.“

Mokuba sah zu seinem Bruder. „Ich komme auch.“

Kaiba schwieg einen Moment.

Dann sagte er: „Ja.“

Das eine Wort änderte die Atmosphäre mehr als vieles zuvor. Keine Diskussion. Kein Protegieren. Kein Zurücklassen. Mokuba war Teil der Sache.

Yugi sah noch einmal auf die Struktur unter dem Atlantik.

Irgendwo dort unten wartete das zweite Erwachen.

Und vielleicht mehr als das.
 

~X~
 

Die Vorbereitungen begannen noch im selben Labor, aber der Raum wirkte nun eher wie eine militärische Einsatzzentrale als wie ein Forschungsbereich.

Techniker schoben mobile Arbeitsstationen herein. Beschädigte Projektormodule wurden aus der Nähe der Hauptplattform entfernt. Sicherheitskräfte sperrten den unteren Sektor vollständig ab. Auf mehreren neuen Bildschirmen liefen parallel Karten, Sonarprofile, Wetterdaten, Unterwasserströmungen und historische Archivbilder. Kaiba Corp. hatte binnen Minuten auf höchste Krisenstufe umgeschaltet, und es war zugleich beeindruckend und beunruhigend, wie nahtlos Kaibas Organisation auf etwas reagieren konnte, das selbst in ihren Systemen nicht vorgesehen sein durfte.

Yugi saß auf einer Metallbank am Rand des Raumes, ein Glas Wasser in der Hand, das er bisher kaum angerührt hatte. Téa hatte darauf bestanden, dass er sich zumindest für ein paar Minuten setzte. Joey stand in unmittelbarer Nähe und tat so, als bewache er die gesamte Bank gegen unsichtbare Feinde, während Tristan mit verschränkten Armen die verschiedenen Einsatzanzeigen beobachtete.

„Sag mir ehrlich“, sagte Joey. „Wie schlimm war das wirklich?“

Yugi verstand sofort, was er meinte. Nicht der körperliche Schaden des Duells. Das, was Nefares mit den geöffneten Siegeln in seinem Kopf ausgelöst hatte.

Er sah auf das Wasserglas. Die Oberfläche war ruhig, spiegelte aber das kalte Licht der Monitore in zitternden Linien.

„Es war, als würde etwas durch Erinnerungen gehen, die nicht meine sind“, sagte er schließlich. „Nicht so wie früher mit Atem. Damals war da immer auch Klarheit, selbst wenn etwas überwältigend war. Diesmal war es eher…“ Er suchte nach dem richtigen Wort. „…ein Archiv, das sich gegen mich öffnet, aber nur in Rissen.“

Téa setzte sich neben ihn. „Und du denkst, dass diese Bilder echt sind?“

„Ja.“

„Nicht bloß Fallen?“

Yugi schüttelte den Kopf. „Vielleicht teilweise verzerrt. Aber nicht erfunden.“

Tristan sah zu ihnen herüber. „Dann haben wir jetzt also nicht nur ein antikes Problem, sondern eins mit unvollständigen Erinnerungen. Super.“

Joey stöhnte auf. „Warum können Bedrohungen nie mal einfache Schwächen haben? So was wie: ‘zerstör die große Kristallkugel und alles ist gut’.“

„Weil du dann das Gespräch verpassen würdest, in dem du dich beschwerst“, sagte Téa.

„Das stimmt.“

Yugi lächelte kurz. Es war klein, aber echt.

Ein Stück weiter diskutierten Kaiba und Mokuba mit mehreren leitenden Technikern. Auf einem der großen Schirme war bereits das Modell eines hochmodernen Tiefseefahrzeugs eingeblendet, schlank, dunkel, mit mehreren modularen Armen und einem Druckkörper, der eher wie ein Raumfahrzeug als wie ein klassisches U-Boot aussah.

Joey bemerkte es ebenfalls. „Natürlich ist sein Tauchboot futuristisch.“

„Es ist kein Boot“, sagte Tristan trocken. „Es ist wahrscheinlich ein ‘abyssales Mehrzweck-Interventionssystem’ oder so.“

Mokuba drehte sich zu ihnen um und grinste trotz der Lage kurz. „Fast. Es heißt Leviathan-01.“

Joey zeigte stumm in die Luft, als wolle er sagen: Siehst du?

Kaiba trat nun zu ihrer Gruppe. „Abflug in fünfundvierzig Minuten.“

„Abflug?“, wiederholte Joey. „Warte, wir fliegen erst zu einem Tauchboot?“

„Das Fahrzeug befindet sich auf einer mobilen Plattform im Atlantik“, sagte Kaiba. „Sie wird von einem Trägersystem aus gestartet.“

„Natürlich wird sie das.“

Yugi stand langsam auf. Die kurze Pause hatte geholfen. Nicht genug, um die Bilder in seinem Kopf verschwinden zu lassen, aber genug, um wieder ganz im Raum zu sein.

„Was wissen wir über den Ort?“, fragte er.

Kaiba aktivierte ein Hologramm zwischen ihnen. Die Unterwasserstruktur erschien als leuchtendes Drahtmodell.

„Nicht genug“, sagte er. „Aber mehr als vor zwanzig Minuten. Die Hauptanlage liegt in großer Tiefe auf einer geologisch alten Platte. Sie ist nicht natürlichen Ursprungs. Sonardaten deuten auf ringförmige Außenanlagen, einen zentralen Korridor und mindestens drei größere Hohlräume hin. Zwei frühere zivile Messungen wurden vor Jahren abgebrochen, nachdem Geräteausfälle und Orientierungsstörungen auftraten. Die Daten verschwanden aus öffentlichen Archiven.“

„Und du hast sie natürlich trotzdem gefunden“, sagte Joey.

„Ja.“

„Ich frag schon gar nicht mehr wie.“

Kaiba ignorierte das. „Das Problem ist nicht nur der Ort selbst. Kurz nach Nefares’ Verschwinden stieg die Aktivität dort um vierzehn Prozent. Wenn seine Aussage stimmt, dann beginnt das zweite Erwachen bereits.“

„Was bedeutet ‘die Tiefe öffnet’ überhaupt?“, fragte Téa.

Kaiba hob eine Datenreihe hervor. „Im besten Fall strukturelle Aktivität. Im schlechtesten Fall eine räumliche Überlagerung wie hier in Domino, nur unter Wasser und in deutlich größerem Maßstab.“

Tristan verzog das Gesicht. „Das klingt absolut nicht nach bestem Fall.“

Mokuba verschränkte die Arme. „Es gibt noch etwas, das wir nicht ignorieren sollten. Die Ringstrukturen um den Hauptkomplex ähneln nicht nur den zwölf Einschnitten aus Nefares’ Symbol. Ihre Abstände passen auch zu den sechs aktiven Punkten auf der Weltkarte, wenn man das Muster halbiert.“

Yugi sah ihn an. „Halbiert?“

„Sechs aktive Punkte“, sagte Mokuba, „zwölf Gesamtpositionen. Vielleicht sind nur die Hälfte bereits erwacht.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Dann sprach Kaiba den Gedanken aus, den alle hatten. „Also könnten noch sechs weitere folgen.“

Joey schloss die Augen. „Ich hätte wirklich gern einmal einfach nur ein Kartenladenproblem. So etwas wie ‘wer hat die neue Boosterbox geklaut’.“

„Du vermutlich“, sagte Tristan.

„Unverschämte Unterstellung.“

Yugi trat an das Hologramm heran und betrachtete den zentralen Korridor der Unterwasseranlage. Irgendetwas daran fühlte sich falsch vertraut an. Nicht, weil er ihn kannte, sondern weil sein Traum vom langen Steingang und der schwarzen Tür sich in diese Linien drängte. Vielleicht war es nicht derselbe Ort. Vielleicht nur eine ähnliche Struktur. Aber inzwischen schien alles darauf hinauszulaufen, dass Türen, Korridore und Siegel keine Einzelphänomene waren, sondern Teile desselben Systems.

„Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass dort unten nicht nur Maschinen versagen“, sagte Yugi. „Wenn die Erwachungen mit Erinnerungen, Namen und Orten arbeiten, kann der Ort selbst auf uns reagieren.“

Kaiba nickte. „Darum nehme ich mobile Resonanzanker mit. Sie stabilisieren lokale Felder.“

Joey starrte ihn an. „Hattest du die einfach rumliegen?“

„Ich habe sie vor Jahren entwickelt, nachdem ich mehrmals unfreiwillig in übernatürliche Konflikte verwickelt wurde.“

„Das ist erschreckend vernünftig.“

Téa sah von Yugi zu Kaiba. „Und wenn dort unten wieder ein Duell nötig ist?“

Kaiba antwortete ohne Zögern. „Dann führen wir es.“

„Wir?“, fragte Joey.

„Ja, wir“, sagte Kaiba. „Ich habe nicht vor, Yugi diesmal allein das Zentrum jeder Resonanzreaktion tragen zu lassen.“

Yugi sah ihn kurz an. Zwischen ihnen hatte es immer Konkurrenz, Reibung, Stolz und den Schatten des letzten Duells gegeben. Aber genau deshalb wusste Yugi, dass dieses Angebot Gewicht hatte. Kaiba sagte so etwas nicht aus Sentimentalität. Er sagte es, weil er beschlossen hatte, dass es notwendig war. Und bei ihm war das oft die deutlichste Form von Rückhalt.

„Gut“, sagte Yugi.

Mokuba bekam über Ohrkontakt eine neue Meldung und blickte sofort auf. „Die Plattform meldet Startbereitschaft. Wetterfenster stabil für die nächsten drei Stunden. Danach wird’s deutlich schlechter.“

„Dann verschwenden wir keine Zeit mehr“, sagte Kaiba.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung. Techniker wichen zur Seite, Türen öffneten sich automatisch, Sicherheitslichter sprangen entlang des Korridors an. Yugi ging neben Téa, Joey und Tristan, während Kaiba und Mokuba vorausliefen. Hinter ihnen blieb das beschädigte Labor zurück — die erste offene Wunde dieses neuen Konflikts.

Kurz bevor Yugi den Ausgang des Sektors erreichte, hielt er noch einmal inne.

Er drehte sich um.

Zwischen den letzten Resten der gelöschten Chronischen Nekropole war nichts mehr zu sehen. Kein Riss. Kein schwarzer Himmel. Kein Nefares.

Und doch glaubte Yugi für einen winzigen Moment erneut, jene andere Präsenz zu spüren. Nicht feindlich. Nicht klar. Aber aufmerksam. Als beobachte jemand aus einer Tiefe jenseits aller geöffneten Tore, ob er den nächsten Schritt wirklich gehen würde.

Yugi senkte den Blick nicht.

Dann wandte er sich um und lief den anderen nach.

Über ihnen wartete der Himmel.

Vor ihnen der Atlantik.

Und unter den schwarzen Wassermassen wartete ein Ort, der vielleicht seit Jahrtausenden darauf gewartet hatte, dass endlich wieder jemand an seine Türen klopfte.



Fanfic-Anzeigeoptionen

Kommentare zu diesem Kapitel (1)

Kommentar schreiben
Bitte keine Beleidigungen oder Flames! Falls Ihr Kritik habt, formuliert sie bitte konstruktiv.
Von: ShioChan
2026-04-20T12:15:20+00:00 20.04.2026 14:15
Huhu da bin ich wieder,

Das Kapitel war wieder richtig interessant zu lesen. :) Kaiba ist ja wirklich auf alle Eventualitäten vorbereitet. XD Und das kuriose... es ist ja wirklich so. XD Immer wieder erstaunlich.

Ich bin jedenfalls total gespannt, was es mit diesem ganzen Erwachungen und dem zweiten Thronanspruch auf sich hat. >_< Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang eine Vermutung, die etwas mit Yugi und Reinkarnation und sowas zu tun hätte, aber nach diesem Kapitel bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. XD

Um nochmal auf das Thema deiner Karten zurück zu kommen...
Ich finde das richtig cool. Also die Fähigkeit sich solche Karten auszudenken, die dann auch so perfekt in das Spiel passt. >_< Ein Kumpel von mir kann das auch und das finde ich richtig cool. Ich schaffe es nicht mal ohne Hilfe ein ordentliches Deck zusammenzustellen. D: Deshalb hast da meinen größten Respekt. Wirklich.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht und was Yugi und Co noch so erleben werden. Hab schon gesehen, dass das nächste Kapitel schon online ist. =D

Dann geh ich gleich mal weiter. :3
Bis dann
Shio~


Zurück