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Blumen, die in der Nacht blühen

von

Vorwort zu diesem Kapitel:
Entschuldigt, dass ich dieses Mal so lange gebraucht habe, obwohl der Prolog ja wirklich regelrecht kümmerlich kurz war :D
Bei mir ist einiges dazwischen gekommen, aber ich bemühe mich, fortan wieder rascher hochzuladen. Ich weiß nicht genau, wie umfangreich dieses Projekt wird, aber das werden wir dann wohl im Verlauf der Geschichte zusammen erfahren :D Die Geschichte wird sich thematisch mit dem Leben einer Geisha (Hier meistens: Tanzfrau) beschäftigen, dazu sei aber direkt angemerkt, dass ich keine Expertin auf dem Gebiet bin und entsprechend einige Dinge nur vage umreißen kann. Die Kultur hinlänglich dieser beeindruckenden Frauen fasziniert mich sehr und mit diesem Werk möchte ich mich diesbezüglich etwas ausleben !
Im Folgenden gehe ich auf einige wenige Begrifflichkeiten ein, die zum Verstehen dieser Texte wichtig sein könnten.

Ich wünsche euch ganz viel Spaß mit diesem offiziellen Einstieg und bis bald!
Sonnensturm

Glossar

Hanamachi - wörtlich übersetzt: Blumenviertel. Viertel, in dem Geishas und Maiko (Lehrlinge) arbeiten und leben.
Okaasan - Mutter
danna - Gönner/Patron einer Geisha. Kommt für deren Lebensunterhalt auf.
Kanzashi - traditioneller, japanischer Haarschmuck (Haarnadel mit/ohne Verzierung).
Tatami - Matte (meist aus Reisstroh), die in Zimmern als Fußboden dient. Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Guten Morgen/Tag/Abend oder Gute Nacht!


Da bin ich wieder! :) Ich entschuldige mich, dass ich mehr oder weniger sang- und klanglos verschwunden bin und alle meine Projekte pausiert habe. Ich möchte nicht zu weit ausschweifen, aber kurz gesagt hatte ich die letzten Monate über große Probleme, zu schreiben, ohne dabei zu rauchen. Aufgehört habe ich im Januar und da ich zu diesem Zeitpunkt schon nur noch selten geschrieben habe, fiel mir die Umgewöhnung schwer. Damit hatte ich quasi die letzten zwei Monate zu kämpfen und langsam, aber sicher, komme ich aus dem kreativen Loch wieder heraus.

Ich kann wirklich nicht versprechen, wie schnell ich vorankomme, ich bin aber wirklich bemüht, meine Leidenschaft zurück zu gewinnen und auch wenn dieses Kapitel zweifelsohne ein Zeugnis ist, wie uninspiriert ich noch immer bin, wann immer ich mich an ein leeres Dokument setze, so ist es dennoch ein notwendiger Schritt, um endgültig von meinen alten Gewohnheiten loszulassen.

Ich gelobige Besserung und wünsche allen schon einmal ein schönes, langes Wochenende!


Glossar

danna - Begünstigter einer Geisha/Tanzfrau
Geta - (meist) lackierte Schuhe mit hohem Absatz
Hanamachi - ugs. Vergnügungsviertel
Haori - Kimono-Überjacke
Obi - Gürtel, der einen Kimono bindet Komplett anzeigen
Vorwort zu diesem Kapitel:
Sodala!

Ich habe wieder etwas von meinem ursprünglichen Tempo gefunden, jippie! Ganz begeistert bin ich von der Umsetzung immer noch nicht, aber ich komme langsam wieder zurück. Nächste Woche geht es für mich für 3 Wochen nach Italien (yaaaay! ~), bisher sind die Temperaturen so hoch geschätzt, dass ich wahrscheinlich eher seltener an der Strandbar sitze, um zu schreiben, aber wir lassen uns überraschen. Der Laptop ist schon eingepackt, den Rest muss man dann sehen! :D

Schönes Pfingstwochenende euch! (:

Glossar

Ryokan - Gehobenes Gasthaus, zur Übernachtung. Traditionell wurde in Okiyas/Tanzhäusern nicht übernachtet!
Shamisen - Zupfinstrument, meist auf dem Schoß gehalten Komplett anzeigen

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Flügel, die nicht zum Fliegen sind


 

𝓕𝓵𝓾𝓮𝓰𝓮𝓵, die nicht zum 𝓕𝓵𝓲𝓮𝓰𝓮𝓷 sind

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Den Wert einer Blume kann man auf viele Arten bemessen.

Sie kann alleine durch ihr hübsches Äußeres als wertvoll betrachtet werden.

Vielleicht besitzt sie eine verborgene Heilkraft, die sie für die Menschen unbezahlbar macht.

Oder aber kann sie von besonders geschickten, fähigen Händen zu Gift verarbeitet werden, mit dem man sich unauffällig seiner Feinde entledigt.

Der Wert einer Frau hingegen bemisst sich alleine daran, wie gut sie sich einzufügen weiß.

Sie darf hübsch aussehen und distanziert mit ihren rot bemalten Lippen lächeln, während sie demütig den Kopf neigt. Sie ist ein bewegtes Gemälde, ästhetisch und ohne jede Substanz jenseits der eleganten Pinselstriche. Im besten Falle stumm, außer sie hat ein kluges Köpfchen und weiß, wie man eine Unterhaltung lenken konnte, um den Gast um möglichst viele Yen zu erleichtern.

Nur so verdient man sich sein nächstes Abendessen.

Nur so verdient man sich einen Platz in dieser Welt.

Das war die erste Lektion ihrer Herrin gewesen, nachdem sie sie im Alter von nur fünf Jahren von der Straße aufgesammelt hatte. Sie konnte sich noch gut an den Schmerz in den Fingern erinnern, wenn sie dem Shamisen einen schrägen Laut entlockt, und die Herrin sie dafür mit dem Stock geschlagen hatte. An das warme Blut auf ihren zerplatzten Lippen, wenn sie es gewagt hatte, die falsche Frage zu stellen oder gar zu widersprechen. An ihre pochenden Füße, wenn sie stundenlang über den spitzen Kies im Hinterhof des Teehauses getanzt war.

Mit den Jahren hatte sie sich an die Schmerzen gewöhnt.

Und daran, dass man sich Träume nur dann erlauben konnte, wenn man genug Macht besaß, um nicht nur über das eigene Leben zu bestimmen.

Hatte gelernt, die Stimmung der Herrin an der Form ihrer Augenbrauen zu erkennen. Und daran, auf welche Art sich ihre Lippen kräuselten.

Wie man einen Mann so verzauberte, dass er sein ganzes Geld im Teehaus ließ.

Und wie man sich so unauffällig bewegte, dass die Blicke fremder Männer über einen hinwegglitten, ohne je länger haften zu bleiben.

Schon lange verspürte sie keine Nervosität mehr, wenn die Vorhänge zur Seite gezogen wurden und der ganze Raum zu ihr und ihren Kolleginnen sah. Keinen Groll mehr darüber, dass man diesen Lebensweg für sie festgelegt hatte.

Die Welt um sie herum wurde leiser, bis sie schließlich ganz verstummte. Die Klänge eines einzelnen Shamisen begleiteten jeden ihrer langsamen, anmutigen Schritte, bis sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen war, deren Blicke wie hypnotisiert auf ihr ruhten.
 

Und Sakura fing an zu tanzen.

Weiß wie frisch gefallener Schnee


 

𝓦𝓮𝓲𝓼𝓼 wie frisch gefallener 𝓢𝓬𝓱𝓷𝓮𝓮

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Sakura!« Die Stimme ihrer Herrin schnitt durch die träge Stille des frühen spätherbstlichen Morgens wie ein Peitschenknall. Ein Ruck fuhr durch Sakuras Körper, als würden unsichtbare Fäden an ihr zerren wie an einer Puppe, und mit einem Schlag war sie hellwach und blinzelte gegen das Licht der Sonne an, welches sich durch das kleine, runde Fenster kegelförmig in den kleinen Raum ergoss. Ihre Glieder zitterten leicht, als sie die Decke ihres Futons mit den Füßen von sich strampelte, als kämpften sie gegen die sich verflüchtigenden Erinnerungen an verworrene Träume und den eisigen Luftzug, der unerbittlich durch die rissige Fassade in ihr kleines Zimmer strömte, gleichermaßen an. Mit leise klappernden Zähnen zog sie sich ihre Morgengewänder aus weichem Wollstoff über, und während sie eilig zu dem kleinen Schminktisch stolperte, regte sich hinter ihr noch ein weiteres Leben. Karin, ihre Zimmergenossin, Freundin und Kollegin drehte sich mit einem leisen Murren um und zog die Decke bis unter die kleine Stupsnase. Sakura gedachte ihr ein Lächeln zu, ehe sie sich vor den kleinen, ovalen Spiegel kniete, der ihr die ungefilterte Wahrheit ob einer weiteren, langen Nacht widerspiegelte. Tiefe, dunkle Schatten lagen unter ihren grünen Augen, die ihr, noch immer müde, matt entgegen blickten.

»Sakura!«, kam es ungeduldig aus dem Raum am anderen Ende des Flurs – das Zimmer der Herrin des Teehauses. Auch wenn sie einige Wände aus Papier voneinander trennten, wusste Sakura, dass sie sich mit spitzen Fingern in den Nasenrücken kniff und die Stirn runzelte.

»Sie redet mit dir, Sakura«, murmelte die Decke hinter ihr mit verschlafener Stimme.

»Das ist mit bewusst, Karin.« Die Strohmatten knisterten leise unter ihr als sie ihr Gewicht so verlagerte, dass sie sich den Kimono glatt unter ihre Knie streichen konnte. »Die Herrin mag keine Verspätungen, aber noch weniger mag sie es, wenn wir aussehen wie gewöhnliche Hausfrauen. Du wirst mir also verzeihen müssen, dass ich mich erst zurecht mache, und dass du deswegen noch öfter geweckt werden wirst.«

Sakura öffnete vorsichtig die Schublade des kleinen Tisch, um die Schminke, die chaotisch übereinander gestapelt war, nicht umzuwerfen, und griff nach einem kleinen hölzernen Schächtelchen voller Räucherstäbchen. Kurz darauf kräuselte sich feiner Rauch in der Luft und erfüllte den Raum mit dem angenehmen Duft nach Sandelholz und Harz. Ein kleiner Strauß gebundener, äußerst lieblich anzusehender Wildblumen, den Karin vor einigen Nächten von einem besonders gönnerhaften Stammgast geschenkt bekommen hatte, und der auf dem kleinen Sims vor dem einzigen Fenster des Raumes in einer hübsch bemalten Vase stand, unterstrich die herbe Note mit dem würzigen Geruch von Nelken und Pfeilwurz.

»Was könnte Tsunade-okaasan zu dieser götterverlassenen Zeit von dir wollen, Sakura? Hast du sie denn irgendwie verärgert?« Karin hatte sich hinter ihr auf ihrem Futon aufgerichtet und rieb sich die schlaftrunkenen Augen. Eine Geste so undamenhaft, dass Sakura für den Bruchteil von Sekunden Tsunades fassungslose Stimme in ihrem Kopf poltern hören konnte. »Für gewöhnlich schläft sie um diese Uhrzeit doch noch.«

Sakura griff nach einem kleinen, beschrifteten Tiegel mit Wachs, riss sich ein winziges Stückchen davon heraus und zerrieb es zwischen den Fingern, bis es warm und weich wurde. »Ich weiß es nicht«, entgegnete sie wahrheitsgemäß und tupfte das flüssige Wachs auf Wangen, Nase und ihr Dekolleté. »Vielleicht hat ihr meine Darbietung von gestern Abend nicht zugesagt.« Sakura erinnerte sich an den winzigen Stolperer im zweiten Akt und verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln. Die Gäste hatten ihren Ausrutscher nicht bemerkt und am Ende der Aufführung begeistert in die Hände geklatscht und sie förmlich mit Lob überschüttet, doch die Herrin besaß trotz ihres vorangeschrittenen Alters die Sichtkraft eines jungen Falken. Den ganzen Abend über hatte sie kein Wort mit Sakura gewechselt, doch war es nicht unüblich, dass sie sich ihre Schelte für einen Zeitpunkt aufsparte, an dem es keinen Zeugen außer die Götter gab, und jene arme Seele, die sich zufällig in die Nähe des Gartens verirrte. Das musste aber noch lange nicht bedeuten, dass sie an diesem Morgen extra früh aufgestanden war, um ihr die Leviten zu lesen, denn in den letzten Jahren, und insbesondere seit sie eine junge Schülerin unter sich hatte, hatte Tsunade sie immer seltener bestraft. Die Zeit hatte sie milder gestimmt und ihre Finger steif werden lassen, und der Stock, dessen Holz von jahrelangem, intensiven Gebrauch brüchig geworden war, wurde nur noch selten aus der kleinen Gartenlaube geholt.

»Glaubst du? Tsunade-okaasan weiß wohl am Besten, was für ein Tollpatsch du sein kannst. Davon wird sie wohl kaum noch überrascht werden können. Ganz abgesehen davon, dass du trotzdem einen sehr großzügigen Herren unterhalten hast, der für deutlich mehr Zeit aufgekommen ist, als er in Anspruch genommen hat.« Karins rötlich schimmernde Augen beobachteten sie durch den Spiegel und Sakura bemühte sich um einen möglichst tapferen Ausdruck. Auch wenn sie keinen Ärger befürchtete, so war ihr doch etwas mulmig zumute.

»Es ist lieb von dir, dass du versuchst, mich zu trösten, aber wenn Mutter etwas zu bemängeln hat, dann ist ihr unsere Meinung diesbezüglich recht egal.« Sakura zog das parfümierte Taschentuch aus ihrem Ärmel, auf welches sie selbst als junges Mädchen Kirschblüten in verschiedenen Nuancen von Rosa gestickt hatte, und rieb sich das restliche klebrige Wachs von den Fingerspitzen. Danach griff sie zu einem Kohlestift und zeichnete sich die Augenbrauen und das Lid nach, bis ihre jadegrünen Augen davon ablenkten, dass ihre Wangen ohne Frühstück geradezu kränklich blass aussahen.

»Sakura -« Karin setzte zu einer Antwort an, doch ein lautes Poltern auf dem Flur ließ sie innehalten und ihren Blick über ihre Schulter schweifen. Die Trennwand zu ihrem Zimmer wurde eilig aufgeschoben und eine heftig schnaufende Ino tauchte dahinter auf. Das junge Mädchen sank hastig auf die Knie und ihre rot angelaufenen Wangen verschwanden hinter einem Wasserfall aus seidig hellblondem Haar, welches das noch dämmrige Licht des Morgens schimmernd reflektierte. Sakura würde sich nie an den Anblick gewöhnen.

»Sakura-onee-sama.« Ino vermochte es noch immer nicht ganz, ihren ländlichen Akzent zu kaschieren und die übermäßig gedehnte Betonung einzelner Silben klang seltsam vertraut in Sakuras Ohren. »Tsunade-okaasan hat mich geschickt, um Euch zu ihr zu bringen. Sie hat darauf bestanden, dass Ihr mir auf der Stelle folgt«, keuchte sie außer Atem. Ihr schmaler Rücken hob und senkte sich noch immer beunruhigend schnell, doch die Bewegung, mit der sie sich wieder aufrichtete, war fließend und anmutig, und erinnerte Sakura an sich selbst. Das Mädchen lebte erst seit einigen Jahren unter dem gleichen Dach, doch ihre fokussierte Aufmerksamkeit hat sie schnell lernen lassen. Auch jetzt lagen ihre blau funkelnden Augen wachsam und gespannt auf ihr, was Sakura ein leises Lachen entlockte.

»Nun denn, dann wollen wir Mutter nicht weiter warten lassen.« Mit einer einzigen Bewegung verlagerte Sakura ihr Gewicht von den Knien auf die Füße und erhob sich sanft wie eine Blume, deren Blüten sich sehnsüchtig den ersten Sonnenstrahlen des Tages entgegen reckten. »Du kannst solange hier auf mich warten und Karin dabei helfen, sich anzukleiden. Dein Unterricht sollte ja erst in ein oder zwei Stunden beginnen, nicht?«

Ino nickte kräftig und beeilte sich damit, aus dem Weg zu rutschen. Der Flug lag ruhig und verlassen hinter ihrer jungen Schülerin, was Sakura jedoch nicht weiter verwunderte. Neben Karin und ihr selbst gab es nur noch eine Hand voll anderer junger Frauen, und jede einzelne davon bevorzugte es, oft bis in die späten Mittagsstunden zu schlafen. Einer der wenigen Vorteile, wenn man ausgelernt hatte, und nicht mehr dazu gezwungen war, täglich viele Unterrichtsstunden zu nehmen. Sakura und Karin waren die Einzigen, die noch regelmäßig den nördlichen Teil der Stadt besuchten, um zusammen mit den jüngeren Mädchen dem Tanzunterricht beizuwohnen. Einige ihrer weniger steifen Lehrerinnen scherzten dann stets mit ihnen, dass es nicht genug Zeit in einem Menschenleben gab, um Sakura das Stolpern gänzlich auszutreiben.

Um also niemanden zu wecken, balancierte Sakura auf Zehenspitzen über das üblicherweise quietschende Holz des Bodens und eilte den Flur lautlos wie ein Geist entlang. Vor der Tür des Arbeitszimmers kniete eine Frau, welche die Blüte ihrer Jugend schon lange überschritten und sich dennoch ein jugendliches Aussehen bewahrt hatte. Schulterlanges, braunes Haar, aus dem verstohlen das ein oder andere graue Haar hervorlugte, rahmten ein rundes Gesicht. Dunkle, breite Augenbrauen wölbten sich über haselnussbraunen Augen, was ihr stets einen Strenge verlieh, die sie nicht in ihre Worte und Gesten zu transportieren wusste. Shizune, eine gescheiterte Tänzerin, die dem Teehaus stattdessen als Dienstmädchen und Tsunade als Beraterin erhalten geblieben war, lächelte sie so aufrichtig freundlich an, dass Sakura ein bislang unbemerktes Gewicht von den Schultern rutschte. Die Fältchen um ihre Augen straften sich, doch der gut gelaunte Ausdruck blieb.

»Guten Morgen, Sakura-san«, grüßte sie mit leiser, aber kräftiger Stimme, »Tsunade erwartetet Euch bereits.« Als ausgelernte Tänzerin, die mit ihren Künsten Geld für das Teehaus erwirtschaftete, stand sie im Rang weit über Shizune, trotzdem hatte Sakura sich nie recht daran gewöhnen können, dass die deutlich reifere Frau derart ehrerbietend ihr gegenüber war. Zumal Shizune sie kannte, seit sie kaum groß genug gewesen war, um ein Shamisen auf dem Schoß festhalten zu können.

»Guten Morgen, Shizune.« Sakura verbeugte sich leicht, auch wenn Shizune sie dafür mit einem Stirnrunzeln bedachte. »Es tut mir Leid, dass Tsunade-okasan derart lange auf mich hat warten müssen. Wenn Ihr mich also bitte anmelden könntet?«

»Gewiss.« Shizune richtete sich etwas ungelenk auf und verschwand in Tsunades Arbeitszimmer. Hinter der dünnen Wand aus Reispapier hörte sie die beiden Frauen miteinander tuscheln, doch so sehr Sakura auch ihr Ohr in ihre Richtung verrenkte, sie vermochte kein Wort davon zu verstehen.

»Sie verlangt, dass Ihr eintretet«, teilte Shizune ihr mit, kaum dass sie zurück auf den Flur getreten war und nachdem sie die Trennwand hinter Sakura zugeschoben hatte, verschwand ihr Schatten die Treppen nach unten.

Tsunade stand, leicht an eine hölzerne Kommode gelehnt, die ihr bis zur Hüfte reichte, am Fenster und sah auf den Garten des Teehauses hinab, dessen Boden orangerot gefärbt war von dem herabgefallenen Laub des Kirschbaums, der in der Mitte wurzelte. Als kleines Mädchen war Sakura überzeugt davon gewesen, dass seine Wurzeln dieses Teehaus beisammen hielten, doch die Jahre hatten sie gelehrt, dass es stattdessen von Geldscheinen und Geschenken besserer Menschen erhalten wurde. Und von stummer Selbstaufopferung.

»Du bist spät.« Die Frau, die diesen Raum ganz und gar vereinnahmte wie eine drohende Naturkatastrophe, strich sich mit den faltigen Fingern eine Strähne aus dem Gesicht und flocht sie so geschickt in ihre Frisur, dass es für einen Außenstehenden so anmuten mochte, als hätte sie diesen Fehler bewusst inszeniert, um den Worte, die danach aus ihrem Mund kommen, besonderen Nachdruck zu verleihen. »Du hast mich warten lassen, Sakura. Ich hasse es, wenn man mich warten lässt.«

»Guten Morgen, Tsunade-okaasan.« Sakura sank auf die Strohmatten des kleinen Arbeitszimmers, die Hände aneinandergelegt auf den Boden gedrückt, sodass sie ihr ganzes Gewicht in eine demütige Verbeugung legen konnte. Der stechende Geruch von Sake war selbst am frühen Morgen so sehr Teil der Luft dieses Raumes geworden, dass auch die Räucherstäbchen, die unmittelbar neben den Kontobüchern abbrannten, nichts entgegenzusetzen wussten. »Ich hatte mich noch nicht zurecht gemacht und wollte Ihnen nicht unordentlich gegenüber treten.«

Tsunade schnaubte inbrünstig, ein rauer, gehässiger Laut, für den sie Sakura gescholten hätte, hätte sie es jemals gewagt, ihn zu veräußern; auch nur daran zu denken. »Die Ausführungen deiner Nachlässigkeit interessieren mich nicht. Ich habe dich aus einem besonderen Grund gerufen, setz' dich zu mir.«

Sakura tat wie geheißen und ließ sich auf der anderen Seite des niedrigen Tisches nieder. Von ihrem Platz aus konnte sie vage einige schwarze Zahlen und Schriftzeichen erkennen, nicht aber ihre genaue Bedeutung, und dennoch wusste Sakura, dass sie bedeuteten, dass es dem Teehaus gut gehen musste. Für Verluste nutzte Tsunade stets rote Tinte. Leuchtend Rot wie frische Blutspuren auf unberührtem Schnee.

Die Zeit verstrich langsamer und mit jedem Augenblick knisterte die Stille zwischen ihnen stärker. Auch wenn Sakura zunehmend nervöser wurde, verbiss sie sich sämtliche Eigeninitiative, selbst wenn die unausgesprochenen Fragen auf ihren Lippen brannten. Tsunade mochte es nicht, wenn man die Zügel einer Unterhaltung aus Ungeduld an sich riss, und da Sakura noch immer nicht wusste, ob sie wegen des gestrigen Patzers sauer auf sie, wollte sie kein Risiko eingehen.

»Du denkst sicherlich, dass ich dich wegen deiner gestrigen Fehler habe rufen lassen, Sakura«, begann die ältere Frau mit leiser Stimme. Der lauernde Unterton erinnerte Sakura an einen Tiger, der seine Beute aus dem Schatten heraus taxierte. »Allerdings soll mich die liederliche Darbietung, die du diesen jungen, bedeutungslosen Emporkömmlingen vom Handelsdezernat angediehen hast, kaum kümmern, immerhin konnten sie es gar nicht erwarten, dich anschließend für einige andere Partys in den kommenden Monaten zu buchen.« Noch einmal schnaubte sie, doch diesmal entsprang diese Abneigung der absoluten Blindheit der Imperfektion gegenüber, welche die Gäste des gestrigen Abends bewiesen hatten. Laut Tsunade und den Herrinnen anderer Teehäuser, unterschied sich eine Tänzerin von einer Kurtisane vor allem darin, dass sie ihre Gäste ohne jegliche anzüglichen Reize zu unterhalten weiß. Wenn ebenjene Gäste aber keinerlei Gespür für die Kunst, die ihnen geboten wurde, besaßen, worin bestand dann künftig der Anreiz der Tänzerinnen, sich überhaupt Mühe zu geben?

»Nein, ich habe dich aus einem viel wichtigeren Grund rufen lassen«, setzte sie mit einem eindringlichen Kopfschütteln fort. Wieder verfiel sie in tiefes Schweigen, doch dieses Mal gelang es Sakura nicht, geduldig zu warten.

Sie straffte ihre Schultern, wie um sich vor einem möglichen Sturm zu wappnen, und begegnete dem prüfenden Blick Tsunades rundheraus. »Erlaubt Ihr mir die Frage, was dieser Grund wohl sein mag?«

Tsunades Lippen verzogen sich zu einem seltenen Lächeln, was sie um einige Jahre jünger wirken ließ. »Die Lehrerinnen der Tanzschule haben das ein oder andere Wunder bei dir vollbracht, aber deine impulsive Gemütsart haben sie dir nie ganz austreiben können, nicht?« Das Lächeln verschwand schneller als morgendlicher Nebel nach dem Sonnenaufgang und zurück blieb ein Hauch von frühem Winterfrost. Mit bedachten Schritten, die leise, fast unterschwellig die Eleganz umrissen, mit der sie sich einst durch einen Raum bewegt haben musste, überwand sie den wenigen Abstand, der sie voneinander trennte, und lehnte sich zu Sakura herunter, bis sie sich fast auf Augenhöhe befanden. »Das mochte ich schon immer an dir, Sakura.« Sakura verbiss sich die Nachfrage, wieso sie sie dann immer mit dem Stock geschlagen hatte, wann immer sie Widerworte gegeben oder ihre impulsive Art auf andere Weise ausgelebt hatte. »Aber in nächster Zukunft wirst du dich damit etwas zurückhalten müssen. Ich möchte kein Geheimnis daraus machen, dass du das Interesse eines ganz bestimmten Mannes erregt hast. Er ist der stellvertretende Geschäftsführer der nationalen Bank und nächste Woche auf der Durchreise in den Westen macht er für einen Abend Halt in unserem bescheidenen Teehaus. Sein Name ist Orochimaru. Gewiss hast du schon einmal von ihm gehört. Das Tagesblatt berichtet ständig über ihn.«

Sakura wurde warm und kalt zugleich. Selbstverständlich hatte sie von dem Mann bereits gehört. Seitdem die westlichen Nationen ein Handelsembargo gegen ihr Land ausgesprochen hatten, und die finanzielle und wirtschaftliche Lage immer instabiler wurde, tauchte sein aalglattes Gesicht immer öfter in der Zeitung auf. Es erinnerte sie an eine Schlange, die auf den günstigsten Moment wartete, nach ihrer Beute zu schnappen, um sie mit einem einzigen Biss zu verschlingen.

»Wie … wie kommt er denn ausgerechnet auf mich?«, stammelte sie unüberlegt. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn und der leichte Luftzug, der durch das geöffnete Fenster zu ihr herüber wehte, ließ sie frösteln als hätte der Winter schon vor Wochen über den Herbst gesiegt.

Tsunade verengte die Augen angesichts ihrer unkontrollierten Emotionen, sah aber darüber hinweg und sagte stattdessen: »Er saß in einer der Aufführungen der Frühlingstänze Anfang des Jahres und hat dich dort gesehen. Glücklicherweise hast du in jeder einzelnen davon vernünftig getanzt und somit seine Aufmerksamkeit erregt. Er steht schon seit einigen Wochen mit uns im engeren Austausch, doch erst jetzt hat es ihm sein straffer Terminkalender erlaubt, unserem Hanamachi einen Besuch abzustatten. Seine Reise in den Westen bot uns diese günstige Chance.« Mit selbstzufriedenem Ausdruck richtete Tsunade sich wieder auf und wandte sich ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sakura wünschte sich nichts sehnlicher, als dass diese Neuigkeit in ihr ebenfalls Wellen glückseliger Freude schlugen möge, doch stattdessen wurden ihre Hände klamm und ihre Lippen trocken.

»Orochimaru-san beehrt unser Teehaus also mit seiner Anwesenheit und ich soll für ihn tanzen?« Sakura erkannte einfach nicht den Sinn hinter seinem Interesse. Gewiss, über die Jahre hatte sie ihre Kunst verfeinert und ihre Flüchtigkeitsfehler waren nur noch selten und oftmals leicht zu übersehen, dennoch gab es zahllose Tanzfrauen im Hanamachi, die es im Tanz zu einem deutlich höheren Grad der Kunstfertigkeit geschafft hatten, als sie. Selbst bei den Frühlingstänzen hatte sie eine eher kleinere Nebenrolle im Hauptakt gespielt. Karin war diejenige gewesen, die in diesem Jahr einen eigenen Soloakt getanzt hatte, also wieso sie?

»Ja, du.« Tsunade zog eine Kiste aus der Kommode hinter ihrem Schreibtisch und ließ sich anschließend ihr gegenüber auf den Tatami nieder. »Aber es ist nicht unbedingt dein Tanz, an dem er interessiert ist, Sakura.« Unter gesenkten Lidern sah Tsunade sie vielsagend an, während ihre Hände weiterhin die hölzerne kleine Kiste umklammert hielten.

»Ihr wollt damit sagen …?« Nein. Das war nicht möglich. Sie musste Tsunades Andeutung falsch interpretiert haben. Es konnte gar nicht anders sein. Das alles war ein großes Missverständnis.

»Ich will damit sagen, dass Orochimaru den Wunsch geäußert hat, dein danna zu werden.« Die Stille, die auf diese Offenbarung folgte, dröhnte in Sakuras Ohren. Das Blut rauschte in halsbrecherischer Geschwindigkeit durch ihre Adern und der plötzliche Schwindel, der über ihr wie ein Tsunami einbrach, zwang sie dazu, sich mit den Händen auf Tsunades Schreibtisch abzustützen. Doch auf die Unbarmherzigkeit der Götter folgte ein Moment der Güte, denn Tsunade schien Freude in ihre Bestürzung zu interpretieren und gedachte ihr ein mildes Lächeln zu. »Ich weiß, Kind, das sind erfreuliche Neuigkeiten, aber noch wurde kein Vertrag abgeschlossen und wir müssen weiterhin alles tun, um Orochimaru zu überzeugen.«

»Selbstverständlich«, hörte Sakura sich selbst murmeln, »ich werde alles tun, was Ihr von mir verlangt, Okaasan

Tsunade wirkte überaus zufrieden und nickte anerkennend. »Selbstredend. Aber da ein potentieller zukünftiger danna auch das Teehaus begünstigen würde, wirst du in deinen Bestrebungen nicht ohne Hilfe bleiben. Ich habe jüngst einige Stoffbahnen aus reiner Spinnenseide erworben und ich möchte, dass du dir daraus einen Kimono schneidern lässt, der den Umständen gerecht wird.« Sie zog die hölzerne Kiste näher zu sich und griff mit den Händen vorsichtig hinein. Hervor zog sie Seide, so weiß und unberührt wie frisch gefallener Schnee und obgleich Sakura sie nicht selbst in den Händen hielt, konnte sie sehen, wie perfekt der Stoff sich anfühlen musste. Weich und samtig wie die Haut eines frischen, reifen Pfirsich und fließend wie das klare Wasser einer Bergquelle.

»Ich werde sofort Nakamura-san aufsuchen und ihn bitten-«

»Auf gar keinen Fall wirst du das tun!«, unterbrach Tsunade sie naserümpfend und machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand, »Nakamura-san stellt schöne Kimonos her, keine Frage, doch dieses Mal verlangt es uns nach Perfektion, Kind. Ich habe veranlasst, dass ein Bote unser Angebot dem Meisterschneider Sai darbringt und zu unserer größten Freude hat er bereits angenommen.«

Sakura zog überrascht beide Augenbrauen hoch. Selbstverständlich hatte sie bereits von Sai gehört und der ein oder andere Kimono, der seiner geschickten Feder und seinen noch geschickteren Fingern entstammt war, lief abends durch das Hanamachi und zog zwangsläufig sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Seine Werke unterschieden sich von denen geringerer Schneider vor allem darin, dass er dazu neigte, dunkle Farben zu nutzen. In einer Branche, die von heiterer Fröhlichkeit und Unterhaltung lebte, wirkten seine Kimonos oft bedrückend und ernst, doch vielleicht war es genau dieser bizarre Kontrast, der ihm zu dermaßen viel Erfolg verholfen hatte.

»Du bringst diesen Stoff unbedingt selbst zum Meisterschneider Sai. Sein Atelier findest du auf der anderen Seite des Kanals. Shizune soll dir gleich seine genaue Adresse geben. Übergib ihn bloß nicht an Ino. Das Mädchen mag fleißig sein und sie bewundert dich über alle Maße, aber so etwas Wertvolles hat nichts in den Händen eines Kindes zu suchen.« Tsunade trommelte mit ihren Fingern auf die getrockneten Zahlen in ihrem aufgeschlagenen Kontobuch und beäugte Sakura mit gerunzelter Stirn, was die Fältchen um ihre gespitzten Lippen betonte. »Ich hoffe, ich muss dir nicht erst erklären, wie wichtig dieser Abend für deine Laufbahn – ja, vielleicht sogar für dein ganzes Leben ist, Sakura. Und wenn dir all das egal sein sollte, dann denk an dieses Teehaus. Ich muss dich wohl kaum daran erinnern, wie viel mich deine Ausbildung gekostet hat, Sakura.«

»Nein, ich habe verstanden.« Sakura neigte demütig ihr Haupt, auch wenn ihr Innerstes wie in Eiswasser getaucht erstarrte. Ein potentieller danna … Ein Mann, in dessen Gunst sie möglicherweise schon bald dauerhaft stehen würde. Der ihr Geschenke machen, und ihren Unterricht und ihr Essen bezahlen würde, der aber auch öfter ihre Gesellschaft erwarten würde und darüber hinaus noch andere Gefälligkeiten. Gefälligkeiten, die ein gewöhnlicher Gast des Teehauses niemals von ihr erbitten dürfte. Sakura wurde übel und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Als sie sich aus ihrer Verbeugung erhob und Tsunade ins Gesicht sah, schlug ihr Herz wild unter der Haut und ihr Nacken prickelte wie unter tausenden Spinnenbeinen, die ihren Hals auf und ab wanderten, doch ihr Gesicht blieb davon unberührt.

Durch das Fenster vernahm sie das ächzende Knarzen von den hölzernen Rädern einer Rikscha, die eilig über die unebenen Pflastersteine gezogen wurde, und das leise Zwitschern eines einzelnen Vogel, der sich in die Nähe ihres absterbenden Kirschbaums verirrt hatte.

»Ich danke Ihnen für diese einmalige Möglichkeit, Okaasan

»Spiele nicht mit dem Schicksal und danke mir erst, wenn du Erfolg hattest, Sakura!«, rügte sie streng, »Und jetzt verschwinde! Du darfst keine Zeit verschwenden! Der Kimono muss nächste Woche unbedingt fertig sein. Du musst umwerfend sein, alles andere dulde ich nicht.« Tsunade löste sich von der Kommode und rief nach Shizune, die im nächsten Augenblick ebenfalls in dem kleinen Zimmer stand, den Kopf gesenkt, aber den scharfsinnigen, wachen Blick auf Sakura gerichtet. »Shizune wird dir die Bezahlung für Sai-sama aushändigen und dir persönlich beim Ankleiden helfen. Es ist von absoluter Priorität, dass du den richtigen Eindruck beim Meisterschneider hinterlässt. Er ist recht … eigen und hat in jüngster Vergangenheit einige Anfragen ausgeschlagen, trotz astronomischer Bezahlung.«

Sakura presste die Lippen aufeinander und nickte knapp. Damit entließ Tsunade sie und Sakura ließ sich von Shizune zurück zu ihrem Zimmer begleiten. Karin und Ino waren in der Zwischenzeit verschwunden und hatten ein stilles Durcheinander aus wild verteilten Untergewändern und zerknitterten Obis hinterlassen. Jenseits dieser vier Wände würde man sie für derartige Unordentlichkeit zurechtweisen, doch dieser kleine Hort des unkontrollierten Chaos war das einzige und letzte Zugeständnis an ihre Existenz jenseits des Rahmens, innerhalb dessen ihre Leben sich abspielten, wann immer sie makellos geschminkt und frisiert über die Schwelle in den Flur hinaustraten.

An diesem seltsamen Morgen wog der Kimono schwerer auf Sakuras Schultern und als sie sich im Spiegel musterte, erkannte sie kaum noch die müde Frau, die ihr vor weniger als einer Stunde entgegen geblickt hatte. Ihre Haare waren zu einem unkomplizierten Knoten geflochten und ein schlichter Kanzashi, verziert mit einigen Kirschblüten aus gefärbten Stoff, hielt ihn an Ort und Stelle.

Shizune hatte einen besonderen Kimono für sie ausgesucht, der nach außen zu pompös erschien, um darin einfache Besorgungen zu machen. Zum Herbst passend war der seidige Stoff aus tiefem, dunklem Orange. Am unteren Saum waren Blätter in gold und rot aufgestickt, die bei jedem ihrer Schritte wogten als würde ein sanfter Wind durch sie hindurch fahren. Darüber ragten drei mächtige Baumstämme bis über ihren Oberkörper auf, deren Äste sich bis über den Rücken und die Ärmel erstreckten. In starkem Kontrast zu den herabgefallenen Blättern wuchs saftiges Grün aus den weitläufigen Ästen, sodass eine einzige, unbewegte Szenerie Anfang und Ende des natürlichen Kreislaufes aufzeigte. Zusammengehalten wurde das wunderschöne Bild von einem braunen, schmucklosen Obi, der in seiner Schlichtheit keine Aufmerksamkeit auf sich zog und der sich dennoch perfekt einfügte.

Als Sakura einen Schritt zurücktrat und sich vor dem ovalen Spiegel drehte, wurde ihr klar, dass man sie auf der Straße angaffen würde. Die Komposition hatte nichts von der unauffälligen Farblosigkeit, mit der sie sich für gewöhnlich tagsüber im Hanamachi sehen ließ. Zwischen den weißgrauen Häuserfassaden und den schwarz lackierten Dachziegeln würde sie auffallen wie eine Trauerweide inmitten einer staubtrockenen Wüste.

»Ihr seht bezaubernd aus wie immer, Sakura-san.« Sie sah Shizunes freundliche Augen über ihrer Schulter im Spiegel funkeln. Die ältere Frau hatte immer ein paar nette Worte für sie übrig, selbst wenn ihr Haar vom Schlaf verfilzt war und ihr Nachtgewand zerknittert um ihren Körper lag.

»Ich danke Euch für Eure Mühen, Shizune.« Sie legte der älteren Frau dankbar eine Hand auf den Unterarm. Für eine Tanzfrau geziemte es sich nicht, große Gefühle zu veräußern, selbst in ihren eigenen vier Wänden nicht und Shizune hätte sie dafür gescholten, hätte Sakura sie, statt ihrer kleinen Geste, in eine aufrichtige Umarmung gezogen. »Wo hält meine Schwester Karin sich denn gerade auf? Ich wollte sie darum bitten, mich an diesem schönen Herbstmorgen ein Stück zu begleiten.«

»Karin-san ist derzeit zusammen mit Ino in der Küche, um zu frühstücken. Wenn Ihr wünscht, kann ich Euch eine kleine Portion auf Euer Zimmer bringen, bevor Ihr los müsst. Ein voller Magen beruhigt die Nerven.« Shizunes zwinkerte ihr verschmitzt zu und verschwand schon auf dem Flur, als Sakura sich ein letztes Mal ihrem Spiegelbild zuwandte und bestürzt feststellte, dass bald schon ein Mann wie Orochimaru an ihrer Seite zu sehen sein könnte.

Nur mit viel Kraft konnte sie den Impuls bezwingen, sich den Kimono vom Leib zu reißen, um ihn über das in einen hölzernen Rahmen gefasste Glas zu werfen.

Schwarz wie zerflossene Tinte


 

𝓢𝓬𝓱𝔀𝓪𝓻𝔃 wie zerflossene 𝓣𝓲𝓷𝓽𝓮

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Den ganzen Weg in die Küche, die sich auf der unteren Etage des Teehauses befand und unmittelbar an den Garten grenzte, hatte Sakura zusehends die Kontrolle über ihren eigenen Körper verloren. Ihrer Autonomie nun gänzlich beraubt, fühlte sie sich wie ein Schiff mitten in einem Sturm auf hoher See, dem Zorn der Götter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Als sie kurz nach Shizune in den betriebsamen, engen Raum trat, der an das innere eines Bienenstocks erinnerte, lagen sämtliche Blicke augenblicklich auf ihr und das metallische Klirren einer Schöpfkelle, die scheppernd an den Rand eines Topfes knallte, zog einen jähen Schlussstrich hinter die getuschelten Gespräche. Die Köche starrten sie, zweifellos ihrer eleganten Aufmachung wegen, fassungslos an. Ino wirkte, als wäre eine fremde Frau in die heitere Konversation hinein geplatzt, und Karin hingegen grinste sie breit an und wackelte verschwörerisch mit einer Augenbraue.

Wenn sie nur erahnen könnte, was im Augenblick in Sakura vor sich ging.

Offenbar waren ihre Schweigsamkeit und die mangelnde Gesichtsfarbe Indikator genug, dass etwas Schlechtes passiert war, denn die schelmische Freude verschwand so schnell von Karins Gesichtszügen, als hätte man einen Bottich Wasser über einer Kerze entleert, und wurde stattdessen von Besorgnis ersetzt, die sich in Form einer gerunzelten Stirn äußerte.

»Was ist passiert? Hast du wirklich Ärger bekommen?«, fragte Karin sie flüsternd, nachdem sie Sakura an ihrem Handgelenk auf die Veranda gezogen hatte, die von der Küche aus durch eine Doppeltür aus dünnen Holzlamellen betreten werden konnte. Der Duft von frischem Reis und gedünstetem Fisch folgte ihnen so dicht wie ein unsichtbarer Schatten, doch Sakura verspürte keinen Hunger, nur eine absolute, bohrende Leere, die sich durch ihren ganzen Körper zu fressen schien.

»Nicht wirklich, nein.« Sakura schüttelte den Kopf, doch auch diese Bewegung fühlte sich wie fremdgesteuert an. Auf einmal fiel ihr das Atmen schwer und hätte Karin sie nicht geistesgegenwärtig an den Schultern gepackt, wäre sie vielleicht an der verstaubten Hausfassade zu Boden gerutscht.

»Was ist denn nur los, Schwester?« Karin sah über die Schulter zurück zu der Tür, durch die sie gekommen waren und überprüfte, dass niemand ihnen auf leisen Sohlen gefolgt war, um zu lauschen. »Du warst noch nie besonders taff, aber ein Schwächeanfall sieht dir nun wirklich nicht ähnlich, Sakura!«

In ihrem Magen rumorte es und die Welt um sie herum schien sich zu drehen. Je mehr sie sich auf Karin konzentrierte und auf deren Finger, die sich sanft durch den schweren Stoff des Kimonos in ihre Haut gruben, desto leichter fiel es ihr, wieder gleichmäßig zu antworten. Dennoch zitterten die Worte, als sie endlich wieder ihre Sprache fand.

»Ich soll heute zum Atelier des Schneiders Sai und ihm Stoff überbringen. Er soll mir einen Kimono daraus schneidern«, erklärte sie mit heiserer Stimme. Alleine diese Worte auszusprechen hinterließ ein Gefühl auf ihrer Zunge, als hätte sie sich an zu heißem Reis verbrannt. Sie wusste nicht, wieso sie Karin nicht die ganze Wahrheit erzählte.

Vielleicht, weil es dann noch realer werden würde.

»Das ist doch eine gute Nachricht … oder nicht?« Sichtlich verwirrt sank Karin in die Hocke, um Sakura auf Augenhöhe zu begegnen. Diese zwang sich zu einem Lächeln und einem Kopfnicken, auch wenn ihre Schultern dabei zu knirschen schienen.

»Ja … ja, ich denke du hast recht, Schwester. Ich war einfach ein wenig überwältigt.«

»Verständlich. So eine Chance bekommt man nicht alle Tage.« Karin schien ihr ihre Lüge abzukaufen, denn sie erwiderte Sakuras Lächeln mit einem breiten Freudenstrahlen. »Komm mit, Schwester und iss eine Kleinigkeit, bevor du losgehst. Ich habe gehört, Sai lässt die Frauen oftmals stundenlang in seinem Atelier stehen, um ihre Maße zu nehmen und zu zeichnen.«

»Das klingt vernünftig.« Und so ließ Sakura sich von Karin auf die Beine ziehen und folgte ihr zurück in die Küche. Wieder wurde es schlagartig still und es war klar wie die unberührte Oberfläche des Kanals an einem schönen Tag, dass sie bis eben über sie gesprochen hatten.

Das Frühstück verbrachten sie in Schweigen und auch, wenn Sakura eher lustlos in ihrem Reis und dem Fisch herumstocherte, und nur einige Happen gedünstetes Gemüse zu sich nahm, fühlte sie sich am Ende, als hätte sie der Völlerei gefrönt. Vielleicht wäre es an diesem Morgen klüger gewesen, komplett auf Essen zu verzichten.

»Möchtest du mich begleiten, Karin? Sai-samas Atelier liegt auf der anderen Seite des Flusses und ich würde mich über ein wenig Gesellschaft gewiss freuen«, fragte Sakura, nachdem sie endgültig aufgegeben und die lackierten Schalen nahezu unberührt von sich geschoben hatte. Der Koch musterte sie durch zusammengekniffene Augen, wagte es aber nicht, sich Sakura gegenüber über die Verschwendung von kostbarem Essen zu echauffieren und ließ stattdessen die Schalen verschwinden. Es war nicht unüblich, dass die Diener über die Reste der Tanzfrauen herfielen, immerhin gab es für sie nie Fleisch und nur selten Fisch.

»Gerne, allerdings muss ich mich ein Stück vor der Brücke bereits von dir verabschieden. Ich habe einen Termin beim Friseur.« Karin verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Meine Haare müssen neu gefärbt werden.« Sie befühlte die Spitzen der schwarzen Haare, welches ihr in glatten Strähnen über die Schultern fiel und automatisch glitt Sakuras Blick zu ihrem eigenen Haar. Schon seit vielen Jahren überraschte sie der Anblick der schwarzen Haare nicht mehr, auch wenn das ständige Färben der Hauptgrund dafür war, dass es ihr nie bis ganz über den Rücken wachsen konnte, denn dafür musste ihr Friseur zu oft die spröden Spitzen abschneiden.

Einst hatten sich zwischen ihren Fingern rosane Strähnen geringelt, doch ähnlich wie Karins naturrotes Haar war die Farbe zu außergewöhnlich und lenkte zu sehr von ihren künstlerischen Aufführungen ab. Das zumindest waren Tsunades Worte gewesen, als sie sie beide eigenhändig zum ersten Mal zum Friseur geschleppt hatte. Die Behandlungen dort waren selbst an den besten Tagen des launischen Friseurs eine reine Tortur und die Erwähnung allein genügte, damit Sakuras Kopfhaut zu jucken begann.

»Ino, hast du etwa schon wieder vor dich hin geträumt?«, rügte Sakura das junge Mädchen milde, »Karin und ich wollen das Tanzhaus verlassen und durch das Viertel spazieren!«

Ino sprang auf, das Gesicht vor Entsetzen und Scham puterrot angelaufen, und stolperte so ungeschickt über ihre Füße, dass sie auf ihrem Weg aus der Küche heraus den ein oder anderen Topf zu Boden warf. Der Koch, der einer einfachen Schülerin weitaus weniger Respekt schuldig war, als einer ausgelernten Tanzfrau des Hauses, griff nach einer Kelle und warf sie, zusammen mit einigen derben Flüchen, Ino hinterher, die dem Geschoss mit einem lauten Quieken auswich. Ihr Kichern hallte in dem Flur jenseits der Tür wieder und erinnerte Sakura einmal mehr daran, dass sie im Grunde noch ein Kind war.

»Das arme Mädchen!«, lachte Karin erheitert, »Sie war im Gedanken ganz woanders! Fast hat sie vor Schock vergessen, wie man atmet.«

Sakura stimmte in das Gelächter ein, wenn auch etwas halbherzig und ohne es zu wollen musste sie darüber nachdenken, wie lang dieses Gefühl von Sicherheit und Zuhause noch anhalten würde. Mit einem danna konnte sich ihr Leben von heute auf morgen schlagartig verändern und alles, wofür sie hart gearbeitet und gekämpft hatte, würde in dem Schatten eines alten Mannes verwelken. Früher, als sie noch ein kleines Kind gewesen war, hatte sie oft mit ihrem Schicksalslos gehadert und gegen die Herrin des Hauses aufbegehrt, doch mittlerweile war ihr der Alltag des Tanzhauses so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, anders zu existieren.

»Bei den Göttern, Sakura!« Karins für gewöhnlich samtig weiche Stimme war zu einem spitzen Schrei angeschwollen. »Du bist heute wirklich seltsam, weißt du das?«

Sakura blinzelte perplex, ihr Blick stellte sich nur langsam wieder scharf und direkt vor ihrer Nase tanzte Karins beunruhigtes Gesicht in Form von grellbunten Punkten. »Entschuldige mich bitte, ich glaube, ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Lass uns gehen, ich komme besser nicht zu spät beim Atelier an.«

Karin musterte sie eindringlich, der Scherz schien sie dieses Mal nicht davon zu überzeugen, das alles in Ordnung war. »Ja, lass uns aufbrechen. Wenn ich zu spät komme, lässt Herr Moriyama mir freundlicherweise seine „Sonderbehandlung“ angedeihen.«
 

Das Hanamachi war entgegen der gängigen Erwartungen von ortsfremden Menschen auch tagsüber ein belebter Ort. Ohne die bunten Lichter der Papierlampions, die zwischen den nach oben gewölbten Ziegeldächern sanft im Wind baumelten, wirkte Kagetsu zwar grau, fast trostlos, doch das rege Treiben auf den engen Straßen und Gassen lenkte von der Eintönigkeit der Häuserfassaden ab. Im Lichte der Sonne waren es überwiegend praktisch gekleidete Frauen, die in einfachen Lederschlappen über die uneben gepflasterten Straßen huschten und Besorgungen für den kommenden Abend tätigten, oder aber Tanzfrauen, wie sie selbst, die das Badehaus besuchten und sich anschließend von ihrem Friseur quälen ließen.

Es roch nach frisch gekochtem Essen, feuchtem Laub, das in den Brennöfen auf den Hinterhöfen der Teehäuser verbrannt wurde, und nach dem klaren Wasser des Kanals, der Kagetsu fast genau mittig durchfloss. Auf der südlichen Seite lag das Hanamachi, das Vergnügungsviertel und Heimat der Teehäuser und Tanztheater, welches jeden Abend, wenn der Horizont den letzten Sonnenstrahl verschluckt hatte, zu schillerndem, pulsierendem Leben erwachte, und unzählige berühmte Persönlichkeiten und hochrangige Adlige unterhielt. Die nördliche Seite beherbergte einige bekannte Künstler, Schriftsteller und Schneider, und außerdem lagen dort die Schulen, in deren Hallen auch Sakura einst das Tanzen erlernt und sich das Wissen um Kultur, Geschichte und schließlich sogar Medizin angeeignet hatte. Dem Studium Letzterem hatte sie besonders viel Aufmerksamkeit und Zeit gewidmet, bis Tsunade ihr eines Tages damit gedroht hatte, sie auf die Straße zu setzen, wenn sie mit ihrem Kopf weiterhin in den Wolken hing, statt darauf zu achten, dass sie nicht länger auf dem Boden unter ihren Füßen herumstolperte.

An diesem noch kühlen Morgen allerdings würde sie schon kurz nach der kleinen Brücke an ihrem Ziel angekommen sein, sodass ihr selbst ein kurzweiliger, nostalgischer Gang durch ihre längst vergangene Kindheit verwehrt blieb. Das in unauffälliges Papier gewickelte und sorgsam verschnürte Päckchen aus seidigen Stoffbahnen fühlte sich auf einmal schwer an in ihren Armen, und obwohl Sakura es fest an die Brust gepresst hielt, hatte sie das Gefühl, dass es jederzeit aus ihrem Griff zu Boden rutschen könnte.

»Ein Kimono von Sai-sama … Ich bin wirklich neidisch auf dich, Schwesterchen.« Karin fächerte sich mit der Hand spielerisch etwas Luft ins Gesicht, obwohl die Luft schon vor einigen Wochen die schwüle Hitze des Sommers verloren hatte, und blinzelte verträumt. »Und dann nur für dich. Ich frage mich nicht, was Mutter auf die Idee gebracht hat, ausgerechnet dir einen eigenen Kimono zu schenken – nichts für ungut!« Sie zwinkerte ihr schelmisch zu und Sakura schluckte den aufkeimenden Würgereiz hinunter.

»Ja. Ein wahres Wunder«, brachte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und zwang sich zu einem möglichst lockeren Lächeln. Es fühlte sich falsch an, Karin gegenüber so unehrlich zu sein, doch vorerst wollte sie das Thema danna so gut es ging vermeiden.

Die beiden bogen um die Ecke auf die Hauptstraße des Hanamachi und am anderen Ende konnte Sakura bereits die Brücke ausmachen, die sie auf die nördliche Seite der Stadt führen würde. Eine ältere Dame fegte beherzt vor dem Mäuerchen ihres Hauses und wirbelte ordentlich Blätter, Staub und Dreck in sämtliche Himmelsrichtungen.

»Vorsicht!«, rief Sakura sofort und war bereits im Begriff, nach Karin zu greifen und sie zurückzuziehen, doch diese wich den in der Luft tanzenden Blättern derart instinktiv mit einer eleganten Drehung aus, als hätte sie in der vergangenen Nacht von diesem Augenblick geträumt. Die Frau, die sich schockiert erblassend an ihren Besen klammerte, beeilte sich damit, sich entschuldigend zu verbeugen. Ihre panische Stimme folgte ihnen noch einige Schritte, bis sie sich im lauten Plätschern des Kanals verlor. Kristallklares Wasser floss über mit Algen überzogene Steine hinweg und am etwas flacheren Ufer sammelten sich Seerosen, deren fliederfarbene Blüten sich den ersten Sonnenstrahlen des Tages gegenüber öffneten.

»Gut, hier trennen sich unsere Wege, Schwester.« Karin enthakte sich von Sakuras Unterarm und kam mit einem Seufzen zum Stehen. »Mir wäre es weitaus lieber, dich zu begleiten, doch Mutter lyncht mich, wenn ich mit meinem roten Ansatz zurück nach Hause komme.«

»Schon in Ordnung«, beschwichtigte Sakura sie und nahm ihren nun freien Arm, um das Päckchen zu stabilisieren, »ich weiß ohnehin nicht, wie Sai-sama es auffassen würde, würde ich eine unbekannte – oder besser gesagt: unerwartete – Begleitung mitbringen. Kümmere dich vorerst lieber darum, dass du mir in einem Stück zurück kommst, das genügt vorerst.«

Plötzlich wurde Karin blass um die Nase und ein gequälter Ausdruck trat in ihre Augen. »Ich wäre gerade wirklich buchstäblich überall auf dieser Welt lieber als vor der Tür von Herrn Moriyamas Laden.«

»Sag so etwas nicht, Schwester«, mahnte Sakura leise, »du könntest mitten im Krieg sein, umgeben von Leid und Tod. Da erscheint mir unser Los … fast tröstlich leicht.«

»Du musst immer so dramatisch sein, Sakura, aber ja, du hast natürlich recht.«

Karin schürzte die Lippen und die beiden umarmten sich zum Abschied. Sakura wartete darauf, dass Karins Haarschopf, der im Lichte des Tages tatsächlich bereits dunkelrot schimmerte, hinter dem Vorhang der geöffneten Tür verschwand. Etwas gemäßigter setzte sie ihren Weg fort, auch wenn es von hier nicht mehr weit war. Das Atelier des berühmten Schneiders lag am anderen Ufer des Kanals und schon bald stand sie vor einem kleinen Tor, in dessen Mitte ein kleines Messingschild eingelassen war.

Meisterschneiderei

war in wunderschöner Kalligraphie eingefräst und bevor sie sachte mit den Fingern über das gewiss kühle Metall streichen konnte, wurde sie von einem leisen, amüsiert klingenden Räuspern unterbrochen. Die Eingangstür war aufgeschoben und ein junges Mädchen stand auf der Schwelle, die Hand so gehoben, dass ihre gewiss zuckenden Mundwinkel perfekt hinter dem langen, ausschweifenden Ärmel ihres Kimonos verschwanden. Er war von einem schlichten Dunkelgrün – ganz im Stile des Schneiders –, aber von hoher Qualität. Den Stoff zierten keine Verzierungen und der aufgestickte Name oberhalb der linken Brust zeichnete sie als Dienerin aus. Oder als Schülerin.

»Guten Morgen«, grüßte Sakura das Empfangsmädchen mit einem knappen Kopfnicken und einem freundlichen Lächeln, »ich bin gekommen im Auftrag des Teehauses, welches Tsunade-okaasan gehört, um den Stoff für einen in Auftrag gegebenen Kimono zu überbringen.« Bedeutungsvoll löste sie das Paket, welches sie bislang gegen die Brust gepresst gehalten hatte, und hielt es dem jungen Mädchen oberhalb des verschlossenen Tores entgegen.

»Ich weiß. Ihr werdet bereits erwartet, Sakura-san«, entgegnete das junge Mädchen mit einer tieferen Verbeugung. Ihre Lippen kräuselten sich zu einem echten Lächeln, als sie den Kopf wieder hob, doch ansonsten ließ sie nicht erkennen, wie sie wohl über Sakuras ungewöhnlichen Auftritt dachte. Umsichtig nahm sie das kleine Paket entgegen, öffnete das Tor und bedeutete Sakura, ihr zu folgen. Nachdem sie ihre Geta abgestreift und in einem kleinen Holzschränkchen oberhalb der erhöhten Holzstufe des Eingangsbereichs abgestellt hatte, huschte sie lautlos durch einen kurzen, schmalen Flur, an dessen Ende es nur eine einzige Tür gab. Das junge Mädchen kniete sich flink, aber wenig elegant auf den Boden und schob die Tür für Sakura zur Seite.

Höflich, aber ungeschickt. Wohl eher eine Dienerin, als denn eine Schülerin der Kunst, dachte Sakura bei sich. Einen Moment lang zögerte sie und überlegte, ob es sinnvoll war, dem Mädchen den teuren Stoff einfach so zu überlassen, andererseits hatte sie ihr bisher keinen Anlass gegeben, ihr zu misstrauen, sodass Sakura schlussendlich den Kopf schüttelte und das Zimmer des Künstlers betrat.

Vor dem Betreten des Ateliers hatte sie weniger gründlich darüber nachgedacht, wie es wohl von innen aussehen mochte, doch was auch immer sie erwartet hätte – die Realität überraschte sie. Sie kannte das ein oder andere Werk des Meisters, immerhin besaßen einige renommierte Tanzfrauen im Hanamachi einen seiner handgefertigten Kimonos, doch im Vergleich zu der harmonischen Kunst, die er mit Tusche auf teuren Stoff verewigte, war sein Atelier eine Manifestation des unbändigen Chaos. Entwürfe lagen zerstreut auf dem Boden, einige intakt, andere völlig beschmiert oder in Fetzen gerissen, offenbar einer Art künstlerischem Wutanfall zum Opfer gefallen. Die Wände waren über und über behangen mit bemalten Schriftrollen von berühmten Malern, manche davon jedoch mit Stoffbahnen abgedeckt, sodass sie schief von ihrem Nagel baumelten. Vereinzelt standen hölzerne Rahmen an die Wand gelehnt und die Stoffe, die darin eingespannt waren, waren teils zu aufwendigen Mustern drapiert und mit Nadeln an Ort und Stelle gebannt.

Durch die Fensterreihen unmittelbar unter dem Dach sickerte das Licht des frühen Morgens, doch den Boden erreichte es nicht, sodass Sakura leicht fröstelte, während sie darauf wartete, dass Sai den Raum betrat. Hätte das Papier der Tür, die sachte beiseite geschoben wurde, nicht geraschelt, hätte sie seine Ankunft zunächst gar nicht bemerkt. Vom Sonnenlicht unberührt wirkte seine blasse Haut im schattigen Zimmer fast durchscheinend und als er ohne Umschweife auf Sakura zukam, wurde sie das Gefühl nicht los, dass er zu schweben schien. Seine Schritte entlockten dem Holz nicht das leiseste Ächzen und mit wachsender Bestürzung musste Sakura feststellen, dass er nicht zu blinzeln schien.

»Guten Morgen, Sai-sama«, sprach Sakura eilig in dem Bestreben, die seltsame Atmosphäre zu lockern, und neigte das Haupt zu einer tiefen, demütigen Verbeugung, »Tsunade-okaasan entsendet ihre aufrichtige Hochachtung und ewig währende Dankbarkeit dafür, dass Sie sich meiner unwürdigen Person annehmen.«

Statt darauf zu reagieren, egal wie, umkreiste er Sakura langsam, fast bedächtig, als wäre sie die Sorte Beute, die sich dummerweise freiwillig in sein Territorium begeben hatte, und betrachtete sie ausgiebig von Kopf bis Fuß. Seine Musterung war so intensiv, dass Sakura sich sicher war, dass er unter die unzähligen Stoffschichten bis auf ihre Haut sehen konnte. Und obwohl sie es durchaus gewohnt war, dass man sie anstarrte, kroch ihr Hitze den Nacken empor bis in die Wölbung ihrer Ohrmuscheln, denn ohne die Schminke, die sie zu etwas anderem als eine Frau machte, und sie eine gewisse Distanz zu ihrem Umfeld wahren ließ, war sie genau das – nur eine Frau. Eine Frau, die sehr eindringlich von einem Mann inspiziert wurde, wie Ware, die man auf Unversehrtheit überprüfte.

»Ich verstehe«, gab Sai irgendwann von sich, und tippte sich mit dem hölzernen Ende eines Pinseln, welchen er die ganze Zeit über umklammert gehalten hatte, gedankenverloren gegen das spitz zulaufende Kinn, welches von keinem einzigen sorglos übersehenen Bartstoppel verunziert wurde. »Ich muss deine Maße nehmen, Mädchen, also mach dich von diesem ganzen Stoff frei.« Er fuhr mit den Fingern seiner freien Hand über den Obi aus Brokat, der, stramm um ihre Hüfte gewickelt, sämtliche Kleidungsschichten darunter zusammenhielt, und sah ihr anschließend unumwunden ins Gesicht.

Sakura schluckte, eine stumme Geste des Aufbegehrens, die er prompt mit einem abschätzigen Schnalzen der Zunge kommentierte. Kopfschüttelnd wandte er sich von ihr ab, und fast hätte Sakura geglaubt, dass er den Auftrag ihrer Herrin nun nicht mehr länger annehmen würde, doch dann warf er ihr über die Schulter hinweg einen auffordernden, unmissverständlichen Blick zu.

»Heute noch, Mädchen. Ich habe nicht den ganzen Tag für dich Zeit!«, herrschte er sie forsch an und Sakura zuckte zusammen, folgte dann aber seinem Befehl. Sie war es gewohnt, Tag um Tag in Schichten aus schwerem Stoff durch ihre kleine Welt zu laufen, sodass sie sich in dem seidigen, leichten Untergewand nackter fühlte, als stünde sie völlig entblößt vor ihm. Unterbewusst umfing sie ihre Schultern mit den Fingern und presste ihre Knie aneinander, um zu verhindern, dass sie in der kühlen Luft des Raumes zu schlottern begannen.

»Du bist schmächtig, Mädchen, fast schon hager.« Obwohl er sie direkt ansprach, redete Sai nur mit sich selbst, während er sie mit geneigtem Kopf aus der Ferne betrachtete, als würde die Distanz zu ihr zu neuen Erkenntnissen führen. »Blasse Haut, strahlende Augen. Das sollte funktionieren, ja.« Jetzt kam er in zügigen Schritten nähern und umfasste ihre Hände mit den seinigen, um sie von ihren Schultern zu lösen. Der Druck, den er dabei aufbrachte, war fast als sanft zu bezeichnen, doch Sakura hegte den Verdacht, dass das nicht an seiner spontan gefundenen Wertschätzung für sie lag, sondern daran, dass er keine Druckstellen auf der unbefleckten Leinwand hinterlassen wollte.

»Halt' jetzt still«, befahl er mit tonloser Stimme und schob Sakura auf Armeslänge weg, ehe er aus seinem Haori eine Spule Faden zog und anfing, den rauen Stoff um verschiedene Stellen ihres Körpers zu legen. Die ganze Zeit über traute Sakura sich nicht, etwas zu sagen oder auch nur zu laut zu atmen, und selbst nachdem er zu dem unordentlichen Schreibtisch getreten war, um etwas in ein kleines Notizbuch einzutragen, verharrte sie reglos an Ort und Stelle.

»Wir sind fertig. Du kannst dich wieder anziehen.« Er wedelte mit seiner Hand unbestimmt in ihre Richtung, ohne sich dabei umzudrehen. »Du kannst in einer Woche wiederkommen.« Sakura, obgleich überrascht davon, wie schnell das Geschäft abgelaufen war, verstand, wann sie entlassen war, und ging schnell in die Hocke, um nach den einzelnen Schichten ihres Kimonos zu greifen, und auch, wenn sie immer noch weniger trug, als wenn sie abends für Gäste tanzte, dauerte es dennoch eine ganze Weile, bis sie sich wieder vernünftig angekleidet hatte. Sie wusste nicht, welche Form der Höflichkeit ein Mann wie Sai wohl von ihr erwartete, weshalb sie vor dem Übergang zum Vorzimmer zögerlich innehielt. Sein Dienstmädchen hatte die Tür bereits für sie aufgeschoben und wartete nun darauf, dass sie zu ihr heruntertrat, um sich von ihr die Schuhe geben zu lassen.

»Ich danke Ihnen für Ihre Geduld, Sai-sama«, verabschiedete Sakura sich schlussendlich doch noch mit einer tiefen Verbeugung, da alles andere sich falsch angefühlt hätte. Auch wenn er sie weder ansah, noch sie sonst einer Reaktion würdigte, fühlte Sakura sich etwas leichter, als sie aus dem Atelier trat und sich ihre lackierten Geta geben ließ. Sie drückte dem Dienstmädchen eine geprägte Münze minderen Werts, die sie aus einem kleinen, in ihrem Obi versteckten Säckchen gezogen hatte, in die Hand und neigte ihr freundlich den Kopf zu, ehe sie aus dem Haus trat und sich prompt die Augen mit der Hand abschirmen musste.

Der frühe Morgen war einem angenehm milden Herbstmittag gewichen und neben dem sanften Rauschen des Kanals vernahm Sakura das Gezwitscher der Vögel und das eifrige Klappern von Schuhen auf Pflasterstein. In der Nähe huschte eine kleine Traube Mädchen über die gewölbte Brücke, zweifelsohne auf dem Weg zum Unterricht und der Anblick stimmte Sakura fast melancholisch. Früher waren sie und Karin ebenso laut lachend durch die Gassen des Hanamachi gerannt, doch diese Tage waren nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung wie der Flügelschlag einer Libelle.

Es dauerte kurz, bis Sakura sich an die veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hatte, dennoch machten ihre Füße sich wie von selbst auf den Weg. Sie folgte dem leisen Plätschern des Wassers, dass träge über den kiesigen Grund des Kanals floss, und dem entfernten Lachen der Mädchen, die in die Richtung verschwunden waren, in die auch sie gehen musste. Auf dem Rückweg ließ sie sich etwas mehr Zeit, als es vonnöten gewesen wäre, doch diesen seltenen Moment des Friedens musste sie auskosten.

Ohne, dass sie es geplant hatte, kam sie vor dem kleinen Friseurladen stehen, in dem auch sie regelmäßig ihre Haare machen ließ. Neben den länglichen Teehäusern wirkte es unbedeutend und klein – ein Umstand, der sich exakt so auch auf die inneren Räumlichkeiten ausdehnte.

»Schwester!«, rief Karin überrascht, als das leise, melodische Klingeln der Glöckchen über dem Eingangsbereich ihre Anwesenheit verriet. Ihr Kopf war nach oben gezuckt, was Herr Moriyama ihr auf grausame Art zurückzahlte, indem er sie mit dem Kamm in den nassen Haaren zurück nach unten zog.

»Du solltest lieber still sitzen bleiben, Schwester«, riet Sakura ihr mitfühlend und setzte sich auf einen niedrigen Schemel in der Nähe des Zubers, indem sich Wasser, schwarz wie Tinte, sammelte.

»Beherzigt ihren Rat«, schnaubte Herr Moriyama, ehe Karin ihr antworten konnte.

»Was machst du denn schon hier, Sakura? Ich hatte heute fest damit gerechnet, dich erst zusammen mit der untergehenden Sonne zurück Zuhause begrüßen zu können«, antwortete Karin, ohne auf Herrn Moriyama und seine gereizte Miene einzugehen. Ihr Gesicht war noch immer etwas verzogen, doch ansonsten gab sie mit keiner Silbe und keiner Geste zu erkennen, wie viele Schmerzen sie tatsächlich erduldete.

»Ich war selbst auch überrascht, allerdings hat Sai-sama auch nur meine Maße genommen und nichts gezeichnet. Er hat mir gesagt, ich solle in einer Woche zurück sein und mich damit hinaus gescheucht. Ein seltsamer Zeitgenosse, wahrhaftig«, endete sie ihre Ausführung und sah Herrn Moriyama dabei zu, wie er den groben Kamm mit schwarz gefärbten Fingern wieder und wieder durch Karins Haar zog, welches sich büschelweise in den Zacken verfing. In diesem Augenblick war sie dankbar dafür, erst beim Friseur gewesen zu sein.

»Eigentümlich, ja, aber ein Genie bleibt er trotzdem.« Karins Augen funkelten ehrfürchtig. »Ich bin wirklich neidisch auf dich, Schwester!«

»Wenn ich du wäre, wäre ich dankbar dafür, nicht an meiner Stelle zu sein«, murrte Sakura missmutig. Sie rutschte auf ihrem Schemel fast ab, als sie versuchte, sich aufrechter hinzusetzen. Allgemein war es sehr eng in dem kleinen Laden und Sakura, die sich ohnehin schon den ganzen Tag über fühlte, als würde ihr etwas die Luft abschnüren, fing an zu schwitzen.

Karins ausgestreckter Finger bohrte sich von unten in ihr Bein. »Was ist los? Rede doch endlich mit mir, Sakura. Du stehst schon den ganzen Tag neben dir und jetzt lasse ich mich nicht mehr länger mit irgendwelchen Ausreden abspeisen!«

»Tsunade-okaasan hat mir eröffnet, dass ich einen danna bekommen könnte.« Sakura hielt inne und blickte von Karin zu Herr Moriyama, der so teilnahmslos seinem Werk nachging, dass sie unmöglich sagen konnte, ob er ihr konzentriert zuhörte oder nicht. Für gewöhnlich vermied sie es, in der Nähe fremder Ohren Dinge auszuplaudern, die besser von niemandem gehört wurden.

»Kennt man den Herren?« Karin reagierte überraschend ernst, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie Sakura besser kannte, als sie ihr regelmäßig zugestehen wollte.

»Ja«, flüsterte sie nach längerem Zögern. Ihr war der flüchtige Seitenblick von Herr Moriyama nicht entgangen. »Ich erzähle dir von ihm auf dem Weg nach Hause, ja?«

Karin wandte den Blick ab und musterte die niedrige Decke. Was Herr Moriyama mit ihrem Skalp anstellte, schien sie kaum noch zu interessieren.

»Wir werden eine Lösung dafür finden, Schwester, das verspreche ich dir.«

Ihre Blicke kreuzten sich erneut und in Karins rötlich schimmernden Augen brannte eine wilde Entschlossenheit, von der Sakura sich inbrünstig wünschte, sie würde sie in selbigem Maße verspüren.

Mondwinde


 

𝓜𝓸𝓷𝓭𝔀𝓲𝓷𝓭𝓮

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Die folgenden Tage erlebte Sakura wie in Trance. Der Kopf schien wie unter Wasser getaucht, wann immer die restlichen Bewohner des Hauses lange genug wegsahen, damit ihre Gedanken abschweifen konnten. Vor ihrem inneren Auge sah sie wieder und wieder das Bild jenen Mannes, der in Zukunft ihr danna sein sollte. Zumindest wenn es nach der Herrin des Hauses ging. Blasse Haut, wässrig-grüne Augen, die auf groteske Art wie verwaschene, blasse Iterationen ihrer eigenen Iriden wirkten. Sie träumte von langem, schwarzem Haar, das nicht ihr eigenes zu sein schien, und wann immer sie aus diesen verworrenen Träumen erwachte, stand ihr der Schweiß auf der Stirn.

Karin hatte sich als äußerst nützlich erwiesen. Noch am selben Tag hatte sie in den alten Zeitungen gestöbert, die nebst den Öfen der Küche gestapelt auf ihr glühendes Ende als Brandbeschleuniger warteten. Dabei war sie auf gleich zwei Artikel gestoßen, die über den Bankier berichteten und ein ganz klar beeinflusstes Bild von einem der mächtigsten Männer des Landes zeichneten. Sakura verstand ein wenig von Wirtschaft, auch wenn sie stets deutlich mehr Interesse an Medizin gehabt hatte, doch was genau dieser Mann tat, erschloss sich ihr nicht. Alles, was sie den Artikeln entnehmen konnte, war, dass er reich war. Sehr reich. Und gute Kontakte pflegte. Darüber hinaus hatten sie nichts oder nur wenig herausfinden können und auch nach einem langen Nachmittag, an dem sie gemeinsam über mögliche Auswege diskutiert hatten, waren sie noch zu keinem sinnvollen Ergebnis gekommen.

Tsunade hatte ihr für die restlichen Abende der Woche mehr oder weniger frei gegeben. So kam es, dass sie zum ersten Mal seit vielen Jahren keinerlei gesellschaftliche Verpflichtungen hatte, zu keinen Veranstaltungen oder Aufführungen gehen musste und auch im Haushalt untätig bleiben durfte. Zwar hatte Mutter ihr aufgetragen, sich auf das Gespräch mit Herrn Orochimaru vorzubereiten, aber weiter überprüft hatte sie ihre Bemühungen nicht. So kam es, dass sie die Abende damit zubrachte, in ihrem Zimmer unruhig auf und ab zu marschieren und im Gedanken jedes mögliche Szenario durchzuspielen, das ihr Verstand zu ersinnen vermochte.

Am Tage verlangte Tsunade von ihr, ihre jüngere Schwester Ino zum Tanzunterricht zu begleiten und diesem beizuwohnen. Um „eingerostetes Talent neu zu entfachen“, wie sie es ausgedrückt hatte. Zwischen den ganzen Mädchen, die kaum älter waren als vierzehn, hatte sie sich etwas deplatziert gefühlt, doch immerhin konnte sie die Gelegenheit nutzen, um mit ihren alten Lehrerinnen zu plaudern, die vor mehr als zehn Jahren mit mehr oder weniger subtilen Methoden dafür gesorgt hatten, dass sie ihr Gleichgewicht lange genug halten konnte, um eine annähernd künstlerisch ästhetische Haltung einzunehmen.

Nach genau einer Woche kam Shizune am späten Nachmittag in das Zimmer von Sakura und Karin getreten und verkündete feierlich, dass sie sich auf den Weg machte, um den Kimono von der Meisterschneiderei abzuholen. Sakura sank noch in der selben Sekunde der Magen in die Knie, denn das bedeutete, dass der Abend gekommen war, an dem sie Orochimaru zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht begegnen sollte. Der Abend, an dem sich ihre bislang sicher gewähnte Zukunft möglicherweise unwiderruflich veränderte.

Für Shizune rang sie sich ein begeistertes Freudenstrahlen ab, doch kaum dass die ältere Frau die Tür hinter sich zugeschoben hatte, kämpfte sie gegen die aufsteigende Säure in ihrem Hals an. Lediglich Karins Hand, welche ihre sanft umschlossen hielt, spendete ihr ein wenig Trost.

»Wenn du einen Plan hast, wäre heute ein wirklich ausgesprochen guter Tag, um mich einzuweihen, Schwester«, stammelte Sakura beklommen. Mit der freien Hand strich sie sich einige Strähnen aus dem Gesicht, doch der verzweifelte Versuch, etwas unter Kontrolle zu bekommen, befeuerte stattdessen die keimende Panik in ihrem Inneren.

»Ich überlege, Schwesterchen. Ich überlege sogar ziemlich angestrengt.«

Doch auch in den folgenden Stunden brachte Karin das Thema nicht mehr zur Sprache. An diesem besonderen Abend war sie es, nicht wie üblich Ino, die Sakura beim Ankleiden half und die erste Zeit über herrschte weiterhin betretenes Schweigen. Es sah Karin nicht ähnlich, dem Trübsinn anheim zu fallen, doch offenkundig war auch sie zu dem Schluss gekommen, dass Sakura vor einem unlösbaren Problem stand. Damit das Schweigen nicht zur Qual wurde, übernahm sie auch das Schminken und mit hochkonzentriertem Gesicht, erstarrt wie eine Säule aus Eis, zerrieb sie Wachs zwischen den Fingern und verteilte dies auf Sakuras Gesicht, ehe sie zermahlenes Reispuder mit Wasser zu einer cremigen Paste anrührte. Mit geübten Pinselstrichen verschwand Sakuras Gesicht nach und nach hinter einer schneeweißen, unbefleckten Maske und nur an ihrem Nacken ließ Karin etwas Haut ausgespart. Mit einem fast aufgebrauchten Kohlestift zog sie ihr sanft die Augenbrauen nach, ehe sie ihr die Wimpern tuschte und die Lippen in blutrote Farbe tünchte. Karin war schon immer geschickter darin gewesen, sich zu schminken, sodass Sakura sich seltsam fremd in ihrer Haut fühlte, als sich die Maske, die ihr am Ende vom Spiegel entgegenblickte, von ihrer gewohnten Fassade unterschied. Karin nutzte, im Gegensatz zu ihr, einen Hauch von Rot auf den Wangen, was sie weniger kränklich aussehen ließ.

Sakura wusste nicht, was sie davon halten sollte.

Im Anschluss verschwand Karin aus ihrem gemeinsamen Zimmer, um den Kimono von Shizune abzuholen. Sakura verbrachte den stillen, friedlichen Moment damit, dass sie vorsichtig ihr Gesicht befühlte. Ein wenig weißes Puder blieb an ihren Fingerspitzen kleben und als sie diese aneinander rieb, rieselte es zu Boden wie winzige Schneeflocken.

»Ich muss schon sagen, der werte Herr wird seinem Ruf durchaus gerecht.«

Karin war zurück in das Zimmer getreten und hatte über den Arm vorsichtig den schönsten Kimono, den Sakura jemals gesehen hat, drapiert. Und im Hanamachi hatte sie im Verlauf der Jahre eine Unzahl an Kimonos bewundern dürfen, immerhin war es Teil ihrer Kunst, sich in immerzu wechselnden Gewändern zu präsentieren. Nicht wenige Tanzfrauen, die einen danna an ihrer Seite wussten, verfügten über eine Sammlung, die groß genug war, um ein eigenständiges Lager dafür zu benötigen. Und dennoch vergaß selbst Sakura einige Herzschläge lang, wofür sie diesen Kimono geschenkt bekommen hatte.

Der weiße Stoff war tiefschwarz gefärbt worden, doch der einstige Schimmer der Seide war ermattet, sodass der Kimono das dämmrige Kerzenlicht im Zimmer zu absorbieren schien. Das Muster selbst war schlicht gehalten – am Saum wuchs ein ganzes Blumenfeld an Mondwinden dem silbrig fahlen Mond entgegen, der einen großen Teil des Rückens einnahm. Es sah wunderschön aus und passte zum Namen ihres Teehauses, doch das wahrhaft Atemberaubende war die Tatsache, dass das Muster nicht aufgestickt worden war. Sakura konnte sich nicht erklären, wie, aber beim Färben waren das Blumenmuster und der Mond ausgespart worden, sodass sie bei näherer Betrachtung den ehemals schneeweißen Stoff bewundern konnte.

»Er ist wirklich wunderschön«, schwärmte Sakura leise, während sie vorsichtig nach dem Stoff griff und ihn zwischen ihren Fingern fühlte.

»Nicht wahr?« Karins Blick wurde weicher, als sie von dem Stoff in ihren Händen zu Sakura aufsah. »Wir werden dich verschwinden lassen, Schwester.« Sie legte den Kimono behutsam auf einer Truhe ab, ehe sie in einer Ecke des Zimmers zu Boden sank und an einer der Strohmatten zog.

»Was tust du da? Was ist denn in dich gefahren? Mich „verschwinden lassen“? Bist du verrückt geworden?« Sakura war ihr auf den Zehenspitzen gefolgt und versuchte, über Karins Schulter hinweg, zu sehen, was sie da tat.

»Warte doch!«, brummte Karin angestrengt. Schließlich gelang es ihr, die Matte vom Boden zu lösen, und darunter kamen mehrere kleine Beutel zum Vorschein, die verdächtig klingelten, als Karin sie behutsam hochhob.

»Ist das … ?«

»Geld? Ja. Ich habe es über die Jahre hinweg gesammelt. Das meiste davon sind direkte Spenden, „kleine Aufmerksamkeiten“, die mir ein betrunkener Gast in die Hand gedrückt hat. Ich habe es für Notfälle gespart und zur Seite gelegt, ohne Mutter etwas davon zu erzählen. Das hier ist ein Notfall.«

Sakuras Herz wurde weich und in ihren Augenwinkeln brannte es verräterisch. »Das kann ich unmöglich annehmen, Schwester« - Sie betonte das Wort extra nachdrücklich, um deutlich zu machen, wie wahr diese Bezeichnung für Sakura war. Karin war ihre Schwester, wenn vielleicht auch nicht im Blute geeint. - »Wirklich nicht! Es ehrt und rührt mich gleichermaßen, aber das ist zu viel des Guten. Das Geld gehört dir

Karin schürzte die Lippen, schluckte aber eine Bemerkung herunter und sagte stattdessen: »Du weißt, wo es liegt. Ich werde das Versteck dort lassen, wo es ist. Wenn du Hilfe brauchst, habe ich immer ein offenes Ohr für dich, Schwester. Egal, worum es geht.«

»Ich weiß.« Sakura umfasste Karins Hände und drückte sie sanft und voller Dankbarkeit. »Ich wusste es schon immer. Ich mag mich nicht in einer Situation befinden, in der ich dir selbiges anbieten könnte, doch du weißt, dass ich alles für dich tun würde. Alles

»Fang mir jetzt bloß nicht das Weinen an, Sakura! Sonst muss ich von vorne anfangen!«, mahnte sie streng, doch das laute Schniefen verriet sie. Einen Augenblick lang war alles in Ordnung in Sakuras kleiner Welt, doch der Abend hatte gerade erst angefangen.
 


 

Kurz bevor die Türen des Teehauses sich für die Gäste öffneten, ergriff eine seltsame Ruhe von Sakura Besitz. Die drohende Ausweglosigkeit betäubte ihre Empfindungen und mit dem Rücken zur Wand besann Sakura sich auf das, was sie am besten konnte: ihre Menschlichkeit hinter einer mild amüsierten Maske und klugen Bemerkungen verstecken. Sie kannte dieses Gefühl – oder besser: die Abwesenheit ihrer Emotionen – sehr gut. Es war eines der ersten Dinge, die sie gelernt hatte, um in dieser oberflächlichen Welt zu überleben, die sich auf die Grenzen des Hanamachi beschränkte.

»Gut, meine Mädchen. Wir haben die Wichtigkeit dieses Abends schon seit einigen Tagen verinnerlicht, deswegen erspare ich euch und mir eine weitere Anrede selbiger Natur.« Tsunade schritt vor Sakura, Karin und den drei anderen ausgelernten Tanzmädchen des Teehauses auf und ab, und das in einem behäbigen Tempo, das viele Jahrzehnte an der oberen Spitze der Nahrungskette voraussetzte. Sie war sich ihrer Position und ihrer Macht sicher und sollte eine der fünf jungen Frauen auch nur erwägen, diesem Status einen Makel zu bescheren – egal, ob gewollt oder nicht – würden die Konsequenzen grausam sein. »Karin. Du wirst heute Abend die Begrüßung der Gäste in unserem geschätzten Etablissement übernehmen. Ich erwarte von dir nicht weniger als Perfektion. Du wirst die Gäste in das größte der Tatami-Zimmer führen. Mir ist mitgeteilt worden, dass wir eine größere Gesellschaft erwarten, allerdings weiß ich über die genaue Anzahl der Gäste nicht Bescheid. Ino wird dich an diesem Abend begleiten, da Sakura selbstverständlich die Hauptrolle an diesem Abend übernimmt.« Damit verstummte sie und blieb gleichzeitig stehen – direkt vor Sakura, die selbst nach achtzehn vollen Jahren noch immer leicht zu Tsunade aufsehen musste. »Du.« Die Art, wie sie die formlose Anrede aussprach, ließ keinen Zweifel daran, dass für Sakura weit mehr auf dem Spiel stand als zunächst noch angenommen. Wenn sie heute versagte, war es egal, wie viel Geld sie für das Teehaus verdient hatte. Die Zahlen in Tsunades Kontobüchern mochten nicht lügen, doch mit einem reichen und einflussreichen Mann wie Orochimaru an ihrer Seite würde sie die Zukunft dieser seltsamen, kleinen Familie sichern. Und Tsunade würde Sakura aus der Gleichung streichen, ganz genau wie eine bedeutungslose Ziffer in ihren Büchern, sollte sie in ihren Augen versagen. »Du, meine liebe Sakura, betrittst den Raum als Letztes. Ich will, dass jeder der Anwesenden nur dich ansieht. Dieser Kimono hat mich ein halbes Vermögen gekostet und ich will, dass er seine Wirkung nicht verfehlt.«

»Wie Ihr wünscht, Okaasan.« Sakura verbeugte sich so tief, dass der Schmuck ihrer Haarnadel leise klimperte. »Ich werde Euch keine Schande bringen.« Als sie sich erhob, klopfte Tsunade ihr wohlwollend mit der Hand auf die Schulter, doch was eine zärtliche, liebevolle Geste sein sollte, war ruppig und etwas unbeholfen. Sie wirkte überaus zufrieden.

»Ich weiß, meine Liebe, ich weiß.«

Bevor Sakura sich ein letztes Mal in ihrem Zimmer vor der Realität ihrer drohenden Zukunft verschanzen konnte, wünschte Shizune jeder der anwesenden Frauen viel Glück und Erfolg. Als Sakura vor ihr auftauchte, lächelte sie besonders wohlwollend.

»Möge der Mond dir in dieser Nacht den Weg erhellen, liebes Kind«, wünschte sie ihr mit leiser Stimme. Die anderen Frauen waren bereits in das Tatami-Zimmer verschwunden, in dem sie an diesem Abend die Gäste des Hauses unterhalten würden, nur Karin stand noch im Wartezimmer und verfolgte den Austausch zwischen den beiden.

Sakura schnürte sich die Kehle zu und wie so oft in den letzten Tagen hatte sie das Gefühl, zu ersticken, doch sie zwang sich dazu, die Höflichkeit zu erwidern, indem sie leicht mit dem Kopf nickte. »Ich danke Euch für Euren Segen«, erwiderte sie förmlich und huschte, mit einem letzten Blick in Karins Richtung, eiligen Schrittes nach oben. Shizune würde sie holen kommen, wenn es Zeit für ihren Auftritt war, und mit jeder verstrichenen Minute wuchs Sakuras innere Anspannung, bis sie sich fühlte wie ein Seil, an dessen Enden kräftig gezogen wurde.

Je länger es dauerte, desto nervöser wurde Sakura, die eigentlich schon vor langer Zeit gelernt hatte, ihre Aufregung zu unterdrücken. Doch dies hier war kein Tanz vor einem großen, unbekannten Publikum, das sie in dem abgedunkelten Saal von der beleuchteten Bühne aus kaum erkennen konnte. Dass tatsächlich etwas nicht zu stimmen schien, wurde ihr erst klar, als es Tsunade war, welche die Tür zu ihrem Zimmer aufschob und nicht Shizune.

»Okaasan? Aber … ?« Zu perplex, um Worte zu finden, geschweige denn zu formen, verstummte sie wieder. Tsunade hatte einen seltsamen Ausdruck in den Augen. Nicht unbedingt Wut, aber auch keine Zufriedenheit. Etwas war passiert und Sakuras Herz pochte wild gegen ihre Brust.

»Es gab eine Planänderung, mein Kind«, teilte sie ihr mit, während sie gemeinsam die Treppen hinab zu den Gästeräumen liefen, »einer der anderen Gäste … hat auf deine Anwesenheit bestanden. Sehr nachdrücklich.«

»Ein anderer Gast? Welcher Mann wäre mächtig genug, damit Ihr ernsthaft in Erwägung zieht, Eure klugen Pläne zu ändern, Okaasan? Er müsste noch mächtiger sein als Orochimaru-san!« Sakura achtete sehr genau darauf, dass sie ihre Worte so betonte, dass es klang, als würde sie Mutter für ihre Weitsichtigkeit und Genialität bewundern und nicht, als würde sie sie für ihren Starrsinn kritisieren.

Tsunade hielt in ihrem schnellen Schritt inne und fast wäre Sakura in sie hineingestolpert. »Er ist mächtiger als Orochimaru-san. Trotzdem bin ich nicht begeistert von seiner forschen Art. Zumal er mir nicht verraten wollte, wieso er plötzlich ebenfalls Interesse an dir zeigt. Es könnte gut sein, dass er aus einer Laune heraus alles zunichte macht, wofür wir hart gearbeitet haben!«

Wir.

Das Wort stieß Sakura sauer auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, was Tsunade maßgeblich zu ihrem Erfolg im Hanamachi beigetragen hatte, außer einige harsche Lektionen in Disziplin und Rangordnung. Tanzen, Musizieren, sogar Konversationen pflegen hatte sie von anderen Menschen gelehrt bekommen.

»Ihr habt ja so recht, Okaasan!«, pflichtete sie ihr demütig bei, »Doch was erwartet Ihr nun von mir?«

»Du wirst diesen anderen Mann unterhalten, selbstredend. Er ist der zweite Kommandant der kaiserlichen Armee und ich erwarte, dass du dich ihm gegenüber entsprechend respektvoll benimmst. Es wird Orochimaru-san brüskieren, dass du ihm deine Gesellschaft verweigerst, doch den Zorn eines kaiserlichen Kommandanten können wir noch weitaus weniger riskieren«, seufzte sie resigniert und erneut stolperte Sakuras Herz in ihrer Brust.

Der zweite Kommandant?

Sie kannte ihn, hauptsächlich von Erzählungen anderer Frauen beim gemeinschaftlichen Baden in der Therme. Atemberaubend schön soll er sein, aber angsteinflößend und blutrünstig. Er führte eine ganze Division an Männern im Krieg gegen die westlichen Nationen und schien ein Talent dafür zu besitzen, nichts als verbrannte Erde hinter sich zu lassen. Letzteres hatte die Frauen meist jedoch recht wenig interessiert, stattdessen hatten sie in detailreicher Hingabe über die Eleganz seiner Wangenknochen und hypnotischen Augen geschwärmt.

Vor dem verzweigten Durchgang zum Tatami-Zimmer wartete Shizune kniend auf sie. Sie würde den ganzen Abend dort bleiben, um die Gäste zu begleiten, wenn diese sich erleichtern mussten. Hinter den dünnen Papierwänden vernahm Sakura lautes Gelächter. Die Stimmung schien ausgelassen zu sein und vielleicht hatte der ein oder andere Gast auch schon den ein oder anderen Sake getrunken.

»Sakura.« Tsunades Stirnfalten vertieften sich, so ernst blickte sie drein. »Ich bin mir sicher, dass du den zweiten Kommandanten der kaiserlichen Armee von selbst erkennst, deswegen erspare ich mir bei deiner Ankündigung eine genaue Wegbeschreibung. Du wirst dich zu ihm setzen, ihn gut unterhalten und wenn die Gelegenheit günstig ist, wirst du dich unter einem höflichen Vorwand von ihm lösen und dich zu Orochimaru-san setzen, verstanden? Auf diese Art verhindern wir vielleicht eine Katastrophe.«

Wieder dieses wir.

Sakura schluckte, nickte und sah dabei zu, wie Tsunade im Durchgang verschwand. Kurz darauf wurde es ruhig. Gespenstisch ruhig. Sakura konnte ihren eigenen Herzschlag in den Ohren pochen hören. Mit vorsichtigen, leichten Schritten folgte sie den Spuren ihrer Herrin in den schmalen Durchgang und wartete gespannt darauf, wann Mutters Stimme anschwoll, um ihren Namen zu rufen.

Tsunade sollte Recht behalten. Sakura erkannte ihn sofort. Auch ohne Rüstung war er ein Mann, der automatisch jeden Blick anzog, sobald er den Raum betrat.

Wildes, schwarzes Haar rahmte ein blasses Gesicht. Hohe, ausgeprägte Wangenknochen und eine markante Nase verliehen seinem Ausdruck etwas unterschwellig Strenges und ein Blick seiner tiefschwarzen Augen über die lange Tafel hinweg genügte, damit sie zu ihm lief, ohne dass sie etwas dagegen hätte tun können. Sakura spürte die Augen der anderen Anwesenden auf sich, allerdings war sie es gewohnt, dass sämtliche Augenpaare auf ihr ruhten, sodass sie ohne jede Eile an ihren Platz ging.

»Guten Abend.« Sakura verneigte sich förmlich, ehe sie elegant auf ihre Knie glitt. Sie entzündete ein Räucherstäbchen, auch wenn es im Zimmer schon stark nach ätherischen Ölen und Sandelholz roch. Es war die gängige Methode, die Zeit zu bemessen, die eine Tanzfrau bei einem Gast verbrachte. Eine begehrte Tanzfrau bestand grundsätzlich darauf, dass mehr als ein Räucherstäbchen gleichzeitig entzündet wurde, und für gewöhnlich gehörte Sakura zu diesen Frauen, doch bei einem derart ungewöhnlichen Gast war sie sich nicht sicher, wie sie sich zu verhalten hatte.

»Guten Abend.« Seine Stimme war tief und samtig und passte perfekt zu seiner eindrucksvollen Erscheinung. Sakura war sich sicher, vor langer Zeit ein Bild in der Zeitung gesehen zu haben, auf welchem er eine Rüstung getragen hatte, doch für den zwanglosen Anlass in ihrem Teehaus hatte er sich für einen Kimono entschieden, der ebenso schwarz war, wie ihrer. Doch statt eines hübsch anzusehenden Musters war lediglich ein Symbol oberhalb seiner rechten Brust aufgestickt. »Nun, ich muss gestehen, dass Ihr ausseht, als wohntet Ihr Eurer eigenen Beerdigung bei. Schwarz? Für eine Tanzfrau? Besteht ihr nicht üblicherweise auf aufdringlichere Farben?«

Sakura wusste nicht, ob er sie verspotten wollte oder ob er es nicht gewohnt war, sich mit einer Frau zu unterhalten, doch seine Themenwahl irritierte sie. Sie wäre jedoch keine sonderlich gute Tanzfrau, würde sie sich von etwas derartigem aus der Bahn werfen lassen.

»Habt Ihr Euch aus diesem Grund dafür entschieden, ebenfalls schwarz zu tragen? Wie aufmerksam!«, antwortete sie mit gespielt erheiterter Tonlage. »Darf Ich Euch etwas zu trinken anbieten, … ?«

»Sasuke Uchiha. Ich diene in der kaiserlichen Armee.«

»Uchiha-san. Sehr erfreut. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die ehrenwerte Herrin des Hauses mich bereits vorgestellt hat, doch erlaubt mir, mich Euch noch einmal persönlich vorzustellen. Mein Name ist Sakura Haruno. Ich bin eine der wenigen Tanzfrauen dieses Hanamachi, die ihren Namen behalten durfte.« Beiläufig griff Sakura zu einer Karaffe, die zusammen mit einer Kanne frischem Tee auf einem schwarz lackierten Holztablett vor ihnen abgestellt worden war. Während sie selbst sich einen dampfenden Tee eingoss, entschied sie sich dafür, Herrn Uchiha einen Sake einzuschenken. Er sah etwas versteift aus auf seinem Kissen und auch seine Art zu reden erinnerte Sakura bisher eher an einen gut einstudierten Vortrag, als an den intuitiven Gesprächsfluss eines zwanglosen Beisammenseins.

»Man verlangt von euch, eure Namen abzulegen?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. Sakura kannte den Namen Uchiha, natürlich kannte sie ihn. Er gehörte zu einer der reichsten Adelsfamilien des ganzen Landes und seit jeher diente seine Familie dem Kaiser als militärische Speerspitze. Für ihn musste es ein geradezu vulgärer Gedanke sein, sich einen anderen Namen zu suchen.

»Für gewöhnlich, ja. Ein Name ist Teil der Ästhetik, die wir zu repräsentieren wünschen, und wird stets so gewählt, dass er unsere Karriere begünstigt. Mit meinem Namen hatte ich jedoch Glück und der Priester, der mir die Zukunft gedeutet hat, versicherte uns, dass ich ihn behalten dürfte«, erklärte sie geduldig. Herrn Uchiha war nicht anzusehen, ob er ihr überhaupt zuhörte, geschweige denn ob es ihn interessierte, was sie erzählte. Es brannte ihr unter der Haut, ihn zu fragen, worin sein Interesse an ihrer Person begründet war, doch es geziemte sich nicht, einen Gast mit wahrhaft persönlichen Fragen zu behelligen. Ihn indirekt in ebenjene Richtung zu leiten, indem sie ihm einen sanften, verbalen Schubs gab, sprach jedoch ganz und gar nicht gegen ihre Arbeitsethik.

»Gewiss hat Euch Euer Weg nicht hierher geführt, um mit mir über die Praktiken der Tanzfrauen zu sprechen, nicht wahr?«

»Nein«, gab er nur mit einem Schulterzucken zurück.

»Nun, der Abend ist noch jung, vielleicht vermag ich im Verlauf der folgenden Stunden noch Euer Geheimnis zu lüften!«, scherzte sie leichtherzig, auch wenn die unterkühlte Stimmung wie eine schwere Gewitterwolke über ihrem Kopf schwebte. Im Kontrast zu ihrem Platz war die restliche Atmosphäre an der Tafel überaus erheitert.

»Stille fällt Euch schwer – kann das sein? Ihr seid es nicht gewohnt, einfach nur zu existieren. Ihr müsst jede Sekunde mit Geplauder füllen, ganz gleich, wie unsinnig es sein mag, nicht?« Er klang überaus spöttisch und allmählich dünnte Sakuras Geduldsfaden aus. Hatten die Götter ihn gesandt, um sie zu prüfen? Herr Orochimaru blieb ihr vorerst erspart und dafür musste sie nun diesen Kerl erdulden, der es sich offenkundig zur persönlichen Mission erklärt hatte, sie zu reizen?

»Die meisten Herren fühlen sich nicht gut unterhalten, wenn sie den Abend in religiöser Schweigsamkeit zubringen müssen. Ich entschuldige mich aufrichtig dafür, dass ich Euch mit meinem Bestreben derart pikiert habe.«

Herr Uchiha seufzte schwer, als wäre er so früh am Abend schon erschöpft von dieser leidlichen Veranstaltung, dennoch ließ er sich dazu herab, die Unterhaltung am Laufen zu halten. »Erzählt, wie kam dieses Teehaus zu seinem seltsamen Namen? Tal der Mondwinde

Sakura kicherte, geziert hinter hervor gehaltener Hand, auch wenn sie ihm zu diesem Zeitpunkt am liebsten die Teekanne samt brühend heißem Tee über den Kopf gezogen hätte. »Ich hätte den werten Herrn nicht als einen Bewunderer der Ästhetik vermutet.«

»Bin ich auch nicht«, entgegnete er lakonisch und führte das Schälchen Sake zögerlich zum Mund. Er taxierte sie mit einem undeutbaren Seitenblick. Ob er langsam ungeduldig wurde, weil sie gleichgültig jede seiner Unflätigkeiten tolerierte? Es musste ihn stören, dass sie auf keine seiner Provokationen einging. »Ich vermute, dass es sich dabei um eine Art Pflanze handelt? Nicht, dass ich je von ihr gehört hätte.« Er trank den Sake in einem Zug aus und knallte das Schälchen zurück auf das kleine Holztischchen zu seinen Knien. Ohne auf eine Bitte seinerseits zu warten, griff Sakura nach der kleinen Karaffe und schenkte dem Kommandanten nach.

»Es sind Blumen, werter Herr«, erklärte sie, so leise, dass sie nicht sicher war, ob er sie überhaupt verstehen konnte, »sie erblühen ausschließlich in der Nacht. Poetisch, nicht wahr?« Sie sah ihn unter aufgesetzt schüchtern gesenkten Lidern hervor an, auch wenn sie sich nicht dem Gefühl erwehren konnte, dass er durch ihre Scharade hindurchsah, wie durch den dünnen, ungefärbten Stoff eines mit Papier bespannten Schirms.

Der Kommandant schnaubte laut und die restlichen Anwesenden warfen ihnen neugierige Blicke zu. Aus den Augenwinkeln erkannte Sakura das wütende Gesicht Tsunades. Hässliche rote Flecken erblühten auf ihren faltigen Wangen wie der Saft zerdrückter Beeren auf einem knittrigen Seidentaschentuch und Sakura wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. Unfassbar dünnem Eis. Zwar konnte die Herrin nicht bestreiten, dass der Kommandant der kaiserlichen Armeen ausdrücklich nach ihrer Gesellschaft verlangt hatte, doch dass sie das Gespräch auf eine Art führte, die nach außen hin fast verliebt aussehen mochte, war ein gewagter Schritt. Von weitem musste es so aussehen, als wäre sie hingerissen von diesem Mann, auch wenn dies der Wahrheit nicht besonders nah kam.

Selbst Herrn Orochimarus schmutzig-grüne Augen lagen mit nachdenklichem Interesse auf ihnen und Sakura war dankbar dafür, auf der anderen Seite der Tafel zu sitzen.

»Ihr solltet Euer Urteil nicht zu vorschnell bilden«, mahnte sie freundlich und griff nach den Streichhölzern, um ein neues Räucherstäbchen zu entzünden. Die Zeit neben diesem sonderbaren Mann verging erstaunlich schnell, dafür, dass sich ihre Unterhaltung so zäh anfühlte. Er bot ihr nur wenige Worte, aus denen sie eine Unterhaltung spinnen konnte, dennoch schien er nicht unbedingt gelangweilt zu sein. Vielleicht ging es ihm aber einfach nur darum, sie zu ärgern. Egal, was es war, Sakura würde sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen! »Es verlangt einiges an Widerstandsfähigkeit, um ohne das lebensspendende Licht der Sonne dennoch in voller Schönheit zu erblühen.«

»So wie Ihr?« Zum ersten Mal seit sie miteinander zu sprechen begonnen hatten, neigte er den Kopf eindeutig in ihre Richtung und in seinen schwarzen Augen erkannte sie den Hauch von Belustigung. Er scherzte über sie! Erneut errötete Sakura, doch diesmal war es die Wut, die ihre Wangen färbte. Plötzlich war sie froh darüber, dass Karin sie an diesem Abend geschminkt hatte, sodass die hässlichen Flecken unter ihren rot getünchten Wangen kaum auffallen sollten.

»Ihr dürftet überrascht sein, was sich jenseits der Leinwand versteckt hält, doch dafür müsstet Ihr zuerst einen Blick jenseits von Farbe und Inszenierung riskieren«, erwiderte sie gefasst, aber deutlich kühler als zuvor. Er war nicht der erste Gast, der sie zu provozieren versuchte, und Sakura, die bereits achtzehn Jahre unter demselben Dach wie Tsunade wohnte, war zu geübt darin, Spötteleien über sich hinweg fließen zu lassen, wie eine Forelle auf einer reißerischen Stromschnelle.

»Gewährt Ihr mir denn einen solchen Blick?« Sein Gesicht war ihrem plötzlich so nahe, dass sie mühelos den Sake in seinem Atem riechen konnte. Den Geruch, den sie für gewöhnlich untrennbar mit ihrer Herrin in Verbindung brachte, wirkte an ihm ganz anders. Der plötzliche Umschwung seiner Gemütsart erwischte sie auf kaltem Fuß und das Räuspern, mit welchem sie um ihre Fassung rang, klang etwas zittrig.

Es geziemte sich nicht für eine Tanzfrau, mit ihrem Gast zu poussieren. Ebenso wurde von ihr erwartet, dass sie jeglichen Avancen dieser Art auswich – natürlich aber ohne ihren Gast zu brüskieren. Es war ein schmaler Draht, auf dem es zu balancieren galt, doch Sakura hatte diesen Tanz schon Hunderte Male getanzt. Mühelos arrangierte sie ihre Gesichtszüge so, dass er nahezu alles hineininterpretieren konnte: die Lippen ganz leicht geöffnet, die Augen auf einen Punkt jenseits seiner Schulter fixiert. Die rot betupften Wangen sorgten dafür, dass er beides in ihre Mimik interpretieren konnte – Scham oder höfliche Distanzierung; Verzückung oder unbeeindruckte Neutralität. Die meisten Männer, die Sakura unterhielt, entschieden sich dafür, an das für sie positivste Szenario zu glauben.

Ob der Kommandant wohl ein ebensolcher Mann war?

Sakura beschloss, ihn zu testen, indem sie eine der beiden Optionen vermeintlich unmissverständlich betonte. »Ich fürchte, eine förmliche Abendgesellschaft ist nicht der geeignete Anlass dafür. Außerdem ist das zweite Räucherstäbchen bald verraucht und ich sollte mich auch anderen Gästen widmen. Es wäre nicht besonders höflich von mir, sie den ganzen Abend über zu ignorieren.« Sakura war bereits im Begriff, sich zu erheben, als er nach ihrem Arm griff und sie ohne viel Mühe an Ort und Stelle festhielt.

»Entzündet noch eines.« Die Strenge in seiner Stimme machte deutlich, dass er es gewohnt war, dass man seinen Befehlen Folge leistet, doch Sakura sah zögerlich zu ihrer Herrin. Tsunades Miene war ebenso unlesbar für Sakura wie eine Schriftrolle, verfasst in chinesischen Schriftzeichen. Ihre Finger zitterten, als sie nach den Streichhölzern griff, um ein neues Räucherwerk zu entzünden. Die ersten beiden Hölzchen verrauchten binnen zweier Wimpernschläge und das dritte wäre ihr beinahe aus den Händen gefallen. Schon lange waren ihr derartige Anfängerfehler nicht mehr passiert. Nicht einmal Ino war derart tollpatschig und ihre Ausbildung hatte erst vor zwei Jahren richtig begonnen.

»Wie seltsam, bisher wirktet Ihr nicht, als könnte ich Euch mit meiner Gesellschaft sonderlich gut unterhalten, werter Herr«, scherzte sie provokativ.

»Ihr dürftet überrascht sein, was sich jenseits der Leinwand versteckt hält«, entgegnete er ungerührt und hielt Sakura auffordernd sein Sakeschälchen entgegen.

»Clever. Aber das war von einem Kommandanten der kaiserlichen Armee zu erwarten. Einen Krieg gewinnt man gewiss nicht durch Einfältigkeit«, sagte sie schmeichelnd. Den Sake, den sie ihm einschenkte, stürzte er in einem Zug, doch diesmal stellte er das Schälchen wieder ab.

»Was wisst Ihr schon über den Krieg? Ihr tanzt für Eure Gäste. Kichert, wenn man es von Euch erwartet und gebt mir die Antworten, die ich wohl gerne hören möchte – zumindest Eurem unqualifizierten Urteil nach.« Selbst von der Seite erkannte sie seine verengten Augen und die Finger, welche das Sakeschälchen noch immer umschlossen hielten, wirkten verkrampft.

»Wie es scheint, habt Ihr mich soeben missverstanden, Uchiha-san. Ich verstehe nichts von taktischer Kriegsführung, werter Herr. Täte ich dies, so säße ich Euch nun nicht gegenüber.« Die Zeit für Schauspielerei war nun endgültig vorbei. Sakura sprach die Worte bewusst leise, aber so voller Geringschätzung aus, dass Herr Uchiha sie unter hochgezogenen Augenbrauen überrascht musterte. »Das Einzige, das ich weiß oder zu wissen behaupte, ist, dass Krieg nichts als Leid bringt. Ihr sitzt hier, beleidigt mein Handwerk – und dadurch auch mich und meine Schwestern -, dabei wisst Ihr ebenso wenig über unsere Realität, wie ich über die Eure. Der Unterschied zwischen uns besteht wohl allerdings darin, dass ich mir kein Urteil anmaße.« Sakura ballte die Hände, die auf ihrem Schoß ruhten, zu Fäusten und zum ersten Mal an diesem Abend begegnete sie seinem Blick rundheraus – ein eindeutiger Affront, der ihr, vor allem in Anbetracht der gesellschaftlichen Stellung ihres Gegenüber, den Kopf kosten könnte. Ihr Gesicht blieb aalglatt und unberührt von dem Sturm, der in ihrem Innersten tobte. Von außen vermochte man unmöglich zu erkennen, dass ihre Konversation einen sauren Beigeschmack entwickelt hatte.

»Vielleicht habe ich Euch zu schnell beurteilt, Haruno-san.« Aus seinem Mund klangen diese Worte fast wie ein Lob. »Ich entschuldige mich für meine unangemessene Bemerkung.«

»Betrachtet es als vergessen.« Sakura war nur eine einfache Tanzfrau. Sie besaß nicht die Macht, nachtragend zu sein, doch das musste sie Herrn Uchiha ja nicht unbedingt erzählen. »Es ist ohnehin Zeit für etwas Abwechslung. Eine meiner Schwestern wird gleich einen ihrer bekanntesten Tänze für uns aufführen.«

»Von Tänzen verstehe ich nur wenig, Haruno-san.« Es klang eher wie ein Selbstgeständnis als eine geringschätzige Abwertung ihrer Kunst, weshalb Sakura davon absah, ihn erneut zu rügen.

»Keine Sorge, Uchiha-san, ich werde Euch erklären, was er bedeutet. Seht einfach nur hin und hört mir zu.«

Kurz darauf erhob sich Karin von ihrem Kissen, nachdem Tsunade die Anwesenden um Aufmerksamkeit gebeten hatte. Es war an der Zeit, dass sie ihren berühmten Tanz der ewigen Jugend darbot. Ein langsamer Tanz, begleitet von der melancholischen Melodie eines Shamisen, welches von Ino gespielt werden würde. Sie war um einen stoischen Gesichtsausdruck bemüht, doch das Instrument, welches auf ihrem Schoß vibrierte, verriet ihre Nervosität.

Sakura lehnte sich etwas in Herrn Uchihas Richtung, damit sie ihm hinter vorgehaltener Hand besser zuflüstern konnte, was die einzelnen Bewegungen ihrer Schwester darstellen sollten. Sie hatte ihren Tanz schon Dutzende Male gesehen, doch noch immer war sie ganz ergriffen von dem rohen Schmerz, den Karin so meisterlich in jede ihrer Gesten legte.

»Sie ist wirklich gut«, stellte er zu ihrer Verwunderung fest, nachdem Karin sich nach gebührlichem Applaus wieder an die längliche Tafel gesetzt hatte. Sie hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet ein Tanz seine Aufmerksamkeit erregen könnte. Nicht, nachdem er ihre Art zu leben und zu arbeiten derart offen denunziert hatte. »Werdet Ihr auch noch tanzen?« Wieder sah er sie direkt an und zwang sie dazu, ein wenig zurückzuweichen. Für einen kurzen Moment hatte sie die Wärme seines Atems spüren können und um zu verhindern, dass er die Hitze in ihren Wangen sehen konnte, wandte sie den Kopf ab.

»Leider muss ich Euch enttäuschen, Uchiha-san. Es war für mich nicht vorgesehen, heute Abend zu tanzen. Es war nicht einmal vorgesehen, dass ich die ganze Zeit über an Eurer Seite verbringe.« Sakura biss sich von innen in die Wange. Das hätte sie nicht sagen sollen – nein, dürfen. »Versteht mich nicht falsch, Uchiha-san«, fügte sie schnell hinzu, um zu verhindern, dass er ihre Worte als Beleidigung auffassen könnte, »ich meinte es nicht als Affront.«

»Nein, ich weiß«, lenkte er ein und Sakura atmete unauffällig auf, »Seht mich an.«

Sakura konnte einem Kommandanten der kaiserlichen Armee schlecht widersprechen, doch es wäre überaus unhöflich gewesen, ihn direkt anzusehen, deshalb hob sie ihren Kopf, nicht aber ihren Blick. An diesem Abend hatte sie schon einmal den Fehler begangen, ihn direkt anzusehen, und sie würde es kein zweites Mal tun.

»Ich sagte, Ihr sollt mich ansehen«, wiederholte er mit Nachdruck und in der Sekunde, in der sie statt seiner Augen seine Wange fixierte, griff er geradezu unwirsch nach ihrem Kinn und zog daran. »Ihr Tanzfrauen seid wirklich störrisch. Keine Sorge, Eure Augenlider brennen nicht ab, nur weil Ihr mich direkt anseht.«

Empört schnaufte Sakura nach Luft. Noch nie war sie einem derart ungehobelten Mann über den Weg gelaufen. Sie hörte einige der Anwesenden eifrig miteinander tuscheln, doch Herrn Uchihas eiserner Griff hielt sie davon ab, zu überprüfen, wer im Begriff war, neue Gerüchte zu erfinden, um sie am nächsten Morgen brühwarm im Badehaus aufzugießen.

»Ich darf bitten!«, sprach sie bewusst laut, um sofort jeden Verdacht auszuräumen, dass sie sich selbst kompromittierte, sondern vielmehr von Herrn Uchiha in diese unangemessene Lage gebracht wurde.

Entgegen ihrer Erwartung entließ er sie aus seinem Griff. »Ihr habt für gewöhnlich ein hitziges Gemüt, nicht wahr? Es muss Euch schwerfallen, es die ganze Zeit über verborgen zu halten.«

»Jeder Mensch hat Geheimnisse, Uchiha-san. Je wichtiger sie sind, desto einfacher fällt es uns, sie vor ungewollter Aufmerksamkeit zu verbergen«, gab sie prompt zurück und berührte einen Augenblick lang ihr Kinn, ehe sie ihre Fassung endgültig zurück gewann und ihr Gesicht wieder einen unbeteiligten Ausdruck annahm.

»Verratet mir eines Eurer Geheimnisse.«

Es war keine Bitte und fast hätte Sakura über die Selbstverständlichkeit, mit der er etwas Derartiges von ihrer erwartete, gelacht. Stattdessen wartete sie, bis der Rest der Gesellschaft sich wieder den eigenen Gesprächen widmete, ehe sie antwortete.

»Was erhalte ich im Gegenzug? Eines Eurer Geheimnisse?«

»In Ordnung.«

Sakura verengte misstrauisch die Augen. »Ihr willigt schneller ein, als ich es vermutet hätte. Entweder, Ihr plant, mich anzulügen oder aber Ihr erhofft Euch, ein geradezu skandalöses Geheimnis von meinen Lippen zu hören.«

Zum ersten Mal an diesem Abend sah sie, wie seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. Keine Häme, keine Arroganz – ein aufrichtiges Lächeln -, und Sakura musste entsetzt feststellen, dass er noch atemberaubender aussah.

»Eure Art zu denken gefällt mir, Haruno-san.«

»Schmeicheleien werden Euch auch nicht helfen, Uchiha-san«, konterte sie mit einem Augenzwinkern. Sie erlaubte es sich, ihm zunächst Sake nachzuschenken, ehe sie sich langsam aufrichtete. Es gab ihr genügend Zeit, um darüber nachzudenken, was sie ihm gefahrlos anvertrauen konnte. »Ich verabscheue es, früh aufzustehen. Aus diesem Grund bitte ich ab und zu meine jüngere Schwester um einen Botengang, den sie in meinem Namen am Morgen erledigen soll, damit es so aussieht, als wäre ich schon wach.«

»Das ist kein wirkliches Geheimnis!«, platzte es aus ihm heraus. Er sah nicht wirklich wütend aus, eher erschüttert darüber, dass sie ihn zum Narren hielt und das auch noch so subtil, dass es niemand mitbekam.

»Ihr habt nie präzisiert, was für eine Art Geheimnis ich preisgeben soll. Jetzt seid Ihr dran, Uchiha-san«, erinnerte sie ihn süffisant. Sie genoss sichtlich das Gefühl, einen Sieg in ihrem Schlagabtausch errungen zu haben.

Er runzelte die Stirn, doch dann lachte er leise. »Ihr habt mich erwischt, Chapeau.« Er schwieg und schien nachzudenken, was er von sich offenbaren konnte. »Ich könnte es Euch mit barer Münze heimzahlen, doch einen schlechten Verlierer mag niemand leiden, also verrate ich Euch ein richtiges Geheimnis.« Er ließ sich von Sakura Sake nachfüllen und nippte gedankenverloren an dem Schälchen. Als er es zurückstellte, war der Inhalt unverändert. »Es war nicht geplant, dass ich heute Abend hier bin. Eigentlich wollte ich auf meinem Zimmer in unserem Ryokan übernachten und meine Ruhe haben, bevor wir weiterreisen, doch dann wurde mir zugetragen, dass der Besuch in diesem Teehaus einem bestimmten Zweck dient.«

Sakura horchte auf, ihr Puls beschleunigte sich. Es war, als wüsste ihr Körper schon, was er ihr als Nächstes erzählen würde, noch bevor er es ausgesprochen hatte. »Und der wäre?«

Herr Uchiha sah von ihr zu Herrn Orochimaru und wieder zurück. Das Schweigen, das darauf folgte, dröhnte in Sakuras Ohren wie der Paukenschlag einer Tempelglocke. Ihre Lippen wurden trocken, ihre Schultern bebten und in einem verzweifelten Versuch, ihre körperliche Reaktion zu verbergen, nahm sie einen Schluck von ihrem längst erkalteten Tee. Er schmeckte furchtbar bitter und hinterließ einen unangenehmen Nachgeschmack auf ihrer Zunge.

»Ich fürchte, ich verstehe nicht. Was hat mein … geplantes Arrangement mit Euch zu tun, Uchiha-san?«, fragte sie tonlos. Die Haarnadeln, die ihre Haare zu einem Knoten gebunden hielten, schienen sich plötzlich in ihren Kopf zu bohren und einen furchtbar stechenden Schmerz zu verursachen.

»Nichts«, antwortete er gelassen, »ich war wohl neugierig, welche Art von Frau wohl die Aufmerksamkeit eines solch schmierigen Mannes erregen mochte und ich muss sagen – ich bin überrascht.«

»Überrascht?«, wiederholte sie eine Spur zu schnell, um unbeteiligt zu klingen.

»Ja. Ich hatte ein Kriechtier erwartet, das seiner Natur gerecht wird. Stattdessen sitze ich neben Euch.«

»Das klingt wenig schmeichelhaft, Uchiha-san«, klagte sie übertrieben theatralisch und fasste sich mit einem tiefen Seufzer an die Brust.

»Ganz und gar nicht. Ich erkenne Euch als eine durchaus ansehnliche Frau an. Eine, die darüber hinaus auch noch weiß, wie sie ihren Gegenüber geschickt zur Weißglut treiben kann.« Er sah amüsiert aus und Sakura entspannte sich wieder neben ihm. Im Grunde konnte sie ihm dankbar dafür sein, sie zumindest für einen Abend vor Herrn Orochimaru gerettet zu haben.

»Sie begleiten Orochimaru-san also in den Westen? Zum Schutz, nehme ich an?«

»Wie kommt Ihr nur darauf?« Herr Uchiha wirkte ehrlich überrumpelt über den abrupten Themenwechsel, was Sakura gegen ihren Willen ein leises Kichern entlockte.

»Nun, zum einen habt Ihr von meinem … Arrangement gehört. Das hätte Euch nur gelingen können, wenn Ihr Euch in der Nähe von Orochimaru-san aufhaltet. Und selbst wenn man annehmen möchte, dass Ihr wahrhaftig nur zufällig davon mitbekommen hättet, so hättet ihr wohl kaum erahnen können, in welchem der gut zweihundert Teehäuser Kagetsus Orochimaru-san heute auf mich treffen soll. Dazu kommt, dass Ihr ein Kommandant der kaiserlichen Armee seid. Somit ist der offensichtlichste Grund, wieso Ihr eine Ansammlung von Diplomaten und Bankiers begleitet, der, dass Ihr für ihren Schutz sorgt, vor allem, wenn diese planen, in den Westen zu reisen, der jenseits der Kriegsfront liegt. Nun, und der letzte und wohl offensichtlichste Hinweis war die Ansprache unserer Herrin. Sie machte uns sehr deutlich, dass es sich, auch wenn sie über die genaue Größe nicht Bescheid wusste, um eine Reisegesellschaft handelt. Damit schließt es sich kategorisch aus, dass Ihr durch Zufall von meinem … Los gehört habt und durch Zufall hierhergekommen seid«, endete sie die Zusammenfassung ihrer Rückschlüsse.

Schweigend starrte Herr Uchiha sie an. Fast so, als wäre sie ein unlösbares Rätsel, über welches er sich den Kopf zermarterte. Je länger sie seinen Blick auf sich spürte, desto wärmer wurde ihr. Er mochte unflätig sein und sich wenig um die höfliche Etikette kümmern, die in ihrem Metier für gewöhnlich Grundvoraussetzung war, doch er war zweifelsohne ein ansehnlicher Mann.

Ein ansehnlicher Mann, der zufällig von ihrem Schicksal erfahren und es aus einer Laune heraus verhindert hatte – zumindest für einen weiteren Tag. Vielleicht sogar für noch länger, falls sie abreisen sollten, ohne noch einmal in ihrem Teehaus vorbeizukommen.

Ein ansehnlicher Mann, der nun den ganzen Abend über ausschließlich sie ansah.

»Hat es Euch die Sprache verschlagen, werter Herr?«, fragte sie flüsternd, als das Schweigen unerträglich wurde, »Es war nicht meine Absicht, Euch zu beleidigen, solltet Ihr Euch von mir beleidigt fühlen.«

»Es ist aus.«

»Wie meinen?«

»Das Räucherwerk. Ihr solltet es neu entzünden.«

Sakura beeilte sich damit, seiner Aufforderung Folge zu leisten und kurz darauf kräuselte sich neuer Rauch in die Luft. Der Abend war fast vorbei und Sakura erwischte ihr närrisches Herz dabei, wie es sich wünschte, es wäre nicht so. Herr Uchiha rieb sich gedankenversunken den Nacken und starrte zu der hohen, hölzernen Decke des Tatami-Zimmers.

»Wenn Ihr wünscht, können wir gerne das Thema wechseln, Uchiha-san«, schlug Sakura vor, als das Stäbchen bereits zur Hälfte herunter gebrannt war und er noch immer nichts gesagt hatte.

»Nein. Wünsche ich nicht. Ich habe nur überlegt, wie ich diese Schlacht noch gewinnen kann, nachdem Ihr mich derart entwaffnet habt.«

»Schlacht? Betrachtet Ihr unsere Unterhaltung etwa als eine Art Kampf?«

»Für mich ist es ein Kampf, für Euch ein Tanz – sagt mir, Haruno-san, worin liegt der Unterschied?«

»Nun, das wiederum ist ein eindeutiger Punkt für Euch, Uchiha-san«, erwiderte sie amüsiert, »Ihr seid der erste Mann, der dies erkennt.«

Herr Uchiha trank den Sake aus, den er zunächst verschmäht hatte. Sakura beobachtete, wie er die Flüssigkeit ausgiebig schmeckte, bevor er sie schluckte. »Die meisten sind nur zu sehr von Euch verzaubert, um einen klaren Gedanken zu fassen, Haruno-san.«

»Oder zu betrunken«, warf sie ein, was Herr Uchiha dazu brachte, den Kopf zu schütteln.

»Wir sollten damit aufhören, bevor ich mich endgültig blamiert habe«, beschloss er. Seine Mundwinkel zuckten leicht.

»Wie Ihr wünscht. Wo waren wir also stehen geblieben? Sie begleiten Orochimaru-san in den Westen, um für seinen Schutz zu sorgen?«, bot sie ihm zuvorkommend einen Übergang an.

»So etwas in der Art. Seine kaiserliche Hoheit möchte, dass das Handelsembargo aufgelöst oder zumindest gelockert wird. Dafür soll dieser Mann, zusammen mit einigen Diplomaten und dem Geleitschutz einer Kompanie meiner Division, in den Westen jenseits der Front reisen«, erklärte er geduldig, und Sakura hatte das Gefühl, einen schmalen Pfad durch das dornige Gestrüpp hindurch gefunden zu haben, welches er aufrecht hielt, damit niemand näher herankommen konnte. Ihre Dynamik hatte sich im Verlauf des Abends verändert und Sakura müsste lügen, müsste sie behaupten, dass dieser Mann sie nicht auf eine sonderbare Art faszinierte.

»Wie ist es dort? An der Front, meine ich?« Vor ihrem inneren Auge tauchten verschwommene Bilder aus längst vergangenen Tagen auf. Schreie hallten gedämpft in ihren Ohren nach. Schreie von Stimmen, die schon vor vielen Jahren endgültig verstummt waren.

»Ihr würdet das nicht wissen wollen. Es passt nicht so recht in das hübsche Gemälde, durch dass Ihr Euch bewegt. Es gibt dort keine Menschlichkeit mehr, kein Leben, keine Farbe.« Seine Beschreibungen passten zu den schemenhaften Bildern in ihrer Vorstellung.

»Und wie steht es um Euch?«

Herr Uchiha sah zu ihr, der Blick in seinen Augen für sie unlesbar. »Ohne den Krieg wäre ich wohl ein anderer Mann geworden.« Eine Antwort, die man eher von einem Diplomaten erwartet hätte, dennoch war Sakura ein wenig enttäuscht. Seit ihrem kleinen Ausbruch hatte sich ihre Konversation verändert und Sakura hätte sie fast schon als „intim“ beschrieben, doch offenbar war sie zu einer Grenze vorgestoßen, die unüberwindbar war.

»Ich verstehe.« Sakura hatte genug Gespräche geführt über die unterschiedlichsten Themen und besaß genug Erfahrung, um zu wissen, dass es von diesem Punkt keinen Weg mehr zurück zur vorherigen Unbeschwertheit gab. Es traf sich gut, dass Tsunade mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte und zu ihrer Abschiedsrede ansetzte.

»Es war mir eine ausgesprochene Ehre, Euch an diesem Abend Gesellschaft leisten zu dürfen«, sagte sie leise, als sie zusammen durch die schmalen Flure des Teehauses liefen.

»Wir werden eine Nacht in der Stadt bleiben, ehe wir in den Westen weiterreisen«, informierte er sie beinahe beiläufig.

»Kagetsu darf sich also einen weiteren Morgen über ihre Anwesenheit freuen, Uchiha-san.« Sie blieb höflich stets einen Schritt hinter ihm; er wiederum hielt einen durchaus gesunden Abstand zu Tsunade, welche die Gesellschaft an der Spitze zum Ausgang führte. So hatte sie die Möglichkeit, zu beobachten, wie seine Muskeln sich unter dem dunklen Stoff seines Kimonos abzeichneten und sich bei jeder Bewegung bewegten. Er war wahrlich eine beeindruckende Gestalt und fast war Sakura traurig darüber, dass er nicht länger in Kagetsu blieb. Er unterschied sich fundamental von dem üblichen Klientel, welches das Hanamachi besuchte. Seine unverstellte Gemütsart war eine erfrischende Abwechslung zu all der Unehrlichkeit, die man hier erwartete und lebte.

»Ich muss gestehen, Ihr seid wirklich gut in dem, was Ihr macht, Haruno-san. Fast hätte ich Euch geglaubt, dass Ihr meine Anwesenheit genossen haben könntet.« Es war das, was einem Scherz am nächsten kam, und nur in letzter Sekunde konnte Sakura ein lautes Lachen unterdrücken.

»Selbst am Ende dieses ungewöhnlichen Abends vermögt Ihr noch, mich zu überraschen, Uchiha-san. Ein richtiger Scherz und das aus Eurem Munde!« Sakura blieb im Vorraum des Eingangsbereichs stehen und sah Shizune dabei zu, wie sie nach den Schuhen für Herrn Uchiha suchte. Hinter ihnen tauchte der Rest der seltsamen, durcheinander gewürfelten Reisegesellschaft auf, darunter auch Herr Orochimaru. Sakura wandte schnell den Blick ab. Auch wenn sie sich noch eine gute Entschuldigung überlegen musste, dafür, dass sie den Mann, der sein Interesse an ihr kundgetan hatte, nicht einmal mit fünf Minuten ihrer Zeit beehrt hatte, so war sie dennoch erleichtert, wenn der heutige Tag vorbeiging, ohne dass sie ein Gespräch mit diesem Mann führen müssen.

»Nun, es ist Zeit, dass wir uns auf den Weg machen.« Herr Uchiha überraschte sie ein letztes Mal, indem er sich ganz leicht vor ihr verbeugte, eine deutliche Zurschaustellung von Respekt, die ein nervöses Raunen hinter ihr auslöste.

»Mögt Ihr auf Eurer Reise von den Göttern geschützt werden.« Sakura neigte sich gerade so weit, dass es noch als elegant zu beschreiben war und ihre Schwestern schlossen sich ihrem Beispiel unaufgefordert an.

Der restliche Abschied verging deutlich schneller und nachdem Herr Orochimaru mit einem letzten, langen Blick auf sie gerichtet das Teehaus verlassen hatte, atmete Sakura erleichtert auf, bis ihr auffiel, dass sie ganz und gar nicht das getan hatte, was Tsunade ihr auferlegt hatte.

Die wahre Prüfung des Abends lag noch vor ihr.



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Kommentare zu dieser Fanfic (13)

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Von:  Biest90
2026-05-25T13:14:57+00:00 25.05.2026 15:14
OMG!!!

Du hast endlich weitergeschrieben. Ich bin total begeistert. Es ist ganz anders als erwartet und doch genau passend. Ich liebe es diese Konversation zwischen Uchia-San und Sakura zu lesen. Diese Dynamik die sich zwischen den beiden entwickelt, hast du unwahrscheinlich gut beschrieben. Ich liebe es und ich kann definitiv keine 3 Wochen warten weiterzulesen. Zu sehr bin ich von dieser Idee und dieser Geschichte gefangen. Ich gönne dir von Herzen 3 Wochen italienurlaub (auch wenn mich das bisschen neidisch macht, musst mir auf jeden Fall Italien grüßen). Bitte lass uns nicht so lange warten. Ich glaube, dass auch sakura bald eine Reise antreten könnte. Du hast von deinem Können nichts eingebüßt, ich liebe wie und was du schreibst. Nicht aufhören

Bitte bitte bitte schreib weiter
Antwort von: Sonnensturm
25.05.2026 17:07
Hallöli :D

Ich lebe wieder, hehe und keine Sorge, ich sollte vor dem Urlaub noch ein Update rausbekommen, habe heute schon das Schreiben angefangen. Wie es im Urlaub aussieht, sehen wir wie gesagt dann, wenn es soweit ist xd aber letztes Jahr war ich eigentlich auch ziemlich produktiv, da hatten wir aber auch eine Woche lang maues Wetter :d wir lassen uns überraschen!

Danke aber auf jeden Fall für deine lebenden Worte, freut mich sehr, dass ich dich bisher abholen konnte!

GLG c:
Antwort von:  Biest90
25.05.2026 17:43
Das kannst du doch immer, dass weißt du doch... ich würde meiner selbstwillen und lesesucht mal schlechtes Wetter wünschen, aber natürlich wünsche ich dir wunderschönen Italienurlaub. Ich muss noch bis Oktober warten bis ich in Italien bin, aber dann nur für ein langes Wochenende. Aber ich kann mir vorstellen dass das Ambiente auch neue Ideen weckt. Ich bekomme im Urlaub meist die besten Ideen, aber aufschreiben wollte ich sie noch nicht. Hätte gerne auch deine Gabe den Leser so zu fesseln und solch eine Wortviefalt einbauen. Es wird nie langweilig von dir zu lesen und ich habe unter anderem wegen dir lesesucht.
Ich werde dir dann auch wieder längere feedbacks geben versprochen.
Antwort von:  Biest90
25.05.2026 17:45
PS: habe Freitag Geburtstag und das wäre ein tolles Geschenk, wenn ich diese Woche noch das ein oder andere Lesen könnte 😉😘
Von: ESRYN
2026-03-23T20:14:19+00:00 23.03.2026 21:14
*markieren*
ausführliches feedback kommt noch<3
Von:  Biest90
2026-03-22T19:18:21+00:00 22.03.2026 20:18
Hallo liebe Cinae,
Es freut mich ungemein wieder von Dir zu lesen.
Im Prolog wusste ich noch nicht richtig was mich erwartet und deswegen war ich umso gespannter auf dieses Kapitel. Du hast dich mal wieder selbst übertroffen. Ich bin wahrlich beeindruckt und sprachlos, dass du uns nach "Zwischen den Zeilen" wieder in eine andere Zeit (Tradition) bringst und auch die Kultur und die Lebensumstände näher und besser zu verstehen gibst.
Ich liebe es, wie du alles so fein detailliert und realistisch beschreibst. Angefangen von der genauen Beschreibung des Teehauses bzw. Deren Zimmer bisher zu der sehr gut verstellbaren Prozedur des Schminkens. Das du dir die Mühe machst um alles haargenau in unsere Köpfe zu übertragen, verdient den größten Respekt und ich danke dir. Ich liebe diese Geschichte jetzt schon und hoffe natürlich, dass Orochimaru nicht alleine ins teehaus kommt, sondern in Begleitung eines gutaussehenden schwarzhaarigen jungen Mannes. Kann es kaum erwarten weiterzulesen.

Glg Biest90
Antwort von:  Biest90
22.03.2026 21:26
Leider wurde ein Teil meines Feedbacks nicht gepostet deswegen hole ich es nun nach. Ich bin ja schon sehr lange fasziniert von deiner Schreibweise, dass man sich als Leser total selber in der Situation wiederfindet. Ich liebe die Charakterzüge, die du den einzelnen Figuren zu schreibst. Es ist so passend. Auch das Karin als Freundin und Kollegin zur Seite steht und nicht wie sonst die üblichen verdächtigen. Ich liebes wie du jede Empfindung so beschreibst, dass ich sie zieh in mir fühlen kann. Und ich finde es mega, dass du typische Bezeichnungen mit einglechtest, als es nur strikt normal aufzuschreiben. Ich bin ein totaler Fan und mag mir gar nicht ausmalen wie viel du trotzdem dazu recherchierst. Ich bin total begeistert. Danke danke danke auch für dein tolles Vorwort danke
Antwort von: Sonnensturm
22.03.2026 22:14
Hallöchen du ! (:

Eeeerst einmal: Schön, wieder von dir zu hören :) (vor allem regelmäßig, hehe)
Ich freue mich, dass dich diese Geschichte wieder mehr in den Bann zu ziehen vermag, auch wenn ich noch einmal ganz nachdrücklich anmerken muss, dass ich keine Expertin für die fernöstlichen Kulturen bin! Das Ganze ist oft interpretiert und vage formuliert. Dass es dir trotzdem so gut gefällt, ist natürlich schön! C:

Der besagte gutaussehende, schwarzhaarige Mann wird tatsächlich im übernächsten Kapitel sein Debüt feiern und ich bin gespannt, wie du darauf reagieren wirst!

Ansonsten bleibt mir nur noch eines zu sagen: Danke, dass du mich so kontinuierlich bestärkst mit deinem Lob und ich hoffe natürlich, dass ich dir bei dieser Geschichte weiterhin so viel Lesespaß bereiten kann! :X

GLG
Sonnensturm
Antwort von:  Biest90
24.03.2026 18:25
Kann es kaum erwarten 😉
Von:  olythebest_
2026-03-14T21:35:31+00:00 14.03.2026 22:35
This opening feels beautifully poetic and powerful and I love how vividly the harsh life behind elegance is shown but will she continue to follow the path chosen for her or will she someday fight for a life of her own?
Von: ESRYN
2026-03-12T08:48:01+00:00 12.03.2026 09:48
So, meine Liebe. What can I say, hm? Der Einstieg in dein neues Projekt wählt einen erzählerisch sehr interessanten Weg, indem er den Wert einer Frau direkt mit dem einer Blume kontrasiert. Diese Metapher setzt sofort ein klares, gesellschaftskritisches Fundament: Während Blumen durch Heilkraft oder Gift einen eigenen Nutzen besitzen können, wird die Frau in diesem Setting als reines Ästhetik-Objekt definiert. Das Bild, dass sie ein bewegtes Gemälde, ästhetisch und ohne jede Substanz jenseits der eleganten Pinselstriche sei, verdeutlicht sehr präzise die Entmenschlichung und den Druck, unter dem Sakura steht. Es gelingt dir hier gut, die beklemmende Erwartungshaltung der Geisha(?)-Welt einzufangen, in der das Individumm hinter der perfekten Fassade verschwinden muss.

Besonders greifbar wird dieser Umstand durch die Rückblicke auf die Ausbildung. Die Schilderung der körperlichen Züchtigungen durch die Herrin - die blutigen Lippen, die schmerzenden Finger an der Shamisen und das Tanzen auf spitzem Kies - erzeugt eine viszerale Atmospähre. Es wird deutlich, dass die Anmut, die Sakura im Hier und Jetzt ausstrahlt, mit einem hohen Preis erkauft wurde. Dass sie gelernt hat, die Stimmung der Herrin allein an der Form der Augenbrauen abzulesen, ist ein feines psychologisches Detail, das ihre ständige Alarmbereitschaft unterstreicht.

Interessant ist auch die dargstellte Dualität ihrer Existenz. Einerseits muss sie im Rampenlicht stehen, um den Fortbestand des Teehauses zu sichern, andererseits hat sie die Strategie entwickelt, für fremde Männer unsichtbar zu werden, um sich einen Rest von Autonomie zu bewhahren. Dieser Prozess der Abstumpfung gegenüber dem fremden Blick macht Sakura zu einer sehr kontrollierten, fast schon strategischen Protagonistin. Sie ist keine passive Leidende, sondern jemand, der die Regeln des Systems tief inhaliert hat, um darin zu überleben.

Jedenfalls stelle ich mir das so vor. :D

Dein Schreibstil bleibt dabei gewohnt, wie immer, atmosphärisch und dicht. Die Sprache passt sich dem historischen, eher rituellen Setting an, ohne dabei an Fluss zu verlieren. Das ist wichtig und genau richtig. Und das Cover, ja Menschenskinder, das passt definitiv zur Geschichte (und Prolog!). Ach ja, und der Schluss des Prologs bildet einen starken Fokuspunkt; der schlichte Satz Und Sakura fing an zu tanzen wirkt nach den zuvor geschilderten Qualen der Ausbildung deutlich schwerwiegender. Es bleibt abzuwarten, wie sie in dieser Welt, die ihr nur Flügel zum Nicht-Fliegen zugesteht, ihre eigene Stimme finden wird.

Bin gespannt, was du uns hier noch zaubern wirst, meine Liebe!
Hau in die Tasten! ~ 🤍

Cheers,
ESRYN
Antwort von: ESRYN
12.03.2026 09:49
+ und sorry für das halbherzige Feedback. Bin gerade unterwegs und wollte dir noch eben schnell ein Kommentärchen hinterlassen, bevor mein Alzheimer wieder kickt und ich es (wieder) vergesse!
Antwort von: Sonnensturm
12.03.2026 09:54
Na du! C:

Musst dich nicht entschuldigen. Das Kommentar ist fast länger als der Prolog, wie auch immer du das schon wieder hinbekommen hast xD

Ja, thematisch werden wir uns in die Richtung Geisha bewegen, auch wenn ich nicht zu 100% sicher bin, wie weit ich das Thema vertiefen werde, immerhin bin ich auf dem Gebiet ganz gewiss kein Profi. Habe die ein oder andere Lektüre gelesen, aber inwieweit qualifiziert das einen schon, deswegen bleibe ich selbst gespannt, wie das Ganze sich entwickelt (oder auch nicht xd)

Ich hau schon in die Tasten, danke dir für deine Rückmeldung und noch einmal danke für das wirklich perfekt passende Bild ♥ Es ist so wunderschön geworden .__. ♥
Von:  Biest90
2026-03-11T20:55:08+00:00 11.03.2026 21:55
Wow, dieses Kapitel macht Lust auf mehr. Bin echt gespannt wie es weitergeht.

LG
Antwort von: Sonnensturm
11.03.2026 21:58
Ach hallöchen du ! (: Schön, dass du dich hierher verirrt hast und danke dir für die Rückmeldung (*´∀`)ノ
Von: ESRYN
2026-03-11T16:05:12+00:00 11.03.2026 17:05
Da isses! Ein neues Meiserwerk wurde geboren! Ich markiere es mir, damit ich später ein viel, viel besseres Feedback (natürlich) hinterlasse! 🤍 But yeah, I'm already obsessed.



Antwort von: ESRYN
11.03.2026 17:10
+ danke für die Credits, du süßes Wesen! ♥


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