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Chaos Shuffle Day 01

Sir Pentious x Vaggie
von

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One Shot

Es war wieder soweit. Jedes Jahr aufs Neue. Sie hasste es abgrundtief. Es gab kaum eine Möglichkeit, dieser verdammten Ausrottung zu entkommen. Von ihren Schwestern verraten, vom Anführer gedemütigt war Vaggie vor Jahren in der Hölle zurückgelassen worden. Man hatte ihr ein Auge ausgestochen und die Flügel mit Gewalt herausgerissen. Damals konnte sie sich in eine enge, dreckige Gasse zurückziehen. Leider hatte das Versteck nicht ausgereicht und sie war von seltsamen Eierkreaturen gefunden worden, die unmittelbar ihrem Boss gerufen hatten.

Jetzt war es genau anders herum. Sie suchte die Eierlinge, um zu ihren Boss, Sir Pentious, zu gelangen. Eins, zwei Tage vor der Ausrottung verbarrikadierte er sich und schickte höchstens seine Untergebenen hinaus, damit die Vorräte noch aufgestockt werden konnten. Bislang konnte Vaggie nur Keines entdecken. Seltsam. Hatte er es mit seinen Revierkämpfen doch übertrieben?

»Da ist ja das Fräulein Vaggie! Hallo!«, ertönte eine bekannte Stimme neben ihr.

Verwundert drehte sie sich um. Ausmachen konnte Vaggie allerdings niemanden, bis eine Eierkreatur aus dem vollgestopften Mülleimer sprang.

»Frank?«,versicherte sie sich, denn die ganzen Eierlinge auseinanderzuhalten war echt schwierig.

»Ja, der bin ich!«, freut sich die kleine Kreatur und sprang vor Freude kurz hoch, stieß dabei besagten Mülleimer um.

Vaggie verkniff sich ein Kommentar dazu. Sie wusste mittlerweile, dass die Eierlinge seltsam unterwegs sind.

»Boss hat gesagt, dass du vielleicht kommen wirst! Wir würden uns freuen, wenn du uns öfter besuchen kommst! Wir sagen auch der Schattenregierung nichts davon!«, plapperte Frank munter darauf los und winkte Vaggie in eine weitere Gasse.

»So sehr mir eure Gesellschaft gefällt, ich versuche dennoch etwas anderes herauszufinden. Ich vergesse euch schon nicht«, betonte der Ex-Exorzist.

Sie wollte auf keinen Fall, dass die Eierkreaturen die Wahrheit erfahren. Vielleicht würden sie Vaggie noch mehr bedrängen und gar nicht mehr gehen lassen. Herrgott!

Vaggie wusste nicht einmal, ob sich Sir Pentious über ihre Anwesenheit freute nachdem sie verschwunden war. Sie nahm es ihm nicht übel. Er könnte sie auch gnadenlos vernichten und sie wäre ihm nicht böse. Ihre Scham saß zu tief.

Doch sprach Franks Wache nicht dafür, dass Sir Pentious nachtragend war. Im Gegenteil.

Vaggie seufzte laut auf. Sie würde ihm wehtun müssen. Das hatte er ihrer Meinung nicht verdient, aber schließlich konnte sie nicht ewig davor weglaufen. Die Ausrottung zwang sie notgedrungen dazu, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Es gab hier kaum Sicherheit davor.

In ihren ganzen Für-und-Wider-Gedankenspiel hatte sie gar nicht mitbekommen, dass sie mit Frank das Ziel erreicht hatten. Es schien, als wäre eine alte Lagerhalle sein neuer Rückzugsort. Doch konnte er seine ganzen erfundenen Waffen verstecken? Sehr viele waren sperrig und kaum zu übersehen, dennoch waren seine Erfindungen nicht zu unterschätzen.

»Hier lang!«, winkte Frank und hob die Mauer an.

Vaggie blinzelte einige Male ehe sie begriff, dass es sich um eine Schutzfolie handelte.

Wie hatte er es hingekriegt, dass er ein ganzes Gebäude damit eindecken konnte? Warum fiel es niemanden auf, dass eine ganze Folie ein Abbild des Gebäudes war?

In der nächsten Sekunde erinnerte sie sich daran, dass sie es auch nicht bemerkt hatte, hätte Frank ihr nicht den Eingang gezeigt. Also schlüpften die zwei schnell durch und befanden sich in der neuen Unterkunft von Sir Pentious. Ein gigantisches Luftschiff nahm den Großteil des Lagers ein, dennoch waren vereinzelt noch Kisten und Werkzeuge zu sehen. Zum Teil spielten die Eierlinge mit kleineren Waffen.

»Er hat sich eine fliegende Unterkunft gebaut. Das ist beeindruckend!«, gab Vaggie staunend von sich.

»Ich habe Tag und Nacht daran gesessen!«, zischelte es neben ihr und blitzschnell ergriff sie ihren Engelsspeer und richtete die Klinge auf Sir Pentious’ Hals.

»Immer noch schnell und wendig, wie ich feststelle«, kommentierte er die Drohung, schob dennoch unbeeindruckt die Waffe weg. »Genau wie deine Flucht.«

Resignierend ließ Vaggie ihre Waffe sinken. »Es tut mir leid. Ich habe überreagiert und bin seitdem davongelaufen«, erklärte sie leise und rieb sich unsicher den Arm.

»Für so einen Fiesling hätte ich dich nicht gehalten!«, zischelte er. »Mir nichts, dir nichts verschwinden und kein Sterbenswörtchen hört man von dir! Was soll ich denn von dem ganzen halten?«

Sir Pentious wand sich von ihr ab und verschränkte die Arme hinter seinen Rücken. »War es so schlimm für dich gewesen?«, hinterfragte er sich selbst, denn seine Worte drangen kaum zu Vaggie.

»Pen«, warf sie ein, »Ich wollte dich nicht verletzten, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen! Ich habe nicht mal jetzt eine Antwort darauf!«

»Wenn du schon mit jemanden die Gemächer teilst, wirst du doch eine Erklärung dafür haben!«, spie er ihr ins Gesicht und kleine Tränen bildeten sich in seinen Augenwinkeln. Vor Wut oder Scham konnte sie schlecht sagen, aber selbst das Auge in seinem Hut wurde wässrig.

»Pen«, begann sie erneut, »Du hast mir eine gewaltige Wunde genäht, während du mir hochprozentigen Alkohol eingeflößt hast, damit ich die Schmerzen ertrage! Ich weiß, dass ich dir gesagt habe, ich schaffe das.« Vaggie schüttelte den Kopf in Frustration. »Ich habe es geschafft, dank deiner Hilfe. Aber ich konnte doch nicht ahnen«, keuchte sie und versuchte das Zittern in ihren Händen zu unterdrücken, »ich weiß noch immer nicht, wie das passieren konnte.«

»Du hast mir dein schönstes Lächeln gegeben und mich dankend angesehen«, flüsterte Sir Pentious und legte seine Hand auf sein totes Herz. »Du wolltest, dass ich mich zu dir herunterbeuge um mir etwas zu sagen. Dann hast du mich geküsst und ich war der glücklichste Sünder!«

In Vaggies Hals bildete sich ein dicker Kloß, der ihre Stimme nahm. Sie konnte ihn doch jetzt nicht wirklich weh tun?

»Endlich habe ich jemanden gefunden, der mich so nimmt, wie ich bin!«, rief der Erfinder aus, doch bemerkte sie sogleich, dass ein großes Aber im Raum stand.

»Wohl möglich war das auch nur eine Täuschung, um meine ganzen Pläne ausspionieren zu können. Sag mir, Vegatha, für wen arbeitest du wirklich?«

»Das kann doch nicht dein verfickter Ernst sein!«, entrüstete sich Vaggie und drohte mit ihrem erhobenen Finger. »Erstens, heißt es immer noch Vaggie und zweitens arbeite ich nicht mehr für die da oben! Das solltest du doch am besten wissen!«

»Woher soll ich denn wissen, ob das auch wahr ist? Vielleicht ist das alles ein abgekartetes Spiel von dir und deinen Overlord?!«

»Du bist doch nicht mehr ganz dicht!«, griff sich Vaggie verzweifelt an die Stirn.

Sie hatte mit vielem gerechnet, aber doch nicht mit Kopfschmerzen. Diese Vorwürfe raubten ihr den letzten Verstand. Wie konnte man nur so vernarrt sein?

»Du hast dich mir hingegeben, Weib! Ich hatte wirklich den Eindruck gehabt, dass du meine Gefühle erwiderst!« Bei den letzten Worten versagte Sir Pentious die Stimme.

»Pen«, hauchte Vaggie unsicher, »Ich wollte deine Gefühle nicht verletzten. Ich war ja nicht mal zurechnungsfähig! Verwundet, betrunken und im Delirium! Was erwartest du da von meinen Gefühlen?!«

»Dein sei doch ehrlich und verschwinde nicht wie eine falsche Schlange!« Drehte er sich wieder beleidigt weg.

»Ich bin gerade sehr ehrlich zu dir!«, feixte sie. »Du kannst mich nicht falsche Schlange nennen, wenn du selbst eine Schlange darstellst!«

»Das hat rein gar nichts mit meinen Argument zu tun!«, wehrte er ab. »Du bist ohne eine Erklärung abgehauen!«

»Natürlich! Ich bin nackt aufgewacht und konnte mich vor Schreck an nichts erinnern! Da habe ich Panik bekommen!« Vaggie wedelte verzweifelt mit ihren Armen, da sie damit versuchte, sich verständlicher auszudrücken, was ihr aber nicht gelang.

»Warum bist du nicht eher zurück gekommen?«, hinterfragte er mit großen Augen.

»Ich hatte Angst. Angst, dass du mir Vorwürfe machst. Ich bin heute auch nur zurückgekehrt, weil ich sonst nicht weiß, wohin ich gehen soll.« Unsicher rieb sich Vaggie die Arme. »Weil ich hier nicht hingehöre, aber auch nicht zurückkann.«

»Ich mach dir Vorwürfe, weil du ohne ein Wort abgehauen bist! Nicht einmal eine Nachricht! Da will man natürlich Pentagramm City auseinandernehmen, nur um dich zu finden, weil du mir eine Antwort schuldig bist!«

»Pen«, fing sie an, »Ich stehe nicht mal auf Männer!«

»Was?«, zuckte er zusammen.

»Ich finde Männer nicht anziehend, selbst unseren Anführer nicht. Der ist ein riesengroßes Arschloch!«, holte Vaggie weiter aus, »Ich fand meine Schwestern immer interessanter. Es kommen einfach keine Gefühle bei männliches Wesen hoch. Das ist also kein Vorwurf dir gegenüber.«

Sir Pentious’ Schultern hingen bei jeden Wort immer mehr hinunter.

»Du willst mir damit sagen, dass ich eigentlich nie eine Chance hatte?«, realisierte er und das Auge in seinem Hut wurde wieder glasig und kugelrund.

Vaggie hasste sich dafür. Sie hatte es geahnt, dass sie ihm das Herz brechen würde. Dabei wollte sie das nicht. Wäre sie bei vollem Verstand gewesen, hätte sie ihn abgewiesen, es wäre nie dazu gekommen. Nun musste sie damit leben und ihr einziger Vertrauter auch. Konnten sie danach überhaupt noch so was wie Freunde sein? Seinen Worten nach erhoffte er sich viel mehr aus dieser einen Nacht.

Vaggie wusste nicht, was sie noch sagen sollte und ob es besser war zu gehen. Eine unangenehme Stille breitete sich weiter aus und Sir Pentious hatte ihr erneut den Rücken zugekehrt. Aufgrund seines bebenden Körpers schien er wirklich darunter zu leiden.

»Ich würde schon immer ersetzt. Meine Ideen wurden belächelt und, wenn sie erfolgreich waren, haben sich andere die Lorbeeren eingesammelt. Nie wurde ich für wahr genommen oder zu mir aufgesehen. Ich dachte, mit meinen Eierlingen wäre ich nicht mehr einsam, bis ich dich in der Gasse gefunden hatte. Dumm von mir zu glauben, ich hätte meine Hälfte gefunden.«

»Pen, es tut mir le-«

»Sag es jetzt nicht, dass es dir leid tut!«, giftete er sie an, nachdem er sich ruckartig umdrehte. »Wenn ich das alles gewusst hätte, dann wäre das nie passiert! So etwas machen Männer wie ich nicht! Ich respektiere starke Partnerinnen und schätze es auch, wenn man sich mir entgegensetzt! Aber so eine Falschheit akzeptiere ich nicht!«

»Glaube mir, wenn ich die Kraft gehabt hätte und auch nur ansatzweise funktionsfähig gewesen wäre, hätte ich dir deinen Schwanz gekürzt und dich damit gefesselt!«, keifte sie zurück.

Das durfte jetzt alles nicht wahr sein! Wollte er jetzt Vaggie unterstellen, sie wäre Schuld?

»Wie du mittlerweile weißt, stört es mich nicht einen Schwanz weniger zu haben! Den Zweiten habe ich auch noch! Zudem regeneriert sich alles, wie du mittlerweile weißt.«

Kurz blieb ihr der Mund offen stehen. »Ich meinte doch deinen Schwanz!«, entrüstete sie sich und zeigte auf Sir Pentious Körperende.

»Oh, mein Fehler!«, errötete er und rieb sich beschämend die Hände.

»Hey Boss, wir wollen wir jetzt schon angreifen, da Vaggie wieder da ist?«

»Heizt ihr die Stimmung schon an?«

»Ich habe Hunger!«

»Sollen wir den Laser Fräulein Vaggie zeigen?«

»Ich muss pinkeln!«

»Wollt ihr etwa gegeneinander kämpfen?«

»Ruhe!«, schrien sie zugleich.

»Wir kämpfen natürlich nicht!«, klärte Vaggie auf. »Wir diskutieren nur unsere Ansichten!«

»Hatte ich euch nicht gesagt, dass ihr alles, was hier herumliegt, noch ins Luftschiff räumen sollt? Abmarsch, faule Soldaten kann ich nicht gebrauchen!«, scheuchte Sir Pentious seine Eierkreaturen herum.

Eifrig rannten diese los und machten sich ans Werk, währenddessen atmete Vaggie tief ein und aus. Sie musste versuchen sich zu beruhigen. Es durfte nicht noch weiter eskalieren. Am Ende würden sie sich wirklich noch bekämpfen.

»Du hättest einfach etwas sagen können!«, seufzte Sir Pentious tief um wieder auf das Ursprungsthema zurückzukommen.

»Das konnte ich in dem Moment nicht. Ich wollte dir nicht wehtun, nach allem, was zwischen uns passiert war.«

»Wie sollen wir da jetzt weitermachen?«, hinterfragte er.

»Ich weiß nicht«, erwiderte Vaggie verunsichert. »Ich habe darüber nicht nachgedacht. Dass du wütend bist und mich angreifst, damit habe ich gerechnet. Was ich auch vollkommen verstehen kann, denn davor hatte ich am meisten Angst.«

»Warte, du würdest weiterhin mit mir reden und dich mit mir treffen?«, hakte Pen unsicher nach.

»Sicher, einen guten Freund will ich nicht verlieren!«, bestätigte sie, »Aber für mehr bin ich nicht bereit, das kann ich dir leider nicht bieten.«

»Das ist okay, denke ich.« Verlegen kratze er sich am Kopf. »Dann können wir noch die letzten Vorbereitungen abschließen und sind für die Ausrottung gewappnet.«

Also wieder normaler Alltag? Vielleicht war es wirklich das Beste, wenn sie beide es so versuchen würden. Dagegen hatte Vaggie nichts einzuwenden.

»Das klingt nach einen guten Plan. Mir wäre es zwar lieber, wenn es keine Ausrottung mehr geben würde, aber so einfach wird das nicht gehen.«

»Es sollen zu viele Sünder in der Hölle sein, nur deswegen gibt es die Ausrottung.«

»Sie könnten sich gegen den Himmel erheben. Das ist gefährlich«, meinte Vaggie und begutachtete gerade Frank dabei, wie er einen gebrochenen Schwert wegtragen wollte.

»Das kannst du gleich wegwerfen«, riet sie dem Kleinen. »Es ist kaputt und rostet schon, damit kannst du keinen Krieg gewinnen!«

»Okay!«

»Du glaubst, wenn wir weniger Sünder wären, hätten wir das Problem nicht? Sie können schließlich nicht die gesamte Hölle auslöschen!«, grübelte Sir Pentious laut.

»Wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, die Ausrottung zu verhindern, wäre wirklich jedem geholfen«, stimmte Vaggie zu.

»Wir könnten gemeinsam einen Weg finden«, hoffte er und reichte ihr die Hand, da er ihr beim Einstieg des Luftschiffes helfen wollte.

»Vielleicht werden wir das auch. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.«

Auch, wenn ihr kleines Stelldichein soweit nichts an ihrer Freundschaft verändert hatte, hoffte der gefallene Engel, das sie noch weitere Hindernisse überstehen konnten. Um vielleicht eines Tages mitzuerleben, wie die Ausrottung eingestellt wurde. Bis dahin wollte sie ihrem Freund eine gute Rüstung sein, um ihn zu helfen, doch seinen bessere Hälfte zu finden. Wohl möglich wäre auch Vaggie bereit, sich zu akzeptieren und auch ihren Seelenfrieden zu finden.



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