Prolog
Das Sonnenlicht des jungen Januarmorgens sickerte durch die hohen, Sprossenfenster des Ayame-Anwesens und tanzte auf der dunklen Patina des massiven Kirschholztisches. Im Haus herrschte jene geschäftige, aber disziplinierte Atmosphäre, die den Morgen im Hause Hiwatari seit jeher prägte. Claire Beaumont bewegte sich mit der lautlosen Effizienz einer erfahrenen Dirigentin zwischen Küche und Esssaal, während der Duft von starkem Espresso, frischen Crêpes und dem leicht erdigen Aroma von grünem Tee die Luft erfüllte.
Als Kai und Nami den Raum betraten, war der Tisch bereits voll besetzt. Die Kinder saßen in ihren Schuluniformen da – ein Bild, das Kai jedes Mal einen Moment innehalten ließ, um die Zeitlosigkeit dieses Anwesens und die Schnelligkeit, mit der seine Kinder wuchsen, zu verarbeiten.
Gou, nun elf Jahre alt, thronte fast schon am Ende der Tafel. Trotz seines jungen Alters strahlte er eine Ernsthaftigkeit aus, die ihn älter wirken ließ, als er war. Er hatte zwei Klassen übersprungen und bewegte sich intellektuell längst in Sphären, die selbst seine Lehrer gelegentlich ins Schwitzen brachten. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Fachbuch über hochenergetische Teilchenphysik, in das er während des Essens vertieft war.
„Guten Morgen, Mutter. Vater“, sagte Gou, ohne aufzublicken, während er mit mechanischer Präzision eine kleine Menge Marmelade auf seinem Toast verteilte. „Ich hoffe, die gestrige Einweihung des Severnaya-Towers verlief ohne nennenswerte sicherheitstechnische oder diplomatische Zwischenfälle. Die russische Garde neigt ja gelegentlich zu impulsiven Reaktionen.“
Kai setzte sich an den Kopf des Tisches und sah seinen ältesten Sohn an. „Es gab keine Zwischenfälle, die wir nicht handhaben konnten, Gou. Dein Onkel Vladimir hat alles unter Kontrolle.“
Nami lächelte, während sie sich ihren Tee goss, und beobachtete die Zwillinge. Ayumi und Ren, jetzt zehn Jahre alt, waren ein ständiger Wirbelwind aus Energie. Ayumi, deren Haar diesen charakteristischen Graustich hatte, korrigierte gerade Rens Krawatte, während dieser versuchte, unter dem Tisch einen Beyblade-Launcher zu verstecken. „Könnt ihr zwei heute Nachmittag beim Training etwas weniger 'wild' sein?“, fragte Nami amüsiert. „Makoto hat erwähnt, dass das letzte Mal fast eine Vase im Dojo dran glauben musste.“
„Das war Ren!“, rief Ayumi sofort mit einem frechen Grinsen.
„War ich nicht! Die Flugkurve war physikalisch korrekt berechnet, der Wind war schuld!“, gab Ren trocken zurück und zwinkerte seiner Mutter zu.
Am anderen Ende des Tisches saß die kleine Sayuri. Mit fast vier Jahren war sie kein Kleinkind mehr, sondern eine kleine Persönlichkeit, die ihre Meinung klar zu artikulieren wusste. Ihre weißen Locken wippten, als sie ihren Löffel hob.
„Mami, Papi, der Onkel Tyson war gestern bestimmt sehr laut, oder?“, fragte sie mit erstaunlich klarer Aussprache. „Immer wenn er kommt, wackeln die Bilder an der Wand. Hat er gestern auch so viel gelacht?“
Nami lachte und strich ihrer Tochter über die Wange. „Ja, Schatz, Onkel Tyson war... wie immer. Er hat das ganze Haus unterhalten.“
Nachdem die erste Aufregung abgeklungen war, wandte sich Nami wieder Gou zu. „Sag mal, Gou, wie läuft es eigentlich mit Akari an der Schule? Ich habe gehört, sie hat sich gut eingelebt, seit sie aus Osaka hergezogen ist.“
Akari, die Tochter von Hana, war ebenfalls elf Jahre alt und würde bald zwölf werden. Da Gou zwei Klassen übersprungen hatte, war sie trotz des gleichen Alters zwei Jahrgangsstufen unter ihm.
Gou legte sein Messer beiseite und sah seine Mutter an. Sein Blick war so analytisch und trocken wie der seines Vaters. „Akari hat sich nicht nur eingelebt, Mutter. Sie hat das soziale Gefüge der Mittelstufe innerhalb von vierzehn Tagen dekonstruiert und nach ihren Vorstellungen neu geordnet. Sie ist... nun ja, gelinde gesagt, der Fixpunkt des Interesses.“
„Das klingt nach deiner Cousine“, schmunzelte Nami. „Sie ist sehr beliebt, oder?“
„Beliebt ist ein unzureichender Begriff“, entgegnete Gou und schüttelte fast unmerklich den Kopf. „Die vierzehnjährigen Jungs in meiner Klasse benehmen sich wie eine Herde hungriger Wölfe, sobald sie den Pausenhof betritt. Es ist ein faszinierendes, wenn auch zutiefst irritierendes Schauspiel menschlicher Instinkte. Seit sie wissen, dass Akari meine Cousine ist, werde ich in jeder freien Minute mit Fragen gelöchert. Sie versuchen ständig, Informationen über ihre Vorlieben zu sammeln – ob sie lieber klassische Musik hört oder welche Blumen sie mag.“
Kai hob eine Augenbraue. „Und was sagst du ihnen?“
„Ich sage ihnen, dass ihre Annäherungsversuche statistisch gesehen eine Erfolgschance von Null haben und dass sie ihre Energie lieber in ihre Hausaufgaben investieren sollten, die sie ohnehin vernachlässigen“, antwortete Gou kühl. „Ein Junge aus dem Fußballteam wollte mir sogar seine seltensten Beyblade-Teile schenken, nur damit ich ihm ihre Nummer gebe. Ich habe ihm erklärt, dass Bestechung bei einem Hiwatari nicht funktioniert und dass ich seine physische Integrität nicht garantieren kann, wenn er sie weiter so anstarrt.“
Nami musste sich ein Lächeln verkneifen. „Du beschützt sie also wirklich.“
„Sie ist Familie“, stellte Gou schlicht fest, während er sein Buch schloss. „Und da Akari bald zwölf wird, scheinen diese 'Wölfe' zu glauben, dass sie nun alt genug für ihre ungeschickten Avancen sei. Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie ihren Fokus auf dem Unterricht behält – und nicht auf Jungs, die kaum ihren eigenen Namen fehlerfrei schreiben können.“
Claire trat mit einem Tablett frischer Früchte heran und warf Gou einen amüsierten Blick zu. „Wie ich sehe, übernimmt der junge Monsieur bereits die Rolle des Familienoberhaupts in der Schule. Sehr löblich.“
Kai sah Gou lange an, ein stummes Verständnis zwischen Vater und Sohn. „Gute Einstellung, Gou. Aber denk daran: Ein Jäger lässt seine Beute manchmal glauben, sie sei sicher, bevor er zuschlägt. Behalte sie im Auge, aber lass sie wissen, wer die Regeln aufstellt.“
Gou nickte knapp. „Das habe ich bereits getan, Vater. Die Regeln sind klar definiert.“
Der Morgenverkehr in Tokio war ein fließender Strom aus Lichtern und Motorengeräuschen, doch als der dunkelgrüne Bentley der Tachiwari-Corporation gemächlich vor dem Haupttor der internationalen Privatschule zum Stehen kam, schien sich eine Schneise der Aufmerksamkeit zu bilden. Es war kein Geheimnis, wer in diesem Wagen saß.
Graham stieg mit der ihm eigenen, unerschütterlichen Ruhe aus und öffnete die Fondtür. Er neigte den Kopf nur ein winziges Stück, als Gou den Wagen verließ. Der Elfjährige strahlte bereits jetzt eine Gravitas aus, die den teuren britischen Wagen wie ein bloßes Accessoire wirken ließ.
Gou rückte seine Schultasche zurecht und strich sich die Uniform glatt. Mit einer Körpergröße von mittlerweile 1,55 m überragte er viele seiner Altersgenossen zwar nicht um Welten, doch seine Haltung ließ ihn deutlich größer wirken. Der Wachstumsschub der letzten Monate hatte seine Züge markanter gemacht; das Kindliche war fast vollständig aus seinem Gesicht gewichen. Die streng geschnittene Schuluniform spannte leicht über seinen Schultern – ein Zeugnis des unerbittlichen Trainings, das er jeden Nachmittag im Dojo des Anwesens absolvierte. Unter dem feinen Stoff zeichneten sich die Ansätze einer athletischen Physis ab, die man eher bei einem jugendlichen Leistungssportler als bei einem Elfeinhalbjährigen vermutet hätte.
„Einen angenehmen Schultag, Master Gou“, sagte Graham mit seinem trockenen Unterton. „Ich werde pünktlich zum Trainingsbeginn wieder hier sein.“
„Danke, Graham. Richte Mutter aus, dass ich das Skript für das Physik-Modul in der Bibliothek gelassen habe“, antwortete Gou knapp. Seine Stimme war ruhig und kontrolliert.
Als er durch die schmiedeeisernen Tore schritt, spürte er die Blicke auf sich. Gou war an der Schule eine Ausnahmeerscheinung – nicht nur wegen seines Namens, sondern wegen seiner unnahbaren Effizienz. Seine granatroten Augen scannten die Umgebung mit einer Präzision, die er von seinem Vater geerbt hatte. Er nahm alles wahr: die Gruppe von Jungen am Brunnen, die verstohlenen Blicke der Mädchen aus der Oberstufe und die allgemeine Unruhe des Morgens.
„Hey, Gou! Morgen!“, riefen ein paar Mitschüler aus dem Beyblade-Club.
Gou hielt nicht an, aber er neigte den Kopf in ihre Richtung. Für einen flüchtigen Moment huschte ein winziges, kaum merkliches Zucken über seine Mundwinkel – das, was bei einem Hiwatari als strahlendes Lächeln durchging. Es war eine Anerkennung ihrer Anwesenheit, mehr nicht, doch es reichte aus, um die Jungen in ehrfürchtiges Schweigen zu versetzen.
An den Schließfächern bemerkte er eine Gruppe von älteren Mädchen, die eigentlich in einen ganz anderen Flügel der Schule gehörten. Sie kicherten und flüsterten, als er an ihnen vorbeiging. Eine von ihnen, ein zwölfjähriges Mädchen namens Hina wagte es sogar, ihn direkt anzusprechen: „Gou-kun, hast du heute wieder Training nach der Schule?“
Gou blieb kurz stehen, drehte sich jedoch nicht ganz um. Er sah sie aus dem Augenwinkel an – ein Blick, der so kühl und analysierend war, dass das Kichern augenblicklich verstummte.
„Das Training findet wie gewohnt statt“, erwiderte er schlicht. „Allerdings ist es eine geschlossene Sitzung.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er seinen Weg fort. Das Interesse der Mädchen, so schmeichelhaft es für andere Jungs in seinem Alter gewesen wäre, ließ ihn vollkommen kalt. Sein Verstand war bereits bei den Berechnungen für die Zentrifugalkraft seines neuen Beyblade-Prototypes, den er am Nachmittag mit Makoto testen wollte.
Sein Auftreten war das perfekte Ebenbild von Kai in diesem Alter: der markante graublaue Schopf, die edle, fast aristokratische Blässe seiner Haut und diese Aura von einsamer Entschlossenheit. Er war ein Jäger in einem Raum voller spielender Kinder.
Als er das Klassenzimmer betrat, wurde es merklich leiser. Er setzte sich an seinen Platz am Fenster und holte sein Tablet hervor. Doch bevor er sich in seine Daten vertiefen konnte, spürte er eine Präsenz neben sich. Er sah auf.
Es war einer der älteren Schüler, die Akari so hartnäckig umwarben. Der Junge wirkte nervös und nestelte an seinem Revers.
„Gou... ich hab gehört, Akari hat bald Geburtstag. Zwölf, richtig? Ich dachte, vielleicht...“
Gous rote Augen fixierten ihn. Die Kälte in seinem Blick schien die Raumtemperatur um einige Grad sinken zu lassen.
„Du dachtest falsch“, unterbrach Gou ihn mit einer schneidenden Ruhe. „Akari hat kein Interesse an Geschenken von Personen, deren akademischer Durchschnitt unter dem landesweiten Minimum liegt. Und jetzt geh. Die erste Stunde beginnt in zwei Minuten.“
Der Junge schluckte schwer, stammelte eine Entschuldigung und suchte das Weite. Gou wandte sich wieder seinem Bildschirm zu. Ein leises, fast unhörbares Seufzen entwich ihm. Es würde ein langer Tag werden, bis er endlich im Dojo stehen und sich auf das Wesentliche konzentrieren konnte.
Die ersten Unterrichtsstunden in der achten Klasse waren für ihn kaum mehr als eine Übung in Geduld. Während der Geschichtslehrer über die Handelsrouten des 18. Jahrhunderts referierte, ließ Gou seinen Blick gelegentlich aus dem Fenster schweifen, über die Kirschbäume des Schulgeländes hinweg, während sein Verstand bereits komplexe physikalische Simulationen durchspielte. Er saß unbewegt da, die Federmappe parallel zur Tischkante ausgerichtet, und notierte sich nur das Nötigste. Sein Ruf als unnahbares Genie eilte ihm so weit voraus, dass selbst die Lehrer zögerten, ihn dranzunehmen, es sei denn, eine Diskussion drohte in eine Sackgasse zu geraten. Dann genügten meist zwei Sätze von ihm, trocken und präzise, um das Problem zu lösen – ein Umstand, der ihm bei seinen Mitschülern zwar Respekt, aber auch eine gewisse einsame Distanz einbrachte.
In den kurzen Pausen zwischen den Stunden wechselte er die Räume mit der lautlosen Eleganz eines Schattens. Er ignorierte das Tuscheln in den Gängen und die bewundernden Blicke der Mädchen, die in Gruppen zusammenstanden und verstohlen in seine Richtung deuteten. Für Gou war die Schule ein notwendiges Mittel zum Zweck, ein System, das es zu meistern galt, während sein wahres Leben erst nach dem letzten Klingeln begann.
Erst als die Mittagssonne ihren Zenit erreichte und das grelle Licht in die Mensa flutete, begann die starre Maske des „Zaren-Sohnes“ ein wenig zu bröckeln.
In der hellen, verglasten Mensa herrschte der übliche Mittagstrubel, ein Chaos aus klappernden Tabletts und dem Stimmengewirr hunderter Schüler. Gou hatte sich instinktiv einen Platz am Rand gesucht, den Rücken zur Wand, um das Geschehen im Blick zu behalten, während er sich in einen vertraulichen Forschungsbericht der Tachiwari-Corporation vertiefte. Es ging um neue Legierungen für Beyblade-Kerne – harter Stoff, selbst für Oberstufenschüler, doch Gou las die Daten mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der andere Comics lasen.
Die Luft um ihn herum schien eine unsichtbare Warnzone zu bilden, die niemand zu betreten wagte, bis ein lautstarkes Klacken eines Tabletts die Stille seiner Konzentration durchbrach.
„Du liest schon wieder Sachen, bei denen mir beim bloßen Hingucken der Kopf explodiert, Gou“, tönte eine fröhliche, ungezwungene Stimme.
Gou hob nicht einmal den Kopf, um zu wissen, wer es war. Jeder andere Schüler wäre für diese Störung mit einem Blick gestraft worden, der kälter war als ein sibirischer Blizzard, doch bei Makoto blieben Gous Gesichtszüge entspannt. Ein kaum merkliches, fast schon sanftes Aufatmen glitt über seine Lippen.
Makoto Granger, mittlerweile neuneinhalb Jahre alt, ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen. Obwohl er eineinhalb Jahre jünger war als Gou, besaß er eine Präsenz, die den Tisch sofort mit Leben füllte. Er sah seinem Vater Tyson mittlerweile verblüffend ähnlich: Das dunkle, widerspenstige Haar, das trotz aller Bemühungen seiner Mutter in alle Richtungen abstand, und die tiefblauen Augen, die ständig vor Tatendrang und Unfug funkelten. Er trug seine Schuluniform mit einer gewissen Lässigkeit – der oberste Knopf war offen, die Krawatte ein wenig schief, ganz so, als würde er nur darauf warten, sie nach der Schule endlich gegen sein Trainingsoutfit zu tauschen.
„Muss ja einer machen, Makoto“, erwiderte Gou ruhig und legte den Bericht beiseite. „Sonst stagnieren wir in der Entwicklung.“
„Stagnieren? Wir? Niemals!“, grinste Makoto und biss herzhaft in sein Sandwich. Er hatte dieses breite, ansteckende Lächeln geerbt, das selbst die schlechteste Laune im Raum vertreiben konnte.
Es war eine seltsame Dynamik zwischen den beiden – fast wie ein Echo ihrer Väter, und doch grundlegend anders. Während Kai und Tyson oft wie zwei kollidierende Planeten gewirkt hatten, bildeten Gou und Makoto eine Einheit aus kühler Strategie und unbändiger Energie. Gou empfand Makotos laute, impulsive Art nicht als störend. Im Gegenteil: In Makotos Gegenwart fühlte er sich nicht wie das isolierte Genie oder der unnahbare Erbe, sondern einfach wie ein Junge, der gerne Beyblade spielte.
„Ich hab gehört, du hast heute Morgen wieder ein paar 'Fans' aus dem Weg geräumt“, witzelte Makoto und wackelte mit den Augenbrauen. „Irgendjemand aus der Neunten hat wohl versucht, dich wegen Akari zu bestechen?“
Gous Mundwinkel zuckten minimal nach oben. „Ein vergeblicher Versuch. Sie verstehen nicht, dass man Loyalität nicht kaufen kann.“
„Tja, die haben eben keine Ahnung“, sagte Makoto und wurde für einen Moment etwas ernster, was in seinem Gesicht fast ungewohnt wirkte. „Aber hey, freust du dich auf heute Nachmittag? Dein Dad und meiner wollen beim Training zusehen. Makoto und Gou gegen die Welt – oder zumindest gegen die neuen Prototypen.“
Gou schloss das Tablet und sah seinen besten Freund direkt an. Die granatroten Augen trafen auf die tiefblauen. In diesem Moment blitzte in Gous Blick etwas auf, das nichts mit Forschungsberichten zu tun hatte: die reine Vorfreude auf den Kampf.
„Ich bin bereit, Makoto. Lass uns später sehen, ob deine Kraft heute mit meiner Präzision mithalten kann.“
„Darauf kannst du wetten!“, rief Makoto und boxte Gou spielerisch gegen die Schulter. Gou wich nicht aus, sondern ließ die Berührung zu, ein stilles Zeichen ihres tiefen Vertrauens.
Die Bürde des Sohnes
Der Winter in Tokio neigte sich seinem Ende zu, doch im Garten des Anwesens hielt sich der Frost hartnäckig in den Schatten der alten Kiefern. Es war nun Ende Februar. Gou stand auf der hölzernen Veranda und beobachtete, wie Graham den Bentley für die Fahrt zur Schule vorbereitete. Sein Blick war jedoch nicht auf den Wagen gerichtet, sondern auf seine eigenen Hände.
Er spürte es wieder – dieses leise, stetige Pulsieren tief in seiner Brust. Es war kein Herzschlag, zumindest kein rein physischer. Es war eine Resonanz. Er wusste seit seiner frühesten Kindheit, dass er anders war als Ayumi und Ren. Während die Zwillinge die Welt mit einer unbeschwerten Neugier entdeckten, trug Gou etwas in sich, das so alt wie die Zeit selbst schien. Er war mit dieser Präsenz geboren worden, ein Teil seiner Seele, der untrennbar mit dem Erbe seines Vaters und der mystischen Kraft seiner Mutter verwoben war.
„Gou? Kommst du?“, rief Nami aus dem Flur. Sie trat nach draußen, eingehüllt in einen weichen Kaschmirschal, und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
Gou schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Ja, Mutter. Ich habe nur... nachgedacht.“
Nami sah ihn lange an. Sie kannte diesen Blick. Sie selbst lebte seit ihrer Kindheit in Symbiose mit ihrem Bit Beast, und sie sah in Gous Augen das gleiche Leuchten, das Kai in jenen Momenten hatte, wenn er eins mit Dranzer wurde. Sie wusste, dass Gou und später auch Sayuri das Ergebnis eines Wunsches waren, der so stark war, dass er die Gesetze der Biologie gebeugt hatte.
„Es wird heute ein wichtiger Tag für dich, nicht wahr?“, fragte sie sanft.
„Der letzte Tag vor den Ferien“, antwortete Gou und seine Miene verfestigte sich wieder zu der gewohnten stoischen Maske. „Und das erste Training mit dem neuen Prototyp am Nachmittag. Makoto ist schon nervös.“
In diesem Moment rannte die kleine Sayuri an ihnen vorbei in den Garten. Mit ihren fast vier Jahren war sie ein Bündel aus weißem lockigem Haar und purer Energie. Sie blieb plötzlich vor einem alten Steinbrunnen stehen und neigte den Kopf zur Seite, als würde sie einer fernen Musik lauschen.
„Mami!“, rief sie, ohne den Blick vom Wasser zu wenden. „Die Dame im Wasser sagt, dass der Drache heute Hunger hat.“
Nami und Gou tauschten einen schnellen Blick aus. Sayuri sprach oft von der „silbernen Dame“ oder dem „bunten rosa Drachen“. Während andere es für kindliche Fantasie hielten, wussten Kai und Nami es besser. In Sayuri schlummerte Chronos. Und die Wächterin der Zeit begann bereits jetzt, ihre Flügel zu rühren.
„Welcher Drache, Sayuri?“, fragte Gou und trat einen Schritt auf seine kleine Schwester zu.
Sayuri drehte sich um, ihre magentafarbenen Augen leuchteten für einen Sekundenbruchteil in einer unnatürlichen Intensität. „Der mit den vielen Flügeln, Gou. Er wartet darauf, dass die Zeit stehen bleibt.“
Gou spürte ein Frösteln, das nichts mit der Januarluft zu tun hatte. Er sah zu seiner Mutter auf. Nami wirkte besorgt, aber auch seltsam friedlich. „Sie lernt es erst noch, Gou“, flüsterte sie. „Genau wie du damals.“
Kai trat aus dem Haus, seine Anwesenheit wie ein dunkler, schützender Schatten. Er legte Nami einen Arm um die Taille und sah zu seinen Kindern hinunter. Sein Blick ruhte besonders lange auf Sayuri. Er dachte an die Verschmelzung seiner Seele mit Dranzer und an den Moment, als Namis Liebe seine eigene Physis umgeschrieben hatte, um diese Kinder überhaupt erst zu ermöglichen.
„Graham wartet“, sagte Kai mit seiner tiefen, unerschütterlichen Stimme. „Geh zur Schule, Gou. Und Sayuri... versuch heute, den Drachen nicht zu sehr zu wecken. Claire möchte nicht, dass du wieder die Uhren im Haus zum Stehen bringst.“
Gou nickte, griff nach seiner Tasche und stieg in den Wagen. Während der Bentley vom Hof rollte, sah er durch das Heckfenster zurück. Sayuri stand immer noch am Brunnen, und für einen flüchtigen Moment wirkte es, als würde hinter ihr eine riesige, magentafarbene Silhouette mit vielen Flügeln in den Winterhimmel aufsteigen.
Der dunkelgrüne Bentley glitt fast lautlos durch die erwachenden Straßen von Tokio. Im Inneren herrschte eine gedämpfte Stille, die nur vom leisen Surren der Klimaanlage unterbrochen wurde. Gou saß am Fenster, den Blick scheinbar auf die vorbeiziehende Skyline gerichtet, doch seine Gedanken befanden sich in einer völlig anderen Sphäre.
Er schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte sich auf den Kern seines Seins. Dort, tief in seiner Seele verwurzelt, spürte er Corvus. Es war kein fremdes Wesen, das er in einen Beyblade gerufen hatte; es war ein Teil von ihm, geboren in derselben Sekunde wie sein erster Atemzug.
Corvus manifestierte sich in seinem Geist als ein gewaltiger, schwarz-blau schimmernder Rabe. Seine Federn hatten den metallischen Glanz von gehärtetem Stahl, und wenn er seine Schwingen ausbreitete, schienen elektrische Entladungen wie winzige Blitze über sein Gefieder zu tanzen. Corvus war kein Wesen der rohen Zerstörung wie Dranzer, sondern ein Meister der unsichtbaren Kräfte. Er konnte Magnetfelder manipulieren und Energien so präzise bündeln, dass er die Flugbahn jedes gegnerischen Beys kontrollieren konnte, noch bevor es zum Kontakt kam.
Gou erinnerte sich an das Finale der ersten Landesmeisterschaft. Er war erst zehn gewesen, der jüngste Teilnehmer in der Geschichte des Turniers. Sein Gegner, ein bulliger Junge aus Osaka, hatte versucht, ihn mit purer Kraft aus dem Ring zu fegen. Gou schloss die Augen und sah die Szene vor sich: Wie er Corvus’ Aura aktiviert hatte, wie sich das Magnetfeld um sein Stadium so stark verdichtete, dass der gegnerische Bey wie von Geisterhand gebremst wurde, nur um im nächsten Moment von einer massiven Entladung aus dem Ring katapultiert zu werden.
Zweimal in Folge war er nun Landesmeister geworden. Zwei Jahre Dominanz, die ihm in der Presse den Beinamen „Der kühle Prinz“ oder "Der Sohn des Zaren" eingebracht hatten. Doch für Gou waren diese Titel nur Etappenziele.
Noch ein paar Monate, dachte er grimmig und spürte, wie Corvus in seiner Seele zustimmend die Flügel spreitete. Im Juli würde er zwölf werden. Das magische Alter, ab dem die BBA-Statuten es erlaubten, offiziell in einen der Kader berufen zu werden. Er wollte nicht nur lokal gewinnen; er wollte dorthin, wo sein Vater einst Geschichte geschrieben hatte. Er wollte die Weltmeisterschaft. Ein Team anzuführen, das die Welt in Erstaunen versetzen würde – das war der Weg, den Corvus ihm vorgab.
Graham, der den Wagen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks durch den dichten Verkehr steuerte, beobachtete den Jungen durch den Rückspiegel. Er sah die unnatürliche Ruhe in Gous Gesicht und die leichte Anspannung seiner Kiefermuskulatur. Graham kannte diesen Ausdruck. Er hatte ihn jahrelang bei Kai gesehen, doch bei Gou wirkte er noch konzentrierter, fast schon wissenschaftlich fundiert.
„Sie wirken heute besonders fokussiert, Master Gou“, bemerkte Graham mit seiner gewohnt neutralen Stimme, während er das Lenkrad leicht einschlug.
Gou öffnete die Augen. Das magentafarbene Leuchten, das Sayuri am Morgen noch umgeben hatte, war bei ihm einem tiefen, kühlen Violett gewichen. „Ich analysiere nur die Möglichkeiten, Graham. Die Weltmeisterschaft ist keine Frage des Glücks, sondern der Vorbereitung.“
„Ganz wie Ihr Vater“, erwiderte Graham trocken, doch in seinem Blick lag ein tiefer Respekt. „Er pflegte zu sagen, dass Schlachten im Kopf gewonnen werden, bevor der erste Startschuss fällt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Corvus bereits seine Kreise über den Arenen der Welt zieht.“
Gou antwortete nicht, aber ein winziges, stolzes Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass Grahams Worte ins Schwarze getroffen hatten. Er strich über seine Schultasche, in der sein Beyblade – das physische Gefäß für Corvus – sicher verstaut war. Er fühlte die magnetische Resonanz, ein ständiges Summen, das ihm versicherte, dass er niemals allein war.
Als der Bentley schließlich vor dem Schultor hielt, war die Maske des kühlen Strategen wieder vollkommen. Er war bereit für den Tag, bereit für den Unterricht und bereit für das Training am Nachmittag. Denn jede Sekunde, die verstrich, brachte ihn näher an den Moment, in dem der Name Hiwatari erneut die Welt erschüttern würde.
Gou atmete noch einmal tief durch, ließ die kühle, magnetische Präsenz von Corvus in seine Glieder fließen und stieg aus. Die Kälte des Morgens biss in seine Wangen, doch er stand kerzengerade, während Graham mit einem stummen Nicken das Tor im Rückspiegel verschwinden ließ.
Der Weg zum Hauptgebäude war wie ein Spießrutenlauf aus flüsternden Stimmen und verstohlenen Blicken. Gou ignorierte sie alle. Sein Schritt war fest, seine Haltung unnahbar.
Die ersten Unterrichtsstunden verstrichen in einer für Gou fast quälenden Langsamkeit. In Mathematik behandelten sie komplexe Funktionen – Stoff, den Gou bereits vor zwei Jahren im Selbststudium gemeistert hatte, um die Flugkurven seines Beys präziser berechnen zu können. Während sein Lehrer, Herr Amekawa, die Tafel mit Kreideformeln füllte, saß Gou unbewegt an seinem Platz am Fenster. Er notierte sich nichts; er speicherte die Informationen direkt in seinem fotografischen Gedächtnis ab, während er gleichzeitig die magnetischen Ströme visualisierte, die er am Nachmittag im Training manipulieren wollte.
In Geschichte ging es um die industrielle Revolution, doch Gou driftete ab. Er starrte auf die Schatten der Bäume, die über seinen Tisch tanzten. Er fühlte sich oft wie ein Beobachter aus einer anderen Zeit – zu reif für die albernen Witze seiner Mitschüler, zu fokussiert für die Belanglosigkeiten des Teenagerlebens. Jedes Mal, wenn ein Mitschüler ihn ansah, spürte Gou die Erwartungshaltung, die wie ein schwerer Mantel auf seinen Schultern lastete. Er war nicht einfach nur Gou; er war der Erbe des Hiwatari-Imperiums.
Als die Glocke zur großen Mittagspause läutete, flüchtete er regelrecht in die Bibliothek. Er suchte die Stille zwischen den hohen Regalen, wo der Geruch von altem Papier und Bohnerwachs die aufgeregten Stimmen des Pausenhofs dämpfte.
Er suchte sich einen Platz in einer der hinteren Nischen, den Rücken an die kühle Glasfront gelehnt.
Während um ihn herum das übliche Pausengeflüster der Zehnklässler summte, war er vollkommen in sein Tablet vertieft. Er scrollte durch die verschlüsselten BBA-Analysen des letzten Quartals, bis sein Feed unweigerlich einen Algorithmus-Treffer landete, den er eigentlich lieber ignoriert hätte.
Eine Schlagzeile der BBA Global News leuchtete auf: „Der Zar und seine Kaiserin – Eine Liebe, die die Zeit überdauert.“
Gou unterdrückte ein Seufzen. Das beigefügte Foto stammte von der BBA-Gala der Vorwoche. Es war ein Schnappschuss, der Kai und Nami in einem Moment vollkommener Zweisamkeit zeigte. Kai hielt Nami fest an der Taille, sein Körper war schützend zu ihr geneigt, und er blickte sie mit einer Intensität an, die so tief, so besitzergreifend und gleichzeitig so voller Hingabe war, dass das Bild bereits Millionen von Likes gesammelt hatte. Es war dieser „Kai-Hiwatari-Blick“, der seit Jahren in Internetforen unter den Hashtags #DerBlickdesZaren oder #BesessenVonDerEigenenEhefrau gefeiert wurde.
Für die Welt war es das ultimative Traumpaar – die perfekte Symbiose aus kühler Macht und strahlender Anmut. Für Gou war es schlichtweg anstrengend.
Er erinnerte sich mit einem Schauder an die letzte Plakatkampagne einer Luxus-Unterwäschemarke, für die seine Eltern vor der Kamera gestanden hatten. Halbnackt, in ästhetischer, aber für einen Sohn unerträglich intimer Pose, hatten sie sich auf riesigen Billboards in ganz Tokio umschlungen. Er hatte drei Wochen lang einen anderen Schulweg genommen, nur um nicht an dem Plakat am Shibuya-Crossing vorbeifahren zu müssen.
„Oh mein Gott, Gou... sehen sie auf diesem Foto nicht einfach umwerfend aus?“
Gou versteifte sich. Er hatte nicht bemerkt, dass sich eine seiner Mitschülerinnen, Maya, von hinten angeschlichen hatte. Sie starrte mit verträumten Augen auf sein Display.
„Dieser Blick“, hauchte sie und schien fast zu vergessen, dass sie Gou über die Schulter sah. „Man sieht einfach, dass dein Vater niemanden sonst auf der Welt so ansieht. Es ist wie in einem dieser französischen Liebesfilme, nur in echt. Wie hältst du das eigentlich aus, jeden Tag mit so viel... Romantik im Haus zu leben?“
Gou löschte den Bildschirm mit einer abrupten Handbewegung und sah Maya mit einem Blick an, der so staubtrocken war, dass er jede Romantik im Keim erstickte. „In der Realität streiten sie sich gelegentlich darüber, wer vergessen hat, die Tür abzuschließen, Maya. Es ist kein Film. Es ist eine Ehe.“
Maya kicherte nur unbeeindruckt. Sie war, wie fast alle Mädchen an dieser Schule, immun gegen Gous Abwehrversuche geworden. „Du kannst sagen, was du willst, aber die ganze Schule beneidet dich. Jedes Mal, wenn deine Mutter dich abholt oder dein Vater bei den BBA-Events in der ersten Reihe sitzt und nur Augen für sie hat... es ist einfach legendär. Sie sind das 'Power Couple' schlechthin.“
„Sie sind meine Eltern“, korrigierte Gou sie kühl und schob sein Tablet in die Tasche. „Und ich wäre dir dankbar, wenn du ihre 'legendäre' Ausstrahlung in deinem nächsten Aufsatz thematisieren würdest, anstatt mir über die Schulter zu schauen.“
Er stand auf, seine Bewegungen so präzise und kontrolliert wie die von Corvus. Maya wich einen Schritt zurück, doch ihr bewunderndes Lächeln blieb. Gou spürte, wie seine Ohren leicht heiß wurden – ein seltener Moment, in dem seine stoische Maske Risse bekam. Es war nicht die Feindseligkeit, die ihn störte; es war diese überwältigende Bewunderung für das Privatleben seiner Eltern, die ihn ständig zur Zielscheibe von Smalltalk machte.
Als er die Bibliothek verließ, spürte er Corvus in seiner Seele unruhig flattern. Der Rabe schien über Gous Verlegenheit fast zu spotten.
~Warte nur, bis wir im Dojo sind~
dachte Gou grimmig. Dort zählte kein kitschiger Medienrummel und keine Unterwäsche-Kampagne. Dort zählte nur die magnetische Kraft, die Präzision und der Wille, selbst zur Legende zu werden – ganz ohne den Ballast eines Liebes-Kitschromans.
Er warf einen knappen Blick auf sein Handgelenk. Die Zeiger seiner Uhr rückten unerbittlich vor, doch er hatte noch exakt vierzig Minuten, bevor die nächste Unterrichtsstunde in theoretischer Mechanik begann. Genug Zeit, um den knurrenden Magen zu beruhigen, den er den gesamten Vormittag über ignoriert hatte.
Er verließ die Bibliothek mit wehendem Sakko seiner Schuluniform und steuerte auf den gläsernen Verbindungsgang zu, der zur Mensa führte. Das Sonnenlicht brach sich in den Scheiben und tauchte den Korridor in ein gleißendes Licht.
„Na, Herr Landesmeister? Wieder die Weltformel in den Staubnotizen der Bibliothek gesucht?“
Gou hielt nicht an, doch seine Mundwinkel zuckten. Er musste nicht hinsehen, um zu wissen, wer da mit federndem Schritt zu ihm aufschloss. Akari wirkte in ihrer Schuluniform wie das Ebenbild ihrer Mutter Hana – elegant, mit jenem amethystfarbenen Funkeln in den Augen, das eine gefährliche Mischung aus Intelligenz und Schalk verriet. Ihr silbrig weißes Haar war zu einem perfekten Zopf geflochten, der bei jedem ihrer Schritte gegen ihren Rücken schlug.
„Ich habe lediglich die BBA-Berichte analysiert, Akari“, erwiderte Gou, ohne das Tempo zu drosseln. „Etwas, das dir auch gut tun würde, wenn du bei der nächsten Regionalmeisterschaft nicht wieder in der Vorrunde an deinem eigenen Übermut scheitern willst.“
Akari lachte hell auf und stupste ihn spielerisch mit der Schulter an. „Ach Gou, du bist so furchtbar ernst. Kein Wunder, dass die Mädchen in deiner Klasse dich für einen unerreichbaren Eisberg halten. Aber sag mal... hast du den Brief bekommen, den ich dir heute Morgen durch einen deiner Klassenkameraden zustecken ließ? Du sagtest doch, dass ich dir solche Sachen sagen oder geben soll...falls ich wieder einen dieser Briefe bekomme...“
Gou blieb abrupt stehen und sah sie von oben herab an. „Du meinst diesen rosa Umschlag von diesem Jungen aus der Parallelklasse? Ich habe ihn ungeöffnet in den Altpapiercontainer befördert.“ Er atmete schwer aus. „Hör zu, Akari. Ich habe keine Lust mehr, täglich die gesamte männliche Mittelstufe von dir abzuwimmeln. Es ist ineffizient und raubt mir die Konzentration. Könntest du bitte versuchen, einfach ein wenig... weniger süß zu sein? Oder zumindest weniger auffällig?“
Akari legte den Kopf schief und grinste ihn unschuldig an. „Ich kann doch nichts für meine Gene, Cousin.“
„Du bist fast zwölf“, konterte Gou trocken und setzte seinen Weg fort. „Du bist viel zu jung für dieses ganze Theater. Konzentrier dich auf dein Training. Wenn Onkel Vladimir oder mein Vater mitbekommen, dass hier vierzehnjährige Jungs wie hungrige Wölfe um dich herumschleichen, wird Graham bald nicht mehr nur mich fahren, sondern eine ganze Sicherheitsstaffel um die Schule positionieren müssen.“
Akari kicherte, schien aber von Gous Standpauke gänzlich unbeeindruckt. Gemeinsam betraten sie die Mensa, in der das übliche Getümmel aus klapperndem Geschirr und lauten Gesprächen herrschte.
Gou scannte den Raum mit der gewohnten Effizienz, als sein Blick an einer wilden, dunklen Mähne hängen blieb, die aus der Menge an der Essensausgabe herausragte. Makoto stand dort, sein Tablett bereits halb beladen mit einer Portion, die für zwei Personen gereicht hätte. Als er die beiden entdeckte, hellte sich sein Gesicht auf, und er schwenkte seinen freien Arm so enthusiastisch, dass ein Becher beinahe vom Tablett gerutscht wäre.
„Gou! Akari! Hier rüber!“, rief er lautstark durch den halben Saal, völlig unbeeindruckt von den mahnenden Blicken der Aufsichtspersonen. „Ich hab schon einen Platz am Fenster reserviert, bevor die Neuntklässler alles belagern!“
Gou schüttelte den Kopf, doch ein seltenes, echtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Komm“, sagte er zu Akari. „Gehen wir zu ihm, bevor er die gesamte Mensa zusammenschreit.“
„Wenigstens einer, der hier für Stimmung sorgt“, murmelte Akari vergnügt und folgte Gou in Richtung der Schlange, wo Makoto sie bereits mit der Energie eines Wirbelsturms erwartete.
Gou atmete tief durch und versuchte, das amüsierte Funkeln in Akaris Augen zu ignorieren, während sie sich in die Schlange hinter Makoto einreihten. Der Lärm in der Mensa war ohrenbetäubend – ein Crescendo aus Gelächter, dem Quietschen von Stühlen und dem Duft von frisch frittiertem Tonkatsu.
„Glaub bloß nicht, dass du heute ohne eine Portion Extra-Kohlhydrate davonkommst, Gou!“, rief Makoto über die Schulter hinweg, während er sich mit einer fast schon beängstigenden Routine ein zweites Schälchen Miso-Suppe auf sein bereits überladenes Tablett lud. „Dein Gehirn verbrennt beim bloßen Nachdenken über diese Forschungsberichte wahrscheinlich mehr Energie als ich beim Training!“
„Qualität vor Quantität, Makoto“, erwiderte Gou trocken, während er sich mit minimalistischen Bewegungen eine Portion gegrillten Lachs und eine Schale Reis nahm.
Als sie sich schließlich von der Essensausgabe wegwandten, bahnte sich Makoto wie ein Eisbrecher einen Weg durch die Menge. Er steuerte zielsicher auf einen großen Ecktisch am Fenster zu, den er offenbar schon im Vorfeld mit seiner Sporttasche markiert hatte. Der Platz bot einen weiten Blick über den Campus bis hin zu den fernen Kirschbäumen, doch für Makoto war die Aussicht zweitrangig – er brauchte Platz für seine ausladenden Gesten.
Gou und Akari folgten ihm, wobei Gou peinlich genau darauf achtete, dass sein Tablett nicht schwankte. Die Blicke der anderen Schüler hafteten an ihnen wie Kletten. Es war unmöglich, diese Dreierkonstellation zu ignorieren: die kühle, aristokratische Aura von Gou, Akaris elegante Präsenz und Makotos unbändige, laute Energie. Sie wirkten wie eine eigene kleine Welt inmitten des Schultrubels.
„So, jetzt aber“, sagte Makoto, als er sein Tablett mit einem vernehmlichen Klappern auf den Tisch absetzte und sich auf die Bank fallen ließ. Er wartete kaum, bis Gou und Akari Platz genommen hatten, bevor er sich bereits über seine Stäbchen hermachte.
„Wir müssen uns stärken. Mein Dad hat mir vorhin eine WhatsApp geschrieben – er meinte, er hätte eine neue Angriffsstrategie im Kopf, die er uns heute Nachmittag zeigen will. Er nannte es den 'Hyper-Granger-Wirbel' oder so was Ähnliches.“
Gou zog eine Augenbraue hoch, während er seine Serviette glattstrich. „Klingt nach viel Lärm und wenig Physik.“
„Hey!“, protestierte Makoto mit vollem Mund, doch sein Grinsen wurde nur noch breiter. Er schluckte hastig runter und griff nach seinem Smartphone, das neben seinem Teller vibrierte. „Bevor wir über Physik reden... hast du das hier schon gesehen? Es ist erst vor zehn Minuten online gegangen.“
Er schob das Handy mit einer dramatischen Geste in die Mitte des Tisches, genau vor Gous Augen.
Gou versuchte, sich auf seinen Reis zu konzentrieren, doch er spürte bereits, wie Makoto ihn mit diesem ganz speziellen Funkeln in den Augen anstarrte – das Funkeln, das meistens bedeutete, dass er etwas gefunden hatte, um Gou aus der Reserve zu locken.
„Ich weiß nicht, wovon du redest, Makoto.“
„Oh, doch, das weißt du!“, rief Makoto „Es ist überall! Die Bilder von der Gala vor ein paar Tagen. Mein Dad hat vorhin angerufen und sich kaputtgelacht. Er meinte, er hätte Kai lange nicht mehr so... nun ja, besitzergreifend gesehen. Das Bild, wo er deine Mutter so fest hält, als würde er sie gleich gegen die gesamte BBA verteidigen müssen? Das ist mal wieder der absolute Renner in den Gruppenchats.“
Akari, die elegant an ihrem Salat pickte, kicherte leise. „Es ist wirklich ein tolles Foto, Gou. Sie sehen aus wie aus einem Modemagazin. Sogar meine Mutter hat es geteilt und geschrieben: 'Immer noch so verliebt wie am ersten Tag'.“
Gou legte seine Stäbchen mit einer Präzision beiseite, die fast schon beängstigend wirkte. „Es ist ein Foto. Zwei Personen stehen in einem Raum und schauen sich an. Warum die Welt daraus eine Staatsaffäre macht, entzieht sich meiner logischen Auffassungsgabe.“
„Weil dein Vater Kai Hiwatari ist!“, platzte Makoto heraus und schlug vor Begeisterung auf den Tisch. „Der Typ ist ein wandelnder Kühlschrank, außer wenn Nami im Raum ist. Dann schmilzt er schneller als ein Eis in der Wüste von Nevada. Mein Dad sagt immer, es sei das achte Weltwunder. Und das Beste...“,
Makoto scrollte wie wild auf seinem Handy, „...hast du die Kommentare zu dem Unterwäsche-Shooting von damals gelesen? Da steht unter einem Bild: 'Gou hat die Gene eines griechischen Gottes geerbt'. Die Leute flippen völlig aus!“
Gou spürte, wie die Hitze in seinen Nacken stieg. „Ich habe bereits Maya erklärt, dass ich keine Lust habe, das Privatleben meiner Eltern zu analysieren. Und was diese... Werbekampagne angeht: Ich habe Graham angewiesen, eine Route zur Schule zu wählen, auf der keine dieser Plakate hängen. Leider scheint das in Tokio fast unmöglich zu sein.“
„Ach komm schon“, zog Makoto ihn weiter auf und lehnte sich verschwörerisch vor. „Gesteh es ein: Es ist doch cool, dass deine Eltern die coolsten Socken der BBA sind. Mein Dad trägt immer noch seine alten Stirnbänder und Kappen und frisst Burger, als gäbe es kein Morgen. Dein Dad sieht aus, als besäße er die Welt, und deine Mom ist die Einzige, die ihn an der Leine hat.“
„Sie haben keine Leine, Makoto. Sie haben eine Partnerschaft“, korrigierte Gou ihn trocken, obwohl er innerlich seufzte. „Und wenn du nicht sofort aufhörst, über die 'Gene griechischer Götter' zu reden, werde ich Corvus heute Nachmittag im Training befehlen, dein Magnetfeld so zu verbiegen, dass dein Beyblade nur noch im Kreis tanzt, anstatt anzugreifen.“
Makoto lachte laut auf, gänzlich unbeeindruckt von der Drohung. „Das ist der Gou, den wir kennen! Wenn er nicht mehr weiterweiß, droht er mit Physik.“
Akari schüttelte lächelnd den Kopf. „Lass ihn in Ruhe, Makoto. Er hat es schwer genug. Stell dir vor, du müsstest jeden Tag an einem fünf Meter hohen Plakat vorbeifahren, auf dem dein Vater deiner Mutter den Nacken küsst.“
Gou schloss die Augen und massierte sich die Schläfen. „Danke, Akari. Das Bild in meinem Kopf war gerade fast verblasst. Jetzt ist es wieder in HD-Qualität zurück.“
„Gern geschehen!“, zwinkerte sie ihm zu.
In diesem Moment ertönte das Signal für die nächste Stunde. Gou stand sofort auf, sichtlich froh, der peinlichen Konversation entfliehen zu können. „Wir sehen uns nach der Schule am Bentley. Und Makoto... bring deinen Beyblade in Ordnung. Wenn du heute Nachmittag so kämpfst, wie du redest, wird das ein sehr kurzer Kampf.“
„Verlass dich drauf!“, rief Makoto ihm hinterher, während Gou und Akari die Mensa verließen.
Doch als Gou durch den Flur schritt, fiel sein Blick unweigerlich auf einen digitalen News-Screen an der Wand, der gerade – natürlich – das Bild seiner Eltern zeigte. Er beschleunigte seinen Schritt. Die Weltmeisterschaft konnte gar nicht schnell genug kommen. Er brauchte eigene Schlagzeilen, um diesen Hype endlich zu übertönen.
Gou verbrachte die letzte Unterrichtsstunde in einer Art konzentrierter Trance. Während die Stimme des Lehrers im Hintergrund über kinetische Energie referierte, packte Gou pünktlich zum Läuten seine Unterlagen mit mechanischer Präzision in seine Tasche. Sein Geist war bereits im Granger-Dojo, weit weg von den neugierigen Blicken seiner Mitschüler.
Doch der Weg nach draußen sollte sich als schwieriger erweisen als gedacht. Als er den Klassenraum verließ und den Korridor in Richtung der Schließfächer einschlug, stieß er fast mit einer Traube von Mädchen zusammen, die mitten im Weg standen. Sie hingen dicht gedrängt über einem Smartphone, kicherten, seufzten und schmachteten in einer kollektiven Ekstase, die Gou nur allzu bekannt vorkam.
Er wollte gerade lautlos an ihnen vorbeiziehen, als eine von ihnen ihn bemerkte. „Oh, Gou! Warte mal!“, rief sie und ehe er reagieren konnte, hielten ihm drei Mädchen gleichzeitig ein Handy unter die Nase.
Gou wappnete sich innerlich bereits für ein weiteres Bild seines Vaters, doch diesmal war es anders. Das Display zeigte ein Foto, das im Foyer eines Justizgebäudes aufgenommen worden war. Es zeigte seinen Onkel Vladimir Ivanov, Kais älteren Halbbruder, zusammen mit seiner Tante Hana. Vladimir trug einen maßgeschneiderten, dunklen Anzug, der seine breiten Schultern betonte, und Hana stand eng an seiner Seite, ihre silbrigen Haare fielen glatt über ihren Rücken.
Die Dynamik war unverkennbar dieselbe wie bei seinen Eltern: Vladimirs Hand ruhte besitzergreifend auf Hanas Hüfte, und sein Blick – durch die markanteren, beinahe raubtierhaften Gesichtszüge noch ein wenig dunkler und intensiver als der seines Vaters – fixierte Hana mit einer tiefen, unerschütterlichen Ernsthaftigkeit.
„Ist das nicht der Wahnsinn?“, schwärmte eines der Mädchen. „In deiner Familie scheint es so viel Leidenschaft zu geben, Gou! Dieser Blick... er ist so düster und gleichzeitig so... wow.“
„Wir haben beschlossen, dass wir später auch so etwas wollen“, fügte eine andere mit einem vielsagenden Lächeln hinzu und sah Gou direkt in die Augen. „Meld dich doch einfach bei uns, wenn du etwas älter geworden bist und merkst, dass Mädchen vielleicht doch interessanter sind als Magnetfelder.“
Gou spürte, wie sich seine Miene versteinerte. „Meine Verwandten führen eine Beziehung, kein Drama im Nationaltheater“, erwiderte er trocken. Er wollte gerade zu einer weiteren Standpauke ansetzen, als zwei vertraute Gestalten links und rechts von ihm auftauchten.
„Alles klar, Ladies, der 'Eisprinz' hat heute noch ein Date mit einer Arena!“, rief Makoto vergnügt und packte Gou am Arm, während Akari ihn an der anderen Seite sanft, aber bestimmt aus der Traube der Mädchen zog.
„Komm schon, Gou, bevor sie dich noch als Modell für die nächste Familien-Kampagne rekrutieren“, witzelte Akari.
Sie zogen den genervten Gou durch das Hauptgebäude hinaus ins Freie. Die kühle Februarluft tat gut, und Gou lockerte genervt seine Krawatte, während sie über den Campus in Richtung des Haupttors liefen, wo der Bentley bereits wartete.
Makoto konnte es sich natürlich nicht verkneifen. Er sah Akari von der Seite an und grinste breit. „Hey Akari, hast du das Foto gesehen? Jetzt droht dir wohl dasselbe Schicksal wie Gou. Deine Mutter und Onkel Vlad sind das neue Internet-Traumpaar. Bereite dich schon mal auf die peinlichen Fragen in deinem Jahrgang vor!“
Akari lachte nur und warf ihr Haar über die Schulter. „Ach, weißt du, Makoto... ich finde das gar nicht so schlecht. Im Gegensatz zu Gou habe ich kein Problem damit, dass meine Familie weiß, wie man Eindruck schindet. Außerdem sieht Onkel Vlad auf dem Foto wirklich beeindruckend aus. Das ist eben das Hiwatari-Blut – oder das Ivanov-Blut. Wie man's nimmt.“
Gou schüttelte nur den Kopf und stieg in den Wagen, wo Graham bereits die Tür aufhielt. „Können wir jetzt bitte einfach fahren?“, murmelte er. „Bevor noch jemand ein Foto von uns macht.“
Graham schloss die Tür mit einem leisen Klicken. „Sehr wohl, Master Gou. Das Dojo wartet bereits.“
Der neue Prototyp und Dragoons Erbe
Als der dunkelgrüne Bentley vor dem Granger-Dojo hielt, war die Atmosphäre im Wagen bereits von einer fast greifbaren Vorfreude geprägt. Makoto trommelte ungeduldig mit den Fingern auf seine Bey-Box, während Akari ihren Zopf richtete. Doch als Graham den Wagen zum Stillstand brachte und Gou aus dem Fenster sah, verharrte er in der Bewegung.
Dort, vor dem traditionellen hölzernen Gebäude, standen zwei Gestalten, die er hier um diese Uhrzeit absolut nicht erwartet hatte.
„Was zur...“, murmelte Makoto und drückte sein Gesicht gegen die Scheibe. „Sind das dein Dad und deine Mom? Es ist doch erst halb drei!“
Gou stieg aus, seine Miene ein Rätsel aus Überraschung und der gewohnten kühlen Beherrschung. Kai stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt, den dunklen Mantel über den Schultern, während Nami neben ihm stand und in der milden Nachmittagssonne fast schon leuchtete. Sie hielt die kleine Sayuri an der Hand die kurz etwas müde gähnte. Ihr silbrig weißes Haar bewegte sich sanft im Wind.
„Vater? Mutter?“, fragte Gou, während er auf sie zuging. „Das Training fängt erst in einer halben Stunde an. Ich dachte, ihr hättet heute die Vorstandssitzung der Tachiwari-Corporation wegen der neuen Legierungen.“
Kai sah seinen Sohn mit jenem unerschütterlichen, tiefen Blick an, der keine Widerworte duldete, doch in seinen Augen lag ein seltener Anflug von Entspannung. „Wir sind früher aus dem Tower gegangen“, erklärte er trocken. „Es gab nichts mehr zu entscheiden, was nicht auch bis morgen warten könnte. Alles, was zu erledigen war, ist erledigt.“
Nami trat einen Schritt vor und legte den Kopf schief, während sie Gou mit einem warmen Lächeln bedachte, das im krassen Gegensatz zur strengen Aura seines Vaters stand.
„Eigentlich“, sagte sie mit einem amüsierten Funkeln in den Augen, „wollten wir dich beide direkt von der Schule abholen. Ich hatte mich schon darauf gefreut, dich am Tor zu überraschen.“
Gou spürte, wie ihm bei der bloßen Vorstellung die Farbe ins Gesicht stieg. Er dachte an Maya, die schmachtenden Mädchen im Flur und die digitalen News-Screens. Wenn Kai und Nami Hiwatari – das „Power-Couple“ der BBA – gemeinsam vor dem Schultor aufgetaucht wären, hätte das einen Ausnahmezustand ausgelöst, der wahrscheinlich noch Wochenlang Thema Nummer eins gewesen wäre.
Nami kicherte leise, als sie Gous Gesichtsausdruck sah. „Keine Sorge, Schatz. Dein Vater hat mich davon abgehalten. Er hielt es nicht für eine gute Idee.“
Kai warf einen kurzen Blick zu Gou und zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe deiner Mutter erklärt, dass es für dich sicher... unangemessen peinlich gewesen wäre, wenn wir dort wie ein Empfangskomitee für den Thronfolger gestanden hätten. Ein bisschen Privatsphäre sollte man dir in der Schule wohl lassen.“
Gou atmete innerlich erleichtert auf und schenkte seinem Vater einen kurzen, dankbaren Blick, den Kai mit einem fast unmerklichen Nicken quittierte. Er wusste, dass Kai genau verstand, wie schwer es war, unter der ständigen Beobachtung der Öffentlichkeit aufzuwachsen.
„Danke, Vater“, sagte Gou schlicht.
„Hey, Kai! Nami!“, rief Makoto nun dazwischen, der herangestürmt kam und keine Berührungsängste kannte. „Wenn ihr schon mal früher da seid, könnt ihr ja direkt zusehen, wie ich Gou heute mit dem neuen Hyper-Wirbel in Bedrängnis bringe!“
Kai sah zu dem dunkelhaarigen Jungen hinunter, und für einen Moment blitzte der alte Kampfgeist in seinen roten Augen auf. „In Bedrängnis bringen? Das werden wir ja sehen, Makoto. Geht rein. Wir wollen sehen, ob das Training der letzten Wochen Früchte getragen hat. Gou wird einen neuen Testblade verwenden.“
Während sie sich auf das Dojo zubewegten, spürte Gou die schwere, aber vertraute Aura seiner Eltern im Rücken. Es war ein seltsames Gefühl – einerseits die Erleichterung, der Schule entkommen zu sein, und andererseits der Druck, nun vor den Augen der beiden Legenden bestehen zu müssen. Corvus regte sich in seiner Seele, als wollte er Kai beweisen, dass die Magnetfelder der neuen Generation bereit für den Ernstfall waren.
Das Training hatte kaum begonnen, als die schwere Schiebetür des Dojos erneut mit einem hölzernen Poltern zur Seite glitt. Die kühle Februarluft wirbelte kurz herein, bevor Hilary eintrat. An ihrer Hand hielt sie die kleine Hina. Mit ihren fast vier Jahren war Hina ein Wirbelwind aus Energie; ihre dunklen Locken hüpften bei jedem Schritt, und sie trug bereits ein kleines Spielzeug-Beyblade-Etui stolz an ihrem Gürtel – ganz der Vater.
„Ich wusste doch, dass hier schon die halbe BBA-Elite versammelt ist!“, rief Hilary lachend in die weite Halle. Sie steuerte direkt auf Nami zu und begrüßte sie herzlich, während Hina sofort neugierig zu Sayuri flitzte, die bereits am Rand der Übungsarena hockte.
Doch die Tür blieb nicht lange geschlossen. Nur wenige Augenblicke später trat Hana ein. Ihre Erscheinung brachte sofort eine Aura von Eleganz und kühler Professionalität in den Raum. Ihr silbrig weißes Haar floss glatt wie Seide bis zu ihrem Gesäß hinunter und schimmerte im Licht der Deckenstrahler. An ihrer Hand führte sie Mirai.
Mirai war erst vor Kurzem sechs Jahre alt geworden. Man sah ihr deutlich an, dass sie die älteste der „kleinen“ Mädchen im Raum war. Sie bewegte sich mit einer Ruhe und Bedachtsamkeit, die sie fast wie eine kleine Erwachsene wirken ließ. Ihre amethystfarbenen Augen scannten den Raum und blieben sofort an Gou hängen, den sie mit einem respektvollen Nicken bedachte.
„Wir sind etwas spät, die Kanzlei in der Tachibey hat mich länger aufgehalten als geplant“, erklärte Hana entschuldigend, während sie zu Nami und Kai trat. „Mirai hat den ganzen Weg über darauf bestanden, dass wir das Training auf keinen Fall verpassen dürfen. Sie wollte unbedingt sehen, wie weit Gou mit seinen neuen Berechnungen ist.“
Kai neigte den Kopf kurz in Richtung seiner Schwägerin. „Er ist bereit“, sagte er knapp, doch der Unterton war voller Stolz.
Die Szenerie im Dojo war nun ein faszinierendes Bild: Kai und Nami als das ruhende, machtvolle Zentrum; Hilary mit ihrer lebhaften Art; Hana mit ihrer kühlen Anwalt-Präzision. Und am Rand der Arena saßen die kleineren Kinder, die mit großen Augen beobachteten, wie die „Großen“ sich vorbereiteten.
„Na los, Gou!“, rief Makoto ungeduldig und brachte seinen Launcher in Position. Er genoss die Aufmerksamkeit der versammelten Familie sichtlich. „Wenn wir noch länger warten, rostet mein Beyblade ein! Ich will sehen, ob dein Corvus heute wirklich fliegen kann oder ob er nur am Boden rumhüpft!“
Gou antwortete nicht sofort. Er spürte die Blicke seiner Eltern, seiner Tanten und vor allem die der kleinen Sayuri, in der er das Flüstern von Chronos wahrnehmen konnte. Er trat an die Arena, seine Bewegungen so ökonomisch und kontrolliert, dass selbst Tyson, der gerade schnaufend durch den Hintereingang hereinplatzte, kurz innehielt.
„Bin da! Bin da!“, rief Tyson und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Hab ich was verpasst? Hat mein Sohn den kühlen Hiwatari-Prinzen schon aus dem Ring gefegt?“
Kai warf Tyson einen seitlichen Blick zu. „In deinen Träumen, Granger.“
Gou lächelte nicht, doch seine Augen blitzten dunkelviolett auf. Er spannte den Testblade in den Launcher ein. Das leise, magnetische Summen, das er bereits im Bentley gespürt hatte, wurde nun zu einem tiefen Dröhnen in seinem Inneren. Er musste den Bit Chip nicht einmal wechseln. Durch seine spirituelle Verbundenheit mit Corvus, konnte er seinen Geist auf jeden beliebigen Blade projizieren.
Gou spürte, wie die Luft im Dojo elektrisch wurde. Es war nicht nur die Anspannung vor dem Kampf, sondern die schiere Präsenz so vieler Bit-Beast-Auren an einem Ort.
Gerade als Makoto und Gou ihre Positionen an der Arena einnahmen, hob Kai die Hand. Sein Blick glitt streng zu den drei kleinen Mädchen, die fast mit den Nasen an der Begrenzung klebten.
„Sayuri, Mirai, Hina – ein Stück zurück“, befahl er mit seiner tiefen, unmissverständlichen Stimme. „Setzt euch auf die markierte Linie. Wenn die Beys aufeinandertreffen, entstehen Entladungen, die für euch gefährlich sein können. Ich möchte nicht, dass euch ein Funken trifft.“
Die Mädchen gehorchten sofort. Sogar die quirlige Hina rückte brav ein Stück nach hinten, während Sayuri und Mirai sich mit fast identischer, ernster Miene nebeneinander auf den Holzboden knieten. Sie wussten, dass ihr Vater bzw. Onkel es ernst meinte, wenn es um die Sicherheit im Dojo ging.
Makoto trat vor und hielt seinen Beyblade mit einem breiten, fast schon herausfordernden Grinsen in die Höhe. Das Licht der Deckenstrahler brach sich auf der vertrauten Oberfläche.
„Heute ist übrigens alles anders, Gou!“, rief Makoto, und sein Stolz war fast greifbar. „Keine Übungs-Beys mehr. Mein Dad hat entschieden, dass ich bereit bin. Er hat mir letzte Woche endlich Dragoon übergeben! Ich habs dir vorher nicht gesagt um dich damit zu überraschen!“
Ein Raunen ging durch die kleine Zuschauergruppe. Hilary sah zu Tyson, der sich verschmitzt die Nase rieb. Tyson hatte seinem Sohn endlich das legendäre Bit-Beast der Granger-Familie anvertraut.
Gou verengte die Augen. Er spürte sofort, dass sich die Energie auf der anderen Seite der Arena verändert hatte. Corvus in seiner Seele sträubte die Federn und gab ein warnendes Krächzen von sich. Bisher hatte Gou durch sein angeborenes Bit-Beast oft einen Vorteil gegenüber Makotos technischen Beys gehabt. Doch nun stand ihm Dragoon gegenüber – die Urgewalt des Sturms, eine Legende, die Kais Dranzer über Jahre hinweg Paroli geboten hatte.
„Das ändert die Variablen“, stellte Gou trocken fest, während er den Beyblade in seinen Launcher einrastete. „Aber ein legendäres Bit-Beast zu besitzen bedeutet nicht automatisch, es auch kontrollieren zu können. Dragoon ist eigenwillig, Makoto. Bist du sicher, dass du mit seinem Zorn umgehen kannst?“
„Das wirst du gleich sehen!“, konterte Makoto. Er nahm seine Kampfhaltung ein, die Beine weit auseinander, genau wie Tyson es immer getan hatte. „Wir werden deinen Corvus einfach aus dem Himmel blasen!“
Kai und Tyson standen nun jeweils hinter ihren Söhnen. Es war ein Bild für die Götter: Die zwei Rivalen von einst sahen zu, wie ihre Kinder das nächste Kapitel ihrer Geschichte schrieben.
„Konzentrier dich auf das Zentrum, Gou“, sagte Kai leise, gerade laut genug, dass nur sein Sohn es hören konnte. „Unterschätze den Wind nicht. Dragoon kämpft nicht nur mit Kraft, sondern mit dem Chaos.“
Nami trat zu Hana und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Siehst du das?“, flüsterte sie ihrer Schwester zu. „Es ist, als ob wir in die Vergangenheit blicken, nur dass unsere Kinder jetzt im Rampenlicht stehen.“
„Drei!“, rief Tyson mit seiner Donnerstimme.
„Zwei!“, stimmte Hilary mit ein.
„Eins!“, piepsten die kleinen Mädchen im Chor.
„Let it rip!“
Die Beys schossen mit einer solchen Wucht in die Arena, dass die Luft förmlich zerriss. Dragoon wirbelte sofort einen gewaltigen Luftstrom auf, der das Magnetfeld von Corvus herausforderte. Es war kein gewöhnliches Training mehr – es war der Beginn einer neuen Rivalität zwischen Sturm und Magnetismus.
Der Aufprall der beiden Beys in der Mitte der Arena erzeugte eine Druckwelle, die das staubige Sonnenlicht im Dojo für einen Moment erzittern ließ. Sofort füllte sich die Halle mit einem markerschütternden Kreischen von Metall auf Metall.
Makotos Dragoon bewegte sich wie eine Naturgewalt. Der Bey wirbelte mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ein kleiner Zyklon im Zentrum des Stadions entstand. „Jetzt, Dragoon! Zeig ihm, was echter Wind ist!“, brüllte Makoto, und man sah förmlich, wie der blaue Drache in der Arena Gestalt annahm.
Gou biss die Zähne zusammen. Er hielt seinen Launcher fest umschlossen und spürte die Vibrationen bis in seine Schultern. Der Beyblade, den er heute benutzte, war ein neuer Prototyp der Tachiwari-Corporation – eine Konstruktion aus einer speziellen Wolfram-Legierung, die darauf ausgelegt war, Corvus’ magnetische Impulse noch effizienter zu leiten. Doch das zusätzliche Gewicht und die veränderte Gewichtsverteilung machten den Kreisel störrisch.
~Er ist schwerer zu kontrollieren als der letzte~
dachte Gou verbissen.
~Die Trägheit ist höher, Corvus muss mehr Energie aufwenden, um die Rotation stabil zu halten~
„Was ist los, Gou? Zu schwer für dich?“, lachte Makoto, während Dragoon Corvus mit einer Serie von Sturmangriffen gegen den Rand der Arena drängte.
Gou schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen. Er suchte die Verbindung zu dem Raben in seiner Seele.
~Jetzt, Corvus. Manipuliere die Polarität der Bodenplatte~
Plötzlich veränderte sich das Geräusch des Kampfes. Ein tiefes, elektrisches Brummen übertönte das Pfeifen des Windes. Um Gous Beyblade bildete sich eine dunkelviolette Korona. Durch die magnetische Anziehungskraft wurde Corvus förmlich am Boden der Arena „festgesaugt“, was ihn unbeweglich wie einen Felsblock machte. Seitdem Gou das erste Mal in den neuen Arenen mit Corvus gekämpft hatte, wusste er, dass sein Bit Beast ein Talent dafür hatte die Physik des Magnetismus zu seinem Vorteil zu nutzen. Dragoons wütende Angriffe prallten wirkungslos ab, als würde Makoto gegen eine Granitmauer rennen.
„Magnetische Barriere!“, rief Gou. Er nutzte das Gewicht des Prototyps nun zu seinem Vorteil. Da der Bey schwerer war, konnte er die magnetische Stabilität nutzen, um Dragoon bei jedem Aufprall einen Teil seiner kinetischen Energie zu entziehen.
Makoto wurde nervös. „Nicht aufgeben, Dragoon! Storm Attack!“
Der blaue Bey stieg in die Luft, um zu seinem finalen Schlag anzusetzen, doch Gou hatte nur darauf gewartet. Er spürte, wie Corvus’ Aura fast schmerzhaft hell in ihm aufleuchtete. Mit einer präzisen Handbewegung dirigierte er seinen Bey in einer engen Kurve.
„Polaritätsumkehr!“, befahl Gou.
In dem Moment, als Dragoon zum Einschlag herunterkam, wechselte das Magnetfeld von Anziehung zu extremer Abstoßung. Der Effekt war wie eine unsichtbare Feder: Dragoon wurde mit doppelter Wucht nach oben katapultiert, verlor die Balance und schlug hart außerhalb des Rings auf den Holzboden auf.
Keuchend und mit zitternden Händen fing Gou einige Sekunden später seinen Beyblade auf, der noch immer gefährlich vibrierte. Die Hitze des Gehäuses brannte fast auf seiner Haut.
Es war still im Dojo.
„Das war... knapp“, schnaufte Makoto und hob seinen Dragoon auf. Er sah Gou mit einer Mischung aus Frust und tiefem Respekt an. „Echt jetzt, Gou. Du hast gewonnen, aber ich hab dich schwitzen sehen!“
Gou atmete tief durch und versuchte, sein Zittern zu verbergen. Er war tatsächlich überrascht. Makotos Fortschritt mit Dragoon war phänomenal. „Du hast dich verbessert, Makoto. Deine Kontrolle über den Luftstrom ist... präziser geworden. Du hättest du mich heute fast gehabt.“
Er sah hinunter auf den Prototyp in seiner Hand. Die Technik war mächtig, aber sie forderte ihren Tribut. Die Verschmelzung seiner eigenen Energie mit der des schweren Beys hatte ihn mehr Kraft gekostet, als er zugeben wollte.
Kai trat hinter seinen Sohn und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er spürte die Hitze, die von Gous Körper ausging. „Du hast dich auf die Technik verlassen, als die Kraft nicht reichte“, sagte Kai leise. „Ein riskanter Zug mit einem ungetesteten Prototyp. Aber effektiv.“
Tyson lachte dröhnend und klopfte Makoto so fest auf den Rücken, dass dieser fast vornübergekippt wäre. „Hast du das gesehen, Kai? Mein Junge hat deinen 'kühlen Prinzen' ordentlich unter Druck gesetzt! Das nächste Mal gehört der Sieg uns!“
Nami trat zu Gou und reichte ihm ein Handtuch, ihr Blick war voller Stolz, aber auch mit einer Spur mütterlicher Sorge. „Du hast gut gekämpft, Gou. Aber übertreib es nicht mit den Prototypen. Dein Körper muss mit der Technik Schritt halten können.“
Am Rand der Arena saßen die kleinen Mädchen immer noch wie verzaubert. Sayuri sah zu Gou auf, ihre Augen groß und dunkel. „Der Rabe hat heute gewonnen, Gou“, flüsterte sie.
Gou wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachtete den Prototyp in seiner Hand erneut kritisch. „Er ist zu massiv, Vater“, stellte er fest, während sein Atem langsam wieder ruhiger wurde. „Die magnetische Leitfähigkeit ist zwar exzellent, aber das Gewicht verzögert die Reaktionszeit von Corvus um Millisekunden. In einem Profi-Match gegen einen agilen Gegner könnte das der entscheidende Nachteil sein. Wir müssen die Legierung anpassen oder das Gehäuse skelettieren.“
Kai verschränkte die Arme und nickte langsam. „Ich sehe das ähnlich. Die Theorie hinter der Wolfram-Mischung ist solide, aber die Praxis zeigt Risse. Wir werden das demnächst unter härteren Bedingungen in den Testarenen der Tachibey Academy validieren. Dort können wir die Gravitation und die Oberflächenbeschaffenheit digital anpassen. Wenn er dort besteht, wissen wir, ob das Gewicht ein Hindernis oder ein versteckter Vorteil ist.“
Während die Männer und Jungs sich weiter in technische Details vertieften, hatten sich Nami und Hana in den hinteren Bereich des Dojos zurückgezogen, wo Hilary bereits Tee und eine große Platte mit frischen Mochi vorbereitet hatte.
Nami goss den Tee ein, doch ihr Blick blieb immer wieder an ihrer Schwester hängen. Hana wirkte heute anders. Da war ein Strahlen in ihren amethystfarbenen Augen, das über ihre gewohnte, professionelle Eleganz hinausging. Zudem beobachtete Nami mit hochgezogener Augenbraue, wie Hana bereits zum dritten Mal zu den süßen Mochi griff – ein Appetit, der für die sonst so disziplinierte Anwältin ungewöhnlich war.
Nami spürte, dass Hana etwas auf dem Herzen lag, das sie unter der Oberfläche zum Leuchten brachte.
Während Gou und Kai noch über die Wolfram-Legierung des Prototyps debattierten, setzte Nami sich mit einer Tasse Tee zu Hana.
„Du strahlst so sehr, dass man es fast im ganzen Dojo spüren kann“, flüsterte Nami leise, damit die anderen es nicht hörten. „Und ich habe dich noch nie drei Mochi hintereinander essen sehen.“
Hana hielt kurz inne, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie strich sich eine Strähne ihres silbrig weißen Haares hinter das Ohr und sah zu ihren Töchtern Akari und Mirai, die mit Hina spielten. Die beiden Mädchen stammten aus ihrer Ehe mit Zayn, und obwohl sie ihr ganzes Glück waren, fühlte sich die Beziehung zu Vladimir Ivanov nach etwas völlig Neuem, Tieferem an.
„Du kennst mich wieder mal am Besten. Ich weiß es noch nicht sicher“, gestand Hana leise und beugte sich zu Nami vor. „Ich habe noch keinen Test gemacht, aber ich bin seit einer Woche überfällig.“
Nami weitete die Augen. „Hana! Das wäre...“
„Es war tatsächlich geplant....aber dass es direkt beim ersten Versuch klappt, hätte ich nicht gedacht...“, unterbrach Hana sie sanft, ein ernsterer Ausdruck trat in ihre amethystfarbenen Augen. „Vladimir und ich haben lange darüber geredet. Wir sind zwar erst seit ein paar Monaten offiziell ein Paar, aber wir wissen, was wir wollen. Und ich werde bald 36, Nami. Ich habe nicht mehr ewig Zeit, wenn wir eine eigene Familie gründen wollen.“
Nami legte ihre Hand auf die ihrer Schwester. „Vladimir wird ein großartiger Vater sein. Er ist zwar ein Ivanov, aber er hat das Herz am rechten Fleck – genau wie Kai.“
Hana nickte. „Er weiß es auch noch nicht. Ich wollte erst sichergehen, bevor ich die Pferde scheu mache. Aber dieses Gefühl... dieses Ziehen... es fühlt sich richtig an.“
Nami spürte plötzlich ein vertrautes Kribbeln im Nacken – jene kühle, kraftvolle Präsenz, die sie immer wahrnahm, noch bevor er den Raum betrat oder ein Wort sagte. Sie drehte sich um und sah, dass Kai direkt hinter ihnen stand. Er wirkte wie eine Statue aus Granit, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick unbewegt auf die Szenerie gerichtet.
Nami wusste sofort: Er hatte jedes einzelne Wort gehört. Seine Sinne waren durch die jahrelange Verschmelzung mit Dranzer so scharf, dass ihm in diesem Dojo kaum etwas entging.
„Glaubst du wirklich, dass Vladimir es sich nicht schon längst denken kann?“, fragte Kai mit seiner tiefen, trockenen Stimme, ohne die Miene zu verziehen.
Hana blinzelte überrascht und sah zu ihrem Schwager auf. „Wie kommst du darauf, Kai? Warum sollte er?“
„Du hast gerade gesagt, du seist überfällig“, entgegnete Kai schlicht, als wäre es die logischste Schlussfolgerung der Welt.
Hana musste unwillkürlich grinsen. Sie schüttelte den Kopf, was ihr langes, silbernes Haar zum Schwingen brachte. „Kai, Vladimir ist ein aufmerksamer Mann, aber er trackt sicher nicht meinen Zyklus, um auf so etwas zu achten. Woher sollte er es also wissen? Machst du etwa so was, oder warum fragst du so gezielt?“
Ein kurzes Schweigen entstand. Kai wandte den Kopf ganz langsam zur Seite und warf Nami einen bedeutungsvollen Seitenblick aus seinen roten Augen zu.
Nami starrte ihn mit offenem Mund an. Ihr Lachen sprudelte fast augenblicklich hervor, halb ungläubig, halb amüsiert. „Kai! Das ist jetzt ein Witz, oder? Willst du mir gerade ernsthaft sagen, dass du das bei mir machst? Seit wann bitte?“
Kai verzog keine Miene, doch in der Tiefe seiner Augen blitzte ein Funken jener besitzergreifenden Fürsorge auf, die schon so viele Schlagzeilen produziert hatte. „Seit Sayuris Geburt mache ich das automatisch“, erklärte er so trocken, als würde er über Quartalszahlen der Tachiwari-Corporation sprechen. „Ich möchte auf alles vorbereitet sein. Unvorhersehbare Variablen liegen mir nicht.“
Nami lachte noch lauter, stand auf und schlug ihm spielerisch gegen den Oberarm. „Du bist unglaublich! Der große Kai Hiwatari führt Buch über meine Biologie?“
„Es ist eine Frage der Effizienz“, verteidigte er sich kurz angebunden, bevor sein Blick wieder ernster wurde. Er sah von Nami zu Hana und zurück. „Und was dich angeht...“, er fixierte Nami mit einem warnenden, aber dennoch sanften Unterton, „...komm mir die nächsten Wochen bloß nicht auf dumme Ideen, wenn du mit Hana losziehst, um Babysachen zu shoppen. Ich kenne diesen Blick bei dir. Wir haben vier Kinder, Nami. Das Haus ist voll genug.“
Hana kicherte hinter ihrer Hand. „Oh, Kai, unterschätze niemals die Macht von kleinen Stramplern und Babyschuhen auf eine zweifache Mutter... oder in Namis Fall vierfache.“
Nami grinste ihren Mann herausfordernd an. „Keine Sorge, Kai. Ich werde Hana nur... beraten. Aber versprechen kann ich gar nichts. Wenn ich etwas besonders Süßes sehe, landet es vielleicht ganz aus Versehen in meinem Einkaufswagen.“
Kai gab ein Husten von sich, das wie ein resigniertes Seufzen klang.
Hana sah zwischen Kai und Nami hin und her, ein amüsiertes, aber auch leicht verwirrtes Lächeln auf den Lippen. Sie schüttelte den Kopf, während sie sich eine weitere Mochi nahm.
„Kai, ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum du so besorgt dreinschaust“, sagte Hana und lachte leise. „Selbst wenn Nami und ich in einen Kaufrausch für Babysachen verfallen – bei euch bleibt es bei vier Kindern. Du bist doch eh sterilisiert. Es ist ja nicht so, als könnte da noch ein ‚Unfall‘ passieren, nur weil ihr euch im Laden süße Strampler anschaut.“
Hana war sichtlich nicht eingeweiht. Im Gegensatz zu Vladimir, Tala und Hiro, die Kais „medizinisches Wunder“ bereits in jedem Detail kannten, wusste sie nichts von der spirituellen Dynamik zwischen den beiden. Sie ahnte nicht, dass Namis Bit-Beast-Aura so stark mit Kais Bit-Beast-Aura kommuniziert, dass ihr bloßer, tief empfundener Wunsch nach einem Kind seine Aura dazu bewegt die eigene physische Realität bereits zweimal komplett umzuschreiben.
Nami begann zu kichern, ein helles, fast schon schelmisches Geräusch, das Kai dazu brachte, den Blick noch ein wenig mehr zu verfinstern. Sie sah ihre Schwester mit einem vielsagenden Funkeln an.
„Oh, Hana...“, hauchte Nami und drückte kurz ihren Arm. „Es gibt da ein paar Details über das Zusammenspiel unserer Auren, die ich dir bisher verschwiegen habe. Sagen wir einfach, bei uns ist das mit der Biologie eher so eine Art... Empfehlung, kein Gesetz.“
Hana hob eine Braue. „Was meinst du damit?“
„Das erkläre ich dir ganz ausführlich, wenn wir nächste Woche losziehen, um die ersten Sachen für dein Kleines auszusuchen...falls es sich bestätigt“, versprach Nami zwinkernd. Dann wandte sie sich wieder Kai zu, der immer noch diese abwartende, fast schon strategische Miene aufgesetzt hatte, als würde er eine drohende Invasion planen.
Sie trat einen Schritt auf ihn zu, legte ihm die Hände auf die Brust und sah zu ihm auf. „Beruhig dich, Kai. Du kannst dein Zyklus-Tracking-Programm im Kopf erst einmal im Standby-Modus lassen. Ich meine es ernst.Vier sind genug. Unser Haus ist voll, mein Herz ist voll, und ich bin glücklich so, wie es ist. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, dass ich beim Anblick von winzigen Söckchen plötzlich meine Aura auf deine Physis loslasse. Und das sage ich dir jetzt gefühlt zum zehnten Mal in vier Jahren.“
Kai sah sie lange an, seine roten Augen suchten in ihren ozeanen nach der Wahrheit. Nach einem Moment der Stille legte er seine großen Hände über ihre und entspannte seine Schultern merklich, auch wenn sein Blick immer noch diese typische, besitzergreifende Intensität behielt.
„Gut“, entgegnete er trocken, doch der Griff um ihre Hände war sanft. „Denn ich bin mir nicht sicher, ob die Tachiwari-Corporation oder meine Nerven ein fünftes Mal dieses... Phänomen überstehen würden.“
Hana beobachtete die beiden mit wachsender Neugier. „Jetzt bin ich erst recht gespannt auf unseren Shopping-Trip, Nami. Das klingt nach einer Geschichte, die ich als Anwältin wahrscheinlich als 'biologisch unmöglich' einstufen müsste.“
„Das ist das Schöne an unserer Familie“, lachte Nami und setzte sich wieder neben Hana.
„Das Unmögliche ist bei uns der Standard.“
Gou hatte das Gespräch seiner Eltern und Tante Hana aus einigen Metern Entfernung mitgehört, während er vorgab, die Sensordaten auf seinem Tablet zu kalibrieren. Er spürte, wie seine Augenbrauen immer weiter nach oben wanderten. Er stieß einen tiefen, genervten Seufzer aus, der fast wie das Krächzen von Corvus klang.
~„Das Unmögliche ist bei uns der Standard“~, echote es in seinem Kopf.
Großartig, dachte er grimmig. Nicht nur, dass ich mir den Weg zur Schule wegen der Unterwäsche-Plakate neu planen muss, jetzt diskutieren sie im Dojo auch noch über Zyklus-Tracking und biologische Wunderheilungen. Er sah vor seinem geistigen Auge schon die nächste Schlagzeile: „Die Hiwatari-Dynastie – Wo Biologie nur eine Meinung ist“. Er klappte das Tablet mit einem hörbaren Geräusch zu. Wenn er nicht bald die Weltmeisterschaften erreichte, würde sein ganzer Ruf als kühler Stratege im Schatten der bizarren Romantik seiner Eltern untergehen.
In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Dojo erneut. Vladimir Ivanov trat ein, die kühle Abendluft von Tokio im Schlepptau. Er wirkte massiv, seine Präsenz sofort den Raum einnehmend, während er seinen dunklen Mantel ablegte. Sein Blick suchte sofort Hana, und als er das Strahlen in ihrem Gesicht sah, entspannte sich seine Miene für einen flüchtigen Moment.
„Ich hoffe, ich habe das Wichtigste nicht verpasst“, sagte er mit seiner tiefen, leicht rauen Stimme und nickte Kai und Nami zu, bevor er auf Hana zuging.
„Gerade rechtzeitig für den Tee... und eine Menge Neuigkeiten“, erwiderte Hana mit einem geheimnisvollen Lächeln.
Drei Jahre später....
Gou betrachtete sein Spiegelbild ein letztes Mal, bevor er das Ayame-Anwesen verließ. Das Bild, das ihm entgegenblickte, war fast schon unheimlich in seiner Ähnlichkeit zu den alten Fotos seines Vaters aus der G-Revolution-Ära. Mit seinen fast 15 Jahren war Gou zu einem beeindruckend muskulösen und athletisch gebauten jungen Mann herangewachsen. Sein Auftreten wirkte bereits jetzt sehr maskulin für sein Alter, eine Eigenschaft, die er zweifellos von Kai geerbt hatte.
Ein Detail jedoch unterschied ihn deutlich von den Erinnerungen an seinen Vater: Mit seinen 1,70 m war er bereits drei Zentimeter größer, als Kai es zu dieser Zeit gewesen war. Damit hatte er nun auch seine Mutter Nami offiziell überholt, die mit ihren 1,68 m bisher immer zu ihm herabgesehen hatte.
Die letzten drei Jahre waren für Gou wie im Flug vergangen. Mit zwölf Jahren hatte er die nationale Szene im Sturm erobert und war aufgrund seines außergewöhnlichen Könnens sofort in einen der prestigeträchtigen BBA-Kader aufgenommen worden. Doch die Dynamik in seinem ersten Team – geprägt von internen Machtkämpfen und dem Hunger nach individuellem Ruhm – stießen ihn ab. Gou, der die stille Disziplin seines Vaters und die empathische Stärke seiner Mutter in sich vereinte, entschied sich für einen radikalen Schritt: Eine zweijährige Auszeit vom öffentlichen Blading.
In dieser Zeit widmete er sich fast ausschließlich seiner Ausbildung an der Privatschule. Er wollte mehr sein als nur „der Sohn von Kai Hiwatari“.
Nun, im Mai diesen Jahres, stand er ein Jahr vor seinem Abschluss und dem anschließenden Wechsel an die Universität. Doch die Abstinenz von der Arena endete heute. Nach zwei Jahren der Stille hatte er am Nachmittag einen Termin im BBA-Hauptquartier, direkt beim alten Mr. Dickenson....
Der Schultag zog sich für Gou wie zäher Kaugummi. Während er in der ersten Stunde in der Oberstufen-Mathematik komplexe Differenzialgleichungen löste, spürte er das vertraute, rhythmische Pulsieren von Corvus in seiner Seele. Der Rabe war unruhig; er spürte, dass heute etwas Großes bevorstand.
In der Mittagspause suchte Gou die Einsamkeit unter den blühenden Kirschbäumen auf dem Campus. Die letzten Blütenblätter fielen wie Schnee auf seine dunkle Schuluniform. Er ignorierte wie immer die tuschelnden Gruppen von Schülerinnen, die ihn aus der Ferne beobachteten. Sein maskulines Auftreten und die kühle Aura, die er ausstrahlte, machten ihn zu einem ständigen Gesprächsthema, doch Gou blieb unnahbar.
„Du siehst heute besonders... fokussiert aus, Gou“, unterbrach eine vertraute Stimme seine Gedanken.
Es war Akari, seine Cousine, die bereits seit Kurzem Fünfzehn Jahre alt war und ebenfalls eine beeindruckende Präsenz an der Schule darstellte. Sie lehnte sich gegen den Baumstamm neben ihm. „Man erzählt sich, dass du heute zum Hauptquartier fährst. Geht es um das neue Nationalteam?“
Gou sah nicht von seinem Tablet auf, auf dem er noch immer die neuesten Simulationsdaten des Corvus-Nachfolgers prüfte. „Ich höre mir an, was sie zu sagen haben, Akari. Wenn die Dynamik wieder nicht stimmt, bleibe ich bei meinem Studium.“
„Du bist genau wie dein Vater“, lachte Akari leise. „Aber du weißt, dass die BBA dich braucht. Seit du weg bist, fehlt der Szene irgendwie die... Ordnung.“
Gou antwortete nicht. Er dachte an den Termin am Nachmittag.
Der Schultag endete für ihn nach der sechsten Stunde. Als er seine Sachen packte, spürte er erneut die Blicke der Lehrer und Mitschüler. Alle wussten, dass der „kühle Prinz“ der Hiwatari-Familie heute vielleicht seinen Thron in der BBA zurückfordern würde.
Draußen wartete bereits der Bentley. Graham stand mit der gewohnten stoischen Ruhe am Wagenrad, doch als Gou auf ihn zuging, blitzte ein Funken Respekt in den Augen des alten Butlers auf. Gou war kein Kind mehr, das man zum Training fuhr – er war ein Mann, der seine eigene Bestimmung suchte.
Er war gerade auf dem Weg zum Ausgang, als sich ihm plötzlich eine Gruppe Mädchen in den Weg stellte. Sie besuchten die Stufe unter ihm und begannen sichtlich zu erröten, als er stehen blieb und sie mit seinem intensiven, kühlen Blick musterte. Sein maskulines Auftreten ließ ihn deutlich reifer wirken als seine Altersgenossen.
Hiromi, die zweifellos hübscheste der Clique, trat einen Schritt vor. Sie versuchte, ihre Nervosität zu verbergen, doch ihre Stimme zitterte leicht. „Gou... weißt du eigentlich, dass bald der Sommerball der Schule ansteht?“
Gou sah sie ungerührt an. „Das ist mir bewusst“, entgegnete er trocken. „Willst du mich jetzt – genau wie die zehn anderen Mädchen vor dir – fragen, ob ich mit dir dorthin gehe?“
Hiromi erstarrte förmlich. Ihr Gesicht nahm den gleichen tiefroten Ton an wie das ihrer Freundinnen im Hintergrund. Ihre selbstbewusste Fassade bröckelte und sie senkte schüchtern den Blick. „Ich... ja, genau das wollte ich fragen. Wenn du aber bereits jemanden hast, tut es mir leid, dass ich dich belästigt habe.“
Gou überlegte kurz, während er sie schweigend beobachtete. Innerlich war er zutiefst genervt. Die letzte Woche war ein einziger Spießrutenlauf gewesen; ständig wurde er belagert und auf diese Veranstaltung aufmerksam gemacht. In seinen Augen war der Ball eine völlig unnütze Zeitverschwendung. Er hatte in seiner Freizeit wahrlich Wichtigeres zu tun – besonders heute, da sein Termin im BBA-Hauptquartier anstand.
Doch während er überlegte meldete sich der kühle Stratege in ihm zu Wort. Er wusste, dass er aufgrund seines Status und seiner familiären Verpflichtungen praktisch gezwungen war, auf diesem Ball zu erscheinen. Wenn er dort allein aufkreuzte, würde die Belästigung durch heiratswütige Mitschülerinnen nur noch schlimmer werden.
Obwohl er mittlerweile durchaus Interesse am anderen Geschlecht entwickelt hatte, waren seine Anforderungen hoch. Äußerlich kam Hiromi seinen Vorstellungen zwar recht nahe, doch sie war ihm – genau wie der Rest der Mädchen an dieser Schule – viel zu devot und leicht zu durchschauen. Dennoch war sie die logischste Wahl, da der Ball bereits in weniger als fünf Tagen stattfinden sollte.
Gou legte sein stoisches Gesicht für einen Moment ab. Ein leichtes, fast schon gefährliches Schmunzeln legte sich auf seine Lippen, was Hiromi fast den Atem raubte und sie die Augen weiten ließ. Er strahlte nun jene selbstbewusste Dominanz aus, die seinen Vater einst so berüchtigt gemacht hatte.
„Gib mir deine Nummer, Hiromi“, sagte er mit fester Stimme. „Ich werde dich am Freitag um punkt achtzehn Uhr bei dir zu Hause abholen.“
Gou sah, wie Hiromi in diesem Moment vollkommen die Fassung verlor. Sie war so überfordert, dass sie ihr Smartphone beinahe fallen ließ, als sie es mit zitternden Fingern aus ihrer Tasche kramte. Das fahrige Getippe dauerte Gou zu lange; es widersprach seinem Sinn für Ordnung und Zeitmanagement.
Bevor sie auch nur eine weitere Bewegung ihrer Finger machen konnte, nahm er ihr das Gerät kurzerhand aus der Hand. Ohne eine Miene zu verziehen, tippte er seine Nummer mit schnellen, präzisen Bewegungen direkt in ihre Kontakte ein – für ihn war das schlichtweg der effizientere Weg. Als er fertig war, drückte er ihr das Handy wieder in die Hand, drehte sich ohne ein weiteres Wort um und schritt mit wehendem Schulsakko in Richtung des wartenden Wagens davon.
Graham, der am Bentley lehnte, hatte die gesamte Szene mit der unerschütterlichen Ruhe eines Mannes beobachtet, der schon ganz andere Hiwatari-Dramen miterlebt hatte. Er sah zu den Mädchen hinüber, die Gou wie unter einem Zauberbann nachstarrten. Hiromi war mittlerweile vollends die Kraft in den Beinen entwichen; sie sank zitternd auf ihre Knie, das Handy wie einen heiligen Gral mit beiden Händen fest an ihre Brust geklammert.
Als Gou den Wagen erreichte und das vielsagende, amüsierte Funkeln in Grahams alten Augen bemerkte, zuckten seine Mundwinkel für einen winzigen Moment verräterisch. Er straffte die Schultern und sagte trocken, während er an dem Butler vorbeiging:
„Kein Wort, Graham...“
„Natürlich nicht, Master Gou“, erwiderte Graham mit einer tiefen Verbeugung und der Spur eines Lächelns, das nur ein langjähriger Vertrauter zu zeigen wagte. „Ich nehme an, die Planung für Freitagabend unterliegt der gewohnten Diskretion?“
Gou antwortete nicht, sondern stieg in den Fond des Wagens. Während Graham die Tür schloss und den Motor startete, lehnte sich Gou zurück und schloss die Augen. Der Duft von Kirschblüten wich dem vertrauten Geruch von Leder und Technik.
Der Bentley glitt lautlos durch die gläsernen Schluchten von Minato, bis er vor dem imposanten Hauptquartier der BBA zum Stehen kam. Gou stieg aus, rückte sein Sakko zurecht und blickte an der Fassade hoch. Es war seltsam, nach zwei Jahren wieder hier zu sein.
Im obersten Stockwerk, in dem Büro mit der berühmten Aussicht über die Stadt, erwartete ihn bereits Mr. Dickenson. Der alte Mann war sichtlich gealtert, doch seine Augen blitzten immer noch vor Begeisterung, als er Gou eintreten sah.
„Gou! Mein Junge, setz dich doch“, sagte er und deutete auf den Sessel gegenüber seinem Schreibtisch. „Ich muss sagen, du wirst deinem Vater immer ähnlicher. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, die Zeit sei zurückgedreht worden.“
Gou setzte sich, die Bewegungen so kontrolliert und ökonomisch wie eh und je. „Vielen Dank, Mr. Dickenson. Kommen wir zum Geschäftlichen. Sie sagten am Telefon, dass sich die Strukturen geändert haben.“
Dickenson nickte und legte ein Dossier auf den Tisch. „Ganz recht. Wir stellen ein völlig neues Nationalteam zusammen. Keine internen Kaderkämpfe mehr, sondern eine handverlesene Elite. Und ich möchte, dass du der Kapitän bist. Wir haben bereits vier Talente im Auge, die das Team vervollständigen sollen: zwei Mädchen und zwei Jungen. Mit dir wären sie eine fünfköpfige Einheit, die Japan bei den kommenden Weltmeisterschaften repräsentieren soll.“
Gou nahm das Dossier und schlug die erste Seite auf. Seine Augen scannten die Profile der potenziellen Teamkameraden. Er suchte nicht nach Ruhm oder spektakulären Moves – er suchte nach Disziplin, Loyalität und einer Aura, die mit der von Corvus harmonieren würde.
„Zwei Mädchen und zwei Jungen...“, murmelte Gou, während er die Fotos betrachtete. „Erzählen Sie mir von ihnen. Wer sind sie und warum glauben Sie, dass sie unter meinem Kommando funktionieren werden?“
Mr. Dickenson lächelte zufrieden, als er sah, wie Gou die Profile mit der ihm eigenen Präzision studierte. „Hier sind die Details zu den vier Kandidaten, Gou. Es ist eine bunte Mischung aus Talenten, die alle eines gemeinsam haben: Sie leben seit Jahren in Japan und haben sich in der hiesigen Szene einen Namen gemacht.“
Gou schlug die erste Akte auf und fixierte das Foto des ersten Mädchens.
• Violeta Wasilewski (14): Sie stammte ursprünglich aus Polen, lebte aber schon seit geraumer Zeit in Japan. Mit ihren 1,60 m und dem blonden Haar wirkte sie auf den ersten Blick sehr zart, doch ihre rosèfarbenen Augen verrieten eine feurige Entschlossenheit. Ihr Bit Beast war Palos, ein flammendes Pferd. Gou registrierte sofort das Potenzial für Hochgeschwindigkeitsangriffe und Hitzeentwicklung.
Als nächstes betrachtete er das Profil der jüngsten im Team.
• Emilia Bland (13): Die gebürtige Australierin lebte bereits seit ihrem dritten Lebensjahr in Japan. Mit 1,55 m war sie die Kleinste der Gruppe, doch ihr Gesichtsausdruck wirkte frech und unerschrocken. Ihr Bit Beast Armadis, ein Gürteltier, beherrschte das Element Erde und konnte Gestein manipulieren. Defensive Stabilität, kombinierte Gou im Stillen. Ein guter Gegenpol zu Palos.
Dann wandte er sich den beiden jungen Männern zu. Das erste Foto ließ ihn kurz innehalten.
• Ryan Hunt (15): Ein US-Amerikaner, der seit fünf Jahren in Japan lebte. Ryan war genau wie Gou 1,70 m groß und zweifellos gutaussehend mit seinem dunkelbraunen Haar und den hellblauen Augen. Gou las aus seinem Blick eine gewisse Arroganz und Selbstgefälligkeit heraus – Ryan wusste ganz genau, wie er auf andere wirkte. Gou ahnte, dass er hier jemanden vor sich hatte, der sein Ego erst einmal dem Team unterordnen musste. Sein Bit Beast war ein hellblauer Schakal namens Glacius der genau wie Talas Wolborg, Eis manipulieren und erschaffen konnte.
• Seiya Miyazaki (fast 16): Obwohl er der Älteste war, wirkte Seiya mit seinen 1,66m und den sehr weichen Gesichtszügen auf den ersten Blick sehr jung. Sein dunkelviolettes Haar und die hellvioletten Augen gaben ihm eine fast mystische Aura. Er war wie Gou Japaner. Sein Bit Beast war ein riesiger violetter Falke, der genau wie Dragoon das Element Wind manipulieren konnte.
Gou legte das Dossier langsam auf den Tisch und verschränkte die Arme. Die Zusammensetzung war strategisch brillant: Feuer, Erde, Eis, Wind und Gous eigener dunkler Magnetismus. Es fehlte nur noch die menschliche Komponente, die alles zusammenhielt.
„Ryan Hunt wird eine Herausforderung für die Teamdisziplin“, stellte Gou trocken fest und sah Mr. Dickenson direkt an. „Und Seiya bringt die nötige Luftunterstützung, um meine magnetischen Felder zu flankieren. Die Mädchen bieten die nötige Balance zwischen Aggressivität und Verteidigung.“
Mr. Dickenson nickte eifrig. „Ich wusste, dass du die Synergien sofort erkennst. Sie warten im Trainingszentrum im Untergeschoss auf dich, Gou. Sie wissen noch nicht, wer ihr Kapitän sein wird. Ich dachte mir, der Effekt ist größer, wenn du einfach zur Tür hereinspazierst.“
Gou erhob sich. Er spürte, wie Corvus in seinem Inneren die Schwingen spreizte. Es war Zeit, aus dem Schatten der Schule und der Familie zu treten.
„Dann lassen wir sie nicht länger warten“, sagte Gou kühl.
Er verließ das Büro von Mr. Dickenson und fuhr mit dem gläsernen Aufzug tief in die unteren Ebenen des BBA-Hauptquartiers. Als sich die Türen öffneten, schlug ihm bereits die vertraute Atmosphäre einer Hochleistungs-Trainingshalle entgegen: das Surren von Launchern, das metallische Kreischen von kollidierenden Beys und der Geruch von Ozon.
Er trat aus dem Aufzug und blieb im Schatten des Eingangs stehen, um die Gruppe zunächst unbemerkt zu beobachten.
In der Mitte der Halle befand sich eine Arena mit variablen Magnetfeldern. Ryan Hunt stand lässig am Rand, seinen Beyblade spielerisch in der Hand wirbelnd. Er trug ein teures Sport-Outfit, das seine durchtrainierte Figur betonte, und unterhielt sich mit Violeta, die konzentriert ihre Abschusstechnik korrigierte. Emilia saß auf dem Rand der Arena und ließ ihre Beine baumeln, während sie Seiya dabei beobachtete, wie er seinen Falken-Bey in einer perfekten Flugkurve durch die Halle dirigierte.
Gou löste sich aus dem Schatten und trat mit festen Schritten auf die Gruppe zu. Das Echo seiner Schritte auf dem polierten Boden ließ die Gespräche verstummen.
Ryan war der Erste, der sich umdrehte. Er musterte Gou von Kopf bis Fuß, sein Blick blieb kurz an Gous Gesicht hängen, das Kais G-Revolution-Ära so verblüffend ähnlich sah. Ein arrogantes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er bemerkte, dass Gou genau so groß war wie er selbst.
„Sieh mal einer an“, rief Ryan mit seinem leichten amerikanischen Akzent in den Raum. „Mr. Dickenson sagte, der Kapitän würde persönlich vorbeischauen. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit, dass sie den Hiwatari-Prinzen aus dem Ruhestand holen.“
Violeta sah von ihrem Bey auf. Ihre rosèfarbenen Augen weiteten sich leicht, als sie Gou erkannte, und sie strich sich verlegen eine blonde Strähne aus dem Gesicht. Seiya hielt seinen Beyblade auf halbem Weg an und beobachtete Gou mit einem ruhigen, fast schon prüfenden Blick aus seinen hellvioletten Augen.
Gou blieb zwei Meter vor Ryan stehen. Die Luft im Raum schien schlagartig kühler zu werden, was nicht nur an Ryans Eis-Schakal lag, sondern an Gous bloßer Präsenz.
„Mein Name ist Gou Hiwatari“, sagte er kühl und ließ seinen Blick über die vier schweifen. „Und ob ich euch anführe oder ob ich dieses Dossier hier als Zeitverschwendung abhake, hängt ganz davon ab, was ihr in der Arena zu bieten habt.“
Ryan lachte kurz auf und trat einen Schritt vor, direkt in Gous persönlichen Raum. „Große Worte für jemanden, der zwei Jahre lang nur Schulbücher gewälzt hat. Wie wäre es mit einer kleinen Demonstration? Mein Schakal hat Hunger auf einen Raben.“
Gou verzog keine Miene. Er spürte, wie Corvus in seiner Seele die Federn sträubte, bereit, die Magnetfelder der Arena zu übernehmen. Er sah Ryan direkt in die hellblauen Augen.
„Wenn du eine Lektion in Demut brauchst, Ryan... ich bin bereit.“
Gou trat an die Arena, seine Bewegungen so präzise und ruhig, dass eine fast greifbare Spannung den Raum erfüllte. Ryan Hunt grinste herausfordernd und brachte seinen Launcher in Position. Die anderen drei Teammitglieder – Violeta, Emilia und Seiya – traten unwillkürlich einen Schritt zurück, um den beiden Platz zu machen.
„Bist du bereit, Wunderknabe?“, spottete Ryan, während er seinen Beyblade, Glacius, einrastete. „Ich hoffe, dein Corvus hat eine dichte Federung, denn hier drin wird es gleich verdammt kalt.“
Gou antwortete nicht. Er zog seinen Launcher. Sein Corvus-Blade schimmerte in einem dunklen, fast schwarzen dunkelblau. Er spürte die Kälte, die von Ryans Präsenz ausging, doch in seinem Inneren brannte das ruhige Feuer der Konzentration, das er jahrelang unter Kais Anleitung perfektioniert hatte.
„Drei!“, rief Emilia, die das Spektakel sichtlich genoss.
„Zwei!“, stimmte Violeta mit klopfendem Herzen ein.
„Eins!“
„Let it rip!“
Beide Beys schossen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in die Arena. Das metallische Kreischen beim ersten Aufprall war so laut, dass Seiya kurz die Augen zusammenkniff. Sofort begann die Temperatur in der Halle spürbar zu sinken. Blaue Eiskristalle bildeten sich auf der Oberfläche der Arena, wo Glacius seine Bahnen zog.
„Eis-Barriere!“, befahl Ryan. Der Schakal auf seinem Bey leuchtete hellblau auf, und eine Spur aus solidem Eis schoss über den Boden, um Corvus den Weg abzuschneiden.
Gou beobachtete die Flugbahn genau. Er sah, wie Corvus gegen die Eiswand steuerte. „Magnetische Levitation“, sagte er leise.
Kurz vor dem Aufprall änderte Corvus seine Polarität im Verhältnis zur Bodenplatte. Der Bey hob sich um Millimeter an und glitt förmlich über das Hindernis hinweg, ohne an Geschwindigkeit zu verlieren. Ryan riss die Augen auf. Er hatte nicht erwartet, dass Gou die Technik bereits in der ersten Sekunde so perfekt einsetzen würde.
„Nicht schlecht! Aber versuch das hier!“, brüllte Ryan. „Glacius, Blizzard-Reißzahn!“
Der hellblaue Schakal materialisierte sich als Aura über der Arena. Ein Sturm aus Eissplittern wirbelte auf Corvus zu, um ihn einzufrieren und seine Rotation zu stoppen. Gou blieb unbewegt stehen, seine Augen glühten in einem dunklen violetten Blau, das fast identisch mit der Aura seines Beys war.
„Du verlässt dich zu sehr auf die Elementarkraft, Ryan“, stellte Gou trocken fest. „Du vernachlässigst die Physik des Zentrums.“
Gou machte eine schnelle Handbewegung. „Corvus, Magnetischer Kollaps!“
Anstatt dem Sturm auszuweichen, steuerte Corvus direkt in das Zentrum des Blizzard. Inmitten der Eissplitter aktivierte Gou ein extrem starkes, pulsierendes Magnetfeld. Die Anziehungskraft war so heftig, dass die Eiskristalle nicht Corvus trafen, sondern von ihm angezogen und durch die Fliehkraft seiner Rotation wie Geschosse zurück auf Glacius geschleudert wurden.
Ryan musste einen Schritt zurückweichen, als sein eigener Beyblade von der Wucht seiner eigenen Eissplitter getroffen wurde. Glacius geriet ins Taumeln.
„Was zur...?!“, entfuhr es Ryan. Er versuchte verzweifelt, die Kontrolle zurückzugewinnen, doch Corvus war bereits wie ein Raubvogel im Sturzflug über ihm.
„Beenden wir das“, sagte Gou kühl. „Dunkler Impuls!“
Ein einziger, präziser Schlag traf Glacius genau am Schwachpunkt der Drehachse. Die magnetische Entladung war so stark, dass Ryans Beyblade mit einem lauten Knall aus der Arena katapultiert wurde und direkt vor Ryans Füßen im Boden stecken blieb.
Es herrschte absolute Stille im Trainingszentrum. Ryan starrte fassungslos auf seinen Bey, während Gou seinen Corvus, der immer noch leise summte, mit einer fließenden Bewegung auffing und in der Tasche seines Sakkos verschwinden ließ.
Gou sah Ryan direkt in die Augen, sein Blick war hart und unnachgiebig. „Du hast Talent, Ryan. Aber deine Arroganz macht dich blind für die Details. Wenn du in diesem Team bleiben willst, lernst du als Erstes, dass ein Kampf im Kopf gewonnen wird, nicht durch Posen.“
Er wandte sich an die gesamte Gruppe, die ihn nun mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Respekt ansah. „Ich bin ab heute euer Kapitän. Wir fangen morgen früh um sechs Uhr mit dem Training an. Wer zu spät kommt, kann sein Dossier direkt bei Mr. Dickenson wieder abgeben.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und ging zum Aufzug. Er spürte Corvus’ Zufriedenheit in seiner Brust. Die erste Schlacht war gewonnen, doch der Weg zur Weltmeisterschaft hatte gerade erst begonnen.
Draußen am Wagen öffnete Graham ihm die Tür. Er sah das kühle, aber zufriedene Funkeln in Gous Augen.
„Ich nehme an, die Lektion in Demut war erfolgreich, Master Gou?“, fragte der Butler ruhig.
Gou lehnte sich in die Ledersitze zurück. „Er hat Potenzial, Graham. Aber er braucht Schliff. Genau wie der Rest von ihnen.“
Variable: Schulball
Die nächsten vier Tage glichen einem perfekt getakteten Uhrwerk. Gou kannte kein Pardon – weder mit sich selbst, noch mit seinem neuen Team.
Jeden Morgen um punkt sechs Uhr hallte das Echo von Beyblades durch das BBA-Trainingszentrum. Während die Stadt noch schlief, trieb Gou Violeta, Emilia, Seiya und einen sichtlich kleinlauteren Ryan bis an ihre Grenzen. Er drillte sie in Formationen, ließ sie gegen automatisierte Verteidigungssysteme antreten und analysierte gnadenlos jeden Millimeter Abweichung in ihrer Flugbahn. Ryan versuchte anfangs noch, mit coolen Sprüchen zu kontern, doch unter Gous eisigem Schweigen und der puren Dominanz von Corvus ordnete er sich schließlich zähneknirschend unter.
Um 8:00 Uhr beendete Gou das Training, duschte in Rekordzeit und saß um 8:30 Uhr mit unbewegter Miene in seinem Klassenzimmer, als wäre der physische und mentale Kraftakt am Morgen nie geschehen.
In den Pausen wurde die Schule zum Schauplatz eines ganz anderen Dramas. Immer wieder kreuzten sich die Wege von Gou und Hiromi. Wann immer er an ihr und ihrer Clique vorbeischritt, erntete er ein euphorisches Tuscheln. Hiromis Freundinnen feierten sie wie eine Königin, die das Unmögliche geschafft hatte – ein Date mit dem „kühlen Prinzen“.
Gou entging dabei nicht das neidische Funkeln einiger Mitschülerinnen, das wie Giftpfeile in Hiromis Richtung geschossen wurden. Doch Hiromi schien dies nicht wirklich zu stören. Sie war eines der beliebtesten Mädchen der Schule; ihr Status war so fest zementiert, dass sie praktisch für diesen Moment unantastbar blieb. Sie schenkte Gou jedes Mal ein schüchternes, aber strahlendes Lächeln, das er lediglich mit einem minimalen, fast unmerklichen Nicken quittierte.
Am Freitag endete der Unterricht aufgrund der Ballvorbereitungen bereits zur Mittagszeit. Während Gou seine Tasche packte, traten drei seiner Mitschüler an seinen Tisch.
„Sag mal, Hiwatari“, begann Sota, ein sportlicher Junge, der bei den Mädchen der Schule eigentlich hoch im Kurs stand, „man erzählt sich ja wilde Dinge. Lässt du dich jetzt wirklich dazu herab, mit einem Mädchen auf diesen Ball zu gehen?“
Gou schloss den Reißverschluss seiner Tasche, ohne aufzusehen. „Es ist eine gesellschaftliche Verpflichtung, mehr nicht.“
„Und dann auch noch mit Hiromi“, fügte ein anderer lachend hinzu. „Hast du sie etwa gefragt?“
Gou warf ihnen einen kühlen Blick zu. „Sie hat mich gefragt. Und ich habe entschieden, dass sie die effizienteste Wahl als Begleitung ist.“
Ein kurzes, schockiertes Schweigen folgte, bevor die beiden anderen Jungen in schallendes Gelächter ausbrachen und Sota heftig auf die Schultern klopften. Sota hingegen lief rot an und sah aus, als wollte er im Boden versinken.
„Hört ihr das?!“, prustete einer der Jungs. „Sota hat Hiromi vor ein paar Tagen selbst gefragt und sie hat ihm eine eiskalte Abfuhr erteilt! Und kaum steht Hiwatari da, bettelt sie ihn an, mit ihr zu gehen!“
„Das ist hart, Sota! Wirklich hart!“, feixte der Zweite. „Selbst dein Status rettet dich nicht, wenn ein Hiwatari im Raum ist.“
Sota presste die Lippen zusammen und warf Gou einen Blick zu, der irgendwo zwischen Bewunderung und tiefem Frust schwankte. Gou hingegen schien das Ganze absolut nicht zu tangieren. Er schwang sich seine Tasche über die Schulter und ging an der Gruppe vorbei.
„Wir sehen uns heute Abend“, sagte Gou trocken im Gehen.
Im Ayame-Anwesen herrschte am Abend eine ungewöhnliche Atmosphäre, als Gou die Treppe hinunterstieg. Er trug einen maßgeschneiderten, nachtblauen Anzug, der seine athletische Figur perfekt betonte. Das weiße Hemd war bis oben hin geschlossen, auf eine Krawatte hatte er verzichtet – sein Auftreten war puristisch, modern und strahlte eine maskuline Dominanz aus, die weit über seine fünfzehn Jahre hinausging.
Nami stand im Foyer und hielt inne, als sie ihren Sohn sah. Ein stolzes, fast schon wehmütiges Lächeln legte sich auf ihre Lippen. „Du siehst fantastisch aus, Gou. Dass ich das noch erlebe... mein Sohn geht auf einen Schulball. Ich fühle mich alt..“
Gou rückte seine Manschetten zurecht. „Es ist eine rein strategische Entscheidung, Mutter. Um die ständigen Anfragen für die Zukunft zu unterbinden.“
„Natürlich ist es das“, erklang Kais tiefe Stimme aus dem Schatten des Korridors. Kai lehnte am Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Er musterte seinen Sohn mit einem Blick, der keine Emotionen verriet, doch Gou sah das kurze, anerkennende Nicken. „Sorg dafür, dass der Name Hiwatari dort mit dem nötigen Anstand repräsentiert wird. Und lass dich nicht von belanglosem Smalltalk ablenken. Hab außerdem einen Blick auf deine Cousine“
„Keine Sorge, Vater“, entgegnete Gou trocken.
Graham wartete bereits draußen am Bentley. Er hielt die Tür auf und sah Gou an, wie er es schon bei Kai vor Jahrzehnten getan hatte. „Ein denkwürdiger Abend, Master Gou. Punkt achtzehn Uhr wird es sein, wie befohlen.“
Die Fahrt zu Hiromis Haus verlief schweigend. Gou nutzte die Zeit, um auf seinem Tablet noch einmal die Rotationsdaten von Seiyas Falken-Bey zu prüfen, doch als der Wagen in die Einfahrt von Hiromis Elternhaus einbog, schaltete er das Gerät aus.
Dort, vor dem eleganten Hauseingang, stand sie. Hiromi trug ein fließendes, zartrosafarbenes Kleid, das perfekt mit ihren Haaren harmonierte. Sie sah wunderschön aus, doch als sie den schweren Wagen sah, presste sie nervös ihre kleine Handtasche an sich.
Graham stieg aus und öffnete die Tür. Gou trat heraus, die kühle Abendluft im Gesicht. Er blieb einen Moment stehen und musterte Hiromi mit seinem intensiven Blick. Das Mädchen errötete augenblicklich unter seinem Scan.
„Du bist pünktlich fertig“, stellte Gou schlicht fest, während er auf sie zuging.
„Du... du siehst toll aus, Gou“, brachte sie leise heraus, fast eingeschüchtert von seiner Ausstrahlung.
Gou bot ihr nicht den Arm an, wie es ein klassischer Gentleman tun würde, sondern deutete mit einer herrischen, aber nicht unhöflichen Geste auf den Wagen. „Steig ein. Wir wollen nicht zu spät kommen. Ich habe morgen früh um sechs Uhr wieder Training mit meinem Team.“
Hiromi schluckte kurz, ein Lächeln stahl sich dennoch auf ihr Gesicht. Sie wusste, dass sie die einzige war, die diesen Platz heute Abend an seiner Seite ergattert hatte.
Als sie im Wagen saßen, warf Graham einen Blick in den Rückspiegel und sah, wie Hiromi fast andächtig den luxuriösen Innenraum betrachtete, während Gou bereits wieder aus dem Fenster starrte, die Gedanken scheinbar schon wieder bei Corvus und dem BBA-Hauptquartier.
Der prunkvoll dekorierte Festsaal der Schule war bereits voller Licht und Musik, als der dunkelgrüne Bentley direkt vor dem Portal der Schule hielt. Ein Raunen ging durch die Menge der Schüler, die sich im Eingangsbereich versammelt hatten. Als Graham die Tür öffnete und Gou ausstieg, verstummten die Gespräche fast augenblicklich.
Gou wirkte in seinem dunklen Anzug wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt – eine Mischung aus moderner Eleganz und der unnahbaren Härte eines Kriegers. Als er Hiromi die Hand reichte, um ihr aus dem Wagen zu helfen, ging ein Raunen durch die Menge. Hiromi genoss den Moment sichtlich; sie wusste, dass sie in diesem Augenblick das am meisten beneidete Mädchen der gesamten Schule war.
Doch sobald sie den Saal wenig später betraten, legte sich eine fast schon ehrfürchtige Stille über die Tanzfläche. Sota und seine Freunde standen am Buffet und starrten mit offenem Mund zu ihnen herüber. Gou würdigte sie keines Blickes. Er schritt durch die Menge, als würde er ein Schlachtfeld inspizieren, die Hand von Hiromi fest, aber besitzergreifend auf seinem Unterarm.
Gou hatte gerade vor, sich mit Hiromi in eine etwas ruhigere Ecke zurückzuziehen, als sein gesamter Körper sich plötzlich anspannte. Seine Nackenhaare stellten sich auf, und in seinem Inneren gab Corvus ein scharfes, warnendes Krächzen von sich. Es war jener biologische Alarm, den er von Kai geerbt hatte – ein reinrassiger Beschützerinstinkt.
Sein Blick schoss wie ein Laser durch den Raum und blieb an einer Gruppe in der Nähe der Bühne hängen.
Dort stand Akari. Sie sah umwerfend aus, doch das war nicht das Problem. An ihrer Seite stand ein gutaussehender, etwa siebzehnjähriger Schüler aus der Abschlussklasse, der seinen Arm etwas zu vertraut um ihre Taille gelegt hatte und ihr gerade lachend etwas ins Ohr flüsterte.
Gous Augen verengten sich zu Schlitzen. Die kühle Aura, die ihn umgab, wurde augenblicklich eisig. Hiromi, die direkt neben ihm stand, zuckte unwillkürlich zusammen und sah ihn erschrocken an.
„Gou? Was ist los?“, flüsterte sie.
Gou antwortete nicht. Sein Blick brannte sich förmlich in den Rücken des älteren Schülers. Er spürte ein tiefes Brummen in seiner Brust. Akari war nicht nur seine Cousine; sie war Familie, und der Gedanke, dass irgendein Fremder sie so behandelte, löste in Gou einen archaischen Impuls aus.
Ohne ein Wort zu sagen, steuerte Gou direkt auf das Paar zu. Die Menge teilte sich vor ihm wie das Meer. Akari bemerkte ihn erst, als er bereits zwei Meter vor ihnen stand.
„Gou!“, rief sie überrascht und löste sich ein Stück von ihrem Begleiter. „Ich wusste gar nicht, dass du...“
Gou unterbrach sie nicht mit Worten. Er baute sich vor dem älteren Jungen auf, der gut fünf Zentimeter größer war als er, doch in diesem Moment wirkte Gou wie ein Riese. Er musterte den Fremden von oben bis unten mit einer Verachtung, die keine Fragen offen ließ.
„Wer ist das, Akari?“, fragte Gou, seine Stimme war leise, tief und gefährlich ruhig.
Der ältere Schüler versuchte, ein lässiges Lächeln aufzusetzen, doch als er in Gous dunkle, granatfarbene Augen blickte, die förmlich vor unterdrückter Kraft glühten, erlosch sein Grinsen sofort. Er nahm instinktiv die Hand von Akaris Taille.
„Ich bin Kaito“, stammelte der Junge. „Ich... ich wusste nicht, dass sie einen so... intensiven Cousin hat.“
Gou trat noch einen Schritt näher, bis er fast Brust an Brust mit Kaito stand. „Jetzt weißt du es“, entgegnete er trocken. „Und du wirst dich den restlichen Abend daran erinnern, dass dein Abstand zu ihr eine Frage deines Überlebenswillens ist. Haben wir uns verstanden?“
Akari errötete leicht, halb amüsiert, halb peinlich berührt. „Gou, jetzt übertreibst du aber...“
Gou warf ihr einen kurzen, strengen Blick zu, der genau wie der von Kai war, wenn er eine Diskussion beendete. Dann sah er wieder zu Kaito, der nur noch stumm nickte und sichtlich um Fassung rang.
Gou wandte sich ab, ohne eine weitere Geste, und kehrte zu der völlig verdutzten Hiromi zurück. Sein Puls beruhigte sich nur langsam. Der Beschützerinstinkt war vorerst befriedigt, doch er würde den Typen den restlichen Abend nicht aus den Augen lassen.
„Können wir jetzt... tanzen?“, fragte Hiromi vorsichtig.
Gou spürte, wie sich die Blicke der Umstehenden wie Nadelstiche in seinen Rücken bohrten. Er wusste, was sie alle dachten:
~Dort ist er, der unnahbare Hiwatari-Erbe, die eiskalte Kampfmaschine~ Einen Moment lang war er versucht, genau diese Rolle zu perfektionieren, sich abzuwenden und den Ball als die „unnütze Zeitverschwendung“ abzutun, die er in seinem Kopf immer noch war.
Doch dann sah er Hiromi an. Sie stand dort, ihre Finger zitterten leicht an ihrer Handtasche, und in ihren Augen lag eine Mischung aus Stolz und purer Nervosität.
~Reiß dich zusammen, Gou~ ermahnte er sich innerlich. Er war nicht wie sein Vater in dessen jungen Jahren – kein einsamer Wolf, der die Welt mied. Er war ein Anführer. Und ein wahrer Anführer wusste, wann er die Bedürfnisse anderer über seine eigene Abneigung gegen sozialen Rummel stellen musste. Er war nicht emotionslos; er war lediglich wählerisch mit dem, was er preisgab. Doch heute war er Hiromis Begleiter, und damit lag ihr Wohlbefinden in seiner Verantwortung.
Er atmete tief durch, ließ die Anspannung aus seinen Schultern weichen und tat etwas, womit niemand im Saal gerechnet hätte.
Er nahm Hiromis Hand und führte sie mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit in die Mitte der Tanzfläche. Ein unterdrücktes Quietschen ging durch die Menge der Mädchen am Rand. Genau in diesem Moment wechselte die Musik. Die schnellen Beats verstummten und die ersten sanften Klänge eines langsamen Liedes erfüllten den Raum.
~Natürlich...~, fluchte Gou innerlich, während sein Gesicht eine vollkommene, ruhige Maske blieb. ~Das Universum hat heute wirklich Sinn für Ironie~
Er blieb vor Hiromi stehen, legte eine Hand sacht an ihre Taille und nahm ihre andere Hand in seine. Hiromi wirkte für einen Moment, als würde sie das Atmen vergessen. Sie legte ihre freie Hand auf seine Schulter und sah zu ihm auf, ihre Augen weit und glänzend.
Gou begann sich zu bewegen. Seine Schritte waren sicher und rhythmisch; die jahrelange Beinarbeit im Dojo zahlte sich nun auf eine Weise aus, die er nie für möglich gehalten hätte. Er tanzte nicht wie ein hölzerner Schüler, sondern mit der gleichen fließenden Eleganz, die auch seinen Kampfstil auszeichnete.
„Du musst nicht so nervös sein“, sagte er leise, seine Stimme war tief und klang nur für sie hörbar unter der Musik. „Ich beiße nicht, solange man mich nicht beim Training stört.“
Ein kleines, echtes Lächeln stahl sich auf Hiromis Lippen, und sie entspannte sich merklich in seinen Armen. Sie lehnte ihren Kopf ein Stück näher an seine Schulter. „Ich dachte nur... ich dachte, du würdest den ganzen Abend nur darauf warten, wieder gehen zu können.“
„Vielleicht tue ich das“, gab er ehrlich zu, doch sein Blick wurde eine Spur weicher. „Aber ich habe dir zugesagt. Und wenn ein Hiwatari etwas zusagt, dann zieht er es auch durch – und zwar richtig.“
Während sie sich langsam im Kreis drehten, bemerkte Gou, wie die Neid-Barometer im Raum ins Unermessliche stiegen. Er sah die entsetzten Gesichter von Sota und den anderen Jungs, die fassungslos beobachteten, wie der unnahbare Gou Hiwatari den perfekten Gentleman gab. Er wusste, dass dieser Tanz seinen Status als begehrtester Junggeselle der Schule für die nächsten Monate zementieren würde – ein strategischer Albtraum für seine Privatsphäre, aber ein Sieg für diesen Moment.
Für die Dauer dieses Liedes schaltete er die Analysen in seinem Kopf ab. Er achtete nicht auf die Flugbahnen von Beys oder magnetische Felder. Er konzentrierte sich nur darauf, Hiromi den Abend zu schenken, den sie sich erhofft hatte.
Nachdem der letzte Ton des langsamen Liedes verklungen war, spürte Gou die Hitze im Saal deutlich. Hiromi wirkte fast wie in Trance, ihre Wangen glühten. „Lass uns zum Buffet gehen“, entschied Gou. Es war weniger ein Vorschlag als eine Feststellung, und er führte sie durch die Menge, die sich immer noch respektvoll vor ihnen teilte.
Am Buffet angekommen, bot sich eine opulente Auswahl an Häppchen und Erfrischungen. Gou nahm sich ein Glas stilles Wasser und nippte kurz daran, während er beobachtete, wie Hiromi nervös vor den Tabletts stand. Sie griff nach einer Serviette, legte sie wieder zurück und mied es, sich etwas zu essen zu nehmen.
„Willst du nichts essen?“, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
„Ich... ich habe keinen wirklichen Appetit“, gestand sie leise. Gou sah, wie ihre Hände leicht zitterten. Es überraschte ihn. Er war davon ausgegangen, dass ein Mädchen mit ihrem Status – immerhin war sie die unangefochtene Nummer eins der unteren Stufen – ein höheres Maß an Selbstsicherheit besitzen würde. Doch in seiner Gegenwart schien ihr Schutzwall aus Beliebtheit zu bröckeln.
Bevor er darauf reagieren konnte, wurde er bereits belagert. Drei Mädchen aus der Oberstufe, alle in kostspieligen Kleidern und mit perfekt einstudiertem Lächeln, traten in seinen direkten Raum. Sie ignorierten Hiromi vollkommen, als wäre sie lediglich ein Accessoire an Gous Seite.
„Gou, das war ein beeindruckender Tanz“, begann die Wortführerin, eine großgewachsene Brünette, und trat so nah an ihn heran, dass ihr Parfüm schwer in der Luft hing. Sie war zwar groß aber immer noch einige wenige Zentimeter kleiner als Gou.„Wir haben uns gefragt, ob du nach dem offiziellen Teil noch Lust auf eine private After-Party hast? Nur ein paar ausgewählte Leute aus der Abschlussklasse.“
Die anderen beiden nickten bekräftigend und warfen Hiromi dabei Blicke zu, die vor Herablassung nur so trozten. Hiromi schrumpfte sichtlich in sich zusammen und trat einen halben Schritt zurück, den Blick auf ihre Schuhe gerichtet.
Gou registrierte die Situation innerhalb von Millisekunden. Er hasste diese Art von sozialen Machtspielen – sie waren ineffizient und kleingeistig. Sein Blick wurde noch kühler, als er das Wasserglas abstellte. Er unterbrach den Redefluss der Brünetten mitten im Satz, indem er sich physisch leicht eindrehte.
„Ich plane meine Abende im Voraus“, sagte er mit einer Stimme, die wie ein Messer durch die aufgesetzte Höflichkeit schnitt. „Und wie ihr unschwer erkennen könnt, ist mein Abend bereits vollständig besetzt.“
Ohne die drei Damen eines weiteren Blickes zu würdigen, legte er seine Hand fest und besitzergreifend auf Hiromis Schulter. Es war eine subtile, aber unmissverständliche Geste der Exklusivität. Er zog sie ein Stück näher zu sich heran und signalisierte den neidischen Zuschauerinnen damit deutlich, dass Hiromi heute Abend unter seinem persönlichen Schutz stand und die Einzige war, die seine Aufmerksamkeit genoss.
„Komm, Hiromi“, sagte er, nun wieder etwas leiser. „Hier ist es mir zu unruhig. Gehen wir ein wenig raus.“
Die drei Mädchen blieben wie versteinert zurück, während Gou Hiromi sanft, aber bestimmt an ihnen vorbeiführte. Er bemerkte, wie Hiromi den Kopf wieder hob und ihre Haltung sich fast augenblicklich straffte. Ein Gefühl der Erleichterung ging von ihr aus, als sie spürte, dass er sie nicht nur als „Begleitung“ betrachtete, sondern den Raum für sie verteidigte.
Draußen empfing sie die kühle Mainacht. Der Lärm des Balls wurde durch die schweren Vorhänge gedämpft, und der Duft von Glyzinien und feuchtem Asphalt stieg ihnen in die Nase. Gou trat an das steinerne Geländer einer Treppe und lockerte mit einer Hand den obersten Knopf seines Hemdes – eine Geste, die so ungewohnt menschlich an ihm wirkte, dass Hiromi ihn fast ehrfürchtig beobachtete.
„Danke, Gou“, begann sie leise und stellte sich neben ihn. „Du hättest das alles nicht tun müssen. Ich weiß, dass du eigentlich lieber im Trainingszentrum wärst.“
Gou sah über die Lichter von Tokio hinweg, die sich am Horizont wie ein Meer aus Diamanten ausbreiteten. „Disziplin bedeutet nicht nur, hart zu trainieren, Hiromi. Es bedeutet auch, seine Pflichten zu erfüllen. Aber...“, er hielt kurz inne und warf ihr einen seitlichen Blick zu, „...es war weniger schlimm, als ich kalkuliert hatte.“
Hiromi kicherte leise. „'Weniger schlimm'? Das ist wahrscheinlich das größte Kompliment, das ein Mädchen von dir erwarten kann, oder?“
Gou verzog keine Miene, doch in seinen Augen blitzte ein Funken Amüsement auf. „Vermutlich. Die meisten Menschen in meinem Alter sind... laut. Ziellos. Sie reden über Dinge, die keinen Einfluss auf die Zukunft haben. Das ist ermüdend.“
„Du trägst eine große Last, nicht wahr?“, fragte sie plötzlich ernst. „Alle sehen in dir nur den nächsten Champion, den Erben der Tachiwari-Corporation. Aber wer ist Gou, wenn er nicht gerade ein Team drillt?“
Gou schwieg lange. In seinem Kopf ordneten sich die Gedanken, während Corvus in seinem Inneren ruhig verharrte. „Gou ist jemand, der die Ordnung liebt, weil die Welt um ihn herum oft chaotisch ist. Meine Mutter ist das Licht, mein Vater ist der Schatten. Ich stehe irgendwo dazwischen und versuche, meinen eigenen Weg zu finden, ohne über die Fußstapfen derer zu stolpern, die vor mir gingen.“
Es war das längste und persönlichste Geständnis, das er je einem Außenstehenden gegenüber gemacht hatte. Hiromi schien das Gewicht seiner Worte zu spüren. Sie legte ihre Hand vorsichtig auf seine, die auf dem Geländer ruhte. Gou zuckte nicht zurück.
„Ich glaube, du findest deinen Weg bereits“, sagte sie sanft.
Gou sah auf die Uhr an seinem Handgelenk. 22:30 Uhr. Er war ein Mann der Zeitpläne. „Es ist Zeit. Ich bringe dich nach Hause. Ich brauche sechs Stunden Schlaf, wenn ich morgen früh um sechs Uhr die Reaktionszeit meines Teams optimieren will.“
Zehn Minuten später...
Die Rückfahrt im Bentley war geprägt von einer Stille, die sich für Hiromi sichtlich schwer anfühlte. Während der Wagen sanft durch die nächtlichen Straßen von Tokio glitt, beobachtete Gou sie aus dem Augenwinkel. Sie spielte nervös mit ihren Fingern, strich sich immer wieder die Falten ihres Kleides glatt und legte schließlich ihre Hand flach auf das dunkle Leder des Sitzes – genau in den Raum zwischen ihnen.
Es war keine subtile Geste. Ihre Finger lagen nur Zentimeter von seinen entfernt, eine stumme Einladung, eine Erwartung, die förmlich in der Luft vibrierte. Gou bemerkte es sofort; seine Sinne waren darauf geschult, kleinste Veränderungen in seiner Umgebung wahrzunehmen. Doch er blieb unbewegt. Er starrte stoisch aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Neonlichter, das Gesicht eine vollkommene Maske der Gleichgültigkeit. Er hatte seine soziale Pflicht für heute erfüllt; eine Hand zu halten, gehörte nicht zum notwendigen Protokoll seiner Effizienzstrategie.
Als der Wagen vor ihrem Elternhaus hielt, stieg er mit ihr aus. Der Garten war in das milde Licht der Straßenlaternen getaucht. Hiromi blieb vor der Haustür stehen und wandte sich ihm zu. Sie suchte seinen Blick, doch ihre Körpersprache verriet sie vollkommen. Sie zögerte, nestelte an ihrer Tasche und lehnte sich fast unmerklich nach vorne, während sie ihn aus großen, erwartungsvollen Augen ansah.
~Sie wartet auf einen Kuss~, stellte Gou nüchtern fest. Er analysierte die Situation wie ein Match in der Arena: Die emotionale Erwartungshaltung des Gegners – oder in diesem Fall seiner Begleitung – war auf dem Maximum. Wenn er sie jetzt einfach stehen ließ, würde das den positiven Effekt des Abends neutralisieren und unnötige Fragen am Montag in der Schule aufwerfen.
Er seufzte innerlich, ein kaum wahrnehmbares Ausatmen. Er war kein Romantiker, aber er war ein Perfektionist. Wenn er eine Aufgabe abschloss, dann gründlich.
Er trat den entscheidenden Schritt in ihren persönlichen Raum, was Hiromi kurz zucken ließ. Er beugte sich zu ihr herab, doch anstatt ihre Lippen zu suchen, platzierte er einen federleichten, kühlen Kuss auf ihre Wange. Es war eine Geste, die distanziert genug war, um keine falschen Versprechen zu geben, aber intim genug, um sie vollkommen aus der Fassung zu bringen.
„Gute Nacht, Hiromi“, flüsterte er ihr direkt ins Ohr, wobei seine tiefe Stimme eine Vibration erzeugte, die sie sichtlich erschütterte.
Gou trat zurück und beobachtete mit einem Anflug von trockenem Amüsement, wie ihre Knie für einen Bruchteil einer Sekunde weich wurden und nachgaben. Sie schwankte leicht, fing sich aber sofort wieder am Türrahmen ab, während ihr Gesicht in einem tiefen Scharlachrot aufleuchtete. Sie versuchte, das peinliche Momentchen mit einem hastigen Zurechtrücken ihrer Tasche zu überspielen, doch ihre Augen wirkten vollkommen verglast.
„G-Gute Nacht, Gou“, brachte sie hervor, ihre Stimme eine Oktave höher als normal.
Gou nickte ihr ein letztes Mal knapp zu, drehte sich auf dem Absatz um und schritt zum Wagen zurück. Erst als er im sicheren Fond des Bentleys saß und Graham losfuhr, lockerte er seine Schultern.
„Erfolgreicher Abschluss, Master Gou?“, fragte Graham mit neutraler Stimme, während er in den Rückspiegel sah.
„Die Variable 'Schulball' ist offiziell aus meinem Zeitplan gestrichen“, antwortete Gou trocken und griff bereits nach seinem Tablet. „Wir sind in zwanzig Minuten zu Hause. Weck mich morgen um 05:15 Uhr. Ich will vor dem Team-Training noch eine Stunde an der Zentrierung von Corvus arbeiten.“
Die Welt der Gefühle war für Gou ein interessantes Experiment gewesen, doch jetzt rief wieder die Welt der reinen Energie und des Magnetismus.
Eine neue Variable der Familie
Die Morgensonne fiel in breiten Bahnen durch die hohen Fenster des klassizistischen Speisesaals und brachte das schwere Silber auf dem massiven Eichentisch zum Glänzen. Gou saß auf seinem angestammten Platz, die Rückenlehne kerzengerade. Er hatte bereits vier Stunden hochintensives Training hinter sich; sein Körper fühlte sich wach und geladen an, während er ruhig seinen Tee trank.
Gegenüber von ihm saßen Ayumi und Ren. Ren, mittlerweile fast so groß wie Gou, wirkte in seinem legeren Kapuzenpullover wie das genaue Gegenteil seines Bruders. Sein freches Grinsen erinnerte stark an seinen Onkel Noah, und seine petrolfarbenen Augen funkelten vor Unternehmungslust. Ayumi hingegen saß mit einer fast aristokratischen Eleganz da. Ihre graustichigen, silbrig-weißen Haare flossen wie ein Wasserfall über ihre Schultern bis hinunter zum Gesäß der Stuhlbeine. Sie sah Nami mittlerweile so ähnlich, dass es fast unheimlich war.
Die siebenjährige Sayuri thronte auf ihrem Platz. Mit ihren langen weißen Locken und den magentafarbenen Augen sah sie wie immer aus wie eine kleine Puppe, doch sobald sie den Mund aufmachte, verschwand dieser Eindruck. Durch den ständigen Umgang mit Gou und Graham hatte sie sich eine Ausdrucksweise angeeignet, die für ihr Alter höchst ungewöhnlich war.
Nami, die am Kopfende saß beobachtete ihren ältesten Sohn „Und?“, fragte sie mit einem sanften Lächeln. „Wie war der Ball gestern Abend? Hat Hiromi den Abend überlebt?“
Gou legte sein Besteck mit chirurgischer Präzision ab. „Der Abend verlief innerhalb der erwarteten Parameter. Die soziale Verpflichtung wurde erfüllt. Es gab keine nennenswerten Zwischenfälle, außer einer leichten Fehleinschätzung der Distanzregeln durch einen Mitschüler von Akari.“
Graham, der gerade eine Platte mit frischem Obst servierte, neigte leicht den Kopf. „Ich gehe davon aus, dass Master Gou das Feld mit der ihm eigenen Souveränität bestellt hat. Als ich die junge Dame absetzte, schien ihr neurologischer Zustand... instabil zu sein. Ein deutliches Indiz für eine erfolgreiche Mission.“
„Instabil ist sicher eine Untertreibung, Graham“, warf Sayuri mit glasklarer Stimme ein. Sie legte ihre kleine Gabel mit mathematischer Präzision zur Seite.
Ayumi kicherte hinter ihrer Serviette. „Gou, du hast keine Ahnung. In meiner Klasse sind alle Mädchen verknallt in dich, seit du wieder im Fernsehen warst. Die Fotos von gestern Abend kursieren schon überall, ich habe vorhin erst eine WhatsApp von Lina bekommen. Du wirst als der 'eiskalte Gentleman' gefeiert.“
Ren schnaubte und warf Ayumi einen frechen Blick zu. „Du solltest ganz leise sein, Ayumi. Wenn es um das Thema 'verknallt sein' geht, bist du die Letzte, die sticheln darf. Immerhin rennst du in unserer Schule ständig händchenhaltend mit diesem Ryo durch die Gegend. Sogar in der Kunst-AG weicht er dir nicht von der Seite.“
Die Temperatur im Raum schien schlagartig um zehn Grad zu sinken. Ayumi erstarrte. Sie spürte den bohrenden Blick ihres Vaters, der am Tischende die Zeitung sinken ließ. Seine dunklen rubinfarbenen Augen fixierten sie mit einer Intensität, die jeden anderen in die Flucht geschlagen hätte.
Gleichzeitig spürte sie Gous Blick in ihrem Nacken. Er drehte den Kopf langsam in ihre Richtung, die Augen leicht verengt.
„Ryo?“, wiederholte Gou leise. Der Name klang in seinem Mund wie eine Akte, die gerade zur Untersuchung freigegeben wurde. „Ayumi, ich kann mich nicht entsinnen, dass dieser Name in den Sicherheitsfreigaben für unsere familiären Kreise aufgetaucht ist.“
Sayuri nickte bedächtig, während sie ein Stück Melone aufspießte. „Eine unangekündigte männliche Präsenz in Ayumis unmittelbarem Umfeld. Wir sollten die Parameter dieses 'Ryo' zeitnah überprüfen.“
Ayumi lief rot an, halb vor Wut auf Ren, halb vor Nervosität unter dem Doppel-Verhör von Vater und Bruder. „Es ist nicht so, wie es klingt! Er ist nur... ein Mitschüler!“
Kai legte die Zeitung endgültig ab. Sein Blick war unerbittlich. „Händchenhaltend, Ren?“
„Jedenfalls sah es nicht nach einer rein akademischen Zusammenarbeit aus, Vater“, legte Ren grinsend nach, sichtlich zufrieden mit dem Chaos, das er angerichtet hatte.
Nami bemerkte sofort, wie sich die Fronten verhärteten. Kai und Gou bildeten in solchen Momenten eine unbewusste Allianz aus kühler Autorität, die für jedes junge Mädchen – und erst recht für den besagten Ryo – ziemlich einschüchternd wirken konnte. Sie legte ihre Hand beruhigend auf Kais Unterarm und warf Gou einen besänftigenden Blick zu.
„Jetzt lasst die Kirche mal im Dorf“, sagte Nami mit einem amüsierten Unterton, um die Spannung zu brechen. „Ayumi und Ren sind auf einer Kunst- und Sportschule. Da ist es völlig normal, dass man gemeinsam an Projekten arbeitet oder sich gut versteht. Händchenhalten muss nicht gleich eine Staatsaffäre sein, Kai.“
Kai entspannte seine Schultern zwar merklich, doch sein Blick blieb auf Ayumi fixiert. „Es geht nicht um eine Staatsaffäre, Nami. Es geht um die Tatsache, dass ich diesen Namen zum ersten Mal höre.“
„Und um die Effizienz der Kommunikation“, ergänzte Gou trocken, während er Ayumi weiterhin nicht aus den Augen ließ. „Wenn jemand in deinem Umfeld eine derartige Präsenz einnimmt, Ayumi, wäre es nur logisch, die Familie darüber in Kenntnis zu setzen. Reine Sicherheitsmaßnahme.“
Ayumi wirkte, als würde sie am liebsten im Boden versinken, während Ren sich sichtlich Mühe gab, sein triumphierendes Grinsen hinter seinem Glas Orangensaft zu verbergen.
Sayuri kaute bedächtig auf ihrem Melonenstück und sah von einem zum anderen. „Ich finde, ihr seid beide ein bisschen zu streng“, sagte sie schließlich und klang dabei zwar klug, aber doch wie eine Siebenjährige, die ihre eigene Logik anwandte. „Papa guckt schon wieder so wie damals, als er wieder einen stressigen Tag in der Arbeit hatte. Und Gou... Gou tut so, als wäre dieser Ryo ein Endgegner in einem Videospiel. Vielleicht ist er ja ganz nett und kann gut zeichnen?“
Nami lachte leise auf. „Danke, Sayuri. Wenigstens eine hier bewahrt den Überblick.“ Sie wandte sich wieder an die Zwillinge. „Ihr seid heute Nachmittag auf dem Geburtstag eurer Mitschülerin eingeladen, richtig?“
Ayumi nickte hastig, froh über den Themenwechsel. „Ja, bei Mitsuki. Wir wollten gegen 15 Uhr los.“
„Ich werde euch mit Graham fahren“, warf Gou ein, wobei sein Ton keinen Widerspruch duldete. „Ich muss ohnehin noch einmal ins BBA-Zentrum, um die neuen Sensordaten für das Team auszuwerten. Mitsukis Haus liegt auf dem Weg.“
Ayumi tauschte einen panischen Blick mit Ren. Sie wusste genau, dass Gou nicht nett sein wollte. Er wollte sehen, wer noch zu Mitsukis Party kam – und ob ein gewisser Junge namens Ryo vielleicht zufällig an der Bordsteinkante wartete.
Kai faltete seine Zeitung zusammen. „Eine gute Idee, Gou. Ich werde euch dann am Abend gemeinsam mit deiner Mutter abholen. Wir könnten danach noch gemeinsam essen gehen.“ Er sah Ayumi direkt an. „Vielleicht möchte Mitsukis Familie uns ja kurz begrüßen, wenn wir euch abholen.“
Ayumi schluckte. Ein „kurzes Begrüßen“ durch Kai Hiwatari kam für die meisten Eltern einer Inspektion durch das Militär gleich.
„Graham, sorge bitte dafür, dass der Wagen um 14:45 Uhr bereitsteht“, befahl Gou und erhob sich, wobei er seine leere Tasse mit einer fließenden Bewegung abstellte. „Ayumi, Ren – seid pünktlich. Ich warte ungern.“
„Natürlich, Master Gou“, erwiderte Graham mit einer tiefen Verbeugung, während seine Augen kurz amüsiert zu Nami hinüberblitzten. Er wusste genau, dass der heutige Nachmittag für den jungen Ryo – sollte er auftauchen – der härteste Test seines bisherigen Lebens werden würde.
Gou saß schweigend im Fond des Bentleys, während Graham den Wagen mit gewohnter Präzision durch die Vororte von Tokio steuerte. Neben ihm saßen die Zwillinge: Ren, der entspannt aus dem Fenster sah und leise ein Lied summte, und Ayumi, die sichtlich nervös an den Trägern ihrer Tasche nestelte. Ihr welliges Haar fiel ihr über die Schultern, während sie immer wieder verstohlen zu ihrem älteren Bruder hinübersah.
Gou wirkte vollkommen entspannt, doch seine Augen waren wachsam. Er hielt sein Tablet auf den Knien, auf dem er scheinbar die Magnetfeld-Vektoren für Corvus analysierte, doch in Wahrheit scannte er bereits die Umgebung, als sie sich Mitsukis Wohnviertel näherten.
„Du musst wirklich nicht aussteigen, Gou“, sagte Ayumi leise, als der Bentley in die Zielstraße einbog. „Es ist nur eine Geburtstagsparty. Wir gehen einfach rein und gut ist.“
„Sicherheit und Ordnung, Ayumi“, erwiderte Gou trocken, ohne den Blick vom Display zu heben. „Es gehört zu meinen Aufgaben, sicherzustellen, dass die Übergabe an die Gastgeber reibungslos verläuft. Außerdem interessiert mich die... soziale Dynamik deiner Kunstschule.“
Graham warf einen Blick in den Rückspiegel. „Wir erreichen die Zielkoordinaten in Kürze, Master Gou. Eine beachtliche Anzahl an Jugendlichen hat sich bereits vor dem Anwesen versammelt.“
Als der schwere Wagen vor dem Tor hielt, verstummten die Gespräche der wartenden Gruppe sofort. Es war unmöglich, den Bentley zu übersehen, und die Aura des Wagens allein strahlte bereits Macht aus. Graham stieg aus und öffnete die Tür.
Gou trat als Erster ins Freie. Er trug ein dunkles Polohemd und eine gut sitzende Hose – schlicht, aber von einer Qualität, die sofort ins Auge fiel. Mit seinen 1,70 m und der maskulinen Ausstrahlung wirkte er eher wie ein junger Aufseher als wie ein Bruder.
Sein Blick überflog die Gruppe von Jugendlichen und blieb fast sofort an einem Jungen hängen, der etwas abseits stand. Er war etwa so groß wie Gou, trug eine etwas zu weite Jeans und hielt eine schwarze Skizzenmappe unter den Arm geklemmt. Er hatte dunkles, etwas unordentliches Haar und sah eigentlich ganz sympathisch aus – doch als er bemerkte, wie Gou ihn fixierte, schluckte er sichtlich.
„Das ist er“, murmelte Ren hinter Gou und grinste breit. „Der mit der Mappe. Das ist Ryo.“
Gou wartete, bis Ayumi ausgestiegen war. Ayumi wollte sofort auf das Tor zusteuern, doch Gou legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter – nicht fest, aber bestimmend genug, um sie anzuhalten. Dann sah er direkt zu Ryo und machte eine minimale Geste mit dem Kopf, die den Jungen aufforderte, näher zu kommen.
Ryo zögerte, doch unter dem intensiven Blick des Hiwatari-Erben blieb ihm keine Wahl. Er trat unsicher vor.
„G-Gou?“, stammelte Ayumi verlegen. „Das ist Ryo. Er... er ist in meiner Klasse.“
Gou musterte Ryo von oben bis unten. Er suchte nicht nach Fehlern in seiner Kleidung, sondern analysierte seine Haltung. Ryo wirkte nervös, aber er wich Gous Blick nicht vollständig aus – ein Punkt für ihn, wie Gou im Stillen notierte.
„Ryo“, sagte Gou, und seine Stimme war so kühl wie das Eis von Ryans Schakal. „Ren erwähnt, dass du eine beachtliche Ausdauer zeigst, was die Begleitung meiner Schwester angeht.“
Ryo räusperte sich. „Ich... wir arbeiten viel zusammen. In der Kunst-AG. Ayumi ist sehr talentiert.“
„Talent erfordert Schutz“, entgegnete Gou schlicht. Er trat einen halben Schritt näher, was Ryo dazu brachte, die Mappe fester an sich zu drücken. „Ich werde heute Abend um acht Uhr gemeinsam mit meinem Vater hier sein, um sie abzuholen. Ich erwarte, dass Ayumi bis dahin keinerlei... unerwünschten Ablenkungen ausgesetzt ist. Haben wir uns verstanden?“
Ryo nickte heftig.
„Ja. Klar. Natürlich.“
Gou wandte sich an seine Geschwister. „Viel Spaß. Ren, behalt die Umgebung im Auge.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stieg Gou wieder in den Wagen. Graham schloss die Tür und setzte sich ans Steuer. Als der Bentley anfuhr, sah Gou aus dem Fenster und bemerkte, wie Ayumi Ryo einen entschuldigenden Blick zuwarf, während dieser sich mit einer Hand den Schweiß von der Stirn wischte.
„Ein solider erster Eindruck, Master Gou“, kommentierte Graham trocken, während sie in Richtung BBA davonrollten. „Er scheint zumindest über ein funktionierendes Nervensystem zu verfügen. Die meisten wären bei Erwähnung des Namens Ihres Vaters bereits geflohen.“
„Er ist noch nicht geprüft, Graham“, antwortete Gou und öffnete wieder sein Tablet. „Das kommt heute Abend. Wenn mein Vater erst einmal vor ihm steht, werden wir sehen, wie viel Substanz hinter seinem Zeichentalent steckt.“
Als der Bentley um die Ecke gebogen war, herrschte vor Mitsukis Haus erst einmal betretenes Schweigen. Ryo starrte immer noch mit leicht offenem Mund auf die Stelle, an der der Wagen verschwunden war, und hielt seine Skizzenmappe fest umklammert, als wäre sie ein Schutzschild.
Ayumi stieß einen langen, genervten Seufzer aus und strich sich die Haare glatt. Ren hingegen konnte sich nicht mehr zurückhalten und klopfte Ryo lachend auf die Schulter. „Willkommen in der Familie, Kumpel. Das war nur die Vorspeise. Gou ist harmlos, solange man nicht versucht, ihn im Beyblade zu besiegen. Aber bei meinem Vater heute Abend solltest du dir vielleicht vorher ein paar gute Antworten überlegen.“
„Ren, hör auf damit!“, zischte Ayumi und funkelte ihn an. Sie wandte sich an Ryo. „Es tut mir leid. Er... sie sind manchmal ein bisschen überfürsorglich.“
Bevor Ryo antworten konnte, öffnete sich das Tor und drei von Ayumis engsten Freundinnen stürmten auf sie zu. Sie hatten die gesamte Szene von der Einfahrt aus beobachtet und konnten ihre Aufregung kaum zügeln.
„Ayumi!“, rief Lina, die Erste im Bunde, und ihre Augen leuchteten. „War das eben dein Bruder? Gou Hiwatari?!“
Die Mädchen ignorierten Ren und den sichtlich mitgenommenen Ryo vollkommen. „Gott, er sieht in echt noch viel heißer aus als im Fernsehen!“, fügte ein anderes Mädchen hinzu und fächerte sich mit der Hand Luft zu. „Dieses Polohemd, diese muskulösen Arme... und dieser Blick! Er sieht aus, als könnte er einen mit einem einzigen Wort vernichten. Wie hältst du das zu Hause nur aus?“
Ayumi wurde von ihren Freundinnen regelrecht umringt. Sie war sichtlich überrumpelt von dem plötzlichen Fokus auf ihren Bruder. „Ja, das war Gou“, bestätigte sie matt.
„Hat er eine Freundin?“, wollte Lina sofort wissen. „Ich habe die Fotos vom Ball gestern gesehen, aber er sah dort so... unerreichbar aus. Glaubst du, er würde sich mit jemandem aus unserer Stufe treffen?“
Ayumi schüttelte den Kopf und versuchte, die Gruppe in Richtung Haus zu schieben, um Ryo aus der Schusslinie zu nehmen. „Vergesst es, Mädels. Gou hat zurzeit absolut kein Interesse an einer Freundin. Sein Kopf besteht momentan nur aus Magnetfeldern, Beyblade-Statistiken und seinem neuen Team. Er hält Mädchen gerade für eine 'ineffiziente Zeitverschwendung'.“
„Ein eiskalter Gentleman eben“, seufzte Lina bewundernd, während sie sich in Bewegung setzten. „Genau wie man es über ihn sagt.“
Ren grinste Ryo zu, der immer noch etwas blass um die Nase war. „Siehst du? Gou zieht den Blitz auf sich, und du hast erst mal Ruhe. Zumindest bis acht Uhr.“
Ryo sah zu Ayumi, die ihm ein aufmunterndes, wenn auch leicht gequältes Lächeln schenkte. Er atmete tief durch. „Acht Uhr... okay. Ich sollte bis dahin vielleicht anfangen, mein Zeichentalent als sehr... disziplinierte Freizeitbeschäftigung zu tarnen.“
Woanders, in einem anderen Teil von Tokio war die Dynamik mitlerweile eine andere...
Gou trat durch die schweren Sicherheitstüren des BBA-Trainingszentrums. Das Gebäude wirkte am späten Samstagnachmittag fast verlassen, die langen Korridore waren in ein klinisches, kühles Licht getaucht. Graham hatte ihn am Vordereingang abgesetzt, und Gou genoss die plötzliche Stille. Nach dem Trubel des Vormittags und der emotionalen Unruhe am Frühstückstisch war dies seine gewohnte Umgebung – ein Ort der Logik, der harten Oberflächen und der berechenbaren Kräfte.
Er erwartete niemanden. Er hatte kein Training angesetzt, und sein Team wusste, dass er Disziplin forderte, aber keine sinnlose Präsenzzeit ohne Plan. Er wollte lediglich die Sensordaten des Corvus-Prototyps mit den neuen Magnetfeld-Resonatoren abgleichen, die er letzte Woche entworfen hatte.
Seine Schritte hallten rhythmisch auf dem polierten Boden, als er Halle 3 betrat. Doch noch bevor er den Lichtschalter betätigte, hörte er es: das charakteristische, schneidende Surren eines Beyblades, das von einem unterdrückten, feurigen Knistern begleitet wurde.
Gou blieb im Schatten des Eingangs stehen. In der Mitte der Halle, nur vom Glimmen der Arena-Displays beleuchtet, stand Violeta.
Ihr blondes Haar leuchtete fast silbern im fahlen Licht, während sie über der Arena gebeugt war. Die 14-jährige Polin wirkte fast zierlich, doch in ihrer Haltung lag eine Spannung, die Gou sofort registrierte. Ihr Beyblade, zog brennende Bahnen durch die Schüssel. Die Hitzeentwicklung war so intensiv, dass die Luft über der Arena leicht flimmerte – das Zeichen, dass Palos, das flammende Pferd, kurz unter der Oberfläche lauerte.
Gou beobachtete sie einige Minuten schweigend. Er analysierte ihren Stand, die Art, wie sie ihren Schwerpunkt verlagerte, wenn der Bey die Richtung änderte. Sie arbeitete an der Hochgeschwindigkeits-Rotation, einer Technik, die bei Palos enorme Präzision erforderte, um nicht die Kontrolle über die Hitze zu verlieren.
„Der Eintrittswinkel ist um drei Grad zu steil“, sagte Gou ruhig, während er aus dem Schatten trat.
Violeta zuckte sichtlich zusammen. Sie hatte ihn nicht kommen hören. Palos geriet kurz ins Taumeln, bevor sie ihn mit einer schnellen, sicheren Handbewegung abfing. Sie atmete schwer, ihre roséfarbenen Augen weiteten sich überrascht, als sie Gou erkannte.
„Gou?“, brachte sie hervor und versuchte, ihren Atem zu regulieren. „Ich dachte... ich dachte, du hättest heute Familienverpflichtungen wegen deiner Geschwister.“
Gou trat an die Arena und legte seine Tasche auf die Bank. „Die Variablen haben sich schneller geordnet als erwartet. Was tust du hier, Violeta? Ich habe kein Einzeltraining angeordnet.“
Violeta sah auf ihren Bey in ihrer Handfläche, dann wieder zu ihm. Ihr Blick war fest und entschlossen. „Ich war mit meiner Leistung am Donnerstag nicht zufrieden. Palos hat zu viel Energie durch unsaubere Reibung an der Bande verloren. Wenn ich die Hitzeentwicklung für den Angriff nutzen will, muss die Bahn absolut präzise sein. Ich wollte es korrigieren, bevor du es am Montag im Drill wieder bemängelst.“
Gou musterte sie. In seinen dunklen Augen lag keine Strenge, sondern eine kühle Anerkennung für ihren Ehrgeiz. Er schätzte Eigeninitiative mehr als blinden Gehorsam. Er trat näher an die Arena und zog seinen Corvus aus der Halterung.
„Theoretisches Wissen ist das eine, Violeta. Aber du versuchst, die Thermodynamik zu erzwingen, anstatt sie zu leiten“, sagte er und brachte seinen Launcher in Position. „Wenn du Palos zu früh aufheizt, dehnt sich das Material aus und die Balance leidet.“
Er sah sie direkt an, seine Augen leuchteten im fahlen Licht der Halle. „Tritt an die Arena. Wir werden die Winkel nicht berechnen. Wir werden die Hitze kontrollieren.“
Violeta nickte, ein neues Feuer der Entschlossenheit in ihren Augen. Sie wusste, dass ein spontanes Training mit Gou wertvoller war als zehn Stunden allein.
„Drei... zwei... eins...“, zählte Gou leise an.
„Let it rip!“, riefen sie gleichzeitig.
Das Geräusch der beiden Beys, die aufeinandertrafen, füllte die leere Halle. Ein Funkenregen sprühte auf, als Corvus und Palos kollidierten. In dieser leeren Halle, weit weg von den Erwartungen seiner Familie, war Gou vollkommen in seinem Element – und Violeta bewies, dass hinter ihrer zarten Erscheinung eine Kämpferin steckte, die bereit war, für Gous Anerkennung durch das Feuer zu gehen.
Das Duell dauerte fast eine Stunde. Die Luft war erfüllt vom Geruch nach ionisiertem Ozon und der trockenen Hitze, die von Palos ausging. Gou trieb Violeta unerbittlich an. Er ließ Corvus wie einen dunklen Schatten um ihr flammendes Pferd kreisen, drängte sie immer wieder in die Defensive, nur um sie im letzten Moment zu einem riskanten Gegenangriff zu zwingen.
Violetas blondes Haar war mittlerweile strähnig vom Schweiß, und ihre roséfarbenen Augen leuchteten vor Erschöpfung und Adrenalin. Palos wieherte, doch Gou hielt den Druck aufrecht, bis sie den perfekten Punkt zwischen Hitze und Kontrolle fand.
„Genug“, sagte Gou schließlich und fing Corvus mit einer fließenden Bewegung ab, noch bevor er zum finalen Schlag ansetzen konnte.
Das plötzliche Verstummen der Beys hinterließ eine fast schmerzhafte Stille in der großen Halle. Violeta stützte sich mit den Händen auf den Rand der Arena, ihr Atem ging stoßweise. Sie sah auf Palos, der in ihrer Handfläche immer noch leicht nachglühte.
„Deine Kurvenstabilität hat sich in den letzten zwanzig Minuten um etwa 15 Prozent verbessert“, stellte Gou nüchtern fest. Er trat einen Schritt zurück und verstaute seinen Launcher in der Tasche. „Du hast aufgehört, gegen die Hitze zu kämpfen, und angefangen, sie als Vektor zu nutzen. Das war... akzeptabel.“
Violeta sah zu ihm auf. Für jemanden, der Gou nicht kannte, mochte „akzeptabel“ wie eine Beleidigung klingen, doch für sie war es das Äquivalent zu einem Ritterschlag. Ein schmales, erschöpftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Danke, Gou. Ich glaube, jetzt verstehe ich, was du mit der Thermodynamik meintest.“
Gou warf einen Blick auf die Digitaluhr an der Hallenwand. 19:15 Uhr. Sein Zeitplan war eng getaktet. In fünfundvierzig Minuten mussten sie vor Mitsukis Haus sein.
„Geh nach Hause, Violeta“. Sein Ton war wieder geschäftsmäßig, doch seine Ausstrahlung war weniger distanziert als zu Beginn des Trainings. „Ruh dich aus. Ich erwarte am Montag früh um sechs Uhr dieselbe Intensität beim Team-Drill. Wenn du Palos in diesem Modus hältst, wird Ryan Schwierigkeiten haben, deine Verteidigung zu durchbrechen.“
Violeta nickte eifrig und begann, ihre Sachen zusammenzusuchen. „Ich werde da sein. Pünktlich.“
Gou wartete, bis sie die Halle verlassen hatte. Er genoss noch einen kurzen Moment die Einsamkeit des Trainingszentrums, bevor er nach draußen zum wartenden Bentley trat. Graham stand bereits an der Tür, den Blick wie immer auf die Uhr gerichtet.
„Ein produktiver Exkurs, Master Gou?“, fragte Graham, als Gou einstieg.
„Eine notwendige Justierung der Team-Dynamik, Graham“, antwortete Gou und lehnte den Kopf gegen die kühle Lederstütze. „Fahr uns nach Hause. Wir müssen meine Eltern abholen. Die nächste Phase der 'Operation Ayumi' beginnt in Kürze.“
„Sehr wohl. Ich habe bereits die Route berechnet, die uns exakt drei Minuten vor acht Uhr an das Ziel führt“, erwiderte Graham trocken.
Gou schloss für einen Moment die Augen. Das Training mit Violeta hatte seinen Fokus geschärft, doch er wusste, dass das bevorstehende Treffen zwischen seinem Vater und diesem Jungen namens Ryo eine ganz andere Art von taktischem Geschick erfordern würde.
Im Ayame-Anwesen bereitete man sich auf den Aufbruch vor. Während Graham draußen bereits die größere Tachiwari-Limousine vorfuhr die für die ganze Familie reichte, stand Kai im Foyer und rückte sich die Manschetten seines dunklen Mantels zurecht. Seine Miene war gewohnt unnahbar, doch Nami, die ihn seit Jahren kannte, sah das fast unmerkliche Zucken in seinem Kiefer – ein Zeichen dafür, dass er sich bereits mental auf die „Inspektion“ vorbereitete.
Nami trat zu ihm und legte ihm sanft die Hand auf den Arm. Sie trug ein elegantes Kleid, das ihren hellen Teint unterstrich. „Kai, versprich mir eins: Guck den Jungen nicht so an, als würdest du seine gesamte Familiengeschichte bis ins siebte Glied prüfen wollen. Es ist nur ein Geburtstag.“
Kai warf ihr einen kühlen, seitlichen Blick aus seinen rubinfarbenen Augen zu. „Ich prüfe lediglich die Integrität der Personen, mit denen sich meine Tochter umgibt, Nami. Das ist keine Übertreibung, das ist Standard.“
Nami schmunzelte und schüttelte den Kopf, während sie gemeinsam mit Sayuri zur Tür gingen. „Ach komm schon. Was ist denn schon dabei? Wir beide waren schließlich auch mal jung.“
Sie stiegen in den Wagen zu Gou, und Graham schloss die Tür hinter ihnen. Als der Motor leise schnurrte und sie aus der Auffahrt rollten, antwortete Kai mit einer Trockenheit, die keinen Raum für Diskussionen ließ.
„Es gibt einen signifikanten Unterschied, Nami“, sagte er, während er starr geradeaus blickte. „Du warst achtzehn und ich war zwanzig, als wir uns trafen. Wir waren erwachsen und wussten, worauf wir uns einließen.“
Nami wollte gerade einwerfen, dass dies trotzdem kein Grund sei so herrisch zu reagieren doch Kai unterbrach sie je.
„Ayumi ist vierzehn“, fuhr er fort, und seine Stimme wurde eine Spur tiefer. „Sie ist in vielerlei Hinsicht noch viel zu naiv. Sie sieht das Gute in den Menschen, was eine bewundernswerte Eigenschaft ist – die sie von dir hat –, aber sie macht sie auch verletzlich. Dieser... Ryo... muss beweisen, dass er den nötigen Respekt und die Ernsthaftigkeit besitzt.“
Nami lehnte sich zurück und seufzte leise. „Sie ist vierzehn, Kai. Sie soll keine diplomatischen Verträge unterzeichnen, sondern vielleicht nur mal ein Eis essen gehen oder gemeinsam zeichnen.“
„In dieser Familie“, entgegnete Kai unnachgiebig, „gibt es keine 'nur' Aktivitäten. Alles hat Konsequenzen. Und Gou hat mir bereits berichtet, dass der Junge eine Skizzenmappe wie einen Schutzschild vor sich hergetragen hat. Das deutet auf eine schwache Verteidigungshaltung hin.“
Nami konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Gou ist genau wie du. Ihr analysiert arme Teenager, als wären sie feindliche Bit-Beast-Nutzer.“
„Vorsicht ist besser als Nachsicht“, murmelte Kai, während die Limousine in die Straße einbog, in der Mitsukis Haus lag. Er verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte das Tor, das bereits in Sichtweite kam. Gou der die ganze Fahrt über schweigend aus dem Fenster gestarrt hatte, nickte nur leicht.
Der schwarze Wagen glitt lautlos wie ein Raubtier an den Bordstein und kam punktgenau vor Mitsukis Anwesen zum Stehen. Eine Gruppe von Jugendlichen stand noch in der Einfahrt, und mittendrin waren Ayumi und Ren zu erkennen. Ryo stand direkt neben Ayumi und schien gerade etwas zu sagen, doch als das vertraute dunkle Fahrzeug hielt, blieb ihm das Wort buchstäblich im Hals stecken.
Kai spürte Namis mahnenden Blick auf sich, noch bevor er die Tür öffnete.
„Denk dran, Kai“, flüsterte sie ihm zu. „Entspann deine Gesichtsmuskeln. Er ist kein Wirtschaftsspion.“
Kai stieß ein kurzes, kaum hörbares Schnauben aus, aber er bemühte sich tatsächlich. Als Graham die Tür öffnete und Kai ausstieg, versuchte er, die gewohnte eiskalte Aura ein wenig zu dämpfen. Er verzichtete darauf, die Arme vor der Brust zu verschränken, und hielt seinen Blick neutraler, als er es normalerweise tun würde. Doch selbst ein „entspannter“ Kai Hiwatari verfehlte seine Wirkung nicht. Die Gespräche der Teenager verstummten augenblicklich; es war, als würde ein Naturereignis den Raum betreten.
Nami stieg auf der anderen Seite aus und strahlte eine Wärme aus, die den Frost in der Luft sofort ein wenig milderte. „Hallo ihr zwei! Hattet ihr einen schönen Nachmittag?“, rief sie fröhlich in die Runde.
Ayumi kam eilig auf sie zu, dicht gefolgt von Ren, der das Spektakel mit diebischer Freude beobachtete. Ryo trottete zwei Schritte dahinter her, seine Mappe fast krampfhaft festklammernd.
„Ja, es war toll, Mama“, sagte Ayumi schnell und warf ihrem Vater einen prüfenden Blick zu. Sie schien erleichtert, dass er nicht sofort sein „Verhör-Gesicht“ aufgelegt hatte.
Kai nickte den Zwillingen knapp zu, dann wandte er seinen Blick Ryo zu. Er hielt sich an Namis Bitte und versuchte, nicht wie ein Richter zu wirken. Er neigte das Kinn ein winziges Stück.
„Du bist also der junge Mann, der meine Tochter beim Zeichnen unterstützt“, stellte Kai fest. Seine Stimme war tief und ruhig, ohne die übliche Schärfe, aber dennoch von einer natürlichen Autorität durchdrungen, die Ryo sichtlich erzittern ließ.
Ryo brachte ein krächzendes „Guten Abend, Mr. Hiwatari“ hervor. Er wirkte, als würde er innerlich alle Fluchtwege scannen, aber er hielt stand.
Nami trat an Kais Seite und lächelte Ryo aufmunternd zu. „Ayumi hat uns erzählt, wie talentiert du bist, Ryo. Vielleicht zeigst du uns ja irgendwann mal deine Arbeiten?“
Bevor Ryo antworten konnte, warf Kai einen Blick auf die Skizzenmappe. „Ein Hobby, das Geduld und Präzision erfordert. Qualitäten, die ich schätze“, sagte er trocken. Es war fast so etwas wie ein Kompliment – zumindest in Kais Welt. „Wir sollten aufbrechen. Das Restaurant wartet nicht.“
Ayumi entspannte sich sichtlich. Sie hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, doch ihr Vater hielt sich tatsächlich zurück. Sie verabschiedete sich mit einem schnellen Winken von Ryo, der immer noch wie angewurzelt dastand.
„Bis Montag, Ryo!“, rief sie, während sie in den Wagen stieg.
Als sie alle im Bentley saßen und Graham anfuhr, sah Nami Kai von der Seite an und drückte kurz seine Hand. „Das war sehr... menschlich von dir, Kai. Ich bin stolz auf dich.“
Kai sah aus dem Fenster, während sie an dem immer noch fassungslosen Ryo vorbeifuhren. „Ich habe ihn lediglich nicht sofort terminiert, Nami. Setz die Messlatte nicht zu hoch.“
Ren grinste auf dem Rücksitz. „Ich weiß nicht, Vater. Er hat immer noch gezittert. Aber immerhin hat er nicht geweint.“
Gou, der bereits im Wagen gewartet hatte, sah von seinem Tablet auf. „Sein Fluchtinstinkt war sicher unterdrückt, aber seine Herzfrequenz lag sehr wohl über dem Durchschnitt. Dennoch... eine akzeptable Leistung für einen Zivilisten.“
Das Restaurant war eines jener Etablissements in Minato, die Diskretion über Prunk stellten. Gedimmtes Licht, dunkles Holz und schallschluckende Teppiche sorgten dafür, dass die Ankunft der Familie Hiwatari zwar bemerkt, aber nicht lautstark kommentiert wurde. Graham hatte bereits im Vorfeld den Eckbereich reserviert, der den besten Überblick über den Raum bot – eine Gewohnheit, die Kai und Gou gleichermaßen schätzten.
Sie saßen an einem runden Tisch. Kai und Nami nebeneinander, gegenüber die Zwillinge, während Gou und die kleine Sayuri die Flanken besetzten.
„Ich finde, wir sollten öfter so etwas machen“, sagte Sayuri und rückte ihre Stoffserviette zurecht. Sie sah zu Kai auf. „Ganz ohne Beyblade-Talk. Nur die biologische Grundeinheit beim Nahrungserwerb.“
Nami schmunzelte. „Ein schöner Gedanke, Schatz. Erzählt mal, wie war die Party? Hat Mitsuki sich über dein Geschenk gefreut, Ayumi?“
Ayumi begann gerade, von den Skizzenbüchern zu erzählen, die sie Mitsuki geschenkt hatte, als Gous Aufmerksamkeit von der Unterhaltung wegdriftete. Sein Blick, der ständig wie ein Radar den Raum scannte, blieb an einem Tisch hängen, der etwa fünf Meter entfernt an der Fensterfront stand.
„Interessant“, murmelte Gou leise, gerade laut genug, dass Ren es hörte.
„Was ist los?“, fragte Ren und wollte sich umdrehen, doch Gou stoppte ihn mit einem kurzen Kopfschütteln.
„Nicht so auffällig, Ren. Auf zwei Uhr. Tisch 14.“
Ren und Ayumi folgten unauffällig seinem Blick. Dort saß eine Familie. Ein distinguierter Herr in einem teuren Anzug und eine Frau, die sehr auf ihr Äußeres bedacht wirkte. Zwischen ihnen saßen zwei Mädchen. Die ältere der beiden war unverkennbar Hiromi. Sie trug ein schlichtes, aber elegantes dunkelblaues Kleid, das ihre Haltung betonte. Neben ihr saß ein Mädchen, das etwa zwei Jahre jünger war, wohl ihre Schwester, die eifrig auf ihr Handy tippte und gelegentlich kicherte.
Hiromi schien die Anwesenheit der Hiwataris noch nicht bemerkt zu haben. Sie stocherte eher lustlos in ihrem Salat herum und hörte dem Gespräch ihrer Eltern zu, wobei ihr Blick immer wieder gedankenverloren durch den Raum schweifte.
„Ist das nicht die von gestern Abend?“, flüsterte Ayumi und sah zu Gou. „Die vom Ball?“
„Hiromi Ishiwara“, bestätigte Gou sachlich. „Die Tochter vom Vorstand der TokioBey News, Ishiwara. Die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Begegnung in diesem speziellen Restaurant liegt bei etwa 12 Prozent, da ihr Vater bekanntermaßen ein Faible für diese Küche hat.“
Nami folgte dem Blick ihrer Kinder. „Oh, das ist doch das Mädchen, von dem du erzählt hast, Gou. Sie sieht sehr hübsch aus. Und ihre Eltern scheinen auch da zu sein.“
Kai wand den Kopf. Er sah kurz zu dem Tisch hinüber und dann zurück zu Gou. Er sagte nichts, aber sein Blick war eine stumme Aufforderung an seinen Sohn, die Situation zu bewerten.
„Sollten wir nicht 'Hallo' sagen?“, fragte Sayuri mit kindlicher Neugier. „Gou hat doch mit ihr getanzt. Das gehört sich so, sagt Graham immer.“
Gou verzog keine Miene, doch innerlich kalkulierte er bereits die soziale Etikette gegen seine Lust auf ein ruhiges Abendessen ab. „Ein kurzes Nicken beim Verlassen des Lokals würde genügen, um die Höflichkeit zu wahren.“
Genau in diesem Moment hob Hiromi den Kopf. Ihr Blick traf den von Gou. Für eine Sekunde erstarrte sie, ihre Augen weiteten sich leicht, und eine zarte Röte überzog ihre Wangen. Sie erkannte nicht nur Gou, sondern realisierte schlagartig, dass die gesamte Hiwatari-Familie – inklusive des legendären Kai Hiwatari – nur wenige Meter entfernt saß.
Ihre jüngere Schwester bemerkte die Veränderung in Hiromis Haltung sofort. Sie folgte dem Blick ihrer Schwester, stieß Hiromi mit dem Ellbogen an und begann aufgeregt zu flüstern, wobei sie immer wieder zu Gou hinübersah.
„Zu spät für ein diskretes Nicken“, bemerkte Ren grinsend. „Jetzt haben sie uns entdeckt. Und die kleine süße Schwester sieht aus, als hätte sie gerade ein Einhorn gesehen.“
Nami lächelte Hiromis Mutter freundlich zu, als sich deren Blicke trafen. „Es wäre unhöflich, sie jetzt zu ignorieren, Kai.“
Kai atmete schwer durch die Nase aus. „Gou. Die Initiative liegt bei dir.“
Gou spürte den kollektiven Erwartungsdruck seiner Familie am Tisch. Er seufzte, legte seine Serviette mit einer kontrollierten Bewegung ab und erhob sich. Es war keine bloße Geste; es war eine Demonstration von Haltung.
„Gut. Ich werde die notwendigen Höflichkeiten erledigen“, sagte er knapp in Richtung seiner Eltern, bevor er mit sicherem Schritt auf den Tisch der Ishiwaras zuging.
Als er sich dem Tisch näherte, unterbrachen Hiromis Eltern sofort ihr Gespräch. Ihr Vater, ein Mann mit scharfem Blick, erkannte den jungen Hiwatari sofort und rückte seinen Stuhl ein Stück zurecht. Hiromi selbst saß kerzengerade da, ihre Hände lagen gefaltet im Schoß, während sie versuchte, die Fassung zu bewahren.
„Guten Abend, Mr. Ishiwara, Mrs. Ishiwara“, begann Gou und neigte das Haupt in perfektem Winkel. „Es ist ein unerwarteter Zufall, Sie heute Abend hier anzutreffen. Hiromi.“ Er nickte ihr kurz zu.
„Gou, wie schön dich zu sehen“, erwiderte Hiromi, wobei ihre Stimme nur ganz leicht zitterte. „Darf ich vorstellen? Das ist meine Schwester Mariko.“
Die dreizehnjährige Mariko sah Gou mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neugier an. Ihr Blick wanderte sofort zu dem Tisch im Hintergrund, an dem die restliche Familie saß. „Du bist der vom Fernsehen!“, platzte sie heraus, bevor ihre Mutter sie mit einem strafenden Blick bremsen konnte. „Und dein Vater ist Kai Hiwatari? Der Kai Hiwatari?“
„In der Tat“, antwortete Gou trocken.
Mariko sprudelte förmlich über vor Fragen. „Ist es wahr, dass ihr zu Hause eine eigene Trainingshalle habt, die größer ist als unsere Schule? Und wie ist das so, wenn man ständig von Kameras verfolgt wird? Hast du dein Bit Beast eigentlich immer dabei oder schläft es nachts in einer Box?“
Hiromi sah sichtlich gequält aus. „Mariko, bitte... das ist unhöflich.“
Gou blieb jedoch geduldig, auch wenn sein Blick bereits zurück zu seinem eigenen Tisch schweifte. „Das Bit Beast ist immer aktiv, Mariko. Es schläft nicht. Und was die Halle angeht – sie ist funktional, nicht dekorativ, wobei ich erwähnen muss, dass unser Anwesen nur ein größeres Dojo im Keller beinhaltet. Die großen Traingshallen findest du in der Academy meines Großvaters und in dessen Firma.“
Während er sprach, bemerkte Gou jedoch eine Veränderung in Marikos Verhalten. Ihre Fragen verstummten plötzlich mitten im Satz. Ihr Blick wanderte weg von Gou und blieb an dem Jungen hängen, der an Gous Platz saß: Ren.
Ren, der die ganze Szene aus der Ferne beobachtet hatte, stützte seinen Kopf lässig auf eine Hand. Als er bemerkte, dass die kleine Schwester seiner „Fast-Schwägerin“ ihn anstarrte, verzog er keine Miene – bis auf ein kurzes, freches Zwinkern mit seinem linken, petrolfarbenen Auge.
Mariko lief schlagartig rot an. Sie vergaß ihre nächste Frage über Gous Training komplett und starrte stattdessen wie gebannt auf ihr Wasserglas, nur um eine Sekunde später wieder verstohlen zu Ren hinüberzuschielen.
Gou registrierte die Interaktion sofort. Er sah von Mariko zu seinem Bruder und dann wieder zurück. Eine neue Variable in der sozialen Gleichung des Abends.
„Es hat mich sehr gefreut“, verabschiedete sich Gou förmlich von den Eltern. Zu Hiromi gewandt fügte er hinzu: „Ich hoffe, du hast dich vom gestrigen Abend gut erholt.“
„Vielen Dank, Gou“, antwortete sie leise.
Als Gou an seinen Platz zurückkehrte, ließ er sich in den Stuhl sinken und sah Ren direkt an. „Deine Interaktionsrate mit der jüngeren Ishiwara-Tochter ist innerhalb von dreißig Sekunden von Null auf ein kritisches Niveau gestiegen, Ren. Ich schlage vor, du lässt die Provokationen, solange wir uns in der Öffentlichkeit befinden.“
Ren grinste nur breit und nahm einen Schluck von seiner Limonade. „Ich habe nichts getan, Gou. Ich bin nur... freundlich. Genau wie Mama es wollte.“
Nami biss sich auf die Unterlippe, um ein Lachen zu unterdrücken, während Kai nur weiter seinen stoischen Blick hielt. „Es scheint, als würde der Abend interessanter werden als geplant“, bemerkte Kai trocken.
Eine Stunde später...
Als die Familie Hiwatari das Restaurant schließlich verließ, war die Luft draußen angenehm kühl. Graham hielt die Tür der Limousine bereits offen, doch die Ishiwaras traten fast zeitgleich aus dem Lokal. Es kam zu dem unvermeidlichen Moment, in dem sich beide Familien auf dem Gehweg gegenüberstanden.
Während Kai und Herr Ishiwara noch ein paar letzte, steife Höflichkeiten über die aktuelle Marktlage austauschten, sah Ren seine Chance gekommen. Er hatte bemerkt, wie Mariko immer wieder zu ihm herübersah, sobald ihre Eltern abgelenkt waren.
Mit der lässigen Eleganz, die er wohl von Onkel Noah geerbt hatte, löste er sich von der Gruppe. Er tat so, als würde er sich nur kurz die Beine vertreten, und passierte Mariko dabei fast wie zufällig.
„Hier“, flüsterte er so leise, dass nur sie es hören konnte. Er ließ ein kleines, kunstvoll gefaltetes Stück Papier in ihre Richtung gleiten. „Damit du mal an jemand anderen als meinen Bruder denkst.“
Mariko fing das Papier mit der Geschicklichkeit einer Dreizehnjährigen auf, die jahrelang darin trainiert war, Zettel im Unterricht zu schmuggeln. Sie presste es gegen ihr Herz, als wäre es ein wertvolles Relat, und ihre Augen leuchteten auf.
Ren zwinkerte ihr noch einmal zu, schob die Hände in seine Hosentaschen und schlenderte zurück zur Limousine, als wäre absolut nichts geschehen.
Gou, der bereits im Wagen saß und alles durch das getönte Fenster beobachtet hatte, wartete, bis Ren sich neben ihn plumpsen ließ.
„Eine physische Datenübertragung?“, fragte Gou ohne den Blick von seinem Tablet zu heben. „In Zeiten von verschlüsselten Messengern wirkt das reichlich archaisch, Ren.“
„Manchmal ist der klassische Weg der beste, großer Bruder“, erwiderte Ren und grinste sein unverbesserliches Noah-Grinsen. „Es hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Außerdem... hast du ihr Gesicht gesehen? Sie wird den Zettel morgen in der Schule jedem zeigen.“
„Genau das ist das Problem der Datensicherheit“, murmelte Gou, doch in seinen Augen blitzte ein winziger Funke von Amüsement auf.
Sayuri, die neben Nami saß, beobachtete das Ganze mit schiefgelegtem Kopf. „Ich glaube, Ren hat gerade eine Kettenreaktion ausgelöst“, stellte sie sachlich fest. „Marikos Wangen haben eine Färbung von einer Tomate angenommen. Das ist fast so rot wie Papas Augen.“
Nami musste laut auflachen und zog Sayuri näher an sich. „Oh Gott, Ren... fang bloß nicht an wie deine Onkel Noah und Kenji. Zwei von der Sorte in der Familie reichen völlig aus.“
Kai, der als Letzter einstieg, warf einen Blick zurück zu den Ishiwaras. Er hatte die kleine Übergabe sehr wohl bemerkt, entschied sich aber, es für den Moment unkommentiert zu lassen. Er hatte für heute genug soziale Interaktionen überstanden.
„Graham“, sagte Kai ruhig. „Fahr uns bitte nach Hause. Ich möchte den Rest des Abends in Stille genießen.“
„Sehr wohl, Sir“, antwortete Graham und steuerte die schwere Limousine sanft in den fließenden Verkehr von Tokio.
Während die Lichter der Stadt an den Fenstern vorbeizogen, herrschte im Wagen eine seltene, friedliche Harmonie. Ayumi träumte von ihren Zeichnungen, Ren checkte bereits grinsend sein Handy, und Gou fing an, die Trainingspläne für Montag zu optimieren – während Mariko Ishiwara zu Hause wahrscheinlich zum ersten Mal die Handschrift eines Hiwatari entzifferte.
Kurswechsel zum analytischen Zweck
Die künstliche Morgensonne der Hochleistungsscheinwerfer flutete die Halle 3 in einem harten, klinischen Weiß. Gou stand bereits an der Kontrollkonsole und kalibrierte die Hochfrequenzkameras der Arena. Er hatte kaum geschlafen, doch sein Geist war scharf wie eine Klinge. Für ihn gab es keinen Montag-Morgen-Blues; es gab nur Effizienz oder Versagen.
Violeta war die Erste, die eintraf. Sie wirkte fast wie eine Erscheinung in dem sterilen Raum – ihr blondes Haar war zu einem festen, tiefen Zopf gebunden, und ihr Gesicht war die Maske reiner Entschlossenheit. Ohne ein Wort zu sagen, stellte sie sich an ihren Platz. Sie wusste, dass Gou vor sechs Uhr keine Smalltalk-Versuche duldete.
Kurz darauf öffneten sich die Türen erneut. Emilia, das zweite Mädchen im Team, betrat die Halle. Sie strahlte eine ruhige, fast distanzierte Eleganz aus, die einen starken Kontrast zu Violetas feuriger Art bildete. Sie rückte sich kurz die Handschuhe zurecht und nickte Gou knapp zu, bevor sie ihren Platz neben Violeta einnahm.
Als Letzte trudelten Ryan und Seiya ein. Ryan wirkte, als wäre er gerade erst aus dem Bett gefallen, sein Haar stand in alle Richtungen ab, und er unterdrückte ein herzhaftes Gähnen. Seiya hingegen wirkte einfach nur schläfrig, seine Bewegungen waren langsam und unkoordiniert.
„Morgen, Boss...“, murmelte Ryan und ließ seine Tasche auf die Bank fallen. „Echt jetzt? Sechs Uhr? Mein biologischer Rhythmus hält das für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“
Gou sah nicht einmal von seinem Tablet auf. „Dein biologischer Rhythmus ist für den Erfolg dieses Teams irrelevant, Ryan. Wir haben genau sechzig Minuten, bevor euer schulisches Pensum beginnt. Violeta, nimm die Startposition ein.“
Ryan hielt inne und beobachtete, wie Violeta mit einer fast schon militärischen Präzision ihren Launcher vorbereitete. Sein Blick wanderte zu Seiya und dann zurück zu Violeta. Ein schiefes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht.
„Sag mal, Violeta...“, begann er mit einem provozierenden Unterton. „Ich hab gehört, du hast am Samstag hier 'Sonderschichten' geschoben? Ganz allein mit dem Boss?“
Violetas Hand zitterte kaum merklich, aber ihre roséfarbenen Augen verengten sich. „Ich habe trainiert, Ryan. Etwas, das dir auch gutgetan hätte. Außerdem war es Zufall, dass wir uns begegneten“
„Oh, natürlich, Training...und ja, Zufall“, spottete Ryan und trat näher an die Arena. Er sah zu Emilia rüber, um eine Verbündete für seinen Spott zu finden, doch Emilia blieb neutral, auch wenn sie die Situation aufmerksam beobachtete. „Soll ich dir sagen, wie das aussieht? Du versuchst dich doch nur bei Gou einzuschleimen, weil du total auf ihn stehst. Gib’s doch zu, die kleine Blondine will die Nummer eins beim Chef sein.“
Seiya kicherte schläfrig im Hintergrund. „Stimmt, sie ist heute noch motivierter als sonst. Guck dir diesen Blick an. Das ist Liebe, Ryan, reine Hingabe zum System Hiwatari.“
Violetas Gesicht nahm augenblicklich einen tiefen Rotton an, der fast mit den Flammen ihres Bit-Beasts konkurrieren konnte. „Das ist... das ist absolut unprofessionell! Ich will nur, dass Palos perfekt läuft!“
„Klar doch“, feixte Ryan weiter. „Vielleicht hoffst du ja, dass er dir nach dem Training ein Kompliment macht? 'Akzeptabel, Violeta' – ist das dein Happy End?“
Gou legte sein Tablet langsam auf die Konsole. Die Stille, die daraufhin in der Halle einkehrte, war so schwer, dass selbst Ryan kurzzeitig das Atmen vergaß. Gou drehte den Kopf langsam in Ryans Richtung. Seine Augen leuchteten in einem tiefen, bedrohlichen Granat.
„Ryan“, sagte Gou, und seine Stimme war so leise und schneidend wie gefrorenes Metall. „Deine Unfähigkeit, professionellen Ehrgeiz von privaten Emotionen zu trennen, ist ein deutliches Zeichen für eine mangelnde mentale Disziplin. Violeta hat am Samstag eine Effizienzsteigerung von 15 Prozent erzielt, während du wahrscheinlich damit beschäftigt warst, deine Zeit mit Fast Food und Videospielen zu verschwenden.“
Er trat einen Schritt auf die Arena zu. „Wenn du noch einmal versuchst, die Integrität meiner Teammitglieder durch infantile Unterstellungen zu untergraben, werde ich persönlich dafür sorgen, dass dein Training ab morgen um 05:00 Uhr beginnt. Und zwar im Einzel-Drill gegen Corvus – bis dein Schakal keinen einzigen Funken mehr sprüht. Haben wir uns verstanden?“
Ryan schluckte schwer. Das Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht. „Ja... verstanden, Boss.“
Gou wandte sich an den Rest. „Emilia, du verstärkst die Flanke. Seiya, versuch zumindest so zu wirken, als wärst du bei Bewusstsein. Wir starten den Synchron-Drill. Violeta, zeig ihnen die Thermodynamik-Wende.“
Violeta atmete tief durch. Der Zorn über Ryans Worte wurde in reine Energie umgewandelt.
„Drei... zwei... eins... Let it rip!“
Vier Beys schossen gleichzeitig in die Arena. Corvus blieb im Zentrum, ein dunkler Wächter, während Violetas Palos wie ein flammendes Inferno über die Außenbahnen raste. Die Hitze war im gesamten Raum spürbar. Emilia steuerte ihren Bey mit kühler Präzision und bildete den perfekten Puffer zwischen Violetas Feuer und Ryans eher ungestümen Angriffen.
„Präziser, Ryan!“, kommandierte Gou, während er die Datenströme auf seinem Display überwachte. „Du verlierst Energie beim Aufprall. Violeta, jetzt! Nutze den Rückstoß!“
Violeta setzte die Technik vom Samstag perfekt um. Palos prallte gegen die Bande, absorbierte die Reibungshitze und schoss wie ein Komet auf Ryans Schakal zu. Der Aufprall war so heftig, dass Ryans Bey fast aus der Arena geschleudert wurde.
„Wow... okay, das war neu“, keuchte Ryan, der nun sichtlich Mühe hatte, die Kontrolle zu behalten.
Gou beobachtete Violeta einen Moment länger als notwendig. Er sah den Schweiß auf ihrer Stirn und das Feuer in ihren Augen. „Gute Umsetzung der Parameter, Violeta“, sagte er ruhig.
Violeta spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte – nicht vor Anstrengung, sondern wegen der seltenen, direkten Anerkennung. Sie sah kurz zu Ryan, der nur grimmig auf seinen Blade starrte. Er würde sie heute nicht mehr aufziehen.
Das Training dauerte bis exakt 07:05 Uhr. Als die Beys schließlich zum Stillstand kamen, war die Luft in der Halle schwer von Ozon.
„Das war ein akzeptabler Start in die Woche“, resümierte Gou, während er seine Ausrüstung verstaute. „Geht duschen. Graham wartet draußen, um euch zur Schule zu bringen. Emilia, du behältst die Leistungsdaten von heute im Auge. Wir analysieren sie heute Nachmittag nach dem Unterricht.“
Emilia nickte ruhig. „Wird gemacht, Gou.“
Während sie die Halle verließen, trottete Ryan neben Seiya her. Er war zu erschöpft für weitere Witze, aber er warf Violeta immer noch einen misstrauischen Seitenblick zu. Violeta hingegen ging mit erhobenem Kopf an ihm vorbei. Sie hatte heute nicht nur gegen die Arena gewonnen, sondern auch ihren Platz im Team – und vielleicht ein kleines Stückchen Respekt von dem Jungen, den sie alle als ihren unnahbaren Anführer sahen.
Die folgende Woche verlief nach einem Zeitplan, der so präzise getaktet war, dass selbst Graham keine Beanstandungen gefunden hätte. Jeden Morgen um exakt 06:00 Uhr hüllte das kalte Licht der Halle 3 das Team in eine Atmosphäre aus Disziplin und Schweiß.
Gou leitete die Übungen mit gewohnter Härte. Doch etwas hatte sich in seiner Wahrnehmung verschoben. Seit Ryans provozierender Bemerkung am Montag beobachtete Gou Violeta auf eine neue, analytische Weise. Wenn sie ihren Launcher spannte, achtete er nicht nur auf die Muskelspannung in ihren Armen, sondern auch auf ihren Blick. Er registrierte, wie sie manchmal kurz zögerte, wenn er hinter sie trat, um ihre Haltung zu korrigieren, oder wie sie seinen Blick mied, wenn er ihre Leistung lobte.
Es war kein romantisches Interesse seinerseits – dieser Gedanke lag Gou vollkommen fern. Für ihn war Violeta eine wertvolle Komponente in einem hochkomplexen System. Ein verliebtes Teammitglied war in seinen Augen eine unberechenbare Variable, ein Risiko für die emotionale Stabilität der Gruppe. Er wollte sicherstellen, dass ihre Konzentration nicht unter ihren möglichen Gefühlen litt. Doch zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass Violeta ihren Fokus eher steigerte; es war, als wollte sie ihm beweisen, dass sie trotz ihrer Bewunderung keine Schwäche zeigte.
Emilia beobachtete dieses stille Spiel zwischen Gou und Violeta oft mit einem wissenden, kühlen Lächeln, während Ryan und Seiya klug genug waren, keine weiteren Sprüche zu klopfen – zumindest nicht in Gous Hörweite.
In der Schule hingegen sah sich Gou mit einer ganz anderen Art von Komplikation konfrontiert. Seit dem Schulball war die sonst so beliebte Hiromi Ishiwara zur Zielscheibe geworden.
Es passierte meistens in den Pausen oder in den überfüllten Gängen zwischen den Unterrichtsstunden. Gou, der oft allein oder mit Akari und Makoto durch die Schule ging, wurde unfreiwillig Zeuge der sozialen Ausgrenzung. Er sah, wie sich Gruppen älterer Schülerinnen Hiromi in den Weg stellten, die Köpfe zusammensteckten und lautstark über „Mädchen, die sich über ihren Stand verkaufen“ oder „billige Taktiken, um Aufmerksamkeit zu erregen“ tuschelten.
Am Donnerstag hörte er im Vorbeigehen, wie eine Schülerin aus der zehnten Klasse Hiromi am Spind abfing.
„Glaubst du wirklich, nur weil er einmal mit dir getanzt hat, gehörst du jetzt dazu?“, zischte das Mädchen. „Ein Hiwatari gibt sich nicht mit jemandem wie dir ab. Du warst nur eine strategische Wahl für einen Abend.“
Gou blieb in der Nähe eines Wasserspenders stehen und tat so, als würde er auf sein Handy schauen. Er spürte, wie sich seine Kiefermuskulatur anspannte. Es war nicht nur die logische Ungerechtigkeit, die ihn störte, sondern ein ungewohntes Gefühl von Empathie, das er nicht recht einzuordnen wusste.
Er sah, wie Hiromi den Kopf senkte, ihre Bücher fester an sich drückte und versuchte, einfach weiterzugehen. Ihr Gesicht war blass, und sie wirkte in diesen Momenten seltsam zerbrechlich. Was ihn jedoch am meisten irritierte, war, dass sie seinen Blick mied. Wann immer sie ihn in der Ferne sah, suchte sie sofort einen anderen Weg oder starrte auf den Boden. Sie hatte offensichtlich Angst, dass jede weitere Interaktion mit ihm nur noch mehr Öl in das Feuer der Neider gießen würde.
Am Freitagabend, als Graham ihn von der Schule abholte, war Gou ungewöhnlich einsilbig.
„Sie wirken heute besonders nachdenklich, Master Gou“, bemerkte Graham, während er den Wagen durch den dichten Verkehr lenkte.
„Soziale Gefüge in Schulen sind ineffizient und basieren auf irrationalen Parametern, Graham“, antwortete Gou trocken und starrte aus dem Fenster.
„Ah, Sie sprechen von der Hierarchie unter den Schülern. Ein grausameres Schlachtfeld als jede Beyblade-Arena.“
„Es geht um Missgunst“, präzisierte Gou. Er dachte an Hiromis bedrückte Miene und das spöttische Lachen der älteren Mädchen. „Ein Individuum wird für eine Handlung bestraft, die ich initiiert habe. Das verstößt gegen mein Prinzip der kausalen Verantwortung.“
Er war genervt. Genervt davon, dass ihn das Schicksal eines Mädchens beschäftigte, das eigentlich nur eine „soziale Verpflichtung“ hätte sein sollen. Und noch mehr genervt davon, dass er spürte, wie sein Schutzinstinkt – diese typische Hiwatari-Eigenschaft, die er bei seinem Vater so oft beobachtet hatte – langsam erwachte.
Gou war kein Mensch, der impulsiv handelte. Jede Bewegung, jedes Wort und jede taktische Entscheidung war das Ergebnis einer kühlen Analyse. Doch die Situation in der Schule hatte ein Maß an Ineffizienz erreicht, das er nicht länger ignorieren konnte. Es störte die Ordnung.
Am darauffolgenden Montagvormittag bot sich die Gelegenheit. Die große Pause hatte gerade begonnen, und der zentrale Innenhof der Schule war belebt. Gou stand im Schatten eines Bogengangs und beobachtete, wie Hiromi versuchte, unbemerkt zur Bibliothek zu gelangen. Doch eine Gruppe von vier älteren Mädchen – angeführt von der Zehntklässlerin, die er bereits am Donnerstag gehört hatte – schnitt ihr den Weg ab.
„Schon wieder auf dem Weg zum Verstecken, Ishiwara?“, tönte die Anführerin, eine großgewachsene Schülerin mit schmalen, hämischen Augen. „Vielleicht hoffst du ja, dass dein 'Prinz' dich dort findet? Aber wir wissen alle, dass er dich längst vergessen hat.“
Hiromi blieb stehen, den Blick starr auf ihre Schuhe gerichtet. Sie sagte nichts, was die Mädchen nur noch mehr anstachelte.
Gou löste sich von der Wand. Er ging nicht schnell, aber sein Schritt hatte diese unaufhaltsame Schwere, die Gespräche in seiner unmittelbaren Nähe verstummen ließ. Er ignorierte die tuschelnden Mitschüler um ihn herum und steuerte direkt auf die Gruppe zu.
Als er die Mädchen erreichte, trat er nicht einfach an ihnen vorbei. Er blieb exakt zwischen Hiromi und der Anführerin stehen. Die Mädchen erstarrten. Die Anführerin, die eben noch so großspurig gewesen war, verlor augenblicklich ihre Farbe und wich einen Schritt zurück.
Gou sah sie nicht einmal an. Sein Blick lag ruhig auf Hiromi, die nun langsam den Kopf hob, ihre Augen weit vor Überraschung und Furcht.
„Hiromi“, sagte Gou. Seine Stimme war nicht laut, aber sie trug durch die plötzliche Stille des Hofes. „Ich habe die Analyse der BBA-Statistiken für das nächste Quartal abgeschlossen. Es gibt einige Korrelationen bezüglich der Medienpräsenz deines Vaters, die ich mit dir besprechen möchte.“
Es war eine offensichtliche Ausrede – ein Vorwand, der so trocken und geschäftsmäßig war, dass er absolut unangreifbar wirkte.
„I-ich... jetzt?“, brachte Hiromi hervor.
„Präzision duldet keinen Aufschub“, antwortete Gou schlicht. Er wandte nun langsam den Kopf und fixierte die Anführerin der Mädchengruppe. Sein Blick war nicht wütend; er war schlimmer. Er war vollkommen leer, als würde er ein lästiges Hindernis auf einer Teststrecke betrachten. „Ich gehe davon aus, dass dieses Gespräch hier beendet ist. Oder gibt es noch ausstehende... Variablen?“
Das Mädchen schluckte schwer, brachte kein Wort heraus und schüttelte nur hektisch den Kopf. Die Gruppe stob regelrecht auseinander, als hätte Gou einen unsichtbaren Befehl zur Evakuierung gegeben.
Gou wandte sich wieder an Hiromi. Er bemerkte, wie sie zitterte, und zum ersten Mal an diesem Tag milderte sich sein Blick um eine Nuance. „Komm mit. Der Garten hinter dem Westflügel ist zu dieser Zeit unterbesetzt. Dort herrscht die notwendige Ruhe.“
Sie folgten ihm schweigend. Erst als sie die lärmenden Schülermassen hinter sich gelassen hatten und im ruhigen, klassizistisch angelegten Schulgarten standen, blieb er stehen.
„Du musst aufhören, den Blick zu senken“, sagte er ohne Umschweife.
Hiromi sah ihn fassungslos an. „Gou... warum hast du das getan? Das macht es nur noch schlimmer. Jetzt denken sie erst recht, dass ich... dass wir...“
„Es ist irrelevant, was Individuen denken, die ihre Logik auf Neid stützen“, unterbrach er sie kühl. Er trat einen Schritt näher, was sie dazu zwang, ihn direkt anzusehen. „Wenn du dich wegdrehst, bestätigst du ihre Annahme einer Unterlegenheit. Ein Hiwatari wählt seine Begleitung nicht nach Zufallswerten aus. Indem sie dich angreifen, kritisieren sie meine Urteilsfähigkeit. Und das ist eine Grenzüberschreitung, die ich nicht toleriere.“
Er sah, wie Tränen in ihren Augen schimmerten, doch sie blinzelte sie tapfer weg. „Du tust das also nur für deinen Ruf?“, fragte sie leise, mit einem bitteren Unterton.
Gou schwieg für einen Moment. Er dachte an das Gefühl der Genervtheit im Wagen, an das Mitleid, das er nicht wollte, und an die Disziplin, die er von seinem Team forderte.
„Ich tue es, weil es das Richtige ist“, sagte er schließlich, und seine Stimme klang nun weniger wie die eines Analytikers und mehr wie die eines jungen Mannes, der seine eigene Menschlichkeit entdeckte. „Und weil ich nicht möchte, dass du dich in meiner Gegenwart unwohl fühlst. Die soziale Belastung des Balls war meine Entscheidung. Die Konsequenzen werde ich daher mit dir teilen.“
Hiromi atmete tief durch. Zum ersten Mal seit einer Woche mied sie seinen Blick nicht. „Danke, Gou.“
„Es war eine notwendige Justierung“, antwortete er und kehrte sofort zu seinem gewohnt distanzierten Ton zurück. „Und jetzt gehen wir. Wir haben noch fünf Minuten bis zum Unterricht. Ich werde dich zu deinem Raum begleiten. Das sollte ausreichen, um die Gerüchteküche für den Rest des Monats mit... stabilen Daten zu versorgen.“
Als sie gemeinsam durch die Gänge zurückgingen, bemerkte Gou, dass Hiromi die Schultern ein Stück gerader hielt. Er selbst fühlte sich seltsam zufrieden – eine Emotion, die er am Abend in seinem Trainingstagebuch unter „erfolgreiche Krisenintervention“ verbuchen würde, auch wenn sein Herz für einen Moment etwas schneller geschlagen hatte, als Hiromi ihn angelächelt hatte.
Vor der Tür ihres Klassenzimmers blieb Hiromi stehen. Der Lärm der anderen Schüler, die in die Räume drängten, schien für einen Moment in den Hintergrund zu treten. Sie drehte sich ganz zu ihm um, und Gou registrierte die feinen Anzeichen ihrer Nervosität: das leichte Zittern ihrer Hände, die fest um ihre Tasche geschlossen waren, und das hastige Heben ihrer Brust.
„Gou...“, begann sie, und ihre Stimme war leise, aber von einer plötzlichen Entschlossenheit getragen. „Ich weiß, dass ich wahrscheinlich keine Chance habe. Jemand wie du... du lebst in einer völlig anderen Welt. Aber ich muss dich trotzdem fragen, weil es mich einfach nicht loslässt.“
Sie atmete tief durch, als würde sie vor einem Sprung ins kalte Wasser stehen. „Würdest du dich nach der Schule mal mit mir treffen? Einfach nur zum Reden. Ohne Statistiken, ohne BBA. Ich muss ständig an diesen schönen Abend auf dem Ball denken und daran... wie nett du zu mir warst.“
Gou hielt inne. Sein analytischer Verstand begann sofort, die Anfrage zu zerlegen, doch er stieß auf eine Barriere. Er verstand es schlichtweg nicht. Er hatte den Ballabend als eine Abfolge von taktisch korrekten Zügen betrachtet. Er hatte darauf geachtet, nicht charmant zu sein, keine falschen Signale zu senden und seine kühle Professionalität zu wahren – allein schon, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken. Es war nicht seine Art, Menschen zu umgarnen.
Und doch stand dieses Mädchen hier und schien von ihm fasziniert zu sein. Warum? Was sah sie und so viele andere in ihm, das er selbst hinter seinen kühlen Berechnungen verborgen hielt?
Es war diese wissenschaftliche Neugier, gepaart mit einem ungewohnten Gefühl in seiner Brust, die ihn zögern ließ. Vielleicht würde sie es ihm verraten, wenn sie unter sich wären. Vielleicht gab es eine Variable in seiner eigenen Persönlichkeit, die er bisher übersehen hatte.
Er blickte in ihre erwartungsvollen Augen und bemerkte erneut, wie sehr sie unter dem Druck der letzten Tage gelitten hatte. Er erkannte, dass es ihr – und vielleicht auch ihm selbst – helfen würde, wenn er etwas menschlicher reagierte. Wenn er die eiskalte Maske des Hiwatari-Erben ein Stück weit lüftete.
Er hatte sich immer vorgenommen, niemanden zu schnell zu nah an sich heranzulassen, doch der Gedanke reifte in ihm: Vielleicht war es an der Zeit, neben Akari, Makoto und seinen Geschwistern einen neuen exklusiven Kreis von Personen zu definieren. Menschen, denen er erlauben würde, seine weichere, nicht rein analytische Seite zu sehen. Sein Vater hatte Nami. Sein Onkel Tala hatte Lumina. Onkel Vladimir hatte Hana.
Vielleicht sollte Hiromi die Erste sein, die zu diesem Kreis gehörte.
Gou entspannte seine Gesichtszüge merklich. Das harte Leuchten in seinen Augen wich einem ruhigeren, fast sanften Blick. „Ich verstehe den Wunsch nach einem Austausch außerhalb protokollarischer Rahmenbedingungen“, sagte er, doch dann hielt er kurz inne und korrigierte sich selbst. Er wollte nicht mehr wie ein Computer klingen.
Er trat einen kleinen Schritt auf sie zu, so dass die Distanz zwischen ihnen weniger förmlich wirkte. „Ja, Hiromi. Das würde ich gerne. Es gibt... Fragen, auf die ich bisher keine Antworten gefunden habe. Vielleicht kannst du mir helfen, sie zu verstehen.“
Ein winziges, fast unmerkliches Lächeln umspielte seine Lippen – ein seltener Anblick, den er bisher fast nur seiner Familie oder Makoto geschenkt hatte. „Wir treffen uns am Mittwoch nach dem Unterricht am Westtor. Graham wird uns zu einem ruhigeren Ort bringen.“
Hiromis Gesicht erhellte sich so schlagartig, dass Gou das Gefühl hatte, die Lichtintensität im Flur hätte zugenommen. „Wirklich? Danke, Gou! Das bedeutet mir sehr viel.“
„Geh jetzt rein“, sagte er leise, und sein Tonfall hatte eine Wärme, die er selbst erst noch erkunden musste. „Wir sehen uns dann.“
Er wartete, bis sie im Klassenzimmer verschwunden war, bevor er sich umdrehte und seinen eigenen Weg fortsetzte. Sein Verstand arbeitete bereits an der nächsten Trainingseinheit, doch ein Teil von ihm verweilte bei der Vorstellung des Mittwochnachmittags. Er hatte gerade eine Entscheidung getroffen, die nicht in seinen ursprünglichen Plänen gestanden hatte – und zum ersten Mal störte ihn diese Unvorhersehbarkeit nicht.
Dienstag, 05:58 Uhr – BBA Trainingszentrum, Halle 3
Gou betrat die Halle zwei Minuten vor der Zeit. Die Luft war kühl, doch in seinem Kopf herrschte eine ungewohnte Ruhe. Das Gespräch mit Hiromi vom Vortag hallte in ihm nach. Er hatte eine Entscheidung getroffen: Er wollte die "exklusive" Behandlung testen. Nicht nur bei Hiromi, sondern auch bei seinem Team. Wenn er wollte, dass sie für ihn durchs Feuer gingen, reichte Logik allein vielleicht nicht aus. Vielleicht brauchten sie einen Anführer, der mehr war als eine Rechenmaschine.
Violeta stand bereits an der Arena. Als Gou eintrat, versteifte sie sich unbewusst. Sie erwartete die übliche kühle Begrüßung und die sofortige Analyse ihrer Fehler vom Vortag.
„Guten Morgen, Violeta“, sagte Gou.
Violeta blinzelte. Es war nicht das übliche knappe „Morgen“. Seine Stimme klang tiefer, entspannter. „Guten Morgen, Gou“, erwiderte sie unsicher.
Kurz darauf trafen Emilia, Ryan und Seiya ein. Ryan wirkte wie immer zerzaust, doch als er Gou ansah, hielt er inne. Gou stand nicht mit verschränkten Armen da, sondern lehnte fast lässig gegen den Rand der Arena.
„Gou? Alles okay?“, fragte Ryan misstrauisch. „Du wirkst so... wenig furchteinflößend heute. Hat dir jemand was in den Tee getan?“
Gou sah Ryan direkt an, doch statt eines vernichtenden Kommentars hob er nur eine Augenbraue. „Ich habe lediglich beschlossen, die Effizienz durch eine positive Verstärkung zu testen, Ryan. Wir beginnen heute mit einem freien Training. Keine festen Parameter für die ersten zwanzig Minuten. Ich möchte sehen, wie ihr euch intuitiv anpasst.“
Ein Raunen ging durch das Team. Emilia wechselte einen schnellen Blick mit Violeta. Das war absolut untypisch für Gou.
„An die Plätze“, befahl Gou, doch sein Blick blieb an Violeta hängen. Er trat zu ihr, während sie ihren Launcher vorbereitete. Normalerweise hätte er jetzt ihre Armhaltung korrigiert. Stattdessen legte er ihr kurz die Hand auf die Schulter – eine Geste, die so menschlich und unterstützend war, dass Violeta fast ihren Beyblade fallen gelassen hätte.
„Du hast letzte Woche hart gearbeitet, Violeta“, sagte er leise, so dass nur sie es hören konnte. „Vertrau heute auf dein Gefühl für Palos, nicht nur auf die Thermodynamik. Ich weiß, dass du es kannst.“
Violeta starrte ihn an, ihre Wangen röteten sich augenblicklich. „Ich... danke, Gou. Ich werde dich nicht enttäuschen.“
„Drei... zwei... eins... Let it rip!“
Das Training verlief anders als sonst. Ohne Gous ständigen, unerbittlichen Drill wirkte das Team befreiter. Ryan und Seiya wagten mutigere Angriffe, und Emilia koordinierte die Verteidigung mit einer fließenden Leichtigkeit. Violeta jedoch kämpfte wie ausgewechselt. Das kurze, exklusive Zuspruch von Gou schien in ihr Reserven freigesetzt zu haben, von denen sie selbst nichts wusste.
Gou beobachtete sie. Er sah, wie Ryan nach einem besonders harten Zusammenstoß mit Violetas Palos schnaufend innehielt.
„Heiliges Blech!“, rief Ryan aus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Boss, was auch immer du ihr heute Morgen gesagt hast – sag’s mir nicht. Ich will nicht, dass sie mich komplett röstet!“
Gou schmunzelte. Es war kein herablassendes Lächeln, sondern ein ehrliches, kurzes Aufblitzen von Amüsement.
Ryan erstarrte. „Leute... habt ihr das gesehen? Er hat gelächelt! Ein echtes Lächeln! Emilia, sag mir, dass ich nicht halluziniere.“
Emilia schüttelte nur schmunzelnd den Kopf. „Vielleicht lernt der 'eiskalte Gou' ja gerade, dass wir Menschen sind, Ryan. Keine Algorithmen.“
Gou trat in die Mitte des Teams. „Genug der Unterbrechungen. Ryan, dein Schakal hat in der letzten Sequenz an Geschwindigkeit verloren, weil du zu zögerlich warst. Violeta, dein Timing war exzellent.“
Er sah in die Runde und spürte, dass die Stimmung im Team so fest und loyal war wie nie zuvor. Die „exklusive Behandlung“ schien zu funktionieren. Er merkte, dass es ihm selbst weniger Kraft raubte, wenn er nicht ständig die Distanz erzwingen musste.
Als das Training um sieben Uhr endete, war die Atmosphäre gelöst. Während sie ihre Sachen packten, kam Ryan zu Violeta herüber.
„Okay, Blondie“, grinste er schief. „Ich weiß nicht, was du mit ihm angestellt hast, aber wenn das bedeutet, dass er uns morgens nicht mehr wie ein Feldwebel anbrüllt, dann hast du meinen Segen beim Einschleimen.“
Violeta lachte – ein echtes, fröhliches Lachen. „Halt die Klappe, Ryan. Geh duschen.“
Gou beobachtete sie beim Hinausgehen. Er dachte an morgen Nachmittag, an das Treffen mit Hiromi am Westtor. Er fühlte sich bereit. Bereit, die analytische Seite für eine Weile gegen die menschliche zu tauschen.
Neue Variable namens Gefühl
Der restliche Dienstag und der Mittwochvormittag fühlten sich für Gou an wie eine Simulation, die in einer neuen, helleren Frequenz ablief. Die Nachricht von seinem Eingreifen im Innenhof hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Überall, wo er auftauchte, verstummten die Gespräche und wichen aufgeregtem Getuschel. Doch Gou ignorierte die Masse; sein Fokus war nun selektiv.
Als er Hiromi in der Pause auf dem Weg zum Musikraum begegnete, passierte etwas, das die Umstehenden fast zu Stein erstarren ließ. Anstatt wie üblich mit leerem, distanziertem Blick an ihr vorbeizugehen, blieb Gou für einen Bruchteil einer Sekunde stehen. Er suchte ihre Augen und schenkte ihr einen warmen, wissenden Blick – ein stilles Versprechen, das nur für sie bestimmt war. Hiromi errötete bis über beide Ohren, doch sie hielt seinem Blick stand und lächelte zurück, diesmal ohne Angst.
In der Mittagspause wurde Gou jedoch von einer ganz anderen Front abgefangen. Seine Cousine Akari, die sich meistens aus seinen Angelegenheiten heraushielt, fing ihn am Ausgang der Cafeteria ab. Ihre amethystfarbenen Augen funkelten vor Belustigung, und sie verschränkte die Arme vor der Brust.
„Gou! Warte mal“, rief sie und eilte ihm nach. „Hast du eigentlich eine Ahnung, was du angerichtet hast? In meiner Klasse drehen die Mädchen völlig durch. Das einzige Thema seit gestern Mittag ist der 'Ritterschlag' für Hiromi Ishiwara.“
Gou hielt inne und sah sie ruhig an. „Ich habe lediglich eine soziale Fehlentwicklung korrigiert, Akari. Das ist nichts, was eine derartige Aufregung rechtfertigen würde.“
„Oh, komm schon!“, lachte Akari und schüttelte den Kopf, wobei ihre langen Haare mitschwangen. „Du hast dich schützend vor sie gestellt und diese eingebildeten Zehntklässlerinnen mit einem Blick in die Flucht geschlagen. Das ist Stoff für einen Liebesroman, Gou. Erzähl mir die Wahrheit: Ist da mehr? Warum Hiromi? Die Mädchen wetten schon darauf, ob sie deine erste offizielle Freundin wird.“
Gou spürte, wie er innerlich die Stirn runzelte, doch er blieb äußerlich gelassen. „Wetten sind eine ineffiziente Nutzung von Zeit und Ressourcen. Hiromi ist eine Person mit hohem Potenzial, die ungerechtfertigt angegriffen wurde. Alles Weitere... unterliegt der Privatsphäre.“
Akari kniff die Augen zusammen. „'Privatsphäre'? Das ist kein 'Nein', Gou! Das ist ein 'Ich verrate nichts'! Wow. Der eiskalte Gou Hiwatari hat tatsächlich ein Herz entdeckt. Ich werde Nami alles brühen, wenn du mir nicht wenigstens sagst, ob ihr euch heute trefft.“
Gou sah sie einen Moment lang schweigend an, dann neigte er den Kopf. „Wir treffen uns am Westtor. Graham ist informiert.“
Akari stieß einen kleinen Freudenschrei aus. „Ich wusste es! Viel Glück, Gou. Und sei nett zu ihr – also, wirklich nett, nicht nur 'akzeptabel' nett!“
Mittwoch, 15:30 Uhr – Das Westtor
Die Sonne stand tief und tauchte die klassizistische Architektur der Schule in ein goldenes Licht. Gou lehnte am Pfeiler des Westtores, die Hände lässig in den Taschen seines Mantels vergraben. Er wirkte entspannt, fast schon erwartungsvoll.
In einiger Entfernung stand die Gruppe von Mädchen, die Hiromi letzte Woche so zugesetzt hatte. Sie beobachteten Gou aus sicherer Distanz und flüsterten hektisch. Als Hiromi schließlich aus dem Gebäude trat und auf das Tor zuging, verstummten sie. Sie sahen, wie Gou sich vom Pfeiler löste und ihr entgegenkam.
„Bist du bereit?“, fragte er leise, als sie vor ihm stand. Er achtete nicht auf die Gaffer; für ihn existierte in diesem Moment nur die junge Frau vor ihm, die heute eine ganz andere Ausstrahlung hatte – selbstbewusster, fast leuchtend.
„Ja“, antwortete sie strahlend.
Graham hielt den Bentley bereits in einiger Entfernung bereit. Als sie gemeinsam zum Wagen gingen, war die Botschaft an die gesamte Schule unmissverständlich: Hiromi Ishiwara stand unter dem Schutz und in der Gunst des Hiwatari-Erben.
Gou hatte einen Ort ausgesucht, den er oft besuchte, wenn er Ruhe vor dem Trubel der Stadt brauchte: Einen kleinen, privaten Zen-Garten am Rande eines Parks, der seiner Familie gehörte. Dort gab es keine Kameras, keine neugierigen Mitschüler, nur das sanfte Plätschern eines Wasserlaufs und das Rauschen der Ahornbäume.
Sie saßen auf einer Holzbank vor einem kleinen Teich. Graham hatte diskret Tee und kleine japanische Süßigkeiten bereitgestellt und sich dann zum Wagen zurückgezogen.
Gou beobachtete, wie Hiromi den Garten bewunderte. Er beschloss, sein Versprechen einzulösen und die Maske fallen zu lassen.
„Hiromi“, begann er, und seine Stimme war so weich, wie sie es bisher nur selten gewesen war. „Du hast vorhin im Klassenzimmer etwas gesagt. Dass du an den Abend denkst, wie nett ich war. Ich... ich habe mich gefragt, warum du das so empfindest. Ich habe mich bemüht, distanziert zu sein.“
Hiromi stellte ihre Teetasse ab und sah ihn direkt an. „Das ist es ja, Gou. Du denkst, du bist distanziert, weil du so klug bist und alles analysierst. Aber an diesem Abend... als wir getanzt haben, hast du nicht nur auf die Schritte geachtet. Du hast mich gehalten, als wäre ich wertvoll. Du hast mich nicht wie eine Statistik behandelt, sondern wie einen Menschen. Du hast eine Art, jemandem das Gefühl zu geben, sicher zu sein, ohne ein einziges Wort zu sagen.“
Gou hörte ihr schweigend zu. Er fühlte sich nicht unwohl, sondern eher... erkannt. Ein Gefühl, das er bisher nicht kannte.
„Sicherheit ist ein hohes Gut“, murmelte er. Er sah zum Teich hinaus. „Ich verbringe viel Zeit damit, die Welt in Mustern zu sehen. Aber bei dir... scheint das Muster nicht auszureichen, um alles zu erklären. Das ist faszinierend für mich. Und ich möchte... dass du weißt, dass du diese 'exklusive' Seite von mir öfter sehen darfst.“
Er wandte ihr das Gesicht zu und griff fast schüchtern nach ihrer Hand. Seine Finger waren warm. „Du musst dich nicht mehr verstecken. Weder vor den Mädchen in der Schule noch vor mir.“
Hiromi legte ihre andere Hand über seine. „Ich glaube, du bist viel menschlicher, als du selbst wahrhaben willst, Gou Hiwatari.“
Gou lächelte – diesmal nicht nur ein kurzes Aufblitzen, sondern ein ehrliches, sanftes Lächeln, das seine Augen erreichte. In diesem Moment, in der Stille des Gartens, war er nicht der Erbe eines Imperiums oder der Anführer eines Teams. Er war einfach Gou.
Der Nachmittag verging in einer angenehmen Leichtigkeit, die für Gou völlig neu war. Er genoss die Abwesenheit von Leistungsdruck und die Tatsache, dass er mit Hiromi einfach er selbst sein konnte, ohne dass jedes Wort auf die Goldwaage einer geschäftlichen Analyse gelegt wurde.
Als Graham den Wagen wenig später schließlich vor Hiromis Haus zum Stehen brachte, herrschte eine dichte, fast greifbare Atmosphäre im Fond des Wagens. Graham, diskret wie immer, blickte starr nach vorne, doch die Welt innerhalb des Wagens schien auf diesen einen Moment zusammenzuschrumpfen.
Gou stieg aus, um Hiromi die Tür zu öffnen – eine Geste der Höflichkeit, die er perfekt beherrschte, die sich heute jedoch persönlicher anfühlte. Sie traten gemeinsam auf den kleinen Gehweg vor ihrem Haus. Die Abenddämmerung hüllte alles in ein weiches Rot, das fast die Farbe von Gous Augen widerspiegelte.
Hiromi blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Sie war ihm sehr nah. Gou, dessen Sinne durch jahrelanges Training auf kleinste Details geschärft waren, registrierte sofort wieder die Veränderungen in ihrer Körpersprache. Er sah das leichte Zittern ihrer Unterlippe, das schnelle Heben und Senken ihrer Brust und wie sie den Kopf ein winziges Stück neigte, während ihr Blick immer wieder zu seinem Mund huschte.
~Sie erwartet wieder einen Kuss~ schoss es ihm durch den Kopf.
Sein Gehirn, das normalerweise in Millisekunden eine Pro- und Contra-Liste erstellte, geriet ins Stocken. War es vielleicht immer noch zu früh? War das ein logischer nächster Schritt in dieser neuen „exklusiven“ Beziehung? Normalerweise hätte er diesen Gedanken als irrationale Variable abgetan, doch etwas war anders.
Er merkte, wie sein eigenes Herz gegen seine Rippen schlug – ein deutliches, rhythmisches Pochen, das er nicht durch reine Willenskraft kontrollieren konnte. Seine Augen wanderten fast wie von selbst zu ihren Lippen, die in der kühlen Abendluft leicht glänzten. Der Abstand zwischen ihnen betrug kaum mehr als zehn Zentimeter.
Er spürte die Wärme, die von ihr ausging, und den zarten Duft von Kirschblüten, der sie umgab. In diesem Moment war keine Spur mehr von dem kühlen Strategen der BBA zu sehen. Gou wirkte jung, fast verletzlich in seiner Unentschlossenheit. Er fragte sich, ob sein Vater sich bei seiner Mutter damals ähnlich gefühlt hatte – dieser Moment, in dem die Logik der Anziehung der Logik des Verstandes überlegen war.
Er hob langsam die Hand und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. Seine Fingerspitzen berührten kurz ihre Wange, und die elektrische Spannung zwischen ihnen schien sich zu entladen.
Was er nicht bemerkte: Im Fenster des ersten Stocks bewegte sich vorsichtig der Vorhang. Mariko, Hiromis Schwester, beobachtete die Szene mit weit aufgerissenen Augen. Sie hielt ihr Handy bereits schussbereit, ihre Finger flogen über das Display.
„OMG Ren! Du glaubst nicht, was ich gerade sehe! Dein Bruder steht vor unserem Haus und er sieht aus, als würde er gleich Hiromi küssen! DER eiskalte Gou Hiwatari ist gerade völlig am Schmelzen!!!“
Gou sah Hiromi immer noch tief in die Augen. Er beugte sich ein Stück vor, sein Gesicht nur noch Zentimeter von ihrem entfernt...
Gou verharrte in diesem winzigen Moment der Stille, während sein Verstand in einer ungewohnten Geschwindigkeit Erinnerungsbilder abrief. Er sah seinen Vater vor sich, der sonst so unnahbar und kontrolliert war, aber in der Gegenwart von seiner Mutter Nami eine völlig andere Aura ausstrahlte. Gou hatte oft beobachtet, mit welcher sanften Bestimmtheit Kai seiner Mutter das Kinn anhob, bevor er sie küsste. Es war eine Geste, die gleichzeitig Schutz, Fokus und eine tiefe Verbundenheit ausdrückte.
„Datenanalyse abgeschlossen“, dachte Gou ironisch, doch sein Herzschlag strafte die kühle Logik Lügen. Wenn dies sein erster Kuss sein sollte, dann wollte er, dass er denselben Standard an Perfektion und Bedeutung erfüllte, den er bei seinen Eltern gesehen hatte.
Er hob die Hand, seine Bewegungen fließend und ruhig. Mit dem Daumen und dem Zeigefinger fasste er sanft unter Hiromis Kinn und hob ihr Gesicht ein Stück an, so dass sie gezwungen war, direkt in seine Augen zu sehen. Die Geste war exakt so, wie er sie bei Kai abgeschaut hatte – bestimmt, aber unglaublich zärtlich.
Hiromi stieß einen leisen, zitternden Atemzug aus. Ihre Augen begannen sich langsam zu schließen, während Gou den letzten Rest Distanz überbrückte.
Als seine Lippen schließlich die ihren berührten, war es nicht das mechanische Aufeinandertreffen zweier Körper, das er vielleicht in einer biologischen Abhandlung erwartet hätte. Es war eine Explosion von Sinnesdrücken, die seine gesamte analytische Architektur für einen Moment zum Einsturz brachte. Es war weich, warm und fühlte sich... richtig an.
In diesem Augenblick existierten keine Trainingspläne, keine BBA-Statistiken und keine Erwartungen an den Hiwatari-Erben. Da war nur das Gefühl von Hiromis Nähe und die Erkenntnis, dass manche Erfahrungen sich jeder Berechnung entziehen.
Oben am Fenster hielt Mariko buchstäblich die Luft an. Ihr Handy vibrierte bereits in ihrer Hand – eine Antwort von Ren war eingegangen.
Ren: „WAS?! Foto oder es ist nicht passiert! Wenn der eiskalte General wirklich jemanden küsst, schuldet mir Ayumi 50 Yen. Beeil dich, bevor er wieder zum Roboter wird!“
Mariko grinste breit, doch sie drückte nicht ab. Irgendetwas an der Ernsthaftigkeit und der Stille da unten ließ sie zögern. Selbst für eine neugierige Dreizehnjährige war offensichtlich, dass dies kein gewöhnlicher Moment war. Erst nach einigen Sekunden, schoss sie ein Bild.
Gou löste sich nach einer gefühlten Ewigkeit langsam von Hiromi. Er ließ sein Gesicht noch einen Moment nah an ihrem, seine Hand lag immer noch sanft an ihrem Kinn.
„Das war...“, begann Hiromi leise, ihre Stimme klang belegt. „...besser als jeder Ball.“
Gou sah sie an, und in seinen Augen lag ein Glanz, den er selbst noch nicht ganz verstand. „Die Erfahrungswerte übersteigen die Erwartungen bei weitem“, sagte er, und obwohl die Worte typisch für ihn waren, schwang eine Wärme mit, die Hiromi zum Lächeln brachte. „Wir sehen uns morgen in der Schule, Hiromi.“
„Bis Morgen, Gou.“
Er wartete, bis sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, bevor er zurück zum Bentley ging. Er spürte immer noch das Kribbeln auf seinen Lippen. Als er einstieg, sah er Graham im Rückspiegel. Der alte Butler verzog keine Miene, doch seine Augen wirkten eine Nuance heller.
„Ein erfolgreicher Abschluss des Tages, Master Gou?“, fragte Graham, während er den Wagen sanft anfahren ließ.
Gou lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Er dachte an Ren, der ihn sicher mit Fragen löchern und an das Team, das morgen einen noch fokussierteren Anführer erleben würde.
„Eine neue Variable wurde gesetzt, Graham“, antwortete Gou ruhig. „Fahr uns nach Hause."
Das Abendessen im Ayame-Anwesen verlief zunächst unter einer trügerischen Stille. Gou saß an seinem Platz, die Haltung gewohnt aufrecht, doch er wirkte abwesender als sonst. Sein Blick verharrte etwas zu lang auf seinem Wasserglas, und er hatte noch kein einziges Mal die aktuellen BBA-News auf seinem Tablet gecheckt – ein Verhalten, das bei den Anwesenden sofort die Alarmglocken schrillen ließ.
Kai, der am Kopfende saß, beobachtete seinen ältesten Sohn aus den Augenwinkeln. Er erkannte diesen speziellen Ausdruck in Gous Augen; er erinnerte ihn fast schmerzhaft an sich selbst in jungen Jahren, kurz nachdem er Nami kennengelernt hatte. Nami selbst lächelte still in sich hinein. Sie spürte die veränderte Aura ihres Sohnes – sie war weniger metallisch, weniger abweisend.
Ren hingegen hielt es kaum auf seinem Stuhl aus. Sein Handy hatte in seiner Tasche bereits mehrfach vibriert; Mariko hatte ihm ein etwas verschwommenes, aber eindeutiges Beweisfoto geschickt. Er tauschte einen vielsagenden Blick mit Ayumi aus.
Ayumi, die eigentlich die Vernünftigere der Zwillinge war, konnte ihr Grinsen ebenfalls kaum unterdrücken. Sie hatte das Foto in der gemeinsamen WhatsApp-Gruppe bereits gesehen. Sogar die kleine Sayuri saß kerzengerade da, ihre magentafarbenen Augen wanderten neugierig von Gou zu Ren und zurück. Sie hatte das Foto auf ihrem kleinen Tablet in WhatsApp natürlich auch schon gesehen....
„Gou“, durchbrach Ren schließlich die Stille, seine Stimme triefte vor gespielter Unschuld. „Wie war eigentlich der... statistische Austausch am Westtor? Graham sagte, die Route war heute besonders... malerisch.“
Gou hob langsam den Kopf. „Die Effizienz der Fortbewegung war gegeben, Ren. Die Umgebungsvariablen waren ruhig.“
Ayumi kicherte hinter ihrer Serviette. „Ruhig? Mariko meinte, es wäre eher... atmosphärisch gewesen. Fast wie in einem dieser Liebesfilme, die Mama manchmal schaut.“
Kai hob eine Augenbraue. „Mariko? Die jüngere Ishiwara-Tochter scheint eine sehr aktive Beobachtungsgabe zu besitzen.“
„Oder eine sehr gute Handykamera“, platzte es aus Sayuri heraus. Sie legte den Kopf schief und sah Gou direkt an. „Gou, hast du Hiromi wirklich am Kinn angefasst, wie Papa das bei Mama macht? Mariko hat geschrieben, du hättest ausgesehen wie ein echter Prinz. Aber ich finde, du sahst eher aus wie jemand, der gerade ein sehr kompliziertes Experiment erfolgreich abgeschlossen hat.“
Gou erstarrte mitten in der Bewegung, sein Besteck klirrte leise gegen den Teller. Er sah von Sayuri zu Ren und schließlich zu Ayumi. „Die Informationsweitergabe in dieser Familie ist erschreckend unkontrolliert“, stellte er trocken fest, doch er konnte nicht verhindern, dass seine Ohrenspitzen leicht rötlich anliefen.
Nami lachte leise auf und legte ihre Hand auf Gous Arm. „Lass sie nur reden, Gou. Es ist schön zu sehen, dass du dir Zeit für Dinge nimmst, die man nicht in einer Tabelle erfassen kann.“
Kai faltete seine Serviette mit einer langsamen, bedächtigen Bewegung. Er fixierte Gou mit einem Blick, der nun nicht mehr prüfend, sondern fast anerkennend war. „Die Technik mit dem Kinn“, sagte Kai mit seiner tiefen, ruhigen Stimme, „erfordert ein gewisses Maß an Selbstvertrauen. Es freut mich zu sehen, dass du die wesentlichen Lektionen nicht nur in der Arena gelernt hast.“ Kai hatte mit seinen mitlerweile sechsundreißig Jahren merklich an trockenem Amüsement dazu gewonnen.
Gou sah seinen Vater an. Ein stummes Verständnis ging zwischen den beiden Männern der Hiwatari-Familie hin und her. „Ich hielt es für die... angemessenste Herangehensweise, Vater.“
Ren schlug sich mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. „Ich wusste es! Er hat es wirklich getan! Der eiskalte General hat die 'Hiwatari-Spezialtechnik' angewandt! Ayumi, du schuldet mir 50 Yen, ich hab gesagt, er zieht es durch!“
„Ruhe jetzt, Ren“, sagte Nami, aber sie zwinkerte Gou zu. „Erzähl uns lieber, wie es war, Gou. War es... so, wie du es dir vorgestellt hast?“
Gou schwieg einen Moment. Er dachte an die Wärme von Hiromis Lippen und das schnelle Klopfen seines Herzens, das immer noch nicht ganz zum Normalzustand zurückgekehrt war. Er sah seine Geschwister an, die ihn erwartungsvoll anstarrten, und seine Eltern, die ihm einen Rückhalt boten, den er erst jetzt richtig zu schätzen wusste.
„Die sensorische Erfahrung war... bemerkenswert“, antwortete Gou schließlich, und diesmal ließ er das Lächeln zu, das er den ganzen Tag unterdrückt hatte. „Sie hat eine neue Variable in mein Leben gebracht, die ich nicht mehr missen möchte.“
Sayuri nickte weise. „Das ist die schönste Art zu sagen, dass du verknallt bist, Gou.“
Der Rest des Abends war erfüllt von einem Gelächter, das im Ayame-Anwesen noch lange nachhallte. Sogar Graham, der in der Tür zum Speisesaal stand, erlaubte sich ein winziges, zufriedenes Lächeln. Die nächste Generation der Hiwataris fing gerade erst an, ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Nachdem das Haus zur Ruhe gekommen war und die Geschwister in ihre Zimmer verschwunden waren, lag Gou auf seinem Bett. Das gedimmte Licht seiner Nachttischlampe warf lange Schatten an die Wände seines minimalistisch eingerichteten Zimmers. Er starrte auf sein Handy – ein Gerät, das er normalerweise nur für Datenabgleiche und Zeitpläne nutzte.
Doch heute Abend war der Chatverlauf mit Hiromi das Einzige, was seine Aufmerksamkeit fesselte.
Gou: „Ich hoffe, du bist gut angekommen. Die heutige Interaktion hat einige interessante neue Parameter aufgezeigt. Ich wünsche dir eine erholsame Nacht, Hiromi.“
Es dauerte nur Sekunden, bis die Antwort aufleuchtete.
Hiromi: „Bin ich, danke. 😊 Und danke für heute, Gou. Es war wunderschön... ich muss immer noch lächeln, wenn ich an den Garten denke. Schlaf gut! ✨“
Gou betrachtete das Emoji und das Funkeln-Symbol. Normalerweise hätte er solche Zeichen als „redundante dekorative Elemente“ abgetan, doch jetzt spürte er ein leichtes Ziehen in der Brust, das er als „Zufriedenheit“ kategorisierte. Er legte das Handy beiseite und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.
Es war bereits 22:30 Uhr. Gou war gerade dabei, in den ersten Zustand der Entspannung überzugehen, als die gewohnte nächtliche Stille des Ayame-Anwesens jäh unterbrochen wurde.
Zuerst war es nur ein tiefes Grollen – das vertraute Poltern aus dem unteren Flur, das Gou sofort als die schwere Eichentür des Arbeitszimmers identifizierte, die mit einer gewissen Dringlichkeit aufgestoßen worden war. Dann folgten Schritte, die nicht nach dem gewohnt beherrschten Gang seines Vaters klangen.
Wenig später mischte sich ein hohes, lustvolles Schluchzen in die Geräuschkulisse, gefolgt von einer atemlosen, fast flehenden Stimme.
„Kai... nicht hier... im Flur...“, hauchte Nami, doch der Satz wurde jäh unterbrochen.
Ein erneutes, dringlicheres Schluchzen hallte durch das alte Treppenhaus, begleitet von einem rhythmischen Poltern gegen die Wandvertäfelung, das keinen Zweifel an der Intensität der Situation ließ. Die massiven Wände des über 70 Jahre alten Anwesens mochten vieles schlucken, aber gegen die ungezügelte Leidenschaft seiner Eltern an einem späten Mittwochabend kamen sie nicht an.
Gou starrte für einen Moment an die Decke. Er respektierte die tiefe Bindung seiner Eltern, und er wusste, dass die leidenschaftliche Natur seines Vaters einer der Gründe für die harmonische – wenn auch lautstarke – Ehe war. Aber als Analytiker schätzte er seinen Schlaf ebenso sehr wie die korrekte Ausführung eines Angriffs.
„Unvorhersehbare hormonelle Amplituden“, murmelte er leise vor sich hin.
Mit einem tiefen, resignierten Seufzen setzte er sich auf, griff in die oberste Schublade seines Nachttisches und holte seine professionellen Oropax hervor. Er platzierte sie mit chirurgischer Präzision in seinen Gehörgängen, bis die Welt um ihn herum in absolute, gesegnete Stille versank.
Er legte sich wieder zurück, zog die Decke bis zum Kinn und schloss die Augen. Wenn sein Vater morgen wieder so entspannt wirkte wie ein Raubtier nach der Jagd, würde Gou zumindest wissen, dass er dank der modernen Lärmschutztechnik seine acht Stunden Schlaf bekommen hatte.
Donnerstag, 05:50 Uhr – BBA Trainingszentrum, Halle 3
Die Luft in der Trainingshalle war wie immer kühl und roch nach Ozon, doch die Atmosphäre hatte sich grundlegend verändert. Als Gou die Halle betrat, war sein Schritt ungewohnt leicht, ohne dabei seine gewohnte Autorität einzubüßen. Er baute sein Equipment nicht mit der üblichen, grimmigen Entschlossenheit auf, sondern mit einer Ruhe, die fast schon an Gelassenheit grenzte.
Violeta, Emilia, Ryan und Seiya standen bereits an der Arena und beobachteten ihren Anführer fassungslos. Gou strahlte eine ungewohnte Zufriedenheit aus. Er wirkte nicht mehr wie ein Drahtseil, das unter extremer Spannung stand, sondern wie jemand, der mit sich selbst im Reinen war.
„Guten Morgen zusammen“, sagte Gou, und seine Stimme war klar und freundlich. „Wir werden heute den Fokus auf die Ausdauer legen. Emilia, du leitest das Warm-up.“
Ryan starrte ihn mit offenem Mund an. Er stieß Seiya mit dem Ellbogen an. „Hast du das gehört? Er hat 'Guten Morgen zusammen' gesagt. Nicht 'Positionen beziehen'. Nicht 'Zeitplan einhalten'. Er ist... zufrieden. Das ist unheimlich.“
Violeta beobachtete Gou schweigend. Sie bemerkte, dass sein Blick weniger kritisch über ihre Bewegungen glitt. Wenn er sie korrigierte, tat er es mit einer Geduld, die sie so an ihm noch nicht kannte. Er wirkte nahbarer, menschlicher. Sie wusste nichts von Hiromi oder dem gestrigen Abend, aber sie spürte, dass der „eiskalte General“ ein Stück weit aufgetaut war. Es war, als hätte jemand ein Fenster in einem dunklen Raum geöffnet.
Später an der Schule
Nach dem Training brachte Graham Gou zur Schule. Als er durch den Eingang ins Gebäude trat, suchten seine Augen sofort die Menge ab. Er fand Hiromi in der Nähe der Schließfächer. Er ging auf sie zu, innerlich darauf bedacht, seine gewohnte Diskretion zu wahren. Gou war sich unsicher, ob ein öffentliches Zurschaustellen von Zuneigung angemessen war oder Hiromi vielleicht sogar unangenehm sein könnte. Er wollte sie nicht erneut zur Zielscheibe machen.
„Guten Morgen, Hiromi“, sagte er ruhig, als er vor ihr stehen blieb.
Hiromi sah zu ihm auf, und Gou las in ihrem Blick eine Mischung aus Freude und einer leichten Enttäuschung. Sie suchte seine Augen, ihr Blick wanderte kurz zu seinen Lippen und dann zurück, während sie nervös an ihrem Rock nestelte. Sie erwartete einen Kuss – eine Bestätigung für das, was gestern geschehen war.
Gou bemerkte das Zögern in ihrem Blick und spürte ein ungewohnt amüsiertes Flattern in seiner Brust.
Er wusste, dass sie es sich wünschte also gab er nach. Mit einer fließenden Bewegung verkürzte er den Abstand, legte seine Hand kurz an ihre Taille und gab ihr einen sanften, aber entschlossenen Kuss auf die Lippen.
Ein kollektives Luftholen ging durch den Flur. Die Gespräche der umstehenden Schüler verstummten schlagartig. Gou löste sich von ihr und schenkte ihr ein kleines, exklusives Lächeln. „Wir sehen uns in der Pause“, sagte er leise.
In der Mittagspause trafen sie sich wie verabredet. Während sie gemeinsam durch die belebten Gänge in Richtung Mensa liefen, bemerkte Gou Hiromis erneute Nervosität. Sie ging dicht neben ihm, ihre Hand zuckte immer wieder in seine Richtung, doch sie wagte es nicht, zuzugreifen. Sie warf verstohlene Blicke zu den Gruppen von Schülern, die tuschelten und auf sie zeigten. Die Schatten der letzten Woche saßen wohl noch tief.
Gou analysierte die Situation in Sekundenbruchteilen. Er sah ihre Unsicherheit und beschloss, ihr die Entscheidung abzunehmen. Es war Zeit für ein endgültiges Signal an die gesamte Schule. Er fühlte sich als ihr Beschützer und als die Person, die ihr Halt bietet.
Ohne den Schritt zu verlangsamen, griff er fest nach ihrer Hand. Er verschränkte seine Finger mit ihren und hielt sie sicher fest.
Hiromi zuckte kurz zusammen, sah dann zu ihrer verschränkten Hand und schließlich zu Gou auf. Ihre Augen leuchteten vor Erleichterung und Stolz. Sie drückte seine Hand fest zurück.
Als sie so gemeinsam in die Mensa traten – Gou Hiwatari, der unnahbare Erbe, Hand in Hand mit Hiromi Ishiwara –, herrschte eine Stille, die beeindruckender war als jeder Beifall. Die Mädchen, die Hiromi letzte Woche noch schikaniert hatten, starrten fassungslos auf ihre ineinandergelegten Hände. Es gab keinen Zweifel mehr: Hiromi gehörte zu ihm.
An einem der Tische in der Nähe der Fensterfront saßen Akari und Makoto. Akari hatte bereits beide Augenbrauen hochgezogen und ein breites, wissendes Grinsen auf den Lippen, während Makoto die Szene mit einem ruhigen, fast väterlichen Stolz beobachtete.
Gou steuerte direkt auf sie zu. Er zog Hiromi den Stuhl neben sich frei, bevor er sich selbst setzte.
„Na, das nenne ich mal ein offizielles Statement. Ungewohnt schnell wenn ich das anmerken darf“, begann Akari sofort und stützte ihr Kinn auf die Hände. Ihre amethystfarbenen Augen blitzten vor Vergnügen. „Gou, du hast gerade die Gerüchteküche gesprengt. Ich glaube, die Mädchen in der zehnten Klasse brauchen gleich Sauerstoffzelte.“
Gou legte seine Tasche beiseite, ohne Hiromis Blick ganz aus den Augen zu verlieren. „Die Transparenz war in diesem Fall die effizienteste Methode, um weitere Störungen des sozialen Friedens zu verhindern“, antwortete er gewohnt sachlich, doch der Unterton war merklich weicher.
Makoto nickte Hiromi freundlich zu. „Lass dich nicht beirren, Hiromi. Gou ist nicht gerade für halbe Sachen bekannt. Wenn er sich entscheidet, jemanden an seine Seite zu holen, dann steht er auch dazu – mit allem, was dazugehört.“
Hiromi lächelte schüchtern, aber glücklich. „Ich fange langsam an, das zu verstehen. Es ist... ein schönes Gefühl.“
Akari kicherte und warf Gou einen Seitenblick zu. „Und? Wie fühlt es sich an, der meistgehasste und gleichzeitig meistbeneidete Junge der Schule zu sein? Du hast Hiromi gerade zur 'First Lady' der BBA-Junior-Abteilung gemacht.“
Gou hob nur leicht eine Braue. „Die öffentliche Meinung ist eine flüchtige Variable, Akari. Was zählt, ist die Stabilität innerhalb des Kerngefüges.“ Er sah Hiromi an und fügte leise hinzu: „Und die ist momentan auf einem Rekordhoch.“
Ein anderer Ursprung
Nach dem Unterricht herrschte auf den Fluren das übliche Chaos, doch als Gou vor Hiromis Klassenzimmer auftauchte, teilte sich die Menge wie von selbst. Er stand dort, die Arme locker verschränkt, und wartete, bis sie aus dem Raum trat.
Er war es gewohnt, wie ein Monument betrachtet zu werden – kalt, unnahbar und perfekt –, doch heute war etwas anders.
Das übliche distanzierte Tuscheln hatte einer neuen, fast atemlosen Qualität Platz gemacht. Aus den Augenwinkeln registrierte er eine Gruppe von Mädchen am gegenüberliegenden Spind, die die Köpfe so eng zusammensteckten, dass ihre Haare sich berührten.
„Hast du es gesehen?“, flüsterte eine von ihnen, die Stimme zittrig vor Erregung. „Er hat sie gestern angesehen und... er hat fast gelächelt. Er sieht so unfassbar gut aus, wenn er nicht diesen eisigen Blick hat.“
„Wieso hat er das vorher nie getan?“, hauchte ihre Freundin zurück, während sie krampfhaft versuchte, nicht zu offensichtlich zu starren. „Ich dachte immer, er hätte gar keine Gesichtsmuskeln für so was. Er wirkt wie ein völlig anderer Mensch. Hiromi muss irgendetwas an sich haben, das ihn... auftaut.“
„Guck dir seine Augen an“, flüsterte ein drittes Mädchen, deren Wangen bereits tiefrot waren. „Wenn er so guckt, sieht er aus wie sein Vater, nur... sanfter. Es ist fast schon unfair, wie schön dieses Lächeln ist. Warum bekommt sie das und wir mussten uns jahrelang mit dem 'Eisblock' abfinden?“
Gou hörte jedes einzelne Wort. Sein Gehör war darauf trainiert, Frequenzen in einer lärmenden Arena zu isolieren, und das leise Flüstern in dem Schulflur war für ihn so deutlich wie ein Lautsprecherdurchsatz. Er spürte, wie sich ein leichter Schatten von Unbehagen über seine Züge legen wollte – die öffentliche Analyse seiner Gesichtszüge empfand er als höchst ineffizient und unnötig. Er presste die Lippen kurz zusammen und versuchte, das Getuschel mit der mentalen Disziplin eines Hiwatari einfach auszublenden, indem er sich auf die Ankunft von Hiromi fokussierte.
Doch als Hiromi schließlich aus dem Zimmer trat, brach die Geräuschkulisse um ihn herum endgültig in ein unterdrücktes, kollektives Quietschen und hektisches Geflüster aus.
„Hiromi“, begrüßte er sie und trat einen Schritt auf sie zu. Er bemerkte die neugierigen Blicke der anderen Schüler, die nun jedoch eher respektvoll als feindselig wirkten. „Ich hoffe, mein Erscheinen direkt hier ist nicht unangemessen oder beeinträchtigt deine soziale Integration. Falls es dir lieber ist, werde ich in Zukunft wieder am Haupttor warten.“
Gou wollte gerade zu einer logischen Erläuterung über Diskretion ansetzen, doch Hiromi ließ ihn nicht ausreden. Mit einem strahlenden Lächeln trat sie ganz nah an ihn heran, stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte ihre Lippen sanft auf die seinen.
Der kurze, herzliche Kuss ließ Gou für eine Sekunde innehalten. Er registrierte, wie Hiromi unter seinem Blick leicht errötete, doch ihr Lächeln blieb fest.
„Es ist überhaupt nicht unangemessen, Gou“, sagte sie leise. „Ich freue mich sehr, dass du hier bist. Weißt du, seit du so offen zeigst, dass wir zusammengehören, traut sich kaum noch jemand, auch nur eine schräge Bemerkung zu machen. Es ist... viel ruhiger geworden.“
Gou spürte eine tiefe Zufriedenheit. Sein Plan der „maximalen Transparenz“ war aufgegangen. Ein leichtes, ehrliches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er sah, wie das Rot auf ihren Wangen intensiver wurde, während er sie ansah.
„Oh mein Gott, sie hat es wirklich getan!“, drang es wieder an sein Ohr. „Und er lässt es nicht nur zu, er... er genießt es offensichtlich.“
„Das war das Ziel der Intervention“, antwortete er an Hiromi gewandt, und seine Stimme klang sanft. Er bot ihr seinen Arm an.
„Ich muss heute Nachmittag noch eine Trainingseinheit im BBA-Zentrum leiten. Möchtest du mich begleiten und zusehen? Ich würde dir gerne zeigen, woran ich arbeite. Danach könnten wir, wenn du Lust hast, noch durch die Stadt spazieren und den späten Nachmittag gemeinsam verbringen.“
Hiromis Augen leuchteten auf. „Ich würde liebend gerne mitkommen. Ich war noch nie in einem richtigen Profi-Trainingszentrum.“
„Dann ist es beschlossene Sache“, sagte Gou.
16:15 Uhr – BBA Trainingszentrum, Halle 3
Als die automatischen Türen der Halle 3 zur Seite glitten, herrschte drinnen bereits geschäftiges Treiben. Das Team war gerade dabei, die Beys zu kalibrieren. Violeta, Emilia, Ryan und Seiya erstarrten synchron, als sie sahen, wer neben ihrem Anführer die Halle betrat.
Gou führte Hiromi mit einer selbstverständlichen Sicherheit an den Rand der Arena.
„Team, Aufmerksamkeit bitte“, rief Gou mit seiner gewohnt autoritären Stimme, doch sein Blick war entspannt. „Das ist Hiromi Ishiwara. Sie wird heute dem Training beiwohnen. Hiromi, das ist mein Team: Violeta, Emilia, Ryan und Seiya.“
Ryan ließ fast seinen Launcher fallen und pfiff leise. „Oha... die 'First Lady' persönlich. Jetzt verstehe ich, warum der Boss in letzter Zeit so... menschlich wirkt.“
Violeta hingegen blieb stumm. Ihr Blick wanderte von Gous Hand, die leicht auf Hiromis Rücken ruhte, zu Hiromis lächelndem Gesicht. Ein kurzer Stich von Melancholie blitzte in ihren roséfarbenen Augen auf, doch sie fing sich sofort. Sie war ein Profi.
„Schön dich kennenzulernen, Hiromi“, sagte Emilia mit einem höflichen, kühlen Nicken, während sie die Situation mit ihrer gewohnten Präzision analysierte.
Gou wandte sich an Hiromi. „Du kannst dich dort oben auf die Empore setzen, von dort hast du den besten Überblick über die Arena-Trajektorien. Wir starten jetzt mit dem Hochfrequenz-Drill.“
Während Hiromi Platz nahm, trat Violeta an ihre Startposition. Sie spürte Gous Blick, doch sie wusste nun, dass dieser Blick rein professionell war. Sie atmete tief durch. Heute würde sie ihm zeigen, dass sie trotz allem die beste Bladerin in seinem Team war.
„Drei... zwei... eins... Let it rip!“
Vier Beys schossen mit einer unglaublichen Geschwindigkeit in die Arena. Hiromi beobachtete fasziniert das Lichtspektakel und die Funken, die sprühten, wenn die Beys aufeinanderprallten. Sie sah Gou zu, wie er Befehle bellte, Daten auf seinem Tablet prüfte und mit einer Leidenschaft bei der Sache war, die sie bisher nur in seinen Augen gesehen hatte, wenn er sie ansah.
Nach einer besonders intensiven Sequenz, in der Violetas Palos Ryans Schakal fast aus der Bahn geworfen hatte, hielt Gou das Training kurz an. Er sah hoch zur Empore und suchte Hiromis Blick. Er hob kurz die Hand und schenkte ihr ein kleines, aufmunterndes Lächeln, bevor er sich wieder seinen Teammitgliedern zuwandte.
Violeta sah dieses Lächeln. Es war nicht für sie. Ein Teil von ihr akzeptierte es in diesem Moment endgültig. Sie konzentrierte sich wieder auf ihren Bey.
Das Training dauerte noch eine Stunde. Danach verabschiedete sich Gou knapp von seinem Team.
„Gute Arbeit heute. Die Daten sind stabil. Wir sehen uns morgen um sechs.“
Er ging zur Empore hoch, reichte Hiromi die Hand und half ihr beim Aufstehen. „Hat es dir gefallen?“
„Es war unglaublich, Gou. Du bist so... fokussiert, wenn du da unten stehst. Es war beeindruckend.“
„Es ist mein Leben“, sagte er einfach. „Aber ich bin froh, dass du ein Teil davon bist. Wollen wir? Die Stadt wartet.“
Gemeinsam verließen sie die Halle, während das Team ihnen nachsah. Ryan schüttelte grinsend den Kopf. „Leute, ich sag’s euch: Das ist das Ende des eiskalten Generals. Ab jetzt gibt’s nur noch den 'Gentleman-Gou'. Und ehrlich gesagt... mir gefällt’s.“
Später am Nachmittag, nachdem das Training beendet war, tauchten sie in das pulsierende Herz von Shinjuku ein. Die Neonlichter begannen bereits gegen das schwindende Tageslicht anzukämpfen. Gou und Hiromi liefen entspannt zwischen den Wolkenkratzern und den luxuriösen Boutiquen entlang. Gou hatte seine Jacke offen und wirkte so gelöst wie selten zuvor.
Plötzlich blieb Gou stehen. Seine Sinne meldeten eine vertraute Präsenz, lange bevor er das Gesicht dazu sah.
„Gou? Bist du das wirklich?“, eine helle, fast singende Stimme hallte über den Platz.
Es war Lumina, Namis Cousine. Sie sah Nami so verblüffend ähnlich, dass Fremde sie oft für Schwestern hielten, doch ihre blasse Haut und die leuchtend magentafarbenen Augen gaben ihr eine ganz eigene, fast elfenhafte Aura. An ihrer Seite stand Tala, attraktiv und mit dieser gewohnt stoischen, fast gelangweilten Miene, die er oft trug – bis sein Blick auf Gou und dessen Begleitung fiel.
Lumina blieb wie angewurzelt stehen, ihre Augen wurden groß und ein breites, strahlendes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie klammerte sich an Talas Arm und deutete mit der anderen Hand auf die ineinander verschränkten Hände von Gou und Hiromi.
„Tala! Guck dir das an!“, rief sie aus, ohne jede Zurückhaltung. „Unser kleiner, ernster Gou hat ein Date! Und er hält Händchen! Ich glaube, ich träume!“
Tala hob trocken eine Augenbraue und sah Gou direkt an. „Ich dachte, dein einziger Terminplan für heute Nachmittag bestünde aus Datenanalyse und Kalibrierung, Gou.“
Gou spürte, wie Hiromis Hand in seiner kurz zitterte, und er drückte sie beruhigend. Er sah Lumina und Tala mit einer Ruhe an, die zeigte, dass er über den Dingen stand.
„Die Parameter haben sich geändert, Tala“, antwortete Gou kühl, aber mit einem Funken Stolz. „Lumina, Tala... darf ich vorstellen? Das ist Hiromi Ishiwara.“
Lumina stürzte förmlich auf Hiromi zu, ihre magentafarbenen Augen funkelten vor Begeisterung. „Hiromi! Wie schön! Du musst mir alles erzählen. Wie hast du es geschafft, diesen Eiswürfel zum Schmelzen zu bringen? Nami wird ausflippen, wenn ich ihr das erzähle – obwohl, sie weiß es wahrscheinlich schon, oder?“
Hiromi nickte fasziniert. „Gou hatte mir bereits erzählt, dass seine Mutter eine Cousine hat, die ihr sehr ähnlich sieht, aber jetzt, wo ich dich in natura sehe... die Ähnlichkeit ist wirklich überwältigend. Diese Ausstrahlung...“
Lumina lachte hell auf, ein Geräusch, das so ansteckend wirkte, dass sogar einige Passanten in der belebten Straße von Shinjuku kurz innehielten. Sie legte Hiromi freundlich eine Hand auf die Schulter, ihre magentafarbenen Augen blitzten vor Vergnügen.
„Oh, das sagen alle!“, rief Lumina fröhlich. „Nami und ich haben diesen speziellen Familien-Look, nicht wahr? Manchmal nutzen wir das sogar aus, um Leute zu verwirren. Aber du hast recht, wenn wir nebeneinander stehen, wirkt es fast wie ein Blick in einen leicht veränderten Spiegel.“
Lumina kicherte und warf Tala einen vielsagenden Blick zu, bevor sie sich wieder Hiromi zuwandte. „Süße, wenn du das schon überwältigend findest, dann warte erst mal ab, bis du Hana triffst – Namis ältere Schwester. Da ist die Ähnlichkeit noch viel verblüffender! Hana sieht Nami fast zum Verwechseln ähnlich, sie haben denselben Hautton und fast die identische Figur. Nur dass Hanas Haare glatt sind, während Namis diese Wellen haben. Wenn die beiden im selben Raum sind, muss man zweimal hinschauen, um sicher zu sein, wen man vor sich hat.“
Tala, der bisher schweigend daneben gestanden hatte, verschränkte die Arme vor der Brust. „Die englischen Davies-Gene sind... dominant“, stellte er trocken fest. Sein Blick wanderte zu Gou, der die Situation mit einer Mischung aus Geduld und leichter Resignation beobachtete. „Du hast dir eine Menge vorgenommen, Gou. Wenn Lumina sie erst mal unter ihre Fittiche nimmt, wird dein Terminplan bald aus mehr als nur Training bestehen.“
Gou drückte Hiromis Hand ein wenig fester. „Ich bin mir der statistischen Wahrscheinlichkeit von sozialen Verpflichtungen bewusst, Tala. Ich habe entsprechende Pufferzeiten eingeplant.“
Lumina strahlte Hiromi an. „Hör nicht auf ihn! Gou tut nur so wichtig. Tief im Inneren ist er froh, dass wir ihn ein bisschen aus seinem Labor herausholen. Wie ist er so als Date? Analysiert er die Speisekarte nach Nährwerttabellen?“
Hiromi musste unwillkürlich lachen und sah kurz zu Gou hoch, der versuchte, seinen eiskalten Blick beizubehalten, was ihm jedoch sichtlich schwerfiel, da seine Ohrenspitzen wieder einen leichten Rötlich-Ton annahmen. „Er ist... sehr aufmerksam“, antwortete Hiromi diplomatisch. „Und er hat eine Seite an sich, die man nicht sofort sieht, wenn man ihn nur in der Schule oder im Fernsehen erlebt.“
„Das ist das Beste an den Hiwatari-Männern“, zwinkerte Lumina ihr zu. „Sie sind wie Tresore. Man braucht den richtigen Code, aber wenn sie erst mal offen sind, findet man dort die loyalsten Herzen der Welt.“
Tala sah auf seine Uhr. „Wir müssen weiter, Lumina. Die Reservierung wartet nicht.“ Er nickte Gou kurz zu – ein Blick unter Männern, der Respekt für Gous Wahl ausdrückte. „Viel Erfolg noch bei deinem... Spaziergang, Gou.“
„Danke, Tala. Lumina“, verabschiedete sich Gou knapp, aber höflich.
Als die beiden in der Menge von Shinjuku verschwanden, sah Hiromi ihnen noch einen Moment nach. „Deine Familie ist wirklich... besonders, Gou. Lumina ist so voller Energie. Und sie ist wirklich wunderschön. Genau wie deine Mutter.“
Gou sah sie an, und in seinem Blick lag eine Sanftheit, die er exklusiv für sie reserviert hatte. „Sie ist eine Davies. Aber Schönheit liegt in der Individualität, nicht in der Ähnlichkeit zu anderen. Und was das betrifft... ist meine Aufmerksamkeit heute Abend ausschließlich auf eine Person fixiert.“
Hiromi lächelte glücklich. „War das gerade ein Kompliment ohne statistische Untermauerung?“
Gou schmunzelte und führte sie weiter in Richtung der hell erleuchteten Parkanlagen. „Nennen wir es eine empirisch belegte Tatsache.“
Gou führte Hiromi weg von den grellen Leuchtreklamen der Hauptstraße in eine schmale, mit Kopfsteinpflaster ausgelegte Gasse. Dort, versteckt hinter einer schweren Holztür und umrahmt von Glyzinien, lag ein kleines, ruhiges Café. Drinnen war es warm, die Luft duftete nach frisch gemahlenen Bohnen und Vanille, und das sanfte Licht von bernsteinfarbenen Lampen sorgte für eine intime Atmosphäre.
Sie wählten einen Tisch in einer Nische im hinteren Bereich. Nachdem die Bedienung den Tee und ein Stück Matchakuchen serviert hatte, lehnte sich Hiromi vor.
„Lumina hat mich vorhin echt neugierig gemacht“, begann sie und rührte geistesabwesend in ihrem Tee. „Eure Familie scheint riesig zu sein. Wie viele Onkel und Tanten hast du eigentlich?“
Gou hielt inne. Sein Verstand, der sonst in Millisekunden reagierte, musste tatsächlich kurz pausieren, um die Verflechtungen der Hiwatari- und Tachiba-Clans präzise zu ordnen.
„Es ist ein komplexes Geflecht“, antwortete er schließlich. „Ich habe drei Onkel. Da sind zum einen die beiden Brüder meiner Mutter, die das Tachiba-Erbe auf ihre Weise weitertragen. Und dann ist da natürlich Vladimir Ivanov, der ältere Halbbruder meines Vaters. Er ist zurzeit mit meiner Tante Hana liiert. Dann wäre da noch meine Tante Midori, die andere Schwester meiner Mutter. Wenn man die Cousinen und verschwägerten Zweige wie Lumina und Tala dazurechnet, steigt die Zahl der relevanten Bezugspersonen exponentiell an.“
Hiromi schmunzelte über seine Wortwahl. „Ein Wunder, dass ihr bei Familienfeiern überhaupt alle an einen Tisch passt.“ Sie wurde ein wenig ernster und sah auf ihre Tasse. „Weißt du, meine Mutter hat mir früher oft von den alten Zeiten erzählt. Sie hat als junge Frau an den Ticketschaltern der großen Stadien gearbeitet, als dein Vater noch mit den Bladebreakers angetreten ist.“
Gou hob interessiert eine Augenbraue. „Eine interessante Perspektive. Die Sichtweise des Personals wird in den offiziellen BBA-Archiven oft vernachlässigt.“
„Sie hat immer gesagt, dass sie niemals gedacht hätte, dass es so kommt“, fuhr Hiromi fort und sah ihn direkt an. „Sie erzählte mir, dass Kai Hiwatari damals als der unnahbarste, kühlste Mensch galt, den man sich vorstellen konnte. Ein Einzelgänger durch und durch. Sie hätte niemals geglaubt, dass dieser Junge jemals eine Familie mit vier Kindern gründen würde. Und dass er dann auch noch mit zarten zwanzig Jahren geheiratet hat... für sie war das damals die Sensation des Jahrzehnts.“
Gou schwieg einen Moment und betrachtete die Reflexion des Lichts in seinem Tee. Er dachte an das Bild seines Vaters, das die Welt kannte – den unbezwingbaren Champion, den Phönix aus dem Eis – und an den Mann, den er jeden Morgen am Frühstückstisch sah.
„Mein Vater hat sich durch meine Mutter verändert“, sagte Gou leise, und seine Stimme hatte diesen neuen, tiefen Klang von Verständnis. „Er war ein System, das nur auf sich selbst fokussiert war, bis sie die einzige Variable wurde, die er nicht kontrollieren konnte – und auch nicht wollte. Dass er so jung geheiratet hat, war für ihn wohl keine Frage des Alters, sondern der logischen Konsequenz. Wenn man die perfekte Ergänzung findet, ist jeder Moment des Wartens eine Verschwendung von Ressourcen.“
Er sah Hiromi an, und sein Blick war so intensiv, dass sie den Atem anhielt.
„Ich fange an zu verstehen, warum er diesen Weg gewählt hat“, fügte er hinzu. „Die Welt sieht oft nur die Oberfläche. Aber die Stabilität, die eine Familie bietet... die Wärme, die man nur bei einer bestimmten Person findet... das ist ein Wert, der in keinem Profispiel der Welt zu gewinnen ist.“
Hiromi legte ihre Hand auf seine. „Deine Mutter sagt sicher, du seist ihm ähnlich. So wie viele Andere. Aber ich glaube, du bist einen Schritt weiter. Du erlaubst dir, diese Dinge früher zu erkennen, als er es getan hat.“
Gou drehte seine Hand um und verschränkte seine Finger mit ihren.
Er sah eine Weile schweigend auf ihre verschränkten Hände, bevor er den Blick hob. Die Ruhe im Café schien seine Offenheit zu begünstigen; hier, fernab von den Erwartungen der BBA und dem Druck der Schule, fiel es ihm leichter, die präzise gewählten Worte für das zu finden, was er bisher nur tief in seinem Inneren katalogisiert hatte.
„Die Leute ziehen oft voreilige Schlüsse“, begann er leise. „Sie sehen die Ähnlichkeit meiner Gesichtszüge zu denen meines Vaters, sie hören meine Art zu sprechen und nehmen an, dass ich derselben Kälte entsprungen bin wie er. Sie glauben, ich müsse, genau wie er damals, erst mühsam lernen, was es bedeutet, nicht allein zu sein.“
Er strich mit seinem Daumen sanft über ihren Handrücken. „Aber das ist ein Trugschluss. Mein Vater wuchs in einer Umgebung auf, die Gefühle als einen Defekt betrachtete. Er musste die Liebe erst wie eine Fremdsprache lernen, die ihm niemand beigebracht hatte. Ich hingegen... ich hatte eine wunderschöne, fast schon erschreckend liebevolle Kindheit.“
Hiromi beobachtete ihn aufmerksam, berührt von der Ehrlichkeit in seiner Stimme.
„Meine Mutter, meine Onkel und Tanten, sogar Graham und mein Kindermädchen Claire... sie haben mich mit einer Wärme umgeben, die absolut konträr zu meinem öffentlichen Image steht“, fuhr Gou fort. „Wenn ich kühl oder distanziert wirke, dann nicht, weil ich keine Gefühle besitze oder sie als Schwäche ablehne. Im Gegenteil. Ich habe früh verstanden, wie kostbar sie sind. Mein Vater musste lernen, Gefühle überhaupt zuzulassen. Ich hingegen überlege mir nur ganz genau, wer es wert ist, dass ich diese Seite von mir teile.“
Ein kleines, fast melancholisches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Die Welt sieht den 'eiskalten General', weil das ein effizienter Schutzmechanismus ist. Es spart Energie und hält Oberflächlichkeit fern. Aber die Menschen verwechseln meine Diskretion mit Gefühlskälte. Sie vergleichen meinen Ursprung mit dem meines Vaters, dabei ist meiner das exakte Gegenteil: Ich bin so sicher in der Liebe meiner Familie, dass ich es mir leisten kann, nach außen hin unnahbar zu sein.“
Er drückte ihre Hand ein wenig fester und sah ihr direkt in die Augen. „Du bist eine der wenigen Personen, Hiromi, bei der ich entschieden habe, dass die Barrieren nicht länger notwendig sind. Es ist kein Lernprozess für mich, sondern eine bewusste Entscheidung. Eine Investition von Vertrauen.“
Hiromi war einen Moment lang sprachlos. Sie hatte erwartet, dass er vielleicht Schwierigkeiten hätte, über so etwas zu reden, doch Gou war sich seiner selbst so sicher, wie sie es noch nie bei einem Jungen in ihrem Alter erlebt hatte.
„Das ist... das schönste Kompliment, das mir je jemand gemacht hat“, flüsterte sie. „Dass du mich für 'wertvoll' genug hältst, um den echten Gou zu sehen.“
„Es ist die logische Konsequenz aus dem, was ich für dich empfinde“, antwortete er schlicht, kehrte aber sofort zu seiner gewohnt ruhigen Art zurück, auch wenn seine Augen weiterhin diese neue Wärme ausstrahlten. „Daten und Fakten lügen nicht, Hiromi. Und die Tatsache, dass ich heute Abend lieber hier sitze als meine Trainingsprotokolle zu optimieren, ist ein signifikanter Beweis für deine Bedeutung.“
Sie saßen noch ein Weilchen einfach nur da und sahen der kleinen Kerze in der Mitte des Tisches dabei zu, wie sie langsam nach unten brannte.
Gou zahlte wenig später die Rechnung und sie verließen das Café. Draußen war die Luft kühler geworden, und der Himmel über Shinjuku war nun tiefschwarz, durchzogen von den Lichtern der Stadt. Auf dem Weg zum Wagen, den Graham in einer Seitenstraße geparkt hatte, liefen sie schweigend, doch es war ein angenehmes, vertrautes Schweigen.
Als sie schließlich wieder vor ihrem Haus ankamen, war es merklich ruhiger. Diesmal brannte kein Licht in Marikos Fenster.
Gou begleitete sie bis zur Tür. „Ich werde dich morgen früh zur Schule abholen“, sagte er. „Es gibt keinen Grund mehr, getrennte Wege zu gehen.“
Hiromi lächelte, stellte sich erneut auf die Zehenspitzen und legte ihre Arme um seinen Nacken. Diesmal war es kein kurzer Abschiedskuss. Es war ein langes, tiefes Versprechen. Als sie sich lösten, wirkte Gou fast ein wenig berauscht von der Nähe.
„Gute Nacht, Gou“, sagte sie weich.
„Gute Nacht, Hiromi.“
Er wartete, bis sie sicher im Haus war, und stieg dann in den Bentley. Graham schaute in den Rückspiegel und sah das Gesicht seines jungen Herrn.
„Sie wirken sehr zufrieden, Master Gou. Es scheint, als hätten Sie heute eine sehr wichtige Erkenntnis gewonnen.“
Gou lehnte sich zurück und schloss die Augen. „In der Tat, Graham. Manche Systeme funktionieren am besten, wenn man sie nicht nur mit Logik, sondern mit Vertrauen kalibriert.“
Der nächste Morgen war ungewöhnlich still. Das Ayame-Anwesen lag noch im sanften Dämmerlicht, und außer dem fernen Klappern in der Küche, wo Graham das Frühstück vorbereitete, war kaum ein Laut zu hören. Nami und die jüngeren Geschwister schliefen noch, was Gou die seltene Gelegenheit gab, allein mit seinem Vater im Speisesaal zu sitzen.
Gou beobachtete Kai, der schweigend seinen Kaffee trank. Die kühle Distanz, die sie beide oft wie einen Panzer trugen, fühlte sich heute Morgen weniger wie eine Mauer und mehr wie ein gemeinsamer Raum an.
„Vater“, begann Gou, seine Stimme ruhig und kontrolliert. „Ich habe gestern mit Hiromi über die Vergangenheit gesprochen. Über die Zeit, als du und Mutter euch kennengelernt habt.“
Kai hob den Blick von seiner Tasse. Seine rubinfarbenen Augen fixierten seinen Sohn mit einer Mischung aus Neugier und jener wachsamen Ernsthaftigkeit, die ihm eigen war.
„Wusstest du es damals sofort?“, fragte Gou weiter. „Wusstest du bei der ersten Begegnung, dass sie die Person ist, die dein gesamtes Lebenssystem verändern würde?“
Kai schwieg. Er stellte die Tasse langsam ab, und für einen Moment schien er weit weg zu sein, zurückversetzt in eine Zeit voller Konflikte und innerer Kälte.
„Es war nicht nur ein einfacher Gedanke, Gou“, sagte Kai schließlich mit seiner tiefen, rauen Stimme. „Es war ihre Aura. Die Ausstrahlung ihres Bit Beasts in ihrer Seele war so hell, so rein... sie vertrieb die Dunkelheit, die ich damals in mir trug. Ich fühlte mich fast augenblicklich zu ihr hingezogen, als wäre sie der einzige Fixpunkt in einem Chaos.“
Gou legte den Kopf leicht schief. „War es also nur die Aura?“, hakte er analytisch nach. „War es eine energetische Anziehungskraft, die deine Entscheidung vorweggenommen hat?“
In diesem Moment veränderte sich Kais Blick. Er wurde schärfer, fast abweisend, und Gou spürte sofort, dass er eine Grenze berührt hatte. Kai antwortete nicht sofort. Er hielt inne und checkte mit einer fast unmerklichen Kopfbewegung die Umgebung, um sicherzugehen, dass Nami nicht im Flur war oder die Treppe hinunterkam.
„Ich weiß es nicht genau“, antwortete Kai dann, und seine Stimme war nun leiser, fast ein Flüstern. „Ich war äußerlich sicher von ihr angetan. Sie war... sie ist außergewöhnlich. Aber ich kann dir nicht sagen, ob der Kai von damals ohne diese Aura überhaupt in der Lage gewesen wäre, jemanden so nah an sich heranzulassen oder echte Gefühle zuzulassen.“
Er beugte sich ein Stück vor, und sein Blick wurde eindringlich, fast beschwörend. „Stell diese Frage niemals in der Gegenwart deiner Mutter, Gou. Versprich es mir. Sie hat sich in der Vergangenheit oft genug Gedanken darüber gemacht, ob unsere Verbindung nur eine Folge der Aura ist. Ich möchte nicht, dass sie diese Zweifel jemals wieder spürt.“
Kai atmete tief durch, und die Härte in seinen Augen wich einer tiefen, aufrichtigen Ernsthaftigkeit. „Mir persönlich ist die Antwort auf das 'Was wäre wenn' völlig egal. Ob Aura oder nicht – ich liebe sie von ganzem Herzen und mit einer Aufrichtigkeit, die über jede logische Erklärung hinausgeht. Sie ist mein Leben. Das ist die einzige Tatsache, die zählt.“
Gou nickte langsam. Er verstand. Es war keine statistische Unsicherheit, sondern ein Schutzraum, den sein Vater um das Herz seiner Mutter gebaut hatte.
„Ich verstehe, Vater. Die Variable der Herkunft ist irrelevant für die Qualität des Ergebnisses“, sagte Gou.
Kai lehnte sich wieder zurück, und ein kurzes, fast unmerkliches Nicken signalisierte, dass das Thema beendet war. In diesem Moment hörten sie leichte Schritte auf der Treppe – Nami kam herunter. Augenblicklich kehrte Kais Miene zu ihrer gewohnten, ruhigen Maske zurück, doch als Nami den Raum betrat und er sie ansah, leuchtete in seinen Augen genau jene Aufrichtigkeit auf, von der er gerade gesprochen hatte.
Eine knappe halbe Stunde später...
Das Training verlief wie immer doch nun nach einer weiteren Stunde des täglichen Drills, gab es andere Verpflichtungen für Gou zu erfüllen.
Er saß schweigend im Fond des Wagens, während Graham das Hauptquartier der BBA verließ und in Richtung von Hiromis Haus steuerte. Die Worte seines Vaters hallten in seinem Kopf nach wie ein Echo einer längst vergangenen Ära. Er betrachtete sein Spiegelbild im Fenster und verglich die Ausgangslage.
Sein Vater hatte die Hilfe einer übernatürlichen Aura gebraucht, um die Mauern um sein Herz zu durchbrechen. Für Kai war Liebe am Anfang eine Notwendigkeit zum Überleben gewesen, ein Licht in der Dunkelheit. Gou hingegen brauchte kein Bit Beast, um zu sehen, was vor ihm lag. Er hatte Hiromi mit klarem Verstand und offenen Sinnen gewählt. Es war keine energetische Fügung, sondern seine eigene, freie Entscheidung. Diese Erkenntnis gab ihm ein tiefes Gefühl von Stärke – er war nicht das Produkt einer Vorbestimmung, sondern der Architekt seines eigenen Glücks.
Als der Bentley vor Hiromis Haus hielt, stand sie bereits an der Auffahrt. Sie trug ihre Schuluniform, und ihr Haar fing die ersten Strahlen der Morgensonne ein. Gou stieg aus, und noch bevor er ein Wort sagen konnte, sah er ihr Lächeln. Es war ein einfaches, menschliches Lächeln, ganz ohne magisches Leuchten, und doch bewirkte es bei ihm mehr als jede Aura es je könnte.
„Guten Morgen, Gou“, sagte sie, als er ihr die Wagentür öffnete.
„Guten Morgen, Hiromi.“ Er reichte ihr die Hand, um ihr beim Einsteigen zu helfen.
Während der Fahrt zur Schule war es Hiromi, die das Schweigen brach. „Du wirkst heute Morgen so... tiefgründig. Ist beim Training etwas Unvorhergesehenes passiert?“
Gou sah sie an und spürte eine Welle von Aufrichtigkeit, die er so nur bei seinem Vater beobachtet hatte. Er nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. „Nein. Ich habe lediglich einen Vergleich zwischen verschiedenen Beziehungsmodellen angestellt. Die Schlussfolgerung ist, dass unser Modell eine extrem hohe Stabilität aufweist, da es auf einer autonomen Wahl basiert.“
Hiromi lachte leise und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. „Ich nehme an, das heißt auf 'Gou-Sprache', dass du dir deiner Sache sehr sicher bist?“
„Exakt“, antwortete er und küsste sie sanft auf die Stirn.
An der Schule angekommen, war die Atmosphäre eine völlig andere als noch zu Beginn der Woche. Als Gou und Hiromi gemeinsam den Wagen verließen, gab es kein hämisches Getuschel mehr. Die ehrfürchtige Stille war geblieben, doch sie war nun geprägt von Akzeptanz.
Auf dem Weg zum Gebäude begegneten sie Akari und Makoto. Akari zwinkerte Gou zu und deutete auf ihre verschränkten Hände. „Immer noch im Synchronmodus, wie ich sehe? Die Wetten in der Schule haben sich übrigens geändert. Jetzt wird nicht mehr gefragt, ob ihr zusammen seid, sondern wann die BBA euch zum offiziellen Traumpaar des Jahres krönt.“
Gou ignorierte den Kommentar mit einem souveränen Halblächeln. „Die öffentliche Meinung bleibt eine irrelevante Nebenvariable, Akari.“
Er begleitete Hiromi wieder bis zu ihrem Klassenzimmer. Bevor sie hineinging, hielt er sie noch einmal kurz fest. Er dachte an Kais Bitte, Nami niemals nach der Aura zu fragen, und er begriff nun endgültig, warum: Wahre Gefühle brauchten keine Rechtfertigung durch die Vergangenheit.
„Ich werde dich nach dem Unterricht abholen“, sagte er. „Wir haben heute Abend keine Verpflichtungen. Ich dachte an ein Abendessen im Ayame-Anwesen. Meine Mutter würde dich gerne offiziell einladen.“
Hiromis Augen wurden groß. „Bei euch zu Hause? Mit deinem Vater und allen?“
„Keine Sorge“, sagte Gou und seine Stimme war nun vollkommen ruhig und sicher. „Mein Vater hat bereits seine... Zustimmung signalisiert. Und was den Rest der Familie angeht: Du hast bereits die wichtigste Hürde genommen. Mich.“
Hiromi strahlte ihn an, gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange und verschwand im Klassenzimmer. Gou sah ihr einen Moment nach, bevor er sich zu seinem eigenen Unterricht wandte. Er fühlte sich unbesiegbar. Er war ein Hiwatari, ja – aber er war ein Hiwatari, der seine eigene Definition von Stärke gefunden hatte.
Happy Birthday
In den nächsten zwei Monaten hatte sich die Dynamik an der Schule grundlegend verändert. Was anfangs wie ein statistisches Experiment oder ein vorübergehendes Phänomen gewirkt hatte, war zu einer festen Konstante im Schulalltag geworden: Gou und Hiromi als unzertrennliche Einheit.
Die Wochen des Frühsommers vergingen in einem sanften Rhythmus. Man sah sie oft in der Bibliothek, wo sie über ihren Büchern brüteten – er, tief versunken in komplexe Algorithmen, sie, meist ein geschichtswissenschaftliches Werk vor sich, während ihre freien Hände unter dem Tisch fast wie selbstverständlich ineinander verschränkt waren. Es gab keine großen, dramatischen Gesten; es war die stille Vertrautheit, die jedem Beobachter klarmachte, dass hier zwei Seelen einen gemeinsamen Takt gefunden hatten.
Doch während der Anblick für die meisten Mitschüler zum Alltag gehörte, brodelte es unter der Oberfläche der Schülerschaft.
Gou war, ob er es wollte oder nicht, das Objekt der Begierde vieler Mädchen. Sein kühles, distanziertes Auftreten gepaart mit der unverkennbaren Hiwatari-Ästhetik übte eine fast magnetische Anziehungskraft aus. Dass er nun ausgerechnet für Hiromi seine analytische Mauer ein Stück weit eingerissen hatte, versetzte einige der jungen Mädchen in einen Zustand bittersüßer Eifersucht. Sie beobachteten Hiromi mit argwöhnischen Blicken, wenn sie lachend neben ihm herging, und fragten sich insgeheim, welche „Variable“ sie besaß, die ihnen fehlte.
Auf der anderen Seite standen die Jungen, die Gou mit einer Mischung aus Respekt und unverhohlenem Neid betrachteten. Hiromi war mit ihrer sanften Art und ihrer natürlichen Schönheit der Schwarm vieler gewesen. Dass der „Eisprinz“, wie Gou hinter seinem Rücken oft genannt wurde, sie nun so besitzergreifend und doch loyal an seiner Seite hielt, sorgte für manch unterdrücktes Grollen in der Umkleidekabine.
„Er berechnet wahrscheinlich sogar die optimale Dauer eines Händedrucks“, hatte einer der älteren Schüler neulich gewitzelt, doch der Humor konnte den Neid in seiner Stimme kaum verbergen.
Unbeeindruckt von den Flüstertönen auf den Fluren genossen Gou und Hiromi ihre Zeit. In den Pausen suchten sie sich oft ein schattiges Plätzchen unter den Kirschbäumen am Rande des Sportplatzes.
Dort, fernab der neugierigen Blicke, erlaubte Gou sich Momente der Schwäche, die er sonst niemandem zeigte. Er legte seinen Kopf in ihren Schoß, während sie ihm von ihrem Tag erzählte, und ließ das unaufhörliche Rauschen der Daten in seinem Kopf für einen Moment verstummen. Hiromi wiederum lernte, die kleinen Zeichen seiner Zuneigung zu lesen – das kurze Zucken seines Mundwinkels, wenn sie einen Witz machte, oder die Art, wie er ihren Becher hielt, damit sie trinken konnte, während sie sich Notizen machte.
Diese zwei Monate waren eine Zeit des Wachstums, in der aus einer vorsichtigen Annäherung eine tiefe, fast trotzige Loyalität gewachsen war. Als der 29. Juli schließlich vor der Tür stand, war Hiromi längst nicht mehr nur ein Gast in Gous Leben, sondern der wichtigste Teil seines persönlichen Koordinatensystems geworden.
Der 29. Juni war im Ayame-Anwesen traditionell ein Tag der Superlative, doch in diesem Jahr fühlte sich die Doppel-Geburtstagsfeier von Gou und Nami besonders gewichtig an. Die schwüle Sommerhitze Tokios drang kaum durch die dicken Mauern des klassizistischen Herrenhauses, während im weitläufigen Garten die Vorbereitungen für das große Festmahl auf Hochtouren liefen.
Graham navigierte mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks durch die Menge der eintreffenden Gäste, hielt jedoch bei jedem Gang in die Küche kurz inne, um demonstrativ seine rechte Schulter zu massieren. Ohne Claire war die Koordination der Feierlichkeit für den fast 70-Jährigen ein wahrer Kraftakt.
Die Terrasse war bereits gut gefüllt. Hiro und Hilda Tachiba, Namis Eltern, unterhielten sich angeregt mit Kenji und Momoko, während deren siebenjährige Tochter mit den Zwillingen Ayumi und Ren im Garten Fangen spielte. Midori, Namis jüngere Schwester, lachte laut über eine Geschichte ihres Ehemanns Max Tate, der gerade versuchte, die physikalischen Flugbahnen der neuesten Beyblade-Generation zu erklären.
Mitten im Geschehen thronte die 95-jährige Oma Yumi. Trotz ihres stolzen Alters blitzten ihre Augen hellwach, besonders als Tala an ihr vorbeiging.
„Junger Mann“, krächzte sie laut genug, dass es die halbe Gesellschaft hörte, „wenn ich sechzig Jahre jünger wäre, würde ich dich nicht so einfach an Lumina vorbeiziehen lassen. Dein Kiefer ist wie aus Granit gemeißelt.“
Tala, der sonst kaum aus der Fassung zu bringen war, neigte lediglich respektvoll den Kopf, während Lumina kichernd seinen Arm drückte.
Am Rande des Trubels, im Schatten einer großen Eiche, stand eine Gruppe, die sofort ins Auge fiel. Hana sah ihrer Schwester Nami heute wieder zum Verwechseln ähnlich, auch wenn ihr glattes, silberweißes Haar im Sonnenlicht anders schimmerte als Namis Wellen. An ihrer Seite stand Vladimir Ivanov, der mit seiner imposanten Statur wie ein Fels in der Brandung wirkte.
Doch der eigentliche Star war die kleine, zweijährige Lilia. Das neueste Mitglied der Familie war ein absolutes Papakind. Mit ihren großen, neugierigen Augen und den dunklen Locken auf dem Kopf klammerte sie sich fest an Vladimirs massives Bein. Als er sie hochhob, quietschte sie vor Vergnügen und vergrub ihr Gesicht in seinem Hals.
„Dada!“, rief sie bestimmt und ignorierte ihre älteren Halbschwestern Akari und Mirai, die vergeblich versuchten, sie mit einem Stofftier abzulenken.
Gou, der heute 15 Jahre alt wurde, stand etwas abseits bei Tyson, Hilary und Makoto. Er trug ein leichtes, dunkles Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Neben ihm stand Hiromi, die sich mittlerweile in diesem familiären Wirbelwind sichtlich wohlfühlte.
„Fünfzehn, was?“, sagte Tyson und klopfte Gou auf die Schulter. „In dem Alter habe ich schon Weltmeisterschaften gewonnen. Wie sieht's aus, Gou? Wann holst du dir den Titel?“
Gou sah kurz zu Hiromi, dann zurück zu Tyson. „Die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Sieg im nächsten Major-Turnier liegt bei 89 %, Onkel Tyson. Aber heute geht es primär um die soziale Konsolidierung der Familie.“
„Er meint, er will heute einfach nur den Kuchen genießen“, übersetzte Hiromi grinsend, was Tyson ein schallendes Lachen entlockte.
Nami, die heute 34 wurde, trat auf die Terrasse. Sie trug ein fließendes Kleid in Türkis-Tönen, das ihre Augen zum Leuchten brachte. Kai trat sofort an ihre Seite und legte besitzergreifend, aber zärtlich eine Hand auf ihre Taille.
„Alles Gute zum Geburtstag, mein Schatz“, flüsterte er ihr zu, gerade laut genug, dass Gou es hören konnte.
Nami sah in die Runde – zu ihren Eltern, ihren Geschwistern, ihren Kindern und den langjährigen Freunden. Ihr Blick blieb an Gou hängen, der nun offiziell kein Kind mehr war, sondern ein junger Mann, der seinen eigenen Weg gefunden hatte.
„Danke, Kai“, antwortete sie und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Es ist perfekt.“
Plötzlich ertönte Oma Yumis Stimme erneut: „Kai! Komm rüber und schenk mir ein Glas Wein ein! Wenn dein Sohn so gut aussieht wie du, habe ich Hoffnung für die nächste Generation!“
Kai verdrehte kurz die Augen, doch das amüsierte Zucken seiner Mundwinkel verriet, dass er die exzentrische Großmutter seiner Frau längst akzeptiert hatte.
Die Szenerie im Garten des Ayame-Anwesens glich einem perfekt inszenierten Gemälde, doch für Hiromi fühlte es sich eher wie der Besuch in einem Reich der Götter an. Sie hielt ihr Glas fest und versuchte, die visuelle Reizüberflutung zu verarbeiten.
Gerade als sie dachte, sie hätte alle Gesichter zugeordnet, öffnete sich die große Flügeltür zur Terrasse erneut. Ein junger Mann trat ein, an seiner Seite eine hübsche Frau mit wachen Augen. Es war Noah, Namis zehn Jahre jüngerer Bruder. Er war erst vierundzwanzig, doch er besaß bereits die imposante Statur seines Vaters.
Hiromis Blick wanderte ungläubig durch die Runde. Es war fast schon statistisch unmöglich, eine solche Dichte an außergewöhnlichem Aussehen in einer einzigen Blutlinie zu finden.
Sie sah Hilda Tachiba, die neben ihrem Mann Hiro stand. Mit fast sechzig Jahren wirkte sie wie eine elegant gereifte Version von Nami – die Haut strahlend, die Haltung königlich. Es war offensichtlich, woher Nami, Hana und Lumina ihre zeitlose Schönheit geerbt hatten. Daneben ragte Hiro auf; ein Mann von über sechzig Jahren, dessen breite Schultern und 1,90 Meter Körpergröße immer noch eine natürliche Autorität ausstrahlten, die jedoch durch ein sanftes Leuchten in seinen Augen gemildert wurde.
Dann glitt ihr Blick zu Kenji. Als Namis Zwillingsbruder war er praktisch die männliche Manifestation ihrer Schönheit – dieselben ozeanfarbenen Augen, dasselbe markante Gesicht, nur mit einer raueren, maskulinen Note. Sein schallendes Lachen erfüllte den Garten. Er hatte heute natürlich ebenfalls seinen vierunddreißigsten Geburtstag, bevorzugte aber im Gegensatz zu seiner Zwillingsschwester, schon immer den ruhigeren Weg des zelebrierens....
Und dann war da Midori, die mit ihren 29 Jahren wie eine zartere Frühlingsversion von Nami wirkte, umrahmt von ihrem lindgrünen Haar. Und nun auch noch Noah. Er war der einzige, der die markante Haar- und Augenfarbe seines Vaters – ein tiefes, klares Petrol – geerbt hatte. Sein Gesicht war weicher als das von Kai oder Gou, geprägt von einer unglaublichen Sanftheit, die er mit frechen Grinsern in Richtung seiner Freundin Misako unterstrich. Auch er war ein Riese, genau wie sein Vater und Kenji.
„Du starrst, Hiromi“, erklang Gous tiefe, ruhige Stimme direkt an ihrem Ohr.
Er hatte sie seit einigen Minuten beobachtet, wie sie mit leicht geöffnetem Mund die Familienmitglieder „gescannt“ hatte. Hiromi schreckte leicht auf und spürte, wie sie errötete.
„Ich... tut mir leid, Gou“, flüsterte sie und trat einen Schritt näher an ihn heran. „Es ist nur... wie ist das möglich? Ich sehe mich hier um und es ist fast schon beängstigend. Deine Mutter, deine Tanten, deine Onkel... sogar deine Großeltern. Es sieht aus, als hätte man eure gesamte Familie aus einem Hochglanzmagazin für Ästhetik ausgeschnitten. Noah sieht aus wie ein Model, Kenji wie ein Filmstar und deine Mutter... ich habe noch nie jemanden gesehen, der so schön ist wie sie.“
Gou warf einen kurzen, fast klinischen Blick in die Runde, bevor sein Blick mit einem unverkennbaren Schuss Amüsement zu ihr zurückkehrte. Er nahm einen Schluck von seinem Mineralwasser.
„Die genetische Varianz innerhalb des Tachiba- und Hiwatari-Clans ist in der Tat... vorteilhaft ausgeprägt“, kommentierte er gewohnt trocken. „Man könnte sagen, die natürliche Selektion hat hier eine überdurchschnittliche Trefferquote erzielt. Mein Großvater Hiro hat eine sehr dominante Physis vererbt, während die mütterliche Linie für die ästhetische Feinjustierung zuständig war.“
Er machte eine kurze Pause und sah zu, wie Noah gerade lachend seine Freundin Misako den anderen vorstellte.
„Aber keine Sorge, Hiromi“, fügte er mit einem seltenen, fast schelmischen Funkeln in den Augen hinzu. „Schönheit ist in diesem Haus die Grundvoraussetzung, um überhaupt durch die Eingangstür gelassen zu werden. Dass du hier sitzt, beweist also nur, dass du die optischen Qualitätsstandards der Hiwataris mühelos erfüllst. Mein Vater hätte sonst sicher ein Veto eingelegt – er ist da sehr... qualitätsbewusst.“
Hiromi stieß ihn sanft mit dem Ellbogen an. „Gou! Das ist furchtbar eingebildet.“
„Es ist keine Einbildung, wenn es eine empirisch belegbare Tatsache ist“, erwiderte er schlicht und legte seinen Arm um ihre Taille, um sie etwas enger an sich zu ziehen. „Außerdem... wenn alle hier so aussehen, wie du sagst, dann bin ich der Einzige, der wirklich weiß, wie man das alles analytisch unter Kontrolle hält. Die anderen sind viel zu sehr damit beschäftigt, gut auszusehen und laut zu lachen.“
In diesem Moment torkelte die kleine Lilia an ihnen vorbei, verfolgte von einem prustenden Vladimir, der versuchte, sie einzufangen, bevor sie das Buffet erreichte.
„Dada! Nein!“, rief Lilia und versteckte sich hinter Gous Beinen.
Gou sah auf das kleine Mädchen hinunter, das sich an seine Hose klammerte, und dann hoch zu dem riesigen Vladimir, der nun vor ihm zum Stehen kam. Ein stummes Einverständnis zwischen dem Neffen und dem Onkel blitzte auf.
Oma Yumi saß währenddessen in ihrem gepolsterten Sessel wie eine Königin auf ihrem Thron, den Gehstock mit dem silbernen Knauf fest in der Hand. Als Noah seine Freundin Misako vorstellte, musterte die alte Dame das junge Mädchen mit einer Intensität, die selbst einen gestandenen BBA-Profi hätte nervös werden lassen.
„Sieht gesund aus“, stellte Yumi schließlich mit rauer, aber kräftiger Stimme fest. „Gute Hüften. Das ist wichtig.“
Noah lachte verlegen und kratzte sich am Hinterkopf, während Misako tapfer lächelte. Doch Yumi war noch nicht fertig. Sie hob den Stock und deutete vage in die Runde, die von Nami über Hana bis hin zu den jüngeren Paaren reichte.
„Ich sage es euch allen: Ich beiße nicht eher ins Gras, bis ich nicht mindestens noch fünf weitere Urenkel hier herumrennen sehe!“, verkündete sie so laut, dass das Geplapper auf der Terrasse schlagartig verstummte. „Wir brauchen mehr von diesen hübschen Gesichtern. Die Welt ist hässlich genug, da müssen wir gegensteuern!“
Ein amüsiertes Raunen ging durch die Familie. Nami warf Kai einen vielsagenden Blick zu, woraufhin dieser nur trocken den Blick verfinsterte, während Hana und Vladimir sich instinktiv etwas näher an die kleine Lilia stellten, als wollten sie sie vor den ehrgeizigen Fortpflanzungsplänen der Urgroßmutter abschirmen.
Hiromi, die sich kaum noch halten konnte vor Lachen, lehnte sich eng an Gou. Der Duft seiner Haut und die vertraute Wärme seiner Nähe gaben ihr den Mut, das Thema von vorhin noch einmal aufzugreifen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm direkt ins Ohr, während die Familie noch über Yumis Ansage scherzte.
„Ich wollte vorhin übrigens noch etwas ergänzen, Herr Analytiker“, hauchte sie. „Es ist nicht nur die Familie deiner Mutter, die durch gutes Aussehen besticht. Dein attraktives Äußeres... das hast du definitiv von der väterlichen Seite geerbt. Du bist das Ebenbild deines Vaters, Gou. Und das ist – rein empirisch betrachtet – ein gewaltiger Bonus.“
Gou versteifte sich für einen winzigen Sekundenbruchteil, bevor er den Kopf leicht neigte, um ihren Blick einzufangen. Ein seltener, dunkler Glanz trat in seine Augen, und seine Lippen formten ein Lächeln, das weit über das übliche „Amüsement“ hinausging.
„Ein interessanter Datenpunkt“, erwiderte er leise, wobei seine Stimme eine Nuance tiefer klang. „Ich werde diese Information in mein Selbstbild integrieren. Es scheint, als sei die Kombination aus Tachiba-Eleganz und Hiwatari-Intensität eine... hocheffiziente Mischung.“
Bevor er jedoch weiter ausführen konnte, wurde es Zeit für das Hauptereignis. Graham trat mit feierlicher Miene auf die Terrasse, zwei prachtvolle Torten auf einem Servierwagen vor sich herschiebend. Eine war schlicht und elegant für Nami gehalten, die andere modern und mit dem BBA-Logo sowie einer großen „15“ für Gou verziert.
„Wenn die Herrschaften sich nun zum Anschnitt bemühen würden?“, bat Graham, wobei er sich mit der freien Hand diskret den unteren Rücken hielt. „Bevor meine Wirbelsäule beschließt, ebenfalls in den Ruhestand zu gehen.“
Nami und Gou traten gemeinsam vor. Die ganze Familie versammelte sich im Halbkreis. Kai stellte sich hinter Nami und legte seine Hände auf ihre Schultern, während Hiromi direkt neben Gou blieb.
„Auf drei!“, rief Tyson und hob sein Glas. „Eins... zwei... drei!“
Als die Messer gleichzeitig durch die Glasur glitten, brach ein Jubel aus, der sicher bis weit über die Mauern des Ayame-Anwesens zu hören war. Selbst Tala klatschte verhalten, und Oma Yumi prostete dem jungen Gou mit ihrem Weinglas zu.
„Alles Gute zum Geburtstag, Gou“, sagte Hiromi leise inmitten des Trubels.
Gou sah sie an, dann zu seiner lachenden Mutter, seinem stolzen Vater und der chaotischen, wunderschönen Verwandtschaft. „Fünfzehn Jahre“, murmelte er. „Die bisher beste Version meines Lebens.“
Wenig später...
In einer gemütlichen Ecke der Terrasse, leicht abgeschirmt durch rankenden Jasmin, saßen die Damen der Familie in gemütlicher Runde zusammen. Die Abendsonne tauchte die Szenerie in ein warmes Gold, während die Kristallgläser leise klirrten.
Hilary lehnte sich mit einem Seufzen in die weichen Kissen ihres Sessels und betrachtete Nami, die in ihrem ozeanfarbenen Kleid fast ätherisch wirkte.
„Ganz ehrlich, Nami“, begann Hilary und schüttelte den Kopf, während sie an ihrem Champagner nippte. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du heute 34 wirst. In meinem Kopf bist du irgendwie bei 28 stehen geblieben. Aber wenn ich dich so ansehe... wenn man es nicht besser wüsste, könntest du glatt als 25 durchgehen. Eigentlich ist es eine Unverschämtheit, wie du das machst.“
Lumina lachte hell auf und warf ihr silbernes Haar über die Schulter. „Das sind die Gene, Hilary! Ich sage es ja immer wieder. Wir altern nicht, wir werden nur... glänzender.“
Momoko nickte zustimmend. „Es ist wahr. Wenn Nami neben Gou steht, wirken sie manchmal eher wie Geschwister als wie Mutter und Sohn. Das liegt sicher auch an der inneren Zufriedenheit.“
Hilary grinste schelmisch und beugte sich ein Stück vor, ihre Augen blitzten vor Neugier. „Apropos Zufriedenheit... Jetzt, wo wir unter uns sind, muss ich mal nachhaken. Ist das Eheleben von dir und Kai mittlerweile eigentlich mal etwas... 'normaler' geworden?“
Nami hielt ihr Glas auf halbem Weg zum Mund an und runzelte leicht die Stirn. „Normaler? Ich verstehe die Fragestellung nicht ganz, Hilary. Inwiefern normaler?“
Hilary kicherte und warf einen schnellen Blick zu den Männern hinüber, die in einiger Entfernung über BBA-Strategien debattierten. „Na ja, du weißt schon! Kai war ja immer... sagen wir mal, extrem intensiv. Jetzt, wo ihr seit über vierzehn Jahren verheiratet seid und vier Kinder habt – hat sich das Ganze ein wenig beruhigt? Hat die Intensität und die Häufigkeit unter der Woche durch das, nun ja, 'fortgeschrittene Alter' nachgelassen? Oder seid ihr immer noch so leidenschaftlich wie in euren Zwanzigern?“
Nami spürte, wie eine wohlige Wärme in ihr aufstieg, die nichts mit dem Champagner zu tun hatte. Sie dachte an den späten Vorabend zurück, an das rhythmische Poltern im Flur und Kais tiefe, sanfte Stimme an ihrem Ohr – die Momente, die Gou meist dazu veranlassten, seine Oropax zu suchen.
Ein vielsagendes, fast schon triumphierendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie nahm einen langsamen Schluck aus ihrem Glas, bevor sie antwortete.
„Sagen wir es so, Hilary“, begann Nami mit einer Stimme, die so sanft wie Samt war, „Kai ist wie ein guter Wein oder ein seltener Beyblade: Die Technik wird über die Jahre nur präziser, und die Energiequelle scheint sich eher zu regenerieren als zu erschöpfen. Das Wort 'nachlassen' existiert in seinem Vokabular schlichtweg nicht. Und was die Häufigkeit betrifft...“ Sie machte eine kurze Pause und ihre ozeanfarbenen Augen funkelten amüsiert. „Gou hat sich neulich erst wieder über die 'akustischen Amplituden' im Haus beschwert und trägt nachts öfter Gehörschutz. Ich denke, das beantwortet deine Frage zur Intensität recht deutlich.“
Lumina prustete fast in ihr Glas, während Momoko tiefrot anlief und Hilary fassungslos die Augen auf riss.
„Ernsthaft?“, hauchte Hilary beeindruckt. „Nach all der Zeit? Ich dachte, nach vier Kindern und eurem Zeitplan im Tower wäre man froh, wenn man mal in Ruhe schlafen kann, aber bei euch...“
„Schlaf wird überbewertet“, erwiderte Nami trocken, doch ihr Blick wanderte hinüber zu Kai, der in diesem Moment, als hätte er gespürt, dass über ihn gesprochen wurde, den Kopf hob und ihr einen Blick zuwarf, der so besitzergreifend und heiß war, dass ihr für einen Moment der Atem stockte.
„Manche Dinge ändern sich eben nie“, murmelte Lumina grinsend. „Egal ob man 21 oder 34 ist. Die Männer aus der Abtei haben einfach zu viel Ausdauer für ihr eigenes Gut – oder für das Wohl der Nachbarn.“
Gerade als die Damen in ein kollektives, amüsiertes Kichern ausbrachen, näherten sich Schritte dem Jasmin-Spalier. Hiromi, die sich kurz entschuldigt hatte, um sich frisch zu machen, trat mit einem freundlichen Lächeln zu der Runde.
„Darf ich mich zu euch gesellen?“, fragte sie unschuldig. „Gou ist gerade in ein sehr technisches Gespräch mit Onkel Kenji und Onkel Noah vertieft. Ich glaube, es geht um die Aerodynamik von linksdrehenden Systemen... ich kam mir etwas deplatziert vor.“
„Oh, Liebes, du kommst wie gerufen!“, rief Lumina aus, deren Augen immer noch vor Vergnügen tränten. Sie rückte ein Stück zur Seite, um Platz zu machen. „Wir haben gerade über... Langzeit-Energiequellen und die Wartung von Hochleistungsbeys gesprochen.“
Hilary biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszuprusten, während Nami ihre Fassung mit beeindruckender Geschwindigkeit zurückgewann, auch wenn das leichte Glühen auf ihren Wangen blieb.
„Wir haben nur festgestellt“, fuhr Hilary mit einem schelmischen Seitenblick auf Nami fort, „dass manche Modelle auch nach vierzehn Jahren Betrieb keinerlei Verschleißerscheinungen zeigen. Ganz im Gegenteil, die... akustische Leistung scheint sogar noch zuzunehmen.“
Hiromi setzte sich und legte den Kopf leicht schief. „Akustische Leistung? Meint ihr die Arena-Atmosphäre?“ Sie hielt kurz inne, als sie bemerkte, wie Momoko plötzlich sehr intensiv ihr Champagnerglas studierte. „Warte... hat das was mit Gous Oropax zu tun?“
Stille.
Nami verschluckte sich fast an ihrem Getränk, während Hilarys Augen so groß wie Untertassen wurden.
„Er... er hat es dir erzählt?“, hauchte Hilary fassungslos.
Hiromi errötete nun ebenfalls, als ihr dämmerte, in welche Richtung dieses Gespräch gerade galoppierte. „Er hat nur... angemerkt, dass die architektonische Schalldämmung des Anwesens bei 'spontanen emotionalen Entladungen' der Eltern an ihre Grenzen stößt und er daher präventive Maßnahmen für seine Schlafhygiene ergreifen musste.“
Lumina hielt sich den Bauch vor Lachen. „'Spontane emotionale Entladungen'! Gott, er ist so sehr Kais Sohn, es tut fast weh!“
Nami deckte ihr Gesicht für einen Moment mit den Händen ab, doch man sah ihre Mundwinkel zucken. „Ich werde ein ernstes Wort mit meinem Sohn über das Konzept der Diskretion führen müssen“, murmelte sie, halb amüsiert, halb beschämt.
„Ach was, Nami“, sagte Hilary und legte ihr eine Hand auf den Arm. „Es ist doch eigentlich ein Kompliment. Hiromi, merk dir das: Wenn ein Hiwatari-Mann dich erst einmal gewählt hat, dann schaltet der niemals in den Standby-Modus. Du solltest vielleicht schon mal in einen Vorrat an hochwertigen Ohrstöpseln investieren... für eure zukünftigen Kinder.“
Hiromis Gesicht nahm nun denselben kräftigen Rotton an wie Kais Augen, was die älteren Frauen nur noch mehr amüsierte.
„Ich... ich denke, ich werde diese Information in meine langfristige Planung integrieren“, stammelte Hiromi und nutzte Gous Terminologie, was die Runde endgültig zum Explodieren brachte.
In diesem Moment trat Kai aus dem Schatten der Terrasse auf sie zu. Er sah die lachende Gruppe, sah das tiefrote Gesicht von Hiromi und den ertappten Blick seiner Frau. Er blieb hinter Namis Stuhl stehen und legte seine Hände auf ihre Schultern. Die bloße Berührung reichte aus, um Nami leise erschauern zu lassen.
„Darf ich fragen, was das Thema ist?“, fragte Kai mit seiner tiefen, klangvollen Stimme, die über die Gruppe hinwegrollte wie ein fernes Gewitter. „Ihr seid ungewöhnlich laut.“
„Wir haben nur über... Erziehungsmethoden gesprochen, Kai“, antwortete Nami schnell und legte ihre Hand über seine.
Kai hob leicht eine Braue und sah zu Hiromi, die fast im Erdboden versinken wollte. „Erziehung? Es klang eher nach einer statistischen Auswertung.“ Sein Blick kehrte zu Nami zurück, dunkler und intensiver. „Komm. Graham möchte den Digestif servieren, und Oma Yumi verlangt nach deiner Aufmerksamkeit.“
Als er Nami sanft vom Stuhl half und sie wegführte, warf Hilary Hiromi ein vielsagendes Augenzwinkern zu. „Siehst du? Er hat nicht mal viel gesagt, und die Luft brennt schon wieder. Viel Glück, Hiromi. Du wirst es brauchen.“
Hiromi konnte den Blick nicht abwenden. Sie beobachtete, wie Kai seine Frau mit einer fast besitzergreifenden, aber dennoch unendlich zärtlichen Geste durch die Menge führte. Es war nicht nur die Art, wie er seine Hand auf ihre Taille legte – als wäre sie der Anker in seiner Welt –, sondern vor allem dieser Blick. Die rubinfarbenen Augen, die normalerweise so kühl und distanziert wirkten, brannten in Namis Gegenwart mit einer Intensität, die die Luft um sie herum fast zum Flimmern brachte.
Jedes Mal, wenn Nami ihm etwas zuflüsterte, neigte er den Kopf zu ihr, und für einen Moment schien der Rest der lauten Familienfeier einfach zu verschwinden. Diese kleinen, fast unmerklichen Gesten – ein Daumen, der sanft über ihren Rücken strich, das kurze Verharren seiner Lippen an ihrer Schläfe – strahlten eine so tiefe, leidenschaftliche Verbundenheit aus, dass Hiromi eine leichte Gänsehaut über den Rücken lief. Es war eine Aura von purer, ungefilterter Hingabe, die etwas fast Ätherisches an sich hatte.
„Die Beobachtung der elterlichen Interaktion führt bei Außenstehenden oft zu einer erhöhten emotionalen Resonanz“, erklang Gous Stimme plötzlich direkt hinter ihr.
Hiromi zuckte leicht zusammen, aber sie entspannte sich sofort, als sie seine Präsenz spürte. Gou stand neben ihr, die Hände locker in den Taschen seiner dunklen Hose, und sein Blick folgte dem ihren zu seinen Eltern.
„Es ist... es ist einfach unglaublich, Gou“, flüsterte sie, ohne den Blick von Kai und Nami abzuwenden. „Sie wirken, als wären sie in ihrer eigenen Welt. Als gäbe es niemanden sonst. Ich habe noch nie gesehen, dass zwei Menschen nach so vielen Jahren immer noch so... so elektrisierend aufeinander reagieren.“
Gou beobachtete sie genau. Er sah das Leuchten in ihren Augen, diese Mischung aus Bewunderung und Sehnsucht, die er schon bei so vielen jungen Mädchen und Frauen gesehen hatte, wenn sie Zeuge der Dynamik seiner Eltern wurden. Das „Power-Paar“ der BBA-Welt war für viele ein unerreichbares Ideal.
„Du analysierst gerade das, was die Presse oft als die 'unzerstörbare Synergie der Hiwataris' bezeichnet“, sagte Gou mit einer Spur von Amüsement in der Stimme. Er trat einen Schritt näher zu ihr, sodass sich ihre Schultern berührten. „Mein Vater hat seine gesamte Existenz auf diese eine Verbindung kalibriert. Was du dort siehst, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer absoluten Priorisierung. Für ihn ist meine Mutter nicht nur eine Partnerin, sie ist die einzige Variable, die sein System stabilisiert.“
Er sah, wie Hiromi ihn nun von der Seite ansah, ihr Gesicht noch immer leicht gerötet von den Geschichten, die sie eben bei den Damen gehört hatte.
„Du fragst dich wahrscheinlich, ob diese Intensität erblich ist“, fügte er hinzu, und seine Stimme wurde eine Nuance tiefer, was Hiromi erneut erschauern ließ. Er griff nach ihrer Hand und verschränkte seine Finger fest mit ihren, genau so, wie Kai es oft bei Nami tat. „Ich kann dir keine Garantie für die akustische Belastung der Zukunft geben, Hiromi. Aber die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Hiwatari-Mann seine Loyalität und Leidenschaft jemals reduziert, sobald er seine Wahl getroffen hat, liegt bei exakt null Prozent.“
Hiromi spürte, wie ihr Herz einen Schlag übersprang. Gou sah sie jetzt mit diesem speziellen Blick an – eine Mischung aus analytischer Klarheit und jener tiefen, brennenden Ernsthaftigkeit, die er zweifellos von seinem Vater geerbt hatte.
„Ich denke... mit diesem Risiko kann ich leben“, antwortete sie leise und drückte seine Hand.
Gou lächelte – jenes seltene, echte Lächeln, das sein ganzes Gesicht veränderte. „Gut. Denn die Testphase ist ohnehin längst abgeschlossen. Wir befinden uns bereits im Dauerbetrieb.“
In diesem Moment explodierte das erste Feuerwerk über dem Anwesen. Goldene und silberne Funken regneten vom Nachthimmel herab und spiegelten sich in den Fenstern der alten Villa. Die ganze Familie blickte nach oben, und inmitten des Lärms und des Lichts sah Hiromi, wie Kai Nami noch ein Stück enger an sich zog und ihr einen Kuss gab, der alle Gespräche des Abends endgültig bestätigte.
Es war Gous 15. Geburtstag, und während das Feuerwerk den Himmel erleuchtete, begriff Hiromi, dass sie nicht nur Teil einer legendären Familie geworden war, sondern dass ihre eigene Geschichte gerade erst anfing, diese legendäre Intensität zu entwickeln.
Mit dem Verlöschen der letzten Funken am Nachthimmel über dem Anwesen begann sich die Gesellschaft allmählich aufzulösen. Die schwüle Sommerluft war einer angenehmen Kühle gewichen, doch die Atmosphäre blieb erfüllt von dem herzlichen Nachhall des Abends.
Nach und nach verabschiedeten sich die Gäste. Hilary und Tyson versprachen, bald wieder bei den Trainingseinheiten im Dojo dabei zu sein, während Tala und Lumina – letztere immer noch mit einem verschmitzten Grinsen auf den Lippen – sich in Richtung ihres Penthouses in Shinjuku verabschiedeten. Hana und Vladimir brachen ebenfalls auf, wobei der riesige Russe die schlafende Lilia behutsam auf dem Arm trug, während Akari und Mirai müde hinterher trotteten.
Schließlich fuhr eine elegante Limousine vor der kiesbestreuten Auffahrt vor. Es war Hiromis Mutter, die gekommen war, um ihre Tochter abzuholen. Nami, die die Rolle der perfekten Gastgeberin bis zur letzten Sekunde ausfüllte, fing sie bereits an der Tür ab.
„Schön, Sie wiederzusehen“, sagte Nami mit ihrer melodischen Stimme und legte eine Hand auf den Arm der anderen Frau. Während sie ein Gespräch über die gelungene Feier und die schulischen Fortschritte der Kinder begannen, nutzten Gou und Hiromi die Gunst der Stunde.
„Komm kurz mit“, flüsterte Gou. Er griff nach ihrer Hand und führte sie weg von dem Trubel an der Eingangstür, hinein in den kleinen Salon.
Der Raum war nur schwach beleuchtet. Das Mondlicht fiel durch die hohen Fenster und warf lange Schatten auf die dunkle Holzvertäfelung und die schweren Samtvorhänge. Die Luft roch nach altem Papier und dem dezenten Duft von Jasmin, der durch ein offenes Fenster hereinwehte.
Gou schloss die Tür leise hinter sich. Er atmete tief durch. Er wusste, dass er oft dazu neigte, seine Gefühle hinter einer Mauer aus Logik und Wahrscheinlichkeiten zu verbergen, doch heute Abend – nach all den Worten über die Intensität seiner Familie – wollte er anders sein. Er wollte nicht der Analytiker sein.
„Hiromi“, begann er, und seine Stimme klang in der Stille des Raumes ungewöhnlich sanft. Er trat einen Schritt auf sie zu. „Ich wollte dir danke sagen. Nicht nur für das kleine Geschenk sondern dafür, dass du heute hier warst.“
Er suchte nach den richtigen Worten, ohne in sein übliches Muster zu verfallen.
„Ich bin wirklich froh, dass du gekommen bist. Inmitten dieses ganzen Chaos hier... bist du der Teil, der sich für mich am richtigsten anfühlt. Ich hoffe wirklich, dass du noch lange an meiner Seite bleibst. Nicht, weil es logisch ist, sondern weil ich es so will.“
Hiromi sah ihn mit großen Augen an, gerührt von seiner Offenheit. Bevor sie antworten konnte, legte Gou seine Hände an ihr Gesicht. Er neigte sich vor und küsste sie. Zuerst war es eine fragende Berührung, fast vorsichtig, als würde er die Erlaubnis einholen. Doch als er spürte, wie Hiromi sich ihm entgegenlehnte, veränderte sich etwas.
Der Kuss wurde tiefer, fordernder. Gou spürte ein Ziehen in seiner Brust, das jede Beherrschung hinwegzufegen drohte. Ohne es bewusst zu steuern, drängte er sie sanft zurück, bis ihr Rücken die kühle, getäfelte Wand berührte. Seine Hände glitten in ihr Haar, und die Intensität, die er den ganzen Abend bei seinem Vater beobachtet hatte, flammte nun in ihm selbst auf.
Erst als er bemerkte, wie Hiromis Atem flacher wurde und sie ein leises, zitterndes Geräusch von sich gab, schreckte er auf. Die eiserne Beherrschung, die er sich über Jahre antrainiert hatte, fühlte sich in diesem Moment gefährlich dünn an – wie Eis, das unter zu viel Hitze schmolz.
Er löste sich abrupt von ihr, keuchend, und trat einen halben Schritt zurück. Seine Augen brannten in einem dunklen Granat, das fast schwarz wirkte.
„Es tut mir leid“, stammelte er, während er versuchte, seinen Puls zu beruhigen. Er fuhr sich nervös durch das Haar. „Das war... zu stürmisch. Ich wollte dich nicht bedrängen. Ich habe wohl für einen Moment die Kontrolle über die... Situation verloren.“
Hiromi lehnte immer noch an der Wand, ihre Wangen glühten und ihre Augen wirkten leicht verschleiert. Sie fühlte sich nicht bedrängt; sie fühlte sich, als würde sie schweben, losgelöst von der Schwerkraft. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, das so gar nicht zu Gous besorgter Miene passte.
„Entschuldige dich nicht, Gou“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Das war... absolut wundervoll“
Draußen ertönte das leise Hupen der Limousine. Die Realität forderte ihren Tribut. Gou reichte ihr die Hand, um sie zum Ausgang zu begleiten, doch die elektrische Spannung zwischen ihnen war nun endgültig erwacht und würde so schnell nicht wieder verschwinden.
Kausalität des Verlangens
Die Luft im privaten Trainingszentrum des BBA-Towers war erfüllt vom durchdringenden Surren der Blades und dem metallischen Knallen, wenn sie in der Arena aufeinandertrafen. Gou stand mit verschränkten Armen am Rand der Schüssel, seine Augen fixierten jede Bewegung mit chirurgischer Präzision.
„Emilia, Armadis’ Rotation stabilisieren! Das Gestein muss den Aufprall absorbieren, nicht nur abwehren“, befahl er, ohne die Stimme zu heben.
Die 13-jährige Australierin biss sich auf die Lippe. Ihr kleiner Körper war angespannt, während ihr Gürteltier-Bit-Beast die Arena-Oberfläche buchstäblich verformte, um einen Wall gegen Violetas Palos zu errichten. Violeta, deren blondes Haar im Windschatten der Blades flatterte, ließ das flammende Pferd in einer glühenden Spirale angreifen. Die Hitze war selbst in einigen Metern Entfernung noch zu spüren.
„Hübsche Show, Mädels“, unterbrach Ryan Hunt die Konzentration. Er lehnte lässig an der Wand, sein dunkelbraunes Haar zum Nachmittag perfekt gestylt, während er seinen hellblauen Blade zwischen den Fingern kreisen ließ. Mit seinen 1,70 m stand er auf Augenhöhe mit Gou und genoss es sichtlich, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Aber wenn wir nächste Woche Weltklasse-Niveaus erreichen wollen, solltet ihr vielleicht zusehen, dass ihr nicht nur Sandburgen baut.“
Violeta warf ihm einen vernichtenden Blick aus ihren rosèfarbenen Augen zu. „Vielleicht solltest du dich lieber um Glacius kümmern, Ryan. Das Eis ist beim letzten Testlauf ziemlich schnell geschmolzen.“
Ryan grinste nur selbstgefällig. „Qualität braucht eben seine Zeit zur Entfaltung.“
Seiya Miyazaki, der Älteste der Gruppe, hielt sich im Hintergrund. Sein dunkelviolettes Haar umrahmte ein Gesicht, das Ruhe ausstrahlte, doch seine hellvioletten Augen beobachteten aufmerksam die Strömungen in der Halle. Sein violetter Falke kreiste metaphorisch über der Arena; er war bereit, jederzeit einzugreifen und die magnetischen Felder von Gous Blade mit seinen Windböen zu unterstützen.
Plötzlich schwangen die schweren Sicherheitstüren des Trainingsbereichs auf. Das metallische Geräusch hallte von den hohen Decken wider.
Mr. Dickenson trat ein, gefolgt von einer Gestalt, die das gesamte Gefüge des Raumes zu verändern schien. Kai Hiwatari bewegte sich mit der lautlosen Autorität eines Raubtieres. Sein dunkler Mantel wehte leicht hinter ihm her, und die rubinfarbenen Augen leuchteten in der künstlichen Beleuchtung des Towers fast bedrohlich auf.
Die Blades in der Arena verlangsamten sich, als die Blader instinktiv den Atem anhielten.
„Gou“, sagte Mr. Dickenson mit seinem warmen, aber bedeutungsvollen Lächeln. „Ich wollte es mir nicht nehmen lassen, deinem Team persönlich viel Glück zu wünschen. Die Dokumente sind unterzeichnet. Ihr seid nun auch offiziell das Team, das Japan bei der kommenden Weltmeisterschaft vertreten wird.“
Ein elektrisierendes Schweigen folgte. Das war der Moment, auf den sie alle hingearbeitet hatten.
Doch die Augen der Teammitglieder klebten an Kai. Violeta und Emilia tauschten einen fassungslosen Blick; für sie war er der Mann, der Beyblade zu dem gemacht hatte, was es heute war. Seiya neigte respektvoll den Kopf, wobei sein mystischer Ausdruck tiefer Bewunderung wich.
Und Ryan? Ryan Hunt, der sonst nie um einen Spruch verlegen war, spürte, wie ihm die Kehle trocken wurde. Er wollte cool wirken, wollte zeigen, dass ihn die Anwesenheit eines „Veteranen“ nicht aus der Ruhe brachte. Er verschränkte die Arme fester, hob das Kinn und versuchte, Kai direkt in die Augen zu sehen.
„Schön, dass die Legenden auch mal vorbeischauen“, sagte Ryan, doch seine Stimme war eine Oktave höher als sonst. Er wollte lässig klingen, doch als Kais Blick ihn streifte – kühl, prüfend, fast schon enttäuscht von der mangelnden Disziplin in Ryans Haltung – zuckte Ryan unmerklich zusammen. Er wich dem Blick schnell aus und suchte Halt an seinem Blade-Starter, den er nun viel zu fest umklammerte. Seine Fassade bröckelte sichtlich vor der schieren Präsenz des Hiwatari-Oberhaupts.
Kai ignorierte den Jungen vollkommen. Er trat bis an den Rand der Arena und sah Gou an.
„Die Weltmeisterschaft wird keine Umgebung für Ego-Shows oder statistische Spielereien sein, Gou“, erklärte Kai mit einer Stimme, die wie Donner in der Halle widerhallte. „Ihr werdet gegen Blader antreten, die bereit sind, ihre Seele in die Arena zu werfen. Wenn euer Wille nicht absolut ist, werdet ihr zerbrechen.“
Gou begegnete dem Blick seines Vaters ohne zu blinzeln. In diesem Moment war die Ähnlichkeit zwischen den beiden wieder einmal erschreckend – zwei Generationen von Hiwataris, beide geprägt von einer Intensität, die gewöhnliche Menschen einschüchterte.
„Die Vorbereitung ist abgeschlossen, Vater“, antwortete Gou ruhig. „Mein Team wird nicht zerbrechen. Wir werden die Weltmeisterschaft dominieren.“
Als sich Kai und Mr. Dickenson zurückzogen, blieb eine aufgeladene Stimmung zurück. Das Team nahm das Training mit einer neuen, fast verzweifelten Energie wieder auf.
Am späten Nachmittag, als die anderen bereits in die Umkleiden verschwunden waren, stieß Hiromi dazu und blieb mit Gou an der Arena zurück. Gou reinigte seinen Blade mit einer Präzision, die fast schon zwanghaft wirkte. Er spürte Hiromis Blick auf sich – diesen erwartungsvollen, fast schon fordernden Blick. Er wusste, dass sie auf das wartete, was seit dem Geburtstag in der Luft hing. Ihre Atmung war unregelmäßig, und jedes Mal, wenn er sich zu ihr neigte, um ihr etwas zu erklären, sah er, wie ihr Puls an ihrem Hals schneller schlug.
Er war kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Sein Körper verlangte danach, die Distanz zu überbrücken, sie einfach festzuhalten und die kühle Professionalität für einen Moment zu vergessen. Doch er sah auch die Weltmeisterschaft vor sich, die Last des Namens Hiwatari und die Verantwortung für sein Team.
Er atmete schwer aus und trat einen Schritt zurück, wobei er den Blickkontakt abbrach. „Wir sollten gehen. Die Regeneration ist wichtig für die Leistung morgen.“
Hiromi schaute ihn an, ihre Lippen waren zu einem kleinen, frustrierten Schmollen geformt. Sie wollte keine Statistiken über Regeneration hören.
Die sommerliche Dämmerung legte sich wie ein schwerer, violetter Samtschleier über die Vorstadt von Tokio, als die schwarze Limousine der Tachiwari-Corporation vor Hiromis Elternhaus zum Stehen kam. Das sanfte Schnurren des Motors verstummte, und im Wageninneren herrschte eine Stille, die so dicht war, dass man das Ticken von Gous Armbanduhr hören konnte.
Graham, der am Steuer saß, warf einen diskreten Blick in den Rückspiegel. Er bemerkte die aufgeladene Atmosphäre zwischen den beiden Jugendlichen und tat das Einzige, was ein erfahrener Butler in dieser Situation tun konnte: Er blickte demonstrativ starr geradeaus auf die Straße.
Gou wandte sich Hiromi zu. Das Licht der Straßenlaternen warf scharfe Schatten auf seine markanten Gesichtszüge. Er wirkte in diesem Moment viel älter als fünfzehn.
„Hiromi“, begann er leise. „Du weißt, was es bedeutet, wenn die Weltmeisterschaft nächste Woche beginnt?“
Hiromi nickte stumm, doch sie wich seinem Blick aus.
„Sie findet in England statt“, fuhr er fort, wobei er jedes Wort wie eine unumstößliche mathematische Formel aussprach. „Das Hauptquartier der BBA hat die Abreise für Freitagmorgen angesetzt. Ich werde für mehrere Wochen nicht in Japan sein. Die Distanz wird physisch absolut sein.“
In diesem Moment brach Hiromis mühsam aufrechterhaltene Fassade. Ihre Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Instinktiv griff sie nach den Ärmeln seines dunklen Hemdes und hielt sich daran fest, als wäre er ihr einziger Anker in einer stürmischen See.
„Ich weiß, Gou“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach. „Natürlich weiß ich es. Aber... ich habe Angst davor. Ich habe schreckliche Angst vor der Stille, wenn du weg bist. Ich werde dich so sehr vermissen, dass ich nicht weiß, wie ich die Tage zählen soll.“
Gou beobachtete die Tränen, die in ihren Augen glitzerten, und das Zittern ihrer Finger. In seinem Inneren geschah etwas, das jede logische Barriere durchbrach. Er wollte sie nicht weiterreden lassen, wollte nicht, dass sie diese schmerzvolle Realität weiter in Worte fasste.
Noch bevor sie den nächsten Satz aussprechen konnte, zog er sie mit einer plötzlichen, entschlossenen Bewegung zu sich.
Der Kuss war anders als die im Salon. Er war fordernder, getrieben von der drohenden Trennung und der unterdrückten Intensität der letzten zwei Wochen. Es war kein vorsichtiges Tasten mehr; es war eine leidenschaftliche Inbesitznahme. Seine Hände vergruben sich in ihrem Haar, während er sie an sich presste, als wollte er ihre Existenz in seinem Gedächtnis einbrennen.
Doch so plötzlich, wie der Sturm losgebrochen war, ebbte er ab. Gou löste sich von ihr, seine Stirn ruhte gegen ihre, während sein Atem schwer und unregelmäßig ging.
„Warum... warum hörst du auf?“, brachte Hiromi mühsam hervor. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Gou, bitte... hör nicht auf.“
Gou hob den Kopf und sah amüsiert, aber auch sichtlich gequält zu Graham nach vorne und anschließend zum hell erleuchteten Haus der Familie Ishiwara hinauf. Die Vernunft, die er von seinem Vater und die Rücksichtnahme, die er von seiner Mutter geerbt hatte, kämpften in ihm einen erbitterten Kampf.
„Wir sind hier nicht allein, Hiromi“, murmelte er heiser. „Und deine Familie...“
„Sie sind nicht da“, unterbrach sie ihn schnell, ihre Augen fest auf seine gerichtet. Ein Hauch von Trotz mischte sich in ihre Sehnsucht. „Meine Eltern und meine Schwester sind vor zwei Stunden nach Nagoya aufgebrochen. Sie besuchen meine Großeltern und kommen erst in zwei Tagen zurück. Ich bin allein, Gou.“
Stille trat ein. Sogar Graham schien am Steuer für einen Moment die Luft anzuhalten.
Gou erstarrte. Die statistische Wahrscheinlichkeit für diesen Moment war gering gewesen, doch nun lag sie vor ihm wie eine offene Tür. Er neigte den Kopf, bis seine Lippen fast ihr Ohrläppchen berührten. Sein warmer Atem ließ eine Gänsehaut über ihren gesamten Körper laufen.
„Hast du eine Vorstellung davon, was du da gerade sagst?“, fragte er mit einer Stimme, die so gefährlich klang, dass Hiromi schwindelig wurde. „Wenn ich jetzt mit dir in dieses Haus gehe, Hiromi... dann gibt es kein Zurück mehr zu den 'einfachen' Küssen.“
Er zog sich ein Stück zurück und fixierte sie mit einem Blick aus dunklem Granat, der ihre Seele zu durchleuchten schien.
„Willst du das wirklich? Willst du mich jetzt wirklich mit reinnehmen?“, flüsterte er, und die Ernsthaftigkeit in seiner Frage ließ keinen Raum für Zweifel.
Hiromi sah ihm direkt in die Augen, und für einen Wimpernschlag fühlte sie sich wie eine Beute, die direkt in den Blick eines Raubtiers starrte. Die Intensität in Gous Gesicht war fast greifbar; das kühle, analytische Licht, das sonst in seinen Augen wohnte, war einem dunklen, lodernden Feuer gewichen. Es war die „Hiwatari-Intensität“, vor der Hilary sie gewarnt hatte – eine rohe, ungezähmte Kraft, die nun ganz auf sie gerichtet war.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken, doch es war keine Angst. Es war ein tiefes, instinktives Erkennen. Sie begriff in diesem Moment, dass sie nicht länger mit dem Jungen aus der Bibliothek sprach, sondern mit einem jungen Mann, der bereit war, alles für sie aufzugeben – inklusive seiner Beherrschung.
„Ja“, antwortete sie, und ihre Stimme war fester, als sie es selbst erwartet hätte. Sie löste ihre Hände von seinen Ärmeln und legte sie flach auf seine Brust, wo sie das wilde Hämmern seines Herzens spüren konnte. „Ich will nicht mehr warten, Gou. Ich will, dass du mitkommst.“
Gou suchte in ihrem Blick nach dem kleinsten Anzeichen von Unsicherheit, doch er fand keines. Er nickte Graham kurz zu – ein lautloses Signal, das der Butler mit einem kaum merklichen, respektvollen Neigen des Kopfes quittierte.
Gou stieg aus und hielt Hiromi die Tür offen. Als sie gemeinsam den kurzen Weg zur Haustür zurücklegten, fühlte es sich für Hiromi an, als würde die Welt um sie herum verblassen. Das einzige, was real war, war der feste Griff seiner Hand um die ihre und die Hitze, die von ihm ausging.
An der Tür zitterten ihre Finger leicht, als sie den Schlüssel ins Schloss steckte. Bevor sie ihn jedoch umdrehen konnte, legte Gou seine Hand über ihre. Das kalte Metall des Schlüssels zwischen ihren Handflächen war der letzte Anker zur Realität.
„Wenn diese Tür hinter uns schließt, Hiromi“, murmelte er, seine Stimme jetzt nur noch ein raues Flüstern direkt an ihrem Hals, „dann gibt es keine Variablen mehr. Nur noch uns.“
Sie drehte den Schlüssel. Das leise Klick des Schlosses klang in der Stille der Vorstadt wie ein Startschuss.
Kaum hatten sie den dunklen Flur betreten, fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss und schnitt das Licht der Straßenlaternen sowie die Außenwelt endgültig ab. Die Dunkelheit im Haus war warm und roch nach Zuhause, doch sie wurde sofort von Gous Präsenz dominiert.
Er wartete nicht. Er drückte sie gegen die geschlossene Tür, und diesmal gab es kein Zögern mehr, keine Rücksichtnahme auf die „architektonische Schalldämmung“ oder die Etikette. Sein Kuss war wie ein Dammbruch – fordernd, tief und von einer Leidenschaft geprägt, die Hiromi fast die Knie weich werden ließ. Seine Hände fanden ihren Weg an ihre Taille und zogen sie so eng an sich, dass sie jede Kontur seines Körpers spürte.
Hiromi antwortete mit derselben Intensität, ihre Finger vergruben sich in seinem Nacken, während sie sich in diesem Sturm aus Gefühl und Verlangen verlor. Das Schmollen der letzten Wochen war vergessen, ersetzt durch die Erkenntnis, dass Gou sie nicht länger nur „analysierte“, sondern sie mit jeder Faser seines Seins begehrte.
In der Dunkelheit des leeren Hauses war nur noch das hastige Atmen der beiden zu hören, während sie gemeinsam die Treppe nach oben suchten, weg von der Welt und hin zu dem Moment, der alles verändern würde.
Hiromis Zimmer war in ein weiches, warmes Licht getaucht, das von der kleinen Lampe auf ihrem Nachttisch ausging. Überall im Raum fanden sich Spuren ihres Lebens – Fachbücher über Musik, ein paar gerahmte Fotos und der dezente Duft von Vanille und Kirschblüten, der so typisch für sie war. Gou spürte, wie das Vertrauen, das sie ihm entgegenbrachte, die letzten Reste seiner kühlen Beherrschtung zum Schmelzen brachte. Er löste seine Lippen für einen Moment von ihren und atmete tief durch.
Hiromi schaute zu ihm auf, ihre Wangen tief gerötet, doch ihr Blick war klar und fest. „Gou... ich wollte es dir sagen, das alles ist so neu für mich...ich habe keinerlei Erfahrung. Und mit dir fühlt es sich so... so endgültig an. Im positiven Sinne.“
Gou strich ihr eine lose Strähne ihres dunklen Haares hinter das Ohr. Er merkte, wie sein Herzschlag gegen seine Rippen hämmerte – ein physischer Beweis dafür, dass er eben nicht nur aus Logik und kühler Berechnung bestand.
„Keine Sorge. Das war mir bereits klar“, flüsterte er, und seine Stimme klang sanft und rau zugleich. Er legte seine Hand flach auf ihre Wange und genoss die Wärme ihrer Haut. „Dass du mir dieses Vertrauen schenkst, bedeutet mir mehr, als ich wahrscheinlich in Worte fassen kann. Ich bin nicht mein Vater, der immer alles im Griff hat... oder vielleicht bin ich es doch, nur dass du die Einzige bist, die sieht, wie sehr ich gerade versuche, nicht völlig die Fassung zu verlieren.“ er musste ein wenig über seine eigenen Worte lachen.
Hiromi schluckte schwer und legte ihre Hand auf seine, die an ihrer Wange ruhte. „Gou... ich liebe dich. Ich glaube, ich habe es schon gewusst, als du mich das erste Mal so angesehen hast, als würdest du direkt in meine Seele schauen. Ich möchte, dass du der Erste bist“
Dieses Geständnis traf Gou mit einer Wucht, die ihn für einen Moment sprachlos machte. Die Intensität ihrer Gefühle spiegelte sich in seinen eigenen wider. Er beugte sich vor und küsste sie, diesmal tiefer, fordernder, aber dennoch mit einer unglaublichen Rücksichtnahme.
„Ich fühle mich so wohl bei dir, Hiromi“, murmelte er gegen ihre Lippen. Es war das erste Mal, dass er diese Worte laut aussprach, und sie fühlten sich richtig an – so richtig wie nichts zuvor in seinem Leben. „Und ich verspreche dir, dass ich bei jedem Schritt vorsichtig sein werde. Wir haben alle Zeit der Welt.“
Er zog sie sanft näher zu sich auf das Bett, bis sie ganz eng aneinander lagen.
Seine Hände begannen, die Konturen ihres Körpers mit einer neuen Intensität zu erkunden, während er immer wieder innehielt, um sicherzugehen, dass sie sich wohlfühlte. Er sah, wie sie unter seiner Berührung erzitterte, nicht vor Angst, sondern vor Verlangen.
„Bist du dir ganz sicher?“, fragte er noch einmal leise, wobei sein Blick fest in ihrem verankert blieb. Er wollte keinen Zweifel in ihren Augen sehen, nur dieses strahlende Leuchten, das ihn so faszinierte.
Hiromi zog seinen Kopf sanft zu sich hinunter und besiegelte ihre Entscheidung mit einem Kuss, der alle seine Fragen beantwortete. Die Atmosphäre im Zimmer veränderte sich; die Zärtlichkeit mischte sich mit einer leidenschaftlichen Spannung, die nur darauf wartete, entfesselt zu werden. Gou wusste, dass dieser Abend alles verändern würde, und er war bereit, diese Verantwortung mit jeder Faser seines Seins zu tragen....
Stunden später lag Hiromi in seinem Arm, ihr Kopf auf seiner Brust, während sein Herzschlag sich langsam wieder normalisierte. Das Zimmer war nun fast dunkel, nur noch ein schwacher Schimmer des Mondlichts drang durch die Vorhänge.
Gou strich ihr durch das verwirrte Haar und küsste ihre Schläfe. „Ich werde dich nicht allein lassen, Hiromi. Auch wenn ich in England bin... ein Teil von mir bleibt hier. Bei dir.“
Hiromi schloss die Augen, erschöpft, aber mit einem Lächeln, das tiefer ging als alles, was sie je zuvor gefühlt hatte. „Ich weiß, Gou. Ich spüre es.“
Gou starrte an die Decke, seine Augen wirkten in den Schatten fast schwarz. Er genoss das Gefühl ihrer Nähe, die Weichheit ihrer Haut gegen seine. Doch da war noch etwas, das er aussprechen wollte – kein statistischer Fakt, sondern eine Wahrheit, die er bisher noch nicht ausgesprochen hatte.
„Hiromi?“, murmelte er.
„Ja?“ Sie hob leicht den Kopf und sah ihn aus müden, aber glücklichen Augen an.
Gou zögerte einen Moment, ein seltenes Anzeichen von menschlicher Unsicherheit blitzte in seinen Zügen auf. „Ich möchte, dass du etwas weißt. Auch wenn ich... vielleicht den Eindruck erweckt habe, genau zu wissen, was ich tue...“ Er hielt inne und suchte ihre Augen. „Es war für mich ebenfalls das erste Mal.“
Hiromi erstarrte in seiner Umarmung. Sie stützte sich auf einen Ellbogen auf und starrte ihn völlig fassungslos an. „Was?“, brachte sie hervor, und ihre Stimme war ein ungläubiges Flüstern. „Aber... Gou, du warst vorhin so... so sicher. So selbstbewusst. Ich hätte schwören können, dass du... ich meine, du bist Gou Hiwatari. Du wirkst immer, als hättest du für alles einen Plan oder bereits die nötige Erfahrung.“
Ein schwaches, fast verlegenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, und er strich ihr sanft über den Oberarm. „Das ist wohl die Erziehung meines Vaters. Er hat mir beigebracht, niemals Schwäche zu zeigen und jede Situation so zu führen, als wäre ich ihr Herr. Aber in Wahrheit...“ Er lachte leise und schüttelte den Kopf. „In Wahrheit war ich sehr nervös. Ich wollte nicht, dass du dich unwohl fühlst oder merkst, dass ich innerlich genauso nach dem richtigen Weg gesucht habe wie du also sage ich es dir erst jetzt“
Hiromi legte sich wieder zurück auf seine Brust, doch diesmal mit einem noch tieferen Gefühl der Verbundenheit. Dass dieser Junge, der in der Schule und im Stadion wie eine unantastbare Lichtgestalt wirkte, ihr diesen Teil seiner selbst geschenkt hatte – seine Premiere, seine eigene Unsicherheit –, berührte sie mehr als alles andere.
„Das macht es... noch viel schöner“, flüsterte sie und zeichnete mit ihrem Finger kleine Kreise auf seine Haut. „Dass wir das gemeinsam gelernt haben. Dass es für uns beide etwas völlig Neues war.“
Gou schloss die Augen und atmete den Duft ihres Haares ein. „Ich wollte nicht, dass es irgendjemand ist, Hiromi. Ich habe in meinem kurzen Leben bereits so viele Menschen gesehen, die Dinge ohne Bedeutung tun. Aber bei dir... die Wahrscheinlichkeit, jemanden wie dich zu finden, war vorher so gering, dass ich wusste, ich darf diesen Moment nicht einfach an irgendwen verschwenden. Es musste sich richtig anfühlen. Und das tat es.“
Er küsste sie zärtlich auf die Stirn. In diesem Moment war der Erbe der Tachiwari-Corporation, der kühle Taktiker und der gefürchtete Blader, völlig verschwunden. Übrig blieb ein fünfzehnjähriger Junge, der zum ersten Mal begriff, dass die stärksten Bindungen nicht durch magnetische Felder oder strategische Planung entstanden, sondern durch die schlichte, ehrliche Nähe eines anderen Menschen.
„Wir sind jetzt ein Team, Hiromi“, sagte er leise, und diesmal meinte er nicht Beyblade. „In jeder Hinsicht.“
Das weiche Licht des frühen Sonntagmorgens sickerte durch die Ritzen der Vorhänge und malte goldene Streifen auf das zerwühlte Bettlaken. Gou erwachte zuerst. Für einen Moment blieb er vollkommen reglos liegen und genoss das ungewohnte Gewicht von Hiromis Kopf auf seiner Schulter. Der analytische Teil seines Verstandes meldete sich sofort mit der Uhrzeit und dem Zeitplan für den Tag, doch er schob ihn rücksichtslos beiseite. Er wollte diesen Frieden noch ein paar Sekunden länger festhalten.
Schließlich rührte sich Hiromi. Sie blinzelte verschlafen, und als ihr Blick auf Gou fiel, breitete sich ein strahlendes, fast ungläubiges Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Die Erinnerung an die vergangene Nacht stand wie ein greifbares Versprechen zwischen ihnen.
„Guten Morgen“, flüsterte sie, ihre Stimme noch rau vom Schlaf.
Gou beugte sich vor und gab ihr einen sanften Kuss auf die Nasenspitze. „Guten Morgen. Graham wird in zwanzig Minuten vor der Tür stehen.“
Hiromi stöhnte leise auf und vergrub ihr Gesicht kurz in seinem Nacken. „Nur noch fünf Minuten...“ Doch dann siegte die Vernunft. Sie wusste, dass Graham Pünktlichkeit wie eine Religion behandelte. Sie setzte sich auf, die Decke eng um ihren Körper geschlungen, und sah Gou dabei zu, wie er aufstand und nach seinem Hemd griff.
„Ich werde erst einmal ausgiebig duschen, wenn du weg bist“, sagte sie, während sie beobachtete, wie er sich mit gewohnter Präzision anzog. „Und ich muss unbedingt meine Hausaufgaben fertig machen, bevor meine Eltern zurückkommen. Wenn ich später ins Anwesen nachkomme, will ich den Kopf frei haben.“
Gou hielt inne, während er seine Manschettenknöpfe schloss, und sah sie an. Der kühle Masken-Gou war noch nicht ganz zurück; in seinen Augen lag eine Wärme, die nur für sie reserviert war. „Das ist ein vernünftiger Plan. Ich werde im Anwesen sein und wahrscheinlich von Ayumi oder Sayuri belagert werden, bis du eintriffst.“
Pünktlich um 08:30 Uhr hielt die schwarze Limousine lautlos vor dem Haus. Gou gab Hiromi an der Tür einen letzten, tiefen Kuss.
„Bis später“, murmelte er.
„Versprochen“, antwortete sie leise.
Als Gou in den Wagen stieg, bemerkte er sofort Grahams unbewegliche Miene. Der Butler sah aus wie immer – tadellos in seinem Anzug, die Handschuhe schneeweiß. Doch als Gou sich setzte und die Tür schloss, trafen sich ihre Augen für einen Sekundenbruchteil im Rückspiegel.
„Ein angenehmer Morgen, Master Gou?“, fragte Graham mit jener Spur von trockenem britischem Humor, die nur Eingeweihte verstanden.
Gou lehnte sich in die Ledersitze zurück und blickte aus dem Fenster, während das Haus der Ishiwaras kleiner wurde. „Sehr angenehm, Graham. Die... statischen Gegebenheiten der Umgebung waren äußerst stabil.“
Graham gab ein kurzes, fast unhörbares Schnauben von sich – seine Version eines Lachens. „Das freut mich zu hören. Ich habe mir erlaubt, für Ihre Ankunft im Anwesen ein kräftiges Frühstück vorzubereiten. Master Kai und Madame Nami erwarten Sie bereits im Garten.“
Das Ayame-Anwesen wirkte im Sonntagslicht majestätisch und zeitlos. Als Gou den Wagen verließ, hörte er bereits das helle Lachen von Sayuri.
Er atmete die frische Morgenluft ein. Er fühlte sich anders als gestern. Die Weltmeisterschaft in England rückte näher, der Druck des Namens Hiwatari war immer noch da, aber zum ersten Mal fühlte es sich nicht mehr wie eine Last an, die er allein tragen musste.
Er ging auf die Terrasse zu, wo Nami in einem hellen Sommerkleid am Tisch saß und den Tee einschenkte, während Kai mit dem Rücken zu ihm am Geländer stand und über das Anwesen blickte.
Nami sah auf und ihr Blick wurde sofort weich, als sie ihren ältesten Sohn sah. Sie musterte ihn eine Sekunde zu lang, ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen. „Guten Morgen, Gou. Du bist früh zurück.“
Kai drehte sich langsam um. Seine rubinroten Augen blitzten kurz auf, als er die Haltung seines Sohnes prüfte. Er sagte nichts, aber er neigte den Kopf ein Stück zur Seite. Er sah die Veränderung in Gou; die neue, ruhige Stärke, die nicht mehr nur aus Büchern und Training stammte.
„Setz dich, Gou“, sagte Nami und deutete auf den freien Platz. „Hiromi kommt später nach, wie ich vermute?“
„Ja“, antwortete Gou ruhig und nahm Platz. „Sie hat noch Verpflichtungen zu Hause.“
Während er nach seinem Tee griff, spürte er den prüfenden Blick seines Vaters. Es war kein Verhör, sondern eine stumme Kommunikation zwischen zwei Männern derselben Blutlinie. Gou begegnete dem Blick seines Vaters fest. Er war bereit für England. Er war bereit für alles.
Nami stellte die Teekanne mit einer fast schon zu grazilen Bewegung zurück auf das Stövchen. Sie wirkte wie die Ruhe selbst, doch in ihren Ozeanaugen tanzte dieser unverkennbare Funke von mütterlicher Neugier, den Gou schon sein Leben lang fürchtete.
„Ich muss gestehen“, begann sie, während sie Gou eine Tasse reichte und ihm ein Stück Melone anbot, „dass ich gestern Abend doch ein wenig überrascht war, als Graham allein in die Auffahrt rollte. Er erwähnte nur knapp, dass du dich entschieden hättest, die... Gastfreundschaft der Familie Ishiwara über Nacht in Anspruch zu nehmen.“
Kai, der immer noch am Geländer lehnte, gab ein trockenes Geräusch von sich, das zwischen einem Schnauben und einem Lachen lag, sagte aber weiterhin nichts. Er beobachtete lieber, wie sein Sohn dieses Kreuzverhör meisterte.
Nami faltete die Hände auf dem Tisch und sah Gou liebevoll, aber mit einer gewissen Bestimmtheit an. „Versteh mich nicht falsch, Gou. Hiromi ist nun seit über drei Monaten deine feste Freundin. Du bist fünfzehn, du bist vernünftig und du hast eine enorme Verantwortung auf deinen Schultern. Ich erlaube mir kein Urteil darüber, wie ihr eure Zeit verbringt, denn ich vertraue deinem Urteilsvermögen, gewisse... Risiken selbst abzuschätzen.“
Sie machte eine kleine Pause, ihre Stimme wurde eine Nuance leiser, fast verschwörerisch. „Ich möchte nur sichergehen, dass bei all der... Intensität... auch alles wirklich 'sicher' vor sich gegangen ist. Man verliert in solchen Momenten leicht den Fokus auf die Kausalitäten.“
Gou hielt inne, die Teetasse auf halbem Weg zum Mund. Er schloss kurz die Augen und stieß einen tiefen, genervten Seufzer aus, der seine ganze jugendliche Ungeduld mit der „Fürsorge“ seiner Mutter zum Ausdruck brachte. Er wusste genau, dass sie nicht nach der Statik des Hauses oder der Sicherheit des Schlosses fragte.
Er setzte die Tasse mit einem vernehmbaren >Klonk< ab und sah sie trocken an. Seine Miene war wieder die des kühlen Taktikers, doch seine Ohrenspitzen waren einen Hauch rötlicher als sonst.
„Wenn du mit der Frage nach der Sicherheit meinst, ob ich die biologischen Konsequenzen einer ungeschützten Interaktion bedacht habe, Mutter...“, begann er mit seiner gewohnt präzisen Artikulation, „dann kann ich dich beruhigen. Eine Barriere aus Latex sollte statistisch gesehen eine ausreichende Erfolgsquote aufweisen, um unerwünschte Variablen zu verhindern.“
Er warf einen kurzen, fast herausfordernden Blick zu seinem Vater, bevor er sich wieder an Nami wandte.
„Ich für meinen Teil habe jedenfalls nicht vor, die Familienplanung bereits mit fünfzehn Jahren zu beginnen. Das wäre in Anbetracht meines aktuellen Zeitplans und der bevorstehenden Weltmeisterschaft eine höchst ineffiziente Nutzung meiner Ressourcen.“
Kai konnte nun ein echtes, kurzes Lachen nicht mehr unterdrücken. Er stieß sich vom Geländer ab und trat an den Tisch, wobei er Gou eine Hand fest auf die Schulter legte. „Er hat definitiv deinen Verstand, Nami. Aber meinen Charme beim Beantworten von indiskreten Fragen.“
Nami wirkte für einen Moment sprachlos über die Direktheit ihres Sohnes, doch dann entspannten sich ihre Züge und sie lachte leise. „Gut. Dann ist das geklärt. Ich wollte nur sichergehen, dass du nicht... nun ja, dass du nichts überstürzt, was du später bereuen könntest.“
„Ich bereue nichts, was ich gründlich analysiert habe“, erwiderte Gou knapp und griff nun endlich nach seinem Toast.
Eine knappe Stunde später...
Gou hatte sein Frühstück kaum beendet, als das vertraute Knirschen von Kies in der Auffahrt zu hören war. Ein Taxi hielt vor dem herrschaftlichen Haupteingang. Kurz darauf erschien Hiromi auf der Terrasse. Sie trug eine frische Sommerbluse, ihre Haare waren noch leicht feucht vom Duschen, und sie wirkte eine Spur nervös, als sie die versammelte Hiwatari-Familie erblickte.
Nami erhob sich sofort mit einem strahlenden Lächeln, das keine Spur von den vorangegangenen indiskreten Fragen mehr enthielt. „Hiromi, Liebes! Wie schön, dass du da bist.“
Bevor Hiromi auch nur ein Wort der Begrüßung sagen konnte, wurde sie von Nami in eine herzliche, fast schon mütterliche Umarmung gezogen. Hiromi steifte sich kurz vor Überraschung, entspannte sich dann aber und erwiderte die Geste.
„Guten Morgen, Mrs. Hiwatari. Ich hoffe, ich platze nicht in ein wichtiges Familiengespräch“, sagte Hiromi etwas schüchtern, während sie über Namis Schulter hinweg Gous Blick suchte.
Gou beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Erleichterung und Amüsement. Er sah, wie sein Vater Hiromi mit einem knappen, aber respektvollen Nicken begrüßte – für Kai Hiwatari kam das fast einer förmlichen Verbeugung gleich.
„Ganz und gar nicht“, antwortete Nami, während sie Hiromi wieder losließ und sie prüfend, aber liebevoll musterte. „Gou hat uns gerade von seinen... strategischen Überlegungen für die Weltmeisterschaft berichtet. Setz dich doch zu uns. Möchtest du Tee oder vielleicht etwas von dem frischen Obst? Außerdem hatte ich dir doch bereits gesagt, du sollst mich Nami nennen“
Hiromi setzte sich auf den freien Platz neben Gou. Unter dem Tisch suchte seine Hand die ihre und drückte sie kurz. Es war eine lautlose Bestätigung ihrer gemeinsamen Nacht, ein kleiner Anker in der förmlichen Atmosphäre des Anwesens.
Räumliche Distanz
Am späten Abend, als die Sonne längst untergegangen war und das Anwesen in ein würdevolles Halbdunkel gehüllt lag, bat Kai seinen Sohn in sein privates Arbeitszimmer. Der Raum roch nach altem Papier und schwerem Holz. Kai saß hinter seinem massiven Schreibtisch, die rubinroten Augen auf einige Dokumente gerichtet, bevor er den Blick hob und Gou fixierte.
„Du bist in wenigen Tagen weg, Gou“, begann Kai ohne Umschweife. Seine Stimme war ruhig, aber sie trug das Gewicht jahrelanger Erfahrung. „Die Weltmeisterschaft in England wird dich fordern, physisch und mental. Aber ich möchte über etwas anderes sprechen. Deine Abwesenheit wird eine Prüfung für deine erste ernsthafte Beziehung sein. Bist du dir dessen bewusst?“
Gou stand aufrecht vor dem Schreibtisch, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. „Ich habe die Distanz einkalkuliert, Vater. Wir haben darüber gesprochen.“
Kai lehnte sich zurück, die Finger aneinandergelegt. „Distanz ist mehr als nur Kilometer auf einer Karte. Es ist das Schweigen zwischen den Gesprächen. Es ist das Gefühl, nicht mehr Teil des Alltags des anderen zu sein.“ Er machte eine kurze Pause, sein Blick wurde intensiver. „Hast du ihr bereits gesagt, dass du sie liebst?“
Gou zögerte einen Moment. Die kühle Maske des Taktikers bröckelte für den Bruchteil einer Sekunde. „Nein... ich habe es noch nicht ausgesprochen. Sie hat es mir allerdings bereits gesagt.“
Kai nickte langsam. „Das war klug von dir.“
Gou blinzelte überrascht. Er hatte mit einer Standpauke über mangelnde Entschlossenheit gerechnet, nicht mit Zustimmung.
„Du bist erst fünfzehn, Gou und ihr seid erst seit wenigen Monaten ein Paar...“, fuhr Kai fort, und seine Stimme klang nun fast ungewohnt sanft. „Worte wie diese haben ein Gewicht, das man in deinem Alter oft unterschätzt. Man sollte diesen Satz niemals leichtfertig sagen, nur um eine Erwartung zu erfüllen oder einen Moment zu besiegeln. Sage es erst, wenn du es aus tiefstem Herzen so meinst, dass es keine andere Wahrheit mehr für dich gibt. Wahre Gefühle brauchen keine Eile.“
Gou betrachtete seinen Vater. Er dachte an die tiefe, unerschütterliche Verbindung zwischen seinen Eltern, die er sein ganzes Leben lang beobachtet hatte – eine Liebe, die Widrigkeiten, Klonen und sogar der Zeit getrotzt hatte.
„Ich verstehe“, antwortete Gou leise, und ein stolzes Funkeln trat in seine Augen. „Und ich mache mir keine Sorgen um die Bedeutung dieser Worte. Ich habe schließlich sehr gute Vorbilder, wenn es um wahre Liebe geht.“
Ein seltener Ausdruck von Stolz glitt über Kais Züge. Er erhob sich und trat auf seinen Sohn zu, um ihm fest die Hand auf die Schulter zu legen. „Dann sorge dafür, dass du dich in England nicht ablenken lässt. Dein Wille muss absolut sein – in der Arena und außerhalb.“
Die nächsten drei Tage verstrichen in einer seltsamen Mischung aus hocheffizientem Training und einer melancholischen Ruhe, die sich über Gous und Hiromis Schulalltag legte. In den Pausen saßen sie oft in ihrer vertrauten Ecke in der Bibliothek, doch das Schweigen zwischen ihnen war nun anders – es war gesättigt von der Erinnerung an den Sonntagabend und der drohenden Leere des Freitags.
Gou beobachtete Hiromi oft aus den Augenwinkeln, während sie über ihren Notizen brütete. Kais Worte hallten dabei wie ein stetiger Metronom-Takt in seinem Hinterkopf wider: „Sage es erst, wenn du es aus tiefstem Herzen auch so meinst.“
Liebte er sie?
Der analytische Teil seines Verstandes suchte nach einer Definition. Er mochte ihre Anwesenheit; sie war die einzige Person außerhalb seiner Familie, deren Nähe seine Herzfrequenz nicht nur aus Stressgründen erhöhte. Er vertraute ihr blind. Er hatte ihr seine Loyalität versichert – ein Versprechen, das für einen Hiwatari fast schwerer wog als jedes andere. Doch war das „Liebe“? Er besaß keine Vergleichswerte, keine empirischen Daten aus der Vergangenheit. Er sah seinen Vater an, wie er seine Mutter ansah – als wäre sie das Zentrum seines Universums. Gou wusste, dass Hiromi wichtig war, aber er fragte sich, ob sein fünfzehnjähriges Herz bereits zu derselben Intensität fähig war wie das seines Vaters.
Trotz dieser inneren Debatte ließ er Hiromi niemals im Zweifel. Seine Gesten sprachen eine deutliche Sprache: Er suchte im Klassenzimmer öfter ihre Hand, brachte ihr ihre Lieblingsgetränke mit und sah sie mit einer Sanftheit an, die seine Teammitglieder in der BBA zutiefst verstört hätte.
Freitag.
Der Haneda-Flughafen war bereits am frühen Morgen ein Ameisenhaufen aus Reisenden und Geschäftsleuten. In der VIP-Lounge der BBA hatte sich das Team Japan versammelt.
Ryan Hunt wirkte ungewohnt still. Er trug seine dunkelblauen Kopfhörer um den Hals und checkte nervös sein Handy, während sein Blade-Starter griffbereit in der Seitentasche steckte. Violeta und Emilia standen zusammen; die Polin wirkte blasser als sonst, während die junge Australierin versuchte, die Stimmung mit Witzen über das englische Wetter aufzulockern. Seiya saß mit geschlossenen Augen auf einer Bank und schien zu meditieren, sein violetter Falke ruhte metaphorisch in seiner ruhigen Ausstrahlung.
Gou stand etwas abseits bei Hiromi. Die Lautsprecheransagen hallten von den hohen Glasdecken wider und verkündeten unerbittlich den nahenden Aufruf für Flug BBA-001 nach London.
Hiromi kämpfte sichtlich mit den Tränen. Ihre Augen waren gerötet, und sie hielt sich an Gous Jackenärmeln fest, genau wie an jenem Abend im Auto. „Drei Wochen, Gou“, flüsterte sie. „Das ist die längste Zeitrechnung meines Lebens.“
Gou legte seine Hände auf ihre Schultern. Er spürte das leichte Zittern ihres Körpers. „Die Zeit ist eine Konstante, Hiromi. Sie vergeht in London genauso schnell wie in Tokio. 21 Tage. 504 Stunden. Das ist überschaubar.“
Hiromi lachte unter Tränen kurz auf. „Du und deine Zahlen...“
Er zog sie fest an sich und vergrub sein Gesicht für einen Moment in ihrem Haar, das nach Kirschblüten duftete. Er hatte ihr die drei Worte immer noch nicht gesagt, aber in der Art, wie er sie hielt – schützend, besitzergreifend und zärtlich zugleich – lag ein Versprechen, das über jede verbale Liebeserklärung hinausging.
„Konzentrier dich auf deinen Unterricht“, murmelte er an ihr Ohr. „Und ich sorge dafür, dass wir mit dem Pokal zurückkommen.“
„Gou! Wir müssen los!“, rief Mr. Dickenson, der mit Kai und Nami ein Stück entfernt stand. Kai beobachtete die Szene mit unbewegter Miene, doch Nami hatte Tränen in den Augen und winkte aufmunternd.
Gou löste sich langsam von Hiromi. Er strich ihr eine Träne von der Wange. „Keine Abschiede, Hiromi. Nur ein Zwischenstand.“
Er drehte sich um, schloss sich seinem Team an.
Gou trat durch das Gate, doch er war nicht allein. Direkt hinter ihm schritt eine Gestalt, die in der modernen Umgebung des Flughafens wie ein Relikt aus einer eleganteren Ära wirkte. Graham, der treue Butler der Familie Hiwatari, trug einen perfekt geschnittenen Reiseanzug und führte einen Koffer mit sich, der so akkurat gepackt war, dass man darin vermutlich mit einem Lineal hätte messen können.
Die Entscheidung, dass Graham Gou nach England begleiten würde, war das Ergebnis eines mehrtägigen, fast schon diplomatischen Tauziehens im Ayame-Anwesen gewesen.
Kai hatte Graham in das Arbeitszimmer rufen lassen und ihm kurz und bündig mitgeteilt, dass er den Flug nach London antreten würde. Nicht als Leibwächter, nicht als Aufpasser für Gou, sondern – und das war das Ungeheuerliche für den Butler gewesen – um Urlaub zu machen.
„Master Kai, mit allem gebührenden Respekt“, hatte Graham mit unbewegter Miene geantwortet, „ich benötige keinen Urlaub. Meine Erholung besteht darin, den reibungslosen Ablauf dieses Haushalts zu gewährleisten. Außerdem ist mein Heimatland... nun ja, es ist seit Jahrzehnten hier.“
Doch Kai war unnachgiebig geblieben. Er hatte Grahams schmaler gewordene Silhouette und das leichte Zittern seiner Hände am Abend bemerkt. „Das ist kein Vorschlag, Graham. Es ist eine Anweisung. Du wirst nach England fliegen, du wirst deine Verwandten besuchen und du wirst dich körperlich regenerieren. Betrachte es als Befehl deines Masters.“
Am Ende war Graham machtlos gegen Kais unumstößliche Autorität gewesen, hatte jedoch eine Bedingung gestellt, von der er keinen Millimeter abwich: Er würde nur gehen, wenn er zumindest zeitweise für die Belange von Master Gou zuständig sein durfte. Kai hatte schließlich mit einem fast unmerklichen Lächeln zugestimmt.
Die BBA-Privatmaschine bot allen erdenklichen Luxus, doch die Stimmung im Team Japan war eine Mischung aus Anspannung und Neugier. Während Violeta und Emilia bereits in ihre Bordmagazine vertieft waren, saß Gou am Fenster und starrte auf die endlose Wolkendecke unter ihnen.
Graham saß zwei Reihen hinter ihm und unterhielt sich leise mit einem der BBA-Koordinatoren, wobei sein Blick immer wieder prüfend zu Gou nach vorne glitt.
Plötzlich ließ sich Ryan Hunt in den freien Sitz neben Gou fallen. Er grinste breit und wirkte, als hätte er die Einschüchterung durch Kai am Boden gelassen. „Na, Boss? Den Kopf noch in Tokio bei der kleinen Ishiwara?“
Gou wandte den Blick nicht von den Wolken ab. „Meine Konzentration gilt der Analyse der britischen Arena-Bedingungen, Ryan. Die Luftfeuchtigkeit in London wird die Reibung der Blades beeinflussen.“
„Klar, erzähl das deinem Bit-Beast“, lachte Ryan und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. „Komm schon, Gou. Ich hab gesehen, wie sie dich am Gate festgehalten hat. Drei Wochen ohne sie... das ist hart für 'nen Frischverliebten, oder? Wie läuft das eigentlich mit der Fernbeziehung? Hast du einen statistischen Plan, wie oft du ihr schreiben musst, damit sie dich nicht vergisst?“
Gou drehte langsam den Kopf. Sein Blick war kühl, doch Ryan bemerkte das winzige Zucken in seiner Kiefermuskulatur. „Unsere Kommunikation basiert auf Qualität, nicht auf Quantität, Ryan. Und was meine persönlichen Angelegenheiten betrifft: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie mit dir diskutiere, liegt bei exakt null Prozent.“
„Wow, okay, ganz der Papa“, murmelte Ryan, aber er ließ nicht locker. „Ich sag ja nur... England ist das Land der Ladies. Vielleicht solltest du Graham fragen, der kennt sich da aus. Der sieht aus, als hätte er im Buckingham Palace Tee serviert.“
Graham, der das Gespräch trotz der Distanz zweifellos mitbekommen hatte, räusperte sich von hinten dezent. „Master Ryan, falls Sie Informationen über die Etikette oder die kulturellen Gepflogenheiten meiner Heimat benötigen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Was Master Gous Privatleben betrifft, so würde ich Ihnen jedoch raten, Ihre... statistischen Erhebungen auf das Beyblade-Training zu beschränken.“
Ryan zuckte zusammen und grinste schief. „Schon gut, schon gut. Hier herrscht ja ein strengeres Regiment als im Trainingslager.“
Gou schloss die Augen. Kais Worte über die Prüfung der Beziehung hallten wieder in ihm wider. Er wusste, dass Ryan ihn nur provozieren wollte, aber die Frage nach der Distanz war real. Er würde es beweisen – sich selbst, seinem Vater und Hiromi.
Die Landung in Heathrow verlief so reibungslos wie der Flug selbst, doch die wahre Überraschung erwartete das Team Japan erst nach einer einstündigen Fahrt durch die malerische, neblige Landschaft außerhalb Londons. Als die schwarze Fahrzeugkolonne durch ein gewaltiges schmiedeeisernes Tor rollte und eine kilometerlange, von uralten Eichen gesäumte Allee hinaufkam, verstummten die Gespräche im Wagen schlagartig.
Am Ende des Weges erhob sich ein imposantes Anwesen aus honigfarbenem Sandstein – ein viktorianisches Herrenhaus mit Türmen, Erkern und unzähligen Fenstern, die im fahlen englischen Licht glänzten.
„Wow...“, entfuhr es Emilia, die ihre Nase fast gegen die Scheibe drückte. „Das ist kein Hotel. Das ist ein... ein Schloss!“
Violeta und Ryan starrten mit offenem Mund aus dem Fenster. Sogar der stets besonnene Seiya hob überrascht die Augenbrauen. Nur Gou blieb unbewegt. Er betrachtete die Architektur mit der gleichen kühlen Sachlichkeit, mit der er eine Arena analysierte.
Als sie ausstiegen, trat Mr. Dickenson mit einem stolzen Lächeln vor die Gruppe. Graham stand bereits neben ihm, seine Haltung wirkte in dieser Umgebung noch würdevoller, als gehöre er genau hierher.
„Willkommen in Davies Hall“, verkündete Mr. Dickenson und deutete auf das Gebäude. „Normalerweise bringt die BBA die Teams in exklusiven Hotels in der Londoner City unter. Doch für dieses Jahr haben wir ein ganz besonderes Privileg erhalten. Einer von Gous Großonkeln hat dieses Anwesen extra für das Team Japan zur Verfügung gestellt.“
Ryan Hunt drehte sich ruckartig zu Gou um, seine Augen vor Unglauben geweitet. „Dein Großonkel? Willst du mir sagen, das hier gehört deiner Familie? Warum zur Hölle hast du nie erwähnt, dass du Verwandtschaft in England hast, die in einem verdammten Palast wohnt?“
Gou sah Ryan ruhig an, während Graham im Hintergrund diskret die Koffer entgegennahm. „Es gab keine strategische Notwendigkeit, diesen Fakt zu teilen, Ryan. Es ist lediglich eine familiäre Information.“
„Lediglich eine Information?“, prustete Ryan. „Gou, das hier ist das nächste Level von 'reich'!“
„Lord Eric Davies ist der Bruder meiner Großmutter väterlicherseits, Hilda Tachiba“, erklärte Gou sachlich, während sie auf das riesige Portal zugingen. „Sie stammte ursprünglich aus England, bevor sie meinen Großvater heiratete. Lord Eric ist Tante Luminas Vater und somit ein enger Verwandter. Da er großen Wert auf Tradition und die Unterstützung der nächsten Generation legt, bot er diese Unterkunft an.“
„Ein Lord...“, murmelte Violeta ehrfürchtig. „Das erklärt einiges über deine Ausstrahlung, Gou.“
Im Inneren des Hauses wurden sie von einer Halle empfangen, die nach Bienenwachs und Geschichte roch. Hohe Decken, Ahnenporträts an den Wänden und ein Kamin, in dem ein Feuer prasselte.
Graham trat vor. „Master Gou, Master Ryan, Ladies. Ich habe mir die Freiheit genommen, die Zimmerbelegung bereits zu koordinieren. Master Gou wird den Nordflügel beziehen, in der Nähe der privaten Trainingshalle, die Lord Davies für diesen Zweck hat vorbereiten lassen.“
„Eine private Trainingshalle?“, Ryan schien kurz davor zu sein, die Fassung zu verlieren. „Ich nehme alles zurück, was ich über Fernbeziehungen gesagt habe. Wenn ich hier wohnen würde, würde ich auch vergessen, wie man das Wort 'Heimweh' schreibt.“
Gou blickte kurz zu Graham. Er sah, wie der Butler tief einatmete, als würde die britische Luft ihm tatsächlich neue Kraft geben. Graham wirkte hier nicht mehr wie ein Angestellter, sondern wie ein Teil der Szenerie.
„Danke, Graham“, sagte Gou leise. Dann wandte er sich seinem Team zu. „Packt aus und trefft mich in einer Stunde in der Trainingshalle. Nur weil wir in einem Palast schlafen, heißt das nicht, dass wir wie Touristen leben. Die Weltmeisterschaft beginnt in drei Tagen, und unsere Rivalen werden nicht vor Ehrfurcht vor diesem Haus erstarren.“
Doch während Gou die Treppe hinaufstieg, hallten Kais Worte wieder in ihm nach. Er dachte an Hiromi. Er fragte sich, was sie sagen würde, wenn sie diesen Ort sähe. Wahrscheinlich würde sie die Akustik der großen Halle bewundern und sofort nach einem Klavier suchen. Ein kurzes, schmerzhaftes Stechen in seiner Brust verriet ihm, dass die Distanz bereits jetzt anfing, seine Berechnungen zu stören.
Die private Trainingshalle von Davies Hall war alles andere als ein staubiger Dachboden. Lord Eric hatte einen ehemaligen Ballsaal im Seitenflügel des Anwesens umbauen lassen. Unter den hohen, stuckverzierten Decken und den glitzernden Kristalllüstern wirkten die hochmodernen BBA-Arenen fast wie Fremdkörper aus der Zukunft. Der Boden bestand aus dunklem, poliertem Mahagoni, das jeden Schritt und jedes Surren der Blades wie ein Resonanzkörper verstärkte.
„Unfassbar“, murmelte Emilia und ließ ihren Blick über die wandhohen Spiegel schweifen. „Hier drin zu bladen fühlt sich an, als würde man in einem Museum gegen die Gesetze der Physik verstoßen.“
Ryan hingegen hatte seine anfängliche Perplexität schnell gegen sein gewohntes Selbstbewusstsein eingetauscht. Er schlenderte in die Mitte des Raumes, warf seinen dunkelblauen Parka achtlos auf einen antiken Samtsessel und kurbelte seinen Blade-Starter an. „Okay, Leute, hört mal zu. Wenn wir schon wie die Könige wohnen, sollten wir auch so kämpfen. Seiya, wie sieht’s aus? Wollen wir mal sehen, ob dein Falke hier drin genug Aufwind kriegt, oder ist die Decke zu niedrig für heilige Vögel?“
Seiya Miyazaki reagierte nicht auf die Stichelei. Er hatte bereits seine Position an einer der Schüsseln eingenommen, sein violetter Falke schien in der majestätischen Atmosphäre der Halle fast zu leuchten. „Die Umgebung ist irrelevant, Ryan. Der Wille ist die einzige Konstante.“
„Positionsbezug!“, befahl Gou scharf. Er stand am Kopfende der zentralen Arena, seine Miene so unnachgiebig wie das Gestein von Emilia’s Bit-Beast. Er trug bereits seine Trainingshandschuhe. „Wir beginnen mit einer koordinierten Team-Verteidigung. Emilia, du bildest das Zentrum. Ryan, Violeta, ihr flankiert. Seiya hält die Luftüberlegenheit. Ich werde den Angriff simulieren.“
Das Training begann mit einer Intensität, die im krassen Gegensatz zur Ruhe des Anwesens stand. Violetas flammendes Pferd Palos riss glühende Furchen in die Luft, während Ryans Glacius die Arena mit feinen Eiskristallen überzog, die im Licht der Kronleuchter wie Diamanten funkelten.
Gou beobachtete seine Teammitglieder genau. Er sah, wie Ryan versuchte, mit besonders riskanten Manövern zu glänzen – vermutlich, um der herrschaftlichen Umgebung gerecht zu werden. „Ryan!“, rief Gou über das metallische Kreischen der Blades hinweg. „Hör auf, für die Ahnenporträts an der Wand zu spielen! Dein Timing ist zwei Millisekunden zu langsam, weil du zu viel Wert auf die Flugkurve legst. Effizienz über Ästhetik!“
Ryan knirschte mit den Zähnen, korrigierte aber sofort seine Haltung.
Währenddessen stand Graham im Schatten einer Säule, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Er beobachtete Gou mit einem feinen, fast unmerklichen Lächeln. Er sah in dem Jungen nicht nur den kühlen Taktiker, sondern auch den Erben einer langen Linie von Männern, die gelernt hatten, Macht und Verantwortung zu tragen. Doch er bemerkte auch, dass Gous Blick in den kurzen Pausen immer wieder für den Bruchteil einer Sekunde ins Leere schweifte – dorthin, wo keine Statistiken halfen.
Nach zwei Stunden ununterbrochenem Training gab Gou das Signal zum Abbruch. Die Blader waren verschwitzt und außer Atem, die Hitze der Bit-Beast-Auren stand dick im Raum.
„Nicht schlecht“, gab Gou knapp zu, während er seinen Blade auffing. „Aber in London werden die Arenen magnetisch instabiler sein. Wir müssen die Synchronisation zwischen Glacius und Armadis verbessern. Das Eis darf die Erdwälle nicht spröde machen.“
„Ja, ja, Herr General“, keuchte Ryan und stützte sich auf seine Knie. „Können wir jetzt wenigstens sehen, was die Schlossküche zu bieten hat? Ich verhungere.“
Graham trat lautlos aus dem Schatten hervor. „Ich habe mir erlaubt, ein leichtes Abendessen im kleinen Speisesaal servieren zu lassen. Lord Eric lässt sich entschuldigen, er wird morgen Vormittag zur offiziellen Begrüßung eintreffen.“
Als die anderen sich in Richtung Speisesaal aufmachten, hielt Gou kurz inne. Er sah aus einem der hohen Fenster hinaus in den englischen Nebel. In seinem Kopf formulierten sich Sätze, die er Hiromi schreiben wollte. Er suchte nach den richtigen Worten, um ihr zu beschreiben, wie es sich anfühlte, hier zu sein – in einem Haus, das so sehr nach seiner eigenen Herkunft roch, und doch so leer ohne ihre Musik war.
Gou saß an einem schweren Sekretär aus Eichenholz in seinem Zimmer. Das einzige Licht spendete eine grüne Bankerlampe, die lange Schatten über die kunstvollen Tapeten warf. Er starrte auf sein Smartphone. In Tokio war es jetzt früher Morgen; Hiromi würde bald aufstehen, um sich für die Schule fertig zu machen. Er hatte bereits die Nummer gewählt, den Daumen über dem Anrufsymbol, als ein energisches Klopfen die Stille zerriss.
Noch bevor Gou antworten konnte, schwang die Tür auf und Ryan Hunt schlenderte herein, ein silbernes Tablett mit Sandwiches in der Hand, das er vermutlich in der Küche stibitzt hatte.
„He, Boss! Graham meinte zwar, du bräuchtest Ruhe für deine ‚mentale Vorbereitung‘, aber ich dachte mir, bei dem Grusel-Ambiente hier oben kriegst du sicher Depressionen“, plapperte Ryan los und ließ sich ungefragt auf die Kante von Gous Himmelbett fallen. Er bemerkte das aufleuchtende Display des Handys. „Oh. Störe ich beim Turteln?“
Gou legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch. Sein Blick war so eisig, dass die Temperatur im Raum gefühlt um einige Grad sank. „Du störst grundsätzlich, Ryan. Was willst du?“
Ryan biss unbeeindruckt in ein Sandwich. „Ich versuche nur, meinen Teamkapitän besser kennenzulernen. Sag mal, warst du eigentlich schon öfter hier? Ich meine, du bewegst dich durch diese Hallen, als hättest du die Baupläne gezeichnet. Warst du schon mal bei deinen adligen Verwandten in England?“
Gou seufzte. Er wusste, dass Ryan nicht gehen würde, bis er eine Antwort bekam. Widerwillig lehnte er sich zurück. „Ich war in den letzten zehn Jahren ganze drei Mal in London“, gab er knapp preis. „Mein Vater legt Wert darauf, dass wir unsere Wurzeln kennen.“
Ryan zog die Augenbrauen hoch. „Drei Mal? Und wann war das erste Mal? Sicher mit fünf, um zu lernen, wie man mit einer goldenen Rassel bladet?“
„Ich war acht“, korrigierte ihn Gou trocken, und ein ferner Blick trat in seine Augen. „Es war auf Davies Manor, dem Hauptsitz der Familie. Wir waren zur Hochzeit von Tala Valkov und der Cousine meiner Mutter, Lumina eingeladen.“
Ryan hielt mitten im Kauen inne. „Warte mal. Tala Valkov? Der Typ von den Blitzkrieg Boys? Das russische Biest?“
„Genau der“, antwortete Gou. „Er hat in die Familie eingeheiratet. Es war eine... interessante Zeremonie. Zwei Welten prallten aufeinander. Tala wirkte in seinem Smoking fast so deplatziert wie du in diesem Zimmer, aber die Präsenz, die er und mein Vater ausstrahlten, war absolut. Es war das erste Mal, dass ich begriff, dass Beyblade nicht nur ein Sport ist, sondern ein Erbe, das Grenzen und Adelslinien überschreitet.“
Ryan schüttelte den Kopf und sah sich ehrfürchtig um. „Tala und die Hiwataris in einem englischen Schloss. Kein Wunder, dass du so bist, wie du bist. Ich an deiner Stelle würde den ganzen Tag nur Befehle bellen.“
„Dafür habe ich keine Zeit“, entgegnete Gou und griff wieder nach seinem Handy. „Und jetzt verschwinde, Ryan. Ich habe eine statistische Auswertung zu erledigen, die keine Zeugen duldet.“
Ryan grinste, stand auf und salutierte spöttisch. „Schon kapiert. Sag Hiromi einen schönen Gruß“
Als die Tür ins Schloss fiel, herrschte wieder Stille. Gou entsperrte das Handy. Das Foto von der Hochzeit damals – Tala in seinem strengen Anzug und die strahlende Lumina – kam ihm kurz in den Sinn. Er dachte an die Beständigkeit ihrer Ehe, trotz aller Gegensätze. Dann drückte er auf ‚Anrufen‘.
Als Hiromis Stimme am anderen Ende erklang, ein wenig verschlafen und überrascht, spürte Gou, wie der kühle Lord in ihm sofort Platz für den Jungen machte, der einfach nur ihre Stimme hören musste.
„Gou?“ Hiromis Stimme klang am anderen Ende der Leitung wie Musik, die den schweren, viktorianischen Pomp des Zimmers mit einem Schlag wegwischte. „Bist du das wirklich? Bei mir ist es gerade mal kurz vor sieben Uhr morgens.“
„Ich weiß“, erwiderte Gou leise. Er trat ans Fenster und beobachtete, wie der englische Nebel die Statuen im Garten verschlang. „Ich habe die Zeitverschiebung in meine Kalkulation miteinbezogen. Ich wollte sichergehen, dass ich dich erreiche, bevor dein Schultag beginnt.“
Er hörte das Rascheln einer Bettdecke und dann ein leises, glückliches Seufzen. „Du fehlst mir jetzt schon, Gou. Es ist so... still. Gestern in der Schule bin ich automatisch zu unserem Platz in der Bibliothek gegangen, bevor mir eingefallen ist, dass du wahrscheinlich gerade über Sibirien oder dem Atlantik schwebst.“
Gou spürte ein Ziehen in der Brust, das er nicht mit einer Formel erklären konnte. „Die Stille ist hier ebenfalls präsent, Hiromi. Aber auf eine andere Art. Das Anwesen meines Großonkels ist riesig. Es fühlt sich an, als würde die Geschichte dieses Hauses jeden Laut verschlucken. Es ist... effizient, aber kalt.“
„Erzähl mir davon“, bat sie. Er hörte, wie sie sich wohl aufsetzte, ihre Stimme wurde klarer. „Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast? Wie geht es Graham?“
Gou musste unwillkürlich lächeln. „Graham wirkt, als wäre er endlich wieder mit seiner natürlichen Umgebung synchronisiert. Er hat mir bereits mitgeteilt, dass die Tee-Qualität hier den japanischen Standard um 12 Prozent übertrifft. Und das Haus... es ist Davies Hall. Überall hängen Porträts von Menschen, die genau wie meine Mutter aussehen, nur mit Perücken und Jagdgewehren.“
Hiromi lachte leise. „Ein Haus voller Namis? Das klingt witzig. Wie macht sich dein Team?“
„Ryan ist bereits dabei, sich wie der rechtmäßige Erbe aufzuführen“, berichtete Gou trocken. „Er hat heute Abend versucht, Informationen über meine Familiengeschichte gegen Sandwiches einzutauschen. Er war sichtlich schockiert, als er erfuhr, dass Tala Valkov und Lumina hier in England geheiratet haben.“
„Tala und Lumina...“, wiederholte Hiromi nachdenklich. „Das muss eine wunderschöne Hochzeit gewesen sein. Hast du oft an diesen Moment gedacht, seit wir... seit Sonntag?“
Stille entstand in der Leitung. Gou wusste genau, worauf sie anspielte. Der Kontrast zwischen der kühlen Pracht einer Adelhochzeit und der rohen, ehrlichen Intimität, die sie in ihrem Zimmer geteilt hatten, war absolut.
„Ich denke an Sonntag“, gab er schließlich zu, und seine Stimme wurde eine Nuance tiefer. „Die Distanz schafft einen Raum, den man nicht mit Beyblade-Training füllen kann. Aber Hiromi... die Wahrscheinlichkeit, dass sich meine Prioritäten verschieben, liegt bei Null. Ich werde jeden Tag anrufen. Zur selben Zeit.“
„Das ist ein Versprechen, oder?“, fragte sie weich.
„Es ist eine statistische Gewissheit“, korrigierte er sie, doch der Unterton war voller Zärtlichkeit. „Geh jetzt zur Schule. Konzentrier dich auf den Unterricht. Ich werde hier das Gleiche für das Team tun.“
„Ich liebe dich, Gou“, flüsterte sie, bevor sie auflegte.
Gou starrte noch lange auf das dunkle Display seines Handys. Er hatte die Worte wieder nicht ausgesprochen – die Blockade, die sein Vater in seinem Kopf errichtet hatte, war noch zu stark. „Sage es erst, wenn du es aus tiefstem Herzen auch so meinst.“ Er wusste, dass er sie wollte. Er wusste, dass er sie brauchte. War das schon das Maximum? Er legte das Handy weg und schaltete die Lampe aus. Morgen würde Lord Eric kommen, und Gou musste wieder der Anführer sein, den sein Team erwartete.
Kinderparadies
Während Gou sich in London auf seine erste Weltmeisterschaft vorbereitete, herrschte Zuhause im Anwesen in Tokio...eine ganz andere Dynamik....
Das Sonnenlicht des sommerlichen Sonntagnachmittags fiel in breiten, warmen Bahnen durch die hohen Fenster des Ayame-Anwesens und ließ das schwere Silber auf der Kaffeetafel funkeln. Die Atmosphäre war entspannt, geprägt vom leisen Klappern der Porzellantassen und dem Duft von frisch gebackenem Apfelstrudel und Earl Grey. Ohne Graham, der Gou nach London begleitet hatte, übernahm Nami die Rolle der Gastgeberin mit einer fast tänzerischen Eleganz.
„Noch ein Stück, Hana? Oder du, Momoko?“ Nami reichte die silberne Kuchenschaufel mit einem charmanten Lächeln herum, ihre Bewegungen so fließend wie das seidige Weiß ihres Haares, das über ihren Rücken bis zum Gesäß herabsank.
Hilary, die ihren Tee mit einer Prise Skepsis umrührte, sah sich im weitläufigen, klassizistischen Raum um. „Sag mal, Nami... wo steckt eigentlich Kai? Hat er sich in sein Arbeitszimmer verbarrikadiert, um der geballten Frauenpower hier zu entkommen?“
Nami stellte die Teekanne ab, und ein verräterisches Glänzen trat in ihre ozeanfarbenen Augen. „Nicht ganz. Ich habe ihn überredet, Vladimir und die kleine Lilia auf den Spielplatz zu begleiten. Sayuri wollte unbedingt los, und da bot es sich an.“
Hana, die ihrer Schwester optisch so verblüffend ähnlich sah, unterdrückte ein Kichern hinter ihrer Hand. „Ich muss zugeben, der Gedanke hat etwas... Amüsantes. Zwei gestandene, aristokratische Männer Ende 30, groß, attraktiv – und dann hasten sie auf einem öffentlichen Spielplatz ihren Töchtern hinterher. Ein Bild für die Götter.“
Hilary runzelte die Stirn und beobachtete Nami genau. Das Grinsen ihrer Freundin war eine Spur zu breit, zu wissend. „Schon klar, das ist lustig. Aber wieso wirkst du so... hämisch begnadet dabei, Nami? Da steckt doch mehr dahinter.“
„Nun ja“, begann Nami und lehnte sich mit einer hämischen Miene zurück. „Eigentlich war der Ausflug Vladimirs Idee. Ich habe ihm lediglich den sanften Schubs gegeben, Kai und Sayuri mitzunehmen. Er dachte wohl an einen ruhigen Spaziergang im Park.“
„Und?“ hakte Hilary nach, immer noch nicht ganz überzeugt.
„Und ich habe Kai ein klitzekleines Detail verschwiegen“, fuhr Nami fort, während ihre Stimme eine Oktave tiefer sank. „Ich habe ihm nicht gesagt, dass das Ziel dieser ‚Spielplatz-Expedition‘ ein riesiger Indoor-Spielepark ist. Ein bunter, schriller, ohrenbetäubender Ort voller kreischender Kinder, klebriger Plastikbälle und blinkender Lichter. Ein Ort, der ihn innerhalb von zehn Minuten in den Wahnsinn treiben wird. Und das Beste: Wenn er es realisiert, steckt er bereits mittendrin und Sayuri wird ihn nicht mehr gehen lassen.“
Hilary hielt die Tasse mitten in der Luft an. „Nami! Das ist grausam. Habt ihr Streit? Warum amüsiert dich der Gedanke so, deinen Mann in die sensorische Hölle zu schicken?“
Nami antwortete nicht sofort. Ihr Blick verdunkelte sich, verlor jedoch nichts von seiner Belustigung. Es war ein Ausdruck von raubtierhafter Vorfreude.
Lumina, die bisher schweigend ihren Tee genossen hatte, stellte ihre Tasse mit einem hellen Kling ab. Ihre magentafarbenen Augen blitzten auf; als Namis Cousine verstand sie die Zwischentöne dieser speziellen Ehe-Dynamik sofort. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen.
„Oh, ich verstehe“, sagte Lumina leise. „Du willst, dass er heute Abend eine Zielscheibe braucht, nicht wahr? Du willst, dass er mit so viel angestauter Frustration nach Hause kommt, dass er sich leidenschaftlich an dir abreagieren muss.“
Stille legte sich über den Tisch. Nami sagte kein Wort, doch das Funkeln in ihren Augen und das langsame, herausfordernde Heben ihres Kinns verrieten alles.
Hilary schüttelte fassungslos den Kopf. Sie kannte die beiden seit Jahren, wusste um die Intensität zwischen Kai und Nami – eine Anziehung, die oft so stark war, dass Nami am nächsten Tag kaum geradeaus laufen konnte. „Echt jetzt? Du provozierst das absichtlich? Hat er dich wieder so sehr geärgert, dass du zu solchen Mitteln greifen musst?“
Nami seufzte theatralisch, doch ihre Finger trommelten erwartungsvoll auf der Tischdecke. „Er genießt es mittlerweile viel zu sehr, mich zu necken. Er zieht das Vorspiel so unerträglich in die Länge, bis ich komplett den Verstand verliere. Und egal wie sehr ich versuche, den Spieß umzudrehen... er ist mir körperlich einfach überlegen. Sobald ich versuche, ihn zu verführen, übernimmt er nach Sekunden die Kontrolle und ich liege wieder genau dort, wo er mich haben will.“
Sie nahm einen langsamen Schluck Tee und sah über den Rand der Tasse hinweg ihre Freundinnen an. „Wenn ich also im Schlafzimmer keine Chance habe, die Führung zu behalten, muss ich ihn eben außerhalb davon so weit reizen, dass er heute Nacht keine Geduld mehr für Spielchen hat. Wenn er zur Tür hereinkommt, wird er geladen sein wie ein Gewitter – und ich werde bereitstehen, um den Blitz abzuleiten.“
Hana lachte leise auf. „Armer Vladimir. Er hat keine Ahnung, dass er gerade Teil deines Vorspiels ist.“
Die kühle Luft der Klimaanlage schlug ihnen entgegen, als die schwere Glastür hinter ihnen zuglitt, doch sie brachte keine Erleichterung. Stattdessen trug sie eine Wand aus Geräuschen mit sich: das Echo von hunderten quietschenden Gummisohlen, das rhythmische Klackern von Air-Hockey-Tischen und das hohe, unermüdliche Kreischen von Kindern, die in ein Meer aus bunten Plastikbällen eintauchten.
Kai blieb abrupt stehen. Seine rot schimmernden Augen weiteten sich für einen Sekundenbruchteil, bevor sie sich zu gefährlichen Schlitzen verengten.
Er und Vladimir wirkten in dieser Umgebung wie zwei Raubtiere, die sich versehentlich in einen Streichelzoo verirrt hatten. Da das japanische Sommerwetter immer noch drückend warm war, hatten beide auf ihre üblichen Anzüge verzichtet. Kai trug ein tiefschwarzes, hautenges T-Shirt aus feiner Baumwolle, das jede Kontur seiner antrainierten, athletischen Muskulatur betonte – von den breiten Schultern bis hin zu den definierten Muskeln seiner Unterarme. Seine dunkle, locker sitzende Hose unterstrich seine beeindruckende Größe und seine aufrechte, fast schon provokante Haltung.
Neben ihm sah Vladimir nicht weniger fehl am Platz aus. Die Ähnlichkeit der beiden Brüder war in diesem Moment fast greifbar; zwei Männer, die Macht und Disziplin ausstrahlten, gekleidet in schlichtes Schwarz, das ihre helle Haut und ihre markanten Gesichtszüge hervorhob.
„Das...“, begann Vladimir mit einer Stimme, die selbst gegen den Lärm der Hüpfburgen wie dunkler Samt klang, „...ist kein Park.“
„Nein“, erwiderte Kai gepresst. Sein Blick glitt über ein Schild, auf dem in leuchtenden Neonfarben 'Kids-Adventure-World: 1000m² purer Spielspaß!' stand.
In diesem Moment bemerkte er die Blicke. Es war, als wäre eine unsichtbare Welle durch die Cafeteria-Zone gerollt. Mütter, die eben noch gelangweilt in ihre Kaffeetassen gestarrt hatten, hielten inne. Die Gespräche der anwesenden Damen verstummten, während ihre Augen unverhohlen an den beiden Männern kleben blieben. Besonders Kais unterkühlte, fast schon arrogante Aura schien eine magnetische Wirkung zu haben, die in krassem Kontrast zu den bunten Primärfarben der Klettergerüste stand.
„Papa! Schau mal! Die Drachenrutsche!“ Sayuri riss an Kais Hand. Mit ihren weißen Locken und den leuchtenden magentafarbenen Augen war sie das Ebenbild einer kleinen Prinzessin – eine Prinzessin, die gerade fest entschlossen war, ihren Vater in den tiefsten Schlund eines Plastikvulkans zu zerren.
Lilia, ebenso aufgeregt, klammerte sich an Vladimirs Bein. Die beiden Männer tauschten einen einzigen, vielsagenden Blick aus.
Kai spürte, wie seine Halsschlagader leicht pulsierte. Er dachte an Nami. Er sah sie förmlich vor sich: wie sie im Ayame-Anwesen saß, genüsslich ihren Tee nippte und genau wusste, was dieser Lärmpegel und diese Reizüberflutung mit seinen Nerven anstellen würden. Sie hatte ihn eiskalt in diese Falle laufen lassen. Sie wusste, dass er Sayuri keinen Wunsch abschlagen konnte, sobald sie erst einmal hier waren.
Ein leises Zähneknirschen war zu hören, doch dann geschah etwas Unerwartetes. Ein dunkles, fast schon gefährliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er verstand das Spiel. Das war keine bloße Neckerei – das war eine offene Herausforderung. Eine Provokation, die darauf ausgelegt war, seine Beherrschung zu testen, bis er heute Abend nach Hause kam.
„Na gut, Nami“, murmelte er so leise, dass nur er es hören konnte. Sein Blick wurde noch eine Spur dunkler, voller anerkennender Vorfreude auf die Konsequenzen, die er sie heute Nacht spüren lassen würde. „Du willst es also auf die harte Tour.“
Er sah hinunter zu Sayuri, die ihn erwartungsvoll anstrahlte.
„Gehen wir“, sagte er zu Vladimir, seine Stimme nun wieder vollkommen kontrolliert, während er die erste Mutter, die ihm ein schüchternes Lächeln zuwarf, mit einem eisigen Blick ignorierte. „Bringen wir es hinter uns. Ich habe heute Abend noch eine... Rechnung zu begleichen.“
Vladimir rückte sich das schwarze T-Shirt zurecht, als eine Gruppe von Kleinkindern in einem Rausch aus Zuckerwattestangen an ihm vorbeifegte. Er hielt die kleine Lilia fest an der Hand, während diese bereits mit dem Fuß tippelte und sehnsüchtig zu den bunten Schaumstoffwürfeln schielte.
„Du hast gut lachen, Kai“, brummte Vladimir, während er versuchte, seine aristokratische Haltung inmitten des infernalischen Lärms einer elektronischen Spielkonsole zu bewahren. „Sei froh, dass Sayuri schon sieben ist. Schau sie dir an – sie ist wie ein kleiner weißer Blitz.“
Kai folgte seinem Blick. Sayuri war bereits auf das erste Klettergerüst zugesteuert. Mit einer flinken Eleganz, die sie eindeutig von Nami geerbt hatte, verschwand sie in einem Tunnel aus neongrünem Netzgewebe. Hin und wieder blitzte ihr silbrig-weißes Haar zwischen den Plastikstangen auf, bevor sie triumphierend am anderen Ende wieder auftauchte.
„Sie rennt teilweise schon alleine durch diesen ganzen Plastikdschungel“, fuhr Vladimir fort und atmete tief durch, als Lilia plötzlich mit aller Kraft in Richtung der ‚Bälle-Lagune‘ zog. „Ich dagegen muss Lilia mit ihren zweieinhalb Jahren bei jedem Schritt bewachen. Sie hat den Orientierungssinn eines betrunkenen Seemanns und den Freiheitsdrang eines Ausbrecherkönigs. Ich brauche hier heute meine volle Aufmerksamkeit, wenn ich sie nicht zwischen den Primärfarben verlieren will.“
Kai verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und beobachtete, wie eine Gruppe von Müttern am Rand der Spielfläche fast synchron ihre Zeitschriften sinken ließ, um ihn anzustarren. Sein Blick blieb jedoch kühl und auf seine Tochter fixiert.
„Sie weiß genau, was sie tut“, erwiderte Kai trocken, wobei er Sayuri meinte – und im Hinterkopf natürlich Nami. „Sie hat mich genau dort, wo sie mich haben will. Mitten in der Schusslinie.“
In diesem Moment tauchte Sayuri oben auf einer riesigen, aufblasbaren Burg auf. Sie winkte wild mit beiden Armen und rief mit ihrer hellen, klaren Stimme: „Papa! Schau mal, wie hoch ich bin! Komm hoch!“
Ein Raunen ging durch die Umstehenden. Der Gedanke, diesen unterkühlten, beinahe furchteinflößend attraktiven Mann in einer Hüpfburg zu sehen, schien für die anwesenden Damen die Attraktion des Tages zu sein.
Kai schloss für eine Sekunde die Augen. Er spürte Vladimirs amüsierten Seitenblick. Sein Bruder genoss es sichtlich, dass Kai nun ebenfalls aktiv werden musste.
„Na los, Kai“, stichelte Vladimir leise, während er Lilia hochhob. „Die Pflicht ruft. Und denk dran: Nami wartet zu Hause sicher schon sehnsüchtig auf den Bericht über deine... sportlichen Leistungen.“
Kai öffnete die Augen. Das dunkle Glühen darin war nun unübersehbar. Er löste die Arme und steuerte auf die Hüpfburg zu. Jedes Mal, wenn seine Turnschuhe auf dem weichen Gummiboden quietschten, steigerte sich sein innerer Drang, den Abend so schnell wie möglich herbeizusehnen.
Die Luft im Indoor-Park war dick und roch nach Schweiß, Plastik und billigem Popcorn. Kai fühlte sich, als würde er einen Krieg in einer Welt aus Neonfarben führen. Jedes Mal, wenn er versuchte, an einem Randpfosten der Hüpfburg stehen zu bleiben, um wenigstens einen Rest seiner Würde zu bewahren, schoss ein schreiendes Kind an seinen Beinen vorbei.
Er beobachtete Vladimir, der gerade dabei war, die kleine Lilia aus einem Berg von Schaumstoffwürfeln zu fischen. Sein Bruder wirkte konzentriert, fast schon strategisch, während er Lilia mit einer Hand sicher an der Hüfte hielt und mit der anderen sein T-Shirt glattstrich, das durch die statische Aufladung des Plastiks gefährlich eng an seinem Brustkorb klebte.
„Papa! Fang mich!“ Sayuris Stimme durchschnitt den Lärmpegel wie eine silberne Glocke. Sie stand oben auf der Plattform einer Röhrenrutsche, ihr weißes Haar wild zerzaust, die Wangen gerötet vor Anstrengung und Freude.
Kai seufzte innerlich, doch ein Blick in ihre leuchtenden magentafarbenen Augen ließ seinen Widerstand schmelzen. Er kletterte mit einer unterkühlten, fast schon raubtierhaften Geschmeidigkeit die gepolsterten Stufen hinauf. Oben angekommen, überragte er die Szenerie bei weitem. Die Blicke der Mütter unten am Rand waren mittlerweile fast schon ehrfürchtig; es hatte etwas Surreales, diesen Mann, der normalerweise Vorstandssitzungen mit einem Blick zum Schweigen brachte, in einer bunten Plastikröhre verschwinden zu sehen.
„Du kriegst mich nicht!“, rief Sayuri und warf sich mit einem Jauchzen in die Rutsche.
Kai folgte ihr. Es war eng, es war laut und es war absolut würdelos. Als er unten aus der Röhre schoss und mit einer fast katzenartigen Reaktion wieder auf die Füße sprang, landete er direkt vor einer Gruppe von Frauen, die kollektiv den Atem anhielten. Sein schwarzes Shirt war durch die Bewegung leicht hochgerutscht und entblößte für einen Moment den harten Ansatz seiner Bauchmuskeln. Er ignorierte das Raunen und fixierte nur Sayuri, die bereits wieder auf dem Weg zum nächsten Hindernis war.
„Zwei Stunden, Kai“, rief Vladimir ihm zu, während er Lilia davon abhielt, an einem fremden Schnuller zu ziehen. „Nami meinte, sie bräuchten mindestens zwei Stunden Auslauf.“
Kai sah auf seine Uhr. Es waren erst vierzig Minuten vergangen. Das Zähneknirschen war nun fast hörbar. Er stellte sich vor, wie Nami jetzt wahrscheinlich mit Lumina und Hana zusammen saß, vielleicht gerade ein Stück feinen Schokoladenkuchen auf die Gabel nahm und genau wusste, dass er gerade zwischen Bällebädern und Kleinkindern um seinen Verstand kämpfte.
„Sie wird dafür bezahlen“, murmelte er, während er sich durch einen Wald aus hängenden Boxsäcken kämpfte. „Jede einzelne Minute dieser Kakofonie wird sie mir heute Nacht zurückgeben müssen.“
Das dunkle Schmunzeln kehrte auf seine Lippen zurück, als er sah, wie Sayuri erschöpft, aber glücklich auf ihn zugerannt kam und sich an seine Beine klammerte.
„Papa, ich hab Hunger!“, verkündete sie.
„Gut“, sagte Kai, und seine Stimme hatte diesen tiefen, gefährlichen Unterton, den er normalerweise für Geschäftsrivalen reservierte. „Dann suchen wir uns jetzt etwas zu essen. Und dann, Sayuri... fahren wir nach Hause zu deiner Mutter.“
Vladimir trat neben ihn, die kleine Lilia auf dem Arm. „Du siehst aus, als würdest du einen Rachefeldzug planen, Bruder.“
„Keinen Feldzug, Vladimir“, erwiderte Kai kühl, während er Sayuri an die Hand nahm und den Ausgang ansteuerte. „Nur eine sehr... gründliche Unterredung.“
„Ich will aber hier essen! Papa, bitte! Die Pommes riechen so gut!“ Sayuri stemmte ihre kleinen Absätze in den klebrigen Boden des Imbissbereichs. Ihre magentafarbenen Augen blitzten rebellisch, und ein kleiner Schmollmund bildete sich – ein Ausdruck, gegen den Kai seit ihrer Geburt absolut machtlos war.
Kai atmete tief durch und warf einen Blick auf die Plastikstühle in Neonorange und die fettigen Tabletts. „Na gut“, gab er nach, „wir essen hier.“
Während sie in der Schlange standen, wandte sich Kai mit unterkühltem Blick an seinen Bruder. „Sag mal, Vladimir... was soll eigentlich dieses weite T-Shirt? Die Frauen hier glotzen mich an, als wäre ich die Hauptattraktion im Zirkus, während du dich in deinem Stoffzelt versteckst.“
Vladimir, der Lilia auf dem Arm hielt, zuckte ungerührt mit den Schultern. „Vielleicht liegt es daran, dass ich wusste, dass wir nicht in den kaiserlichen Garten gehen, Kai. Ein weites Shirt ist deutlich praktischer, wenn man Kleinkindern hinterherjagt. Warum hast du dich eigentlich entschieden, heute als Werbemodel für ein Fitnessstudio aufzutreten?“
Kai knirschte mit den Zähnen und rückte den Saum seines hautengen, schwarzen Shirts zurecht, das jede Muskelfaser seines Oberkörpers betonte. „Ich habe unter meinen Hemden und Anzügen schlicht nichts anderes gefunden. Es scheint, als müsste ich dringend mal wieder einkaufen gehen oder Nami hat den Rest meiner Garderobe absichtlich verschwinden lassen.“
In diesem Moment geschah es. Ein kleiner Junge, vielleicht sechs Jahre alt, schoss wie ein entfesselter Torpedo zwischen den Tischen hervor. Er starrte starr auf den riesigen Ein-Liter-Becher Limonade in seinen Händen und achtete nicht auf den hühnenhaften Mann in seinem Weg.
Klatsch.
Mit voller Wucht prallte das Kind gegen Vladimirs Hüfte. Der Becher entglitt den kleinen Händen, und eine klebrige, gelbe Fontäne aus Limonade ergoss sich über die gesamte Vorderseite von Vladimirs weitem Shirt.
Stille. Sogar der Lärm der Hüpfburgen schien für einen Moment im Hintergrund zu verblassen. Vladimir stand da, die Arme leicht abgespreizt, während die süße Flüssigkeit an ihm herablief und den Stoff unschön an seine Haut klebte.
Kai beobachtete die Szene, und plötzlich hellte sich seine Miene auf. Ein amüsiertes Funkeln trat in seine roten Augen. „Tja, Vladimir... so viel zum Thema ‚praktische Kleidung‘. Du hast dich vorhin kaum beschwert, als wir hier ankamen. Du wusstest ganz genau, wo Nami uns hinschickt, oder?“
Vladimir sah an sich herab, dann zu Kai. Ein hämisches, fast schon arrogantes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, das dem seines Bruders in puncto markanter Schönheit in nichts nachstand. „Schuldig im Sinne der Anklage“, gab er trocken zu. „Ich dachte mir, wenn ich schon untergehen muss, nehme ich dich wenigstens mit ins Verderben.“
Doch Vladimir wäre kein Ivanov, wenn er sich von ein bisschen Limonade aus der Ruhe bringen ließe. Mit einer vollkommen natürlichen, fließenden Bewegung griff er nach dem Saum seines nassen Shirts.
„Was tust du da?“, fragte Kai mit hochgezogener Braue.
„Ich werde sicher nicht den restlichen Nachmittag in diesem klebrigen Lappen verbringen“, erwiderte Vladimir kühl. Er zog sich das Shirt über den Kopf – mitten im vollbesetzten Imbiss.
Unter dem weiten Stoff kam eine Physis zum Vorschein, die der von Kai in nichts nachstand: breit gefächerte Schultern, ein perfekt definierter Brustkorb und eine Bauchmuskulatur, die wie in Stein gemeißelt wirkte. Die Wirkung war unmittelbar. In der gesamten Cafeteria herrschte schlagartig absolute Stille. Mütter ließen ihre Gabeln fallen, und selbst das Personal starrte mit offenem Mund auf die beiden attraktiven Männer, die nun wie zwei griechische Statuen zwischen den Pommes-Tüten standen.
Kai verdrehte die Augen, obwohl er ein Grinsen nicht ganz unterdrücken konnte. „Großartig, Vladimir. Jetzt haben wir die volle Aufmerksamkeit. Ich hoffe, Nami und Hana wissen zu schätzen, was wir hier für die Familienharmonie opfern.“
Das Bild im Imbissbereich war nun vollkommen surreal. Während im Hintergrund das dumpfe Plopp-Plopp aus dem Bällebad und das Kreischen der Rutschen weiterging, schien in der unmittelbaren Umgebung der beiden Brüder die Zeit stillzustehen.
Vladimir knüllte das nasse T-Shirt mit einer beiläufigen Arroganz zusammen und legte es auf die Kante des Plastiktisches, als wäre es das Natürlichste der Welt, in einem Indoor-Spielpark halbnackt zu sein. Sein Oberkörper, blass und von harter Disziplin gezeichnet, glänzte im grellen Neonlicht. Kai stand daneben, die Arme verschränkt, sein eigenes Shirt so eng, dass es kaum mehr verbarg als Vladimirs nackte Haut.
„Papa, dein Bauch ist nass“, stellte Lilia sachlich fest und patschte mit ihrer kleinen Hand gegen Vladimirs Bauchmuskeln.
„Ja, Schatz, danke für den Hinweis“, erwiderte Vladimir trocken, während er sich setzte und Lilia auf seinen Schoß zog. Er ignorierte die Tatsache, dass am Nachbartisch drei Mütter kollektiv vergessen hatten, zu atmen. Eine von ihnen hielt ihr Handy in einer Position, die eindeutig darauf schließen ließ, dass sie gerade ein Foto für die Familiengruppe machte – oder für ihre privaten Träume.
„Hier sind deine Pommes, Sayuri“, sagte Kai und schob seiner Tochter das Tablett hin, wobei er sich über den Tisch beugte. Die Bewegung ließ die Muskulatur seines Rückens unter dem schwarzen Stoff so deutlich hervortreten, dass ein leises Raunen durch die Reihen der Zuschauerinnen ging.
„Die Damen dort hinten haben gerade aufgehört zu essen“, bemerkte Kai leise zu seinem Bruder, während er Sayuri beim Tunken ihrer Pommes in Ketchup beobachtete. Sein Blick glitt kurz zu einer Gruppe von Frauen, die wie erstarrt in ihre Richtung starrten. „Ich glaube, wir haben die lokale Belastungsgrenze für Testosteron in diesem Etablissement überschritten.“
Vladimir brach ein Stück Pommes ab und fütterte Lilia. „Lass sie starren, Kai. Solange sie uns nicht anfassen, ist mir das egal. Ich konzentriere mich lieber darauf, wie Hana reagieren wird, wenn ich ihr erzähle, dass ich mein Shirt opfern musste, um die Familienehre im 'Kids-Adventure-World' zu retten.“
Kai schnaubte. „Hana wird lachen. Aber Nami... Nami wird dieses triumphierende Funkeln in den Augen haben. Sie hat das alles kalkuliert. Die Hitze, die Kinder, den Lärm – und wahrscheinlich sogar die Tatsache, dass wir hier wie zwei Exponate in einer Glasvitrine stehen.“
Sayuri sah von ihren Pommes auf, den Mund leicht mit Ketchup verschmiert. „Papa? Warum blicken die Frauen dich eigentlich so lieb an? Haben sie auch Hunger?“
Kai strich Sayuri eine weiße Locke aus der Stirn. „Nein, Prinzessin. Sie wundern sich nur, warum zwei so... vernünftige Männer an einem Sonntag an einem so lauten Ort sind.“
„Weil wir dich lieb haben!“, verkündete Lilia mit vollem Mund und patschte Vladimir wieder auf die Brust.
Vladimir sah Kai an, und für einen Moment blitzte echte brüderliche Verbundenheit in ihren Blicken auf – gemischt mit dem gemeinsamen Leid der Vaterschaft unter extremen Bedingungen.
„Genieß die Ruhe beim Essen, Bruder“, sagte Vladimir und lehnte sich mit einer Gelassenheit zurück, die im krassen Widerspruch zu seinem fast nackten, athletischen Körper stand. „Sobald wir hier raus sind, gehört der Abend uns. Ich bin gespannt, wer von uns beiden morgen mehr Muskelkater hat – vom Klettern oder von der... 'Unterredung' mit unseren Frauen.“
Kai antwortete nicht direkt, doch das dunkle Schmunzeln auf seinen Lippen wurde intensiver. Er nahm eine Pommes, tunkte sie langsam ein und dachte an das Ayame-Anwesen. Er stellte sich vor, wie er später die Tür zum Salon aufstoßen würde, den Geruch von Earl Grey gegen seinen eigenen Duft von Anstrengung und klebriger Limonade eintauschen würde, und wie Nami ihn ansehen würde.
Er würde kein Wort sagen. Er würde sie einfach nur ansehen, bis ihr das Lachen im Hals stecken blieb und sie begriff, dass der Jäger nun heimgekehrt war.
Das Ayame-Anwesen lag friedlich in der Abendsonne, ein klassizistisches Juwel am Rande Tokios, das Ruhe und aristokratische Beständigkeit ausstrahlte. Im Inneren war die Stimmung im Salon auf dem Höhepunkt. Nami, Hana, Lumina, Hilary und Momoko saßen entspannt beisammen, das leise Klirren von feinem Porzellan untermalte das angeregte Gespräch.
„Ich sage euch, sie müssten jeden Moment auftauchen“, sagte Hana und strich sich eine glatte, silbrig-weiße Strähne hinter das Ohr. „Und ich wette, Vladimir ist die Ruhe selbst, während Kai wahrscheinlich kurz vor einer Kernschmelze steht.“
Nami nippte genüsslich an ihrem Tee, ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten vor Vorfreude. „Er wird mich hassen. Zumindest für die ersten fünf Minuten.“
In diesem Moment drang das Geräusch von schweren Schritten und das helle Lachen von Kindern aus der Eingangshalle herauf. Die Flügeltüren des Salons wurden nicht einfach geöffnet – sie schwangen mit einer Bestimmtheit auf, die den Raum schlagartig verstummen ließ.
Zuerst stürmten Sayuri und Lilia herein, völlig aufgekratzt und mit zerzausten Haaren, direkt auf ihre Mütter zu. Doch der Blick der versammelten Damen klebte an den beiden Gestalten, die im Rahmen der Tür standen.
Kai trat als Erster ein. Sein schwarzes T-Shirt klebte an seinem Körper, gezeichnet von der statischen Aufladung und dem Schweiß des Indoorspielplatzes. Seine Miene war eine Maske aus kühler Beherrschung, doch seine roten Augen fixierten Nami mit einer Intensität, die die Luft im Raum förmlich knistern ließ.
Direkt hinter ihm erschien Vladimir. Ein kollektives Einatmen ging durch die Runde der Freundinnen. Vladimir war barfuß in seinen Schuhen und trug absolut nichts oberhalb der Gürtellinie. Sein nasses, klebriges Shirt hielt er wie eine Trophäe der Niederlage in der Hand. Seine muskulöse Physis, die normalerweise unter maßgeschneiderten Anzügen verborgen blieb, war nun für alle Anwesenden in voller Pracht zu bewundern.
„Was in aller Welt...“, stammelte Hilary und starrte unverhohlen auf Vladimirs Brustkorb.
„Wir hatten einen Zwischenfall mit einer Ein-Liter-Limonade“, erklärte Vladimir mit einer Stimme, die so trocken war, dass sie beinahe Staub aufwirbelte. Er sah Hana direkt an, ein amüsiertes Funkeln in seinen Augen. „Es scheint, als hätte dein Plan, uns einen 'entspannten' Nachmittag zu verschaffen, kleine... Komplikationen nach sich gezogen.“
Hana konnte nicht anders – sie brach in schallendes Lachen aus, während sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischte. „Vladimir! Du kannst doch nicht einfach so hier hereinspazieren!“
Nami hingegen hatte sich noch nicht bewegt. Sie saß immer noch auf ihrem Sessel, die Teetasse in der Hand, und sah Kai an. Er sagte kein Wort. Er stand einfach nur da, die Arme vor der Brust verschränkt, was seine Bizeps gefährlich anschwellen ließ. Das dunkle, anerkennende Schmunzeln, das er im Park gezeigt hatte, war nun einem Blick gewichen, der pures Versprechen war.
Lumina lehnte sich zu Nami und flüsterte gerade laut genug: „Ich glaube, du hast dein Ziel erreicht, Nami. Wenn Blicke ausziehen könnten, hättest du jetzt schon kein Kleid mehr an.“
Kai löste die Verschränkung seiner Arme und trat einen Schritt auf Nami zu. Die anderen Damen wurden plötzlich sehr still. „Mein Schatz“, sagte er, seine Stimme tief und gefährlich leise, „ich hoffe, der Tee war hervorragend. Denn das war die letzte Ruhe, die du für heute hattest.“
Nami spürte ein angenehmes Kribbeln in ihrem Nacken. Sie stellte die Tasse langsam ab und erhob sich mit einer Eleganz, die keine Furcht, sondern reine Provokation war. „Oh, der Tee war wunderbar, Kai. Aber erzähl doch mal... wie war die Hüpfburg?“
Ein Muskel in Kais Kiefer zuckte. Er warf Vladimir einen kurzen Blick zu. „Wir bringen die Kinder ins Bett. Sofort. Lilia kann ein wenig bei Sayuri schlafen...danach gehe ich erstmal duschen. Ladies.. “
„Einverstanden“, erwiderte Vladimir, der bereits Lilia wieder hochhob und Hana einen vielsagenden Blick zuwarf. „Wir haben einiges nachzuholen.“
Als die Männer mit den Kindern den Raum verließen, herrschte im Salon für einen Moment fassungslose Stille, bevor Hilary losprustete. „Nami! Du spielst wirklich mit dem Feuer! Hast du gesehen, wie Kai dich angesehen hat?“
Nami sah der geschlossenen Tür hinterher, ein siegreiches Lächeln auf den Lippen. „Ich weiß, Hilary. Und genau deshalb habe ich ihn dorthin geschickt.“
Die Lektion?
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Royal Knights
Der nächste Morgen brach klar und frisch an. Der englische Nebel hatte sich gelichtet und gab den Blick auf die weitläufigen, perfekt manikürten Rasenflächen von Davies Hall frei. Das Team Japan hatte sich nach Gous Anweisung in der großen Eingangshalle versammelt. Ryan hatte sich sichtlich Mühe gegeben, seine Haare ordentlich zu stylen, auch wenn er immer noch ein wenig so wirkte, als würde er jeden Moment einen Spruch reißen.
Pünktlich um zehn Uhr rollte eine kleine Flotte von makellos gepflegten Oldtimern – ein dunkelblauer Rolls-Royce an der Spitze – lautlos über den Kiesweg und kam vor dem Portal zum Stehen.
Graham trat vor und öffnete die schwere Fahrzeugtür. Ein Mann stieg aus, dessen bloße Erscheinung den Raum sofort mit einer Aura von Eleganz und Geschichte füllte.
Lord Eric Davies war eine beeindruckende Erscheinung. Trotz seiner Ende 50 wirkte er durch seine sportliche, gut gebaute Statur und die aufrechte Haltung mindestens zehn Jahre jünger. Sein Haar war von einem akkuraten, silbrigen Weiß, das im Sonnenlicht fast metallisch glänzte. Doch es waren seine Augen, die am meisten auffielen: magentafarben und lebendig, ein klares Erbe der mütterlichen Seite der Familie, die er mit Nami und Lumina teilte.
Sein Blick war zunächst leicht kühl, fast prüfend, während er die Gruppe der jungen Blader musterte. Ryan hielt unwillkürlich die Luft an. Doch als Erics Augen auf Gou fielen, wandte sich die Kühle augenblicklich. Ein aristokratisches, warmes Lächeln breitete sich auf seinen weichen Gesichtszügen aus.
„Gou, mein Junge“, sagte er mit einer Stimme, die wie ein tiefer Bariton klang. Er trat auf seinen Großneffen zu und legte ihm freundschaftlich die Hände auf die Schultern. „Du bist gewachsen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Du trägst das Erbe deiner Mutter und ja, auch das deines Vaters mit beachtlicher Würde.“
Er wandte sich dem Rest des Teams zu. „Willkommen in Davies Hall. Es ist mir eine Ehre, das Team meiner Nichte Nami hier zu beherbergen. Ich hoffe, die Trainingsbedingungen entsprechen euren hohen Standards.“
„Vielen Dank, Sir... Lord Davies“, stammelte Violeta und machte einen kleinen Knicks, was Emilia dazu brachte, sie leicht anzustupsen.
Eric lachte leise, ein herzliches Geräusch. „Nennt mich einfach Eric, wenn wir unter uns sind. In diesem Haus seid ihr keine Gäste, ihr seid Kämpfer, die Japan repräsentieren. Graham? Ich hoffe, mein Neffe hat dich nicht zu sehr beansprucht, seit ihr gelandet seid.“
Graham verneigte sich leicht. „Keineswegs, Lord Eric. Master Gou ist ein sehr disziplinierter Gast.“
„Das habe ich nicht anders erwartet“, erwiderte Eric und zwinkerte Gou zu. Sein Blick wanderte zu Ryan, der immer noch sichtlich perplex war. „Und du musst der junge Mann sein, der unsere Sandwiches so schätzt. Keine Sorge, die Küche ist angewiesen, die Vorräte für hungrige Weltmeister aufzustocken.“
Ryan blickte leicht verlegen, sichtlich beeindruckt von der lockeren, aber dennoch autoritären Art des Lords.
„Kommt“, sagte Eric und deutete in Richtung des Speisesaals. „Wir werden gemeinsam frühstücken. Ich möchte alles über eure Strategien hören und Gou, du musst mir unbedingt erzählen, wie es Nami geht. Dein Vater schickt mir zwar regelmäßig Berichte, aber die sind meistens... nun ja, sehr faktenorientiert.“
Gou nickte leicht. Er spürte, wie die Wärme seines Onkels die angespannte Atmosphäre im Team lockerte. Es tat gut, jemanden aus der Familie seiner Mutter hier zu haben jemanden, der nicht nur in Statistiken dachte, sondern die Herzlichkeit verkörperte, die er in London am Flughafen so vermisst hatte.
Das Frühstück im großen Speisesaal von Davies Hall war eine Szenerie, die direkt einem historischen Roman hätte entspringen können. Das Morgenlicht brach sich in den hohen, bleiverglasten Fenstern und tanzte auf dem schweren Silberbesteck, das Graham und das Hauspersonal mit gewohnter Diskretion auf der endlos langen Tafel aus poliertem Mahagoni arrangiert hatten. Der Duft von frisch gebrühtem Earl Grey, warmen Scones und gebratenem Speck erfüllte die Luft und mischte sich mit dem dezenten Aroma von altem Holz und Bienenwachs.
Lord Eric Davies saß am Kopfende der Tafel. Er hatte die Ärmel seines hochwertigen Hemdes leicht hochgekrempelt, was ihm trotz seiner aristokratischen Aura eine nahbare, fast jugendliche Dynamik verlieh. Sein silbrig weißes Haar war perfekt frisiert, und seine magentafarbenen Augen blitzten vor Vergnügen, während er die jungen Blader beobachtete, die sich sichtlich bemühten, die korrekte Etikette einzuhalten.
„Wusstet ihr eigentlich“, begann Eric und lehnte sich mit einer nonchalanten Eleganz zurück, „dass unser werter Teamkapitän bereits im zarten Alter von vier Jahren eine Karriere als Chef-Analytiker der Familie Hiwatari angestrebt hat?“
Gou, der gerade dabei war, sein Rührei mit der Präzision eines Chirurgen zu zerlegen, hielt inne. Er spürte, wie eine Vorahnung ihn durchfuhr. „Onkel Eric, ich bezweifle, dass Erinnerungen aus meiner frühen Kindheit die Leistungskurve des Teams positiv beeinflussen.“
„Oh, ganz im Gegenteil, Gou! Es zeigt, dass dein Talent für... nun ja, statistische Kategorisierung... angeboren ist“, lachte Eric und wandte sich mit einem verschmitzten Lächeln an Ryan, Violeta und die anderen. „Ich besuchte die Familie damals in Japan. Gou war gerade mal vier Jahre alt, ein kleiner Knirps mit einem Blick, der so ernst war, als müsste er die Weltwirtschaft retten. Er kam mit einem zerfledderten Notizbuch zu mir, baute sich vor mir auf und erklärte mir ohne Umschweife meine spirituelle DNA.“
Ryan prustete fast seinen Orangensaft über das Tischtuch. „Ernsthaft? Mit vier?“
„Absolut“, bestätigte Eric und sein aristokratisches Lächeln wurde breiter. „Er sah mich an und sagte: ‚Onkel Eric, aufgrund deiner Vorliebe für klassische Musik und der Tatsache, dass du selbst im Zorn niemals die Tonlage änderst, ist dein Bit-Beast zweifellos ein geflügelter Löwe mit einer Affinität für Schallwellen. Die Wahrscheinlichkeit für einen anderen Typ liegt unter fünf Prozent.‘“
Ein lautes Lachen ging durch die Runde. Violeta kicherte hinter ihrer Hand, während Emilia fast von ihrem Stuhl rutschte. Nur Seiya beobachtete die Szene mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
„Ein geflügelter Löwe?“, rief Ryan aus und klopfte auf den Tisch. „Boss, das ist ja episch! Hattest du für deinen Vater auch was? Ein schwarzes Loch oder vielleicht einen Eisblock mit Beinen?“
Gou starrte konzentriert auf seine Teetasse, während seine Ohrenspitzen nun unübersehbar rötlich anliefen – ein seltener Anblick für sein Team. „Meine damaligen Modelle basierten auf unzureichenden Datenmengen“, murmelte er trocken, doch Eric war noch nicht fertig.
„Aber mein persönlicher Favorit“, fuhr der Lord fort, während er sich eine weitere Scone nahm, „war dir Analyse von seiner Mutter. Er erklärte mir damals in völligem Ernst, dass seine Mutter gar kein Bit-Beast bräuchte. Sie besäße nämlich den ‚mütterlichen Stillstand-Koeffizienten‘. Er behauptete felsenfest, Nami könne die Zeit anhalten, besonders wenn er und Kai gerade dabei waren, das Wohnzimmer in Schutt und Asche zu legen. Ein Blick von ihr, und die Welt hörte auf zu rotieren. Er hielt das für eine biologische Superkraft.“
„Das tut sie immer noch“, murmelte Gou leise, was eine erneute Lachwelle auslöste.
„Es war schön zu sehen, wie er damals schon versuchte, die Welt in Logik zu fassen“, sagte Eric, und seine Stimme wurde eine Spur weicher, fast nachdenklich. „Das nächste Mal sah ich ihn dann erst Jahre später, als er acht war. Das war hier in England, zur Hochzeit von Tala und Lumina auf Davies Manor. Ein kleiner Junge in einem viel zu steifen Anzug, der zwischen all den russischen Bladern und englischen Lords herumlief und vermutlich die Siegwahrscheinlichkeit der Ehepaare berechnete.“
Gou blickte auf. Die Erinnerung an diese Hochzeit war lebendig – die Intensität von Tala Valkov, das Leuchten seiner Cousine Lumina und die schiere Präsenz der versammelten Beyblade-Elite. „Es war eine beeindruckende Zeremonie, Onkel Eric. Sie hat mir gezeigt, dass Bindungen jenseits von Logik existieren können.“
„Deine Mutter Nami hat mir übrigens in ihrem letzten Brief geschrieben, dass du neuerdings... sehr viel Zeit mit einer jungen Dame namens Hiromi verbringst. Sie klang sehr angetan von der Entwicklung.“
Die Stille, die nun am Tisch eintrat, war fast greifbar. Ryan erstarrte mit der Gabel in der Luft, und Violeta sah neugierig von Eric zu Gou.
Gou legte sein Besteck mit chirurgischer Präzision ab.
„Mutter scheint ihre Korrespondenz sehr... umfassend zu gestalten.“
„Sie macht sich Sorgen, dass du hier im kühlen England vergisst, auch mal das Herz sprechen zu lassen“, fügte Eric hinzu, wobei sein Blick für einen Moment weicher wurde. „Sie weiß, wie sehr du nach Kai schlägst, aber sie hofft, dass du auch ein Stück Davies-Wärme in dir trägst. In dieser Familie lieben wir mit einer Intensität, die manchmal beängstigend sein kann – frag Tala Valkov, der musste das auch erst lernen.“
Gou blickte in die magentafarbenen Augen seines Onkels und sah darin eine tiefe Verbundenheit. Es war eine Warnung und ein Kompliment zugleich. Er wusste, dass das Team nun Stoff für Wochen hatte, um ihn aufzuziehen, aber in diesem Moment fühlte er sich in Davies Hall zum ersten Mal wirklich zu Hause.
Gou erhob sich mit einer fast schon demonstrativen Steifheit, die signalisierte, dass die Zeit der Familienanekdoten für ihn offiziell beendet war.
„In dreißig Minuten am Wagen“, befahl er knapp, wobei er versuchte, den amüsierten Blick von Lord Eric zu ignorieren. „Die Stadionbesichtigung ist ein entscheidender Faktor für unsere Arena-Anpassung. Ich erwarte volle Professionalität.“
Kaum hatte er den Speisesaal verlassen, um in sein Zimmer zurückzukehren, hörte er das hastige Trampeln von Sportschuhen auf dem Mahagoniboden hinter sich. Ryan Hunt schloss mit einem breiten, unverschämten Grinsen zu ihm auf.
„Na, Boss?“, rief Ryan und stieß Gou spielerisch mit dem Ellbogen an, während sie die breite Treppe zum Nordflügel hinaufstiegen. „Ich muss schon sagen, der ‚mütterliche Stillstand-Koeffizient‘ ist mein neues Lieblingskonzept. Hast du den eigentlich auch bei Hiromi schon angewandt? Oder ist sie die Einzige, die deine Zeit anhält?“
Gou blieb so abrupt stehen, dass Ryan beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Er drehte sich langsam um, sein Gesicht ein einziges Monument aus unterkühlter Beherrschung. „Ryan, die Wahrscheinlichkeit, dass ich dich in den nächsten fünf Minuten die Treppe hinunterwerfe, steigt gerade exponentiell an. Ich würde dir raten, deine kognitiven Kapazitäten auf die bevorstehende Inspektion zu konzentrieren.“
Ryan lachte nur laut auf und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, während er lässig gegen das kunstvoll geschnitzte Geländer lehnte. „Komm schon, Gou! Das war doch Gold wert. Ein kleines vierjähriges Statistik-Genie, das seinem Onkel Bit-Beasts zuteilt. Hast du eigentlich auch eine Analyse für mich erstellt, als wir uns kennengelernt haben? Oder war ich in deinem Modell nur eine ‚unvorhersehbare Variable mit hohem Lärmpegel und gutem Aussehen‘?“
Gou sah ihn einen Moment lang schweigend an, und für einen Wimpernschlag blitzte etwas in seinen Augen auf, das fast wie ein unterdrücktes Lächeln wirkte. „Du warst eine statistische Anomalie, Ryan. Ein Blader mit unbestreitbarem Talent, aber einer mangelnden Impulskontrolle, die das Gesamtergebnis des Teams um mindestens 15 Prozent gefährdet.“
„Hey! Nur 15? Ich dachte, ich wäre beeindruckender“, feixte Ryan und folgte Gou weiter den Flur entlang, vorbei an den schweigenden Rüstungen und Ahnenporträts. „Aber im Ernst, Onkel Eric ist cool. Er hat diesen Blick drauf... so wie dein Vater, nur dass man bei ihm nicht das Gefühl hat, sofort zu Eis zu erstarren, wenn man den falschen Tee wählt. Man merkt, dass er deine Mutter und Lumina vergöttert.“
Gou hielt vor seiner Zimmertür inne. „Die Davies-Familie definiert sich über ihre Bindungen, Ryan. Onkel Eric sieht in uns nicht nur Sportler, sondern die Fortführung einer Geschichte. Das ist der Grund, warum er uns hier unterbringt. Er will, dass wir verstehen, wofür wir kämpfen.“
„Und wofür kämpfst du, Gou?“, fragte Ryan plötzlich ungewohnt ernst. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete seinen Kapitän. „Für den Namen Hiwatari? Für die BBA? Oder für die statistische Gewissheit, dass du der Beste bist?“
Gou legte die Hand auf die Klinke. In seinem Kopf erklang Hiromis Lachen, vermischt mit dem Klang seines Blades wenn es gegen ein anderes schlug. Er dachte an die Wärme ihres Zimmers und das Versprechen, das er ihr gegeben hatte.
„Ich kämpfe für die Freiheit, meine eigenen Variablen zu bestimmen“, antwortete Gou leise, aber mit einer Bestimmtheit, die Ryan verstummen ließ. „Und jetzt zieh dir deine Teamjacke an. Wir haben ein Weltklasse-Stadion zu analysieren.“
Zehn Minuten später stand das Team vor dem Anwesen. Lord Eric war bereits dort, eingehüllt in einen eleganten, dunklen Mantel, und unterhielt sich leise mit Graham. Als er Gou sah, nickte er ihm anerkennend zu.
Die Fahrt nach London in der Fahrzeugkolonne war geprägt von einer neuen Energie. Ryan hielt sich zwar mit weiteren Witzen zurück, doch das Team wirkte gelöster, verbundener. Als die Skyline von London am Horizont auftauchte und das gigantische, futuristische BBA-Future Stadion sichtbar wurde, in dem die Weltmeisterschaft stattfinden sollte, verflog die Leichtigkeit jedoch sofort.
Das Stadion wirkte wie eine Kathedrale des modernen Sports. Überall prangten riesige Banner der BBA, und Scharen von Kamerateams belagerten bereits die Eingänge.
„Da wären wir“, sagte Lord Eric, während der Wagen vor dem VIP-Eingang zum Stehen kam. Er sah Gou an, sein magentafarbener Blick fest und ermutigend. „Denk daran, was ich gesagt habe, mein Junge. Die Arena mag aus Stahl und Glas bestehen, aber das Spiel gewinnst du mit dem, was du von hier mitgebracht hast.“
Gou stieg aus, rückte seine Handschuhe zurecht und spürte die schwere, aufgeladene Luft des Turniers.
Der VIP-Eingang des Stadions war durch moderne Sicherheitsbarrieren vom Trubel der Fans abgeschirmt, doch im Inneren der Katakomben war die Atmosphäre noch aufgeladener. Die kühlen Betonwände und das grelle Neonlicht bildeten einen harten Kontrast zur warmen, geschichtsträchtigen Geborgenheit von Davies Hall.
Gerade als das Team Japan um die Ecke zum Haupttunnel bog, blockierte ihnen eine Gruppe den Weg. Es waren fünf Jugendliche, deren Kleidung an moderne Londoner Streetwear mit militärischen Akzenten erinnerte – dunkle Parkas mit dem Union-Jack-Emblem der BBA UK auf den Ärmeln.
Ihr Anführer, ein Junge namens Alistair Thorne, trat einen Schritt vor. Er war fast so groß wie Gou, mit messerscharf geschnittenen Gesichtszügen und eisgrauen Augen, die keinerlei Wärme ausstrahlten. Er fixierte Gou mit einer herablassenden Ruhe, während seine Teammitglieder sich mit verschränkten Armen hinter ihm positionierten.
„So, das ist er also“, begann Alistair, seine Stimme war ein kultiviertes, britisches Englisch, das vor Arroganz nur so troff. „Der Erbe des Hiwatari-Imperiums. Ich hatte eigentlich erwartet, dass du mit einer goldenen Sänfte direkt in die Arena getragen wirst, Gou.“
Ryan machte einen aggressiven Schritt nach vorne, doch Gou legte ihm blitzschnell einen Arm in den Weg, ohne den Blick von Alistair abzuwenden.
„Alistair Thorne“, entgegnete Gou ruhig, seine Stimme klang in den hallenden Gängen so präzise wie ein Skalpell. „Kapitän des Teams ‚Royal Knights‘. Aktuelle Siegquote in der europäischen Liga: 89 Prozent. Ein beeindruckender Wert für regionale Verhältnisse, aber statistisch gesehen irrelevant für das Niveau einer Weltmeisterschaft.“
Alistair lachte kurz auf, ein trockenes, freudloses Geräusch. Er blickte an Gou vorbei zu Lord Eric, der ein Stück dahinter mit Graham stand. Eric beobachtete die Szene mit einer unbeweglichen Miene, die Hände lässig auf seinen Gehstock gestützt.
„Ich sehe, du hast deinen Onkel mitgebracht, um die Rechnungen zu bezahlen“, spottete Alistair. „Es heißt, Lord Davies habe euch in seinem alten Museum untergebracht. Ein passender Ort für eine Familie, die so sehr an ihrer glorreichen Vergangenheit klammert, dass sie den Anschluss an die moderne Blade-Technologie verpasst hat.“
„Vorsicht, Thorne“, knurrte Ryan, dessen Geduld nun endgültig am Ende war. „Dieses ‚Museum‘ hat eine Trainingshalle, von der dein ganzer Club nur träumen kann. Und was die Technologie angeht – Gous Blade wird deine Ritter schneller in Schrott verwandeln, als du ‚Teezeit‘ sagen kannst.“
Alistair ignorierte Ryan vollkommen und konzentrierte sich wieder auf Gou. „Die Weltmeisterschaft ist keine Familienzusammenführung, Hiwatari. Hier in London spielen wir nach anderen Regeln. Mein Bit-Beast wird nicht nur deinen Blade zertrümmern, sondern auch die Legende deines Vaters, hinter der du dich versteckst.“
Gou trat einen halben Schritt näher. Die Luft zwischen den beiden Kapitänen schien förmlich zu knistern. „Ich verstecke mich nicht hinter Legenden, Alistair. Ich bin hier, um eine neue Realität zu schaffen. Und was meine Familie betrifft...“ Ein fast unmerkliches, kühles Lächeln umspielte Gous Lippen. „Du solltest nicht den Fehler machen, Höflichkeit mit Schwäche zu verwechseln. Onkel Eric ist nicht hier, um mich zu beschützen. Er ist hier, um Zeuge deines Scheiterns zu werden.“
Lord Eric trat nun langsam aus dem Hintergrund hervor. Seine magentafarbenen Augen leuchteten im Neonlicht gefährlich auf, doch sein Gesicht blieb die Maske eines aristokratischen Gentlemans.
„Mister Thorne“, sagte Eric mit einer Stimme, die so glatt wie Seide und so scharf wie eine Klinge war. „Ich kenne Ihren Vater. Ein ehrenwerter Mann, wenn auch ein wenig... ehrgeizig. Es wäre bedauerlich, wenn Ihr mangelndes Benehmen einen Schatten auf seinen Ruf werfen würde. Wir Davies legen großen Wert auf Gastfreundschaft, aber wir haben wenig Geduld mit schlechter Erziehung.“
Alistair versteifte sich merklich unter dem Blick des Lords. Die Arroganz in seinen Augen wich für einen Moment einer tiefsitzenden Unsicherheit. In England war der Name Davies immer noch ein Synonym für Macht, die weit über das Stadion hinausging.
„Wir sehen uns in der Arena, Hiwatari“, presste Alistair hervor, bevor er seinen Teammitgliedern ein Zeichen gab. Die ‚Royal Knights‘ machten den Weg frei und verschwanden in Richtung der Umkleidekabinen.
Gou sah ihnen kurz nach, dann wandte er sich zu seinem Team. „Die psychologische Komponente der britischen Strategie ist offensichtlich: Provokation zur Destabilisierung. Fallt nicht darauf rein.“
Er blickte zu Eric, der ihm mit einem wissenden Lächeln zunickte. „Gut pariert, Gou. Aber vergiss nicht: Solche Hunde bellen laut, weil sie Angst vor dem Biss haben, den sie nicht berechnen können.“
Gou spürte, wie sein Puls sich wieder normalisierte. Mit neuer Entschlossenheit führte er sein Team weiter zum Herzstück des Stadions: der WM-Arena.
Gou trat als Erster durch das massive Sicherheitstor, das den Zugang zur Hauptarena freigab. Die Dimensionen des Innenraums waren überwältigend; die Ränge stiegen steil empor wie die Wände eines modernen Canyons, doch Gous Augen waren sofort auf das Zentrum fixiert.
Dort, auf einem erhöhten Podest, thronte die riesige WM-Arena. Sie war nicht einfach nur eine gigantische Schüssel, sondern ein technisches Meisterwerk aus Verbundwerkstoffen und tiefschwarzem Titan. Ein leises, fast unhörbares Summen vibrierte in der Luft – das Zeichen, dass die magnetischen Induktoren bereits auf Stand-by geschaltet waren.
„Okay, Team, Scannen der Umgebung“, befahl Gou, während er an den Rand der Arena trat. Er zückte sein Analysegerät, das über ein Kabel mit seinem Blade-Starter verbunden war.
Ryan pfiff durch die Zähne. „Das Ding sieht aus, als könnte es einen direkt in den Orbit schießen. Seiya, spürst du das auch?“
Seiya Miyazaki schloss die Augen und hob eine Hand, als wollte er die Luftströmungen in der riesigen Halle greifen. Seine hellvioletten Augen öffneten sich langsam. „Die Energie hier ist... unruhig. Es ist nicht nur Elektrizität. Die Magnetfelder sind verschachtelt wie ein Labyrinth.“
Gou starrte auf das Display seines Geräts, und seine Brauen zogen sich tiefer zusammen. „Inakzeptabel“, murmelte er.
„Was ist los, Boss?“, fragte Violeta besorgt.
„Das stimmt so nicht...“, erklärte Gou, ohne den Blick vom Display abzuwenden. „Die offiziellen Dokumente der BBA, die uns in Tokio ausgehändigt wurden, basierten auf einer statischen Feldverteilung. Ein Standard-Magnetfeld, auf das wir unser gesamtes Training und unsere Blade-Kalibrierung ausgelegt haben. Aber das hier...“ Er deutete mit einer harschen Geste auf die Arena. „Diese Arena nutzt ein dynamisches Puls-System. Die Magnetfelder ändern ihre Polarität und Stärke im Millisekundenbereich, basierend auf der Rotationsgeschwindigkeit der Blades.“
Er zückte seinen Starter und ließ seinen Test-Blade, einen ungeschliffenen Prototypen ohne Bit-Beast, in die Arena gleiten. Der Blade vollführte eine elegante Kurve, doch plötzlich, als er eine bestimmte Zone passierte, wurde er ruckartig beschleunigt, nur um einen Moment später gegen die Zentrifugalkraft nach innen gerissen zu werden. Mit einem hässlichen metallischen Kreischen flog der Blade aus der Arena und prallte gegen die Sicherheitsbarriere.
„Die Variablen haben sich gerade verdreifacht“, stellte Gou fest, seine Stimme kühler denn je.
„Und das Schlimmste ist: Jemand hat uns diese Information vorenthalten. Weder mein Vater noch das japanische Komitee wurden informiert. Hätten wir das gewusst, hätten wir in Tokio unter völlig anderen Bedingungen trainiert. Wir hätten die Legierung unserer Spitzen und das Gewicht modifizieren müssen.“
„Das ist ja wie Bladen auf einem Trampolin, das gleichzeitig versucht, dich zu fressen“, fluchte Ryan. Er sah zu Alistair Thorne hinüber, der am anderen Ende des Raumes mit seinen Trainern sprach und Gou ein arrogantes, wissendes Grinsen zuwarf.
„Ich werde mit Mr. Dickenson reden müssen“, presste Gou hervor. „Das ist kein technisches Detail, das man übersieht. Das ist Sabotage durch Desinformation. Wenn Alistair und sein Team hier trainiert haben, kennen sie den Rhythmus dieser Pulse. Wir hingegen stehen vor einer Gleichung mit lauter unbekannten Variablen.“
Lord Eric trat neben Gou und betrachtete das Trümmerstück des Test-Blades. „Physik kann grausam sein, wenn man versucht, sie zu kontrollieren, anstatt mit ihr zu fließen, Gou.“
Gou sah seinen Onkel an.
„Kontrolle ist das Einzige, was uns vor dem Scheitern bewahrt, Eric. Aber wie soll ich etwas kontrollieren, dessen Regeln man mir verschwiegen hat?“
Der analytische Teil seines Gehirns arbeitete bereits auf Hochtouren, entwarf neue Algorithmen und Anpassungen für die Spitzen ihrer Blades. Doch in seinem Hinterkopf hallten Erics Worte wider.
„Wir kehren zum Anwesen zurück“, entschied Gou schließlich und packte seine Ausrüstung mit einer fast schon aggressiven Präzision zusammen. „Wir müssen die Gewichtsverteilung von Armadis und Palos modifizieren. Und ich muss meinen eigenen Driver neu kalibrieren. Aber vorallem muss ich mit Mr. Dickenson reden. Wir haben keine Zeit zu verlieren.“
Als sie das Stadion verließen, warf Gou einen letzten Blick zurück auf die schwarze Arena. Sie wirkte jetzt weniger wie ein Sportgerät und mehr wie ein unberechenbarer Gegner. In diesem Moment wurde ihm klar, dass diese Weltmeisterschaft nicht nur sein Talent als Blader fordern würde, sondern alles, was er über die Welt zu wissen glaubte.
Die Nacht über Davies Hall war tief und sternenklar, doch im Westflügel brannte noch Licht. Das unaufhörliche Surren von Metall auf Metall hallte durch den umgebauten Ballsaal. Gou stand allein an der Testarena, die er mit provisorischen Magnetspulen modifiziert hatte, um die Bedingungen des BBA-Future Stadions zu simulieren. Er hatte Mr. Dickenson nicht erreichen können, was die Zeit nur noch knapper machte.
Gous Augen waren leicht gerötet, die Schläfen pochten, und auf seinem Tablet flimmerten endlose Kolonnen von Differentialgleichungen.
„Master Gou.“
Graham stand im Schatten des Eingangs, ein silbernes Tablett mit einer Kanne Tee und zwei Scones in den Händen. Seine Stimme war leise, aber bestimmt.
„Es ist 03:15 Uhr morgens. Selbst Lord Eric, der für seine Ausdauer bekannt ist, würde in diesem Moment zur Ruhe mahnen. Ihr Körper benötigt Erholung, um die kognitive Schärfe aufrechtzuerhalten, die Sie morgen brauchen werden.“
Gou sah nicht auf. Er startete seinen Blade zum hundertsten Mal an diesem Abend.
„Es ergibt keinen Sinn“, zischte er und warf sein Tablet auf den Beistelltisch. „Ohne die exakten Algorithmen der Londoner BBA ist es reines Glücksspiel.“
„Manchmal“, erwiderte Graham, während er den Tee auf einen Beistelltisch stellte, „findet man die Lösung nicht durch Suchen, sondern durch Zulassen. Ihr Vater hat mir einmal gesagt, dass die schwierigsten Kämpfe in der Stille gewonnen werden.“
Gou stieß einen frustrierten Seufzer aus und rieb sich die Augenbrücke. „Ich bin nicht mein Vater. Ich brauche Fakten, Graham. Keine Philosophie.“
„Dann nehmen Sie zumindest den Tee. Als Fakt für Ihren Flüssigkeitshaushalt“, entgegnete der Butler trocken.
Schließlich gab Gou nach. Die Erschöpfung drückte ihn wie ein physisches Gewicht nieder. Er ließ sich auf das schwere Ledersofa in der Ecke der Halle sinken, den Teebecher in der Hand, und schloss nur für einen Moment die Augen.
Der Übergang in den Schlaf war nahtlos.
Plötzlich befand sich Gou nicht mehr in Davies Hall. Er stand in einer unendlichen Leere, die von einem tiefen, oszillierenden Violett durchzogen war. Vor ihm materialisierte sich eine Gestalt aus Schatten und Licht.
Es war Corvus, sein Bit-Beast. In dieser Ebene erschien er nicht als Vogel, sondern in seiner menschlichen Gestalt: ein hochgewachsener Ritter in einer futuristischen, dunkelgrauen, fast schwarzen Rüstung. Das Material schien aus flüssigem Metall zu bestehen, das einen unheimlichen blauen Schimmer verströmte, wann immer die Energie in der Leere pulsierte. Das Visier des Helms war offen und gab den Blick auf Augen frei, die genau wie Gous in einem tiefen Granatrot leuchteten.
„Du suchst nach einem Muster in der Materie, Gou“, erklang die Stimme des Ritters, die wie das Echo von aufeinandertreffenden Klingen in Gous Kopf widerhallte.
„Die Arena... sie ist unberechenbar“, antwortete Gou im Traum.
Corvus trat einen Schritt auf ihn zu. Die blaue Energie auf seiner Rüstung pulsierte im Einklang mit dem Summen der Leere.
„Hör auf zu berechnen, wie du dem Feld ausweichst. Nutze die Induktion deines eigenen Willens, um die Polarität im Moment des Aufpralls umzukehren. Der Blade darf nicht gegen den Puls kämpfen – er muss der Puls sein. So wie immer...“
Gou starrte auf die blaue Aura des Ritters. In diesem Moment begriff er es. Es war kein mathematisches Problem der äußeren Arena, sondern eine Frage der Resonanz zwischen seinem Bit-Beast und dem Feld. Die Lösung lag in der variablen Rotationsfrequenz, die durch die Aura von Corvus gesteuert wurde.
„Synchronisiere deinen Geist mit meinem Kern“, befahl Corvus. „Das Chaos ist nur eine Ordnung, die du noch nicht verstehst.“
Mit einem tiefen Einatmen schreckte Gou hoch. Er saß immer noch auf dem Sofa in Davies Hall. Der Tee war kalt, und die erste Morgendämmerung kroch grau über den Horizont. Graham war verschwunden, hatte ihm aber eine Decke über die Beine gelegt.
Gou sprang auf. Seine Müdigkeit war wie weggeblasen. Er trat an das Terminal und tippte mit fliegenden Fingern eine neue Befehlszeile in das Kontrollprogramm ein.
„Die Resonanzfrequenz...“, murmelte er. „Corvus hatte recht. Es ist kein Widerstand. Es ist Anpassung.“
Er startete seinen Blade. Als er die Arena berührte, geschah das Wunder: Statt weggeschleudert zu werden, schien der Blade die magnetischen Pulse aufzusaugen, leuchtete kurz blau auf und beschleunigte auf eine Geschwindigkeit, die jede bisherige Messung sprengte.
Gou blickte aus dem Fenster in die Morgendämmerung. „Sie dachten, sie könnten uns mit falschen Daten schlagen. Aber sie haben eine Variable vergessen: Die Fähigkeit der Hiwataris, sich über jede Logik hinwegzusetzen.“
Der Countdown läuft...
Der Morgen des Eröffnungstages brach über Davies Hall an, getragen von einer fast greifbaren Elektrizität. Der weiche, englische Nebel klammerte sich noch an die alten Eichen des Anwesens, als Gou bereits im provisorischen Kontrollzentrum im Westflügel stand. Sein Gesicht war bleich, die granatroten Augen fest auf die Monitore gerichtet.
Nach seinem nächtlichen Durchbruch und der Erscheinung von Corvus gab es kein Zurück mehr. Er hatte sofort seine Teammitglieder zusammenrufen lassen.
„Herhören“, sagte Gou, als Ryan, Violeta, Emilia und Seiya wenig später, teils noch schlaftrunken, im Raum erschienen. „Die Daten, die wir ursprüglich aus Tokio hatten, sind wertlos. Die Arena in London arbeitet mit einem dynamischen Puls-System, das unsere bisherigen Einstellungen bei Kontakt einfach zerfetzen würde.“
Ein schockiertes Schweigen breitete sich aus, doch Gou ließ ihnen keine Zeit für Panik. „Ich habe die Lösung. Aber ich brauche eure Blades. Sofort.“
Einer nach dem anderen legten sie ihre Beyblades auf den Arbeitstisch. Ryan wirkte ungewohnt still, während Violeta ihren Palos fast zögerlich losließ. In diesem Moment trat Lord Eric Davies in den Raum. Er trug einen Hausmantel aus schwerer, dunkelblauer Seide, sein silbernes Haar war bereits perfekt liegend.
„Gou hat recht“, sagte Eric mit seiner tiefen, autoritären Stimme. „Ich habe die Spezifikationen der BBA UK heute Morgen diskret prüfen lassen. Es gab... Unstimmigkeiten bei der Informationsweitergabe.“ Sein Blick verfinsterte sich kurz, ein kühler Glanz trat in seine magentafarbenen Augen. „Aber ihr seid in Davies Hall. Im Untergeschoss befindet sich der Hauptrechner des Anwesens – ein System, das direkt mit den Satelliten der Tachiwari-Corporation gekoppelt ist. Gou, du hast meine volle Autorisierung. Nutze die gesamte Rechenpower des Hauses für die Neukalibrierung.“
„Danke, Onkel Eric“, erwiderte Gou knapp und nickte Graham zu, der bereits die Terminals vorbereitete. „Geht frühstücken. In zwei Stunden sind eure Blades bereit für die neue Realität.“
Knapp eine Stunde später hallte das schwere Klopfen des gusseisernen Türklopfers durch die Große Halle. Graham, der die Dringlichkeit in Gous Auftrag erkannt hatte, öffnete die Tür.
Draußen stand Stanley Dickenson. Der Präsident der BBA wirkte für seine Mitte 70 sichtlich mitgenommen. Sein gewohnt freundliches Gesicht war von Stressfalten gezeichnet, die Krempe seines Hutes war leicht feucht vom Morgentau. Doch in seinen Augen blitzte die Vorfreude auf das Turnier am Abend, gemischt mit tiefer Besorgnis.
„Graham, alter Freund“, keuchte Dickenson. „Ich habe Ihre Nachricht erhalten. Ich bin direkt vom Stadion hergekommen, obwohl die Eröffnungsvorbereitungen mich eigentlich an den Schreibtisch fesseln.“
„Master Gou erwartet Sie im Saal des Hauptrechners, Sir“, antwortete Graham förmlich und führte ihn hinein.
Gou saß vor einem Hologramm-Display, das die Wellenbewegungen der Londoner Arena-Magnetfelder zeigte. Er erhob sich nicht, als Dickenson eintrat, sondern deutete direkt auf sein Tablet.
„Mr. Dickenson. Danke, dass Sie gekommen sind. Sehen Sie sich das an.“ Gou schob das Tablet über den massiven Eichentisch. „Links sind die offiziellen Arena-Daten, die Team Japan vor drei Monaten erhalten hat. Rechts sind die Live-Scans, die ich gestern Abend vor Ort gemacht habe. Die Abweichung beträgt 42 Prozent. Bei dieser Intensität wäre ein Blade-Splitter in der ersten Runde unvermeidlich gewesen.“
Dickenson setzte seine Brille auf, und während er die Daten überflog, wich alle Farbe aus seinem Gesicht. „Das... das ist unmöglich“, stammelte er, und eine Welle der Empörung rötete seine Wangen. „Gou, ich versichere dir, ich habe persönlich die Freigabe für alle Datensätze unterschrieben. Jedes Team sollte identische Spezifikationen erhalten haben!“
„Die Realität widerspricht Ihrer Unterschrift, Sir“, sagte Gou kühl.
„Das ist ein Skandal!“, rief Dickenson aus und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich werde sofort eine interne Untersuchung einleiten. Wenn hier Informationen zurückgehalten wurden, um den Heimvorteil der Royal Knights zu sichern, wird das Konsequenzen haben. Ich entschuldige mich aufrichtig bei dir und deinem Team, Gou.“
Er hielt inne und sah besorgt auf die Uhr. „Aber mein Gott... es ist fast Mittag. Die Eröffnung ist heute Abend. Gou, brauchst du die aktuellen, korrekten Algorithmen vom BBA-Server? Ich kann sie autorisieren, aber... für eine Neukalibrierung der Hardware ist es eigentlich bereits zu spät. Das dauert normalerweise Tage im Labor.“
Ein seltenes, fast unsichtbares Lächeln legte sich auf Gous Lippen. Er drehte den Monitor des Hauptrechners von Davies Hall zu Dickenson um. Auf dem Bildschirm liefen fünf Fortschrittsbalken – für Palos, Armadis, Glacius, Ventus und seinen eigenen Corvus.
„Ich brauche Ihre Daten nicht mehr, Mr. Dickenson“, erklärte Gou mit einer Souveränität, die den alten Mann sprachlos machte. „Ich habe den Algorithmus der Arena gestern Nacht durch eine Resonanz-Analyse selbst entschlüsselt. Die Blades meiner Kameraden sind seit einer Stunde an diesen Rechner angeschlossen. Die KI von Davies Hall kalibriert die Bit-Beast-Auren und die mechanischen Driver gerade auf die Millisekunde genau.“
Dickenson starrte auf die fließenden Code-Zeilen. „Du hast... du hast das System im Alleingang geknackt? Und du kalibrierst fünf verschiedene Bit-Beast-Typen gleichzeitig über einen Privatserver?“
„Effizienz ist keine Frage der Zeit, sondern der Logik“, antwortete Gou trocken.
Dickenson atmete tief durch, die Erleichterung stand ihm ins Gesicht geschrieben, gepaart mit purer Bewunderung. „Kai hat mir oft von deinem Verstand erzählt, Gou. Aber das hier... du hast gerade ein Turnier gerettet, das beinahe durch Betrug entschieden worden wäre, bevor es überhaupt begann.“
„Ich habe lediglich die Variablen korrigiert“, stellte Gou fest. „Wir werden heute Abend bereit sein. Und ich hoffe, dass die Royal Knights auf mehr als nur Desinformation gesetzt haben. Denn gegen das, was ich gerade programmiert habe, gibt es keine statistische Verteidigung.“
Lord Eric, der im Türrahmen gestanden und gelauscht hatte, trat vor und legte Dickenson eine Hand auf die Schulter. „Kommen Sie, Stanley. Trinken wir einen Sherry. Mein Großneffe hat die Situation unter Kontrolle. Wir sollten uns darauf konzentrieren, wer in Ihrer Organisation diese ‚Fehler‘ zu verantworten hat.“
Als die Männer den Raum verließen, blickte Gou zurück auf die rotierenden Blades in den Induktionskammern. Er spürte die Hitze, die von den High-Tec Kreiseln ausging – und die kühle Gewissheit in seinem Inneren.
„Heute Abend, Alistair“, murmelte er leise. „Heute Abend lernst du den Unterschied zwischen einem Lord und einem Hiwatari.“
Einige Stunden später weit weg in Japan....
Der nächste Morgen im Ayame-Anwesen fühlte sich an wie die Ruhe nach dem Sturm – zumindest bis die ersten Gäste eintrafen. Das prachtvolle Anwesen am Rande von Tokio strahlte in der hellen Vormittagssonne, während die Vorbereitungen für das Ereignis des Jahres auf Hochtouren liefen. Da die Eröffnung der Weltmeisterschaft in London am Abend stattfand, versammelte sich die gesamte Familie und der engste Freundeskreis im großen Salon, um den Auftakt gemeinsam live im Fernsehen zu verfolgen.
Es war eine seltene Zusammenkunft. Tyson und Hilary waren zusammen mit Makoto und der kleinen Hina gekommen; die Atmosphäre zwischen den alten Rivalen war über die Jahre gereift, doch der Kampfgeist loderte noch immer. Lumina und Tala waren aus ihrem Penthouse in Shinjuku angereist, Lumina so strahlend wie eh und je, während Tala mit seiner gewohnt kühlen, attraktiven Aura neben ihr saß. Auch Hana, Vladimir und die kleine Lilia mit ihren Schwestern Akari und Mirai hatten sich dazugesellt, was den Raum mit einer fast schon greifbaren Energie füllte.
Nami bewegte sich mit einer fast tänzerischen Eleganz durch den Raum, verteilte Gebäck und Tee, doch wer sie gut kannte, bemerkte das verräterische Zittern in ihren Knien und den leicht verlangsamten Schritt. Ihr Haar floss wie flüssiges Silber über ihren Rücken, und ihre ozeanfarbenen Augen leuchteten in einem Glanz, der nichts mit dem Tageslicht zu tun hatte.
Hilary nutzte den Moment, als Kai kurz mit Tyson in eine fachliche Diskussion über die neuen Beyblade-Modelle vertieft war. Sie zog Nami in eine Ecke der Anrichte, während Lumina sich mit einem vielsagenden Grinsen dazugesellte.
„Na, meine Liebe?“, flüsterte Hilary und rührte mit gespielter Beiläufigkeit in ihrem Tee. Ihr Blick wanderte vielsagend zu Namis Beinen. „Dein kleiner Rachefeldzug von gestern... die Sache mit dem Indoor-Spielplatz. Hat er die gewünschte Wirkung gezeigt? Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht kein Auge zugetan – und als hättest du jede Sekunde davon genossen.“
Lumina kicherte leise hinter ihrer Hand und neigte den Kopf. „Oh, Hilary, schau sie dir doch an. Nami strahlt so hell, dass sie fast das elektrische Licht ersetzt. Ich wette, Kai war gestern Abend absolut unerbittlich, nachdem du ihn so gereizt hast.“
Nami spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. „Pst! Seid leise“, zischte sie, während sie verzweifelt versuchte, ihre Haltung zu bewahren. „Er ist immer noch geladen. Er hat mich gestern Abend daran erinnert, wer in diesem Haus das letzte Wort hat. Es war... intensiv. Aber ich werde kein Wort mehr verraten, hier hören viel zu viele Ohren zu.“
Doch die Warnung kam zu spät. Die Zwillinge, Ayumi und Ren, stürmten in den Salon, gefolgt von der kleinen Sayuri, die fröhlich an ihrem Kakao nippte. Ayumi blieb mitten im Raum stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah ihre Eltern mit einem Blick an, der so vielsagend war, dass selbst Tyson das Gespräch unterbrach.
„Also, eines steht fest“, verkündete Ren lautstark, während er sich ein Croissant schnappte. „Wenn ihr demnächst nochmal vorhabt, das Badezimmer oder das gesamte Erdgeschoss abzureißen, übernachten wir bei Großvater Hiro.“
Ein kollektives Stocken ging durch die Runde. Kai, der gerade an seinem Kaffee nippte, versteifte sich merklich, während sein Blick zu seinen Kindern glitt.
Ayumi nickte heftig und holte zwei zerknitterte, gelbe Schaumstoff-Oropax aus ihrer Tasche. „Ganz genau! Diese Dinger hier waren völlig nutzlos. Ich weiß nicht, was ihr gestern Abend getrieben habt, aber es hat sich angehört, als würde das Fundament des Hauses nachgeben.“ Sie wandte sich direkt an Nami, ihre petrolfarbenen Augen funkelten vor kindlicher Entrüstung. „Und Mama? Deine Schreie... ganz ehrlich, zeitweise haben die sich angehört wie aus einem Horrorfilm! Wir dachten erst, Papa bringt dich um, aber dann wurde es einfach nur... laut.“
Stille. Eine so tiefe und peinliche Stille legte sich über den luxuriösen Salon, dass man das Ticken der Standuhr hören konnte.
Tyson ließ fast seinen Löffel fallen. Seine Augen weiteten sich, und dann brach ein dreckiges, schadenfrohes Lachen aus ihm heraus. „Ein Horrorfilm, was? Mensch Kai! Ich wusste ja, dass du keine halben Sachen machst, aber dass die Kinder denken, das Anwesen wird dem Erdboden gleichgemacht... Respekt, Kumpel!“
Tala unterdrückte ein Schmunzeln, während Vladimir sich diskret räusperte und an die Decke starrte. Hilary und Lumina bogen sich vor Lachen, während Nami am liebsten im Boden versunken wäre. Ihr Gesicht hatte mittlerweile einen tiefroten Ton angenommen, der perfekt zu Kais Augen passte.
Kai hingegen setzte seine unnahbare Maske auf, doch das gefährliche Glimmen in seinem Blick verriet, dass er sich innerlich köstlich amüsierte. Er sah zu Nami hinüber, ein dunkles, besitzergreifendes Schmunzeln auf den Lippen. „Ich denke“, sagte er mit seiner tiefen, kühlen Stimme, „dass die Kinder heute Abend eine extra frühe Bettzeit haben werden.“
„Bloß nicht!“, rief Ren entsetzt, während Makoto versuchte, die Situation zu retten, indem er auf den riesigen Flachbildschirm deutete.
„Leute, schaut! Es geht los!“, rief er dazwischen.
Das Logo der Weltmeisterschaft flackerte auf dem Bildschirm auf, die Fanfaren ertönten, und die Aufmerksamkeit verlagerte sich schlagartig auf die Live-Übertragung aus London. Die gesamte Familie versammelte sich vor dem Fernseher, das peinliche Geständnis der Zwillinge wurde vorerst vom Jubel der Menge im Stadion überdeckt.
Gou würde bald seinen großen Auftritt haben, und trotz der nächtlichen Turbulenzen war der Stolz in diesem Raum nun fast so greifbar wie die verbliebene Hitze zwischen Kai und Nami.
Die Anspannung im Salon war fast greifbar. Alle Augen klebten an dem riesigen Flachbildschirm, der die luxuriöse Einrichtung des Ayame-Anwesens in ein flackerndes Licht tauchte. Doch statt der erwarteten Arena in London erschien zunächst das vertraute Gesicht von Mr. Dickenson. Der betagte Vorsitzende der BBA wirkte in seinem dunklen Anzug wie eh und je – gütig, enthusiastisch und mit diesem unerschütterlichen Funkeln in den Augen.
„Ein herzlicher Gruß an alle Beyblade-Fans im fernen Japan!“, dröhnte seine Stimme durch die hochwertigen Lautsprecher. „Wir stehen hier kurz vor dem größten Spektakel der Geschichte. Die Qualifikationsrunden waren hart, die Teams sind bereit. In etwa zwanzig Minuten beginnt die Eröffnungszeremonie, die die Welt in Atem halten wird!“
„Zwanzig Minuten?!“, stöhnte Ren frustriert auf und warf sich mit dem Rücken gegen die Polster des schweren Samtsofas. „Ich will Gou sehen! Jetzt!“
„Geduld, Kleiner“, brummte Tyson und schob sich ein weiteres Stück Gebäck in den Mund. „Die Großen lassen sich immer ein bisschen bitten. Das ist Showgeschäft.“
Um die Wartezeit zu überbrücken, schaltete der Sender auf eine lokale Nachrichtensendung um. Die Kinder seufzten kollektiv genervt auf, als Berichte über die Aktienkurse und das Wetter in Hokkaido eingeblendet wurden. Sayuri kuschelte sich an Kais Bein, während Ayumi mit ihren Oropax spielte und immer noch skeptische Blicke in Richtung ihrer Eltern warf.
Doch plötzlich änderte sich der Ton der Sendung. Die beschwingte Titelmelodie der Rubrik
„Tokio Celebrity“ ertönte.
„Und nun zu unserem täglichen Blick auf die Elite unserer Stadt“, moderierte eine junge Frau mit perfekt sitzendem Bob und einem breiten Zahnpasta-Lächeln. „Gestern Nachmittag erreichten uns kuriose Aufnahmen aus einem eher... ungewöhnlichen Ort für die High Society. Ein Zuschauer-Schnappschuss geht derzeit in den sozialen Netzwerken viral.“
Auf dem Bildschirm erschien ein großformatiges Foto, das offensichtlich mit einer Handykamera in einem hell erleuchteten, bunten Raum aufgenommen worden war.
„Was ist das denn?“, fragte Hilary und kniff die Augen zusammen.
Das Bild zeigte den Imbissbereich der ‚Kids-Adventure-World‘. Im Zentrum des Fotos standen zwei Männer, die wie dunkle Monolithen aus dem Meer von Neonorange und Pommestüten herausstachen. Einer von ihnen, unverkennbar Vladimir, stand mit nacktem, perfekt definiertem Oberkörper da, das nasse Shirt lässig über die Schulter geworfen. Direkt daneben stand Kai, die Arme verschränkt, sein schwarzes T-Shirt so eng, dass jede Muskelfaser seiner Brust und seiner Arme unter dem Stoff hervortrat. Sein Blick war so eisig und arrogant, dass er selbst auf dem grobkörnigen Handyfoto eine fast physische Wirkung hatte.
„Wie es aussieht“, kommentierte die Moderatorin amüsiert, „haben sich die Herren der Tachiwari-Corporation und des Severnaya Energie Konzerns gestern ein ganz besonderes Workout gegönnt. Die Damenwelt im Indoor-Park scheint jedenfalls kurzzeitig den Atem angehalten zu haben.“
Im Salon des Ayame-Anwesens herrschte für drei Sekunden absolute, fassungslose Stille. Dann explodierte der Raum förmlich.
Tyson prustete seinen Tee direkt über den Couchtisch und krümmte sich vor Lachen. „DAS GIBT’S DOCH NICHT!“, brüllte er zwischen zwei Hustenanfällen. „Kai! Vladimir! Ihr seid im Klatschfernsehen, weil ihr halbnackt zwischen Hüpfburgen posiert! Oh Gott, mein Bauch tut weh!“
Lumina und Hana hielten sich die Bäuche vor Lachen, während Hilary fassungslos auf den Bildschirm starrte. „Nami... dein Plan war besser, als wir dachten. Ihr seid die neuen Sexsymbole der Krabbelgruppen-Mütter von Tokio!“
Vladimir schloss die Augen und rieb sich die Nasenwurzel, ein resigniertes Seufzen entrann seiner Kehle. „Ich wusste es. Ich wusste, dass dieses klebrige Shirt Konsequenzen haben würde.“
Kai saß unbeweglich da. Sein Blick war starr auf das Foto gerichtet, und ein gefährlicher Muskel in seinem Kiefer zuckte. Er sah aus, als würde er am liebsten eigenhändig in den Fernseher greifen und das Studio der Sendung dem Erdboden gleichmachen.
Sayuri hingegen klatschte begeistert in die Hände. „Schau mal, Papa! Du bist im Fernsehen! Und Onkel Vladimir sieht wirklich lustig aus!“
„Mama?“, fragte Ayumi leise und sah zu Nami, die zwischen peinlicher Berührtheit und unterdrücktem Kichern schwankte. „Warum sieht Papa auf dem Foto so aus, als würde er gleich jemanden fressen wollen?“
„Weil er das wahrscheinlich auch wollte, Schatz“, erwiderte Nami und warf Kai einen vielsagenden Blick zu. Das dunkle Glimmen in seinen roten Augen verriet ihr, dass er diese zusätzliche Demütigung heute Nacht zweifellos an ihr auslassen würde – und ein wohliger Schauer lief ihr trotz der vielen Zuschauer über den Rücken.
Tyson kriegte sich kaum wieder ein. Er schlug sich auf die Schenkel und deutete immer wieder mit dem Finger auf den eingefrorenen Kai im Fernsehen. „Schaut euch diesen Blick an! Wenn Blicke töten könnten, wäre das Handy der armen Frau, die das geknipst hat, vermutlich geschmolzen! Kai Hiwatari, das neue Covermodel für 'Väter in Nöten'!“
Kai reagierte mit einer fast schon unheimlichen Ruhe. Er löste langsam die verschränkten Arme und griff nach seiner Espressotasse. Das leise Klirren des Porzellans war das einzige Geräusch, das kurzzeitig Tysons Lachen übertönte. „Tyson“, sagte Kai, seine Stimme so tief und gefährlich leise wie ein herannahendes Gewitter, „wenn du nicht willst, dass dein nächstes Training im Krankenhaus stattfindet, schlage ich vor, du schließt deinen Mund und konzentrierst dich auf den Bildschirm.“
Vladimir hingegen versuchte die Situation mit stoischer Gelassenheit zu retten. Er legte einen Arm um Hana und zuckte die Schultern. „Wenigstens war die Beleuchtung gut“, murmelte er trocken, was Hana dazu brachte, ihren Kopf lachend an seine Schulter zu lehnen.
Doch das Gelächter verstummte augenblicklich, als das Bild im Fernsehen wechselte. Die bunte Welt der Tokio-Promis wich dem majestätischen Anblick der Londoner Arena. Die Kamera schwenkte aus der Vogelperspektive über die Themse, direkt auf das hell erleuchtete Stadion zu. Die Fanfaren der BBA ertönten mit einer Wucht, die die Fensterscheiben des Salons erzittern ließ.
„Es geht los!“, rief Makoto und rutschte ganz nach vorne an die Kante seines Sessels.
Die Eröffnungszeremonie begann mit einer spektakulären Lichtshow. Tausende Drohnen stiegen in den Nachthimmel von London auf und formten die Umrisse eines riesigen Beyblades. Dann dröhnte die Stimme des Ansagers durch die Arena: „Willkommen zur Weltmeisterschaft! Begrüßen wir nun die Elite der nächsten Generation!“
Nami spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie rückte näher an Kai heran, der ihre Hand mit einem festen, fast schon besitzergreifenden Griff umschloss. Sein Blick war nun nicht mehr kühl oder genervt; er war absolut fokussiert.
„Zuerst stellen wir die Teams vor, die sich durch die harten regionalen Qualifikationen gekämpft haben“, schrie der Moderator gegen den Jubel von zehntausenden Zuschauern an.
Nacheinander wurden die Teams auf riesigen Leinwänden eingeblendet. Dann kam der Moment, auf den sie alle gewartet hatten.
„Und hier ist eines der meistdiskutierten Teams dieses Jahres... Angeführt von einem Namen, der Geschichte geschrieben hat! Aus Japan: Team B-Revolution!“
Der Bildschirm teilte sich. In der Mitte sah man das offizielle Teamfoto. Gou stand in der Mitte. Mit fünfzehn Jahren wirkte er bereits erschreckend souverän und reif. Er trug die traditionellen Farben seines Vaters, kombiniert mit einem modernen, sportlichen Schnitt. Seine Haltung war perfekt – aufrecht, die Arme verschränkt, die granatroten Augen blickten mit einer solchen Intensität in die Kamera, dass Hilary unwillkürlich flüsterte: „Ganz der Vater... Wahnsinn.“
Um ihn herum waren seine Teammitglieder gruppiert:
Die 14-jährige hübsche Violeta aus Polen mit ihrem feurigen Blick, die zierliche aber furchtlose Emilia aus Australien, der arrogante Ryan aus den USA, der kühl an die Kamera gelehnt war, und schließlich Seiya, der mit seinem fast schon mystischen, violetten Blick Ruhe ausstrahlte.
„Schau mal, Sayuri! Da ist Gou!“, rief Ren begeistert und zeigte auf den Fernseher. Sayuri sprang auf und klatschte in die Hände. „Gou! Gou! Mach sie alle fertig!“
Nami beobachtete ihren Sohn genau. Sie sah die kleine Narbe an seinem Kinn, die er sich beim Training als kleines Kind geholt hatte, und das feine Zittern seiner Finger, das nur eine Mutter bemerken würde – nicht aus Angst, sondern vor purer, unterdrückter Vorfreude auf den Kampf.
Kai drückte Namis Hand ein wenig fester. „Er ist bereit“, sagte er leise, nur für sie hörbar. „Er hat mehr von deiner Leidenschaft in sich, als er zugibt. Er wird dieses Stadion zum Kochen bringen.“
In diesem Moment schwenkte die Kamera live in den Tunnel, wo die Teams bereitstanden, um in die Arena einzulaufen. Gou war in einer kurzen Nahaufnahme zu sehen. Er schloss kurz die Augen, atmete tief durch und man konnte fast spüren, wie die Aura seines Bit Beasts in seiner Seele pulsierte.
Das dröhnende Orchester im Stadion von London schwoll zu einem triumphalen Crescendo an, während das Blitzlichtgewitter von tausenden Kameras die Arena in ein unnatürliches, flackerndes Weiß tauchte. Im Salon des Ayame-Anwesens war es totenstill geworden. Sogar Tyson hielt den Atem an, während die Drohnen am Himmel nun die Flaggen der teilnehmenden Nationen formten.
„Damen und Herren“, schallte die Stimme des Kommentators über die Lautsprecher, „begrüßen wir die Gladiatoren der Neuzeit! Den Anfang macht das Gastgeberland! Hier sind sie, die Verteidiger der Krone – die Royal Knights aus Großbritannien!“
Die Menge tobte, als das britische Team das Stadion betrat. Angeführt von einem hochgewachsenen Jungen mit aristokratischer Haltung, schritten sie im Gleichschritt über den grünen Rasen.
„Angeführt vom jungen Alistair Thorne, dem Sohn des legendären Robert aus dem Hause Majestics“, erklärte der Sprecher fachkundig. „Ein Team, das Disziplin und Tradition atmet.“
„Schau dir die Haltung an“, murmelte Vladimir und neigte den Kopf kritisch. „Sieht fast so aus wie bei deinem Vater, Nami.“
Nami nickte abwesend, ihre Augen jedoch fixiert auf den Tunnel, in dem sie Gous Silhouette vermutete.
Als nächstes folgten die New White Tigers aus China, die mit akrobatischen Einlagen und wehenden Landesfahnen die Arena stürmten.
„Ein Team, das für seine Schnelligkeit und Instinkte bekannt ist“, kommentierte der Sprecher weiter. „Angeführt von Fang, der die Nachfolge von Ray Kon antritt. Sie bringen die Wildheit der Berge direkt in das Herz von London!“
Direkt im Anschluss vibrierte die Luft förmlich, als das US-Team, die Star-Blazers, einlief. Sie wirkten weniger wie Sportler und mehr wie Rockstars, warfen Kappen ins Publikum und präsentierten sich mit einer Selbstsicherheit, die fast schon an Arroganz grenzte.
„Ein Team voller High-Tech-Wizards“, so der Kommentator. „Sie setzen auf Daten und pure Kraft.“
Und dann veränderte sich die Atmosphäre. Die Musik wechselte zu einem tieferen, rhythmischen Trommelschlag, der durch Mark und Bein ging.
„Und nun... machen Sie Platz für das Team, auf das die Fachwelt seit Monaten gespannt wartet! Die Erben der größten Dynastie, die dieser Sport je gesehen hat! Aus dem Land der aufgehenden Sonne: Team B-Revolution!“
Gou trat aus dem Schatten des Tunnels ins gleißende Scheinwerferlicht. Er trug die japanische Flagge mit einer solchen Selbstverständlichkeit, als wäre sie ein Teil von ihm. Hinter ihm folgten Violeta, Emilia, Ryan und Seiya, jeder einzelne von ihnen ein Spezialist auf seinem Gebiet, doch Gou war der unbestreitbare Mittelpunkt.
„Sehen Sie sich diesen jungen Mann an“, schwärmte der Sprecher, während die Kamera in eine extreme Nahaufnahme von Gous Gesicht wechselte. „Gou Hiwatari. Fünfzehn Jahre alt, Sohn des legendären Champions Kai Hiwatari. Er trägt nicht nur eine Flagge, er trägt das Erbe eines Giganten auf seinen Schultern. Man sagt, sein Blick könne den Gegner einfrieren, noch bevor der erste Bit-Beast-Aufruf erfolgt.“
Im Salon quiekte Sayuri auf und deutete mit dem Finger fast gegen die Mattscheibe. „Gou! Guck mal, Mama, er lacht gar nicht! Er guckt wie Papa!“
Ein leises Kichern ging durch die Runde, doch Nami spürte, wie ihr eine Träne der Rührung über die Wange lief. Gou wirkte im Fernsehen so erwachsen, so entrückt. Er hob kurz die freie Hand und grüßte das Publikum mit einer knappen, aber respektvollen Geste, die exakt jene kühle Eleganz besaß, die Kai im Tachiwari-Tower an den Tag legte.
„Die Kommentatoren übertreiben wie immer“, brummte Kai, doch Nami sah, wie er sich ein wenig gerader hinsetzte. Sein Blick war starr auf seinen Sohn gerichtet. In diesem Moment war er kein kühler CEO, sondern ein Vater, der seinen eigenen Stolz in den Augen seines Erstgeborenen gespiegelt sah.
„Violeta sieht toll aus“, bemerkte Hilary und deutete auf das polnische Mädchen an Gous Seite. „Sie hat dieses Feuer, das man braucht, um neben einem Hiwatari zu bestehen.“
„Und Seiya...“, fügte Lumina hinzu, „er wirkt so ruhig. Wie der Fels in der Brandung, wenn es bei den anderen hitzig wird.“
Die Eröffnungszeremonie entfaltete sich zu einem wahrhaft globalen Spektakel, das weit über die erste Euphorie hinausging. Fast eine halbe Stunde lang verwandelte sich die Arena in London in ein buntes Mosaik aus Nationalfarben und kulturellen Darbietungen, während ein Team nach dem anderen durch das riesige Rund schritt.
Im Salon des Anwesens war die erste große Aufregung einer konzentrierten Beobachtung gewichen. Die Kinder saßen mittlerweile mit angezogenen Beinen auf den Polstern, während die Erwachsenen die Konkurrenz genau unter die Lupe nahmen.
„Das dauert ja ewig“, murmelte Ren und balancierte ein Kissen auf seinem Kopf. „Wie viele Länder gibt es denn eigentlich?“
„Geduld, Kleiner“, erwiderte Tala mit seiner gewohnt ruhigen, tiefen Stimme. Er beobachtete gerade das Einlaufen des deutschen Teams, der Schwarzen Ritter. „Die Deutschen haben ihre Technik im Vergleich zum letzten Jahr massiv verbessert. Seht euch die Gravur an ihren Starter-Gürteln an. Das ist Präzisionsarbeit aus dem Schwarzwald.“
Die Kommentatoren überschlugen sich förmlich, während die Teams aus Frankreich – die Eiffel-Strikers – mit einer fast schon arroganten Leichtigkeit einliefen. Danach folgte die Elfenbeinküste, deren Team unter ohrenbetäubendem Jubel und zu rhythmischen Trommelklängen die Arena betrat.
„Ein faszinierender Kontrast“, bemerkte der Sprecher im Fernsehen. „Wir sehen hier die geballte Vielfalt. Von den hochtechnisierten Teams aus Europa bis hin zu den instinktgetriebenen Kämpfern aus Afrika. Diese Weltmeisterschaft wird alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen!“
Nami beobachtete, wie die Teams sich schließlich in einer gewaltigen Sternformation in der Mitte des Stadions aufstellten. Es war ein beeindruckendes Bild: hunderte der besten Blader der Welt, die alle dasselbe Ziel hatten. Inmitten dieser Masse stach die japanische Delegation rund um Gou immer wieder hervor, wenn die Kamera über die Reihen schwenkte.
„Schau mal, Papa“, flüsterte Sayuri und deutete auf den Bildschirm. „Gou steht ganz still. Er bewegt sich gar nicht.“
Kai nickte kaum merklich. Er kannte diesen Zustand. Es war die totale Fokussierung, das Ausblenden der zehntausenden schreienden Menschen, der Lichter und des Lärms. Gou war in diesem Moment eins mit seinem Bit Beast, das tief in seiner Seele darauf wartete, entfesselt zu werden.
„Er spart seine Energie“, erklärte Kai leise. „Die Zeremonie ist für die Zuschauer. Für die Blader ist sie die letzte Prüfung der Geduld, bevor das Metall auf den Beystadium-Boden trifft.“
Nachdem auch die kleinsten Inselstaaten eingelaufen waren, trat schließlich der amtierende Champion auf das Podest, um den offiziellen Eid der Weltmeisterschaft zu sprechen. Die Atmosphäre war elektrisierend.
Hilary sah zu Nami rüber und bemerkte, wie fest sie Kais Hand hielt. „Es geht wirklich los, oder? Alles, was wir damals aufgebaut haben... sie führen es jetzt weiter.“
Nami lächelte, ein weiches, stolzes Lächeln, während sie das Zittern in ihren Beinen – das nun nicht mehr nur von Kais gestriger Leidenschaft, sondern von reiner Vorfreude herrührte – unterdrückte. „Es ist ihre Zeit, Hilary. Und Gou wird ihnen zeigen, was es bedeutet, ein Hiwatari zu sein.“
Endlich erloschen die Lichter im Stadion für einen dramatischen Moment, bevor ein einzelner Scheinwerfer auf die Mitte der Arena fiel, wo die erste Kampfpaarung auf den riesigen Monitoren ausgelost werden sollte.
„Damen und Herren!“, brüllte der Ansager. „Die Zeit der Worte ist vorbei! Lassen wir die Beyblades sprechen."
Das Kribbeln in Namis Körper, das noch von der letzten Nacht herrührte, vermischte sich nun mit der elektrisierenden Spannung des Turniers. „Er wird sie alle überraschen, Kai“, sagte sie leise.
Kai sah sie an, und für einen Moment war da kein Platz für Beyblade oder Weltmeisterschaften. Er sah nur seine Frau, die Mutter seines Sohnes, und das strahlende Licht, das sie in sein Leben gebracht hatte. „Das hat er schon längst getan, Nami“, erwiderte er heiser.
Erbe gegen Erbe
Nach dem feierlichen Eid des amtierenden Champions verwandelte sich die Arena in ein Meer aus Lichtern. Die monumentale Zeremonie neigte sich ihrem Ende zu, und die Teams begannen, in geordneten Reihen das Spielfeld zu verlassen. Es war ein beeindruckendes Schauspiel, wie die Flaggenträger ihre Nationen ein letztes Mal präsentierten, bevor sie in der Dunkelheit der gewaltigen Spielertunnel verschwanden.
Im Anwesen in Tokio rutschten die Kinder unruhig auf ihren Plätzen hin und her. „Jetzt kommen die Katakomben“, murmelte Tyson fachmännisch. „Ab jetzt zählt nur noch die Psyche. Die Stille vor dem Sturm.“
Die Kameras fingen kurze Sequenzen aus den Korridoren ein. Man sah Gou, wie er an der Spitze seines Teams mit unbewegter Miene durch die Betonflure schritt. Er würdigte die Kameras keines Blickes, während Ryan hinter ihm bereits nervös an seinem Starter-Handschuh nestelte. Sie wurden in ihren persönlichen Warteraum geführt – eine schalldichte High-Tech-Kabine, in der sie nun auf das Urteil des Zufallsgenerators warten mussten.
„Bitte lass es Japan sein“, flüsterte Nami und presste ihre Hände zusammen. „Lass ihn den Druck direkt loswerden.“
Auf dem riesigen Bildschirm im Stadion begannen zwei digitale Walzen zu rotieren. Ein hektisches Flackern von Nationalflaggen raste über die Monitore, begleitet von einem rhythmischen Pochen, das wie ein Herzschlag durch die Lautsprecher dröhnte. Dann blieb die erste Walze mit einem metallischen Knallen stehen.
FRANKREICH
„Die Eiffel-Strikers“, stellte Tala fest. „Ein technisch versiertes Team.“
Die zweite Walze verlangsamte sich. Das japanische Logo mit dem stilisierten Beyblade blitzte kurz auf, rutschte jedoch weiter.
ELFENBEINKÜSTE
Ein Raunen ging durch den Salon. „Nicht Gou“, stellte Ren enttäuscht fest und ließ die Schultern hängen. „Warum dürfen die zuerst?“
„Das Round-Robin-System ist unberechenbar“, erklärte Kai ruhig, auch wenn seine Augen messerscharf das Geschehen verfolgten. „Aber seht euch das nächste Match an.“
Der Generator startete erneut, um die zweite Paarung des Abends festzulegen. Diesmal stoppte die Walze fast augenblicklich.
GROSSBRITANNIEN
Gegen...
JAPAN
„Da ist es!“, rief Makoto aus und sprang fast vom Sessel. „Gou gegen Alistair Thorne! Das ist das Duell der Giganten gleich zu Beginn!“
Im Fernsehen wurde nun das erste Match angekündigt. Eine zierliche junge Frau aus dem französischen Team, deren Haar zu einem strengen Zopf gebunden war, trat an den Rand der Arena. Ihr gegenüber stand ein bulliger junger Mann von der Elfenbeinküste, dessen Armmuskeln unter seinem Tanktop spielten.
„Der Kontrast könnte nicht größer sein“, kommentierte der Sprecher, während die beiden ihre Positionen am Rand des gewaltigen Beystadiums einnahmen. „Die französische Finesse gegen die rohe Urkraft der Elfenbeinküste. Ein würdiger Opener!“
Doch im Ayame-Anwesen war die Aufmerksamkeit bereits gespalten. Während im Hintergrund die ersten Funken im Stadion sprühten und die Metallkreisel aufeinanderschlugen, hingen alle in Gedanken bei dem, was danach kommen würde. Nami spürte, wie ihr Herz raste. Sie wusste, dass Gou in diesem Moment in London die Nachricht über seinen Gegner erhalten hatte. Alistair Thorne. Der Junge, dessen Vater einst Kais Rivale war.
„Alistair hat den Heimvorteil“, murmelte Hana besorgt. „Die ganze Arena wird für ihn brüllen.“
Kai legte seinen Arm fest um Namis Schultern und zog sie ein Stück näher an sich. Sein Blick war auf die kleine Einblendung in der Ecke des Bildschirms fixiert, die Gous Gesicht im Warteraum zeigte. Er wirkte nicht nervös. Er wirkte wie ein Raubtier, das geduldig darauf wartete, dass der Käfig geöffnet wurde.
„Lass sie brüllen“, sagte Kai mit einer dunklen, stolzen Gewissheit. „Gou braucht keine Fans. Er hat Corvus. Und er hat die Wahrheit über diese Arena auf seiner Seite.“
Das rhythmische Klirren der Beyblades und das ferne Jubeln aus dem Fernseher wurden leiser, als Nami den Salon verließ. Die Anspannung im Raum war ihr für einen Moment zu viel geworden – nicht wegen des ersten Kampfes, sondern wegen der schieren Wucht der Realität, die ihr beim Anblick ihres Sohnes auf dem Bildschirm bewusst geworden war.
In der weitläufigen, modern ausgestatteten Küche des Anwesens herrschte eine kühle Stille. Das gedämpfte Licht der Vormittagssonne fiel auf die Arbeitsplatten aus dunklem Stein. Nami bewegte sich fast mechanisch; sie holte die handgetöpferte Schale hervor, siebte das leuchtend grüne Matcha-Pulver hinein und setzte den Kessel auf. Ihre Bewegungen waren präzise, doch ihr Blick wirkte abwesend, als würde sie durch die Wände des Hauses hindurch bis nach London sehen.
Sie hörte seine Schritte nicht. Kai bewegte sich seit jeher wie ein Schatten, doch seine Präsenz kündigte sich immer durch eine Veränderung der Luft an – eine plötzliche Schwere, eine vertraute Wärme.
Er blieb im Türrahmen stehen und beobachtete sie. Er sah das leichte Zittern ihrer Finger, während sie den Bambusbesen hielt, und hörte das leise, fast unhörbare Seufzen, das über ihre Lippen kam. In diesem Moment wirkte sie zerbrechlich, weit weg von der stolzen Mutter und der provokanten Ehefrau der letzten Nacht.
„Der erste Kampf wird nicht lange dauern“, erklang sein tiefes, angenehmes Timbre in der Stille der Küche.
Nami zuckte leicht zusammen und hob den Kopf. Bevor sie sich jedoch ganz umdrehen konnte, spürte sie bereits seinen Körper an ihrem Rücken. Kai umschloss ihre Taille von hinten mit seinen starken Armen und zog sie fest gegen seine Brust. Er senkte den Kopf und vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge, wobei sein heißer Atem ihre Haut kitzelte und einen Schauer über ihren Rücken jagte.
Nami ließ den Bambusbesen los und lehnte ihren Kopf zurück an seine Schulter. Sie schloss die Augen und genoss die Sicherheit, die nur er ihr geben konnte.
„Es ist Gou, oder?“, raunte er gegen ihre Haut.
„Es ist alles zusammen, Kai“, flüsterte sie und legte ihre Hände auf seine, die fest um ihre Mitte verschlungen waren. „Wenn ich ihn dort sehe... so souverän, so unnahbar. Er wirkt nicht mehr wie mein kleiner Junge, der sich im Garten die Knie aufschlägt. Er wirkt wie ein Mann, der bereit ist, die Welt aus den Angeln zu heben.“
Sie drehte sich in seinem Griff ein Stück zu ihm um, die ozeanblauen Augen voller Melancholie. „Die Zeit vergeht viel zu schnell. Gestern war er noch ein Kind, und heute... heute steht er dort und führt ein Team an, als hätte er nie etwas anderes getan. Es macht mich so stolz, dass es fast weh tut, aber gleichzeitig... macht es mich traurig. Wo sind die Jahre geblieben?“
Kai sah ihr tief in die Augen. Die kühle Maske, die er im Salon vor den anderen getragen hatte, war hier, in der Intimität ihrer Küche, vollkommen verschwunden. Er strich mit dem Daumen über ihre Wange, eine Geste von solcher Zärtlichkeit, die er nur ihr gegenüber zeigte.
„Die Jahre sind nicht weg, Nami. Sie stecken in ihm“, sagte er ruhig. „Er ist das Ergebnis von allem, was wir ihm gegeben haben. Dein Feuer und meine Disziplin. Dass er dort so steht, ist dein Verdienst. Du hast ihm beigebracht, dass man nicht nur mit Verstand kämpft, sondern mit dem Herzen.“
Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Er wird immer dein Sohn bleiben. Aber heute zeigt er der Welt nur das, was wir längst wissen: Dass er ein Hiwatari ist. Und dass niemand ihn aufhalten kann.“
Nami atmete tief ein und spürte, wie der Druck auf ihrer Brust ein wenig nachließ. „Du hast ja recht. Ich sollte nicht melancholisch sein, wenn er gerade dabei ist, Geschichte zu schreiben.“
„Komm“, sagte Kai und löste den Griff um ihre Taille, behielt aber ihre Hand in seiner. „Der Matcha kann warten. Wir sollten zurückgehen, bevor Tyson anfängt, die Möbel zu zerlegen, weil er sich über die Taktik der Franzosen aufregt. Und ich will nicht, dass du verpasst, wie unser Sohn das Stadion zum Schweigen bringt.“
Sie betraten den Salon Hand in Hand, genau in dem Moment, als im Fernsehen ein gewaltiger Lichtblitz das Ende des ersten Matches verkündete. Der französische Beyblade war mit einem klirrenden Geräusch gegen die Sicherheitsbande geprallt und zum Stillstand gekommen.
„Sieg für die Elfenbeinküste!“, brüllte der Kommentator völlig außer sich. „Was für eine Überraschung zum Auftakt!"
Der Kommentator rückte sein Headset zurecht und blickte in die Hauptkamera, während die Techniker im Hintergrund die Spuren des vorigen Kampfes von der Arena-Oberfläche entfernten.
„Für unsere Zuschauer an den Bildschirmen weltweit eine kurze Erläuterung zum diesjährigen Modus“, begann er mit sonorer Stimme. „Nach dem fulminanten Eröffnungssieg der Elfenbeinküste gegen Frankreich im Kapitäns-Duell schalten wir nun in das BBA Round-Robin-Blocksystem. Das bedeutet, dass wir die Begegnungen zwischen zwei Nationen in einem geschlossenen Block austragen, um die taktische Tiefe der Teams voll auszuschöpfen. Sobald das Schicksal zwischen Japan und den Royal Knights besiegelt ist, kehren wir zu den verbliebenen Kämpfern aus Frankreich und der Elfenbeinküste zurück, um deren Block zu vervollständigen!
Aber meine Damen und Herren, halten Sie sich fest. Jetzt wird es persönlich. Machen Sie Platz für das Duell, auf das ganz England gewartet hat!“
Die Musik im Stadion wechselte schlagartig. Ein harter, industrieller Beat setzte ein, begleitet von pyrotechnischen Fontänen, die am Tunneleingang emporgeschossen wurden.
„Begrüßen wir den Thronfolger der Royal Knights... Alistair Thorne!“
Und dann, während Alistair unter ohrenbetäubendem Jubel die Arena betrat, schwenkte die Kamera auf die andere Seite des Stadions. Dort stand Gou. Seine Augen fixierten bereits das Beystadium, und man konnte förmlich sehen, wie die dunkle Aura von Corvus um ihn herum zu flimmern begann.
Als die beiden Kontrahenten an den Rand des massiven, titanverstärkten Beystadiums traten, verstummte das ohrenbetäubende Gebrüll der Menge für einen Moment der ehrfürchtigen Stille.
Alistair Thorne wirkte wie die Reinkarnation eines jungen Ritters. Er trug einen tiefblauen, mit goldenen Stickereien verzierten Dress, der das Wappen der Royal Knights stolz auf der Brust präsentierte. Sein blondes Haar war perfekt frisiert, und sein Blick glitt mit einer Mischung aus Stolz und herablassender Güte über die Ränge.
Er hob den Arm und deutete mit einer herrschaftlichen Geste auf die VIP-Loge, in der ein etwa Anfang vierzig Jähriger und äußerst imposanter Mann mit unterkühlter Miene saß: Robert Thorne, das Oberhaupt der Majestics.
„Siehst du das, Hiwatari?“, begann Alistair, seine Stimme wurde über die Richtmikrofone direkt in die Wohnzimmer der Welt übertragen. Er lächelte ein glattes, einstudiertes Lächeln. „Mein Vater sitzt dort oben. Er ist extra aus Paris angereist, um zu sehen, wie die Tradition der Royal Knights heute fortgeschrieben wird. Er lässt mich nie im Stich, wenn es um die Ehre unserer Familie geht.“
Alistair trat einen Schritt näher an die Kante, sein Blick suchte Gous Augen, die wie dunkle Rubine glühten. „Sag mir... wo ist eigentlich der große Kai Hiwatari? Hat er etwa Angst, dass sein Name heute beschmutzt wird? Oder wollte er seinen Sohn in diesem schweren Moment einfach nicht vor Ort unterstützen?“
Im Salon des Ayame-Anwesens versteifte sich Kai merklich. Sein Griff um Namis Hand wurde fester, seine Augen verengten sich zu gefährlichen Schlitzen. Tyson stieß ein wütendes Schnauben aus. „Dieser kleine Schnösel! Wenn ich da wäre, würde ich ihm seine Goldknöpfe einzeln...“
„Warte, Tyson“, unterbrach ihn Nami leise, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. „Gou braucht uns nicht, um das zu regeln.“
Auf dem Bildschirm verzog Gou keine Miene. Er wirkte nicht im Geringsten provoziert. Er nestelte kurz an seinem schwarzen Handschuh, bevor er den Kopf leicht neigte und Alistair mit einer Kühle ansah, die selbst seinen Vater stolz gemacht hätte.
„Du scheinst den Unterschied zwischen einem Champion und einem Erben nicht zu verstehen, Alistair“, entgegnete Gou trocken. Seine Stimme war ruhig, fast gelangweilt, was die Beleidigung nur noch schärfer wirken ließ. „Im Gegensatz zu dir brauche ich keine moralische Unterstützung von ‚Daddy‘, um einen Kampf zu gewinnen. Ich stehe hier, weil mein Bit-Beast und mein Verstand mich hierher gebracht haben – nicht der Name auf meinem Scheckbuch.“
Er machte eine kurze Pause und fixierte Alistair mit einem Blick, der den Briten sichtlich aus dem Konzept brachte.
„Mein Vater hat ein Weltimperium zu führen. Er leitet die Tachiwari-Corporation und hat Verantwortung für zehntausende Mitarbeiter. Er räumt nicht einfach für drei Wochen seinen Schreibtisch, nur um Händchen zu halten, während sein Sohn einen Gegner besiegt, mit dem er auch alleine fertig wird. Er hat Vertrauen in meine Fähigkeiten. Etwas, das dein Vater dir anscheinend nicht zutraut, wenn er glaubt, er müsse dich von der Loge aus überwachen.“
Ein Raunen ging durch das Stadion. Die Kommentatoren hielten buchstäblich den Atem an. Im Salon brach Tyson in schallendes Gelächter aus. „Ha! Der Junge ist ein Genie! Er hat ihn gerade vor laufender Kamera als Muttersöhnchen abgestempelt!“
Alistairs Gesicht lief dunkelrot an. Die aristokratische Gelassenheit bröckelte gefährlich schnell. „Wie kannst du es wagen... Wir werden ja sehen, wie viel dein ‚Verstand‘ wert ist, wenn mein Bit-Beast deinen Kreisel in Stücke reißt!“
„Weniger reden, mehr Blading“, sagte Gou knapp und hob seinen Starter. Sein Corvus begann in seiner Hand fast zu vibrieren, eine dunkle, bläulich farbene Aura umhüllte den Beyblade.
Der Schiedsrichter trat vor und hob die gelbe Flagge. „An die Positionen! Das Match beginnt!“
Nami lehnte sich gegen Kais starke Schulter, ihr Herz klopfte bis zum Hals. „Jetzt zeigt er es ihnen, Kai. Jetzt zeigt er ihnen, was ein Hiwatari wirklich ist.“
Kai sagte nichts, aber das stolze Glimmen in seinen Augen war Antwort genug.
Im Salon des Ayame-Anwesens herrschte für einen Moment eine irritierte Stille, die nichts mit der sportlichen Spannung zu tun hatte. Hilary runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen, während sie den Namen auf der Bauchbinde des Fernsehbildschirms fixierte.
„Moment mal“, warf sie in die Runde und deutete mit dem Zeigefinger auf das Display. „Alistair Thorne? Und sein Vater ist Robert? Ich kann mich doch nicht so irren... hieß der damals nicht Robert Jürgens? Er war doch der deutsche Champion von den Majestics, oder nicht?“
Tyson hielt inne, ein Stück Gebäck auf halbem Weg zum Mund. „Stimmt eigentlich. Jürgens. Ein Name wie ein Panzer. Wie kommt der jetzt auf Thorne?“
Lumina, die ihr Smartphone bereits in der Hand hielt, tippte flink auf dem Display herum. Ihre magentafarbenen Augen huschten über die Suchergebnisse, während sie sich eine silberne Haarsträhne hinter das Ohr schob.
„Hier haben wir es“, sagte sie und hielt das Handy so, dass Hilary und Nami mitlesen konnten. „Robert Jürgens hat vor etwa sechzehn Jahren eine britische Adlige namens Amanda Thorne geheiratet. Es war wohl eine dieser riesigen Society-Hochzeiten in London. Da sie die Erbin eines alten englischen Adelstitels ist, hat Robert ihren Nachnamen angenommen, um die Tradition des Hauses Thorne fortzuführen. Er ist jetzt offiziell Lord Robert Thorne.“
„Ein Lord?“, prustete Tyson. „Naja, die Nase hat er ja schon immer so hoch getragen, als würde er ein Monokel brauchen.“
Lumina scrollte weiter und schmunzelte. „Er und Amanda leben hauptsächlich in einem prachtvollen Stadthaus in Paris, aber Alistair wurde anscheinend nach alter britischer Tradition auf ein Elite-Internat in London geschickt. Deshalb tritt er wohl auch für die Royal Knights an.“
„Das erklärt den Akzent und diese... Arroganz“, murmelte Nami, während sie ihren Blick wieder auf das Spielfeld richtete. „Aber egal, welchen Namen sie tragen – auf dem Beystadium zählen keine Titel. Da zählt nur, wer seinen Kreisel besser beherrscht.“
In der Arena von London senkte der Schiedsrichter nun die Flagge. Das Startsignal ertönte wie ein Donnerschlag.
„3... 2... 1... Let it rip!“
Zwei Lichtschweife schossen in das Beystadium. Alistairs Beyblade, ein gold-blauer Kreisel mit scharfen Klingen, wirkte wie eine fliegende Festung. Er nahm sofort das Zentrum ein, seine Rotation war von einer fast schon singenden, hohen Frequenz begleitet.
Gous Corvus hingegen wirkte wie ein dunkler Schatten, der über den Boden des Stadions glitt. In dem Moment, als die beiden Kreisel zum ersten Mal aufeinandertrafen, passierte etwas Ungewöhnliches. Normalerweise hätte die Wucht des Aufpralls beide Beyblades nach außen katapultiert, doch im Moment des Kontakts leuchtete Gous Corvus in einem pulsierenden, tiefblauen Licht auf.
Die Arena bebte. Ein Schwingen ging durch den Boden, das bis in die Zuschauerreihen zu spüren war.
„Was war das?!“, schrie der Kommentator. „Haben Sie das gesehen? Thorne hat den Angriff perfekt abgeblockt, aber Hiwataris Beyblade scheint die Energie des Aufpralls einfach... geschluckt zu haben! Er hat nicht einmal an Geschwindigkeit verloren!“
Im Salon des Anwesens lehnte Kai sich mit einem fast unmerklichen Lächeln nach vorne. Er erkannte die Resonanz-Analyse wieder, die Gou in Davies Hall programmiert hatte.
„Er hat den Puls-Algorithmus der Arena gegen Alistair gewendet, fast wie damals in seinem ersten Landesturnier“, stellte Kai mit tiefer Genugtuung fest. „Der Boden der Arena versucht, Gous Blade abzubremsen, aber Gou nutzt die elektromagnetischen Wellen der Arena, um Corvus zusätzlich anzutreiben. Er surft förmlich auf dem Energiefeld des Gegners.“
Alistairs Gesicht auf dem Bildschirm verzerrte sich vor Entsetzen, als er sah, wie sein goldener Kreisel bei jedem Kontakt ein Stück seiner Standfestigkeit verlor, während Corvus immer schneller und dunkler zu kreisen begann.
„Du hast geschummelt!“, brüllte Alistair über den Lärm hinweg. „Dein Blade hätte bei diesem Aufprall zerspringen müssen!“
„Logik schlägt Tradition, Alistair“, entgegnete Gou, während er die Hand ausstreckte. „Corvus! Zeig ihm, was passiert, wenn man sich auf den Lorbeeren der Väter ausruht!“
In der Londoner Arena schien die Zeit für einen Herzschlag stillzustehen, als Gou seinen Befehl aussprach. Die dunkelblaue Aura um seinen svhwarzen Beyblade schwoll urplötzlich an und verdichtete sich zu einer Säule aus purer, oszillierender Energie, die senkrecht in den Nachthimmel emporstieß. Ein tiefer, vibrierender Ton, fast wie der Gesang eines uralten Chores, übertönte das Johlen der zehntausenden Zuschauer.
„Corvus!“, rief Gou, seine Stimme hallte wider, getragen von einer Autorität, die weit über seine fünfzehn Jahre hinausging. „Brich ihre Klingen! Zeig ihnen die Dunkelheit vor dem Sturm!“
Aus dem Zentrum der Energiesäule manifestierte sich das Bit Beast.
Corvus war gigantisch. Seine Schwingenspanne schien die halbe Arena zu überspannen, als er sich aus der blauen Flut erhob. Seine Federn waren nicht einfach schwarz; sie schimmerten in einem tiefen, satten Dunkelblau, das das Licht der Scheinwerfer brach und in prismatischen Farben widerspiegelte, als bestünden sie aus Obsidian und Saphiren. Seine Augen glühten in einem intensiven, brennenden Rot, das exakt Gous eigenem Blick glich.
Ein kollektives Einatmen ging durch das Stadion, gefolgt von einer ehrfürchtigen Stille. Selbst die Kommentatoren schwiegen für einen Moment, fassungslos ob der schieren Präsenz dieser Kreatur. Corvus stieß einen krächzenden Schrei aus, der das Mark erschütterte, und breitete seine gewaltigen Schwingen aus, wobei er einen Windstoß entfesselte, der die vordersten Zuschauerreihen erzittern ließ.
Im Salon des Ayame-Anwesens sprang Tyson vom Sofa auf, seine Augen geweitet. „Das ist ja Wahnsinn! Er ist wunderschön und furchteinflößend zugleich!“
Nami drückte Kais Hand so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Tränen der Rührung und des Stolzes schossen ihr in die Augen.
Kai saß unbeweglich da, sein Blick starr auf den Bildschirm gerichtet. Ein tiefes, dunkles Glimmen lag in seinen roten Augen, und ein seltenes, stolzes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er erkannte die Wildheit von Dranzer in der Eleganz dieses Vogels, aber auch die unnachgiebige Kühle, die er selbst immer verkörpert hatte.
„Er hat die Kraft der Resonanz genutzt, um sein Bit Beast auf eine neue Ebene zu heben“, murmelte Tala anerkennend. „Dieser Rabe ist eine physische Manifestation von Gous Willen.“
Alistair Thorne starrte auf dem Bildschirm mit offenem Mund nach oben, sein Gesicht aschfahl. Sein eigener goldener Kreisel, der Royal Griffon, wirkte im Schatten von Corvus plötzlich winzig und zerbrechlich. Er versuchte verzweifelt, einen Gegenangriff zu befehlen, doch seine Stimme versagte. Er konnte nichteinmal mehr sein eigenes Bit Beast rufen...
Corvus stürzte sich mit eingezogenen Schwingen hinab, ein dunkler Meteor, der direkt auf Alistairs Beyblade zielte. Im Moment des Aufpralls gab es keine Explosion, kein lautes Klirren. Stattdessen hüllte der Rabe den goldenen Kreisel in seine Dunkelheit ein. Man sah nur, wie Alistairs Beyblade heftig zu krampfen begann, seine Rotation instabil wurde, bis er schließlich mit einem kläglichen Geräusch zum Stillstand kam.
„ENDE!“, brüllte der Kommentator, als hätte er gerade sein eigenes Leben gerettet. „Gou Hiwatari gewinnt das erste Match mit einem vernichtenden Schlag! Was für eine Demonstration der Macht! Alistair Thorne hatte nicht den Hauch einer Chance!“
Gou stand am Rand des Beystadiums, Corvus löste sich langsam in violetten Rauch auf und kehrte in den dunklen Kreisel zurück. Er hob den Arm, fing seinen Beyblade mit einer lässigen Bewegung auf und sah Alistair mit einem Blick an, der keinerlei Triumph, sondern nur kühle Bestätigung ausdrückte.
Die Stimmung im Salon des Ayame-Anwesens entlud sich in einem einzigen, gewaltigen Jubelschrei. Tyson riss die Fäuste in die Luft und brüllte so laut, dass die kleine Hina sich erschrocken an seine Seite klammerte, nur um im nächsten Moment ebenfalls begeistert in die Hände zu klatschen.
Hilary stand mit offenem Mund da, ihre Augen noch immer starr auf das Standbild von Gous Gesicht gerichtet, das nun groß auf dem Bildschirm eingeblendet wurde. Er stand dort, den Beyblade in der Hand, die Haare leicht zerzaust vom Wind des Kampfes, und dieser absolut kühle, fast schon gelangweilte Blick, mit dem er den am Boden zerstörten Alistair Thorne strafte.
„Mein Gott...“, murmelte Hilary kopfschüttelnd, während sie sich langsam wieder auf die Sofakante sinken ließ.
Sie sah von dem Fernseher zu dem Kai, der neben ihr auf dem Sessel saß. „Das ist ja unheimlich. Nami, siehst du das? Es ist, als würde man Kai als Teenager im Fernsehen sehen. Diese Aura, diese absolute Arroganz, die er ausstrahlt, weil er genau weiß, dass er der Beste im Raum ist... das ist exakt der Kai, den wir damals in Russland und beim ersten Turnier erlebt haben.“
Nami lachte leise, ein warmes, stolzes Lächeln, das ihre ozeanblauen Augen zum Leuchten brachte. Sie schmiegte sich enger an Kais Seite. „Er hat definitiv das Talent seines Vaters geerbt, sich Feinde innerhalb von Sekunden zu machen, indem er sie einfach nur ansieht“, scherzte sie, doch ihr Blick verriet, wie sehr sie dieser Vergleich berührte.
Kai hingegen verzog keine Miene, doch wer ihn so gut kannte wie Nami, sah das verräterische Funkeln in seinen Augen. Er genoss diesen Moment der absoluten Dominanz seines Sohnes.
„Er ist effizienter als ich es damals war“, brummte Kai schließlich, was für seine Verhältnisse einem euphorischen Lob gleichkam. „Er verschwendet keine Energie für unnötige Emotionen.“
„Effizienter? Kai, er hat ihn psychisch vernichtet!“, rief Tyson lachend dazwischen. „Hast du Robert Thornes Gesicht gesehen? Der sah aus, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen, die in Essig eingelegt war!“
Tatsächlich schwenkte die Kamera in diesem Moment kurz zur VIP-Loge. Robert Thorne saß dort, die Lippen schmal zusammengepresst, die Hände fest um das Geländer geklammert. Sein Stolz war vor den Augen der Weltöffentlichkeit zerbrochen worden – und das von einem fünfzehnjährigen Jungen, der gerade erst angefangen hatte, sein wahres Potenzial zu zeigen.
Im Stadion begann die Menge nun Gous Namen zu skandieren.
„HI-WA-TA-RI! HI-WA-TA-RI!“
Ayumi und Ren begannen, im Wohnzimmer herumzutanzen. „Gou hat gewonnen! Gou hat gewonnen!“, sangen sie im Chor, während Sayuri ebenfalls jubelte.
„Gou ist der absolute König!“, rief die kleine Sayuri begeistert.
Kai zog Nami fest an sich. Die Melancholie von vorhin war verflogen, ersetzt durch eine triumphale Gewissheit.
„Das ist er, Prinzessin“, antwortete Kai leise und sah Nami tief in die Augen. „Und das ist erst der Anfang.“
Die Kameras in den Katakomben fingen Gous Rückzug ein. Er schritt mit einer Ruhe durch den Tunnel, als hätte er gerade nur einen Trainingskampf absolviert und nicht den britischen Favoriten vor den Augen der Welt gedemütigt. Sein Atem ging regelmäßig, und nur das leichte Glühen in seinen Augen verriet, dass die Energie von Corvus noch immer in ihm nachhallte.
Als sich die schwere Metalltür zu ihrem privaten Warteraum öffnete, brach drinnen ein kleiner Sturm los.
Violeta war die Erste, die auf ihn zustürmte. „Gou! Das war... unglaublich!“, rief sie, ihre rosafarbenen Augen leuchteten vor Aufregung. „Wie du diese Resonanzwelle geschluckt hast – Alistair wusste gar nicht, wie ihm geschah!“
Emilia sprang von der Bank auf und boxte Gou spielerisch gegen die Schulter. „Du hast ihn wie einen Anfänger aussehen lassen, Boss! Sein Gesicht, als Corvus erschien... ich glaube, er hat vergessen, wie man atmet.“
Selbst der sonst so arrogante Ryan lehnte an der Wand und verschränkte die Arme, doch ein anerkennendes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Nicht schlecht, Hiwatari. Die Kalibrierung in Davies Hall war Gold wert. Du hast den Heimvorteil der Knights einfach in Asche verwandelt.“
Gou nickte ihnen knapp zu und legte seinen Beyblade auf den Analysetisch. „Es war nur das erste Match“, sagte er, und seine Stimme war wieder vollkommen kontrolliert. „Wir haben gesehen, dass die Arena-Daten manipuliert waren. Wir dürfen nicht nachlässig werden. Die Royal Knights werden jetzt versuchen, mit roher Gewalt zu antworten.“
In diesem Moment erschien Lord Eric Davies auf dem Monitor des Warteraums. Er wirkte sichtlich zufrieden, sein aristokratisches Lächeln war breiter als üblich. „Gut gemacht, Gou. Dein Vater hat die Übertragung in Tokio verfolgt. Ich habe gerade eine Nachricht von Graham erhalten – die Tachiwari-Aktien sind innerhalb der letzten zehn Minuten um drei Prozent gestiegen. Ein Sieg der Logik, genau wie wir es geplant hatten.“
Nach dem ersten Sturm...
Die Kameras in den Katakomben fingen Gous Rückzug ein. Er schritt mit einer Ruhe durch den Tunnel, als hätte er gerade nur einen Trainingskampf absolviert und nicht den britischen Favoriten vor den Augen der Welt gedemütigt. Sein Atem ging regelmäßig, und nur das leichte Glühen in seinen Augen verriet, dass die Energie von Corvus noch immer in ihm nachhallte.
Als sich die schwere Metalltür zu ihrem privaten Warteraum öffnete, brach drinnen ein kleiner Sturm los.
Violeta war die Erste, die auf ihn zustürmte. „Gou! Das war... unglaublich!“, rief sie, ihre rosafarbenen Augen leuchteten vor Aufregung. „Wie du diese Resonanzwelle geschluckt hast – Alistair wusste gar nicht, wie ihm geschah!“
Emilia sprang von der Bank auf und boxte Gou spielerisch gegen die Schulter. „Du hast ihn wie einen Anfänger aussehen lassen, Boss! Sein Gesicht, als Corvus erschien... ich glaube, er hat vergessen, wie man atmet.“
Selbst der sonst so arrogante Ryan lehnte an der Wand und verschränkte die Arme, doch ein anerkennendes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Nicht schlecht, Hiwatari. Die Kalibrierung in Davies Hall war Gold wert. Du hast den Heimvorteil der Knights einfach in Asche verwandelt.“
Gou nickte ihnen knapp zu und legte seinen Beyblade auf den Analysetisch. „Es war nur das erste Match“, sagte er, und seine Stimme war wieder vollkommen kontrolliert. „Wir haben gesehen, dass die Arena-Daten manipuliert waren. Wir dürfen nicht nachlässig werden. Violeta, du bist als Nächste dran. Die Royal Knights werden jetzt versuchen, mit roher Gewalt zu antworten.“
In diesem Moment erschien Lord Eric Davies auf dem Monitor des Warteraums. Er wirkte sichtlich zufrieden, sein aristokratisches Lächeln war breiter als üblich. „Gut gemacht, Gou. Dein Vater hat die Übertragung in Tokio verfolgt. Ich habe gerade eine Nachricht von Graham erhalten, die Tachiwari-Aktien sind innerhalb der letzten zehn Minuten um drei Prozent gestiegen. Ein Sieg der Logik, genau wie wir es geplant hatten.“
Gou blickte kurz in die Kamera. „Danke, Onkel Eric."
Zurück im Ayame-Anwesen hatte sich die Stimmung etwas beruhigt, aber der Stolz war fast greifbar. Sayuri, die mit ihren sieben Jahren aufmerksam die taktischen Analysen am unteren Bildrand verfolgte, sah zu Kai hoch.
„Papa?“, fragte sie mit ihrer klaren, klugen Stimme. „Gou hat Corvus so eingesetzt, dass er die Energie von Alistairs Angriffen in Rotation umwandelt, oder?“
Kai sah seine Tochter an und ein kurzes, überraschtes Blitzen trat in seine Augen. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ganz genau, Sayuri. Er nutzt die Kraft des Gegners gegen ihn selbst. Du hast gut aufgepasst.“
Nami lachte leise und strich Sayuri über das weiße, lockige Haar. „Sie ist eben eine echte Hiwatari. Sie sieht die Logik hinter dem Feuer.“
Nun war Violeta an der Reihe. Im Gegensatz zu der ausgelassenen Freude von vorhin wirkte sie nun sichtlich angespannt. Ihr Bit-Beast Palos, das flammende Pferd, vibrierte förmlich in ihrem Starter.
„Violeta, hör mir zu“, sagte Gou, seine Stimme war nun leiser, aber von einer intensiven Eindringlichkeit. Er ignorierte die feiernden Teammitglieder im Hintergrund. „Die Royal Knights sind wütend. Nach Alistairs Niederlage werden sie nicht mehr auf Eleganz setzen. Sie werden versuchen, dich mit schierer Masse und frontalen Angriffen aus dem Ring zu fegen.“
Violeta sah zu ihm auf. „Ich weiß. Palos ist schnell, aber gegen ihre schweren Verteidigungs-Blades könnte es eng werden.“
„Nicht, wenn du die Zentrifugalkraft der Arena-Kurven nutzt“, entgegnete Gou und deutete auf eine digitale Karte des Stadions, die er auf seinem Tablet aufrief. „Lass dich nicht auf einen Kraftkampf im Zentrum ein. Surfe am Rand. Warte, bis sie ihren Schwerpunkt verlagern, um dich zu rammen, und dann nutze Palos’ Flammenstoß für einen seitlichen Konter. Du bist die Flamme, Violeta. Man kann eine Flamme nicht zerquetschen, man verbrennt sich nur an ihr.“
Violeta atmete tief durch, ihre rosafarbenen Augen fingen das Licht der Deckenlampen ein und schienen förmlich zu funken. „Verstanden, Boss. Ich werde sie rösten.“
Gou sah ihr nach, als sie den Warteraum in Richtung der Arena verließ. Er wusste, dass sein Sieg nur der Türöffner gewesen war. Jetzt musste das Team beweisen, dass sie mehr waren als nur der Schatten eines großen Namens.
Im Ayame-Anwesen in Tokio war die Aufregung mittlerweile in eine fachliche Diskussion übergegangen, wie sie typisch für diese Runde war. Tyson gestikulierte wild mit einem Croissant in der Hand, um Violetas potenzielle Flugbahn zu beschreiben.
„Sie muss aufpassen! Wenn sie zu weit außen bleibt, verliert sie den Spin!“, rief er, als hätte Violeta ihn hören können.
Sayuri, die mittlerweile wieder ruhig neben Kai saß, schüttelte leicht den Kopf. „Nein, Onkel Tyson“, sagte sie mit ihrer klaren, klugen Stimme. „Wenn sie die elektromagnetische Reibung der Außenbahn nutzt, kann sie die Hitze von Palos stabilisieren. Das ist thermische Dynamik. Gou hat das im Griff.“
Kai sah seine siebenjährige Tochter an und legte ihr stolz die Hand auf den Kopf. „Sie hat recht, Tyson. Hör auf das Kind. Sie versteht mehr von Gous System als du von deinem Frühstück.“
Nami lachte und lehnte ihren Kopf an Kais Schulter. „Sie ist eben eine Hiwatari durch und durch. Klug, präzise... und ein kleines bisschen besserwisserisch.“
„Wie der Vater, so die Kinder“, murmelte Hilary grinsend, während sie beobachtete, wie Violeta auf dem Bildschirm nun das gleißende Licht der Arena betrat.
Die Stimmung im Stadion kochte über, als Megan Foley die Arena betrat. Ihr langes rotes Haar leuchtete unter den Scheinwerfern wie flüssiges Feuer, ein starker Kontrast zu ihren kühlen, eisblauen Augen, die Violeta mit einer fast herablassenden Ruhe fixierten. Die siebzehnjährige Megan strahlte eine Reife und Erfahrung aus, die Violeta sichtlich beeindruckte, doch die Polin biss sich auf die Lippe und erinnerte sich an Gous Worte.
„Begrüßen wir Megan Foley! Die 'Sirene von Irland'!“, dröhnte die Stimme des Kommentators. „Nach dem Schock durch Hiwatari setzen die Knights nun auf ihre stabilste Kämpferin. Wird Megan den Boden unter Violetas Füßen wegspülen?“
Im Warteraum beobachtete Gou scharf den Monitor. „Wasser und Elektrizität... eine gefährliche Kombination für ein Feuer-Bit-Beast“, murmelte er. Er sah, wie Megan ihren Beyblade zückte – ein elegant geschwungener, türkisfarbener Kreisel.
„3... 2... 1... Let it rip!“
Die Beyblades schossen ins Stadion. Megan übernahm sofort die Kontrolle über den inneren Ring. „Olphias, zeig ihr, wer hier das Sagen hat!“, rief sie mit einer klaren, harten Stimme. Plötzlich begann der Boden des Beystadiums zu schimmern. Megan nutzte die Luftfeuchtigkeit in der Arena, um einen dünnen Wasserfilm auf der Oberfläche zu erzeugen, was Violetas Palos den Grip nahm.
Aus der Gischt erhob sich Olphias, ein schlangenähnlicher, langgestreckter Drache mit schimmernden Schuppen. Bläuliche Blitze zuckten um seinen Körper, während er sich windend über das Spielfeld bewegte.
In Tokio hielt Nami den Atem an. „Ein Wasserdrache mit Blitzen... das ist das schlimmste Match-up für Violetas Palos. Wenn das Wasser die Flammen schwächt und die Elektrizität die Metallspitze angreift...“
„Schau genau hin, Nami“, unterbrach Kai sie ruhig. „Gou hat ihr nicht umsonst gesagt, sie soll am Rand surfen.“
Auf dem Bildschirm sah man, wie Violeta Megan geschickt auswich. Jedes Mal, wenn Olphias einen Blitzschlag oder eine Wasserfontäne entfesselte, nutzte Violeta die Steilkurve der Arena, um über den Angriff hinwegzuspringen.
„Du kannst nicht ewig weglaufen, Kleines!“, rief Megan und ließ Olphias das gesamte Zentrum unter Strom setzen. Das Wasser auf dem Boden begann zu brodeln.
„Jetzt, Palos!“, schrie Violeta. Statt vor der Elektrizität zu fliehen, steuerte sie ihren Beyblade mit voller Wucht in die Kurve und nutzte die Reibungshitze der Außenbahn, um die Temperatur ihres Kreisels so extrem zu steigern, dass das Wasser in ihrer unmittelbaren Nähe sofort verdampfte.
„Sie erzeugt einen Dampfschild!“, rief Tyson im Salon begeistert aus. „Das isoliert gegen die Blitze!“
Violetas Palos, das flammende Pferd, manifestierte sich inmitten des Nebels. Mit einem feurigen Wiehern stürmte es von oben herab auf den schlangenartigen Olphias zu.
„Megan hat den Schwerpunkt verlagert!“, analysierte die siebenjährige Sayuri messerscharf, während sie auf die Datenanzeige deutete. „Sie ist zu sicher, dass ihr Wasser gewinnt. Jetzt ist sie offen für den seitlichen Konter!“
Tatsächlich prallte Palos nicht frontal auf Olphias, sondern rammte den türkisfarbenen Kreisel genau in dem Moment, als Megan zu einem finalen Schlag ausholen wollte. Die Wucht der Hitze und der physikalische Einschlag ließen Megans Beyblade gefährlich ins Trudeln geraten.
Megan Foley verengte ihre eisblauen Augen, als sie sah, wie Violetas Palos durch den Dampf brach. Ein kühles, fast mitleidiges Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie war nicht umsonst die „Sirene von Irland“ – sie hatte mit dieser Hitze-Taktik gerechnet.
„Niedlich“, rief Megan über den Lärm der Arena hinweg. „Aber Dampf ist am Ende auch nur Wasser. Und Wasser leitet meine Macht nur noch besser!“
Anstatt dem Aufprall auszuweichen, befahl Megan ihrem Bit-Beast die finale Form. „Olphias! Hydro-Elektrische Kaskade!“
Der schlangenähnliche Drache wand sich in einer blitzschnellen Bewegung um sich selbst und peitschte seinen Schwanz auf den wasserbedeckten Boden. In dem Moment, als Palos seitlich einschlug, entlud Olphias eine gewaltige Menge an Elektrizität direkt in den heißen Dampfnebel. Anstatt zu verpuffen, wurde der Nebel zu einem hocheffizienten Leiter.
Ein greller, bläulicher Blitz zuckte durch das gesamte Beystadium. Violeta schrie auf, als die Schockwelle der Entladung ihren Starter erzittern ließ. Ihr Palos wurde nicht einfach nur gerammt – die elektrische Überlastung störte die magnetische Rotation ihres Kreisels so massiv, dass die Flammen von Palos erloschen und der Beyblade wie ein Stein zu Boden fiel.
Mit einem hässlichen, metallischen Scheppern wurde Palos aus dem Ring geschleudert und prallte gegen die Sicherheitsglasscheibe, direkt vor den Augen des entsetzten Publikums.
„AUS!“, brüllte der Kommentator, während das Publikum in London in frenetischen Jubel ausbrach. „Megan Foley zeigt, warum man die Royal Knights niemals unterschätzen darf! Ein meisterhafter Konter gegen die Hitze-Taktik! Es steht 1 zu 1!“
Im Ayame-Anwesen herrschte schlagartig Stille. Tyson starrte mit offenem Mund auf den Fernseher. „Was... wie hat sie das gemacht? Sie hat den Dampf als Waffe benutzt!“
Kai verschränkte die Arme vor der Brust, sein Blick war finster. „Sie hat Violetas eigene Energie gegen sie gewendet. Eine klassische Konterstrategie. Gou hat die Gefahr gesehen, aber Megan war in der Ausführung präziser.“
Nami legte eine Hand auf ihr Herz, sie fühlte mit Violeta, die auf dem Bildschirm völlig am Boden zerstört zu ihrem Beyblade lief. „Die arme Kleine... sie hat alles gegeben.“
Die siebenjährige Sayuri nickte ernst, ihre Augen wanderten bereits zu der digitalen Punkteanzeige. „Es war ein Rechenfehler in der Leitfähigkeit des Dampfes. Aber schaut euch Gou an.“
Die Kamera schwenkte in den Warteraum. Gou stand dort, unbeweglich wie eine Statue. Er fluchte nicht, er schrie nicht. Er beobachtete über die vielen Monitore lediglich, wie Megan Foley in der Arena ihren Sieg feierte und dabei einen arroganten Blick in Richtung der Kameras warf. Er schien jede Bewegung von Olphias genauestens in seinem Gedächtnis abzuspeichern.
„Er analysiert bereits die Frequenz von Megans Blitzen“, murmelte Kai mit einer Mischung aus Anerkennung und Kälte. „Diese Niederlage wird die Royal Knights teuer zu stehen kommen. Gou lässt sich kein zweites Mal von demselben Trick besiegen.“
Im Stadion bereitete sich nun das nächste Paar vor. Die Spannung war greifbar – das Duell war nun völlig offen.
Die Kameras in den Katakomben blieben gnadenlos auf Violeta gerichtet, als sie mit hängenden Schultern und zitternden Händen ihren Beyblade umklammerte. Das Jubeln der britischen Fans brüllte wie ein Orkan in ihren Ohren, während sie fast blind vor Tränen in den Spielertunnel flüchtete.
In dem Moment, als sie die Tür zum privaten Warteraum aufstieß, brachen alle Dämme. Violeta war völlig aufgelöst. Die Last, das Team nach Gous glorreichem Sieg enttäuscht zu haben, wog schwerer als die Niederlage selbst. In ihrer Verzweiflung und dem emotionalen Ausnahmezustand vergaß sie vollkommen die rot leuchtenden Lichter der Kameras an den Wänden, die jeden Winkel des Raumes für die weltweite Live-Übertragung einfingen.
Ohne zu zögern, stürmte sie auf Gou zu. Zu seiner und zur sichtlichen Überraschung aller Zuschauer warf sie sich schluchzend an seine Brust und klammerte sich an seine Jacke, als wäre er ihr einziger Anker in diesem Sturm.
Gou versteifte sich für einen winzigen Augenblick. Er war ein Hiwatari; öffentliche Zuneigung oder gar emotionale Ausbrüche gehörten nicht wirklich zu seinem Repertoire. Doch als er das verzweifelte Beben ihrer Schultern spürte, legte er nach einer kurzen, fast unmerklichen Verzögerung eine Hand auf ihren Rücken. Er sagte nichts, aber er stieß sie auch nicht weg, während die Regie in London diese hochemotionale Szene in Großaufnahme um die Welt schickte.
Tausende Kilometer entfernt, im modernen Wohnzimmer der Familie Ishiwara in Tokio, herrschte schlagartige Stille. Hiromi, die zusammen mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester Mariko gebannt das Turnier verfolgte, spürte einen Kloß im Hals. Sie schluckte schwer, während ihre Augen am Bildschirm klebten.
Mariko bemerkte den Blick ihrer Schwester und legte ihr sanft eine Hand auf den Arm. „Sie hat alles gegeben, Hiromi“, flüsterte Mariko leise. „Gou weiß das auch. Er ist nicht sauer auf sie und sie braucht das wohl einfach gerade.“
Hiromi nickte nur stumm, doch das Bild von Violeta in Gous Armen brannte sich in ihr Gedächtnis ein. Es war ein Moment der Menschlichkeit inmitten dieses knallharten Wettbewerbs.
Im Ayame-Anwesen bei Kai und Nami war die Reaktion ähnlich intensiv. Hilary hielt sich die Hand vor den Mund. „Oh nein, die arme Kleine... sie weiß gar nicht, dass das gerade Milliarden von Menschen sehen.“
Nami sah zu Kai, der den Bildschirm mit einer unergründlichen Miene betrachtete. „Gou macht das Richtige“, sagte Nami leise. „Er gibt ihr den Rückhalt, den sie jetzt braucht. Er ist ein wahrer Anführer.“
Kai brummte nur tief, doch in seinem Blick lag eine seltene Anerkennung für die emotionale Intelligenz seines Sohnes. Er wusste, dass Teamgeist manchmal wichtiger war als ein technisches Diagramm.
Sayuri beobachtete die Szene mit einer Ernsthaftigkeit, die weit über ihr Alter hinausging. „Sie weint, weil ihre Berechnungen nicht mit Megans Elektrizität übereingestimmt haben“, stellte sie sachlich fest, doch ihr Tonfall war sanft. „Aber Gou wird ihr helfen, das nächste Mal besser zu sein. Er lässt niemanden zurück.“
Schließlich löste sich Gou im Warteraum sanft von Violeta. Er nahm ihr Kinn kurz in die Hand, zwang sie, ihn anzusehen, und wischte ihr mit dem Daumen eine Träne weg.
„Kopf hoch“, sagte er so leise, dass die Mikrofone es kaum einfingen. „Du hast Megan gezwungen, ihre stärkste Karte zu spielen. Jetzt wissen wir, wie sie ticken. Setz dich. Ryan, du bist dran. Und ich erwarte, dass du die Royal Nights dafür bezahlen lässt, dass sie unser Team zum Weinen gebracht haben.“
Ryan grinste dunkel und griff nach seinem Beyblade Glacius. „Mit Vergnügen, Boss. Zeit, dass London mal erfriert.“
Als Ryan Hunt den Tunnel verließ und in das gleißende Licht der Arena trat, brach in einem Sektor des Stadions ein ohrenbetäubender Lärm aus. Eine große Gruppe US-amerikanischer Fans, die extra für das Turnier angereist waren, schwenkte Fahnen, und besonders die jungen weiblichen Fans kreischten begeistert auf, als Ryan sich mit einer lässigen, fast schon arroganten Geste durch das dunkle Haar fuhr.
„Hören Sie sich das an!“, rief der Kommentator leidenschaftlich. „Ryan Hunt, das amerikanische Wunderkind, betritt die Bühne! Doch er trägt heute nicht die Stars and Stripes. Ryan hat sich bewusst für das japanische Team B-Revolution entschieden. Er lebt seit über fünf Jahren in Japan und hat dort seine wahre Heimat gefunden. Er kämpft für das Land, das ihn geformt hat!“
Im Salon des Ayame-Anwesens schmunzelte Hilary. „Er weiß definitiv, wie man sich inszeniert. Ein echter Herzensbrecher, genau wie Tyson es früher gerne gewesen wäre.“
„Hey!“, protestierte Tyson sofort, wurde aber von Sayuri mit einem strengen Blick bedacht.
„Konzentration, Onkel Tyson“, sagte sie sachlich. „Ryans Glacius muss jetzt gegen ein Schwergewicht ran.“
Ryans Gegner war das komplette Gegenteil von ihm. Gregory Thompson war ein bulliger Achtzehnjähriger mit kurz geschorenem Haar und einem Nacken, der fast so breit war wie sein Kopf. Er wirkte wie ein unbezwingbarer Fels. Sein Beyblade war massiv und in einem stumpfen Graumetallic gehalten.
„Gregory Thompson setzt auf pure Verteidigung“, erklärte der Sprecher. „Sein Bit Beast ist der legendäre Royal Tank – ein gewaltiger, metallener Alligator, der dafür bekannt ist, jeden Angreifer einfach zu zerquetschen!“
Die beiden Kontrahenten traten an das Beystadium. Gregory sah auf Ryan herab und knackte mit den Fingerknöcheln. „Schöner Junge, du solltest lieber auf dem Laufsteg bleiben. Mein Royal Tank wird deinen hübschen Eiskreisel in kleine Splitter zerlegen.“
Ryan verzog keine Miene. Seine hellblauen Augen wirkten in diesem Moment so kalt wie die Gletscher Alaskas. Er legte Glacius in seinen Starter und nahm eine entspannte, aber absolut präzise Haltung ein.
„Du redest zu viel, Thompson“, erwiderte Ryan kühl. „In Japan lernt man, dass die größte Kraft in der Stille liegt. Ich werde dich nicht nur besiegen – ich werde dich einfrieren.“
„3... 2... 1... Let it rip!“
Die Beyblades schossen mit unglaublicher Geschwindigkeit in die Arena. Gregorys Kreisel nahm sofort das Zentrum ein und wirkte dort wie verankert. Die schiere Masse des Royal Tank schien den Boden des Stadiums fast zu verformen. Ryan hingegen ließ Glacius in weiten, eleganten Bahnen am Rand kreisen, wobei der Beyblade eine feine Spur aus Frost auf dem Boden hinterließ.
„Schaut euch das an!“, rief Nami aufgeregt. „Ryan nutzt die kalte Aura von Glacius, um den Grip von Gregorys Blade zu schwächen!“
Kai nickte. „Er bereitet den Boden vor. Thompson mag stark sein, aber Metall wird spröde, wenn es zu schnell abkühlt. Gou hat ihm beigebracht, die Materialwissenschaft gegen die Kraft einzusetzen.“
Gregory Thompson brüllte auf, als er sah, wie der Frost von Glacius seine "Festung" erreichte. „Denkst du, ein bisschen Eis hält mich auf?! Royal Tank, ZERQUETSCH IHN!“
Aus dem schweren grauen Kreisel materialisierte sich ein monströser Alligator. Er bestand nicht aus Schuppen, sondern aus überlappenden, massiven Stahlplatten, die bei jeder Bewegung metallisch knirschten. Mit einem gewaltigen Kieferabdruck biss er in die Luft, während elektrische Funken von seinen Metallzähnen sprühten.
Ryan blieb unbeeindruckt. Er schloss kurz die Augen. „Glacius... zeig ihm die absolute Null.“
Ein hellblauer Lichtblitz zuckte über das Feld, und ein eleganter, fast durchsichtiger Schackal aus reinem Eis erschien. Er war flink, beinahe schwerelos und umkreiste den plumpen Alligator mit einer Geschwindigkeit, die Gregorys Augen kaum folgen konnten.
„Schau dir Ryans Haltung an“, bemerkte Kai im Anwesen. „Er ist arrogant, ja – aber er ist im Kampf absolut ökonomisch. Er wartet auf den einen Moment, in dem die Kälte den Stahl spröde macht.“
Der metallene Alligator Royal Tank stampfte mit einer Wucht auf den Boden, dass kleine Risse im Titan-Verbundstoff entstanden.
„Hör auf zu rennen, kleiner Schackal!“, brüllte Gregory, dessen Gesicht vor Anstrengung rot angelaufen war. „Mein Alligator zermalmt alles, was ihm in den Weg kommt!“
Ryan reagierte nicht einmal auf die Provokation. Er stand da, die Arme locker an den Seiten, während sein Beyblade Glacius wie ein geisterhafter Schatten in einer perfekten Ellipse um den schweren Panzerkreisel jagte. Jedes Mal, wenn Glacius die Flugbahn kreuzte, hinterließ er eine Wolke aus Eiskristallen.
„Jetzt“, murmelte Ryan so leise, dass es nur die Mikrofone direkt an seinem Kragen auffingen.
Der Royal Tank versuchte, sich blitzschnell um die eigene Achse zu drehen, um Glacius mit seinem massiven Schwanz wegzuschleudern. Doch plötzlich gab es ein hässliches, kreischendes Geräusch von berstendem Metall. Der Alligator stockte in der Bewegung.
„Was ist da los?!“, rief der Kommentator fassungslos. „Der Royal Tank scheint festzustecken! Er bewegt sich wie in Zeitlupe!“
„Schau dir die Gelenke der Panzerplatten an“, erklärte Kai im Salon für die Kinder. „Ryan hat das Eis nicht wahllos verteilt. Er hat die Kälte punktgenau in die Zwischenräume der Rotationslager von Gregorys Blade getrieben. Durch die extreme Temperaturdifferenz hat sich das Metall zusammengezogen. Er ist buchstäblich in seiner eigenen Rüstung eingefroren.“
Ryan hob die Hand. „Glacius! Sub-Zero-Impact!“
Der hellblaue Schackal jaulte auf und materialisierte sich direkt vor dem erstarrten Alligator. Mit einer Eleganz, die fast schon grausam wirkte, rammte der Eiskreisel den Royal Tank genau an der Schwachstelle der Achse. Da das Metall durch die Kälte spröde geworden war, gab es keinen elastischen Rückstoß. Stattdessen zersplitterte ein Teil der äußeren Panzerung von Gregorys Blade wie Glas.
Mit einem dumpfen Knall wurde der schwere graue Kreisel aus dem Zentrum katapultiert, schlitterte über die vereiste Fläche und blieb schließlich jenseits der Begrenzung liegen.
„AUS! PUNKT FÜR JAPAN!“
schrie der Kommentator. „Ryan Hunt gleicht aus! Es steht 2:1 für B-Revolution!“
Im Stadion brach ohrenbetäubender Jubel aus, besonders im US-Sektor. Ryan fing seinen Glacius lässig auf, sah Gregory kurz an – der fassungslos auf seinen beschädigten Kreisel starrte – und drehte sich ohne ein Wort um.
In Tokio atmete Nami erleichtert aus. „Gott sei Dank. Ryan hat die Nerven behalten.“
Hiromi, die Zuhause vor dem Fernseher saß, ballte die Fäuste. „Ja! Zeig es ihnen, Ryan!“ Ihre Schwester Mariko lächelte still in sich hinein. Sie wusste, dass der schwierigste Teil des Abends noch bevorstand.
Nach Ryans Sieg war die Stimmung im Stadion am Siedepunkt. Die Strategie der BBA, die Kämpfe in Blöcken auszutragen, zahlte sich aus; die Zuschauer waren völlig gefesselt von der Aufholjagd des japanischen Teams.
In den Katakomben trat Ryan durch die Tür des Warteraums. Er wirkte kaum außer Atem, nur ein paar Haarsträhnen hingen ihm in die Stirn. Violeta saß nun auf der Bank, die Augen noch gerötet, aber sie hatte sich dank Gous Zuspruch weitgehend gefangen. Als Ryan eintrat, hob Gou den Kopf vom Analysetisch.
„Saubere Arbeit, Ryan“, sagte Gou knapp. „Die Materialermüdung durch die Kälte war genau der richtige Hebel.“
Ryan zuckte nur mit den Schultern und verstaute seinen Glacius. „Der Typ war langsam. Ein Panzer ist nutzlos, wenn die Ketten einfrieren.“ Er warf Violeta einen kurzen, fast schon sanften Blick zu. „Siehst du? Wir holen uns das zurück.“
Violeta nickte stumm und schenkte ihm ein schwaches Lächeln. Doch die Zeit zum Durchatmen war kurz. Der Monitor an der Wand flackerte auf und zeigte das Logo der Royal Knights.
„Zwei zu eins für uns“, stellte Emilia fest, die bisher eher im Hintergrund geblieben war. Sie stand auf und dehnte ihre Arme, wobei ihre Gelenke leise knackten. „Das heißt, wenn ich jetzt gewinne, haben wir den Block gegen die Briten im Sack, richtig?“
Gou sah Emilia ernst an. „Mathematisch gesehen, ja. Aber unterschätze sie nicht. Die Knights schicken jetzt ihre Geheimwaffe für instabiles Gelände. Sie haben gesehen, dass wir die Arena-Physik kontrollieren, also werden sie versuchen, das Spielfeld selbst zu zerstören.“
Emilia grinste frech und klopfte auf ihren Beyblade Armadis. „Lass sie nur kommen. Wenn es um Zerstörung und instabilen Boden geht, macht meinem Gürteltier keiner was vor. Ich bin bereit, den Knights den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“
In Tokio, im Ayame-Anwesen, lehnte sich Sayuri vor. „Emilia ist taktisch unberechenbar“, erklärte sie ihrem Vater Kai. „Ihr Bit-Biest kann den Bodens manipulieren. Wenn der Gegner schwer ist, versinkt er einfach. Wenn er schnell ist, lässt sie den Boden vibrieren, bis er die Balance verliert.“
Kai beobachtete seine Tochter. Er war immer wieder beeindruckt, wie präzise sie die Kampfstile der Teammitglieder analysierte. „Es kommt darauf an, wen die Knights ihr entgegensetzen“, bemerkte er.
Auf dem Bildschirm wurde nun Emilias Gegnerin angekündigt. Es war eine junge Frau mit kurzem, schwarzem Haar und einer sehr ernsten Ausstrahlung. Ihr Name war Siobhan O’Sullivan.
„Siobhan ist bekannt für ihren 'Gravity-Style'“, kommentierte der Sprecher im Fernsehen. „Ihr Bit-Beast ist Gorgon-Terra, eine gewaltige Steinschlange. Das wird ein Duell der Erdkräfte!“
Nami presste die Lippen zusammen. „Emilia gegen Siobhan... das wird eine Schlammschlacht im wahrsten Sinne des Wortes.“
Disqualifikation
Emilia Bland trat mit einem breiten, frechen Grinsen in die Arena, die Hände lässig in den Taschen ihrer Teamjacke vergraben. Sie wirkte absolut furchtlos, fast so, als würde sie gleich zu einem Schulausflug aufbrechen und nicht zu einem entscheidenden Match in der Weltmeisterschaft. Als sie am Rand des Beystadiums ankam, zwinkerte sie frech in die nächstgelegene Kamera, was im Ayame-Anwesen für ein Schmunzeln sorgte.
„Sie hat Nerven aus Stahl“, murmelte Hilary bewundernd. „Ganz anders als Violeta vorhin.“
Ihre Gegnerin, Siobhan O’Sullivan, war das genaue Gegenteil. Die Irin stand bereits an ihrer Position, unbeweglich wie eine Statue aus Granit. Ihr kurzes schwarzes Haar war streng nach hinten gegelt, und ihre grauen Augen wirkten so hart wie Feuerstein.
„Du spielst gerne, Australierin?“, fragte Siobhan mit tiefer, rauer Stimme. „In Irland sagen wir: Wer auf der Erde spielt, wird von ihr begraben. Mein Gorgon-Terra wird deinen Kreisel unter Tonnen von Gestein zermalmen.“
Emilia lachte nur und holte ihren Blade Armadis hervor. Der Kreisel war in einem erdigen Ocker und tiefem Schwarz gehalten, robust und schwer. „Hübscher Spruch, Siobhan! Aber mein Gürteltier liebt es, sich durch harte Schalen zu graben. Mal sehen, wer hier wen begräbt.“
„3... 2... 1... Let it rip!“
Die Beyblades schlugen mit einem dumpfen, schweren Geräusch im Stadium auf. Sofort veränderte sich die Akustik in der Arena. Es war kein hohes Klirren wie bei Gous oder Ryans Kämpfen, sondern ein tiefes Grollen, das durch den Boden bis in die Zuschauerreihen vibrierte.
Siobhan übernahm sofort die Initiative. „Gorgon-Terra! Erdbeben-Resonanz!“
Aus ihrem Beyblade materialisierte sich eine gewaltige Schlange, die nicht aus Fleisch, sondern aus massiven, kantigen Felsbrocken bestand. Wo immer Gorgon-Terra den Boden berührte, rissen tiefe Spalten im Titan-Verbundstoff der Arena auf. Die Trümmer begannen um den Kreisel zu rotieren und bildeten einen Schutzwall aus fliegenden Steinen.
In Tokio beobachtete Sayuri die Frequenzanzeige auf ihrem Tablet. „Papa, Siobhan macht das Spielfeld ein wenig instabil. Sie verwandelt die Arena in ein Trümmerfeld, um Emilias Geschwindigkeit zu brechen.“
Kai nickte. „Ein kluger Schachzug. Aber Emilia hat nicht umsonst ein Gürteltier.“
Auf dem Bildschirm sah man, wie Emilia die Augen zusammenkniff. Ihr Armadis wurde von den Steinsplittern getroffen, doch anstatt weggeschleudert zu werden, schien der Kreisel sich flach an den Boden zu pressen.
„Jetzt, Armadis! Earth-Drill-Mode!“, rief Emilia.
Das Bit-Beast erschien – ein gedrungenes, kraftvolles Gürteltier mit einer Panzerung aus schimmerndem Kristall und gehärteter Erde. Anstatt Gorgon-Terra direkt anzugreifen, begann Armadis, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit um die eigene Achse zu drehen und dabei die Vibrationen der Arena aufzusaugen.
„Sie nutzt die Erdbeben-Wellen von Siobhan, um ihren eigenen Spin zu verstärken!“, analysierte Tyson begeistert. „Das ist genau wie bei Gou vorhin, nur auf mechanischer Ebene!“
Plötzlich rammte Armadis seine Krallen in eine der Spalten, die Siobhan gerissen hatte. Die Schockwelle, die Emilia dadurch auslöste, ließ die fliegenden Steine von Gorgon-Terra einfach in der Luft zerbersten.
„Soll das alles sein?“, spottete Emilia. „Ich dachte, du hättest Kraft! Armadis, Grand Canyon Smash!“
Das Gürteltier rollte sich zu einer perfekten Kugel zusammen und schoss wie eine Kanonenkugel durch die Arena – allerdings nicht auf den Gegner zu, sondern direkt in den Boden unter Gorgon-Terra.
Siobhan O’Sullivan ließ sich von Emilias provokantem Grinsen nicht aus der Ruhe bringen. Als sie sah, wie sich das Gürteltier Armadis in den Boden grub, verengten sich ihre grauen Augen zu Schlitzen. Sie kannte diesen Trick – die Australierin versuchte, die Fundamente ihrer Verteidigung zu unterwandern.
„Du denkst, der Boden gehört dir, nur weil du darin wühlst?“, dröhnte Siobhans Stimme durch die Arena. „Die Erde ist mein Element, Emilia. Und sie wird dich jetzt verschlingen! Gorgon-Terra! Stone Coffin!“
Anstatt Armadis im Untergrund zu verfolgen, ließ Siobhan ihre Steinschlange direkt über der Stelle, an der das Gürteltier abgetaucht war, in den Boden rammen. Die gewaltigen Felsplatten von Gorgon-Terra schoben sich mit einem ohrenbetäubenden Knirschen ineinander. Durch die extreme Rotation und den Druck der Steinschlange wurde der Boden um Armadis herum so stark verdichtet, dass das Gürteltier buchstäblich feststeckte.
Im Ayame-Anwesen sprang Tyson auf. „Was?! Sie presst den Boden zusammen? Emilia kann sich nicht mehr drehen!“
Die siebenjährige Sayuri nickte fachmännisch, ihre Stirn in Falten gelegt. „Siobhan hat die molekulare Dichte des Bodens schlagartig erhöht. Armadis hat keinen Raum mehr für die Vibration. Wenn die Rotation stoppt, ist es vorbei.“
Auf dem Bildschirm sah man Emilia, wie ihr freches Grinsen zum ersten Mal verrutschte. „Armadis! Brich aus! Nutze den Kristall-Panzer!“, schrie sie verzweifelt.
Doch es war zu spät. Siobhan hob die Hand, und Gorgon-Terra entfesselte eine letzte, gewaltige Schockwelle. Der Druck im Inneren des Bodens wurde so groß, dass Emilias Beyblade mit einem hässlichen, dumpfen Knall nach oben katapultiert wurde – völlig ohne Eigenrotation. Armadis flog in einem hohen Bogen aus dem Ring und landete stumpf auf dem harten Beton außerhalb der Markierung.
„AUS! PUNKT FÜR GROSSBRITANNIEN!“, brüllte der Kommentator, während die britischen Fans die Arena in ein Tollhaus verwandelten. „Siobhan O’Sullivan gleicht den Block aus! Es steht 2:2! Alles hängt jetzt vom alles entscheidenden fünften Match ab!“
Emilia starrte fassungslos auf ihren Beyblade, der reglos am Boden lag. Sie biss sich auf die Lippe, unterdrückte aber im Gegensatz zu Violeta die Tränen. Sie hob Armadis auf, warf Siobhan einen zornigen Blick zu und stampfte zurück in den Tunnel.
Im Salon des Anwesens herrschte angespannte Stille. Nami sah besorgt zu Kai. „Zwei zu zwei. Das bedeutet, Seiya muss es jetzt richten. Der Druck auf dem Jungen ist gewaltig.“
Kai blieb ruhig, doch seine Augen funkelten. „Seiya ist fast sechzehn. Er hat das ruhigstes Gemüt im Team, aber sein Bit-Beast manipuliert den Wind. In einer Arena, die durch die vorangegangenen Kämpfe thermisch und physisch instabil ist, ist Wind die unberechenbarste Variable.“
Sayuri sah von ihrem Monitor auf. „Seiyas Gegner ist der Vize-Kapitän der Royal Knights, richtig? Das wird kein einfacher Kampf. Es ist ein Duell der Elemente: Wind gegen... was auch immer die Briten noch in der Hinterhand haben.“
Das Dröhnen in der Arena verstummte jäh, als der Schiedsrichter mit besorgter Miene das Beystadium untersuchte. Wo zuvor eine glatte, hochmoderne Kampffläche gewesen war, klafften nun tiefe Risse, Trümmerteile von Siobhans Felsangriffen lagen verstreut, und an einigen Stellen glänzte der Boden noch immer von Ryans gefrorener Schicht, die nun langsam zu Tauwasser schmolz.
„Meine Damen und Herren, wir haben ein technisches Problem!“, rief der Kommentator über die Lautsprecher, während Techniker in gelben Westen bereits mit Scannern auf das Feld eilten. „Die schiere Urgewalt der letzten vier Matches hat das titanverstärkte Fundament der Arena an seine Belastungsgrenze gebracht. Für ein faires und sicheres Finale zwischen den Vize-Kapitänen müssen wir das gesamte Segment austauschen!“
Ein Raunen ging durch das Publikum, gefolgt von der offiziellen Einblendung auf den riesigen Monitoren: TECHNICAL BREAK – 60 MINUTES.
Im Ayame-Anwesen in Tokio lehnte sich Nami tief atmend in die Polster des Sofas zurück. „Eine Stunde... Gott sei Dank. Ich glaube, mein Herz hätte ein sofortiges Finale nicht ausgehalten.“
Kai blieb unbeweglich, seine Augen fest auf den Bildschirm gerichtet, der nun Analysen der vorangegangenen Kämpfe zeigte.
Tyson starrte auf die Zeitlupe von Emilias Niederlage. „Sie war so nah dran“, brummte er. „Aber diese Irin... die hat den Boden kontrolliert wie eine echte Majestic. Gou muss Seiya jetzt klarmachen, dass er die gesamte Arena als seinen Luftraum betrachten muss.“
Währenddessen, in den Katakomben von London:
Im Warteraum von B-Revolution war die Luft dick vor ungesagten Worten. Emilia war mit verschränkten Armen in eine Ecke des Raumes gestürmt, ihr freches Grinsen war einer finsteren Entschlossenheit gewichen. Violeta saß neben ihr und legte ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter, was Emilia mit einem knappen, aber dankbaren Nicken quittierte.
Gou stand am Fenster, das den Blick auf die leere, von Scheinwerfern beleuchtete Arena freigab. Er drehte sich langsam zu Seiya um, der ruhig auf einer Bank saß und seinen violetten Falken-Bey in den Händen hielt.
„Eine Stunde, Seiya“, sagte Gou ruhig. Sein Blick war messerscharf. „Die Briten werden diese Zeit nutzen, um dich psychisch mürbe zu machen. Sie werden Videos von dir analysieren, jede deiner Flugbahnen berechnen.“
Seiya sah auf, seine hellvioletten Augen strahlten eine fast unnatürliche Gelassenheit aus. „Lass sie rechnen, Gou. Man kann den Wind berechnen, aber man kann ihn nicht festhalten.“
Gou trat einen Schritt näher. „Vergiss nicht: Die neue Arena wird frisch kalibriert sein. Keine Risse, kein Eis, kein Staub. Das ist deine Chance. Du wirst die Thermik der Scheinwerfer nutzen, um deinen Falken über ihre Schwerkraft-Tricks zu heben. Wir gewinnen diesen Block nicht durch Kraft, sondern durch Eleganz.“
In Tokio beobachtete Lumina die Live-Schalte in den Warteraum. „Seiya wirkt so friedlich“, flüsterte sie Nami zu. „Fast wie ein Mönch vor der Meditation.“
„Das ist seine Stärke“, antwortete Nami leise. „Aber gegen den Vize-Kapitän der Knights wird er mehr brauchen als nur inneren Frieden. Er wird den Sturm entfesseln müssen.“
Während auf dem Bildschirm in London die Techniker damit begannen, die beschädigten Arenasegmente mit schweren Hydraulikkränen aus der Verankerung zu heben, entspannte sich die Atmosphäre im Salon des Ayame-Anwesens ein wenig. Die einstündige Pause bot Raum für Gespräche, die nichts mit Beyblade-Statistiken zu tun hatten.
Lumina lehnte sich elegant zurück, ihre magentafarbenen Augen funkelten unternehmungslustig, während sie an ihrem Glas nippte. „Wisst ihr was?“, begann sie in die Runde und strich sich eine silbrige Strähne aus dem Gesicht. „Nach diesem ganzen Nervenkrieg heute brauchen wir einen Ausgleich. Ich schlage vor: Nächsten Freitagabend machen wir einen Mädelsabend im Blue Velvet. Nur wir Frauen. Wir werfen uns in unsere heißesten Outfits und lassen den Champagner fließen, bis die Sonne aufgeht.“
Kai, der bis eben noch völlig in die Analyse der Arena-Daten vertieft war, hob langsam den Kopf. Sein Blick wurde augenblicklich kühler, und er tauschte einen kurzen, vielsagenden Blick mit Tala aus, der neben ihm saß.
„Das Blue Velvet?“, wiederholte Kai mit seiner tiefen, autoritären Stimme. Er sah Nami von der Seite an. „Nami war noch nie ohne mich in diesem Club. Und es gibt gute Gründe dafür.“
Nami lachte leise und drückte Kais Hand, die noch immer auf ihrer Schulter lag. „Er hat recht, Lumina. Bisher waren wir dort immer nur als Paar. Der Club ist... nun ja, er ist nicht unbedingt für einen ruhigen Abend bekannt.“ Sie sah ihre Cousine neugierig an. „Außerdem: Warum ausgerechnet jetzt? Gibt es einen speziellen Anlass für diese Eskalation?“
Auch Tala wirkte wenig begeistert. Er verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und beobachtete seine Frau mit einer Mischung aus Skepsis und einer Vorahnung, die er nur mühsam unterdrückte. Die Stille im Raum dehnte sich aus, während Lumina nur geheimnisvoll lächelte und ihren Blick zwischen Nami, Kai und Tala hin- und herwandern ließ.
Schließlich stieß Tala einen genervten Seufzer aus und rollte mit den Augen. „Ach, komm schon, Lumina. Sag es ihnen einfach“, brummte er und sah sie fast schon flehend an. „Du kannst es ja sowieso nicht für dich behalten. Die Vorfreude steht dir doch schon wieder ins Gesicht geschrieben.“
Lumina hielt es nicht mehr aus. Ein strahlendes, fast schon blendendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie klatschte kurz in die Hände.
„Na gut, na gut!“, rief sie begeistert. „Tala und ich haben beschlossen... wir versuchen es ab jetzt offiziell! Wir wollen ein Baby! Und da ich vorhabe, eine sehr vorbildliche Schwangere zu sein, will ich es davor noch einmal so richtig krachen lassen. Ein letztes Mal feiern, als gäbe es kein Morgen, bevor das Abenteuer Mutterschaft beginnt!“
Nami riss die Augen auf und stieß einen freudigen Schrei aus, bevor sie aufsprang und ihre Cousine in eine stürmische Umarmung zog. „Lumina! Das ist ja wundervoll!“, rief sie aus, während sie bereits Pläne für Baby-Kleidung im Kopf durchging.
Kai zog eine Braue hoch und sah zu Tala hinüber, der trotz seines genervten Untertons ein ganz leichtes, stolzes Grinsen nicht ganz unterdrücken konnte. „Ein Kind, hm?“, murmelte Kai. „Dann ist dieser Club-Abend wohl eher eine Abschiedstournee vom Leichtsinn.“
Sayuri, die das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte, sah von ihrem Tablet auf. „Das bedeutet, ich bekomme eine Cousine oder einen Cousin?“, fragte sie strahlend
„Sieht ganz danach aus“, lachte Nami und wischte sich eine kleine Träne der Freude aus dem Augenwinkel. „Heute feiern wir erst mal Gous Sieg und Luminas Neuigkeiten.“
Gerade als die riesigen Hydraulikpressen das letzte neue Segment der Arena mit einem dumpfen metallischen Grollen einrasten ließen und Seiya im Warteraum bereits seinen violetten Ventus-Bey in den Starter einlegte, änderte sich die Atmosphäre im Stadion schlagartig.
Statt der gewohnten Kampfmusik erloschen die bunten Scheinwerfer und wurden durch ein steriles, helles Arbeitslicht ersetzt. Die Kameras schwenkten auf das Kommentatorenpult, wo nun Mr. Dickenson stand. Der sonst so fröhliche, weißhaarige Präsident der BBA wirkte gealtert; seine Hände zitterten leicht, während er ein offizielles Dokument hielt. Sein Blick war ernst und tief erschüttert.
„Meine Damen und Herren, liebe Blader weltweit“, begann er, und seine Stimme hallte schwer durch die Arena. „Ich muss eine Durchsage machen, die mir das Herz bricht, aber die Integrität des Beyblade-Sports lässt keinen anderen Weg zu. In den letzten Stunden wurde aufgrund massiver Unstimmigkeiten in der Informationsverteilung und einigen internen Datenlecks eine forensische Untersuchung eingeleitet.“
Im Ayame-Anwesen wurde es schlagartig totenstill. Kai lehnte sich mit zusammengekniffenen Augen vor. „Es geht los“, murmelte er finster.
„Unsere IT-Spezialisten haben einen hochkomplexen Hackerangriff auf den zentralen BBA-Server isoliert, der über Monate unentdeckt blieb“, fuhr Mr. Dickenson fort. „Die Spur führt eindeutig zu einem privaten Server-Netzwerk der Thorne-Familie. Die Untersuchung ergab, dass Arena-Daten, die vor mehr als drei Monaten an den japanischen Sitz der BBA gesendet wurden, manipuliert worden waren. Das Team B-Revolution wurde gezielt mit falschen Informationen versorgt, um ihre Vorbereitung zu sabotieren.“
Die Kamera schwenkte blitzschnell zur VIP-Loge. Robert Thorne war aufgesprungen, sein Gesicht war aschfahl und er wirkte vollkommen fassungslos. Er sah nicht wie ein Täter aus, sondern wie ein Mann, dessen Welt gerade vor laufender Kamera in Trümmern versank. Er schüttelte den Kopf und versuchte, etwas zu sagen, doch sein Mikrofon war stummgeschaltet.
„Aufgrund dieser gravierenden Verstöße gegen die Fairplay-Regeln und der kriminellen Manipulation des Wettbewerbs“, verkündete Mr. Dickenson mit brüchiger Stimme, „werden die Royal Knights mit sofortiger Wirkung vom Turnier disqualifiziert.“
Ein gellendes Pfeifkonzert und fassungslose Schreie brachen in der Londoner Arena aus.
„Was?!“, rief Tyson im Salon aus und sprang fast vom Sofa. „Disqualifiziert? Das heißt... Gou hat gewonnen, aber das Turnier ist für die Knights vorbei?“
Sayuri starrte auf den Bildschirm, ihre klugen Augen wanderten zu Robert Thorne. „Er wusste es nicht“, stellte sie leise fest. Kai nickte zustimmend.
„Schaut euch sein Gesicht an. Das ist echtes Entsetzen. Wenn er der Hacker wäre, hätte er einen Fluchtweg vorbereitet. Jemand hat die Thorne-Infrastruktur benutzt, um ihn und die Knights zu vernichten.“
Sein Blick blieb auf dem Monitor hängen. „Robert Thorne ist ein Snob, aber er ist kein Betrüger. Er ist zu stolz auf seine 'Tradition', um zu hacken. Das war ein Insider-Job – oder jemand wollte ein Exempel statuieren.“
Nami legte ihre Hand auf Kais Arm. Ihr Herz schlug bis zum Hals. „Und was bedeutet das für Gou? Er steht jetzt in diesem Warteraum und der Sieg fühlt sich wahrscheinlich wie Asche an.“
In London sah man, wie Seiya den Starter sinken ließ. Er sah zu Gou, der mit unbewegter Miene auf den Monitor starrte. Die Stille in ihrem Warteraum war nun drückender als jeder Lärm zuvor.
In der Londoner Arena herrschte das absolute Chaos. Das grelle Licht des Bildschirms spiegelte sich in seinen Augen wider, die nun härter wirkten als geschliffener Onyx. Er bewegte keinen Muskel. Während Violeta sich erschrocken die Hand vor den Mund hielt und Ryan mit einem verächtlichen Schnauben den Kopf schüttelte, blieb Gou vollkommen ruhig. Es war die unheimliche Stille eines Raubtiers. Er wirkte nicht erleichtert über den Sieg; er wirkte beleidigt. Für einen Hiwatari war ein Sieg ohne Kampf eine Demütigung der eigenen Fähigkeiten.
Plötzlich schwang die Tür des Warteraums auf. Lord Eric Davies trat ein, gefolgt von zwei Männern in dunklen Anzügen – offensichtlich Rechtsbeistände der Tachiwari-Corporation. Eric Davies sah nicht mehr aus wie der charmante Aristokrat von vorhin. Seine Miene war eiskalt, die weichen Gesichtszüge wie zu Stein erstarrt.
„Gou, Team“, begann er, und seine Stimme schnitt durch den Raum wie eine Klinge. „Das Turnier ist für heute beendet. Die Beweislast gegen das Thorne-Netzwerk ist erdrückend. Wir haben bereits eine einstweilige Verfügung erwirkt, um sämtliche physischen Datenträger in Robert Thornes Londoner Residenz zu beschlagnahmen.“
Er trat direkt vor Gou. „Ich weiß, was du denkst. Aber das ist kein Sieg der Logik mehr, das ist Wirtschaftskriminalität. Jemand hat versucht, die Integrität deiner Familie und der BBA zu untergraben.“
„Robert war es nicht“, sagte Gou plötzlich. Es war das erste Mal, dass er sprach, seit Mr. Dickenson die Disqualifikation ausgesprochen hatte.
Eric Davies hielt inne und zog eine silberne Braue hoch. „Und wie kommst du zu diesem Schluss, mein Junge?“
„Weil der Angriff zu präzise war“, antwortete Gou kühl. „Wenn Robert die Daten manipuliert hätte, hätte er Alistair eine Chance gegeben nicht dort hineingezogen zu werden. Die manipulierten Daten, die wir erhalten haben, waren so offensichtlich falsch, dass sie uns fast schon dazu zwingen mussten, tiefer zu graben. Jemand wollte, dass wir den Betrug finden. Jemand wollte die Royal Knights heute Abend öffentlich brennen sehen.“
Eric verharrte einige wenige Sekunden ehe er weitersprach. „Wie dem auch sei. Die BBA hat entschieden. Ihr werdet morgen offiziell als Gruppensieger verkündet. Packt eure Sachen. Wir verlassen das Stadion durch den Hinterausgang. Die Pressemeute vor dem Haupteingang wird Robert Thorne bei lebendigem Leib zerfleischen, und ich möchte nicht, dass ihr in dieses Blitzlichtgewitter geratet.“
Gou griff nach seinem Corvus-Bey, der noch immer auf dem Analysetisch lag. Er sah Seiya an, der schweigend daneben stand. „Es tut mir leid, Seiya. Du hättest den Sieg verdient gehabt.“
Seiya schüttelte nur leicht den Kopf. „Der Wind hört nicht auf zu wehen, nur weil die Arena geschlossen wird, Gou. Wir werden unseren Kampf bekommen. Nur nicht heute.“
Die Gänge hinter der Hauptarena von London wirkten in diesem Moment wie die sterilen Flure eines Krankenhauses. Das grelle Neonlicht flackerte leicht, während Team B-Revolution, angeführt von einem grimmigen Lord Eric Davies, auf den privaten Hinterausgang zumarschierte. Die gedämpften Schreie und Pfiffe der Fans aus der Arena waren hier nur noch als ein fernes, unheilvolles Grollen zu hören.
Plötzlich blieb Gou stehen. Seine Schritte hallten auf dem Linoleumboden nach und verstummten abrupt. Nur wenige Meter vor ihnen, an der Kreuzung zum VIP-Bereich, stand eine kleine Gruppe, die das exakte Spiegelbild ihrer eigenen Zerstörung war.
Alistair Thorne lehnte an der Wand. Seine stolze Haltung war vollkommen in sich zusammengebrochen; der teure Team-Dress der Knights wirkte plötzlich viel zu groß für ihn. Er hielt seinen Beyblade so fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Direkt neben ihm stand sein Vater Robert. Der Mann, der noch vor wenigen Stunden wie der Inbegriff britischer Arroganz gewirkt hatte, starrte ins Leere. Sein Atem ging flach, und er schien in den letzten Minuten um Jahre gealtert zu sein.
„Robert“, sagte Lord Eric Davies kühl, als er vor seinem alten Bekannten stehen blieb.
Robert Thorne hob langsam den Blick. Es lag kein Zorn darin, nur eine tiefe, bodenlose Fassungslosigkeit. „Eric... ich habe nichts damit zu tun. Jemand hat meine Server benutzt. Mein Name... meine Familie...“ Seine Stimme brach.
Gou trat einen Schritt vor. Die Sicherheitsmänner von Eric wollten ihn zurückhalten, doch Eric hob die Hand. Gou sah Alistair direkt in die Augen. Der britische Kapitän erwiderte den Blick, und für einen Moment war da kein Hass, sondern nur das gegenseitige Erkennen von zwei Kämpfern, denen man das Schlachtfeld unter den Füßen weggezogen hatte.
„Das war kein Sieg, für unser Team“, sagte Gou leise, aber mit einer Intensität, die den Raum erfüllte. „Wir werden diesen Kampf nachholen. Irgendwann. Ohne Hacker, ohne Politik.“
Alistair schluckte schwer. Er nickte kaum merklich, unfähig zu sprechen. Er sah zu seinem Vater, der von BBA-Sicherheitsbeamten nun sanft aber bestimmt für weitere Befragungen weggeführt wurde.
In Tokio saß die kleine Sayuri ganz dicht bei Nami auf dem Sofa. Sie hielt sich an dem Ärmel ihres Pullovers fest, und ihre Unterlippe bebte ein kleines bisschen.
„Mama?“, fragte sie leise, und ihre Stimme klang jetzt gar nicht mehr wie die eines Professors, sondern wie die eines kleinen Mädchens, das Angst bekommt. „Muss der Junge jetzt ins Gefängnis, weil sein Papa böse Sachen am Computer gemacht hat? Das ist doch gar nicht fair.“
Nami zog ihre Tochter eng an sich und küsste sie auf den Kopf. „Nein, Schatz. Alistair hat nichts verbrochen. Aber es ist gerade alles sehr kompliziert und traurig für ihn.“
Sayuri schniefte kurz und vergrub ihr Gesicht an Namis Seite. „Ich mag das nicht. Gou sollte gewinnen, weil er besser ist, nicht weil die anderen Computer kaputt sind. Das macht mein Herz ganz grummelig.“
Kai beobachtete seine Tochter und seine Frau. Sein Blick war nachdenklich. Er wusste, dass dieser Skandal weitreichendere Folgen haben würde als nur eine Disqualifikation. „Die BBA wird unter Druck geraten“, sagte er an Nami gerichtet. „Wenn ein Hacker so tief ins System eindringen konnte, ist kein Team mehr sicher. Auch nicht unseres.“
Tyson schlug mit der Faust in seine Handfläche. „Wir müssen rausfinden, wer das war! Jemand hat die Knights benutzt, um Unruhe zu stiften. Das riecht nach jemandem, der das ganze Turnier brennen sehen will.“
Stetiger Fluss..
Der Londoner Regen trommelte gegen die hohen, bleiverglasten Fenster von Davies Hall, während drinnen eine seltsame, fast schon bedrückende Ruhe eingekehrt war. Die Disqualifikation der Royal Knights hatte wie ein Erdbeben gewirkt, doch das Turnier machte keine Pause. In den folgenden Tagen verwandelte sich die Arena in ein Schlachtfeld für die verbliebenen Nationen.
Während die Welt gebannt zusah, wie die verbliebenen Mitglieder der Elfenbeinküste und Frankreichs ihre aufgeschobenen Kämpfe in erbitterten Duellen austrugen, fühlte sich die Zeit für Team B-Revolution seltsam gedehnt an. Der Wirbel um den Hackerangriff hatte Davies Hall in eine belagerte Festung verwandelt. Gou verbrachte Stunden im privaten Trainingsraums des Anwesens, wo das dumpfe Aufschlagen seines Beyblades den Takt seiner Frustration vorgab. Violeta und Emilia saßen oft stundenlang im großen Wintergarten, telefonierten mit ihren Familien und versuchten, die bittere Note des Sieges am grünen Tisch wegzulachen. Seiya hingegen fand man meist meditierend in der weitläufigen Bibliothek, den violetten Ventus stets griffbereit in der Handfläche.
In Tokio hingegen pulsierte das Leben im gewohnten, hochfrequenten Rhythmus der Metropole. Im Tachiwari-Tower brannten die Lichter in den obersten Etagen bis spät in die Nacht. Nami und Kai arbeiteten Hand in Hand, um die Auswirkungen des Londoner Skandals auf das Unternehmen abzufedern.
Nami koordinierte die PR-Abteilung, um den Namen Hiwatari von den Betrugsvorwürfen gegen Thorne sauber zu halten.
Kai saß oft bis zur Erschöpfung vor den Sicherheitsberichten, seine Augen so rot wie sein Bit-Beast, während er versuchte, die digitale Signatur des Hackers zu entschlüsseln, die Gou so treffend als „zu präzise“ beschrieben hatte.
Ayumi und Ren besuchten derweil pflichtbewusst die Schule. Obwohl ihre Klassenkameraden sie mit Fragen über ihren großen Bruder Gou löcherten, blieben die Zwillinge cool. Ren genoss die Aufmerksamkeit ein wenig mehr als die eher zurückhaltende Ayumi, doch beide spürten die Abwesenheit ihres Bruders und die Anspannung ihrer Eltern deutlich.
Es war nun Freitagmittag. Die Mittagssonne spiegelte sich in der Glasfassade des Tachiwari-Towers, als Nami kurz inne hielt und aus ihrem Fenster auf die Stadt blickte. In London war es noch früher Morgen, doch die neuesten Nachrichten aus dem Turnierzentrum waren bereits eingetroffen.
Die Anzahl der teilnehmenden Nationen hatte sich innerhalb dieser wenigen Tage bereits halbiert. Das Feld war gesiebt worden; die Schwachen waren gefallen, und die Übriggebliebenen waren hungriger denn je. Der „Block-Modus“ hatte zu schnellen, gnadenlosen Entscheidungen geführt.
Nami atmete tief durch. Der Mädelsabend im Blue Velvet stand heute Abend an. Ein Lichtblick inmitten der ganzen Anspannung. Sie klopfte leise an Kais Bürotür. „Hast du die neuen Ergebnisse gesehen?“, fragte sie sanft, während sie eintrat.
Kai blickte von seinen Bildschirmen auf. Sein Gesicht wirkte in diesem Licht wie aus Marmor gemeißelt. „Ja. Italien hat Russland endgültig aus dem Turnier geworfen. Ein sauberer Sieg. Keine Hacker, keine Ausreden.“ Er lehnte sich zurück und massierte sich den Nacken. „Das bedeutet, Gou und sein Team werden in der nächsten Runde auf Gegner treffen, die keine Angst mehr vor großen Namen haben.“
Nami trat hinter ihn und legte ihre Hände auf seine Schultern. „Heute Abend wird nicht über Beyblade geredet, Kai. Lumina freut sich so sehr auf ihre ‚Abschiedstournee‘. Und ich glaube, wir beide brauchen auch mal einen Moment, in dem wir nicht an Serverprotokolle oder Blockkämpfe denken.“
Kai schloss die Augen und genoss den Druck ihrer Hände.
Doch er hielt in seiner Bewegung inne, eine Braue wanderte skeptisch nach oben. „Wieso 'wir beide', Nami?“, fragte er mit seiner gewohnt tiefen, ruhigen Stimme. „Ich dachte, die einzige Bedingung für diesen Abend war, dass wir Männer ausdrücklich nicht eingeladen sind. Tala, Vlad und ich haben uns bereits darauf eingestellt, den Abend in Talas Penthouse zu verbringen. Poker und Ruhe, fernab von Champagner-Eskapaden.“
Nami biss sich leicht auf die Unterlippe und wich seinem Blick für einen Moment aus. Sie trat zum Fenster und strich sich eine silbrige Locke hinter das Ohr. Die Stille im Büro hielt einige Sekunden an, während draußen das ferne Rauschen Tokios zu hören war.
„Ich habe es Lumina gesagt“, gab sie schließlich leise zu, während sie sich wieder zu ihm umdrehte. „Ich gehe nicht gerne ohne dich ins Blue Velvet, Kai. Ich weiß, es klingt vielleicht albern nach all der Zeit, aber... wir sind jetzt seit über fünfzehn Jahren ein Paar. Und in all den Jahren war ich noch nie in so einem Club, ohne dass du an meiner Seite warst.“
Sie machte einen Schritt auf ihn zu, ihre ozeanfarbenen Augen suchten seine. „Wenn ich dort drin stehe, die Musik höre und dann ein verliebtes Paar auf der Tanzfläche sehe... dann werde ich dich sofort vermissen. Es fühlt sich einfach nicht richtig an, dort ohne dich zu sein, egal wie exklusiv der Laden ist oder wie sehr Lumina feiern will.“
Kai sah sie einen langen Augenblick lang schweigend an. Die Kälte, die er oft im Beruf ausstrahlte, schmolz in diesem Moment wie schon so oft, vollkommen dahin. Er stand langsam auf und blieb direkt vor ihr stehen. Ohne ein Wort zu sagen, legte er seine Hände an ihre Taille und zog sie fest in seine Arme.
Nami legte ihren Kopf an seine Brust, atmete seinen vertrauten Duft ein und spürte, wie er sein Kinn sanft auf ihren Kopf bettete ehe er sich nach einigen Sekunden leicht löste. Dann hob er ihr Gesicht an und küsste sie innig. Ein Kuss, der all die Jahre ihrer gemeinsamen Geschichte in sich trug.
„Ich war selbst nicht begeistert von der Idee, dich dort allein zu lassen“, gestand er leise gegen ihre Lippen. „Aber es war Luminas ausdrücklicher Wunsch, und ich wollte nicht derjenige sein, der ihrer 'Abschiedstournee' im Weg steht. Aber ich sehe, dass du es ernst meinst.“
Er löste sich ein Stück von ihr, behielt sie aber fest im Arm, während ein seltenes, fast jungenhaftes Schmunzeln seine Züge stahl. „Soll ich nachkommen? Vielleicht 'zufällig' eine Stunde nach euch auftauchen, damit wir Tala und Vlad auch noch mitschleifen können?“
Nami lachte leise auf, die Anspannung der letzten Tage schien von ihr abzufallen. „Lumina wird uns umbringen, wenn wir ihre Planung ruinieren. Aber wenn du, Tala und Vlad plötzlich auftaucht... ich glaube, tief im Inneren würde sie sich sogar freuen. Und ich erst recht.“
Kai nickte, sein Plan stand bereits fest. „Gut. Dann lass sie ihren Mädelsstart haben. Wir geben euch einen Vorsprung. Aber stell dich darauf ein, dass ich dich nicht die ganze Nacht mit deinen Freundinnen tanzen lasse.“
Am Abend...20.00uhr
Das Blue Velvet war genau das, was sein Name versprach: Ein Tempel aus dunkelblauem Samt, gedämpftem goldenen Licht und einer Atmosphäre, die so exklusiv war, dass selbst die Reichen und Schönen Tokios oft Monate auf eine Reservierung warteten.
Lumina hatte sich selbst übertroffen. Sie trug ein eng anliegendes, silbernes Paillettenkleid, das bei jeder Bewegung wie flüssiges Metall wirkte. Nami hatte sich für ein elegantes, aber unglaublich verführerisches rückenfreies Minikleid in dunklem Violett entschieden, das ihren Teint perfekt unterstrich. Sogar Hilary und Hana hatten sich in Schale geworfen.
Die erste Flasche Champagner stand bereits im Eiswürfelkühler ihres VIP-Separées, und der Bass der Musik vibrierte angenehm im Boden.
„Auf die Zukunft!“, rief Lumina strahlend und hob ihr Glas. „Und darauf, dass ich bald keine High Heels mehr tragen kann, weil mein Bauch zu dick wird!“
Nami lachte und stieß mit ihr an, doch ihr Blick wanderte immer wieder kurz in Richtung des Eingangs. Sie wusste, dass Kai sein Wort halten würde.
Während im Blue Velvet die Korken knallten, herrschte im Penthouse von Tala in Shinjuku eine Atmosphäre, die man nur als „hochkonzentriertes Schmollen“ bezeichnen konnte. Das weitläufige Wohnzimmer war in warmes, gedämpftes Licht getaucht, und auf dem schweren Mahagonitisch lagen bereits die Pokerkarten und ein Satz hochwertiger Jetons bereit.
Tala stand am bodentiefen Panoramafenster und starrte auf das Lichtermeer von Tokio hinunter. In seiner Rechten hielt er ein Glas schweren russischen Wodka auf Eis, doch er trank nicht. Er wirkte wie ein Tiger im Käfig.
„Du hast den Jeton bereits dreimal fallen lassen, Vlad“, brummte Tala, ohne sich umzudrehen.
Vladimir Ivanov, der entspannt in einem der Ledersessel saß, hob die Hände. „Entspann dich mal. Ich frage mich, wie lange Hana und die anderen brauchen, um den Club in Schutt und Asche zu legen. Lumina klang... sehr entschlossen.“
Kai, der gerade dabei war, sich einen Drink einzuschenken, sah von seinem Glas auf. Er beobachtete Tala einen Moment lang. Er kannte diesen Blick. Es war derselbe besitzergreifende Instinkt, den er selbst nur allzu gut kannte – dieses unterschwellige Knurren im Hinterkopf bei dem Gedanken, dass seine Frau in einem der exklusivsten und damit auch blickreichsten Clubs der Stadt unterwegs war, während er hier saß und Plastikscheiben über den Tisch schob.
„Tala“, sagte Kai ruhig, während er sich zu ihnen gesellte. „Hör auf, das Fenster zu hypnotisieren. Du wirst nicht glücklicher, wenn du versuchst, das Blue Velvet von hier oben aus zu erspähen.“
Tala drehte sich ruckartig um, seine eisblauen Augen blitzten gefährlich. „Es ist lächerlich, Kai. Wir sitzen hier wie im Exil, während sie dort unten Champagner trinkt und wahrscheinlich von jedem zweiten Möchtegern-Playboy der Stadt angestarrt wird.“ Er knirschte mit den Zähnen. „Ich bin ihr Ehemann, verdammt noch mal. 'Abschiedstournee' hin oder her.“
Kai setzte ein schmales, wissendes Lächeln auf. „Nami hat mir heute im Büro etwas gesagt. Sie meinte, sie wäre vorher noch nie ohne mich in so einem Club gewesen und sie will es eigentlich auch gar nicht.“
Vladimir horchte auf. „Hana ist da ähnlich. Sie ist zwar unabhängig, aber sie mag es, wenn ich in der Nähe bin, besonders wenn es... turbulent wird.“
Kai stellte sein Glas mit hartem Klirren ab. „Ich habe Nami versprochen, dass ich nachkomme. Ich habe nicht vor, den ganzen Abend hier oben Poker zu spielen und dir dabei zuzusehen, wie du Löcher in die Skyline starrst, Tala.“
Tala hielt inne. Ein langsames, dunkles Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Die Verwandtschaft im Geiste zwischen ihm und Kai war in diesem Moment fast greifbar. Sie waren beide Männer, die ihr Revier kannten und es vor allem gerne selbst bewachten.
„Du meinst, wir sprengen die Party?“, fragte Tala mit neu erwachtem Enthusiasmus.
„Wir 'besuchen' sie“, korrigierte Kai trocken. „Zufällig...was man in dem Fall zwar nicht behaupten kann, aber egal.... Ungefähr in einer halben Stunde. Ich nehme an, ihr seid dabei?“
Vladimir stand lachend auf und warf die Karten zurück auf den Tisch. „Ganz ehrlich? Poker ist sowieso ein langweiliges Spiel, wenn man weiß, dass die eigenen Frauen gerade das Nachtleben unsicher machen. Ich hole meine Jacke.“
Tala leerte sein Glas in einem Zug und stellte es mit einem harten KLONK auf dem Tisch ab. „Ich fahre“, sagte er kurz und bündig. „Wenn ich Lumina in diesem silbernen Kleid sehe, das sie vorhin anprobiert hat, wird sie mir einiges erklären müssen.“
Kai nickte zufrieden. Er wusste, dass Lumina zwar laut protestieren, aber insgeheim – genau wie Nami – froh sein würde, wenn die „Wachmannschaft“ eintraf.
Das Blue Velvet war kein Ort, den man einfach betrat – man wurde dort empfangen. Doch als der schwarze Wagen vor dem purpurnen Teppich hielt und die Türen fast synchron aufschwangen, veränderten sich die Schwingungen vor dem Club augenblicklich.
Kai, Tala und Vladimir traten auf das Pflaster, und allein ihre physische Präsenz schien den Lärm der wartenden Menge am Absperrband zu dämpfen. Sie trugen keine Krawatten, ihre Hemden waren an den Kragen leicht geöffnet, was ihnen eine Aura von gefährlicher Eleganz verlieh.
Kai führte das Trio an. Sein Blick war kühl und zielgerichtet, die Hände lässig in den Taschen seiner dunklen Stoffhose. Tala ging direkt neben ihm, die Schultern breit, den Blick unruhig und jagend, während Vladimir mit einer beinahe raubtierhaften Gelassenheit den Abschluss bildete.
Als sie den Eingangsbereich erreichten, trat der Chef-Türsteher, ein Mann, der normalerweise niemanden ohne minutenlange Prüfung passierte, sofort zur Seite. Er verneigte sich leicht. „Guten Abend, Mr. Hiwatari. Mr. Valkov, Mr. Ivanov. Ihre Damen erwarten Sie bereits im oberen Separée.“
„Das tun sie hoffentlich“, murmelte Tala dunkel, während sie an der Schlange der Wartenden vorbeischritten, die ehrfürchtig Platz machten.
Das Innere des Clubs war ein Rausch aus Sinnen. Der Duft von teurem Parfüm, schwerem Samt und eisgekühltem Champagner lag in der Luft. Das Licht war so gedämpft, dass nur die goldenen Applikationen an den Wänden und die Kristallgläser auf den Tischen funkelten. Ein privater Host führte sie über die geschwungene Glastreppe nach oben, von wo aus man einen perfekten Blick auf die Tanzfläche und die exklusiven Nischen hatte.
Als sie das Separée der Frauen erreichten, bot sich ihnen ein Bild purer Ausgelassenheit. Lumina stand gerade mit erhobenem Glas auf der gepolsterten Bank, ihr silbernes Kleid fing jeden Lichtstrahl ein und ließ sie wie eine Erscheinung wirken. Nami saß direkt daneben, lachte über etwas, das Hilary ihr gerade ins Ohr flüsterte, und sah in ihrem violetten Kleid so atemberaubend aus, dass Kai für einen Moment unmerklich den Schritt verlangsamte.
Lumina war die Erste, die sie bemerkte. Sie hielt in der Bewegung inne, blinzelte kurz und setzte dann ein triumphierendes, wenn auch gespieltes empörtes Grinsen auf.
„Na, sieh mal einer an!“, rief sie über den Bass der Musik hinweg und stemmte eine Hand in die Hüfte. „Haben die Herren die Orientierung verloren oder hat das Pokerspiel nicht genug Action geboten?“
Nami drehte sich um. Als ihr Blick auf Kai fiel, erstrahlten ihre Augen in einem ozeanfarbenen Glanz, der alles Licht im Raum in den Schatten stellte. Ein erleichtertes, liebevolles Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie wusste, dass er kommen würde, aber ihn jetzt hier zu sehen, in dieser Umgebung, ließ ihr Herz einen Schlag überspringen.
Tala steuerte direkt auf Lumina zu, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Er blieb vor ihr stehen, die Arme verschränkt. „Das Kleid ist kürzer, als ich es in Erinnerung hatte, Lumina“, sagte er mit einem tiefen Grollen, das jedoch mehr von Bewunderung als von echtem Ärger zeugte.
Lumina lachte hell auf, sprang von der Bank direkt in seine Arme und legte ihre Hände in seinen Nacken. „Du konntest es einfach nicht lassen, Valkov, oder?“
Kai hingegen trat ruhig an den Tisch. Er ignorierte die anderen für einen Moment und sah nur Nami an. Er beugte sich zu ihr hinunter, seine Hand legte sich sanft in ihren Nacken, während er ihr etwas zuflüsterte, das nur sie hören konnte.
„Du hast gesagt, du würdest mich vermissen, also bin ich hier...“, murmelte er gegen ihr Ohr. „Ich wollte nicht, dass du auch nur eine Minute weiter ohne mich bist...“
Nami schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich hinunter. „Du bist spät dran“, neckte sie ihn leise, bevor sie ihn vor den Augen ihrer Freunde küsste, ehe sich ihre Lippen nur langsam voreinander lösten.
Kai lächelte, nur für sie sichtbar.
„Ich hol mir unten an der Bar kurz einen Drink. Kommst du mit, Tala?"
Tala nickte und gab Lumina noch einen letzten besitzergreifenden Kuss auf die Schläfe.
Nachdem die Beiden sich in Richtung der Bar verabschiedet hatten, um ihre Drinks zu holen, sah Lumina ihre Chance gekommen. Ein verschmitztes Funkeln trat in ihre magentafarbenen Augen.
„Komm schon, Nami!“, rief sie und ergriff die Hand ihrer Cousine. „Solange die Wachmänner beschäftigt sind, gehört die Tanzfläche uns. Du weißt ganz genau, dass sie uns spätestens in fünf Minuten sowieso wieder belagern, um ihr Revier zu markieren.“
Nami lachte hell auf. Sie kannte Lumina und sie kannte Kai. Der Gedanke an sein besitzergreifendes Gesicht, wenn er sie in der Menge suchen musste, amüsierte sie. „Na gut, aber beschwer dich nicht, wenn Tala uns gleich von der Tanzfläche pflückt!“
Die beiden Frauen tauchten in die Menge ein. Das Blue Velvet pulsierte. Lumina ging vollkommen in der Musik auf; sie tanzte ausgelassen, wirbelte herum und ihr silbernes Paillettenkleid reflektierte das Licht wie eine Discokugel. Sie genoss die Aufmerksamkeit und ignorierte die bewundernden Blicke der Männer um sie herum mit einer Routine, die fast schon bewundernswert war.
Nami hingegen spürte nach einiger Zeit, wie sich ein unangenehmes Gefühl in ihrer Magengegend breitete. Anders als Lumina fühlte sie sich unwohl unter den gierigen Blicken einiger Barbesucher, die sie fast schon schamlos musterten. Ohne Kai an ihrer Seite fühlte sich die Atmosphäre des Clubs plötzlich viel zu aufdringlich an.
Sie beugte sich zu Lumina und schrie gegen den Bass an: „Ich geh kurz zur Toilette, Lumina! Mir ist das hier gerade ein bisschen zu viel!“
Lumina nickte strahlend, tanzte aber unbeirrt weiter. Nami löste sich aus der Menge und schritt in Richtung der ruhigeren Randbereiche des Clubs. Der kühle Luftzug abseits der Tanzfläche tat gut, doch gerade als sie den Gang zu den Waschräumen erreichen wollte, hörte sie eine Stimme, die ihren Namen aussprach.
„Nami?“
Sie hielt inne und drehte sich um. Vor ihr stand ein Mann, der so gar nicht in das typische Bild der Clubbesucher passte. Er war groß, muskulös, aber elegant gebaut, mit markanten Gesichtszügen und blondem Haar. Seine eisblauen Augen blitzten freundlich, und er schenkte ihr ein warmes Lächeln.
Nami blinzelte ein paar Mal. Das Gesicht kam ihr bekannt vor, aber es passte nicht ganz in ihre Erinnerung. Der Fremde schmunzelte, als er ihr Zögern bemerkte.
„Hast du mich nach all der Zeit wirklich schon vergessen, Nami?“, fragte er charmant.
In diesem Moment klickte es. Die fast ritterliche Eleganz, die aufrechte Haltung... aber viel reifer und maskuliner als damals. „Miguel?“, hauchte sie fassungslos.
Der einstige Anführer des Barthez Battelion, stand nun als gestandener, attraktiver Mann vor ihr. Die kindliche Unsicherheit von früher war einer fast schon ritterlichen Aura gewichen.
„In Fleisch und Blut“, erwiderte Miguel. „Es ist eine Ewigkeit her, nicht wahr?“
Er lachte leise, ein warmes, tiefes Geräusch, das kaum noch etwas mit dem jungenhaften Schalk des Spaniers von damals zu tun hatte. Er verbeugte sich leicht, fast wie ein Edelmann am Hofe, was in der modernen, pulsierenden Atmosphäre des Blue Velvet seltsam deplatziert und doch beeindruckend wirkte.
„Ich bin erleichtert, Nami“, sagte er und seine Stimme klang weich und kultiviert. „Ich hatte schon befürchtet, die Zeit hätte meine Spuren in deinem Gedächtnis verwischt. Aber du hast dich kaum verändert. Außer, dass du noch strahlender und schöner geworden bist, als ich es in Erinnerung hatte.“
Nami strich sich eine silbrig-weiße Locke aus der Stirn und lächelte nun entspannter. „Du hast dich dafür umso mehr verändert, Miguel. Wenn ich an Barthez Battelion denke... du wirkst jetzt viel eher wie jemand, der ein Schloss bewohnt, als wie jemand, der unter Jean-Paul Barthez trainiert hat.“
Miguel verzog kurz das Gesicht, ein schelmisches Funkeln trat in seine eisblauen Augen. „Oh, bitte erwähne diesen Namen nicht. Wir haben diese dunklen Kapitel längst hinter uns gelassen. Ich bin heute in geschäftlichen Dingen hier, ich arbeite im Bereich der Sportförderung in Europa.“ Er trat einen Schritt näher, hielt aber einen respektvollen Abstand. „Ich habe von Gou gehört. Ein beeindruckender Junge. Er hat nicht nur die Haare seines Vaters, sondern wohl auch deine Leidenschaft geerbt.“
Nami wollte gerade antworten, als sie ein seltsames Kribbeln im Nacken verspürte – jenes untrügliche Zeichen, dass sie beobachtet wurde.
Ungefähr zehn Meter entfernt, an der massiven Marmorbar, hielt die Welt für einen Moment inne. Kai hatte gerade sein Glas entgegengenommen, doch er hatte es noch nicht zum Mund geführt. Sein Blick war wie ein Laser auf die Szene am Rande der Tanzfläche fixiert.
Tala, der neben ihm stand, folgte seinem Blick und stieß ein trockenes Lachen aus. „Na, sieh mal an, Kai. Kaum lassen wir sie zwei Minuten aus den Augen, taucht ein blonder Ritter in glänzender Rüstung auf. Und wenn ich mich nicht irre, ist das Miguel. Der kleine Vogel von Barthez ist wohl flügge geworden.“
Kai antwortete nicht sofort. Er stellte sein Glas mit einer langsamen, fast bedrohlichen Präzision zurück auf den Tresen. Er war nicht eifersüchtig im klassischen Sinne, aber sein Instinkt, sein Revier zu markieren, war nach wie vor so scharf wie die Kanten seines Dranzer.
„Er ist gewachsen“, bemerkte Kai kühl, während er sich von der Bar abstieß.
„Oh ja, und er sieht aus, als würde er ihr gerade ein Gedicht rezitieren“, stachelte Tala ihn grinsend an, während er selbst nach Lumina Ausschau hielt, die noch immer auf der Tanzfläche wirbelte. „Viel Spaß beim 'Hallo' sagen.“
Kai schritt durch die Menge. Er drängelte nicht, er schubste nicht – die Leute machten ihm einfach Platz, als würde eine unsichtbare Druckwelle von ihm ausgehen.
Nami bemerkte ihn zuerst. Sie sah, wie sich Kais Gestalt aus dem Halbdunkel löste, und ein wissendes, fast amüsiertes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie kannte diesen Gang.
„Miguel“, sagte Nami leise, „ich glaube, du erinnerst dich noch an meinen Mann?“
Miguel drehte sich langsam um. Er sah Kai kommen und bewahrte seine ritterliche Ruhe, obwohl jeder normale Mensch bei Kais Anblick wahrscheinlich den Rückzug angetreten hätte.
„Kai Hiwatari“, sagte Miguel höflich und neigte den Kopf, als Kai direkt neben Nami zum Stehen kam und besitzergreifend, aber ruhig seinen Arm um ihre Taille legte. „Es ist eine Ewigkeit her. Ich habe gerade deiner Frau gratuliert. Ihr habt eine bemerkenswerte Familie.“
Kai sah Miguel einen langen Moment lang schweigend an, die kühle Aura eines Phönix umgab ihn. „Miguel“, erwiderte er knapp. Seine Stimme war tief und klang wie das ferne Grollen eines heraufziehenden Sturms. „Ich wusste nicht, dass du dich in Tokio aufhältst...und, dass ihr Beide euch zu kennen scheint“
Kai rührte sich keinen Millimeter. Sein Griff um Namis Taille verstärkte sich unmerklich, während er Miguel mit einer starren, fast raubtierhaften Intensität fixierte. Die Musik und das Gelächter des Clubs schienen für einen Moment in den Hintergrund zu treten, während Miguels Worte wie kleine Nadelstiche in der Luft hingen.
Er warf Nami einen kurzen, forschenden Seitenblick zu. „Nami hat dich jedenfalls nie erwähnt“
Miguel lachte kurz auf, ein entspanntes, weltmännisches Geräusch. „Warum sollte sie auch, Kai? Wir haben uns vor fast zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen. Das war noch vor der Zeit, in der ihr beide euch überhaupt kanntet. Nami war glaube ich fünfzehn, ich war siebzehn und arbeitete damals kurzfristig für die BBA hier in Tokio.“
Er grinste warm und blickte erneut auf Nami, die nun spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg. Sie suchte Kais Blick, ein stummes Flehen in ihren ozeanfarbenen Augen, dass Miguel endlich aufhören möge zu reden. Doch Miguel war mittlerweile zu selbstbewusst, zu ritterlich-arrogant, um die feinen Nuancen von Kais aufziehendem Zorn oder Namis Verlegenheit zu beachten.
„Nami war damals öfter mit ihrem Vater im Hauptquartier“, fuhr Miguel fort und fixierte Kai nun direkt. „Ich muss zugeben... ich war fasziniert von ihr. Von ihrer Ausstrahlung, ihrer Art....ihrer Schönheit“
Nami hielt den Atem an. Sie war geschockt, dass Miguel so etwas nach all den Jahren so offen aussprach und das direkt vor Kai.
„Ich habe damals alles versucht“, gab Miguel unumwunden zu, wobei er eine kurze Pause machte und Kai erneut in die Augen blickte, diesmal mit einem leicht anerkennenden Funkeln. „Ich war extra charmant, habe versucht, sie für mich zu gewinnen... aber sie hat mich eiskalt abblitzen lassen.“
Nami spürte, wie ihr Gesicht nun förmlich brannte. Sie griff nach Kais Arm und versuchte, ihn sanft in Richtung der Tanzfläche zu ziehen. „Komm, Kai... lass uns tanzen. Das ist alles ewig her und total peinlich“, murmelte sie verlegen.
Doch Kai bewegte sich nicht. Er wirkte wie eine Statue aus Granit, die Augen fest auf den Spanier gerichtet.
Miguel schien die Spannung fast zu genießen. „Willst du raten, Kai, weswegen sie mich hat abblitzen lassen? Oder besser gesagt: wegen wem?“ Eine kurze, dramatische Pause entstand, in der man nur den dumpfen Bass des Clubs hörte. „Sie meinte damals zu mir, ihr Herz sei bereits besetzt.“
Nami wollte am liebsten im Boden versinken, doch Miguel war noch nicht fertig. Er beschrieb nun die Szene, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatte.
„Ich erinnere mich an einen der wenigen Tage im Jahr, an denen du damals im Hauptquartier erschienen bist, Kai. Es war unmöglich, dich zu übersehen. Und ich habe Nami beobachtet...“, Miguel grinste breit. „Sie stand vielleicht fünf Meter von dir entfernt, halb hinter einer Marmorsäule versteckt. Ich habe gesehen, wie sie dir mit diesem leicht nervösen, fast schon sehnsüchtigen Blick nachgestarrt hat, während du an ihr vorbeigegangen bist, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen.“
Miguel neigte den Kopf leicht zur Seite. „Schon damals hatte sie nur Augen für den ‚Phönix‘ gehabt, selbst als du noch gar nicht wusstest, dass sie existiert.“
In der Nische herrschte plötzlich eine elektrierende Stille. Nami wagte es kaum, zu Kai aufzusehen. Sie erinnerte sich genau an diesen Tag, wie ihr Herz jedes Mal gerast war, wenn sie seinen Namen auf den Fluren gehört hatte.
Kai sah von Miguel zu Nami hinunter. Die Kühle in seinem Blick war einem Ausdruck gewichen, den man fast als verblüffte Zärtlichkeit bezeichnen konnte, gemischt mit seinem typischen, besitzergreifenden Stolz.
Miguels Worte hatten eine Tür in seinem Gedächtnis aufgestoßen, die seit fast zwei Jahrzehnten verschlossen war.
Kai erinnerte sich jetzt messerscharf an diesen speziellen Tag. Es war der Tag seiner Abreise nach Tibet gewesen – ein radikaler Schnitt, um sich von den Erwartungen der Welt zu isolieren und um den Kopf frei zu bekommen. Er erinnerte sich an die drückende Schwüle im Hauptquartier und an das Gespräch mit Mr. Dickenson. Vor allem aber erinnerte er sich an dieses seltsame Gefühl der Unruhe, das ihn damals wie ein Schatten verfolgt hatte. Er war unkonzentriert gewesen, seine Sinne schärfer als gewöhnlich, weil er etwas wahrgenommen hatte, das er damals nicht zuordnen konnte. Eine Präsenz, die wie ein sanftes Glühen durch die sterilen Betonwände der BBA drang.
Er hatte diese reine, fast heilende Aura gespürt, die Aura, die heute seine Heimat war, aber er hatte ihre Quelle nirgends gesehen.
Kai schluckte schwer, ein seltener Ausdruck von Verletzlichkeit und gleichzeitigem Triumph stahl sich in seinen Blick. Er ignorierte Miguel nun vollkommen, als existiere der Spanier gar nicht mehr im Raum. Langsam hob er seine Hand und legte seinen Daumen unter Namis Kinn, um ihren Blick sanft, aber bestimmt wieder zu sich nach oben zu lenken.
„Das warst du...“, murmelte er, und seine Stimme war nur noch ein tiefes, raues Flüstern, das unter dem Bass der Musik vibrierte. „Das warst du, die ich die ganzen Stunden dort gespürt habe. Ich habe dich gesucht, ohne zu wissen, wonach ich suche.“
Seine Augen, die sonst so kühl und kontrolliert waren, brannten nun vor einer dunklen Leidenschaft. „Ich hätte dich also schon viel früher haben können? Zwei Jahre, bevor wir uns offiziell begegnet sind... du warst an diesem Tag die ganze Zeit in meiner Nähe.“
Nami blickte zu ihm auf, ihre Augen schimmerten feucht im violetten Licht des Clubs. Die Verlegenheit über Miguels Enthüllung war einem tiefen Verständnis gewichen. Sie sah die Reue in Kais Zügen – die Reue über die verlorene Zeit –, aber auch den brennenden Stolz, dass sie ihn schon damals, als namenloses Mädchen hinter einer Säule, zu seinem Schicksal erklärt hatte.
Miguel stand nur ein paar Schritte entfernt und beobachtete die Szene. Er war sichtlich überrascht darüber, wie schnell und absolut er aus dem Fokus der beiden geraten war. Er war gekommen, um eine alte Anekdote zu teilen, vielleicht um ein wenig Unruhe zu stiften oder Kai herauszufordern, doch was er stattdessen ausgelöst hatte, war eine Offenbarung von einer Tiefe, die selbst ihn, den ritterlichen Miguel, kurz sprachlos machte.
Ein amüsiertes, fast schon wehmütiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Er erkannte, dass er niemals eine Chance gehabt hatte, nicht gegen eine Verbindung, die schon existierte, bevor das erste Wort zwischen ihnen gewechselt worden war.
„Es scheint“, warf Miguel leise ein, wobei er die Arme verschränkte und die beiden mit einer Mischung aus Respekt und Amüsement betrachtete, „dass ich wirklich nur ein Statist in einem Film war, dessen Drehbuch ihr beide schon längst geschrieben hattet.“
Kai reagierte nicht auf Miguel. Er zog Nami noch ein Stück enger an sich, seine Stirn lehnte sich gegen ihre.
Er hielt Nami fest umschlungen, seine Stirn ruhte gegen ihre, während sein Daumen noch immer zärtlich ihr Kinn nach oben lenkte. Ohne Miguel auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen, zog er sie sanft, aber bestimmt mitten auf die Tanzfläche.
Die anderen Gäste machten instinktiv Platz. Es war ein seltener Anblick: Kai Hiwatari, der Mann aus Eis, der normalerweise jede Form von öffentlicher Zurschaustellung auf ein Minimum reduzierte, bewegte sich nun im Rhythmus der Musik, seine Arme besitzergreifend um seine Frau geschlungen. Nami legte ihre Hände in seinen Nacken, ihre Augen suchten seine, während sie sich eng an ihn schmiegte.
„Warum, Nami?“, hauchte er ihr ins Ohr, wobei sein warmer Atem ihre Haut zum Kribbeln brachte. „Warum hast du dich damals vor mir versteckt? Wenn ich gewusst hätte, dass du dort bist...“
Nami schluckte schwer. Sie sah ihn an, ihre Nasen berührten sich fast, und in ihrem Blick lag eine Mischung aus alter Wehmut und heutigem Glück.
Sie konnte ihm nicht die ganze Wahrheit sagen – dass ihr Vater Hiro sie damals ausdrücklich gewarnt hatte. Hiro hatte gewusst, dass Kai in jener Zeit eine dunkle, aufgewühlte Phase durchmachte. Er wollte seine Tochter schützen; er fürchtete, dass Kai ihre liebevolle, reine Art in seinem damaligen Zustand nicht zu schätzen gewusst oder sie gar mit seiner Kälte verletzt hätte, ehe die Aura seine innere Dunkelheit besänftigen konnte. Tatsächlich hatte Hiro sie nur deshalb mit ins Hauptquartier genommen, weil er fälschlicherweise geglaubt hatte, Kai würde dort an diesem Tag gar nicht erst auftauchen.
„Ich fühlte mich dir damals noch nicht gewachsen“, flüsterte sie schließlich, den Rest der Wahrheit hinter einem Schleier aus Nostalgie verbergend. „Ich war ein junges Mädchen und du warst... der Phönix. Ich hatte schreckliche Angst, dass du mich ablehnen oder gar nicht erst bemerken würdest. Ich war viel zu aufgeregt, um auch nur einen Schritt aus dem Schatten dieser Säule zu machen.“
Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick wurde weicher. „Ich wusste ja nicht, dass ich dich nach diesem Tag für zwei ganze Jahre nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Hätte ich das gewusst... vielleicht wäre ich mutiger gewesen.“
Kai sah sie lange an, sein Blick brannte vor einer Intensität, die Nami fast den Atem raubte. Er wusste nun, dass die Aura, die er damals gespürt hatte, kein Trugbild gewesen war.
Ein paar Meter entfernt standen Tala, Lumina und Miguel am Rand der Tanzfläche und beobachteten das Paar. Die anderen Clubgäste tuschelten und warfen bewundernde, fast ehrfürchtige Blicke auf das Paar, das in seiner eigenen Welt versunken schien.
Tala verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte grinsend den Kopf. „Das sieht man auch nicht alle Tage“, brummte er in Richtung Miguel und Lumina. „Kai geht fast nie freiwillig auf die Tanzfläche. Er hasst das Scheinwerferlicht eigentlich.“ Er warf Miguel einen amüsierten Seitenblick zu. „Ich weiß nicht, was du ihm genau gesagt hast, aber du hast den alten Dranzer definitiv geweckt. Er markiert sein Revier heute deutlicher als je zuvor.“
Lumina klammerte sich an Talas Arm, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. „Lass sie, Tala. Es ist wunderschön."
Miguel nickte langsam, sein ritterliches Lächeln war nun von echter Anerkennung geprägt. „Ich habe nur eine alte Geschichte erzählt“, sagte er leise. „Aber ich glaube, ich habe damit den letzten Puzzlestein in ein Bild gesetzt, das Kai schon seit zwanzig Jahren im Kopf hatte. Es ist faszinierend zu sehen, dass selbst ein Mann wie er noch überrascht werden kann.“
Auf der Tanzfläche zog Kai Nami noch enger an sich. Die Welt um sie herum mochte im Chaos versinken, Turniere mochten durch Hacker manipuliert werden und Nationen mochten fallen – aber hier, in diesem Moment, gab es nur sie beide und die Gewissheit, dass sie sich niemals wieder voreinander verstecken müssten.
Nami legte ihren Kopf leicht schräg, während sie sich im Rhythmus der Musik an Kai schmiegte. Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie zu ihm aufsah. „Außerdem...“, flüsterte sie, wobei ihre Stimme unter dem hämmernden Bass fast unterging, „wusste ich damals schon ganz genau, wie sehr dich die Schwärmereien all der Mädchen genervt haben. Überall, wo du aufgetaucht bist, bildeten sich Trauben von Groupies. Ich wollte nie eine von denen sein, Kai. Ich wollte nicht, dass du mich in dieselbe Schublade steckst wie all die anderen, die nur den berühmten Blader sahen.“
Ein seltenes, ehrliches Lächeln breitete sich auf Kais Gesicht aus – kein kühles Grinsen, sondern ein Ausdruck von tiefer, fast schon glückseliger Anerkennung. Er verstand nun, dass ihr Rückzug hinter die Säule kein Zeichen von Schwäche gewesen war, sondern ein Akt von stillem Stolz und tiefer Beobachtungsgabe. Sie hatte ihn damals schon besser gekannt, als er sich selbst.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, beugte er sich vor und zog sie in einen tiefen, leidenschaftlichen Kuss. Es war keine flüchtige Berührung, sondern eine klare Ansage an jeden im Raum, wer an seine Seite gehörte. Mitten auf der Tanzfläche des Blue Velvet, unter den blitzenden Lichtern, schien der einst unnahbare Kai Hiwatari alles um sich herum vergessen zu haben.
Am Rand der Tanzfläche zog Miguel überrascht die Brauen hoch. Er starrte fast ungläubig auf das Paar. Er kannte Kai als den Jungen, der lieber allein in der Kälte trainierte, als ein freundliches Wort zu verschwenden. Dass dieser Mann nun so öffentlich seine Gefühle zeigte, war für Miguel fast schon ein Kulturschock.
Tala, der Miguel aus den Augenwinkeln genau beobachtete, stieß ein raues Schnauben aus und klopfte ihm spöttisch auf die Schulter. „Gewöhn dich dran. Wenn es um Nami geht, vergisst der Phönix manchmal glatt, dass er eigentlich aus Eis bestehen sollte.“
Miguel schüttelte langsam den Kopf, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Ich habe ihr damals an diesem Tag im Hauptquartier noch gesagt, dass sie sich bei Kai nur die Zähne ausbeißen würde“, gestand er leise, während sein Blick wieder zu den beiden auf der Tanzfläche wanderte. „Ich war mir sicher, dass er niemals jemanden so nah an sich heranlassen würde. Aber wenn ich das jetzt so sehe... weiß ich, dass sie alles bekommen hat, was sie wollte. Sie hat das Unzähmbare gezähmt.“
Er machte eine kurze Pause und nippte an seinem Glas. „In den letzten Jahren habe ich immer wieder Berichte im Fernsehen gesehen. Galas, Fotoshootings, sogar diese Aufnahmen von seinen Liebesbekundungen im Tachiwari-Tower, die um die Welt gingen. Aber es jetzt so direkt zu erleben... das ist etwas völlig anderes. Sie hat ihn verändert, Tala. Sie hat ihn zum Positiven verändert, ohne dass er seinen Biss verloren hat.“
Lumina, die sich eng an Talas Seite schmiegte, nickte zustimmend. „Sie hat ihm beigebracht, dass Stärke nicht bedeutet, allein zu sein. Und er hat ihr beigebracht, dass es jemanden gibt, der sie immer auffängt, egal wie stark der Sturm ist. Genauso wie bei Tala und mir...“
Auf der Tanzfläche löste Kai sich langsam von Namis Lippen, seine Stirn noch immer gegen ihre gelehnt. Sein Daumen strich über ihre Wange. „Du warst nie ein Groupie...du warst von Anfang an die Einzige, die mich wirklich gesehen hat. Auch wenn ich zwanzig Jahre gebraucht habe, um hinter diese Säule zu schauen.“
Nami grinste verlegen, aber glücklich. „Besser spät als nie, mein Schatz“
Der pulsierende Elektro-Beat, der eben noch die Wände des Blue Velvet zum Beben gebracht hatte, ebbte langsam ab. Ein sanfter, tiefer Synthesizer-Klang übernahm das Kommando, und die Melodie floss wie flüssiger Samt in ein langsameres, beinahe intimes Lied über.
Nami blinzelte überrascht und hob den Kopf. Ihr Blick wanderte hoch zur DJ-Kanzel, die über der Tanzfläche thronte. Dort stand der DJ, ein Mann mit Kopfhörern um den Hals, der für einen kurzen Moment seinen Mix vernachlässigte, um ihr direkt in die Augen zu sehen. Er schenkte ihr ein wissendes Lächeln und ein dezentes Nicken. Er war ein Profi; er hatte die elektrische Spannung zwischen dem kühlen Tycoon und seiner wunderschönen Frau gespürt und die Atmosphäre des gesamten Clubs genau in diesem Moment an sie angepasst.
Nami schlang ihre Arme enger um Kais Nacken, während sie sich im langsamen Rhythmus wiegten. Ein schelmisches Funkeln trat in ihre ozeanfarbenen Augen.
„Weißt du, Kai“, begann sie scherzhaft, während sie ihr Kinn auf seine Brust stützte, „dieser Hashtag #BesessenVonDerEigenenFrau, der seit den Aufnahmen im Tower um die Welt geht... ich finde, der ist unvollständig. Das ist schon längst überfällig, dass das Internet da mal ein Update bekommt.“
Kai blickte ihr in die Augen, ein amüsiertes Glimmen in seinem Blick. „Ach ja? Und wie soll dieses Update aussehen?“
„#TotalBesessenVomEigenenMann“, flüsterte sie und konnte ein herzliches Kichern nicht unterdrücken. Sie vergrub ihr Gesicht in seiner Halsbeuge, genoss die Wärme seiner Haut und den vertrauten Duft, der sie immer so sicher fühlen ließ. „Ich stehe dir da in nichts nach. Auch wenn ich mich damals hinter Säulen versteckt habe. Aber was soll ich dazu sagen...ich war eben schon damals besessen von dir...“
Sie atmete tief ein und spürte, wie Kais Arme sie noch ein Stück fester an sich pressten, als wollte er der Welt zeigen, dass sie genau dort hingehörte.
„Es ist witzig...“, murmelte sie gegen seine Haut, während ihr Lächeln noch breiter wurde, „ich muss wohl die einzige Ehefrau in ganz Tokio sein, die einen Mädelsabend plant und ihrem Mann dann sagt, er solle bitte unbedingt nachkommen, weil sie es ohne ihn nicht aushält. Lumina wird mich morgen wahrscheinlich gnadenlos damit aufziehen.“
Kai lachte leise – ein seltenes Geräusch, das nur sie so nah hören durfte. Er legte seine Wange an ihren Kopf. „Lass sie reden, Nami. Solange du mich bittest nachzukommen, werde ich jeden Mädelsabend der Welt sprengen. Und was den Hashtag angeht...“ Er hob ihren Kopf leicht an, sodass er ihr wieder tief in die Augen sehen konnte. „....ist das Update definitiv überfällig“
Am Rand der Tanzfläche beobachtete Miguel die beiden immer noch mit einem nachdenklichen Lächeln. Er sah, wie Nami in Kais Armen kicherte, und wie der sonst so unnahbare Mann sie wie einen kostbaren Schatz hielt.
„Sie hat nicht nur sein Herz gewonnen“, flüsterte Miguel zu Tala, „sie hat seine ganze Welt neu geordnet.“
Tala nickte nur stumm, während er Lumina fester an sich zog. Er verstand Kai in diesem Moment besser als jemals zuvor.
Die langsame Melodie hüllte das Paar weiterhin ein, doch Nami löste sich nach einem Moment sanft aus der Umarmung, um über Kais Schulter hinweg nach dem Rest ihrer Gruppe zu suchen. Ihr Blick streifte über die Tanzfläche und sie musste unwillkürlich lächeln, als sie Hana entdeckte. Ihre Schwester war vollkommen in Vladimirs Armen versunken, ihre langen, silbrig-weißen Haare flossen über sein dunkles Hemd, während sie sich im Takt wiegten. Es war offensichtlich, dass Hana die Anwesenheit ihres Partners ebenso sehr genoss wie Nami die von Kai.
Doch dann fiel Namis Blick auf die Bar. Dort saß Hilary, allein auf einem hohen Barhocker, und rührte mit einem Strohhalm eher lustlos in ihrem giftgrünen Cocktail. Von der ausgelassenen Stimmung der anderen Frauen war bei ihr wenig zu spüren.
„Ich muss mal kurz zu Hilary“, murmelte Nami und wollte einen Schritt von Kai wegtreten. „Sie sitzt da ganz allein.“
Doch sie kam nicht weit. Kai machte keine Anstalten, sie gehen zu lassen. Er griff von hinten fest um ihre Taille, zog sie mit dem Rücken gegen seine Brust und beugte sich tief zu ihrem Ohr hinunter. Sein warmer Atem ließ sie erschauern.
„Vergiss es“, flüsterte er mit einem tiefen, fast schon raubtierhaften Grinsen, das nur sie spüren konnte. „Ich lasse dich heute Abend nicht mehr aus den Augen, mein Schatz. Nicht nach dem, was ich gerade über Marmorsäulen gelernt habe.“
Nami biss sich vergnügt auf die Unterlippe, ihr Herz machte einen kleinen Sprung bei seiner besitzergreifenden Art. Sie drehte sich in seinem Griff halb um, packte seine große Hand fest mit ihrer und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Dann kommst du eben mit“, lachte sie leise und zog ihn hinter sich her in Richtung der Bar.
Hilary sah auf, als das Paar vor ihr zum Stehen kam. Sie stützte ihr Kinn auf die Handfläche und musterte die beiden mit einem schiefen Grinsen.
„Hilary, es tut mir so leid!“, sprudelte es aus Nami heraus. „Wir sitzen hier alle fest an unseren Männern und du bist die Einzige, die wirklich den Mädelsabend durchzieht. Wir hätten Tyson vielleicht doch Bescheid geben sollen, damit er auch herkommt.“
Hilary stieß einen langen Seufzer aus und rührte noch einmal kräftig in ihrem Drink. „Ach, lasst mal gut sein. Tyson in so einem schicken Laden? Der würde wahrscheinlich versuchen, den DJ zu überreden, Beyblade-Hymnen zu spielen, oder das Buffet leer fressen.“
Sie nippte an ihrem Cocktail und ihre Augen blitzten amüsiert auf, als sie zwischen Nami und dem unbeweglichen Kai hin- und hersah. „Ich ging zwar von einem Mädelsabend aus, aber die Realität ist wohl, dass der Großteil dieser Gang hier jetzt knutschend an ihren Männern hängt.“ Sie grinste breit und zwinkerte Nami zu. „Aber hey, das ist ja bei euch nichts Neues. Ich bin es gewohnt, das fünfte Rad am Wagen zu sein, wenn die Hiwatari-Valkov-Ivanov-Fraktion ihre Territorialansprüche klärt.“
Hilary verengte die Augen und spähte an Nami und Kai vorbei in Richtung der Tanzfläche, wo das schummrige Licht der VIP-Area in ein tiefes Blau getaucht war. „Sagt mal“, begann sie und deutete mit dem Strohhalm vage in die Menge, „ist das da vorne jemand, den wir kennen? Er quatscht gerade mit Tala und Lumina, als wäre er ihr bester Freund.“
Hilary erkannte den Mann nicht. Der Miguel, den sie in Erinnerung hatte, war ein Junge mit wilden, widerspenstigen Haaren gewesen, die in alle Himmelsrichtungen abstanden. Der Mann, der dort stand, war das exakte Gegenteil.
Nami folgte ihrem Blick und schmunzelte. „Das ist Miguel, Hilary.“
„Miguel?!“ Hilarys Augen weiteten sich so sehr, dass sie fast aus den Höhlen zu springen schienen. Sie starrte fassungslos auf den eleganten Blondschopf. „Wie kann es bitte sein, dass jemand, dessen Haare früher aussahen, als hätte er in eine Steckdose gefasst, plötzlich so... verdammt gut aussieht?“ Sie nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Cocktail, als bräuchte sie den Alkohol, um diese Information zu verarbeiten, und ließ sich dann schwungvoll vom Barhocker gleiten.
„Ich muss mal Hallo sagen gehen. Endlich passiert hier mal was Interessantes, das nicht mit öffentlichem Turteln zu tun hat!“
Mit einem letzten Grinsen in Richtung des Paares marschierte Hilary los. Doch kaum war sie außer Sichtweite, spürte Nami, wie Kais Griff um ihre Taille fester wurde. Er wartete nicht, bis sie etwas sagen konnte. Mit einer fließenden Bewegung zog er sie von der Bar weg, tiefer in den Club hinein, bis sie eine der dunkleren, abgelegenen Ecken erreichten, die vom Trubel der Tanzfläche durch schwere Vorhänge und Säulen abgeschirmt war.
Er drückte sie sanft, aber bestimmt gegen die kühle, mit dunkelblauem Samt bespannte Wand. Nami sah zu ihm auf, ein wissendes Grinsen auf den Lippen – sie kannte diesen Blick, dieses dunkle Feuer in seinen roten Augen. Doch bevor sie auch nur ein Wort des Protests oder der Belustigung hervorbringen konnte, legte er seine Hand an ihr Kinn und zog sie in diesen ganz speziellen Kuss.
Es war dieser lange, fordernde und zutiefst erotische Kuss, der Nami jedesmal die Sinne vernebelte. Kai schob sein Knie langsam zwischen ihre Schenkel, presste ihren Körper eng an seinen und markierte sein Revier auf eine Weise, die ihre Knie jedes Mal aufs Neue weich werden ließen.
Als er nach einer halben Ewigkeit seine Lippen ganz langsam von ihren löste, blieb er ihr gefährlich nah. Er schmunzelte, als er sah, wie ihre Wangen glühten und wie flach ihr Atem ging. Ihre Augen wirkten leicht glasig, gefangen in dem Moment. Kai genoss die Wirkung, die er nach all den Jahren auf sie hatte, sichtlich. Er beugte sich erneut hinunter, diesmal jedoch zu ihrem Hals, und hauchte kleine, brennende Küsse auf die empfindliche Haut direkt unter ihrem Ohr.
„Kai...“, entgegnete Nami schwach, während sie ihren Kopf zur Seite legte, um ihm mehr Platz zu machen. „Hier sind... viel zu viele Leute. Du weißt ganz genau, was du da tust.“ Sie erinnerte sich nur zu gut daran, dass er genau dieses Spiel in den letzten Wochen öfter im Tower getrieben hatte – mitten am helllichten Tag, während draußen das geschäftige Treiben herrschte.
Kai grinste gegen ihren Hals. „Ich weiß exakt, was ich tue, mein Schatz.“ Er löste sich ein Stück und sah ihr direkt in die Augen. „Willst du nach Hause? Ich kann uns ein Taxi rufen. Ich für meinen Teil habe genug von diesem Abend.“ Er machte eine kurze Pause und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. „Ich verstehe aber natürlich, wenn du noch bleiben willst, um die anderen Damen nicht zu enttäuschen.“
Namis Wangen wurden bei dem Angebot noch eine Spur röter. Sie klammerte sich fest an seinem Hemd, ihre Finger krallten sich beinahe in den teuren Stoff. Sie sah ihn mit einem Blick an, der vor Verlangen und einer Prise amüsierter Verzweiflung nur so sprühte.
„Das...“, begann sie und versuchte, ihre Stimme wieder unter Kontrolle zu bringen, „hättest du mich ruhig vor diesem Kuss fragen können, Mr. Hiwatari.“ Sie lachte leise und schüttelte den Kopf, während sie sich enger an ihn drückte. „Denn jetzt...kann ich definitiv nicht eine Sekunde länger hier bleiben.“
Kai wartete keine weitere Sekunde. Er griff nach ihrer Hand, zog sie aus der dunklen Nische und steuerte mit ihr zielstrebig auf den Ausgang zu, während die Lichter des Blue Velvet hinter ihnen verblassten.
Das kühle Nachtlicht Tokios schlug ihnen entgegen, als sie durch die schwere Glastür des Blue Velvet traten. Der Kontrast zwischen dem hämmernden Bass im Inneren und der relativen Stille der Straße war fast berauschend. Kai hob kaum die Hand, als ein schwarzes Taxi, das wie gerufen am Bordstein wartete, langsam herangerollt kam.
Er öffnete die Tür für sie, seine Hand schützend über ihrem Kopf, während Nami mit einem leisen Seufzer auf die Rückbank glitt. Kaum dass Kai neben ihr Platz genommen und die Tür mit einem satten Ploppen ins Schloss gezogen hatte, gab er dem Fahrer knapp das Ziel durch.
Dann war da nur noch das gedimmte Licht der Straßenlaternen, das in regelmäßigen Abständen durch das Wageninnere huschte.
Kai hielt Nami fest, sie saß fast auf seinem Schoß, während er einen Arm um ihre Taille geschlungen und die andere Hand auf einen ihrer Oberschenkel gelegt hatte. Es herrschte eine angenehme Stille. Sie spürte Kais Herzschlag an ihrer Schläfe während ihr Kopf auf seiner Brust lag. Kai spürte, wie Namis Herzschlag schneller ging, als seine Hand etwas höher glitt, direkt unter den Saum ihres Kleides.
Ein dunkles Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er beugte sich zu ihrem Ohr, sein warmer Atem ließ sie unwillkürlich erschauern.
„Es fasziniert mich immer noch“, raunte er mit dieser tiefen, rauen Stimme, die sie jedes Mal wehrlos machte. „Ich bin regelrecht besessen davon, wie dein Körper auf mich reagiert. Eine einzige Berührung,.. und dein Herz versucht regelrecht aus deiner Brust zu springen.“
Er biss ihr vorsichtig, fast neckend ins Ohrläppchen, bevor seine Stimme noch eine Spur dunkler wurde. „Ich wette... du bist schon wieder komplett feucht zwischen deinen Beinen, nur weil ich dich hier so festhalte.“
Nami spürte, wie die Hitze in ihre Wangen schoss. Sie versuchte, seinen Blick im Halbdunkel zu meiden, und starrte stattdessen auf seine Hand, die nun gefährlich nah an ihrer intimsten Stelle ruhte. „Kai...“, hauchte sie verlegen, was ihn nur noch mehr schmunzeln ließ.
Er löste den Griff von ihrem Oberschenkel, legte seine Finger unter ihr Kinn und zwang sie sanft, ihn anzusehen. Sein Gesicht war nun wieder ernster, seine rubinfarbenen Augen brannten vor einer Intensität, die sie fast schwindelig werden ließ.
„Das vorhin war nicht einfach so dahergesagt, Nami“, sagte er leise, und der Spott war vollkommen aus seiner Stimme verschwunden. „Wenn ich daran denke, dass wir zwei Jahre verloren haben... Ich wäre glücklicher gewesen, wenn du früher in mein Leben gekommen wärst. Viel früher.“
Nami sah ihn lange an. Die Ehrlichkeit in seinen Worten berührte sie tief, doch die Erinnerung an jene Tage war bittersüß. Sie hob ihre Hand und fuhr mit der Fingerspitze die Konturen seiner Muskeln nach, die sich unter dem dunklen Hemd abzeichneten.
„Mein Vater hat mir damals etwas gesagt, Kai“, begann sie leise. „Er meinte... dass du gerade in dieser Zeit sehr große Probleme hattest. Dass du zornig warst. Er war sich sicher, dass du damals viel zu verbittert gewesen wärst, um überhaupt offen für mich zu sein. Für meine Aura.“
Sie hielt inne, ihr Blick wurde nachdenklich. „Das war doch kurz nach diesem Vorfall mit Maylin, oder? Rays Cousine“
Kai schwieg. Er starrte für einen Moment aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Fassaden, und Nami sah, wie sich sein Kiefer leicht anspannte. Er erinnerte sich an die dunkle Wolke, die damals über ihm gehangen hatte. Der Verrat, die Manipulation, der Hass auf die Welt, die ihn ständig in Käfige sperren wollte.
Er schluckte schwer und sah sie dann wieder an. „Hiro hatte vermutlich recht“, gab er schließlich mit rauer Stimme zu. „Ich hatte in der Zeit erst Recht keinen Kopf für Mädchen. Ich habe alles und jeden weggestoßen. Wahrscheinlich hätte ich dich damals gar nicht richtig wahrgenommen... oder schlimmer noch, ich hätte dich mit meiner Kälte verletzt.“
Nami spürte die Schwere, die sich über das Gespräch legte, und wollte die Stimmung wieder etwas auflockern. Ein schelmisches Funkeln trat in ihre ozeanfarbenen Augen, während ihr Finger weiter über seine Brust strich.
„Sag mal, Mr. Hiwatari...“, begann sie leise und zog eine Braue hoch. „Warst du vorhin im Club eigentlich eifersüchtig auf Miguel? Oder war es eher das, was er erzählt hat, was dich so aus der Reserve gelockt hat?“
Kai fing ihren Finger ab und drückte ihn sanft gegen seine Lippen, bevor er ihn wieder losließ. Ein dunkles, fast gefährliches Funkeln trat in seine roten Augen. „Eifersüchtig auf Miguel?“, wiederholte er mit einer Stimme, die so tief vibrierte, dass Nami es bis in ihre Fingerspitzen spürte. „Dieser blonde Pfau hat versucht, dich mit seinem ritterlichen Gehabe zu beeindrucken, während er gleichzeitig zugegeben hat, dass er kläglich gescheitert ist.“
Er legte den Kopf schräg, sein aristokratisches Lächeln blitzte kurz auf, kühl und überlegen. „Nein, mein Schatz. Ich bin nicht eifersüchtig auf einen Verlierer der Vergangenheit. Aber was er gesagt hat...“ Sein Griff um ihre Taille wurde fester. „Dass du dort standest, hinter dieser Säule... dass du mich angesehen hast, während ich blind an dir vorbeigegangen bin... das macht mich wütend auf mich selbst.“
Er beugte sich vor, bis seine Nasenspitze die ihre berührte. „Es macht mich wahnsinnig zu wissen, dass ich zwei Jahre lang ohne dich war, obwohl du zum Greifen nah warst. Dass ich meine Zeit mit Zorn und Belanglosigkeiten verschwendet habe, während meine Bestimmung nur fünf Meter entfernt im Schatten wartete.“
Nami spürte die Intensität seiner Worte. Die Atmosphäre im Taxi war plötzlich hochgradig aufgeladen, gesättigt von einem Verlangen, das über das rein Körperliche hinausging.
„Miguel hat nur ausgesprochen, was ich ohnehin schon wusste“, fuhr Kai fort, seine Stimme nun wieder ein raues Flüstern direkt an ihrem Mund. „Dass du mir gehörst. Schon immer. Selbst als ich noch zu dumm war, es zu merken. Und was das ‚feucht sein‘ angeht...“ Seine Hand glitt wieder unter ihr Kleid, diesmal zielstrebiger, fordernder. „Ich gewinne meine Wetten immer, mein Schatz. Und ich habe nicht vor, bis zum Anwesen zu warten, um den Beweis zu finden.“
Nami keuchte leise auf, als seine Finger die empfindliche Haut ihrer Innenseite berührten. Die Lichter von Tokio draußen verschwammen zu langen, bunten Streifen, während sie sich in seinen Kuss fallen ließ.
„Du bist wie immer unverbesserlich, Kai Hiwatari“, murmelte sie zwischen zwei Atemzügen, ihre Hände in seinem Nacken vergraben.
„Ich bin besessen“, korrigierte er sie heiser, bevor er ihre Lippen wieder mit seinen versiegelte.
Doppeldate
Das erste Licht des Morgens drang sanft durch die schweren Vorhänge des Schlafzimmers und tauchte den Raum in ein warmes, gedämpftes Gold. Nami erwachte zuerst, eingekuschelt in die starke Umarmung von Kai, dessen gleichmäßiger Atem an ihrem Nacken ihr ein Gefühl von vollkommener Geborgenheit gab. Die Intimität der Nacht hallte noch in ihr nach, wie ein süßes, fernes Echo.
Sie drehte sich vorsichtig in seinem Arm um und betrachtete sein entspanntes Gesicht. Ohne die übliche Maske der Kontrolle wirkte er fast jung, seine Züge weich im Halbschlaf. Als sie ihm sanft über die Wange strich, öffnete er langsam die Augen. Das tiefe Rot seiner Iris fixierte sie sofort, und ein kaum merkliches, zufriedenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
„Guten Morgen“, raunte er, seine Stimme noch rau vom Schlaf.
„Guten Morgen“, antwortete Nami leise. Sie genoss den Moment der Stille, bevor sie sich leicht aufrichtete und auf ihrem Ellbogen abstützte. „Kai... ich habe ganz vergessen, dir gestern etwas zu erzählen. Ich habe mittags kurz mit Hiromi telefoniert.“
Kai schloss kurz die Augen und atmete tief durch, als wüsste er bereits, dass nun ein Thema folgte, das so gar nicht zu der friedlichen Morgenstimmung passte. „Und?“
„Es geht ihr gar nicht gut“, fuhr Nami besorgt fort. „Sie meinte, Gou hätte sie seit Tagen nicht mehr angerufen. Er antwortet wohl auch nicht auf ihre Nachrichten. Sie macht sich schreckliche Sorgen, dass etwas passiert ist oder dass er sauer auf sie ist.“
Kai seufzte schwer und starrte an die Zimmerdecke. Er löste einen Arm unter der Decke und legte ihn sich in den Nacken. „Nami, sie sind fünfzehn“, sagte er mit seiner gewohnt pragmatischen, fast schon kühlen Logik. „Wir können nicht erwarten, dass zwei Teenager in diesem Alter bereits eine Liebe führen, die für die Ewigkeit bestimmt ist. In diesem Alter ändern sich Gefühle fast täglich.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. „Außerdem hat Gou zurzeit ganz andere Probleme in London. Das Turnier, die Hacker-Angriffe, der Druck auf das Team... er hat sicher gerade keinen Kopf für Mädchengeschichten.“
Nami spürte, wie sich Unmut in ihr breitete. Sie zog die Decke ein Stück höher und schürzte die Lippen zu einem deutlichen Schmollen. Sie war überhaupt nicht zufrieden mit seiner herablassenden Art, Hiromis Gefühle als bloße „Mädchengeschichten“ abzutun.
„Das ist dein Ernst?“, entgegnete sie und funkelte ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen an. „Du willst mir also sagen, dass Gefühle mit fünfzehn nicht zählen?“
Kai wollte gerade ansetzen, etwas zu erwidern, doch Nami ließ ihn nicht zu Wort kommen.
„Ich war selbst fünfzehn, Kai!“, erinnerte sie ihn mit Nachdruck. „Ich war fünfzehn, als ich mich hinter dieser Marmorsäule im BBA-Hauptquartier versteckt habe, weil mein Herz so laut geschlagen hat, dass ich dachte, jeder im Gebäude müsste es hören. Und schau uns an: Wir sind seit fünfzehn Jahren verheiratet und haben vier Kinder.“
Sie setzte sich nun ganz auf und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und vergiss nicht dich selbst. Du warst gerade mal zwanzig, als du mir gestanden hast, dass du mich liebst. Ein knappes Jahr später haben wir geheiratet. Willst du mir etwa sagen, dass wir damals auch nur zwei Teenager waren, die nicht wussten, was sie taten?“
Kai sah sie einen langen Moment schweigend an. Er erkannte den glühenden Ernst in ihrem Blick – denselben Ernst, mit dem sie ihn damals vor dem Altar angesehen hatte. Ein leises Schnauben, das fast wie ein unterdrücktes Lachen klang, entwich ihm. Er griff nach ihrer Hand und zog sie sanft wieder zu sich hinunter, bis ihr Kopf auf seiner Brust ruhte.
„Du weißt genau, dass wir eine Ausnahme waren, mein Schatz“, murmelte er, während seine Hand beruhigend über ihren Rücken strich. „Aber ich sehe ein, dass ich Gou vielleicht unterschätzt habe. Wenn er so besessen ist wie sein Vater, dann leidet Hiromi wahrscheinlich nur unter seinem Tunnelblick, wenn er sich auf ein Ziel konzentriert.“
Er küsste sie auf die Schläfe. „Ich werde heute nach dem Frühstück mal mit ihm telefonieren und ihm den Kopf waschen, dass er seine Prioritäten nicht ganz aus den Augen verliert. Zufrieden?“
Nami lächelte gegen seine Haut. „Ein bisschen.“
Eine knappe halbe Stunde später...
Nami saß am massiven Esstisch des Anwesens, die Morgensonne glitzerte in ihrem Tee, als ihr Handy mit einer Vehemenz vibrierte, die nichts Gutes verhieß. Als sie den Anruf entgegennahm, dröhnte ihr sofort Hilarys Stimme entgegen – deutlich gezeichnet von einer langen Nacht und einer ordentlichen Portion Sarkasmus.
„Nami Hiwatari!“, krächzte Hilary, und man konnte förmlich hören, wie sie sich dabei die Schläfen massierte. „Ich hoffe, du hast ein verdammt schlechtes Gewissen. Um Punkt 21:30 Uhr hast du dich mit deinem Phönix aus dem Staub gemacht. Und weißt du, was das Beste war? Um Punkt 22:00 Uhr saß ich als einzige Frau unserer glorreichen Truppe allein an der Bar!“
Nami biss sich schuldbewusst auf die Unterlippe, während Kai, der ihr gegenüber saß und in seinen Wirtschaftsberichten las, nur fragend eine Augenbraue hob.
„Hana und Lumina sind keine fünf Minuten nach euch ebenfalls... 'geflüchtet'“, fuhr Hilary fort, wobei sie das Wort besonders gehässig betonte. „Beide knutschend an ihren Männern klebend, als gäbe es kein Morgen mehr. Vlad und Tala hatten wohl denselben besitzergreifenden Blick drauf wie Kai. Mein 'Mädelsabend' war innerhalb von einer Stunde eine einzige Paar-Therapie-Sitzung, bei der ich die Zuschauerin war!“
Nami wollte gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, doch Hilary unterbrach sie mit einem tiefen, fast schon fassungslosen Atemzug, der in ein kehliges Lachen überging.
„Ich war so sauer, dass ich Tyson angerufen habe, damit er mich aus diesem Liebesnest abholt. Und pass auf, Nami... ich dachte, er kommt in seinen üblichen zerknitterten Trainingsklamotten und wartet hupend vor der Tür. Aber Tyson meinte am Telefon nur ganz trocken, er käme rein, um den Abend mit mir gemeinsam ausklingen zu lassen.“
Hilary machte eine dramatische Pause. Nami hielt den Atem an. „Und?“
„Er wurde tatsächlich reingelassen!“, rief Hilary, und ihre Stimme klang nun fast schon ehrfürchtig. „Ich weiß nicht, welcher Teufel ihn geritten hat, aber er hatte sich tatsächlich in Schale geworfen. Nami... er sah unverschämt gut aus. Ich habe meinen eigenen Ehemann kaum wiedererkannt.“ Sie atmete hörbar aus. „Ich kürze das Ganze jetzt ab, bevor mein Kopf explodiert: Wir sind nach Hause und ich hatte in dieser Nacht den absolut besten Sex meiner gesamten bisherigen Ehe. Punkt.“
Nami starrte mit offenem Mund gegen die Wand. Die Vorstellung von Tyson Granger in einem eleganten Outfit, der den ritterlichen Verführer spielte, war so surreal, dass sie für einen Moment vergaß, wie man atmet.
„Schön... für dich, Hilary“, stammelte Nami nur noch, bevor sie das Gespräch mit einem völlig verdatterten Gesichtsausdruck beendete.
Sie legte das Handy langsam auf den Tisch und starrte Kai an, der seine Berichte beiseitegelegt hatte und sie nun völlig ratlos musterte. Er hatte zwar mitbekommen, dass es laut war, aber den Inhalt des Gesprächs konnte er nur erahnen.
„Was ist los?“, fragte er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. „Hat Hilary den Club in Schutt und Asche gelegt?“
Nami blinzelte ein paar Mal, als müsste sie erst in die Realität zurückkehren. Sie lehnte sich vor und sah ihren Mann mit einem durchdringenden, fast schon misstrauischen Blick an.
„Kai...“, begann sie langsam. „Hast du in letzter Zeit zufällig Tyson irgendwelche Ehetipps gegeben? Oder hast du ihm beigebracht, wie man Frauen mit einem brennenden Blick und einem Anzug in den Wahnsinn treibt?“
Kai hielt einen Moment inne, und ein seltenes, fast schon triumphierendes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er legte das Tablet mit den Wirtschaftsberichten endgültig beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust, während er Namis fassungslosen Blick erwiderte.
„Vielleicht“, gab er mit einem tiefen, amüsierten Unterton in der Stimme zu. „Ich habe ihm letztens tatsächlich ein wenig den Kopf gewaschen. Wir waren nach dem Training kurz unter uns, und ich konnte nicht umhin zu bemerken, wie Hilary dich, Hana und Lumina ansieht, wenn ihr von uns redet oder wenn wir euch abholen.“
Nami zog die Brauen hoch. „Du hast das bemerkt?“
„Es war schwer zu übersehen“, erwiderte Kai trocken. „Sie wirkte neidisch. Nicht auf böse Art, aber sie vermisste offensichtlich diese Art von... Aufmerksamkeit. Tyson ist manchmal so dickfellig wie ein Gürteltier, wenn es um Romantik geht. Also habe ich ihm unmissverständlich klar gemacht, dass er sich nicht wundern muss, wenn seine Ehe irgendwann so spannend ist wie ein Beyblade ohne Launcher, wenn er nicht endlich anfängt, sich wie ein verdammter Ehemann und nicht wie ein ewiger Teenager zu benehmen.“
Er griff nach seiner Kaffeetasse und nippte gelassen daran. „Ich habe ihm gesagt, dass ein Anzug und ein bisschen Initiative Wunder wirken können. Anscheinend hat er ausnahmsweise mal zugehört, anstatt nur an sein nächstes Mittagessen zu denken.“
Nami schüttelte den Kopf, halb beeindruckt und halb amüsiert über die Vorstellung, wie Kai Hiwatari dem impulsiven Tyson Granger Nachhilfe in Sachen Männlichkeit gibt. „Du bist unglaublich, Kai. Du hast also im Alleingang dafür gesorgt, dass Hilary die Nacht ihres Lebens hatte.“
Kai unterdrückte ein kurzes Schnauben und nahm einen weiteren, bedächtigen Schluck von seinem schwarzen Kaffee. Sein Blick wanderte kurz zur großen Standuhr im Esszimmer, deren rhythmisches Ticken die morgendliche Stille des Ayame-Anwesens untermalte.
„Wenn man bedenkt, wie viel Energie sie gestern hatten, ist es fast ein Wunder“, bemerkte er trocken und stellte die Tasse mit einem leisen Klacken auf den Unterteller. „Die Zwillinge und Sayuri schlafen heute verdächtig lange. Wahrscheinlich brüten sie schon den nächsten Plan aus, wie sie den Garten für Sayuri in eine Festung verwandeln können.“
Er lehnte sich ein Stück vor, die Ellenbogen auf dem massiven Holztisch aufgestützt, und fixierte Nami über den Rand seiner Tasse hinweg. Seine rubinfarbenen Augen, die im Morgenlicht fast glühten, ließen sie nicht los. Ein vager, herausfordernder Glanz trat in seinen Blick.
„Ich hoffe doch sehr, Nami, dass du noch weißt, was du mir letzten Sonntag versprochen hast“, begann er, und seine Stimme senkte sich um eine Nuance, was ihr ein vertrautes Prickeln über den Rücken jagte. „Über den kommenden Sonntag...also...morgen“
Nami hielt kurz inne, der Teelöffel in ihrer Hand schwebte über der Tasse. Ein wissendes Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, und ihre ozeanblauen Augen blitzten amüsiert auf. „Natürlich weiß ich das noch, Kai. Der Indoor-Spielepark. Das Paradies aus Plastikbällen, klebrigen Fingern und ohrenbetäubendem Kreischen.“ Sie lachte leise bei dem Gedanken an sein Gesicht in einer solchen Umgebung. „Im Gegensatz zu dir habe ich kein Problem damit, mit Sayuri in so einen lauten, knallbunten Park zu gehen. Ich finde es eigentlich ganz süß, wie sie sich dort austobt.“
Sie warf einen Blick aus dem Fenster auf den gepflegten, klassizistischen Garten. „Außerdem... ist heute erst Samstag und gerade mal sieben Uhr. Es ist mittlerweile völlig normal, dass die Kinder am Wochenende ausschlafen, seit Claire zurück in Frankreich ist. Und seit Graham mit Gou in London weilt, herrscht hier ohnehin eine fast unheimliche Ruhe im Haus.“
Nami trank ihren Tee mit einem letzten, genüsslichen Schluck aus und stellte die Tasse beiseite. Sie strich sich eine Strähne ihres silbrig weißen Haares hinter das Ohr und sah Kai dann mit einem unschuldigen Lächeln an. „Übrigens werde ich heute Vormittag mit Lumina ein wenig shoppen gehen. Wir wollen schon mal Babyzeug sichten.“
Kai hielt in seiner Bewegung inne. Er starrte sie einen Moment schweigend an, die Brauen leicht zusammengezogen, als müsste er diese Information erst einmal logisch einordnen. „Wieso das Ganze?“, fragte er schließlich mit tiefer, skeptischer Stimme. „Lumina ist doch noch gar nicht schwanger. Warum sollte man sich jetzt schon durch Berge von winzigen Socken und Kinderwägen wühlen?“
Nami zuckte leicht mit den Schultern, ihre ozeanen Augen funkelten vor Vergnügen. „Lumina möchte einfach vorbereitet sein. Sie will jetzt schon wissen, wo es die besten Läden gibt und wo das niedlichste Zeug zu finden ist. Du kennst sie – wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann richtig.“
Kai sah sie misstrauisch an. Er räusperte sich kurz und rückte seine Sitzposition zurecht, als wollte er physisch Distanz zu dem Thema gewinnen. „Ich hoffe jedenfalls, dass du nicht von mir verlangst, mitzukommen. Ich muss heute ohnehin in den Tower, um einige Berichte für die Tachiwari-Corporation fertig zu machen. Ich dachte eigentlich, du kämst mit mir, nachdem wir Sayuri bei den Tachibas abgesetzt haben.“
Nami sah ihn herausfordernd an und schürzte ein klein wenig die Lippen. Ein Schmollen, von dem sie genau wusste, dass es bei ihm meistens wirkte. „Du bist so ein Spielverderber, Kai“, gab sie zu und neigte den Kopf leicht zur Seite. „Diese kleine Shoppingtour heute wurde gestern Abend von Lumina ganz spontan geplant, direkt am Anfang im Blue Velvet. Sie schlug sogar vor, ein Doppeldate daraus zu machen... Tala hat sich erstaunlich schnell damit abgefunden...wie sie mir vorhin getextet hatte.“
Sie machte eine kleine Pause und sah ihn mit einem fast schon mitleidigen Blick an. „Aber wenn du lieber arbeiten gehst, verstehe ich das natürlich. Du bist ja ohnehin sofort allergisch, sobald es um das Thema Babies geht.“
Kai grummelte nur kurz, ein tiefes Geräusch in seiner Kehle, das halb genervt, halb amüsiert klang. Er stand auf, ging um den Tisch herum und blieb direkt hinter ihr stehen. Er legte seine Hände auf ihre Schultern, und Nami spürte die Hitze, die von ihm ausging.
„Ich bin nicht allergisch gegen Babies“, stellte er klar, während er sich zu ihrem Ohr hinunterbeugte. Seine Stimme war nun ein tiefes Timbre, das ihre Nackenhaare aufstellen ließ. „Ich bin nur allergisch gegen diese ganz speziellen Blicke von dir, sobald das Thema zur Sprache kommt. Ich fühle mich dabei... leicht paranoid, wie du weißt. Als hättest du bereits den nächsten Plan im Hinterkopf, für den ich dann wieder um den Effekt deiner Aura fürchten muss.“
Er drückte ihr einen kurzen, besitzergreifenden Kuss auf die Schläfe, bevor er sich wieder aufrichtete. „Ich gehe jetzt nach oben und sehe nach, ob die Bande wirklich noch schläft oder ob sie nur die Ruhe vor dem Sturm proben.“
Nami sah ihm nach, wie er mit seiner aufrechten, aristokratischen und doch raubtierhaften Haltung das Esszimmer verließ, und konnte sich ein triumphierendes Lächeln nicht verkneifen. Sie wusste genau, dass das Thema Shoppingtour noch nicht ganz vom Tisch war.
Gerade als Kai den ersten Schritt aus dem Esszimmer machen wollte, hielt Nami ihn mit einem sanften, aber bestimmten „Kai?“ zurück. Er blieb stehen, die Hand bereits an der schweren Flügeltür, und sah über die Schulter zurück.
„Hast du nicht etwas vergessen?“, fragte sie mit einem vielsagenden Heben ihrer feinen Augenbrauen. „Du wolltest doch jemanden nach dem Frühstück anrufen, um ihn... an gewisse Prioritäten zu erinnern. Die Zwillinge und Sayuri finden den Weg aus ihren Betten schon allein, glaub mir. Wahrscheinlich verhandeln Ayumi und Ren gerade schon darüber, wer heute Sayuri am meisten bespaßen darf“
Kai drehte sich langsam um und stieß einen schweren Seufzer aus, der deutlich machte, dass er tatsächlich gehofft hatte, das Thema Gou und Hiromi wäre im Zuge der Baby-Diskussion untergegangen. Er gab sich nun endgültig geschlagen, wobei ein kleiner Teil von ihm die Hartnäckigkeit seiner Frau fast schon bewunderte.
„Na schön“, sagte er und rieb sich kurz über den Nacken. „Ich gehe ins Arbeitszimmer und rufe Gou an. So wie ich ihn kenne, ist er nach der Aufregung der Woche wohl noch wach....vielleicht schläft er aber auch schon“
Doch Nami erhob sich bereits von ihrem Platz und strich ihr langes, silbrig weißes Haar glatt. „Ich komme mit“, verkündete sie schlicht. Als sie seinen fragenden Blick sah, fügte sie hinzu: „Ich möchte hören, was du unserem ältesten Sohn zum Thema Hiromi zu sagen hast. Du neigst manchmal dazu, etwas zu... pragmatisch zu sein, Kai.“
Kai erwiderte ihren Blick mit gewohnter Trockenheit. „Wenn du mich dabei beschatten willst, Nami, wieso wäschst du ihm dann nicht gleich selbst den Kopf? Das würde mir eine Menge Atem ersparen.“
Nami schmunzelte und winkte elegant ab, während sie an ihm vorbeischritt. „Ich 'beschatte' dich doch nicht, Schatz. Ich möchte nur sichergehen, dass unser Sohn den Ernst der Lage auch wirklich versteht. Hiromi ist am Boden zerstört, und Gou muss lernen, dass man Menschen, die einem wichtig sind, nicht einfach in den 'Standby-Modus' versetzt, nur weil man gerade ein Turnier gewinnen will.“
Kai unterdrückte ein amüsiertes Augenrollen. Er wusste, wenn Nami diesen Tonfall anschlug, war jede weitere Diskussion zwecklos. Er machte eine knappe Geste, die ihr signalisierte, dass sie ihm folgen sollte, doch anstatt in das formelle Arbeitszimmer zu gehen, steuerten sie den großen Salon an.
Dort setzten sie sich auf die ausladende, altertümliche Couch. Das Licht der Morgensonne fiel in breiten Bahnen durch die hohen Fenster und tanzte auf den Ozean-Augen seiner Frau. Kai setzte sich dicht neben sie und legte besitzergreifend einen Arm um ihre Schultern, während er mit der anderen Hand das Tablet aktivierte.
„Bereit für das Verhör?“, murmelte er mit einem schiefen Grinsen.
Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und beobachtete, wie er die Verbindung nach London aufbaute. „Ich nenne es eher eine... familiäre Neuausrichtung.“
Nach wenigen Augenblicken erklang das typische Summen des Videoanrufs. Auf dem Bildschirm erschien das Bild eines Zimmers, das ähnlich altertümlich wirkte als ihr Zuhause. Dann tauchte Gou auf. Mit seinen fünfzehn Jahren sah er seinem Vater bereits erschreckend ähnlich – dasselbe dunkle Haar, dieselbe kühle, konzentrierte Ausstrahlung, die er von Kai geerbt hatte. Hinter ihm konnte man schemenhaft Graham erkennen, der wohl gerade dabei war, Gous Ausrüstung zu überprüfen.
„Vater? Mutter?“, fragte Gou überrascht, während er sich die Haare aus der Stirn strich. Sein Blick war wach, aber man sah ihm den Stress der letzten Tage in London deutlich an. „Ist etwas passiert? Es ist noch früh in Japan.“
Kai straffte die Schultern und fixierte seinen Sohn durch die Kamera mit jenem Blick, der früher ganze Stadien zum Schweigen gebracht hatte. „Das kommt ganz darauf an, Gou. Wir müssen reden. Und zwar über etwas, das nichts mit Hackern oder Beyblades zu tun hat.“
Nami spürte, wie Kai seinen Griff um sie leicht verstärkte, während er tief Luft holte, um Gou – auf seine ganz eigene, unmissverständliche Art – den Kopf zurechtzurücken.
Er räusperte sich und rückte das Tablet ein Stück zurecht, damit sowohl er als auch Nami gut im Bild zu sehen waren. Gou wirkte auf dem Bildschirm einen Moment lang irritiert, sein Blick huschte zwischen seinen Eltern hin und her, als suchte er nach einem Hinweis auf das Thema des Gesprächs.
„Gou“, begann Kai mit seiner tiefen, autoritären Stimme, „deine Mutter...“
Weiter kam er nicht. Nami, die bisher still gegen seine Schulter gelehnt war, gab ihm einen kurzen, aber sehr deutlichen Ruck mit dem Ellenbogen direkt in seine Seite. Kai zuckte unmerklich zusammen und unterbrach seinen Satz. Er warf Nami einen kurzen Seitenblick aus seinen rubinfarbenen Augen zu, der halb genervt, halb amüsiert war. Er verstand die wortlose Rüge sofort: Er sollte sie nicht als den Grund für diesen unangenehmen Anruf vorschieben.
Er korrigierte sich sofort und sah seinen Sohn wieder mit gewohnter Intensität an. „Ich korrigiere mich. -Ich- möchte dich auf etwas hinweisen, das du in London anscheinend völlig aus den Augen verloren hast.“
Gou zog eine Augenbraue hoch, eine Geste, die so exakt die seines Vaters war, dass Nami fast schmunzeln musste. „Und was wäre das, Vater? Graham und ich haben die Sicherheitsvorkehrungen für das Team verdoppelt und das Training läuft nach Plan, trotz der Angriffe auf die Server der BBA.“
„Es geht nicht um die BBA, Gou“, unterbrach Kai ihn trocken. „Es geht um Hiromi. Deine Mutter hat gestern mit ihr telefoniert, und es scheint, als hättest du vergessen, dass Kommunikation keine Einbahnstraße ist. Sie hat seit Tagen nichts von dir gehört.“
Gous Gesichtsausdruck veränderte sich augenblicklich. Die kühle Maske der Professionalität bröckelte für einen Moment und wich einem Ausdruck von leichtem schlechtem Gewissen, gemischt mit der typischen Überforderung eines Teenagers. Er fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar.
„Ich... ich hatte viel zu tun“, setzte Gou an und warf einen schnellen Blick über die Schulter zu Graham, der im Hintergrund diskret so tat, als würde er Gous Beyblade-Teile extrem gründlich polieren. „Die Hacker-Angriffe waren massiv, und ich musste sicherstellen, dass das Team nicht den Fokus verliert. Ich dachte, sie versteht, dass ich gerade keine Zeit für... Belangloses habe.“
„Belangloses?“, wiederholte Nami leise, aber mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme, während sie sich ein Stück aufrichtete.
Kai drückte ihre Schulter leicht, um sie zu beruhigen, und übernahm wieder das Wort. „Hör mir gut zu, Gou. Ich weiß besser als jeder andere, wie es ist, sich so sehr auf ein Ziel zu fixieren, dass alles andere um einen herum verblasst. Aber ich habe dir auch beigebracht, dass wahre Stärke darin liegt, seine Verantwortungen in allen Bereichen zu tragen.“
Er hielt inne und fixierte seinen Sohn mit einem Blick, der keine Widerrede duldete. „Ein Anruf dauert zwei Minuten. Wenn du nicht in der Lage bist, diese zwei Minuten für ein Mädchen aufzubringen, das dir wichtig ist, dann hast du deine Prioritäten falsch gesetzt. Du bist ein Hiwatari, kein gefühlloser Computer. Sorge dafür, dass du das heute noch geradebiegst. Ist das klar?“
Gou schluckte kurz und nickte dann langsam. „Ja, Vater. Ich verstehe.“
Nami lächelte nun wieder etwas versöhnlicher in die Kamera. „Wir sind stolz auf dich, Gou. Aber vergiss nicht, dass es Menschen gibt, die hier auf dich warten und sich sorgen.“
„Ich werde sie gleich morgenfrüh anrufen, sobald wir hier fertig sind“, versprach Gou, und für einen Moment wirkte er wieder wie der Fünfzehnjährige, der er eigentlich war, trotz all des Drucks in London.
Kai nickte knapp und beendete das Gespräch mit einem kurzen Gruß, bevor er das Tablet sperrte und es auf den Couchtisch legte. Er atmete tief durch und sah Nami an. „Zufrieden, mein Schatz? Ich hoffe, mein ritterlicher Einsatz für die Liebe wird heute entsprechend gewürdigt.“
Nami schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, das seine gespielte Erschöpfung sofort zunichtemachte. Sie beugte sich vor und gab ihm einen sanften Kuss, der nach dem süßen Tee schmeckte, den sie vorhin getrunken hatte.
„Du warst wunderbar, Kai. Ein echter Mentor“, gurrte sie, während sie bereits wieder nach ihrem Handy griff, das auf dem Couchtisch neben seinem Tablet lag. „Und da du gerade so in Übung bist, Verantwortung in allen Lebenslagen zu übernehmen... Lumina hat mir gerade geschrieben. Sie und Tala sind in zehn Minuten hier.“
Kai erstarrte mitten in der Bewegung, als er gerade aufstehen wollte. Er sah sie ungläubig an. „Zehn Minuten? Nami, ich habe gesagt, ich muss in den Tower. Ich habe Termine, Analysen...“
„Die laufen dir nicht weg“, unterbrach sie ihn flink und stand elegant auf. Sie strich ihr langes, silbrig weißes Haar nach hinten, das wie flüssiges Mondlicht über ihre Schultern floss. „Außerdem hat Tala zugestimmt. Stell dir vor, wie einsam der arme Kerl sich zwischen all den Rüschen und pastellfarbenen Stramplern fühlen wird, wenn er der einzige Mann ist. Willst du das deinem Freund wirklich antun? Wo bleibt die Team-Solidarität der Blitzkrieg Boys?“
Kai massierte sich die Schläfen. „Das ist Erpressung, Nami. Emotionale Erpressung auf höchstem Niveau.“
„Ich nenne es Teambuilding“, erwiderte sie zwinkernd. Sie ging zur Tür des Salons, blieb dort stehen und sah ihn über die Schulter an. „Lumina ist völlig aus dem Häuschen. Sie hat eine Liste mit Läden in Ginza zusammengestellt, die wir abklappern wollen. Und danach gehen wir alle zusammen essen. Ein Doppeldate, Kai. Wie in alten Zeiten – nur dass wir jetzt über Windeleimer statt über Bit-Beast-Verschmelzungen reden.“
Kai stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, das eher wie ein resigniertes Bellen klang. „Windeleimer. Großartig. Mein Aufstieg in der Geschäftswelt hat mich direkt zu einer Beratung über Entsorgungssysteme für Hinterlassenschaften von Säuglingen geführt"
Er erhob sich dennoch, die raubtierhafte Geschmeidigkeit seiner Bewegungen im krassen Gegensatz zu dem häuslichen Thema. Er trat zu ihr an die Tür und legte eine Hand an ihre Taille. „Wenn ich das tue, dann nur unter einer Bedingung.“
Nami blickte zu ihm auf, ihre ozeanblauen Augen voller Neugier. „Und die wäre?“
„Wir nehmen den Bentley. Wenn ich schon Babyzeug sichten muss, dann will ich wenigstens mit Stil dort ankommen“, sagte er mit einem Anflug seines aristokratischen Stolzes. „Und du versprichst mir, dass du Lumina nicht auf die Idee bringst, dass wir...also ich...sofort nachziehen müssen. Mein Nervenkostüm ist nach dem Telefonat mit Gou bereits strapaziert genug.“
Nami lachte hell auf und legte ihre Arme um seinen Nacken. „Ich verspreche gar nichts, Kai. Aber ich werde versuchen, mich zurückzuhalten. Zumindest für die ersten zwei Läden.“
Draußen vor dem Anwesen hörte man das tiefe Grollen eines Sportwagens – Tala war offensichtlich überpünktlich.
„Sie sind da“, stellte Nami fest und gab ihm einen aufmunternden Stupser. „Geh und zieh dir etwas an, das weniger nach 'Börsencrash' und mehr nach 'entspanntem Samstagsausflug' aussieht. Ich gehe die Zwillinge und Sayuri wecken, damit wir sie bei den meinen Eltern absetzen können.“
Kai sah sie noch einen Moment lang mit diesem speziellen Blick an – eine Mischung aus tiefer Zuneigung und dem ungläubigen Staunen darüber, wie sie ihn immer wieder um den Finger wickelte –, bevor er sich abwandte, um sich umzuziehen.
Draußen vor dem herrschaftlichen Portal des Ayame-Anwesens kam Talas Wagen mit einem satten Grollen zum Stehen. Als Kai wenig später in einem anthrazitfarbenen Designer-Hemd und dunkler Hose die kleinen Stufen am Eingang des Hauses hinuntertrat, lehnte Tala bereits an der Fahrertür seines Wagens. Er trug eine dunkle Sonnenbrille auf dem Kopf, doch seine Miene war wie gewohnt unlesbar, bis er Kai bemerkte.
Lumina war bereits ausgestiegen und wirbelte auf Nami zu, die gerade mit Sayuri an der Hand aus der Tür trat. Die beiden Cousinen fielen sich kreischend in die Arme, als hätten sie sich Wochen und nicht nur ein paar Stunden nicht gesehen.
Tala sah Kai entgegen, der mit unterkühlter Miene auf ihn zukam.
„Lass mich raten“, begann Tala, ohne eine Begrüßung abzuwarten. Seine Stimme war gewohnt tief und trocken. „Du wurdest auch mit dem Versprechen eines 'entspannten Samstags' aus dem Haus gelockt, nur um jetzt festzustellen, dass du als Packesel für pastellfarbene Erstlingsausstattungen endest?“
Kai schnaubte leise und verschränkte die Arme vor der Brust, während er beobachtete, wie Lumina Nami bereits völlig aufgeregt ein Tablet unter die Nase hielt, auf dem vermutlich die neusten Trends in Sachen Baby-Accessoires zu sehen waren.
„Ich hatte eigentlich vor, im Tower zu arbeiten“, erwiderte Kai kühler, als er sich fühlte. „Aber anscheinend ist meine Anwesenheit heute... unverzichtbar.“
Tala verzog keine Miene, doch in seinen Augen blitzte ein sarkastischer Funke auf. „Anscheinend war unsere Initiative gestern Abend im Blue Velvet nicht ausreichend, um uns heute einen freien Samstag zu erkaufen. Ich dachte, nach dem ritterlichen Abholservice und dem... nun ja... Rest der Nacht, hätten wir heute einen Freifahrtschein.“ Er warf einen kurzen Blick zu seiner Frau, die gerade leidenschaftlich über die Vorzüge von ökologischer Baumwolle referierte. „Stattdessen stehen wir hier und bereiten uns auf eine Invasion in Ginza vor. Ich sage dir, Kai, wir hätten gestern einfach länger an der Bar bleiben sollen.“
Kai konnte ein kurzes, amüsiertes Zucken seiner Mundwinkel nicht ganz unterdrücken. „Es wäre wohl effizienter gewesen, die Nacht so unerbittlich zu gestalten, dass die beiden Damen heute gar nicht erst aus dem Bett hätten aussteigen können, da die Beine zu sehr nachgeben...“
„Stimmt wohl“, brummte Tala und stieß sich vom Wagen ab. „Aber eines muss man ihnen lassen: Sie wissen genau, wie sie uns kriegen. Einmal dieser Blick, und wir stehen in der Kinderabteilung und diskutieren über die Ergonomie von Schnullern.“
In diesem Moment kam Nami auf sie zu, Sayuri an der Hand, die bereits hellwach war und fröhlich zu ihrem Onkel Tala blickte.
„Na, ihr zwei?“, fragte Nami mit einem unschuldigen Lächeln, das Kai sofort wieder misstrauisch werden ließ. „Besprecht ihr schon die strategische Route durch die Einkaufszentren? Lumina hat eine Liste mit sieben Etagen allein im ersten Kaufhaus.“
Kai sah Tala an, der nur schwerfällig ausatmete. „Sieben Etagen“, wiederholte Tala flach. „Kai, sag mir, dass wir wenigstens zwischendurch irgendwo einkehren, wo es etwas anderes als Früchtetee und Dinkelkekse gibt.“
„Ich habe den Bentley bereits angewiesen“, entgegnete Kai mit einem Seitenblick auf Nami. „Wenn wir schon untergehen, dann mit einer ordentlichen Portion Luxus – und ich bestimme, wo wir zu Mittag essen.“
Lumina trat neben Nami und hakte sich bei ihr unter. „Macht euch nicht so wichtig, Jungs! Ihr werdet gebraucht, um zu entscheiden, welche Farbe besser zum Teint eines hypothetischen Babys passt: Cremeweiß oder Eierschale.“
Tala sah Kai entgeistert an. „Eierschale. Wir sind offiziell am Ende, Kai.“
Kai seufzte, doch als er sah, wie Sayuri ihm ein strahlendes Lächeln schenkte und Nami ihn so liebevoll ansah, wusste er, dass er diesen Tag wohl oder übel überstehen würde – solange er an Namis Seite war.
Ca. 30min später nachdem Sayuri bei den Großeltern abgegeben wurde...
Die Fahrt nach Ginza verlief standesgemäß. Während Nami und Lumina auf der Rückbank des Bentley bereits Kataloge wälzten und sich gegenseitig Stoffproben unter die Nase hielten, saß Kai am Steuer und starrte mit einer stoischen Ruhe auf den Verkehr von Tokio. Tala saß neben ihm auf dem Beifahrersitz, die Arme verschränkt, und sah aus, als würde er innerlich die Sekunden bis zur Flucht zählen.
Als sie schließlich vor dem gläsernen Prachtbau eines der exklusivsten Kaufhäuser in Ginza hielten, war die Luft bereits elektrisiert.
„Etage vier: Die Welt des Neugeborenen“, verkündete Lumina enthusiastisch, als sie den Fahrstuhl betraten.
Kaum öffneten sich die Türen, schlug ihnen eine Wand aus Pastelltönen, sanfter Klaviermusik und dem subtilen Duft von Babypuder entgegen. Kai und Tala blieben wie synchronisiert an der Schwelle stehen, während Nami und Lumina zielstrebig in Richtung der Kinderwagen-Abteilung steuerten.
„Siehst du das?“, murmelte Tala und deutete auf ein Gestell, das mehr nach NASA-Technologie als nach einem fahrbaren Untersatz für Säuglinge aussah. „Das Ding hat Scheibenbremsen und eine Carbon-Aufhängung. Warum braucht ein Baby, das noch nicht mal seinen Kopf halten kann, eine Aerodynamik wie ein Kampfjet?“
Kai trat näher an das Modell heran und begutachtete die Verarbeitung mit einem kritischen Blick, den er normalerweise für Quartalsberichte reserviert hatte. „Es ist effizient, Tala. Aber völlig überteuert. Die Tachiwari-Corporation könnte so etwas für die Hälfte der Produktionskosten herstellen, wenn wir in den Sektor einsteigen würden.“
„Bitte sag mir, dass du das nicht vorhast“, entgegnete Tala trocken. „Ich möchte nicht in einem Meeting sitzen, in dem wir über die Reißfestigkeit von Teddybär-Ohren diskutieren.“
In diesem Moment rief Nami sie herüber. Sie hielt einen winzigen, cremefarbenen Strampler hoch, der so klein war, dass er kaum Kais Handfläche bedeckt hätte.
„Schau mal, Kai“, sagte sie mit einem weichen Leuchten in den Augen. „Erinnert dich das an etwas? Gou hatte fast denselben an, als er ein paar Stunden alt war. Nur dass seiner damals blau war.“
Kai sah auf das winzige Kleidungsstück hinunter. Für einen Moment bröckelte seine kühle Fassade. Er erinnerte sich an das Gewicht des winzigen Bündels in seinen Armen, an die zerbrechliche Kraft, die Gou damals ausgestrahlt hatte – und an die Angst, die er als junger Vater empfunden hatte, etwas falsch zu machen.
„Er war kleiner“, bemerkte Kai leise, und seine Stimme verlor für einen Wimpernschlag ihre Härte.
Lumina nutzte den Moment sofort aus. „Siehst du, Tala? Selbst Kai wird weich! Und jetzt schau dir dieses Bettchen hier an. Es hat eine eingebaute Soundmaschine, die den Herzschlag der Mutter simuliert.“
Tala zog eine Augenbraue hoch und beugte sich über das Gitterbett. „Ein Herzschlag? Wenn das Ding nachts anfängt zu vibrieren, denke ich eher, es ist ein Einbrecher oder eine Fehlfunktion der Alarmanlage. Können wir nicht einfach etwas... Normales nehmen? Ein Bett aus Holz zum Beispiel?“
Nami lachte und hakte sich bei Kai unter, während sie beobachtete, wie Lumina versuchte, Tala davon zu überzeugen, dass ein Baby ohne eine per App steuerbare Wiegefunktion quasi keine Überlebenschance hätte.
„Du schlägst dich tapfer“, flüsterte Nami Kai zu und schmiegte sich an seinen Arm. „Aber gib es zu: Ein kleiner Teil von dir genießt es, hier zu sein und sich an die Zeit zu erinnern, als unsere vier noch so klein waren.“
Kai warf ihr einen Seitenblick zu, in dem sich ein Funken des alten, arroganten Lächelns mischte. „Ich genieße es vor allem deshalb, weil ich weiß, dass wir heute Abend wieder in ein Haus zurückkehren, in dem die Kinder alt genug sind, um ihre eigenen Betten zu benutzen.“ Er machte eine kurze Pause und sah zu Tala hinüber, der gerade versuchte, eine mechanische Babywippe zu stoppen, die sich verselbstständigt hatte. „Und weil ich nicht derjenige bin, der Tala erklären muss, wie man eine Windel wechselt, wenn es bei ihnen so weit ist.“
Nami grinste breit. „Oh, unterschätz ihn nicht. Er wird genauso akribisch sein wie du.“
Sie löste sich ein paar Schritte von der Gruppe und schlenderte tiefer in die Abteilung für Mädchenbekleidung. Hier wirkte das Licht noch ein wenig weicher, fast wie durch Puderzucker gefiltert. Zwischen all den winzigen Kleidern und pastellfarbenen Stoffen entdeckte sie schließlich einen Strampler, der selbst ihr – als Mutter von vier Kindern – ein entzücktes Aufseufzen entlockte. Er war aus feinster, weißer Baumwolle gefertigt, übersät mit winzigen, handgestickten Rosenknospen und so vielen zarten Rüschen an den Beinchen und am Gesäß, dass er fast wie ein kleines Ballettkostüm wirkte.
Sie nahm den Bügel vom Ständer und strich prüfend über den Stoff, als sie plötzlich eine brüchige, aber klare Stimme direkt neben sich hörte.
„Ein wirklich bezauberndes Stück, nicht wahr? Er ist aus der allerneuesten Kollektion, erst gestern eingetroffen.“
Nami blinzelte überrascht und blickte zur Seite. Direkt neben ihr stand eine kleine, sehr alte Dame. Sie mochte Anfang 80 sein und war so zierlich, dass sie Nami kaum bis zur Schulter reichte – sie war sicher einen ganzen Kopf kleiner als die hochgewachsene junge Frau. Die Dame trug ein elegantes Kostüm aus schwerem Brokat und hielt eine kleine, silberbeschlagene Handtasche fest umklammert. Ihre Augen, die hinter einer goldumrandeten Brille klug funkelten, wanderten von dem Strampler zu Namis Gesicht und blieben schließlich an ihrer Körpermitte hängen.
„Sagen Sie mal, Kindchen“, fuhr die Alte mit einer unverblümten Neugier fort, „wann ist es denn bei Ihnen so weit? Ich sehe mir Ihren Bauch an, aber dieser flache Schnitt Ihres Kleides lässt ja nun wirklich nicht einmal das Geringste erahnen.“
Nami musste unwillkürlich kichern. Die Direktheit der alten Frau war so entwaffnend, dass sie gar nicht anders konnte. Sie schüttelte sanft den Kopf, wobei ihr langes, silbrig weißes Haar über ihre Schultern floss. „Oh nein, ich erwarte kein Baby“, klärte sie das Missverständnis mit einem freundlichen Lächeln auf. „Ich bin heute nur zur Unterstützung für meine Cousine hier. Sie möchte bald eine Familie gründen und wir sichten heute die ersten schönen Dinge.“
Die alte Dame legte den Kopf schief und musterte Nami nun noch intensiver, fast so, als würde sie ein wertvolles Kunstwerk taxieren. Ihr Blick glitt über Namis helle, karamellfarbene Haut, die ozeanblauen Augen und die makellosen Gesichtszüge. Dann schnalzte sie missbilligend mit der Zunge.
„Was für eine Verschwendung“, entgegnete sie mit einer ordentlichen Portion Exzentrik in der Stimme. „Hören Sie auf eine alte Frau, die viel gesehen hat: Eine so schöne junge Frau wie Sie sollte keine Zeit damit verschwenden, nur die Unterstützung für andere zu spielen. Sie sollten sich so schnell wie möglich einen ebenso hübschen jungen Mann suchen, um diese außergewöhnliche Schönheit für weitere Generationen zu erhalten. Es wäre ein Jammer, wenn diese Züge einfach... verblassen würden.“
Nami öffnete den Mund, um zu erwidern, dass sie bereits vierfache Mutter war, doch sie kam nicht dazu. In diesem Moment spürte sie die vertraute, kühle Aura hinter sich. Kai war herangetreten, gefolgt von Tala und Lumina, die das Gespräch neugierig beobachtet hatten.
Kai legte eine Hand auf Namis unterem Rücken und fixierte die alte Dame mit seinem durchdringenden, rubinfarbenen Blick. Sein Gesicht war eine Maske aus aristokratischer Gelassenheit, doch ein winziger Funke von Amüsement tanzte in seinen Augen.
„Ich fürchte, werte Dame“, begann Kai mit seiner tiefen, klangvollen Stimme, während er Nami ein Stück näher an sich zog, „dass die Schönheit meiner Frau bereits mehrfach gesichert wurde. Unsere Gene sind, wie Sie es ausdrücken würden, in sehr guten Händen.“
Die alte Frau blinzelte zu Kai hoch, legte den Kopf weit in den Nacken und brauchte einen Moment, um die imposante Erscheinung des Mannes vor ihr zu erfassen. Als ihr Blick an seinen scharfen Gesichtszügen und der kühlen Eleganz hängen blieb, weiteten sich ihre Augen.
„Na bitte!“, rief sie fast triumphierend aus und deutete mit einem knochigen Finger auf Kai. „Da haben wir es ja! Ich sagte doch, Sie brauchen ein Prachtexemplar. Und Sie, junger Mann, sehen aus, als hätten Sie bereits ein ganzes Regiment an Nachkommen geplant.“
Tala, der zwei Schritte weiter hinten stand, kommentierte die Situation gewohnt trocken und leise zu Lumina: „Jetzt werden wir schon von Unbekannten zur Fortpflanzung genötigt.“
Kai ignorierte Tala und neigte kurz den Kopf vor der Dame. „Wir werden Ihren Rat beherzigen. Kommt, wir haben noch viel vor.“
Mit einem letzten, amüsierten Blick zu Nami führte er sie aus der Abteilung, während die alte Frau ihnen kopfschüttelnd nachsah, sichtlich zufrieden mit ihrer „Beratung“.
Nami warf Kai einen amüsierten Seitenblick zu, während sie sich tiefer in die Gänge des Luxuskaufhauses schoben. Ihr Herz fühlte sich leicht an, und ein verschmitztes Schmunzeln umspielte ihre Lippen. „Das klang ja schon fast charmant aus deinem Mund, Kai“, neckte sie ihn leise. „Fast so, als hättest du Spaß daran, unser Territorium vor exzentrischen alten Damen zu verteidigen.“
Kais rubinfarbene Augen wanderten nur ein Stück zur Seite, ohne seinen Kopf ganz zu drehen. Seine Miene blieb unbewegt, fast schon staatsmännisch, während er sie mit sicherem Griff durch die Menschenmenge leitete. „Ich habe durch Oma Yumi gelernt, nicht zu sehr auf das Gerede alter Frauen einzugehen“, entgegnete er mit gewohnt trockenem Unterton. „Diskussionen mit ihnen führen zu nichts außer Zeitverlust. Je weniger Stoff man ihnen bietet, desto schneller kommt man wieder zum Wesentlichen. In diesem Fall: dieses Gebäude so schnell wie möglich wieder zu verlassen.“
Doch der Wunsch nach einem schnellen Aufbruch sollte sich als Trugschluss erweisen.
Die Stunden verstrichen zäh. Während Nami und Lumina mit einer fast schon beängstigenden Ausdauer von den Kinderwagen zu den Wiegen und schließlich in die Abteilung für handbestickte Taufkleider wanderten, schienen Kai und Tala in eine Art stumme Agonie zu verfallen. Sie passierten Regale voller Plüschtiere, die weicher waren als Wolken, und begutachteten Wickeltische, deren Preis den Wert eines Kleinwagens überstieg.
Irgendwann, als die Nachmittagssonne bereits tiefer über Ginza stand, gönnte sich Kai an einem kleinen, exklusiven Kaffeestand innerhalb des Kaufhauses einen Espresso. Er stand kerzengerade da, die kleine Porzellantasse in der Hand, und blickte mit einer Miene unendlicher Geduld auf das bunte Treiben um ihn herum.
Tala trat an seine Seite, ebenfalls mit einem Kaffee bewaffnet, und musterte seinen Freund mit einer Mischung aus Unglauben und Respekt. Kai wirkte in dieser Umgebung, die eigentlich jedem Mann mit Selbstachtung den Verstand rauben müsste, erschreckend gefasst.
„Ich muss sagen, Kai... ich bin beeindruckt“, begann Tala und nippte an seinem Getränk. „Wie du hier stehst, zwischen all den Schnullern und dem Gequieke – du wirkst geradezu tiefenentspannt. Hast du nicht langsam genug von dem Ganzen? Mir dröhnt der Kopf, als hätte ich ein zehnstündiges Training mit Bryan hinter mir.“
Kai setzte die Tasse ab und sah Tala direkt an. Sein Blick war so kühl und scharf wie eh und je. „Tiefenentspannt?“, wiederholte er trocken, und ein Hauch von Sarkasmus schwang in seiner tiefen Stimme mit. „Ich bin lediglich wie immer gut darin, meine Genervtheit unter einer Maske aus Langeweile zu verbergen. Das ist eine reine Überlebensstrategie, Tala. Wenn ich jetzt anfange, mich aufzuregen, dauert das Ganze hier nur noch länger.“
Er wandte den Blick wieder ab und fixierte Nami, die ein paar Meter weiter mit Lumina über die Saugkraft von verschiedenen Bio-Windelmarken fachsimpelte. Ein fast unmerkliches Glimmen trat in seine Augen.
„Ich beobachte Nami die ganze Zeit“, gab er offen zu, während er seine freie Hand in einer seiner Hosentaschen verschwinden ließ. „Ich habe schlichtweg keine Lust darauf, dass sie auf dumme Gedanken kommt. Wenn ich sie aus den Augen lasse, kauft sie am Ende noch die halbe Etage leer – oder schlimmer noch, sie beschließt, dass unsere eigene Familienplanung doch noch nicht abgeschlossen ist.“
Er schwieg einen Moment, dann drehte er den Kopf leicht in Talas Richtung. Sein Ausdruck wurde ernst, fast schon forschend. „Sag mir mal... wieso hast du dich jetzt eigentlich nach all den Jahren doch dazu entschlossen, ein Kind in die Welt zu setzen?“, fragte er ohne Umschweife. „Ich hätte wetten können, du hättest es bei der Kinderlosigkeit belassen. Du warst nie der Typ, der sich freiwillig in so ein Chaos stürzt.“
Tala wollte gerade ansetzen, zu einer Antwort auszuholen, ein seltener Moment, in dem sein sonst so unnahbarer Blick weicher wurde, doch er kam nicht dazu. Ein helles Auflachen von Lumina schnitt durch die gedämpfte Atmosphäre des Kaffeestands, und im nächsten Moment wirbelten die beiden Frauen bereits auf sie zu.
Nami strahlte über das ganze Gesicht, ihre ozeanen Augen funkelten vor Begeisterung, während sie ein kleines, silbernes Päckchen fest in den Händen hielt. „Kai, Tala! Ihr glaubt gar nicht, was wir gerade in der hintersten Ecke der Kunstabteilung gefunden haben“, rief sie, wobei sie den Espresso-Duft um Kai völlig ignorierte.
Lumina hielt triumphierend ein Objekt hoch, das im hellen Licht des Kaufhauses glänzte. Es war eine handgefertigte Spieluhr aus schwerem Sterlingsilber, graviert mit filigranen Mustern, die an wirbelnde Sturmwinde erinnerten. „Es ist eine Sonderanfertigung“, erklärte Lumina stolz, während sie Tala das schwere Stück fast unter die Nase hielt. „Die Melodie... sie ist fast identisch mit der, die mein Vater mir als Kind vorgespielt hat. Wir mussten sie einfach nehmen. Es ist das perfekte erste Erbstück!“
Tala warf Kai einen vielsagenden Blick zu. Das tiefe Gespräch über Lebensentscheidungen und Kinderlosigkeit war im Keim erstickt worden, ersetzt durch die schiere, unbändige Vorfreude der Frauen.
„Ein Erbstück“, wiederholte Tala flach, während er das glänzende Metall skeptisch beäugte. „Wir haben noch nicht einmal ein Kinderzimmer gestrichen, aber wir besitzen bereits eine Spieluhr, die wahrscheinlich mehr wiegt als das Baby.“
Nami trat einen Schritt näher an Kai heran und legte ihm eine Hand auf die Brust. Sie spürte die leichte Anspannung unter seinem Hemd und wusste genau, dass er innerlich bereits die Flucht plante. „Es ist wunderschön, Kai. Es hat dieses zeitlose Design, das so gut zum Ayame-Anwesen passen würde... oder zu Luminas Penthouse.“
Kai sah von der silbernen Spieluhr zu seiner Frau hinunter. Er bemerkte das gefährliche Funkeln in ihren Augen – das Leuchten, das immer dann auftauchte, wenn sie etwas sah, das ihr Herz berührte. Er wusste genau, worauf das hinauslief.
„Nami“, begann er mit warnendem Unterton, während er seine leere Espressotasse mit einem deutlichen Klacken abstellte. „Lumina kauft diese Spieluhr. Nicht wir. Wir haben bereits vier Kinder, die alle ihre eigenen Schätze im Anwesen verteilt haben. Wir brauchen kein weiteres 'Erbstück', das nur Staub ansetzt.“
Nami neigte den Kopf zur Seite, eine Strähne ihres silbrig weißen Haares kitzelte seine Hand. „Wer spricht denn von jetzt, Schatz? Ich dachte nur... für später. Vielleicht für Enkelkinder?“
Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. „Enkelkinder. Jetzt sind wir also schon bei der übernächsten Generation angelangt. Ich denke, es ist an der Zeit, dieses Gebäude zu verlassen, bevor du anfängst, über Hochzeitslocations für Sayuri nachzudenken.“
Er griff nach Namis Hand und sah Tala an, der sichtlich erleichtert war, dass das Thema Shopping nun offenbar sein Ende fand. „Tala, zahl die Spieluhr für deine Frau. Wir treffen uns am Haupteingang. Ich brauche frische Luft und eine Umgebung, in der nicht alles nach Babypuder riecht.“
Kai und Nami ließen die Beiden an der Kasse zurück, wo Lumina bereits mit ihrer Kreditkarte wedelte, als ginge es darum, ein seltenes antikes Artefakt zu sichern. Sie schritten schweigend durch die breiten Gänge des Kaufhauses. Kai hielt Namis Hand fest in seiner, seine Schritte waren zielstrebig und strahlten jene unterkühlte Dominanz aus, die die Menschenmenge wie von selbst vor ihnen teilen ließ.
Erst als sie die schweren Glastüren des Haupteingangs passierten und die kühle, klare Nachmittagsluft von Ginza ihre Gesichter traf, schien Kai merklich aufzuatmen. Er lockerte seinen Griff um Namis Hand ein wenig, ließ sie aber nicht los.
Nami beobachtete ihn von der Seite. Ein amüsiertes Blitzen trat in ihre ozeanblauen Augen, und sie konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen. Kai bemerkte den Seitenblick sofort. Er hielt inne und zog eine Braue hoch, während er sie aus seinen rubinfarbenen Augen forschend ansah.
„Was gibt es da zu lachen?“, fragte er mit diesem tiefen, leicht rauen Unterton, der seine Genervtheit verriet. „Was hat dieser Blick zu bedeuten, mein Schatz?“
Nami schüttelte sanft den Kopf, wobei ihr silbrig weißes Haar im Wind wehte. „Es ist nichts Besonderes, Kai. Mir ist nur gerade aufgefallen, wie lange wir nicht mehr so... ganz normal zusammen bummeln waren. Auch wenn 'normal' bei uns wohl ein dehnbarer Begriff ist.“
Sie schmiegte sich ein Stück enger an seinen Arm, während sie langsam weiter in Richtung des geparkten Bentley schlenderten. „Ich genieße es einfach, wenn du dabei bist. Du strahlst immer so eine unerschütterliche Ruhe aus... selbst wenn ich genau weiß, dass du innerlich gerade ein wenig Panik davor hast, dass ich dir ein fünftes Kind aufdrücken will.“
Sie hielt kurz inne und sah ihn mit einem entwaffnenden, ehrlichen Lächeln an. „Aber du kannst ganz beruhigt sein, mein Schatz. Ich sage es gerne zum hundertsten Mal...das wird definitiv nicht passieren. Vier sind perfekt. Wir haben unser Soll an kleinen Hiwataris mehr als erfüllt.“
Kai sah sie einen langen Moment schweigend an. Die Anspannung in seinem Kiefer löste sich merklich, und ein seltenes, fast schon sanftes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er blieb stehen, zog sie ein Stück näher zu sich und legte seine freie Hand an ihre Wange. Sein Daumen strich über ihre helle, karamellfarbene Haut.
„Panik ist ein starkes Wort, mein Schatz“, entgegnete er trocken, doch sein Blick verriet etwas anderes. „Sagen wir eher... eine gesunde, strategische Vorsicht. Ich kenne dich. Wenn du diese ganz spezielle Aura ausstrahlst, neige ich dazu, meine Prinzipien schneller über Bord zu werfen, als mir lieb ist...oder mein Körper.“
Er beugte sich zu ihr hinunter, bis seine Stirn die ihre berührte. „Aber ich bin froh zu hören, dass wir uns in diesem Punkt immer noch einig sind.“
In diesem Moment traten Tala und Lumina aus dem Kaufhaus, die silberne Spieluhr stolz in einer edlen Tragetasche verstaut. Tala wirkte, als hätte er gerade eine Schlacht überlebt, während Lumina noch immer vor Energie sprühte.
„Na, habt ihr euer konspiratives Treffen beendet?“, rief Lumina ihnen lachend zu. „Oder plant ihr schon die nächste Generation?“
Kai warf Tala einen vielsagenden Blick zu. „Wir planen gerade unser sehr verspätetes Mittagessen, Lumina. Und wenn ich nicht in den nächsten zehn Minuten etwas Vernünftiges zwischen die Zähne bekomme, das nicht die Form eines Teddybären hat, werde ich ungemütlich.“
Tala nickte zustimmend. „Amen. Ich kenne ein Steakhouse drei Straßen weiter, das keine Kinderkarten führt. Das ist jetzt unsere einzige Rettung.“
Das Steakhouse war die personifizierte Antithese zum pastellfarbenen Wahnsinn des Kaufhauses: dunkles Ebenholz, schwere Ledersessel und das tiefe, beruhigende Zischen von Fleisch auf heißem Gusseisen. Es herrschte eine maskuline, fast schon aristokratische Ruhe, die Kai und Tala sichtlich aufatmen ließ.
Nachdem die erste Runde Getränke serviert worden war und Lumina gerade damit beschäftigt war, Nami auf ihrem Handy Fotos von Designer-Kinderzimmern zu zeigen, lehnte Nami sich mit einem verschmitzten Lächeln vor. Sie stützte die Ellbogen auf das dunkle Holz des Tisches und fixierte Tala mit einem Blick, der keinen Raum für Ausflüchte ließ.
„Sag mal, Tala“, begann sie ohne Umschweife, ihre Stimme war sanft, aber entwaffnend direkt. „Wann genau hast du eigentlich deine Vasektomie rückgängig machen lassen? War das eine spontane Entscheidung oder...“
Weiter kam sie nicht. Tala, der gerade einen Schluck von seinem schweren Rotwein nehmen wollte, erstarrte mitten in der Bewegung. Er senkte das Glas langsam ab, während sich ein dunkler Schatten auf seine Züge legte – nicht aus Zorn, sondern aus der schieren Fassungslosigkeit über Namis Unverfrorenheit. Er sah langsam zu Kai hinüber, der ihm gegenüber saß.
Kai musterte seinen alten Freund und Rivalen mit einer fast schon beängstigenden Trockenheit. Ein kaum merkliches, amüsiertes Zucken in seinen Mundwinkeln verriet, dass er die Situation in vollen Zügen genoss.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du steril warst, Tala“, warf Kai mit tiefer, klangvoller Stimme ein, in der ein deutlicher Funke Sarkasmus mitschwang. „Ich erinnere mich lebhaft an deine Worte von damals. Du meintest doch immer, die Hölle würde eher zufrieren, als dass du dich freiwillig auf solch einen OP-Tisch legen würdest, nur um deine... biologische Zukunft zu versiegeln.“
Tala starrte Kai einen Moment lang finster an, während Lumina neben ihm plötzlich sehr interessiert an ihrem Wasserglas nestelte.
„Manche Dinge ändern sich eben, Hiwatari“, brummte Tala schließlich und lockerte seinen Griff um den Stiel des Weinglases. „Und du bist der Letzte, der über medizinische Eingriffe und deren Rückgängigmachung urteilen sollte, wenn man bedenkt, wie deine eigene Familienplanung verlaufen ist.“
Kai lehnte sich entspannt in seinen Ledersessel zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Die kühle Eleganz seiner Haltung stand im krassen Gegensatz zu Talas defensiver Art.
„Oh, überrascht bin ich keineswegs“, entgegnete Kai gelassen, während sein Blick kurz zu Lumina glitt, bevor er wieder bei Tala hängen blieb. „Ich habe es mir eigentlich schon an dem Tag gedacht, an dem ihr beide euch zum ersten Mal begegnet seid. Du erinnerst dich sicher noch an diese Nacht im Anwesen, als ihr mein Gästezimmer so... 'strategisch' umdekoriert habt, dass der alte Mahagonischreibtisch drei Wochen in der Restauration war...“
Lumina wurde nun doch merklich rot um die Nasenspitze und warf Nami einen hilfesuchenden Blick zu, doch Nami grinste nur breit.
Kai fuhr ungerührt fort: „In dem Moment, als ich sah, wie du sie ansiehst – und wie sie dich innerhalb von Sekunden aus der Reserve gelockt hat –, war mir klar, dass deine eisernen Prinzipien gegen Kinder irgendwann weichen würden. Dass du dann tatsächlich den medizinischen Weg gewählt hast, nur um diese Prinzipien für sie wieder rückgängig zu machen... das passt zu deiner Art von Sturheit.“
Tala stieß ein kurzes, kehliges Lachen aus, das fast wie ein Knurren klang. „Du bist ein arroganter Bastard, Kai. Aber du hast recht. Ich dachte, ich hätte alles unter Kontrolle. Und dann kam sie.“ Er legte eine Hand auf Luminas Schulter, sein Griff war besitzergreifend und zärtlich zugleich. „Und plötzlich war die Vorstellung von einer Mini-Version von ihr gar nicht mehr so... beängstigend.“
Nami strahlte. „Ich finde es wunderbar. Und glaub mir, Tala, Kai hat auch nur so eine große Klappe, weil er genau weiß, dass er denselben Weg gegangen ist – nur dass bei ihm meine Aura ein wenig nachhelfen musste, als seine Prinzipien sich dagegen sträubten sich zu ändern“
Kai warf Nami einen warnenden Blick zu, doch die Wärme in seinen rubinfarbenen Augen verriet ihn. „Können wir jetzt bitte zum Wesentlichen kommen? Das Fleisch wird kalt, und ich habe keine Lust, den Rest des Mittags über meine oder Talas Anatomie zu diskutieren.“
Nami lachte leise und legte ihre Hand auf Kais Unterarm, während sie den amüsierten Schlagabtausch zwischen den beiden Männern beobachtete. Der schwere Duft von gegrilltem Fleisch und der edle Rotwein in ihren Gläsern schufen eine Atmosphäre, in der selbst die sonst so verschlossenen Krieger der Vergangenheit ein wenig weicher wurden.
„Es ist ja nicht so, als hättet ihr euch überstürzt in dieses Abenteuer gestürzt“, fügte Nami hinzu und warf Lumina ein wissendes Lächeln zu. „Immerhin habt ihr euch mehr als sechs Jahre Zeit gelassen. Sechs Jahre Beziehung, in denen ihr die Welt bereist und euer Penthouse in Shinjuku unsicher gemacht habt, bevor ihr euch ernsthaft für ein Kind entschieden habt.“
Lumina nickte eifrig und strich sich eine silbrig weiße Strähne hinter das Ohr. „Stimmt genau. Wir wollten sichergehen, dass wir uns nicht gegenseitig umbringen, wenn wir 24 Stunden am Tag aufeinanderhocken. Und sind wir mal ehrlich: Tala brauchte diese Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass er nicht mehr die einzige Priorität in meinem Leben ist.“
Tala brummte tief in seiner Kehle, ein Geräusch, das halb Zustimmung und halb gespielte Empörung war. Er schnitt ein Stück von seinem perfekt medium gebratenen Steak ab. „Sechs Jahre sind eine vernünftige Zeitspanne für eine strategische Analyse, Nami. Im Gegensatz zu manch anderen, die quasi vom Kreissaal direkt vor den Altar gestolpert sind....als anders herum“
Er warf Kai einen provokanten Blick zu, doch dieser blieb völlig ungerührt. Kai hob sein Weinglas und betrachtete die tiefrote Flüssigkeit gegen das warme Licht der Wandleuchter.
„Strategische Analyse?“, wiederholte Kai trocken. „Tala, wir wissen beide, dass du dich sechs Jahre lang nur davor gedrückt hast, zuzugeben, dass Lumina dich längst gezähmt hat. Du wolltest den Schein des einsamen Wolfes so lange wie möglich aufrechterhalten.“
Kai nippte an seinem Wein und fixierte seinen Freund dann mit einem Blick, der fast schon kameradschaftlich wirkte. „Aber ich respektiere es. Sechs Jahre geben einem die nötige Basis. Wenn das Kind erst einmal da ist, wird deine 'strategische Analyse' ohnehin innerhalb von Sekunden von einem schreienden Bündel über den Haufen geworfen, das absolut keine Rücksicht auf deine Planung nimmt.“
Nami schmunzelte. „Hör nicht auf ihn, Tala. Er tut nur so abgeklärt. In Wahrheit war er derjenige, der bei Gou jede einzelne Sekunde überwacht hat, als wäre er ein hochsensibles Projekt der Tachiwari-Corporation. Er hat sogar die Atemfrequenz kontrolliert, während der Junge schlief.“
„Das war reine Qualitätssicherung“, warf Kai dazwischen, ohne eine Miene zu verziehen, was die ganze Runde zum Lachen brachte.
Lumina lehnte sich zu Nami rüber. „Ich bin froh, dass wir uns Zeit gelassen haben. Aber jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist und die Vasektomie und meine Spirale Geschichte sind... fühlt es sich richtig an. Auch wenn Tala jedes Mal so tut, als wäre der Weg zum OP-Tisch sein persönlicher Gang zum Schafott gewesen.“
Tala sah seine Frau an, und für einen kurzen Moment verschwand die kühle Maske des russischen Kämpfers. Er legte seine große Hand über ihre. „Es war kein Gang zum Schafott. Es war eine notwendige Kurskorrektur.“ Er sah wieder zu Kai. „Aber erwähne das Wort 'Rüschen' in meiner Gegenwart heute nicht mehr. Mein Bedarf für dieses Jahrzehnt ist gedeckt.“
Eine Stunde später...
Als das Dessert abgeräumt war und der kräftige Duft von Espresso die Luft erfüllte, lehnte Kai sich entspannt zurück. Seine Miene, die den ganzen Vormittag über von einer gewissen skeptischen Distanz geprägt war, glättete sich zusehends. Er sah Nami an, und in seinem Blick lag eine Intensität, die nur ihr allein vorbehalten war.
„Wenn wir schon über Zeitspannen und Planungen reden“, begann er, seine Stimme tief und mit einem besitzergreifenden Unterton, „sollten wir nicht vergessen, dass in zwei Monaten unser fünfzehnter Hochzeitstag ansteht.“ Er machte eine kurze Pause und fixierte sie aus seinen rubinfarbenen Augen. „Ich habe bereits alles arrangiert. Ich möchte wieder zwei Tage mit dir allein sein, mein Schatz. Ganz ohne Kinder, ohne Termine und ohne Diskussionen über Baby-Accessoires.“
Ein warmes Leuchten breitete sich in Namis Zügen aus. Sie lächelte ihm entgegen, ein Ausdruck von tiefer Vertrautheit und Liebe, ehe sie sich vorlehnte. Ihre Lippen berührten die seinen in einem leichten, federzarten Kuss, der dennoch all die Leidenschaft der vergangenen fünfzehn Jahre in sich trug.
„Du bist ein unverbesserlicher Planer, Kai“, flüsterte sie, als sie sich wieder ein Stück zurückzog. „Aber vergiss bitte nicht, dass wir nächsten Monat erst einmal Sayuris großen Tag haben. Sie wird in Gous Privatschule eingeschult, und sie ist schon jetzt so aufgeregt, dass sie kaum noch stillsitzen kann. Du planst schon wieder zwei Monate voraus, während wir erst einmal die Einschulung unserer Jüngsten meistern müssen.“
Sie strich sich eine silbrige Locke aus dem Gesicht und ihre Augen blitzten vor Vorfreude. „Aber natürlich freue ich mich unheimlich auf unsere Zeit. Ich nehme an, es geht wieder nach Nagano in die Villa? Die Ruhe dort oben ist einfach jedes Mal herrlich.“
Ein geheimnisvolles Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen, ein Ausdruck, den er selten öffentlich zeigte und der Nami sofort hellhörig werden ließ. Er schüttelte langsam den Kopf.
„Diesmal nicht, mein Schatz“, entgegnete er ruhig. „Nagano war immer wunderschön, aber für unser Jubiläum habe ich etwas anderes im Sinn.“
Nami zog die Brauen hoch. „Wirklich? Und wohin soll es gehen?“
Kai nippte an seinem restlichen Espresso und sah sie herausfordernd an. „Das werde ich dir nicht verraten. Betrachte es als eine Übung in Geduld. Du wirst es früh genug erfahren“
Lumina kicherte und stieß Tala an. „Siehst du? Das nenne ich Romantik mit einem Schuss Hiwatari-Arroganz. Er behält die Kontrolle bis zum Schluss.“
Tala brummte nur, doch er sah Kai mit einer Art stillem Respekt an. „Solange du sie nicht in eine eisige Einöde entführst, Kai, ist alles im grünen Bereich.“
Nachdem sie sich vor dem Restaurant herzlich verabschiedet hatten – Lumina und Tala in Richtung Shinjuku, während Lumina bereits die nächste Shopping-Liste im Kopf durchging –, machten sich Kai und Nami auf den Weg zum Anwesen von Namis Eltern.
Die Fahrt verlief ruhiger als der Vormittag. Die Zwillinge Ayumi und Ren, mittlerweile vierzehn Jahre alt und mitten in ihrer eigenen rebellischen, aber dennoch wohlbehüteten Jugend, hatten für diesen Tag bereits am Morgen dankend abgelehnt, auf ihre kleine Schwester aufzupassen. Sie hatten eigene Pläne mit ihren Freunden geschmiedet, was Kai nur mit einem trockenen Kommentar über „frühzeitige Emanzipation“ quittiert hatte.
Als der Bentley vor dem herrschaftlichen Haus der Eltern hielt, dauerte es keine Minute, bis die schwere Eingangstür aufflog. Sayuri, die mit ihren sieben Jahren bereits eine erstaunliche Eleganz an den Tag legte – eine perfekte Mischung aus Namis Schönheit und Kais Stolz –, rannte mit fliegenden weißen Locken auf sie zu.
„Mama! Papa!“, rief sie, während sie sich in Namis Arme warf und danach sofort nach Kais Hand griff. Ihre magentafarbenen Augen strahlten vor Aufregung. „Großmutter hat mir Geschichten von früher erzählt! Und ich habe meine Schultasche schon dreimal ein- und ausgepackt. Bin ich jetzt wirklich bald ein großes Schulkind?“
Kai hob seine Tochter mühelos hoch und setzte sie auf seinen Arm, während er ihr eine widerspenstige Locke aus der Stirn strich. Seine Miene war nun vollkommen weich, die Kälte des Vormittags wie weggewischt.
„Ja, das bist du, Sayuri“, sagte er ernst, aber mit einem stolzen Funkeln in den Augen. „Und du wirst die Schule genauso im Sturm erobern wie alles andere auch.“
Nami sah ihren Mann und ihre Tochter an und spürte, wie sich ein Kreis schloss. Während sie gemeinsam zum Wagen zurückkehrten, dachte sie an Gous Herausforderungen in London, an die wilden Zwillinge und an das kleine Wunder auf Kais Arm.
Schlechtes Gewissen
In London herrschte das typische, diffuse Vormittagslicht, das durch die hohen Fenster von Gous Zimmer fiel. Während in Japan der frühe Abend einkehrte und seine Eltern vermutlich gerade Sayuri ins Bett brachten oder den Tag ausklingen ließen, saß Gou an seinem Schreibtisch. Vor ihm lag sein Laptop, das Display bereit für das angekündigte Videotelefonat.
Gou spürte eine ungewohnte Schwere in seiner Brust. Es war nicht Heimweh – dieses Gefühl kannte er kaum. Es war ein tiefes Unbehagen über seine eigene emotionale Distanz. Die Worte seiner Eltern hallten in seinem Kopf wider. Sie hatten recht: Sein Verhalten gegenüber Hiromi war nicht ideal gewesen. Aber das Schlimmste für ihn war die Erkenntnis, dass er sie kaum vermisste. Er hatte sie aus seinen täglichen Gedanken gestrichen, um den Fokus auf das Turnier nicht zu verlieren, doch nun fühlte sich diese Entscheidung wie ein Verrat an den Maßstäben an, die er sich selbst gesetzt hatte.
Er war mit Kai und Nami als Eltern aufgewachsen. Er sah jeden Tag, was wahre, unerschütterliche Liebe bedeutete – ein Band, das Zeit, Raum und sogar die Grenzen der Biologie überschritt. Er wollte kein „vielleicht“ oder ein „ganz nett“. Er wollte diese absolute Gewissheit. War er mit seinen fünfzehn Jahren einfach zu jung? Oder war sein Fokus auf den Sieg so absolut, dass für anderes kein Platz blieb?
Er atmete tief durch und startete den Anruf.
Das Bild baute sich auf und Hiromis Gesicht erschien auf dem Schirm. Sie lächelte, doch Gou erwiderte es nur mit einem knappen, neutralen Nicken.
„Hey, Gou! Schön, dass du dich meldest. Wie läuft das Training?“, fragte sie enthusiastisch.
„Es läuft gut. Die Intensität ist hoch, genau wie erwartet“, antwortete er kurzangebunden. Sein Blick glitt weg vom Bildschirm, hin zu den Unterlagen auf seinem Tisch, als fände er dort etwas ungemein Wichtiges.
„Das klingt gut. Du wirkst... sehr konzentriert“, bemerkte Hiromi vorsichtig. Sie beobachtete ihn genau durch die Kamera. Gou war schon immer ruhig gewesen, fast so stoisch wie sein Vater, aber heute wirkte er wortkarg auf eine Art, die fast wie eine Mauer zwischen ihnen stand. Er antwortete meist nur in Halbsätzen und vermied es konsequent, direkt in die Linse zu schauen.
„Ich habe viel zu tun, Hiromi. Die Analyse der gegnerischen Bit-Beasts nimmt viel Zeit in Anspruch“, schob er hinterher, während er einen Stift zwischen seinen Fingern drehte, ohne sie anzusehen.
Hiromi schwieg einen Moment. Sie spürte die Distanz, die kühle Sachlichkeit in seiner Stimme, die weit über seine übliche Ernsthaftigkeit hinausging. Sie sah, wie er den Blick immer wieder abwandte, fast so, als würde er nach einem Fluchtweg suchen. Doch anstatt ihn darauf anzusprechen oder nachzubohren, schluckte sie ihre Enttäuschung hinunter.
„Verstehe“, sagte sie schließlich leise, ihr Lächeln nun etwas angestrengter. „Ich will dich nicht von deiner Vorbereitung abhalten. Ich wollte nur kurz hören, wie es dir geht.“
Gou nickte, immer noch ohne den Blick zu fixieren. „Danke. Mir geht es gut. Ich muss dann auch wieder los, das Team wartet.“
Das leise Klicken, mit dem die Verbindung unterbrochen wurde, hallte in der Stille des Zimmers unnatürlich laut nach. Gou starrte noch sekundenlang auf den nun schwarzen Bildschirm, bevor er den Laptop langsam zuklappte. Er stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und vergrub das Gesicht in seinen Händen.
Ein tiefes, angestrengtes Seufzen entwich ihm.
Er war kein Narr. Er hatte die Veränderung in ihrer Stimme gehört – das anfängliche Strahlen, das unter seiner kühlen Sachlichkeit erst flackerte und dann erlosch. Er wusste, dass sie sich mehr gewünscht hatte. Ein „Ich vermisse dich“, ein „Ich freue mich auf unser Wiedersehen“ oder wenigstens ein echtes Lächeln. Aber diese Worte fühlten sich in seinem Mund wie Fremdkörper an, trocken und unecht.
Er fühlte den Kloß in seinem Hals, ein körperliches Zeichen seines inneren Widerstreits. Hiromi tat ihm leid; sie verdiente jemanden, der ihr mit derselben Wärme begegnete, die sie ihm schenkte. Doch seit über einer Woche waren seine eigenen Gefühle für sie wie unter einer dicken Schicht Permafrost begraben. Weit weg. Unerreichbar.
~Liege ich falsch?~ fragte er sich und sah auf seine Hände, die so sehr denen seines Vaters ähnelten. ~Oder bin ich einfach noch nicht fähig zu dem, was meine Eltern verbindet~
In ihm regte sich ein dunkler Verdacht: Vielleicht war er so sehr das Ebenbild von Kai Hiwatari, dass er denselben Fehler beging, den sein Vater einst gemacht hatte – alles andere für die Macht und den Sieg am Beyblade-Stadion zu opfern. Aber das konnte nicht sein, Kais Antrieb dazu war damals ein völlig anderer. Geboren aus einem Trauma der Kindheit. Eine Art Bewältigungsstrategie. Bei Kai war es Nami gewesen, die das Eis geschmolzen hatte. Bei Gou schien das Feuer des Turniers gerade alles andere zu verschlingen.
Hinter ihm klopfte es leise an der Tür. Es war nicht das diskrete Klopfen von Graham, sondern eher fordernd.
„Gou? Bist du fertig mit deinem... privaten Zeug?“, erklang die arrogante Stimme von Ryan Hunt durch das Holz. „Die anderen sind schon in der Arena. Wir müssen die Synchronisation der Bit-Beast-Auren testen. Wenn du den Kopf nicht frei hast, können wir es auch gleich lassen.“
Gou straffte die Schultern. Das unangenehme Gefühl in seiner Magengegend verschwand nicht, aber er schob es mit einer antrainierten Disziplin in den hintersten Winkel seines Bewusstseins. Er stand auf, glättete seine Kleidung und setzte die Maske der Unnahbarkeit wieder auf, die sein Team von ihm erwartete.
„Ich komme“, antwortete er kurz und scharf.
Während er zur Tür ging, warf er einen letzten Blick auf den Laptop. Er hatte das getan, was sein Vater verlangt hatte – er hatte angerufen. Aber die Leere, die das Gespräch in ihm hinterlassen hatte, fühlte sich schlimmer an als das Schweigen zuvor.
Gou verließ den Raum und schritt den langen Korridor zur Trainingsarena entlang. Mit seinen 15 Jahren hatte er bereits eine beeindruckende Präsenz entwickelt. Er war etwas größer als seine Mutter und bewegte sich mit der athletischen Geschmeidigkeit eines Raubtiers, die er zweifellos von seinem Vater geerbt hatte. Jeder seiner Schritte strahlte Autorität aus, doch innerlich tobte noch immer der Nachhall des Gesprächs mit Hiromi.
Als er die Arena im Ballsaal betrat, empfing ihn das vertraute Summen der Hochleistungsstadien. Ryan Hunt lehnte bereits lässig an einer der Absperrungen, seine eisblauen Augen blitzten herausfordernd, während er mit seinem Beyblade spielte. Violeta, Emilia und Seiya standen etwas abseits und unterhielten sich leise, verstummten jedoch sofort, als Gou eintrat.
„Endlich“, kommentierte Ryan trocken und stieß sich von der Wand ab. „Ich dachte schon, wir müssten ohne unseren Captain anfangen, weil er zu sehr mit Liebeskummer beschäftigt ist.“
Gou würdigte den Kommentar keines Blickes. Seine Miene war so unbewegt wie Marmor. „Positionen“, befahl er kurz und knapp. Seine Stimme war tiefer geworden.
Er trat an seinen Platz am Stadionrand. In seiner Tasche spürte er die Präsenz seines Bit-Beasts, das tief in seiner Seele verankert war. Er schloss die Augen und suchte die Verbindung. Normalerweise war es ein harmonisches Ineinandergreifen, doch heute fühlte es sich anders an. Die Kälte, die er Hiromi gegenüber empfunden hatte, suchte sich nun einen Weg nach draußen.
„Du bist abgelenkt, Gou“, schien eine Stimme in seinem Kopf zu flüstern, die nicht seine eigene war.
„Fokus!“, zischte er leise zwischen den Zähnen hervor. Er zog seinen Launcher und positionierte sich.
In diesem Moment ließ er alles los: das schlechte Gewissen gegenüber Hiromi, die hohen Erwartungen seines Vaters, die Sorge seiner Mutter. Er kanalisierte die Leere in seinem Inneren, das Gefühl, auf Eis zu liegen, direkt in seine Aura. Ein dunkles Glühen begann ihn einzuhüllen, dunkler und intensiver als sonst. Es war nicht die warme, beschützende Aura, die Nami oft ausstrahlte, sondern eine schneidende, kühle Energie, die an Kais beste Zeiten erinnerte.
„Drei... zwei... eins... Let it rip!“, rief das Team im Chor.
Gous Blade schlug mit einer Wucht im Stadion ein, die den Boden erzittern ließ. Die dunkelblaue Aura seines Bit-Beasts entfaltete sich, doch sie wirkte fast schon bedrohlich. Seiya, dessen Wind-Element normalerweise perfekt mit Gous Aura harmonierte, zuckte unwillkürlich zurück.
„Gou, deine Energie... sie ist zu scharf!“, rief Seiya gegen den Lärm der rotierenden Blades an. „Wir können uns nicht synchronisieren, wenn du uns wegstößt!“
Gou hörte ihn kaum. Er starrte auf sein kreiselndes Blade. In der Mitte des Stadions schien sich ein Wirbel aus kühler Entschlossenheit zu bilden. Er wollte nicht nur gewinnen; er wollte unantastbar sein. Wenn die Liebe ihn schwach machte oder seinen Fokus trübte, dann würde er sie eben einfrieren.
Violeta beobachtete ihn besorgt von der Seite. Ihr flammendes Pferd Palos bäumte sich auf, als spürte es die unnatürliche Kälte, die von ihrem Anführer ausging. „Gou, komm runter!“, rief sie, doch er reagierte nicht.
Er war in diesem Moment genau das, was sein Vater befürchtet hatte: ein Hiwatari im Tunnelblick, der bereit war, alles andere auszublenden, um die absolute Kontrolle zu behalten. Doch während sein Blade das von Ryan mit einem einzigen, brutalen Stoß aus dem Ring schleuderte, fragte sich ein kleiner Teil von ihm tief im Inneren, ob dieser Sieg den Preis der Einsamkeit wirklich wert war.
Gou unterbrach das Training sofort, nachdem Ryans Blade auf dem Boden aufschlug. Er drehte sich zur Seite und fing Corvus mit einer einzigen fließenden Bewegung auf.
Er drehte sich um und beschleunigte seinen Schritt, als er die Arena verließ. Er spürte die Blicke seines Teams im Rücken – Ryans unterdrückte Wut über das rücksichtslose Manöver und die besorgte Stille der anderen. Er wollte nur weg, die kühle Luft Londons spüren, die den Schweiß auf seiner Stirn trocknen und vielleicht auch seine aufgewühlten Gedanken ordnen würde.
„Gou! Warte mal!“, rief Violeta hinter ihm her.
Er blieb nicht stehen, sondern antwortete über die Schulter, seine Stimme rau und abweisend: „Ich brauche jetzt Zeit für mich, Violeta. Wir besprechen die Analyse später...“
Doch die Polin ließ sich nicht so leicht abspeisen. Mit schnellen Schritten holte sie ihn ein und trat ihm in den Weg, kurz bevor er die schwere Tür zum Garten von Davies Hall erreichte. „Willst du wirklich allein sein, oder läufst du nur vor dem Gesicht weg, das du gerade im Stadion gezeigt hast?“, fragte sie ruhig.
Gou hielt inne. Sein Kiefer mahlte, doch als er in ihre rosafarbenen Augen sah, die kein Urteil, sondern nur ein tiefes Verständnis zeigten, sank seine Verteidigungshaltung ein wenig. „Was willst du?“, murmelte er.
„Vielleicht hilft es dir, dich auszusprechen“, sagte sie sanft. „Ich weiß ziemlich genau, wie du dich gerade fühlst.“
Gou zögerte. Normalerweise behielt er seine Schwächen für sich, genau wie sein Vater. Aber die Last des Telefonats mit Hiromi und der kalte Ausbruch im Training wogen schwer. Er nickte kaum merklich.
Gemeinsam schritten sie hinaus in den weitläufigen hinteren Garten von Davies Hall. Die gepflegten Rasenflächen und die alten Bäume lagen friedlich im fahlen Vormittagslicht.
Sie liefen eine Weile schweigend, bis Violeta vorsichtig die Stille brach. „Kann es sein, Gou... dass du dich schrecklich schuldig fühlst?“
Gou blieb stehen und starrte auf einen kahlen Rosenstrauch. Die Direktheit ihrer Frage traf ihn unvorbereitet. Er schwieg lange, das einzige Geräusch war der ferne Londoner Verkehr. Schließlich nickte er. „Ja“, presste er hervor. „Ich fühle mich schuldig.“
Er wandte sich zu ihr um, seine Züge wirkten für einen Moment nicht mehr wie die eines unnahbaren Kapitäns, sondern wie die eines jungen Mannes, der nach Antworten suchte, die man nicht in Büchern oder Trainingsanleitungen fand. „Violeta... ist es normal? Ist es normal, jemanden nicht zu vermissen, den man eigentlich lieben sollte?“
Violeta blickte ihn erstaunt an. Gou war in allem, was er tat, so brillant, so schlau und wortgewandt – ein Stratege vor dem Herrn. Doch hier, auf dem Gebiet der Emotionen, wirkte er plötzlich vollkommen ahnungslos, fast schon schutzlos. Es machte ihn für sie in diesem Augenblick so menschlich und nahbar wie nie zuvor.
Sie trat einen Schritt näher und legte ihre Hand sanft auf seinen Unterarm. „Hör mir zu, Gou“, begann sie leise. „Zuallererst: Man -muss- niemanden lieben. Liebe ist keine Verpflichtung, die man unterschreibt. Sie kommt von ganz allein. Und wenn es die wahre Liebe ist...die Art, die deine Eltern haben...dann ist sie so überwältigend, dass du nicht den Hauch eines Zweifels hast. Du müsstest dich nicht fragen, ob du sie vermisst. Du würdest es einfach tun.“
Sie machte eine kurze Pause und sah ihn ernst an. „Dass du dich schuldig fühlst, zeigt nur, dass du ein guter Mensch bist. Du merkst, dass es vielleicht nur eine Schwärmerei war, die jetzt verblasst, und es tut dir weh, Hiromi wehzutun. Aber wahre Liebe ist in unserem Alter extrem selten, Gou. Wir sind fünfzehn.“
Sie lächelte wehmütig und blickte in die Ferne. „Ich hatte letztes Jahr einen Freund...kurz bevor ich dem Team beitrat. Wir waren fünf Monate zusammen, bevor er mich verlassen hat. Am Anfang dachte ich auch, das ist es. Aber nach einer Weile... da war es genau wie bei dir. Ich habe gemerkt, dass ich mehr in die Idee der Beziehung verliebt war als in ihn. Als er weg war, fühlte ich mich schuldig, weil ich fast schon erleichtert war. Es war nicht die Liebe meines Lebens, Gou. Es war eine Erfahrung.“
Gou hörte ihr aufmerksam zu. Die Anspannung in seinen Schultern löste sich ein wenig. „Erleichtert...“, wiederholte er leise. Das Wort traf den Nagel auf den Kopf, auch wenn er es sich bisher nicht eingestehen wollte.
„Lass dich nicht von den Maßstäben deiner Eltern erdrücken“, fügte Violeta hinzu. „Ihr Weg ist einzigartig. Deiner wird es auch sein, aber vielleicht ist Hiromi einfach nur ein Teil deines Weges, nicht das Ziel.“
Gou sah sie an, und zum ersten Mal an diesem Tag wirkte sein Blick wieder klarer. „Danke, Violeta. Ich dachte schon... mit mir stimmt etwas nicht.“
„Mit dir ist alles bestens“, erwiderte sie zwinkernd. „Du bist nur ein Hiwatari. Ihr macht euch die Dinge immer komplizierter, als sie sind.“
Gou atmete die kühle Luft tief ein. Violetas Worte hatten etwas in ihm gelöst, auch wenn das Grundproblem...das bevorstehende Ende mit Hiromi...immer noch wie ein schwerer Stein in seinem Magen lag. Er sah Violeta an, und zum ersten Mal seit Tagen wirkte sein Lächeln nicht mehr wie eine einstudierte Maske, sondern wie ein echtes Zeichen der Erleichterung.
„Vielleicht hast du recht“, murmurte er. „Mein Vater sagt immer, man darf sein Ziel nie aus den Augen verlieren. Ich dachte wohl, dass Gefühle dabei nur im Weg stehen...oder dass sie genauso perfekt funktionieren müssen wie eine Bit-Beast-Synchronisation.“
Violeta lachte leise und nahm ihre Hand von seinem Arm. „Das ist das Problem mit euch Genies. Ihr wollt alles berechnen. Aber das Herz ist kein Algorithmus, Gou.“
Die Last auf seinen Schultern war nicht verschwunden, aber sie fühlte sich jetzt weniger wie eine drückende Mauer und mehr wie eine lösbare Aufgabe an. Er nickte langsam, während er seinen Blick über die nebligen Ausläufer des Gartens schweifen ließ.
„Du hast recht, Violeta. Ich kann nichts erzwingen“, sagte er mit einer neuen Festigkeit in der Stimme. „Aber ich werde es wenn dann nicht am Telefon beenden. Das wäre feige. Wenn ich diesen Schlussstrich wirklich ziehe, dann schulde ich es ihr...und dem, was wir hatten..., es ihr von Angesicht zu Angesicht zu sagen. Sobald ich zurück in Japan bin.“
Violeta lächelte anerkennend. „Das ist sehr ehrenhaft von dir, Gou. Und bis dahin?“
„Bis dahin werde ich versuchen, professionell zu bleiben“, erwiderte er, während er die Hände in die Taschen seiner Hose schob. „Ich werde das Thema... parken. Ich muss mich auf das Team und das Turnier übermorgen konzentrieren. Mein Kopf muss frei sein für den Sieg.“
„Ein echter Hiwatari“, murmelte Violeta halb amüsiert, halb bewundernd. Sie spürte, dass sich zwischen ihnen etwas verändert hatte. Das Eis war nicht nur in Gous Innerem gebrochen, sondern auch zwischen ihnen als Teammitglieder. Es war eine tiefere Verbundenheit entstanden, ein gegenseitiges Verständnis, das weit über Taktikbesprechungen hinausging.
Sie wollten gerade den Rückweg zum Gebäude antreten, als eine kühle, schneidende Stimme die friedliche Stille des Gartens zerriss.
„Wie rührend“, tönte es von der steinernen Terrasse oberhalb des Gartenwegs.
Gou und Violeta fuhren herum. Dort lehnte Ryan Hunt am Geländer, die Arme vor der breiten Brust verschränkt. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust, und seine hellblauen Augen blitzten voller Spott und einer Spur von etwas, das verdächtig nach Eifersucht aussah.
„Unser Captain lässt das Training sausen, um im Garten Händchen zu halten und über seine Gefühle zu jammern“, fuhr Ryan fort, während er langsam die Stufen hinunterstieg. Sein Blick glitt herablassend über Violeta und blieb dann mit einer arroganten Herausforderung an Gou hängen. „Ich dachte, wir sind hier, um das wichtigste Turnier der Saison zu gewinnen, und nicht, um eine Folge von 'Herzensangelegenheiten' zu drehen.“
Gou spürte, wie die Kälte in ihm augenblicklich zurückkehrte, doch diesmal war sie kontrolliert. Er trat einen Schritt vor Violeta, sein Rücken war kerzengerade, seine Körpergröße wirkte in diesem Moment weitaus imposanter als Ryans scharfe Zunge.
„Mein Privatleben geht dich nichts an, Ryan“, sagte Gou mit einer Stimme, die so ruhig und gefährlich war wie ein heraufziehender Sturm. „Und was das Training betrifft: Ich bin derjenige, der die Synchronisation festlegt. Wenn ich sage, wir machen eine Pause, dann machen wir eine Pause.“
Ryan lachte kurz und humorlos auf. „Du wirst weich, Hiwatari. Erst die Nummer mit deinem Bit-Beast in der Arena, wo du uns fast die Ohren weggeblasen hättest, und jetzt das hier. Wenn du nicht aufpasst, verlierst du nicht nur den Fokus, sondern auch den Respekt des Teams.“ Er trat ganz nah an Gou heran, bis sie sich fast auf Augenhöhe gegenüberstanden. „Vielleicht bist du doch nicht der geborene Anführer, für den dich alle halten. Vielleicht bist du nur ein Junge, der im Schatten seines Vaters steht und Angst hat, allein zu sein.“
Violeta wollte gerade einschreiten, doch Gou hob leicht die Hand, um sie zurückzuhalten. Sein Blick bohrte sich in Ryans Augen. Es war kein wütender Blick, sondern einer von jener kühlen Überlegenheit, die seinen Vater weltberühmt gemacht hatte.
„Wenn du meinst, dass ich meinen Fokus verloren habe, Ryan... dann beweise es im Stadion“, sagte Gou leise. „Du und ich. Ein Einzelmatch. Wenn du gewinnst, kannst du die Taktik für das nächste Spiel bestimmen. Wenn ich gewinne, hältst du deine Klappe und tust, was ich sage. Ohne Kommentare.“
Ryan verzog den Mund zu einem hämischen Grinsen. „Abgemacht, Hiwatari. Ich freue mich darauf, dir dein Ego zu stutzen.“
Mit einem letzten, provozierenden Blick auf Violeta wandte er sich ab und schlenderte zurück ins Gebäude.
Violeta sah ihm nach, dann sah sie besorgt zu Gou. „Das hättest du nicht tun müssen. Er provoziert dich nur.“
Gou sah sie an, und die Intensität in seinen granatroten Augen war fast greifbar. „Er hat recht mit einer Sache: Ich muss beweisen, dass ich den Fokus habe. Nicht für ihn... sondern für mich selbst.“ Er legte ihr kurz die Hand auf die Schulter. „Danke für das Gespräch. Es hat mir mehr geholfen, als du ahnst.“
Während sie gemeinsam zurückgingen, wusste Gou, dass der Kampf gegen Ryan gleich nur ein Vorgeschmack auf das war, was ihm emotional und im Fortlauf der Weltmeisterschaft noch bevorstand. Aber für den Moment fühlte er sich bereit.
Der Ballsaal von Davies Hall war eine imposante Kulisse für einen Machtkampf. Kristallleuchter hingen von der stuckverzierten Decke, doch ihr Licht spiegelte sich nicht mehr auf poliertem Parkett, sondern auf den verstärkten Titan-Oberflächen der mobilen Beyblade-Stadien. Die schweren Samtvorhänge waren zugezogen, was den Raum in ein künstliches, fokussiertes Licht tauchte.
Violeta, Emilia und Seiya standen am Rand, die Arme verschränkt, die Mienen angespannt. Die Luft im Raum schien elektrisiert – eine Mischung aus der aufgestauten Arroganz Ryans und der eisigen Disziplin Gous.
Ryan trat an das Stadion, ein selbstgefälliges Grinsen auf den Lippen. Er ließ seinen Beyblade, Glacius, in der Hand rotieren. „Bereit für eine Lektion in Demut, Captain? Ich werde dir zeigen, dass man mit Emotionen im Gepäck keine Schlachten gewinnt.“
Gou antwortete nicht. Er nahm seine Position ein, die Füße fest verankert, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt. Seine Bewegungen waren ökonomisch und präzise. Er zog seinen Blade Corvus. In seinen granatroten Augen brannte ein Licht, das Ryan für einen Moment stutzen ließ – es war keine Wut, es war die absolute Leere des Fokus.
„Drei... zwei... eins... Let it rip!“
Die Blades schlugen fast zeitgleich ein. Glacius, der lichtblaue Schakal, hüllte das Stadion sofort in einen feinen Nebel aus Eiskristallen. Ryan setzte auf Angriff; sein Blade raste in harten, kantigen Zickzack-Linien auf die Mitte zu, um Corvus sofort aus der Bahn zu werfen.
„Friss das! Glacial Impact!“, schrie Ryan.
Doch Gou blieb ungerührt. Corvus bewegte sich kaum aus dem Zentrum. Mit einer minimalen Neigung des Launchers hatte Gou seinem Blade eine Rotation gegeben, die Ryans Angriffe einfach abtropfen ließ. Das Klirren von Metall auf Metall gellte durch den Ballsaal.
„Du spielst defensiv? Wie langweilig“, spottete Ryan, doch sein Grinsen bröckelte, als er bemerkte, dass Corvus’ Aura begann, den Nebel von Glacius zu verdrängen. Ein dunkles, blaues Glühen breitete sich aus.
„Ich spiele nicht, Ryan“, sagte Gou leise. Seine Stimme schnitt durch den Lärm der Blades. „Ich analysiere.“
Gou schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen. Er fühlte die Verbindung zu seinem Bit-Beast. Er spürte die Kälte von vorhin, doch sie war nicht mehr unkontrolliert. Er nutzte das Gefühl der Distanz zu Hiromi, das ‚Auf-Eis-Liegen‘ seiner Emotionen, und transformierte es in eine strategische Barriere.
„Jetzt, Corvus! Dark Wing Gale!“
Plötzlich änderte Corvus seine Rotation. Das dunkle Bit-Beast erschien über dem Stadion. Mit einem gewaltigen Flügelschlag erzeugte er einen magnetischen-Sog, der Glacius aus seinem Rhythmus riss. Ryans Blade begann zu schlingern, die Eisaura wurde buchstäblich zerfetzt.
Ryan geriet in Panik. „Das ist unmöglich! Glacius, setz alles auf eine Karte! Absolute Zero!“
Der Schakal manifestierte sich und heulte auf, eine Welle aus purem Eis raste auf Corvus zu. Doch Gou blieb ruhig. Er hatte gelernt, dass wahre Stärke nicht aus dem Unterdrücken von Gefühlen resultiert, sondern aus deren Kanalisierung.
„Zu spät, Ryan. Du kämpfst gegen ein Phantom.“
Corvus beschleunigte ins Unermessliche. Anstatt dem Eisstoß auszuweichen, durchbrach er ihn im Zentrum, dort, wo die Energie am schwächsten war. Mit einem dumpfen Aufprall rammte Corvus Glacius genau am Schwachpunkt des Basisrings.
Das Geräusch war ohrenbetäubend. Ryans Blade wurde mit einer solchen Wucht emporgeschleudert, dass es gegen einen der zugezogenen Vorhänge prallte und leblos zu Boden fiel. Corvus hingegen kehrte in einer perfekten Kurve zu Gou zurück, der ihn lässig auffing.
Stille legte sich über den Ballsaal. Ryan starrte fassungslos auf seinen Blade. Sein Atem ging schwer, sein Gesicht war gerötet vor Scham.
Gou steckte Corvus in die Tasche und sah Ryan direkt an. „Der Sieg wird nicht durch die Abwesenheit von Gefühlen errungen, sondern durch die Beherrschung des Selbst. Du hast verloren, weil du mich unterschätzt hast – und weil du deine eigene Arroganz für Fokus hieltest.“
Er wandte sich an das restliche Team. „Morgen um acht beginnt das Taktiktraining. Wir folgen dem Plan, den ich ausgearbeitet habe. Ryan... du wirst die Datenanalyse der Vorrunde übernehmen. Ohne Kommentare.“
Ryan presste die Lippen zusammen, nickte aber widerwillig. Der Respekt war wiederhergestellt, doch die Atmosphäre im Team hatte sich merklich verschoben.
Gou blickte kurz zu Violeta, die ihm ein unauffälliges, anerkennendes Nicken schenkte. Er fühlte sich erschöpft, aber die Leere in seinem Inneren war einer kühlen Klarheit gewichen. Er wusste nun, was zu tun war – im Turnier und danach in Japan.
In der Nacht....
Es war Mitternacht in England.
Davies Hall lag im Schlummer, doch in Gous Zimmer brannte noch Licht. Er saß auf der Fensterbank des Erkers und starrte hinaus auf die fernen Lichter der Stadt, während er das Smartphone in seinen Händen drehte. Er wusste, dass in Japan jetzt Sonntagvormittag war, kurz nach sieben Uhr. Seine Mutter, Nami, war eine Frühaufsteherin – zumindest meistens.
Er startete den Videoanruf.
Es dauerte ein paar Sekunden, dann flackerte das Bild auf. Nami erschien auf dem Display, und Gou konnte ein kurzes Schmunzeln nicht unterdrücken. Ihre silbrig weißen Haare, die normalerweise in perfekten Wellen bis zu ihrem Gesäß reichten, waren völlig zerzaust und standen in alle Richtungen ab. Sie trug ein weites Schlafshirt und blinzelte verschlafen in die Kamera, während sie herzhaft gähnte.
„Gou?“, murmelte sie mit belegter Stimme und rieb sich die ozeanfarbenen Augen. „Ist bei dir alles okay? Es ist mitten in der Nacht bei dir...“
„Wohl eher bei dir, Mutter“, erwiderte Gou ruhig. Er musterte ihr verschlafenes Gesicht. „Wieder mal eine lange Nacht gewesen? Eigentlich bist du sonntags um die Zeit schon aktiver.“
Nami wurde augenblicklich ein wenig rot um die Nasenspitze und rückte ihre Haare zurecht, was die Sache allerdings nur noch schlimmer machte. „Ach, du weißt ja, wie dein Vater ist... wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat...“ Sie brach ab und lächelte verlegen.
„Schon gut“, unterbrach Gou sie schnell. Er wollte definitiv keine Einzelheiten über die nächtlichen Aktivitäten seiner Eltern im Ayame-Anwesen hören. Sein Gesicht nahm einen ernsteren Ausdruck an. „Mutter, ist es okay, wenn Vater gerade nicht zuhört? Ich möchte gerne mit dir alleine reden. Nur wir beide.“
Nami wurde sofort hellwach. Die mütterliche Intuition, die sie schon immer ausgezeichnet hatte, schlug Alarm. Sie setzte sich aufrechter hin und suchte nach ihren Kopfhörern auf dem Nachtisch. „Kai schläft noch tief und fest“, flüsterte sie, während sie sich die Stöpsel in die Ohren steckte. „Er würde wahrscheinlich nicht einmal aufwachen, wenn eine Blading-Arena neben ihm explodiert. Was ist los, mein Großer? Deine Stimme klingt... schwer.“
Gou atmete tief durch. Es tat gut, ihr Gesicht zu sehen, auch wenn sie tausende Kilometer entfernt war. „Ich habe heute mit Hiromi telefoniert“, begann er und berichtete ihr von der emotionalen Distanz, dem Gespräch mit Violeta im Garten und seinem Kampf gegen Ryan. Er erzählte ihr von Corvus, seinem Raben, und wie er dessen dunkelblaue Aura genutzt hatte, um seine Zweifel einzufrieren.
„Ich fühle mich schuldig, Mutter“, gestand er schließlich. „Weil ich sie nicht vermisse. Weil ich das Gefühl habe, dass ich sie nur noch aus Pflichtgefühl anrufe. Ich will so sein wie ihr... ich will diese Gewissheit haben. Aber im Moment ist da nur der Fokus auf den Sieg. Bin ich... bin ich seltsam, weil ich so fühle?“
Nami hörte schweigend zu, ihr Blick war voller Wärme und Mitgefühl. Sie wartete, bis er geendet hatte, und strich dann sanft über das Display, als könnte sie seine Wange berühren.
Nami beobachtete ihren Sohn durch den kleinen Bildschirm und spürte einen vertrauten Stich im Herzen. Er sah seinem Vater in solchen Momenten so unglaublich ähnlich – dieser ernste Blick, die hohen Ansprüche an sich selbst und die Last der Welt auf seinen jungen Schultern. Sie rückte die Kopfhörer zurecht und achtete darauf, dass ihre Stimme sanft blieb, um Kai neben sich nicht zu wecken.
„Gou, hör mir zu“, begann sie leise. „Du bist nicht ‚seltsam‘. Du bist fünfzehn. Und du darfst nicht vergessen: Dein Vater und ich, wir waren schon erwachsen, als wir uns wirklich füreinander entschieden haben. Ich war achtzehn, er war zwanzig. Wir hatten beide schon Dinge erlebt, die uns geformt hatten. Unsere Geschichte... nun, sie war sehr speziell und lässt sich nicht einfach als Schablone auf dein Leben legen.“
Sie machte eine kurze Pause und sah ihn fest an. „Du hast ein Bild von Liebe im Kopf, das so groß und perfekt ist, dass kaum ein normaler Alltag im Moment dagegen bestehen kann. Dass du Hiromi nicht vermisst, ist kein Zeichen von Herzlosigkeit, mein Großer. Es ist die schlichte, ehrliche Wahrheit deines Herzens. Und die Wahrheit ist oft unbequem.“
Nami seufzte leise. Sie mochte Hiromi, sie mochte die Unbeschwertheit, die das Mädchen in Gous Leben gebracht hatte, aber sie sah auch die Realität.
„Wenn du dich jetzt schon zwingen musst, an sie zu denken, dann ist es keine Liebe mehr, sondern eine Verpflichtung. Und nichts tötet eine Freundschaft schneller als eine Beziehung, die nur noch aus Pflichtgefühl besteht. So traurig ich das auch finde – denn ich weiß, wie sehr sie an dir hängt –, glaube ich, dass Violeta recht hat. Ein Schlussstrich ist manchmal der größte Liebesbeweis, den man geben kann: die Freiheit für beide, jemanden zu finden, bei dem man nicht nach dem Vermissen suchen muss.“
Sie sah, wie Gou schluckte, und fuhr fort: „Mein Rat für die nächsten Tage in London? Parke das schlechte Gewissen. Du hast dich entschieden, es ihr persönlich zu sagen, und das ist der Weg eines Mannes mit Ehre. Das ist der Hiwatari in dir. Aber bis du wieder hier bist, erlaube dir, dich ganz auf Corvus und dein Team zu konzentrieren. Du musst dich nicht schuldig fühlen, weil du den Sieg willst. Das ist deine Leidenschaft, und die darf im Moment den meisten Platz einnehmen.“
Nami lächelte nun wieder etwas aufmunternder, trotz ihrer zerzausten Erscheinung. „Sei nicht so hart zu dir selbst, Gou. Du lernst gerade, den Unterschied zwischen Zuneigung und dieser alles verzehrenden Gewissheit zu verstehen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er macht dich stärker. Konzentrier dich auf das Turnier. Wir sind hier und wir sind stolz auf dich – egal, wie du dich in Herzensdingen entscheidest.“
Gou nickte langsam. Die Worte seiner Mutter waren wie ein warmer Balsam auf dem Eis, das er um sein Herz gelegt hatte. Es war keine Absolution, aber ein Verstehen, das er nur bei ihr finden konnte.
„Danke, Mutter“, flüsterte er. „Das... das musste ich hören.“
„Gern geschehen“, flüsterte sie zurück. „Und jetzt versuch, wenigstens noch ein paar Stunden zu schlafen. Ein Captain mit Augenringen gewinnt keine Weltmeisterschaft. Und grüß mir Violeta – sie scheint ein kluges Mädchen zu sein.“
Nami starrte noch einen Moment auf das nun dunkle Display ihres Handys und stieß ein langes, schweres Seufzen aus. Sie spürte, wie ihr die Sorge um Gou wie ein unsichtbares Gewicht auf den Schultern lastete. Leise legte sie das Telefon auf den Nachttisch zurück und wollte sich gerade wieder unter die Decke gleiten lassen, als eine tiefe, raue Stimme die Stille zerriss.
„Du solltest ihm nicht zu viel Hoffnung machen, dass ein Schlussstrich die Sache einfacher macht. Das Ende ist immer der dreckigste Teil.“
Nami fuhr erschrocken zusammen und presste die Hand auf ihr Herz. Sie wirbelte herum und sah in Kais hellwache, rubinfarbene Augen. Er lag völlig ruhig da, den Kopf auf den verschränkten Armen gebettet, und musterte sie mit diesem trockenen, unlesbaren Blick, den er oft am frühen Morgen hatte.
„Kai!“, zischte sie, halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. „Ich dachte, du schläfst tief und fest! Du hast dich kein Stück bewegt.“
„Das ist ein taktischer Vorteil, Nami“, erwiderte er trocken, während er sich langsam aufsetzte. Das Laken rutschte tiefer und entblößte seinen athletischen Oberkörper. Er wirkte kein bisschen verschlafen. „Glaubst du wirklich, ich überhöre ein Mitternachtstelefonat meines Sohnes, nur weil er meint, ich solle nicht zuhören? Er ist mein Fleisch und Blut. Ich höre ihn, bevor er überhaupt den Mund aufmacht.“
Nami sah ihn einen Moment lang einfach nur an, dann entwich ihr die Anspannung. „Er wollte eben... mit seiner Mutter reden. Er fühlt sich schuldig, Kai. Er hat Angst, dass er gefühlskalt ist, weil er Hiromi nicht vermisst.“
Kai schnaubte leise, ein Geräusch, das bei ihm fast wie ein amüsiertes Lachen klang. Er griff nach Namis Hand und zog sie sanft zu sich zurück aufs Bett. „Gefühlskalt? Er ist ein Hiwatari. Er fokussiert sich. Was er gerade durchmacht, ist kein Mangel an Gefühl, sondern ein Überschuss an Realismus. Er merkt, dass die Realität nicht mit dem Märchen mithalten kann, das er sich – oder wir ihm – unbewusst vorgelebt haben.“
Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und spürte die wohlige Wärme seiner Haut. „Es beschäftigt mich trotzdem. Ich möchte nicht, dass er unter diesem Druck zerbricht, alles perfekt machen zu müssen. Er vergleicht sich mit uns, Kai. Er sieht uns und denkt, alles andere sei wertlos.“
Kai legte seinen Arm um sie und zog sie fest an sich. Sein Blick wurde einen Moment lang weicher, während er auf die gegenüberliegende Wand starrte, als sähe er dort Gous Kampf in London vor sich. „Er wird nicht zerbrechen. Er hat Corvus. Er hat die Disziplin. Und er hat die Ehrlichkeit, es Hiromi persönlich zu sagen.“
Er drehte ihren Kopf sanft zu sich, bis sie ihm direkt in die Augen sah. „Du hast ihm den richtigen Rat gegeben, Nami. Er muss das Thema parken. Wenn er jetzt im Stadion über verblasste Gefühle nachgrübelt, wird er besiegt. Und wir beide wissen, dass eine Niederlage für Gou im Moment schlimmer wäre als jedes Beziehungsende.“
Nami nickte langsam. „Ich weiß. Ich bin nur froh, dass ich mit dir darüber reden kann. Ich hätte es ohnehin nicht verheimlichen können... du merkst es ja doch sofort, wenn mich etwas bedrückt.“
„Fünfzehn Jahre, Nami“, erinnerte er sie mit einem winzigen, aristokratischen Lächeln, das seine kühlen Züge augenblicklich wandelte. „Ich kenne jede Nuance deines Atems. Jetzt leg dich wieder hin. Die Sonne geht gerade erst auf, und wenn Sayuri erst einmal merkt, dass wir wach sind, ist es vorbei mit der Ruhe.“
Er zog die Decke über sie beide, doch Nami wusste, dass auch Kai jetzt nicht mehr schlafen würde. Er war bereits im Geiste bei seinem Sohn in London, analysierte die Situation und schickte Gou in Gedanken die nötige Härte für das kommende Turnier.
Zwischen Training und taktischen Entscheidungen
Das Telefonat mit Nami war kurz nach halb ein Uhr morgens Londoner Zeit zu Ende gegangen. Doch während seine Mutter in Japan nun in den Sonntag startete, lag Gou hellwach in dem riesigen Himmelbett seines Zimmers in Davies Hall. Die Stille des alten Anwesens war fast ohrenbetäubend. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er entweder Hiromis enttäuschtes Gesicht auf dem Bildschirm oder die komplexen Wellenmuster der BBA-Future Stadium-Arena.
Um kurz nach vier gab er den Versuch auf. Er stand auf, duschte eiskalt, um die bleierne Müdigkeit zu vertreiben, und zog sich an. Als die ersten fahlen Sonnenstrahlen den englischen Nebel vor seinem Fenster durchbrachen, saß er bereits wieder an seinem Terminal. Sein Gesicht war blass, die granatroten Augen wirkten fast fiebrig vor Konzentration.
Das Gesicht des Chef-Technikers erschien auf dem Bildschirm, hinter ihm sah man die flimmernden Monitore der IT-Sicherheit. Kenny wirkte erschöpft; die dunklen Ringe unter seinen Augen verrieten, dass er seit Tagen kaum geschlafen hatte.
„Gou, ich habe Ergebnisse“, begann Kenny ohne Umschweife. Seine Stimme zitterte leicht vor Aufregung. „Wir haben fast eine Woche lang jeden Datenknotenpunkt der Thorne-Server umgegraben. Wir haben ihn“, sagte Kenny ohne Umschweife. „Die IT-Sicherheit der Tachiwari-Corporation hat die Protokolle der letzten Wochen final entschlüsselt. Wir wissen jetzt sicher, wer über den Server der Thornes die Arena-Informationen für Japan manipuliert hat.“
Gou lehnte sich vor, seine granatroten Augen verengten sich. „Wer?“
„Es war ein Insider aus dem engsten Kreis der Thornes: Oliver Thorne, Alistairs Cousin“, erklärte Kenny ernst. „Er hat seine Zugriffsrechte genutzt, um die Parameter des BBA-Future Stadiums in den Datensätzen zu verzerren, die nach Tokio geschickt wurden. Es gibt klare digitale Beweise, dass er die Manipulationen vorgenommen hat, die unserem Team vor einer Woche fast das Turnier gekostet hätte. Die Behörden in London wurden vor einer Stunde informiert, um ihn aufzuspüren und festzunehmen.“
Gou starrte auf das Profilbild von Oliver Thorne, das Kenny nun einblendete. Ein jüngerer Mann mit den typischen aristokratischen Zügen der Familie, aber einem verbissenen Ausdruck.
„Oliver...“, murmelte Gou. Das Motiv war noch völlig unklar. War es blinde Loyalität gegenüber Alistair, ein Versuch, den Familiensieg um jeden Preis zu erzwingen, oder steckte etwas ganz anderes dahinter? Gou war es im Grunde gleichgültig. Für ihn war es lediglich eine weitere Variable, die nun gelöst war.
In diesem Moment klopfte es leise an der Tür. Lord Eric Davies trat ein, bereits tadellos gekleidet in einem maßgeschneiderten grauen Anzug. Er sah Gous bleiches Gesicht und dann das Tablet.
„Onkel Eric“, sagte Gou und drehte den Bildschirm zu ihm. „Wir haben den Namen. Es war Oliver Thorne.“
Erics Miene versteinerte sich augenblicklich. Ein gefährliches Glühen trat in seine magentafarbenen Augen. „Oliver?“, wiederholte er mit einer Stimme, die so kalt war wie das antike Gestein von Davies Hall. „Dass er so tief sinken würde, um die Ehre unserer Familie und des Sports zu beschmutzen...“ Er legte eine Hand auf Gous Schulter. „Ich werde Stanley Dickenson persönlich anrufen. Wenn Oliver Thorne glaubt, er könne sich hinter seinem Namen verstecken, hat er sich geirrt. In London gibt es kein Versteck, das vor dem Einfluss der Davies und der BBA sicher ist.“
Gou nickte knapp. „Kenny sagt, die Polizei sucht ihn bereits. Aber was mich beschäftigt, ist, ob Alistair davon wusste.“
„Das werden wir herausfinden“, antwortete Eric grimmig. „Aber jetzt, Gou, ist es Zeit für dich, von diesem Rechner wegzutreten. Du hast die Wahrheit ans Licht gebracht. Die nächste Runde steht bevor, und dein Fokus muss wieder dem Stadion gehören. Überlass Oliver Thorne den Behörden – und mir.“
Gou atmete tief durch. Die Bestätigung des Namens änderte nichts an seiner Vorbereitung, aber sie schloss eine Akte in seinem Kopf. Er stand auf, spürte die Erschöpfung in seinen Knochen, aber auch eine grimmige Genugtuung.
Gou nickte Lord Eric noch einmal kurz zu, als dieser den Raum verließ. Das Klackern seiner Lederschuhe auf dem Parkett verhallte schnell im Flur. Die Erschöpfung, die Gou zuvor wie eine bleierne Decke zugesetzt hatte, war nun einem kühlen, fast mechanischen Antrieb gewichen. Er schaltete das Terminal ab – die Beweiskette war gesichert, Kenny hatte alles an die richtigen Stellen weitergeleitet. Die weitere Jagd auf Oliver Thorne war nun nicht mehr seine Variable.
Er wusch sich kurz das Gesicht mit kaltem Wasser, um die letzten Spuren der schlaflosen Nacht zu verwischen, und machte sich auf den Weg zum Speisesaal.
Dort war das Team bereits versammelt. Ryan saß wie üblich etwas abseits, doch als Gou den Raum betrat, verstummte das Geklapper von Besteck. Alle Blicke richteten sich auf ihren Captain. Man sah ihm die Übernächtigung an, aber die Präsenz, die er ausstrahlte, war absolut.
Gou stellte sich an das Kopfende des Tisches. Er ließ den Blick kurz über jeden Einzelnen schweifen: Violeta, deren besorgter Ausdruck sofort in Aufmerksamkeit umschlug; Emilia, die ihre unbeschwerte Art ablegte; Seiya, der gespannt auf ein Wort wartete; und Ryan, dessen eisblaue Augen ihn herausfordernd taxierten.
„Wir haben nun Klarheit“, begann Gou, seine Stimme war ruhig, aber durchdringend wie ein Skalpell. Er ging nicht ins Detail über die behördlichen Ermittlungen – das war nicht ihre Aufgabe –, aber er nannte den Namen. „Die Manipulation an den Arena-Daten vor einer Woche. Sie war ein gezielter Sabotageakt durch Oliver Thorne, einen Cousin von Alistair. Die Behörden sind informiert und bereits auf der Suche nach ihm.“
Es gab ein kurzes Raunen. Violeta legte die Hand auf den Tisch, ihre rosafarbenen Augen weit vor Überraschung. „Oliver Thorne? Warum sollte er so etwas riskieren? Das ist ein Karriereselbstmord in der BBA.“
„Motive sind zweitrangig“, antwortete Gou, ohne mit der Wimper zu zucken. „Wichtig ist, dass die Variable entfernt wurde.“
Ryan, der bis eben noch unbeteiligt gewirkt hatte, stieß ein humorloses Lachen aus. „Also war Alistairs Cousin derjenige, der versucht hat, uns rauszukegeln?“
Gou beobachtete Ryan genau. Er sah, wie sich in Ryans Blick der arrogante Stolz in etwas Konstruktiveres verwandelte – einen brennenden Ehrgeiz.
„Genau das ist der Fokus“, sagte Gou. „Wir lassen uns nicht von ihrem schmutzigen Spiel ablenken. Wir sind bereit. Wir haben die Daten, wir haben die Kontrolle, und wir haben das überlegene System. Den Rest der Weltmeisterschaft geht es nicht um Thorne, es geht um unsere Performance.“
Er sah in die Runde und spürte, wie sich die Anspannung des Teams löste und einer grimmigen Entschlossenheit wich. Der Schatten des Verdachts, der in den letzten Tagen wie ein Nebel über ihnen gehangen hatte, war verflogen. Was blieb, war die nackte Notwendigkeit des Sieges.
„Ich erwarte, dass ihr eure volle Kapazität abruft sobald die nächste Runde beginnt“, schloss Gou. „Wir treffen uns in einer Stunde im Kontrollzentrum zur letzten Feinabstimmung der Bit-Beast-Resonanz. Keine Fehler. Keine Ausreden.“
Er wandte sich ab, bevor jemand nachhaken konnte, und ging hinaus auf die Terrasse. Er spürte, wie Corvus in ihm leise und dunkel pulsierte – ein zufriedenes, fast raubvogelartiges Gefühl. Die Wahrheit war ans Licht gekommen. Jetzt blieb nur noch die Arena.
Die Atmosphäre im großen Salon des Ayame-Anwesens war geprägt von der gewohnten, geschäftigen Stille, die Kai Hiwatari stets umgab. Das Tageslicht fiel schräg durch die hohen Fenster und beleuchtete die staubigen Lichtkegel, die auf den schweren Mahagonitisch fielen. Kai saß am Kopfende, die Stirn leicht in Falten gelegt, während er mit einer Hand über einen Stapel Wirtschaftsberichte fuhr. Ihm gegenüber saßen Vladimir Ivanov und Tala Valkov, ebenfalls konzentriert und in ihre Unterlagen vertieft. Der Duft von frisch gebrühtem, starkem Kaffee lag schwer in der Luft.
Die Tür öffnete sich, und Nami trat ein. Sie strahlte eine Dynamik aus, die den Raum sofort veränderte. Ihr weißes T-Shirt lag eng an, und die dunkle, figurbetonte Trainingshose unterstrich ihre athletische, geschmeidige Silhouette. Ihre silbrig weißen Haare waren zu einem hohen, wallenden Zopf gebunden, der bei jedem ihrer Schritte leicht mitschwang.
Als sie den Tisch passierte, spürte sie Kais Blick auf sich. Er war nicht einfach nur prüfend – er war geradezu misstrauisch, seine Augen verengten sich minimal, als er sie von oben bis unten taxierte.
Nami hielt inne und stemmte die Hände in die Hüften. „Kai?“, fragte sie und legte den Kopf schief. „Was soll dieser Blick? Warum beäugst du mich so misstrauisch?“
Kai legte den Bericht, den er gerade in der Hand hielt, langsam auf den Tisch. Er verschränkte die Arme vor der Brust, seine Haltung war unnachgiebig. „Nami. Willst du wirklich so aus dem Haus gehen?“
Nami blinzelte verständnislos. Sie betrachtete sich kurz an sich herab. Das weiße T-Shirt war schlicht, hochgeschlossen, keinerlei Ausschnitt, und die Hose war funktionale Sportkleidung. Sie sah absolut keinen Grund für eine Beanstandung.
„Wie meinst du das?“, entgegnete sie, nun mit einem Anflug von Amüsement in der Stimme. „Ich habe nichts an, das irgendwie unangemessen wäre. Es ist ein T-Shirt, Kai. Kein Dekolleté, nichts. Ich wollte nur etwas Sportliches anziehen.“
Vladimir und Tala, die bis zu diesem Moment völlig in ihre Zahlenreihen vertieft gewesen waren, ließen schlagartig ihre Stifte sinken. Die Spannung war plötzlich so greifbar wie ein herannahendes Gewitter. Beide Männer wechselten einen kurzen, vielsagenden Blick, bevor sie ihre Augen fast panisch wieder auf ihre Dokumente richteten. Sie wussten genau, wann man sich aus einem Hiwatari-Konflikt tunlichst herauszuhalten hatte – und dieser Moment gehörte definitiv dazu.
Nami trat einen Schritt auf Kai zu, ihr Blick immer noch verwirrt. „Ich treffe mich gleich mit Lumina. Wir fahren mit Sayuri in diesen neuen Indoor-Spielepark. Ich brauche etwas Bequemes, damit ich die Rutschen runterkomme und durch diese ganzen Hindernisse klettern kann, ohne dass etwas zwickt oder reißt. Ist das dein Ernst?“
Kai antwortete nicht sofort. Sein Blick blieb kühl und analytisch auf ihr haften, als würde er jedes Detail ihres Outfits auf seine ‚Hiwatari-Tauglichkeit‘ prüfen. Es war nicht so sehr das T-Shirt an sich, sondern die Art, wie das gesamte Outfit ihre Figur betonte – eine Tatsache, die Kai, bei aller Sachlichkeit, in diesem Moment offensichtlich als unnötige Einladung an die Außenwelt empfand.
„Du weißt genau, worauf ich hinauswill“, sagte er lediglich, seine Stimme eine Nuance tiefer als zuvor.
Nami schüttelte nur den Kopf, ein leises, belustigtes Schnauben entwich ihr. „Du bist unmöglich, Kai. Wirklich. Wir reden von einem Spielepark, nicht von einem Laufsteg.“
Nami hielt ihre Position, die Hände immer noch in die Hüften gestemmt, während sie ihn herausfordernd ansah. Die Stille im Salon war fast drückend. Vladimir starrte mit einer geradezu übermenschlichen Konzentration auf eine Bilanzsumme, deren Inhalt er vermutlich längst vergessen hatte, und Tala – der sonst keinem Konflikt aus dem Weg ging – schien plötzlich fasziniert von der Maserung der Tischplatte.
Kai entspannte seine Körperhaltung nicht, doch ein kleiner, fast unmerklicher Funken trat in seine rubinroten Augen. Die Strenge, die seine Gesichtszüge zuvor wie eine Maske gezeichnet hatte, begann zu bröckeln. Er hatte sie in den letzten Wochen meist in formeller Kleidung oder eleganter Abendgarderobe gesehen; dieses sportliche, schlichte Outfit, das ihre athletische Form so ungeschönt und direkt betonte, traf ihn unerwartet. Es weckte eine Erinnerung an eine Zeit, in der ihre gemeinsamen Tage weniger von Geschäftsterminen und mehr von ungestörter Zweisamkeit geprägt waren.
Plötzlich griff Kai zu. Sein Griff an ihrem Handgelenk war fest, aber nicht schmerzhaft. Mit einer fließenden Bewegung, die seine Stärke verriet, zog er Nami zu sich. Ehe sie reagieren konnte, saß sie auf seinem Schoß, ihre Beine seitlich auf den massiven Stuhl gestützt.
Die Anwesenheit der anderen beiden Männer im Raum schien für Kai in diesem Moment völlig zweitrangig zu sein – oder er nutzte sie bewusst aus, um seine Dominanz zu unterstreichen. Er lehnte sich vor, sodass seine Lippen fast ihr Ohr berührten. Sein Atem war heiß, ein scharfer Kontrast zur kühlen Professionalität, die er bis eben noch ausgestrahlt hatte.
„Du hast keine Ahnung, wie du in diesem Outfit aussiehst“, flüsterte er, so leise, dass die anderen am Tisch es nicht verstehen konnten, aber jeder von ihnen spürte, dass der Raum plötzlich elektrisiert war. „Es ist... unglaublich heiß. Wenn diese beiden hier nicht wären, würde ich dich jetzt nicht in einen Spielepark lassen, sondern dich genau hier auf diesen Tisch drängen, damit du merkst, was dein bloßer Anblick gerade mit mir anstellt.“
Nami spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss. Ein kurzes, ungläubiges Auflachen entwich ihr, das sie mühsam unterdrückte. Sie hätte nicht gedacht, dass ihn ihre bloße Wahl einer Trainingshose derart aus der Reserve locken könnte. Sie legte eine Hand auf seine Brust, genau über sein Herz, das unter der dünnen Baumwolle seines Hemdes unregelmäßig und schnell schlug.
„Du bist ein hoffnungsloser Fall, Hiwatari“, hauchte sie zurück, während sie ihm einen warnenden, aber zugleich amüsierten Blick zuwarf. Sie beugte sich noch ein Stück weiter zu ihm, bis ihre Stirn die seine fast berührte. „Aber wenn du meinst, dass ich das Outfit so schnell wieder ausziehe, täuschst du dich gewaltig. Der Spielepark wartet – und Sayuri sicher auch.“
Sie sah, wie Kai die Kiefer zusammenbiss, ein Zeichen dafür, dass er seinen Impuls mühsam zügelte. Tala ließ den Stift, den er gerade wieder hochgehoben hatte, mit einem leisen Klackern zurück auf das Papier fallen.
Nami drückte sich mit einem sanften, aber bestimmten Schub von Kais Schoß hoch. Sie strich ihr Shirt glatt, das bei der Aktion etwas verrutscht war, und warf den Männern am Tisch einen fast unschuldigen Blick zu.
„Wie ich schon sagte“, fügte sie in normaler, fester Stimme hinzu, als wäre absolut nichts passiert, „ich brauche etwas Sportliches. Wir sehen uns zum Abendessen.“
Mit einem letzten, vielsagenden Blick auf Kai, der sie mit einem Ausdruck zwischen unterdrückter Leidenschaft und trockenem Respekt beobachtete, drehte sie sich um und verließ den Salon mit ihrem typischen, energischen Gang.
Nami war kaum aus dem Salon verschwunden, als die Atmosphäre im Raum von elektrischer Spannung in eine fast schon absurde Heiterkeit umschlug. Von oben hallte ein fröhliches Poltern durch das Haus, gefolgt von Sayuris hellen, begeisterten Jubelschreien, die ankündigten, dass die kleine Gruppe zum Aufbruch bereit war.
Tala, der sich bisher diskret zurückgehalten hatte, lehnte sich nun zurück und stieß ein kurzes, lautes Lachen aus, das in dem vornehmen Raum fast deplatziert wirkte. Er warf Kai einen Blick zu, der irgendwo zwischen Herausforderung und Kameradschaft lag.
„Du brauchst nicht so finster dreinzuschauen, Kai“, spottete Tala und schüttelte den Kopf. „Ich weiß ganz genau, was du meinst. Lumina hat sich für heute auch in ihr Sportoutfit geworfen. Okay, sie trägt eine etwas weitere Jogginghose, aber der Effekt ist derselbe.“
Tala legte die Hände hinter den Kopf und fuhr mit einer Offenheit fort, die Vladimir ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte. „Man muss es zugeben: Unsere Frauen haben eine unnatürlich perfekte Figur. Lange Beine, diese Taille, dieser flache Bauch... und diese Kurven, die einen Mann schneller um den Verstand bringen, als man ‚Beyblade‘ sagen kann. Man möchte gar nicht mehr aufhören, sie einfach nur festzuhalten und... nun ja, es ist schwer, die Hände bei sich zu behalten.“
In dem Moment, als Tala den letzten Satz beendete, geschah es: Ein trockenes Knack-Geräusch hallte durch den Salon. Kai, der noch immer an seinem Wirtschaftsbericht saß, hatte den hochwertigen Kugelschreiber, den er in der Hand hielt, mit einer solchen Wucht zusammengedrückt, dass das Gehäuse in zwei Hälften zerbrach. Blaue Tinte begann langsam auf die Papiere zu sickern, doch Kai bemerkte es nicht einmal. Sein Blick war auf einen Punkt an der Wand fixiert, seine Kiefermuskeln traten deutlich hervor.
„Es ist Sonntag“, sagte Kai mit eisiger Ruhe, als würde er jeden Buchstaben einzeln abwägen. „In diesem Indoor-Park sind an normalen Tagen bis zu 90 Prozent Frauen. Das ist eine Tatsache.“
Vladimir, der bisher geschwiegen hatte, konnte sich ein kurzes, trockenes Husten nicht verkneifen, das schnell in ein unterdrücktes Lachen überging. Er räusperte sich, strich sein Shirt glatt und warf Kai einen fast mitleidigen Blick zu.
„Nun, Kai... normalerweise hast du recht“, sagte Vladimir und ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen. „Unter normalen Umständen wäre das so. Aber ich habe heute Morgen zufällig einen Newsletter des Betreibers gesehen.“
Kai hob langsam den Kopf und sah Vladimir direkt an, als würde er eine Bedrohung analysieren.
„Heute ist dort der monatliche ‚Daddy-Day‘“, erklärte Vladimir trocken, während er das Wort fast genüsslich dehnte. „Freier Eintritt für alle Väter und dazu noch ein kostenloser Kaffee. Ich fürchte, mein kleiner Bruder, heute ist der Park nicht nur mit Frauen gefüllt, sondern mit einer ganzen Armee von Vätern, die ebenfalls nichts Besseres zu tun haben, als ihren Kindern beim Spielen zuzusehen.“
Kai starrte auf die Tinte, die sich nun großflächig auf seinem Bericht verteilte. Tala musste nun ebenfalls schlucken. Denn ihm war dies natürlich ebenfalls nicht bewusst gewesen. Kai warf den kaputten Stift mit einer fast schon arroganten Gleichgültigkeit in den Papierkorb und stand ruckartig auf.
„Tala“, sagte Kai, während er sich sein Jackett vom Stuhl nahm. „Du fährst mit. Wenn wir schon über Väter im Spielepark reden, können wir auch sicherstellen, dass dort niemand auf dumme Gedanken kommt, während unsere Frauen dort sind. Ich zieh mir nur kurz etwas...lockeres an.“
Kinderparadies die Zweite
Die Fahrt zum Spielepark verlief weitgehend schweigend, was bei dieser speziellen Besetzung im dunkelgrünen Bentley jedoch keine angespannte Stille war, sondern eher eine Form von taktischer Übereinkunft. Kai lenkte den Wagen mit jener traumwandlerischen Sicherheit, die er auch in der Arena an den Tag legte. Seine Finger trommelten nur ein einziges Mal ganz leicht gegen das Leder des Lenkrads, als sie an einer roten Ampel hielten.
Tala, der neben ihm saß, hatte die Ärmel seines weißen Hemdes noch ein Stück weiter nach oben gekrempelt. Er beobachtete die vorbeiziehende Kulisse Tokios, doch seine Gedanken waren bereits am Zielort.
„Du glaubst also wirklich, Nami wusste nichts vom 'Daddy-Day'?“, brach Tala schließlich das Schweigen, seine Stimme rauchig und mit einem Unterton von Amüsement.
Kai warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Wenn sie es gewusst hätte, würde sie jetzt eine weite Jacke über diesem Shirt tragen. Oder sie wäre gar nicht erst losgefahren“, erwiderte Kai trocken. „Nami hasst es, wie ein Ausstellungsstück gemustert zu werden...genau wie ich. Sie fühlt sich unwohl, wenn Männer ihre Blicke nicht kontrollieren können. Deshalb zieht sie es vor, wenn ich dabei bin, egal ob im Blue Velvet oder in einem verdammten Kinderpark. Meine Anwesenheit ist... eine Grenze, die niemand zu überschreiten wagt.“
Tala nickte langsam. Er verstand das nur zu gut. Lumina war zwar extrovertierter und genoss die Aufmerksamkeit auf eine spielerische Art mehr als Nami, doch auch bei ihr gab es einen Punkt, an dem das Interesse Fremder in Belästigung umschlug.
Als sie den Parkplatz der „Kids-Adventure-World“ erreichten, bot sich ihnen genau das Bild, das Vladimir prophezeit hatte: Der Parkplatz war überfüllt mit SUVs und Familienwagen. Scharen von Vätern, bewaffnet mit Wickeltaschen oder Kaffeebechern, strömten in Richtung des riesigen, bunt leuchtenden Gebäudes.
Kai parkte den Bentley in einer fließenden Bewegung. Er stieg aus, rückte sein schwarzes T-Shirt zurecht, das seine trainierten Schultern betonte, und wartete auf Tala.
„Bereit für die Höhle der Löwen?“, frotzelte Tala, während er die Wagentür zuschlug.
„Es sind nur Väter, Tala. Keine Profi-Blader“, gab Kai zurück, doch seine Augen scannten bereits den Eingangsbereich.
Einige Augenblicke zuvor...
Die „Kids-Adventure-World“ summte wie ein aufgescheuchter Bienenstock. Das gedämpfte Kreischen hunderter Kinder vermischte sich mit dem ununterbrochenen Bass von Trampolinsprüngen und dem Klackern von Air-Hockey-Tischen.
Nami stand wie erstarrt am Rand der Kaffeetische. Ihr skeptischer Blick glitt über die Menge. Kai hatte von Müttern gesprochen, von einer entspannten Atmosphäre unter Frauen – doch was sie sah, war ein Meer aus Testosteron in Funktionskleidung. Überall waren Väter. Väter, die auf bunten Plastikstühlen hockten, Väter, die ihre Kinder im Bällebad suchten, und Väter, die beim Anblick von Nami und Lumina abrupt ihr Gespräch unterbrachen.
Lumina hingegen schien die Situation mit ihrem typischen, strahlenden Grinsen zu quittieren. Sie bemerkte die Blicke, das schnelle Tuscheln einer Gruppe von Männern am Empfang, doch sie schüttelte es mit einer Leichtigkeit ab, die Nami in diesem Moment fehlte.
„Komm schon, Nami! Schau dir Sayuri an, sie ist schon halb im Klettergerüst verschwunden!“, rief Lumina und zog ihre Cousine sanft am Arm mit sich, nachdem sie den Eintritt bezahlt hatten.
Nami blieb jedoch noch einige Minuten stehen, um die Lage zu sondieren. Sie fühlte sich in ihrem engen weißen Shirt und der Trainingshose plötzlich schutzlos. Sie verfluchte Kais Vorahnung im Salon – er hatte recht gehabt, auch wenn er die Geschlechterverteilung falsch eingeschätzt hatte. Gerade als sie sich in Bewegung setzen wollte, löste sich ein junger Mann aus einer Gruppe.
Er war groß, gut gebaut und trug ein modisches Sportshirt. Sein Gesicht war glatt, fast makellos, und er wirkte etwas nervös, als er vor Nami zum Stehen kam. Seine Wangen waren leicht gerötet, und er nestelte an seinem Schlüsselbund.
„Ähm... hi“, stammelte er und schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. „Ich... ich konnte nicht umhin, dich zu bemerken. Du hast eine unglaubliche Ausstrahlung. Wirklich. Ich bin eigentlich mit meiner kleinen Schwester hier, aber... naja, man sieht hier selten jemanden, der so... sportlich und... wow aussieht.“
Nami blinzelte überrascht. Der junge Mann klang fast ehrfürchtig. Es war kein plumper Anmachspruch, sondern eher die ehrliche Begeisterung eines Jungen, der gerade seinen ersten Promi-Schwarm sah. Sie musste unwillkürlich kichern. Trotz ihrer Skepsis war seine Aufregung irgendwie niedlich. Sie fragte sich, ob er sie als Nami Hiwatari erkannt hatte oder ob das „Inkognito-Outfit“ – der hohe Zopf und die schlichte Kleidung – tatsächlich funktionierte.
„Danke für das Kompliment“, erwiderte sie freundlich und legte den Kopf schief. „Bist du öfter hier?“
Der junge Mann nickte hastig. „Ja, meine Schwester liebt diesen Ort. Und du? Bist du auch... mit deinen Geschwistern hier?“ Er warf ihr einen unsicheren Seitenblick zu, als würde er hoffen, dass sie „Ja“ sagte.
Nami brach in ein herzliches Lachen aus. „Mit meinen Geschwistern? Wie kommst du denn darauf?“
Der junge Mann wirkte nun vollkommen überfordert. „Naja, ich meine... du siehst so jung aus. Ich dachte... vielleicht passt du auf deinen kleinen Bruder oder so auf?“ Er lief nun feuerrot an.
Nami musterte ihn genauer. Jetzt sah sie es auch – seine Gesichtszüge waren zwar markant, aber noch sehr jugendlich. Er war ein Junge, der versuchte, wie ein Mann zu wirken.
„Darf ich fragen, wie alt du bist?“, fragte sie vorsichtig.
„Ich bin 20“, sagte er stolz. „Und ich dachte, du wärst vielleicht... 19? 20?“
Nami schüttelte amüsiert den Kopf und hob ihre linke Hand, sodass der Diamant an ihrem Ehering im grellen Licht der Hallenbeleuchtung aufblitzte. „Das ist wirklich sehr schmeichelhaft, aber ich muss dich enttäuschen. Ich bin 34 Jahre alt, glücklich verheiratet und das kleine Mädchen, das da drüben gerade ihre Tante in das Schaumstoffbecken zieht, ist meine Tochter.“
Der 20-Jährige starrte den Ring an, als wäre er ein außerirdisches Objekt. Seine Augen weiteten sich. „34? Ernsthaft? Wow... so früh verheiratet? Ich meine... du siehst aus wie... wow.“
„Ich fühle mich sehr geehrt“, sagte Nami mit einem warmen Lächeln und klopfte ihm leicht auf die Schulter. „Viel Spaß noch mit deiner Schwester.“
Als sie sich umdrehte, um zu Lumina und Sayuri aufzuschließen, fühlte sie sich seltsamerweise ein wenig entspannter.
Einige Sekunden zuvor...schoben sich zwei Gestalten durch die automatische Glastür, die die gesamte Atmosphäre im Raum schlagartig veränderten.
Kai und Tala traten ein.
Kai trug ein schwarzes, schlichtes T-Shirt, das seine Muskeln noch mehr betonte als sein übliches Hemd, und eine dunkle Sporthose. Sein Blick war kalt, messerscharf und wanderte wie ein Radar durch die Halle. Tala stand neben ihm, die Arme verschränkt, das Kinn herrisch gehoben. Die beiden strahlten eine derartige Dominanz aus, dass das Getuschel der Männergruppen schlagartig verstummte.
Die Szene in der „Kids-Adventure-World“ veränderte sich augenblicklich. Wo gerade noch das lockere Flirten des 20-Jährigen die Luft mit jugendlicher Nervosität gefüllt hatte, lag nun eine fast greifbare elektrische Spannung in der Luft, als Kai und Tala das Areal betraten. Kai zahlte mit einer präzisen, fast militärischen Bewegung den Eintritt, während die Kassiererin – offensichtlich etwas überrumpelt von der kühlen, aristokratischen Ausstrahlung des Mannes vor ihr – ihm hastig einen Kaffeegutschein überreichte. Kai nahm ihn mit einem kurzen Nicken entgegen, als wäre es eine notwendige Formalität, und bewegte sich bereits wieder in Richtung der Aussichtsebene.
Tala folgte ihm wie ein Schatten, das Gesicht in einen amüsierten, aber dennoch gefährlichen Ausdruck gegossen. Gemeinsam steuerten sie den erhöhten Cafébereich an. Von dort oben hatten sie den perfekten Überblick über das Labyrinth aus Klettergerüsten, Bällebädern und schreienden Kindern.
Kai stellte die zwei dampfenden Becher auf den kleinen Bistrotisch und ließ seinen Blick keine Sekunde von der Stelle weichen, an der Nami gerade Sayuri und Lumina in Richtung eines Hindernisparcours dirigierte. Sein Gesichtsausdruck war so starr wie Marmor.
„Und?“, fragte Tala leise und nahm einen Schluck von dem heißen Getränk, während er die Umgebung musterte. „Der Junge von eben hat sich gerade mit hochrotem Kopf verzogen als wir reinkamen. Deine Aura scheint hier drinnen Wunder zu bewirken, Kai. Was hast du jetzt eigentlich vor? Willst du persönlich da runter und sicherstellen, dass niemand mehr atmet, der Nami zu lange ansieht?“
Kai antwortete nicht sofort. Sein Blick war auf Nami gerichtet, die gerade lachend versuchte, Sayuri aus einem Netz zu befreien. „Ich tue gar nichts“, sagte Kai kühl, seine Stimme so kontrolliert, dass sie fast mechanisch klang. „Ich beobachte. Wenn sie belästigt wird und sich nicht selbst zu helfen weiß, greife ich ein. Aber Nami kann auf sich selbst aufpassen. Das weißt du genau wie ich.“
Während sie dort standen, zwei Männer, die wirkten, als gehörten sie eher in eine exklusive Vorstandsetage oder eine Arena als in eine familienfreundliche Spielhalle –, blieb ihr Auftreten nicht unbemerkt.
An den Tischen unterhalb des Cafés saßen mehrere junge Mütter zusammen. Ein Gespräch, das sich gerade noch um Windelmarken und Schlafrhythmen gedreht hatte, war verstummt. Die Blicke der Frauen wanderten immer wieder nach oben zum Cafébereich. Es war ein faszinierter, fast schon ehrfürchtiger Ausdruck, der auf ihren Gesichtern lag. Sie musterten Kais markante Züge, seine aufrechte, fast schon arrogante Haltung und die Art, wie seine Muskeln unter dem schwarzen T-Shirt bei jeder minimalen Bewegung hervortraten.
Eine der Mütter stieß ihre Freundin mit dem Ellenbogen an und flüsterte ihr etwas zu, wobei sie kurz zu Nami und dann wieder zu Kai hinaufblickte. Die Bewunderung war offensichtlich – für die Aura der beiden Männer, die diesen trubeligen, chaotischen Ort in einen privaten Beobachtungsposten verwandelt hatten. Es war eine Mischung aus Neugier und dem instinktiven Respekt vor dem Unnahbaren, das Kai und Tala umgab wie eine unsichtbare Mauer.
Kai ignorierte die Aufmerksamkeit vollkommen. Sein gesamter Fokus war ein konzentrierter Strahl, der nur auf seine Familie gerichtet war. Für ihn gab es in dieser Halle nur zwei Personen, die zählten – alles andere war nur lästiges Rauschen in der Kulisse.
Nami spürte es fast instinktiv. Dieses Gefühl von Sicherheit, das sich wie eine warme Decke über ihre Schultern legte, sobald sie sich in der weitläufigen Halle umsah und ihren Blick schließlich auf den erhöhten Cafébereich lenkte. Dort saßen sie – zwei Gestalten, die in dieser Umgebung aus buntem Plastik und Kindergeschrei so deplatziert wirkten wie zwei Raubkatzen in einem Streichelzoo. Doch für Nami war ihr Anblick in diesem Moment das beruhigendste Element des gesamten Tages. Die Anspannung, die sie seit dem Eintreten empfunden hatte, wich einer stillen Zufriedenheit. Er war da.
Sie beugte sich ein Stück zu Lumina vor, die gerade versuchte, Sayuri aus einem Wirrwarr von Kletternetzen zu fischen.
„Lumina“, flüsterte Nami leise, wobei sie ihren Blick strikt auf Sayuri gerichtet hielt. „Versuch nicht zu auffällig hinzusehen, aber oben im Cafébereich… da sitzen zwei sehr attraktive Männer“
Lumina hielt kurz inne und ihre Augen blitzten auf. Mit einer gespielten Lässigkeit, die beinahe zu perfekt wirkte, warf sie einen flüchtigen Seitenblick in die Richtung, die Nami angedeutet hatte. Als ihre Augen auf die vertrauten, kühlen Züge von Kai und die verschränkten Arme von Tala trafen, entwich ihr ein unterdrücktes, fast spitzbübisches Losprusten. Sie drehte sich sofort wieder zu Nami, das Grinsen in ihrem Gesicht war nun deutlich breiter und strahlender als zuvor.
„Oh mein Gott“, kicherte sie und schüttelte den Kopf, während sie Sayuri einen sanften Schubs in Richtung der Rutsche gab. „Da hat wohl jemand Wind von diesem absolut skurrilen ‚Daddy-Day‘ bekommen und musste sichergehen, dass ihre Frauen hier nicht zwischen den Bällebädern verloren gehen. Die beiden wirken, als würden sie jeden Moment die Anlage stürmen, wenn ihnen die Gesichtsausdrücke der anderen Väter nicht passen.“
Nami musste lächeln, ein ehrliches, sanftes Lächeln, das ihre Augen zum Leuchten brachte. „Lass sie. Ignorieren wir sie einfach so gut es geht. Zeigen wir ihnen, dass wir die Lage vollkommen unter Kontrolle haben – auch ohne dass sie ihre Drohgebärden von dort oben aus in den Raum werfen müssen.“
„Wie du willst“, antwortete Lumina zwinkernd und rückte ihr Haar zurecht. „Aber ganz ehrlich? Es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass die Kavallerie nur ein paar Meter über uns sitzt.“
Sie taten, als hätten sie nichts bemerkt. Nami widmete sich wieder voll und ganz Sayuri, doch sie bewegte sich jetzt mit einer ganz anderen Energie. Aufrechter, gelassener und mit einem geheimen Wissen, das ihr den Rücken stärkte. Sie wusste, dass Kai jeden ihrer Schritte verfolgte, und dieses Bewusstsein war der perfekte Schutzschild gegen die neugierigen Blicke der anderen Väter im Raum.
Etwa Fünf Minuten später....
Nami spürte den Blick eines Mannes im Nacken, noch bevor dieser sich überhaupt in Bewegung setzte. Es war kein diskreter Blick; es war das unverhohlene, fast schon gierige Mustern eines Mannes, der glaubte, er habe das Beste im Raum entdeckt. Er stand einige Meter entfernt an einem der Spielautomaten, neben ihm ein weiterer Mann, der mühsam versuchte, ein zappelndes Kleinkind auf dem Arm zu bändigen.
„Schau dir die da vorne an“, raunte der Jüngere und stieß seinem Begleiter den Ellbogen in die Rippen, ohne den Blick von Nami abzuwenden. „So etwas Schönes habe ich hier drinnen seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ich muss sie einfach ansprechen.“
Der Mann mit dem Kleinkind schüttelte genervt den Kopf und versuchte, das Kind zu beruhigen, das gerade an seinem Hemdkragen zerrte. „Lass es, Mann. Das sind hier alles Mütter, die hier ihre Kinder beschäftigen. Da ist kein Single-Markt. Spar dir die Abfuhr.“
Doch der Jüngere war bereits im Tunnelblick. Mit einem selbstsicheren Grinsen, das er vermutlich vor dem Spiegel geübt hatte, steuerte er auf Nami zu. Lumina, die etwas weiter von Nami entfernt stand, bemerkte den nahenden Eindringling sofort. Sie tauschte einen kurzen, warnenden Blick mit Nami aus, doch bevor sie etwas sagen konnte, stand der Mann bereits vor ihnen.
„Hey“, begann er und ignorierte Lumina völlig, während er Nami mit einem Blick bedachte, der beinahe schon unverschämt war. „Ich wollte nur sagen: Ich bin heute mit meinem Bruder und meinen Nichten hier, um dem Wahnsinn zu entkommen, aber du... du bist das Beste, was mir heute untergekommen ist.“ Er strich sich durchs Haar und lächelte charmant. „Ich bin leider selbst noch kinderlos, genieße aber die Abwechslung. Sag mal, ist die Kleine da drüben eigentlich deine Nichte?“ Er deutete auf Sayuri, die gerade versuchte, einen besonders großen, blauen Plastikwürfel durch eine zu kleine Öffnung zu zwängen.
Nami versteifte sich. Die Wärme, die sie eben noch durch Kais Anwesenheit im Café gespürt hatte, schlug in eine kühle, distanzierte Höflichkeit um. Sie sah den Mann nicht einmal richtig an, sondern behielt Sayuri im Auge.
„Das ist meine Tochter“, antwortete sie tonlos, die Stimme frei von jeglicher Emotion. „Ich danke dir für die Komplimente, aber ich habe kein Interesse. Ich bin glücklich verheiratet.“
Der junge Mann wirkte für eine Sekunde verwirrt, als wollte er zu einem weiteren, noch schmierigeren Satz ansetzen, als plötzlich ein Schatten über ihn fiel. Es war sein älterer Bruder, der das Kleinkind inzwischen abgestellt hatte und mit bleichem Gesicht herbeigeeilt kam. Als sein Blick auf Nami fiel – auf die Art, wie sie dort stand, die kühle Eleganz trotz der Freizeitkleidung –, schien ihm das Blut aus dem Gesicht zu weichen. Er hatte sie erkannt.
„Komm sofort mit!“, zischte der Ältere und griff panisch nach dem Arm seines Bruders. Er wirkte, als hätte er gerade einen Geist gesehen oder wäre kurz davor gewesen, einen Fehler zu begehen, der ihn teuer zu stehen kommen würde.
„Was ist denn los?“, protestierte der Jüngere, doch sein Bruder zerrte ihn mit einem Griff weg, der keinen Widerspruch duldete. Er warf Nami einen kurzen, fast entschuldigenden Blick zu, der puren Schrecken enthielt, und zog seinen Bruder mitsamt dem Kleinkind zügig in Richtung des Ausgangs, als ginge es um ihr Leben.
Nami sah ihnen kurz nach, bevor sie ein leises, fast unmerkliches Seufzen ausstieß. Sie brauchte nicht nach oben zu schauen, um zu wissen, dass Kai diese Szene aus dem Cafébereich heraus beobachtet hatte – und dass der Grund für die plötzliche Flucht der beiden Männer mit seiner Anwesenheit zu tun hatte, die von oben auf den Raum herabstrahlte.
„Die beiden hatten es wohl eilig“, bemerkte Lumina trocken und unterdrückte ein Lachen. „Der scheint wohl gewusst zu haben wer du bist und was es heißt, dich anzusprechen“
Nami strich sich eine Locke aus der Stirn und entgegnete nur leise: „Hoffentlich hat es ihnen die Lust auf weitere Erkundungstouren für heute genommen.“
Nami hielt kurz inne. Sie drehte ihren Kopf nicht ruckartig, sondern vollführte die Bewegung mit einer fast schon aristokratischen Eleganz, die in der hektischen Spielhalle wie ein Fremdkörper wirkte. Ihr Blick wanderte zielgerichtet nach oben in den Cafébereich. Für einen Wimpernschlag trafen sich ihre Augen mit denen von Kai. Es war ein kurzer Moment, doch er war aufgeladen mit einer stillen Kommunikation: Ein wissendes Lächeln ihrerseits, eine Nuance von Zärtlichkeit, die den kühlen Ausdruck in ihren Augen für diesen einen Moment vollständig verdrängte. Es war ihr Eingeständnis, dass sie seine Anwesenheit nicht nur bemerkt hatte, sondern sie in diesem lärmenden, überfüllten Raum als Anker empfand.
Oben im Café ließ Kai den Blick nicht los, bis Nami sich wieder abwandte. Ein schmales, beinahe unsichtbares Schmunzeln legte sich auf seine Lippen – eine Reaktion, die so selten war, dass Tala sie sofort bemerkte und den Kopf leicht neigte.
„Sie hat dich gesehen“, stellte Tala mit einem amüsierten Unterton fest und beobachtete, wie Nami nun Lumina und die kleine Sayuri entschlossen weiter in Richtung der Kletterlandschaft dirigierte. „Und ich glaube, die Nachricht ist angekommen. Sieht nicht aus, als würde sie sich jetzt noch unwohl fühlen.“
Kai verschränkte die Arme vor der Brust, seine Haltung entspannte sich minimal, ohne jedoch an Dominanz zu verlieren. „Meine Anwesenheit wurde endlich bemerkt“, entgegnete er trocken, wobei sein Blick nun wieder fließend den gesamten Bereich scannte, bereit, jede weitere Störung im Keim zu ersticken. „Es war nur eine Frage der Zeit. Aber sie hat das geklärt. Ohne dass ich eingreifen musste.“
Er beobachtete, wie Nami mit einer neuen, fast trotzigen Sicherheit durch das Gewühl aus Eltern und Kindern navigierte. Er wusste, dass sie seine Anwesenheit dankend annahm – es war ein ungeschriebenes Gesetz zwischen ihnen. Er musste nicht neben ihr stehen, um ihr Schutz zu bieten; sein Wissen um seine bloße Existenz in diesem Raum war bereits das Signal, das jeden potenziellen Störenfried in die Schranken wies.
„Die Luft ist jetzt wohl rein“, fügte Tala hinzu, als er sah, wie die anderen Väter in der unmittelbaren Umgebung von Nami und Lumina unbewusst einen größeren Sicherheitsabstand hielten. „Es ist schon fast faszinierend, wie effizient du hier für Ordnung sorgst, ohne auch nur einen Finger zu rühren.“
Kai antwortete nicht direkt, sondern nippte an seinem Kaffee, während seine Augen weiterhin wie Wächter über seine Familie wachten. Die Szenerie unter ihnen hatte sich beruhigt; die Aufmerksamkeit der Anwesenden hatte sich subtil verschoben, weg von den Frauen, hin zu einem instinktiven Respekt vor dem, was da oben im Café residierte. Denn....es hatte sich bereits herumgesprochen, dass der Zar persönlich über seine Familie wachte.
Die Atmosphäre im Indoor-Park hatte sich merklich verdichtet. Während die meisten Eltern mittlerweile instinktiv einen weiten Bogen um Nami und Lumina machten, gab es immer wieder Ausnahmen – Leute, die entweder neu angekommen waren oder einfach nicht über die nötigen sozialen Antennen verfügten, um das ungeschriebene Gesetz der „Zone“ zu verstehen.
Als Nami etwa dreißig Minuten später den Spielebereich verließ, um in Richtung der Sanitäranlagen zu gehen, versperrten ihr drei junge Männer den Weg. Sie wirkten keineswegs aggressiv, eher orientierungslos und leicht irritiert. Sie schienen die seltsame Spannung im Raum wahrzunehmen, konnten sie aber nicht zuordnen. Sie tuschelten kurz, warfen verunsicherte Blicke zu den anderen Eltern, die sie fast schon mitleidig beobachteten, und traten dann doch entschlossen auf Nami zu.
Nami blieb stehen. Ihre Arme waren fest vor der Brust verschränkt, ihr Blick starr und beinahe gelangweilt, während sie den drei Männern zuhörte, die versuchten, ein Gespräch über den "langweiligen Nachmittag" zu erzwingen. Sie wirkte nicht ängstlich – eher so, als würde sie gerade die Zeit berechnen, die sie in diesem Gespräch verlieren würde.
Oben auf der Galerie beobachtete Kai das Trio. Ein kurzes, leises Seufzen entwich ihm, als er sah, wie einer der Männer einen Schritt auf Nami zuging, der ganz knapp die Grenze des Akzeptablen überschritt. Er stellte seinen Kaffeebecher ab und erhob sich langsam.
Tala, der die Szene mit einer Mischung aus Belustigung und Erwartung verfolgt hatte, hob eine Braue. „Glaubst du, das da unten eskaliert, oder willst du ihnen nur zeigen, wo der Hammer hängt?“, fragte er mit einem schiefen Grinsen.
Kai schüttelte kaum merklich den Kopf. „Sie bekommt das alleine hin, das weißt du. Sie hat die drei bereits in einer Ecke, aus der sie sich gleich selbst herausmanövrieren werden.“ Er hielt kurz inne, sein Blick verengte sich, während er die Situation unter ihnen fixierte. „Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses ständige Rauschen im Hintergrund. Ich werde einfach etwas mehr Präsenz zeigen. Danach wird sie für den Rest des Tages absolute Ruhe haben.“
Kai setzte sich in Bewegung. Er stieg gelassen die große Wendeltreppe hinab. Jeder seiner Schritte wirkte kontrolliert und lautlos. Eine Hand hatte er lässig in der Hosentasche seiner Sporthose vergraben, sein Gesicht war eine Maske aus stoischer Ruhe. Während er die Stufen herabstieg, verbreitete sich eine Welle der Stille in der Halle. Mütter und Väter, die ihn erkannt hatten, wichen ehrfürchtig zurück, als wäre er eine Naturgewalt, die man besser nicht herausfordert.
Nami, die den drei Männern gerade eine kurze, aber unmissverständliche Abfuhr erteilte, bemerkte die Veränderung im Raum. Sie blickte über die Schultern ihrer Gesprächspartner hinweg und sah Kai, wie er nur noch wenige Meter von ihnen entfernt war. Ein wissendes, fast schon amüsiertes Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie wusste genau, warum er jetzt hier war.
Die drei Männer spürten plötzlich, wie die Temperatur in ihrer unmittelbaren Umgebung gefühlt um zehn Grad sank. Sie drehten sich verwirrt um und fanden sich plötzlich dem durchdringenden, unnahbaren Blick des Mannes gegenüber, der allein durch seine Präsenz den gesamten Park unter Kontrolle zu haben schien. Ihre Worte blieben ihnen förmlich im Hals stecken.
Kai blieb in einer Distanz stehen, die keinen Zweifel an seinem Besitzanspruch ließ. Er sagte kein Wort, er musste es nicht. Sein bloßes Erscheinen war ein unmissverständliches Signal, das selbst die hartnäckigsten Störenfriede sofort verstanden.
Seine Präsenz war in diesem Moment wie ein unsichtbares Schutzschild, das sich mit einer solchen Intensität um sie legte, dass die drei Männer unbewusst einen Schritt zurückwichen. Einer von ihnen, ein Kerl mit einer etwas zu bunten Sportjacke, räusperte sich nervös. Sein Blick huschte zwischen Kai und Nami hin und her, bevor er erkannte, mit wem er es zu tun hatte.
„Entschuldigung“, stammelte der Mann und fuhr sich verlegen durch das Haar. „Wir... wir wussten nicht, dass Sie das sind. Ich meine, sie kam mir bekannt vor, irgendwie vertraut, aber bei dem Trubel hier... das war keine Absicht.“
Kai neigte den Kopf nur minimal zur Seite. Sein Blick war kühl und absolut stoisch, als er die drei Männer musterte, als wären sie störende Insekten, die sich in sein Blickfeld verirrt hatten.
„Auffällig viele Flirtfreudige hier....das muss ich schon sagen“, bemerkte Kai trocken, seine Stimme ruhig, aber mit dieser schneidenden Schärfe, die niemanden unberührt ließ. „Ich bin überrascht, wie viel Energie ihr übrig habt, während eure Kinder vermutlich irgendwo da drin verloren gehen.“
Der zweite Mann, der bisher geschwiegen hatte, fasste sich ein Herz, auch wenn seine Stimme zitterte. Er wollte die Situation offensichtlich retten, indem er eine Art kameradschaftliche Ebene zu Kai aufzubauen versuchte. „Hey, wir wollten nicht stören. Aber man muss uns auch verstehen... nicht jeder hat so ein Glück wie Sie, hier so eine Frau an seiner Seite zu haben...oder überhaupt eine Frau. Die meisten von uns sind alleinerziehende Väter. Wir nutzen diesen Aktionstag einmal im Monat, um mal wieder unter Leute zu kommen. Es ist... schwer, jemanden kennenzulernen, wenn man ständig zwischen Spielplätzen und Windeln pendelt.“
Kai zog eine Augenbraue leicht in die Höhe. Das war kein Entschuldigungs- oder Mitleidsgesuch, das er als Rechtfertigung akzeptierte, aber die Erwähnung des Aktionstages ließ ihn kurz innehalten. Er sah zu Nami. Ihre Haltung war entspannt, fast schon amüsiert über die absurde Situation, in der sich diese Männer befanden, die gerade versuchten, dem „Zar“ ihr Leid über ihr Singledasein zu klagen.
„Dass ihr hier seid, ändert nichts daran, wo ihr eure Grenzen zieht“, erwiderte Kai schlicht, doch sein Tonfall war nun weniger bedrohlich, sondern eher kühl-feststellend. „Sucht euch einen anderen Zeitvertreib. Meine Frau ist hier, um unsere Tochter zu begleiten – nicht, um eure sozialen Defizite auszugleichen.“
Die drei Männer verstanden das Signal nur zu gut. Ohne ein weiteres Wort murmelten sie eine hastige Entschuldigung, drehten sich um und verschwanden fast so schnell wie ihre Vorgänger in der Menge, sichtlich bemüht, den Bereich um Kai und Nami so weit wie möglich zu umgehen.
Nami trat einen Schritt auf ihren Mann zu. Sie spürte, wie die angespannte Atmosphäre im Umkreis sofort wich, als die Männer das Weite suchten. „Du hättest nicht runterkommen müssen“, sagte sie leise und legte ihre Hand für einen kurzen Moment auf seinen Unterarm, wobei sie spürte, wie angespannt seine Muskeln unter dem T-Shirt noch waren. „Ich hatte sie fast schon so weit, dass sie von selbst gegangen wären.“
Kai sah auf sie hinunter, sein Blick wurde ein Stück weicher, auch wenn sein Gesichtsausdruck nach außen hin weiterhin distanziert blieb. „Ich weiß“, entgegnete er trocken. „Aber ich wollte diesen Tag für dich heute etwas... entspannter gestalten.“
Nami ließ ihre Hand noch einen Moment länger auf seinem Unterarm ruhen, bevor sie ihr Gesicht zu ihm aufhob. „Das ist lieb. Ich bin jedenfalls froh, dass du hier bist“, sagte sie leise, und diesmal schwang in ihrer Stimme nicht die distanzierte Höflichkeit mit, die sie gegenüber den drei Männern gezeigt hatte, sondern pure, ehrliche Zuneigung.
Kai reagierte nicht mit einer kühlen Erwiderung, sondern mit einem seltenen, fast schon weichen Lächeln, das die Härte seiner Gesichtszüge für einen Augenblick vollkommen schmelzen ließ. Es war ein Ausdruck, den man an ihm – dem gefürchteten Zaren der Tachiwari-Corporation – so gut wie nie öffentlich zu sehen bekam. In der näheren Umgebung stieß eine Gruppe junger Mütter, die das Geschehen aus sicherer Entfernung verfolgt hatten, ein kollektives, fast sehnsüchtiges Seufzen aus. Nami bemerkte es und ein kurzes, helles Kichern entwich ihr, das die angespannte Luft zwischen ihnen augenblicklich auflöste. Ohne weiter auf die neugierigen Blicke um sie herum zu achten, griff sie nach seinem Nacken und zog Kai in einen Kuss, der kurz, aber in seiner Intensität unmissverständlich war.
Als sie sich lösten, flüsterte Kai, seine Lippen noch fast gegen ihre, mit einem amüsierten Unterton: „So viel Zärtlichkeit in einem Kinderspielepark kommt sicher nicht besonders gut an, Nami.“
Sie blinzelte ihn spielerisch an und ließ ihren Blick dann langsam und provokant durch die Halle schweifen. Die Szene, die sie dort sah, sprach Bände: Die Frauen in der Umgebung wirkten keineswegs abgestoßen, sondern eher fasziniert. Die Vorstellung, den unnahbaren Zaren in diesem, für ihn ungewohnten Umfeld, so menschlich und liebevoll zu erleben, hatte eine ganz eigene Wirkung auf die Anwesenden. „Ich glaube“, erwiderte sie leise mit einem Lächeln, „dass es hier drinnen gerade sehr gut ankommt. Sie scheinen es zu genießen, den Zaren mal in einem anderen...Moment zu erleben.“
Bevor Kai darauf antworten konnte, wurde die private Stimmung durch ein enthusiastisches Rufen unterbrochen. „Papa!“
Kleine Schritte hallten auf dem Kunststoffboden wider, und im nächsten Moment prallte ein kleiner Körper gegen Kais Beine. Sayuri hatte sie entdeckt. Mit leuchtenden Augen und einem breiten Grinsen klammerte sich die Siebenjährige an seine Hose. „Papa, du bist da!“, strahlte sie und blickte zu ihm auf. „Hier drin ist es super! Aber mit dir würde es noch viel mehr Spaß machen, durch die Röhren zu rennen! Kommst du mit? Dann kann Mama in Ruhe einen Kaffee trinken! Beim letzten Mal hat es schon soo viel Spaß mit dir gemacht!“
Kai blickte auf seine Tochter hinunter, und der stoische Ausdruck, den er seit Betreten des Parks getragen hatte, wich einer väterlichen Wärme. Er legte seine Hand auf ihren Kopf und strich ihr sanft durch das Haar.
Nami beobachtete die beiden mit einem warmen Glanz in den Augen. Die Vorstellung, Kai...den Mann, der in Vorstandsräumen und Arenen keine Gefangenen machte...nun durch Klettertunnel kriechen zu sehen, zauberte ein noch breiteres Lächeln auf ihre Lippen.
„Ich glaube, du hast keine Wahl, Kai“, neckte Nami ihn, während sie einen Schritt zurücktrat. „Der Einsatzbefehl wurde erteilt.“
Kai legte den Kopf schräg, während er das Leuchten in Namis Augen betrachtete. Sayuri zerrte ungeduldig an seinem Hosenbein, doch sein Blick blieb bei seiner Frau haften, und das amüsierte Funkeln in seinen Augen verriet, dass er das Spiel, das sie hier trieben, vollkommen durchschaut hatte.
„Du genießt das wieder vollkommen, nicht wahr?“, stellte er mit leiser, rauchiger Stimme fest, während er einen kurzen Seitenblick auf die Gruppe von Frauen in der Nähe warf, die ihren Blick kaum von ihm abwenden konnten. „Im Gegensatz zu mir scheint es dir außerordentlich zu gefallen, wenn die halbe Halle mir hinterher starrt.“
Nami ließ das Grinsen nicht nur zu, sie ließ es breiter werden – ein Ausdruck purer, fast herausfordernder Zufriedenheit. Sie trat einen kleinen Schritt näher an ihn heran, so nah, dass die restliche Welt um sie herum in den Hintergrund rückte, selbst der Lärm der Spielhalle verblasste.
„Vielleicht“, gab sie mit einem koketten Funkeln in den Augen zu, während sie mit ihren Fingern kurz über den Stoff seines schwarzen T-Shirts strich. Dann beugte sie sich leicht vor, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch, ein Geheimnis, das nur für seine Ohren bestimmt war. „Aber ich habe auch meine Gründe. Es ist ein sehr unterhaltsamer Anblick, den attraktivsten Mann im Raum bei seiner ‚Arbeit‘ zu beobachten.“
Sie hielt inne, ihre Augen wurden eine Nuance dunkler, während ihre Stimme fast flüsternd an sein Ohr drang: „Und ich freue mich sehr darauf, wenn der Rest der Welt diesen Anblick für den Rest des Tages genießen darf... weil ich genau weiß, dass dieser Mann am Abend und in der Nacht wieder ganz allein mir gehört.“
Kai spürte das vertraute Ziehen in seinem Inneren, eine Mischung aus Stolz auf seine Frau und der unverhohlenen Vorfreude auf das, was sie gerade so bildlich angedeutet hatte. Er schmunzelte erneut – ein echter, warmer Ausdruck, der ihn in diesem Moment weniger wie den unnahbaren Zaren und mehr wie den Mann wirken ließ, der sie schon so lange kannte.
Sayuri, die von dem Flüstern und dem offensichtlichen Austausch zwischen ihren Eltern langsam genug hatte, rief erneut: „Papa? Kommst du jetzt?“
Kai löste seinen Blick nur widerwillig von Nami und richtete ihn auf seine Tochter. Er rückte sein T-Shirt zurecht, dann sah er kurz zu Nami zurück, ein subtiles, wissendes Versprechen in seinem Ausdruck.
„Alles klar, Sayuri“, sagte er, wobei er seine Stimme wieder fest und ruhig werden ließ, als er sich in Bewegung setzte, um den Parcours zu entern. „Zeig mir, was du kannst.“
Nami blieb stehen und sah den beiden nach. Sie beobachtete, wie Kai – der Mann, der normalerweise in Anzügen ganze Konzerne lenkte – mit einer fast schon unheimlichen Geschmeidigkeit in einen der Klettertunnel abtauchte, während Sayuri jubelnd voranlief. Lumina trat neben sie und stieß sie leicht mit der Schulter an.
„Du spielst wie immer mit dem Feuer, Nami“, witzelte ihre Cousine und sah den beiden hinterher. „Wenn das so weitergeht, wird der Park morgen nicht wegen der Hygiene, sondern wegen Überfüllung durch bewundernde Frauen geschlossen.“
Nami lachte nur leise und machte sich auf den Weg zum Tresen um sich einen Kaffee zu holen. Sie fühlte sich herrlich gelassen. Den Rest des Tages würde sie genießen – und auf den Abend warten.
Nami lehnte sich entspannt gegen einen der stabilen Pfeiler am Rande des Parcours, den dampfenden Kaffee in den Händen, und beobachtete das Spektakel. Es war ein absurder, aber faszinierender Anblick.
Kai nahm den Hindernisparcours nicht einfach nur als Spielplatz wahr...er analysierte ihn. Wo andere Väter keuchend und etwas tollpatschig durch die weichen Schaumstoffhindernisse stolperten, bewegte sich Kai mit einer fast schon beängstigenden Effizienz. Er nutzte seinen Körperschwerpunkt, berechnete Winkel bei den Sprüngen und schien die Reibung der Oberflächen instinktiv einzukalkulieren.
Sayuri flitzte jubelnd voran, überzeugt, sie würde ihren Vater abhängen, doch Kai blieb ihr wie ein Schatten auf den Fersen. Er brauchte kaum Kraft, um sich über die hohen Wände zu ziehen; seine Bewegungen waren flüssig, präzise und frei von jeder unnötigen Energieverschwendung. Es war, als würde er gerade eine taktische Übung absolvieren, nur eben in einer Umgebung aus leuchtendem Kunststoff statt in der Arena.
„Er nimmt das Ganze etwas zu ernst, oder?“, bemerkte Lumina, die mit einem breiten Grinsen neben Nami aufgetaucht war. „Schau dir seinen Gesichtsausdruck an. Er sieht aus, als würde er gerade eine feindliche Übernahme des Bällebades planen.“
Nami musste leise lachen. Sie sah, wie Kai eine wackelige Hängebrücke überquerte. Während die anderen Väter um ihn herum strauchelten und ihre Kinder oft mit einer Hand festhalten mussten, balancierte er mit einer stoischen Ruhe, die fast schon provozierend wirkte. Eine Gruppe von Müttern, die gerade ihre Kinder beaufsichtigte, war komplett verstummt. Sie beobachteten, wie Kai mit einer einzigen, kraftvollen Bewegung eine Rampe nahm, sich oben in einer eleganten Drehung abfing und dann Sayuri, die gerade kurz das Gleichgewicht verlor, mit einer Handbewegung sicher auffing, bevor sie überhaupt ins Wanken geriet.
Sein Blick war dabei starr nach vorne gerichtet. Er scannte den Parcours nicht nur auf Hindernisse, sondern auch auf andere Kinder, die ihnen in die Quere kommen könnten, um sicherzustellen, dass Sayuri ungestört ihren Weg gehen konnte.
„Er ist eben ein Hiwatari“, antwortete Nami stolz und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Für ihn gibt es kein ‚Halbherziges‘. Wenn er sich entscheidet, mit ihr durch den Parcours zu rennen, dann wird er das effizienter tun als jeder andere hier drin.“
Sayuri kreischte vor Vergnügen, als sie am Ende einer langen Röhrenrutsche herauskam. Kai landete nur einen Sekundenbruchteil später hinter ihr, das schwarze T-Shirt leicht an seinem Körper klebend, die Haare ein wenig zerzaust, aber seine Haltung war immer noch so aufrecht, als käme er gerade aus einem Meeting.
Er sah zu Nami hinauf, die mitlerweile auf der Galerie stand um ihn besser beobachten zu können. Für den Bruchteil einer Sekunde glättete sich sein strenger Gesichtsausdruck, und das wissende Schmunzeln kehrte zurück. Er hatte gemerkt, dass sie ihn beobachtete – und er genoss es genauso wie sie.
Kai hielt kurz inne, als er am oberen Ende der Kletterwand ankam. Der Blick von oben erinnerte ihn unwillkürlich an den letzten Sonntag. Damals war er allein mit Sayuri und Vladimir hier gewesen. Es hatte sich wie eine der vielen logistischen Aufgaben angefühlt, die seinen Alltag als Zar der Tachiwari-Corporation prägten. Ein notwendiger, aber freudloser Prozess. Er war genervt und geladen am Ende des Tages...vorallem, weil Nami ihn wissentlich hierher gelotst hatte....
Jetzt, da er das weiche, vertraute Gefühl hatte, dass Namis Augen auf ihm ruhten, wirkte die Welt um ihn herum plötzlich anders. Das Kreischen der Kinder war kein Lärm mehr, das grelle Neonlicht der Halle war nicht mehr anstrengend. Es war, als hätte die bloße Anwesenheit seiner Frau das Gewicht, das er normalerweise unbewusst mit sich herumtrug, einfach neutralisiert.
Er sah zu ihr. Nami lehnte an einen der Tische, den Kaffeebecher in der Hand, ein wissendes Lächeln auf den Lippen, das nur ihm galt. In diesem Moment wurde ihm wieder einmal mit schmerzlicher Klarheit bewusst: Alles war einfacher, wenn sie zusammen waren. Jede Herausforderung, egal wie trivial oder komplex, verlor ihren zermürbenden Charakter, sobald sie als Einheit agierten. Die Starrheit seiner eigenen Natur, das ständige Bedürfnis, alles unter Kontrolle zu haben, löste sich auf in diesem stillen Verständnis zwischen ihnen.
Sayuri zupfte an seinem Hosenbein und riss ihn aus seinen Gedanken. „Papa, guck mal! Die Riesenrutsche da drüben!“
Kai nickte mit dem Kopf, ein beinahe unmerkliches Lächeln umspielte seine Lippen. Er gab Sayuri ein Zeichen, ihm zu folgen. „Ich sehe sie, Sayuri. Wir nehmen den direkten Weg.“
Er wählte nicht den offiziellen Aufstieg, sondern setzte seine Hände geschickt an einer seitlichen Stützen an und zog sich mit einer Leichtigkeit hoch, die fast übermenschlich wirkte. Die Väter in seiner Nähe, die gerade versuchten, ihre eigenen Kinder durch das Labyrinth zu manövrieren, hielten inne und starrten ihn regelrecht an. Sie sahen jemanden, der sich nicht durch das System kämpfte, sondern es perfekt beherrschte.
Kai spürte ihren Blick, doch es war ihm egal. Er war heute nicht hier, um zu dominieren; er war hier, weil er die Verbindung zu Nami spürte, selbst über die paar Meter Entfernung hinweg. Er sah noch einmal kurz zu ihr hoch und stürzte sich dann mit Sayuri in die nächste Herausforderung.
Die Welt war für den Rest des Tages auf diesen Park begrenzt, aber für Kai war es das erste Mal seit langem, dass er sich dabei vollkommen frei fühlte.
Als er am Ende der Riesenrutsche unten ankam, ließ er Sayuri sicher auf den Boden gleiten und strich ihr kurz über das Haar, bevor sie schon wieder zum nächsten Spielgerät stürmte. In diesem Moment trat ein Mann, der seit einigen Minuten die Performance des Zaren beobachtet hatte, an Kai heran. Er hielt eine Wasserflasche in der Hand, wirkte jedoch eher wie jemand, der sich im Fitnessstudio verfahren hatte, statt wie ein typischer Spielhallen-Vater.
Der Mann zögerte kurz, seine Augen huschten prüfend über Kais stoische Mimik und die unnatürlich kontrollierte Haltung. „Entschuldigen Sie...Mr. Hiwatari “, begann er, etwas atemlos, „aber... trainieren Sie Parkour? Oder Kampfsport? Ich beobachte das jetzt seit zehn Minuten. Das, was Sie da oben in den Klettertunneln gemacht haben – die Gewichtsverlagerung, der Schwung in den Kurven... das war absolut präzise. Ich mache das seit Jahren, aber so eine Effizienz habe ich hier noch nie gesehen.“
Kai blieb stehen, die Hände lässig in den Taschen seiner Sporthose. Er drehte den Kopf nur leicht in Richtung des Fremden. Sein Blick war kühl, doch der Mann schien in seiner Begeisterung die subtile Warnung in Kais Aura völlig zu übersehen.
„Es ist nur ein Hindernisparcours“, erwiderte Kai trocken, seine Stimme so emotionslos wie ein chirurgischer Schnitt. „Keine Wissenschaft.“
Der Mann lachte kurz auf, ein wenig unbeholfen. „Na ja, für die meisten von uns ist das hier eher ein Überlebenskampf gegen die Schwerkraft. Sie sehen aus, als hätten Sie das Ganze in einer Arena geplant.“ Er machte eine kurze Pause und warf einen Blick nach oben zur Galerie, wo Nami stand. „Ihre Frau scheint das ähnlich zu sehen. Sie hat Sie die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen.“
Kai folgte dem Blick des Mannes für einen Moment nach oben. Die Intensität in seinen Augen änderte sich schlagartig – von der professionellen Distanz, die er dem Fremden gegenüber zeigte, zu einer stillen, fast schon privaten Vertrautheit, als er Nami ansah.
„Sie weiß eben, wozu ich fähig bin“, sagte Kai leise, doch der Unterton war alles andere als eine Prahlerei. Es war eine schlichte Feststellung. „Und was die Effizienz angeht: Wenn man den Fokus auf das Wesentliche legt, erledigen sich die Hindernisse von selbst.“
Er wandte sich wieder ab, ohne auf eine Antwort des Mannes zu warten. Für Kai war das Gespräch damit beendet – es gab keinen Grund, seine Zeit mit fremden Analysen über seine Bewegungsabläufe zu verschwenden, wenn das, was wirklich zählte, nur ein paar Meter entfernt auf ihn wartete. Der Mann sah ihm einen Moment lang verwirrt hinterher, bevor er schließlich selbst einen Schritt zurücktrat, als hätte er erst jetzt begriffen, dass er gerade das Territorium einer Raubkatze betreten hatte.
Nami, die das kurze Zusammentreffen von oben beobachtet hatte, wartete nun am Fuß der Wendeltreppe auf ihn. Sie hatte das amüsierte Leuchten in den Augen, das immer auftauchte, wenn Kai jemanden mit seiner stoischen Art in die Schranken wies.
„Ein Bewunderer?“, fragte sie leise und trat neben ihn, während Kai kurz seine Schultern lockerte.
Kai warf einen kurzen Blick über die Schulter auf den irritierten Mann. „Nur jemand, der versucht hat, meine Routine aus dem Dojo zu analysieren“, antwortete er und legte ihr für einen Moment die Hand an den unteren Rücken. „Lass uns langsam verschwinden. Sayuri ist ausgepowert, und wir haben ohnehin schon länger hier verbracht, als ursprünglich geplant.“
Während sie in Richtung des Parkausgangs schlenderten, trafen sie auf Lumina und Tala, die sich bereits im Foyer von der Gruppe gelöst hatten. Lumina schenkte Nami ein vielsagendes, amüsiertes Zwinkern, während Tala Kai mit einem kurzen, fast respektvollen Kopfnicken verabschiedete. Es war offensichtlich, dass die beiden ihre eigene Vorstellung von einem entspannten Tagesausklang hatten – fernab von Bällebädern und schreienden Kindern, in der exklusiven Ruhe ihres Penthouses in Shinjuku. Mit einer Leichtigkeit, die nur langjährige Vertrautheit mit sich bringt, verschwanden die beiden in der belebten Kulisse Tokios, um die verbleibenden Stunden in Zweisamkeit zu genießen.
Draußen empfing sie die Stadt mit einer sanften Abendstimmung. Es war mittlerweile kurz nach halb fünf Uhr nachmittags, und obwohl Sayuri nach dem ausgiebigen Toben im Kletterparcours sichtlich ausgepowert war, blitzten ihre Augen noch immer voller Tatendrang. Von Müdigkeit war bei der Siebenjährigen keine Spur; sie wirkte eher wie ein kleiner Wirbelwind, der gerade erst seine Batterien aufgeladen hatte.
Kai hielt kurz inne und ließ den Blick über die sanft abfallende Abendsonne schweifen, die die Glasfassaden der Hochhäuser in ein warmes, goldene Licht tauchte. Das Wetter war heute außergewöhnlich kühl und angenehm – ein seltenes Geschenk für diesen Augusttag.
„Sie sieht nicht so aus, als wolle sie schon nach Hause“, stellte Kai fest und legte Nami eine Hand auf die Schulter, während er zu der aufgeregt umherspringenden Sayuri hinübersah. Sein Blick wurde weicher. „Wenn ihr beide noch Energie habt... wie wäre es mit einem kleinen Bummel durch die Innenstadt? Die Luft ist angenehm, und ein wenig frischer Wind würde sicher gut tun.“
Nami spürte die wohltuende Wärme seiner Hand auf ihrem Rücken und sah zu ihm auf. Der Kontrast zwischen dem stoischen Zaren von vorhin und dem fürsorglichen Vater, der jetzt das Wohlbefinden seiner Familie im Blick hatte, ließ ihr Herz einen Schlag aussetzen.
„Ich glaube, Sayuri wäre hellauf begeistert“, antwortete sie und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Und ich hätte absolut nichts gegen einen Spaziergang einzuwenden. Die Stadt ist um diese Zeit wunderschön.“
Sie waren sich einig. Gemeinsam ließen sie den überfüllten Parkplatz hinter sich und machten sich auf den Weg in das pulsierende Herz der Metropole, bereit, den Rest des Tages ganz entspannt zu genießen.
Sie schlugen einen Weg ein, der sie weg vom hektischen Treiben der großen Einkaufsmeilen in Richtung eines der weitläufigeren, ruhigeren Viertel Tokios führte. Hier, wo die Bäume sanft im Sommerwind wiegten und das Abendlicht die Straßen in ein wunderschönes Orange tauchte, fand Sayuri genug Raum, um mit ihrer kindlichen Energie zu rennen und zu springen, ohne dabei in eine Menschenmenge zu geraten.
Kai hielt Nami fest an der Hand. Seine Finger verschränkten sich sicher und entschlossen mit ihren, ein Griff, der mehr über ihre Verbindung aussagte als tausend Worte. Er hielt kurz inne, zog ihre Hand sanft zu sich heran und drückte einen zärtlichen Kuss auf ihre Fingerknöchel. Nami lächelte und schmiegte sich an seine Seite.
„Morgen beginnt die nächste Runde der Weltmeisterschaft“, sagte er leise, seine Stimme nun tiefer, getragen von einer Ernsthaftigkeit, die den Spaziergang in ein anderes Licht rückte. Er blickte zu ihr hinunter, seine Augen dunkel und fokussiert. „Ich hoffe, Gou kann den nötigen Fokus wahren. Es ist schwer, sich voll und ganz auf die Arena zu konzentrieren, wenn sein Kopf nicht ganz bei der Sache ist. Es gibt zu viele Dinge, die ihn ablenken könnten.“
Nami strich ihm leicht über den Handrücken. Sie wusste genau, was er meinte. Die Weltmeisterschaft war prestigeträchtig, doch für Kai hatte sich die Prioritätenliste in den letzten Jahren grundlegend verschoben.
„Er wird seinen Fokus finden, Kai“, erwiderte sie leise und sah ihm direkt in die Augen. „Er war wie du schon immer der Beste darin, alles andere auszublenden, sobald der Kampf beginnt. Das wird morgen nicht anders sein.“
Kai nickte nur langsam, doch dann schien ihm etwas anderes in den Sinn zu kommen, das die Stimmung wieder in eine professionellere Bahn lenkte. Er hielt kurz inne, während Sayuri ein paar Meter vor ihnen einen Schmetterling jagte.
„Ich habe heute Vormittag übrigens noch eine Nachricht von der BBA erhalten“, fuhr er fort, sein Tonfall wechselte in den sachlichen Berichtston, den er in der Tachiwari-Corporation pflegte. „Sie haben Fortschritte gemacht. Es gibt eine Spur bezüglich des Täters, der den Thorne-Server für die Manipulation der Arena Daten missbraucht hat. Sie sind näher dran, als wir vor ein paar Tagen dachten.“
Nami spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Diese Nachricht war weit mehr als nur ein Update; sie war ein potenzieller Wendepunkt in einer Angelegenheit, die ihnen schon viel zu viel Sorgen bereitet hatte. „Glaubst du ihnen? Ist die Spur handfest?“
Kai zuckte mit den Schultern, doch sein Blick war fest. „Sie sind vorsichtig, aber die Beweise, die sie erwähnen, klingen fundiert. Wir werden sehen, wie sich das in den nächsten Tagen entwickelt. Aber es ist zumindest ein Zeichen, dass die Jagd auf ihn langsam zu Ende geht.“
Er drückte ihre Hand erneut, als wollte er ihr – und sich selbst – versichern, dass sie auch dies gemeinsam bewältigen. In diesem Moment der Stille, umgeben von der friedlichen Atmosphäre des Parks und dem fernen Rauschen der Stadt, wirkte der Betrug durch den Oliver Thorne weit weg, doch die Anspannung in Kais Schultern verriet, dass der Zar der Tachiwari-Corporation bereits die nächsten Schritte durchdachte.
„Komm“, sagte er schließlich und entließ sie aus seinem intensiven Blick. „Lass uns Sayuri wieder einholen, bevor sie versucht, den gesamten Park zu umrunden.“
Viertelfinale
Der Morgen im Ayame-Anwesen war von einer kühlen, aristokratischen Stille erfüllt, die in starkem Kontrast zu der aufgeregten Energie stand, die in den Straßen Tokios am Tag des Viertelfinales herrschte. Die hohen Decken des Anwesens fingen das erste, blasse Licht des Tages ein, das durch die massiven Fensterfronten strömte und die klassizistische Architektur des Hauses in ein fast sakrales Licht tauchte.
Nami stand am großen Hauptfenster des großen Salon und beobachtete, wie die Natur um sie herum langsam zum Leben erwachte. Die Gedanken waren bei Gou. Nach der strapaziösen ersten Round-Robin-Phase über sieben Tage, die das Teilnehmerfeld auf die acht verbliebenen Nationen – Japan, China, die Niederlande, USA, Ägypten, Schweden, Portugal und Brasilien – reduziert hatte, war die Luft im ganzen Land förmlich elektrisiert. Heute begann das Viertelfinale. Es gab kein Zurück mehr, keine zweite Chance durch Gruppentabellen. Ab jetzt zählte nur noch der Sieg im K.O.-System.
Kai trat hinter sie. Seine Anwesenheit war ruhig, beinahe unbewegt, doch Nami spürte die Entschlossenheit, die von ihm ausging. Er wirkte heute Morgen besonders fokussiert; seine Kleidung war wie immer tadellos, seine Haltung aufrecht. Er war bereit.
„Er ist vorbereitet“, sagte Kai leise, mehr zu sich selbst als zu Nami, während er den Blick über die Bäume des weitläufigen Garten schweifen ließ. „Die Analyse der Gegnerdaten aus der letzten Woche ist abgeschlossen. Gou weiß, was er zu tun hat.“
Nami drehte sich zu ihm um und legte ihre Hand auf seinen Arm, um die unterdrückte Spannung unter seinem Ärmel zu fühlen. „Er hat mehr als nur Daten, Kai. Er hat den Instinkt, den er von dir geerbt hat. Und heute wird er ihn brauchen.“
Sie wusste, dass in diesen Stunden die Nervosität im ganzen Haushalt zunahm, selbst unter ihren anderen Kindern, die teilweise bereits auf dem Weg zur Schule waren. Das Anwesen, sonst ein Ort des ruhigen aristokratischen Lebens, fühlte sich heute wie das Hauptquartier vor einer großen Schlacht an. Sie hatten das Turnier bisher aus der Distanz verfolgt, tausende Kilometer entfernt, doch heute, da der Weg zum Halbfinale auf dem Spiel stand, schien die Welt draußen stillzustehen.
Kai nickte kurz, sein Blick für einen Moment weicher, als er Nami ansah. „Lass uns frühstücken. Wir brauchen einen klaren Kopf, bevor die erste Übertragung beginnt.“
Die Vorfreude und der Ernst des Augenblicks hingen schwer in der Luft, während sie sich auf den Tag vorbereiteten, der Gous Schicksal in diesem Turnier besiegeln würde.
Kai saß wenig später an der Stirnseite des Tisches, sein Blick wechselte zwischen den vor ihm liegenden Berichten der Tachiwari-Corporation und der Live-Übertragung aus London, wo man bereits wieder die ersten Luftaufnahmen des BBA Future-Stadiums sah.
„Ich habe heute morgen mit den Koordinatoren vor Ort gesprochen und auch kurz mit unserem Sohn telefoniert“, sagte Kai, während er eine Tasse Kaffee zum Mund führte, seine Stimme ruhig und präzise. „Gou ist ruhig. Er hat die Taktik für den ersten K.O.-Gegner verinnerlicht. Er weiß, dass er in der Arena in London nicht nur gegen einen Blader antritt, sondern gegen den Druck der gesamten Nation.“
Nami nickte und nahm einen kleinen Schluck Tee, den Blick fest auf den Bildschirm gerichtet, wo man in der Ferne einen kurzen Ausschnitt der viktorianischen Architektur von Davies Hall erahnen konnte. „Er ist fünfzehn, Kai. Aber er hat eine Stärke, die ihn älter wirken lässt. Er hat diesen Blick in den Augen, den er immer hat, wenn er sich auf sein Ziel fokussiert. Genau wie du...“
Ein sanftes Lächeln stahl sich auf Namis Lippen. Sie dachte an ihren Sohn, der tausende Kilometer entfernt in England stand, bereit, Japan im Viertelfinale der Weltmeisterschaft zu vertreten. Die Spannung war fast physisch greifbar, ein ständiges Vibrieren, das unter der Oberfläche ihres ansonsten so geordneten Lebens in Tokio lag.
„Wir haben heute einen vollen Terminkalender im Tachiwari-Tower“, fuhr Kai fort und legte seine Hand kurz auf ihre, bevor er wieder nach seinen Unterlagen griff. „Aber ich habe angewiesen, dass wir definitiv die Kämpfe unseres Teams verfolgen. Ich werde die Übertragung auf das große Display in meinem Büro schalten lassen.“
Nami legte ihre Hand auf seine und spürte die gewohnte Festigkeit. „Dann werden wir gemeinsam dort sein, wenn der erste Kampf beginnt. Egal wie sehr die Arbeit uns fordert – für Gou nehmen wir uns die Zeit.“
Für einen Moment war die Arbeit der Weltkonzerne und die Verantwortung des Tachiwari-Imperiums vergessen. Der Kampf im Viertelfinale stand kurz bevor.
Gerade als Nami den letzten Bissen ihres Frühstücks beiseite schob, öffnete sich die schwere Flügeltür zum Speisesaal einen Spalt breit. Ein leises, fast mechanisches Quietschen der Parkettböden kündigte den kleinen Neuankömmling an. Sayuri kam gähnend in den großen Saal getapst, ihren kleinen Schlafanzug noch etwas zerknittert, und rieb sich mit beiden Händen die verschlafenen Augen.
„Guten Morgen, Schatz“, sagte Nami sanft und erhob sich sofort, um ihre Tochter zu begrüßen. Sie ging in die Hocke und strich dem Mädchen eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht.
Sayuri blinzelte verschlafen gegen das helle Licht der Morgensonne an, die durch die hohen Fenster brach. „Ist... ist es schon Zeit für das Turnier?“, fragte sie leise und sah zu dem Tablet auf dem Tisch. Die Entscheidung, das Kindermädchen Claire Beaumont – deren trockener Humor und unverkennbarer französischer Akzent über Jahre hinweg fester Bestandteil ihres Lebens gewesen waren – auf Claires eigenen, dringenden Wunsch hin in den frühen Ruhestand nach Frankreich zu verabschieden, hatte den Familienalltag spürbar verändert. Seitdem war es Namis Mutter, Hilda, die diese Lücke mit einer liebevollen Strenge füllte. Sie übernahm die tägliche Betreuung, bis die Kleine nächsten Monat endlich ihre Schullaufbahn beginnen würde.
„Wir fahren dich gleich zu Oma Hilda, Sayuri“, antwortete Nami und nahm die Kleine in den Arm.
Sayuri hellte sich sichtlich auf, als sie an das Haus ihrer Großmutter nur ein paar Straßen weiter dachte. Hilda war nicht nur für ihre Fürsorge bekannt, sondern auch dafür, dass sie, wenn es um ihre Enkel ging, fast jeden Wunsch erfüllte.
„Darf ich bei Oma wieder das Turnier schauen?“, fragte Sayuri hoffnungsvoll und sah abwechselnd zu Nami und dann zu Kai auf. „Oma hat mich letzte Woche immer mal wieder die anderen Kämpfe sehen lassen. Ich möchte Gou unbedingt anfeuern, wenn er heute kämpft!“
Kai, der das Geschehen bisher aus einer fast schon andächtigen Ruhe heraus beobachtet hatte, legte seine Unterlagen beiseite. Er sah seine Tochter mit einem Blick an, der bei ihr stets eine Mischung aus Ehrfurcht und kindlichem Vertrauen auslöste. „Wenn du versprichst, dich bei Oma nicht wieder wie ein Wirbelwind aufzuführen, dann darfst du das natürlich, mein Schatz“, entgegnete er mit einem leicht amüsierten Unterton in seiner sonst so kühlen Stimme. „Aber sag Oma, sie soll den Ton ruhig extra laut stellen. Gou braucht jede Unterstützung, die er bekommen kann.“
Sayuri jubelte leise und versteckte ihr Gesicht in Namis Schulter. Sie war noch müde, aber die Aussicht auf den Tag – und vor allem auf den Kampf ihres großen Bruders – schien sie bereits jetzt wacher zu machen.
Nami lächelte und strich Sayuri über den Rücken. „Dann geh am besten gleich nach oben und zieh dich an, kleine Maus. Der Wagen wartet auf dich. Wir wollen nicht, dass du den Anfang verpasst, wenn Japan an der Reihe ist.“
Als der Wagen wenig spätet vom Anwesen rollte, kehrte die kühle Stille der Ayame-Residenz zurück, doch für Nami und Kai fühlte es sich nun anders an. Die Anspannung war nicht mehr nur ein fernes Grollen, sondern eine unmittelbare Realität.
Sayuri jubelte freudig als sie bereits von ihrer Großmutter Hilda am Eingang des Tashiba Anwesens empfangen wurde. Hilda winkte ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn noch einmal zu, ehe sie ihre quirlige Enkelin durch den breiten Eingang schob.
Die Fahrt zum Tachiwari-Tower war geprägt von dem, was man bei ihnen als „produktive Stille“ bezeichnen konnte. Kai saß am Steuer, den Blick starr auf den dichten Tokioter Verkehr gerichtet, während er im Kopf bereits die anstehenden Meetings und die Echtzeit-Daten aus London sortierte. Nami nutzte die Zeit, um die letzten Newsmeldungen auf ihrem Tablet zu prüfen.
Als sie schließlich die Tiefgarage des Towers erreichten, begrüßte sie die vertraute, klinische Kühle des Unternehmensgebäudes. Der Aufzug brachte sie in die oberste Etage – in Kais privates Büro, das wie ein gläserner Adlerhorst über der Stadt thronte.
Drinnen angekommen, legte Kai seine Aktentasche mit einer präzisen Bewegung auf den Schreibtisch aus schwerem Glas. Er trat ohne Umschweife an die zentrale Wandkonsole. Mit einer Handbewegung aktivierte er das große, rahmenlose Display an der Wand. Das Licht der Stadt spiegelte sich in den dunklen Scheiben, während auf dem Bildschirm langsam das Logo der Weltmeisterschaft in London erschien.
Das ferne, aber dennoch präsente Rauschen der Arena-Kulisse begann durch die hochauflösenden Lautsprecher in den Raum zu dringen. Die Kamera schwenkte über das gewaltige Stadion in London, die Menschenmassen waren wie ein brodelndes Meer aus Farben zu erkennen.
„Sie übertragen bereits die Eröffnung für das K.O.-System“, stellte Kai nüchtern fest und trat einen Schritt zurück. Er lockerte seine Krawatte, ein Zeichen, dass er für diesen Vormittag keine weiteren geschäftlichen Unterbrechungen dulden würde. Er deutete auf den Sessel neben seinem Schreibtisch. „Nami, komm. Gou wird in Kürze in der Startaufstellung erwartet.“
Nami trat an seine Seite. Sie spürte, wie die gewohnte Geschäftigkeit des Tachiwari-Towers im Hintergrund verstummte, als wäre die Welt um sie herum in einem Wartezustand. Auf dem riesigen Display sahen sie nun die ersten Aufnahmen aus den Katakomben der Arena – und dort, inmitten der anderen Athleten, wirkte Gou mit seiner stoischen Miene fast wie so oft, wie ein Ebenbild seines Vaters.
„Er wirkt so ruhig“, flüsterte Nami und sah fast gebannt auf die Übertragung. „Wie als würde er einfach nur in einen Konferenzraum gehen.“
„Er weiß, was er zu tun hat“, antwortete Kai. Sein Blick war so scharf, dass man meinen könnte, er wolle Gou durch den Bildschirm hindurch mit seiner eigenen Entschlossenheit stärken. „Jetzt zeigt sich, ob sich das Training der letzten Monate wirklich ausgezahlt hat.“
Das Rauschen der Zuschauermassen in der Londoner Arena schwoll zu einem ohrenbetäubenden Crescendo an, als das Licht im Stadion gedimmt wurde und nur noch der zentrale Ring hell erleuchtet blieb. Die Kameras schwenkten auf die Katakomben, wo die Kontrahenten für das erste Viertelfinal-Match bereitstanden.
Die Atmosphäre in der Londoner Arena war elektrisierend. Das Lichtspiel der Strahler schnitt wie Laser durch den leicht nebligen Dunst, der über dem Stadionboden hing, während das tausendfache Murmeln der Zuschauer zu einem einzigen, erwartungsvollen Grollen verschmolz.
Auf dem riesigen Bildschirm im Tachiwari-Tower sahen Nami und Kai, wie Gou den dunklen Tunnel hinter sich ließ. Er bewegte sich mit einer beinahe lautlosen Eleganz in die Arena. Sein Gesichtsausdruck war eine Maske aus kühler Entschlossenheit – jener geerbte, stoische Blick, der keine Zweifel an seiner Absicht ließ. In seinem Inneren spürte er die Präsenz seines Bit-Beasts, des dunklen Corvus, der wie ein Schatten in seiner Seele darauf wartete, entfesselt zu werden.
Von der anderen Seite der Arena betrat Swen Jannson das Rampenlicht. Der Schwede war auffällig groß und schlank, sein weißblondes Haar leuchtete fast silbern unter den Strahlern. Er wirkte entspannt, fast schon arrogant in seiner ruhigen Art, wie er sein Beyblade in der Hand drehte.
Der Kommentator brüllte in sein Mikrofon: „Meine Damen und Herren, willkommen zum Auftakt des Viertelfinales! Japan gegen Schweden! Gou Hiwatari gegen den unbezwingbaren Swen Jannson! Das BBA Future-Stadium ist bereit, die Frage zu klären: Wer zieht ins Halbfinale ein?“
Die beiden Kontrahenten nahmen ihre Positionen ein. Swen sah zu Gou hinüber und lächelte dünn. „Ein Rabe, nicht wahr? Hoffentlich sind deine Flügel stark genug für den Sturm, den ich entfessle.“
Gou erwiderte nichts. Er positionierte sich, sein Blick fixierte nur das Stadioninnere.
„3... 2... 1... Let it rip!“
Zwei Lichtblitze schossen in die Arena. Das metallische Dröhnen, als die Beyblades auf die Oberfläche trafen, hallte wie ein Donnerschlag durch die Halle. Swens Beyblade, massiv und mit einem eigenartigen, scharfen Klang, beschleunigte sofort und zog eine fast perfekte Kreisbahn um das Zentrum.
„Da haben wir ihn!“, rief der Kommentator überschlagen. „Swens Bit-Beast ‚Frosthorn‘! Ein riesiger, weißer Hirsch, dessen Geweih aus kristallinem Eis geformt scheint, während seine Nüstern heißen Dampf ausstoßen. Eine gefährliche Mischung. Seht euch diese Konterstellung an!“
In der Arena manifestierte sich über Swens Beyblade eine gewaltige, schimmernde Aura. Ein massiver, majestätischer Hirsch mit glühenden Augen erschien. Jedes Mal, wenn Gous Beyblade versuchte, eine Lücke zu finden und anzugreifen, stieß Frosthorn heißes, dampfendes Gas aus, das die Luft vibrieren ließ, und konterte mit einer Präzision, die fast unheimlich wirkte.
„Er wartet nur“, murmelte Kai vor dem Bildschirm, seine Arme vor der Brust verschränkt. „Er provoziert den ersten direkten Zusammenprall, um die Dynamik zu brechen.“
„Gou! Jetzt!“, hauchte Nami, die Hände fest ineinander verschlungen.
Auf dem Bildschirm sah man Gou plötzlich seine Haltung verändern. Eine dunkle, dunkelblaue Aura begann von ihm auszugehen, die sich wie eine zweite Haut um seinen Beyblade legte. Der schwarze Rabe breitete seine Schwingen aus, ein Schrei durchzog die Arena.
Swen lachte auf. „Jetzt wird es ernst! Frosthorn, zeig ihm die Stärke des Nordens!“
Der Hirsch stürmte mit gesenktem Geweih voran, heißer Dampf zischte unter seinen Hufen hervor. Doch Gou wich nicht aus. Im Moment des Aufpralls, als das Geweih des Hirsches auf Corvus traf, vollführte Gous Beyblade eine blitzschnelle Drehung um die eigene Achse. Es war kein Angriff, es war ein Aushebeln der Wucht.
„Was für eine Bewegung!“, schrie der Kommentator. „Gou nutzt die Energie von Swens Konter gegen ihn selbst! Das ist pures technisches Können!“
Der Aufprall ließ das Stadion erzittern. Funken sprühten, als die beiden Mächte – das eisige Konter-Feuer des Hirsches und die dunkle, raubvogelartige Präzision des Raben – in der Mitte der Arena aufeinandertrafen. Es war ein Tanz auf Messers Schneide, bei dem jede Millisekunde über den Verlauf des restlichen Turniers entscheiden konnte.
Die Arena erstrahlte in einem blendenden Licht, als Corvus sein Gefieder nun von einer schimmernden, fast übernatürlichen Energie erfüllt, in die Höhe schoss.
Swens Bit-Beast, das gewaltige Frosthorn, bäumte sich mit einem wütenden Schnauben auf, seine eisigen Geweihe funkelten bedrohlich. Heißer Dampf zischte aus seinen Nüstern, als es zum Gegenangriff überging und mit unglaublicher Wucht auf den Raben zustürmte.
„Seht nur! Die Bit-Beasts bekämpfen sich nun in voller Pracht über der Arena!“, brüllte der Kommentator, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Begeisterung. „Corvus und Frosthorn prallen in der Luft aufeinander! Ein Kampf der Giganten, während unten ihre Beyblades erbittert ringen!“
Unter ihnen, auf dem harten Arenaboden, wirbelten die Beyblades in einem rasenden Tanz des Stahls. Jeder Zusammenstoß erzeugte Funken, die wie kleine Feuerwerke in die Höhe schossen, und das metallische Kreischen der kreisenden Klingen erfüllte die Luft. Die beiden Beyblades rasten ineinander, trennten sich nur, um mit noch größerer Wucht erneut zusammenzuprallen. Es war ein unerbittlicher Austausch von Angriff und Verteidigung, ein Ringen um jeden Millimeter des Terrains.
Gou, dessen Augen fest auf sein Beyblade gerichtet waren, spürte die Verbindung zu seinem Bit-Beast. Er erinnerte sich an die Worte seines Vaters, an die unzähligen Trainingseinheiten, in denen er gelernt hatte, nicht nur die Stärke des Gegners zu nutzen, sondern sie zu überwinden. Ein Lächeln huschte über Gous Lippen.
„Zeit für den ‚Rabenschlag‘!“, rief Gou, seine Stimme klar und fest. „Corvus, nutze seinen Schwung!“
Über der Arena setzte der Rabe zu einem Sturzflug an. Er schoss herab, nicht um direkt anzugreifen, sondern um die Seiten von Frosthorn zu umfliegen, die vom Hirsches unaufhörlichem Vorwärtsdrang ungeschützt waren. Mit einem präzisen Flügelschlag nutzte der Rabe den Windstoß, den das Frosthorn selbst erzeugte, um seine Position zu verbessern. Das war die Lehre von Kai: die Energie des Gegners nicht zu blockieren, sondern umzuleiten und gegen ihn zu verwenden.
Gleichzeitig, auf dem Boden der Arena, begann Gous Beyblade, eine unvorhersehbare Bahn zu ziehen. Es schien, als würde es im letzten Moment vor einem direkten Aufprall abdrehen, nur um dann mit einer überraschenden Beschleunigung von der Seite her in Frosthorns Beyblade zu krachen. Der Winkel war perfekt, um die Stabilität des Gegners zu untergraben.
„Unglaublich! Gou hat die Bewegung des Gegners antizipiert!“, rief der Kommentator. „Er zwingt Swen in einen Schlagabtausch, den der Konter-Spezialist nicht gewinnen kann!“
Frosthorn, irritiert von den plötzlichen Manövern des Raben, versuchte, seine Position in der Luft zu halten, während unter ihm sein Beyblade unter Druck geriet. Swen, der die taktische Meisterleistung von Gou erkannte, sah, wie sein stolzes Bit-Beast anfing, zu wanken.
„Nein! Frosthorn, halte stand!“, schrie Swen, seine bisherige Gelassenheit wich purer Panik.
Doch es war zu spät. Der Rabe, der nun direkt hinter Frosthorn war, stieß einen gewaltigen Energieschub aus. Ein Magnetsturm, so stark wie ein Orkan, traf das Bit-Beast. Es war kein physischer Angriff, sondern ein Energiestoß, der das empfindliche Gleichgewicht des Hirsches erschütterte. Frosthorn wurde von seiner Position weggedrängt, seine Aura flackerte kurz auf.
Unten, im selben Moment, traf Gous Beyblade mit einem finalen, ohrenbetäubenden Knall auf Frosthorns Beyblade. Es war der Höhepunkt der umgeleiteten Energie, der volle "Rabenschlag", der Kais Lehre perfekt umsetzte. Die Wucht war so immens, dass Swens Beyblade, dessen Stabilität bereits untergraben war, aus seiner Bahn geschleudert wurde. Es taumelte, drehte sich unkontrolliert und schlug dann mit einem letzten, metallischen Klirren gegen die Arenawand.
„Ring-out! Gou hat gewonnen! Japan gewinnt die erste Runde!“, rief der Kommentator, seine Stimme brach vor lauter Freude. Die Menge tobte, ein Meer aus Jubelrufe und Applaus erfüllte das Stadion.
Gou atmete tief durch, hob sein Beyblade auf und blickte in die tobende Menge. Der Kampf war hart gewesen, doch er hatte sich gelohnt. Er hatte bewiesen, dass er nicht nur ein Kämpfer, sondern auch ein Stratege war, der das Erbe seines Vaters in sich trug.
Im Tachiwari-Tower saßen Nami und Kai vor dem Bildschirm. Eine Stille erfüllte den Raum, die nicht die Leere der Enttäuschung, sondern die volle Zufriedenheit des Sieges trug. Nami legte ihre Hand auf Kais Arm und drückte ihn fest.
„Er hat es erneut geschafft“, flüsterte sie, ein stolzes Lächeln auf ihren Lippen.
Kai nickte, sein Blick immer noch auf den Bildschirm gerichtet, wo Gou von der Menge gefeiert wurde. „Er hat es mit seiner eigenen Stärke geschafft. Und mit dem, was er gelernt hat. Das ist alles, was zählt.“
Der Jubel in der Londoner Arena hallte noch immer von den Rängen wider, als Gou sein Beyblade in die Tasche gleiten ließ. Er wirkte nach dem Sieg gegen Swen Jannson fast schon wieder so unnahbar wie zu Beginn. Er wusste, dass dieser Sieg gegen den schwedischen Kapitän zwar ein psychologisch wichtiges Ausrufezeichen war, aber der Weg in das Halbfinale noch weit vor ihm lag.
Im Tachiwari-Tower löste sich die kurzzeitige Anspannung bei Nami und Kai sofort wieder auf, als sie die Statistiken auf dem Display aktualisierten.
„Eins zu null für Japan“, stellte Kai fest, seine Stimme klang sachlich, doch in seinen Augen blitzte ein Funken Anerkennung auf. „Gou hat dem Druck der ersten Begegnung standgehalten. Aber das Team-Format verzeiht keine Fehler.“
Nami nickte. „Er hat den stärksten Blader der Schweden neutralisiert. Das ist ein großer Vorteil für die Moral der anderen vier aus unserem Team.“
Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie Gou den Arena-Ring verließ, während hinter ihm bereits die Vorbereitungen für den zweiten Kampf liefen. Das offizielle Protokoll des Viertelfinales für Weltmeisterschaft war unerbittlich: Ein Team benötigte genau wie in der ersten Ausscheidungsrunde, die Mehrheit der Siege, um in die nächste Runde, das Halbfinale einzuziehen. Da beide Nationen fünf Athleten entsandten, musste Japan drei Siege aus fünf Kämpfen erzielen, um sicher weiterzukommen.
Der Kommentator stimmte die Zuschauer auf die Fortsetzung ein: „Ein brillanter Auftakt von Gou! Doch lehnen Sie sich nicht zurück, meine Damen und Herren! Das Viertelfinale hat gerade erst begonnen. Schweden wird versuchen, im zweiten Duell sofort auszugleichen. Wer wird als Nächstes für Japan antreten, um den Vorsprung auszubauen?“
Kai lehnte sich in seinem Sessel leicht vor und beobachtete aufmerksam, wie die Bänke der japanischen Delegation in der Arena in London in Bewegung gerieten. Er kannte die Stärken und Schwächen seiner Teammitglieder genau.
„Sie müssen jetzt klug wählen“, sagte Kai, mehr zu sich selbst als zu Nami. „Der schwedische Kontrahent wird nun versuchen, einen Konter gegen den Blader aufzustellen, der als Nächstes in den Ring steigt. Wenn sie jetzt taktisch falsch reagieren, ist der Vorteil von Gous Sieg schnell verspielt.“
Nami spürte, wie die Aufregung im Tachiwari-Tower erneut anstieg.
„Wer glaubst du, wird als Nächstes geschickt?“, fragte Nami leise.
Kai beobachtete die Bildschirmanzeige, auf der die Aufstellung der noch verbleibenden japanischen Teammitglieder kurz aufblitzte. Gou kannte die Persönlichkeiten seiner Teammitglieder: Violeta mit ihrem flammenden Palos, die unerschrockene Emilia mit Armadis, den arroganten Ryan mit seinem Glacius oder den ruhigen Seiya mit seinem flinken Ventus.
„Es hängt von der Wahl des schwedischen Gegners ab“, antwortete Kai kühl. „Gou hat den Ton angegeben – jetzt muss das Team beweisen, dass sie mehr sind als nur fünf Einzelkämpfer.“
Die Spannung in der Arena war beinahe greifbar. Die Zuschauer hielten den Atem an, als die zwei nächsten Blader die Arena-Plattform betraten.
Der Kommentator räusperte sich und seine Stimme hallte erneut kräftig durch das Stadion: „Meine Damen und Herren, wir bereiten uns auf das zweite Match dieses Viertelfinals vor! Während in der ersten Gruppenphase, der sogenannten Round-Robin, das Los entschied, welche Blader in der Arena aufeinandertreffen, ändert sich nun alles! Im K.O.-System des Viertelfinals haben die Team-Kapitäne nun die volle strategische Kontrolle. Sie entscheiden selbst, welchen ihrer Blader sie in welcher Reihenfolge ins Rennen schicken, um das taktische Übergewicht zu erlangen!“
Er machte eine kurze Pause, während auf den großen Bildschirmen die Gesichter der Kapitäne eingeblendet wurden.
„Das ist ein Schachspiel auf höchstem Niveau!“, fuhr der Kommentator fort. „Jeder Teamkapitän versucht zu antizipieren, welchen Blader das gegnerische Team als Nächstes einsetzt, um einen Vorteil durch Elementar-Vorteile oder taktische Konter zu erzielen. Gou Hiwatari hat mit seinem Sieg den ersten Punkt für Japan geholt, aber Schweden steht jetzt unter Zugzwang. Die Nerven liegen blank, denn ein einziger Fehlgriff bei der Aufstellung kann hier das gesamte Turnier-Aus bedeuten. Wir sehen, wie sich die Blader in der Mitte des Rings gegenüberstehen – die strategische Wahl ist getroffen, der Kampf beginnt gleich!“
Im Tachiwari-Tower fixierte Kai den Bildschirm. Sein Blick war konzentriert, fast schon analysierend, als er die Bewegungen des japanischen Teilnehmers genau verfolgte.
„Sie setzen auf Seiya“, stellte Kai ruhig fest, als er sah, wie der junge Blader mit dem violetten Haar in die Arena trat. „Eine kluge Wahl, um das Tempo hochzuhalten. Aber schauen wir mal, ob der schwedische Kapitän diese Entscheidung vorausgeahnt hat.“
Nami spürte, wie sich ihre Finger leicht um die Armlehne ihres Sessels klammerten. „Seiya ist besonnen, Kai. Er hat die Ruhe, die es braucht, um den Druck auszugleichen, den der schwedische Gegner jetzt ausüben wird.“
„Er hat die Ruhe“, gab Kai ihr recht, „aber gegen einen Gegner, der auf pure Zerstörungskraft setzt, muss er seinen Ventus perfekt steuern. Das ist der Moment, in dem sich zeigt, ob das Team wirklich als Einheit funktioniert.“
Auf dem Bildschirm war zu sehen, wie der Gegner aus dem schwedischen Team – ein stämmiger Blader mit einem verbissenen Gesichtsausdruck – seinen Beyblade in Position brachte. Das Stadion war wieder in Schweigen gehüllt, als die Vorbereitungen für das zweite Duell abgeschlossen wurden.
„Japan führt mit eins zu null“, tönte die Stimme des Kommentators erneut. „Kann Seiya den Vorsprung ausbauen, oder schlägt Schweden hier nun eiskalt zurück?“
Die Stille im Stadion war fast greifbar, als Seiya Miyazaki, mit seinem sanften, aber entschlossenen Blick, den Ring betrat. Ihm gegenüber stand Björn Granskog, ein massiger, in ein schweres Fellgewand gehüllter Schwede, dessen bloße Präsenz den Boden unter seinen schweren Stiefeln beben zu lassen schien.
„Das zweite Match!“, hallte die Stimme des Kommentators durch die Arena. „Seiya Miyazaki für Japan gegen den schwedischen Kraftprotz Björn Granskog! Die Taktik-Schlacht hat begonnen – kann Seiya den schnellen Wind gegen die rohe Urgewalt des Bären bestehen?“
„3... 2... 1... Let it rip!“
Zwei Lichtblitze zuckten über die Arena. Seiyas Beyblade, ein aerodynamisch geformtes Meisterwerk in Violett-Tönen, schoss mit einer Leichtigkeit in den Ring, die im krassen Gegensatz zum donnernden Aufprall von Björns Beyblade stand. Sobald Bos Kreisel den Boden berührte, vibrierte die gesamte Plattform. Ein dumpfer, tiefer Ton erfüllte die Halle.
„Seht euch das an!“, rief der Kommentator. „Björns Bit-Beast ‚Vibrost‘ ist sofort aktiv! Es erzeugt eine Schockwelle nach der anderen, die den Boden in der Arena förmlich aufbrechen lässt!“
Über Björns Beyblade manifestierte sich ein kolossaler, schillernd brauner Bär, dessen Pranken den Boden des Stadions zertrümmerten, sobald sie aufsetzten. Jedes Mal, wenn der Bär auf den Boden schlug, schickte er eine gezielte Schallwelle durch die Arena, die den Kurs von jedem Beyblade in der Nähe unberechenbar ablenkte.
Seiya blieb ruhig. „Ventus, bleib in der Höhe!“, rief er. Sein Bit-Beast, der riesige violette Falke, schraubte sich in die Lüfte. Während der Bär mit Schallwellen nach ihm tastete, nutzte Seiyas Beyblade die instabilen Luftströmungen, die durch Björns Erdbeben-Attacken entstanden waren.
„Unglaublich!“, kommentierte der Sprecher. „Seiya surft auf den Schockwellen seines Gegners! Ventus lässt sich nicht aus der Ruhe bringen!“
Björn lachte grimmig. „Glaubst du, du bist sicher, wenn du nur fliegst? Vibrost, brüll ihn vom Himmel!“
Der Bär stieß einen ohrenbetäubenden Schrei aus – eine Schallwelle, die so konzentriert war, dass sie die Arena-Scheiben erzittern ließ. Die Wucht traf Seiyas Beyblade direkt und ließ ihn kurz taumeln.
„Jetzt, Ventus!“, befahl Seiya mit einer Intensität, die man ihm bei seinem sanften Äußeren kaum zugetraut hätte. „Verwandel den Schall in Auftrieb!“
Ventus spreizte seine violetten Schwingen weit aus. Anstatt gegen die Schallwelle anzukämpfen, sog der Falke die Energie des Schalls in sich auf, nutzte die Frequenz der Welle und beschleunigte seine Rotation ins Unermessliche. Eine leuchtend violette Spirale bildete sich um Seiyas Beyblade.
„Ein gewagtes Manöver!“, rief der Kommentator. „Seiya nutzt den Schallangriff seines Gegners als Treibstoff für seinen eigenen Gegenangriff!“
Mit der gebündelten Kraft des Sturms schoss Seiyas Beyblade aus der violetten Spirale hervor, direkt auf den schwerfälligen Kreisel des Bären zu. Es war ein Zusammenstoß von zwei Welten: Der massive, beben-erzeugende Bär gegen den präzisen, schnellen Windsturm.
Beim Aufprall gab es keinen lauten Knall, sondern ein hohes, schneidendes Pfeifen. Die Schallwellen des Bären prallten gegen das violette Windschild von Ventus und begannen in sich zusammenzubrechen. Die Arena beruhigte sich schlagartig, als Seiyas Beyblade wie ein Bohrer durch die Verteidigung des Bären schnitt.
Björn Granskogs Beyblade verlor den Bodenkontakt, wurde von der Wucht des Sturms förmlich abgehoben und flog in einer weiten Bogenbahn aus dem Ring.
„Ring-out! Japan gewinnt auch das zweite Match! Was für ein taktisches Meisterwerk von Seiya und Ventus!“, brüllte der Kommentator, während die Menge in ein erneutes Jubelsturm ausbrach.
Im Tachiwari-Tower atmete Nami hörbar aus, während Kai nur ein minimales, zufriedenes Nicken zeigte. „Er hat nicht die rohe Kraft gesucht, sondern die Harmonie mit dem Wind“, bemerkte Kai leise. „Zwei zu null. Schweden steht jetzt mit dem Rücken zur Wand.“
Ablenkungen
Gerade als der Jubel über Seiyas Sieg durch die Lautsprecher im Büro des Tachiwari-Towers hallte, wurde die angenehme Stimmung durch ein kurzes, präzises Summen unterbrochen. Kai blickte auf das Display seines Terminals.
Es war sein leitender Assistent. Kai nahm den Anruf entgegen, sein Gesichtsausdruck veränderte sich von der analytischen Beobachtung sofort in eine geschäftliche Maske vollkommener Konzentration. Er hörte kurz zu, ein knappes „Ich verstehe, wir kommen sofort“ war die einzige Antwort, die er gab.
Er legte auf und drehte sich zu Nami um, die ihn bereits erwartete. „Die Ingenieure haben das Problem mit den Frequenzmodulatoren in der neuen Anlage in Osaka nicht in den Griff bekommen“, erklärte er, seine Stimme nun kühl und geschäftlich. „Sie verlangen eine sofortige Entscheidung von uns. Wenn wir die Anlage heute nicht freigeben, liegt die Produktion für die gesamte nächste Woche still.“
Nami sah kurz auf den Bildschirm, auf dem gerade die Wiederholung von Seiyas entscheidendem Manöver lief. „Zwei zu null für Japan“, sagte sie leise. „Sie haben das Momentum auf ihrer Seite. Aber die Arbeit ruft.“
Kai nickte. „Ich habe Anweisung gegeben, dass der Live-Stream auf meinem persönlichen Tablet weiterläuft, aber die Besprechung erfordert unsere volle Aufmerksamkeit. Wir werden den Rest des Kampfes nicht live mitverfolgen können.“
Die Atmosphäre im Büro hatte sich schlagartig gewandelt. Die Entspanntheit des Sieges war der pragmatischen Notwendigkeit der Konzernführung gewichen. Kai griff nach seinem Tablet und einer digitalen Mappe, während er Nami eine Hand anbot, um sie aus dem Sessel zu führen.
„Wir müssen in den Konferenzraum 4-B. Die Ingenieure warten bereits“, sagte er und trat an die Wandkonsole, um das Hauptdisplay abzuschalten.
Bevor das Bild erlosch, sah man noch kurz, wie das japanische Team auf der Tribüne ausgelassen feierte und sich auf den dritten Kampf vorbereitete, der nun endgültig den Einzug ins Halbfinale besiegeln konnte. Für Nami und Kai war die Welt der Beyblade-Arenen für den Moment in den Hintergrund getreten, ersetzt durch die technischen Herausforderungen ihres Imperiums.
„Ich hoffe, sie schaffen es...“, sagte Nami, als sie gemeinsam den gläsernen Adlerhorst verließen.
Kai hielt kurz inne, die Hand bereits an der Tür zum Korridor. „Sie werden alles geben, mein Schatz“
Ohne weiteren Kommentar schritten sie den sterilen Flur entlang, die Weltmeisterschaft in London für die nächsten Stunden hinter sich lassend, während der Tachiwari-Tower mit seiner unnachgiebigen betrieblichen Effizienz sie wieder in seinen Bann zog.
Das gedämpfte Surren der Belüftungsanlage und das sanfte Ticken ihrer Schritte auf dem polierten Steinboden bildeten einen harten Kontrast zu dem Jubel der Arena, der ihnen noch in den Ohren nachhallte.
Kurz vor der massiven, mit gebürstetem Stahl verkleideten Tür des Konferenzraums 4-B, blieb Kai abrupt stehen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloss er die Distanz zwischen ihnen und legte seine Hand fest um Namis Handgelenk. Sein Griff war nicht fordernd, sondern sicher – eine plötzliche, instinktive Geste der Erdung inmitten der rastlosen Geschäftswelt.
Er zog sie sanft, aber bestimmt einen Schritt näher zu sich. Als Nami zu ihm aufsah, sah sie in seinen Augen keine Spur mehr von der kühlen Analyse der Tachiwari-Corporation. Stattdessen lag dort eine tiefe, fast verborgene Intensität, die nur für sie bestimmt war.
Er beugte sich vor und legte seine Lippen auf ihre. Der Kuss war tief, kurz und voller ungefilterter Leidenschaft, die durch die vorangegangene Anspannung des Viertelfinales nur noch mehr an Kraft gewonnen hatte. Für diese wenigen Sekunden existierten weder Gous Meisterschaft in London, noch die Milliarden-Investitionen der Ingenieure oder der Druck des Imperiums. Es gab nur die Stille zwischen ihnen und die vertraute Wärme des anderen.
Als er sich leicht von ihr löste, blieb er einen Moment lang stehen, seine Stirn ruhte fast an ihrer. Sein Atem ging einen Hauch schwerer, doch seine Stimme war wieder ruhig, als er leise sagte: „Wenigstens dafür muss kurz Zeit sein, Nami.“
Es war ein seltener, fast verwundbarer Moment für den sonst so unnahbaren Kai Hiwatari. Ein kurzes Durchatmen, bevor sie die Maske der Firmenführung wieder aufsetzen würden.
Nami spürte, wie ihr Herzschlag, der gerade noch im Rhythmus des Beyblade-Kampfes geschlagen hatte, sich beruhigte und zugleich beschleunigte. Sie strich ihm kurz über den revers seines tadellosen Anzugs und nickte. „Für uns immer, Kai.“
Mit einem letzten, gefassten Blick in seine Augen, richtete sie ihre Haltung auf. Sie wusste, dass sie gleich eine Gruppe von leitenden Ingenieuren vor sich haben würden, die auf jede Nuance ihrer Mimik achten würden.
Kai öffnete die Tür zum Konferenzraum. Der Raum war in ein helles, fast steriles Licht getaucht. Ein Dutzend Ingenieure, die angestrengt über ihre Tablets und holografischen Projektionen gebeugt waren, richteten beim Eintreten des Ehepaars sofort ihre Köpfe auf. Die Atmosphäre im Raum war angespannt, geprägt von den Schwierigkeiten in Osaka, doch als Kai und Nami eintraten – nun wieder mit ihrer gewohnten, autoritären Ausstrahlung –, spürte man sofort, wie die Anwesenden unbewusst eine respektvollere, konzentriertere Haltung einnahmen.
„Meine Herren“, begann Kai, seine Stimme klar und schneidend wie ein Skalpell, während er an das Kopfende des Tisches trat. „Wir haben keine Zeit für Erklärungen. Zeigen Sie uns die Daten der Frequenzmodulatoren.“
Die Besprechung hatte begonnen, und während Nami neben ihm Platz nahm, verlor sich der Rest der Welt vollkommen hinter der Arbeit, die nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit forderte.
Die Atmosphäre im Konferenzraum 4-B war geladen. Das Summen der Lüfter war das einzige Geräusch, das die fast schon beklemmende Stille unterbrach, während einer der leitenden Ingenieure mit nervösen Fingern eine komplexe Grafik über die instabilen Frequenzmodulatoren an die Wand projizierte.
Nami saß kerzengerade auf ihrem Stuhl, ihre Haltung war perfekt, doch ihr Blick war für einen Moment zu starr auf die holografische Projektion gerichtet, die in Wirklichkeit nur ein verschwommener Schleier vor ihrem geistigen Auge war. In ihrem Kopf spielte sich in Dauerschleife die Arena von London ab. Haben sie den dritten Sieg geholt? Stehen sie bereits im Halbfinale?
Sie unterdrückte ein unruhiges Seufzen und wollte gerade nach ihrem Tablet greifen, um heimlich die Ticker-Daten zu checken, als sie plötzlich Kais Hand auf ihrem Oberschenkel spürte. Sein Griff war fest, fast besitzergreifend, und sein Daumen begann in einem langsamen, beinahe hypnotischen Rhythmus über den Stoff ihrer Hose zu streichen.
Nami zuckte kaum merklich zusammen. Sie sah zu Kai auf, der völlig ungerührt nach vorne blickte, als würde er dem Ingenieur lauschen, der gerade über thermische Belastungsgrenzen referierte. Doch seine Mundwinkel zuckten verräterisch.
„Nami?“, murmelte er leise, so tief, dass nur sie es hören konnte, während er den Blick nicht von den Berechnungen auf dem Display abwandte. „Die Frequenzabweichung in Sektor 7 liegt bei drei Prozent. Deine Meinung dazu? Oder bist du gedanklich gerade in einem Londoner Stadion und zählst die Punkte für unsere Mannschaft?“
Nami versteifte sich. Ihre Wangen erhielten einen leicht rosigen Schimmer, den sie sofort mit einem kontrollierten Ausdruck zu überspielen versuchte. „Die Abweichung ist vernachlässigbar, wenn die Kühlung greift, Kai“, antwortete sie kühl und professionell, doch ihre Stimme zitterte minimal.
Kai lehnte sich ein Stück zu ihr herüber, als würde er ihr nur einen vertraulichen Rat zur geschäftlichen Strategie geben. Der Duft seines Parfüms umhüllte sie sofort. Er nutzte die Gelegenheit, um ihr mit den Fingerspitzen sanft über die Wirbelsäule bis in den Nacken zu fahren, eine Berührung, die in diesem sterilen Konferenzraum fast schon verboten wirkte, ehe er die Hand wieder zurück auf ihren Oberschenkel legte.
„Du bist heute unkonzentriert“, flüsterte er, und in seinem Tonfall schwang ein leises, amüsiertes Lachen mit. „Vielleicht sollte ich dich öfter in Besprechungen mitnehmen, wenn der Ausgang eines Beyblade-Kampfes wichtiger ist als das Überleben unserer Osaka-Niederlassung.“
Unter dem Tisch verengte sich seine Hand zu einem sanften, aber unmissverständlichen Druck an ihrem Bein. Er brachte sie völlig aus der Fassung. Nami spürte, wie die Konzentration, die sie mühsam aufgebaut hatte, durch seine Provokation in tausend Stücke zersprang. Es war ein Spiel, das er beherrschte: Er wusste genau, wie er sie ablenken konnte, und er genoss es offensichtlich, ihre professionelle Fassade zum Bröckeln zu bringen.
„Konzentrier dich, meine Liebe“, fügte er hinzu, diesmal wieder etwas lauter, sodass ein Ingenieur am anderen Ende des Tisches kurz zu ihnen aufsah, ohne jedoch das Spiel zwischen ihnen zu bemerken. „Die Frequenzmodulatoren warten nicht auf das Halbfinale.“
Nami biss sich auf die Unterlippe. Die Spannung in ihr war nun zweigeteilt – einerseits die glühende Sorge um Gou und das Team, andererseits das wohlige, aber auch leicht frustrierende Gefühl, dass Kai sie in diesem Moment völlig in seiner Gewalt hatte. Sie zwang sich, wieder auf die Daten zu schauen, doch jedes Mal, wenn sein Finger über ihre Haut strich, vergaß sie für einen Herzschlag lang wieder alles, was sie gerade noch über Modulatoren gehört hatte.
Kai sah zu ihr hinüber, sein Blick glitzerte vor Amüsement. Er genoss ihre Anspannung sichtlich. Er wusste genau, dass sie keine Ruhe finden würde, bis die Nachricht vom Sieg kam, und er würde nicht aufhören, sie mit seiner Nähe aus der Reserve zu locken.
Die Spannung im Raum war fast schon unerträglich. Der leitende Ingenieur, ein Mann namens Morita, der für seine Pedanterie bekannt war, stockte mitten im Satz. Er bemerkte die feine, fast imperceptible Spannung zwischen Nami und Kai nicht, aber er sah, wie Nami kurz blinzelte und für einen Moment den Faden verlor.
„Wie Sie sehen können, Mrs. Hiwatari“, fuhr Morita fort und deutete mit seinem Laserpointer auf eine rot leuchtende Kurve in der Grafik, „ist die thermische Belastung in den Kopplungseinheiten kritisch. Wenn wir die Frequenz hier nicht drosseln, riskieren wir einen Komplettausfall der gesamten Charge.“
Nami atmete tief durch. Sie zwang ihren Blick auf die holografische Projektion. Sie musste sich konzentrieren.
~Gou. Halbfinale. Fokus~
Doch Kai war noch nicht fertig mit ihr. Unter dem Tisch spürte sie, wie seine Hand nun von ihrem Oberschenkel weiter nach oben wanderte, nur ein Stück, gerade genug, um sie wieder aus dem Konzept zu bringen. Er beugte sich erneut zu ihr, diesmal so nah, dass sie seinen warmen Atem an ihrer Wange spürte.
„Vielleicht“, flüsterte er so leise, dass die Ingenieure am anderen Ende des Tisches nur ein respektvolles Nicken seinerseits vermuten konnten, „sollten wir nach dieser Sitzung direkt unsere verspätete Mittagspause starten um die neuesten Stände...aus London zu überprüfen... Ganz ohne Ablenkung. Nur du und ich....“
Nami musste die Zähne zusammenbeißen, um nicht aufzulachen – oder vor purer Anspannung zu erröten. Sein Spiel war unfair. Er wusste genau, dass sie innerlich abgelenkt war und nutzte ihren Wunsch nach Informationen aus um sie in seine eigenen intimen Bahnen zu lenken...
„Du bist ein Teufel...“, zischte sie beinahe unhörbar, während sie versuchte, ihren Blick neutral auf die Projektion zu richten.
„Und du“, antwortete Kai mit einer Spur von Triumph in seiner tiefen Stimme, „bist heute erstaunlich leicht aus der Fassung zu bringen. Das ist... amüsant.“
Er nahm seine Hand plötzlich weg und setzte sich wieder kerzengerade hin, die Maske des unnahbaren Konzernlenkers war wieder perfekt an ihrem Platz. „Morita“, sagte er laut und bestimmt, sodass die gesamte Aufmerksamkeit der Ingenieure sofort wieder auf ihn gerichtet war. „Ihre Analyse zur thermischen Belastung ist inkorrekt. Sie haben die dynamische Lastverteilung bei Volllast nicht einberechnet. Korrigieren Sie das. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“
Die Ingenieure nickten eifrig, sichtlich eingeschüchtert von Kais plötzlichem Umschwenken auf die technische Analyse. Nami sah zu ihm auf. Er hatte sie völlig aus der Reserve gelockt, nur um sie dann im entscheidenden Moment wieder wie eine Schachfigur in seine Taktik einzubinden.
~Er spielt mit mir~ dachte sie, während sie ihre eigene professionelle Maske wieder aufsetzte.
~Er weiß genau, dass ich innerlich brenne, und er genießt die Hitze~
„Kai“, sagte sie mit ihrer festesten, professionellsten Stimme, während sie ein Tablet zur Hand nahm und auf eine scheinbar wichtige Grafik tippte, in Wahrheit aber mit einem schnellen Wischen eine Nachricht an Hilary schickte, mit der einzigen Frage: Status? „Wenn wir die Lastverteilung anpassen, müssen wir die Frequenz in den Modulatoren um genau 0,4 Hertz senken, um die Resonanz zu vermeiden. Das sollte die thermische Belastung um mindestens 15 Prozent senken.“
Kai sah sie an, ein kaum merkliches Funkeln der Anerkennung in seinen Augen. Er wusste, dass sie ihre Gedanken bei Gou hatte, und doch arbeitete ihr Verstand parallel dazu mit einer Brillanz, die ihn immer wieder faszinierte.
„Einverstanden“, sagte er knapp. „Setzen Sie das um. Und Nami...“ Er hielt kurz inne, bevor er den Blick wieder auf Morita richtete. „Wir schauen nach der Sitzung gemeinsam nach den Ergebnissen aus London. Versprochen.“
Es war ein seltener Kompromiss, ein kleiner Sieg für sie. Die Spannung im Raum blieb, doch für den Moment hatte sich die Dynamik zwischen ihnen in etwas gewandelt, das so explosiv war wie der Beyblade-Kampf, den sie eigentlich so gerne gesehen hätten.
Während die Ingenieure unter Kais strengem Blick ihre Berechnungen korrigierten, vibrierte Namis Tablet in ihrem Schoß. Sie hatte die Benachrichtigung lautlos gestellt, aber die Vibration fühlte sich an wie ein kleiner Elektroschock. Unter dem Tisch spürte sie Kais Hand – nicht mehr neckend, sondern eher wie eine stille Aufforderung, die Fassung zu wahren.
Sie wagte einen Blick auf das Display. Hilary hatte geantwortet. Ein kurzes, knappes Update: „Vierter Kampf läuft. Wir führen mit 2:1. Violeta kämpft gerade. Es sieht gut aus!“
Nami spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Wenn Violeta verliert, stünde es 2:2. Dann würde alles vom fünften Blader abhängen – die Entscheidung liegt bei dem, der als Letztes übrig ist. Sie musste sich zwingen, nicht sofort aufzuspringen.
Die nächsten zehn Minuten in diesem Raum fühlten sich für Nami an wie eine Ewigkeit. Jeder Satz, den Morita über die Frequenzmodulatoren verlor, hallte wie ein störendes Rauschen in ihrem Kopf wider. Unter dem Tisch blieb Kais Hand eine konstante, fast schon erdrückende Präsenz auf ihrem Oberschenkel. Jedes Mal, wenn sie versuchte, ihre Beine unruhig zu bewegen, drückte er sanft aber bestimmt dagegen – eine stumme Ermahnung, die Fassung nicht zu verlieren.
„Die Lastspitzen bei den Modulatoren 4 und 5 sind jetzt innerhalb der Toleranz, Sir“, meldete Morita schließlich und wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Er wirkte erschöpft, während er auf die Bestätigung von Kai und Nami wartete.
Nami sah ihre Chance. „Gut. Wenn das die thermische Belastung innerhalb der Sicherheitsmargen hält, können wir die Freigabe erteilen“, sagte sie, ihre Stimme klang beinahe professionell, auch wenn sie leicht belegt war. Sie wollte gerade den Stuhl zurückschieben, als Kais Hand auf ihrem Oberschenkel plötzlich einen festen Druck ausübte, der sie regelrecht in den Sitz zurückzwang.
Sie erstarrte. Kai hatte seinen Blick immer noch auf Morita gerichtet, der gerade seine Unterlagen zusammenpackte. „Ein Moment noch“, sagte Kai ruhig, und Nami konnte das amüsierte Leuchten in seinen Augen förmlich spüren, auch ohne ihn direkt anzusehen. Er nickte den Ingenieuren nacheinander zu, während diese sich sichtlich erleichtert und hastig verabschiedeten. „Gute Arbeit, meine Herren. Wir erwarten die implementierten Daten bis morgen früh auf unseren Terminals.“
Die Schritte der Ingenieure hallten auf dem Parkett wider, bis die schweren Flügeltüren hinter dem letzten von ihnen ins Schloss fielen. Plötzlich war der Raum totenstill.
Kai stützte sein Kinn auf seine freie Hand, den Ellbogen lässig auf den gläsernen Tisch gestützt, und sah Nami direkt an. Seine Augen glänzten vor dieser spezifischen, spielerischen Boshaftigkeit, die nur für sie reserviert war. Nami spürte, wie ihre Wangen unwillkürlich in einem tiefen Rot erglühten – eine Mischung aus Restanspannung, unterdrückter Ungeduld und der schieren Provokation seiner letzten Stunde.
Sie presste die Lippen zusammen und versuchte, ihn empört anzusehen, doch ihre Mundwinkel zuckten verräterisch. „Du bist unausstehlich, Kai“, sagte sie und versuchte, ihre Stimme fest klingen zu lassen, doch ein kleines Lächeln schlich sich ein. „Du hast dich heute benommen, als wäre ich eine deiner Assistentinnen, die man mit Ablenkungen disziplinieren muss.“
Kai lachte leise, ein seltener, tiefer Ton. Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor. „Ich finde es ausgesprochen süß, wie du dich verhalten hast, Nami. So ungeduldig, so sichtlich bemüht, die Contenance zu wahren, während du innerlich schon in London in der Arena stehst.“ Er hob seine Hand, die nun endlich von ihrem Oberschenkel wich, und fuhr sich über den Kinnrand. „Sei froh, dass nur ich deine Körpersprache so lesen kann. Wären Morita oder die anderen Ingenieure auch nur halb so aufmerksam, hätten sie längst gemerkt, dass die stellvertretende Vorsitzende der Tachiwari-Corporation heute eher für ein Beyblade-Turnier als für Modulatoren brennt.“
Nami verschränkte die Arme vor der Brust, ein freches Leuchten in den Augen. „War das alles nur Absicht? Wolltest du mich ärgern? Mit deiner Hand... das war unfair, Kai.“
Kai grinste breit, ein Ausdruck echter Freude, der sein Gesicht fast um Jahre jünger wirken ließ. „Natürlich wollte ich dich ärgern. Dein Fokus war weg, und als dein Ehemann und Geschäftspartner sehe ich es als meine Pflicht an, dich zurück in die Realität zu holen. Dass es mir dabei auch noch ein diebisches Vergnügen bereitet hat, dich so aus der Fassung zu bringen, ist lediglich ein glücklicher Nebeneffekt.“
Nami blickte auf ihr Tablet, das immer noch stumm auf dem Tisch lag. Sie zögerte einen Moment, das Spiel zwischen ihnen war so intensiv, dass sie für einen Herzschlag fast vergessen hatte, wie wichtig diese Nachricht für sie war. Kai bemerkte ihr Zögern, legte seinen Kopf leicht schief und nickte ihr mit einem sanften, fast schon liebevollen Grinsen zu. „Schau nach, Nami. Alles ist gesagt. Die Arbeit ist getan.“
Nami stupste ihn kurz spielerisch, aber mit einer gewissen Entschlossenheit an die Stirn. „Du bist wirklich unmöglich.“ Sie funkelte ihn noch einmal frech an, bevor sie ihre Aufmerksamkeit endlich dem Tablet widmete.
Ihr Blick flog über das Display. Ein kurzes, kräftiges Ausatmen entwich ihren Lippen. Sie sah wieder zu Kai auf, ihre Augen leuchteten. „Halbfinale“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Sie haben es geschafft. Japan ist im Halbfinale.“
Die Erleichterung durchflutete Nami wie eine warme Welle. Ohne lange nachzudenken, sprang sie auf, ihre Sorgen um das Viertelfinale lösten sich in purem Stolz auf. Vor Freude machte sie eine kleine, fast mädchenhafte Pirouette auf dem polierten Boden des Konferenzraums. „Sie haben es geschafft, Kai! Wir sind im Halbfinale!“, rief sie, das Strahlen in ihrem Gesicht war heller als die Neonröhren an der Decke. „Ich brauche jetzt eine Pause – ich gehe direkt hoch ins Restaurant und gönne mir den größten Kuchen, den sie haben!“
Sie war bereits an der schweren Tür angekommen und ihre Hand legte sich auf den kühlen Griff. Doch in dem Moment, in dem der Mechanismus einrastete, schnellte ein Arm von hinten über ihre Schulter und drückte die Tür mit einer solchen Entschlossenheit wieder ins Schloss, dass es leise im Raum hallte.
Nami erstarrte. Sie spürte Kais Nähe sofort – seine Brust an ihrem Rücken, seinen warmen Atem, der sich in den feinen Härchen ihres Nackens verfing. Seine andere Hand legte sich fest und besitzergreifend auf ihre Taille. Ihre Augen weiteten sich, als sie die Gefahr – und die Verlockung – in seiner Haltung begriff.
Sie drehte sich in seinem Griff um, ihre Augen suchten die seinen, ein kleiner Protest lag auf ihren Lippen. „Kai, warte...“, begann sie, doch ihre Worte verloren an Substanz, als er sie mit dem Rücken zurück gegen das kühle Holz der Tür drückte. Sein Blick war dunkel, konzentriert und frei von jeder geschäftlichen Maske.
„Den Kuchen bekommst du, Nami“, raunte er, seine Stimme ein tiefes Vibrieren, das ihr durch Mark und Bein ging. „Aber erst, wenn wir hier fertig sind. Du hast dich in der Besprechung mehr als nur einmal ablenken lassen. Ich habe beschlossen, dass eine kleine Strafe für deine mangelnde Konzentration angebracht ist.“
Nami atmete zittrig ein. „Kai, nein... nicht hier“, flüsterte sie, ihre Stimme schwankte zwischen Bitte und Versuch einer moralischen Instanz. „Nicht im Konferenzraum. Bitte, lass uns wenigstens in dein Büro gehen...“
Ihre Einwände verstummten jäh. Kai beugte sich vor, und seine Lippen berührten kaum spürbar ihre Haut. Er begann, seine Zunge in langsamen, kreisenden Bewegungen über die empfindliche Stelle an ihrem Hals gleiten zu lassen, ein Spiel, das ihre Nerven zum Zerreißen spannte. Jedes Wort, das sie noch sagen wollte, blieb ihr augenblicklich im Halse stecken. Er löste sich kurz....dann schob er seinen Zeigefinger sanft unter ihr Kinn und zwang sie, den Kopf leicht zu heben. Sein Blick hielt ihren fest, bevor er sie in einen Kuss zog, der so langsam und erotisch war, dass er die Zeit im Raum buchstäblich zum Stillstand brachte. Nami spürte augenblicklich wie ihre Knie weich wurden.
Die sterile Umgebung des Konferenzraums – das kalte Glas, die Bildschirme, die verlassenen Stühle – verlor für sie jede Bedeutung. Die einzige Realität, die jetzt noch existierte, war die Art und Weise, wie Kai sie an die Tür drängte und sie mit einer Intensität forderte, die ihr jeden Gedanken an Osaka oder das Turnier vollkommen raubte.
Er löste sich nur langsam von ihr, als würde er jede Sekunde des Nachbebens genießen. Er trat einen Schritt zurück, die kühle Professionalität kehrte in seine Züge zurück, als wäre der Konferenzraum nie der Schauplatz eines solchen Spiels gewesen. Sein Schmunzeln war jedoch geblieben – ein leises, fast schon triumphierendes Lächeln, als er bemerkte, wie flach ihr Atem ging und wie ihre Augen noch immer glasig und benommen von dem Kuss waren.
Er glättete sein Revers, seine Bewegungen waren präzise und kontrolliert, ganz der Mann, der gerade noch eine Konzernkrise abgewendet hatte. Mit einer beiläufigen Handbewegung zur Tür signalisierte er ihr, dass sie nun gehen konnten.
„Komm schon“, sagte er, seine Stimme war wieder so ruhig und fest, als hätte er nie den schnellen Puls an ihrem Hals gespürt. „Du wolltest deinen Kuchen. Dann lass uns gehen.“
Nami stieß einen scharfen Atemzug aus, fast wie ein kleines Schluchzen vor unterdrückter Emotion. Ihre Knie fühlten sich an wie weiches Wachs. Das also war die ‚Strafe‘ gewesen – ein erneutes Spiel mit ihrem Verlangen, ein Moment der absoluten Intensität, nur um sie dann mitten im Sturm stehen zu lassen und zur Normalität zurückzukehren.
Sie erinnerte sich nur zu gut daran, wie sie sich vor zwei Wochen noch gegenüber Hilary und den anderen darüber echauffiert hatte – wie sie diese Art von neckischem Spiel und die damit verbundene emotionale Achterbahnfahrt als „unnötige Qual" abgespeist hatte während Kai dafür zur Strafe, unwissend in die bunte Hölle des Indoor-Parks geschickt wurde.
Es war eine Droge, die sie in einem Verlangen nach ihm zurückließ, das sie jedes Mal fast den Verstand kostete, während er... er schien sich so mühelos darüber zu amüsieren.
Doch Nami kannte ihn zu gut. Sie sah hinter das perfekt inszenierte, amüsierte Schmunzeln. Sie wusste, dass es eine Maske war – eine sorgfältig gewählte Fassade, hinter der er sein eigenes, loderndes Verlangen verbarg. Ihre Bewunderung für seine eiserne Selbstbeherrschung war heute Nachmittag größer denn je, auch wenn sie ihn in diesem Moment am liebsten wieder gegen die Tür gedrückt hätte, um ihn daran zu erinnern, dass sie sich nicht so leicht abspeisen ließ.
„Du...“, setzte sie an, ihre Stimme war noch immer brüchig, und sie brauchte einen Moment, um ihre Haltung wieder zu finden. Sie strich sich die Haare zurecht und warf ihm einen Blick zu, der irgendwo zwischen aufkeimender Wut und purer Anziehung lag.
Kai wartete geduldig, die Hände in den Hosentaschen, den Blick entspannt auf sie gerichtet. Er wirkte völlig unberührt, doch als Nami an ihm vorbeiging, bemerkte sie, wie er kurz die Kiefer zusammenbiss – ein winziges Anzeichen dafür, dass seine Maske vielleicht doch nicht ganz so undurchdringlich war, wie er es wollte.
„Du spielst ein gefährliches Spiel, Kai Hiwatari“, murmelte sie, als sie an ihm vorbeiging, den Kopf erhoben, auch wenn ihre Beine noch immer leicht zitterten.
„Das Leben im Management ist ohnehin ein Spiel, Nami“, antwortete er leise, und sie konnte hören, wie er ihr folgte, seine Schritte fest und rhythmisch auf dem Steinboden. „Und ich habe noch nie gerne verloren.“
Sie gingen schweigend zum Aufzug. Die Stille zwischen ihnen war nun nicht mehr produktiv oder kühl, sie war aufgeladen mit allem, was sie gerade nicht gesagt hatten. Während die Anzeige über dem Aufzug nach oben kletterte, spürte Nami seinen Blick in ihrem Nacken – derselbe Punkt, den er vor wenigen Augenblicken noch mit seinen Lippen bearbeitet hatte – und sie wusste, dass dieser Kuchen heute Abend wohl kaum die einzige Süße bleiben würde, die sie sich gönnten.
Der Aufzug glitt lautlos in die Höhe, die spiegelnden Metallwände warfen die schmalen Silhouetten der beiden zurück. Nami stand vorne, den Blick starr auf die leuchtenden Stockwerkszahlen gerichtet, doch sie konnte Kais Präsenz hinter sich förmlich spüren. Er stand so nah, dass die Hitze seines Körpers ihren Rücken wie ein sanftes Glühen durchdrang.
„Du bist sehr still, mein Schatz“, bemerkte Kai leise. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, der den schmalen Raum zwischen ihnen überbrückte. „Nachdem du gerade noch so lebhaft von Kuchen und Halbfinale gesprochen hast.“
Nami biss sich auf die Lippe. Der Vorwurf der „unnötigen Qual“ schwang noch immer in ihren Gedanken mit, gepaart mit der Erinnerung an die letzte Woche – die Zeit, in der sie ihn an einem Sonntag als ‚Strafe‘ für seine spielerische Art in diesen lauten, bunten Indoor-Park geschickt hatte. Sie hatte geglaubt, ihm damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, ihn gezwungen, sich dem Trubel, den lärmenden Kindern und der Reizüberflutung auszusetzen. Doch rückblickend war er dort erstaunlich gefasst geblieben. Und jetzt, hier im Aufzug, begriff sie erst, wie sehr er diese Zurückhaltung genossen haben musste, nur um sie heute, in diesem sterilen Konferenzraum, mit umso größerer Präzision und Intensität wieder anzugreifen.
„Ich frage mich nur“, begann sie, ohne sich umzudrehen, „ob du nicht langsam genug davon hast. Dieses Spiel. Du weißt noch genau, was du versprochen hast, nachdem ich dich in diese ‚bunte Hölle‘ geschickt habe. War das nicht die Abmachung? Weniger Neckereien, mehr... Konzentration auf das...Wesentliche?“
Ein leises Schmunzeln erklang hinter ihr, tief und dunkel. „Mh...Ich halte meine Versprechen, mein Schatz. Immer.“
Sie spürte, wie er einen halben Schritt näher trat. Seine Stimme war nun direkt an ihrem Ohr, und sie konnte förmlich sehen, wie er die Augen verengte. „Aber jedes Versprechen hat seine Bedingungen. Es gibt keinen Grund für mich, meine Strategie zu ändern – solange es einen Anlass dazu gibt, dir eine Lektion zu erteilen. Du hast heute mehr als einmal bewiesen, dass dein Fokus woanders lag als bei den Modulatoren. Ich habe dich lediglich... korrigiert.“
Nami drehte sich langsam um. Sie verschränkte die Arme vor der Brust, ein herausfordernder Glanz in ihren Augen, der trotz ihrer zitternden Beine nicht an Intensität verloren hatte. „Korrigiert? Nennst du das so? Ich würde es eher eine gezielte Störung des Betriebsablaufs nennen, Kai Hiwatari.“ sie musste unwillkürlich grinsen.
Kai hob die Brauen. Sein Gesichtsausdruck war eine perfekte Mischung aus geschäftlicher Arroganz und dieser gefährlichen, privaten Amüsiertheit. „Wenn der Betriebsablauf so reizvoll ist wie du, wenn du versuchst, deine Professionalität zu wahren, dann ist die Störung ein notwendiges Übel.“
In diesem Moment hielt der Aufzug mit einem sanften Ruck an. Die Türen glitten auf und gaben den Blick auf das exklusive Restaurant in der obersten Etage frei, wo das gedämpfte Licht der Pendelleuchten und das leise Klirren von Kristallgläsern eine Welt fernab von Konzernkrisen versprachen.
Nami sah ihn lange an, einen Moment lang schwieg sie. Dann löste sie ihre verschränkten Arme und trat einen Schritt aus dem Aufzug, ohne den Blick von ihm zu lassen. „Lass uns sehen, ob der Kuchen heute Abend wirklich so süß ist wie dein Versprechen, Kai. Oder ob du dir diese Lektionen nur ausdenkst, um mich aus der Reserve zu locken.“
Kai folgte ihr, die Hände wieder in den Taschen, mit jenem leichtfüßigen, fast raubtierhaften Stolz, der ihn ausmachte. „Finden wir es heraus.“
Nami wählte ein kunstvoll verziertes Törtchen – eine dunkle Schokoladenkreation mit einem Hauch von Blattgold – und setzte sich mit einer bewusst langsamen, fast schon theatralischen Anmut an den kleinen Fenstertisch. Ein Glas Wein ergänzte die Stimmung zu Tisch.
Kai nahm ihr gegenüber Platz, sein Blick ruhte auf ihr mit einer Mischung aus Erwartung und einer kaum verborgenen Spannung, die seine Kiefermuskulatur leicht hervortreten ließ. Nami wusste um das Risiko. Sie hatte ihn seit über einer Woche mit Vorsicht genossen, hatte ihre kleinen Neckereien im Tower unterdrückt, um das Biest in ihm nicht zu wecken. Doch heute, nach diesem Kuss an der Tür, war das Verlangen nach Revanche stärker als ihr gesunder Menschenverstand.
Sie führte die kleine Gabel zum Mund, schloss die Augen und ließ ein leises, wohliges Seufzen entweichen, das gerade laut genug war, um Kais Konzentration zu durchbrechen. Ihre Augen öffneten sich wieder und fixierten die seinen, während sie den Kuchen langsam genoss.
Unter dem Tisch veränderte sich die Dynamik. Nami ließ ihren Fuß spielerisch gegen den Absatz von Kais Schuh gleiten, um dann mit einer langsamen, fordernden Bewegung an seinem Bein hochzufahren. Ihr Fuß glitt über den Stoff seiner Anzughose, strich über das Knie und hielt erst inne, als sie den festen Muskel seines Oberschenkels erreichte. Ihr Blick blieb dabei unschuldig, fast beiläufig, während sie den nächsten Bissen nahm.
Kai erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde. Sein Blick, der zuvor noch so amüsiert auf ihr geruht hatte, verfinsterte sich augenblicklich. Er blickte sich diskret um, prüfte, ob einer der Kellner oder Gäste zu ihnen herübersah, und ließ dann, mit einer beinahe zu abrupten Bewegung, seine Stoffserviette auf den Boden gleiten.
„Verzeih...“, murmelte er mit einer Stimme, die gefährlich rau klang.
Er beugte sich nach vorne, um die Serviette aufzuheben. Sein Gesicht kam ihrem Ohr so nahe, dass sie die Hitze seines Körpers spüren konnte. Als er wieder nach oben kam, seine Hand kurz auf der Tischkante verweilte, flüsterte er, so leise, dass es nur für sie bestimmt war: „Du spielst ein Spiel, das du heute nicht gewinnen wirst, mein Schatz. Wenn du genau so weitermachst, wird das quälend lange Vorspiel, nach dem du gerade so förmlich bettelst, uns heute Abend bis in die frühen Morgenstunden beschäftigen.“
Er setzte sich wieder hin, sein Gesicht war nun eine Maske aus vollkommener, fast unbeteiligter Ruhe, doch seine Augen brannten vor Amüsement. Nami spürte, wie ihr Atem stockte. Er hatte den Spieß nicht nur umgedreht, er hatte ihn direkt in ihr rasendes Herz gestoßen.
Nami legte ihre Gabel beiseite. Sie hatte das Ziel erreicht, ihn aus der Reserve zu locken, doch die Aussicht auf die kommende Nacht ließ die Luft in ihren Lungen plötzlich sehr dünn werden.
„Ich glaube“, sagte sie mit einem Hauch von Heiserkeit in der Stimme, während sie einen Schluck Wein nahm, „dass wir den Kuchen vielleicht doch etwas schneller aufessen sollten. Ich habe plötzlich ganz andere Pläne für den Rest des Abends.“
Kai schenkte ihr ein langsames, fast schon gefährlich attraktives Lächeln, das keine Zweifel mehr an seinen Absichten ließ. „Ganz wie du wünschst. Ich bin heute Abend sehr... geduldig.“
Liebeskummer
Nami wollte gerade etwas erwidern, etwas, das ihn herausfordern würde, als ein scharfes, ungeduldiges Vibrieren das kurze Schweigen durchschnitt. Es war kein sanftes Surren eines beruflichen Terminals. Es war ein fast schon verzweifeltes, wiederholtes Vibrieren, das ihren Blick sofort auf ihr Handy auf dem Tisch zwingen ließ.
Das Display leuchtete hell auf.
Hiromi.
Namis Lächeln gefror. Sie sah von dem Namen zu Kai, dessen Blick sich augenblicklich verhärtete. Er hatte den Namen ebenfalls gelesen. Die spielerische Spannung, die noch eben jeden Muskel ihres Körpers hatte beben lassen, wich einer kühlen, mütterlichen Wachsamkeit.
„Hiromi“, sagte sie leise, und ihr Tonfall war nun ganz anders – besorgt, fast schon alarmiert. Sie sah Kai an, der ihr einen kurzen, fragenden Blick zuwarf, dann aber nickte. Er verstand. Bei Hiromi gab es keine kleinen Spielchen.
Nami nahm das Handy auf und drückte auf Annehmen, während sie Kai einen entschuldigenden, aber gehetzten Blick zuwarf.
„Hiromi?“, fragte sie, ihre Stimme ruhig und kontrolliert, während sie spürte, wie Kai sich in seinem Stuhl aufrichtete und die Umgebung wieder mit geschäftlicher Distanz scannte. „Alles in Ordnung?“
Am anderen Ende der Leitung war es kurz still, bevor ein schluchzendes, zittriges Einatmen zu hören war. „Nami... es tut mir so leid. Ich weiß, es ist bereits Nachmittag, und ich sollte nicht... aber ich weiß einfach nicht weiter.“ Hiromis Stimme überschlug sich beinahe. „Darf ich... darf ich bitte bei euch am Anwesen vorbeikommen? Ich muss mit dir reden. Ich halte es einfach nicht mehr aus, Nami. Bitte.“
Nami spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Sie wusste, worum es ging. Sie wusste um Gous Distanz, um sein Schweigen und um den kommenden Sturm, der diese Beziehung zerreißen würde. Sie sah zu Kai, der sie beobachtete. Er brauchte keine Worte zu hören, um zu wissen, dass der Abend eine andere Wendung genommen hatte.
„Natürlich“, antwortete Nami fest, ihre Stimme verriet keine Regung, obwohl ihre Hand das Handy so fest umklammerte, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Komm direkt zum Anwesen. Wir machen uns sofort auf den Weg. Du kannst dort auf uns warten.“
Sie legte auf und sah Kai an. Die Leidenschaft, die gerade noch zwischen ihnen geglüht hatte, war nun hinter der Realität des Familienlebens verborgen, doch das untergründige Feuer war nicht erloschen – es war nur in den Hintergrund getreten.
„Sie will zum Anwesen kommen“, sagte Nami leise. „Sie ist völlig am Ende.“
Kai nickte nur knapp, erhob sich mit einer fließenden Bewegung und legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter – ein kurzes, festes Zeichen der Verbundenheit, bevor er sein Jackett nahm. „Dann beenden wir das hier. Wir haben eine Familie, um die wir uns kümmern müssen.“
Die Fahrt zum Anwesen fühlte sich an diesem Abend wie eine endlose Prozession durch die kalte, neonbeleuchtete Leere Tokios an. Kai lenkte den Wagen mit einer Präzision, die fast schon mechanisch wirkte, doch das Schweigen im Inneren war schwerer als die üblichen geschäftlichen Diskurse. Nami spürte die Unruhe, die wie ein ungelöster Knoten in ihrer Brust saß. Die Nachricht von Hiromi war kein bloßes „Störgeräusch“ mehr; sie war ein Echo auf das, was Nami längst befürchtet hatte.
Als sie schließlich die Tore des Ayame-Anwesens erreichten, sah sie Hiromi schon von weitem. Das Mädchen stand verloren vor dem massiven eisernen Tor, die Schultern unter der Last der abendlichen Einsamkeit und der Verzweiflung zusammengesunken.
Kai bremste den Wagen sanft ab und schaltete den Motor aus. Das leise Klicken, als er den Wagen entriegelte, durchschnitt die Stille des rötlichen Abends.
„Sie wartet draußen“, stellte Kai nüchtern fest. Sein Blick streifte Nami kurz, und für einen Moment lag darin eine Mischung aus väterlicher Strenge und dem Wissen, dass sie hier nicht mit geschäftlicher Logik weiterkommen würden. „Ich überlasse dir das.“
Nami nickte dankbar. Sie stieg aus, und die milde Abendluft des Sommers schlug ihr entgegen, während sie auf das eiserne Tor zuging. Hiromi zuckte zusammen, als sie die Schritte hörte, und hob den Kopf. Ihr Gesicht war bleich, die Augen waren von dem langen Warten und den Tränen der letzten Tage gerötet und geschwollen.
„Nami...“, brachte sie hervor, ihre Stimme brach bereits, bevor der Satz überhaupt richtig begonnen hatte. „Es tut mir so leid, dass ich so spät noch komme. Ich weiß, ihr seid beschäftigt, aber... ich konnte nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus.“
Nami erreichte das Tor und öffnete den Mechanismus. Sie trat auf das Mädchen zu und legte ihre Arme schützend um Hiromis zitternde Schultern. Sie spürte, wie dünn und zerbrechlich das Mädchen in ihrer Umarmung wirkte.
„Schon gut, Hiromi. Du musst dich nicht entschuldigen“, sagte Nami leise, während sie sie sanft in Richtung des Haupteingangs lenkte. „Komm rein. Hier draußen ist es viel zu ungemütlich für solche Gespräche.“
Als sie die schwere Eingangstür hinter sich schlossen, wirkte die Leere der großen Halle fast beklemmend. Nami führte Hiromi in den Salon, wo sie ihr einen Platz auf dem großen Sofa anbot.
Hiromi ließ sich sinken, die Hände ineinander verschlungen, die Knöchel weiß vor Anspannung. „Er meldet sich einfach nicht mehr, Nami. Er ignoriert mich. Wenn wir schreiben, sind seine Antworten so kurz... als wäre ich eine Fremde. Als würde er mich kaum noch kennen.“ Sie sah Nami hilflos an. „Habe ich etwas falsch gemacht? Liegt es an London? Ich habe das Gefühl, ich verliere ihn, und ich weiß nicht einmal, warum.“
Nami setzte sich neben sie und nahm ihre Hände. Sie spürte den stechenden Schmerz der Ehrlichkeit, die sie ihr schuldig war – und gleichzeitig das Wissen um Gous Entschluss, der wie ein Damoklesschwert über allem hing.
„Hiromi“, begann Nami vorsichtig, ihre Stimme so sanft wie möglich. „Gou ist... er ist im Moment auf einem Weg, den er alleine geht. Er ist so fokussiert auf sein Ziel, auf dieses Turnier, dass er Mauern hochgezogen hat, für die selbst ich manchmal kaum einen Schlüssel finde.“
„Aber er antwortet dir“, konterte Hiromi unter Tränen. „Dir und seinem Vater antwortet er.“
Nami schwieg einen Moment. Sie konnte ihr nicht sagen, dass diese Antworten oft nur funktional waren – Teil einer Pflicht, die Gou noch nicht abgelegt hatte. Sie sah zu der Tür, durch die Kai kurz darauf den Raum betrat. Er blieb einen Moment im Schatten stehen, die Hände in den Hosentaschen, und beobachtete die Beiden. Sein Blick war undurchdringlich, doch Nami sah, wie er die Kiefer leicht zusammenbiss.
„Hiromi“, sagte Kai nun, seine Stimme ruhig, aber unerbittlich direkt. Er trat ins Licht der altertümlichen Stehlampe „Du suchst nach Antworten, die Gou dir im Moment selbst nicht geben kann...oder nicht geben will. Aber du solltest dir eine Frage stellen: Ist das der Gou, den du brauchst? Oder ist das nur die Version von ihm, die du verzweifelt festzuhalten versuchst?“
Hiromi schaute zu Kai auf, erschrocken von der Härte seiner Worte, doch Nami legte beruhigend ihre Hand auf Hiromis Arm. „Kai“, ermahnte sie ihn leise, doch Kai schüttelte nur leicht den Kopf. Er wusste, dass falsche Hoffnung hier grausamer war als die Wahrheit.
„Sie muss verstehen, Nami“, sagte er leise, „dass man jemanden nicht zwingen kann, einen zu sehen, wenn er beschlossen hat, die Augen zu verschließen.“
Hiromi weinte nun hemmungslos, und Nami zog sie an sich, während sie über ihre Schulter hinweg einen Blick mit Kai wechselte. Der Moment war bitter, doch die Realität ließ sich nicht länger leugnen.
Hiromis ganzer Körper bebte unter der Last ihrer Verzweiflung. „Aber ich liebe ihn doch!“, schluchzte sie in Namis Schulter, ihre Worte waren kaum mehr als ein ersticktes Flüstern. „Ich liebe ihn, und das muss doch zählen, oder? Irgendwann muss er doch begreifen, dass ich... dass wir...“
Kai, der nur wenige Schritte entfernt stand, ließ ein kurzes, fast unhörbares Schnauben hören. Ein Ausdruck von beinahe ironischem Mitleid huschte über seine Züge, als er das Wort „Liebe“ wie etwas Abstraktes, fast Absurdes im Raum schweben ließ. Er wollte gerade ansetzen, eine seiner präzisen, messerscharfen Analysen über die Realität zwischenmenschlicher Bindungen hinzuzufügen, als er Namis Blick traf.
Sie sah ihn nicht zornig an. Ihr Blick war eine sanfte, aber unmissverständliche Mahnung. Sie kannte ihn besser als jeder andere, sie wusste um seine kühle Art, Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren, doch sie wusste auch, dass Hiromi in diesem Moment in Scherben vor ihnen lag – und Kais Art der „Hilfe“ sie nur noch tiefer schneiden würde.
Sein Blick verhärtete sich kurz, doch als er in Namis Augen die stille Bitte las, ließ seine Spannung nach. Er atmete tief durch und fuhr sich mit einer Hand durch das dunkle Haar. Die Stille, die darauf folgte, war schwer, doch sie war nicht mehr so schneidend wie zuvor.
„Verzeih mir“, sagte Kai leise, und sein Tonfall war überraschend gedämpft, fast schon ehrlich. Er blickte zu Hiromi, die sich nun von Nami leicht löste und ihn aus verweinten Augen anblickte. „Mein Ton war... unangebracht. Es ist nicht meine Absicht, deinen Schmerz zu entwerten.“ Er hielt kurz inne, bevor er, fast schon mechanisch, die nächste, unausweichliche Frage stellte: „Hat Gou dir jemals gesagt, dass er dich liebt? Hat er diese Worte... jemals ausgesprochen?“
Hiromi erstarrte. Sie wirkte, als hätte er ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie schloss die Augen, ihre Lippen bebten, und sie schwieg für einen Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Dann, ganz langsam, schüttelte sie den Kopf.
„Nein“, flüsterte sie, und das Wort klang wie ein Eingeständnis ihres eigenen Scheiterns. „Ich habe es ihm oft gesagt. Immer wieder... aber er... er hat es nie erwidert. Er war immer da, er hat mich beschützt, er war ein Teil meines Lebens... aber diese Worte... er hat sie nie gesagt.“
Kai wollte erneut zu einem Kommentar ansetzen, doch Nami unterbrach ihn mit einem sanften, flehenden Blick. Es war eine stille Kommunikation, die nur sie beide verstanden.
„Kai“, sagte Nami leise. Ihr Gesichtsausdruck war voller Zärtlichkeit, auch wenn ihre Augen die Müdigkeit einer Mutter spiegelten, die zwischen den Fronten stand. „Geh bitte für einen Moment in dein Arbeitszimmer. Nur für eine Weile.“
Kai sah sie an, sein Blick suchte ihren, als wollte er prüfen, ob sie wirklich die Kontrolle über diese Situation behielt. Dann nickte er langsam. Er verstand, dass seine Anwesenheit – trotz seiner Versuche, sachlich zu bleiben – wie ein Eisblock in diesem Raum wirkte.
„Natürlich“, antwortete er leise. Er warf Hiromi noch einen letzten, fast schon respektvollen Blick zu, bevor er sich umdrehte und den Salon verließ. Das leise Klicken der Tür, die hinter ihm ins Schloss fiel, hinterließ Nami und das weinende Mädchen in der dämmrigen Stille des Raumes.
Nami atmete einmal tief durch und rückte näher an Hiromi heran. „Jetzt sind wir unter uns, Hiromi. Lass es alles raus. Du musst es nicht länger vor dir selbst verstecken.“
Hiromi wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, doch ihr Blick, der nun auf Nami ruhte, hatte sich verändert. Er war nicht mehr nur von Schmerz erfüllt, sondern von einer tiefen, fast schon sehnsüchtigen Bewunderung.
„Weißt du, Nami...“, begann Hiromi leise, während sie sich ein wenig aufrichtete und ihren Blick durch den prachtvollen Salon schweifen ließ. „Ich habe euch beide in den letzten Monaten so oft beobachtet, wenn ich hier zu Besuch war. Ihr seid so... unerschütterlich. Es ist überwältigend zu sehen, wie ihr zusammenarbeitet, wie ihr euch anseht, ohne ein Wort zu sagen. Es wirkt, als könnte nichts auf der Welt eure Verbindung erschüttern. Ich bewundere euch so sehr dafür.“
Nami spürte, wie sich ein leises, wehmütiges Lächeln auf ihre Lippen stahl. Die Vorstellung, dass ihre Ehe für Außenstehende als ein unzerstörbares Monument der Liebe wahrgenommen wurde, war schmeichelhaft, aber auch ein wenig ironisch, wenn sie an die stürmischen Jahre ihres gemeinsamen Lebens dachte.
„Es ist schön, dass du das so siehst, Hiromi“, antwortete Nami sanft und strich dem Mädchen eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht. „Aber vergleiche dein Leben nicht zu früh mit unserem. Kai und ich sind seit sechzehn Jahren ein Paar. Wir sind zusammen erwachsen geworden, haben uns gemeinsam geformt und an den Reibungspunkten des anderen geschliffen. Wahre Liebe ist kein fertiges Produkt, das man einfach so vorfindet – sie muss sich entwickeln, oft unter sehr schwierigen Bedingungen.“
Hiromi senkte den Kopf, ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Aber woher wusstest du, dass er der Richtige ist? Ich habe das Gefühl, ich mache alles falsch. Vielleicht... vielleicht bin ich einfach nicht diejenige, die Gou glücklich machen kann.“
Nami schüttelte behutsam den Kopf. „Das ist ein gefährlicher Gedanke, Hiromi. Manchmal muss man im Leben erst ein paar Frösche küssen, bis man denjenigen trifft, der wirklich zu einem passt. Es gehört zum Prozess des Erwachsenwerdens dazu, zu lernen, was man braucht und wer einen so schätzt, wie man ist.“
Hiromi blickte auf, und für einen Moment blitzte eine kindliche Neugier in ihren verweinten Augen auf. „Und du?“, fragte sie leise. „Wie viele waren es bei dir? Wie viele Frösche musstest du küssen, bevor du Kai getroffen hast?“
Nami stockte. Die Frage traf sie unerwartet. Sie spürte eine plötzliche Hitze in ihren Wangen aufsteigen, die absolut nichts mit der Wärme des Sommerabends zu tun hatte. Die Wahrheit war so simpel wie entwaffnend: Kai war ihr erster und einziger gewesen. Der erste Kuss, die erste echte Berührung, das gesamte Spektrum ihrer Erfahrungen hatte sich mit ihm entfaltet. In einer Welt, in der junge Menschen oft schon viel früher Erfahrungen sammelten, wirkte ihre Geschichte fast wie aus der Zeit gefallen, und sie wusste, dass sie Hiromi, die in diesem Moment Trost und Bestätigung suchte, damit kaum eine „normale“ Perspektive bieten konnte.
Sie suchte nach einer diplomatischen Antwort, einem Weg, das Thema elegant zu umgehen, ohne das Mädchen anzulügen. „Weißt du, Hiromi“, sagte sie und versuchte, ihre Stimme neutral und leicht distanziert klingen zu lassen, während sie ihren Blick kurz abwandt „jeder Weg ist anders. Ich hatte das Glück, Kai sehr früh in meinem Leben zu begegnen. Bei uns... hat es einfach gepasst, bevor ich überhaupt die Gelegenheit hatte, über andere nachzudenken.“
Sie wandte sich wieder Hiromi zu, deren Blick immer noch erwartungsvoll an ihr hing. Nami spürte, dass sie ausweichen musste. „Aber lass uns jetzt nicht über mich reden. Du bist hier, weil dein Herz wehtut, nicht weil du eine Biografie lesen willst. Erzähl mir... hast du das Gefühl, dass Gou dich jemals wirklich als eine Person gesehen hat, die an seiner Seite wachsen will, oder warst du für ihn immer nur... ein Teil der Arena, in der er sich bewegt?“
Hiromi rückte etwas auf dem Sofa zurecht, und als sie über diese Erinnerungen sprach, huschte ein flüchtiges, schmerzliches Lächeln über ihre Lippen. „Du weißt ja, wie Gou nach außen wirkt“, begann sie, während sie ihre Hände wieder ineinander verschlang, als wollte sie die Wärme dieser Momente festhalten. „Er ist so beherrscht, so distanziert, fast schon unnahbar. Aber als wir allein waren... wenn wir uns wirklich unterhalten haben... da war er ganz anders. Er war überaus romantisch, Nami. Auf eine Art, die man ihm bei seinem sturen Wesen niemals zugetraut hätte.“
Sie machte eine kurze Pause, ihre Augen wurden glasig. „Er hat mir einmal gesagt, dass er nicht kalt ist. Er meinte, er sei lediglich wählerisch mit dem, was er von sich preisgibt – und vor allem mit wem er seine Gedanken teilt. Er hat mir das Herz geöffnet, Nami. Er hat mir gezeigt, dass unter dieser Maske ein Mensch steckt, der nur darauf gewartet hat, vertrauen zu können.“
Nami hörte ihr aufmerksam zu, doch in ihrem Inneren spannte sich alles an. Sie erkannte das Muster nur zu gut – es war die Hiwatari-Art, eine Verbindung einzugehen. Gou war wie sein Vater; wenn er sich öffnete, dann mit einer Intensität, die dem anderen das Gefühl gab, das Zentrum seines Universums zu sein. Doch genau das war das Problem: Für Gou war das ein bewusster Akt der Öffnung, ein Privileg, das er gewährte. Wenn er sich dann entschied, diese Tür wieder zu schließen – sei es aus strategischem Fokus, persönlicher Reife oder weil er die Bindung für sich als beendet betrachtete – dann geschah dies mit einer absoluten, fast schon grausamen Konsequenz.
Nami sah Hiromi an und spürte einen tiefen Stich der Sympathie. Hiromi hatte den Jungen geliebt, der Gou sein wollte, nicht den Jungen, der Gou tatsächlich war.
„Er ist wählerisch“, wiederholte Nami leise, fast wie eine Bestätigung ihrer eigenen Gedanken. „Das ist sehr typisch für ihn. Und es ist ein großes Kompliment an dich, dass er diese Seiten bei dir gezeigt hat, Hiromi. Er ist niemand, der solche Gefühle leichtfertig verschenkt.“
Nami hielt inne und wählte ihre nächsten Worte mit größter Vorsicht. Sie wollte Hiromi nicht das Herz brechen, aber sie konnte sie auch nicht in einer Illusion festhalten, die Gou längst verlassen hatte.
„Aber du musst eines verstehen“, fügte Nami hinzu, während sie Hiromis Blick hielt. „Wenn ein Mensch wie Gou – jemand, der seine Gedanken und sein Innerstes so sorgfältig hütet – sich zurückzieht, dann tut er das meist nicht, weil er dich plötzlich nicht mehr schätzt. Er tut es, weil er in seinem Kopf bereits eine Entscheidung getroffen hat, für die er keinen Platz mehr für andere sieht. Wenn er sagt, er ist wählerisch... dann bedeutet das leider auch, dass er wählerisch ist, wann er seine Verbindung zu anderen Menschen kappt.“
Hiromis Blick senkte sich wieder, und ihre Schultern sanken in sich zusammen. Die Erkenntnis in Namis Worten schien langsam durchzusickern, und die Stille im Salon wurde wieder schwerer.
„Er hat dir diese Seite gezeigt“, fuhr Nami fort, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. „Aber er ist auch derjenige, der bestimmt, wann dieses Kapitel geschlossen wird. Die Frage ist nicht, ob er dich geliebt hat – sondern ob er dir jemals eine echte Zukunft in Aussicht gestellt hat, oder ob er nur diese Momente der Nähe mit dir geteilt hat, während er selbst bereits ganz woanders war.“
Die schwere Atmosphäre im Salon wurde jäh durch das rhythmische Klacken von Schritten auf dem Parkett durchbrochen. Die großen Flügeltüren schwangen auf, und ein Schwall von Energie drang in den Raum, als Ayumi und Ren eintraten. Die beiden Zwillinge, von einer fast schon ansteckenden Begeisterung für das Beyblade-Geschehen ergriffen, starrten gebannt auf das Tablet, das Ren in seinen Händen hielt.
„Hast du das gesehen, Ayumi?!“, rief Ren, ein breites Grinsen auf dem Gesicht, während er das Gerät ein Stück höher hielt. „Chinas neues Team hat gerade so eine Präzision an den Tag gelegt! Onkel Ray hat sie wirklich gut trainiert. Endlich konnte man sie mal so richtig in Aktion sehen, das war absolut genial!“ Er lachte laut auf, ein Geräusch, das in der angespannten Stille des Salons fast schon deplatziert wirkte. „Wenn sie so weitermachen, treffen sie im Halbfinale vielleicht auf Japan. Das wäre das Duell des Jahres!“
Ayumi, die mit dem Blick kaum vom Display abwich, nickte eifrig. „Die Rotationsgeschwindigkeit ihrer Beyblades war phänomenal und die Bit-Beasts sind typisch New White Tigers. Das wird ein hartes Stück Arbeit für Gou und die anderen, falls es dazu kommt.“
Hinter den beiden Zwillingen schritt Sayuri in den Raum. Ihr Blick wanderte neugierig umher, und als sie die kleine Gruppe auf dem Sofa entdeckte, erhellte sich ihr Gesicht sofort. Mit einem hellen, fröhlichen Lachen, das den Kummer der letzten Minuten für einen Augenblick völlig vergessen ließ, lief sie direkt auf Hiromi zu.
„Hiromi!“, rief sie erfreut und schlang ihre kleinen Arme fest um den Hals des Mädchens, das noch immer sichtlich mitgenommen auf dem Sofa saß. „Du bist da!“
Ren und Ayumi, völlig in ihre Analyse vertieft, bemerkten erst jetzt, dass die Stimmung im Raum eine ganz andere war, als sie erwartet hatten. Sie hoben ihre Köpfe, und das freudige Lachen auf Rens Gesicht erstarrte, als er Hiromis verweinte Augen und Namis besorgten Ausdruck sah. Er ließ das Tablet sinken, und auch Ayumi wurde schlagartig still.
„Oh...“, machte Ren leise, und sein Blick huschte unsicher zwischen Nami und Hiromi hin und her. „Ist...etwas passiert?“
Nami legte ihre Hand schützend auf Sayuris Rücken und sah zu ihren Kindern. Sie sah die Unschuld in ihrem Eifer für den Sport und den plötzlichen Zusammenstoß mit der Realität von Hiromis Liebeskummer. Es war ein Moment, in dem die Grenze zwischen der Welt der Beyblade-Helden und der emotionalen Welt zu Hause schmerzhaft dünn wurde.
„Nein, Ren“, sagte Nami leise und versuchte, ihre Stimme trotz der aufgewühlten Situation ruhig zu halten. „Es ist alles in Ordnung. Ihr seid nur gerade... etwas ungelegen gekommen.“
Sie sah zu Hiromi, die Sayuris Umarmung erwiderte, während ihr Blick wieder in die Leere schweifte. Die Freude über den Sieg Chinas war in diesem Moment wie ein Echo aus einer Welt, die für Hiromi gerade keinen Sinn mehr ergab. Der Kontrast zwischen dem enthusiastischen Halbfinale und der zerbrochenen Liebe vor ihren Augen hätte kaum größer sein können.
„Ren, Ayumi“, fuhr Nami fort, „vielleicht könntet ihr Sayuri kurz mit in die Bibliothek nehmen? Ich denke, Hiromi und ich müssen noch einen Moment weiterreden.“
Die Zwillinge sahen sich kurz an, verstanden den Wink und nickten stumm. Ayumi legte ihrerseits eine Hand auf Sayuris Schulter. „Komm, Sayuri. Erzähl mir mal, was du heute im Garten entdeckt hast, okay?“
Sayuri löste sich zögernd von Hiromi, warf ihr aber noch ein aufmunterndes Lächeln zu, bevor sie mit den Geschwistern den Raum verließ. Die Flügeltüren fielen leise hinter ihnen ins Schloss und hinterließen Nami und Hiromi in einer Stille, die nun von dem ungelösten Schmerz um Gou noch schwerer wog als zuvor.
Nami wartete, bis das leise Klackern der Schritte ihrer Kinder im Flur verhallt war. Die Stille, die den Salon nun einhüllte, fühlte sich weniger beklemmend an, doch der Druck, der auf Hiromi lastete, war nach wie vor greifbar.
Nami rückte ein Stück näher, legte ihre Hand behutsam auf Hiromis verschlungene Finger und gab ihnen einen leichten, stützenden Druck. „Hiromi, ich möchte dir etwas vorschlagen, auch wenn ich weiß, dass es das ist, was du am wenigsten hören willst.“
Hiromi hob den Kopf, ihre Augen waren weit und erwartungsvoll.
„Ich werde mit Gou sprechen“, fuhr Nami ruhig fort. „Ich werde ihn wissen lassen, wie sehr du unter dieser Funkstille leidest. Aber ich empfehle dir dringend: Warte, bis er aus London zurück ist. Solche Dinge – solche Entscheidungen, die sein ganzes Leben betreffen – lassen sich nicht über Tausende Kilometer und durch ein Display klären. Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht... das ist der einzige Weg, wie du die Wahrheit erfahren wirst, ohne dass sie durch die Distanz verzerrt wird.“
Hiromi schluckte schwer. Sie blickte an Nami vorbei, irgendwohin in die Leere des Raumes. „Und wie lange? Er ist doch gerade erst im Halbfinale...“
„Wenn sein Team es bis ins Finale schafft“, erklärte Nami vorsichtig, „wird er noch mindestens zwei Wochen dort sein. Ich weiß, wie sich das für dich anfühlt – als wäre es eine Ewigkeit. Aber kannst du... kannst du versuchen, diese zwei Wochen zu warten? Ihn in Ruhe zu lassen, damit er selbst an den Punkt kommt, an dem er sich dir stellen muss?“
Es dauerte einen Moment. Man konnte das Ringen in Hiromis Gesicht fast physisch spüren; der Kampf zwischen ihrem verzweifelten Wunsch, jetzt sofort eine Antwort zu erzwingen, und der vernünftigen Einsicht, dass Nami recht hatte. Schließlich sank ihre Schulter etwas ab, und sie nickte langsam. Ein leises, fast unhörbares Seufzen entwich ihren Lippen.
„Ich habe wohl keine andere Wahl“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang nun etwas gefestigter, wenn auch erschöpft. „Wenn ich ihn jetzt bedränge, entferne ich ihn nur noch weiter von mir. Ich... ich werde warten.“
Nami spürte, wie eine große Anspannung von ihr abfiel. Sie war erleichtert, dass Hiromi den Rat annahm, auch wenn sie wusste, dass die nächsten vierzehn Tage für das Mädchen zur emotionalen Geduldsprobe werden würden. Sie zog Hiromi ein Stück näher zu sich und drückte sie sanft an ihre Seite.
„Das ist sehr mutig von dir, Hiromi. Viel mutiger, als du vielleicht gerade selbst glaubst“, sagte Nami warm. „Und bitte vergiss eines nicht: Du musst nicht alleine durch diese zwei Wochen gehen. Ich bin hier. Das Anwesen steht dir immer offen, und wenn du das Gefühl hast, dass du jemanden zum Reden brauchst – egal ob es um Gou geht, um deine Ängste oder einfach nur, um dem Ganzen für eine Weile zu entfliehen – dann komm zu mir. Ich bin für dich da.“
Hiromi lehnte ihren Kopf an Namis Schulter. Für den Augenblick war das große, schmerzhafte Geheimnis, das Nami über Gous Absichten trug, unter der Last der mütterlichen Fürsorge begraben. Nami wusste, dass der Sturm kommen würde, sobald Gou wieder in Japan landete, doch für diesen Abend hatte sie zumindest ein wenig Ruhe in das aufgewühlte Herz des Mädchens gebracht.
Nami betrachtete das Mädchen, das neben ihr auf dem Sofa saß. Trotz der Tränen und der Erschöpfung wirkte Hiromi nun ein Stück weit gefasster, als hätte die Entscheidung, abzuwarten, das unerträgliche Gewicht von ihr genommen.
„Hiromi“, begann Nami leise und strich ihr noch einmal sanft über den Arm, „es ist bereits spät und draußen ist es vollkommen dunkel geworden. Soll ich dich nach Hause fahren? Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, dass du sicher ankommst.“
Hiromi schüttelte jedoch den Kopf und ein schwaches, dankbares Lächeln huschte über ihre Lippen. „Das ist sehr lieb von dir, Nami, aber das musst du nicht. Meine Mutter wartet nur auf eine Nachricht von mir, dann kommt sie direkt und holt mich ab. Sie ist schon in der Nähe.“
Nami nickte verständnisvoll. Sie blieben noch einen Moment beieinander, tauschten beruhigende Worte aus, bis etwa zwanzig Minuten später Hiromis Handy auf dem Couchtisch vibrierte. Hiromi nahm es auf, überflog die Nachricht ihrer Mutter und stand auf. „Sie ist da. Sie wartet draußen am Tor.“
Gemeinsam gingen sie durch die weitläufige Halle des Anwesens zum Haupteingang. Die kühle Nachtluft strömte herein, als Nami die schwere Tür öffnete. Draußen vor dem Eisentor stand ein Auto, dessen Scheinwerfer die Einfahrt in ein sanftes Licht tauchten. Hiromi wandte sich noch einmal an Nami, ihre Augen wirkten weniger verzweifelt als noch vor einer Stunde. „Danke, Nami. Danke, dass du mir zugehört hast.“
„Jederzeit, Hiromi. Pass auf dich auf“, antwortete Nami und sah zu, wie das Mädchen zum Wagen eilte. Als Hiromi eingestiegen war, winkte Nami kurz in die Dunkelheit in Richtung der Fahrerin, die den Gruß mit einem kurzen Lichtzeichen erwiderte.
Das Auto setzte sich in Bewegung und verschwand bald darauf in der Dunkelheit der Auffahrt. Nami blieb noch einen Moment im Türrahmen stehen und atmete schwer aus; ein langer, tiefer Seufzer, der die gesamte Anspannung des Abends von ihr abfallen ließ.
„Sie wird diese zwei Wochen überstehen“, erklang plötzlich eine tiefe, vertraute Stimme direkt hinter ihr.
Nami zuckte nicht einmal zusammen – sie hatte Kais Präsenz schon bemerkt, als Hiromi in das Auto gestiegen war. Sie drehte sich langsam um und blickte in sein Gesicht, das im sanften Licht der Eingangshalle nun vollkommen weich gezeichnet war. Er kam langsam auf sie zu, schlang ohne ein weiteres Wort seine Hände um ihre Taille und zog sie sanft an sich.
„Ich entschuldige mich erneut für meine Direktheit vorhin im Salon“, flüsterte er, während er seine Stirn an ihre legte. „Manchmal... vergesse ich, dass Empathie bei solchen Angelegenheiten ein präziseres Instrument erfordert als meine Logik.“
Nami schmunzelte und hob ihre Hand, um ihm sanft einen Finger auf die Lippen zu legen, bevor er weiter ausholen konnte. Ihre Augen leuchteten wehmütig, aber voller Zuneigung. „Es ist okay, Kai. Du warst in dieser Hinsicht noch nie sonderlich kompetent – und genau das ist der Grund, warum solche Gespräche lieber ich übernehme.“ Sie lachte leise und fügte neckisch hinzu: „Du bist eben ein Realist, wenn es um solche Teeniethemen geht. Manchmal ist deine Nüchternheit genau das, was ich brauche, um selbst den Boden unter den Füßen zu behalten.“
Kai musste bei ihren Worten schmunzeln, und der Ausdruck in seinen Augen, der noch vor einigen Stunden im Konferenzraum so kalt und analytisch gewesen war, war nun vollkommen verschwunden.
Er hielt sie fest in seinen Armen, während sein Blick nun jenen spezifischen, herausfordernden Glanz annahm, den Nami so gut kannte. Ein leichtes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, und er neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde er die Situation noch einmal Revue passieren lassen.
„Du weißt schon“, begann er mit einer Stimme, die vor Amüsement nur so vibrierte, „dass du mich vorhin regelrecht in mein Arbeitszimmer geschickt hast? So wie eine Mutter ihr Kind nach oben schickt, wenn es am Abendbrottisch zu viel Unsinn geredet hat.“
Nami konnte den Anflug eines Protests nicht einmal vortäuschen; das Bild war einfach zu treffend. Sie prustete los, und ein befreites, herzhaftes Lachen hallte in der Eingangshalle wider. Sie lehnte ihren Kopf zurück und sah ihn mit funkelnden Augen an. „Und?“, neckte sie ihn, während sie ihre Hände an seine Brust legte und ihn spielerisch ein Stück von sich wegdrückte. „Kamst du dir etwa bevormundet vor, mein Großer? Wolltest du dich an deinem Schreibtisch etwa schmollend in eine Ecke setzen?“
Kai ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sein Grinsen wurde noch ein Stück breiter und eine Spur gefährlicher. Er beugte sich langsam, Zentimeter um Zentimeter, bis er nur noch einen Hauch von ihren Lippen entfernt war. „Vielleicht ein bisschen?“, flüsterte er, wobei er den Satz so belustigt und trocken in den Raum stellte, dass Nami nun vor Lachen förmlich keine Luft mehr bekam.
Bevor sie jedoch eine weitere schlagfertige Antwort finden konnte, schloss er die verbleibende Distanz. Er erstickte ihr Lachen mit einem Kuss, der so tief, langsam und besitzergreifend war, dass die Welt um sie herum für einen Herzschlag vollkommen stillstand. Es war ein Kuss, der keine Fragen offenließ – keine über Gous Eskapaden, keine über Konzernentscheidungen und erst recht keine über die Machtverhältnisse in ihrer Ehe.
Als er sich schließlich...viel zu langsam...wieder von ihr löste, blieb seine Stirn an ihrer. Sein Atem ging ruhig, und der amüsierte Glanz in seinen Augen war einer tieferen, aufrichtigen Wärme gewichen.
„Ich liebe dich“, sagte er leise, und der Tonfall war fernab von jedem spielerischen Geplänkel. „Weil genau diese liebevolle Art, mit der du selbst die schwierigsten Situationen navigierst, für mich von Anfang an der größte Grund war, warum ich mein Herz damals so restlos an dich verloren habe. Du bist mein Anker, auch wenn du mich ab und zu mal in mein Arbeitszimmer schicken musst.“
Nami spürte, wie ihr Herz bei diesen Worten einen Schlag aussetzte. Sie schlang ihre Arme fester um seinen Nacken und zog ihn ein kleines Stück zu sich herunter. „Dann sei froh, dass ich so geduldig mit dir bin“, flüsterte sie lächelnd gegen seine Lippen, „denn ohne meinen Anker wärst du schon längst in der Arena von London gelandet, um Gou höchstpersönlich zu sagen, wie man sich gegenüber seiner Freundin zu benehmen hat.“
Kai lachte leise, ein warmes, ehrliches Geräusch. „Das wäre ein sehr kurzes Gespräch geworden.“
Nami lachte erneut auf „Da hast du recht“, sagte sie und sah ihn liebevoll an. „Niemand außer mir weiß, wie unglaublich witzig du eigentlich sein kannst, Kai. Diese Seite von dir... die bleibt den Sitzungssälen und der Öffentlichkeit für immer verborgen.“
Kai legte den Kopf ein Stück zur Seite, sein Ausdruck wurde trocken und unnachgiebig. „Das ist auch gut so“, kommentierte er mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Und so wird es auch bleiben. Mein Humor ist exklusives Eigentum meiner Frau“
Er machte eine kurze Pause, seine Augen verengten sich, während sich die Atmosphäre zwischen ihnen in einer Sekunde von spielerisch in tief aufgeladen verwandelte. „Aber genug davon“, raunte er, seine Stimme plötzlich eine Oktave tiefer. „Wir haben heute Nacht noch eine Rechnung offen, mein Schatz. Ich habe nicht vergessen, wie du mich im Restaurant aus der Reserve gelockt hast.“
Während er sprach, glitten seine Finger mit einer Präzision, die Nami jedes Mal den Atem raubte, sanft unter den Saum ihrer Bluse. Die kühle Luft der Eingangshalle wurde von der unmittelbaren Hitze seiner Handfläche vertrieben. Er beugte sich vor, vergrub sein Gesicht in der weichen Kurve ihrer Halsbeuge und begann, mit seinen Lippen zärtlich, aber fordernd über ihre empfindliche Haut zu gleiten. Nami schloss die Augen und lehnte sich an ihn, ihre Widerstandskraft schmolz in dieser vertrauten Nähe dahin.
In diesem Moment jedoch durchbrach ein polterndes Geräusch die Stille.
„Kann es jetzt endlich Abendessen geben?!“, ertönte eine quengelnde, jugendliche Stimme von oben.
Nami und Kai fuhren auseinander – oder zumindest so weit, dass sie nicht mehr ganz so eng aneinander klebten. Ren kam die breite Treppe heruntergestürmt, die Hände frustriert in die Hüften gestemmt, während er seine Eltern mit einem Blick bedachte, der zwischen genervt und hungrig schwankte.
„Seit Graham mit Gou in London ist, kann man sich hier im Haus auf gar nichts mehr verlassen!“, beschwerte er sich lautstark und blieb auf der letzten Stufe stehen. „Die Küche ist im Chaos, und das Einzige, worauf man zählen kann, ist, dass meine Eltern ständig aneinanderkleben und sich abknutschen, während wir hier vor Hunger fast umkommen!“
Nami prustete los. Die Absurdität der Situation, das plötzliche Ende ihrer privaten Momente durch ihren vierzehnjährigen Sohn, war zu viel. Sie warf Kai einen vielsagenden Blick zu, während sie sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte.
„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Ren“, sagte sie keuchend vor Lachen und legte eine Hand auf Kais Arm, um sich zu stabilisieren. „Dein Vater und ich... wir sind wohl gerade ein sehr schlechtes Vorbild für die hungernde Jugend.“
Kai, der gerade noch den Kopf in ihrem Nacken gehabt hatte, richtete sich mit einer stoischen Ruhe auf. Er legte eine Hand an seinen Nacken, das übliche Maskenbild der Konzernführung kehrte in sein Gesicht zurück, auch wenn ein amüsiertes Glitzern in seinen Augen blieb, als er Ren ansah.
„Du bist zwar vierzehn, Ren“, erwiderte Kai trocken, „aber dein Timing ist immer noch so katastrophal wie mit fünf. Und was das Abendessen angeht: Wenn du so viel Energie fürs Meckern aufbringst, hättest du in der Zeit längst ein Sandwich in der Küche improvisieren können. Damit hast du doch auch sonst kein Problem...“
Nami lachte nur noch lauter. „Lass ihn, Kai. Er hat recht – wir sind wohl wirklich etwas... unaufmerksam gewesen.“ Sie blickte Ren an, der immer noch empört da stand. „Komm, wir schauen mal, was die Küche hergibt. Aber glaub nicht, dass das heute Abend unser letztes Wort zu deinem Tonfall war."
Ein Auftrag
Der Weg in die Küche verlief in einer entspannten Stille, die noch immer von dem Echo des vorangegangenen kleinen Schlagabtauschs zwischen Kai und Ren erfüllt war. Nami lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete, wie Kai die Ärmel seines Hemdes hochkrempelte. Die Professionalität, mit der er die Utensilien in die Hand nahm, erinnerte eher an eine präzise ausgeführte Firmenübernahme als an die Zubereitung eines Abendessens.
Ren, der sich an den Küchentresen gesetzt hatte und seine Eltern misstrauisch beäugte, änderte seine Haltung, als Kai begann, Gemüse mit einer Geschwindigkeit und Schnitttechnik zu zerkleinern, die einem Profikoch zur Ehre gereicht hätte. Er starrte auf das Brett, dann zu seinem Vater.
„Woher... woher kannst du das so gut?“, fragte Ren, sichtlich verblüfft. Sein skeptischer Blick, der vor wenigen Minuten noch von jugendlichem Trotz geprägt war, wich ehrlicher Bewunderung.
Kai hielt kurz inne, ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen, während er eine Pfanne auf den Herd stellte. Er warf Nami einen kurzen, vielsagenden Blick zu. Nami, die gerade zwei Gläser aus dem Schrank nahm, lachte leise auf.
„Du solltest deinen Vater nicht unterschätzen, Ren“, sagte sie und stellte die Gläser ab. „Als wir damals im Penthouse gewohnt haben, hat er mich fast jeden Abend bekocht. Er war es, der in unserer Küche das Sagen hatte, während ich damit beschäftigt war, mein Studium zu bewältigen und mich mit der Rolle der werdenden Mutter zurechtzufinden.“
Ren starrte seinen Vater fast schon ungläubig an. In seiner Vorstellung war Kai Hiwatari ein Mann, der Anweisungen gab, nicht ein Mann, der in der Küche stand und mit einem perfekt abgeschmeckten Risotto den Abend rettete. „Ich dachte immer, du... du lässt das alles von Personal machen oder... nun ja, du arbeitest eben nur.“
Kai lachte trocken, während er das Gemüse in die Pfanne gab. Es zischte verheißungsvoll, und der Duft von frischen Kräutern und Knoblauch füllte im Nu den Raum. „Arbeit ist das eine, Ren. Aber es gibt Dinge, bei denen man die Kontrolle nicht aus der Hand geben sollte – besonders, wenn man sicherstellen will, dass das Ergebnis den eigenen Ansprüchen genügt.“ Er warf eine Prise Gewürze in die Pfanne, mit einer Lässigkeit, die ihn für einen Moment weit weg von seinem Image als Konzernlenker wirken ließ.
Ren sah zu, wie sein Vater die Pfanne mit einem geübten Handgriff schwenkte. „Das sieht... verdammt gut aus“, gab er zu, und der Hunger, den er vorhin noch so lautstark beklagt hatte, schien durch die bloße Aussicht auf das Essen noch zu wachsen.
Nami trat neben Kai an den Herd und legte ihre Hand kurz an seinen Rücken. Sie genoss diesen Moment der familiären Normalität. „Weißt du, Ren“, fügte sie hinzu und sah ihren Sohn sanft an, „diese Zeit im Penthouse war für uns beide eine ganz besondere. Es war die Zeit, in der wir gelernt haben, uns aufeinander einzuspielen. Dein Vater hat mir beigebracht, dass man selbst an den stressigsten Tagen Zeit für ein richtiges Essen finden sollte. Das ist ein Teil von dem, was uns zusammenhält.“
Sie beobachtete mit einem warmen Lächeln, wie der Mann, der vor zwei Stunden noch über Milliarden-Investitionen entschieden hatte – nun mit derselben Konzentration vor dem Herd stand. Sie trat an seine Seite, um ihm beim Abschmecken zu helfen. Als Ren kurz abgelenkt war, weil er auf seinem Handy nach den neuesten Ergebnissen aus London suchte, spürte Nami plötzlich Kais Handrücken, der wie zufällig an ihrem vorbeistrich.
Er beugte sich zu ihr hinunter, als wollte er nur prüfen, ob das Risotto die richtige Konsistenz hatte, doch seine Stimme war ein tiefes, gefährliches Raunen direkt an ihrem Ohr. „Genieß die Ruhe in der Küche, mein Schatz“, flüsterte er so leise, dass Ren am Tresen nichts davon mitbekam. „Denn sobald die Kinder schlafen, gehört meine volle Aufmerksamkeit wieder den Modulatoren... und der Frau, die mich heute so schamlos provoziert hat. Und glaub mir, ich werde bei der Begleichung unserer Rechnung heute Nacht sehr viel gründlicher sein als bei diesem Abendessen.“
Nami spürte ein heißes Prickeln in ihrem Nacken und sah zu ihm auf. Kai schenkte ihr ein kurzes, unverschämt attraktives Lächeln, bevor er sich wieder dem Risotto widmete, als hätte er gerade nur über die Würzung gesprochen.
„Hier“, sagte Kai laut und stellte Ren einen Teller hin.
Kai reichte Ren schließlich einen Teller, der so kunstvoll angerichtet war, dass der Junge für einen Moment zögerte, bevor er das erste Mal die Gabel ansetzte. Kai lehnte sich gegen die Arbeitsplatte, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete seinen Sohn dabei, wie er den ersten Bissen nahm.
„Na?“, fragte Kai trocken, aber mit einem warmen Unterton in der Stimme. „Ist es das Chaos in der Küche wert gewesen?“
Ren kaute langsam, ein Ausdruck von purer Begeisterung auf seinem Gesicht. „Okay, Dad“, sagte er mit vollem Mund, „ich nehme alles zurück, was ich eben über das Kochen gesagt habe. Das ist... wirklich, wirklich gut.“
Kai hob eine Augenbraue und betrachtete seinen Sohn mit diesem typischen, durchdringenden Blick, der Ren sonst nur vorbehalten war, wenn es um schulische Leistungen oder strategische Entscheidungen ging. „Du solltest dir vielleicht die Frage stellen, Ren, wer in der letzten Woche eigentlich jeden Tag in der Küche stand“, sagte Kai trocken „Oder hast du und deine Geschwister euch tatsächlich nicht gewundert, warum das Essen plötzlich anders schmeckte, seit Graham mit Gou in London ist?“
Ren hielt inne, die Gabel auf halbem Weg zum Mund. Er sah abwechselnd auf seinen Teller und dann zu seinem Vater, als würde er dort die Antwort auf ein komplexes Rätsel suchen. „Das warst... das warst du? Die ganze Zeit?“, fragte er ungläubig. Sein Blick wurde plötzlich kleiner, fast schon ertappt.
Nami, die gerade ein frisches Geschirrtuch über die Schulter warf, konnte sich ein belustigtes Lachen nicht verkneifen. Sie trat hinter Kai und legte ihre Arme schützend um seine Taille. „Er ist zwar derjenige mit dem scharfen Verstand für BEY-Strategien, aber in der Küche ist dein Vater der Taktgeber, Ren. Ich habe in der letzten Woche meist nur das Frühstück vorbereitet, während er sich jeden Abend um das Essen gekümmert hat.“
Ren wirkte nun sichtlich peinlich berührt. Er senkte den Blick auf seinen Teller und schien sich mit seinem eigenen Hunger und seiner bisherigen Ignoranz sichtlich unwohl zu fühlen. Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Das... das habe ich echt nicht gemerkt. Ich dachte einfach, die Küche hätte sich irgendwie arrangiert.“ Er sah zu seinem Vater auf, eine neue Nuance von Respekt in seinen Augen. „Aber wenn ihr das so gut hinbekommt... warum haben wir dann eigentlich Graham? Wenn ihr beide doch alles so perfekt selbst regeln könnt?“
Kai stellte die Pfanne beiseite und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. Sein Ausdruck wurde einen Moment lang weicher, fast nachdenklich. „Graham ist nicht hier, weil wir nicht kochen könnten, Ren. Er ist hier, weil er es so wollte.“ Er machte eine kurze Pause, als würde er die Worte sorgsam wählen. „Sein Lebensinhalt ist es, dieser Familie zu dienen, seit er sehr jung war – bis zum Schluss. Hätte ich ihn weggeschickt, wäre er ein unglücklicher Mann gewesen. Für Graham ist dieses Anwesen nicht nur ein Arbeitsplatz, es ist sein Zuhause. Er ist hier, um glücklich zu sein.“
Kai räusperte sich kurz, als wolle er die aufkommende Sentimentalität sofort wieder mit einer Schicht geschäftlicher Nüchternheit übertünchen. „Und...“, fügte er fast schon widerwillig hinzu, „um ehrlich zu sein: Er fehlt mir. Seine trockenen, oft unpassenden Kommentare füllen die leeren Ecken dieses Anwesens normalerweise so sehr, dass es sich ohne ihn geradezu... still anfühlt. Fast ein wenig zu leer.“
Nami lachte leise und drückte Kai fest an sich, als sie die Ehrlichkeit in seiner Stimme hörte, die er sonst so sorgfältig hinter seinem maskenhaften Auftreten verbarg. „Er hat recht, Ren. Ohne Grahams trockenen Humor wirkt das Haus tatsächlich ein ganzes Stück kälter.“ Sie gab ihrem Sohn einen sanften Klaps auf die Schulter. „Aber jetzt Schluss mit der philosophischen Analyse über unseren Butler. Geh und ruf deine Schwestern. Das Essen ist fertig, und ich habe keine Lust, dass es kalt wird, während ihr euch über das Personal unterhaltet.“
Ren nickte eifrig, froh über die Ablenkung und die Erlaubnis, den Raum zu verlassen, ohne sich weiter für seine Unwissenheit rechtfertigen zu müssen. Er sprang vom Hocker. „Bin schon unterwegs! Ayumi und Sayuri werden Augen machen, wenn sie hören, dass das Risotto vom Vater höchst persönlich ist.“
Als der Junge aus der Küche stürmte, sah Nami Kai an. Sie spürte, wie die Last des Tages – das Telefonat mit Hiromi, die Anspannung um Gou – für einen Moment in der wohligen Wärme der Küche verdampfte. „Du hättest ihm nicht sagen müssen, dass du Graham vermisst“, flüsterte sie mit einem leichten Lächeln.
Kai sah sie an, und in seinen Augen lag eine tiefe, stille Verbundenheit. „Manchmal“, antwortete er leise, „ist es gar nicht so schlecht, wenn der Sohn merkt, dass auch sein Vater eine Schwachstelle für trockenen Humor hat.“
Zehn Minuten später im Speisesaal war die Stimmung warm und familiär. Das sanfte Klirren von Besteck auf Porzellan und das gedämpfte Licht der Kristallleuchter ließen das Anwesen erneut wie das altehrwürdige Zuhause der Hiwataris wirken.
Ayumi und Sayuri saßen an den Längsseiten des langen Tisches, die Augen vor Staunen weit geöffnet, während Ren, noch immer sichtlich beeindruckt, seinen Schwestern die „Enthüllung“ des Abends präsentierte. „Dad hat das gekocht“, wiederholte Ren stolz, als wäre es eine staatspolitische Sensation. Ayumi, die sonst für ihre analytische Schärfe bekannt war, legte ihre Gabel beiseite und musterte Kai mit einer Mischung aus Skepsis und aufrichtiger Überraschung.
Nami beobachtete ihre Kinder und musste erneut lachen, während sie sich einen Schluck Wasser einschenkte. „Das ist wohl das Schicksal, wenn man von klein auf mit einem Butler wie Graham und einem Kindermädchen wie Claire aufwächst“, bemerkte sie schmunzelnd. „Man vergisst leicht, dass man auch ohne sie nicht verhungern würde.“
Ayumi nickte langsam und ihre Miene wurde ernster. „Das stimmt... aber Mama, ist euch eigentlich aufgefallen, wie Graham letztens, Ende Juni erst auf der großen Geburtstagsfeier wirkte? Er hat mittlerweile echte Probleme, schwerere Sachen zu heben. Ich habe ihn vor ein paar Wochen beobachtet, als er das Silber aus dem alten Koffer polieren wollte.“
Kai unterbrach sie, seine Stimme war ruhig, aber bestimmt. Er legte seine Gabel ab und sah seine Tochter direkt an. „Ich weiß. Ich habe das Gespräch mit ihm bereits geführt. Er hat mir zugesichert...oder besser gesagt, er hat es versucht –, dass er mich nicht brauchen würde um ihm Arbeit abzunehmen. Aber ich habe entschieden, dass wir jemanden einstellen, der ihn unterstützt. Auch wenn ich weiß, dass Graham niemals freiwillig auf mich hören würde, wenn es darum geht, sich endlich einmal auszuruhen.“
Nami blickte auf, ihre Aufmerksamkeit war nun vollständig auf Kai gerichtet. „Das ist eine gute Entscheidung, Kai. Aber hast du dich denn schon nach Personal umgesehen? Das ist bei unserem Standard nicht gerade einfach, jemanden zu finden, der diskret und fähig genug ist.“
Kai schmunzelte – ein leises, wissendes Lächeln, das Nami kurz stutzen ließ. „Ich habe die Suche Graham überlassen. Genau wie damals als wir ein Kindermädchen gesucht hatten“
Nami hielt mitten in der Bewegung inne. Die Gabel, die sie gerade zum Mund führen wollte, entglitt ihrer Hand und schlug mit einem scharfen metallischen Geräusch auf dem Porzellanteller auf, bevor sie zu Boden klapperte. Sie starrte Kai entgeistert an. „Du hast was? Du hast Graham die Aufgabe gegeben, seinen eigenen Nachfolger oder Assistenten zu suchen? Kai, das ist... das ist strategisch gesehen fast schon grausam, oder?“
„Ganz im Gegenteil“, erwiderte Kai trocken, völlig unbeeindruckt von Namis Schock. „Ich habe ihn gebeten, einen zweiten Butler und eine Haushälterin aus dem Personalstand von Eric auszuwählen, die mit nach Japan kommen sollen. Er kennt unsere Anforderungen besser als jeder andere.“
Nami lehnte sich leicht vor, ihre Stimme war nun leiser, aber von einer gewissen Dringlichkeit geprägt. „Wann genau hattest du vor, mir das zu sagen? Wir reden hier von einer massiven Veränderung unseres Haushalts!“
Kai zuckte fast unmerklich mit den Schultern, während er sein Glas hob. „Ich gebe zu, es ist im Tagesgeschäft kurzzeitig untergegangen. Aber ich habe bereits mit Eric darüber telefoniert. Davies Hall und Davies Manor haben einen so massiven Personalüberhang, dass Eric es regelrecht begrüßt hat, den Stand etwas zu reduzieren. Er freut sich, dass die Leute bei uns in guten Händen sind.“
Am Tisch herrschte plötzlich Stille. Ren, Ayumi und Sayuri blickten ratlos zwischen ihren Eltern hin und her, während Nami tief durchatmen musste, um die Neuigkeit zu verarbeiten. Eric Davies...ihr Onkel...würde also Personal schicken. Die Verbindung zwischen dem Ayame-Anwesen und dem Erbe der Davies-Familie würde dadurch nur noch enger werden. Ein komplizierter Schachzug, selbst für Kai.
Die Stille am Tisch wurde erst unterbrochen, als Ren und Ayumi sich einen dieser vielsagenden Blicke zuwarfen, die Nami nur allzu gut kannte. Sie hatten die Anspannung zwischen ihren Eltern nicht nur bemerkt, sie interpretierten sie in ihrer jugendlichen Direktheit und der jahrelangen Beobachtung...genau richtig.
Ren ließ seine Gabel in den Teller fallen und stützte das Kinn in die Hand, während er seine Eltern mit einem Blick bedachte, der zwischen amüsiert und genervt schwankte. Er stupste Ayumi an und murmelte, laut genug, dass es jeder am Tisch hören konnte: „Was meinst du, Ayumi? Sollen wir für heute Nacht vorsichtshalber unsere Oropax bereithalten? Die beiden standen vorhin in der Halle schon wieder knutschend und schmusend an der Tür, als hätten sie gerade erst ihre Pubertät entdeckt.“
Ayumi verdrehte die Augen, auch wenn ein leichtes Grinsen ihre Lippen umspielte. „Definitiv. Es ist wirklich beeindruckend, wie wenig Privatsphäre sie vor sich selbst haben. Ich dachte, das hört irgendwann auf, aber anscheinend ist das Gegenteil der Fall.“
Sayuri, die bisher konzentriert ihr Risotto gegessen hatte, legte nun ihre Gabel beiseite und blickte ihre Geschwister mit großen, unschuldigen Augen an. Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde sie eine komplexe mathematische Gleichung lösen. „Ich finde es eigentlich ganz schön“, stellte sie sachlich fest. „Es bedeutet nur, dass Papa und Mama sich immer noch sehr lieben. Und wenn sie sich so doll lieben, dann vergessen sie vielleicht, dass ich heute viel zu viel Süßigkeiten bei Oma gegessen habe. Das ist ein taktischer Vorteil für mich.“
Nami spürte, wie die Hitze in ihre Wangen stieg, doch Kai blieb völlig ungerührt. Er legte sein Besteck präzise parallel auf den Teller, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und fixierte seinen Sohn mit einem Blick, der so trocken war, dass er den gesamten Koiteich im Garten hätte austrocknen können.
„Ren“, sagte Kai mit einer Stimme, die so ruhig und kontrolliert war, dass die Geschwister instinktiv verstummten. „Ich würde dir dringend raten, dein Vokabular zu überdenken. Und vielleicht solltest du dir vor Augen führen, dass du – und deine Geschwister – exakt das Resultat dieses ‚Rumgeknutsches‘ seid. Ohne diese spezielle Form der elterlichen Zuneigung wärst du heute Abend nicht hier, um dich über das Geschmuse zu beschweren.“
Ein kurzes Schweigen breitete sich am Tisch aus. Ren öffnete den Mund, schloss ihn wieder und wirkte für einen Moment so sprachlos, dass Ayumi fast ihr Wasser verschluckte.
Kai gönnte sich ein winziges, triumphierendes Lächeln, bevor er fortfuhr: „Und wenn du erst einmal kompetent genug bist, eine eigene Freundin zu haben, wirst du merken, dass die Welt nicht nur aus Beyblade-Turnieren und Abendessen besteht. Bis dahin... konzentrier dich auf dein Risotto und spar dir deine Kommentare für Bereiche auf, die deinen Horizont nicht übersteigen.“
Nami konnte ein unterdrücktes Lachen nicht verhindern. Sie sah ihre Kinder an, die nun demonstrativ in ihre Teller starrten, und dann zu Kai, der diesen "Sieg" mit der stoischen Gelassenheit eines Mannes genoss, der den längeren Hebel am Tisch – und im Haus – besaß.
„Wie du siehst, Ren“, fügte Nami mit einem Augenzwinkern hinzu, „dein Vater hat immer das letzte Wort. Und jetzt: Ab ins Bett mit euch. Die Analyse der elterlichen Beziehungsdynamik ist für heute beendet....und Sayuri...deine Zähne werden heute extra gründlich geschrubbt.“
Nachdem der letzte Teller abgeräumt war und das Haus nach und nach in die nächtliche Ruhe eintauchte – begleitet von den gedämpften Schritten der Kinder, die sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten –, kehrte eine fast schon unwirkliche Stille in das Anwesen zurück.
Nami stand noch einen Moment im großen Salon und betrachtete die Kristallleuchter, deren Licht sich in den polierten Oberflächen spiegelte. Sie spürte, wie sich die Anspannung des Tages – die Sorge um Hiromi, das verbale Duell mit Ren und die strategische Neuausrichtung des Personals – langsam in Luft auflöste.
Sie war noch immer in ihre Gedanken vertieft, als sie das vertraute Geräusch seiner Schritte hinter sich hörte. Kai war ihr gefolgt, die Bewegungen ruhig und doch mit einer Intensität, die ihr signalisierte, dass er keineswegs vergessen hatte, was er ihr vorhin in der Küche zugeflüstert hatte.
Er blieb direkt hinter ihr stehen, seine Präsenz war in der kühlen Luft des Saals wie eine wärmende Quelle. Seine Hände legten sich fest, aber sanft auf ihre Hüften, und er zog sie ein Stück näher an sich, bis ihr Rücken seine Brust berührte. Er neigte den Kopf, sein Atem strich heiß über ihren Nacken, was ihr einen wohligen Schauer über den Körper jagte.
„Die Kinder schlafen jetzt“, murmelte er, und in seinem Tonfall schwang ein leises, aber unmissverständliches Raunen mit. „Und ich habe das Gefühl, wir schulden uns noch eine Klärung unserer geschäftlichen Unterlagen.“
Nami lehnte den Kopf in den Nacken und spürte sein triumphierendes Lächeln gegen ihre Haut. „Ist das so?“, fragte sie leise, während sie ihre Hände über seine legte. „Und was genau steht da auf der Agenda, Herr Hiwatari?“
Kai drehte sie behutsam zu sich um, sein Blick war nun tief und dunkel, frei von jeder geschäftlichen Maske. Er legte seine Stirn an ihre und sah ihr mit einer Intensität in die Augen, die ihr den Atem raubte. „Die Begleichung unserer Rechnung“, flüsterte er, während er die Distanz zwischen ihnen weiter verringerte. „Und ich habe absolut nicht vor, heute Nacht noch einmal unterbrochen zu werden.“
Bevor Nami eine weitere schlagfertige Antwort finden konnte, schob er seine Arme unter ihre Kniekehlen und ihren Rücken und hob sie mit einer Leichtigkeit hoch, die ihn zwar anstrengen mochte, die er sich aber niemals anmerken lassen würde.
Nami schlang ihre Arme augenblicklich um seinen Nacken und ein leises, belustigtes Lachen entwich ihrer Kehle. Sie schmiegte sich enger an ihn, während er zielsicher den Weg Richtung Schlafzimmer einschlug. „Weißt du eigentlich“, murmelte sie und betrachtete sein konzentriertes Profil, „dass ich es jedes Mal wieder liebe, wenn du mich so trägst? Es ist dieser leicht arrogante, aber absolut unwiderstehliche Stolz, den du dabei ausstrahlst.“
Kai schenkte ihr ein schiefes, fast jungenhaftes Grinsen, das den strengen CEO für einen Moment komplett vergessen machte. „Ich nenne es nicht Stolz, Nami. Ich nenne es eine klare Markierung meines Territoriums.“
Er stieß die Tür zu ihrem gemeinsamen Schlafgemach mit dem Fuß auf und schloss sie hinter ihnen, noch bevor Nami ihre Füße wieder auf den Boden setzen konnte. Das gedimmte Licht der Nachttischlampen warf sanfte Schatten auf die Wände und schuf eine Atmosphäre, die so weit weg von der Welt der Tachiwari-Corporation war, wie es nur sein konnte.
Als er sie behutsam auf das Bett gleiten ließ, ohne den Blick von ihr abzuwenden, spürte Nami, wie die letzten Reste der Anspannung endgültig von ihr abfielen. Hier, in der Privatsphäre ihres Zuhauses, spielten all die Sorgen um Gou oder die bevorstehende Abreise keine Rolle mehr. Kai trat einen Schritt näher, seine Augen fixierten sie mit einer neuen, fordernden Wärme.
„Bevor wir uns unseren... geschäftlichen Unterlagen widmen“, begann er leise, und seine Stimme vibrierte vor einer Anziehung, die sie schon nach all den Jahren immer noch schwach werden ließ, „sag mir eines: Hast du heute Abend wirklich geglaubt, ich würde dich mit dieser Provokation im Restaurant einfach so davonkommen lassen?“
Nami ließ sich auf die weichen Kissen sinken, doch ihr Blick blieb fest an seinem hängen. Das gedimmte Licht der Nachttischlampen umspielte Kais Gesichtszüge, die in dieser intimen Nähe so viel weicher wirkten als im grellen Licht des Konferenzraums.
Sie unterdrückte ein leises Kichern, das sich unwillkürlich in ihrer Brust ausbreitete, während sie ihre Hände auf seine Schultern legte und ihn ein Stück näher zu sich zog. „Du stellst diese Frage, als hättest du nicht selbst den Stein ins Rollen gebracht, Kai“, erwiderte sie spielerisch und beobachtete amüsiert, wie sich seine Miene verfinsterte, nur um augenblicklich wieder diesem gefährlichen, privaten Funkeln zu weichen.
„Du warst es, der im Tower mit dieser... demonstrativen Geschäftigkeit angefangen hat“, fuhr sie fort und spürte, wie er sich auf die Bettkante setzte und sich über sie beugte. „Du hast das Spiel begonnen, indem du mit deiner Hand und deiner Stimme...meinen Fokus und meine Aufmerksamkeit mit dieser... übertriebenen Professionalität auf dich gezogen hast. Ich habe lediglich darauf reagiert.“
Kai lachte leise, ein tiefes, kehliges Geräusch, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Übertriebene Professionalität?“, wiederholte er mit einem amüsierten Glanz in den Augen. „Dein Fokus lag außerhalb der Konferenz. Du nennst es Reaktion, ich nenne es eine gezielte Eskalation.“
Er stützte sich neben ihrem Kopf ab, sodass sie fast unter ihm gefangen war, doch Nami fühlte sich in dieser „Gefangenschaft“ vollkommen sicher. „Wenn du es so nennen willst“, hauchte sie und strich mit ihren Fingern langsam über seinen Unterarm, „dann war es die effizienteste Eskalation, der Tachiwari-Corporation“
Kai neigte den Kopf, seine Lippen nur einen Millimeter von ihren entfernt. Die Luft zwischen ihnen schien vor Spannung fast zu knistern. „Oh, keine Sorge“, raunte er, seine Stimme nun ein tiefes, heiseres Versprechen, das jede weitere Erwähnung von Strategien oder Geschäftlichem im Keim erstickte. „Das war erst der Anfang der Effizienz. Heute Nacht geht es nicht um Protokolle, sondern nur um uns.“
Mit einer langsamen, bewussten Bewegung strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht, bevor er sein Versprechen wahr machte und jegliche Distanz zwischen ihnen ein für alle Mal beendete....
Das erste, was Nami wahrnahm, war nicht das sanfte Licht, das durch die schweren Vorhänge drang, sondern die vertraute, beruhigende Schwere von Kais Arm, der über ihrer Taille lag. Er hielt sie fest und sein gleichmäßiger Atem gegen ihre Schulter ließ sie wissen, dass er noch tief schlief. Nami atmete tief ein und genoss für einen Moment die vollkommene Stille des Anwesens.
Doch kaum hatte sie sich ein wenig bewegt, spürte sie, wie sich sein Griff augenblicklich straffte. Kai öffnete die Augen nicht, doch sein Mundwinkel zuckte – ein Zeichen, dass er längst wach war und nur auf diesen einen Moment gewartet hatte. Mit einer fließenden Bewegung drehte er sie in seinen Armen, bis sie direkt unter ihm lag. Sein Blick traf ihren mit einer Intensität, die sie sofort wach werden ließ. Ohne ein Wort zu verlieren, beugte er sich vor und fing ihre Lippen in einem Kuss ein, der die Schläfrigkeit der Nacht mit der fordernden Energie des neuen Morgens verband.
Als er sich schließlich ein Stück löste, blieben seine Finger sanft auf ihrem Kiefer ruhen. Nami blinzelte ihn an, ein zufriedenes, weiches Lächeln auf den Lippen.
„Guten Morgen“, hauchte sie, während sie ihre Hand an seine Brust legte und den Herzschlag unter ihrer Handfläche spürte. „Die letzte Nacht war... absolut wunderschön.“
Kai betrachtete sie, und der Ausdruck in seinen Augen war so offen und ungeschützt, wie sie ihn nur in diesen privaten Momenten sah. Er strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. „Das ist das Mindeste, was du verdienst“, antwortete er mit seiner rauen Morgenstimme.
Nami sah ihn an, die Erinnerung an seine ‚Drohung‘ von gestern Abend im Kopf, und ein amüsiertes Leuchten trat in ihre Augen. Sie schmunzelte und stieß ihn spielerisch ein Stück in die Seite. „Weißt du... ich muss ja sagen, dass das Vorspiel bei weitem nicht so ‚quälend lang‘ war, wie du es mit deiner Drohung angekündigt hattest. Ein bisschen enttäuschend war das für meine Erwartungshaltung schon“, fügte sie lachend hinzu.
Kai hob eine Augenbraue und zog sie noch ein Stück näher an sich. Ein ehrliches, sanftes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. „Ich habe deine Kritik bezüglich....der Spielpark-Thematik nicht vergessen, mein Schatz. Du hast mir sehr deutlich klargemacht, dass dich dieses Zappelnlassen auf Dauer eher frustriert als glücklich macht. Und ich habe zugehört.“
Er hielt inne und sah ihr tief in die Augen, als wolle er sichergehen, dass sie seine Ernsthaftigkeit begriff. „Ich kann durchaus zuhören, wenn es um das geht, was dir wichtig ist. Ich bin immer offen für deine Bedürfnisse...auch wenn sie bedeuten, dass ich meine eigenen kleinen Spielchen anpassen muss, um dich glücklich zu sehen.“ er grinste spielerisch beim letzten Satz.
Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten einen kleinen Sprung machte. Es war nicht die Dominanz, die sie so an ihm liebte, sondern diese bewusste Entscheidung, ihr entgegenzukommen. Sie schmiegte sich eng an ihn und ließ den Kopf wieder auf seine Brust sinken. „Ich weiß....so warst du schon immer...“, flüsterte sie glücklich.
Kai lachte leise, ein zufriedenes Vibrieren, das sie durch ihren ganzen Körper spürte. „Ich bitte dich nur, es beim nächsten Mal auch ernst auszusprechen und nicht nur...kichernd anzudeuten. Du weißt, ich brauche klare Ansagen. Sonst...deute ich es eher als Herausforderung“
Nami musste lachen.
„Ja du hast Recht...das war schon immer mein Problem..."
Sie genoss die Wärme seines Körpers noch einen Moment, doch dann schlich sich ein Schatten über ihr Gesicht. Die Ereignisse des Vorabends ließen sich nicht länger ausblenden. Sie löste sich ein Stück von ihm und blickte an die Decke, während ihre Finger gedankenverloren über den Saum der Bettdecke strichen.
„Ich muss ständig an Hiromi denken, Kai“, begann sie leise, und ihre Stimme klang nun deutlich beschwerter. „Ich habe ein furchtbar schlechtes Gewissen. Gestern Abend... ich habe ihr durch die Blume schon fast gesagt, dass Gou sich innerlich längst von ihr distanziert hat. Ich habe ihr das Ende ihrer Beziehung angedeutet, obwohl es gar nicht mein Recht war.“
Sie wandte den Kopf und sah ihn bittend an. „Gous Entscheidung war es, zu warten, bis er wieder in Japan ist. Ich hätte ihr diese Hoffnung vielleicht nicht so subtil nehmen dürfen, aber... was hätte ich denn sonst machen oder sagen sollen? Sie in einer kompletten Lüge zu lassen, während sie vor mir zerbricht, fühlte sich auch falsch an.“
Kai schwieg einen Moment. Er starrte auf seine Hand, die immer noch auf ihrer Schulter ruhte, und Nami sah, wie er die Kiefer leicht zusammenbiss – nicht aus Wut, sondern aus tiefer Reflexion.
„Ich bin ein schlechter Ratgeber für solche Dinge, Nami. Das weißt du“, antwortete er schließlich, und seine Stimme war ungewöhnlich gedämpft. Er atmete schwer aus und sah sie dann direkt an. „Aber wenn du dir Vorwürfe machst, dann muss ich das erst recht tun. Ich habe meinen Teil dazu beigetragen, dass der Abend so eskaliert ist.“
Er hielt kurz inne, als fiele es ihm schwer, die Worte auszusprechen. „Ich fühle mich im Nachhinein... nicht gut dabei, wie ich über ihre Gefühle geredet habe. Es war abwertend. Ich habe ihre Liebe zu Gou wie eine mathematische Gleichung behandelt, die nicht aufgeht, und dabei völlig ignoriert, dass da ein junges Mädchen vor uns saß, das echte Schmerzen hat.“
Ein kurzes, bitteres Lächeln huschte über seine Lippen. „Ich war so darauf fixiert, die ‚Wahrheit‘ auszusprechen, dass ich vergessen habe, dass Wahrheiten manchmal wie Schläge sein können. Du hast versucht, den Schaden zu begrenzen, den ich mit meiner Direktheit angerichtet habe. Mach dir keine Vorwürfe wegen deiner Ehrlichkeit – ohne sie wäre Hiromi gestern völlig orientierungslos nach Hause gefahren.“
Nami war überrascht von seiner Offenheit. Dass er seinen Fehler so klar benannte, rührte sie mehr, als sie sagen konnte. Sie legte ihre Hand an seine Wange. „Wir stecken da wohl beide drin, Kai. Wir wollen Gou schützen... aber manchmal vergessen wir dabei die Menschen, die einfach nur dazugehören wollen.“
Kai legte seine Hand über ihre und küsste ihre Innenfläche. „Vielleicht ist das die Lektion für uns beide, bevor er aus London zurückkehrt. Wir müssen lernen, dass wir nicht jedes Problem wie eine feindliche Übernahme behandeln können.“
Kai schwieg nun eine Weile und sah einfach nur an ihr vorbei auf die tanzenden Schatten auf der Bettdecke. „Nami?“, begann er dann, und seine Stimme war so leise, dass sie fast im Raum verloren ging. „Du weißt hoffentlich, dass du mir nach all all dieser Zeit immer noch alles sagen kannst, oder? Wenn dich etwas bedrückt... wenn dir etwas Sorgen macht... du musst es nicht mit dir allein ausmachen...auch wenn es Themen sind, dir mir womöglich unangenehm sind“
Nami hielt inne. Sie verstand nicht ganz, worauf er hinauswollte, und ein leichtes Stirnrunzeln legte sich auf ihr Gesicht. Sie hob die Hand, strich ihm sanft über die Wangenknochen und suchte seinen Blick. „Natürlich weiß ich das, Kai. Warum fragst du mich das jetzt so plötzlich?“
Kai ergriff ihre Hand und hielt sie fest, als wäre sie sein einziger Anker. „Weil ich das Gefühl habe, bei Gou viele Fehler gemacht zu haben“, gestand er mit einer Ehrlichkeit, die Nami fast den Atem raubte. „Ich denke in letzter Zeit oft über das nach, was Vladimir damals gesagt hat... darüber, ob Gou nicht doch einen Teil meiner Dunkelheit abbekommen hat. Durch diese... übernatürliche Art, wie er gezeugt wurde. Durch die Auren, die ineinandergeflossen sind.“
Er wandte den Kopf zu ihr, und in seinen Augen lag eine fast schon schmerzhafte Verletzlichkeit. „Glaubst du, Gou weiß eigentlich, dass ich für ihn da bin? Ich erkenne langsam, dass ich vielleicht immer zu passiv war. Ich habe ihn gewähren lassen, weil ich dachte, ich gebe ihm Raum zum Wachsen, aber vielleicht... habe ich ihm nur gezeigt, wie man sich isoliert.“
Nami schüttelte energisch den Kopf. Sie legte beide Hände an sein Gesicht und zwang ihn, sie direkt anzusehen, sodass er ihrem Blick nicht mehr ausweichen konnte.
„Was sagst du da nur, Kai?“, fragte sie mit sanfter, aber unnachgiebiger Bestimmtheit. „Du bist ein toller Vater. Du warst immer für ihn da. Dass Gou eigensinnig ist und seine Probleme eher mir erzählt... Kai, das ist in den meisten Familien so. Söhne suchen oft die Weichheit der Mutter, wenn sie innerlich kämpfen.“
Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen, als die Erinnerungen an die ersten Jahre zurückkehrten. Bilder von einem winzigen Gou, der die Welt nur von Kais Schultern aus sehen wollte.
„Erinnerst du dich nicht mehr?“, fragte sie leise. „Wie er als Baby und Kleinkind förmlich an dir klebte? Er wollte von niemand anderem getragen werden. Du warst sein ganzer Stolz, sein unbesiegbarer Held.“ Sie lachte leise auf. „Ich erinnere mich noch so gut an dein völlig enttäuschtes Gesicht, als er mit drei Jahren plötzlich beschloss, dass er nun zu groß zum Tragen sei. Du hast versucht, es dir nicht anmerken zu lassen, aber du warst am Boden zerstört, dass dein kleiner Junge plötzlich unabhängig wurde und nicht mehr auf Papas Arm wollte.“
Kais Züge entspannten sich bei der Erinnerung ein wenig, und ein kurzes, melancholisches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „Er war so verdammt stur“, murmelte er. „Er wollte unbedingt selbst laufen“
„Genau wie du“, entgegnete Nami zärtlich. „Gou hat deine Stärke, ja. Aber er hat auch die Liebe erfahren, die du ihm gegeben hast. Die ‚Dunkelheit‘, von der Vladimir sprach... vielleicht ist sie da, aber sie wird von all den Jahren überstrahlt, in denen du ihn einfach nur als deinen Sohn geliebt hast. Zweifle nicht an deiner Verbindung zu ihm, nur weil er gerade versucht, seinen eigenen Panzer zu bauen.“
Kai nickte langsam, während sein Blick in die Ferne schweifte, zurück in jene Jahre, als das Anwesen noch von dem hohen Lachen eines kleinen Jungen erfüllt war. „Es war seltsam, als er damit anfing“, murmelte er, und seine Stimme klang beinahe nostalgisch. „Von einem Tag auf den anderen war ich nicht mehr ‚Papa‘. Er sah mich an, so ernst, wie nur ein Kind es kann, und nannte mich ‚Vater‘. Es fühlte sich an, als wäre in diesem Moment eine unsichtbare Distanz entstanden, die ich nie ganz überbrücken konnte.“
Nami schmunzelte und strich ihm mit der flachen Hand sanft über die Brust, spürte das gleichmäßige Klopfen seines Herzens unter ihrer Haut. „Erinnere dich doch“, sagte sie leise. „Graham hatte am Anfang einen riesigen Einfluss auf ihn. Die Art, wie Graham sich ausdrückte, diese unerschütterliche Etikette... das hat Gou zutiefst beeindruckt. Er fand es einfach ‚ästhetischer‘, uns mit ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ anzusprechen. Er wollte schon mit fünf Jahren so weltgewandt wirken wie der Mann, der ihm den Tee servierte. Dass er es aus Gewohnheit bis heute beibehalten hat, liegt an seiner Beständigkeit – genau wie bei dir.“
Während sie sprach, beobachtete sie ihn genau. In ihrem Inneren stieg eine tiefe Rührung auf. Es kam nicht oft vor, dass Kai so tief in seiner eigenen Vergangenheit grub oder seine Rolle als Vater derart sezierte. Meistens hing er in einem Tunnelblick fest, gefangen zwischen Bilanzen, strategischen Übernahmen und dem endlosen Tagesgeschäft der Tachiwari-Corporation. Dass er sich jetzt, hier in der Stille ihres Schlafzimmers, diese Blöße gab und sich fragte, ob er genug getan hatte, zeigte ihr, wie sehr die Situation mit Gou ihn tatsächlich aufwühlte. Es war die menschliche Seite des Zaren, die nur sie zu Gesicht bekam – verletzlich und voller leiser Sorgen.
Plötzlich entwich ihr ein kurzes Kichern, das die nachdenkliche Stille durchbrach. Kai drehte den Kopf und sah sie fragend an, eine Augenbraue leicht gehoben.
„Worüber lachst du?“, fragte er trocken.
„Ich muss gerade an diesen Moment vor ein paar Jahren denken“, prustete Nami los und versuchte, ihr Lachen zu unterdrücken. „Du wolltest Gou in eine ganz leichte, väterliche Umarmung ziehen als er eine wichtige Prüfung mit Bravour bestand...nur so ein flüchtiger Moment der Zuneigung und er hat das Gesicht so peinlich berührt verzogen. Er sah dich an, als hättest du versucht, ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen, und sagte mit diesem todernsten Ton: ‚Bitte... mach so etwas Peinliches nie wieder.‘“
Kai musste nun ebenfalls kurz schmunzeln, auch wenn er bei der Erinnerung leicht seufzte. „Er war unerbittlich“, gab er zu. „Ein kleiner Richter in einem Designeranzug.“ Er sah Nami an und sein Blick wurde wieder eine Spur nachdenklicher. „Bei dir scheint es ihm allerdings immer noch nichts auszumachen. Du darfst ihm immer noch näherkommen als ich.“
Nami widersprach ihm direkt und schüttelte den Kopf. „Oh, täusch dich da mal nicht, Kai. Er mag es bei mir auch nicht sonderlich und das weißt du. Er verzieht zwar nicht ganz so drastisch das Gesicht, aber man spürt förmlich, wie er innerlich erstarrt.“ Sie lachte hell auf. „Er lässt mich wohl einfach gewähren, weil er weiß, dass ich seine Mutter bin und ich mir das Recht nicht nehmen lasse. Aber ich habe es mir über die Jahre fast komplett abgewöhnt, ihn zu bedrängen... außer vielleicht an seinem Geburtstag. Da muss er durch, ob er will oder nicht.“
Kai beobachtete sie, wie sie lachte, und das kleine, ehrliche Lächeln auf seinen Lippen vertiefte sich. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen die Schwere der Welt draußen blieb. Er genoss den Anblick ihrer Lebensfreude, die selbst die unterkühlte Art ihres gemeinsamen Sohnes mit Humor nehmen konnte.
„Dann bin ich ja beruhigt, dass ich nicht das einzige Opfer seines Stolzes bin“, raunte er und zog sie wieder ein Stück näher an sich.
Er verlagerte sein Gewicht leicht und starrte nachdenklich auf seine Hände, während Nami sich wieder an ihn schmiegte. „Wenn man Gou sieht, vergisst man fast, wie anders die Zwillinge sind“, murmelte er leise. „Die beiden scheinen in einer völlig anderen Sphäre zu existieren.“
Nami nickte und ein warmes Leuchten trat in ihre Augen. „Das stimmt. Ayumi und Ren... sie waren schon immer so. Weißt du noch, wie sie als Kleinkinder stundenlang im Spielzimmer saßen und miteinander spielten? Sie haben sich nur angesehen, ein kurzes Nicken, ein gemeinsames Lächeln, und schon wussten sie, was der andere denkt.“
Sie lachte leise bei der Erinnerung. „Sie lebten schon immer in ihrer eigenen kleinen Welt. Sie waren völlig zufrieden mit der Gesellschaft des jeweils anderen. Während Gou immer die Bestätigung in der Arena oder durch deine Anerkennung suchte, reichte es den beiden, wenn sie einfach nur zusammen waren. Sie brauchten kein Publikum, nur sich selbst.“
Kai schmunzelte und strich gedankenverloren über ihren Arm. „Es ist manchmal fast beängstigend, wie autark sie sind. Selbst beim Training. Wenn sie zusammen im Dojo stehen, wirken sie wie eine Einheit, die durch nichts zu erschüttern ist. Manchmal frage ich mich, ob sie uns überhaupt brauchen oder ob wir für sie nur die Statisten in ihrem gemeinsamen Abenteuer sind.“
„Oh, sie brauchen uns schon“, entgegnete Nami zärtlich und blickte Kai tief in die Augen. „Aber auf eine leisere Art. Sie sind nicht so fordernd wie Gou und nicht so präsent wie Sayuri. Sie sind wie zwei Sterne, die umeinander kreisen und dabei ihr eigenes Licht erzeugen. Es ist ein Geschenk, Kai. Sie haben diesen inneren Frieden, den Gou erst noch finden muss.“
Kai atmete tief durch, und die Anspannung in seinen Schultern wich endgültig einer ruhigen Gelassenheit. „Vielleicht hast du recht. Vielleicht sind sie genau das Gleichgewicht, das diese Familie braucht.“
Er sah sie an und der Ausdruck in seinen Augen wandelte sich langsam von väterlicher Nachdenklichkeit zurück zu jener privaten, intensiven Aufmerksamkeit, die nur ihr galt. „Aber jetzt“, raunte er, während er sich wieder ein Stück über sie beugte, „sollten wir diesen Moment der Ruhe nutzen, bevor das Haus endgültig erwacht und die Zwillinge mit ihrer nächsten Beyblade-Analyse die Küche stürmen.“
Nami lächelte, schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich hinunter.
Kai schloss die Augen für einen Moment, als er ihre Lippen erneut auf seinen spürte – ein Kuss, der so tief und voller Hingabe war, dass er jede verbliebene Sorge aus seinem Verstand vertrieb. Er hielt ihr Gesicht zwischen seinen Händen, seine Daumen strichen zärtlich über ihre Wangenknochen.
„Ich liebe dich“, flüsterte er gegen ihre Lippen, seine Stimme belegt von einer ungewohnten Schwere. „Ich werde immer für dich da sein... für dich und die Kinder. Das ist mein einziger Fixpunkt.“ Er hielt kurz inne und sah sie so intensiv an, als wolle er ihr Abbild für die Ewigkeit speichern. „Manchmal, nach all diesen Jahren... da frage ich mich, ob das hier alles nur ein Traum ist. Ob ich im nächsten Moment die Augen öffne und wieder in der Kälte der Abtei liege, allein in der Dunkelheit.“
Nami spürte den Schmerz in seinen Worten, das ferne Echo einer Kindheit, die ihn fast zerbrochen hätte. Sie gab sich seinem Kuss erneut hin, spürte das Verlangen und die tiefe Verbundenheit, bis Kai sich schließlich langsam löste.
Doch anstatt in der melancholischen Stimmung zu verharren, blitzte plötzlich ein provokantes Funkeln in ihren ozeanen Augen auf. Mit einer geschmeidigen Bewegung wandte sie sich unter ihm aus seinem zarten Griff. Kai sah ihr überrascht nach, wie sie sich mit einer fast schon raubtierhaften Eleganz über ihn schwang und sich triumphierend auf seine Hüften setzte.
Sie stützte ihre Hände auf seine breite Brust, beugte sich vor und fixierte ihn mit einem Blick, der keine Fragen offen ließ. „Die Abtei ist nichts weiter als ein ferner Schatten, Kai“, sagte sie mit fester, klarer Stimme. „Du bist hier. Bei mir. Und ich werde dich so fest mit meiner Liebe halten, dass du gar keine Chance hast, irgendwo anders aufzuwachen.“
Ein verschmitztes, dunkles Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie sich tiefer zu ihm hinab bog, bis ihr Atem seine Haut kitzelte. Ihre Stimme sank zu einem rauen, herausfordernden Flüstern herab.
„Die Nacht war wunderschön, mein Schatz...“, hauchte sie direkt an seine Lippen, während ihre Finger langsam seinen Bauch hinab glitten. „Aber jetzt... jetzt frage ich mich, was ich tun muss, um den fordernden und unerbittlichen Zaren heute noch einmal so richtig aus der Reserve zu locken? Ich hatte genug Sanftheit für heute Morgen. Jetzt will ich deine andere Seite sehen.“
Kai starrte sie an, und Nami konnte förmlich sehen, wie der Schalter in ihm umgelegt wurde. Die weiche Melancholie in seinen Augen wich augenblicklich diesem dunklen, besitzergreifenden Glimmen, das sie so sehr liebte. Seine Hände glitten von der Matratze hoch und krallten sich fest in ihre Taille, während ein gefährliches Grinsen seine Züge stahl.
„Da ist sie auch schon wieder...meine unersättliche, gern provozierende Ehefrau“, raunte er, seine Stimme nun eine Oktave tiefer und voller unterdrückter Macht. „Und du weißt ganz genau, dass der Zar keine Gefangenen macht, wenn er erst einmal provoziert wurde.“
Die schnelle, entschlossene Bewegung, mit der er sie unter sich brachte, zeugte von einer Kraft, die er in ihren Momenten der Zärtlichkeit oft zurückhielt doch jetzt war sie ungefiltert präsent. Nami lachte hell auf, ein befreites, fast herausforderndes Geräusch, das in der Stille des Schlafzimmers widerhallte. Sie ergab sich seiner Führung mit einem wissenden Glanz in den Augen, während sie sich erwartungsvoll auf die Unterlippe biss und seinen Blick herausfordernd erwiderte.
Über ihr schob sich Kai mit einem dunklen, fast schon gefährlichen Grinsen in den Raum, den sie ihm gerade eben noch mit ihrer Provokation eröffnet hatte. Er stützte sich auf seine Unterarme, sein ganzer Körper strahlte die unnachgiebige Dominanz aus, die Nami schon immer so unwiderstehlich fand.
„Ich hoffe sehr, dass die Kinder ihre Oropax noch ganz tief in den Ohren haben“, raunte er schmunzelnd. „Denn ich habe nicht die leiseste Absicht, mich heute Morgen noch einmal in Zurückhaltung zu üben.“
Ohne ihr eine weitere Sekunde Zeit für schlagfertige Antworten zu lassen, sank sein Gesicht erneut zu ihr hinab. Seine Lippen fanden die empfindliche Haut an ihrem Hals, und diesmal war es kein zärtliches Tasten mehr. Er küsste sie mit einer Intensität, die ihr ein leises Seufzen entfleuchen ließ, und Nami spürte, wie ihr Körper unter seinem Gewicht sofort auf jede seiner Berührungen reagierte. Die melancholischen Schatten des frühen Morgens waren in der Hitze dieses Moments restlos verbrannt; was blieb, war nur das hier und jetzt, das Verlangen und das Versprechen, das in jedem seiner Griffe mitschwang.
Nami krallte ihre Finger in sein Haar, ihre Sinne bereits wieder vollkommen im Rausch dieser unerbittlichen, besitzergreifenden Seite ihres Mannes gefangen, die sie nur zu gerne so oft es ging provozierte.
„Sie werden es überleben“, keuchte sie gegen seine Haut, während seine Hände sich mit einer fast schon besitzergreifenden Sicherheit ihren Weg bahnten. „Und wenn nicht... dann gibt es eben noch bessere Oropax.“ sie kicherte.
Kai antwortete nur mit einem tiefen, grollenden Laut in seiner Kehle, bevor er den Kuss auf ihrem Hals vertiefte und jede weitere Kommunikation jenseits ihrer körperlichen Sprache für den Moment verstummen ließ.
Er wartete nicht länger. Mit einer kraftvollen Bewegung, die keinen Raum für Zögern ließ, drang er tief in sie ein. Nami stieß einen scharfen, erregten Schluchzer aus, der ihr fast die Luft raubte, und warf den Kopf zurück in die Kissen. Das Gefühl, von ihm so kompromisslos ausgefüllt zu werden, war wie eine elektrische Entladung, die ihr gesamtes Nervensystem zum Glühen brachte.
Kai hielt ihren Blick fest, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. Er begann ein Tempo vorzulegen, das rau und unerbittlich war. Jeder Stoß war kraftvoll, jeder Kontakt eine direkte Bestätigung ihrer Verbindung.
Nami wand sich unter ihm, ihre Hüften trafen bei jedem seiner Stöße auf seine, ein rhythmischer Zusammenprall von Haut auf Haut, der das Knarren des Bettes übertönte. Sie liebte diesen Kai. Sie liebte es, wie er jede Fassade fallen ließ und einfach nur das Raubtier war, das er tief in seinem Inneren immer geblieben war.
„Hör nicht...auf..“, keuchte sie zwischen den Stößen hervor, ihre Stimme rau vor Ekstase. „Tiefer....“
Er antwortete nicht mit Worten. Er stützte sich auf seine Hände und drückte sie tief in die Matratze, während er seine Bewegungen weiter beschleunigte. Die Intensität stieg in ihnen beiden auf wie ein unaufhaltsamer Druck. Nami spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog, wie die Welt um sie herum in einem Strudel aus Hitze und Reibung zerfiel. Jeder Stoß drang bis in ihre Seele vor, als würde er nicht nur ihren Körper, sondern ihre gesamte Existenz mit seiner Kraft beanspruchen.
Es war die wilde, kompromisslose Demonstration ihrer Liebe... eine, die keine Regeln kannte und nur durch das Ziel bestimmt wurde, das sie beide mit jedem heftigen Stoß unaufhaltsam ansteuerten.
Kai sah, wie sie bereits am Rande dessen balancierte, was sie ertragen konnte. Mit einer plötzlichen, entschlossenen Bewegung packte er ihre Oberschenkel und drückte sie mit kraftvollem Griff weit nach oben, bis ihre Knie fast neben ihrem Kopf ruhten. Er war nun so tief in ihr, dass jeder seiner Stöße bis in ihr Innerstes drang und ihr gesamtes Nervensystem zum Beben brachte.
Er hielt inne, nur um ihr direkt in die Augen zu blicken. Sein Blick war heiß, dunkel und voller besitzergreifendem Stolz. Er wollte jeden Funken sehen, den er in ihr entzündete.
„Sieh mich, an mein Schatz“, flüsterte er sanft während er erneut mit einer Intensität zustoß, die sie nach Luft schnappen ließ.
Nami verlor den Halt zur Realität. Das Schluchzen, das tief aus ihrer Kehle aufstieg, wurde heller, lauter, ein unkontrollierter Sturm aus Lauten, der die Stille des Zimmers zerriss. Ihr Kopf kribbelte vor elektrischer Spannung, als würde die Welt um sie herum in einem Rausch aus purer Empfindung zerfallen. Sie fand keinen klaren Gedanken mehr, nur noch das Bedürfnis, ihn in sich zu halten.
„Ich liebe dich... ich liebe dich... ich liebe dich!“, stieß sie schnell hintereinander hervor, während ihre Finger sich tief in die Laken gruben. „Hör nicht auf! Schneller, Kai, schneller!“
Er gehorchte ihr sofort. Sein Rhythmus wurde noch härter, noch fordernder. Er spürte, wie sie unter ihm zu zittern begann, wie sich ihr gesamter Körper wie ein gespannter Bogen gegen ihn wandt. Die Reibung war berauschend, ein infernalisches Spiel aus Macht und Hingabe. Dann, als sie das lautstarke, helle Schluchzen ihrer Ekstase nicht mehr zurückhalten konnte und sich in einem intensiven, körperlichen Beben entlud, spürte er, wie sie ihn förmlich in sich umschlang.
„Ich komme...Kai!“, schrie sie auf, ihre Stimme überschlug sich vor Ekstase, während die Wellen der Lust ihren Körper wie eine Flutwelle überrollten.
Kai stieß ein triumphierendes, dunkles Knurren aus. Sein Grinsen war das eines Mannes, der sein Territorium vollkommen unter Kontrolle hatte. Er drückte sich ein letztes Mal hart und tief in sie hinein, während er ihre Reaktion in sich aufnahm, als wäre es die größte Trophäe, die er je errungen hatte.
„Oh...und wie...du das tust“, presste er mit rauer, dunkler Stimme hervor, während er den Moment ihrer vollkommenen Hingabe auskostete und sich selbst dem Finale hingab.
Einen Moment lang verharrten sie in dieser engen Verbindung, während ihr Atem sich in der stillen, warmen Luft des Schlafzimmers vermischte. Kai ließ nicht von ihr ab; er hielt sie fest, als wollte er sicherstellen, dass dieser Moment der vollkommenen Einheit niemals verblasste. Sein Gesicht war nun entspannt, das gefährliche Glühen in seinen Augen einem tiefen, friedvollen Ausdruck gewichen, während er ihre feuchte Haut an der Schulter küsste und ihre zitternden Körper langsam zur Ruhe kamen.
Er stützte sich auf seine Unterarme und sah auf sie hinunter. Sein Haar war zerzaust und in seinem Blick lag ein Ausdruck purer, ehrlicher Zufriedenheit. Ein leises, fast schon jungenhaftes Grinsen breitete sich auf seinen Zügen aus, als er die leichte Röte auf ihren Wangen und den glücklichen Glanz in ihren Augen musterte.
Nami, deren Körper noch immer von einem leichten Nachbeben durchzogen war, erwiderte sein Grinsen. Es war ein stilles Einverständnis, ein Wissender Blick, der mehr sagte als tausend Worte. Sie streckte eine Hand aus und fuhr mit dem Daumen über seine Lippen, als wollte sie die Spur seines triumphierenden Lächelns festhalten.
Kai beugte sich langsam vor. Sein Kuss war lang, tief und von einer Zärtlichkeit erfüllt, die Nami Schmetterlinge in ihrem Bauch bescherte. Es war ein Kuss der ihre Seelen wieder ineinander fließen ließ, nachdem sie gerade erst ihren Körpern alles abverlangt hatten.
Als er sich schließlich wieder ein Stück zurückzog, blieb seine Stirn an ihrer ruhen. Er ließ seine Finger sanft durch ihr Haar gleiten und drückte sie noch einen Moment lang fester an sich. „Ich liebe dich..."
Einige Tage später...
Der Donnerstagvormittag in Davies Hall war von einer fast schon meditativen Ruhe erfüllt, die jedoch nur Graham als solche wahrnahm. Während das Licht des späten Vormittags in schrägen, staubpartikelreichen Bahnen durch die hohen, schmalen Fenster des viktorianischen Anwesens fiel, schritt er den Gang der Eingangshalle entlang. Seine Schritte waren lautlos, fast so, als würde er über den Boden gleiten, anstatt ihn zu berühren.
Jeder Zentimeter seines Körpers war eine Lektion in tadellosem Auftreten: der Anzug von einer Strenge, die keinen einzigen Fussel duldete, das Haar akkurat gestutzt, der Blick stahlblau und von einer Präzision, die jeden Defekt in seiner Umgebung sofort als Beleidigung der Ordnung identifizierte.
Sein Blick scannte die kleinen Kommoden, die den Weg säumten. Sein inneres Archiv verglich die aktuelle Lage der Kostbarkeiten – eine kleine Porzellanfigur hier, ein silberner Kerzenhalter dort – mit dem Soll-Zustand. Ein fast unsichtbares Zucken seines Mundwinkels verriet, dass die Staubschicht auf der hinteren linken Ecke einer der Kommoden keineswegs seiner Zustimmung entsprach. Es war ein Fehler, den er bei seinem nächsten Rundgang mit dem zuständigen Zimmermädchen – sehr diskret – korrigieren würde.
Graham hatte sich die letzten zwei Wochen nicht geschont. Er hatte die Küche von Davies Hall einer Inspektion unterzogen, die jeden Koch zur Verzweiflung getrieben hätte, und die Wäscherei mit einem Blick taxiert, der selbst die makellosesten Leinenstoffe auf mikroskopische Mängel prüfte.
Doch sein Auftrag reichte weiter. Er hatte sich sogar in das ungleich prunkvollere Davies Manor begeben, den Hauptsitz der Familie Davies, nur wenige Kilometer entfernt. Während Gou in den staubigen Arenen des Turniers um den Sieg kämpfte und mit der Verbissenheit eines Hiwatari nach Perfektion strebte, hatte Graham seinen eigenen Kampf geführt – den Kampf um die Auswahl der Nachfolger.
In Davies Manor war er wie ein Schatten durch die Korridore gewandert. Das dortige Personal – eine bunte Mischung aus alteingesessenen und jüngeren Kräften – hatte bei seinem Anblick instinktiv eine aufrechtere Haltung eingenommen. Es war nicht die Angst vor seinem Rang, die sie beugte, sondern der Respekt vor seiner entwaffnenden Scharfsinnigkeit. Graham brauchte keine Befehle zu brüllen. Ein einziger, trockener Kommentar über die falsche Temperatur des Tees oder ein gezielter Hinweis auf die unordentliche Ausrichtung eines Wandteppichs reichten aus, um zu zeigen, dass ihm nichts entging.
Er war die personifizierte Diskretion. Niemand wusste genau, was Graham dachte oder sah, wenn er sie ansah, und genau das war seine größte Stärke. Er war ein stiller Beobachter in einer Welt der Eitelkeiten und Etiketten.
Er blieb kurz vor einem blühenden Kübel stehen und prüfte die Blätter mit einem Finger. Alles im grünen Bereich. Er strich sich kurz über das Revers. Lord Eric Davies verlangte Exzellenz, doch Graham wusste, dass das Personal, das er für das Ayame-Anwesen in Japan auswählen würde, mehr brauchte als nur Exzellenz. Sie brauchten die Disziplin, eine Familie zu stützen, deren Dynamik sich für einen Außenstehenden oft wie ein hochkomplexes Uhrwerk darstellte.
„Der Butler ist das Fundament, auf dem die Fassade eines Hauses steht“,
dachte er bei sich, während er sich wieder in Bewegung setzte. Er war zufrieden. Er hatte die Spreu vom Weizen getrennt. Und was sein eigenes Alter betraf, so ignorierte er die Signale seines Körpers mit einer stoischen Gelassenheit, die nur ein Mann von seiner Erfahrung aufbringen konnte.
Noch einmal glitt sein Blick über die Halle. Alles war bereit.
Graham hielt inne, als er das Ende des Korridors erreichte, und gab einem der jüngeren Diener einen kurzen, präzisen Wink. „Ramsay. Harriet. Sofort in den kleinen Empfangssalon.“
Wenige Minuten später standen die beiden vor ihm. Der Kontrast zwischen ihnen hätte kaum größer sein können, und doch strahlten beide jene seltene, fast vergessene Aura von Hingabe aus, die Graham so schätzte.
Ramsay, ein Mann von fünfundvierzig Jahren mit lichterem, grau meliertem Haar, stand da wie eine Eins. Sein Gesichtsausdruck war ein Ebenbild von Grahams eigenem – trocken, unaufgeregt, von einer stoischen Professionalität gezeichnet. Neben ihm wirkte Harriet wie ein wärmender Kontrapunkt. Die fünfzigjährige Dame mit dem weißen Lockenkopf, der molligen Statur und der kleinen, runden Brille, die auf ihrer Nasenspitze thronte, strahlte eine mütterliche Güte aus, die manchem als "weihnachtlich" hätte erscheinen können. Doch Graham wusste, dass hinter diesem freundlichen Äußeren ein Verstand arbeitete, der jedes noch so kleine Detail eines Haushalts im Griff hatte.
Sie waren nicht Graham – das war ein Ding der Unmöglichkeit – aber sie waren das perfekte Gefüge, um ihn zu stützen und seine Arbeit in Japan fortzuführen.
Graham legte die Hände hinter dem Rücken zusammen und musterte beide mit seinem forschenden, beinahe chirurgischen Blick. „Ramsay. Harriet.“ Seine Stimme war wie das Rascheln von altem Pergament. „Sie wissen beide, warum ich Sie heute Morgen zu mir gebeten habe.“
Die beiden nickten beinahe synchron. Es gab keine Überraschung in ihren Mienen. In den Fluren von Davies Manor war das Flüstern längst verstummt; jeder im Personalstand wusste um die Suche nach jenen zwei Auserwählten, die den Rest ihres Arbeitslebens in den Dienst einer Familie im Ausland stellen würden.
Graham trat einen Schritt näher, seine Augen verengten sich minimal. „Dies ist keine Entscheidung, die ich im Vorbeigehen getroffen habe. Ich habe Sie beide beobachtet. Sie sind die Einzigen in diesem ganzen Hausstand, die das Handwerk noch so verstehen, wie es gelehrt wurde, bevor man begann, Dienstleistung als bloßen Zeitvertreib zu betrachten.“ Er machte eine kurze Pause, um das Gewicht seiner Worte wirken zu lassen. „Sie beide leben noch nach der alten Schule. Für Sie, so wie für mich, ist dies kein Job, den man am Freitagabend ablegt. Es ist eine Berufung.“
Er sah von Ramsay zu Harriet. „Die Hiwatari-Familie in Japan benötigt Ordnung, Diskretion und eine unerschütterliche Loyalität. Das Ayame-Anwesen ist kein gewöhnliches Heim; es ist ein Ort, der gelebt werden muss, um zu atmen. Ich biete Ihnen hier keinen schnellen Wechsel, sondern eine Aufgabe für den Rest Ihrer Jahre.“
Graham legte den Kopf leicht schief, seine trockene Art ließ keinen Raum für Sentimentalität, doch in seinem Blick lag ein ungewohnter Funke von Respekt.
„Sie sind nicht gezwungen, dies anzunehmen. Sie könnten in Davies Hall bleiben, in den vertrauten Strukturen, die Sie kennen. Doch ich frage Sie nun: Sind Sie bereit, dieses Kapitel aufzuschlagen? Sind Sie bereit, die Hiwatari-Familie mit der Disziplin zu führen, die ich Ihnen vorgelebt habe?“
Er schwieg und wartete. Er wusste, dass sie seine Erwartungen verstanden hatten. Ein solches Angebot war keine Bitte – es war eine Einladung, Teil eines Vermächtnisses zu werden, das Graham selbst über Jahre hinweg mühsam aufgebaut hatte. Er beobachtete Ramsay, der sich leicht straffte, und Harriet, deren freundliches Lächeln einer tiefen, ernsthaften Entschlossenheit wich.
Graham neigte das Haupt, eine Bewegung, die so präzise und feierlich war, dass sie fast schon eine Segnung gleichkam. Ramsay verneigte sich ebenfalls, ein kurzes, militärisches Nicken, das keine weiteren Worte brauchte – seine Loyalität war so starr und unumstößlich wie ein Eichenpfahl.
Doch dann durchbrach Harriet das förmliche Schweigen. Ein helles, warmes Lachen, das so gar nicht zu der strengen Architektur des viktorianischen Empfangssalons passen wollte, erfüllte den Raum. Sie strahlte über das ganze Gesicht, ihre Augen hinter den Brillengläsern leuchteten vor Vorfreude. Für Harriet war das kein Abschied von ihrer gewohnten Umgebung; es war der Beginn eines neuen Abenteuers, eine Chance, das Ayame-Anwesen mit jener Wärme zu fluten, die dort so oft unter der kühlen, distanzierten Eleganz der Hiwataris begraben lag.
„Vier Kinder, habe ich gehört?“, fragte sie, während sie ihre Schürze ein wenig zurechtrückte, als müsste sie sich bereits jetzt für ihren ersten Einsatz im Ausland vorbereiten. „Ist das wahr? Vier kleine Seelen in diesem großen Haus? Oh, Graham, das wird ein Fest! Ein Haus ohne Kinderlachen ist doch wie ein Garten ohne Blumen, nicht wahr?“
Graham verzog keine Miene. Sein Gesicht blieb die gewohnte Maske aus Sachlichkeit und Disziplin. „In der Tat, Harriet“, antwortete er mit seiner gewohnt trockenen, fast schon monotonen Stimme. „Der Haushalt umfasst vier Nachkommen: Gou, die Zwillinge Ayumi und Ren, sowie die kleine Sayuri. Sie werden feststellen, dass der Lärmpegel im Ayame-Anwesen gelegentlich... dynamisch ausfällt.“
Er wusste genau, was er da tat. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Harriets überschwängliche, herzliche Art in den Räumen des Anwesens wirken würde. Er sah förmlich vor seinem geistigen Auge, wie Kai, der sonst so penibel auf seine stoische Maske achtete, von Harriets unbändiger Frohnatur aus der Reserve gelockt würde – öfter, als es dem Herrn des Hauses lieb sein konnte. Der Gedanke amüsierte Graham auf eine Weise, die in seinem Inneren ein fast unsichtbares Leuchten hinterließ. Kai würde sich anpassen müssen, und vielleicht war genau das der Grund, warum Graham gerade sie ausgewählt hatte. Das Anwesen brauchte jemanden, der dem "Master" ab und zu die Stirn bot, ohne dass es ein direkter Konfrontationskurs war.
„Ihre Fröhlichkeit wird zweifellos eine... bereichernde Ergänzung für die familiäre Atmosphäre darstellen“, fügte Graham hinzu, wobei seine Stimme ein winziges Nuance-Level trockener klang als üblich. „Allerdings möchte ich Sie eindringlich bitten, die gewohnten Etiketten des Hauses Hiwatari in den sensiblen Momenten der...Unternehmensführung zu wahren. Die Kinder benötigen Zuneigung, doch das Haus Hiwatari verlangt auch Disziplin.“
Ramsay räusperte sich leise, ein Zeichen dafür, dass er die Warnung verstanden hatte. Harriet jedoch nickte nur eifrig, ihr Lächeln wurde sogar noch breiter. Sie hatte Grahams subtile Art, die Dinge zu steuern, längst durchschaut.
„Verstanden, Graham“, sagte sie mit einem Augenzwinkern. „Disziplin steht auf der Tagesordnung – aber ein bisschen Herzlichkeit wird den Kindern sicher nicht schaden. Ich freue mich darauf, dieses neue Zuhause kennenzulernen und alle zu bekochen!“
Graham nickte kurz. Er hatte getan, was getan werden musste. „Dann ist alles besprochen. Bereiten Sie alles vor. Die Reise nach Japan wird in Kürze in die Wege geleitet, sobald Master Gou das Turnier durchstanden hat.“ Mit einer Geste seiner Hand entließ er die beiden, und während sie den Raum verließen, blieb Graham einen Moment allein stehen. Er blickte aus dem Fenster auf den Garten von Davies Hall. Es war gut. Sein Vermächtnis war in sicheren Händen, auch wenn es in Zukunft dort ein wenig heller und lauter zugehen würde, als man es in Tokio bisher gewohnt war.
Halbfinale
Der frühe Samstagmorgen in London war von einer elektrisierenden Atmosphäre erfüllt, die selbst die grauen Wolken über der Stadt vergessen ließ. Das BBA- Future Stadiun, eine monumentale Arena, die für dieses Turnier in ein futuristisches Licht getaucht worden war, bebte förmlich unter den erwartungsvollen Rufen zehntausender Zuschauer.
Die Eröffnungszeremonie war ein Spektakel, das keine Kosten und Mühen gescheut hatte. Laserstrahlen schnitten in das Halbdunkel der Arena, während ein bombastischer Soundtrack, der sowohl modernste Beats als auch klassische orchestrale Elemente vereinte, das Publikum in einen tranceartigen Zustand versetzte. Gigantische Hologramme der teilnehmenden Bey-Teams tanzten über den Köpfen der Menge, während die Athleten – die stolzen Repräsentanten ihrer Nationen – im Zentrum des Stadions aufmarschierten.
Die Stimmung war auf dem Siedepunkt. Überall sah man Nationalflaggen, das Blitzlichtgewitter der Kameras in den Rängen wirkte wie ein künstlicher Sternenhimmel.
Dann trat Stille ein. Ein tiefer, vibrierender Basston markierte den Beginn des alles entscheidenden Moments. Über den vier riesigen Billboards, die nun über der zentralen Arena thronten, flackerte das digitale Zufallssystem auf – ein komplexer Algorithmus, der darauf programmiert war, die absolute Unvoreingenommenheit der Paarungen zu garantieren.
Die Namen der Nationen begannen in rasantem Tempo über die Bildschirme zu jagen, ein digitales Roulette, bei dem das Schicksal der Teams in Sekundenbruchteilen besiegelt wurde. Die Zuschauer hielten den Atem an; man hätte eine Stecknadel fallen hören können.
Dann, mit einem kurzen, prägnanten Signalton, der das Stadion erschütterte, blieb das System stehen. Die Anzeigen leuchteten in grellem Weiß auf:
ÄGYPTEN – CHINA
JAPAN – USA
Ein ohrenbetäubender Aufschrei brach aus den Rängen hervor. Die Paarung Japan B-Revolution gegen die USA Star-Blazers, versetzte das Publikum in Ekstase – der Kampf zwischen der hochdisziplinierten japanischen Schule und der rohen, unberechenbaren Kraft der amerikanischen Athleten war genau das, was die Fans sich erhofft hatten.
In der Box des japanischen Teams, hinter den Sicherheitsglaswänden der Arena, spürte man die plötzliche Veränderung der Luft. Die Anspannung im Block war greifbar, ein fast physischer Druck. Gou, der bis zu diesem Moment völlig in sich gekehrt und regungslos dagestanden hatte, hob langsam den Kopf. Sein Blick fixierte das Billboard. Keine Regung glitt über seine Züge, doch seine Hand, die in der Tasche seiner Teamjacke steckte, ballte sich unbewusst zur Faust.
Dies war nicht nur ein Kampf der Nationen; für Gou war es der Moment, in dem die Realität seines Weges auf die Härte der internationalen Arena traf.
Die Atmosphäre in der Arena erreichte eine neue Dimension der Hektik, als die riesigen Scheinwerferkegel auf das erste Duell schwenkten. Das Publikum in London war außer sich, und die Kommentatoren am Pult, die das Spektakel weltweit übertrugen, überschlugen sich fast in ihren Kabinen.
„Meine Damen und Herren, halten Sie sich fest!“, dröhnte die Stimme von D.J. Jazzman, dem heutigen Chef-Kommentator, durch die Lautsprecher. „Das Halbfinale ist eröffnet! Wir sehen hier den Inbegriff eines strategischen Albtraums für Japan! Seiya Miyazaki, der Herr der Lüfte, gegen das Rechengenie der USA – Elaine Evans!“
Sein Kollege AJ Topper fiel sofort ein: „Richtig! Seiya setzt auf Agilität, aber schau dir Elaine an. Sie wirkt, als würde sie gerade eine Mathe-Klausur schreiben und nicht ein Weltklasse-Match bestreiten! Ihr Bit-Beast Zoltanis ist eine wandelnde Festung aus Stahl und Hochspannung...ähnlich wie dieses Krokodil aus einem der vorigen Kämpfe. Wenn Seiya da nicht aufpasst, wird sein Ventus gegrillt, bevor er überhaupt den ersten Sturzflug ansetzen kann!“
Seiya trat an die Schüssel. Er spürte den kühlen Luftzug der Klimaanlage – sein Element. Elaine hingegen rückte sich mit dem Zeigefinger die Brille zurecht und tippte ein letztes Mal auf ihr Tablet, bevor sie es ihrem Teamkollegen Tyler zuwarf, der es lässig mit einer Hand fing, während er eine riesige Kaugummiblase platzen ließ.
„Drei! ... Zwei! ... Eins!“
„LET IT RIP!"
Die Beyblades schossen mit einem ohrenbetäubenden Kreischen in die Arena. Seiyas violetter Bey wirkte wie ein Schemen, der in rasanten Kreisen um die Mitte jagte und dabei einen sichtbaren Wirbelsturm im Stadium entfachte.
„Und da geht er los! Seiya lässt den Wind für sich arbeiten!“, schrie AJ ins Mikrofon. „Er versucht, Elaines Bey durch den Sog aus dem Gleichgewicht zu bringen! Aber schaut euch Zoltanis an! Er bewegt sich keinen Millimeter!“
In der Mitte der Arena rotierte Elaines Bey mit einer unheimlichen Schwere. Plötzlich zuckten bläuliche Blitze über die Oberfläche des Stadiums. Ein mechanisches Fauchen ertönte, als das Bit-Beast erschien: Ein massiger Leguan, dessen Schuppen wie polierter Chirurgenstahl glänzten und von dessen Kamm elektrische Entladungen in den Boden schossen.
„Da ist er! Zoltanis!“, rief Jazzman. „Elaine hat das Stadium unter Strom gesetzt! Jedes Mal, wenn Seiyas Bey zu nah kommt, fängt er sich einen Schlag ein! Seiya muss die Flugbahn ändern, sonst verliert sein Bey durch die statische Aufladung an Rotation!“
Seiya biss die Zähne zusammen. Er sah, wie kleine Funken von seinem Bey sprühten. Elaine blickte ihn kühl an. „Deine Windgeschwindigkeit beträgt 120 km/h“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Meine elektrische Barriere hält 150 stand. Mathematisch gesehen... hast du bereits verloren.“
„Das werden wir ja sehen!“, konterte Seiya und holte tief Luft. „Jetzt, Ventus! Großer Tornado-Sturzflug!“
Seiyas Bey schoss steil in die Höhe, getragen von einem massiven Aufwind, und raste dann wie ein Komet direkt auf das Zentrum von Zoltan zu.
„WAHNSINN!“, brüllte AJ. „Seiya geht aufs Ganze! Ein direkter Frontalangriff gegen die elektrische Festung! Wird der Wind den Blitz löschen oder wird der Falke zu Asche verbrennen?!“
In der Box der USA grinste Aidan Smith düster, während Gou in der japanischen Box die Arme noch fester verschränkte. Er sah etwas, das die Kommentatoren noch nicht bemerkt hatten: Seiya griff nicht das Bit-Beast an, sondern den Punkt, an dem die Reibung am höchsten war.
Die Arena hielt den Atem an. Das metallische Kreischen von Seiyas Ventus, der wie ein brennender Komet aus der Luft herabstieß, übertönte für einen Moment sogar die Jubelschreie der Menge.
„Er schlägt ein! Seiya setzt alles auf eine Karte!“, schrie AJ Topper und krallte seine Hände in den Rand des Kommentatorenpults.
Im Zentrum der Arena zuckten die Blitze von Zoltanis wild empor, als wollten sie den herannahenden Falken wie eine lästige Fliege aus der Luft fangen. Doch Zentimeter vor dem Aufprall veränderte Ventus seine Neigung. Er traf nicht die stahlharten Schuppen des Leguans, sondern schlug exakt an der Kante der Rotationsachse auf, wo die Reibungshitze und die kinetische Energie am stärksten konzentriert waren.
Ein ohrenbetäubender Knall erschütterte das Stadium. Eine Druckwelle aus Wind und Elektrizität raste durch die Arena, sodass die Zuschauer in den ersten Reihen unwillkürlich die Arme vors Gesicht rissen.
„Was ist das?!“, brüllte Jazzman völlig ekstatisch. „Zoltanis' elektrische Barriere flackert! Seiya hat den energetischen Nullpunkt gefunden! Er nutzt die Zentrifugalkraft des Tornado-Sturzflugs, um die statische Entladung einfach... wegzublasen!“
Elaine Evans’ kühler Gesichtsausdruck geriet ins Wanken. Ihre Augen hinter der Brille weiteten sich, während sie hektisch versuchte, die neuen Daten zu verarbeiten. „Das ist unlogisch... die Wahrscheinlichkeit für diesen Neigungswinkel lag bei unter 0,4 Prozent!“, presste sie hervor.
„Mathematik hilft dir nicht gegen jemanden, der den Wind im Blut hat!“, rief Seiya, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. „Jetzt, Ventus! Beende es mit der Sturmschwinge!“
Der violette Bey begann plötzlich, in einer extrem hohen Frequenz zu vibrieren. Die Luft um ihn herum verdichtete sich zu messerscharfen Klingen aus Wind, die die elektrische Barriere von Zoltan nicht nur durchbrachen, sondern sie förmlich in Stücke rissen. Mit einem letzten, gewaltigen Stoß katapultierte Ventus den massigen Stahl-Bey der USA in die Luft.
„UNGLAUBLICH!“, schrie AJ. „Zoltan hebt ab! Die Festung wurde gestürmt!“
Elaines Bey flog in einer hohen Parabel aus der Arena und schlug mit einem dumpfen Knall gegen die Sicherheitsbegrenzung, bevor er reglos auf dem Betonboden liegen blieb.
„STADIUM OUT!“, verkündete der Schiedsrichter und hob den Arm in Seiyas Richtung. „Der erste Punkt geht an Japan!“
Die Halle explodierte. Das japanische Fan-Lager tobte, während Seiya seinen Bey auffing und tief durchatmete. Er war erschöpft, aber sein Blick wanderte sofort zur Box, wo Gou ihm ein fast unmerkliches, anerkennendes Nicken schenkte.
In der Box der USA war das Grinsen von Tyler Benson schlagartig verschwunden. Er spuckte seinen Kaugummi aus und sah zu seinem Kapitän. Aidan Smith rührte sich nicht. Seine blauen Augen waren fest auf Gou gerichtet, während er leise knurrte: „Statistik ist eben doch nur Theorie, Elaine. Tyler... sorg dafür, dass wir diesen Ausrutscher korrigieren. Zerstöre Ryans Schakal.“
Tyler nahm seinen Bey Glint in die Hand, der im hellen Licht der Arena wie ein geschliffener Diamant funkelte. „Keine Sorge, Boss. Ich werde den arroganten Kerl so sehr verwirren, dass er vergisst, in welcher Arena er überhaupt steht.“
Tyler, ein mittelgroßer Junge mit hübschen, weichen Gesichtszügen und einem blonden Lockenkopf, machte sich bereit.
Jazzman griff wieder zum Mikrofon: „Das war erst der Anfang, Leute! Japan führt 1 zu 0! Aber machen Sie sich bereit für Runde zwei! Der arrogante Eis-Prinz Ryan Hunt gegen den Meister der Illusionen, Tyler Benson! Werden wir Eis sehen... oder nur noch Scherben?!“
Die Arena vibrierte noch immer vom ersten Sieg, als Ryan Hunt die Arena betrat. Sein Gesichtsausdruck war eine Maske aus kühler Arroganz, doch seine Augen verengten sich, als er den jungen Blader auf der anderen Seite sah. Tyler Benson kaute betont gelangweilt auf seinem Kaugummi, während er seinen Bey Glint in der Hand rotieren ließ, sodass das Stadionlicht in tausend Facetten von ihm abprallte.
„Na, sieh mal einer an“, rief Tyler, und seine Stimme hallte über die Lautsprecher der Arena, während er ein hämisches Grinsen aufsetzte. „Wenn das nicht der kleine Ryan ist. Hast du dich in Japan schon gut eingelebt, oder vermisst du immer noch die Nachbarschaft in den Staaten, in der du immer den Ball verloren hast, weil du zu viel Kraft und zu wenig Gefühl hattest?“
Ryan schnaubte verächtlich. „Spar dir dein Gelaber, Tyler. Damals war ich ein Kind. Heute bin ich derjenige, der dich mit einer einzigen Geste aus dem Ring fegen wird und so wie es aussieht...bin ich mitlerweile deutlich größer als du....“
AJ Topper am Kommentatorenpult lachte auf. „Meine Damen und Herren, da liegt mehr als nur sportliche Rivalität in der Luft! Es scheint, als hätten wir hier eine alte Rechnung offen!“
D.J. Jazzman stimmte mit ein: „Das stimmt! Ryan Hunt, der Prinz des Eises, gegen den Straßenjungen aus seiner alten Heimat! Das ist kein normales Match mehr, das ist eine persönliche Angelegenheit!“
Ryan zog seinen Launcher und positionierte seinen Beyblade. „Ich werde dir zeigen, wie weit ich mich von unserem alten Leben entfernt habe!“
Tyler ließ seine Kaugummiblase erneut platzen und legte seinen Bey ein. „Oh, das hast du wohl, Ryan. Du bist jetzt ein Eisklotz mit Komplexen. Lass uns sehen, ob du dich immer noch so leicht aus dem Konzept bringen lässt wie früher!“
„Drei! ... Zwei! ... Eins!“
„LET IT RIP!“
Die beiden Beys rasten in die Schüssel. Glacius hinterließ eine glitzernde Spur aus gefrorenem Frost auf dem Boden, während Glint in einem unnatürlichen Zickzack-Kurs durch das Stadium tanzte. Jedes Mal, wenn Glacius zum Schlag ausholte, schien der Raum um Glint herum leicht zu flimmern.
„Was ist das?!“, schrie AJ. „Ryan greift an, aber sein Bey trifft nur auf leeren Raum! Glint scheint einfach den Raum vor sich zu verzerren, sodass Ryans Attacken ins Leere laufen!“
Ryan sah zu, wie sein Bey durch eine optische Täuschung, völlig an der Zielscheibe vorbeizog. „Hör auf mit diesen billigen Tricks, Tyler! Kämpfe wie ein Mann!“
„Ich kämpfe mit dem, was ich habe, Ryan!“, lachte Tyler. „Und du kämpfst immer noch wie ein tollpatschiger Junge, der glaubt, man könnte alles mit purer Gewalt erzwingen!“
Glint leuchtete plötzlich hell auf. Die Raumkrümmung wurde so stark, dass die gesamte Arena-Mitte zu verschwimmen schien. Ryans Gesicht wurde blass vor Zorn, als er merkte, dass sein Vertrauen in seine rohe Eiskraft gerade gegen etwas prallte, das man nicht greifen konnte.
Er presste die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer schmerzte. Der Anblick, wie sein einst so kontrolliertes Bey immer wieder gegen die verzerrte Luft von Glint prallte und ins Leere stieß, fraß sich wie Gift in seine Konzentration.
„Du bist immer noch derselbe Versager, Ryan!“, höhnte Tyler über den Lärm der Arena hinweg. „Du starrst auf das, was du treffen willst, anstatt das zu sehen, was tatsächlich da ist!“
„Halt den Mund!“, brüllte Ryan. Seine Augen leuchteten in einem kalten, unnatürlichen Blau auf, als er die volle Kraft seines Bit-Beasts entfesselte. Er ließ jede taktische Vorsicht fahren. „Glacius, vergiss das Ziel! Überfriere die gesamte Arena! Wenn der Raum verzerrt ist, werde ich ihn einfach komplett einfrieren!“
„DAS IST WAHNSINN!“, schrie AJ Topper am Kommentatorenpult. „Ryan versucht nicht mehr, Tyler zu treffen! Er setzt auf totale Zerstörung! Er lässt die Temperaturen in der Schüssel in Sekundenbruchteilen in den Keller sinken! Seht euch seinen eisigen Schakal an!“
Überall im Stadium bildeten sich dicke Eisplatten. Die glitzernden Scherben von Glint begannen durch die extreme Kälte plötzlich an Geschwindigkeit zu verlieren, da die molekulare Dichte der Luft zunahm. Tyler’s Grinsen erstarrte für einen winzigen Moment – eine Sekunde der Unaufmerksamkeit, die Ryan eiskalt ausnutzte.
„Jetzt! Glacius, Blizzard-Ansturm!“, befahl Ryan.
Sein Schakal schoss wie ein blaues Geschoss über die vereiste Oberfläche. Durch die Kälte war der Raum nicht mehr so flexibel, die Verzerrung wurde instabil. Glint wurde in die Enge getrieben, gegen die massive Wand aus Eis gedrückt, die Ryan soeben erschaffen hatte.
„Nein... das kann nicht sein!“, fluchte Tyler, als er sah, wie sein Bit-Beast, ein diamantener Fuchs, den Halt verlor.
Mit einem gewaltigen Aufprall rammte der Schakal den Fuchs. Das Eis zersprang in Millionen von Splittern, und Tylers Bey wurde mit einer Wucht aus dem Stadion geschleudert, die selbst die Sicherheitsglasscheiben erzittern ließ.
„STADIUM OUT!“, hallte es durch das Stadion. „Ryan Hunt gewinnt die zweite Runde! Es steht unentschieden, 2 zu 0!“
Ryan atmete schwer. Er strich sich eine Strähne aus der Stirn, sein Blick war noch immer finster, doch ein hauchdünner Siegessieg lag auf seinem Gesicht. Er blickte zu Tyler hinüber, der fassungslos auf seinen nun stillstehenden Bey starrte.
„Die Nachbarschaft hat sich verändert, Tyler“, sagte Ryan leise, gerade laut genug, dass es durch das Stadionmikrofon übertragen wurde. „Und ich mich auch.“
„UNGLAUBLICH!“, schrie D.J. Jazzman in sein Mikrofon, während die Arena unter dem Jubel der japanischen Fans bebte. „Das ist ein Statement! Japan holt sich den zweiten Punkt in Folge! Es steht 2:0 für B-Revolution!“
AJ Topper polierte sich aufgeregt die Brille und starrte auf seinen Monitor. „Ein totaler K.O.! Ryan Hunt hat den Raum förmlich eingefroren! Aber mal ehrlich, Jazzman, hast du diesen Glint eben gesehen? Das Bit-Beast von Tyler, dieser diamantene Fuchs... das war kein normales Bit Beast! Die Art, wie er den Raum um sich herum wie einen Spiegel bricht und Lichtstrahlen in unmögliche Winkel zwingt – das ist physikalisch gesehen ein absolutes Monster! Ich habe noch nie ein Beast gesehen, das so mit der Wahrnehmung spielt!“
Ryan stand in der Arena, sein Atem bildete kleine weiße Wölkchen in der extrem abgekühlten Luft der Schüssel. Der Kampf war vorbei, das Eis an den Wänden der Arena begann langsam zu knacken und zu schmelzen.
„2:0...“, murmelte Aidan Smith in der Box der USA und legte eine Hand auf das Geländer. Sein Blick war kalt. „Tyler war zu unvorsichtig. Er hat sich von alten Gefühlen ablenken lassen.“ Er blickte zu Mindy Holt hinüber, die bereits ihre Cheerleader-Jacke auszog und sich auf den Weg zur Arena machte. „Mindy. Wenn du jetzt nicht gewinnst, sind wir raus. Hol dir den Punkt. Zeig ihr, was echte Hitze ist.“
Mindy nickte, ihre meerblauen Augen blitzten gefährlich. Sie warf ihren blonden Zopf über die Schulter und schritt die Rampe hinab. Violeta wartete bereits auf sie. Die Polin strahlte pure Entschlossenheit aus, ihr flammendes Bit-Beast Palos wartete nur darauf, von der Leine gelassen zu werden.
„Hey, Cheerleader“, rief Violeta ihr entgegen, während sie ihren Launcher prüfte. „Ich hoffe, du hast heute deine beste Performance dabei. Denn gegen Palos wirst du nicht mehr viel zum Jubeln haben.“
Mindy lächelte bloß, ein Lächeln, das wenig mit ihrer niedlichen Optik zu tun hatte. „Schatz, ich brauche keine Performance. Ich bin hier, um den Boden unter deinen Füßen zum Schmelzen zu bringen. Dein Palos ist wie ein Streichholz gegen meine Sonne.“
D.J. Jazzman meldete sich wieder: „Und jetzt, meine Damen und Herren, wird es heiß! Violeta Wasilewski gegen Mindy Holt! Die absolute Feuer-Show dieses Abends! Japan führt mit zwei Punkten, aber unterschätzen Sie niemals die USA! Wenn Mindy hier gewinnt, ist alles wieder offen!“
AJ Topper: „Genau! Mindys Novaflare – dieses Einhorn ist kein gewöhnliches Feuer-Bit-Beast. Die Flammenmähne erzeugt eine Hitze, die alles in der Nähe zum Glühen bringt. Violeta muss höllisch aufpassen, dass ihr Palos nicht einfach verdampft!“
„Drei! ... Zwei! ... Eins!“
„LET IT RIP!“
Die beiden Beys schossen zeitgleich in die Schüssel und hinterließen eine brennende Spur. Die Hitzeentwicklung war so massiv, dass die Kameras in der Arena kurzzeitig flimmerten.
Die Arena in London glich nun einem Hochofen. Die Hitze, die von den beiden Beys ausging, ließ die Luft über dem Stadionboden in bizarren Wellen flimmern, und das Licht der Scheinwerfer schien sich in den intensiven Flammenmähnen der beiden Bit-Beasts zu verfangen.
„Meine Güte, AJ!“, rief D.J. Jazzman, während er sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn tupfte. „Ich glaube, meine Augen spielen mir einen Streich! Das ist ein Feuerwerk der Superlative! Auf der einen Seite Violetas Palos, das flammende Pferd, das den Boden unter sich regelrecht verbrennt – und auf der anderen Seite Mindy Holts Novaflare! Ein weißes Einhorn, dessen Mähne nicht nur brennt, sondern in einem gleißenden, fast schon übernatürlichen Blau erstrahlt!“
AJ Topper starrte gebannt auf seinen Monitor, auf dem die Wärmebilddaten der Arena eingeblendet waren. „Das ist physikalischer Wahnsinn, Jazzman! Die beiden Bit-Beasts sind sich so verdammt ähnlich, dass das System Probleme hat, sie voneinander zu unterscheiden! Palos basiert auf explosiver, kinetischer Hitze – pure Power, die nach vorne geht. Aber schau dir Novaflare an! Das Einhorn bündelt die Hitze an seinem Horn, es fungiert wie eine gigantische Lupe, die einen Laserstrahl aus purer Energie auf den Gegner fokussiert. Das ist kein Kampf, das ist eine thermische Kernschmelze!“
Mindy Holt wirbelte in ihrem Cheerleader-Outfit herum, ihre meerblauen Augen fixierten Violeta mit einer Intensität, die so gar nicht zu ihrem Outfit passte. „Spürst du das, Violeta? Mein Einhorn macht keinen Umweg! Es frisst sich direkt durch deine Verteidigung!“
Violeta, deren blondes Haar durch die Hitze in ihrem Gesicht klebte, lachte nur heiser. „Schön geredet, Mindy! Aber ein Pferd hat mehr Ausdauer als ein Einhorn, das sich bei seinem eigenen Feuer verbrennt! Palos, Galopp-Attacke!“
Das flammende Pferd Palos bäumte sich auf und raste mit einer Geschwindigkeit über die Arena, dass es für die Zuschauer nur noch als roter Streifen wahrnehmbar war. Doch das weiße Einhorn Novaflare wich nicht einen Millimeter zurück. Es senkte das Horn, und die blau flammende Mähne explodierte förmlich in einer Welle aus Hitze.
„DA IST DER ZUSAMMENPRALL!“, brüllte D.J. Jazzman so laut, dass das Mikrofon übersteuerte. „Ein Inferno! Die ganze Arena versinkt in einem Lichtblitz!“
„Siehst du das, Jazzman?“, schrie AJ Topper dazwischen. „Novaflare schlägt Wellen! Es ist nicht nur Hitze, es ist eine Schockwelle aus Energie! Wenn Palos da jetzt nicht sofort kontert, wird es von der puren thermischen Strahlung weggebrutzelt!“
Die Arena war hell erleuchtet, als hätte jemand eine Sonne im Stadion gezündet. Die Kameras schwenkten verzweifelt zwischen den beiden Beys hin und her, die in einem dichten Wirbel aus Funken und Flammen gefangen waren. Man konnte das Metall kaum noch sehen, nur noch die zwei leuchtenden Silhouetten der Bit-Beasts.
Violeta presste die Lippen zusammen. „Jetzt, Palos! Wirf alles rein! Zeig ihr, dass ein Pferd, das in der Hölle rennt, niemals aufgibt!“
„Novaflare, Fokus! Brenn alles nieder!“, konterte Mindy, und zum ersten Mal verlor sie ihr strahlendes Lächeln. Jetzt war es ein Kampf um jeden Zentimeter.
Die Luft in der Arena war so aufgeheizt, dass selbst die Kameras am Ring zu flackern begannen. Die Zuschauer in den ersten Reihen zogen ihre Köpfe ein, als wäre die Hitzewelle, die von den rotierenden Beys ausging, ein physischer Schlag.
„Ich sage es euch, das ist kein Beyblade-Match mehr, das ist eine thermische Kernschmelze!“, schrie AJ Topper in sein Headset, während er die Wärmebilddaten auf seinem Tablet beobachtete. „Mindys Novaflare hat die Frequenz verändert! Die blaue Mähne schlägt jetzt in einer Schwingung, die den Stahl von Violetas Palos förmlich weich kocht!“
„Das darf nicht wahr sein!“, rief D.J. Jazzman mit überschlagender Stimme. „Violeta Wasilewski hält dagegen, aber schaut euch das an! Das Pferd gerät ins Straucheln! Die unglaubliche Hitze von Mindys Einhorn erzeugt ein Vakuum um das Zentrum des Stadiums, das Palos jeden Halt raubt!“
Mindy Holt stand kerzengerade am Rand, ihre meerblauen Augen fest auf den Wirbel aus Licht gerichtet. „Du bist schnell, Violeta. Aber Hitze ist überall. Man kann ihr nicht ausweichen!“
Violeta presste die Zähne zusammen, ihre Augenbrauen zuckten unter der enormen Anstrengung. „Palos, gib nicht auf! Durchbrich die Barriere!“
Das flammende Pferd bäumte sich ein letztes Mal auf, ein Schrei aus purem Feuer hallte durch das Stadium. Doch Novaflare senkte sein blau glühendes Horn wie eine Lanze. Mit einer Präzision, die man von einem "Cheerleader" nicht erwartet hätte, bohrte das Einhorn seine Energie direkt in die Flanke von Palos. Es gab ein ohrenbetäubendes Kreischen von schmelzendem Metall, als das Bit-Beast der USA das japanische Pferd aus dem Zentrum drängte.
„ES GIBT EINEN DURCHBRUCH!“, brüllte Jazzman. „Novaflare katapultiert Palos gegen die Wand! Die kinetische Energie von Violeta kehrt sich gegen sie selbst!“
Mit einem heftigen Aufprall knallte Palos gegen die Bande, direkt neben den Füßen von Mindy, und verlor augenblicklich an Rotation, bis es still auf dem Boden liegen blieb.
„STADIUM OUT! Der Punkt geht an die USA!“, verkündete der Schiedsrichter.
Die Arena tobte. Mindy Holt ließ ihr Einhorn in einem Lichtblitz verschwinden und warf ihre blonde Mähne zurück. Sie grinste breit und zwinkerte Violeta zu, die frustriert ihren Launcher sinken ließ. „Wie ich sagte, Schatz. Ein Pferd kann nicht gegen die Sonne rennen.“
„Ein Punkt für die USA!“, kommentierte AJ Topper fast atemlos. „Es steht nur noch 2 zu 1 für Japan! Die Spannung ist kaum noch auszuhalten! Die Amerikaner haben Blut geleckt!“
Gou in der japanischen Box beobachtete die Szene ungerührt. Er sah, wie Mindy triumphierend die Faust hob. Die US-Box feierte, aber Gous Blick wanderte bereits weiter.
„Violeta, komm zurück“, sagte Gou ruhig, ohne den Blick von der US-Box abzuwenden. „Das nächste Match entscheidet, ob wir den Sack zumachen oder ob es in den entscheidenden Kapitäns-Kampf geht.“
Die Stimmung war nun endgültig gekippt. Die USA waren zurück im Spiel.
Duell der Dunkelheit
„Das Blatt hat sich gewendet, meine Damen und Herren!“, rief D.J. Jazzman ins Mikrofon. „Japan führt mit 2 zu 1, aber die USA sind zurück im Spiel. Jetzt geht es um alles! Wenn Emilia Bland diesen Punkt holt, steht Japan im Finale! Wenn Lauren Arata gewinnt, erzwingt sie das Kapitäns-Duell zwischen Gou und Aidan!“
AJ Topper nickte hitzig. „Das ist ein psychologisches Duell, Jazzman! Emilia Bland ist bekannt für ihre furchtlose Art – sie spielt nicht, sie kämpft! Und dann Lauren Arata... die Halbjapanerin, die für die USA antritt. Ihr Bit-Beast Mizuchi ist ein wahres Rätsel. Es kontrolliert Wasser und Wind gleichzeitig!“
Emilia trat an die Arena. Sie trug ihre übliche, fast schon trotzige Haltung zur Schau, ihr Armadillo-Bey Armadis wirkte in ihrer Hand wie ein kleiner Felsbrocken. Sie sah zu Lauren hinüber, die mit ihren pinken Zöpfen und dem süßen Kleidchen fast so aussah, als hätte sie sich in der Arena verlaufen. Doch in Laurens Augen blitzte eine kalte, berechnende Intelligenz auf.
„Na, kleine Puppe“, rief Emilia mit ihrem australischen Akzent, der in der Arena widerhallte. „Ich hoffe, dein Seemonster kann mehr als nur hübsch aussehen. Mein Armadis macht heute kurzen Prozess mit dir.“
Lauren Arata kicherte nur und neigte den Kopf zur Seite. „Du unterschätzt die Tiefe des Meeres, Emilia. Es ist nicht nur das Wasser, das dich ertränkt – es ist der Druck, den du nicht kommen siehst.“
„Drei! ... Zwei! ... Eins!“
„LET IT RIP!“
Die beiden Beys rasten los. Armadis krallte sich mit seinen metallenen Platten förmlich in den Boden des Stadions, während Mizuchi wie ein schillerndes, flüssiges Wesen über die Arena glitt. Es war kein Wasser, das Lauren im Stadion freigesetzt hatte, sondern eine hochverdichtete Atmosphäre aus Luftfeuchtigkeit, die den Bey in einer schützenden, rotierenden Aura hielt.
„Schau dir das an!“, brüllte AJ Topper. „Mizuchi nutzt den Wind, um das Wasser zu kanalisieren! Emilia kommt mit ihrem massiven Felsen-Bey gar nicht an sie heran! Die Verteidigung von Lauren ist eine rotierende Flüssigkeitssäule!“
Emilia biss die Zähne zusammen. „Na schön! Wenn du spielen willst, dann spielen wir eben härter! Armadis, Erdbeben-Spaltung!“
Ihr Bey fing an zu vibrieren und schlug mit einer Wucht in den Boden, dass sich Risse im Stadionbelag bildeten.
Die Arena in London schien unter dem Druck der aufgestauten Energie zu ächzen. Emilias Armadis war wie ein entfesselter Felsbrocken, der sich mit unbändiger australischer Sturheit in den Boden grub. Überall im Stadium bildeten sich tiefe Risse, als Armadis versuchte, die Fundamente unter Laurens Mizuchi zu sprengen.
„Siehst du das?!“, schrie D.J. Jazzman mit überschlagender Stimme. „Emilia Bland greift die Statik des Stadions an! Sie will das Wasser unter Lauren buchstäblich austrocknen, indem sie den Boden zerklüftet!“
„Aber schau dir Lauren an!“, konterte AJ Topper fast schon ehrfürchtig. „Sie bewegt sich nicht einmal! Sie steht da wie ein Fels in der Brandung, obwohl ihr der Boden unter den Füßen weggebrochen wird! Mizuchi – dieses Seemonster – es lässt das Wasser nicht nur rotieren, es absorbiert die kinetische Energie von Emilias Schlägen!“
Lauren Arata beobachtete das Treiben mit einem beängstigend ruhigen Lächeln. Ihr Seemonster, eine geisterhafte, schillernde Kreatur, die sich in einer gewaltigen, wirbelnden Wassersäule aus dem Bey erhob, schien mit jeder Erschütterung, die Armadis verursachte, nur noch größer zu werden.
„Du spielst mit Steinen, Emilia“, sagte Lauren leise, während sie ihren Launcher wie einen Taktstock in der Luft bewegte. „Aber Steine sinken im Ozean.“
„HALT DEN MUND!“, brüllte Emilia und stampfte mit dem Fuß auf. „Armadis, jetzt! Volle Kraft – Tektonische Schockwelle!“
Armadis rammte den Boden mit einer solch brachialen Gewalt, dass die Arena-Platten unter Laurens Bey aufsprangen. Doch in diesem Moment vollzog Mizuchi eine Bewegung, die niemand für möglich gehalten hätte. Anstatt gegen die Schockwelle anzukämpfen, nutzte das Seemonster die aufgewirbelten Gesteinsbrocken. Es wirbelte sie in einer rasanten Spirale mit, band sie in seinen Wasserstrudel ein und verwandelte die Schockwelle gegen ihre eigene Erzeugerin.
„UNGLAUBLICH!“, brüllte D.J. Jazzman. „Lauren nutzt Emilias eigene Kraft gegen sie! Mizuchi ist kein einfacher Wasser-Bey, es ist ein Mahlstrom! Es saugt alles ein, was ihm zu nahe kommt!“
„Das ist das Ende für Armadis!“, schrie AJ Topper. „Die Fliehkräfte sind zu stark! Emilias Felsen-Bey wird durch die Kombination aus Wasser-Druck und zentrifugaler Luftkraft einfach aus der Bahn geworfen!“
Emilia sah entsetzt zu, wie ihr geliebter Bey von einer massiven, tosenden Wassersäule verschlungen wurde. Die Gischt sprühte meterhoch in die Arena, und für einen Moment war kein Bey mehr zu sehen – nur noch der tobende Zorn eines Ozeans mitten in London. Mit einem metallischen Grollen, das durch Mark und Bein ging, wurde Armadis von einer gewaltigen Welle gegen die äußere Arena-Begrenzung geschleudert. Der Bey kam hart auf, prallte ab und blieb reglos liegen.
„STADIUM OUT!“, hallte die Stimme des Schiedsrichters durch das Stadion. „Der Punkt geht an die USA! Lauren Arata gewinnt!“
Die Stille nach dem Aufprall wurde für einen Herzschlag lang nur vom Rauschen der fallenden Wasserkaskaden unterbrochen, bevor die Fans der USA in einen ohrenbetäubenden Jubel ausbrachen. Lauren winkte dem Publikum zu, ihre Zöpfe wippten dabei, und ihr Lächeln wirkte nun so unschuldig wie zu Beginn des Kampfes.
„2 zu 2!“, rief D.J. Jazzman. „Meine Damen und Herren, wir haben es! Ein absoluter Krimi! Die USA haben den Rückstand aufgeholt! Es steht unentschieden!“
AJ Topper wirkte beinahe blass. „Wer hätte das gedacht? Erst Japan, dann die USA... jetzt kommt es auf das letzte Match an. Das Duell der Kapitäne! Gou Hiwatari gegen Aidan Smith!“
In der japanischen Box herrschte plötzlich eine absolute, fast schon lähmende Stille. Gou löste sich langsam von der Wand. Er strich sich über sein Jackett, sein Blick war auf Aidan gerichtet, der am anderen Ende der Arena bereits seinen Launcher lud. Die Fledermaus Vesperas und der Rabe – die beiden dunklen Mächte – würden nun aufeinandertreffen.
Die Stille, die sich nun über das BBA-Future Stadium legte, war fast greifbar. Die Spannung zwischen den beiden Teams war in den letzten Minuten in eine schneidende Kälte umgeschlagen, die durch die vorangegangenen Kämpfe nur noch verstärkt wurde. Nun, da das alles entscheidende Duell anstand, rückten alle Augen auf die beiden Kapitäne, die das Zentrum der Arena wie zwei Raubtiere in einem Käfig betraten.
Aidan Smith, der Kapitän der „Star-Blazers“, war kein Blader, der sich hinter Showeffekten versteckte – er war der Showeffekt. Mit einer Körpergröße von fast 1,80 m überragte er Gou um einiges, doch es war nicht nur seine Statur, die ihn so einschüchternd wirken ließ.
Er schritt mit einer lässigen, beinahe arroganten Eleganz an den Rand der Arena, als würde er über den Laufsteg eines Rockkonzerts gehen. Er trug eine dunkle, schwer wirkende Lederjacke über einem hautengen, schwarzen Shirt, das die Tattoos an seinen Armen bei jeder Bewegung leicht hervorblitzen ließ – komplexe, tribalartige Muster, die sich wie dunkle Ranken um seinen Körper zogen. Sein pechschwarzes Haar fiel ihm in einer rebellischen, perfekt unordentlichen Frisur in die Stirn, die seine stechend blauen Augen beinahe wie ein Schatten einrahmte.
Aidan wirkte wie ein Vampir-Rockstar, der gerade direkt von der Bühne in das Stadion gekommen war. Ein leises, fast schon raubtierhaftes Lächeln spielte um seine Lippen, als er Gou fixierte. Er strich sich kurz eine Strähne aus dem Gesicht, während er seinen Launcher – eine spezialangefertigte, mattschwarze Konstruktion – mit einer fließenden Bewegung in die Hand nahm.
„Siehst du das, Jazzman?“, flüsterte AJ Topper in sein Mikrofon, als wäre es ihm fast unangenehm, die Stille zu brechen. „Aidan Smith. Er ist die personifizierte Dunkelheit. Schau dir diesen Blick an – er ist nicht hier, um zu gewinnen. Er ist hier, um eine Show abzuliefern, die keiner von uns jemals vergessen wird.“
D.J. Jazzman stimmte ein, seine Stimme ungewohnt ernst: „Aidan Smith, der Kapitän der US-Boys, strahlt eine Aura aus, die man fast als... gefährlich bezeichnen könnte. Keine Nervosität, keine Anzeichen von Druck. Er wirkt, als würde er in seiner eigenen Welt leben, in der Licht und Schatten nur Spielzeuge für ihn sind.“
Gou stand ihm gegenüber. Im Vergleich zu Aidans exzentrischem, düsterem Rocker-Auftreten wirkte er weniger dunkel, doch der blau glühende Schimmer, der ihn umgab, verriet die Kraft, die in ihm schlummerte. Aidan sah das. Er erkannte das Glühen, und statt Respekt zeigte sich nur ein noch breiteres, fast schon grausames Grinsen auf seinem Gesicht.
Er hob seinen Bey, Vesperas, hoch in die Luft, sodass das Arena-Licht von der metallenen Oberfläche der Fledermaus-Gravur reflektiert wurde und tanzende, verzerrte Lichtwellen auf die Arena-Wände warf.
„Gou Hiwatari“, sagte Aidan, und seine Stimme war tief und fest, trotz des tosenden Lärms im Stadion. „Ich habe lange darauf gewartet, dich aus deinem kleinen, disziplinierten Käfig zu locken. Lass uns sehen, wie gut dein kleiner Rabe im Licht meiner Fledermaus wirklich fliegen kann.“
Gou antwortete nicht. Er fixierte Aidan, seine Hand fest um seinen Launcher geschlossen. Das blau glühende Leuchten in seinen Augen nahm an Intensität zu, als würde sein Bit-Beast bereits auf den Moment warten, um aus ihm auszubrechen.
Er atmete tief ein, ein fast meditatives Geräusch, das in der Stille seines Teams wie ein Befehl wirkte.
Mit einer langsamen, kontrollierten Bewegung öffnete er den Reißverschluss seiner Teamjacke. Er zog sie aus und ließ sie achtlos auf den Boden gleiten.
Ein Raunen, das sich innerhalb von Sekunden zu einem kollektiven Aufschrei steigerte, ging durch die riesigen Tribünen. Die Menge, die ihn bisher nur als den disziplinierten, jungen Kapitäns-Anwärter in Uniform gesehen hatte, traute ihren Augen kaum. Unter der Jacke trug Gou nur ein schmales, ärmelloses schwarzes Top, das nichts von seiner Physis verbarg.
Es war, als würde die Geschichte sich wiederholen. Die Athletik, die sich unter dem Stoff abzeichnete – die definierten Schultern, die markanten Muskelstränge seiner Arme und die aufrechte, fast schon raubtierhafte Haltung – erinnerte jeden Zuschauer, der jemals ein altes Video von Kai Hiwatari in diesem Alter gesehen hatte, an das Original. Die Ähnlichkeit war nicht nur verblüffend, sie war unheimlich. Gou war das lebendige Echo seines Vaters.
„Bei allen Göttern...“, entfuhr es AJ Topper am Kommentatorenpult, der vor Schreck fast sein Headset verlor. „Seht ihr das?! Das ist nicht einfach nur ein Kämpfer, das ist... das ist das Erbe von Kai Hiwatari in Fleisch und Blut! Diese Statur, diese Präsenz... er sieht exakt so aus, wie sein Vater damals!“
D.J. Jazzman starrte mit offenem Mund auf den Monitor. „Das Raunen da draußen ist kein Gerede mehr, AJ, das ist Ehrfurcht! Die Leute wissen, was das bedeutet. Gou ist nicht hier, um nur zu kämpfen, er ist hier, um den Thron zu beanspruchen. Aidan Smith sieht das auch...schaut ihn euch an!“
Aidan, der gerade noch so lässig und arrogant gewirkt hatte, versteifte sich. Sein Grinsen war verschwunden, ersetzt durch einen Ausdruck von purer, kalter Aufmerksamkeit. Er hatte begriffen, dass der Junge vor ihm kein Kind mehr war, das man einschüchtern konnte.
Gou stand da, das blau glühende Leuchten seiner Aura legte sich wie eine zweite Haut um seinen durchtrainierten Körper. Er wirkte in diesem Moment größer, gefährlicher und entschlossener als je zuvor.
„Du hast recht, Aidan“, sagte Gou, seine Stimme war kühl und schnitt durch das allgemeine Gemurmel der Menge wie ein Rasiermesser. „Ich bin nicht hier, um in einem Käfig zu spielen. Ich bin hier, um das zu beenden, was du angefangen hast.“
„Drei! ... Zwei! ... Eins!“
„LET IT RIP!“
Die Arena schien für einen Moment stillzustehen, als die beiden Giganten ihre Beys mit einer Kraft in die Schüssel schossen, die den Boden des BBA-Future Stadiums unter den Füßen der Zuschauer erzittern ließ.
In der Arena begannen Vesperas und Corvus nun, ihre ersten Bahnen zu ziehen. Die Schattenwellen von Aidans Bey begannen bereits, die Wände der Arena in ein dunkles Labyrinth zu verwandeln. Die Arena schien in einem Meer aus tanzenden Schatten zu versinken.
„Es geht los!“, schrie Jazzman. „Das Labyrinth der Finsternis ist eröffnet! Gou muss sich jetzt beweisen – ohne Jacke, ohne Zurückhaltung, ganz im Stile eines wahren Hiwatari!“
Das Stadion war kein Stadion mehr; es war eine geometrische Falle aus gleißendem Weiß und tiefstem Schwarz. Aiden Smiths Bey raste in einem schwarzen Lichtspektrum umher, das das menschliche Auge kaum zu fassen bekam. Jede Kurve erzeugte eine neue Welle aus Schatten, die von den Wänden zurückgeworfen wurde und das Stadium in ein komplexes, ständig wechselndes dunkles Prisma verwandelte.
„Seht euch das an!“, brüllte AJ Topper in sein Mikrofon, während er verzweifelt versuchte, den Bewegungen auf seinem Monitor zu folgen. „Aidan hat das Licht nicht einfach nur geschluckt und manipuliert, er hat es in feste Bahnen gelenkt! Jedes Mal, wenn der Bey die Richtung wechselt, verschiebt sich die komplette Arena-Geometrie! Gou ist in einem Käfig aus Dunkelheit gefangen!“
D.J. Jazzman ergänzte atemlos: „Und wo ist Corvus? Man sieht ihn kaum noch! Gou spielt ein gefährliches Spiel. Er lässt sich in das Labyrinth hineinziehen, statt es zu durchschlagen!“
Inmitten des violetten Prismas blieb Gou vollkommen regungslos. Sein Blick folgte nicht den dunklen Schatten von Vesperas, sondern den Lücken dazwischen. Er spürte das Vibrieren in seiner eigenen Seele – die Verbindung zu Corvus war so klar wie nie zuvor.
„Du glaubst, Dunkelheit würde mich aufhalten?“, rief Gou über das donnernde Geräusch der rotierenden Beys hinweg. „Die Dunkelheit ist mein bester Freund.“
Gou schloss für einen Moment die Augen. Er brauchte seine Sehkraft nicht mehr; er nutzte das instinktive Wissen seines Bit-Beasts. Aidan lachte triumphierend, sein schwarzer Umhang aus Schatten wirkte wie die Schwingen eines Jägers. „Dann stirb in deiner eigenen Dunkelheit, Hiwatari!“
Vesperas schoss in einem violett, strahlenden Bogen auf Corvus zu, bereit, den Raben mit einem Lichtstoß zu pulverisieren. Doch genau in diesem Moment änderte Gou seinen Stand. Er veränderte seinen Schwerpunkt und strahlte eine solch kühle Entschlossenheit aus, dass die Zuschauer in den vorderen Reihen unwillkürlich zurückwichen.
„Jetzt, Corvus! Nutze die Schatten!“, befahl Gou.
Statt auszuweichen, vollzog Corvus eine exakte Drehung hinter einer der Schattenwellen, die Vesperas selbst erzeugt hatte. In dem Moment, als die Fledermaus durch den Schatten brach, verschwand der Rabe in ihrem eigenen Schattenwurf. Aiden blinzelte – einen Moment lang sah er nur die Leere, in der sein Bey normalerweise triumphierte.
„Was?!“, stieß Aiden hervor, als sein Lächeln zum ersten Mal in blankes Erstaunen umschlug.
„Du hast vergessen, Aiden“, sagte Gou, während das glühend blaue Licht von Corvus nun die gesamte Arena aus dem Inneren der Schatten heraus zu dominieren begann, „dass mein Corvus ist der Meister der Schatten ist.“
Der Rabe brach aus dem Labyrinth aus, direkt hinter Vesperas. Ein schwarzer, dunkelblau glühender Schemen, der die Wellen wie Glas zerbrach.
Aidan Smith riss seinen Arm nach oben, seine Augen leuchteten in einem unnatürlichen, glühenden Violett auf.
„Vesperas! Zeig ihm, was deine Schatten können!“, brüllte Aidan.
Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen explodierte das violette Licht aus seinem Bey. Ein gigantisches, fast ätherisches Gebilde aus Dunkelheit manifestierte sich über der Arena: Vesperas. Die Riesen-Fledermaus spannte ihre gewaltigen Schwingen aus, die wie aus poliertem Glas geformt wirkten und bei jeder Bewegung Schattenwellen wie scharfe Klingen in den Stadionboden schnitten. Ihr Blick war kalt, berechnend, und ihre Aura pulsierte in einem Rhythmus, der die gesamte Arena zu destabilisieren schien.
Gou bewegte sich nicht, doch eine Welle aus tiefblauem, glühendem Licht strömte aus seinem Körper. „Du unterschätzt die Finsternis, Aidan. Sie frisst dich einfach auf.“
Aus Gou's Bey erhob sich wie aus einem tiefschwarzen Riss in der Realität, Corvus. Er war ein Rabe von titanischer Größe, dessen Gefieder in einem so dunklen Blau glühte, dass es das Stadionlicht mit seiner magnetisch aufgeladenen Dunkelheit förmlich einzusaugen schien. Seine Aura war schwer, fast flüssig, und während er sich in die Lüfte erhob, hinterließ er eine Spur aus dunkelblauen Funken, die wie Sternstaub in einer mondlosen Nacht wirkten. Sein Krächzen war ein tiefes, vibrierendes Grollen, das die Scheiben der Kommentatorenkabinen erzittern ließ.
„WAHNSINN!“, schrie D.J. Jazzman. „Seht euch diese Erscheinungen an! Vesperas gegen Corvus! Dunkelheit gegen Dunkelheit! Das ist kein Beyblade-Duell mehr, das ist ein Kampf zwischen zwei Gewalten derselben Natur!“
„AJ, schau dir das an!“, rief AJ Topper mit zitternder Stimme. „Vesperas schießt Schattenlanzen, aber Corvus... er weicht nicht aus, er schluckt sie! Er nutzt die Dunkelheit in seinem Gefieder, um die gegnerische Dunkelheit einfach zu absorbieren!“
Aidan stürmte vor, sein Gesicht verzerrt vor Euphorie und Zorn. „Vesperas, Sonar-Sturzflug! Zerquetsch ihn!“
Die riesige Fledermaus stürzte herab, ihre Schwingen ein Wirbel aus schneidender Dunkelheit. Doch Gou hob lediglich zwei Finger. „Corvus, magnetischer Schatten-Mantel.“
Der Rabe breitete seine Schwingen aus. Anstatt gegen die gegnerischen Schattenwellen anzukämpfen, hüllte er sich und seinen Bey in eine Sphäre aus tiefblauem Nebel. Vesperas schlug mit voller Wucht zu – doch er prallte ab, als würde es gegen eine unsichtbare Wand aus purer Nacht stoßen.
„WAS?!“, schrie Aidan. „Das ist unmöglich! Die Kraft kann nicht einfach verpuffen!“
„Sie verpufft nicht“, entgegnete Gou ruhig, während seine Augen in einem unheimlichen Blau erstrahlten. „Sie findet in meinem Schatten ihren Frieden. Jetzt, Corvus... Schnabel-Schockwelle!“
Corvus schoss aus dem Schattenmantel hervor. Sein gesamter Körper war nun eine einzige, glühende, tiefblaue Klinge aus dunkler Energie. Er rammte Vesperas direkt im Zentrum ihres Kerns. Ein violettes Licht wechselte sich mit pechschwarzer Finsternis ab, während die beiden gewaltigen Wesen im Zentrum der Arena ineinander verkeilt waren.
Der Boden unter ihnen begann zu reißen, das Stadionlicht flackerte und erlosch für einen Sekundenbruchteil komplett. In dieser absoluten Finsternis sah man nur noch das glühende Blau von Corvus’ Aura, die sich wie ein hungriges Feuer über die schattigen Schwingen der Fledermaus legte.
„Die Arena bricht auseinander!“, brüllte D.J. Jazzman. „Die beiden Bit-Beasts manifestieren ihre volle Kraft, das übersteigt jedes Sicherheitslimit!“
Die Arena bebte so gewaltig, dass die Sicherheitsbarrieren zu glühen begannen. Die Zuschauer auf den Rängen pressten sich gegen ihre Sitze, unfähig, den Blick von dem Zentrum der Arena abzuwenden, wo Vesperas und Corvus in einem Tanz der ultimativen Vernichtung verschlungen waren.
„DAS IST KEIN KAMPF MEHR, DAS IST EINE ÜBERNAHME!“, schrie D.J. Jazzman mit einer Stimme, die vor purer Adrenalin-Überdosis fast versagte. „Corvus saugt die Schatten von Vesperas förmlich aus der Luft! Aidan hat die Kontrolle über seine eigene Dunkelheit verloren, die jetzt nur noch als Brennstoff für Gous Raben dienen!“
AJ Topper am Kommentatorenpult starrte entsetzt auf die Sensoren. „Die seismischen Werte sind jenseits von Gut und Böse! Wenn diese beiden Bit-Beasts ihren Zenit erreichen, wird das Stadium diese Energie nicht halten können! Gou Hiwatari hat die Umgebung komplett in seine Schatten-Domäne integriert. Er kämpft nicht gegen das Labyrinth, er hat es zu seinem eigenen gemacht!“
Aidan Smith, dessen Gesicht im unnatürlichen violetten Glühen seines Beys fast geisterhaft wirkte, wankte einen Schritt zurück. Der Druck der Energie war so groß, dass die Ärmel seiner Lederjacke in der flirrenden Luft zu flackern begannen. „Das darf nicht sein! Vesperas! Zeig ihm die absolute Leere! Saug ihm die Energie aus der Seele!“
Die Fledermaus stieß einen ohrenbetäubenden, hochfrequenten Schrei aus, der die gesamte Arena in ein verzerrtes Labyrinth aus Schattenrissen spaltete. Doch Corvus entfaltete seine titanischen Flügel, die nun, vom blauen Glühen durchdrungen, so groß wirkten, dass sie die gesamte Schüssel zu überschatten schienen. Der Rabe krächzte – ein Geräusch, das wie das Zerreißen der Realität selbst klang.
„Es ist vorbei, Aidan“, sagte Gou ruhig. Er stand da wie ein Fels in der Brandung. „Du hast die Dunkelheit als Waffe benutzt, aber du hast sie nie wirklich verstanden. Sie ist kein Werkzeug. Sie ist das Ende deines Lichts.“
Mit einer explosiven Handbewegung nach vorne dirigierte Gou den letzten Angriff.
„CORVUS: ABGRUND DER EWIGKEIT!“
Der Rabe schoss nach vorne, wurde zu einem einzigen, pechschwarzen Punkt, der alles in seinem Weg – die Schattenlanzen, die dunklen Splitter, das gesamte Labyrinth – einfach verschlang. Es war ein Sog, dem sich nichts entziehen konnte. Vesperas wurde mit einer Gewalt erfasst, die selbst das Arena-Licht bleich aussehen ließ.
Ein gewaltiger Blitz aus dunkelblauem Licht explodierte im Zentrum. Die Druckwelle fegte über die Arena, ließ die Sicherheitsglasscheiben in tausend Scherben zerspringen und hüllte alles für drei Sekunden in absolute, lähmende Stille.
Als sich der Staub und die Schatten endlich lichteten, sah man das Stadium: Der Boden war in der Mitte kreisrund geschmolzen, eine glatte Fläche aus geschliffenem Stein. In der Mitte lag Vesperas – nicht mehr als ein glanzloser, regloser Bey-Scherbenhaufen.
Corvus war in seinem Blade verschwunden, und Gou stand schwer atmend da, das blau glühende Leuchten seiner Aura ebnete sich langsam, bis nur noch ein feines, fast nicht mehr sichtbares Flimmern um seinen muskulösen Körper blieb.
D.J. Jazzman stammelte, unfähig, die Fassung zu wahren: „UNFASSBAR... Aidan Smith ist geschlagen. B-Revolution hat gewonnen...Japan zieht ins Finale ein!“
Die Atmosphäre im Stadion hatte sich von elektrisierter Spannung in eine Mischung aus ehrfürchtigem Schweigen und tosendem Jubel gewandelt. Die japanischen Fans auf den Tribünen waren außer sich, während das US-Team wie vom Schlag getroffen in ihrer Box verharrte.
Gou stand vollkommen ruhig inmitten des zerstörten Rings. Während das Echo des finalen Zusammenpralls noch in den Wänden der Arena vibrierte, vollzog er eine Bewegung, die den Moment für die Ewigkeit festhielt: Er drehte sich leicht zur Seite, den Blick noch immer auf den schwelenden Bey-Trümmern von Vesperas ruhend, und fing seinen eigenen Bey, mit einer einzigen, fließenden Bewegung aus der Luft auf. Seine Hand schloss sich sicher um das Metall, und als er den Bey zu seinem Gesicht führte und die Augen schloss, huschte ein schmales, fast unmerkliches Schmunzeln über seine Lippen. Es war der Ausdruck eines Kämpfers, der nicht nur gewonnen hatte, sondern der endlich seine wahre Stärke begriffen hatte.
„ICH GLAUBE ES NICHT!“, brüllte D.J. Jazzman nun wieder voll auf der Höhe, während er fast auf das Pult sprang. „Mit einer solchen Lässigkeit! Gou Hiwatari hat dieses Inferno mit einem einzigen Handgriff beendet! Das ist kein bloßer Sieg, das ist eine Machtdemonstration, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben!“
AJ Topper polierte sich mit zitternden Fingern die Brille. „Der junge Hiwatari... er hat Aiden Smith nicht nur besiegt, er hat ihn psychologisch deklassiert. Schau dir Aiden an, er steht da wie jemand, der gerade sein ganzes Weltbild hat neu ordnen müssen.“
Aidan Smith, der Kapitän der „Star-Blazers“, starrte ungläubig auf die geschmolzene Arena-Mitte. Seine Lederjacke war zerzaust, die Tattoos an seinen Armen wirkten in der Beleuchtung des Stadions fast blass. Der Vampir-Rockstar der Beyblade-Szene wirkte plötzlich seltsam menschlich, geschlagen von einer Dunkelheit, die tiefer war als alles, was er je selbst hatte kontrollieren können.
Gou hingegen wandte sich langsam ab. Er brauchte keinen Applaus, um zu wissen, wer er war. Mit einer ruhigen, disziplinierten Bewegung hob er seine Jacke vom Boden auf und warf sie sich über die Schultern, während er in Richtung der japanischen Box schritt.
„Das war kein Glück, Leute“, murmelte Seiya, der an der Bande lehnte und Gou mit einem respektvollen Nicken empfing. „Das war eine Abrechnung.“
Ryan Hunt, der neben ihm stand, verschränkte die Arme und grinste. „Er hat den Schatten nicht nur gezähmt. Er hat ihn sich untertan gemacht. Wenn das der Standard für das Finale ist, dann können die anderen Mannschaften sich schon jetzt nach einem anderen Hobby umsehen.“
Gou erreichte die Box, wo seine Teammitglieder ihn bereits erwarteten. Die Blicke der Zuschauer waren noch immer auf ihn geheftet, auf den Jungen, der so exakt wie sein Vater aussah, aber einen ganz eigenen Pfad einschlug. Die Hiwatari-Legende war nicht nur bewahrt – sie war neu definiert worden.
Das Durchbrechen der Mauer...
Wenig später...
16.50 Uhr London.
Die Verbindung nach London stand stabil. Das Bild auf dem Monitor erwachte zum Leben und zeigte Gou in seinem Zimmer in Davies Hall, die dem aristokratischen Erbe seiner Familie in nichts nachstand. Die hohen Decken, der schwere Stuck und das edle Mobiliar verliehen dem viktorianischen Raum eine Aura von kühler Eleganz, die Gous eigener, klinisch ordentlicher Arbeitsweise entsprach. Er saß aufrecht vor seinem Laptop, die Haltung perfekt, das Gesicht eine Maske aus professioneller Konzentration.
Doch als sich das Fenster öffnete und Nami auf seinem Bildschirm erschien, wirkte ihr Gesicht strahlend obwohl es in Japan bereits kurz vor Mitternacht war. Sie saß in ihrem Salon im Anwesen, eine Tasse Tee in der Hand, das Nachthemd bereits an und ihre Augen leuchteten vor Stolz.
„Gou! Mein Schatz!“, rief sie mit einer Wärme, die das kühle Blau seines Bildschirms augenblicklich zu durchdringen schien. „Das Halbfinale! Ihr wart einfach phänomenal. Ich habe jeden Moment mitgefiebert, und ich bin so unfassbar stolz auf dich. Du hast dein Team mit einer Präzision und Souveränität geführt, die mich einfach nur staunen lässt. Dein Vater und Ich sind stolz auf dich. Herzlichen Glückwunsch, mein Junge – das Finale am Dienstag ist der verdiente Lohn für deine harte Arbeit!“
Gou neigte leicht den Kopf, eine kurze, fast schon rituelle Geste des Dankes. „Danke, Mutter. Es war das logische Ergebnis der vergangenen Trainingszyklen. Wir haben die Fehlerquote im letzten Segment um 14 Prozent gesenkt, was den Ausschlag gegeben hat.“
Nami lachte leise. Sie beobachtete ihren Sohn lange, während er noch immer die Daten auf seinem Bildschirm zurechtrückte, als wolle er sich hinter den Zahlen verstecken. Ihr Lächeln wurde sanfter, fast ein wenig wehmütig.
„Du wirkst sehr beschäftigt, Gou. Fast schon gehetzt“, stellte sie ruhig fest. „Hiromi war vor einigen Tagen hier im Anwesen. Wir haben lange im Salon gesessen. Dein Vater und ich... wir haben sie weinen sehen, Gou. Sie ist nicht einfach nur traurig, sie wirkt wie jemand, der den Kontakt zu dem verloren hat, was ihm am meisten bedeutet.“
Gou versteifte sich augenblicklich. Sein Blick glitt kurz zur Seite, eine unbewusste Reaktion, die er sofort mit einer mechanischen Bewegung seiner Hand unterdrückte. „Wir
....hatten doch bereits dieses Gespräch, Mutter. Ich vermisse sie nicht, es gibt nichts mehr darüber zu sagen...das...das ist reine Logik“
Nami ließ ihre Tasse langsam sinken. Sie lehnte sich vor, und die Fröhlichkeit in ihrem Gesicht wich einer tiefen, mütterlichen Ernsthaftigkeit. „Reine Logik“, wiederholte sie leise. „Gou, du benutzt dieses Wort wie einen Schutzwall. Du denkst, wenn du das Gefühl als ‚nicht vorhanden‘ definierst, verschwindet es aus deiner Welt. Aber ich sehe, wie du auf den Bildschirm starrst, als würdest du darauf warten, dass sich die Daten von selbst in ihr Gesicht verwandeln. Kai und ich haben uns erst heute Morgen darüber unterhalten, wie schwer es manchmal ist, als Eltern zuzusehen, wie man seine Kinder unabsichtlich zur Isolation erzieht. Wir wollten dir nie beibringen, dass Liebe eine Variable ist, die man für den Erfolg einfach streichen kann. Ich hätte Hiromi fast gesagt, dass du dich innerlich von ihr bereits getrennt hast und du es ihr nur persönlich sagen willst. Aber Gou...ich habe nachgedacht...“
Gou presste die Lippen schmal zusammen. „Das ist eine Fehlinterpretation, Mutter. Ich bin hier, um zu gewinnen.“
Nami schwieg einen Moment. Sie erinnerte sich genau an das Gespräch mit Kai, an seine Sorge um die „Dunkelheit“, die er an Gou weitergegeben haben könnte. „Weißt du noch, als du fünf warst? Als du deinen alten, zerfledderten Raben verloren hast? Den, den du überallhin mitgenommen hast?“
Gou blinzelte überrascht. Der unerwartete Themenwechsel schien ihn für einen Moment aus seinem Konzept zu bringen, und kurz zuckte sein Mundwinkel. „Der Stoff-Rabe... Ja. Er war alt. Die Füllung war instabil. Er war... nicht mehr funktional.“
„Genau das hast du damals auch gesagt“, lachte Nami leise, und ihre Stimme war voller Zärtlichkeit. „Du hast zwei Wochen lang nicht mehr gespielt, du hast starr an deinem Schreibtisch gesessen und deine Spielzeugautos nach Größe sortiert. Du hast mir damals mit diesem exakt gleichen, ernsten Blick gesagt, du würdest ihn nicht vermissen, weil er ja ‚nur ein Objekt‘ war, das seine Funktion verloren hatte. Du hast versucht, den Schmerz mit Ordnung zu ersticken.“
Sie machte eine kurze Pause. „Aber ich habe dich nachts gehört, Gou. Du hast ihn gesucht. Du hast in jeder Ecke deines Zimmers nachgeschaut, heimlich, in der Hoffnung, dass er wieder auftaucht. Du hast damals wie heute versucht, dein Herz durch Disziplin zu ersetzen, weil du Angst hast, dass das Gefühl dich handlungsunfähig macht. Aber Gou... Hiromi ist kein Stofftier, das man einfach durch eine neue Routine ersetzen kann. Sie ist ein Teil von dir. Und wenn du dieses Gefühl weiter unterdrückst, wirst du nicht nur dich selbst täuschen, sondern auch sie und am Ende vielleicht genau das verlieren, was du so verzweifelt zu schützen versuchst. Bist du wirklich sicher, dass du das beenden willst, sobald du zurück bist? Denn...irgendwie habe ich das Gefühl, dass du etwas verdrängst...“
Die Stille im Raum war so dicht, dass man das Ticken der alten Wanduhr in der Davies Hall hören konnte. Gou starrte in die Kamera, seine Augen, die sonst so kühl und klar waren, wirkten für einen Sekundenbruchteil gläsern, fast schon erschrocken. Er wollte antworten, die logische Widerlegung vorbereiten, doch kein Wort kam über seine Lippen. Die Erinnerung an den kleinen Jungen, der verzweifelt Ordnung suchte, um nicht weinen zu müssen, hatte seine Verteidigungslinie durchbrochen.
Er schaute auf seine Hände, die er fest in den Schoß gelegt hatte, und dann langsam zurück zu Nami. Sein Atem ging einen Hauch schwerer.
„Ich...“, begann er und brach ab. Er wirkte plötzlich nicht mehr wie der unnahbare Erbe, sondern wie ein junger Mann, dessen Weltbild gerade einen schweren Riss bekommen hatte. Er blickte zum Fenster, hinaus auf die fernen Dächer der Stadt London, die plötzlich viel kälter und fremder wirkte als zuvor. „Ich muss... die Trainingspläne noch einmal überarbeiten, Mutter.“
Er beendete das Gespräch mit einem schnellen Tastendruck. Als das Bild schwarz wurde, blieb die Stille im Zimmer. Gou saß da, die Hände noch immer fest umklammert, und der „Damm“ in seinem Inneren begann leise zu bröckeln.
Er saß ganze dreißig Minuten einfach nur da...
Das Gespräch mit seiner Mutter hallte in ihm nach wie ein Echo in einer leeren Kathedrale.
Er öffnete seinen Laptop erneut. Seine Finger, die sonst so sicher über die Tasten glitten, zögerten einen Moment. Er gab einen Suchbegriff ein, der seine eigene innere Logik infrage stellte: „Psychologische Abwehrmechanismen bei emotionaler Verdrängung“.
Die Ergebnisse waren präzise, fast chirurgisch in ihrer Beschreibung. Sein Blick blieb an einem Punkt hängen:
Reaktionsbildung.
„Die Umwandlung eines Triebimpulses oder Gefühls in sein bewusstes Gegenteil, um ein unangenehmes oder unakzeptables Gefühl zu vermeiden.“
Gou las es zweimal. Dann ein drittes Mal. Die Sätze begannen, seine eigenen Erinnerungen neu zu ordnen.
Er erinnerte sich an die ersten Tage in England. Er hatte Hiromi noch regelmäßig angerufen, ihre Stimme war das Geräusch gewesen, das seine Welt strukturiert hatte. Doch dann war diese plötzliche, unerklärliche Leere aufgetreten. Ein Gefühl von Taubheit. Sein Verstand hatte sofort reagiert:
„Wenn ich nichts fühle, ist die Bindung obsolet. Ich brauche sie nicht. Es war ein Fehler, die Variable ‚Liebe‘ in mein System aufzunehmen.“
Es war keine rationale Entscheidung gewesen. Es war eine Schutzreaktion, eine emotionale Vollbremsung, um den Schmerz der Distanz nicht an sein „System“ heranlassen zu müssen. Er hatte die Leere als „Nicht-Liebe“ fehlinterpretiert, um sich selbst vor der unerträglichen Tatsache zu schützen, dass er sie so sehr vermisste, dass es seine Leistungsfähigkeit...seine geliebte Kontrolle...gefährdete.
Er starrte auf seinen Bildschirm. Das Halbfinale war gewonnen, das Finale lag in drei Tagen vor ihm. Er hatte Zeit. Und zum ersten Mal in seinem Leben wusste er nicht, wie er diese Zeit berechnen sollte.
Er spürte eine seltsame Entspannung. Die Anspannung vor dem Finale war zwar noch da, aber sie war nicht mehr diese erstickende, mechanische Disziplin, die er sich selbst auferlegt hatte. Es war, als hätte die Erkenntnis über seine eigene Reaktionsbildung den Druck von einem Kessel genommen, der kurz vor der Explosion stand.
Er sah auf die Uhr. In Japan war es jetzt mitten in der Nacht. Er wusste, dass sie sicher bereits schlief. Dennoch griff er nach seinem Telefon. Er tippte eine Nachricht, löschte sie wieder, tippte sie erneut. Es war keine strategische Nachricht. Es war keine Statusmeldung. Es war der erste Versuch, die Mauer einzureißen, die er selbst so akribisch hochgezogen hatte.
„Ich habe die letzten zwei Wochen versucht, deine Abwesenheit durch Logik zu kompensieren. Ich bin gescheitert. Das Finale beginnt am Dienstag, aber das ist gerade nicht der wichtigste Gedanke in meinem Kopf.“
Er schickte die Nachricht ab, bevor sein Verstand eine „effizientere“ Lösung finden konnte. Er legte das Handy auf den Schreibtisch dann lehnte er sich zurück. Sein Herz schlug etwas schneller als üblich, und zum ersten Mal, seit er in London war, fühlte er sich nicht mehr wie eine Maschine, sondern wie ein Mensch, der sich erlaubt hatte, verwundbar zu sein.
Eine Minute später....
Das Vibrieren des Geräts auf dem polierten Mahagonitisch wirkte in der absoluten Stille Davies Hall's wie ein elektrischer Schlag. Gou zuckte zusammen, sein Herz, das sich gerade erst wieder in einen ruhigen Rhythmus eingependelt hatte, vollführte einen unkontrollierten Sprung. Er starrte auf das Display.
Hiromi.
Es war mitten in der Nacht in Japan. Dass sie wach war, widersprach jeder statistischen Wahrscheinlichkeit ihrer bisherigen Schlafrhythmen. Er nahm ab, doch seine Kehle fühlte sich an, als hätte jemand Sand hineingeschüttet. Er schwieg. Er wollte sprechen, doch die Worte, die er sich eben in seiner Nachricht noch so logisch zurechtgelegt hatte, schienen in der Luft zu verdampfen.
Er hörte es. Ihr schnelles, flaches Atmen. Es war keine strategische Pause, es war pure, nackte Aufregung.
„Gou?“, hauchte sie, und die Frage in ihrer Stimme war so zerbrechlich, dass er spürte, wie sein gesamtes System aus der Bahn geworfen wurde.
Gou schloss die Augen, als könnte er sie durch die Leitung hindurch spüren. „Warum schläfst du nicht?“, fragte er schließlich, und seine eigene Stimme klang heiser, fremd in seinen Ohren. Er versuchte, den kühlen Tonfall des „Eisprinzen“ zu erzwingen, doch er scheiterte kläglich.
„Ich kann nicht“, antwortete sie, und er konnte sich genau vorstellen, wie sie im Bett saß, das Buch in den Händen, während ihre Gedanken vermutlich um ihn kreisten. „Seit Tagen nicht. Ich lese, um mich abzulenken, aber die Zeilen verschwimmen nur. Ich... ich habe das Turnier verfolgt. Gou, herzlichen Glückwunsch zum gewonnenen Halbfinale. Das war... ich habe keine Worte dafür, wie gut du warst.“
„Hiromi...“, begann er, doch sie redete weiter, überschlug sich beinahe in ihrer Eile, die Distanz zwischen ihnen mit Worten zu füllen.
Er unterbrach sie. Es war kein abrupter Abbruch, sondern ein Akt der Kapitulation. „Hiromi, hör auf“, sagte er leise, und das Wort klang wie eine Bitte. Er spürte, wie der Damm, von dem seine Mutter gesprochen hatte, nun endgültig brach. „Ich vermisse dich.“
Es war heraus. Keine logische Schlussfolgerung, kein strategisches Update, keine Ausweichmanöver. Einfach nur die nackte Wahrheit.
„Ich vermisse dich so sehr“, wiederholte er, und seine Stimme zitterte nun, eine Facette, die er in all den Jahren sorgsam verborgen gehalten hatte. „Es ist... es ist eine absolute Überlastung meines Systems. Ich habe es verdrängt. Ich habe versucht, es als ineffizient einzustufen, als etwas, das ich nicht brauche, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Ich habe versucht, dich aus meinen Berechnungen zu streichen, weil der Schmerz deiner Abwesenheit mich sonst wahnsinnig gemacht hätte.“
Er atmete zittrig ein, die Stille zwischen Tokio und London fühlte sich plötzlich nicht mehr wie eine Trennung an, sondern wie eine Brücke, auf der alles, was er unterdrückt hatte, zu ihr hinüberströmte.
„Hiromi“, flüsterte er, während er sich mit der freien Hand fest gegen die Tischplatte stützte, um sich zu erden. „Ich habe mich selbst belogen. Ich habe versucht, gegen meine eigenen Gefühle zu kämpfen, weil ich dachte, ich müsste funktionieren. Aber ich bin... ich bin ohne dich nicht vollständig.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment vollkommen still, bis er ein leises, befreites Schluchzen hörte.
„Gou...“
Das Schluchzen am anderen Ende der Leitung wurde intensiver, doch es war kein Weinen aus Verzweiflung mehr es war ein Loslassen, ein Entladen all der angestauten Spannung der letzten zwei Wochen. Gou hörte, wie Hiromi tief durchatmete, als würde sie versuchen, die Bruchstücke ihres Herzens, die er in diesem Moment gerade wieder zusammensetzte, mit einem einzigen Atemzug zu fixieren.
Er selbst hatte sich in seinem Stuhl fast in sich zusammengezogen. Die arrogante Distanz, die er in den letzten Tagen wie einen Panzer getragen hatte, war in diesem Moment nichts weiter als ein Kartenhaus, das in der ersten Böe eingestürzt war.
„Es tut mir leid“, sagte Gou leise, und in diesem einen Satz lag mehr Reue, als er je in einem seiner geschäftlichen Berichte hätte ausdrücken können. „Es tut mir so unendlich leid, Hiromi. Dass ich dich so habe warten lassen. Dass ich dich glauben ließ, ich hätte keine Verwendung mehr für das, was wir haben. Ich habe... ich habe die Kontrolle verloren, indem ich versucht habe, sie zu erzwingen.“
Er sah aus dem Fenster seines Zimmers, wo die bereits leuchtenden Lichter Londons wie ferne, gleichgültige Sterne am rötlichen Abendhimmel hingen. „Wenn ich könnte“, flüsterte er, und seine Stimme war so rau, dass er sie selbst kaum wiedererkannte, „wenn es nur irgendeine physikalische Gesetzmäßigkeit gäbe, die es mir erlauben würde... ich würde nicht hierbleiben. Ich würde durch dieses Handy, durch diese Distanz, durch die ganze Welt zu dir kommen. Ich würde in dein Zimmer treten, und ich würde dich festhalten... ich würde dich nie wieder loslassen. Nie wieder.“
Er schwieg kurz, weil die Intensität seiner eigenen Worte ihn selbst fast erschreckte. Es war so unlogisch, so absolut menschlich.
Am anderen Ende der Leitung war es für einen Moment totenstill. Dann hörte er, wie Hiromi sich schnäuzte, ein fast schon ungläubiges, zittriges Lachen, das in ein sanftes Weinen überging. Sie brauchte Zeit, um ihre eigene Fassung wiederzufinden, um die Worte zu sammeln, die den Riss in ihrem beider Leben heilen konnten.
„Du... du darfst das nicht sagen, Gou“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach dabei fast. „Wenn du das sagst, dann mache ich hier alles kurz und klein, nur um dich zu erreichen. Du weißt gar nicht, wie sehr ich diese Worte gebraucht habe. Ich saß hier... seit zwei Wochen saß ich hier und habe mich gefragt, ob ich mir das alles nur eingebildet habe. Ob ich für dich nur eine Variable war, die du einfach aus deinem Leben gelöscht hast.“
Sie atmete zittrig ein, und er konnte hören, wie sie sich im Bett aufsetzte. „Bitte... bitte sag mir, dass das kein Traum ist, Gou. Bitte sag mir, dass du das morgen nicht als ‚emotionales Fehlurteil‘ einstufst, wenn der Verstand wieder die Kontrolle übernimmt.“
Gou spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete, als er ihre berechtigte Skepsis hörte. Er wusste, dass er ihr in den letzten zwei Wochen durch sein Schweigen und seine Distanz jeden Grund gegeben hatte, an seiner Zuneigung zu zweifeln. Er hatte sie mit seinem Schweigen fast zerstört, und das Bewusstsein dafür wiegte schwerer als jeder Druck vor einem Finale.
Er legte sich die freie Hand auf die Brust, als wollte er den wilden Rhythmus seines Herzschlags bändigen, der so gar nicht zu seiner üblichen, berechnenden Art passen wollte.
„Hiromi“, begann er, und seine Stimme war jetzt fester, jede Spur von Zögern war einem fast schon beängstigenden Ernst gewichen. „Hör mir gut zu. Mein Gehirn... mein Verstand versucht auch jetzt noch, das, was ich fühle, in Algorithmen zu pressen. Er sucht nach einer logischen Begründung, nach einem Grund, warum ich das hier gerade tue, anstatt mich auf das Finale zu konzentrieren.“
Er hielt inne und blickte an die hohen Decken der Davies Hall, die an diesem Abend so unendlich weit weg wirkten.
„Aber ich werde es nicht tun“, fuhr er fort, und seine Stimme wurde leiser, fast schon zärtlich. „Ich habe heute Nacht etwas begriffen. Dass ich ohne dich funktioniere, mag zwar möglich sein...aber ich lebe nicht. Diese zwei Wochen waren der größte Fehler meiner bisherigen Existenz. Wenn mein Verstand morgen versucht, das hier als ‚Fehlurteil‘ abzustempeln, dann werde ich diesen Teil meines Verstandes ignorieren. Ich habe zwei Wochen lang versucht, dich aus meinem System zu löschen, und alles, was ich erreicht habe, war, dass mein System in sich zusammengebrochen ist.“
Er atmete tief durch, und in seiner Stimme schwang eine absolute, fast schon fanatische Entschlossenheit mit, die nur die Hiwatari besaßen, wenn sie sich ein Ziel gesetzt hatten...nur dass das Ziel diesmal kein Sieg in einer Arena war, sondern der Mensch am anderen Ende der Leitung.
„Das ist kein Traum“, sagte er bestimmt. „Und es ist kein Fehlurteil. Wenn ich morgen aufwache, werde ich mich an jedes Wort erinnern, das ich gerade gesagt habe. Ich werde mich an den Schmerz erinnern, den ich verursacht habe. Und ich werde alles daransetzen, ihn wiedergutzumachen. Sobald dieses Turnier vorbei ist, werde ich der Erste sein, der das Flugzeug besteigt, um bei dir zu sein. Ich gehöre nicht nach London, ich gehöre zu dir.“
Er wusste, dass diese Worte ihn verletzlicher machten als jede Bit-Beast-Attacke, der er je in seinem Leben ausgesetzt gewesen war. Er gab ihr die Macht über sein Innerstes, eine Kontrolle, die er bisher nur mit purer Disziplin verteidigt hatte.
„Glaubst du mir?“, fragte er leise, und für einen Moment war der unnahbare Erbe der Tachiwari-Corporation einfach nur ein junger Mann, der hoffte, dass seine Offenheit ausreichte, um das zu heilen, was er zerbrochen hatte.
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment eine fast ehrfürchtige Stille. Gou konnte förmlich hören, wie Hiromi tief einatmete, als würde sie die Worte, die er gerade ausgesprochen hatte, wie einen lebensnotwendigen Atemzug in sich aufsaugen.
Das Geräusch ihres Schluchzens war völlig verstummt. Stattdessen hörte er nur noch ihr ruhiges, aber immer noch leicht zittriges Atmen.
„Ich glaube dir“, sagte sie leise, und in ihrem Tonfall lag eine solche Aufrichtigkeit, dass Gou sich fühlte, als hätte er gerade eine Last von tonnenschwerem Gewicht von seinen Schultern genommen. „Ich habe an jedem Tag dieser zwei Wochen gehofft, dass du das sagst. Dass du merkst, dass wir kein Rechenbeispiel sind, das man einfach beenden kann.“
Sie machte eine kurze Pause, und er konnte förmlich spüren, wie sie im Bett ein wenig lächelte – ein Lächeln, das er zwar nicht sehen konnte, das er aber durch die Distanz hindurch beinahe auf seiner Haut spürte.
„Du hast mich so vermisst, dass du fast wahnsinnig geworden wärst?“, fragte sie noch einmal nach, ein kleines, zärtliches Amüsement schwang jetzt in ihrer Stimme mit, als würde sie die Absurdität der Situation – der eiskalte Gou, der vor Sehnsucht beinahe den Verstand verliert – für einen Moment genießen. „Dass du das überhaupt zugibst... Gou, das ist mehr, als ich mir in meinen kühnsten Träumen erhofft hatte.“
„Es war keine Entscheidung“, antwortete er ehrlich, während er den Blick nicht von der Dunkelheit vor seinem Fenster abwandte, als wäre sie eine Leinwand für das Bild von ihr, das er in seinem Kopf trug. „Es war ein biologischer und psychologischer Fakt. Ich bin in London, aber mein Fokus – mein gesamtes System – ist in Tokio geblieben. Ich kann mich nicht auf das Finale konzentrieren, wenn mein wichtigster Ankerpunkt fehlt.“
Er spürte, wie seine Anspannung wich und einer Ruhe Platz machte, die er in den letzten vierzehn Tagen nicht einmal ansatzweise gespürt hatte.
„Hiromi“, fuhr er fort, „ich will nicht, dass du dich noch eine einzige Nacht wegen meiner Ignoranz quälst. Leg dich hin. Versuch zu schlafen. Ich bin hier, ich gehe nirgendwohin, und das nächste Mal, wenn wir telefonieren, werde ich nicht mehr so starr und logisch sein. Ich werde... einfach nur da sein. Für dich.“
„Versprichst du das?“, fragte sie leise, und Gou hörte, wie sich ihre Stimme nun endlich dem Schlaf näherte, als hätte seine Offenheit ihr endlich die Erlaubnis gegeben, die Augen zu schließen.
„Ich verspreche es“, antwortete er fest. „Das ist das einzige Protokoll, das ab jetzt für mich Priorität hat.“
Sie verabschiedeten sich mit einer Weichheit, die für Gou so neu war, dass sie sich beinahe unwirklich anfühlte. Als er schließlich auflegte und das Display des Handys dunkel wurde, lag das Zimmer in einer Stille, die nicht mehr leer, sondern friedlich wirkte. Er legte das Telefon zur Seite, lehnte sich in seinen Sessel zurück und schloss die Augen. Der Druck des Turniers war noch da, aber er war nun nur noch ein Hintergrundrauschen.
Der „Damm“ war nicht mehr existent. Er war einfach nur noch Gou. Und er wusste, dass er am Dienstag gewinnen würde – nicht um seinen Status zu festigen, sondern um so schnell wie möglich zu ihr zurückkehren zu können.
Die morgendliche Sonne flutete das Schlafzimmer mit einem warmen, goldenen Licht, das die feinen Staubkörner in der Luft zum Tanzen brachte. Es war einer dieser Spätsommertage, an denen die Welt draußen in einem satten Grün und Gelb erstrahlte, als wollte der August sich von seiner prächtigsten Seite zeigen.
Nami regte sich leise in den Kissen. Die Schwere ihres Schlafs wich langsam der wohligen Wärme, die sie umgab. Sie spürte Kais Arm, der wie so oft wie ein beruhigender Anker über ihrer Taille lag, und den vertrauten, sanften Rhythmus seines Atems in ihrem Nacken. Er war schon wach...das spürte sie an der Art, wie seine Finger beinahe unbewusst über ihren Stoff ihre Haut strichen.
Bevor sie die Augen öffnete, spürte sie, wie er sie mit einer fließenden, fast raubtierhaften Bewegung enger an sich zog. Sie drehte sich in seinen Armen, bis ihr Gesicht nur noch Zentimeter von seinem entfernt war. Kai musterte sie, sein Blick war weich, beinahe verletzlich in der Intimität dieses frühen Morgens. Er beugte sich vor und legte seine Lippen auf ihre ein langer, zärtlicher Kuss.
Als er sich schließlich löste, blieb er ihr ganz nah. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht, als würde er dort nach Antworten suchen, die sie noch gar nicht ausgesprochen hatte.
„Halb neun“, murmelte er mit seiner tiefen, rauen Morgenstimme, während seine Hand spielerisch an ihrem Haaransatz verweilte. „Die Welt da draußen wartet längst auf uns, aber ich habe ehrlich gesagt wenig Neigung, diesen Raum zu verlassen.“
Er hielt inne, und ein ernsthafterer Ausdruck legte sich auf seine Züge. „Du wolltest gestern Nacht unbedingt allein mit ihm sprechen. Dein mütterliches Privileg, das ich dir nicht nehmen wollte.“ Sein Blick wurde fragend. „Wie war das Telefonat mit Gou? Wie ist er? Hast du... hast du den Besuch von Hiromi angesprochen, so wie wir es kurz davor besprochen hatten?“
Nami spürte, wie sich ein sanftes, fast erleichtertes Lächeln auf ihre Lippen stahl. Sie legte ihre Hand an seine Wange und genoss die Ruhe zwischen ihnen, bevor sie die Last der Neuigkeiten teilte.
Doch bevor sie antworten konnte, unterbrach das vertraute, aber in dieser Stille fast schon aufdringliche Vibrieren ihres Handys auf dem Nachttisch das Gespräch.
Sie blinzelte und griff nach dem Gerät. Als sie auf das Display sah, erstarrte ihr Lächeln.
Hiromi.
Sie wechselte einen schnellen, fragenden Blick mit Kai, der sich neben ihr aufstützte. „Es ist Hiromi“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu ihm, bevor sie auf „Annehmen“ drückte und den Lautsprecher an stellte.
Kaum hatte sie den Anruf entgegengenommen, drangen Geräusche aus dem Hörer, die das friedliche Bild des Sonntagmorgens mit einem Schlag zerrissen. Es war kein förmliches „Guten Morgen“. Es war ein Schluchzen – ein hemmungsloses, zitterndes Weinen, das so unvermittelt aus Hiromi herausbrach, dass Nami für einen Moment der Atem stockte.
„Nami!“, stieß Hiromi hervor, ihre Stimme war rau und von der Anspannung der letzten Stunden gezeichnet. „Ich... ich muss es dir einfach sagen, ich weiß, es ist so früh, aber ich halte es nicht mehr aus!“
Nami setzte sich ruckartig auf, die Bettdecke glitt ihr von den Schultern. Kai spannte sich neben ihr augenblicklich an, seine Augen verengten sich leicht, während er aufmerksam lauschte.
„Hiromi? Was ist passiert?“, fragte Nami, ihre Stimme nun voll wacher mütterlicher Sorge. Sie legte eine Hand auf Kais Unterarm, um ihn zur Ruhe zu mahnen.
„Gou...“, schluchzte Hiromi, und nun mischte sich ein Schluchzen in ihre Worte, das Nami bisher noch nie bei ihr gehört hatte – es war keine Verzweiflung mehr, es war pure, überwältigende Erleichterung. „Er hat mir geschrieben... mitten in der Nacht! Er hat mir so eine Nachricht geschickt, und dann... dann haben wir telefoniert!“
Hiromi holte tief Luft, ein zittriges Einatmen, das durch das Handy deutlich zu hören war. „Er hat es mir gesagt, Nami. Er hat gesagt, dass er mich vermisst... er hat gesagt, dass er einfach nicht mehr konnte. Dass er all das nur verdrängt hat, um nicht den Verstand zu verlieren.“
Nami saß vollkommen regungslos da. Der Boden unter ihren Füßen... oder besser gesagt, das Bett unter ihr... schien für einen Moment zu schwanken. Sie blickte zu Kai, dessen Gesichtsausdruck bei dieser Nachricht zwischen ungläubigem Staunen und einer tiefen, fast schon stolzen Erkenntnis schwankte.
„Er hat dir gesagt, dass er dich vermisst?“, wiederholte Nami leise, unfähig, die Ironie und die Überraschung aus ihrer Stimme zu halten. Sie dachte an ihre Gespräche mit Gou zurück, an seine sture, analytische Mauer, an die Ansage, dass er es beenden wolle und plötzlich ergab das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte, ein ganz neues Muster.
„Ja“, weinte Hiromi, diesmal vor Glück. „Er hat sich entschuldigt... er hat gesagt, er würde, wenn er könnte, alles stehen und liegen lassen, nur um bei mir zu sein. Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Er ist plötzlich wieder der Gou den ich kenne, Nami. Er ist so... offen.“
Nami legte das Smartphone für einen Moment auf ihr Knie und sah Kai an. „Er hat es tatsächlich getan“, hauchte sie, und ein breites, glückliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, das die Sorgen der letzten Wochen wie im Flug hinwegwischte.
Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus vollkommenem Erstaunen und einer tiefen, warmen Erleichterung. Kai, der die letzten Minuten fast atemlos verfolgt hatte, saß nun aufrecht neben ihr, die Kiefermuskeln leicht angespannt, während sein Blick in die Ferne gerichtet war. In seinen Augen lag kein Misstrauen, sondern eine Art dunkler, stiller Stolz.
„Kai... mein kleiner Eisprinz ist aufgetaut.“
Nami führte das Gespräch mit Hiromi noch ein paar Minuten fort, sprach ihr Mut zu und versicherte ihr, wie sehr sie sich für die beiden freute. Erst als Hiromi sich...sichtlich erschöpft, aber mit einer völlig neuen Leichtigkeit in der Stimme verabschiedete, drückte Nami auf „Auflegen“.
Stille kehrte in das Schlafzimmer zurück, doch sie war nicht mehr so schwer wie noch am Abend zuvor.
„Er hat ihr gesagt, dass er es verdrängt hat, um nicht wahnsinnig zu werden“, wiederholte Nami leise und schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich hatte Angst, er würde sich in dieser analytischen Kälte verlieren, aber er hat den Weg zu ihr gefunden.“
Kai antwortete nicht sofort. Er fuhr sich langsam mit der Hand durch das Haar und betrachtete das einfallende Sonnenlicht. „Er musste wohl erst an einen Punkt kommen, an dem seine logische Fassade gegen die Realität prallt“, sagte er schließlich mit dieser typischen, trockenen Sachlichkeit, die er immer an den Tag legte, wenn er komplexe Dinge auf ihren Kern reduzierte.
Er drehte sich zu Nami, und sein Blick war plötzlich so analytisch und tiefgründig, wie sie es von ihm kannte, wenn er sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Natur befasste.
„Weißt du,... ich kenne diese Mechanismen nur zu gut“, begann er und seine Stimme wurde eine Spur leiser. „Was Gou da in den letzten Wochen durchgemacht hat, war keine einfache Sturheit. Es war sicher eine...Reaktionsbildung. Er hat das Vermissen...ein Gefühl, das er als Schwäche interpretierte...in eine radikale Ablehnung umgewandelt. Er hat sich selbst eingeredet, er brauche sie nicht, um nicht den Schmerz spüren zu müssen, den ihr Fehlen verursacht hat.“
Nami sah ihn aufmerksam an, während er weitersprach.
„Ich habe das bei mir selbst oft genug beobachtet“, fuhr er fort und ein Schatten huschte über seine Züge. „Man baut eine Mauer aus Disziplin, aus Logik, aus totalem Fokus, um zu verhindern, dass die emotionale Wahrheit einen überwältigt. Er hat versucht, die Leere mit ‚Effizienz‘ zu füllen, aber diese Leere war in Wahrheit nur der Platzhalter für sie. Sein Verhalten gegenüber Hiromi war der verzweifelte Versuch, die Kontrolle zu behalten. Dass er jetzt diesen Damm hat brechen lassen... das ist ein massiver Schritt. Er hat erkannt, dass er sich selbst belügt, um zu überleben.“
Kai legte seine Hand sanft auf Namis Handfläche, die noch immer auf seinem Arm lag. „Er hat ebenfalls die Tendenz, sich hinter einer Maske zu verstecken, wenn es hart auf hart kommt. Aber vielleicht... vielleicht ist er in dieser Hinsicht stärker als ich. Er hat den Mut gehabt, es zuzugeben...zuerst ihr, und damit auch sich selbst.“
Nami fühlte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Die Art, wie Kai seinen eigenen Schmerz und seine Erfahrungen in die Analyse von Gous Wandel einfließen ließ, zeigte ihr, wie sehr er sich wünschte, dass ihr Sohn seinen Frieden fand – und wie sehr er sich selbst darin wiedererkannte.
„Er hat den Kampf gegen sich selbst gewonnen, Kai“, flüsterte sie. „Und ich glaube, er hat gerade das Wichtigste gelernt: Dass man keine Maschine sein muss, um ein Hiwatari zu sein.“
Kai nickte langsam, sein Ausdruck wurde wieder weicher. „Das Finale am Dienstag wird interessant. Nicht wegen des Pokals. Sondern weil er jetzt etwas zu verlieren hat, das ihm mehr wert ist als jeder Sieg in der Arena.“
Nami lächelte sanft und hatte sich bereits halb aus dem Bett geschält, ihre Gedanken waren schon beim hektischen Treiben des Alltags, als sie plötzlich einen festen, aber sanften Widerstand spürte. Kai hielt sie am Handgelenk fest und zog sie mit einer geschmeidigen Bewegung zurück in die Kissen. Das Laken raschelte, und ehe sie protestieren konnte, lag sie wieder eng an ihn geschmiegt, während die warme Morgenluft des Augusttages durch das offene Fenster strömte.
Er sah sie an, ein Glanz in seinen Augen, der sie für einen Moment völlig aus dem Konzept brachte. „Bleib noch einen Moment so liegen...“, murmelte er, und sein Blick wurde plötzlich weich, fast verschwörerisch. „Mein Schatz... was würdest du davon halten, wenn wir diese Woche alles anders machen? Wenn wir nicht hier im Anwesen warten, bis das Finale vorbei ist, sondern... wenn wir einfach mit den Kindern nach London fliegen?“
Nami blinzelte, ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Sie sah ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, den Mond zu versetzen. „Nach London?“, wiederholte sie leise. „Zum Finale?“
„Er braucht uns dort“, sagte Kai ernst. „Mehr als er es jemals zugeben würde. Wenn er sich jetzt dieser neuen emotionalen Wahrheit stellt, dann ist es die perfekte Gelegenheit, ihm zu zeigen, dass wir hinter ihm stehen – als Familie.“
Nami spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte. „Das ist... das ist eine wundervolle Idee, Kai“, hauchte sie, doch schon im nächsten Moment meldete sich ihre pflichtbewusste Seite. „Aber das Geschäft... die Tachiwari-Corporation, der Tower... wir können nicht einfach so verschwinden. Es liegen wichtige Abschlüsse an, und du weißt, wie viel Arbeit in den kommenden Tagen auf uns wartet.“
Kai lächelte, ein seltenes, warmes Lächeln, das sein gesamtes Gesicht veränderte und die Strenge seiner Züge für einen Moment vergessen ließ. Er schüttelte leicht den Kopf. „Dein Vater würde sicher liebend gerne einspringen. Er liebt den Trubel im Tower, und letztlich ist es ja auch seine Firma, sein Lebenswerk. Ich habe gestern Abend kurz mit ihm telefoniert...er hat schon fast darauf gewartet, dass ich ihn darum bitte.“ er schmunzelte bei dem Gedanken an Hiros resonantem, tiefen Lachen.
Nami war komplett überwältigt. Sie sah Kai an, und die tiefe Liebe, die sie für diesen Mann empfand, schien in diesem Augenblick fast greifbar zu sein. Er hatte bereits alles geplant, nur um ihr und Gou diese Freude zu machen.
Kai hob die Hand und strich ihr sanft eine verirrte, silbrig weiße Haarsträhne aus dem Gesicht. Sein Ausdruck wurde wieder ernster, eine Nuance nachdenklicher. „Und noch etwas. Wenn wir schon fliegen... denke ich, sollten wir Hiromi fragen, ob sie uns begleiten will. Natürlich nur, wenn ihre Eltern einverstanden sind und die Schule es zulässt. Sie hat Gou durch die schwersten zwei Wochen geführt, ohne es zu wissen. Es wäre nur richtig, wenn sie beim Finale an seiner Seite ist, wenn er dort oben auf dem Podium steht.“
Nami atmete zittrig aus, ein glückliches Lachen bahnte sich seinen Weg. „Du denkst wirklich an alles, nicht wahr?“ Sie schmiegte ihre Wange an seine Handfläche. „Das ist das Beste, was wir tun können. Für Gou, für Hiromi... und für uns alle.“
Nami spürte, wie sich eine tiefe, wohlige Wärme in ihrem Inneren ausbreitete. Sie ließ den Kopf wieder auf Kais Brust sinken und schloss die Augen, um diesen Moment der absoluten Übereinstimmung voll auszukosten. Das Sonnenlicht, das nun kräftiger in den Raum fiel, tanzte auf der Bettdecke, doch die Welt außerhalb dieser Mauern – der Tower, die Geschäfte, die Erwartungen – rückte in weite Ferne.
„Lass die Welt noch ein wenig warten...“, flüsterte sie, während sie ihre Hand flach auf sein Herz legte, dessen gleichmäßiger Schlag ihr das Gefühl von Sicherheit gab, das sie bei niemandem sonst fand. „Bevor wir den Alltag in Gang setzen, bevor wir Koffer packen oder Telefonate mit der Schule führen... bleib einfach kurz so liegen. Wir haben das verdient.“
Sie hob den Kopf nur ein Stück, um ihm direkt in die Augen zu sehen, ihr Blick war nun voller Ernsthaftigkeit, die jede Spur von spielerischer Leichtigkeit verdrängt hatte.
„Weißt du, was mir das gerade zeigt, Kai?“, fragte sie leise, und ihre Stimme trug eine Bestimmtheit, die keinen Widerspruch duldete. „Es zeigt mir, wie sehr du dich irrst, wenn du dich fragst, ob du ein guter Vater für Gou bist. Ein Mann, der sich solche Gedanken macht, der so weit vorausdenkt, nur um seinem Sohn in einem Moment des Wandels das Beste zu ermöglichen... der ist nicht einfach nur ein Vater. Er ist das Fundament, auf dem dieser Junge überhaupt erst so stark werden konnte.“
Kai sah sie an, und für einen Wimpernschlag wirkte es, als würde er sich gegen das Lob wehren wollen, doch dann erlosch der kritische Funke in seinem Blick. Er zog sie wieder enger an sich, fast beschützend, und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar.
„Ich habe nur versucht, ihn nicht in meine eigenen Fehler hineinzuziehen“, murmelte er gegen ihren Schläfenansatz. „Aber vielleicht hast du recht. Vielleicht ist es Zeit, dass ich aufhöre, den ‚Zaren‘ zu spielen, und einfach als Vater da bin.“
Nami lächelte, ein Lächeln, das nur ihm galt...ein Lächeln, das von sechzehn Jahren gemeinsamen Wachsens erzählte. „Das tust du bereits seit Jahren, Kai. Mehr, als du dir jemals eingestehen würdest.“
Sie genossen die Stille, die nun keine Leere mehr war, sondern ein tiefes, erfülltes Schweigen. Der Raum roch nach der morgendlichen Frische des Spätsommers und nach ihnen. Es war ein Moment der Unversehrtheit, der die komplexen Pläne für die Reise nach London für eine Weile wie einen Traum erscheinen ließ, der erst später Realität werden musste.
Überraschung ♡
Die Stille des Spätsommermorgens im Ayame-Anwesen wurde nur durch das leise Zwitschern der Vögel in den alten Bäumen gestört. Als Nami und Kai das Schlafzimmer verließen, fühlte sich die Welt ein wenig heller an. Die Last der letzten Wochen...die emotionale Isolation ihres Sohnes und die eigene Sorge...war von ihren Schultern gefallen.
Sie schlenderten durch den weitläufigen Korridor des Westflügels, bis sie die Zimmer ihrer Kinder erreicht hatten.
Zuerst steuerten sie die Zimmer der Zwillinge an. Ren war bereits wach und saß an seinem Schreibtisch, wo er gerade versuchte, sein Kunstmodell für die nächste Schulstunde zu optimieren, während Ayumi in ihrem eigenen Zimmer, das direkt gegenüber lag, gerade ihre Sporttasche für das taktische Training am Nachmittag packte.
Kai blieb im Türrahmen von Ren stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Blick war weich, als er beobachtete, wie konzentriert sein Sohn bei der Arbeit war. Nami trat vorsichtig an Ayumis Tür und klopfte leise an den Türrahmen.
„Ayumi, Ren...Sayuri“, rief Nami mit einer Stimme, die die Aufmerksamkeit der Kinder sofort auf sie zog. „Kommt bitte kurz zu uns in den Salon.“
Ein paar Minuten später versammelten sich alle drei Hiwatari Kinder.
Als die gesamte Familie im Salon versammelt war, herrschte eine erwartungsvolle Stille.
„Wir haben eine Nachricht für euch“, begann Kai. „Wir haben uns überlegt, dass wir Gou im Finale in London nicht allein lassen wollen. Wir fliegen morgen alle zusammen nach England.“
Für einen Moment war es totenstill im Raum. Ayumi riss die Augen auf. „Wir fliegen? Alle zusammen?“, fragte sie ungläubig, während ein breites Lächeln über ihr Gesicht huschte.
„Zum Finale?“, ergänzte Ren, der bereits die ersten logistischen Schritte im Kopf durchging. „Dürfen wir Gou im Training sehen?“
Sayuri, die mittlerweile ebenfalls hellwach war und nur die Aufregung ihrer Geschwister spürte, klatschte in die Hände. „London! London! Yaaay, wir fliegen zu Gou und feuern ihn an!“, rief sie und hüpfte vor Begeisterung im Raum umher.
Die Vorfreude brach sich sofort Bahn. Ayumi begann bereits aufzuzählen, welche Outfits sie für London unbedingt benötigte, während Ren fieberhaft darüber nachdachte, welche seiner Beyblades für ein Training in England geeignet wären. Das Anwesen, das noch vor einer Stunde in sonntäglicher Ruhe gelegen hatte, verwandelte sich in kürzester Zeit in ein Zentrum der Reisevorbereitungen.
Kai beobachtete das Treiben mit einem amüsierten Glanz in den Augen. Er trat zu Nami und legte ihr den Arm um die Schulter. „Ich glaube, wir haben gerade eine Kettenreaktion ausgelöst“, sagte er leise, während Ren gerade versuchte, seinem Vater zu erklären, warum ein spezielles, aerodynamisches Modell für London lebenswichtig sei.
Nami lehnte sich an ihn und beobachtete, wie ihre Kinder das Haus förmlich auf den Kopf stellten. Es war genau die Art von familiärem Wirbel, die sie sich gewünscht hatte – voller Leben, Vorfreude und der unerschütterlichen Gewissheit, dass sie diesen wichtigen Moment für Gou gemeinsam als Familie erleben würden.
Ein paar Stunden später...
Die Nachmittagsstunden im Ayame-Anwesen verliefen in einer Atmosphäre, die zwischen der ehrfürchtigen Stille der altehrwürdigen Architektur und der elektrisierenden Vorfreude auf das bevorstehende Abenteuer schwankte.
Als Hiromi mit ihren Eltern und ihrer Schwester Mariko durch das schwere, verzierte Portal des Anwesens trat, blieb die Zeit für einen Moment stehen. Das klassizistische Herrenhaus wirkte mit seinem imposanten Säulenportikus und der symmetrischen Strenge wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – weit entrückt vom hektischen Treiben Tokios. Hiromis Vater, selbst ein erfolgreicher Unternehmer, der viel Wert auf Ästhetik und Status legte, hielt inne. Sein Blick glitt bewundernd über die hohen, kunstvoll bearbeiteten Stuckdecken und das dunkle, polierte Holz des Entrees. Es war nicht nur ein Haus; es war ein Statement.
„Es ist noch beeindruckender, als man uns erzählt hat“, murmelte Hiromis Vater fast ehrfürchtig. Seine Frau nickte stumm, sichtlich beeindruckt von der erhabenen Aura, die das Anwesen ausstrahlte.
Kai empfing sie diskret im Eingangsbereich. Er trug keinen geschäftlichen Anzug, sondern eine legerere, aber dennoch makellose Garderobe. Er neigte den Kopf zur Begrüßung, ein Ausdruck von verbindlicher Höflichkeit, der keinen Raum für Förmlichkeit ließ, aber dennoch die nötige Distanz eines Gastgebers wahrte. Nami hingegen trat mit einer Wärme vor, die die kühle Eleganz der Umgebung sofort auflockerte. Sie umarmte Hiromi, deren Hände bei der Berührung leicht zitterten...die Aufregung des nächtlichen Telefonats mit Gou wirkte noch immer in jeder Faser ihres Körpers nach.
Nachdem sie alle im großen Salon Platz genommen hatten, wurde Tee serviert. Die Konversation verlief zunächst über unverfängliche Themen, doch die Spannung im Raum war greifbar. Nami wartete einen Moment ab, bis der letzte Gast seinen Tee abgestellt hatte. Sie blickte Hiromi direkt an.
„Hiromi, ich habe heute Morgen von dir erfahren, was sich zwischen dir und Gou ereignet hat“, begann Nami sanft. „Es war ein langer Weg, den er zurückgelegt hat, um diese Mauer in sich niederzureißen. Und nachdem wir gesehen haben, wie sehr er sich nach dieser Verbindung sehnt, sind Kai und ich zu einer Entscheidung gekommen.“
Kai, der bisher nur aufmerksam zugehört hatte, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich leicht vor. „Das Finale in London ist ein Wendepunkt für ihn...beruflich wie persönlich“, sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme. „Wir haben beschlossen, mit der Familie dorthin zu reisen, um ihn zu unterstützen. Aber ein solcher Moment braucht die Menschen, die man liebt, an seiner Seite.“
Nami griff nach Hiromis Hand. „Hiromi, wir möchten, dass du uns begleitest. Wir wollen, dass du dabei bist, wenn er diesen Weg zu Ende geht.“
Die Reaktion des jungen Mädchens war unmittelbar. Hiromi erstarrte, ihre Augen weiteten sich, als könnten sie das Gehörte nicht fassen. Die letzten zwei Wochen voller Zweifel und stiller Tränen in ihrem Kinderzimmer schienen plötzlich in weite Ferne zu rücken. Ein leises Keuchen entwich ihren Lippen, und dann überflutete pures Glück ihre Züge. Tränen der Erleichterung traten ihr in die Augen, doch diesmal waren sie strahlend. Sie presste Namis Hand fest. „Ihr... ihr wollt wirklich, dass ich dabei bin? Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es fühlt sich an, als würde ich endlich wieder atmen können.“
Ihre Schwester Mariko strahlte, während Hiromis Eltern sich einen vielsagenden, zustimmenden Blick zuwarfen. Die anfängliche Skepsis, ob ein solcher Ausflug in dieser Phase für Hiromi ratsam wäre, war angesichts der Unterstützung, die das Haus Hiwatari bot, komplett verflogen.
„Es ist eine Gelegenheit, die sich nicht wiederholt“, fügte Kai hinzu, dessen Blick auf Hiromi nun fast väterlich weich wurde. „Er hat den ersten Schritt gemacht. Jetzt ist es an uns, den Rahmen dafür zu schaffen, dass er ihn fortsetzen kann.“
Kai hob nun den Blick auf Hiromis Eltern. Ihr Vater räusperte sich, rückte seine Haltung zurecht und blickte kurz seine Frau und dann wieder seine Tochter an. Sein Blick war ernst, aber nicht mehr abweisend.
„Wir haben in den letzten Monaten viel beobachtet“, begann er mit fester Stimme. „Gou ist ein junger Mann mit einer seltenen Disziplin. Ich schätze ihn als jemanden, der Verantwortung übernimmt, und ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass er ein guter Umgang für unsere Tochter ist.“ Er machte eine kurze Pause, als würde er die Worte sorgfältig abwägen. „Und als Eltern bleibt einem nicht verborgen, was in den eigenen vier Wänden vorgeht. Ich habe gesehen, wie sehr sie ihn vermisst, und wie sehr sie unter dieser Distanz gelitten hat.“
Er wandte sich direkt an Kai, ein fast respektvoller Ausdruck trat in sein Gesicht. „Wenn diese Reise für sie beide so wichtig ist, werde ich der Schule einen triftigen Grund für Hiromis Abwesenheit liefern, der absolut unangreifbar ist. Sie soll sich keine Sorgen um ihren akademischen Werdegang machen müssen.“
In dem Moment, als die Worte ihres Vaters den Raum durchdrangen, gab es für Hiromi kein Halten mehr. Sie sprang auf, und die Erleichterung löste sich wie eine angestaute Flutwelle in ihr. Mit einer stürmischen Bewegung warf sie sich ihrem Vater um den Hals und schmiegte ihr Gesicht an seine Schulter.
„Danke, Papa! Danke vielmals!“, rief sie, und ihre Stimme überschlug sich vor Aufregung. Sie ließ ihn kaum los, während sie zwischen einem glücklichen Schluchzen und einem strahlenden Lachen schwankte. Sie wusste in diesem Augenblick nicht, ob sie vor Glück weinen oder lachen sollte...es war, als wäre eine Last von Tonnen von ihren Schultern gefallen.
Kai beobachtete die Szene aus dem Sessel heraus. Er verschränkte die Arme vor der Brust und ein leises, beinahe unsichtbares Lächeln legte sich auf seine Züge. Er wusste, dass dies der Beginn von etwas war, das über das Finale hinausging.
Nami, die die ganze Zeit über neben Kai gesessen hatte, stand auf und legte Hiromi sanft die Hand auf den Rücken und ließ ihr den Moment, den sie so dringend gebraucht hatte. Der Salon, der zuvor noch so förmlich gewirkt hatte, war nun erfüllt von einer menschlichen Wärme, die das aristokratische Ambiente des Ayame-Anwesens für einen Augenblick völlig in den Hintergrund drängte.
Die Vorbereitungen für die Abreise begannen in den nächsten Stunden mit einer fast militärischen Präzision, die nur durch die unbändige Freude der Kinder gestört wurde.
Während sich die Dämmerung über das Ayame-Anwesen legte und die Vorbereitungen in ihre heiße Phase gingen, verlor Kai direkt am kommenden frühen Montagmorgen keine Zeit. Er wusste, dass in der Welt der Bildung ein solches Anliegen nicht bis zur letzten Minute warten durfte. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen das Anwesen in das sanfte Licht des Tages tauchten, saß Kai in seinem Arbeitszimmer. Der Raum war in das gedimmte Licht seiner Schreibtischlampe gehüllt. Mit einer Ruhe, die keinen Zweifel an seiner Autorität ließ, wählte er die Nummer der Schulleitung, die Ayumi und Ren besuchten.
Es dauerte nur wenige Sekunden, bis er verbunden wurde. Seine Stimme war ruhig, tief und besaß jene unmissverständliche Souveränität, die man von einem Mann in seiner Position erwartete. Er legte den Grund für das Fehlen seiner Kinder dar – nicht als Bittsteller, sondern als jemand, der eine familiäre Priorität setzte, die für die Entwicklung seiner Kinder von entscheidender Bedeutung war. Kai wusste genau, welche Worte er wählen musste, um jeden bürokratischen Widerstand im Keim zu ersticken. Die Nachricht wurde professionell und ohne Umwege platziert; die Abwesenheit für die kommende Zeit war offiziell geklärt.
Nachdem er das Telefon aufgelegt hatte, atmete Kai tief durch. Er blickte kurz auf die Uhr, dann hinaus auf das Gelände des Anwesens, wo der Tag gerade erst erwachte. Die Weichen waren gestellt. Er wusste, dass er nun alles getan hatte, um den Weg für seine Familie und für Gou zu ebnen. Mit einem letzten, kurzen Blick auf die Unterlagen auf seinem Schreibtisch erhob er sich. Es war an der Zeit, aufzubrechen.
Der Vormittag am Ayame-Anwesen war von einer geschäftigen, fast elektrisierenden Energie geprägt. Als Hiromis Eltern und Mariko sie direkt vor dem imposanten Portal des Anwesens absetzten, lag ein Hauch von Abschied und Aufbruch in der Luft. Die Verabschiedung war kurz, aber tief berührend; ein letztes, festes Drücken ihrer Mutter, ein anerkennender, stolzer Blick ihres Vaters und ein ermutigendes Zunicken ihrer Schwester, bevor Hiromi mit ihrem Koffer in Richtung des wartenden Fahrzeugs der Tachiwari-Corporation trat. Es war der erste Moment, in dem die Realität dieser Reise vollends bei ihr ankam: Sie war auf dem Weg zu Gou.
Punkt 12 Uhr Mittags japanischer Zeit hob der Privatjet der Tachiwari-Corporation ab. Die Kabine des Jets strahlte eine gediegene Eleganz aus, die perfekt zum Ayame-Anwesen passte – weiche Ledersitze, tiefdunkle Holzelemente und ein dezenter Luxus, der jede Hektik vergessen ließ.
Während die Wolkendecke unter ihnen immer dünner wurde und das Land unter einer strahlenden Mittagssonne zurückblieb, hatte sich eine angenehme Stille in der Kabine ausgebreitet. Sayuri war bereits nach kurzer Zeit in einer der breiten Ledersitze eingeschlummert, ihren Kopf an Nami gelehnt, die ihr leise etwas vorlas.
Ein paar Reihen weiter vorn waren Ayumi und Ren in ihre Tablets vertieft. Sie waren in eine hitzige, aber leise Diskussion über die taktischen Stärken von Gous Konkurrenten im Finale vertieft. Man konnte sehen, wie Ren auf seinem Display verschiedene Beyblade-Konfigurationen durchspielte, während Ayumi energisch auf bestimmte Schwachstellen in den aufgezeichneten Trainingskämpfen deutete.
Hiromi saß in einem der Sessel in der Nähe von Kai und Nami. Sie blickte aus dem kleinen Fenster auf den endlosen Horizont, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Ihre Hände ruhten in ihrem Schoß, die Finger spielten nervös mit dem Stoff ihres Kleides.
Kai, der gegenüber von ihr saß und in einige Unterlagen der Tachiwari-Corporation vertieft war, hob nach einer Weile den Blick. Er beobachtete das junge Mädchen einen Moment lang, bevor er die Papiere beiseitelegte. „London wird nicht nur für Gou ein Umbruch sein, Hiromi“, sagte er mit einer Stimme, die die Aufmerksamkeit der Kinder kurzzeitig vom Tablet ablenkte. Es war kein geschäftlicher Tonfall, sondern ein väterlicher Rat. „Das Finale ist der Rahmen, aber was danach kommt, ist das, was wirklich zählt.“
Nami, die das Gespräch mitgehört hatte, lächelte Hiromi aufmunternd zu. Sie schob ihre Lektüre beiseite und legte eine Hand auf Hiromis Arm. „Er hat lange gebraucht, um zu erkennen, dass Stärke nicht immer bedeutet, allein zu sein“, fügte sie sanft hinzu. „Dass du bereit bist, diesen Weg mit ihm zu gehen, bedeutet ihm mehr, als er in Worte fassen könnte.“
Hiromi sah von ihrem Fenster auf und traf Namis Blick. Die Aufregung, die sie in den letzten Tagen wie ein ständiger Begleiter begleitet hatte, verwandelte sich in ein warmes Gefühl der Zuversicht. Die Isolation, die sie gespürt hatte, während sie auf eine Nachricht gewartet hatte, begann in dieser exklusiven, ruhigen Atmosphäre des Jets endgültig zu schmelzen.
„Ich hoffe einfach nur, dass ich das Richtige tue“, gestand Hiromi leise, während sie auf ihre Hände blickte.
„Das tust du“, entgegnete Kai kurz und präzise, bevor er wieder kurz auf seinen Laptop blickte. Es war ein seltenes Kompliment, das jedoch keine Fragen offenließ.
Die Reise nach London fühlte sich in diesem Moment nicht mehr wie eine weite Distanz an, sondern wie eine notwendige Überbrückung – ein heiliger Raum zwischen ihrem alten Leben und der Zukunft, die auf sie wartete. Während das leise Summen der Turbinen die Kabine erfüllte, sank Hiromi etwas tiefer in ihren Sitz. Die Anspannung wich einer tiefen, fast schon meditative Ruhe, während sie, umgeben von der Familie Hiwatari, ihrem Ziel entgegenflog.
Die Stunden im Privatjet waren verstrichen wie Sand, der leise durch ein Stundenglas rieselte. Die luxuriöse Kabine, die anfangs noch von lebhaften Diskussionen über Aerodynamik und Taktik erfüllt war, war in eine ruhige, fast andächtige Stille getaucht. Ayumi, deren Kopf an ein schmales Kissen gelehnt war, atmete tief und gleichmäßig, während Ren, der seinen Kopf leicht in den Nacken gelegt hatte, immer noch ein digitales Skizzenbuch in der Hand hielt, das längst schwarz geworden war. Die kleine Sayuri hatte es sich zwischen den beiden bequem gemacht und wirkte in ihrem Schlaf vollkommen friedlich.
Es war 17 Uhr Ortszeit London, als das leise Summen der Triebwerke kurz variierte und das Licht in der Kabine sanft aufleuchtete. Eine ruhige, professionelle Stimme des Piloten durchbrach die Stille über das Interkom: „Meine Damen und Herren, wir beginnen nun mit dem Sinkflug auf den Flughafen London Stansted. Wir erwarten eine sanfte Landung in etwa zwanzig Minuten. Wir hoffen, Sie hatten einen angenehmen Flug.“
Nami, die die letzten Stunden damit verbracht hatte, leise ein Buch zu lesen, legte dieses beiseite und strich sich eine Locke aus der Stirn. Sie warf einen Blick zu Kai hinüber, dessen Augen ebenfalls offen waren und der nun leise zu ihr herübersah. Auch Hiromi, die in ihrem Sitz fast mit dem Fenster verschmolzen war, schreckte bei der Durchsage leicht auf und rückte ihre Kleidung zurecht. Ein Hauch von Nervosität mischte sich nun in ihre Erschöpfung – London war greifbar nah.
Nach der Landung und dem schnellen Abwickeln der Formalitäten, die bei einem Privatflug der Tachiwari-Corporation gewohnt diskret verliefen, trat die Familie ins Freie. Die kühlere, leicht feuchte Abendluft Londons schlug ihnen entgegen. Doch die Müdigkeit der langen Reise verflog augenblicklich, als ihr Blick auf das Vorfeld fiel.
Dort stand sie: eine der imposanten, hochglanzpolierten schwarzen Davies-Limousinen, die im fahlen Licht der Flughafenlaternen fast so dunkel wie die Nacht wirkte. Und davor, in tadelloser Haltung und mit einem Ausdruck stoischer Gelassenheit, stand Graham.
„Graham!“, rief Ayumi, die als Erste aus der Flughafenhalle trat, und selbst der eher sachliche Ren konnte ein breites Grinsen nicht unterdrücken. Auch Sayuri, die eben noch verschlafen in Namis Arm hing, fing an, aufgeregt mit den Armen zu rudern.
Das Wiedersehen nach fast drei Wochen fühlte sich an wie die Rückkehr in einen vertrauten Hafen. Graham neigte das Haupt, und ein für ihn typisches, fast imperiales zucken der Mundwinkel huschte über sein Gesicht, als er die Familie auf sich zukommen sah.
„Willkommen in London, Master Kai und Madame Nami. Es ist mir eine außerordentliche Freude, Sie nach dieser langen Abwesenheit wieder in Empfang nehmen zu dürfen“, sagte er mit seiner unverkennbaren, ruhigen Stimme, während er bereits die Tür der Limousine aufhielt. Sein Blick glitt kurz zu Hiromi, und er fügte mit einer Nuance von trockenem Humor hinzu: „Ich nehme an, die Reise war ereignislos genug, um Ihre Nerven für die bevorstehenden Ereignisse zu schonen?“
Kai legte kurz eine Hand auf Grahams Schulter...eine Geste, die bei ihm mehr sagte als tausend Worte. Während sie in das luxuriöse Innere der Limousine stiegen, spürte Hiromi, wie die letzten Zweifel in der vertrauten Atmosphäre des Wagens endgültig abfielen. Sie waren in London angekommen, und mit Graham an ihrer Seite fühlte sich das Ziel plötzlich viel weniger beängstigend und viel mehr wie ein Anfang an.
Die Fahrt zu Davies Hall dauerte nicht lange, doch für Hiromi fühlte sich jede Minute im Fond der schwarzen Limousine wie eine Ewigkeit an. Das Anwesen selbst war ein architektonisches Meisterwerk aus viktorianischer Zeit; dunkler Backstein, weitläufige Gärten und ein Hauch von aristokratischer Strenge, der perfekt zu der Umgebung passte, in der Gou sich derzeit aufhielt. Als sie den Vorplatz erreichten, leuchteten die hohen Bogenfenster des Herrenhauses in einem warmen, einladenden Licht gegen den nächtlichen Himmel von London.
Nami tauschte einen schnellen, wissenden Blick mit Graham aus, noch bevor die schweren Türen der Limousine aufglitten. „Graham“, flüsterte Nami, während Kai bereits ausstieg und seine Kinder im Blick behielt, „wäre es möglich, Hiromi diskret in Gous Zimmer zu bringen? Es soll eine Überraschung sein. Ich denke, es wäre das größte Geschenk für ihn, wenn er nach dem Abendessen dort Ruhe fände und sie ihn erwartet.“
Graham neigte den Kopf, sein Gesichtsausdruck blieb gewohnt kühl und professionell, doch ein winziger Funke Verständnis glitzerte in seinen Augen. „Es wird mir ein Vergnügen sein, Madame. Ich kenne die Dienstbotengänge, die uns unbemerkt direkt in den privaten Trakt führen. Bitte warten Sie und die Kinder derweil im großen Eingangsbereich. Ich werde sie anschließend persönlich in den Speisesaal geleiten.“
Während der Rest der Familie den Haupteingang ansteuerte, löste sich Hiromi leise aus der Gruppe. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, während sie Graham durch einen Seiteneingang in das dunkle, holzgetäfelte Innere von Davies Hall folgte.
Etwa zehn Minuten später...
Im herrschaftlichen Speisesaal, der von gewaltigen Kristallleuchtern in ein goldenes Licht getaucht war, herrschte eine angespannte Stille. Die langen Tafeln waren gedeckt, doch die Stimmung war alles andere als ausgelassen. Gou saß am Kopfende des Tisches, sein Blick starr auf das Silberbesteck vor ihm gerichtet. Sein schwarzer Rabe, das Bit-Beast, schien wie ein stiller, dunkler Schatten über seinem Bewusstsein zu schweben; seine Aura war kühl und abweisend.
Ryan Hunt, der ihm gegenüber saß, stocherte gelangweilt in seinem Essen herum. Er beobachtete Gou mit einem arrogant-genervten Ausdruck. „Sag mal, Boss...“, begann er, wobei er jeden Tonfall von Respekt vermissen ließ. „Muss man dir den Appetit mit der Zange aus dem Mund ziehen? Du schaust ja verbissener drein als ein hungriger Wolf. Entspann dich mal, wir haben das Finale vor der Brust, nicht die Hinrichtung.“
Gou reagierte nicht. Sein Kiefer war fest zusammengepresst. Er hatte seit Stunden versucht, Hiromi zu erreichen. Er hatte ihr versprochen, sie anzurufen, doch als er es tat, war sie nicht erreichbar gewesen...stundenlang hatte er es versucht. Die Stille am anderen Ende der Leitung hatte in seinem Kopf eine unruhige, dunkle Spirale aus Sorge und aufgestautem Zorn gegen sich selbst ausgelöst.
„Hörst du eigentlich zu?“, setzte Ryan nach, doch bevor Gou antworten konnte...oder bevor die Situation eskalieren konnte...geschah etwas Unerwartetes.
Mit einem schweren, sonoren Ächzen schwangen die massiven, kunstvoll geschnitzten Flügeltüren des Speisesaals auf. Die Gespräche am Tisch verstummten augenblicklich. Zuerst trat Graham ein, die Haltung so aufrecht wie ein Gardesoldat. Sein Blick wanderte einmal kurz über die Anwesenden, bevor er zur Seite trat.
Hinter ihm betrat Nami den Saal, gefolgt von Kai, der mit einer Präsenz auftrat, die den gesamten Raum sofort ausfüllte. Ayumi, Ren und Sayuri folgten dicht dahinter, ihre Augen neugierig durch den Saal schweifend.
Gou war wie erstarrt. Sein Blick fixierte seinen Vater, dann seine Mutter, und für einen kurzen Moment...so kurz, dass man ihn fast für eine Täuschung hätte halten können....wich die verbissene Härte aus seinem Gesicht. Er schob seinen Stuhl ein Stück zurück, ohne jedoch den Blick von ihnen abzuwenden. Das Schweigen im Raum war nun so tief, dass man das Ticken der alten Wanduhr im Hintergrund hören konnte.
Für einen Moment schien die Zeit in dem herrschaftlichen Speisesaal stillzustehen. Gou stand langsam auf, seine Finger krallten sich beinahe unbewusst in die Tischkante, während sein Blick den Raum durchmaß. Er sah die Präsenz seines Vaters, die Souveränität seiner Mutter, und das beinahe ehrfürchtige Schweigen der anderen Teammitglieder. Violeta, die bisher unauffällig an ihrem Platz gesessen hatte, legte ihre Gabel aus der Hand und musterte Kai Hiwatari mit unverhohlener Faszination, während Seiya sich fast instinktiv etwas aufrechter hinsetzte.
Doch während er die Familie musterte, verengten sich Gous Augen suchend. Ein Schatten von offensichtlicher Enttäuschung, fast Schmerz, huschte über seine Züge. Er wirkte, als würde er sich fragen, ob seine Sorge um sie ihn nun vollends den Verstand kosten ließ.
Die kurze erdrückende Stille, die Kai und Nami mit ihrer Anwesenheit in den Raum gebracht hatten, wurde in diesem Augenblick durch ein kleines, helles Geräusch durchbrochen.
„Gou!“, rief Sayuri, die ihre Neugier nicht mehr zügeln konnte. Mit einem kleinen, schnellen Sprung löste sie sich von Nami und rannte auf ihren Bruder zu. Sie stolperte fast über den flauschigen Läufer, doch Gou reagierte schneller als jeder andere am Tisch. Seine Reflexe waren messerscharf; er fing sie mühelos auf, als sie in seine Arme sprang.
Der „verbissene Wolf“ war für einen Sekundenbruchteil verschwunden. Man sah, wie seine Schultern, die zuvor so starr gewesen waren, bei dem Kontakt mit seiner kleinen Schwester endlich nachgaben. Er hob sie hoch und vergrub sein Gesicht kurz in ihrem Haar, ein seltener, fast verzweifelter Moment der menschlichen Nähe, den er in den letzten Wochen so streng hinter Mauern verborgen hatte.
Ayumi und Ren folgten langsamer, ihre Augen glänzten vor Freude, aber sie spürten die Anspannung in der Luft. „Wir dachten, du könntest etwas Unterstützung gebrauchen“, sagte Ayumi leise, während sie auf Gou zuging. Ihr Blick, der sonst immer so abenteuerlustig war, war nun voller Sorge um ihren älteren Bruder.
Ryan Hunt, der die Szene mit einer Mischung aus Misstrauen und Unbehagen beobachtete, räusperte sich lautstark. „Das ist ja wirklich eine rührende Familienzusammenführung“, warf er sarkastisch ein, während er sich zurücklehnte. „Aber vielleicht könntet ihr die privaten Gefühle woanders austragen? Wir haben schließlich noch einen Trainingsplan einzuhalten.“
Gous Kopf schnellte herum. Seine Augen, die eben noch weich gewesen waren, nahmen sofort wieder die kühle, abweisende Intensität an, als er Ryan ansah. „Das Training ist beendet“, sagte er mit einer Stimme, die so kalt war, dass sie selbst den Raumtemperatur-Regler im Saal zu beeinflussen schien. Er setzte Sayuri vorsichtig ab und wandte sich vollends an seine Eltern.
Nami sah ihren Sohn an...sie sah die Erschöpfung, das Sehnen und die verborgene Wut. Sie trat einen Schritt vor, doch ihr Blick wanderte erneut kurz zur Tür, durch die Graham sie hereingeführt hatte. Sie wusste, dass das eigentliche Puzzleteil noch fehlte.
„Gou“, begann Nami sanft, während sie ihre Hand ausstreckte, um sein Gesicht zu berühren. „Wir sind gekommen, dass du dieses Finale nicht allein bestreiten musst.“
Gou wollte etwas erwidern, die Anspannung in seinem Kiefer war noch immer deutlich, doch sein Blick blieb rastlos. Er suchte noch immer unterbewusst nach ihr. Sein ganzes Dasein in London, der ganze Druck der letzten Wochen, alles schien in diesem Moment auf diesen einen, fehlenden Menschen zu fokussieren.
Kai Hiwatari trat mit einer langsamen, beinahe raubtierhaften Eleganz an den Kopf des Tisches. Sein Blick strich über die Gesichter von Gous Teammitgliedern – eine stumme Musterung, die ausreichte, um das spöttische Grinsen auf Ryans Lippen innerhalb von Sekunden gefrieren zu lassen. Die Atmosphäre im Speisesaal wandelte sich in einen Schlagabtausch zwischen Dominanz und Unbehagen.
„Ich sehe, das Training verlangt euch einiges ab“, sagte Kai, seine Stimme tief und in einer ruhigen, aristokratischen Manier, die keine Widerrede duldete. Er legte seine Hand auf die Rückenlehne des Stuhls neben Gou und signalisierte damit unmissverständlich, wer hier das Sagen hatte. „Aber ein Sieg auf dem Feld beginnt mit der Haltung im Alltag. Und ich habe den Eindruck, dass an dieser Tafel die Disziplin heute Abend etwas... brüchig ist.“
Violeta, die sonst so selbstbewusste Vierzehnjährige, rückte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie spürte instinktiv, dass der Mann vor ihr nicht nur ein Gast war, sondern eine Naturgewalt, die man besser nicht herausforderte. Auch Emilia, die normalerweise für ihre freche und furchtlose Art bekannt war, wirkte plötzlich kleinlaut. Sie hatte den Kopf leicht eingezogen und beobachtete Kais Bewegungen mit einer Mischung aus Respekt und leichter Einschüchterung. Selbst Seiya, der mit seiner ruhigen, violetten Aura sonst die stärkste mentale Stütze des Teams war, sah aus, als hätte er vergessen, wie man atmet.
Ryan Hunt versuchte, seine Maske der Arroganz aufrechtzuerhalten, doch als Kai seine hellen, stechenden Augen direkt auf ihn richtete, verstummte der junge Amerikaner.
„Mr. Hunt“, fuhr Kai fort, „wenn Sie die Energie für ein produktives Training haben, dann sollten Sie diese besser auf Ihre Technik konzentrieren als auf die Kommentierung familiärer Angelegenheiten.“
Nami hingegen hatte den Fokus sanft auf die anderen Teammitglieder gelegt. Sie trat zu Emilia und legte ihr eine Hand auf die Schulter...eine Geste, die gleichzeitig tröstend und bestimmend wirkte. „Es ist eine große Last, in diesem Alter so weit von zu Hause weg zu sein, nicht wahr, Emilia?“, fragte sie mit einem Lächeln, das so sanft war, dass es die Anspannung im Raum fast ein wenig auflöste, ohne dabei ihre Autorität zu verlieren.
Gou stand daneben, die Hände fest in die Seiten gestemmt, sein Atem beruhigte sich langsam. Er sah seinen Vater mit einer stillen Anerkennung an. Für diesen Moment war er nicht mehr der isolierte Wolf, der alles allein bewältigen musste. Er war der Sohn von Kai Hiwatari, und die bloße Präsenz seines Vaters schützte ihn vor dem Lärm seines eigenen Teams.
„Es reicht“, sagte Gou leise, doch seine Stimme trug jetzt ein Gewicht, das die anderen sofort reagieren ließ. Er sah in die Runde, von Violeta über Seiya bis hin zu der sichtlich erschrockenen Emilia. „Das Abendessen ist beendet. Wir sehen uns morgen beim Training.“
Er wandte sich von seinem Team ab und trat einen Schritt auf seine Mutter zu.
Nami trat nun ganz nah an ihren Sohn heran.
Sie legte ihre Arme um ihn. In dem Moment, als ihre Umarmung ihn erreichte, durchfuhr Gou ein unwillkürliches Zittern; sein ganzer Körper versteifte sich, wie bei einem wilden Tier, das erst lernen muss, dass Berührung nicht immer Gefahr bedeutet. Seine Muskeln waren angespannt wie Drahtseile, das Resultat aus Wochen voller Selbstauferlegung und emotionalem Rückzug. Doch Nami wich nicht zurück. Sie hielt ihn fest, sanft, aber bestimmt, und strich ihm langsam über den Rücken, so wie sie es getan hatte, als er noch ein Kind war, das seinen Weg in der Welt suchte.
Nach wenigen Herzschlägen geschah es: Das starre Rückgrat gab nach. Gou ließ den Atem, den er so lange angehalten hatte, zischend entweichen und sank ein kleines Stück in ihre Arme. Es war kein völliges Loslassen...dafür war sein Geist noch zu sehr auf das bevorstehende Finale programmiert...., aber es war ein Einverständnis.
Nami lehnte sich leicht vor, ihre Lippen nur Zentimeter von seinem Ohr entfernt. „Du hast dich zu lange in der Kälte aufgehalten, mein Schatz“, flüsterte sie mit einer Stimme, die so sanft und warm wie ein Kaminfeuer wirkte. Sie spürte, wie er unter ihrem Flüstern entspannte. „Geh nach oben. In deinem Zimmer wartet eine Überraschung auf dich, die dir helfen wird, die Mauer endlich einzureißen.“
Gou löste sich behutsam von ihr, seine Augen waren geweitet, als würde er versuchen, die Bedeutung hinter ihren Worten in ihrem Blick zu lesen. Er sah Nami an, dann seinen Vater, der ihm nur kurz und fast unmerklich zunickte.
Der Blick, den Gou in diesem Moment auf seine Familie warf, war der eines Menschen, der gerade aus einem sehr langen, dunklen Traum erwacht war. Ohne ein weiteres Wort zu sagen...ohne auch nur eines der Teammitglieder, die wie versteinert an ihren Plätzen saßen, eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte er sich um.
Seine Schritte waren schnell und zielstrebig, als er den Speisesaal verließ. Er ließ die ehrfürchtige Stille, die Kai Hiwatari mit seinem bloßen Erscheinen geschaffen hatte, hinter sich und steuerte auf die Treppen zu. Jeder Tritt auf dem edlen Parkett von Davies Hall war nun von einer neuen Energie getrieben, einer Mischung aus Hoffnung und einer Nervosität, die er seit Wochen nicht mehr gespürt hatte. Er wusste nicht, was ihn erwartete, doch der Klang von Namis Stimme hallte wie ein Versprechen in ihm nach. Er erreichte den Gang zu seinem privaten Zimmer und beschleunigte seine Schritte, während sein Herzschlag, der zuvor noch so getaktet und diszipliniert gewesen war, nun in einen unkontrollierten, stürmischen Rhythmus verfiel.
Gou riss die schwere Eichentür seines Zimmers auf, ohne auf eine Reaktion von innen zu warten. Sein Atem ging stoßweise, die Anspannung, die er im Speisesaal so mühsam unterdrückt hatte, entlud sich in dieser einzigen, heftigen Bewegung. Er trat ein, das Licht des Flurs fiel wie ein breiter, goldener Keil in den abgedunkelten Raum, und seine Augen suchten jeden Winkel ab, als würde er sich weigern zu glauben, was seine Mutter ihm versprochen hatte.
Und dann sah er sie.
Hiromi stand nahe dem Fenster, wo das gedimmte Licht der Londoner Nacht sie nur schemenhaft zeichnete. Als sie sich zu ihm umwandte, erstarrte Gou. Alles, was er in den letzten zwei Wochen an Kälte, Härte und disziplinierter Distanz aufgebaut hatte – diese mühsam errichtete Festung aus eisigem Stolz und professionellem Fokus –, zerbrach in einer einzigen Sekunde wie Glas.
„Hiromi...“, presste er hervor. Es war kein herrschaftlicher Ton, kein Befehl, es war ein heiseres, fast brüchiges Flüstern.
Ohne nachzudenken, machte er einen großen Schritt auf sie zu, die Distanz zwischen ihnen war mit einem Mal nicht mehr existent. Er stürmte förmlich auf sie zu, nicht mit der berechnenden Präzision eines Wettkämpfers, sondern mit der verzweifelten Dringlichkeit eines Menschen, der in einem Sturm den einzigen Anker gefunden hat. Als er sie erreichte, war es keine sanfte Begrüßung; er packte sie an den Schultern, seine Finger leicht in den Stoff ihrer Kleidung grabend, und zog sie so fest an sich, dass es für jeden Außenstehenden fast schmerzhaft hätte wirken müssen.
„Ich habe... ich habe versucht, dich zu erreichen“, stieß er atemlos aus, sein Gesicht in ihrem Haar vergraben. Seine Stimme zitterte nun, ungeschönt und nackt. „Stundenlang. Ich dachte, du würdest nicht einmal mehr... ich dachte, ich hätte alles zerstört und du hättest dich doch entschieden...dass...“
Die angestaute Frustration der letzten zwei Wochen...der Druck, der Erwartungsdruck seines eigenen Seins, die Isolations-Spirale, die er sich selbst auferlegt hatte...ergoss sich in diesem einen Moment. Er verlor jede Kontrolle über seine Fassung. Er war nicht mehr der Erbe der Tachiwari-Corporation, er war nicht mehr der unnahbare Blader, der den dunklen Raben als Waffe führte. Er war einfach nur Gou, der Junge, dessen Welt ohne sie in den letzten Tagen in sich zusammengestürzt war.
Er löste seine Hände von ihren Schultern, nur um ihr glückliches Gesicht mit beiden Händen fest zu umschließen. Seine Augen, die eben noch so starr und leblos gewirkt hatten, brannten nun mit einer Intensität, die beängstigend und befreiend zugleich war.
„Bist du wirklich hier?!“, fragte er, und in seinem Blick lag ein stummer, flehender Vorwurf, der nichts mit Wut zu tun hatte, sondern mit einer überwältigenden Erleichterung. Er wartete nicht auf eine Antwort, er ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen, denn in diesem Augenblick war allein die Tatsache ihrer Anwesenheit wichtiger als jedes Wort, das sie hätte wählen können. Er spürte, wie seine eigene Kälte in ihrer Nähe zu schmelzen begann, und in einem Akt vollkommener Kapitulation vor seinen eigenen Gefühlen legte er seine Stirn gegen ihre.
„Bitte lass das kein Traum sein...“, presste er noch einmal hervor, während er seine Augen schloss und zum ersten Mal seit Wochen den Widerstand in seinem eigenen Inneren aufgab. Die Dunkelheit, die ihn so lange begleitet hatte, wich dem vertrauten Gefühl, nicht mehr allein gegen den Rest der Welt stehen zu müssen.
Die Welt draußen, die fernen Lichter Londons und das ferne Echo der angespannte Atmosphäre im Speisesaal schienen plötzlich in eine vollkommen andere Realität entrückt. In dem gedimmten, fast privaten Licht seines Zimmers war nur noch die Präsenz der anderen Person wichtig.
Gou löste seine Hände von ihrem Gesicht, doch er ließ sie nicht los; stattdessen glitten seine Finger sanft an ihren Wangen herab, bis er ihr Kinn zart nach oben neigte. Sein Blick war weich, beinahe ungläubig, als würde er immer noch befürchten, dass sie jeden Moment wie ein Trugbild verschwinden könnte. Doch als Hiromi den Blick erwiderte, legte sich eine Stille auf sein Herz, die er in den letzten Wochen so schmerzlich vermisst hatte.
Er beugte sich vor, ganz langsam, fast zögerlich, als wollte er ihr jede Möglichkeit geben, auszuweichen. Doch als ihre Lippen sich schließlich trafen, gab es kein Zögern mehr.
Es war ein tiefer, zärtlicher Kuss, der all das in Worte fasste, was in den letzten zwei Wochen in der Stille erstickt worden war. Es war kein stürmischer Ausbruch wie die Umarmung zuvor, sondern ein langsames, inniges Bekenntnis. In diesem Kuss lag die Erschöpfung von tausend Trainingsstunden, die Angst vor dem Versagen, die Einsamkeit der Isolation...und die überwältigende Gewissheit, endlich angekommen zu sein.
Gou schloss die Augen und ließ den Widerstand, den er so verbissen gegen die Welt verteidigt hatte, vollends hinter sich. Seine Arme schlangen sich sanft um sie, zogen sie noch ein Stück näher, bis kein Raum mehr zwischen ihnen war. Er küsste sie mit einer Hingabe, die von einer tiefen, fast schon heilenden Dankbarkeit durchdrungen war. Es war ein langer, ruhiger Moment, in dem die Zeit selbst innezuhalten schien.
Für Gou war es, als würde er nach einer langen, stürmischen Reise über das offene Meer endlich den sicheren Hafen erreichen. Als er sich nach einer Weile ganz sacht von ihr löste, behielt er seine Stirn an ihrer. Er atmete tief durch, und zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in London war das Zittern in seinem Körper verschwunden.
„Ich habe dich so sehr vermisst“, flüsterte er gegen ihre Lippen, wobei seine Stimme nun vollkommen ruhig und von einer seltenen, tiefen Aufrichtigkeit war. „Danke, dass du hier bist. Danke, dass du... einfach du bist.“
Er spürte, wie er selbst in dieser Nähe wieder zu sich fand. Die Dunkelheit, die ihn so lange begleitet hatte, wirkte nun wie ein fernes Gewitter, das sich verzogen hatte, während das Licht in seinem Zimmer...und in seinem Inneren...endlich wieder ein wenig wärmer leuchtete. Er ließ sich zusammen mit ihr in einen der Sessel am Fenster sinken, die Hand fest in ihre verschränkt, und für diesen Moment wollte er nichts anderes, als einfach nur die Stille und ihre Anwesenheit zu genießen.
Die Stille im Raum war fast greifbar, nur durch das leise, rhythmische Atmen der beiden unterbrochen. Gou saß in dem tiefen Sessel am Fenster und hatte Hiromi fest in seine Arme geschlossen. Sie hatte es sich auf seinem Schoß bequem gemacht, als wäre es der einzige Ort auf der Welt, an dem sie sicher war. Er hielt sie fest, fast so, als wollte er verhindern, dass sie jemals wieder einen Schritt von ihm weg machte, und vergrub sein Gesicht tief in ihrer Halsbeuge. Er atmete ihren Duft ein – ein vertrauter, beruhigender Geruch, der wie Balsam auf seine aufgewühlte Seele wirkte.
In dieser Geborgenheit, in der die ganze Anspannung der letzten Wochen von ihnen abfiel, entlud sich in Hiromi alles, was sie bisher zurückgehalten hatte. Sie hatte die ganze Zeit kein Wort gesagt, einfach weil sie von seiner emotionalen Offenheit so tief bewegt war. Doch nun begann sie zu schluchzen, leise und befreiend, während sie ihre Arme fest um seinen Nacken schlang.
Gou spürte das Beben ihres Körpers und hob sofort besorgt den Kopf. Er betrachtete sie mit einer Intensität, die jede Distanz zwischen ihnen auflöste. Die Tränen liefen ihr über die Wangen, und sein Blick wurde weich, fast schmerzlich.
„Hey...“, flüsterte er, und seine Stimme war nur noch ein raues Hauchen. „Warum weinst du? Bedrückt dich noch etwas?“
Hiromi schüttelte den Kopf, auch wenn ihr Schluchzen noch einen Moment anhielt. Sie sah ihn an, ihre Augen glänzten, doch ein glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Es ist nur... ich bin einfach so unglaublich glücklich, dass du hier bist. Dass wir hier sind.“
Ein sanfter Ausdruck der Erleichterung trat auf Gous Züge. Er hob seine Hand, sein Daumen strich behutsam und voller Zärtlichkeit über ihre Wangen, um die Tränen fortzuwischen. Die grobe Disziplin des Bladers, der sonst nur an Taktiken und Siege dachte, war vollkommen verschwunden; in diesem Moment gab es nur die Zerbrechlichkeit und die Schönheit dieses Augenblicks. Er zog sie noch enger an sich, sodass sie fast mit ihm verschmolz.
Er hielt inne, sah ihr tief in die Augen, und sein Gesichtsausdruck veränderte sich zu einer Ernsthaftigkeit, die von einer tiefen, unerschütterlichen Wahrheit kündete. „Ich liebe dich“, flüsterte er.
Die Worte wirkten wie ein stiller Paukenschlag in der Stille des Zimmers. Hiromis Augen weiteten sich vor Überraschung, ein flüchtiges Erstaunen blitzte in ihnen auf, doch bevor sie eine Antwort in Worte fassen konnte, legte er seine Lippen auf ihre. Der Kuss, der folgte, war erneut lang und tief, eine lautlose Bestätigung seiner Liebe, die alles andere in den Schatten stellte. Hiromi schloss die Augen wieder, gab sich dem Gefühl vollkommen hin und spürte, wie jedes Stück Unsicherheit in ihr verblasste. In seinen Armen, in diesem Kuss, war alles endlich wieder genau so, wie es sein sollte.
Die Zeit außerhalb dieses Raumes schien in diesem Augenblick vollkommen zu verblassen. Die Dämmerung in London, das ferne Murmeln der anderen Gäste im Anwesen – alles war bedeutungslos geworden. Gou vertiefte den Kuss, seine Lippen bewegten sich mit einer Intensität auf ihren, die fast schon fordernd, aber doch voller Zärtlichkeit war.
Er spürte, wie sie sich an ihn schmiegte, und ohne den Kuss auch nur für eine Sekunde zu unterbrechen, glitten seine Hände fest unter ihre Oberschenkel. Mit einer fließenden, kraftvollen Bewegung stand er aus dem Sessel auf und hob sie dabei hoch. Hiromi schlang ihre Arme instinktiv fester um seinen Nacken, während er sie mit sich trug. Jeder Schritt durch das sanft beleuchtete Zimmer fühlte sich für sie wie ein Tanz an, ein Rhythmus, den nur sie beide verstanden.
Gou erreichte das breite Bett und ließ sie sachte darauf gleiten. Er zögerte nicht, sondern positionierte sich direkt über ihr, seine Knie links und rechts neben ihrem Körper, seine Hände an den Seiten abgestützt um sie einzurahmen. Der Kuss, den er fortsetzte, war nun tiefer, fordernder, eine stumme Sprache, die sie beide nur allzu gut verstanden.
Er löste seine Lippen für einen Moment von ihrem Mund, nur um sie zärtlich, fast hungrig, auf ihren Hals wandern zu lassen. Er hauchte Küsse auf ihre Haut, die ihre Sinne in Brand setzten, während er ihre Reaktion unter ihm genau beobachtete. Plötzlich hielt er inne. Er hob den Kopf und stützte sich wieder auf die Ellbogen, den Blick fest auf sie gerichtet.
Hiromis Atem ging flach und schwer, ein leises Keuchen, das den Raum füllte. Ihre Wangen waren tief gerötet, ihre Augen dunkel und voller Sehnsucht, während sie ihn ansah. Als er kurz pausierte, wich die Entspannung aus ihrem Gesicht einer leisen Panik, dass er innehalten könnte.
„Warum...“, hauchte sie, und ihre Stimme war kaum mehr als ein zittriges Flüstern, „... warum hörst du auf? Gou, bitte... hör nicht auf. Es ist schon so lange her...“
Sie kam nicht dazu, den Satz ganz zu beenden. Die bloße Erwähnung der verlorenen Zeit schien in ihm etwas zu entfesseln. Gou starrte sie einen Moment lang an, in seinen Augen brannte ein Feuer, das all die unterdrückte Sehnsucht der letzten Wochen widerspiegelte. Er zog sie in den nächsten, noch tieferen Kuss, ehe er seine Lippen für einen kurzen Moment von ihren löste. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er sich sein Shirt über den Kopf und warf es achtlos zur Seite, bevor er wieder herabsank. Seine Lippen fanden erneut ihren Hals, ein Versprechen, dass er von nun an keinen Moment mehr ohne sie verstreichen lassen würde.
Jeder Zentimeter ihres Halses unter seinen Lippen ließ Hiromis Atem noch flacher werden, ihr Körper spannte sich unter ihm an, als sie jeden seiner Küsse wie eine Erlösung aufsog.
Eine seiner Hände, die eben noch fest ihre Präsenz umrahmt hatten, löste sich einen kurzen Moment, um zielstrebig und mit einer überraschenden, ruhigen Präzision die Knöpfe ihrer Bluse zu finden. Seine Lippen wanderten unterdessen weiter...hinunter zu ihrem Schlüsselbein, wo er einen Moment verweilte, bevor er wieder nach oben zu ihrem Kiefer kehrte, immer in dem Rhythmus, den er sich selbst vorgegeben hatte: keine Pause, kein Innehalten.
Gou war vollkommen in dem Moment gefangen. Er spürte das zarte Beben ihrer Haut unter seinen Fingerspitzen, als die ersten Knöpfe nachgaben und der Stoff ihrer Bluse auseinanderglitt. Er unterbrach den Kuss nicht ein einziges Mal, auch nicht, als seine Finger über ihre Haut strichen, nachdem die Bluse vollends geöffnet war. Sein Kuss war tief, intensiv, eine stumme Entschuldigung für die Zeit, in der er sich ihr verschlossen hatte, und ein leidenschaftliches Versprechen für die Zeit, die nun vor ihnen lag.
Hiromis Hände wanderten suchend über seine Schultern, ihre Finger gruben sich in seine Haut, während sie ihren Kopf leicht in die Kissen zurückwarf. Die Welt draußen war in dieser Nacht vollkommen unwichtig geworden; hier, in der Stille seines Zimmers, gab es nur das Geräusch ihrer schweren Atemzüge und das vertraute, dringliche Gefühl, dass sie sich endlich wieder gefunden hatten. Gou zog sie noch enger an sich, seine Bewegungen wurden nun etwas raumgreifender, und jeder weitere Kuss schien die Mauer, die er in London um sich errichtet hatte, ein Stück weiter einzureißen, bis nur noch die unverfälschte, ungebremste Nähe und Liebe zu ihr übrig blieb....
Einige Zeit später....
Das Zimmer war in das silbrige Licht des Londoner Mondes getaucht, das durch die schweren Vorhänge drang. Gou lag auf dem Rücken und hielt Hiromi fest in seinem Arm. Sie hatte ihren Kopf auf seine Brust gebettet, ihr Atem ging mittlerweile ruhig und gleichmäßig, während sie die Hand flach auf sein Herz gelegt hatte, das nun wieder in seinem gewohnt ruhigen Takt schlug.
Gou starrte an die dunkle Decke, seine Finger spielten geistesabwesend mit einer Locke ihres Haares. Die Kälte, die ihn seit Wochen wie ein unsichtbarer Panzer umgeben hatte, war verschwunden.
„Ich dachte wirklich, ich verliere mich“, flüsterte er so leise, dass es fast im Raum verhallte. Er sprach nicht oft über seine inneren Kämpfe, doch in der Geborgenheit dieser Nacht fühlte es sich richtig an. „Der Druck, die Erwartungen an mich selbst... die Energie meines Bit Beasts. Manchmal fühlte es sich an, als würde ich in einer Dunkelheit versinken, in der nichts anderes mehr Platz hat. Nicht einmal du.“
Er spürte, wie Hiromi ihren Griff um ihn leicht verstärkte, und er neigte den Kopf, um ihre Stirn zu küssen.
„Aber als ich dich hier oben sah... da war es, als hätte jemand ein Licht in einem dunklen Raum angezündet“, fuhr er fort, seine Stimme nun fest und voller Aufrichtigkeit. „Ich werde nie wieder zulassen, dass die Mauern so hoch werden, Hiromi. Das verspreche ich dir.“
Hiromi hob den Kopf ein Stück und sah ihn aus müden, aber unendlich glücklichen Augen an. Sie brauchte keine Worte; das sanfte Lächeln auf ihren Lippen und die Wärme ihres Körpers an seinem waren Antwort genug. Gou zog die schwere Decke ein Stück höher über sie beide, schloss die Augen und fand zum ersten Mal seit Monaten einen tiefen, traumlosen Frieden. In dieser Nacht war Davies Hall kein Ort des Trainings oder der Pflicht mehr, sondern ein Zufluchtsort, den sie sich gemeinsam zurückerobert hatten.
Der finale Countdown
Nachdem Gou den Speisesaal verlassen hatte, um seiner eigenen Zukunft entgegenzugehen, blieb eine Atmosphäre zurück, die man nur als „elektrisierend angespannt“ bezeichnen konnte. Das Klirren von Besteck auf den Tellern klang in der hohen, holzgetäfelten Halle fast wie ein Hammerschlag. Graham, der die Situation mit einer Präzision erfasste, die nur jahrzehntelange Erfahrung hervorbringen konnte, war bereits unterwegs. Er hatte mit einem unauffälligen Nicken seiner Assistenten dafür gesorgt, dass für die jüngeren Hiwatari-Kinder...Ayumi, Ren und Sayuri...umgehend zusätzliche Gedecke und eine kindgerechte, aber dennoch exklusive Mahlzeit serviert wurden.
Es war ein bizarrer Kontrast: Während das Team um Gou...Violeta, Emilia, Seiya und der sichtlich gezügelte Ryan...an ihren Stühlen klebte, als fürchteten sie, jede falsche Bewegung könnte ein Gewitter heraufbeschwören, genossen die drei jüngeren Hiwatari-Geschwister ihr Abendessen mit einer fast schon entwaffnenden Natürlichkeit.
Nami leistete Schwerstarbeit. Sie spürte das nervöse Flimmern im Raum und setzte alles daran, es mit ihrer warmen, fröhlichen Art zu durchbrechen. Sie unterhielt sich lebhaft mit Violeta über deren Training, fragte Ren nach seinen technischen Projekten und lachte über Sayuris eifrige Erzählungen von der Reise. „London ist wirklich aufregend, findet ihr nicht?“, sagte sie mit einem Lächeln, das in die Runde strahlte und kurz bei den Teammitgliedern verweilte. „Es ist so schön, dass ihr alle zusammen seid. Das Teamwork ist doch das, was am Ende zählt, oder was meint ihr, Seiya?“
Seiya Miyazaki, der von Nami direkt angesprochen wurde, schreckte fast ein wenig zusammen, antwortete dann aber höflich und sichtlich bemüht, den Bann zu brechen. Doch das restliche Team blieb gehemmt. Die bloße Präsenz von Kai Hiwatari am Kopfende des Tisches wirkte wie ein unsichtbares Gravitationsfeld, dem sich niemand entziehen konnte.
Kai selbst sagte kaum ein Wort. Er saß da, ein Glas Wasser vor sich, und beobachtete das Treiben mit einer analytischen Ruhe, die fast schon eine physische Last im Raum war. Er war kein Gast, der sich in den Vordergrund drängte, aber sein bloßes Dasein sorgte dafür, dass niemand mehr wagte, auch nur ein kritisches Wort über Gous Verhalten oder das Training kurz vor dem Finale zu verlieren. Er wirkte wie ein Raubtier, das seine Jungen beobachtet...diszipliniert, aufmerksam, aber für den Moment völlig in sich ruhend.
Als das Abendessen endlich seinen formellen Abschluss fand, war die Müdigkeit bei den Jüngeren kaum noch zu übersehen. Graham, der die Szenerie wie ein unbestechlicher Schatten beobachtete, trat lautlos aus dem Hintergrund hervor, als ob er die Situation bereits im Voraus kalkuliert hätte.
„Madame, Master Kai“, begann er mit seiner üblichen, tadellosen Höflichkeit, „darf ich die Herrschaften beim Aufbruch in ihre Gemächer unterstützen? Das Gepäck wurde bereits nach oben gebracht“
Nami, die gerade noch ein Lächeln für eine völlig überforderte Emilia übrig hatte, nickte dankbar. Während Ren und Ayumi sich noch bemühten, ihre Fassung und eine gewisse kindliche Würde zu bewahren, sah man Sayuri an, dass sie ihren Kampf gegen den Schlaf bereits verloren hatte. Die Siebenjährige schwankte als sie vom Stuhl auf stand auf ihren Beinen wie ein junger Baum im Sturm, ihre Augen waren trüb und ihre Bewegungen fahrig.
Bevor die Kleine drohte, den Halt auf dem glatten Parkett des Speisesaals zu verlieren, war Kai bereits bei ihr. Mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden Kontrast zu seiner unnahbaren Haltung während des Essens bildete, beugte er sich herab und nahm Sayuri mit einem einzigen, geschickten Handgriff auf den Arm. Sayuri, die sich instinktiv an seinem Revers festklammerte, lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Kaum hatte sie die vertraute Wärme ihres Vaters gespürt, fielen ihre Augenlider zu. Schon nach wenigen Sekunden, noch bevor Kai den Saal verlassen hatte, war ihr gleichmäßiger, tiefer Atem das einzige Geräusch, das von ihr ausging.
Graham übernahm diskret die Führung. Er lotste die Familie durch das Labyrinth der hohen Gänge von Davies Hall, wobei er sicherstellte, dass Ren und Ayumi sicher ihre eigenen Zimmer erreichten, die sich in diesem alten Herrenhaus wie kleine, private Inseln anfühlten. Er öffnete ihnen die Türen und achtete darauf, dass alles Nötige für die Nacht bereitstand.
Nami begleitete Kai, der Sayuri sicher in ihr Zimmer trug. Als sie das kleine Mädchen behutsam in die Daunendecken betteten, war es ein Moment purer, familiärer Stille, der in starkem Kontrast zu der noch immer im Haus schwelenden Anspannung des restlichen Teams stand.
Erst als die Zwillinge in ihren eigenen Zimmern versorgt waren und Sayuri fest in ihrem Bett schlummerte, zog sich das Ehepaar in die Davies Suit zurück. Graham verneigte sich kurz vor ihnen, ein Ausdruck stiller Anerkennung in seinem Blick, und ließ die beiden dann allein. Dieser kurze Weg durch die nächtlichen Korridore von Davies Hall war wie eine Schleuse gewesen, die sie endgültig aus der Rolle der „Hiwatari-Oberhäupter“ in die Stille ihrer eigenen, privaten Welt entließ.
Wenig später...in der Stille ihrer Suite in Davies Hall, war das einzige Geräusch das ferne Ticken einer Standuhr und das ferne Rauschen der Londoner Innenstadt welches durch das offene Fenster drang. Kai stand am bodentiefen Fenster, ein Glas schweren Rotweins in der Hand, und blickte hinaus auf die weitläufigen, im Mondlicht silbrig schimmernden Gärten. Er hatte bereits die Kleidung abgelegt und stand nur noch in Jogginghose bekleidet da.
Nami trat lautlos an ihn heran. Sie legte ihre Hand sanft auf seinen Rücken und spürte die Wärme die er ausstrahlte. „Du hast ihn heute Abend gerettet, Kai“, sagte sie leise. „Dein Auftreten im Speisesaal... es hat ihm den Raum gegeben, den er brauchte, um wieder zu sich selbst zu finden. Es war richtig Hiromi mitzunehmen. Ich bin sicher, dass sie wieder zu sich gefunden haben“
Kai schwieg einen Moment, sein Blick blieb starr auf den Horizont gerichtet. Dann stellte er das Glas auf den kleinen Beistelltisch und drehte sich langsam zu ihr um. Seine roten Augen, die vorhin noch wie glühende Kohlen auf Ryan Hunt gerichtet waren, wirkten nun müde, aber tiefgründig und sanft.
„Er ist wie ich, Nami“, begann er, und seine Stimme war so tief und rau, dass sie direkt unter ihre Haut ging. „Er glaubt, dass Stärke bedeutet, die Welt allein auf den Schultern zu tragen. Dass Gefühle eine Schwachstelle sind, die man ausmerzen muss, um unbesiegbar zu sein. Er hat diesen Stolz von mir...und diesen verdammten Dickkopf.“
Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm ihre Hände in seine, seine Finger umschlossen die ihren mit einer festen, besitzergreifenden Zärtlichkeit.
„Ich habe mich heute Abend einmal mehr in ihm gesehen. Den Kai, der früher dachte, er bräuchte niemanden. Aber dann sah ich dich an... und mir wurde wieder klar, dass ich ohne dich niemals der Mann geworden wäre, der heute hier steht.“ Er hielt inne, sein Blick suchte den ihren, und zum ersten Mal seit langer Zeit war keine Spur von der kühlen Maske des Tachiwari-Vorsitzenden mehr zu sehen.
„Meine Liebe zu dir ist das Fundament von allem, was ich bin. Du bist das Licht, das meine Dunkelheit im Zaum hält, genau wie Hiromi es jetzt für Gou tut. Vergib mir bitte weiterhin...wenn meine besitzergreifende Art wie so oft...die Überhand nimmt.“
Er hob eine Hand und strich ihr eine silberweiße Locke aus dem Gesicht, seine Berührung war so zart, als fürchtete er, sie könnte zerbrechen. „Ich liebe dich mehr, als ich jemals in Worte fassen kann. Diese Familie, dieser Zusammenhalt... das ist dein Werk. Und ich werde alles tun, um dieses Licht zu schützen...für uns und für unsere Kinder.“
Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten überlief. Es war selten, dass Kai sich so verletzlich zeigte, dass er die Mauern um sein eigenes Inneres so weit einriss. Sie lehnte ihre Stirn gegen seine und schloss die Augen, während sie die tiefe Verbundenheit spürte, die sie seit Jahren zusammenschweißte.
Sie lächelte, ein sanftes, wissendes Lächeln, das ihre Züge im hellen Licht des Mondes erstrahlen ließ. Sie löste eine Hand aus seinem Griff und legte sie flach auf seine Wangen, wobei ihr Daumen zärtlich über die markante Linie seines Kiefers strich.
„Kai“, hauchte sie, und in ihrer Stimme schwang eine tiefe Zärtlichkeit mit. „Vielleicht merkst du es selbst gar nicht mehr, aber ich sehe es in jedem deiner Blicke, ich fühle es in der Art, wie du mich hältst, und in der Sicherheit, die du dieser Familie gibst. Du musst nicht befürchten, dass ich es jemals bezweifle, wie sehr du diese Worte wirklich meinst...“
Sie blickte ihm tief in die Augen.
„Ich liebe dich, Kai. Und ich liebe dich genau so, wie du bist“, fuhr sie fort, während ihr Blick in seinen roten Augen versank. „Ich weiß, warum du manche Dinge so tust, wie du sie tust. Ich kenne die Last, die du trägst, und die Mauern, die du zum Schutz um uns alle errichtest. Ich habe dich schon immer so geliebt wie du bist...mit all deiner Stärke und auch mit deiner Kühle, weil ich weiß, welches Feuer darunter für uns brennt.“
Sie legte ihren Kopf kurz an seine Schulter und genoss den Moment der vollkommenen Zweisamkeit, bevor sie wieder zu ihm aufsah.
„Ich bin so froh, dass du diese Reise vorgeschlagen hast“, gestand sie leise. „Dass es deine Idee war, so spontan aufzubrechen... das war genau das, was Gou gebraucht hat. Es hat ihm gezeigt, dass er nicht nur ein Erbe ist, sondern ein Sohn, für den sein Vater alles stehen und liegen lässt. Du hast heute bewiesen, dass Familie bei dir immer an erster Stelle steht, egal wie groß die Tachiwari-Corporation auch wachsen mag.“
Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete den vertrauten Duft ihres Haares ein. Die Anspannung der letzten Tage schien endgültig von ihm abzufallen. Er legte seine Arme fest um ihre Taille und zog sie an sich, während die Stille der Suite sie wie ein schützender Kokon umhüllte.
„Solange ich dich an meiner Seite habe“, murmelte er gegen ihr Haar, „gibt es keinen Kampf, den ich nicht gewinnen kann. Und keinen Weg, den ich nicht für unsere Kinder ebnen würde.“
Nami lächelte ehe sie ihm einen sanften Kusd auf die Wange gab.
„Du bist seit einer Woche wieder so nachdenklich, Kai“, stellte sie leise fest, als sie ihre Hand sanft auf seinen Arm legte. „Du grübelst viel mehr als sonst. Selbst hier in London, wo eigentlich alles unter Kontrolle ist.“
Kai sah sie an, und in seinen roten Augen lag eine seltene Offenheit, die nur sie jemals zu sehen bekam.
„Ich mache mir manchmal Sorgen“, gab er mit einer für ihn ungewohnten Aufrichtigkeit zu. „Sorgen, dass du denken könntest, ich nehme all das hier... deine Treue, deine Liebe zu mir... als etwas Selbstverständliches hin. Dass ich den Fokus zu sehr auf die Tachiwari-Corporation oder das Erbe der Hiwatari lege und dabei vergesse, dir zu zeigen, dass du mein ganzer Mittelpunkt bist.“
Nami musste lächeln.
„Kai, sieh uns doch mal an“, sagte sie neckend und ließ ihren Blick zwischen ihnen hin- und herwandern. „Wir kleben doch ständig aneinander. Ob im Garten, im Salon oder wenn wir uns hierher zurückziehen...wir sind fast nie getrennt. Dass du dir überhaupt Gedanken darüber machst, ist schon der beste Beweis dafür, wie sehr du mich schätzt. Wir hängen so sehr aneinander, dass sich sogar die Kinder ständig über unser Rumgeschmuse beschweren“
Sie strich ihm mit dem Daumen über die Wange und blickte erneut in seine intensiven Augen. „Außerdem...“ Sie machte eine kurze Pause, ihre Stimme wurde eine Nuance tiefer und sanfter. „...ich liebe diese besitzergreifende Art von dir immer noch. Ich liebe es, wie du mich ansiehst und wie du mich hältst. Gerade wenn es gepaart ist mit dieser Leidenschaft und der Zärtlichkeit, die du nur mir zeigst...das ist genau der Kai, den ich vor so vielen Jahren geheiratet habe und den ich heute noch mehr liebe als damals.“
Kai spürte, wie der Knoten in seinem Inneren sich bei ihren Worten vollends löste. Er legte seine Hände an ihre Wange und zog sie in einen langen zärtlichen Kuss.
„Du bist meine Konstante, mein Schatz“, flüsterte er gegen ihre Stirn, und seine Stimme war nun vollkommen frei von der Schwere des Tages. Nami legte ihre Hände über seine.
„Und du meine...für immer.“
Während Nami Kais vertrauten Duft einatmete und seine warme Nähe genoss, überkam sie plötzlich ein herzhaftes Gähnen, das sie nicht einmal mehr hinter ihrer Hand verbergen konnte. Ihre Augenlider wurden schwer, und ein kurzer Blick zur massiven, kunstvoll geschnitzten Standuhr in der Ecke des Raumes bestätigte ihre Erschöpfung: Es war gerade einmal 20:25 Uhr. Der lange Flug, die Aufregung des Tages und die Ankunft in einer neuen Zeitzone forderten nun unerbittlich ihren Tribut.
Kai, der ihre Müdigkeit schon seit einer Weile beobachtete, schmunzelte leise. Die Anspannung der letzten Stunden war aus seinem Gesicht gewichen und hatte einem Ausdruck von sanfter Fürsorge Platz gemacht. Bevor Nami auch nur reagieren konnte, glitt sein Arm unter ihre Kniekehlen und sein anderer legte sich fest um ihren Rücken. Mit einer fließenden, beinahe mühelosen Bewegung hob er sie hoch.
Nami stieß ein überraschtes, leises Auflachen aus, das jedoch sofort in ein zufriedenes Seufzen überging, als sie sich in seinen starken Armen einkuschelte. „Kai...“, murmelte sie schläfrig, während ihr Kopf auf seine Schulter sank.
„Da ist wohl jemand dem Jetlag endgültig verfallen“, neckte er sie leise, während er sie mit sicheren Schritten Richtung Schlafzimmer trug. Er spürte, wie sie sich an ihn schmiegte, als wäre sie bereits halb im Traum verloren. „Du bist erschöpft, mein Schatz“
„Und du?“, fragte sie mit geschlossenen Augen, ihre Stimme kaum mehr als ein zittriges Flüstern. „Bist du nicht auch... müde?“
Kai ging an der Bettkante in die Knie und legte sie behutsam auf die weichen Kissen, doch er behielt seinen Arm noch einen Moment lang schützend um sie. „Sobald ich den Kopf hinlege, werde ich definitiv innerhalb von wenigen Minuten eingeschlafen sein“, antwortete er leise und strich ihr eine verirrte Haarsträhne aus der Stirn. „Soll ich dich noch ein wenig in den Schlaf streicheln, mein Schatz?“
Er wartete einen Moment auf eine Antwort, doch es blieb still. Als er zu ihr hinunterblickte, sah er, dass Nami bereits in einen tiefen, friedlichen Schlaf gefallen war...noch bevor er sie richtig in die Decken hatte einhüllen können.
Ein tiefes, zufriedenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er betrachtete sie einen Augenblick lang in der Stille des Raumes, das Mondlicht zeichnete ihre wunderschönen Gesichtszüge weich nach. Er wusste, dass morgen ein langer, fordernder Tag auf sie alle warten würde, aber in diesem Moment gab es nichts, das wichtiger war als diese Ruhe. Er stand auf löschte das Licht, legte sich vorsichtig neben sie und spürte, wie auch ihn die angenehme Erschöpfung einholte, während er sie sanft in seine Arme zog. Innerhalb weniger Atemzüge war es auch im Zimmer von Kai und Nami vollkommen still.
Der nächste Morgen in Davies Hall brach mit einer kühlen, englischen Klarheit an. In einem der kleineren, gemütlicheren Frühstückssalons hatte sich die Familie versammelt ein seltener Anblick von familiärer Normalität in dieser prunkvollen Umgebung.
Als Gous Teammitglieder den Raum betraten, hielten sie kurz inne. Die Szenerie, die sich ihnen bot, war das genaue Gegenteil der frostigen Stimmung des Vorabends. An einem großen, reich gedeckten Tisch saßen Gou und Hiromi eng beieinander, als hätte es die schmerzhafte Distanz nie gegeben. Hiromi reichte Gou eine Tasse Tee, ihre Finger berührten sich dabei, und der Blick, den Gou ihr zuwarf, war alles andere als der eines distanzierten Team-Captains.
Ryan Hunt, der als Erster das Wort ergriff, verschluckte sich beinahe an seinem Orangensaft. „Ich dachte, das wäre... erledigt?“, flüsterte er sichtlich verwirrt in Richtung Seiya. Die Überraschung stand dem gesamten Team ins Gesicht geschrieben. Sie hatten erwartet, dass ihr Captain heute Morgen mit noch kälterer Miene auftreten würde, doch was sie sahen, war ein Gou, der wirkte, als hätte er eine enorme Last von seinen Schultern abgeworfen.
Nami und Kai beobachteten die Szene mit einem amüsierten, aber zufriedenen Lächeln vom Kopfende des Tisches. Die Kinder wirkten ebenfalls gelöst; Sayuri saß auf einem Stuhl, die Beine baumelnd, und erzählte Ayumi und Ren eifrig von ihrem Traum, während Graham, wie ein unsichtbarer Geist, für das perfekte Timing bei den Speisen sorgte.
Plötzlich öffneten sich die schweren Doppeltüren mit einem leisen Klicken. Lord Eric Davies trat ein. Er sah mit seinem silbrig weißen Haar und den magentafarbenen Augen so aristokratisch aus, wie man es nur von einem Mann seines Standes erwartete. Sein Blick war kühl, als er den Raum scannte, doch sobald er die Familie erblickte, wandelte sich sein Gesichtsausdruck in ein sanftes, aristokratisches Lächeln.
„Guten Morgen“, sagte Eric mit seiner sonoren, ruhigen Stimme. Er schritt zielstrebig auf Nami und Kai zu, wobei er seine aufrechte, kraftvolle Haltung beibehielt. Er legte Nami kurz die Hand auf die Schulter und nickte Kai respektvoll zu. „Ich sehe, die Atmosphäre hier hat sich über Nacht merklich gewandelt.“
Er setzte sich an den Tisch und richtete seinen Blick dann auf das Team, das noch immer etwas unsicher beisammen saß. „Genießen Sie die Ruhe, meine Damen und Herren. Es ist ein Privileg, im Hause Davies zu frühstücken, aber noch größer ist das Privileg, mit jemandem wie Gou im Team zu arbeiten, der wieder mit vollem Fokus bei der Sache ist.“
Kai lehnte sich leicht zurück, sein Blick war aufmerksam, aber völlig entspannt. „Das Finale wird kein Spaziergang, Eric“, sagte er leise, wobei er den Blick kurz zwischen Gou und seinem Team hin- und herwandern ließ. „Aber wie man sieht, sind sie bereit. Wenn man das Fundament wieder richtig ausgerichtet hat, kann man jeden Sturm überstehen.“
Nami lächelte. „Es wird ein langer Tag, Onkel Eric. Aber heute haben wir den Rückenwind, den wir so dringend gebraucht haben.“
Das Frühstück entwickelte sich in eine Richtung, die niemand erwartet hätte. Der Respekt gegenüber Kai war ungebrochen, doch die Anwesenheit von Lord Eric und die offensichtliche Harmonie zwischen Gou und Hiromi sorgten dafür, dass die jungen Blader nach und nach ihre Hemmungen ablegten. Die Gespräche wurden lebhafter, das anfängliche Zögern wich einem echten Teamgeist, während Kai und Nami, die wie eine unerschütterliche Einheit am Kopfende des Tisches saßen, das Geschehen mit einer stillen Souveränität überwachten. Sie wussten, dass sie ihre Rolle als Oberhäupter in diesem Moment perfekt ausfüllten: Sie waren nicht nur die Unterstützung für ihre Kinder, sondern auch das Fundament, auf dem dieser gesamte Erfolg aufbaute.
Das Frühstück in Davies Hall neigte sich dem Ende zu, und während die Sonne nun in voller Kraft durch die hohen Fenster des Saales schien, wandelte sich die Stimmung im Raum erneut. Die anfängliche Erleichterung über die wiedergefundene Harmonie zwischen Gou und Hiromi machte nun der zielstrebigen Vorfreude auf das anstehende Finale Platz. Doch für Kai und Nami war dieser Vormittag mehr als nur die Vorbereitung auf einen sportlichen Wettkampf; es war der Moment, in dem die Hiwatari-Oberhäupter wieder ihre geschäftlichen Rollen einnehmen mussten.
Kai erhob sich, sein Blick kurz zu Gou gewandt, dem er ein kaum merkliches, aber vielsagendes Nicken der Anerkennung schenkte. Er tauschte einen kurzen, bedeutungsvollen Blick mit Nami. Sie wusste, was das bedeutete: Es war Zeit.
„Wir werden für einige Stunden abwesend sein und dann im Finale in einer der VIP Logen Platz nehmen. Graham wird dafür Sorge tragen, dass der Rest unserer Kinder ebenfalls dort mit uns zusammenfindet.“, erklärte Kai mit seiner gewohnt kühlen, aber verbindlichen Stimme, die jeden Zweifel an der Wichtigkeit ihrer Aufgabe im Keim erstickte. „Das Finale ist nicht nur eine Frage des Könnens auf dem Beystadium, sondern auch der Organisation dahinter. Ich erwarte von euch allen volle Konzentration.“
Während der Rest der Familie im Anwesen blieb, machten sich Kai und Nami auf den Weg in die Londoner Innenstadt. Das Treffen mit den Organisatoren der Weltmeisterschaft fand in einem beeindruckenden Konferenzzentrum statt, das Eleganz und geschäftliche Strenge ausstrahlte.
Als sie den Tagungsraum betraten, spürte man augenblicklich eine Veränderung in der Luft. Die Verantwortlichen, die bereits anwesend waren, verstummten. Es war unübersehbar: Der „Hiwatari-Clan“ war nicht gekommen, um nur zuzusehen oder diplomatische Höflichkeitsfloskeln auszutauschen...sie waren gekommen, um Dominanz zu zeigen.
Stanley Dickenson, der für die offizielle Organisation des Turniers verantwortlich war, kam ihnen sogleich mit einem breiten, sichtlich erfreuten Lächeln entgegengeeilt. „Kai! Nami!“, rief er aus und schüttelte Kai kräftig die Hand, während er Nami eine respektvolle Verbeugung anbot. „Ich bin vollkommen entzückt, dass Sie beide die lange Reise auf sich genommen haben. Ihre Anwesenheit verleiht diesem Finale ein ganz anderes Gewicht. Es ist ein Privileg, Sie hier in London begrüßen zu dürfen.“
Doch die Überraschungen des Tages waren damit noch nicht zu Ende. Inmitten der geschäftigen Runde der Offiziellen entdeckte Nami ein bekanntes Gesicht. Ray Kon, der vor einigen Tagen angereist war, um sein Team, die New White Tigers im Finale zu unterstützen, stand ein wenig abseits. Als er Kai und Nami bemerkte, trat er mit seinem gewohnt ruhigen Lächeln auf sie zu.
Kai, dessen Gesichtszüge bei den geschäftlichen Gesprächen noch maskenhaft starr gewesen waren, entspannte sich sichtlich. Ein seltenes, echtes Funkeln trat in seine roten Augen. „Ray“, sagte er, und seine Stimme hatte nun jenen rauen Unterton von echter Verbundenheit, der nur bei Menschen durchbrach, die ihn seit Jahrzehnten kannten. Er trat einen Schritt vor, reichte Ray die Hand und schmunzelte.
„Es ist verdammt lang her“, fügte Kai hinzu, und man konnte in seinem Tonfall hören, wie sehr er es schätzte, Ray hier zu wissen.
Nami trat neben ihren Mann und legte eine Hand auf seinen Unterarm, während sie Ray mit einem herzlichen, strahlenden Lächeln begrüßte. Sie war diejenige, die die formelle Distanz der Umgebung vollends durchbrach. „Ray, es ist so schön, dich endlich wiederzusehen!“, sagte sie herzlich und umarmte ihn kurz. „Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wann wir euch endlich in London über den Weg laufen würden.“
Sie löste sich wieder und blickte ihn neugierig und liebevoll an. „Wie geht es Mariah? Und wie ist unsere kleine Lin? Sie muss ja mittlerweile schon fast genau wie Sayuri aus dem Gröbsten heraus sein, oder?“
Ray lachte, ein ehrliches, warmes Lachen, das die strenge Atmosphäre des Konferenzzentrums für einen Moment völlig vergessen ließ. „Mariah lässt euch beide herzlich grüßen. Sie hat sich furchtbar geärgert, dass sie diesmal nicht mitkommen konnte, aber Lin hält sie ordentlich auf Trab. Sie wächst viel zu schnell, Nami. Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht.“
Er machte eine kurze Pause, und ein fast verschmitztes, aber auch hoffnungsvolles Leuchten trat in seine Augen, als er den Blick kurz zwischen Kai und Nami hin- und herwandern ließ. „Um ehrlich zu sein... Mariah und ich sind gerade dabei, unser Glück vielleicht noch ein wenig zu vergrößern. Wir versuchen es mit einem zweiten Kind.“
Nami strahlte ihn an, und ihre Augen begannen vor Freude zu leuchten. „Oh, Ray, das ist ja wundervoll! Das sind wirklich großartige Neuigkeiten. Ich drücke euch ganz fest die Daumen, dass es bald klappt!“
Kai nickte Ray zustimmend zu, und in seinem Blick lag eine tiefe, stille Anteilnahme. „Das ist ein guter Weg, Ray“, sagte er ruhig. „Es gibt nichts, was einen mehr erdet als die eigene Familie. Wenn ihr Unterstützung braucht...egal welcher Art...weißt du, dass du dich jederzeit melden kannst.“
In diesem Moment war die „Diplomatie des Erfolgs“ nur noch ein Hintergrundrauschen. Die Verantwortlichen des Turniers, die das Trio beobachteten, wirkten fast irritiert. Sie hatten erwartet, das Hiwatari-Oberhaupt in einem Machtspiel zu sehen, doch stattdessen sahen sie einen Mann, der sich offen und herzlich mit einem alten Freund über das Leben, Kinder und die Zukunft unterhielt. Es war eine machtvolle Demonstration: Wer so treue Freunde an seiner Seite hatte, musste in keinem Wettkampf mehr befürchten, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Kai und Nami wirkten in ihrer Einheit mit Ray nicht nur wie geschäftliche Größen, sondern wie ein Bollwerk aus Vertrauen und Beständigkeit.
Ray lächelte bei Kais Angebot dankbar, doch dann wurde sein Blick etwas nachdenklicher, als er den Blick über die große Halle schweifen ließ, in der die Vorbereitungen für das Finale in vollem Gange waren.
„Das Finale wird ohnehin ein interessantes Kapitel“, begann Ray und wandte sich wieder an das Ehepaar. „Meine New White Tigers sind gut in Form, aber ihr habt ja sicher die letzten Runden im Fernsehen verfolgt, oder? Es ist beeindruckend, wie sich das Niveau in diesem Jahr gesteigert hat.“
Nami tauschte einen kurzen, ehrlichen Blick mit Kai aus. „Um ganz ehrlich zu sein, Ray, die letzten Wochen im Tower waren... intensiv. Wir hatten so viel mit der Corporation zu tun und der Fokus lag – was Gou angeht – so sehr auf dem eigenen Team, dass wir kaum dazu kamen, die anderen Kämpfe im Fernsehen zu verfolgen.“
Ray schmunzelte verständnisvoll. „Das hatte ich mir fast gedacht. Dann ist euch wohl auch nicht aufgefallen, dass einer der Blader in meinem Team eine sehr direkte Verbindung zu eurer Familie hat.“
Kai zog leicht eine Augenbraue hoch, seine Aufmerksamkeit war sofort geschärft. „Was meinst du damit, Ray?“
„Tian Wong“, antwortete Ray und deutete auf einen jungen Athleten, der am anderen Ende des Raumes gerade mit einem Offiziellen sprach. „Er ist der Sohn von Maylin und Lee.“
Nami hielt mitten in der Bewegung inne, ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Maylin? Aber... ich wusste gar nicht, dass sie und Lee...“
„Sie haben geheiratet“, ergänzte Ray ruhig, wobei er den Blick kurz senkte. „Ich habe es wohl nie explizit erwähnt, weil ich weiß, dass es zwischen euch und Maylin eine... nennen wir es komplizierte und unschöne Vergangenheit gab. Ich wollte das Thema einfach nicht forcieren, wenn ihr mich nicht explizit danach gefragt habt.“
Kai blieb vollkommen ruhig, doch in seinem Blick lag eine plötzliche, tiefe Konzentration. Die Erwähnung der gemeinsamen Vergangenheit mit Maylin ließ kurz das Echo alter Kämpfe und Spannungen aufblitzen, doch er unterdrückte jede Regung. Er betrachtete Tian Wong, der nun ebenfalls in ihre Richtung blickte. Der dreizehnjährige hatte eine disziplinierte Haltung, die an die besten Zeiten von Rays Training erinnerte.
„Er ist also bei den New White Tigers“, stellte Kai fest, seine Stimme neutral, aber mit einem Unterton von neuem Interesse. „Das macht das Finale am Abend nicht nur zu einem sportlichen Vergleich, sondern zu einer Familienangelegenheit, von der wir nichts wussten.“
Nami erholte sich schneller von der Überraschung. „Es ist eine kleine Welt, Ray. Und es ist schön zu hören, dass es Maylin gut geht.“ Sie legte ihre Hand wieder auf Kais Arm, um ihn zu erden. „Vielleicht ist dieses Finale ja die Gelegenheit, alte Kapitel endlich als das zu sehen, was sie sind: Vergangenheit.“
Kai nickte langsam, während sein Blick bei dem jungen Tian Wong verweilte. Die geschäftliche Atmosphäre war vollends der Realität gewichen...der Welt ihrer Freunde und Verwandten, die ihre eigenen Wege gegangen waren. „Möge der Beste gewinnen“, sagte Kai schließlich zu Ray, und diesmal schwang in seinem Tonfall ein ehrlicher Respekt mit, der über die geschäftliche Diplomatie weit hinausging.
Ein paar Stunden später...
Es war 14:00 Uhr, als Kai und Nami die exklusive VIP-Loge im Stadion betraten. Die Atmosphäre war bereits elektrisierend, das dumpfe Grollen der Zuschauermassen drang gedämpft durch die schalldichten Scheiben. Die Vorfreude auf das Finale, das in genau sechzig Minuten beginnen sollte, lag schwer in der Luft.
In der Loge hatten sich bereits Graham, die Kinder und Lord Eric Davies eingefunden. Als Kai und Nami den Raum betraten, änderte sich die Stimmung sofort. Sayuri, die vor Energie nur so sprühte, rannte auf ihre Eltern zu und wurde von Nami mit einem strahlenden Lächeln in die Arme genommen.
Kai hingegen steuerte direkt auf Graham zu, der wie eine Statue im Hintergrund stand, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Kai musterte ihn mit einem prüfenden Blick, der keine Details ausließ. „Graham“, begann er mit einem Anflug von Strenge, „ich hatte ausdrücklich angeordnet, dass du dich innerhalb dieser drei Wochen hier ein wenig ausruhen sollst. Du siehst nicht aus, als hättest du auch nur eine Minute geschlafen.“
Graham neigte den Kopf, sein Gesichtsausdruck blieb vollkommen ungerührt. „Master Kai, ich kann Ihnen versichern, dass ich meine täglichen Ruhephasen exakt nach Ihrem Wunsch gestaltet habe“, antwortete er in seinem gewohnt trockenen, fast schon monotonen Tonfall. „Während ich Davies Manor und Davies Hall inspizierte, habe ich mich äußerst effizient ausgeruht. Ich habe mich lediglich der kleinen Notwendigkeit gewidmet, die Staubkörner auf jeder Oberfläche...selbst auf den filigransten Statuen...zu zählen. Eine sehr meditative Tätigkeit, ich versichere Ihnen Sir, das war höchst erholsam.“
Kai verdrehte unmerklich die Augen, während ein fast unsichtbares Lächeln über seine Lippen huschte. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, mit dem alten Butler zu diskutieren.
Währenddessen hatte Nami sich Lord Eric Davies zugewandt. Der Aristokrat wirkte in der noblen Umgebung der Loge völlig in seinem Element. Er erkundigte sich höflich nach ihrem Befinden, doch das Gespräch wandte sich schnell ihrer Cousine zu. „Und Lumina?“, fragte Eric und strich sich über sein akkurates silbernes Haar. „Wie ergeht es ihr und Tala in diesem hektischen Shinjuku?“
Nami lächelte bei der Erwähnung von Lumina. „Ihr geht es fantastisch, Onkel Eric. Sie ist glücklicher denn je. Tatsächlich versuchen Tala und sie gerade, ein Kind zu bekommen...sie sind in dieser Hinsicht sehr zuversichtlich.“
In dem Moment, als die Worte ihre Lippen verließen, erstarrte Nami. Sie sah Erics Gesicht, das vor Überraschung förmlich erstarrte; seine magentafarbenen Augen weiteten sich einen winzigen Bruchteil, bevor er die Haltung eines Mannes wahrte, der durch nichts aus der Fassung zu bringen war.
~Wieso sag ich sowas denn?~
schoss es Nami durch den Kopf, und sie hätte sich für ihre Offenheit am liebsten selbst ohrfeigen können. Das war ein so intimes Detail, und sie hatte es in einer flüchtigen Sekunde einfach ausgeplaudert.
Eric räusperte sich leise, die aristokratische Maske fest zurück an ihrem Platz, doch das Funkeln in seinen Augen verriet eine fast überbordende Begeisterung. Er beugte sich ein Stück vor. „Das... nun, das sind in der Tat sehr erfreuliche Neuigkeiten, Nami. Lumina ist also bereit für den nächsten Schritt.“ Er machte eine kurze Pause, die Haltung perfekt aufrecht, und sah Nami mit einem prüfenden, aber sanften Blick an. „Und bei Euch? Ist die Familienplanung im Hiwatari-Anwesen nun endgültig abgeschlossen, oder darf man in naher Zukunft noch weitere Überraschungen dieser Art erwarten?“
Nami spürte, wie eine leichte Röte ihre Wangen hinaufkroch, während sie sich kurz zu Kai umsah, der gerade noch damit beschäftigt war, Grahams „Ruhemodus“ zu kommentieren, ehe ihr Blick wieder leicht peinlich berührt zu ihrem Onkel zurückkehrte.
Nami hatte gehofft, das Gespräch über ihre Familienplanung sei im Trubel untergegangen, doch Kais scharfe Sinne ließen ihr keine Chance. Als sie spürte, wie seine Hände plötzlich fest und besitzergreifend ihre Taille umschlossen, wusste sie, dass er...mal wieder...jedes Wort gehört hatte. Sie warf ihm einen herausfordernden Blick über die Schulter zu, ein stilles Spiel der Provokation...doch die Reaktion, die sie erntete, ließ sie innerlich innehalten.
Kai sah zu Lord Eric hinüber, ein amüsiertes, aber bestimmtes Lächeln auf den Lippen. „Bitte bring meine Frau nicht auf dumme Gedanken, Eric“, entgegnete er ruhig. „Vier Kinder sind mehr als genug, um das Anwesen in Atem zu halten.“
Eric, der aristokratisch gelassen an seinem Drink nippte, erwiderte trocken: „Ach, Kai, bei dem Platz, den ihr beide im Anwesen habt, würde ein fünftes Kind das Gleichgewicht wohl kaum erschüttern. Eine große Familie ist das größte Erbe, das man hinterlassen kann...leider, hatten meine Frau und Ich das Pech, nicht noch mehr Kinder als Lumina, in die Welt setzen zu dürfen....“
Nami spürte, wie sich Kais Griff um ihre Taille minimal veränderte, als er sich wieder ihr zuwandte. Sein Blick war nicht mehr der des kühlen Geschäftsmannes; er war überraschend weich, beinahe verletzlich. Er hob langsam ihre Hand und drückte einen zärtlichen, fast andächtigen Kuss auf ihre Knöchel.
„Das kann schon sein“, murmelte er, und seine Stimme war leicht brüchig. „Aber... ich will meine Frau nie wieder so hilflos sehen, wie ich es in den Momenten der Geburt erlebt habe. Dieser Anblick... das hat mich jedes Mal innerlich zerrissen. Das war eine Belastung, die ich kein weiteres Mal ertragen kann...und ihr auch nicht zumuten will“
Nami erstarrte. Sie starrte ihn aus großen, staunenden Augen an. Dass Kai, der stets die Kontrolle verkörperte, sich von seiner Angst um sie so offen angreifbar zeigte, war etwas, das er ihr gegenüber...was dieses Thema betraf...noch nie in Worte gefasst hatte. Es war ein tiefes Geständnis von Liebe und menschlicher Schwäche, das ihn in ihren Augen nur noch menschlicher und wertvoller machte....als er ohnehin schon war.
Bevor sie jedoch darauf reagieren oder ihm ihre eigenen Gefühle dazu offenbaren konnte, bemerkte sie, wie er die Maske der Professionalität wieder leicht über sein Gesicht gleiten ließ. Er entzog sich dem intimen Moment, indem er das Thema mit einer geschickten Handbewegung zu den Monitoren im Raum lenkte.
„Aber...lassen wir doch das Thema...“, sagte er und wies mit einer Kopfbewegung auf die Übertragung in der Arena, „das Aufwärmtraining hat begonnen. Das Finale gegen die New White Tigers wird eine taktische Meisterleistung erfordern. Gou und sein Team müssen jetzt zeigen, ob sie das, was sie die letzten Wochen gelernt haben, unter diesem Druck erneut abrufen können.“
Er hatte das Thema tatsächlich gewechselt, doch Nami spürte noch immer das Brennen seiner Lippen auf ihren Knöcheln. Die Stille, die er ihr nun entgegnete, war kein Verschließen...es war ein geschützter Raum für ein Geheimnis, das nun zwischen ihnen stand und ihre Bindung auf eine Weise festigte, die kein Wort hätte ausdrücken können.
Sie drückte kurz seine Hand, die noch immer an ihrer Taille lag, um ihm zu zeigen, dass sie ihn verstanden hatte, und wandte ihren Blick ebenfalls der Arena zu. Das Finale stand unmittelbar bevor.
Finale
Draußen in der Arena erloschen plötzlich die gewaltigen Flutlichter, und für einen Moment hielt die gesamte Welt den Atem an. Das dumpfe Grollen der zehntausenden Zuschauer in der Londoner Arena schwoll zu einem ohrenbetäubenden Tosen an, als die ersten hämmernden Bässe der Eröffnungshymne durch die massiven Lautsprecher vibrierten.
In der VIP-Loge trat Nami einen Schritt näher an die Glasscheibe. Sie spürte das Adrenalin, das durch den Boden bis in ihre Fußsohlen pulsierte. Kai stand wie eine unerschütterliche Säule direkt hinter ihr, seine Hand noch immer fest an ihrer Taille, sein Blick scharf wie der eines Falken auf den Tunneleingang gerichtet.
„Es beginnt“, murmelte Lord Eric, der mit einer Mischung aus aristokratischer Zurückhaltung und unverhohlener Spannung ebenfalls nach vorne trat.
Bevor die ersten Takte der Hymne die Arena erschütterten und die Lichter endgültig erloschen, öffnete sich die schwere Tür der VIP-Loge noch einmal. Hiromi trat herein, außer Atem und mit Wangen, die so intensiv gerötet waren, dass es kaum am schnellen Weg durch die Gänge liegen konnte.
Nami wandte sich sofort von der Glasfront ab und strich sich eine Locke aus dem Gesicht, während sie das junge Mädchen erwartungsvoll ansah. „Hiromi? Ich dachte, du bleibst bei ihnen bis zum Tunnel?“
Hiromi blieb einen Moment stehen, presste die Hände an ihre Wangen und atmete tief durch. Ein schüchternes, aber unendlich glückliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie Namis Blick begegnete. „Gou... er hat mich nach oben geschickt“, begann sie leise, ihre Stimme bebte noch ein wenig vor Aufregung. „Er wollte, dass ich das Finale von hier aus sehe, bei euch. Er hat... er hat meine Hand gehalten, Nami. Die ganze Zeit im Wartebereich, bis zur letzten Sekunde vor dem Einmarsch. Er hat sie erst losgelassen, als sein Name aufgerufen wurde.“
Nami spürte ein warmes Ziehen in der Brust und warf Kai einen vielsagenden Blick zu. Kai sagte nichts, doch das leichte Heben seines Kinnwinkels verriet, dass er die Bedeutung dieser Geste durchaus verstand. Es war die Art eines Hiwatari, sich vor dem Sturm zu verankern.
„Komm zu uns, Liebes“, sagte Nami zärtlich und winkte sie zu sich. „Wir gehen jetzt alle raus.“
Gemeinsam trat die Gruppe...Kai, Nami, Lord Eric, Graham mit den Kindern und die sichtlich bewegte Hiromi...hinaus auf den weitläufigen Balkon der Loge. Die kühle, energiegeladene Luft des Stadions schlug ihnen entgegen, untermalt vom fernen, rhythmischen Dröhnen der Trommeln.
Kai trat an die Brüstung und legte die Hände flach auf das kalte Metall. Sein Blick wanderte sofort über das weite Oval der Arena. Auf der gegenüberliegenden Seite, in einer ähnlich prunkvollen Loge, entdeckte er Ray. Der frühere Anführer der White Tigers saß dort an der Seite von Stanley Dickenson. Ray schien Kais Blick fast instinktiv zu spüren; er hob kurz die Hand zu einem knappen, respektvollen Gruß. In diesem Moment war die freundschaftliche Herzlichkeit des Vormittags einer professionellen Distanz gewichen. Hier ging es nun um alles.
Dann erloschen die Lichter.
Die Arena versank in einem künstlichen Zwielicht, bevor gewaltige Laserstrahlen den Boden des Stadions in ein Netz aus glühenden Linien verwandelten.
„LADIES UND GENTLEMEN!“, die Stimme des Kommentators hallte wie Donner durch das weite Rund. „WILLKOMMEN ZUM ULTIMATIVEN SHOWDOWN DER GIGANTEN!“
Angeführt von Chinas Team, den New White Tigers, begann der Einmarsch. Tian Wong schritt mit einer Präzision direkt hinter dem Kapitän seines Teams, die fast unheimlich wirkte. Er war das personifizierte Erbe der White Tigers, ein junger Kämpfer, der die Last seines Clans mit stolz geschwellter Brust trug.
Doch dann explodierte die Lautstärke förmlich. Ein tiefes, vibrierendes Rot flutete die Gänge des westlichen Tunnels.
Gou trat ins Licht. Er wirkte in diesem Moment größer, breiter und unantastbarer als je zuvor. Er war nicht mehr nur der Sohn des großen Kai Hiwatari – er war der Captain von B-Revolution. Hinter ihm folgten Violeta, Emilia, Seiya und Ryan wie eine verschworene Einheit.
Hiromi, die nun direkt neben Nami stand, umklammerte das Geländer so fest, dass es kurz über dem Metall knirschte. Sie sah nur ihn. Und Gou, als er die Mitte des Stadions erreichte, verharrte für einen winzigen Augenblick. Er suchte nicht nach dem Jubel der Fans. Er hob den Kopf und sah direkt hinauf zu ihrer Loge. Er sah erst Hiromi an und dann seinen Vater.
Kai erwiderte den Blick seines Sohnes mit einer unbewegten, aber eisernen Intensität. Es war ein lautloser Austausch zwischen zwei Generationen. ~Zeig es ihnen~ schien Kais Blick zu fordern. ~Das werde ich~ antwortete die stolze Haltung seines Sohnes.
Gou wandte sich zum Beystadium um. Die Atmosphäre war so geladen, dass man das Knistern des kommenden Sturms förmlich schmecken konnte.
Das Stadion schien für eine Sekunde den Atem anzuhalten, als Gou seine weite Teamjacke nun mit einer fließenden Bewegung abstreifte und sie seinem Teamkollegen Seiya zuwarf. In dem Moment, als er in seinem Kampfoutfit dastand, ging ein gewaltiges Raunen durch die Ränge, das wie eine Flutwelle durch die Arena schwappte.
Es war, als wäre die Zeit für einen Moment zurückgedreht worden. Das Design seiner Kleidung war eine unverkennbare, moderne Hommage an Kais legendäre Ära während der G-Revolution. Die dunklen Farben, der funktionale, fast militärische Schnitt – alles an Gous Erscheinung schrie nach der Dominanz der Hiwatari-Blutlinie.
Doch das Detail, das die Zuschauer vollends in Ekstase versetzte und selbst die Kommentatoren kurz verstummen ließ, war der lange, reinweiße Schal, der nun im künstlichen Wind der Arena hinter Gou aufwehte. Er war zuvor halb unter der Jacke verborgen gewesen, doch nun entfaltete er sich in seiner vollen Pracht.
Oben auf dem Balkon der VIP-Loge spürte Nami, wie ihre Knie für einen Moment weich wurden. Sie starrte nach unten, ihre Hand flog fassungslos an ihren Mund. Sie erkannte diesen Schal sofort. Es war nicht einfach nur ein ähnliches Kleidungsstück...es war das Original. Der Schal, den Kai jahrelang wie ein Relikt in seinem Schrank verwahrt hatte, jenes Stück Stoff, das so viele Schlachten und Siege miterlebt hatte.
Sie wandte den Kopf langsam zu ihm, ihre Augen schimmerten feucht vor Rührung. „Du hast ihm den Schal gegeben...“, hauchte sie, kaum hörbar über dem Lärm des Stadions.
Kai sah nicht zu ihr. Er blieb unbewegt an der Brüstung stehen, die Arme nun vor der Brust verschränkt. Doch Nami sah das leichte Beben in seinen Kiefermuskeln und das tiefe Leuchten in seinen roten Augen. Er hatte es ihr nicht erzählt; er hatte diesen Moment der Übergabe im Stillen vollzogen, als ein wortloses Vermächtnis zwischen Vater und Sohn. Ein Glücksbringer, der mehr wog als jedes Wort der Ermutigung.
„Er muss seinen eigenen Weg gehen“, antwortete Kai endlich mit seiner tiefen, rauen Stimme, ohne den Blick von Gou abzuwenden. „Aber er muss nicht vergessen, woher er kommt.“
Gou griff nun an seinen Gürtel und zog seinen Launcher. Die Entschlossenheit in seinem Gesicht war nun absolut. Er trat einen Schritt zurück und gab den Weg zum Beystadium frei, während er Seiya Miyazaki ein knappes Zeichen gab.
„Seiya!“, rief Gou, und seine Stimme schnitt klar durch das Tosen der Menge. „Du machst den Anfang. Zeig ihnen, dass man den Wind nicht einfangen kann!“
Seiya trat vor, sichtlich beflügelt von Gous Vertrauen und der elektrisierenden Aura, die ihr Captain gerade ausstrahlte. Auf der gegenüberliegenden Seite trat nun ein bulliger Blader der New White Tigers namens Wei Chao vor, bereit, die japanische Offensive abzufangen.
Keiner von Beiden sagte ein Wort. Sie wollten Taten sprechen lassen...
„DREI!“, zählte die gesamte Arena im Chor mit.
„ZWEI!“
„EINS!“
„LET IT RIP!“
Die ersten Blades des Finales schossen mit einem funkensprühenden Kreischen ins Stadium. Seiyas Bit-Beast manifestierte sich fast augenblicklich als schimmernder riesiger violetter Schatten, der gewaltige Böen erzeugte und den ersten Kämpfer der Tigers sofort in die Defensive drängte.
Das Finale hatte offiziell begonnen.
Das Stadion bebte, als die beiden Blades anschließend mit einer Wucht aufeinanderprallten, die Funken bis weit über den Rand des Stadiums sprühen ließ. Wei Chao, stand mit breitbeinigem Stand da, die Zähne zusammengebissen. Er war die pure Verkörperung von Kraft, und sein Bit-Beast Galsaber spiegelte dies wider.
Ein gewaltiger, massiger Säbelzahntiger mit leuchtend gelben Augen materialisierte sich aus dem Blade über dem Stadium. Galsaber brüllte, ein Geräusch wie berstendes Gestein, und stürzte sich mit einer Agilität auf den Gegner, die man seinem schwer aussehendem Körper kaum zugetraut hätte.
Doch Seiya blieb ruhig. Hoch oben in der Luft kreiste Ventus, der riesige violette Falke. Mit jedem Flügelschlag erzeugte er scharfe Windböen, die die Arena in ein chaotisches Luftzugfeld verwandelten.
Kai beobachtete das Geschehen von der Loge aus, ohne eine Miene zu verziehen. Er bemerkte sofort, wie Wei Chao versuchte, Seiyas Blade in die Enge zu treiben, um die enorme Angriffsstärke von Galsaber voll auszunutzen.
„Wei Chao ist ungeduldig“, bemerkte Kai leise, mehr zu sich selbst als zu Nami. „Er setzt alles auf eine Karte. Er will den schnellen Knockout durch schiere physische Überlegenheit.“
Nami nickte, ihre Augen fest auf Ventus gerichtet. „Aber Seiya nutzt den Raum. Er lässt Galsaber ins Leere laufen.“
Auf der gegenüberliegenden Seite lehnte sich Ray leicht vor. Er erkannte das Risiko. Wei Chao war stark, ja, aber Seiyas Windmanipulation machte das Stadium unberechenbar. Ray wusste, dass Seiya versuchte, die Ausdauer von Galsaber zu strapazieren, indem er ihn ständig zu neuen Richtungswechseln zwang.
Unten am Stadium schrie Wei Chao seinen nächsten Befehl: „Galsaber! Saber-Crush!“
Das goldene Blade beschleunigte drastisch und raste in einer Zickzack-Linie auf Seiya zu. Galsaber holte mit seinen gewaltigen Pranken aus, bereit, den violetten Falken regelrecht zu zermalmen.
Doch Seiya Miyazaki lächelte nur leicht. Er hob seinen rechten Arm. „Jetzt, Ventus! Aero-Vortex!“
Statt auszuweichen, steuerte Seiyas Blade direkt in das Auge eines kleinen Wirbelsturms, den Ventus gerade im Zentrum des Stadiums entfacht hatte. Durch den plötzlichen Auftrieb katapultierte sich Seiyas Blade steil in die Luft...genau in dem Moment, als Galsaber mit voller Wucht dort einschlug, wo Ventus Millisekunden zuvor noch gewesen war.
Galsaber prallte gegen die Wand des Stadiums, was Wei Chaos Blade kurz ins Trudeln brachte.
„Jetzt von oben!“, rief Seiya.
Ventus stürzte sich aus dem Zenit herab, die Krallen aus Licht weit gespreizt, um den entscheidenden Treffer zu landen.
Wei Chao biss die Zähne zusammen, sein Gesichtsausdruck war ein verzerrtes Bild von purer Anspannung. Er sah den Sturzflug von Ventus kommen, doch er kapitulierte nicht. Er wusste, dass er gegen die Agilität des Falken im offenen Schlagabtausch verlieren würde, also änderte er seine Strategie radikal.
„Jetzt Galsaber! Saber-Shield!“, brüllte er.
Anstatt seinen Säbelzahntiger den frontalen Angriff von Ventus abfangen zu lassen, ließ er Galsaber seine kinetische Energie in den Boden leiten. Der Tiger rotierte extrem schnell um die eigene Achse und erzeugte dabei eine kreisförmige Aura aus goldenen Lichtfunken, die das gesamte Zentrum des Stadiums in ein kinetisches Schutzfeld verwandelte.
Ventus krachte mit voller Wucht auf die Verteidigungsbarriere von Galsaber. Der Aufprall war so heftig, dass eine Schockwelle durch die gesamte Arena ging. Die Zuschauer wankten, als der Boden unter dem Stadium zu vibrieren begann. Es war ein unglaubliches Kräftemessen: Die konzentrierte Angriffsenergie des Windes prallte direkt auf die kompakte, erdende Verteidigung des Tigers.
„Das ist zu viel für einen direkten Aufprall“, murmelte Kai leise in der Loge, seine Augen verengten sich, während er die Bewegungen von Galsaber akribisch verfolgte. „Er riskiert, dass sein Blade durch die Vibrationen die Stabilität verliert, aber im Moment hält er stand.“
Wei Chao nutzte den Moment des Stillstands. „Galsaber, kontere!“
Der Tiger nutzte die Energie des Aufpralls, um sich wie eine Sprungfeder vom Boden abzustoßen. Er schoss unter Ventus hindurch und schlug mit einer massiven Pranke gegen die Flanke des violetten Falken, noch bevor dieser sich wieder ausbalancieren konnte. Seiyas Blade geriet ins Trudeln, verlor an Höhe und schlitterte gefährlich nah an den Rand des Stadiums.
„Seiya, bleib bei der Linie!“, rief Gou von der Seite, seine Stimme war ruhig, aber schneidend scharf. „Er hat seine Verteidigung aufgegeben, um diesen Treffer zu landen. Er ist jetzt offen!“
Wei Chao hatte keine Zeit mehr, sich neu zu formieren. Er hatte seinen massiven Angriffsbogen zu weit geöffnet. Seiya erkannte die Schwachstelle sofort. Er ließ Ventus in einem engen Kreis um das Zentrum manövrieren, um erneut an Fahrt zu gewinnen.
Das Stadion verstummte für einen winzigen Moment, bevor es erneut in einem explosiven Gebrüll aus Jubel und Entsetzen aufging.
Seiya hatte den Fehler von Wei Chao im Visier, doch er hatte die schiere, rohe Durchschlagskraft unterschätzt, die in Galsabers letztem Aufbäumen steckte. Als Ventus zum finalen Stoß ansetzte, um den vermeintlich offenen Wei Chao zu treffen, passierte das Unerwartete: Wei Chao hatte seine Energie nicht einfach nur verbraucht, er hatte sie in einem konzentrierten Punkt am Boden gespeichert.
„Galsaber – Full Burst!“, brüllte Wei Chao.
In einem goldenen Blitz raste der Säbelzahntiger nicht wie erwartet nach vorne, sondern katapultierte sich unter Ventus, wobei er das Blade von Seiya mit einer gewaltigen Aufwärtsbewegung direkt aus dem Zentrum des Stadiums in die Luft schleuderte. Seiya verlor durch den plötzlichen Kontakt jegliche Bodenhaftung und damit die nötige Kontrolle über seine Windmanöver.
Ventus taumelte in der Luft, verlor seine violette Aura und krachte, ohne die Chance sich wieder zu stabilisieren, hart auf den Rand des Stadiums. Mit einem metallischen Klirren, das durch die Stille nach dem Jubel schnitt, zersprang das Gleichgewicht, und das Blade rutschte unaufhaltsam über den Rand ins Aus.
„Punkt für Wei Chao! Die New White Tigers führen 1:0!“
Ein Jubel brach durch das Stadium.
In der VIP-Loge spannte sich Kais Haltung noch weiter an. Er hatte nicht mit einer so rücksichtslosen Strategie von Wei Chao gerechnet, doch in seinen Augen flackerte ein Funken von Anerkennung auf. „Er hat Seiya in eine Falle gelockt. Er hat die Verteidigung nur vorgetäuscht, um ihn in eine falsche Sicherheit zu wiegen.“
Nami sah zu ihrem Sohn hinüber. Gou hatte sich keinen Millimeter bewegt. Sein Blick war starr auf Wei Chao gerichtet, doch es lag kein Anzeichen von Panik in seinem Gesicht.
Ray, auf der gegenüberliegenden Seite, nickte zufrieden. Er wusste, dass dieser erste Sieg für sein Team essenziell war, um das Momentum zu brechen, das B-Revolution mit ihrem Auftreten aufgebaut hatte.
Seiya kam langsam vom Stadium zurück, den Kopf gesenkt, sichtlich gezeichnet von der Niederlage. Gou legte ihm beim Vorbeigehen eine Hand auf die Schulter, ein stummer Ausdruck von Rückhalt, bevor er zu seinen Teamkollegen blickte.
„Die erste Runde war ein Test“, sagte Gou laut genug, dass man es in der Nähe hören konnte, seine Stimme war kühl und absolut ruhig. „Jetzt wissen wir, wie tief die New White Tigers graben können. Der nächste Kampf wird anders verlaufen.“
Gou atmete einmal tief durch, seine Augen fixierten das gegnerische Team. Er sah erneut zu seiner Seite, wo Violeta bereits ihre Jacke ablegte. Ihre rosèfarbenen Augen leuchteten vor Entschlossenheit, und sie wirkte auf eine fast schon beängstigende Weise ruhig.
„Violeta“, sagte Gou bestimmt, „sie setzen auf Schnelligkeit. Lihua ist präzise. Lass dich nicht auf ihr Tempo ein. Zwing sie dazu, deinem Feuer zu folgen.“
Die hübsche Lihua schritt bereits in die Arena. Ihre Bewegungen waren fast tänzerisch, ein scharfer Kontrast zum bulligen Auftreten von Wei Chao zuvor. Ihr Outfit war elegant, und das roséfarbene Haar wehte leicht im Wind, als sie ihre Position einnahm. Sie sah zu Violeta herüber, ein leichtes, fast überhebliches Lächeln auf den Lippen, während sie ihr Blade prüfte.
„Bereit, das Spielfeld zu verlassen?“, fragte Lihua leise, doch der Klang ihrer Stimme trug über die Stille hinweg.
Violeta antwortete nicht. Sie trat an den Startpunkt, ihre Haltung aufrecht, bereit für den Moment, in dem das flammende Pferd und der Gepard aufeinandertreffen würden.
Kai beobachtete die Aufstellung mit verschränkten Armen. „Lihua verlässt sich auf die Reflexe von Galchita“, analysierte er knapp. „Der Gepard ist das schnellste Landtier. Wenn Violeta versucht, sie mit ihrer Flammen-Kraft einfach zu treffen, wird sie ins Leere laufen.“
Nami, die neben ihm stand, beobachtete Violeta genau. „Sie weiß das ganz genau, Kai. Violetas Palos manipuliert nicht nur Feuer, es nutzt die Hitze, um die Luft um sich herum zu erhitzen und die Reibung zu verändern. Wenn sie es richtig anstellt, wird Lihua den Boden unter den Füßen verlieren.“
„DREI!“
„ZWEI!“
„EINS!“
„LET IT RIP!“
Die Blades schossen wie Geschosse in die Arena. Galchita war eine reine Unschärfe, ein grüner Blitz, der sich in extremen Winkeln durch die Arena bewegte, während Palos einen Ring aus Feuer um sich herum entfachte, der das Stadion in ein orangerotes Licht tauchte.
Lihua lachte kurz auf. „Zu langsam, Flammenmädchen! Galchita, Fangschuss!“
Das Blade beschleunigte auf ein Tempo, das für das menschliche Auge kaum noch zu verfolgen war. Lihua versuchte, Violetas Blade durch ständige Richtungswechsel zur Kollision zu zwingen, während sie immer wieder aus dem toten Winkel angriff.
Violeta lächelte, als sie Lihuas überhebliches Lachen über das Tosen der Arena hörte. Sie wusste, dass der Gepard auf Schnelligkeit und Präzision angewiesen war...beides beruhte auf einer klaren Sichtlinie und einer stabilen Bahn im Stadium.
„Du denkst, du bist schnell, Lihua?“, rief Violeta über das Wiehern von Palos hinweg als es sich über ihrem Blade manifestierte. „Aber Geschwindigkeit ist nichts ohne Orientierung.“
Violeta ließ Palos' Flammen nicht einfach wild um sich schlagen. Sie fokussierte die Energie des Bit-Beasts darauf, die Luftschichten über dem Beystadium extrem unterschiedlich zu erhitzen. Es entstand ein physikalischer Effekt, der die Arena wie einen gewaltigen Hohlspiegel wirken ließ. Die Luft begann zu flimmern; das Licht brach sich an den heißen Gasen, und innerhalb von Sekunden verwandelte sich das Stadium für Lihua in eine optische Falle.
Lihua, die auf ihre katzenhaften Reflexe vertraute, riss die Augen auf. „Was... was ist das? Warum sehe ich fünf von ihrem Blade und ihrem Bit Beast?“
Plötzlich schienen überall im Stadium Schatten von Palos aufzutauchen. Die glühenden Flammen des Pferdes reflektierten sich an der Innenseite der Stadiumswand, die durch die extreme Hitze fast wie ein Spiegel wirkte. Lihua versuchte instinktiv, dem Schatten zu folgen, der sich am schnellsten bewegte, doch es war eine Illusion.
„Galchita, da!“, rief Lihua und lenkte ihr Blade mit einem harten Ruck nach links.
Doch es war ein fataler Fehler. Ihr Blade krachte mit voller Wucht gegen die Metallbande des Stadiums, da sie den Schatten für das echte Blade gehalten hatte. Durch den Aufprall verlor Galchita nicht nur den Schwung, sondern auch die für das Rennen so essenzielle Bodenhaftung.
Violeta nutzte das Zögern sofort aus. Palos brach aus dem flimmernden Ring aus, die Flammen loderten höher als je zuvor. Mit einem donnernden Hufschlag...einem ihrer neuen Flaming-Stampede-Manöver...raste Violetas Blade direkt auf die ungeschützte Flanke des trudelnden Geparden zu.
„Das war dein letzter Sprint!“, rief Violeta.
Der Zusammenprall war weniger ein physischer Kampf als ein thermischer Schock. Galchita wurde durch die Wucht der Flammen förmlich aus der Bahn geworfen und schlitterte quer über das Stadium direkt in die Auslaufzone.
„Punkt für Violeta! Ausgleich: 1:1!“
Kai stützte die Ellenbogen auf die Brüstung, ein zufriedenes, aber knappes Nicken auf seinem Gesicht. „Optische Täuschung durch thermische Dichte. Eine einfache, aber hochgradig effektive Nutzung der Umgebung. Sie hat dazu gelernt.“
Nami strahlte. „Sie hat Lihuas größte Stärke gegen sie selbst verwendet. Schnelligkeit erfordert Fokus und wenn der Fokus durch Illusionen gestört wird, ist die Schnelligkeit nutzlos.“
Ray Kon, auf der anderen Seite, rieb sich nachdenklich das Kinn. Er wirkte nicht wütend; eher beeindruckt. Er hatte mit einer direkten Konfrontation gerechnet, doch Violetas taktische Finesse hatte das Spiel komplett gedreht. Er wusste nun, dass sein Team aufpassen musste: B-Revolution kämpfte nicht nur mit Kraft, sie kämpften mit Verstand.
Gou, der unten am Spielfeldrand stand, hob nur kurz die Hand, um Violeta zu signalisieren, dass sie ihre Sache gut gemacht hatte. Er wirkte weiterhin konzentriert. Das Spiel stand unentschieden, doch der wahre Test stand noch bevor.
Gou blickte kurz zu seinem Team. Ryan stand bereits in den Startlöchern, seine Augen funkelten vor Ungeduld und einem fast arroganten Selbstbewusstsein. Er wollte diesen Kampf.
„Ryan“, sagte Gou und seine Stimme ließ keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit zu, „Galfrost ist kein gewöhnlicher Leopard. Er ist ein Schneeleopard. Er passt sich an. Unterschätze ihn nicht, nur weil du denkst, deine Kälte sei seiner überlegen.“
Ryan schnaubte nur, trat vor und rastete sein Blade in seinen Starter. „Lass ihn kommen.“
Auf der anderen Seite der Arena trat Zhi-Jun hervor. Er wirkte, als wäre er direkt einem historischen chinesischen Epos entsprungen. Sein traditionelles, militärisch angehauchtes Gewand wirkte in der modernen Arena wie ein Anachronismus, doch seine aufrechte Haltung und der stechende Blick seiner grün-gelben, katzenartigen Augen strahlten eine kühle, aristokratische Ruhe aus, die perfekt zu einem Anführer der New White Tigers passte.
Sein Bit Beast, ein gewaltiger Schneeleopard wartete nur darauf, seine Krallen in den gegnerischen Eis-Schakal zu schlagen. Er war kein flüchtiges Raubtier wie Lihuas Gepard; er war geduldig, massiv und lauerte in der Kälte, die das Bit-Beast augenblicklich in den Bereich um Zhi-Juns Blade trug.
„DREI!“
„ZWEI!“
„EINS!“
„LET IT RIP!“
Der Kampf begann. Ryan wollte den Kampf sofort dominieren. Sein Blade schoss in einer geraden Linie auf Galfrost zu, während er eine Spur aus Eis auf der Oberfläche hinterließ, um das gegnerische Blade zu verlangsamen.
Doch Zhi-Jun rührte sich kaum. Er beobachtete Ryans aggressiven Vorstoß mit einem fast gelangweilten Lächeln. Als die beiden Blades kurz davor standen, frontal zusammenzustoßen, ließ Zhi-Jun seinen Schneeleoparden erscheinen und eine unerwartete Bewegung seines Blades machen.
Anstatt auszuweichen oder zu blocken, nutzte Galfrost die Eisschicht, die Ryan selbst gelegt hatte. Der Schneeleopard schien auf dem Eis förmlich zu gleiten, wobei er die Reibung des Eises für einen extrem präzisen Gegenangriff umleitete.
„Glacius, frier ihn ein!“, schrie Ryan, doch Galfrost wirbelte herum, sein Schwanz peitschte wie eine Peitsche durch die Luft und schleuderte Glacius mit einer Leichtigkeit zur Seite, die Ryan völlig kalt erwischte.
Kai sah von der Loge aus zu, seine Finger umklammerten das Geländer. „Zhi-Jun manipuliert nicht die Temperatur“, analysierte er mit scharfer Stimme, „er manipuliert die Dichte des Eises, das Ryan erschafft. Er baut das Eis auf, anstatt es zu zerschlagen.“
Die Arena wurde zum Schauplatz eines Kampfes, in dem die Kälte gegen die Kälte kämpfte, doch Zhi-Juns Technik wirkte weitaus raffinierter als der rohe Angriffswille von Ryan.
Während Ryan immer mehr die Fassung verlor und seine Angriffe unkontrollierter wurden, wirkte der chinesische Blader fast wie ein Raubtier, das in seinem natürlichen Habitat lauerte.
Ryan, der nun alles auf eine Karte setzte, versuchte mit einer aggressiven Kältewelle das gesamte Bey-Stadium zu fluten, doch er beging dabei einen taktischen Fehler: Er überfüllte die Arena mit zu viel instabilem Eis. Zhi-Jun beobachtete das Chaos mit kalter Präzision.
„Du hast dein eigenes Grab gegraben, Ryan“, sagte Zhi-Jun leise, fast schon bedauernd.
„Galfrost, Snow-Avalanche-Strike!“
Der Schneeleopard Galfrost materialisierte sich nun in einem gewaltigen Sprung über dem Stadium. Anstatt Glacius direkt zu rammen, nutzte er die aufgetürmten Eismassen, die Ryan zuvor selbst erschaffen hatte, als Rampe. Er landete mit einer Wucht, die den Boden des Stadiums unter Ryans Blade erzittern ließ, und begrub den Schakal in einer Lawine aus konzentrierter Kälte.
Galfrosts Pfoten fixierten Glacius am Boden, während die erzeugte Kältewelle das Blade von Ryan regelrecht in der Eisfläche festfror. Ohne die nötige Rotationsgeschwindigkeit kam Glacius zum Stillstand. Das metallische Klicken der stoßenden Ränder verstummte, ehe sich Ryans Bit Beast unter den Pranken von Galfrost auflöste und in den Bit-Chip seines Blades zurückkehrte.
„Punkt für Zhi-Jun! Die New White Tigers gehen mit 2:1 in Führung!“
Ryan hob seinen Blade auf und verließ das Spielfeld mit hochrotem Kopf, seine arrogante Fassade war komplett zerbröckelt. Als er an Gou vorbeiging, wich er dem Blick seines Captains aus. Gou jedoch sagte kein Wort; er atmete lediglich tief durch. Sein Gesicht war eine maskenhafte Ruhe, die fast schon gefährlicher wirkte als jeder Wutausbruch.
In der VIP-Loge war es still geworden.
„Er hat ihn taktisch vorgeführt“, bemerkte Kai trocken, während er seinen Blick nicht von Zhi-Jun abwandte, der nun würdevoll aus der Arena schritt. „Ryan hat versucht, ihn mit Kälte zu bezwingen, dabei hat er vergessen, dass ein Schneeleopard genau dort am stärksten ist.“
Nami spürte die Anspannung in Kais Arm, der nun wieder fest um ihre Taille lag. „Das bedeutet, jetzt hängt alles an den nächsten Runden, Kai. Jemand muss den Ausgleich schaffen, sonst steht B-Revolution mit dem Rücken zur Wand und verliert“
Lord Eric Davies, der das Geschehen aufmerksam verfolgt hatte, nickte bedächtig. „Ein bemerkenswerter Gegner. Die New White Tigers kämpfen nicht nur mit Metall, sie kämpfen mit dem Geist ihrer Vorfahren. Das wird eine schwere Aufgabe für den jungen Hiwatari.“
Unten am Spielfeldrand sammelte Gou sein Team um sich. Er sah hoch zu Hiromi, die ihn von der Loge aus mit großen, besorgten Augen beobachtete, und dann zu seinem Vater. Sein Blick wirkte entschlossener denn je. Der Druck war immens, doch Gou straffte seine Schultern und zog den weißen Schal... das Erbe seines Vaters...enger um seinen Hals.
Nun war Emilia an der Reihe. Sie wirkte in diesem Moment so entschlossen wie nie zuvor. Mit einem kurzen, aber entschiedenen Nicken gab Gou ihr das Signal. Emilia trat vor, das Kinn leicht erhoben, ihr Blick auf den jungen Kontrahenten in der Arena gerichtet.
Tian Wong betrat nun die Arena mit einer Leichtigkeit, die beinahe tänzerisch wirkte. Sein kurzes, schwarzes Haar wippte bei jedem Schritt, und seine roséfarbenen, katzenartigen Augen fixierten Emilia mit einer Mischung aus kindlicher Neugier und einer Reife, die man bei einem Dreizehnjährigen kaum vermuten würde. Sein Outfit, das eine direkte Referenz an das legendäre Erbe seines Vaters Lee darstellte, ließ ihn wie einen jungen Prinzen der New White Tigers wirken.
Emilia erwiderte den Blick, als sie ihren Launcher fest umklammerte. Sie war keine Strategin wie Seiya oder kühl wie Ryan...sie war die Verkörperung von unbändiger Energie und Erdkraft.
„DREI!“
„ZWEI!“
„EINS!“
„LET IT RIP!“
Die beiden Blades trafen in der Mitte des Stadiums aufeinander. Tians Blade war wie ein Wirbelsturm aus Gold und Kraft; seine Bewegungen waren flüssig, fast wie die eines Raubtiers, das auf Beute lauert. Armadis hingegen verhielt sich wie ein unbeweglicher Fels in der Brandung. Emilia hatte den Boden um ihr Blade herum durch gezielte Stöße von Armadis verhärtet, sodass das Stadium für Tian Wong zu einem instabilen, hügeligen Terrain wurde.
„Du spielst mit Steinen, Emilia?“, rief Tian und lachte, während sein Blade in einer eleganten Kurve um Armadis herumtanzte. „Das ist zu langsam für uns!“
„Du nennst das langsam?“, konterte Emilia, ihr Gesicht vor Anstrengung leicht verzerrt. „Armadis, Seismic-Wave!“
Mit einem gewaltigen Aufprall rammte Armadis den Boden. Die Schockwelle raste in konzentrischen Kreisen nach außen. Anstatt den Boden zu glätten, erzeugte Emilia künstliche Wellenbewegungen im Stadiumbelag, die Tians Blade geschmeidige Laufbahnen in unvorhersehbare Krater verwandelten.
Kai beobachtete das Spektakel von oben, seine Hände waren fest um die Brüstung geklammert. „Sie versucht nicht, ihn zu treffen“, sagte er leise zu Nami, „sie versucht, ihm den Boden unter den Pfoten zu nehmen. Tian ist auf einen flachen Untergrund angewiesen, um die Agilität seines Blades auszuspielen.“
Nami sah gespannt zu. „Wenn Tian jetzt nicht aufpasst und sein Zentrum verliert, wird er durch die Vibrationen selbst aus dem Kurs geworfen.“
Doch Tian Wong, obwohl er erst 13 Jahre alt war, zeigte die Gelassenheit eines Erben. Er sah die heranrasende Schockwelle und ließ seinen Blade nicht etwa zur Seite springen, sondern genau in das Zentrum der Welle eintauchen, um die Rotationsenergie der Erdbebenbewegung in seinen eigenen Angriff einzuspeisen.
Inmitten des tobenden Kampfes, als die beiden Blades das erste Mal in der Mitte kollidierten, schoss ein goldener Lichtstreifen aus Tian Wongs Blade empor. Direkt über dem wirbelnden Metall formte sich die Energie zu einer massiven, majestätischen Silhouette: Galeon, der Löwe, manifestierte sich in voller Größe, seine Mähne bestand aus gleißender, goldener Energie, während seine Augen Tian Wongs roséfarbene Augen widerspiegelten. Das Bit-Beast brüllte, und eine Druckwelle aus purer Agilität fegte über das Spielfeld.
Auf der Tribüne spannte sich Kais Körper instinktiv an. Er saß mit verschränkten Armen da, seine roten Augen fixierten das goldene Licht auf dem Spielfeld mit einer Intensität, die jeden anderen hätte erstarren lassen. Ein kurzes, aber anerkennendes Blitzen war in seinem Blick zu erkennen, als er die vertraute Energie des Bit-Beasts wahrnahm.
„Galeon…“, murmelte er leise, kaum hörbar für andere, doch der Unterton von Respekt schwang deutlich mit. „Lee hat also dafür gesorgt, dass sein Geist in diesem Sport weiterlebt. Er hat seinen Sohn gut vorbereitet.“ Kai lehnte sich minimal vor, seine Aufmerksamkeit war nun vollkommen auf den Jungen und sein Blade gerichtet. „Mal sehen, ob er diese Kraft auch kontrollieren kann, wenn es eng wird.“
Nami, die neben ihm saß, hatte die Hand leicht an ihre Brust gelegt, als würde sie die Erschütterungen des Bit-Beasts in der Luft spüren. Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Staunen und einer sanften Melancholie. Sie kannte die Geschichte der White Tigers nur zu gut, und diesen Anblick nach all den Jahren wieder zu sehen, berührte sie mehr, als sie zugeben wollte.
„Es ist atemberaubend, Kai“, sagte sie leise und ließ den Blick nicht von dem goldenen Löwen, der über das Spielfeld fegte. „Es ist, als würde ein Stück alte Geschichte direkt vor unseren Augen neu geschrieben werden. Tian hat diese… natürliche Gelassenheit. Er wirkt nicht wie ein Kind, das mit einer Kraft spielt, die es nicht versteht. Er wirkt wie jemand, der weiß, dass er eine Tradition fortführt.“ Sie warf Kai einen kurzen, wissenden Blick zu, bevor sie wieder zu dem tobenden Kampf auf dem Spielfeld sah. „Ich glaube, das wird ein denkwürdiger Kampf.“
In der Arena dominierte Galeon den Kampf.
Emilia hielt derweil dagegen. „Armadis, jetzt!“
Über ihrem Blade riss die Energie den Boden auf. Das Bit-Beast, das Gürteltier Armadis, formte sich über ihrem Blade zu einer gewaltigen, gepanzerten Kugel, die bei jeder Rotation wie ein Panzer durch die Arena pflügte.
Emilias Strategie war ebenso brutal wie effektiv: Sie ließ Armadis gezielte Stöße gegen die Bodenplatten des Stadiums ausführen. Jedes Mal, wenn Armadis den Boden traf, entstanden Risse und Verwerfungen, die Tian Wongs Laufweg unberechenbar machten.
Tian Wong, dessen Gesichtszüge trotz seines jungen Alters vor Konzentration starr waren, beobachtete das Terrain genau. Er sah, wie Galeon durch die instabilen Platten kurzzeitig an Stabilität verlor.
„Du glaubst, du kannst mich in deinem Schutt begraben, Emilia?“, rief Tian. „Galeon, zeig ihr, was Kraft bedeutet!“
Er steuerte sein Blade mit einer Präzision, die an seinen Vater Lee erinnerte. Anstatt gegen die Erdbeben anzukämpfen, nutzte er die aufgeworfenen Steinplatten als Sprungschanzen.
Galeon sprang hoch in die Luft, das goldene Licht seines Körpers verstärkte sich, als er aus der Höhe mit dem vollen Gewicht seines Bit-Beasts auf Armadis niederging. Der Aufprall war ohrenbetäubend. Die Arena-Platten unter ihnen gaben nach, und eine Schockwelle aus Staub und Energie hüllte beide Blades ein.
Emilia presste die Zähne zusammen. „Lass ihn nicht durchkommen, Armadis!“
Doch Tian Wong hatte einen Plan, den kaum jemand in der Loge erwartet hatte. Er hatte Galeon nicht einfach auf Armadis stürzen lassen, sondern die kinetische Energie der Schockwelle absorbiert, um sein eigenes Blade in einen extremen Dreh-Modus zu versetzen. Galeon brüllte ein zweites Mal, das goldene Licht wurde so intensiv, dass es die Sicht der Zuschauer kurzzeitig blendete.
In einer perfekten, spiralförmigen Bewegung schoss Galeon an der gepanzerten Seite von Armadis vorbei und traf den Schwachpunkt: den Verbindungsring.
Die Arena wurde still, als die beiden Bit-Beasts sich über den Blades in einem letzten, titanischen Kraftakt gegenüberstanden – das goldene Licht des Löwen gegen das braun-graue, erdige Leuchten des Gürteltiers.
Kais Blick war messerscharf, jede Regung auf dem Spielfeld analysierend. „Sie lässt ihn nicht los“, bemerkte er, und in seiner Stimme schwang ein Anflug von Bewunderung mit, den er selten zeigte. „Emilia lässt den Druck auf das Zentrum nicht abreißen. Sie zwingt ihn in einen direkten Kräftemessen, obwohl Galeon auf freiem Feld den Vorteil hätte.“
Nami hatte ihre Hände nun fest ineinander verschränkt, die Knöchel weiß vor Anspannung. „Sie spielt alles auf eine Karte“, flüsterte sie. „Wenn Armadis jetzt nachgibt, verliert sie sofort.“
Doch auf dem Spielfeld geschah das Unerwartete. Emilia, deren Haar ein wenig zerzaust war und in deren Gesicht ein Ausdruck von trotziger Wildheit lag, lächelte plötzlich. Sie hatte nicht vor, den Kampf in der Mitte zu beenden.
„Armadis, jetzt nicht nachgeben...lass die Erde unter ihm nachgeben!“, rief sie.
Statt weiter gegen Galeons rohe goldene Energie anzukämpfen, aktivierte Emilia die tief unter dem Stadium vergrabenen Schichten. Mit einem animalischen Knurren ihres Bit-Beasts begann sich die Bodenplatte, auf der Tian stand, wie eine Welle zu heben und zu senken. Die Stabilität, die Tian gerade noch mühsam durch Galeons Kraft gehalten hatte, wurde ihm buchstäblich unter den Füßen weggezogen. Die Bodenplatten begannen in einem unregelmäßigen Rhythmus zu kippen.
Tian Wongs Augen weiteten sich kurz, als er den Kontrollverlust spürte. Galeons goldenes Licht flackerte. In diesem Moment des Schwankens nutzte Emilia die Trägheit von Armadis. Die gepanzerte Kugel schoss wie eine aus einer Kanone abgefeuerte Kugel nach vorne, nicht gegen das Zentrum, sondern gegen die instabile Platte direkt vor Galeons Standpunkt.
Ein lauter Knall erschütterte die Arena. Die Platte katapultierte Tians Blade unkontrolliert in die Luft. Er hatte keinen Boden mehr unter sich, um die kinetische Energie für einen Gegenangriff zu nutzen. Galeon heulte auf, als sein Nutzer die Kontrolle über die Rotationsachse verlor.
Die Arena bebte ein letztes Mal, als Armadis unter Tians Blade hervorpreschte und es mit einem heftigen Schlag gegen die Stadionbande beförderte. Tians Blade trudelte, verlor an Geschwindigkeit und blieb schließlich – nur noch schwach rotierend – mitten im Stadium liegen.
Punkt für Japan! 2 zu 2!
Die Stille in der Arena wich langsam einem ohrenbetäubenden Jubel, doch auf dem sandigen Boden des Spielfelds schien die Zeit für die beiden Kontrahenten stillzustehen. Tian Wong stand reglos da, den Blick starr auf sein Blade geheftet, das nun leblos in einer flachen Vertiefung lag. Das goldene Licht von Galeon war erloschen, und mit ihm schien auch das strahlende Selbstbewusstsein des jungen Erben kurzzeitig in sich zusammengefallen zu sein. Seine Schultern hingen leicht, und der sonst so stolze Prinz der White Tigers wirkte plötzlich wieder wie ein Junge, der gerade eine bittere Lektion über das Scheitern gelernt hatte.
Emilia, deren Atem noch schwer ging und deren Stirn von Schweißperlen bedeckt war, spürte sofort, wie die Anspannung des Kampfes von ihr abfiel. Sie rief Armadis zurück, doch anstatt zu ihren Teamkollegen zu eilen, trat sie mit entschlossenen Schritten auf Tian zu. Der Staub legte sich um sie wie ein feiner, grauer Schleier.
Als sie vor ihm stehen blieb, blickte Tian nicht auf. Er biss sich auf die Unterlippe, seine roséfarbenen Augen wirkten trüb. „Ich hätte den Bodenaufbau früher analysieren müssen“, murmelte er, seine Stimme war brüchig. „Mein Vater… er hätte das kommen sehen. Ich habe Galeon enttäuscht.“
Emilia betrachtete ihn einen Moment lang, dann hob sie ihre Hand und stieß ihn spielerisch, aber doch fest, gegen die Schulter. Es war keine Geste des Triumphs, sondern eine der Kameradschaft. „Hör auf damit“, sagte sie schlicht, ihre australische Art so direkt wie eh und je. „Du hast nicht Galeon enttäuscht, Tian. Du hast ihn bis an seine Grenzen geführt – und meine obendrein.“
Tian hob den Kopf, überrascht von ihrem direkten Tonfall.
„Weißt du“, fuhr sie fort und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, wobei ihr freches Grinsen wieder zum Vorschein kam, „ich bin hier nicht nur, um zu gewinnen. Ich bin hier, um zu lernen. Und in diesem Moment, als dein Löwe da oben über mir aufragte… da hatte ich eine Heidenangst. Du hast diese natürliche Instinktkraft, die man nicht lernen kann. Das ist kein Mangel an Erfahrung, das ist pures Talent.“
Sie deutete auf sein Blade, das am Boden lag. „Du bist erst dreizehn. Wenn du jetzt schon so kämpfst, wo willst du dann in zwei Jahren stehen? Dein Vater Lee hat diesen Sport geprägt, aber du… du wirst ihn neu definieren, wenn du nicht so streng mit dir ins Gericht gehst.“
Tian starrte sie an, und langsam wich der Schatten der Selbstenttäuschung aus seinem Gesicht. Er atmete tief aus, und ein leises, beinahe dankbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Er hob sein Blade auf und strich über die Oberfläche. „Du hast einen harten Schlag, Emilia“, gestand er und ein Funke von altem Stolz kehrte in seinen Blick zurück. „Aber vielleicht hast du recht. Das nächste Mal werde ich den Boden unter deinen Füßen nicht einfach ignorieren.“
Emilia lachte, ein kurzes, ehrliches Geräusch, das in der großen Arena widerhallte. „Das hoffe ich doch sehr, Tian. Das nächste Mal wird es noch deutlich schwieriger für mich werden.“
Oben auf der Tribüne beobachtete Kai diese Szene mit einem seltenen, fast unmerklichen Nicken. Er verschränkte die Arme wieder und blickte zu Nami. „Sie hat mehr als nur das Match gewonnen“, stellte er leise fest. „Sie hat ihm gezeigt, dass eine Niederlage kein Ende ist, sondern nur ein anderer Name für eine neue Herausforderung.“
Nami legte ihren Kopf auf seine Schulter, ihre Augen glänzten vor Stolz auf das junge Team. „Sie sind ein gutes Team, Kai. Sie wachsen nicht nur als Blader, sondern als Menschen.“
Nachdem eine halbe Stunde Pause ausgerufen wurde um die beschädigte Arena für den finalen Kampf zu ersetzen, wurde das Licht im Stadion erneut gedimmt, ein einzelner, messerscharfer Scheinwerferstrahl schnitt durch die Dunkelheit und traf direkt auf den Kapitän der New White Tigers.
Die Stille, die nun folgte, war nicht einfach nur Ruhe...sie war schwer, fast unheilvoll.
Fang trat ins Licht. Mit seinen siebzehn Jahren wirkte er nicht mehr wie ein Schüler, sondern wie ein Raubtier, das in eine Arena getrieben wurde. Sein Outfit war eine perfekte, militärisch präzise Adaption von Rays Look aus der G-Revolution-Ära, doch die dunklen Stoffe wirkten an ihm bedrohlicher, fast wie eine zweite Haut. Der lange, bauschig schwarze Pferdeschwanz peitschte bei seinen Schritten wie eine weitere Waffe über seinen Rücken. Als er kurz den Kopf hob und das Licht seine gelb-grün schimmernden Augen traf, blitzten unter seiner Oberlippe spitze, fast unnatürliche Eckzähne hervor. Die Narbe, die sich quer über seine Wange zog, verpasste seinem Gesicht einen Ausdruck, der zwischen stoischer Arroganz und purer Wildheit schwankte.
Gou stieg in die Arena. Er spürte den Blick seines Vaters im Rücken, den Schal, der wie ein unsichtbares Band der Vergangenheit schwer und erwartungsvoll auf seinen Schultern lastete, und das Pochen in seinen Schläfen.
„Du bist der, auf den alle gewartet haben“, sagte Fang mit einer Stimme, die so trocken und rau wie schleifendes Metall klang. Er griff an seinen Gürtel und entnahm sein Blade. „Die Hiwatari-Blutlinie. Ich habe lange darauf gewartet, dieses Erbe zu zerschmettern.“
„Spar dir das Reden“, entgegnete Gou ruhig. Er trat an die Arena. „Das hier ist kein Ort für Legenden. Hier geht es nur darum, wer am Ende noch steht.“
„DREI!“
„ZWEI!“
„EINS!“
„LET IT RIP!“
Die beiden Launch-Sounds verschmolzen zu einem einzigen, ohrenbetäubenden Knall. Die Blades schossen wie zwei schwarze Meteore in die Arena.
In dem Moment, als sie aufeinanderprallten, explodierte die Energie. Über Fangs Blade formte sich aus reinem, finsterem Schatten das Bit-Beast Shadow Pantris. Der schwarze Panther war kein bloßes Lichtbild; er wirkte wie ein Riss in der Realität, eine Kreatur aus purer Dunkelheit, deren Augen in jenem unheimlichen Gelb-Grün leuchteten wie Fangs eigene.
Gou konterte sofort. Sein eigenes Bit-Beast Corvus, schoss aus seinem Blade hervor. Er war der Gegenpol: ein Schatten, der leuchtete.
Die beiden Bit-Beasts lieferten sich ein Gefecht, das die Arena in ein Chaos aus Lichtblitzen und pechschwarzen Schattenfetzen tauchte. Shadow Pantris bewegte sich lautlos, fast wie eine Flüssigkeit, die sich um Corvus wand, während dieser mit messerscharfen Flügelschlägen versuchte, die Aura des Panthers zu zerreißen.
„Das ist also das Hiwatari-Erbe?“, lachte Fang, und seine Eckzähne blitzten im Scheinwerferlicht auf. „Dein Rabe ist nichts gegen die Dunkelheit, die ich in mir trage! Shadow Pantris, Nightmare-Claw!“
Die Schatten im Stadium begannen zu leben. Sie krochen die Wände hoch, verdunkelten das Licht der Strahler und bildeten eine beklemmende Barriere um Gou. Fang hatte die Kontrolle über das Licht der Arena...oder vielmehr: Er hatte es für sich in Anspruch genommen.
Gou stand im Zentrum dieses Sturms. Sein Schal wehte wild, während er beobachtete, wie Fangs Panther seinen Raben in die Enge trieb....
Eine neue Ära
Die Dunkelheit, die Fang mit Shadow Pantris im Stadion verbreitet hatte, schien jede Hoffnung zu ersticken. Gou spürte, wie die Kälte der Schatten an seinem Geist zerrte, doch sein Blick blieb eisern. Er spürte das Gewicht des weißen Schals, das Erbe seines Vaters, das bisher wie ein Schutzschild um seinen Hals gelegen hatte.
Mit einer ruckartigen Bewegung griff Gou sich an den Nacken. Er löste den Knoten und zog den Schal langsam ab. Als er ihn losließ, fiel das edle Stück Stoff nicht etwa wie ein leichter Stofffetzen zu Boden...es schlug mit einem schweren, metallischen Wummern auf den Boden des Stadiums auf, als wäre es aus purer Schwere geschmiedet. Der dumpfe Schlag hallte durch die vollkommene Stille des Stadions. Selbst Fang wich unwillkürlich einen Schritt zurück, die Augen geweitet angesichts der schieren Masse, die dort nun vor Gou auf dem steinernen Boden lag, in dem nun kleine dünne Risse klafften.
„Du hast den Kampf bereits verloren, Fang“, sagte Gou leise, seine Stimme nun so klar und kalt wie Stahl. „Du kämpfst gegen Schatten, ich kämpfe gegen das Schicksal.“
Seine Aura begann sich zu verändern. Sie vibrierte nicht mehr nur; sie pulsierte in einem tiefen, fast unhörbaren Rhythmus, der mit seinem eigenen Herzschlag synchronisierte. Er schloss die Augen und trat in die tiefste Verbindung, die er je zu Corvus gespürt hatte...eine Kommunikation nicht durch Befehle, sondern durch das Verschmelzen ihrer Seelen.
Plötzlich geschah das Unmögliche: Der glühende Rabe, der über ihren Köpfen kreiste, löste sich einfach in schwarze Partikel auf und verschwand.
Ein Raunen ging durch die Ränge. In der VIP-Loge erstarrte Kai, seine Hände krallten sich in die Brüstung. Nami hielt den Atem an, ihre Augen starr auf das Stadium gerichtet. „Gou... was tust du?“, flüsterte sie. Fang lachte auf, ein triumphierendes, fast wahnsinniges Lachen. „Gibst du etwa auf? Dein Bit-Beast... es ist weg!“
„Nein“, antwortete Gou, und seine Augen leuchteten nun in einem dunklen, unnatürlichen Blau. „Es ist jetzt erst richtig hier.“
Nur wenige Sekunden nach dem Verschwinden des Raben begann der Raum über dem Stadium zu beben. Die Luft schien zu zerreißen, und schwarze, blau schimmernde Blitze zuckten wild durch das Rund. Dann formierte sich aus der Finsternis eine Gestalt.
Kein Tier. Kein Geist.
Eine massive, humanoide Silhouette materialisierte sich mitten in der Arena über Gous Bey. Als das Licht der Arena die Gestalt erfasste, stockte allen der Atem. Vor ihnen schwebte ein dunkler Ritter, gehüllt in eine Rüstung aus schwarzblau schimmerndem, scharfkantigem Metall, das aussah, als hätte es tausend Schlachten überdauert. Seine Augen die aus dem Visier des Helmes blitzten, waren zwei glühende Schlitze aus blauem Feuer, und in seiner Hand hielt er eine riesige Klinge, die direkt aus der Energie von Corvus geformt war.
Das gesamte Stadion war wie erstarrt. Kai und Nami trauten ihren Augen nicht. Sie hatten Corvus’ Kraft immer gespürt, sie wussten, dass er besonders war, doch so etwas...ein Bit-Beast in humaner, ritterlicher Form...war in der Geschichte des Beyblade-Sports noch nie gesehen worden. Es war eine Manifestation, die die Grenzen zwischen Mensch und Bit-Beast komplett auslöschte.
„Corvus...“, hauchte Kai, und zum ersten Mal seit Jahren konnte man ein Zittern in seiner Stimme hören, das nicht von Schwäche, sondern von absoluter Ehrfurcht zeugte.
Fang, dessen Shadow Pantris nun wie ein zitterndes Kätzchen vor der Präsenz dieses Ritters schien, wich zurück.
„Was... was bist du?!“ keuchte Fang.
Gou gab kein Wort mehr von sich. Er streckte die Hand aus, und der dunkle Ritter an seiner Seite hob synchron dazu die Klinge. Die magnetische Barriere der Arena begann unter der schieren, übernatürlichen Präsenz des Ritters zu knistern und zu leuchten. Gou hatte nicht nur das System der Arena übernommen...er hatte die Regeln des Kampfes neu geschrieben.
Fang starrte weiter auf die humanoide Gestalt, die über Gous Blade schwebte. Sein Shadow Pantris wirkte im Vergleich zu dem dunklen Ritter wie ein schwindendes Echo; die einstmals bedrohliche Finsternis des Panthers wurde von der schieren, eiskalten dunklen Autorität, die von Corvus ausging, einfach aufgesogen.
„Was bist du?!“, wiederholte Fang, seine Stimme ein heiseres Krächzen. Seine Hand zitterte so stark, dass sein Launcher fast zu Boden gefallen wäre.
Gou machte eine einzige, fließende Bewegung...eine Einladung zum Tanz der Klingen. Der dunkle Ritter, dessen schwarzblaue Rüstung im Scheinwerferlicht wie ein Sternenhimmel aus Stahl funkelte, hob seine riesige Klinge. Es war kein wütender Angriff. Es war die kühle, berechnende Haltung eines Meisters, der genau wusste, dass sein Gegenüber bereits besiegt war.
Fang verlor die Nerven. „Shadow Pantris! Zerreiß ihn!“
Der Panther stürzte sich nach vorne, doch die Bewegung wirkte in Zeitlupe. Der dunkle Ritter...Corvus in seiner manifestierten Form...trat vor. Seine Schritte in der Luft waren lautlos, doch bei jedem Schritt schien der Boden der Arena unter dem Gewicht seiner Präsenz leicht nachzugeben. Mit einer Eleganz, die jeden ritterlichen Kodex der Geschichte in den Schatten stellte, parierte er den ersten Prankenhieb des Panthers, während die Beyblades unter ihnen aneinander schlugen.
Das Geräusch, als Metall auf Schatten traf, klang wie das Brechen von Glas.
„Jetzt“, befahl Gou leise.
Der dunkle Ritter wirbelte herum. Sein Umhang, der aus purer, schimmernder Dunkelheit zu bestehen schien, peitschte wie eine schwarze Flamme durch das Stadium. In einer fließenden, kreisförmigen Bewegung führte er einen Hieb aus, der nicht auf Zerstörung, sondern auf Dominanz ausgelegt war. Er traf Shadow Pantris nicht mit roher Gewalt, sondern leitete die Energie des Panthers mit der flachen Seite seiner Klinge um, sodass das Bit-Beast aus dem Gleichgewicht geriet.
Der Panther schlitterte nach hinten, seine Form flackerte und wurde instabil.
„Ein Duell unter Rittern“, sagte Gou, während er jeden Schritt seines Bit-Beasts mit seiner eigenen Körperhaltung synchronisierte. „Du hast nach Dunkelheit gerufen, Fang. Aber du hast nie gelernt, in ihr zu überleben.“
Corvus stieß ein zweites Mal zu. Diesmal war es kein Abwehren. Die Klinge des Ritters senkte sich in einem präzisen Bogen, ein vollendeter ritterlicher Stoß, der direkt auf das Zentrum von Fangs Blade zielte. Der Aufprall war nicht explosiv...er war chirurgisch. Die magnetische Barriere des Stadions verstärkte den Druck in diesem einen Moment der Kollision, und die Energie von Corvus flutete Fangs Blade, bis die Verbindung zu Shadow Pantris mit einem letzten, hellen Aufschrei der Energie zerriss.
Der Panther löste sich in schwarzem Nebel auf, der sofort in den strauchelnden Blade von Fang zurückkehrte.
Fang stand völlig entblößt da. Sein Blade drehte sich nur noch schwach, verlor an Schwung und kippte dann, als hätte es jeden Lebenswillen verloren, auf die Seite.
Der dunkle Ritter richtete sich zu voller Größe auf, blickte kurz auf den am Boden liegenden Gegner herab...eine Geste, die so viel Respekt wie Verachtung ausdrückte...und löste sich dann in den gleichen blauen Partikeln auf, aus denen er entstanden war. Sie regneten wie glühender Sternenstaub auf das Stadium nieder und wurden in den dunklen Bey zurückgezogen.
Stille senkte sich über London. Keine Jubelschreie, kein Kommentator, der noch zu sprechen wagte. Nur das leise, rhythmische Rauschen von Gous Blade, das als Einziges noch am Boden rotierte.
Fang sank auf die Knie. Seine Narbe über der Wange wirkte im kalten Scheinwerferlicht plötzlich tiefer, als wäre der Kampf nicht nur zwischen den Beyblades gewesen.
„Das…“, begann Fang, während er ungläubig auf seine leeren Hände starrte, „das war kein Kampf. Das war eine Hinrichtung.“
Gou trat vor. Er sah nicht triumphiert aus. Sein Blick war nachdenklich, fast melanchonisch, während er sein immer noch drehendes Blade stoppte und aufhob. Die Aura um ihn herum war erloschen, und er wirkte wieder wie der Junge, der er vor wenigen Minuten war...doch die Welt sah ihn nun mit anderen Augen.
Oben in der Loge hatte Nami ihre Hand an den Mund gepresst, ihre Augen waren weit. Sie blickte zu Kai, doch ihr Ehemann starrte nur auf den Fleck unten auf dem Boden, wo der schwere Schal lag. Er wirkte, als hätte er gerade einen Geist aus der Vergangenheit gesehen, der mächtiger war, als er es sich jemals hätte vorstellen können.
„Das war nicht nur Corvus“, flüsterte Kai, ohne den Blick abzuwenden. „Das war die Seele eines Hiwatari, die ihren Frieden mit der Dunkelheit geschlossen hat.“
Die Sekunden dehnten sich in der Londoner Arena zu einer Ewigkeit aus. Auf dem Boden des Stadions lag der schwere, in Stille gehüllte Schal, während Gou, den Blick gesenkt vor der Arena stand und den Moment in sich aufsog. Fang war in sich zusammengesunken, unfähig, den Blick von der Stelle abzuwenden, an der soeben noch das Unmögliche passiert war.
In der gegenüberliegenden VIP-Loge herrschte eine lähmende Starre. Ray Kon, der eben noch mit der Sicherheit eines erfahrenen Champions den Sieg seines Teams vor Augen hatte, krallte sich so fest an das Geländer, dass das Metall unter seinem Griff ächzte. Seine Augen, sonst stets ruhig und analytisch, waren weit aufgerissen, unfähig, die menschliche Manifestation von Corvus zu begreifen. Direkt neben ihm saß Mr. Dickenson, der seine Brille abgenommen hatte und sie mit zitternden Fingern reinigte, als würde er versuchen, das Bild, das sich gerade in sein Gedächtnis gebrannt hatte, wegzuwischen.
Dann, wie aus einem tranceartigen Zustand erwachend, vollzog Gou eine langsame, fast meditative Drehung. Er sah nicht zum Publikum, nicht zu den Kameras. Er bückte sich leicht, hob den schweren Schal ohne Anstrengung, mit einer fließenden Bewegung vom Boden und ging ruhig zu seinem Platz am Rande des Stadions. Er setzte sich, verschränkte die Arme vor der Brust und schloss die Augen. Seine Haltung war stoisch, fast unnahbar...ein Spiegelbild dessen, was Kai über Jahre hinweg zur Legende gemacht hatte.
Erst als sich die Stille des Stadions durch das erste, ungläubige Murmeln der zehntausenden Zuschauer zu brechen begann, fand AJ Topper seine Sprache wieder.
„Ich… ich glaube einfach nicht, was meine Augen gesehen haben!“, brüllte Topper, seine Stimme überschlug sich vor euphorischer Fassungslosigkeit. „DAS WAR ES! JAPAN IST WELTMEISTER! DIESER JUNGE… DIESER JUNGE HAT DIE GESCHICHTE GERADE NEU GESCHRIEBEN!“
Die Arena explodierte. Ein Jubelsturm, wie man ihn in London noch nie gehört hatte, brach los. DJ Jazzman, der bisher stumm neben Topper gesessen hatte, sprang auf und begann wild in sein Mikrofon zu scratchen, während er versuchte, die übermenschliche Leistung in Worte zu fassen. „Hast du das gesehen, AJ? Der Ritter! Diese Präsenz! Gou Hiwatari hat den Sport nicht nur gewonnen...er hat ihn dekonstruiert!“
Auf den gigantischen Billboards über dem Stadion flackerte das Live-Bild auf. Gou in Großaufnahme. Man sah ihn dort sitzen, bescheiden, fast schon distanziert, doch dann...fast unmerklich...schmunzelte er. Er öffnete die Augen und hob den Kopf. Sein Blick fixierte die VIP-Loge.
Kai, der bisher wie eine Statue verharrt war, reagierte. Sein Gesicht, das sonst kaum eine Regung zuließ, erhellte sich durch ein seltenes, tiefes Lächeln. Er hob die Hand und zeigte einen deutlichen Daumen nach oben...eine Geste des Vaters, die in diesem Moment das schwerste Gewicht hatte, das ein Sohn sich nur wünschen konnte.
Die Kameras erfassten sofort den Wechsel. Sekunden später wurden Kai und Nami auf den riesigen Bildschirmen zusammen eingeblendet. Nami strahlte, ihre Wangen nass vor Freudentränen, während sie Hiromi, die sich mit einem freudigen Aufschrei neben sie gestellt hatte, an sich drückte. Hiromi strahlte so hell, dass sie beinahe die Beleuchtung übertraf, und fixierte Gou mit einem Blick, in dem Stolz und unendliche Erleichterung lagen.
Gou erwiderte ihren Blick mit einer solchen Wärme, dass es selbst durch die kalte Technik der Bildschirme bis in die hintersten Ränge spürbar war. Hinter ihren Eltern jubelten seine Geschwister, die Arme in die Luft gerissen, ihre Stimmen gingen im tosenden Applaus unter.
Unten im Stadion blickte Fang langsam auf. Er sah das Bild auf dem Billboard, sah den Jungen, der dort saß und mit seinem Vater kommunizierte...ganz ohne Worte, nur durch den Respekt zwischen zwei Kriegern desselben Blutes. Fang atmete tief aus, seine Eckzähne blitzten noch einmal kurz auf, als er ein resigniertes, fast respektvolles Grinsen zeigte. Er wusste, dass er heute nicht einfach nur besiegt worden war. Er war Zeuge einer neuen Ära geworden.
Der Jubel ebbte nicht ab. Die Welt feierte nicht nur den Sieg von B-Revolution, sondern den Augenblick, in dem das Unmögliche zur Realität geworden war. Gou saß dort, die Augen wieder geschlossen, den Daumen seines Vaters fest in seinem Geist verankert, und genoss den Moment der absoluten Stille in seinem Inneren, während um ihn herum die Welt in Begeisterung versank.
Einige Minuten später...
Die Atmosphäre in der Arena war elektrisierend, als die Siegerehrung begann. Konfetti in den Farben von B-Revolution regnete von der Decke, während die goldene Weltmeisterschaftstrophäe unter dem gleißenden Licht der Scheinwerfer zu funkeln begann.
AJ Topper, dessen Krawatte vor lauter Aufregung schief saß, war bereits die Stufen zur Siegertribüne hinuntergehechtet. Er stand nun direkt vor Gou, der dort stand...den schweren Schal wieder lässig um die Schultern gelegt, das Gesicht eine Maske aus stoischer Ruhe, die nur noch von dem sanften Glanz in seinen Augen durchbrochen wurde.
„Gou! Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!“, rief AJ in sein Mikrofon, während er versuchte, den Jubel der Menge zu übertönen. „Das war Beyblade auf einem Level, das wir noch nie zuvor gesehen haben! Aber sag uns… wie fühlt es sich an, die Welt in deinen Händen zu halten? Und was war das für eine… menschliche Erscheinung von Corvus?“
Gou atmete tief durch, der Stolz auf seine Teamkollegen war in seinem Blick zu sehen. Er antwortete kurz und prägnant, ganz der Sohn seines Vaters. „Es war keine Erscheinung, AJ. Es war eine Entscheidung. Wir haben heute gemeinsam gekämpft, nicht als Blader und Bit Beast, sondern als eine Einheit.“
Währenddessen hatte sich DJ Jazzman mit seinem Mikrofon den Weg in die VIP-Loge gebahnt. Die Kamera schwenkte in einer fließenden Bewegung nach oben, wo Kai und Nami immer noch an der Brüstung standen. Kai hatte den Blick nach unten auf die Siegertribüne gesenkt, doch das leichte, fast unsichtbare Lächeln auf seinen Lippen verriet, wie sehr er in diesem Moment auf seinen Sohn glänzte. Nami wirkte, als würde sie vor Glück fast schweben, und ihre Hand ruhte fest in der von Kai.
„Meine Damen und Herren!“, rief Jazzman enthusiastisch. „Wir sind hier bei den stolzesten Eltern des Tages! Kai Hiwatari und Nami Hiwatari. Sagen Sie uns...wie fühlt es sich an, diesen jungen Mann da unten den Gipfel der Welt erklimmen zu sehen?“
Kai sah kurz zu seinem Sohn hinunter ohne den Blick in die Kamera zu wenden. „Er hat seinen eigenen Weg gefunden“, antwortete Kai mit seiner charakteristisch tiefen, ruhigen Stimme. „Er hat heute bewiesen, dass er nicht in meinem Schatten steht. Er hat sein eigenes Licht entzündet.“
Die Kamera schwenkte weiter. Zum ersten Mal bekamen die Millionen Zuschauer die Geschwister von Gou zu sehen. Ayumi und Ren standen nebeneinander, ihre Augen leuchteten vor Aufregung und Stolz, während sie wild in die Kamera winkten. Auch die kleine Sayuri saß nun auf Grahams Schulter und klatschte unbedarft in die Hände ehe sie ebenfalls wild in die Kamera winkte.
Dann blieb die Kamera bei Hiromi hängen, die direkt neben Nami stand. Sie wirkte in diesem Moment wie eine strahlende Erscheinung, das Kleid flatterte im Wind des Stadions, ihr Blick war fest auf Gou gerichtet, der unten auf der Tribüne stand.
AJ Topper, der den Blickkontakt zwischen den beiden über die ganze Arena hinweg bemerkte, konnte nicht an sich halten. Er drehte sich zu Gou um und legte den Kopf schief. „Gou, wenn ich mir das so ansehe… da oben in der Loge deiner Eltern ist ein unglaublich schönes Mädchen, das dich kaum aus den Augen lassen kann. Können wir die Zuschauer vielleicht einweihen? Wer ist sie?“
Gou blickte kurz zu dem großen Monitor, auf dem Hiromi in Großaufnahme zu sehen war. Ein kaum merklicher, aber unendlich warmer Ausdruck legte sich auf seine Züge. Er zögerte keine Sekunde. „Ihr Name ist Hiromi“, sagte er trocken, doch sein Tonfall verriet die Tiefe seiner Zuneigung. Er sah wieder direkt nach oben, und sein Blick traf den ihren.
„Sie ist meine Freundin.“
In der Loge hielt Hiromi kurz den Atem an, ihre Wangen färbten sich tiefrot, doch ihr Lächeln wurde nur noch strahlender. Nami legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter, während Kai nur einmal kurz und anerkennend nickte...eine Geste, die in diesem Moment mehr bedeutete als jede öffentliche Erklärung.
Der Jubel im Stadion erreichte einen neuen Höhepunkt. Die Kombination aus sportlicher Höchstleistung, familiärer Verbundenheit und diesem privaten, ehrlichen Moment machte diesen Tag unvergesslich.
Die Kamera in der Arena schwenkte nun von Gous warmen Blick auf seine Teammitglieder um diese ebenfalls endlich in den Mittelpunkt zu rücken. Der Moment war für sie alle überwältigend...nicht nur wegen des Pokals, sondern wegen dessen, was sie gerade gemeinsam durchlebt hatten.
AJ Topper, der von Gous direkter und offener Art fast ein wenig überrumpelt worden war, nutzte die Gelegenheit, um das gesamte Team von B-Revolution ins Scheinwerferlicht zu holen.
„Gou, deine Offenheit hat gerade Millionen Menschen das Herz gestohlen!“, rief AJ, während er enthusiastisch auf die vier anderen Jugendlichen deutete, die sich schüchtern, aber sichtlich stolz um ihren Captain geschart hatten. „Aber wir dürfen nicht vergessen: Ohne diese vier wäre dieser Sieg heute nicht möglich gewesen! Lasst uns kurz mit ihnen sprechen!“
Violeta trat als Erste vor. Trotz der Anstrengung des Finales wirkte sie mit ihren blonden Haaren und den rosafarbenen Augen fast königlich. Sie richtete ihr Outfit kurz zurecht und lächelte in die Kamera, ihre Haltung verriet eine neue, gereifte Sicherheit. „Jeder von uns hat alles gegeben“, sagte sie fest. „Gou hat uns den Weg gewiesen, aber wir sind als Einheit gewachsen. Palos und ich… wir haben heute mehr über uns gelernt, als jemals zuvor.“
Emilia Bland, die neben ihr stand, konnte ihre freche Art auch im Moment des größten Triumphs nicht ganz ablegen. Sie grinste breit in die Kamera und winkte ihrer Familie im fernen Japan zu. „Was soll ich sagen?“, lachte sie und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Man sagt, ein Gürteltier sei unbeweglich, aber heute haben wir gezeigt, dass wir die Welt beben lassen können! Tian war ein harter Brocken, das gebe ich zu, aber wir hatten den besseren Plan. Und…“, sie warf einen kurzen, respektvollen Blick zu Gou, „…wir haben den besten Captain, den man sich wünschen kann.“
Ryan Hunt, der noch kurz zuvor nach seiner Niederlage gegen Zhi-Jun so frustriert gewirkt hatte, wirkte nun wie ausgewechselt. Er hielt den Kopf hoch, die Arroganz war einer echten, selbstbewussten Fassung gewichen. „Ich habe heute die wichtigste Lektion meiner Karriere gelernt“, gab er ehrlich zu, während er sein Blade in der Hand drehte. „Glacius ist eine Waffe, aber erst durch das Team wird er zur Legende. Wir sind vielleicht alle verschieden...Polen, Australien, USA, Japan...aber hier auf dem Feld gab es keine Grenzen mehr.“
Zuletzt trat Seiya Miyazaki vor. Er war der Ruhigste von allen, doch seine violetten Augen leuchteten vor tiefer Zufriedenheit. Er verbeugte sich kurz, eine Geste der Höflichkeit, die typisch für seine japanische Herkunft war. „Wir haben nicht nur gegen die New White Tigers gekämpft“, sagte er leise, doch seine Stimme trug klar über das immer noch brandende Publikum. „Wir haben gegen unsere eigenen Zweifel gekämpft. Wenn man den Wind nicht einfangen kann, muss man lernen, mit ihm zu fliegen. Das haben wir heute getan.“
In diesem Moment war der Druck des Turniers von ihnen abgefallen. Sie waren nicht mehr nur Blader von verschiedenen Kontinenten...sie waren eine Einheit.
In der VIP-Loge beobachteten Kai und Nami diese Szene mit einem Gefühl, das sie kaum in Worte fassen konnten. Kai beobachtete vor allem das Zusammenspiel der fünf. Er erkannte in ihren Bewegungen, in ihrem respektvollen Umgang miteinander, genau das, was er damals in seiner eigenen Zeit oft schmerzlich vermisst oder erst spät...mit Hilfe der Bladebrakers und G-Revolution gelernt hatte.
„Sie haben es geschafft“, flüsterte Nami und legte ihren Kopf an Kais Schulter. „Gou hat nicht nur ein Team geformt. Er hat eine zweite Familie gefunden, die ihn so akzeptiert, wie er ist.“
Kai legte seinen Arm um sie und drückte sie sanft an sich. Sein Blick blieb bei seinem Sohn hängen, der gerade lachend eine Geste von Emilia abwehrte, als diese ihn spielerisch in den Schwitzkasten nahm. „Er hat mehr erreicht als nur den Titel, Nami“, antwortete Kai leise. „Er hat das Vermächtnis in die Zukunft getragen, ohne davon erdrückt zu werden.“
Der Jubel in der Arena schwoll erneut an, als die fünf Teammitglieder gemeinsam die Trophäe in die Höhe stemmten. Es war ein Bild, das in die Geschichtsbücher eingehen würde...ein Augenblick des Triumphs, der weit über den Sport hinausging.
Die Stunden nach der Siegerehrung vergingen wie in einem Rausch. Die gigantische Londoner Arena, die eben noch von zehntausenden Stimmen bebte, kehrte langsam zur Ruhe zurück, als sich die Tribünen leerten. Ein sanftes Dämmerlicht legte sich über die Szenerie, während das Reinigungspersonal damit begann, die Spuren des epischen Turniers zu beseitigen.
Hinter den Kulissen, in einem der inneren, nobel ausgestatteten Tagungsräume, hatte sich die neue Elite des Beyblade-Sports versammelt. Der Raum war in ein warmes, indirektes Licht getaucht, und auf einem großen Eichentisch warteten bereits Karaffen mit Erfrischungen und eine edle Auswahl an Snacks.
Die Stimmung war eine Mischung aus Erschöpfung und tiefem Respekt. Ray Kon stand am Fenster und blickte nach draußen, bevor er sich mit einem ruhigen Lächeln zu Gou umdrehte. Er trat auf den jungen Weltmeister zu und legte ihm respektvoll die Hand auf die Schulter. „Gou“, sagte er mit einer Stimme, die ehrliche Bewunderung widerspiegelte, „was du und dein Team heute geleistet habt, sprengt alle Vorstellungen. Ich bin tief beeindruckt, wie du dein Erbe mit deiner eigenen Identität verschmolzen hast.“ Sein Blick wurde kurz ernst. „Die Sache mit dem Ritter… das war jenseits von allem, was wir über Bit-Beasts wissen. Irgendwann, wenn ich wieder in Japan bin, müssen wir uns darüber unterhalten. Ich glaube, wir haben beide noch einiges darüber zu lernen...vorallem aber ich.“
Gou nickte knapp, ein Zeichen des gegenseitigen Respekts. „Ich freue mich darauf, Ray.“
Währenddessen hatte sich eine kleine Gruppe gebildet. Tian, der Neffe von Ray, stand Kai Hiwatari gegenüber. Der junge Blader musterte die lebende Legende mit einer Mischung aus Vorsicht und Faszination. Man sah ihm an, dass er innerlich damit kämpfte, wie er mit jemanden umgehen sollte, dessen Namen in den Geschichtsbüchern stand. Plötzlich brach er das Schweigen, fast ein wenig zu trocken: „Mein Vater… Lee… hat mir von dir erzählt. Um ehrlich zu sein, ich glaube, er kann dich bis heute nicht besonders leiden.“
Nami, die gerade an Kais Seite stand, musste bei dieser direkten Art des Jungen laut loslachen. Der Moment war zu komisch, um ihn ernst zu nehmen. Als Tian sich abwandte, um sich dem Buffet zuzuwenden, beugte sich Nami zu Kai hinüber, ihre Augen funkelten vor Heiterkeit, und sie flüsterte ihm mit einem verschmitzten Lächeln ins Ohr: „Woran das wohl liegen mag, hm? Vielleicht liegt es daran, dass du Lee bei jedem Duell so gründlich in den Schatten gestellt hast, dass er seinen Stolz bis heute nicht ganz sortiert bekommen hat?....oder...daran, dass du seine Ehefrau zuerst hattest?“
Kai schnaubte leise, ein seltenes, amüsiertes Glänzen in seinen roten Augen, während er den Blick nicht von seinem Sohn ließ, der gerade mit seinem Team und Mr. Dickenson anstieß.
Mr. Dickenson selbst wirkte zufrieden, ja fast schon gelassen. Er hob sein Glas in die Runde. „Ein Turnier, das in die Geschichte eingehen wird“, proklamierte er. „Respekt gegenüber dem Gegner ist der wahre Sieg, und heute Abend hat dieser Raum mehr davon gesehen als je zuvor.“
Gou stand in der Mitte seiner Teamkollegen, Hiromi neben ihm. Sie stießen leise an, das Klirren der Gläser war ein friedliches Geräusch in dem sonst so durch stählerne Bey-Kämpfe geprägten Tag. Gou blickte über den Raum. Sein Vater, seine Mutter, seine Geschwister, seine Freunde und sogar seine einstigen Rivalen...sie alle waren hier, vereint durch den Sport, den er so sehr liebte.
Er wusste, dass das Leben nach diesem Tag nie wieder dasselbe sein würde, doch in diesem Moment, umgeben von der Stille des Raumes und dem leisen Gemurmel der Gespräche, fühlte er sich zum ersten Mal in seinem Leben absolut dort, wo er sein sollte. Er hatte nicht nur gewonnen...er hatte angefangen, seine eigene Geschichte zu schreiben.
Einige Minuten später....
Hiromi stand eng an Gou gelehnt, ihre Hand fest in seiner verschränkt. Während die erfahrenen Blader wie Kai und Ray noch über die Feinheiten der Bit-Beast-Manifestation philosophierten, war das jüngere Team... allen voran Violeta, Emilia, Ryan und Seiya...damit beschäftigt, ihren Captain und Hiromi aus dem Augenwinkel zu beobachten.
Die Blicke der Teammitglieder waren eine Mischung aus Neugier, Bewunderung und einer guten Portion Verlegenheit. Besonders Emilia, die sonst nie um eine freche Bemerkung verlegen war, beobachtete das Paar mit einem Ausdruck, der zwischen „Ist das wirklich unser Gou?“ und „Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll“ schwankte.
Gou, dessen Sinne als Weltmeister und Hiwatari-Erbe geschärft waren, spürte das heimliche Beobachten sofort. Er ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen, sah die geröteten Wangen von Violeta und Emilia, und dann huschte dieses neue, neckische Schmunzeln über seine Lippen...ein Ausdruck von purer Freiheit, den man bei ihm bisher nur selten gesehen hatte.
Ohne den Blick von seinem Team abzuwenden, vollzog er eine geschmeidige Bewegung. Er zog Hiromi mit einem sanften, aber bestimmten Zug an der Hand näher an sich, bis sie direkt vor ihm stand. Er legte seine freie Hand an ihren Rücken und schenkte ihr einen tiefen, langen Kuss auf die Lippen. Es war keine hastige Geste; es war ein Statement. Es war eine Zuneigung, die so offen und leidenschaftlich war, dass sie die gesamte Aufmerksamkeit des Raumes auf sich zog.
Für einen Moment blieb die Welt um sie herum stehen. Hiromi, völlig überrumpelt von der plötzlichen Intimität, weitete zunächst die Augen, bevor sie sich völlig der Geste hingab. Sie ließ ihre freie Hand sanft an Gous Brustkorb ruhen und erwiderte den Kuss voller Liebe und Hingabe, während ihre Wangen in einem leuchtenden Rot erstrahlten.
Als Gou sich schließlich löste, blieb er ihr nah, die Stirn an ihre gelehnt, und warf seinen Teamkollegen erneut dieses herausfordernde, amüsierte Schmunzeln zu.
Der Effekt war augenblicklich. Violeta erstarrte, als hätte man sie mitten im Satz eingefroren, während ihr die Röte von den Wangen bis in den Haaransatz stieg. Emilia, die sich normalerweise immer als die „Furchtlose“ gab, schaute hastig auf ihre eigenen Schuhe und begann, verlegen an einem Ärmel zu zupfen. Ryan und Seiya wussten gar nicht, wohin mit ihrem Blick – Ryan räusperte sich laut und tat so, als wäre der Inhalt seines Glases plötzlich die interessanteste Entdeckung des Abends.
„Ich dachte wirklich, er wäre eine Eismaschine in Menschengestalt...durch und durch“, murmelte Ryan kaum hörbar zu Seiya, während er versuchte, seine eigene Verlegenheit hinter einem Schluck Wasser zu verbergen.
Kai, der das Geschehen aus einiger Entfernung beobachtet hatte, konnte sich ein erneute kurzes, trockenes Schnauben nicht verkneifen. Er tauschte einen vielsagenden Blick mit Nami aus, in dem so viel stand wie:
„Er hat eindeutig mehr von dir als von mir.“
Nami musste leise kichern und legte ihren Kopf wieder an Kais Schulter, während sie die Szene genoss. Sie sah ihren Sohn, wie er da stand...den Weltmeistertitel im Rücken, das Mädchen, dass er liebte, in den Armen und ein freches Schmunzeln im Gesicht, das die unnahbare Maske der Hiwataris endgültig gesprengt hatte.
Hiromi schlang verlegen, aber glücklich, ihre Arme um Gous Taille und versteckte ihr Gesicht an seiner Brust, während sie das leise Lachen ihrer Freunde und die betretene Stille des Teams hörte. Gou dagegen ließ das leichte Lächeln nicht los. Er hatte heute nicht nur bewiesen, dass er ein Champion im Ring war...er hatte auch gezeigt, dass er sich das Recht herausnahm, das Leben außerhalb des Kampfes nach seinen eigenen Regeln zu führen.
Zu Tisch
Nach der elektrisierenden Atmosphäre im Stadion fühlte sich die Ankunft in Davies Hall an wie das Betreten einer anderen Welt. Das majestätische Anwesen der Familie Davies lag friedlich am Rand des nächtlichen London, die Auffahrt gesäumt von alten Laternen, die ein warmes, goldenes Licht auf den Kies warfen.
Die Gruppe...die erschöpften, aber glücklichen Weltmeister von B-Revolution, die New White Tigers mit Ray und seinem Neffen Tian, sowie natürlich Kai, Nami und ihre Kinder...betrat die riesige Eingangshalle. Die hohen Decken und die Ahnenporträts an den Wänden verliehen dem Abend eine feierliche Schwere, die nun durch das aufgeregte Geplapper und das Lachen der Jugendlichen durchbrochen wurde.
Mr. Dickenson wirkte sichtlich zufrieden, sein Lebenswerk in so fähigen Händen zu sehen, während sie sich alle in Richtung des großen Speisesaals bewegten, wo eine lange Tafel festlich gedeckt war.
Bevor sie sich jedoch setzten, trat Graham vor. Er wirkte in der vertrauten Umgebung von Davies Hall noch ein Stück würdevoller, fast so, als wäre er hier der eigentliche Herr des Hauses. Er wartete einen Moment der relativen Ruhe ab und räusperte sich dezent.
„Master Kai, Madame Nami“, begann er mit seiner unerschütterlich ruhigen Stimme. „Da wir uns bald wieder auf den Rückweg zum Anwesen nach Japan begeben, ist dies meiner Meinung nach der passende Moment, um eine Angelegenheit zu klären, die ich mit dem Master vor der Abreise besprochen hatte.“
Er gab einen kurzen, kaum merklichen Wink in Richtung der großen Flügeltüren. Zwei Gestalten traten ein, deren Erscheinung sofort einen interessanten Kontrast bildete.
„Zunächst darf ich Ihnen Ramsay vorstellen“, sagte Graham und deutete auf den Mann dessen lichter werdendes Haar so akkurat saß, als wäre jedes einzelne Haar mit einem Lineal ausgerichtet worden. Ramsay stand kerzengerade, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, sein Gesichtsausdruck war ein Ebenbild von Grahams unerschütterlicher Professionalität. „Ramsay wird mich künftig als zweiter Butler unterstützen. Er versteht die Anforderungen unseres Hauses auf eine Weise, die heutzutage kaum noch zu finden ist.“
Ramsay verneigte sich militärisch korrekt vor Kai und Nami, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen. „Es ist mir eine Ehre, Sir, Ma'am.“
Dann deutete Graham auf die Dame neben ihm, und die Atmosphäre im Raum schien sich augenblicklich um einige Grad zu erwärmen. „Und dies ist Harriet. Sie wird die Position der Haushälterin übernehmen und mich in der Führung des Anwesens entlasten.“
Harriet, mit ihrem weißen Lockenkopf und der kleinen, runden Brille auf der Nasenspitze, strahlte eine solche mütterliche Güte aus, dass selbst der kühle Speisesaal von Davies Hall plötzlich gemütlicher wirkte. Als sie die Kinder sah...die natürlich größer und älter waren, als sie geglaubt hatte...vor allem die kleine Sayuri, die mit großen Augen zu ihr hochblickte...konnte sie ihr herzliches Lächeln nicht mehr zurückhalten.
„Oh, Graham hat ja nicht zu viel versprochen! Er hat nur nicht erwähnt, dass ihr schon so...groß seid“, platzte es fast aus ihr heraus, während sie ihre Schürze glattstrich. „Vier Seelen! Ich freue mich schon so darauf, euch alle zu bekochen und dafür zu sorgen, dass es euch an nichts fehlt.“
Nami musste unwillkürlich lächeln. Während Ramsay die notwendige Strenge mitbrachte, war Harriet genau der Gegenpol, den das Ayame-Anwesen brauchte. Nami warf Kai einen vielsagenden Blick zu, der sah, wie Harriet bereits jetzt eine fast magnetische Anziehungskraft auf die Kinder ausübte.
Kai betrachtete Ramsay einen Moment lang schweigend. Er erkannte die Disziplin in den Augen des Mannes...eine Qualität, die er schätzte und respektierte. Dann wanderte sein Blick zu Harriet, die gerade dabei war, Ayumi und Ren ein warmes Zwinkern zuzuwerfen. Kai wusste sofort, dass Graham hier einen strategischen Schachzug begangen hatte: Harriet würde zweifellos versuchen, seine stoische Maske mit Herzlichkeit aufzuweichen.
„Willkommen in der Familie“, sagte Kai schlicht, doch sein kurzes Nicken in Grahams Richtung war ein Zeichen höchster Anerkennung. „Graham vertraut euch. Das ist alles, was ich wissen muss.“
„Danke, Sir“, antwortete Ramsay knapp. Harriet hingegen vollzog einen kleinen Knicks, wobei ihre Augen hinter den Brillengläsern vor Vorfreude funkelten. „Wir werden das Anwesen mit noch mehr Leben füllen als zuvor, verlassen Sie sich darauf!“
Während einige Minuten später das späte Abendessen serviert wurde, füllte sich der Raum mit neuer Energie. Das Klappern von feinem Porzellan und der Duft der frisch zubereiteten Speisen bildeten die Kulisse für ein Gespräch, das Ray Kon schon eine ganze Weile auf der Zunge gebrannt hatte. Er beobachtete, wie Harriet und ihr junger Kollege sich mit einer Mischung aus militärischer Präzision und britischer Herzlichkeit in den Ablauf des Hauses integrierten.
Ray lehnte sich mit einem vielsagenden Grinsen zu Kai hinüber. „Zwei neue Kräfte direkt aus dem Herzen der Davies-Familie? Du rüstest ja richtig auf, Kai“, stellte er fest und senkte die Stimme ein wenig. „Ich wage mal zu behaupten, dass Nami und du die Einzigen in ganz Tokio sind, die sich ein derart herrschaftliches Anwesen leisten...inklusive einer kompletten Butler-Delegation direkt aus England.“
Kai hob die Braue und warf Ray einen Seitenblick zu. Er wusste genau, worauf sein alter Teamkollege anspielte; Ray amüsierte sich sichtlich seit Jahren über den beinahe aristokratischen Wandel in Kais Lebensstil.
„Es war mein Erbe“, erklärte Kai trocken, während er seinen Wein schwenkte. „Ich habe es ursprünglich nur angenommen, weil Nami vom ersten Moment an in dieses Haus vernarrt war. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte es ein modernes Penthouse in der Innenstadt genauso getan. Weniger Flure, weniger Geschichte.“
Er hielt kurz inne und sah zu, wie Graham Harriet mit einem knappen, aber anerkennenden Nicken instruierte. Ein amüsiertes Funkeln trat in Kais Augen, und ein Hauch von Ironie schwang in seiner Stimme mit, als er fortfuhr: „Außerdem gab es Graham damals quasi gratis dazu. Und wie du siehst, habe ich jetzt keine Wahl mehr...Graham akzeptiert als Unterstützung nur Personal, das er für würdig genug erachtet. Ich beuge mich lediglich dem Protokoll.“
Nami, die das Ende des Gesprächs mitgehört hatte, lachte hell auf. Sie lehnte sich zu Kai und flüsterte ihm ins Ohr: „Gib es zu, du genießt es insgeheim. Ich glaube, Graham hat uns ein Geschenk gemacht, das wir erst noch begreifen müssen. Pass nur auf, Kai... Harriet wird dich irgendwann noch dazu bringen, schon beim Frühstück zu lachen.“
Kai schnaubte leise, doch das Funkeln in seinen Augen blieb, während er einen Schluck Wein nahm. Am anderen Ende des Tisches hielt Gou noch immer Hiromis Hand unter der Tischplatte, während er die neuen Hausgenossen mit respektvollem Blick beobachtete. Die Atmosphäre in Davies Hall fühlte sich plötzlich viel lebendiger an...fast so, als würde das alte Haus selbst tief durchatmen.
Das Klirren des Bestecks verstummte augenblicklich, als die schweren Flügeltüren des Speisesaals erneut aufschwangen. Ein junger Davies-Butler, der unter dem strengen Blick von Ramsay und Graham sichtlich bemüht war, seine Haltung zu bewahren, trat vor und kündigte mit fester Stimme den unerwarteten Besuch an: „Die Herren Robert, Alastair und Oliver Thorne.“
Die Luft im Raum schien schlagartig kälter zu werden. Kai legte sein Weinglas mit einer langsamen, fast bedrohlichen Präzision ab. Sein Blick fixierte Robert Thorne – den Mann, den er noch als den unnachgiebigen Anführer der Majestics, Robert Jürgens, kannte. Robert sah kaum gealtert aus, doch die Last des jüngsten Skandals hatte tiefe Furchen in seine Stirn gegraben.
Hinter ihm folgten sein Sohn Alastair, der die kühle Distanz seines Vaters geerbt hatte, und sein Neffe Oliver. Robert wartete nicht auf eine Einladung. Mit einem unterdrückten Knurren gab er Oliver einen unsanften Schubs gegen das Schulterblatt, der den Neunzehnjährigen stolpern ließ.
Robert ergriff das Wort, seine Stimme fest, aber von einer unterdrückten Wut gegenüber seinem eigenen Fleisch und Blut gezeichnet. „Kai. Nami.“ Er nickte ihnen kurz zu, bevor sein Blick zu Gou wanderte. „Gou Hiwatari, mein Glückwunsch zum Sieg. Du hast heute eine Ehre bewiesen, die in anderen Teilen meiner Familie offenbar verloren gegangen ist.“
Er atmete schwer aus und funkelte Oliver aus den Augenwinkeln an. „Ich bin hier, um mich für die Schande zu entschuldigen, die der Name Thorne über dieses Turnier gebracht hat. Der Datenmissbrauch, der Hinterhalt gegen B-Revolution... es ist ein Fleck auf unserem Wappen, den ich nicht dulden werde.“ Er verpasste Oliver erneut einen Schubs. „Rede. Erklär den Hiwataris, warum du geglaubt hast, die Regeln der Ehre außer Kraft setzen zu können.“
Oliver, dessen hellblondes Haar perfekt frisiert war, wich Kais flammend roten Augen direkt aus. Sein Blick krallte sich förmlich an einem leeren Weinglas auf der Tafel fest. „Es tut mir leid“, zischte er so leise und zerknirscht, dass es fast im Raum unterging.
„Sie... sie hatten Dokumente“, presste Oliver hervor, die Finger so fest in seine Handflächen gegraben, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Informationen über die Thorne-Finanzen, die niemals ans Licht kommen durften. Ich dachte, ich könnte die Familie retten, wenn ich tue, was sie verlangen. Ich sollte die Algorithmen der magnetischen Felder hier in London verschleiern... die Resonanz der Bit-Beasts stören, damit die Blades unberechenbar werden. Es sollte so aussehen, als sei die Technik der Tachiwari-Corporation und von Tachibey Industries fehlerhaft. Sie wollten, dass eure Aktien abstürzen,... dass ihr als Konkurrenz vom Weltmarkt verschwindet.“
Ein verächtliches Schnauben entwich Robert Thorne, der seinen Neffen immer noch mit brennendem Zorn fixierte.
„Und wer sind 'sie', Oliver?“, verlangte Robert zu wissen, seine Stimme ein gefährliches Grollen.
„Ich... ich weiß es nicht!“, stammelte Oliver verzweifelt. „Alles lief über verschlüsselte Server und anonyme Konten im Ausland. Ich kenne keinen Namen, nur die Anweisungen.“
Oliver wollte gerade zu einer weiteren Entschuldigung ansetzen, als Kai langsam die Hand hob. Die Geste war minimal, aber sie brachte Oliver sofort zum Schweigen, als hätte man ihm die Kehle zugeschnürt. Kai erhob sich nicht, doch seine bloße Präsenz am Kopf der Tafel schien den Raum auszufüllen.
„Genug“, sagte Kai ruhig, seine Stimme so kalt wie das Eis von Glacius. „Ich habe genug gehört.“
Er lehnte sich ein Stück zurück und musterte den jungen Thorne mit einem Blick, der Oliver bis ins Mark zu erschüttern schien. „Es ist nicht das erste Mal, dass Unternehmen versuchen, die Tachiwari-Corporation mit billigen Tricks aus dem Rennen zu kicken. Aber dass sie meine Familie und den Sport selbst als Spielfigur in ihrem Schmierentheater benutzen...“ Ein gefährliches Funkeln trat in seine roten Augen. „Das ist eine neue Dimension der Respektlosigkeit.“
Nami legte ihre Hand sanft auf Kais Unterarm. Sie spürte die kontrollierte Wut unter seiner Haut, doch Kai blieb beherrscht. Er sah zu Robert, dessen Stolz sichtlich gebrochen war.
„Dies ist wohl die Schattenseite des Erfolges“, fuhr Kai fort. „Ich werde darauf verzichten, die Familie Thorne rechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Robert, dein Name hat genug gelitten durch die Disqualifikation deines Teams. Betrachte es als eine Warnung der Vergangenheit an die Zukunft.“
Dann fixierte er Oliver erneut mit einem dunklen, fast raubtierhaften Blick. „Es war ein Fehler. Aber sorge dafür, dass dieser Fehler sich niemals wiederholt. Es wird keine zweite Gnade geben.“
„N-Niemals!“, stammelte Oliver, dessen Arroganz komplett in sich zusammengebrochen war. „Ich werde so etwas nie wieder tun, Sir. Ich schwöre es!“
Kai wandte den Blick ab, als wäre Oliver für ihn bereits nicht mehr existent, und sah zu Stanley Dickenson hinüber. Der alte Herr saß am anderen Ende der Tafel und wirkte sichtlich überfordert. Er hatte bereits an einer moralischen Standpauke über den Geist des Beybladens gearbeitet, doch Kais kühle, geschäftsmännische Art der Abwicklung hatte ihm den Wind aus den Segeln genommen.
Mr. Dickenson räusperte sich unsicher, die Brille auf die Nase rückend. Er blickte zwischen Kai und Robert hin und her, suchte nach den richtigen Worten, während er bemerkte, dass man von ihm nun ebenfalls eine offizielle Reaktion erwartete.
„Nun... ja“, begann Dickenson zögerlich. „Der sportliche Schaden ist immens, aber wenn der geschädigte Hauptsponsor und... nun ja, das Ziel des Anschlags... sich für diesen Weg entscheidet, dann werde ich der BBA nahelegen, den Vorfall intern als abgeschlossen zu betrachten. Dennoch, Robert... die Royal Knights werden eine Sperre für die nächste Saison erhalten. Das ist unumgänglich.“
Robert nickte schwerfällig. „Das ist das Mindeste was wir verdient haben, Stanley.“
Gou beobachtete die Szene schweigend. Er sah, wie sein Vater die Situation mit einer Mischung aus Autorität und kühler Logik gelöst hatte. Er spürte Hiromis Hand in seiner und drückte sie leicht. Der Sieg auf der Arena war eine Sache, doch der Kampf in der Welt der Erwachsenen, der Schatten hinter den Konzernen, schien eine ganz eigene Art von Dunkelheit zu besitzen.
Einige Minuten später...
Als die schweren Flügeltüren hinter Robert Thorne und seinem gedemütigten Anhang ins Schloss fielen, schien der künstliche Frost, der den Raum erfüllt hatte, langsam zu tauen. Kai atmete einmal tief und hörbar durch. Die Anspannung in seinen Schultern wich einer kontrollierten Ruhe. Er ließ Namis Hand, die immer noch auf seinem Arm ruhte, nicht los, sondern führte sie mit einer langsamen, fast rituellen Bewegung zu seinen Lippen. Er drückte einen sanften, aber langen Kuss auf ihre Knöchel, während sein Blick für einen Moment in die Ferne schweifte.
Nami beobachtete ihn aufmerksam. Sie kannte diesen Ausdruck...er kalkulierte nicht mehr, er suchte nach Frieden. Suchend hob sie ihren Blick zu ihm, die Frage stand ihr wortlos ins Gesicht geschrieben.
Kai wandte ihr das Gesicht zu, die Härte in seinen roten Augen war vollständig verschwunden. „Mein Schatz...“, begann er leise, seine Stimme nur für sie bestimmt, „würdest du mit mir morgen durch London spazieren? Nur wir beide. Ohne Kameras, ohne Termine... ich brauche ein wenig Zweisamkeit mit dir bevor wir übermorgen wieder nach Japan fliegen.“
Ein warmes Lächeln stahl sich auf Namis Lippen, doch bevor sie antworten konnte, ließ Kai seinen Blick zu seinen Kindern schweifen, die das Gespräch neugierig mitverfolgt hatten. „Wäre das für euch in Ordnung?“, fragte er in die Runde.
Ren, der wie so oft die Arme vor der Brust verschränkt hatte, hob herausfordernd das Kinn. Er sah seinen Vater mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier an. „Und was genau sollen wir in der Zwischenzeit tun, während ihr beide händchenhaltend durch London schlendert und euch die Schaufenster anseht?“, wollte er wissen, wobei ein kleiner Anflug von Langeweile in seiner Stimme mitschwang.
Kai schmunzelte. Er drehte den Kopf leicht zu Stanley Dickenson, der am anderen Ende des Tisches saß. „Stanley, wäre es in Ordnung, wenn meine Kinder morgen eine exklusive Führung durch das Londoner BBA-Hauptquartier bekommen? Ich denke, sie würden gerne sehen, wo die Fäden des Weltverbands zusammenlaufen.“ Er hielt kurz inne und sah dann wieder zu seinen Kindern. „Und anschließend könnte Ramsay euch zeigen, wo es in London den absolut besten Kuchen gibt. Er kennt die Stadt sicher besser als jeder Reiseführer.“
Rens Augenbraue zuckte nach oben. Die Erwähnung des BBA-Hauptquartiers hatte sein Interesse geweckt, aber das Versprechen auf den besten Kuchen der Stadt besiegelte das Geschäft. Ayumi und Sayuri wechselten einen begeisterten Blick und fingen sofort an zu grinsen. „Kuchen klingt nach einem sehr guten Plan!“, verkündete Sayuri vergnügt.
Gou, der alles beobachtet hatte, spürte, wie sich die Last der letzten Tage endgültig von seinen Schultern löste. Er sah zu Hiromi, die immer noch dicht an seiner Seite saß, und ein kleiner, verschmitzter Funke trat in seine Augen.
„Was meinst du, Hiromi?“, fragte er leise, aber laut genug, dass seine Eltern es hören konnten. „Wäre es für dich in Ordnung, wenn wir morgen genau dasselbe machen wie meine Eltern?“ Er schmunzelte kurz in Kais Richtung. „Natürlich am anderen Ende von London. Ich habe sicher keine Lust, ihnen zufällig über den Weg zu laufen, während sie romantisch werden.“
Ein unterdrücktes Lachen ging durch die Runde. Kai zog eine Augenbraue hoch, doch das Amüsement in seinem Gesicht war unübersehbar. „Ein weiser Entschluss, Gou“, kommentierte er trocken. „London ist groß genug für zwei Generationen Hiwataris auf Abwegen.“
Nami lachte hell auf und drückte Kais Hand fest. „Dann ist es abgemacht. Ein Tag für die Familie...jeder auf seine Weise.“
In diesem Moment traten Ramsay und Harriet wieder näher, als hätten sie nur auf das Signal gewartet. Während Ramsay bereits begann, den Kindern leise Details über die morgige Route und die verschiedenen Kuchensorten zu flüstern, servierte Harriet den nächsten Gang mit einer mütterlichen Wärme, die die letzten Reste der Thorne-Eskapade endgültig aus dem Gedächtnis strich.
Der späte Abend senkte sich über Davies Hall, und mit ihm kehrte eine Ruhe ein, die nach den stürmischen Ereignissen des Tages fast surreal wirkte. Es war mittlerweile 21:45 Uhr. Die schweren Vorhänge im Speisesaal waren zugezogen, und das sanfte Licht der Kamine warf tanzende Schatten an die Wände.
Ray Kon erhob sich schließlich von seinem Platz. Er wirkte erschöpft, aber sichtlich zufrieden. Er trat zu Kai und Nami, ein ehrliches Lächeln auf den Lippen.
„Es wird Zeit für uns“, sagte Ray und reichte Kai die Hand. „Tian und ich müssen noch einiges vorbereiten, bevor wir morgen Mittag unseren Rückflug antreten.“ Er wandte sich zu Nami und drückte kurz ihre Hand. „Sag Eric, danke für die Gastfreundschaft. Und keine Sorge... ich werde mein Versprechen halten. Ich komme bald wieder nach Japan. Es gibt da schließlich noch ein paar Dinge über ritterliche Bit-Beasts, die ich mit Gou besprechen muss.“
Kai nickte Ray kurz und fest zu. „Du bist jederzeit willkommen, Ray. Pass auf dich auf.“
Nachdem sich Ray, Tian und der Rest der Gäste...darunter auch die Teammitglieder von B-Revolution, die sich gegenseitig stützend in ihre Quartiere verabschiedeten...zurückgezogen hatten, kehrte eine intime Stille in die Halle zurück. Auch Mr. Dickenson hatte sich mit einem väterlichen Lächeln verabschiedet, sichtlich erleichtert, dass der Skandal um die Thornes so glimpflich abgewickelt worden war.
Nami spürte, wie die Müdigkeit nun mit voller Wucht zuschlug. Der Jetlag, der Adrenalinrausch des Turniers und die emotionale Anspannung forderten ihren Tribut. Kai schien es zu bemerken. Er legte den Arm um ihre Taille und gemeinsam führten sie Sayuri nach oben in den Schlaftrakt.
Die Siebenjährige war sichtlich stolz auf ihr eigenes Reich in Davies Hall. Das Zimmer war in zarten Cremetönen gehalten, mit schweren, antiken Möbeln, die für sie wie aus einem Märchenschloss wirkten. Harriet hatte bereits das Bett aufgeschlagen und ein kleines Nachtlicht angezündet. Sayuri kletterte mit einem gähnenden Lächeln unter die Decke, die Augen bereits halb geschlossen.
„Schlaf gut, kleine Prinzessin“, flüsterte Nami und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sayuri murmelte nur noch etwas Unverständliches über Kuchen und Ritter, bevor sie tief einschlief.
Draußen auf dem Flur nahm Kai wieder Namis Hand. Seine Finger verschränkten sich fest mit ihren. Er sah sie an und bemerkte die dunklen Schatten unter ihren Augen. „Komm“, sagte er leise. „Die Kinder sind versorgt. Gou und die Zwillinge sind alt genug, um den Abend allein ausklingen zu lassen.“
Er führte sie den langen Korridor entlang zur Davies Suite, dem prunkvollsten Rückzugsort des Anwesens, der traditionell den Familienoberhäuptern vorbehalten war. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, fühlte Nami, wie die Last des Tages endgültig abfiel. Die Suite war riesig und einem Bett, das so einladend wirkte, dass Nami am liebsten sofort darin versunken wäre.
Kai beobachtete sie, wie sie sich mühsam gegen die Erschöpfung stemmte. Er trat hinter sie, legte die Hände auf ihre Schultern und massierte sanft den Nacken. „Du bist am Ende deiner Kräfte...der Jetlag nimmt dich definitiv mehr mit als mich“, stellte er fest, seine Stimme tief und beruhigend. „Keine Sorge. Morgen gehört der Tag nur uns.“
Nami lehnte ihren Kopf nach hinten gegen seine Brust und schloss die Augen. „Nur wir beide“, hauchte sie müde. „Ich kann es kaum erwarten.“
Erinnerungen ♡
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Gou und Hiromi
Während Kai und Nami in Mayfair in alten Erinnerungen schwelgten, genossen Gou und Hiromi die milde Brise, die von der Themse herüberwehte. Greenwich zeigte sich von seiner besten Seite...die weißen Fassaden des Old Royal Naval College strahlten im Sonnenlicht, und die Weite des Parks bot eine willkommene Abwechslung zum dichten Gedränge der Londoner City.
Gou schlenderte mit einer Gelassenheit durch die Straßen, die er sichtlich von seinem Vater geerbt hatte. Seine Hände tief in den Taschen vergraben, beobachtete er das Treiben um sich herum mit wachen Augen. Hiromi an seiner Seite wirkte ebenso entspannt, auch wenn sie immer wieder einen neugierigen Blick auf die historischen Gebäude warf.
„Endlich mal ein Tag ohne Vorträge über Taktik oder Familienpolitik“, stellte Gou fest und atmete tief durch. Er sah zu Hiromi hinüber und ein schmales Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. „Ich glaube, wir haben die richtige Entscheidung getroffen, uns heute von der ‚Sichtweite‘ meiner Eltern zu entfernen.“
Hiromi lachte leise. „Du meinst, bevor dein Vater anfängt, die Londoner Architektur nach strategischen Beyblade-Positionen zu analysieren? Ja, definitiv.“
Sie steuerten auf den Greenwich Park zu, den Hügel hinauf in Richtung des Royal Observatory. Der Aufstieg war steil, doch oben angekommen, wurden sie mit einem Panoramablick belohnt, der selbst den sonst so beherrschten Gou für einen Moment innehalten ließ. Die Skyline von Canary Wharf glitzerte auf der anderen Seite des Flusses wie eine Stadt aus Glas und Stahl.
„Dort unten verläuft der Nullmeridian“, erklärte Hiromi und deutete auf die Markierung im Boden, um die sich Scharen von Touristen drängten. „Ein Fuß in der westlichen Hemisphäre, einer in der östlichen.“
Gou verschränkte die Arme vor der Brust. „Interessant. Aber eigentlich...“, er hielt kurz inne und sein Blick wanderte zu der weiten Rasenfläche unterhalb des Observatoriums, „...ist das hier oben ein verdammt guter Ort für ein taktisches Training. Die Windverhältnisse sind perfekt.“
Hiromi schüttelte amüsiert den Kopf. „Gou, wir sind hier, um uns zu entspannen, nicht um ein Training zu planen.“
„Ich plane nicht“, entgegnete er trocken, doch das Funkeln in seinen dunklen Augen verriet ihn. „Ich beobachte nur das Potenzial der Umgebung. Gewohnheit, schätze ich.“
Sie schlenderten weiter durch den Park, vorbei an den alten Kastanienbäumen, bis sie eine ruhigere Bank abseits der Hauptwege fanden und sich darauf setzten.
„Glaubst du, Ren hat Stanley Dickenson schon in den Wahnsinn getrieben?“, fragte Hiromi grinsend, während sie sich setzte.
Gou setzte sich neben sie und legte seine Hand auf ihren Oberschenkel. „Wahrscheinlich hat er bereits das Sicherheitsprotokoll des gesamten BBA-Hauptquartiers umgeschrieben. Mein Bruder kennt keine Gnade, wenn er eine logische Lücke findet. Seit einiger Zeit hat er ein beachtliches Interesse dafür entwickelt. Man sieht es ihm im ersten Moment zwar nicht an aber...er ist sehr intelligent.“ Er lehnte sich zurück und blickte in den strahlend blauen Himmel. „Aber solange sie beschäftigt sind, haben wir unsere Ruhe. Ich genieße es, mal nicht der 'Sohn von Kai Hiwatari' zu sein, sondern einfach nur hier zu sitzen.“
Hiromi beobachtete ihn von der Seite. Sie sah die Ähnlichkeit zu seinem Vater...nicht nur im Aussehen, sondern in dieser unnahbaren, aber dennoch präsenten Ausstrahlung. Doch Gou hatte seine eigene Art, die Welt zu sehen.
„Was denkst du, wie es nach London weitergeht?“, fragte sie leise. „Zurück in Japan wartet wieder das übliche Chaos.“
Gou schwieg einen Moment. Er dachte an sein Team, an die Trainingseinheiten nach der Schule und an Makoto, der oft dabei war und ihn auf seine Art forderte. „Das Chaos gehört dazu. Aber Tage wie dieser... sie helfen, den Fokus zu behalten.“ Er sah sie direkt an. „Außerdem haben wir noch ein paar Stunden, bevor wir zurück nach Davies Hall müssen. Was hältst du von einem Abstecher zum Cutty Sark? Das alte Segelschiff soll beeindruckend sein.“
Hiromi lächelte und stand auf. „Klingt nach einem Plan. Solange du nicht versuchst, auf den Mast zu klettern, um die Aussicht zu testen.“
„Versprechen kann ich nichts“, erwiderte Gou mit einem seltenen, jungenhaften Grinsen und folgte ihr den Hügel hinunter.
Sie ließen das Observatorium hinter sich und schlenderten die sanft abfallenden Wege des Greenwich Parks hinunter. Die Touristenströme wurden dünner, je weiter sie sich den prachtvollen schmiedeeisernen Toren am Ausgang näherten. Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras und dem herben Salz des nahen Flusses.
Gou, der bisher schweigend neben ihr gegangen war, verlangsamte seinen Schritt. Fast beiläufig, aber mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel zuließ, suchte seine Hand nach ihrer. Er griff nach Hiromis Fingern und verschränkte sie fest mit seinen eigenen. Die Wärme seiner Handfläche sickerte augenblicklich durch ihre Haut und ließ Hiromis Herz einen kleinen Sprung machen.
Er blieb stehen, als sie den Rand des Parks erreichten, und wandte sich ihr vollends zu. Sein Blick, der oft so kühl und beobachtend sein konnte, war in diesem Moment entwaffnend offen.
„Hiromi“, begann er leise, und der Name klang auf seinen Lippen fast wie ein Versprechen. „Ich liebe dich.“ Er hielt kurz inne, als müsste er die Wirkung dieser Worte selbst erst begreifen. „Und es tut mir leid, dass du so lange darauf warten musstest... obwohl du mir diese Worte schon viel früher gesagt hast als ich dir.“
Hiromi sah ihn einen Moment lang einfach nur an, berührt von der ungeschminkten Ehrlichkeit in seiner Stimme. Dann schüttelte sie sanft den Kopf, löste ihre Hand aus seinem Griff, nur um ihre Arme fest um seinen Nacken zu schlingen und ihn näher zu ziehen.
„Es ist okay, Gou. Wirklich“, flüsterte sie und blickte in sein Gesicht, das dem seines Vaters so ähnlich sah, aber eine ganz eigene Sanftheit besaß. „Ich war einfach nur ein bisschen schneller als du. Ich habe wohl eher realisiert, dass du der Eine für mich bist. Es ist doch ganz natürlich, dass der eine manchmal etwas länger braucht als der andere, um sich seiner Gefühle sicher zu sein.“
Sie legte ihren Kopf schief und ein amüsiertes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Außerdem... ist dir etwas aufgefallen? Seit das Turnier vorbei ist, redest du wieder viel freier. Du hast diese typische, analytische Professorensprache fast komplett abgelegt.“
Gou blinzelte überrascht. Er dachte kurz über ihre Worte nach und ließ seine letzten Sätze Revue passieren. Nun, da sie es aussprach, bemerkte er es auch. Die komplizierten Satzstrukturen, die Fachbegriffe aus der Thermodynamik und die kühle Distanz eines Dozenten an einer Universität für Physik waren verschwunden. Er sprach einfach wie ein Junge, der bei dem Mädchen war, das er liebte.
Ein kurzes, trockenes Lachen entrang sich seiner Kehle...ein Geräusch, das so echt und unbeschwert klang, dass Hiromi augenblicklich zu strahlen begann.
„Du hast recht“, gab er zu und schüttelte über sich selbst den Kopf. „Ich klinge wohl nicht mehr wie ein wandelndes Lexikon.“
„Und du lachst mehr“, fügte Hiromi leise hinzu, während sie ihre Stirn gegen seine lehnte. „Ich liebe es, wenn du lachst, Gou. Es steht dir viel besser als diese ernste Miene.“
Gou sah sie an, und für einen Moment war da kein Druck, kein Erbe und keine Erwartung...nur das ferne Rauschen der Themse und das Mädchen in seinen Armen.
Dann, ohne ein weiteres Wort, legte er seine freie Hand sanft an ihren Kiefer und zog sie zu sich hinauf. Es war ein langer, zarter Kuss, der ganz ohne die analytische Kühle auskam, die er sich über die Jahre als Schutzschild zugelegt hatte. Es war ein Kuss, der nur aus Gefühl bestand.
Als er sich schließlich langsam von ihr löste, hielt Hiromi die Augen noch einen Moment geschlossen. Ihr Atem ging flacher, und ein leichtes Zittern lief durch ihre Gestalt. „Du kannst so unglaublich gut küssen, Gou“, gestand sie leise, während sie ihre Arme nur widerwillig von seinem Nacken gleiten ließ.
Ein amüsiertes Schmunzeln stahl sich auf sein Gesicht. Er ergriff wieder ihre Hand, verschränkte ihre Finger fest mit seinen und zog sie sanft mit sich mit, weg von den Toren des Parks und hinein in die charmanten Gassen von Greenwich, die zum Flussufer führten.
„Du hast doch gar keinen Vergleich, Hiromi“, bemerkte er trocken, wobei seine granatfarbenen Augen vor Vergnügen blitzten. „Immerhin bin ich dein erster Freund. Woher willst du also wissen, was 'richtiges Können' ist?“
Hiromi schüttelte entschieden den Kopf und hielt mit seinem Schritt mit. „Ich brauche keinen Vergleich, um das zu deuten, was ich fühle. Deine Küsse bereiten mir jedes Mal dieses wahnsinnige Bauchkribbeln. Das ist Beweis genug.“
Gou sah starr geradeaus, doch das Grinsen auf seinen Lippen wurde breiter. „Vielleicht liegt es daran, dass ich all die Jahre unbewusst das Geknutsche meiner Eltern analysiert habe“, entgegnete er mit dieser staubtrockenen Art, die er so perfekt von seinem Vater übernommen hatte. „Ich habe mir die Technik wohl einfach durch Beobachtung von meinem Vater angeeignet. Reine empirische Datenerhebung....oder du bist einfach so verknallt, dass du gar nicht merkst, wie schlecht ich eigentlich bin.“
Hiromi stieß ein helles Lachen aus und verpasste ihm einen spielerischen Stoß in die Seite. „Gou! Das ist furchtbar! Du kannst doch nicht behaupten, dass du deine Küsstechnik im Labor deiner Eltern gelernt hast! Und nein...du bist nicht schlecht...selbst wenn ich verknallt bin.“
Gou wich lachend dem nächsten Stoß aus und zog sie näher an sich, während sie die Uferpromenade erreichten. Die Masten der Cutty Sark ragten bereits vor ihnen in den Himmel, doch sein Blick suchte nach etwas anderem. Unweit des alten Segelschiffs entdeckte er ein kleines, uriges Pub direkt am Wasser. Die dunkle Holzfassade und die Blumenkästen wirkten einladend, und das sanfte Plätschern der Themse gegen die Kaimauer untermalte die friedliche Szene.
„Dort“, entschied er und deutete auf einen kleinen Tisch im Außenbereich, der einen perfekten Blick auf den Fluss bot. „Lass uns dort einkehren. Ich glaube, nach dieser 'wissenschaftlichen' Analyse brauchen wir beide eine Erfrischung.“
Sie setzten sich an den rustikalen Tisch, und während der Kellner ihnen zwei kühle Getränke brachte, genossen sie das Spiel des Lichts auf den Wellen. Die Anspannung der letzten Wochen schien endgültig abgefallen zu sein.
„Glaubst du“, fragte Hiromi leise, während sie an ihrem Glas nippte, „dass wir in Japan auch öfter solche Momente haben werden? Ohne dass das nächste Training oder die Schule dazwischenfunkt?“
Gou legte seine Hand über ihre auf dem Tisch. Sein Blick war nun wieder fest und entschlossen. „Ich werde dafür sorgen, Hiromi. Ich habe heute gelernt, dass es sich lohnt, manchmal einfach nur den Moment zu atmen... ohne ihn in seine physikalischen Bestandteile zu zerlegen.“
Gou ließ seinen Blick über das glitzernde Wasser schweifen, doch seine Gedanken schienen weit weg zu sein, tief vergraben in den Ereignissen des vergangenen Turniers.
„Ich habe in den letzten Tagen viel über Corvus nachgedacht“, begann er leise, und seine Stimme klang bemerkenswert gefasst. „Ich weiß mittlerweile, wie er entstanden ist. Er ist aus der Dunkelheit meines Vaters hervorgegangen...genau in dem Moment, als diese durch die Aura meiner Mutter neutralisiert wurde und seine Aura mit der ihren interagierte. Es war wie eine chemische Reaktion, eine Neuentstehung.“
Er sah zu Hiromi, die ihm aufmerksam zuhörte. „Das ist wohl der Grund, warum Corvus Eigenschaften besitzt, die eigentlich meinem Vater zugeschrieben werden. Und da er ein Teil meiner Seele ist, trage ich diese Züge ebenfalls in mir, obwohl ich ein völlig anderes Leben führe als mein Vater damals. Es ist eine evolutionäre Logik der Bit-Beasts.“
Hiromi hielt ihr Glas in der Hand inne und runzelte leicht die Stirn. „Woher weißt du das alles so genau, Gou? Was macht dich so sicher, dass seine Ursprünge so tief in der Vergangenheit deiner Eltern liegen?“
Gou lehnte sich ein Stück vor, sein Blick wurde intensiver. „Corvus hat mich besucht. In der Nacht vor dem Finale, im Traum. Er hat es mir selbst gesagt. Er erklärte mir auch, dass ich ihn im Turnier in seiner humanen Form rufen solle, wenn ich den wahren Kämpfer in mir brauche.“
Er machte eine kurze Pause und ein leichtes Lächeln, das fast schon erleichtert wirkte, stahl sich auf seine Züge. „Aber das Wichtigste, was er mir sagte, war, dass diese Dunkelheit in mir nur noch Energie ist. Es ist nicht mehr die Art von zerstörerischer Finsternis, die ursprünglich in Kai Hiwataris Herz herrschte. Sie ist nicht schlecht, Hiromi. Sie ist einfach eine besondere Eigenschaft, eine Kraftquelle, die ich nutzen kann, ohne Angst haben zu müssen, mich darin zu verlieren.“
Hiromi atmete tief durch und legte ihre Hand auf seine. „Das erklärt, warum deine Ausstrahlung im Finale so... anders war. Kraftvoll, aber kontrolliert. Ich bin froh, dass du deinen Frieden damit gemacht hast.“
Gou drückte ihre Hand fest. „Ich auch. Es bedeutet, dass ich ich selbst sein kann, ohne das Erbe meines Vaters als Last zu empfinden. Es ist einfach ein Werkzeug, das ich beherrsche.“
Er schwieg einen Moment und starrte erneut auf die dunklen Reflexionen im Wasser der Themse, während er sein Glas langsam zwischen den Fingern drehte. Die Offenheit, mit der er gerade über Corvus gesprochen hatte, schien ihn Kraft gekostet zu haben, denn seine Züge wurden wieder eine Nuance ernster.
„Aber es ist nicht alles nur reine Energie oder eine nützliche Eigenschaft“, fuhr er leise fort, und seine Stimme klang nun fast ein wenig brüchig. „Ich habe wohl leider auch das Pech, dass ich immer wieder Züge von ihm erbe, die nicht seine Stärke widerspiegeln, sondern seinen Schmerz. Das Trauma, das er jahrelang mit sich herumgetragen hat.“
Hiromi beobachtete ihn aufmerksam, ihr Herz zog sich bei seinen Worten ein wenig zusammen. Sie kannte die Geschichten über Kais Vergangenheit...die Härte der Abtei, die Einsamkeit, die Mauer aus Eis.
„Ich merke es oft selbst“, erklärte Gou und sah ihr nun direkt in die Augen. „Diese instinktive Art, nicht zu viel von mir preiszugeben. Dieses Bedürfnis, absolut beherrscht zu sein, egal was in mir vorgeht. Und manchmal...“ Er hielt kurz inne, als müsste er den psychologischen Begriff erst präzise einordnen. „...manchmal entwickle ich so etwas wie Abwehrmechanismen. Ich drücke Gefühle weg oder kehre sie ins Gegenteil um, nur um die Kontrolle nicht zu verlieren. Genau wie er es getan hatte, um zu überleben.“
Er stieß einen leisen Seufzer aus. „Es ist seltsam, etwas in sich zu tragen, das man nie selbst erlebt hat, das aber trotzdem die eigene Persönlichkeit formt.“
Hiromi griff über den Tisch und umschloss seine Hand nun mit beiden Händen, um ihm so viel Wärme wie möglich zu geben. „Gou, du bist nicht er“, sagte sie mit sanfter Bestimmtheit. „Ja, du hast diese Anteile, aber du hast auch etwas, das er in deinem Alter nicht hatte: Du hast so viel. Du hast eine Familie, die dich liebt, und du hast mich. Du musst keine Mauern bauen, um sicher zu sein.“
Gou sah auf ihre verschränkten Hände und ein kleiner Teil der Anspannung wich aus seinen Schultern. „Ich weiß“, murmelte er. „Und ich arbeite daran. Dass ich heute hier mit dir sitze und dir das alles erzähle... das ist mein Weg, diese Mechanismen zu durchbrechen.“
Ein leichtes Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück, als er sich wieder etwas entspannte. „Wahrscheinlich würde mein Vater mich für diese tiefenpsychologische Analyse ersteinmal dumm angucken, aber ich schätze, er weiß selbst am besten, wie schwer es ist, aus seiner Haut zu fahren.“
Sie bezahlten schließlich ihre Getränke und machten sich langsam auf den Weg zurück zur Station. Während sie in den Zug stiegen, der sie zurück in Richtung Davies Hall bringen sollte, begann der Himmel über der Londoner Skyline sich in ein dramatisches Spektakel zu verwandeln. Tiefes Violett mischte sich mit brennendem Orange und Gold, während die Silhouette von Canary Wharf und der Shard majestätisch gegen das verblassende Licht ragten.
Gou legte seinen Arm um Hiromis Schultern, während sie schweigend aus dem Fenster sahen und beobachteten, wie die Stadt im Sonnenuntergang versank.
Als die Sonne nur noch als glühender Streifen hinter den herrschaftlichen Umrissen von Davies Hall hing, schritten Gou und Hiromi in die weite Auffahrt. Fast zeitgleich schlenderten Kai und Nami über den kiesbestreuten Pfad, der von den Rosengärten direkt zum Haupteingang führte.
Gou blieb einen Moment stehen, die Hände in den Taschen, während er seine Eltern beobachtete. Sein analytischer Blick, der in Greenwich noch so entspannt gewirkt hatte, kehrte augenblicklich zurück. Er fixierte die Art, wie Kai seinen Arm um Namis Taille gelegt hatte, und das kaum merkliche, aber zufriedene Glimmen in den Augen seiner Mutter.
„Ihr seid spät dran“, stellte Gou trocken fest, als sie sich in der Nähe der großen Freitreppe trafen.
Nami lächelte ihr strahlendstes Lächeln, das jedoch fast schon zu perfekt war, als wollte sie damit von der elektrisierenden Aura ablenken, die sie und Kai umgab. „Wir haben die Zeit vergessen, Schatz. London hat uns einfach mitgerissen. Und ihr? War Greenwich so schön, wie ihr es euch erhofft habt?“
Gou antwortete nicht sofort. Er musterte die subtile Spannung in Kais Schultern und das fast schon triumphierende Schmunzeln, das um die Mundwinkel seines Vaters spielte. Es war eine ganz bestimmte Aura...eine Mischung aus Vertrautheit und einem Geheimnis, das sie wie einen unsichtbaren Mantel umgab.
„Es war gut“, entgegnete Gou knapp. Er trat einen Schritt näher und legte den Kopf schief. „Aber bei euch liegt irgendwas im Busch. Ich spüre es, aber ich kann es gerade nicht wirklich deuten. Ihr habt diesen Blick... als würdet ihr etwas aushecken.“
Kai zog eine Augenbraue hoch und sah seinen Sohn mit einer Mischung aus Amüsement und Respekt an. „Du solltest aufhören, alles wie ein physikalisches Experiment zu behandeln, Gou. Manchmal ist ein Spaziergang einfach nur ein Spaziergang.“
„Bei anderen vielleicht“, konterte Gou unbeeindruckt. „Aber nicht bei euch beiden. Die Frequenz eurer Körpersprache ist... verändert. Ihr wirkt viel zu kooperativ.“
Nami lachte hell auf und strich Gou kurz über den Arm. „Du analysierst wieder zu viel. Geh dich frisch machen, das Abendessen wird bald serviert.“
Wenig später, als Gou und Hiromi die breite Treppe zu ihrem Zimmer hinaufstiegen, blieb Gou kurz am Geländer stehen und blickte hinunter in die Halle, wo seine Eltern noch immer leise miteinander sprachen.
„Ich hoffe wirklich, dass sie sich benehmen“, murmelte er mehr zu sich selbst.
Hiromi sah ihn verwirrt an und blieb ebenfalls stehen. „Was meinst du damit? ‚Sich benehmen‘? Sie sind doch erwachsen, Gou. Und sie wirken eigentlich sehr glücklich heute.“
Gou verzog das Gesicht und suchte nach den richtigen Worten, ohne zu explizit zu werden. Die „analytische Professorensprache“ drängte sich kurz wieder in den Vordergrund, als er versuchte, das Unbehagen zu umschreiben.
„Es ist... eine energetische Verschiebung“, begann er vage und mied ihren Blick. „Wenn sie so wirken, als hätten sie gerade einen gemeinsamen Sieg errungen, dann bedeutet das meistens, dass ihre... Intensität... heute Nacht Dimensionen annehmen könnte, die die Statik dieses alten Hauses herausfordern. Es ist eine Art von... ungebändigter Dynamik, die ich lieber nicht im Detail erfassen möchte.“
Hiromi blinzelte ein paar Mal, dann dämmerte es ihr langsam. Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. „Oh. Du meinst...“
„Ich meine gar nichts Bestimmtes“, unterbrach Gou sie schnell und setzte seinen Weg zum Zimmer fort. „Ich sage nur: Ich hoffe auf dicke Wände und ein sehr tiefes Schlafbedürfnis meinerseits.“
Hiromi musste trotz ihrer Verlegenheit leise kichern, während sie ihm folgte. „Gou Hiwatari, der Meister der Beobachtung... manche Dinge willst du also doch nicht analysieren?“
„Absolut gar nicht“, kam es trocken von ihm zurück, bevor er die Tür zu ihrem Bereich öffnete.
Zwanzig Minuten später...
Das Abendessen in der herrschaftlichen Speisehalle von Davies Hall verlief unter einer Decke aus beinahe greifbarer Elektrizität. Während die Kerzenleuchter ihr warmes Licht über das schwere Silberbesteck und die feinen Speisen warfen, herrschte am Tisch eine höchst unterschiedliche Dynamik.
Gou saß kerzengerade auf seinem Stuhl und hielt seine Eltern nicht eine Sekunde lang aus dem Fokus seiner analytischen Beobachtung. Er registrierte jedes noch so kleine Detail: wie Kai seine Hand beiläufig, aber mit einer besitzergreifenden Ruhe auf Namis Unterarm liegen ließ, und wie seine Mutter immer wieder diesen fernen, glühenden Blick aufsetzte. Als Nami sich dann, fast unbewusst, erneut leicht auf die Unterunterlippe biss und Kai daraufhin mit einem dunklen, triumphierenden Funkeln in den Augen reagierte, wusste Gou, dass seine Berechnungen korrekt waren.
Er wanderte mit seinem Blick am Tisch weiter und traf prompt auf die Augen seiner Geschwister. Ren und Ayumi saßen sich gegenüber und hatten ihre Löffel synchron sinken lassen. Die Zwillinge, die mit ihren vierzehn Jahren längst über die kindliche Unschuld hinausgewachsen waren, tauschten einen vielsagenden Blick aus. In ihren Gesichtern spiegelte sich dieselbe Mischung aus Erkenntnis und dem dringenden Bedürfnis nach Distanz wider, die auch Gou empfand.
Plötzlich durchbrach Ren die vornehme Stille des Raumes, indem er sich betont laut räusperte. Er sah zu Graham hinüber, der wie gewohnt unnahbar und perfekt am Rand des Buffets postiert war.
„Graham?“, fragte Ren mit einer Sachlichkeit, die fast schon schmerzhaft war. „Hättest du zufällig noch ein paar Packungen Oropax hier im Haus? Oder vielleicht diese modernen Noise-Cancelling-Kopfhörer, die für Baustellen zertifiziert sind? Ich habe das Gefühl, die akustische Isolierung dieses Anwesens wird heute Nacht einer massiven Belastungsprobe unterzogen.“
Ayumi unterdrückte ein kurzes Schnauben in ihre Serviette, während Gou die Augen schloss und tief durchatmete. Nami wurde eine Nuance dunkler um die Wangen, doch Kai verzog keine Miene...er hob lediglich sein Weinglas und sah seinen Sohn über den Rand hinweg mit einer kühlen, amüsierten Gelassenheit an, die Bände sprach.
Gous Teammitglieder hingegen wirkten völlig verloren in dieser subtilen Familiendynamik. Violeta schnitt konzentriert ihr Fleisch, während Emilia völlig unbedarft zu Ren aufsah.
„Warum Kopfhörer?“, fragte Emilia mit ihrem typisch australischen Akzent und einer ordentlichen Portion Neugier. „Ist für heute Nacht ein Gewitter angesagt? Oder wird irgendwo gebaut?“
Ryan zuckte nur die Achseln und wirkte gewohnt arrogant desinteressiert, während Seiya mit seinen sanften Gesichtszügen zwischen den Hiwataris hin und her blickte, als versuche er, ein Rätsel zu lösen, für das ihm die entscheidenden Variablen fehlten.
Gou sah zu Hiromi, die nun endgültig versuchte, sich grinsend hinter ihrem Wasserglas zu verstecken. Die Spannung am Tisch war so hoch, dass man sie fast mit einem Beyblade hätte zerschneiden können.
„Es wird ein sehr langer Abend“, murmelte Gou leise zu sich selbst, während er beobachtete, wie Graham lediglich den Kopf neigte und mit unerschütterlicher Miene antwortete: „Ich werde sehen, was sich im Vorratsschrank finden lässt, Master Ren. Die Architektur von Davies Hall ist zwar solide, aber gegen... atmosphärische Störungen... ist kein Gemäuer gefeit.“
Kai lehnte sich in seinem schweren Eichenstuhl zurück, das Weinglas noch immer locker zwischen den Fingern, und musterte seine Kinder mit einem Blick, der irgendwo zwischen Stolz und gespielter Resignation lag. „Ich frage mich wirklich“, begann er mit seiner tiefen, kühlen Stimme, „wann meine Kinder eigentlich so furchtbar aufmerksam geworden sind. Man könnte fast meinen, ihr werdet für diese Art der Überwachung bezahlt.“
Gou, der gerade sein Wasserglas absetzen wollte, ließ ein kurzes, trockenes Grinsen auf seine Lippen treten. Er sah seinem Vater direkt in die roten Augen. „Was mich betrifft, Vater... ich bin schon seit Jahren sehr aufmerksam, was diese ganz spezielle Familiendynamik angeht. Man entwickelt irgendwann ein feines Gespür für die... atmosphärischen Schwankungen.“
Er warf einen kurzen Seitenblick zu Ren und Ayumi, die zustimmend nickten. „Meine Geschwister sind erst später nachgezogen, aber irgendwann erreicht man eben ein Alter, in dem man Dinge weder überhören noch übersehen kann. Es sind empirische Fakten, die sich nicht einfach wegdiskutieren lassen.“
Nami beobachtete den Austausch schweigend. Sie sah das herausfordernde, fast schon freche Funkeln in Gous Augen, das so untypisch für seine sonst so beherrschte Art war, und den respektvollen, fast anerkennenden Blick, den Kai seinem ältesten Sohn zuwarf. Es war ein stummer Moment zwischen zwei Generationen von Hiwatari-Männern...ein kurzes Eingeständnis, dass der Schüler den Lehrer längst durchschaut hatte.
Kai stellte sein Glas ab, die Mundwinkel zuckten minimal. „Nun“, sagte er und ließ seinen Blick über die versammelte Runde schweifen, „heute Nacht wird Davies Hall sicher ruhig bleiben. Erst recht, da wir hier noch andere Gäste haben, die nicht zur Familie gehören.“
Er deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf Gous Teammitglieder. Emilia kaute immer noch stirnrunzelnd auf einem Stück Scone, während Ryan gelangweilt ein Staubkorn von seinem Ärmel schnippte und Seiya weiterhin versuchte, die Bedeutung von „Oropax“ in diesem Kontext zu entschlüsseln.
Doch dann fiel Gous Blick auf Violeta. Die polnische Bladerin, die bisher still an ihrem Tee genippt hatte, erstarrte plötzlich mitten in der Bewegung. Ihre rosafarbenen Augen weiteten sich, während die verschiedenen Puzzleteile der Konversation...von den Worten über Intensität...über das Oropax bis hin zu den vielsagenden Blicken der Eltern...in ihrem Kopf zu einem recht eindeutigen Bild verschmolzen.
Sie verschluckte sich prompt an ihrem Tee, stieß ein unterdrücktes Keuchen aus und hob hastig die Hand vor den Mund, während ein tiefes, flammendes Rot über ihre Wangen bis zu den Haaransätzen schoss. Sie starrte angestrengt auf ihren Teller, als wäre das Muster des Porzellans plötzlich das Faszinierendste auf der Welt.
Kai bemerkte ihre Reaktion mit einem kurzen, amüsierten Aufblitzen in den Augen, sagte jedoch nichts weiter dazu. Die Botschaft war angekommen...zumindest bei denen, die fähig waren, zwischen den Zeilen zu lesen.
„Gute Nacht, Kinder“, sagte Nami mit einem sanften, aber entschlossenen Lächeln, das keinen Widerspruch duldete, während sie sich erhob. „Genießt den Abend noch.“
Sie warf Kai einen kurzen, bedeutungsvollen Blick zu, bevor sie sich der kleinen Sayuri zuwandte, die auf ihrem Stuhl am Ende der Tafel saß und bereits herzhaft gähnte.
„Komm, meine Süße“, sagte Nami mit einer sanften, mütterlichen Stimme. „Es ist Zeit. Wir bringen dich jetzt ins Bett.“
Sayuri nickte gehorsam, rutschte von ihrem Stuhl und griff nach der Hand ihrer Mutter. Kai erhob sich ebenfalls. Er wirkte in diesem Moment wie der perfekte Familienvater, doch Gou entging nicht, wie seine Hand kurz über Namis Rücken glitt...eine Berührung, die weit mehr als nur elterliche Einigkeit signalisierte. Mit einem knappen Nicken in die Runde verließen die drei den Speisesaal, wobei das rhythmische Klacken von Namis Absätzen auf dem Parkett langsam im Flur verhallte.
Kaum war die schwere Eichentür ins Schloss gefallen, brach die angespannte Stille am Tisch.
„Okay, jetzt mal im Ernst“, platzte Emilia heraus und legte ihr Besteck beiseite. „Was war das gerade für eine Nummer mit den Oropax? Und warum sieht Violeta aus, als hätte sie gerade einen Geist gesehen...oder wäre in einen Eimer rote Farbe gefallen?“
Violeta starrte weiterhin angestrengt in ihre Teetasse, ihre Fingerspitzen umklammerten das Porzellan so fest, dass es kurz knarzte. Sie wagte es nicht, aufzublicken.
Gou tauschte einen blitzschnellen Blick mit seinen Geschwistern aus. Die jahrelange Übung im Umgang mit der „besonderen“ Dynamik ihrer Eltern zahlte sich nun aus. Ayumi lehnte sich mit einem völlig unschuldigen Lächeln vor.
„Ach, das“, winkte sie ab. „Davies Hall ist einfach ein sehr... lebendiges Haus. Wisst ihr, die alten Balken arbeiten nachts extrem stark. Bei dieser Luftfeuchtigkeit dehnt sich das Holz aus und zieht sich zusammen. Es klingt manchmal, als würde das ganze Dachgebälk einstürzen.“
„Genau“, ergänzte Ren mit staubtrockener Miene. „Und mein Vater neigt dazu, nachts sehr lautstark... über Taktiken zu meditieren. Er geht dann im Zimmer auf und ab und führt Selbstgespräche über Bit-Beast-Rotationen. Das kann extrem nervtötend sein, wenn man schlafen will.“
Graham, der immer noch wie eine Statue am Rand stand, neigte leicht den Kopf, um die Version der Kinder zu stützen. „In der Tat. Die historische Bausubstanz neigt zu akustischen Anomalien. Ich habe bereits die Wartungsunterlagen für die Deckenbalken vorbereitet.“
Ramsay, der mittlerweile neben Graham aufgetaucht war, verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Er beobachtete die Szene mit einem fast unmerkbaren, amüsierten Funkeln in den Augen. Er kannte Kai und Nami noch nicht gut genug, um die schauspielerische Glanzleistung der Kinder zu würdigen aber er dachte sich seinen Teil. Er schwieg und genoss sichtlich die Verwirrung von Gous Team.
„Baustatische Anomalien?“, wiederholte Ryan skeptisch und zog eine Augenbraue hoch. „Ihr wollt mir erzählen, dass ihr Oropax braucht, weil das Holz arbeitet?“
„In London ist alles ein bisschen intensiver, Ryan“, entgegnete Gou völlig ohne Regung, während er seelenruhig seinen letzten Schluck Wasser trank. „Die Schwingungsfrequenzen in alten Gemäuern sind nicht zu unterschätzen.“
Violeta stieß ein leises, ersticktes Geräusch aus, das zwischen einem Lachen und einem Schluchzen lag, blieb aber stumm. Sie wusste es besser, doch sie war dankbar, dass die Hiwatari-Geschwister den Mantel des Schweigens über die peinliche Wahrheit hüllten.
Nachts im Garten
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Intensives Erbe
Das sanfte Licht des frühen Londoner Morgens sickerte durch die schweren Samtvorhänge und tauchte das Zimmer in ein gedämpftes Gold. Gou schlug die Augen auf, noch bevor der erste Vogel im Rosengarten zu singen begann. Sein Verstand war, wie immer, sofort hellwach und präzise.
Er regte sich nicht. Er genoss die ungewohnte Stille des Hauses und die wohlige Schwere in seinen Gliedern. Neben ihm lag Hiromi, tief versunken in einen friedlichen Schlaf. Ihr dunkles Haar war über das weiße Kissen verstreut, und ihre Gesichtszüge wirkten im Schlaf vollkommen entspannt, fast kindlich.
Gou stützte sich vorsichtig auf einen Ellbogen, um sie besser beobachten zu können. Er analysierte die feine Linie ihrer Kieferpartie, das leise Zittern ihrer Wimpern und den ruhigen Rhythmus ihres Atems. Ein seltenes, echtes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. In Momenten wie diesen trat der kühle Analytiker in den Hintergrund und machte Platz für eine Tiefe der Zuneigung, die er nur ihr gegenüber zuließ.
Nach einigen Minuten veränderte sich ihr Atem. Hiromi blinzelte, ihre Lider flatterten, und schließlich schlug sie die Augen auf. Es dauerte einen Moment, bis ihr Fokus scharf wurde und sie Gous intensiven Blick auffing. Sie breitete ein warmes, schläfriges Lächeln auf ihrem Gesicht aus.
„Guten Morgen“, hauchte sie mit belegter Stimme.
Gou beugte sich vor und gab ihr einen leichten, fast flüchtigen Kuss auf die Lippen...eine zärtliche Geste, die dennoch den Funken der vergangenen Nacht in sich trug. Als er sich zurückzog, sah er das vertraute Glänzen in ihren Augen.
„Guten Morgen“, raunte er, und seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich. Ein amüsiertes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. „Wie fühlst du dich heute Morgen? Hat dir... die etwas intensivere Nacht gefallen?“
Bei seinen Worten schoss Hiromi augenblicklich eine zarte Röte in die Wangen. Sie biss sich auf die Unterlippe und wich seinem Blick für einen Sekundenbruchteil aus, bevor sie ihn wieder mutig ansah.
„Es war... unglaublich toll“, gestand sie leise. Ihr Blick wurde verträumt, während sie sich an den Moment erinnerte, als die Beherrschung im Haus einer ganz anderen Energie gewichen war. „Als wir gestern Abend ins Zimmer gekommen sind... und du mich ohne Vorwarnung gegen die Tür gedrückt hast... dieser hungrige Kuss... und der Rest danach...“
Sie stieß ein langes, zittriges Seufzen aus und ließ sich schwer zurück in die weichen Kissen sinken, während sie die Bettdecke ein Stück enger um sich zog.
„Ich muss zugeben, Gou“, fuhr sie fort, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Als du das vor vielen Wochen schon einmal getan hast... dieses plötzliche an die Wand drängen... da war ich komplett überwältigt. Aber damals...“ Sie hielt kurz inne und sah ihn forschend an. „Damals wirktest du danach fast ein wenig erschrocken über dich selbst. Du hast es seitdem nicht mehr getan. Ich dachte schon, es hätte dir vielleicht nicht gefallen... oder ich hätte falsch reagiert.“
Ein kleines, fast schüchternes Lächeln trat auf ihre Lippen. „Ich fand es eigentlich schade, aber ich habe mich einfach nicht getraut, dir zu sagen, wie unglaublich toll sich das angefühlt hat. Zu sehen, dass du diese... unnachgiebige Seite hast.“
Gou hörte ihr schweigend zu, seine granatfarbenen Augen ließen sie nicht los. Das Schmunzeln in seinem Gesicht vertiefte sich, und ein wissendes Funkeln trat in seinen Blick. Er erinnerte sich an jenen Moment vor Wochen im kleinen Salon...der Augenblick, in dem sein Erbe deutlicher durchgebrochen war, als er es geplant hatte.
„Ich war nicht erschrocken, Hiromi“, erklärte er ruhig und legte eine Hand sanft an ihre Wange. „Ich war überrascht, wie leicht es mir fiel, die Kontrolle abzugeben. Aber nach der gestrigen Nacht... und nachdem wir gesehen haben, wie mein Vater und meine Mutter dort...naja... denke ich, gibt es keinen Grund mehr, diese Seite zu verstecken. Wenn sie dir gefällt... werde ich dafür sorgen, dass du in Zukunft mehr davon bekommst.“
Hiromi lächelte glücklich und schloss die Augen, als er seinen Daumen sanft über ihre Haut gleiten ließ. Der Morgen in London war noch jung, und die Stille des Davies Anwesens bot ihnen genau den Raum, den sie brauchten.
Hiromi nestelte verlegen an der Bettdecke, während sie Gous ruhiges, fast schon raubtierhaftes Lächeln erwiderte. Die Erinnerung an das gestrige Gespräch auf der Terrasse und die flüchtige, intensive Begegnung mit seinen Eltern am Gartentor war noch immer lebendig in ihrem Kopf.
„Gou?“, hauchte sie und sah ihn aus großen, neugierigen Augen an. „Glaubst du... glaubst du, deine Eltern haben die Nacht im Garten wirklich so genutzt, wie du es gestern angedeutet hast? Ich meine, zwei Kilometer Rosengarten sind groß, aber...“
Gou gab ein tiefes, amüsiertes Brummen von sich, das Hiromi bis in die Fingerspitzen erzittern ließ. Er rückte ein Stück näher, bis ihre Körper sich unter der Bettdecke fast auf der gesamten Länge berührten.
„Ich gehe fest davon aus“, antwortete er mit einer Trockenheit, die keinen Zweifel zuließ. „Mein Vater macht keine leeren Versprechungen, wenn es um meine Mutter geht. Aber Gott sei Dank waren wir weit genug weg, sodass ich sie nicht hören konnte. Mein Fokus lag ohnehin auf einer ganz anderen Frequenz.“
Er hielt inne und beobachtete, wie Hiromi bei seinen Worten die Luft anhielt. Sein Blick wurde dunkler, konzentrierter. Langsam beugte er sich erneut zu ihr herab. Diesmal war es kein flüchtiger Gruß, sondern ein tiefer, langer Kuss, der den Geschmack von Verlangen in sich trug. Er schmeckte nach der vergangenen Nacht und nach all den Versprechen, die noch zwischen ihnen lagen.
Als er sich schließlich nur Zentimeter von ihren Lippen löste, blieb er dort verharren. Sein heißer Atem strich über ihre Haut, während er ihr etwas ins Ohr flüsterte, das ihre Wangen förmlich in Brand setzte.
„Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Freundin um den Verstand zu bringen“, raunte er so leise, dass es fast wie ein gefährliches Geheimnis klang. „Und ich muss gestehen... die Töne, die du von dir gegeben hast,... sie haben mich regelrecht angestachelt. Jedes Mal, wenn du meinen Namen geschluchzt hast, wollte ich nur sehen, wie viel mehr ich aus dir herausholen kann.“
Hiromi spürte, wie ihr Puls augenblicklich wieder raste, als hätte jemand ein Feuer in ihrem Inneren entfacht. Die Hitze breitete sich in ihrem Unterleib aus, und ihr Atem wurde flacher. Sie presste die Hände gegen seine Brust, halb um ihn festzuhalten, halb um sich selbst zu stabilisieren.
„Gou!“, brachte sie hervor, ihre Stimme ein zittriges, fast flehendes Flüstern. „Sag so etwas nicht... bitte. Das ist... nicht fair.“
Sie suchte seinen Blick, doch was sie dort sah, war kein Mitleid, sondern diese unerbittliche, hungrige Intensität, die er zweifellos von seinem Vater geerbt hatte.
„Warum nicht?“, fragte er herausfordernd und grinste.
„Weil...“, sie schluckte schwer und spürte, wie ihre Beherrschung unter seiner bloßen Nähe bereits wieder zu bröckeln begann, „...weil ich sonst direkt wieder wahnsinnig werde. Wenn du mich so ansiehst und diese Dinge sagst... dann vergesse ich glatt, dass wir eigentlich gleich zum Frühstück nach unten müssen.“
Gou schmunzelte erneut. Er ließ seine Hand langsam von ihrer Wange hinunter zu ihrem Hals gleiten, wo ihr Puls wie wild gegen seine Fingerspitzen hämmerte. „Das Frühstück kann warten“, stellte er fest, während er die Decke ein kleines Stück tiefer schob. „Ich denke, mein Vater wird heute Morgen ohnehin der Letzte sein, der Pünktlichkeit am Tisch erwartet.“
Er genoss die Macht, die seine Worte über sie hatten, und die Art, wie ihr Körper auf jede seiner Nuancen reagierte.
"und...wer sagt denn, dass ich fair sein will?“, raunte er, während er seine Hand langsam von ihrem Hals hinuntergleiten ließ, über das Schlüsselbein, bis sie flach auf ihrem bebenden Brustkorb ruhte. Er spürte das hämmernde Herz darunter, ein rasender Rhythmus, den er allein dirigierte. „Wenn du wahnsinnig werden willst,... dann werde ich dich nicht daran hindern. Ganz im Gegenteil.“
Er beugte sich vor und hauchte zarte Küsse auf ihr Dekolleté.. Hiromi stieß ein kurzes, ersticktes Keuchen aus und krallte ihre Finger instinktiv in seinen nackten Rücken. Das kühle Laken unter ihr schien plötzlich zu glühen.
„Gou...“, hauchte sie, und ihr Kopf sank fast von allein ein Stück zur Seite, um ihm mehr Raum zu geben...als er mit seinen Lippen hinauf an ihren Hals wanderte.
„Du hast vorhin gesagt, du hättest dich nach dieser Intensität gesehnt“, murmelte er gegen ihre Haut, wobei seine Lippen bei jedem Wort über ihre Nervenbahnen strichen. „Du wolltest wissen, was passiert, wenn ich mich nicht mehr zurückhalte. Und jetzt, wo wir hier sind... wo niemand uns stört... warum sollten wir aufhören?“
Mit einer fließenden Bewegung schob er sich über sie, stützte sein Gewicht auf seine Unterarme und sah auf sie herab. Seine granatroten Augen fixierten ihre, ließen ihr keine Fluchtmöglichkeit. Er griff nach ihren Handgelenken und drückte sie sacht, aber unnachgiebig in die Kissen oberhalb ihres Kopfes...eine Geste, die sie sofort an die Erzählungen über die Dynamik seiner Eltern erinnerte.
Hiromis Atem ging nun in kurzen, flachen Stößen. Das Blut rauschte in ihren Ohren, und sie spürte, wie die rationale Welt außerhalb dieses Zimmers vollkommen an Bedeutung verlor. „Du bist....deinem Vater sicher ähnlicher als du denkst.“, flüsterte sie, halb ehrfürchtig, halb herausfordernd.
Gou schmunzelte, ein gefährliches, siegessicheres Funkeln trat in seinen Blick. „Vielleicht. Aber ich habe meine ganz eigene Art, die Jagd zu beenden.“
Er neigte sein Gesicht wieder zu ihrem, seine Lippen nur Millimeter von ihren entfernt, sodass sie die Hitze seines Verlangens spüren konnte. „Willst du wirklich zum Frühstück gehen?“, fragte er leise, während seine Knie ihre Schenkel sanft, aber bestimmt auseinanderschoben. „Oder willst du mir noch einmal zeigen, wie diese Töne klingen, die mich so angestachelt haben? Ein Kondom ist noch übrig.“
Hiromi zog ihn mit einer plötzlichen, leidenschaftlichen Bewegung an sich und besiegelte ihre Entscheidung mit einem Kuss, der jede weitere Diskussion im Keim erstickte.
Etwa dreißig Minuten später....
Die Sonne stand bereits deutlich höher über den Dächern von London, als sich die schwere Flügeltür des herrschaftlichen Speisesaals öffnete. Gou trat ein, die gewohnt kühle Maske der Beherrschung wieder fest im Gesicht, doch seine Augen hielten ein unverkennbares, dunkles Glimmen fest. Dicht hinter ihm folgte Hiromi, deren Wangen noch immer einen Hauch zu rosig waren und deren Haar, trotz aller Mühe mit der Bürste, eine fast schon verdächtige Fülle aufwies.
Am langen Eichentisch herrschte bereits geschäftiges Treiben. Violeta, Emilia, Ryan und Seiya saßen auf einer Seite und tauschten sich leise über die bevorstehenden Trainingseinheiten aus, während Ayumi und Ren gegenüber saßen und ihre Teller mit einer Präzision bearbeiteten, die sie eindeutig als Hiwataris auswies.
An der Kopfseite des Tisches saßen Kai und Nami. Kai wirkte heute Morgen fast schon beängstigend entspannt; er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, die Ärmel seines schwarzen Hemdes nachlässig hochgekrempelt, und beobachtete seinen ältesten Sohn mit einem Blick, der so viel mehr wusste, als er aussprach. Nami hingegen strahlte eine sanfte, fast schon ätherische Ruhe aus, auch wenn ihr silberweißes Haar heute Morgen besonders weich über ihre Schultern fiel.
„Guten Morgen“, murmelte Gou und nahm seinen Platz ein, während Hiromi sich mit einem knappen, verlegenen Nicken neben ihn setzte.
Ren legte sein Messer beiseite und sah von seinem Toast auf. Er fixierte Gou, dann Hiromi und schließlich seine Eltern mit einer analytischen Schärfe, die Gous eigener in nichts nachstand.
„Es war seltsam still im Anwesen heute Nacht“, begann Ren mit seiner klaren, unschuldigen Stimme, die jedoch einen Unterton von schelmischer Beobachtungsgabe besaß. „Ich war fast enttäuscht. Ich habe meine Oropax gestern Abend extra auf das Nachtkästchen gelegt, weil ich dachte, es wird laut... aber ich habe sie gar nicht gebraucht.“
Ayumi kicherte leise hinter ihrer Teetasse, während Nami kurz die Augen schloss und ein kleines, wissendes Lächeln unterdrückte.
„Allerdings“, fuhr Ren fort und legte den Kopf schief, während sein Blick zu seinem Vater wanderte, „habe ich seltsamerweise Füchse durch das offene Fenster gehört. Sie haben im Rosengarten geschrien. Ziemlich laut sogar. Ich wusste gar nicht, dass Füchse so... ausdauernd sein können, wenn sie sich jagen.“
Gou hob eine Braue und sah seinen jüngeren Bruder ungerührt an. „Naturgeräusche sind in einem so großen Park wie diesem unvermeidlich, Ren. Man sollte sie einfach als Teil der Atmosphäre akzeptieren.“
Kai griff nach seiner Kaffeetasse und warf Gou einen Blick zu, in dem zum ersten Mal eine Art maskuline Anerkennung auf Augenhöhe mitschwang. „Gou hat recht“, raunte Kai, wobei sein Blick kurz zu Nami glitt, die nun doch leicht errötete. „Manchmal ist die Natur eben unerbittlich. Und manche Jäger sind eben erfolgreicher als andere.“
Ayumi beobachtete das Spiel der Blicke zwischen ihrem Vater und ihrem großen Bruder genau. „Ihr seht beide so aus, als hättet ihr sehr gut geschlafen“, bemerkte sie trocken. „Oder eben gar nicht. Die energetische Signatur in diesem Raum ist jedenfalls... hochexplosiv.“
Gou ignorierte die Bemerkung seiner Schwester und begann, sich seelenruhig den Tee einzuschenken.
Die Luft im Speisesaal schien sich für einen Moment zu verdichten, als die kühle Präzision des Strategen auf die unverblümte Arroganz des Rivalen traf.
Ryan rührte nervös in seinem Müsli, während Violeta und Seiya sich vielsagende Blicke zuwarfen. Sie spürten die unterschwellige Spannung am Tisch, konnten aber die codierten Anspielungen der Hiwatari-Geschwister auf die „schreienden Füchse“ und die „stille Nacht“ nicht im Geringsten einordnen. Für sie klang es wie eine seltsam exzentrische Familienunterhaltung über die Londoner Tierwelt.
„Ich kann es ehrlich gesagt kaum erwarten, endlich wieder zu Hause zu sein“, murmelte Ryan und brach das kurze Schweigen, während er sich unruhig auf seinem Stuhl hin- und herwog. „Dieses Haus ist... riesig, klar, aber die Atmosphäre hier ist mir irgendwie zu... aufgeladen. Wann genau geht unser Flug nach Japan heute nochmal? Ich bin seit sechs Uhr fertig mit packen.“
Kai, der seinen Kaffee mit der herrschaftlichen Ruhe eines Mannes trank, der genau wusste, dass die Welt sich nach seinem Tempo drehte, sah kurz auf seine Armbanduhr. „Sechzehn Uhr“, antwortete er kurz und bündig. Sein Blick streifte Ryan mit einer Mischung aus Desinteresse und Amüsement. „Das bedeutet, ihr habt noch genug Zeit, den Vormittag nach euren Wünschen zu gestalten. Davies Hall bietet mehr als nur einen Rosengarten, falls euch die Lust nach Zerstreuung steht.“
Nami lächelte sanft in die Runde, doch ihre Augen glühten noch immer von der Intensität der vergangenen Nacht. „Vielleicht möchte jemand von euch noch einmal die Bibliothek nutzen oder einen Spaziergang zum See machen? Es ist ein herrlicher Tag.“
Gou stellte seine Tasse mit einem kontrollierten Klicken auf die Untertasse. „Ich werde den Vormittag anders nutzen“, warf er ein, und seine Stimme hatte diesen tiefen, unnachgiebigen Unterton zurückgewonnen, der Hiromi neben ihm erneut leicht erschauern ließ. „Ich brauche mal wieder ein vernünftiges, körperlich taktisches Training. Das habe ich in den letzten Wochen sträflich vernachlässigt. Mein Fokus war... anderweitig gebunden.“
Ryan schnaubte leise und musterte Gous trainierte Statur, die unter dem feinen Stoff seines Hemdes deutlich hervorstach. „Körperliches Training? Als ob man das nicht sehen würde“, meinte er mit einem schiefen Grinsen, das zwischen Neid und Anerkennung schwankte. „Kein Wunder, dass du solche Muskelarme mit dir rumträgst, die du beim Finale unbedingt zur Schau stellen musstest. Wenn du so Sachen wie taktisches Krafttraining regelmäßig absolvierst, während andere nur über Strategien brüten, erklärt das einiges.“
Gou verzog keine Miene, doch ein gefährliches Funkeln trat in seine granatroten Augen. Er lehnte sich ein Stück vor, seine Präsenz nahm den Raum ein. „Muskeln ohne Taktik sind nur Fleisch, Ryan. Aber Taktik ohne die körperliche Fähigkeit, sie bis zum Äußersten durchzusetzen... ist lediglich ein Wunschtraum. Ich ziehe es vor, für beides bereit zu sein.“
Ren, der das Gespräch mit der Neugier eines kleinen Professors verfolgt hatte, nickte eifrig. „Gou trainiert deutlich härter als ich. Ich sollte mein Pensum definitiv erhöhen.“
„Genau das meine ich“, fuhr Gou ungerührt fort und sah Ryan direkt an. „Vielleicht solltest du dich mir anschließen. Ein wenig Schweiß vor dem langen Flug würde dir helfen, die restliche Energie abzubauen, die dich so unruhig macht.“
Ryan hob abwehrend die Hände, doch man sah ihm an, dass die Herausforderung ihn reizte. „Na schön, Hiwatari. Zeig mir nachher dein 'taktisches Training'. Aber beschwer dich nicht, wenn ich beim Boarding später schneller bin als du, weil deine Beine zittern.“
Das Licht des Londoner Vormittags fiel in breiten, staubigen Bahnen durch die hohen Fenster des Speisesaals und tanzte auf dem polierten Silber der Teekannen. Im Raum herrschte eine trügerische Ruhe, unterbrochen nur vom leisen Klappern des Porzellans.
Graham stand wie eine unbewegliche Statue aus dunklem Tuch und Disziplin im Schatten der schweren Anrichte. Sein Blick war wie immer aufmerksam, aber vollkommen neutral...die perfekte Maske eines Mannes, der in den letzten Jahrzehnten mehr Geheimnisse der Hiwatari-Familie bewahrt hatte, als in die weitläufige Bibliothek von Davies Hall passten.
Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein junges Zimmermädchen trat ein, die Wangen rosig gefärbt. In ihren Händen hielt sie ein bündel dunklen Stoffes, das sie mit einer Mischung aus professioneller Distanz und unterdrückter Verlegenheit direkt auf Graham zuführte.
„Verzeihen Sie die Störung, Mr. Graham“, flüsterte sie, doch in der morgendlichen Stille des Saals war jedes Wort wie ein Paukenschlag zu hören. „Die Gärtner haben dies vorhin auf dem Rasen gefunden... im mittleren Teil des Rosengartens.“
Graham rührte keine Miene, als er das Kleidungsstück entgegennahm. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung entfaltete er den Stoff gerade so weit, dass er die markante Schnittführung und das edle Material der maßgeschneiderten Hose identifizieren konnte. Ohne den Blick zu senken oder auch nur eine Braue zu zucken, legte er das leicht feuchte Kleidungsstück über seinen Unterarm.
„Ich werde mich darum kümmern, vielen Dank“, antwortete er mit seiner gewohnt sonoren, trockenen Stimme, die keinerlei Raum für Spekulationen ließ.
Kai, der gerade seine Kaffeetasse zum Mund führen wollte, verharrte für den Bruchteil einer Sekunde. Sein Blick fixierte die Hose...das letzte Beweisstück einer Jagd, die er nach der berauschenden Intensität der vergangenen Nacht schlichtweg im hohen Gras nicht mehr gefunden hatte. Ein dunkles, fast schon unverschämtes Schmunzeln stahl sich auf seine Züge. Er machte keine Anstalten, den Fund zu leugnen.
Violeta und Seiya, die direkt gegenüber saßen, starrten wie gebannt auf das dunkle Tuch über Grahams Arm. Violeta blinzelte mehrmals, während Seiya das Muster mit der Präzision eines Analytikers scannte. Beide hatten Kai am Vorabend in genau dieser Hose gesehen.
Ihre Blicke wanderten synchron von der Hose zu Kai, der sie mit einer beängstigenden Gelassenheit bedachte.
Nami, die die stumme Kommunikation am Tisch genau mitverfolgte, sah die entsetzten, aber nun vollkommen wissenden Gesichter der beiden Teenager. Die Vorstellung, wie die Gärtner heute Morgen Kais Hose zwischen den zertretenen Rosenblüten aufgesammelt hatten, war plötzlich zu viel für ihre mühsam aufrechterhaltene Beherrschung.
Ein kurzes, helles Prusten entwich ihr, das sie nur halb hinter ihrer Serviette verbergen konnte. Sie lachte leise und herzlich auf, ein glückliches Geräusch, das den gesamten Tisch für einen Moment in Atem hielt. Schließlich zwang sie sich mit einem tiefen Atemzug zur Räson und widmete sich mit verdächtig zitternden Händen wieder ihrem Tee, während ihre Augen vor Amüsement funkelten.
Ren beobachtete das Ganze mit scharfem Blick. Seine intelligente Miene verfinstert sich leicht, als er die Hose und dann seinen Vater musterte. „Interessant“, bemerkte er trocken. „Das erklärt wohl, warum die ‚Füchse‘, die ich gehört habe, so menschliche Intervalle in ihrem Geschrei hatten. Die ballistische Flugbahn dieser Hose muss beeindruckend gewesen sein, wenn sie es bis zur Mitte des Gartens geschafft hat.“
Gou warf seinem Bruder einen warnenden Blick zu, doch Ren ließ sich nicht beirren. Er sah zu Ryan, der immer noch mit offenem Mund dasaß. „Ryan, klapp den Kiefer zu. Du fängst Fliegen.“
Ryan schüttelte den Kopf, während er versuchte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. „Wartet mal... wenn die Hose da draußen lag... dann bedeutet das...“ Er brach ab, als er Gous eiskalten Blick bemerkte.
„Das bedeutet“, unterbrach Gou die aufkommenden Schlussfolgerungen seines Teamkollegen mit schneidender Präzision, „dass wir jetzt zum Training gehen. Ryan, beweg dich. Wir haben eine Menge Energie abzubauen, bevor wir um sechzehn Uhr im Flieger sitzen.“
Gou erhob sich langsam. Er spürte die überschüssige Kraft in seinen eigenen Muskeln, ein Echo der Nacht mit Hiromi, das nun nach einem Ventil suchte. Er warf seinem Vater einen letzten, kurzen Blick zu...ein wortloses Verständnis zwischen zwei Generationen Hiwatari...bevor er sein Team aus dem Saal führte.
Nachdem Gou das Team und eine immer noch leicht errötete Hiromi mit sanftem Druck aus dem Speisesaal manövriert hatte und Ren und Ayumi mit Sayuri ebenhalls das Weite suchten, fiel die schwere Eichentür mit einem gedämpften Schlag ins Schloss. Plötzlich war es still, nur das ferne Klappern von Geschirr aus der Küche und das Ticken der Standuhr im Flur waren zu hören.
Nami lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ihr Lachen war in ein sanftes, erschöpftes Lächeln übergegangen. Sie griff nach ihrem Tee, doch ihre Hand zitterte noch immer leicht...ein Nachbeben der Nacht, das Kai mit seinen Adleraugen sofort registrierte.
Er setzte seine Tasse ab, erhob sich mit einer geschmeidigen, lautlosen Bewegung und trat hinter ihren Stuhl. Nami spürte die Hitze, die von seinem Körper ausging, noch bevor er seine Hände fest auf ihre Schultern legte.
Er hielt inne, als er das leichte Zittern ihrer Schultern unter seinen Händen spürte. Er lockerte sofort den Griff und seine Daumen begannen, in langsamen, kreisenden Bewegungen die Verspannungen zu lösen, die die Nacht hinterlassen hatte. Er beugte sich tiefer. Seine Wange streifte ihre Schläfe.
„Du hast dich verausgabt, mein Schatz.“, raunte er, und seine Stimme hatte nun diesen tiefen, besorgten Unterton, den er nur ihr gegenüber zeigte. „Ich hätte dich früher bremsen sollen, Jetlag hin oder her.“
Nami legte ihren Kopf zurück gegen seine Brust und sah zu ihm hoch. Das Herausfordernde in ihrem Blick war einer tiefen Wärme gewichen. „Du hättest mich nicht bremsen können, Kai. Das weißt du genau. Ich wollte diese Nacht genauso sehr wie du.“
Kai gab ein leises, fast schon zärtliches Brummen von sich. Er löste eine Hand von ihrer Schulter und strich ihr eine silberne Locke aus dem Gesicht, wobei seine Fingerspitzen einen Moment länger als nötig auf ihrer Haut verweilten.
„Wir fliegen heute Nachmittag zurück“, sagte er leise, und diesmal klang es eher wie eine Einladung als ein Befehl. „Ich möchte, dass du dich später im Flugzeug ausruhst. Die Tachiwari-Corporation kann bis übermorgen warten, und das Training von Gou leite ich zur Not allein, wenn du noch Zeit brauchst.“
Er hielt ihren Blick fest, und das dunkle Rot seiner Augen war nun ruhig und klar. „Aber... wenn wir wieder in Tokio sind und du dich erholt hast...“ Ein ganz leichtes, ehrliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen, das seine harten Züge augenblicklich weicher machte. „...dann überleg dir ein Datum für die nächste Jagd...am besten noch vor unserem Hochzeitstag.“
Er drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, bevor er sich ganz aufrichtete. „Ich gehe jetzt nach oben und helfe Graham schonmal mit den schweren Koffern. Bleib noch einen Moment sitzen und trink deinen Tee aus. Es gibt keinen Grund zur Eile. Ich komme danach wieder und hol dich.“
Nami sah ihm nach, wie er mit seinen ruhigen, kraftvollen Schritten den Speisesaal verließ. Dieser Kai...der Mann, der sie forderte, aber sie im nächsten Moment mit einer unglaublichen Achtsamkeit auffing...war der Grund, warum sie ihm bis ans Ende der Welt folgen würde.
Einige Minuten später....
Der private Fitnessraum des Davies-Anwesens war eine beeindruckende Mischung aus moderner High-Tech-Ausstattung und historischem Flair. Hohe Decken und bodentiefe Spiegel reflektierten das harte Licht der Deckenstrahler, während der Geruch von Reinigungsmitteln und schwerem Leder in der Luft hing.
Gou übernahm sofort das Kommando. Ohne ein Wort der Erklärung begann er mit einer Aufwärmroutine, die selbst Ryan, der sich für körperlich fit hielt, nach zehn Minuten den Atem raubte. Es war kein gewöhnliches Krafttraining; es war eine choreografierte Abfolge aus explosiven Sprints, Koordinationsübungen und Schattenkampf, die darauf ausgelegt war, die Reaktionszeit zu maximieren.
Nach der ersten intensiven Runde, als die Hitze im Raum spürbar anstieg und der Schweiß auf Gous Stirn glänzte, hielt er kurz inne. Mit einer beiläufigen, fast schon herrischen Bewegung öffnete er die Knöpfe seines Hemdes. Er streifte den Stoff von seinen Schultern und warf das Kleidungsstück achtlos auf eine der Hantelbanken.
Der Effekt war unmittelbar.
Violeta und Emilia, die eigentlich gekommen waren, um die „taktischen Kniffe“ zu beobachten, erstarrten mitten in der Bewegung. Ihre Wangen färbten sich augenblicklich in einem tiefen Karminrot, als ihr Blick über Gous nackten Oberkörper glitt. Er war nicht einfach nur muskulös; seine Statur war das Ergebnis jahrelanger, unerbittlicher Disziplin. Die breiten Schultern, die klar definierten Brustmuskeln und das markante Sixpack wirkten im harten Licht des Raumes wie aus Marmor gemeißelt. Jede Bewegung seiner Arme ließ die Sehnen unter der Haut wie Drahtseile hervortreten.
Ryan stieß ein langes, genervtes Seufzen aus und warf seine Trainingsmatte frustriert zu Boden. „Oh, bitte! Ernsthaft? Musste dieser Move jetzt sein? Wir sind hier in einem Fitnessraum, nicht auf einem Cover für ein Sportmagazin. Was soll diese Show-Einlage?“
Gou wandte sich ihm langsam zu. Sein Blick war kühl, fast schon desinteressiert an Ryans Ausbruch, während er seine Handgelenke lockerte. „Ich trainiere beim taktischen Krafttraining seit Jahren ohne Shirt, Ryan“, antwortete er mit einer Stimme, die keinerlei Raum für Diskussionen ließ. „Es geht um die Überprüfung der Muskelkontraktion und die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Warum regst du dich darüber auf? Wenn dich der Anblick eines trainierten Körpers verunsichert, solltest du vielleicht an deinem Selbstbewusstsein arbeiten anstatt an meiner Kleiderwahl.“
Ryan schnaubte und murmelte etwas Unverständliches über „Egos, die größer als der Rosengarten sind“, während er sich demonstrativ wieder seinen Liegestützen widmete, um die brennenden Blicke der Mädchen zu ignorieren.
Hiromi stand etwas abseits an der Wand und beobachtete die Szene schweigend. Natürlich wusste sie genau, wie Gou unter seinem Hemd aussah...die Erinnerungen an die letzte Nacht und den frühen Morgen brannten noch immer wie Feuer auf ihrer Haut. Doch ihn hier so stehen zu sehen, in dieser kühlen, beinahe arroganten Dominanz, während Violeta und Emilia ihn regelrecht anhimmelten, löste etwas Tiefes in ihr aus.
Es war keine Eifersucht. Im Gegenteil. Ein unbändiger Stolz erfüllte sie.
~Das ist mein Freund~
dachte sie, während sie sah, wie Gou mit einer präzisen Leichtigkeit eine schwere Langhantel griff. Sie genoss das Wissen, dass sie die Einzige war, die wusste, wie sanft diese kraftvollen Hände sein konnten, wenn die Tür erst einmal hinter ihnen ins Schloss gefallen war.
Gou bemerkte ihren Blick im Spiegel. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte das granatrote Feuer in seinen Augen auf, das nur ihr galt, bevor er sich wieder Ryan zuwandte.
„Zweite Runde, Ryan. Und versuch diesmal, mit den Füßen am Boden zu bleiben. Wir haben keine Zeit für Pausen.“
Das Sparring zwischen Gou und Ryan einige Minuten später, entwickelte sich schnell zu einer einseitigen Lektion in Sachen kinetischer Energie. Ryan versuchte, mit aggressiven Vorstößen zu punkten, doch Gou bewegte sich mit einer beängstigenden Effizienz. Ohne das hemmende Hemd wirkte jede seiner Bewegungen noch flüssiger; man konnte das Spiel seiner Rückenmuskulatur beobachten, wenn er Ryans Schläge mit minimalem Aufwand ins Leere laufen ließ.
Nach einem besonders plumpen Angriffsversuch von Ryan, den Gou mit einem einfachen Side-Step und einem sanften Stoß gegen die Schulter quittierte, landete der US-Amerikaner unsanft auf den Matten.
„Deine Deckung ist offen wie ein Scheunentor, Ryan“, stellte Gou trocken fest. Er atmete kaum schwerer als zu Beginn, während der Schweiß auf seiner Haut im Deckenlicht glänzte. „Du verlässt dich auf reine Kraft, aber deine Beinarbeit ist schlampig. So überlebst du keine drei Runden gegen jemanden, der wirklich ernst macht.“
Ryan fluchte leise, während er sich mühsam aufrappelte. „Es ist verdammt schwer, sich auf die Beinarbeit zu konzentrieren, wenn du dich bewegst wie ein verdammter Schatten! Gib mir 'ne Sekunde...“
In diesem Moment glitt die schwere Tür des Fitnessraums lautlos auf. Kai und Nami traten ein. Kai hatte die Hände lässig in den Taschen seiner dunklen Hose vergraben, die Augen wachsam und mit jenem amüsierten Glitzern, das er seit dem Frühstück trug. Nami wirkte neben ihm fast zierlich, doch die Aura von Ruhe, die sie ausstrahlte, legte sich sofort über den Raum.
Gou hielt inne und sah zu seinen Eltern. Er war sichtlich genervt von Ryans körperlicher Unterlegenheit; für einen Perfektionisten wie ihn war es frustrierend, gegen jemanden zu trainieren, der das Niveau nicht halten konnte. Er griff nach einem Handtuch, wischte sich flüchtig über die Brust und fixierte dann seinen Vater.
Ein herausforderndes Funkeln trat in seine granatroten Augen. Er wusste genau, dass Kai die Szene beobachtet hatte.
„Er ist zu langsam“, sagte Gou direkt, ohne den Blick von Kai abzuwenden. Dann trat ein provokantes Schmunzeln auf seine Lippen. „Vater? Stündest du für eine kurze Demonstration zur Verfügung? Oder...“ Er hielt kurz inne, seine Stimme triefte vor jugendlicher Arroganz. „...ist dein Pensum an Kraft über Nacht verloren gegangen?“
Ein kollektives Luftholen ging durch den Raum. Violeta und Emilia starrten abwechselnd von Gou zu Kai, entsetzt über die Unverfrorenheit des Sohnes, während Nami sich unwillkürlich auf die Unterlippe biss. Sie kannte diesen Tonfall...es war genau die Art von Herausforderung, die Kai Hiwatari niemals unbeantwortet ließ.
Kai blieb einen Moment stehen, sein Blick wurde dunkler, fast glühend rot. Ein gefährliches, raubtierhaftes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Er zog langsam seine Hände aus den Taschen und begann, die Manschettenknöpfe seines Hemdes zu lösen.
„Du wirst mutig, Gou“, raunte Kai, und seine Stimme klang wie das Grollen eines herannahenden Gewitters. „Du glaubst also, eine Nacht im Freien hätte mich weich gemacht?“
Er warf sein Hemd achtlos in Namis Richtung, die es mit einem amüsierten Kopfschütteln auffing. Sie beobachtete, wie er sich mit einer langsamen, unheilverkündenden Geschmeidigkeit zur Matte wandte.
Kai stand nun ebenfalls oberkörperfrei da...und im direkten Vergleich wurde deutlich, woher Gou seine Statur hatte. Kais Muskeln waren massiver, gezeichnet von jahrzehntelangem Training und einer rohen Gewalt, die Gou in diesem Maße noch nicht besaß.
In diesem Moment, als das harte Licht der Deckenstrahler seine blasse Haut traf, hielten Violeta und Emilia unwillkürlich den Atem an. Ein feines Netz aus frischen, feuerroten Kratzern zog sich über seine breiten Schulterblätter, deutlich sichtbar gegen die definierte Muskulatur. Sie wirkten wie eine stumme, wilde Signatur auf seiner Haut.
Nami, die sein Hemd noch immer in den Händen hielt, senkte kurz den Blick. Ein wissendes, fast schon triumphierendes Schmunzeln stahl sich auf ihre Lippen, als sie die Spuren sah, die sie selbst in den Momenten purer Ekstase hinterlassen hatte. Sie erinnerte sich genau an das raue Gestein des Schlösschens und das weiche Moos, und wie sie sich in ihm festgekrallt hatte, um nicht von der Wucht seiner Leidenschaft fortgetragen zu werden.
„Nami,....“, sagte Kai, ohne den Blick von seinem Sohn abzuwenden und völlig unbeeindruckt von den Blicken der Mädchen. „Gib uns fünf Minuten. Ich muss unserem Ältesten offenbar in Erinnerung rufen, dass der Zar seinen Thron nicht durch rumsitzen im Garten behält.“
Nami trat einen Schritt zurück zu Hiromi und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Das solltest du dir ansehen, Hiromi“, flüsterte sie leise. „Das ist die Art, wie Hiwatari-Männer kommunizieren, wenn Worte nicht mehr ausreichen.“
Die Atmosphäre im Fitnessraum änderte sich schlagartig. Die Luft schien förmlich zu knistern, als Kai die Mitte der Matte betrat. Es war, als stünden sich zwei Raubtiere gegenüber...das eine in der Blüte seiner unbändigen, jungen Kraft, das andere gezeichnet von der Erfahrung und der unerschütterlichen Dominanz eines Herrschers.
Gou wirkte in diesem Moment wie ein perfektes, junges Spiegelbild seines Vaters. Die gleiche stolze Haltung, derselbe stechende Blick und die absolut identische Art, wie sich die Muskeln über seinen Brustkorb spannten, wenn er die Deckung hochnahm. Er war lediglich einen Kopf kleiner als Kai, doch seine Präsenz füllte den Raum ebenso aus wie die des älteren Hiwatari.
„Komm schon, Gou“, forderte Kai ihn mit einem gefährlichen Unterton in der Stimme heraus. „Zeig mir, ob du die letzten Einheiten im Dojo nur zugeschaut oder auch etwas gelernt hast.“
Gou wartete nicht auf eine zweite Einladung. Mit einer Geschwindigkeit, die Ryans vorangegangene Versuche wie Zeitlupe wirken ließ, stieß er vor. Sein Angriff war präzise, zielgerichtet und von einer kühlen Aggression geprägt. Er nutzte seinen leichten Größennachteil in der Beweglichkeit, um Kai mit einer Serie von schnellen Finten und harten Schlägen einzudecken.
Doch Kai bewegte sich kaum. Er parierte die Angriffe seines Sohnes mit einer fast schon beleidigenden Lässigkeit. Jedes Mal, wenn Gous Faust nur Millimeter vor seinem Gesicht auftauchte, lenkte Kai sie mit einer minimalen Handbewegung ab. Es war ein Tanz an der Grenze zur Gewalt.
„Zu viel Zorn, zu wenig Fokus“, kommentierte Kai trocken, während er einen besonders harten Tritt von Gou mit dem Schienbein abblockte. Das dumpfe Geräusch des Aufpralls hallte durch den Raum und ließ Violeta und Emilia unwillkürlich zusammenzucken.
Gou knirschte mit den Zähnen. Er spürte die Hitze in seinem Körper aufsteigen. Er täuschte einen Schlag zur Mitte vor, duckte sich unter Kais massiver Rechten hinweg und versuchte, seinen Vater an der Hüfte zu packen, um ihn zu Boden zu reißen.
Doch Kai war darauf vorbereitet. Er nutzte Gous eigenen Schwung aus, legte ihm eine Hand in den Nacken und drückte ihn mit einer kontrollierten, aber absolut unnachgiebigen Wucht nach unten. Für einen Moment sah es so aus, als würde Gou auf den Matten landen, doch er rollte sich geschickt über die Schulter ab und sprang sofort wieder in den Stand – direkt vor seinem Vater.
Beide verharrten für einen Herzschlag, Schweiß glänzte auf ihren nackten Oberkörpern, ihre Atemzüge gingen synchron. In diesem Moment war die Ähnlichkeit zwischen ihnen beinahe unheimlich.
„Nicht schlecht“, raunte Kai, und ein echtes, stolzes Schmunzeln stahl sich auf sein Gesicht. „Aber deine Basis ist noch nicht stabil genug, um den Zaren zu stürzen.“
Mit einer blitzartigen Bewegung, die selbst für Gous geschulte Augen kaum fassbar war, verkürzte Kai die Distanz. Er packte Gou am Oberarm, drehte ihn halb herum und fixierte ihn mit einem Armgriff, der keine Flucht zuließ. Es war dieselbe herrische Dominanz, mit der er Nami im Rosengarten kontrolliert hatte.
Gou keuchte kurz auf, spürte den eisernen Griff seines Vaters und entspannte sich schließlich. Er wusste, wann er verloren hatte.
„Okay... Punkt für dich“, gab Gou gepresst zu, während Kai ihn langsam losließ.
Kai klopfte seinem Sohn fest auf die Schulter. „Du weißt...du hast Potenzial, Gou. Aber vergiss nie: Kraft allein reicht nicht. Du musst das Chaos beherrschen, bevor es dich beherrscht.“
Nami trat vor und reichte beiden ein Handtuch, ein wissendes Lächeln auf den Lippen. Sie sah von Kai zu Gou und wieder zurück. „Ihr seid euch ähnlicher, als ihr beide zugeben wollt“, bemerkte sie leise.
Hiromi stand immer noch wie angewurzelt da. Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Der Anblick dieser beiden kraftvollen Männer, die wie zwei Versionen derselben zerstörerischen und zugleich beschützenden Urgewalt wirkten, hatte sie völlig in ihren Bann gezogen. Als Gou seinen Blick zu ihr wandte, sah sie darin nicht nur den Erschöpften Kämpfer, sondern denselben wunderbaren jungen Mann, der sie heute Morgen um den Verstand gebracht hatte.
„Wir sollten uns langsam fertig machen“, sagte Kai schließlich und griff nach seinem Hemd, das Nami ihm reichte. „Das Mittagessen wird bald serviert...und wir haben später noch eine lange Reise vor uns.“
Aufbruchstimmung
Die Stunden nach dem Training im Fitnessraum vergingen wie im Flug. Während sich die Hitze des Duells zwischen Vater und Sohn langsam legte, kehrte eine geschäftige, aber organisierte Betriebsamkeit in das Anwesen zurück. Unter Grahams unbestechlicher Aufsicht wurden die schweren Koffer der Familie Hiwatari sowie das Gepäck von Gous Team bereits in die wartenden schwarzen Limousinen verladen. Alles war für den Abflug um 16 Uhr vorbereitet.
Das Mittagessen wurde in einer fast schon familiären Vertrautheit eingenommen, auch wenn Ryan immer wieder verstohlene Blicke zu Kai warf, als versuche er, das Geheimnis hinter dessen unerschütterlicher Kraft zu entschlüsseln.
Nach dem Essen sprach Nami eine letzte Einladung aus: Ein Nachmittagstee im Davies Manor, dem prachtvollen Nachbaranwesen ihres Onkels Eric. Es war ein kurzer Weg, den die Gruppe zu Fuß antreten wollte, um die frische Londoner Luft vor dem langen Flug noch einmal in vollen Zügen zu genießen.
Die Prozession durch den zwei Kilometer langen Rosengarten war ein Bild von seltener Ästhetik. An der Spitze schritten Nami und Kai. Sie liefen händchenhaltend, ihre Finger fest ineinander verschlungen. Es war eine Geste, die so schlicht und doch so aussagekräftig war...ein stilles Zeugnis der Verbundenheit, die nach der vergangenen Nacht nur noch intensiver wirkte. Kai passte seinen gewohnt raumgreifenden Schritt an Namis elegantes Tempo an, während sein Daumen sanft über ihren Handrücken strich.
Dahinter folgten Ayumi und Ren, die sich leise über die botanischen Besonderheiten der Rosensträucher unterhielten, während die kleine Sayuri an Ayumis Hand spazierte. Graham, der die Gruppe mit gewohnter Distanz begleitete, wirkte in dieser ländlichen Idylle wie ein Fels in der Brandung.
Gou lief mit Hiromi an seiner Seite, dicht gefolgt von seinen Teamkollegen Violeta, Emilia, Seiya und einem sichtlich nachdenklichen Ryan.
Ryan beobachtete den Rücken von Kai Hiwatari fast schon ehrfürchtig. Er sah, wie sich die massive Muskulatur unter Kais schwarzem Hemd bei jeder Bewegung abzeichnete, und dachte an die Szene im Fitnessraum zurück. Dann glitt sein Blick zu Gou, der neben Hiromi herging. Auch wenn Gou einen Kopf kleiner war als sein Vater, so war die Definition seiner Muskeln, die man selbst durch sein leichtes Sommerhemd erahnen konnte, nicht weniger beeindruckend.
„Ich hab's mir überlegt“, murmelte Ryan plötzlich zu Gou, ohne den Blick von dessen Vater abzuwenden. „Ab morgen werde ich definitiv regelmäßig taktisches Training absolvieren. Ohne Ausreden.“
Gou warf ihm einen seitlichen, amüsierten Blick aus seinen granatroten Augen zu. „Ach ja? Was hat dich umgestimmt? Die Aussicht auf zitternde Beine beim Boarding?“
Ryan schüttelte ernst den Kopf und ignorierte Gous Sarkasmus. „Ich will auch so einen Body. Ich meine... schau ihn dir an.“ Er deutete vage mit dem Kopf nach vorne zu Kai. „Ich war schon immer fasziniert von Kai Hiwatari. In den Staaten ist er eine Legende, jeder Beyblader kennt seinen Namen. Aber ihn hier so privat zu erleben... ich muss zugeben, der Typ ist eine wahre Naturgewalt. Er läuft da vorne, als würde ihm der ganze verdammte Kontinent gehören.“
Er machte eine kurze Pause und sah dann Gou direkt an. „Und du, ich muss zugeben... du stehst ihm in nichts nach. Du bist wie ein verdammter Prototyp von ihm. Wenn ich sehe, wie ihr beide trainiert... da wird mir klar, dass ich mit meinem normalen Hanteltraining nicht weit komme. Ich will diese Art von... dominanter Physis. Also ja: Ab morgen bin ich dabei. Auch wenn ich dabei draufgehe.“
Violeta, die das Gespräch mitgehört hatte, nickte zustimmend. „Es ist nicht nur die Kraft, Ryan. Es ist die Präsenz. Beide strahlen eine Ruhe aus, die fast schon gefährlich wirkt.“
Gou schmunzelte und drückte Hiromis Hand, die er nun ebenfalls fest umschlossen hielt. „Wir sind eben Hiwataris“, sagte er schlicht, doch der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar. „Und was das Training angeht, Ryan... ich werde dich beim Wort nehmen. In Japan wird es kein Zuckerschlecken.“
Hiromi sah zu Gou auf und dann wieder nach vorne zu Nami und Kai. Sie fühlte sich in diesem Moment vollkommen zugehörig zu dieser außergewöhnlichen Familie.
„Ryan hat recht, Gou“, flüsterte Hiromi so leise, dass nur er es hören konnte. „Ihr seid beide beeindruckend. Aber du bist meine ganz persönliche Art von Naturgewalt.“
Gou hielt inne, sah sie an und zog sie für einen Moment näher an sich, während die Gruppe langsam auf das klassizistische Herrenhaus von Davies Manor zuging, wo Lord Eric bereits auf der Terrasse wartete.
Als die Gruppe das Ende des Rosengartens erreichte, weitete sich der Blick auf eine Szenerie, die selbst die kühnsten Vorstellungen von Gous Teammitgliedern sprengte. Davies Manor erhob sich vor ihnen nicht bloß als Haus, sondern als ein monumentaler Palast aus hellem Sandstein, dessen prachtvolle Fassade im Stil des englischen Hochadels von Geschichte und unermesslichem Reichtum erzählte.
Säulengänge, weitläufige Terrassen und kunstvoll verzierte Giebel ließen das ohnehin schon beeindruckende Davies Hall im Rückblick fast wie ein bescheidenes Gästehaus wirken. Ryan, Violeta, Emilia und Seiya blieben wie angewurzelt stehen, die Münder buchstäblich offen.
„Das... das ist kein Haus“, brachte Ryan fassungslos hervor. „Das ist ein verdammter Kontinent aus Stein.“
Am oberen Ende der breiten Freitreppe stand Lord Eric Davies. Er wirkte in dieser Kulisse wie der rechtmäßige Herrscher, der er war. Trotz seines Alters strahlte er eine vitale, aristokratische Eleganz aus. Sein silbrig weißes Haar war akkurat frisiert, und seine magentafarbenen Augen blitzten kühl, bis er die Gruppe erblickte.
„Willkommen auf dem Hauptsitz der Familie Davies“, erklang seine sonore Stimme, die über den Vorplatz trug. Ein leichtes, aristokratisches Lächeln legte sich auf seine weichen Gesichtszüge, was seine kühle Ausstrahlung sofort in eine einladende Wärme verwandelte.
Nami trat vor und ließ Kais Hand nur kurz los, um ihren Onkel zu umarmen. „Onkel Eric, danke für die Einladung. Es ist jedes Mal aufs Neue atemberaubend, hier zu sein.“
Kai nickte Eric mit respektvoller Distanz zu...ein kurzes Einverständnis zwischen zwei Männern, die beide wussten, was es bedeutete, ein Imperium zu führen.
Während die Diener in lautloser Präzision den Tee auf der riesigen Südterrasse servierten, die einen Blick über den eigenen See des Anwesens bot, blieb die kleine Sayuri nicht lange still sitzen. Mit ihren sieben Jahren besaß sie bereits die scharfe Beobachtungsgabe ihrer Mutter und den Eigensinn ihres Vaters.
Sie beobachtete Lord Eric dabei, wie er ein schweres, antikes Buch auf einem Beistelltisch ablegte, und trat mit kindlicher, aber erstaunlich gewählter Direktheit auf ihn zu.
„Onkel Eric?“, fragte sie und legte den Kopf schief, wobei ihre lockigen weißen Haare über ihre Schultern wippten.
„Ja, meine kleine Rose?“, antwortete Eric amüsiert.
„Dieses Haus ist sehr groß. Aber Ren sagt, dass große Häuser oft viele Geheimnisse haben, die man in Büchern nicht findet“, begann sie und ihre magentafarbenen Augen...so identisch mit denen ihres Großonkels...funkelten abenteuerlustig. „Gibt es hier auch einen Geheimgang, der direkt in den Keller führt, wo die alten Ritterrüstungen stehen? Gou sagt immer, Taktik ist alles, aber ich finde, ein guter Fluchtweg ist viel wichtiger.“
Ein lautes, trockenes Lachen entwich Eric, während Nami sich amüsiert eine Hand vor den Mund hielt. Kai hob eine Braue und sah zu Gou, der nur leicht den Kopf schüttelte.
„Sie hat den Kern der Sache erfasst, Gou“, bemerkte Kai trocken.
„In der Tat, Sayuri“, antwortete Eric und beugte sich zu ihr hinunter. „Es gibt sogar drei. Aber einen davon verrate ich dir erst, wenn ihr das nächste Mal länger bleibt. Er führt nämlich nicht in den Keller, sondern direkt in die Küche zu den besten Scones von London.“
Die Teammitglieder saßen derweil fast schon eingeschüchtert auf den kostbaren Polstermöbeln der Terrasse. Ryan traute sich kaum, sich zu bewegen, aus Angst, eine Vase umzuwerfen, die wahrscheinlich mehr wert war als sein gesamtes Equipment Zuhause.
„Gou...“, flüsterte Violeta leise. „Ist das dein Ernst? Wieso hast du mir nicht gesagt, dass dieses Davies Manor ein verdammter Palast ist? Deine Familie ist wirklich der absolute Wahnsinn.“
Gou nahm seelenruhig einen Schluck von seinem Tee, seine Haltung so unerschütterlich wie die seines Vaters neben ihm. „Es ist ein Teil meiner Herkunft, Violeta. Aber am Ende des Tages ist es nur ein Haus. Was zählt, ist die Disziplin, die man darin aufbringt.“
Er warf Hiromi einen Seitenblick zu und bemerkte, wie sie das prachtvolle Panorama genoss. Inmitten dieser aristokratischen Opulenz wirkte er kein Stück deplatziert...er war der Erbe von zwei Welten, der Hiwatari-Härte und des Davies-Adels.
Bevor Lord Eric auf Sayuris nächste kecke Frage antworten konnte, öffnete sich eine der hohen Fenstertüren zum herrschaftlichen Salon, und Lady Emily Davies trat auf die sonnenüberflutete Terrasse. Ihr langes, hellblondes Haar war zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt, die ihr feines Gesicht perfekt umrahmte, und ihre strahlend blauen Augen leuchteten vor herzlicher Freude auf.
Nami erhob sich sofort mit einem strahlenden Lächeln. „Tante Emily!“, rief sie aus und eilte auf sie zu, um sie fest in die Arme zu schließen. Die Vertrautheit zwischen den beiden Frauen war offensichtlich; Emily hielt Nami einen Moment länger fest und strich ihr liebevoll über das silberweiße Haar, während sie leise Worte der Begrüßung murmelte.
Hiromi beobachtete die Szene fasziniert von ihrem Platz aus. Ihr Blick wanderte von Emily zu Eric und dann zurück zu den Erinnerungen, die sie an Gous Cousine Lumina hatte. Sie neigte sich leicht zu Gou vor, der mit unerschütterlicher Ruhe seinen Tee genoss.
„Gou...“, flüsterte sie leise, während sie zusah, wie Emily nun auch Sayuri mit einer mütterlichen Geste begrüßte. „Lumina hat ihre Schönheit definitiv von beiden Elternteilen geerbt, aber jetzt, wo ich sie hier beide zusammen sehe... sie kommt tatsächlich mehr nach ihrem Vater Eric. Die Grundzüge sind fast identisch.“
Gou folgte ihrem Blick und nickte kaum merklich, während er seine Tasse absetzte. „Die Davies-Gene sind ziemlich dominant. Aber das Leuchten in den Augen... das hat sie zweifellos von Emily.“
Hiromi schüttelte leicht den Kopf und ein bewunderndes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ich kann mich nur wiederholen: Deine Familie ist ein einziger Haufen aus wunderschönen Menschen. Es ist fast schon einschüchternd. Wenn man euch alle zusammen sieht, wirkt der Rest der Welt irgendwie... blasser.“
Gou warf ihr einen seitlichen Blick aus seinen granatroten Augen zu, und für einen Moment blitzte darin dieses tiefe, private Glimmen auf, das nur ihr galt. „Schönheit ist eine Sache des Erbes, Hiromi. Aber Charakter ist eine Sache der Wahl.“ Er griff unter dem Tisch nach ihrer Hand und drückte sie fest. „Und was mich angeht... ich habe meine Wahl bereits getroffen und Beides gefunden.“
Hiromi errötete leicht bei seinen Worten, fühlte sich aber gleichzeitig geerdet in dieser Welt aus Palästen und Titeln.
Gerade als Graham die Gruppe dezent zum Aufbruch mahnen wollte, hob Lord Eric eine Hand und sah Kai und Nami mit einem verschmitzten Augenwinkern an. „Nicht so voreilig, meine Lieben. Es gibt da noch zwei Herrschaften, die es sich nicht nehmen lassen wollten, extra aus ihrem Landsitz in Edinburgh anzureisen, um die Familie Hiwatari gebührend zu verabschieden.“
Nami hielt mitten in der Bewegung inne, und ein ungläubiges, freudiges Aufleuchten trat in ihre Züge. Aus dem schattigen Torbogen des Westflügels traten zwei Gestalten auf die Terrasse, die sofort die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden auf sich zogen.
Es waren John und Alice Davies, Namis Großeltern mütterlicherseits und die Eltern von Eric und Namis Mutter Hilda.
Obwohl beide bereits in ihren 80ern waren, strahlten sie eine Aura aus, die man nur als königlich bezeichnen konnte. John Davies war ein hochgewachsener Mann mit einem beeindruckenden Schopf aus schneeweißem Haar und wachen Augen, die keinerlei Anzeichen von Müdigkeit zeigten. Er trug einen perfekt sitzenden Tweed-Anzug und bewegte sich mit einer Aufrechtheit, die selbst Kai Respekt abverlangte.
An seiner Seite schritt Alice Davies, eine Frau von zeitloser Eleganz. Ihr Haar war wie flüssiges Silber zu einem edlen Knoten gesteckt, und ihre Augen leuchteten vor Stolz. Trotz ihres Alters war ihre Haut noch immer fein und ihre Ausstrahlung von einer Schönheit geprägt, die jenseits aller Jugendlichkeit stand.
„Großvater! Großmutter!“, rief Nami und eilte auf sie zu.
John fing seine Enkelin mit einer überraschend festen Umarmung auf, während Alice ihr zärtlich über die Wangen strich. „Wir konnten euch doch nicht ohne einen englischen Segen ziehen lassen“, brummte John mit einem tiefen, herzlichen Unterton.
Sein Blick wanderte über Namis Schulter zu Kai. Die beiden Männer sahen sich einen Moment lang schweigend an...zwei Generationen von Oberhäuptern. Dann reichte John Kai die Hand. „Hiwatari. Ich sehe, du passt immer noch gut auf meine Enkelin auf. Und auf den nächsten Schwung Davies-Blut ebenfalls.“
Kai erwiderte den Händedruck fest. „Darauf kannst du dich verlassen.“
Alice wandte sich derweil Gou und den Zwillingen zu. Sie betrachtete Gou mit einem prüfenden, liebevollen Blick. „Du wirst deinem Vater immer ähnlicher, Gou. Aber du hast wie immer den Glanz deiner Mutter. Vergiss das nie, wenn du in Japan deine Schlachten schlägst.“
Hiromi stand völlig starr neben Gou. Sie flüsterte ihm fast unhörbar zu: „Gou...Hiro und Hilda sind ja schon eine Nummer aber...deine Urgroßeltern... sie sehen aus wie ein Königspaar aus einem Märchen. Sind in deiner Familie eigentlich alle so attraktiv?“
Gou unterdrückte ein Schmunzeln und sah zu den beiden Senioren, die inmitten des Palastes wie das lebende Fundament der gesamten Dynastie wirkten. „Es scheint ein Fluch zu sein, Hiromi. Aber einer, mit dem man leben kann.“
Sogar Ryan, der normalerweise immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, stand nun stramm und traute sich kaum zu atmen. Die schiere Präsenz von John und Alice Davies verlieh dem Abschied eine Schwere und Würde, die das gesamte Team tief beeindruckte.
Alice Davies wandte sich mit einer bemerkenswerten Anmut von Gou ab und fixierte Hiromi, die immer noch wie angewurzelt neben ihm stand. Ein sanftes, aber wissendes Lächeln stahl sich auf die Lippen der alten Dame, und ihre Augen leuchteten warm auf.
„Und du musst Hiromi sein“, sagte Alice, ihre Stimme klang wie feines Porzellan, aber mit einer unerwarteten Festigkeit. „Nami hat mir am Telefon bereits von dir erzählt, und Gou... nun, sein Blick spricht Bände, wenn er dich ansieht.“
Hiromi spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. Sie verneigte sich tief, tiefer als sie es jemals vor jemandem getan hatte, der nicht zur kaiserlichen Familie gehörte. „Es ist mir eine Ehre, Mrs. Davies. Eine unglaubliche Ehre.“
Alice winkte ab, eine Geste von vollkommener aristokratischer Lässigkeit. „Nenn mich Alice, Liebes. Wir sind hier unter uns.“ Sie griff in die tiefe Tasche ihres eleganten Mantels und holte ein flaches, in seidenes Papier eingewickeltes Päckchen hervor. „Ich hoffe, du verstehst die Sprache der Tradition. Ich wollte dir ein Geschenk machen, um dich in unserer... nun ja, zugegeben, etwas eigenwilligen Familie willkommen zu heißen.“
Sie überreichte Hiromi das Päckchen. Hiromi sah unsicher zu Gou, der ihr ermutigend zunickte, bevor sie vorsichtig das seidige Papier löste.
Zum Vorschein kam ein Stoff, der sich anfühlte wie ein Hauch von Nichts, aber schwer vor Geschichte war. Es war ein original Kleid aus den 1950ern, geschnitten im viktorianischen Stil. Der Stoff war ein tiefes, sattes Smaragdgrün, bestickt mit feinen, silbernen Fäden, die winzige Rosenknospen bildeten. Es hatte einen hochgeschlossenen Kragen aus zarter Spitze und eine Taille, die so schmal wirkte, dass Hiromi sich fragte, wie jemand darin jemals geatmet hatte.
Ein kollektives Luftholen ging durch die Gruppe. Sogar Nami trat näher, ihre Augen weit vor Überraschung. „Großmutter... das ist doch...“
Alice nickte sanft, während sie beobachtete, wie Hiromi ehrfürchtig über den antiken Stoff strich. „Ich habe dieses Kleid selbst getragen, als ich in Hiromis Alter war. Es war mein liebstes Frühlingskleid. Ich fand es neulich auf dem Dachboden von Davies Manor, als ich nach alten Büchern suchte.“
Sie wandte sich wieder Hiromi zu und legte eine ihrer feinen, kühlen Hände auf Hiromis zitternde Hand. „Es ist alt, aber es wurde mit Liebe getragen und bewahrt. Ich hoffe, es bringt dir genauso viel Glück und unvergessliche Momente, wie es mir einst beschwert hat. Betrachte es als ein Symbol dafür, dass du nun ein Teil der Davies-Linie bist, egal wo auf der Welt du dich befindest.“
Hiromi konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie spürte die Last der Tradition, die in diesem Kleid steckte, und die unglaubliche Geste der Akzeptanz, die Alice ihr gerade entgegenbrachte. „Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, Alice. Es ist wunderschön. Das schönste Kleid, das ich je gesehen habe. Ich werde es in Ehren halten.“
Gou trat einen Schritt näher und legte einen Arm um Hiromis Schultern. Er sah seine Urgroßmutter an, und in seinem Blick schwang ein seltenes, tiefes Einverständnis mit. „Danke, Urgroßmutter. Das bedeutet ihr... und mir... sehr viel.“
John Davies beobachtete die Szene mit einem stolzen Schmunzeln. „Gut gemacht, Alice. Die Davies-Frauen wissen eben, wie man Allianzen schmiedet.“ Er sah zu Kai, der die Szene mit unbewegter Miene, aber einem Hauch von Anerkennung in den Augen verfolgte. „Hiwatari, deine Familie wird immer größer. Ich hoffe, dein Anwesen in Tokio hat genug Schränke.“
Das leise, knirschende Rollen von Reifen auf dem Kiesweg der Auffahrt unterbrach den emotionalen Moment. Die schwarzen Davies Limousinen waren da. Der Moment des endgültigen Abschieds war nun wirklich gekommen.
Die Sonne stand nun tiefer über den weitläufigen Ländereien und tauchte den hellen Sandstein des Palastes in ein warmes, fast glühendes Orange. Der Wind trug den schweren Duft der Rosen herüber, als die Gruppe langsam die breite Freitreppe hinabstieg, um die wartende Wagenkolonne zu erreichen.
Unten in der Auffahrt bot sich ein Bild von disziplinierter Erwartung. Inmitten der Reihe glänzender schwarzer Limousinen stachen zwei Gestalten hervor, die bereits an einem der hinteren Wagen neben Graham Stellung bezogen hatten.
Ramsay stand dort mit einer unerschütterlichen Ruhe, die der von Graham in Nichts nachstand. Sein lichtes Haar schimmerte im Gegenlicht, und sein Gesichtsausdruck war das Paradebeispiel für diskrete Zurückhaltung. Er hielt die Tür der Limousine mit einer präzisen, lautlosen Bewegung fest, bereit, der Familie in die neue Etappe ihres Lebens zu folgen.
Direkt daneben wartete Harriet. Im Gegensatz zu Ramsays kühler Professionalität wirkte sie wie ein lebendiger Sonnenstrahl. Ihr kurzes, weißes Lockenhaar wippte leicht im Wind, und sie strahlte über das ganze Gesicht. Trotz des bevorstehenden Langstreckenflugs und des gewaltigen Umzugs nach Japan schien ihre gute Laune unerschöpflich. Sie wirkte fast so, als könne sie es kaum erwarten, die neuen Abenteuer im fernen Osten in Angriff zu nehmen.
Beide hatten sich entschieden, den großen Schritt zu wagen. Sie ließen das gewohnte Leben in London hinter sich, um der Familie Hiwatari nach Japan zu folgen und das Ayame-Anwesen mit ihrer britischen Treue und Expertise zu verstärken.
Nami hielt kurz inne und lächelte, als sie das herzliche Strahlen von Harriet bemerkte. Ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit erfüllte sie. „Ramsay, Harriet“, sagte Nami warm, als sie die Wagen erreichte. „Ich bin wirklich froh, dass ihr uns begleitet. Das Anwesen wird sich durch euch ein Stück mehr nach Zuhause anfühlen.“
Ramsay verneigte sich leicht, gewohnt wortkarg und effizient. „Es ist uns eine Ehre, Ma'am. Alles ist vorbereitet.“
Harriet hingegen konnte ihre Vorfreude kaum verbergen. „Oh, Mrs. Hiwatari, ich bin so gespannt auf Tokio!“, sagte sie und lachte fröhlich, was die angespannte Abschiedsstimmung sofort auflockerte. „Wir werden das Anwesen im Handumdrehen in Schuss bringen, verlassen Sie sich darauf!“
Kai trat an Nami heran und legte ihr eine Hand auf den Rücken. Sein Blick streifte Ramsay und Harriet mit jener kühlen Anerkennung, die er nur Menschen entgegenbrachte, die ihre Aufgabe mit absoluter Hingabe erfüllten. In Ramsay sah er die gleiche Verlässlichkeit wie in Graham, und Harriets unerschütterliche Fröhlichkeit war genau das Gegenteil, das das oft so ernste Ayame-Anwesen gebrauchen konnte.
Währenddessen verabschiedete sich Gou ein letztes Mal von seinem Onkel Eric und seiner Tante Emily. Er spürte das Gewicht des kleinen Päckchens in Hiromis Händen...das viktorianische Kleid von Alice war mehr als nur ein Erbstück; es war die offizielle Aufnahme in die Welt der Davies.
„Pass auf sie auf, Gou“, raunte Lord Eric seinem Neffen zu und klopfte ihm fest auf die Schulter. „Und bring dieses Team zu noch mehr Ruhm. Japan wartet auf seinen nächsten Regenten.“
Gou nickte ernst. „Das werde ich, Onkel.“
Er wandte sich zu Hiromi, die immer noch ein wenig benommen von den Ereignissen auf der Terrasse war. Gemeinsam stiegen sie in eine der Limousinen, gefolgt von Gous Teamkollegen. Ryan schüttelte nur fassungslos den Kopf, während er sich in die weichen Ledersitze sinken ließ.
„Leute“, murmelte Ryan, während die Wagen langsam über den knirschenden Kies in Richtung der großen Tore rollten. „Ich glaube, wir ziehen gerade in eine andere Dimension um. Diese Familie ist der Wahnsinn.“
Nami blickte aus dem Fenster und sah, wie John und Alice Davies oben auf der Terrasse standen und ihnen nachwinkten – zwei zeitlose Monumente einer Ära, die nun in die nächste Generation überging. Kai griff nach Namis Hand und drückte sie fest. Der Aufenthalt in London war ein Intermezzo voller Leidenschaft gewesen, doch nun rief die Pflicht in Japan.
Etwa eine Stunde später....
Der Aufstieg des Tachiwari-Privatjets in den dämmernden Londoner Himmel verlief so ruhig, wie man es von einer Maschine dieser Klasse erwartete. Während die Lichter der Metropole unter einer dichten Wolkendecke verschwanden, kehrte an Bord die kommenden Stunden eine entspannte, fast schon intime Atmosphäre ein.
Der Jet war ein fliegender Palast. Im vorderen Bereich hatten es sich Kai und Nami in den breiten Doppelledersesseln gemütlich gemacht. Kai hatte die Rückenlehne leicht nach hinten gestellt und beobachtete mit einem Glas Mineralwasser in der Hand, wie Nami erschöpft, aber glücklich den Kopf an seine Schulter lehnte. Die Anspannung der letzten Tage in London fiel sichtlich von ihr ab.
Im mittleren Teil des Flugzeugs herrschte deutlich mehr Leben. Gous Team hatte die luxuriöse Lounge-Ecke in Beschlag genommen. Ryan starrte immer noch fassungslos auf das High-End-Entertainment-System, während Violeta und Emilia bereits in Decken eingekuschelt waren.
Gou und Hiromi saßen an einem der Tische. Hiromi hatte das smaragdgrüne Kleid vorsichtig neben sich platziert, als wäre es ein heiliges Relikt. „Ich kann es immer noch nicht glauben, Gou“, flüsterte sie. „Deine Urgroßmutter... sie hat mir einfach ein Stück ihrer eigenen Geschichte geschenkt.“
Gou lächelte und legte seine Hand auf ihre. „Sie weiß eben, wer es verdient hat, es zu tragen.“
Plötzlich öffnete sich die Tür zur Bordküche, und ein herrlicher Duft nach frisch gebackenen Scones und Earl Grey breitete sich in der Kabine aus. Harriet trat mit einem strahlenden Lächeln hervor, ein Tablett balancierend, als wäre sie in einem ruhigen Teezimmer und nicht in 10.000 Metern Höhe.
„So, meine Herrschaften!“, verkündete sie fröhlich. „Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir im Ayame-Anwesen beibehalten werden. Ein ordentlicher Cream Tea, um die Reisezeit zu verkürzen. Mr. Ryan, Sie sehen aus, als könnten Sie drei von diesen Scones vertragen!“
Ryan blinzelte überrascht. „Äh, ja, Ma'am. Sofort.“
Während Harriet das Team versorgte, schritt Ramsay mit unbewegter Miene durch den Gang, um Graham bei der Koordination der Ankunftsdetails in Tokio zu unterstützen. Die beiden wirkten wie zwei Zahnräder in einer perfekt geölten Maschine.
Hinten im Jet hatten sich die Zwillinge Ayumi und Ren in ihre Kojen zurückgezogen, während Sayuri...die trotz der späten Stunde noch hellwach war...Harriet mit Fragen über japanische Geistergeschichten löcherte, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte.
„Harriet? Glaubst du, im Ayame-Anwesen gibt es auch Geister, die Tee trinken? Ich habe bis jetzt noch nie welche gesehen.“, fragte Sayuri mit großen Augen.
Harriet lachte herzlich, während sie der Kleinen eine Tasse heiße Schokolade hinstellte. „Wenn es welche gibt, Schätzchen, dann werden sie bei mir lernen, wie man die Tasse richtig hält, das verspreche ich dir!“
Kai beobachtete das Treiben aus dem Augenwinkel. Ein leises Schnauben, das fast wie ein amüsiertes Lachen klang, entwich ihm. Er sah zu Nami hinunter, die mittlerweile sanft eingeschlafen war. Die Familie war komplett, das Team war bereit, und sein Imperium in Japan wartete.
Ein Traum
Zwei Wochen waren vergangen, seit der Tachiwari-Privatjet in den frühen Morgenstunden auf dem Haneda Airport aufgesetzt hatte. Der Jetlag war längst verflogen und der gewohnte, hochgetaktete Rhythmus der Familie Hiwatari hatte das Ayame-Anwesen wieder fest im Griff.
Im Tachiwari-Tower herrschte das gewohnt geschäftige Treiben. Kai leitete die globalen Operationen mit gewohnter Härte, während Nami die strategischen Fäden in der Führungsetage spann. Für die Kinder hatte der Schulalltag wieder begonnen...Gou, Ayumi und Ren waren in ihre Routine aus Unterricht und Beyblade-Training zurückgekehrt.
Besonders faszinierend war jedoch, wie reibungslos sich Ramsay und Harriet in das Anwesen integriert hatten. Während Ramsay sich mit Graham in einer fast schon beängstigenden, schweigenden Effizienz ergänzte, hatte Harriet das Ayame-Anwesen im Sturm erobert. Ihr unerschütterliches Strahlen und ihre fröhliche Art waren zum Herzschlag der Küche geworden.
Natürlich war die Rückkehr nicht ohne ein gewisses „Drama“ verlaufen. Tyson Granger war zutiefst beleidigt gewesen, dass die Hiwataris einfach so „spontan“ zum Weltmeisterschaftsfinale nach London geflogen waren, ohne ihm oder seiner Familie Bescheid zu geben.
„Das ist Verrat, Kai! Reiner Verrat!“, hatte Tyson geschmollt, während er mit verschränkten Armen im Dojo saß. „Wir hätten die Loge gerockt! Aber nein, der feine Herr Hiwatari braucht wohl seine Ruhe vor dem Champion.“
Makoto hatte mit Engelsgeduld versucht, seinen Vater zu beruhigen: „Dad, es war eine geschäftliche Reise für Gous Team, entspann dich!“
Hilary hingegen hatte nur die Augen gerollt, einen tiefen Seufzer ausgestoßen und Tyson ignoriert. „Tyson, werd erwachsen. Als ob Kai dich in einer VIP-Loge voller britischer Lords dabeihaben wollte, während du dich über das Buffet hermachst.“
In zwei Tagen stand nun ein großer Meilenstein bevor: Sayuris Einschulung. Die Aufregung im Haus war greifbar, doch heute galt Namis Aufmerksamkeit ihrer Cousine. Nami hatte den Tower etwas früher verlassen, um sich mit Lumina in ihrem kleinen, diskreten Stammcafé in Shinjuku zu treffen.
Das Café war eine Oase der Ruhe inmitten des neonfarbenen Trubels. Als Nami eintrat, sah sie Lumina bereits an ihrem Lieblingstisch am Fenster sitzen. Trotz der Ähnlichkeit zwischen den beiden war Luminas blasser Teint heute von einem fast überirdischen Glühen unterlegt. Ihre magentafarbenen Augen strahlten noch auffälliger als sonst.
„Nami!“, rief Lumina und sprang fast von ihrem Stuhl auf, als ihre Cousine sich setzte. Sie wartete kaum, bis der Kellner die Bestellung aufgenommen hatte.
Lumina beugte sich über den Tisch, ihre Hände zitterten leicht vor Aufregung, und das typische breite Grinsen in ihrem Gesicht war breiter denn je. „Ich konnte es nicht am Telefon sagen... ich musste dein Gesicht sehen.“
Sie griff nach Namis Händen und flüsterte mit einer Stimme, die vor pures Glück vibrierte: „Es hat geklappt, Nami. Tala und ich... wir bekommen ein Baby. Ich bin schwanger!“
Ein kurzes Schweigen der Überraschung folgte, bevor Nami die Hände ihrer Cousine fest drückte und ein breites Lächeln ihr Gesicht erhellte. Die Davies-Familie wuchs weiter...und nach der emotionalen Begegnung mit den Großeltern in London schien diese Nachricht wie die perfekte Krönung der Rückkehr nach Japan.
Nami lehnte sich in ihrem Korbstuhl zurück und beobachtete, wie Lumina förmlich vor Glück vibrierte. Das Licht der tiefstehenden Sonne in Shinjuku fing sich in Luminas silberweißen Haaren und ließ ihre magentafarbenen Augen fast unnatürlich hell leuchten.
„Ich wusste es!“, sagte Nami und drückte die Hände ihrer Cousine fest. „Ich hatte so ein Gefühl, als wir in London waren, aber ich wollte nichts sagen, um dich nicht nervös zu machen. Aber sag mal... wie hast du es denn eigentlich bemerkt? Hast du dich unwohl gefühlt?“
Lumina kicherte und schüttelte den Kopf, während sie an ihrem Tee nippte. „Eigentlich nicht. Ich war nur ein bisschen müder als sonst. Aber Tala... Tala wusste es quasi vor mir. Er hat mich vorgestern Abend ganz trocken beim Abendessen darauf aufmerksam gemacht, dass ich bereits fünf Tage überfällig sei.“
Nami hielt die Teetasse auf halbem Weg zum Mund an. Ein ungläubiges, belustigtes Funkeln trat in ihre Augen. „Nicht dein Ernst“, sagte sie lachend. „Willst du mir etwa sagen, dass Tala Valkov...der Mann, der früher kaum ein Wort über Gefühle verloren hat...jetzt genau wie Kai den Zyklus seiner Frau stets im Blick hat?“
Lumina brach in ein helles Lachen aus, das einige der anderen Café-Gäste kurz aufblicken ließ. „Ganz genau! Ich musste auch so lachen. Er hat mir gestanden, dass er es sich einfach aus Spaß angewöhnt hat, seit er gehört hat, dass Kai das bei dir macht. Er meinte, wenn Kai so eine 'strategische Überwachung' für nötig hält, dann könne das für einen ehemaligen Captain der Borg-Garde ja nur von Vorteil sein.“
Nami schüttelte amüsiert den Kopf. „Diese Männer... Strategen durch und durch. Selbst wenn es um die Familienplanung geht. Kai behauptet immer, es sei reine Effizienz, damit er weiß, wann er wieder seinen Status beim Urologen checken muss um zu sehen, ob er immer noch steril ist.“ sie unterdrückte ein Lachen.
„Tala war jedenfalls völlig aus dem Häuschen, auch wenn er es nach außen hin natürlich mit dieser typischen russischen Coolness überspielt hat“, fuhr Lumina fort und strich sich über den noch flachen Bauch. „Aber ich habe gesehen, wie seine Hand gezittert hat, als er den positiven Test in der Hand hielt. Er ist schon dabei, das Penthouse kindersicher zu planen. Ich glaube, er will das halbe Wohnzimmer in eine gepolsterte Kampfarena für Kleinkinder verwandeln.“
Nami genoss diesen Moment der Leichtigkeit. Nach dem Trubel der Weltmeisterschaft war diese Nachricht wie ein Versprechen für eine ruhigere, glückliche Zeit.
„Wir müssen es Onkel Eric und Tante Emily sagen“, überlegte Nami laut. „Und stell dir die Gesichter von John und Alice vor. Ein weiteres Urenkelkind... sie werden in Edinburgh Freudentänze aufführen.“
Lumina nickte eifrig. „Ich wollte erst dich fragen. Wie hast du es Kai damals gesagt? War er... naja, vorbereitet?“
Nami hielt kurz inne. Ihr Blick glitt hinunter auf ihre Hände, die die warme Teetasse umschlossen. „Gou war nicht geplant, Lumina....weißt du nicht mehr?“, sagte sie leise. „Ich war erst achtzehn, als ich mit ihm schwanger wurde. Kai war damals komplett überfordert. Er war überhaupt nicht glücklich über die Nachricht..."
Lumina hielt den Atem an, die Tasse auf halbem Weg zum Mund erstarrt. Das fröhliche Funkeln in ihren Augen wich einem Ausdruck tiefer Empathie, als sie Nami beobachtete. Die Geschichte von Gous Zeugung und Kais damaliger Reaktion war in der Familie zwar bekannt, aber sie aus Namis Mund zu hören, verlieh der Sache eine ganz andere Schwere.
„Achtzehn...“, flüsterte Lumina leise. „Ich kann mir kaum vorstellen, wie das gewesen sein muss. Kai Hiwatari, die unbezwingbare Festung, völlig aus den Angeln gehoben von einer Nachricht, die er nicht mit Strategie oder Kraft lösen konnte.“
Nami nickte langsam, ein wehmütiges, aber verzeihendes Lächeln auf den Lippen. „Er hat eine ganze Trainingshalle in Schutt und Asche gelegt, Lumina. Er ist einfach gegangen. Ich dachte damals, ich hätte ihn für immer verloren. Aber heute weiß ich...es war die nackte Angst gepaart mit der Fassungslosigkeit, dass seine damalige Sterilisation einfach aufgehoben wurde. Die Angst, dass dieses winzige Wesen eine Macht über ihn haben würde, gegen die er sich nicht wehren kann. Und die Angst, die Fehler seines Großvaters zu wiederholen.“
Sie strich sich eine silberweiße Strähne aus dem Gesicht und sah aus dem Fenster auf das geschäftige Shinjuku hinunter. „Bei Sayuri war es ähnlich. Er war geschockt, fast schon wütend auf die Biologie, weil er dachte, er hätte wieder alles unter Kontrolle. Er hatte sich nach den Zwillingen erneut sterilisieren lassen, um sicherzugehen, dass unsere Familie 'vollständig' und planbar bleibt.“
Lumina stellte ihre Tasse ab und beugte sich vor, ihre Stimme war nun kaum mehr als ein Wispern. „Und trotzdem... ist es wieder passiert. Deine Aura und seine... sie scheinen sich über jede medizinische Logik hinwegzusetzen.“
Nami lachte leise auf, ein warmer, fast mystischer Klang. „Kai nennt es eine 'systemische Fehlfunktion'. Aber die Wahrheit ist: Wenn wir uns nah sind, wenn unsere Auren miteinander verschmelzen, dann zählt mein tiefster, unterbewusster Wunsch mehr als jeder chirurgische Eingriff. Meine Energie scheint seine Blockaden einfach aufzulösen. Es ist, als würde das Schicksal...oder unsere Verbindung...entscheiden, dass noch Platz für ein weiteres Leben ist, egal was der Verstand sagt. Seine Aura reagiert auf meine...und bewirkt die Auflösung seiner Sterilisation.“
„Das ist... unglaublich romantisch und gleichzeitig absolut beängstigend für einen Kontrollfreak wie Kai“, stellte Lumina schmunzelnd fest. „Kein Wunder, dass er jedes Mal erst einmal eine Halle zerlegen musste, um damit klarzukommen.“
„Inzwischen hat er es zwar akzeptiert...aber er beobachtet mich ständig sobald das Thema 'Baby' irgendwo aufkommt. Als...warte er nur darauf, dass ich wieder den Wunsch nach einem nächsten Kind entwickle.“, sagte Nami und ihre Augen leuchteten zärtlich. „Er weiß, dass er gegen das Zusammenspiel unserer Auren keine Chance hat...und das...ist etwas das er nicht kontrollieren kann...ich aber ebenso wenig.“
Nami griff wieder nach Luminas Hand. „Deshalb freue ich mich so für dich und Tala. Bei euch ist es ein Geschenk, das ihr gemeinsam wolltet. Tala wird vielleicht auch versuchen, alles zu kontrollieren...die Windeln, das Training, die Sicherheit..., aber er wird genauso wie Kai feststellen, dass ein Kind das Einzige ist, das einen Hiwatari oder einen Valkov wirklich in die Knie zwingen kann. Auf die schönste Art und Weise.“
Lumina drückte Namis Hand fest. „Danke, Nami. Jetzt habe ich noch weniger Angst vor Talas 'Sicherheits-Wahn'. Wenn Kai das geschafft hat, dann schafft Tala das auch.“
Zwei Stunden später...
Nami verabschiedete sich von Lumina mit einer herzlichen Umarmung, doch als sie das Café verließ und in die kühle Abendluft von Shinjuku trat, legte sich eine unerwartete Schwere auf ihr Gemüt. Während sie zu ihrem Wagen ging, drifteten ihre Gedanken unwillkürlich zurück.
Sie dachte an das Gefühl, wie es war, ein neues Leben in sich zu tragen. Das rhythmische, schnelle Pochen, als sie das erste Mal das Herz ihrer Kinder auf dem Ultraschallmonitor hatte schlagen hören. Ein Geräusch, das so zerbrechlich und doch so kraftvoll war, dass es selbst Kais Mauern jedes Mal aufs Neue zum Einsturz gebracht hatte. Eine sanfte Melancholie überkam sie; die Erinnerung an diese ganz besondere Verbundenheit, die nur eine Mutter und ihr ungeborenes Kind teilen konnten, fühlte sich plötzlich schmerzhaft schön an.
Als sie schließlich das Anwesen erreichte, war es bereits dunkel. Im Haus war es ruhig, doch im großen Arbeitszimmer neben großen Salon brannte noch Licht.
Nami trat leise ein und hielt im Türrahmen inne. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, das jedoch von der Melancholie in ihrem Herzen gedämpft wurde. Kai saß am Schreibtisch, doch er arbeitete nicht an Bilanzen oder Marktanalysen. Vor ihm lag der neue, tiefblaue Schulranzen von Sayuri. Er begutachtete ihn mit einer Akribie, als handele es sich um ein hochpräzises technisches Gerät der Tachiwari-Corporation. Er prüfte die Verschlüsse, verstellte die Riemen um Millimeter und kontrollierte die Polsterung.
„Er ist ergonomisch geprüft, Kai“, sagte Nami leise.
Kai blickte auf, seine roten Augen trafen die ihren. Er legte den Ranzen beiseite, doch seine Miene blieb konzentriert. „Die Gurte waren nicht symmetrisch eingestellt. Das würde ihren Rücken unnötig belasten.“ Er musterte sie kurz und bemerkte sofort die Veränderung in ihrer Ausstrahlung. „Du bist spät. Wie war das Treffen mit Lumina?“
Nami spürte, wie ihr die Nachricht von Luminas Schwangerschaft plötzlich wie ein Kloß im Hals stecken blieb. Sie wollte es ihm sagen, die Worte lagen ihr auf der Zunge, doch etwas hielt sie zurück. Vielleicht war es die Erinnerung an seine Reaktion auf ihre eigenen ungeplanten Schwangerschaften, vielleicht war es das Wissen um seine ständige Wachsamkeit gegenüber ihrer Aura.
Sie schluckte schwer und wich seinem forschenden Blick ein wenig aus. „Es war... nett“, sagte sie, und ihre Stimme klang für ihre eigenen Ohren seltsam distanziert. „Wir haben hauptsächlich über die Zeit in London gesprochen und darüber, wie Tala sich im Penthouse einlebt. Sie lässt dich grüßen.“
Kai zog eine Braue hoch. Er spürte, dass sie ihm etwas verschwieg...ihre Auren waren zu eng miteinander verknüpft, als dass er die plötzliche Melancholie in ihr übersehen konnte. Er stand auf, trat auf sie zu und legte seine Hände sanft auf ihre Schultern.
„Nur über London?“, fragte er leise, seine Stimme tief und vibrierend. Sein Blick wanderte unbewusst zu ihrer Körpermitte, als würde er dort nach einer Veränderung suchen, die seine medizinische Absicherung erneut Lügen strafen könnte.
„Du wirkst... nachdenklich.“
Nami zwang sich zu einem Lächeln und legte ihre Hände auf seine Brust. „Ich bin nur ein wenig wehmütig wegen Sayuri. In zwei Tagen geht sie zur Schule. Unsere kleinste Rose wird so schnell groß, Kai.“
Es war nicht die ganze Wahrheit, aber es war genug, um Kai vorerst zu beruhigen. Er zog sie fest in seine Arme und vergrub sein Gesicht in ihrem silberweißen Haar. „Sie wird das schaffen, mein Schatz.“, brummte er gegen ihre Schläfe. „Sie ist eine Hiwatari.“
Nami schloss die Augen und genoss seine Nähe und seinen Duft, doch das Geheimnis von Lumina brannte weiterhin in ihr... ein Vorbote für die Veränderungen, die der Familie noch bevorstanden.
Der nächste Tag brach an, und Nami war entschlossen, die Melancholie des Vorabends hinter sich zu lassen. Sie war ein Profi, und im Tachiwari-Tower gab es keine Zeit für unbeantwortete Fragen oder unausgesprochene Geheimnisse. Gemeinsam mit Kai stürzte sie sich in das geschäftliche Treiben, und wer die beiden in den gläsernen Fluren oder während der Meetings beobachtete, sah das gewohnte Power-Paar an der Spitze des Imperiums.
Zwischen ihnen herrschte die gewohnte, knisternde Dynamik...eine Mischung aus kühler Professionalität und einer unterschwelligen, fast elektrischen Spannung, die jedes Mal entstand, wenn sich ihre Blicke über den Konferenztisch hinweg trafen. Kai agierte mit seiner gewohnten, schneidenden Präzision, während Nami die strategischen Feinheiten mit ihrer Eleganz untermauerte. Die Arbeit lenkte sie ab; sie war wieder die Vizepräsidentin, die Partnerin an Kais Seite, und für einen Moment rückte das Gespräch mit Lumina in den Hintergrund.
Gegen Nachmittag, als die Sonne die Glasfassade des Towers in ein gleißendes Licht tauchte, gönnten sich die beiden eine kurze Auszeit. Sie fuhren hinunter in die weitläufige, minimalistisch gestaltete Lobby und steuerten auf den exklusiven Café-Stand zu.
Kai lehnte mit verschränkten Armen am Tresen, während er auf seinen Espresso wartete. Er trug sein maßgeschneidertes dunkles Sakko, und seine Präsenz allein schien den Raum um ihn herum zu verdichten. Nami stand neben ihm, die Finger spielerisch um die warme Pappe ihres Matcha Latte geschlossen, dessen sanftes Grün einen starken Kontrast zu ihrem schlichten, geschäftlichen Outfit bildete.
„Der Zeitplan für morgen steht“, begann Kai und nahm den kleinen Becher mit dem schwarzen, starken Kaffee entgegen. Er trank ihn im Stehen, ohne den Blick von Nami abzuwenden. „Graham stellt den Wagen um acht Uhr bereit. Ramsay wird Sayuris Sachen vorab sichern, und Harriet besteht darauf, ein britisches Frühstück zu servieren, bevor wir aufbrechen.“
Nami nippte an ihrem Matcha und lächelte bei der Erwähnung von Harriet. „Sie ist fast aufgeregter als Sayuri selbst. Aber es ist gut so. Ein wenig Trubel lenkt die Kleine von ihrer eigenen Nervosität ab.“
„Ich habe Graham angewiesen, die Kameras unserer neuen Handys zu prüfen“, fügte Kai trocken hinzu. „Wir brauchen lückenlose Aufnahmen von der Zeremonie. Das Ayame-Anwesen braucht aktuelle Porträts für die Ahnengalerie.“
Nami lachte leise und legte Kai kurz die Hand auf den Unterarm. „Du meinst wohl eher für dein privates Archiv, Kai. Gib es zu, du willst jedes Detail von ihrer Einschulung festhalten.“
Kai erwiderte ihren Blick mit einer unleserlichen Miene, doch der leichte Druck seiner Hand auf ihrem Rücken verriet seine Zustimmung. „Es ist eine Investition in die Zukunft, mein Schatz. Und morgen beginnt ein wichtiges Kapitel.“
In diesem Moment wirkte Nami auf Kai wie immer...stark, fokussiert und vollkommen präsent. Die Schatten des Vorabends schienen verflogen, und während sie gemeinsam den Zeitplan für Sayuris großen Tag durchgingen, war die Welt der Hiwataris in perfekter Ordnung. Doch tief in Nami wartete das Wissen um Luminas Geschenk noch immer darauf, seinen Platz zu finden.
Das matte Licht des frühen Morgens sickerte kaum durch die schweren Vorhänge des Hauptschlafzimmers im Ayame-Anwesen. Es war erst kurz nach halb fünf Uhr, eine Zeit, in der das Haus normalerweise in tiefer Stille lag. Doch Nami war hellwach.
Leise schlüpfte sie aus dem Bett, darauf bedacht, Kai nicht zu wecken, dessen gleichmäßiger Atem den Raum erfüllte. Im Badezimmer angekommen, setzte sie sich auf die Toilette, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in ihren Händen. Die Kühle der Fliesen unter ihren Füßen half ihr nicht, die Hitze der Bilder aus ihrem Kopf zu vertreiben.
Sie hatte geträumt. Ein Traum, so klar und wunderschön, dass er ihr den Atem raubte....und gleichzeitig eine tiefe Unruhe in ihr säte. Sie hatte sich selbst gesehen, mit der vertrauten Wölbung eines späten Babybauchs, und später mit einem Neugeborenen in den Armen, dessen winzige Finger nach ihrem Haar griffen. Es war nicht Luminas Kind gewesen. Es war ihres.
Nami atmete zittrig aus. Sie hatte keinen brennenden, alles verzehrenden Kinderwunsch. Sie liebte ihre vier Kinder über alles, und wenn ihr Weg als Mutter hier endete, wäre sie vollkommen im Reinen mit sich. Aber da war dieser Gedanke. Diese flüchtige Idee von „irgendwann“, die schon damals bei Gou mit achtzehn Jahren ausgereicht hatte, um die Realität zu formen. Und bei Sayuri war es ebenso gewesen...nur ein Hauch eines Wunsches, ein unterbewusstes „Was wäre wenn“, das Kais Sterilisation wie Glas hatte zerspringen lassen.
Panik stieg in ihr auf.
Was, wenn allein dieser Traum ausreichte?
Was, wenn ihre Aura bereits wieder dabei war, die biologischen Barrieren, die Kai so akribisch hatte setzen lassen, stillschweigend aufzulösen?
Sie dachte fieberhaft nach. Sollte sie mit ihm reden? Ihm vorschlagen, zusätzlich zu verhüten, weil sie für die Unberechenbarkeit ihrer eigenen Energie nicht garantieren konnte? Sie schüttelte innerlich den Kopf. Kai hasste dieses Thema. Es erinnerte ihn an seinen Mangel an Kontrolle über die Biologie und an die Momente, in denen er als Stratege kläglich versagt hatte.
Vielleicht mache ich mir zu viele Gedanken,
versuchte sie sich zu beruhigen.
Vielleicht bleibt es diesmal einfach nur ein Traum.
„Nami?“
Sie zuckte zusammen. Kai stand im Türrahmen, die Umrisse seiner athletischen Gestalt zeichneten sich im Halbdunkel ab. Er trug nur seine dunkle Schlafhose, sein Haar war zerzaust, doch seine roten Augen waren bereits wachsam. Er hatte sofort bemerkt, dass sie fehlte.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte er mit seiner tiefen, leicht rauhen Morgenstimme.
Nami stand hastig auf und zog ihren Slip hoch, wobei sie versuchte, ihre Bewegungen so alltäglich wie möglich wirken zu lassen. „Ja, alles gut“, sagte sie und zwang sich zu einem festen Tonfall. „Ich musste nur mal auf Toilette. Ich komme wieder ins Bett, mein Schatz.“
Sie trat auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen. Sie wusste, dass Kai jede kleinste Unsicherheit wie ein Raubtier witterte. Wenn sie jetzt den Blick abwenden würde, wenn sie zur Seite schaute, würde er anfangen zu graben. Er kannte sie zu gut; er las in ihr wie in einem offenen Buch, das er selbst geschrieben hatte.
Also legte sie den Kopf leicht in den Nacken und hielt seinem forschenden Blick stand. Sie fixierte seine rubinroten Augen und ließ ihre Aura so ruhig wie möglich fließen, während ihr Herz in der Brust hämmerte.
Kai schwieg einen Moment lang, seine Augen suchten ihr Gesicht nach Anzeichen von Unwahrheit ab. Die Luft zwischen ihnen war dick von der ungesagten Spannung, die Nami mitgebracht hatte.
„Du wirkst angespannt“, stellte er schließlich fest, seine Stimme war leise, fast ein raunendes Urteil. Er legte eine Hand an ihre Wange, sein Daumen strich prüfend über ihren Jochbeinbogen. „Wegen heute? Wegen Sayuri?“
Nami schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und nickte leicht, dankbar für den Ausweg, den er ihr bot. „Nur die übliche Aufregung vor dem ersten Schultag. Es ist ein großer Schritt.“
Kai sah sie noch eine Sekunde länger an, als spüre er, dass da noch etwas anderes im Äther schwebte, doch er ließ es vorerst auf sich beruhen. Er legte sanft einen Arm um ihre Taille und zog sie eng an sich. „Komm schlafen, mein Schatz. In drei Stunden fängt das Chaos ohnehin an.“
Nami ließ sich von ihm zurück ins Schlafzimmer führen, doch während sie sich wieder in die Kühle der Laken legte, fragte sie sich, wie lange sie dieses Gefühl der Vorahnung vor ihm verbergen konnte...und ob es überhaupt noch in ihrer Macht stand, aufzuhalten, was ihr Unterbewusstsein vielleicht längst in Gang gesetzt hatte.
Als der Wecker um kurz nach sechs schließlich das Ende der kurzen Nacht einläutete, war das kühle Licht des Badezimmers einer warmen, schläfrigen Geborgenheit unter der Bettdecke gewichen. Doch die Ruhe hielt nur Sekunden.
Nami spürte, wie Kai sich neben ihr bewegte. Ohne ein Wort zu sagen, rollte er sich auf die Seite und zog sie fest gegen seinen warmen, muskulösen Körper. Bevor sie den Schlaf ganz aus ihren Augen blinzeln konnte, legte er eine Hand in ihren Nacken und zog sie in einen tiefen, fordernden Kuss. Es war nicht nur ein sanfter Morgengruß; es war ein Kuss, der nach tiefer Liebe schmeckte und ihre Sinne sofort in einen dichten Nebel hüllte.
„Guten Morgen“, raunte er gegen ihre Lippen, seine Stimme noch tiefer und rauer als im Badezimmer zuvor.
Er schob sich über sie, sein Gewicht eine vertraute, berauschende Last. Nami spürte, wie ihre Erregung augenblicklich hochkochte. Als Kai seine Lippen von ihren löste und eine Spur aus brennenden Küssen an ihrem Hals hinunterzog, legte sie unwillkürlich den Kopf in den Nacken. Ein leises Keuchen entwich ihr, als seine Zunge ihre Haut liebkoste und er schließlich weiter hinunter zu ihren Brüsten wanderte.
In dem Moment, als sein Mund ihre Nippel umschloss, durchzuckte sie ein heftiger Schauer. Sie spürte, wie sie unter seinen Berührungen feucht wurde, wie ihr Körper nach ihm schrie und sich instinktiv gegen ihn drängte. Doch mitten in dieses berauschende Verlangen mischte sich plötzlich eine kalte, schneidende Panik.
Nicht jetzt. Bitte nicht jetzt.
In ihrem Kopf hallten die Bilder des Traums nach. Sie spürte das vertraute Prickeln ihrer Aura, das immer dann einsetzte, wenn Kai sie so berührte...diese energetische Resonanz, die wie ein Katalysator wirkte. Die Angst vor dem Kontrollverlust schnürte ihr die Kehle zu. Sie wollte ihn, sie wollte jede Sekunde dieses Moments, aber die Scham brannte heißer als die Lust. Die Scham darüber, dass sie vielleicht wieder der Auslöser sein würde. Dass ihre Aura, gesteuert von einem flüchtigen Traum, Kais mühsam errichtete Ordnung erneut als „Systemfehler“ entlarven würde. Und die Scham darüber, dass sie selbst die Kontrolle über ihre eigene Aura nicht halten konnte....
Sie konnte nicht zulassen, dass ein fünftes Kind das Ergebnis dieses Morgens war.
Ihre Atmung wurde flacher, unregelmäßiger. Kai hielt inne. Er war zu sehr auf sie eingestellt, um die Veränderung in ihrem Herzschlag und die plötzliche Starre ihrer Glieder nicht zu bemerken. Er hob den Kopf, seine Haare hingen ihm tief in die Stirn, und seine roten Augen brannten vor unterdrückter Leidenschaft, aber auch vor wachsender Verwirrung.
Nami wusste, sie musste jetzt handeln, bevor das Zusammenspiel ihrer Auren den 'Point of No Return' erreichte.
„Kai...“, presste sie hervor, ihre Stimme zittrig. Sie legte ihre Hände flach gegen seine Schultern um Distanz zu schaffen. „Warte. Wir... wir können nicht.“
Er hielt inne, seinen Körper immer noch fest gegen ihren gepresst. „Nami? Was ist los?“
Sie schluckte schwer und suchte verzweifelt nach einer Erklärung, die ihn nicht misstrauisch machen würde, während sie innerlich versuchte, ihre aufgewühlte Energie zwanghaft herunterzufahren. „Die Kinder“, log sie hastig, wobei sie versuchte, die Panik in ihrer Stimme als mütterliche Sorge zu tarnen. „Harriet ist schon wach... ich habe sie eben Korridor gehört. Und Sayuri... sie wird jeden Moment hereinstürmen. Sie ist viel zu aufgeregt für ihren ersten Schultag. Wenn sie uns wieder so sieht...“
Sie sah ihn bittend an, hoffend, dass das Argument der elterlichen Disziplin bei ihm ziehen würde. Es war ein verzweifelter Versuch, aus der berauschenden Falle ihrer eigenen Biologie zu entkommen.
Kai starrte sie sekundenlang schweigend an. Er spürte die Hitze ihres Körpers, die feuchte Bereitschaft, aber er spürte auch das Zittern ihrer Hände. Ein Schatten von Enttäuschung glitt über seine Züge, gefolgt von jener kühlen Analytik, die er immer dann einsetzte, wenn er eine Situation nicht ganz begriff.
„Harriet“, wiederholte er flach. Er atmete tief durch, schloss kurz die Augen und rollte sich dann langsam von ihr ab. „Du hast recht. Die Disziplin im Haus darf nicht leiden, nur weil es der Morgen vor der Einschulung ist.“
Er setzte sich an die Bettkante, den Rücken ihr zugewandt, seine Muskeln unter der Haut immer noch angespannt wie Sprungfedern. Nami blieb liegen, ihr Herz raste noch immer, und ein Teil von ihr schrie vor Frustration über die abgebrochene Nähe. Aber die Erleichterung wog schwerer.
Sie hatte die Katastrophe vorerst abgewendet. Doch als sie sah, wie Kai sich schweigend sein Hemd griff, wusste sie, dass das Problem nicht gelöst war. Ihr Unterbewusstsein war eine Zeitbombe, und Kai ahnte noch nicht, dass seine Sterilisation vielleicht schon längst gegen die Macht ihrer Träume kämpfte.
Nami lag noch einen Moment reglos da, das hämmernde Pochen ihres Herzens hallte in ihren Ohren wider. Die Erleichterung über den Abbruch kämpfte mit der tiefen Sehnsucht nach seiner Haut, doch die Angst vor der unkontrollierbaren Macht ihrer eigenen Aura blieb wie ein eiskalter Anker in ihrer Brust.
Doch Kai war kein Mann, der sich einfach abwandte. Er drehte sich langsam zu ihr um. Sein Blick war nicht verärgert, sondern zärtlich forschend. Er suchte ihre Augen, als wollte er hinter die Barriere blicken, die sie gerade so hastig errichtet hatte.
Er griff nach ihrer Hand, die noch immer leicht zitternd auf der Decke lag, und führte sie an seine Lippen. Er gab ihr keinen flüchtigen Kuss, sondern verweilte dort, während sein Daumen in langsamen, beruhigenden Kreisen über ihren Handrücken strich. Nami erhob sich nun ebenfalls aus den Laken und atmete tief aus. Diese Art von Nähe...die reine, tiefe Verbundenheit ohne den unmittelbaren Drang zur körperlichen Vereinigung...war ihr Rettungsanker. Sie liebte es, wie er sie hielt, wie er ihre Wange mit dem Handrücken streifte, während sie gemeinsam das Zimmer verließen. Es war die stille Sprache ihrer Liebe, die sie so dringend brauchte, um ihre innere Panik zu besänftigen. Solange es bei diesen Gesten blieb, fühlte sie sich sicher.
Gerade als sie die Tür zum Korridor öffneten, geschah genau das, was Nami als Vorwand genutzt hatte.
„Mama! Papa! Guckt mal!“
Die Tür am Ende des Korridors flog mit einem Knall auf. Sayuri stürmte heraus, ein kleiner Wirbelwind aus weißem Stoff und dunklen Stofffalten. Sie trug bereits ihre nagelneue Schuluniform...den dunkelblauen Rock, die weiße Bluse und die akkurat gebundene Schleife. Ihre silberweißen Locken wippten bei jedem Schritt, und ihre magentafarbenen Augen leuchteten vor purer Begeisterung.
„Ich bin fertig! Harriet hat mir geholfen, die Socken ganz gerade zu ziehen, damit sie nicht rutschen!“, verkündete sie stolz und machte eine übertrieben elegante Pirouette vor ihren Eltern.
Kai ließ Namis Hand nicht los, sondern zog sie nur ein Stück näher an seine Seite, während ein seltenes, echtes Lächeln seine Züge entspannte. „Du siehst aus wie eine echte Hiwatari, Sayuri“, sagte er mit einer Spur von Stolz in der Stimme, die er nur seinen Kindern gegenüber zeigte.
„Kommt jetzt! Harriet hat Scones gemacht! Und Ramsay hat gesagt, wenn ich trödele, fahren die Wagen ohne mich ab!“, rief Sayuri und flitzte bereits in Richtung der großen Treppe davon.
Nami sah ihr nach, und für einen Moment vergaß sie die düsteren Vorahnungen ihres Traums. Sie spürte Kais Arm, der sich fest um ihre Taille legte, und lehnte ihren Kopf für einen kurzen Augenblick an seine starke Schulter. Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe, ein Versprechen von Beständigkeit.
„Gehen wir runter“, sagte er leise. „Bevor Harriet den Tee ohne uns serviert.“
Unten im Speisesaal herrschte bereits jenes kontrollierte Chaos, das Harriet so meisterhaft orchestrierte. Der Duft von frisch gebackenen Scones und kräftigem Earl Grey erfüllte den Raum. Harriet strahlte über das ganze Gesicht, während sie die Teller arrangierte, und Ramsay stand wie eine unerschütterliche Statue am Fenster, die Uhr im Blick.
Gou, Ayumi und Ren saßen bereits am Tisch. Gou warf seiner kleinen Schwester einen anerkennenden Blick zu. „Nicht schlecht, Prinzessin. Aber wehe, du bekleckerst die Uniform schon beim Frühstück mit Marmelade.“
„Werde ich nicht, Gou! Ich bin jetzt groß!“, entgegnete Sayuri würdevoll, während sie auf ihren Stuhl kletterte.
Nami setzte sich neben Kai und genoss die Wärme dieser familiären Szene. Doch während sie nach ihrem Tee griff, spürte sie Kais Blick erneut auf sich ruhen...zärtlich, forschend, als würde er darauf warten, dass sie ihm endlich die ganze Wahrheit über das verrät, was sie heute Morgen so aus der Fassung gebracht hatte.
Verständnis
Der prachtvolle, dunkelgrüne Bentley stand bereits mit laufendem Motor in der Auffahrt des Anwesens, das Chrom blitzte in der milden Morgensonne. Graham, in seiner gewohnt tadellosen Uniform, hielt die hintere Tür mit einer stoischen Gelassenheit offen, die keinen Zweifel daran ließ, dass Pünktlichkeit heute das höchste Gebot war.
„Die Herrschaften“, begrüßte er sie knapp mit einer angedeuteten Verbeugung.
Sayuri kletterte mit einer fast schon feierlichen Ernsthaftigkeit auf die Rückbank, ihren neuen Ranzen fest umklammert. Gou folgte ihr mit einem lässigen, aber dennoch schützenden Blick auf seine kleine Schwester. Ayumi und Ren waren bereits vor einer halben Stunde aufgebrochen; sie hatten die Gelegenheit genutzt, bei einer Klassenkameradin mitzufahren, was das Haus heute Morgen ein wenig leerer, aber nicht weniger hektisch wirken ließ.
Kai half Nami in den Wagen. Seine Hand verweilte einen Sekundenbruch länger an ihrer Taille, als er sie sanft auf das Leder gleiten ließ. Es war eine stumme Geste, die sagte:
Ich sehe dich immer noch.
Während Graham den Wagen sanft durch die gepflegten Vororte in Richtung der exklusiven Minato-Privatschule lenkte, herrschte im Inneren eine besondere Atmosphäre. Sayuri starrte aus dem Fenster, ihre kleinen Finger trommelten nervös auf dem Verschluss ihres Ranzens.
„Denk dran, Sayuri“, sagte Gou ruhig, während er seine eigenen Unterlagen für den Unterricht ordnete. „Die Lehrer sind streng, aber wenn du so auftrittst wie heute Morgen, werden sie wissen, dass man mit einer Hiwatari nicht spielt.“
Sayuri nickte eifrig. „Ich werde die Beste sein, Gou. Wie du.“
Nami beobachtete das Profil ihres Sohnes und die unschuldige Entschlossenheit ihrer jüngsten Tochter. Ein Stich der Melancholie traf sie erneut. Es fühlte sich an, als würde mit Sayuris Einschulung eine Ära enden...die Zeit der „kleinen“ Kinder im Haus war endgültig vorbei. Ihr Blick glitt unwillkürlich zu Kai, der neben ihr saß und auf sein Smartphone starrte, um die letzten Börsenkurse vor dem offiziellen Schulbeginn zu prüfen.
Plötzlich spürte sie seine Hand. Blindlings, ohne den Blick vom Display abzuwenden, hatte er nach ihrer Hand gesucht und seine Finger mit ihren verschränkt. Sein Daumen begann wieder dieses langsame, kreisende Streicheln über ihren Handrücken. Es war sein Weg, sie im Hier und Jetzt zu halten, doch für Nami war es ein zweischneidiges Schwert: Jede Berührung sandte Wellen der Beruhigung aus, fachte aber gleichzeitig das leise Glimmen ihrer Aura an, das sie so verzweifelt zu unterdrücken versuchte.
Als der Bentley vor dem imposanten Haupttor der Schule zum Stehen kam, herrschte dort bereits reges Treiben. Eltern in teuren Kostümen und Maßanzügen führten ihre aufgeregten Erstklässler über den roten Teppich, der traditionell für den ersten Schultag ausgerollt worden war.
Graham öffnete die Tür, und die Familie stieg aus. Sofort richteten sich die Blicke der Umstehenden auf sie. Die Hiwataris waren nicht einfach nur Eltern; sie waren wie Herrscher auf dem Weg zum Thron.
Kai rückte sich die Krawatte zurecht und sah auf Sayuri hinunter. „Geh voran“, sagte er leise, aber bestimmt.
Sayuri atmete tief durch, straffte die Schultern und machte den ersten Schritt auf das Schulgelände. Gou hielt sich einen Schritt hinter ihr, wie ein stiller Wächter. Nami und Kai folgten als geschlossene Einheit.
„Sie macht das gut“, flüsterte Nami, mehr zu sich selbst als zu Kai.
„Natürlich tut sie das“, erwiderte Kai, während er Nami noch enger an seine Seite zog, sodass ihre Oberarme sich berührten. Er senkte die Stimme, sodass nur sie ihn hören konnte. „Aber wenn wir heute Abend nach Hause kommen, mein Schatz... dann reden wir. Ohne Harriet, ohne Ramsay und ohne Ausreden.“
Namis Herz setzte einen Schlag aus. Sein zärtlich forschender Blick von heute Morgen war einer zielgerichteten Entschlossenheit gewichen. Er hatte die Unstimmigkeit nicht vergessen...er hatte sie nur für den Moment der familiären Pflicht geparkt.
Die festliche Aula der Minato-Privatschuie war in warmes Licht getaucht. Der Duft von frischen Blumen und Bohnerwachs lag in der Luft, während das leise Gemurmel hunderter Eltern ein erwartungsvolles Summen erzeugte. Sayuri saß in der ersten Reihe der Erstklässler, ihr silberweißer Hinterkopf leuchtete zwischen den anderen Kindern hervor. Sie saß kerzengerade, die Hände ordentlich gefaltet...eine perfekte kleine Kopie der Disziplin ihres Vaters.
Nami und Kai standen etwas abseits im hinteren Bereich. Kai hatte den Arm zärtlich um Namis Taille gelegt, seine Finger ruhten fest auf ihrer Hüfte. Er beobachtete die Zeremonie mit der gewohnten kühlen Aufmerksamkeit, doch Nami spürte, wie er jede ihrer Regungen registrierte.
Nach der offiziellen Begrüßung durch den Direktor löste sich die Menge auf, um zum Empfang im Garten überzugehen. Dort geschah es.
„Mr. und Mrs. Hiwatari? Was für eine Ehre, Sie hier zu sehen“, erklang eine helle, freundliche Stimme.
Ein Ehepaar Mitte dreißig trat auf sie zu. Der Mann, offenbar ein erfolgreicher Geschäftsmann in einem teuren Zwirn, verbeugte sich leicht, doch Namis Blick blieb sofort an der Frau hängen. Sie hielt ein Bündel aus weichem, weißem Stoff fest an ihre Brust gepresst. Ein winziges, erst wenige Tage altes Baby schlummerte darin, das Gesichtchen rosig und vollkommen friedlich.
„unsere Tochter Kari wird heute eingeschult“, erklärte die Mutter stolz. „Und das hier ist die kleine Eri. Sie ist erst zwei Wochen alt, eigentlich wollten wir sie bei der Nanny lassen, aber ich konnte mich einfach nicht trennen.“
Nami spürte, wie ihr Herz einen schmerzhaften Satz machte. Die Melancholie, die sie seit dem Traum am frühen Morgen begleitete, schwoll zu einer Welle an. „Sie ist wunderschön“, hauchte Nami und trat unwillkürlich einen Schritt näher. Ihre Augen leuchteten auf eine Weise, die sie nicht unterdrücken konnte. Das sanfte Glucksen des Neugeborenen, dieser unverwechselbare, reine Duft nach Baby...es traf sie mitten ins Mark.
Der Anblick des winzigen Bündels, das so vollkommen schutzlos und rein wirkte, löste in ihr eine Welle an Emotionen aus, gegen die sie sich nicht wehren konnte. Als sie vorsichtig ihren Finger ausstreckte und die kleine Eri instinktiv danach griff, fühlte Nami ein vertrautes Ziehen in ihrer Brust. Es war ein Echo vergangener Tage, ein körperliches Gedächtnis an das Wunder, das sie viermal selbst erlebt hatte.
Kai stand direkt hinter ihr. Er spürte die Veränderung in ihrer Energie sofort...diese tiefe, fast schon schmerzhafte Resonanz, die von Nami ausging. Er sah nicht auf das Baby. Sein Blick ruhte auf Namis Nacken, auf der sanften Kurve ihrer Schultern, die sich bei der Berührung leicht entspannten.
Er bemerkte das feuchte Glitzern in ihren Augen, das sie so tapfer zu verbergen suchte. Anstatt sie anschließend mit Fragen zu bedrängen oder die Situation analytisch zu kommentieren, legte er seine Hand flach auf ihren Rücken. Er spürte das Zittern, das durch ihren Körper ging. Sein Griff war nicht fordernd, sondern stützend, ein stilles Versprechen:
Ich bin hier.
„Kinder sind ein Segen“, sagte Kai ruhig zu den anderen Eltern, seine Stimme tief und vollkommen aufrichtig. Er wandte sich nicht ab, er unterbrach den Moment nicht. Er ließ Nami die Zeit, die sie brauchte, um sich von dem Anblick des Neugeborenen zu lösen.
Als sie schließlich den Finger zurückzog und sich zu ihm umdrehte, sah er den Konflikt in ihrem Gesicht. Die Melancholie war dort deutlich eingebrannt, gepaart mit einer fast schon entschuldigenden Scheu.
„Gehen wir ein Stück?“, fragte er leise. Es war ein Angebot kurz der Menge zu entfliehen.
Er führte sie weg vom Trubel, in einen ruhigeren Teil des Schulgartens, wo die alten Kirschbäume Schatten spendeten. Er ließ ihren Arm nicht los, sondern suchte wieder ihre Hand, verschränkte seine Finger fest mit ihren und strich mit dem Daumen über ihre Haut. Er wartete. Er wusste, dass in ihr etwas vorging, das weit über die normale Aufregung dieses Tages hinausging.
Doch bevor sie den schattigen Rückzugsort der Kirschbäume ganz erreichen konnten, durchschnitt ein vertrautes, energisches Lachen die aristokratische Stille des Gartens.
„Ich sag’s dir, Hilary, wenn sie den ersten Schultag so verschläft wie ihr Vater früher die Turniere, dann wird das ein langes Jahr!“
Nami hielt inne und ein echtes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Nur wenige Meter entfernt, zwischen perfekt gestutzten Hecken, stand eine Gruppe, die so gar nicht in das steife Bild der Elite-Privatschule passen wollte. Tyson Granger, der in seinem Anzug sichtlich mit der Krawatte kämpfte, legte gerade einer kleinen, dunkelhaarigen Erstklässlerin die Hand auf die Schulter. Neben ihm stand Hilary, die zwar elegant aussah, aber gerade damit beschäftigt war, Tyson einen mahnenden, wenn auch liebevollen Stoß in die Seite zu versetzen.
„Tyson! Benimm dich, wir sind hier nicht im Trainingslager.“, zischte sie, bevor ihr Blick auf die Hiwataris fiel. „Nami! Kai!“
Das Ehepaar Granger steuerte auf sie zu, ihre Tochter Kana fest an der Hand. Kana hatte Tysons spitzbübisches Grinsen, wirkte aber in ihrer neuen Schuluniform deutlich disziplinierter als ihr Vater.
„Kai, alter Junge!“, rief Tyson und klopfte Kai kräftig auf die Schulter, was diesen nur minimal zusammenzucken ließ...ein Zeichen höchster Beherrschung. „Wer hätte gedacht, dass wir unsere Kleinen am selben Tag hier abliefern? Kana und Sayuri in einer Klasse... die Lehrer wissen gar nicht, was ihnen blüht, oder? Die Zeremonie war wirklich nett...auch wenn der Direktor etwas zu viel geredet hat..“
„Tyson“, erwiderte Kai knapp, doch ein seltener Schimmer von Amüsement blitzte in seinen Augen auf. „Schön zu sehen, dass du es pünktlich geschafft hast. Ich nehme an, Hilary hat die Logistik übernommen?“
Hilary lachte und umarmte Nami kurz. „Du kennst ihn ja. Ohne mich wäre er wahrscheinlich zur falschen Schule gefahren...und das obwohl Makoto hier auch den Unterricht besucht. Aber schau sie dir an...“, ihr Blick glitt zu Kana. „Jetzt sind sie offiziell groß.“
Nami spürte, wie die Anwesenheit ihrer Freunde den Druck in ihrer Brust ein wenig milderte. Die Normalität, die von den Grangers ausging, war wie ein frischer Wind. „Sie machen sich prächtig“, sagte Nami sanft.
Tyson sah Nami einen Moment lang forschend an, sein Instinkt für Stimmungen war trotz seiner tollpatschigen Art immer noch messerscharf. „Alles okay bei dir, Nami? Du wirkst, als hättest du gerade einen Geist gesehen.“
Bevor sie antworten konnte, spürte sie Kais Hand wieder fest auf ihrem Rücken. „Es ist ein emotionaler Tag für uns alle, Tyson“, übernahm Kai ruhig das Wort. „Wir wollten gerade einen Moment Ruhe im Schatten suchen.“
„Verstehe, verstehe“, nickte Tyson eifrig. „Wir sehen uns später in der Aula, ja? Wir müssen unbedingt darauf anstoßen, dass wir die Babyjahre endlich hinter uns haben!“
Bei Tysons Worten...
Babyjahre hinter uns
verkrampfte sich Namis Hand unbewusst in Kais Sakko. Hilary schien die feine Nuance zu bemerken, doch bevor sie etwas sagen konnte, verabschiedete sich die kleine Gruppe bereits wieder, da Kana von ihrer neuen Lehrerin gerufen wurde.
Kai nahm ihre Hand, verschränkte erneut seine Finger mit ihren und führte sie weiter.
„Nami“, begann er sanft, während sie an einem kleinen Brunnen stehen blieben. Er sah sie an, seine roten Augen waren nicht mehr forschend, sondern voller Sorge und tiefer Zuneigung. „Du musst mir nichts sagen, wenn du noch nicht bereit bist. Aber ich sehe, dass dich etwas bedrückt. Seit heute Morgen ist da eine Schwere in deiner Aura, die ich nicht zuordnen kann.“
Er trat einen Schritt näher, so dass sie seinen vertrauten, beruhigenden Duft atmen konnte. „Egal was es ist... ob es die Angst vor dem 'Flüggewerden' unserer Kinder ist oder etwas, das Lumina dir vorgestern erzählt hat... ich bin dein Partner. Du musst das nicht vor mir verstecken...erst Recht nicht wenn es dich bedrückt.“
Nami schluckte schwer. Die Güte in seiner Stimme machte es ihr fast noch schwerer, ihr Schweigen zu bewahren. Sie sah zu ihm auf und sah nur die bedingungslose Liebe in seinem Blick. Er drängte sie nicht, er verlangte keine logische Erklärung. Er hielt einfach nur den Raum für sie offen, bereit, sie aufzufangen, egal welche Nachricht sie für ihn bereit hielt.
„Ich... es ist nur viel auf einmal, Kai“, flüsterte sie und lehnte sich für einen Moment gegen seine feste Brust. „Sayuris Einschulung... und dann dieses winzige Baby. Es hat mich einfach überrumpelt.“
Kai schlang die Arme um sie und hielt sie fest. Er ahnte, dass da noch mehr war. nein, er wusste es...vielleicht ein unterbewusster Wunsch, vielleicht eine Vorahnung, aber er zwang sie nicht, es auszusprechen. Er war bereit zu warten, bis sie die Worte fand, die sie heute Morgen noch wie ein Kloß im Hals hatte stecken lassen.
„Ich weiß“, raunte er in ihr Haar. „Aber wir gehen das gemeinsam an. Wie wir es immer tun."
Sie kehrten langsam aus dem schattigen Rückzugsort der Kirschbäume in das helle Licht und das Stimmengewirr des Schulgartens zurück. Kai hielt ihre Hand noch immer fest in seiner, ein ruhiger, beständiger Anker, der ihr in der Brandung ihrer eigenen Emotionen Halt gab.
Nami beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, während er mit der gewohnten, distanzierten Höflichkeit auf die Begrüßungen anderer einflussreicher Eltern reagierte. Er bewegte sich mit einer Souveränität, die nichts mehr mit der unterkühlten Härte des jungen Mannes von vor fünfzehn Jahren zu tun hatte. Dieser Kai Hiwatari, der hier neben ihr stand, war das Ergebnis eines langen, oft schmerzhaften Prozesses des Wachsens. Er hatte die Mauern seines Kindheitstraumas nicht eingerissen, aber er hatte Fenster hineingeschnitten...Licht hineingelassen.
Sie erinnerte sich an früher. Damals hätte er auf ihre emotionale Reaktion bei dem Baby vermutlich mit einer analytischen Abhandlung reagiert, hätte sie subtil, aber bestimmt daran erinnert, dass ihre Familienplanung abgeschlossen sei und jede Abweichung vom Plan ineffizient wäre. Es wäre sein Schutzmechanismus gewesen, seine Art, die Kontrolle über eine Situation zu behalten, die ihn verunsicherte.
Doch heute? Heute ließ er ihr den Raum. Er spürte das Beben in ihrer Aura, er sah die Melancholie in ihren Augen und er wusste...er musste einfach wissen..., dass das Thema eines weiteren Kindes wie ein unsichtbares Phantom zwischen ihnen im Raum schwebte. Sein analytischer Verstand hatte die Puzzleteile längst zusammengesetzt: das seltsame Verhalten am Morgen, die Reaktion auf das Baby, die unterdrückte Nachricht von Lumina.
Und doch drängte er sie nicht. Er verlangte keine Rechtfertigung. Er bot ihr stattdessen seine Nähe an, seine Hand auf ihrem Rücken, sein Schweigen, das nicht fordernd, sondern schützend war.
Er liebt mich wirklich abgöttisch
dachte Nami, und eine Welle von Wärme breitete sich in ihr aus, die die Panik des frühen Morgens für einen Moment verdrängte. Er vertraute ihr so sehr, dass er darauf wartete, dass sie selbst den Weg zu ihm fand. Er akzeptierte ihre Komplexität, sogar die unberechenbare Macht ihrer Aura, die er nicht kontrollieren konnte.
„Mama! Papa! Guckt mal, ich habe meine erste Urkunde!“, rief Sayuri und rannte auf sie zu, ein breites Strahlen im Gesicht. Sie hielt ein bunt bedrucktes Blatt Papier in die Höhe, als wäre es ein milliardenschwerer Vertrag.
Kai löste seine Hand von Namis und bückte sich leicht zu seiner jüngsten Tochter hinunter. Er nahm die Urkunde mit einer Ernsthaftigkeit entgegen, die Sayuri sichtlich stolz machte. „Hervorragend, Sayuri. Das ist der erste Schritt. Wir werden ihr einen Ehrenplatz im Salon geben.“
Er blickte über Sayuris Kopf hinweg zu Nami auf. In seinen rubinroten Augen lag ein tiefer Frieden, aber auch ein stilles Wissen. Er gab ihr zu verstehen, dass er da war, egal was sie ihm irgendwann sagen würde.
„Gehen wir nach Hause oder möchtest du in die Aula zu Tyson und Hilary?“, fragte Kai leise und legte Nami wieder den Arm um die Taille. „Harriet hat versprochen, dass das Festessen heute alles bisherige in den Schatten stellt."
„Wenn es okay ist...würde ich gerne noch ein wenig in die Aula. Sie warten doch auf uns und Sayuri hat so Spaß."
Nami spürte, wie die Last auf ihrem Herzen ein wenig leichter wurde. Während sie zur Aula gingen, festigte sich in ihr ein Entschluss: Sie würde heute Abend mit ihm reden. Nicht aus Panik, sondern aus dem Vertrauen heraus, das er ihr gerade so bedingungslos geschenkt hatte.
Die Aula war gut gefüllt. Das Klirren von Champagnergläsern und das Lachen der Kinder vermischten sich zu einer lebendigen Geräuschkulisse. Tyson stand bereits an einem der Stehtische, ein Glas in der einen Hand und ein Tablett mit Mini-Sandwiches in der anderen, während er sich angeregt mit einem diskret amüsierten Graham unterhielt, der Sayuris neue Schultasche hielt wie eine heilige Reliquie.
Hilary winkte Nami und Kai zu. „Hier rüber! Wir haben einen strategisch günstigen Platz in der Nähe der Saftbar ergattert.“
Sayuri flitzte sofort zu Kana. Die beiden Mädchen begannen aufgeregt, ihre Urkunden zu vergleichen, während Gou sich mit der gewohnten Lässigkeit eines älteren Bruders daneben stellte, um ein Auge auf sie zu haben.
Nami spürte, wie Kai sich hinter sie stellte. Er legte seine Hände auf ihre Taille, eine Geste die volle Intensität seiner Präsenz vermittelte. Sein Daumen strich sanft über den Stoff ihres Kleides.
„Du siehst heute übrigens besonders schön aus, mein Schatz.“, flüsterte er leise, so dass nur sie es hören konnte. Es war kein bloßes Kompliment; es war eine Anerkennung ihrer Stärke, diesen Tag trotz ihrer inneren Aufruhr so würdevoll zu meistern.
Tyson hob sein Glas, als sie die Gruppe erreichten. „Auf die nächste Generation! Mögen sie klüger sein als ihre Väter und geduldiger als ihre Mütter!“
„Das ist keine besonders hohe Messlatte, Tyson“, stichelte Kai trocken, was die gesamte Runde zum Lachen brachte.
Während Nami an ihrem Glas nippte und das lebhafte Treiben beobachtete, fühlte sie sich zum ersten Mal an diesem Tag wirklich sicher. Die Panik wich einer ruhigen Entschlossenheit. Sie beobachtete, wie Kai sich kurz mit Hilary über die neuen Lehrpläne austauschte, und sah die Sanftheit in seinem Blick, wenn er zwischendurch zu Sayuri schaute.
Er wird es verstehen, dachte sie. Egal, was unsere Auren oder das Schicksal für uns vorgesehen haben....
Diese tiefe Gewissheit begleitete Nami durch die nächste Stunde, während das Stimmengewirr in der Aula zu einer angenehmen Hintergrundmusik verschwamm. Es war eine Stunde der Leichtigkeit, in der die alten Rivalitäten der Beyblade-Welt nur noch als humorvolle Anekdoten existierten.
Gou stand derweil bei Makoto, der kurz darauf mit Akari und Gous Freundin Hiromi zur Gruppe stieß. Die vier Teenager bildeten einen interessanten Kontrast zu den aufgeregten Erstklässlern; sie strahlten eine wachsende Reife aus, auch wenn Gou und Makoto sich immer noch die üblichen brüderlichen Sticheleien lieferten.
„Zeit für den Ernst des Lebens“, stellte Makoto grinsend fest, als der erste Gong durch die Aula hallte.
Gou nickte, warf Sayuri einen letzten, ermutigenden Blick zu und verabschiedete sich mit einem kurzen Nicken von seinen Eltern. „Wir sehen uns heute Nachmittag beim Training, Dad.“
Kai erwiderte das Nicken mit einem stolzen Funkeln in den Augen. „Vergiss die Beinarbeit nicht, Gou.“
Kurz darauf wurden auch die kleinsten Schüler von ihren neuen Lehrern gesammelt. Sayuri ergriff Kanas Hand, warf ihren Eltern ein strahlendes Abschiedswinken zu und verschwand in der bunten Schlange der Kinder, die nun in ihre Klassenräume geführt wurden.
Plötzlich war es stiller im Garten, als die Eltern begannen, sich langsam zu zerstreuen. Tyson und Hilary verabschiedeten sich mit der Aussicht auf ein baldiges gemeinsames Abendessen, und schließlich blieben nur noch Nami und Kai am Rande des roten Teppichs zurück.
Die Fahrt zurück verlief in einer fast meditativen Stille. Graham steuerte den Bentley mit gewohnter Präzision durch den Tokioter Verkehr, während Kai Nami im Fond des Wagens keinen Millimeter von der Seite wich. Seine Hand lag fest in ihrer, und dieses Mal versuchte Nami nicht, ihre Aura krampfhaft zu drosseln. Sie ließ die Energie fließen, suchte die Verbindung zu ihm, und spürte, wie er darauf reagierte...ruhig, beständig, fast so, als würde er ihre Wellen mit seiner eigenen Präsenz glätten.
Das Ayame-Anwesen empfing die Kinder Nachmittags mit der feierlichen Pracht, die Harriet für diesen Tag vorbereitet hatte. Der Duft von gebratenem Lamm und Rosmarin erfüllte die Eingangshalle. Doch das große Festessen, an dem auch Ayumi und Ren nach ihrer Rückkehr teilnahmen, fühlte sich für Nami wie ein wunderschöner Film an, der an ihr vorbeizog.
Es war erst spät am Abend, als die Dunkelheit sich über den Garten des Anwesens gelegt hatte und die Kinder in ihren Zimmern zur Ruhe gekommen waren, dass die eigentliche Welt der Hiwataris wieder nur aus zwei Personen bestand.
Nami stand auf dem Balkon ihres Schlafzimmers und sah hinaus in die Nacht. Die milde Luft tat gut auf ihrer erhitzten Haut. Sie hörte, wie sich die Balkontür hinter ihr öffnete. Kai trat heraus, er hatte sein Sakko abgelegt und die Ärmel seines weißen Hemdes hochgerollt. Er trat hinter sie, legte die Arme um ihre Taille und zog sie fest gegen seinen Rücken.
„Die Kinder schlafen“, raunte er gegen ihre Schläfe. „Graham und Ramsay haben sich für heute abgemeldet. Wir sind allein, Nami.“
Er drehte sie sanft in seinen Armen um, sodass sie ihn ansehen musste. Das Licht des Mondes fing sich in seinen roten Augen, die nun eine Weichheit zeigten, die er der Welt niemals offenbarte.
„Du hast heute den ganzen Tag etwas mit dir herumgetragen“, sagte er leise, seine Stimme war nun vollkommen frei von jeder geschäftlichen Härte. „Ich habe gewartet, weil ich wollte, dass du diesen Tag für Sayuri genießen kannst. Aber jetzt möchte ich wissen, was meine Frau so sehr beschäftigt, dass sie heute Morgen sogar vor meiner Berührung zurückgeschreckt ist.“
Nami atmete tief ein. Der Moment war gekommen. Sie legte ihre Hände an seine Wangen, spürte die leichte Rauheit seiner Haut und sah ihn mit einer Offenheit an, die keine Schatten mehr duldete.
„Lumina ist schwanger, Kai“, begann sie leise. „Sie hat es mir vorgestern erzählt. Tala und sie... sie bekommen ein Baby.“
Sie sah, wie Kais Augenlider kurz zuckten, ein Zeichen, dass er die Information verarbeitete, doch er unterbrach sie nicht.
„Und heute Morgen...“, fuhr sie fort, ihre Stimme zitterte nun doch ein wenig. „Ich habe geträumt. Es war kein gewöhnlicher Traum. Es fühlte sich so real an... ich habe uns gesehen, Kai. Mit einem weiteren Kind. Und als ich dieses Baby in der Schule sah... da hat meine Aura sicher wieder reagiert. Nicht weil ich es wollte, sondern weil sie einfach... erinnert wurde.“
Sie senkte den Blick auf seine Brust. „Ich habe Angst, Kai. Angst, dass meine Aura unsere Entscheidung und deine Sterilisation wieder einfach beiseite schiebt. Dass ich diejenige bin, die das System wieder 'kaputt' macht, obwohl wir gesagt haben, wir sind vollständig.“
Sie wartete auf eine Reaktion...auf das analytische Hinterfragen oder die kühle Logik. Doch was sie spürte, war, wie Kai sie nur noch fester an sich zog und seinen Kopf an ihren lehnte.
Er löste sich nach wenigen Sekunden ein Stück von ihr, doch nur, um sie an den Schultern zu fassen und ihr tief in die Augen zu sehen. Zu ihrer Überraschung spiegelte sein Gesicht keine Schockstarre oder kühle Berechnung wider. Stattdessen stahl sich ein kurzes, fast unmerkliches Schmunzeln auf seine Lippen.
„Mein Schatz...“, sagte er leise, und in seinem Ton schwang eine Wärme mit, die sie sofort erdete. „Ich wusste bereits, dass Lumina schwanger ist.“
Nami blinzelte überrascht. „Du... du wusstest es?“
Er nickte leicht. „Tala hat es mir am selben Tag erzählt, an dem Lumina und du im Cafè wart. Er war... auf seine eigene Art ähnlich beunruhigt wie du heute.“ Kai strich ihr eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich war nur überrascht, dass du es mir nicht sofort gesagt hast. Aber ich habe es mir schon gedacht. Ich wusste, dass die Nachricht etwas in dir auslösen würde, das du erst einmal für dich sortieren musstest.“
Er führte sie zu der kleinen Bank auf dem Balkon und setzte sich mit ihr. Seine Hand umschloss die ihre fest. „Sag mir eines: Ist dieser Wunsch nach einem weiteren Kind... ist er wirklich da? Ist er alles verzehrend? Oder ist es eher wieder so eine Art... 'Idee' eines Wunsches? So wie damals vor Gou oder Sayuri, wenn die Welt um dich herum sich veränderte?“
Nami sah ihn lange an. Sie spürte, wie die Last der letzten Stunden von ihr abfiel, einfach weil er die Dinge beim Namen nannte. „Es ist nur ein Gedanke, Kai“, gestand sie ehrlich. „Kein Wunsch, der mich zerreißt. Ich liebe unser Leben so, wie es ist. Ich war nur so... seltsam drauf, weil ich schreckliche Sorge hatte, dass allein dieser Gedanke ausreichen würde, um dich zu enttäuschen. Dass du denkst, ich sei unzufrieden mit dem, was wir haben.“
Noch bevor sie den Satz ganz beenden konnte, legte Kai zwei Finger auf ihre Lippen und unterbrach sie sanft, aber bestimmt. „Sag so etwas niemals wieder, Nami“, erwiderte er mit einer Intensität, die keinen Widerspruch duldete. „Du hast mich in all den Jahren noch niemals enttäuscht. Und das wird auch niemals passieren. Weder durch einen Traum, noch durch einen flüchtigen Gedanken oder deine Aura.“
Er seufzte leise und sah hinaus in den nächtlichen Garten des Anwesens. „Vielleicht ist es einfach an der Zeit, dass wir vollkommen offen zueinander sind, was dieses Thema betrifft. Wir wissen beide, wozu unsere Energien fähig ist, wenn sie sich auf etwas fixieren. Wenn du dich unsicher fühlst oder Angst vor dieser 'Eigendynamik' hast... dann finden wir Wege. Wir können zusätzlich verhüten, wenn es dir Sicherheit gibt. Aber wir tun es gemeinsam.“
Er zog sie wieder fest in seine Arme und küsste ihre Stirn. „Ich bin dein Anker, Nami. Nicht dein Richter. Wir müssen keine Angst vor Gedanken haben, solange wir sie teilen.“
Nami lehnte ihren Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Der Duft von kühler Nachtluft und Kais vertrauter Präsenz hüllte sie ein. Die Melancholie war nicht gänzlich verschwunden, aber sie war nun zahm... ein Teil ihrer gemeinsamen Geschichte, den sie nicht mehr allein tragen musste.
Nami lehnte ihren Kopf tiefer in die Beuge seines Halses und sog seinen vertrauten Duft ein. „Danke, Kai“, flüsterte sie, und ihre Stimme zitterte vor Erleichterung. „Danke, dass du mein Anker bist. Ich liebe dich so unbeschreiblich... dass du mir diesen Raum gibst, ohne mich zu verurteilen.“
Sie hielt einen Moment inne und strich nachdenklich über den Stoff seines Hemdes. „Es ist seltsam. Als Hana damals mit Lilia schwanger war, hat es mich nicht so... überrollt. Vielleicht lag es daran, dass ich im Tower so viel um die Ohren hatte. Oder weil Sayuri gerade erst vier war und mich noch ganz anders beansprucht hat. Aber diesmal...“ Sie sah zu ihm auf. „Diesmal fühlte es sich an, als würde eine Tür aufgehen, die ich eigentlich schon fest verschlossen glaubte.“
Kai antwortete nicht sofort. Stattdessen spürte sie, wie er seinen Kopf neigte und seine Lippen ganz sanft an ihrem Hals ansetzten. Er küsste die empfindliche Stelle direkt unter ihrem Ohr, dort, wo ihr Puls bei seiner Berührung sofort schneller schlug. Seine Finger glitten wie von selbst unter den Saum ihres Shirts, seine Handfläche war warm auf ihrer Haut und hinterließ eine Spur aus elektrisierendem Kribbeln.
„Das ist nicht mehr wichtig...Ich erinnere mich an heute Morgen, Nami“, raunte er gegen ihre Haut, seine Stimme war nun deutlich tiefer und rauer. „Ich wollte dich schon da. Ich wollte dich so sehr, dass es fast wehgetan hat.“ Er hielt kurz inne, seine Lippen verweilten an ihrem Schlüsselbein. „Aber wenn du dich nach diesem Tag nicht danach fühlst... wenn dein Kopf noch zu voll ist... dann verstehe ich das. Ich will, dass du ganz bei mir bist.“
Nami spürte, wie die letzte Anspannung aus ihrem Körper wich und durch ein Verlangen ersetzt wurde, das viel mächtiger war als jede Melancholie. Sie suchte seinen Blick und verschränkte ihre Finger in seinem Nacken, um ihn näher zu sich zu ziehen.
Sie erwiderte seine Küsse mit einer Intensität, die keiner weiteren Worte bedurft hätte, doch sie wollte, dass er es hörte. „Du weißt, dass ich dich immer will, Kai“, flüsterte sie zwischen zwei Küssen gegen seine Lippen. „Ich bin immer in Stimmung, sobald du anfängst, mich so zu berühren. Heute Morgen... mein ganzer Körper hat nach dir geschrien. Ich habe nur gegen mich selbst gekämpft, weil ich dachte, ich müsste diese Fassade aufrechterhalten...und weil ich nicht wollte...dass...wir wieder die Kontrolle über dieses Thema verlieren.“
Sie lächelte schwach und zog ihn noch ein Stück enger an sich, während ihre eigene Aura nun hell und einladend pulsierte, völlig befreit von der Schwere des Tages. „Bitte... hör nicht auf.“
Kai ließ ein tiefes, zufriedenes Knurren vernehmen, das in seiner Brust vibrierte. Er hob sie mühelos hoch, wobei Nami ihre Beine um seine Taille schlang, und trug sie vom Balkon zurück in die vertraute Geborgenheit ihres Schlafzimmers.
Die kühle Nachtluft blieb draußen, während die schwere Balkontür hinter ihnen ins Schloss fiel und die Stille des Raumes sie einhüllte.
Er legte sie behutsam auf das große Bett, folgte ihr jedoch sofort und bettete seinen Körper zwischen ihre Schenkel während er sich das Hemd und die Hose auszog. Seine Küsse wurden fordernder, eine brennende Spur, die er von ihrem Mund über ihren Kiefer bis hinunter zu ihrem Hals zog. Nami legte den Kopf in den Nacken, als sie spürte, wie er sie mit seiner Zunge neckte...erst sanfte, feuchte Berührungen an ihrer Pulsader, dann kleine, spielerische Bisse, die sie vor unterdrücktem Verlangen aufseufzen ließen.
Gerade als Nami die Augen schloss und sich ganz in diesem Gefühl verlieren wollte, spürte sie, wie Kai inne hielt. Er richtete sich ein Stück auf, stützte sich auf einen Arm und sah auf sie hinunter. Sein Blick war dunkel, voller Zuneigung, aber auch mit einer neuen, entschlossenen Komponente.
Mit der freien Hand griff er zur Seite und öffnete die oberste Schublade des Nachttisches. Das leise Gleiten des Holzes war das einzige Geräusch im Raum, bevor er ein kleines, quadratisches Päckchen hervorholte und es so platzierte, dass das Mondlicht darauf glänzte.
Nami blinzelte überrascht und musste leise kichern, als sie das ungewohnte Objekt in seiner Hand betrachtete. „Hast du die extra besorgt, weil du schon wusstest, was in mir vorgeht?“, fragte sie amüsiert und legte den Kopf schief. „Und sag mal... haben wir jemals zuvor in unserer Beziehung Kondome benutzt? Ich weiß gar nicht, wie sich das anfühlt.“
Ein seltenes freches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. Er strich ihr mit dem Daumen über die Unterlippe, während er das Päckchen zwischen den Fingern drehte. „Nein. Wir haben tatsächlich noch nie auf normalem Wege verhütet. Unsere Geschichte verlief in dieser Hinsicht... sagen wir, sehr eigenwillig.“ Er betrachtete das Päckchen kurz selbst, bevor er seinen Blick wieder auf sie heftete. „Aber ich dachte mir, es sei vielleicht auch mal reizvoll für dich, etwas Neues auszuprobieren. Eine andere Erfahrung für uns beide? Ich kann mich gar nicht mehr erinnern wie sich Kondome anfühlen...“
Nami verzog leicht das Gesicht und sah ihn skeptisch an. Sie liebte es, Kai zu spüren...die ungefilterte Wärme seiner Haut, die vollkommene Einheit ohne Barrieren. Die Vorstellung, dass nun etwas zwischen ihnen stehen sollte, fühlte sich fremd und wenig verlockend an.
„Reizvoll?“, wiederholte sie zweifelnd und suchte seine roten Augen. „Ich liebe es, dich zu spüren, Kai. Jeden Millimeter, ganz direkt. Diese Barriere nun zwischen uns zu haben... das ist eigentlich kein besonders reizvoller Gedanke für mich.“ Sie seufzte leise und legte ihre Hand auf seine Brust, wo sein Herzschlag ruhig und kräftig gegen ihre Handfläche hämmerte. „Aber ich sehe ein, dass es wohl notwendig ist. Wenn dieser eine Gedanke heute Morgen schon ausreichte, um mich so aus dem Gleichgewicht zu werfen... dann ist es wohl der einzige Weg, damit ich meinen Kopf heute Nacht wirklich ausschalten kann...und um eine weitere kleine Überraschung zu vermeiden.“
Kai beobachtete sie genau, er spürte ihren Widerstand, aber auch die Vernunft, die sie zu dieser Entscheidung trieb. Er beugte sich wieder tief zu ihr, bis seine Lippen ihren Hals streiften. „Es wird sich anders anfühlen, ja“, gestand er leise. „Aber notwendig bedeutet nicht, dass es weniger intensiv sein muss. Ich werde dafür sorgen, dass du keine Barriere spürst, sondern nur mich."
Er küsste sie erneut, erst sanft an der Schläfe, dann fordernder auf den Mund, und Nami spürte, wie die Skepsis unter der vertrauten Hitze seiner Berührungen zu schmelzen begann. Auch wenn das Hilfsmittel neu für sie war...der Mann, der sie hielt, war ihr Anker, und sein Verlangen war so unmissverständlich wie eh und je. Sie schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn enger an sich, bereit, sich in der Sicherheit seiner Nähe zu verlieren.
Kai hielt sein Versprechen. Er wusste, dass Namis Skepsis gegenüber der physischen Barriere nur durch eine Intensität überwunden werden konnte, die ihren Verstand vollkommen vernebelte. Er begann, sie mit einer methodischen Hingabe zu verwöhnen, die keinen Raum für Zweifel ließ.
Seine Hände glitten unter ihr Shirt, schoben es nach oben und zogen es ihr über den Kopf, bis er freien Zugang zu ihrer Haut hatte und sie nackt unter ihm lag. Mit einer Mischung aus Sanftheit und Bestimmtheit widmete er sich ihren Brüsten. Er strich über ihre Nippel vorsichtig mit seinen Fingern, bevor er sie mit seinen Lippen und seiner Zunge umschloss. Nami wand sich unter ihm, ihre Finger gruben sich in sein Haar, während die wohlige Hitze in ihrem Unterleib zu einem lodernden Feuer anschwoll. Er liebkoste sie so ausgiebig, dass sie jedes Zeitgefühl verlor und nur noch das rhythmische Pochen ihres eigenen Blutes in ihren Ohren hörte.
Als er spürte, dass sie bereit war, glitt seine Hand tiefer. Er stimulierte sie mit seinen Fingern, erst spielerisch kreisend, dann drang er langsam in sie ein. Er beobachtete ihr Gesicht im fahlen Mondlicht, sah, wie ihre Augen flackerten und ihr Atem in kurzen, abgehackten Stößen kam. Er sorgte dafür, dass sie so tief in ihrer Erregung versank, dass die Welt außerhalb dieses Bettes aufhörte zu existieren.
„Kai...“, hauchte sie seinen Namen, ein Flehen, das er nur zu gut verstand.
Er richtete sich kurz auf, um das Kondom anzulegen...ein kurzer Moment der Unterbrechung, den er sofort wieder wettmachte, indem er ihre Schenkel weiter auseinanderschob und sich wieder fest gegen sie presste. Er suchte ihren Blick, seine roten Augen glühten vor unterdrückter Leidenschaft.
„Sieh mich an“, flüsterte er. „Spür nur mich.“
Er schob sich langsam und kontrolliert in sie. Nami hielt den Atem an, bereit, sich auf das fremde Gefühl der Barriere zu konzentrieren, doch Kai ließ ihr keine Chance dazu. Er füllte sie so vollkommen aus und bewegte sich mit einer solchen Präzision, dass das feine Latex in der Flut der Empfindungen einfach unterging. Es gab kein „Dazwischen“, nur die vertraute Wucht seiner Bewegungen und die elektrische Spannung ihrer Auren, die sich ineinander verzahnten.
Nami schluchzte bei jedem seiner Stöße lustvoll auf. Es war ein tiefes, unkontrolliertes Geräusch, das direkt aus ihrer Seele zu kommen schien. Sie krallte ihre Fingernägel in seine muskulösen Schultern und presste sich so eng wie möglich an ihn, als wollte sie die hauchdünne Barriere zwischen ihnen durch pure Willenskraft ignorieren.
„Schneller...“, wimmerte sie gegen seine Lippen, ihre Stimme belegt von Verlangen. „Kai... schneller...härter.“
Kai liebte es, wenn sie diese intensive, ungezähmte Seite von ihm forderte. Es war all die Jahre das ultimative Zeichen ihres Vertrauens, dass sie sich seiner rohen Kraft so vollkommen hingab. Er richtete seinen Oberkörper auf, stützte seine Hände neben ihrem Kopf ab und beschleunigte seinen Rhythmus, seine Bewegungen wurden zielgerichteter und kraftvoller. Ihr Schluchzen wurde lauter, vermischte sich mit heiserem Stöhnen, während jeder harte Stoß Wellen von Elektrizität durch ihren Körper sandte.
Nami schlug die Augen auf und sah zu ihm hoch. Im dämmrigen Licht des Zimmers wirkte er wie eine Statue aus Marmor...schön, muskulös und vollkommen auf sie fixiert. Kai verharrte über ihr, seine Arme wie Säulen neben ihrem Kopf gestützt, und fixierte ihren Blick mit einer Intensität, die sie fast erzittern ließ. Er bremste weder den Rhythmus noch die Härte, er hielt die Spannung einfach aufrecht, bis Nami das Gefühl hatte, innerlich zu verbrennen.
Sie wandt sich unter ihm, suchte Halt an seinen breiten Armen, während er sie unaufhaltsam in die Ekstase trieb. Die Welt um sie herum verschwamm zu einem Nebel aus Hitze, dem Duft nach Moschus und Kais Duft. Schließlich erreichte sie den Gipfel der Erregung; ein intensiver Orgasmus überrollte sie wie eine gewaltige Welle und entlockte ihr einen langen, zitternden Schrei, der in der Stille des Anwesens verhallte.
Kai beugte sich sofort hinab, fing ihre Schluchzer des Nachbebens mit zärtlichen Küssen auf und hielt sie fest umschlungen. Mit ein paar letzten, tiefen Stößen gab er sich schließlich selbst die Erlaubnis, den eigenen Orgasmus zu erleben. Er vergrub sein Gesicht an ihrem Hals, während sein Körper von derselben heftigen Eruption erschüttert wurde, die Nami gerade erst durchlebt hatte.
Nach dem heftigen Beben ihrer Ekstase kehrte eine fast greifbare Stille in das Schlafzimmer zurück, nur unterbrochen von ihrem schweren, synchronen Atem. Kai rührte sich nicht; er blieb schwer und warm über Nami liegen, die Arme fest um sie geschlungen, während er noch immer tief in ihr ruhte. Er bettete sein Gesicht in die Beuge ihrer Schulter und gab ihr eine Reihe federleichter, fast ehrfürchtiger Küsse auf die erhitzte Haut.
Nach einer Weile hob er leicht den Kopf. Sein Blick war weich, die gewohnte kühle Distanz vollständig weggewischt. „Mein Schatz?“, raunte er, seine Stimme noch immer belegt. Er sah sie forschend an. „... hast du einen Unterschied gespürt?“
Nami blinzelte langsam, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Ihr Körper fühlte sich an wie flüssiges Gold, angenehm schwer und kribbelnd. Sie überlegte einen Moment, ließ das Gefühl noch einmal Revue passieren und schüttelte dann leicht den Kopf. Ein kleines, erschöpftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Um ehrlich zu sein... nein“, gestand sie leise. „Ich war wohl viel zu feucht, um überhaupt eine Barriere wahrzunehmen. Alles, was ich spüren konnte, warst du selbst. Genau wie immer.“ Sie strich ihm sanft über den nackten Rücken, die Muskeln dort waren noch immer leicht angespannt. „Und du? War es für dich ein Unterschied im Gefühl?“
Kai hielt inne. Ein amüsiertes Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel, und für einen Sekundenbruch wirkte es, als würde er abwägen, wie diplomatisch er antworten sollte. Doch in der Intimität dieser Nacht gab es keinen Platz für Ausflüchte.
„Ein wenig“, gab er schließlich zu und sah sie offen an. „Ich finde es ohne besser. Aber auch nur, weil ich dieses direkte, feuchte Gefühl auf meiner Haut genieße... und man ohne eben doch noch ein Quäntchen mehr spürt.“
Als er Namis Blick sah, der sofort nachdenklich und fast ein wenig besorgt wurde, schien er seine Ehrlichkeit für einen Moment zu bereuen. Sie sah ihn mit großen Augen an, die Stirn leicht in Falten gelegt. „Bist du jetzt...enttäuscht?“, fragte sie leise. „Dass wir jetzt für einige Zeit... nun ja, Kondome benutzen müssen?“
Kai stieß ein kurzes, echtes Lachen aus, das in der Stille des Raumes angenehm warm klang.
~Ich liebe es wenn er so lacht...~
Er drückte sie fester an sich, als wollte er jeden Zweifel physisch aus ihr herauspressen. „Mein Schatz, ich kann mich nur wiederholen: Ich wäre niemals von dir enttäuscht. Wenn es um dich geht, ist jedes Mal einzigartig. Es ist für mich genauso erfüllend wie sonst auch.“ Er beugte sich vor, seine Augen blitzten vor neckischem Übermut. „Erst recht, da ich trotzdem immer den Takt und den Rhythmus angeben darf...und deine...Schreie entschädigen alles um ein hundertfaches.“
Bei seinem letzten Satz biss er ihr spielerisch in das empfindliche Ohrläppchen, was Nami prompt zum Lachen brachte und die letzte Spur von Ernsthaftigkeit vertrieb. Sie wand sich kichernd unter ihm, bis er sich schließlich mit einem tiefen Seufzer der Zufriedenheit von ihr löste.
Das Bett knackte leise, als Kai aufstand. Nami blieb erschöpft, aber glücklich in den Kissen liegen und beobachtete seine Silhouette im Mondlicht, während er kurz im Badezimmer verschwand. Sie hörte das gedämpfte Geräusch des Mülleimerdeckels, gefolgt vom Rauschen des Waschbeckens. Ein paar Augenblicke später kehrte er zurück, nur mit einer dunklen Boxershorts bekleidet.
Er schlüpfte zurück unter die schwere Decke, die noch immer die Hitze ihrer Körper hielt, und zog Nami ohne ein Wort in seine Arme. Er bettete ihren Kopf auf seine Brust, seine Hand ruhte schützend auf ihrer Hüfte.
Das sanfte Rauschen des nun einsetztenden Regens gegen die Fensterscheiben unterstrich die tiefe Intimität, die nun zwischen ihnen im Raum hing. Kai kraulte ihr geistesabwesend über den nackten Oberarm, seine Fingerkuppen hinterließen eine Spur wohliger Schauer auf ihrer Haut.
„Nami“, begann er leise, und seine Stimme vibrierte tief in seinem Brustkorb, auf dem ihr Kopf ruhte. „Ich hoffe, du weißt jetzt, dass du mit mir über absolut alles reden kannst. Es tut mir leid... wenn ich dir in der Vergangenheit öfter das Gefühl gegeben habe, dass bestimmte Themen tabu sind oder dass du mit deinen Gedanken allein bleiben musst.“
Er hielt kurz inne, und sein Griff um ihre Schulter festigte sich unmerklich. „Ich möchte mich für meine Worte damals in Osaka entschuldigen... vor der Schwangerschaft mit Sayuri. Ich weiß, ich war hart. Vielleicht zu hart. Aber ich dachte damals, ich müsste es unmissverständlich klarstellen, damit das Thema Kinder endgültig abgehakt ist. Ich wollte keine Grauzonen lassen.“
Nami spürte, wie er tief einatmete. „Es war nie, weil ich unsere Kinder nicht liebe. Ich liebe sie allesamt, mehr als ich jemals in Worte fassen könnte. Und wer kann schon von sich behaupten, ein so entspanntes Familienleben zu haben wie wir? Wir haben dieses riesige Anwesen, wir haben Graham, Ramsay und Harriet... wir haben finanzielle Mittel, von denen andere nur träumen, und... was das Wichtigste ist...wir haben trotz allem genug Zeit für unsere Zweisamkeit.“
Er strich ihr über das Haar und blickte an die dunkle Zimmerdecke. „Wir sind privilegiert, Nami. In einer Gesellschaft, in der Paare sich nach ein paar Jahren oft nichts mehr zu sagen haben, sich scheiden lassen oder wo die Kinder unter dem Dauerstreit überforderter Eltern leiden... da sind wir eine Ausnahme. Das weiß ich sehr zu schätzen.“
Nami schwieg und genoss die seltene Offenheit seiner Worte. Doch dann veränderte sich sein Tonfall. Er wurde leiser, fast schon brüchig an den Rändern.
„Es gibt etwas, das ich dir vorher nie so gesagt habe“, gestand er, und Nami spürte, wie er mühsam schluckte. „Ich fühlte mich jedes Mal vollkommen machtlos. Jedes Mal, wenn die Geburten anstanden und du in den Wehen lagst... ich konnte den Anblick deines Schmerzes kaum ertragen. Ich weiß, ich wirkte nach außen hin wie die Ruhe selbst, als hätte ich alles unter Kontrolle. Aber innerlich...“
Namis Herz begann unwillkürlich schneller zu schlagen. Die Erinnerung an London flutete ihr Bewusstsein...der Tag des großen Finales, als sie neben Kai stand und hörte, wie er mit ihrem Onkel Eric Davies gesprochen hatte. Er hatte Eric gestanden, dass es ihn innerlich fast zerrissen hätte, seine Frau so leiden zu sehen, und dass diese Hilflosigkeit das Schlimmste für ihn gewesen war.
„Ich erinnere mich an London“, hauchte sie gegen seine Brust, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Ich habe gehört, was du Onkel Eric erzählt hast. Dass du es kaum ausgehalten hast, mich so zu sehen.“
Sie hob den Kopf ein Stück, um sein Gesicht im fahlen Mondlicht zu suchen. „Ist das der wahre Grund, Kai? Nicht nur die Logik oder die Karriere... sondern weil du mich nicht mehr so leiden sehen willst?“
Kai sah sie lange an, seine rubinroten Augen wirkten in der Dunkelheit fast schwarz. Er wich ihrem Blick nicht aus. „Es ist ein großer Teil davon“, gab er schließlich zu. „Dich so verletzlich und unter Schmerzen zu sehen, während ich absolut nichts tun kann, um es dir abzunehmen... das ist die einzige Situation in meinem Leben, in der ich tatsächlich keine Kontrolle habe. Und ich hasse es, dich leiden zu sehen, Nami. Dein Schmerz ist mein Schmerz.“
Er zog sie noch enger an sich, als wollte er sie vor der bloßen Erinnerung an diese Stunden beschützen. Nami spürte eine Träne der Rührung in ihren Augenwinkeln brennen. All der Druck, den sie sich wegen ihrer Aura und ihrer wirren Gedanken gemacht hatte, schien in diesem Moment der absoluten Ehrlichkeit bedeutungslos.
Kai schwieg einen weiteren Moment, während sein Daumen in einem gleichmäßigen, beruhigenden Rhythmus über ihre Schulter fuhr. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen, um das Innerste seiner logisch aufgebauten Welt vor ihr offenzulegen.
„Am Anfang, bei Gou...“, begann er leise, und seine Stimme klang beinahe nachdenklich. „Da war es vor allem der Schock über den plötzlichen Verlust der Kontrolle. Und gleichzeitig diese tief sitzende Angst, als Vater zu versagen. Ich wusste nicht, ob ich diesem Jungen das geben konnte, was er brauchte, ohne meine eigenen Dämonen auf ihn zu übertragen.“
Er spürte, wie Nami sich leicht gegen ihn schmiegte, und fuhr fort: „Aber bei den Zwillingen... das war der Wendepunkt. Diese schwere natürliche Geburt, bei der du so viel Blut verloren hast... Nami, in diesem Moment war das Thema für mich innerlich abgeschlossen. Ich sah dich dort liegen und alles, was ich denken konnte, war, dass ich das nie wieder riskieren wollte. Nie wieder.“
Ein kurzes, bitteres Schnauben entwich seiner Kehle, als er an die Überraschung mit ihrer jüngsten Tochter dachte. „Als du dann doch einige Jahre später erneut mit Sayuri schwanger wurdest, kam die Angst zurück. Aber sie hatte sich verändert. Es war nicht mehr die Sorge, kein guter Vater zu sein...ich wusste inzwischen, dass wir das meistern. Es war die nackte Angst, dich wieder so sehen zu müssen. Oder schlimmer... dich vielleicht ganz zu verlieren.“
Er hielt inne und suchte ihren Blick im Halbdunkel. „Ich weiß,...deine Aura ist heilend, deine Physis strebt nach Perfektion. Aber du bist nicht unsterblich, Nami. Du bist nicht unverwundbar. Und das wurde mir bei jeder einzelnen Geburt mit einer Grausamkeit vor Augen geführt, die ich kaum ertragen konnte.“
Er strich ihr sanft über die Wange, seine Finger zitterten kaum merklich. „Ich weiß, dass sich all diese Punkte für dich sicher sehr egoistisch anhören. Mein Bedürfnis nach Kontrolle, meine Angst um dich, mein Wunsch, diesen Schmerz nicht mehr mit ansehen zu müssen... Aber das ist es, was ich fühle. Und wenn ich schon von dir verlange, dass du mir alles sagst, dann muss ich mich nun wohl an meinen eigenen Worten messen lassen und dir meine ungesagten Gedanken offenbaren.“
Nami spürte, wie sich ein Kloß in ihrem Hals bildete. Die Härte, die sie manchmal in seinen Worten in Bezug auf die Familienplanung wahrgenommen hatte, war in Wahrheit nur ein Schutzschild gewesen...ein verzweifelter Versuch, die Frau zu schützen, die sein gesamtes Universum bedeutete.
„Es ist nicht egoistisch, Kai“, flüsterte sie und zog seine Hand an ihre Lippen, um sie sanft zu küssen. „Es ist Liebe. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr dich das innerlich zermürbt hat.“
Die Stille, die nun folgte, war nicht mehr schwer, sondern voller Verständnis. Die Schatten der Vergangenheit und die Sorgen um die Zukunft schienen in diesem Moment der absoluten Wahrheit zu verblassen. Kai zog die Decke ein Stück höher um sie beide, küsste sie ein letztes Mal zärtlich auf die Schläfe und schloss die Augen.
Kristall ♡
Die nächsten drei Wochen waren wie im Flug vergangen, und der 15. Oktober tauchte das Ayame-Anwesen in das warme, goldene Licht eines milden Herbsttages. Im Tower der Tachiwari-Corporation war die Atmosphäre in dieser Zeit fast schon elektrisierend gewesen; Kai und Nami arbeiteten wie immer mit einer Präzision und Einigkeit zusammen, die keine Worte mehr brauchte. Das Personal beobachtete das Paar wie eh und je mit einer Mischung aus Ehrfurcht und stillem Schmachten, wenn Kai seiner Frau im Vorbeigehen die Hand auf den Rücken legte oder Nami ihm einen jener Blicke schenkte, die nur für ihn bestimmt waren.
Auch für die Kinder hatte ein neues Kapitel begonnen. Gou und Hiromi waren seit der im Finale weltweit übertragenen Liebeserklärung das unangefochtene Traumpaar der Schule...eine Tatsache, die Gou mit einer für einen Hiwatari ungewöhnlichen, aber absolut entschlossenen Offenheit untermauerte. Ob in der Bibliothek oder auf dem Schulhof: Er ließ keinen Zweifel daran, dass Hiromi sein Anker war.
An diesem Donnerstagnachmittag herrschte jedoch eine andere Art von Trubel. Während die Gou, Makoto und die Zwillinge im Granger-Dojo unter Tysons lautstarker Regie schwitzten...wobei Ryans unterkühlte Arroganz wie üblich für Reibung sorgte..., hatte Nami zu einer exklusiven Teerunde geladen. Sie war früher aus dem Tower getreten um ihre Freundinnen im Anwesen zu treffen.
Im Wintergarten herrschten angenehme 22°C. Die warme Herbstsonne schien ungehindert durch die hohen Glasfronten, was die Luft fast ein wenig zu schwer werden ließ, wäre da nicht die stete, kühle Brise gewesen, die durch die weit geöffneten Fensterflügel strich und den Duft von spätem Jasmin und trockenem Laub hereintrug.
Nami lehnte sich in ihrem Korbsessel zurück und beobachtete ihre Gäste. Lumina, deren Schwangerschaft man ihr nun bei genauem Hinsehen durch ein leichtes Strahlen und die etwas weicheren Gesichtszüge ansah, rührte versonnen in ihrem Kräutertee. Momoko und Hilary komplettierten die Runde, und der Tisch war mit Harriets feinsten Gebäckkreationen gedeckt.
„Ich sage es euch“, unterbrach Hilary die friedliche Stille und fächelte sich mit der Hand Luft zu, „Tyson ist unerträglich, seit Gou und Hiromi 'offiziell' sind. Er hält sich für den größten Kuppler der Weltgeschichte, dabei war es Gous ganz eigene Sturheit, die das Ganze ins Rollen gebracht hat...Tyson hatte rein gar nichts damit zu tun. Erzählt es aber überall herum.“
Lumina kicherte und strich sich eine silbrig-weiße Strähne aus dem Gesicht. „Sturheit liegt eben in der Familie. Nicht wahr, Nami? Wenn ich an Tala denke... oder an Kai...“ Sie zwinkerte Nami zu. „Apropos Kai. In fünf Tagen ist es so weit. Der 15. Hochzeitstag. Hat er endlich die Katze aus dem Sack gelassen? Wohin geht die Reise?“
Nami schüttelte lächelnd den Kopf und nippte an ihrem Tee. „Kein Wort. Er genießt es förmlich, mich zappeln zu lassen. Jedes Mal, wenn ich versuche, einen Hinweis aus ihm herauszukitzeln, schenkt er mir nur dieses eine, ganz spezielle Lächeln und sagt, ich solle Graham vertrauen, was das Kofferpacken angeht.“
Momoko lehnte sich vor, ihre Augen blitzten vor Neugier. „15 Jahre... das ist ein Meilenstein, Nami. Vor allem, wenn man bedenkt, wie ihr beide angefangen habt. Von den jungen Bladern zum absoluten Power-Couple Tokios.“
„Es ist mehr als das“, fügte Lumina leiser hinzu und sah Nami intensiv an. „Man spürt es bis hierher, Cousinchen. Deine Aura ist in den letzten Wochen so... ruhig. So ausgeglichen. Hat das Gespräch mit Kai wirklich so viel bewirkt?“
Nami spürte, wie eine wohlige Wärme durch ihren Körper floss, die nichts mit der Temperatur im Wintergarten zu tun hatte. „Ja“, gab sie offen zu. „Es hat alles verändert. Die Angst davor, dass meine Aura uns etwas 'aufzwingt', ist weg. Wir sind uns einig. Und zu wissen, dass er mich nicht nur als Partnerin, sondern auch als Mensch so sehr beschützen will... das hat eine Last von mir genommen, von der ich gar nicht wusste, wie schwer sie eigentlich war.“
Ein plötzlicher Windstoß ließ die langen, weißen Vorhänge des Wintergartens aufbauschen und brachte das ferne Geräusch von der Stadt Tokio mit sich.
„Genieße die Ruhe, solange sie hält“, grinste Hilary und griff nach einem Scone. „Wenn die fünf Tage um sind, wird Kai dich sicher an einen Ort bringen, an dem das Wort 'Ruhe' eine ganz neue, luxuriöse Bedeutung bekommt. Ich wette auf die Malediven. Oder Paris.“
„Kai und Paris?“, warf Momoko zweifelnd ein. „Er würde den Eiffelturm wahrscheinlich eher kaufen, als dort romantisch picknicken zu gehen.“
Gelächter erfüllte den hellen Raum, und für einen Moment war alles perfekt. Nami genoss die Vertrautheit ihrer Freundinnen, doch im Hinterkopf zählte sie bereits die Stunden, bis Kai vom Tower nach Hause kommen würde.
Lumina lehnte sich ein Stück vor, ihr Blick wurde weicher, fast schon prüfend. Sie strich sich über ihren noch kaum gerundeten Bauch und sah Nami direkt in die magentafarbenen Augen. „Nami... jetzt mal ganz unter uns. Hast du wirklich absolut keinen richtigen Kinderwunsch mehr? Ich meine, nach all dem Trubel um Sayuris Einschulung und jetzt, wo du mich siehst... regt sich da gar nichts mehr?“
Im Wintergarten wurde es für einen Moment still. Nur das ferne Rascheln der Blätter und das leise Klirren von Namis Teelöffel gegen das feine Porzellan waren zu hören. Hilary und Momoko hielten unbewusst den Atem an.
Nami schwieg. Sie blickte hinaus in den Garten, wo die Herbstsonne lange Schatten auf den Rasen warf. Ein sanftes Lächeln kräuselte ihre Lippen, doch in ihren Augen lag eine tiefe Nachdenklichkeit.
„Es ist kein... wirklicher Wunsch, Lumina“, begann sie schließlich leise, und ihre Stimme klang bemerkenswert gefestigt. „Wenn du mich fragst, ob ich noch Platz in meinem Herzen hätte... ja. Ich würde wohl nicht Nein sagen, wenn Kai es mir von sich aus anbieten würde. Ein fünftes Kind... ein Teil von mir fände den Gedanken wunderschön.“
Sie hielt inne und atmete tief die warme Herbstluft des Wintergartens ein. „Aber“, fuhr sie fort, und ihr Tonfall wurde entschiedener, „nachdem, was er mir in der Nacht nach Sayuris Einschulung anvertraut hat... nach dieser Offenheit über seine Ängste... möchte ich ihn dem nicht noch einmal aussetzen. Er hat mir gestanden, wie sehr ihn die Angst um mich bei jeder Geburt innerlich zerrissen hat. Und so sehr ich Kinder liebe...ich liebe Kai mehr. Ich möchte nicht, dass er jemals wieder diese Art von Todesangst um mich ertragen muss, nur um ein weiteres Mal das Schicksal herauszufordern.“
Was die Frauen in ihrer vertrauten Runde nicht bemerkten: Kai war bereits im Haus. Er war früher als üblich aus dem Tower zurückgekehrt, getrieben von dem Wunsch, den Nachmittag mit Nami zu verbringen, bevor der Trubel der kommenden Jubiläumstage begann. Er war im großen Salon, der direkt an den Wintergarten grenzte, stehen geblieben, als er Luminas Stimme hörte.
Verborgen hinter der schweren, halbgeöffneten Flügeltür aus dunklem Holz, stand er vollkommen reglos. Seine Aktentasche ruhte schwer in seiner Hand, während er jedes einzelne Wort seiner Frau aufnahm.
Seine roten Augen verengten sich leicht, und ein unbeschreiblicher Ausdruck von Rührung, gemischt mit einer schmerzhaften Intensität, legte sich über seine Züge. Dass sie bereit war, einen Teil ihrer eigenen Sehnsucht komplett hinter sein emotionales Wohlbefinden zu stellen, traf ihn tiefer, als jede geschäftliche Eroberung es jemals könnte.
„Wir sind vollständig“, schloss Nami den Gedanken mit einem sanften, aber wehmütigen Lächeln ab. „Und das ist okay so. Weil wir uns haben und die Kinder.“
Lumina nickte langsam, sichtlich bewegt von dieser uneigennützigen Liebeserklärung. „Du bist eine starke Frau, Nami. Kai weiß gar nicht, was für ein Glück er hat.“
Ein leises Knacken im Salon verriet seine Anwesenheit, bevor er sich entschied, aus dem Schatten zu treten. Er setzte seine gewohnt souveräne Maske auf, doch das Leuchten in seinen Augen, als er den Wintergarten betrat, war nicht zu verbergen.
Das leise, gleichmäßige Klacken seiner Schritte auf dem Parkett des Salons kündigte ihn an, noch bevor er den lichtdurchfluteten Wintergarten betrat. Kai straffte die Schultern und vergrub das eben Gehörte tief in seinem Inneren, auch wenn es in seiner Brust nachhallte wie ein Paukenschlag.
Als er durch die Flügeltüren trat, legte sich das vertraute, kühle, aber dennoch präsente Charisma wie ein Mantel über die Runde. Er hatte sein Sakko bereits abgelegt und die Ärmel seines Hemdes ein Stück hochgerollt, was ihm eine ungewohnt entspannte Aura verlieh.
„Ich hoffe, ich unterbreche keine Staatsgeheimnisse“, sagte er mit jener tiefen, ruhig-samtenen Stimme, die im Raum sofort für eine andere Schwingung sorgte.
Namis Augen leuchteten augenblicklich auf. „Kai! Du bist früh dran. Ich dachte, du hättest noch die Besprechung mit dem Vorstand in Shinjuku?“
Er trat an ihren Sessel heran und legte ihr ganz selbstverständlich die Hand auf die Schulter. Es war eine besitzergreifende, aber unendlich sanfte Geste. Er beugte sich hinunter und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe, der länger verweilte, als es vor Zeugen üblich für ihn war. Sein Daumen strich dabei fast unmerklich über ihren Nacken...ein stilles Danke für die Worte, von denen sie nicht wusste, dass er sie gehört hatte.
„Ich habe die Sitzung delegiert“, erwiderte er knapp und schenkte der Damenrunde ein höfliches, wenn auch distanziertes Nicken. „Lumina. Hilary. Momoko. Es ist schön, dass das Anwesen heute so... belebt ist.“
Lumina kniff die Augen zusammen und betrachtete ihn genau. „Du wirkst heute fast schon... zahm, Kai. Hat Nami dir etwas in den Kaffee gemischt oder liegt es an der Vorfreude auf nächste Woche?“
Ein seltenes, fast unmerkliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „Vielleicht ein wenig von beidem“, entgegnete er trocken. Er wandte seinen Blick wieder Nami zu, und für einen Moment schien die Welt um sie herum zu verblassen. In seinen rubinroten Augen lag eine Intensität, die weit über das übliche Maß hinausging. „Ich dachte mir, wenn die Kinder im Dojo sind, könnten wir die Ruhe nutzen. Graham bereitet bereits den Wagen vor...ich würde dich gerne mal wieder zum Abendessen ausführen. Ganz ohne Terminplan.“
Nami spürte, wie ihr Herz einen Satz machte. Die Melancholie, die kurz zuvor noch in ihren Worten an Lumina mitgeschwungen hatte, war wie weggeblasen.
„Jetzt schon? Aber die Gäste...“
„Oh, mach dir um uns keine Sorgen!“, unterbrach Hilary lachend und erhob sich bereits. „Wenn der Herr des Hauses solche Pläne schmiedet, stehen wir nicht im Weg. Außerdem muss ich eh los, bevor Tyson das Dojo in Schutt und Asche legt.“
Lumina erhob sich ebenfalls, stützte sich kurz bei Nami ab und flüsterte ihr im Vorbeigehen zu: „Sieh ihn dir an. Er hat dich nicht nur im Blick, er verehrt dich wie eh und jeh. Genieße es.“
Kai wartete geduldig, bis sich die Damen unter regem Gemurmel und herzlichen Verabschiedungen verstreut hatten. Erst als die Stille des Wintergartens wieder nur von der leichten Brise und ihrem gemeinsamen Atem gefüllt war, zog er Nami sanft aus ihrem Sessel hoch und in seine Arme.
Er sagte nichts über das Gespräch, das er belauscht hatte. Nicht jetzt. Aber er hielt sie einen Moment länger fest als sonst, presste sein Gesicht in ihr silbrig-weißes Haar und atmete tief ihren Duft ein.
„Geh dich fertig machen, mein Schatz.“, raunte er gegen ihr Ohr. „Wir haben den ganzen Abend für uns.“
Graham lenkte wenig später den Wagen mit der üblichen, fast unmerklichen Präzision durch das abendliche Tokio, während die Lichter der Stadt wie ein endloses Band aus Neonfarben an ihnen vorbeizogen. Im Inneren des Wagens war es ruhig, doch die Spannung zwischen Kai und Nami war fast greifbar.
Kai saß entspannt da, die Finger mit ihren verschränkt. Sein Blick wanderte kurz zu ihr und er drückte ihre Hand sanft. „Du solltest heute Abend anfangen, dir Gedanken über dein Gepäck zu machen, Nami“, begann er leise, und ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen.
Nami sah ihn erwartungsvoll an. „Gepäck? Graham hat doch schon Anweisungen bekommen, oder?“
„Das hat er“, bestätigte Kai knapp. „Aber ich möchte, dass du vorbereitet bist. Pack auf jeden Fall Sommersachen ein. Und deinen Badeanzug. Ein Sonnenhut wäre sicher auch keine schlechte Idee.“
Nami zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Sommersachen? Kai, es ist Oktober. Willst du mir also sagen, dass wir Tokio verlassen?“
Ein seltenes, fast jungenhaftes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er beugte sich ein Stück zu ihr vor, sein Gesicht nur Zentimeter von ihrem entfernt. „Ich sage dir, dass du dich auf die Sonne vorbereiten sollst. Den Rest erfährst du früh genug.“
Nami lehnte sich mit einem gespielten Seufzer in die Lederpolster zurück, konnte aber ihr strahlendes Lächeln nicht verbergen. Die Vorstellung, dem herbstlichen Tokio für ein paar Tage zu entfliehen, fachte ihre Neugier nur noch mehr an. Während Graham den Wagen vor ihrem Lieblingsrestaurant zum Stehen brachte, spürte sie, wie die Vorfreude auf ihren 15. Hochzeitstag jede restliche Melancholie des Nachmittags endgültig vertrieb.
Kai stieg aus, reichte ihr die Hand und zog sie eng an seine Seite. „Keine Fragen mehr für heute, Nami. Genieße einfach den Abend.“
Das exklusive Restaurant in der obersten Etage eines der teuersten Hotels der Stadt, bot einen atemberaubenden Blick über das nächtliche Lichtermeer Tokios. Die Atmosphäre war gedämpft, nur das leise Klirren von Kristall und das Murmeln der anderen Gäste war zu hören.
Kai legte sein Besteck nach dem Hauptgang beiseite und sah Nami lange an. „Fünfzehn Jahre, mein Schatz. Das ist ein echter Meilenstein“, begann er, und seine Stimme war so tief und fest, dass sie Nami augenblicklich in ihren Bann zog. „Man nennt es die Kristallhochzeit. Ein Symbol für eine Ehe, die nach all der Zeit so klar, kostbar und zugleich unerschütterlich fest wie Kristall geworden ist.“
Er hielt kurz inne, und Nami spürte, wie die gewohnte geschäftliche Distanz, die er oft wie einen Schutzschild trug, vollkommen verschwand. „Ich habe mir in den letzten Wochen viele Gedanken gemacht, wie ich diese Zeit mit dir angemessen feiern kann. Wie ich dir zeigen kann, was diese Jahre für mich bedeuten.“
Plötzlich stand Kai auf. Nami blinzelte überrascht...es war ungewöhnlich für ihn, mitten im Gang die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Doch zu ihrem völligen Entsetzen und gleichzeitiger Faszination blieb er nicht stehen. Er trat einen Schritt zur Seite und ließ sich langsam auf ein Knie vor ihr nieder.
Ein kollektives, unterdrücktes Luftholen ging durch das Restaurant. Die übrigen Gäste hielten den Atem an, Besteck blieb in der Luft hängen, und die Kellner erstarrten in ihren Bewegungen. Namis Herz begann gegen ihre Rippen zu hämmern wie ein gefangener Vogel.
~Wieso geht er auf die Knie? Nach fünfzehn Jahren?~
„Es gibt Menschen, Nami, die diesen Tag als Anlass nehmen, um innezuhalten“, fuhr Kai fort, vollkommen ungerührt von den starrenden Blicken um sie herum. Sein ganzer Fokus lag auf ihr, seine rubinroten Augen brannten vor einer Intensität, die sie fast schwindelig machte. „Sie nutzen die Kristallhochzeit, um ihr Eheversprechen zu erneuern. Um zu sagen: Ich würde es wieder tun. Jeden einzelnen Tag.“
Namis Augen weiteten sich, als sie sah, wie er eine kleine, tiefblaue Samtschatulle aus der Innentasche seines Sakkos zog. Mit einer ruhigen Handbewegung öffnete er sie und enthüllte einen Ring, der im Kerzenlicht so hell funkelte, dass er fast blendete.
„Eigentlich wollte ich dich das erst an unserem Hochzeitstag fragen“, gestand er mit einem fast unmerklichen, privaten Lächeln, das nur für sie bestimmt war. „Aber ich habe entschieden, dass dies heute lediglich der erste Teil meiner Liebeserklärung an dich sein soll. Ein Versprechen vor dem eigentlichen Versprechen.“
Er nahm ihre zitternde Hand in seine und sah ihr tief in die Augen.
„Nami Hiwatari... würdest du mich noch einmal heiraten?“
In diesem Moment schien die Zeit in ganz Tokio stillzustehen. Nami spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen...aus einer überwältigenden Fülle an Liebe. Die Worte, die sie am Nachmittag zu Lumina gesagt hatte, hallten in ihrem Kopf wider:
Ich liebe Kai mehr.
Und hier war er, der einst kühle, unnahbare Kai Hiwatari, und legte ihr sein Herz vor aller Welt erneut zu Füßen.
Nami spürte, wie die Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen liefen, doch sie machten ihren Blick auf Kai nur noch klarer. Das Licht der Kerzen und die Reflexionen des Rings verschwammen zu einem warmen Glanz. Inmitten der atemlosen Stille des Restaurants gab es für sie nur diesen einen Mann vor ihr auf den Knien.
„Ja“, brachte sie schließlich heraus, ihre Stimme zittrig, aber voller Überzeugung. „Ja, Kai. Tausendmal ja.“
Ein hörbares Aufatmen ging durch den Saal, gefolgt von einem zaghaften, dann immer lauter werdenden Applaus der anderen Gäste. Kai, der sonst jede öffentliche Aufmerksamkeit mied wie das Feuer, schien die Menschen um sie herum gar nicht wahrzunehmen. Ein Ausdruck von purer Wärme legte sich über seine Züge. Er nahm den Ring aus der Schatulle...ein Meisterwerk aus Platin und einem lupenreinen Diamanten, der so klar wie das reinste Kristall war...und schob ihn ihr langsam an den Finger.
Er erhob sich, zog Nami sanft aus ihrem Stuhl hoch und schlang die Arme um sie. Nami vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und weinte leise vor Glück, während er sie fest an sich drückte.
„Ich liebe dich, Nami“, raunte er so leise in ihr Ohr, dass es nur für sie bestimmt war. „Mehr als ich jemals für möglich gehalten hätte, als wir uns das erste Mal in diesem dunklen Korridor gegenüberstanden.“
Als sie sich schließlich voneinander lösten, bemerkte Nami, dass sogar einige der Kellner gerührt zur Seite blickten. Der Abend, der als einfaches Abendessen begonnen hatte, war nun zum Fundament für ihr nächstes gemeinsames Kapitel geworden.
Die folgenden Tage im Ayame-Anwesen waren geprägt von einer fast magischen Betriebsamkeit. Nami verbrachte die Abende damit, ihre leichtesten Kleider, den eleganten magentafarbenen Monokini und den großen Sonnenhut herauszusuchen, während sie immer wieder ungläubig auf den neuen Ring an ihrer Hand starrte, der neben ihrem Verlobungsring und ihrem Ehering wild funkelte.
Gou und die Zwillinge hatten natürlich sofort Wind von der Sache bekommen. Während Ren trocken anmerkte, dass „Vater jetzt endgültig zum Romantiker mutiert“ sei, sah Gou seine Mutter mit einem wissenden, stolzen Lächeln an. Sayuri hingegen tanzte durch das Haus und jubelte ununterbrochen davon, dass Mama wieder eine „Prinzessin“ sein würde.
Kai hielt sich jedoch immer noch bedeckt, was das Ziel der Reise anging, doch Graham war bereits dabei, die Koffer in den Bentley zu laden.
Der fünfzehnte Hochzeitstag begann mit einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel über Tokio, als wollte das Wetter selbst dem Anlass Tribut zollen. Im Ayame-Anwesen herrschte eine Aufbruchsstimmung, die fast elektrisierend war.
Hiro und Hilda Tachiba waren bereits am frühen Morgen eingetroffen, um ihre Tochter und ihren Schwiegersohn gebührend zu verabschieden. Während Graham zusammen mit Ramsay die letzten Gepäckstücke...inklusive Namis sorgsam verstautem Sonnenhut und dem magentafarbenen Monokini...im Wagen unterbrachte, versammelte sich die Familie im großen Eingangsbereich.
Hiro trat auf Kai zu und legte ihm mit einem festen Händedruck die Hand auf die Schulter. „Macht euch keine Sorgen um das Haus oder die Kinder, Kai“, sagte er mit ruhiger, väterlicher Autorität. „Hilda und ich werden hier gemeinsam mit dem Personal alles fest im Griff haben. Gou, die Zwillinge und die kleine Sayuri sind bei uns in den besten Händen.“
Hilda nickte bekräftigend und strich Nami eine lose Strähne aus dem Gesicht. „Genießt jede Sekunde, meine Liebe. Fünfzehn Jahre sind ein wunderbarer Grund, um die Welt für ein paar Tage hinter sich zu lassen.“
Nami umarmte ihre Eltern gerührt. „Danke, Papa. Danke, Mama. Es bedeutet mir viel, zu wissen, dass ihr hier seid.“
Die Kinder standen derweil in einer Reihe, wobei Gou sichtlich bemüht war, den coolen, verantwortungsbewussten großen Bruder zu geben, während Sayuri ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. „Bringt ihr mir Muscheln mit?“, fragte sie mit großen Augen, woraufhin Kai sich zu ihr hinunterbeugte und ihr kurz über das weiße Lockenhaar strich. „Wir bringen dir etwas Schönes mit, Sayuri. Versprochen.“
Kai wandte sich schließlich Nami zu. Sein Blick war heute besonders weich, auch wenn er vor der Familie seine gewohnt souveräne Haltung bewahrte. „Bist du bereit?“, fragte er leise.
„Bereiter als jemals zuvor“, antwortete sie und schenkte ihm ein Lächeln, das die tiefe Liebe widerspiegelte, die sie in den letzten Tagen noch einmal so intensiv gespürt hatte.
Mit einem letzten Winken verließen sie das Anwesen. Als der Bentley durch das schmiedeeiserne Tor glitt, blickte Nami noch einmal zurück zu ihrer Familie, bevor sie Kais Hand ergriff.
„Graham fährt uns nicht zum Tower, oder?“, fragte Nami amüsiert, als sie merkte, dass sie Kurs auf den Flughafen Haneda nahmen.
„Nicht ganz“, erwiderte Kai geheimnisvoll. „Unser Jet wartet im privaten Sektor. Ich dachte mir, für die Erneuerung unseres Versprechens brauchen wir eine Umgebung, die der Klarheit des Kristalls entspricht.“
Als sie schließlich den Jet erreichten, half Kai ihr aus dem Wagen. Die warme Brise auf dem Rollfeld ließ Namis Vorfreude nur noch weiter steigen. Sie hatte immer noch keine Ahnung, wohin die Reise ging, aber eines wusste sie sicher: Mit Kai an ihrer Seite spielte das Ziel eigentlich keine Rolle.
Als der Jet seine Reisehöhe wenig später erreicht hatte und das Anschnallzeichen erlosch, lehnte sich Nami entspannt in den cremefarbenen Ledersessel zurück. Kai gegenüber beobachtete sie mit einem beinahe unmerklich amüsierten Blick, während er an einem Glas kühlem Mineralwasser nippte.
„Du bist heute ungewöhnlich schweigsam, Kai“, bemerkte Nami lächelnd und strich sich eine silbrige Locke aus der Stirn. „Genießt du den Triumph, dass ich immer noch völlig im Dunkeln tappe?“
„Ich genieße die Vorfreude“, erwiderte er schlicht.
Nami griff nach der ledergebundenen Bordmappe, die auf dem Tischchen neben ihr lag, in der Hoffnung, dort den Flugplan oder zumindest einen Hinweis auf die Verpflegung zu finden. Als sie die Mappe aufschlug, fiel ihr ein kleiner, handgeschriebener Zettel entgegen. Er war in Kais präziser, kantiger Handschrift verfasst.
Darauf stand nur ein einziger Satz:
„Wo das Blau des Meeres auf die Ewigkeit trifft.“
Unter dem Zettel kam eine kleine Broschüre zum Vorschein, die diskret in eine Seitentasche geschoben worden war. Nami zog sie heraus und spürte, wie ihr Herz einen freudigen Sprung machte. Auf dem Deckblatt prangte in goldenen Lettern: „The Ritz-Carlton, Okinawa – Ein Refugium der Sinne.“
„Okinawa?“, hauchte sie und sah zu ihm auf. Ihre Augen leuchteten. „Wir fliegen auf die Inseln?“
Kai neigte leicht den Kopf. „Ich wollte einen Ort, an dem die Zeit langsamer vergeht. Wo das Licht und das Wasser so klar sind wie Kristall. Wir haben eine private Villa an der Küste, nahe des Ritz-Carlton. Dort werden wir unser Versprechen erneuern...nur wir beide, das Meer und der Himmel.“
Nami spürte eine Welle der Dankbarkeit. Okinawa war für sie beide immer ein Symbol für Freiheit und Neuanfang gewesen, weit weg von den grauen Betonwüsten der Tachiwari-Türme....und doch hatten sie es zuvor noch nie dorthin geschafft.
„Das ist perfekt, Kai“, sagte sie leise. „Einfach perfekt.“
Der Jet neigte sich leicht in eine Kurve, und durch das Fenster konnte Nami bereits sehen, wie das tiefe Blau des Pazifiks allmählich in das helle Türkis der flachen Korallenriffe überging. Die Sonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche wie Millionen kleiner Diamanten...ein passenderes Bild für ihre Kristallhochzeit hätte es kaum geben können.
Als die schwere Tür des Privatjets aufschwung und die Treppe ausgefahren wurde, schlug Nami eine Welle aus Luft entgegen, die sich wie eine sanfte, warme Umarmung anfühlte. Sie blieb einen Moment auf der obersten Stufe stehen und schloss unwillkürlich die Augen.
„Diese Luft...“, flüsterte sie und atmete tief ein. Es war kein Vergleich zu der milden, herbstlichen Brise Tokios, die sie erst vor wenigen Stunden verlassen hatten. Hier in Okinawa roch die Luft nach Salz, nach Freiheit und einer subtilen, blumigen Süße, die nur die Tropen hervorbrachten.
Die Anzeige im Cockpit hatte beim Landeanflug angenehme 27 Grad gemeldet...die perfekte Temperatur. Der Oktober war hier wahrlich ein Geschenk; die sengende, drückende Hitze des Hochsommers war gewichen und hatte einer goldenen, beständigen Wärme Platz gemacht, die die Haut angenehm kribbeln ließ, ohne sie zu verbrennen.
Kai trat hinter sie und legte ihr eine Hand auf die Taille, eine Geste, die ihr in diesem Moment noch mehr Halt gab. „Willkommen im Paradies, mein Schatz.“, raunte er. Er hatte seine Krawatte bereits abgelegt und die obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet, was ihn in der gleißenden Sonne Okinawas fast ein wenig jugendlicher wirken ließ. Seine roten Augen schimmerten intensiv, als er den Blick über das Rollfeld und die fernen, sattgrünen Hügel schweifen ließ.
„Es fühlt sich an, als würde die Welt hier ganz anders atmen“, sagte Nami, während sie langsam die Stufen hinabstieg. Ihre Sandalen berührten den warmen Asphalt, und sie spürte, wie jede restliche Anspannung der letzten Wochen im Tower endgültig von ihr abfiel.
Ein schwarzer Wagen mit getönten Scheiben wartete bereits in unmittelbarer Nähe. Graham und Ramsay waren hier durch lokales Personal ersetzt worden, das diskret und effizient bereitstand.
Nami sah zu Kai auf, während der warme Wind ihr silbrig-weißes Haar sanft umspielte. „27 Grad... und dieses Licht. Du hast wirklich an alles gedacht, nicht wahr?“
Ein seltenes, zufriedenes Lächeln stahl sich auf seine Züge. Er reichte ihr die Hand, um sie zum Wagen zu führen. „Das war erst der Anfang. Die Villa wartet...und ich verspreche dir, der Blick auf das Meer wird alles übertreffen, was du dir gerade vorstellst.“
Als sie sich in die kühlen Polster des Wagens sinken ließen und die Fahrt Richtung Küste begann, beobachtete Nami die vorbeiziehenden Hibiskusblüten und die Palmen, die sich im Wind wiegten. Sie dachte an den magentafarbenen Monokini in ihrem Koffer und an den funkelnden Kristallring an ihrer Hand. Die nächsten Tage gehörten nur ihnen...fernab von Verpflichtungen, nur getragen von der Wärme Okinawas und der Beständigkeit ihrer fünfzehn Jahre.
Als der Wagen vor der privaten Auffahrt der Villa hielt, war Nami für einen Moment sprachlos. Es war kein gewöhnliches Hotelzimmer, sondern ein architektonisches Juwel ähnlich der Villa in Nagano, das sich nahtlos in die zerklüfteten Felsen und die üppige, tropische Vegetation Okinawas schmiegte. Große Glasfronten ersetzten fast alle Wände, sodass das Azurblau des Meeres ständig präsent war.
„Komm schon...“, sagte Kai leise und führte sie durch das schwere Portal aus dunklem Holz.
Nami lief wie in Trance durch die weitläufigen Räume. Der Boden bestand aus kühlem, hellem Naturstein, und überall duftete es nach frischen Lilien und dem fernen Salz des Ozeans. Sie trat auf die riesige Terrasse hinaus, die über einen eigenen Infinity-Pool verfügte, der optisch direkt im Pazifik zu münden schien.
„Es ist wunderschön hier, Kai“, hauchte sie und drehte sich zu ihm um. „Drei Tage hier zu verbringen wird sich anfühlen wie ein ganzer Monat.“
Kai trat an das Geländer, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, bevor er ihn auf sie lenkte. Ein geheimnisvoller Glanz lag in seinen roten Augen. „Nicht drei Tage, Nami. Wir bleiben fünf.“
Nami stockte der Atem. „Fünf Tage? Aber... der Tower? Die Vorstandsbesprechung am Montag? Die Kinder?“
Ein seltenes, fast triumphierendes Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. „Delegiert. Abgesagt. Und deine Eltern haben alles unter Kontrolle. Ich habe entschieden, dass ein Meilenstein wie dieser mehr braucht als nur ein verlängertes Wochenende. Wir haben fünf volle Tage, an denen das einzige Telefon, das klingelt, das für den Zimmerservice im benachbarten Hotel ist.“
Nami war überwältigt. In all den fünfzehn Jahren ihrer Ehe war es ihnen fast nie gelungen, länger als drei Tage am Stück der Verantwortung der Tachiwari-Corporation zu entfliehen. Dass Kai diesen Freiraum geschaffen hatte, sprach Bände über die Bedeutung, die er diesem Jubiläum beimaß.
Er trat auf sie zu und legte seine Hände sanft an ihre Taille. Die warme Nachmittagssonne tauchte ihr Gesicht in ein goldenes Licht. Es war jetzt kurz nach 14 Uhr, und die Hitze des Tages war in eine perfekte, schläfrige Wärme übergegangen.
„Lass uns erst einmal ankommen“, raunte er und sah auf ihr leichtes Reiseoutfit hinunter. „Die Koffer sind bereits im Ankleidezimmer. Was hältst du davon, wenn wir den Nachmittag am Privatstrand verbringen? Nur du, ich und das Wasser.“
Nami spürte, wie eine Welle der Vorfreude durch sie hindurchging. Der Gedanke an den weichen Sand zwischen den Zehen und die kühlen Wellen an ihren Beinen, ließen sie wohlig durchatmen.
„Ich glaube, das ist genau das, was ich jetzt brauche“, antwortete sie strahlend. „Gib mir fünf Minuten, um den Monokini zu suchen.“
Kai sah ihr mit einem Blick hinterher, der keine Worte brauchte, während sie im Ankleidezimmer verschwand. Die fünf Tage hatten gerade erst begonnen, und die Welt in Tokio schien Lichtjahre entfernt zu sein.
Nami war gerade dabei, sich die Bänder ihres magentafarbenen Monokinis im Nacken zu richten, als Kai den Raum betrat. Sie hielt unwillkürlich inne und sah ihn durch den großen Wandspiegel an. Der Anblick, der sich ihr bot, raubte ihr für einen Moment den Atem.
Das steife, weiße Hemd und die maßgeschneiderte Anzughose waren verschwunden. Stattdessen trug Kai ein leicht anliegendes, dunkelgraues Shirt aus einem weichen Stoff, das seine trainierten Schultern und die markante Brustmuskulatur perfekt betonte. Dazu kombinierte er eine locker sitzende, schwarze Tuchhose. Es war ein ungewohnt entspannter Look für den Mann, den die Welt meist nur in gepanzerten Business-Rüstungen kannte.
Ohne die strengen Linien des Sakkos wirkte er plötzlich Jahre jünger...fast wie der junge, rebellische Kai, dem sie vor so langer Zeit zum ersten Mal begegnet war, nur mit der gereiften Aura eines Mannes, der genau wusste, wer er war.
„Bist du so weit?“, fragte er, und seine Stimme klang in der Stille der Villa viel raumgreifender.
Nami schluckte schwer. Sie spürte, wie ihre Wangen eine leichte Röte annahmen, die nichts mit der Sonne Okinawas zu tun hatte. „Ja“, brachte sie heraus und griff nach ihrem Sonnenhut.
Kai trat auf sie zu, seine Schritte lautlos auf dem Steinboden. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern ergriff einfach ihre Hand. Seine Finger schlossen sich fest und sicher um ihre, und mit einem entschlossenen Zug zog er sie mit sich aus der Villa hinaus.
„Komm schon. Das Wasser wartet nicht“, sagte er mit einem Unterton von seltener Spontanität.
Sie stolperte fast ein wenig, als sie ihm folgte, ihre Augen fest auf seinen Rücken und die Art gerichtet, wie sich der Stoff seines Shirts bei jeder Bewegung spannte. Der private Pfad zum Strand war von dichten, grünen Farnen und blühenden Hibiskussträuchern gesäumt, die einen natürlichen Tunnel bildeten.
Der Weg hinunter zum Ufer war fast so kostbar wie das Ziel selbst. Die zehn Minuten, die sie für den Pfad benötigten, waren gefüllt mit einer angenehmen Schwere. Kai und Nami hielten immer wieder inne...mal, um den Schrei eines tropischen Vogels zu hören, mal, um einfach den Blick über die weite Bucht schweifen zu lassen, die im Nachmittagslicht wie flüssiges Gold glänzte.
Als sie den feinen, weißen Sand erreichten, suchten sie sich einen Platz im Schatten einer Gruppe von Palmen. Obwohl der Strand privat war, sah man in der Ferne gelegentlich die Silhouetten anderer Gäste der weitläufigen Villenanlage, die wie kleine Punkte über den glitzernden Sand spazierten. Doch für Kai schien die Welt in diesem Moment an den Grenzen ihres kleinen Areals zu enden.
Ohne ein Wort zu sagen, streifte er sein graues Shirt ab und legte es über eine der Liegen. Nami spürte ein vertrautes Prickeln, als sie zusah, wie er auch die leichte Hose beiseiteschob. Darunter trug er bereits eine schlichte, schwarze Badehose, die perfekt an seinem athletischen Körper saß. In diesem Moment, mit der Sonne auf seiner blassen Haut und dem Wind in seinem Haar, wirkte er so losgelöst von den Lasten der Tachiwari-Corporation, dass Nami unwillkürlich lächeln musste.
Er hielt ihr die Hand hin. „Komm mit, mein Schatz.“, sagte er leise mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
Gemeinsam wateten sie in das kristallklare Wasser. Die erste Berührung der Wellen war eine willkommene Abkühlung bei den 27 Grad Außentemperatur, doch je tiefer sie hineingingen, desto mehr schien das Wasser die Wärme der Sonne gespeichert zu haben.
Als das Wasser ihnen bis zur Hüfte reichte, blieb Kai stehen. Er wartete, bis Nami direkt vor ihm war, und legte dann seine Hände an ihre Taille, um sie fest an sich zu ziehen und sie in seinen Armen zu drehen...so dass sie ihn direkt ansah. Die kühle Nässe des Ozeans bildete einen scharfen Kontrast zur Hitze seines Körpers, die sie durch den dünnen Stoff ihres magentafarbenen Monokinis spüren konnte.
Er sah ihr einen Moment lang tief in die Augen, während die sanften Wellen um sie herum rauschten. In seinem Blick lag eine Zärtlichkeit und Offenheit, die nur für diesen Ort und diesen Moment bestimmt war.
Er beugte sich hinunter und legte seine Lippen auf ihre. Der Kuss war sanft, fast schon ehrfürchtig, und schmeckte nach Salz und der unendlichen Weite Okinawas. Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und zog ihn noch ein Stück näher, während die Welt um sie herum...endgültig in der Unendlichkeit des Ozeans versank.
„Ich liebe dich.“, raunte er gegen ihre Lippen, als er sich nur einen Millimeter von ihr löste.
Die Zeit schien im Rhythmus der sanften Brandung zu schmelzen. Kai und Nami ließen sich von den warmen Strömungen treiben, tauchten immer wieder in das klare Türkis ab und genossen die Schwerelosigkeit, die so weit entfernt von ihrem durchgetakteten Alltag in Tokio war. Es gab keine E-Mails, keine Marktanalysen und keine Familienpflichten...nur das salzige Wasser auf ihrer Haut und das gelegentliche, leise Lachen, wenn eine Welle sie überraschte.
Gegen 17 Uhr begann sich der Himmel über dem Pazifik in ein dramatisches Schauspiel aus Violett, Orange und tiefem Gold zu verwandeln. Die Hitze des Tages war einer milden, schmeichelnden Abendbrise gewichen.
„Wir sollten zurückgehen“, sagte Kai leise, während er im flachen Wasser stehend seine Hand nach ihr ausstreckte. „Die Sonne geht bald unter, und ich möchte den Ausblick von der Terrasse aus mit dir zusammen genießen. Ist das okay?“
Nami nickte, noch immer benommen von der friedlichen Atmosphäre. Sie wateten Hand in Hand zurück zum Strand, wo sie sich nur flüchtig den Sand von den Füßen strichen und ihre Kleidung überwarfen. Der Rückweg zur Villa fühlte sich nun, da die Schatten der Palmen länger wurden, fast noch magischer an.
Zurück in der Villa hatte das Personal des Ritz-Carlton bereits diskret vorgesorgt. Auf der Terrasse, direkt am Rand des Infinity-Pools, stand ein kleiner Tisch bereit. Eine Flasche eines exzellenten, kühlen Weißweins ruhte in einem Eiskübel, flankiert von zwei Kristallgläsern, die das letzte Licht des Tages einfingen.
Kai entkorkte die Flasche mit einer fließenden Bewegung und schenkte ein. Er reichte Nami ein Glas und lehnte sich dann neben ihr gegen das gläserne Geländer.
„Auf uns.“, sagte er, und das feine Klingen des Kristalls untermalte seine Worte. „Auf fünfzehn Jahre und auf alles, was noch vor uns liegt.“
Nami nippte an dem Wein und spürte, wie die Kühle ihre Sinne belebte. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass wir fünf Tage haben. Was hast du für morgen geplant? Bleiben wir in unserem privaten Refugium?“
Kai schüttelte leicht den Kopf und ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen. „Morgen werden wir ein wenig durch die Stadt schlendern. Ich dachte mir, wir besuchen den Shuri-kastell-Park und schauen uns ein paar der kleinen Kunsthandwerksläden an. Ich weiß, wie sehr du die lokale Keramik magst.“
Nami strahlte. „Du erinnerst dich? Ich habe vor Jahren mal erwähnt, dass ich gerne ein Set aus Okinawa-Ton hätte.“
„Ich vergesse nichts, was dir wichtig ist.“, erwiderte er schlicht, und die Intensität in seinem Blick ließ ihr Herz erneut schneller schlagen. Er trat einen Schritt näher und legte einen Arm um ihre Taille, während sie gemeinsam beobachteten, wie die Sonne endgültig hinter dem Horizont versank und das erste tiefe Blau der Nacht Platz machte.
Nami spürte, wie ein befreiendes Lachen ihre Kehle verließ, während sie den Blick über die weitläufige Terrasse und den Infinity-Pool gleiten ließ. „Kai“, begann sie amüsiert und sah ihn aus dem Augenwinkel an, „sag mir bitte, dass du diese Villa hier in Okinawa nicht auch heimlich gekauft hast. Die Szenerie erinnert mich gerade viel zu sehr an unseren zehnten Hochzeitstag in Nagano.“
Zu ihrer Überraschung erklang Kais tiefes, seltenes Lachen...ein echtes, ehrliches Geräusch, das in der salzigen Abendluft nachhallte. „Nein“, gab er kopfschüttelnd zu und ein amüsiertes Blitzen trat in seine roten Augen. „Ich kaufe sicher nicht noch eine Villa. Diese hier ist lediglich für unseren Aufenthalt reserviert.“
Doch so schnell das Lachen gekommen war, so schnell wich es einer plötzlichen, intensiven Ernsthaftigkeit in seinen Zügen. Er stellte sein Weinglas auf dem Steingeländer ab und trat einen Schritt näher auf sie zu. „Ich habe in den letzten Wochen viel nachgedacht“, begann er leise, seine Stimme nun fest und entschlossen. „Und vor fünf Tagen bin ich zu einem Entschluss gekommen.“
Er deutete mit einer knappen Geste zum Wohnzimmer der Villa, dessen Glasfronten das warme Licht der Innenbeleuchtung nach außen warfen. „Geh hinein. Auf dem Glastisch steht eine kleine Schachtel. Ich möchte, dass du sie öffnest.“
Nami hielt inne. Ihr Herz, das gerade erst zur Ruhe gekommen war, begann erneut gegen ihre Rippen zu hämmern. Jede Überraschung der letzten Woche schien die vorherige zu übertreffen. Sie tat, wie ihr geheißen, und spürte Kais Blick in ihrem Rücken, während er ihr in einigem Abstand folgte.
Die Schachtel auf dem Glastisch war schlicht, ohne Aufschrift, ohne Hinweis auf ihren Inhalt. Mit zitternden Fingern hob Nami den Deckel. Das Erste, was sie sah, war ein weiches Stück Stoff, das ihr seltsam bekannt vorkam. Als sie es vorsichtig herauszog, entfaltete es sich in ihren Händen...und ein kleiner, weißer Strampler mit kleinem Rosenknospenmuster und Tüll an Gesäß und Beinchen kam zum Vorschein. Es war genau das Modell, das sie vor Wochen im Kaufhaus so sehnsüchtig betrachtet hatte, als sie mit Lumina, Kai und Tala unterwegs gewesen war.
In diesem Moment glitt ein zusammengefaltetes Stück Papier lautlos aus den Falten des Stoffes und landete zu ihren Füßen.
Nami starrte das winzige Kleidungsstück an, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Ihr Atem ging flach, als sie Kais Blick suchte. Er stand im Rahmen der Terrassentür, die Arme locker verschränkt, und sah sie mit einem unglaublich weichen, fast schon ergebenen Ausdruck an.
„Die Idee eines Wunsches... ist ebenso ein Wunsch, mein Schatz.“, sagte er ruhig, während sie sich langsam bückte, um das Papier aufzuheben. „Und ich habe entschieden, dass ich dir diesen Wunsch erfüllen will. Wenn du es noch immer möchtest.“
Mit zitternden Händen entfaltete Nami das Dokument. Es war ein offizieller Untersuchungsbericht einer urologischen Klinik. Ihre Augen flogen über die medizinischen Fachbegriffe, bis sie an dem entscheidenden Satz hängen blieben:
Die Bestätigung seiner Zeugungsfähigkeit.
Ihre Auren hatten es wieder getan. Zum dritten Mal hatten ihre Bit Beast-Energien seine Sterilisation einfach aufgehoben, als hätte die Natur selbst beschlossen, dass ihre gemeinsame Geschichte noch nicht zu Ende erzählt war.
Die Tränen, die sie den ganzen Tag über zurückgehalten hatte, rannen nun unaufhaltsam über ihre Wangen. Die Erleichterung, die Liebe und die schiere Wucht seiner Geste raubten ihr den Atem. Kai war sofort bei ihr. Er schlang seine starken Arme um sie und zog sie fest an sich. Nami vergrub ihr Gesicht an seiner Brust, krallte ihre Finger in sein graues Shirt und weinte, während sie den beruhigenden Schlag seines Herzens unter ihrem Ohr spürte.
„Danke“, flüsterte sie gegen den Stoff, während die warme Nacht Okinawas sie beide wie einen schützenden Mantel umhüllte. „Danke, mein Schatz...“
Okinawa Nacht
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Ein Tag in der Sonne
Naha empfing sie mit einer lebendigen Mischung aus tropischer Wärme, dem Duft von gegrillten Meeresfrüchten und dem fernen Rauschen des Hafens. Kai und Nami schlenderten Arm in Arm durch eine der schmalen Gassen, in denen sich ein kleiner, bunter Kunstmarkt befand. Überall hingen handgewebte Stoffe, Keramiken im Shisa-Stil und filigraner Schmuck aus Korallen an den Verkaufsständen.
Nami blieb immer wieder stehen, fasziniert von der Handwerkskunst. Jedes Mal, wenn sie ihre Hand aus der seinen löste, um eine getöpferte Schale oder ein Seidentuch zu berühren, wartete Kai geduldig an ihrer Seite. Sobald sie den Gegenstand zurücklegte, suchte seine Hand wie von selbst wieder die ihre. Er verschränkte ihre Finger fest miteinander und strich ihr dabei fast unbewusst mit dem Daumen in einem zärtlichen, langsamen Rhythmus über den Handrücken.
An einem Stand für traditionelle Glasmalerei saß eine ältere Dame mit tiefen Lachfalten und wachen Augen. Sie hielt inne und beobachtete das Paar bereits seit geraumer Zeit. Sie sah, wie Kai Nami immer wieder kleine, private Blicke zuwarf...Blicke, die eine tiefe, fast schmerzhafte Intensität besaßen. Sie sah, wie Nami aufstrahlte, wann immer er sie berührte, und wie sicher sie sich in seiner Nähe fühlte.
„Ach, wie herrlich“, rief die alte Dame plötzlich mit einer kräftigen, freundlichen Stimme und winkte sie näher. „Es tut meinem alten Herzen gut, ein so schönes, frisch verliebtes junges Paar zu sehen. Man spürt die Funken ja förmlich bis hierher!“ Sie kicherte und deutete auf ihre verschränkten Hände. „Genießen Sie diese Zeit, meine Lieben. Die erste große Liebe ist ein kostbares Geschenk.“
Nami hielt inne und ein helles, amüsiertes Lachen entrann ihrer Kehle. Sie fühlte sich sichtlich geschmeichelt und ein sanftes Rot stieg in ihre Wangen, während sie zu Kai aufblickte, der die Situation mit einem fast unmerklichen, aber zufriedenen Schmunzeln quittierte.
„Vielen Dank für das Kompliment“, sagte Nami herzlich und trat einen Schritt näher an den Stand. „Es ist wirklich schön zu hören, dass man uns für frisch verliebt hält. Aber tatsächlich feiern wir heute bereits unseren 15. Hochzeitstag hier in Okinawa.“
Die alte Dame erstarrte mitten in einer Handbewegung. Ihr Mund klappte ein wenig auf und sie rückte ihre Brille zurecht, während sie die beiden ungläubig von oben bis unten musterte. „15 Jahre?“, wiederholte sie geplättet. „Das ist ja unmöglich! Ich hätte Sie beide maximal auf Mitte 20 geschätzt. Wie halten Sie sich nur so jung? Das muss das Wasser hier bei uns sein... oder eben diese Liebe.“
In diesem Moment kam eine jüngere Frau...etwa in Namis und Kais Alter...aus dem hinteren Teil des Standes nach vorne. Sie trug eine Schürze und hielt ein Klemmbrett in der Hand. Als sie aufsah und das Paar vor sich erkannte, weiteten sich ihre Augen schlagartig und sie wurde augenblicklich rot vor Verlegenheit.
„Oma!“, zischte sie peinlich berührt und legte ihrer Großmutter eine Hand auf die Schulter. „Um Himmels willen, das ist nicht irgendein ‚junges Paar‘. Das sind Kai und Nami Hiwatari!“ Sie verbeugte sich hastig und entschuldigend vor den beiden. „Es tut mir furchtbar leid, Mr. Hiwatari, Mrs. Hiwatari. Meine Großmutter ist 85 und verbringt mehr Zeit mit ihren Glasperlen als mit der Welt da draußen. Oma, du solltest wirklich mal öfter die Nachrichten schauen oder zumindest einmal in eine Wirtschaftszeitung blicken!“
Die alte Dame blinzelte verwirrt zwischen ihrer Enkelin und den beiden Berühmtheiten hin und her. Kai jedoch blieb vollkommen gelassen. Er drückte Namis Hand ein wenig fester und sah die Enkelin mit einem ruhigen, fast milde gestimmten Blick an.
„Kein Grund für Entschuldigungen“, sagte er mit seiner tiefen, autoritären und doch entspannten Stimme. „Ihre Großmutter hat ein gutes Auge für das Wesentliche. Das ist mir viel lieber als jedes Nachrichtenmagazin.“
Nami lächelte die Enkelin aufmunternd an, während sie sich eng an Kais Seite schmiegte. „Wir genießen die Anonymität hier eigentlich sehr“, fügte sie zwinkernd hinzu. „Betrachten Sie es als unser kleines Geheimnis. Einen schönen Tag ihnen Beiden noch.“
Nami und Kai schlenderten weiter durch die schmalen Gassen, während die Enkelin der alten Dame immer noch leicht fassungslos zusah, wie das berühmte Paar so entspannt und nahbar zwischen den Marktständen verschwand. Die warme Meeresbrise trug den Klang von Sanshin-Musik zu ihnen herüber, was die Atmosphäre fast magisch wirken ließ.
„Ein Kompliment, das man sich merken sollte“, schmunzelte Kai leise, während er Nami noch ein Stück enger an seine Seite zog. „Mitte zwanzig... die okinawanische Luft scheint uns tatsächlich gutzutun.“
Nami lachte und lehnte ihren Kopf kurz gegen seine Schulter. „Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass wir hier in Okinawa das Gefühl haben, die Zeit stünde für uns beide kurz still.“
Plötzlich blieb Nami vor einem Stand stehen, der fast ausschließlich mit handgefertigten Textilien gefüllt war. Zwischen bunt gewebten Taschen und traditionellen Stoffen entdeckte sie etwas, das sofort ihre Aufmerksamkeit erregte. Es war eine kleine, handgenähte Puppe aus feinem Leinen, bekleidet mit einem Miniatur-Kimono aus echter okinawanischer Seide. Das Gesicht war mit feinen Stichen gestickt und strahlte eine schlichte, aber herzliche Wärme aus.
„Schau mal, Kai“, sagte Nami leise und nahm die Puppe vorsichtig in die Hand. „Wir haben Sayuri versprochen, ihr etwas ganz Besonderes mitzubringen. Sie liebt es doch so sehr, wenn Dinge eine eigene Geschichte haben.“
Kai trat hinter sie und legte sein Kinn auf ihre Schulter, während er die kleine Puppe betrachtete. Sein Blick wurde weich, als er an ihre jüngste Tochter dachte, die sicher schon sehnsüchtig auf ihre Rückkehr wartete. „Sie ist perfekt“, pflichtete er ihr bei. „Sie sieht fast so aus, als würde sie über Sayuri wachen, während wir nicht da sind.“
Er strich Nami über den Oberarm und beobachtete, wie sie die Puppe fast schon zärtlich prüfte. In diesem Moment wirkte sie so gelöst und glücklich, dass Kai erneut dieses tiefe Gefühl von Stolz und Liebe empfand. Er wusste, dass sie die Puppe nicht nur als Souvenir kaufte, sondern als Symbol für die Familie, die sie sich über die Jahre aufgebaut hatten...und für das neue Wunder, das sie nun...vielleicht...erwarteten.
Nami kaufte die Puppe bei der Standbesitzerin, die sie mit einem warmen Lächeln und einer tiefen Verbeugung verabschiedete. „Sayuri wird sie lieben“, sagte Nami überzeugt, während sie das kleine Päckchen sicher in ihrer Tasche verstaut. „Es ist das erste Geschenk für die ‚große Schwester‘.“
Hand in Hand verließen sie den Markt und machten sich auf den Weg in Richtung des Hafens. Die Sonne stand nun tiefer am Himmel und tauchte die Schiffe und das Wasser in ein warmes, oranges Licht. Es war der perfekte Moment, um sich in einem der kleinen Cafés direkt am Pier niederzulassen und den Tag bei einem kühlen Getränk Revue passieren zu lassen.
Nami rührte geistesabwesend in ihrem gekühlten Hibiskustee und beobachtete, wie das glitzernde Wasser gegen die Boote schwappte. Ein verträumtes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während ihr Blick in die Ferne schweifte.
„Kai?“, begann sie leise und sah ihn über den Rand ihres Glases hinweg an. „Erinnerst du dich noch an den Tag, als du mich damals an der Hochschule abgesetzt hast? Mitten vor dem Haupteingang, vor all meinen Schulkameraden... und dann hast du mich einfach geküsst.“
Sie stieß ein langes, glückliches Seufzen aus und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Das ist bis heute eine meiner schönsten Erinnerungen. Ich weiß noch genau, wie mein Herz bis zum Hals raste und ich das Gefühl hatte, tausend Schmetterlinge in meinem Bauch würden gleichzeitig abheben. Ich war so fassungslos... ich hätte so eine öffentliche Geste von dir niemals erwartet. Nicht von dir, dem unnahbaren Kai Hiwatari.“
Nami musste hell auflachen, als das Bild in ihrem Kopf wieder ganz lebendig wurde. „Es gab danach sogar dieses Klatschmagazin mit dem unscharfen Handyfoto von uns. Die Schlagzeile war doch irgendwas wie ‚Der eiskalte Hiwatari ganz romantisch‘. Die ganze Schule hat Wochen später noch darüber getuschelt.“
Kai, der seinen Espresso gerade zum Mund geführt hatte, hielt inne. Ein kurzes, trockenes Amüsement blitzte in seinen Augen auf, bevor er die Tasse absetzte. Er erinnerte sich nur zu gut an das Chaos, das dieser eine Moment ausgelöst hatte...und an die bewusste Entscheidung, allen zu zeigen, zu wem sie gehörte.
„Ich erinnere mich noch gut daran...“, erwiderte er mit dieser tiefen, ruhigen Stimme, die Nami immer noch eine Gänsehaut bescherte. Er streckte seine Hand über den kleinen Tisch aus und legte sie auf ihre, wobei er mit dem Daumen sanft über ihre Haut strich. „Ich wusste damals genau, was ich tat. Auch wenn die Presse es als Schwäche auslegen wollte... für mich war es das Gegenteil.“
Er sah sie so intensiv an, dass Nami das vertraute Flattern in ihrer Brust erneut spürte...genau wie damals vor den Toren der Hochschule.
„Du hast damals ausgesehen, als hättest du einen Geist gesehen“, fügte er mit einem fast unmerklichen Grinsen hinzu. „Aber du hast den Kuss erwidert. Das war das Einzige, was für mich zählte.“
Nami drückte seine Hand fest. „Du hast mich an diesem Tag wirklich überrascht. Aber das tust du heute noch.“ Sie dachte an den Strampler in der kleinen Schachtel und den Bericht in der Villa. „Manche Dinge ändern sich eben nie.“
In diesem Moment vibrierte Kais Telefon auf dem Tisch. Er warf einen kurzen Blick auf das Display und reichte es Nami mit einem leichten Kopfschütteln. „Apropos Dinge, die sich nie ändern... eine Nachricht von zu Hause. Gou schickt uns ein Foto.“
Nami nahm das Handy entgegen. Auf dem Bildschirm war ein Schnappschuss aus dem Garten des Ayame-Anwesens zu sehen: Gou und Makoto standen zusammen mit Hiromi im Garten, während die Zwillinge im Hintergrund wild gestikulierten und Sayuri...mit einem sehr entschlossenen Gesichtsausdruck versuchte, eine viel zu große Picknickdecke auszubreiten.
„Sie scheinen alles im Griff zu haben“, bemerkte Nami schmunzelnd, während sie das Bild betrachtete. „Auch wenn ich wette, dass meine Mutter im Hintergrund gerade versucht, Sayuri davon zu überzeugen, dass die Decke nicht als Umhang gedacht ist.“
Nami legte den Kopf schief und sah Kai mit einem Blick voller tiefer Zärtlichkeit an. „Ich kann immer noch nicht fassen, dass du diesen Strampler tatsächlich besorgt hast“, sagte sie leise, während das ferne Tuten eines auslaufenden Kutters die Hafenidylle untermalte. „Dass du dir diesen einen Moment im Kaufhaus so genau gemerkt hast...“
Kai führte seinen Espresso erneut zum Mund, doch ein amüsiertes Blitzen in seinen Augen verriet, dass die Geschichte hinter dem Kauf noch eine ganz eigene Note hatte. „Ich habe dich damals genau beobachtet, Nami. Ich habe gesehen, wie du ihn angesehen hast...als wäre er ein kleines Symbol für etwas, das du dir eigentlich schon längst verboten hattest zu hoffen.“ Er setzte die Tasse ab und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Ich bin vor wenigen Tagen in einer meiner Pausen kurz hingefahren, um ihn zu holen. Ich wollte ihn hier in Okinawa bei mir haben um ihn dir zu überreichen.“
Er hielt kurz inne und ein trockenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „Und stell dir vor: Als ich im Laden vor dem Regal stand und den Strampler einen Moment lang selbst betrachtete, stand plötzlich wieder diese kauzige, exzentrische alte Dame neben mir. Die Gleiche, die uns damals schon so frech angesprochen hatte.“
Nami riss die Augen weit auf und unterbrach ihn mit einem ungläubigen Lachen. „Nein! Das ist nicht dein Ernst, oder? Ausgerechnet sie?“
Kai nickte amüsiert. „Absolut. Sie hat mich von der Seite gemustert, ihre Brille zurechtgerückt und meinte mit diesem unnachahmlichen Unterton zu mir: ‚Ich hoffe doch sehr, junger Mann, dass dieser Strampler für die eigenen Nachkommen gedacht ist. Ich wusste doch, da ist was im Busch. Ihre Frau ist viel zu schön, um kinderlos zu bleiben.‘“
Nami prustete los, ihr Lachen hallte über den Tisch und zog die blickenden Augen einiger Passanten auf sich. „Oh Gott, Kai! Wenn die wüsste!“, rief sie aus, während sie sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte. „Sie hatte ja keine Ahnung, dass wir bereits vier Kinder zu Hause haben, die uns ordentlich auf Trab halten. In ihren Augen waren wir wahrscheinlich immer noch dieses junge, ‚kinderlose‘ Paar, das endlich mal zur Sache kommen sollte. Ich hätte sie vielleicht doch aufklären sollen...“
„Ich habe es nicht korrigiert“, gestand Kai mit einem fast schon spitzbübischen Grinsen, das Nami immer wieder aufs Neue faszinierte. „Ich fand den Gedanken irgendwie passend. In gewisser Weise fangen wir ja gerade wirklich wieder von vorne an.“
Er griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie sanft. Nami beruhigte sich langsam, doch das breite Lächeln blieb auf ihrem Gesicht. Es war ironisch und wunderschön zugleich: Während die Welt sie als das mächtige Power-Paar der Tachiwari-Corporation sah, wurden sie hier in den Gassen und Läden einfach nur als zwei Menschen wahrgenommen, deren Liebe man ansah, dass sie gerade erst wieder neu aufblühte.
„Ein fünftes Wunder“, murmelte Nami glücklich und drückte seine Hand zurück. „Ich schätze, die alte Dame wird sich in ein paar Monaten bestätigt fühlen, wenn sie uns zufällig wiedersehen sollte.“
„Ein Wunder, das diesen Strampler nur angezogen bekommt, wenn es weiblich ist..."
Das Lachen von Nami klang so hell und unbeschwert über das Ufer, dass sogar ein paar Fischer an ihren Booten kurz aufsahen und lächelten. Kai hingegen zog eine Augenbraue hoch und betrachtete sie mit diesem unnachahmlichen, trockenen Blick, der irgendwo zwischen Amüsement und echtem Entsetzen schwankte.
„Ich meine es ernst, Nami“, warf er ein, wobei seine tiefe Stimme einen amüsierten, aber warnenden Unterton annahm. „Dieser Strampler besteht gefühlt zu achtzig Prozent aus Tüll und gestickten Knospen. Er ist wunderschön, ja...aber er kommt nur zum Einsatz, wenn es ein Mädchen wird. Einem Hiwatari-Sohn werde ich dieses... Gebilde aus Spitze sicher nicht antun.“
Nami kicherte und wischte sich eine kleine Freudenträne aus dem Augenwinkel. „Ach komm schon, Kai! Stell dir das doch mal vor. Ein kleiner Junge, der genau wie Gou dein markantes Gesicht hat, aber in diesem fluffigen Traum aus Tüll steckt.“ Sie sah seinen Gesichtsausdruck, der bei der bloßen Vorstellung noch steinerner wurde, und prustete erneut los. „Ich stecke ihn vielleicht nur ganz kurz rein, nur für ein einziges Foto! Für das Familienalbum, das wir dann ganz hinten im Schrank verstecken.“
„Nur über meine Leiche“, brummte Kai, doch der Schimmer in seinen roten Augen verriet, dass er ihren Übermut genoss.
„Na gut, na gut“, gab sie nach und drückte seine Hand beruhigend. „Wenn es ein Junge wird, wandert der Strampler direkt in die Erinnerungskiste für unsere Enkelkinder. Vielleicht haben Ayumi oder der Rest ja irgendwann Verwendung dafür. Aber bis dahin bleibt er unser kleines Geheimnis aus Okinawa.“
Als der Abend über Naha hereinbrach, verwandelte sich der Hafen in ein Lichtermeer. Die untergehende Sonne hatte den Himmel in violette und tiefrote Töne getaucht, bevor die Dunkelheit die beleuchteten Masten der Jachten und die bunten Lampions der Uferpromenade erst richtig zur Geltung brachte.
Kai hatte einen Tisch in einem kleinen, exklusiven Restaurant direkt am Wasser reserviert. Es war kein pompöser Ort, sondern eines dieser versteckten Juwelen mit dunklem Holz, schweren Leinenstoffen und einer Terrasse, die fast über den sanften Wellen zu schweben schien. Der Duft von fangfrischem Fisch in Ingwer und Limette vermischte sich mit der lauen Abendbrise.
Nami genoss die Atmosphäre sichtlich. Die Lichter der Stadt spiegelten sich in ihren Augen wider, während sie das Treiben auf den Booten beobachtete. „Es ist so friedlich hier“, flüsterte sie, als der Kellner ihnen zwei Gläser eines leichten, alkoholfreien Aperitifs servierte.
Kai sah sie über den Rand seines Glases an. Das gedimmte Licht der Kerze auf ihrem Tisch warf scharfe Schatten auf seine Wangenknochen, ließ seinen Blick aber gleichzeitig ungewohnt weich erscheinen. „Das ist es“, pflichtete er ihr bei. „Keine Meetings, keine Berater, keine Schlagzeilen. Nur wir beide.“
Er hob sein Glas ein Stück an. „Auf 15 Jahre Ehe, mein Schatz. Und auf alles, was wir heute Nacht... und in der Zukunft... auf den Weg gebracht haben.“
Nami stieß mit ihm an, das leise Klirren der Gläser klang wie ein Versprechen. „Auf uns, Kai. Und auf das Wunder, das hoffentlich schon bald bei uns ist.“
Das okinawanische Gänge-Menü wurde in einer angenehmen Langsamkeit serviert...kleine Kunstwerke aus mariniertem Goya, zartem Fleisch und frischem Sashimi, die so kunstvoll angerichtet waren, dass man sie kaum anzurühren wagte. Doch während sie aßen, drifteten Namis Gedanken immer wieder zu dem großen Thema zurück, das über dieser Reise schwebte.
Sie legte ihre Stäbchen kurz beiseite und sah Kai nachdenklich an. „Kai, wir müssen aber auch realistisch bleiben“, begann sie leise, während ihr Blick kurz auf dem glitzernden Hafenwasser ruhte. „Es kann durchaus sein, dass ich nicht direkt schwanger werde. Immerhin bin ich jetzt 34... Wer weiß, ob es diesmal genauso schnell klappt wie bei den anderen Kindern. Unser Körper ist keine Maschine.“
Kai hielt inne. Er legte sein Glas ab und beugte sich ein Stück über den kleinen Tisch, sodass das warme Kerzenlicht seine markanten Züge und das tiefe Rot seiner Augen noch intensiver hervorhob. Ein verwegener, fast schon herausfordernder Ausdruck trat auf sein Gesicht.
„Das“, raunte er mit seiner tiefen, kühlen Stimme, die Nami jedes Mal aufs Neue erzittern ließ, „würde dann wohl nur bedeuten, dass wir eben noch etwas... mehr dafür tun müssten, dass du schwanger wirst. Wir müssten uns schlichtweg öfter und intensiver darum kümmern.“
Nami spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie schmunzelte und biss sich unbewusst auf die Unterlippe, während sie seinen intensiven Blick erwiderte. „Soll das etwa heißen... du hoffst insgeheim sogar, dass es ein wenig länger dauert?“, fragte sie mit einem frechen Funkeln in den Augen.
Kai lehnte sich wieder ein Stück zurück, doch das gefährliche Schmunzeln blieb. „Ich will damit nur sagen, dass alles im Leben seine Vor- und Nachteile hat, Nami. Die... Bemühungen um ein Kind sind ja keinesfalls eine lästige Pflicht.“ Er hielt kurz inne und sein Blick wurde wieder ernsthaft und sicher. „Aber mach dir keine Sorgen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir nicht lange warten müssen.“
Nami hob eine Braue. „Ach ja? Woher nimmst du diese Gewissheit, Herr CEO?“
Kai erwiderte ihren Blick gelassen. „Ganz einfach...es ist ein Gefühl. Und sobald dir morgens beim Geruch von frischem Kaffee schlecht wird, weiß ich ohnehin Bescheid. Das war bisher immer unser sicherstes Anzeichen.“ Er machte eine kurze Pause und fügte dann mit einer fast schon beängstigenden Präzision hinzu: „Davon abgesehen, habe ich deinen Zyklus stets im Blick. Ich weiß genau, wann unsere Chancen am besten stehen. Ich überlasse so wichtige Dinge ungern dem reinen Zufall.“
Nami musste leise lachen und schüttelte den Kopf. „Du und deine Kalkulationen... Sogar bei unserem fünften Wunder hast du die Statistiken im Kopf.“
„Effizienz, Nami“, korrigierte er sie trocken, doch seine Hand suchte unter dem Tisch nach ihrem Knie und drückte es sanft. „Aber heute Nacht lassen wir die Statistik beiseite und konzentrieren uns nur auf das Hier und Jetzt.“
Nach dem Abendessen schlenderten sie Hand in Hand den nächtlichen Pier entlang. Die Lampions der Restaurants spiegelten sich als lange, goldene Fäden im dunklen Wasser des Hafens, und die warme Brise Okinawas trug das ferne Lachen anderer Nachtschwärmer zu ihnen herüber. Es war dieser seltene Moment vollkommener Ruhe, in dem die Welt um sie herum zu verblassen schien.
„Wenn wir schon so präzise planen“, begann Nami schmunzelnd und rückte ein Stück näher an seine Seite, „hast du dir eigentlich schon Gedanken über Namen gemacht? Ich meine... wir haben bereits einen Gou, die Zwillinge Ayumi und Ren, und unsere kleine Sayuri. Das ist eine starke Vorlage.“
Kai schwieg einen Moment, sein Blick wanderte hinaus auf das offene Meer, wo die Lichter einiger Fischerboote wie Sterne auf dem Horizont tanzten. „Ich habe darüber nachgedacht“, gab er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme zu. „Sollte es ein Junge werden... ich dachte an etwas Kurzes, Kraftvolles. Vielleicht Kaito. Es bedeutet ‚Ozean‘ und ‚Fliegen‘. Es würde perfekt zu diesem Ort hier passen, wo wir die Entscheidung getroffen haben.“
Nami hielt inne und wiederholte den Namen leise. „Kaito... Kaito Hiwatari. Das klingt wirklich stark. Und es schlägt die Brücke zu dir.“ Sie lächelte und sah ihn von der Seite an. „Und wenn es wieder ein Mädchen wird? Vielleicht doch noch eine kleine Schwester für Sayuri und Ayumi?“
Kai hielt ihren Blick fest, und ein fast unmerkliches, weiches Leuchten trat in seine Augen. „Für ein Mädchen... wie wäre es mit Mei? Es bedeutet ‚Schönheit‘ oder ‚Spross‘. Ein Neuanfang.“
Nami seufzte leise und lehnte ihren Kopf an seine Schulter, während sie langsam weitergingen. „Kaito oder Mei... beides ist wunderschön, Kai. Es fühlt sich jetzt alles so real an. Fast so, als würden sie schon irgendwo auf uns warten.“
„Sie warten nicht nur“, erwiderte Kai und blieb stehen, um sie ganz zu sich herumzudrehen. Er legte seine Hände an ihre Wangen, seine Daumen strichen zärtlich über ihre Haut. „Wir erschaffen diese Zukunft gerade. Schritt für Schritt.“
Er beugte sich vor und küsste sie tief, während im Hintergrund das sanfte Klatschen der Wellen gegen die Kaimauer den Rhythmus vorgab. In dieser Nacht in Naha, zwischen den Schatten der Boote und dem Glanz der Sterne, fühlte sich die Aussicht auf ein fünftes Wunder nicht mehr wie ein ferner Traum an, sondern wie ein Versprechen, das nur darauf wartete, eingelöst zu werden.
Der längere Rückweg zur Villa führte sie durch die Stadt und anschließend über den weichen, noch vom Tag angewärmten Sand des privaten Strandabschnitts. Das Mondlicht spiegelte sich silbern auf den sanften Wellen und tauchte die Szenerie in ein fast irreales Licht. Nami, die immer noch Kais Hand hielt, blieb plötzlich stehen. Ein kurzes, unterdrücktes Glucksen entrann ihrer Kehle, das schnell zu einem hellen Lachen wurde.
Kai hielt ebenfalls inne und zog eine Augenbraue hoch. Er drehte sich zu ihr um und musterte sie mit diesem typischen, abwartenden Blick. „Was hast du jetzt schon wieder für einen amüsanten Gedanken im Kopf?“, fragte er mit seiner tiefen, leicht rauen Stimme, in der ein Hauch von Neugier mitschwang.
Nami sah zu ihm auf, ihre Augen blitzten im Mondschein vor Übermut. Sie trat einen Schritt näher und legte ihre freie Hand auf seinen Arm. „Kai...“, begann sie und versuchte, ein ernstes Gesicht zu machen, was ihr jedoch gründlich misslang. „Ist dir eigentlich bewusst, dass die Statistik nicht nur für einen einzigen Eisprung gilt? Angesichts unserer Geschichte...und meiner Gene... ist dir klar, dass es auch diesmal wieder Zwillinge werden könnten?“
Das Amüsement in Kais Gesicht erlosch augenblicklich. Er erstarrte förmlich und starrte sie schweigend an, während die Brandung das einzige Geräusch in der Stille war. Für einen Moment sah es so aus, als würde sein analytischer Verstand im Hintergrund hunderte von neuen Szenarien, Zimmerbelegungen und Logistikplänen durchrechnen.
Schließlich entwich ihm ein langer, tiefer und sichtlich angestrengter Seufzer. Er schloss kurz die Augen, rieb sich mit der freien Hand über die Nasenwurzel und atmete einmal ganz tief durch.
„Darüber...“, setzte er an und schüttelte fast unmerklich den Kopf, „...habe ich tatsächlich noch keine einzige Sekunde lang nachgedacht.“
Er öffnete die Augen wieder und sah sie mit einem Blick an, der so trocken und flehend zugleich war, dass Nami erneut loslachen musste. Er zog sie fest an sich, vergrub sein Gesicht kurz an ihrer Halsbeuge und murmelte gegen ihre Haut: „Bitte nicht. Ein einzelnes Wunder reicht vollkommen aus. Sechs Kinder im Anwesen... das würde selbst Graham und Ramsay an ihre Grenzen bringen.“
Nami schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn fest. „Ach, Kai. Du würdest das auch meistern. Du bist der Zar der Tachiwari-Corporation, erinnerst du dich? Was sind da schon sechs Kinder?“
„Ein logistischer Albtraum“, brummte er, doch er löste sich ein Stück von ihr und ein schwaches, geschlagenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Aber gut. Wenn es so sein soll, dann ist es eben so. Aber lass uns für heute erst einmal von einem Wunder ausgehen.“
Er legte einen Arm um ihre Schulter und führte sie die letzten Meter zur beleuchteten Terrasse der Villa hinauf. Dort standen bereits ein Glas frischer Ananassaft für sie und ein kleiner Digestif für ihn bereit.
Die Rückkehr zur Villa fühlte sich an wie das Betreten einer anderen Welt. Das sanfte Licht der Designer-Lampen im Außenbereich tauchte die Terrasse in ein goldenes Leuchten, während das Rauschen des Ozeans hier oben noch präsenter war. Kai steuerte zielsicher auf die weitläufige Lounge-Ecke zu, während Nami sich mit einem wohligen Seufzer in die tiefen, weichen Kissen der Liege sinken ließ.
Er reichte ihr den frisch gepressten Ananassaft, dessen Glas leicht beschlagen war, und ließ sich selbst mit einem kühlen Drink in den Sessel gegenüber gleiten. Für einen Moment genossen sie einfach nur die Stille, die kühle Brise und den Geschmack ihrer Getränke, während über ihnen das Sternenzelt Okinawas in voller Pracht erstrahlte.
Nami rührte mit dem Strohhalm in ihrem Glas und beobachtete Kai über den Rand hinweg. Ein amüsiertes Glucksen stahl sich plötzlich aus ihrer Kehle.
„Woran denkst du schon wieder?“, fragte Kai, wobei er sein Glas auf dem Knie abstellte und sie abwartend ansah.
„Ich musste gerade daran denken, dass du wirklich bei jedem einzelnen Ultraschalltermin dabei warst“, begann sie schmunzelnd. Ihr Blick wurde weich, doch das schelmische Funkeln kehrte schnell zurück. „Aber erinnerst du dich noch an den ersten Termin bei den Zwillingen? Bei Dr. Arisawa?“
Kai zog die Augenbrauen zusammen, als ahnte er bereits, worauf das hinauslief.
Nami konnte ein unterdrücktes Lachen nicht mehr zurückhalten. „Du saßest auf diesem viel zu kleinen Hocker neben der Untersuchungsliege, die Arme verschränkt, dein typischer ‚Ich habe alles unter Kontrolle‘-Blick. Und dann... dann sagte Dr. Arisawa plötzlich diesen einen Satz: ‚Oh, sehen Sie mal, Mr. Hiwatari... da sind zwei Herzschläge. Es werden Zwillinge.‘“
Sie prustete los und hielt sich die Seite. „Kai, ich schwöre, ich habe noch nie jemanden so schnell erblassen sehen. Du warst regelrecht geschockt! Du hast den Rest des gesamten Tages kein einziges Wort mehr gesagt. Du bist wie ein Geist durch das Anwesen gelaufen und hast einfach nur starr in die Gegend geblickt, als hättest du eine Fehlermeldung in deinem System, die du nicht gelöscht bekommst.“
Nun musste sie wirklich laut lachen, die bloße Erinnerung an seinen vollkommen entgleisten Gesichtsausdruck von damals war einfach zu köstlich. „Ich habe ernsthaft überlegt, ob ich einen Notarzt rufen soll, weil du so katatonisch gewirkt hast!“
Kai starrte sie einen Moment lang schweigend an, während er den Drink in seinem Glas leicht schwenkte. Er seufzte tief und sichtlich angestrengt, als die Erinnerung an diesen logistischen Schockmoment wieder in ihm hochstieg. „Das...“, setzte er an und schüttelte fast unmerklich den Kopf, „...war definitiv ein Schock. Und ich sage es noch einmal: Bitte nicht nochmal.“
Nami lachte weiter, ihr ganzer Körper bebte vor Vergnügen, während sie sich den Bauch hielt.
„Ich sehe es schon bildlich vor mir, Kai“, gluckste sie und wischte sich eine kleine Träne aus dem Augenwinkel. „Wir sitzen demnächst wieder bei Dr. Arisawa, die Sonografie beginnt, und du starrst so intensiv auf diesen Monitor, als hingest du an den Quartalszahlen der Tachiwari-Corporation...nur in der Hoffnung, absolut sicher zu gehen, dass da nur ein einziger kleiner Herzschlag zu sehen ist.“
Kai, der in seinem Sessel gegenüber saß und an seinem Glas nippte, verzog keine Miene, doch das verräterische Funkeln in seinen Augen sprach Bände. „Nochmal Zwillinge würden meine Nerven in der Tat... extrem beanspruchen“, gab er trocken zu, was Nami nur noch mehr dazu brachte, in lautes Gelächter auszubrechen.
„Lach du nur weiter“, raunte er plötzlich mit einer tiefen, gänsehauterregenden Stimme, während ein gefährliches, amüsiertes Schmunzeln seine Lippen umspielte. „Ich bringe dich gleich schon dazu, aufzuhören.“
Doch Nami ließ sich nicht beirren. Die Vorstellung des mächtigen Kai Hiwatari, der erneut vor einem Ultraschallgerät kapituliert, war einfach zu köstlich. „Oh wirklich?“, brachte sie zwischen zwei Lachanfällen hervor, während sie sich tiefer in die Kissen drückte. „Und wie willst du das anstellen, Zar?“
Kai beobachtete sie einen Moment lang schweigend. Er liebte dieses unbeschwerte Lachen, ihre Lebensfreude, die seit jeher der Gegenpol zu seiner kühlen Disziplin war. Doch nun machte er seine „Drohung“ wahr. Mit einer katzenhaften Geschmeidigkeit, die fast schon etwas Raubtierhaftes hatte, stellte er sein Glas auf dem Beistelltisch ab. Er erhob sich aus seinem Sessel und kletterte am Fußende ihrer Liege über sie.
Nami juchzte kurz auf, ihr Lachen wurde eine Nuance höher, als er sich wie ein Schatten über sie schob. Doch bevor sie ein weiteres Wort sagen konnte, griff er nach dem feinen Stoff ihres rosa Overalls am Dekolleté. Mit einem schnellen, geübten Ruck schob er den oberen Bereich über ihre Brüste hinweg nach unten.
Das Lachen blieb Nami augenblicklich im Halse stecken. Ein kleiner, überraschter Laut entwich ihr, als die milde Nachtluft ihre Haut traf, nur um eine Sekunde später von der heißen, feuchten Berührung seiner Zunge abgelöst zu werden. Kai leckte mit einer langsamen, besitzergreifenden Bewegung über einen ihrer Nippel.
Nami erstarrte, ihr Atem ging schlagartig flach und schwer, während die Erregung wie ein Stromschlag durch ihren Körper jagte. Die Heiterkeit der vorangegangenen Minuten war innerhalb eines Wimpernschlags einer knisternden Spannung gewichen.
Kai hob langsam den Kopf. Sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt, seine rubinroten Augen glühten in der Dunkelheit der Terrasse vor Verlangen. Ein triumphierendes, unendlich amüsiertes Schmunzeln lag auf seinen Lippen.
„Siehst du?“, raunte er, während sein heißer Atem ihre Haut streifte. „Das ist doch immer noch die effektivste Methode, um dich zum Schweigen zu bringen.“
Nami sah ihn mit geweiteten Pupillen an, unfähig, etwas zu erwidern, während ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Jede Spur von Spott war verflogen, ersetzt durch die stumme Bitte nach mehr.
Die Erneuerung
Die Sonne Okinawas stieg am nächsten Morgen wie ein glühender Feuerball aus dem tiefblauen Pazifik empor und tauchte die Terrasse der Villa in ein warmes, honigfarbenes Licht. Das sanfte Rauschen der Brandung und das ferne Kreischen der Möwen weckten Nami, die sich noch immer eng an Kais nackte, warme Brust schmiegte. Die Kühle der Nacht war längst verflogen, ersetzt durch eine tropische Milde, die nach Salz und blühenden Frangipani duftete.
Kai war bereits wach. Er lag auf dem Rücken, den Arm fest um ihre Schultern gelegt, und beobachtete mit diesem ruhigen, fast schon meditativen Blick das Spiel der Lichtreflexe an der Decke des Schlafzimmers. Als er spürte, dass Nami sich regte, drückte er ihr einen sanften Kuss auf den Schläfe.
„Guten Morgen, mein Schatz“, raunte er, seine Stimme noch tief und rau vom Schlaf.
Nami blinzelte gegen das helle Licht an und strich sich eine widerspenstige, silbrige Locke aus dem Gesicht. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während die Erinnerungen an die letzte Nacht wie ein warmer Film vor ihrem inneren Auge abliefen. „Guten Morgen...“, erwiderte sie leise und streckte sich genüsslich wie eine Katze. „Ich habe das Gefühl, ich könnte ewig hier liegen bleiben.“
„Ein verlockender Gedanke“, gab Kai zu und ein seltenes, entspanntes Schmunzeln kräuselte seine Lippen. „Aber das Personal des Ritz-Carlton hat bereits das Frühstück unten am Strand vorbereiten lassen. Und ich glaube, der Duft von frischem Kaffee und Okinawanischen Pfannkuchen wird dich schneller motivieren, als du denkst.“
Wenig später saßen sie an einem kleinen, weiß gedeckten Tisch direkt im feinen, hellen Sand. Ihre Füße vergruben sie im noch kühlen Boden, während die Wellen nur wenige Meter entfernt sanft ausliefen. Vor ihnen ausgebreitet lag ein Festmahl: exotische Früchte wie Drachenfrucht und Ananas, frischer Fisch, Miso-Suppe und die versprochenen süßen Köstlichkeiten der Insel.
Nami goss sich eine Tasse Tee ein und betrachtete Kai über den Rand hinweg. Er trug heute ein lockeres, hellblaues Leinenhemd...weit aufgeknöpft...und eine helle Hose. Trotz der entspannten Umgebung verlor er nie diese natürliche Autorität, die ihn umgab, doch seine Züge wirkten heute so gelöst, wie sie es in Tokio selten erlebte.
„Und?“, fragte sie schelmisch, nachdem sie ein Stück Ananas gegessen hatte. „Was sagt der strategische Plan des Zaren für unseren dritten Urlaubstag? Gehen wir heute wieder unter die Leute, oder verstecken wir uns weiter vor der Welt?“
Kai legte sein Besteck beiseite und verschränkte die Finger, während sein Blick intensiv in ihrem hängen blieb. „Ich dachte an eine kleine Bootstour“, erklärte er ruhig. „Nur wir beide. Es gibt eine versteckte Bucht, etwa zwanzig Minuten von hier entfernt, die nur vom Wasser aus erreichbar ist. Das Wasser dort ist so klar, dass man bis zum Grund sehen kann.“
Er hielt kurz inne und ein amüsiertes Funkeln trat in seine roten Augen. „Und ich habe sichergestellt, dass dort keine 85-jährigen Damen herumlaufen, die uns für frisch verliebt halten... auch wenn dies ja eher ein Kompliment ist.“
Nami lachte hell auf und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Ein privater Ausflug klingt perfekt. Vielleicht finden wir dort ja noch mehr Inspiration für... unsere weitere Zukunft.“
„Inspiration haben wir gestern genug gesammelt“, erwiderte Kai trocken, doch er griff über den Tisch nach ihrer Hand und drückte sie fest. „Heute genießen wir einfach nur die Stille. Bevor der Trubel zu Hause uns wiederhat.“
Eine Stunde später...
Die kleine, elegante Jacht schnitt fast lautlos durch das kristallklare, türkisblaue Wasser, während Naha hinter ihnen am Horizont verblasste. Kai stand am Steuer, den Blick fest auf den Horizont gerichtet, während der Fahrtwind sein dunkles Haar zerzauste. Nami saß auf der gepolsterten Bank neben ihm, die Sonnenbrille im Haar, und genoss das Gefühl der Freiheit, das nur das offene Meer bieten konnte.
Nach etwa zwanzig Minuten drosselte Kai die Motoren. Sie glitten in eine sichelförmige Bucht, die von hohen, mit sattgrünen Palmen und exotischen Blumen bewachsenen Felsen umschlossen war. Das Wasser war hier so ruhig und durchsichtig, dass man die bunten Korallenriffe und vorbeiziehenden Fischschwärme meterweit unter der Oberfläche erkennen konnte.
„Es ist wunderschön hier, Kai“, hauchte Nami, während sie an die Reling trat und tief die salzige, reine Luft einatmete.
Kai warf den Anker aus und kam zu ihr herüber. Er legte seine Arme von hinten um ihre Taille und zog sie fest gegen seine Brust. „Keine Paparazzi, keine neugierigen Standbesitzer. Nur wir“, murmelte er an ihr Ohr.
Sie verbrachten die nächsten Stunden auf dem weitläufigen Teakholz-Deck der Jacht. Kai hatte eine große, weiche Liegefläche im Schatten des Sonnensegels vorbereitet. Nami lag auf dem Bauch, während Kai ihr den Rücken mit Sonnencreme einrieb...seine Handbewegungen waren langsam und besitzergreifend, eine stumme Erinnerung an die Intensität der vergangenen Nacht.
„Ich habe das Gefühl, ich könnte hier für immer bleiben“, sagte Nami leise, während sie ihren Kopf auf ihre verschränkten Arme legte. „Kein Zeitdruck, keine Verpflichtungen... nur das Rauschen der Wellen.“
Kai hielt kurz inne, seine Hand ruhte schwer auf ihrem unteren Rücken. „Wir nehmen uns diese Zeit, Nami. Das Ayame-Anwesen und die Corporation laufen auch ohne uns. Aber das hier...“, er strich mit dem Daumen über ihre Wirbelsäule, „...das hier ist jetzt wichtiger.“
Er legte sich neben sie und stützte sich auf den Ellbogen, um sie anzusehen. In der gleißenden Mittagssonne wirkten seine Züge fast weich. Nami drehte den Kopf zu ihm und lächelte.
Sie sprachen über banale Dinge, über Gous nächstes Training, darüber, wie sehr Sayuri sich wohl über die Puppe freuen würde, und lachten über die Vorstellung, wie die Zwillinge wahrscheinlich gerade versuchen würden, Makoto zu einem Streich zu überreden.
„Glaubst du, sie vermissen uns schon?“, fragte Nami mit einem Anflug von mütterlicher Sehnsucht.
Kai schmunzelte trocken. „Ich glaube, sie genießen die sturmfreie Bude, solange Harriet, Ramsay und Graham sie lassen.“
Er beugte sich vor und küsste sie sanft, ein langer, vertrauter Kuss, der nach Salz und Sonnencreme schmeckte. Die Stille der Bucht wurde nur vom leisen Klatschen des Wassers gegen den Rumpf der Jacht unterbrochen. Hier, mitten im Ozean, fühlten sie sich wie zwei Schiffbrüchige auf ihrer ganz eigenen, privaten Insel.
Nach einiger Zeit...
Die Sonne begann bereits, den Himmel in ein tiefes Gold zu tauchen, als Kai den Anker lichtete und die Jacht langsam aus der geschützten Bucht heraussteuerte. Der Motor brummte beruhigend unter dem Deck, während die kühler werdende Meeresbrise Namis loses Haar tanzen ließ. Sie lehnte sich an die Reling und beobachtete, wie die weißen Schaumkronen der Heckwelle im Abendlicht glitzerten.
Kai übergab das Steuer dem Autopiloten für die offene Strecke und trat zu ihr. Er reichte ihr ein Glas gekühlten Fruchtsaft und stellte sich dicht hinter sie, um sie vor dem auffrischenden Wind zu schützen.
„Woran denkst du?“, fragte er leise und legte sein Kinn auf ihre Schulter.
Nami nahm einen Schluck und sah hinaus auf den Horizont. „Ich habe gerade an unsere Wünsche für das Baby gedacht. Nicht nur an den Namen oder das Zimmer... sondern daran, was für ein Mensch es werden soll.“ Sie drehte sich in seinem Arm ein Stück zu ihm um. „Gou ist so sehr wie du, Kai. Zielstrebig, diszipliniert, ein geborener Anführer. Die Zwillinge haben dieses wilde, freie Herz, und Sayuri ist unsere kleine kluge Beobachterin.“
Sie hielt kurz inne und lächelte verträumt. „Für unser fünftes Wunder wünsche ich mir einfach... Frieden. Ich wünsche mir, dass es in eine Welt hineingeboren wird, in der es einfach nur sein darf. Ohne den Druck, in irgendwelche Fußstapfen treten zu müssen.“
Kai sah sie lange an, seine roten Augen spiegelten das warme Licht der untergehenden Sonne wider. Er strich ihr eine Strähne aus der Stirn. „Es wird ein Hiwatari sein, Nami. Ein gewisser Stolz und eine gewisse Stärke liegen uns im Blut. Aber du hast recht. Ich möchte, dass dieses Kind die Leichtigkeit lernt, die du in mein Leben gebracht hast.“
Er zog sie fester an sich. „Wenn es ein Junge wird, soll er deine Sanftmut erben. Und wenn es ein Mädchen wird... nun, dann hoffe ich, dass sie deinen Dickkopf bekommt, um mich genauso auf Trab zu halten wie du.“
Nami lachte leise und drückte ihr Gesicht gegen sein festes Hemd. „Ein kleiner Kaito oder eine kleine Mei, die den Zaren der Tachiwari-Corporation um den Finger wickelt? Das wäre ein schöner Anblick.“
„Das tut Sayuri doch jetzt schon“, brummte Kai amüsiert, doch in seiner Stimme schwang eine tiefe Wärme mit. „Wir haben eine starke Familie geschaffen, Nami. Ein weiteres Kind wird diesen Kreis nur noch fester schließen.“
Sie schwiegen für eine Weile und genossen einfach nur die Fahrt zurück in Richtung Naha, während die Lichter der Stadt in der Ferne wie kleine Diamanten aufzutauchen begannen. Es war der perfekte Abschluss für ihren dritten Tag im Paradies...ein Tag voller Hoffnung und der Gewissheit, dass sie bereit für dieses neue Kapitel waren.
Die Nacht über Okinawa wandelte sich nach einiger Zeit. Die zuvor so klare Sternennacht wich schweren, tiefhängenden Wolken, und kurz darauf setzte ein warmer, tropischer Regen ein. Das rhythmische Trommeln der schweren Tropfen auf das Dach der Terrasse und das Rauschen in den Palmenwedeln schufen eine fast unwirkliche, abgeschirmte Atmosphäre. Es roch nach feuchter Erde, Salz und der süßen Schwere der Nachtblumen.
Kai und Nami saßen eng umschlungen auf der tiefen Lounge-Ecke, die trockene Geborgenheit der Überdachung genießend, während nur wenige Meter entfernt die Natur ihre Schleusen öffnete. Nami schmiegte sich fest an seine Seite, ihre Wange auf dem kühlen Leinen seines Hemdes, und lauschte dem steten Schlag seines Herzens.
„Danke, Kai“, flüsterte sie in die Dunkelheit hinein, während sie seine Hand fest in der ihren hielt. „Danke für einfach alles... für diesen Ort, für uns, für diese Ruhe.“
Sie hob ihre linke Hand ein Stück an, sodass das dezente Licht der Terrassenlampe auf den Platinring traf. Der lupenreine Diamant fing selbst das schwächste Leuchten ein und brach es in tausend winzige, brillante Funken. „Ich bewundere ihn jeden Tag aufs Neue“, murmelte sie mit einem weichen Lächeln. „Er ist so unendlich schön. Er erinnert mich immer daran, wo wir angefangen haben und wo wir heute stehen.“
Ein tiefes Bedürfnis nach noch mehr Nähe überkam sie. Mit einer geschmeidigen Bewegung löste sie sich kurz von seiner Seite, nur um sich direkt auf seinen Schoß zu setzen. Sie schlang ihre Arme eng um seinen Hals, suchte die vertraute Wärme seiner Haut und vergrub ihr Gesicht an seiner Halsbeuge. Sie vernahm den beruhigenden Duft von Sandelholz und Meersalz, der ihm eigen war.
„Weißt du...“, begann sie leise, ihre Stimme nun fast brüchig vor Emotionen. „In Momenten wie diesem... wenn alles so perfekt ist... habe ich manchmal Angst. Angst, plötzlich aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass all das hier nur ein wunderschöner Traum war. Mein Leben mit dir... unsere wunderbaren Kinder... das Anwesen... dieses tiefe, fast schon schmerzhafte Glück, das ich jeden Tag verspüre. Es fühlt sich manchmal zu gut an, um wahr zu sein.“
Kai rührte sich einen Moment lang nicht, doch sein Griff um ihre Taille wurde fester, fast schon beschützerisch. Er legte seine andere Hand an ihren Hinterkopf und drückte sie noch enger an sich, während er seinen Kopf gegen ihren lehnte.
„Das ist kein Traum, mein Schatz.“, raunte er mit dieser tiefen, unerschütterlichen Stimme, die für sie immer der Anker in jedem Sturm gewesen war. „Das hier ist die Realität, die wir uns über fünfzehn Jahre hinweg hart erkämpft haben. Jede Sekunde davon ist echt. Das Anwesen, die Kinder... und vor allem ich. Ich gehe nirgendwohin.“
Er löste sich ein Stück von ihr, um ihr direkt in die Augen zu sehen. In der Dunkelheit glühten seine rubinroten Augen mit einer Intensität, die keinen Raum für Zweifel ließ. „Du hast mein Leben verändert, als du damals in diese Arena getreten bist. Alles, was wir heute haben, ist das Ergebnis deiner Stärke und meiner Entschlossenheit, dich nie wieder loszulassen.“
Er strich ihr eine feuchte Strähne aus dem Gesicht und küsste sie sanft auf die Nasenspitze. „Glaub mir... wenn das hier ein Traum wäre, hätte ich schon längst einen Weg gefunden, ihn zur Wirklichkeit zu machen. Aber wir sind bereits hier.“
Nami atmete zittrig aus und spürte, wie die Last der Sorge von ihren Schultern fiel. Sie vergrub ihr Gesicht wieder an seinem Hals, während draußen der Regen stärker wurde und sie in ihrer privaten Welt aus Liebe und Geborgenheit einschloss.
Der Regen wurde immer heftiger und hüllte die Villa in einen dichten, rauschenden Vorhang, der die Welt jenseits der Terrasse vollkommen verschwinden ließ. Kai spürte, wie Nami in seinem Arm langsam ruhiger wurde, ihr Herzschlag sich an seinen anpasste. Die emotionale Tiefe ihres Geständnisses lag noch immer schwer und kostbar in der Luft.
Ohne ein Wort zu sagen, erhob er sich, während er Nami sicher in seinen Armen hielt. Er trug sie durch die weit geöffnete Glastür in das kühle, dunkel gehaltene Schlafzimmer, in dem nur eine einzige Lampe ein warmes, indirektes Licht warf. Das Prasseln des Regens klang hier gedämpfter, fast wie ein stetiges Flüstern.
Er bettete sie behutsam auf die weichen Laken und legte sich zu ihr. In der Geborgenheit des Zimmers, fernab von den Blicken der Welt oder den Verpflichtungen ihres Alltags, gab es nur noch sie beide.
„Morgen wird ein neuer Tag sein.“, raunte er, während er sie unter die kühle Bettdecke zog und ihren Rücken an seine Brust schmiegte. „Und du wirst aufwachen, und ich werde immer noch hier sein. Und der Ring an deiner Hand auch.“
Nami schloss die Augen, ihre Finger suchten unter der Decke nach seiner Hand und verschränkten sich fest mit der seinen. „Ich weiß“, flüsterte sie, während die Erschöpfung des Tages und die tiefe Zufriedenheit sie langsam in einen traumlosen Schlaf gleiten ließen. „Ich weiß, Kai.“
Draußen weinte sich der Himmel über Okinawa aus, während drinnen der „Zar“ über den Schlaf der Frau wachte, die sein Imperium erst vollkommen gemacht hatte.
Das prasselnde Geräusch des tropischen Regens war über Nacht einem tiefen, friedlichen Schweigen gewichen. Als Nami am nächsten Morgen die Augen aufschlug, drang bereits das erste, gleißende Sonnenlicht durch die Lamellen der Jalousien und zeichnete goldene Streifen auf das dunkle Parkett des Schlafzimmers. Die Luft roch reingewaschen und frisch, und die Hitze Okinawas begann bereits wieder, gegen die Kühle der Klimaanlage anzukämpfen.
Sie spürte die vertraute, schwere Wärme von Kais Körper hinter sich. Sein Arm lag besitzergreifend über ihrer Taille, seine Brust bewegte sich in einem ruhigen, steten Rhythmus gegen ihren Rücken. Nami genoss diesen Moment der absoluten Schwerelosigkeit, bevor sie sich vorsichtig in seinem Griff umdrehte.
Er war bereits wach. Seine rubinroten Augen wirkten in der Morgensonne fast hellsichtig, und ein fast unmerkliches Lächeln stahl sich auf seine Züge, als er sah, dass sie ihn beobachtete. Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er ihre linke Hand, die auf dem Laken ruhte, und hob sie an. Das Licht fing sich im lupenreinen Diamanten ihres Rings und warf kleine Spektren an die Wände.
„Guten Morgen“, raunte er, seine Stimme noch tief und rau. Er betrachtete den Ring an ihrem Finger mit einer stillen Genugtuung. „Ich habe für heute etwas ganz Besonderes geplant, Nami. Ich habe dich ja schließlich nicht umsonst vor einigen Tagen gefragt, ob du mich noch einmal heiraten willst...“
Nami spürte ein angenehmes Kribbeln in ihrer Magengrube. Sie hatte es sich schon fast gedacht; er hatte es bereits angedeutet, doch es nun aus seinem Mund zu hören, ließ ihr Herz einen Schlag überspringen. Sie schob sich ein Stück höher, stützte sich auf ihren Ellbogen ab und sah ihn mit einer Mischung aus Übermut und tiefer Zuneigung an.
„Ich würde dich hundertmal heiraten, Kai. In jedem Leben wieder“, erwiderte sie leise. Sie beugte sich vor und zog ihn in einen langen, innigen Kuss, der nach Versprechen und gemeinsamer Zukunft schmeckte. Als sie sich schwer atmend von ihm löste, blitzte die Neugier in ihren ozeanfarbenen Augen auf. „Also... spann mich nicht auf die Folter. Wo wird es sein? Und wann genau?“
Kai erwiderte ihren Blick gelassen, während er eine ihrer silbrigen Locken hinter ihr Ohr schob. Ein geheimnisvolles Funkeln trat in seine Augen, das Nami nur zu gut kannte – der Zar genoss es sichtlich, die Fäden in der Hand zu halten.
„Du weißt genau, dass ich dir sicher nicht alles verraten werde“, entgegnete er trocken, doch seine Stimme war sanft. „Zieh dir etwas Leichtes an. Den Rest erfährst du, wenn wir dort sind.“
Nami lachte leise und schüttelte den Kopf. „Du und deine Geheimnisse...“
Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Veranda, bei dem Kai ungewöhnlich oft auf seine Uhr sah, legte er schließlich seine Serviette beiseite. „Geh ins Ankleidezimmer, mein Schatz. Es liegt dort etwas für dich bereit.“
Verwundert, aber mit klopfendem Herzen, folgte sie seiner Anweisung. Als sie die Tür öffnete, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Auf dem großen Sessel lag ein Traum aus feinster, cremefarbener Seide und zarter Spitze...ein edles, leichtes Hochzeitskleid, das wie für die Brise Okinawas gemacht schien. Es war schlicht, aber von einer zeitlosen Eleganz, die ihre Figur perfekt betonte, ohne in der tropischen Hitze zu schwer zu wirken.
Mit zitternden Fingern schlüpfte sie hinein. Der Stoff fühlte sich an wie eine zweite Haut. Als sie schließlich den Blick im Spiegel prüfte, strich sie sich eine Träne weg, richtete ihr silbernes Haar und trat hinaus ins Wohnzimmer.
Kai stand am Panoramafenster. Für einen Moment herrschte vollkommene Stille. Sein Blick wanderte über sie, und Nami sah etwas in seinen Augen, das sie nur selten erblickte: eine tiefe, unverhohlene Emotionalität, die seinen sonst so kühlen Schutzschild für einen Moment vollständig durchbrach. Er sagte kein Wort, doch das leichte Beben seines Kiefers verriet mehr als tausend Sätze. Er reichte ihr schweigend den Arm, und sie wusste, dass dieser Tag alles übertreffen würde, was sie sich erträumt hatte.
Die Fahrt dauerte nicht lange, doch als sie die steinernen Stufen zu dem abgelegenen, uralten Heiligtum an den Klippen hinaufstiegen, traute Nami ihren Augen nicht.
Dort, vor der Kulisse des azurblauen Meeres, saßen sie.
Gou, der in seinem festlichen Anzug unglaublich erwachsen wirkte. Die Zwillinge Ayumi und Ren, die ausnahmsweise ganz still saßen, und die kleine Sayuri, die in einem weißen Kleidchen wie ein kleiner Engel aussah. Graham stand mit gewohnt aufrechter Haltung im Hintergrund, und daneben sah sie ihre Eltern, deren Augen bereits feucht glänzten.
Doch das Bild, das Namis Herz endgültig zum Überlaufen brachte, war die junge Frau neben ihrem ältesten Sohn. Hiromi saß dort, ihre Hand fest in der von Gou verschlungen. Die Vertrautheit zwischen den beiden war so offensichtlich, dass Nami für einen Moment die Luft wegblieb.
Nami blieb stehen, die Tränen bahnten sich unaufhaltsam ihren Weg über ihre Wangen. Sie sah fassungslos zu Kai auf, der sie mit einem ruhigen, festen Blick ansah.
„Kai... wie... wie hast du das geschafft? Sie sind hier?!“, brachte sie schluchzend hervor.
Kai legte seine Hand sanft auf ihre und sah über die versammelte Gruppe. „Ich habe dir gesagt, dass ich nicht alles verrate“, raunte er mit belegter Stimme. „Aber eine Hochzeit... eine Erneuerung unseres Versprechens... das ist nichts, was wir alleine tun. Die Familie...oder mindestens ein Teil davon... muss bei so etwas immer dabei sein. Sie sind das Fundament von allem, was wir sind.“
Er führte sie langsam den Gang entlang, während die Kinder aufstanden und Gou seiner Mutter ein stolzes, wissendes Lächeln schenkte, während er Hiromis Hand noch ein Stück fester drückte. In diesem Moment, hoch über den Klippen Okinawas, war das Glück der Hiwataris vollkommen.
Die Meeresbrise trug den Duft von Salz und Weihrauch herüber, während das rhythmische Rauschen der Wellen gegen die Klippen die einzige Musik war, die diesen Moment untermalte. Der Priester des kleinen Schreins stand ehrwürdig im Hintergrund, doch der Fokus lag allein auf Kai und Nami, die sich unter dem hölzernen Torii gegenüberstanden. Das Sonnenlicht brach sich in den weißen Stoffen von Namis Kleid und ließ ihre ozeanfarbenen Augen in den Tränen schimmern, die sie nicht mehr zurückhalten konnte.
Kai ergriff ihre Hände. Seine Finger waren fest und warm, ein vertrauter Anker in der emotionalen Brandung, die sie gerade überrollte. Er sah sie lange an, und für einen Moment schien die Anwesenheit der Kinder, der Eltern und sogar Grahams zu verblassen. Es gab nur noch sie beide, genau wie vor fünfzehn Jahren, nur mit der Tiefe eines ganzen gemeinsamen Lebens im Blick.
„Nami“, begann er, und seine Stimme, sonst so kontrolliert und kühl, hatte einen rauen, beinahe brüchigen Unterton, der jeden Anwesenden innehalten ließ. „Vor fünfzehn Jahren haben wir uns das erste Mal versprochen, den Weg gemeinsam zu gehen. Damals wusste ich, dass du mein Leben verändern würdest, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie sehr du mich vervollständigen würdest.“
Er drückte ihre Hände ein Stück fester. Sein Blick wanderte kurz zu Gou, der mit unbewegter Miene, aber glänzenden Augen zusah, und dann zurück zu Nami.
„Du hast aus dem Erben der Hiwataris einen Vater gemacht. Du hast aus meiner Stille ein Zuhause geschaffen, das mit dem Lachen unserer Kinder gefüllt ist. In all den Jahren, in jedem Sturm und in jedem Triumph, warst du mein Anker.“ Er machte eine kurze Pause, und ein unendlich sanftes Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Ich stehe heute hier, nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Ich möchte dich heute, morgen und an jedem Tag, der uns noch bleibt, erneut wählen. Ich verspreche dir, dass ich die Festung sein werde, die unsere Familie schützt, und der Mann, der dich liebt, bis mein letzter Atemzug verhallt.“
Nami schluchzte leise auf, unfähig, die Flut an Gefühlen in Worte zu fassen. Sie sah in seine rubinroten Augen und erkannte darin die ganze Wahrheit seiner Worte...die unerschütterliche Loyalität und die tiefe Leidenschaft, die sie durch alle Zeiten getragen hatte.
„Kai...“, brachte sie zittrig hervor, während eine Träne auf ihre verschränkten Hände fiel. „Du bist mein ganzes Leben. Ich würde diesen Weg immer wieder mit dir gehen, egal wie steinig er wäre. Danke, dass du mich gefunden hast.“
Der Priester sprach die segnenden Worte, doch es war der Moment, als Kai sich herabbog und sie mit einer Sanftheit küsste, die alle Strenge des „Zaren“ vergessen ließ und die die Zeremonie besiegelte. Hinter ihnen erklang das helle Klatschen der Zwillinge, während Sayuri lautstark „Mama! Papa!“ rief und Gou leise, aber hörbar ausatmete, während er Hiromis Hand noch ein Stück näher an sein Herz zog.
Kaum war das Versprechen besiegelt, löste sich die feierliche Stille in einem herzlichen Chaos auf. Die kleine Sayuri rannte mit wehendem weißem Kleidchen auf Nami zu und warf sich ihr in die Arme. „Mama! Du siehst aus wie eine echte Prinzessin!“, jubelte sie mit strahlenden Augen, was Nami trotz der Tränen ein herzliches Lachen entlockte.
Während die Zwillinge und Gou sich dazugesellten, trat Namis Vater, Hiro, mit einem breiten Grinsen auf die Gruppe zu. Er holte aus und klopfte Kai so kräftig auf die Schulter, dass es fast schallte. „Unglaublich!“, lachte Hiro dröhnend. „Wer hätte das gedacht? Der stoische, unnahbarste Blader der Geschichte ist wohl nun doch zum romantischsten von allen geworden. Ich sage dir, Kai, viele Männer könnten sich definitiv eine Scheibe von dir abschneiden! In all den Jahren hast du es immer wieder geschafft, noch eine Schippe drauf zu legen.“
Nami schmiegte sich eng an Kais Seite, legte ihren Kopf an seine Schulter und sah ihren Vater amüsiert an. „Da hast du absolut recht, Papa. Er überrascht mich selbst nach all den Jahren immer wieder aufs Neue.“
Kai, der den Arm fest um Namis Taille gelegt hielt, bewahrte seine gewohnte Ruhe, doch sein Blick blieb weich. „Früher waren Schweigen und Einsamkeit meine einzige Sprache“, sagte er leise und sah Nami mit einer Intensität an, die jedem Anwesenden den Atem raubte. „Aber diese Frau hier... sie hat mir eine Sprache namens Glück beigebracht. Ich antworte lediglich mit so viel Liebe darauf, dass sie auch ja versteht, wieviel sie mir bedeutet."
In diesen rührenden Moment platzte plötzlich Ren hinein. Er schlenderte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zu der Runde, ein schelmisches Grinsen auf den Lippen. „Na ja“, warf er trocken und mit der typischen Direktheit der Zwillinge ein, „die Bemühungen um ein neues Geschwisterchen sind hier in Okinawa ja sicher schon voll im Gange, oder?“
Stille trat ein. Hiro und Hilda hielten mitten in der Bewegung inne. Die Überraschung stand ihnen ins Gesicht geschrieben...sie hatten von dem Entschluss der beiden noch keine Ahnung gehabt. Hiro riss die Augen weit auf und starrte abwechselnd Nami und Kai an. „Ist das... ist das wahr?“, fragte er ungläubig.
Nami spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Sie sah kurz zu Kai, der sie ermutigend anlächelte, und nickte dann leicht verlegen. „Ja, Papa. Wir haben es uns gut überlegt. Wir wollen es noch einmal versuchen.“
Einen Moment lang herrschte gespannte Erwartung, dann brach Hiro erneut in ein schallendes Lachen aus. Er schlug sich begeistert auf die Schenkel.
„Noch ein Hiwatari! Großartig!“
Hilda hingegen schüttelte schmunzelnd den Kopf und seufzte leise, doch ihr Blick war voller Zärtlichkeit. „Die Geschichte wiederholt sich wohl tatsächlich“, bemerkte sie lächelnd. „Immerhin haben wir ja auch fünf Kinder. Und erinnert euch an Noah... unser Jüngster kam auch erst fünfzehn Jahre nach unserer ältesten Tochter Hana zur Welt. Es scheint, als läge das späte Glück bei uns in der Familie.“
Während die Gruppe sich wenig später langsam in Richtung des festlich geschmückten Strandabschnitts in Bewegung setzte, blieb Hiromi einen Moment lang wie angewurzelt stehen. Ihre Augen wanderten fassungslos von Nami zu Kai und schließlich zu Gou, der mit einer beängstigenden Gelassenheit neben ihr herging.
„Sechzehn...“, murmelte sie fast zu sich selbst, während sie versuchte, die mathematische Realität zu begreifen. „Gou, du wirst sechzehn Jahre alt sein, wenn dein viertes Geschwisterchen zur Welt kommt! Das ist... ein riesiger Altersunterschied.“
Gou zuckte nur kurz mit den Schultern, die Hände lässig in den Taschen seiner Anzughose vergraben. Sein Blick war nach vorne gerichtet, genau wie der seines Vaters, doch in seinen Zügen lag eine Weichheit, die er nur in Hiromis Gegenwart zuließ. „Das ist okay“, erwiderte er ruhig. „Ich weiß, wie sehr Mutter sich noch ein Baby wünscht. Und außerdem...“
Er hielt inne und drehte den Kopf langsam zu ihr. Ein charmantes, fast schon verwegenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen...ein Ausdruck, der so sehr an Kai erinnerte, dass es fast schmerzte. „...kann ich dadurch schon mal üben.“
Hiromi spürte, wie ihr das Blut augenblicklich in die Wangen schoss. Ihr Gesicht nahm einen Farbton an, der fast mit den Hibiskusblüten am Wegrand konkurrieren konnte. Sie stammelte, brachte erst kein Wort heraus und blickte ihn dann mit geweiteten Augen an. „Heißt das... hieße das etwa... du willst später selbst mal Kinder haben?“, brachte sie schließlich mühsam hervor.
Gou antwortete völlig ungerührt, als sprächen sie über das Wetter oder die nächste Trainingseinheit. „Natürlich. Wieso nicht?“
Er genoss es sichtlich, wie sie aus dem Konzept geriet. Sein amüsierter Blick glitt zur Seite, um jede Nuance ihrer Verwirrung aufzusaugen. Es war ein kleiner Triumph für ihn, die sonst so schlagfertige Hiromi erneut sprachlos zu sehen. Doch als er merkte, dass sie kurz davor war, vor lauter Verlegenheit im Sand zu versinken, erbarmte er sich ihrer...zumindest ein kleines bisschen.
„Aber keine Sorge“, fügte er mit einem nun deutlich hörbaren, tiefen Lachen hinzu, während er seine Hand wieder nach ihrer ausstreckte. „Frühestens erst in fünf oder sechs Jahren. Also ganz ruhig.“
Hiromi atmete hörbar aus, doch ihr Herz raste noch immer. Sie schlang ihre Finger fest um seine und versuchte, wieder einen kühlen Kopf zu bekommen, während sie den Rest der Familie am Horizont sah, die bereits die erste Flasche Champagner öffnete.
Das Festessen war ein bunter Mix aus okinawanischen Spezialitäten und den Lieblingsgerichten der Kinder. Während die Sonne langsam im Meer versank und den Himmel in Violett und Gold tauchte, saßen sie alle an einer langen Tafel im Sand. Kai saß am Kopfende, Nami direkt neben ihm, und beobachtete mit einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit das lebhafte Treiben ihrer Familie.
Während die Festtafel hinter ihnen im Lachen der Zwillinge und den dröhnenden Anekdoten von Hiro versank, stahlen sich Gou und Hiromi unbemerkt davon. Der Sand unter ihren Füßen war noch warm von der Tagessonne, und das sanfte Auslaufen der Wellen übertönte die Stimmen der Familie, bis sie sich in ihrer eigenen, privaten Welt befanden.
Hiromi spielte nervös mit dem Saum ihres Kleides, während sie nebeneinander am Flutsaum entlanggingen. Die vorangegangene Unterhaltung über Gous zukünftiges Geschwisterchen hallte noch immer in ihrem Kopf nach.
Gou blieb stehen und sah hinaus auf das dunkler werdende Meer, die Hände lässig in den Taschen. „Nur damit das klar ist“, begann er mit einer Ernsthaftigkeit, die seine fast 16 Jahre vergessen ließ. „Das Thema Kinder... das ist natürlich nur dann präsent, wenn du überhaupt welche willst. Ich würde dich zu nichts drängen, was du dir nicht für dein Leben vorstellen kannst.“
Hiromi sah überrascht zu ihm auf. Die Ehrlichkeit in seinem Blick vertrieb ihre anfängliche Verlegenheit. „Ich... ich hätte später sehr gerne Kinder, Gou“, sagte sie sofort, und ihre Stimme wurde fester. „Ehrlich gesagt, wollte ich schon immer Mutter werden, wenn ich erst einmal erwachsen bin. Und...“ Sie hielt kurz inne, senkte den Blick und fügte fast flüsternd hinzu: „Heiraten würde ich später auch gerne. Irgendwann.“
Ein leises, tiefes Schmunzeln stahl sich auf Gous Lippen. Er machte einen Schritt auf sie zu, legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie fest an seine Seite. Die Vertrautheit zwischen ihnen war in diesem Moment fast greifbar.
„Wir haben noch viel Zeit, Hiromi“, sagte er ruhig und strich mit dem Daumen über ihren Oberarm. „Wir fangen gerade erst an. Aber... du solltest einfach darauf warten. Irgendwann werde ich dich schon fragen. Da kannst du dir sicher sein.“
Hiromi hielt den Atem an und sah zu ihm auf, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Gou erwiderte ihren Blick mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel an seinen Worten ließ.
„Du musst nur noch einige Jahre Geduld mit mir haben“, fügte er sichtlich amüsiert hinzu, als er bemerkte, wie sie schon wieder errötete.
Hiromi lachte leise, ein glückliches, befreites Geräusch, und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Ich glaube, Geduld ist etwas, das ich bei einem Hiwatari sowieso von Anfang an lernen musste.“
Gemeinsam standen sie da, die nächste Generation, die ihre eigenen Träume unter demselben Sternenhimmel webte, unter dem Kai und Nami vor fünfzehn Jahren ihren Anfang gefunden hatten.
Bevor sie sich endgültig wieder der hell erleuchteten Tafel und dem fröhlichen Lärm der Familie näherten, blieb Gou abrupt stehen. Der Schatten einer Palme bot ihnen einen letzten Moment der Abgeschiedenheit, fernab der neugierigen Blicke der Zwillinge.
Ohne Vorwarnung legte er seine Hand in ihren Nacken und zog sie zu sich herauf. Er küsste sie tief und berauschend, ein Kuss, der all die angestaute Spannung der letzten Stunden und die Ernsthaftigkeit ihrer gemeinsamen Zukunftspläne in sich trug. Hiromi klammerte sich instinktiv an seinem Revers fest, während die Welt um sie herum für einen Moment im Rauschen der Brandung versank.
Als er sich langsam von ihr löste, blieb er Stirn an Stirn bei ihr stehen. Sein Daumen strich über ihre noch immer glühenden Wangen, und ein dunkles, amüsiertes Funkeln trat in seine Augen.
„Ich finde es immer noch so süß, wie leicht du errötest, Hiromi“, flüsterte er so leise, dass nur sie es hören konnte. Sein Atem streifte ihre Lippen, und sein Grinsen wurde eine Spur verwegener. „Besonders wenn man bedenkt, was wir zwei zusammen im Bett und letztens in der Dusche alles getrieben haben. Da warst du deutlich weniger schüchtern.“
Hiromis Atem stockte, und ihr Gesicht nahm nun endgültig einen tiefroten Ton an. Sie wollte ihn spielerisch gegen die Brust schlagen, doch Gou fing ihre Hand lachend ab und drückte einen Kuss auf ihre Fingerknöchel. „Komm schon. Die anderen warten sicher schon auf uns.“
Hand in Hand schlenderten sie zurück zum Lichtkegel der Strandparty. Nami, die gerade an ihrem Saft nippte, tauschte einen vielsagenden Blick mit Kai aus, als sie die beiden sah. Ein wissendes Lächeln umspielte ihre Lippen...sie kannte das Leuchten in Hiromis Augen nur zu gut.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief Hiro und winkte sie herbei. Er hatte bereits eine alte, aber hochwertige Kamera auf einem Stativ im Sand positioniert. „Wir brauchen ein Foto! Die gesamte Familie Hiwatari und Anhang...das muss für die Ewigkeit festgehalten werden!“
Es dauerte ein paar Minuten, bis alle ihre Plätze gefunden hatten. Kai und Nami saßen im Zentrum auf einer Treibholzbank, Sayuri auf Kais Schoß. Die Zwillinge Ayumi und Ren balgten sich noch kurz um den Platz hinter ihrer Mutter, während Gou sich mit einer schützenden Selbstverständlichkeit hinter Hiromi stellte und seine Hand fest auf ihre Taille legte. Graham und Namis Eltern flankierten die Gruppe mit stolzen Mienen.
„Alle lächeln!“, rief Hiro, eilte in die Gruppe und drückte den Selbstauslöser.
Das helle Aufblitzen der Kamera fing den Moment ein: Die strahlende Braut in Weiß, der Zar mit einem seltenen, zufriedenen Ausdruck, die nächste Generation voller Tatendrang und das Versprechen auf ein neues Leben, das bald unter ihnen sein würde.
Die virale Hose
Okinawa war noch nicht mal eine Woche her...
Es war wieder eines dieser bestimmten Wochenenden im Monat. Gou war bei Hiromi und Sayuri war mit Ren, Ayumi und ihren Großeltern im Tokio-Disneyland.
Das Ankleidezimmer am heutigen freien Samstagmittag im Anwesen war lichtdurchflutet und roch dezent nach Namis Lieblingsparfüm. Auf der gepolsterten Ottomane in der Mitte des Raumes saßen Lumina und Hilary, während Nami gerade dabei war, eine bequeme, schlichte graue Jogginghose aus dem Schrank zu ziehen.
„Echt jetzt, Nami?“, fragte Hilary und zog eine Augenbraue hoch, während sie die Jogginghose musterte, als wäre sie ein modisches Verbrechen. „MoshiMoshi Sports-Festival in Shinjuku. Da sind die fittesten Leute der Stadt, Kameras überall... und du willst in dem Schlabberlook gehen?“
Nami sah skeptisch über ihre Schulter. „Es ist ein Sportfestival, Hilary. Da geht es um Bewegung und...wie wir alle wissen...vor allem um die Essensstände. Warum sollte ich mich aufbrezeln? Ich habe sicher nicht vor, aufreizend durch die Stadt zu laufen. Erst recht nicht, wenn Kai nicht an meiner Seite ist.“
Hilary grinste breit und tauschte einen amüsierten Blick mit Lumina. „Oh, verstehe. Würde der große, böse Zar dich etwa so nicht aus dem Haus lassen?“
Nami lachte kurz auf und schüttelte den Kopf, während sie ihr T-Shirt glattstrich. „Kai hat mir noch nie vorgeschrieben, was ich zu tragen habe. Aber das war auch nie nötig. Er vertraut meinem Urteil, und bisher gab es keinen Grund zur Beschwerde. Ich weiß einfach, was angemessen ist.“
„Aber was würde er wohl machen, wenn du mal... naja, etwas gewagter aus dem Haus gehen würdest?“, bohrte Hilary nach. Mit einem triumphierenden Funkeln in den Augen griff sie in ihre Tasche und zog ein kleines, raschelndes Tütchen hervor. Zum Vorschein kam ein Set aus einer extrem engen, dunklen Trainingshose und einem dazu passenden, knappen Sport-Top.
Lumina prustete los. „Hilary! Woher hast du das denn? Das sieht aus, als bestünde es nur aus zwei Fäden und einer Menge Optimismus.“
„Ich hab’s gewonnen!“, verteidigte sich Hilary grinsend. „Letzten Monat, als ich mich in diesem neuen Fitnessstudio angemeldet habe. Ich wollte es eigentlich selbst tragen, aber mal ehrlich...“ Sie hielt die Hose hoch. „Das ist eines dieser viralen Dinger. Diese 'Booty-Lift'-Hosen, die den Po beinahe unverschämt betonen. An mir sieht das aus wie eine Presswurst, aber an Nami...oder dir Lumina...“
Nami betrachtete den hauchdünnen, elastischen Stoff mit größter Skepsis. „Hilary, vergiss es. Das ist...viel zu viel.“
„Ach komm schon, nur mal anprobieren!“, bettelte Hilary. „Nur um zu sehen, ob das Internet recht hat.“
Nami seufzte, doch die Neugier siegte schließlich. Sie nahm das Set und verschwand hinter dem Paravent. Als sie einige Augenblicke später wieder hervortrat, hielt Hilary hörbar die Luft an und selbst Lumina wurde für einen Moment ganz still.
Das Outfit saß wie eine zweite Haut. Namis Figur war ohnehin makellos, doch diese Hose schien jede Kurve mit mathematischer Präzision zu modellieren. Ihre wohlgeformten Brüste wurden von dem Top perfekt gestützt, ihre schmale Taille wirkte fast zerbrechlich und ihr Po... er wurde durch die spezielle Naht der Hose so provokant in Szene gesetzt, dass es fast schon illegal wirkte. Sie sah aus wie eine Komposition aus reinem, weiblichem Reiz.
„Heiliger Dragoon...“, brachte Hilary schließlich hervor und schluckte schwer. „Nami, wenn du so auf das Festival gehst, hinterlassen die Männer in ganz Shinjuku eine Spur aus Sabber hinter dir. Ganz ehrlich... ich zweifle gerade kurz daran, ob ich wirklich nur auf Männer stehe. Du siehst... wahnsinnig aus.“
Nami betrachtete sich im Ganzkörperspiegel und spürte sofort, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg. Sie drehte sich einmal um und sah die Wirkung im Profil. „Absolut nicht“, sagte sie entschieden und schüttelte den Kopf. „Ich würde mich darin keine Sekunde wohlfühlen. Jede Sekunde würde ich spüren, wie mir die Leute nachstarren. Ich zieh das wieder aus.“
„Warte!“, Hilary sprang auf und hielt sie am Arm fest. „Okay, okay, geh nicht damit in die Stadt. Aber... wie wäre es, wenn du es an Kai testest? Nur so als Experiment. Nur um zu sehen, wie der unerschütterliche Zar reagiert, wenn seine Frau so vor ihm steht.“
Nami lachte unsicher. „Hilary, er ist nicht dumm. Er wird mir niemals abkaufen, dass ich so wirklich vor die Tür gehe.“
Hilary winkte ab und ihre Augen leuchteten vor Tatendrang. „Das ist doch völlig egal! Es geht um den Moment, in dem er dich sieht. Komm schon, Nami! Es ist Samstag, ihm ist sicher langweilig mit seinen Academy-Plänen. Bring ein bisschen Feuer in den Salon.“
Nami sah von Hilary zu Lumina, die ebenfalls amüsiert grinste. Ein schelmisches Funkeln trat in Namis ozeanfarbene Augen. Sie biss sich auf die Lippe, dann brach sie in ein leises Lachen aus.
„Na gut“, gab sie nach und strich sich den Pferdeschwanz glatt. „Ich bin tatsächlich ein bisschen neugierig, ob er seine kühle Maske beibehält. Aber wehe, ihr lacht zu laut, wenn er mich hochkant wieder zum Umziehen schickt!“
„Wir werden Mäuschen spielen“, versprach Hilary siegessicher.
Der große Salon im Erdgeschoss des Anwesens war erfüllt von einer konzentrierten, fast schon strategischen Ruhe. Auf dem massiven Mahagoni-Couchtisch lagen Blaupausen der neuen Academy-Flügel und Budgetpläne ausgebreitet. Kai saß am Kopfende, die Stirn in Falten gelegt, während Tala mit verschränkten Armen daneben saß und Vladimir gerade einen Punkt auf der Karte mit seinem Füller markierte. Tyson, der sich wie gewohnt ungefragt den besten Sessel am Fenster gesichert hatte, kaute lautstark auf einem Reiscracker.
„Wenn wir die Trainingsmodule in Hokkaido und Tokio synchronisieren wollen, brauchen wir mehr Budget für den Datentransfer“, brummte Tala, dessen kühle Aura den Raum normalerweise dominierte.
„Oder wir schicken die Trainer einfach hin und her“, warf Tyson mit vollem Mund ein. Drei Paar Augen...dolchten ihn gleichzeitig nieder. Tyson schluckte schwer.
„War ja nur ’ne Idee...“
In diesem Moment schwangen die Flügeltüren auf. Nami trat herein, und das Gespräch am Tisch verstummte augenblicklich. Kai, der gerade ansetzen wollte, hielt mitten im Satz inne. Sein Blick glitt über seine Frau, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag vergaß der „Zar“ seine Academy-Pläne komplett.
Nami trug ein Outfit, das so gar nicht zu der eleganten, meist klassisch gekleideten Herrin des Hauses passen wollte. Die dunkle, hautenge Trainingshose...saß wie eine zweite Haut. Dazu kombinierte sie das knappe Sporttop, das ihre trainierte Figur perfekt in Szene setzte. Ihr silbriges Haar war zu einem hohen, frechen Pferdeschwanz gebunden.
Kai legte den Stift ab. Sein Blick wurde dunkel und intensiv, während er sie musterte. „Nami?“, seine Stimme war tief und gefährlich ruhig. „Was genau... soll diese Hose?“
Tala zog eine Augenbraue hoch und warf einen amüsierten Blick zu Vladimir, der sich ein diskretes Räuspern nicht verkneifen konnte. Tyson hingegen riss die Augen weit auf und vergaß für einen Moment das Kauen. „Whoa, Nami! Gehst du unter die Profi-Leichtathleten? Das sieht ja umwerfend aus!“
Nami versuchte, ein völlig unschuldiges Gesicht zu machen, doch das verräterische Funkeln in ihren ozeanfarbenen Augen war für Kai unübersehbar. „Wir gehen gleich in die Stadt und treffen Hana.“, erklärte sie leichtfüßig. „Lumina, Hilary und ich. Da ist zurzeit das Sportfestival, weißt du noch? Man kommt umsonst zu den exklusiven Trainingseinheiten der Profis, wenn man in angemessener Kleidung erscheint.“
Sie strich sich eine imaginäre Strähne aus der Stirn. „Es wäre doch schade, diese Chance zu verpassen, nur weil ich ein Kleid oder eine Jeans trage, oder?“
Kais Blick ruhte nun schwer auf ihr. Er kannte jede Nuance ihrer Mimik. Er wusste, dass Nami die Blicke fremder Männer mied wie das Feuer und dass sie sich in so provokanter Kleidung in der Öffentlichkeit normalerweise extrem unwohl fühlen würde...es sei denn, sie befand sich im geschützten Raum von Kais Präsenz.
Doch er las sie wie ein offenes Buch. Die Lüge war so offensichtlich, dass es fast schon eine Provokation war. Er hob den Kopf und starrte kurz an die verzierte Zimmerdecke, als könnte er durch den Boden des Obergeschosses blicken. Er hörte das unterdrückte Gekicher von Lumina und Hilary förmlich durch die Dielen hallen.
Sie testeten ihn. Sie wollten sehen, ob der unerschütterliche Kai Hiwatari die Beherrschung verlor, wenn seine Frau in „viralen Kurven“ das Haus verlassen wollte.
„Das Sportfestival...ich erinnere mich.“, sagte Kai trocken. Er erhob sich langsam aus seinem Sessel, seine Aura dehnte sich im Raum aus, bis selbst Tyson aufhörte zu zappeln. Er trat um den Couchtisch herum, bis er direkt vor Nami stand. „Und du hast vor, in dieser... Ausrüstung... durch Shinjuku zu laufen? Ohne dass ich dabei bin, um die 'Trainingseinheiten' zu überwachen?“
Nami biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen. „Es ist für die Fitness, mein Schatz. Du willst doch, dass ich gesund bleibe...“
Im Salon war die Luft nun zum Schneiden dick. Tyson starrte zwischen Kai und Nami hin und her, während er langsam aufhörte zu kauen. Tala und Vladimir wechselten einen kurzen, irritierten Blick. Sie erwarteten einen Ausbruch, eine kühle Zurechtweisung...doch Kai blieb vollkommen entspannt.
Sein Blick glitt langsam über die Kurven der Hose, als würde er ein Kunstwerk taxieren. Dann trat er auf Nami zu und beugte sich so nah an ihr Ohr, dass sein warmer Atem ihre Haut streifte.
„Du siehst wirklich unverschämt gut darin aus“, flüsterte er so leise, dass die anderen am Tisch nur ein tiefes Murmeln hörten. „Dein Hintern ist in dieser Hose eine unglaubliche Provokation. Und ich hasse den Gedanken, dass andere Männer diesen Anblick heute genießen werden...doch ich werde dich nicht aufhalten. Aber den Anblick werde ich mir merken um ihn in meine heutige Intensität der späteren Jagd zu integrieren...und...um dir diese Hose heute Abend vom Leib zu reißen.“
Er gab ihr einen leichten Kuss auf die Wange, löste sich von ihr und schenkte ihr ein kurzes, fast spöttisches Lächeln als wäre das Thema erledigt. Nami blinzelte. Sie stand einen Moment völlig entwurzelt da, sichtlich irritiert über diesen kompletten Mangel an Widerstand. Er hatte sie tatsächlich durchschaut...aber sie wirklich einfach so gehen zu lassen, ohne ein Wort des Tadels vor seinen Freunden, nahm ihr ein wenig den Wind aus den Segeln. Mit einem letzten, unsicheren Blick und einem leichten Schwingen ihrer Hüften drehte sie sich um und verließ den Salon.
Kaum war die schwere Tür ins Schloss gefallen, brach Tala das Schweigen. „Ist das dein Ernst, Kai?“, fragte er trocken. „Du lässt sie wirklich so gehen? Was ist mit dir los?“
Tyson grinste breit und lehnte sich zurück. „Vielleicht ist Kai einfach der Meinung, dass Nami anziehen kann, was sie will. Er schreibt ihr eben nichts vor. Wahre Emanzipation, Leute!“
Kai hob den Blick und sah Tyson direkt an. „Exakt.“, erwiderte er ruhig und ging auf die Tür zu. „Allerdings habe ich meine eigenen Methoden. Ich werde Nami einfach dazu bringen, die Hose freiwillig auszuziehen. Ohne, dass ich überhaupt ein einziges Wort des Protests sagen muss.“
Ehe Tyson nachfragen konnte wie er das anstellen wollte, war Kai bereits aus dem Raum getreten.
Draußen auf dem Korridor sah er Nami. Sie lief langsam, ihre Schritte wirkten nachdenklich. Als sie seine ruhigen, rhythmischen Tritte auf dem Parkett hörte, hielt sie inne und drehte sich um. Ein schiefes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Stört es dich also doch, wenn ich sie anbehalte?“, fragte sie und strich über den Stoff. „Ich wollte eigentlich eine weite Jogginghose tragen, aber Hilary hat mir die hier mitgebracht... sie ist eigentlich ganz bequem.“
Kai unterbrach sie mit einer sanften Geste. „Du weißt doch, du kannst tragen, was du willst, solange du dich darin wohlfühlst. Ich habe dir noch nie Vorschriften dazu gemacht... du warst dazu bisher immer kompetent genug.“
Nami traute dem Frieden nicht ganz.
„Ich weiß..."
Sie trat auf ihn zu, legte ihre Hand an seine Wange und gab ihm einen leichten, flüchtigen Kuss zum Abschied. Doch als sie sich abwenden wollte, spürte sie seine Hand fest an ihrer Taille. Kai zog sie zurück und legte seine Lippen in einem intensiven, langsamen und berauschenden Kuss auf ihre. Nami spürte, wie ihre Sinne augenblicklich vernebelten als er den Kuss vertiefte.
Bevor sie realisieren konnte, wie ihr geschah, drängte er sie gegen die dunkle Holzvertäfelung des Korridors. Erst als sie das kühle Holz im Rücken spürte, löste er sich langsam von ihr. Nami atmete flach, ihr Blick suchte seinen. Kai wirkte ruhig, doch in der Tiefe seiner roten Augen brannte ein unterdrücktes, gefährliches Feuer.
Plötzlich packte er langsam ihre Handgelenke, hob sie hoch und drückte sie mit einer einzigen Hand fest über ihrem Kopf gegen die Wand. Nami keuchte überrascht auf. Ein dunkles, triumphierendes Grinsen trat auf Kais Züge.
„Du weißt genau, dass ich diese Machtspielchen immer noch über alles liebe“, raunte er, seine Stimme nun ein tiefes Grollen. „Vor allem, wenn du versuchst, mich so offensichtlich zu provozieren. Ich habe gesagt, du kannst tragen, was du willst... aber das heißt nicht, dass es mich kaltlässt.“
Seine freie Hand glitt langsam über den engen Bund der Trainingshose. Nami wollte protestieren, doch der Laut erstarb in ihrer Kehle, als er seine Hand zwischen ihre Beine und zwei Finger in sie einführte. Nami keuchte auf. Die Hose war so eng, dass jede Bewegung Kais eine enorme Reibung erzeugte.
„Ich bringe dich einfach dazu, sie freiwillig auszuziehen“, flüsterte er sein Versprechen, während er den Rhythmus seiner Finger nun stetig intensivierte. Er blickte ihr dabei ununterbrochen in die Augen, las jede Regung ihrer Pupillen und fixierte sie mit einem Blick, der jedes Ausweichmanöver im Keim erstickte. Seine Hand über ihren Handgelenken war wie eine Fessel aus Eisen, während er seine Finger tiefer schob und ihre Beine mit seinem Knie auseinander hebelte. Der Stoff spannte sich bis zum Zerreißen über seinen Handrücken, was den Druck auf ihren empfindlichsten Punkt nur noch massiver machte.
„Du wolltest dieses Spiel, mein Schatz.“, raunte er, seine Stimme gefährlich leise und rauchig. „Aber dann spiel es auch bis zum Ende.“
Seine Finger bewegten sich in einem harten, gnadenlosen Rhythmus. Nami warf den Kopf zurück gegen die dunkle Täfelung, die Zähne fest zusammengepresst. Sie versuchte verzweifelt, die aufsteigenden Schluchzer in ihrer Kehle zu ersticken. Sie hörte das gedämpfte Gemurmel der Männer im Salon, nur ein paar Meter hinter Kais Rücken. Die Sorge, gehört zu werden, mischte sich mit der schieren Übermacht seiner Berührungen.
„Unterdrück es nicht...du weißt, dass es dadurch nur noch viel intensiver wird.“, flüsterte er und intensivierte die Stimulation. „Ich will dich hören. Na komm schon....Schrei, mein Schatz...“
Nami wandt sich unter ihm, ihre Hüften bewegten sich instinktiv gegen seine Hand, während die Reizüberflutung jede ihrer Verteidigungslinien durchbrach. Kai beobachtete jede Nuance in ihrem Gesicht, sah, wie ihre Augen glasig wurden und die mühsam aufrechterhaltene Beherrschung zu bröckeln begann.
Er beschleunigte das Tempo erneut, stimulierte genau den Punkt in ihr bei dem er wusste, dass es sie komplett um den Verstand brachte...und bis ihr Körper wie eine überspannte Saite zitterte. Die Schluchzer, die sie so verzweifelt zurückgehalten hatte, brachen sich nun Bahn...erst leise, dann immer lauter und dringlicher.
„Kai...du...weißt, dass ich....“, wimmerte sie zwischen zwei Schluchzern, doch er zeigte keine Gnade. „Oh, natürlich weiß ich was passiert wenn ich genauso weiter mache...das ist ja der Sinn des Ganzen."
Er neigte sein Gesicht an ihren Hals und zog eine feuchte Spur mit seiner Zunge über ihre Haut, um ihren Widerstand endgültig zu brechen.
Schließlich konnte Nami nicht mehr. Die Welle der Ekstase riss sie mit einer solchen Wucht fort, dass ihr Schluchzen lauter wurde und anschließend in einen heftigen, zittrigen Schrei umschlug, der ungefiltert durch den Korridor hallte. Ihr Körper bäumte sich gegen die Wand auf, während der Orgasmus sie in heftigen Krämpfen durchfuhr. Sie rang nach Luft, völlig verloren in der Intensität, die Kai in ihr entfesselt hatte.
Kai spürte das pulsierende Krampfen ihrer Muskeln und den plötzlichen, warmen Schwall Flüssigkeit, die sich aus ihr ergoss und den dunklen Stoff der Hose sofort schwer und dunkel färbte. Er zog seine Finger nur langsam zurück, um die Nachbeben der Lust voll auszukosten.
„Mit solch einer nassen Hose...“, flüsterte Kai, während er ihr Handgelenk losließ und ihr eine silbrige Strähne aus dem Gesicht strich, „...wirst du doch wohl kaum vor die Tür gehen wollen, oder?"
Nami lehnte völlig erschöpft gegen das Holz, ihr Atem ging in flachen, unregelmäßigen Stößen. Als sie mühsam die Lider hob und ihn keuchend ansah, lag ein Vorwurf in ihrem Blick, der jedoch von purer Hingabe untergraben wurde.
„Das... das ist so unfair, Kai“, krächzte sie leise, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Kai küsste sie kurz sanft auf die Lippen ehe er sich löste. Er sah an ihr hinunter, auf den großen, unübersehbaren nassen Fleck, der ihre Provokation von vorhin in eine feuchte Ruine verwandelt hatte. Sein Blick wanderte zurück zu ihrem Gesicht, kühl und mit diesem unerschütterlichen Triumph, den nur er besaß.
„Unfair?“, wiederholte er trocken. „Ich wusste ohnehin, dass du dieses Haus niemals in dieser Hose verlassen hättest, dazu kenne ich dich zu gut aber....du hast die Provokation gesucht. Du hast genau das hier gewollt.“
Nami stützte sich nun schwer atmend an Kais kräftigen Schultern ab, während ihre Beine immer noch wie Espenlaub zitterten. Ein sanftes, fast schon verträumtes Lächeln breitete sich nun auf ihren Lippen aus, und sie stieß einen langen, zufriedenen Seufzer aus, bevor sie ihren Kopf erschöpft gegen seine Brust lehnte. Ihr Herz hämmerte in einem wilden Rhythmus gegen ihre Rippen.
„Du hast es also tatsächlich von Anfang an gewusst...“, murmelte sie belustigt und sah mit glasigem Blick zu ihm auf. „Dass ich das mit der Hose nicht ernst meinte?“
Kai schmunzelte und schlang seine Arme fest um ihre Taille, um ihren schwankenden Körper zu stützen. Er genoss die Vertrautheit dieses Moments, die Stille im Korridor, die nur durch ihr schweres Atmen unterbrochen wurde.
„Ich kenne dich seit sechzehn Jahren, mein Schatz.“, entgegnete er ruhig, während ein tiefes Glühen in seinen roten Augen aufflammte. „Ich kann dich lesen wie ein offenes Buch. Aber du solltest mich ebenfalls gut genug kennen, um zu wissen, dass ich so eine Provokation niemals unbeantwortet lasse.“
Er neigte den Kopf und hauchte ihr einen Kuss auf die Schläfe, bevor er fortfuhr: „Es war nicht gelogen, als ich sagte, dass du tragen kannst, was du willst. Ich vertraue deinem Urteil.“ Er beugte sich näher zu ihrem Ohr, und Nami spürte das dunkle, triumphierende Grinsen in seiner Stimme, als er diese zu einem seidigen Flüstern senkte. „Aber ich weiß eben auch ganz genau, dass meine Frau es liebt, wenn der Zar ein Urteil spricht...und es anschließend eigenhändig vollstreckt.“
Nami lachte leise auf, ein klares, glückliches Geräusch, das die letzte Anspannung von ihr abfallen ließ. Sie hob den Kopf und schenkte ihm einen tiefen, dankbaren Kuss, den er mit besitzergreifender Zärtlichkeit erwiderte.
„War das eigentlich Hilarys Idee?“, fragte Kai schließlich mit hochgezogener Augenbraue, während er sich wieder ein Stück von ihr löste, sie aber immer noch sicher im Arm hielt.
Nami lachte erneut und nickte geständig. „Sie und Lumina. Sie wollten sehen, ob du immer noch so unerschütterlich bleibst, wenn ich mich in Schale werfe.“
„Bestell ihnen einen schönen Gruß wenn du wieder hoch gehst.“, erwiderte Kai trocken, während sein Blick noch einmal kurz auf der völlig durchnässten Hose hängen blieb. „Ihre Mission ist gescheitert. Und jetzt geh bitte nach oben, bevor du dich in dem nassen Ding noch erkältest.“ Nami lächelte während Kai einen Schritt zurück trat. Doch als Nami sich abwandt um zu gehen, spürte sie Kais Hand erneut an ihrer, sie drehte sich nocheinmal zu ihm um als er sie erneut in einen tiefen und zärtlichen Kuss zog.
„Ich liebe dich, mein Schatz...ich zähle die Stunden bis heute Abend. Hab Spaß auf dem Festival." flüsterte er gegen ihre Lippen. Nami lächelte sanft und küsste ihn nocheinmal. „Ich liebe dich auch, mein unerbittlicher Zar...ich freue mich schon auf die Jagd. Ich bleibe nicht zu lange."
Einige Augenblicke zuvor....
Im Salon herrschte nach Kais Abgang eine fast schon unnatürliche Stille. Nur das leise Klappern von Tysons Reiscracker-Tüte war zu hören, während Tala und Vladimir mit der stoischen Ruhe erfahrener Strategen auf ihren Plätzen verharrten. Sie kannten Kai zu gut, um nicht zu wissen, dass sein „Rückzug“ in Wahrheit ein Vorstoß war.
Dann brach der erste Schluchzer durch die schweren Flügeltüren.
Tyson hielt mitten in der Kaubewegung inne. „War das... war das Nami?“
Als das Schluchzen jedoch lauter wurde, sich steigerte und schließlich in einem heftigen, unverkennbaren und markerschütternden ekstatischen Schrei gipfelte, passierte es: Tyson sprang so abrupt auf, dass sein Sessel fast nach hinten wegkippte. Seine Augen waren tellergroß, das Gesicht eine Maske aus purer Empörung und Sorge.
„Was zur Hölle!“, rief Tyson und fuchtelte wild mit den Armen in Richtung Tür. „Was macht Kai da mit ihr? Klingt das nach Sportfestival? Wir müssen da rein, ich–“
Er brach mitten im Satz ab. Sein Blick fiel auf Tala und Vladimir.
Tala lehnte entspannt zurück, ein breites, fast schon bewunderndes Grinsen auf den Lippen, während seine eisblauen Augen wissend zur Tür funkelten. Vladimir hingegen stützte den Kopf auf eine Hand und schüttelte langsam den Kopf, wobei ein tiefes, kehliges Lachen seine Brust erschütterte. Beide machten keine Anstalten, sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
„Hallo? Was zum Dragoon? Findet ihr das etwa witzig?"
Noch bevor Tyson die nächste fassungslose Frage stellen konnte, klickte das Schloss.
Die Tür schwang auf und Kai trat herein. Er wirkte vollkommen ungerührt, seine Aura war so beherrscht wie eh und je. Das Einzige, was nicht ins Bild des kühlen Geschäftsmannes passte, war das weiße Stofftaschentuch, mit dem er sich in aller Seelenruhe die Hand und die Zwischenräume seiner Finger abtrocknete.
Tala verschränkte die Arme vor der Brust und nickte Kai anerkennend zu. „Das...“, begann er mit einer Stimme, die vor Amüsement troff, „...werde ich mir definitiv merken. Ein strategisches Meisterstück, Kai. Keine Verbote, nur Konsequenzen.“
Vladimir lachte nun lauter und strich sich über das Kinn. „Effizient wie immer. Du hast sie innerhalb von fünf Minuten komplett entwaffnet.“
Tyson starrte von einem zum anderen, die Röte in seinem Gesicht wich einer kompletten Überforderung. Er verstand die Welt nicht mehr. „Leute, ernsthaft? Was ist da gerade passiert? Warum schreit sie erst und jetzt kommt er rein und trocknet sich die Hände ab? Hat er sie... hat er sie etwa angegriffen?!“
Vladimir sah Tyson mit mitleidiger Belustigung an. „Setz dich wieder hin, Tyson. Kai hat lediglich die russische Methode angewandt, um eine widerspenstige Ehefrau von unklugen modischen Entscheidungen zu überzeugen.“
Vladimir lehnte sich nun mit einem amüsierten Funkeln in den Augen vor und verschränkte die kräftigen Arme auf dem Tisch. „Und?“, hakte er mit seiner tiefen, rauen Stimme nach, während er Kai beobachtete. „Hat es geklappt? Oder müssen wir damit rechnen, dass sie gleich doch noch in diesem... interessanten Outfit das Haus verlässt?“
Kai hielt in seiner Bewegung inne. Er sah Vladimir einen Moment lang völlig trocken an, bevor er das leicht feuchte Stofftaschentuch mit einer fast schon arroganten Beiläufigkeit ein Stück anhob, sodass das Licht der Nachmittagssonne darauf fiel.
„Ich denke“, erwiderte Kai mit eisiger Gelassenheit, „dass dies hier alles erklären sollte. Die Hose ist Geschichte. Sie wird heute keinen Schritt mehr vor die Tür setzen, ohne sich vorher umzuziehen. Aber ich muss ergänzen, dass ich wusste, dass sie eh nie vor hatte so vor die Tür zu gehen...“
Tyson gab ein ersticktes Geräusch von sich und verbarg sein Gesicht in den Händen, während Tala leise pfiff. „Punktlandung“, murmelte Tala grinsend. „Man sollte dich nie unterschätzen, wenn es um Gebietsansprüche geht...aber ja, das war definitiv eine offensichtliche Provokation. Ich wette meine Frau hatte sicher ihren Anteil daran.“ Tala grinste dunkel während sein Blick kurz gen Zimmerdecke glitt.
Nami stieg die Treppe zum Obergeschoss mit langsamen, noch immer leicht unsicheren Schritten hinauf. Das Adrenalin ebbte langsam ab, doch das wohlige Prickeln unter ihrer Haut blieb. Als sie die Tür zum Ankleidezimmer erreichte und diese aufstieß, hielt sie inne und lehnte sich mit einem tiefen, zufriedenen Seufzen gegen den schweren Holzrahmen. Ihre Beine zitterten noch immer merklich, und ein feiner Glanz lag in ihren ozeanblauen Augen.
Hilary und Lumina, die den markerschütternden Schrei von vorhin natürlich gehört hatten, starrten sie fassungslos an. Während Hilary regelrecht baff war und die Hand auf ihr Herz gepresst hatte, betrachtete Lumina ihre Cousine mit einem amüsierten, wissenden Blick.
„Nami...“, brachte Hilary schließlich hervor, ihre Stimme schwankte zwischen Schock und überwältigter Neugier. „Du siehst... Gott, du siehst aus, als hätte dich ein Sturm getroffen. Und diese Hose...“ Ihr Blick blieb an dem dunklen, nassen Fleck hängen, der unmissverständlich von Kais „Intervention“ zeugte.
Nami lachte leise und schloss für einen Moment die Augen, während sie den Kopf gegen das Holz lehnte. „Kai wusste es tatsächlich von Anfang an...wie ich es mir dachte.“, murmelte sie und öffnete die Augen wieder, um Lumina zuzulächeln. „Er wusste, dass ich nur spiele. Dass ich niemals vorhatte, wirklich so durch Shinjuku zu laufen.“
Hilary riss die Augen auf. „Er wusste es tatsächlich? Aber Nami, wenn er wusste, dass es nur ein Scherz war... wieso ist er dann überhaupt darauf eingestiegen und soweit gegangen? Er hätte doch einfach nur den Kopf schütteln können!“
Nami stieß ein sanftes Lachen aus und warf Lumina einen vielsagenden Blick zu, den diese mit einem angedeuteten Kopfnicken erwiderte. Nami stieß sich vom Türrahmen ab und trat einen Schritt auf Hilary zu.
„Hilary,... wieso bist du so überrascht?“, fragte Nami mit einem sanften Unterton. „Du kennst uns doch schon lange genug. Du weißt genau, wie die Dynamik in unserer Ehe funktioniert.“ Sie machte eine vage Geste in Richtung Korridor. „Das gehört zur Intensität zwischen uns. Kai musste reagieren. Er hat das Spiel verstanden und den Spieß einfach umgedreht...genau so, wie ich es insgeheim von ihm erwartet hatte.“
Ein verschmitztes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ich hätte mir denken können, dass er es auf diese Weise löst. Er ist eben mein unerbittlicher Zar... er macht keine halben Sachen, auch wenn er weiß, dass es eine Provokation war. Er liebt es, die Kontrolle zurückzugewinnen, und ich... nun ja, ich liebe es, wenn er es tut.“
Lumina kicherte und reichte Nami einen weichen Seidenmorgenmantel. „Ich sag’s ja: absolute Effizienz. Tala hätte wahrscheinlich ähnlich reagiert, nur vielleicht mit weniger Taschentüchern im Nachgang.“ Sie zwinkerte Nami zu. „Aber ich muss sagen, Kai hat heute definitiv den Punkt für den dramatischsten Abgang des Tages gewonnen.“
Nami nahm den Mantel entgegen und begann, sich aus der ruinierten Trainingshose zu schälen, wobei sie immer noch dieses wohlig-warme Lächeln trug, das Hilary nur noch mehr den Kopf schütteln ließ.
Nami zog sich nun die weite, hellgraue Jogginghose hoch, die sie ursprünglich für den Nachmittag vorgesehen hatte, und streifte sich ein schlichtes, aber eng anliegendes weißes T-Shirt über. Während sie vor dem Spiegel stand und ihre Haare neu ordnete, herrschte für einen Moment Stille im Ankleidezimmer...eine Stille, die Hilary sichtlich nutzte, um das Erlebte zu verarbeiten.
Ihr Blick glitt immer wieder zu der dunklen Trainingshose, die nun fast schon mahnend über der Lehne eines zierlichen Sessels hing. Die Nässe war im hellen Licht des Zimmers noch immer deutlich zu sehen. Hilary, die schon immer diejenige in ihrer Gruppe war, die kein Blatt vor den Mund nahm und beim Kaffeeklatsch mit Vorliebe jedes noch so pikante Detail wissen wollte, wirkte für ihre Verhältnisse fast schon kleinlaut.
„Nami?“, begann Hilary zögerlich, während sie beobachtete, wie Nami mit geschickten Griffen ihren hohen Pferdeschwanz festzog, der durch Kais leidenschaftliche Fixierung an der Wand merklich gelockert worden war.
Nami sah ihr Spiegelbild an und bemerkte Hilarys Blick. Früher wäre ihr das peinlich gewesen, doch nach sechzehn Jahren an Kais Seite und unzähligen Verhören durch ihre Freundinnen war sie mittlerweile völlig offen, was ihr Liebesleben betraf. Es gab keinen Grund, die Intensität zu verstecken, die ihre Ehe noch immer bereicherte...im Gegenteil, ein gewisser Stolz schwang mit, wenn sie an die Beständigkeit dieses Feuers dachte.
„Schieß los, Hilary“, sagte Nami schmunzelnd, während sie die letzte Haarsträhne feststeckte. „Ich sehe doch, dass es dir auf der Zunge brennt.“
Hilary räusperte sich und trat einen Schritt näher. „Damals nach eurem zehnten Jubiläum. Erinnerst du dich? Du hast uns damals erzählt... nun ja, dass Kai dich dazu gebracht hat, elfmal hintereinander...naja...“ Sie deutete vage auf die nasse Hose auf dem Stuhl. „War das damals auch so? Hat er dich auf diese Weise so... überwältigt?“
Lumina, die gerade dabei war, ihre Handtasche zu richten, hielt inne und sah neugierig zu Nami hinüber.
Nami hielt in der Bewegung inne und ein tiefes, wissendes Lächeln trat auf ihre Züge. Die Erinnerung an jene Nacht schien in ihren Augen aufzuflackern. Sie drehte sich langsam zu Hilary um, die Hände lässig in die Taschen ihrer Jogginghose geschoben.
„Tatsächlich war es hauptsächlich so“, antwortete Nami mit einer Ehrlichkeit, die Hilary kurz den Atem raubte. „Kai weiß genau, wie er meinen Widerstand brechen kann, ohne dass er viel sagen muss. Er nutzt diese... Intensität, diese absolute Fokussierung auf mich, um mich völlig aus der Reserve zu locken.“
Sie machte eine kleine Pause und fügte dann mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber es war nicht nur das. Kai ist ein Stratege, Hilary. Er weiß, wann er fordernd sein muss und wann er sich Zeit lässt, um mich langsam in den Wahnsinn zu treiben. Elfmal schafft man nicht nur mit Machtspielchen...da gehört auch eine Menge... Ausdauer und das perfekte Wissen über den Körper des anderen dazu.“
Lumina lachte leise. „Der Zar enttäuscht eben nie...aber jetzt sollten wir aber wirklich los. Wenn ich nicht bald was zu essen bekomme, fange ich an, die Polster anzuknabbern. Und Nami braucht nach dieser ‚Trainingseinheit‘ sicher auch eine Stärkung.“
Nami lachte und schnappte sich ihre Tasche. „Absolut. Gehen wir zu den Essensständen. Ich habe gehört, es gibt dort dieses Jahr fantastische Yakisoba.“
Als die drei Frauen das Zimmer verließen, die Treppe hinab stiegen und an der geschlossenen Tür des Salons vorbeigingen, aus dem noch immer das tiefe Murmeln der Männerstimmen drang, warf Nami einen kurzen, glücklichen Blick auf das dunkle Holz. Sie wusste, dass die Jagd heute Abend weitergehen würde...und sie freute sich jetzt schon darauf, wie ihr „unerbittlicher Zar“ das nächste Kapitel einleiten würde.
Plötzlich riss Tyson die schwere Flügeltür des Salons mit einer solchen Wucht auf, dass sie fast gegen die Wand prallte. Er hielt sich die Seite und murmelte etwas davon, dass das viele Wasser und die Reiscracker ihren Tribut forderten. Doch kaum hatte er den Korridor betreten, erstarrte er.
Die drei Frauen waren gerade auf dem Weg zur Haustür. Nami lief in der Mitte, nun in ihrer gemütlichen Jogginghose, doch das war es nicht, was Tysons Aufmerksamkeit fesselte. Er sah ihr Gesicht. Ihre Wangen waren noch immer tiefrosa gefärbt, ihre Augen leuchteten mit dieser ganz speziellen, gläsernen Zufriedenheit, und ihr ganzes Wesen strahlte eine Ruhe aus, die nach dem Schrei von vorhin fast schon surreal wirkte.
Tyson blinzelte. Er sah Nami an, dann kurz zurück zur geschlossenen Salontür, hinter der Kai saß, und wieder zu Nami. In seinem Kopf ratterte es. Er war zwar oft derjenige, der die offensichtlichsten Dinge als Letzter bemerkte, aber er war kein Idiot. Die Kombination aus dem ekstatischen Schrei, Kais Rückkehr mit dem feuchten Taschentuch und Namis jetztigem, fast schon schwebenden Zustand schlug in seinem Gehirn wie ein Blitz ein.
Seine Augen weiteten sich, und der Mund klappte ihm langsam auf. Die Naivität, die ihn im Salon noch geschützt hatte, löste sich in Sekunden in wohlgefallen auf.
„Oh...“, stieß er hervor. „Oh! Oh mein Gott!“
Er hob einen Finger, zeigte erst vage in Kais Richtung und dann auf Nami, während sein Gesicht langsam die Farbe einer reifen Tomate annahm. „Das... er hat... und du... mitten am Nachmittag?! Ein Glück, dass die Kinder nicht im Haus sind!“
Nami hielt inne und schenkte ihm ein absolut gelassenes, fast schon mitleidiges Lächeln. „Tyson, wir wollten gerade zum Essen. Kommst du mit, oder stehst du lieber noch ein bisschen im Flur rum?“
Tyson schluckte schwer, seine empörte Miene von vorhin war komplett verflogen und wurde durch eine Mischung aus tiefer Verlegenheit und plötzlicher Erkenntnis ersetzt. „Ich... ich muss... Toilette...“, stammelte er und stolperte fast über seine eigenen Füße, als er versuchte, gleichzeitig an ihnen vorbeizukommen und den Blickkontakt zu vermeiden. Hilary verkniff sich ein Lachen als sie ihren Ehemann beobachtete.
Lumina hingegen konnte sich nicht beherrschen und lachte laut auf. „Ganz ruhig, Tyson! Atmen nicht vergessen!“
Als Tyson um die Ecke bog, hörte man ihn nur noch fassungslos vor sich hin murmeln: „Die russische Methode... Gott, ich hätte es wissen müssen. Der Kerl ist wahnsinnig.“
Hilary grinste Nami von der Seite an. „Ich glaube, wir haben ihn für heute nachhaltig traumatisiert. Das wird er so schnell nicht vergessen.“
„Er wird es überleben“, erwiderte Nami schmunzelnd und führte die Gruppe zur Haustür.
Etwa zehn Minuten später...
Die Stille im Salon war fast greifbar, als die schwere Flügeltür leise ins Schloss fiel. Tyson steuerte seinen Sessel am Fenster an wie ein Schiffbrüchiger eine einsame Insel. Er setzte sich, doch die gewohnte Lässigkeit war verschwunden. Sein Rücken war steif, und er starrte mit einer Intensität auf den Budgetplan der Academy, als ob dort die geheimen Formeln des Universums geschrieben stünden.
Fünf weitere Minuten vergingen. Das einzige Geräusch im Raum war das Kratzen von Vladimirs Füller auf Papier und das gelegentliche Umblättern einer Blaupause durch Tala.
Kai, der bisher schweigend über einer Karte von Hokkaidos Trainingsgelände gebrütet hatte, legte langsam seinen Stift ab. Er hob den Kopf und fixierte Tyson mit seinen markanten roten Augen. Kai hatte ein feines Gespür für Stimmungen im Raum...und Tysons plötzliche, bleierne Stille war wie ein Alarmsignal.
„Tyson“, sagte Kai ruhig, seine Stimme tief und vollkommen beherrscht. „Du hast seit genau fünf Minuten kein Wort gesagt. Das ist ein neuer Weltrekord für dich. Was ist los?“
Tyson zuckte merklich zusammen, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Er hob den Blick nicht vom Papier, doch seine Ohren begannen, sich in einem verräterischen Dunkelrot zu färben. Er mied Kais Blick so konsequent, als stünde der Zar persönlich unter Strom.
„Nichts... gar nichts“, murmelte Tyson hastig und versuchte, besonders beschäftigt auszusehen, indem er eine Blaupause verkehrt herum hielt. „Ich denke nur nach... über... Datentransfer. Wichtiges Zeug.“
Ein trockenes, kehliges Lachen durchschnitt die Stille. Tala lehnte sich in seinem Sessel zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und grinste so breit, dass man seine Zähne sah.
„Oh man, Tyson“, spottete Tala amüsiert. „Dein Gesicht sieht aus wie eine überreife Tomate. Sag bloß, der Groschen ist nun endlich gefallen? Was hat denn da so lange gebraucht? War die Leitung aus der Toilette hierher so lang?“
Tyson stammelte unverständliches Zeug, während Vladimir leise schmunzelte und sich eine Strähne seines dunklen Haares aus der Stirn strich. „Lass ihn, Tala. Die Erkenntnis der Realität ist für ein unschuldiges Gemüt wie das von Tyson manchmal... schwer verdaulich.“
Kai zog eine Augenbraue hoch. Er lehnte sich vor, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und beobachtete Tysons klägliche Versuche, die Fassung zu wahren. Ein schelmisches, fast spöttisches Funkeln trat in seine Augen.
„Ich verstehe nicht, wieso du so geschockt bist, Tyson“, sagte Kai mit einer gefährlichen Unternote von Amüsement in der Stimme. „Warst du es nicht, der sich vor Jahren im Gruppenchat über meine ‚Jagdgewohnheiten‘ lustig gemacht hat? Du hast doch damals jedem, der es nicht hören wollte, brühwarm erzählt, wie ich Nami regelmäßig durchs Anwesen jage als du es herausgefunden hattest.“
Tyson sah nun doch auf, sein Mund klappte auf und zu. „Das... das war was anderes! Das war Theorie! Witze! Aber...aber Kai, das war eben gerade...im Flur! Wir sitzen hier und besprechen Budgetpläne, und du... du...“ Er fuchtelte wild mit den Händen in die vage Richtung der Tür. „...du erledigst das einfach mal eben zwischendurch?!“
„Effizienz, Tyson“, warf Vladimir trocken ein, ohne aufzusehen. „Ein guter Leader delegiert nicht alles. Manche Dinge muss man eben eigenhändig regeln.“
Kai griff nach seinem Wasserglas und nahm einen ruhigen Schluck, wobei er Tyson weiterhin über den Rand des Glases hinweg fixierte. „Nami hat provoziert. Ich habe geantwortet. Das ist die Dynamik, die uns seit sechzehn Jahren zusammenhält. Hätte ich sie in dieser Hose gehen lassen sollen, nur um dein moralisches Empfinden zu schonen?“
„Nein, aber... das Taschentuch! Und...hattest du nicht gesagt, sie hätte die Hose sowieso niemals draußen getragen?!“, rief Tyson verzweifelt aus. „Du kommst rein und trocknest dir die Hände ab, als hättest du gerade ein Auto repariert!“
Tala prustete vor Lachen los und schlug sich auf den Oberschenkel. „Gott, Tyson, hör auf. Du machst es nur schlimmer. Kai hat ihr lediglich gezeigt, wer der Herr im Haus Ist...und Nami hat es offensichtlich genossen, wenn man nach ihrem Schrei urteilt. Es spielt keine Rolle ob es ernst gemeint war, sie wollte Kais Reaktion.“
Kai stellte das Glas ab. Ein kühles, triumphierendes Lächeln umspielte seine Lippen. „Nami ist glücklich, die Hose ist nass und wir können jetzt in Ruhe weiterarbeiten. Wo ist das Problem?“
Tyson sank tief in seinen Sessel und zog die Schultern hoch. „Ich werde nie wieder eine Trainingshose ansehen können, ohne an diesen Moment zu denken“, jammerte er leise.
„Dann zieh eben eine Jeans an“, erwiderte Kai ungerührt und schob die Karte von Hokkaido wieder in die Mitte des Tisches. „Und jetzt zurück zum Thema. Die Trainingsmodule. Tyson, wenn du mit deinem mentalen Zusammenbruch fertig bist... wir brauchen deine Einschätzung zu den Verpflegungskosten.“
Tala zwinkerte Kai zu, während Tyson tief durchatmete und versuchte, das Bild von der nassen Trainingshose aus seinem Kopf zu verbannen...was ihm kläglich misslang.
Etwa 20 Minuten später...
Tyson kaute mittlerweile so energisch auf seinem nächsten Reiscracker, dass man meinen könnte, er versuche den Stress der letzten Minuten einfach wegzuknirschen. Er rutschte unruhig auf seinem Sessel hin und her, während Kai und Vladimir nun in eine tiefgreifende Diskussion über die logistischen Hürden der neuen Academy-Standorte vertieft waren.
„Sagt mal...“, unterbrach Tyson schließlich nach weiteren zehn Minuten der relativen Stille das Gespräch. „Sollten wir nicht vielleicht auch auf dieses Sportfestival gehen? Ich meine, wir sind doch alle Athleten, oder? Ein bisschen Präsenz zeigen, die Konkurrenz beobachten...“
Kai hob nicht einmal den Blick von den Blaupausen. „Wir haben hier noch zu tun, Tyson. Die Budgetpläne für das nächste Quartal priorisieren sich nicht von selbst. Du bist nun auch ein Teil der Academy, dank Mr. Dickenson, also bring dich bitte mit ein.“
„Aber ich habe gehört, dass es dort dieses Jahr die besten Yakisoba der Stadt geben soll“, beharrte Tyson, und seine Augen begannen bei dem Gedanken an die dampfenden Nudeln zu leuchten. „Mit extra Ingwer und dieser speziellen Sauce aus Osaka!“
Kai hielt inne und sah Tyson nun doch direkt an. Ein spöttisches Grinsen zuckte um seine Mundwinkel. „Du hast das Thema aber erstaunlich schnell von ‚traumatischer Erotik‘ zu ‚Yakisoba‘ gewechselt, Tyson. Beeindruckend, wie effizient dein Gehirn unangenehme Bilder durch Kohlenhydrate ersetzt.“
Tyson lief erneut rot an. „Hey! Ein Mann muss essen! Außerdem... was ist so falsch daran, mal unter Leute zu wollen?“
„Ich habe keine Lust auf den Trubel in Shinjuku“, erwiderte Kai kühl und lehnte sich zurück. „Die Kameras, die Menschenmassen... das brauche ich heute nicht. Aber du kannst gerne gehen. Wir halten dich nicht auf...du kannst dich ja unseren Frauen anschließen.“
Tyson sah von Kai zu Tala und dann zu Vladimir. Alle drei wirkten so unerschütterlich wie Felsen in der Brandung. „Allein?“, fragte er fast schon beleidigt. „Das macht doch keinen Spaß. Und außerdem... wenn ich allein gehe, denkt Hilary sicher, ich will nur heimlich am Stand von dem neuen Fitnesscenter rumhängen.“
„Dann bleib eben hier und konzentrier dich auf die Zahlen“, brummte Tala, ohne aufzusehen.
Weitere 30 Minuten später....
Die Konzentration im Raum war wiederhergestellt. Nur noch das gelegentliche Rascheln von Papier und das Ticken der großen Standuhr waren zu hören. Tyson war tatsächlich über einem Entwurf für die Schlafsäle in Hokkaido eingenickt.
Plötzlich durchbrach ein tiefes, monotones Summen die Stille.
Kais Smartphone, das auf dem polierten Mahagoni des Couchtisches lag, vibrierte mehrmals hintereinander. Er griff danach, seine Miene gewohnt unbewegt. Doch als er das Display entsperrte und die Nachricht las, veränderten sich seine Gesichtszüge minimal. Seine Augen verengten sich für einen Sekundenbruchteil, und ein dunkles, fast schon raubtierhaftes Leuchten trat in seinen Blick.
Es war eine Nachricht von Nami.
„Ich vermisse dich, mein Schatz. Es ist viel zu schön hier draußen, wollt ihr nicht auch kommen?"
Kai starrte einen Moment lang auf das Wort „vermissen“. In ihrer Welt, geprägt von Machtspielen, tiefer Liebe und der Jagd, war dieses offene Eingeständnis von Sehnsucht für ihn wie ein magnetischer Sog. Es war das Signal, das den „Zaren“ augenblicklich in den „Hüter“ verwandelte.
Ohne ein Wort zu sagen, klappte Kai den Laptop mit einem harten Geräusch zu und erhob sich in einer einzigen, fließenden Bewegung.
„Packt eure Sachen“, befahl er knapp. Seine Stimme war nun deutlich tiefer, fast schon ein Grollen, das keinen Widerspruch duldete.
Tyson schreckte aus seiner Lethargie hoch. „Huch? Was ist los? Brennt’s irgendwo?“
„Wir fahren zum Festival“, erwiderte Kai, während er sein Handy in die Tasche schob und sich bereits den Autoschlüssel griff. Sein Blick war nun vollkommen fixiert, die geschäftliche Distanz war verflogen.
Tala sah von seinen Unterlagen auf und beobachtete Kais plötzliche Verwandlung mit einem wissenden Grinsen. „Lass mich raten... das Yakisoba hat gerade per WhatsApp gerufen?“
„Nami vermisst mich“, sagte Kai schlicht, als wäre das die einzige logische Erklärung der Welt, die einen sofortigen Abbruch aller geschäftlichen Aktivitäten rechtfertigte. Er sah Tyson direkt an, der immer noch etwas begriffsstutzig blinzelte. „Du wolltest Yakisoba, Tyson. Jetzt beweg dich, bevor ich es mir anders überlege und dich zu Fuß gehen lasse.“
Tyson sprang begeistert auf. „Echt jetzt? Wahnsinn! Ich wusste doch, dass du ein Herz hast, Kai!“
Kai ignorierte ihn und schritt bereits auf die Tür zu. Er dachte nicht an das Essen oder den Trubel. In seinem Kopf hallte nur dieses eine Wort nach. Wenn Nami ihn vermisste...vor allem nach der Intensität im Korridor..., dann gab es keinen Ort auf der Welt, an dem er lieber sein wollte, als an ihrer Seite, um sicherzustellen, dass dieses Gefühl der Leere sofort verschwand.
„Halt mal die Luft an, Zar“, warf Tala trocken ein. Kai hielt mitten in der Bewegung inne und sah ihn fragend an. Tala deutete mit einer vagen Geste auf Kais makelloses, weißes Business-Hemd. „Willst du wirklich so dort aufkreuzen? Du siehst aus, als kämst du gerade direkt aus einer Vorstandssitzung der Tachiwari-Corporation.“
Kai zog eine Augenbraue hoch. „Und was ist daran das Problem?“
„Das Problem ist die Wirkung“, entgegnete Tala mit einem breiten Grinsen. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Wir gehen auf ein Sport-Festival. Wenn Nami auch nur ansatzweise so tickt wie Lumina...und wir wissen beide, dass sie das tut..., dann wird sie bei deinem Anblick in einem sportlichen Outfit komplett wahnsinnig werden. Das Business-Hemd ist Autorität, Kai. Aber die Sportkleidung? Das ist der Jäger. Gib ihr, was sie sehen will, wenn sie dich schon so schamlos vermisst.“
Kai blieb einen Moment lang vollkommen still stehen. Sein Blick wanderte an sich selbst hinunter, dann sah er zu Vladimir, der zustimmend nickte. Die Vorstellung, Namis Reaktion zu sehen, wenn er die Distanz des Geschäftsmannes gegen die rohe Lässigkeit des Athleten tauschte, war ein verlockender Gedanke. Ein kurzes, dunkles Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Fünf Minuten“, sagte Kai knapp. „Ich bin sofort wieder unten.“
Ohne eine weitere Erklärung verschwand er mit schnellen Schritten aus dem Salon, durch den Korridor, die Treppe hinauf.
Tyson starrte ihm fassungslos hinterher. „Echt jetzt? Er zieht sich tatsächlich um, weil du ihm Modetipps gibst, Tala?“
„Das war kein Modetipp, Tyson“, erwiderte Tala und erhob sich nun ebenfalls, um sich seine Jacke zu schnappen. „Das war psychologische Kriegsführung. Wenn man schon einmarschiert, dann mit der richtigen Ausrüstung.“
Oben im Ankleidezimmer riss Kai die Schranktür auf. Er entledigte sich des Hemdes mit einer Effizienz, die keine Sekunde verschwendete. Er griff nach einem eng anliegenden, dunkelgrauen Sport-T-Shirt aus hochwertiger Funktionsfaser, das seine durchtrainierte Statur fast schon provokant betonte. Dazu kombinierte er eine passende dunkle Jogginghose, die ihm eine raubtierhafte Beweglichkeit verlieh.
Er warf einen flüchtigen Blick in den Spiegel. Er sah nicht mehr aus wie der CEO eines Imperiums...er sah aus wie der Mann, der Nami vor einer Stunde an die Wand gedrückt hatte. Zufrieden griff er nach seinem Handy und war genau vier Minuten und 50 Sekunden später wieder unten im Salon.
„Zufrieden?“, fragte Kai trocken, während er im Vorbeigehen die Tür zum Korridor aufstieß.
Tala pfiff leise durch die Zähne. „Perfekt. Die Männer in Shinjuku sollten schon mal anfangen zu beten. Gehen wir.“
Das Festival
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Eine kurze Pokernacht
Nun waren fast zwei Wochen seit der Rückkehr aus Okinawa vergangen. Der Alltag im Ayame-Anwesen hatte sie längst wieder eingeholt: Gous Trainingseinheiten am Nachmittag, das geschäftige Treiben der Tachiwari-Corporation und die üblichen Neckereien zwischen den Zwillingen und Sayuris neuer Schulalltag.
Doch an diesem Freitagabend herrschte eine andere Energie. Kai war unterwegs, und auch Nami genoss einen ruhigen Abend mit den Kindern. In einem luxuriösen Penthouse in Shinjuku hingegen wurden ganz andere Pläne geschmiedet.
Tala Valkov trat auf seinen Balkon und blickte über das Lichtermeer Tokios. In seinem Wohnzimmer war der große Mahagonitisch bereits mit grünem Filz bespannt. Schwere Kristallgläser standen bereit, und eine ungeöffnete Flasche erstklassigen Wodkas wartete auf ihren Einsatz.
Lumina kam tanzend aus dem Schlafzimmer, ihr silbriges Haar schimmerte im Licht der Designerlampen. Sie legte Tala die Arme um den Nacken und strahlte ihn an. „Hast du alles? Die Chips? Die Karten? Und... die Geduld für unseren Überraschungsgast?“
Tala zog eine Augenbraue hoch und grummelte leise, was bei ihm jedoch fast wie ein Schnurren klang. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich mich dazu habe breit schlagen lassen. Tyson? Ernsthaft, Lumina? Das ist ein Poker-Abend, kein Kindergeburtstag mit All-you-can-eat-Pizza.“
Lumina lachte hell auf und kniff ihm in die Wange. „Ach, komm schon! Er hat es zufällig mitbekommen und war so deprimiert, dass er nicht gefragt wurde. Er bringt Leben in die Bude. Und außerdem... es ist Tyson. Ohne ihn wäre es doch nur halb so lustig, Kai beim Gewinnen zuzusehen.“
Es dauerte nicht lange, bis es an der Tür läutete. Der Erste war Vladimir Ivanov. Kais Halbbruder wirkte wie immer tadellos...ein dunkler Rollkragenpullover, das Haar perfekt sitzend, die auberginefarbenen Augen wachsam. Er grüßte Tala mit einem knappen Nicken.
„Tala. Ich hoffe, du hast dein Blatt heute besser im Griff als beim letzten Mal.“
„Mach dich auf was gefasst, Vladimir“, entgegnete Tala trocken.
Wenig später traf Kai ein. Er strahlte die gewohnte, unterkühlte Autorität aus, lockerte sich jedoch sichtlich, als er seinen Bruder und seinen alten Teamkameraden sah. Die drei Männer verkörperten eine geballte Ladung russischer Kälte und strategischer Brillanz – bis die Tür ein drittes Mal aufflog.
„LEUTE! Der Champion ist da! Wer ist bereit, sein gesamtes Taschengeld an mich zu verlieren?“
Tyson Granger stürmte herein, ein breites Grinsen im Gesicht und...wie nicht anders zu erwarten...drei XL-Pizzakartons unter dem Arm.
Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete tief durch. „Tala... sag mir bitte nicht, dass das dein Ernst ist.“
Tala zuckte nur mit den Schultern und deutete auf Lumina, die Tyson bereits herzlich begrüßte. „Beschwer dich bei meiner Frau. Sie meinte, wir bräuchten 'Unterhaltung'.“
Die Männer ließen sich am Tisch nieder. Das Klackern der Pokerchips und das Rascheln der Karten ersetzten die üblichen Kampfgeräusche der Beystadien. Kai saß da wie eine Statue, sein Blick unlesbar. Er spielte konservativ, eiskalt und berechnend. Vladimir spielte mit einem arroganten Lächeln. Er neigte dazu, zu bluffen, und genoss es sichtlich, die psychologische Komponente des Spiels auszureizen.
Tala war der aggressive Spieler. Er setzte oft alles auf eine Karte, getrieben von einem feurigen Instinkt.
Tyson war das pure Chaos. Er verstand die Hälfte der Regeln nicht ganz, setzte aber ständig „All-in“, weil er ein gutes Bauchgefühl hatte...und meistens gewann er durch pures Glück, was Kai fast in den Wahnsinn trieb.
„Tyson“, sagte Kai leise, während er seine Karten auffächerte, „du kannst nicht 'All-in' gehen, wenn du nur zwei Paar hast und die Hälfte des Tisches noch gar nicht gesetzt hat.“
„Ach was, Kai! Wer nicht wagt, der nicht gewinnt!“, rief Tyson und stopfte sich ein Stück Pizza mit Peperoni in den Mund. „Außerdem... wie läuft’s eigentlich mit dem Nachwuchs? Ihr seid in Okinawa fleißig am 'Üben' gewesen?“
Das Klappern der Pokerchips verstummte augenblicklich. Für einen Moment schien selbst das ferne Rauschen des Tokioter Nachtlebens vor dem Fenster des Penthouses zu verharren.
Tala, der gerade dabei gewesen war, einen ordentlichen Stapel Chips in die Mitte zu schieben, hielt mitten in der Bewegung inne. Er starrte Tyson an, dann wanderte sein Blick extrem langsam zu Kai, der mit unbewegter Miene am Kopfende des Tisches saß.
„Ein Nachzügler?“, wiederholte Tala, und seine Stimme klang ungewohnt rau. Er legte die Chips beiseite und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sag mal, Tyson, ist das einer deiner schlechten Witze? Oder hast du zu viel von diesem billigen Pizzateig geschnappt?“
Auch Vladimir wirkte wie vom Donner gerührt. Er setzte sein Glas ab, wobei das Eis leise gegen das Kristall klirrte. Er sah seinen Halbbruder ungläubig an, die Augenbrauen weit nach oben gezogen. „Kai? Ernsthaft? Ich dachte, ihr hättet nach Sayuri das Kapitel 'Windeln und schlaflose Nächte' endgültig zu den Akten gelegt.“
Kai rührte sich nicht. Nur das leichte Zucken eines Muskels in seinem Kiefer verriet, dass die Beherrschung des Zaren gerade auf eine harte Probe gestellt wurde. Er fixierte Tyson mit einem Blick, der kälter war als eine sibirische Winternacht.
„Woher“, begann Kai mit einer gefährlich leisen, kontrollierten Stimme, „hast du diese Information, Tyson?“
Tyson, der die plötzliche Spannung im Raum erst jetzt so richtig registrierte, schluckte den Bissen Pizza hastig hinunter. Er hob abwehrend die Hände. „Hey, hey! Schau mich nicht so an, als wolltest du mich eigenhändig in die nächste Arena werfen! Ich hab’s nicht von Nami.“
„Das weiß ich“, knurrte Kai. „Nami wollte es erst offiziell machen, wenn der Test positiv ist und sie sich absolut sicher ist. Also?“
Tyson kratzte sich verlegen am Hinterkopf und grinste schief. „Naja... Ren ist es vorgestern beim Nachmittagstraining rausgerutscht. Wir haben kurz über die neuen Bey-Modelle philosophiert und er meinte ganz trocken, dass er hofft, das neue Kind würde kein so ein 'Bücherwurm' wie Sayuri werden, damit er jemanden zum Trainieren hat...Gou würde andauernd an Hiromi kleben. Er hat es wohl eher... aus Versehen erwähnt. Er dachte wohl, ich wüsste es schon.“
Ein kurzes Schweigen folgte, dann brach Vladimir in ein lauthalses, dröhnendes Lachen aus, das durch das gesamte Penthouse schallte. Er lehnte sich zurück und verpasste Kai einen so kräftigen, anerkennenden Klapser auf die Schulter, dass dieser fast nach vorne kippte.
„Noch einer!“, lachte Vladimir und schüttelte den Kopf. „Mensch, Kai. Ich muss sagen, ich bin beeindruckt. Du lässt wohl wirklich nichts anbrennen.“
Tala hingegen konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. Er lehnte sich in seinem Designerstuhl zurück und musterte seinen alten Rivalen mit einem spöttischen Funkeln in den Augen. „Was ist eigentlich aus dem Kai Hiwatari geworden, den ich kenne?“, zog er ihn auf. „Der Typ, der seine Frau all die Jahre damit aufgezogen hat, dass sie mit vier Kindern absolut 'vollzählig' seien? Derjenige, der jedes Mal die Augen verengt hat, wenn Nami auch nur in die Nähe eines Babygeschäftes kam und meinte, es seien 'mehr als genug' im Haus?“
Tala lachte leise und schüttelte den Kopf. „Der Zar von Tokio scheint unter dem Einfluss von Okinawa wohl weich geworden zu sein.“
Kai schloss für einen Moment die Augen. Er verschränkte die Arme vor der Brust, während er die Sticheleien seiner Freunde über sich ergehen ließ. Er wirkte nicht wütend, eher... resigniert und seltsam zufrieden zugleich.
„Meinungen können sich ändern“, sagte er schließlich ruhig, ohne die Augen zu öffnen. „Nami wünscht sich noch ein weiteres Kind. Wir haben lange und ausführlich darüber geredet. Und da ich sie liebe...“ Er öffnete die Augen und sah Tala direkt an, wobei sein Blick wieder diese unerschütterliche Festigkeit annahm. „...habe ich eben meine Meinung geändert. Wenn sie glücklich ist, ist die Familie komplett. Und wenn das bedeutet, dass noch ein kleiner Hiwatari durch das Anwesen rennt, dann ist das eben so.“
Tyson grinste breit und hob sein Glas. „Mann, Kai. Du bist echt ein Softie geworden, wenn es um Nami geht. Aber Respekt! Auf den fünften kleinen Krieger!“
Vladimir hob ebenfalls sein Glas, sein Blick nun deutlich wärmer. „Auf die Familie. Und darauf, dass Nami recht behält – es scheint ja wirklich eure Bestimmung zu sein.“
Tala schmunzelte und griff nach seinen Karten. „Schön gesagt. Aber jetzt, wo das geklärt ist... Kai, ich sehe deine fünfzig Chips und erhöhe um weitere hundert. Mal sehen, ob deine 'neue Meinung' dir auch beim Bluffen hilft.“
Tala starrte auf seine Karten, doch man sah förmlich, wie die Rädchen in seinem Kopf arbeiteten. Er versuchte, die Coolness zu wahren, während er einen Stapel blauer Chips in die Mitte schob. „Hundert mehr“, sagte er knapp, in der Hoffnung, das Thema Nachwuchs im Keim zu ersticken.
Doch Kai war noch nicht fertig mit dem Thema. Er lehnte sich mit einer beängstigenden Gelassenheit zurück, nippte an seinem Drink und sah Tala über den Rand des Glases hinweg an. „Sag mal, Tala... wie sind eigentlich so die Nächte bei euch? Lumina ist jetzt im vierten Monat, oder?“
Talas Kiefer zuckte so heftig, dass man das Knirschen seiner Zähne fast hören konnte. Er fixierte Kai mit einem Blick, der normalerweise Eis zum Schmelzen gebracht hätte. „Die Nächte sind... ruhig. Wir schlafen. Was soll die Frage?“
„Wirklich?“, hakte Kai nach, und ein gefährliches Glitzern trat in seine roten Augen. Er wusste genau, dass Lumina in letzter Zeit von heftigen Übelkeitsattacken geplagt wurde, die sich oft über den ganzen Tag zogen. Nami hatte ihm erst gestern erzählt, dass ihre Cousine kaum noch etwas bei sich behalten konnte. „Hast du es dir so vorgestellt? Ich meine, die Realität weicht ja oft vom strategischen Plan ab.“
Tala legte seine Karten mit einer Spur zu viel Kraft auf den Tisch. „Worauf willst du hinaus? Willst du mir jetzt Erziehungstipps geben, nur weil du eine halbe Fußballmannschaft zu Hause hast?“
Kai schmunzelte...ein seltener Anblick, der Tyson und Vladimir dazu brachte, den Atem anzuhalten. „Nein, keine Erziehungstipps. Ich spreche von der... Umstellung. Wenn man jahrelang sehr intensiv mit seiner Frau war und dann plötzlich vorsichtig sein muss. Ich kann mir vorstellen, dass das für jemanden wie dich eine ziemliche Herausforderung ist.“
Tyson prustete in seine Pizza, während Vladimir sich ein Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Kämpfst du sehr damit, die Härte rauszunehmen, Tala?“, bohrte Kai gnadenlos weiter. „Ich meine, wie oft darfst du zurzeit überhaupt noch... ran? Einmal die Woche? Wenn sie sich gerade mal nicht übergeben muss?“
Tala fuhr sich mit beiden Händen durch das rote Haar und biss die Zähne zusammen. Die Provokation saß. Er atmete tief durch und starrte an die Decke des Penthouses. „Schön, du hast gewonnen. Ich habe es unterschätzt, okay? Es ist... eine Sache der Gewohnheit. Eine Phase. Irgendwann ist sie nicht mehr schwanger und dann wird alles wieder wie vorher. Intensiv. Ohne Rücksicht auf Verluste.“
In diesem Moment passierte etwas, das am Pokertisch Seltenheitswert hatte: Kai gab ein kurzes, trockenes Husten von sich, das so gefährlich nach einem unterdrückten Lacher klang, dass Vladimir fast sein Glas fallen ließ.
„Was ist so witzig?“, knurrte Tala.
Kai sah ihn fast schon mitleidig an. „'Wie vorher'? Tala, du bist ein Träumer. Stell dich lieber schon mal darauf ein, monatelang überhaupt keinen Sex zu bekommen. Spätestens ab dem Tag der Geburt ist erst einmal Schicht im Schacht."
Tala schnaubte verächtlich und schob seinen Stuhl mit einem hässlichen Quietschen ein Stück vom Tisch zurück. „Wochenlang? Übertreib nicht, Kai. Bei Nami waren es doch maximal zwei Wochen, bis ihr wieder... nun ja, bis du wieder dieses selbstgefällige Grinsen im Gesicht hattest.“
Vladimir hob amüsiert eine Braue, während Tyson fast an seiner Pizza erstickte. Doch Kai blieb vollkommen ungerührt. Er legte seine Karten mit einer langsamen, fast schon rituellen Präzision ab und sah Tala direkt in die Augen. Der Blick des Zaren war nicht spöttisch, sondern von einer klinischen Nüchternheit, die Tala sichtlich nervös machte.
„Du vergisst ein entscheidendes Detail, Tala“, sagte Kai leise. „Du vergisst, wer Nami ist. Ihre Bit-Beast-Aura ist nicht nur für die Arena da. Sie durchdringt jede Faser ihres Körpers. Ihr Organismus strebt nach absoluter Perfektion und regeneriert sich in einer Rekordzeit, die medizinisch kaum zu erklären ist. Das Wochenbett ist für sie eine Formsache von ein paar Tagen.“
Er hielt kurz inne und ließ die Worte wirken, während er den sichtlich bleicher werdenden Tala beobachtete.
„Lumina hingegen...“, fuhr Kai fort, und ein winziges, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen, „...ist eine absolute Schönheit, keine Frage. Aber sie ist in dieser Hinsicht eine ganz normale Frau. Wenn du Pech hast, wird sie acht Wochen oder länger brauchen, bis ihr Körper sich von der Geburt erholt hat. Das ist die biologische Realität, mein Freund. Nami ist die absolute Ausnahme von jeder Regel. Du solltest dich also mental schon mal auf eine sehr lange Durststrecke einstellen.“
Tala starrte Kai fassungslos an. Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch kein Laut kam heraus. Der Gedanke, zwei Monate lang nur „Zuschauer“ im eigenen Ehebett zu sein, schien ihn härter zu treffen als jede Niederlage in der Weltmeisterschaft.
Vladimir konnte an dieser Stelle nicht mehr an sich halten. Er schlug sich auf den Oberschenkel und lachte so laut, dass die Gläser auf dem Tisch zitterten. „Tala, dein Gesicht ist Gold wert! Du siehst aus, als hätte man dir gerade eröffnet, dass Wolborg ab morgen nur noch mit Batterien läuft! Aber ja, Kai hat Recht. Bei Hana und mir, war es nicht anders...aber ich hab es überlebt.“
„Acht Wochen...“, murmelte Tyson und schüttelte mitleidig den Kopf. „Mann, Tala. Ich bring dir definitiv Boxer-Shorts aus extra dickem Stoff mit. Das wird ein harter Winter in Shinjuku. Wie gut, dass ich vieles mit Essen kompensieren kann...denn bei Hil war das Wochenbett ähnlich lang.“
Tala biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefermuskeln gefährlich hervortraten. Er griff nach der Wodkaflasche und schenkte sich schweigend nach. „Das ist biologische Kriegsführung, Kai“, brummte er schließlich und leerte das Glas in einem Zug. „Aber gut... wenn es so ist, dann ist es so. Ich werde es überleben.“
„Das wirst du“, erwiderte Kai trocken und griff nach seinen neuen Karten. „Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. Übrigens... ich erhöhe auf zweihundert. Da du ja bald ohnehin kein Geld mehr für teure Dates ausgeben kannst, hast du sicher genug Chips übrig.“
Tyson lachte gerade noch über Talas Schicksal, als ihm plötzlich ein weiterer Gedanke kam. Er legte seine Pizzaschnitte beiseite und sah Kai mit zusammengekniffenen Augen an. „Moment mal, Kai... wir reden hier über biologische Wunder und Rekord-Regeneration. Aber da war doch noch was, oder?“
Vladimir schaltete sich sofort ein, ein wissendes Grinsen auf den Lippen. „Stimmt. Ich erinnere mich an unser letztes Gespräch vor ein paar Jahren. Du warst dir so sicher, dass die Familienplanung abgeschlossen ist, dass du... nun ja, Nägel mit Köpfen gemacht hast. Hat Nami es etwa schon wieder getan?“
Tala, froh darüber, dass das Rampenlicht endlich von seiner eigenen Enthalsamkeit weg wanderte, lehnte sich vor. „Gute Frage. Hat sie deine Sterilisation tatsächlich zum zigsten Mal einfach... 'überschrieben'?“
Kai blieb vollkommen gelassen. Er wirbelte einen schwarzen Pokerchip zwischen seinen Fingern und blickte in die Runde. „Dies ist unser beider Verdienst.“, stellte er ruhig klar. „Es ist meine eigene Bit-Beast Aura, die meine Biologie umschreibt. Dranzer reagiert auf Namis Pegasus Aura...sie gibt gewissermaßen lediglich den Befehl dazu, und meine Aura gehorcht. Es ist ein unbewusster Prozess, aber ja... er ist sehr effektiv.“
Er hielt kurz inne und ein Schatten von Resignation, gemischt mit trockenem Humor, huschte über sein Gesicht. „Ich habe es extra testen lassen, bevor wir nach Okinawa gereist sind. Ich schieße mal wieder scharf.“
Tyson prustete los. „Der Zar und seine unbesiegbare Armee!“
Kai ignorierte den Einwurf und fuhr fort: „Aber für meine nächste Vasektomie muss ich mir definitiv eine neue Klinik suchen. Die Ärzte in der bisherigen nehmen mich schlichtweg nicht mehr ernst. Der Chefarzt hat mich beim letzten Mal fast ausgelacht, als ich den Termin vereinbaren wollte.“
„Kann man es ihnen verübeln?“, warf Vladimir ein, während er sich vor Lachen kaum auf dem Stuhl halten konnte. „Wer lässt sich denn auch bitte viermal innerhalb von fünfzehn Jahren sterilisieren, nur um jedes Mal wieder von der Aura seiner Frau 'geheilt' zu werden? Du bist der medizinische Albtraum eines jeden Urologen, Kai.“
Tala schmunzelte nun wieder sichtlich entspannter. „Stell dir die Akte vor: 'Patient Hiwatari. Status: Mal wieder fruchtbar. Grund: Mythische Auren und eine sehr entschlossene Ehefrau.'“
Kai schüttelte nur leicht den Kopf und warf seine Chips in die Mitte. „Es ist kein Thema, das ich gerne diskutiere, aber es gehört wohl zum Preis, den man zahlt. Nami wollte dieses Kind, und mein Körper hat eben einen Weg gefunden, es zu ermöglichen. Also hört auf zu grinsen und spielt weiter. Ich habe nicht vor, den ganzen Abend über meine Anatomie zu sprechen.“
Tyson hob sein Glas. „Auf Kais unzerstörbare... Vitalität! Und auf die Klinik, die hoffentlich bald ein Treue-Abo für dich einführt.“
Die Stimmung am Pokertisch war nach Kais medizinischen Enthüllungen gelöster, als man es bei dieser Runde aus kühlen Taktikern und russischen Ex-Champions erwarten würde. Tyson grinste immer noch vor sich hin, während er wahllos Chips in die Mitte schob, hielt dann aber plötzlich inne. Er legte den Kopf schief und betrachtete Kai, als sähe er ihn zum ersten Mal richtig an.
„Sag mal, Kai...“, begann Tyson. „Was hat es eigentlich mit diesem 'Zaren'-Ding auf sich? Ich meine, wir sitzen hier im Herzen von Tokio. Du bist Japaner, dein Vater war Japaner...dein Opa war Japaner... Du bist so russisch wie Sushi mit Ketchup. Warum zum Geier nennt dich die halbe Welt so?“
Vladimir hob amüsiert eine Braue und lehnte sich zurück, gespannt auf die Antwort seines Halbbruders. Tala hingegen fixierte Kai mit einem trockenen Blick, da er die Antwort wohl schon ahnte.
Kai legte seine Karten mit einer stoischen Ruhe ab, die jedem russischen Monarchen Ehre gemacht hätte. Er griff nach seinem Glas, schwenkte die Flüssigkeit darin und sah Tyson ungerührt an.
„Ich habe nie behauptet, Russe zu sein, Tyson“, erwiderte Kai trocken. „Aber die Öffentlichkeit braucht nun mal Etiketten. Mein Führungsstil, meine Zeit in der russischen Nationalmannschaft und die Art, wie ich die Tachiwari-Corporation leite... die Presse hat diesen Begriff schon vor Jahren geprägt. Und Nami...“ Ein winziges Schmunzeln, das kaum mehr als ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel war, stahl sich auf sein Gesicht. „Nami fand den Titel von Anfang an ziemlich passend. Sie sagt, er beschreibe meine 'unbeugsame Art', Dinge zu regieren, ziemlich treffend.“
Er nahm einen Schluck und stellte das Glas lautlos ab. „Ich habe mich längst daran gewöhnt. Es stört mich nicht mehr. Es ist ein Name wie jeder andere, solange die Bilanzzahlen stimmen.“
Kais Blick wurde nun etwas schärfer, und er fixierte Tyson mit jener Intensität, die normalerweise Gegner in der Arena erzittern ließ. „Aber sag mal... ist diese Frage nach fast zwanzig Jahren eigentlich dein Ernst? Wir kennen uns seit der Teenangerzeit, wir haben die Weltmeisterschaft zusammen gewonnen, wir haben nun selber Kinder im Teenager-Alter... und jetzt erst kommt es dir seltsam vor? Jetzt erst fragst du danach?“
Tyson blinzelte zweimal, sichtlich aus dem Konzept gebracht. Er kratzte sich am Kopf und lachte verlegen. „Naja... irgendwie hat es bisher einfach nicht gepasst die Frage in den Raum zu werfen! Aber heute Abend, mit Vladimir und Tala hier... da dachte ich mir: Moment mal, einer von euch gehört hier genetisch eigentlich gar nicht zum Mütterchen Russland-Club!“
Vladimir lachte dröhnend auf. „Genetik hin oder her, Tyson. Kai hat mehr russisches Eis in seinen Venen als wir alle zusammen. Er ist vielleicht kein Russe, aber er ist definitiv der Zar dieses Tisches.“
Tala schob einen Stapel Chips in die Mitte und grinste Kai herausfordernd an. „Zar oder nicht...dein Imperium am Pokertisch wackelt gerade gewaltig. Ich sehe deine zweihundert und erhöhe um weitere dreihundert. Mal sehen, ob der japanische Zar auch ohne seine Aura ein gutes Blatt halten kann.“
Tala hatte sich jedoch zu früh gefreut. Als die letzte Karte auf den Tisch fiel, legte Kai seine Hand mit einer fast schon arroganten Beiläufigkeit offen. Ein Full House.
Tyson stöhnte auf und ließ seinen Kopf auf die Tischplatte sinken, während Vladimir nur anerkennend pfiff. Kai blieb wie immer ruhig, während er die beachtliche Menge an Scheinen und Chips zu sich heranzog und sie ordentlich zu einem Stapel schichtete. Doch anstatt eine neue Runde einzufordern, schob er seinen Stuhl zurück und stand auf.
Tala sah irritiert auf die Uhr an der Wand des Penthouses. „Es ist gerade mal 20:45 Uhr, Kai. Wo willst du hin? Der Abend hat doch gerade erst angefangen.“
Kai nahm sein Glas, in dem sich noch ein kleiner Rest befand, und trank ihn in einem einzigen, ruhigen Zug leer. Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr und strich sich den dunklen Pullover glatt. „Ich gehe nach Hause“, antwortete er schlicht. „Ich will den Rest des Abends noch mit meiner Frau verbringen.“
Ein vielsagendes Schweigen legte sich über den Tisch. Tala sah ihn einen Moment lang völlig nüchtern an, bevor sich ein schmales, fast schon diebisches Grinsen auf seine Lippen stahl. Er stützte sein Kinn auf die Handfläche und musterte Kai von unten herauf.
„Ah... verstehe“, sagte Tala gedehnt. „Wahrscheinlich, weil die 'Intensität', von der du vorhin gesprochen hast, bei dir ebenso leiden wird, sobald Nami positiv testet? Du willst wohl noch schnell die Zeit nutzen, bevor die biologische Sperre einkalkuliert werden muss.“
Kai hielt in der Bewegung inne und sah Tala direkt an. Ein tiefes Schmunzeln huschte über seine Züge. „Du hast recht, Tala. Aber tatsächlich war ich es nicht, der diesen Gedanken zuerst hatte.“
Er trat einen Schritt vom Tisch weg und griff nach seinem Mantel. „Nami hat es vorhin, kurz bevor ich hergekommen bin, selbst erwähnt. Nur um mich... vorsorglich daran zu erinnern, was mir blüht. Sie weiß eben genau, wie sie mich motiviert.“
Vladimir lachte leise in sein Glas, während Tyson nur den Daumen hob. „Lauf schon, Zar! Bevor die zweimonatige Winterpause beginnt!“
Kai nickte den Männern kurz zu, ignorierte Tysons Spruch mit gewohnter Souveränität und verließ das Penthouse.
Draußen vor dem Gebäude peitschte der nächtliche Regen gegen die Glasfassaden von Shinjuku, doch Kai blieb trocken. Direkt am Eingang wartete bereits der dunkelgrüne Bentley, dessen Lack im künstlichen Licht der Stadt fast schwarz schimmerte. Graham stand mit unbewegter Miene neben der Wagentür, den Regenschirm präzise so positioniert, dass kein Tropfen Kais dunklen Mantel berührte.
„Sie sind überpünktlich, Master Kai“, entgegnete Graham mit seinem gewohnt trockenen Unterton, während er die Tür öffnete. „Es scheint, als hätten Sie in Ihrer strategischen Weitsicht sogar die üblichen Verzögerungen einer Pokerrunde mit einkalkuliert. Ich verweile dementsprechend bereits seit fünf Minuten hier und nicht erst, wie ursprünglich für 21:00 Uhr angeordnet.“
Kai lächelte minimal, ein Ausdruck, den nur Graham als echtes Zeichen von Anerkennung deuten konnte. „Danke, Graham. Die Runde war... aufschlussreich, aber kürzer als erwartet.“ Er stieg in den Fond des Wagens und ließ sich in die weichen Lederpolster sinken.
Kaum war die Tür ins Schloss gefallen und der Bentley glitt lautlos in den Stadtverkehr, griff Kai nach seinem Handy. Ein kurzes Vibrieren verriet eine neue Nachricht. Er entsperrte das Display und hielt unwillkürlich den Atem an.
Nami hatte ihm einen Schnappschuss gesendet. Das Bild war im gedimmten Licht ihres gemeinsamen Schlafzimmers im Anwesen aufgenommen worden. Sie lag auf den seidenen Kissen, gehüllt in sündige, schwarze Spitzenunterwäsche, die ihre Kurven und ihren karamellen Teint perfekt betonte. Ihr silbrig weißes Haar war wild über das Laken verteilt, und in ihrem Blick lag dieses vertraute, herausfordernde Funkeln.
Darunter stand nur ein kurzer Satz:
„Ich warte auf dich, mein Zar.“
Kai starrte einen Moment länger auf das Display und ein weiches Funkeln glitt durch seine Augen. Die Provokationen von Tala und die Witze der anderen über die kommende „Durststrecke“ waren augenblicklich vergessen. Alles, was zählte, war die Frau, die zu Hause auf ihn wartete...und die er über Alles liebte.
Er tippte eine kurze Antwort. Er wusste, dass sie wusste, dass er bereits unterwegs war. Er legte das Handy beiseite und blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Lichter Tokios.
„Graham?“, sagte Kai leise, ohne den Blick von der Scheibe zu wenden.
„Ja, Master Kai?“
„Bring uns zügig nach Hause. Ich habe nicht vor, meine Frau länger warten zu lassen.“
„Sehr wohl, Sir.“
Der Bentley beschleunigte sanft, während Kai sich zurücklehnte und die Vorfreude auf die Nacht im Anwesen genoss...wissend, dass jede Minute kostbar war, bevor das nächste Kapitel ihrer gemeinsamen Reise begann.
Das fünfte Wunder
Der frühe Samstagnachmittag in Shimokitazawa war so lebendig, wie man es von diesem Viertel erwartete. Zwischen den charmanten Second-Hand-Läden, kleinen Galerien und dem Duft von frisch geröstetem Kaffee schlenderten die drei Frauen entspannt über das Kopfsteinpflaster. Die kühle Herbstluft tat gut, und die vertraute Atmosphäre zwischen Nami, Lumina und Hilary sorgte für eine Leichtigkeit, die Nami in der stressigen Arbeitswoche im Tower vermisst hatte.
„Sag mal, Lumina“, begann Nami, „hast du eigentlich viel von dem Pokerabend gestern mitbekommen?“
Lumina lachte leise und schüttelte den Kopf, während sie vor einem Schaufenster mit Vintage-Accessoires stehen blieb. „Ehrlich gesagt kaum etwas. Ich habe mir im Schlafzimmer einen Podcast angehört und es mir mit einem Buch gemütlich gemacht. Die Jungs waren im Wohnzimmer so laut mit Tyson und seinen Pizzen beschäftigt, dass ich mich lieber zurückgezogen habe. Aber als ich später kurz rausgekommen bin, um mir einen Tee zu machen, war ich echt überrascht...Kai war schon weg. Es war noch nicht mal neun.“
Lumina warf Nami einen vielsagenden Seitenblick zu und kicherte. Nami erwiderte den Blick mit einem kurzen, verwegenen Lächeln, das tiefer blicken ließ, als Worte es könnten.
„Sagen wir...“, meinte Nami amüsiert, „die Nacht war auf jeden Fall wie immer sehr intensiv und wundervoll. Er hat meine spätere Nachricht wohl als... dringende Einladung verstanden.“
„Ihr zwei seid echt unglaublich“, prustete Lumina belustigt. „Gefühlt klebt ihr doch sowieso jeden Tag aneinander. Man könnte meinen, nach all den Jahren und vier Kindern würde sich das mal legen, aber bei euch brennt die Luft ja immer noch lichterloh. Aber wie oft sage ich das schon die letzten Jahre?“
Nami schmunzelte und strich sich eine silbrig weiße Locke aus dem Gesicht. „Es wirkt vielleicht so, aber die letzte Woche war im Tower der Wahnsinn. Kai und ich hatten so viele Meetings und strategische Deadlines, dass die Intimität tatsächlich zu kurz kam. Wir waren beide teilweise erst gegen 22 Uhr zu Hause. Da genießt man jede Minute, die man wieder nur als Paar verbringen kann...und er hatte Tala versprochen zum Poker zu kommen.“ natürlich erwähnte sie nicht die Jagd des letzten Wochenendes...
Während sie weitergingen, wanderte Namis Hand unbewusst zu ihrem flachen Bauch. Ein warmes, kribbeliges Gefühl breitete sich in ihr aus. In ihrem Kopf drehten sich die Gedanken wie ein Karussell.
Soll ich es ihnen sagen?, fragte sie sich. Soll ich Hilary und Lumina jetzt schon einweihen, dass wir uns für Nummer fünf entschieden haben?
Einerseits brannte es ihr auf der Seele. Es war eine so lebensverändernde Entscheidung, und die Vorstellung, noch einmal dieses kleine Wunder im Arm zu halten, erfüllte sie mit einer fast jugendlichen Vorfreude. Besonders gegenüber Lumina, die selbst gerade ihre erste Schwangerschaft durchlebte, fühlte sie eine tiefe Verbundenheit. Sie stellte sich vor, wie ihre Kinder zusammen aufwachsen würden, fast im selben Alter.
Doch auf der anderen Seite war da diese vorsichtige Stimme in ihr. Solange sie den positiven Test nicht schwarz auf weiß in den Händen hielt, fühlte es sich wie ein kostbares Geheimnis an, das sie erst noch ein wenig für sich und Kai bewahren wollte. Wenn sie es jetzt aussprach, würde es real werden. Die Fragen nach den körperlichen Strapazen, das Erstaunen der anderen über ein fünftes Kind... war sie schon bereit für das große Echo?
Nami blickte zu Hilary, die gerade begeistert auf ein Café deutete, und dann zu Lumina, die so glücklich in ihrem vierten Monat strahlte.
Sie schoben die schwere Glastür des kleinen Cafés auf, das in einer der verwinkelten Gassen von Shimokitazawa lag.
Während Hilary und Lumina zielstrebig auf einen gemütlichen Tisch am Fenster zusteuerten, ließen sie sich in die weichen Polster sinken.
„Hach, ist das schön, mal wieder in Ruhe zu sitzen“, seufzte Hilary und legte ihre Tasche ab. Sie sah Nami entschuldigend an. „Ich wollte es vorhin schon sagen: Es tut mir so leid, dass wir nicht nach Okinawa kommen konnten. Ich hatte mich so auf eure Erneuerung des Ehegelübdes gefreut, aber Makoto und Kana hatten die Grippe so schlimm erwischt... ich konnte sie unmöglich allein lassen.“
Lumina nickte betrübt und legte eine Hand auf ihren Bauch. „Nami, es tut mir ebenfalls so leid. Kai hat uns beide gefragt, ob wir kommen, aber an diesen Tagen ging es mir einfach so schlecht. Ich war nur am Erbrechen...diese Schwangerschaftsübelkeit hat mich völlig ausgeknockt. Ich hätte den Flug gar nicht überstanden.“
Nami winkte sanft ab und lächelte ihre Freundinnen warm an. „Lumina, ich habe dir doch schon letzte Woche am Telefon gesagt, dass es absolut okay ist. Macht euch bitte keine Vorwürfe. Die Zeremonie war wunderschön, auch im kleinen Kreis.“ Sie hielt kurz inne und ein amüsiertes, aber auch nachdenkliches Funkeln trat in ihre Augen. „Es waren sowieso nicht alle da, die ich gerne dabei gehabt hätte. Sogar Ramsay und Harriet sind lieber im Anwesen in Tokio geblieben.“
„Im Ernst?“, fragte Hilary überrascht. „Die beiden gehören doch mittlerweile zum Inventar.“
Nami schmunzelte und imitierte kurz Ramsays steife, hochgestochene Art: „Ich zitiere ihn mal: ‚Wir sehen uns nicht als würdig genug an, solch einem Spektakel beizuwohnen, da unser Dienst der Familie erst seit zwei Monaten besteht.‘“
Lumina prustete los. „Typisch Ramsay. Diese alte Schule kriegt man aus ihm wohl nicht mehr raus.“
„Es war trotzdem magisch“, fuhr Nami leise fort, während ihr Blick kurz in die Ferne schweifte. „Kai war... er war einfach unglaublich. Dass wir nach fünfzehn Jahren noch einmal dort standen und uns alles versprochen haben... es hat sich angefühlt, als würde ein ganz neuer Abschnitt beginnen.“
Plötzlich...ein kräftiger Schwall von Gerüchen schlug Nami entgegen...normalerweise die Art von Röstaromen, die sie liebte. Doch heute fühlte es sich an wie ein körperlicher Angriff.
Nami rümpfte die Nase und ein leichter Schauer lief über ihren Rücken. „Sagt mal... riecht ihr das eigentlich auch? Es riecht hier drin irgendwie...modrig. Fast schon abgestanden.“
Hilary hielt mitten in der Bewegung inne und schnupperte demonstrativ an der Luft. „Modrig? Nami, hier riecht es nach erstklassigem Arabica und frisch gebackenen Scones.“ Sie sah zu Lumina, die ebenfalls den Kopf schüttelte.
„Also ich rieche absolut gar nichts Ungewöhnliches“, bestätigte Lumina und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ein bisschen viel Vanille-Sirup vom Nachbartisch, aber modrig? Nein, eigentlich riecht alles ganz normal.“
Nami weitete die Augen. Ein eisiger, aber zugleich aufregender Funke schoss durch ihren Körper. Sie setzte sich langsam auf den gepolsterten Stuhl, während ihre Gedanken plötzlich zu rasen begannen wie ein Beyblade in der Arena.
Es sind noch zwei Tage bis zu meiner Periode. Aber der Eisprung war zwei Tage vor Okinawa... dann die fünf Tage dort... und wir sind jetzt seit über einer Woche wieder zurück....
Sie kannte ihren Körper in- und auswendig. Nach vier Kindern war sie eine Expertin für die kleinsten Veränderungen ihrer Biologie. Normalerweise traten diese extremen Geruchsempfindlichkeiten bei ihr erst ein, wenn die Periode bereits einen oder zwei Tage überfällig war. Aber dieses Mal fühlte es sich intensiver an, fast so, als würde ihr Körper unter Hochdruck arbeiten.
„Nami? Alles okay? Du bist gerade so blass geworden“, fragte Hilary besorgt und legte eine Hand auf ihren Arm. „Liegt es wirklich am Geruch, oder hast du dich im Tower die letzten Tage doch mehr übernommen, als du zugibst?“
Nami schluckte schwer. Das Muffige im Raum...das für die anderen beiden offensichtlich nicht existierte...war immer noch da, eine schwere Note unter dem Kaffeeduft, die ihr fast den Magen umdrehte. Doch gleichzeitig breitete sich ein triumphierendes, fast schon ungläubiges Gefühl in ihr aus.
„Es ist... sicher nur der Kreislauf“, sagte sie sanft, während ihr Blick kurz zu Lumina huschte, die ahnungslos an ihrem Kakao nippte. „Die Woche war wirklich hart. Vielleicht sollte ich heute lieber einen Kräutertee statt eines starken Espresso nehmen.“
In ihrem Kopf arbeitete es unaufhörlich weiter. Wenn sie heute Abend nach Hause kam, würde sie als Erstes den Test machen, den sie vorsorglich schon im Schrank deponiert hatte.
Zwei Wochen seit dem Eisprung, rechnete sie im Stillen nach. Wenn der Test heute Abend positiv ist, dann hat Kai wirklich recht behalten.
„Wisst ihr“, setzte Nami plötzlich an, während sie Hilary und Lumina ansah. Das Geheimnis drückte nun doch mit einer gewissen Wucht gegen ihre Lippen. „Ich glaube, ich muss euch etwas erzählen. Auch wenn es vielleicht noch ein bisschen früh ist...“
Nami lehnte sich ein Stück vor, rührte gedankenverloren in ihrem Tee und sah Lumina mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen an. „Lumina... erinnerst du dich eigentlich noch daran, als ich damals schwanger war?“
Lumina hielt die Tasse kurz vor ihren Lippen inne und zog eine Augenbraue hoch. Ein amüsiertes Glänzen trat in ihre magentafarbenen Augen. „Nami, Süße... welche der drei Schwangerschaften meinst du? Die mit Gou? Den Zwillingen? Oder die letzte mit Sayuri? Wenn dann kann ich dir nur was zu der Schwangerschaft mit Sayuri sagen...die davor, habe ich ja kaum mitbekommen.“
Nami schmunzelte und strich sich eine silbrig weiße Locke aus der Stirn. „Eigentlich meine ich alle drei, bei Gou hatte ich dir ja regelmäßig geschrieben. Ich frage mich nur... erinnerst du dich noch, welche Symptome ich damals immer als Erstes hatte? Bevor überhaupt irgendjemand etwas ahnte?“
Lumina verstand die Frage im ersten Moment nicht ganz. Sie wirkte kurz irritiert, stellte ihren Kakao ab und fing an, angestrengt zu überlegen. Sie kannte Nami besser als fast jeder andere, und die Erinnerungen an die vergangenen Jahre kamen schubweise zurück. Während Hilary neugierig beobachtete, wie die Dynamik zwischen den Cousinen sich veränderte, begann Lumina an ihren Fingern abzuzählen.
„Lass mal sehen...“, murmelte Lumina nachdenklich. „Da war diese plötzliche Müdigkeit, bei der du mitten im Satz hättest einschlafen können. Und natürlich die Übelkeit...“
Sie hielt kurz inne, ihr Blick schweifte ins Leere, während sie die Liste in ihrem Kopf weiter durchging. „Und... oh ja, du warst immer extrem empfindlich gegen den Geruch von Kaffee. Du hast jedes Mal behauptet, er würde furchtbar riechen, während wir anderen...“
Beim letzten Satz stoppte Lumina abrupt. Das Wort „Kaffee“ schien wie ein Echo im Raum nachzuhallen. Sie blinzelte mehrmals, und ihr Blick glitt ganz langsam zu Nami zurück.
Nami rührte sich nicht. Sie hatte ihr Kinn ganz ruhig auf ihre verschränkten Hände gestützt und sah Lumina mit einem sanften, fast schon verwegenen Lächeln an. Es war jenes wissende Lächeln, das sie immer dann trug, wenn sie einen Sieg in der Arena bereits in der Tasche hatte, bevor der Kampf überhaupt begonnen hatte.
Lumina weitete die Augen, während ihr der Atem stockte. Sie sah von Namis Gesicht zu der dampfenden Kaffeemaschine hinter dem Tresen, die Nami eben noch als „modrig“ bezeichnet hatte, und wieder zurück.
„Nami...“, flüsterte Lumina fassungslos, während ein ungläubiges Lächeln auf ihrem eigenen Gesicht zu tanzen begann. „Nicht im Ernst. Du willst mir doch nicht sagen, dass der Kaffee gerade deswegen so 'modrig' riecht?“
Nami nippte an ihrem Kräutertee, während Lumina sie fassungslos anstarrte. Hilary saß mit offenem Mund daneben und versuchte, die Informationen zu verarbeiten.
„Oh mein Gott, Nami wirklich?! Fünf Kinder? Ihr seid doch verrückt! Seit wann weißt du es sicher?!"
„Ich sage ja nicht, dass ich sicher bin“, stellte Nami mit einer fast schon unheimlichen Ruhe klar, obwohl ihr Herz bei dem Gedanken klopfte. „Ich muss erst einen Test machen, wenn ich nach Hause komme. Aber rein rechnerisch... wir sind jetzt fast zwei Wochen aus Okinawa zurück. Der Eisprung war zwei Tage vor der Abreise. Es kommt genau hin. Nur die Geruchsempfindlichkeit... die ist diesmal verdammt früh dran. Mein Körper scheint keine Zeit verlieren zu wollen. Kai war sich sicher, dass wir nur einen Versuch brauchen...“
Lumina schüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lachen stahl sich auf ihre Lippen. „Nami, jetzt mal ehrlich: Was zur Hölle hast du Kai in den Kaffee gemischt, dass er sich darauf einlässt? Der Mann, der jahrelang gepredigt hat, dass vier Kinder das absolute Maximum sind? Der Zar, der bei jedem Babygeschäft Schnappatmung bekommen hat? Wie hast du ihn weichgeklopft?“
Namis Blick veränderte sich augenblicklich. Das schelmische Funkeln wich einer tiefen, weichen Wärme, die ihre gesamten Gesichtszüge entspannte. Sie lehnte sich zurück und sah ihre Cousine und Hilary an, während sie sich an jenen Abend in der Strandvilla erinnerte.
„Ich habe gar nichts gemischt“, begann sie leise. „Tatsächlich war ich es, die das Thema eigentlich schon begraben hatte. Ich wollte ihn nicht drängen, weil ich wusste, wie groß seine Angst um mich war. Aber an unserem Hochzeitstag in Okinawa... da hat er mich völlig überrumpelt.“
Sie erzählte den beiden von der schlichten Schachtel auf dem Glastisch, von dem winzigen weißen Strampler mit dem Rosenknospenmuster, den sie Wochen zuvor nur sehnsüchtig im Laden betrachtet hatte.
„Er hat ihn heimlich gekauft“, flüsterte Nami, und ihre Stimme zitterte leicht vor Rührung. „Und er hat mir ein Dokument dazugelegt. Einen urologischen Bericht. Unsere Auren... Dranzer und Pegasus... sie haben es wieder getan. Seine Sterilisation war medizinisch gesehen einfach nicht mehr existent. Er stand im Türrahmen, sah mich mit diesem unglaublich ergebenen Blick an und sagte, dass die Idee eines Wunsches ebenso ein Wunsch sei...und er mir diesen Wunsch erfüllen will.“
Hilary hielt sich die Hand vor den Mund. „Oh Gott, das ist...das ist ja fast schon schmerzhaft romantisch.“
„Er war mir sogar bei den Kindern einen Schritt voraus“, fuhr Nami fort, ein kleines Lächeln auf den Lippen. „Er hatte vorher schon mit Gou und den Zwillingen gesprochen. Er wollte ihr Einverständnis, bevor er es mir vorschlug. Er wollte sicherstellen, dass die Familie bereit ist.“
Lumina seufzte tief und rührte gerührt in ihrem nun kalten Kakao. „Okay, ich nehme alles zurück. Der Zar ist kein Softie geworden... er ist einfach nur immer noch rettungslos in dich verschossen. Fünf Kinder. Wahnsinn.“
Nami lächelte und blickte aus dem Fenster auf die bunten Straßen von Shimokitazawa. Das Muffige im Raum störte sie plötzlich gar nicht mehr so sehr. Es war ein kleiner Preis für das Wunder, das sich da vielleicht gerade ankündigte.
„Ich werde es heute Abend wissen“, sagte sie bestimmt. „Und wenn der Streifen zwei Linien zeigt... dann wissen wir es sicher.“
Hilary lehnte sich mit einem verträumten Seufzen zurück und rührte geistesabwesend in ihrem Milchschaum. „Wisst ihr“, begann sie und sah Nami mit einer Mischung aus Bewunderung und Fassungslosigkeit an, „ich beobachte diese Ehe nun schon seit fünfzehn Jahren. Und jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte Kai Hiwatari durchschaut, haut er so eine Aktion raus. Es ist einfach Wahnsinn, wie ihr beide harmoniert. Dass dieser kühle, strategische Typ so unglaublich romantisch und gefühlvoll sein kann... das hätte damals in der Zeit der Bladebrakers wohl niemand für möglich gehalten.“
Doch kaum war der rührselige Moment ausgesprochen, blitzte es in Hilarys Augen schelmisch auf. Sie beugte sich über den Tisch, ihre Stimme wurde eine Nuance tiefer, aber keineswegs leiser. „Aber mal unter uns, Nami... jetzt, wo ihr wieder im Baby-Fieber seid... jagt ihr euch eigentlich immer noch nackt durch das Anwesen? Oder ist das mittlerweile zu anstrengend mit vier Kindern im Haus?“
Nami erstarrte mitten in der Bewegung, ihre Wangen nahmen augenblicklich einen kräftigen Roséton an, der fast mit den Blumen auf dem Tisch konkurrierte. Sie warf einen hektischen Blick über die Schulter zu den besetzten Nachbartischen und zischte: „Hilary! Um Himmels willen, rede leiser! Wir sind hier in der Öffentlichkeit!“
„Ach was, die hören uns nicht...“, grinste Hilary ungerührt weiter. „Komm schon, ich bin nur neugierig. Bleibt der Zar auch im Schlafzimmer so diszipliniert, oder bricht da immer noch der russische Wintersturm aus der dich zwölf Mal schmelzen lässt?“
Nami spürte, wie das Peinlichberührte langsam einem amüsierten Schmunzeln wich. Sie wusste, dass sie Hilary ohnehin nicht stoppen konnte, wenn diese erst einmal im Inquisitionsmodus war. Sie nippte an ihrem Tee, sah ihre beiden Freundinnen herausfordernd an und senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern.
„Du hast ja gar keine Ahnung, Hilary“, raunte sie, und ein verwegenes Glitzern trat in ihre ozeanfarbenen Augen. „Die Intensität zwischen uns hat in den letzten fünfzehn Jahren kein Stück nachgelassen. Ganz im Gegenteil. Kai und ich haben... sagen wir, sehr kreative Wege gefunden, die Funken sprühen zu lassen. Er hat mich sogar einmal nachts durch den halben Rosengarten von Davies Hall in London gejagt. Und glaub mir, er hat mich nicht nur gefangen...es war der reine Wahnsinn.“
Lumina, die gerade einen Schluck von ihrem Kakao nehmen wollte, verschluckte sich so heftig, dass sie leise husten musste. Sie starrte Nami mit geweiteten Augen an, während sie sich mit einer Serviette den Mund abtupfte.
„Im Rosengarten meines Vaters?“, brachte Lumina schließlich fassungslos hervor.
Sie hielt inne, doch anstatt schockiert zu sein, brach sie plötzlich in ein lauthalses, ansteckendes Lachen aus, das durch das gesamte Café schallte. „Oh Gott, das ist fantastisch! Weißt du was? Tala und ich haben vor ein paar Jahren fast dasselbe getan, als wir mal eine Woche ganz allein in Davies Manor waren während meine Eltern auf Bali waren. Scheinbar liegt es in der Familie, die herrschaftlichen Gärten Englands ein wenig... zweckzuentfremden.“
Hilary schüttelte nur lachend den Kopf. „Ich wusste es. Ihr seid alle wahnsinnig. Aber hey, wenn das das Geheimnis für fünf Kinder und eine glückliche Ehe ist, sollte ich vielleicht auch mal über einen Garten in London nachdenken den ich mit Tyson durchpflüge.“
Nami lachte mit, doch im Hinterkopf blieb der Gedanke an den Test. Die Leichtigkeit des Vormittags war das perfekte Vorspiel für das, was sie heute Abend im Ayame-Anwesen erwartete.
Nami warf einen kurzen Blick auf ihre elegante Armbanduhr. Es war bereits 15:30 Uhr. Die Zeit in Shimokitazawa war wie im Flug vergangen, getragen von Lachen, alten Geschichten und dem süßen Gewicht ihres gemeinsamen Geheimnisses.
„Kai müsste gleich da sein“, sagte Nami und strich sich den Rock ihres Outfits glatt, während sie sich bereits halb von ihrem Stuhl erhob. „Er wollte mich hier am Café abholen. Wir wollten noch ein wenig durch die City schlendern und ein paar Besorgungen machen, bevor es zurück zum Anwesen geht.“
Hilary zog eine Augenbraue hoch und grinste breit. „Oh, natürlich. Der Zar höchstpersönlich fährt vor. Na, dann machen wir uns lieber schussbereit für das Spektakel.“
Nami konnte ein amüsiertes Schmunzeln nicht unterdrücken. Sie liebte diese Nachmittage mit Kai in der Stadt. Es war nicht nur die gemeinsame Zeit, die sie genoss, sondern auch ein kleiner, fast schon diebischer Teil in ihr, der sich an der Wirkung ergötzte, die ihr Mann auf seine Umwelt hatte.
Etwa fünf Minuten später...
Die Glocke über der Cafétür läutete hell, als die Glastür aufschwang. Kai trat herein, und augenblicklich schien sich die Geräuschkulisse im Raum um einige Dezibel zu senken. Er hatte den dunklen Herbstmantel offen gelassen, was den Blick auf sein schwarzes Hemd freigab.
Sein Blick scannte den Raum mit jener kühlen, präzisen Effizienz, die er sich über Jahre angeeignet hatte, bis er Nami am Fenstertisch entdeckte. Ein winziges, fast unsichtbares Entspannen seiner Kiefermuskulatur war das einzige Zeichen dafür, wie sehr er sich freute, sie zu sehen.
Nami beobachtete ihn, wie er mit raubtierhafter Eleganz auf sie zukam, und spürte dieses vertraute, stolze Ziehen in ihrer Brust. Sie beugte sich ein Stück zu Hilary hinüber und flüsterte, ohne den Blick von ihm abzuwenden:
„Ich habe ja so einen sexy Mann...“
Hilary prustete leise in ihren Milchschaum und verdrehte amüsiert die Augen. „Erzähl mir was Neues, Nami. Wenn Blicke schwängern könnten, wäre die halbe Belegschaft hier drin wahrscheinlich schon im Mutterschutz.“
Kai erreichte den Tisch, nickte Hilary und Lumina mit einem knappen, aber höflichen „Hallo“ zu und legte dann ganz selbstverständlich seine Hand auf Namis Schulter. Die Wärme seiner Finger drang sofort durch den dünnen Stoff ihrer Bluse.
„Bist du bereit?“, fragte er. „Ich habe in der Nebenstraße geparkt. Wir können zu Fuß durch die City, wenn du möchtest.“
Nami strahlte ihn an, während sie ihre Tasche griff. „Absolut bereit.“ Sie verabschiedete sich mit einem vielsagenden Blick von den anderen beiden, die ihnen mit einem breiten Grinsen hinterhersah und zog sich ihren Mantel an.
Draußen in den belebten Straßen von Shimokitazawa und später in der City genoss Nami es, sich bei ihm einzuhaken. Kai lief mit dieser unerschütterlichen Ruhe neben ihr, den Mantel leicht im Wind wehend, während er sie mit einer subtilen Dominanz durch die Menschenmengen leitete. Nami registrierte die Blicke der Frauen, die an ihm hängen blieben...manche verstohlen, manche fast schon schmerzhaft offensichtlich..., doch Kai schien es nicht einmal zu bemerken. Sein Fokus lag einzig und allein auf ihr.
„Worüber habt ihr geredet?“, fragte er beiläufig, während sie an einem kleinen Park vorbeikamen. „Lumina sah aus, als hätte sie sich gerade verschluckt, als ich reinkam.“
Nami schmunzelte und drückte seinen Arm ein wenig fester an sich. „Oh, wir haben nur über alte Zeiten geredet. Über London... und den Rosengarten von Davies Hall. Lumina war überrascht, wie gut du dich mit englischer Botanik auskennst.“
Kai hielt kurz inne, die Mundwinkel zuckten kaum merklich, während er den Blick stoisch nach vorne auf die belebte Straße richtete. „Also hast du es ihr erzählt...“, stellte er trocken fest. Seine Stimme war ruhig, fast klinisch, doch Nami kannte ihn gut genug, um die Amüsiertheit unter der kühlen Oberfläche zu hören.
Sie grinste breit und hakte sich noch fester bei ihm ein, während sie sich ein wenig an seine starke Schulter lehnte. „Ach komm schon, Kai. Als ob das nach all den Jahren noch ein Staatsgeheimnis wäre. Dass der Zar seine Königin durch die Gegend jagt... das gehört mittlerweile fast schon zur Familienchronik.“
Kai schnaubte leise und zuckte mit den Schultern, eine Geste tiefer Gelassenheit. Früher hätte ihn die Vorstellung, dass seine privaten Jagdspiele Thema beim Kaffeeklatsch waren, noch gestört doch mittlerweile war es ihm schlichtweg egal, was Nami über ihr gemeinsames Liebesleben ausplauderte. Er wusste, dass sie es mit Stolz tat, und in gewisser Weise genoss er die Tatsache, dass die Welt wusste, wie sehr er sie auch nach fünfzehn Jahren noch begehrte.
„Solange du nicht jede einzelne Stellung einzeln aufführst, kann ich damit leben“, erwiderte er mit einem gefährlich sanften Unterton, der Nami eine wohlige Gänsehaut bescherte.
Nami lachte hell auf und sah ihn von der Seite an, während sie an einem kleinen Antiquitätenladen vorbeischlenderten. „Das Beste kommt ja erst noch: Lumina hat mir gestanden, dass Tala sie ebenfalls durch diesen Garten gejagt hat. Scheinbar haben die beiden vor ein paar Jahren exakt dasselbe getan, als sie allein in Davies Manor waren.“
Kai hielt für einen Moment in seinem Schritt inne. Er zog eine Augenbraue hoch und sah Nami ungläubig an. Ein kurzes, trockenes Schnauben entrann erneut seiner Kehle. „Tala?“, wiederholte er kopfschüttelnd. „Er hat Stil, das muss ich ihm lassen.“
„Vielleicht liegt es einfach an der Aura des Gartens“, scherzte Nami und drückte seinen Arm. „Oder daran, dass Lord Erics Rosen einfach die perfekte Kulisse für... nun ja, russische Leidenschaft bieten.“
„Übrigens...roch der Kaffee in diesem Laden...ziemlich modrig."
Kai blieb abrupt stehen.
Inmitten der geschäftigen Fußgängerzone von Shimokitazawa wirkte er wie ein unbeweglicher Fels in der Brandung, während die Passanten schweigend an ihnen vorbeiströmten. Er löste seinen Arm aus ihrem Griff, nur um ihre Schultern zu fassen und sie direkt anzusehen.
Sein Blick war nicht mehr nur kühl und analytisch; da war eine plötzliche, messerscharfe Aufmerksamkeit in seinen roten Augen, die jede Regung in ihrem Gesicht scannte.
„Der Kaffee?“, fragte er leise. „Er riecht also bereits modrig?“
Nami nickte langsam, ein leichtes, fast schon ehrfürchtiges Lächeln auf den Lippen. „Ja. Hilary und Lumina haben nichts gemerkt, sie fanden ihn herrlich. Aber für mich... es war genau dieser spezifische Geruch, Kai. Wie damals bei Gou und den anderen.“
Ein kurzes, intensives Schweigen folgte. Kai starrte sie an, und für einen Moment konnte man förmlich sehen, wie er die Wahrscheinlichkeiten im Kopf durchrechnete. Die zwei Wochen seit dem Eisprung, die Intensität ihrer Begegnungen, die biologische Präzision ihrer beider Auren.
„Das wäre...früh“, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. „Selbst für deine Verhältnisse.“
„Ich weiß“, erwiderte Nami und legte ihre Hände auf seine Unterarme, die unter dem feinen Stoff seines Hemdes steinhart waren. „Eigentlich sollte ich bis morgen früh warten, wegen des Hormonspiegels im Morgenurin... aber ich kann nicht, Kai. Ich halte diese Ungewissheit keine weitere Stunde aus. Ich werde den Test machen, sobald wir zu Hause sind.“
Kai sah sie noch einen Moment lang schweigend an, bevor er tief einatmete. Die kühle Maske des Zaren kehrte zurück, doch seine Augen verrieten eine unterdrückte Aufregung, die er nur vor ihr nicht verbergen konnte. Er ergriff ihre Hand, verschränkte seine Finger fest mit ihren und schlug eine Richtung ein, die direkt zu der Nebenstraße führte, in der der Bentley parkte.
„Vergiss die Einkäufe“, sagte er kurz angebunden, sein Schritt nun deutlich schneller und zielstrebiger. „Wir fahren nach Hause. Jetzt.“
Nami musste fast ein wenig rennen, um mit seinen langen Schritten mithalten zu können. Sie spürte die Elektrizität, die von ihm ausging...diese ungeduldige Energie, die er immer dann entwickelte, wenn ein wichtiges Ziel in greifbare Nähe rückte.
„Du hast es wohl eiliger als ich“, scherzte sie atemlos, als sie den Wagen erreichten.
Kai öffnete ihr die Beifahrertür, wartete, bis sie saß, und beugte sich dann noch einmal tief zu ihr hinein. Sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. „Ich möchte nur wissen“, raunte er, „ob ich morgen offiziell anfangen kann, das Zimmer neben Sayuri umzugestalten.“ er grinste.
Er schloss die Tür mit einem satten Geräusch, umrundete den Wagen und startete den Motor.
Die Fahrt zum Anwesen fühlte sich an wie eine Ewigkeit, obwohl der Bentley unter Kais kontrollierter, aber zügiger Hand fast über den Asphalt zu fliegen schien. Als sie schließlich durch das schwere Eisentor rollten und das klassizistische Herrenhaus vor ihnen auftauchte, war von der üblichen Geschäftigkeit der Kinder noch nichts zu sehen. Alle waren sie noch bei Freunden und Gou bei Hiromi....eine seltene Stille, die Nami in diesem Moment nur recht war.
Ohne ein Wort zu wechseln, durchquerten sie die kühle Eingangshalle. Kai hängte seinen Mantel nicht einmal an die Garderobe, sondern legte ihn fast achtlos über die Lehne eines antiken Stuhls. Er folgte Nami die Treppe hinauf in den Westflügel, direkt in ihr privates Badezimmer am Ende ihres Schlafzimmers.
Nami holte das schmale Päckchen mit zitternden Fingern aus dem Schrank. „Kai“, begann sie leise und sah ihn durch den Spiegel an, „diesmal möchte ich nicht, dass du draußen wartest.“
Ein kurzes, überraschtes Blinken trat in seine roten Augen. Bei Gou war er es der nicht dabei sein wollte, bei den Zwillingen und auch bei Sayuri war es immer ein ritueller Ablauf gewesen: Nami verschwand im Bad, Kai tigerte wie ein eingesperrtes Raubtier im Schlafzimmer auf und ab, bis sie mit dem Ergebnis heraustrat.
„Du willst, dass ich bleibe?“, fragte er rauchig.
„Ja“, hauchte sie. „Dieses Mal gehört jede Sekunde uns beiden.“
Kai nickte nur, seine Miene stoisch, doch seine Kiefermuskeln arbeiteten. Er beobachtete schweigend, wie sie die Vorbereitungen traf. Als der digitale Test schließlich aktiviert war und die kleine Sanduhr auf dem Display zu blinken begann, legte Nami das weiße Plastikstäbchen vorsichtig auf den Rand des Marmorwaschbeckens.
Die Stille im Raum war beinahe ohrenbetäubend, nur das ferne Ticken einer Uhr im Flur war zu hören. Kai tat das, was er am besten konnte: Er bot ihr den Halt, den sie in dieser nervenaufreibenden Minute brauchte. Er setzte sich auf den geschlossenen Klodeckel und streckte seine Arme nach ihr aus.
Nami ließ sich willig führen. Er zog sie sanft auf seinen Schoß, sodass sie seitlich auf seinen kräftigen Oberschenkeln saß. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und vergrub ihr Gesicht an seiner Halsbeuge, während er seine Arme fest um ihre Taille schlang und sie an sich drückte. Sie konnte das hämmernde Schlagen seines Herzens gegen ihre Brust spüren...ein deutlicher Beweis dafür, dass der kühle Zar von Tokio alles andere als unberührt war.
„Zwei Wochen, Kai“, flüsterte sie gegen seine Haut. „Zwei Wochen seit dieser Nacht unter der Regendusche.“
„Die Biologie einer Königin und der Wille eines Zaren“, raunte er, und seine Stimme vibrierte tief in seinem Brustkorb. „Unterschätze niemals, wozu wir fähig sind, wenn wir uns einig sind, Nami.“
Er strich ihr beruhigend über den Rücken, während sein Blick jedoch unnachgiebig auf dem Waschbecken fixiert blieb. Die blinkende Anzeige auf dem Test schien die Zeit künstlich zu dehnen.
„Glaubst du, es ist ein Junge oder ein Mädchen?“, fragte sie leise, fast ein wenig furchtsam vor der Antwort des Schicksals.
Kai antwortete nicht sofort. Er drückte einen festen Kuss auf ihre Schläfe. „Das spielt keine Rolle. Es wird ein Hiwatari sein. Das ist alles, was zählt.“
Plötzlich hörte das Blinken auf dem Display auf. Ein kurzes, digitales Signal verkündete, dass das Ergebnis feststand. Nami spürte, wie Kais gesamter Körper unter ihr zu Stein erstarrte. Sie wagte es nicht, hinzusehen.
„Kai...“, hauchte sie und krallte ihre Finger in den Stoff seines schwarzen Hemdes. „Schau nach. Bitte.“
Kai rührte sich nicht, sein Griff um ihre Taille blieb fest, während sein Blick unnachgiebig auf das kleine Display am Rand des Waschbeckens fixiert war.
Er atmete einmal tief und kontrolliert ein, dann löste er eine Hand von ihrem Rücken und legte sie auf ihren noch flachen Bauch.
„Es steht dort, Nami“, sagte er leise, und zum ersten Mal seit Wochen klang seine Stimme nicht nur fest, sondern fast schon ehrfürchtig. „Schwanger. 1-2.“
Ein kurzes, ersticktes Schluchzen entrann Namis Kehle. Die Anspannung der letzten Stunden, die Zweifel und die überwältigende Hoffnung entluden sich in einem einzigen Moment. Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und Tränen des puren Glücks rannen unaufhaltsam über ihre Wangen.
„Oh...Kai...“, brachte sie zwischen zwei Schluchzern hervor. „Ich hatte solche Angst. Ich dachte wirklich, ich bilde mir den muffigen Kaffee im Café nur ein, weil ich es mir so sehr gewünscht habe. Ich dachte, ich steigere mich da hinein und am Ende sitze ich hier und der Test ist negativ... ich bin so unendlich glücklich.“
Kai wartete nicht. Er stand langsam auf, hob sie sanft von seinem Schoß und setzte sie auf den geschlossenen Klodeckel ab, nur um sich im nächsten Moment mit einer für ihn ungewohnten Demut direkt vor sie zu hocken.
Er legte seine großen, warmen Hände zärtlich an ihre Wangen und wischte mit seinen Daumen die Tränen von ihrer Haut. Sein Blick, der sonst so oft wie Eis wirken konnte, glühte nun in einem so weichen Rubinrot, dass Nami das Gefühl hatte, darin zu schmelzen.
„Danke“, flüsterte sie und suchte seinen Blick, während sie ihre Hände über seine legte. „Danke, mein Schatz... danke, dass du diesen Weg noch einmal mit mir gehst. Dass du mir dieses fünfte Wunder schenkst.“
Kai sah sie lange an, ein winziges, stolzes Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich schenke es nicht nur dir, Nami“, raunte er und drückte seine Stirn gegen die ihre. „Wir schenken es uns Beiden. Und nach dem, was wir gestern Nacht... und in all den Jahren davor... getan haben, gab es für die Biologie ohnehin keine andere Wahl. Du bist eine Hiwatari. Du bist meine Königin. Und unser Erbe ist noch nicht zu Ende geschrieben.“
Er löste eine Hand von ihrer Wange und legte sie erneut auf ihren Bauch, diesmal mit einem besitzergreifenden Druck. „Es ist hier... genau wie ich es in Okinawa berechnet habe. Du solltest langsam anfangen, mir mehr zu vertrauen, wenn ich sage, dass ich weiß, was ich tue.“
Nami musste trotz der Tränen leise lachen. „Du bist und bleibst unverbesserlich, Kai Hiwatari.“
Die Stille im Badezimmer des Ayame-Anwesens fühlte sich nun nicht mehr schwer an, sondern wie ein schützender Kokon, der nur für sie beide existierte. Kai verharrte noch einen Moment in seiner hockenden Position, seine Hände fest an ihren Wangen, während er ihr tief in die Augen sah, als wollte er diesen Moment für die Ewigkeit in seinem Gedächtnis einbrennen.
Dann erhob er sich mit der ihm eigenen, fließenden Eleganz. Er griff nach ihren Händen und zog Nami behutsam von ihrem Sitz auf dem Klodeckel hinauf in seine Arme. Ohne ein Wort zu sagen, schlang er seine starken Arme um sie und drückte sie fest gegen seine Brust. Nami vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter, spürte das vertraute schwarze Hemd unter ihren Fingerspitzen und den beruhigenden, rhythmischen Schlag seines Herzens.
Kai begann, mit einer fast schon meditativen Ruhe über ihren Rücken zu streicheln. Seine großen Hände bewegten sich sanft über den Stoff ihrer Bluse, hoch zu ihrem Nacken und wieder hinunter, während er sie einfach nur hielt.
„Kai?“, flüsterte Nami nach einer Weile in den Stoff seines Hemdes. Sie löste sich ein kleines Stück, um zu ihm aufzusehen, ihre Augen noch immer feucht vom Glück. „Denkst du... denkst du jetzt schon wieder über die Geburt nach? Über all das, was dir damals bei Sayuri und den anderen so viel Angst gemacht hat?“
Sie wusste, wie sehr ihn die Sorge um sie in der Vergangenheit gequält hatte...diese dunkle, archaische Angst des Zaren, die einzige Person zu verlieren, die seine Welt im Innersten zusammenhielt.
Kai hielt in seiner Streichelbewegung kurz inne. Ein Schatten von Ernsthaftigkeit glitt über seine Züge, doch er verschwand so schnell, wie er gekommen war. Er sah sie an, und das Rubinrot seiner Augen wirkte in diesem Moment unendlich tief und klar.
„Nein“, erwiderte er mit seiner tiefen, festen Stimme, während er eine Strähne ihres silbrigen Haares hinter ihr Ohr schob. „Ehrlich gesagt, denke ich gerade an gar nichts davon. Ich genieße in diesem Moment nur eines: wie unglaublich glücklich meine geliebte Frau ist.“
Er legte seine Hand wieder auf ihren Rücken und zog sie noch ein Stück enger an sich, als wollte er jeden Zweifel im Keim ersticken.
„Alles andere... die Ärzte, die Kliniken, die Monate, die vor uns liegen... das ist in diesem Augenblick vollkommen unwichtig und in weiter Ferne“, raunte er gegen ihre Schläfe. „Heute zählt nur das hier. Wir beide. Und das Wissen, dass du genau das bekommen hast, was du dir so sehr gewünscht hast.“
Nami schloss die Augen und atmete tief seinen Duft ein.
Kai löste seine Arme nur widerwillig von ihr, während sein Blick noch immer auf ihren ozeanfarbenen Augen ruhte, die nun vor einer ganz neuen, tiefen Ruhe strahlten.
„Brauchst du noch einen Moment für dich?“, fragte er leise, seine Stimme ein tiefes, angenehmes Raunen in der Stille des Badezimmers. „Oder sollen wir demnächst nach unten in den Salon gehen? Die Kinder sind sicher zurück und müssten bald beim Abendessen sitzen. Es wäre der passende Moment, ihnen die Neuigkeit zu erzählen.“
Nami antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie zu ihm auf und hob leicht das Kinn an...eine stumme, unmissverständliche Bitte, die Kai sofort verstand. Ein leichtes, fast schon ergebenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er neigte sein Gesicht zu ihr hinab und schloss die Distanz zwischen ihnen.
Der Kuss war zärtlich und lang, getragen von der Erleichterung der letzten Minuten und der tiefen Verbundenheit, die sie seit fünfzehn Jahren teilten. Es war kein Kuss voller drängender Leidenschaft wie in Okinawa, sondern einer, der ein Versprechen besiegelte – das Versprechen, dass sie diese Reise gemeinsam antraten.
Als sich ihre Lippen nach einigen Sekunden wieder voneinander lösten, strich Nami ihm sanft über das schwarze Hemd. „Ich ziehe mir nur kurz etwas anderes an“, sagte sie mit einem glücklichen Lächeln. „Etwas Bequemeres. Und dann können wir sehr gerne zu den Kindern nach unten gehen.“
Kai nickte und trat einen Schritt zurück, seine Hände glitten langsam von ihrer Taille. „In Ordnung. Ich gehe schon mal vor und sehe nach, ob Gou und die anderen bereits am Tisch sitzen.“
Doch als er sich bereits zur Tür wandte, hielt Nami ihn fest. Sie griff nach seiner Hand und sah ihn bittend an. „Wartest du auf mich? Bitte?“
Kai hielt inne. Er sah auf ihre verschränkten Finger und dann zurück in ihr Gesicht. Er verstand sofort, dass es nicht nur um die Kleidung ging. In diesem Moment der lebensverändernden Gewissheit wollte sie den ersten Schritt hinaus in die Welt....und sei es nur die Welt ihres eigenen Salons...nicht allein machen. Sie wollte, dass sie als Einheit vor ihre Kinder traten, Hand in Hand, genau so, wie sie diese Entscheidung getroffen hatten.
Sein Blick wurde weich, und er drückte ihre Hand kurz und fest. „Natürlich warte ich“, erwiderte er ruhig und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen des Badezimmers. „Nimm dir die Zeit, die du brauchst, mein Schatz. Ich gehe nirgendwohin.“
Nami strahlte ihn an, ein kurzes, befreites Aufatmen entwich ihr, bevor sie ins angrenzende Ankleidezimmer huschte. Das Wissen, dass er nur zwei Meter entfernt stand und auf sie aufpasste, gab ihr die nötige Ruhe, um sich auf den Moment vorzubereiten, in dem aus ihrem privaten Wunder eine neue Realität für die gesamte Familie Hiwatari werden würde.
Die Neuigkeit
Nami schlüpfte in das Ankleidezimmer, ihre Bewegungen waren leicht, fast schwebend. Sie entschied sich gegen die formelle Bluse und wählte stattdessen einen weichen, cremefarbenen Kaschmirpullover, der sich wie eine zweite Haut an sie schmiegte, und eine bequeme Hose. Als sie in den Spiegel sah, bemerkte sie, dass ihr Gesicht ein Strahlen besaß, das keine Schminke der Welt hätte imitieren können. Es war das Leuchten einer Frau, die ihr Schicksal in den Händen hielt.
Draußen im Türrahmen wartete Kai. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick nachdenklich auf den Boden gerichtet. Als er das Geräusch ihrer Schritte hörte, sah er auf. Ein kurzes, tiefes Einatmen war das einzige Zeichen seiner inneren Bewegung, als er sah, wie friedlich sie wirkte.
„Bereit?“, fragte er leise.
Nami trat auf ihn zu, nahm seine Hand und verschränkte ihre Finger fest mit seinen. „Bereit.“
Gemeinsam verließen sie den Westflügel. Das Anwesen, das vorhin noch in tiefer Stille gelegen hatte, war nun erwacht. Von unten drangen gedämpfte Stimmen herauf...das vertraute Poltern der Zwillinge, das helle Lachen von Sayuri und das tiefere, ruhigere Murmeln von Gou, der offensichtlich gerade von Hiromi zurückgekehrt war.
Als sie die prachtvolle Treppe hinunterstiegen, drückte Kai ihre Hand noch einmal kurz. Es war sein wortloses Versprechen:
Ich bin hier. Wir machen das zusammen.
Im Salon herrschte bereits das typische abendliche Treiben. Harriet, rückte mit geübten Griffen die massiven Silberleuchter zurecht, während Ramsay mit gewohnt stoischer Miene und kerzengerader Haltung die letzten Kristallgläser auffüllte.
In dem Moment, als Kai und Nami den Raum betraten, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Es war nicht so, dass sie laut waren, aber die Aura, die von den beiden ausging...diese Mischung aus feierlicher Ruhe und unterdrückter Elektrizität...sorgte dafür, dass selbst Ramsay mitten in der Bewegung innehielt und die Weinkaraffe einen Zentimeter über dem Glas absetzte.
Die Kinder saßen bereits an ihren Plätzen. Gou, der gerade erst von Hiromi zurückgekehrt war, hatte sein Handy bereits weggelegt und beobachtete seine Eltern mit jener scharfen Beobachtungsgabe, die er von Kai geerbt hatte. Ayumi und Ren kabbelten sich gerade um die Vorherrschaft über die Schale mit den Edamame, während Sayuri mit einer Ernsthaftigkeit auf ihrem Platz thronte, die viel zu erwachsen für ihr Alter wirkte.
Als Nami und Kai Hand in Hand an den Tisch traten, tauschten Harriet und Ramsay einen kurzen, blitzschnellen Blick aus. Sie kannten die Familie mitlererweile gut genug, um zu spüren, dass dies kein gewöhnliches Abendessen war.
„Ihr seht... anders aus als heute Morgen“, stellte Ren fest und ließ eine Edamame-Schote zurück in die Schale fallen. „Ging es beim Einkaufen um was Wichtiges? Hat Dad dir irgendwas Teures gekauft?“
Nami sah zu Kai auf, der die Aufmerksamkeit der Kinder mit seiner gewohnt stoischen Ruhe auffing. Er führte sie an das Kopfende des Tisches, ließ ihre Hand jedoch keine Sekunde los.
„Wir waren nicht lange einkaufen“, begann Kai, und seine Stimme war so tief und fest, dass selbst die Zwillinge augenblicklich still wurden. „Wir haben den Nachmittag genutzt, um etwas zu klären. Etwas, das uns alle betrifft und worüber wir bereits vor Okinawa gesprochen haben.“
Nami spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Sie sah in die neugierigen Gesichter ihrer Kinder...Gou, der bereits eine leise Vorahnung in den Augen trug; Ayumi und Ren, die gespannt die Luft anhielten; und Sayuri, die den Kopf schief legte.
„Wisst ihr noch, was ich euch vor der Reise gefragt habe?“, fragte Kai, während Harriet im Hintergrund diskret einen Schritt zurücktrat, um den Moment der Familie zu überlassen. „Ob ihr euch vorstellen könntet, noch ein Geschwisterchen zu bekommen?“
Ein kollektives Luftholen ging durch die Runde. Ramsay, der immer noch die Karaffe hielt, erstarrte förmlich in seiner aristokratischen Haltung.
Gou saß kerzengerade auf seinem Stuhl, die Ellbogen locker auf die Tischkante gestützt, und sah seinen Vater direkt an. In seinen Augen blitzte jene scharfe Intelligenz auf, die ihn oft älter wirken ließ, als er mit seinen fünfzehn Jahren war. Ein winziges, fast schon herausforderndes Lächeln umspielte seine Lippen...genau jenes Lächeln, das Kai oft trug, wenn er einen strategischen Zug bereits drei Züge im Voraus berechnet hatte.
„Du hast also dein Versprechen gehalten, Vater“, sagte Gou mit einer erstaunlichen Ruhe, die den restlichen Raum für eine Sekunde in ehrfürchtiges Schweigen hüllte. Er wandte den Blick zu Nami und sein Lächeln wurde weicher, fast beschützend. „Du bist schwanger, nicht wahr? Wir bekommen Nummer fünf.“
Ein kollektives Luftholen ging durch den Salon. Ayumi und Ren rissen gleichzeitig die Augen auf, während Sayuri mit einem Mal hellwach wirkte und neugierig von Nami zu Kai blickte.
Harriet, die im Hintergrund stand, konnte ihre professionelle Zurückhaltung nicht länger bewahren. Die quirlige alte Haushälterin strahlte über das ganze Gesicht, und Nami sah aus den Augenwinkeln, wie ihre Lachfalten augenblicklich tiefer wurden. Sie wirkte fast so, als wollte sie am liebsten loslaufen und Nami umarmen, hielt sich aber aus Respekt vor dem Moment noch dezent zurück, während sie Gou mit unverhohlenem Stolz zuhörte.
Kai sah seinen ältesten Sohn an. Er nickte kaum merklich, doch der Ausdruck in seinen roten Augen war voller Anerkennung. „Ja, Gou. Deine Mutter hat es vor einer Stunde bestätigt.“ Er legte seinen Arm nun fest um Namis Taille und zog sie ein Stück näher an sich, während er die gesamte Runde am Tisch mit seinem Blick fixierte. „Es wird ein weiteres Mitglied dieser Familie geben.“
„Ich wusste es!“, rief Ren plötzlich und sprang fast von seinem Stuhl auf. „Ich hab doch gesagt, Okinawa verändert alles! Ayumi, du schuldest mir 1000 Yen!“
„Träum weiter, Ren!“, entgegnete Ayumi, doch ihr Grinsen war genauso breit wie das ihres Zwillingsbruders. „Mama, ist es wirklich wahr? Noch ein Baby?“
Nami lachte leise, während ihr eine kleine Träne der Rührung über die Wange lief. Sie spürte Kais feste Hand an ihrer Seite und die unglaubliche Wärme, die von ihren Kindern und den treuen Seelen wie Harriet und Ramsay ausging.
„Ja.“, bestätigte sie mit brüchiger Stimme. „Wir bekommen im nächsten Jahr Zuwachs.“
Ramsay, der sich endlich aus seiner Schockstarre gelöst hatte, stellte die Karaffe mit chirurgischer Präzision ab. Er verneigte sich leicht in Richtung von Kai und Nami. „Im Namen der gesamten Belegschaft des Ayame-Anwesens... meine herzlichsten Glückwünsche, Mr. und Mrs. Hiwatari. Es ist uns eine Ehre, Zeugen dieses... fünften Wunders zu sein.“
Graham, der gerade mit einer weiteren Platte aus der Küche getreten war, blieb im Türrahmen stehen. Er nahm die Neuigkeit mit einem tiefen, zufriedenen Nicken auf und wechselte einen kurzen, vielsagenden Blick mit Harriet.
Die Stille, die Ramsays feierlichen Worten folgte, hielt nur einen Wimpernschlag lang an, bevor die Eigendynamik der Hiwatari-Kinder das Regiment übernahm.
Ren lehnte sich mit einem triumphierenden Grinsen in seinem Stuhl zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Ich sag’s ja nur ungern...okay, eigentlich sag ich es verdammt gern...aber die Oropax werden ab jetzt wohl öfter im Schrank liegen bleiben müssen, was? Jetzt, wo Mum schwanger ist, kehrt hier hoffentlich mal ein bisschen nächtliche Disziplin ein.“
Gou warf seinem Bruder einen trockenen, fast mitleidigen Blick zu und schnaubte belustigt. Er schüttelte langsam den Kopf, während er sich ein Stück Brot nahm. „Du glaubst doch nicht im Ernst, Ren, dass unsere Eltern ab jetzt die Finger voneinander lassen, nur weil ein Baby unterwegs ist?“, fragte er mit einer Abgeklärtheit, die Kai ein fast unmerkliches Zucken im Mundwinkel entlockte. „Vielleicht wird die Intensität etwas abnehmen... und das rhythmische Poltern gegen die Wandtäfelung im Westflügel bleibt uns erspart. Aber dass man gar nichts mehr hören wird? Das wage ich stark zu bezweifeln.“
Ren lief augenblicklich rot an. Er starrte Gou entgeistert an, während Ayumi neben ihm losprustete und ihm einen heftigen Klaps auf die Schulter gab. Sie bog sich vor Lachen, bis ihr die ersten Tränen in die Augen schossen.
„Gou!“, zischte Ren, dessen Gesicht nun fast die Farbe von Kais Augen angenommen hatte. „Seit du eine Freundin hast, ergreifst du verdammt oft Partei, wenn es um dieses Thema geht. Liegt das vielleicht daran, dass Hiromi letztes Wochenende auch nicht gerade leise war, als sie hier übernachtet hat?“
Gous Kiefer zuckte kurz. Die spielerische Überlegenheit in seinem Gesicht wich einer maskenhaften Beherrschtheit. Er schloss für einen Moment die Augen, verschränkte die Arme vor der Brust und atmete tief durch. „Wenn du irgendwann selbst mal eine Freundin hast, Ren“, sagte er mit gefährlich leiser Stimme, „dann würdest du definitiv länger überlegen, was für einen Unsinn du von dir gibst, bevor du den Mund aufmachst.“
Ayumi japste nach Luft und hielt sich den Bauch. „Oh Gott, hört auf! Ich kann nicht mehr!“, rief sie zwischen zwei Lachanfällen.
Inmitten des Chaos saß Sayuri und beobachtete den Schlagabtausch ihrer älteren Brüder mit gerunzelter Stirn. Sie versuchte angestrengt, dem Gespräch zu folgen, doch die Logik der Großen schien ihr lückenhaft. Schließlich unterbrach sie das Gelächter mit einer Frage, die so unvermittelt kam, dass die gesamte Runde schlagartig verstummte.
„Aber... wie kam das Baby überhaupt in Mamas Bauch?“
Stille...
Ren starrte an die Decke und rieb sich die Schläfen. „Fragt sie das jetzt wirklich? Bleibt das jetzt ernsthaft das Thema des Abends?“, murmelte er verzweifelt.
Nami konnte nicht anders...das Bild ihrer Kinder, die zwischen hormoneller Aufregung, brüderlicher Rivalität und kindlicher Unschuld schwankten, war zu viel für ihre Fassung. Sie lachte hell auf und sah zu ihrer jüngsten Tochter hinunter.
„Sayuri, Schatz... erinnerst du dich noch daran, dass Claire dir vor ein paar Jahren dieses Buch mit den bunten Bildern gezeigt hat? Über die Natur und wie Dinge wachsen?“
Sayuri legte den Kopf schief. Ihre magentafarbenen Augen fixierten einen Punkt an der Wand, während sie krampfhaft überlegte. Dann hellte sich ihre Miene auf. Ein wissendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ach ja!“, rief sie aus, als hätte sie gerade ein schwieriges Rätsel gelöst. „Papa hatte Mama ganz doll lieb und hat mit Mama im Bett Liebe gemacht. Und dann kam ein Stern in der Nacht und schien ganz hell auf Mama... und puff! Dann war sie schwanger.“
Nami schüttelte lachend den Kopf, während Kai neben ihr ein theatralisches Augenrollen nur mit Mühe unterdrücken konnte. Er starrte konzentriert auf sein Weinglas, als würde er darin die Antwort auf die Frage suchen, wie er aus dieser Nummer wieder herauskam.
Nami legte ihre Hand auf Sayuris kleine Hand und lächelte sie zärtlich an. „Ja, Liebes... so ähnlich war es wohl.“
Ayumi kicherte immer noch ehe Nami sich kurz räusperte.
„Und was meint ihr?“, fragte Nami sanft in die Runde und sah ihre Kinder nacheinander an. „Was wäre denn das beste Zimmer in euren Augen? Wo würde sich ein neues Baby im Anwesen am wohlsten fühlen?“
Ayumi legte den Kopf schief und begann sogleich, mit den Fingern in der Luft zu jonglieren, als würde sie den Grundriss des Anwesens vor ihrem geistigen Auge abwandern. „Also, wir hätten da noch drei Gästezimmer im Ostflügel frei“, zählte sie auf, während ihr Blick lebhaft zwischen ihren Eltern hin und her wanderte. „Und dann ist da noch das ehemalige Spielzimmer. Das ist riesig und hat fast den ganzen Tag Sonne. Und Gous altes Babyzimmer...und das Zimmer mit den großen Fenstern.“
Ren nickte zustimmend, wobei sein anfänglicher Schock über Sayuris ‚Sternentheorie‘ allmählich der praktischen Neugier wich. „Das Spielzimmer wäre logisch, oder? Da ist der Boden schon weich und man muss nicht so weit laufen, wenn das kleine Monster...ich meine, das Baby...nachts schreit.“
Nami beobachtete das eifrige Planen ihrer Kinder mit einem warmen Lächeln. Sie spürte, wie Kai neben ihr die Schultern ein wenig lockerte, auch wenn er immer noch diese unnahbare, beobachtende Haltung einnahm. Sie wollte sie einbeziehen, wollte, dass dieses neue Familienmitglied von Anfang an ein Projekt von ihnen allen war.
Gou, der bisher eher ruhig geblieben war, verschränkte die Arme und sah nachdenklich zum Fenster, das hinaus in den dämmrigen Garten führte. „Nicht das Spielzimmer“, sagte er schließlich mit einer Bestimmtheit, die sofort die Aufmerksamkeit der Zwillinge auf sich zog. „Das Spielzimmer liegt zu nah an der Treppe und zum Flur, wo ständig jemand vorbeiläuft. Wenn es schlafen soll, braucht es Ruhe.“
„Guter Punkt“, gab Ren zu und kratzte sich am Hinterkopf. „Aber die Gästezimmer im Ostflügel sind so... weit weg. Als wäre das Baby auf Geschäftsbesuch.“
„Ich finde, es sollte das Zimmer mit den großen Fenstern zum Rosengarten bekommen!“, warf Sayuri begeistert ein und fuchtelte mit ihrer Gabel in der Luft herum. „Dann kann das Baby die Vögel sehen und die Blumen riechen, wenn Mama das Fenster aufmacht.“
Ayumi schnaubte leise. „Sayuri, das Baby wird am Anfang sowieso nur schlafen und essen. Dem sind die Rosen egal.“ Sie sah wieder zu Nami. „Aber eigentlich hat Sayuri recht...das alte Babyzimmer von Gou im Westflügel, das kleine blaue, wäre am nächsten bei euch, Mum. Dann müsste Dad nicht so weit rennen, wenn er nachts Windeln wechseln muss.“
Bei der Vorstellung, wie der sonst so unantastbare Kai Hiwatari mitten in der Nacht mit einer Windel hantierte, konnten sich Ren und Ayumi ein gleichzeitiges Kichern nicht verkneifen.
Kai hob leicht eine Augenbraue und sah seine Tochter trocken an. „Ich bin mir sicher, wir werden eine Lösung finden, die meinen sportlichen Ambitionen im Treppensteigen gerecht wird, Ayumi.“
Nami lachte leise und drückte Kais Hand unter dem Tisch. „Das blaue Babyzimmer ist eine schöne Idee. Aber was ist mit euch? Stört es euch nicht, wenn der Westflügel bald nicht mehr nur uns ‚Großen‘ gehört?“
„Ganz im Gegenteil“, entgegnete Gou, der sich nun wieder entspannt in seinem Stuhl zurücklehnte. Sein Blick wanderte kurz zu den leeren Plätzen am Tisch, als würde er bereits die neue Dynamik berechnen. „Der Westflügel ist sowieso der ruhigste Teil des Hauses. Wenn das Kind dort sein Zimmer hat, bekommt es am wenigsten von Rens... akustischen Ausbrüchen mit, wenn er mal wieder gegen Ayumi im Videospiel verliert.“
„Hey!“, protestierte Ren sofort, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. „Ich schreie nicht, ich kommuniziere lediglich meine Frustration über Ayumis unfaire Taktiken.“ Er wurde jedoch schnell wieder ernst und sah zu Nami. „Aber mal ehrlich, Mum, das Eckzimmer...also das alte Babyzimmer wäre perfekt. Es ist direkt neben eurem. Wenn du dort bist, bist du sofort da. Und es hat diesen kleinen Erker auf dem man sitzen kann.“
Ayumi nickte eifrig. „Genau! Und wir könnten es zusammen streichen. Also... nicht in diesem furchtbaren Baby-Blau oder Schweinchen-Rosa. Vielleicht in einem sanften Lindgrün oder einem warmen Gelb? Etwas, das nicht so... klischeehaft ist.“
Nami beobachtete ihre Kinder mit einer Mischung aus Stolz und Rührung. Sie sah, wie sie bereits begannen, das Baby in ihren Alltag und ihre räumliche Planung zu integrieren. „Gelb klingt wunderbar, Ayumi. Ein helles, sonniges Zimmer.“
„Aber was ist mit dem Spielzimmer?“, warf Sayuri ein, die ihre Stirn in tiefe Falten gelegt hatte. „Wenn das Baby da nicht schlafen darf, wo spielt es dann mit meinen Puppen? Es braucht doch einen Platz für die Spielsachen, oder?“
„Das Spielzimmer bleibt natürlich das Spielzimmer, Sayuri“, beruhigte Kai sie mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er lockerte seinen Griff um Namis Hand nicht, während er seine Jüngste ansah. „Es wird nur kein Schlafzimmer. Das Baby wird dort tagsüber mit dir spielen können, wenn es alt genug ist. Aber zum Schlafen braucht es einen Ort, der nur ihm gehört.“
Ren lehnte sich vor und stützte die Kinnlade auf seine Handflächen. „Wisst ihr, was das Beste am Eckzimmer ist?“, fragte er mit einem verschmitzten Funkeln in den Augen. „Es ist das einzige Zimmer im Westflügel, das diese massiven, schweren Eichentüren hat. Die schlucken jeden Schall. Das heißt, wenn das Baby schreit, hören wir es kaum... und wenn wir im Ostflügel mal wieder eine Party feiern, wenn ihr nicht da seid, hört das Baby uns nicht.“
Kai hob langsam eine Augenbraue. „Eine Party im Ostflügel, wenn wir nicht da sind?“
Ren schluckte schwer und wich dem Blick seines Vaters geschickt aus, indem er sich plötzlich sehr intensiv für seine restlichen Edamame interessierte. „Rein hypothetisch natürlich, Dad. Eine rein strategische Überlegung zur Schallisolierung.“
Gou schmunzelte trocken. „Nette Rettung, Bruder. Aber zurück zum Thema: Wenn wir das Eckzimmer nehmen, müssten wir die alten Schränke dort ausräumen."
„Wir werden alles ausräumen“, sagte Nami fest und lächelte Kai ermutigend zu. „Wir machen Platz für etwas völlig Neues.“
Gou lehnte sich noch ein Stück weiter zurück, ein fast unmerkliches, aber hämisches Funkeln in den Augen. „Wo wir gerade bei strategischen Überlegungen sind... ich wollte noch kurz auf das Thema 'Freundin für Ren' zurückkommen. Mir fällt da nämlich eine interessante Geschichte ein.“
Ren erstarrte mitten in der Bewegung, die Stäbchen noch halb in der Luft. Er sah Gou misstrauisch von der Seite an. „Was für eine Geschichte? Du hast doch schon genug Gift verspritzt für heute Abend.“
„Oh, ganz im Gegenteil“, fuhr Gou ungerührt fort, während er seinen Blick kurz zu Nami und Kai wandern ließ, um sicherzugehen, dass er ihre volle Aufmerksamkeit hatte. „Ich frage mich nur, ob es sein kann, dass du an deiner Schule... sagen wir mal... eine gewisse Beliebtheit genießt? Letzte Woche wurden Hiromi und ich in der Stadt von ein paar Mädchen aus deiner Jahrgangsstufe angesprochen. Sie wollten unbedingt wissen, ob mein Bruder Ren eigentlich schon vergeben ist.“
Rens Augenwinkel zuckten verräterisch. Er öffnete den Mund, um zu kontern, doch Gou war schneller.
„Denn anscheinend“, setzte der Älteste noch eins drauf, „geht an deiner Schule das hartnäckige Gerücht um, dass du längst in festen Händen bist. Eine mysteriöse Schönheit, wenn man den Erzählungen glaubt.“
In diesem Moment hielt es Ayumi nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie prustete so heftig los, dass sie sich fast an ihrem Wasser verschluckte, und schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte. „Oh Gott, Gou! Du hast es herausgefunden?“, rief sie unter Tränenlachen.
Ren wurde nun nicht mehr nur rot, er nahm einen tiefen Kupferton an. „Ayumi, wag es nicht...“, zischte er, doch seine Zwillingsschwester war nicht mehr zu bremsen.
„Er ist völlig überfordert!“, platzte es aus Ayumi heraus, während sie zu ihren Eltern sah. „Die Mädchen rennen ihm die Bude ein, sie lauern ihm nach dem Sportunterricht auf und schicken ihm ständig Zettel. Und weil unser lieber Bruder mit so viel weiblicher Aufmerksamkeit absolut nicht umgehen kann, hat er die genialste Verteidigungsstrategie aller Zeiten entwickelt.“
Sie machte eine dramatische Pause und deutete mit dem Finger auf den völlig konsternierten Ren. „Er hat höchstpersönlich das Gerücht in die Welt gesetzt, dass er längst eine feste Freundin hat! Eine, die natürlich auf eine ganz andere Schule geht...weit weg, damit sie niemand jemals zu Gesicht bekommt. Eine reine Schutzbehauptung, damit er in Ruhe seine Videospiele zocken und sein Mittagessen in der Mensa essen kann!“
Nami biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen, während sie beobachtete, wie Ren versuchte, in seinem Stuhl zu versinken. Kai hingegen blickte seinen jüngsten nun direkt an.
„Eine fiktive Freundin als Verteidigungswall?“, warf Kai trocken ein, wobei ein seltener Funke von amüsiertem Stolz in seiner Stimme mitschwang. „Taktisch gesehen nicht der schlechteste Schachzug, Ren. Aber auf Dauer schwer aufrechtzuerhalten.“
„Danke, Dad“, knurrte Ren und starrte wütend auf seinen Teller. „Wenigstens einer hier, der den Ernst der Lage erkennt. Die sind wie Piranhas, ich sag's euch!“
Gou grinste breit. „Tja, Bruderherz. Aber jetzt, wo ein Baby kommt, hast du ja eine neue Ausrede. Du musst dich schließlich als großer Bruder um den Nachwuchs kümmern. Das spart dir mindestens zwei Jahre an fiktiven Beziehungen.“
Nami schmunzelte und stützte ihr Kinn auf die Handfläche, während sie ihren Sohn amüsiert beobachtete. „Und was ist mit Mariko?“, warf sie mit unschuldiger Miene ein. „Immerhin ist sie Hiromis Schwester. Wäre das nicht eine... etwas realere Option als deine Geisterfreundin? Denn ich kann mich erinnern, dass sie dich durchaus mag.“
Ren stöhnte auf und rollte mit den Augen, wobei die Röte in seinem Gesicht noch ein wenig tiefer wurde. „Mariko ist ja ganz süß und hübsch, Mum... wirklich“, gab er zu, doch seine Stimme klang eher resigniert als begeistert. „Aber sie ist viel zu schüchtern. Ernsthaft, die wenigen Male, die wir uns gesehen haben, stand sie einfach nur da, hochrot wie eine Tomate, und hat kein einziges Wort herausbekommen. Manchmal starrt sie einfach nur ihre Schuhspitzen an, als würde sie hoffen, dass der Boden sich öffnet. Es wirkt jedes Mal so, als hätte sie panische Angst, ich würde sie auf der Stelle auffressen.“
„Vielleicht liegt das an deiner charmanten Art, die Subtilität eines Vorschlaghammers zu besitzen“, bemerkte Gou trocken, was ihm einen giftigen Blick seines Bruders einbrachte.
In diesem Moment räusperte sich Graham im Türrahmen. Er hielt das silberne Tablett wie einen Schutzschild vor sich, und sein sonore Stimme vibrierte leise im Raum. „Wenn ich mir die Freiheit erlauben darf, junger Herr Ren“, begann er mit einer Miene, die so unbewegt war, dass man sie für Granit hätte halten können, „Angst ist oft nur eine missverstandene Form von... extremer Bewunderung. In meinem Alter nennt man das ‚Effektmanagement‘. Sie scheinen eine natürliche Begabung dafür zu besitzen, junge Damen in einen Zustand katatonischer Sprachlosigkeit zu versetzen. Ein Talent, das Ihr Vater in jungen Jahren zur Perfektion getrieben hat.“
Ein kurzes Schweigen folgte, in dem Kai Graham einen Blick zuwarf, der irgendwo zwischen „Vorsicht“ und „Treffer“ schwankte.
Harriet, die es nun nicht mehr schaffte, einfach nur stillzustehen, trat mit einem quirligen Trippelschritt vor. Ihre Augen blitzten vor Vergnügen, und sie nestelte aufgeregt an ihrer Schürze. „Ach, Graham, sei doch nicht so ein Spielverderber!“, rief sie mit ihrer hellen, fröhlichen Stimme. „Das ist doch herrlich! Eine kleine Romanze direkt vor unserer Nase. Und Mariko ist ein Goldstück, Ren! Dass sie rot wird, ist doch ein Kompliment. Das bedeutet, dass ihr Herz schneller schlägt, wenn du den Raum betrittst. Wie in einem dieser französischen Liebesfilme.“
Sie wandte sich mit einem breiten Strahlen an Nami. „Stellen Sie sich das nur vor, gnädige Frau! Wenn das Baby erst einmal da ist und Mariko öfter zu Besuch kommt, um Hiromi zu begleiten... das Haus wird vor lauter jungem Glück nur so sprühen! Da hat die Einsamkeit im Westflügel endgültig keine Chance mehr.“
Ramsay, der bisher nur schweigend die Gläser nachgefüllt hatte, neigte den Kopf um genau drei Grad. „Ich würde vorschlagen“, warf er mit seiner aristokratischen Ruhe ein, „dass wir für zukünftige Besuche von Fräulein Mariko vorsorglich Riechsalz im Salon deponieren. Nur für den Fall, dass die Bewunderung für den jungen Herrn Ren zu... atemberaubend wird.“
„Ihr seid alle furchtbar“, murmelte Ren, vergrub das Gesicht in seinen Händen und ignorierte das schallende Gelächter, das nun endgültig den gesamten Speisesaal des Ayame-Anwesens erfüllte.
Ren hob den Kopf aus seinen Händen und sah seinen Vater mit einem Ausdruck purer Verzweiflung an, in der Hoffnung, wenigstens dort einen Funken männlicher Solidarität zu finden. „Dad, jetzt mal im Ernst“, setzte er an und ignorierte das Kichern von Ayumi, „wie hast du das früher eigentlich gemeistert? Ich meine, bei dir müssen sie doch reihenweise umgekippt sein. Gab es da auch eine geheime Strategie oder eine unsichtbare Mauer?“
Kai öffnete gerade den Mund, um zu einer seiner gewohnt knappen, autoritären Antworten anzusetzen, doch Nami kam ihm mit einem vielsagenden Glitzern in den Augen zuvor.
„Er hat es wohl ziemlich genau so gemacht wie Gou am Anfang“, warf sie ein, während sie ihren Blick zärtlich, aber mit einer Spur von neckischem Triumph auf Kai ruhen ließ. „Er hat es einfach ignoriert und mit einer stoischen Ruhe ertragen, die mancherorts als kühles Desinteresse missverstanden wurde.“
Nami lachte leise bei der Erinnerung. „Egal wie viele bewundernde Blicke oder Briefe es gab...dein Vater war wie eine Festung. Er hat die Welt um sich herum einfach ausgeblendet, bis er sich sicher war, wer wirklich hinter die Mauern schauen durfte.“
Gou zog eine Braue hoch und sah von seinem Vater zu Nami. „Klingt nach einer Familienkrankheit“, murmelte er trocken.
Kai sah seine Frau an, und für einen winzigen Moment schmolz die kühle Maske des Vorstandsvorsitzenden der Tachiwari-Corporation.
Doch sein Blick, der eben noch fast amüsiert gewirkt hatte, wurde plötzlich tief und von einer Intensität, die keinen Raum für Zweifel ließ. Er wandte sich ganz zu Nami, ignorierte die neugierigen Gesichter seiner Kinder und die diskret lauschenden Hausangestellten vollkommen.
„Du sagtest gerade, es wurde als kühles Desinteresse missverstanden“, begann er, und seine Stimme war nun so tief und fest, dass sie wie ein dunkler Akkord durch den Salon vibrierte. Er legte seine Hand flach auf den Tisch, direkt neben ihre. „Ich möchte das klarstellen. Es war kein Missverständnis.“
Nami sah ihn überrascht an, das Lächeln noch auf den Lippen, während Gou und die Zwillinge sich unbewusst ein Stück vorlehnten.
„Ich hatte tatsächlich an niemandem Interesse“, fuhr Kai fort, und seine roten Augen fixierten sie mit einer entwaffnenden Ehrlichkeit. „Bis du kamst. Das ist keine romantische Übertreibung und keine Lüge, sondern eine schlichte Tatsache. Alle anderen... alles, was davor war... war für mich nichts weiter als Hintergrundrauschen.“
Ein kollektives, unterdrücktes „Oooooh“ ging durch die Reihe der Kinder. Ayumi hielt sich verzückt die Wangen, während Ren sichtlich beeindruckt die Brauen hochzog. Selbst Ramsay blinzelte einmal kurz, was bei ihm einer emotionalen Eruption gleichkam.
Nami spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss...nicht vor Scham, sondern vor der schieren Wucht seiner Worte. Nach all den Jahren schaffte er es immer noch, sie mit einem einzigen Satz völlig aus der Fassung zu bringen. Die Kühle, die er der Welt zeigte, war für sie stets eine warme, unerschütterliche Konstante gewesen.
„Kai...“, hauchte sie leise, ihre Augen glänzten im Kerzenschein der Silberleuchter.
Gou räusperte sich trocken, doch sein Blick war voller Respekt, als er seinen Vater ansah. „Tja, Ren“, sagte er schließlich, um die beinahe schon elektrische Spannung am Tisch ein wenig zu lockern. „Da hast du es. Das Geheimnis der Hiwatari-Männer ist anscheinend nicht die Strategie, sondern die totale Ignoranz gegenüber allem, was nicht absolut perfekt ist.“
„Danke für den Druck, Gou“, murmelte Ren, doch er grinste dabei. Er sah zu seinen Eltern, die sich immer noch ansahen, als wären sie allein im Raum. „Ich schätze, ich sollte meine Geisterfreundin dann wohl bald mal offiziell feuern.“
Harriet im Hintergrund tupfte sich verstohlen ein Tränchen aus dem Augenwinkel. „Das war das Schönste, was ich seit langem gehört habe“, flüsterte sie Graham zu, der lediglich zufrieden nickte und die nächste Platte bereithielt.
Nami spürte, wie ihr Herz bei Kais Worten einen Schlag aussetzte. Diese absolute, unerschütterliche Direktheit war es, die ihn so besonders machte...keine Schnörkel, nur die nackte Wahrheit seiner Gefühle. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie fest, während ein leises, glückliches Seufzen über ihre Lippen kam.
„Dann bin ich wohl froh, dass ich laut genug war, um das Rauschen zu durchbrechen“, erwiderte sie leise, und ihr Blick verschmolz für einen Moment mit seinem, als gäbe es die Kinder, die Angestellten und den prunkvollen Salon um sie herum gar nicht.
„Okay, okay!“, unterbrach Ayumi die romantische Stille, wobei ihre Augen vor Begeisterung funkelten. „Bevor wir hier alle in Kitsch versinken...Ramsay, die Gläser bitte!“
Der Butler reagierte sofort. Mit einer fast tänzerischen Präzision füllte er die Kristallgläser der Erwachsenen und die der Kinder mit funkelndem Traubensaft. Selbst Sayuri bekam ein kleines, feines Glas, das sie mit beiden Händen und höchster Konzentration umklammerte.
Gou erhob sich als Erster. Er rückte seinen Stuhl ein Stück zurück und stand mit der aufrechten Haltung da, die er so perfekt von seinem Vater übernommen hatte. Er hob sein Glas und sah nacheinander seine Eltern und seine Geschwister an.
„Auf das baldige neue Mitglied der Hiwatari-Linie“, begann er mit fester Stimme. „Möge es genauso dickköpfig werden wie Vater, so herzensgut wie Mutter... und hoffentlich mit besseren Nerven ausgestattet sein als Ren, wenn es um Mädchen geht.“
„Hey!“, rief Ren lachend dazwischen, stand aber ebenfalls auf und hob sein Glas. „Und darauf, dass es im Westflügel ordentlich Krach macht, damit Gou beim Lernen nicht einschläft!“
„Auf das Baby!“, rief Sayuri mit heller Stimme und stieß so enthusiastisch mit Ayumi an, dass es hell durch den Raum klang.
Kai erhob sich nun ebenfalls, zog Nami sanft mit nach oben und hielt sein Glas hoch. Sein Blick wanderte über die Runde...über seine Kinder, die trotz all ihrer Kabbeleien eine untrennbare Einheit bildeten, und über die treuen Seelen im Hintergrund.
„Auf die Familie“, sagte er schlicht, aber mit einem Unterton von tiefem Stolz. „Und auf das nächste Kapitel im Anwesen.“
Das feine Klingen der Gläser erfüllte den Salon, untermalt vom fernen, zufriedenen Nicken Grahams und dem strahlenden Lächeln Harriets. Es war einer jener seltenen Momente vollkommener Harmonie, in denen die Vergangenheit zur Ruhe gekommen war und die Zukunft so hell leuchtete wie der Stern in Sayuris Geschichte.
Innere Dämonen
Ein kühler Montagmorgen im November hüllte Tokio in ein silbriges Licht, als der grüne Bentley vor dem gläsernen Giganten der Tachiwari-Corporation zum Stehen kam. Die Stadt pulsierte bereits in ihrem gewohnt rasanten Rhythmus, doch innerhalb des Wagens herrschte noch für einen Moment die vertraute Stille des Wochenendes.
Kai stieg aus und umrundete den Wagen mit seinen gewohnt präzisen, herrischen Schritten. Als er Nami die Tür aufhielt, reichte er ihr nicht nur höflich die Hand, sondern schloss seine Finger fest und besitzergreifend um die ihren, sobald sie festen Boden unter den Füßen hatte. Mit verschränkten Fingern traten sie gemeinsam durch die massiven Glastüren in die weitläufige, hochmoderne Lobby.
Das leise Echo ihrer Schritte auf dem polierten Marmor schien die geschäftige Atmosphäre augenblicklich zu ordnen. Mitarbeiter in perfekt sitzenden Anzügen hielten inne, verneigten sich tief und grüßten ehrfürchtig. Es war das gewohnte Bild: der unnahbare CEO und seine strahlend schöne Frau, die wie eine unerschütterliche Einheit durch das Herz ihres Imperiums schritten. Doch heute lag etwas Subtiles in Kais Haltung...ein fast unsichtbarer Schutzinstinkt, der ihn Nami noch ein Stück näher halten ließ als sonst.
Als sie vor den Aufzügen zum Stehen kamen, lockerte Kai seinen Griff nicht. Er sah geradeaus auf die digitalen Anzeigen, während er leise fragte: „Was steht heute auf dem Plan? Welche Termine verlangen unsere volle Aufmerksamkeit?“
Nami unterdrückte ein kleines Gähnen und ging im Geist ihren Kalender durch. „Um elf haben wir das Meeting mit dem neuen Zulieferer für die Metalllegierungen“, zählte sie auf. „Um dreizehn Uhr folgt das Videotelefonat mit der Niederlassung in Hokkaido wegen der neuen Testarena, und um 14:15 Uhr müssen wir in die Entwicklungsabteilung im Untergeschoss. Die neuen Prototypen der Beyblade-Elemente sind fertig zur Begutachtung.“
Ein leises Seufzen entwich ihr am Ende der Aufzählung. Kai reagierte sofort. Er drehte sich zu ihr, sein Blick wanderte prüfend über ihr Gesicht, suchte nach Anzeichen von blasser Haut oder Erschöpfung.
„Fühlst du dich gut?“, fragte er mit einer Sanftheit in der Stimme, die er ausschließlich für sie reservierte. Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern beugte sich vor und drückte einen behutsamen Kuss auf ihre Stirn, genau in dem Moment, als das leise Pling des Aufzugs die Ankunft der Kabine verkündete.
Nami lehnte sich für einen Wimpernschlag gegen seine Schulter, während die Türen lautlos zur Seite glitten. „Nur ein wenig müde“, gestand sie leise, als sie in die verspiegelte Kabine traten. „Es ist zwar noch alles sehr frisch... aber ich merke langsam, wie mein Körper umschaltet. Die Symptome fangen an, sich bemerkbar zu machen.“
Kai legte den Arm um ihre Taille und drückte den Knopf für die oberste Etage. „Wenn es zu viel wird, streichen wir den Termin am Nachmittag“, sagte er bestimmt. „Die Entwicklungsabteilung kann warten. Mein Erbe in deinem Bauch hingegen nicht.“
Nami lächelte schwach und sah ihr gemeinsames Spiegelbild in der glänzenden Wand des Aufzugs. „Das sagst du jetzt, Kai. Aber sobald wir unten bei den Technikern sind, bist du der Erste, der jedes Detail der neuen Bit-Beast-Halterungen unter die Lupe nimmt.“
Als die Aufzugstüren im obersten Stockwerk des Tachiwari Towers lautlos aufgleitete, löste Kai seinen Griff nicht. Er hielt Namis Hand weiterhin fest umschlossen, seine Finger sicher mit ihren verschränkt, während sie gemeinsam den hellen, lichtdurchfluteten Korridor entlangschritten. Das Glas der Fensterfronten spiegelte das morgendliche Panorama Tokios wider, doch Kais Fokus lag spürbar auf der Frau an seiner Seite.
Sie passierten die gläsernen Flügeltüren zum Vorbüro hindurch bis zum Vorzimmer der Geschäftsführung. Dort saß Miya an ihrem aufgeräumten Schreibtisch. Die junge Frau war mittlerweile ein Organisationswunder; ursprünglich als Namis Assistentin eingestellt, hatte sie Kai durch ihre kühle Effizienz und Diskretion so sehr beeindruckt, dass er vor zwei Jahren entschieden hatte, seinen eigenen Assistenten zu ersetzen. Seitdem hielt Miya für beide die Fäden in der Hand und verwaltete das Chaos der Tachiwari-Corporation mit stoischer Ruhe.
„Guten Morgen, Mr.Hiwatari, Mrs. Hiwatari“, grüßte Miya mit einem gewohnt professionellen und doch herzlichen Lächeln. Sie erhob sich halb von ihrem Platz und griff nach einer dampfenden Tasse, die bereits auf dem Tresen bereitstand. Das reiche, dunkle Aroma von frisch gebrühtem Arabica erfüllte augenblicklich den Raum. „Ihr Kaffee, wie immer, Mr. Hiwa...“
Noch bevor sie die Tasse ganz ausstrecken konnte, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig. Nami versteifte sich leicht an Kais Seite. Ein winziges, kaum hörbares Würgen entwich ihrer Kehle, und sie hob die freie Hand kurz vor den Mund, während ihre Wangen einen Hauch blasser wurden.
Kais Reaktion erfolgte in Sekundenbruchteilen. Mit einer fast schon beschützerischen Schnelligkeit ließ er Namis Hand kurz los, nur um seine eigene flach über die dampfende Tasse zu legen und den aufsteigenden Kaffeeduft physisch abzuriegeln.
Miya erstarrte mitten in der Bewegung, die Tasse noch in der Luft. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung über diese völlig untypische, fast schon schroffe Geste ihres Chefs. Kai trank diesen Kaffee seit Jahren religiös jeden Montagmorgen.
„Weg damit, Miya“, befahl Kai mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, aber merkwürdig gedämpft klang. „Kein Kaffee heute. Und auch nicht in den nächsten Tagen.“
Nami atmete tief durch die Nase ein und aus, während sie sich langsam wieder fing. „Danke, Kai“, murmelte sie und suchte Halt an seinem Arm.
Miya sah von der Tasse zu Nami und dann zurück zu Kai, dessen Blick sie mit einer Intensität fixierte, die ihr signalisierte, dass sie keine Fragen stellen sollte... zumindest noch nicht. Sie stellte den Kaffee sofort beiseite und tauschte ihn gegen ein Glas stilles Wasser aus, das sie Nami wortlos hinhielt.
„Verzeihen Sie, Mrs. Hiwatari“, sagte Miya leise, ihre schnelle Auffassungsgabe arbeitete bereits auf Hochtouren. „Soll ich stattdessen einen Pfefferminztee oder etwas Ingwerwasser bringen lassen? Das... beruhigt oft.“
Nami lächelte schwach und nahm das Wasser dankbar entgegen. „Ingwer wäre wunderbar, Miya. Danke.“
Kai legte seine Hand wieder fest auf Namis Rücken und begann, sie sanft in Richtung seines Büros zu führen. „Sorg dafür, dass beim Meeting um elf Uhr keine Heißgetränke im Raum sind, Miya. Nur Wasser und Säfte. Und lass die Klimaanlage im Konferenzraum auf eine konstante Temperatur einstellen. Es ist zu stickig dort drin.“
Miya nickte eifrig und notierte sich die Anweisungen mental. Als die Tür zum Chefbüro hinter den beiden ins Schloss fiel, blieb sie für einen Moment stehen und sah auf den unberührten Kaffee. Ein feines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Sie kannte die beiden gut genug, um eins und eins zusammenzuzählen.
Der Konferenzraum in der 40. Etage des Tachiwari Towers bot einen atemberaubenden Blick über die Skyline von Shinjuku, doch die Atmosphäre im Inneren war an diesem Vormittag ungewöhnlich unterkühlt...und das lag nicht an der Klimaanlage, die Kai auf exakt 20°C hatte fixieren lassen.
Am massiven Glastisch saßen drei Vertreter des neuen Zulieferers, hochrangige Manager in steifen Anzügen, die sichtlich irritiert auf die einsamen Kristallgläser mit stillem Wasser und den Krug mit frischem Ingwer-Zitronen-Sud starrten, der vor ihnen stand. In der japanischen Geschäftswelt war es nahezu ein Sakrileg, ein Meeting dieser Größenordnung ohne den obligatorischen, dampfenden grünen Tee oder schwarzen Kaffee zu beginnen.
Miya stand diskret an der Tür, den Blick wachsam auf Nami gerichtet, die rechts von Kai saß.
„Wir schätzen Ihre Pünktlichkeit, meine Herren“, begann Kai, dessen Stimme wie gewohnt autoritär klang, während er die ausgebreiteten Dokumente vor sich fixierte. Er würdigte die verwirrten Blicke auf die Getränke keines Wortes. „Kommen wir direkt zu den Konditionen der Metalllegierungen.“
Der Wortführer der Gegenseite, ein älterer Herr namens Kobayashi, räusperte sich nervös. Er warf einen kurzen Blick auf Nami, die heute ungewöhnlich still war und gelegentlich an ihrem Ingwerwasser nippte. „Natürlich, Mr. Hiwatari. Aber... verzeihen Sie die Nachfrage, gibt es ein technisches Problem mit der Kaffeemaschine? Oder...“
Kai hob den Kopf. Sein Blick war so scharf wie eine Klinge. „Es gibt kein Problem. Wir bevorzugen heute eine... geruchsneutrale Umgebung für unsere Verhandlungen. Ich setze voraus, dass dies Ihre Konzentration nicht beeinträchtigt?“
Kobayashi schluckte schwer und nickte hastig. „Keineswegs! Absolut nicht. Wir... wir schätzen die Frische in diesem Raum.“
Nami unterdrückte ein schiefes Lächeln. Kai war in seinem Element. Er nutzte seine natürliche Dominanz, um jede Frage nach dem „Warum“ im Keim zu ersticken, während er gleichzeitig fast unmerklich seinen Stuhl ein paar Zentimeter näher an ihren rückte. Als sie nach einem Stift griff, berührte sein Arm kurz ihren...eine lautlose Rückversicherung, die nur sie spüren konnte.
Trotz der Übelkeit, die in Wellen gegen ihre Konzentration schlug, zwang sich Nami, eine Anmerkung zu den Lieferzeiten zu machen. „Die Logistik für das Werk in Okayama muss bis zum dritten Quartal stehen“, sagte sie, ihre Stimme fest, auch wenn sie merkte, wie ihr Gesicht leicht an Farbe verlor, als Kobayashi eine stark parfümierte Ledermappe öffnete.
Kai bemerkte das winzige Kräuseln ihrer Nase sofort. Ohne den Blick von den Verträgen abzuwenden, machte er eine knappe Handbewegung in Richtung Miya.
„Miya, öffnen Sie die Fenster einen Spalt. Die Luft ist abgestanden“, befahl er, obwohl die hochmoderne Belüftung eigentlich perfekt arbeitete.
Die Zulieferer tauschten verunsicherte Blicke aus. Es war offensichtlich: Kai Hiwatari war heute noch unberechenbarer als sonst. Er wirkte wie ein Raubtier, das den Raum nicht nur nach geschäftlichen Fehlern, sondern nach jeder kleinsten Unannehmlichkeit für seine Frau absuchte.
„Mr. Hiwatari“, versuchte Kobayashi das Gespräch wieder auf die Zahlen zu lenken, „wir könnten den Preis um 3% senken, wenn wir die Exklusivrechte für...“
„5%“, unterbrach Kai ihn eiskalt, während er Nami einen kurzen, prüfenden Seitenblick zuwarf. „Und die Lieferung erfolgt frei Haus. Meine Zeit ist heute begrenzt, also lassen Sie uns die Spielchen überspringen.“
Nami spürte, wie der Ingwer langsam wirkte, und lehnte sich ein Stück entspannter zurück. Kai hielt das Meeting mit einer Effizienz ab, die an Brutalität grenzte...alles nur, um sie so schnell wie möglich aus der stickigen Atmosphäre des Verhandlungstisches zu befreien.
Kobayashi hielt den Atem an. Das Schweigen im Konferenzraum war so dicht, dass man das leise Summen der Belüftung hören konnte. Er blickte von Kai zu Nami, deren blasse, aber unerschütterliche Miene ihm signalisierte, dass es hier keinen Spielraum für Verhandlungen gab. Kai saß da wie eine Statue aus Onyx...die Arme verschränkt, den Blick kalt und fokussiert.
„Fünf Prozent...“, wiederholte Kobayashi tonlos. Er tauschte einen gehetzten Blick mit seinen beiden Kollegen. Eigentlich war ihre Schmerzgrenze bei vier Prozent angesetzt, doch die gesamte Aura in diesem Raum – diese Mischung aus unterkühlter Effizienz und Kais fast schon bedrohlicher Schutzhaltung gegenüber seiner Frau – ließ keinen Widerspruch zu. Es fühlte sich an, als würde jede weitere Sekunde des Zögerns den Preis nur noch weiter in die Höhe treiben.
„Wir... wir akzeptieren“, stieß Kobayashi schließlich hervor und griff nach seinem Füllfederhalter. Seine Hand zitterte minimal, als er die revidierten Konditionen in das Dokument eintrug. „Fünf Prozent Rabatt und Lieferung frei Haus für das Werk in Okayama. Wenn das im Gegenzug bedeutet, dass wir die Partnerschaft mit der Tachiwari-Corporation heute besiegeln können.“
Kai nickte nur einmal, eine kurze, herrische Bewegung des Kopfes. „Miya.“
Die Assistentin trat sofort vor, legte die finalen Verträge zur Unterschrift bereit und reichte Kai den schweren Montblanc-Füller. Er unterzeichnete mit gewohnt schwungvoller, beinahe aggressiver Handschrift, bevor er das Dokument an Nami weiterreichte. Als ihre Finger den Stift übernahmen, legte er seine Hand für einen flüchtigen Moment beruhigend auf ihren Unterarm.
„Gute Arbeit, meine Herren“, sagte Nami mit einem höflichen, wenn auch etwas angestrengten Lächeln. „Miya wird Ihnen die Kopien zukommen lassen. Ich denke, damit ist alles Wichtige für heute Vormittag geklärt.“
Die drei Männer erhoben sich fast synchron, verbeugten sich tiefer als üblich und verließen den Raum mit einer Eile, die fast schon an Flucht grenzte. Sobald die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, entwich Nami ein langer, zittriger Atemzug. Sie ließ die Schultern sinken und stützte die Ellbogen auf den Tisch.
„Das war... rekordverdächtig“, murmelte sie und rieb sich die Schläfen. „Ich glaube, du hast sie zu Tode erschreckt, Kai. Kobayashi sah aus, als hätte er Angst, du würdest ihn persönlich aus dem Fenster werfen, wenn er nicht sofort unterschreibt.“
Kai stand auf, trat hinter ihren Stuhl und legte seine Hände fest auf ihre Schultern. Er begann, die Verspannungen in ihrem Nacken mit gezielten Bewegungen zu lockern. „Er hat zu viel Parfüm benutzt und zu viel geredet“, antwortete er trocken. „Zwei Dinge, die du heute nicht gebrauchen kannst.“
Er beugte sich tief zu ihr hinunter, sein Gesicht direkt neben ihrem. „Du bist blasser als vor einer Stunde. Wir haben jetzt neunzig Minuten bis zum Call mit Hokkaido. Du legst dich in mein Büro auf das Sofa. Keine Widerrede, Nami.“
Nami lachte leise, auch wenn ihr Magen immer noch flau war. „Befehl vom Chef?“
„Vom Ehemann“, korrigierte er sie leise und half ihr auf. „Komm.“
Sie kehrten in das weitläufige Chefbüro zurück, in dem die Luft dank Miya bereits angenehm neutral und frisch war. Kai schloss die Tür hinter ihnen und aktivierte die elektronische Sichtschutzfunktion, die das Glas zum Vorzimmer hin augenblicklich in ein mattes, undurchsichtiges Weiß tauchte. Die geschäftige Welt des Tachiwari Towers war nun ausgesperrt.
Kai führte Nami zu dem breiten, mit feinstem anthrazitfarbenem Leder bezogenen Sofa, das unter dem großen Panoramafenster stand. Er lockerte seine Krawatte und beobachtete sie mit einer Mischung aus Sorge und Entschlossenheit.
„Du weißt, dass du auch zu Hause bleiben kannst, mein Schatz.“, sagte er ruhig, während er ihr half, ihren Blazer abzulegen. „Wenn die Symptome dich so sehr belasten, musst du dich nicht durch diese Meetings quälen. Ich kann die Tachiwari-Corporation auch ein paar Tage allein führen.“
Nami schüttelte den Kopf und sah ihn mit einem müden, aber entschiedenen Blick an. „Ich bin schwanger, Kai, nicht krank“, widersprach sie sanft. „Zuhause würde mir nur die Decke auf den Kopf fallen. Ich kenne mich...“ Sie setzte sich und atmete tief durch. „Außerdem arbeite ich gerne. Ich liebe diesen Tower, die Geschäftigkeit hier und unsere Mitarbeiter. Das ist ein großer Teil meines Lebens.“
Kai schnaubte leise und ein trockenes, fast amüsiertes Funkeln trat in seine roten Augen. „Du hast doch nur Sorge, dass ich ohne dich nicht klarkomme“, stellte er fest. Die Bemerkung war leicht belustigt, fast schon neckisch.
Nami unterdrückte ein Schmunzeln und sah zu ihm auf. „Vielleicht ein bisschen“, gab sie zu und griff nach seiner Hand. „Einer muss schließlich aufpassen, dass der eiskalte Zar nicht zu sehr aus dir rauskommt, wenn ich nicht da bin, um die Wogen zu glätten.“
Ein herzhaftes Gähnen übermannte sie mitten im Satz. Kai wartete nicht länger. „Leg dich hin und ruh dich aus. Wir haben noch Zeit bis zum Videotelefonat.“
Nami sah auf die weiche Polsterung und dann zurück zu ihm. „Legst du dich zu mir?“, fragte sie leise.
Kai hielt kurz inne, doch ein Blick auf ihr erschöpftes Gesicht genügte. Er schmunzelte kaum merklich und nickte. Er zog seine Schuhe aus, legte sein Sakko über einen Stuhl und legte sich neben sie auf das Sofa, das glücklicherweise breit und lang genug für sie beide war.
Nami kuschelte sich sofort eng an ihn, legte ihren Kopf auf seine Brust und schlang einen Arm um seine Taille. Sie schloss die Augen und atmete tief den vertrauten Duft seiner Haut ein.
„Du riechst so gut...“, murmelte sie noch, ihre Stimme wurde immer leiser und schleppender.
Genau in diesem Moment spürte Kai, wie ihr Körper schwer wurde und sich ihre Atmung vertiefte. Sie war innerhalb von Sekunden eingeschlafen, sicher in seinen Armen. Kai blieb ganz still liegen, den Blick auf die Skyline von Tokio gerichtet, die hinter dem Fenster in der Mittagssonne glänzte. Er sah hinunter auf ihr schönes, nun friedliches Gesicht und strich ihr mit unendlicher Behutsamkeit eine silbrig-weiße Strähne hinter das Ohr. Er würde sicherstellen, dass niemand sie in den nächsten neunzig Minuten störte.
Nach exakt 84 Minuten....
Kai verharrte noch einen Moment vollkommener Reglosigkeit, als das leise, rhythmische Atmen an seiner Brust verriet, dass Nami tiefer schlief, als er es seit Wochen erlebt hatte. Mit einer Präzision, die er jahrelang auf dem Schlachtfeld der Beyblade-Arenen perfektioniert hatte, löste er vorsichtig ihre Finger von seinem Hemd. Zentimeter um Zentimeter befreite er sich aus ihrem Griff und richtete sich langsam auf.
Als er die Tür zum Vorzimmer einen Spalt weit öffnete, stand Miya bereits dort, das Tablet für das Videotelefonat in der Hand. Ihr Blick huschte sofort an ihm vorbei in das abgedunkelte Büro.
„Mr. Hiwatari, die Verbindung nach Hokkaido steht in zwei Minuten“, flüsterte sie pflichtbewusst.
Kai trat hinaus und schloss die Tür mit einem fast unhörbaren Klicken hinter sich. „Ich werde das Telefonat allein führen“, sagte er mit seiner gewohnt unterkühlten Autorität. „Meine Frau braucht Ruhe. Um sie nicht zu wecken, weichen wir in ihr Büro nebenan aus.“
Miya nickte sofort, doch während sie gemeinsam durch die Tür zu Namis Büro schritten, zögerte sie kurz. Ihre professionelle Distanz rang sichtlich mit ihrer aufrichtigen Zuneigung zu ihrer Chefin.
„Mr. Hiwatari... verzeihen Sie die Unbeholfenheit“, begann sie diskret, „aber ist mit Mrs. Hiwatari wirklich alles in Ordnung? Sie wirkte heute Morgen so... erschöpft. Ich mache mir Sorgen, ob der Stress im Tower im Moment vielleicht zu viel für sie ist.“
Kai blieb im Türrahmen stehen. Er sah Miya einen Moment lang schweigend an...ein Blick, der normalerweise ausgereicht hätte, um jeden anderen Mitarbeiter in die Flucht zu schlagen. Doch er wusste, dass Miyas Sorge echt war.
„Es gibt absolut nichts, worüber Sie sich Sorgen machen müssten, Miya“, antwortete er kurz angebunden, doch der Unterton war nicht verärgert, sondern eher... endgültig. „Im Gegenteil. Es ist eine natürliche Entwicklung, die in den nächsten Monaten unsere volle Rücksichtnahme erfordert.“
Miya hielt inne. Sie sah das winzige, fast unsichtbare Glimmen in Kais roten Augen und die Art, wie er unbewusst seine Manschettenknöpfe richtete, als würde er sich für eine neue Art von Verantwortung wappnen. Sie verstand sofort. Ein kurzes Aufblitzen von Erkenntnis huschte über ihr Gesicht, gefolgt von einem respektvollen Senken des Kopfes. Weitere Fragen waren nun nicht nur unerwünscht, sondern auch völlig unnötig.
„Ich verstehe, Sir“, sagte sie leise und trat beiseite. „Ich werde dafür sorgen, dass das Vorzimmer absolut ruhig bleibt, solange sie schläft.“
Kai trat an Namis Schreibtisch und aktivierte den Bildschirm für das Videotelefonat. Das kühle Blau des Monitors spiegelte sich in seinen Augen wider. „Gut. Starten Sie die Verbindung nach Hokkaido. Ich will das hier in zwanzig Minuten erledigt haben.“
Nami blinzelte benommen, als das sanfte Dämmerlicht in Kais Büro ihre Sinne langsam wieder weckte. Sie fühlte sich merkwürdig schwer, aber gleichzeitig so ausgeruht wie seit Tagen nicht mehr. Mit einem unterdrückten Gähnen richtete sie sich auf dem Ledersofa auf und suchte instinktiv nach der vertrauten Wärme an ihrer Seite...doch der Platz neben ihr war leer.
Ein flüchtiger Blick auf die elegante Armbanduhr an ihrem Handgelenk ließ sie jedoch zusammenfahren. „Zwei Stunden?“, hauchte sie ungläubig. Sie hatte den Call mit Hokkaido komplett verschlafen.
Leise schlüpfte sie in ihre Schuhe und trat an die Verbindungstür, die Kais Büro mit ihrem eigenen kombinierte. Sie hielt den Atem an und lauschte. Durch das schwere Metall drang sein tiefes, unverwechselbares Timbre. Er sprach ruhig, fast schon unterkühlt, doch die schiere Autorität in seiner Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass er die Verhandlungen im Norden gerade mit eiserner Hand zum Abschluss brachte.
Ein unwillkürliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Wie oft hatte er in den letzten Monaten seine eigenen Pläne umgeworfen, nur um sicherzustellen, dass es ihr an nichts fehlte? Kai war schon immer ihr Anker gewesen, doch seit etwas mehr als einem halben Jahr...schien er eine neue Ebene erreicht zu haben. Er war noch eine deutliche Spur liebevoller, auf eine fast schon instinktive Weise beschützend, und gleichzeitig wirkte er entspannter, als hätte er den ewigen Kampf gegen sich selbst und seine Vergangenheit endgültig beigelegt. Die kühle Aura nach außen hin war geblieben, doch für für sie...wirkte er einfach angekommen.
Nami strich sich das Haar glatt, richtete ihre Kleidung und trat schließlich leise durch die Haupttür von Kais Büro hinaus in das Vorzimmer.
Miya, die konzentriert über ihren Laptop gebeugt war, blickte sofort auf und erhob sich mit einer fließenden Bewegung. „Mrs. Hiwatari! Sie sind wach“, sagte sie mit einem aufmerksamen Lächeln. „Geht es Ihnen gut? Kann ich Ihnen etwas bringen?“
„Mir geht es wunderbar, Miya, danke“, erwiderte Nami herzlich, auch wenn ihre Stimme noch ein wenig vom Schlaf angeraut war. „Ich habe wohl etwas länger geruht, als ich beabsichtigt hatte. Ich warte nur kurz auf meinen Mann, damit wir gemeinsam in die Mittagspause gehen können.“
Miya trat einen Schritt zur Seite und deutete auf einen der bequemen Sessel im Wartebereich. „Bitte, setzen Sie sich doch einen Moment. Mr. Hiwatari ist jetzt seit etwa dreißig Minuten im Call mit Hokkaido. Er war sehr deutlich darin, dass er keine Unterbrechungen wünscht, aber ich bin sicher, dass er in den nächsten Minuten zum Ende kommt.“
Nami setzte sich und verschränkte die Beine. Sie genoss die Ruhe im Vorzimmer, während sie beobachtete, wie effizient Miya die eingehenden Nachrichten koordinierte. Es war ein seltener Moment des Innehaltens inmitten des gläsernen Imperiums, das sie und Kai gemeinsam leiteten.
„Er hat das Telefonat in mein Büro verlegt, nicht wahr?“, fragte Nami amüsiert, wissend, dass Kai alles getan hätte, um ihren Schlaf nicht durch die Videokonferenz zu stören.
Miya schmunzelte diskret. „Er war... sehr besorgt um Ihre Ruhe, Mrs. Hiwatari. Ich glaube, die Herren in Hokkaido hatten heute nicht viel zu lachen. Mr. Hiwatari schien es eilig zu haben.“
Kaum war das letzte Wort gesagt, schwang die Tür auch schon auf. Kai trat aus Namis Büro, den Blick sofort suchend im Vorzimmer umherwandern lassend, bis er an ihr hängen blieb. Die kühle, geschäftsmäßige Maske, die er noch Sekunden zuvor gegenüber den Kollegen in Hokkaido getragen haben musste, bröckelte augenblicklich.
Ein beinahe unmerkliches Aufatmen entwich ihm, als er sah, dass Nami nicht nur wach war, sondern ihn mit diesem einen, besonderen Lächeln empfing. Er ignorierte Miya vollkommen, trat direkt auf Nami zu und reichte ihr beide Hände, um ihr sanft aus dem tiefen Sessel aufzuhelfen.
„Du bist wach“, stellte er fest, seine Stimme nun wieder tief und samtig. Ohne zu zögern, zog er sie ein Stück näher an sich und gab ihr einen tiefen, besitzergreifenden Kuss, der den Rest der Welt...und die dezent wegschauende Miya...komplett ausblendete. Es war seine Art, sich zu vergewissern, dass es ihr nach dem Schlaf wirklich besser ging.
Nami löste sich mit einem leisen Lächeln von ihm und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Ich habe viel zu lange geschlafen, Kai. Aber anscheinend warst du auch ohne mich sehr erfolgreich im Norden.“
Ein amüsiertes Funkeln trat in seine roten Augen. „Sie waren... einsichtig.“
In diesem Moment gab Namis Magen ein verräterisches, leises Knurren von sich, was sie leicht erröten ließ. „Oh... ich glaube, jemand hier hat jetzt wirklich Hunger“, gab sie schmunzelnd zu. „Mein Magen knurrt ganz furchtbar.“
Kai strich ihr kurz über die Wange, wobei sein Blick weich wurde. „Dann lassen wir den Rest der Welt warten. Wir fahren natürlich sofort nach oben ins Restaurant.“
Er wandte sich kurz zu Miya, die sofort bereitstand. „Miya, wir sind in der Mittagspause. Keine Anrufe, keine Störungen, außer der Tower brennt. Wir sind im obersten Stockwerk.“
„Natürlich, Mr. Hiwatari“, erwiderte sie pflichtbewusst, während sie den beiden nachsah, wie sie Hand in Hand den Korridor in Richtung der privaten Aufzüge einschlugen.
Der private Aufzug glitt lautlos in das oberste Stockwerk, wo das exklusive Restaurant des Towers einen 360-Grad-Blick über das Häusermeer bot. Der Maître d’ erkannte das Paar sofort und führte sie wortlos zu ihrem fest reservierten Ecktisch, der diskret am Fenster lag.
Als sie sich setzten, hielt Kai ihre Hand noch immer fest umschlossen. Er wirkte aufmerksam, fast schon elektrisiert von einer inneren Ruhe, die Nami schon den ganzen Morgen...und allgemein die letzten Monate beobachtet hatte.
Sie konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken, während sie ihn über den Rand der Speisekarte hinweg ansah. „Kai“, begann sie sanft, „du bist heute wieder viel zu lieb und so... romantisch. Nicht, dass ich das nicht in vollen Zügen genieße, versteh mich nicht falsch. Ich liebe es absolut.“
Sie legte die Karte beiseite und beugte sich ein Stück vor, wobei ihr Blick tiefer wurde. „Aber du wirkst so glücklich... so ausgeglichen. Ist irgendetwas Bestimmtes passiert, von dem ich wissen sollte? Oder liegt es einfach nur an dem Morgen im Büro?“
Kai hielt ihrem Blick stand. Das kühle, unnahbare Licht, das normalerweise in seinen roten Augen lag, war einer tiefen, warmen Zufriedenheit gewichen. Er lockerte seinen Griff um ihre Finger nicht, sondern strich mit dem Daumen über ihren Handrücken.
„Es ist nichts Spezielles passiert, Nami“, antwortete er mit seiner tiefen, ruhigen Stimme. Er blickte kurz hinaus auf die Stadt, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder voll und ganz auf sie richtete. „Es ist eher die Erkenntnis. Dass alles, wofür ich jahrelang gekämpft habe...die Firma, die Familie, die Sicherheit...jetzt an einem Punkt ist, an dem es... richtig ist.“
Er machte eine kurze Pause und ein seltenes, echtes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. „Und vielleicht liegt es daran, dass ich heute Morgen im Aufzug und im Büro realisiert habe, dass wir das alles noch einmal von vorne beginnen. Ein neues Leben, ein neuer Anfang. Zu sehen, wie du dort schläfst, während draußen die Welt tobt... es gibt mir ein Gefühl von Kontrolle und Frieden, das ich früher nie für möglich gehalten hätte.“
Nami spürte, wie ihr Herz bei seinen Worten schwer vor Liebe wurde. Es war, als hätte Kai nach all den Jahren des inneren Kampfes endlich den Platz gefunden, an den er gehörte...und dieses neue Baby schien das letzte Puzzleteil zu sein, das seine Welt vervollständigte.
„Du bist wirklich mit dir im Reinen, oder?“, hauchte sie gerührt.
„In deiner Nähe immer“, erwiderte er schlicht, bevor sein Blick wieder praktischer wurde, als der Kellner mit dem stillen Wasser und einer Auswahl an leichten Vorspeisen an den Tisch trat. „Aber jetzt lass uns dafür sorgen, dass dieses Glück nicht von einem knurrenden Magen unterbrochen wird. Was sagt dein Appetit?“
Nami blickte mit einer Mischung aus Vorfreude und Skepsis auf die kleine, kunstvoll angerichtete Vorspeisenplatte, die der Kellner mit einer tiefen Verbeugung servierte. Es war eine Auswahl aus feinstem Sashimi, leichten Tempura-Gemüsestücken und kleinen Schälchen mit eingelegtem Ingwer.
„Eigentlich...“, begann Nami und rümpfte beim Anblick des rohen Fischs ganz leicht die Nase, „...hätte ich früher alles für diesen Thunfisch gegeben. Aber im Moment...“ Sie schob den Teller ganz sachte ein Stück von sich weg. Der Geruch, so frisch er auch war, löste ein verräterisches Flattern in ihrer Magengegend aus.
Kai bemerkte die winzige Regung sofort. Er hob die Hand und gab dem Kellner ein Zeichen, noch bevor dieser sich ganz zurückziehen konnte. „Nehmen Sie das Sashimi wieder mit“, ordnete er kurz an, seine Stimme fest und ohne Raum für Diskussionen. „Bringen Sie stattdessen eine Schale mit warmer, klarer Misosuppe. Und stellen Sie sicher, dass sie nicht zu stark gewürzt ist.“
Nami sah ihn überrascht an. „Kai, das musst du nicht...“
„Doch“, unterbrach er sie ruhig, während er ihr Glas mit dem stillen Wasser nachfüllte. „Ich möchte, dass du dich wohlfühlst. Wir probieren es mit etwas Warmem und Leichtem.“
Als die Suppe kurz darauf dampfend vor ihr stand, stieg ein sanfter, erdiger Duft auf, der Nami sofort entspannen ließ. Sie nahm einen kleinen Löffel und schloss für einen Moment die Augen. „Das ist perfekt“, murmelte sie dankbar. „Du kennst mich heute besser als ich mich selbst.“
Kai lehnte sich zurück und beobachtete sie, wie sie langsam wieder Farbe im Gesicht bekam. Ein seltener Ausdruck von tiefem Stolz lag in seinem Blick. „Ich beobachte dich eben, mein Schatz. Das ist mein Job...im Büro und zu Hause.“ Er nahm sich ein Stück des Tempura-Gemüses, doch sein Fokus blieb unerschütterlich bei ihr.
„Weißt du“, fuhr Nami fort, nachdem sie ein paar Löffel gegessen hatte, „es ist seltsam. Mit jedem Kind war es anders. Bei Gou hatte ich ständig Appetit auf scharfes Curry. Bei den Zwillingen konnte ich gar nicht genug von süßen Melonen bekommen, bei Sayuri konnte ich nicht aufhören, Mochi zu essen...Und jetzt? Jetzt scheint mein Körper einfach nur... Ruhe zu wollen. Und Ingwer.“
Sie lachte leise und sah ihn über den Rand ihrer Schale hinweg an. „Vielleicht wird dieses Baby das entspannteste von allen. Wenn es nach deinem aktuellen Gemütszustand geht, müsste es eigentlich die Ruhe selbst werden.“
Kai schmunzelte und sein Blick wanderte kurz zu ihrem noch flachen Bauch, unter dem sich das nächste Wunder ihres gemeinsamen Lebens verbarg. „Ruhe wäre eine angenehme Abwechslung im Anwesen“, gab er trocken zu. „Aber solange Ren und Ayumi dort wohnen, bezweifle ich, dass wir wissen, was das Wort überhaupt bedeutet.“
Nami legte ihre Hand auf seine, die auf dem Tisch ruhte. Die Wärme seiner Haut gab ihr die nötige Kraft für den restlichen Tag. „Wir schaffen das, Kai. Genau wie wir alles andere geschafft haben.“
„Daran habe ich keinen Zweifel“, erwiderte er leise. Er drückte ihre Hand fest und sah auf die Uhr. „Wir haben noch zwanzig Minuten, bevor wir in die Entwicklungsabteilung müssen. Lass dir Zeit mit der Suppe. Ich habe Miya bereits gesagt, dass die Techniker erst anfangen dürfen, wenn wir den Raum betreten.“
Kai legte den Löffel beiseite und sah Nami prüfend an, während er das letzte Stück seines Tempuras verspeiste. „Hör zu“, begann er, und seine Stimme nahm jenen pragmatischen Tonfall an, der keine Widerrede duldete, aber dennoch von tiefer Fürsorge geprägt war. „Es ist vermutlich besser, wenn ich den Termin im Untergeschoss allein wahrnehme. Du weißt, wie es dort unten in der Entwicklung zugeht. Es ist stickig, laut, und die Ingenieure leben praktisch von Koffein. Da unten riecht es in jeder Ecke nach abgestandenem Kaffee – das wird deinem Magen nach der Misosuppe sicher nicht guttun.“
Nami hielt kurz inne, den Löffel noch halb zum Mund erhoben. Sie dachte an die fensterlosen Räume der Werkstatt, das Zischen der Maschinen und den unvermeidlichen, schweren Duft von röstfrischen Bohnen, den die Techniker wie ein Elixier brauchten. „Du hast recht“, gab sie mit einem dankbaren Nicken zu. „Das Risiko ist es heute nicht wert. Ich würde vermutlich keine fünf Minuten überstehen, ohne Jemanden nach einem Eimer zu fragen.“
Kai schmunzelte kaum merklich. „Möchtest du zurück in dein Büro? Ich kann Miya sagen, dass sie dir die Berichte von Hokkaido rüberbringt, damit du sie in Ruhe durchgehen kannst.“
Nami schüttelte jedoch den Kopf. Ein kleiner, unternehmungslustiger Funke blitzte in ihren Augen auf. „Eigentlich... hätte ich jetzt wahnsinnige Lust auf einen Milkshake. Einen von denen aus der Café-Bar in der Lobby. Da unten ist es immer so schön hell, das Glasdach lässt die Mittagssonne rein und das Treiben dort ist so beruhigend. Vielleicht treffe ich ja jemanden zum Quatschen.“
Kai hob eine Augenbraue. „Ein Milkshake? Eben war es noch Misosuppe.“
„Schwangerschaftslogik, Kai. Stell sie nicht infrage“, erwiderte sie lachend.
Kai gab nach und erhob sich, um ihr auf zu helfen. „In Ordnung. Geh in die Lobby. Aber Nami...“, er hielt sie kurz am Arm fest und sein Blick wurde ernst, fast schon warnend, „...behalt es ersteinmal für dich. Erzähl noch niemandem von der Schwangerschaft. Weder den Angestellten noch irgendwelchen Bekannten, die du dort treffen könntest. Sobald das Gerücht im Tower die Runde macht, wird es hier von Aufmerksamkeit und Glückwünschen nur so wimmeln. Das können wir im Moment nicht gebrauchen.“
Nami legte ihre Hand beruhigend auf seine Brust. „Ich weiß, Kai. Keine Sorge. Das ist unser Geheimnis, bis wir bereit sind, es mit der Welt zu teilen. Ich werde einfach nur eine Frau sein, die ihren Milkshake genießt.“
„Gut“, sagte er knapp, drückte ihr noch einen flüchtigen Kuss auf die Schläfe und führte sie zum Aufzug. „Ich melde mich, sobald ich mit den Prototypen fertig bin. Lass dein Handy an.“
Etwa zehn Minuten später...
Nami stand am modernen Café-Stand in der lichtdurchfluteten Lobby und wartete auf ihre Bestellung. Das Glasdach über ihr ließ die kühle Novembersonne herein, die den polierten Marmorboden in ein silbriges Licht tauchte.
„Ein Erdbeer-Milkshake, bitte“, sagte sie lächelnd.
Die Barista hielt kurz inne und sah Nami überrascht an. „Ein Milkshake, Mrs. Hiwatari? Möchten Sie nicht wie immer einen Matcha-Latte? Mit Hafermilch, so wie Sie ihn all die Jahre bestellt haben?“
Nami schüttelte den Kopf, ihr Lächeln blieb fest. „Heute steht mir der Sinn nach etwas anderem. Ich probiere mal den Milkshake aus.“
„Oh, verzeihen Sie bitte“, entgegnete die Barista hastig und begann mit der Zubereitung. „Ich war nur überrascht, weil Sie wirklich konsequent immer nur den Matcha-Latte bestellt haben. Kommt sofort!“
Nami nahm den kühlen Becher entgegen, bedankte sich und ging mit langsamen Schritten davon. Sie genoss das Gefühl der Anonymität in der weitläufigen Lobby, auch wenn sie wusste, dass sie beobachtet wurde. Sie steuerte auf eine der großen, tiefen Besuchersofas zu, die durch hohe Spaliere mit üppigen Kletterpflanzen vom restlichen Laufweg abgeschirmt waren. Hier war es ruhig, fast privat.
Sie setzte sich, nahm einen Schluck von dem süßen Getränk und lehnte sich entspannt zurück. Doch kaum hatte sie die Augen geschlossen, drang gedämpftes Gemurmel von der anderen Seite des Spaliers an ihr Ohr. Sie erstarrte unwillkürlich und lauschte. Durch das dichte Grün erkannte sie die Stimmen von drei weiblichen Angestellten aus der PR-Abteilung, die dort offensichtlich ihre Pause verbrachten.
„Habt ihr das heute Morgen gesehen?“, flüsterte die erste Frau begeistert. „Die Art, wie Mr. und Mrs. Hiwatari in den Tower gekommen sind... das war so wundervoll romantisch. Wie in einem Film.“
„Was ist daran denn bitteschön so besonders?“, warf die zweite Dame etwas trockener ein. „Diesen Anblick und die Dynamik der beiden kennen wir doch nun wirklich zur Genüge. Die sind immer so.“
„Nein, eben nicht!“, unterbrach die erste sie fast schon triumphierend. „Achte mal auf die Details. Normalerweise hat Mr. Hiwatari seine Hand immer schützend auf dem Rücken seiner Frau liegen, wenn sie durch die Lobby gehen. Aber heute? Heute hielt er ihre Hand fest umschlossen, die Finger verschränkt. Das ist viel intimer!“
Die zweite Angestellte schnaubte leise. „Ach was. Er hat sie hier in der Lobby sogar schon öfter vor aller Augen geküsst und ihr dieses wahnsinnige Blumenmeer ins Büro bestellt. Der Mann betet den Boden an, auf dem sie geht, das ist doch kein Geheimnis.“
Eine dritte Person meldete sich nun zu Wort, ihre Stimme klang nachdenklicher. „Ich verstehe trotzdem, was sie meint. Mr. Hiwatari wirkt in letzter Zeit... fokussierter. Weniger zornig. Er regt sich nicht mehr so schnell auf wie früher. Habt ihr gemerkt, wie geduldig er neulich im Meeting war?“
„Stimmt“, bejahte die zweite. „Glaubt ihr, das hängt mit diesem seltsamen Dr. Arata zusammen? Der, der seit Monaten immer Samstagnachmittags hoch ins Chefbüro fährt?“
Nami spitzte die Ohren. Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken, der nichts mit dem Milkshake zu tun hatte. Dr. Arata? Sie hatte diesen Namen noch nie gehört.
„Dr. Arata? Dieser Psychologe?“, fragte die zweite Person nun neugierig nach.
„Genau der“, bestätigte die andere. „Er kommt immer dann, wenn Mrs. Hiwatari Samstags ihren kurzen Arbeitstag hat und ab 13 Uhr nicht mehr im Haus ist...oder wenn sie ganz frei hat. Er fährt mit dem privaten Lift direkt hoch in den 45. Stock. Schon merkwürdig, oder?“
Nami hielt den Becher so fest, dass das Plastik leise knackte. Ein Psychologe, der Kai heimlich besuchte, wenn sie nicht da war? Warum verheimlichte er ihr das? Und warum ausgerechnet jetzt, wo er so glücklich und ausgeglichen wirkte?
Das Flüstern hinter dem Spalier ging weiter, doch Nami hörte kaum noch hin. Ihre Gedanken rasten. Kai suchte sich Hilfe...und er tat alles, damit sie nichts davon erfuhr.
Nami blieb noch eine ganze Weile auf dem schweren Ledersofa sitzen, den mittlerweile fast leeren Milkshake-Becher in den Händen, während ihre Gedanken um den Namen Dr. Arata kreisten. Die Geschäftigkeit der Lobby floss an ihr vorbei wie ein verschwommener Film. Erst als das vertraute, metallische Schwingen der privaten Aufzugstüren sie aus ihrer Starre riss, hob sie den Kopf.
Kai trat in die Lobby. Sein Blick scannte den Raum mit jener unfehlbaren Präzision, die er immer besaß, bis er sie am Rande des Pflanzenspaliers entdeckte. Er steuerte direkt auf sie zu, setzte sich neben sie und legte seinen Arm locker über die Rückenlehne des Sofas.
„Wie war es in der Entwicklung?“, fragte Nami leise, während sie ihn unverwandt beobachtete. Jede Geste, jeder Atemzug von ihm wirkte nun in einem neuen Licht.
„Anstrengend“, antwortete Kai trocken. „Die Ingenieure hängen an ihren alten Entwürfen wie an Reliquien. Ich musste ihnen klarmachen, dass Sentimentalität keine Turniere gewinnt.“ Er hielt inne und bemerkte, wie intensiv sie ihn ansah. Sein Blick veränderte sich, wurde forschender. „Ist irgendetwas vorgefallen? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen. Fühlst du dich unwohl?“
Nami schüttelte langsam den Kopf, auch wenn ihr Herz klopfte. „Nein. Alles gut. Können wir hoch ins Büro fahren? Ich würde gerne... aus der Öffentlichkeit verschwinden.“
Kai musterte sie einen Moment länger. Er spürte, dass etwas in der Luft lag, doch er stellte keine weiteren Fragen. Er bot ihr seine Hand an, die sie sofort ergriff, und gemeinsam schritten sie zum Aufzug. Sobald sich die Türen schlossen und sie allein in der verspiegelten Kabine waren, zog er sie sanft an sich. Er lehnte seine Stirn gegen ihre und schloss für einen Augenblick die Augen.
„Ich bin froh, dass du heute nicht zu Hause geblieben bist“, murmelte er so leise, dass es fast im Summen des Aufzugs unterging. „Es ist immer so... als würde ich meine Akkus bei dir aufladen, Nami.“ sie lächelte und schloss die Augen bei seinen Worten. „Das beruht auf Gegenseitigkeit..."
Wenig später traten sie in sein Büro. Die Tür glitt zu, und die Stille des 45. Stockwerks umfing sie. Nami atmete tief durch, drehte sich zu ihm um und fragte ohne Umschweife: „Kai... wer ist Dr. Arata?“
Kai erstarrte mitten in der Bewegung, als er gerade sein Sakko ablegen wollte. Er sah sie völlig überrascht an, die Maske der Beherrschung bröckelte für einen Sekundenbruchteil. Dann ließ er die Schultern sinken und rieb sich mit einer erschöpften Geste die Schläfen.
„Hat Miya es dir erzählt?“, fragte er mit einem schweren Seufzen.
„Nein“, antwortete Nami sanft. „Ich habe es unten in der Lobby durch Zufall gehört. Das PR-Team scheint aufmerksamer zu sein, als du denkst.“
Sie trat auf ihn zu. Sie war nicht wütend; im Gegenteil, in ihrem Blick lag eine tiefe Bewunderung. Vor über zehn Jahren hatte sie ihm schon einmal vorgeschlagen, professionelle Hilfe für seine Traumata zu suchen, doch er hatte es damals als lächerlich und schwach abgetan. Sie hatte ihn nie gedrängt, weil sie seine Art gegen seine inneren Dämonen zu kämpfen akzeptierte, doch sie hatte sich oft gefragt, ob er jemals wirklich inneren Frieden finden würde.
„Ich wollte es dir sagen“, begann Kai und sah sie nun direkt an. „Aber Arata riet mir davon ab, es zu früh zu thematisieren. Er wollte, dass ich den Prozess erst einmal für mich selbst stabilisiere.“ Er hielt inne und nahm ihre Hände in seine. „Nachdem wir Boris und Biovolt endgültig besiegt hatten... war ich innerlich immer noch sehr lange... im Kampfmodus. Ich habe es selbst nicht bemerkt. Bis Tyson mich eines Nachmittags darauf ansprach. Er sagte mir ziemlich unverblümt, dass ich viel zu...intensiv...viel zu...herrisch reagiere...besonders wenn es um dich ging....und dass ich endlich mal einen Gang runterschalten solle.“
Ein schwaches Lächeln legte sich auf seine Lippen bei der Erinnerung an Tysons Direktheit. „Erst da begann ich nachzudenken. Ich habe recherchiert und fand Dr. Arata. Er ist einer der wenigen Psychologen in Japan, einem Land wo es viel zu selten um die mentale Gesundheit geht. Ich musste fast sechs Jahre auf einen Termin warten. Ich hatte es beinahe vergessen, als im Juni der Anruf kam.“
Nami hörte gebannt zu, während Kai weitersprach. „Ich dachte mir, ein oder zwei Termine könnten nicht schaden. Aber es war... befreiend. Ich habe Dinge über mich gelernt, die ich jahrzehntelang verdrängt hatte. Nach drei Probesitzungen habe ich in die Therapie eingewilligt.“
Nami legte ihre Hand zärtlich auf seine Wange. „Deshalb warst du in letzter Zeit so reflektiert“, hauchte sie. „Nicht nur wegen der Sache vor ein paar Monaten, mit Miguel im Blue Velvet... sondern wegen ihm.“
Kai nickte und legte seine Hand über ihre. „Ich war froh, dass Arata sagte, ich solle es für mich behalten. Ich fühlte mich dummerweise ein wenig schwach bei dem Gedanken, so etwas in Anspruch zu nehmen. Zu erkennen, dass ich Hilfe brauchte, um der Mann zu sein, der ich sein will.“
Nami lächelte ihn strahlend an. „Kai, es ist vollkommen in Ordnung. Ich freue mich so sehr für dich. Das erklärt wirklich alles, was in den letzten Monaten passiert ist. Es macht dich nicht schwach...es macht dich stärker als je zuvor.“
Nami trat noch einen Schritt näher. Sie legte beide Hände an seine Wangen und sah ihm tief in die brennend roten Augen, die nun so viel ruhiger wirkten als in all den Jahren zuvor.
„Ich liebe dich über alles, Kai“, sagte sie mit einer Stimme, die vor Aufrichtigkeit bebte. „Und ich bin so unglaublich froh darüber, dass du die Kraft gefunden hast, deinen Dämonen endlich gegenüberzutreten. Dass du diesen Weg gehst, macht dich in meinen Augen nur noch bewundernswerter.“
Kai legte seine Hände über ihre und hielt sie fest. Ein Schatten von Reue huschte über seine Züge, etwas, das er früher niemals zugelassen hätte. „Es tut mir leid, Nami“, begann er leise. „Wenn ich dich in der Vergangenheit oft als Zielscheibe genutzt habe, um mich abzuregieren... wenn meine intensive, besitzergreifende Art oder mein dominantes Verhalten dich getroffen...oder zu sehr gefordert haben.“
Nami stieß ein leises, belustigtes Lachen aus und schüttelte den Kopf. „Oh, Kai. Ist dir eigentlich bewusst, dass ich mich nie über deine herrische und... intensive Seite beschwert habe? Und diese...dominante Seite?“ Sie zwinkerte ihm verschmitzt zu. „Ich war...und bin immer sehr gerne dein Blitzableiter. Ich wusste immer, wer der Mann hinter der Maske ist, und ich konnte mit der Spannung, die du erzeugst, schon immer verdammt gut umgehen....ehrlich gesagt, stand ich von Anfang an auf den Kai...über den sich alle anderen Mädchen beschwerten.“
Kai zog eine Augenbraue hoch, und ein gefährlich charmantes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er legte seine Arme fest um ihre Taille und zog sie hart gegen sich.
„Du hattest dich tatsächlich nie beschwert und schienst es eher noch zu genießen...“, murmelte er, seine Stimme sank in ein tiefes, forderndes Timbre. „Ist dir dein...Ehemann am Ende etwa zu... weich geworden für deinen Geschmack? Wenn du den unnachgiebigen, fordernden Zaren vermisst, mein Schatz... ich kann ihn jederzeit wieder hervorholen. Das ist keine Rolle, die ich spiele. Das ist immer noch ein Teil von mir. Und wenn du ihn unbedingt willst...“
Er beugte sich vor, bis seine Lippen fast ihr Ohr berührten, und Nami spürte eine wohlige Gänsehaut über ihren Rücken laufen. Trotz der neuen Ausgeglichenheit brannte das Feuer in ihm noch genauso heiß wie am ersten Tag.
Nami lehnte ihren Kopf in den Nacken und sah ihn triumphierend an. „Glaub mir, Kai... die Mischung, die du jetzt verkörperst, ist einfach nur noch umso besser geworden. Ein Zar, der weiß, wann er die Welt...und mich beherrschen muss...und wann er einfach nur mein liebevoller, ausgeglichener Ehemann sein darf.“
Kai lachte leise, ein seltener Klang, der Nami jedes Mal aufs Neue verzauberte. Er drückte sie noch einmal fest an sich, bevor er sie auf die Stirn küsste. „Dann ist es wohl eine gute Entscheidung gewesen. Für uns beide.“
Er löste sich schweren Herzens ein Stück von ihr und sah zur Tür. „Aber jetzt wird es Zeit, dass wir diesen Montag beenden. Der Zar hat heute genug dekretiert, und die werdende Mutter braucht frische Luft, die nicht nach Metalllegierungen oder PR-Geheimnissen riecht.“
„Das klingt nach einem hervorragenden Plan“, stimmte Nami zu und griff nach ihrer Tasche.
Dr. Arata
Ein kühler Wind fegte über die Glasfassade des Towers, als der Aufzug sie lautlos in die obersten Etagen trug. Die samstägliche Ruhe im Gebäude bildete einen starken Kontrast zum hektischen Treiben der restlichen Woche. Kai hielt Namis Hand. Er hatte bemerkt, wie blass sie in den letzten Tagen war...die morgendliche Übelkeit hatte sie nun fest im Griff, und selbst mittags kämpfte sie oft noch mit den flauen Gefühlen im Magen.
Als sie vor der gläsernen Front der Geschäftsführung zum Stehen kamen, blieb Kai stehen und sah sie ernst, aber mit einer neuen Sanftheit an.
„Hör zu“, begann er, seine Stimme tief und ruhig. „Wir machen es heute genau so, wie wir es besprochen haben. Du arbeitest nur so viel, wie du dich danach fühlst. Wenn dein Körper Pausen verlangt, dann nimmst du sie dir...ohne Wenn und Aber. Ich will nicht, dass du dich zwischen den Aktenbergen quälst, wenn dir eigentlich nach Hinlegen zumute ist.“
Nami lächelte schwach und drückte seine Hand. „Ich versuche es, Kai. Aber du weißt, wie schwer mir das Nichtstun fällt.“
„Ich weiß...deswegen wolltest du auch nicht Zuhause bleiben obwohl du dich heute morgen ziemlich oft übergeben musstest...“, erwiderte er mit einem schmalen Lächeln, bevor sein Blick etwas nachdenklicher wurde. Er atmete kurz durch, als würde er sich innerlich auf etwas vorbereiten. „Und noch etwas... Heute Nachmittag um halb zwei kommt Dr. Arata hierher ins Büro. Ich möchte nicht mehr, dass er kommt, wenn du weg bist. Wenn du dich stark genug fühlst und es möchtest... dann würde ich mich freuen, wenn du bei der Sitzung dabei bist.“
Nami hielt inne. Sie sah die Ehrlichkeit in seinen roten Augen...kein Funken von Scham mehr, nur die Einladung, diesen Teil seines Weges mit ihm zu teilen.
„Du möchtest wirklich, dass ich dabei bin?“, fragte sie leise.
Kai nickte knapp. „Du bist der Grund, warum ich das alles mache, mein Schatz. Es gibt nichts mehr, was ich vor dir verheimlichen muss. Du gehörst dazu...zu mir und zu allem, was ich noch lernen muss.“
Nami sah ihn mit einem tiefen, warmen Leuchten in den Ozean-Augen an. „Ich bin sehr gerne dabei, Kai. Das bedeutet mir unglaublich viel“, hauchte sie und drückte seine Hand, bevor sie sich für die nächsten Stunden in ihre jeweiligen Reiche zurückzogen.
Die darauffolgenden Stunden im 45. Stockwerk verliefen in einer produktiven, fast schon meditativen Stille, die nur durch das leise, rhythmische Klicken von Tastaturen und das gelegentliche Rascheln von schweren Aktenseiten unterbrochen wurde. Es war eine jener Samstagschichten, die sie beide liebten...ohne den hektischen Druck des Alltagsgeschäfts, aber mit der gewohnten Präzision ihres gemeinsamen Imperiums.
Doch die gewohnte Distanz zwischen ihren Büros fühlte sich heute anders an. Kai, der normalerweise stundenlang in seine Analysen versinken konnte, ohne den Kopf zu heben, schien eine innere Unruhe zu verspüren, die nichts mit den Quartalszahlen zu tun hatte. Alle dreißig bis vierzig Minuten tauchte seine markante Silhouette im Türrahmen von Namis Büro auf. Mal brachte er einen Vorwand...eine kurze Rückfrage zu einer Klausel im Hokkaido-Vertrag oder eine Unterschrift, die angeblich sofort geleistet werden musste..., doch Nami wusste es besser. Sein Blick glitt jedes Mal prüfend über ihr Gesicht, suchte nach Anzeichen von Blässe oder Erschöpfung und wanderte fast unmerklich zu ihrem Bauch, bevor er sich mit einem knappen Nicken und einem leichten Lächeln wieder zurückzog.
Nami wiederum genoss diese Aufmerksamkeiten sichtlich. Sie revanchierte sich, indem sie jede Stunde in sein Reich hinüberwechselte, ihm wortlos ein frisches Glas Wasser auf den Schreibtisch stellte oder sich für einen Moment schweigend gegen die Kante seines massiven Glastischs lehnte, um die Ruhe zu genießen, die er ausstrahlte. Es war ein lautloser Tanz der gegenseitigen Rückversicherung.
Um exakt 11:48 Uhr legte Nami schließlich ihren silbernen Füllfederhalter beiseite. Ein flaues Gefühl in ihrem Magen meldete sich, doch es war diesmal eher ein Signal von Hunger als von Übelkeit. Sie erhob sich, strich ihr elegantes Etuikleid glatt und trat erneut in Kais Büro.
„Ich mache eine kurze Pause“, verkündete sie und lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. „Ich habe wieder mal eine wahnsinnige Lust auf einen Milkshake. Ich gehe kurz runter in die Lobby an die Café-Bar.“
Kai hielt mitten in einer Mail inne und sah über den Rand seines Bildschirms auf. Seine Stirn legte sich in tiefe, skeptische Falten. „In die Lobby?“, fragte er mit diesem leicht autoritären Unterton, der jedoch sofort von echter Besorgnis gemildert wurde. „Stört dich der Kaffeegeruch dort eigentlich nicht?“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und trat einen Schritt auf ihn zu. „Keine Sorge. Der Geruch dort unten ist kein Problem. Die Lobby ist so gewaltig groß und durch die andauernd geöffneten Haupteingänge zieht immer ein frischer Windzug durch die Halle. Die schweren Kaffeearomen verfliegen dort so schnell, dass sie mich kaum erreichen. Es ist dort viel luftiger als hier oben in den geschlossenen Etagen. Die letzten Tage war es auch kein Problem.“
Kai starrte sie einen Moment lang schweigend an, als würde er die logische Belastbarkeit ihrer Argumente prüfen. Dann klappte er mit einer entschlossenen Bewegung seinen Laptop zu und stand auf. Die geschmeidige Kraft in seinen Bewegungen verriet, dass er froh über die Unterbrechung war.
„In Ordnung“, entschied er und griff nach seinem dunkelgrauen Sakko, das über der Rückenlehne seines Stuhls hing. „Ich begleite dich. Ich kann ohnehin gerade keine Zahlen mehr sehen und brauche etwas anderes als dieses stille Wasser hier oben. Ich werde mir einen Schwarztee holen.“
Als sie gemeinsam den Korridor zu den privaten Aufzügen entlangschritten, legte Kai ganz selbstverständlich seine Hand um ihre Taille.
Während die verspiegelte Kabine lautlos in die Tiefe glitt, beobachtete Nami ihr beider Spiegelbild. Kai wirkte entspannt, die harte Linie um seinen Mund war einer sanften Aufmerksamkeit gewichen.
„Du weißt, dass die Leute wieder tuscheln werden, wenn wir dort unten gemeinsam auftauchen“, bemerkte sie leise lächelnd.
„Sollen sie“, erwiderte er trocken, während sich die Türen zur Lobby öffneten. „Ich bin der CEO. Wenn ich Lust auf einen Tee in meiner eigenen Lobby habe, dann ist das ein geschäftliches Statement.“
Die Lobby empfing sie mit einer angenehmen Weite. Tatsächlich strömte bei jedem Schwingen der Glastüren kühle Novemberluft herein, die den Duft von Freiheit und Stadtleben mit sich brachte und die schweren Kaffeeröstungen der Bar mühelos neutralisierte.
Kai löste seinen Arm von ihrer Taille, nur um im nächsten Moment sanft nach ihrer Hand zu greifen. Mit einer Selbstverständlichkeit, verschränkte er seine Finger fest mit den ihren.
Gemeinsam schritten sie auf den polierten Marmorboden hinaus. Das rhythmische Echo ihrer Schritte schien die geschäftige Samstags-Atmosphäre der Lobby augenblicklich zu bändigen. Nami spürte die Blicke, die wie unsichtbare Nadeln auf ihnen ruhten...von den Sicherheitskräften an den Scannern bis hin zu den wenigen Angestellten, die am Wochenende Dienst hatten. Sie konnte ein amüsiertes Schmunzeln nicht unterdrücken, als sie an das Getuschel der PR-Damen hinter dem Pflanzenspalier zurückdachte.
„Heute hielt er ihre Hand fest umschlossen... das ist viel intimer“,
hallte es in ihrem Kopf wider. Wenn die Damen sie jetzt sehen könnten, würde die Tuschelei im Tower wahrscheinlich mal wieder überkochen.
Kai schien von der Unruhe um sie herum wie immer vollkommen unberührt. Sein Blick war nach vorne gerichtet, die kühle Autorität in seinen Zügen gepaart mit einer neuen, fast schon majestätischen Gelassenheit.
„Wir holen uns jetzt deine Erfrischung“, sagte er leise, seine Stimme tief und nur für sie bestimmt, während sie auf die moderne Café-Bar zusteuerten. „Danach arbeiten wir die letzten Berichte auf. In einer Stunde können wir dann in Ruhe zum Mittagessen gehen, bevor Dr. Arata um 13:30 Uhr zu uns ins Büro kommt.“
Nami nickte und drückte seine Hand fest. Die Erwähnung des Termins löste kein Unbehagen mehr in ihr aus, sondern ein tiefes Gefühl von Stolz auf den Mann an ihrer Seite.
An der Bar angekommen, hielten die Gespräche der wenigen Gäste schlagartig inne. Die junge Barista, die gerade dabei war, eine Siebträgermaschine zu polieren, erstarrte förmlich, als der CEO höchstpersönlich vor ihr auftauchte...und das nicht im Vorbeigehen, sondern Hand in Hand mit seiner Frau.
„G-guten Tag, Mr. Hiwatari. Mrs. Hiwatari“, stammelte sie und verbeugte sich hastig, wobei sie fast ein Glas umstieß. Ihre Augen huschten fassungslos zu ihren verschränkten Händen. „Was... was darf ich Ihnen bringen?“
„Einen Erdbeer-Milkshake für meine Frau“, ordnete Kai an, ohne seine Hand von Namis zu lösen. Sein Blick war ruhig, aber die Intensität seiner roten Augen sorgte dafür, dass die Barista sofort in höchste Betriebsamkeit verfiel. „Und für mich einen Schwarztee. Stark, ohne Zucker.“
Während die Barista mit zitternden Händen die Erdbeeren und die Milch vorbereitete, lehnte sich Kai ein Stück näher zu Nami. Er ignorierte die neugierigen Blicke der Umstehenden vollkommen. Für ihn existierte in diesem Moment nur die Frau, deren Hand er hielt. Der frische Luftzug der Lobby wehte die schweren Kaffeearomen fort, genau wie Nami es vorausgesagt hatte, und ersetzte sie durch die kühle Reinheit des Novembermorgens.
„Geht es deinem Magen gut?“, murmelte er, seinen Fokus ganz auf sie gerichtet, während im Hintergrund das Mixgerät aufheulte.
Nami lächelte ihn strahlend an, unbeeindruckt vom Tuscheln hinter ihrem Rücken.
„Mit dir an meiner Seite, mein Zar? Immer...“
Er schmunzelte und drückte ihre Hand.
Kai nahm den dampfenden Becher mit dem Schwarztee entgegen und sah über den Rand hinweg kurz in die Weite der Lobby. Die kühle Brise tat gut, und der Anblick von Nami, wie sie genüsslich den ersten Schluck von ihrem Erdbeer-Milkshake nahm, schien ihn endgültig aus dem Arbeitsmodus zu holen.
„Sollen wir uns noch einen Moment setzen?“, fragte er ruhig und deutete mit dem Kopf auf die tiefen, anthrazitfarbenen Ledersofas in der Nähe des großen Fensterflügels. „Hier unten ist die Luft besser als im 45. Stock, und du siehst so aus, als täte dir die Pause gut.“
Nami zog die Augenbrauen hoch und sah ihn belustigt an. „Wenn wir uns jetzt dort hinsetzen, Kai, dann könnten wir ja theoretisch auch direkt unsere Mittagspause vorziehen“, neckte sie ihn. „Der CEO der Tachiwari-Corporation, wie er am Samstagmittag zusammen mit seiner Frau in seiner eigenen Lobby entspannt... das wäre das Bild des Jahres für die PR-Abteilung.“
Kai nahm einen langsamen Schluck von seinem starken Tee, unbeeindruckt von ihrem Spott. „Eigentlich...“, erwiderte er, während er den Becher wieder senkte und sie mit einem fast schon herausfordernden Glitzern in den Augen ansah, „...ist das eine verdammt gute Idee. Warum nicht?“
Nami lachte hell auf und gab ihm einen kleinen Stups mit ihrem Ellenbogen gegen die Seite. „Kai! Wir haben beide noch einen Stapel Akten auf dem Tisch liegen, die bis Montag fertig sein müssen. Und die Berichte aus Hokkaido lesen sich auch nicht von allein. Wir haben noch was zu tun!“
Kai zuckte nur völlig tiefenentspannt mit den Schultern, eine Geste, die früher bei ihm undenkbar gewesen wäre, wenn es um Arbeit ging. Er führte sie trotzdem zielstrebig zu einem der Sofas und wartete, bis sie sich gesetzt hatte, bevor er sich neben sie gleiten ließ. Er verschränkte die Beine und lehnte sich zurück, den Teebecher locker in der Hand.
„Das hat Zeit, mein Schatz.“, sagte er schlicht. „Die Firma wird nicht untergehen, wenn wir uns eine Stunde früher Zeit für uns nehmen. Außerdem...“ Er warf ihr einen Seitenblick zu, der deutlich weicher war als seine übliche geschäftsmäßige Miene. „...ist es wichtiger, dass du und das kleine Erbe da drin einen entspannten Vormittag habt. Die Zahlen laufen uns nicht weg. Arata ist erst um halb zwei da. Bis dahin gehört die Zeit uns.“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf, gab sich aber geschlagen. Sie rückte ein Stück näher an ihn heran und genoss die seltene Ruhe inmitten ihres Imperiums. „Ein völlig entspannter Kai Hiwatari. Früher hättest du mich wahrscheinlich eigenhändig zurück an den Schreibtisch geschleift, wenn ich auch nur das Wort 'Pause' erwähnt hätte.“
„Menschen ändern sich eben...“, murmelte er und legte seinen freien Arm um ihre Schulter, während die wenigen Passanten in der Lobby versuchten, so unauffällig wie möglich wegzusehen, obwohl sie Zeuge eines erneuten zärtlichen Moments zwischen den Eheleuten wurden.
Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und genoss den kühlen Erdbeergeschmack ihres Shakes, während das sanfte Treiben der Lobby an ihnen vorbeizog. Die Novembersonne warf lange, helle Streifen auf den Marmor.
„Wo wir gerade bei Entspannung sind“, begann Nami leise und sah zu ihm auf. „Lumina hat mich vorhin angerufen. Sie hat heute diesen wichtigen Termin beim Frauenarzt...sie erfährt endlich, ob sie und Tala einen Jungen oder ein Mädchen erwarten. Wir wollten uns danach, so gegen 16:30 Uhr, in Sunshine City treffen. Sie will unbedingt schon mal Babysachen sichten.“
Sie machte eine kurze Pause und strich mit dem Finger über den Rand ihres Bechers. „Ich würde sie gerne begleiten. Möchtest du vielleicht mitkommen? Tala ist später noch bei einem Termin in der Academy, also wären wir erst einmal unter uns.“
Kai hielt den Teebecher in der Luft inne. Sein Blick fixierte einen Punkt in der Ferne, während sein Schutzinstinkt sofort ansprang. Er sah Nami an...sie wirkte jetzt, nach dem Shake und der Ruhe, wieder etwas lebendiger, doch die Blässe der letzten Tage war ihm nicht entgangen. Der Gedanke, sie in das samstägliche Getümmel von Ikebukuro und Sunshine City ziehen zu lassen, widerstrebte seinem Bedürfnis, sie in seiner Nähe zu wissen, wo er jede Veränderung ihres Zustands sofort bemerken konnte.
Er schien tatsächlich einen Moment lang ernsthaft zu überlegen, ob er seine Termine für den späten Nachmittag absagen sollte, um als stummer, wachsamer Schatten hinter den beiden Frauen herzulaufen. Dann jedoch stahl sich ein schmales, fast schon selbstironisches Schmunzeln auf seine Lippen.
„Ich glaube, ich würde zwischen all den Pastelltönen und Baby-Stramplern nur die Dekoration ruinieren“, sagte er trocken und drückte ihre Schulter etwas fester. „Geh ruhig allein mit Lumina. Ihr zwei werdet sicher genug zu bereden haben, besonders nach den Neuigkeiten. Aber...“ Er sah sie eindringlich an, sein Blick war nun wieder der des Mannes, der nichts dem Zufall überließ. „...ich möchte dich später abholen. Sag mir einfach, wann ihr fertig seid, und ich stehe vor dem Haupteingang.“
Nami lachte hell auf und sah ihn amüsiert an. „Kai! Fragst du dich etwa ernsthaft, ob ich den Weg nach Hause nicht mehr allein finde? Ich bin seit Jahren in dieser Stadt unterwegs...und ich hätte Graham angerufen um mich abzuholen.“
Kai zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als er den letzten Schluck seines Tees nahm. „Das hat nichts mit deinen Navigationskünsten zu tun, oder damit dass ich Graham sogar mein Leben anvertrauen würde, Nami. Ich fühle mich einfach besser, wenn ich dich selbst abholen kann, während dir vielleicht wieder flau im Magen ist. Akzeptier es einfach als eine meiner... neuen Prioritäten.“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf, doch in ihrem Inneren breitete sich eine wohlige Wärme aus. „In Ordnung, mein Beschützer. Ich melde mich bei dir, sobald Lumina genug rosa oder blaue Söckchen gekauft hat.“
„Gut“, erwiderte er knapp, stellte den leeren Becher auf den kleinen Tisch vor ihnen.
Nami lehnte sich noch ein Stück weiter in die weichen Polster des Sofas und genoss die restlichen zehn Minuten in der lichtdurchfluteten Lobby. Die kühle Brise, die durch die Schwingtüren hereinwehte, tat ihr unglaublich gut. Es war eine jene seltenen Phasen der Stille, in denen die geschäftige Tachiwari-Corporation um sie herum einfach zur Kulisse wurde.
„Komm“, sagte Kai schließlich leise und half ihr sanft beim Aufstehen. „Wir gehen jetzt nach oben ins Restaurant. Ich möchte, dass du vor dem Termin mit Arata ordentlich isst, damit dein Kreislauf stabil bleibt.“
Sie fuhren in das oberste Stockwerk, wo das Restaurant des Towers an diesem Samstag fast leer war. Der Kellner führte sie an ihren Stammplatz am Fenster. Während sie auf ihre leichte Gemüsesuppe und den gedünsteten Fisch warteten, legte Kai seine Unterarme auf den Tisch und sah Nami direkt an. Die anfängliche Distanz, die er oft um das Thema Therapie aufgebaut hatte, war nun endgültig verschwunden.
„Du hast mich heute morgen gefragt, was wir die letzten Monate besprochen haben“, begann er ruhig. „Arata hat mir geholfen zu verstehen, dass meine... Intensität, wie du sie nennst, oft nur ein Schutzmechanismus war. Ein Relikt aus der Zeit von Biovolt. Ich dachte immer, ich müsste alles und jeden kontrollieren, um sicherzustellen, dass mir... oder dir...nie wieder etwas zugestoßen kann.“
Nami hörte gebannt zu, während sie an ihrem Wasser nippte.
„Wir haben viel über den Begriff der 'Stärke' geredet“, fuhr er fort, wobei seine Stimme noch tiefer wurde. „Dass es keine Schwäche ist, die Kontrolle abzugeben oder Hilfe anzunehmen. Er hat mir gezeigt, wie ich den Zorn kanalisiere, der mich früher oft stoisch und unberechenbar zugleich gemacht hat. Besonders in Bezug auf die Kinder und dich... ich lerne gerade, dass mein Schutzinstinkt nicht zwangsläufig in Herrschsucht umschlagen muss.“
Nami legte ihre Hand auf seine. „Ich habe dir ha bereits gesagt, dass ich gemerkt habe, wie du dich verändert hast, Kai. Du bist immer noch du, aber da ist jetzt eine Ruhe in dir, die vorher nicht da war.“
Kai schmunzelte kaum merklich und drückte ihre Hand. „Es ist ein Prozess. Aber mit dir an meiner Seite fällt es mir leichter, diese neuen Seiten an mir zu akzeptieren.“
Sie aßen in entspannter Atmosphäre zu Ende, wobei Kai penibel darauf achtete, dass Nami genug trank. Das Gespräch über seine Fortschritte schien das letzte Band der Verheimlichung zwischen ihnen zerschnitten zu haben.
Um exakt 13:20 Uhr erhob sich Kai und reichte ihr galant den Arm. „Es ist Zeit. Arata ist ein Mann der Pünktlichkeit, und ich möchte nicht, dass wir ihn warten lassen.“
Gemeinsam verließen sie das Restaurant und machten sich auf den Weg zurück zum Chefbüro im 45. Stock. Als sie den hellen Korridor entlangschritten, wirkte Kai vollkommen gefasst. Er öffnete die schwere Tür zu seinem Reich, in dem die Luft bereits angenehm neutral und frisch war...bereit für das Gespräch, das nun folgen sollte.
Bereits fünf Minuten später durchschnitt ein präzises, höfliches Klopfen die spannungsgeladene Luft.
Kai atmete tief durch, ordnete mit einer gewohnten, knappen Geste sein Sakko und trat zur Tür. Als er sie öffnete, stand dort ein Mann, der den perfekten Gegensatz zu Kais imposanter Erscheinung bildete. Dr. Arata war etwa Anfang 50, klein und eher schmächtig gebaut. Sein Gesicht wurde von einem markanten, bauschigen Schnauzer und einer runden Brille geprägt, hinter der wache, freundliche Augen blitzten. Er trug einen ordentlichen, hellbraunen Anzug und hielt eine abgewetzte Aktentasche fest im Griff.
Als der Psychologe Nami im Raum entdeckte, hoben sich seine Brauen vor Überraschung weit nach oben. Er trat ein und verneigte sich so tief, dass seine Brille fast von der Nase rutschte.
„Mrs. Hiwatari!“, rief er mit einer Stimme, die erstaunlich warm und melodiös klang. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre und eine große Freude, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen. Ihr Ehemann hat mir in unseren Sitzungen bereits so viel über Sie erzählt, dass ich das Gefühl habe, Sie schon seit Jahren zu kennen.“ Er richtete sich auf und lächelte aufrichtig. „Es erfüllt mich mit großer Zuversicht, dass Sie mich heute gemeinsam mit ihm empfangen.“
Kai legte seine Hand kurz auf Namis Rücken und sah den Doktor ruhig an. „Meine Frau möchte heute an der Sitzung teilnehmen. Ich habe keine Geheimnisse mehr vor ihr...und ich denke, ihre Perspektive wird dem Prozess guttun.“
Dr. Arata wirkte geradezu entzückt über diesen Vorschlag. Er rückte seine Brille zurecht und deutete mit einer einladenden Geste auf das große, anthrazitfarbene Sofa unter dem Panoramafenster. „Hervorragend! Eine wunderbare Entwicklung, Mr. Hiwatari. Bitte, nehmen Sie beide Platz. Machen Sie es sich bequem.“
Nami und Kai ließen sich gemeinsam auf dem Sofa nieder, wobei Kai ganz selbstverständlich ihre Hand ergriff und seine Finger wieder mit ihren verschränkte, während Dr. Arata einen Sessel heranzog, seine Aktentasche öffnete und einen Notizblock auf seinen Schoß legte.
Dr. Arata lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und beobachtete das Paar über den Rand seiner runden Brille hinweg. Die Atmosphäre im Raum hatte sich augenblicklich verdichtet, als Nami das Wort ergriff. Kai saß neben ihr, die Wirbelsäule kerzengerade, während sein Griff um ihre Hand fast unbewusst fester wurde.
„Dr. Arata“, begann Nami mit einer Stimme, die so fest und klar war, dass sie keinen Raum für Zweifel ließ. „Bevor wir tiefer in Kais Fortschritte eintauchen, möchte ich eines ganz deutlich klarstellen: Ich hatte nie ein Problem mit ihm. Nicht in den letzten sechzehn Jahren, in denen wir unser Leben teilen.“
Sie warf Kai einen kurzen, tiefen Blick aus ihren Ozean-Augen zu, bevor sie sich wieder dem Psychologen zuwandte.
„Ich wusste immer, warum er sich so verhält, wie er es tut. Es war wie ein Instinkt. Ich habe gespürt, warum er oft so fordernd, so besitzergreifend und manchmal fast schon besessen wirkte...besonders, wenn er mir körperlich nahe war. Für Kai war diese Nähe zu mir nie nur Verlangen; es war wie eine Heilung für ihn. Ich habe immer gewusst, dass dieses Bedürfnis nach absoluter Kontrolle daher rührte, dass ihm als Kind vieles genommen wurde. In der Abtei wurde er misshandelt, er besaß dort gar nichts, nicht einmal die Macht über seine eigenen Entscheidungen.“
Im Büro herrschte eine atemlose Stille. Dr. Arata nickte langsam, während er sich eifrig eine Notiz machte, doch sein Blick blieb auf Nami fixiert.
„Ich liebe ihn gerade deshalb, weil er so intensiv ist in allem, was er tut“, fuhr sie fort und legte ihre freie Hand auf Kais Unterarm. „Ich will nicht, dass er denkt, er müsse sich ändern, um ein 'normaler' Ehemann zu sein. Er soll zufrieden sein. Er soll innerlich glücklich werden. Aber er muss nicht krampfhaft versuchen, seine Natur zu unterdrücken. Ich liebe die Dynamik unserer Ehe. Ich liebe unsere neckischen Machtspielchen und die Art, wie er seine Dominanz nutzt, um mich zu verführen. Das ist ein Teil von uns, ein Teil von ihm, den ich niemals missen möchte.“
Sie hielt inne und sah Dr. Arata direkt an. „Ich wollte, dass Sie das hören. Dass Sie wissen, dass der Mann, den Sie hier therapieren, für mich bereits vollkommen ist...ich möchte nur, dass er denselben Frieden mit sich schließt, den ich schon vor Jahren mit seinem Charakter geschlossen habe.“
Kai war sichtlich ergriffen. Der sonst so unerschütterliche Zar der Tachiwari-Corporation schien für einen Moment sprachlos. Er sah Nami an, und in seinen roten Augen glomm ein Licht, das weit über bloße Dankbarkeit hinausging. Ihm fehlten die Worte; er konnte nur ihren Handrücken an seine Lippen führen und einen langen, bebenden Kuss darauf drücken.
Dr. Arata räusperte sich leise und rückte seine Brille zurecht. Ein sanftes Lächeln breitete sich unter seinem bauschigen Schnauzer aus.
„Das...“, begann der Doktor leise, „...ist eine der kraftvollsten Offenbarungen, die ich in meiner Laufbahn je gehört habe, Mrs. Hiwatari. Sie nehmen ihm den Druck, eine Maske tragen zu müssen, die gar nicht zu ihm passen würde. Mr. Hiwatari, das ist ein gewaltiger Durchbruch. Wenn die Basis Ihrer Beziehung nicht die Unterdrückung dieser Züge ist, sondern deren Akzeptanz, dann können sie sich darauf konzentrieren, wie Sie diese Intensität genießen können, ohne dass sie von den alten Ängsten der Vergangenheit überschattet wird.“
Er sah Kai an, der langsam wieder zu seiner Fassung fand. „Wie fühlen Sie sich bei diesen Worten, Kai?“
Kai starrte Nami sekundenlang einfach nur an, während die emotionale Wucht ihrer Worte noch im Raum nachhallte. Er schluckte schwer, ein seltener Moment, in dem die Maske des unnahbaren CEO vollkommen gefallen war.
„Nami…“, begann er schließlich, seine Stimme war tief und klang belegt. Er sah kurz zu Dr. Arata, dann wieder fest in ihre Ozean-Augen. „Du hast mir das über die Jahre hinweg immer wieder gesagt. Und tief in mir habe ich es auch immer so empfunden, denn ich habe gesehen, dass du glücklich bist. Ich habe gespürt, dass du diese… Spannung zwischen uns nicht nur akzeptierst, sondern aktiv suchst.“
Er hielt inne und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken, fast so, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich hier war. „Aber ich hatte einfach immer diese quälende Sorge, etwas zu übersehen. Dass ich in meiner Intensität, in diesem Drang, alles zu kontrollieren, vielleicht zu wenig Raum für die sanfte Zärtlichkeit lasse oder für den Blick für die wichtigen Dinge. Ich hatte Angst, dass ich nach außen hin zu besitzergreifend bin… dass ich dich ersticke, ohne es zu merken. Ein Mann, der so viele Traumata mit sich herumschleppt wie ich… ich hatte oft das Gefühl, dass ich für eine Frau wie dich einfach… zu viel und für die Kinder zu wenig bin.“
Dr. Arata beobachtete Kai schweigend, ein wissendes Lächeln auf den Lippen, während er sah, wie der „Zar“ seine tiefste Unsicherheit aussprach: Die Angst, das Beste in seinem Leben durch seine eigene Natur zu beschädigen.
Nami wartete nicht auf eine Reaktion des Doktors. Sie löste ihre Hand aus seinem Griff, lehnte sich vor und nahm sein Gesicht fest in beide Hände. Ihre Finger strichen über seine Wangenknochen, genau dort, wo die früheren blauen Markierungen seiner Kindheit saßen, und zwangen ihn, ihrem Blick nicht auszuweichen.
„Hör mir gut zu, Kai Hiwatari“, sagte sie mit einer Sanftheit, die dennoch so unumstößlich war wie Granit. „Ich habe es dir sicher schon hunderte Male gesagt...und ich sage es dir nochmal. Du warst niemals zu viel. Und du wirst auch niemals zu viel sein. Nicht für mich.“
Sie kam ihm so nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Ich wollte keinen zahmen Mann. Ich wollte keinen Mann, der jeden Tag dauergrinst und zu Allem ja sagt oder der seine Leidenschaft filtert, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein. Ich wollte dich...genau so, wie du bist. Mit deiner Kälte nach außen, mit deiner besessenen Art, mich und die Kinder zu beschützen, und ja, auch mit deiner Dominanz und Intensität. Du bist perfekt so. Du bist mein Anker und zugleich meine größte Sehnsucht.“
Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete zittrig aus.
Dr. Arata räusperte sich leise, ein warmes Glitzern hinter seinen runden Brillengläsern. „Wissen Sie, Mr. Hiwatari… die meisten Menschen kommen zu mir, weil sie sich ändern wollen. Aber Ihr größter Durchbruch ist die Erkenntnis, dass Heilung nicht bedeutet, jemand anderes zu werden. Es bedeutet, die Erlaubnis zu haben, man selbst zu sein...und zu sehen, dass man genau dafür geliebt wird. Was Nami Ihnen gibt, ist das, was Ihnen in der Abtei verwehrt wurde: Absolute Sicherheit ohne Bedingungen.“
Kai öffnete die Augen wieder. Das brennende Rot wirkte nun klarer, friedlicher. Er legte seine Hände über ihre, die noch immer sein Gesicht hielten.
„Danke, mein Schatz.“, flüsterte er, und es war das erste Mal, dass dieses Wort in diesem Büro nicht nach einer geschäftlichen Floskel klang.
Dr. Arata blätterte bedächtig in seinen Unterlagen, bevor er den Blick hob und Kai erneut ansah. „Kai, erinnern Sie sich an eine unserer ersten Einzelsitzungen? Wir sprachen über eine Begegnung. Sie wirkten damals, vor fünf Monaten, sehr erschüttert von dem, was dieser Mann...Ihnen in diesem Club vor Augen geführt hatte. Sie nannten ihn einen 'Ritter ohne Schatten'.“
Kai versteifte sich merklich, doch der Blick in seinen roten Augen war heute klarer, weniger gequält als damals. Er spürte, wie Nami neben ihm aufmerksam wurde. Sie erinnerte sich an das Gespräch in London; sie dachten beide, das Thema Miguel sei längst zu den Akten gelegt. Doch Dr. Arata bohrte tiefer in eine Ebene, die Kai in Mayfair nur gestreift hatte.
„Sie gestanden mir damals“, fuhr Dr. Arata ruhig fort und sah dabei auch Nami an, „dass Sie sich in diesem Moment ernsthaft gefragt haben, ob Nami mit ihm möglicherweise ein glücklicheres Leben geführt hätte. Sie sprachen davon, dass Sie ihr sechzehn Jahre eines Kampfes zugemutet haben, den sie mit einem... 'unbeschädigten' Mann nie hätte führen müssen.“
Stille breitete sich im Raum aus. Nami hielt den Atem an. Sie sah zu Kai, dessen Kiefermuskeln arbeiteten, während er die Worte des Psychologen verarbeitete. Er hatte ihr in London zwar gesagt, dass er sich glücklich schätzte, dass sie auf ihn gewartet hatte...aber diesen einen, vernichtenden Gedanken, dass sie es mit Miguel besser gehabt hätte, den hatte er damals für sich behalten. Er hatte sie nicht mit der vollen Härte seiner damaligen Selbstzweifel belasten wollen.
„Du hast das damals wirklich geglaubt?“, fragte Nami leise. Ihre Stimme zitterte nicht; sie war voller ungläubiger Sanftheit.
Kai atmete tief durch und sah sie nun direkt an. Die Unsicherheit von vor fünf Monaten war einer reflektierten Ruhe gewichen, doch die Ehrlichkeit blieb. „Ja, in den ersten Wochen nach dem Club... da war dieser Gedanke mein ständiger Begleiter“, gab er mit rauer Stimme zu. „Er hatte keine Abtei in den Knochen, Nami. Keine Dunkelheit, die er mit in dein Bett bringt. Ich habe mir vorgestellt, wie dein Leben an seiner Seite ausgesehen hätte... ohne die Kälte, ohne die Momente, in denen ich mich hinter meinen Mauern einsperrte. Ich dachte wirklich, ich hätte dir ein Licht gestohlen, das er dir einfach hätte lassen können."
Ihre ozeanfarbenen Augen brannten vor einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete.
„Kai!“, begann sie, während Dr. Arata beobachtete, wie die Dynamik des Paares den Raum füllte. „Ich habe dir in London gesagt, dass ich mir an dir die Zähne ausbeißen wollte. Und weißt du, warum? Weil ein 'Ritter ohne Schatten' für mich kein Profil hat. Miguel ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist wie eine ruhige See...man kann darauf segeln, aber man spürt das Leben nicht.“
Sie atmete kurz durch. „Ich wollte keinen Mann, der keine Narben hat. Ich wollte den Mann, der durch die Hölle gegangen ist und trotzdem weiß, wie man liebt. Du hast mir kein Licht gestohlen, Kai. Du bist die Flamme, die mein Leben überhaupt erst hell macht. Die Kämpfe der letzten sechzehn Jahre... die Tränen, die Wut, aber auch diese unglaubliche, besessene Liebe und Leidenschaft...ich würde nichts davon gegen Miguels 'einfaches' Glück eintauschen. Nicht für eine einzige Sekunde.“
Ein schwaches, aber ehrliches Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. Er spürte, wie der letzte winzige Rest dieser giftigen Vorstellung von vor fünf Monaten...dass er eine Last für sie sei...unter ihrem Blick endgültig verdampfte.
Dr. Arata notierte sich etwas und sah zufrieden aus. „Sehen sie, Kai? Die Entwicklung, die sie in den letzten Monaten gemacht haben, gipfelt in diesem Verständnis. Ihre immer noch präsente 'Dunkelheit' ist für Nami kein Hindernis...das war sie nie. Es ist der Kontrast, der Ihre gemeinsame Helligkeit erst definiert. Es ist an der Zeit, dass Sie aufhören, sich für Ihre Existenz in ihrem Leben zu entschuldigen...auch rückwirkend.“
Kai atmete tief aus, ein Geräusch, das wie das Lösen einer jahrelangen Anspannung klang. „Ich fange an, es zu begreifen“, murmelte er und sah sie mit einer tiefen Zärtlichkeit an.
„Schau uns doch an, Kai....Wir sind seit sechzehn Jahren ein Paar. Denkst du wirklich, eine Frau wie ich wäre auch nur einen Tag länger geblieben, wenn du mich einengen oder mir zu viel sein würdest? Wenn ich dich nicht genau so lieben würde, wie du bist, wäre ich schon längst über alle Berge.“
Sie stieß ein kurzes, amüsiertes Schnauben aus, als sie an ihre gemeinsamen Freunde dachte. „Tyson... dieser Idiot versteht es einfach nicht. Er sieht deine kühle Fassade, er sieht deinen Kontrollzwang und er deutet die Zeichen völlig falsch obwohl er dich kennt. Er versteht nicht, dass ich keinen dauergrinsenden, harmlosen Typen als Mann brauche. Ich brauche keine weichgespülte Version, Kai.“
Sie senkte ihre Stimme zu einem rauen Flüstern, das Kai sichtlich erschauern ließ. „Und was er und viele Andere einfach...nicht begreifen, ist mein kleiner Faible für deine dominante Art. Ich will den Mann, der mir nur einen einzigen dieser messerscharfen Blicke zuwerfen muss, damit ich weiche Knie bekomme. Ich will die Stimme, die mir allein durch ihren Klang Gänsehaut über den ganzen Körper beschert. Ich liebe es, dass deine reine Präsenz im Raum ausreicht, um mich dazu zu bringen, mir vor Verlangen auf die Lippe zu beißen.“
Ein triumphierendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sie sah, wie Kais Pupillen sich leicht weiteten. „Es ist berauschend für mich, dass du nach außen hin der kühle, unnahbare Zar bist, der gefühlt die ganze Welt beherrscht... und dass du nur mir allein dein wahres Gesicht zeigst. Dass nur ich weiß, wie heiß das Feuer unter dem Eis brennt. Das ist es, was ich will. Das ist es, was ich brauche. Ich wollte dich immer schon genauso wie du bist.“
Kai schloss für einen erneuten Moment die Augen und atmete tief den vertrauten Duft von Namis Haar ein. Ein kaum merkliches, dankbares Lächeln umspielte seine Lippen. Er wusste das alles. Er hatte es in den letzten sechzehn Jahren unzählige Male aus ihrem Mund gehört, hatte es in ihren Augen gelesen und in jeder ihrer Berührungen gespürt. Doch es in diesem Moment, in diesem geschützten Rahmen der Therapie noch einmal so kompromisslos und klar formuliert zu hören, gab ihm die nötige Erdung.
„Ich weiß, mein Schatz.“, murmelte er gegen ihre Stirn, während er seine Finger fest in ihrem Nacken vergrub. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass du mich genau so willst. Aber danke...danke, dass du es mir heute, hier, noch einmal sagst.“
Dr. Arata, der die Interaktion aufmerksam beobachtet hatte, rückte seine Brille zurecht und nickte langsam. Er verstand nun die Tiefe des Fundaments, auf dem diese Ehe gebaut war.
„Genau das ist der entscheidende Punkt“, schaltete sich der Psychologe mit seiner ruhigen, fachkundigen Stimme ein. „Es geht in dieser Therapie nicht darum, Sie zu einem anderen Menschen zu machen, Kai. Das wäre bei Ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht nur unmöglich, sondern...wie Mrs. Hiwatari so treffend ausführte...auch gar nicht wünschenswert. Unser Ziel hier ist es, die Mechanismen hinter Ihren Verhaltensmustern zu entschlüsseln. Darauf basierte auch die bisherige Therapie der letzten Monate. Sie hatten mir viel über die Zeit in der Abtei erzählt, die sie geformt hatte.“
Er machte eine kurze Pause und sah Kai direkt an.
„Wir arbeiteten daran, dass Sie diese Impulse...diesen Drang nach absoluter Kontrolle oder die plötzliche Kälte...im Moment ihres Entstehens erkennen. Dadurch, dass Sie mitlerweile verstehen, warum Ihr Inneres in einer bestimmten Situation nach dem 'Zaren' ruft, können Sie sich selbst besser regulieren. Es geht darum, reflektierter zu werden und zu lernen, positive Emotionen aktiv in Ihr Handeln einzubinden, anstatt sie von alten Schutzmechanismen überlagern zu lassen.“
Kai hob den Kopf und sah den Arzt ernst an. Die analytische Herangehensweise lag ihm deutlich mehr als reine Sentimentalität.
„Und es geht auch um die Angst“, fuhr Dr. Arata fort. „Auch wenn es Ihnen am Anfang widerstrebte, es sich einzugestehen: Viele Ihrer Reaktionen sind Reaktionen auf tief sitzende Ängste aus Ihrer Zeit in der Abtei. Diese Ängste zu benennen und sie zuzulassen, ohne dass sie Ihr Handeln diktieren...das ist die eigentliche Überwindung. Seit Sie die Angst vor dem Kontrollverlust teils verloren haben, wird Ihre Intensität nicht mehr als Schild fungieren, sondern als reine Kraft.“
Nami strich Kai sanft über den Handrücken. Sie spürte, wie er die Worte des Doktors verarbeitete, sie wog und in sein Weltbild einbaute.
„Reflexion statt bloßer Reaktion“, wiederholte Kai leise, fast so, als würde er eine neue Strategie für die Tachiwari-Corporation festlegen. Er sah zu Nami und sein Blick wurde weicher. „Damit ich dir und den Kindern nicht nur als Beschützer zur Seite stehe, sondern als jemand, der... wirklich präsent ist, ohne von alten Schatten getrieben zu werden. Jemand der eine Stütze ist.“
Dr. Arata lächelte zufrieden. „Exakt. Und die Tatsache, dass Ihre Frau diese 'Schatten' nicht fürchtet, sondern sie als Teil Ihres Feuers akzeptiert, gibt Ihnen den sichersten Raum, den man sich für diese Arbeit nur wünschen kann.“
Dr. Arata schlug eine neue Seite in seinem Notizblock auf und sah Kai mit einer Mischung aus Respekt und klinischer Sachlichkeit an. „Das führt uns zu einem sehr spezifischen Verhaltensmuster, das Sie in unseren früheren Einzelsitzungen angesprochen haben, Mr. Hiwatari. Das Thema der Familienerweiterung und Ihre Reaktionen darauf.“
Der Psychologe wandte sich kurz an Nami. „Kai erzählte mir, dass er über viele Jahre hinweg sehr abweisend, fast schon herrisch reagierte, wenn es um das Thema Kinder ging. Er beschrieb sein eigenes Verhalten als eine Art Schutzwall.“
Nami nickte langsam, ihre Finger spielten nun gedanklich mit dem Saum ihres Kleides. „Das stimmt. Kai hat mir gegenüber bereits vor einigen Monaten zugegeben, dass es ihn innerlich jedes Mal zerrissen hat, wenn er mich in den Wehen liegen sah. Diese Hilflosigkeit, mich leiden zu sehen, ohne eingreifen zu können... das war für ihn kaum zu ertragen.“
Dr. Arata neigte den Kopf. „Das ist eine sehr aufrichtige Analyse, Kai. Es erfordert Mut, diese Verletzlichkeit vor seiner Partnerin einzugestehen.“
Kai starrte einen Moment lang auf das polierte Glas seines Schreibtischs, bevor er den Blick hob. Seine Stimme war nun fest, geprägt von der harten Reflexion der letzten Wochen. „Ich habe erst durch die Therapie wirklich begriffen, was da in mir vorging. Mein herrisches Verhalten... diese Kälte... das war mein verzweifelter Versuch, die Kontrolle über eine Situation zu behalten, die mir panische Angst machte. Es hat mich gestresst, dich so verletzlich zu sehen, Nami. Und statt diese Angst zuzulassen, habe ich sie in Wut und Ablehnung kanalisiert. Aber...das weißt du ja bereits.“
Er machte eine kurze Pause, seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Ich erkannte, dass ich dir damals damit oft ein furchtbares Gefühl vermittelt habe. Besonders meine Reaktionen, als du ungeplant mit Gou schwanger wurdest... und Jahre später mit Sayuri. Ich war inakzeptabel kalt und wütend. Ich habe meine eigene Überforderung hinter einer Mauer aus Dominanz versteckt, anstatt dir der Partner zu sein, den du in diesen Momenten gebraucht hättest.“
Nami sah ihn an, und in ihrem Blick lag kein Vorwurf, sondern ein tiefes Verständnis für den langen Weg, den er hinter sich gebracht hatte. Sie wusste, dass der „Zar“ in ihm damals dachte, er müsse die Welt und sich selbst einfrieren, um nicht an der Sorge um sie zu zerbrechen. Sie hatte es immer gewusst...
„Es war verletzend, ja“, sagte sie leise. „Aber du hattest dich jedes Mal entschuldigt und zu sehen, dass du heute hier sitzt und verstehst, dass diese Wut eigentlich nur getarnte Angst um mich war... das heilt vieles von dem alten Schmerz. Ich habe dir diese Ausbrüche auch nie wirklich übel genommen...weil ich wusste, dass mehr dahinter steckte.“
Dr. Arata notierte sich etwas und sah dann beide an. „Das ist der Kern der Reflexion. Wenn Kai nun spürt, dass Stress oder Angst in ihm aufsteigen...etwa wegen der aktuellen Schwangerschaft..., wird er nicht mehr automatisch zur Kälte greifen müssen. Er erkennt den Impuls nun, bevor er ihn in eine Waffe verwandelt.“
Kai nickte entschlossen. Es war, als würde er ein altes, fehlerhaftes Programm in seinem Kopf endlich durch einen besseren Code ersetzen.
„Er hat seine Angst tatsächlich so weit überwunden, dass er mir vorgeschlagen hat, ein fünftes Kind mit ihm zu bekommen“, sagte Nami leise, ein warmes Leuchten in ihren Augen. „Einfach, weil er wusste, wie sehr ich mir das wünschte. Er wollte nicht länger, dass seine alten Schatten unsere weitere Zukunft diktieren.“
Dr. Arata hielt mitten in einer Notiz inne, der Stift schwebte über dem Papier, während er den Blick langsam von seinem Block hob. Ein überraschtes, fast schon ungläubiges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Arata blinzelte und sah Kai mit hochgezogenen Brauen an. „Das... das haben Sie in den letzten Sitzungen mit keinem Wort erwähnt, Kai“, stellte er fest, wobei ein amüsiertes Funkeln hinter seinen Brillengläsern tanzte. „Sie haben über Kontrolle geredet, über Reflexion, über alte Muster... aber diesen gewaltigen Schritt der aktiven Entscheidung haben Sie mir verschwiegen.“
Nami lachte leise und legte ihre Hand auf Kais Knie. „Nun, vielleicht wollte er erst sichergehen, dass es auch klappt. Und das hat es. Ich bin bereits schwanger mit Nummer fünf. Und seitdem wir es wissen, hört dieser Mann hier gar nicht mehr auf, mich zu betütteln. Er ist so aufmerksam, dass es fast schon... ungewohnt ist, obwohl er mich schon immer sehr intensiv beobachtet hatte.“
Kai räusperte sich kurz, ein leichter Hauch von Verlegenheit blitzte in seinen roten Augen auf, bevor er wieder seine gewohnte, beherrschte Miene aufsetzte. „Ich versuche nur, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen“, murmelte er, doch der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar.
Dr. Arata schüttelte begeistert den Kopf und klappte seine Mappe mit einem vernehmlichen Geräusch zu. „Das ist phänomenal! Wissen Sie, Kai, ich arbeite mit vielen Klienten in Führungspositionen, aber Sie sind ein außergewöhnlicher Fall. Sie sind so fokussiert und brillant, dass es fast schon... einfach ist, Sie zu therapieren. Ihre Einsichtsfähigkeit ist bemerkenswert. Sobald Sie ein Muster intellektuell durchdrungen haben, setzen Sie die Änderung mit einer Disziplin um, die ich selten erlebe.“
Der Doktor lehnte sich vor und sah Kai direkt an. „Ehrlich gesagt verstehe ich bei diesem Grad an Reflexion und Intelligenz gar nicht, warum Sie sich nicht schon viel früher Hilfe gesucht haben. Sie hätten sich viele Jahre des inneren Kampfes erspart.“
Kai schwieg einen Moment und sah zu Nami, deren Hand noch immer auf seinem Bein ruhte. „Vielleicht“, begann er langsam, „weil ich erst an einen Punkt kommen musste, an dem ich erkannte, dass alles was ich bin...das Fundament meiner Familie ist. Ich musste begreifen, dass meine Stärke nicht darin liegt, alles allein zu tragen, sondern darin, stark genug zu sein, um jemanden einzulassen. Meine Frau war damals der erste Mensch. Ich dachte, die Liebe zu ihr allein wäre Therapie genug...aber Traumata zu heilen kommt nicht von ungefähr...selbst eine heilende Aura vermag dies nicht.“ den letzten Satz flüsterte er, so dass nur Nami ihn hören konnte.
Nami drückte seine Hand fest. Sie wusste, dass dieser Moment der vollkommenen Ehrlichkeit vor Dr. Arata der finale Schlussstrich unter die dunklen Kapitel der letzten Jahre war.
„Nun denn“, sagte Arata und erhob sich schwungvoll, ein zufriedenes Lächeln unter seinem Schnauzer. „Ich glaube, für heute haben wir einen Meilenstein erreicht. Ich lasse Sie beide nun in Ihren wohlverdienten Samstagnachmittag. Herzlichen Glückwunsch zum baldigen Familienzuwachs, Mrs. Hiwatari. Ich freue mich schon auf unsere nächste Sitzung...dann vielleicht mit weniger Geheimnissen, Kai?“
Kai stand ebenfalls auf und reichte dem kleinen Mann die Hand. „Das lässt sich einrichten, Doktor. Danke für Alles.“
Luminas Enthüllung
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Herzschlag
Die kühle Novemberluft war einem grauen, regnerischen Tag gewichen, doch in der privaten Lounge der Tachibey Academy brannte ein angenehmes Feuer. Tala saß Kai gegenüber, ein seltenes Bild der Entspannung, auch wenn die Nachricht über seine Tochter seinen Beschützerinstinkt bereits in den roten Bereich getrieben hatte.
Kai lehnte sich zurück und beobachtete seinen alten Freund über den Rand seines Espressos hinweg. Ein amüsiertes, fast schon spöttisches Funkeln trat in seine roten Augen.
„Du siehst nachdenklich aus, Tala“, begann Kai mit jener kühlen, provokanten Stimme, die er fast nur gegenüber dem Russen benutzte. „Oder sollte ich sagen... besorgt? Ich habe gehört, die Planung für das Kinderzimmer steht, aber wie sieht es mit dem Sicherheitskonzept aus?“
Tala zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme. „Worauf willst du hinaus, Kai?“
Kai schmunzelte und stellte die Tasse lautlos ab. „Komm schon. Jetzt, wo du weißt, dass es ein Mädchen wird, rattert dein Kopf doch schon los. Du überlegst dir wahrscheinlich bereits jetzt, wie du in fünfzehn Jahren den gesamten Vorplatz der Academy mit Infrarotsensoren pflasterst, nur um die ersten Verehrer zu verscheuchen, bevor sie auch nur ein Wort mit deiner Tochter wechseln können.“
Tala verengte die Augen, doch das Zucken in seinem Mundwinkel verriet ihn. „Ich nenne es strategische Vorsorge. Du hast gut reden, Kai. Du hast mit Gou und Ren bereits zwei Jungs, die das Anwesen verteidigen können.“
„Zwei Söhne, ja“, korrigierte Kai trocken, bevor sein Blick weicher wurde. „Aber unterschätz meine Töchter nicht. Ayumi und vor allem Sayuri haben mich bereits jetzt besser im Griff als jeder Vorstandsvorsitzende in Tokio. Du wirst feststellen, dass deine kleine Prinzessin die Einzige sein wird, die den stolzen Tala Valkov mit einem einzigen Lächeln in die Knie zwingt. Da helfen dir auch keine Sicherheitszäune.“
Tala schnaubte, doch sein Blick wurde fern. „Vielleicht hast du recht. Aber wehe, einer dieser Jungs ist später so wie wir es früher waren... dann gnade ihm Gott.“
Kai lachte leise, doch im Hinterkopf war er bei Nami. Er hatte sie heute Morgen nur ungern allein gelassen. Die Schwangerschaftsübelkeit hatte sie dieses Mal besonders hart getroffen; sie hatte kaum schlafen können und sich ständig übergeben müssen. Er hatte die Kinder angewiesen, absolut leise zu sein, damit sie sich ausruhen konnte, doch die Sorge blieb ein ständiger Begleiter unter seiner kontrollierten Oberfläche.
Tala nahm einen langsamen Schluck von seinem starken schwarzen Kaffee und sah Kai forschend an. Die harten Züge des Russen entspannten sich ein wenig, als er das Thema von seinen eigenen Sorgen weglenkte.
„Und wie sieht es bei euch aus, Kai?“, fragte Tala ruhig. „Hattet ihr schon euren ersten richtigen Termin? Ich meine... den Ultraschall?“
Kai lehnte sich in dem schweren Ledersessel zurück, seine Finger trommelten in einem langsamen, fast ungeduldigen Rhythmus auf der Armlehne. „Heute Nachmittag“, antwortete er, und seine Stimme klang tiefer als gewöhnlich. „In genau zwei Stunden haben wir den ersten Termin bei Dr. Arisawa in der Klinik. Sie ist seit Jahren Namis Ärztin und kennt die gesamte Krankenakte.“
Er hielt kurz inne und sah auf seine Armbanduhr, als könne er die Zeit damit beschleunigen. „Heute wird die Schwangerschaft offiziell bestätigt und nach dem Herzschlag geschaut. Wenn alles nach Plan läuft, sollte man ihn bereits deutlich sehen können.“
Tala nickte langsam. „Der erste Herzschlag... das ist der Moment, in dem es verdammt real wird, nicht wahr? Selbst für jemanden wie dich.“
Kai antwortete nicht sofort. Ein Schatten von Ernsthaftigkeit glitt über sein Gesicht, der weit über seine übliche geschäftliche Kühle hinausging. „Es ist das erste Mal, dass wir diesen Moment ganz bewusst zusammen erleben, ohne dass der Stress des Konzerns oder alte Grabenkämpfe im Weg stehen“, gab er leise zu. „Ich habe Nami heute Morgen kaum aus dem Bett bekommen, so schlecht ging es ihr, aber sie würde diesen Termin für nichts auf der Welt verpassen. Und ich erst recht nicht.“
Er strich sich fahrig durch das Haar, eine Geste, die bei dem sonst so beherrschten Zaren fast wie Nervosität wirkte. „Arisawa ist gründlich. Sie wird alles checken. Nami macht sich zwar keine Sorgen, aber nach allem, was wir durchgemacht haben... will ich einfach nur dieses schlagende Licht auf dem Monitor sehen.“
Tala legte ihm kurz die Hand auf die Schulter, eine seltene Geste der Kameradschaft zwischen den beiden ehemaligen Teamkollegen. „Sie ist stark, Kai. Und das Kind ist ein Hiwatari. Es wird kämpfen, genau wie die anderen.“
Kai nickte knapp, die Anspannung in seinen Schultern löste sich ein winziges Stück. Doch der Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er sich bald auf den Weg machen musste, um Nami abzuholen.
Tala stellte seine Kaffeetasse mit einem hellen Klirren ab, setzte sich wieder in den Sessel gegenüber und musterte Kai. Er sah die ungewohnte Falte zwischen den Augenbrauen des Zaren, die nichts mit den üblichen geschäftlichen Problemen der Tachiwari-Corporation zu tun hatte.
„Du wirkst trotzdem unruhiger als sonst.“, stellte Tala fest und lehnte sich abwägend zurück. „Glaubst du nicht an Arisawas Kompetenz? Oder hast du Angst, dass der Herzschlag noch nicht zu sehen ist?“
Kai schüttelte den Kopf, sein Blick fixierte einen unbestimmten Punkt an der Wand, als würde er dort bereits die Antwort suchen. „Das ist es nicht. Arisawa ist die Beste. Aber... ich habe da noch eine andere Sorge, die mir seit...Wochen im Kopf herumgeht.“ Er machte eine kurze Pause, seine Stimme wurde noch eine Spur tiefer. „Ich werde heute sehen, ob es nur ein Baby wird... oder wieder Zwillinge.“
Tala hielt mitten in der Bewegung inne und schnaubte dann amüsiert auf. Ein trockenes Lachen entwich seiner Kehle. „Wieder Zwillinge? Komm schon, Kai. Die Blitzschlag-Wahrscheinlichkeit, zweimal im Leben Zwillinge zu zeugen, dürfte selbst für dich verschwindend gering sein.“
Kai warf ihm einen fast schon mitleidigen Blick zu, sein Gesichtsausdruck blieb todernst. „Du vergisst die Genetik, Tala. Nami ist selbst ein Zwilling. Sie hat ihren Zwillingsbruder Kenji. Zweieiige Zwillinge liegen bei ihr massiv in der Familie... weswegen wir ja auch schon Ayumi und Ren haben. Die biologische Disposition ist da. Die Chance, erneut Zwillinge zu bekommen, ist bei ihr statistisch gesehen verdammt hoch.“
Tala starrte ihn einen Moment lang fassungslos an, bevor er sich in seinen Sessel zurückfallen ließ und nun wirklich dunkel und kehlig auflachte. „Sechs Kinder...“, murmelte er kopfschüttelnd. „Sechs kleine Hiwataris. Das wäre absolut verrückt.“ Er grinste Kai breit an, ein seltenes, fast schon schadenfrohes Funkeln in den Augen. „Aber weißt du was? Nach all den Jahren, die ich dich kenne, würde mich bei dir rein gar nichts mehr wundern. Du machst keine halben Sachen, Kai. Niemals.“
Kai verzog keine Miene, doch das leichte Zucken in seinem Kiefer verriet, wie sehr ihn diese Vorstellung beschäftigte. „Eines wäre schon eine Herausforderung, wenn man bedenkt, wie sehr Nami dieses Mal körperlich kämpft. Aber zwei...“ Er brach ab und sah erneut auf seine Uhr. „Ich muss los. Ich will nicht, dass sie allein in den Wagen steigen muss, wenn ihr schwindelig ist.“
„Geh schon“, sagte Tala und hob die Hand zum Abschied, während sein Grinsen noch immer nicht ganz verschwunden war. „Und schick mir eine Nachricht, wenn du weißt, wie viele Köpfe wir beim nächsten Familienessen zählen müssen.“
Kai nickte knapp, griff nach seinem Mantel und verließ die Lounge der Academy mit jener zielstrebigen Aura, die keine Fragen offenließ. Sein Kopf war bereits im Ayame-Anwesen, bei Nami und der Ungewissheit, die in zwei Stunden bei Dr. Arisawa endlich ein Ende finden würde.
Etwa 90 Minuten später...
Die Erinnerung an jene Nacht auf Okinawa hing wie ein unsichtbares Schmunzeln zwischen ihnen, während Kai den Wagen mit gewohnter Präzision durch den dichten Nachmittagsverkehr Tokios lenkte. Doch die Unbeschwertheit von damals war heute einer greifbaren Anspannung gewichen. Nami saß blass auf dem Beifahrersitz, den Kopf gegen die kühle Fensterscheibe gelehnt, während ihr Magen bei jeder roten Ampel rebellierte.
Kai warf ihr einen besorgten Seitenblick zu. Seine Hand ruhte fest auf ihrem Oberschenkel, ein vertrauter Anker im Sturm ihrer Übelkeit.
„Gleich sind wir da. Halt noch ein wenig durch“, murmelte er, seine Stimme tief und beruhigend.
Nami öffnete mühsam die Augen und sah das markante Profil ihres Mannes. Trotz ihres Zustands konnte sie sich einen schwachen, schelmischen Seitenhieb nicht verkneifen. Sie erinnerte sich nur zu gut an sein Gesicht, als er vor damals am Strand erstarrt war, nachdem sie die Sprache auf die Zwillings-Statistik gebracht hatte.
„Du fährst heute besonders vorsichtig, Kai“, krächzte sie leise, ein mattes Lächeln umspielte ihre blassen Lippen. „Hast du Angst, dass die Erschütterungen die... beiden Passagiere in meinem Bauch aufwecken?“
Kai versteifte sich merklich, sein Griff um das Lenkrad wurde eine Nuance fester. „Es ist nur einer, Nami. Beschwöre es nicht herauf.“
Nami stieß ein leises, erschöpftes Glucksen aus. „Ach komm schon, Zar. Denk an den ersten Termin bei Ayumi und Ren. Dr. Arisawa hat damals kaum das Gerät angesetzt, da hat dein System schon die erste Fehlermeldung gemeldet. Du sahst aus, als hättest du eine fatale Sicherheitslücke in der Tachiwari-Mainframe entdeckt.“
„Ich war wie gesagt... überrascht“, korrigierte er trocken, wobei das verräterische Zucken in seinem Kiefer verriet, wie sehr die Erinnerung an seinen damaligen „Systemabsturz“ ihn noch immer wurmte. „Zwei auf einen Schlag waren logistisch gesehen eine Kriegserklärung an meinen Zeitplan. Aber dieses Mal haben wir alles unter Kontrolle. Wir gehen von einem Wunder aus. Einem einzigen.“
„Und wenn nicht?“, hakte sie nach, ihre Augen blitzten trotz der Übelkeit kurz auf. „Wenn Arisawa gleich wieder dieses Gesicht macht und sagt: ‚Oh, Mr. Hiwatari, schauen Sie mal... da ist noch ein zweiter Herzschlag‘?“
Kai hielt an einer Kreuzung und wandte ihr nun den Kopf vollends zu. Das brennende Rot seiner Augen suchte ihren Blick. Er sah ihre Blässe, ihre Erschöpfung, aber auch diese unerschütterliche Liebe, die sie ihm entgegenbrachte. Er beugte sich vor und drückte einen festen, fast schon beschwörenden Kuss auf ihre Stirn.
„Dann“, raunte er gegen ihre Haut, „werde ich wahrscheinlich wieder den Rest des Tages kein Wort sagen und im Geist ein weiteres Kinderzimmer im Anwesen umbauen lassen. Aber egal ob es einer oder zwei sind, Nami... ich werde dieses Mal jede Sekunde an deiner Seite stehen. Kein Erblassen, keine Katatonie. Nur wir.“
Nami schlang ihre Finger um seine Hand auf ihrem Schenkel. „Das weiß ich, Kai. Aber ich werde trotzdem mein Handy bereithalten, falls ich doch den Notarzt rufen muss, wenn du das zweite Pünktchen auf dem Monitor siehst.“
Kai schnaubte amüsiert, während er den Wagen in die Einfahrt der Privatklinik lenkte. „Spar dir deine Kraft für die Untersuchung, mein Schatz. Du wirst sie brauchen, um mein Ego aufzusammeln, falls die Statistik tatsächlich gegen mich arbeitet.“
Als er den Wagen parkte und den Motor abstellte, legte sich wieder eine erwartungsvolle Stille über sie. Die nächsten Minuten würden entscheiden, wie groß die „Rasselbande“ im Ayame-Anwesen tatsächlich werden würde. Kai stieg aus, umrundete den Wagen und half Nami mit einer solchen Vorsicht aus dem Sitz, als wäre sie aus reinstem Glas.
Der sterile, leicht süßliche Geruch nach Desinfektionsmitteln schlug ihnen entgegen, als sie durch die gläsernen Schwingtüren der Privatklinik traten. Die Flure waren in beruhigenden Pastelltönen gehalten, und der dicke Teppich schluckte fast jedes Geräusch ihrer Schritte. Kai hielt Nami fest umschlungen, sein Arm wie ein schützender Panzer um ihre Taille, während er ihr Tempo penibel anpasste.
„Ich hoffe wirklich, dass dieses... Elend bald ein Ende hat“, murmelte Nami und presste eine Hand flach gegen ihren Magen, während sie langsam an den geschlossenen Türen vorbeigingen. „Bei Gou und den anderen war mir zwar auch flau, aber dieses Mal fühlt es sich an, als würde mein Körper bei jedem Schritt gegen mich rebellieren. Irgendwann war es bei den anderen Schwangerschaften schlagartig weg... hoffentlich ist das dieses Mal auch so.“
Kai drückte sie ein Stück fester an sich. „Wir werden Arisawa heute direkt nach etwas fragen, das dir hilft. Ich sehe nicht länger tatenlos zu, wie du dich quälst.“
Kurz darauf öffnete sich die Tür zum Sprechzimmer, und Dr. Arisawa empfing sie mit einem professionellen, aber herzlichen Lächeln. Sie war eine Frau in den Sechzigern mit einer ruhigen Ausstrahlung, die schon bei Gou, den Zwillingen und Sayuri der Fels in der Brandung gewesen war.
„Schön, Sie beide wiederzusehen“, sagte sie und deutete auf den Bereich hinter dem Paravent. „Nami, bitte machen Sie sich untenrum frei und legen Sie sich auf die Untersuchungsliege. Wir fangen direkt an.“
Nami folgte den Anweisungen mit Kais Hilfe, während die Ärztin bereits die Instrumente vorbereitete. Als Nami schließlich auf der Liege lag und die weiße Decke über ihre Beine gezogen hatte, trat Kai an ihre Seite. Er nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger fest mit ihren, doch sein Blick wurde augenblicklich skeptisch, als er sah, dass Dr. Arisawa nicht nach dem üblichen Schallkopf für die Bauchdecke griff. Stattdessen bereitete sie eine schmale, längliche Sonde vor.
Kai zog die Augenbrauen zusammen, sein Blick fixierte das Instrument mit einer Mischung aus Misstrauen und analytischer Prüfung. „Arisawa? Bei den anderen Kindern haben wir immer direkt über den Bauch geschallt.“
Die Ärztin lächelte wissend, ohne den Blick von ihren Vorbereitungen zu lassen. „Ein scharfes Gedächtnis, Mr. Hiwatari. Aber bei den anderen Schwangerschaften war Namis erster Termin immer erst ab der zehnten Woche. Da ist das Kind schon groß genug, um gut durch die Bauchdecke hindurch sichtbar zu sein.“
Sie schaltete den Monitor ein, dessen bläuliches Licht Kais markante Gesichtszüge hart hervortreten ließ. „Da Nami rein rechnerisch aber erst in der achten Woche ist, ist mir die transvaginale Methode lieber. Sie liefert uns in diesem frühen Stadium ein viel klareres Bild. Wir wollen schließlich sichergehen, dass wir alles genau sehen... und nichts übersehen.“
Bei dem Wort „nichts übersehen“ warf Nami Kai einen vielsagenden Blick zu und drückte seine Hand. Sie sah, wie er sich innerlich wappnete, den Rücken durchdrückte und den Monitor anstarrte, als hinge die Zukunft der gesamten Tachiwari-Corporation von den ersten Pixeln ab, die gleich auf dem Bildschirm erscheinen würden.
„Dann fangen wir mal an“, murmelte Dr. Arisawa sanft.
Ein leises Klicken der Tastatur war zu hören, und der Monitor flackerte kurz auf, bevor das typische Schwarz-Grau-Bild der Gebärmutter erschien. Die Stille im Raum war so dicht, dass man das Ticken der Uhr an der Wand fast wie Hammerschläge wahrnahm.
Dr. Arisawa bewegte die Sonde mit routinierter Präzision, während Kai so unbeweglich neben der Liege stand, als wäre er selbst aus Stein meißelt. Sein Blick war so intensiv auf den Monitor gerichtet, dass seine Pupillen fast zu glühen schienen. Er suchte das Bild ab, analysierte jede Schattierung, jeden grauen Bereich, als stünde er kurz davor, eine feindliche Übernahme zu koordinieren.
Nami hielt den Atem an. Die Übelkeit der letzten Stunden trat in den Hintergrund, verdrängt von der schieren Erwartung dieses einen Moments.
„So... mal sehen, was wir hier haben“, murmelte die Ärztin leise.
Auf dem Bildschirm erschien eine dunkle, ovale Form...die Fruchthöhle. Dr. Arisawa zoomte tiefer hinein, bis in der Mitte ein winziger, heller Fleck sichtbar wurde. Er war kaum größer als ein Reiskorn, doch er war unverkennbar da.
„Da ist es“, sagte Dr. Arisawa sanft und deutete mit dem Finger auf ein rhythmisches, schnelles Flackern in der Mitte des hellen Punktes. „Ein kräftiger, stabiler Herzschlag. Alles sieht zeitgerecht entwickelt aus. Herzlichen Glückwunsch, Nami. Herzlichen Glückwunsch, Mr. Hiwatari.“
Nami entwich ein langes, zitterndes Ausatmen. Tränen der Erleichterung schossen ihr in die Augen, während sie sah, wie das kleine Leben in ihr pulsierte. Sie drückte Kais Hand so fest sie konnte.
Kai starrte auf das flackernde Licht. Er sagte kein Wort, doch der Griff seiner Finger um die ihren wurde fast schmerzhaft fest. Die Anspannung in seinen Schultern löste sich merklich, und ein Ausdruck von tiefer, fast ehrfürchtiger Ruhe legte sich über seine Züge. Er sah nur dieses eine Pünktchen.
Dr. Arisawa suchte den Rest der Gebärmutter methodisch ab. Sie schwenkte die Sonde nach links, dann nach rechts, vermaß die Fruchthöhle und suchte nach weiteren Anzeichen. Kai verfolgte jede Bewegung der Ärztin, sein Kiefer war noch immer leicht angespannt, während er darauf wartete, dass irgendwo in einer Ecke ein zweiter Schatten auftauchte.
Nach einer gefühlten Ewigkeit zog Dr. Arisawa das Gerät heraus und lächelte Kai direkt an.
„Und um Ihre spezielle Sorge zu beruhigen, Mr. Hiwatari: Ich sehe nur eine Fruchthöhle und nur einen Embryo. Es ist definitiv ein einzelnes Wunder. Keine Spur von Zwillingen.“
Kai blinzelte zweimal, als müsste sein System diese Information erst verarbeiten. Dann entwich ihm ein Seufzer, der so tief aus seiner Brust kam, dass er fast wie ein Knurren klang. Die Erleichterung war ihm förmlich anzusehen. Er schloss kurz die Augen und lehnte seine Stirn gegen Namis Hand, die er noch immer hielt.
Nami konnte sich ein leises, erschöpftes Lachen nicht verkneifen, obwohl ihr noch immer flau im Magen war. „Siehst du, Kai? Dein logistischer Albtraum bleibt dir erspart.“
„Ein Glück“, murmelte er heiser, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden, auf dem das kleine Herz unermüdlich weiterschlug. „Ein einziges schlagendes Herz... das reicht vollkommen aus, um meine Welt wieder aus den Angeln zu heben.“
Er beugte sich tief zu Nami hinunter und küsste sie sanft auf die Schläfe, während Dr. Arisawa begann, die Messdaten auszudrucken. Sie bemerkte Namis blasse Haut und die Art, wie sie sich unbewusst den Magen hielt, während sie sich wieder anzog. „Nami, wegen der Übelkeit... es klingt dieses Mal wirklich intensiv bei Ihnen. Ich verschreibe Ihnen ein Vitamin-B6-Kombipräparat und ein sanftes Antiemetikum, das in der Frühschwangerschaft absolut sicher ist. Nehmen Sie es vor allem abends ein, damit Sie morgens einen besseren Start haben.“
Kai nahm das Rezept mit einer fast militärischen Entschlossenheit entgegen, als wäre es der wichtigste Vertrag des Jahres. „Ich werde dafür sorgen, dass sie es regelmäßig einnimmt. Danke, Doktor.“
Als sie schließlich einige Minuten später die kühle Nachmittagsluft auf den Stufen der Privatklinik einatmeten, schien der graue Himmel über Tokio für einen Moment aufzureißen. Kai umarmte Nami und hielt sie fest umschlungen, als wolle er sie nie wieder loslassen. Er drehte sie sanft zu sich um, legte seine Hände an ihre Wangen und sah ihr tief in die Augen. Das rubinrote Leuchten darin war nicht länger kühl oder analytisch, sondern erfüllt von einer Wärme, die nur ihr gehörte.
Ohne ein Wort zu sagen, beugte er sich herab und küsste sie...ein tiefer, besitzergreifender und zugleich unendlich zärtlicher Kuss, der all die Sorgen der letzten Wochen wegzuspülen schien.
Als er sich langsam löste, ruhte seine Stirn an der ihren. Sein Atem ging schwer. „Es ist jedes Mal aufs Neue... einfach unglaublich“, raunte er mit seiner tiefen, leicht belegten Stimme. „Diese schlagenden Herzchen das erste Mal zu sehen... es ist, als würde die Welt für einen Moment stillstehen. Egal wie oft wir das schon erlebt haben, dieses winzige Flackern auf dem Monitor... es erinnert mich immer daran, was wirklich zählt.“
Nami schlang ihre Arme um seinen Nacken und drückte sich fest an seine Brust. Sie spürte das kräftige Pochen seines Herzens unter dem teuren Stoff seines Mantels. „Ich dachte, du hättest nur Augen für die Statistik gehabt, Zar“, neckte sie ihn leise, doch ihre Stimme zitterte vor Rührung.
Kai gab ein tiefes Brummen von sich und vergrub sein Gesicht kurz in ihrem Haar. „Die Statistik hat heute verloren, Nami. Aber wir haben gewonnen. Ein kleines, starkes Herz. Das ist mehr als genug Logistik für den Moment.“
Er löste sich ein Stück, legte seinen Arm wieder schützend um sie und führte sie zum Wagen. „Lass uns nach Hause fahren. Die Kinder warten sicher schon ungeduldig auf den Bericht vom ‚Zustand des Imperiums‘.“
Das leise Schnurren des Motors war das einzige Geräusch im luxuriösen Innenraum, während Kai den Wagen langsam vom Klinikgelände lenkte. Er hielt eine Hand fest auf Namis Oberschenkel, während die andere das Lenkrad mit einer fast schon meditativen Ruhe führte. Die Anspannung der letzten Stunden war von ihm abgefallen, ersetzt durch eine tiefe, fast schon beschützerische Ernsthaftigkeit.
„Nami“, begann er leise, ohne den Blick von der Straße abzuwenden, „ich habe darüber nachgedacht. Ich denke, es wäre besser, wenn du ab morgen deutlich kürzer trittst. Die Übelkeit schlaucht dich mehr, als du zugibst. Du solltest nicht mehr so oft im Tower sein und dich stattdessen mehr zu Hause im Anwesen ausruhen.“
Nami, die den Kopf gegen die Stütze gelehnt hatte und den rhythmischen Herzschlag des kleinen Wunders noch immer vor ihrem inneren Auge sah, hob protestierend den Kopf. Ein schwacher, aber entschlossener Glanz kehrte in ihre Augen zurück.
„Kai, fang bitte nicht damit an“, erwiderte sie sanft, aber bestimmt. „Arisawa hat mir jetzt diese Präparate verschrieben. Sobald das Vitamin B6 und das Antiemetikum wirken, wird es mir deutlich besser gehen. Ich kenne meinen Körper. Ich möchte nicht den ganzen Tag im Bett liegen und die Decke anstarren – das würde mich wahnsinnig machen. Ich möchte wenigstens halbtags im Tower sein. Ich brauche die Routine und die Arbeit, um mich nicht nur auf die Übelkeit zu konzentrieren.“
Kai warf ihr einen schnellen Seitenblick zu. Er sah das vertraute Kinnheben, das ihm signalisierte, dass jede weitere Diskussion über ein komplettes Arbeitsverbot ohnehin zwecklos war. Ein belustigtes, fast schon geschlagenes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen.
„Halbtags also“, wiederholte er trocken. „Der Zar kapituliert vor deiner Sturheit, Mrs. Hiwatari. Es hat wohl wirklich keinen Sinn, dich davon abzubringen, wenn du dir erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hast.“
Er blinkte und bog in eine Nebenstraße ab. „Gut. Aber unter einer Bedingung: Sobald dir schwindelig wird oder die Übelkeit zurückkehrt, brichst du ab. Ohne Widerrede.“
Nami lächelte und drückte seine Hand auf ihrem Bein. „Abgemacht.“
„Bevor wir nach Hause fahren, machen wir noch einen kurzen Umweg“, fügte Kai hinzu und steuerte auf eine bekannte Apotheke in der Nähe des Tachiwari-Towers zu. „Wir holen die Präparate direkt ab. Ich will nicht, dass wir erst bis morgen warten. Du nimmst die erste Dosis heute Abend ein, damit wir morgen sehen, ob der 'Zustand des Imperiums' im Badezimmer ein Ende hat.“
Nami lachte leise, die Wärme in seiner Stimme tat ihr gut. „Danke, Kai. Du bist unverbesserlich.“
„Ich bin besorgt“, korrigierte er sie, während er den Wagen vor der Apotheke zum Stehen brachte. „Und ich werde erst wieder ruhig schlafen, wenn du wieder mehr als nur einen Cracker am Tag bei dir behältst.“
Etwa 40 Minuten später...
Als Kai den schweren Schlüssel im Schloss des Anwesens drehte, schwang die Tür mit einem leisen, aristokratischen Knarren auf. Sofort schlug ihnen die vertraute Wärme des Hauses entgegen...ein Duft von altem Holz, Tee und der lebendigen Energie, die nur vier Kinder in ein fast 80 Jahre altes Anwesen bringen konnten.
In der weitläufigen Eingangshalle bot sich ein Bild, das Kai für einen Moment unbewusst schmunzeln ließ, auch wenn seine Miene nach außen hin gewohnt kontrolliert blieb.
Gou lehnte mit einer Lässigkeit am Geländer der großen Treppe, die er zweifellos von seinem Vater geerbt hatte. Sein Blick war aufmerksam, aber ruhig. Neben ihm stand Hiromi, die zu Besuch gekommen war; sie lehnte vertraut an seiner Schulter, ihre Präsenz eine stille Unterstützung für den ältesten Sohn des Hauses.
Direkt daneben wirkte Ren wie ein Spiegelbild der Hiwatari-Disziplin: Er stand mit verschränkten Armen da, den Blick trocken und analytisch auf die Ankömmlinge gerichtet, als würde er bereits die logistischen Konsequenzen der Nachricht abwägen. Ayumi hingegen konnte ihre Anspannung weniger gut verbergen; sie hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und biss sich nervös auf die Unterlippe, während ihre petrolfarbenen Augen suchend zwischen Kai und Nami hin- und herwanderten.
Und dann war da Sayuri.
Die Siebenjährige war der wandelnde Gegenpol zur stoischen Ruhe ihrer Brüder. Sie wippte ungeduldig auf ihren Zehenspitzen hin und her, ihre weißen Locken hüpften bei jeder Bewegung, und ihre magentafarbenen Augen leuchteten vor purer, kindlicher Neugier.
„Und?!“, platzte es aus Sayuri heraus, noch bevor Kai die Tür ganz geschlossen hatte. „Mami, Papi! Ist das Baby gesund? Darf ich das Bild sehen? Bitte, bitte, bitte!“
Kai legte den Arm fester um Namis Taille, um sie zu stützen, während er mit der freien Hand das kleine Kuvert mit dem Ultraschallbild aus seiner Manteltasche zog.
„Ganz ruhig, Sayuri“, brummte er mit tiefer, aber sanfter Stimme, während er sah, wie selbst Ren die Arme ein Stück lockerte und Gou sich vom Geländer abstieß, um näher zu kommen. „Dem Baby geht es gut. Es ist alles so, wie es sein soll.“
Sayuri stieß einen kleinen Jubelschrei aus und rannte die letzten Meter auf sie zu, blieb aber kurz vor Nami stehen, als hätte sie Angst, sie umzustoßen. „Nur eines, oder?“, fragte sie mit schiefgelegtem Kopf und sah Kai erwartungsvoll an. „Nicht dass ich mein Zimmer teilen muss, wenn es zwei werden!“
Nami lachte leise, trotz der Erschöpfung, die noch immer in ihren Knochen saß. Sie strich Sayuri über das Haar und drückte sie fest an sich. „Keine Sorge, Schatz. Es ist nur ein einzelner kleiner Herzschlag zu sehen gewesen.“
Ein hörbares Aufatmen ging durch die Gruppe. Gou tauschte einen kurzen, wissenden Blick mit Hiromi aus, während Ren ein fast unmerkliches, zufriedenes Nicken von sich gab.
„Zeig schon, Papi!“, drängelte Sayuri weiter und versuchte, an Kais ausgestreckten Arm heranzukommen.
Kai hielt das Kuvert ein Stück höher, gerade außerhalb ihrer Reichweite, während ein seltenes, echtes Schmunzeln seine Züge stahl. „Geduld, Sayuri. Wir gehen jetzt erst einmal ins Wohnzimmer. Mami muss sich setzen und ihre Medizin nehmen. Dann schauen wir uns das Bild alle gemeinsam an.“
Er führte Nami an der wartenden Rasselbande vorbei in Richtung der bequemen Sessel, während Sayuri wie ein kleiner, aufgeregter Schatten an ihren Fersen klebte und ununterbrochen Fragen stellte, ob das Baby schon einen Namen hätte oder ob es wisse, dass sie die beste große Schwester der Welt sein würde.
Die geschichtsträchtige Einrichtung, die trotz ihres jungen Alters eine Aura von Jahrhunderten ausstrahlte, bildete den perfekten Rahmen für diesen Moment.
Nami sank mit einem erleichterten Seufzer in die tiefen Polster des großen Sessels, während Kai bereits ein Glas Wasser bereitstellte. In der Türöffnung zum Flur erschienen nun auch die guten Geister des Hauses. Graham, dessen Rücken wie gewohnt unerschütterlich gerade war, hielt ein silbernes Tablett mit leichtem Zwieback und Tee bereit. Ramsay, der jüngere Butler, stand mit gewohnter Wachsamkeit, aber einem seltenen, weichen Glanz in den Augen im Hintergrund, während Harriet sich die Hände an ihrer Schürze abwischte und mit einem mütterlichen Lächeln näher trat.
„Graham, das Rezept“, wies Kai den alten Butler kurz an, während er Nami die erste Kapsel der neuen Medikamente reichte.
„Bereits in die Wege geleitet, Master Kai“, antwortete Graham mit seiner unerschütterlich trockenen, britischen Ruhe. „Ramsay wird die weiteren Bestände morgen früh abholen.“
„Und nun... das Bild!“, forderte Sayuri erneut und hüpfte auf den Rand der Polsterbank neben Nami.
Kai holte den kleinen, schwarz-weißen Ausdruck hervor und legte ihn auf den flachen Mahagonitisch. Sofort bildete sich eine Traube um das kleine Stück Papier.
Gou beugte sich vor, eine Hand schützend auf Hiromis Rücken, und betrachtete das Pünktchen mit der analytischen Schärfe seines Vaters. „Man sieht den Herzschlag natürlich nicht auf dem Papier, aber... es sieht stabil aus“, stellte er fest, wobei ein stolzes, fast unmerkliches Lächeln seine Züge streifte. Hiromi flüsterte ihm etwas zu und drückte kurz seinen Arm.
Ren verschränkte die Arme hinter dem Kopf und nickte knapp. „Ein einzelner Host. Logistisch die effizienteste Entscheidung.“, kommentierte er trocken, was ihm einen tadelnden, aber liebevollen Seitenblick von Ayumi einbrachte. Sie strich vorsichtig mit der Fingerspitze über den Rand des Bildes. „Ein kleines Pünktchen. Es ist so winzig... kaum zu glauben, dass daraus ein ganzer Mensch wird“, murmelte sie ehrfürchtig.
„Das ist kein Pünktchen, das ist ein Baby-Hiwatari!“, korrigierte Sayuri ihre Geschwister lautstark. Sie drückte ihre Nase fast gegen das Papier. „Siehst du, Harriet? Es hat bestimmt schon meine Nase!“
Harriet lachte leise und trat einen Schritt vor, um über Sayuris Schulter zu blicken. „Nun, Miss Sayuri, das wird sich wohl erst in ein paar Monaten zeigen. Aber eines ist sicher: Es hat bereits jetzt die Aufmerksamkeit des gesamten Hauses.“
Sogar Graham trat einen Schritt näher, bewahrte jedoch seine professionelle Distanz. Er rückte seine Lesebrille zurecht und warf einen Blick auf das Ultraschallbild. „Ein wahrlich erfreulicher Zuwachs für das Anwesen, Madame. Ich werde umgehend dafür Sorge tragen, dass der Wintergarten in den kommenden Wochen als Rückzugsort für Ihre Ruhephasen vorbereitet wird.“
Kai, der hinter Namis Sessel stand und seine Hände auf ihre Schultern gelegt hatte, spürte, wie sich die Anspannung der letzten Stunden endgültig auflöste. Er sah in die Runde...seine Söhne, seine Töchter, die Menschen, die dieses Haus am Laufen hielten, und seine Frau, die trotz der Blässe so friedlich wirkte wie lange nicht mehr.
„Das Imperium wächst weiter.“, murmelte er leise, nur für Nami hörbar. „Und dieses Mal... haben wir alle Zeit der Welt, es zu genießen.“
Ramsay, der bisher geschwiegen hatte, räusperte sich kurz. „Ich werde die Patrouillenpläne für den Garten anpassen, Sir. Damit Madame ungestört ihre Spaziergänge machen kann, sobald die Medikamente wirken.“
Nami sah gerührt in die Gesichter ihrer großen Familie. Die Übelkeit war durch die Ruhe und die Geborgenheit fast vergessen. „Danke... euch allen. Aber jetzt möchte ich erst einmal hören, wie Gous Training heute gelaufen ist. Hat Makoto sich benommen?“
Gou grinste und sah zu Kai hoch, während Sayuri bereits anfing, eine Liste mit Namen zu diktieren, die Graham gefälligst mitschreiben sollte.
Gou lehnte sich ein wenig entspannter gegen das dunkle Holz der Salontür, während er seinen Bericht begann. Hiromi hörte aufmerksam zu, ihre Hand ruhte noch immer auf seiner Schulter.
„Das BBA-Training ist in letzter Zeit wirklich interessant geworden“, erzählte Gou und ein kurzes, respektvolles Funkeln trat in seine Augen.
Ren nickte kaum merklich, als würde er die strategische Komponente bereits in Gedanken durchspielen. Ayumi hingegen sah interessiert zu ihrem großen Bruder auf.
„Und wie läuft es bei Makoto? Er trainiert ja jetzt mit euch bei der BBA.“, hakte Nami nach, während sie einen kleinen Schluck von dem Tee nahm, den Graham ihr gereicht hatte.
Gou grinste breit. „Eigentlich unglaublich. Er beherrscht Dragoon mittlerweile so gut, dass Mr. Dickenson heute sogar laut darüber nachgedacht hat, ihm einen festen Platz bei B-Revolution zu geben. Da Seiya bald aussteigt um ins Ausland zu gehen, wäre die Lücke perfekt für ihn.“
Kai, der bisher schweigend zugehört hatte, zog eine Augenbraue hoch. „Dickenson ist normalerweise vorsichtig mit solchen Beförderungen. Wenn er Makoto in Betracht zieht, muss die Synchronisation mit dem Bit-Beast außergewöhnlich sein.“
„Das ist sie, Vater“, bestätigte Gou ernst. „Er hat einen Instinkt für Dragoons Bewegungen entwickelt, den man so selten sieht.“
Sayuri, die bisher still auf ihrer Liste mit Babynamen herumgekratzt hatte, sah kurz auf. „Heißt das, Makoto wird jetzt auch berühmt?“, fragte sie mit großen Augen, bevor sie sich sofort wieder ihrem Zettel widmete. „Ich schreibe ihn trotzdem nicht auf die Liste. Makoto Hiwatari klingt doof.“
Ein leises Lachen ging durch die Runde, und selbst Graham konnte sich ein kurzes, diskretes Schmunzeln nicht verkneifen. Harriet trat an den Tisch und begann, die kleinen Zwiebäcke zurechtzurücken.
„Berühmt oder nicht, Miss Sayuri“, sagte sie mütterlich, „zuerst einmal sorgen wir dafür, dass Ihre Mutter heute Abend die Ruhe und noch ein gutes Abendessen bekommt. Master Gou, Ihr Bericht war sehr aufschlussreich, aber vielleicht verschieben wir die Details der Blade-Manöver auf das Frühstück?“
Gou verstand den Wink sofort und nickte Kai und Nami zu. „Natürlich. Ruh dich aus, Mum.“
Als die Kinder und die Angestellten sich langsam Richtung Esszimmer zurückzogen und nur noch das Knistern des Kaminfeuers zu hören war, blieb Kai bei Nami im großen Salon zurück. Er beobachtete sie dabei, wie sie den Tee in kleinen Schlucken trank.
„Halbtags im Tower, ein Team im Umbruch und ein neues Wunder, das gerade erst seinen ersten Herzschlag gezeigt hat...“, murmelte er und setzte sich auf die Kante des Tisches gegenüber ihrem Sessel. „Es wird ein ereignisreicher Winter im Anwesen, mein Schatz.“
Nami sah ihn über den Rand ihrer Tasse hinweg an, und zum ersten Mal an diesem Tag wirkte sie nicht mehr nur erschöpft, sondern hoffnungsvoll. „Ein ereignisreicher Winter ist genau das, was wir brauchen, Kai. Solange wir ihn gemeinsam meistern. Aber lass uns jetzt erstmal zum Abendessen gehen.“
Ohnmacht
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Zarenmodus
Der nächste Morgen im Ayame-Anwesen...
Das fahle Licht des frühen Wintermorgens stahl sich durch die schweren Vorhänge des Schlafzimmers und legte sich wie ein grauer Schleier über das große Bett. Nami blinzelte verschlafen, die Wärme der Decke und die Ruhe des Hauses fühlten sich nach dem gestrigen Tag wie ein Segen an. Doch in dem Moment, in dem ihr Körper die Ruhephase verließ und ihr Kreislauf hochfuhr, schlug die Übelkeit mit einer fast schon bösartigen Präzision erneut zu.
Ein plötzliches Ziehen in der Magengegend ließ ihre Augen weit werden. Ohne ein Wort, getrieben von einem instinktiven Fluchtreflex, warf sie die Bettdecke zur Seite und hastete barfüßig über den dicken Teppich ins angrenzende Badezimmer.
Kai, der ohnehin einen leichten Schlaf hatte, war sofort hellwach. Er hörte das verzweifelte Würgen und das Geräusch, wie sie sich über der Toilette übergab. Mit einem unterdrückten Seufzen schob er die Decke zurück und stand auf. Er trug lediglich seine dunkle Schlafanzughose, als er Nami ins Badezimmer folgte.
Er lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen und beobachtete sie mit einem Blick, in dem sich väterliche Strenge und tiefe Besorgnis mischten. Nami kniete vor dem weißen Porzellan, eine Hand fest auf ihren flachen Bauch gepresst, während sie darauf wartete, dass die nächste Welle abebbte.
„Sag mir nicht, dass du das für den normalen Start in den Tag hältst“, raunte Kai, seine Stimme noch rau vom Schlaf. „Willst du heute nicht doch lieber zu Hause bleiben? Nach dem Vorfall gestern in der Lobby wäre ein Tag im Bett die vernünftigere Entscheidung.“
Nami atmete kurz tief ein, griff nach einem Handtuch und wischte sich über den Mund. Sie erhob sich langsam, hielt sich kurz am Waschbecken fest, bis die Welt aufhörte zu schwanken, und sah dann in den Spiegel...direkt in Kais rote Augen, die sie durch das Glas fixierten. Sie richtete sich auf, strich ihr Nachthemd glatt und schenkte ihm ein blasses, aber unerschütterlich entschlossenes Lächeln.
„Keine Chance“, sagte sie mit einer Festigkeit, die keinen Raum für Diskussionen ließ. „Ich habe heute zwei wichtige Telefonkonferenzen mit London, und die neuen Materialtests für die Bit-Chips liegen auf meinem Schreibtisch. Ein bisschen Übelkeit wird mich nicht davon abhalten, meinen Job zu machen, Kai.“
Kai schüttelte langsam den Kopf, doch ein funken Bewunderung für ihren Dickkopf schwang in seinem Blick mit. „Du bist genauso stur wie immer...“, murmelte er und trat auf sie zu, um ihr die Haare aus dem Nacken zu streichen. „Na schön. Aber wenn ich merke, dass du auch nur eine Nuance blasser wirst als diese Fliesen hier, bringe ich dich eigenhändig zurück ins Anwesen...Meetings hin oder her.“
Nami lachte leise und lehnte ihren Kopf kurz gegen seine nackte Brust. „Abgemacht, Zar. Aber jetzt lass mich meine Zähne putzen, bevor du mich wieder wie eine Glaspuppe behandelst.“
Etwa dreißig Minuten später...
Der Duft von frischem Gebäck und Kräutertee erfüllte das weitläufige Esszimmer des Ayame-Anwesens, als Nami und Kai wenig später den Tisch erreichten. Die morgendliche Ruhe war längst dem gewohnten, lebhaften Treiben der Kinder gewichen.
Sayuri hielt inne, den Löffel auf halbem Weg zu ihrem Müsli, und musterte ihre Mutter mit jener unbestechlichen Offenheit, die nur Kinder besitzen. Ihre magentafarbenen Augen wirkten in ihrem kleinen Gesicht besonders groß.
„Mama, du siehst krank aus“, stellte sie mit besorgter, klarer Stimme fest. „Du bist blasser als sonst. Geht es dem Baby gut?“
Nami setzte sich vorsichtig auf ihren Platz und versuchte, das flaue Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren. „Keine Sorge, Schatz“, erwiderte sie mit einem sanften Lächeln. „Dem Baby geht es gut, aber mein Magen ist heute Morgen wieder mal ein wenig eigenwillig. Wenn wir Glück haben, lässt die Übelkeit bald nach.“
„Stimmt, das war bei Gou und uns auch so, oder?“, warf Ayumi ein und schob sich eine Strähne ihres Haares hinter das Ohr. Sie tauschte einen wissenden Blick mit ihrem Zwillingsbruder Ren, der Nami kritisch von der Seite musterte.
„Bist du dünner geworden, Mum?“, fragte Ren geradeheraus. Seine petrolfarbenen Augen, wirkten ungewohnt ernst. „Dein Gesicht sieht schmaler aus als sonst.“
Nami griff nach einer Scheibe trockenem Toast und etwas Ingwertee...leichte, bekömmliche Sachen, die ihren rebellierenden Magen beruhigen sollten. „Das ist im Moment normal, Ren. In den ersten Wochen ist das oft so. Damals ging die Übelkeit ab dem zweiten Trimester wie auf Knopfdruck weg. Ich muss also nur noch ein bisschen durchhalten und hoffen, dass es diesmal genauso sein wird.“
Kai saß ihr gegenüber, eine Tasse schwarzen Tees vor sich, die er jedoch kaum beachtete. Seine brennenden roten Augen ruhten ununterbrochen auf Nami. Er beobachtete jeden Bissen, den sie zu sich nahm, als könnte er allein durch seine Willenskraft dafür sorgen, dass das Essen bei ihr blieb.
Nachdem das Frühstück beendet und die Kinder auf dem Weg zur Schule waren, steuerte Kai den dunkelgrünen Bentley souverän durch den dichten morgendlichen Verkehr Tokios in Richtung Tachiwari-Tower. Die Stille im Wagen war dicht, fast greifbar. Nami spürte die unterdrückte Anspannung, die von Kai ausging. Er hielt das Lenkrad fester als nötig, sein Blick war starr auf die Straße gerichtet, doch seine Gedanken waren sichtlich woanders.
Vorsichtig suchte Nami nach seiner Hand auf der Mittelkonsole und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Kai“, sagte sie leise, „es ist wirklich alles in Ordnung. Es ist nur wie immer ein blöder Morgen im ersten Trimester.“
Kai lockerte seinen Griff um das Lenkrad ein wenig und drückte ihre Hand fest. Er sah nicht zu ihr rüber, doch seine Stimme klang belegt. „Ich weiß, dass es medizinisch gesehen dazugehört. Es war bei den anderen Schwangerschaften ja genauso.“ Er hielt kurz inne, und seine Züge wirkten für einen Moment ungewohnt verletzlich. „Es... schmerzt mich nur jedes Mal, dich so zu sehen, Nami. Ich würde dir die Übelkeit gerne abnehmen, wenn ich könnte.“
Nami strich mit dem Daumen über seinen Handrücken. „Ich weiß, mein Schatz. Aber in ein paar Wochen ist das alles vergessen, und du wirst dich wahrscheinlich eher darüber beschweren, dass ich nachts Lust auf seltsame Essenskombinationen habe.“
Ein kurzes, trockenes Schmunzeln huschte über Kais Lippen, als der Tower der Tachiwari-Corporation vor ihnen in der Wintersonne glitzerte. „Darauf freue ich mich fast schon“, gestand er, bevor er den Wagen in die Tiefgarage lenkte.
Kai parkte den Bentley auf seinem reservierten Platz in der Tiefgarage. Sein Blick war immer noch von dieser schützenden Strenge geprägt, die er seit der Nachricht von der Schwangerschaft kaum abgelegt hatte.
„Alles hat seine Vor- und Nachteile, Kai“, sagte Nami leise und strich sich eine silbrige Locke aus dem Gesicht, während sie ihn aus ihren ozeanfarbenen Augen warm ansah.
Kai schnaubte kurz und lehnte sich in den Ledersitz zurück. „Vorteile?“, wiederholte er skeptisch. „Abgesehen von dem Baby, das am Ende dabei herauskommt...welche Vorteile siehst du darin, dich jeden Morgen im Badezimmer zu quälen und in der Lobby fast umzukippen?“
Nami lächelte ihn geheimnisvoll an, ein Ausdruck, der seine volle Aufmerksamkeit erregte. Sie rückte ein Stück näher zu ihm herüber, soweit es die Mittelkonsole zuließ, und senkte ihre Stimme. „Ich meine zum Beispiel... dass ich im Moment noch einmal eine ganze Menge mehr spüre, wenn wir beide... intim werden.“
Sie sah, wie Kai kurz die Luft anhielt.
„Es ist beinahe überwältigend“, fuhr sie fort, ihre Stimme war nun kaum mehr als ein Hauch. „Wie viel intensiver sich alles anfühlt. Jede Berührung, jedes Wort von dir... es ist, als wären meine Sinne auf eine Weise geschärft, die ich fast vergessen hatte.“
Kai sah sie kurz aus den Augenwinkeln an. Die kühle Maske des CEO bröckelte für einen Moment und wich einem dunklen, wissenden Glühen in seinen roten Augen. Er erinnerte sich nur zu gut an die Szenen von gestern Nachmittag in der Dusche... an ihre Reaktion, an ihre unkontrollierten Schreie und die Art, wie sie förmlich in seinen Armen zerschmolzen war.
„Da muss ich dir wohl zustimmen“, erwiderte er mit einer Stimme, die deutlich tiefer und rauer klang als noch vor wenigen Minuten. „Ich habe es gestern erst wieder bemerkt und sehr genossen.“
Er griff nach ihrer Hand und führte sie an seine Lippen, wobei er ihren Blick keine Sekunde losließ. „Ich hatte ganz vergessen, dass das damals bei den anderen auch so war. Dass du... so unglaublich empfindsam wirst.“
Ein kurzes, gefährliches Funkeln trat in seinen Blick, das Nami einen wohligen Schauer über den Rücken jagte. „Vielleicht ist das tatsächlich der einzige Vorteil dieser Phase, der mich davon abhält, dich für die nächsten Monate im Anwesen einzuschließen.“
Nami lachte leise und löste ihren Gurt. „Siehst du? Sogar der Zar findet einen Lichtblick.“
Kai schmunzelte nun doch, stieg aus und umrundete den Wagen, um ihr raus zu helfen. Er bot ihr seinen Arm an, und während sie gemeinsam auf die Aufzüge zusteuerten, die sie in das Herz ihres Imperiums bringen würden, lag eine neue, knisternde Spannung zwischen ihnen...eine, die die morgendliche Übelkeit für einen Moment vollkommen in den Hintergrund drängte.
Kai hielt den Finger bereits über dem Sensor für die Chefetage, als der Aufzug in der Tiefgarage sanft anfuhr. Doch Nami legte ihre Hand auf seinen Unterarm und hielt ihn zurück.
„Eigentlich“, begann sie mit einem vielsagenden Lächeln, während sie zu ihm aufsah, „hätte ich jetzt schon schreckliche Lust auf einen Erdbeer-Milkshake. Lass uns erst einen Stopp in der Lobby machen, bevor wir uns oben in den Berichten vergraben.“
Kai zog die Augenbrauen zusammen und sah sie skeptisch an. „In der Lobby? Nach gestern?“
Nami kicherte leise und schmiegte sich an seinen Arm. „Gerade deswegen, Kai. Stell dir vor, ich stehe heute ganz allein dort unten und kippe wieder um. Das kannst du doch nicht verantworten. Mit dir an meiner Seite fühle ich mich viel sicherer... du hast ja gestern bewiesen, wie gut du mich auffangen kannst.“
Kai schnaubte, doch der harte Ausdruck in seinen Augen weichte augenblicklich auf. „Das ist nicht annähernd so witzig, wie du es gerade darstellst, Nami“, erwiderte er mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Ich habe mir gestern wirklich Sorgen gemacht. Dich so blass in meinen Armen zu sehen... das ist nichts, worüber ich heute schon lachen kann.“
Nami hielt inne und sah ihn warm an. Die Provokation in ihrem Blick wich einer ehrlichen Entschuldigung. Sie verschränkte ihre Finger fest mit seinen und drückte seine Hand. „Tut mir leid, Kai. Ich wollte das nicht ins Lächerliche ziehen. Ich weiß, wie sehr dich das erschreckt hat.“
Kai nickte, drückte die Taste für die Lobby und behielt seine schützende Hand an ihrer Taille, bis die Türen im Erdgeschoss aufglitten.
Gemeinsam schritten sie über den weitläufigen Marmorboden direkt auf die elegante Café-Bar zu, die das Herzstück der Lobby bildete. Das Klirren von Tassen und das Zischen der Milchaufschäumer verstummten fast augenblicklich, als der „Zar“ mit seiner Frau auftauchte. Die Baristas, die normalerweise mit mechanischer Präzision arbeiteten, hielten kurz inne und verbeugten sich respektvoll.
„Einen Erdbeer-Milkshake für meine Frau“, orderte Kai knapp, während er sich mit dem Rücken zur Bar positionierte und den Raum sondierte, als würde er nach potenziellen Gefahren für Namis Kreislauf suchen.
„Guten Morgen, Mrs. Hiwatari. Schön, Sie so wohlauf zu sehen“, sagte der Chef-Barista mit einem ehrlichen Lächeln und begann sofort mit der Zubereitung.
Nami lehnte sich leicht gegen die polierte Theke und genoss die vertraute Betriebsamkeit. Doch sie kamen nicht dazu, ihren Drink in Ruhe entgegenzunehmen. Drei Damen aus der PR-Abteilung...dieselben, die gestern hinter dem Pflanzenspalier so eifrig spekuliert hatten...näherten sich vorsichtig. Sie wirkten sichtlich nervös, trugen aber einen liebevoll arrangierten Präsentkorb zwischen sich.
„Mr. Hiwatari, Mrs. Hiwatari“, begann die Wortführerin mit einer leichten Verbeugung. Der Korb war gefüllt mit feinstem, koffeinfreiem Tee, Ingwer-Spezialitäten gegen Übelkeit und einem winzigen Paar handgestrickter Babyschuhe in Cremeweiß. „Wir wollten im Namen der PR-Abteilung nur unsere herzlichsten Glückwünsche zur... Kapazitätserweiterung aussprechen. Und wir hoffen, dass es Ihnen heute wieder gut geht, Madam.“
Nami hielt inne, sichtlich gerührt. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Das ist unglaublich aufmerksam. Vielen Dank.“
Kai blickte auf den Korb und dann zu den Damen. Sein Blick blieb kühl, doch die gewohnte Schärfe fehlte. „Vielen Dank“, sagte er knapp, aber mit einer für ihn ungewöhnlich sanften Resonanz. „Ihre Aufmerksamkeit wird geschätzt. Und ich nehme an, die Pralinen gestern sind gut angekommen?“
Die Damen nickten eifrig, sichtlich erleichtert, dass der Chef sie nicht für ihre gestrigen Beobachtungen gerügt hatte. Nami nahm ihren Milkshake entgegen, hakte sich bei Kai ein und gemeinsam steuerten sie nun endgültig auf die privaten Aufzüge zu, während die Lobby hinter ihnen vor unterdrückter Begeisterung förmlich summte.
Als die Türen des privaten Aufzugs in der obersten Etage aufglitten, herrschte dort bereits die gewohnte, konzentrierte Stille. Doch kaum hatte Nami ihren Schreibtisch erreicht und den Präsentkorb abgestellt, bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihr Tablet, das normalerweise eine dichte Abfolge von Terminen anzeigte, wirkte verdächtig leer.
Sie rief die Tagesübersicht auf und zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Kai?“, rief sie leicht amüsiert in das angrenzende Büro, dessen Verbindungstür offen stand.
Kai erschien im Türrahmen, die Ärmel seines dunklen Hemdes bereits leicht hochgekrempelt. „Ja?“
„Ich wusste gar nicht, dass meine beiden Telefonkonferenzen mit London heute Morgen wegen ‚technischer Probleme auf britischer Seite‘ verschoben wurden“, sagte sie und drehte das Tablet so, dass er es sehen konnte. „Und seltsamerweise hat Miya mir für elf Uhr eine ‚erzwungene Ruhepause mit proteinhaltigem Snack‘ eingetragen. Hast du eine Erklärung dafür, Zar?“
Nami nahm es mit Humor, doch ihr Blick blieb bestimmt. Sie lehnte sich gegen ihren Schreibtisch und verschränkte die Arme.
Kai verzog keine Miene, doch das verräterische Funkeln in seinen roten Augen sprach Bände. „London hat oft Verbindungsprobleme. Und was den Snack angeht...dein Kreislauf braucht Stabilität, Nami. Ich kann nicht zulassen, dass du dich zwischen Schaltplänen und Budgetberichten vergisst.“
Nami lachte leise und schüttelte den Kopf. „Netter Versuch, Kai. Aber ich bin hier diejenige, die die Bit-Chips kontrolliert. Ich bin lediglich bis nach dem Mittagessen im Tower, das war unsere Abmachung. Der ganze Vormittag kann doch nicht nur aus Pausen bestehen, nur weil du mich am liebsten in Watte packen würdest.“
Sie trat auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Brust. „Ich fühle mich gut. Der Milkshake hat Wunder gewirkt. Ich werde die Konferenzen jetzt wieder herstellen und die Materialtests durchgehen. Wenn ich merke, dass es zu viel wird, sage ich es dir...versprochen.“
Kai sah auf sie herab, sichtlich unzufrieden damit, die Kontrolle ein Stück weit abgeben zu müssen. „Nach dem Mittagessen ist Schluss“, wiederholte er dunkel. „Keine Minute länger. Und wenn ich sehe, dass du auch nur einmal blass wirst, lasse ich den Tower räumen, damit du in Ruhe schlafen kannst.“ er grinste herausfordernd.
„Das wäre extrem unproduktiv für die Tachiwari-Corporation“, neckte sie ihn und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor sie ihn sanft Richtung seines eigenen Schreibtischs schob. „An die Arbeit, mein Schatz. Ich schaffe das schon.“
Während Nami sich an ihren Schreibtisch setzte und mit routinierten Griffen die Verbindung nach London wiederherstellte, kehrte in die Chefetage eine produktive, wenn auch knisternde Ruhe ein. Kai hatte sich zwar in sein Büro zurückgezogen, doch die Verbindungstür blieb sperrangelweit offen ein klares Zeichen dafür, dass seine Ohren jede Nuance ihrer Stimme registrierten.
Nami vertiefte sich in die komplexen Diagramme der neuen Bit-Chips. Die Datenreihen tanzten vor ihren Augen, und für eine Weile vergaß sie das flaue Gefühl in ihrem Magen. Die Leidenschaft für ihre Arbeit bei der Tachiwari-Corporation war nach wie vor ungebrochen, und das Wissen, dass sie hier etwas erschuf, das Gous Generation prägen würde, gab ihr zusätzliche Energie.
Doch pünktlich um 12:30 Uhr tauchte ein dunkler Schatten in ihrem Augenwinkel auf. Kai stand im Türrahmen, die Armbanduhr demonstrativ im Blick.
„Die Frist ist abgelaufen, mein Schatz.“, stellte er fest, seine Stimme tief und unnachgiebig. „Das Mittagessen steht an und Graham wird in einer Stunde vorfahren.“
Nami sah von ihrem Monitor auf und streckte sich ausgiebig. „Du bist pünktlicher als die Londoner Börse, Kai.“ Sie lächelte ihn entwaffnend an, während sie ihre Dateien speicherte. „Aber du hast recht. Mein Magen meldet sich tatsächlich wieder...diesmal aber mit echtem Hunger.“
Das Mittagessen im exklusiven Restaurant in der obersten Etage des Towers verlief unter den wachsamen Augen des „Zaren“. Als sie an ihrem Stammplatz am Fenster Platz nahmen, griff Kai bereits gewohnheitsmäßig nach der Karte, doch Nami legte ihre Hand sanft, aber bestimmt auf das Heftchen und zog es zu sich herüber.
Ein amüsiertes Blitzen trat in ihre ozeanfarbenen Augen. „Kai“, begann sie leise, während sie die Auswahl an leichten Sommersalaten und gedünsteten Meeresspezialitäten studierte, „ich schätze deinen Beschützerinstinkt wirklich. Aber ich entscheide heute wieder selbst, was mein Magen verträgt und was ich bestelle...so wie all die letzten Jahre auch.“ Sie legte den Kopf leicht schräg und fixierte ihn mit einem herausfordernden Lächeln. „Ist das etwa ein Problem für dich, Zar?“
Kai hielt inne, den Blick fest auf sie gerichtet. Er atmete tief durch, und für einen Moment sah es so aus, als wollte er widersprechen, doch dann entspannten sich seine Gesichtszüge ein wenig. Ein trockenes Schmunzeln umspielte seine Lippen. „Solange es nahrhaft ist, werde ich mich... zurückhalten“, brummte er, auch wenn er die Speisekarte in ihren Händen immer noch kritisch beäugte.
Das Mittagessen wurde serviert: Nami hatte sich für einen zarten Seeteufel auf einem Bett aus jungem Spinat und Zitronen-Ingwer-Sud entschieden...eine Kombination, die leicht genug war, um ihre Übelkeit nicht zu provozieren. Während sie aßen, suchte sie immer wieder seinen Blick. Jedes Mal, wenn Kai kontrollierend prüfte, ob sie auch genug trank, oder wenn er den Kellner mit einer scharfen Geste anwies, die Vorhänge ein Stück weiter zu schließen, damit die Wintersonne sie nicht blendete, warf sie ihm zärtliche, fast schon glühende Blicke zu.
„Weißt du eigentlich“, begann sie leise, nachdem sie ihr Besteck abgelegt hatte und über den Tisch nach seiner Hand griff, „was du mit mir anstellst?“
Kai hob eine Augenbraue. „Ich sorge dafür, dass du den Nachmittag ohne einen weiteren Schwächeanfall überstehst.“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf. „Nein. Es ist diese typische Art von dir... wie du jeden meiner Schritte überwachst, als wäre ich das kostbarste Gut deines gesamten Imperiums. Deine kontrollierende und gleichzeitig so unglaublich beschützerische Art... sie bringt mich jedesmal regelrecht zum Schmelzen, Kai. Es ist, als würdest du mich in einen Kokon aus Sicherheit hüllen.“
Ein seltenes, fast schon verlegenes Funkeln trat in Kais rote Augen, bevor er ihre Hand fest drückte. „Ich tue nur das, was nötig ist, um meine Familie zu schützen“, entgegnete er rau, doch die Intensität seines Blickes verriet, wie sehr ihre Worte ihn berührten.
Eine Stunde später, pünktlich wie abgesprochen, rollte eine der schweren, schwarzen Tachiwari-Limousinen vor den Haupteingang des Towers. Graham stand bereits mit gewohnt unbewegter Miene am Wagen, die Tür bereits im Anschlag.
Kai begleitete Nami bis zum Wagen. Er legte ihr noch einmal eine Hand in den Nacken und gab ihr einen tiefen Kuss auf die Stirn. „Leg dich ruhig hin, sobald du zu Hause bist. Graham hat strikte Anweisung, dich nicht vor dem Abendessen zu wecken.“
Nami lachte leise, stieg ein und sah zu ihm hoch.
„Ja, mein Gebieter...aber wirklich müde bin ich heute nicht.“
Während Graham den Wagen sanft in den Verkehr von Tokio einfädelte, lehnte Nami sich in die weichen Lederpolster zurück. Die Ruhe in der Limousine und das sanfte Dahingleiten waren genau das, was sie jetzt brauchte.
Als die schwere Limousine lautlos vor dem klassizistischen Portal des Ayame-Anwesens zum Stehen kam, öffnete Graham mit gewohnter Präzision die Tür. Nami stieg aus und atmete die kühle, klare Luft ein. Entgegen Kais Erwartung fühlte sie sich keineswegs erschöpft. Der Seeteufel am Mittag hatte ihrem Magen gutgetan, und die Aussicht auf einen freien Nachmittag ohne Telefonkonferenzen gab ihr einen regelrechten Energieschub.
„Graham“, sagte sie, während sie ihre Tasche zurechtrückte, „Könntest du die Kartons mit den alten Babysachen ins blaue Gästezimmer stellen? Ich habe Lumina eingeladen um die Sachen zu sortieren.“
„Sehr wohl, Madam“, erwiderte Graham mit einer leichten Verbeugung. „Soll ich den Tee bereits servieren, wenn Mrs. Valkov eintrifft?“
„Bitte. Und vielleicht ein paar von diesen Zitronenkeksen, die sie so mag.“
Wenig später parkte ein eleganter Wagen in der Auffahrt und Lumina wirbelte fast schon in das Anwesen. Trotz der Winterkälte strahlte sie eine Energie aus, die sofort den Raum füllte. Ihr silbrig weißes Haar glänzte, und ihre magentafarbenen Augen leuchteten auf, als sie Nami erblickte.
„Nami!“, rief sie und umarmte ihre Cousine vorsichtig. „Tala hat mir erzählt, dass Kai gestern fast den Tower abgeriegelt hätte, weil dir schwindelig war. Er führt sich auf wie ein General, der sein wichtigstes Territorium bewacht, nicht wahr?“
Nami lachte und führte Lumina die Treppe hinauf in das obere Stockwerk, wo sie in einem der Gästezimmer bereits mehrere Kisten mit alten Babyklamotten bereitgestellt hatte. „Du kennst ihn. Er nennt es 'Sicherheit', ich nenne es 'Zaren-Modus'. Aber ich muss gestehen, Lumina... es bringt mich immer noch zum Schmelzen, wenn er so ist.“
Sie ließen sich auf dem weichen Teppich zwischen Stapeln von winzigen Stramplern und handgestrickten Deckchen nieder. Lumina zog ein winziges, weißes Jäckchen heraus, das einst Gou gehört hatte.
„Tala ist nicht viel besser“, gestand Lumina und grinste breit. „Seit wir verheiratet sind, überwacht er meinen Terminkalender fast so streng wie seine Trainingseinheiten. Er tut immer so kühl und unnahbar, aber wenn er denkt, ich sehe nicht hin, räumt er mir jeden Stein aus dem Weg.“
Die beiden Frauen versanken in einem Gespräch über ihre Männer, das von herzlichem Lachen und tiefem Verständnis geprägt war. Nami genoss es, über Kais fast schon obsessive Fürsorge zu sprechen...wie er heute Morgen im Badezimmer gewacht hatte oder wie er im Restaurant versuchte, ihre Bestellung zu kontrollieren.
„Andere Frauen würden es sicher anstrengend finden, aber für mich ist es eine Gewissheit...“, Nami hielt einen kleinen petrolfarbenen Strampler hoch, der Ren gehört hatte, „...sich bei diesen Männern einfach nie allein gelassen zu fühlen. Selbst wenn sie uns mit ihrer Art manchmal in den Wahnsinn treiben.“
Lumina nickte eifrig und biss in einen Zitronenkeks. „Absolut. Ein Leben mit einem 'normalen' Mann wäre für uns wahrscheinlich ohnehin viel zu langweilig, oder?“
Nami lachte und nickte zustimmend.
Draußen begann es langsam zu dämmern, während die beiden Frauen in Erinnerungen schwelgten und die ersten Vorbereitungen für das jeweils neue Familienmitglied trafen, weit weg von der strengen Kontrolle der Tachiwari-Corporation.
Lumina hielt inne, eine kleine hellblaue Baumwolldecke in den Händen, und sah Nami mit einem beinahe schelmischen, aber auch neugierigen Blick an. „Sag mal... wie sieht es eigentlich bei dir und Kai aus? Mit der... Intimität? Ich meine, jetzt wo er im totalen Beschützermodus ist?“
Nami hielt einen Moment inne, ein glückliches Seufzen entwich ihren Lippen, und ein warmes Leuchten trat in ihre Augen. Sie strich geistesabwesend über den Stoff eines winzigen Stramplers. „Er ist wie immer...unglaublich. Viel zu lieb manchmal, fast schon vorsichtig und viel weniger fordernd als noch vor ein paar Jahren. Aber ehrlich gesagt genieße ich diese noch zärtlichere Seite an ihm sehr, vorallem weil die Intensität zwischen uns absolut dieselbe geblieben ist.“
Sie biss sich kurz auf die Unterlippe und lächelte Lumina verschmitzt an. „Ich gebe zu, ich bekomme nur noch mehr Herzklopfen, wenn er mich so... erotisch und voller Leidenschaft verführt. Erst gestern in der Dusche... es war einfach überwältigend. Aber selbst Kai hatte diesmal am Anfang gezögert. Er dachte wohl, ich bräuchte eher Ruhe und Schlaf als... ihn. Ich musste ihn erst davon überzeugen, dass genau das Gegenteil der Fall ist.“
Nami bemerkte, wie Lumina bei diesen Worten den Blick senkte. „Und wie läuft es bei dir und Tala?“, fragte Nami sanft.
Lumina schwieg einen Moment. Sie war mittlerweile im fünften Monat angekommen, und unter ihrem beigen Strickkleid zeichnete sich bereits eine deutliche, hübsche Rundung ab. Sie strich sich fast schon melancholisch über den Bauch, bevor sie schwer seufzte.
„Tala ist... so vorsichtig“, gestand Lumina leise. „Es ist fast so, als hätte er Angst, etwas kaputt zu machen. Es kommt oft gar nicht erst zur...Intimität, weil er sich sofort zurückzieht, sobald er denkt, es könnte zu anstrengend für mich sein. Er arbeitet momentan unglaublich viel, wahrscheinlich um sich von der ganzen Situation abzulenken. Wir haben zwar Intimität, aber sie ist selten und... sehr steif. Er wirkt fast...blockiert.“
Nami wollte gerade ansetzen und sagen, dass Tala es einfach immer noch nicht gewohnt sei, Vater zu werden, doch Lumina unterbrach sie mit einem traurigen Lächeln.
„Das erste Trimester war für ihn überhaupt kein Problem“, erklärte sie kopfschüttelnd. „Da war alles wie immer. Aber jetzt... jetzt wo er den Bauch jeden Tag vor sich sieht und die Bewegungen unserer Tochter spürt... jetzt scheint es für ihn realer und greifbarer zu sein als je zuvor. Und genau das scheint ihn völlig aus dem Konzept zu bringen. Er sieht mich nicht mehr nur als seine Frau, sondern als... den Schrein für sein Kind. Und das macht es im Schlafzimmer kompliziert.“
Nami legte ihre Hand tröstend auf Luminas Arm. Die Stille im Raum wurde nur vom fernen Murmeln der Kinder im Erdgeschoss unterbrochen, während die beiden Cousinen sich in diesem intimen Moment der Wahrheit so nah waren wie selten zuvor.
Nami sah Lumina mitleidig an und drückte fest ihren Arm. Sie wusste nur zu gut, wie schwer es für Männer wie Tala oder Kai war, die Kontrolle abzugeben oder ihre eigene Stärke mit der plötzlichen Zerbrechlichkeit einer Schwangerschaft in Einklang zu bringen.
„Lumina, hör mir zu“, begann Nami leise und rückte ein Stück näher auf dem Teppich. „Kai war bei meiner ersten Schwangerschaft mit Gou am Anfang ganz ähnlich. Er hatte mich fast wie eine gläserne Puppe behandelt, die man nicht berühren darf, ohne dass sie zerbricht. Aber ich habe ihm von Anfang an unmissverständlich klargemacht, dass ich immer noch seine Frau bin...und dass er keine Angst haben muss, mir oder dem Baby wehzutun. Er vertraute mir glücklicherweise...“
Sie schmunzelte bei der Erinnerung an Kais damalige Verunsicherung, die so gar nicht zu seinem sonstigen Auftreten passte. „Männer wie Tala sehen den Bauch und plötzlich übernimmt dieser Urinstinkt, alles beschützen zu wollen, die Oberhand. Das blockiert sie völlig. Du musst ihm zeigen, dass du ihn gerade jetzt brauchst...nicht nur als Beschützer, sondern als deinen Mann.“
Lumina seufzte und strich sich eine silbrige Strähne aus dem Gesicht. „Ich versuche es ja, Nami. Aber er blockt ab, sobald es... intensiver wird. Er wird dann so steif und förmlich, als stünde er auf einer Militärparade.“
Nami überlegte einen Moment und ein kleiner, verschmitzter Plan formte sich in ihrem Kopf. „Vielleicht braucht er jemanden, der seine Sprache spricht. Wenn du nicht zu ihm durchdringst, sollte vielleicht Kai mal mit ihm reden. Unter vier Augen, von Mann zu Mann... oder von 'Zar zu General'.“
Lumina sah skeptisch auf. „Glaubst du wirklich? Ich kann mir kaum vorstellen, wie die beiden über... so etwas reden. Das wäre wahrscheinlich das kürzeste und unangenehmste Gespräch der Weltgeschichte.“
Nami lachte hell auf. „Oh, unterschätz die beiden nicht. Kai hat Tala gegenüber eine Art Mentor-Rolle, auch wenn sie es nie so nennen würden. Wenn Kai ihm sagt, dass er sich nicht wie ein Idiot benehmen soll und dass eine schwangere Frau ihre Leidenschaft nicht verliert, dann wird Tala das eher glauben als jedem Ratgeber-Buch. Kai kann sehr... überzeugend sein, wenn es um das Wohlbefinden seiner Familie geht. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass sie über mehr private Dinge reden als uns Beiden lieb ist.“
Lumina musste nun doch lächeln, und die Anspannung in ihren Zügen löste sich ein wenig. „Ein Gespräch zwischen Kai und Tala über Intimität und Schwangerschaft... allein die Vorstellung ist Gold wert. Aber du hast recht. Tala respektiert niemanden so sehr wie Kai.“
„Ich werde heute Abend mal mit ihm sprechen“, versprach Nami und zwinkerte ihr zu. „Vielleicht finden sie beim nächsten gemeinsamen Training oder einem Drink im Tower die Zeit für ein kleines... Männergespräch.“
Später am Abend...war die gewohnte nächtliche Ruhe eingekehrt. Nami saß in einem seidigen Morgenmantel auf der Bettkante und beobachtete Kai, der sich gerade das dunkle Hemd aufknöpfte. Das warme Licht der Nachttischlampen betonte die harten Konturen seines Rückens.
„Lumina war heute hier“, begann Nami leise. „Wir haben über die Schwangerschaft geredet... und über Tala. Sie sagt, er ziehe sich zurück.“
Kai hielt in seiner Bewegung inne und warf ihr über die Schulter einen kurzen Blick aus seinen brennenden roten Augen zu. Er schien nicht wirklich überrascht. „Tala also“, brummte er und legte das Hemd über den Sessel. „Ich hatte mich schon gewundert. Er wirkte in den letzten Wochen bei meinen Besuchen in der Academy und beim Training fast schon unerträglich angespannt. Wenn ich ihn darauf angesprochen hatte, hüllte er sich in Schweigen oder vergrub sich anschließend noch tiefer in die Arbeit.“
Nami rückte ein Stück näher. „Er hat wohl ziemliche Hemmungen, was die Intimität mit Lumina angeht. Er hat Angst, sie oder das Baby zu verletzen. Er zieht sich völlig zurück, Kai.“ Sie sah ihn bittend an. „Du erinnerst dich doch sicher noch an Gous Schwangerschaft? Du warst am Anfang auch so vorsichtig. Aber du hast auf meine Worte vertraut, als ich dir sagte, dass es keinen Grund gibt, Angst zu haben. Du hattest es damals ziemlich schnell überwunden.“
Kai setzte sich neben sie, sein Blick wanderte ins Leere. „Tala ist anders, Nami“, sagte er nach einer Weile mit rauer Stimme. „Er hat seine Traumata aus der Abtei in seiner Jugend viel mehr in rohe Intensität und reine Wut umgewandelt. Ich habe mich eher zurückgezogen und die Dinge mit mir selbst ausgemacht. Er kanalisiert alles nach außen...oder er blockiert komplett, wenn er die Kontrolle verliert oder...überfordert ist.“
Nami zog eine Augenbraue hoch und sah ihn skeptisch, aber belustigt an. „Rohe Intensität?“, wiederholte sie mit einem frechen Funkeln in den Augen. „Kai, du erinnerst dich hoffentlich daran, dass du mich vor der Schwangerschaft ziemlich oft so lange gefordert hast, bis ich am nächsten Tag kaum noch laufen konnte. Ich verstehe den Unterschied, den du da machen willst, also nicht ganz. Du bist auch nicht gerade... zurückhaltend.“
Ein kurzes, trockenes Schmunzeln huschte über Kais Lippen, und für einen Moment blitzte jene besitzergreifende Leidenschaft in seinen Augen auf, die Nami so an ihm liebte. „Das ist etwas anderes“, erwiderte er tief. „Ich versuche nur zu erklären, dass Tala und ich uns in unserem Verhalten zwar ähneln, aber wir sind trotzdem komplett unterschiedliche Charaktere. Tala war zum Beispiel nie ein Einzelgänger in seiner Jugend so wie ich. Er brauchte sein Team, seine Struktur.“
Er legte einen Arm um Namis Schultern und zog sie näher an sich. „Er ist sicher überfordert mit dieser neuen Rolle als werdender Vater. Er sieht Luminas körperlichen Zustand, diesen Bauch, und es macht ihn hilflos. Er versucht es zu verdrängen und in Arbeit zu ersticken, anstatt einfach auf Luminas Worte zu vertrauen. Für einen Mann wie ihn ist das Unbekannte eine Bedrohung, die er nicht mit Gewalt lösen kann. Er hat wohl Sorge, zu viel für das Baby in ihrem Bauch zu sein.“
Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. „Vielleicht braucht er einen Stoß in die richtige Richtung. Von jemandem, den er respektiert.“
Kai seufzte schwer, doch sein Griff um sie wurde fester. „Ich werde morgen mit ihm reden. Unter vier Augen. Er wird es hassen... aber wahrscheinlich braucht er genau das.“
Am nächsten Tag...
Die Flure der Tachibey Academy waren um diese Zeit noch vom fernen Echo kreiselnder Beyblades und den Kommandos der Trainer erfüllt, doch im Verwaltungstrakt herrschte eine fast schon greifbare Stille. Kai passierte die gläserne Front, ohne die Sekretärin eines Blickes zu würdigen...sein Gang war zielgerichtet, seine Aura duldete keinen Aufschub.
Ohne anzuklopfen, stieß er die schwere Tür zu Talas Büro auf.
Tala saß hinter einem metallenen Schreibtisch, das bläuliche Licht mehrerer Monitore spiegelte sich in seinen kühlen Augen. Er hielt inne, eine Hand noch an der Tastatur, und sah auf. Er wirkte müde, die Linien um seinen Mund waren tiefer als noch vor wenigen Tagen.
„Kai“, sagte Tala knapp, die Stimme so rau wie eh und je. Er lehnte sich nicht zurück, sondern blieb in seiner gewohnt defensiven, fast angriffslustigen Haltung. „Ich habe dich heute nicht mehr erwartet. Gibt es Probleme in der Corporation? Oder ist mit Nami etwas?“
Kai schloss die Tür hinter sich, das Klicken des Schlosses hallte im Raum wider. Er trat nicht näher, sondern blieb mit verschränkten Armen im Raum stehen, den Blick fest auf seinen ehemaligen Teamkollegen gerichtet.
„Nami geht es gut“, erwiderte Kai ruhig, doch der Unterton war gefährlich. „Aber wir müssen reden. Und nicht über Bilanzen oder die nächste Generation von Bit-Beasts.“
Tala zog eine Augenbraue hoch, ein kurzes, nervöses Zucken lief durch seinen Kiefer. „Wenn es um die Sicherheitsberichte geht, die sind fast fertig...“
„Hör auf damit, Tala“, unterbrach ihn Kai scharf. Er trat nun doch vor den Schreibtisch und stützte die Hände auf die polierte Oberfläche, sodass er Tala direkt in die Augen sehen konnte. „Lumina war gestern im Anwesen. Sie macht sich Sorgen. Und wenn Nami sich Sorgen um ihre Cousine macht, werde ich ungemütlich.“
Tala versteifte sich merklich. Er wich Kais Blick nicht aus, doch seine Hände ballten sich auf der Tischplatte zu Fäusten. „Das ist privat, Kai. Das hat nichts mit der Academy oder dir zu tun.“
„Es hat alles mit mir zu tun, wenn du dich wie ein Anfänger verhältst“, konterte Kai unnachgiebig. „Du vergräbst dich hier in Arbeit, weil du Angst hast, nach Hause zu gehen. Du hast Angst, deine Frau zu berühren, weil du denkst, du seist zu viel und könntest sie oder das Kind verletzen. Hab ich recht?“
Die Stille, die darauf folgte, war schwer. Tala starrte Kai an, sein Atem ging flacher. Für einen Moment blitzte jene alte, unberechenbare Wut in seinen Augen auf, die er seit den Tagen in der Abtei mühsam kontrollierte. Doch gegen Kai, der seine eigenen Dämonen besser kannte als jeder andere, funktionierte diese Maske nicht.
Tala stieß einen verächtlichen Laut aus und sah weg, hinaus auf die Trainingsarena. „Du verstehst das nicht. Du hast vier Kinder, Kai. Du bist daran gewöhnt. Aber jedes Mal, wenn ich sie ansehe... wenn ich diesen Bauch sehe...“ Er hielt inne und seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Ich bin kein Mann für sanfte Berührungen. Ich habe mein ganzes Leben nur gelernt, wie man Dinge bricht oder kontrolliert. Ich will nicht das Risiko eingehen, dass meine... Art plötzlich... zu viel für sie ist...oder für das Baby.“
Kai beobachtete ihn einen Moment lang schweigend. „Ich war damals bei Gou genauso ein Idiot wie du“, sagte er dann überraschend leise. Tala sah überrascht auf. „Ich dachte auch, ich müsste mich zurückziehen, um sie zu schützen. Aber Nami hat mir den Kopf gewaschen. Eine schwangere Frau ist nicht aus Glas, Tala. Sie ist dieselbe Frau, die du geheiratet hast...nur dass sie dich jetzt mehr braucht als je zuvor. Nicht nur als Wachhund, sondern als Partner. Selbst ich muss mir das immer noch hin und wieder ins Gedächtnis rufen, wenn der Beschützer wieder die Oberhand in mir gewinnt.“
Kai richtete sich auf und fixierte Tala erneut. „Wenn du dich weiter so verhältst, als wäre sie ein zerbrechlicher Schrein, wirst du sie verlieren, lange bevor das Baby da ist. Sie will keine Militärparade im Schlafzimmer. Sie will dich. Rede mit ihr...hör ihr zu und glaube ihr, wenn sie dir sagt, dass es okay ist.“
Tala schwieg, doch Kai sah, wie die Worte Wirkung zeigten. Die harte Schale des Generals bekam Risse.
„Geh nach Hause, Tala“, befahl Kai, diesmal ohne Schärfe, sondern mit der Autorität eines Mannes, der den Weg bereits gegangen war. „Und hör auf, deinem eigenen Schatten auszuweichen. Vertrau Lumina. Sie weiß besser als du, was sie verträgt.“
Tala starrte noch eine lange Zeit auf seinen Schreibtisch, bevor er langsam den Monitor ausschaltete. Er griff nach seiner Jacke. „Du hast dich wirklich in so vielen Dingen verändert seitdem du Vater bist.“, murmelte er, während er an Kai vorbeiging.
„Ich habe nur gelernt, was wirklich wichtig ist“, erwiderte Kai trocken. „Und jetzt verschwinde. Ich will morgen keine Klagen hören.“
Überwindung
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Rückblick
Die Fahrt zum Tachiwari-Tower verlief ungewöhnlich ruhig. Kai saß am Steuer seines Bentleys, die Hände fest um das Lederlenkrad geschlossen, während er mit kühler Präzision durch den Tokioter Verkehr manövrierte. Er trug wieder seine unnahbare Maske, doch das gelegentliche Zucken seines Kiefers verriet, dass er die Ereignisse des Morgens noch nicht ganz abgehakt hatte.
Nami saß auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Skyline. Ihr Körper fühlte sich schwer und angenehm erschöpft an, ein krasser Gegensatz zu der geschäftigen Energie, die sie gleich im Tower erwartete. Sie trug ein elegantes, dunkelblaues Business-Kleid, das ihre Silhouette perfekt betonte, und ihre Haare waren heute zu einem makellosen Knoten gesteckt.
Als die Aufzugtüren im 45. Stockwerk aufglitten, wurden sie bereits von dem rhythmischen Klackern einer Tastatur empfangen. Miya saß an ihrem Platz, den Rücken kerzengerade und blickte auf, als Kai und Nami den Vorraum betraten. Sie war die Effizienz in Person und die Einzige, die es wagte, Kai auch mal einen mahnenden Blick wegen seiner Verspätung zuzurechnen.
„Guten Morgen, Mr. Hiwatari. Mrs. Hiwatari“, sagte sie freundlich und legte eine Mappe bereit. „Die Forschungsberichte aus der Academy liegen bereits auf Ihrem Schreibtisch, Sir. Und Madam, die Marketing-Entwürfe für die Europa-Expansion sind vor fünf Minuten eingetroffen.“
Kai nickte Miya knapp zu, während er im Vorbeigehen seine Tasche ablegte. „Danke, Miya. Sorgen Sie dafür, dass wir bis zum Mittagessen nicht gestört werden. Keine Anrufe, keine spontanen Meetings.“
Miya zog eine Augenbraue hoch und warf einen unauffälligen Blick auf Kais Krawatte, die zwar fest saß, aber doch ein wenig anders geknotet wirkte als sonst. „Verstanden. Dr. Arata ist für 13:30 Uhr bestätigt. Er hat bereits ausrichten lassen, dass er pünktlich sein wird.“
„Das ist er immer“, murmelte Kai, während er die Tür zu seinem Büro aufstieß und Nami den Vortritt ließ.
Sobald die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, atmete Nami tief durch. Die kühle, hochmoderne Atmosphäre des Towers half ihr dabei, wieder in ihre Rolle als Frau des CEO zu schlüpfen. Sie ging zur großen Fensterfront und blickte auf das Panorama von Tokio.
„Miya ist wie ein Fels in der Brandung“, bemerkte Nami amüsiert, während sie sich zu ihm undrehte. „Ich glaube, sie weiß ganz genau, warum wir die erste Stunde des Arbeitstages ‚verpasst‘ haben.“
Kai antwortete nicht direkt. Er hatte sich bereits in seinen Chefsessel gleiten lassen und das Tablet aktiviert. Doch bevor er die erste Datei öffnete, sah er kurz zu ihr herüber. Ein schwaches, fast arrogantes Grinsen stahl sich auf seine Lippen.
„Miya wird dafür bezahlt, diskret zu sein, nicht um meine privaten Prioritäten zu hinterfragen“, erwiderte er trocken. „Und jetzt konzentrier dich bitte, mein Schatz. Wenn wir die Budgetplanung vor dem Essen fertig haben wollen, müssen wir das Tempo von vorhin beibehalten...nur auf eine andere Art.“
Nami schmunzelte, ging rüber in ihr Büro und schlug die erste Akte auf. Der Vormittag verging wie im Flug. Zwischen Tabellenkalkulationen und Marktanalysen gab es immer wieder diese kleinen Momente – ein kurzer Blickwechsel, das leise Geräusch von Kais Stift auf dem Display –, die sie an das Feuer des Morgens erinnerten. Es war ein produktives, fast schon geladenes Schweigen, das erst unterbrochen wurde, als Miya pünktlich um kurz nach zwölf über die Sprechanlage die Mittagspause ankündigte.
Nachdem sie die intensivsten Stunden der Budgetplanung hinter sich gebracht hatten, herrschte eine konzentrierte Stille in den oberen Büroräumen. Kai legte seinen Stift beiseite, massierte sich kurz den Nacken und stand auf. Er strich sein Sakko glatt, das trotz der morgendlichen Eskapaden wieder tadellos saß, und schritt zur Verbindungstür, die sein Reich mit dem von Nami verband.
Ohne anzuklopfen, öffnete er die schwere Tür. Nami saß an ihrem Schreibtisch, den Blick konzentriert auf einen der großen Bildschirme gerichtet.
„Schatz.“, sagte er ruhig, lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Genug für den Moment. Wir fahren jetzt nach oben ins Restaurant.“
Nami schaute auf, blinzelte ein paar Mal und ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie legte die Dokumente beiseite und erhob sich langsam, wobei sie instinktiv eine Hand schützend auf ihren Bauch legte. „Gott sei Dank“, gestand sie und atmete tief durch. „Ich bin unglaublich hungrig. Das kleine Wesen hier drin scheint heute besonders viel Energie zu beanspruchen...oder die Runde heute morgen hat mehr Reserven verbraucht, als ich dachte.“
Kai schmunzelte kaum merklich, trat auf sie zu und legte seine Hand auf ihren unteren Rücken, um sie zum Aufzug zu geleiten. „Vielleicht beides.“
Wenig später saßen sie im exklusiven Restaurant in der obersten Etage des Towers, an ihrem Stammplatz am Fenster. Während der Kellner die Vorspeisen servierte...leichte, nährstoffreiche Kost für Nami und einen starken schwarzen Tee für Kai..., veränderte sich die Atmosphäre. Die geschäftliche Kühle wich einer unterschwelligen Anspannung vor dem bevorstehenden Termin.
„Hast du dir Gedanken darüber gemacht, was Arata heute ansprechen wird?“, fragte Nami leise, nachdem sie ein Stück gedünsteten Fisch gegessen hatte. Ihr Blick suchte den seinen, forschend und empathisch.
Kai rührte langsam in seinem Tee, sein Blick war auf die gläserne Oberfläche gerichtet. „Er hat es bereits bei einer unserer letzten Sitzungen angedeutet“, antwortete er mit einer Stimme, die eine Nuance kühler wurde...ein Zeichen dafür, dass er sich innerlich wappnete. „Er sagte damals, dass er zu einem späteren Zeitpunkt...eventuell noch einmal tiefer auf bestimmte Ereignisse aus meiner Jugend und Kindheit eingehen will. Die Zeit bei Biovolt, Boris... die Dinge, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin.“
Er hielt inne und sah Nami direkt an. Seine roten Augen wirkten in diesem Licht fast dunkel wie Blut. „Er will noch ein wenig mehr verstehen, wie diese Erlebnisse meine heutige Rolle als Vater und Ehemann beeinflussen. Vor allem jetzt, wo das nächste Kind unterwegs ist.“
Nami legte ihre Hand über seine auf den Tisch. Sie spürte die leichte Anspannung in seinen Sehnen. „Es ist wichtig, Kai. Auch wenn es unangenehm ist. Er will nur sicherstellen, dass diese alten Schatten nicht unbewusst zwischen dir und den Kindern stehen.“
Kai drehte seine Hand um und verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich weiß. Trotzdem gefällt es mir nicht, in alten Wunden zu wühlen, die ich längst für geheilt erklärt habe. Aber...“, er machte eine kurze Pause und sein Griff wurde fester, „...ich habe versprochen, mich darauf einzulassen. Und ich halte meine Versprechen.“
Nami lächelte ihn ermutigend an. „Ich bin bei dir. Wie immer.“
Kai nickte knapp, trank seinen Tee aus und warf einen Blick auf seine Uhr. Es war kurz vor eins. In dreißig Minuten würde das Duell mit der eigenen Vergangenheit beginnen.
Um 13:30 Uhr klopfte es präzise an der Tür. Kai saß bereits an seinem massiven Schreibtisch, die Arme verschränkt, während Nami es sich in einem der Ledersessel bequem gemacht hatte. Dr. Arata trat ein...wie immer mit einer Ausstrahlung, die an die Ruhe eines tiefen Sees erinnerte.
„Guten Tag, Kai. Nami“, begrüßte er sie mit einem höflichen Kopfnicken. Sein Blick wanderte zu Nami und wurde eine Nuance herzlicher. „Es freut mich aufrichtig, dass Sie heute wieder dabei sind, Nami. Ihre Perspektive ist für unsere Arbeit hier von unschätzbarem Wert.“
Er setzte sich in den Sessel gegenüber von Kai, schlug seinen kleinen Notizblock auf und rückte seine Brille zurecht. Kai beobachtete ihn misstrauisch, die Muskeln in seinen Schultern bereits darauf vorbereitet, die psychologischen Mauern gegen die Schatten der Abtei und Boris hochzuziehen.
„Wir hatten beim letzten Mal darüber gesprochen, tiefer in Ihre prägenden Jahre einzutauchen“, begann Arata ruhig. Er bemerkte Kais defensive Haltung und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. „Doch entgegen dem, was Sie vielleicht vermuten, Kai, möchte ich heute nicht noch tiefer über die Zeit in Russland sprechen. Zumindest noch nicht.“
Kai hob eine Augenbraue. Die unerwartete Richtung ließ ihn für einen Moment aus dem Konzept geraten.
„Ich möchte über die Zeit ab Ihrem sechzehnten Lebensjahr sprechen“, fuhr Arata fort. „Es war ein offensichtlicher Wendepunkt. Sie hatten Menschen gefunden, die auf Sie zählten...Ihre Teammitglieder bei G-Revolution. Ray, Max, Tyson... und natürlich Kenny.“
Arata legte den Stift kurz beiseite und fixierte Kais brennende rote Augen. „In dieser Phase Ihres Lebens brach die Isolation, die man Ihnen zuvor aufgezwungen hatte. Sie waren Teil eines Ganzen. Meine Frage an Sie ist: War Ihnen damals bereits bewusst, dass Sie nicht nur Teammitglieder, sondern Freunde gefunden hatten? Oder war es für Sie zu diesem Zeitpunkt immer noch nur eine funktionale Notwendigkeit, um der Beste zu sein?“
Nami beobachtete ihren Mann gespannt. Sie wusste, wie schwer es Kai fiel, Begriffe wie „Freundschaft“ für seine eigene Vergangenheit zu definieren.
Kai schwieg für einen langen Moment. Er entkoppelte seinen Blick von Dr. Arata und sah stattdessen hinaus auf die Skyline von Tokio, die unter der Nachmittagssonne glitzerte. Seine Finger trommelten einmal kurz auf die Armlehne seines Sessels, bevor er die Hand zur Faust ballte und sie ruhig ablegte.
„Bewusst?“, wiederholte Kai das Wort schließlich, und seine Stimme klang tiefer, fast ein wenig nachdenklich. „Nein. Zu diesem Zeitpunkt war das Wort 'Freundschaft' in meinem Wortschatz nicht existent. Für mich gab es nur Rivalen, Verbündete oder Hindernisse.“
Er machte eine Pause und warf Nami einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder dem Psychologen zuwandte. „Aber rückblickend... war es das erste Mal, dass Loyalität keine Einbahnstraße war, die auf Angst oder Gehorsam basierte. Bei G-Revolution... bei Tyson und den anderen... war es eine Form von Loyalität, die ich mir nicht erklären konnte. Sie suchten mich, auch wenn ich mich zurückzog. Sie verließen sich auf mich, ohne eine Gegenleistung zu fordern, außer dass ich mein Bestes gab.“
Dr. Arata nickte langsam und notierte sich etwas. „Es war also eine Erfahrung mit echter Loyalität, die Sie zuvor nie kennengelernt hatten. Wie hat sich das angefühlt, Kai? War es eine Erleichterung oder eher eine Bedrohung für Ihre Unabhängigkeit?“
Kai schnaubte leise, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Anfangs war es eine Bedrohung. Ich dachte, Bindungen machen schwach. Das war es, was man mir in der Abtei eingeprügelt hatte: Wer auf andere angewiesen ist, verliert seine Stärke. Aber diese Jungs... sie haben mir bewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist.“
Nami legte den Kopf leicht schief, ein warmes Lächeln auf den Lippen. „Ich erinnere mich daran, wie du mir mal erzählt hast, dass Tyson dich wahnsinnig gemacht hat, weil er nie locker gelassen hat“, warf sie leise ein.
Kai sah sie an, und für einen Wimpernschlag wurde sein Blick weicher. „Er war eine Nervensäge. Aber er war die erste Nervensäge, die mich nicht als Werkzeug sah, sondern als... nun ja, als Kai.“
Er wandte sich wieder Arata zu. „Es war keine bewusste Entscheidung, Freunde zu finden. Es ist einfach passiert. Und ja, rückblickend war es die erste echte Loyalität, die ich empfunden habe. Eine, die nicht auf einem Vertrag oder Blutverwandtschaft beruhte.“
Dr. Arata beobachtete Kais Mimik genau. „Das ist ein wichtiger Punkt, Kai. Wenn wir über Loyalität sprechen, die nicht auf Blut beruht... wie beeinflusst das heute Ihre Sicht auf Ihre eigene Familie? Sie haben nun Kinder, die per Definition 'Blutverwandte' sind. Suchen Sie bei ihnen nach der gleichen bedingungslosen Loyalität, die Sie damals bei Ihren Freunden gefunden haben, oder haben Sie Angst, dass Blut allein nicht ausreicht, um diese Bindung zu halten?“
Die Frage hing schwer im Raum. Kai spürte, wie sich der psychologische Fokus von der Vergangenheit direkt auf seine aktuelle Rolle als Vater des bald fünfköpfigen Hiwatari-Nachwuchses verschob.
„Was das betrifft...bin ich eher gelassen. Wenn man für seine Kinder da ist, kommt die Loyalität von ganz allein."
Dr. Arata hörte aufmerksam zu und machte sich eine kurze Notiz, bevor er den Blick hob und Kai mit einem fast schon bewundernden Ausdruck ansah.
„Es ist eine bewusste Entscheidung zur Heilung“, stellte Arata fest. „Sie nutzen die Gelassenheit als Gegenentwurf zu der Welt, aus der Sie stammen. Sie haben einen Raum geschaffen, in dem Loyalität nicht durch Leistung verdient werden muss, sondern durch schlichte Existenz und Liebe gegeben ist.“
Kai lehnte sich ein Stück zurück. Seine Züge waren vollkommen entspannt, weit entfernt von der unterkühlten Maske, die er noch vor wenigen Stunden im Meeting getragen hatte. „Es ist eigentlich ganz simpel“, sagte er mit einer tiefen, ruhigen Stimme. „Ich liebe meine Kinder. Ich habe nie verstanden...weder mit sechzehn, noch heute..., wie man einem Kind absichtlich schaden oder ihm eine Kindheit verwehren kann, nur um ein Werkzeug aus ihm zu machen. Meine Ruhe ist kein taktisches Manöver. Es ist das, was sie verdienen.“
Nami sah ihren Mann von der Seite an, und ein weicher Glanz trat in ihre Augen. Sie wandte sich an Dr. Arata. „Es war für mich immer faszinierend zu beobachten“, warf sie leise ein. „Kai strahlt gegenüber den Kindern immer eine so kraftvolle, fast schon unerschütterliche Ruhe aus. Das hat dazu geführt, dass fast alle unsere Kinder im Kleinkindalter absolute Papakinder waren. Er musste gar nicht viel sagen...seine bloße Präsenz hat ihnen Sicherheit gegeben.“
Sie schmunzelte bei der Erinnerung und sah Kai kurz an. „Ich fand es immer unglaublich rührend zu sehen, wie Gou oder Sayuri in ihren ersten Jahren fast ausschließlich zu Papa wollten während die Zwillinge unter sich blieben. Wenn sie müde oder quengelig waren, gab es nichts anderes für sie; sie wollten auf seinem Arm schlafen oder stundenlang von ihm durch die Gegend getragen werden. Und Kai... er hat das mit einer Geduld getan, die man ihm von außen niemals zutrauen würde.“
Arata nickte langsam. „Diese ‚kraftvolle Ruhe‘, von der Nami spricht... Kai, ist das der Teil von Ihnen, den Sie bei G-Revolution entdeckt haben? Dass wahre Führung nicht durch Druck, sondern durch Beständigkeit entsteht? Dass Menschen...oder in diesem Fall Kinder...sich Ihnen anschließen, weil sie sich bei Ihnen sicher fühlen?“
Kai schwieg einen Moment und dachte an die kleinen Momente im Anwesen, wenn eines der Kinder sich einfach an ihn lehnte, ohne etwas zu verlangen. „Vielleicht“, gab er schließlich zu. „Damals bei Tyson und den anderen habe ich gelernt, dass man niemanden zwingen kann, einem zu folgen. Man muss derjenige sein, auf den sie sich verlassen können, wenn alles andere wegbricht. Bei meinen Kindern ist es nicht anders. Nur dass der Einsatz hier viel höher ist.“
„Und wie fühlen Sie sich dabei?“, hakte Arata sanft nach. „Wenn Sie diese absolute Zuneigung spüren, die keine Bedingungen stellt? Ist das die Entschädigung für das, was Ihnen mit sechzehn noch wie eine Bedrohung Ihrer Unabhängigkeit vorkam?“
Kai schwieg für einen Moment, doch sein Blick wanderte langsam von Dr. Arata weg und blieb an Nami hängen. Es war kein flüchtiger Blick, sondern einer voller Bedeutung, der die geschäftliche Distanz des Büros für einen Augenblick komplett auflöste.
„Es stimmt, dass G-Revolution das Fundament gelegt hat“, begann Kai, seine Stimme jetzt noch eine Spur tiefer und von einer entwaffnenden Ehrlichkeit geprägt. „Dort habe ich gelernt, was Loyalität bedeutet. Aber...“ Er machte eine kurze Pause und sah Nami direkt in die Augen. „Ich bin mir sicher, dass viele meiner mittlerweile positiven Eigenschaften nicht nur aus dieser Zeit stammen. Sie wurden hauptsächlich ein paar Jahre später geformt...durch die Frau, die gerade hier neben uns sitzt.“
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Sie kannte Kais Wertschätzung, doch sie so offen und direkt vor einem Dritten ausgesprochen zu hören, traf sie mitten ins Herz. Ein leichtes, warmes Erröten überzog ihre Wangen.
Kai wandte sich wieder an Dr. Arata, der den Moment schweigend und mit professioneller Faszination beobachtete. „Nami hat mir beigebracht, dass Ruhe nicht gleichbedeutend mit Distanz sein muss. Sie hat mir gezeigt, dass man jemanden an sich heranlassen kann, ohne seine Stärke zu verlieren. Wenn die Kinder heute bei mir diese Sicherheit suchen, dann deshalb, weil Nami mir den Raum gegeben hat, diese Seite an mir überhaupt erst zu entdecken und zuzulassen. Ohne sie wäre ich vielleicht ein gerechter Anführer geblieben, aber kein Vater, an den man sich zum Schlafen kuschelt.“
Ein fast unmerkliches Schmunzeln umspielte seine Lippen, während er weitersprach. „Sie ist der Grund, warum der ‚Zar‘ an der Hausschwelle des Ayame-Anwesens für die Kinder stehen bleibt. Sie hat mich nicht verändert...sie hat mich vervollständigt.“
Nami legte ihre Hand sanft auf seinen Unterarm und drückte ihn leicht. „Kai...“, hauchte sie, unfähig, mehr zu sagen, während ihr Blick vor Zärtlichkeit nur so sprühte.
Dr. Arata lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände. Er wirkte sichtlich beeindruckt von dieser Offenbarung. „Das ist eine bemerkenswerte Analyse, Kai. Sie geben der Partnerschaft den Kredit für Ihre emotionale Entwicklung. Das erklärt auch, warum diese ‚kraftvolle Ruhe‘ so authentisch wirkt – sie ist kein erlerntes Verhalten, sondern das Ergebnis von tiefem Vertrauen.“
Arata sah nun beide an. „Nami, wie nehmen Sie das wahr? Haben Sie sich jemals als ‚Formgeberin‘ für den Mann gesehen, der er heute für seine Kinder ist?“
Nami lehnte sich ein wenig vor, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen, während sie die Finger ihrer freien Hand ineinander verschränkte.
„Ich habe mich nie als Formgeberin gesehen, Dr. Arata“, begann sie leise. „Eher als jemand, der einfach nur darauf gewartet hat, dass das Licht, das ohnehin in ihm brannte, die Mauern durchbricht. Ich gebe zu... ich hatte schon sehr lange ein Auge auf ihn geworfen. Jahre, um genau zu sein.“
Kai schmunzelte.
„Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, sah ihn oft auf Turnieren von der Tribüne aus“, fuhr Nami fort, während ihr Blick in die Ferne schweifte. „Da ich selbst erst mit achtzehn die Erlaubnis hatte, an Turnieren teilzunehmen, begegneten wir uns erst dann von Angesicht zu Angesicht. Aber es war nicht in einem gemeinsamen Match... es war in einem der Arenatunnel nach meinem Arena-Debüt.“
Sie lachte leise bei der Erinnerung. „Ich war so unglaublich aufgeregt. Mein Herz hatte so schnell und laut geschlagen, dass ich dachte, man müsse es sicher hören. Und dann passierte es: Diese wunderschönen Augen, deren Blick von so vielen Menschen als eiskalt und unnahbar beschrieben wurde, waren plötzlich auf mich gerichtet. Unsere Blicke trafen sich zum ersten Mal direkt.“
Arata beobachtete sie fasziniert, während er sich eine Notiz machte. Nami wandte sich wieder Kai zu, ihr Blick voller Wärme. „Er unterhielt sich mit mir in einer Leichtigkeit, die ich ihm nach allem, was man über ihn sagte, niemals zugetraut hätte. Er war nicht der arrogante Champion, als den ihn die Presse darstellte. Er war...recht zugänglich. Es hat mir sofort ein wohliges Gefühl vermittelt, eine Art instinktives Vertrauen, das ich mir damals selbst nicht erklären konnte.“
„Es war die erste Begegnung, in der ich nicht das Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen“, fügte sie hinzu und sah wieder zu Dr. Arata. „Und genau diese Leichtigkeit, die er mir damals im Tunnel schenkte, schenkt er heute unseren Kindern. Er gibt ihnen das Gefühl, dass sie einfach sein dürfen. Ich habe ihm nur gezeigt, dass diese Seite an ihm sicher ist...dass er sie nicht verstecken muss, um respektiert zu werden.“
Dr. Arata nickte langsam. „Das ist ein sehr aufschlussreiches Beispiel, Nami. Kai, wie haben Sie diese Begegnung im Tunnel in Erinnerung? War Ihnen damals bewusst, dass Sie bei ihr eine Ausnahme von Ihrer üblichen Kühle machten?“
Ein leises, fast nostalgisches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen.
„Wir haben erst wieder vor einigen Monaten kurz über diese Begegnung gesprochen“, gab Kai ruhig zu. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, die Finger locker verschränkt. „Nami dachte jahrelang, es sei Zufall gewesen, dass ich plötzlich dort im Tunnel stand. Aber das war es nicht.“
Er hielt kurz inne und sah seine Frau an, wobei sein Blick eine Intensität annahm, die Dr. Arata fast vergessen ließ, dass sie sich in einem sterilen Bürogebäude befanden.
„Ich war an diesem Tag eigentlich nur als Zuschauer in der Arena um der Bitte von Mr. Dickenson nachzukommen, oben in einer der Logen“, fuhr Kai fort. „Ich hatte ihr Match gesehen. Ihr Stil, ihre Präzision, ihre Ausstrahlung... ich war fasziniert von ihrem Talent. Aber als das Match vorbei war und sie im Tunnel verschwand, passierte etwas, das ich mir damals nicht rational erklären konnte. Ich hatte damals das dringende Bedürfnis, zu ihr zu gehen. Ich musste wissen, wer dieses unglaublich talentierte und wunderschöne Mädchen war.“
Nami sah ihn überrascht an, ihre Augen glänzten. Obwohl sie bereits viele Male darüber gesprochen hatten, klang es aus seinem Mund, in dieser förmlichen Umgebung, noch einmal ganz anders.
„Ich hatte so etwas noch nie zuvor gefühlt“, gestand Kai und wandte sich wieder an Arata. „Es war wie eine unsichtbare Anziehungskraft. Eine Energie, die mich förmlich von meinem Platz riss. Normalerweise bin ich niemand, der impulsiv handelt oder Fremde anspricht, erst recht nicht in einer solchen Situation. Aber bei Nami war alles anders. Diese Leichtigkeit, die sie vorhin erwähnte... sie war keine bewusste Entscheidung. Sie war die Reaktion auf ihre Anwesenheit. Es war, als hätte sie eine Tür in mir geöffnet, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert.“
Dr. Arata notierte sich eifrig etwas, während er den Kopf hob. „Das ist faszinierend, Kai. Sie beschreiben eine fast instinktive Erkenntnis. Dass Sie sich heute, Jahre später, so klar daran erinnern und es als Ursprung Ihrer emotionalen Entwicklung sehen, zeigt, wie tief diese Bindung von Anfang an war.“
Er sah von Kai zu Nami. „Es scheint, als wäre diese Begegnung im Tunnel der Moment gewesen, in dem der ‚Zar‘ zum ersten Mal erkannt hat, dass es eine Welt außerhalb von Kampf und Kontrolle gibt. Nami, Sie waren der Schlüssel zu dieser Welt. Und heute profitieren Ihre Kinder von genau dieser Tür, die Kai damals für Sie geöffnet hat.“
Arata legte seinen Stift beiseite und faltete die Hände.
Kai nickte langsam, während er Namis fragenden Blick auffing. Er wusste, dass sie zögerte...das Wissen über die tiefgreifende Verschmelzung zwischen einem Blader und seinem Bit-Beast war etwas höchst Privates, fast schon Heiliges. Nur wenige Menschen auf der Welt, wie er selbst mit Dranzer oder Nami mit Pegasus, besaßen diese seelische Resonanz, die weit über das bloße Beybladen hinausging.
Mit einem kaum merklichen, aber bestärkenden Nicken gab er ihr das Zeichen, dass er Dr. Arata vertraute.
„Wir fanden einige Monate nach diesem Treffen heraus, dass Nami eine ganz besondere Aura ausstrahlt“, erklärte Kai, wobei seine Stimme eine tiefe Ehrfurcht annahm. „Etwas, wovon sie selbst lange nichts wusste. Es ist das Resultat ihrer seelischen Verbindung mit Pegasus.“
Nami übernahm das Wort, ihre Stimme war ruhig, aber man spürte die Bedeutung ihrer Worte. „Dieser Teil meiner Aura nennt sich Seelenanker. Es ist eine Energie, die direkt aus der Verschmelzung mit meinem Bit-Beast entsteht. Sie wirkt besänftigend... sie ist in der Lage, innere Dunkelheit oder Kälte zu verdrängen, die andere, positivere Gefühle oft überlagern.“
Sie sah Dr. Arata direkt an. „Als Kai und ich uns begegneten, war sein Inneres von vielen Mauern und alten Schatten aus der Abtei geprägt. Mein Seelenanker hat damals nicht etwa seinen Charakter verändert oder Traumata geheilt, sondern lediglich den Raum geschaffen, in dem seine eigenen, unterdrückten Gefühle wieder atmen konnten. Er hat die Dunkelheit für einen Moment zur Seite geschoben, damit er er selbst sein konnte.“
Dr. Arata wirkte sichtlich bewegt. Er legte seinen Stift beiseite und faltete die Hände. Das Konzept von Bit-Beasts als psychologische Komponenten war ihm zwar theoretisch bekannt, doch die Schilderung einer so tiefen, symbiotischen Heilung war neu für ihn.
„Ein Seelenanker“, wiederholte Arata leise. „Das erklärt die ‚Leichtigkeit‘, von der Sie sprachen. Es war also keine bloße Sympathie, sondern eine energetische Resonanz. Kai, wie fühlt sich dieser Anker für Sie heute an? Ist es eine Konstante in Ihrem Leben geworden?“
Kai sah zu Nami und ein seltenes, friedliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Es ist das Fundament meines Zuhauses. Wenn ich durch die Tür des Ayame-Anwesens trete...wenn ich in ihrer Nähe bin, spüre ich, wie dieser Anker wirkt. Er erlaubt es mir, der Zar zu bleiben, wo es nötig ist, aber bei meiner Familie einfach nur Ehemann und Vater zu sein. Und ich sehe es in unseren Kindern...sie tragen Fragmente dieser Aura...und der Meinen in sich. Sie wachsen in einem Licht auf, das ich erst mit Zwanzig zum ersten Mal gespürt habe.“
Nami legte ihre Hand auf seine. „Und genau deshalb ist er heute so gelassen als Vater. Er muss nicht mehr gegen seine eigene Dunkelheit kämpfen, weil er weiß, dass sie keinen Platz mehr hat, solange wir zusammen sind.“
Dr. Arata lehnte sich ein Stück vor, sein Blick war nun vollkommen auf Kai fixiert. Er wirkte nicht mehr wie ein kühler Beobachter, sondern wie jemand, der die seltene Gelegenheit schätzt, einen Blick hinter die Legende des „Zaren“ zu werfen.
„Das ist ein entscheidender Punkt, Kai“, begann Arata mit ruhiger, eindringlicher Stimme. „Lassen Sie uns dort verweilen. Sie beschreiben diese plötzliche Anziehungskraft durch diese Aura, im Tunnel als fast schon schicksalhaft. Aber wie hat sich das für den Kai von damals angefühlt? Waren Sie... erschrocken über diese plötzlichen Gefühle, die so gar nicht in Ihr Weltbild passten?“
Kai schwieg einen Moment, und man sah förmlich, wie er in die Erinnerung eintauchte. Seine Finger verschränkten sich fester.
„Ich war überfordert“, gab er schließlich offen zu, und seine Stimme klang beinahe rau. „Ich verstand es schlichtweg nicht. Mein ganzes Leben lang war ich darauf konditioniert, Ablenkungen auszuschalten und nur auf das Ziel zu fokussieren. Aber plötzlich war da dieses Mädchen... und ich dachte ununterbrochen an sie. Ich überlegte ständig, was sie wohl gerade dachte, was sie tat oder wie es ihr ging. Die Mädchen davor interessierten mich nie mehr als nur auf körperlicher Ebene.“
Nami sah ihn von der Seite an, ihre Augen groß und voller Mitgefühl. Sie wusste um seine Kämpfe, aber ihn wieder so darüber sprechen zu hören, war selbst für sie intensiv.
„Das Bild ihrer schönen Augen... ihres Lächelns... es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf“, fuhr Kai fort, und ein Anflug von bitterem Amüsement über sein damaliges Ich schlich sich in seinen Blick. „Und ich... ich habe mich dafür gehasst. Ich habe mich gehasst, weil ich sie nach dem Turnier einfach habe gehen lassen, ohne ihr wenigstens meine Nummer gegeben zu haben. Ich hatte in diesem Moment gezögert. Ich hatte mich aktiv dazu gezwungen, diesem Gefühl nicht nachzugeben.“
Arata hob leicht die Brauen. „Warum haben Sie sich dazu gezwungen?“
„Weil ich dachte, ich würde sie nur verletzen“, antwortete Kai knapp und ehrlich. „Ich dachte, meine Welt wäre zu dunkel für jemanden wie sie. Ich wollte sie schützen, indem ich sie gehen ließ...und habe dabei völlig unterschätzt, dass ich bereits längst an sie gebunden war.“
Dr. Arata nickte langsam, während er die Schwere dieser Worte wirken ließ. Er wandte sich kurz an Nami, die Kais Hand ergriff. „Und Sie, Nami? Haben Sie damals gespürt, dass dieser kühle Champion im Tunnel innerlich mit sich rang, oder wirkte er auf Sie einfach nur... anders?“
Nami lächelte wehmütig und blickte kurz zu ihren ineinander verschränkten Händen, bevor sie Dr. Aratas Blick wieder einfing.
„Es war seltsam“, begann sie leise. „Im Tunnel wirkte Kai eigentlich gelöst auf mich, auch wenn man deutlich merkte, dass er versuchte... nun ja, Distanz zu wahren. Aber ich habe ehrlich gesagt überhaupt nicht bemerkt, dass er an mir überhaupt interessiert sein könnte. Das lag vor allem daran, dass ich selbst krampfhaft versuchte, mein eigenes Interesse an ihm zu unterdrücken.“
Sie warf Kai einen amüsierten Seitenblick zu. „Ich wusste damals, dass das bei ihm nicht gut ankam. Es war ja ein allseits bekanntes Gerücht: Kai hatte zwar bereits als Jugendlicher die eine oder andere Affäre, aber Groupies und Mädchen, die sich ihm förmlich um den Hals warfen oder ihn anschmachteten, fand er eher lästig als schmeichelhaft. Ich wollte auf keinen Fall wie eine von ihnen wirken.“
Dr. Arata nickte verstehend. „Sie wollten seine Grenzen respektieren, noch bevor Sie ihn richtig kannten.“
„Genau“, bestätigte Nami. „Ein paar Stunden nach dieser ersten Begegnung im Tunnel traf ich ihn dann wieder. Eine Freundin nahm mich mit in eine der Logen...die Verlobte von Ray Kon, seinem ehemaligen Teamkollegen, der ebenfalls dort saß. Ich dachte, es wäre die perfekte Gelegenheit, aber Kai... er war dort plötzlich völlig verändert. Er war viel distanzierter als noch im Tunnel und redete kaum ein Wort. Er wirkte fast so, als wäre ich ihm egal oder als würde ihn meine Anwesenheit stören. Das war der Moment, in dem ich mich unwohl fühlte und beschloss, nach Hause zu gehen.“
Kai stieß einen schweren Seufzer aus und rieb sich mit der freien Hand über die Stirn, als würde ihn die Erinnerung an seine eigene Sturheit heute noch ärgern.
„Ich war ein Idiot“, warf er barsch ein, ohne den Blick von Dr. Arata abzuwenden. „In der Loge habe ich diese Mauern nur deshalb wieder hochgezogen, weil ich mit der Intensität meiner eigenen Reaktion auf sie nicht klarkam und meine Freunde alles beobachteten. Aber als sie dann aufstand und ging... da hätte ich am liebsten alles stehen und liegen gelassen.“
Er sah Nami an, und in seinen roten Augen lag eine tiefe Aufrichtigkeit. „Ich wollte ihr nachgehen. Ich wollte mich entschuldigen und sie nicht einfach so gehen lassen... denn ich wollte so viel mehr über sie wissen. Ich wollte wissen, wer dieses Mädchen als Person...als Mensch ist, das mich so aus dem Konzept bringt. Aber ich war so... verdammt stur. Ich saß da fest, gefangen in meinem eigenen Stolz, und habe zugesehen, wie sie verschwindet.“
Dr. Arata hielt den Moment fest, indem er aufhörte zu schreiben. „Das ist ein klassisches Beispiel für den Kampf zwischen dem ‚Zaren‘, der keine Schwäche zeigen darf, und dem jungen Mann, der zum ersten Mal eine echte Verbindung spürt. Kai, dieser Moment, in dem Sie sitzen blieben, obwohl jede Faser Ihres Körpers ihr nachgehen wollte... wie lange hat es gedauert, bis Sie diesen Fehler korrigiert haben?“
Dr. Arata lehnte sich interessiert vor, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.
Kai nickte knapp, wobei ein Funke von Respekt für seinen Schwiegervater in seinem Blick aufblitzte. „Es würde Stunden dauern, im Detail zu erklären, wie viel mein heutiger Schwiegervater dazu beigetragen hat, diesen Fehler zu korrigieren. Aber der Wendepunkt kam zwei Wochen nach diesem Abend in der Loge. Ich erhielt einen Anruf von Hiro Tachiba.“
Nami lächelte und drückte Kais Hand etwas fester. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihr Vater mit einem fast schon zu unschuldigen Gesichtsausdruck verkündet hatte, wer heute in der Firma zu Gast sein würde.
„Er lud mich zu Tachibey Industries ein“, fuhr Kai fort. „Er wollte, dass ich ein neues Kampfprofil für einen ihrer neuen Trainingsroboter erstelle, das auf meinem Kampfmuster basierte, da der vorige zerstört wurde. Ich zögerte zuerst...ich hatte genug andere Dinge zu tun. Doch Hiro... als hätte er es geahnt... erwähnte ganz beiläufig am Telefon, dass seine Tochter Nami ebenfalls jeden Tag in der Firma sei und sie sich sicher freuen würde, mich wiederzusehen.“
Dr. Arata rückte seine Brille zurecht und sah Kai forschend an. „Das ist interessant. Aber Kai, lassen Sie mich nachhaken: Sie wussten also von Anfang an, wer sie war. Warum haben Sie in diesen zwei Wochen davor nicht versucht, sie anderweitig zu kontaktieren? Über Social Media, gemeinsame Kontakte... es gäbe heute so viele Wege.“
Kai stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, das eher wie ein Schnauben klang. Er sah zu Nami und dann wieder zu Arata. „Ich hatte zwar Kontakt zu ihrem Bruder aber...ich wusste schlichtweg nicht, was ich als Vorwand hätte benutzen können, um sie zu kontaktieren“, gab er unumwunden zu. „Immerhin war ich am Ende unserer ersten Begegnung ein regelrechtes Arschloch gewesen. Ich war distanziert, unterkühlt und hatte sie praktisch ignoriert.“
Er machte eine kurze Pause und seine Stimme wurde eine Nuance leiser. „Was hätte ich denn sagen sollen? ‚Hey, tut mir leid, dass ich mich wie ein Idiot verhalten habe, aber ich kriege dein Lächeln nicht aus dem Kopf‘? Das war die Frage, die ich mir zwei Wochen lang jeden Tag stellte. Ich war blockiert. Bis Hiro Tachiba mir diesen Vorwand zwei Wochen später auf einem Silbertablett servierte.“
Nami kicherte leise. „Mein Vater wusste damals ganz genau, was er tat. Er hatte gesehen, wie ich nach diesem Turnierabend nach Hause gekommen war...ein wenig traurig und verwirrt wegen Kais Verhalten. Er hat das Spiel zwischen uns durchschaut, bevor wir es selbst verstanden haben...aber er hatte auch mehr damit zu tun, als wir zu Beginn ahnten.“
Arata notierte sich eifrig etwas. „Also war es eine berufliche Brücke, die es Ihnen erlaubte, Ihr Gesicht zu wahren, während Sie gleichzeitig Ihrem Instinkt folgten. Kai, als Sie an diesem Tag das Gebäude von Tachibey Industries betraten... war der Zar noch an Ihrer Seite, oder war es der junge Mann, der einfach nur hoffte, dass sie ihm verziehen hatte?“
Dr. Arata beobachtete Kais Gesichtsausdruck genau, als dieser den Kopf schüttelte. Ein leises, fast schon selbstironisches Lächeln lag auf seinen Lippen, während er sich an die Zeit zurückerinnerte, in der er sich selbst im Weg gestanden hatte.
„Die Zeit, ein Idiot zu sein, war damit leider noch lange nicht vorbei“, gab Kai zu und rieb sich kurz den Nacken. „Ich unterdrückte mein Interesse an ihr erneut. Ich gab mich professionell...oder zumindest versuchte ich es mit aller Macht. Ich verbrachte damals viel Zeit mit Nami bei Tachibey Industries. Wochen um genau zu sein. Wir bestritten gemeinsame Trainings und Testmatches, wir redeten viel, ich lief mit ihr durch die Hallen der Firma ihres Vaters...ich holte sie sogar mehrmals von der Schule ab.“
Er hielt inne und stieß einen langen Seufzer aus. Sein Blick wurde weich, als er Nami ansah, die ihn mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen beobachtete. „Ich liebte es, Zeit mit ihr zu verbringen. Ich liebte ihr Lachen, ihre liebevolle entspannte Art, ihren seltsamen Humor... und was machte ich? Ich war wie immer. Ich redete zwar mit ihr, aber ich wahrte eine Distanz, die fast schon lächerlich war. Ich hielt sie auf Abstand, während ich innerlich jede Sekunde mit ihr genoss.“
Nami kicherte leise und übernahm das Wort. „Es war zum Wahnsinnigwerden. Er war so... korrekt. Bis ich es einfach nicht mehr aushielt und anfing, ihn über seine Gefühle auszufragen. Ich wollte wissen, ob er jemals verliebt war, ob er überhaupt wusste, wie sich das anfühlt.“
Kai nickte langsam. „Ich erinnere mich noch genau an ihren Blick, als ich ihr sagte, dass ich noch nie verliebt war und deshalb auch noch nie zuvor in einer echten Beziehung gesteckt hatte. Sie sah so... traurig aus. Es war ein Blick, der mich mehr traf als jeder Schlag in der Abtei.“ Er schmunzelte kurz, ein trockenes, ehrliches Geräusch. „Und dann war sie plötzlich fast schon beleidigt. Sie wusste natürlich, dass ich mit meinen damals Zwanzig Jahren nachweislich schon einige Bettgeschichten hinter mir hatte und dadurch auch schon...einige gebrochene Herzen auf meinem Konto verbuchen konnte. Sie verstand nicht, wie das zusammenpasste: Körperliche Nähe, aber keine emotionalen Bindungen.“
Dr. Arata hob interessiert eine Braue. „Ein klassischer Schutzmechanismus. Sexuelle Freiheit als Ersatz für emotionale Intimität. Wie haben Sie in diesem Moment reagiert, Kai?“
Kai lehnte sich zurück, sein Blick wurde intensiver. „Ich bemerkte in diesem Moment erst richtig, warum es sie so beleidigte. Und ich fragte sie direkt... ob sie mir diese Fragen nur deshalb stellte, weil sie schlichtweg nicht verstand, warum ich nicht versuchte,...sie ins Bett zu bekommen.“
Nami wurde ein wenig rot um die Nasenspitze, lachte aber dennoch leise. „Die Frage kam so unvermittelt und trocken, wie nur Kai sie stellen kann. Es war, als hätte er die Luft aus einem Ballon gelassen. Die ganze Spannung der letzten Wochen entlud sich in diesem einen Moment.“
Arata notierte sich eifrig etwas. „Das war der Moment, in dem die Maske des Profis endgültig Risse bekam, nicht wahr? Sie haben die sexuelle Komponente angesprochen, um der emotionalen Tiefe zu entkommen.“
Dr. Arata beobachtete die beiden nun schweigend. Man merkte, wie sehr diese alten Erinnerungen noch immer eine elektrische Spannung im Raum erzeugten doch keiner der Beiden sagte etwas....
Arata räusperte sich kurz.
„Lassen Sie uns diesen Moment genauer betrachten“, sagte Arata sanft. „Kai, Sie haben die Distanz nicht aus Desinteresse gewahrt, sondern aus einer Form von... Fürsorge?“
Kai nickte langsam, seine Stimme war jetzt fest und ohne Umschweife. „Nami fühlte sich nach meiner direkten Frage sichtlich ertappt. Aber in diesem Moment fühlte ich mich selbst schuldig. Ich spürte nun ganz deutlich, wie sehr sie mich wollte...und das hat mich innerlich zerrissen.“
Er sah Dr. Arata direkt an. „Ich sagte ihr damals die Wahrheit: Dass ich sie sehr mag und sie respektiere. Und dass ich mich genau deshalb zurückhielt...um ihr nicht weh zu tun. Ich gab zu, dass ich mich extrem zu ihr hingezogen fühlte, aber ich sagte ihr auch, dass ich wusste, was sie von mir erwarten würde: eine Beziehung...Liebe. Und ich war davon überzeugt, dass ich dafür definitiv der Falsche sei. Ich sah mich immer noch als den emotional verkrüppelten Jungen aus der Abtei, der zu echter Bindung nicht fähig war.“
Arata rückte seine Brille zurecht und blickte zu Nami. „Was geschah dann? Wie haben Sie diese Worte aufgenommen?“
Nami ergriff das Wort, ihre Stimme war leise und man konnte den Nachhall des damaligen Schmerzes noch immer heraushören. „Ich habe mich in diesem Moment einfach nur geschämt“, gab sie offen zu. „Ich schämte mich für meine Fragen, dafür, dass ich mich so weit vorgewagt hatte... und natürlich für diese Abfuhr, die er mir so kühl und direkt erteilt hatte. Ich fühlte mich entblößt, fast schon...gedemütigt.“
Sie hielt kurz inne und sah Kai an, doch ihr Blick war heute frei von Groll. „Und ich war gleichzeitig unendlich traurig. Denn im Gegensatz zu ihm wusste ich damals schon ganz genau, was mit mir los war: Ich war bereits ziemlich und bis über beide Ohren verliebt in ihn. Und zu hören, dass er sich für 'den Falschen' hielt, fühlte sich an wie eine endgültige Mauer, gegen die ich gelaufen war.“
Dr. Arata notierte sich erneut eifrig etwas. „Ein klassischer Konflikt: Die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit trifft auf die Verletzlichkeit der ersten großen Liebe. Kai, Sie dachten, Sie schützten sie...aber in Wahrheit haben Sie sie genau mit diesem Schutz verletzt, nicht wahr?“
Kai presste die Lippen zusammen und nickte kaum merklich. „Ja. Es war der Punkt, an dem ich einsehen musste, dass meine Logik nicht mehr funktionierte.“
Dr. Arata hielt inne, den Stift knapp über dem Papier, und beobachtete Kais Gesichtsausdruck, der in diesem Moment jede professionelle Distanz verloren hatte.
„Ich bemerkte sofort, wie sie versuchte, der Situation zu entfliehen“, erzählte Kai weiter, seine Stimme nun deutlich bewegter. „Ich sah plötzlich Tränen in ihren Augen...und im nächsten Moment sah ich nur noch, wie sie aufstand und wegeilte. Es war wie ein Reflex... mein Körper handelte, bevor mein Verstand überhaupt begreifen konnte, was los war. Ich hastete hinter ihr her, wollte sie aufhalten, um...um noch einmal mit ihr zu reden, um es irgendwie geradezurücken.“
Er hielt kurz inne und sah Nami an, sein Blick tief und voller Reue für den Schmerz von damals, aber auch voller Wärme. „Ich weiß, ich habe dir das schon mehr als einmal erzählt, was ich in diesem Moment gedacht habe“, sagte er leise zu ihr, „aber ich muss es einfach noch einmal tun...erst Recht, damit Dr. Arata versteht wieso es damals so war.“
Er wandte sich wieder an Arata, der den Atem anzuhalten schien. „Sie stolperte. Ich wollte sie auffangen, sie stützen... und dabei riss es uns beide zu Boden. Ich dachte gar nicht wirklich viel nach. Es passierte alles innerhalb von Sekunden.“
Kai beschrieb die Szene mit einer Präzision, als würde er sie gerade wieder durchleben. „Ich hatte den Sturz abgefangen und landete direkt über ihr. Sie lag auf dem Rücken unter mir, wir keuchten beide... und plötzlich gab es keine Mauern mehr. Keine Ausreden, keinen ‚Zaren‘. Es war nur noch sie.“
Sein Blick wurde fast schon verloren in der Erinnerung. „Ihr Duft... ihre Haut... ihre Lippen. Es war wie ein weiterer Reflex, gegen den ich keinerlei Chance hatte. Ich musste sie einfach küssen. Es war, als hätte mein Körper endlich die Führung übernommen, nachdem mein Verstand wochenlang versucht hatte, uns beide zu sabotieren.“
Nami lächelte, ihre Augen glänzten bei der Schilderung dieses Moments, der alles verändert hatte. „Es war der Moment, in dem die Zeit stillstand“, ergänzte sie leise. „Die Traurigkeit und die Scham waren mit einem Schlag vergessen.“
Arata nickte langsam, ein feines Lächeln auf den Lippen. „Ein Reflex der Seele, könnte man sagen. Kai, in diesem Moment, als dieser Kuss geschah... war das der Augenblick, in dem Ihnen klar wurde, dass Sie doch nicht ‚der Falsche‘ waren? Dass Ihre Angst, sie zu verletzen, durch etwas weitaus Stärkeres ersetzt worden war?“
Dr. Arata beobachtete Kais Reaktion mit einer Mischung aus Verständnis und professioneller Neugier. Man konnte förmlich spüren, wie die unterkühlte Logik des jungen Kai von damals mit der Intensität des Augenblicks kollidiert war.
Kai schüttelte leicht den Kopf, sein Blick war auf einen Punkt an der Wand fixiert, als würde er die Szene noch einmal kritisch Revue passieren lassen.
„So...kann man das nicht sagen...“, sagte Kai mit einer fast schon strengen Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. „Es war nicht so, dass danach alles sofort gut war. Ich gab zu... ich genoss diesen Kuss so sehr, dass ich ihn beinahe vertieft hätte. Alles in mir wollte genau das. Aber dann... zwang ich mich aufzuhören. Ich riss mich regelrecht los.“
Er stieß ein kurzes, frustriertes Lachen aus und sah Arata an. „Ich hasste mich in diesem Moment selbst. Ich fühlte mich wie der letzte Idiot. Denken Sie mal darüber nach: Ich hatte ihr buchstäblich Sekunden zuvor noch in aller Deutlichkeit gesagt, dass es zwischen uns keinen Sinn macht, dass ich der Falsche bin...und dann, im nächsten Moment, falle ich über sie her und küsse sie? Es war völlig widersprüchlich. Ich kam mir vor wie jemand, der seine eigenen Prinzipien nicht im Griff hat.“
Nami sah ihn an, ihr Lächeln war nun ein wenig wehmütiger. „Du warst so streng mit dir selbst, Kai. Du hast dich für deinen Instinkt geschämt, dabei war es das Ehrlichste, was du in diesen Wochen getan hast.“
Arata nickte langsam und machte sich eine Notiz. „Diese Selbstverurteilung ist bezeichnend. Sie haben den Kuss nicht als Befreiung erlebt, sondern als moralisches Versagen gegenüber Ihrer eigenen Entscheidung, sie zu schützen. Sie fühlten sich inkonsequent.“
„Genau das“, bestätigte Kai knapp. „Ich dachte, ich hätte gerade bewiesen, dass ich genau der unberechenbare, egoistische Typ bin, vor dem ich sie eigentlich bewahren wollte. Ich stand da und wollte am liebsten im Erdboden versinken, weil ich meine eigene Maske zertrümmert hatte.“
Arata legte den Stift beiseite. „Und doch war genau dieser Bruch der Maske der Anfang von allem, nicht wahr? Wie haben Sie diese Spannung aufgelöst, nachdem Sie sich wie ein ‚Idiot‘ gefühlt hatten? War es Nami, die die Situation gerettet hat?“
Er verstand, dass Kai in diesem Moment versuchte, seine eigene Verwundbarkeit durch extreme Kühle zu überdecken.
„Ich wandte mich sofort ab“, erzählte Kai weiter, und man hörte die Selbstkritik in jedem Wort. „Ich wollte jetzt selbst der Situation entfliehen, so schnell wie möglich. Aber als Nami aufstehen wollte, bemerkte ich, dass sie sich beim Sturz am Fuß verletzt hatte. Sie kam nicht hoch.“
Ein kurzes Schweigen entstand. Kai sah Nami an, die den Blick ruhig erwiderte. „Natürlich konnte ich sie nicht einfach dort liegen lassen. Mein Instinkt, sie zu beschützen, war immer noch da, auch wenn ich gerade alles vermasselt hatte. Ich half ihr auf, und als ich sah, dass sie absolut nicht laufen konnte, hob ich sie hoch in meine Arme.“
Er schüttelte fast ungläubig den Kopf über sein damaliges Ich. „Ich trug sie den ganzen Weg zum Betriebsarzt. Aber ich sagte kein einziges Wort. Wir schwiegen uns an, während sie in meinen Armen lag. Und dann... als wäre ich nicht schon genug ein Idiot gewesen, sagte ich ihr, während ich sie trug, sie solle das, was gerade geschehen war, lieber vergessen.“
Nami lachte leise auf, ein klares, herzliches Geräusch, das die Schwere der Erinnerung auflockerte. „Es war so absurd, Kai. Du trägst mich durch die halbe Firma, ich spüre dein Herz schlagen, und du sagst mir mit deiner kühlsten Stimme, ich solle den Kuss einfach aus meinem Gedächtnis löschen. Als ob das möglich gewesen wäre.“
Kai verzog das Gesicht. „Wie ich schon sagte: ein richtiger Idiot. Ich dachte wirklich, wenn ich es nur oft genug verleugne, würde die Anziehungskraft verschwinden. Ich wollte die Kontrolle zurückgewinnen, indem ich so tat, als wäre der Kuss ein technischer Fehler gewesen.“
Dr. Arata machte sich eine Notiz und sah dann auf. „Es ist bemerkenswert, wie sehr Sie damals versucht haben, Ihre Emotionen zu intellektualisieren. Sie trugen sie in Ihren Armen...eine physische Geste größter Nähe..., während Sie gleichzeitig verbal die größtmögliche Distanz einforderten. Kai, war Ihnen in diesem Moment klar, dass Sie bereits verloren hatten, oder glaubten Sie wirklich noch, dass Sie sie davon überzeugen könnten, Sie zu vergessen?“
Kai lehnte sich zurück und atmete tief durch. „Tief im Inneren wusste ich es wahrscheinlich schon. Aber der Zar in mir war noch nicht bereit, kampflos aufzugeben.“
Nami lehnte sich ein Stück vor, ihre Augen leuchteten bei der Erinnerung an diesen Moment, trotz der damaligen Frustration. Ein kleines, triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie Kai von der Seite ansah.
„Er hat sich wirklich eingebildet, dass ein schlichter Befehl ausreicht, um das was passiert war, ungeschehen zu machen“, sagte Nami und wandte sich wieder Dr. Arata zu. „Aber was er nicht verstanden hat: Nach diesem Kuss konnte ich ihn erst recht nicht vergessen. Im Gegenteil...jetzt wollte ich ihn erst recht.“
Arata hob interessiert die Augenbrauen. „Der Kuss hat also die Sehnsucht nach ihm verstärkt?“
„Vollkommen“, bestätigte Nami entschieden. „Dieser Kuss hatte so unendlich viel in mir ausgelöst. Er war nicht kühl oder distanziert, wie Kai sich immer gab. Er war intensiv. Er hat mir in diesen wenigen Sekunden mehr verraten, als er in all den Wochen zuvor mit Worten hätte ausdrücken können. Er hat mir gezeigt, dass er mich genau so sehr will, wie ich ihn wollte.“
Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick wurde weicher. „In diesem Moment wurde mir klar, dass seine zeitweise kühle Art nur Fassade war. Er versuchte krampfhaft, gegen seine eigenen Gefühle anzukämpfen, aber sein Körper und sein Instinkt hatten ihn verraten. Von da an wusste ich, dass ich nicht lockerlassen durfte. Ich hatte gesehen, wer hinter dem Zaren steckte, und ich war nicht bereit, diesen Mann wieder hinter Mauern verschwinden zu lassen.“
Kai, der schweigend zugehört hatte, rieb sich verlegen die Schläfe. Man sah ihm an, dass er heute über seine damalige Sturheit nur noch den Kopf schütteln konnte. „Ich war in meiner eigenen Logik gefangen“, gab er leise zu. „Ich dachte, wenn ich mich nur unmöglich genug verhalte, würde sie das Interesse verlieren. Ich habe völlig unterschätzt, wie hartnäckig Nami sein kann, wenn sie erst einmal ein Ziel vor Augen hat.“
Dr. Arata lächelte und notierte sich etwas. „Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Dynamik.
.Kais Widerstand und Namis Entschlossenheit... das Fundament für das Vertrauen gelegt hat, das Sie heute haben. Nami, Sie haben damals bereits die Stärke besessen, Kai vor sich selbst zu retten.“
Arata blickte auf die Uhr und dann wieder in die Runde.
Nami lachte leise auf und schüttelte den Kopf, während sie Kai mit einem liebevollen, fast schon neckenden Blick korrigierte.
„Jetzt untertreibst du aber maßlos mit dir selbst, Kai“, warf sie ein. „Wo bitte hast du dich denn damals unmöglich benommen? Abgesehen von der Sache direkt nach dem Kuss natürlich.“
Kai sah sie etwas verdutzt an, doch Nami fuhr direkt fort und wandte sich dabei wieder an Dr. Arata. „Die Wochen davor, bei Tachibey Industries... er war wundervoll. Vielleicht hat er es selbst gar nicht bemerkt, weil er so sehr mit seinem inneren Kampf beschäftigt war, aber er war tatsächlich...überraschend gesprächig. Und sehr tiefgründig.“
Ein breites Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Und er war sehr oft unbeabsichtigt lustig. Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie er sich ständig mit Gudbrok gestritten hat, dem damaligen Sekretär meines Vaters. Die beiden sind bei fast jedem Termin aneinandergeraten.“
Sie kicherte bei der Erinnerung. „Ich liebe seine trockenen Kommentare bis heute. Damals musste ich so oft über seine Art lachen...und erst recht noch mehr, wenn er mich völlig entgeistert ansah, weil er absolut nicht verstand, was daran nun schon wieder so lustig war. Er war so... er selbst, ohne es zu merken.“
Kai zog eine Augenbraue hoch, ein kleiner Ausdruck von gespielter Empörung, doch er ließ sie ausreden.
„Aber das Wichtigste war etwas anderes“, sagte Nami und ihre Stimme wurde wieder ernst und warm. „Ich fühlte mich bei ihm einfach wohl und sicher. Ich fühlte mich gesehen. Er behandelte mich mit echtem Respekt...wie einen Menschen, wie eine ebenbürtige Partnerin und nicht wie eine Trophäe, die man bei einem Turnier gewinnt. Diese Mischung aus seiner Intelligenz, seiner versteckten Fürsorge und diesem trockenen Humor... das war es, was mich so tief beeindruckt hat. Nicht mehr nur der Champion, sondern der Mann, der da mit mir durch die Gänge lief.“
Dr. Arata beobachtete Kai, der nun sichtlich versuchte, seine Verlegenheit hinter einer neutralen Miene zu verbergen, was ihm jedoch nur mäßig gelang.
„Das ist eine sehr wertvolle Beobachtung, Nami“, sagte Arata und blickte zu Kai. „Es scheint, als wäre Ihre ‚Fassade‘ schon damals viel durchlässiger gewesen, als Sie es sich selbst eingestehen wollten. Während Sie dachten, Sie wahren Distanz, haben Sie Nami bereits Ihr wahres Ich gezeigt...Ihre Werte, Ihren Humor und Ihren Respekt.“
Kai räusperte sich kurz. „Ich schätze, ich war damals so darauf konzentriert, keine ‚Fehler‘ zu machen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie viel ich eigentlich von mir preisgegeben habe. Gudbrok... ja, der Mann war eine Herausforderung für meine Geduld. Aber dass Nami das als ‚lustig‘ empfunden hatte...“ Er schüttelte den Kopf, doch in seinen Augen blitzte ein Funke von Wärme auf. „Ich dachte damals, ich würde einfach nur meinen Standpunkt klarmachen.“
Dr. Arata schloss seinen Notizblock mit einem leisen, zufriedenstellenden Geräusch und rückte seine Brille ein letztes Mal zurecht. Er blickte über den Rand seiner Gläser hinweg auf das Paar, das auch nach sechzehn Jahren eine Einheit bildete, die fast physisch im Raum greifbar war.
„Es ist beeindruckend“, begann er sein Fazit, während er sich leicht zurücklehnte. „Normalerweise verbringe ich Sitzungen damit, die Vergangenheit zu entwirren, um die Gegenwart zu flicken. Aber bei Ihnen beiden scheint die Vergangenheit kein Ballast zu sein. Sie ist das Skelett Ihres Hauses. Kai, was Sie damals als ‚Fehler‘ oder ‚stur‘ bezeichnet haben, war in Wahrheit der Reifungsprozess eines Mannes, der lernen musste, dass Macht ohne Empathie wertlos ist. Und Nami, Ihre Hartnäckigkeit war kein bloßer Impuls, sondern die intuitive Erkenntnis, dass hinter dem ‚Zaren‘ ein Herz schlägt, das es wert war, dafür zu kämpfen.“
Er erhob sich langsam. „Wir beenden die Sitzung für heute hier. Sie sind nicht mehr die Jugendlichen im Arenatunnel oder bei Tachibey Industries. Aber die Tatsache, dass diese Erinnerungen heute noch so lebendig sind, zeigt mir, dass die Leidenschaft und der Respekt von damals nie erloschen sind. Sie haben diese Schatten nicht nur besiegt, Sie haben sie in Licht verwandelt.“
Mit einem höflichen Kopfnicken verabschiedete sich Dr. Arata und verließ leise das Büro. Die schwere Tür fiel mit einem sanften Klicken ins Schloss.
Stille breitete sich aus, nur unterbrochen durch das leise Summen der Klimaanlage des Towers. Nami saß immer noch im Sessel, ihren Blick auf ihre Hände gerichtet, die leicht zitterten. Die Reise in die Vergangenheit hatte etwas in ihr aufgewühlt. Die Hormone der Schwangerschaft taten ihr Übriges; sie fühlte sich plötzlich sehr verletzlich, als stünde sie wieder als achtzehnjähriges Mädchen vor dem unnahbaren Kai Hiwatari.
„Sechzehn Jahre...“, murmelte sie leise und wischte sich unauffällig eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel, bevor sie zu Kai aufsah.
Er stand an seinem Schreibtisch, beobachtete sie genau und spürte sofort den Stimmungswechsel. Er trat um den massiven Tisch herum, zog sie sanft an den Händen hoch und schlang seine Arme um sie. Nami lehnte ihre Stirn gegen seine Brust und atmete den vertrauten Duft seines Sakkos ein.
„Sag mal“, flüsterte sie mit einer Stimme, die zwischen Wehmut und Belustigung schwankte, während sie zu ihm aufblickte. „Sind wir hier eigentlich mittlerweile in einer Paartherapie gelandet? Ich dachte, diese Sitzungen seien für dich, damit du deine Schatten sortieren kannst... und ich bin nur zur moralischen Unterstützung hier.“
Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Augen waren noch immer feucht. „Ich fühle mich gerade so... zurückversetzt. Als wäre ich wieder die kleine Nami, die im Tunnel darauf wartet, dass der große Kai Hiwatari sie endlich bemerkt.“
Kai legte seine Hand an ihre Wange und strich mit dem Daumen über ihre Haut. Sein Blick war so intensiv, dass sie den Atem anhielt.
„Vielleicht ist jede Therapie für einen Mann auch eine Therapie für seine Beziehung“, antwortete er ruhig, wobei seine Stimme das tiefe Grollen annahm, das sie so sehr liebte. „Aber mach dir keine Sorgen. Wir brauchen keine Therapie, um zu wissen, wer wir füreinander sind. Das hier heute... das war nur eine Bestätigung für Arata. Er sollte sehen, dass er es nicht mit zwei getrennten Patienten zu tun hat, sondern mit einem Fundament, das niemand mehr einreißen kann.“
Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Und was die ‚kleine Nami‘ angeht... sie hat den großen Kai Hiwatari schon längst besiegt. In dem Moment, als er sie zum ersten Mal sah.“
.....
Eine neue Generation
Drei Wochen vergingen, in denen der Alltag im Ayame-Anwesen eine neue, ruhige Beständigkeit gefunden hatte. Die Sitzungen bei Dr. Arata schienen jedes Mal wie ein reinigendes Gewitter gewirkt zu wirken; die alten Schatten wurden besprochen, die Wurzeln ihrer Beziehung erneut gefestigt. Während Kai die Expansion der Tachiwari-Corporation vorantrieb und die Kinder mit Schule und Training beschäftigt waren, zählte Nami die Tage.
Mit dem Ende der zwölften Woche erreichte sie einen Meilenstein, der ihr ein tiefes Aufatmen bescherte. Die kritische erste Phase war überstanden, und auch wenn die morgendliche Übelkeit noch gelegentlich anklopfte, wich die Erschöpfung einer neuen, blühenden Energie. Diese Energie würde sie brauchen, denn der Kalender im Flur kündigte für das kommende Wochenende ein Ereignis an, das sie lange gemieden hatten: Die große Wohltätigkeitsgala der BBA. Ein Abend voller Blitzlichtgewitter, alter Bekannter und diplomatischer Finesse.
Doch bevor die Roben aus den Schränken geholt wurden, galt die Aufmerksamkeit dem heutigen Vormittag. Es war Zeit für den zweiten großen Kontrolltermin bei Dr. Arisawa.
In der hellen, modern eingerichteten Praxis von Dr. Arisawa herrschte eine beruhigende Atmosphäre. Nami saß auf der Untersuchungsliege, das kühle Gel des Ultraschalls auf ihrem Bauch, während Kai mit verschränkten Armen neben ihr stand. Sein Blick war starr auf den Monitor gerichtet, seine Miene konzentriert...fast so, als würde er eine komplexe Datenanalyse der Academy begutachten, doch das leichte Funkeln in seinen Augen verriet seine Anspannung.
Dr. Arisawa bewegte den Schallkopf mit geübter Hand. „Alles sieht hervorragend aus“, erklärte sie ruhig und deutete auf den Bildschirm, auf dem nun deutlich mehr zu erkennen war als noch vor einigen Wochen. „Das Kind ist zeitgerecht entwickelt. Schauen Sie hier, das Herz schlägt kräftig und regelmäßig.“
Das rhythmische Puck-Puck-Puck, das den Raum erfüllte, ließ Namis Herz jedes Mal aufs Neue höherschlagen. Sie griff nach Kais Hand, und er erwiderte den Druck sofort, ohne den Blick vom Monitor abzuwenden.
„Zwölfte Woche“, murmelte Nami leise, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. „Es sieht schon aus wie ein richtiger kleiner Mensch.“
„Ein kleiner Hiwatari, der offensichtlich jetzt schon keine Lust hat, stillzuliegen“, bemerkte Dr. Arisawa schmunzelnd, als sich das kleine Wesen auf dem Monitor bewegte. „Nami, Ihre Werte sind stabil. Die Müdigkeit sollte in den nächsten Tagen deutlich nachlassen. Sie können sich also beruhigt auf die Gala am Wochenende vorbereiten...solange Sie es mit dem Tanzen nicht übertreiben.“
Kai warf Nami einen kurzen, mahnenden Blick zu, in dem jedoch mehr Fürsorge als Strenge lag. „Ich werde dafür sorgen, dass sie sich Pausen gönnt“, sagte er ruhig zu der Ärztin.
Nachdem die Untersuchung abgeschlossen war und Nami sich wieder gerichtet hatte, saßen sie noch kurz im Besprechungszimmer.
„Gibt es etwas Besonderes, worauf wir in Bezug auf die Gala achten sollten?“, fragte Nami, während sie ihr dunkelblaues Kleid glattstrich. „Es wird ein langer Abend.“
Dr. Arisawa schüttelte den Kopf. „Genießen Sie es einfach. Trinken Sie genug Wasser und hören Sie auf Ihren Körper. Wenn Sie sich unwohl fühlen, gehen Sie. Aber rein medizinisch spricht nichts dagegen, dass die First Lady der Tachiwari-Corporation diesen Abend in vollen Zügen genießt.“
Als sie wenig später die Privatklinik verließen und Hand in Hand zum Wagen gingen, wirkte die milde Wintersonne Tokios wie ein Versprechen.
„Zweite Hürde genommen“, sagte Nami leise, als sie sich im Bentley anschnallte. Sie sah zu Kai, der den Motor startete. „Bist du bereit für die BBA am Samstag? Es wird sicher viel Gerede geben, wenn sie sehen, dass wir nach all der Zeit wieder gemeinsam auf einer so großen Gala erscheinen.“
Kai legte den Gang ein und sah sie kurz von der Seite an. „Sollen sie reden, mein Schatz. Solange sie sehen, dass wir stärker sind als je zuvor, ist mir der Rest egal. Und was die Gala betrifft... ich freue mich darauf, dich in deinem Abendkleid zu sehen. Auch wenn ich dich nach zwei Stunden wahrscheinlich unter einem Vorwand nach Hause entführen werde um es dir wieder auszuziehen.“
Nami lachte leise. Die Vorfreude auf das Wochenende mischte sich mit der Erleichterung über den positiven Termin. Alles fühlte sich richtig an.
Freitag
Das Ankleidezimmer im Ayame-Anwesen glich an diesem Nachmittag einem Meer aus Seide, Chiffon und edlen Stoffen. Es war ein weitläufiger Raum mit hohen Spiegeln und warmem Licht, der die zeitlose Eleganz des Hauses widerspiegelte. Nami stand vor einer Auswahl an Abendkleidern, die Harriet bereits vorbereitet hatte, während Hiromi etwas verloren auf einem gepolsterten Samthocker saß.
Die 15-jährige wirkte zwischen den prachtvollen Roben fast ein wenig eingeschüchtert. Sie strich sich nervös eine Strähne ihres Haares hinter das Ohr und blickte zu Nami, die mit einer ruhigen Eleganz durch die Kleiderstangen ging.
„Nami?“, begann Hiromi leise, ihre Stimme klang ungewohnt unsicher. „Gou hat mich gefragt, ob ich ihn begleite... und natürlich möchte ich das. Er hat so hart mit seinem Team gearbeitet und diese Einladung bedeutet ihm viel. Aber... ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was man auf so einer Gala anzieht. Ich war noch nie auf so einem Event. Ich will ihn nicht blamieren, indem ich völlig falsch angezogen bin.“
Nami hielt inne und drehte sich mit einem warmen Lächeln zu der jüngeren Frau um. Sie trat auf Hiromi zu und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter.
„Hiromi, atme tief durch“, sagte Nami beruhigend. „Zuerst einmal: Du wirst Gou niemals blamieren. Er hat dich gefragt, weil er dich dabeihaben will, nicht wegen deines Kleides. Aber ich verstehe, was du meinst. Die BBA-Galas können... nun ja, ein wenig eigen sein, was das Protokoll angeht.“
Nami ging zu einem separaten Bereich des begehbaren Schranks und zog ein fließendes Kleid in einem zarten Smaragdgrün hervor, das perfekt zu Hiromis Typ passte.
„Das Wichtigste ist, dass du dich nicht verkleidet fühlst“, erklärte Nami, während sie den Stoff prüfte. „Es ist eine Gala, also ist ‚Black Tie‘ gefragt – bodenlang ist meistens die sicherste Wahl, aber es darf bei deinem Alter ruhig modern und nicht zu schwer wirken. Wir suchen etwas aus, das deine Natürlichkeit unterstreicht.“
Hiromi stand auf und berührte vorsichtig den Stoff des grünen Kleides. „Es ist wunderschön... aber ist das nicht zu viel? Ich meine, Gou trägt ja wahrscheinlich einen Smoking, oder?“
„Gou wird wie sein Vater sein“, schmunzelte Nami bei dem Gedanken an ihren ältesten Sohn. „Er wird sich beschweren, dass die Fliege einengt, aber er wird fantastisch aussehen. Und genau deshalb brauchst du ein Kleid, das neben seiner Präsenz besteht, ohne dich zu erdrücken.“
Nami reichte Hiromi das Kleid. „Probier es mal an. Wir haben noch ein paar andere Optionen in Dunkelblau und einem sanften Goldton. Wir finden genau das Richtige, damit du dich sicher fühlst. Wenn du dich im Spiegel ansiehst und dich wie eine junge Frau fühlst, die bereit ist, die Welt zu erobern, dann ist es das richtige Kleid.“
Hiromi nahm das Kleid entgegen und ein kleines Funkeln trat in ihre Augen. „Danke, Nami. Ich bin froh, dass ich dich fragen konnte. Bei meinen Eltern wäre das wahrscheinlich in einer Katastrophe geendet.“
„Dafür bin ich da“, erwiderte Nami herzlich. „Und glaub mir, ich erinnere mich noch genau an meine erste Gala an Kais Seite. Ich war damals genauso nervös wie du jetzt. Aber am Ende zählt nur, wessen Hand du hältst, wenn du den Raum betrittst.“
Sie zwinkerte Hiromi zu. „Und ich bin mir sicher, Gou wird den ganzen Abend niemanden außer dich ansehen.“
Nami schob eine Reihe von Seidenroben beiseite, bis sie ein wadenlanges Kleid aus schwerem, mitternachtsblauem Samt fand. Es hatte einen eleganten U-Boot-Ausschnitt und lange, schmale Ärmel, einen seitlichen Beinschlitz – schlicht, aber von einer zeitlosen Klasse, die genau ihren Geschmack traf.
Während Hiromi das smaragdgrüne Kleid anprobierte, schlüpfte Nami in ihre Wahl. Der Stoff schmiegte sich kühl und weich an ihre Haut. Als sie den Reißverschluss schloss und sich vor dem großen, dreiflügeligen Spiegel drehte, betrachtete sie kritisch ihre Silhouette.
„Nami?“, fragte Hiromi, während sie sich im Spiegel bewunderte. „Darf die Schwangerschaft am Samstag eigentlich offiziell sein? Ich meine... du bist jetzt Ende der zwölften Woche. Das ist doch eigentlich der Zeitpunkt, an dem man es sagt, oder?“
Nami hielt inne und strich sich über die Hüften. Das Kleid war so geschnitten, dass es ihre Figur betonte, ohne einzuengen. „Ich habe lange darüber nachgedacht“, antwortete sie leise. „Eigentlich ist zu viel Aufmerksamkeit nicht mein Ding. Ich genieße die Privatsphäre im Anwesen sehr. Aber auf der Gala...“
Hiromi trat näher und sah Nami mit großen Augen an. Ein ergriffenes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Schau mal“, flüsterte sie und deutete auf Namis Profil im Spiegel. „Wenn man genau hinsieht... man sieht schon ein ganz kleines Minibäuchlein. Es ist noch dezent, aber es ist da.“
Nami legte beide Hände auf die sanfte Wölbung und betrachtete sich nachdenklich. Die drei Wochen hatten tatsächlich einen kleinen Unterschied gemacht. „Du hast recht“, gab sie schmunzelnd zu. „Es lässt sich nicht mehr lange verstecken, besonders nicht in Abendgarderobe.“
Sie seufzte kurz, doch es war ein zufriedenes Seufzen. „Es ist wahrscheinlich besser, wenn wir es selbst verkünden, als dass wir zulassen, dass die Klatschpresse morgen über ein ‚verdächtiges Kleid‘ spekuliert. Wenn wir den Raum betreten, kontrollieren wir die Geschichte. Es ist unsere Nachricht, nicht ihre.“
Hiromi nickte eifrig. „Kai wird sicher unglaublich stolz sein, wenn er mit dir dort erscheint. Er sieht ohnehin immer so aus, als würde er die ganze Welt herausfordern, wenn er dich ansieht. Mit dem Baby wird das sicher noch... intensiver.“
„Er wird vor allem versuchen, jeden Journalisten mit einem Blick zu erledigen, der mir zu nahe kommt“, lachte Nami. Sie betrachtete sich noch einmal im Spiegel und entschied: „Das ist es. Das mitternachtsblaue Kleid. Es ist elegant, es ist sicher und es feiert dieses kleine neue Leben genau im richtigen Maße.“
Sie wandte sich wieder Hiromi zu, die in ihrem grünen Kleid wie eine junge Waldnymphe aussah. „Und du siehst fantastisch aus, Hiromi. Gou wird Augen machen. Bist du bereit, das Blitzlichtgewitter an seiner Seite zu überstehen?“
Hiromi atmete tief durch und richtete sich auf. „Mit dir an meiner Seite und Gou an meiner Hand... ja, ich glaube schon.“
Samstag
Die große Eingangshalle des Ayame-Anwesens bildete die perfekte Kulisse für diesen Moment. Das warme Licht der Kristallleuchter spiegelte sich auf dem hellen Marmorboden, während sich die Gruppe für die Abfahrt sammelte.
Als Nami und Hiromi langsam die breite Treppe hinunterstiegen, herrschte unten für einen Moment ehrfürchtige Stille.
Kai stand am Fuß der Treppe, die Hände locker in den Taschen seiner Smokinghose. Er wirkte wie eine Statue aus Onyx, unbewegt und perfekt. Doch als Nami oben am Treppenabsatz erschien, veränderte sich etwas in seinem Blick...die kühle Distanz wich einer tiefen, fast schon ehrfürchtigen Intensität.
Gou stand zwei Schritte hinter seinem Vater. Er rückte sich die Manschettenknöpfe zurecht, eine Geste, die er sich unbewusst von Kai abgeschaut hatte. Sein Blick auf Hiromi war aufrichtig bewundernd, aber er bewahrte die Haltung, die man von einem 15-jährigen Hiwatari erwartete: ruhig, gefasst und beschützerisch.
Als Nami unten ankam, trat Kai auf sie zu. Er reichte ihr nicht einfach nur den Arm. Er blieb einen Moment vor ihr stehen, sein Blick wanderte langsam über das mitternachtsblaue Kleid. Er legte seine Hand flach auf ihren Bauch, eine Geste, die so beiläufig und doch so besitzergreifend wirkte, dass sie jeden Zweifel an ihrer Verbundenheit im Keim erstickte. Er neigte den Kopf nur ein winziges Stück zu ihrem Ohr, seine Stimme ein kaum wahrnehmbares Vibration.
„Der Samt steht dir wie immer unglaublich gut...“, flüsterte er leise. Ein gefährliches, fast unsichtbares Lächeln umspielte seine Lippen. „Und er betont genau die richtigen Veränderungen... auch wenn ich bezweifle, dass dieses Dekolleté heute Abend unbemerkt bleibt. Ich werde wohl sehr nah bei dir bleiben müssen, um sicherzustellen, dass niemand seine Augen zu lange darauf verweilen lässt.“
Nami spürte die Hitze in seinem Blick und legte ihre Hand über seine. Sie wusste, dass das seine Art war, seine Bewunderung und seinen Beschützerinstinkt auszudrücken.
Gou, der das leise Murmeln seines Vaters zwar nicht hören konnte, sah die Vertrautheit zwischen seinen Eltern. Er sah, wie sein Vater Namis Bauch berührte, und ein kurzes, stolzes Funkeln blitzte in seinen Augen auf. Er wusste, was dieser Abend bedeutete...es war das erste Mal, dass die Welt das neue Familienmitglied "sehen" würde. Er wandte sich Hiromi zu, die ihn immer noch abwartend ansah.
„Gou? Ist alles okay?“, fragte sie leise.
Gou nickte nur einmal, kurz und bestimmt, genau wie Kai es oft tat. „Absolut“, antwortete er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme. Er bot ihr seinen Arm an, seine Haltung tadellos. „Sie sehen heute Abend einfach nur sehr zufrieden aus. Es ist ein guter Abend. Gehen wir?“
Hiromi lächelte erleichtert und legte ihren Arm in seinen.
Abseits der glitzernden Gala-Garderobe standen Ayumi, Ren und Sayuri, um die Gruppe zu verabschieden. Es war ein seltener Anblick, den älteren Bruder so herausgeputzt zu sehen, und die Daheimbleibenden ließen es sich nicht nehmen, das Geschehen gebührend zu kommentieren.
Ren lehnte mit einer für sein Alter beeindruckenden Lässigkeit an einer der massiven Säulen, die Arme hinter dem Nacken verschränkt. Sein Blick war prüfend, fast schon kritisch, wie man es von einem angehenden Strategen erwartete.
„Keine Sorge“, sagte er mit einem kurzen Kopfnicken in Richtung seiner Eltern. „Wir achten zusammen mit Harriet darauf, dass Sayuri bald ins Bett geht. Ich übernehme das Regiment hier.“
Ayumi hingegen stand mit einem strahlenden Lächeln daneben. Ihr Blick klebte förmlich an Hiromi. „Du siehst unglaublich aus“, flüsterte sie bewundernd. „So elegant und erwachsen... fast wie eine der Damen aus den alten Magazinen in der Bibliothek.“ Sie wirkte fast ein wenig ehrfürchtig angesichts des smaragdgrünen Auftritts der jungen Frau.
Kai betrachtete seine jüngeren Kinder einen Moment lang. „Ich hätte euch beide eigentlich auch gerne dabei gehabt“, bemerkte er ruhig, während sein Blick zwischen Ren und Ayumi hin und her wanderte. „Ein wenig diplomatische Erfahrung auf dem Parkett hätte euch nicht geschadet.“
Ren verzog keine Miene und schüttelte nur leicht den Kopf. „Ganz ehrlich, Dad? Ich habe absolut keine Lust darauf. Den ganzen Abend in einem engen Anzug stehen und Smalltalk führen? Da bleibe ich lieber hier und analysiere ein paar Bey-Daten.“
Ayumi lachte leise und hakte sich bei ihrem Zwillingsbruder unter. „Und ich muss unbedingt meine Serie weiter schauen. Heute kommt das Staffelfinale, das kann ich unmöglich für eine Gala verpassen, auf der ich ohnehin nur stillstehen müsste.“
Nami lächelte und strich Sayuri, die mit großen Augen zwischen den festlich gekleideten Erwachsenen hin und her blickte, sanft über das weiße Lockenhaar.
„Ich verlass mich auf euch. Bis später."
Gemeinsam folgten Hiromi und Gou, Kai und Nami hinaus zu der wartenden Limousine, während Ren, Ayumi und die kleine Sayuri ihnen nachwinkten, bis die schweren Türen des Anwesens hinter ihnen ins Schloss fielen.
Im Wagen war die Atmosphäre gespannt, aber auf eine würdevolle Weise.
Die Limousine glitt fast lautlos durch die hell erleuchteten Straßen Tokios in Richtung des Hotels, in dem die BBA-Gala stattfand. Im Inneren des Wagens herrschte eine gedämpfte, exklusive Atmosphäre. Kai und Nami saßen eng nebeneinander, mit ineinander verschränkten Händen und tauschten gelegentlich einen Blick aus, der mehr über ihre gemeinsame Planung für den Abend verriet als jedes Wort.
Gou saß gegenüber seinen Eltern, neben Hiromi. Er beobachtete, wie sie nervös an der kleinen Handtasche in ihrem Schoß nestelte und immer wieder einen Blick aus dem Fenster auf die herannahenden Scheinwerferlichter warf. Er wusste, dass das Blitzlichtgewitter für sie immer noch ungewohnt war, doch anstatt sie nur mit beruhigenden Floskeln zu vertrösten, entschied er sich für eine Taktik, die er in den letzten Monaten perfektioniert hatte.
Er lehnte sich ein Stück zu ihr herüber, sodass sein Arm ihre Schulter streifte.
„Du solltest aufhören, dir Sorgen zu machen“, sagte er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme, die in der Enge des Wagens noch resonanter klang. Hiromi sah zu ihm auf, und Gou ließ seinen Blick ganz offen über sie wandern. „Du siehst übrigens wunderbar in diesem Kleid aus. Das Grün bringt deine Augen zum Leuchten.“
Hiromi lächelte schüchtern. „Danke, Gou.“
Gou verkürzte den Abstand zwischen ihnen noch ein Stück, bis er ihren Atem auf seiner Haut spüren konnte. Er senkte die Stimme zu einem rauen Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Ganz ehrlich? Ich freue mich jetzt schon darauf, dich nach der Gala da wieder... herauszuschälen.“
Hiromi erstarrte für einen winzigen Moment. Die Hitze schoss ihr schlagartig in die Wangen, und ihr Atem wurde unbewusst flacher, während sie spürte, wie ihr Herz gegen ihre Rippen hämmerte. Sie wagte es kaum, zu Kai und Nami hinüberzusehen, aus Angst, sie könnten die Elektrizität spüren, die plötzlich zwischen ihr und Gou herrschte.
Gou bemerkte ihre Reaktion mit einem kaum merklichen, zufriedenen Zucken seiner Mundwinkel. Er hatte in den sechs Monaten ihrer Beziehung schnell gelernt, dass er, obwohl er meistens der ruhige Pol war, eine enorme Macht über Hiromis Fassung besaß...und er genoss es sichtlich, dieses neue Terrain zu erkunden. Er war kein kleiner Junge mehr; er war ein junger Mann, der genau wusste, welche Wirkung er erzielte.
Nami, die die Szene aus dem Augenwinkel beobachtete, unterdrückte ein wissendes Lächeln. Sie sah zu Kai, der den Blick seines Sohnes kurz auffing. In Kais Augen lag kein Tadel, sondern eine kühle Anerkennung. Er erkannte sich selbst in Gous dominanter, aber kontrollierter Art wieder.
„Wir sind gleich da“, unterbrach Kai die Stille im Wagen, als die Silhouette des Veranstaltungsortes auftauchte. Er rückte seine Manschetten zurecht und sah Nami an. „Bist du bereit?“
Nami straffte die Schultern, legte eine Hand schützend auf ihren Bauch und nickte. „Bereit.“
Gou drückte Hiromis Hand ein letztes Mal fest, bevor der Wagen zum Stehen kam. Das dumpfe Rauschen der Menge draußen und das rhythmische Aufblitzen der ersten Kameras war bereits durch die getönten Scheiben zu erahnen.
„Bleib einfach nah bei mir“, sagte Gou zu Hiromi, diesmal wieder ganz der souveräne Hiwatari-Spross. „Ich lasse dich nicht los.“
Die Tür wurde von Graham geöffnet, und das Gewitter aus Licht und Stimmen brandete über sie herein. Es war Zeit für den großen Auftritt.
Sobald die Türen der Limousine aufglitten und Kai als Erster den roten Teppich betrat, schwoll der Lärm der Reporter und Fotografen zu einem Crescendo an.
Als er Nami die Hand reichte und ihr aus dem Wagen half, ging ein Raunen durch die Menge. Das mitternachtsblaue Samtkleid fing das Licht der Kameras ein, doch es war nicht nur der Stoff, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Die ersten scharfen Augen der Society-Reporter fixierten bereits die sanfte, neue Silhouette der First Lady der Tachiwari-Corporation.
„Mr. Hiwatari! Mrs. Hiwatari! Gibt es Neuigkeiten im Ayame-Anwesen?“
„Nami, ist das ein offizielles Statement?“
Die Fragen prallten an Kai ab wie Regen an einer Glasfront. Doch anstatt das Tempo zu erhöhen, um der Menge zu entfliehen, verlangsamte er seinen Schritt. Mit einer ruhigen, fast ritterlichen Geste legte er seinen Arm fest um Namis Taille. Er platzierte seine Hand flach und deutlich auf ihrem Bauch, genau über dem kleinen Minibäuchlein, das sich unter dem Samt abzeichnete. Sein Daumen strich in einer langsamen, rhythmischen Bewegung über den edlen Stoff...eine Geste von so unmissverständlicher Intimität und Stolz, dass sie augenblicklich jedes Flüstern zum Verstummen brachte.
Nami blickte seitlich zu ihm hoch. In diesem Licht wirkten seine roten Augen wie glühende Kohlen, doch der Blick, den er ihr schenkte, war frei von der üblichen Härte. Es war ein Blick voller Anerkennung und tiefer Liebe. Kai gab der Welt keine verbalen Antworten, er gab ihr eine Demonstration: Er zeigte, was ihm gehörte, was er schützte und worauf er unendlich stolz war.
Dicht hinter ihnen folgte Gou mit Hiromi. Er spürte die leichte Anspannung in ihrer Hand und verstärkte seinen Griff, während er sie sicher durch die Flut aus Kameras und ausgestreckten Mikrofonen leitete. Er strahlte eine Souveränität aus, die weit über seine fünfzehn Jahre hinausging.
Ein Reporter eines führenden Sport- und Lifestyle-Magazins drängte sich nach vorn. „Gou! Ein kurzes Statement zum Team und zur heutigen Begleitung?“
Kai hielt nicht an; er blickte nicht einmal zurück. Er vertraute darauf, dass sein Sohn die Situation im Griff hatte. Gou blieb stehen, ohne Hiromis Hand loszulassen. Er positionierte sich leicht vor sie, um ihr Deckung zu geben, und blickte dem Reporter direkt in die Augen.
„Heute Abend feiern wir die Erfolge der BBA und die Zukunft unseres Sports“, sagte Gou mit einer Stimme, die so kontrolliert und tief wie die seines Vaters war. Ein kurzes, kühles Lächeln trat auf seine Züge. „Was mein Team und meine Freundin betrifft: Wir sind hier, um den Abend zu genießen. Alles Weitere wird sich zu gegenener Zeit zeigen. Haben Sie einen schönen Abend.“
Es war die perfekte Antwort: informativ genug, um professionell zu wirken, aber bestimmt genug, um keine privaten Grenzen zu verletzen. Der Reporter nickte beeindruckt, während Gou Hiromi weiterführte.
Als sie die schweren Flügeltüren zum großen Ballsaal erreichten und der kühle Abendwind gegen die beheizte, nach Lilien und teurem Parfum duftende Luft des Foyers getauscht wurde, atmete Hiromi tief durch.
„Du warst großartig“, flüsterte sie Gou zu.
Er sah kurz zu seinem Vater hinüber, der Nami gerade in den Saal geleitete, ohne seine Hand von ihrem Bauch zu nehmen. „Ich lerne eben vom Besten“, antwortete Gou leise und ein Funke von echtem Stolz blitzte in seinem Blick auf, als er wieder zu Hiromi sah. „Bist du bereit für den offiziellen Teil, mein Schatz?“
Der Ballsaal war ein glitzerndes Meer aus Kronleuchtern, Champagnergläsern und dem gedämpften Gemurmel der Elite der Beyblade-Welt. Doch als die Hiwataris den Raum betraten, teilte sich die Menge wie von selbst. Das Bild von Kai, der seine Hand so demonstrativ und schützend auf Namis Bauch ruhen ließ, verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch den Saal.
In der Nähe des Buffets entdeckten sie zwei vertraute Gesichter: Tyson und Hilary. Tyson, der in seinem Smoking immer noch ein wenig so wirkte, als würde er lieber in Turnschuhen herumlaufen, grinste breit, als er die beiden sah. Hilary, elegant in einem fließenden Abendkleid, strahlte Nami entgegen. Da sie bereits seit Wochen eingeweiht waren, reichte ein kurzer, wissender Blick zwischen den Frauen aus.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief Tyson, etwas lauter als es das Protokoll erforderte, und klopfte Kai kumpelhaft auf die Schulter... eine Geste, die Kai mit einem nur minimalen Zucken der Braue duldete. „Ich dachte schon, ihr hättet euch im Tower verschanzt.“
Bevor Kai antworten konnte, löste sich ein weiteres Paar aus der Menge und trat mit freudigen Gesichtern auf sie zu. Es waren Ray und Mariah. Ray sah in seinem dunkelroten Smoking edel und ruhig aus, während Mariah in einem Kleid mit traditionellen chinesischen Akzenten regelrecht funkelte.
„Kai! Nami!“, rief Ray erfreut aus. Seine Stimme war warm vor echter Zuneigung. „Es ist so gut, euch zu sehen. Wir sind gestern erst aus China gelandet. Wir wollten euch eigentlich morgen im Anwesen überraschen, aber diese Gala war die perfekte Gelegenheit, alle auf einmal zu sehen.“
Mariah umarmte Nami herzlich. „Du siehst fantastisch aus, du strahlst richtig.“
Während Ray und Kai sich kurz über die Reise und die Academy austauschten, wanderte Mariahs Blick unbewusst nach unten zu Kais Hand, die immer noch fest auf Namis Bauch lag. Sie blinzelte einmal, dann zweimal. Ray, der gerade eine Bemerkung über die Expansion in China machen wollte, folgte ihrem Blick.
Es trat eine plötzliche Stille in ihrer kleinen Gruppe ein. Ray sah von Kais Hand zu Namis Gesicht und dann wieder zurück. Seine Augen weiteten sich vor Überraschung, während sich ein langsames, tiefes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Kai...“, begann Ray leise, seine Stimme voller Ehrfurcht. „Sag mir nicht, dass das bedeutet, was ich denke.“
Mariah schlug sich die Hände vor den Mund, ihre Augen leuchteten auf. „Oh mein Gott! Nami? Ist das wahr? Deswegen dieses Leuchten!“
Nami lachte leise und legte ihre Hand über Kais, die immer noch auf ihrem Bauch ruhte. „Ja, Ray. Es ist wahr. Heute ist sozusagen der erste Tag, an dem wir es nicht mehr verstecken.“
Ray schüttelte ungläubig den Kopf und sah Kai an. „Noch eins? Kai, ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet du derjenige bist, der eine kleine Armee gründet.“ Er trat vor und drückte Kais Arm fest. „Herzlichen Glückwunsch, mein Freund. Das sind die besten Neuigkeiten, die wir seit unserer Landung gehört haben.“
Kai nickte Ray schmunzelnd zu, ein seltenes, aber aufrichtiges Zeichen von tiefer Verbundenheit. „Danke, Ray. Es wurde eben Zeit für eine weitere Herausforderung.“
Tyson, der die Szene grinsend beobachtet hatte, konnte sich einen Kommentar natürlich nicht verkneifen. „Siehst du, Ray? Ich hab's dir gesagt, bei den Hiwataris wird es nie langweilig. Aber wehe, das Kleine bekommt keinen Beyblade in die Wiege gelegt!“
Gou, der mit Hiromi etwas abseits stand, beobachtete die Wiedervereinigung der alten G-Revolution-Mitglieder. Er sah die Freude in Rays Gesicht und den Stolz seines Vaters.
„Siehst du das?“, flüsterte er Hiromi zu, während er ihren Arm ein Stück fester hielt. „Egal wie viel Zeit vergeht... wenn sie zusammenkommen, ist es, als wären sie wieder dieses Team von damals. Nur dass jetzt wir die Zukunft sind.“
Gou beobachtete das bunte Treiben mit einer Gelassenheit, die er perfekt von seinem Vater übernommen hatte, doch sein Blick blieb plötzlich an einem Paar hängen, das sich schwungvoll durch die Menge bewegte. Ein breites, ehrliches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Aus der Menge tauchte ein Mann mit unverkennbar blondem Haar und einer ansteckenden Fröhlichkeit auf: Max Tate. An seiner Seite ging eine Frau, deren Erscheinung Hiromi für einen Moment den Atem rauben ließ. Sie trug ein Kleid aus fließender Seide, das fast dieselbe Farbe wie ihr Haar hatte.
Als die Frau Gous Blick auffing, legte sie grinsend einen Finger an ihre Lippen...eine verschwörerische Geste, die Gou zum Leise-Lachen brachte.
„Hiromi, siehst du den Mann dort vorne? Den mit dem blonden Haar neben dem Champagner-Turm?“, fragte Gou leise und neigte den Kopf zu seiner Begleitung.
Hiromi folgte seinem Blick. „Ist das etwa Max Tate? Die Legende aus den USA?“
„Genau der“, bestätigte Gou. „Aber schau dir die Frau an seiner Seite an.“
Hiromi blinzelte überrascht. Die Ähnlichkeit zu Nami war verblüffend, und doch wirkte sie ganz anders. Während Nami diesen warmen, karamellfarbenen Hautton und silbrig-weißes, welliges Haar besaß, war die Frau an Max’ Seite etwas blasser. Ihr glattes, lindgrünes Haar reichte ihr wie ein seidener Wasserfall über die Schultern bis zum Gesäß, und ihre Augen leuchteten in einem hellen, klaren Petrol. Sie wirkte fast wie eine Elfen-Version von Nami.
„Das ist Midori“, erklärte Gou stolz. „Meine Tante. Ich habe dir mal von ihr erzählt. Sie und Max leben in den USA und kommen nur selten nach Japan, meistens nur ein...oder zweimal im Jahr.“
Midori löste sich von Max und kam mit schnellen, eleganten Schritten auf die Gruppe zu. „Gou!“, rief sie aus, ihre Stimme klang hell und melodisch, fast wie die von Nami, aber mit einer verspielten Note. „Komm her und drück deine Lieblingstante, bevor dein Vater wieder eine Mauer aus kühler Professionalität um euch beide errichtet!“
Sie schlang die Arme um ihren Neffen und warf dabei Nami und Kai einen begeisterten Blick zu. Max folgte ihr, strahlend wie eh und je, und schüttelte Kai kräftig die Hand, bevor er sich zu Ray und Tyson gesellte. „Die ganze Truppe an einem Abend! Das ist ja wie ein G-Revolution-Klassentreffen, nur mit viel teureren Anzügen!“
Midori löste sich von Gou und wandte sich mit einem neugierigen, herzlichen Funkeln in den Petrol-Augen an Hiromi. „Und du musst Hiromi sein. Gou hat in seinen Nachrichten kein Wort zu viel versprochen...du bist bezaubernd.“
Hiromi wurde leicht rot, verbeugte sich aber höflich. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Mrs. Tate.“
„Ach was, nenn mich Midori“, winkte sie lachend ab. Dann wanderte ihr Blick zu Nami, und ihre Augen weiteten sich. Sie sah die Hand von Kai, die immer noch fest auf Namis Bauch ruhte, und ein kurzes, freudiges Quietschen entwich ihren Lippen. „Nami! Sag mir nicht, dass meine Vorahnung stimmt! Deswegen habt ihr so geheimnisvoll getan, als ich letzte Woche angerufen habe!“
Nami lächelte ihre Schwester zärtlich an. „Du hattest schon immer einen siebten Sinn für so etwas, Midori.“
Die Gruppe war nun fast vollständig, und die Energie zwischen den alten Freunden und der Familie war so stark, dass die anderen Gäste der Gala neugierig stehen blieben, um einen Blick auf diese Versammlung von Beyblade-Legenden und ihren Nachfolgern zu erhaschen.
Ein paar Augenblicke später...
Die Ankunft von Mr. Dickenson war wie der offizielle Ritterschlag für die Nachricht des Abends. Der ehemalige BBA-Präsident, dessen Haar nun komplett von seinem Kopf gewichen war, der aber immer noch denselben gütigen und wachen Blick besaß, bahnte sich mit seinem Gehstock einen Weg durch die Menge. Er wirkte fast ein wenig außer Atem, als er die Gruppe erreichte.
„Kai! Nami!“, rief er, während er sich ein wenig über seinen Stock lehnte und die beiden über den Rand seiner Brille hinweg ansah. „Sagen Sie mir, dass meine Ohren mich im Alter nicht täuschen! Ich stand gerade bei den Presseleuten am Buffet und habe ein Gespräch belauscht... Stimmt es? Erwartet das Ayame-Anwesen tatsächlich weiteren Zuwachs?“
Sein Blick wanderte erwartungsvoll zu Kai. Kai, der Mr. Dickenson gegenüber schon immer einen tiefen, fast schicksalhaften Respekt empfunden hatte, nickte langsam. Er verstärkte den Druck seiner Hand auf Namis Bauch minimal, eine Geste, die mehr sagte als tausend Worte.
„Es stimmt, Mr. Dickenson“, bestätigte Kai mit seiner tiefen, ruhigen Stimme.
Mr. Dickenson stieß einen Freudenschrei aus, der fast den gesamten Saal für einen Moment verstummen ließ. Er nahm seine Brille ab und tupfte sich mit einem Taschentuch die Augenwinkel. „Gütiger Himmel! Ich bin fassungslos vor Glück!“, rief er und schüttelte ungläubig den Kopf. „Wissen Sie, wenn mir vor zwanzig Jahren jemand gesagt hätte, dass ich einmal miterleben darf, wie der einst so einsame, unterkühlte Einzelgänger Kai Hiwatari zum fünffachen Vater wird... ich hätte ihn für verrückt erklärt!“
Er lachte herzlich und wandte sich an Nami, um ihre Hände zu ergreifen. „Nami, mein Kind, Sie müssen eine Heilige sein. Dass Sie aus diesem sturen Zaren einen Familienmenschen gemacht haben, ist das größte Wunder, das ich in meiner gesamten Laufbahn bei der BBA gesehen habe!“
„Da müssen Sie nicht nur Nami danken, Mr. Dickenson“, erklang plötzlich eine tiefe, amüsierte Stimme hinter ihnen. Hiro Tachiba trat aus dem Schatten einer Säule hervor, ein breites, stolzes Grinsen auf den Lippen. Er legte seinem Schwiegersohn kurz die Hand auf die Schulter, bevor er sich dem alten Präsidenten zuwandte. „Es scheint, als hätten die Hiwatari-Gene endlich begriffen, dass es sich lohnt, das eigene Vermächtnis großzügig zu verteilen.“
Mr. Dickenson lachte schallend auf und schüttelte Hiro kräftig die Hand. „Hiro! Da sind Sie ja! Herzlichen Glückwunsch zum nächsten Enkelkind! Ein fünfter Hiwatari... man stelle sich das vor. Die Academy wird in ein paar Jahren vor Talent nur so überlaufen.“
Hiro zwinkerte Nami zu. „Solange sie die Geduld ihrer Mutter und nicht nur die Sturheit ihres Vaters erben, mache ich mir keine Sorgen.“
Gou beobachtete die Szene mit einem feinen Lächeln. Es war selten, seinen Vater so entspannt inmitten seiner alten Weggefährten zu sehen. Er spürte, wie Hiromi sich ein wenig enger an ihn schmiegte, sichtlich beeindruckt von der Herzlichkeit dieser mächtigen Männer.
„Siehst du?“, flüsterte Gou ihr zu, während er beobachtete, wie Mr. Dickenson und sein Großvater bereits in Fachgespräche über die Zukunft der BBA und die Ausbildung der Enkelkinder vertieft waren. „Es ist egal, wie viele Kameras draußen stehen. Hier drin... sind wir einfach nur eine Familie. Eine ziemlich große, komplizierte Familie.“
Kai fing den Blick seines Sohnes auf. In diesem kurzen Moment der Stille zwischen den Glückwünschen tauschten sie ein wortloses Verständnis aus. Kai sah in Gou die Bestätigung dafür, dass seine Entscheidung für diese Familie der wichtigste Sieg seines Lebens gewesen war...weit über jeden Weltmeistertitel hinaus.
Das darauffolgende Eintreffen von Tala und Lumina sorgte für ein weiteres Raunen im Saal. Tala, in einem schwarzen Smoking, der seine kühle, raubtierhafte Eleganz unterstrich, führte Lumina mit einer fast schon besitzergreifenden Ruhe durch die Menge.
Lumina sah umwerfend aus. Ihr silbrig-weißes Haar war offen und floss über ihre Schultern, ein starker Kontrast zu ihren magentafarbenen Augen. Im sechsten Monat war ihre Schwangerschaft nicht mehr nur ein "Minibäuchlein", sondern eine stolze, wunderschöne Rundung, die sie heute Abend alles andere als versteckte.
Als die beiden die Gruppe erreichten, zog Kai eine Augenbraue hoch und warf Tala einen vielsagenden Blick zu. Er wartete, bis die Frauen in eine Begrüßung mit Midori und Mariah vertieft waren, bevor er sich diskret zu seinem alten Teamgefährten lehnte.
„Spät dran, Tala“, murmelte Kai mit dieser unverkennbaren, kühlen Autorität. „Ich dachte schon, ihr hättet euch in Shinjuku verfahren.“
Tala verzog keine Miene, doch in seinen eisblauen Augen blitzte ein amüsiertes, fast schon sündiges Funkeln auf. Er nahm einen Schluck von seinem Drink und neigte den Kopf leicht in Richtung seiner Frau.
„Schau dir ihr Kleid an, Kai“, antwortete Tala leise, seine Stimme ein tiefes, trockenes Grollen. „Dann weißt du, warum wir die erste Stunde der Gala... anderweitig genutzt haben.“
Kai tat wie ihm geheißen. Er betrachtete Luminas Kleid genauer. Es war aus einem hauchdünnen, elastischen Stoff in einem tiefen Violett-Ton, der jede Kurve ihres Körpers wie eine zweite Haut umschloss. Es war eine einzige Komponente aus Provokation – ein Kleid, das eigentlich dazu gemacht war, einem Mann den Verstand zu rauben, während es gleichzeitig das Leben feierte, das unter dem Stoff heranwuchs. Die Art, wie der Stoff den Bauch umspannte und das Dekolleté betonte, ließ keinen Raum für Zweifel an der Anziehungskraft, die Lumina auf ihren Mann ausübte.
Ein wissendes Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. Er verstand sofort. Er dachte kurz an Nami in ihrem mitternachtsblauen Samt und an die "verpasste" Stunde im Tower vor drei Wochen.
Er lehnte sich ein Stück näher zu Tala, die Stimme so tief, dass sie im Trubel des Saals unterging. „Ich verstehe, was du meinst“, gab Kai trocken zu. Er warf einen kurzen, intensiven Blick zu seiner eigenen Frau, deren Augen gerade vor Lachen funkelten. „Ganz ehrlich? Ich hätte es bei Nami heute Abend nicht anders gemacht, wenn wir nicht die Kinder im Schlepptau gehabt hätten.“
Tala stieß ein kurzes, kehliges Lachen aus und hob sein Glas in Kais Richtung... ein stummer Toast unter Männern, die genau wussten, dass die stärkste Leidenschaft oft dort brannte, wo die Welt nur kühle Masken sah.
Kai beobachtete Lumina noch einen Moment länger, bevor er seinen Blick wieder auf Tala richtete. „Ich bin übrigens froh zu sehen, dass ihr das kurze Tief bezüglich eurer Intimität überwunden habt“, fügte er mit einer beiläufigen, aber ehrlichen Anerkennung hinzu. „Es scheint, als hättest du einen Weg gefunden.“
Tala stieß ein kurzes, trockenes Schnauben aus, das jedoch eher nach Selbstironie als nach Ärger klang. „Du hast mir damals den Kopf gut genug gewaschen, Kai“, gab er unumwunden zu. Er sah zu Lumina hinüber, die gerade lachend eine Geste von Midori erwiderte. „Und ehrlich gesagt... ich bin mittlerweile regelrecht davon besessen, wie unglaublich empfindsam sie durch die Schwangerschaft geworden ist. Es ist fast schon gefährlich.“
Er senkte die Stimme noch ein Stück, während ein raues, dunkles Funkeln in seine Augen trat. „Sie wird jedes Mal wahnsinnig vor Lust, wenn ich sie nur berühre oder ihr zu nahe komme. Dieses Kleid heute Abend war eigentlich gedacht um mich zu reizen...doch ich habe es nicht mehr ausgehalten...ich musste es ihr einfach wieder ausziehen.“
Kai schmunzelte und nahm einen Schluck von seinem Wasser, wobei sein Blick kurz zu Nami glitt, die in ihrem mitternachtsblauen Samt eine ebenso ruhige wie herausfordernde Eleganz ausstrahlte. Er kannte diese neue, gesteigerte Sinnlichkeit nur zu gut; es war, als würde das neue Leben in ihnen alle Sinne schärfen.
„Ich weiß ganz genau, was du meinst“, erwiderte Kai leise. „Die Schwangerschaft verändert sie auf eine Weise, die... schwer zu ignorieren ist. Genieße den Rest des Abends, Tala.“
Tala grinste nur vage und hob sein Glas. In diesem Moment lösten sich Nami und Lumina aus ihrem Gespräch mit den anderen Frauen und traten wieder zu ihren Männern.
„Worüber lacht ihr zwei so geheimnisvoll?“, fragte Lumina mit einem vielsagenden Funkeln in ihren magentafarbenen Augen, während sie ihre Hand auf Talas Arm legte.
„Nur über die geschäftliche Seite der BBA, mein Schatz.“, antwortete Tala ohne mit der Wimper zu zucken, während er seine Hand fest über ihre legte.
Nami sah Kai an, sah das seltene Schmunzeln in seinen Winkeln und wusste sofort, dass die „Geschäfte“ der BBA sicher das Letzte waren, worüber die beiden gesprochen hatten. Sie hakte sich bei ihm unter und spürte die wohlige Wärme seiner Nähe während sie zu den Tischen gingen um sich zu setzen.
Der offizielle Teil des Abends sollte nun beginnen, und Mr. Dickenson trat bereits auf das Podium, um die Gäste zur Eröffnungsrede zu bitten.
Er rückte seine Fliege zurecht und blickte über den Rand seiner Brille in den prall gefüllten Ballsaal.
Nur wenige Meter entfernt, dezent hinter einem Blumengesteck an einem Technik-Tisch platziert, saß Kenny. Er wirkte in seinem Smoking fast ein wenig wie ein Fremdkörper, doch seine Finger flogen mit einer Präzision über die Tastatur seines Laptops, die jedem Beyblader Ehre gemacht hätte. Sein treuer Begleiter Dizzi flimmerte in einem kleinen Fenster auf dem Bildschirm, während Kenny die Audio-Pegel der Saal-Akustik überwachte.
„Alles im grünen Bereich, Dizzi“, murmelte Kenny leise. „Ich habe den Filter für die Hintergrundgeräusche optimiert. Mr. Dickensons Stimme wird glasklar sein.“
Als der alte Herr das Mikrofon berührte, gab es kein störendes Rückkopplungsgeräusch – Kenny hatte den Kanal bereits perfekt ausgesteuert. Mr. Dickenson räusperte sich, und seine Stimme hallte warm und kraftvoll durch den Raum.
„Meine Damen und Herren, geschätzte Freunde und Weggefährten“, begann er, und augenblicklich senkte sich eine respektvolle Stille über den Saal. „Wenn ich heute in diese Runde blicke, sehe ich mehr als nur die Elite unseres Sports. Ich sehe Familien. Ich sehe Geschichte...und ich sehe eine Zukunft, die mich mit unbändigem Stolz erfüllt.“
Sein Blick wanderte ganz gezielt zu dem Tisch, an dem die ehemaligen Bladebreakers saßen.
„Wir feiern heute nicht nur die Erfolge der vergangenen Saison. Wir feiern die Beständigkeit. Dass wir heute Abend fast das gesamte Team der ersten Weltmeister-Generation hier versammelt sehen, ist ein Geschenk. Und...“, er hielt inne und ein schelmisches Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, während er kurz zu Kai und Nami hinübersah, „...es ist mir zu Ohren gekommen, dass die nächste Generation der Hiwataris bereits in den Startlöchern steht, um uns in ein paar Jahren wieder alle in Atem zu halten.“
Ein herzlicher Applaus brandete auf. Kenny passte die Lautstärke des Saalmikrofons sofort an, damit der Beifall die Rede nicht übertönte.
Nami spürte, wie Kai unter dem Tisch ihre Hand ergriff und sie fest drückte. Die offizielle Anerkennung durch Mr. Dickenson vor all diesen Menschen war wie ein Siegel auf ihrem Glück.
„Aber heute Abend geht es um mehr“, fuhr Mr. Dickenson fort, sein Tonfall wurde etwas feierlicher. „Ich möchte diesen Moment nutzen, um eine Ankündigung zu machen, die mir persönlich sehr am Herzen liegt. Wir haben beschlossen, ein neues Förderprogramm für junge Talente ins Leben zu rufen...die 'Genesis-Stiftung'. Und ich könnte mir keine besseren Schirmherren dafür vorstellen als zwei Männer, die diesen Sport geprägt haben wie keine anderen.“
Er blickte abwechselnd zu Tyson und Kai.
„Tyson Granger und Kai Hiwatari werden gemeinsam die Leitung dieses Programms übernehmen, um sicherzustellen, dass das Erbe der G-Revolution niemals verblasst.“
Tyson verschluckte sich fast an seinem Champagner, während Kai keine Miene verzog, lediglich sein Blick wurde noch eine Nuance intensiver. Kenny tippte aufgeregt eine Sequenz in seinen Laptop, woraufhin auf den großen Leinwänden hinter dem Podium eine eindrucksvolle Montage der größten Momente des Teams erschien – perfekt abgestimmt auf Mr. Dickensons Worte.
„Er ist immer noch der Beste am Laptop“, flüsterte Ray leise zu Mariah, während er Kenny dabei beobachtete, wie er zufrieden den nächsten Übergang einleitete.
Mr. Dickenson breitete die Arme aus, während der Applaus im Saal zu einem donnernden Rhythmus anschwoll. „Ich bitte die Herren nun nach vorne, um dieses neue Kapitel offiziell zu besiegeln!“
Tyson sprang mit seinem typischen Elan auf, richtete sich die Fliege und grinste in die Kameras. Kai hingegen erhob sich mit einer fast schon meditativen Ruhe. Er warf Nami einen kurzen, intensiven Blick zu, als wollte er sich vergewissern, dass sie mit der plötzlichen Aufmerksamkeit einverstanden war, bevor er mit festen Schritten zum Podium schritt.
Kenny am Technik-Pult leistete derweil Schwerstarbeit. „Dizzi, schalt auf den Hauptkanal! Ich brauche das Spotlight auf dem Weg zum Rednerpult“, zischte er. Mit einem gezielten Tastendruck tauchte er die beiden Legenden in ein perfektes Licht, während die Leinwand nun das Logo der Tachibey Academy einblendete.
„Bevor wir die ersten Unterschriften setzen“, fuhr Mr. Dickenson fort, „muss ich betonen, dass dieses Projekt ein neues Zuhause braucht. Ein Zuhause, das Tradition und modernste Technik vereint. Daher wird die Genesis-Stiftung ihren Hauptsitz in der Tachibey Academy haben!“
Er deutete auf Tala, der an seinem Tisch sitzen blieb, aber mit einem kühlen, professionellen Nicken die Anerkennung entgegennahm. „Unter der Leitung von Tala Valkov hat sich die Academy zum Goldstandard der Ausbildung entwickelt. Dass Tyson und Kai dort ihre Erfahrung bündeln, ist ein Meilenstein für uns alle.“
Oben auf der Bühne standen sich die beiden nun gegenüber. Tyson wirkte wie ein aufgedrehter Motor, während Kai wie der Fels in der Brandung daneben stand.
„Du und ich, Kai? Wieder im selben Team?“, flüsterte Tyson grinsend, während sie Mr. Dickenson die Hände schüttelten. „Das wird ja wie in alten Zeiten, nur dass ich diesmal wahrscheinlich die ganze Arbeit mache, während du nur grimmig guckst.“
Kai warf ihm einen seitlichen Blick zu, der Tyson sofort verstummen ließ, doch in seinen roten Augen blitzte ein Funken Respekt auf. „Versuch einfach, pünktlich zu den Sitzungen zu erscheinen, Tyson“, gab Kai trocken zurück.
Kenny steuerte das Mikrofon so präzise, dass Kais tiefe Stimme trotz des Gemurmels im Saal perfekt zur Geltung kam, als er das Wort ergriff: „Die Tachibey Academy wurde geschaffen, um Grenzen zu verschieben. Mit der Genesis-Stiftung werden wir sicherstellen, dass nicht nur die Stärksten eine Chance erhalten, sondern diejenigen, die den Geist des Beybladings wirklich im Herzen tragen. Tala, Tyson und ich... wir werden dafür sorgen.“
Tala hob von seinem Platz aus unmerklich sein Glas in Kais Richtung. Es war ein machtvolles Trio: Tala als strategischer Kopf der Academy, Tyson als Herz und Inspiration, und Kai als die unerbittliche Instanz für Perfektion.
Gou beobachtete die Szene von seinem Platz aus mit einer Mischung aus Stolz und Ehrgeiz. Er sah, wie die Welt auf seinen Vater, Tyson und Tala blickte. „Die Tachibey Academy“, murmelte er leise zu Hiromi. „Das wird das härteste Training, das die Welt je gesehen hat. Und ich werde mittendrin sein.“
Mr. Dickenson wartete, bis der Applaus für das Academy-Projekt abgeklungen war und Tyson und Kai sich wieder an den Tisch gesetzt hatten, doch er blieb am Rednerpult stehen. Seine Miene wurde ernst, fast feierlich, und er legte seine Hände flach auf das Holz.
„Es gibt noch eine letzte Entscheidung, die ich heute Abend verkünden muss“, begann er, und seine Stimme zitterte nun doch ein wenig vor Alter und Emotion. „Ein Mann kann ein Lebenswerk nur so weit tragen, bis er einsehen muss, dass frisches Blut und eine neue Vision nötig sind. Ich habe lange nach jemandem gesucht, der die Werte der BBA versteht, aber auch den Mut hat, sie in ein neues Zeitalter zu führen.“
Kenny, der im Hintergrund bereits die Grafik für das neue BBA-Präsidium vorbereitet hatte, hielt inne. Er starrte auf den Namen, der gerade in seinem System aufploppte. „Dizzi... siehst du das auch?“, flüsterte er fassungslos.
„Meine Damen und Herren“, rief Mr. Dickenson mit fester Stimme. „Ich präsentiere Ihnen meinen Nachfolger als Präsident der BBA: Miguel Soares!“
Präsident Miguel
Die Stille im Saal war fast greifbar. Für einen Moment schien selbst das Klirren der Champagnergläser zu verstummen, als Miguel das Podium betrat. Er trug seinen Smoking mit einer südländischen Leichtigkeit, die im krassen Gegensatz zur steifen Formalität der BBA-Funktionäre stand, doch sein Blick war wach und entschlossen.
Kai erstarrte förmlich. Seine Hand, die eben noch sanft über Namis Oberschenkel gestrichen hatte, verharrte in einer festen, fast schon schockierten Bewegung. Miguel? Er kannte Miguel als jemanden, der als Teenager fast an seinem eigenen Ehrgeiz und dem Druck seines Trainers zerbrochen wäre.
Nami spürte die plötzliche Anspannung in Kais Körper. Sie sah seitlich zu ihm hoch und bemerkte, wie sich seine Kiefermuskulatur unter der kühlen Maske anspannte. Doch Kai wäre nicht Kai, wenn er die Kontrolle verlieren würde. Nach einem tiefen, kaum hörbaren Atemzug glätteten sich seine Züge wieder. Er legte seine Hand wieder flach auf Namis Oberschenkel...eine Geste, die ihm selbst Erdung gab und ihr gleichzeitig signalisierte, dass er wieder Herr der Lage war. Er sah nun gewohnt beherrscht nach vorne, während Nami ihre Hand beruhigend über die seine legte und ihm ein aufmunterndes Lächeln schenkte.
„Miguel...“, murmelte Tyson am Nachbartisch, der mit offenem Mund und fast aus den Fugen geratenem Gesicht da saß. „Das ist doch...Seit wann ist der denn im Präsidium?“
„Er hat sich in den letzten Jahren in der europäischen Liga einen Namen als fairer Vermittler gemacht, Tyson“, flüsterte Kenny, dessen Finger nun wie besessen über die Tastatur flogen, um Miguels Werdegang in Millisekunden abzurufen. „Er hat das gesamte Barthez-Erbe umgekrempelt. Aber dass Dickenson ihn direkt zum Nachfolger macht... das ist eine Revolution.“
Miguel trat ans Mikrofon. Er wirkte nicht wie der unsichere Junge von früher. Er strahlte die Ruhe eines Mannes aus, der seine Dämonen besiegt hatte.
„Vielen Dank, Mr. Dickenson“, begann Miguel, und seine Stimme klang fest und warm. Sein Blick wanderte durch den Saal und blieb für einen Sekundenbruchteil an Kai hängen. Ein kurzes, respektvolles Zunicken folgte, das nur für den Zaren bestimmt war. „Ich weiß, dass meine Ernennung für viele hier eine Überraschung ist. Vor allem für diejenigen, die mich in einer Zeit kannten, in der ich den falschen Idealen folgte.“
Ein leises Raunen ging durch die Reihen der älteren Generation.
„Aber genau deshalb stehe ich hier“, fuhr Miguel fort. „Weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn der Sport seine Seele verliert. Und ich werde gemeinsam mit der Genesis-Stiftung und der Tachibey Academy dafür sorgen, dass kein Kind jemals wieder das durchmachen muss, was wir damals durchgemacht haben. Wir bauen keine Soldaten. Wir bauen eine Familie.“
Der Applaus, der nun einsetzte, wurde immer kräftiger und lauter.
„Damals im Blue Velvet hatte ich schon bemerkt, wie sehr er sich verändert hat.“, bemerkte Kai leise, nur für Nami hörbar. Seine Stimme war wieder vollkommen ruhig, fast schon analytisch. „Er trägt tatsächlich keinerlei Schatten mehr in seinen Augen.“
Nami drückte seine Hand. „Vielleicht ist er genau der Richtige, Kai. Jemand, der ebenfalls die Dunkelheit kennt, wird das Licht besser zu schätzen wissen.“
Gou beobachtete Miguel mit großem Interesse. Er hatte die Geschichten über Barthez Battalion gehört. Geschichten über Betrug und den harten Weg zurück zur Ehre. Dass dieser Mann nun an der Spitze der BBA stand, war für Gou ein Zeichen: In der Welt des Beyblade zählte am Ende nicht, woher man kam, sondern wofür man sich entschied zu stehen.
Als Miguel seine kurze Rede beendete und das Podium unter dem Beifall der Gäste verließ, sah er erneut zu Kai. Es war keine Herausforderung in seinem Blick, sondern eine stumme Einladung zur Zusammenarbeit.
Die Gala war nun offiziell in eine neue Ära eingetreten. Während die Musik wieder einsetzte und die Kellner begannen, den nächsten Gang zu servieren, begann Kai erneut über Namis Oberschenkel zu streicheln.
Später, während das Buffet eröffnet wurde, nutzte Miguel die erste Gelegenheit, um zum Tisch der Hiwataris zu treten. Er suchte nicht den Konflikt; er suchte das Gespräch.
„Kai. Nami“, sagte Miguel weich und neigte den Kopf in einer fast ritterlichen Geste. „Es ist mir eine Ehre, euch beide hier zu sehen.“
Kai erhob sich langsam. Er überragte Miguel kaum und seine roten Augen brannten vor einer Intensität, die die Luft zwischen ihnen flirren ließ. „Präsident der BBA“, sagte Kai knapp. Seine Stimme war nicht laut, aber sie klang wie das ferne Grollen eines Sturms. „Ein steiler Aufstieg, Miguel.“
Miguel lächelte, und es war ein ehrliches, fast schon wehmütiges Lächeln. „Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege, Kai. Das wissen wir drei wohl am besten.“ Er sah Nami an, und in seinen blauen Augen lag eine tiefe, aufrichtige Anerkennung. „Ich hoffe, du weißt, dass die BBA unter meiner Führung die Tachibey Academy mit allem unterstützen wird, was nötig ist. Wir verfolgen dasselbe Ziel.“
Nami spürte, wie Kai neben ihr tief einatmete. Er war nicht eifersüchtig auf Miguels Taten, sondern auf die Tatsache, dass dieser Mann Nami bereits als das Wunder erkannt hatte, das sie war, als Kai noch im Schatten seines eigenen Zorns stand. Miguels bloße Anwesenheit war für Kai eine ständige Erinnerung an seine eigene frühere Blindheit.
„Ich werde dich beim Wort nehmen, Miguel“, erwiderte Kai kühl, wobei er seinen Arm besitzergreifend um Namis Taille legte und sie ein Stück näher an sich zog. Es war eine unmissverständliche Geste der Reviermarkierung, die Miguel mit einem feinen, amüsierten Schmunzeln quittierte.
„Das hatte ich nicht anders erwartet“, entgegnete Miguel ruhig. „Nami, es freut mich aufrichtig zu sehen, dass du und Kai erneut Eltern werdet.“
Damit verneigte er sich noch einmal kurz und zog sich diskret zurück, um andere Gäste zu begrüßen.
Kai setzte sich wieder, doch sein Blick folgte Miguel durch den Raum.
Er beobachtete Miguel mit der kühlen Präzision eines Mannes, der bereits vorausplante. Er wusste, dass Miguel kompetent war...sonst hätte Dickenson ihn nie gewählt..., aber die persönliche Vorgeschichte verlieh der geschäftlichen Beziehung eine Ebene, die Kai erst noch einordnen musste.
„Ein interessanter Schachzug von Dickenson“, bemerkte Kai ruhig zu Nami. Seine Stimme war nun wieder fest und kontrolliert. „Miguel hat die Disziplin und das Auftreten, um die BBA nach außen hin zu repräsentieren. Dass er die Tachibey Academy unterstützt, ist logisch...es ist das Herzstück der neuen Ära.“
Nami beobachtete ihn erneut von der Seite. Sie sah, dass er den ersten Schock überwunden hatte und nun wieder in den „Leader-Modus“ wechselte.
„Du wirkst nachdenklich“, sagte sie leise. „Aber nicht mehr so angespannt.“
Kai sah sie an, und ein fast unmerkliches Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er legte seine Hand kurz auf ihre, ein Zeichen von absolutem Vertrauen. „Ich bin kein Fan von Überraschungen, Nami. Aber ich respektiere Miguels Entwicklung. Dass er dich damals vor mir bemerkt hat, zeugt zumindest davon, dass er schon damals einen besseren Blick für das Wesentliche hatte als ich.“
In diesem Moment trat Gou an den Tisch. Der junge Mann hatte die gesamte Szene mit seinen wachsamen Augen beobachtet. Er hatte gespürt, dass die Luft zwischen seinem Vater und dem neuen Präsidenten für einen Moment dünn geworden war.
„Vater?“, fragte Gou mit seiner direkten Art. „Du und dieser Miguel Soares... ihr kennt euch schon sehr lange, oder? Er wirkte so, als hätte er großen Respekt vor dir.“
Kai blickte seinen Sohn an. Er sah in Gous Augen denselben Wissensdurst, den er selbst in diesem Alter gehabt hatte.
„Miguel war ein fähiger Gegner, Gou“, antwortete Kai sachlich. „Er führt die BBA nun in eine Zeit, in der es nicht mehr nur um Kraft geht, sondern um Diplomatie und Förderung. Er kennt unsere Familie...und er weiß, dass die Messlatte für die Academy hoch liegt.“
Er warf Nami einen kurzen Blick zu, der Bände sprach. Es war eine stille Übereinkunft: Die Vergangenheit war eine schöne, bittersüße Erinnerung, aber die Zukunft gehörte ihnen.
„Geh zurück zu Hiromi, Gou“, sagte Kai mit einem stolzen Unterton. „Miguel wird sicher bald die Runde machen, um die jungen Talente zu begrüßen. Zeig ihm, dass die Hiwataris bereit sind für das, was kommt.“
Gou nickte ernst und machte sich auf den Weg zurück zu seiner Freundin.
Nami lehnte sich ein wenig näher zu Kai. „Das hast du gut gemacht.“
„Er soll lernen, dass man seinen Gegnern oder Partnern...immer mit Respekt begegnet, egal welche Geschichten man teilt“, erwiderte Kai souverän. Er erhob sein Glas in Miguels Richtung, als dieser von weitem herübersah. Ein kurzes, knappes Nicken. Ein Zeichen professioneller Akzeptanz.
Nachdem die förmlichen Gespräche am Tisch abgeklungen waren und die Musik zu einem beschwingten, klassischen Rhythmus gewechselt hatte, führte Kai Nami auf die Tanzfläche. Die kronleuchterbesetzte Halle war nun in ein warmes, goldenes Licht getaucht. Kai bewegte sich mit der ihm eigenen, unterkühlten Eleganz, seine Hand ruhte fest und sicher an Namis Taille.
Mitten im wirbelnden Glanz der Kleider und Smokings entdeckten sie ein vertrautes Paar. Vladimir und Hana bewegten sich harmonisch zum Takt der Musik. Hana sah in ihrem Abendkleid, das ihre silbrig-weißen Haare fast leuchten ließ, atemberaubend aus, während Vladimir die Ruhe selbst ausstrahlte.
„Da seid ihr ja endlich!“, rief Nami lachend, als sich ihre Wege auf der Tanzfläche kreuzten. Sie legte den Kopf leicht schräg und musterte ihre Schwester und Vladimir mit einem spielerischen Funkeln in den Augen. „Wo seid ihr denn so lange gewesen?“
Hana schmunzelte und strich sich eine glatte, silberne Strähne hinter das Ohr, während Vladimir das Paar mit einem knappen, aber freundlichen Nicken begrüßte.
„Wir hatten uns leider etwas verspätet“, erklärte Hana und warf Vladimir einen amüsierten Seitenblick zu. „Der Verkehr in der Innenstadt war schlimmer als erwartet, und als wir endlich hier ankamen, stand Mr. Dickenson bereits am Podium. Wir wollten die Zeremonie nicht durch unser Erscheinen stören, also haben wir diskret im hinteren Bereich des Saals gewartet, bis die Ankündigung vorbei war.“
„Ihr habt also Miguels großen Moment mitbekommen?“, warf Kai ruhig ein. Sein Blick war sachlich, die anfängliche Überraschung über Miguels neue Rolle war einer professionellen Gelassenheit gewichen.
Vladimir nickte langsam. „In der Tat. Eine interessante Wahl. Dickenson setzt auf jemanden, der das System von innen heraus kennt...auch die Schattenseiten.“ Er sah Kai direkt an. „Was denkst du, kleiner Bruder? Miguel Soares ist ein Mann mit Prinzipien, aber er ist nun der mächtigste Mann im Beyblade-Sport.“
Kai führte Nami in eine elegante Drehung, bevor er antwortete. „Er hat sich bewährt, Vladimir. Dass er die Tachibey Academy als Bollwerk sieht, zeigt, dass er Prioritäten setzt, die wir teilen können. Ich werde ihn genau beobachten, aber für den Moment hat er meinen Respekt für das, was er aus dem Barthez-Erbe gemacht hat.“
Hana lächelte Nami warm an. „Ich bin nur froh, dass wir rechtzeitig hier sind, um den Rest des Abends mit euch zu genießen. Gou scheint sich mit Hiromi bereits bestens zu amüsieren.“
Nami drückte Kais Schulter sanft. „Das tut er. Und jetzt, wo ihr beide da seid, ist der Tisch der Familie endlich komplett.“
Während sie zu viert über die Tanzfläche glitten, wirkte die Anspannung der letzten Stunde wie weggewischt. Die neue Ära der BBA hatte begonnen, und auch wenn Miguel Soares nun an der Spitze stand, fühlte sich die Verbindung zwischen den Hiwataris, Ivanovs und Valkovs’ stärker an als je zuvor.
Gerade als sich die Unterhaltung zwischen den Hiwataris und Ivanovs vertiefte, wurde die ritterliche Eleganz auf der Tanzfläche durch ein unterdrücktes Aufschreien unterbrochen.
„Au! Tyson, pass doch auf!“, zischte Hilary und blieb abrupt stehen, während sie versuchte, ihren Fuß unter Tysons massivem Lackschuh hervorzuziehen.
„Sorry, Hil! Ehrlich, war keine Absicht!“, stammelte Tyson. Er trug seinen Smoking mit der üblichen Begeisterung eines Jungen, der lieber in Trainingsklamotten stecken würde, und seine Fliege saß bereits gefährlich schief. Er hatte die Augen nicht auf seine Füße gerichtet, sondern starrte über Hilarys Schulter hinweg quer durch den Raum.
Er stolperte fast über seine eigenen Beine, um zu der Gruppe um Kai und Nami aufzuschließen. Hilary folgte ihm kopfschüttelnd und rieb sich den geschundenen Knöchel.
„Kai! Was zum Dragoon?“, platzte Tyson heraus, ohne Rücksicht auf die laufende Musik oder die anderen Paare. Er ignorierte Kais kühles Hochziehen einer Augenbraue komplett. „Ich meine... Miguel? Ernsthaft?“
Tyson hielt kurz inne, verschränkte die Arme vor der Brust und blickte in die Richtung, in der Miguel gerade mit einigen Sponsoren sprach. Sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen purer Verwirrung und widerwilliger Bewunderung.
„Wann ist diese Sturmfrisur von damals eigentlich so verdammt groß und gutaussehend geworden?“, fragte er lautstark in die Runde. „Ich erinnere mich an diesen Typen...er war ständig nervös und hatte diesen gruseligen Trainer im Nacken. Und jetzt? Er sieht aus, als würde er das gesamte Gebäude besitzen! Und seit wann trägt er seine Haare so... ordentlich?“
Nami konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken. Tyson hatte die Gabe, die kompliziertesten machtpolitischen Veränderungen auf die Haarpracht eines Mannes herunterzubrechen.
„Er ist eben erwachsen geworden, Tyson“, sagte sie schmunzelnd. „Genau wie ihr alle.“
„Ja, aber bei ihm sieht es so... professionell aus“, grummelte Tyson weiter und warf einen Blick auf Kais perfekt sitzenden Smoking. „Bei euch beiden wirkt das immer so natürlich. Ich fühle mich in dem Ding hier wie ein Pinguin auf Glatteis.“
Kai sah seinen alten Rivalen an, und ein Anflug von Amüsement vertrieb die letzte Kühle aus seinem Blick. „Vielleicht liegt es daran, Tyson, dass du versuchst zu tanzen, während du gleichzeitig die politische Hierarchie der BBA analysierst. Konzentrier dich auf deine Füße... oder zumindest auf Hilary. Sie sieht aus, als würde sie dir gleich den nächsten Tritt verpassen.“
Hilary verschränkte die Arme und nickte bekräftigend. „Danke, Kai. Wenigstens einer hier hat Sinn für die Realität.“
Vladimir beobachtete das Spektakel mit einem amüsierten Funkeln in den Augen. „Der neue Präsident scheint zumindest eines geschafft zu haben: Er ist das Gesprächsthema Nummer eins. Das ist ein geschickter Start für eine Amtszeit.“
Tyson kratzte sich am Hinterkopf und grinste dann breit. „Na ja, solange er uns nicht wieder mit irgendwelchen Psychospielchen kommt wie Barthez damals, kann er von mir aus so gutaussehend sein, wie er will. Aber wehe, er vergisst, wer die Weltmeister sind!“
Während Tyson sich noch über seine Pinguin-Uniform und Miguels optischen Wandel ausließ, spielte sich am Rande der Tanzfläche eine Begegnung ab, die weit mehr Gewicht besaß als jeder Smalltalk.
Miguel hatte sich von der Gruppe der Sponsoren gelöst. Sein Ziel war nicht die Bar und auch nicht der Tisch der offiziellen Funktionäre. Er steuerte direkt auf Gou zu, der mit ruhiger Gelassenheit neben Hiromi stand.
Als Miguel vor ihm stehen blieb, entstand eine kurze, fast ehrfürchtige Stille im direkten Umkreis. Es war das erste Mal, dass der neue Präsident der BBA und der Erbe des Hiwatari-Namens einander gegenüberstanden.
Gou rührte sich nicht. Er stand vollkommen entspannt da, die Arme locker verschränkt, den Rücken kerzengerade. Sein Gesichtsausdruck war eine Maske aus unerschütterlicher Ruhe...dieselbe kühle, fast unnahbare Aura, die seinen Vater seit Jahrzehnten auszeichnete.
Miguel hielt im Schritt inne. Für einen winzigen Moment flackerte Verwirrung in seinen graublauen Augen auf. Er hatte Gou oft in Übertragungen gesehen, hatte seine Kämpfe analysiert und seinen Aufstieg verfolgt. Doch die digitale Distanz eines Bildschirms war nichts gegen die physische Präsenz dieses Jungen. Vor ihm stand nicht einfach nur ein 15-jähriger Blader; vor ihm stand ein Spiegelbild des Kais, den Miguel aus der Zeit von G-Revolution kannte. Diese scharfen Züge, dieser durchdringende Blick, der einen nicht nur ansah, sondern zu wägen schien.
Trotz seiner neuen, hohen Position konnte Miguel nicht verhindern, dass sich Bewunderung in seinen Blick stahl.
„Gou Hiwatari“, sagte Miguel schließlich, und seine Stimme klang bemerkenswert sanft, fast schon ehrfürchtig. Er bot dem Jungen die Hand an, eine Geste auf Augenhöhe. „Ich habe viel über dich gehört, aber dich persönlich zu treffen... es ist, als würde die Geschichte einen Moment lang den Atem anhalten.“
Gou sah kurz auf die dargebotene Hand und dann zurück in Miguels Augen. Er ergriff sie mit festem, sicherem Griff. „Mr. Soares. Herzlichen Glückwunsch zur Ernennung.“
Seine Stimme war ebenso kontrolliert wie die seines Vaters, ohne die Spur von jugendlicher Nervosität.
Miguel lächelte, diesmal ohne jede geschäftliche Maske. „Ich sehe, dass die Zukunft der BBA in den besten Händen liegt...und ich spreche nicht nur von meinem Amt. Dein Vater hat dir mehr mitgegeben als nur sein Aussehen, Gou. Er hat dir seine unerschütterliche Standhaftigkeit vererbt.“
Hiromi beobachtete den Austausch mit einem stolzen Lächeln. Sie wusste, dass dieser Moment für Gou eine Bestätigung war, die weit über den Sport hinausging.
Miguel neigte den Kopf leicht vor Gou, eine Geste des Respekts vor dem Potential, das er in dem Jungen sah. „Ich freue mich darauf, dich und dein Team in der Hauptzentrale zu sehen. Wir haben viel vor.“
Gou nickte nur knapp. Ein Zeichen der Anerkennung, das Miguel völlig ausreichte. Als der Präsident weiterzog, atmete Hiromi leise aus. „Das war beeindruckend, Gou. Er sah für einen Moment so aus, als hätte er ein Gespenst gesehen.“
„Kein Gespenst“, erwiderte Gou ruhig, während sein Blick zu seinem Vater hinüberwanderte, der das Geschehen von der Tanzfläche aus mit einem kaum merklichen, aber zufriedenen Nicken verfolgt hatte. „Nur eine Erinnerung daran, dass sich manche Dinge niemals ändern.“
Nami trat mit einem sanften Lächeln zu den beiden, ihre Handtasche elegant am Arm tragend. Sie hatte die stille Begegnung zwischen Miguel und ihrem Sohn aus der Ferne beobachtet und die Professionalität bewundert, mit der Gou die Situation gemeistert hatte.
Gou sah seine Mutter kurz an, bevor er einen Schluck von seinem Wasser nahm. Sein Blick wanderte noch einmal kurz zu Miguel, der gerade in ein weiteres Gespräch vertieft war, und kehrte dann mit einer Präzision zu Nami zurück, die sie unwillkürlich an Kai erinnerte.
„Mutter?“, begann Gou ruhig. „Kennt ihr zwei euch von früher? Du und Miguel Soares?“
Nami hielt einen Moment inne. Die Frage kam so direkt und unumwunden, wie sie es von ihrem Sohn hätte erwarten müssen. Gou war ein ebenso großes Genie im Lesen von Menschen wie sein Vater; ihm entgingen keine Nuancen in der Körpersprache oder in den Schwingungen eines Raumes.
Nami lächelte nur und strich sich eine silbrig-weiße Locke aus dem Gesicht. „Man ist sich eben mal über den Weg gelaufen, Gou“, meinte sie ausweichend. „Schließlich war ich damals in vielen Arenen als Zuschauerin dabei. In dieser Welt kreuzen sich die Wege oft.“
Doch Gou gab sich mit der diplomatischen Antwort nicht zufrieden. Er stellte sein Glas auf einen der Stehtische und sah sie fest an.
„Das meine ich nicht“, sagte er sachlich. „Die Blicke von Vater sind seltsam... persönlich. Nicht direkt positiv, aber auch nicht negativ. Es wirkt eher, als würde er Miguel irgendetwas übel nehmen, das lange zurückliegt. Etwas, das nichts mit Beyblade zu tun hat.“ Er hielt kurz inne und deutete dann mit einer dezenten Geste auf Nami. „Und Miguels Blicke auf dich... sie sind zwar respektvoll, aber da ist eine leichte Wehmut. Als würde er an etwas denken, das er verloren hat, noch bevor er es überhaupt besaß.“
Nami spürte, wie ihr Herz einen Schlag übersprang. Gou war beängstigend treffsicher. Sie sah zu Kai hinüber, der am Rand der Tanzfläche stand und Souveränität ausstrahlte, doch sie wusste, dass Gou den Kern der Sache getroffen hatte: Es war die Erinnerung an eine Zeit, in der Miguel Nami bereits sah, während Kai noch mit seinen eigenen Schatten kämpfte.
„Du hast Augen wie ein Falke, Gou“, sagte Nami schließlich leise und trat einen Schritt näher zu ihm, um ihre Stimme zu senken. „Es gibt Dinge im Leben, die man nicht in Statistiken oder Kampfberichten findet. Miguel ist ein ritterlicher Mann, der einen hohen Wert auf Ehre und Anerkennung legt. Und dein Vater... nun, dein Vater vergisst nie.“
Gou nickte langsam, als würde er ein komplexes Puzzleteil an seinen Platz setzen. „Verstehe. Es geht also um Stolz. Nicht um Feindseligkeit, sondern um die Tatsache, dass Miguel einen Moment der Aufmerksamkeit hatte, den Vater für sich beansprucht.“
Ein kurzes, wissendes Lächeln huschte über Gous Gesicht...ein Ausdruck, der zeigte, dass er die menschliche Komponente hinter der kühlen Fassade seines Vaters durchaus zu schätzen wusste.
In diesem Moment trat Kai zu der kleinen Gruppe. Er hatte das intensive Gespräch zwischen Mutter und Sohn diskret beobachtet und spürte instinktiv, dass das Thema auf ihn und den neuen BBA-Präsidenten gefallen war.
Gou zögerte nicht. Mit der für ihn typischen, kühlen Direktheit sah er seinen Vater an. „Wir haben gerade über Miguel gesprochen, Vater. Er scheint dich mehr zu beschäftigen, als du zugibst. Deine Blicke waren... aufschlussreich.“
Kai hielt inne. Ein Funken echter Überraschung blitzte in seinen roten Augen auf...ein seltenes Ereignis. Er war stets stolz darauf gewesen, seine Emotionen hinter einer undurchdringlichen Maske zu verbergen, doch sein eigener Sohn schien diese Barriere mühelos zu durchbrechen.
„Ich dachte eigentlich, dass ich schwerer zu lesen bin“, gab Kai mit einer bemerkenswert ruhigen Stimme zu. Er sah Gou fest an, und seine Haltung blieb souverän. „Aber um deine Vermutung zu klären: Ich verspüre keinerlei Groll. Schließlich gibt es dafür keinen Grund.“
Er machte eine kurze Pause und warf Nami einen Blick zu, in dem tiefe Anerkennung lag. „Es war lediglich eine jener Sachen, die mich damals nachdenklich gestimmt haben. Miguel hat mir vor über einem halben Jahr eröffnet, dass er deine Mutter bereits kannte, als ich selbst noch... blind für das Wesentliche war. Er hatte ihr damals, wenn man so will, den Hof gemacht.“
Nami hob überrascht die Brauen. Sie war tief beeindruckt von Kais Offenheit. Dass er so entspannt vor seinem Sohn und Hiromi über einen Moment sprach, der sein Ego hätte kränken können, zeigte, wie sehr er über der Sache stand. Er musste nichts mehr beweisen.
Hiromi hingegen blinzelte völlig entgeistert und sah zwischen Kai und Nami hin und her. „Warte mal... der neue Präsident der BBA hat sich damals an dich rangemacht?“, platzte sie heraus.
Nami konnte nicht anders...sie musste hell auflachen. Der Klang ihres Lachens war wie eine sanfte Melodie, die die restliche Anspannung im Raum vollends auflöste. „Er hat es versucht, Hiromi“, sagte sie schmunzelnd. „Aber ich habe ihn sehr höflich, aber bestimmt abblitzen lassen.“
Sie trat einen Schritt näher zu Kai und schmiegte sich eng an seine Seite. Als sie zu ihm aufblickte, lag eine unerschütterliche Wärme in ihren Augen. „Ich hatte nämlich niemals Interesse an Miguel. Damals wie heute hatte ich nur Augen für einen einzigen Mann: Kai Hiwatari.“
Kai erwiderte ihren Blick, und für einen Moment schien die Welt um sie herum zu verblassen. Er legte seinen Zeigefinger sanft unter Namis Kinn, hob ihr Gesicht ein Stück an und zog sie in einen ruhigen, besitzergreifenden Kuss. Es war kein Akt der Provokation, sondern ein stilles Siegel ihrer Einheit.
Gou beobachtete die Szene mit einer Mischung aus Respekt und Erstaunen. Die Offenheit seines Vaters war eine wertvolle Lektion für ihn. Er verstand nun: Es gab keinen Grund, nachtragend zu sein. Es waren lediglich Erinnerungen an eine Zeit, die sie dorthin geführt hatte, wo sie heute standen.
„Verstehe“, murmelte Gou und ein seltener Ausdruck von Anerkennung legte sich auf seine Züge. „Es ist also nur ein Teil eurer Geschichte. Nichts, was die Gegenwart beeinflusst.“
Kai löste sich von Nami, seine Hand ruhte jedoch weiterhin schützend an ihrer Taille. Er sah seinen Sohn an und nickte knapp. „Exakt, Gou. Ein starker Anführer weiß, wann die Vergangenheit eine Lehre ist und wann sie nur noch Rauschen im Hintergrund darstellt.“
Gou beobachtete seine Eltern noch einen Moment lang. In seinem Kopf ordneten sich die Informationen...das ritterliche Auftreten von Miguel, die kühle Souveränität seines Vaters und die stille Gewissheit seiner Mutter.
Hiromi, die bisher eher schweigsam neben Gou gestanden hatte und mittlerweile seine Hand hielt, blickte abwechselnd zu Nami und Kai. Sie sah die tiefe Verbindung zwischen den beiden, die durch Miguels Erscheinen nicht erschüttert, sondern eher noch einmal unterstrichen wurde. Ein schelmisches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, während sie die ritterliche Aura Miguels mit der imposanten Präsenz von Kai verglich.
„Man darf bei der ganzen Geschichte aber eines nicht vergessen“, warf Hiromi plötzlich ein, und ihre Stimme klang deutlich mutiger, als sie sich eigentlich fühlte. „Miguel mag ritterlich sein und vielleicht war er damals schneller darin, Komplimente zu machen...“ Sie machte eine kurze Pause und sah Kai direkt an, während ein freches Funkeln in ihren Augen trat. „...aber man sollte nicht vergessen, wer hier am Ende das Rennen gemacht hat. Und wer fünf Kinder mit dieser begehrten Frau bekommen hat...beziehungsweise gerade bekommt.“
Kaum hatte das letzte Wort ihre Lippen verlassen, schlug sich Hiromi die Hand vor den Mund.
Ihr Kommentar hing für einen Moment wie ein Echo in der Luft, während sie mit geweiteten Augen und der Hand vor dem Mund dastand. Die Erkenntnis, dass sie gerade vor dem großen Kai Hiwatari und einem Teil seiner Familie über deren...Produktivität gescherzt hatte, ließ ihre Wangen in einem kräftigen Rot erglühen.
Nami hingegen lachte nun aus vollem Herzen. Es war ein befreiendes, ehrliches Lachen, das so gar nicht zu der steifen Etikette der Gala passen wollte, aber perfekt zu der Wärme passte, die sie ausstrahlte. Sie löste sich ein Stück von Kai, nur um ihren Arm fester in seinen zu schlingen.
„Da hast du wohl recht, Hiromi“, sagte Nami mit einem augenzwinkernden Blick auf ihren Mann. „Manche Siege werden eben nicht in der Arena errungen.“
Kai, von dem man in solchen Momenten normalerweise eine kühle Zurechtweisung oder ein peinlich berührtes Schweigen erwartet hätte, überraschte alle Anwesenden. Ein echtes, wenn auch dezentes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er wirkte in diesem Augenblick vollkommen im Reinen mit sich selbst. Die Provokation, die Miguels Anwesenheit vielleicht hätte sein können, war durch Hiromis ungefilterte Ehrlichkeit endgültig ins Lächerliche gezogen worden.
„Ganz genau, Hiromi“, sagte er mit einer tiefen, ruhigen Stimme, die keinen Zweifel an seinem Stolz ließ. Er neigte den Kopf leicht, als würde er ihren Punkt offiziell anerkennen. „Am Ende zählen die Fakten. Und die Fakten sprechen eine sehr deutliche Sprache.“
Er legte seine Hand kurz auf Namis kleinen Babybauch...eine Geste, die so voller Zärtlichkeit und gleichzeitig so souverän war, dass selbst Gou für einen Moment den Blick abwandte, um seinen Eltern diese private Sekunde zu lassen.
Gou räusperte sich leise, doch in seinen Augen blitzte ein amüsiertes Funkeln, das er von seinem Vater geerbt hatte. „Ich schätze, das ist das ultimative Argument in jeder Diskussion um die Vergangenheit“, bemerkte er trocken und nahm noch einen Schluck Wasser.
Hiromi entspannte sich sichtlich, als sie merkte, dass Kai ihr den Kommentar nicht übel nahm. „Ich... ich wollte nur sagen, dass man sieht, wer gewonnen hat“, stammelte sie noch einmal leise hinterher, was Nami nur dazu veranlasste, ihr aufmunternd zuzuzwinkern.
„Wir haben alle gewonnen, Hiromi“, sagte Nami sanft und sah in die Runde... zu ihrem Sohn, der so viel Ähnlichkeit mit seinem Vater besaß, zu der jungen Frau an seiner Seite und zu dem Mann, der für sie der Mittelpunkt ihrer Welt war. „Manchmal braucht es eben einen langen Weg, um zu erkennen, wo man hingehört.“
In diesem Moment näherten sich Hana und Vladimir wieder der Gruppe, offenbar angelockt durch Namis Lachen.
„Was haben wir verpasst?“, fragte Hana mit einem neugierigen Lächeln, während sie den Arm in Vladimirs eingehängt hatte. „Man hört dich bis zum Buffet lachen, Nami.“
Kai sah seinen Bruder an, und das Schmunzeln lag immer noch in seinen Zügen. „Nur eine kleine Lektion in Sachen Statistik, Vladimir“, antwortete er kryptisch, was bei Gou und Hiromi für erneutes Grinsen sorgte.
Gala
Gou beobachtete seinen Vater aufmerksam, während sich die allgemeine Heiterkeit am Tisch wieder legte. Er bemerkte die Art, wie Kai dastand...nicht wie ein Soldat auf Posten, sondern wie ein Mann, der seinen Platz in der Welt gefunden hatte. Die sonst so allgegenwärtige, unterdrückte Intensität, die Kai oft wie eine elektrische Spannung umgeben hatte, war einer tiefen, fast unerschütterlichen Gelassenheit gewichen.
„Vater“, begann Gou leise, als sich Hana und Nami in ein Gespräch über das Buffet vertieften. „Ich habe bemerkt, dass du dich in den letzten Monaten...sehr verändert hast.“
Kai hob leicht den Kopf und sah seinen Sohn an. Er erwiderte nichts sofort, sondern wartete ab, was Gou noch zu sagen hatte.
„Du wirkst tiefenentspannt“, fuhr Gou fort, wobei er seine Worte sorgfältig wählte. „Früher war da immer dieser Schatten, diese ständige Bereitschaft zum Kampf, selbst wenn kein Gegner im Raum war. Jetzt wirkst du... mit dir im Reinen. Als hättest du Frieden mit Dingen geschlossen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie dich bekriegen.“
Kai schwieg für einen Moment. Er dachte an die Stunden bei Dr. Arata, an die mühsame Arbeit, die Mauern in seinem Inneren Stein für Stein abzutragen, und an die Gespräche mit Nami, die ihm geholfen hatten, die Geister seiner Vergangenheit endgültig zur Ruhe zu betten. Gou wusste nichts von der Therapie, und Kai beabsichtigte auch nicht, dies alsbald zu ändern. Es war ein Weg, den er nur mit Nami teilte....auch weil Dr. Arata davon abriet, zu viele vertraute Menschen mit einzubeziehen.
Doch er respektierte die Beobachtungsgabe seines Sohnes zu sehr, um ihn mit einer hohlen Phrase abzuspeisen.
„Man lernt irgendwann, dass man nicht jede Schlacht gewinnen muss, um den Krieg zu beenden, Gou“, antwortete Kai schließlich. Seine Stimme war ruhig und fest. „Manchmal besteht der größte Sieg darin, die Waffen niederzulegen und zu akzeptieren, dass die Gegenwart wichtiger ist als das, was hinter einem liegt.“
Er legte Gou eine Hand auf die Schulter. „Dass du das bemerkst, zeigt mir erneut, dass du nicht nur die Bewegungen eines Bit-Beasts verstehst, sondern auch die der Menschen um dich herum. Behalte dir das unbedingt bei.“
Gou spürte das Gewicht der Hand seines Vaters und nickte ernst. Er spürte, dass hinter Kais Worten eine Tiefe lag, die er noch nicht ganz erfassen konnte, aber das Ergebnis war für ihn deutlich sichtbar: Sein Vater war endlich der Mann geworden, der er immer sein wollte.
„Ich werde es mir merken“, erwiderte Gou knapp.
Nami sah zu den beiden hinüber und bemerkte den stillen Moment zwischen Vater und Sohn. Sie kannte Kais Geheimnis, kannte den Stolz, den er für seine Fortschritte empfand, und sie schenkte ihm ein Lächeln, das nur für ihn bestimmt war. Kai erwiderte das Lächeln kaum merklich, doch die Ruhe in seinen Augen sprach Bände.
In diesem Moment klatschte Tyson in die Hände und unterbrach die besinnliche Stimmung. „Schön und gut mit der Statistik und dem ritterlichen Getue, aber wenn wir nicht bald zum Buffet gehen, fange ich an, die Servietten zu essen! Miguel hin oder her...der Hunger eines Weltmeisters wartet auf niemanden!“
Lachend setzte sich die Gruppe in Bewegung, und während sie durch den festlich beleuchteten Saal schritten, war Kai Hiwatari tatsächlich genau das, was sein Sohn gesehen hatte: ein Mann, der vollkommen im Reinen mit sich selbst war.
Plötzlich...ein minimales Schwanken, ein kurzes Schließen der Augen, doch für Kai war es so deutlich wie ein Donnerschlag. Er bemerkte die Veränderung sofort, festigte seinen Griff um ihre Taille und beugte sich besorgt zu ihr.
„Nami? Wie fühlst du dich?“, fragte er mit einer Stimme, die zwar leise war, aber keinen Widerspruch duldete.
Nami blinzelte und versuchte, ein beruhigendes Lächeln aufzubringen, doch ihre Haut war eine Nuance blasser geworden. „Es ist alles in Ordnung, Kai. Mir ist nur ein wenig schwindelig... ich brauche wohl nur etwas frische Luft.“
Kai schüttelte kaum merklich den Kopf. Sein Blick wanderte prüfend über ihr Gesicht. „Ich beobachte dich schon die ganze Zeit“, erwiderte er bestimmt. „Ich denke eher, dass du heute zu lange gestanden hast. Du musst dich setzen.“
Obwohl Nami den Abend eigentlich tanzend verbringen wollte, war die Müdigkeit in ihren Gliedern nun nicht mehr zu leugnen. Sie nickte dankbar. Kai ließ sie nicht eine Sekunde los; er hielt sie sicher an der Taille und führte sie mit ruhigen, schützenden Schritten durch die Menge zum Rand des Saals. Dort, in einer etwas ruhigeren Nische und direkt neben der weit geöffneten Terrassentür, standen mehrere ausladende Samtsofas. Die kühle Nachtluft von draußen strömte herein und brachte den Duft des Dachgartens mit sich.
Er half ihr beim Setzen und ließ sich dann direkt neben ihr nieder, wobei er sie sanft, aber bestimmt eng an seine Seite zog. Nami legte ihren Kopf auf seine Schulter und atmete tief die frische Luft ein, während sie spürte, wie sich der Schwindel langsam legte.
„Danke“, murmelte sie und sah dann zu ihm auf. „Kai? Worüber hast du eigentlich eben mit Gou geredet? Er sah so ernst aus.“
Kai begann, mit seinen Fingern ganz leicht über ihren Arm zu kraulen...eine Geste, die sie immer sofort entspannte. Ein kleines, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Züge.
„Gous Beobachtungsgabe ist beängstigend“, erzählte er ihr ruhig. „Er hat bemerkt, dass ich mich in den letzten Monaten verändert habe. Dass ich... entspannter wirke und mehr mit mir im Reinen bin als früher.“
Nami hob leicht den Kopf. „Er hat es also auch gesehen.“
„Ja“, bestatigte Kai und verstärkte das Kraulen an ihrem Arm. „Er hat keine Details gefragt, aber er hat das Ergebnis erkannt. Er sieht Dinge, für die andere Jahre brauchen würden. Es hat mich überrascht, wie treffsicher er die Dynamik zwischen mir und Miguel analysiert hat...und wie gut er mich inzwischen lesen kann.“
Nami lächelte und schloss wieder die Augen, während sie die sanfte Berührung auf ihrer Haut genoss. „Er ist eben dein Sohn, Kai. Er sieht nicht nur das, was man ihm zeigt, sondern das, was wirklich da ist.“
Kai antwortete nicht, aber er zog sie noch ein Stück näher an sich, während er schweigend zusah, wie die Vorhänge der Terrassentür im leichten Nachtwind tanzten. In diesem Moment war der Trubel der Gala weit weg; es gab nur das gleichmäßige Atmen seiner Frau und das Wissen, dass seine Familie ihn besser kannte, als er es jemals für möglich gehalten hätte.
Ein paar Meter entfernt...
Miguel nippte nachdenklich an seinem Champagner, während sein Blick am Rand des Saales verweilte. Aus der Distanz wirkte die Szene fast wie ein Gemälde: Kai, der sonst so unnahbare Zar, wie er behutsam Namis Kinn anhob und sie in einen zärtlichen, tiefen Kuss zog. Es war eine Geste voller Vertrautheit, die so gar nicht zu dem Bild passte, das die Welt jahrelang von Kai Hiwatari gezeichnet hatte.
„Es ist immer noch verblüffend, nicht wahr?“
Die Stimme von Stanley Dickenson riss Miguel abrupt aus seinen Gedanken. Er blinzelte und wandte sich um. Der alte Herr stand neben ihm, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und blickte ebenfalls mit einem milden, fast väterlichen Lächeln zu dem Paar auf dem Sofa. Er hatte Miguel schon eine ganze Weile beobachtet.
„Sagen Sie mir, Miguel“, fuhr Dickenson leise fort, ohne den Blick von den beiden abzuwenden. „Sind Sie nach über zwanzig Jahren immer noch nicht ganz darüber hinweg?“
Miguel lachte leise, ein ehrliches, kurzes Auflachen, das keinerlei Bitterkeit enthielt. Er schüttelte den Kopf. „Es ist nicht das, was Sie denken, Stanley. Ich bin definitiv schon sehr lange über die Abfuhr von damals hinweg. Das war eine Lektion in Demut, die ich wohl gebraucht habe.“
Er hielt inne und sah wieder zu Nami, die nun ihren Kopf wieder an Kais Schulter gebettet hatte, während dieser geistesabwesend ihren Arm kraulte.
„Ich bin nur immer noch überwältigt“, gab Miguel offen zu. „Wie sehr sich diese wunderbare Frau damals bereits sicher war, diesen traumatisierten und kalten Jungen zu heilen. Jede andere hätte aufgegeben, aber sie hat alles bekommen, was sie wollte. Zu sehen, dass jemand das gefühlt Unmögliche hinbekommen hat... das ist es, was mich so tief beeindruckt.“
Er wirbelte den restlichen Champagner in seinem Glas herum und sein Gesichtsausdruck wurde für einen Moment ernst.
„Und wenn ich ganz ehrlich zu Ihnen bin, Stanley.“, fügte er mit einer Spur von Wehmut hinzu, „...schwingt vielleicht doch ein klein wenig Neid mit. Ich habe eine gescheiterte Ehe hinter mir und habe keine Kinder. Und ausgerechnet derjenige, der früher als vollkommen sozialunfähig und unnahbar galt, scheint heute die perfekte Ehe zu führen und hat ein Haus voller Kinder.“
Dickenson nickte langsam. Er verstand die Nuancen in Miguels Stimme. „Das Leben schreibt seltsame Geschichten, Miguel. Kai hat nicht nur eine Frau gefunden, sondern einen Anker. Und Nami hat nicht nur einen Ehemann gesucht, sondern eine Aufgabe, an die sie geglaubt hat.“
Miguel neigte leicht den Kopf. „Das hat sie wohl. Und sie hat gewonnen.“
Er erhob sein Glas in einer stummen Geste des Respekts in Richtung des Sofas, bevor er sich wieder Dickenson zuwandte. „Aber genug von der Vergangenheit. Wir haben eine BBA zu führen, die diesen Standard an Integrität erst einmal erreichen muss.“
Auf dem Sofa spürte Nami die kühle Brise der Nacht und die Wärme von Kais Körper. Sie sah, wie Miguel und Dickenson sich im Saal unterhielten, und ein tiefes Gefühl von Frieden breitete sich in ihr aus.
„Siehst du Miguel?“, fragte sie leise, ohne sich zu bewegen.
„Er hat hergesehen.“, antwortete Kai kurz angebunden, aber ohne die frühere Härte.
Kai hielt in der Bewegung inne. Er dachte an das, was Miguel ihm vor Monaten im Blue Velvet offenbart hatte...das Bild der jungen Nami, wie sie damals im BBA-Hauptquartier hinter einer Säule gewartet hatte, nur um einen Blick auf ihn zu erhaschen. Miguel war damals derjenige gewesen, der sie gesehen und ihr den Hof gemacht hatte, doch er war für sie immer unsichtbar geblieben.
„Er war nie wirklich ein Rivale, Nami“, sagte Kai nun mit einer Stimme, die so fest und sicher klang wie ein tiefes Fundament. Er sah sie an, und in seinen roten Augen lag eine absolute Gewissheit. „Das ist mir heute klarer denn je. Er war lediglich ein Zeuge deines Wartens. Du hattest dich längst entschieden, bevor ich überhaupt wusste, dass es jemanden wie dich gibt.“
Er strich ihr sanft über die Wange. „Dass er damals versucht hat, dich zu beeindrucken, kann ich ihm heute nicht einmal mehr verübeln. Wer hätte das nicht versucht? Aber er wusste schon damals, dass er gegen einen Schatten kämpfte, den ich selbst noch gar nicht kannte.“
Nami lächelte, und ein wenig Rührung schimmerte in ihren Augen. „Er hat es damals tatsächlich sehr ritterlich genommen, als ich ihm sagte, dass mein Herz bereits vergeben ist...auch wenn derjenige, dem es gehörte, damals noch viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war und in Miguels Augen, eine harte Nuss zum knacken war.“
„Zum Glück warst du geduldiger als er“, erwiderte Kai mit einem Anflug von trockenem Humor. Er zog sie wieder fest an sich, während er beobachtete, wie Miguel sich im Saal professionell und charmant bewegte. „Es gab nie einen Grund für Missgunst. Er hat gesehen, was ich fast übersehen hätte, und heute sind wir beide an einem Punkt, an dem wir das respektieren können.“
Die kühle Nachtluft wehte herein und Nami kuschelte sich tiefer in seine Seite. Die Tatsache, dass sie hier gemeinsam saßen und so offen über diese alten Zeiten sprechen konnten, war für sie das sicherste Zeichen, dass sie alles richtig gemacht hatten.
„Ich bin froh, dass ihr euch heute als Kollegen gegenüberstehen könnt“, murmelte sie.
„Das können wir“, bestätigte Kai knapp. Er legte sein Kinn auf ihren Kopf und schloss für einen Moment die Augen, während er das gleichmäßige Atmen seiner Frau spürte. Das Kapitel Miguel Soares war für ihn keine offene Rechnung, sondern eine abgeschlossene Lektion in Sachen Schicksal.
Kai schien die Außenwelt fast vollständig ausgeblendet zu haben, während er seinen Arm noch fester um Namis Taille legte. Seine Hand glitt mit einer besitzergreifenden, aber unendlich zärtlichen Bewegung über ihren Bauch und verharrte dort in einem langsamen, schützenden Streicheln.
Nami genoss die Geborgenheit, doch als sie den Blick kurz hob, bemerkte sie zwei junge Kellnerinnen, die unweit von ihnen innehielten. Die beiden hielten ihre Tabletts fest umschlungen und beobachteten die Szene mit völlig ergriffenen Mienen. Es war ein seltener Anblick...der als unnahbar geltende Kai Hiwatari, der in aller Öffentlichkeit eine solche tiefe, unverhohlene Zärtlichkeit zeigte.
Nami schmunzelte leise und wollte Kai gerade darauf aufmerksam machen, als Vladimir und Hana auf ihre Nische zusteuerten. Die beiden wirkten ebenfalls entspannter, das festliche Tempo der Gala schien nun auch bei ihnen einem ruhigeren Ausklang zu weichen.
„Wir dachten uns schon, dass wir euch hier finden“, sagte Hana leise, während sie sich dankbar auf das gegenüberliegende Sofa sinken ließ. Sie strich ihr langes, glattes Haar über die Schulter und atmete tief durch. „Die frische Luft hier ist ein Segen. Drinnen wird die Luft allmählich dick vor lauter Diplomatie und Champagner.“
Vladimir setzte sich neben sie, seine Bewegungen gewohnt präzise und ruhig. Er warf seinem jüngeren Bruder einen kurzen, wissenden Blick zu. Er sah Kais Hand auf Namis Bauch und die Art, wie Kai sie hielt – als wäre sie der einzige Fixpunkt in diesem gesamten, prunkvollen Saal.
„Du siehst erschöpft aus, Nami“, bemerkte Vladimir sachlich, aber mit einem Unterton von familiärer Sorge. „Kai hat recht daran getan, dich aus dem Trubel zu ziehen.“
„Es geht schon wieder“, erwiderte Nami und lehnte ihren Kopf gegen Kais Brust. „Die Gesellschaft hier ist mir ohnehin lieber als die der Funktionäre.“
Hana lächelte warm und sah zu Kai. „Es ist schön zu sehen, dass ihr heute Abend euren Frieden gefunden habt. Sogar Miguel wirkt, als wäre eine Last von ihm abgefallen, nachdem er mit euch gesprochen hat.“
Kai nickte nur knapp, sein Fokus blieb bei Nami, während seine Hand weiterhin die sanften Kreise auf ihrem Bauch beschrieb. „Er weiß jetzt, woran er ist. Das ist die beste Basis für eine professionelle Zusammenarbeit.“
„Das stimmt“, stimmte Vladimir zu und lehnte sich zurück. „Die BBA unter Miguel wird anders sein als unter Dickenson. Strategischer, vielleicht sogar etwas ritterlicher, wie er es nennt. Aber solange die Academy ihre Autonomie behält, ist es ein Gewinn für alle.“
Ein Moment des angenehmen Schweigens entstand zwischen den vier Erwachsenen. Während im Hintergrund die Musik der Gala nur noch gedämpft zu hören war, fühlte sich diese kleine Ecke am Rand des Saals wie ein geschützter Raum an.
Hana beugte sich leicht vor und legte eine Hand auf Kais Arm, während sie ihn mit einem bittenden, aber entschlossenen Lächeln ansah. „Kai, darf ich deine Frau kurz zur Bar entführen? Wir brauchen dringend ein wenig 'Schwesternzeit' und ein Glas Wasser.“
Kai zog die Augenbrauen zusammen, und sein Griff um Namis Taille festigte sich unbewusst. Er wirkte nicht im Geringsten begeistert von der Idee, seinen schützenden Posten aufzugeben, besonders jetzt, wo Nami gerade erst wieder Farbe im Gesicht hatte.
„Fünf Minuten, Kai“, fügte Hana amüsiert hinzu, als sie seinen skeptischen Blick bemerkte. „Bei diesem Blick könnte man meinen, ich wolle sie auf eine Weltreise entführen. Du kannst ja in fünf Minuten nachkommen und sie wieder in Beschlag nehmen.“
Nami sah zu ihm auf und legte ihre Hand beruhigend auf seine. „Es geht mir gut, Kai. Wirklich. Ich erwarte dich in fünf Minuten an der Bar, damit du mich wieder stützen kannst.“
Vladimir, der die Szene mit verschränkten Armen beobachtet hatte, musste kurz lachen. „Ich bin mir sicher, dass mein Bruder fünf Minuten ohne seine bessere Hälfte verschmerzen kann, auch wenn es ihm sichtlich schwerfällt. Geh nur, Nami. Ich passe auf, dass er hier nicht die Geduld verliert.“
Kai gab schließlich nach, wenn auch mit einem letzten, prüfenden Blick auf Nami. Er lockerte seinen Griff und sah ihnen nach, wie sie sich langsam in Richtung der Marmorbar bewegten.
Dort angekommen, bestellte Hana zwei stille Wasser. Sobald sie sich sicher war, dass sie außer Hörweite der Männer waren, lehnte sie sich eng zu Nami. Ihr Gesichtsausdruck wurde schlagartig ernst und voller unterdrückter Aufregung.
„Nami... ich glaube, ich bin schwanger“, flüsterte sie so leise, dass es fast im Klirren der Gläser unterging. „Ich bin seit zwei Wochen überfällig.“
Nami hielt mitten in der Bewegung inne, das Glas Wasser bereits in der Hand. Ihr Gesicht hellte sich augenblicklich auf, und sie musste an sich halten, um nicht vor Freude aufzuschreien. „Hana! Das ist... das ist wunderbar! Weiß Vladimir es schon?“
Hana schüttelte hastig den Kopf. „Nein, er hat noch keine Ahnung. Ich habe es noch nicht getestet, weil ich Angst habe, mich zu früh zu freuen.“
Nami runzelte kurz die Stirn und sah zweifelnd zurück zu dem Tisch, an dem die beiden Brüder saßen. „Aber Vladimir ist so aufmerksam. Er kennt deinen Zyklus doch sicher in- und auswendig, so wie ich ihn kenne.“
Hana biss sich kurz auf die Lippe und ein wehmütiges, aber hoffnungsvolles Lächeln trat auf ihre Lippen. „Vergiss nicht, Nami, ich werde bald 40. Mein Zyklus ist in letzter Zeit nicht mehr ganz so präzise wie eine Schweizer Uhr. Es gab immer mal wieder Schwankungen. Deshalb glaube ich nicht, dass er Verdacht geschöpft hat...er denkt wahrscheinlich nur, dass der Stress der letzten Wochen alles ein wenig verschoben hat.“
Sie sah ihre jüngere Schwester bittend an. „Bitte sag noch nichts. Ich möchte sicher sein, bevor ich es ihm sage. Ich wollte es nur dir sagen, weil... nun ja, du gerade in derselben Situation bist.“
Nami drückte fest Hanas Hand unter dem Tresen. „Mein Mund ist versiegelt. Aber Hana... wenn es stimmt, dann werden unsere Kinder fast im gleichen Alter sein. Stell dir das mal vor. Genauso wie damals bei Gou und Akari“
Nami musste leise kichern und sah ihre Schwester mit einem wissenden Funkeln in den Augen an. „Und?“, flüsterte sie neugierig. „Habt ihr es denn darauf angelegt? Oder war es eher... ein glücklicher Zufall?“
Hana spürte, wie ihr ein wenig die Röte in die Wangen stieg, doch sie lächelte offen. „Ehrlich gesagt verhüten wir seit etwa sechs Monaten nicht mehr“, gestand sie leise. „Wir haben uns oft darüber unterhalten. Wir dachten uns einfach: Wenn es noch einmal klappen soll mit einem zweiten gemeinsamen Kind, dann jetzt. Ich habe ja mit bald 40 Jahren auch nicht mehr ewig Zeit.“
Sie nahm einen kleinen Schluck Wasser und schaute kurz verstohlen zu Vladimir hinüber, der in ein Gespräch mit seinem Bruder vertieft war. „Wir haben uns keinen Druck gemacht, aber ich muss zugeben... die letzten zwei Monate waren, was unsere Intimität betrifft, schon sehr intensiv. Es fühlt sich einfach alles so richtig an zwischen uns.“
Nami strahlte sie an. Die Vorstellung, dass ihre Babies gemeinsam aufwachsen würden, war beinahe zu schön, um wahr zu sein. „Dann stehen die Chancen ja verdammt gut, Hana. Ich habe so ein Gefühl, dass du nicht mehr lange auf die Gewissheit warten musst.“
In diesem exakten Moment...fast so, als hätte er einen eingebauten Timer für die Abwesenheit seiner Frau...trat Kai von hinten an Nami heran. Er ignorierte die geschäftige Bar um sie herum völlig. Seine Hand glitt mit einer besitzanzeigenden, aber ruhigen Sicherheit um ihre Taille und zog sie sanft gegen seinen Körper.
Bevor er ein Wort sagte, neigte er den Kopf und gab ihr einen leichten, zärtlichen Kuss auf die Schläfe. „Die fünf Minuten sind um“, stellte er schlicht fest, wobei seine Stimme tief und nun wieder vollkommen entspannt klang.
Nami lehnte sich sichtlich genießend an ihn und sah zu Hana hinüber, die den beiden mit einem rührenden Lächeln zusah. „Pünktlich wie die Maurer“, scherzte Nami leise und legte ihre Hand über seine, die erneut auf ihrem Bauch ruhte.
Kai blickte von Nami zu Hana und wieder zurück. Sein Blick war wachsam, aber nicht mehr angespannt. Er bemerkte die gelöste, fast schon euphorische Stimmung zwischen den Schwestern, stellte aber keine Fragen. Er war einfach nur froh, Nami wieder in seiner direkten Nähe zu wissen.
„Vladimir wartet“, sagte er schließlich, während er Nami bereits wieder sanft in Richtung ihres Platzes lenkte. „Er meinte, er hätte noch etwas Wichtiges mit uns zu besprechen, bevor der Abend zu Ende geht.“
Hana zwinkerte Nami unauffällig zu, bevor sie ihnen folgte. Das Geheimnis zwischen den Schwestern hing wie ein kostbares Versprechen in der Luft, während sie gemeinsam zurück zum Rest der Familie kehrten.
Nami konnte sich ein amüsiertes Kichern nicht verkneifen, während sie sich tiefer in seine Umarmung sinken ließ. „Du hast das mit den fünf Minuten ja wirklich auf die Sekunde genau genommen, Kai“, flüsterte sie ihm zu, wobei ihre Augen vor Vergnügen blitzten.
Kai schmunzelte kaum merklich. Er führte sie mit sicherem Schritt von der Bar weg, seine Hand fest und warm an ihrer Taille. „Ich hätte dich auch zehn Minuten oder länger mit deiner Schwester allein gelassen, wenn du es gewollt hättest“, erwiderte er trocken, während seine Stimme diese tiefe, beruhigende Resonanz annahm. „Aber wenn Hana von sich aus schon fünf Minuten als Limit festlegt... wieso sollte ich ihr da widersprechen?“
Nami lachte hell auf, ein Geräusch, das in der festlichen Halle zwischen den Kristalllüstern widerhallte. Sie sah zu ihm auf und entdeckte in seinen Zügen jenes seltene, ehrliche Lächeln, das er der restlichen Welt so beharrlich vorenthielt. Es war ein Ausdruck purer, ungefilterter Zuneigung, der nur ihr allein gehörte und ihr in diesem Moment mehr bedeutete als alles andere.
„Du bist unmöglich“, murmelte sie liebevoll.
„Ich bin effizient“, korrigierte er sie leise, wobei das Schmunzeln noch immer in seinen Mundwinkeln tanzte.
Als sie wieder bei Vladimir ankamen, der sie mit einem amüsierten Hochziehen der Augenbrauen erwartete, wirkte die kleine Gruppe wie eine Insel der Beständigkeit inmitten des glitzernden Gala-Trubels. Hana setzte sich mit einem geheimnisvollen Lächeln zurück an Vladimirs Seite, und für einen Moment war die Verbindung zwischen den vier Erwachsenen greifbar...geprägt von alten Geschichten, neuen Geheimnissen und der tiefen Gewissheit, dass sie alle ihren rechtmäßigen Platz gefunden hatten.
Während die vier Erwachsenen in ihre vertraute Welt aus Zukunftsplänen und geteilten Geheimnissen versunken waren, bot sich am Buffet ein völlig anderes Bild.
Gou stand mit Hiromi an der reich gedeckten Tafel, doch ihr Interesse galt weniger den Delikatessen als vielmehr der strategischen Verteilung seiner Teammitglieder im Raum. Hiromi füllte sich gerade vorsichtig etwas von dem Hummer-Mousse auf ihren Teller und blickte sich suchend um.
„Gou? Wo ist eigentlich dein Team abgeblieben?“, fragte sie leise. „Ich dachte, ihr wolltet den Abend nutzen, um als Einheit Präsenz zu zeigen.“
Gou hob beiläufig die Hand und deutete mit einer minimalen Kopfbewegung auf einen der hinteren Ecktische, der fast im Halbschatten der schweren Samtvorhänge lag.
„Dort vorne“, antwortete er knapp.
Hiromi folgte seinem Blick und konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Das Bild war... bezeichnend.
Ryan saß mit verschränkten Armen da, den Blick starr auf die Tanzfläche gerichtet, und gähnte so herzhaft, dass man fast seine Mandeln zählen konnte.
Violeta war völlig in ihr Smartphone vertieft, wobei das bläuliche Licht des Displays ihre konzentrierten Züge unnatürlich hell anstrahlte.
Emilia war der Gipfel der Entspannung: Sie war tatsächlich auf ihrem Stuhl eingenickt, den Kopf leicht in den Nacken gelegt.
Und...Makoto? Der war nirgends am Tisch zu sehen. Hiromi entdeckte ihn Sekunden später am Tisch der Grangers, wo er gerade lauthals über einen Witz seines Vaters Tyson lachte und dabei fast sein Glas umstieß.
„Ein bunter Haufen“, kommentierte Hiromi amüsiert. „Solltest du sie nicht... keine Ahnung... motivieren?“
Gou schüttelte den Kopf und nahm sich ein Stück dunkles Brot. „Nein. Sie akzeptieren einfach meine Privatsphäre. Sie wissen, wann sie als Team auftreten müssen und wann sie mir den Raum geben, den ich brauche. Sie wollen die Atmosphäre hier nicht stören.“
Hiromi hielt inne und sah ihn verwirrt an. „Welche Atmosphäre meinst du? Es ist eine Gala, Gou. Hier herrscht überall dieselbe feierliche Stimmung.“
Gou hielt in seiner Bewegung inne. Ein leises, fast unhörbares Lachen drang aus seiner Kehle...ein tiefer Klang, der Hiromi sofort aufhorchen ließ. Er trat einen Schritt näher an sie heran, so nah, dass sie seinen vertrauten Duft wahrnehmen konnte, und neigte seinen Kopf tief zu ihrem Ohr hinab.
„Ich finde es wirklich immer wieder so süß“, flüsterte er, und seine Stimme war so tief und vibrierend, dass Hiromi ein unwillkürlicher Schauer über den Rücken lief, „...wie du das Offensichtliche durch die ganze Ablenkung um dich herum gar nicht wahrnimmst.“
Hiromi spürte, wie ihre Knie weich wurden, doch sie versuchte, standhaft zu bleiben. „Ich... ich verstehe immer noch nicht, worauf du hinauswillst.“
Gou zog sich nur ein kleines Stück zurück, gerade weit genug, um ihr direkt in die Augen zu sehen. Sein Blick war nun nicht mehr der des kühlen Taktikers, sondern erinnerte viel mehr an das fokussierte Glühen in den Augen seines Vaters.
„Ich beobachte dich schon den ganzen Abend wie ein Raubtier seine Beute, mein Engel.“, sagte er ruhig, während er eine Hand ganz leicht und wie zufällig an ihre Taille legte. „Ich habe den ganzen Abend kleine, subtile Gesten eingebaut, um dir etwas zu vermitteln. Etwas sehr Bestimmtes.“
In diesem Moment traf es Hiromi wie ein Schlag. Die Puzzleteile der letzten Stunden fügten sich in ihrem Kopf schlagartig zusammen.
Der langsame, intensive Blick, den er ihr zugeworfen hatte, während Miguel sprach.
Das kurze, fast überlegene Schmunzeln, als sie ihn auf der Tanzfläche gestreift hatte.
Die „zufälligen“ Berührungen seiner Hand an ihrem Rücken, die viel länger verweilt hatten, als es für reinen Anstand nötig gewesen wäre.
Gous Hand an ihrer Taille übte einen minimalen Druck aus, gerade genug, um sie daran zu erinnern, wer hier die Kontrolle über die Situation hatte.
„Hast du es jetzt verstanden?“, fragte er leise.
Hiromi schluckte schwer. Das Buffet, die anderen Gäste, sogar Makotos lautes Lachen im Hintergrund...alles schien zu verblassen. Sie sah Gou an und erkannte, dass er zwar die Gelassenheit seines Vaters geerbt hatte, seine Art der Eroberung jedoch eine ganz eigene, beängstigend zielstrebige Intensität besaß.
Gerade als die Luft zwischen Gou und Hiromi so elektrisierend aufgeladen war, dass die restliche Gala vollkommen in den Hintergrund trat, passierte das Unvermeidliche.
Der Moment zerbrach mit dem scheppernden Geräusch einer Servierzange, die Tyson Granger gerade etwas zu enthusiastisch in die Hand nahm.
„Gou! Mein Junge!“, dröhnte Tysons Stimme, die jede diplomatische Zurückhaltung im Umkreis von zehn Metern sprengte. „Ich hab dich schon gesucht! Sag mal, hast du gesehen, wo die diese fantastischen Riesen-Shrimps mit der Knoblauchkruste versteckt haben? Ich könnte schwören, die standen eben noch hier!“
Hiromi zuckte zusammen und trat hastig einen Schritt von Gou weg, während ihr Herz noch immer wie verrückt gegen ihre Rippen hämmerte. Ihre Wangen glühten in einem tiefen Rot, das nichts mit der Wärme im Saal zu tun hatte.
Gou hingegen rührte keinen Muskel, außer dass sich sein Kiefer für einen Sekundenbruchteil anspannte. Er sah Tyson mit einem Blick an, der so unterkühlt war, dass er die Shrimps auf der Stelle hätte schockfrosten können. Doch Tyson war, wie so oft in seinem Leben, vollkommen immun gegen subtile, kühle Auren.
„Onkel Tyson“, sagte Gou mit einer Stimme, die gefährlich ruhig klang. „Ich glaube, sie haben die Shrimps bereits abgeräumt, um Platz für den nächsten Gang zu machen.“
„Was?! Abgeräumt?“, Tyson sah auf das Buffet, als hätte man ihm gerade den Weltmeistertitel aberkannt. Er ignorierte die knisternde Spannung zwischen den beiden Teenagern völlig und beugte sich über die Schüsseln. „Das kann nicht sein! Kenny meinte, die hätten noch Reserven in der Küche! Hiromi, du hast doch sicher noch welche gesehen, oder?“
Hiromi stammelte eine unverständliche Antwort, während sie krampfhaft versuchte, Gous Blick auszuweichen. Sie spürte, dass er sie immer noch beobachtete...trotz Tysons massiver Präsenz an seiner Seite.
„Tyson! Lass die armen Kinder in Ruhe und hör auf, das Personal wegen der Meeresfrüchte zu terrorisieren!“, rief Hilary von weitem, die das Spektakel kopfschüttelnd beobachtete.
Tyson grinste breit, klopfte Gou noch einmal so fest auf den Rücken, dass dieser nur mühsam die Beherrschung wahrte, und zwinkerte Hiromi zu. „Na gut, na gut! Aber Gou, merk dir eins: Ein hungriger Blader ist ein schlechter Blader. Wir sehen uns später!“
Mit diesen Worten wirbelte Tyson davon, um Hilary davon zu überzeugen, dass er „dringend mehr Energie für die spätere Party“ brauchte.
Es dauerte einen Moment, bis die Stille zwischen Gou und Hiromi wieder einkehrte. Gou rückte seinen Smoking mit einer einzigen, präzisen Bewegung zurecht und sah Hiromi wieder an. Das Raubtier-Glühen war nicht verschwunden, es war durch die Unterbrechung nur noch... fokussierter geworden.
„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte er leise, als wäre nie etwas passiert.
Hiromi atmete tief durch. Sie erinnerte sich an die letzten sechs Monate... an das erste vorsichtige Händchenhalten, den ersten Kuss...das sich so schnell in eine Leidenschaft verwandelt hatte, die sie anfangs fast überforderte. Gou war liebevoll, fordernd und intensiv, genau wie sein Vater, und sie liebte jede Sekunde davon. Es war an der Zeit, die Rolle der schüchternen Beobachterin endlich hinter sich zu lassen.
Mit einem entschlossenen Funkeln in den Augen trat sie die letzten Zentimeter auf ihn zu. Sie ignorierte das Buffet, die Gäste und den fernen Lärm von Onkel Tyson. Ihre Hände glitten an seinem Smoking hoch und schlangen sich fest um seinen Nacken.
Gou bewegte sich nicht, doch ein triumphierendes Glühen trat in seine Augen. Er spürte durch die dünne Seide seines Hemdes, wie ihr Herz gegen seine Brust raste. Dass sie vor all den Leuten die Initiative ergriff, erfüllte ihn mit einem tiefen, stolzen Vergnügen.
„Du wirst immer mutiger, mein Engel.“, murmelte er, während seine Hände nun fest und sicher ihre Taille umschlossen und sie noch ein Stück enger an sich zogen.
Hiromi spürte die Hitze in ihren Wangen, doch sie wich nicht zurück. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und lehnte sich so nah an sein Ohr, dass ihre Lippen fast seine Haut berührten. „Wollen wir vielleicht... irgendwo hingehen, wo wir ungestört sind?“, flüsterte sie mit belegter Stimme. „Nur wir zwei... zum... Knutschen?“
Sie hielt inne, als sie ein kurzes, unterdrücktes Prusten direkt an ihrem Ohr hörte. Gou lachte selten laut, aber dieses amüsierte, fast schon dunkle Geräusch ließ sie kurz zusammenzucken.
Gou neigte den Kopf, sodass sein Atem heiß an ihrem Hals brannte. „Gott, du bist zum niederknien süß...Knutschen?“, wiederholte er leise, und der Unterton in seiner Stimme war so intensiv, dass Hiromi die Knie zitterten. „Das klingt nach einem sehr harmlosen Plan für das, was ich gerade im Kopf habe.“
Er verstärkte den Druck seiner Hand an ihrem unteren Rücken und zog sie noch ein Stück dichter gegen sich, sodass sie keine Zweifel mehr an seiner körperlichen Präsenz hatte.
„Ich kann dir nicht versprechen, dass es nur beim Knutschen bleibt, Hiromi“, hauchte er zurück. „Nicht bei dem, wie du mich gerade ansiehst.“
Hiromi wurde schlagartig knallrot...ein brennendes Rot, das sich bis zu ihren Ohren ausbreitete. Sie wusste genau, was er meinte, und die Erinnerung an ihre letzten privaten Stunden ließ ihre Gedanken augenblicklich vernebeln.
Gou genoss ihre Reaktion einen Moment lang, bevor er ihre Hand ergriff und sie mit einem zielstrebigen Blick in Richtung der großen Glastüren führte, die in den hinteren, dunkleren Teil der Hotelflure führten.
„Komm“, sagte er mit dieser tiefen, befehlsgewohnten Stimme, die sie so sehr an ihm liebte. „Suchen wir uns einen Ort, an dem wir...ungestört knutschen können.“
Der Hotelgang war in ein gedimmtes, warmes Licht getaucht, das die Stille zwischen ihnen nur noch kostbarer wirken ließ. Das ferne Wummern der Gala-Musik war hier draußen kaum mehr als ein schwacher Puls.
Gou hielt Hiromi fest an der Hand und zog sie sanft, aber bestimmt mit sich, bis sie eine etwas geschütztere Nische erreichten. Ohne Vorwarnung blieb er stehen, drehte sie herum und zog sie in einen tiefen, leidenschaftlichen Kuss. Er drängte sie leicht gegen die weiche, tapezierte Wand, während seine Hände ihr Gesicht einrahmten. Er hielt erst inne, als er bemerkte, wie ihr Atem flach wurde und ihre Augen diesen typischen, glasigen Schleier bekamen, den sie nur bei ihm hatte.
Er löste sich nur wenige Millimeter von ihren Lippen, lehnte seine Stirn an ihre und ein ehrliches, sanftes Lächeln stahl sich auf seine Züge.
„Du bist zum Niederknien süß.“, grinste er, während sein Daumen über ihre Wange strich. „Ich bekomme einfach nicht genug von dir.“
Er betrachtete sie einen Moment lang schweigend, als würde er versuchen, das Bild ihrer geröteten Wangen in seinem Gedächtnis zu speichern. „Weißt du... ich hätte damals nie gedacht, dass du so schüchtern sein kannst. Schließlich bist du die Nummer eins bei den Jungs auf unserer Schule und kamst immer so verdammt selbstbewusst rüber.“
Hiromi sah ihm tief in die Augen, ihr Herz hämmerte so laut gegen ihre Rippen, dass sie fast glaubte, er müsse es hören können. „Ich bin es einfach...immer noch nicht gewohnt, wie viel ich für dich empfinde“, gestand sie mit belegter Stimme. „Ich finde dich einfach unglaublich attraktiv, Gou. Ich kann es manchmal immer noch nicht ganz glauben, dass ich tatsächlich deine Freundin bin.“
Sie machte eine kurze Pause und schluckte schwer. „Dass ich damals...vor dir immer so taff rüberkam, lag nur daran, dass es vor dir nie jemanden gab, der mich so sehr aus dem Konzept gebracht hat. Niemanden, für den ich so viel empfand wie für dich.“
Bei ihren Worten errötete sie erneut, was Gou dazu veranlasste, sie erneut kurz und zärtlich zu küssen. Er sah sie beruhigend an. „Wenn du möchtest, können wir heute Abend auch gerne wirklich nur knutschen, Hiromi. Ich würde niemals etwas tun, womit du dich unwohl fühlst, das weißt du.“
Hiromi schüttelte sofort den Kopf, ihre Augen blitzten nun wieder entschlossener auf. „Ich habe mich im Saal bei deinen Worten nicht eine Sekunde lang unwohl gefühlt, Gou. Ich war eher mal wieder überwältigt von der Reaktion meines eigenen Körpers auf deine Worte. Ich fühle mich bei dir niemals unwohl... ich fühle mich lebendig.“
Gou hob ihr Kinn sanft mit dem Zeigefinger an und zwang sie, seinen intensiven Blick auszuhalten. Die Kühle des Strategen war nun völlig einer dunklen, brennenden Sehnsucht gewichen.
„In diesem Fall...“, begann er leise und seine Stimme wurde noch eine Spur tiefer. „Möchtest du mit mir hoch in eines der Hotelzimmer gehen? Graham hat auf meinen Wunsch hin eines gebucht, damit wir diskret verschwinden können, falls uns der Trubel zu viel wird.“
Er kam ihrem Ohr wieder gefährlich nahe, sodass sein warmer Atem ihre Haut kitzelte. „Ich würde dich nämlich nur ungern hier im Gang um den Verstand bringen, Hiromi. Dort oben hätten wir alle Zeit der Welt.“
Hiromi spürte, wie ihr Körper auf seine Worte erneut antwortete. Das Kribbeln unter ihrer Haut wurde fast unerträglich, und ja, sie wollte es mit jeder Faser ihres Seins. Sie brachte kein Wort heraus, also nickte sie nur fest.
Gou verschränkte seine Finger fest mit den ihren, als wolle er sicherstellen, dass sie nicht mehr weichen konnte. Mit der freien Hand griff er in sein Sakko und holte eine goldene Schlüsselkarte hervor, die er kurz hochhielt. Ein siegessicheres Schmunzeln trat auf seine Lippen.
„Das“, sagte er leise und mit einer Vorfreude, die Hiromi den Atem raubte, „wird der perfekte Abschluss dieses Abends.“ Er wartete keine weitere Sekunde, sondern zog sie sanft, aber zielstrebig mit sich in Richtung der Fahrstühle.
Währenddessen am Tisch von Gous Team, weit weg von der knisternden Spannung im Hotelflur, herrschte eine ganz andere Dynamik. Ryan gähnte erneut so ausgiebig, dass ihm fast die Tränen kamen, und rieb sich die Augen. Er warf einen flüchtigen Blick über die Schulter und wandte sich dann an Violeta, die noch immer wie gebannt auf ihr Handy starrte.
„Sag mal, Violeta... hast du mitbekommen, dass Gou und Hiromi gerade abgezischt sind?“, fragte er mit einer Mischung aus Spott und Langeweile.
Violeta nickte knapp, hob den Blick jedoch nur für einen Bruchteil einer Sekunde von ihrem Display. Ein freches Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht, als sie ihn von der Seite musterte. „Klar hab ich das gesehen. Warum? Bist du etwa neidisch?“
Ryan stieß ein trockenes Schnauben aus und lehnte sich mit dem Oberkörper weit vor über den Tisch, bis er fast in Violetas persönlichem Raum war. Er fixierte sie mit seinen hellblauen Augen. „Neidisch?“, wiederholte er und schüttelte den Kopf. „Wieso sollte ich? Ich hab zurzeit absolut keine Lust auf eine Freundin. Wieso fragst du mich so einen Mist?“
Violeta wich seinem Blick hastig aus und drehte sich wieder nach vorn, wobei sie ihre Finger fast schon krampfhaft über das Handy gleiten ließ. Sie spürte jedoch Ryans Grinsen aus dem Augenwinkel...dieses arrogante, wissende Lächeln, das er so oft trug.
Plötzlich beugte er sich noch ein Stück weiter zu ihr, sodass seine Stimme nur noch ein tiefes Murmeln direkt neben ihrem Ohr war.
„Weißt du... ich absolviere seit etwa fünf Monaten regelmäßig taktisches Training“, begann er, und sein Tonfall änderte sich subtil. „Und ich könnte schwören, dass du mich letztens erst verdammt intensiv beobachtet hast, als ich im BBA-Hauptquartier mein verschwitztes Shirt gewechselt habe.“
Violeta erstarrte. Ihr Daumen verharrte mitten auf dem Bildschirm.
„Sag schon“, bohrte Ryan mit einer Spur von Überlegenheit in der Stimme weiter. „Hat dir gefallen, was du da gesehen hast?“
Violeta schluckte schwer. Sie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg, weigerte sich aber beharrlich, ihn anzusehen. „Du hast geträumt, Hunt“, presste sie hervor, während sie versuchte, ihre Stimme so gleichgültig wie möglich klingen zu lassen. „Vielleicht solltest du weniger gähnen und mehr schlafen, wenn du schon Halluzinationen kriegst.“
Ryan lachte leise und lehnte sich wieder zurück, wobei er den Blick nicht von ihr abwandte. Er wusste genau, dass er einen Nerv getroffen hatte....
Der Montag danach
Der Montagmorgen im Ayame-Anwesen war erfüllt vom Duft frischen Tees und dem leisen Klappern von Geschirr...eine friedliche Kulisse, die in starkem Kontrast zu der knisternden Intensität der letzten 48 Stunden stand.
Als Gou und Hiromi die Treppe hinunterstiegen, war ihre Verbundenheit fast greifbar. Sie wirkten weniger wie zwei Teenager auf dem Weg zur Schule, sondern vielmehr wie eine Einheit. Die Nacht im Hotel und der gemeinsame Sonntag hatten die letzten Reste von Unsicherheit weggebrannt. Hiromi trug ein schmales Lächeln, das eine neue, ruhige Sicherheit ausstrahlte, auch wenn sie wusste, dass das Erscheinen am Frühstückstisch nach einem kompletten gemeinsamen Wochenende im Haus der Hiwataris immer ein kleiner Spießrutenlauf war.
Sie betraten das Esszimmer, wo Ayumi bereits über ihrem Tablet saß und sichtlich darauf gewartet hatte, ihre Beute zu präsentieren. Kaum hatten sie Platz genommen, schoss ihr Blick über den Rand des Bildschirms zu ihrem Bruder. Ihr Grinsen war so breit, dass es fast ihre Ohren berührte.
„Was ist denn so witzig?“, fragte Gou mit seiner gewohnt kühlen, aber nun leicht entspannten Stimme, während er sich Tee einschenkte.
Ayumi kicherte und drehte das Tablet schwungvoll in seine Richtung. „Oh, nichts Besonderes. Du solltest dich nur darauf vorbereiten, dass du heute in der Schule wohl kaum über Beyblade reden wirst. Eher über... das hier.“
Sie tippte auf den Bildschirm, der die Startseite eines der größten Lifestyle-Magazine Japans zeigte. Das Bild war gestochen scharf: Es war der Moment auf dem Sofa, als Kai Namis Kinn anhob und sie so versunken küsste, als gäbe es keine Gala, keine Kameras und keine BBA um sie herum.
**„Der Zar und seine Königin: Die schönste Liebeserklärung der Saison“**, lautete die Schlagzeile in goldenen Lettern. Und direkt darunter in fetten Buchstaben: **„Erneut Nachwuchs im Hause Hiwatari bestätigt – Ein neues Erbe für die Tachiwari-Corporation!“**
„Die Bombe ist komplett eingeschlagen, Gou“, sprudelte Ayumi hervor, während sie begeistert weiterscrollte. „Die Presse hört gar nicht mehr auf. Es gibt hunderte von diesen kitschigen Kuschelfotos unserer Eltern. Überall wird spekuliert, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Mum wird als die 'strahlendste Schwangere des Jahrzehnts' gefeiert.“
Ren, der neben ihr saß und gelassen sein Müsli löffelte, warf einen Blick auf die Fotos und schüttelte den Kopf. „Dad wird die Fotografen eigenhändig jagen, wenn er sieht, dass sie sogar seinen Gesichtsausdruck beim Armkraulen in Zeitlupe analysiert haben.“
Hiromi starrte auf das Display und spürte, wie eine Mischung aus Bewunderung und leichtem Unbehagen in ihr aufstieg. Sie sah die totale Hingabe in Kais Blick auf dem Foto...eine Intensität, die sie bei Gou in dieser Form ebenfalls kannte.
„Es ist ein schönes Foto“, sagte sie leise.
Gou betrachtete das Bild seines Vaters schweigend. Er sah die unmaskierte Zärtlichkeit und den Frieden, über den er am Samstagabend mit ihm gesprochen hatte. Dass die ganze Welt nun daran teilhatte, schien ihn weniger zu stören als erwartet.
„Es war unvermeidlich“, antwortete Gou trocken, schob das Tablet zurück zu Ayumi und sah seine Schwester fest an. „Aber wenn ich dich heute dabei erwische, wie du mir heute Nachmittag aus diesen Artikeln vorliest, Ayumi, dann sorge ich dafür, dass dein Handy für den Rest der Woche im Brunnen des Anwesens landet.“
Ayumi streckte ihm die Zunge raus, aber ihr Grinsen verriet, dass sie den Triumph genoss. In diesem Moment betrat Nami den Raum, wirkte tatsächlich so strahlend, wie die Presse es behauptete, und sah die versammelte Runde lächelnd an.
Graham neigte den Kopf mit der ihm eigenen, unerschütterlichen Präzision und goss den dampfenden Tee in Namis Tasse. Sein Gesicht blieb eine Maske der Professionalität, doch in seinen Augen blitzte der gewohnte, trockene Humor auf.
„Man sollte der Presse zugutehalten, dass sie zumindest ein gewisses Maß an Beständigkeit zeigt“, bemerkte er, während er die Teekanne mit einer eleganten Drehung wieder absetzte. „Allerdings scheint das Blitzlichtgewitter bei Mr. Valkov und seiner Gattin beinahe ebenso intensiv gewesen zu sein. Es ist fast schon eine logistische Meisterleistung der Medien, dass sie nun erst bemerken, wie weit fortgeschritten die Schwangerschaft von Mrs. Valkov bereits ist. Man könnte meinen, die Journalisten hätten in den letzten Monaten kollektiv weggesehen.“
Ramsay, der Graham in nichts nachstand, schritt mit gemessenen Schritten um den Tisch und rückte Ayumis Tablet ein Stück zurecht, als müsse er die Komposition des Bildes korrigieren.
„In der Tat, Graham“, stimmte Ramsay mit seiner tiefen, sonoren Stimme zu. Er blickte Ayumi über den Rand seiner Brille hinweg an. „Aber junge Dame, wenn Sie schon die digitale Berichterstattung zitieren, sollten Sie das Titelblatt der Printausgabe nicht unterschlagen. Es fängt die... sagen wir... *Kernbotschaft* des Abends deutlich präziser ein.“
Ayumi scrollte neugierig zurück, und prompt erschien das Bild vom roten Teppich. Es war eine Aufnahme im Profil: Kai und Nami beim Betreten des Saals. Kai hielt sie nicht einfach nur fest; sein Arm war so besitzergreifend um ihre Taille geschlungen, dass kein Zweifel an seiner Priorität bestand. Seine Hand ruhte flach und beinahe ehrfürchtig auf der kleinen Wölbung ihres Bauches, während er sich zu ihr hinunterbeugte, um ihr einen zärtlichen Kuss auf die Schläfe zu geben. Namis Gesichtsausdruck war das pure Abbild von Vertrauen.
In diesem Moment trat Harriet aus dem Korridor, ein Tablett mit frischem Gebäck in den Händen. Sie blieb wie angewurzelt stehen, als ihr Blick auf das Display fiel.
„Oh, der Herr im Himmel“, entwich ihr ein langes, verträumtes Seufzen, das fast das Klappern der Tassen übertönte. Sie drückte das Tablett an ihre Brust, als müsste sie ihr eigenes Herz festhalten. „Dieses Bild ist der Inbegriff von Romantik. Wenn man bedenkt, wie kühl der Herr früher immer wirkte... Zu sehen, wie er die junge Dame vor aller Welt wie einen kostbaren Schatz hütet, bringt einen doch fast zum Weinen.“
Nami spürte, wie ihr eine leichte Wärme in die Wangen stieg, doch sie lächelte Harriet dankbar zu. Sie legte ihre Hand unbewusst genau an die Stelle, die auf dem Foto von Kais Hand bedeckt war.
„Er hat eben seine eigene Art, die Dinge zu kommunizieren, Harriet“, sagte Nami sanft.
Gou, der die Szene schweigend beobachtet hatte, warf einen kurzen Blick zu Hiromi, die ebenfalls gebannt auf das Foto starrte. Er sah das Funkeln in ihren Augen und spürte, wie sich ein leises, stolzes Schmunzeln auf seinen Lippen bildete. Das Erbe seines Vaters bestand nicht nur aus Bit-Beasts und Konzernen...es war diese unbedingte Loyalität, die nun auch in ihm brannte.
„Nun ja“, warf Ren trocken ein und unterbrach die rührselige Stille, während er nach einem Croissant griff. „Wenn die Romantik beendet ist, könnten wir vielleicht zum praktischen Teil übergehen? Wir müssen in fünfzehn Minuten los, wenn wir nicht wollen, dass Gou und Hiromi am Schultor von der Schülerzeitung interviewt werden, bevor sie überhaupt das Gebäude betreten.“
Er schüttelte amüsiert den Kopf und tunkte sein Croissant in den Kakao, während er einen weiteren Blick auf das Tablet seiner Zwillingsschwester warf. „Und ehrlich gesagt“, fügte er mit dieser ihm eigenen, messerscharfen Logik hinzu, „verstehe ich den ganzen Aufruhr nicht. Vater zeigt diese Zärtlichkeiten nun sicher schon seit sechzehn Jahren öffentlich. Sobald es um Mutter geht, vergisst er doch sowieso, dass andere Leute im Raum sind. Aber die Presse tut jedes Mal so, als wäre es eine weltbewegende Neuheit, wenn er sie ansieht, als wäre sie sein ganzer Stolz.“
Nami musste hell auflachen. Das Geräusch erfüllte das Esszimmer und ließ sogar Grahams Mundwinkel um einen Millimeter zucken. Sie strich sich eine Locke aus dem Gesicht und sah ihren Sohn dankbar an.
„Da hast du wohl recht, Ren“, stimmte sie ihm schmunzelnd zu. „Wenn es um mich und seine Liebe zu mir ging, hat dein Vater tatsächlich von Anfang an keine Öffentlichkeit gescheut. Ich erinnere mich noch an die ersten Monate nach meinem Debüt... Er war schon immer der Meinung, dass jeder wissen darf, zu wem er gehört.“
Sie hielt kurz inne und ein weicher Ausdruck trat in ihre Augen, als sie an die vielen Male dachte, in denen Kai sie vor Kameras in den Arm genommen, geküsst oder ihr in aller Stille den Rücken gestärkt hatte, ungeachtet der neugierigen Blicke der BBA-Funktionäre oder Reporter.
„Für ihn gab es da nie einen Grund für falsche Bescheidenheit“, fuhr Nami fort. „Wenn er sich einmal entschieden hat, dann mit jeder Faser seines Seins. Dass die Presse das nach all den Jahren immer noch als Sensation verkauft, liegt wohl einfach daran, dass er bei allen anderen Menschen immer noch die Aura eines Eisbergs pflegt.“
„Ein Eisberg, der nur für dich schmilzt“, murmelte Hiromi leise, fast ehrfürchtig. Sie sah kurz zu Gou hinüber, der ihren Blick auffing. In seinen Augen lag genau jene Art von ruhiger Entschlossenheit, die sie gerade bei Nami und Kai auf dem Foto gesehen hatte.
Gou räusperte sich leise, um die aufkommende Sentimentalität am Tisch zu unterbrechen, auch wenn sein Blick an Hiromi hängen blieb. „Wie dem auch sei. Ren hat recht...die Zeit drängt. Wenn wir erst einmal im Wagen sitzen, sind wir zumindest vor den Kameras sicher, bis wir das Schulgelände erreichen.“
Er erhob sich und rückte seinen Stuhl mit einer präzisen Bewegung zurecht. „Hiromi? Sollen wir?“
Hiromi nickte hastig und leerte ihren Tee, während Harriet bereits damit begann, die ersten Teller abzuräumen, nicht ohne noch einmal einen sehnsüchtigen Blick auf das Tablet zu werfen. „Viel Erfolg heute“, rief Nami ihnen nach. „Und lasst euch von den Schlagzeilen nicht ärgern. Wir wissen ja, was die Wahrheit hinter den Bildern ist.“
Die Luft im Esszimmer war noch erfüllt von Namis Lachen, als sich die schwere Flügeltür erneut öffnete und Kai den Raum betrat. Er trug bereits sein dunkles Hemd, die Ärmel lässig bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, doch sein Blick war wachsam und ruhig.
„Habe ich etwas verpasst?“, fragte er mit seiner tiefen, trockenen Stimme, während er direkt auf Nami zuging. „Man hört dich wieder bis nach oben lachen.“
Trotz der nüchternen Worte lag ein unverkennbarer Glanz in seinen roten Augen. Er neigte sich zu ihr hinunter, legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte ihr einen sanften, langen Kuss auf die Stirn. Das Schmunzeln, das dabei seine Mundwinkel umspielte, war die Bestätigung für das, was Ren gerade eben festgestellt hatte: In der Nähe seiner Frau existierte der kühle „Eisberg“ schlichtweg nicht.
Ayumi schwang sich ihre Schultasche über die Schulter und tauschte einen belustigten Blick mit Ren aus. Sie liebte es, ihren Vater in diesen Momenten zu erleben, auch wenn sie ihn nur zu gerne ein wenig damit aufzog.
„Ach, nichts weiter, Dad.“, sagte sie mit einem frechen Funkeln in den Augen und deutete vage in die Runde. „Ich denke, Ramsay kann dir das alles ganz genau erklären. Wir müssen nämlich jetzt wirklich los, sonst hält uns der Schuldirektor wieder eine Standpauke über Pünktlichkeit.“
Sie gab Nami einen schnellen Kuss auf die Wange und winkte in die Runde. „Komm, Ren! Wir sehen uns heute Nachmittag!“
Die Zwillinge machten sich zügig auf den Weg zu ihrer Schule, während Gou und Hiromi sich ebenfalls erhoben. Gou warf seinem Vater einen kurzen, respektvollen Blick zu bevor er Hiromi sanft am Arm führte.
„Wir sind dann auch weg“, verabschiedete sich Gou knapp.
Graham, der wie ein unerschütterlicher Fels im Raum gestanden hatte, neigte nun formvollendet das Haupt vor Kai. „Einen angenehmen Morgen, Sir.“, sagte er mit gewohnt professioneller Distanz. „Ich muss mich nun kurz empfehlen. Der Wagen steht bereit, um Master Gou, Miss Hiromi und Miss Sayuri zur Privatschule zu bringen.“
Kai nickte Graham kurz zu, während er sich auf den Platz neben Nami setzte. „Danke, Graham. Fahr vorsichtig.“
Als die Tür hinter dem Personal und den Kindern ins Schloss fiel, wurde es schlagartig ruhiger im großen Esszimmer. Nur noch Ramsay blieb im Hintergrund stehen, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und wartete geduldig darauf, Kai den Tee einzuschenken.
Kai sah Nami an, die immer noch ein leichtes Amüsement im Gesicht trug, und griff nach seiner Serviette. „Also?“, fragte er und hob eine Augenbraue in Ramsays Richtung. „Was war so komisch, dass die Kinder fluchtartig den Raum verlassen haben?“
Ramsay trat einen Schritt vor, ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen, und hob das Tablet auf, das Ayumi absichtlich offen liegengelassen hatte. „Es geht um die morgendliche Presseschau, Sir. Es scheint, als hätte Ihr Auftritt am Samstagabend bleibenden Eindruck hinterlassen – insbesondere die... anatomische Platzierung Ihrer Hand auf dem roten Teppich.“
Kai nahm das Tablet entgegen und überflog mit ruhigem Blick die Schlagzeilen. Sein Gesicht blieb zunächst unbewegt, während er durch die Galerie der glanzvollen Aufnahmen scrollte, doch dann entwich ihm ein belustigtes Schnauben. Er hielt bei dem Bild inne, auf dem er Nami den Kuss auf die Schläfe gab, während seine Hand schützend auf ihrem Bauch ruhte.
„Die Fotografen scheinen zumindest wie immer ihr Handwerk zu verstehen. Die Bilder sind gut getroffen“, stellte er trocken fest und schob das Gerät mit einer beiläufigen Bewegung beiseite. Er wandte sich wieder ganz seiner Frau zu und ein warmes Licht trat in seine Augen. „Andererseits ist es bei so einer wunderschönen Ehefrau auch keine Kunst, ein perfektes Motiv zu finden.“
Nami kicherte und lehnte sich ein Stück zu ihm herüber, während sie beobachtete, wie Ramsay ihm den Tee einschenkte. „Wie lieb, mein Schatz aber...wir sind es doch nach sechzehn Jahren gewohnt, dass die Presse komplett durch die Decke geht, sobald der große Zar mal wieder den Weichspülmodus fährt.“
Kai schmunzelte über ihre Wortwahl und griff nach seiner Tasse. Er sah sie einen Moment lang schweigend an... ein Blick, der so voller unverhohlener Zuneigung war, dass Ramsay sich diskret noch einen Schritt weiter in den Hintergrund zurückzog.
„Es ist bemerkenswert“, sagte Kai schließlich leise. „Dass sie es nach all der Zeit immer noch als Schlagzeile betrachten, wenn ich einfach nur zeige, wie sehr ich meine Frau liebe und wie glücklich ich bin. Für sie ist es eine Sensation, für mich ist es schlicht die Realität meines Lebens.“
Er nahm einen Schluck Tee und sah durch die hohen Fenster in den Garten des Anwesens. „Sollen sie schreiben, was sie wollen. Solange sie festhalten, dass ich genau dort bin, wo ich hingehöre, können sie so viele kitschige Bildunterschriften erfinden, wie sie möchten.“
Nami legte ihre Hand auf seine und spürte die gewohnte Festigkeit und Wärme. „Miguel wird sich über die PR sicher freuen. Die BBA wird als Hort der familiären Werte gefeiert.“
„Miguel soll froh sein, dass ich überhaupt auf dem roten Teppich stehen geblieben bin“, entgegnete Kai mit einem Anflug seines typischen, trockenen Humors. „Aber heute Morgen gehört meine Aufmerksamkeit nicht der BBA, sondern dir.“
Er drückte ihre Hand sanft. „Wie geht es dir heute? Der Schwindel von Samstag ist hoffentlich nicht zurückgekehrt?“
Nami strahlte ihn an und griff nach ihrem Glas Orangensaft. „Ich fühle mich großartig, mein Schatz. Ehrlich gesagt bin ich voller Energie, vor allem, seit die Übelkeit vor ein paar Tagen komplett verschwunden ist. Du hattest am Samstag wohl recht...der Schwindel kam wohl wirklich nur vom zu langen Stehen und der stickigen Luft im Saal.“
Kai beobachtete sie genau, als wollte er in ihrem Gesicht nach dem kleinsten Anzeichen von Erschöpfung suchen. Als er jedoch nur die gesunde Röte auf ihren Wangen und das Funkeln in ihren Augen sah, entspannte er sich sichtlich. Er hob die Hand und streichelte ihr kurz und zärtlich über die Wange, wobei sein Daumen sacht ihre Haut berührte.
„Das freut mich zu hören“, murmelte er. Er ließ die Hand sinken, doch sein Blick blieb auf ihr fixiert. „Bist du dann bereit, gleich mit mir in den Tower zu fahren? Die Aufmerksamkeit wird dort heute sicher etwas intensiver ausfallen als sonst.“
Er warf noch einen letzten, fast spöttischen Blick auf das beiseitegelegte Tablet. „Obwohl die Angestellten über die Schwangerschaft ja schon länger Bescheid wissen, werden die Fotos von der Gala das Gesprächsthema Nummer eins sein. Die Belegschaft liebt es, wenn die Klatschspalten unseren 'privaten' Momenten so viel Platz einräumen.“
Nami lachte leise und schüttelte den Kopf. „Oh, ich kann es mir bildlich vorstellen. Die Marketing-Abteilung wird wahrscheinlich versuchen, die Fotos diskret in die nächste Image-Kampagne einzubauen, und das Sekretariat wird wieder Blumen schicken wollen.“
„Das werden sie schön bleiben lassen“, erwiderte Kai mit gespielter Strenge, in der jedoch ein Funken Amüsement mitschwang. Er rückte seinen Stuhl zurecht und stand auf, wobei er Nami die Hand hinhielt, um ihr beim Aufstehen zu helfen. „Aber wir sollten uns dem 'Sturm' stellen. Je eher wir im Büro sind, desto schneller können wir uns hinter den verschlossenen Türen der Führungsetage verschanzen.“
Nami legte ihre Hand in seine und ließ sich von ihm hochziehen. „Solange du bei mir bist, Kai, können sie so viele Fotos machen, wie sie wollen. Ich genieße es eigentlich, wenn die Welt sieht, wie stolz du auf uns bist.“
Kai zog sie ein Stück näher an sich und sah sie ernst an. „Das bin ich, Nami. Jeden einzelnen Tag.“
Als der dunkelgrüne Bentley wenig später sanft durch die Straßen Tokios glitt und sie von der Hektik der Stadt durch getönte Scheiben abgeschirmt waren, lehnte sich Nami zu Kai herüber. Sie erzählte ihm leise von dem Gespräch an der Bar und Hanas großer Hoffnung, die sie bisher noch als Geheimnis hütete.
Kai hörte ihr ruhig zu, den Blick kurz auf die vorbeiziehende Skyline gerichtet, bevor er ein trockenes Schmunzeln von sich gab. „Vladimir hat mir bereits erzählt, dass er ahnt, dass sie schwanger ist“, sagte er gelassen.
Nami sah ihn völlig überrascht an und blinzelte. „Was? Wann hat Vladimir dir das denn gesagt?“
„Am Samstag auf der Gala“, erwiderte Kai, während er ihre Hand in seine nahm und seine Finger mit ihren verschränkte. „In den wenigen Minuten, als du mit Hana an der Bar warst. Er wirkte ungewöhnlich... zufrieden mit sich selbst.“
Nami schüttelte den Kopf, ein ungläubiges Lächeln auf den Lippen. „Ich erinnere mich noch... ich weiß ja, dass Vladimir genau wie du und Tala die Zyklen eurer Frauen mittlerweile fast automatisch mitverfolgt. Das gehört bei euch wohl zum strategischen Gesamtüberblick. Deshalb dachte ich mir schon, dass ihm die Überfälligkeit aufgefallen sein könnte. Aber Hana war sich so sicher, dass er nichts weiß! Sie meinte, ihr Zyklus sei durch ihr Alter nicht mehr so präzise und er würde denken, es läge nur am Stress der letzten Wochen.“
Kai gab ein kurzes, amüsiertes Schnauben von sich. „Hana unterschätzt ihn in dieser Hinsicht. Vladimir ist wie ich...ein guter Leser und ein Stratege. Er bemerkt kleinste Veränderungen in der Körpersprache, die nichts mit Tabellen oder Daten zu tun haben. Er erzählte mir, dass sie bisher noch nie zwei ganze Wochen überfällig war, egal wie stressig es im Büro war.“
Er sah Nami mit einem wissenden Funkeln in den Augen an. „Aber das Beste war seine Einschätzung der Situation: Er ist fest davon überzeugt, dass Hana es selbst bereits ahnt und nur deshalb nichts sagt, weil sie glaubt, er tappe völlig im Dunkeln. Er findet es offensichtlich amüsant, sie in diesem Glauben zu lassen, bis sie bereit ist, es ihm offiziell zu sagen.“
Nami konnte nicht anders...sie brach in ein herzliches Lachen aus, das den luxuriösen Innenraum des Wagens erfüllte. „Die beiden sind unmöglich! Da sitzen sie beide am Tisch, jeder glaubt, er hätte ein Geheimnis vor dem anderen, und dabei wissen sie es längst beide. Hana macht sich Sorgen, dass sie sich zu früh freut, und Vladimir schaut ihr seelenruhig dabei zu, wie sie versucht, taff zu wirken.“
Sie schüttelte lachend den Kopf und lehnte sich an Kais Schulter. „Ich hätte es mir denken können. Die Hiwatari-Brüder und ihre Geheimnisse... ihr seid einfach unverbesserlich. Aber ich finde es wunderschön, dass er sich so sicher ist.“
„Er freut sich darauf, Nami“, fügte Kai leiser hinzu, und seine Stimme klang ungewohnt weich. „Genau wie ich.“
Die Mensa des Severnaya Towers in Hanzomon war ein beeindruckendes Konstrukt aus Glas und poliertem Stahl, das einen weiten Blick über die Skyline von Tokio bot. Das Licht der Mittagssonne brach sich in den Fenstern und tauchte den Tisch, an dem Hana und Vladimir saßen, in einen hellen Glanz.
Hana rührte fast schon meditativ in ihrem Salat. In ihrer Handtasche, die sicher an der Lehne ihres Stuhls hing, befand sich ein kleines, weißes Plastikstäbchen mit zwei deutlichen rosa Linien. Das Ergebnis vom gestrigen Morgen war so eindeutig gewesen, dass ihr Herz noch immer einen Sprung machte, wenn sie nur daran dachte. Um 15 Uhr hatte sie den Termin für den ersten Ultraschall...sie wollte Vladimir am Abend nicht nur Worte, sondern den ersten bildlichen Beweis schenken.
„Du isst heute sehr... selektiv“, stellte Vladimir mit dieser tiefen, ruhigen Stimme fest, die keinen Widerspruch duldete. Er beobachtete sie über den Rand seiner Espressotasse hinweg.
Hana zuckte leicht zusammen und schenkte ihm ein Lächeln, das sie für vollkommen natürlich hielt. „Ich habe heute Morgen wohl etwas zu ausgiebig gefrühstückt, Vladimir. Der Salat ist vollkommen ausreichend.“
„Interessant“, erwiderte er langsam. Er setzte die Tasse ab und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. Sein Blick war so analytisch, wie er es normalerweise nur bei komplexen Vertragsverhandlungen war. „Normalerweise liebst du den geräucherten Lachs in dieser Mensa. Heute hast du ihn mit einer Präzision aussortiert, die fast schon chirurgisch wirkt.“
Hana spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. ~Verdammt~, dachte sie. Roher oder geräucherter Fisch war seit gestern von ihrem Speiseplan gestrichen, und sie hatte es unbewusst völlig übertrieben.
„Mir war heute einfach nach etwas Leichterem“, versuchte sie sich zu retten und nahm einen hastigen Schluck von ihrem Wasser. „Vielleicht liegt es an der stickigen Luft im Gerichtssaal heute Morgen.“
Vladimir hob eine Augenbraue. Er wusste, dass sie log, und er genoss es sichtlich, wie sie sich bemühte, ihre Fassung zu bewahren. Er dachte an das Gespräch mit Kai am Samstag...an die Gewissheit, die er bereits in sich trug. Zu sehen, wie sie nun versuchte, dieses süße Geheimnis noch ein paar Stunden für sich zu behalten, weckte in ihm einen fast schon spielerischen Beschützerinstinkt.
„Wenn dir nicht gut ist, solltest du den Nachmittag vielleicht im Homeoffice verbringen“, schlug er mit einem völlig unschuldigen Unterton vor. „Ich könnte dich nachher nach Hause fahren, sobald ich meine Besprechung mit dem Vorstand beendet habe. Sagen wir... gegen 15 Uhr?“
Hana erstarrte mitten in der Bewegung. „15 Uhr? Nein! Also... das ist nicht nötig.“ Sie räusperte sich und versuchte, ihre Stimme zu senken. „Ich habe um diese Zeit noch einen Termin außerhalb. Eine... Klientenbesprechung. In der Nähe der Shinjuku-Klinik.“
„In der Nähe einer Klinik?“, wiederholte Vladimir, und für einen Moment blitzte ein schelmisches Funkeln in seinen auberginen Augen auf, das Hana völlig entging, weil sie angestrengt auf ihren Salatteller starrte. „Hoffentlich nichts Ernstes. Aber du wirkst heute ohnehin so... strahlend. Fast so, als hättest du die besten Nachrichten deiner Karriere erhalten.“
Hana hob den Blick und sah in sein Gesicht. Vladimir wirkte so gelassen, so ahnungslos seriös, dass sie für einen Moment glaubte, sie hätte ihn tatsächlich getäuscht.
„Es war ein guter Vormittag“, sagte sie leise und ein echtes, tiefes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Und ich habe das Gefühl, der Abend wird sogar noch besser.“
Vladimir neigte den Kopf und ein fast unsichtbares Schmunzeln umspielte seine Mundwinkel. „Das Gefühl habe ich auch, Hana. Das Gefühl habe ich auch.“
14.50 Nachmittag
Hana saß im eleganten Wartezimmer der Shinjuku-Klinik und starrte auf ihre gefalteten Hände. Ihr Herz klopfte bis zum Hals... halb vor Vorfreude auf das erste Bild ihres Kindes, halb vor Nervosität, ob auch alles in Ordnung war. In ihrer Handtasche fühlte sich der positive Test an wie ein glühender Schatz.
Plötzlich vibrierte ihr Handy in ihrer Schoßtasche. Eine Nachricht von Vladimir.
>Vladimir:„Mein Termin war kürzer als gedacht. Ich bin zufällig gerade in der Nähe der Klinik. Soll ich dich abholen? Deine 'Klientenbesprechung' dauert sicher nicht mehr lange, und der Verkehr in Shinjuku ist um diese Zeit katastrophal.“
Hana erstarrte. Ihr Blick schoss zur Tür des Behandlungszimmers und dann wieder auf das Display. ~„Zufällig in der Nähe?“~, schoss es ihr durch den Kopf. Bei Vladimir gab es keine Zufälle. Er war wie ein Falke, der seine Beute bereits im Visier hatte.
Hastig tippte sie mit leicht zitternden Fingern eine Antwort:
>Hana: „Nein! Bloß nicht. Die Besprechung zieht sich... sehr komplizierte Rechtslage. Fahr bitte schon vor zum Anwesen oder ins Büro, ich nehme mir später ein Taxi.“
Keine zehn Sekunden später leuchtete das Display erneut auf.
>Vladimir:„Komplizierte Rechtslage? In einer Frauenklinik? Ich wusste gar nicht, dass du dich jetzt auf Medizinrecht spezialisiert hast, Hana.“
Hana hielt den Atem an. Ihr Gesicht glühte nun heißer als die Nachmittagssonne. Er wusste es. Er musste es wissen. Sie sah verzweifelt zur Anmeldung, als die Arzthelferin gerade ihren Namen aufrief: „Miss Tachiba? Dr. Nakayoshi erwartet Sie jetzt für den Ultraschall.“
In diesem Moment traf Hana eine Entscheidung. Wenn er schon draußen lauerte und sie ohnehin durchschaut hatte, dann gab es keinen Grund mehr, diesen Moment allein zu erleben. Die Überraschung mit dem Bild am Abend konnte sie immer noch machen...aber das erste Klopfen des Herzens sollte er mit ihr teilen.
Sie tippte eine letzte, knappe Nachricht, während sie aufstand:
>Hana: „Zweiter Stock. Zimmer 204. Und wehe, du wagst es, auch nur einen Ton darüber zu sagen, dass du 'es ja schon geahnt hast', Vladimir Ivanov!“
Sie hatte die Nachricht kaum abgeschickt, als sie den Flur zum Untersuchungszimmer betrat. Nur eine Minute später hörte sie das rhythmische, feste Auftreten von Ledersohlen auf dem Parkett. Die Tür öffnete sich leise, und Vladimir trat ein. Er wirkte vollkommen ruhig, kein Anzeichen von Hast, doch in seinen auberginen Augen lag ein triumphierendes, unendlich sanftes Leuchten.
Er sagte kein Wort. Er trat einfach an ihre Seite, nahm ihre Hand und drückte sie fest, während die Ärztin das Gel auf Hanas Bauch auftrug.
„Ich dachte mir schon, dass die Rechtslage hier drin sehr... lebendig ist“, murmelte er schließlich so leise, dass nur sie es hören konnte, und beugte sich vor, um den Bildschirm zu fixieren.
Hana schnaubte leise, halb lachend, halb den Tränen nahe. „Du bist unmöglich. Ich wollte dich heute Abend überraschen.“
„Das hast du“, erwiderte er und sah zu ihr hinunter, wobei sein Blick jede Spur von strategischer Kühle verloren hatte. „Jede Sekunde mit dir ist eine Überraschung, Hana.“
Dann erfüllte ein schnelles, kräftiges *Poch-Poch-Poch* den Raum – der Herzschlag. Und für einen Moment herrschte absolute Stille, in der selbst der große Stratege Vladimir Ivanov schlucken musste.
Doch plötzlich veränderte die Ärztin den Winkel des Schallkopfs. Sie verharrte, bewegte ihn ein Stück zur Seite und dann wieder zurück.
Vladimir, der normalerweise jedes Detail einer Situation schneller analysierte als jeder andere, war der Erste, der bemerkte, dass auf dem Monitor nicht nur ein kleiner, pulsierender Punkt zu sehen war. Er beugte sich weiter vor, seine Finger umschlossen Hanas Hand nun fast schmerzhaft fest.
„Ist das...“, begann er, und seine Stimme, die sonst so unerschütterlich war, klang plötzlich rau. „Kann es sein, dass dort zwei...“
Die Ärztin unterbrach ihn mit einem wissenden Nicken und einem Lächeln, das die professionelle Distanz für einen Moment beiseite schob. „Ganz genau, Mr. Ivanov. Da hat Ihr strategischer Blick Sie nicht getäuscht. Ich sehe hier zwei Herzschläge. Eindeutig. Herzlichen Glückwunsch, es werden zweieiige Zwillinge.“
Hana fühlte sich, als wäre der Boden unter der Untersuchungsliege plötzlich verschwunden. Sie starrte auf den Monitor, auf die beiden winzigen Schatten, die in ihren eigenen Fruchthöhlen lagen. „Zwei?“, echote sie tonlos. „Zwillinge? Aber... wie...“
Ihre Kinnlade klappte förmlich hinunter. In ihrem Kopf rasten die Gedanken: Akari, Mirai, Lilia...und das neue Baby – nein, die *neuen* Babys. Ihr Haus, ihr Leben, alles würde sich nicht nur verändern, es würde sich fast verdoppeln. Die totale Überforderung überkam sie wie eine Welle, und sie konnte den Blick nicht vom Bildschirm lösen, während sie versuchte, das Gesehene zu begreifen.
Dann passierte etwas, das Hana kurzzeitig aus der Trance riss.
Vladimir, der kühle, stets beherrschte Kopf, warf den Kopf in den Nacken und brach in ein herzhaftes, tiefes Lachen aus. Es war kein kurzes Schmunzeln oder ein amüsiertes Glucksen...es war ein echtes, befreites Lachen, das direkt aus seiner Brust kam und den gesamten Raum füllte.
„Zwillinge“, brachte er zwischen zwei Lachern hervor und sah Hana mit einer Mischung aus Triumph und purer Freude an. Er schüttelte den Kopf, als könne er sein eigenes Glück kaum fassen. „Natürlich sind es zwei. Wir machen keine halben Sachen, Hana.“
Hana sah ihn völlig entgeistert an. „Vladimir! Das sind fünf Kinder insgesamt! Fünf! Wie kannst du dabei so lachen?“
Er beugte sich tief zu ihr hinunter und küsste sie leidenschaftlich auf die Stirn, während sein Lachen in ein breites, stolzes Grinsen überging. „Ich lache, weil es perfekt ist. Kai und Nami haben Zwillinge, und nun ziehen wir nach. Das Schicksal hat offensichtlich Sinn für Symmetrie.“
Er griff nach Hanas Hand und küsste ihre Fingerknöchel. „Keine Sorge, Hana. Wir haben zwei Hände, wir haben zwei Arme... und wir haben genug Platz für zwei weitere. Ich könnte nicht glücklicher sein.“
Hana spürte, wie sich ihre anfängliche Panik durch sein Lachen langsam in eine ungläubige Freude verwandelte. Sie sah zurück auf den Monitor. Zwei Herzen.
„Nami wird ausrasten“, murmelte sie kopfschüttelnd, während nun auch bei ihr ein kleines, hysterisches Kichern durchkam. „Wenn wir ihm das heute Abend erzählen... das wird ein Chaos.“
„Ein wunderbares Chaos“, korrigierte Vladimir sie und sah der Ärztin dabei zu, wie sie das erste Ultraschallbild ausdruckte...das Bild, das nun gleich zwei kleine Wunder zeigte.
„Zwei...“, wiederholte sie leise, und die Realität der Situation sickerte langsam durch. „Vladimir, wir sind noch gar nicht verheiratet. Die letzten Jahre waren so ein Wirbelsturm... erst die ganze Sache mit Zayn...die Scheidung von ihm, dann die beruflichen Umbrüche. Und Lilia... Lilia ist noch nicht einmal drei Jahre alt! Wir werden alle Hände voll zu tun haben.“
Die Panik in ihrer Stimme war deutlich hörbar, doch Vladimir ließ sich nicht beirren. Er löste seine Hand von ihrer, trat mit jener ruhigen Entschlossenheit, die ihn so auszeichnete, um die Untersuchungsliege herum und blieb direkt neben ihr stehen.
„Hana“, sagte er fest, aber mit einer Sanftheit, die ihr sofort den Atem raubte.
Bevor sie antworten konnte, sank er auf ein Knie herab. Das kühle Linoleum des Praxisbodens schien ihn nicht im Geringsten zu stören, ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Ärztin im Hintergrund gerade den Schallkopf reinigte. Er griff in die Innentasche seines Mantels und holte eine kleine, mit dunkelblauem Samt bezogene Schatulle hervor.
Mit einem leisen Klicken klappte er sie auf. Ein Brillantring, dessen Stein das helle Licht der Deckenlampen einfing und in tausend Funken zurückwarf, kam zum Vorschein.
„Ich wollte das schon viel früher tun“, begann er, und sein Blick bohrte sich in ihren, voller Aufrichtigkeit. „Es war tatsächlich viel los, und ich habe immer auf den 'perfekten' Moment gewartet. Aber heute, während ich diese zwei kleinen Herzschläge gesehen habe, ist mir klar geworden: Es gibt keinen perfekteren Moment als jetzt. Wir fangen nicht erst heute an, eine Familie zu sein, Hana...das sind wir längst. Aber ich möchte, dass du meinen Namen trägst, wenn diese beiden auf die Welt kommen.“
Hana hielt den Atem an. Die Tränen, die sie eben noch mühsam unterdrückt hatte, bahnten sich nun endgültig ihren Weg. Sie lag dort, noch mit dem Gel auf dem Bauch und dem Bild ihrer ungeborenen Kinder auf dem Monitor, während der Mann ihrer Träume vor ihr kniete.
„Hana Tachiba“, sagte er, und seine Stimme vibrierte vor Emotion, „willst du meine Frau werden? Willst du den Rest dieses wunderbaren Chaos mit mir teilen?“
Hana schluchzte leise auf, ein kurzes, ungläubiges Lachen mischte sich darunter. Sie sah von dem funkelnden Ring zu Vladimirs Gesicht, das so voller Liebe und Erwartung war. Die Überforderung der letzten Minuten verwandelte sich in eine tiefe, unerschütterliche Gewissheit.
„Ja“, flüsterte sie, bevor sie es kräftiger wiederholte. „Ja, Vladimir! Natürlich will ich!“
Vladimir lächelte, nahm ihre Hand und schob den Ring an ihren Finger. Er passte perfekt. Die Ärztin, die im Hintergrund sichtlich gerührt war, legte leise den ersten Ausdruck der Ultraschallbilder auf den kleinen Beistelltisch neben der Liege.
„Dann ist es offiziell“, sagte Vladimir, erhob sich und beugte sich über sie, um sie in einen Kuss zu ziehen, der nach Zukunft, Sicherheit und einer ganzen Menge neuer Abenteuer schmeckte. „Mr. und Mrs. Ivanov. Und ein Haus voller Kinder.“
Ein Vorschlag
Das Abendessen im Ayame-Anwesen entwickelte sich schnell zu einem Abend, der in die Familiengeschichte eingehen würde. Der große Esstisch war reich gedeckt, und die Anwesenheit von Hiro Tachiba sowie Namis Bruder Kenji verlieh der Runde eine besondere Vertrautheit. Dass Mokoko wegen der Erkältung ihrer Tochter Zuhause geblieben war, war zwar bedauerlich, tat der ausgelassenen Stimmung jedoch keinen Abbruch...spätestens jetzt nicht mehr. Auch Namis Mutter Hilda war verhindert. Sie war auf den 60. Geburtstag einer guten Freundin eingeladen.
Als Hana mit leuchtenden Augen und dem Ring am Finger die doppelte Neuigkeit verkündete, herrschte für einen Moment fassungsloses Schweigen, bevor das Chaos ausbrach.
Nami war die Erste, die Hana in die Arme schloss, wobei sie Tränen der Freude in den Augen hatte. „Zwillinge! Hana, das ist... es ist einfach wunderbar“, rief sie aus und löste sich lachend von ihrer Schwester, um Vladimir einen vielsagenden Blick zuzuzwerfen. „Und ehrlich gesagt, mein lieber Vladimir, hättest du es dir denken können. Es ist absolut kein Wunder!“
Sie warf einen amüsierten Blick zu ihrem Bruder hinüber, der mit einem breiten Grinsen sein Glas erhoben hatte. „Das Risiko...oder besser gesagt die Chance...auf Zwillinge ist bei uns Tachiba-Frauen genetisch bedingt extrem hoch. Kenji und ich, so wie Ayumi und Ren sind der beste Beweis dafür. Es liegt uns einfach im Blut.“
Hiro lachte herzlich und nickte. „Stimmt genau. Willkommen im Club der Doppelpack-Eltern, Vladimir. Du wirst Nerven aus Stahl brauchen, aber ich schätze, die hast du ohnehin schon.“
Kai stand mit einem seltenen, aber ehrlichen Lächeln neben Nami. Er trat auf seinen Bruder zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Zwei auf einen Streich... und eine Hochzeit. Du scheinst meinen Rat vom Samstag bezüglich der 'strategischen Planung' ziemlich wörtlich genommen zu haben“, bemerkte Kai trocken, doch der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar. „Glückwunsch, Vladimir.“
Hiro Tachiba, der das Geschehen mit der ruhigen Würde eines Familienoberhauptes beobachtet hatte, erhob sich nun. Sein Blick glitt von Hana zu Nami und schließlich zu den beiden Brüdern. „Ein Haus voller Leben und eine weitere Verbindung unserer Familien“, sagte er mit tiefer Zufriedenheit. „Hana, mein Kind, ich könnte nicht stolzer sein. Und Vladimir... pass gut auf sie auf. Drei Kinder und nun zwei weitere unterwegs...das ist eine Lebensaufgabe.“
Vladimir neigte respektvoll das Haupt vor Hiro. „Das werde ich. Verlass dich drauf.“
Gou, Ayumi und Ren saßen mit am Tisch und tauschten vielsagende Blicke aus. Ayumi war bereits dabei, die neue Familienkonstellation im Kopf durchzugehen. „Das heißt, wir bekommen nicht nur ein Geschwisterchen, sondern auch noch zwei Cousins oder Cousinen auf einmal?“, fragte sie begeistert. „Das Anwesen wird bei Familienfesten aus allen Nähten platzen!“
„Das tut es sowieso schon“, warf Ren ein, konnte sich aber ein Grinsen nicht verkneifen. „Aber wenigstens wird es nie langweilig.“
Nami lehnte sich an Kais Seite und sah in die glücklichen Gesichter ihrer Familie. Die Kombination aus ihrer eigenen Schwangerschaft, Hanas Zwillingen und der bevorstehenden Hochzeit fühlte sich wie ein gewaltiger, positiver Umbruch an.
„Wir sollten auf die Zukunft anstoßen“, schlug Nami vor und hob ihr Glas mit Saft. „Auf die Ivanovs, die Valkovs, die Hiwataris, auf die Tachibas und auf das wunderbare Chaos, das uns bevorsteht!“
Die Stimmung am Tisch war eine Mischung aus ausgelassener Heiterkeit und tiefer familiärer Verbundenheit. Während Kenji und Hana bereits in Erinnerungen an ihre eigene Kindheit schwelgten und darüber lachten, wie oft sie als Kinder für Unruhe gesorgt hatten, beugte sich Kai ein Stück zu Nami hinunter.
Sein Gesicht blieb gewohnt ruhig, doch in seinen Augen blitzte dieser ganz spezielle Schalk, den er nur ihr gegenüber zeigte. „Du erinnerst dich an das, was Oma Yumi letztes Jahr gesagt hat, oder?“, flüsterte er ihr so leise zu, dass es unter dem Lachen der anderen fast unterging. „Sie meinte, sie denke gar nicht daran abzutreten, bevor sie nicht mindestens fünf weitere Urenkel bekommen hat. Wenn ich mir diesen Tisch so ansehe... viele fehlen bis zu ihrem Ziel jetzt nicht mehr.“
Nami prustete so heftig los, dass sie fast ihren Saft verschüttet hätte. „Kai!“, stieß sie hervor und versetzte ihm spielerisch einen kräftigen Stoß mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Hör auf damit!“
Kai fing den Stoß mühelos ab und ein seltenes, echtes Schmunzeln stahl sich auf seine Lippen. Er genoss es sichtlich, Nami so aus der Fassung zu bringen.
In diesem Moment unterbrach eine helle, neugierige Stimme die Unterhaltung der Erwachsenen. Die kleine Sayuri, die mit großen, aufmerksamen Augen das Geschehen beobachtet hatte, legte den Kopf schief. Ihr weißes, lockiges Haar wippte, als sie fragend in die Runde blickte.
„Wieso bekommen jetzt eigentlich plötzlich alle Babies?“, fragte sie mit der entwaffnenden Logik einer Siebenjährigen. „Mami bekommt eins, Tante Hana bekommt jetzt sogar zwei... und Tante Lumina bekommt auch eins. Ist das ansteckend?“
Ein kurzes, amüsiertes Schweigen folgte auf ihre Frage, bevor die gesamte Tafel erneut in Lachen ausbrach.
„Man könnte es fast meinen, Kleines“, sagte Kenji und zwinkerte seiner Nichte zu. „Es scheint ein sehr gutes Jahr für die Familie zu sein.“
Hana beugte sich zu Sayuri herüber und strich ihr sanft über die Wange. „Es ist nicht ansteckend, Sayuri. Es ist einfach nur ein großes Glück, dass wir alle zur gleichen Zeit so viel zum Feiern haben. Das heißt nämlich, dass du bald ganz viele neue Spielkameraden hast.“
Sayuri nickte ernst, als müsse sie diese Information erst einmal strategisch verarbeiten. „Dann muss ich ihnen wohl zeigen, wo die besten Verstecke im Garten sind. Aber zwei auf einmal...“, sie sah zu Hana und dann zu Vladimir. „Tante Hana, musst du sie dann auch beide gleichzeitig tragen?“
Vladimir sah das kleine Mädchen an, und sein Blick wurde merklich weicher. „Dafür hat man ja einen Onkel Kai und einen Papa Vladimir, Sayuri. Wir helfen beim Tragen.“
Kai warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu. In diesem stummen Einverständnis zwischen den beiden lag die Erkenntnis, dass ihre ruhigen Tage im Büro wohl endgültig gezählt waren...und dass keiner von ihnen es anders haben wollte.
Gou und Hiromi standen auf der Terrasse des Anwesens, etwas abseits vom lautstarken Jubel im Esszimmer. Die kühle winzerliche Abendluft Tokios tat gut nach der emotionalen Hitze im Haus. Hiromi lehnte sich gegen das verzierte Geländer und blickte in den weitläufigen Garten, während im Hintergrund das ferne Echo von Kenjis Lachen zu hören war.
„Es ist irgendwie ansteckend, oder?“, murmelte sie mit einem sanften Lächeln. „Wenn man sie alle so sieht... Ich glaube, ich freue mich schon darauf, irgendwann auch mal Mutter zu werden.“
Gou, der neben ihr stand und die Hände lässig in den Taschen seiner Hose vergraben hatte, warf ihr einen Seitenblick zu. Ein freches Funkeln trat in seine roten Augen. „Oh? Bist du jetzt etwa auf den Geschmack gekommen, nur weil im Haus gerade das Babyfieber ausgebrochen ist?“, neckte er sie. Er trat einen Schritt näher und senkte die Stimme schauspielerisch ernst. „Du solltest nicht vergessen, dass du erst fünfzehn bist, Hiromi. Eine Teeniemutter zu sein... das wäre sicher nicht so toll, wie du es dir in deiner Romantik gerade vorstellst. Windeln wechseln zwischen den Hausaufgaben ist kein Zuckerschlecken.“
Hiromi spürte, wie ihr die Hitze schlagartig in die Wangen schoss. „Gou!“, rief sie empört aus und versetzte ihm einen leichten Knuff gegen den Oberarm. „Das weiß ich selbst! Ich habe von ‚irgendwann‘ gesprochen. Frühestens in zehn Jahren! Wenn wir mit dem Studium fertig sind und... na ja, eben wenn die Zeit reif ist.“
Gou lachte leise auf, ein tiefes, ehrliches Geräusch, das Hiromi sofort wieder besänftigte. Er fing ihre Hand ein und drückte sie kurz. „Ich weiß, ich weiß. Ich wollte dich nur ein bisschen aufziehen. Aber ich verstehe, was du meinst. Es ist ein schöner Gedanke, wenn man sieht, wie fest unsere Familie zusammenhält.“
Er blickte wieder hinaus in die Dunkelheit und sein Gesichtsausdruck wurde etwas nachdenklicher. „Ich bin ja gespannt, wann Onkel Noah nachzieht. Seit er mit seiner Freundin in Nagoya wohnt, lässt er sich ja leider nur noch selten in Tokio blicken. Aber mit seinen 24 Jahren wäre er eigentlich im perfekten Alter, um eine Familie zu gründen. Er war schon immer gut mit Kindern.“
Hiromi nickte zustimmend. „Stimmt. Noah wäre ein toller Vater. Er hat diese Ruhe weg, genau wie dein Vater, aber er ist dabei viel... nahbarer.“
Gou schmunzelte bei dem Vergleich. „Sag das bloß nicht meinem Vater. Er denkt wahrscheinlich, dass er der Inbegriff von pädagogischer Gelassenheit ist.“ Er zog Hiromi ein Stück näher an sich. „Aber bis es bei uns so weit ist, genießen wir erst einmal, dass wir die ‚Großen‘ sind, die das Chaos aus sicherer Entfernung beobachten können. Denken wir zumindest.“
„Bis Sayuri uns zum Babysitten verdonnert“, entgegnete Hiromi lachend und lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Gou seufzte theatralisch. „Stimmt. Gegen Sayuris Befehle kommt man in diesem Haus sowieso nicht an.“
Am nächsten Tag...
Der Duft von frischem Jasmintee erfüllte den kleinen, gemütlichen Salon des Anwesens, der einen wunderbaren Blick auf den winterlich anmutenden Garten bot. Es war einer dieser seltenen Nachmittage, an denen Nami sich bewusst frei genommen hatte, um die Ruhe vor dem Sturm zu genießen. Hana saß ihr gegenüber, den glitzernden Verlobungsring an der Hand und ein noch immer leicht ungläubiges Lächeln im Gesicht.
„Ein Geburtsvorbereitungskurs? Zusammen?“, wiederholte Hana und nippte vorsichtig an ihrem Tee. Ein leises Lachen entwich ihr. „Nami, hast du dir das bildlich vorgestellt? Vladimir und Kai? In einem Raum mit Gymnastikbällen und Duftkerzen?“
Nami lehnte sich schmunzelnd zurück und strich sich über die noch kaum sichtbare Wölbung ihres Bauches. „Glaub mir, ich habe es mir mehr als einmal vorgestellt. Ich habe Kai heute Morgen beim Frühstück darauf angesprochen. Ich sagte ihm, dass wir dieses Mal besser vorbereitet sein sollten...vor allem, weil es nach all der Zeit doch wieder etwas ganz Neues ist.“
Sie hielt kurz inne und ihr Blick wurde für einen Moment etwas ernster, aber nicht traurig. „Bei meinen drei vorigen Schwangerschaften hatte ich nie die Gelegenheit, einen Kurs zu besuchen. Damals war alles so... überschattet. Die ständige Bedrohung durch Biovolt, die Presse...die Angst um unsere Sicherheit... da war kein Platz für Hechelkurse und Entspannungsübungen. Wir waren im Überlebensmodus.“
Hana nickte verstehend. Sie erinnerte sich nur zu gut an die angespannte Zeit von früher. „Das stimmt. Es ist eigentlich traurig, dass du das nie in Ruhe erleben konntest. Aber stell dir jetzt mal die Gesichter der anderen Teilnehmer vor, wenn die Hiwatari-Brüder den Raum betreten.“
Nami prustete los. „Genau das habe ich Kai auch gesagt! Er sah mich an, als hätte ich vorgeschlagen, wir sollten gemeinsam an einem Synchronschwimm-Wettbewerb teilnehmen. Er meinte nur ganz trocken: 'Nami, ich weiß, wie man in Krisensituationen atmet.'“
Hana lachte so herzlich, dass sie ihre Tasse abstellen musste. „Das ist typisch! Vladimir war nicht viel besser. Er hat mich gefragt, ob es für die Techniken eine wissenschaftliche Auswertung der Erfolgsrate gibt. Ich habe ihm gesagt, wenn er die Kursleiterin nach Statistiken fragt, setze ich ihn vor die Tür.“
„Oh Gott, wir müssen das unbedingt machen“, sagte Nami und wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel. „Gerade weil du Zwillinge bekommst, Hana. Da fangen die Kurse ja sowieso früher an. Wenn wir uns jetzt anmelden, könnten wir in ein paar Wochen starten. Ich bin in der 14. Woche, du in der achten...das passt perfekt. Du kriegst den Zwillings-Crashkurs und ich krieg die Erfahrung, die mir früher verwehrt blieb.“
Hana sah ihre Schwester liebevoll an. „Ich fände es wunderschön, das mit dir zu machen. Und es wird die ultimative Geduldsprobe für unsere Männer. Ich sehe Vladimir schon vor mir, wie er versucht, die Gebärpositionen ergonomisch zu optimieren.“
„Und Kai wird wahrscheinlich die Stoppuhr zücken, um die Effizienz meiner Atemzüge zu messen“, ergänzte Nami kichernd. „Aber im Ernst: Es wird uns gut tun. Einmal in der Woche nur wir, die Babys und zwei Männer, die lernen müssen, dass man eine Geburt nicht durch strategische Planung allein kontrollieren kann.“
Hana hob ihre Teetasse. „Auf die Ivanovs und Hiwataris beim Hechelkurs. Möge die Kursleiterin starke Nerven haben.“
„Und wir eine gute Kamera für die Erinnerungsfotos“, fügte Nami mit einem zwinkernden Auge hinzu.
Die Reaktion der Männer war exakt so, wie Nami und Hana es vorausgeahnt hatten: Eine Mischung aus stoischer Skepsis und der typischen Ivanov-Logik...
Später am Abend saßen sie alle vier im kleinen Salon des Anwesens. Kai lehnte am massiven Kaminsims, während Vladimir in einem der schweren Ledersessel saß und die Anmeldung, die Hana ihm hingelegt hatte, betrachtete, als wäre es ein feindliches Friedensangebot.
„Ein Kurs für... ‚bewusstes Atmen und partnerschaftliche Unterstützung‘?“, las Vladimir laut vor. Er hob den Blick und sah Hana skeptisch an. „Hana, bei Lilias Schwangerschaft war das nie ein Thema. Wieso hast du damals keinen Kurs besucht, wenn diese Methode doch so... *effizient* ist, wie du jetzt behauptest? Wir haben die Geburt auch so tadellos hinter uns gebracht.“
Hana verschränkte die Arme vor der Brust und schenkte ihm ein Lächeln, das gleichermaßen charmant wie unnachgiebig war. „Tadellos, Vladimir? Du hast während der Wehen versucht, die Effizienz der Krankenhaus-Monitor-Software zu analysieren, um dich abzulenken. Dieses Mal bekommen wir Zwillinge. Das ist kein strategisches Projekt, das man mit Logik löst. Ich möchte, dass wir als Team vorbereitet sind...körperlich und mental.“
Vladimir wollte gerade ansetzen, die statistische Relevanz von Atemübungen bei Mehrlingsgeburten zu hinterfragen, doch Kai unterbrach ihn mit einem kurzen, trockenen Schnauben.
Kai sah zu Nami, die ihn mit diesem ganz speziellen Blick fixierte, dem er noch nie etwas entgegenzusetzen hatte. „Ich habe Nami bereits gesagt, dass ich weiß, wie man in Extremsituationen atmet“, warf Kai ein und verschränkte die Arme. „Ich sehe den taktischen Vorteil nicht, mich mit zehn anderen Vätern auf eine Matte zu setzen und über meine Gefühle zur Plazenta zu reden.“
Nami trat einen Schritt auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm. „Es geht nicht um Taktik, Kai. Es geht darum, dass wir dieses Mal den Luxus haben, uns gemeinsam vorzubereiten. Ohne Biovolt, ohne Krieg, ohne Flucht. Ich möchte diese Erfahrung mit dir teilen...auch wenn es bedeutet, dass du dir drei Stunden lang anhören musst, wie man einen Säugling richtig badet.“
Ein kurzes Schweigen herrschte im Raum. Vladimir sah zu Kai, Kai sah zu Vladimir. Es war ein stummer Austausch zwischen Brüdern, eine kapitulierende Erkenntnis.
„Es wird also von uns erwartet, dass wir dort... aktiv teilnehmen?“, fragte Vladimir schließlich und seufzte leise, während er das Anmeldeformular glattstrich.
„Ganz aktiv“, bestätigte Hana siegessicher. „Inklusive Partnerübungen.“
Kai sah Nami an, sah das Leuchten in ihren Augen und gab schließlich nach, auch wenn er dabei aussah, als würde er sich auf eine besonders mühsame Vorstandssitzung vorbereiten. „Schön. Wenn es dir wichtig ist, mein Schatz...werde ich dabei sein. Aber ich weigere mich, diese hässlichen Sandalen zu tragen.“
„Abgemacht“, lachte Nami und zog ihn ein Stück näher an sich. „Keine Birkenstocks. Aber die Matte ist obligatorisch.“
Vladimir schüttelte den Kopf, griff nach einem Füller und unterzeichnete das Dokument. „Ich werde die Kursleiterin wahrscheinlich nach den ersten fünf Minuten korrigieren müssen, wenn ihre anatomischen Erklärungen unpräzise sind. Aber gut... für die Zwillinge.“
Hana zwinkerte Nami zu. Die erste Hürde war genommen. Nun mussten sie nur noch den ersten Abend überstehen, ohne dass die beiden Brüder die Leitung des Kurses übernahmen.
Vladimir legte den Füller beiseite, doch seine analytische Neugier war noch nicht gestillt. Er lehnte sich zurück und fixierte Hana mit einem forschenden Blick. „Wenn wir schon beim Thema Vorbereitung sind: Ist ein solcher Kurs bei Zwillingen überhaupt zweckmäßig? Wird in der modernen Medizin bei Mehrlingen nicht ohnehin standardmäßig ein Kaiserschnitt durchgeführt? Das wäre planbarer und würde viele Variablen eliminieren.“
Kai, der bisher eher genervt gewirkt hatte, versteifte sich merklich bei dem Wort. Er sah seinen Bruder scharf an. „Willst du das wirklich, Vladimir?“, fragte er mit einer unterkühlten Intensität. „Willst du ernsthaft, dass man deine Frau aufschneidet, wenn es nicht medizinisch absolut notwendig ist?“
Vladimir hob überrascht die Brauen. Er spürte die plötzliche Spannung, die von Kai ausging. „Es war eine rein rationale Überlegung zur Risikominimierung. Wieso habt ihr beide euch damals eigentlich gegen einen Kaiserschnitt entschieden? Soweit ich mich an deine Erzählungen über die Geburt der Zwillinge erinnern kann, war die natürliche Entbindung...ein reines Schlachtfeld.“
Bei dem Wort „Schlachtfeld“ zuckte Kai unmerklich zusammen. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, und für einen Moment schien er nicht mehr im kleinen Salon des Anwesens zu sein, sondern zurück in diesem sterilen, grell beleuchteten Raum, in dem er fast das Kostbarste in seinem Leben verloren hätte. Es war genau diese Erinnerung, die ihn jahrelang zögern ließ, überhaupt über ein weiteres Kind nachzudenken. Das Bild von Nami, bleich und schwindend, war tief in sein Gedächtnis gebrannt.
„Alle Zeichen standen damals gut für eine natürliche Geburt“, sagte Kai mit belegter Stimme, wobei er den Blick starr ins Leere richtete. „Es gab keinen Grund für eine Operation. Die Komplikationen traten erst danach ein. Alles schien vorbei zu sein, die Kinder waren da...und dann hörte Nami plötzlich nicht mehr auf zu bluten. Die Ärzte verloren die Kontrolle. Ich stand daneben und konnte absolut nichts tun, außer zuzusehen, wie sie mir entglitt.“
Die Stille im Raum wurde schwer. Selbst Vladimir wirkte nun betroffen und realisierte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte, der tiefer saß, als seine Statistiken reichten.
Nami sah den Schmerz in Kais Augen und spürte die Kälte, die ihn in diesem Moment umgab. Sie trat sofort zu ihm und legte ihre Hände flach auf seine Brust, um ihn in die Gegenwart zurückzuholen.
„Kai.“, unterbrach sie ihn sanft, aber bestimmt. Sie wusste, wie schrecklich belastend diese Erinnerung für ihn war. In seinen Träumen verfolgte ihn dieser Tag immer noch gelegentlich...die Hilflosigkeit eines Mannes, der sonst ein ganzes Imperium kontrollieren konnte, aber gegen die Biologie machtlos war.
Sie wandte sich kurz zu Vladimir und Hana um, während sie Kais zitternde Hand in ihre nahm. „Es war eine traumatische Erfahrung für ihn, Vladimir. Aber genau deshalb ist dieser Kurs wichtig. Wir wollen dieses Mal Ängste abbauen, statt uns nur auf medizinische Eventualitäten zu verlassen. Eine natürliche Geburt ist für den Körper oft besser, wenn alles passt...aber wir werden kein Risiko eingehen. Weder Hana noch ich.“
Sie drückte Kais Hand fest und sah ihm tief in die Augen, bis der harte Glanz in seinem Blick langsam weich wurde. „Wir sind hier, Kai. Wir sind in Sicherheit. Und dieses Mal schreiben wir eine andere Geschichte.“
Als Nami und Hana ein paar Minuten später den Salon verließen, um nach den Kindern zu sehen, blieb eine schwere, fast greifbare Stille zurück. Vladimir beobachtete seinen Bruder, der immer noch mit dem Rücken zum Raum am Kamin stand. Die Anspannung in Kais Schultern verriet, dass die Geister der Vergangenheit noch nicht ganz verschwunden waren.
Vladimir brach das Schweigen mit einer Stimme, die ungewohnt frei von seinem üblichen, analytischen Spott war. „Ich wollte keinen alten Schmerz aufwühlen, Kai. Es war mir nicht bewusst, dass die Situation damals derart... kritisch war.“
Kai drehte sich langsam um. Sein Blick war düster. „Die Ärzte hatten sie fast aufgegeben“, sagte er rau. „Wenn Namis heilende Aura nicht in letzter Sekunde eingesetzt hätte und die Blutung von alleine gestoppt wäre... bin ich mir sicher, dass sie dort verblutet wäre. Ich hätte sie verloren, noch bevor ich die Zwillinge zum ersten Mal richtig halten konnte.“
Vladimir runzelte die Stirn. „Wieso kam die Heilung so verzögert?"
Kai trat einen Schritt auf den Tisch zu und stützte sich mit den Händen auf der dunklen Holzoberfläche ab. „Ich habe das bei allen Schwangerschaften und Geburten von Nami beobachtet. Sobald sie schwanger war, war es, als würde diese heilende Aura unterdrückt. Sie verschwindet nicht gänzlich, aber sie wird so schwach, dass es spürbar ist. Ihr Schutzschild ist während dieser Monate fast nicht vorhanden. Und in dem Moment, als die Geburt vorbei war...als wäre ein Schalter umgelegt worden..., setzte die Aura ihres Bit-Beasts wieder mit voller Kraft ein. Erst das hat sie gerettet. Bei den Zwillingen war es verzögert....wieso, weiß ich nicht.“
Vladimir dachte einen Moment schweigend nach. „Es ergibt eine gewisse biologische und energetische Logik“, merkte er schließlich an. „Es ist denkbar, dass die Aura und die Seeleneffekte ihres Bit-Beasts vom Körper aktiv abgeschwächt werden, um das ungeborene Leben nicht zu beeinflussen. Ein Embryo ist in seiner frühen Phase energetisch sehr instabil; eine derart mächtige Heilkraft könnte die natürliche Zellteilung stören oder das Kind überfordern. Der Körper priorisiert den Schutz des neuen Lebens vor der Regeneration der Mutter. Wahrscheinlich war ihr Körper durch die Zwillinge noch einen Tick mehr geschwächt.“
Kai sah seinen Bruder lange an. „Das ist gut möglich“, gab er leise zu. „Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass es mich jedes Mal in den Wahnsinn treibt, sie so...verwundbar zu sehen. In meinem Leben gibt es kaum Dinge, die ich nicht kontrollieren kann, Vladimir. Aber das hier gehört nicht dazu.“
Vladimir nickte langsam. Er dachte an Hana und die beiden Leben, die nun in ihr heranwuchsen. „Das ist der Preis, den wir zahlen“, sagte er mit einem Hauch von jener Schwere, die er sonst so meisterhaft verbarg. „Wir führen Imperien...aber wir sind letztlich nur Männer, die vor der Natur den Hut ziehen müssen.“
Er trat auf Kai zu und legte ihm für einen Moment die Hand auf die Schulter. „Deshalb gehen wir zu diesem Kurs, Kai. Nicht weil wir an die Macht des richtigen Atmens glauben, sondern weil es das Einzige ist, was wir aktiv tun können, um an ihrer Seite zu stehen. Und dieses Mal sitzen wir beide im selben Boot.“
Kai sah auf das unterzeichnete Anmeldeformular hinunter und ein winziges, fast unsichtbares Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Vladimir setzte sich wieder und lehnte sich tiefer in seinen Sessel, die Fingerspitzen aneinandergelegt. Die intime Offenheit des Gesprächs schien eine Barriere zwischen ihnen niedergerissen zu haben. „Wir haben viel über Nami gesprochen“, begann er nachdenklich. „Ihre Aura ist fast schon legendär...ätherisch, regenerativ, eine Macht, die sogar die Dunkelheit in den Herzen anderer verdrängen kann. Sie hebt ihre Schönheit auf eine Ebene, die fast nicht mehr menschlich wirkt.“
Er fixierte Kai mit einem bohrenden Blick. „Aber du, Kai... du bist nun auch seit vielen Jahren mit Dranzer verschmolzen. Wenn Nami die Heilung und das Licht verkörpert, was bewirkt dann deine Aura? Was sind deine Seeleneffekte...außer die Intensität deiner Augenfarbe? Wir hatten nie wirklich darüber gesprochen.“
Kai schmunzelte kurz, ein dunkles, wissendes Lachen, das seine roten Augen kurz aufblitzen ließ. Er goss sich einen Schluck Wasser ein, bevor er antwortete. „In vielerlei Hinsicht strebt mein Körper nach derselben Perfektion wie der von Nami. Seit der Verschmelzung regeneriere ich mich um ein Vielfaches schneller als ein normaler Mensch. Ich muss kaum trainieren und achte nicht sonderlich auf meine Ernährung, und doch bleibe ich in dieser Verfassung.“ Er deutete vage auf seine breite, muskulöse Statur, die trotz der Jahre im Chefsessel des Towers keine Spur von Schwäche zeigte.
„Aber es gibt noch etwas anderes“, fuhr Kai fort und sein Schmunzeln vertiefte sich. „Etwas Spezifischeres. Meine Aura hat eine... sagen wir...eine leicht aphrodisierende Wirkung auf Nami.“
Vladimir hielt mitten in der Bewegung inne. Er hob die Brauen so weit an, dass sie fast im Ansatz seines Haares verschwanden. „Eine aphrodisierende Wirkung?“, wiederholte er langsam, als müsste er sicherstellen, dass sein Verstand die Information nicht falsch gefiltert hatte. „Du willst damit sagen, deine bloße energetische Präsenz fungiert als Stimulans?“
Kai lachte leise auf, ein raues Geräusch, das selten genug vorkam. „Du hättest sie erleben sollen, Vladimir, als ich gerade frisch mit Dranzer verschmolzen war. Die Energie war damals noch ungebändigt, fast schon aggressiv in ihrer Intensität. Nami wurde beinahe verrückt vor Lust nach mir. Zwei oder drei Tage lang wollte sie absolut nichts anderes als das eine. Es war, als hätte die Aura von Dranzers Feuer ihre eigenen Instinkte in Brand gesetzt.“
Vladimir starrte seinen Bruder einen Moment lang fassungslos an. Der kühle, unnahbare Kai Hiwatari sprach gerade mit einer beiläufigen Direktheit über sein Privatleben, die Vladimir kurzzeitig die Sprache verschlug.
„Interessant“, brachte Vladimir schließlich hervor und räusperte sich. Er verschränkte die Arme, während sein Verstand bereits anfing, die energetische Wechselwirkung zwischen Phoenix und Pegasus' Heiliger Aura zu analysieren. „Das würde erklären, warum die Anziehung zwischen euch beiden selbst nach all den Jahren so... physisch greifbar ist, wenn ihr einen Raum betretet. Es ist also kein reiner Zufall und nicht nur Liebe, sondern eine resonante Frequenz deiner Seelenenergie.“
„Es ist eine Art Magnetismus“, ergänzte Kai und sein Blick wurde wieder ernst, aber weicher. „Sie ist mein Anker, und meine Energie scheint genau das in ihr zu wecken, was sie nur noch stärker an mich bindet. Auch wenn wir es mittlerweile besser unter Kontrolle haben als damals...“
Vladimir schüttelte leicht den Kopf, ein amüsiertes Funkeln in den Augen. „Wenn du eine Aura wie ein permanentes Aphrodisiakum mit dir herumträgst, Kai, ist es kein Wunder, dass ihr bereits bei Kind Nummer fünf angekommen seid.“
Kai erwiderte nichts, aber das kleine, zufriedene Lächeln auf seinen Lippen sprach Bände. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen die beiden Brüder nicht als Rivalen oder Geschäftsmänner sprachen, sondern als Männer, die die Komplexität ihrer eigenen Existenz akzeptierten.
Kai hielt kurz inne, während er sein Glas abstellte. Ein noch tieferes, fast schon ehrfürchtiges Schmunzeln trat auf seine Züge, als ihm ein weiterer Aspekt dieser energetischen Verbindung in den Sinn kam. Er sah Vladimir direkt an, sein Blick wurde ernst.
„Es gibt da noch etwas“, begann Kai und senkte die Stimme ein wenig. „Ich habe es dir vor längerer Zeit schon einmal erzählt.“
Vladimir legte den Kopf schief, sein analytischer Verstand bereits im Alarmbereitschaftsmodus. „Du sprichst von der biologischen Unmöglichkeit, die du damals erwähnt hast?“
„Genau das“, bestätigte Kai. „Namis Aura und die meine... sie kommunizieren auf einer Ebene, die weit unter dem liegt, was wir bewusst steuern können. In den letzten sechzehn Jahren hat das mehrmals zu einem Phänomen geführt, das kein Arzt der Welt erklären kann.“
Er trat einen Schritt näher zu seinem Bruder. „Sobald Nami eine tiefe, aufrichtige Sehnsucht nach einem weiteren Kind entwickelt...eine Sehnsucht, die ihre gesamte Aura durchdringt.., reagiert meine Aura...mein...Körper darauf. Er empfängt dieses Signal wie einen Befehl zur Regeneration. Es ist nun schon mehrfach passiert, dass diese energetische Resonanz meine Vasektomie schlichtweg rückgängig gemacht hat.“
Vladimir starrte einen Moment lang auf die tanzenden Flammen im Kamin, während Kais Worte im Raum nachhallten. Er schüttelte langsam den Kopf, ein trockenes, fast schon bewunderndes Lachen auf den Lippen.
„Stimmt... ich erinnere mich an unser Gespräch.“, sagte Vladimir und rieb sich die Schläfe. „Deine Aura empfängt den Befehl und Dranzers Feuer erledigt die... chirurgische Korrektur.“
Er sah Kai direkt an, sein Blick wurde wieder scharf und analytisch. „Es ist faszinierend und beängstigend zugleich. Deine Zellregeneration ist so eng mit ihrer emotionalen Frequenz verknüpft, dass physische Barrieren für euch keine Bedeutung haben. Im Grunde bist du biologisch gesehen völlig wehrlos, sobald sie sich nach einem weiteren Kind sehnt.“
Kai erwiderte den Blick ungerührt, doch ein Hauch von Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Ich habe es aufgegeben, dagegen anzukämpfen, Vladimir. Es ist ein Teil des Pakts, den ich mit Dranzer geschlossen habe, als ich mich für die Verschmelzung entschied. Mein Körper gehört nicht mehr nur mir allein...er gehört der Zukunft dieses Erbes. Und wenn Nami spürt, dass es Zeit für ein weiteres Leben ist, dann gehorcht mein Körper diesem Ruf.“
Er machte eine kurze Pause und trat einen Schritt näher an seinen Bruder heran. „Ich erzähle dir das nicht nur zur Information. Ich erzähle es dir, weil du jetzt selbst in diese Welt eintrittst. Hana hat zwar kein Bit-Beast, aber sie ist eine Tachiba. Ihre Verbindung zu Nami ist tief. Unterschätz niemals die Kraft dieser Frauen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben. Du magst vielleicht keine magische Vasektomie-Heilung erleben, aber du wirst feststellen, dass dein Wille in ihrer Gegenwart sehr schnell zweitrangig wird.“
Vladimir schnaubte leise und griff nach seinem Glas. „Das habe ich letztens im Untersuchungszimmer gemerkt, als ich plötzlich lachend vor einem Ultraschallgerät stand. Es ist, als hätten sie eine ganz eigene Art von Gravitation.“
Er schüttelte fassungslos den Kopf und lehnte sich mit einem schweren Seufzer zurück. „Das ist... jenseits jeder statistischen Wahrscheinlichkeit. Es ist eine biologische Kapitulation vor der Magie eurer Verbindung. Ein energetischer Befehlsempfänger.“ Er hielt inne und ein schiefes Grinsen stahl sich auf sein Gesicht. „Ich sollte also dankbar sein, dass Hana keine Bit-Beast-Aura besitzt, sonst würde mein Leben wahrscheinlich in einer unendlichen Kette von Kinderwagen enden.“
Kai sah seinen Bruder lange an, und die kühle, fachliche Distanz in seinem Blick wich einer plötzlichen, fast schmerzhaften Ehrlichkeit. Die Stille in der Bibliothek wurde tiefer, als Kai das Glas abstellte und die Stimme senkte.
„Es ist nicht nur die Aura, Vladimir“, sagte er leise, und seine Stimme klang nun ganz anders...rauer, belegt von einer Emotion, die er sonst nur Nami gegenüber zuließ. „Dranzers und Pegasus' Seelenenergie... das sind am Ende nur Werkzeuge. Ein Echo.“
Er trat ans Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit des Gartens, doch sein Fokus lag ganz woanders. „Der wahre Grund, warum mein Körper so reagiert, ist, dass ich keinen einzigen Tag in einer Welt verbringen möchte, in der Nami nicht vollkommen glücklich ist. Wenn sie sich nach einem Kind sehnt, dann wird dieser Wunsch in derselben Sekunde zu meinem eigenen. Ich liebe sie nicht, weil unsere Energien harmonieren. Unsere Energien harmonieren, weil ich mich mit jeder Faser meines Seins dazu entschieden habe, ihr zu gehören.“
Kai drehte sich langsam wieder um, und das Feuer in seinen roten Augen brannte nun mit einer ruhigen, unerschütterlichen Intensität. „Sie ist nicht mein Schicksal, weil ein Bit-Beast das so will. Sie ist mein Schicksal, weil sie mich gesehen hat, als ich mich selbst schon längst aufgegeben hatte. Sie ist der einzige Mensch, der mich wirklich kennt...und der mich trotzdem liebt. Dass mein Körper auf ihre Sehnsucht reagiert, ist kein biologischer Defekt... es ist meine Art, ihr zu sagen, dass es nichts gibt, was ich ihr verweigern könnte. Absolut nichts.“
Vladimir schwieg. Die Ironie und der analytische Spott waren aus seinem Gesicht gewichen. Er erkannte in diesem Moment, dass Kai nicht über Biologie sprach, sondern über eine Hingabe und Liebe, die so absolut war, dass sie die Grenzen des menschlich Möglichen schlichtweg sprengte.
„Ich verstehe“, murmelte Vladimir schließlich, und dieses Mal klang es nicht wie eine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern wie tiefer Respekt. „Ich schätze, wir sind beide machtlos gegen diese Familie. Der eine wird von der Liebe seiner Frau genetisch umprogrammiert, und der andere wird von der Willenskraft seiner Verlobten auf eine Gymnastikmatte gezwungen.“
„Willkommen in der Familie, Bruder“, erwiderte Kai und hob sein Glas in einer knappen, respektvollen Geste. „Es wird Zeit, dass wir uns mit unserem Schicksal abfinden.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür und Nami trat herein, ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, das den Raum sofort erhellte. „Worüber redet ihr beiden so ernsthaft?“, fragte sie und trat an Kais Seite.
Kai legte den Arm um sie und zog sie fest an sich, wobei sein Blick kurz zu Vladimir glitt. „Über Biologie, mein Schatz. Nur über Biologie.“
Nachhall
[Dieses Kapitel ist nur Volljährigen zugänglich]
Der Kurs
Ein paar Wochen später...
Der „Raum der Begegnung“ im Tokioter Stadtteil Minato war exakt so, wie Kai und Vladimir es befürchtet hatten: lichtdurchflutet, in sanften Pastelltönen gestrichen und erfüllt vom dezenten Duft von Sandelholz. In der Ecke plätscherte ein kleiner Zimmerbrunnen, und die Hintergrundmusik bestand aus einer meditativen Panflöten-Mischung, die Kai bereits nach drei Minuten passiv aggressiv machte.
Nami und Hana schritten mit einer Vorfreude voran, die in krassem Gegensatz zur Körpersprache ihrer Begleiter stand. Die beiden Männer folgten ihnen wie zwei Elite-Soldaten, die versehentlich in einem Kindergarten abgesetzt worden waren. Beide trugen dunkle Sportkleidung, die in diesem Meer aus pastellfarbenen Yoga-Hosen und bunten Gymnastikbällen völlig deplatziert wirkte.
„Bitte, meine Herren, Sie dürfen Ihre Schuhe dort in die Regale stellen“, zwitscherte die Kursleiterin, eine Frau namens Miss Narusaka, die eine Aura von unerschütterlicher Sanftheit ausstrahlte.
Vladimir starrte auf das offene Regal, in dem bereits mehrere Paare bunter Sandalen zu sehen waren. Er warf Kai einen Blick zu, der Bände sprach. Ohne ein Wort zu sagen, zogen sie die Schuhe aus. Kai in seinen teuren Sneaker und Vladimir in seinen handgefertigten Oxford-Schuhen standen nun in ihren Socken auf dem Parkett... ein Anblick, der Nami ein unterdrücktes Kichern entlockte.
„Sucht euch eine Matte aus!“, rief Miss Narusaka fröhlich.
Kai und Vladimir ließen sich auf die dünnen Gummimatten nieder. Da sie beide groß und athletisch gebaut waren, wirkten sie dort wie zwei Raubkatzen in einem zu kleinen Käfig. Während die anderen werdenden Väter...meist nervös lächelnde Büroangestellte...entspannt im Schneidersitz hockten, saßen die Hiwatari-Brüder kerzengerade, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick starr nach vorne gerichtet. Sie wirkten weniger wie werdende Väter und mehr wie das Sicherheitskommando, das den Kurs jeden Moment stürmen würde.
Das Setting war gesetzt. Die beiden Männer bildeten eine dunkle Achse in diesem pastellfarbenen Raum, eine Insel aus unterkühlter Effizienz inmitten von Geburtsberichten und Atemübungen.
„Willkommen in unserem Kreis“, säuselte Miss Narusaka und breitete die Arme aus, als wolle sie die gesamte Gruppe umarmen. „Wir beginnen heute mit der *Ankommens-Runde*. Jeder Vater darf kurz sagen, wie er sich gerade fühlt, wenn er an den Tag der Geburt denkt.“
Ein junger Mann mit Brille neben Kai räusperte sich nervös. „Ich... ich habe ein bisschen Angst, ohnmächtig zu werden, aber ich freue mich auf die Bindung zum Kind.“
Miss Narusaka nickte wohlwollend und sah dann zu Vladimir. Er saß dort, die Beine locker überschlagen, den Rücken so gerade, als wäre die Matte ein Thron. Er wirkte nicht gestresst, sondern eher wie ein Inspektor, der die Effizienz der Veranstaltung prüfte.
„Vladimir Ivanov“, stellte er sich mit einem kurzen Nicken vor. Seine Stimme war tief und klangvoll, was den Zimmerbrunnen in der Ecke fast übertönte. „Meine Gefühle bezüglich der Geburt sind rein operativer Natur. Ich gehe davon aus, dass das medizinische Personal kompetent ist und die logistischen Abläufe reibungslos funktionieren. Meine Aufgabe ist es, für meine Frau da zu sein und Hindernisse zu beseitigen. Emotionale Extrapolierungen halte ich zu diesem Zeitpunkt für wenig zielführend.“
Einige der anderen Väter starrten ihn an, als hätte er gerade eine Kriegserklärung in Versform vorgelesen. Hana legte den Kopf schief und warf Nami einen Blick zu, der sagte:
~Da ist er wieder, der russische Stoizismus.~
Miss Narusaka blinzelte kurz, ihr Lächeln geriet für einen Moment ins Wanken. „Ah... eine sehr... strukturierte Herangehensweise. Und Sie?“, fragte sie und wandte sich Kai zu.
Kai rührte sich nicht. Sein Blick war auf einen fixen Punkt an der gegenüberliegenden Wand geheftet. Er wirkte nicht wütend, sondern einfach nur wie jemand, der beschlossen hatte, diese Zeit als eine Art mentales Training zu betrachten. „Kai Hiwatari“, sagte er trocken. Er machte keine Pause, fügte keine Adjektive hinzu. „Ich bin hier, weil meine Frau mich darum gebeten hat. Meine Erwartungen sind gering, meine Geduld ist endlich. Solange niemand versucht, mir eine Puppe in den Arm zu legen, werden wir keine Probleme haben.“
Nami biss sich fest auf die Unterlippe, um nicht laut loszulachen. Kai gab sich wirklich Mühe, nicht „motzig“ zu klingen, aber seine natürliche Skepsis sickerte aus jeder Silbe.
„Nun denn...“, Miss Narusaka räusperte sich tapfer. „Kommen wir zur ersten Übung. Die *Partner-Harmonisierung*. Die Väter knien sich bitte hinter ihre Frauen. Wir massieren das Kreuzbein, um Spannungen zu lösen.“
Kai atmete einmal tief durch die Nase ein. Er sah Vladimir an, der bereits mit einer fast schon arroganten Selbstverständlichkeit hinter Hana kniete, als hätte er nie etwas anderes getan, als Pezzibälle und Schwangere zu dirigieren. Vladimir zog eine Augenbraue hoch...eine stumme Herausforderung unter Brüdern.
Kai gab nach. Er rutschte von seiner Matte und kniete sich hinter Nami. Seine Hände legten sich auf ihren Rücken. Sie waren groß, fest und verströmten diese unglaubliche Wärme, die ihn schon immer ausgezeichnet hatte. Er massierte nicht vorsichtig und zaghaft wie die Büroangestellten neben ihnen; sein Griff war sicher und bestimmt.
„Du bist verspannt“, raunte er ihr zu, seine Stimme tief an ihrem Ohr. „Du denkst zu viel über mein Gesicht nach. Konzentrier dich auf dich selbst.“
„Ich versuche es“, flüsterte Nami zurück und lehnte sich ein Stück gegen ihn. „Aber du siehst aus, als würdest du gleich den Kursleiter-Posten übernehmen, nur damit wir schneller nach Hause kommen.“
„Das wäre gar keine so schlechte Idee“, brummte Kai leise, wobei der ironische Unterton in seiner Stimme so trocken war, dass er beinahe staubte. „Ich bin sicher, Vladimir und ich könnten die Effizienz dieses Formats um mindestens achtzig Prozent steigern, wenn wir die Panflötenmusik durch Fakten ersetzen.“
Vladimir quittierte den Kommentar mit einem kaum merklichen, aber amüsierten Zucken seiner Mundwinkel. „Zehn Minuten, Kai. Länger bräuchten wir nicht für das Wesentliche.“
Nachdem die Übung beendet war und die Paare sich wieder in den Sitzkreis sortierten, herrschte eine kurze, beinahe ehrfürchtige Stille. Kai und Vladimir war natürlich nicht entgangen, dass sie seit Beginn beobachtet wurden. Seit sie ihre Namen ausgesprochen hatten, war die Atmosphäre im Raum noch etwas weiter gekippt, weg von der meditativen Entspannung, hin zu einer unterdrückten Aufregung. In einem Viertel wie Minato war es zwar nicht ungewöhnlich, auf Berühmtheiten zu treffen, aber zwei Legenden und Wirtschaftsgiganten beim Massieren von Kreuzbeinen zu beobachten, war selbst für Tokioter Verhältnisse ein Ereignis.
Ein Mann in der vorderen Reihe, der einen sehr teuren, aber zerknitterten Trainingsanzug trug, räusperte sich dezent. Er wirkte, als hätte er die letzten zwei Minuten mit seinem Mut gerungen.
„Entschuldigen Sie...“, begann er und nickte Kai respektvoll zu. „Ich möchte den Ablauf wirklich nicht stören, aber ich konnte nicht umhin... ich bin ein unglaublich großer Fan Ihrer Karriere, Mr. Hiwatari. Meine Frau und ich erwarten unser erstes Kind, und wir sind, ehrlich gesagt, ziemlich nervös.“
Er machte eine kurze Pause und sah dann fast suchend zu Kai auf. „Sie haben ja bereits vier Kinder, wenn man den Medien glauben darf und bekommen jetzt sogar ein Fünftes. Sie müssen ja mittlerweile ein absoluter Profi in all dem hier sein. Haben Sie vielleicht einen... praktischen Rat für uns Neulinge? Jenseits der Harmonisierung?“
Kai versteifte sich unmerklich. Er hasste es, im Mittelpunkt privater Aufmerksamkeit zu stehen, besonders in einem Kontext, der so wenig mit seinem gewohnten Terrain zu tun hatte. Er spürte Vladimirs belustigten Blick von der Seite...sein Bruder genoss es sichtlich, dass Kai hier als „Erziehungsexperte“ herangezogen wurde.
Kai schwieg einen Moment, während Miss Narusaka erwartungsvoll die Hände faltete. Schließlich sah er den jungen Vater direkt an. Sein Blick war stoisch, aber nicht unfreundlich.
„Ein Profi?“, wiederholte Kai mit seiner tiefen, rauen Stimme. Er warf einen kurzen Blick zu Nami, dann zurück zu dem Mann. „Es gibt keinen Profi-Status für das, was nach der Geburt passiert. Jedes Kind ist ein neuer Gegner, wenn man es so nennen will. Man kann Strategien entwerfen, aber am Ende des Tages geht es um Ausdauer und die Fähigkeit, unter Schlafmangel präzise Entscheidungen zu treffen.“
Er verschränkte die Arme wieder vor der Brust. „Mein Rat? Hören Sie auf, sich auf das Aromaöl zu verlassen. Verlassen Sie sich auf Ihren Instinkt. Und sorgen Sie dafür, dass Ihre Frau sich auf Sie verlassen kann. Alles andere ist nur Dekoration.“
Vladimir neigte den Kopf, sichtlich beeindruckt von der Trockenheit der Antwort. „Gut zusammengefasst, kleiner Bruder. Disziplin schlägt Intuition in den ersten Wochen meist um Längen.“
Nami legte ihre Hand auf Kais Knie und drückte es sanft. Sie wusste, dass das sein Maximum an väterlichem Rat war, das er in dieser Umgebung preisgeben würde. Der junge Vater wirkte jedoch, als hätte er gerade eine göttliche Offenbarung erhalten; er tippte sich eifrig Notizen in sein Smartphone.
Miss Narusaka lächelte tapfer, auch wenn Kai gerade ihre gesamte Lavendel-Philosophie mit drei Sätzen entkernt hatte. „Nun... vielen Dank für diese... erdende Perspektive, Mr. Hiwatari." sagte Miss Narusaka mit einem Strahlen, das fast schon schmerzte, und griff hinter sich in ein Weidenkörbchen. „Da wir somit einen echten Experten unter uns haben...Mr. Hiwatari, wären Sie so freundlich? Übung macht den Meister, und die anderen Väter können sicher viel von Ihrem... instinktiven Geschick lernen.“
Sie hielt ihm eine lebensgroße, anatomisch korrekt gewichtete Babypuppe entgegen.
Kai starrte das leblose Plastikobjekt an, als handele es sich um ein Beweisstück in einem Strafprozess. Er spürte, wie sich Vladimirs amüsierter Blick förmlich in seine Schläfe brannte.
„Geh schon, Kai“, raunte Vladimir mit einer unerträglichen Gelassenheit. „Zeig uns die legendäre Präzision der Hiwatari-Schule. Ich bin sicher, deine Wickeltechnik ist ebenso effizient wie deine Angriffsstrategie.“
Nami biss sich auf die Lippen. Sie wusste, was die anderen nicht wussten: Kai *war* ein Profi. Bei Gou, den Zwillingen und Sayuri hatte er unzählige Male bewiesen, dass er Windeln mit einer Geschwindigkeit und Sorgfalt wechseln konnte, die an Magie grenzte...er hielt es nur für absolut unnötig, diese häusliche Kompetenz jemals nach außen zu tragen. Für die Welt war er der unnahbare Blade-Champion, nicht der Mann, der nachts um drei sicher mit Puder und Feuchttüchern hantierte.
Widerwillig, mit einem unterdrückten Seufzen, das wie ein fernes Grollen klang, erhob er sich. Er schritt nach vorne, nahm die Puppe entgegen und legte sie auf die vorbereitete Wickelunterlage. Die anderen Väter rückten näher, als würden sie eine hochgeheime Militäroperation beobachten.
„Zuerst die Vorbereitung“, begann Miss Narusaka, doch Kai unterbrach sie nicht einmal mit Worten. Er tat es einfach.
Seine Bewegungen waren fließend, ökonomisch und von einer beeindruckenden Sicherheit. Er hielt die Puppe nicht wie ein zerbrechliches Glas, sondern mit festem, schützendem Griff. Ohne hinzusehen, griff er nach der Windel, platzierte sie mit einer Präzision, die jeden Millimeter berücksichtigte, und schloss die Verschlüsse mit zwei kurzen, synchronen Bewegungen.
Es dauerte keine zwanzig Sekunden. Die Puppe lag perfekt gewickelt da, die Kleidung war glattgestrichen, kein einziger Handgriff war verschwendet worden.
Im Raum war es totenstill. Sogar das Plätschern des Zimmerbrunnens schien verstummt zu sein.
Kai trat einen Schritt zurück, die Arme wieder vor der Brust verschränkt, sein Gesichtsausdruck so unbewegt wie eh und je. „Effizienz minimiert den Stress für das Kind“, sagte er trocken, als wäre er gerade dabei, eine Beyblade-Analyse abzuschließen. „Zögern führt zu Unruhe. Man muss wissen, was man tut, bevor man die Hände anlegt.“
Vladimir neigte den Kopf, ein schmales, fast schon arrogantes Lächeln auf den Lippen. „Beeindruckend. Fast schon... mechanisch perfekt. Ich nehme an, die Zeitmessung war inbegriffen?“
„Vierzehn Sekunden, falls du mitgezählt hast, Vladimir“, erwiderte Kai, ohne ihn anzusehen.
Miss Narusaka blinzelte mehrmals. „Das war... das war die schnellste und sauberste Demonstration, die ich je in diesem Kurs gesehen habe. Tatsächlich... ein Profi.“
Der junge Vater im Trainingsanzug starrte auf die Wickelunterlage, als hätte Kai gerade ein physikalisches Gesetz neu geschrieben. „Wie... wie machen Sie das mit den Seitenteilen so symmetrisch?“
Kai warf ihm einen kurzen, skeptischen Blick zu. „Übung. Und weniger Panflötenmusik.“
Er kehrte zu Nami zurück und ließ sich mit der gewohnten Schwere auf seine Matte sinken. Nami kicherte leise und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. „Du hast sie alle sprachlos gemacht, Champion.“
„Ich will nur, dass wir hier schneller fertig werden“, brummte er, doch Nami spürte an der leichten Entspannung seiner Schultern, dass er mit seiner „Performance“...so widerwillig sie auch war...zufrieden war.
Vladimir lehnte sich ein Stück zu ihm herüber. „Ich erwarte beim nächsten Mal eine detaillierte Einweisung in deine Logistik der Kleinteile, Kai. Ich hasse unsaubere Ergebnisse.“
„Such dir deine eigenen Strategien, Vladimir“, gab Kai trocken zurück. „Oder analysier einfach weiter dein Glas Wasser.“
Miss Narusaka klatschte in die Hände, ihr Lächeln wirkte nach Kais mechanisch-perfekter Windel-Demonstration ein wenig angespannter. „So, meine Damen und Herren. Nach der Theorie kommt die... spirituelle und körperliche Vorbereitung. Die Atmung ist das Tor zur Entspannung. Wir üben jetzt die stoßweise Ausatmung und die tiefe Bauchatmung.“
Sie bat die Paare, sich gegenüber auf die Matten zu setzen. Kai und Vladimir tauschten einen Blick aus, der irgendwo zwischen tiefem Bedauern und gegenseitigem Einverständnis über die Absurdität der Situation lag.
„Väter“, säuselte Miss Narusaka, „legen Sie Ihre Hände auf den Bauch Ihrer Partnerin. Spüren Sie das Leben. Atmen Sie gemeinsam. Seien Sie der Anker im Sturm.“
Kai rutschte näher an Nami heran. Er setzte sich in den Schneidersitz...was bei seiner Statur eher wie eine lauernde Raubkatze wirkte...und legte seine Hände auf ihren Bauch. Seine Wärme war sofort präsent, ein brennender Kontrast zur kühlen Raumluft. Er starrte Nami direkt in die Augen, seine roten Irisse wirkten im sanften Pastelllicht des Raumes fast unwirklich intensiv.
„Atme“, sagte er schlicht. Es war kein Vorschlag, es klang wie eine taktische Anweisung.
„Ich versuche es, Kai“, flüsterte Nami, die sichtlich Mühe hatte, bei seinem intensiven Blick nicht nervös zu werden.
Ein paar Matten weiter hatte Vladimir bereits begonnen. Er saß Hana gegenüber, die Hände mit einer fast schon aristokratischen Eleganz auf ihrer Körpermitte platziert. Vladimir neigte den Kopf leicht, sein Gesichtsausdruck war die personifizierte Gelassenheit, doch seine Augen blitzten vor arrogantem Amüsement.
„Hana“, begann Vladimir mit seiner tiefen Baritonstimme, die den Raum wie ein Cello-Satz füllte. „Die Sauerstoffsättigung deines Blutes ist essenziell für die Uterusdurchblutung. Wir werden diesen Rhythmus jetzt optimieren.“ Er stieß einen kontrollierten, tiefen Atemzug aus. Es klang weniger nach Entspannung und mehr nach einem russischen Spezialeinheiten-Training.
„Einatmen auf vier, halten auf zwei, ausatmen auf sechs“, kommandierte Vladimir leise. „Kein 'Tönen', Hana. Wir verschwenden keine Energie für unkontrollierte Vokale.“
Hana lachte leise. „Vladimir, das ist ein Geburtskurs, keine Militärübung.“
„Das Prinzip bleibt das gleiche“, erwiderte er trocken. „Effizienz.“
Kai, der das Gespräch der beiden mitgehört hatte, sah wieder zu Nami. Die anderen Paare im Raum begannen bereits mit einem zaghaften, fast entschuldigenden Summen. Ein Chor aus unsicheren Lauten erfüllte den Saal.
„Ich werde nicht summen, Nami“, stellte Kai klar. Sein Blick wanderte kurz zur Kursleiterin, die gerade mit geschlossenen Augen durch den Raum schwebte. „Aber ich werde den Rhythmus halten.“
Er verstärkte den Druck seiner Hände auf ihrem Bauch ganz leicht. Nami spürte, wie er seine Aura ein wenig regulierte...die Hitze von Dranzer pulsierte nun in einem langsamen, stetigen Takt, fast wie ein zweiter Herzschlag. Es war unglaublich erdend. Kai nutzte keine sanften Worte, aber seine physische Präsenz war so stabil wie ein Fels in der Brandung.
„Rhythmus suchen“, murmelte er, seine Stimme tief und rau. „Ignorier das Geplätscher im Hintergrund. Nur ich und du.“
Nami schloss die Augen. Sie passte ihre Atmung dem Pulsieren seiner Hände an. Es war keine „pastellfarbene“ Entspannung; es fühlte sich eher wie die Ruhe vor einer großen Schlacht an...konzentriert, fokussiert, absolut sicher.
„Sehr gut, Mrs. Hiwatari!“, rief Miss Narusaka und blieb vor ihnen stehen. „Und Mr. Hiwatari, Sie sind ein wunderbarer Anker. Aber versuchen Sie doch, ein wenig... weicher zu werden? Lassen Sie den Atem fließen, als wären Sie eine Welle im Ozean.“
Kai sah langsam zu ihr auf. Die Stille, die er ausstrahlte, war fast greifbar. „Ich bin keine Welle“, sagte er ohne jede Gefühlsregung. „Ich bin der Damm, der die Flut hält. Das funktioniert für uns besser.“
Hana und Nami tauschten einen amüsierten Blick, während Vladimir von seiner Matte aus ein zustimmendes Brummen von sich gab.
„Ein Damm“, wiederholte Miss Narusaka verdutzt. „Nun... wenn es hilft...“
„Es hilft“, warf Vladimir ein, während er Hana nun dazu brachte, so präzise zu atmen, dass man danach eine Uhr stellen konnte. „Wir Hiwataris bevorzugen Strukturen, die nicht vom Wellengang abhängig sind, Narusaka-san. Mein Bruder hat das treffend zusammengefasst.“
Die Kursleiterin trat einen Schritt zurück, sichtlich überfordert mit der geballten Hiwatari-Ivanov-Logik. Kai wandte sich wieder Nami zu, seine Hände rührten sich keinen Millimeter. „Weiter“, befahl er leise, aber mit einer Zärtlichkeit in den Augen, die nur sie sehen konnte. „Noch mal von vorn. Tief ein... und kontrolliert aus.“
Ein paar Minuten später...
Miss Narusaka lächelte etwas erschöpft, während sie zwei große, pastellblaue Stillkissen in die Mitte des Kreises legte. „Zum Abschluss kommen wir zu einer Übung, die uns allen sehr am Herzen liegt: Die *Stille Stütze*. Es geht darum, dass der Partner der werdenden Mutter wortlosen Halt gibt. Oft ist Präsenz wichtiger als Aktion. Väter, setzen Sie sich so hinter Ihre Frauen, dass sie sich vollkommen in Sie hineinsinken lassen können. Werden Sie eins mit ihrem Rücken.“
Kai und Vladimir tauschten einen letzten, vielsagenden Blick aus. „Wortloser Halt“, murmelte Vladimir, während er sich hinter Hana positionierte. „Endlich ein Teil des Programms, der meiner natürlichen Disposition entspricht.“
Er setzte sich mit gespreizten Beinen auf die Matte und zog Hana sanft gegen seine breite Brust. Vladimir wirkte dabei wie eine unerschütterliche Statue aus Marmor. Er umschlang Hana nicht mit unnötiger Hektik, sondern legte seine Arme wie schützende Balken um sie, seine Hände ruhten ruhig auf ihren Unterarmen. Er strahlte eine so arrogante Sicherheit aus, dass man fast glauben konnte, er persönlich habe die Schwerkraft erfunden, um Hana den nötigen Halt zu geben.
Kai rückte ebenfalls hinter Nami. Er setzte sich mit dem Rücken gegen die Wand des Raumes, um eine noch stabilere Basis zu bieten. Als Nami sich zurücklehnte, spürte sie sofort seine vertraute, massive Wärme. Kai sagte kein Wort. Er legte seine Arme fest um ihre Mitte, seine Hände verschränkten sich über ihrem Bauch.
Im Raum wurde es leiser. Die anderen Väter flüsterten ihren Frauen noch Ermutigungen zu oder rückten unruhig hin und her. Doch in der Ecke der Hiwatari-Brüder herrschte eine absolute, fast schon greifbare Stille.
„Atme, mein Schatz...“, raunte Kai ihr nach einer Weile doch noch zu, seine Stimme so tief, dass sie eher wie eine Vibration in seinem Brustkorb zu spüren als zu hören war.
Nami schloss die Augen und ließ ihr gesamtes Gewicht gegen ihn fallen. Es war genau das, was Kai am besten konnte: Ein Fels sein. Er brauchte keine beruhigenden Floskeln oder spirituellen Erklärungen. Er war einfach *da*, unnachgiebig und schützend. Seine Aura, die sonst oft wie ein loderndes Feuer wirkte, war nun wie die sanfte Glut eines Kamins....beständig und wärmend.
Miss Narusaka ging leise durch die Reihen. Als sie bei Kai und Nami ankam, wollte sie gerade ansetzen, um etwas über „energetischen Fluss“ zu sagen, doch Kai hob nur ganz leicht das Kinn. Sein Blick war kühl und starr auf die gegenüberliegende Wand gerichtet, die roten Augen signalisierten unmissverständlich: *Stör diese Stille nicht.*
Sie schluckte ihren Kommentar herunter und schlich weiter zu Vladimir und Hana. Vladimir hatte den Kopf leicht geneigt, seine Augen waren halb geschlossen, was ihm einen Ausdruck von beinahe königlicher Gelassenheit verlieh. Er sah nicht aus wie ein Mann in einem Geburtskurs, sondern wie ein Zar, der über sein Reich wacht.
„Effizient, nicht wahr?“, flüsterte Vladimir leise, als er spürte, dass Hana sich vollkommen entspannte.
„Sei leise, Vladimir, und genieß die Ruhe“, murmelte Hana mit einem Lächeln.
„Wie du wünschst“, gab er arrogant zurück, doch sein Griff wurde noch eine Nuance fester und beschützender.
Nach zehn Minuten beendete Miss Narusaka die Übung mit einem leisen Gongschlag. „Vielen Dank. Ich hoffe, Sie konnten die Verbindung spüren.“
Kai lockerte seinen Griff erst, als Nami sich langsam aufrichtete. Er erhob sich mit der gewohnten Geschmeidigkeit eines Athleten und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen. Sein Gesicht war wieder die gewohnte, unlesbare Maske, doch als er Nami ansah, lag darin eine tiefe, stumme Anerkennung für ihre Stärke.
„Wir sind fertig, oder?“, fragte er trocken in die Runde, während er bereits nach seinen Schuhen Ausschau hielt.
„Ja, Mr. Hiwatari. Wir sind für heute fertig“, antwortete Miss Narusaka fast schon ehrfürchtig.
„Gut.“ Kai warf Vladimir einen kurzen Blick zu. „Wir gehen.“
„Einverstanden“, erwiderte Vladimir und klopfte sich unsichtbaren Staub von seiner dunklen Hose. „Ich denke, wir haben heute genug... harmonisiert.“
Draußen in der kühlen Abendluft von Minato atmeten beide Männer tief durch. Der Duft von Sandelholz und die Panflötenmusik lagen hinter ihnen.
„Nie wieder Panflöten, Nami“, brummte Kai, während er sie zu ihrem Wagen führte. „Aber die Massage-Punkte... die behalte ich mir vor.“
Nami lachte und hakte sich bei ihm ein. „Ich nehme dich beim Wort, Champion.“
Vladimir blieb stehen, eine Hand lässig in der Tasche seiner dunklen Hose, während er mit der anderen seinen Autoschlüssel hervorholte. Ein arrogantes, fast schon mitleidiges Lächeln umspielte seine Lippen, als er Kais sichtlich erleichterte Miene beobachtete.
„Genieß die frische Luft, solange du kannst, Kai“, bemerkte Vladimir mit dieser glatten, russischen Gelassenheit, die Kai schon immer gereizt hatte.
Kai hielt inne, die Hand bereits am Türgriff seines Wagens. Er warf seinem Bruder einen düsteren Blick über die Schulter zu. „Was soll das bedeuten?“
Vladimir neigte den Kopf leicht zur Seite. „Ich habe mir den Zeitplan von Miss Narusaka
...schicken lassen. Das heute war erst der Auftakt. Es folgen noch exakt vier weitere Termine. Nächste Woche geht es um ‚Schmerzbewältigung durch Visualisierung‘. Ich nehme an, die Panflöten werden durch Walgesänge ersetzt.“
Kai versteifte sich merklich. Er sah von Vladimir zu Nami, die neben ihm stand und angestrengt versuchte, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Vier?“, wiederholte er, und seine Stimme klang wie das Knirschen von Stein auf Stein. „Nami, du sagtest, wir sehen uns das mal an.“
„Ich sagte, wir sehen uns das *gemeinsam* an, Kai“, korrigierte sie ihn sanft und legte ihm beruhigend eine Hand auf den Unterarm. „Und du warst großartig. Sogar der ‚Damm gegen die Flut‘ kam bei den anderen gut an.“
„Ein Damm braucht kein Walgeheule“, brummte Kai und wandte sich wieder Vladimir zu, der den Moment sichtlich genoss. „Und du? Du wirkst erschreckend bereitwillig, dich wieder in diesen pastellfarbenen Wahnsinn zu begeben.“
Vladimir zuckte mit den Schultern, eine Bewegung voller aristokratischer Nonchalance. „Effizienz bedeutet auch, den Widerstand gegen das Unvermeidliche aufzugeben, kleiner Bruder. Außerdem...“ Er warf Hana einen kurzen, besitzergreifenden Blick zu. „...ist es eine faszinierende soziologische Studie. Und ich möchte sehen, wie du reagierst, wenn sie dich bitten, eine Geburtsposition auf einem Sitzball zu demonstrieren.“
Kais Kiefer mahlte. Die Vorstellung, vor einer Gruppe von Fremden auf einem Gummiball zu hocken, während Vladimir mit verschränkten Armen danebenstand und ihn analysierte, war schlimmer als jede Niederlage im Beystadium.
„Das wird nicht passieren“, stellte Kai klar und öffnete die Wagentür.
„Wir werden sehen“, gab Vladimir trocken zurück. „Vier Termine, Kai. Ich werde jeden einzelnen davon zählen.“
Mit einem letzten, siegessicheren Nicken führte Vladimir Hana zu seinem Wagen. Kai sah ihnen einen Moment lang nach, bevor er sich zu Nami ins Auto setzte. Er startete den Motor, doch bevor er den Gang einlegte, sah er sie kurz von der Seite an.
„Vier Termine?“, fragte er noch einmal, diesmal leiser.
Nami lächelte, beugte sich vor und küsste ihn flüchtig auf die Wange. „Vier Termine. Aber ich verspreche dir, danach gibt es ganz viel extra...Liebe. Und wir hören absolut keine Panflöten.“
Kai stieß einen langen Atemzug aus, sein Blick wurde wieder weicher. „Abgemacht. Aber wenn die Kursleiterin mit Walen anfängt, bringe ich meine eigenen Kopfhörer mit.“
Kai legte den Gang ein und lenkte den Wagen sanft vom Parkplatz des „Raums der Begegnung“. Die Stille im Auto war ein krasser, wohltuender Gegensatz zum Geplätscher des Zimmerbrunnens, doch er spürte immer noch das Nachbeben der Nervosität in seinen Fingerspitzen. Es war kein Stress, wie er ihn von Verhandlungen oder Kämpfen kannte...dort war er der Herr der Lage. Hier war er ein Objekt der Beobachtung gewesen, beurteilt nach Kriterien, die er nicht kontrollieren konnte.
Er fuhr eine Weile schweigend durch die beleuchteten Straßen von Minato, bevor er an einer roten Ampel hielt und das Lenkrad mit beiden Händen fest umschloss. Sein Blick blieb starr auf die Straße gerichtet, aber seine Stimme war leise und ungewohnt rau.
„Mein Schatz?“, setzte er an, hielt kurz inne und atmete tief durch. „Ich hoffe... ich war dir eine Hilfe da drin. Und ich hoffe, ich bin nicht zu sehr in meine alten Muster zurückgefallen.“
Nami sah ihn überrascht von der Seite an. Sie sah das leichte Zucken in seinem Kiefer, ein Zeichen dafür, wie sehr er in seinem Inneren gearbeitet hatte.
„Wie meinst du das?“, fragte sie sanft.
Kai lockerte den Griff um das Lenkrad ein wenig. „Du weißt, wie ich bin. Wenn ich mich unwohl fühle, werde ich... unnahbar. Diese Blicke der anderen... sie haben nichts mit Beyblade zu tun, nichts mit Bilanzen oder Strategien. Sie haben in einen Teil meines Lebens gestarrt, den ich normalerweise abschirme.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich wollte nicht, dass mein Stoizismus dich vor den anderen bloßstellt oder dir das Gefühl gibt, ich würde das hier nicht ernst nehmen.“
Nami spürte einen warmen Stich in ihrem Herzen. Er hatte sich tatsächlich Sorgen gemacht, dass seine „Kai-Art“ ihr peinlich sein könnte. Sie rutschte ein Stück näher zu ihm herüber, soweit der Gurt es zuließ, und legte ihre Hand auf seine.
„Kai, du warst perfekt“, sagte sie mit tiefer Überzeugung. „Du hast nicht nur mir geholfen, du hast dem jungen Vater dort drüben wahrscheinlich das Leben gerettet, weil du ihm gezeigt hast, dass man kein ‚Aroma-Experte‘ sein muss, um ein guter Vater zu sein. Dass du dich für mich dieser Situation aussetzt, ist die größte Hilfe, die ich mir vorstellen kann.“
Die Ampel sprang auf Grün. Kai nickte langsam, und ein fast unmerkliches, erleichtertes Entspannen ging durch seine Schultern. „Vierzehn Sekunden“, murmelte er dann, und ein kleiner Funken seines gewohnten Stolzes kehrte in seine Stimme zurück. „Vladimir wird Wochen brauchen, um diese Zeit zu schlagen.“
Nami lachte hell auf. „Da ist er wieder, mein Champion.“
Ein paar Stunden später....
Das Ayame-Anwesen lag friedlich in der Dunkelheit, nur das ferne Zirpen der Grillen und das Knistern des erlöschenden Feuers im Kamin waren zu hören. In ihrem Schlafzimmer genossen Kai und Nami die Stille nach diesem ereignisreichen Tag.
Nami stand am Fenster und blickte hinaus in den Garten, bevor sie sich zu Kai umdrehte. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen. „Weißt du“, begann sie leise, während sie ihr Haar löste, sodass es wie ein silbrig-weißer Wasserfall über ihren Rücken bis zum Gesäß floss, „von all den Übungen heute war die letzte die schönste.“
Kai, der bereits sein Shirt abgelegt hatte und dessen muskulöser Oberkörper im fahlen Mondlicht fast wie eine Skulptur wirkte, sah sie fragend an.
„Ich liebe es, wenn du mich hälst...“, fuhr sie fort und trat einen Schritt auf ihn zu. „Wie du mich mit deinen starken Armen umarmst... ich fühle mich dann wie in einem Kokon aus Wärme und Liebe. Und Muskeln.“ Sie zwinkerte ihm frech zu. „Es ist, als könnte mir nichts auf der Welt etwas anhaben, solange du da bist.“
Kai schmunzelte, ein tiefes, ehrliches Geräusch in seiner Brust. Er setzte sich auf die Bettkante und klopfte sanft auf den Platz vor sich. „Komm her“, sagte er mit einer Stimme, die so weich war, wie er sie nur für sie reservierte.
Nami, die bereits ihr leichtes Nachthemd trug, setzte sich zwischen seine Beine. Kai zog sie ohne Zögern eng an sich, genau wie im Kurs, nur dass es hier keine neugierigen Blicke und keine störende Musik gab. Er umschlang sie fest, seine Arme legten sich wie ein schützender Wall um ihren Körper.
Er vergrub sein Gesicht in ihrer Halsbeuge und atmete ihren vertrauten Duft nach Jasmin und Wärme tief ein. Ein kurzes Schaudern der Entspannung lief durch seinen Körper. Während er seinen Halt festigte, glitt eine seiner großen Hände behutsam nach vorne und legte sich flach auf ihren Babybauch.
„Ein Kokon aus Muskeln, hm?“, murmelte er gegen ihre Haut, wobei seine Lippen ihre Schulter streiften. „Ich schätze, das ist meine eigentliche Aufgabe. Nicht die Statistiken, nicht die Atemtechniken... sondern einfach nur der Anker für euch zu sein.“
Er begann, mit dem Daumen langsame, kreisende Bewegungen über ihren Bauch zu machen. In diesem Moment war keine Spur mehr von dem kühlen CEO oder dem unnahbaren Kämpfer zu spüren. Er war einfach nur ein Mann, der sein ganzes Universum in den Armen hielt.
Nami legte ihre Hände auf seine und lehnte den Kopf zufrieden zurück gegen seine Brust. Sie spürte sein Herz ruhig und fest schlagen...ein Rhythmus, der ihr mehr Sicherheit gab als jede Theorie der Welt.
„Du bist viel mehr als nur ein Anker, Kai“, flüsterte sie und schloss die Augen. „Du bist der Grund, warum ich überhaupt so mutig sein kann. Ich weiß, dass dich das heute ein wenig gestresst hat...aber du warst wunderbar.“
Sie saßen noch lange so da, verbunden durch die Wärme ihrer Auren und die Vorfreude auf das neue Leben, das zwischen ihnen heranwuchs. In der Geborgenheit ihres Zimmers gab es keine Ängste vor der Vergangenheit mehr...nur noch die Gewissheit, dass sie gemeinsam jedes Schicksal meistern würden.
Shinjuku
Ein paar Tage später...
Der Wind trug eine Wolke aus zartrosa Blütenblättern über die weitläufigen Rasenflächen des Shinjuku Gyoen. Es war einer dieser perfekten Märztage, an denen Tokio für einen kurzen Moment den Atem anhielt, um die flüchtige Schönheit der Sakura zu feiern.
Nami lehnte sich auf der großen, cremefarbenen Picknickdecke zurück und genoss die milde Frühlingssonne auf ihrem Gesicht. Neben ihr saßen Hana, Lumina, Hilary und Momoko. Es war eine seltene Konstellation, ein Moment der Ruhe im sonst so turbulenten Leben der Familien.
Lumina, die in ihrem eleganten, fließenden Umstandskleid in hellem Flieder wie eine Frühlingsgöttin wirkte, strich sich eine silbrige Haarsträhne aus dem Gesicht. Ihr Bauch war in der 27. Woche bereits eine stolze, unübersehbare Wölbung. „Erzähl das noch mal, Nami“, bat sie mit einem sprühenden Lächeln und den typischen, magentafarbenen Augen, die vor Vergnügen blitzten. „Ich möchte jedes Detail hören. Kai und Vladimir in Socken auf Parkett... das ist ein Bild, das ich für schlechte Tage speichern muss.“
Nami lachte und nahm einen Schluck von ihrem Früchtetee. „Es war surreal, Lumina. Die beiden saßen da wie zwei Türsteher, die versehentlich in einem Wellness-Retreat gelandet sind. Und als Kai dann die Windel-Demonstration übernommen hat...“
„In vierzehn Sekunden!“, warf Hana ein, die auf der Decke ihre Beine ausgestreckt hatte und sichtlich den Glow der 14. Woche genoss. „Vladimir war so beeindruckt, dass er fast vergessen hätte, arrogant zu wirken.“
Hilary schüttelte lachend den Kopf, während sie sich ein Stück Sushi nahm. „Manche Dinge ändern sich nie. Kai Hiwatari und Effizienz. Dass er sich überhaupt darauf eingelassen hat, zeigt nur, wie sehr er dich liebt, Nami.“
Momoko lächelte verschmitzt. „Kenji war bei uns damals auch so. Er hat zwar nicht so getan, als wäre er beim Militär, aber er hat heimlich nachts mit Teddys geübt, wie man ein Baby hält, damit er vor den anderen Vätern im Kurs nicht unsicher wirkt.“
Lumina stieß ein helles Lachen aus, das einige Passanten dazu brachte, lächelnd zu ihnen herüberzusehen. „Oh, glaubt mir, Tala ist keinen Deut besser. Wir haben unseren Kurs ja schon vor Wochen angefangen, weil Tala meinte, wir müssten ‚den Marktvorsprung‘ gegenüber den anderen Eltern halten. Als die Kursleiterin über emotionale Bindung sprechen wollte, hat er sie gefragt, ob es eine Metrik gibt, um die Intensität des Vater-Kind-Stolzes in Echtzeit zu messen.“
Sie legte eine Hand auf ihren Bauch und zuckte kurz zusammen, als das Baby einen kräftigen Tritt landete. „Er ist so unnachgiebig wie eh und je, aber wenn wir allein im Penthouse sind, spricht er mit dem Bauch, als würde er dem nächsten Erben der Volkov-Strategien die Welt erklären.“
„Das ist wohl der russische Einfluss“, stellte Hana fest und zupfte ein Blütenblatt von ihrem Ärmel. „Sie können nicht einfach nur Väter sein. Sie müssen die *besten* Väter sein. Mit der besten Technik, der höchsten Disziplin und dem trockensten Humor.“
Nami sah in die Runde. Da war Hilary, die mit Tyson so viel durchgemacht hatte und immer noch die starke Seele der Gruppe war. Momoko, die das ruhige Familienglück mit Kenji verkörperte. Und Lumina und Hana, die genau wie sie selbst nun Männer an ihrer Seite hatten, die zwar wie kühle Krieger wirkten, aber für ihre ungeborenen Kinder bereits jetzt Mauern aus Eisen errichteten.
„Was meinst du, Nami?“, fragte Hilary neugierig. „Glaubst du, Kai hält die nächsten vier Termine durch? Walgesänge und Visualisierung stehen an.“
Nami dachte an Kais Gesicht im Auto, als er den Damm gegen die Flut erwähnte. „Er wird es durchziehen“, sagte sie sicher. „Er wird zwar bei jedem Walgesang innerlich eine Analyse der Schallwellen erstellen, um sich abzulenken, aber er wird hinter mir sitzen wie ein Fels. Das hat er versprochen.“
„Und Vladimir wird versuchen, den Walgesang zu optimieren“, fügte Hana trocken hinzu.
Lumina lehnte sich zu Nami und Hana herüber und senkte verschwörerisch die Stimme. „Ich habe Tala gesagt, wenn er beim nächsten Termin wieder versucht, die Kursleiterin zu korrigieren, muss er zur Strafe eine Woche lang die rosa Babykleidung sortieren, die mein Vater uns aus London geschickt hat.“
Ein kollektives Lachen brach in der kleinen Gruppe aus. In diesem Moment, unter den fallenden Kirschblüten von Shinjuku, schien die Welt der Bilanzen, Kämpfe und Konzernstrategien meilenweit entfernt. Es gab nur sie, die Wärme der Sonne und die Vorfreude auf eine Zukunft, die so chaotisch wie wunderbar zu werden versprach.
„Auf die Väter“, sagte Nami und hob ihren Becher. „Mögen sie die Panflöten und Walgesänge überleben.“
„Auf die Väter!“, echote die Runde, während die Sakura-Blüten wie leiser Schnee auf sie herabsanken.
Hilary lehnte sich interessiert vor, die Ellbogen auf den Knien abgestützt. „Wo wir gerade bei Statistiken und Genetik sind...“, begann sie mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen. „Nami, wie sieht es eigentlich aus? Wisst ihr schon, was es diesmal wird? Ich meine, bei Lumina steht die kleine Prinzessin ja schon fest, und bei Hana müssen wir uns noch ein wenig gedulden, aber bei dir? In der 20. Woche müsste man beim Ultraschall doch längst ein klares Bild haben. Oder habt ihr den Bluttest gemacht?“
Nami hielt inne. Ihre Hand glitt wie von selbst über den Stoff ihres Kleides, genau dorthin, wo sie vor einem Moment ein seltsames, vertrautes Gefühl verspürt hatte. Es war kein harter Stoß wie bei Lumina, sondern ein zartes, rhythmisches Flattern...als würde in ihrem Inneren ganz leise Popcorn aufpoppen. Ein unwillkürliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
„Wir wissen es nicht“, antwortete sie leise, während sie das zarte Klopfen unter ihrer Handfläche genoss. „Und um ehrlich zu sein: Wir wollen es dieses Mal auch gar nicht vor der Geburt erfahren.“
Lumina zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Wirklich? Ich könnte diese Ungewissheit nicht ertragen. Tala hat schon die gesamte Farbpalette des Kinderzimmers auf das Geschlecht abgestimmt, bevor der Arzt den Satz überhaupt beenden konnte.“
Nami schüttelte den Kopf, ihr Blick wanderte zu den fallenden Kirschblüten, die wie kleiner Schnee auf der Wiese tanzten. „Nach Gou, den Zwillingen und Sayuri haben Kai und ich uns zusammengesetzt und entschieden, dass diese Überraschung das letzte große Abenteuer dieser Schwangerschaft sein soll. Wir haben alles, was wir brauchen...Kleidung in jeder Farbe, Erfahrung und genug Liebe für eine ganze Armee.“
Sie spürte den Blick der anderen Frauen auf sich. Es war eine ungewohnte Ruhe, die von ihr ausging.
„Das Wichtigste ist, dass es gesund ist“, fuhr sie fort und ihre Stimme klang fest und sicher. „Ob es nun ein kleiner Junge wird, der Kai nacheifert, oder ein weiteres Mädchen, das uns erneut alle um den Finger wickelt... das ist zweitrangig. Oder, wie Kai es am Abend nach dem Kurs so schön trocken zusammengefasst hat: Alles andere ist am Ende nur Dekoration.“
„Typisch Kai“, lachte Hilary. „Sogar das Wunder des Lebens wird bei ihm zur Design-Frage reduziert. Aber er hat recht. Ein kleiner Überraschungs-Hiwatari also.“
„Stellt euch nur vor“, warf Momoko sanft ein, „das Gesicht von Vladimir und Tala, wenn sie am Tag der Geburt keine vorbereitete Analyse zum Geschlecht parat haben, weil ihr sie im Dunkeln gelassen habt. Sie werden ihre Datenbanken in Rekordzeit umschreiben müssen.“
Nami kicherte bei der Vorstellung. „Kai genießt diesen Gedanken fast schon ein bisschen zu sehr. Er findet es amüsant, dass es eine Information gibt, die man nicht durch Marktanalysen oder Ultraschall-Präzision vorwegnehmen kann, wenn man sich aktiv dagegen entscheidet.“
Wieder spürte sie dieses leichte *Plopp* unter ihrer Hand. Es fühlte sich an wie ein kleiner, geheimer Gruß.
„Siehst du“, flüsterte Hana und legte ihre Hand kurz über Namis, „das Kleine stimmt dir zu. Es genießt sein Geheimnis.“
Nami nickte und sah in die Runde ihrer Freundinnen. Inmitten der rosa Blütenpracht von Shinjuku fühlte sich die Ungewissheit nicht wie ein Mangel an Information an, sondern wie ein kostbares Geschenk. In einer Welt, in der die Männer an ihrer Seite alles planten, kontrollierten und berechneten, war dieses kleine Wesen das einzige, was sich keiner Strategie beugen musste.
Das Gespräch plätscherte so leicht dahin wie die fallenden Blütenblätter, während das Thema unweigerlich zu der Frage wanderte, die jede werdende Mutter irgendwann beschäftigt: Wie gibt man diesem kleinen Wunder eine Identität?
„Wenn ihr euch schon überraschen lasst“, begann Hilary und stützte ihr Kinn in die Hand, „müsst ihr ja theoretisch zwei Listen führen. Habt ihr schon Favoriten? Kai ist doch sicher sehr... wählerisch, was die Namensbedeutung angeht.“
Nami lächelte und strich gedankenverloren über ihren Bauch, als würde sie die Antwort direkt mit dem kleinen Wesen darin abstimmen. „Oh ja, Kai hat sehr genaue Vorstellungen von Klang und Struktur. Wenn es ein Mädchen wird, haben wir uns auf Mei geeinigt. Es ist kurz, klar und hat etwas sehr Liebliches, das einen guten Kontrast zu den starken Namen der Jungs bildet.“
Sie hielt kurz inne und ihre Augen leuchteten auf. „Bei einem Jungen ist es etwas schwieriger. Kai tendiert stark zu Kaito. Es klingt kraftvoll und schließt den Kreis zu seinem eigenen Namen. Aber ich muss gestehen... ich finde Shion auch unglaublich schön. Es hat diese sanfte, fast schon poetische Note, die mir sehr gefällt. Wir haben uns darauf geeinigt, das Baby erst einmal anzusehen, bevor wir das letzte Urteil fällen.“
Hana, die bisher eher zugehört hatte, seufzte leise, aber mit einem glücklichen Unterton. Sie legte beide Hände auf ihre noch recht flache Körpermitte. „Ich stehe vor einer ganz anderen mathematischen Herausforderung. Da es zweiige Zwillinge sind, steht uns alles offen. Zwei Mädchen, zwei Jungen oder die perfekte Mischung aus beidem.“
Sie warf einen Blick in Richtung des Parkausgangs, als könne sie Vladimir dort schon warten sehen. „Vladimir ist sehr stolz auf seine Wurzeln. Wir haben besprochen, dass wir gerne russische Namen nehmen würden. Sie haben diese wunderbare Schwere und Eleganz zugleich. Er hat schon angefangen, Stammbäume zu wälzen, um Namen zu finden, die sowohl in Tokio als auch in Moskau Respekt einflößen.“
Lumina kicherte und rückte ihr Kissen zurecht. In der 27. Woche war jede Positionsänderung ein kleiner Kraftakt. „Solange er sie nicht nach russischen Zaren benennt, ist alles gut, Hana!“
Sie strich sich über ihre markante Wölbung und ihr Blick wurde weich. „Bei uns steht die Entscheidung fast schon fest. Da wir wissen, dass es ein Mädchen wird, möchte ich sie unbedingt Alicia nennen als Hommage an meine Großmutter Alice. Es würde mir so viel bedeuten, diese Verbindung zu ihr zu spüren.“
Sie hielt kurz inne und sah zu Nami. „Aber Tala liebt auch den Namen Kiara. Er bedeutet 'die Helle' oder 'die Strahlende'. Er findet, das passt perfekt zu mir und meinem Namen Lumina...welcher ja Licht auf Latein bedeutet. Wahrscheinlich wird es am Ende eine Alicia Kiara oder umgekehrt. Tala meint, eine Tochter von uns beiden braucht einen Namen, der genauso viel Präsenz hat wie ein Blitzschlag.“
„Alicia Kiara Volkov“, murmelte Hilary und nickte anerkennend. „Das klingt nach einer jungen Dame, die später einmal die Tachiwari-Corporation und die Volkov-Erben gleichermaßen im Griff haben wird.“
„Das wird sie“, sagte Lumina mit einer fast schon arroganten Sicherheit, die sie in diesem Moment so sehr wie Tala wirken ließ, dass die anderen Frauen lachen mussten. „Dafür werden wir schon sorgen.“
Inmitten des rosa Blütenmeers von Shinjuku fühlten sich diese Namen nicht mehr wie bloße Wörter an. Sie fühlten sich an wie kleine Versprechen an eine Zukunft, die nur noch wenige Monate entfernt war.
Nami fischte ihr Handy aus der kleinen Handtasche und warf einen Blick auf das Display. „Oh, wir sollten langsam zusammenpacken“, bemerkte sie und reichte Momoko die letzte Packung Erdbeer-Mochi. „Kai hat gerade geschrieben. Er, Tala und Vladimir sind mit ihrem ‚geschäftlichen Nachmittagskaffee‘ fertig und auf dem Weg hierher, um uns abzuholen.“
Hilary zog eine Augenbraue hoch und grinste breit. „Ein strategisches Kaffeetrinken der drei Alphas? Ich wette, sie haben in der Zeit mindestens zwei Firmen aufgekauft und die Weltherrschaft für das nächste Quartal geplant.“
Kaum hatte sie den Satz beendet, veränderte sich die Atmosphäre auf der großen Wiese des Shinjuku-gyoen unmerklich. Es war, als würde ein kühlerer, intensiverer Windhauch die sanfte Frühlingsluft durchschneiden. Die Gespräche der umliegenden Picknick-Gruppen verstummten für einen Moment, und Köpfe drehten sich wie synchron gesteuert in Richtung des Hauptweges.
„Und da ist sie... die Kavallerie“, kommentierte Hilary trocken, während sie zusah, wie drei Gestalten aus dem Schatten der Kirschbäume traten.
Es war ein Anblick, der selbst in einer Metropole wie Tokio für Gesprächsstoff sorgte. Kai, Vladimir und Tala schritten nebeneinander über den breiten Weg, und ihre bloße Präsenz schien den Raum um sie herum zu krümmen. Kai, ganz in Schwarz, die Hände in den Taschen seiner dunklen Jacke, wirkte mit seinen roten Augen und dem kühlen Blick wie die personifizierte Unnahbarkeit. Vladimir zur Rechten strahlte eine fast schon imperiale Gelassenheit aus, jeder Schritt präzise und voller arroganter Eleganz. Tala vervollständigte das Trio...scharfkantig, mit einer Ausstrahlung, die keine Widerrede duldete.
„Ganz ehrlich, Nami“, raunte Hilary, während sie hektisch anfing, die Tupperdosen in den Korb zu werfen, „es sollte verboten werden, dass diese drei gleichzeitig an einem öffentlichen Ort auftauchen. Siehst du die Frauen auf den Nachbardecken? Die vergessen gerade glatt, wie man atmet.“
Lumina kicherte und winkte Tala zu, der sie bereits mit seinem kühlen, aber besitzergreifenden Blick fixiert hatte. „Sie genießen den Effekt doch, Hilary. Auch wenn sie so tun, als würden sie die Aufmerksamkeit hassen.“
Die drei Männer erreichten die Decke. Kai blieb vor Nami stehen und reichte ihr wortlos die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. Seine Geste war fest und sicher, und für einen kurzen Moment weichte seine harte Maske auf, als er ihren Blick auffing.
„Genug Natur für heute?“, fragte er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die über der Picknickdecke vibrierte.
„Viel zu viel Pastell, wenn du mich fragst“, warf Vladimir ein, während er Hana mit einer fast schon ritterlichen Distanziertheit die Hand reichte, nur um sie dann doch ein Stück enger an sich zu ziehen, als es notwendig gewesen wäre. Er sah zu Kai. „Ich hatte recht. Die Farbsättigung der Blüten ist für das menschliche Auge auf Dauer ermüdend.“
Tala hingegen stand bereits hinter Lumina und hatte eine Hand schützend um ihre Taille gelegt. „Wir haben im Auto den Zeitplan für nächste Woche besprochen“, sagte Kai, wobei sein Blick kurz zu Vladimir glitt. „Wenn der Kurs wieder mit Panflöten anfängt, Vladimir, übernimmst du die Verhandlung mit Miss Narusaka.“
„Mit Vergnügen“, antwortete Vladimir kühl.
Hilary sah von einem zum anderen und schüttelte den Kopf. „Ihr seid unmöglich. Die ganze Welt starrt euch an, weil ihr ausseht wie die Besetzung für einen Actionfilm, und ihr redet über Panflöten und Farbsättigung.“ Sie sah Nami an und grinste. „Viel Spaß noch beim ‚Abtransport‘, Mädels. Ich glaube, die Security wird gleich kommen, um die Fanmassen zu bändigen.“
Kai ignorierte den Kommentar mit der Souveränität eines Mannes, der es gewohnt war, das Zentrum des Sturms zu sein. Er zog Nami sanft an seine Seite und legte den Arm um sie. „Gehen wir“, sagte er schlicht.
Während sie sich Richtung Ausgang bewegten...ein Zug aus drei außergewöhnlichen Paaren, flankiert vom Regen der Kirschblüten...konnte Nami nicht anders, als das leise Popcorn-Gefühl in ihrem Bauch zu genießen. Das kleine Wesen in ihr schien genau zu wissen, dass sein Vater gerade da war. Und wie Kai es sagen würde: Die Aufmerksamkeit der Welt war am Ende eben doch nur Dekoration.
Kai hob den Arm und warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr. Die Ziffern auf dem dunklen Zifferblatt sprangen gerade auf 16:11 Uhr. Das goldene Licht des späten Nachmittags tauchte den Park in ein warmes, fast honigfarbenes Leuchten.
„Es ist noch früh“, stellte er fest und sah Nami von der Seite an. „Möchtest du noch in ein Café? Wir könnten irgendwo einkehren, wo es ruhig ist.“
Tala, der gerade dabei war, Luminas leichte Jacke entgegenzunehmen, hielt inne und zog eine Augenbraue hoch. Sein Blick war so trocken wie der russische Winter. „Ein Café, Kai?“, fragte er mit einer Mischung aus Unverständnis und Spott. „Wir haben gerade zwei Stunden mit strategischen Analysen und Koffein hinter uns. Wozu willst du dich jetzt noch einmal hinsetzen?“
Kai erwiderte den Blick seines ehemaligen Teamkollegen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Seine Stimme war ruhig, hatte aber diesen unnachgiebigen Unterton, der keine weitere Diskussion zuließ.
„Weil meine Frau gerne in Cafés sitzt“, antwortete er schlicht. „Und da es ein sonniger Tag ist, habe ich vor, meiner Frau eine Freude zu machen.“ Er machte eine kurze Pause und ein fast unmerkliches Schmunzeln legte sich auf seine Züge, als er wieder zu Nami sah. „Außerdem ist ihr Hunger auf Kuchen und Mochi seit Beginn der Schwangerschaft... beachtlich. Ich bezweifle, dass sie den Heimweg ohne eine ordentliche Portion Zucker übersteht.“
Nami kicherte und drückte seinen Arm. „Er kennt mich einfach zu gut.“
Lumina, die das Gespräch aufmerksam verfolgt hatte, sah nun mit großen, bittenden magentafarbenen Augen zu Tala auf. Sie legte den Kopf schief und strich sich über ihre 27-Wochen-Kugel. „Tala... Kuchen klingt eigentlich nach einer fantastischen Idee. Eine...wirklich...fantastischen Idee.“
Tala stieß ein kurzes, ergebenes Seufzen aus. Er wusste, wenn Lumina diesen Blick auflegte...und Kai bereits den Gentleman-Modus aktiviert hatte..., gab es für ihn kein Entkommen mehr. „Na schön. Aber wir suchen uns einen Platz, an dem nicht wieder diese esoterische Hintergrundmusik läuft.“
Hana trat lächelnd vor und schüttelte den Kopf. „Wir müssen uns leider ausklinken. Vladimir und ich müssen die Kinder abholen, die Zeitplanung ist heute etwas eng getaktet.“
„Effizienz in der Logistik“, fügte Vladimir hinzu und nickte Kai und Tala knapp zu. „Wir sehen uns nächste Woche im Kurs. Kai... denk an die Atemtechnik. Übung macht den Meister.“
Kai quittierte den Kommentar mit einem düsteren Blick, der Vladimir nur noch mehr amüsierte. Nachdem Hana und Vladimir sich mit einem herzlichen Abschied in Richtung Wagen verabschiedet hatten, blieb die kleine Gruppe unter den Kirschbäumen zurück.
„Dann los“, brummte Kai und schob Nami sanft in Richtung des Parkausgangs. „Suchen wir ein Café, das genug Mochi vorrätig hat, um eine Hiwatari und eine Volkov gleichzeitig zufrieden zu stellen. Ich bezweifle, dass Tokio auf diesen Ansturm vorbereitet ist.“
Das Café in einer ruhigen Seitenstraße von Shinjuku war modern, minimalistisch und glücklicherweise nicht mit Panflötenmusik unterlegt. Kai und Tala hatten sich für einen Tisch in einer etwas dunkleren Ecke entschieden, doch ihre Hoffnung auf Anonymität hielt genau so lange, bis sie ihre Mäntel ablegten. Die Aura von zwei Beyblade-Legenden ließ sich eben nicht einfach an der Garderobe abgeben.
Nami genoss gerade ihr zweites Stück Erdbeer-Mochi, während Lumina sichtlich zufrieden an einer Schichttorte arbeitete. Kai beobachtete Nami mit einem Blick, der zwischen Amüsement und echter Zärtlichkeit schwankte, während er seinen schwarzen Kaffee umrührte.
Plötzlich näherten sich zwei junge Männer dem Tisch. Sie sahen aus wie Studenten, hielten aber ihre Beyblades so fest in den Händen, als wären sie ihre wertvollsten Besitztümer.
„E-entschuldigung“, stammelte der Größere von beiden und sah Kai mit einer Mischung aus Ehrfurcht und nackter Panik an. „Mr. Hiwatari? Wir wollten nicht stören... wirklich nicht. Aber Sie sind der Grund, warum wir überhaupt mit dem Bladen angefangen haben. Wäre es... möglich, ein Autogramm auf unsere Launcher zu bekommen?“
Kai versteifte sich sofort. Seine roten Augen verengten sich leicht, und die kühle Luft um ihn herum schien schlagartig zu gefrieren. Er setzte gerade an, um ein kurzes, vernichtendes „Nein“ auszusprechen, als er spürte, wie Nami unter dem Tisch sanft ihre Hand auf sein Knie legte.
Sie sah ihn bittend an, ein kleiner Rest Puderzucker von dem Mochi klebte noch an ihrem Mundwinkel. „Nur ein schnelles, Kai“, flüsterte sie. „Schau dir ihre Gesichter an. Sie zittern ja fast.“
Kai stieß einen langen, schweren Atemzug aus. Er sah die Jungs an, dann wieder Nami. Mit einer fast schon resignierten Geste griff er nach dem Marker, den einer der Fans ihm hinhielt. Ohne ein Wort zu sagen, setzte er zwei messerscharfe Signaturen auf die Launcher. Die Jungs verbeugten sich so tief, dass sie fast mit den Köpfen auf den Marmortisch schlugen, und stolperten rückwärts davon.
„Du wirst weich, Kai“, kommentierte Tala trocken, während er seinen Espresso trank. „Vor ein paar Jahren hättest du sie noch ohne ein Wort im Regen stehen lassen.“
„Ich bin im Dienst meiner Frau“, erwiderte Kai kühl. „Das hat nichts mit Weichheit zu tun.“
Doch die Ruhe währte nicht lange. Nur einen Moment später löste sich eine junge Frau, etwa Anfang zwanzig, von einem Nachbartisch. Sie war auffallend hübsch, trug ein modisches Outfit und steuerte mit einem selbstbewussten Lächeln direkt auf Tala zu.
„Tala Valkov?“, fragte sie mit einer Stimme, die eine Spur zu schmeichelhaft klang. Sie ignorierte die anderen am Tisch fast vollständig und fixierte Tala mit einem intensiven Blick. „Ich konnte es kaum glauben, als ich Sie hier sah. Ich verfolge Ihre strategischen Analysen schon seit Jahren. Hätten Sie vielleicht kurz Zeit für ein Foto? Es würde meine Woche retten.“
Kai zog eine Augenbraue hoch und warf Tala einen Blick zu, der eindeutig sagte: *Dein Zug.*
Tala sah die junge Frau an, sein Gesichtsausdruck so unbewegt wie eine russische Eiswüste. Er spürte Luminas Blick von der Seite. Lumina beobachtete die Szene jedoch nicht mit Eifersucht, sondern mit einem amüsierten Glitzern in den Augen. Sie stützte ihr Kinn auf die Hand und wartete sichtlich darauf, wie ihr Ehemann mit dieser „Invasion“ umgehen würde.
„Ein Foto?“, wiederholte Tala mit seiner harten, akzentuierten Stimme. Er legte den Arm so auf die Stuhllehne, dass seine Hand fast Luminas Schulter berührte. „Ich bin hier privat mit meiner Frau und meiner Familie. Mein Zeitplan für heute sieht keine öffentlichen Auftritte vor.“
Die junge Frau blinzelte, sichtlich überrascht von der direkten Abfuhr. „Oh... ich dachte nur... nur ein ganz schnelles...“
„Nein“, sagte Tala schlicht. Er wandte sich wieder seinem Espresso zu, als wäre die Frau bereits Luft.
Lumina konnte ein leises Kichern nicht unterdrücken. Als die junge Frau peinlich berührt davoneilte, sah sie Tala neckisch an. „Das war aber nicht sehr gentleman-like, Tala. Sie war doch eigentlich ganz süß.“
Tala warf Lumina einen kurzen, intensiven Blick zu. „Süß ist irrelevant. Sie hat gestört.“ Er sah zu Kai hinüber, der gerade dabei war, Nami ein weiteres Mochi auf den Teller zu schieben. „Und im Gegensatz zu manch anderen hier, lasse ich mich nicht durch Puderzucker bestechen.“
„Du hast nur keine Lust, das Smartphone für das Foto zu halten, Tala“, gab Kai unbeeindruckt zurück.
Nami lachte und lehnte sich an Kais Schulter. „Seht es positiv: Ihr seid immer noch das Stadtgespräch von Tokio. Sogar mit Babybäuchen an eurer Seite bleibt ihr die gefährlichsten Männer im Raum.“
„Gefährlich?“, brummte Kai und sah auf den leeren Mochi-Teller. „Das einzige, was hier gefährlich ist, ist dein Appetit, Nami.“ Aber sein Blick war alles andere als gefährlich, während er die Rechnung verlangte.
Nami sah Kai von der Seite an, ihr Blick war weich und voller Wärme. Die Sättigung durch den Zucker und die Geborgenheit an seiner Seite ließen sie für einen Moment vergessen, dass sie sich in einem belebten Café in Shinjuku befanden. Ohne Vorwarnung lehnte sie sich zu ihm herüber, legte ihre Hand an seine Wange und gab ihm einen tiefen, liebevollen Kuss.
Als sie sich löste, strahlte sie ihn an. „Danke, mein Schatz. Das war eine unglaublich gute Idee. Genau das, was ich heute gebraucht habe.“
Kai erwiderte ihren Blick, und für einen Wimpernschlag lang war das kühle Eis in seinen Augen vollständig geschmolzen. Er legte seine Hand kurz an ihre Wange, den Daumen sacht über ihre Haut gleitend. „Gern geschehen“, murmelte er, seine Stimme so tief, dass sie fast im Lärm des Cafés unterging.
Ein trockenes, demonstratives Räuspern von der gegenüberliegenden Tischseite durchschnitt die Idylle. Tala saß dort, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete das Paar mit einer Mischung aus Langeweile und Sarkasmus.
„Könnten wir den emotionalen Austausch auf ein Minimum reduzieren?“, warf Tala ein, wobei seine Stimme so scharf wie eine Klinge klang. „Wir sind hier immer noch in der Öffentlichkeit, Kai. Ich dachte, wir hätten zumindest noch einen Rest unseres Rufs zu wahren.“
Lumina kicherte leise und sah zu ihrem Ehemann auf. Sie wirkte keineswegs eingeschüchtert von seinem schroffen Ton. Stattdessen rutschte sie ein Stück näher an ihn heran und hakte sich bei ihm ein, wobei sie ihren Kopf sanft an seine Schulter lehnte.
„Sei nicht so ein Eisklotz, Tala“, sagte sie neckisch und drückte seinen Arm. „Ich möchte mich nämlich auch bedanken. Danke, dass du ‚mitgezogen‘ bist. Ich weiß, dass du das nur für mich getan hast... und für den kleinen Blitzschlag in meinem Bauch.“
Tala sah kurz auf Lumina herab, und für einen Moment verschwand die schneidende Schärfe aus seinem Blick. Er legte seine große Hand fest über ihre, die auf seinem Arm ruhte, und drückte sie sacht ...eine stumme Geste der Zugehörigkeit, die viel mehr sagte als jedes Wort.
„Es war kein ‚Mitziehen‘, mein Schatz“, korrigierte er sie leise, wobei seine Stimme nun eine warme, dunkle Note annahm, die nur für sie bestimmt war. „Wenn du Kuchen willst, bekommst du Kuchen. Ich brauche keinen anderen Grund als dich.“
Lumina strahlte ihn an, und Tala ignorierte Kais wissenden Blick völlig. Er war kein Mann für große öffentliche Reden, aber er hielt Luminas Hand fest umschlossen, als sie sich gemeinsam erhoben.
Tala wandte sich wieder Kai zu, während er Lumina schützend den Mantel um die Schultern legte. „Viel Erfolg bei euren nächsten Terminen in Minato. Wir haben unseren Teil im Shinjuku-Kurs für diese Woche glücklicherweise schon hinter uns. Der nächste Block bei uns befasst sich mit der Geburtsvorbereitung aus medizinischer Sicht...das ist zumindest informativer als eure Panflöten.“
„Medizinische Sicht, hm?“, erwiderte Kai und nickte Tala knapp zu. „Klingt, als hätte man das Programm extra für deinen Kontrollzwang entworfen, Valkov.“
Tala zog ein schmales, arrogantes Lächeln auf. „Vielleicht. Aber zumindest lerne ich dort, wie ich Lumina im Ernstfall am besten unterstütze, ohne auf ‚Wellen im Ozean‘ angewiesen zu sein.“
Er sah noch einmal zu Nami und neigte leicht den Kopf zum Abschied. „Nami. Pass auf dich auf.“
„Du auch auf Lumina, Tala“, antwortete Nami lächelnd.
Kai und Nami sahen den beiden nach, wie sie zur Tür hinaus schritten.
„Er ist immer noch komplett vernarrt in sie“, murmelte Nami, während sie sich an Kais Arm schmiegte.
„Er ist ein Kämpfer.“, brummte Kai, während er sie zu ihrem eigenen Wagen führte. „Wir machen keine halben Sachen. Weder beim Kämpfen, noch beim Beschützen.“
Als Kai den Motor startete, herrschte eine zufriedene Stille im Auto. Der Tag im Park, die Begegnung mit den Fans und der Abschluss im Café hatten die Anspannung des Geburtskurses vollständig weggewischt.
„Kai?“, fragte Nami leise, während sie beobachtete, wie die Neonlichter von Shinjuku an ihnen vorbeizogen.
„Hm?“
„Ich bin froh, dass wir das alles zusammen machen. Auch wenn du die Musik hasst.“
Kai griff nach ihrer Hand und führte sie kurz zu seinen Lippen, bevor er sie wieder auf den Schalthebel legte, ohne ihren Griff zu lösen. „Ich würde mir auch Walgesänge in Dauerschleife anhören, solange ich dabei hinter dir sitze, Nami. Aber sag das niemals Vladimir.“
Nami lachte leise. „Dein Geheimnis ist bei mir sicher, Champion.“
Der zweite Termin
Eine Woche später...
Die Glasfront des Tachiwari-Towers bot einen uneingeschränkten Blick über das Häusermeer von Tokio, das in der Nachmittagssonne glänzte. Im obersten Stockwerk, im minimalistisch modern eingerichteten Büro des CEOs, herrschte eine Stille, die nur durch das leise Summen der Klimaanlage unterbrochen wurde.
Hiro Tachiba lehnte sich in dem schweren Ledersessel gegenüber von Kai zurück und betrachtete seinen Schwiegersohn. Vor ihnen standen zwei Tassen Espresso, deren Dampf sich kräuselte.
„Du wirkst heute... fokussierter als sonst, Kai“, begann Hiro und ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen. „Oder ist es Anspannung?“
Kai sah nicht von seinem Tablet auf, doch seine Finger hielten einen Moment inne. „Heute Abend ist der zweite Termin des Geburtskurses“, sagte er trocken.
Es dauerte keine Sekunde, bis Hiro in ein schallendes Lachen ausbrach. Es war ein tiefes, ehrliches Lachen, das den Raum erfüllte. „Ein Geburtskurs! Verzeih mir, Kai, aber die Vorstellung, dich zwischen Pezzibällen und Schwangerschaftstee zu sehen, ist... nun ja, ein Bild für die Götter. Wie hast du dich beim ersten Mal geschlagen?“
Kai legte das Tablet langsam auf den Schreibtisch und sah Hiro lange an. Sein Blick war kühl, doch in der Tiefe seiner roten Iris lag etwas Unruhiges. Er stieß einen langen Seufzer aus. „Ich war... gewohnt distanziert.“
Hiro lachte erneut und schüttelte den Kopf. „Etwas anderes hätte mich bei dir auch schwer gewundert. Hast du die Kursleiterin mit deinem Blick in Schockstarre versetzt?“
„Nicht direkt...“, brummte Kai und verschränkte die Arme vor der Brust. Er erhob sich und trat an das Fenster, den Rücken zu Hiro gewandt. „Ich habe mich dort wie auf einem Silbertablett gefühlt, Hiro. All diese neugierigen Blicke... die anderen Väter, die Kursleiterin, sogar die Leute im Flur. In den letzten Jahren konnte ich das immer ausblenden. Ich habe die Welt um mich herum einfach abgeschaltet, wenn es nötig war. Aber an diesem Tag... konnte ich es nicht. Obwohl ich mittlerweile eine innere Ruhe habe, die ich damals nie kannte.“
Hiro wurde ernst. Er spürte, dass hinter Kais Worten mehr steckte als nur die Abneigung gegen Aufmerksamkeit. „Du konntest es nicht ausblenden? Wieso hat es dich diesmal so getroffen?“
Kais Kiefer zuckte kurz, ein deutliches Zeichen für seinen inneren Kampf. Er schwieg.
„Ich sehe, dass es dich beschäftigt, Kai“, wiederholte Hiro sanft. „Was ist es wirklich?“
Kai starrte auf die Skyline hinaus, seine Silhouette wirkte gegen das helle Licht wie aus Obsidian gemeißelt. „Nami ist mein Anker...“, sagte er schließlich, und seine Stimme war so leise, dass Hiro sich leicht vorbeugen musste. „Sie war es immer. Und ich will ihrer sein. In jedem Moment, besonders wenn es darauf ankommt. Ich frage mich einfach... ob ich an diesem Tag nicht wieder mal...zu defensiv war. Zu sehr in meinem eigenen Panzer vergraben.“
Hiro hob eine Braue. „Willst du mir damit sagen, dass du planst, beim nächsten Mal... nahbarer zu werden? Willst du dort reingehen und Smalltalk halten?“
Kai schnaubte verächtlich und drehte sich ruckartig um. „Das entspricht nicht meinem Wesen, und ich habe definitiv nicht vor, das zu ändern. Ich bin nicht der dauergrinsende Vorstadtehemann, der jedem ein breites Lächeln schenkt und Kontakte knüpfen will. Das werde ich nie sein.“
„Dann verstehe ich dein Problem nicht“, erwiderte Hiro und griff nach seiner Tasse. „Hat sich Nami denn beschwert? Hat sie gesagt, du hättest sie enttäuscht?“
Ein kaum merkliches Schmunzeln stahl sich auf Kais Gesicht. „Nein. Im Gegenteil. Nami hat sich köstlich amüsiert. Sie fand es... unterhaltsam, mich in dieser Umgebung zu beobachten.“
Hiro schüttelte amüsiert den Kopf. „Siehst du? Sie kennt dich. Sie liebt dich genau wegen dieser Kanten. Also noch mal: Wo ist das Problem?“
Kai trat einen Schritt auf den Schreibtisch zu und stützte die Hände auf das helle Glas. Sein Blick war nun absolut fokussiert.
„Das Problem ist nicht Nami“, sagte er fest. „Das Problem ist immer noch meine Außenwirkung. Ich möchte nicht, dass die Leute denken, ich wäre nur aus Pflichtgefühl dort. Ich möchte, dass jeder in diesem Raum sieht, wie wichtig sie mir ist. Und zwar nicht durch romantische Fotos von irgendeiner Gala oder durch PR-Berichte der Tachiwari-Corporation. Ich will, dass sie es durch meine Präsenz spüren. Durch mein Handeln. Ich will dort sein, ohne dass mein Panzer die Sicht auf das Wesentliche versperrt...auf sie. Ich will ihr Damm sein, der die Flut hält.“
Hiro sah ihn lange schweigend an. Er sah nicht mehr den verletzten Jungen von früher, sondern einen Mann, dessen Stolz nun untrennbar mit seiner Rolle als Ehemann und Vater verknüpft war.
„Dann sei einfach der Damm, Kai“, sagte Hiro schließlich leise. „Ein Damm muss nicht lächeln, um die Flut aufzuhalten. Er muss nur da sein. Und das bist du.“
Kai nickte langsam. Die Anspannung in seinen Schultern löste sich nicht völlig, aber sein Blick wurde klarer. „Der zweite Kurs beginnt um sechs.“
„Dann solltest du nicht zu spät kommen“, schmunzelte Hiro. „Und Kai? Wenn sie dich auf einen Sitzball schicken... denk dran: Haltung bewahren.“
Kai antwortete nur mit einem trockenen Blick, der Hiro signalisierte, dass er das Gespräch für beendet hielt, doch die Anerkennung in seinen Augen war unverkennbar.
Am Abend...
Die Dämmerung legte sich wie ein violetter Schleier über Minato, während der Bentley lautlos durch den dichten Abendverkehr glitt. Im Inneren des Wagens war es angenehm kühl, der Duft von teurem Leder und Namis Parfüm bildete eine vertraute Konstante.
Kai hielt das Lenkrad mit einer Hand, während sein Blick konzentriert auf den Rücklichtern des Wagens vor ihm ruhte. Das Gespräch mit Hiro hallte noch in seinem Kopf nach. Ein Damm muss nicht lächeln. Er wusste, dass Hiro recht hatte, doch das Gefühl, auf dem Silbertablett zu liegen, war noch nicht ganz verschwunden. Es war eine neue Art von Kampf...einer ohne Bit-Beasts und Stadien, aber mit weitaus höheren Einsätzen.
Nami saß auf dem Beifahrersitz und blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Neonreklamen. Sie wirkte entspannt, fast schon strahlend. Die Vorfreude auf den Abend war ihr deutlich anzusehen, auch wenn sie schwieg, um Kai seinen Raum zu lassen. Sie spürte, dass er heute nachdenklicher war als sonst; die Intensität seiner Aura war feiner, kontrollierter.
An einer roten Ampel löste Kai die Hand vom Lenkrad. Einen Moment lang zögerte er, seine Finger spielten kurz mit dem Schaltknauf, bevor er die Handfläche nach oben drehte und sie suchend in die Mitte legte.
Es war eine stumme Geste, ein Angebot ohne Worte.
Nami bemerkte es sofort. Ein warmes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, doch sie hütete sich davor, es zu kommentieren. Sie wusste, wie viel Überwindung es ihn kostete, in Momenten der Unsicherheit körperliche Nähe zu suchen, besonders wenn sie auf dem Weg zu einem Ort waren, der ihn so sehr herausforderte.
Sie legte ihre Hand in seine. Seine Haut war wie immer warm, seine Finger umschlossen die ihren mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel an seinem Schutzwillen ließ. Er drückte ihre Hand fest, fast so, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da war...sein Anker inmitten des pastellfarbenen Wahnsinns, der ihnen bevorstand.
Nami sah ihn von der Seite an. Im wechselnden Licht der Ampeln wirkte sein Profil scharf und unnachgiebig, doch der kleine Muskel an seinem Kiefer war diesmal entspannt. Er sah sie nicht direkt an, aber sie spürte die Wärme seines Blickes, der kurz zu ihr rüberhuschte, bevor das Licht auf Grün sprang.
In diesem Moment brauchten sie keine Worte über Walgesänge oder Atemtechniken. Das sanfte Pulsieren seiner Hand auf ihrer war die einzige Bestätigung, die sie brauchte. Sie wusste, dass er heute Abend wie so oft kein „Vorstadtehemann“ sein würde. Er würde der Damm sein. Und sie freute sich darauf, ihn erneut dabei zu beobachten, wie er diese Rolle mit der gleichen unerschütterlichen Präzision ausfüllte, die ihn zum Champion gemacht hatte.
Kai legte den Gang ein, ließ ihre Hand jedoch nicht los. Er fuhr den Rest des Weges einhändig, als wäre die physische Verbindung zu ihr der einzige Kompass, den er brauchte, um Kurs auf den „Raum der Begegnung“ zu halten.
Als Kai den Wagen vor dem Gebäude in Minato zum Stehen brachte, herrschte einen Moment lang absolute Stille im luxuriösen Innenraum des Bentleys. Er schaltete den Motor aus, doch er machte keine Anstalten, sofort auszusteigen. Sein Blick lag auf dem Eingang, hinter dem das gedämpfte, warme Licht des „Raums der Begegnung“ schimmerte.
Dann...stieg er aus, ging um den Wagen herum und öffnete Nami die Tür. Als sie aufstand, wartete er nicht, bis sie losging. Stattdessen legte er seine Hände an ihre Taille und zog sie sanft, aber bestimmt in seine Arme. Inmitten der kühlen Abendluft von Tokio hielt er sie fest, als wollte er die Welt für einen Moment aussperren.
Sein Kuss war langsam, tief und von einer unerwarteten Zärtlichkeit, die Nami ein leises Seufzen entlockte. Als er sich von ihr löste, blieben seine Hände auf ihrer Taille. Seine roten Augen suchten die ihren und hielten sie fest. Es war kein flüchtiger Blick; es war eine stumme Frage nach ihrem Befinden, nach ihrer gemeinsamen Stärke.
„Bereit?“, fragte er leise, seine Stimme rau und tiefer als gewöhnlich.
Nami strahlte ihn an, ihre Augen glänzten im Licht der Straßenlaternen. Sie legte ihre Hände auf seine Brust und spürte das ruhige, feste Schlagen seines Herzens. „Ich bin immer bereit, Kai“, flüsterte sie. „Solange du bei mir bist.“
Kai nickte kaum merklich. Ein Funken Entschlossenheit kehrte in seine Züge zurück. Er straffte die Schultern, bot ihr seinen Arm an und gemeinsam betraten sie das Gebäude.
Drinnen war die Atmosphäre exakt so, wie sie sie in Erinnerung hatten...der Duft von Sandelholz und das ferne Plätschern des Brunnens empfingen sie. Miss Narusaka wirbelte bereits zwischen den Paaren umher und verteilte kleine, farbige Kissen. Als sie Kai und Nami sah, strahlte sie über das ganze Gesicht.
„Ah, das Paar Hiwatari! Wie schön, dass Sie wieder bei uns sind“, zwitscherte sie.
Die anderen zehn Paare waren bereits versammelt. In der Mitte des Raumes, auf zwei besonders akkurat platzierten Matten, saßen bereits Vladimir und Hana. Vladimir trug ein schwarzes Rollkragen-Shirt, das seinen athletischen Körper betonte, und wirkte so gelassen, als würde er auf den Beginn einer Opernaufführung warten.
Als er Kai bemerkte, zuckte ein schmales, fast schon herausforderndes Lächeln um seine Lippen. Er neigte den Kopf in einer Geste, die Kai nur zu gut kannte...es war die stille Einladung zum nächsten verbalen Duell.
Doch Kai reagierte anders als erwartet. Er erwiderte den Blick seines Bruders mit einer stoischen Ruhe, die keinerlei Angriffsfläche bot. Er hatte sich vorgenommen, Vladimirs Kommentare heute wie Echo an einer Steinwand abprallen zu lassen. Er war nicht hier, um zu gewinnen; er war hier, um der Damm zu sein, den er Hiro versprochen hatte.
„Guten Abend, Vladimir. Hana“, sagte Kai mit einem kurzen, respektvollen Nicken, während er Nami half, sich auf ihre Matte niederzulassen.
Vladimir zog eine Augenbraue hoch. Kais Gelassenheit schien ihn heute mehr zu überraschen als jeder schroffe Konter es getan hätte. „Du wirkst... ungewöhnlich zentriert heute, Kai“, bemerkte Vladimir glatt. „Hast du deine Strategie für die Walgesänge bereits optimiert?“
„Ich habe gelernt, die Frequenzen zu ignorieren, die keine Relevanz haben“, gab Kai trocken zurück, während er sich hinter Nami positionierte. Sein Griff um ihre Taille war sicher und ruhig.
Hana warf Nami ein amüsiertes Lächeln zu. „Es scheint, als hätten unsere Männer heute einen Waffenstillstand geschlossen“, flüsterte sie.
Nami lehnte sich mit dem Rücken gegen Kais breite Brust und spürte die Hitze, die er ausstrahlte. „Vielleicht haben sie nur erkannt, dass sie hier gegen die gleiche Übermacht kämpfen“, gab sie leise zurück.
Miss Narusaka klatschte in die Hände. „So, meine Lieben! Heute widmen wir uns der Visualisierung des Schmerzes. Wir werden lernen, den Schmerz nicht als Feind zu sehen, sondern als eine Welle, auf der wir reiten...“
Kai atmete tief durch die Nase ein. Er spürte, wie Vladimir neben ihm die Luft anhielt, bereit für eine zynische Bemerkung, doch Kai schloss einfach die Augen. Er konzentrierte sich nur auf das Gewicht von Namis Körper in seinen Armen und den Rhythmus ihres Atems. Der Damm stand fest.
Plötzlich hob Kai ganz leicht die Hand. Die Bewegung war so bestimmt, dass die Kursleiterin sofort innehielt. Im Raum wurde es totenstill. Kai räusperte sich, ein Geräusch, das in der meditativen Stille wie ein Donnerschlag wirkte. Er sah nicht zur Kursleiterin, sondern senkte den Blick zu Nami, die vor ihm saß.
„Ich möchte wenn möglich zuerst etwas richtigstellen“, begann er, und seine tiefe Stimme hatte einen ungewohnt rauen Unterton. „Letzte Woche habe ich gesagt, ich sei nur hier, weil meine Frau mich darum gebeten hat und meine Erwartungen an diesen Kurs gering seien.“
Er machte eine kurze Pause. Nami spürte, wie er seine Arme ein Stück fester um sie schlang, als suchte er bei ihr den Halt für das, was er nun aussprach.
„Das war nur die halbe Wahrheit“, fuhr er fort, und diesmal klang seine Stimme fester. „Ich bin hier, um meiner Frau eine Freude zu machen. Ich bin hier, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie liebe...und dass diese Liebe bedeutet, dass ich an ihrer Seite stehe, egal wie unwohl ich mich in diesem Umfeld fühle.“ Er sah kurz in die Runde der anderen Väter, sein Blick stoisch, aber aufrichtig. „Ich erwarte, Dinge zu erfahren, die ich trotz vier Kindern noch nicht wusste. Und ich erwarte, dass meine Frau diesen Raum nach jedem Mal glücklicher verlässt als zuvor. Ich freue mich auf unser fünftes Kind...so wie auf jedes andere davor. Und ich will klarstellen: Ich nehme das hier verdammt ernst.“
Nami schluckte schwer. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, und sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Das war mehr als nur eine Entschuldigung; es war eine öffentliche Liebeserklärung eines Mannes, der sein Innerstes normalerweise hinter sieben Schlössern verwahrte.
Vladimir, der Kai gegenüber saß, starrte seinen Bruder an. Das arrogante Lächeln war vollständig aus seinem Gesicht gewichen. Er wirkte nicht nur beeindruckt, sondern fast so, als hätte Kai einen verborgenen Akkord in ihm zum Schwingen gebracht.
Nach einem Moment der Stille räusperte sich nun auch Vladimir. Er rückte seine Position hinter Hana zurecht, und plötzlich wirkte der unerschütterliche Russe nach außen hin menschlich, fast schon greifbar.
„Ich schließe mich meinem Bruder an“, sagte Vladimir leise, aber bestimmt. Er sah Hana an, und die übliche aristokratische Distanz in seinen Augen war einer tiefen Aufrichtigkeit gewichen. „Ich sagte, meine Gefühle seien rein operativer Natur. Das war eine Lüge, um meine eigene Unsicherheit zu kaschieren. Die Wahrheit ist... die bevorstehende Geburt macht mich nervös. Ich werde Vater von Zwillingen, und der Respekt, den ich vor meiner Frau und ihrer Stärke habe, ist grenzenlos. Ich möchte, dass sie das weiß. Und ich möchte, dass sie weiß, dass ich nicht nur als Logistiker an ihrer Seite stehe, sondern als ihr Mann.“
Hana griff nach Vladimirs Hand und drückte sie fest, unfähig, ein Wort herauszubringen. Im Raum herrschte eine fast ehrfürchtige Stille. Miss Narusaka blinzelte gerührt, und selbst der junge Vater vom letzten Mal sah die beiden Hiwatari-Brüder nun mit völlig anderen Augen an...nicht mehr als unnahbare Giganten, sondern als Männer, die ihre eigenen Kämpfe fochten.
„Das war...“, Miss Narusaka tupfte sich diskret ein Tränchen aus dem Augenwinkel, „...das war das Ehrlichste, was ich in diesem Raum je gehört habe. Vielen Dank für diesen Mut.“
Kai lehnte seine Stirn für einen kurzen Moment gegen Namis Hinterkopf. Er spürte, wie sie zitterte, und wusste, dass er genau das Richtige getan hatte. Er war auch heute kein „Vorstadtehemann“ geworden...er war er selbst geblieben, aber er hatte die Wahrheit über den Damm gesprochen: Er stand nicht dort, weil er den Beton liebte, sondern um das Wertvollste zu schützen, das er besaß.
„Nach diesen... bewegenden Worten“, begann Miss Narusaka und lächelte Kai und Vladimir dankbar zu, „widmen wir uns nun der Visualisierung. Wenn der Schmerz kommt, hilft es, sich ein Bild zu suchen. Etwas Mächtiges, das euch trägt. Stellt euch vor, ihr seid eine Welle im Ozean oder ein Adler im Wind.“
Kai setzte sich wieder kerzengerade hin. Das „Säuselei-Level“ stieg wieder an, doch diesmal blieb er ruhig. Er spürte, wie Nami sich entspannt an ihn lehnte.
„Väter“, raunte Miss Narusaka, „helfen Sie Ihren Frauen. Finden Sie gemeinsam ein Bild. Was sehen Sie, wenn Sie an Kraft und Ausdauer denken?“
Ein Raunen ging durch den Raum. Das Paar neben ihnen sprach leise über „sanfte Sommerregen“ und „aufblühende Lotusblumen“. Kai verzog keine Miene, aber Nami spürte ein leichtes Beben in seinem Brustkorb...er unterdrückte ein amüsiertes Schnauben.
„Ein Sommerregen, Kai?“, flüsterte Nami neckisch über ihre Schulter.
„Sicher nicht“, brummte er an ihrem Ohr. Seine Stimme war wieder fest, aber die Härte war einer tiefen Konzentration gewichen. „Wir machen keine Blumen-Visualisierung, Nami. Wenn es hart wird, hilft dir kein Lotus.“
Er schloss die Augen und legte seine Hände flach auf ihren Bauch. Nami spürte, wie sich seine innere Energie veränderte. Es war nicht mehr die aggressive Hitze eines Kampfes, sondern eine kontrollierte, glühende Kraft.
„Such dir kein Bild, das dich weich macht“, sagte er leise und bestimmt. „Stell dir vor, du bist wie Dranzer. Ein Feuer, das nicht erlischt, egal wie stark der Wind weht. Der Schmerz ist nur Treibstoff. Du lässt ihn brennen, aber du lässt dich nicht von ihm verzehren. Du stehst über ihm.“
Nami schloss ebenfalls die Augen. In ihrer Vorstellung sah sie keine Wellen. Sie sah die vertraute, majestätische Gestalt des Phoenix, dessen Schwingen sich schützend um sie legten. Kais Stimme wirkte wie ein Anker, der sie in dieser feurigen Vision festhielt.
„Ich bin bei dir“, fuhr Kai fort, seine Worte nur für sie bestimmt. „Ich bin der Fels, auf dem du stehst, während das Feuer brennt. Du musst nicht weich sein, Nami. Du musst nur standhalten. Und ich halte dich fest.“
Ein paar Matten weiter hatte Vladimir offenbar einen ähnlichen Ansatz gewählt. „Hana, vergiss den Adler“, hörte man seine kühle Stimme. „Visualisiere die Struktur eines Diamanten. Unzerbrechlich unter Druck. Wir werden diesen Prozess mit absoluter struktureller Integrität durchstehen.“
Hana kicherte leise, aber sie passte ihre Atmung dem Takt an, den Vladimir mit seinen Fingern auf ihren Handrücken klopfte.
Miss Narusaka schwebte an den Hiwatari-Brüdern vorbei. Sie hörte Fragmente von „Phoenix-Feuer“ und „Diamant-Strukturen“. Normalerweise hätte sie interveniert und zu „sanfteren Bildern“ geraten, doch nach den Geständnissen von vorhin hielt sie inne. Sie sah, wie fokussiert Nami und Hana waren. Es gab keine Panik, nur eine tiefe, fast kriegerische Entschlossenheit.
„Ein... interessanter Ansatz“, murmelte die Kursleiterin beeindruckt. „Sehr... kraftvoll.“
Als die Übung endete, öffnete Kai die Augen. Er wirkte nicht erschöpft, sondern seltsam erfrischt. Er sah Nami an, die ihn mit einem Leuchten in den Augen betrachtete, das schöner war als jede Lotusblüte.
„Ging es so?“, fragte er, wobei ein Hauch von Unsicherheit in seiner Stimme mitschwang...ein seltener Moment, den er nur ihr schenkte.
„Es war perfekt, Kai“, antwortete sie und drückte seine Hand. „Dein Feuer ist mir viel lieber als jeder Sommerregen.“
Vladimir lehnte sich zu ihnen herüber, ein fast schon kameradschaftliches Funkeln in den Augen. „Ich denke, wir haben die 'spirituelle' Phase mit unserer eigenen Logik unterwandert, Kai.“
„Es funktioniert“, gab Kai trocken zurück. „Das ist alles, was zählt.“
Nach der Visualisierung klatschte Miss Narusaka mit neuem Elan in die Hände. „Nun, meine Lieben, kommen wir zu einem Klassiker, der in keinem Kurs fehlen darf: Die Atemunterstützung in der Übergangsphase. Viele nennen es das 'Hecheln', aber wir bevorzugen den Begriff 'Rhythmische Sauerstoff-Zufuhr'. Väter, das ist euer Moment! Ihr seid der Metronom. Ihr gebt den Takt vor, damit eure Partnerinnen nicht in Panik geraten.“
Kai straffte die Schultern. Das Gespräch mit Hiro und seine eigene kleine Rede vorhin hatten seinen Ehrgeiz geweckt. Wenn er der Damm sein wollte, dann würde er diesen Rhythmus mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks vorgeben.
„Setzt euch voneinander gegenüber“, wies Miss Narusaka sie an. „Schaut euch tief in die Augen. Und dann... im Takt: Hi-hi-huuu... hi-hi-huuu!“
Kai rutschte in den Schneidersitz und fixierte Nami. Sein Gesicht war die Maske absoluter Entschlossenheit. Er nahm die Sache todernst. Er atmete tief ein, spitzte die Lippen und begann: „Hi-hi-huuu... hi-hi-huuu...“
Er klang dabei nicht wie ein werdender Vater in einem Pastell-Raum. Er klang wie eine Hochleistungsmaschine im Leerlauf. Seine Augen funkelten vor Konzentration, während er den Takt mit einer Hand auf seinem Knie mitklopfte.
Nami starrte ihn an. Sie sah seine markanten Gesichtszüge, die zusammengekniffenen roten Augen und den fast schon militärischen Ernst, mit dem er diese kurzen Stöße Luft ausstieß. Daneben saß Vladimir, der das Ganze mit einer kühlen, russischen Effizienz anging, als würde er einen Countdown für einen Raketenstart zählen. „Hi... hi... huuu“, dirigierte Vladimir mit aristokratischer Strenge.
Es war zu viel.
Nami spürte, wie ein Beben in ihrem Bauch aufstieg. Sie versuchte, den Blick abzuwenden, biss sich auf die Lippe und starrte auf Kais Schlüsselbein, aber das rhythmische Hi-hi-huuu ihres Mannes war so unfassbar komisch, dass ihr Widerstand brach.
Ein kurzes Glucksen entwich ihr. Kai hielt inne, eine Braue hochgezogen. „Nami? Konzentrier dich auf den Rhythmus.“
Das war der Gnadenstoß. Die Vorstellung, dass der unnahbare Kai Hiwatari sie gerade wegen ihrer mangelnden „Hechel-Disziplin“ maßregelte, brachte das Fass zum Überlaufen. Nami prustete los. Ein lautes, herzhaftes Lachen explodierte aus ihr heraus, und sie musste sich nach vorne beugen, während sie sich den Bauch hielt.
Keine zwei Sekunden später stimmte Hana mit ein. Die beiden Frauen lachten so Tränen überströmend, dass der gesamte Kurs innehielt.
Kai erstarrte kurz in seiner „Hechel-Position“, die Lippen noch leicht gespitzt. Er sah zu Vladimir, der ebenfalls irritiert wirkte, als hätte Hana gerade eine diplomatische Vereinbarung zerrissen. Kai stieß einen langen Seufzer aus, die Schultern sanken ein Stück nach unten. Er schüttelte den Kopf, doch während er Nami dabei beobachtete, wie sie sich vor Lachen kaum halten konnte, veränderte sich sein Blick.
Die harte Maske des Champions zerbrach. Ein warmes, ehrliches Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Seine Augen wurden weich, und ein leises Lachen entrann seiner Brust.
„Wirklich sehr professionell, mein Schatz.“, brummte er, aber in seiner Stimme schwang so viel Zärtlichkeit mit, dass Nami schlagartig rot wurde.
Sie versuchte, sich zu beruhigen, wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und sah ihn entschuldigend an. „Es tut mir leid, Kai... wirklich... es ist nur... du hast so... ernst geguckt...und diese Geräusche...“
„Ich habe versucht, ein guter Metronom zu sein“, erwiderte er trocken, wobei das amüsierte Funkeln in seinen Augen blieb.
Die anderen Paare im Raum beobachteten die Szene mit einem Lächeln. Es war der Moment, in dem der „Eisberg“ endgültig geschmolzen war. Zu sehen, wie dieser imposante, kühle Mann seine Frau mit einem so warmen, fast schon bewundernden Blick bedachte, während sie seine Bemühungen „auslachte“, war für alle Beteiligten zutiefst erfrischend. Es war ein Bild von echter, unkomplizierter Liebe.
Selbst Vladimir gab nach und klopfte Kai kurz auf die Schulter. „Ich denke, unser rhythmisches Talent wird verkannt, Bruder.“
Miss Narusaka lächelte milde. „Lachen ist die beste Entspannung, Mrs. Hiwatari. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Mann hat das Herz am rechten Fleck...und eine Lunge wie ein Schmiedefeuer.“
Nami atmete tief durch, ihr Gesicht noch immer leicht gerötet. Sie griff nach Kais Händen und drückte sie fest. „Danke, Kai. Dass du das alles mitmachst.“
Kai sah sie an, sein Lächeln war nun kleiner, privater, nur für sie bestimmt. Er beugte sich vor und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Nasenspitze. „Wenn es dich zum Lachen bringt, hechel ich dir den ganzen Weg bis zum Anwesen vor“, murmelte er so leise, dass nur sie es hören konnte.
Nami lachte erneut, diesmal leiser und glücklich, während sie sich wieder für die nächste Übung bereit machten. Der „Raum der Begegnung“ fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so deplatziert an.
Nachdem sich das Lachen im Raum gelegt hatte und eine gelöste, fast freundschaftliche Stimmung zwischen den Paaren herrschte, dämpfte Miss Narusaka das Licht noch ein wenig weiter. Der Zimmerbrunnen plätscherte nun sanfter, und die Musik wechselte zu einem tiefen, ruhigen Bass-Rhythmus.
„Zum Abschluss heute“, begann sie mit ihrer sanften Stimme, „möchte ich, dass wir uns wieder ganz auf den Körperkontakt konzentrieren. Genau wie letzte Woche. Väter, setzen Sie sich bitte direkt hinter Ihre Frauen. Umschließen Sie sie. Es geht darum, dass die werdende Mutter spürt, dass sie nicht allein ist. Dass sie gehalten wird. Massieren Sie sanft die Schultern, aber vor allem: Kommunizieren Sie ohne Worte. Atmen Sie gemeinsam.“
Kai zögerte keine Sekunde. Er rutschte nah an Nami ran. Er öffnete seine Beine, sodass sie sich vollkommen in seinen Schoß zurücklehnen konnte. Als sie den Kontakt spürte, entwich ihr ein tiefer Seufzer der Erleichterung.
Seine Hände, groß und von einer unglaublichen Hitze, legten sich auf ihre Schultern. Er massierte nicht einfach nur; sein Griff war sicher, fast schon besitzergreifend, aber voller Zärtlichkeit. Er spürte jede kleine Verspannung in ihrem Nacken und löste sie mit langsamen, kreisenden Bewegungen seiner Daumen.
Nami schloss die Augen. Der Raum um sie herum verschwamm. Es gab nur noch das rhythmische Plätschern des Wassers und Kais massiven Körper in ihrem Rücken, der ihr mehr Sicherheit gab als jede Steinmauer.
Kai beugte sich vor, bis seine Lippen fast ihre Schläfe berührten. Er ignorierte die anderen Paare, die Kursleiterin und die Welt draußen. In diesem Moment gab es nur sie und das neue Leben, das in ihr heranwuchs.
„Hör mir zu“, flüsterte er, seine Stimme so tief und vibrierend, dass Nami die Worte mehr in ihrem ganzen Körper spürte als mit den Ohren. „Du musst dir keine Sorgen machen. Nicht heute, nicht morgen und nicht, wenn es so weit ist.“
Er fuhr mit einer Hand von ihrer Schulter hinunter zu ihrem Bauch und legte sie flach auf die Stelle, wo ihr fünftes Kind heranwuchs. Seine Finger spreizten sich schützend über der Rundung.
„Ich werde jede Sekunde genau hier sein“, raunte er ihr ins Ohr, und sein warmer Atem kitzelte ihre Haut. „Ich bin der Wall, an dem alles andere zerbricht, bevor es dich erreicht. Vertrau mir. Vertrau auf uns.“
Nami spürte, wie eine Welle von purer Geborgenheit durch sie hindurchfloss. Die Intensität seiner Worte, diese absolut kompromisslose Loyalität, die Kai auszeichnete, war in diesem Moment fast greifbar. Sie legte ihre Hände auf seine und lehnte ihren Kopf nach hinten gegen seine starke Schulter.
„Ich vertraue dir.“, hauchte sie zurück. „Mehr als jedem anderen auf dieser Welt.“
Kai drückte sie ein Stück fester an sich. Er sagte nichts mehr, aber das war auch nicht nötig. Das Schweigen zwischen ihnen war erfüllt von einem Versprechen, das tiefer ging als jede Übung in diesem Kurs. Er war nicht mehr der distanzierte Beobachter vom Anfang; er war ihr Gefährte, ihr Beschützer und der Mann, der bereit war, für sie und dieses Kind alles zu geben.
Sogar Vladimir schien in diesem Moment jeglichen Sarkasmus vergessen zu haben. Er hielt Hana in einer ähnlichen Umarmung, den Blick nachdenklich ins Leere gerichtet, während er ihre Hände hielt.
Als der Gong ertönte, öffnete Nami nur widerwillig die Augen. Sie fühlte sich, als wäre sie aus einem wunderschönen Traum erwacht.
Der Kurs neigte sich dem Ende zu, und die gedimmte Beleuchtung kehrte langsam in ein warmes, weiches Licht zurück. Miss Narusaka stand am Ausgang des Raumes, die Hände sanft vor der Brust gefaltet. Sie beobachtete, wie die Paare sich sammelten, ihre Matten zusammenrollten und sich leise unterhielten.
Doch ihr Blick blieb immer wieder an einer Gruppe hängen.
Kai half Nami mit einer fließenden, fast instinktiven Bewegung beim Aufstehen. Es gab kein Zögern mehr, keine Spur von der defensiven Körpersprache, die ihn am ersten Abend wie eine unüberwindbare Mauer umgeben hatte. Er wartete nicht, bis sie sicher stand; er legte sofort seinen starken Arm um ihre Taille und zog sie eng an seine Seite, als wäre das der einzig natürliche Platz für sie beide.
Nami lehnte sich erschöpft, aber mit einem strahlenden Lächeln gegen ihn. Während sie sich bei Hana und Vladimir verabschiedeten, beobachtete Miss Narusaka, wie Kais große Hand ganz beiläufig auf Namis Bauch ruhte. Seine Finger bewegten sich in einer langsamen, kraulenden Geste über den Stoff ihres Kleides...eine unbewusste, zutiefst zärtliche Bewegung, die so viel mehr aussagte als jedes Wort.
Es war die Geste eines Vaters, der bereits eine tiefe Verbindung zu dem ungeborenen Leben spürte.
Als das Ehepaar Hiwatari schließlich auf sie zukam, verneigte sich Miss Narusaka tief. „Vielen Dank für Ihre Offenheit heute, Mr. Hiwatari“, sagte sie leise und mit einer ehrlichen Ergriffenheit in der Stimme. „Sie haben uns allen heute etwas sehr Wertvolles gezeigt.“
Kai hielt inne. Er sah sie kurz an, und für einen Moment war da kein unnahbarer CEO, sondern nur ein Mann, der seinen Weg gefunden hatte, mit dieser neuen Situation umzugehen. Er nickte ihr kurz und respektvoll zu.
„Bis nächste Woche“, sagte er trocken, doch der Unterton war nicht mehr abweisend.
Miss Narusaka sah ihnen nach, wie sie den Flur entlanggingen. Kais Arm verließ Namis Taille keine Sekunde lang, und seine Hand blieb schützend auf ihrer Mitte liegen. Sie hatte in ihren Kursen schon viele Männer gesehen...nervöse, begeisterte, gelangweilte...aber selten jemanden, der eine so massive, fast greifbare Aura von Schutz und Liebe ausstrahlte, ohne dabei auch nur eine Miene zu verziehen.
„Ein Damm“, murmelte sie lächelnd vor sich hin und dachte an Kais Worte zurück. „In der Tat.“
Draußen schloss sich die schwere Glastür hinter ihnen, und der Duft von Sandelholz wurde von der frischen, klaren Nachtluft Tokios abgelöst. Aber das Gefühl der Geborgenheit, das Kai in diesen Raum getragen hatte, blieb noch lange hängen.
Bevor sie die Tür des Bentleys erreichten, blieb Nami stehen und drehte sich zu ihm herum. Sie sah zu ihm auf...zu diesem Mann, der für den Rest der Welt wie eine unbezwingbare Festung wirkte, aber für sie gerade erneut seine tiefsten Mauern eingerissen hatte. Ohne ein Wort zu sagen, stellte sie sich auf die Zehenspitzen. Ihre Hände glitten an seinem markanten Kiefer nach oben und umfassten seine Wangen, als wollten sie die Wärme seiner Haut für immer speichern.
Sie zog ihn zu sich hinunter und küsste ihn...ein tiefer, zärtlicher Kuss.
Als sie sich voneinander lösten, entließ Kai sie nicht aus seinem Griff. Er legte seine Stirn gegen die ihre, schloss die Augen und atmete den vertrauten Duft ihres Haares ein. In dieser intimen Stille zwischen ihnen schienen die Lichter der Großstadt zu verblassen.
„Ich habe nie erwartet, dass du das alles sagst, Kai“, flüsterte Nami, ihre Stimme noch immer leicht brüchig vor Ergriffenheit. „Nicht vor all diesen Leuten. Ich weiß doch, wie schwer dir sowas fällt.“
Kai hielt ihre Stirn gegen seine gepresst, seine Hände ruhten schwer und schützend auf ihrer Taille. „Ich weiß“, raunte er, und die Vibration seiner tiefen Stimme ging direkt auf sie über. „Aber es war notwendig. Ich wollte ein Zeichen setzen...für sie, aber vor allem für dich.“
Er öffnete die Augen und sah sie aus nächster Nähe an, seine roten Irisse funkelten im fahlen Licht der Straßenlaternen. Ein winziges, fast unmerkliches Schmunzeln zuckte um seine Mundwinkel. „Und ich habe bemerkt, wie sehr es dich berührt hat. Das war das Risiko wert.“
Nami unterdrückte ein lachendes Schluchzen, das halb ein Kichern und halb eine Träne war. Sie vergrub ihr Gesicht für einen Moment an seiner Brust und drückte ihn fest. „Das hat es, Kai...das hat es tatsächlich.“
Er legte seinen Arm um sie und führte sie die letzten Schritte zum Wagen. Nami wusste nun sicher: Der Damm hielt nicht nur die Flut zurück...er bot ihr auch den sichersten Hafen der Welt.
Außer Plan
Das Ayame-Anwesen empfing sie mit seiner zeitlosen Würde. Während die Stadt draußen noch pulsierte, schien hier die Zeit langsamer zu vergehen. Harriet hatte im kleinen Salon bereits ein Tablett mit Tee vorbereitet...eine stillschweigende Aufmerksamkeit, die sie nach langen Tagen immer für das Paar bereitstellte.
Kai lockerte die obersten Knöpfe seines Hemdes. Er wirkte nicht erschöpft, sondern eher... angekommen. Nami goss den Tee ein, das leise Klirren des Porzellans war das einzige Geräusch im Raum. Sie setzten sich nebeneinander auf das dunkle Ledersofa, das vor dem Fenster stand, das den Blick auf den nächtlichen Garten freigab.
„Du warst heute Abend... anders“, begann Nami leise und reichte ihm seine Tasse. „Sogar Vladimir war sprachlos. Das passiert nicht oft.“
Kai umschloss die heiße Tasse mit beiden Händen. Er starrte einen Moment in den dunklen Tee, bevor er seinen Blick zu ihr hob. „Ich wollte nicht, dass irgendwelche Zweifel bleiben“, sagte er schlicht. „Nicht bei diesem Kind. Und vor allem nicht bei dir.“
Ein leises Schmunzeln stahl sich auf sein Gesicht, als er an den Hechelkurs dachte. „Auch wenn ich zugeben muss... dieser Rhythmus-Teil war an Absurdität kaum zu übertreffen. Ich habe mich für einen Moment gefragt, ob ich wirklich Kai Hiwatari bin, während ich dort saß und...“ Er brach ab und schüttelte amüsiert den Kopf.
Nami kicherte und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. „Du warst der präziseste 'Metronom', den dieser Kurs je gesehen hat. Aber weißt du, was das Beste war? Dass du gelacht hast. Dass du es zugelassen hast.“
Kai schwieg einen Moment. Er genoss die Wärme ihres Körpers an seiner Seite. „Vielleicht ist das der Unterschied zum ersten Mal“, murmelte er fast unhörbar. „Damals war alles ein Kampf. Alles war neu, und ich hatte das Gefühl, ich müsste mich gegen die ganze Welt beweisen, um euch zu schützen. Jetzt...“ Er machte eine kurze Pause und atmete tief durch. „Jetzt weiß ich, wer ich bin. Und ich weiß, was wir haben. Ich muss nicht mehr kämpfen, um ein Vater zu sein. Ich bin es einfach.“
Nami spürte die Tiefe seiner Worte. Es war die Reife eines Mannes, der seinen Frieden mit seiner Vergangenheit gemacht hatte. „Du bist ein großartiger Vater, Kai. Gou und die Zwillinge... sie sehen so zu dir auf, auch wenn sie es in ihrem Alter nicht mehr so zeigen.“
Kai nickte langsam. „Sie werden flügge. Gou ist bald sechzehn...Ayumi und Ren werden fünfzehn...bald werden sie ihre eigenen Entscheidungen treffen.“ Sein Blick wanderte zur Tür. „Aber solange sie unter diesem Dach sind, sind sie in meiner Verantwortung.“
Er stellte seine Tasse ab und erhob sich mit der geschmeidigen Eleganz, die ihn immer noch auszeichnete. „Ich sehe nur kurz nach dem Rechten“, sagte er leise und reichte Nami die Hand, um ihr beim Aufstehen zu helfen. „Geh schon mal vor. Ich komme gleich nach.“
Nami beobachtete ihn, wie er lautlos den Raum verließ. Sie wusste, dass dieser Rundgang für ihn mehr war als nur eine Sicherheitsmaßnahme...es war seine Art, sich mit dem zu verbinden, was er am meisten liebte.
Kai stieg die Treppen hinauf, passierte die Zimmer der Großen, lauschte auf ihr regelmäßiges Atmen und blieb schließlich vor Sayuris Tür stehen...
Er drückte die Klinke so vorsichtig nach unten, dass kein Geräusch die Stille störte.
Ein schwaches Nachtlicht in Form eines Sterns warf ein sanftes Leuchten in den Raum. Sayuri, die bald acht Jahre alt wurde, lag tief schlafend in ihren Kissen, ihre weißen Locken wie ein heller Heiligenschein auf dem Laken verteilt. Sie sah Nami in diesem Moment so ähnlich, dass Kai unwillkürlich den Atem anhielt.
Er trat näher an das Bett. Sein Schatten legte sich über das Spielzeug, das ordentlich im Regal stand. Kai war kein Mann der großen Worte, selbst wenn niemand zuhörte, aber während er dort stand und auf seine jüngste Tochter hinabblickte, spürte er die Last und das Privileg der Verantwortung schwerer denn je.
Er beugte sich vor und rückte die Decke ein winziges Stück höher, bis sie ihre Schultern umschloss. Seine Finger streiften dabei fast unmerklich ihre Wange.
Früher, in der Abtei, hatte man ihm beigebracht, dass Bindungen Schwäche bedeuteten. Doch während er hier am Bett seiner Tochter stand und an das neue Leben dachte, das unter Namis Herzen heranwuchs, wusste er, dass genau diese Bindungen seine wahre Stärke waren. Er war nicht mehr der einsame Wolf. Er war das Fundament eines ganzen Hauses.
Kai beobachtete das sanfte Heben und Senken ihres Atems. Plötzlich bewegte sich Sayuri leicht. Ihre Lider flatterten, und sie blinzelte schläfrig in das dämmrige Licht des Sternen-Nachtlichts.
Sie erkannte seine Silhouette sofort. Ein schläfriges, vertrauensvolles Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie streckte eine kleine Hand nach seinem Ärmel aus.
„Papa?“, murmelte sie mit einer Stimme, die noch schwer vom Schlaf war.
„Ich bin hier“, erwiderte er leise. Seine Stimme war so sanft, dass man sie kaum als dieselbe erkennen würde, die tagsüber im Tachiwari-Tower Befehle gab. Er setzte sich behutsam auf die Bettkante, die Matratze gab unter seinem Gewicht leicht nach.
Sayuri rieb sich mit der freien Hand das Auge und sah ihn mit einer Ernsthaftigkeit an, die sie von ihm geerbt hatte. „Wenn das Baby kommt...“, begann sie und hielt inne, um herzhaft zu gähnen. „...bleibe ich dann trotzdem immer deine Prinzessin?“
Kai spürte einen fast schmerzhaften Stich von Zärtlichkeit in seiner Brust. Er legte seine große, warme Hand auf ihren Kopf und strich ihr die weißen Locken aus der Stirn. Er ließ sich Zeit mit der Antwort, denn er wollte, dass sie die Bedeutung jedes Wortes verstand.
„Natürlich, Sayuri“, sagte er fest, während sein Blick ihren hielt. „Nichts auf dieser Welt, kein Baby und kein Ozean, wird das jemals ändern. Du wirst immer meine Prinzessin sein. Und ich werde immer dein Beschützer und Papa sein.“
Sayuri nickte langsam, als hätte sie diese Bestätigung gebraucht, um den letzten Rest Wachsamkeit loszulassen. Ihre Augen fielen wieder zu. „Versprochen?“, hauchte sie.
„Versprochen“, flüsterte er. Er beugte sich tief hinunter und küsste sie sanft auf die Stirn. „Schlaf jetzt, kleine Lilie.“
Er wartete, bis ihr Atem wieder tief und gleichmäßig ging, bevor er sich erhob. Als er den Raum verließ, fühlte er sich seltsam leicht. Das Gespräch im Geburtskurs über seine Rolle als „Anker“ und „Damm“ war wichtig gewesen, aber dieses kleine Versprechen an seine Tochter war das Fundament, auf dem alles andere ruhte.
Wenig später trat er ins Schlafzimmer. Nami lag bereits im Bett und sah ihn erwartungsvoll an. Er zog das Hemd aus, legte sich zu ihr und zog sie schweigend in seine Arme.
„Sie hat gefragt, ob sie meine Prinzessin bleibt“, sagte er nach einer Weile in die Dunkelheit hinein.
Nami schmunzelte und vergrub ihr Gesicht an seinem Hals. „Und was hast du gesagt?“
„Dass sie keine Wahl hat“, brummte er, aber Nami hörte den Stolz in seiner Stimme. „Und dass ich auf sie aufpasse. Auf euch alle.“
Nami schloss die Augen, während sie die vertraute Wärme seines Körpers spürte. Der Damm war stabil, und das Herz dahinter war größer, als die Welt es jemals erfahren würde.
Einige Wochen später...
Das Penthouse in Shinjuku war lichtdurchflutet, doch die Atmosphäre war von einer greifbaren Anspannung geprägt. Lumina saß auf der weiten Couch, den Rücken durch mehrere feste Kissen gestützt. Ihr Blick wirkte erschöpft, aber ihre Haltung blieb aristokratisch, auch wenn ihr der massive Babybauch jede Bewegung erschwerte.
„Tala ist...mitlerweile echt...im Überwachungsmodus.“, sagte Lumina leise und rieb sich die Schläfen. „Er ist nicht laut, er korrigiert mich nicht einmal. Aber er steht einfach da. Er beobachtet mich. Wenn ich aufstehe, ist er sofort im Raum. Er sagt nichts, aber seine Präsenz ist so intensiv. Er ist wie ein Raubtier, das eine Gefahr erwartet, die er nicht sehen kann.“
Hilary nippte an ihrem Tee und schüttelte den Kopf. „Sei froh, dass er wenigstens die Klappe hält. Erinnert ihr euch an Makotos Geburt? Tyson dachte ernsthaft, es wäre eine gute Idee, meine Wehenpausen mit seinen neuesten Witzen zu füllen. Er wollte mich 'ablenken'. Ich habe ihn angeschrien, dass er entweder den Mund hält oder das Zimmer verlässt. Am Ende habe ich ihn rauswerfen lassen, weil ich kurz davor war, ihn mit dem Infusionsständer zu erschlagen.“
Nami musste trotz der Ernsthaftigkeit lächeln. „Tyson ist eben Tyson. Er kann Stille nicht ertragen. Aber Kai... Kai ist das genaue Gegenteil. Er ist wie Tala. Er wird stiller, je näher der Termin rückt. Letzte Nacht stand er am Fenster und hat einfach nur in die Dunkelheit gestarrt. Er kontrolliert alles...die Krankenhauseinweisung, die Sicherheitsleute, die Fahrtwege. Er behandelt die Geburt wie eine strategische Operation.“ Nami musste laut lachen.
Lumina nickte schwerfällig. „Genau das ist es. Tala traut niemandem. Er hat diesen kalten Blick, den er früher in den Turnieren hatte. Ich weiß, dass er es aus Liebe tut, aber es macht mich machmal nervös, ihn so... unter Strom zu sehen. Er schläft kaum noch.“
„Sie haben Angst“, sagte Nami schlicht und sah Lumina fest an. „Tyson hat sie durch Witze kaschiert, aber Kai und Tala... sie haben Angst vor dem Moment, in dem ihre Stärke nichts nützt. Sie können den Schmerz nicht für uns übernehmen. Sie können nicht für uns kämpfen. Diese Ohnmacht ist für Männer wie sie das Schlimmste.“
Hilary seufzte. „Da hast du wohl recht. Tyson war völlig aufgelöst, als er merkte, dass seine Witze nicht halfen. Er sah aus wie ein geprügelter Hund, als er vor der Kreißsaaltür warten musste. Aber bei Tala und Kai wirkt diese Angst eben nicht wie Panik, sondern wie eine dunkle, erdrückende Schutzmauer.“
Lumina lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. „Ich wünschte nur, er würde sich einmal entspannen. Er wirkt, als würde er darauf warten, dass ein Attentat verübt wird, dabei geht es nur um eine natürliche Geburt.“
„Für ihn ist es kein 'nur'“, erwiderte Nami sanft. „Für Tala ist es das Wichtigste, was er je beschützt hat. Er sieht keine natürliche Sache, er sieht die einzige Person, die ihm alles bedeutet, in einer Situation, die er nicht kontrollieren kann.“
In diesem Moment hörte man das leise Klicken der schweren Eingangstür. Die Präsenz im Raum veränderte sich sofort. Die Luft schien kühler zu werden, schwerer. Tala Valkov betrat den Raum. Sein Gesicht war wie aus Stein gemeißelt, und sein Blick glitt sofort...fast schon instinktiv...zu Lumina, bevor er die anderen überhaupt wahrnahm.
Er sagte kein Wort, aber die Art, wie er den Raum scannte, bevor er auf sie zuging, bestätigte alles, was die Frauen gerade besprochen hatten. Er war kein Ehemann, der nach Hause kam; er war ein General, der seine wichtigste Position sicherte.
Sein Fokus lag so präzise auf Lumina, dass der Rest des Raumes für ihn in diesem Moment nebensächlich war, während er mit festen Schritten auf die Couch zu trat.
Anstatt sich nur neben sie zu setzen, kniete er sich mit einer fließenden Bewegung vor ihr auf den Boden. Seine großen, kühlen Hände legten sich mit einer sanften Bestimmtheit auf ihren großen Bauch, während er seinen Kopf leicht neigte, um ihren Blick einzufangen.
„Du hast dich heute zu viel bewegt“, sagte er mit seiner tiefen, leicht rau wirkenden Stimme. Es war keine Rüge, sondern eine Feststellung, die von einer unerschütterlichen Sorge getragen wurde.
Lumina sah auf ihn hinab und es breitete sich das für sie so typische, strahlende Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie genoss diese intensive Aufmerksamkeit. Sie legte ihre Hände auf seine und verschränkte ihre Finger mit seinen.
„Nami und Hilary sind da, Tala. Ich sitze nur auf der Couch und trinke Tee“, erwiderte sie amüsiert. „Ich bin nicht im Training.“
Tala antwortete nicht sofort. Er beugte sich vor und drückte seine Stirn für einen langen Moment gegen ihre. Dann wanderte seine Hand an ihren Nacken, und er zog sie sanft ein Stück zu sich hinunter, um ihr einen langen Kuss auf die Stirn zu geben. Seine Hand verharrte dort, sein Daumen strich fast zärtlich über ihre Schläfe.
„Dein Puls ist zu hoch“, murmelte er an ihrer Haut, während sein Blick kurz zu dem Teeglas auf dem Tisch glitt, als würde er die Inhaltsstoffe prüfen.
Lumina kicherte leise und strich ihm über die Wange. „Das liegt daran, dass du den Raum betreten hast, du Eisbär. Das nennt man Freude, nicht Anstrengung.“
Tala ließ sich nicht beirren. Er erhob sich, griff nach einem der Dekokissen und platzierte es mit der Präzision eines Chirurgen unter ihrem Rücken neu, bevor er ihre Beine nahm und sie sanft auf seinen Schoß legte, während er sich nun neben sie setzte. Er begann, ihre Knöchel mit einem festen, aber unglaublich wohltuenden Griff zu massieren, ohne dabei die Miene zu verziehen.
Hilary sah zu Nami und hob vielsagend eine Braue. „Ich ziehe meine Aussage zurück. Tyson hat mich mit Witzen in den Wahnsinn getrieben, aber Tala... Tala ist wie eine persönliche Wellness-Einheit mit dem Sicherheitsstatus eines Staatsbesuchs.“
Nami beobachtete das Paar mit einem warmen Gefühl. „Er ist genau wie Kai“, flüsterte sie Hilary zu. „Zärtlich mit herrlich trockenem Blick.“
Lumina lehnte sich seufzend in die Kissen zurück und sah ihre Cousine strahlend an. „Seht ihr? Er ist unmöglich. Er lässt mich nicht einmal meine eigenen Füße halten. Aber“, sie warf Tala einen verspielten Blick zu, während er unbeirrt weiter ihre Füße massierte, „er ist der beste Leibwächter, den man sich für eine Schwangerschaft wünschen kann.“
Tala sah kurz auf, seine blauen Augen trafen Namis Blick für einen Sekundenbruchteil. In diesem Blick lag kein Sarkasmus, sondern eine stumme Übereinkunft. Er wusste, dass Kai zu Hause sicher genau dasselbe tat. Sie waren Männer, die ihre Königinnen auf Podeste hoben und jede Stufe dorthin mit ihrem eigenen Stolz absicherten.
„Ich habe Vitamine mitgebracht“, sagte Tala schließlich zu Lumina, als wäre das die wichtigste Nachricht des Tages. „Und das Wasser im Kühlschrank hat nun die exakte Temperatur, die der Arzt empfohlen hat.“
Lumina lachte hell auf und warf Nami einen Blick zu, der sagte:
Siehst du? Er ist verrückt, aber er ist mein Verrückter.
Lumina wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, doch der Druck auf ihre Blase wurde wieder einmal unerträglich. „Ich muss schon wieder“, sagte sie mit einem schiefen, entschuldigenden Grinsen in die Runde. „Ich habe das Gefühl, mein Körper besteht nur noch aus dem Weg zum Badezimmer. Ich bin wirklich froh, dass der Termin in weniger als zwei Wochen ist, ich kann kaum noch...“
Sie stützte sich mühsam auf die Armlehne und wollte gerade aufstehen, als sie mitten in der Bewegung erstarrte.
Ein lautes, unmissverständliches Platschen durchschnitt die Stille des luxuriösen Penthouses. Innerhalb von Sekunden breitete sich eine dunkle Pfütze auf dem hellen Designerteppich unter ihr aus. Lumina verharrte in einer halb stehenden, halb sitzenden Position. Ihre Augen weiteten sich vor Schock, und sie wagte es kaum, sich zu rühren. Alle Farbe wich aus ihrem Gesicht, während sie den Blick langsam zu Tala hob.
Tala, der eben noch mit der Ruhe eines erfahrenen Kämpfers ihre Knöchel massiert hatte, reagierte, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen. Seine sonst so eisblauen Augen, die alles unter Kontrolle zu haben schienen, weiteten sich vor blanker, ungetrübter Panik.
Der Mann, der alles bis ins kleinste Detail geplant hatte, starrte auf die Pfütze, als wäre sie eine unlösbare Gleichung.
„Lumina?“, krächzte er. Seine Stimme, die sonst so fest und befehlend war, klang plötzlich um Jahre jünger und völlig haltlos.
„Tala...“, flüsterte Lumina, und ihre Stimme zitterte leicht. „Ich glaube... die zwei Wochen sind gerade auf null geschrumpft.“
Hilary sprang als Erste auf, ihre Erfahrung als Mutter übernahm sofort das Kommando. „Okay, ganz ruhig bleiben! Das war die Fruchtblase. Nami, hol die Tasche, die Lumina vorbereitet hat! Tala! Atmen! Hör auf, den Teppich anzustarren und hol den Wagen!“
Tala rührte sich erst nicht. Er sah von dem Teppich zu Lumina und wieder zurück. In seinem Kopf schienen gerade alle sorgfältig ausgearbeiteten Pläne gleichzeitig zu explodieren. Er hatte mit Wehen gerechnet, mit einem langsamen Beginn, mit einer geordneten Fahrt ins Krankenhaus. Aber nicht damit...nicht hier, nicht jetzt, nicht so plötzlich.
„Der Wagen...“, wiederholte er mechanisch, bevor der Funke endlich übersprang. Die Panik in seinen Augen verwandelte sich in eine hektische, fast schon manische Betriebsamkeit. Er sprang auf, stolperte fast über seine eigenen Füße...was für einen Kämpfer seines Kalibers undenkbar war...und stürzte in den Flur, während er gleichzeitig versuchte, nach seinem Handy und seinem Schlüssel zu greifen. „Nami, hilf ihr! Tala Valkov, reiß dich zusammen!“, fluchte er sich selbst auf Russisch an.
Lumina sah Nami an, und trotz des Schocks und des ersten ziehenden Schmerzes in ihrem Rücken, der nun langsam einsetzte, stahl sich ein kleines, schwaches Grinsen auf ihre Lippen. „Siehst du?“, keuchte sie. „Die 'menschliche Festung' hat gerade einen Riss in der Mauer.“
Nami war bereits an ihrer Seite und legte ihr stützend den Arm um den Rücken. „Er fängt sich wieder, Lumina. Aber erst mal müssen wir ihn davon abhalten, das Penthouse in Brand zu stecken, vor lauter Hektik.“
Tala war derweil völlig im Tunnel. Er rannte ins Schlafzimmer, kam mit einer Decke und Luminas Tasche wieder heraus, ließ die Tasche fallen, hob sie wieder auf und rief dabei Befehle in sein Handy, als würde er einen Kriegszustand ausrufen. „Wir kommen jetzt! Sofort! Räumen Sie den Eingang frei! Wenn der Fahrstuhl nicht bereitsteht, wenn wir dort ankommen, werde ich...“
„Tala!“, rief Nami scharf dazwischen. „Komm her und hilf mir, sie zum Fahrstuhl zu bringen. Du musst der Damm sein, erinnerst du dich?“
Tala hielt inne, atmete einmal tief ein und aus, und für einen Moment kehrte ein Rest seiner Disziplin zurück. Er trat zu Lumina, und als er sie berührte, zitterten seine Hände ganz leicht...ein Detail, das Nami niemals vergessen würde.
„Ich habe dich“, murmelte er, seine Stimme nun wieder tief, auch wenn die Panik noch immer in seinem Blick lauerte. „Ich habe dich, Lumina. Alles wird gut. Ich bringe euch beide sicher ans Ziel.“
Die Fahrt zum Krankenhaus glich einer militärischen Evakuierung. Tala steuerte den Wagen mit einer Konzentration, die an seine Zeit in den Turnieren erinnerte, während Lumina auf dem Rücksitz, gestützt von Nami, die ersten echten Wehen veratmete.
Als sie in der Privatklinik ankamen, stand das Team bereits bereit. Doch kaum war sie im Kreißsaal verschwunden und er musste draußen im Flur warten, kehrte die unterdrückte Unruhe zurück.
Er lief den sterilen Korridor auf und ab wie ein gefangener Wolf, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick starr auf die geschlossenen Türen gerichtet. Jedes Mal, wenn ein gedämpftes Geräusch nach draußen drang, zuckte seine gesamte Muskulatur.
Ein vertrautes, festes Auftreten auf dem Linoleum ließ ihn innehalten. Er sah auf und erblickte Kai, der mit gewohnt ruhiger, aber autoritärer Ausstrahlung den Flur entlangkam. Kais Gesichtsausdruck war wie immer unbewegt, doch seine Augen suchten sofort den Kontakt zu seinem Freund.
Tala blieb stehen und atmete tief durch. Er wirkte, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen, obwohl das Ereignis erst vor einer Stunde begonnen hatte. „Kai“, krächzte er.
Kai trat vor ihn und legte ihm wortlos eine Hand auf die Schulter. Es war ein fester Druck, der mehr sagte als tausend Worte des Trostes. „Nami hat mich angerufen“, sagte Kai schlicht. „Wie sieht es aus?“
Tala schüttelte den Kopf und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Das Wasser... es war einfach... es war nicht nach Plan, Kai. Es sind noch zwei Wochen. Ich hatte alles vorbereitet, die Sicherheitschecks, die ärztlichen Protokolle... und dann bricht die Natur einfach durch den Teppich.“
Ein winziges, fast unsichtbares Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen. Er erinnerte sich nur zu gut an seine eigenen Momente der Ohnmacht. Er führte Tala zu einer der Sitzbänke und zwang ihn fast schon durch seine bloße Präsenz, sich kurz zu setzen.
„Die Natur hält sich nicht an Protokolle, Tala. Das solltest gerade du wissen“, sagte Kai ruhig. Er setzte sich daneben, die Arme verschränkt. „Du hast alles getan, was ein Mann tun kann. Jetzt musst du das tun, was am schwersten ist.“
„Warten?“, fragte Tala bitter.
„Präsent sein“, korrigierte Kai ihn. „Wenn sie dich gleich reinrufen, wird sie keinen General brauchen, der die Logistik überprüft. Sie wird den Mann brauchen, dem sie vertraut. Sei einfach der Fels. Den Rest erledigen die Ärzte...und Lumina.“
Tala sah seinen Freund lange an. Die Panik in seinen blauen Augen legte sich langsam und wich einer tiefen, grimmigen Entschlossenheit. Er schätzte Kais Anwesenheit mehr, als er zugeben konnte. In einer Welt, die gerade über ihm zusammenbrach, war Kai die einzige Konstante, die ihn verstand.
„Du hast recht“, murmelte Tala und straffte die Schultern. „Ich habe mich noch nie vor einer Herausforderung gedrückt. Das hier ist nur... die größte von allen.“
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Kreißsaals. Eine Krankenschwester trat heraus und suchte nach ihm. „Mr. Valkov? Ihre Frau möchte, dass Sie jetzt reinkommen.“
Tala sprang sofort auf. Er warf Kai einen letzten, dankbaren Blick zu. Kai nickte ihm nur kurz zu...ein stilles Zeichen der Kameradschaft zwischen zwei Männern, die gelernt hatten, dass die größte Stärke manchmal darin lag, sich auf jemanden verlassen zu können.
Kai blieb im Flur zurück, lehnte sich gegen die Wand und starrte auf die geschlossene Tür. Er wusste genau, was Tala jetzt bevorstand. Er dachte an Nami, die drinnen bei Lumina war, und an ihr eigenes fünftes Kind. Ein Damm zu sein, war keine einmalige Aufgabe, dachte er sich. Es war eine lebenslange Berufung.
Im Kreißsaal war die Luft schwer von Anstrengung und der klinischen Kühle der Geräte. Tala stand an Luminas Kopfende, seine Hand war ein Schraubstock, an dem sie sich festkrallte. Jedes Mal, wenn eine Wehe sie überrollte, sah er, wie sie die Zähne zusammenbiss. Ihr sonst so unbeschwertes Lächeln war einer Maske aus purer Konzentration gewichen.
„Atme, mein Schatz.“, flüsterte er immer wieder auf Russisch, seine Stimme ein tiefes, stetiges Brummen direkt an ihrem Ohr. „Moya dorogaya... ich bin hier. Ich lasse dich nicht los.“
Er sah, wie Schweißperlen auf ihrer Stirn glitzerten, und wischte sie mit einer Sanftheit weg, die in krassem Gegensatz zu seiner angespannten Kiefermuskulatur stand. Nami stand auf der anderen Seite des Bettes und reichte Lumina Wasser, während sie Tala einen ermutigenden Blick zuwarf. Sie sah, dass er blass war...blasser als Lumina. Für einen Mann, der Schmerz immer als etwas betrachtet hatte, das man besiegt oder ignoriert, war es eine Qual zu sehen, dass er diesen Kampf nicht für sie führen konnte.
Lumina öffnete kurz die Augen und sah ihn an. Trotz der Erschöpfung blitzte für einen Moment ihr alter Geist auf. „Hör auf... so zu gucken, Tala“, keuchte sie zwischen zwei Wehen. „Du siehst aus... als würdest du gleich... den Arzt verhaften.“
Ein kurzes, raues Lachen entwich seiner Kehle. „Wenn er dir nicht hilft, tue ich es vielleicht wirklich“, murmelte er und küsste ihre Handfläche, während die nächste Welle anrollte.
Draußen im Flur war die Stille fast greifbar. Kai lehnte mit verschränkten Armen gegen die Wand, sein Blick auf die gegenüberliegende Seite gerichtet, wo Hilary mitlerweile mit einem Becher Kaffee auf einem der Plastikstühle saß.
„Er schlägt sich gut, oder?“, brach Hilary das Schweigen. Sie sah zu Kai auf, der wie eine Statue aus Granit wirkte.
„Tala ist ein Kämpfer“, antwortete Kai kurz angebunden, doch sein Blick wurde weicher. „Aber das hier... das ist ein Schlachtfeld, auf dem er keine Waffen hat.“
Hilary schmunzelte. „Erinnert dich das an dich selbst?“
Kai sah sie direkt an, ein seltener Moment der Offenheit. „Man gewöhnt sich nie daran, Hilary. Egal ob es das erste oder das fünfte ist. Man steht draußen und realisiert, dass all die Macht und das Geld der Welt in diesem Moment bedeutungslos sind.“
Plötzlich füllte sich der Flur mit Unruhe. Die Fahrstuhltüren öffneten sich und Tyson stürmte heraus, das Hemd schief zugeknöpft und völlig außer Atem. „Bin ich zu spät? Ist es schon da?“, rief er lautstark, bevor er vor Kai und Hilary zum Stehen kam.
„Tyson, um Himmels willen, schrei nicht so! Wir sind in einem Krankenhaus, nicht im Stadion!“, zischte Hilary und sprang auf.
„Tschuldige, Schatz! Ich bin so schnell gelaufen, wie ich konnte.“ Tyson stützte sich auf seine Knie ab und japste nach Luft. Er sah zu Kai. „Und? Wie geht’s dem eisigen Wolf da drin? Ist er schon in Ohnmacht gefallen?“
Kai zog eine Braue hoch. „Tala ist ein Profi, Tyson. Er fällt nicht in Ohnmacht.“
„Na ja“, Tyson grinste breit und richtete sich auf. „Ich erinnere mich da an einen gewissen Champion, der bei der ersten Impfung der Zwillinge weggesehen hat...“
„Das ist etwas völlig anderes“, brummte Kai und wandte den Blick ab, was Hilary zum Kichern brachte.
Die Stimmung lockerte sich durch Tysons Anwesenheit spürbar auf, doch unter dem Geplänkel blieb die ernste Erwartung. Kai sah wieder zur Tür des Kreißsaals. Er wusste, dass Tala da drin gerade eine Lektion lernte, die kein Training der Welt einem beibringen konnte: Dass die größte Stärke darin liegt, seine eigene Hilflosigkeit zu akzeptieren, während man die Hand der Person hält, die man liebt.
„Er schafft das“, sagte Kai leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Hilary legte ihm kurz eine Hand auf den Unterarm. „Sie schaffen es beide, Kai. Genau wie wir alle damals.“
Die Atmosphäre im Kreißsaal erreichte ihren siedenden Höhepunkt. Das grelle Licht und das rhythmische Piepen der Monitore traten in den Hintergrund, während nur noch die Stimme der Hebamme den Raum erfüllte.
„Ganz tief einatmen, Mrs. Valkov! Und jetzt... mit aller Kraft! Nur noch ein kleines Stück, ich kann das Köpfchen schon sehen!“, feuerte sie die junge Frau an.
Lumina stieß einen Schrei aus, der all ihre verbliebene Energie in diesen einen, letzten Moment legte. Ihr Griff um Talas Hand war so fest, dass er das Knirschen seiner eigenen Glieder kaum spürte. Er wich nicht von ihrer Seite, sein Blick war fest auf ihr Gesicht geheftet, als wollte er ihr jede Sekunde Schmerz durch seine bloße Willenskraft abnehmen.
Dann, mit einem letzten, befreienden Kraftakt, geschah es.
Ein scharfer, kräftiger Schrei durchschnitt die klinische Stille. Das Team bewegte sich mit routinierter Schnelligkeit, und nur Sekunden später wurde das kleine, warme Bündel, noch leicht zitternd, direkt auf Luminas nackte Brust gelegt.
„Ein wunderschönes Mädchen“, sagte die Hebamme sanft.
Tala erstarrte. In dem Moment, als er das winzige Wesen sah...dieses vollkommene kleine Wunder mit der hellen Haut und den ersten zarten Anzeichen von rosèfarbenem Haar...hörte die Welt für ihn auf, sich zu drehen. Er, der Mann aus Eis, der Stratege, der niemals die Fassung verlor, stand nun völlig fassungslos da.
Sein Blick war wie festgenagelt auf das Baby, das nun leise suchend an Luminas Haut nörgelte. Tala spürte einen Kloß im Hals, der so massiv war, dass er kaum atmen konnte. Er versuchte zu schlucken, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Langsam, fast ungläubig, hob er seine Hand, die im Vergleich zu dem Neugeborenen riesig wirkte, und berührte mit der Spitze seines Zeigefingers ganz vorsichtig die winzige Hand seiner Tochter.
Als die kleinen Finger sich instinktiv um seinen Finger schlossen, brach seine letzte Verteidigungslinie. Seine eisblauen Augen, die sonst so kühl die Welt sezierten, wurden feucht. Ein einzelnes Glitzern sammelte sich in seinen Augenwinkeln, bevor er blinzelte und die Tränen der Rührung nicht mehr zurückhalten konnte.
Lumina, die trotz ihrer vollkommenen Erschöpfung wieder dieses unnachahmliche, strahlende Lächeln auf den Lippen hatte, sah zu ihm auf. Sie legte ihre Hand über seine.
„Schau sie dir an, Tala“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. „Da ist sie.“
Tala beugte sich tief zu ihnen beiden hinunter. Er küsste Lumina lang und innig auf die schweißnasse Stirn, bevor er seinen Blick wieder auf das Kind richtete. Die Panik und die Ohnmacht der letzten Stunden waren verflogen, ersetzt durch eine Liebe, die so absolut war, dass sie ihn fast zu Boden drückte.
„Alicia“, brachte er mühsam heraus, seine Stimme rau und belegt vor Emotionen. „Alicia Valkov.“
Er sagte den Namen, als wäre es ein heiliges Versprechen. In diesem Moment war er kein Kämpfer mehr, kein Anführer und kein Taktiker. Er war einfach nur ein Vater, dessen Herz gerade zum ersten Mal außerhalb seines eigenen Körpers schlug.
Nami, die im Hintergrund stand und sich diskret die Tränen aus den Augen wischte, sah den Stolz und die vollkommene Hingabe in Talas Zügen. Sie wusste, dass in diesem Moment ein neuer Beschützer geboren worden war...einer, der für dieses kleine Mädchen die Welt aus den Angeln heben würde.
Einige Tage später kehrte eine trügerische Ruhe in das Penthouse in Shinjuku ein. Der Geruch von Desinfektionsmitteln war dem sanften Duft von Babypuder gewichen, und die massive Anspannung der Geburtsnacht hatte sich in eine dichte, fast sakrale Atmosphäre verwandelt.
Tala öffnete die Tür, noch bevor Kai die Klingel betätigen konnte. Er trug ein schlichtes schwarzes Shirt, die Ärmel hochgekrempelt, und obwohl die dunklen Schatten unter seinen Augen von schlaflosen Nächten erzählten, wirkte er wacher und präsenter als je zuvor.
„Sie schläft gerade“, sagte Tala leise zur Begrüßung und nickte Nami und Kai zu. Er trat beiseite, um sie hereinzulassen, und sein Blick glitt sofort zu Nami, als wollte er sicherstellen, dass der Besuch sie nicht zu sehr anstrengte.
Im Wohnzimmer herrschte gedimmtes Licht. Lumina lag auf der Couch, sichtlich erholt, und strahlte eine milde Zufriedenheit aus, die man bei ihr selten sah. In einer Wiege aus dunklem Holz, die Tala sicher eigenhändig nach Sicherheitskriterien ausgesucht hatte, schlief Alicia.
Nami trat sofort zu ihrer Cousine und umarmte sie vorsichtig. „Sie ist wunderschön, Lumina. Das Penthouse fühlt sich plötzlich ganz anders an.“
Lumina lachte leise. „Es fühlt sich an wie eine Festung, Nami. Tala lässt kaum jemanden näher als zwei Meter heran. Er hat sogar die Klimaanlage dreimal neu kalibrieren lassen.“
Kai, der bisher schweigend im Raum gestanden hatte, trat nun an die Wiege. Er schob die Hände in die Taschen seiner Hose und betrachtete das schlafende Kind. Es war ein vertrauter Anblick für ihn...dieses winzige, friedliche Leben, das noch nichts von der Schwere der Welt wusste.
„Willst du sie halten?“, fragte Tala. Er klang fast ein wenig herausfordernd, als wollte er sehen, wie der stoische Kai Hiwatari mit diesem zerbrechlichen Wesen umging.
Kai sah kurz zu seinem Freund auf und ein schwaches, wissendes Schmunzeln trat auf seine Lippen. „Ich denke, ich erinnere mich noch, wie das funktioniert, Tala.“
Ohne zu zögern und mit einer Effizienz, die von jahrelanger Erfahrung zeugte, beugte Kai sich vor. Er schob eine Hand flach unter Alicias Nacken und die andere unter ihren Rücken. Er hob sie mit einer solchen Selbstverständlichkeit hoch, dass das Baby nicht einmal im Schlaf zuckte. Er bettete sie in seinen muskulösen Unterarm, seinen Griff sicher und doch vollkommen entspannt.
Es war kein ungewohntes Bild. Nami sah ihn an und erinnerte sich an die Momente, in denen er Gou, die Zwillinge oder Sayuri so gehalten hatte. Kai wirkte in diesem Moment nicht wie der distanzierte CEO, sondern wie der ruhende Pol der Familie. Er strahlte eine Sicherheit aus, die Tala sichtlich beeindruckte.
Tala beobachtete ihn genau, die Arme vor der Brust verschränkt. „Du hältst sie, als wäre sie aus Stahl, nicht aus Glas“, murmelte er.
„Wenn du sie behandelst, als würde sie zerbrechen, wird sie es spüren“, antwortete Kai ruhig, während er Alicias winzige Züge studierte. Er bemerkte das rosèfarbene Haar, das im dämmrigen Licht fast wie Metall glänzte und wie eine Mischung aus der Haarfarbe ihrer Eltern war. „Sie hat deinen Blick, Tala. Sogar im Schlaf wirkt sie entschlossen.“
Er trat einen Schritt auf Lumina zu, damit sie ihre Tochter sehen konnte, ohne aufstehen zu müssen. „Sie ist eine Valkov. Aber sie hat das Licht der Davies.“
Nami trat an Kais Seite und legte eine Hand auf seinen Oberarm, während sie auf Alicia hinabsah. „Wir haben früher immer über Turniere und Siege gesprochen“, sagte sie leise in die Runde. „Und jetzt stehen wir hier und das Wichtigste ist, dass ein Baby friedlich schläft.“
„Das ist der einzige Sieg, der am Ende zählt“, erwiderte Kai schlicht. Er sah Tala an, eine stumme Anerkennung zwischen zwei Vätern. „Du wirst dich an die Schlaflosigkeit gewöhnen. Aber an das Gefühl, wenn sie deine Hand hält... daran gewöhnt man sich nie.“
Er reichte Tala das Baby mit derselben sicheren Bewegung zurück. Tala nahm seine Tochter entgegen, und man sah, wie er versuchte, Kais entspannte Haltung zu kopieren, auch wenn seine Schultern noch immer eine Spur zu fest waren.
„Wir sollten gehen und sie ausruhen lassen“, sagte Kai schließlich zu Nami. Er legte seinen Arm um ihre Taille und führte sie zur Tür, während er noch einmal kurz über die Schulter zu Tala blickte. „Ruf an, wenn du Hilfe bei den 'Sicherheitschecks' brauchst, Tala. Ich kenne da jemanden, der noch gründlicher ist als du.“
Lumina lachte hell auf. „Bitte nicht! Einer von der Sorte reicht mir völlig!“
Als sie das Penthouse verließen und in den kühlen Abend von Tokio traten, drückte Kai Nami ein Stück fester an sich. Der Besuch bei Alicia hatte keine neuen Fragen aufgeworfen, aber er hatte etwas gefestigt: Das Wissen, dass ihre eigene Familie bald wieder um ein solches Wunder wachsen würde. Und Kai war bereit...so wie er es immer gewesen war.
Familienfeier
Die Abenddämmerung legte sich wie ein schwerer Samtmantel über das Ayame-Anwesen. Das alte Gebäude strahlte eine Ruhe aus, die über die Jahrzehnte gewachsen war; jedes Knarren der Dielen und jeder Schatten in den klassizistischen Fluren schien eine eigene Geschichte zu flüstern. Für Nami war es der Inbegriff von Geborgenheit, besonders jetzt, wo sich ihr Leben bald erneut grundlegend ändern würde.
Sie stand am Fenster des großen Wohnzimmers und blickte hinaus auf den Garten. Ihre Hand ruhte sanft auf der Rundung ihres Bauches.
„Du denkst schon wieder an Shinjuku, oder?“
Kais Stimme war tief und ruhig, als er den Raum betrat. Er trug noch seine Weste von der Arbeit bei der Tachiwari-Corporation, doch seine Gesichtszüge entspannten sich merklich, sobald sein Blick auf Nami fiel. Er trat hinter sie und legte seine Arme vorsichtig um sie, seine Hände trafen sich auf ihrem Bauch.
„Ich habe vorhin kurz mit Lumina telefoniert“, gestand Nami und lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. „Sie klingt so glücklich, Kai. Aber auch erschöpft. Alicia hält sie und Tala wohl ordentlich auf Trab. Tala soll wohl versucht haben, die Fütterungszeiten mit einer Excel-Tabelle zu optimieren.“
Ein seltenes, kurzes Lachen entwich Kais Kehle. „Das klingt nach Tala. Effizienz bis zum Schluss. Aber eine kleine Valkov lässt sich sicher nicht von Tabellen vorschreiben, wann sie Hunger hat.“
In diesem Moment explodierte die Stille im Flur. Das vertraute Poltern von Schritten kündigte die Ankunft der Zwillinge an. Ren und Ayumi, mittlerweile fünfzehn Jahre alt, wirbelten in den Raum. Ayumi, deren Haar diesen charakteristischen Graustich hatte, hielt ein Tablet in der Hand, während Ren ihr dicht auf den Fersen war.
„Mum! Hast du die neuen Fotos von Alicia gesehen?“, rief Ayumi begeistert. „Sie hat Talas Augen! Total intensiv. Ich wette, sie kann schon Leute in Grund und Boden starren, bevor sie überhaupt krabbelt.“
„Sie ist ein Baby, Ayumi, keine Geheimwaffe“, warf Ren trocken ein, doch sein Grinsen verriet, dass auch er von seiner neuen kleinen 'Cousine' fasziniert war. Er sah zu seinen Eltern und dann auf Namis Bauch. „Meinst du, unser Baby wird auch so... einschüchternd?“
Nami lächelte und sah zu Kai hoch, dessen rote Augen sanft auf seinen Kindern ruhten. „Ich glaube, es wird seinen ganz eigenen Weg finden, uns alle um den Finger zu wickeln.“
Gou trat etwas langsamer als seine Geschwister in den Raum. Mit seinen bald sechzehn Jahren wirkte er oft schon älter, als er war; die Verantwortung als Teamkapitän und sein intensives Training hatten ihn sichtlich gereift. Er trug sein Blade in der Handfläche, das dunkelblaue Leuchten seines Bit-Beasts schien fast unter der Oberfläche zu pulsieren.
„Gutes Training heute?“, fragte Kai seinen ältesten Sohn direkt.
Gou nickte knapp. „Ja. Das Team findet seinen Rhythmus. Makoto ist eine gute Ergänzung für die Defensive, und Ryan... nun ja, er ist eben Ryan, aber sein Glacius ist mitlerweile verdammt schnell auf dem Eis.“ Er machte eine kurze Pause und trat näher zu Nami. „Wie geht es dir heute, Mutter?“
„Sehr gut, Gou. Das Baby ist heute sehr ruhig“, antwortete sie und griff nach seiner Hand, um sie kurz auf ihren Bauch zu legen.
Für einen Moment hielt die Familie inne. Inmitten des alten Anwesens, zwischen den Erinnerungen an vergangene Kämpfe und den Plänen für die Zukunft, fühlte sich alles genau richtig an. Der Kontrast zwischen der kühlen, modernen Welt in Shinjuku, in der Tala und Lumina ihr neues Leben mit Alicia begannen, und der traditionsreichen Wärme des Ayame-Anwesens war deutlich, doch beide Welten waren nun enger miteinander verknüpft als je zuvor.
„In zwei Wochen ist unsere Familienfeier für unseren Geburtstag. Vladimir und Hana kommen mit den Mädchen auch.“, sagte Nami, während sie sich tiefer in Kais Umarmung sinken ließ. „Sie hat schon einen ordentlichen Zwillingsbauch.“
Kai nickte langsam. „Das Haus wird nie wieder leise sein, Nami.“
„Und würdest du es anders wollen?“, fragte sie leise.
Sein Blick traf den ihren, und für einen Moment war da nur die unerschütterliche Gewissheit zwischen ihnen. „Niemals.“
Zwei Wochen später...
Der 29. Juni war im Ayame-Anwesen schon immer ein besonderes Datum, doch in diesem Jahr lag eine ganz eigene, erwartungsvolle Magie in der Luft. Die Sonne meinte es gut mit den Geburtstagskindern; ein warmer Wind trug den Duft von frisch gemähtem Gras und blühenden Rosen durch den weitläufigen Garten, der für die kleine Feier festlich hergerichtet worden war.
Nami strich sich eine Strähne ihres silbrig weißen Haares aus dem Gesicht und beobachtete das bunte Treiben von ihrem Platz im Schatten einer alten Eiche aus. Mit ihren 35 Jahren fühlte sie sich reifer und erfüllter denn je, auch wenn die körperliche Belastung der fortgeschrittenen Schwangerschaft ihren Tribut forderte. Es waren nun auf den Tag genau noch drei Wochen bis zum errechneten Geburtstermin...ein Gedanke, der ihr jedes Mal ein aufgeregtes Flattern in der Brust bescherte.
„Alles in Ordnung, Mutter?“ Gou trat an ihre Seite. Er feierte heute seinen 16. Geburtstag und war nach dem letzten Wachstumsschub bereits beachtliche 1.80m groß. In seinem Blick lag eine Wachsamkeit, die weit über seine Jahre hinausging, doch heute wirkte er entspannter.
„Hervorragend, Gou. Ich genieße einfach nur den Anblick“, antwortete sie lächelnd.
Um sie herum herrschte eine geschäftige, aber herzliche Atmosphäre. Harriet wirbelte mit fast jugendlichem Elan zwischen den Gästen umher, ein Korb voller selbstgebackenem Gebäck am Arm, das sie mit mütterlicher Bestimmtheit verteilte. Graham, dessen Gesichtszüge wie gewohnt unbewegt blieben, balancierte mit beeindruckender Eleganz ein Tablett mit Gläsern voller alkoholfreiem Sekt. Sein trockener Humor blitzte nur kurz auf, als er an den diskutierenden Zwillingen vorbeizog und eine sarkastische Bemerkung über ihre Lautstärke fallen ließ. Ramsay folgte ihm dicht auf den Fersen und servierte kunstvoll angerichtete Häppchen, wobei er darauf achtete, dass besonders Nami immer gut versorgt war.
Ein Stück abseits, nahe dem Brunnen, standen Lumina und Tala. Lumina hielt die kleine Alicia im Arm, die mit großen, neugierigen Augen das Funkeln des Wassers beobachtete. Tala wirkte in seiner Rolle als Vater überraschend souverän, auch wenn er immer wieder einen prüfenden Blick auf die Umgebung warf, als würde er die Sicherheit des Gartens analysieren.
Hana und Vladimir vervollständigten die Runde. Hanas Zwillingsbauch war mittlerweile unübersehbar, und sie tauschte mit Nami immer wieder wissende Blicke aus...zwei Schwestern, die fast zeitgleich neues Leben in die Familie brachten.
Kai stand am Buffet und unterhielt sich leise mit Vladimir. Er hatte die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, und obwohl er wie immer die Ruhe selbst ausstrahlte, suchten seine Augen in regelmäßigen Abständen den Platz im Schatten, an dem Nami saß.
„Drei Wochen noch“, murmelte Ayumi, die sich plötzlich neben Gou gesellte und ein Auge auf Ramsays Häppchen geworfen hatte. „Dann ist es vorbei mit der Ruhe im Anwesen. Als ob wir nicht schon genug Trubel hätten.“
„Ruhe ist überbewertet“, entgegnete Ren und grinste, während er sich ein Gebäckstück von Harriets vorbeischwebendem Korb schnappte.
Nami schloss für einen Moment die Augen und sog die Geräusche der Feier auf...das Lachen ihrer Kinder, das Klirren der Gläser und das ferne Rauschen der Blätter. Das Ayame-Anwesen war mehr als nur ein Haus; es war ein lebendiges Gefäß für ihre gemeinsame Zukunft. Und während sie die sanften Bewegungen in ihrem Bauch spürte, wusste sie, dass dies erst der Anfang eines ganz neuen, wunderbaren Kapitels war.
Das Lachen der drei Mädchen klang wie helles Glockenspiel über die gepflegte Rasenfläche des Anwesens. Sayuri, Kana und Hina bildeten ein unzertrennliches Trio, ihre bunten Matrosenkleidchen flatterten im Wind, während sie mit hölzernen Stäben gegen imaginäre Monster kämpften. In ihren Augen waren sie keine achtjährigen Kinder, sondern die Retterinnen der Welt, die mit Eleganz und Mut das Ayame-Anwesen verteidigten.
Nami beobachtete sie mit einem weichen Lächeln, bis ein rhythmisches, trockenes *Klack-Klack* auf dem Steinpfad ihre Aufmerksamkeit erregte.
Oma Yumi näherte sich. Trotz ihrer fast einhundert Jahre und des Gehstocks, den sie eher als Taktstock für ihre Befehle denn als Stütze benutzte, verströmte sie eine Energie, die manch einen Sechzehnjährigen vor Neid erblassen ließe. Ihr Rücken war zwar gebeugt, aber ihr Blick war so scharf wie eh und je. Sie blieb vor Nami stehen, rückte ihre altmodische Brille zurecht und musterte den beachtlichen Bauch ihrer Enkelin mit der Präzision einer Juwelierin, die einen wertvollen Rohdiamanten prüft.
„Na bitte“, krächzte Yumi, wobei ein zufriedenes, zahnloses Grinsen ihre Züge stahlte. „Es geht doch! Letztes Jahr dachte ich noch, ich müsste erst mit dem Stock auf den Tisch hauen, damit sich hier mal wieder was regt. Fünf Urenkel habe ich verlangt, und ihr liefert ja am laufenden Band. Erst du und Hana setzt sogar noch mit Doppelpack nach!“
Nami lachte leise und griff nach der knöchernen Hand ihrer Großmutter. „Wir tun unser Bestes, um deine Anforderungen zu erfüllen, Oma.“
Yumi schnaubte amüsiert, doch ihr Blick wanderte sofort weiter. Sie spähte über den Garten hinweg zu der Stelle, an der Kai gerade in ein tiefes Gespräch mit Hiro und Vladimir vertieft war. Hiro gestikulierte lebhaft, während Kai mit verschränkten Armen und einem fast unmerklichen Nicken zuhörte.
„Und sieh ihn dir an“, schwärmte Yumi und ihre Stimme bekam diesen unnachahmlichen, schwärmerischen Unterton, den sie jedes Mal annahm, wenn es um ihren Lieblings-Schwiegerenkel ging. „Dieser Kai...immer noch wie ein gefrorener Wasserfall. Kühl, stark und unerschütterlich. Er ist wie ein guter Wein, Nami. Mit jedem Jahr wird er herber, aber man weiß genau, dass er den stärksten Sturm abhält. Dass er sich so prächtig mit deinem Vater versteht, ist kein Wunder...zwei Sturköpfe unter sich.“
Sie wackelte mit dem Zeigefinger in Kais Richtung. „Wenn ich achtzig Jahre jünger wäre, Mädchen, hättest du ernsthafte Konkurrenz gehabt. Aber so...“ Sie tätschelte Namis Hand. „...muss ich mich wohl damit begnügen, dass er für den Nachwuchs sorgt, der meine Gene in die nächste Ära trägt.“
In diesem Moment wirbelte Sayuri heran, das Gesicht gerötet vom Laufen. „Oma Yumi! Hast du gesehen, wie ich die dunkle Energie abgewehrt habe?“
Yumi sah auf das Mädchen hinab, und ihr schrulliger Gesichtsausdruck wurde augenblicklich weicher. „Das habe ich, meine kleine Kriegerin. Aber pass auf, dass dein Matrosenkragen nicht verrutscht...eine Heldin muss auch beim Weltenretten Haltung bewahren.“
Sie sah wieder zu Nami und ihr Blick wurde für einen Moment ernst und voller Stolz. „Du hast eine gute Familie gebaut, Nami. Das Anwesen atmet. Es riecht nach Leben, nicht nur nach altem Staub.“
Graham trat in diesem Moment lautlos an sie heran und hielt Yumi ein Glas des alkoholfreien Sekts hin. „Ein Elixier für die kommandierende Generalin des Tages?“, fragte er mit seiner unerschütterlichen Ruhe.
Yumi nahm das Glas entgegen und zwinkerte ihm zu. „Du bist der Einzige hier, der weiß, wie man mit einer Dame von Welt umgeht, Graham. Schenk dem Jungen da drüben...wie hieß er noch? Tyson?...nichts mehr von dem alkoholischen Sekt ein. Er lacht schon wieder viel zu laut für meine alten Ohren.“
Graham neigte leicht den Kopf.
„Sehr wohl, Madame."
Die Ankunft von Noah und Misako brachte noch einmal frischen Wind in die Gartenparty. Noah, der mit seinen 1,90 m selbst Kai überragte, wirkte neben der zierlichen Misako wie ein sanfter Riese. Doch kaum hatten sie den Rasen betreten, wurde die lockere Atmosphäre von der fast schon übernatürlichen Beobachtungsgabe Oma Yumis durchdrungen.
Ihre schmalen Augen verengten sich zu Schlitzen, während sie Misako musterte, als wollte sie durch Stoff und Haut hindurchsehen. Ein kurzes, kehliges Lachen entwich ihr. Mit ihrem Gehstock fuchtelte sie in der Luft, um Noah zu signalisieren, dass er sich gefälligst zu ihr herablassen sollte.
„Komm mal her, du langer Lulatsch“, krächzte sie. Noah, der vor seiner Großmutter trotz seiner Größe immer noch wie ein kleiner Junge wirkte, beugte sich gehorsam hinunter. „Sag mir, Junge... hast du uns heute außer deiner Anwesenheit noch etwas mitgebracht? Etwas, das man vielleicht noch nicht sieht, aber das eine alte Frau wie ich riechen kann?“
Noah zuckte sichtlich zusammen. Seine Hand schnellte an seinen Hinterkopf...ein nervöser Reflex, den er schon als Kind hatte...und sein Blick wanderte hilfesuchend zu Nami, die die Szene mit einem amüsierten, aber ahnungsvollen Lächeln beobachtete. Misako neben ihm wurde augenblicklich rot und starrte intensiv auf ihre Schuhspitzen.
In diesem Moment trat Hiro heran, ein breites, herzliches Lächeln auf den Lippen, um seinen jüngsten Sohn in die Arme zu schließen. „Noah! Misako! Schön, dass ihr es aus Nagoya geschafft habt. Wir dachten schon, die Autobahn hätte euch verschluckt.“
Doch Hiro hielt inne. Er spürte die seltsame, fast elektrisierende Spannung, die Oma Yumi gerade aufgebaut hatte. Er blickte von seiner Mutter zu seinem Sohn und wieder zurück. „Habe ich gerade ein wichtiges Memo verpasst? Was ist hier los?“
Noah räusperte sich, ein tiefes Geräusch in seiner breiten Brust. Er straffte die Schultern, nahm Misako schützend an der Taille in den Arm und zog sie ein Stück näher zu sich. Mit der freien Hand griff er nach einem Sektglas von Grahams Tablett, das dieser wie bestellt im perfekten Moment hinhielt.
„Vater...“, begann Noah und seine Stimme wurde fest, auch wenn seine Ohren immer noch glühten. „Wir wollten eigentlich bis zum Abendessen warten, aber gegen Oma kommt man wohl nicht an. Misako ist im dritten Monat schwanger.“
Ein kurzes Schweigen der Überraschung legte sich über die Gruppe, bevor es in begeisterten Rufen der Zwillinge und Glückwünschen unterging. Doch Oma Yumis Stimme schnitt mit schriller Zufriedenheit durch den Trubel.
„Ha! Wusste ich es doch!“, rief sie aus und klopfte mit ihrem Stock triumphierend auf den Boden. Sie musterte Misako erneut, diesmal mit einem fast klinischen Stolz. „Kein Wunder, bei der Statur. Ich habe es dir immer gesagt, Nami...Misakos breite Hüften werden nun endlich ihre Bestimmung erfüllen. Das gibt kräftige Urenkel, die nicht beim ersten Windstoß umkippen!“
Misako versteckte ihr Gesicht halb an Noahs Schulter, halb lachend und halb beschämt über die Direktheit der alten Dame, während Hiro seinem Sohn überwältigt auf die Schulter klopfte.
Nami trat vor und nahm ihre Schwägerin in den Arm. „Willkommen im Club, Misako“, flüsterte sie warm. „Aber stell dich darauf ein: Wenn Oma Yumi erst einmal Blut geleckt hat, wird sie schon heute Abend die Planung für das zweite Kind übernehmen.“
Kai, der das Geschehen aus ein paar Metern Entfernung beobachtet hatte, hob sein Glas in Noahs Richtung. Ein kurzes, anerkennendes Nicken...von einem Vater zum zukünftigen Vater. Im Ayame-Anwesen schien der 29. Juni offiziell zum Tag der neuen Generationen erklärt worden zu sein.
Die Nachricht verbreitete sich im Garten des Ayame-Anwesens schneller als das Lauffeuer eines Bit-Beasts in der Arena. Innerhalb einer knappen Stunde wusste jeder Gast...von den spielenden Kindern bis hin zu den Bediensteten..., dass Misako und Noah den zwölften Enkel für Hiro und Hilda erwarteten.
Hiro, der vor Stolz fast zu platzen schien, lachte so dröhnend, dass sogar die Vögel in den alten Glyzinien kurz aufflatterten. Er zog seine Frau Hilda mit einer überschwänglichen Geste in seine Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Schläfe.
„Hilda, hast du das gehört? Nummer Zwölf!“, rief er in die Runde, wobei sein Blick triumphierend über die versammelte Familie glitt. Er klopfte auf seine Brieftasche und fügte mit einem zwinkernden Auge hinzu: „Gott sei Dank bin ich Milliardär! Wer sonst könnte sich bitteschön so viele Enkelkinder leisten? Das ist ja ein ganzes Beyblade-Turnier in Eigenregie!“
Sein Blick wanderte weiter und blieb an Midori hängen, die ein Stück abseits mit Hilary plauderte. „Jetzt fehlt nur noch unsere Midori mit ihrem Max... dann hätten offiziell alle meine fünf Kinder für die nächste Generation gesorgt. Dann wäre der Stammbaum perfekt!“
Midori, die gerade an ihrem Wasser genippt hatte, erstarrte mitten in der Bewegung. Das Thema Kinder war für sie schon immer ein Minenfeld gewesen, besonders jetzt, wo sie Ende des Jahres ihren dreißigsten Geburtstag in ihrer Wahlheimat, den USA, feiern würde. Die Erwähnung durch ihren Vater fühlte sich an wie ein Scheinwerferlicht, das plötzlich auf sie gerichtet wurde.
Hilary, die die Anspannung sofort bemerkte, gab Midori einen freundschaftlichen, aber bestimmten Stoß in die Rippen. „Na los, Midori! Rück schon raus mit der Sprache. Wann ist es denn bei euch so weit? Du siehst, der Druck im Hause Tachiba wächst!“
Hilfesuchend blickte Midori zu Max, der in diesem Moment entspannt herantrat. Er hatte die Hände locker in den Taschen und ein ruhiges Schmunzeln auf den Lippen, das Midori sofort ein wenig Erdung gab. Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und übernahm das Wort, bevor die Stille zu unangenehm werden konnte.
„Wisst ihr“, begann Max und sah dabei zuerst Hilary und dann seinen Schwiegervater an, „Midori ist sich im Moment gar nicht sicher, ob sie überhaupt Kinder möchte. Und das ist für uns völlig okay.“
Hilary zog die Augenbrauen hoch und sah zwischen den beiden hin und her. „Wirklich?“, fragte sie überrascht. „Ihr seht das beide so? Ich meine... Max, du wärst doch sicher ein großartiger Vater.“
Max neigte leicht den Kopf. „Sicher, ich wäre gerne Vater. Ich glaube, das würde mir Spaß machen“, gab er offen zu, ohne dabei den Druck auf Midori zu erhöhen. „Aber es muss nicht unbedingt sein. Ich habe mit Midori alles, was ich brauche, um glücklich zu sein. Unser Leben in den Staaten ist erfüllt, und wenn es bei uns beiden bleibt, dann ist das genau die Familie, die ich mir gewünscht habe.“
Midori entspannte sich sichtlich unter seiner Berührung und schenkte ihm einen dankbaren Blick. Es war ein seltener Moment der Ehrlichkeit in einem Haus, das heute förmlich vor Fruchtbarkeit und Tradition überquoll.
Oma Yumi, die das Gespräch aus der Ferne mitverfolgt hatte, schnaubte leise in ihr Sektglas. „Keine Kinder?“, murmelte sie so laut, dass es die Umstehenden trotzdem hörten. „Na, das besprechen wir noch mal nach ihrem Geburtstag. Manche Früchte brauchen eben etwas länger, bis sie vom Baum fallen wollen.“
Doch für den Moment blieb es bei Max’ klarem Statement, das wie ein ruhiger Gegenpol zu Hiros lautstarker Begeisterung in der warmen Abendluft hing.
Kai löste sich aus einem Gespräch mit Momoko und Kenji und steuerte zielstrebig auf den Schatten der alten Eiche zu. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm er auf der Bank neben Nami Platz, hob ihre leicht geschwollenen Füße mit einer selbstverständlichen Sanftheit an und bettete sie auf seinen Schoß. Seine Finger, sonst so fest und präzise, begannen nun mit einem Rhythmus, der Nami sofort ein erleichtertes Seufzen entlockte.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er leise, während sein Daumen genau den richtigen Punkt an ihrem Fußgewölbe fand. „Ist es heute zu viel Trubel?“
Nami lehnte den Kopf zurück und genoss die kühle Brise. „Ein wenig anstrengend, aber wunderschön. Oma Yumi in Höchstform zu erleben, ist wie immer ein Workout für die Lachmuskeln.“
Kai nickte kaum merklich, sein Blick blieb auf seine Hände konzentriert. „Genieß die Ruhe heute. Ab nächster Woche, wenn du offiziell in den Mutterschutz gehst, werde ich nur noch im Home-Office arbeiten. Ich habe alles mit dem Vorstand der Tachiwari-Corporation geklärt. Ich werde das Haus nicht mehr verlassen, bis das Baby da ist.“
Ein amüsiertes Lächeln umspielte Namis Lippen. Sie öffnete ein Auge und sah ihn von der Seite an. „Home-Office? Der große Kai Hiwatari lässt sich von seinem Tower fernhalten? Gib es zu, mein Schatz...machst du das nur, um hier im Anwesen wieder die absolute Kontrolle über alles zu haben? Hast du Angst, dass Graham den Tee falsch serviert oder die Kinder ohne deine Aufsicht das Training schleifen lassen?“
Kais Hände hielten für einen kurzen Moment inne. Er hob den Kopf, und als sein Blick den ihren traf, war das übliche Eis in seinen roten Augen vollständig geschmolzen. Er sah sie mit einer Intensität an, die sie jedes Mal aufs Neue tief im Inneren berührte.
„Ein Teil von mir strebt immer nach Kontrolle, das weißt du“, gab er mit entwaffnender Ehrlichkeit zu. „Aber die Wahrheit ist eine andere. Nami, du wirst nicht mehr jeden Tag an meiner Seite im Tower sein. Das Büro fühlt sich dann ohne dich einfach nur noch leer an.“
Er atmete tief ein, seine Finger setzten die Massage fort, nun etwas langsamer. „Und ich bin kein Narr. Unsere Kinder... sie alle kamen Wochen vor dem Termin. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Baby sich auch nicht an den Plan hält, ist groß. Ich will nicht im 45. Stock eines Wolkenkratzers sitzen oder im Berufsverkehr in Shinjuku im Stau stecken, während du hier allein bist und die Wehen einsetzen.“
Er beugte sich ein Stück vor, seine Stimme wurde zu einem tiefen, privaten Flüstern, das nur für sie bestimmt war. „Ich habe dir versprochen, dein Damm zu sein, mein Schatz. Die Stütze, die alles abfängt. Ich will hier sein, wenn es losgeht. Dich zu Arisawa in die Klinik fahren. Ich will deine Hand halten und keine Sekunde davon verpassen.“
Er hielt ihren Blick fest, und für einen Moment schien der Lärm der Feier im Hintergrund völlig zu verblassen. „Ich liebe dich über alles. Und ich fühle mich einfach... besser, wenn ich in deiner Nähe bin. Besonders jetzt.“
Nami spürte, wie sich eine warme Welle der Rührung in ihr ausbreitete. Sie legte ihre Hand auf seine und drückte sie sanft. „Dann werde ich mich wohl daran gewöhnen müssen, dass der CEO höchstpersönlich meine Teepausen überwacht.“ sie lachte befreiend.
„Verlass dich drauf“, antwortete er, und ein winziges, seltenes Lächeln stahl sich auf seine Lippen, bevor er sich wieder ganz ihren Füßen widmete.
Nami hob die Hand und strich Kai mit einer unendlichen Zärtlichkeit über die markante Wange. Ihre Fingerspitzen zeichneten die Linien seines Gesichts nach, das für die Welt oft wie aus Stein gemeißelt wirkte, ihr gegenüber aber so weich war wie das Licht des Sonnenuntergangs.
„Wenn ich ehrlich bin“, gestand sie leise, während sie seinen Blick festhielt, „vermissse ich dich sowieso jedes Mal schrecklich, wenn du morgens das Haus verlassen wirst. Es ist fast schon lächerlich, aber mein Platz im Tower...war immer an deiner Seite. Wenn es nach mir ginge, würde ich bis zur ersten Wehe an diesem Schreibtisch sitzen, nur um in deiner Nähe zu sein.“
Ein warmes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie sah, wie seine Augen auf ihre Worte reagierten. „Ich freue mich so sehr, dass du hierbleibst, Kai. Es gibt mir eine Sicherheit, die ich gar nicht richtig in Worte fassen kann. Zu wissen, dass du nur eine Tür weiter bist... das macht alles leichter.“
Kai antwortete nicht sofort. Er löste eine seiner Hände von ihren Füßen, legte sie flach auf die gespannte Wölbung ihres Bauches und beugte sich tief vor. Mit einer fast andächtigen Langsamkeit drückte er einen festen, liebevollen Kuss mitten auf den Stoff über ihrem Bauch, dort, wo das neue Leben unter Namis Herzen schlummerte. Es war eine Geste der totalen Hingabe, ein stummes Versprechen an sie und an das Kind, das bald kommen würde.
Im Hintergrund ertönte plötzlich ein langes, theatralisches Seufzen, das so voller verzückter Freude steckte, dass es die intime Stille zwischen ihnen sanft durchbrach.
Oma Yumi stand ein paar Meter entfernt, den Gehstock fest in beide Hände gestützt, und beobachtete das Paar mit einem Blick, der vor triumphaler Rührung nur so glitzerte. Sie tupfte sich mit einem kleinen, spitzenbesetzten Taschentuch einen imaginären Fleck aus dem Augenwinkel und nickte dann heftig in Richtung der anderen Gäste, als wollte sie sicherstellen, dass auch jeder diesen Moment der Zuneigung mitbekam.
„Seht euch das an“, flüsterte sie laut genug, dass Hiro und Hilda es hören konnten, während sie glücklich vor sich hin schmunzelte. „Ein Eisberg, der in der Sonne schmilzt.“
Sie nahm einen tiefen Schluck von ihrem Sekt und sah dann hoch in den Abendhimmel über dem Ayame-Anwesen.
Ein paar Meter abseits des Trubels bot der hölzerne Pavillon, der von wildem Wein und duftenden Kletterrosen umschlungen war, einen Ort der Zuflucht. Gou saß entspannt in einem der ausladenden Korbsessel, während Hiromi auf seinem Schoß saß, sich eng an ihn schmiegte und ihren Kopf an seine Schulter lehnte. Seine Hand bewegte sich in einem beruhigenden Rhythmus über ihren Rücken, ein stilles Zeichen der Vertrautheit, das über die Monate zu ihrem ganz persönlichen Ritual geworden war.
„Weißt du“, begann Gou leise, während sein Blick über die Gartenfeier schweifte, „wir beide sind jetzt seit einem ganzen Jahr zusammen aber...es fühlt sich viel länger an, findest du nicht?“
Hiromi hob den Kopf und sah ihn aus ihren blauen Augen an, in denen das Licht der untergehenden Sonne funkelte. Ein zärtliches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ein Jahr... und ich hoffe, dass es noch viele weitere Jahre werden, Gou.“
Gou erwiderte ihren Blick mit einer Intensität, die der seines Vaters in nichts nachstand, doch in seinem Gesicht lag eine Sanftheit, die er nur für sie reservierte. Ohne ein weiteres Wort griff er in seine Hosentasche und holte ein kleines, mit dunklem Samt bezogenes Kästchen hervor.
Die Reaktion kam augenblicklich. Hiromi zuckte so heftig zusammen, dass sie beinahe das Gleichgewicht verlor und von seinem Schoß gerutscht wäre. Gou reagierte geistesgegenwärtig, hielt sie an der Taille fest und brach in ein kurzes, ehrliches Lachen aus.
„Ganz ruhig“, beruhigte er sie, während er ihr half, sich wieder zu setzen. Sein Blick war unglaublich warm. „Ich wollte dir keinen Antrag machen...jedenfalls...noch nicht. Das hat noch ein paar Jahre Zeit. Außerdem dürften wir in unserem Alter ja noch gar nicht offiziell heiraten.“
Hiromis Wangen färbten sich augenblicklich in einem tiefen Rotton. Sie wandte den Blick ab und suchte hektisch nach den richtigen Worten, während sie verlegen mit einer Strähne ihres Haares spielte. „Ich... ich habe ja gar nicht daran gedacht! Also... dass du... ich meine... ich habe mich nur erschrocken, weil... weil es so plötzlich kam!“, stammelte sie und versuchte verzweifelt, ihre Fassung wiederzufinden.
Gou grinste nun neckisch, dieses typische, leicht arrogante Hiwatari-Grinsen, das er so perfekt beherrschte. „Ach ja? Und vor was genau hast du dich dann so erschrocken?“
„Da war... eine Biene! Ja, genau, eine riesige Biene ist gerade an deinem Ohr vorbeigeflogen!“, erfand sie hastig eine Ausrede.
Gou unterdrückte ein weiteres Lachen über ihre offensichtliche Verlegenheit. Er wusste genau, was in ihrem Kopf vorgegangen war. Mit einer langsamen, fast feierlichen Bewegung klappte er das Kästchen auf.
Im Inneren funkelte ein schlichter, eleganter Ring aus Weißgold. Das Herzstück war ein kleiner, perfekt geschliffener Diamant in der Form eines Herzens, der das restliche Tageslicht einfing und in tausend winzigen Funken reflektierte.
„Eigentlich wollte ich ihn dir schon vor Wochen zu unserem Jahrestag schenken“, erklärte er, und seine Stimme wurde wieder ernst und weich. „Aber es war eine Sonderanfertigung. Der Juwelier ist erst vor wenigen Tagen fertig geworden, weil der Schliff des Steins so speziell ist.“
Er nahm ihre Hand, die immer noch leicht zitterte, und sah sie erwartungsvoll an. „Er soll dich einfach daran erinnern, dass ich da bin. Egal, wie stressig das Training mit dem Team oder der Alltag wird.“
Hiromis Augen schimmerten augenblicklich im warmen Licht des Pavillons, und ein kurzes, unterdrücktes Schluchzen entwich ihrer Kehle. Die schiere Geste und die Bedeutung hinter dem funkelnden Stein ließen ihre anfängliche Schrecksekunde völlig verblassen.
„Gou... er ist wunderschön“, flüsterte sie und strich mit der Fingerspitze über den kleinen Diamant. „Vielen, vielen Dank, ich....“
Doch Gou ließ sie nicht zu Ende sprechen. Er legte seine Hand sanft in ihren Nacken und erstickte ihr letztes Wort in einem tiefen, verlangenden Kuss, der all das ausdrückte, was er in Worten vor Anderen oft nur schwer über die Lippen brachte. Die Welt um sie herum, das Lachen der Kinder im Garten und die fernen Gespräche der Erwachsenen, schrumpfte in diesem Moment auf die wenigen Zentimeter zwischen ihnen zusammen.
Als sie sich schließlich voneinander lösten, schmiegte Hiromi ihr Gesicht an seine Brust. „Ich mache mir trotzdem...Sorgen...“, murmelte sie gegen sein Hemd. „Wenn du nach den Sommerferien an die Universität gehst... ich werde dich in der Schule so vermissen. Es wird sich alles ändern, oder? Du wirst neue Leute kennenlernen, so viel lernen müssen...“
Gou spürte ihre Unsicherheit und legte sein Kinn auf ihren Kopf, während er sie noch ein Stück fester an sich drückte. Sein Blick wanderte über das Gelände des Anwesens, hinüber zu seinem Vater, der immer noch bei Nami saß und über das Erreichte wachte. Er wusste genau, was es bedeutete, Verantwortung zu tragen, aber er wusste auch, was Loyalität hieß.
„Hör mir zu....“, sagte er mit jener unerschütterlichen Ruhe, die er von Kai geerbt hatte. „Die Universität ist in Roppongi. Das ist eine kurze Fahrt mit der Bahn und nicht am anderen Ende der Welt. Mein Stundenplan mag sich ändern, und ja, ich werde mehr zu tun haben...aber nichts davon ändert etwas an uns.“
Er hob ihren Kopf an, sodass sie ihn ansehen musste. Seine granatfarbenen Augen ließen keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Worte.
„Das Training mit dem Team findet am Nachmittag statt, genau wie sonst auch. Und der Rest des Tages? Der gehört dir. Du warst im letzten Jahr meine Priorität, und du wirst es auch bleiben, egal ob ich in einem Klassenzimmer sitze oder in einem Hörsaal.“
Ein kleines, erleichtertes Lächeln stahl sich auf Hiromis Gesicht. Gou nahm den Ring aus dem Kästchen und schob ihn ihr behutsam auf den Finger. Er passte perfekt.
„Wir Hiwataris sind nicht gerade dafür bekannt, Dinge, die uns wichtig sind, einfach so aufzugeben“, fügte er mit einem neckischen Funkeln in den Augen hinzu. „Frag meinen Vater oder meine Mutter. Wenn wir uns einmal entschieden haben, dann bleiben wir dabei. Und ich habe mich schon vor langer Zeit für dich entschieden.“
Das helle Klirren von Metall auf Kristall schnitt durch das Stimmengewirr und die idyllische Ruhe im Pavillon. Vladimir stand mit aufrechter, beinahe militärischer Haltung im Zentrum der Rasenfläche, ein Glas in der Hand, während Hana mit einem strahlenden, leicht verlegenen Lächeln an seiner Seite stand. Sofort richteten sich alle Blicke auf den älteren Hiwatari-Bruder, dessen sonst so kühles Gesicht heute von einem seltenen, stolzen Glanz erfüllt war.
„Da wir heute ohnehin schon so viele wunderbare Nachrichten feiern“, begann Vladimir, seine Stimme tief und tragend, „und da die ganze Familie versammelt ist, wollten Hana und ich diesen Moment nutzen. Wir hatten heute Morgen unseren letzten Termin beim Spezialisten.“
Ein gespanntes Schweigen legte sich über den Garten. Sogar die Kinder hielten in ihrem Spiel inne, und Oma Yumi lehnte sich mit weit aufgesperrten Augen vor, den Gehstock fest umklammert.
„Man sagt ja immer, Zwillinge machen es spannend“, fuhr Vladimir fort, und ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen, während er kurz zu Nami und Kai hinübersah. „Aber in diesem Fall war es auf dem Ultraschallbild schlichtweg nicht mehr zu übersehen. Die Ivanov-Linie bekommt kräftigen Zuwachs. Wir erwarten zwei stattliche Söhne.“
Für einen Herzschlag war es still, als die Information einsickerte, dann explodierte die Szenerie förmlich.
„ZWEI JUNGS?!“ Tysons dröhnendes Lachen brach als Erstes das Schweigen. Er sprang von seinem Platz auf, wobei er beinahe seinen Stuhl umwarf, und schlug begeistert in die Hände. „Mensch, Vladimir! Das wird ja ein komplettes Powerhouse! Herzlichen Glückwunsch!“ Er stürmte auf die beiden zu, um Vladimir fast die Knochen zu brechen, während er ihm lautstark auf die Schulter klopfte. „Da hast du dir was vorgenommen...zwei von deinem Schlag, das wird ein Spaß!“
Hana lachte befreit auf, als Nami sich mühsam von der Bank erhob, um ihre Schwester in eine herzliche Umarmung zu ziehen. „Zwei Jungs... Hana, das ist wunderbar“, flüsterte Nami sichtlich bewegt.
Kai schüttelte derweil seinem Bruder mit einem festen Händedruck die Hand. Ein kurzes, wissendes Nicken tauschten die beiden Männer aus. Kai wusste besser als jeder andere, was es bedeutete, Söhne großzuziehen, die das eigene Erbe und den Kampfgeist in sich trugen.
Oma Yumi hingegen klopfte triumphierend mit ihrem Stock auf das Gras. „Söhne! Seht ihr das?“, rief sie in die Runde und zwinkerte Misako und Noah zu. „Die Messlatte liegt hoch! Zwei Jungs für den Ivanov-Zweig. Das Anwesen wird bei den nächsten Feiern bald aus allen Nähten platzen...genau so, wie es sein muss!“
Gou und Hiromi, die das Geschehen vom Pavillon aus beobachtet hatten, tauschten einen vielsagenden Blick. Die Familie wuchs in einem Tempo, das selbst für die Verhältnisse im Ayame-Anwesen rekordverdächtig war. Das Fest, das eigentlich nur als Geburtstag geplant war, hatte sich endgültig in eine Feier des Lebens und der Zukunft verwandelt.
Ein paar Minuten später...
Nami beobachtete Ayumi, deren petrolfarbene Augen fast schon rastlos über die verschiedenen Gruppen im Garten wanderten. Als die Fünfzehnjährige zum dritten Mal hinter eine der großen Steinstatuen lugte, tauschten Nami und Kai einen kurzen Blick.
„Ayumi?“, rief Nami leise. „Du wirkst, als hättest du etwas Wichtiges verloren.“
Ayumi blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften, ein kleiner Ausdruck von Frustration auf ihrem Gesicht. „Nicht etwas, sondern jemanden! Habt ihr Ren gesehen? Er ist seit zwanzig Minuten wie vom Erdboden verschluckt. Eigentlich wollten wir doch die neue Angriffs-Kombination vom taktischen Training besprechen, damit er Gou beim nächsten Mal endlich auf die Matte schickt.“
Kai zog eine Augenbraue hoch, schwieg aber, während sein Blick kurz zum Buffet glitt, wo die Krüge mit Früchteeistee standen.
Nami hingegen erinnerte sich an ein ganz bestimmtes Detail des Nachmittags. Sie hatte Ren beobachtet...ihren sonst eher lauten und ungestümen Sohn..., wie er auffallend zuvorkommend gewesen war. Jedes Mal, wenn das Glas von Mariko, Hiromis Schwester, auch nur halb leer war, war Ren wie durch Zauberei zur Stelle gewesen, um es aufzufüllen. Der Eifer, mit dem er den perfekten Früchteeistee kredenzt hatte, war für seine Verhältnisse fast schon verdächtig galant gewesen.
Ein amüsiertes Blitzen trat in Namis Augen, doch sie hütete sich davor, ihre Vermutung laut auszusprechen. „Vielleicht braucht er einfach einen Moment für sich, Ayumi“, sagte sie stattdessen mit gespielter Ahnungslosigkeit. „Das Training läuft ja nicht weg.“
Ayumi schnaubte ungläubig. „Ren? Ein Moment für sich? Der Typ kann keine fünf Minuten stillsitzen.“ Kopfschüttelnd drehte sie sich um und setzte ihre Suche in Richtung der Rosenhecken fort.
Hinter dem massiven, klassischen Gemäuer des Anwesens, weit weg von den neugierigen Blicken der Verwandtschaft und Oma Yumis Adleraugen, herrschte derweil eine ganz andere Atmosphäre. Hier, im kühlen Schatten der rückwärtigen Fassade, wo nur das leise Plätschern eines kleinen Wandbrunnens zu hören war, war von Beyblade-Strategien keine Rede mehr.
Ren hatte Mariko sanft gegen die alte Steinmauer gedrückt. Alle wilden und kindischen Züge waren aus seinem Gesicht gewichen, ersetzt durch eine Konzentration, die nichts mit Sport zu tun hatte. Mariko hatte ihre Hände in seinen Nacken gelegt, und die beiden waren so tief in einen leidenschaftlichen Kuss versunken, dass sie den Jubel über Vladimirs Nachricht im vorderen Garten komplett überhört hatten.
Ren löste sich nur für einen Millimeter von ihren Lippen, sein Atem ging etwas schneller. „Ich glaube...“, flüsterte er heißer, während er eine Strähne ihres Haares zurückschob, „wir sollten uns hier noch ein wenig länger verstecken. Ayumi sucht mich sicher schon mit dem Suchtrupp.“
Mariko kicherte leise und zog ihn wieder näher an sich. „Soll sie ruhig suchen. Mir gefällt es hier hinten viel besser.“
In diesem Moment war Ren der zwölfte Enkel oder die nächste Generation völlig egal...für ihn zählte nur der Moment hinter dem Anwesen, geschützt vor der Welt der Erwachsenen und den strengen Augen seines Vaters....
Stürmische Geburt
Der 2. Juli war einer jener drückenden Sommertage in Tokio, an denen der Asphalt der Straßen die Hitze wie ein Schwamm aufsaugte und sie in flirrenden Wellen wieder abgab. Doch im 45. Stock des Tachiwari-Towers, dem gläsernen Herzstück des Firmenimperiums, war davon nichts zu spüren. Die Klimaanlage summte so leise, dass es fast wie das Atmen des Gebäudes selbst wirkte, und hielt die Temperatur auf exakt 21 Grad.
Nami stand vor der raumhohen Fensterfront von Kais Büro. Die Stadt unter ihr wirkte wie ein riesiger Ameisenhaufen, ein endloses Meer aus Stahl, Glas und Bewegung. Sie legte beide Hände auf die Rundung ihres Bauches. Unter dem fließenden Stoff ihres Kleides spürte sie den unregelmäßigen, kräftigen Rhythmus der Bewegungen ihres Babies. Es war, als würde das kleine Wesen spüren, dass heute etwas anders war.
„Du bist heute sehr nachdenklich“, erklang Kais Stimme. Sie war tief und hatte diesen speziellen Unterton, den er nur benutzte, wenn sie allein waren...eine Mischung aus Schutz und tiefer Zuneigung.
Nami drehte sich langsam um. Kai saß an seinem massiven Schreibtisch. Vor ihm leuchteten drei Monitore, die komplexe Aktienkurse und Logistikpläne der Corporation anzeigten, doch sein Blick war fest auf sie gerichtet. Er hatte die Ärmel seines weißen Hemdes hochgekrempelt und seine roten Augen wirkten in dem kühlen Bürolicht fast wie glühende Kohlen.
„Es ist seltsam“, gab Nami zu und strich sich eine silbrig weiße Locke hinter das Ohr. „Seit Jahren sind diese zwei Büros mein zweites Zuhause. Wir haben hier Kriege geführt – wirtschaftliche und persönliche. Wir haben hier Siege gefeiert. Und jetzt fühlt es sich erneut so an, als würde ich eine Haut abstreifen. Damals...bei den anderen Kindern war ich zwar auch Zuhause aber...das war dann doch was anderes.“
Kai erhob sich mit der lautlosen Grazie, die ihn schon immer ausgezeichnet hatte. Er trat auf sie zu, blieb aber kurz vor ihr stehen, um ihren Raum zu respektieren, bevor er seine Hände behutsam auf ihre Hüften legte. „Du streifst sie nicht ab, Nami. Du wechselst nur das Schlachtfeld. Von der Effizienz der Zahlen hin zur Realität unserer Familie.“
Er beugte sich vor, sodass seine Stirn fast die ihre berührte. Nami konnte den Duft seiner Haut wahrnehmen. „Ich habe heute Morgen die letzten Termine aus deinem Kalender gelöscht. Es gibt nichts mehr, was deine Aufmerksamkeit erfordert. Nichts außer dir selbst.“
Nami lachte leise, ein warmes Geräusch, das den unterkühlten Raum sofort lebendiger wirken ließ. „Du bist so besorgt, Kai. Ich bin schwanger, nicht krank. Ich hätte locker noch eine Woche geschafft.“
Kais Blick wurde ernst, fast schon streng. „Gou kam drei Wochen zu früh. Die Zwillinge zweieinhalb...sogar Sayuri kam früher. Statistisch gesehen, Nami, ist deine Zeit hier im Tower abgelaufen. Ich werde nicht zulassen, dass du zwischen zwei Vorstandssitzungen merkst, dass es losgeht.“ Er legte eine Hand flach auf ihren Bauch und sofort beruhigte sich das Baby unter seiner Berührung. „Siehst du? Sogar das Baby weiß, dass sein Vater recht hat.“
In diesem Moment summte das Interkom auf dem Schreibtisch. Hiros Stimme, gewohnt kraftvoll und mit einem Unterton von unterdrückter Vorfreude, drang in den Raum. „Kai? Nami? Wir sind so weit. Der Konferenzraum ist bereit.“
Nami sah Kai fragend an. „Der Konferenzraum? Ich dachte, wir unterschreiben nur die letzten Übergabepapiere und verschwinden heimlich durch die Tiefgarage.“
„Das dachtest du“, erwiderte Kai mit einem winzigen, fast unmerklichen Zucken seiner Mundwinkel. „Dein Vater hatte andere Pläne.“
Als Kai wenig später die schweren Doppeltüren zum großen Konferenzsaal öffnete, bot sich Nami ein Bild, das sie so schnell nicht vergessen würde. Der sonst so kühle, funktionale Raum war mit Dutzenden von weißen Lilien geschmückt, deren schwerer, süßer Duft die klimatisierte Luft verdrängte. Die gesamte Führungsetage und die engsten Mitarbeiter standen Spalier.
Hiro trat als Erster vor. Er wirkte in seinem perfekt sitzenden Anzug wie der Patriarch, der er war, doch seine Augen feuchteten sich leicht an, als er seine Tochter betrachtete. Er nahm ihre Hände in seine und drückte sie fest.
„Nami.“, begann er, und seine Stimme vibrierte vor Stolz. „Du hast diese Firma in den letzten Jahren nicht nur mit geleitet, du hast ihr ein Herz gegeben. Ohne dich wäre der Tachiwari-Tower nur ein Klotz aus Glas. Dass du uns jetzt verlässt, um dich um das Wichtigste zu kümmern...ist der einzige Grund, warum ich dich kampflos gehen lasse.“
Er überreichte ihr ein kleines, kunstvoll verziertes Päckchen. „Ein Geschenk von deiner Mutter und mir. Etwas, das dich an deine Wurzeln erinnert, während du deine eigenen Zweige weiter ausstreckst.“
Nami war überwältigt. Sie sah in die Gesichter der Menschen, mit denen sie jahrelang gearbeitet hatte, und spürte die ehrliche Wertschätzung. Kai stand währenddessen wie ein unerschütterlicher Fels direkt hinter ihr, seine Hand ruhte besitzergreifend auf ihrer Hüfte, als wollte er der Welt signalisieren, dass seine Frau nun unter seinem exklusiven Schutz stand.
„Vielen Dank“, sagte Nami mit belegter Stimme. „Ich... ich weiß gar nicht, was ich sagen soll." Nami nahm einen Strauß Blumen von Miya entgegen, der Duft war berauschend. „Vielen Dank. Vielen Dank an euch alle. Ich überlasse euch in Kais... nun ja, in Kais kompetenten Händen. Seid nett zu ihm, er ist ohne mich meistens etwas unausstehlich.“
Ein herzliches Lachen ging durch die Runde. Kai schnaubte leise an ihrem Ohr, doch Nami spürte, wie er seinen Griff um sie verstärkte.
Nachdem die letzten Hände geschüttelt und die letzten guten Wünsche ausgesprochen waren, kehrten sie ein letztes Mal in ihr Büro zurück. Die Abendsonne tauchte den Raum nun in ein tiefes Gold. Kai ging zu seinem Schreibtisch, klappte seinen Laptop zu und verstaute ihn in seiner Tasche. Dann griff er zum Telefon und wählte die Nummer der Sicherheitszentrale. „Hier Hiwatari. Wir verlassen jetzt das Gebäude. Aktivieren Sie das Home-Office-Protokoll für meinen Account. Ich bin ab sofort nur noch im Notfall direkt zu erreichen...und werde etwa drei Wochen nach der Geburt meines fünften Kindes wieder vor Ort sein.“
Er legte auf und sah Nami an. Der CEO war verschwunden, zurück blieb der Ehemann und Vater, dessen einzige Priorität nun die Frau vor ihm war.
„Gehen wir nach Hause, mein Schatz“, sagte er leise.
Als sie gemeinsam durch die Lobby zum wartenden Wagen schritten, spürte Nami ein tiefes Gefühl von Frieden. Der Tower lag hinter ihr, die gläserne Welt der Zahlen und Strategien war verstummt. Vor ihr lag das Ayame-Anwesen, das Lachen ihrer Kinder und das Wunder, das in nur wenigen Wochen das Licht der Welt erblicken würde.
Im Auto lehnte sie sich erschöpft, aber glücklich in die Polster. Kai nahm ihre Hand und verflocht seine Finger mit ihren. Er sagte nichts, aber sein Blick, der fest auf die Straße gerichtet war, strahlte eine Entschlossenheit aus und Nami wusste: In seinem Schutz konnte ihr und dem Baby nichts auf dieser Welt geschehen.
Eine Woche später...
Es war der zehnte Juli, und die feuchte Hitze Tokios lastete wie ein schweres Tuch auf dem Ayame-Anwesen. Für die Jahreszeit war es ungewöhnlich unruhig; die Wetterberichte warnten bereits seit dem Morgen vor einem Taifun der Stufe 4, der Kurs auf die Kanto-Region nahm.
Da Namis Entbindungstermin immer näher rückte und ihre bisherigen Kinder meist vor dem errechneten Datum das Licht der Welt erblickt hatten, war Kai kein Risiko eingegangen. Er hatte sein Büro in der Tachiwari-Corporation gegen sein Arbeitszimmer im Erdgeschoss getauscht. Seit einer Woche arbeitete er ausschließlich im Home-Office, um keine Sekunde zu verlieren, sollte es losgehen.
Hinter seiner kühlen, professionellen Maske verbarg er jedoch eine Dunkelheit, die ihn seit Monaten schon nachts kaum schlafen ließ. Es waren die Albträume von der Geburt der Zwillinge, die ihn verfolgten. Das Bild von Nami, wie sie nach der Entbindung nicht aufhörte zu bluten, ihre Blässe, die Hektik der Ärzte und das Gefühl, dass sie ihm unter den Händen wegstarb...dieses Trauma saß tiefer, als er jemals zugeben würde. Obwohl Sayuris Geburt ein paar Jahre später, weniger kompliziert ablief, lag auch auf dieser Geburt ein Schatten....
An diesem Freitagmittag wirkte das weitläufige Anwesen seltsam leer. Gou und seine Geschwister waren noch bis zum späten Nachmittag in ihren Schulen.
Die Stille im Haus war fast unnatürlich. Ramsay war in die Stadt gefahren, um letzte Vorräte für das stürmische Wochenende zu besorgen. Graham hielt auf Kais ausdrückliche Anordnung hin einen Mittagsschlaf, und Harriet befand sich im tiefen Keller in der Waschküche, um die sortierten Babysachen der größeren Kinder für das neue Familienmitglied vorzubereiten.
Im ersten Stock erwachte Nami aus einem dämmerigen Mittagsschlaf. Ein massiver, drückender Schmerz in ihrem Rücken riss sie in die Realität zurück. Sie keuchte auf und presste die Hand gegen das Laken. Draußen zuckten die ersten Blitze über den bleigrauen Himmel, und der Wind begann, die alten Bäume des Gartens bedrohlich zu biegen.
Nami versuchte aufzustehen, doch der Schmerz war so intensiv, dass ihre Beine nachgaben. Mühsam setzte sie sich zurück auf die Bettkante. Sie wusste, dass Kai unten war. Mit zitternden Fingern griff sie nach ihrem Handy.
Ein Stockwerk tiefer starrte Kai auf den Bildschirm seines Laptops. Er befand sich in einer wichtigen Videokonferenz mit der Niederlassung in Hokkaido. Die Stimmen der Abteilungsleiter klangen blechern aus den Lautsprechern, während sie über Logistikzahlen debattierten.
Plötzlich leuchtete sein Handy neben der Tastatur auf.
Nami.
Ohne ein Wort der Entschuldigung unterbrach Kai die Verbindung. Er nahm ab und hörte sofort ihren angestrengten, rhythmischen Atem.
„Kai...“, ihre Stimme war gepresst, fast ein Schluchzen. „Es geht los. Der Rücken... der Schmerz ist so stark.“
Kai sprang auf, wobei sein Stuhl krachend gegen das Bücherregal prallte. Er stürmte zum Fenster und sah hinaus. Der Taifun hatte Tokio früher erreicht als die Vorhersage angekündigt hatte. Regen peitschte waagerecht gegen das Glas, und die Sichtweite betrug kaum fünf Meter. Er checkte hastig die Verkehrs-App auf seinem Handy: Die Straßen zur Klinik von Dr. Arisawa waren bereits gesperrt oder durch umgestürzte Bäume blockiert. Der Verkehr stand komplett still.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. Die Klinik war unerreichbar. Er war hier gefangen...genau in der Situation, die er verhindern wollte. Kai rannte aus dem Arbeitszimmer, durch den Korridor und die breite Treppe hinauf in den ersten Stock.
Als er das Schlafzimmer erreichte, fand er Nami vor Schmerz gekrümmt auf dem Bett. Ein heftiger Donner ließ die Fensterscheiben erzittern.
„Wir müssen...wir müssen zu Dr. Arisawa“, brachte sie mühsam hervor und sah ihn mit schmerzverzerrten Augen an.
Kai trat an ihr Bett und nahm ihre Hände in seine. Sie waren eiskalt. Er sah hinaus in das tobende Chaos des Sturms und traf die schwerste Entscheidung seines Lebens.
„Wir können nicht weg, Nami“, sagte er, und seine Stimme war so tief und fest wie ein Fels in der Brandung, obwohl sein Herz raste. „Die Straßen sind dicht. Wir sind allein hier. Das Risiko im Stau stecken zu bleiben, ist zu groß.“
Nami sah ihn fassungslos an. „Aber....wir können nicht...wir...“
Kai schluckte das Grauen an die Erinnerung von damals hinunter. Er straffte die Schultern und sah sie mit seinen glühend roten Augen an. In diesem Moment war er kein CEO und kein Kämpfer mehr...er war der Mann, den sie brauchte.
„Ich weiß“, murmelte er und küsste ihre Stirn, während draußen ein Blitz die Szenerie in grelles Weiß tauchte. „Aber ich bin hier. Graham und Harriet sind hier. Ich lasse dich nicht allein. Wir machen das jetzt...genau hier.“
Er griff nach dem Haustelefon, um die Verstärkung im Haus zu wecken, während er innerlich den Schwur erneuerte, den er Sayuri gegeben hatte: Er würde ihr aller Beschützer sein. Koste es, was es wolle.
Das Schlafzimmer war nur noch von den unregelmäßigen Blitzen erhellt, die das dunkle Mahagoni der Möbel in hartes, kaltes Licht tauchten. Kai spürte, wie sein eigenes Herz gegen seine Rippen hämmerte...ein schneller, jagender Rhythmus, der in krassem Gegensatz zu seiner äußeren Ruhe stand. In seinem Kopf schrien die Bilder der Vergangenheit: das Blut, die bleiche Haut, die Stille, die damals fast das Ende bedeutet hätte....und Namis verzweifelte Schreie.
Doch als er seine Frau ansah, die sich in einem Schmerzensschrei krümmte, schob er das Grauen mit der Disziplin eines Mannes beiseite, der gelernt hatte, im Chaos zu überleben.
Er zog seine Hausschuhe aus und stieg hinter sie aufs Bett. Mit einer fließenden, sicheren Bewegung zog er sie zwischen seine kräftigen Beine, sodass ihr Rücken fest gegen seine breite Brust gepresst war. Er wollte, dass sie jede Faser seiner Stabilität spürte. Seine Arme schlangen sich stützend um sie, seine Hände lagen flach auf ihrem Bauch, der unter den Wehen steinhart wurde.
„Lehn dich an mich“, murmelte er tief in ihr Ohr, seine Stimme ein raues, stetiges Fundament gegen das Heulen des Sturms. „Ich halte dich. Ich bin der Damm, mein Schatz. Nichts wird uns heute fortspülen.“
Er spürte, wie sie zitterte, und legte sein Kinn auf ihre Schulter. „Erinnerst du dich an den Kurs? Der Rhythmus. Atme mit mir. Nicht flach werden. Tief... ein... und aus.“ Er übertrieb seine eigenen Atemzüge, damit sie sich unbewusst seinem Takt anpasste.
Gleichzeitig griff er mit einer Hand nach seinem Smartphone, das auf der Decke lag. Seine Finger flogen über das Display, während er Dr. Arisawa anwählte. Nach quälenden Sekunden des Knisterns...das Netz war durch den Taifun instabil...ertönte die Stimme der Ärztin, verzerrt durch die Leitung.
„Dr. Arisawa hier! Hallo? Wer ist da?“
„Hier ist Kai Hiwatari“, sagte er, und seine Stimme war so fest und autoritär wie in einer Vorstandssitzung. „Wir sind im Anwesen festgesetzt. Der Taifun hat die Wege blockiert. Namis Wehen sind im Rücken, die Abstände liegen bei unter drei Minuten. Wir schaffen es nicht in die Klinik.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment betretenes Schweigen, dann schaltete die Ärztin sofort um. „Verstanden, Mr. Hiwatari. Hören Sie mir genau zu. Sie müssen jetzt meine Augen und Hände vor Ort sein. Ist jemand bei Ihnen?“
„Harriet und Graham sind im Haus. Ich habe sie bereits alarmiert“, antwortete Kai, während er spürte, wie Nami unter einer erneuten Wehe aufstöhnte und ihren Hinterkopf in seine Brust grub. Er hielt sie fester, seine Muskeln spannten sich an.
„Gut. Ich bleibe am Telefon, solange die Verbindung steht“, sagte Dr. Arisawa ruhig. „Mr. Hiwatari, ich weiß um Ihre Sorgen. Aber wir haben heute keine Zeit für Ängste. Sie müssen jetzt sicherstellen, dass sie stabil bleibt. Holen Sie saubere Laken, warmes Wasser und...“
Ein ohrenbetäubender Donner krachte direkt über dem Dach des Anwesens, und das Licht im Zimmer flackerte kurz auf, bevor es endgültig erlosch. Nur noch das fahle Glimmen des Handybildschirms erhellte ihre Gesichter.
Kai sah durch das dämmrige Zimmer. Er war kein Arzt. Er war ein Mann, der Albträume von verblutenden Frauen hatte. Aber als Nami seine Hand so fest drückte, dass er fast das Knirschen seiner Knochen hörte, wusste er, dass er keine Wahl hatte.
„Sagen Sie mir einfach, was ich tun muss“, sagte er zur Ärztin, während er Nami noch enger an sich zog. „Ich gehe hier nicht weg.“
Seine Panik war noch da, ein dunkler Ozean unter der Oberfläche, aber er hatte den Damm errichtet. Und für Nami würde dieser Damm heute nicht brechen.
Die Dunkelheit im Schlafzimmer wurde nur noch vom rhythmischen Zucken der Blitze und dem fahlen Glimmen des Smartphones in Kais Hand durchbrochen. Draußen heulte der Taifun so laut, dass das alte Gebälk des Anwesens ächzte.
„Mr. Hiwatari? Sind Sie noch da?“, die Stimme von Dr. Arisawa aus dem Lautsprecher klang verzerrt, das Signal schwankte gefährlich.
„Ich bin hier“, antwortete Kai, während er den Druck von Namis Rücken gegen seine Brust spürte. In diesem Moment öffnete sich die schwere Zimmertür. Graham und Harriet traten ein, beide mit batteriebetriebenen Campinglaternen bewaffnet, die lange, tanzende Schatten an die Wände warfen. Harriet trug einen Stapel schneeweißer Laken und dampfendes Wasser, ihr Gesicht war bleich, aber ihre Bewegungen blieben entschlossen. Graham stellte die Laternen strategisch auf, sein Blick traf Kais...ein kurzes, stummes Nicken zwischen zwei Männern, die schon viele Krisen gemeinsam überstanden hatten.
Nami wandte den Kopf leicht nach hinten, ihre Stirn war schweißnass, und ihre Augen suchten Kais glühend rote Iris. „Kai...“, keuchte sie, während ihr Griff um seine Unterarme fast schmerzhaft wurde. „Ich weiß... dass du an damals denkst. Ich spüre es... wie dein Herz rast.“
Kai erstarrte für einen Sekundenbruchteil. Er dachte, er hätte seine Panik perfekt hinter der Maske des stoischen Anführers verborgen, doch Nami kannte ihn besser als jeder andere.
„Es wird nicht... wie bei den Zwillingen sein“, flüsterte sie zwischen zwei tiefen Atemzügen. „Schau mich an. Wir sind hier... zu Hause. Du bist der Damm. Du lässt mich nicht los... und ich gehe nirgendwohin. Versprochen.“
Kai schluckte schwer. Die Worte seiner Frau bohrten sich durch den Panzer seiner Angst. Er presste sein Gesicht kurz gegen ihre Schläfe und atmete ihren vertrauten Duft ein.
„Hören Sie mir zu!“, schallte die Stimme der Ärztin plötzlich wieder klarer durch den Raum. „Wenn die Wehen jetzt umschlagen, müssen Sie...“
Ein ohrenbetäubender Schlag erschütterte das Haus. Ein Blitz musste in unmittelbarer Nähe eingeschlagen sein. Das Smartphone in Kais Hand gab ein schrilles Knacken von sich, und das Display zeigte den Verbindungsabbruch an. Irgendwo in unmittelbarer Nähe, musste ein Funkmast umgeknickt sein.
„Dr. Arisawa?“, rief Kai, doch nur das Rauschen des Windes antwortete ihm. Stille legte sich über den Raum, nur unterbrochen von Harriets nervösem Atemholen.
Kai starrte auf das Gerät. Das Mobilnetz war gerissen. Keine Klinik, keine Ärztin, kein Strom. Nur er, das traumatische Bild von damals im Kopf, und die Frau, die er mehr liebte als sein eigenes Leben.
Nami bemerkte plötzlich wie die Wehen sich verändern und der Druck nach unten unerträglich wurde...
Kai spürte, wie Nami unter einer massiven Presswehe aufschrie. Harriet trat sofort ans Ende des Bettes, ihre Hände zitterten leicht. „Sir...was hat sie gesagt? Was sollen wir tun?“
Kai atmete tief ein. Er schloss für einen Moment die Augen und zwang die Bilder von Blut und Ohnmacht in eine dunkle Ecke seines Verstandes. Er erinnerte sich an jedes Detail der Kurse, an jede Anweisung, die er jemals über Notfälle gelesen hatte. Als er die Augen wieder öffnete, war die Panik verschwunden, ersetzt durch eine eisige, mörderische Entschlossenheit.
„Graham, hol den Erste-Hilfe-Koffer aus meinem Büro, da ist ein manuelles Blutdruckmessgerät und sterile Klemmen drin!“, befahl er, und seine Stimme schnitt durch die Angst im Raum wie eine Klinge. „Harriet, bereite die Unterlagen vor und versuch bitte über das Telefon in meinem Arbeitszimmer Hilfe zu rufen. Wir machen das jetzt genau so, wie wir es im Kurs besprochen haben.“
Er rückte näher an Nami heran, stützte sie mit der vollen Kraft seines Körpers und legte seine Hände wieder auf ihren Bauch. „Mein Schatz, vergiss die Ärztin. Vergiss den Sturm. Schau nur auf mich.“
Er beugte sich vor, sodass seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Du hast mir versprochen, dass du bleibst. Und ich habe Sayuri versprochen, dass ich auf euch alle aufpasse. Ich breche meine Versprechen nicht. Wir holen unser Kind jetzt nach Hause.“
Nami nickte schwach, ein funkenhaftes Lächeln trotzte dem Schmerz. In diesem Moment, als der Taifun draußen versuchte, das Haus einzureißen, war Kai Hiwatari kein Mann mehr, der von Albträumen gejagt wurde. Er war die Festung, die Nami und ihr gemeinsames Kind vor der Welt abschirmte.
„Bereit?“, fragte er leise.
„Bereit“, antwortete sie, und der nächste Schrei wurde vom Donner des Sturms verschluckt.
Der Raum schien für einen Moment stillzustehen, während das rhythmische Peitschen des Regens gegen die Scheiben zu einem fernen Rauschen verkam. In diesem Kokon aus Wärme und Kais tiefer, rauer Stimme fand Nami einen Ankerplatz.
Kai hielt sie fest, seine Arme wie schützende Mauern um ihren Körper. Er sprach leise, die Worte direkt an ihre Haut gerichtet, während er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub. Nami seufzte erschöpft zwischen einer kurzen Wehenpause.
„Es war nicht nur das Blut bei den Zwillingen, Nami“, gestand er, und seine Stimme vibrierte gegen ihre Haut. „Bei Sayuri... als alles medizinisch gut ging, aber dieser Schatten von Biovolt über uns hing... die Angst, dass sie sie direkt aus deinen Armen reißen würden. Und dann...deine Schmerzen...der Wehensturm. Diese Ohnmacht hat sich tief in mich eingebrannt.“
Er atmete zittrig ein, und Nami spürte die Feuchtigkeit seines Atems an ihrem Hals. „Du bist diejenige, die den Schmerz trägt, die den ganzen Weg geht... und ich schäme mich fast dafür, dass ich derjenige mit den Ängsten bin. Aber du bist meine Welt, Nami. Ohne dich gibt es keinen Damm, den es zu halten lohnt.“
Nami schloss die Augen, ein schwaches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Seine Worte waren wie eine Medizin, die den stechenden Schmerz im Rücken für einen Moment dämpfte. „Ich liebe dich, Kai. Du bist alles für mich.“, flüsterte sie, während sie ihren Kopf erschöpft gegen seine Schulter sinken ließ.
Doch die Natur kannte kein Innehalten.
Plötzlich ertönte ein leises, unmissverständliches Platschen. Das warme Fruchtwasser ergoss sich über die Laken und benetzte Kais Beine durch den Stoff seiner Hose. Die Sanftheit des Augenblicks wurde von einer gewaltigen, urzeitlichen Kraft weggeschwemmt.
Namis Körper spannte sich wie eine Bogensehne. Ein tiefer, gutturaler Laut entwich ihrer Kehle, als die Presswehen mit einer Wucht neu einsetzten, die keinen Raum mehr für Zweifel ließ.
„Kai!“, keuchte sie, ihre Finger krallten sich so fest in seine Unterarme wie sie nur konnte.
Kai reagierte augenblicklich. Die Geständnisse der letzten Minuten wurden in eine Kammer seines Herzens verschlossen; jetzt zählte nur noch das Handeln. Er rückte noch ein Stück näher, stützte ihren Rücken mit seiner massiven Brust und legte seine Hände fest an ihre Oberschenkel, um ihr den nötigen Widerstand zu geben.
„Ich hab dich! Ich bin da!“, rief er über das Grollen eines Donners hinweg. Seine roten Augen leuchteten im Schein der Laternen mit einer Intensität, die Nami die Kraft gab, die sie brauchte. „Du schaffst das, Nami. Denk an das Ziel. Nur du und ich. Press, mein Schatz! Hol unser Kind zu uns!“
Er gab nicht nach, wich keinen Millimeter zurück. Jedes Mal, wenn sie sich nach vorne bäumte, war er die Kraft in ihrem Rücken. Er war nicht mehr der Mann, der Angst vor der Vergangenheit hatte. Er war das Fundament, das sie hielt, während sie das Wunder vollbrachte, ein neues Leben in die tobende Nacht des Taifuns zu bringen.
„Genauso!“, feuerte er sie an, sein Atem ging so schnell wie ihrer. „Ganz stark... ich sehe es schon. Es ist fast da, Nami! Gib nicht auf!“
Draußen tobte der Sturm, Bäume knickten unter der Last des Windes ein, doch im Schlafzimmer des Anwesens war der Damm stabil. Kai Hiwatari hielt die Flut, und er hielt die Frau, die ihm alles bedeutete, fest in seinen Armen.
Nami fühlte, wie ihr Körper von einer letzten, gewaltigen Wehe übernommen wurde. Es war kein Schmerz mehr, den sie bekämpfen konnte; es war eine Naturgewalt, die durch sie hindurchbrach. Mit einem tiefen, entschlossenen Keuchen presste sie ein letztes Mal alles, was sie an Lebenskraft in sich trug, nach vorne. In diesem Moment spürte sie das brennende Dehnen, gefolgt von einer plötzlichen, unglaublichen Erleichterung. Der Druck wich von ihr, als das Baby fast wie von selbst in die Freiheit glitt.
Mit zitternden Händen, die vor Adrenalin und Erschöpfung kaum zu gehorchen schienen, griff Nami nach unten. Sie spürte die warme, glitschige Haut, die unglaubliche Lebendigkeit dieses kleinen Wesens. Mit letzter Kraft zog sie das nackte, nasse Bündel nach oben und bettete es direkt auf ihre nackte Brust.
Sofort durchschnitt ein gellender, kräftiger Schrei die schwere Luft des Zimmers.
Nami sank schwer in Kais Arme zurück. Ihr Blick war verschleiert, die Welt um sie herum verschwamm in einem Rausch aus Erschöpfung und Glück. Das kleine Baby auf ihrer Brust ruderte wild mit den Ärmchen, und der Kontakt ihrer Haut auf Haut fühlte sich an wie das einzige Reale in diesem stürmischen Chaos.
Kai, der Nami immer noch wie eine menschliche Festung hielt, starrte über ihre Schulter hinweg nach unten. Sein Atem ging stoßweise, seine weit aufgerissenen Augen fixierten das schreiende Kind. Er sah den zarten Körper, das dunkle, feuchte Haar...es war ein Mädchen. Doch sein Blick wanderte sofort weiter, tiefer, dorthin, wo seine schlimmsten Ängste seit Monaten gelauert hatten.
Er sah die Nabelschnur, die sich wie ein blau-weißes Band von Namis Körper zum Kind wand. Er suchte nach dem Rot, nach dem Blut, das in seinen Albträumen niemals aufgehört hatte zu fließen. Doch da war nichts. Außer der normalen Spuren einer Geburt war das Laken unter ihr weitestgehend sauber geblieben. Die Katastrophe, die er über Monate hinweg in seinem Kopf durchgespielt hatte, war ausgeblieben. Die Realität hatte seinen Albtraum endlich besiegt.
Kais Körper begann unkontrolliert zu zittern. Die Anspannung, die er über die letzten Jahre als Beschützer, als Ehemann und als Vater aufgebaut hatte, entlud sich in einem einzigen, gewaltigen Beben. Er presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es in seinen Ohren dröhnte, doch er konnte die Flut nicht mehr aufhalten.
Sie hatten es geschafft. Sie war sicher. Das Kind war sicher.
Er vergrub sein Gesicht tief in Namis schweißnassem Haar an ihrem Nacken, unfähig, den Anblick der vollkommenen Unversehrheit noch länger zu ertragen, ohne zu zerbrechen. Und dann, direkt an ihrem Ohr, hörte Nami es: Ein tiefes, erschütterndes und vollkommen befreites Schluchzen brach aus Kais Kehle.
Es war ein Laut, der aus den tiefsten Abgründen seiner Seele kam...ein Geräusch von purer, schmerzhafter Erlösung. In all den Jahren, seit sie sich als junge Menschen in diesen dunklen Arena-Katakomben gegenübergestanden hatten, durch all die Kriege gegen Biovolt, die Fluchten und die Neuanfänge, hatte sie ihn nie so gehört. Es war das erste Mal, dass der unerschütterliche Kai Hiwatari die Kontrolle über seine Emotionen vollkommen verlor und seinen Tränen freien Lauf ließ.
Nami schloss die Augen, während sie die bebenden Schultern des Mannes spürte, der für die Welt der kalte CEO und der einsame Wolf war, aber für sie in diesem Moment einfach nur ein Vater, der seine größte Schlacht gewonnen hatte. Sie spürte seine Tränen auf ihrer Haut, und das Schluchzen an ihrem Hals war für sie das schönste Lied, das sie jemals gehört hatte...denn es war der Klang seiner vollkommenen Liebe.
„Ich hab euch“, brachte er zwischen zwei erstickten Atemzügen hervor, während er sie und das Baby noch fester an sich drückte. „Ich hab euch beide.“
Das Schluchzen an ihrem Hals löste auch bei Nami die letzte Zurückhaltung. Die Tränen der Erschöpfung und des überwältigenden Glücks mischten sich mit seinen, während sie den Kopf mühsam wandte, um ihn anzusehen.
Kai hob sein Gesicht aus ihrem Haar, und für Nami gab es keinen schöneren Anblick als diesen: Seine roten Augen, die sonst so oft kühl und distanziert die Welt betrachteten, schimmerten nun weich und feucht im flackernden Schein der Kerzen. In ihrem tiefen Rot lag eine Sanftheit, die nur ihr allein gehörte. Sie hob ihre freie Hand, die immer noch leicht zitterte, und legte ihre Handfläche flach gegen seine Wange. Seine Haut war heiß, und sie spürte das Pochen seines Pulses unter ihren Fingern.
Ohne ein Wort zog sie ihn zu sich hinunter in einen langen, tiefen Kuss, der alles besiegelte...den überstandenen Sturm, die besiegten Ängste und das Versprechen ihrer gemeinsamen Zukunft. Als sie sich schließlich voneinander lösten, kehrte ein Hauch von Ruhe in das Zimmer zurück, während der Taifun draußen nur noch wie ein fernes Grollen wirkte.
Gemeinsam blickten sie auf das kleine Bündel Leben hinab, das sich nun unruhig auf Namis Brust bewegte. Das Baby gab kleine, suchende Laute von sich und drehte das Köpfchen instinktiv hin und her, auf der Suche nach Nahrung. Nami lächelte unter Tränen und hob ihre Tochter mit einer behutsamen Bewegung ein Stück weit an, um ihr die Brust anzubieten. Kaum hatte das kleine Mädchen angedockt, kehrte eine friedliche Stille ein, die nur vom rhythmischen Saugen des Neugeborenen unterbrochen wurde.
Nami lehnte sich seufzend wieder zurück gegen Kais breite Brust. Sie spürte, wie er seine Arme noch fester, aber unendlich zärtlich um sie beide schlang.
„Diese Geburt...“, begann Kai leise, und seine Stimme war immer noch rau von den Tränen, aber nun wieder fest und klar. „Sie hat mich geheilt, Nami. All die Jahre habe ich die Angst mit mir herumgetragen, aber heute Nacht... hier bei uns... war alles richtig.“ Er machte eine Pause und betrachtete ehrfürchtig die kleinen Finger seiner Tochter, die sich gegen Namis Haut stemmten. „Im Nachhinein gesehen, war sie die Schönste von allen.“
Sein Blick wurde weich, als er auf sein fünftes Kind und seine dritte Tochter hinabsah. „Willkommen, Mei Hiwatari“, murmelte er, und der Name klang wie eine Melodie in der Dunkelheit des Zimmers.
In diesem Moment flogen die Türen erneut auf, und Graham und Harriet stürmten herein, die Gesichter gezeichnet von der Sorge der letzten Minuten. Harriet hielt immer noch krampfhaft die frischen Tücher fest, bereit für eine Katastrophe, doch als sie die Szene im Bett sahen...das friedlich trinkende Baby, Kais schützende Umarmung und das erschöpfte, aber strahlende Lächeln von Nami...blieben sie wie angewurzelt stehen.
Die Erleichterung im Raum war fast greifbar. Harriet unterdrückte ein weiteres Schluchzen, diesmal eines der puren Freude, und legte die Sachen leise auf die Kommode. Graham, der alte Butler, der Kai schon durch so viele Stürme begleitet hatte, sah seinen Herrn an. Er bemerkte die Spuren der Tränen in Kais Gesicht und die neue, tiefe Ruhe in dessen Haltung.
Er räusperte sich leise, ein Geräusch voll diskretem Respekt. Er legte Harriet kurz eine Hand auf die Schulter und deutete mit dem Kopf zur Tür. Ohne ein Wort zu sagen, traten die beiden wieder nach draußen in den Flur und schlossen die schwere Eichentür lautlos hinter sich. Sie wussten, dass diese ersten Momente von Mei Hiwatari auf dieser Welt allein ihren Eltern gehörten...dem Damm und der Frau, für die er die Flut hielt.
Mei lag nun ruhig an Namis Brust, ein winziges, wunderbares Gewicht, das den Raum mit einem leisen, zufriedenen Schnalzen erfüllte. Doch Kai war noch nicht völlig entspannt. Er hielt Nami weiterhin fest umschlossen, seine Muskeln unter dem feuchten Hemd so hart wie Marmor. Sein Blick war starr auf die Laken gerichtet, dorthin, wo die Nabelschnur in sanften Windungen lag. Er wartete auf den Schatten der Vergangenheit.
Nami spürte die Vibration seiner Anspannung in ihrem Rücken. Sie wusste, dass er auf das Blut wartete. Sie legte den Kopf in den Nacken, suchte seinen Blick und flüsterte mit brüchiger, aber ruhiger Stimme:
„Kai. Schau mich an.“
Er senkte das Kinn, seine roten Augen waren geweitet, die Pupillen vor Adrenalin noch immer klein.
„Es ist fast vorbei“, sagte sie sanft und legte ihre Hand über seine, die noch immer fest auf ihrem Oberschenkel ruhte. „Gleich kommt die Nachgeburt. Es wird sich für mich anfühlen wie eine kleine Wehe...und es wird ein bisschen Blut kommen. Das ist normal. Es muss so sein, damit mein Körper weiß, dass es...zu Ende ist.“
Kai schluckte schwer. Er erinnerte sich an die Schreie der Ärzte damals, an die blutigen Tücher, die in Eimern verschwanden. Er nickte langsam, ein mechanisches, verstehendes Rhythmisieren. „Ich weiß“, presste er hervor. „Die Plazenta. Der dritte Abschnitt. Ich... ich bin vorbereitet.“
Er löste eine Hand von ihr und griff nach den sterilen Klemmen, die Graham bereitgelegt hatte. Seine Finger zitterten nicht mehr; sie waren eiskalt und präzise. Doch er setzte sie noch nicht an. Er beobachtete die Nabelschnur, die noch immer kräftig pulsierte und Mei mit den letzten Reserven versorgte. Er erinnerte sich an die Worte aus dem Kurs: Geduld. Erst wenn das Band schlaff und weiß wurde, war die Verbindung bereit, getrennt zu werden.
Wenige Augenblicke später spürte Nami das vertraute Ziehen. Es war kein Vergleich zu den gewaltigen Presswehen von zuvor, eher ein loslassender Schmerz. Sie atmete kontrolliert aus, drückte leicht mit, und die Plazenta glitt reibungslos heraus. Wie sie es angekündigt hatte, folgte ein Schwall dunklen Blutes... der natürliche Prozess, wenn die Gebärmutter beginnt, sich zusammenzuziehen.
Kai starrte darauf. Er sah das Rot auf den weißen Laken, das sich im Schein der Laternen ausbreitete. Für einen Herzschlag lang setzte sein Atem aus. Sein Verstand wollte ihn zurück in den OP-Saal der Zwillinge schleudern, doch Namis Hand drückte die seine so fest, dass er den Schmerz spürte.
„Siehst du?“, hauchte sie. „Es hört auf, Kai. Schau...es wird weniger.“
Und tatsächlich...Kai massierte Namis Unterbauch mit festen Griffen, so wie Miss Narusaka es im Notfall-Protokoll erklärt hatte. Er beobachtete mit fast klinischer Intensität, wie die Blutung innerhalb weniger Momente zu einem normalen Maß zurückging. Es gab kein Chaos. Keine Hektik.
Er wartete, bis die Nabelschnur endlich aufgehört hatte zu pulsieren...ein Detail, das er sich aus einem der Bücher des Kurses gemerkt hatte. Erst jetzt setzte er die Klemmen und trennte mit einem festen, sicheren Schnitt das letzte physische Band zwischen Mutter und Kind.
„Fertig“, sagte er leise und küsste Nami auf die Schläfe, bevor er seinen Blick auf die kleine Mei richtete, die nun tief und fest an Namis Brust eingeschlafen war. „Jetzt sind wir wirklich zu Hause.“
Kai hielt Nami weiterhin fest umschlossen, seine Brust ein warmer, rhytmischer Schild in ihrem Rücken. Er hatte seine Maske aus kühler Beherrschung fast vollständig wiedererlangt, doch der Glanz in seinen Augen verriet, dass die emotionale Erschütterung ihn nachhaltig verändert hatte.
„Erinnerst du dich?“, murmelte er leise, während sein Blick auf Meis winzigem, grauen Hinterkopf ruhte. „Als Sayuri auf die Welt kam, hat es auch gestürmt. Es war zwar nur ein Sommergewitter im Vergleich zu dem Wahnsinn hier draußen, aber die Parallele ist unverkennbar.“
Ein schwaches, fast schon amüsiertes Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. „Ich schätze, einige meiner Kinder brauchen wohl einfach einen dramatischen ersten Auftritt, um ihrer Herkunft gerecht zu werden. Ein stiller Einzug in die Welt wäre ihnen wohl zu gewöhnlich.“
Nami musste leise lachen. „Vielleicht haben sie das von ihrem Vater“, entgegnete sie schwach und drückte ihren Hinterkopf gegen seine Schulter. „Du warst auch nie jemand für den unauffälligen Auftritt.“
In diesem Moment der relativen Stille vibrierte Kais Smartphone auf der Decke. Das grelle Aufleuchten des Displays war fast schon ein Fremdkörper in der intimen Dunkelheit des Zimmers. Kai griff danach und erkannte sofort das Symbol für die wiederhergestellte Verbindung und den Namen auf dem Schirm. Die Leitungen in der Praxis von Dr. Arisawa standen offenbar wieder.
Er nahm den Anruf an und hielt sich das Telefon ans Ohr, ohne seine schützende Position hinter Nami aufzugeben.
„Hiwatari hier“, sagte er, seine Stimme nun wieder fest und professionell, auch wenn ein Unterton von tiefer Befriedigung mitschwang.
„Mr. Hiwatari! Gott sei Dank, die Verbindung steht wieder!“, die Stimme der Ärztin klang am anderen Ende der Leitung fast schon atemlos vor Sorge. „Wir haben versucht, den Notdienst zu koordinieren, aber die Straßen sind teilweise unpassierbar. Wie ist die Lage? Wie geht es ihrer Frau? Gibt es Komplikationen? Ist das Baby...“
„Es ist vorbei, Doktor“, unterbrach Kai sie ruhig. Er sah hinab auf Mei, die friedlich schlief und auf Nami, deren Atem sich endlich beruhigt hatte. „Alles ist in Ordnung. Es ist ein Mädchen. Sie ist gesund, trinkt bereits und Nami... Nami ist stabil. Es gab keine außergewöhnlichen Blutungen...auch nicht bei der Nachgeburt.“
Am anderen Ende der Leitung war für einen Moment nur ein tiefes Aufatmen zu hören. „Das ist ein Wunder, bei diesen Bedingungen... Sie haben das allein geschafft?“, fragte Dr. Arisawa mit unverhohlener Bewunderung.
Kai blickte auf seine Hand, die Nami immer noch sicher hielt, und dann auf seine Frau, die ihm mit Tränen in den Augen ein dankbares Lächeln schenkte.
„Wir haben es geschafft“, korrigierte er die Ärztin leise, während er Nami noch ein Stück enger an sich zog. „Aber wir brauchen Sie hier, sobald die Straßen frei sind, um die Nachsorge zu übernehmen. Bis dahin... haben wir hier alles unter Kontrolle.“
Als er auflegte, legte er das Handy endgültig beiseite. Der Sturm mochte die Welt da draußen verwüstet haben, aber hier drin, im Herzen des Ayame-Anwesens, war alles genau dort, wo es hingehörte.
Die Stunden nach der Geburt waren in einen Nebel aus sanftem Licht und tiefer Erschöpfung getaucht. Das medizinische Team von Dr. Arisawa war schließlich nach einer weiteren Stunde durchgekommen, hatte Nami und die kleine Mei untersucht und mit bewunderndem Kopfschütteln bestätigt, dass beide wohlauf waren. Kai war während der gesamten Untersuchung nicht von ihrer Seite gewichen; er war wie ein Schatten gewesen, wachsam und still, bis die letzte Fachkraft das Haus verlassen hatte.
Nun war es tief in der Nacht. Das Haus war endlich zur Ruhe gekommen. Harriet hatte die Laken gewechselt und alles hergerichtet, während Graham im Erdgeschoss gewacht hatte. Im Schlafzimmer brannte nur noch eine einzelne, warme Lampe, die lange Schatten an die Wände warf.
Kai und Nami lagen gemeinsam im großen Bett. Er hielt sie fest umschlungen, seinen Körper wie einen schützenden Wall hinter ihrem Rücken. Seine Arme lagen schwer und sicher um ihre Mitte, seine Hände waren über ihrem Bauch verschränkt, während sie sich vollkommen gegen seine breite Brust sinken ließ. Er hielt sie so fest, als müsste er sich jede Sekunde davon überzeugen, dass sie wirklich hier war, dass sie atmete und dass das Grauen seiner Albträume endgültig besiegt war.
Die kleine Mei schlummerte in einem tiefen, zufriedenen Schlaf in der Wiege direkt neben Kais Bettseite. Das Zimmer duftete nach Lavendel und dem unverwechselbaren, süßlichen Geruch eines Neugeborenen.
„Du hast seit Stunden nicht die Augen zugemacht“, flüsterte Nami und legte ihre Hände auf seine, die sie so fest hielten. Sie spürte das Pochen seines Herzens an ihrem Rücken...ein ruhiger, kraftvoller Takt.
Kai, dessen Kinn auf ihrer Schulter ruhte, wandte ihr den Blick zu. Seine roten Augen wirkten in der Dunkelheit weicher denn je, noch immer gezeichnet von der emotionalen Erschütterung. „Ich habe Angst, dass ich aufwache und der Damm doch gebrochen ist“, gestand er leise an ihrem Ohr. Seine Stimme war nur ein raues Wispern. „Aber dann spüre ich deine Wärme...,sehe dich an... und ich weiß, dass es wahr ist. Nicht auszumalen, was passiert wäre...wenn ich heute nicht im Anwesen gewesen wäre..."
Er vergrub sein Gesicht kurz in ihrem Nacken und sog ihren Duft ein, während er sie noch ein Stück enger an sich zog. „Als die Leitung zur Ärztin abriss und das Licht ausging... für einen Moment dachte ich, das Schicksal will mich prüfen. Aber deine Stärke, Nami... du hast mich da durchgeführt. Nicht umgekehrt.“
Nami lächelte schläfrig und verschränkte ihre Finger mit seinen. „Wir haben uns gegenseitig durchgeführt, Kai. Wie wir es immer tun. Der Damm hat gehalten...und ich bin so dankbar, dass du da warst."
Kai antwortete nicht, aber der feste Druck seiner Arme und der Kuss, den er sanft auf ihre Schulter drückte, sagten mehr als jedes Wort. In dieser Nacht, während der Taifun draußen langsam zu einem fernen Regen abklang, fand Kai Hiwatari zum ersten Mal seit Jahren einen Schlaf, der nicht von Schatten, sondern von vollkommenem Frieden gezeichnet war...
Am nächsten Morgen brach die Wolkendecke endlich auf. Ein strahlend blauer Himmel spiegelte sich in den Pfützen im Garten, und die ersten goldenen Sonnenstrahlen tanzten auf den Holzböden des Flurs. Die Stille des Morgens wurde jäh durchbrochen, als die schweren Türen des Anwesens aufgestoßen wurden.
Eigentlich hätte Gou das gesamte Wochenende bei Hiromi verbringen sollen, doch die Nachricht von der dramatischen Sturmgeburt hatte ihn keine Sekunde länger dort halten können. Er war sofort aufgebrochen, um nach Hause zu kommen...und natürlich hatte er Hiromi mitgebracht, die ebenso besorgt wie gespannt war.
„Sie ist da!“, erscholl Sayuris helle Stimme durch das Haus, während Gou und Hiromi bereits die Stufen hinaufstürmten.
Kurz darauf füllte sich das Schlafzimmer. Gou trat als Erster ein, seine Miene war eine Mischung aus Erleichterung und dem stolzen Glanz, den er oft von seinem Vater übernahm. Er trat ans Bett, dicht gefolgt von Hiromi, die sichtlich gerührt war, Nami so wohlbehalten zu sehen. Auch Ayumi und Ren drängelten sich nun neugierig nach vorne.
„Ganz leise“, mahnte Kai mit einer sanften, aber festen Autorität. Er saß auf der Bettkante und hielt die kleine Mei bereits im Arm, um sie ihren Geschwistern zu zeigen.
Alle blickten gebannt auf das neue Familienmitglied. Mei hatte bereits eine feine Schicht gräuliches Haar, das dem von Kai verblüffend ähnlich sah, nur eine Nuance heller. Als sie kurz die Lider bewegte, sah man durch die schmalen Schlitze ihre Augen durchscheinen...sie leuchteten in einem tiefen Granatrot, fast identisch mit Kais markantem Blick und Gous Augenfarbe.
Nami, die sich erschöpft, aber mit einem spitzbübischen Lächeln gegen die Kissen lehnte, beobachtete das Staunen in den Gesichtern der Kinder und sah dann zu Kai auf. „Tja, mein Schatz...“, neckte sie ihn leise, sodass nur er es hören konnte, „dieses Mal waren deine Gene wohl wieder deutlich stärker. Sie sieht dir jetzt schon ähnlicher als alle anderen.“
Kai erwiderte ihren Blick, und ein seltenes, breites Schmunzeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er Mei noch ein Stück näher an seine Brust drückte. Er strich dem Baby mit dem Daumen über die Stirn, genau über diese Augen, die seine eigenen widerspiegelten.
Sayuri schlich auf Zehenspitzen näher und hauchte: „Sie sieht aus wie ein kleiner Mini-Papa.“
Gou lachte leise und legte seinem Vater eine Hand auf die Schulter. „Willkommen im Team, Mei“, murmelte er. Hiromi trat an die andere Seite des Bettes und legte Nami die Hand auf den Arm. „Ihr habt Großartiges geleistet, ihr beide. In so einer Nacht... das ist ein echtes Hiwatari-Wunder.“
Kai sah in die Runde...auf seine Frau, seine fünf Kinder und die Menschen, die zur Familie gehörten. Der Stolz in seinen Augen war unübersehbar. Er hatte in dieser Nacht nicht nur ein Kind auf die Welt gebracht, sondern seinen Frieden mit der Vergangenheit geschlossen. Der Damm war stabil, und das Leben im Anwesen war so lebendig wie nie zuvor...
Zwei Wochen waren seit jener stürmischen Nacht vergangen, und die Welt im Anwesen fühlte sich an, als hätte sie nach dem Chaos ein neues, sanfteres Gleichgewicht gefunden. Der heutige Juli-Regen trommelte nur noch leise gegen die hohen Glasscheiben des Wintergartens, während drinnen der Duft von frischem Jasmintee und Gebäck in der Luft lag.
Nami lehnte sich entspannt in den Korbsessel zurück. Ihr gegenüber saß Hana, die ihren bereits beachtlichen Babybauch im achten Monat behutsam stützte, während Lumina die kleine Alicia im Arm hielt, die leise gluckste. Hilary rührte in ihrer Tasse und betrachtete Nami mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis.
„Jetzt mal ganz ehrlich, Nami“, begann Hilary und legte den Kopf schräg. „Zwei Wochen? Du siehst aus, als wärst du gerade aus einem Wellness-Urlaub gekommen und nicht aus einer dramatischen Hausgeburt im Taifun. Bist du wirklich schon wieder komplett... naja, normal? Ich meine, kein Wochenfluss, keine Verletzungen?“
Nami lächelte, ein wissendes, fast schon leuchtendes Lächeln. „Es klingt fast unheimlich, ich weiß. Aber ich war erst heute Morgen bei der letzten Nachsorge. Dr. Arisawa war wie immer fassungslos. Meine Aura hat wieder ganze Arbeit geleistet...die Zellregeneration ist abgeschlossen. Alles ist perfekt verheilt, als wäre nie etwas gewesen.“
Hilary grinste neckisch und beugte sich ein Stück vor. „In dem Fall... hat Kai dich etwa noch nicht... überfallen? Ich meine, wir kennen ihn. Wenn er weiß, dass alles wieder 'einsatzbereit' ist...“
Nami lachte leise und schüttelte den Kopf, wobei ihre silbrigen Wellen über ihre Schultern tanzten. „Ganz so wild geht es bei uns gerade nicht zu. Wir sind beide ziemlich übermüdet. Mei ist ein echtes High-Need-Baby. Sie wacht nachts unheimlich oft auf und verlangt nach mir. Kai ist... nun ja, er ist momentan ziemlich am Ende seiner Kräfte, was den Schlaf angeht.“
„Apropos Kai“, warf Hilary ein und blickte sich um. „Ist er im Tower? In letzter Zeit hat er sich ja anscheinend kaum dort blicken lassen.“
„Nein, er ist zu Hause“, antwortete Nami weich. „Er ist oben im Schlafzimmer bei Mei. Sie war vorhin sehr unruhig, und er wollte sie in den Schlaf wiegen, bevor er zu uns herunterkommt.“ Nami hielt inne und warf einen Blick auf die alte Standuhr im Flur. „Wobei... er ist jetzt schon fast vierzig Minuten oben. Das ist ungewöhnlich lange für ihn. Ich gehe mal kurz nachsehen.“
Mit einer fließenden Bewegung stand sie auf. Ihre Schritte waren leicht und sicher, kein Zeichen von Schmerz oder Schwäche war ihr mehr anzumerken. Sie wanderte durch den Korridor, stieg die breite Treppe hinauf und hielt vor der schweren Eichentür des Schlafzimmers inne. Ganz vorsichtig drückte sie die Klinke nach unten und lugte durch den Spalt.
Der Anblick, der sich ihr bot, ließ ihr Herz augenblicklich dahinschmelzen.
Das Zimmer war in ein dämmriges, warmes Licht getaucht. Kai lag auf dem Rücken auf dem großen Bett. Er war oberkörperfrei, die Decke nur locker um seine Hüften geschlungen. Seine Augen waren fest geschlossen, die sonst so konzentrierten Gesichtszüge im tiefen Schlaf vollkommen entspannt. Seine dunklen Haare lagen verstrubbelt auf dem Kissen, und man sah ihm die Erschöpfung der letzten Nächte deutlich an.
Doch das Schönste war das kleine Bündel Mensch auf ihm. Mei lag bäuchlings direkt auf seiner breiten, nackten Brust. Ihr winziges Gesicht war zur Seite gedreht, ein kleiner Tropfen Milch schimmerte an ihrem Mundwinkel, während sie vollkommen zufrieden schlummerte. Ihre kleinen Hände waren in die Nähe ihres Kopfes gezogen, und Kais große Hand lag schützend über ihrem Rücken, als wollte er sie selbst im tiefsten Schlaf nicht loslassen.
Das gleichmäßige Heben und Senken von Kais Brustkorb bewegte das schlafende Baby im selben Rhythmus. In diesem Moment war der kühle, unnahbare CEO der Tachiwari-Corporation ganz weit weg. Hier lag nur ein Vater, der seinen Frieden gefunden hatte...bewacht von der kleinsten Hiwatari, die offensichtlich genau wusste, dass der sicherste Ort der Welt direkt auf dem Herzen ihres Vaters war.
Nami verharrte im Türspalt, und das Bild, das sich ihr bot, brannte sich tief in ihr Herz ein. Es war die vollkommene Definition von Frieden nach dem Sturm.
Sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden, doch sie unterdrückte die Tränen der Rührung. Mit einer vorsichtigen, fast zeitlupenartigen Bewegung zog sie ihr Handy aus der Gesäßtasche. Sie musste diesen Moment einfach festhalten...diesen seltenen Anblick des Mannes, der für die Welt eine unbezwingbare Festung war, hier aber als liebender, erschöpfter Vater vollkommen verletzlich und friedlich lag.
*Klick.*
Das leise Geräusch der Kamera wurde vom sanften Regen draußen verschluckt. Nami betrachtete das Display für einen kurzen Moment: Kais Arme, die dunklen Haare auf dem Kissen und die winzige Mei, die auf seiner nackten Haut atmete. Perfekt.
Sie zog die Tür lautlos zu und schlich die Treppe hinunter zurück in den Wintergarten.
„Und?“, fragte Hilary sofort, als Nami wieder am Tisch Platz nahm. „Hat er Mei endlich bändigen können?“
Nami antwortete nicht direkt. Sie lächelte nur geheimnisvoll, entsperrte ihr Handy und schob es in die Mitte des Tisches, sodass alle drei Frauen darauf blicken konnten.
Lumina stieß einen leisen, entzückten Laut aus, und Hana legte sich gerührt die Hand auf den Bauch. Doch es war Hilary, der buchstäblich die Kinnlade herunterklappte. Sie starrte auf das Foto, als könne sie nach so langer Zeit immer noch nicht glauben, dass der kühle Kai Hiwatari zu einer solchen Sanftheit fähig war.
„Oh mein Gott...“, hauchte Hilary und schüttelte fassungslos den Kopf. „Nami, das ist... das ist das Schönste, was ich je gesehen habe. Ernsthaft.“
Sie hielt das Handy einen Moment länger fest, und ihr Blick wurde für einen Augenblick sehr weich und nostalgisch.
„Tyson lag damals mit unserer kleinen Tochter auch mal so auf der Couch“, erzählte sie leise, während ein Lächeln ihre Lippen umspielte. „Er war völlig weggetreten, und sie hat sich einfach an ihn gekuschelt. Ich sag’s euch... in diesem Moment war er für mich attraktiver als je zuvor. Es gibt nichts, was einen Mann anziehender macht, als zu sehen, wie er in seiner Rolle als Vater aufgeht.“
Sie schob das Handy zu Nami zurück und zwinkerte ihr zu. „Pass gut auf dieses Foto auf. Wenn Kai mal wieder zu den Vorstandssitzungen im Tower geht und sein 'Eis-Gesicht' aufsetzt, musst du ihn nur daran erinnern, wer er wirklich ist: Ein Kissen für Mei.“
Nami nahm das Handy entgegen und strich sanft über das Display. „Keine Sorge“, flüsterte sie glücklich. „Das werde ich...aber heute werde ich ihn nicht mehr wecken. Der Damm hat heute frei.“
