Denial
❞ Ich kannte dieses Gefühl.
Ich hatte schon einmal jemanden verloren.
Vor langer, langer Zeit. ❞
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Der Strauß aus weißen Lilien und Chrysanthemen hing welk in seinen Händen und klares, kaltes Regenwasser tropfte von ihren Köpfen auf den aufgeweichten Boden unter seinen Füßen.
Sein Haori hatte sich in der Sekunde, in der er einen Fuß von der überdachten Veranda seines Anwesens gesetzt hatte, ganz und gar vollgesogen und das Gewicht schien seine Schultern zu Boden zu drücken.
Jeder Schritt verlangte ihm mehr Kraft ab, als er je in einem Kampf gegen einen Dämon benötigt hatte und obwohl er den Weg zu ihrem Anwesen blind gefunden hätte, erwischte Giyuu sich dabei, dass er einen unnötigen Umweg einschlug. Das hatte zur Folge, dass er aufgeweicht vor dem Tor zu Shinobus Anwesen ankam.
Wasser tropfte von seinen dicken Strähnen auf sein Gesicht und kroch seinen Nacken hinab bis unter sein Trainingsgewand. Obwohl ihm bis auf die Knochen kalt war, unterdrückte er ein Zittern, als er zögerlich die freie Hand hob und die Glocke läutete, um seinen Besuch anzukündigen.
Shinobu schien gespürt zu haben, dass er es war, der sie besuchte, denn dies war eines der seltenen Male, die sie die Tür zu ihrem Anwesen selbst aufschob.
»Giyuu? Das ist aber eine seltene Freude! Was machst du denn hier?« Ihre Überraschung wirkte nicht gespielt und dennoch hatte Giyuu ein schlechtes Gefühl. Es war, als gruben sich eiskalte, knochige Finger in seinen Bauch und verknoteten seinen Magen.
»Ich wollte dich abholen.«
Keine Antwort. Shinobu legte den Kopf schief und blinzelte ihn einmal an. Zweimal. Dann senkte sie den Kopf und musterte den kümmerlichen Strauß Blumen in seiner Hand.
»Sind die etwa für mich?« Ein Lächeln huschte über ihre weichen Gesichtszüge, doch ihre sonderbaren Augen blieben gänzlich unberührt von der Emotion. Einen Moment lang war Giyuu überzeugt davon, dass sie geradewegs durch ihn hindurch starrte, als stünde jemand Unsichtbares hinter ihm. Er unterdrückte das Bedürfnis, über die Schulter zu sehen.
»Nein?« Er runzelte die Stirn und suchte auf ihrem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass sie ihren Verstand verloren hatten.
»Sie sind ganz kaputt, Giyuu. Soll ich sie erst einmal in die Vase stellen?« Ihre Hände waren schon auf halbem Weg, ihm die Blumen sanft aus der Hand zu nehmen, als Giyuu sie zurückzog. Einige der verschrumpelten Blüten segelten durch die regennasse Luft und landeten kurz vor der Treppe, die zu Shinobus Anwesen hinauf führte.
»Was sollte das denn?«, fragte Shinbou mit hochgezogenen Augenbrauen, »Du benimmst dich ja noch seltsamer als sonst, Giyuu. Geht es dir etwa nicht gut?« Besorgt hob sie die Hand an seine Stirn und maß seine Temperatur, schien dann aber zu dem Ergebnis zu kommen, dass er an keinem Fieber litt und zog ihre Finger zurück.
Die Wärme ihrer Haut verblasste viel zu schnell in der feuchtkalten Luft und Giyuu atmete tief ein, bevor er seinen Arm hob und mit seiner Hand behutsam ihr Haar tätschelte, das sich dank der hohen Luftfeuchtigkeit leicht kräuselte.
»Die Beerdigung fängt bald an.« Die Worte schmeckten fahl auf seiner Zunge. »Wir sollten los, Shinobu.«
»Wer ist den gestorben?« Sie sah mit unschuldigen Augen zu ihm auf und es brach Giyuus Herz, sie so zu sehen. Dass er es sein musste, der Shinobu abholen sollte.
»Kanae.«
Der Regen trommelte rhythmisch auf die Tonziegeln der überdachten Veranda und eine kühle Böe heulte zwischen den Hohlräumen des Fundaments. Das Schweigen zwischen ihnen war erdrückend und mit jeder verstreichenden Sekunde wurde es unerträglicher.
Bis Shinobu den Kopf in den Nacken lehnte und laut lachte. Das Geräusch klang bizarr in seinen Ohren, fast makaber falsch. Shinobu wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln, kaum dass sie sich wieder beruhigt hatte.
»Meine Schwester ist nicht tot, Giyuu, du Dummerchen. Ich wüsste ja wohl, wenn meine eigene Schwester nicht mehr leben würde«, brachte sie zwischen zwei Glucksern hervor, »also ehrlich, Giyuu, was ist denn heute los mit dir? Möchtest du einen Tee trinken?«
»Shinobu, bitte«, flehte er verzweifelt. Er war noch nie ein Mann der großen Gefühle oder Reden gewesen, umso schwerer fiel es ihm, ihr klar zu machen, wieso es so unfassbar wichtig war, dass sie sich der Realität stellte.
Dass sie die Gefühle zuließ, auch wenn es negative waren.
Nun war es Shinobu, die die Stirn runzelte. »Sie ist nicht tot«, wiederholte sie, die Stimme diesmal fast bedrohlich leise, »ich möchte mich nicht mit dir streiten, Giyuu, aber wenn du weiterhin diesen Unsinn von dir gibst, werde ich böse.«
Giyuu seufzte und fuhr sich mit der freien Hand durch das Gesicht. Allmählich wurde ihm kalt und der Gedanke, mit Shinobu eine dampfend heiße Tasse Tee zu trinken, während sein Haori zum Trocknen aufhing, war verlockend.
Es wäre der einfache Weg.
Nicht der richtige.
»Meinetwegen streiten wir, Shinobu, aber du wirst mich zum Friedhof begleiten. Ich lasse nicht zu, dass du die Beerdigung deiner großen Schwester verpasst.« Er umfasste sanft ihre Hand, doch Shinobu entzog sich augenblicklich seinem Griff und verpasste ihm eine Ohrfeige. Das Geräusch verhallte zwischen dem Regen, genauso wie ihr Name, der Giyuu flüsternd über die Lippen kam.
Sie sah schockiert aus und betrachtete die Handfläche, deren Abdruck sich heiß prickelnd auf seiner Wange abzeichnete.
»Giyuu ...« Shinobu verstummte und die aufgesetzte Freude blätterte von ihrem Gesicht, wie die Schuppen eines Schmetterlingsflügels, bis es ähnlich farblos war wie der wolkenverhangene Himmel über ihren Köpfen.
»Ich weiß, Shinobu.« Noch einmal verschränkte er seine Finger mit ihren. Erlaubte sich, die Wärme einen Herzschlag lang zu genießen, ehe er sie mit sanftem Druck hinter sich her zog.
Sie ließ ihn gewähren, hatte aufgegeben.
Und mit ihrem Protest war auch die Illusion gestorben, an die sie sich so verzweifelt geklammert hatte.
Anger
❞ where there is anger-
there is always pain underneath. ❞
- Eckhart Tolle
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Shinobu war schon immer ein leidenschaftlicher Mensch gewesen. Und nun rannte und rannte sie mit einem schier überwältigenden Eifer vor ihren Empfindungen davon, und war bereit, alles zu tun, nur um nicht stehenbleiben zu müssen.
Giyuu war verschwitzt, aber noch nicht außer Atem, als er sein Katana hob und die Füße langsam über den Boden schob, um seine Kampfhaltung anzunehmen. Es missfiel ihm, sein Schwert auf Shinobu zu richten, doch sie hatte ihn praktisch dazu gezwungen, indem sie ihm alles erzählt hatte, was er hören wollte, ohne wirklich etwas davon umzusetzen.
Das hier war kein Übungskampf, um auf andere, weniger deprimierende Gedanken zu kommen.
Es war ein Ventil, um ihrer weiß glühenden Wut Luft zu machen.
Er war ein Ventil, um ihrer weiß glühenden Wut Luft zu machen.
»Komm' schon, Giyuu!«, forderte sie ihn von der anderen Seite des Hinterhofs heraus und verlagerte ihr Gewicht auf ihre Zehenspitzen, »Hör' endlich auf, ein Gentleman zu sein und mich zu schonen!« Ihre Stimme war rau, als hätte sie seit Wochen nicht gesprochen; Giyuu aber wusste, dass sie Nacht um Nacht schrie, bis ihre Stimmbänder versagten. Er hörte es, wenn er schlaflos auf der Veranda seines Anwesens saß und darauf wartete, dass sich etwas veränderte. »Lass' uns endlich ernst machen und richtig kämpfen!«
Er hatte schon ziemlich früh begriffen, dass seine Zurückhaltung ihren Zorn nur noch mehr zu schüren schien, doch er wusste es einfach nicht besser. Immer, wenn er Shinobu ansah, wurde der Griff um sein Schwert weich und sein Herz schwach. Shinobu mochte der Meinung sein, ihrer Trauer ein Schnippchen zu schlagen, indem sie einfach auf alles und jeden einschlug, ohne dabei je lange genug stehenzubleiben, um zu begreifen, dass sie sich seit Tagen im Kreis drehte. Giyuu aber sah das traurige Funkeln in ihren Augen, wenn sie glaubte, dass niemand hinsah. Das Zucken ihrer Mundwinkel, wenn sie ein Schluchzen mühsam hinunter schluckte. Die Schultern, die für den Bruchteil einer Sekunde bebten, wenn sie zitternd Luft holte.
Shinobu stürmte auf ihn zu und, flink wie sie war, durchschaute er den Angriff erst in letzter Sekunde. Blitzschnell riss er sein Katana zur Seite und parierte eine Folge aus drei Angriffen – jeder Einzelne davon auf seinen Hals gerichtet.
Als wäre er ein Dämon.
Als versuchte sie, ihre vermeintliche Schwäche, einen Dämon nicht köpfen zu können, zu korrigieren.
Giyuu wusste, dass sie keinen dieser Angriffe jemals zu Ende geführt hätte, trotzdem spürte er einen Stich in seiner Brust, an jener Stelle, unter der sein Herz im selben Rhythmus ihrer Angriffe pochte.
Er ließ sich von ihr zurück drängen, parierte ihre Schwertschläge, ohne auch nur ein einziges Mal in ihre Richtung auszuholen.
Ein Knurren entrang sich ihrer Brust, das so ganz und gar nicht zu ihr passen wollte, während sie immer verbissener ausholte und in eine Art unkontrollierte Raserei verfiel. Je wütender sie wurde, desto einfacher war es, ihre unüberlegten Angriffe zu kontern, desto wütender wurde sie.
Es war ein niederschmetternder Kreislauf, doch Giyuu ertrug ihre Wut stumm.
Vielleicht, wenn er sie nur gewähren ließe, könnte er ihre Wut in sich aufnehmen, bis nichts mehr davon übrig war.
Vielleicht würde so das Feuer erlöschen und er könnte seine Shinobu aus der Asche zurückholen.
Die junge Frau, die seine Wunden immer mit einem sanften Lächeln und noch sanfteren Fingern behandelt hatte.
Die junge Frau, die einen Weg gefunden zu haben schien, ihre wunderschönen Schmetterlinge geradewegs in seinem Magen zu manifestieren, bis ihm der Atem stockte.
»Verdammt!« Shinobu wich einen Schritt vor ihm zurück und schmiss ihr Katana mit Schwung von sich. Schlitternd rutschte das Schwert über den Boden und wirbelte Staub auf. »Verdammt!« Sie schlug die Luft, wieder und wieder, und ihr Haori flatterte wie Schmetterlingsflügel hinter ihrem Rücken. »Nicht ein Mal!«, fluchte sie halblaut. Ihre Arme sackten an ihrer Seite ab, die Spannung wich aus ihren Schultern, bis Shinobu immer kleiner wurde. »Ich habe dich nicht ein einziges Mal treffen können!« Ihre Stimme wurde leiser, verzweifelter und Giyuu überbrückte die geringe Distanz zwischen ihnen mit einem einzigen Schritt.
»...« Er wusste nicht, was er sagen sollte. Was er sagen konnte, um ihr zu helfen. Alle Worte, die sich auf seiner Zunge formten, fühlten sich wie hohle Phrasen an. Also umfasste er ihren schmalen Körper mit seinen Armen und zog sie sanft zu sich, bis ihr Kopf an seiner Brust lehnte.
Ob sie seinen Herzschlag hören konnte?
Ob sie spüren konnte, dass ihre Nähe wie Balsam für ihn war?
Giyuu wünschte sich von ganzem Herzen, dass er ihr die gleichen Gefühle zurückgeben konnte, die sie in ihm auslöste, doch es war nicht seine Entscheidung, was sie in ihm sehen wollte.
Eine Weile standen sie einfach so da, mitten im Hof von Shinobus Anwesen und Giyuu lauschte den Vögeln, die im nahen Wald ihre Lieder zwitscherten. Wolken zogen über ihren Köpfen vorbei und Giyuu verlor das Gespür dafür, wie viel Zeit vergangen war, als Shinobu plötzlich in seinen Armen zusammenbrach. Einfach so gaben ihre Beine nach, knickten ein und Giyuu sank ohne zu zögern zusammen mit ihr auf die Knie. Ihre zarten Finger krallten sich in seinen Haori, als wäre er der letzte Anker in dieser Welt.
Shinobu weinte. Hemmungslos. Aber es lag keine Trauer in ihrem Schluchzen. Shinobu weinte vor Wut, und Giyuu vermochte nicht zu sagen, worauf sie wohl wütend sein mochte.
Auf den Dämon, der ihre Schwester getötet hatte? Sicherlich.
Auf ihn, weil er stur darauf beharrte, dass sie sich auf gesunde Art mit ihren Gefühlen auseinander setzte? Vermutlich.
Doch am meisten fürchtete Giyuu, dass Shinobu wütend auf sich selbst war.
Dass sie dem Glauben anheimgefallen war, dass Kanaes Tod ihre Schuld war.
Dass sie überzeugt davon war, hilflos und schwach zu sein.
Während Shinobu weinte und weinte, bis ihr selbst die letzte Träne versiegte, verharrten Giyuus Hände reglos auf ihrem Rücken. Irgendwann wurde sie ruhig an seiner Brust, die Atmung tief und kontrolliert, dennoch unternahm sie keinen Versuch, sich von ihm zu lösen und Giyuu würde auf sie warten, bis zu seinem letzten Atemzug.
»Giyuu ...«
»Mhm?«
»Wird es jemals weniger wehtun?« Der unverhohlene Schmerz in ihrer Frage traf ihn unvorbereitet und härter als ihre Ohrfeige am Tag der Beerdigung.
Der Wind bauschte auf und Giyuu hörte in der Ferne das friedliche Klingeln eines Windspiels.
»Ich weiß es nicht«, antwortete er leise und drückte sie etwas fester an sich, »aber wenn du willst, werde ich mit dir zusammen warten.«
Bargaining
❞ Sometimes one pays most
for the things one gets for nothing. ❞
- Albert Einstein
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Der laute, widerhallende Gong der Tempelglocke vibrierte in der feuchtwarmen Herbstluft. Auf den Regen war Sonnenschein gefolgt und hatte dem aufgeweichten Boden und den bunten, von den Bäumen abgefallenen Blättern, die sich nun in den Matsch betteten, einen erdigen Geruch entlockt, der beharrlich in seiner Nase kitzelte.
Giyuu mochte den Herbst und den mit ihm einhergehenden Verfall der Natur nicht, auch wenn es optisch ein durchaus ansprechendes Bild bot. Rot- und Orangetöne in sämtlichen Nuancen des Sonnenuntergangs ließen den Wald um ihr kleines Dorf herum in Flammen stehen, die mit jedem Luftzug neu angefacht wurden.
Wie jeden Tag in letzter Zeit machte er sich nach einem mageren Frühstück auf den Weg zu Shinobu, um nach ihr zu sehen. Den ganzen Weg über verspürte er ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend, welches sich verstärkte, als Aoi und Kanao ihm die Tür öffneten.
»Ist Shinobu hier?«, fragte er Kanao, den linken Arm locker auf seinem Schwertgriff abgelegt. Auch wenn ihr Dorf nicht wirklich von einem Dämonenangriff bedroht war, hatte Giyuu sich angewöhnt, es immer bei sich zu tragen. Das Gewicht seines Katanas lag oft beruhigend stoisch von seinem Gürtel, und bildete das einzig verlässliche Gegengewicht zu seiner inneren Unruhe, die selbst an den besten Tagen immer leise im Hintergrund summte, wie eine ausgesprochen lästige Fliege, die in großen Kreisen um seinen Kopf surrte.
»Nein.« Kanao presste die Lippen aufeinander. Shinobu hatte sie gut trainiert – er hatte nicht den Hauch einer Idee, was wohl in ihrem Kopf vor sich gehen mochte. »Sie ist beim Tempel und betet. Schon wieder.« Ein Moment der Unachtsamkeit und ihm wäre der flüchtige Wechsel in ihrer Stimme entgangen, doch er vernahm die Verunsicherung, die einen Herzschlag lang wie ein einzelner falscher Ton in einer ansonsten perfekten Symphonie nachhallte. Doch wenn man ihn erst einmal heraus gehört hatte, veränderte sich die ganze Bedeutung.
»Wie lange ist sie schon dort, wisst ihr das?«
Kanao und Aoi wechselten einen bedrückten Blick. »Sie muss schon vor Morgengrauen gegangen sein. Wir haben sie nicht gesehen«, verriet ihm Aoi nach längerem Schweigen, als hätte sie erst darüber nachdenken müssen, ob sie ihm diese Information überhaupt weitergeben durfte.
»Ich verstehe.« Giyuu seufzte schwer. »Ich werde nach ihr sehen gehen.«
»Bitte bring sie zurück, Giyuu«, bat Kanao leise und senkte den Kopf.
»Ich gebe mein Bestes.« Ein halbherziges Lächeln zupfte an seinen Mundwinkel, ehe er sich verbeugte und zum Gehen umwandte. Noch lange, nachdem er vom Eingangsportal zu Shinobus Anwesen verschwunden war, spürte er die Blicke der beiden Mädchen auf sich lasten, wie ein unsichtbares Versprechen, dass er gegeben hatte.
Es dauerte nicht lang, bis die niedrige Pagode zwischen den Lichtungen aus dem Boden wuchs und wie jedes Mal zögerte Giyuu, die Treppen zum Tempel hinaufzulaufen. Seit er von der Existenz von Dämonen erfahren hatte, war sein Glaube an die Götter ins Wanken gekommen und das Betreten ihres Reichs fühlte sich wie ein Zugeständnis an, welches zu machen er nicht bereit war.
Für Shinobu war es genau das Gegenteil. Nachdem ihre Wut verraucht war und eine Leere zurückgelassen hatte, die sie verzweifelt auszufüllen versuchte, war sie immer öfter an diesen Ort gekommen, um Kontakt zu den Göttern zu suchen. Manchmal verbrachte sie ganze Tage ins Gebet vertieft und immer, wenn Giyuu sie hier suchte und fand, wurde das Gefühl stärker, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sie in einem immer tieferen See aus schwarzem Öl versank, deren matte, lichtlose Oberfläche sämtliches Schimmern aus der Umgebung zu binden und verschlucken schien.
Auch heute war es nicht anders. Shinobu kniete an der gleichen Stelle, wie immer, die Hände vor der Brust aneinander gepresst und den Kopf leicht geneigt. Ihr Flüstern, zu leise, um die Worte zu verstehen, aber laut genug, um wie der schnelle, gleichmäßige Flügelschlag eines Vogels die Stille der ansonsten leeren Gebetshalle auszufüllen.
Giyuu wollte sie ansprechen, sie aus ihrer Trance zurück holen, doch obwohl er mit seinem eigenen Glauben haderte, fühlte es sich falsch an, Shinobu den ihrigen zu dämpfen. Auch wenn er ahnte, worum sie die Götter so verzweifelt anbetete und es ihn unter den Nägeln brannte, sie dafür zu schütteln, bis sie von diesen närrischen Gedanken abließ.
»Giyuu?«
Was ihn wohl verraten hatte?
Vielleicht der tiefe Seufzer, der ihm unbewusst über die Lippen gekommen war.
Vielleicht aber hatte ihre neu gefundene Frömmigkeit ihr zu dem sonderbaren Talent zum Empfangen negativer Schwingungen verholfen, die von ihm und seinem schlechten Gewissen emittierten, wie der Geruch nach Schwefel von einer heißen Quelle.
Giyuu beschloss um seines eigenen Seelenfrieden wegen, dass es der Seufzer gewesen sein musste.
»Hey«, grüßte er sie ruhig und schlenderte langsam zu ihr herüber, »du betest?« Er hatte sein Bestes gegeben, um keinen Vorwurf in seine Stimme zu legen, dennoch runzelte Shinobu sichtlich die Stirn, als er sich neben ihr auf den Boden sinken ließ.
»Gibt es ein Problem damit?« Ihre Stimme hatte schlagartig einen defensiven Unterton angenommen. Sie rutschte etwas von ihm weg und die Distanz zwischen ihnen war wie eine tiefe Schlucht, die er selbst gegraben hatte. Giyuu hasste, dass es so zwischen ihnen geworden war.
Eine Entfremdung, die er ihrer Zuwendung an die Götter zuschrieb.
Und seinem Unvermögen, mehr für sie sein zu können.
»Nein«, entgegnete er aufrichtig.
»Aber?«, hakte sie misstrauisch nach.
Giyuu seufzte und ließ die Schultern hängen. Er hatte keine Lust, sich mit ihr zu streiten, also beschloss er, einfach die Wahrheit zu sagen. »Ich vermisse dich. Du bist kaum noch zuhause.«
Shinobus vorwurfsvolle Verteidigungshaltung veränderte sich, wurde weicher im Gleichklang mit ihren Gesichtszügen, auf denen sich nun eine Sehnsucht abzeichnete, die nicht ihm galt.
»Es tut mir leid.« Das war ihre Art, ihm zu bestätigen, dass er ungenügend war.
»Das muss es nicht.« Keine Lüge und dennoch brannten die Worte auf seiner Zunge wie hochprozentiger, unverdünnter Alkohol. »Wenn du willst, kann ich gehen.«
Shinobu streckte ihre Hand nach ihm aus und legte sie sanft auf seine, die er auf den Knien zu Faust geballt hatte, ohne es zu merken.
»Bleib«, bat sie ihn und das Lächeln auf ihren Lippen war fast genug, um ihn glauben zu machen, dass sie sich langsam von ihrem Verlust erholte, »es ist ohnehin nicht so, dass die Götter mich anhören, denn sonst hätten wir dieses Gespräch gar nicht führen können.«
Depression
❞ i want to take a nap.
i'm not tired or sleepy,
i just don't want to be awake. ❞
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Die Jahreszeiten beschrieben im Verlauf der Monate einen langsamen Wandel; weg von den farbenfrohen Baumkronen, hin zu kahlen Ästen, die sich dürr und zerbrechlich dem Horizont entgegen streckten und nun, bar jeglichen Ausdruckes von Leben, eine seltsam gespenstische Abgrenzung zu ihrem Dorf darstellten.
Der Regen war Schnee gewichen, der ausdauernd vom Himmel flockte und die Landschaft allmählich so dicht einhüllte, dass selbst ein schlichter Spaziergang durch die Wälder zu einer Herausforderung wurde.
Auch der Wind hatte sich verändert. Im Herbst noch war er wie eine letzte, sanfte Liebkosung gewesen, nun aber pfiff er unbarmherzig durch die schmalen Ritzen der Holzfassade seines Anwesens und sorgte regelmäßig dafür, dass ihm der Nacken wehtat und seine Nase lief.
Selbst Shinobu hatte sich mit der Zeit verändert. Giyuu hatte oft das Gefühl, dass sie zu schrumpfen schien, weniger zu werden schien und obwohl er sie täglich besuchte, hatten die beiden seit Wochen schon kein Wort mehr miteinander gewechselt. Meist lag sie einfach stumm auf ihrem Futon und starrte an ihm vorbei auf die sich verändernde Landschaft ihres Hinterhofs.
An guten Tagen saß sie ihm gegenüber und trank gedankenverloren Tee, der schon lange vor seiner Ankunft erkaltet war und dessen herbes Kräuteraroma die Schärfe der kalten Winterluft hervorhob.
Es gab nur noch selten guten Tage, doch Giyuu verspürte keine Eile, wann immer er sie besuchte und dabei eine Veränderung in sich selbst bemerkte. Normal war es Shinobu gewesen, welche die Stille mit Geschichten und Geplauder ausfüllte. Er erinnerte sich an die weiche Fröhlichkeit in ihrer Stimme, mit der sie Seit die junge Frau sich aber in beharrliches, bleiernes Schweigen hüllte und wie ein Schatten ihrer selbst wirkte, übernahm Giyuu die Hauptlast, ihre Konversation fortzuführen.
Er erzählte ihr von seiner Schwester und von Sabito. Von den Orten, die er besucht hatte und von Orten, die er gerne noch sehen würde – zusammen mit ihr. Das Thema Dämonen umschiffte er so gut es ging, auch wenn ihre Profession es nahezu unmöglich machte, nicht darüber zu reden.
Während ihr Dorf immer weiter zuschneite, erzählte er ihr von dem süßlichen Aroma des Frühlings, wenn die Kirschbäume blühten und dem Zirpen von Grillen im Hochsommer, wenn die schwüle Hitze jeden Tag zu einer Woche ausdehnte. Und als ihm irgendwann die Geschichten ausgingen, erfand er einfach neue.
Manchmal lag Shinobus Aufmerksamkeit eindeutig auf ihm, wenn sie sich die Decke bis unter die Nase zog und ihre Augen funkeln darunter auf ihm ruhten.
Manchmal war die Stille zwischen ihnen überladen und schwer, als versuchte Shinobu sich aus den Untiefen ihrer Trauer zurück nach oben zu kämpfen, um etwas zu sagen.
Doch die Momente verstrichen.
Und Giyuu erzählte einfach weiter. In den ersten Tagen hatte sein Hals gekratzt und seine Stimmer klang an den darauffolgenden Tagen etwas heiser, doch mit der Zeit gewöhnte er sich daran, so viel zu sprechen und etwas, was ihm normal stets schwergefallen war, wurde so selbstverständlich, dass er sich fast an den Klang seiner eigenen Stimme gewöhnte.
Der Winter verstrich ohne nennenswerte Fortschritte, doch als die Temperaturen wieder kletterten und der kleine Fluss in der Nähe von Tauwasser anschwoll, geschah etwas, worauf Giyuu schon fast nicht mehr zu hoffen gewagt hatte.
Shinobu weinte.
Nicht aus Wut.
Nicht laut.
Giyuu hätte es nicht einmal bemerkt, hätte er ihr nicht direkt ins Gesicht gesehen, während er ihr von den ersten Pflaumenblüten erzählte, die an den kahlen Ästen sprossen und die triste Landschaft in einem zarten Rosa sprenkelten.
Shinobu weinte leise und voller Verzweiflung.
Zunächst waren es nur einzelne Tränen, die scheinbar wie verirrt aus ihren Augenwinkeln quollen und an ihren Wangen hinab in ihr Haar flossen. Als Giyuu innehielt und schwieg, damit sie mehr Raum einnehmen konnte, wandelten sich die einzelnen Tränen zu einem endlosen Strom.
»Giyuu«, kam es ihr mit einem Schniefen über die Lippen. Etwas ungeschickt richtete sie sich auf, und sofort eilte Giyuu zu ihr, um sie zu stützen. Ihre Muskeln waren die Belastung im ersten Moment nicht gewohnt und zitterten unter ihrem eigenen Gewicht, doch schließlich saß sie aufrecht und lehnte sich in seine Berührung. »Was tust du hier eigentlich?« Das Lächeln wackelte ein wenig und dennoch war da eine Wärme in ihren Augen, die er schon viel zu lange nicht mehr darin gesehen hatte.
»Was meinst du?«
Shinobu lachte leise und wischte mit den Ärmeln ihres Haoris die nassen Spuren von ihren Wangen. »Ich habe dich noch nie so viel reden hören«, murmelte sie an seine Brust gelehnt. Sie klang schläfrig, obwohl sie die letzten Wochen fast ausschließlich geschlafen hatte.
»Stimmt. Normal redest du für uns beide«, stimmte er ihr zu. Die leise Vibration an seinem Körper bestätigte ihm, dass Shinobu noch einmal lachte.
»Wieso tust du dir das an?« Ihre Stimme klang wieder traurig und instinktiv verstärkte er seinen Umarmung, bis Shinobus Wärme durch seinen Haori durchsickerte und sein ganzes Bewusstsein ausfüllte.
»Ich würde noch ganz andere Dinge für dich tun, Shinobu«, entgegnete er leise, fast flüsternd.
»Das würdest du wirklich ...« Es klang nicht wie eine Zustimmung, eher wie eine Feststellung, die sie zutiefst unvorbereitet zu treffen schien. »Wieso?« Das Wort hallte in der Stille, die darauf folgte, nach wie ein Tempelgong.
»Du bist mir wichtig, Shinobu, deswegen«, antwortete er aufrichtig und als Shinobu daraufhin seine Umarmung erwiderte – zunächst zaghaft, als müsste sie sich erst an die Form seines Körpers gewöhnen, dann fester, als suchte sie in seinen Armen endlich nach der Zuflucht, die er ihr die ganze Zeit über angeboten hatte – stolperte sein Herz in seiner Brust und eine angenehme Wärme breitete sich in ihm aus.
»Ich danke dir Giyuu.«
Acceptance
❞ if i know what love is
it is because of you ❞
- Narziss & Goldmund; Hermann Hesse
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Ich kannte dieses Gefühl.
Regen fiel als kalter, nasser Schleier vom Himmel und sammelte sich am Boden als undurchdringlicher Nebel, der seine blanken Knöchel umhüllte und dessen Kälte ihm unter die Haut bis über die Knochen kroch.
In seiner verbliebenen Hand hielt er einen Strauß aus weißen Lilien und Chrysanthemen, zwischen deren Stängel er einige Glyzinien geflochten hatte, deren fliederfarbene Kelche sich sanft wippend dem Gewicht des Regens beugten.
Wie betäubt stapfte er den schlammigen Pfad entlang, der sich am äußeren Rand des Dorfes halb durch den Wald schlängelte und an dessen Ende ein Torii den Übergang ins Reich der Toten markierte.
Eine eisige Böe wehte ihm durch das massive Steintor entgegen, wie der schnaubende Atem eines schlafenden Dämons und als Giyuu über die Schwelle trat, schauderte er am ganzen Körper.
Seine Haut prickelte unter der feinen Gänsehaut, die gleichsam mit dem Luftzug über seinen Körper hinweg wehte. Das Gefühl blieb bestehen, wie die hauchfeine Berührung weicher Fingerspitzen, die, im Begriff sich zu lösen, noch einen Herzschlag länger verharrten.
Doch Giyuu vermochte keinerlei Wärme aus dieser Berührung zu ziehen und nachdem er einen Moment lang zwischen den Welten stehen geblieben war, um dem fernen Echo von Leben zu lauschen, löste er sich gänzlich von seiner Realität, um stattdessen in die beharrliche Stille des Friedhofs zu gleiten. Langsam wie ein Schatten, der sich geduldig mit dem Voranschreiten der Sonne ausdehnte, als wäre Zeit selbst an diesem Ort bedeutungslos geworden, und nur das gleichförmige Schmatzen seiner Schuhe im Schlamm hoben seine Existenz von der der Geister ab, die ihn unsichtbar umgaben.
Nur wenige Grabsteine ragten unförmig wie abgebrochene Säulen aus der Erde, einige von ihnen so vom Zahn der Zeit verwittert, dass Giyuu unter der dicken Moosschicht, die sich langsam von der Oberfläche bis in den Kern fraß, kaum noch die Schriftzeichen entziffern konnte, die als letzter Beweis ihres Lebens dienten.
Ihr Grabstein war neuer - die Oberfläche so glatt poliert, dass sich die Regentropfen, die von ihm aufgefangen wurden, darin spiegelten.
Ich hatte schon einmal jemanden verloren.
Sein Herz blieb stehen. Erst eine Sekunde. Dann zwei.
Und mit der Vehemenz, als hätte ein Dämon seine Klauen in ihn gegraben, fing es wieder zu schlagen an, nur dass mit jedem verzweifelt nach Leben gierenden Pochen fast zu bersten drohte.
Als er aufgebrochen war, hatte er sich geschworen, dass er bereit war, doch die Schriftzeichen, so frisch, dass der Staub noch nicht ganz aus ihren Kerben gewaschen war, formten einen Kloß in seinem Hals, an dem er zu ersticken drohte.
Mit der Geduld, die nur ein lebloser Stein aufzubringen vermochte, wartete ihr Grab darauf, dass er bereit war. Selbst wenn er jetzt aufgab, sich abwandte und wieder ging, würde es hier ausharren.
Einen Tag.
Ein Jahr.
Ein ganzes Leben.
Ein leises Ächzen entfloh ihm, als er in die Hocke ging, um den Strauß, den er eigenhändig geflochten hatte, obgleich seine Geschicklichkeit mit dem Verlust einer seiner Arme dramatisch eingebrochen war, vor die anderen Gestecke zu legen. Nicht nur die anderen überlebenden Säulen waren gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen – auch einige der Schwertschmiede hatten den weiten Weg auf sich genommen, um den Gefallenen zu gedenken.
Der Anblick sollte ihn trösten. Ihm bewusst machen, dass sie geliebt worden war – nicht nur von ihm -, doch die Wahrheit war eine andere.
Eine bittere.
Die meisten hatten sie gar nicht wirklich gekannt.
Giyuu schluckte und senkte den Kopf, auch wenn selbst die Geister nicht imstande waren, die Tränen in seinen Augen von dem Regen zu unterscheiden.
Vor langer, langer Zeit.
»Shinobu«, begann er und seine Stimme zitterte, doch es war egal, denn außer ihm war niemand sonst anwesend.
Sein Abschied von ihr sollte nur ihm gehören.
»Warte auf der anderen Seite auf mich.«

