Ein Vater-Sohn-Konflikt
Ich residiere mit überschlagenen Beinen auf meinem Ledercouch in der VIP-Lounge unserer mit schwarzem Samt und vielen Kerzen ausgestatteten Arena. Ich bin ganz in dem alten Gedichtband versunken und genieße Baudelaires Präsenz. Geistesabwesend kraule ich das weiche, duftende Fell meines treuen Pokémon mit dem ganz besonderen Spitznamen und zitiere halblaut die ein oder andere Strophe, dann blättere ich andächtig die Seite um.
Mir gegenüber auf dem Sessel sitzt Klaudia, meine beste Freundin. Diese Muse im schwarzen Samtkleid hält ihre Kladde, in die sie mit einem Füller hineinschreibt, während die Mine über das Pergament kratzt. Auf ihrem Schoß hatte Lilith ihren Kopf abgelegt, das älteste und liebste ihrer fünf Nachtaras. Alle nach mythischen Figuren der Antike benannt.
Mein Angestellter, diskret wie ein Schatten, serviert uns einen Krug rote Limonade, in dem die Eiswürfel klirren, und befüllt die Gläser. Dumpf vernehme ich das Hintergeräusch, die Bässe unten, wie der stetige Ruhepuls der Arena. Die Oberfläche der Limonade kräuselt sich dabei in Wellen.
„Florian? Du wolltest mir doch mal erzählen, wie du deinen Vater herausgefordert hast“, erinnert mich Klaudia, die sich mir vor ein paar Wochen angeschlossen hat.
Ich halte inne und betrachte meine Schwester im Geiste, das Glas mit der erfrischenden Limonade in Händen, die Frucht der Unterwelt. Mein Buch klappe ich zu, richte mich im Sessel auf und streiche mein cremeweißes Seidenhemd glatt, über dem ich viele Ketten trage.
„Du meinst den legendären Kampf, in dem es um alles oder Nichts ging, Teuerste? Lass mich ausholen, und lausche!
Es ist schon ein paar Jahre her. Ich musste damals leider meine Reise abbrechen. Mir fehlte nur noch der verfluchte achte Orden des Arenaleiters mit dem Typ Kampf, für den ich noch die Strategie ersinnen musste... Aber dieser bedauerliche … Zwischenfall in der Safari-Zone, wo ich verbotenerweise campte und auch noch in anderer Hinsicht über die Stränge schlug... er machte mir einen Strich durch meine Pläne. So musste ich erst mal reumütig nach Hause, in die prunkvolle Villa meines Vaters.
Nur dass sich zuhause niemand über meinen Besuch wirklich freute, außer Machollo und Pantimos, die ganz aus dem Häuschen waren, und mich gar nicht mehr loslassen wollten. Die unermüdlichen Helferinnen unserer Haushälterin Edith, die mich verwöhnten, seit ich ein kleiner Junge war. Sie ließen ihre Arbeit stehen und liegen und versorgten meine Pokémon großzügig mit Überresten und einem Bad.
Mein Vater empfing mich am nächsten Abend in seiner ‚Bibliothek‘ – eine Beschönigung für die paar verstaubte Bücher über Wirtschaft, Recht und effizientes Pokémon-Training. Die schlug er so gut wie nie auf, seine Konkurrenten bezwingt er durch die schiere Macht seines gestählten Stollos!
Doch er trainiert dieses Pokémon nicht aus Liebe, sondern weil es für ihn ein Mittel zum Zweck ist. Nichts als Einschüchterungstaktik und Prestige, ein weiteres Asset in seinem Business-Portfolio.
Zuvor hatte er mich genötigt, mich abzuschminken und ‚menschlich herzurichten‘, ansonsten dürfe ich ihm nicht einmal unter die Augen treten. Das musste ich aber leider, um mein Auskommen während meiner Lehr- und Wanderjahre mit ihm zu besprechen.“
Ich fühle wieder den Schmerz von damals, die Erniedrigung, und spiele mit einer Haarsträhne.
„Stell dir das vor, Klaudia! Vater traf mich da, wo es am meisten wehtut: Meinen Haaren! Wie lange ich sie mir habe wachsen lassen? Jahrelang! Sie reichten mir knapp bis zum Ellbogen, habe ich das schon erwähnt? Ich färbte sie stets tintenschwarz, meine Lieblingsfarbe.
Vor allem waren sie splissfrei! Ich habe mich im Badezimmer eingeschlossen und sie mir mit dem summenden Rasierapparat verstümmelt, während Machollo draußen an die Tür klopfte.“
„Nein!“, ruft Klaudia bestürzt und schüttelt wie zum Protest ihre kupferfarbenen Locken. „Diese schönen Haare?! Unverzeihlich und unästhetisch! Haare sind viel mehr als Kopfschmuck. Sie sind eine Lebensphilosophie, jawohl! Wie verlief das Gespräch mit deinem Vater?“
Ich streiche mir demonstrativ die Strähne hinters Ohr, heute trage ich meine stolze Haarpracht wieder schulterlang und ich fühle mich nicht mehr so nackt wie an jenem Abend.
„Ich saß Vater mit diesem militärisch kurzen Haarschnitt gegenüber, wie sein jüngeres Ebenbild. In einem viel zu großen Anzug, der nach Mottenkugeln roch, während sein gebügelter Nadelstreifenanzug ihm wie angegossen saß. Wie ein Bittsteller kauerte ich in diesem Besucherstuhl ohne Armlehnen vor seinem massiven Schreibtisch aus gebürsteten Stahl. Wie das Herz seines Stollos...“
Ich seufze schwer und betrachte meine manikürten Nägel im Kerzenschein, lang und schwarz lackiert, während ich Klaudia die harten Fakten abspule:
„Mein Vater ist in dritter Generation der Vorstand der Aktiengesellschaft, die Pokébälle herstellt. Er ist Marktführer in Europa, neben ihm gibt es noch in Übersee die bekannte Silph Co. oder die Devon Corporation, aber Vaters Firma hat im Laufe seiner Karriere schon hat viele kleinere Konkurrenten geschluckt. Seine Produkte werden von billigen Arbeitskräften am Fließband produziert, für die Logistik ist seine hauseigene Panzaeron-Flotte zuständig. Im Labor werden die Bälle von Experten der Nanotechnologie und ihren Pokémonhelfern weiterentwickelt, was Design, Funktion und Fangrate angeht.“
Klaudia gähnt bereits, aber ich doziere munter weiter: „Vor allem die Prachtbälle sind Vaters größter Stolz, als Ingenieurskunst der Meisterklasse bezeichnet er sie gerne, ein Alleinstellungsmerkmal in der hart umkämpften Branche. Alle Jubeljahre wirft er eine Limited Edition auf den Markt, einen Ball mit hochtrabender Bezeichnung. Aktuell überlegt er ein Abo-Modell, und bastelt an einem Vanta-Ball... Die Luxubälle sind teurer, ja, aber wesentlich leichter in der Handhabung. Viel glamouröser als ein profaner Pokéball, innen gepolstert, damit das Pokémon wie in einer Suite residiert, in der er der Welt entfliehen kann. Ihr Herstellungsprozess ist sein bestgehütetes Geheimnis, das Vater mir erst anvertrauen wird, wenn ich den Laden übernommen habe. Als ob ich daran Interesse hätte“, schließe ich die kleine Exkursion und springe gedanklich wieder zurück in die Bibliothek in der Villa.
„Das glänzende runde Firmenlogo prangte auf dem runden Emblem an der Wand hinter Vater, seine Gegenwart und die Zukunft, die er für mich geplant hatte. Für ihn eine Selbstverständlichkeit, an der es nichts zu rütteln gibt. Er ist bis heute überzeugt, dass ich irgendwann schon ‚zur Vernunft‘ komme!
Außerdem blickten meine Vorfahren in grauen Maßanzügen mit einer Mischung aus Hochmut und Abscheu aus ihren gerahmten Gemälden auf mich herab, Seite an Seite mit ihren treuen Stahl-Pokémon. Auch Vaters Alter Ego, zwanzig Jahre jünger, neben Stollrak, starrte mich aus einem Gemälde an. Einer blickte finsterer drein als der andere.
‚Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede, Florian!‘
Also zwang ich mich, Vater in seine grauen Augen zu schauen, die ich von ihm habe, und musste dabei an geschmolzenen Stahl denken. Seine Gesichtszüge waren markant und wettergegerbt, die Narbe über seinem linken Wangenknochen verriet seine Leidenschaft in den Kämpfen, als er noch ein Student war.
‚Ich hätte deine Reise gar nicht erst nicht finanzieren dürfen. In deinem Alter! Die Orden sammelt man als Knabe in den Sommerferien, wenn man Zeit dafür hat, nicht erst in seinen Zwanzigern!‘
Sofort protestierte ich: ‚Diese Reise konnte ich als Kind wohl kaum antreten, da du mich sofort nach Mutters Tod auf dieses Elite-Internat aufs Land geschickt hast! Schon vergessen?'
Die Enttäuschung stand ihm auf der Stirn geschrieben, seine Zornesader wollte gar nicht mehr abschwellen.
'Weil ich die beste Ausbildung für dich wollte, darum! Und was tust du, Florian? Bummelst lieber durch die Weltgeschichte! Dann lässt du dich auch noch mit Rauschgift erwischen! Aber was will man von einem Unlicht-Trainer schon erwarten? Du bist auf dem Schwarzmarkt garantiert Stammkunde!‘, teilte er aus und ließ mich gar nicht zu Wort kommen. Aber diesen Rüffel hatte ich wohl verdient.“
„Meint er … Shadow-Boost?“, flüstert Klaudia ehrfürchtig. „Ich habe schon einiges darüber gehört... dass bereits eine Pille die Verbindung zwischen Trainer und Pokémon, ins Unermessliche steigern soll. Stimmt das?"
„Höchstens für einige Minuten. Langfristig zerstört es eher die Bindung zwischen Trainer und Pokémon. Ich bin sicher nicht stolz drauf, das Zeug ist zu Recht illegal. Auf einem verlassenen Landstrich war ich nachts ein paar Bikern mit gutem Musikbeschmack begegnet, die mir eine ganze Tüte davon andrehten – später erfuhr ich, dass sie Handlanger von Team Rocket waren.
Aus Neugier griff ich zu. Baudelaire hatte gar keine Wahl, als mitzumachen. Sie gaben mir den Tipp, dass die Wirkung zehnmal so hoch ist, wenn man die Pille erst zermahlt und das glitzernde Pulver dann mit einem Röhrchen… Nun ja, du kannst es dir sicher vorstellen. Der Nachteil vom Shadow-Boost ist, dass es süchtig macht, und man komplett den Fokus verliert, wenn man drauf ist. Wenn nicht gar den Verstand, falls man es zu oft konsumiert. Und wie gesagt, ist er illegal. Officer Rocky hat mich bei einer Patrouille mitten im Konsum erwischt.“
„Aber… hat Baudelaire denn diese Katastrophe nicht vorhergesehen?“, gibt Klaudia zu bedenken.
„Interessanter Gedanke, aber Nein. Absol warnen vor Naturkatastrophen. Nicht vor der eigenen Dummheit der Menschen.“ Ich tätschele die Flanke meines Absols, das streng darauf achtete, dass ich von dieser Substanz gefälligst die Finger ließ. „Armer Baudelaire! Nicht wahr, mein Schatz, die Untersuchungs-Haft war eine furchtbare Zeit, die wir gemeinsam durchgestanden haben.“ Sein übersinnliches Schnurren spüre ich direkt im Brustkorb, doch sein mahnender Blick entgeht mir dabei nicht.
„Vater fuhr fort mit seinen Vorwürfen: 'Du kannst froh sein, dass ich bei Officer Rocky ein gutes Wort für dich eingelegt habe, Florian... Du sollst schließlich mal in meine Fußstapfen treten, ohne den Ballast deiner Vergangenheit. Und du solltest endlich die richtigen Pokémon trainieren‘, schnaubte er voller Abscheu. ‚Unlicht. Wie abartig! So etwas gab es früher nicht. All diese neumodischen Kategorien, die diese verweichlichte Jugend heutzutage braucht. Verwöhnte Bengel!‘“
„Früher?!“ Klaudia lacht lauthals los. „Als die Welt noch schwarz-weiß war und der Ton in acht Bit? In welcher Generation steckt den Vater denn bitte fest? Er soll sich mal von dem grauen Kasten mit vier Knöpfen weiterentwickeln, und anerkennen, dass das Unlicht seit Anbeginn der Zeit existiert. Leugnet er denn auch seinen eigenen Schatten?“
„Du triffst absolut ins Schwarze, Klaudia! Tief in meinem schwarzen Herzen bin ich nun mal ein Unlicht-Trainer, ein melancholisches Nachtschattengewächs, ein Goth, wenn du so willst. Ein Ästhet der Seide, ein Liebhaber der Lyrik! Du verstehst mich, nicht wahr? Ich wollte mich nicht länger verbiegen, wie Vater seinen Stahl in seinen Fabriken verbiegt, ich wollte Ich selbst sein. Und ich brauchte diese Orden! Ich wollte die Top Vier besiegen und später Arenaleiter werden. Das teilte ich ihm auch so mit.
'Arenaleiter!', höhnte er. 'Hört, hört! Dafür wärst du ohnehin viel zu schwach! Bleib realistisch. Führe das ehrliche Handwerk fort, das dein Urgroßvater begonnen hat! Schluss jetzt mit diesen Träumereien. Woher hast du die? Von deiner Mutter?'
Vater holte eine Flasche Elixier aus seinem Schrank. Ein Destillat aus Kräutern und bitteren Beeren der Region. Das flüssige Schmiermittel für mächtige Männer, mit denen er sonst immer in diesen Gemächern saß und seine Geschäfte besiegelte. Er wirkte beherrscht, aber seine Kiefer mahlten. Sein Ehering, unnachgiebig und so funktional und schmucklos wie seine Sprache, klackte vorwurfsvoll gegen das Glas, als er zwei kleine Gläser mit dieser klaren Flüssigkeit befüllte.
Eines schob er mir hin, mit der Aufforderung: ‚Trink! Damit du zur Vernunft kommst!‘, als wäre es Medizin. Als ich seinen edlen Tropfen ablehnte, beleidigte er mich als ‚Mädchen‘. Ich stürzte das Glas sofort auf ex runter. Die bittere Flüssigkeit brannte schlimmer als Shadow-Boost in meiner Kehle, eine Ohrfeige in flüssiger Form. Ich hasse Elixier bis heute! Wuäh! Niemals werde ich Baudelaire eines geben!“
Da war wieder den Frosch von damals in meinem Hals, und ich spüle die Erinnerung mit einem großen Schluck Limonade weg.
„Er unterbreitete mir ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte: 'Hör zu. Wir werden es in einem einzigen Pokémon-Kampf entscheiden, Florian, du sollst deine Chance bekommen. Jetzt. Wenn ich gewinne, wirst du dein Studium wieder aufnehmen, an der Privat-Uni, die ich bezahle. Und deine Unlicht-Monster werden noch heute freilassen!‘“
„Freilassen?", wiederholt Klaudia geschockt. „Damit wäre deine Existenz Game over! Das ist kein Vater, das ist ein Monster!“
„‚Und wenn ich gewinne?‘, fragte ich, denn diese Möglichkeit schien er noch nicht mal in Betracht gezogen haben.
‚Falls du gewinnst? Ja… dann werde von mir aus Arenaleiter, oder Verkäufer in einer Pokémon-Boutique, oder was immer dein Traumberuf ist!', sagte Vater gönnerhaft. Für ihn stand der Sieg fest.
Er verstaute die Flasche wieder im Schrank, und nahm seinen Prachtball, in dem sein Stollos ruhte. Das deutliche Zeichen, das dieses Gespräch für ihn beendet war, und es ans Eingemachte ging. Er befahl mir, mitzukommen, und rief nach Edith.
Wir drei fuhren schweigend im Fahrstuhl nach oben, auf die Dachterrasse, wo sich das Kampffeld befand. Edith, die vom Alter her meine Großmutter sein könnte, bezog Position, bewaffnet mit Trillerpfeife und Fahnen, und eröffnete sogleich den Kampf.
„Die Haushälterin deines Vaters? Das ist ja mal gar nicht unparteiisch…“, murmelt Klaudia vor sich hin.
„Vater schickte sein gefürchtetes Pokémon in den Kampf, sein Einziges. So groß und schwer wie sein eigenes Ego, sein ganzer Stolz. Stollos sprang aus dem Ball und donnerte schwer auf den Boden, sodass das ganze Dach erzitterte. Stollos ließ einen markerschütternden Kampfschrei fahren, ein tiefes Grollen seiner Kehle, wobei er spitze Zähne entblößte.
Mir lief ein kalter Schauer über den Rücken. Diesem fast vierhundert Kilo schweren Kolloss mit dem unnachgiebigen Panzer aus Stahl und Gestein in derselben Farbe wie der Anzug meines Vaters. Seinen scharfen Zähnen, Krallen und nicht zuletzt den spitzen Hörnern, die aus seinem helmartigen Kopf ragten, hatte ich wahrlich nichts Effektives entgegenzusetzen. Ich schluckte und wählte mein schwaches Stollunior aus, um ihn in falscher Sicherheit zu wiegen.
‚Was hast du denn auf deiner Reise getrieben, Florian!', rief Vater mir vom anderen Ende des Kampffelds zu. ‚Nur deinen Booster inhaliert, anstatt Stollunior zu trainieren?! Umso besser, dass du endlich nach Hause gekommen bist.'
In dem Moment registrierte ich die Schatten in der Tür zur Dachterrasse: Machollo, der die Fäuste ballte, und Pantimos. Sie konnten mich aus Loyalitätskonflikten zwar nicht offen anfeuern… Aber ihre Anwesenheit zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen – ich war hier oben nicht allein seiner Willkür ausgesetzt!
Stollunior, dieser kleine quirlige Stahlklumpen, den er mir einst geschenkt hatte, ein Mitbringsel aus einem Pensionsaufenthalt, hatte mir noch nie gehorcht. Wir hatten überhaupt keinen Draht zueinander. Stollunior bummelt immer herum, wiedersetzt sich meinen Befehlen, und ist so frech zu mir, dass ich es lieber in seinem Ball in der Box schlummern lasse.“
„Flo!!“ Klaudia presst sich bestürzt die Hand vor den Mund. „Das darfst du niemandem erzählen, hörst du, das ist ja ein Fall für den Pokémonschutzbund! Meine Güte... und das, obwohl du so viele Orden besitzt! Meine Lilith hält sich so gut wie nie in ihrem Ball auf. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll… "
„Dann sag nichts, Klaudia. Ich gebe es ungern zu. Aber… Stahl ist nun mal nicht mein präferierter Typ! Nichts daran ist ästhetisch, kalt und hart, kann man nicht streicheln. Alles daran erinnert mich an Vater.“
„Verständlich… Aber…“
„Nun lass mich weitererzählen! Also. Das kleine Stollunior auf dem Kampffeld gähnte und tat seinen Unmut darüber, dass ich es aus seinem Ball verscheucht hatte, deutlich kund: Es verpasste mir erst mal eine Kopfnuss und schnitt dann eine freche Grimasse mit seinen Glubschaugen. Vater schüttelte nur den Kopf und schimpfte mich einen jämmerlichen Versager. Und meinte, er würde mich nicht schonen, er müsse mir eine Lektion erteilen und befahl Stollos den finalen Schlag: ‚Bodyslam!‘ Der Kolloss stürzte sich auf den Kleinen, man hörte den ekligen Sound von Stahl, der auf Stahl traf…“
„Oh nein! Dann war er platt wie ein Pfannkuchen, nicht wahr? Und seine gehaltene Beere Matsch“, malt Klaudia es bildhaft aus.
„Nicht ganz. Es trug keine Beere. Nur dieses Band, das ich ihm vor Ewigkeiten um den Hals gebunden hatte, ein schönes, schillerndes Accessoire, von dem ich ganz angetan war. Es macht diesen monotonen Stahlklumpen viel ansehnlicher. Ich hatte es ganz vergessen, dann wie gesagt, ließ ich ihn ja so selten aus dem Ball…“
Klaudia lacht, ihre Schultern beben. „Du hast ein Fokusband für ein modisches Statement gehalten? Dann war die Überraschung bestimmt sehr groß.“
„Ein…was?“
„Klaudia kramt kurz in ihrer Clutch, und zieht ein schimmerndes Band hervor. „War es so eines?“
„Ja, genau! Du hast auch so eines?!“
„Das ist ein Fokusband! Ein begehrtes Kampf-Item zum Tragen. Es verhindert, dass ein Pokémon mit einem Schlag K.O. geht!“
„Wirklich? Das ist ja praktisch… dass es dann auch noch so schön glitzert! Jedenfalls, damals war ich jung und wusste das noch nicht. Ich sah nur, dass Stollunior trotzig dieser fatalen Attacke standhielt und konnte es nicht glauben. Verbeult, mit vielen Blessuren stand er da und keuchte mit letzter Kraft. Vater war ganz entrüstet.
‚Nicht schlecht, Stollunior! Jetzt mach einfach, was du willst. Das tust du sowieso immer‘, rief ich ihm zu. Und das tat der Kleine. Sein Körper begann weiß zu glühen, es brüllte seinen Zorn heraus, sendete eine regelrechte Welle aus. Es musste die pure Verzweiflung gewesen sein. Plötzlich brüllte Stollos auf und sah aus, als wäre ihm seine ganze Lebensenergie geraubt worden… ohne, dass es ihn berührt hätte.“
„Du meinst, Stollunior beherrscht Notsituation? Das ist ja genial! Eine echte Geheimwaffe! Du tust diesem Kraftpaket ja wirklich Unrecht! Hast du damit wenigstens ein bisschen Respekt vor dem kleinen Stahlklumpen bekommen?“
„Ein ganz kleines bisschen vielleicht. Bevor Stollos es zu Ende brachte, rief ich Stollunior schnell wieder zurück.
Dann schickte ich meine Geheimwaffe, und meinen treuesten Gefährten in den Kampf: 'Baudelaire! Du bist dran!', flüstere ich und warf den Prachtball mit Goldrand aufs Kampffeld.
Eines muss man Vaters beliebten Prachtbällen lassen, Klaudia: Sie liegen wirklich sehr geschmeidig in der Hand, sind mit ihrer Hochglanzbeschichtung immun gegen Kratzer, haben ein fast grenzenloses Mindesthaltbarkeitsdatum bevor man sie einsetzt, und wenn das Pokémon aus ihnen hervorkommt, wird es mit einem Hauch Funkenstaub veredelt. Ein wirklich dramatischer Auftritt für ein Absol! Du solltest auch mal einen Prachtball ausprobieren.“
„Bitte was, Flo? Du hasst alles, was dein Vater verkörpert, lehnst sein Erbe ab, aber du nutzt seine überteuerten Edel-Produkte?! Weil sie funkeln?“, stellt Klaudia mich zur Rede und schüttelt den Kopf, dass ihre Locken fliegen. „Das ist ja der Gipfel der Dekadenz! Baudelaires Zuneigung ist dann streng genommen nicht mal dein eigener Verdienst...“
„Hey! Schau ihm in die Augen, und sag das noch einmal! Soll man ein Pokémon wie ihn etwa in einer banalen rot-weißen Kapsel einsperren, bei dem der Verschluss klemmt?! Würde das seinem Wesen gerecht, hm?“
Absol legt bei diesen Worten seine Pfote auf meine Hand, als es seinen Spitznamen hört. Seine rauen Samt-Tatzen liebkosen meine Haut. Er schaut Klaudia durchdringend an, um sie für diesen Vorwurf zu rügen. Sie schluckt und wendet hastig den Blick ab, widmet sich wieder den Ohren ihrer Lilith, die von ihrer gestreichelt werden wollte.
„Tja… Letzten Endes bin ich auch nur ein Mensch, ein Opfer der Ästhetik, und ein reicher Sohn in einem Käfig aus Stahl“, jammere ich, strecke den Arm nach Baudelaire aus und verliere mich in seiner flauschigen schneeweißen Mähne. Die Flammen der Kerzen in ihren Leuchtern spiegeln sich in der messerscharfen Klinge an seinem Kopf, ich verwöhne mein Lieblings-Pokémon nämlich nur mit dem besten Pflegeöl, das ich dort sanft einmassiere wie eine Politur.
„Nur mit Baudelaire teile ich meine nach Patchouli duftende Pflegespülung. Für den seidigen Glanz im Haar. Wenn ich ihn bürste und nach der Pediküre seine Sichel poliere, zitiere ich gern französische Dekadenz-Dichter im Original, er liebt deren Metriken. Er versteht mich wirklich wie noch nie ein-…“
„Flo…! Der Pokémon-Kampf!! Gegen deinen Vater!!! Wie ging der denn nun aus?“, unterbricht mich Klaudia mitten in meinen Schwärmereien, ganz die enthusiastische Trainerin, die sie nun mal ist.
„Ach ja...der Kampf.“ Fast hätte ich das Wesentliche vergessen. „Du weißt ja, wenn es um Baudelaire geht, verliere ich mich oft in Schwärmereien, ich bin nicht umsonst der Vorsitzende des Absol-Fanclubs, und des lokalen Lyrik-Clubs – wir suchen übrigens noch Mitglieder. Ich bin ja auch derjenige, der unser lyrisches Arena-Rätsel kreiert hat!“ Klaudia winkt nur ab, und ich erzähle weiter:
Vater schluckte, als er das Absol sah. 'Ist das dein Ernst, Florian?! Du bringst das Unheil persönlich nach Hause? Hat dieses Haus nicht schon genug Unheil erlebt?‘
Ich ignorierte ihn und befahl Horrorblick. Baudelaire nutzte die Initiative seiner Flinkklaue, und Vaters Entsetzen, ließ seine roten Augen glühen, sogar ich spürte diese dunkle Aura, die sich auf das Kampffeld niederließ.
Ich wusste ja nicht, was Vater vorhatte, der bekannt dafür war, seine Gegner in die Ecke zu treiben, daher musste ich diese Strategie anwenden. Damit er sich nicht mittendrin aus dem Kampf verkrümelte, das wäre nicht erste Mal.
Stollos schnaubte provokant und konterte mit seinem tödlichen Eisenschweif, doch mein Absol war in Topform und wich elegant aus, es ist nämlich viel flinker und geschmeidiger als so ein Stahl-Gestein-Riese.“
„Wie praktisch, dass dein Gegner so geschwächt war! Dann brauchte es ja nicht mehr viel, nur einen kleinen Biss oder so!“
„Uhm“, mache ich. „Ein Biss? Du glaubst, dass ich von Baudelaire etwas so Profanes verlangt hätte? Wie unästhetisch!“
„Ja…“, mumelt Klaudia. „Etwa nicht? Hast du keine konventionelle Attacke gegen Stollos eingesetzt? Es hat doch Klauen, Zähne, eine Sichel…“
„Aber die sind doch für die Maniküre da, Klaudia! Nein, ich habe das anders gelöst. Zwar traute ich es kaum, den Befehl auszusprechen… doch Baudelaire drehte sich zu mir um und bekräftigte mich in diesem Entschluss, denn er verstand, was auf dem Spiel stand, und war bereit, das Opfer zu bringen. Also rief ich mit klopfenden Herzen: ‚Jetzt Abgesang!‘
Und mein Lieber begann zu singen. Weißt du, was ich aus seinem Gesang herausgehört habe, Klaudia? Es war ganz sicher keine Einbildung. Ich habe das Geigenspiel meiner Mutter vernommen. Die Chaconne von Bach, das Lied zu Ehren seiner toten Frau. Die beherrschte sie wie keine andere, mit all seinen technischen Raffinessen. Baudelaires Abgesang ist der einzige Moment, in dem ich das Echo ihres Geigenspiels wieder höre.“
„Abgesang... die unheimlichste Harakiri-Aktion“, haucht Klaudia ehrfürchtig und spielt mit ihrem Füllfederhalter. „Ich habe schon einiges von ihr gehört, aber noch nie selbst das Vergnügen gehabt. Spannend, dass du dabei Geigenklänge hörst. Ich wette, dein Vater hat etwas ganz anderes gehört.“
„Vater war definitiv nicht darauf vorbereitet. Du hättest ihn sehen sollen. Schweißperlen standen auf seiner Stirn, sämtliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Er hielt sich die Ohren zu und bettelte darum, aufzuhören. Sein hilfloses 'Schutzschild! Sofort!', das er Stollos entgegen brüllte, kam viel zu spät.
Klaudia, ich glaube, er bekam in diesem Moment Angst vor mir. Da wurde ihm bewusst, dass sein Sohn, dieser schwarzhaarige Rüschenhemdträger, die Essenz von Unlicht atmet!“
„Wie poetisch“, säuselt Klaudia. „Da hatte dein Vater wohl richtig Angst vor dir... Hast du eigentlich mal ein Abgesang von einem Gegner mitangehört?“
Ich starre sie an, muss zurückdenken an jenen Kampf gegen ein Rossana eines Ass-Trainers. Als der Abgesang ertönte, hörte ich das Gelächter meiner Mitschüler im Internat, die Spitznamen, die sie mir hinterherriefen und auch noch die kalte Anweisungs meines Vaters, der kalt ‚veranlassen Sie alles weitere‘ zu Edith sagte, nachdem Mutter…
„Lenke nicht ab, Klaudia. wir sind mitten im Rückblick eines heißen Kampfes! Also, Baudelaire verwirrte Stollos mit Doppelteam, und dessen Eisenschweif traf abermals ins Leere. Ich genoss meine Einschüchterungstaktik. Siehst du, wie sehr Baudelaire mich vergöttert? Er ist bereit, für mich K.O. zu gehen! Denn darauf kommt es an.
'Stollos! Zurück! Sofort!', tobte Vater, als er einsah, dass er sein Schicksal nicht abwenden konnte, und hielt seinem Pokémon mit zittriger Hand den Prachtball hin.
Doch von wegen! Baudelaires Horrorblick verhinderte erfolgreich, dass sich sein Pokémon in den schützenden Ball zurück zog, der Ball wurde ihm regelrecht aus der Hand gerissen von einer unsichtbaren Aura. Ich forderte Vater auf, seinem Schicksal ins Auge zu blicken und den letzten Zug zu machen.
'Du bist doch nicht ganz bei Sinnen, Florian!', schleuderte er mir wütend entgegen. 'Das ist Manipulation! Das Gegenteil von Fair Play! Lernt man das auf dieser Reise? Das Boostern muss dir das Hirn vernebelt haben!'
Er rief seinem Stollos verzweifelt zu, Hornbohrer auszuführen. Doch dieser Versuch ging ins Leere, denn sein Pokémon war viel zu aufgeregt, um richtig zu zielen.“
„Du hast es ihm gezeigt, wer der wahre Trainer ist: Nicht etwa er, dieser Schreibtisch-Täter! Es war mehr als ein Kampf, es war der Sieg in einem Generationenkonflikt, Flo!“
„Als die drei Runden vorbei waren, betteten sich das ohnmächtig gewordene Absol und Stollos wie von Geisterhand gleichzeitig zur Ruhe.
Da nützte Stollos auch seine Robustheit nichts. Er fiel etwas weniger geschmeidig auf die Erde, mit einem ohrenbetäubenden Knall, der Staub aufwirbelte.
Ein Titan war gefallen. Die Stille legte sich über den Platz. So lange, bis Edith die Fahne in die Luft reckte und meinen Sieg verkündete. Ich konnte den unterdrückten Beifall von Machollo und Pantimos bis hier hören.“
„Mit einem geschwächten Stollunior gewonnen – das musste er erst mal verdauen!“, kichert Klaudia.
„Ich rief meinen Gefährten mit klopfenden Herzen, aber auch mit Stolz in der Brust in den Ball zurück. Augenblicklich verwandelte sich das reglose Fellknäuel in diesen formlosen, rötlichen Äther aus purer Energie und verschwand in seinem Prachtball. Ergriffen küsste ich den runden, kalten Stahl.
Vater stand immer noch ungläubig vor seinem besiegten Pokemon und wollte es nicht wahrhaben, dass ich ihn bezwungen hatte. Seine Brille spiegelte sich im Scheinwerfer, den Kopf hielt er gesenkt, ich meine ein Glitzern durch die Luft fliegen gesehen zu haben wie von einer Träne... aber es könnte auch nur eine Luftspiegelung sein. Ich wollte mir mit einer triumphalen Geste die Haare aus dem Gesicht werfen, nur… da waren keine mehr.
'Florian', sagte er atemlos und lockerte seine Krawatte. 'Du hast mich besiegt, wenn auch auf die hinterhältigste Weise. Deinen eigenen Vater! Bilde dir nichts darauf ein – denn gegen die Gegner, die dich bald herausfordern werden, war das hier bloß ein Vorgeschmack. Find meinetwegen dein Glück bei Gedichten, und dem Unlicht! Und jetzt verschwinde, ab ins Pokémon-Center mit euch.'
Das tat ich auch. Ich bin noch nie so schnell gerannt wie nach diesem Kampf, Klaudia.“
Nicht nur Klaudia, auch Lilith ist angetan von meiner Erzählung. „Und seit diesem Tag hast du noch härter trainiert, den letzten Orden geholt, die Top Vier samt Champ besiegt – wie auch immer du das geschafft hast, Flo, das musst du mir unbedingt mal erzählen! – deine Arenaleiter-Lizenz erworben, und schließlich mich getroffen!“, fasst sie meinen Werdegang zusammen und wir schwelgen in Erinnerungen.
„Und ich habe meinen zweiten Seelenverwandten gefunden“, füge ich dieser Aufzählung an, „Oscar. Die perfekte Ergänzung zu Baudelaire.“
„Wo bist du ihm eigentlich begegnet?“, will sie plötzlich wissen. „Ist es nicht äußerst selten? Und bringen Absol im Volksglauben nicht das Unheil?“
Baudelaire, der vor sich hindöst, öffnet die Augen einen Spalt breit und starrt Klaudia irritiert an.
„Hm. Ich glaube, das ist eine andere Geschichte... Nur so viel: Absol ist ein sehr missverstandenes Pokémon, das immer für die Ursache der Katastrophen gehalten wurde, vor denen es doch bloß andere warnen wollte. Er ist ein einsamer missverstandener Einzelgänger, so wie ich im Internat damals, in meiner Trauer und der Faszination für französische Dichter, abgespeist mit einem schnöden Stollunior.“
„Ihr seid eben beide Wesen, die in der Dunkelheit am hellsten strahlen, ihr habt den richtigen Riecher für die Ästhetik! Noch ein Glas Limonade?“ Sie schwenkt eifrig den Krug.
„Florian. Lass uns anstoßen auf unsere Freundschaft, auf Pokémon, und auf den Typ Unlicht!“, ruft sie und ich erhebe mein Glas.
Ich hatte kaum zwei Schlucke getrunken, als wir beide eine Benachrichtigung aufs PokéPhone bekamen.
„Da will uns jemand herausfordern, Flo. Dein Typ wird verlangt“, ruft Klaudia aufgeregt. „Ich gehe schon mal voraus!“
„Och, bitte, immer die lästige Pflicht! Haben wir heute nicht geschlossen? Wer wagt es, mich in meiner Lektüre zu stören? Wehe, wenn es wieder einer dieser bemitleidenswerten Ass-Trainer ist, mit ihrem ausgewogenen Team aus sechs unterschiedlichen Typen! Widerwärtig! Man sollte einem einzigen Typ treu bleiben! Nicht wahr, Baudelaire? Oder noch schlimmer: diese nervigen Kids mit ihren Mützen, ein ästhetisches Verbrechen“, grummele ich vor mich hin, während Klaudia und Lilith längst aufgesprungen sind, um unserem Herausforderer den Sinn des Wortes ‚Niederlage‘ beizubringen.
