Dr. Arata
Ein kühler Wind fegte über die Glasfassade des Towers, als der Aufzug sie lautlos in die obersten Etagen trug. Die samstägliche Ruhe im Gebäude bildete einen starken Kontrast zum hektischen Treiben der restlichen Woche. Kai hielt Namis Hand. Er hatte bemerkt, wie blass sie in den letzten Tagen war...die morgendliche Übelkeit hatte sie nun fest im Griff, und selbst mittags kämpfte sie oft noch mit den flauen Gefühlen im Magen.
Als sie vor der gläsernen Front der Geschäftsführung zum Stehen kamen, blieb Kai stehen und sah sie ernst, aber mit einer neuen Sanftheit an.
„Hör zu“, begann er, seine Stimme tief und ruhig. „Wir machen es heute genau so, wie wir es besprochen haben. Du arbeitest nur so viel, wie du dich danach fühlst. Wenn dein Körper Pausen verlangt, dann nimmst du sie dir...ohne Wenn und Aber. Ich will nicht, dass du dich zwischen den Aktenbergen quälst, wenn dir eigentlich nach Hinlegen zumute ist.“
Nami lächelte schwach und drückte seine Hand. „Ich versuche es, Kai. Aber du weißt, wie schwer mir das Nichtstun fällt.“
„Ich weiß...deswegen wolltest du auch nicht Zuhause bleiben obwohl du dich heute morgen ziemlich oft übergeben musstest...“, erwiderte er mit einem schmalen Lächeln, bevor sein Blick etwas nachdenklicher wurde. Er atmete kurz durch, als würde er sich innerlich auf etwas vorbereiten. „Und noch etwas... Heute Nachmittag um halb zwei kommt Dr. Arata hierher ins Büro. Ich möchte nicht mehr, dass er kommt, wenn du weg bist. Wenn du dich stark genug fühlst und es möchtest... dann würde ich mich freuen, wenn du bei der Sitzung dabei bist.“
Nami hielt inne. Sie sah die Ehrlichkeit in seinen roten Augen...kein Funken von Scham mehr, nur die Einladung, diesen Teil seines Weges mit ihm zu teilen.
„Du möchtest wirklich, dass ich dabei bin?“, fragte sie leise.
Kai nickte knapp. „Du bist der Grund, warum ich das alles mache, mein Schatz. Es gibt nichts mehr, was ich vor dir verheimlichen muss. Du gehörst dazu...zu mir und zu allem, was ich noch lernen muss.“
Nami sah ihn mit einem tiefen, warmen Leuchten in den Ozean-Augen an. „Ich bin sehr gerne dabei, Kai. Das bedeutet mir unglaublich viel“, hauchte sie und drückte seine Hand, bevor sie sich für die nächsten Stunden in ihre jeweiligen Reiche zurückzogen.
Die darauffolgenden Stunden im 45. Stockwerk verliefen in einer produktiven, fast schon meditativen Stille, die nur durch das leise, rhythmische Klicken von Tastaturen und das gelegentliche Rascheln von schweren Aktenseiten unterbrochen wurde. Es war eine jener Samstagschichten, die sie beide liebten...ohne den hektischen Druck des Alltagsgeschäfts, aber mit der gewohnten Präzision ihres gemeinsamen Imperiums.
Doch die gewohnte Distanz zwischen ihren Büros fühlte sich heute anders an. Kai, der normalerweise stundenlang in seine Analysen versinken konnte, ohne den Kopf zu heben, schien eine innere Unruhe zu verspüren, die nichts mit den Quartalszahlen zu tun hatte. Alle dreißig bis vierzig Minuten tauchte seine markante Silhouette im Türrahmen von Namis Büro auf. Mal brachte er einen Vorwand...eine kurze Rückfrage zu einer Klausel im Hokkaido-Vertrag oder eine Unterschrift, die angeblich sofort geleistet werden musste..., doch Nami wusste es besser. Sein Blick glitt jedes Mal prüfend über ihr Gesicht, suchte nach Anzeichen von Blässe oder Erschöpfung und wanderte fast unmerklich zu ihrem Bauch, bevor er sich mit einem knappen Nicken und einem leichten Lächeln wieder zurückzog.
Nami wiederum genoss diese Aufmerksamkeiten sichtlich. Sie revanchierte sich, indem sie jede Stunde in sein Reich hinüberwechselte, ihm wortlos ein frisches Glas Wasser auf den Schreibtisch stellte oder sich für einen Moment schweigend gegen die Kante seines massiven Glastischs lehnte, um die Ruhe zu genießen, die er ausstrahlte. Es war ein lautloser Tanz der gegenseitigen Rückversicherung.
Um exakt 11:48 Uhr legte Nami schließlich ihren silbernen Füllfederhalter beiseite. Ein flaues Gefühl in ihrem Magen meldete sich, doch es war diesmal eher ein Signal von Hunger als von Übelkeit. Sie erhob sich, strich ihr elegantes Etuikleid glatt und trat erneut in Kais Büro.
„Ich mache eine kurze Pause“, verkündete sie und lehnte sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen. „Ich habe wieder mal eine wahnsinnige Lust auf einen Milkshake. Ich gehe kurz runter in die Lobby an die Café-Bar.“
Kai hielt mitten in einer Mail inne und sah über den Rand seines Bildschirms auf. Seine Stirn legte sich in tiefe, skeptische Falten. „In die Lobby?“, fragte er mit diesem leicht autoritären Unterton, der jedoch sofort von echter Besorgnis gemildert wurde. „Stört dich der Kaffeegeruch dort eigentlich nicht?“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf und trat einen Schritt auf ihn zu. „Keine Sorge. Der Geruch dort unten ist kein Problem. Die Lobby ist so gewaltig groß und durch die andauernd geöffneten Haupteingänge zieht immer ein frischer Windzug durch die Halle. Die schweren Kaffeearomen verfliegen dort so schnell, dass sie mich kaum erreichen. Es ist dort viel luftiger als hier oben in den geschlossenen Etagen. Die letzten Tage war es auch kein Problem.“
Kai starrte sie einen Moment lang schweigend an, als würde er die logische Belastbarkeit ihrer Argumente prüfen. Dann klappte er mit einer entschlossenen Bewegung seinen Laptop zu und stand auf. Die geschmeidige Kraft in seinen Bewegungen verriet, dass er froh über die Unterbrechung war.
„In Ordnung“, entschied er und griff nach seinem dunkelgrauen Sakko, das über der Rückenlehne seines Stuhls hing. „Ich begleite dich. Ich kann ohnehin gerade keine Zahlen mehr sehen und brauche etwas anderes als dieses stille Wasser hier oben. Ich werde mir einen Schwarztee holen.“
Als sie gemeinsam den Korridor zu den privaten Aufzügen entlangschritten, legte Kai ganz selbstverständlich seine Hand um ihre Taille.
Während die verspiegelte Kabine lautlos in die Tiefe glitt, beobachtete Nami ihr beider Spiegelbild. Kai wirkte entspannt, die harte Linie um seinen Mund war einer sanften Aufmerksamkeit gewichen.
„Du weißt, dass die Leute wieder tuscheln werden, wenn wir dort unten gemeinsam auftauchen“, bemerkte sie leise lächelnd.
„Sollen sie“, erwiderte er trocken, während sich die Türen zur Lobby öffneten. „Ich bin der CEO. Wenn ich Lust auf einen Tee in meiner eigenen Lobby habe, dann ist das ein geschäftliches Statement.“
Die Lobby empfing sie mit einer angenehmen Weite. Tatsächlich strömte bei jedem Schwingen der Glastüren kühle Novemberluft herein, die den Duft von Freiheit und Stadtleben mit sich brachte und die schweren Kaffeeröstungen der Bar mühelos neutralisierte.
Kai löste seinen Arm von ihrer Taille, nur um im nächsten Moment sanft nach ihrer Hand zu greifen. Mit einer Selbstverständlichkeit, verschränkte er seine Finger fest mit den ihren.
Gemeinsam schritten sie auf den polierten Marmorboden hinaus. Das rhythmische Echo ihrer Schritte schien die geschäftige Samstags-Atmosphäre der Lobby augenblicklich zu bändigen. Nami spürte die Blicke, die wie unsichtbare Nadeln auf ihnen ruhten...von den Sicherheitskräften an den Scannern bis hin zu den wenigen Angestellten, die am Wochenende Dienst hatten. Sie konnte ein amüsiertes Schmunzeln nicht unterdrücken, als sie an das Getuschel der PR-Damen hinter dem Pflanzenspalier zurückdachte.
„Heute hielt er ihre Hand fest umschlossen... das ist viel intimer“,
hallte es in ihrem Kopf wider. Wenn die Damen sie jetzt sehen könnten, würde die Tuschelei im Tower wahrscheinlich mal wieder überkochen.
Kai schien von der Unruhe um sie herum wie immer vollkommen unberührt. Sein Blick war nach vorne gerichtet, die kühle Autorität in seinen Zügen gepaart mit einer neuen, fast schon majestätischen Gelassenheit.
„Wir holen uns jetzt deine Erfrischung“, sagte er leise, seine Stimme tief und nur für sie bestimmt, während sie auf die moderne Café-Bar zusteuerten. „Danach arbeiten wir die letzten Berichte auf. In einer Stunde können wir dann in Ruhe zum Mittagessen gehen, bevor Dr. Arata um 13:30 Uhr zu uns ins Büro kommt.“
Nami nickte und drückte seine Hand fest. Die Erwähnung des Termins löste kein Unbehagen mehr in ihr aus, sondern ein tiefes Gefühl von Stolz auf den Mann an ihrer Seite.
An der Bar angekommen, hielten die Gespräche der wenigen Gäste schlagartig inne. Die junge Barista, die gerade dabei war, eine Siebträgermaschine zu polieren, erstarrte förmlich, als der CEO höchstpersönlich vor ihr auftauchte...und das nicht im Vorbeigehen, sondern Hand in Hand mit seiner Frau.
„G-guten Tag, Mr. Hiwatari. Mrs. Hiwatari“, stammelte sie und verbeugte sich hastig, wobei sie fast ein Glas umstieß. Ihre Augen huschten fassungslos zu ihren verschränkten Händen. „Was... was darf ich Ihnen bringen?“
„Einen Erdbeer-Milkshake für meine Frau“, ordnete Kai an, ohne seine Hand von Namis zu lösen. Sein Blick war ruhig, aber die Intensität seiner roten Augen sorgte dafür, dass die Barista sofort in höchste Betriebsamkeit verfiel. „Und für mich einen Schwarztee. Stark, ohne Zucker.“
Während die Barista mit zitternden Händen die Erdbeeren und die Milch vorbereitete, lehnte sich Kai ein Stück näher zu Nami. Er ignorierte die neugierigen Blicke der Umstehenden vollkommen. Für ihn existierte in diesem Moment nur die Frau, deren Hand er hielt. Der frische Luftzug der Lobby wehte die schweren Kaffeearomen fort, genau wie Nami es vorausgesagt hatte, und ersetzte sie durch die kühle Reinheit des Novembermorgens.
„Geht es deinem Magen gut?“, murmelte er, seinen Fokus ganz auf sie gerichtet, während im Hintergrund das Mixgerät aufheulte.
Nami lächelte ihn strahlend an, unbeeindruckt vom Tuscheln hinter ihrem Rücken.
„Mit dir an meiner Seite, mein Zar? Immer...“
Er schmunzelte und drückte ihre Hand.
Kai nahm den dampfenden Becher mit dem Schwarztee entgegen und sah über den Rand hinweg kurz in die Weite der Lobby. Die kühle Brise tat gut, und der Anblick von Nami, wie sie genüsslich den ersten Schluck von ihrem Erdbeer-Milkshake nahm, schien ihn endgültig aus dem Arbeitsmodus zu holen.
„Sollen wir uns noch einen Moment setzen?“, fragte er ruhig und deutete mit dem Kopf auf die tiefen, anthrazitfarbenen Ledersofas in der Nähe des großen Fensterflügels. „Hier unten ist die Luft besser als im 45. Stock, und du siehst so aus, als täte dir die Pause gut.“
Nami zog die Augenbrauen hoch und sah ihn belustigt an. „Wenn wir uns jetzt dort hinsetzen, Kai, dann könnten wir ja theoretisch auch direkt unsere Mittagspause vorziehen“, neckte sie ihn. „Der CEO der Tachiwari-Corporation, wie er am Samstagmittag zusammen mit seiner Frau in seiner eigenen Lobby entspannt... das wäre das Bild des Jahres für die PR-Abteilung.“
Kai nahm einen langsamen Schluck von seinem starken Tee, unbeeindruckt von ihrem Spott. „Eigentlich...“, erwiderte er, während er den Becher wieder senkte und sie mit einem fast schon herausfordernden Glitzern in den Augen ansah, „...ist das eine verdammt gute Idee. Warum nicht?“
Nami lachte hell auf und gab ihm einen kleinen Stups mit ihrem Ellenbogen gegen die Seite. „Kai! Wir haben beide noch einen Stapel Akten auf dem Tisch liegen, die bis Montag fertig sein müssen. Und die Berichte aus Hokkaido lesen sich auch nicht von allein. Wir haben noch was zu tun!“
Kai zuckte nur völlig tiefenentspannt mit den Schultern, eine Geste, die früher bei ihm undenkbar gewesen wäre, wenn es um Arbeit ging. Er führte sie trotzdem zielstrebig zu einem der Sofas und wartete, bis sie sich gesetzt hatte, bevor er sich neben sie gleiten ließ. Er verschränkte die Beine und lehnte sich zurück, den Teebecher locker in der Hand.
„Das hat Zeit, mein Schatz.“, sagte er schlicht. „Die Firma wird nicht untergehen, wenn wir uns eine Stunde früher Zeit für uns nehmen. Außerdem...“ Er warf ihr einen Seitenblick zu, der deutlich weicher war als seine übliche geschäftsmäßige Miene. „...ist es wichtiger, dass du und das kleine Erbe da drin einen entspannten Vormittag habt. Die Zahlen laufen uns nicht weg. Arata ist erst um halb zwei da. Bis dahin gehört die Zeit uns.“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf, gab sich aber geschlagen. Sie rückte ein Stück näher an ihn heran und genoss die seltene Ruhe inmitten ihres Imperiums. „Ein völlig entspannter Kai Hiwatari. Früher hättest du mich wahrscheinlich eigenhändig zurück an den Schreibtisch geschleift, wenn ich auch nur das Wort 'Pause' erwähnt hätte.“
„Menschen ändern sich eben...“, murmelte er und legte seinen freien Arm um ihre Schulter, während die wenigen Passanten in der Lobby versuchten, so unauffällig wie möglich wegzusehen, obwohl sie Zeuge eines erneuten zärtlichen Moments zwischen den Eheleuten wurden.
Nami lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter und genoss den kühlen Erdbeergeschmack ihres Shakes, während das sanfte Treiben der Lobby an ihnen vorbeizog. Die Novembersonne warf lange, helle Streifen auf den Marmor.
„Wo wir gerade bei Entspannung sind“, begann Nami leise und sah zu ihm auf. „Lumina hat mich vorhin angerufen. Sie hat heute diesen wichtigen Termin beim Frauenarzt...sie erfährt endlich, ob sie und Tala einen Jungen oder ein Mädchen erwarten. Wir wollten uns danach, so gegen 16:30 Uhr, in Sunshine City treffen. Sie will unbedingt schon mal Babysachen sichten.“
Sie machte eine kurze Pause und strich mit dem Finger über den Rand ihres Bechers. „Ich würde sie gerne begleiten. Möchtest du vielleicht mitkommen? Tala ist später noch bei einem Termin in der Academy, also wären wir erst einmal unter uns.“
Kai hielt den Teebecher in der Luft inne. Sein Blick fixierte einen Punkt in der Ferne, während sein Schutzinstinkt sofort ansprang. Er sah Nami an...sie wirkte jetzt, nach dem Shake und der Ruhe, wieder etwas lebendiger, doch die Blässe der letzten Tage war ihm nicht entgangen. Der Gedanke, sie in das samstägliche Getümmel von Ikebukuro und Sunshine City ziehen zu lassen, widerstrebte seinem Bedürfnis, sie in seiner Nähe zu wissen, wo er jede Veränderung ihres Zustands sofort bemerken konnte.
Er schien tatsächlich einen Moment lang ernsthaft zu überlegen, ob er seine Termine für den späten Nachmittag absagen sollte, um als stummer, wachsamer Schatten hinter den beiden Frauen herzulaufen. Dann jedoch stahl sich ein schmales, fast schon selbstironisches Schmunzeln auf seine Lippen.
„Ich glaube, ich würde zwischen all den Pastelltönen und Baby-Stramplern nur die Dekoration ruinieren“, sagte er trocken und drückte ihre Schulter etwas fester. „Geh ruhig allein mit Lumina. Ihr zwei werdet sicher genug zu bereden haben, besonders nach den Neuigkeiten. Aber...“ Er sah sie eindringlich an, sein Blick war nun wieder der des Mannes, der nichts dem Zufall überließ. „...ich möchte dich später abholen. Sag mir einfach, wann ihr fertig seid, und ich stehe vor dem Haupteingang.“
Nami lachte hell auf und sah ihn amüsiert an. „Kai! Fragst du dich etwa ernsthaft, ob ich den Weg nach Hause nicht mehr allein finde? Ich bin seit Jahren in dieser Stadt unterwegs...und ich hätte Graham angerufen um mich abzuholen.“
Kai zuckte nicht einmal mit den Wimpern, als er den letzten Schluck seines Tees nahm. „Das hat nichts mit deinen Navigationskünsten zu tun, oder damit dass ich Graham sogar mein Leben anvertrauen würde, Nami. Ich fühle mich einfach besser, wenn ich dich selbst abholen kann, während dir vielleicht wieder flau im Magen ist. Akzeptier es einfach als eine meiner... neuen Prioritäten.“
Nami schüttelte schmunzelnd den Kopf, doch in ihrem Inneren breitete sich eine wohlige Wärme aus. „In Ordnung, mein Beschützer. Ich melde mich bei dir, sobald Lumina genug rosa oder blaue Söckchen gekauft hat.“
„Gut“, erwiderte er knapp, stellte den leeren Becher auf den kleinen Tisch vor ihnen.
Nami lehnte sich noch ein Stück weiter in die weichen Polster des Sofas und genoss die restlichen zehn Minuten in der lichtdurchfluteten Lobby. Die kühle Brise, die durch die Schwingtüren hereinwehte, tat ihr unglaublich gut. Es war eine jene seltenen Phasen der Stille, in denen die geschäftige Tachiwari-Corporation um sie herum einfach zur Kulisse wurde.
„Komm“, sagte Kai schließlich leise und half ihr sanft beim Aufstehen. „Wir gehen jetzt nach oben ins Restaurant. Ich möchte, dass du vor dem Termin mit Arata ordentlich isst, damit dein Kreislauf stabil bleibt.“
Sie fuhren in das oberste Stockwerk, wo das Restaurant des Towers an diesem Samstag fast leer war. Der Kellner führte sie an ihren Stammplatz am Fenster. Während sie auf ihre leichte Gemüsesuppe und den gedünsteten Fisch warteten, legte Kai seine Unterarme auf den Tisch und sah Nami direkt an. Die anfängliche Distanz, die er oft um das Thema Therapie aufgebaut hatte, war nun endgültig verschwunden.
„Du hast mich heute morgen gefragt, was wir die letzten Monate besprochen haben“, begann er ruhig. „Arata hat mir geholfen zu verstehen, dass meine... Intensität, wie du sie nennst, oft nur ein Schutzmechanismus war. Ein Relikt aus der Zeit von Biovolt. Ich dachte immer, ich müsste alles und jeden kontrollieren, um sicherzustellen, dass mir... oder dir...nie wieder etwas zugestoßen kann.“
Nami hörte gebannt zu, während sie an ihrem Wasser nippte.
„Wir haben viel über den Begriff der 'Stärke' geredet“, fuhr er fort, wobei seine Stimme noch tiefer wurde. „Dass es keine Schwäche ist, die Kontrolle abzugeben oder Hilfe anzunehmen. Er hat mir gezeigt, wie ich den Zorn kanalisiere, der mich früher oft stoisch und unberechenbar zugleich gemacht hat. Besonders in Bezug auf die Kinder und dich... ich lerne gerade, dass mein Schutzinstinkt nicht zwangsläufig in Herrschsucht umschlagen muss.“
Nami legte ihre Hand auf seine. „Ich habe dir ha bereits gesagt, dass ich gemerkt habe, wie du dich verändert hast, Kai. Du bist immer noch du, aber da ist jetzt eine Ruhe in dir, die vorher nicht da war.“
Kai schmunzelte kaum merklich und drückte ihre Hand. „Es ist ein Prozess. Aber mit dir an meiner Seite fällt es mir leichter, diese neuen Seiten an mir zu akzeptieren.“
Sie aßen in entspannter Atmosphäre zu Ende, wobei Kai penibel darauf achtete, dass Nami genug trank. Das Gespräch über seine Fortschritte schien das letzte Band der Verheimlichung zwischen ihnen zerschnitten zu haben.
Um exakt 13:20 Uhr erhob sich Kai und reichte ihr galant den Arm. „Es ist Zeit. Arata ist ein Mann der Pünktlichkeit, und ich möchte nicht, dass wir ihn warten lassen.“
Gemeinsam verließen sie das Restaurant und machten sich auf den Weg zurück zum Chefbüro im 45. Stock. Als sie den hellen Korridor entlangschritten, wirkte Kai vollkommen gefasst. Er öffnete die schwere Tür zu seinem Reich, in dem die Luft bereits angenehm neutral und frisch war...bereit für das Gespräch, das nun folgen sollte.
Bereits fünf Minuten später durchschnitt ein präzises, höfliches Klopfen die spannungsgeladene Luft.
Kai atmete tief durch, ordnete mit einer gewohnten, knappen Geste sein Sakko und trat zur Tür. Als er sie öffnete, stand dort ein Mann, der den perfekten Gegensatz zu Kais imposanter Erscheinung bildete. Dr. Arata war etwa Anfang 50, klein und eher schmächtig gebaut. Sein Gesicht wurde von einem markanten, bauschigen Schnauzer und einer runden Brille geprägt, hinter der wache, freundliche Augen blitzten. Er trug einen ordentlichen, hellbraunen Anzug und hielt eine abgewetzte Aktentasche fest im Griff.
Als der Psychologe Nami im Raum entdeckte, hoben sich seine Brauen vor Überraschung weit nach oben. Er trat ein und verneigte sich so tief, dass seine Brille fast von der Nase rutschte.
„Mrs. Hiwatari!“, rief er mit einer Stimme, die erstaunlich warm und melodiös klang. „Es ist mir eine außerordentliche Ehre und eine große Freude, endlich Ihre Bekanntschaft zu machen. Ihr Ehemann hat mir in unseren Sitzungen bereits so viel über Sie erzählt, dass ich das Gefühl habe, Sie schon seit Jahren zu kennen.“ Er richtete sich auf und lächelte aufrichtig. „Es erfüllt mich mit großer Zuversicht, dass Sie mich heute gemeinsam mit ihm empfangen.“
Kai legte seine Hand kurz auf Namis Rücken und sah den Doktor ruhig an. „Meine Frau möchte heute an der Sitzung teilnehmen. Ich habe keine Geheimnisse mehr vor ihr...und ich denke, ihre Perspektive wird dem Prozess guttun.“
Dr. Arata wirkte geradezu entzückt über diesen Vorschlag. Er rückte seine Brille zurecht und deutete mit einer einladenden Geste auf das große, anthrazitfarbene Sofa unter dem Panoramafenster. „Hervorragend! Eine wunderbare Entwicklung, Mr. Hiwatari. Bitte, nehmen Sie beide Platz. Machen Sie es sich bequem.“
Nami und Kai ließen sich gemeinsam auf dem Sofa nieder, wobei Kai ganz selbstverständlich ihre Hand ergriff und seine Finger wieder mit ihren verschränkte, während Dr. Arata einen Sessel heranzog, seine Aktentasche öffnete und einen Notizblock auf seinen Schoß legte.
Dr. Arata lehnte sich in seinem Sessel zurück, legte die Fingerspitzen aneinander und beobachtete das Paar über den Rand seiner runden Brille hinweg. Die Atmosphäre im Raum hatte sich augenblicklich verdichtet, als Nami das Wort ergriff. Kai saß neben ihr, die Wirbelsäule kerzengerade, während sein Griff um ihre Hand fast unbewusst fester wurde.
„Dr. Arata“, begann Nami mit einer Stimme, die so fest und klar war, dass sie keinen Raum für Zweifel ließ. „Bevor wir tiefer in Kais Fortschritte eintauchen, möchte ich eines ganz deutlich klarstellen: Ich hatte nie ein Problem mit ihm. Nicht in den letzten sechzehn Jahren, in denen wir unser Leben teilen.“
Sie warf Kai einen kurzen, tiefen Blick aus ihren Ozean-Augen zu, bevor sie sich wieder dem Psychologen zuwandte.
„Ich wusste immer, warum er sich so verhält, wie er es tut. Es war wie ein Instinkt. Ich habe gespürt, warum er oft so fordernd, so besitzergreifend und manchmal fast schon besessen wirkte...besonders, wenn er mir körperlich nahe war. Für Kai war diese Nähe zu mir nie nur Verlangen; es war wie eine Heilung für ihn. Ich habe immer gewusst, dass dieses Bedürfnis nach absoluter Kontrolle daher rührte, dass ihm als Kind vieles genommen wurde. In der Abtei wurde er misshandelt, er besaß dort gar nichts, nicht einmal die Macht über seine eigenen Entscheidungen.“
Im Büro herrschte eine atemlose Stille. Dr. Arata nickte langsam, während er sich eifrig eine Notiz machte, doch sein Blick blieb auf Nami fixiert.
„Ich liebe ihn gerade deshalb, weil er so intensiv ist in allem, was er tut“, fuhr sie fort und legte ihre freie Hand auf Kais Unterarm. „Ich will nicht, dass er denkt, er müsse sich ändern, um ein 'normaler' Ehemann zu sein. Er soll zufrieden sein. Er soll innerlich glücklich werden. Aber er muss nicht krampfhaft versuchen, seine Natur zu unterdrücken. Ich liebe die Dynamik unserer Ehe. Ich liebe unsere neckischen Machtspielchen und die Art, wie er seine Dominanz nutzt, um mich zu verführen. Das ist ein Teil von uns, ein Teil von ihm, den ich niemals missen möchte.“
Sie hielt inne und sah Dr. Arata direkt an. „Ich wollte, dass Sie das hören. Dass Sie wissen, dass der Mann, den Sie hier therapieren, für mich bereits vollkommen ist...ich möchte nur, dass er denselben Frieden mit sich schließt, den ich schon vor Jahren mit seinem Charakter geschlossen habe.“
Kai war sichtlich ergriffen. Der sonst so unerschütterliche Zar der Tachiwari-Corporation schien für einen Moment sprachlos. Er sah Nami an, und in seinen roten Augen glomm ein Licht, das weit über bloße Dankbarkeit hinausging. Ihm fehlten die Worte; er konnte nur ihren Handrücken an seine Lippen führen und einen langen, bebenden Kuss darauf drücken.
Dr. Arata räusperte sich leise und rückte seine Brille zurecht. Ein sanftes Lächeln breitete sich unter seinem bauschigen Schnauzer aus.
„Das...“, begann der Doktor leise, „...ist eine der kraftvollsten Offenbarungen, die ich in meiner Laufbahn je gehört habe, Mrs. Hiwatari. Sie nehmen ihm den Druck, eine Maske tragen zu müssen, die gar nicht zu ihm passen würde. Mr. Hiwatari, das ist ein gewaltiger Durchbruch. Wenn die Basis Ihrer Beziehung nicht die Unterdrückung dieser Züge ist, sondern deren Akzeptanz, dann können sie sich darauf konzentrieren, wie Sie diese Intensität genießen können, ohne dass sie von den alten Ängsten der Vergangenheit überschattet wird.“
Er sah Kai an, der langsam wieder zu seiner Fassung fand. „Wie fühlen Sie sich bei diesen Worten, Kai?“
Kai starrte Nami sekundenlang einfach nur an, während die emotionale Wucht ihrer Worte noch im Raum nachhallte. Er schluckte schwer, ein seltener Moment, in dem die Maske des unnahbaren CEO vollkommen gefallen war.
„Nami…“, begann er schließlich, seine Stimme war tief und klang belegt. Er sah kurz zu Dr. Arata, dann wieder fest in ihre Ozean-Augen. „Du hast mir das über die Jahre hinweg immer wieder gesagt. Und tief in mir habe ich es auch immer so empfunden, denn ich habe gesehen, dass du glücklich bist. Ich habe gespürt, dass du diese… Spannung zwischen uns nicht nur akzeptierst, sondern aktiv suchst.“
Er hielt inne und strich mit dem Daumen über ihren Handrücken, fast so, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich hier war. „Aber ich hatte einfach immer diese quälende Sorge, etwas zu übersehen. Dass ich in meiner Intensität, in diesem Drang, alles zu kontrollieren, vielleicht zu wenig Raum für die sanfte Zärtlichkeit lasse oder für den Blick für die wichtigen Dinge. Ich hatte Angst, dass ich nach außen hin zu besitzergreifend bin… dass ich dich ersticke, ohne es zu merken. Ein Mann, der so viele Traumata mit sich herumschleppt wie ich… ich hatte oft das Gefühl, dass ich für eine Frau wie dich einfach… zu viel und für die Kinder zu wenig bin.“
Dr. Arata beobachtete Kai schweigend, ein wissendes Lächeln auf den Lippen, während er sah, wie der „Zar“ seine tiefste Unsicherheit aussprach: Die Angst, das Beste in seinem Leben durch seine eigene Natur zu beschädigen.
Nami wartete nicht auf eine Reaktion des Doktors. Sie löste ihre Hand aus seinem Griff, lehnte sich vor und nahm sein Gesicht fest in beide Hände. Ihre Finger strichen über seine Wangenknochen, genau dort, wo die früheren blauen Markierungen seiner Kindheit saßen, und zwangen ihn, ihrem Blick nicht auszuweichen.
„Hör mir gut zu, Kai Hiwatari“, sagte sie mit einer Sanftheit, die dennoch so unumstößlich war wie Granit. „Ich habe es dir sicher schon hunderte Male gesagt...und ich sage es dir nochmal. Du warst niemals zu viel. Und du wirst auch niemals zu viel sein. Nicht für mich.“
Sie kam ihm so nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Ich wollte keinen zahmen Mann. Ich wollte keinen Mann, der jeden Tag dauergrinst und zu Allem ja sagt oder der seine Leidenschaft filtert, um gesellschaftlich akzeptabel zu sein. Ich wollte dich...genau so, wie du bist. Mit deiner Kälte nach außen, mit deiner besessenen Art, mich und die Kinder zu beschützen, und ja, auch mit deiner Dominanz und Intensität. Du bist perfekt so. Du bist mein Anker und zugleich meine größte Sehnsucht.“
Kai schloss für einen Moment die Augen und atmete zittrig aus.
Dr. Arata räusperte sich leise, ein warmes Glitzern hinter seinen runden Brillengläsern. „Wissen Sie, Mr. Hiwatari… die meisten Menschen kommen zu mir, weil sie sich ändern wollen. Aber Ihr größter Durchbruch ist die Erkenntnis, dass Heilung nicht bedeutet, jemand anderes zu werden. Es bedeutet, die Erlaubnis zu haben, man selbst zu sein...und zu sehen, dass man genau dafür geliebt wird. Was Nami Ihnen gibt, ist das, was Ihnen in der Abtei verwehrt wurde: Absolute Sicherheit ohne Bedingungen.“
Kai öffnete die Augen wieder. Das brennende Rot wirkte nun klarer, friedlicher. Er legte seine Hände über ihre, die noch immer sein Gesicht hielten.
„Danke, mein Schatz.“, flüsterte er, und es war das erste Mal, dass dieses Wort in diesem Büro nicht nach einer geschäftlichen Floskel klang.
Dr. Arata blätterte bedächtig in seinen Unterlagen, bevor er den Blick hob und Kai erneut ansah. „Kai, erinnern Sie sich an eine unserer ersten Einzelsitzungen? Wir sprachen über eine Begegnung. Sie wirkten damals, vor fünf Monaten, sehr erschüttert von dem, was dieser Mann...Ihnen in diesem Club vor Augen geführt hatte. Sie nannten ihn einen 'Ritter ohne Schatten'.“
Kai versteifte sich merklich, doch der Blick in seinen roten Augen war heute klarer, weniger gequält als damals. Er spürte, wie Nami neben ihm aufmerksam wurde. Sie erinnerte sich an das Gespräch in London; sie dachten beide, das Thema Miguel sei längst zu den Akten gelegt. Doch Dr. Arata bohrte tiefer in eine Ebene, die Kai in Mayfair nur gestreift hatte.
„Sie gestanden mir damals“, fuhr Dr. Arata ruhig fort und sah dabei auch Nami an, „dass Sie sich in diesem Moment ernsthaft gefragt haben, ob Nami mit ihm möglicherweise ein glücklicheres Leben geführt hätte. Sie sprachen davon, dass Sie ihr sechzehn Jahre eines Kampfes zugemutet haben, den sie mit einem... 'unbeschädigten' Mann nie hätte führen müssen.“
Stille breitete sich im Raum aus. Nami hielt den Atem an. Sie sah zu Kai, dessen Kiefermuskeln arbeiteten, während er die Worte des Psychologen verarbeitete. Er hatte ihr in London zwar gesagt, dass er sich glücklich schätzte, dass sie auf ihn gewartet hatte...aber diesen einen, vernichtenden Gedanken, dass sie es mit Miguel besser gehabt hätte, den hatte er damals für sich behalten. Er hatte sie nicht mit der vollen Härte seiner damaligen Selbstzweifel belasten wollen.
„Du hast das damals wirklich geglaubt?“, fragte Nami leise. Ihre Stimme zitterte nicht; sie war voller ungläubiger Sanftheit.
Kai atmete tief durch und sah sie nun direkt an. Die Unsicherheit von vor fünf Monaten war einer reflektierten Ruhe gewichen, doch die Ehrlichkeit blieb. „Ja, in den ersten Wochen nach dem Club... da war dieser Gedanke mein ständiger Begleiter“, gab er mit rauer Stimme zu. „Er hatte keine Abtei in den Knochen, Nami. Keine Dunkelheit, die er mit in dein Bett bringt. Ich habe mir vorgestellt, wie dein Leben an seiner Seite ausgesehen hätte... ohne die Kälte, ohne die Momente, in denen ich mich hinter meinen Mauern einsperrte. Ich dachte wirklich, ich hätte dir ein Licht gestohlen, das er dir einfach hätte lassen können."
Ihre ozeanfarbenen Augen brannten vor einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete.
„Kai!“, begann sie, während Dr. Arata beobachtete, wie die Dynamik des Paares den Raum füllte. „Ich habe dir in London gesagt, dass ich mir an dir die Zähne ausbeißen wollte. Und weißt du, warum? Weil ein 'Ritter ohne Schatten' für mich kein Profil hat. Miguel ist ein wunderbarer Mensch, aber er ist wie eine ruhige See...man kann darauf segeln, aber man spürt das Leben nicht.“
Sie atmete kurz durch. „Ich wollte keinen Mann, der keine Narben hat. Ich wollte den Mann, der durch die Hölle gegangen ist und trotzdem weiß, wie man liebt. Du hast mir kein Licht gestohlen, Kai. Du bist die Flamme, die mein Leben überhaupt erst hell macht. Die Kämpfe der letzten sechzehn Jahre... die Tränen, die Wut, aber auch diese unglaubliche, besessene Liebe und Leidenschaft...ich würde nichts davon gegen Miguels 'einfaches' Glück eintauschen. Nicht für eine einzige Sekunde.“
Ein schwaches, aber ehrliches Lächeln stahl sich auf Kais Lippen. Er spürte, wie der letzte winzige Rest dieser giftigen Vorstellung von vor fünf Monaten...dass er eine Last für sie sei...unter ihrem Blick endgültig verdampfte.
Dr. Arata notierte sich etwas und sah zufrieden aus. „Sehen sie, Kai? Die Entwicklung, die sie in den letzten Monaten gemacht haben, gipfelt in diesem Verständnis. Ihre immer noch präsente 'Dunkelheit' ist für Nami kein Hindernis...das war sie nie. Es ist der Kontrast, der Ihre gemeinsame Helligkeit erst definiert. Es ist an der Zeit, dass Sie aufhören, sich für Ihre Existenz in ihrem Leben zu entschuldigen...auch rückwirkend.“
Kai atmete tief aus, ein Geräusch, das wie das Lösen einer jahrelangen Anspannung klang. „Ich fange an, es zu begreifen“, murmelte er und sah sie mit einer tiefen Zärtlichkeit an.
„Schau uns doch an, Kai....Wir sind seit sechzehn Jahren ein Paar. Denkst du wirklich, eine Frau wie ich wäre auch nur einen Tag länger geblieben, wenn du mich einengen oder mir zu viel sein würdest? Wenn ich dich nicht genau so lieben würde, wie du bist, wäre ich schon längst über alle Berge.“
Sie stieß ein kurzes, amüsiertes Schnauben aus, als sie an ihre gemeinsamen Freunde dachte. „Tyson... dieser Idiot versteht es einfach nicht. Er sieht deine kühle Fassade, er sieht deinen Kontrollzwang und er deutet die Zeichen völlig falsch obwohl er dich kennt. Er versteht nicht, dass ich keinen dauergrinsenden, harmlosen Typen als Mann brauche. Ich brauche keine weichgespülte Version, Kai.“
Sie senkte ihre Stimme zu einem rauen Flüstern, das Kai sichtlich erschauern ließ. „Und was er und viele Andere einfach...nicht begreifen, ist mein kleiner Faible für deine dominante Art. Ich will den Mann, der mir nur einen einzigen dieser messerscharfen Blicke zuwerfen muss, damit ich weiche Knie bekomme. Ich will die Stimme, die mir allein durch ihren Klang Gänsehaut über den ganzen Körper beschert. Ich liebe es, dass deine reine Präsenz im Raum ausreicht, um mich dazu zu bringen, mir vor Verlangen auf die Lippe zu beißen.“
Ein triumphierendes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, während sie sah, wie Kais Pupillen sich leicht weiteten. „Es ist berauschend für mich, dass du nach außen hin der kühle, unnahbare Zar bist, der gefühlt die ganze Welt beherrscht... und dass du nur mir allein dein wahres Gesicht zeigst. Dass nur ich weiß, wie heiß das Feuer unter dem Eis brennt. Das ist es, was ich will. Das ist es, was ich brauche. Ich wollte dich immer schon genauso wie du bist.“
Kai schloss für einen erneuten Moment die Augen und atmete tief den vertrauten Duft von Namis Haar ein. Ein kaum merkliches, dankbares Lächeln umspielte seine Lippen. Er wusste das alles. Er hatte es in den letzten sechzehn Jahren unzählige Male aus ihrem Mund gehört, hatte es in ihren Augen gelesen und in jeder ihrer Berührungen gespürt. Doch es in diesem Moment, in diesem geschützten Rahmen der Therapie noch einmal so kompromisslos und klar formuliert zu hören, gab ihm die nötige Erdung.
„Ich weiß, mein Schatz.“, murmelte er gegen ihre Stirn, während er seine Finger fest in ihrem Nacken vergrub. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass du mich genau so willst. Aber danke...danke, dass du es mir heute, hier, noch einmal sagst.“
Dr. Arata, der die Interaktion aufmerksam beobachtet hatte, rückte seine Brille zurecht und nickte langsam. Er verstand nun die Tiefe des Fundaments, auf dem diese Ehe gebaut war.
„Genau das ist der entscheidende Punkt“, schaltete sich der Psychologe mit seiner ruhigen, fachkundigen Stimme ein. „Es geht in dieser Therapie nicht darum, Sie zu einem anderen Menschen zu machen, Kai. Das wäre bei Ihrer Persönlichkeitsstruktur nicht nur unmöglich, sondern...wie Mrs. Hiwatari so treffend ausführte...auch gar nicht wünschenswert. Unser Ziel hier ist es, die Mechanismen hinter Ihren Verhaltensmustern zu entschlüsseln. Darauf basierte auch die bisherige Therapie der letzten Monate. Sie hatten mir viel über die Zeit in der Abtei erzählt, die sie geformt hatte.“
Er machte eine kurze Pause und sah Kai direkt an.
„Wir arbeiteten daran, dass Sie diese Impulse...diesen Drang nach absoluter Kontrolle oder die plötzliche Kälte...im Moment ihres Entstehens erkennen. Dadurch, dass Sie mitlerweile verstehen, warum Ihr Inneres in einer bestimmten Situation nach dem 'Zaren' ruft, können Sie sich selbst besser regulieren. Es geht darum, reflektierter zu werden und zu lernen, positive Emotionen aktiv in Ihr Handeln einzubinden, anstatt sie von alten Schutzmechanismen überlagern zu lassen.“
Kai hob den Kopf und sah den Arzt ernst an. Die analytische Herangehensweise lag ihm deutlich mehr als reine Sentimentalität.
„Und es geht auch um die Angst“, fuhr Dr. Arata fort. „Auch wenn es Ihnen am Anfang widerstrebte, es sich einzugestehen: Viele Ihrer Reaktionen sind Reaktionen auf tief sitzende Ängste aus Ihrer Zeit in der Abtei. Diese Ängste zu benennen und sie zuzulassen, ohne dass sie Ihr Handeln diktieren...das ist die eigentliche Überwindung. Seit Sie die Angst vor dem Kontrollverlust teils verloren haben, wird Ihre Intensität nicht mehr als Schild fungieren, sondern als reine Kraft.“
Nami strich Kai sanft über den Handrücken. Sie spürte, wie er die Worte des Doktors verarbeitete, sie wog und in sein Weltbild einbaute.
„Reflexion statt bloßer Reaktion“, wiederholte Kai leise, fast so, als würde er eine neue Strategie für die Tachiwari-Corporation festlegen. Er sah zu Nami und sein Blick wurde weicher. „Damit ich dir und den Kindern nicht nur als Beschützer zur Seite stehe, sondern als jemand, der... wirklich präsent ist, ohne von alten Schatten getrieben zu werden. Jemand der eine Stütze ist.“
Dr. Arata lächelte zufrieden. „Exakt. Und die Tatsache, dass Ihre Frau diese 'Schatten' nicht fürchtet, sondern sie als Teil Ihres Feuers akzeptiert, gibt Ihnen den sichersten Raum, den man sich für diese Arbeit nur wünschen kann.“
Dr. Arata schlug eine neue Seite in seinem Notizblock auf und sah Kai mit einer Mischung aus Respekt und klinischer Sachlichkeit an. „Das führt uns zu einem sehr spezifischen Verhaltensmuster, das Sie in unseren früheren Einzelsitzungen angesprochen haben, Mr. Hiwatari. Das Thema der Familienerweiterung und Ihre Reaktionen darauf.“
Der Psychologe wandte sich kurz an Nami. „Kai erzählte mir, dass er über viele Jahre hinweg sehr abweisend, fast schon herrisch reagierte, wenn es um das Thema Kinder ging. Er beschrieb sein eigenes Verhalten als eine Art Schutzwall.“
Nami nickte langsam, ihre Finger spielten nun gedanklich mit dem Saum ihres Kleides. „Das stimmt. Kai hat mir gegenüber bereits vor einigen Monaten zugegeben, dass es ihn innerlich jedes Mal zerrissen hat, wenn er mich in den Wehen liegen sah. Diese Hilflosigkeit, mich leiden zu sehen, ohne eingreifen zu können... das war für ihn kaum zu ertragen.“
Dr. Arata neigte den Kopf. „Das ist eine sehr aufrichtige Analyse, Kai. Es erfordert Mut, diese Verletzlichkeit vor seiner Partnerin einzugestehen.“
Kai starrte einen Moment lang auf das polierte Glas seines Schreibtischs, bevor er den Blick hob. Seine Stimme war nun fest, geprägt von der harten Reflexion der letzten Wochen. „Ich habe erst durch die Therapie wirklich begriffen, was da in mir vorging. Mein herrisches Verhalten... diese Kälte... das war mein verzweifelter Versuch, die Kontrolle über eine Situation zu behalten, die mir panische Angst machte. Es hat mich gestresst, dich so verletzlich zu sehen, Nami. Und statt diese Angst zuzulassen, habe ich sie in Wut und Ablehnung kanalisiert. Aber...das weißt du ja bereits.“
Er machte eine kurze Pause, seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Ich erkannte, dass ich dir damals damit oft ein furchtbares Gefühl vermittelt habe. Besonders meine Reaktionen, als du ungeplant mit Gou schwanger wurdest... und Jahre später mit Sayuri. Ich war inakzeptabel kalt und wütend. Ich habe meine eigene Überforderung hinter einer Mauer aus Dominanz versteckt, anstatt dir der Partner zu sein, den du in diesen Momenten gebraucht hättest.“
Nami sah ihn an, und in ihrem Blick lag kein Vorwurf, sondern ein tiefes Verständnis für den langen Weg, den er hinter sich gebracht hatte. Sie wusste, dass der „Zar“ in ihm damals dachte, er müsse die Welt und sich selbst einfrieren, um nicht an der Sorge um sie zu zerbrechen. Sie hatte es immer gewusst...
„Es war verletzend, ja“, sagte sie leise. „Aber du hattest dich jedes Mal entschuldigt und zu sehen, dass du heute hier sitzt und verstehst, dass diese Wut eigentlich nur getarnte Angst um mich war... das heilt vieles von dem alten Schmerz. Ich habe dir diese Ausbrüche auch nie wirklich übel genommen...weil ich wusste, dass mehr dahinter steckte.“
Dr. Arata notierte sich etwas und sah dann beide an. „Das ist der Kern der Reflexion. Wenn Kai nun spürt, dass Stress oder Angst in ihm aufsteigen...etwa wegen der aktuellen Schwangerschaft..., wird er nicht mehr automatisch zur Kälte greifen müssen. Er erkennt den Impuls nun, bevor er ihn in eine Waffe verwandelt.“
Kai nickte entschlossen. Es war, als würde er ein altes, fehlerhaftes Programm in seinem Kopf endlich durch einen besseren Code ersetzen.
„Er hat seine Angst tatsächlich so weit überwunden, dass er mir vorgeschlagen hat, ein fünftes Kind mit ihm zu bekommen“, sagte Nami leise, ein warmes Leuchten in ihren Augen. „Einfach, weil er wusste, wie sehr ich mir das wünschte. Er wollte nicht länger, dass seine alten Schatten unsere weitere Zukunft diktieren.“
Dr. Arata hielt mitten in einer Notiz inne, der Stift schwebte über dem Papier, während er den Blick langsam von seinem Block hob. Ein überraschtes, fast schon ungläubiges Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Arata blinzelte und sah Kai mit hochgezogenen Brauen an. „Das... das haben Sie in den letzten Sitzungen mit keinem Wort erwähnt, Kai“, stellte er fest, wobei ein amüsiertes Funkeln hinter seinen Brillengläsern tanzte. „Sie haben über Kontrolle geredet, über Reflexion, über alte Muster... aber diesen gewaltigen Schritt der aktiven Entscheidung haben Sie mir verschwiegen.“
Nami lachte leise und legte ihre Hand auf Kais Knie. „Nun, vielleicht wollte er erst sichergehen, dass es auch klappt. Und das hat es. Ich bin bereits schwanger mit Nummer fünf. Und seitdem wir es wissen, hört dieser Mann hier gar nicht mehr auf, mich zu betütteln. Er ist so aufmerksam, dass es fast schon... ungewohnt ist, obwohl er mich schon immer sehr intensiv beobachtet hatte.“
Kai räusperte sich kurz, ein leichter Hauch von Verlegenheit blitzte in seinen roten Augen auf, bevor er wieder seine gewohnte, beherrschte Miene aufsetzte. „Ich versuche nur, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen“, murmelte er, doch der Stolz in seiner Stimme war unüberhörbar.
Dr. Arata schüttelte begeistert den Kopf und klappte seine Mappe mit einem vernehmlichen Geräusch zu. „Das ist phänomenal! Wissen Sie, Kai, ich arbeite mit vielen Klienten in Führungspositionen, aber Sie sind ein außergewöhnlicher Fall. Sie sind so fokussiert und brillant, dass es fast schon... einfach ist, Sie zu therapieren. Ihre Einsichtsfähigkeit ist bemerkenswert. Sobald Sie ein Muster intellektuell durchdrungen haben, setzen Sie die Änderung mit einer Disziplin um, die ich selten erlebe.“
Der Doktor lehnte sich vor und sah Kai direkt an. „Ehrlich gesagt verstehe ich bei diesem Grad an Reflexion und Intelligenz gar nicht, warum Sie sich nicht schon viel früher Hilfe gesucht haben. Sie hätten sich viele Jahre des inneren Kampfes erspart.“
Kai schwieg einen Moment und sah zu Nami, deren Hand noch immer auf seinem Bein ruhte. „Vielleicht“, begann er langsam, „weil ich erst an einen Punkt kommen musste, an dem ich erkannte, dass alles was ich bin...das Fundament meiner Familie ist. Ich musste begreifen, dass meine Stärke nicht darin liegt, alles allein zu tragen, sondern darin, stark genug zu sein, um jemanden einzulassen. Meine Frau war damals der erste Mensch. Ich dachte, die Liebe zu ihr allein wäre Therapie genug...aber Traumata zu heilen kommt nicht von ungefähr...selbst eine heilende Aura vermag dies nicht.“ den letzten Satz flüsterte er, so dass nur Nami ihn hören konnte.
Nami drückte seine Hand fest. Sie wusste, dass dieser Moment der vollkommenen Ehrlichkeit vor Dr. Arata der finale Schlussstrich unter die dunklen Kapitel der letzten Jahre war.
„Nun denn“, sagte Arata und erhob sich schwungvoll, ein zufriedenes Lächeln unter seinem Schnauzer. „Ich glaube, für heute haben wir einen Meilenstein erreicht. Ich lasse Sie beide nun in Ihren wohlverdienten Samstagnachmittag. Herzlichen Glückwunsch zum baldigen Familienzuwachs, Mrs. Hiwatari. Ich freue mich schon auf unsere nächste Sitzung...dann vielleicht mit weniger Geheimnissen, Kai?“
Kai stand ebenfalls auf und reichte dem kleinen Mann die Hand. „Das lässt sich einrichten, Doktor. Danke für Alles.“