Rückblick
Die Fahrt zum Tachiwari-Tower verlief ungewöhnlich ruhig. Kai saß am Steuer seines Bentleys, die Hände fest um das Lederlenkrad geschlossen, während er mit kühler Präzision durch den Tokioter Verkehr manövrierte. Er trug wieder seine unnahbare Maske, doch das gelegentliche Zucken seines Kiefers verriet, dass er die Ereignisse des Morgens noch nicht ganz abgehakt hatte.
Nami saß auf dem Beifahrersitz und starrte aus dem Fenster auf die vorbeiziehende Skyline. Ihr Körper fühlte sich schwer und angenehm erschöpft an, ein krasser Gegensatz zu der geschäftigen Energie, die sie gleich im Tower erwartete. Sie trug ein elegantes, dunkelblaues Business-Kleid, das ihre Silhouette perfekt betonte, und ihre Haare waren heute zu einem makellosen Knoten gesteckt.
Als die Aufzugtüren im 45. Stockwerk aufglitten, wurden sie bereits von dem rhythmischen Klackern einer Tastatur empfangen. Miya saß an ihrem Platz, den Rücken kerzengerade und blickte auf, als Kai und Nami den Vorraum betraten. Sie war die Effizienz in Person und die Einzige, die es wagte, Kai auch mal einen mahnenden Blick wegen seiner Verspätung zuzurechnen.
„Guten Morgen, Mr. Hiwatari. Mrs. Hiwatari“, sagte sie freundlich und legte eine Mappe bereit. „Die Forschungsberichte aus der Academy liegen bereits auf Ihrem Schreibtisch, Sir. Und Madam, die Marketing-Entwürfe für die Europa-Expansion sind vor fünf Minuten eingetroffen.“
Kai nickte Miya knapp zu, während er im Vorbeigehen seine Tasche ablegte. „Danke, Miya. Sorgen Sie dafür, dass wir bis zum Mittagessen nicht gestört werden. Keine Anrufe, keine spontanen Meetings.“
Miya zog eine Augenbraue hoch und warf einen unauffälligen Blick auf Kais Krawatte, die zwar fest saß, aber doch ein wenig anders geknotet wirkte als sonst. „Verstanden. Dr. Arata ist für 13:30 Uhr bestätigt. Er hat bereits ausrichten lassen, dass er pünktlich sein wird.“
„Das ist er immer“, murmelte Kai, während er die Tür zu seinem Büro aufstieß und Nami den Vortritt ließ.
Sobald die schwere Tür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, atmete Nami tief durch. Die kühle, hochmoderne Atmosphäre des Towers half ihr dabei, wieder in ihre Rolle als Frau des CEO zu schlüpfen. Sie ging zur großen Fensterfront und blickte auf das Panorama von Tokio.
„Miya ist wie ein Fels in der Brandung“, bemerkte Nami amüsiert, während sie sich zu ihm undrehte. „Ich glaube, sie weiß ganz genau, warum wir die erste Stunde des Arbeitstages ‚verpasst‘ haben.“
Kai antwortete nicht direkt. Er hatte sich bereits in seinen Chefsessel gleiten lassen und das Tablet aktiviert. Doch bevor er die erste Datei öffnete, sah er kurz zu ihr herüber. Ein schwaches, fast arrogantes Grinsen stahl sich auf seine Lippen.
„Miya wird dafür bezahlt, diskret zu sein, nicht um meine privaten Prioritäten zu hinterfragen“, erwiderte er trocken. „Und jetzt konzentrier dich bitte, mein Schatz. Wenn wir die Budgetplanung vor dem Essen fertig haben wollen, müssen wir das Tempo von vorhin beibehalten...nur auf eine andere Art.“
Nami schmunzelte, ging rüber in ihr Büro und schlug die erste Akte auf. Der Vormittag verging wie im Flug. Zwischen Tabellenkalkulationen und Marktanalysen gab es immer wieder diese kleinen Momente – ein kurzer Blickwechsel, das leise Geräusch von Kais Stift auf dem Display –, die sie an das Feuer des Morgens erinnerten. Es war ein produktives, fast schon geladenes Schweigen, das erst unterbrochen wurde, als Miya pünktlich um kurz nach zwölf über die Sprechanlage die Mittagspause ankündigte.
Nachdem sie die intensivsten Stunden der Budgetplanung hinter sich gebracht hatten, herrschte eine konzentrierte Stille in den oberen Büroräumen. Kai legte seinen Stift beiseite, massierte sich kurz den Nacken und stand auf. Er strich sein Sakko glatt, das trotz der morgendlichen Eskapaden wieder tadellos saß, und schritt zur Verbindungstür, die sein Reich mit dem von Nami verband.
Ohne anzuklopfen, öffnete er die schwere Tür. Nami saß an ihrem Schreibtisch, den Blick konzentriert auf einen der großen Bildschirme gerichtet.
„Schatz.“, sagte er ruhig, lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Genug für den Moment. Wir fahren jetzt nach oben ins Restaurant.“
Nami schaute auf, blinzelte ein paar Mal und ein erleichtertes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie legte die Dokumente beiseite und erhob sich langsam, wobei sie instinktiv eine Hand schützend auf ihren Bauch legte. „Gott sei Dank“, gestand sie und atmete tief durch. „Ich bin unglaublich hungrig. Das kleine Wesen hier drin scheint heute besonders viel Energie zu beanspruchen...oder die Runde heute morgen hat mehr Reserven verbraucht, als ich dachte.“
Kai schmunzelte kaum merklich, trat auf sie zu und legte seine Hand auf ihren unteren Rücken, um sie zum Aufzug zu geleiten. „Vielleicht beides.“
Wenig später saßen sie im exklusiven Restaurant in der obersten Etage des Towers, an ihrem Stammplatz am Fenster. Während der Kellner die Vorspeisen servierte...leichte, nährstoffreiche Kost für Nami und einen starken schwarzen Tee für Kai..., veränderte sich die Atmosphäre. Die geschäftliche Kühle wich einer unterschwelligen Anspannung vor dem bevorstehenden Termin.
„Hast du dir Gedanken darüber gemacht, was Arata heute ansprechen wird?“, fragte Nami leise, nachdem sie ein Stück gedünsteten Fisch gegessen hatte. Ihr Blick suchte den seinen, forschend und empathisch.
Kai rührte langsam in seinem Tee, sein Blick war auf die gläserne Oberfläche gerichtet. „Er hat es bereits bei einer unserer letzten Sitzungen angedeutet“, antwortete er mit einer Stimme, die eine Nuance kühler wurde...ein Zeichen dafür, dass er sich innerlich wappnete. „Er sagte damals, dass er zu einem späteren Zeitpunkt...eventuell noch einmal tiefer auf bestimmte Ereignisse aus meiner Jugend und Kindheit eingehen will. Die Zeit bei Biovolt, Boris... die Dinge, die mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin.“
Er hielt inne und sah Nami direkt an. Seine roten Augen wirkten in diesem Licht fast dunkel wie Blut. „Er will noch ein wenig mehr verstehen, wie diese Erlebnisse meine heutige Rolle als Vater und Ehemann beeinflussen. Vor allem jetzt, wo das nächste Kind unterwegs ist.“
Nami legte ihre Hand über seine auf den Tisch. Sie spürte die leichte Anspannung in seinen Sehnen. „Es ist wichtig, Kai. Auch wenn es unangenehm ist. Er will nur sicherstellen, dass diese alten Schatten nicht unbewusst zwischen dir und den Kindern stehen.“
Kai drehte seine Hand um und verschränkte seine Finger mit ihren. „Ich weiß. Trotzdem gefällt es mir nicht, in alten Wunden zu wühlen, die ich längst für geheilt erklärt habe. Aber...“, er machte eine kurze Pause und sein Griff wurde fester, „...ich habe versprochen, mich darauf einzulassen. Und ich halte meine Versprechen.“
Nami lächelte ihn ermutigend an. „Ich bin bei dir. Wie immer.“
Kai nickte knapp, trank seinen Tee aus und warf einen Blick auf seine Uhr. Es war kurz vor eins. In dreißig Minuten würde das Duell mit der eigenen Vergangenheit beginnen.
Um 13:30 Uhr klopfte es präzise an der Tür. Kai saß bereits an seinem massiven Schreibtisch, die Arme verschränkt, während Nami es sich in einem der Ledersessel bequem gemacht hatte. Dr. Arata trat ein...wie immer mit einer Ausstrahlung, die an die Ruhe eines tiefen Sees erinnerte.
„Guten Tag, Kai. Nami“, begrüßte er sie mit einem höflichen Kopfnicken. Sein Blick wanderte zu Nami und wurde eine Nuance herzlicher. „Es freut mich aufrichtig, dass Sie heute wieder dabei sind, Nami. Ihre Perspektive ist für unsere Arbeit hier von unschätzbarem Wert.“
Er setzte sich in den Sessel gegenüber von Kai, schlug seinen kleinen Notizblock auf und rückte seine Brille zurecht. Kai beobachtete ihn misstrauisch, die Muskeln in seinen Schultern bereits darauf vorbereitet, die psychologischen Mauern gegen die Schatten der Abtei und Boris hochzuziehen.
„Wir hatten beim letzten Mal darüber gesprochen, tiefer in Ihre prägenden Jahre einzutauchen“, begann Arata ruhig. Er bemerkte Kais defensive Haltung und ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. „Doch entgegen dem, was Sie vielleicht vermuten, Kai, möchte ich heute nicht noch tiefer über die Zeit in Russland sprechen. Zumindest noch nicht.“
Kai hob eine Augenbraue. Die unerwartete Richtung ließ ihn für einen Moment aus dem Konzept geraten.
„Ich möchte über die Zeit ab Ihrem sechzehnten Lebensjahr sprechen“, fuhr Arata fort. „Es war ein offensichtlicher Wendepunkt. Sie hatten Menschen gefunden, die auf Sie zählten...Ihre Teammitglieder bei G-Revolution. Ray, Max, Tyson... und natürlich Kenny.“
Arata legte den Stift kurz beiseite und fixierte Kais brennende rote Augen. „In dieser Phase Ihres Lebens brach die Isolation, die man Ihnen zuvor aufgezwungen hatte. Sie waren Teil eines Ganzen. Meine Frage an Sie ist: War Ihnen damals bereits bewusst, dass Sie nicht nur Teammitglieder, sondern Freunde gefunden hatten? Oder war es für Sie zu diesem Zeitpunkt immer noch nur eine funktionale Notwendigkeit, um der Beste zu sein?“
Nami beobachtete ihren Mann gespannt. Sie wusste, wie schwer es Kai fiel, Begriffe wie „Freundschaft“ für seine eigene Vergangenheit zu definieren.
Kai schwieg für einen langen Moment. Er entkoppelte seinen Blick von Dr. Arata und sah stattdessen hinaus auf die Skyline von Tokio, die unter der Nachmittagssonne glitzerte. Seine Finger trommelten einmal kurz auf die Armlehne seines Sessels, bevor er die Hand zur Faust ballte und sie ruhig ablegte.
„Bewusst?“, wiederholte Kai das Wort schließlich, und seine Stimme klang tiefer, fast ein wenig nachdenklich. „Nein. Zu diesem Zeitpunkt war das Wort 'Freundschaft' in meinem Wortschatz nicht existent. Für mich gab es nur Rivalen, Verbündete oder Hindernisse.“
Er machte eine Pause und warf Nami einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder dem Psychologen zuwandte. „Aber rückblickend... war es das erste Mal, dass Loyalität keine Einbahnstraße war, die auf Angst oder Gehorsam basierte. Bei G-Revolution... bei Tyson und den anderen... war es eine Form von Loyalität, die ich mir nicht erklären konnte. Sie suchten mich, auch wenn ich mich zurückzog. Sie verließen sich auf mich, ohne eine Gegenleistung zu fordern, außer dass ich mein Bestes gab.“
Dr. Arata nickte langsam und notierte sich etwas. „Es war also eine Erfahrung mit echter Loyalität, die Sie zuvor nie kennengelernt hatten. Wie hat sich das angefühlt, Kai? War es eine Erleichterung oder eher eine Bedrohung für Ihre Unabhängigkeit?“
Kai schnaubte leise, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Anfangs war es eine Bedrohung. Ich dachte, Bindungen machen schwach. Das war es, was man mir in der Abtei eingeprügelt hatte: Wer auf andere angewiesen ist, verliert seine Stärke. Aber diese Jungs... sie haben mir bewiesen, dass das Gegenteil der Fall ist.“
Nami legte den Kopf leicht schief, ein warmes Lächeln auf den Lippen. „Ich erinnere mich daran, wie du mir mal erzählt hast, dass Tyson dich wahnsinnig gemacht hat, weil er nie locker gelassen hat“, warf sie leise ein.
Kai sah sie an, und für einen Wimpernschlag wurde sein Blick weicher. „Er war eine Nervensäge. Aber er war die erste Nervensäge, die mich nicht als Werkzeug sah, sondern als... nun ja, als Kai.“
Er wandte sich wieder Arata zu. „Es war keine bewusste Entscheidung, Freunde zu finden. Es ist einfach passiert. Und ja, rückblickend war es die erste echte Loyalität, die ich empfunden habe. Eine, die nicht auf einem Vertrag oder Blutverwandtschaft beruhte.“
Dr. Arata beobachtete Kais Mimik genau. „Das ist ein wichtiger Punkt, Kai. Wenn wir über Loyalität sprechen, die nicht auf Blut beruht... wie beeinflusst das heute Ihre Sicht auf Ihre eigene Familie? Sie haben nun Kinder, die per Definition 'Blutverwandte' sind. Suchen Sie bei ihnen nach der gleichen bedingungslosen Loyalität, die Sie damals bei Ihren Freunden gefunden haben, oder haben Sie Angst, dass Blut allein nicht ausreicht, um diese Bindung zu halten?“
Die Frage hing schwer im Raum. Kai spürte, wie sich der psychologische Fokus von der Vergangenheit direkt auf seine aktuelle Rolle als Vater des bald fünfköpfigen Hiwatari-Nachwuchses verschob.
„Was das betrifft...bin ich eher gelassen. Wenn man für seine Kinder da ist, kommt die Loyalität von ganz allein."
Dr. Arata hörte aufmerksam zu und machte sich eine kurze Notiz, bevor er den Blick hob und Kai mit einem fast schon bewundernden Ausdruck ansah.
„Es ist eine bewusste Entscheidung zur Heilung“, stellte Arata fest. „Sie nutzen die Gelassenheit als Gegenentwurf zu der Welt, aus der Sie stammen. Sie haben einen Raum geschaffen, in dem Loyalität nicht durch Leistung verdient werden muss, sondern durch schlichte Existenz und Liebe gegeben ist.“
Kai lehnte sich ein Stück zurück. Seine Züge waren vollkommen entspannt, weit entfernt von der unterkühlten Maske, die er noch vor wenigen Stunden im Meeting getragen hatte. „Es ist eigentlich ganz simpel“, sagte er mit einer tiefen, ruhigen Stimme. „Ich liebe meine Kinder. Ich habe nie verstanden...weder mit sechzehn, noch heute..., wie man einem Kind absichtlich schaden oder ihm eine Kindheit verwehren kann, nur um ein Werkzeug aus ihm zu machen. Meine Ruhe ist kein taktisches Manöver. Es ist das, was sie verdienen.“
Nami sah ihren Mann von der Seite an, und ein weicher Glanz trat in ihre Augen. Sie wandte sich an Dr. Arata. „Es war für mich immer faszinierend zu beobachten“, warf sie leise ein. „Kai strahlt gegenüber den Kindern immer eine so kraftvolle, fast schon unerschütterliche Ruhe aus. Das hat dazu geführt, dass fast alle unsere Kinder im Kleinkindalter absolute Papakinder waren. Er musste gar nicht viel sagen...seine bloße Präsenz hat ihnen Sicherheit gegeben.“
Sie schmunzelte bei der Erinnerung und sah Kai kurz an. „Ich fand es immer unglaublich rührend zu sehen, wie Gou oder Sayuri in ihren ersten Jahren fast ausschließlich zu Papa wollten während die Zwillinge unter sich blieben. Wenn sie müde oder quengelig waren, gab es nichts anderes für sie; sie wollten auf seinem Arm schlafen oder stundenlang von ihm durch die Gegend getragen werden. Und Kai... er hat das mit einer Geduld getan, die man ihm von außen niemals zutrauen würde.“
Arata nickte langsam. „Diese ‚kraftvolle Ruhe‘, von der Nami spricht... Kai, ist das der Teil von Ihnen, den Sie bei G-Revolution entdeckt haben? Dass wahre Führung nicht durch Druck, sondern durch Beständigkeit entsteht? Dass Menschen...oder in diesem Fall Kinder...sich Ihnen anschließen, weil sie sich bei Ihnen sicher fühlen?“
Kai schwieg einen Moment und dachte an die kleinen Momente im Anwesen, wenn eines der Kinder sich einfach an ihn lehnte, ohne etwas zu verlangen. „Vielleicht“, gab er schließlich zu. „Damals bei Tyson und den anderen habe ich gelernt, dass man niemanden zwingen kann, einem zu folgen. Man muss derjenige sein, auf den sie sich verlassen können, wenn alles andere wegbricht. Bei meinen Kindern ist es nicht anders. Nur dass der Einsatz hier viel höher ist.“
„Und wie fühlen Sie sich dabei?“, hakte Arata sanft nach. „Wenn Sie diese absolute Zuneigung spüren, die keine Bedingungen stellt? Ist das die Entschädigung für das, was Ihnen mit sechzehn noch wie eine Bedrohung Ihrer Unabhängigkeit vorkam?“
Kai schwieg für einen Moment, doch sein Blick wanderte langsam von Dr. Arata weg und blieb an Nami hängen. Es war kein flüchtiger Blick, sondern einer voller Bedeutung, der die geschäftliche Distanz des Büros für einen Augenblick komplett auflöste.
„Es stimmt, dass G-Revolution das Fundament gelegt hat“, begann Kai, seine Stimme jetzt noch eine Spur tiefer und von einer entwaffnenden Ehrlichkeit geprägt. „Dort habe ich gelernt, was Loyalität bedeutet. Aber...“ Er machte eine kurze Pause und sah Nami direkt in die Augen. „Ich bin mir sicher, dass viele meiner mittlerweile positiven Eigenschaften nicht nur aus dieser Zeit stammen. Sie wurden hauptsächlich ein paar Jahre später geformt...durch die Frau, die gerade hier neben uns sitzt.“
Nami hielt unwillkürlich den Atem an. Sie kannte Kais Wertschätzung, doch sie so offen und direkt vor einem Dritten ausgesprochen zu hören, traf sie mitten ins Herz. Ein leichtes, warmes Erröten überzog ihre Wangen.
Kai wandte sich wieder an Dr. Arata, der den Moment schweigend und mit professioneller Faszination beobachtete. „Nami hat mir beigebracht, dass Ruhe nicht gleichbedeutend mit Distanz sein muss. Sie hat mir gezeigt, dass man jemanden an sich heranlassen kann, ohne seine Stärke zu verlieren. Wenn die Kinder heute bei mir diese Sicherheit suchen, dann deshalb, weil Nami mir den Raum gegeben hat, diese Seite an mir überhaupt erst zu entdecken und zuzulassen. Ohne sie wäre ich vielleicht ein gerechter Anführer geblieben, aber kein Vater, an den man sich zum Schlafen kuschelt.“
Ein fast unmerkliches Schmunzeln umspielte seine Lippen, während er weitersprach. „Sie ist der Grund, warum der ‚Zar‘ an der Hausschwelle des Ayame-Anwesens für die Kinder stehen bleibt. Sie hat mich nicht verändert...sie hat mich vervollständigt.“
Nami legte ihre Hand sanft auf seinen Unterarm und drückte ihn leicht. „Kai...“, hauchte sie, unfähig, mehr zu sagen, während ihr Blick vor Zärtlichkeit nur so sprühte.
Dr. Arata lehnte sich in seinem Sessel zurück und faltete die Hände. Er wirkte sichtlich beeindruckt von dieser Offenbarung. „Das ist eine bemerkenswerte Analyse, Kai. Sie geben der Partnerschaft den Kredit für Ihre emotionale Entwicklung. Das erklärt auch, warum diese ‚kraftvolle Ruhe‘ so authentisch wirkt – sie ist kein erlerntes Verhalten, sondern das Ergebnis von tiefem Vertrauen.“
Arata sah nun beide an. „Nami, wie nehmen Sie das wahr? Haben Sie sich jemals als ‚Formgeberin‘ für den Mann gesehen, der er heute für seine Kinder ist?“
Nami lehnte sich ein wenig vor, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen, während sie die Finger ihrer freien Hand ineinander verschränkte.
„Ich habe mich nie als Formgeberin gesehen, Dr. Arata“, begann sie leise. „Eher als jemand, der einfach nur darauf gewartet hat, dass das Licht, das ohnehin in ihm brannte, die Mauern durchbricht. Ich gebe zu... ich hatte schon sehr lange ein Auge auf ihn geworfen. Jahre, um genau zu sein.“
Kai schmunzelte.
„Ich kannte ihn aus dem Fernsehen, sah ihn oft auf Turnieren von der Tribüne aus“, fuhr Nami fort, während ihr Blick in die Ferne schweifte. „Da ich selbst erst mit achtzehn die Erlaubnis hatte, an Turnieren teilzunehmen, begegneten wir uns erst dann von Angesicht zu Angesicht. Aber es war nicht in einem gemeinsamen Match... es war in einem der Arenatunnel nach meinem Arena-Debüt.“
Sie lachte leise bei der Erinnerung. „Ich war so unglaublich aufgeregt. Mein Herz hatte so schnell und laut geschlagen, dass ich dachte, man müsse es sicher hören. Und dann passierte es: Diese wunderschönen Augen, deren Blick von so vielen Menschen als eiskalt und unnahbar beschrieben wurde, waren plötzlich auf mich gerichtet. Unsere Blicke trafen sich zum ersten Mal direkt.“
Arata beobachtete sie fasziniert, während er sich eine Notiz machte. Nami wandte sich wieder Kai zu, ihr Blick voller Wärme. „Er unterhielt sich mit mir in einer Leichtigkeit, die ich ihm nach allem, was man über ihn sagte, niemals zugetraut hätte. Er war nicht der arrogante Champion, als den ihn die Presse darstellte. Er war...recht zugänglich. Es hat mir sofort ein wohliges Gefühl vermittelt, eine Art instinktives Vertrauen, das ich mir damals selbst nicht erklären konnte.“
„Es war die erste Begegnung, in der ich nicht das Gefühl hatte, mich beweisen zu müssen“, fügte sie hinzu und sah wieder zu Dr. Arata. „Und genau diese Leichtigkeit, die er mir damals im Tunnel schenkte, schenkt er heute unseren Kindern. Er gibt ihnen das Gefühl, dass sie einfach sein dürfen. Ich habe ihm nur gezeigt, dass diese Seite an ihm sicher ist...dass er sie nicht verstecken muss, um respektiert zu werden.“
Dr. Arata nickte langsam. „Das ist ein sehr aufschlussreiches Beispiel, Nami. Kai, wie haben Sie diese Begegnung im Tunnel in Erinnerung? War Ihnen damals bewusst, dass Sie bei ihr eine Ausnahme von Ihrer üblichen Kühle machten?“
Ein leises, fast nostalgisches Schmunzeln stahl sich auf Kais Lippen.
„Wir haben erst wieder vor einigen Monaten kurz über diese Begegnung gesprochen“, gab Kai ruhig zu. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, die Finger locker verschränkt. „Nami dachte jahrelang, es sei Zufall gewesen, dass ich plötzlich dort im Tunnel stand. Aber das war es nicht.“
Er hielt kurz inne und sah seine Frau an, wobei sein Blick eine Intensität annahm, die Dr. Arata fast vergessen ließ, dass sie sich in einem sterilen Bürogebäude befanden.
„Ich war an diesem Tag eigentlich nur als Zuschauer in der Arena um der Bitte von Mr. Dickenson nachzukommen, oben in einer der Logen“, fuhr Kai fort. „Ich hatte ihr Match gesehen. Ihr Stil, ihre Präzision, ihre Ausstrahlung... ich war fasziniert von ihrem Talent. Aber als das Match vorbei war und sie im Tunnel verschwand, passierte etwas, das ich mir damals nicht rational erklären konnte. Ich hatte damals das dringende Bedürfnis, zu ihr zu gehen. Ich musste wissen, wer dieses unglaublich talentierte und wunderschöne Mädchen war.“
Nami sah ihn überrascht an, ihre Augen glänzten. Obwohl sie bereits viele Male darüber gesprochen hatten, klang es aus seinem Mund, in dieser förmlichen Umgebung, noch einmal ganz anders.
„Ich hatte so etwas noch nie zuvor gefühlt“, gestand Kai und wandte sich wieder an Arata. „Es war wie eine unsichtbare Anziehungskraft. Eine Energie, die mich förmlich von meinem Platz riss. Normalerweise bin ich niemand, der impulsiv handelt oder Fremde anspricht, erst recht nicht in einer solchen Situation. Aber bei Nami war alles anders. Diese Leichtigkeit, die sie vorhin erwähnte... sie war keine bewusste Entscheidung. Sie war die Reaktion auf ihre Anwesenheit. Es war, als hätte sie eine Tür in mir geöffnet, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert.“
Dr. Arata notierte sich eifrig etwas, während er den Kopf hob. „Das ist faszinierend, Kai. Sie beschreiben eine fast instinktive Erkenntnis. Dass Sie sich heute, Jahre später, so klar daran erinnern und es als Ursprung Ihrer emotionalen Entwicklung sehen, zeigt, wie tief diese Bindung von Anfang an war.“
Er sah von Kai zu Nami. „Es scheint, als wäre diese Begegnung im Tunnel der Moment gewesen, in dem der ‚Zar‘ zum ersten Mal erkannt hat, dass es eine Welt außerhalb von Kampf und Kontrolle gibt. Nami, Sie waren der Schlüssel zu dieser Welt. Und heute profitieren Ihre Kinder von genau dieser Tür, die Kai damals für Sie geöffnet hat.“
Arata legte seinen Stift beiseite und faltete die Hände.
Kai nickte langsam, während er Namis fragenden Blick auffing. Er wusste, dass sie zögerte...das Wissen über die tiefgreifende Verschmelzung zwischen einem Blader und seinem Bit-Beast war etwas höchst Privates, fast schon Heiliges. Nur wenige Menschen auf der Welt, wie er selbst mit Dranzer oder Nami mit Pegasus, besaßen diese seelische Resonanz, die weit über das bloße Beybladen hinausging.
Mit einem kaum merklichen, aber bestärkenden Nicken gab er ihr das Zeichen, dass er Dr. Arata vertraute.
„Wir fanden einige Monate nach diesem Treffen heraus, dass Nami eine ganz besondere Aura ausstrahlt“, erklärte Kai, wobei seine Stimme eine tiefe Ehrfurcht annahm. „Etwas, wovon sie selbst lange nichts wusste. Es ist das Resultat ihrer seelischen Verbindung mit Pegasus.“
Nami übernahm das Wort, ihre Stimme war ruhig, aber man spürte die Bedeutung ihrer Worte. „Dieser Teil meiner Aura nennt sich Seelenanker. Es ist eine Energie, die direkt aus der Verschmelzung mit meinem Bit-Beast entsteht. Sie wirkt besänftigend... sie ist in der Lage, innere Dunkelheit oder Kälte zu verdrängen, die andere, positivere Gefühle oft überlagern.“
Sie sah Dr. Arata direkt an. „Als Kai und ich uns begegneten, war sein Inneres von vielen Mauern und alten Schatten aus der Abtei geprägt. Mein Seelenanker hat damals nicht etwa seinen Charakter verändert oder Traumata geheilt, sondern lediglich den Raum geschaffen, in dem seine eigenen, unterdrückten Gefühle wieder atmen konnten. Er hat die Dunkelheit für einen Moment zur Seite geschoben, damit er er selbst sein konnte.“
Dr. Arata wirkte sichtlich bewegt. Er legte seinen Stift beiseite und faltete die Hände. Das Konzept von Bit-Beasts als psychologische Komponenten war ihm zwar theoretisch bekannt, doch die Schilderung einer so tiefen, symbiotischen Heilung war neu für ihn.
„Ein Seelenanker“, wiederholte Arata leise. „Das erklärt die ‚Leichtigkeit‘, von der Sie sprachen. Es war also keine bloße Sympathie, sondern eine energetische Resonanz. Kai, wie fühlt sich dieser Anker für Sie heute an? Ist es eine Konstante in Ihrem Leben geworden?“
Kai sah zu Nami und ein seltenes, friedliches Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Es ist das Fundament meines Zuhauses. Wenn ich durch die Tür des Ayame-Anwesens trete...wenn ich in ihrer Nähe bin, spüre ich, wie dieser Anker wirkt. Er erlaubt es mir, der Zar zu bleiben, wo es nötig ist, aber bei meiner Familie einfach nur Ehemann und Vater zu sein. Und ich sehe es in unseren Kindern...sie tragen Fragmente dieser Aura...und der Meinen in sich. Sie wachsen in einem Licht auf, das ich erst mit Zwanzig zum ersten Mal gespürt habe.“
Nami legte ihre Hand auf seine. „Und genau deshalb ist er heute so gelassen als Vater. Er muss nicht mehr gegen seine eigene Dunkelheit kämpfen, weil er weiß, dass sie keinen Platz mehr hat, solange wir zusammen sind.“
Dr. Arata lehnte sich ein Stück vor, sein Blick war nun vollkommen auf Kai fixiert. Er wirkte nicht mehr wie ein kühler Beobachter, sondern wie jemand, der die seltene Gelegenheit schätzt, einen Blick hinter die Legende des „Zaren“ zu werfen.
„Das ist ein entscheidender Punkt, Kai“, begann Arata mit ruhiger, eindringlicher Stimme. „Lassen Sie uns dort verweilen. Sie beschreiben diese plötzliche Anziehungskraft durch diese Aura, im Tunnel als fast schon schicksalhaft. Aber wie hat sich das für den Kai von damals angefühlt? Waren Sie... erschrocken über diese plötzlichen Gefühle, die so gar nicht in Ihr Weltbild passten?“
Kai schwieg einen Moment, und man sah förmlich, wie er in die Erinnerung eintauchte. Seine Finger verschränkten sich fester.
„Ich war überfordert“, gab er schließlich offen zu, und seine Stimme klang beinahe rau. „Ich verstand es schlichtweg nicht. Mein ganzes Leben lang war ich darauf konditioniert, Ablenkungen auszuschalten und nur auf das Ziel zu fokussieren. Aber plötzlich war da dieses Mädchen... und ich dachte ununterbrochen an sie. Ich überlegte ständig, was sie wohl gerade dachte, was sie tat oder wie es ihr ging. Die Mädchen davor interessierten mich nie mehr als nur auf körperlicher Ebene.“
Nami sah ihn von der Seite an, ihre Augen groß und voller Mitgefühl. Sie wusste um seine Kämpfe, aber ihn wieder so darüber sprechen zu hören, war selbst für sie intensiv.
„Das Bild ihrer schönen Augen... ihres Lächelns... es ging mir einfach nicht mehr aus dem Kopf“, fuhr Kai fort, und ein Anflug von bitterem Amüsement über sein damaliges Ich schlich sich in seinen Blick. „Und ich... ich habe mich dafür gehasst. Ich habe mich gehasst, weil ich sie nach dem Turnier einfach habe gehen lassen, ohne ihr wenigstens meine Nummer gegeben zu haben. Ich hatte in diesem Moment gezögert. Ich hatte mich aktiv dazu gezwungen, diesem Gefühl nicht nachzugeben.“
Arata hob leicht die Brauen. „Warum haben Sie sich dazu gezwungen?“
„Weil ich dachte, ich würde sie nur verletzen“, antwortete Kai knapp und ehrlich. „Ich dachte, meine Welt wäre zu dunkel für jemanden wie sie. Ich wollte sie schützen, indem ich sie gehen ließ...und habe dabei völlig unterschätzt, dass ich bereits längst an sie gebunden war.“
Dr. Arata nickte langsam, während er die Schwere dieser Worte wirken ließ. Er wandte sich kurz an Nami, die Kais Hand ergriff. „Und Sie, Nami? Haben Sie damals gespürt, dass dieser kühle Champion im Tunnel innerlich mit sich rang, oder wirkte er auf Sie einfach nur... anders?“
Nami lächelte wehmütig und blickte kurz zu ihren ineinander verschränkten Händen, bevor sie Dr. Aratas Blick wieder einfing.
„Es war seltsam“, begann sie leise. „Im Tunnel wirkte Kai eigentlich gelöst auf mich, auch wenn man deutlich merkte, dass er versuchte... nun ja, Distanz zu wahren. Aber ich habe ehrlich gesagt überhaupt nicht bemerkt, dass er an mir überhaupt interessiert sein könnte. Das lag vor allem daran, dass ich selbst krampfhaft versuchte, mein eigenes Interesse an ihm zu unterdrücken.“
Sie warf Kai einen amüsierten Seitenblick zu. „Ich wusste damals, dass das bei ihm nicht gut ankam. Es war ja ein allseits bekanntes Gerücht: Kai hatte zwar bereits als Jugendlicher die eine oder andere Affäre, aber Groupies und Mädchen, die sich ihm förmlich um den Hals warfen oder ihn anschmachteten, fand er eher lästig als schmeichelhaft. Ich wollte auf keinen Fall wie eine von ihnen wirken.“
Dr. Arata nickte verstehend. „Sie wollten seine Grenzen respektieren, noch bevor Sie ihn richtig kannten.“
„Genau“, bestätigte Nami. „Ein paar Stunden nach dieser ersten Begegnung im Tunnel traf ich ihn dann wieder. Eine Freundin nahm mich mit in eine der Logen...die Verlobte von Ray Kon, seinem ehemaligen Teamkollegen, der ebenfalls dort saß. Ich dachte, es wäre die perfekte Gelegenheit, aber Kai... er war dort plötzlich völlig verändert. Er war viel distanzierter als noch im Tunnel und redete kaum ein Wort. Er wirkte fast so, als wäre ich ihm egal oder als würde ihn meine Anwesenheit stören. Das war der Moment, in dem ich mich unwohl fühlte und beschloss, nach Hause zu gehen.“
Kai stieß einen schweren Seufzer aus und rieb sich mit der freien Hand über die Stirn, als würde ihn die Erinnerung an seine eigene Sturheit heute noch ärgern.
„Ich war ein Idiot“, warf er barsch ein, ohne den Blick von Dr. Arata abzuwenden. „In der Loge habe ich diese Mauern nur deshalb wieder hochgezogen, weil ich mit der Intensität meiner eigenen Reaktion auf sie nicht klarkam und meine Freunde alles beobachteten. Aber als sie dann aufstand und ging... da hätte ich am liebsten alles stehen und liegen gelassen.“
Er sah Nami an, und in seinen roten Augen lag eine tiefe Aufrichtigkeit. „Ich wollte ihr nachgehen. Ich wollte mich entschuldigen und sie nicht einfach so gehen lassen... denn ich wollte so viel mehr über sie wissen. Ich wollte wissen, wer dieses Mädchen als Person...als Mensch ist, das mich so aus dem Konzept bringt. Aber ich war so... verdammt stur. Ich saß da fest, gefangen in meinem eigenen Stolz, und habe zugesehen, wie sie verschwindet.“
Dr. Arata hielt den Moment fest, indem er aufhörte zu schreiben. „Das ist ein klassisches Beispiel für den Kampf zwischen dem ‚Zaren‘, der keine Schwäche zeigen darf, und dem jungen Mann, der zum ersten Mal eine echte Verbindung spürt. Kai, dieser Moment, in dem Sie sitzen blieben, obwohl jede Faser Ihres Körpers ihr nachgehen wollte... wie lange hat es gedauert, bis Sie diesen Fehler korrigiert haben?“
Dr. Arata lehnte sich interessiert vor, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.
Kai nickte knapp, wobei ein Funke von Respekt für seinen Schwiegervater in seinem Blick aufblitzte. „Es würde Stunden dauern, im Detail zu erklären, wie viel mein heutiger Schwiegervater dazu beigetragen hat, diesen Fehler zu korrigieren. Aber der Wendepunkt kam zwei Wochen nach diesem Abend in der Loge. Ich erhielt einen Anruf von Hiro Tachiba.“
Nami lächelte und drückte Kais Hand etwas fester. Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihr Vater mit einem fast schon zu unschuldigen Gesichtsausdruck verkündet hatte, wer heute in der Firma zu Gast sein würde.
„Er lud mich zu Tachibey Industries ein“, fuhr Kai fort. „Er wollte, dass ich ein neues Kampfprofil für einen ihrer neuen Trainingsroboter erstelle, das auf meinem Kampfmuster basierte, da der vorige zerstört wurde. Ich zögerte zuerst...ich hatte genug andere Dinge zu tun. Doch Hiro... als hätte er es geahnt... erwähnte ganz beiläufig am Telefon, dass seine Tochter Nami ebenfalls jeden Tag in der Firma sei und sie sich sicher freuen würde, mich wiederzusehen.“
Dr. Arata rückte seine Brille zurecht und sah Kai forschend an. „Das ist interessant. Aber Kai, lassen Sie mich nachhaken: Sie wussten also von Anfang an, wer sie war. Warum haben Sie in diesen zwei Wochen davor nicht versucht, sie anderweitig zu kontaktieren? Über Social Media, gemeinsame Kontakte... es gäbe heute so viele Wege.“
Kai stieß ein kurzes, trockenes Lachen aus, das eher wie ein Schnauben klang. Er sah zu Nami und dann wieder zu Arata. „Ich hatte zwar Kontakt zu ihrem Bruder aber...ich wusste schlichtweg nicht, was ich als Vorwand hätte benutzen können, um sie zu kontaktieren“, gab er unumwunden zu. „Immerhin war ich am Ende unserer ersten Begegnung ein regelrechtes Arschloch gewesen. Ich war distanziert, unterkühlt und hatte sie praktisch ignoriert.“
Er machte eine kurze Pause und seine Stimme wurde eine Nuance leiser. „Was hätte ich denn sagen sollen? ‚Hey, tut mir leid, dass ich mich wie ein Idiot verhalten habe, aber ich kriege dein Lächeln nicht aus dem Kopf‘? Das war die Frage, die ich mir zwei Wochen lang jeden Tag stellte. Ich war blockiert. Bis Hiro Tachiba mir diesen Vorwand zwei Wochen später auf einem Silbertablett servierte.“
Nami kicherte leise. „Mein Vater wusste damals ganz genau, was er tat. Er hatte gesehen, wie ich nach diesem Turnierabend nach Hause gekommen war...ein wenig traurig und verwirrt wegen Kais Verhalten. Er hat das Spiel zwischen uns durchschaut, bevor wir es selbst verstanden haben...aber er hatte auch mehr damit zu tun, als wir zu Beginn ahnten.“
Arata notierte sich eifrig etwas. „Also war es eine berufliche Brücke, die es Ihnen erlaubte, Ihr Gesicht zu wahren, während Sie gleichzeitig Ihrem Instinkt folgten. Kai, als Sie an diesem Tag das Gebäude von Tachibey Industries betraten... war der Zar noch an Ihrer Seite, oder war es der junge Mann, der einfach nur hoffte, dass sie ihm verziehen hatte?“
Dr. Arata beobachtete Kais Gesichtsausdruck genau, als dieser den Kopf schüttelte. Ein leises, fast schon selbstironisches Lächeln lag auf seinen Lippen, während er sich an die Zeit zurückerinnerte, in der er sich selbst im Weg gestanden hatte.
„Die Zeit, ein Idiot zu sein, war damit leider noch lange nicht vorbei“, gab Kai zu und rieb sich kurz den Nacken. „Ich unterdrückte mein Interesse an ihr erneut. Ich gab mich professionell...oder zumindest versuchte ich es mit aller Macht. Ich verbrachte damals viel Zeit mit Nami bei Tachibey Industries. Wochen um genau zu sein. Wir bestritten gemeinsame Trainings und Testmatches, wir redeten viel, ich lief mit ihr durch die Hallen der Firma ihres Vaters...ich holte sie sogar mehrmals von der Schule ab.“
Er hielt inne und stieß einen langen Seufzer aus. Sein Blick wurde weich, als er Nami ansah, die ihn mit einem vielsagenden Funkeln in den Augen beobachtete. „Ich liebte es, Zeit mit ihr zu verbringen. Ich liebte ihr Lachen, ihre liebevolle entspannte Art, ihren seltsamen Humor... und was machte ich? Ich war wie immer. Ich redete zwar mit ihr, aber ich wahrte eine Distanz, die fast schon lächerlich war. Ich hielt sie auf Abstand, während ich innerlich jede Sekunde mit ihr genoss.“
Nami kicherte leise und übernahm das Wort. „Es war zum Wahnsinnigwerden. Er war so... korrekt. Bis ich es einfach nicht mehr aushielt und anfing, ihn über seine Gefühle auszufragen. Ich wollte wissen, ob er jemals verliebt war, ob er überhaupt wusste, wie sich das anfühlt.“
Kai nickte langsam. „Ich erinnere mich noch genau an ihren Blick, als ich ihr sagte, dass ich noch nie verliebt war und deshalb auch noch nie zuvor in einer echten Beziehung gesteckt hatte. Sie sah so... traurig aus. Es war ein Blick, der mich mehr traf als jeder Schlag in der Abtei.“ Er schmunzelte kurz, ein trockenes, ehrliches Geräusch. „Und dann war sie plötzlich fast schon beleidigt. Sie wusste natürlich, dass ich mit meinen damals Zwanzig Jahren nachweislich schon einige Bettgeschichten hinter mir hatte und dadurch auch schon...einige gebrochene Herzen auf meinem Konto verbuchen konnte. Sie verstand nicht, wie das zusammenpasste: Körperliche Nähe, aber keine emotionalen Bindungen.“
Dr. Arata hob interessiert eine Braue. „Ein klassischer Schutzmechanismus. Sexuelle Freiheit als Ersatz für emotionale Intimität. Wie haben Sie in diesem Moment reagiert, Kai?“
Kai lehnte sich zurück, sein Blick wurde intensiver. „Ich bemerkte in diesem Moment erst richtig, warum es sie so beleidigte. Und ich fragte sie direkt... ob sie mir diese Fragen nur deshalb stellte, weil sie schlichtweg nicht verstand, warum ich nicht versuchte,...sie ins Bett zu bekommen.“
Nami wurde ein wenig rot um die Nasenspitze, lachte aber dennoch leise. „Die Frage kam so unvermittelt und trocken, wie nur Kai sie stellen kann. Es war, als hätte er die Luft aus einem Ballon gelassen. Die ganze Spannung der letzten Wochen entlud sich in diesem einen Moment.“
Arata notierte sich eifrig etwas. „Das war der Moment, in dem die Maske des Profis endgültig Risse bekam, nicht wahr? Sie haben die sexuelle Komponente angesprochen, um der emotionalen Tiefe zu entkommen.“
Dr. Arata beobachtete die beiden nun schweigend. Man merkte, wie sehr diese alten Erinnerungen noch immer eine elektrische Spannung im Raum erzeugten doch keiner der Beiden sagte etwas....
Arata räusperte sich kurz.
„Lassen Sie uns diesen Moment genauer betrachten“, sagte Arata sanft. „Kai, Sie haben die Distanz nicht aus Desinteresse gewahrt, sondern aus einer Form von... Fürsorge?“
Kai nickte langsam, seine Stimme war jetzt fest und ohne Umschweife. „Nami fühlte sich nach meiner direkten Frage sichtlich ertappt. Aber in diesem Moment fühlte ich mich selbst schuldig. Ich spürte nun ganz deutlich, wie sehr sie mich wollte...und das hat mich innerlich zerrissen.“
Er sah Dr. Arata direkt an. „Ich sagte ihr damals die Wahrheit: Dass ich sie sehr mag und sie respektiere. Und dass ich mich genau deshalb zurückhielt...um ihr nicht weh zu tun. Ich gab zu, dass ich mich extrem zu ihr hingezogen fühlte, aber ich sagte ihr auch, dass ich wusste, was sie von mir erwarten würde: eine Beziehung...Liebe. Und ich war davon überzeugt, dass ich dafür definitiv der Falsche sei. Ich sah mich immer noch als den emotional verkrüppelten Jungen aus der Abtei, der zu echter Bindung nicht fähig war.“
Arata rückte seine Brille zurecht und blickte zu Nami. „Was geschah dann? Wie haben Sie diese Worte aufgenommen?“
Nami ergriff das Wort, ihre Stimme war leise und man konnte den Nachhall des damaligen Schmerzes noch immer heraushören. „Ich habe mich in diesem Moment einfach nur geschämt“, gab sie offen zu. „Ich schämte mich für meine Fragen, dafür, dass ich mich so weit vorgewagt hatte... und natürlich für diese Abfuhr, die er mir so kühl und direkt erteilt hatte. Ich fühlte mich entblößt, fast schon...gedemütigt.“
Sie hielt kurz inne und sah Kai an, doch ihr Blick war heute frei von Groll. „Und ich war gleichzeitig unendlich traurig. Denn im Gegensatz zu ihm wusste ich damals schon ganz genau, was mit mir los war: Ich war bereits ziemlich und bis über beide Ohren verliebt in ihn. Und zu hören, dass er sich für 'den Falschen' hielt, fühlte sich an wie eine endgültige Mauer, gegen die ich gelaufen war.“
Dr. Arata notierte sich erneut eifrig etwas. „Ein klassischer Konflikt: Die Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit trifft auf die Verletzlichkeit der ersten großen Liebe. Kai, Sie dachten, Sie schützten sie...aber in Wahrheit haben Sie sie genau mit diesem Schutz verletzt, nicht wahr?“
Kai presste die Lippen zusammen und nickte kaum merklich. „Ja. Es war der Punkt, an dem ich einsehen musste, dass meine Logik nicht mehr funktionierte.“
Dr. Arata hielt inne, den Stift knapp über dem Papier, und beobachtete Kais Gesichtsausdruck, der in diesem Moment jede professionelle Distanz verloren hatte.
„Ich bemerkte sofort, wie sie versuchte, der Situation zu entfliehen“, erzählte Kai weiter, seine Stimme nun deutlich bewegter. „Ich sah plötzlich Tränen in ihren Augen...und im nächsten Moment sah ich nur noch, wie sie aufstand und wegeilte. Es war wie ein Reflex... mein Körper handelte, bevor mein Verstand überhaupt begreifen konnte, was los war. Ich hastete hinter ihr her, wollte sie aufhalten, um...um noch einmal mit ihr zu reden, um es irgendwie geradezurücken.“
Er hielt kurz inne und sah Nami an, sein Blick tief und voller Reue für den Schmerz von damals, aber auch voller Wärme. „Ich weiß, ich habe dir das schon mehr als einmal erzählt, was ich in diesem Moment gedacht habe“, sagte er leise zu ihr, „aber ich muss es einfach noch einmal tun...erst Recht, damit Dr. Arata versteht wieso es damals so war.“
Er wandte sich wieder an Arata, der den Atem anzuhalten schien. „Sie stolperte. Ich wollte sie auffangen, sie stützen... und dabei riss es uns beide zu Boden. Ich dachte gar nicht wirklich viel nach. Es passierte alles innerhalb von Sekunden.“
Kai beschrieb die Szene mit einer Präzision, als würde er sie gerade wieder durchleben. „Ich hatte den Sturz abgefangen und landete direkt über ihr. Sie lag auf dem Rücken unter mir, wir keuchten beide... und plötzlich gab es keine Mauern mehr. Keine Ausreden, keinen ‚Zaren‘. Es war nur noch sie.“
Sein Blick wurde fast schon verloren in der Erinnerung. „Ihr Duft... ihre Haut... ihre Lippen. Es war wie ein weiterer Reflex, gegen den ich keinerlei Chance hatte. Ich musste sie einfach küssen. Es war, als hätte mein Körper endlich die Führung übernommen, nachdem mein Verstand wochenlang versucht hatte, uns beide zu sabotieren.“
Nami lächelte, ihre Augen glänzten bei der Schilderung dieses Moments, der alles verändert hatte. „Es war der Moment, in dem die Zeit stillstand“, ergänzte sie leise. „Die Traurigkeit und die Scham waren mit einem Schlag vergessen.“
Arata nickte langsam, ein feines Lächeln auf den Lippen. „Ein Reflex der Seele, könnte man sagen. Kai, in diesem Moment, als dieser Kuss geschah... war das der Augenblick, in dem Ihnen klar wurde, dass Sie doch nicht ‚der Falsche‘ waren? Dass Ihre Angst, sie zu verletzen, durch etwas weitaus Stärkeres ersetzt worden war?“
Dr. Arata beobachtete Kais Reaktion mit einer Mischung aus Verständnis und professioneller Neugier. Man konnte förmlich spüren, wie die unterkühlte Logik des jungen Kai von damals mit der Intensität des Augenblicks kollidiert war.
Kai schüttelte leicht den Kopf, sein Blick war auf einen Punkt an der Wand fixiert, als würde er die Szene noch einmal kritisch Revue passieren lassen.
„So...kann man das nicht sagen...“, sagte Kai mit einer fast schon strengen Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. „Es war nicht so, dass danach alles sofort gut war. Ich gab zu... ich genoss diesen Kuss so sehr, dass ich ihn beinahe vertieft hätte. Alles in mir wollte genau das. Aber dann... zwang ich mich aufzuhören. Ich riss mich regelrecht los.“
Er stieß ein kurzes, frustriertes Lachen aus und sah Arata an. „Ich hasste mich in diesem Moment selbst. Ich fühlte mich wie der letzte Idiot. Denken Sie mal darüber nach: Ich hatte ihr buchstäblich Sekunden zuvor noch in aller Deutlichkeit gesagt, dass es zwischen uns keinen Sinn macht, dass ich der Falsche bin...und dann, im nächsten Moment, falle ich über sie her und küsse sie? Es war völlig widersprüchlich. Ich kam mir vor wie jemand, der seine eigenen Prinzipien nicht im Griff hat.“
Nami sah ihn an, ihr Lächeln war nun ein wenig wehmütiger. „Du warst so streng mit dir selbst, Kai. Du hast dich für deinen Instinkt geschämt, dabei war es das Ehrlichste, was du in diesen Wochen getan hast.“
Arata nickte langsam und machte sich eine Notiz. „Diese Selbstverurteilung ist bezeichnend. Sie haben den Kuss nicht als Befreiung erlebt, sondern als moralisches Versagen gegenüber Ihrer eigenen Entscheidung, sie zu schützen. Sie fühlten sich inkonsequent.“
„Genau das“, bestätigte Kai knapp. „Ich dachte, ich hätte gerade bewiesen, dass ich genau der unberechenbare, egoistische Typ bin, vor dem ich sie eigentlich bewahren wollte. Ich stand da und wollte am liebsten im Erdboden versinken, weil ich meine eigene Maske zertrümmert hatte.“
Arata legte den Stift beiseite. „Und doch war genau dieser Bruch der Maske der Anfang von allem, nicht wahr? Wie haben Sie diese Spannung aufgelöst, nachdem Sie sich wie ein ‚Idiot‘ gefühlt hatten? War es Nami, die die Situation gerettet hat?“
Er verstand, dass Kai in diesem Moment versuchte, seine eigene Verwundbarkeit durch extreme Kühle zu überdecken.
„Ich wandte mich sofort ab“, erzählte Kai weiter, und man hörte die Selbstkritik in jedem Wort. „Ich wollte jetzt selbst der Situation entfliehen, so schnell wie möglich. Aber als Nami aufstehen wollte, bemerkte ich, dass sie sich beim Sturz am Fuß verletzt hatte. Sie kam nicht hoch.“
Ein kurzes Schweigen entstand. Kai sah Nami an, die den Blick ruhig erwiderte. „Natürlich konnte ich sie nicht einfach dort liegen lassen. Mein Instinkt, sie zu beschützen, war immer noch da, auch wenn ich gerade alles vermasselt hatte. Ich half ihr auf, und als ich sah, dass sie absolut nicht laufen konnte, hob ich sie hoch in meine Arme.“
Er schüttelte fast ungläubig den Kopf über sein damaliges Ich. „Ich trug sie den ganzen Weg zum Betriebsarzt. Aber ich sagte kein einziges Wort. Wir schwiegen uns an, während sie in meinen Armen lag. Und dann... als wäre ich nicht schon genug ein Idiot gewesen, sagte ich ihr, während ich sie trug, sie solle das, was gerade geschehen war, lieber vergessen.“
Nami lachte leise auf, ein klares, herzliches Geräusch, das die Schwere der Erinnerung auflockerte. „Es war so absurd, Kai. Du trägst mich durch die halbe Firma, ich spüre dein Herz schlagen, und du sagst mir mit deiner kühlsten Stimme, ich solle den Kuss einfach aus meinem Gedächtnis löschen. Als ob das möglich gewesen wäre.“
Kai verzog das Gesicht. „Wie ich schon sagte: ein richtiger Idiot. Ich dachte wirklich, wenn ich es nur oft genug verleugne, würde die Anziehungskraft verschwinden. Ich wollte die Kontrolle zurückgewinnen, indem ich so tat, als wäre der Kuss ein technischer Fehler gewesen.“
Dr. Arata machte sich eine Notiz und sah dann auf. „Es ist bemerkenswert, wie sehr Sie damals versucht haben, Ihre Emotionen zu intellektualisieren. Sie trugen sie in Ihren Armen...eine physische Geste größter Nähe..., während Sie gleichzeitig verbal die größtmögliche Distanz einforderten. Kai, war Ihnen in diesem Moment klar, dass Sie bereits verloren hatten, oder glaubten Sie wirklich noch, dass Sie sie davon überzeugen könnten, Sie zu vergessen?“
Kai lehnte sich zurück und atmete tief durch. „Tief im Inneren wusste ich es wahrscheinlich schon. Aber der Zar in mir war noch nicht bereit, kampflos aufzugeben.“
Nami lehnte sich ein Stück vor, ihre Augen leuchteten bei der Erinnerung an diesen Moment, trotz der damaligen Frustration. Ein kleines, triumphierendes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie Kai von der Seite ansah.
„Er hat sich wirklich eingebildet, dass ein schlichter Befehl ausreicht, um das was passiert war, ungeschehen zu machen“, sagte Nami und wandte sich wieder Dr. Arata zu. „Aber was er nicht verstanden hat: Nach diesem Kuss konnte ich ihn erst recht nicht vergessen. Im Gegenteil...jetzt wollte ich ihn erst recht.“
Arata hob interessiert die Augenbrauen. „Der Kuss hat also die Sehnsucht nach ihm verstärkt?“
„Vollkommen“, bestätigte Nami entschieden. „Dieser Kuss hatte so unendlich viel in mir ausgelöst. Er war nicht kühl oder distanziert, wie Kai sich immer gab. Er war intensiv. Er hat mir in diesen wenigen Sekunden mehr verraten, als er in all den Wochen zuvor mit Worten hätte ausdrücken können. Er hat mir gezeigt, dass er mich genau so sehr will, wie ich ihn wollte.“
Sie machte eine kurze Pause und ihr Blick wurde weicher. „In diesem Moment wurde mir klar, dass seine zeitweise kühle Art nur Fassade war. Er versuchte krampfhaft, gegen seine eigenen Gefühle anzukämpfen, aber sein Körper und sein Instinkt hatten ihn verraten. Von da an wusste ich, dass ich nicht lockerlassen durfte. Ich hatte gesehen, wer hinter dem Zaren steckte, und ich war nicht bereit, diesen Mann wieder hinter Mauern verschwinden zu lassen.“
Kai, der schweigend zugehört hatte, rieb sich verlegen die Schläfe. Man sah ihm an, dass er heute über seine damalige Sturheit nur noch den Kopf schütteln konnte. „Ich war in meiner eigenen Logik gefangen“, gab er leise zu. „Ich dachte, wenn ich mich nur unmöglich genug verhalte, würde sie das Interesse verlieren. Ich habe völlig unterschätzt, wie hartnäckig Nami sein kann, wenn sie erst einmal ein Ziel vor Augen hat.“
Dr. Arata lächelte und notierte sich etwas. „Es ist faszinierend zu sehen, wie diese Dynamik.
.Kais Widerstand und Namis Entschlossenheit... das Fundament für das Vertrauen gelegt hat, das Sie heute haben. Nami, Sie haben damals bereits die Stärke besessen, Kai vor sich selbst zu retten.“
Arata blickte auf die Uhr und dann wieder in die Runde.
Nami lachte leise auf und schüttelte den Kopf, während sie Kai mit einem liebevollen, fast schon neckenden Blick korrigierte.
„Jetzt untertreibst du aber maßlos mit dir selbst, Kai“, warf sie ein. „Wo bitte hast du dich denn damals unmöglich benommen? Abgesehen von der Sache direkt nach dem Kuss natürlich.“
Kai sah sie etwas verdutzt an, doch Nami fuhr direkt fort und wandte sich dabei wieder an Dr. Arata. „Die Wochen davor, bei Tachibey Industries... er war wundervoll. Vielleicht hat er es selbst gar nicht bemerkt, weil er so sehr mit seinem inneren Kampf beschäftigt war, aber er war tatsächlich...überraschend gesprächig. Und sehr tiefgründig.“
Ein breites Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Und er war sehr oft unbeabsichtigt lustig. Ich erinnere mich noch zu gut daran, wie er sich ständig mit Gudbrok gestritten hat, dem damaligen Sekretär meines Vaters. Die beiden sind bei fast jedem Termin aneinandergeraten.“
Sie kicherte bei der Erinnerung. „Ich liebe seine trockenen Kommentare bis heute. Damals musste ich so oft über seine Art lachen...und erst recht noch mehr, wenn er mich völlig entgeistert ansah, weil er absolut nicht verstand, was daran nun schon wieder so lustig war. Er war so... er selbst, ohne es zu merken.“
Kai zog eine Augenbraue hoch, ein kleiner Ausdruck von gespielter Empörung, doch er ließ sie ausreden.
„Aber das Wichtigste war etwas anderes“, sagte Nami und ihre Stimme wurde wieder ernst und warm. „Ich fühlte mich bei ihm einfach wohl und sicher. Ich fühlte mich gesehen. Er behandelte mich mit echtem Respekt...wie einen Menschen, wie eine ebenbürtige Partnerin und nicht wie eine Trophäe, die man bei einem Turnier gewinnt. Diese Mischung aus seiner Intelligenz, seiner versteckten Fürsorge und diesem trockenen Humor... das war es, was mich so tief beeindruckt hat. Nicht mehr nur der Champion, sondern der Mann, der da mit mir durch die Gänge lief.“
Dr. Arata beobachtete Kai, der nun sichtlich versuchte, seine Verlegenheit hinter einer neutralen Miene zu verbergen, was ihm jedoch nur mäßig gelang.
„Das ist eine sehr wertvolle Beobachtung, Nami“, sagte Arata und blickte zu Kai. „Es scheint, als wäre Ihre ‚Fassade‘ schon damals viel durchlässiger gewesen, als Sie es sich selbst eingestehen wollten. Während Sie dachten, Sie wahren Distanz, haben Sie Nami bereits Ihr wahres Ich gezeigt...Ihre Werte, Ihren Humor und Ihren Respekt.“
Kai räusperte sich kurz. „Ich schätze, ich war damals so darauf konzentriert, keine ‚Fehler‘ zu machen, dass ich gar nicht gemerkt habe, wie viel ich eigentlich von mir preisgegeben habe. Gudbrok... ja, der Mann war eine Herausforderung für meine Geduld. Aber dass Nami das als ‚lustig‘ empfunden hatte...“ Er schüttelte den Kopf, doch in seinen Augen blitzte ein Funke von Wärme auf. „Ich dachte damals, ich würde einfach nur meinen Standpunkt klarmachen.“
Dr. Arata schloss seinen Notizblock mit einem leisen, zufriedenstellenden Geräusch und rückte seine Brille ein letztes Mal zurecht. Er blickte über den Rand seiner Gläser hinweg auf das Paar, das auch nach sechzehn Jahren eine Einheit bildete, die fast physisch im Raum greifbar war.
„Es ist beeindruckend“, begann er sein Fazit, während er sich leicht zurücklehnte. „Normalerweise verbringe ich Sitzungen damit, die Vergangenheit zu entwirren, um die Gegenwart zu flicken. Aber bei Ihnen beiden scheint die Vergangenheit kein Ballast zu sein. Sie ist das Skelett Ihres Hauses. Kai, was Sie damals als ‚Fehler‘ oder ‚stur‘ bezeichnet haben, war in Wahrheit der Reifungsprozess eines Mannes, der lernen musste, dass Macht ohne Empathie wertlos ist. Und Nami, Ihre Hartnäckigkeit war kein bloßer Impuls, sondern die intuitive Erkenntnis, dass hinter dem ‚Zaren‘ ein Herz schlägt, das es wert war, dafür zu kämpfen.“
Er erhob sich langsam. „Wir beenden die Sitzung für heute hier. Sie sind nicht mehr die Jugendlichen im Arenatunnel oder bei Tachibey Industries. Aber die Tatsache, dass diese Erinnerungen heute noch so lebendig sind, zeigt mir, dass die Leidenschaft und der Respekt von damals nie erloschen sind. Sie haben diese Schatten nicht nur besiegt, Sie haben sie in Licht verwandelt.“
Mit einem höflichen Kopfnicken verabschiedete sich Dr. Arata und verließ leise das Büro. Die schwere Tür fiel mit einem sanften Klicken ins Schloss.
Stille breitete sich aus, nur unterbrochen durch das leise Summen der Klimaanlage des Towers. Nami saß immer noch im Sessel, ihren Blick auf ihre Hände gerichtet, die leicht zitterten. Die Reise in die Vergangenheit hatte etwas in ihr aufgewühlt. Die Hormone der Schwangerschaft taten ihr Übriges; sie fühlte sich plötzlich sehr verletzlich, als stünde sie wieder als achtzehnjähriges Mädchen vor dem unnahbaren Kai Hiwatari.
„Sechzehn Jahre...“, murmelte sie leise und wischte sich unauffällig eine einzelne Träne aus dem Augenwinkel, bevor sie zu Kai aufsah.
Er stand an seinem Schreibtisch, beobachtete sie genau und spürte sofort den Stimmungswechsel. Er trat um den massiven Tisch herum, zog sie sanft an den Händen hoch und schlang seine Arme um sie. Nami lehnte ihre Stirn gegen seine Brust und atmete den vertrauten Duft seines Sakkos ein.
„Sag mal“, flüsterte sie mit einer Stimme, die zwischen Wehmut und Belustigung schwankte, während sie zu ihm aufblickte. „Sind wir hier eigentlich mittlerweile in einer Paartherapie gelandet? Ich dachte, diese Sitzungen seien für dich, damit du deine Schatten sortieren kannst... und ich bin nur zur moralischen Unterstützung hier.“
Sie versuchte zu lächeln, doch ihre Augen waren noch immer feucht. „Ich fühle mich gerade so... zurückversetzt. Als wäre ich wieder die kleine Nami, die im Tunnel darauf wartet, dass der große Kai Hiwatari sie endlich bemerkt.“
Kai legte seine Hand an ihre Wange und strich mit dem Daumen über ihre Haut. Sein Blick war so intensiv, dass sie den Atem anhielt.
„Vielleicht ist jede Therapie für einen Mann auch eine Therapie für seine Beziehung“, antwortete er ruhig, wobei seine Stimme das tiefe Grollen annahm, das sie so sehr liebte. „Aber mach dir keine Sorgen. Wir brauchen keine Therapie, um zu wissen, wer wir füreinander sind. Das hier heute... das war nur eine Bestätigung für Arata. Er sollte sehen, dass er es nicht mit zwei getrennten Patienten zu tun hat, sondern mit einem Fundament, das niemand mehr einreißen kann.“
Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn. „Und was die ‚kleine Nami‘ angeht... sie hat den großen Kai Hiwatari schon längst besiegt. In dem Moment, als er sie zum ersten Mal sah.“
.....
